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-Project Gutenberg's Erzgebirgische Geschichten. Erster Band, by August Peters
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Erzgebirgische Geschichten. Erster Band
-
-Author: August Peters
-
-Release Date: November 25, 2017 [EBook #56045]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERZGEBIRGISCHE GESCHICHTEN. ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This transcription was produced from
-images generously made available by Bayerische
-Staatsbibliothek / Bavarian State Library.)
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- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist +so ausgezeichnet+. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
- ~so markiert~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Erzgebirgische Geschichten
-
- von
-
- Elfried von Taura,
-
- Verfasser von: »Die stille Mühle« etc. etc.
-
- [Illustration]
-
- Erster Band.
-
- Hannover.
-
- Carl Rümpler.
-
- 1858.
-
-
-
-
-Druck von August Grimpe in Hannover.
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Bretschneiderfritz.
-
- Die Fundgrube Vater Abraham.
-
- Der Gimpelkönig.
-
-
-
-
-I.
-
-Bretschneiderfritz.
-
-
-1.
-
-Hoch auf dem Plateau des Erzgebirges, in der nordöstlichen
-Nachbarschaft des Keilberges, erhebt sich, weit nach Mitternacht und
-Morgen sichtbar, die rautenförmige Basaltkegelgruppe des Bärenstein,
-Scheibenberg, Pöhlberg und Haßberg. Es ist ein Raum von wenig
-Geviertstunden, den sie umschließt, aber ein Raum voll landschaftlicher
-und menschlicher Contraste. Die üppigsten Wiesengründe wechseln
-mit kahlen Bergkuppen und hochgethürmten Felsen, die herrlichsten
-Tannenwälder mit den traurigsten Torfmooren, die belebtesten, von
-bienenfleißigen Menschen wimmelnden Gegenden mit menschenleeren
-Wüstungen und die abgeschliffensten, auf der Höhe der Civilisation
-stehenden Stadtbewohner mit Gemeinden, die noch um Jahrzehente hinter
-jenen zurück sind. Tiefer als die Kluft, welche die Gegensätze der
-Bildung scheidet, kann das tiefe Thal nicht sein, welches die ganze
-Fläche in zwei Hälften scheidet, eine östliche und westliche. Aber
-von welchen Gegensätzen wüßte der Bach zu erzählen, der das Thal bald
-sanft, bald wild durchströmt, wenn wir ihn fragen wollten! Es genügt
-hier zu wissen, daß er in seinem obern Lauf die Grenze zweier Staaten
-und zweier Kirchengebiete bildet, daß er anfangs durch ein flaches
-Wiesenthal, dann durch ein enges, tiefes, felsiges Waldthal und endlich
-durch das tiefe und weite Thal von Königswald fließt. Da wo der schöne
-Bach die Grenze eines der augenfälligsten landwirthschaftlichen
-Contraste überschreitet, an der untern Oeffnung des erwähnten
-Waldthales, bespült er den Garten einer Försterei und treibt unterhalb
-derselben eine Mahl- und Sägmühle, oder, wie man hierzuland sagt,
-Bretmühle.
-
-Es wird mir weh ums Herz, so oft ich an diese Bretmühle denke. Denn
-immer muß ich da auch an den armen Bretschneiderfritz denken, der
-einst dort lebte und, wiewohl er fast nie aus dem Thal gekommen, mehr
-erlebte als manches Menschenkind, das die halbe Welt am Wanderstabe
-durchmessen.
-
-Wenn ich so um zwanzig Jahre in meiner Erinnerung zurückgehe, was
-war da der Bretschneiderfritz von Königswald für ein Mann! Alt und
-Jung hatte ihn gern und ehrte ihn als Einen, der sein Fach verstand
-und auch noch etwas mehr, der dabei ein rechtschaffen Stück Geld
-verdiente und »lebte und leben ließ.« Zwar der Förster drüben über dem
-Bach war nicht ganz gleicher Meinung mit den Königswaldern, denn er
-hatte den Fritz im Verdacht, daß er um die schönen Stämme und Klötze
-wisse, die von Zeit zu Zeit aus dem Theile des Reviers verschwanden,
-welcher mit dem Pöhlwasser zunächst der Bretmühle »raint«. Er konnte
-jedoch nichts auf ihn bringen, und so blieb Fritzens Ansehen bei den
-Königswaldern ungeschmälert. Er war kein Jüngling mehr, denn er hatte
-bereits in den Zwanzigern nichts mehr zu suchen, doch war er noch
-immer ein Junggeselle. Nicht als ob es ihm an Gelegenheit zum »Freien«
-gefehlt hätte! In Königswald mangelt es so wenig als anderwärts an
-heirathslustigen Jungfern, und da der Fritz ein »feiner Bursch« war,
-so hätte mehr als eine und nicht die schlechteste mit beiden Händen
-zugegriffen, wenn er gesagt hätte: »Nimm mich!« Aber unser Fritz war
-ein wenig wählerisch und zuletzt gab es nur Eine in Königswald, der
-er Herz und Hand schenken mochte, das war +Kordel+, die Mündel seines
-Brodherrn, des Müllers.
-
-Da hatte es nun so seinen besondern Haken, daß Fritz mit seinem
-Werben nicht recht vom Flecke kam. Nicht als ob er dem Mädchen nicht
-angestanden hätte, im Gegentheil, sie hatte deß vor ihren Freundinnen
-gar keinen Hehl, daß sie den Fritz gern habe; aber dieser war so bis
-über die Ohren in sie verliebt, daß er nicht wußte, wie er an sie
-kommen sollte. Das Mädchen hatte so sein eigenes Köpfchen, was sie
-von allen schönen Königswalderinnen unterschied: wie sie immer etwas
-Apartes vor diesen haben mußte, sei es nun an ihren Kleidern oder
-in der Art, wie sie das üppige kastanienbraune Haar scheitelte und
-aufsteckte, so wollte sie auch von den Männern anders genommen sein,
-wie jene, namentlich wollte sie dem Mann ihrer Wahl keinen Schritt
-entgegengehen, woran es die andern jungen Königswalderinnen keineswegs
-fehlen ließen. Dem Bretschneiderfritz machte Kordel's zurückhaltendes
-Wesen viel Herzensnoth, und in dieser verfiel er auf einen Weg, auf
-den er am allerwenigsten hätte verfallen sollen: er entdeckte sich dem
-Müller und bat ihn um seine Fürsprache. Der Müller sagte ihm ihre Hand
-ohne Weiteres zu, gerade als ob er als Vormund nur so mir nichts dir
-nichts über ein freies Menschenwesen hätte verfügen dürfen. Es war ihm
-indeß mit seiner Zusage gar nicht so ernst, wie er that, wenigstens
-schob er ihre Erfüllung auf die lange Bank, und das war Fritzens
-Unglück.
-
-In Königswald hieß es schon lange, daß Fritz und Kordel auf dem Punkte
-ständen, ein Paar zu werden; da fehlte es denn wie gewöhnlich nicht
-an spitziger Neckerei, noch an neidischer Afterrede. Wäre das Gerücht
-wahr gewesen, so hätte sich Kordel aus Beidem nichts gemacht, aber da
-die Sache noch im weiten Felde stand, Fritz noch kein Sterbenswörtchen
-von Liebe und Heirath zu ihr gesagt hatte, so verdroß es sie, so »in
-der Leute Mäuler herumzugehen«, und sie wurde dem Fritz fast böse, daß
-er das Gerücht vom Brautstand veranlaßt und doch nicht wahr machte.
-Als es ihr gar zu bunt ward, meinte sie, sie wolle dem Gerede bald ein
-Ende machen; es müsse ja der Fritz nicht sein; es gäbe der Bursche
-noch genug in der Welt, und der erste Beste, der sie haben wolle, und
-der ihr gefalle, solle sie heimholen. -- »Ja« -- mußte sie aber dann
-lächelnd einwenden -- »wenn nur erst Einer käme, so »fein wie der
-Fritz« oder »noch a Bissel feiner.« -- »Je nun« -- raisonnirte der
-Trotzkopf, sich stolz in die Höhe werfend, weiter -- »wer weiß, es kann
-morgen Einer kommen.«
-
-Es war eines Sonntags, als sie aus der Kirche kam, wo sie dieses
-Selbstgespräch hielt, und sie war dazu durch die Neckerei ihrer
-Freundinnen auf dem Kirchhof veranlaßt worden. Ihr Weg führte sie an
-ihrem von den Eltern ererbten Häuschen vorüber, welches jetzt eine
-alte Muhme bewohnte, die als Sibylle von Königswald bei allen jungen
-Mädchen, verliebten Burschen, wie lottospielenden Weibern und Männern
-des Ortes in hohem Ansehen stand. Kordel fand sich bei den letzten
-Worten ihres Selbstgesprächs gerade vor ihrem Besitzthum; was war
-bei der Richtung ihrer Gedanken natürlicher, als daß sie hineinging,
-die »Muhme Beate« zu fragen, was für ein Mann ihr beschieden wäre.
-Die Alte empfing ihre jugendliche Hauswirthin mit zuvorkommender
-Dienstwilligkeit -- ihr sibyllinisches Buch aus zweiunddreißig Blättern
-lag auf dem Tisch, eh' Kordel ihren Wunsch noch ausgesprochen hatte.
-Richtig! da war es ja ganz offenbar: ihr war »ein junger, schöner Herr
-in einem grünen Rock« beschieden, nicht aus Königswald, sondern weit,
-weit her -- aus Leipzig oder Dresden, wo nicht gar aus Bautzen;« er war
-bereits unterwegs und eh' drei Tage vergingen, konnte sie ihn schon
-gesehen haben.
-
-Es soll mich wundern, wenn Kordel an diesem Abend so geschwind
-eingeschlafen ist, wie sonst, und wenn sie nicht von dem Grünrock
-geträumt hat. Der Montag verging, ohne daß er ihr den Verheißenen vor
-die Augen brachte, so oft sie auch zum Fenster hinaussah oder sich im
-Hofe, im Garten und auf der Wiese zu thun machte. Aber sonderbar --
-Abends beim Essen erzählte der Müller, daß beim Förster drüben ein
-neuer Gehülfe angekommen sei, ein »kreuzfideler Kauz«, mit dem er auf
-dem Weiperter Blechhammer einen so vergnügten Nachmittag zugebracht
-habe, wie lange keinen. Kordel wurde roth bis in den Nacken, und diese
-Nacht träumte sie wirklich von einem Grünrock.
-
-Am andern Morgen litt es sie nicht im Hause; kaum hatte sie ihren
-Kaffee getrunken, so nahm sie Sense und »Wetzkitze« und eilte auf die
-Wiese, die der Pöhlbach vom Garten des Försters trennte, dort zu mähen.
-Denn der Müller hielt sie nicht zum Staat in seinem Hause, sondern ließ
-sie ihr Brod ordentlich verdienen. Sie hatte kaum zwei Schwaden nieder,
-da horch! -- so etwas hatte sie noch nie gehört, -- aus dem offenen
-Giebelfenster des Forsthauses sang eine Tenorstimme, gegen welche die
-des Kantors nur heiseres Gekrächze war, das schöne Lied: »Es blies ein
-Jäger wohl in sein Horn -- trarah -- trarah -- trarah etc.« Das Mädchen
-vergaß gar das Mähen über den wunderholden Tönen, und die Empfindungen,
-welche Text und Melodie athmen, strömten in solchen Schauern durch ihre
-Brust, daß diese das fesselnde Mieder zu zersprengen drohte.
-
-Auch den Bretschneider lockte der ungewohnte Sang an sein Fensterlein,
-das nach dieser Seite herausgeht, und wie ihm wurde, als er sein Lieb
-nur fünfzig Schritte von dem Forsthause auf ihre Sense gelehnt in
-Zuhören versunken sah, das will ich Niemand sagen. Aber es sollt' ihm
-noch schlimmer werden. Denn das Lied war kaum zu Ende und Kordel hatte
-kaum die Sense wieder in Bewegung gesetzt, da kommt ein schlanker
-grünrockiger Gesell mit fliegenden schwarzen Locken zum Forsthause
-heraus, setzt wie ein Hirsch über den Bach und ist wie der Blitz an
-Kordel's Seite.
-
-»Guten Morgen, Jungfer Nachbarin!« grüßte der Wildfang. -- »So schöne
-Gelegenheit, Unterricht in der Landwirthschaft zu erhalten, finde ich
-im Leben nicht wieder; da muß ich gleich Stunde nehmen. Ich bitte!«
-Und damit nimmt er die Sense aus der Hand des erglühenden und bebenden
-Mädchens.
-
-»Ach, verzeihen Sie!« fährt er zu sprechen fort. -- »Ich habe Sie
-erschreckt -- dictiren Sie mir welche Strafe Sie wollen, und zürnen Sie
-mir nicht!«
-
-»Geben Sie mir meine Sense!« stammelte das verlegene Kind.
-
-»Warten Sie nur einen Augenblick!« versetzte der kecke Mensch. -- »Wenn
-Sie mir böse sind, so muß ich Ihren Vater, das fidele Haus, rufen, daß
-er meinen Advocaten bei Ihnen mache.«
-
-»Der Müller ist nicht mein Vater«, versetzte sie, »sondern nur mein
-Vormund.«
-
-»So vertritt mein alter Freund von gestern also doch Vaterstelle bei
-Ihnen. Wie ist es, muß ich mir seinen Beistand erbitten, oder verzeihen
-Sie mir so?«
-
-»Ich habe ja nichts zu verzeihen.«
-
-»Wohlan, Ihre Hand! O welche allerliebste kleine Hand! Man sollte nicht
-meinen, daß sie solche Arbeit verrichten könnte.«
-
-»O Sie sollen gleich sehen, ob sie's kann; geben Sie mir nur die Sense!«
-
-Er behielt sie jedoch und schickte sich an, eine Schwade zu hauen.
-
-»Um Gotteswillen!« schrie das Mädchen, ihm in den Arm fallend, »so
-hauen Sie sich ja die Zehen weg.« Und nun nahm sie die Sense und zeigte
-ihm, wie man sie führen müsse.
-
-Dem Allen mußte der gute Bretschneider von seiner Bretmühle aus
-zusehen, und ihm war, als ob die kreischende Säge hinter ihm mitten
-durch sein Herz schnitt. Jetzt -- das sah er ein -- war es die höchste
-Zeit, sein Schäfchen ins Trockene zu bringen, sonst war es für ihn
-verloren. Er eilte stracks hinüber in die Mühle, um mit seinem Herrn
-ein ernstes Wort über die Heirathsangelegenheit zu reden. Leider war
-der Müller ausgegangen und Fritz mußte sich gedulden bis Mittag.
-Als er wieder über den Hof ging, begegnete ihm die von der Wiese
-zurückkommende Kordel. Er sah sie mit einem traurigen und doch so
-innigen Blick an, daß er ihr durch die Seele drang. Jetzt hätte er
-dreist sein und sein ganzes Herz vor ihr bloß legen sollen; gewiß, sie
-hätte ihm nicht widerstanden, und wenn sie einmal Ja gesagt, da wäre
-sie ihm auch treu geblieben, und es wäre ganz anders geworden mit dem
-armen Fritz -- aber auch mit ihr. Allein er seufzte blos, und ging zu
-seiner Säge -- mit der konnte er um die Wette seufzen.
-
-
-2.
-
-Am Mittag, gleich nach dem Essen, als Kordel bereits wieder draußen
-herumwirthschaftete, zog Fritz den Müller mit sich auf die Bretmühle.
-Wie bekannt hat jede Schneidemühle ein Souterrain, in welchem sich die
-Radstube befindet. Dort häufen sich auch die von oben herabfallenden
-Sägespäne auf. Es mußte sich gerade treffen, daß Kordel, um dergleichen
-Späne einzufassen, sich in der Radstube befand, als Fritz und der
-Müller oben ankamen und sich auf den vor der Säge liegenden Klotz
-setzend, ein Gespräch begannen, in welchem das Mädchen fast das
-erste Wort war. Kordel war bestimmt nicht die Neugierigste ihres
-Geschlechtes, aber in diesem Falle konnte es ihr Niemand verargen,
-wenn sie sich nahe herbeischlich und sich hütete, ihre Anwesenheit zu
-verrathen. Der Bretschneider machte dem Müller Vorwürfe, daß er sein
-Versprechen bis heute nicht erfüllt hatte. Der Müller entschuldigte
-sich damit, daß es noch immer nicht habe passen wollen, fügte
-aber hinzu, daß er dem Fritz diesen wichtigen Dienst nur um einen
-Gegendienst leisten könnte. Auf Fritzens Befragen, was für Einer das
-wäre, antwortete der Müller:
-
-»Das kann Er sich schon denken, Fritz! Er soll mir zu meinem Eigenthum
-verhelfen, den achtzehn Fichten oben an der Waldecke hinter der Mühle.«
-
-Fritz kratzte sich hinter den Ohren und sagte kein Wort.
-
-»Er meint doch nicht, es wäre ein Unrecht,« fuhr der Müller fort,
-»wenn wir die Fichten holen? Sie gehören mir von Rechtswegen; der
-Boden, worauf sie stehen, gehört zu meiner Mühle; der frühere Förster
-hat bei Lebzeiten meines Schwiegervaters die Grenzsteine verrückt und
-so die schönen Fichten, wie er keine auf seinem Revier hatte, an den
-Staatswald gebracht.«
-
-»Warum suchen Sie denn Ihr Recht nicht?« fragte Fritz.
-
-»Red' Er mir nicht von Rechtsuchen dem Fiskus gegenüber!« versetzte
-der Müller. »Soll ich mich um die Mühle prozessiren? Er weiß doch,
-wie es den Grumbachern geht, die nun seit funfzig Jahren wegen des
-Streitwaldes mit dem Fiskus im Proceß liegen. Fritz -- sei Er nicht
-wunderlich! Es ist ja keine Gefahr bei der Sache. Der neue Forstgehülfe
-ist auf dem Revier noch unbekannt, auch bin ich bereits gut Freund mit
-ihm und will ihn schon lenken.«
-
-Fritz schüttelte den Kopf und sagte: »Mit dieser Sache möcht' ich nicht
-gern zu schaffen haben.«
-
-»So hab' ich auch nichts mit Seinen Absichten auf die Kordel zu
-schaffen und ich gebe sie, wen sie sonst will.« Damit erhob sich der
-Müller und ließ den armen Fritz in der traurigsten Stimmung sitzen.
-
-Kordel hatte von dieser Unterredung nicht ein Wort verloren. Sie vergaß
-die Sägspäne vor Zorn über den Vormund, daß er sie um achtzehn Fichten
-verkuppeln wollte und auch über den Fritz, daß er sich mit seiner
-Werbung an den Vormund statt an sie selber gewendet hatte.
-
-Ihr Groll gegen den Vormund milderte sich indeß schon am Abend; denn
-da brachte er den Forstgehülfen mit nach Hause. Dieser hatte jetzt
-seinen grünen Anzug durch einen Tirolerhut vervollständigt, der ihm
-verwegen auf dem rechten Ohre saß. Statt Büchse und Waidtasche trug er
-ein weit friedlicheres Instrument am Arme: eine Guitarre, auf der er
-im Schreiten über die Hausflur bis in die Mitte der Stube einen Marsch
-spielte, zum Ergötzen der Müllerin und des gesammten Hausgesindes, nur
-nicht des Bretschneiders. Der ärgerte sich über die Musik dermaßen, daß
-er mit einer verteufelten Unmusik gegen sie ins Feld rückte: er nahm
-die Feile zur Hand und fing an, die Säge in einer Weise zu schärfen,
-daß es über eine halbe Stunde weit schrillte. Da konnte der Jäger
-allerdings nicht spielen und singen, weshalb die Müllerin hinausrannte
-und dem Fritz das Schärfen untersagte.
-
-Der Forstgehülfe war in der That ein Sänger, wie ihrer nicht viele in
-grünen Pikeschen umherlaufen. Hätt' er nur einen bessern Gebrauch von
-seiner schönen Gottesgabe gemacht. Die gute Kordel hatte gar keine
-Ahnung, was für ein Springinsfeld der dunkellockige Sänger war, sonst
-hätte sie seinen schmeichelnden Tönen nicht so freien Eingang in ihr
-Herz gestattet, wie es schon am Morgen der Fall gewesen war und noch
-weit mehr diesen Abend geschah. Und diesem Abend folgten noch andere,
-ja, einen wie den andern stellte sich der Jäger ein, und eh' die Woche
-um war, fand er sich in der Mühle wie zu Hause, und Kordel's Herz hing
-wehrlos in seinem aus Gluthblicken und Tönen gewobenen Liebesnetz.
-
-Um den Bretschneiderfritz war es geschehen. Am Sonntage mußte er sehen,
-wie Kordel in Begleitung des Müllers und des Grünrocks in »das Gericht«
-zu Tanze ging. Da fuhr die Hölle in sein Herz, und wie er ihnen
-nachsah, ballte er seine Faust und sprach: »Warte, du Tagedieb, dich
-will ich bald aus meinem Gehege vertreiben.« Darauf zog er sich an und
-ging ebenfalls in das Gericht.
-
-Der Bretschneiderfritz war kein Säufer, und Niemand in ganz Königswald
-konnte auftreten und sagen, er habe ihn ein einziges Mal betrunken
-gesehen; heute betrank er sich, und das Bißchen Verstand, welches der
-Teufel der Eifersucht ihm noch gelassen, das trieb der Schnapsgeist
-vollends aus. Zwar war er nicht so voll, daß er taumelte, als er sich
-vom Müller bereden ließ, aus der Schänkstube hinauf in den Tanzsaal
-zu gehen, aber wer ihn kannte, sah, daß das Thier in ihm jetzt die
-Oberhand hatte. Die Kordel sah es ihm gleich an, als er auf sie zukam,
-und obschon sie nicht wagte, ihm den Tanz abzuschlagen, so riß sie
-sich doch gleich von ihm los, als er sie fest an sich riß, daß es ihr
-den Athem versetzte. Er wollte sich ihrer wieder bemächtigen, aber sie
-stieß ihn mit solcher Heftigkeit von sich, daß er zu Boden taumelte.
-Der Müller hob ihn auf und führte ihn fort, während Kordel sich unter
-den Schutz des Forstgehülfen flüchtete.
-
-»Herr!« sprach Fritz zum Müller, als sie wieder nach der Schänkstube
-gingen, »wollen Sie die Fichten noch haben?«
-
-»Er holt sie mir doch nicht,« erwiederte der Müller kühl.
-
-»Ich hole sie -- heute Nacht noch fang' ich an. Geben Sie auf die
-Kordel Acht und halten Sie den Försterburschen auf!«
-
-»Verlaß Er sich auf mich!« sagte der Müller, worauf Fritz, ohne noch
-ein Wort zu sagen, davon eilte.
-
-Der Forstgehülfe ließ sich nur zu gern halten, weniger durch das
-Zureden des Müllers, als durch den Zauber, den Kordel auf ihn übte.
-Es graute schon der Tag, als die drei Nachtschwärmer in die Mühle
-zurückkehrten. Der Forstgehülfe hängte sein Gewehr über, das er hier
-eingelegt hatte, nahm mit einem Kusse von Kordel Abschied und eilte
-dem Walde zu, um da nachträglich seine Pflicht zu erfüllen. Als er
-aber an ein wunderheimliches Plätzchen kam, wo ein von jungen Tannen
-beschatteter schwellender Mooshang zum Ruhen einlud, meinte er, es sei
-Eins besser als das Andere, legte sich und schlief ein. Erst als die
-Mittagssonne durch eine Oeffnung des dichten Gezweiges ihm ins Gesicht
-schien, erwachte er, und da mußte es sich noch schicken, daß ihm zwei
-Weiber mit schwergeladenen Holzkörben in den Weg kamen, gegen die er
-das Interesse des Staates durch Pfänden und Aufschreiben der Namen
-wahren konnte. Glücklich, zwei schneidende Beweise seines Diensteifers
--- eine Handsäge und ein Beil -- dem Prinzipal überliefern zu können,
-betrat er das Forsthaus -- aber mit einem »Hol' Sie der Henker mit
-Ihrem Bettel da!« wurden ihm die Pfänder von dem erzürnten Förster vor
-die Füße geworfen.
-
-»Bei Ihnen heißt es wohl auch: Die kleinen Diebe hängt man, die großen
-läßt man laufen?« fuhr der Förster fort; »hätten Sie lieber aufgepaßt,
-daß man nicht die drei schönsten Fichten im Walde gestohlen hätte,
-als daß Sie auf ein paar alte Weiber mit Kaffeeholz fahndeten. Wenn
-Sie sich noch eine solche Nachlässigkeit zu Schulden kommen lassen,
-so sind wir auf der Stelle geschiedene Leute. Von heute an inspiciren
-Sie lediglich den Kriegwald, und da haben Sie Acht auf die Bretmühle,
-denn irre ich nicht, so haust dort unser Dieb, obgleich eine genaue
-Haussuchung in allen Ställen und Schuppen der Mühle nicht das Geringste
-ergeben hat.«
-
-
-3.
-
-Als der Gehülfe am Nachmittage den Platz besah, wo in der Nacht die
-stattlichen Bäume verschwunden waren, wurde es ihm gleich klar, daß
-dieselben nicht gut anders wohin als in die Mühle gewandert sein
-konnten. Sicher aber war der Müller unschuldig daran, denn wie sollte
-ein so bemittelter Mann Holz stehlen? Er ließ sich daher durch den
-Vorfall nicht abhalten, gegen Abend wieder in die Mühle zu gehen und
-eine Blumenlese theils verliebter, theils lustiger Lieder zum Besten
-zu geben. Länger aber als bis es finster geworden war, ließ er sich
-diesmal nicht halten, sondern er ging an seinen Posten, schwörend, daß
-wenn die Diebe heute kämen, sie ihren Mann finden sollten. Sie kamen
-aber nicht, und auch die folgende Nacht nicht, noch die dritte.
-
-In der vierten Nacht meinte der junge Forstwart, es sei doch eine
-Thorheit, da umsonst und nichts im kühlen Forst die halbe Nacht
-hindurch zu wachen, statt mit dem nettesten Mädchen, das je an eines
-Waidmanns Brust gelegen, zu kosen. Er ging zwar wie gewöhnlich um neun
-Uhr aus der Mühle fort und hinauf in den Wald, aber als im Dorfe der
-Wächter die zehnte Stunde abblies, schlich er sich wieder in die Mühle,
-wo Kordel ihn bereits erwartete -- das arme, arme Ding! --
-
-Als am frühen Morgen der pflichtvergessene Bursche aus Kordel's Armen
-hinauseilte nach dem Walde, rührte ihn das Gewissen nicht, daß er ein
-holdes Menschenleben vergiftet hatte; dagegen wurde er von dem Anblick
-der drei frischen Stöcke, die neben den drei ersten entstanden waren,
-wie vom Donner gerührt. Jetzt mußte er aus dem Dienst, das wußte er,
-denn der Förster spaßte nicht, und dies und wieder dies allein war
-sein Gedanke und seine Sorge -- was aus der armen Kordel werden würde,
-daran dachte er nicht im Geringsten. Aber vielleicht konnte sie ihm
-zur Entdeckung des Diebes behülflich sein -- dieser Gedanke trieb ihn
-flugs in die Mühle zurück, wo, wie er wußte, Kordel noch wachte, da sie
-jetzt den Backofen zu heizen hatte.
-
-Kordel saß, beleuchtet von der röthlichen Flamme, die sie eben
-angezündet hatte, auf den Stufen vor dem Backofen und hatte ihr Antlitz
-in die Schürze gehüllt, als der Verführer wieder zu ihr trat. Sie fiel
-ihm weinend um den Hals und dankte, daß er wiederkomme, denn ihr sei so
-angst und bange geworden, seit er sie verlassen. »O nicht wahr« -- fuhr
-sie, ihm in die verführerischen Augen blickend, fort -- »nicht wahr, Du
-verlässest mich nicht?«
-
-»Wenn ich nur nicht muß, lieber Schatz!« erwiederte er, sie küssend.
-Das Mädchen fuhr erschrocken zurück und fragte, wie er das meine? Nun
-berichtete er ihr seine Entdeckung, theilte ihr mit, was er zu erwarten
-habe, und versetzte sie dadurch in die schrecklichste Angst. Gleichwohl
-gelang es ihm nicht sogleich, ihr das Geheimniß, um das sie wohl wußte,
-zu entlocken, erst nachdem er sie überredet hatte, daß das Vergehen mit
-einigen Wochen Gefängniß gesühnt sei, und als er mit traurigen Geberden
-für immer von ihr Abschied nahm, verrieth sie ihm den Ort, wo die
-entwendeten Fichten, in Klötze geschnitten, untergebracht waren; mehr
-aber konnte er nicht von ihr erfahren.
-
-Der Müller saß mit seinen Leuten beim Frühstück, als der Förster mit
-einem Gerichtsschöppen erschien, um abermals Haussuchung vorzunehmen.
-Aber diesmal nahmen sie sich nicht die Mühe, in Ställen und Schuppen
-herumzukriechen, sondern sie verfügten sich stracks hinter die
-Bretmühle, wo sie unter dem »Fluther« nach einigem Suchen ein großes
-verdecktes Gewölbe und darin die gesuchten Klötze entdeckten. Der
-Müller schien nicht im Geringsten verlegen bei dieser Entdeckung; er
-fluchte auf die Diebe, die sein Haus verunehrten, und that, als ob er
-nicht das Mindeste um das Vergehen wüßte, was der Förster auch glaubte,
-da er einem solchen Manne, der noch dazu sein Gevatter war, eine solche
-Handlung nimmermehr zutraute.
-
-»Ich habe dem Bretschneider schon lange nicht getraut,« erklärte er,
-»und kein Anderer als er und der Kadenlieb sind die Diebe.«
-
-Am folgenden Tage wurde der Bretschneiderfritz mit dem Tagelöhner
-»Kadenlieb« ins Amt abgeführt. Der Müller mußte zwar auch mit, aber
-nach kurzem Verhör wurde er als ein angesessener Mann entlassen. Den
-Bretschneider und seinen Mitverdächtigen sperrte man ein. Sie bekannten
-ihr Vergehen gleich im ersten Verhör, ohne die Mitschuld des Müllers
-anzugeben.
-
-Keiner von Beiden hatte eine Ahnung von dem Schicksale, das ihnen
-bevorstand. Walddiebstähle waren im Königswalder Forst keine
-Seltenheit, aber der höchste, der bis dahin an Königswalder Einwohnern
-gestraft worden war, hatte den Betheiligten nicht über drei Monate
-Gefängniß gebracht. Daß man wegen Waldfrevel ins Arbeitshaus kommen
-könne, das schien den Beiden ebenso unmöglich wie andern Königswaldern,
-denn welcher gemeine Mann kennt die so und so viel Paragraphen der
-verschiedenen Strafgesetzbücher? Wie erschraken daher die Inkulpaten,
-als ihnen nach halbjähriger Untersuchungshaft das Urtheil eröffnet
-wurde, welches über den Bretschneider drei und über den Kaden
-anderthalb Jahre Arbeitshaus verhängte! Der Letztere faßte sich zwar
-bald wieder und tröstete sich, es werde wohl auszuhalten sein, aber den
-Ersteren erschütterte der harte Richterspruch so tief und dauernd,
-daß sein Mitgefangener (seit die Akten spruchreif waren, hatte man die
-beiden Schuldgenossen zusammengesperrt) fortwährend befürchtete, er
-möchte sich »ein Leid anthun.« Und wer weiß, was geschehen wäre, hätte
-nicht vierzehn Tage nach der Urtheilsverkündigung der Amtswachtmeister
-folgenden Brief überbracht:
-
- »Guter, lieber Fritz! Sie sind gerächt. -- Ich habe den Ort,
- wo die Klötze lagen, verrathen. -- Gott weiß, ich wollte
- Ihnen kein Uebel zufügen -- aber die Liebe -- o Gott! wie
- fürchterlich bin ich für meine Verblendung gestraft! -- Ich bin
- nicht mehr in der Mühle -- als die Frau erfuhr, daß es anders
- mit mir stehe, hat sie mich aus dem Hause gejagt. Ich rannte
- in der Verzweiflung nach dem Hammerteich, aber der liebe Gott
- hat mich verstoßen, wie mich die Menschen verstießen, er ließ
- mich zur rechten Zeit die schwere Sünde, die ich zu begehen
- im Begriff stand, erkennen. -- Ich wohne nun im Hause mit der
- Kartenschlägerbeate zusammen. Es ist ein traurig Leben -- o
- wenn es überstanden wäre. Ich komme nicht aus dem Hause, selbst
- nicht in die Kirche, denn ich schäme mich vor den Leuten, und
- zu mir kommt Niemand in meinem Elend; sogar meine besten
- Freundinnen verachten mich, besonders seit er, dem ich meine
- Ehre geopfert, fort ist in die weite Welt. Nicht wahr, guter
- Fritz, so hätten Sie nicht handeln können?
-
- Mein Gewissen läßt mir keine Ruhe -- verzeihen Sie mir, lieber
- Fritz! -- ich werde ruhiger werden, wenn ich Ihre Verzeihung
- habe. Werth bin ich Sie freilich nicht, denn ich habe mich
- schwer an Ihnen versündigt und weiß auch, daß ich mein Vergehen
- nie wieder gut machen kann. O wenn ich doch das könnte! --
- Denken Sie aber ja nicht, daß ich weiter etwas will, als Ihre
- Verzeihung -- daß ich ein so freches Ding wäre, welches einen
- braven Menschen wie Sie nun für gut genug hielte, nachdem ein
- Anderer sie sitzen lassen. -- Lassen Sie mir nur ein paar
- Zeilen zukommen, daß Sie mir nicht fluchen.
-
- Ich habe gehört, welch' ein hartes Urtheil Sie getroffen --
- der Bube, der eine vater- und mutterlose Waise ins tiefste
- Elend stößt, geht frei aus, und ein braver Mensch, wie Sie,
- wird wegen ein paar Waldbäumen so entsetzlich bestraft! Aber
- verlieren Sie den Muth nicht -- Gott richtet anders als die
- Menschen, hoffen Sie auf ihn und den lieben Heiland, der uns
- zuruft: Kommt her zu mir, Alle, die ihr mühselig und beladen
- seid! -- Ich schicke Ihnen hier ein Buch mit, das ich einmal
- einem armen Handwerksburschen abgekauft habe; es ist eine
- wundersame, rührende Geschichte. Ich hätte mich gern selbst
- aufgemacht und Ihnen das Buch überbracht, aber ich schäme mich
- so. -- Der gute Vater im Himmel stärke und erhalte Sie! Ich
- werde allezeit für Sie beten.
-
- +Concordie E.+«
-
-Ein Thränenstrom rann über Fritzens abgehärmte Wangen beim Lesen dieses
-Briefes, und er konnte sich lange nicht satt daran lesen. Anfangs
-vermißte er das Buch gar nicht, von welchem im Briefe die Rede und das
-ihm doch nicht mit übergeben worden war. Er erhielt es erst zu Mittag;
-es war Zschokke's »Alamontade«.
-
-»Ich hoffe, Ihr werdet kein Hartkopf sein,« sprach der Wachtmeister,
-als er dem Fritz das Buch darreichte, »Ihr werdet das arme Frauenzimmer
-nicht ohne Trost lassen. Ihr wißt gar nicht, was sie für Euch gethan
-hat. Die Extrakost hat sie bezahlt.«
-
-»Sie? Nicht der Müller?« fragte Fritz erstaunt.
-
-»Der wird sich hüten,« erwiederte der Wachtmeister, »das würde ihn ja
-verdächtig machen. Die Kordel hat Alles bezahlt, mich aber gebeten,
-Euch nichts davon zu sagen. Und sie hat noch weit mehr thun wollen; sie
-hat sich erboten, die Fichten nach der Taxe zu bezahlen und auch alle
-Kosten, wenn Ihr freigegeben würdet. Das geht nun freilich nicht an,
-denn Strafe muß sein.«
-
-Fritz nahm dies Alles still auf -- er war keines Wortes mächtig vor den
-Empfindungen, die sich in seinem Busen drängten. Der Wachtmeister nahm
-sein Schweigen für »Hartköpfigkeit« und verließ ihn voll Unwillen. Aber
-am folgenden Morgen verlangte Fritz Papier und Schreibzeug, und als er
-das hatte, schrieb er einen Brief, der den Wachtmeister eines Andern
-belehrte. Ich habe den Brief nicht zu Gesicht bekommen, sonst würde ich
-seinen Inhalt ebenfalls mittheilen. Aber der Kadenlieb hat erzählt, daß
-dem alten Wachtmeister beim Lesen des Briefes das Wasser in den Augen
-gestanden hätte.
-
-Kordel's Brief und Buch waren für den gefangenen Fritz reiche
-Trostquellen; sein Benehmen wurde von Stund an so, daß es dem
-»Kadenlieb« zu seinen Befürchtungen keinen Anlaß mehr gab. Als ihm
-das zweite Erkenntniß, wodurch das erste bestätigt wurde, eröffnet
-worden war, ließ er sich ruhig und gefaßt in das Arbeitshaus abführen.
-Man würde sich aber sehr irren, wenn man glaubte, er hätte sich mit
-stoischem Gleichmuth in sein Schicksal ergeben. Zweierlei nagte an
-seinem Herzen und raubte ihm die Heiterkeit des Geistes und den
-muthigen Aufblick nach Oben, wodurch ein solches Loos erträglich wird:
-die Bekümmerniß um die arme, betrogene und verlassene Kordel, und der
-Gedanke an das Brandmal, welches seine Strafe für immer auf seinen
-Namen drückte. Und wie berechtigt dieser Gedanke war, das sollte er nur
-zu sehr erfahren.
-
-
-4.
-
-Zwei Jahre hielt Fritz seine Strafe wacker aus. Sein musterhaftes
-Betragen gewann ihm bald die Liebe der Anstaltsbeamten und ihre
-menschenfreundliche Behandlung, verbunden mit der innigen Theilnahme,
-welche Kordel fortwährend an seinem Schicksale bezeugte, hielt ihn
-so lange aufrecht, und am Ende des zweiten Jahres wurde er auf
-nachdrückliche Verwendung des Vorstandes der Strafanstalt begnadigt.
-
-Als er, der Gewänder der Schmach entkleidet, aus dem schrecklichen
-Aufenthalt heraustrat und sich wieder frei in der unendlichen Behausung
-Gottes fand, da fiel alles Leid und alle finstere Sorge von seinem
-Herzen; stille bescheidene Hoffnungen hielten Einzug darin, begleiteten
-ihn und förderten seine Schritte nach der lieben Gebirgsheimath. Er
-hatte nur fünfzehn Stunden Weges bis Königswald, die gedachte er in
-einem Tage zurückzulegen. Er vergaß, daß er nicht mehr der frühere
-Bretschneiderfritz war, dem eine solche Tagereise allerdings Spaß
-gewesen; bevor er ein Viertel des Weges hinter sich hatte, wurde er
-inne, welche Verheerungen eine drittehalbjährige Haft auch in dem
-kräftigsten Körper anrichtet, und mit Mühe und Noth erreichte er gegen
-Abend das Städtchen Schwarzenberg, welches ungefähr auf der Mitte des
-Weges liegt. Dort suchte er in einem Gasthause ein Nachtquartier. Die
-Wirthin, an welche er sich deshalb wandte, machte jenes kalte Gesicht,
-das armen Fußwanderern gewöhnlich zu Theil wird, wenn sie in einem
-frequenten Gasthofe Einkehr halten; das hätte den Bretschneiderfritz
-jedoch wenig gekümmert, hätte die Wirthin nur nicht so schnippisch
-nach dem Passe gefragt. Da wurde er verlegen. Er hatte an Passes Statt
-nur seinen Entlassungsschein aus dem Arbeitshause -- sollte er das
-hochmüthige Weib mit seiner Schmach bekannt machen? Lieber hätte er ein
-Nachtquartier im wilden Forst gesucht, als das gethan. So schüttelte er
-den Staub von seinen Füßen und hinkte weiter, um in dem nächsten Dorfe
-Grünstädtel sein Heil zu versuchen. Aber wer weiß, wie es ihm dort
-wieder gegangen wäre! Glücklicherweise führte ein mitleidiger Stern
-einen Bergmann des Weges, der den erschöpften Pilger einholte, ein
-Gespräch mit ihm anknüpfte und, als er seine Lage erfahren hatte, ihn
-freundlichst einlud, mit ihm bis Raschau (das nur eine Viertelstunde
-weiter war als Grünstädtel) zu gehen und es sich eine Nacht bei ihm
-gefallen zu lassen. Fritz hätte dem gastfreundlichen Manne um den Hals
-fallen mögen, und es versteht sich, daß er sein Erbieten annahm. Die
-Liebe Gottes giebt sich auf mancherlei Weise kund, am schönsten aber
-dem Gedrückten durch mitfühlende Menschenherzen. Das erfuhr unser
-Wanderer so recht in der Hütte des guten Bergmanns, der »froh wie Gott«
-sein kärglich Mahl mit ihm theilte und ihm ein Lager zurechtmachte, wie
-er es seit Jahren nicht genossen hatte. Wie wohl that seinem Herzen die
-freundliche Begegnung, die ihm von den zahlreichen Gliedern der armen
-Bergmannsfamilie widerfuhr! Wie belebte sie seinen Muth, sein Vertrauen
-zu den Menschen, seine Hoffnungen wieder! »Ach! wie ist das Leben so
-schön in der Freiheit unter guten Menschen!« sprach er, als er sich
-auf sein Lager streckte, und nach innigem Gebete schlief er flugs und
-fröhlich ein.
-
-Gestärkt und im Herzen erquickt setzte er seine Reise am andern Morgen
-fort. Sie wurde ihm noch sauer genug, aber frohen Muthes überwand er
-eine bergige Strecke nach der andern, und wie die Sonne auf die Wipfel
-seiner heimathlichen Wälder den Scheidekuß glühete, überschritt er die
-letzte Anhöhe vor Königswald. Als nun die wohlbekannten Thalfluren
-ihm entgegenlachten, als der alte Kirchthurm und dann ein rauchender
-Schornstein und ein graues Schindel- oder Strohdach nach dem andern
-aus der Tiefe auftauchte, da erbebte sein Herz von nie empfundenem
-Entzücken. Das hemmte seinen wankenden Schritt -- er mußte sich am
-Waldsaum niederlassen, und in das blühende Haidekraut gestreckt, sog
-er die balsamische Luft der Heimath mit durstigen Zügen. So lag er
-noch, als die Abendglocke dem fliehenden Tage den Scheidegruß der
-Königswalder Christengemeine nachrief. Da wurde ihm weh -- recht weh
-ums Herz. Von den Feldern verloren sich die letzten Arbeiter und eilten
-heim an den traulichen Herd, in die Kreise der Ihrigen, wo das labende
-Mahl ihrer wartete und bald auch die erquickende Ruhe von des Tages
-Last und Hitze. Den armen Fritz erwartete Niemand, kein Mahl war ihm
-bereitet, und wo sollte er sein Haupt hinlegen? Jene Gedanken und diese
-Frage drängten sich ihm jetzt auf, und dunkle Schatten lagerten sich um
-seine Seele. Er erinnerte sich, woher er kam und was das in Königswalde
-zu bedeuten hatte. Es fiel ihm ein, wie die Königswalder es dem
-»Schneiderfriedel« gemacht hatten, der vor fünf Jahren vom Zuchthause
-heimgekommen war und den ihr moralischer Bettelstolz in Verzweiflung
-getrieben hatte. Zwar, Eine Seele lebte ihm in Königswald, bei der
-er eines freundlichen Empfanges gewiß sein konnte; aber das war ein
-lediges Frauenzimmer, bei dem er nicht herbergen konnte, zumal da sie
-ohnehin schon wegen ihres Fehltritts verachtet genug war. Doch stand
-ihm denn nicht die Mühle offen? Vielleicht -- aber ihr kennt den Fritz
-wenig, wenn ihr glaubt, er habe den Müller, der ihn in Schande und
-Elend gestürzt, dessen Weib die arme Kordel unbarmherzig aus dem Hause
-gestoßen, um ein Unterkommen ansprechen können. Mit dem wollte und
-durfte er nichts mehr zu schaffen haben. Nun, er hatte ja Verwandte
-in Königswald; gleich da oben im ersten Gute, da hauste seines Vaters
-Bruder, ein ziemlich vermöglicher Mann; weiter unten wohnten zwei
-Vettern, die einen einträglichen Grenzhandel trieben und außer diesen
-lebten auch zwei Mutterschwestern im Dorfe, der entfernten Verwandten
-nicht zu gedenken. Unser Fritz hatte vor seinem Unglück mit Allen im
-besten Vernehmen gestanden, dessen erinnerte er sich wohl, aber auch,
-daß sie sich während seiner Haft nicht um ihn gekümmert hatten. Was
-Wunder, wenn er jetzt ins Dorf zu gehen zögerte und als er sich endlich
-dazu entschloß, mit Bangigkeit dem Gute seines Oheims zuwankte!
-
-Seine Ahnung betrog ihn nicht. Der Oheim und seine Frau machten sehr
-verwunderte Gesichter, als sie den unerwarteten Spätgast eintreten
-sahen. Da gab es keine traute Umarmung, keinen warmen Händedruck,
-man bot ihm ein so kühles »Willkommen«, daß es ihm durchs Herz
-fuhr: man bot ihm einen Platz am Tisch, auf dem eine große Schüssel
-Kartoffelsuppe dampfte, aber mit so sichtbarem Mißbehagen, daß dem
-Gaste das Blut zu Häupten stieg. Er nahm Stock und Hut und verließ das
-ungastliche Haus seines nächsten Verwandten. Sollt' er nun sein Glück
-bei der Sippschaft weiter versuchen? Was blieb ihm übrig? Wer sollte
-ihn sonst freundlich aufnehmen, wenn es die Verwandten nicht thaten?
-Er nahm seinen Weg zum Vetter Konrad, der überdies sein Gevatter war.
-Hier wäre ihm auch wohl eine bessere Aufnahme zu Theil geworden, hätte
-der Gevatter Herrenrecht im Hause gehabt, das hatte aber die Frau
-Gevatterin und das war »eine hochmüthige Gans.« Ein Abendessen und ein
-Nachtlager sollte dem Fritz zwar gewährt werden, aber ihn ganz ins Haus
-zu nehmen -- das könne er nicht verlangen, meinte das Weib, ärgerlich
-über ihres Mannes freundliches Benehmen gegen den »Anrüchigen«.
-Dieser dankte für das Anerbieten und ging weiter. Der Arme! er
-sollte den bittern Kelch der Erfahrung, daß Vetternfreundschaft die
-allerunsicherste sei, bis auf die Hefen leeren.
-
-Die Vier, die er noch aufsuchte, nahmen ihn mit gleicher Kälte, wo
-nicht mit schwerverhaltenem Widerwillen auf; ein Nachtquartier wollten
-sie ihm zwar nicht versagen, und das wäre ihm auch vor der Hand genug
-gewesen, aber sie boten es ihm auf eine Weise, die sein Selbstgefühl
-empörte. Er dankte Allen und ging weiter -- aber nicht mehr zu irgend
-einem Gliede seiner Freundschaft, sondern aus dem Dorfe hinaus -- nach
-dem Gottesacker, dessen eingestürzte Mauer zu jeder Zeit den Zutritt
-zur stillen Wohnstatt der Todten gestattete. Im Mondschein fand er
-leicht die Stätte, die er suchte: das Doppelgrab seiner Eltern. Von
-Schmerz überwältigt sank er dort nieder und weinte und konnte lange
-nichts als weinen.
-
-O ihr Geister der längst abgeschiedenen Eltern! Sahet ihr aus euren
-seligen Wohnungen den einzigen Sohn sich winden an eurer Gruft? Sahet
-ihr nicht, wie seine Thränen euren zurückgelassenen Staub tränkten?
-Ja, ihr sahet es und ihr tratet vor Gott und batet ihn, daß er dem
-armen Dulder einen Engel zum Geleite sende auf der dornenvollen Bahn
-unter den harten, blödrichtenden Menschen. Und Gott war auch schon
-zuvorgekommen, der Engel war längst da, an eurem Grabe hat er sich
-dem Heimkehrenden schon geoffenbart durch die sinnigen Liebeszeichen,
-womit er euern Staub geehrt. Als Fritz sich wieder erhob, sah er das
-einfache Kreuz, welches er den Eltern hatte setzen lassen, mit einem
-frischen Kranze geschmückt und das Blumenbeet auf dem Hügel, das
-er angelegt hatte, so sauber gepflegt, wie er es selber kaum gethan
--- er wußte gleich, wem er Beides verdanke. Er mußte sie sehen ohne
-Verzug -- er mußte ihr danken, und das nicht allein: er bedurfte ihres
-freundlichen Willkommens in der Heimath, ihres warmen, theilnehmenden
-Händedrucks. Der Wächter verkündete bereits die zehnte Stunde, da sah
-es ja Niemand, wenn er in ihr Haus ging, und ehe noch Jemand im Dorfe
-aufstand, konnte er es ja wieder verlassen. So schlug er denn den
-Weg nach ihrer Behausung ein. Durch die Ladenritzen schimmerte noch
-Licht, als Fritz dort ankam, die fleißige Bewohnerin klöppelte noch,
--- mit hochschlagendem Herzen klopfte er an den Laden und rief sie
-beim Namen. Schnell wich der Riegel der Thür -- eine warme Hand zog
-ihn hinein -- er trat in die warme Stube -- Kordel lag schluchzend an
-seiner Brust. Aber war das die Kordel, die er vor wenig Jahren gekannt
-in der schwellenden Fülle und rosigen Frische der Jugend? O nein, das
-war nur der Schatten ihres holden Leibes. Mit welcher Gier hatte der
-nimmersatte Geier des Grams an diesen lieblichen Formen gezehrt, die
-ein leichtsinniger Bube frech entweihte, statt sich in Ehrfurcht zu
-neigen vor einem Meisterwerke seines Schöpfers! Fritz vermißte indeß
-keinen ihrer Reize, wenn ihm auch die traurige Verheerung ihrer Gestalt
-schmerzlich auffiel. Er ließ sie sich ausweinen an seiner Brust, aber
-er wagte es nicht, seinen Arm um ihren Leib zu legen, nur ihre Hand
-nahm er und preßte sie an seine Lippen. Nach dieser fast lautlosen
-Begrüßung führte Kordel den Gast an das Bettchen ihres kleinen Fritz
-(so hatte sie das vaterlose Knäblein taufen lassen), auf den die ganze
-Fülle und Frische seiner Mutter übergegangen zu sein schien. Dann
-eilte sie, ein warmes Essen für den Gast zu bereiten. Wie mundeten ihm
-die neuen Kartoffeln mit der frischen Butter und der durch den besten
-Rahm veredelte Kaffee! Zumal da Kordel ihm Gesellschaft leistete. Wie
-war sie so heiter, so freundlich und so sanft! Ihr besseres Theil
-trat geläutert und verklärt vor seinen Geist. Er sagte ihr, daß sie
-nicht fürchten möge, er werde sie in Verlegenheit bringen. Sie möge
-ihm nur ein Nachtlager auf dem Heuboden gönnen, daß er ein wenig
-ausruhen könnte, am Morgen mit dem ersten Hahnenschrei wolle er sich
-ungesehen fortmachen, sich nach einer Herberge umthun und Arbeit
-suchen. Doch von dem Schlafen auf dem Heuboden, dem Frühaufstehen und
-Ungesehenfortgehen konnte keine Rede sein; sie lächelte, als er den
-Grund angab, und sagte, daß sie sich vor dem Gerede der Leute nicht
-mehr fürchte. Mehr als sie ihr wegen des Kindes angethan, könnten sie
-ihr nicht anthun; in jenem Falle hätten sie allenfalls noch Grund
-gehabt, sie zu verachten, anders jetzt, wo sie eine heilige Pflicht
-erfülle, und wenn man sich gleichwohl darüber aufhielte, so dürfe
-und werde sie sich dadurch nicht irre machen lassen. Und sie bat den
-Bedenklichen in so rührenden Ausdrücken und in einer Weise, die ihn
-glauben ließ, er erzeige ihr eine Wohlthat, daß er sich entschloß,
-das Hinterstübchen, welches seit dem kürzlich erfolgten Tode der
-Kartenschlägerin ganz leer stand, zu beziehen, bis er irgend ein
-passendes Unterkommen würde gefunden haben.
-
-Ein solches zu suchen, ließ Fritz sich gleich am andern Tage angelegen
-sein. Er war früher ein sehr gesuchter Arbeiter gewesen; so ging er
-mit gutem Vertrauen aus. Aber obwohl es der Bretmühlen eine ziemliche
-Anzahl in dieser holz- und wasserreichen Gegend giebt, so wollte
-sich jetzt doch nirgends eine Stelle für ihn finden. Das machte ihn
-wohl etwas unmuthig, aber er verzagte darum nicht. Er verstand sich
-auch auf die »Zeugarbeit«, und so ging er abermals den Wässern der
-Umgegend nach. Aber er hatte in den Mahlmühlen eben so wenig Glück,
-als in den Bretmühlen; hie und da gab man ihm auf verblümte Weise zu
-verstehen, daß man einen Zuchthäusler nicht möge; denn Arbeitshaus oder
-Zuchthaus ist dem gemeinen Volke all' eins. So kehrte Fritz am Ende der
-zweiten Woche nach seiner Heimkunft völlig niedergeschlagen in sein
-Asyl zurück. Kordel gab sich die freundlichste Mühe ihn aufzurichten;
-sie stellte ihm vor, daß es ja nicht so dränge mit einem Unterkommen;
-der liebe Gott segne sie dieses Jahr reichlich mit Kartoffeln -- daß
-sie eine Kuh, ein Stück Jungvieh und eine Ziege halte, wisse er;
-ihre Wirthschaft sei bezahlt und außerdem habe sie auch noch ein
-paar hundert Thaler auf Interessen ausstehen. So könne sie es sich
-nun auch etwas leichter machen, als zeither, indem sie sich von ihm
-in der Wirthschaft helfen ließe. Die Arbeit aber, welche die kleine
-Wirthschaft für einen rüstigen Mann darbot, schien dem Bretschneider
-doch zu geringfügig, um sich dafür füttern zu lassen. Da er in seinem
-erlernten Fache nirgends ein Unterkommen fand, so entschloß er sich,
-bei den Begüterten von Königswald Taglöhnerarbeit zu suchen. Aber
-hier sollte ihm das tödtliche Gift des Mißtrauens und der Verachtung
-tropfenweise eingeflößt und in Galle und Blut hineingetrieben werden.
-Man hatte für den entlassenen Sträfling nirgends Arbeit.
-
-
-5.
-
-Der Leser muß nicht glauben, daß es das +Vergehen+ des Bretschneiders
-war, was sie verachteten und weshalb sie ihn von ihren Thüren
-scheuchten, -- o da waren wohl wenige unter den wohlehrsamen Begüterten
-von Königswald ganz rein geschoren, so Mancher hatte dann und wann ein
-Stämmchen aus dem königlichen Forst geholt, ohne daß das Stempeleisen
-des Forstmeisters es berührt hatte; aber sie hatten es fein schlau
-angefangen und waren glücklich mit ihrer Beute weggekommen. Vor der
-Welt waren sie ehrliche Leute, so meinten sie, daß sie es wirklich
-wären, und glaubten von ihrer Ehrlichkeit keinen bessern Beweis
-liefern zu können, als wenn sie jeden wegen einer unehrlichen Handlung
-Bestraften recht sichtlich verachteten.
-
-Leser -- glaubst du nicht, daß solche Erfahrungen in solcher Lage einen
-Menschen zur Verzweiflung treiben, oder doch »die Milch der frommen
-Denkart in gährend Drachengift verwandeln« können? Bei unserm Fritz war
-es nahe daran, daß das Eine oder Andere geschah, nur Kordel's immer
-gleiche Sanftmuth und Freundlichkeit verhinderte, daß das so reichlich
-in ihm erzeugte Gift nicht alsbald seinen ganzen edleren Menschen
-vernichtete. Aber daß er durch alle die fehlgeschlagenen Hoffnungen und
-vergeblichen Anstrengungen, ein ehrlich Unterkommen zu finden, täglich
-schwermüthiger gemacht wurde, konnte sie nicht hindern. Das schmerzte
-sie und begann dem Wurm, der an ihrer Gesundheit nagte, neue Nahrung zu
-geben. Endlich konnte sie nicht länger an sich halten und ein Gedanke,
-der gleich nach seinen ersten vergeblichen Gängen in ihr aufgetaucht
-war, brach sich unwiderstehlich Bahn.
-
-»Fritz!« sprach sie etwas rascher als gewöhnlich, »Sie handeln unrecht
-an sich selbst. Was ärgern Sie sich so ab mit den unvernünftigen
-Leuten? Was sorgen und quälen Sie sich so um ein Unterkommen unter
-ihnen? Habe ich nicht genug für uns alle Drei? -- Lassen Sie mich
-ausreden! -- Ihre Hand! Sehen Sie den unschuldigen Wurm da -- er hat
-keinen Vater -- wer weiß, ob nicht bald auch keine Mutter.«
-
-Hier wurde sie roth und stockte; Fritz aber fiel ihr in die Rede und
-bat sie, nicht solche Gedanken zu hegen.
-
-»Man muß auf Alles gefaßt sein -- ja, lieber Fritz! -- mir ist, als
-werde ich nicht lange mehr für das arme Kind sorgen können. Dieser
-Husten -- meine abnehmenden Kräfte -- Fritz! soll ich, wenn der Herr
-mich abruft, das Kind als Waise zurücklassen?«
-
-»O wäre ich nicht, was ich bin!« rief Fritz gramvoll aus, »so sagte
-ich, ich will sein Vater sein!«
-
-»Ist es das und immer nur das?« erwiederte Kordel. »Wenn Sie mich auch
-nicht mehr lieben, wie einst, wenn ich auch nicht werth bin, Ihre Frau
-zu sein, so -- ich flehe Sie an -- werden Sie diesem verwaisten Wesen
-ein Vater!«
-
-»Versteh' ich Sie recht?« stammelte Fritz von einem heiligen
-Freudenschauer durchbebt. »Wollen Sie mich?«
-
-»Zum Vater meines Kindes machen,« sprach sie mit hohem Erröthen, seine
-Hand an ihr Herz drückend.
-
-»Aber bedenken Sie, ich bin ein Ausgestoßener.«
-
-»Und was bin ich? Wir tragen das gleiche Loos -- die ehrbaren Leute
-stoßen mich wie Sie von sich -- so lassen Sie uns gemeinsam tragen,
-was uns der Himmel aufgelegt hat! Zum Glück haben wir genug, um die
-hartherzige Gesellschaft allenfalls entbehren zu können. Wir können
-einen Handel anfangen -- gewiß, Gott wird uns helfen, wenn wir
-zufrieden sind und fortan auf seinen Wegen wandeln. Wollen Sie?«
-
-»Ob ich will? O du mein einziger Trost im Leben! Ich habe ja nie
-aufgehört, dich zu lieben und ich dachte mir es seit dem Augenblicke,
-da ich dein Unglück erfuhr, als das höchste Glück, für dich und dein
-Kind sorgen zu können. Wenn du mich nicht verschmähst, so will ich
-deinem Kinde ein treuer Vater sein.«
-
-Da schlang Kordel weinend ihre Arme um seinen Hals -- seine Thränen
-mischten sich mit den ihrigen, und der Engel, der den Schlummer des
-kleinen Knaben hütete, war Zeuge ihrer Verlobung.
-
-Sechs Wochen später wurden sie getraut. Hochzeitgepränge, Schmaus und
-Tanz gab es freilich nicht dabei; ihr einziger Hochzeitsgast »bei
-einem Gericht Gerngesehen« war der Kadenlieb. Dem ging es bei den
-Königswalder Pharisäern natürlich auch nicht besser oder vielmehr noch
-schlimmer, als dem Bretschneiderfritz, aber er machte sich nicht viel
-aus den »Dickköpfen«, wie er sie nannte, und Arbeit und Brod mußte ihm
-der Müller schaffen.
-
-Hätte Fritz nur einen Theil von dem leichten Sinn seines
-Schicksalsgenossen gehabt, so hätte er sich in seiner neuen Lage
-recht zufrieden fühlen mögen. Eine Zeitlang schien es auch, als ob
-er mit seinem Geschicke ausgesöhnt sei. Es gab vor und nach der
-Hochzeit vollauf für ihn zu thun: die Hafer- und Kartoffelnernte
-und andere Feldarbeit, verschiedene Reparaturen im Hause und an den
-Wirthschaftsgeräthen beschäftigten ihn mehrere Wochen lang recht
-gehörig, und da sein Weib immer mit einem Lächeln, einem zärtlichen
-Worte bei der Hand war, so vermißte er die Liebe und Achtung der Welt
-nicht. Dazu kam, daß Kordel sich merklich zu erholen schien, sie
-bekam ein frischeres Aussehen, als sie bisher gehabt hatte, und Fritz
-schöpfte daraus Hoffnung für ihre völlige Wiederherstellung. Auch die
-Zuneigung, womit der kleine Fritz sich an ihn gewöhnte, war eine Quelle
-der Freude und des Trostes für ihn. Als aber die Arbeit in Feld und
-Haus nachließ und der müssigen Stunden zu viele für ihn kamen, wollte
-ihn der alte Mißmuth wieder beschleichen. Es kränkte ihn doch, daß er
-sein Gewerbe nicht ausüben konnte; auch daß er unter polizeilicher
-Aufsicht stand, keine Ehrenrechte in Gemeinde und Staat besaß und von
-seinen Mitbürgern verachtet war, konnte er nicht verschmerzen. Er
-gerieth auf den Gedanken, sich selbst eine Bretmühle zu bauen, statt
-einen Handel anzulegen, und Kordel willigte mit Freuden ein. Sie
-kündigte ihr Kapital und machte ihm zu seinem Geburtstage, welcher im
-December fiel, ein Angebinde damit.
-
-Fritz lebte wieder etwas auf, da er nun einen sicheren Weg zu Arbeit
-und Verdienst vor sich sah. Er suchte und fand bald einen geeigneten
-Platz zu einer Schneidemühle an einem wasserreichen Nebenbach des
-Pöhlwassers. Da er aber mit dem Bau vor dem nächsten Frühjahr nicht
-beginnen konnte und auch zur Holzanfuhr die jetzige Zeit noch nicht
-günstig war, so trug er das Kapital, um es nicht nutzlos daliegen zu
-lassen, nach Annaberg zu einem Kaufmann, der zugleich Bankiergeschäfte
-trieb. Vierzehn Tage später erhielt er die Schreckensnachricht, daß der
-Kaufmann Bankerott gemacht habe und Fritzens Geld verloren sei.
-
-Das war ein furchtbarer Schlag für unser Paar; Fritz wollte sich nicht
-darüber zufrieden geben und jammerte immerfort: »Das arme Kind! das
-arme Kind!« Kordel, die den Verlust eher zu verschmerzen schien, suchte
-ihn zu trösten, doch gelang es ihr nur unvollkommen. »Wer weiß, wie der
-liebe Gott auf andere Weise für das Kind sorgt,« sagte sie, wenn Fritz
-so wehklagte.
-
-Sie hatte Recht -- der liebe Gott sorgte bald für das Kind, daß es das
-Geld entbehren konnte -- er nahm es zu sich; das Scharlachfieber raffte
-es weg.
-
-Das war kurz nach Weihnachten, -- am Aschermittwoch senkten sie neben
-der Hülle des Kindes die seiner Mutter ein. Die Auszehrung, welche ihr
-der Gram über die Treulosigkeit ihres Verführers, noch mehr aber über
-die Kränkungen, die sie von den Königswaldern erdulden mußte, zugezogen
-hatte, war nach dem Tode ihres Knaben plötzlich in ein entschiedeneres
-Stadium übergetreten. Ruhig und ergeben sah sie ihr Ende herannahen und
-sanft, wie sie in der letzten Zeit gelebt, schlummerte sie hinüber.
-
-Mit ihr erlosch aller Glanz aus dem Leben des armen Fritz; er schleppte
-es fortan als eine finstere und bleierne Last mit sich herum. Seine
-Heimathgenossen fingen allgemach an, mit dem hart Geschlagenen einiges
-Mitleid zu fühlen, sie zeigten sich freundlicher gegen ihn und boten
-ihm Arbeit an, aber er mochte nichts mehr von ihnen wissen. Sie waren
-vornehmlich schuld an dem Tode seines Weibes -- dies konnte er ihnen
-nicht verzeihen, wenn er ihnen auch die eigene Schmach verziehen hätte.
-Er schloß sich völlig von ihnen ab; außer dem Kadenlieb pflog er mit
-keinem lebendigen Menschen Umgang -- sein Herz war bei den Todten und
-ihrer Wohnstätte galten seine Besuche. Ihm war am wohlsten, wenn er
-zwischen seinen Gräbern weilen, oder doch nahe bei der Kirchhofmauer
-so sitzen konnte, daß er die Kreuze darauf sah. Kordel's Kreuz war
-allezeit frisch bekränzt. Eine Ziege, die sie aufgezogen und so an sich
-gewöhnt hatte, daß sie ihr überall hin folgte wie ein Hund, trug diese
-Anhänglichkeit bald auf ihren trauernden Herrn über, sie war immer bei
-ihm, wenn er seines traurigen Kultus pflog. So hat er es zwei Sommer
-getrieben.
-
-Am zweiten Jahrestage von Kordel's Tode brach in Königswald ein Feuer
-aus, welches bei dem starken Winde, der gerade wehte, für den größten
-Theil des Ortes verderblich zu werden drohte. Fritz eilte zum Löschen;
-es war das erste Mal, daß er sich wieder unter seine Mitbürger mischte,
-von denen es ihm keiner an entschlossener Thätigkeit gleich that,
-obschon die meisten tüchtig zugriffen. Leider war die Löschanstalt
-nicht im besten Stande und noch dazu schlecht geleitet. Fritz sah
-die Nothwendigkeit des Niederreißens zweier Gebäude ein, um das
-Fortschreiten der Flamme, die bereits ein zweites Haus ergriffen hatte,
-zu hemmen. Der Richter, welcher Feuer-Commissarius war, widersetzte
-sich Fritzens Rath und ordnete an, alle Thätigkeit auf das Löschen
-der brennenden Gebäude zu verwenden. Fritz, von der Nutzlosigkeit
-dieser Anstrengung überzeugt, rief nun die Hülfeleistenden auf, ihm
-mit dem erforderlichen Geräthe zu folgen und zum Niederreißen der
-bezeichneten Gebäude zu schreiten. Alle Einsichtigen folgten seinem
-Rufe; dadurch wurde der Richter in Wuth versetzt, er stürzte auf den
-Bretschneiderfritz los, packte ihn bei der Brust und schrie:
-
-»Was will Er hier? Commandiren? Aufwiegeln? Weiß Er, was Er ist? Er
-hat gar kein Recht in der Gemeine; nicht ein Wort hat Er zu sagen!
-Unter meiner Aufsicht steht Er, und ich kann Ihn ohne Weiteres ins Loch
-sperren lassen.«
-
-Fritz erwiederte kein Wort -- er vermochte keins hervorzubringen. Er
-wandte seinen Blick nach Oben und ging zu sehen, wo er sonst helfen
-konnte. Das zuerst in Brand gerathene Haus gehörte einer armen Wittwe.
-Sie hatte nur wenig von ihrer Habe zu retten vermocht, und Niemand
-getraute sich mehr in das über und über brennende Gebäude, um noch
-Etwas herauszuholen.
-
-»Helft mir doch wenigstens meine Ziege retten!« rief die jammervolle
-Wittwe aus; »hört doch, wie das arme Thier schreit!« Damit wollte
-sie in das Haus; doch Fritz, der eben hinzutrat, ergriff sie,
-schleuderte sie zurück und eilte selbst in das Gebäude, eh' Andere
-ihn zurückzuhalten vermochten. Es mag Manchem tollkühn erscheinen, um
-einer Ziege willen ein Menschenleben zu wagen, aber Fritz wußte, was
-einem verlassenen Menschen solch' ein Stück Vieh sein kann, und die
-Wittwe war verlassen wie er -- und was galt ihm sein Leben? Es gelang
-ihm wirklich, das Thier zu retten, ein Freudenruf entrang sich mancher
-beklommenen Brust, als er sich wieder unter der Thür zeigte. Schon
-war er fast aus dem Bereiche der fürchterlichen Gefahr, als plötzlich
-ein brennender Sparren niederstürzte und ihn zu Boden streckte. Der
-eben herbeigeeilte Kadenlieb trug ihn für todt in sein Haus; schnelle
-ärztliche Hülfe rief ihn jedoch wieder ins Leben. Der Arzt hoffte ihn
-zu retten, obschon seine Brust schwer verletzt war. Fritz wünschte
-blos, von den Menschen errettet zu sein und sein Wunsch ging in
-Erfüllung. Ein heftiger Blutsturz bahnte seiner Seele den Ausweg aus
-ihrem vergänglichen Gefäß. Der Kadenlieb, welcher nicht von seinem
-Bette wich und ihn wie ein Bruder pflegte, wurde sein Erbe.
-
-Der macht' es gescheidt -- als der Frühling ins Land kam, bepflanzt' er
-die Gräber seiner Freunde mit Veilchen und Immergrün, verkaufte Haus
-und Feld, gab dem Todtengräber ein Sümmchen, damit er die Gräber wohl
-pflege, und ging mit dem Rest nach Amerika.
-
-
-
-
-II.
-
-Die Fundgrube Vater Abraham.
-
-
-I.
-
-Die Bergleute des Reviers hatten Lohntag. Die Auslohnung war vorbei,
-und das muntere Bergvolk stand in Gruppen längs der Rathhausseite des
-großen Marktplatzes oder schlenderte durch die zwei Budenreihen des
-Krammarktes. Denn seit undenklichen Zeiten war in der freien Bergstadt
-dafür gesorgt, daß die Bergleute, deren Viele stundenweit herkamen,
-sich eines Theiles der schwergewonnenen Groschen auf leichte Art wieder
-entäußern konnten. Und wie man Fischreußen vor die Abflußöffnungen
-der Gewässer legt, so baute man die Buden gerade in die Verlängerung
-der Gasse, in welcher das Berg- und Zehntamt lag. Da mußten selbst
-diejenigen hindurch, welche Lust hatten, einen Theil ihres Lohnes
-in der Sparcasse niederzulegen, die seit einem Jahrzehent bestand,
-so daß gar manches für die Sparcasse bestimmte Fischlein dort
-hängen blieb. Das konnte freilich nur von dem unbeweibten Bergvolke
-gelten, denn der beweibte und dann sicher auch mit Kindern gesegnete
-Knappe konnte höchstens mit Hülfe eines Heckethalers sich an der
-Sparcasse betheiligen. Gönnt der sich doch nicht einmal ein billiges
-Frühstück in der Garküche, aus welcher es so bratenhaft duftet --
-an das gegenüberliegende »süße Löchel«, die Conditorei, ist gar
-nicht zu denken, sondern er verzehrt höchstens in den Brodbänken ein
-»Dreierstöllchen« mit einer halben Knackwurst, nachdem er die Hälfte
-für seine »Alte«, vorausgesetzt, daß sie noch jung ist, im Kittel
-geborgen.
-
-Von jungen Burschen sah man in den Brodbänken höchstens den Bergner
-Ferdinand vom Vater Abraham. Heute war er da. Ein hochgewachsener,
-blonder, frischer Gesell, mit intelligenten Zügen. Der leinene Kittel
-kohlschwarz, Fahrleder und Gürtel schön lackirt, auch das Schuhwerk
-blank gewichst. Unter der Bänkenthür stand er und blickte mit seinen
-hellen, blauen Augen nach der gegenüberliegenden Conditorei, aber wohl
-eher nach dem lockigen Kopfe einer Dame, die dort an einem Fenster
-an der Seite eines Bergherrn stand, als nach den gaumenkitzelnden
-Dingen des Schaufensters. Dicht neben den Brodbänken befand sich der
-Laden eines Gelbgießers, an welchen sich die Gewölbe eines Tuchmachers
-und eines Zinngießers reihten. Diesen drei Geschäftsleuten schien der
-Lohntag keine Weizenblüthe zu sein; standen sie doch schon seit einer
-halben Stunde vor dem Gelbgießerladen und klagten über den flauen
-Geschäftsgang. Plötzlich aber wurde ihre Aufmerksamkeit nach der
-Conditorei hinübergelenkt, aus welcher eine hochgewachsene Dame mit
-einer Schaar junger Dämchen in orgelpfeifenähnlicher Größenabstufung
-hervorquoll.
-
-»Da kommt die Staatsglucke vom Vater Abraham mit ihren Küchlein!« rief
-der Tuchmacher; »acht Stück, und was für eine Prachtrace! Und richtig
--- der Liebhaber der Aeltesten, der neue Herr Obereinfahrer, ist auch
-dabei; der wird wohl die ganze Schaar tractirt haben.«
-
-»Soll mich wundern, ob aus dem Freier auch ein Nehmer wird,« sagte
-der Zinngießer; »der Herr Obereinfahrer ist ein Feiner; reich und
-von Adel, wie er ist, denkt er wohl höher hinaus, als zu der armen
-Schichtmeisterstochter, die Nichts hat, als was sie auf dem Leibe
-trägt.«
-
-»Ja, wenn das nur noch ihr Eigenthum wäre,« fiel der Tuchmacher ein;
-»ich will mein Contobuch vom Schinder verbrennen lassen, wenn von all
-den Fahnen und Behängen, worin das schöne Fräulein prangt, nicht über
-Dreiviertel in verschiedenen Contobüchern ungelöscht stehen.«
-
-»Oho!« nahm der Gelbgießer das Wort; »macht's nur nicht so gefährlich!
-Dazu ist mein Schichtmeister Frenzel denn doch ein viel zu wackerer
-Mann, als daß er solche Schuldenwirthschaft dulden sollte. Es ist
-wahr, die Schichtmeisterin trägt die Nase ein wenig hoch und macht am
-Ende mehr aus sich und ihren Töchtern, als dahinter steckt; aber sie
-ist doch eine tüchtige Hauswirthin, und man findet nirgends eine so
-ausgesuchte Ordnung und Sauberkeit, wie bei ihr zu Hause.«
-
-»Ei, das ist doch nicht etwa ihr Verdienst!« sagte der Tuchmacher. »Ihr
-als Gewerke vom Vater Abraham solltet doch wissen, wer da eigentlich
-die Hauswirthin ist, obgleich sie nur für das Aschenbrödel gilt. Das
-ist die Kleine, die Stieftochter der großen Dame dort, die Einzige von
-des Schichtmeisters erster Frau.«
-
-»Die kenn' ich ja gar nicht,« erwiederte der Gelbgießer.
-
-»Natürlich,« erklärte der Tuchmacher; »sowie sich ein Besuch auf dem
-Vater Abraham zeigt, muß sich Aschenbrödel in der Küche verkriechen.
-Sie würde schön ankommen, wollte sie sich als schwarze Henne unter den
-bunten Küchlein der Frau Mama zeigen. Aber sie ist es, die eigentlich
-das ganze Haus erhält, denn das müßt Ihr doch selbst zugeben, daß die
-Schichtmeisterin, wenn sie eine Wirthin sein wollte, nicht mehr Staat
-treiben würde, wie eine Bergmeisterin!«
-
-»Nun, wer weiß,« unterbrach der Zinngießer den Sprecher, »wer weiß, ob
-sich der Schichtmeister nicht besser steht wie unser Bergmeister. Der
-Vater Abraham hat schönes Erz, und wer kann einen Schichtmeister, der
-auf seiner Grube wohnt, so genau --« hier stockte der Redner; ein Blick
-auf das Gesicht des Gelbgießers machte ihn verstummen. Doch dieser rief
-schnell: »Was wolltet Ihr sagen, Nachbar Paul? Redet weiter, was meint
-Ihr? Bedenkt, daß ich Kuxinhaber vom Vater Abraham bin, und mich das
-sehr nahe angeht, was Ihr da auf der Zunge hattet!«
-
-»Ich hab's verschluckt und vergessen,« sagte der Zinngießer; »Ihr wißt
-ja, Nachbar Mickley, es kommt Einem manchmal ein überzwercher Gedanke
-in den Mund. Ich weiß nichts, will nichts wissen und glaube, daß der
-Schichtmeister Frenzel ein wackerer Mann ist, wie Ihr selbst ihn
-nanntet.«
-
-»Bis jetzt,« erwiederte der Gelbgießer, »hat seine Gewerkschaft alle
-Ursach' gehabt, mit ihm zufrieden zu sein, und er gilt allgemein als
-der tüchtigste Grubenbeamte im ganzen Revier. Aber es ist eine böse
-Zeit, man darf fast seinem Bruder nicht mehr trauen, und was Ihr da
-angedeutet, will ich mir hinter die Ohren schreiben.«
-
-»Aber Nachbar Mickley,« sagte der Zinngießer fast ängstlich, »seid doch
-nicht so wunderlich! Ich habe gar nichts angedeutet, gar nichts. Euer
-Schichtmeister ist gewiß ein wackerer Mann, kein Mensch kann wider ihn
-auftreten, auch der Nachbar Kunz nicht. Gewiß, Nachbar Kunz, behauptet
-Ihr nicht im Ernst, daß es mit den Schichtmeistersleuten so übel stehe,
-wie Ihr vorhin sagtet.«
-
-»Oh! was ich gesagt hab', das hab' ich gesagt,« versetzte der
-Tuchmacher, »wollt Ihr einen kleinen Beweis für meine Worte sehen,
-so schaut in mein Contobuch, da steht noch ein alter Rest von zehn
-Thalern, um den ich schon zehnmal umsonst gemahnt habe. Aber jetzt ist
-meine Geduld zu Ende, und wenn ich morgen mein Geld nicht habe, geht's
-vor Gericht!«
-
-Das ganze Gespräch war von dem jungen Bergmann, der unter der
-Brodbänkenthür stand, mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt worden.
-Mehrmals hatte sein Gesicht den Ausdruck heftigen Unwillens angenommen,
-und bei den letzten Worten des Tuchmachers geschah dies wieder. Er
-fuhr hastig in seinen Kittel und zog ein Perlbeutelchen hervor, dessen
-Inhalt er überzählte. Ach! es war viel, viel zu wenig, um die Schuld
-seines Vorgesetzten zu decken. Er besann sich aber nicht lange;
-er steckte seine Börse wieder ein und eilte nach der Spar-Casse.
-Der Geschäftsführer derselben wunderte sich nicht wenig, daß sein
-treuester Sparkunde heute Geld entnehmen wollte, statt welches
-einzulegen; aber es half nichts, er mußte dem drängenden Häuer acht
-blanke Thaler auszahlen. Mit diesem Zuschuß zu seinem heutigen Lohn
-verfügte dieser sich nach dem Gewölbe des Gelbgießers, wo die drei
-Bürger noch immer beisammen standen und jetzt neue Glossen über die
-Schichtmeisterin machten, die mit ihren zwei ältesten Töchtern in einen
-Goldschmiedsladen getreten war.
-
-»Ist hier nicht der Meister Kunz?« fragte Ferdinand, zu dem Kleeblatt
-tretend, nachdem er nicht unterlassen hatte, sein Glückauf! zu bieten.
-
-»Der bin ich,« antwortete der Tuchmacher, »was steht zu Diensten? Ich
-seh's Ihm an, Er bringt Handgeld -- nun Er soll heute einen guten
-Handel machen.«
-
-»Ich komme blos im Auftrage meines Schichtmeisters,« sagte Ferdinand;
-»soll Ihnen die zehn Thaler auszahlen, die er noch schuldig ist.«
-
-»So?« versetzte der Tuchmacher; »nun, das ist auch Handgeld, -- doch
-ein Ehrenmann der Herr Schichtmeister; aber es hätte ja noch Zeit
-gehabt, bis der Herr Schichtmeister wieder etwas gebraucht hätte. Komm
-Er, ich will Ihm gleich die Quittung schreiben.« Und er nahm den Häuer
-mit in sein Gewölbe.
-
-»Da habt Ihr's!« sagte der Zinngießer zu dem Gelbgießer: »da hat
-der Nachbar Kunz auch raisonnirt über den schlechten Zahler; nun
-ist er doch ein Ehrenmann, und Ihr müßt Euch keinen Floh ins Ohr
-setzen lassen. Ich für meine Person weiß nichts Unlauteres von Euerm
-Schichtmeister und alle Welt nennt ihn einen tüchtigen Mann. Ich habe
-nichts gesagt, behüt' Euch Gott!«
-
-Damit entfernte sich der Zinngießer und ging in die Garküche nach
-seinem Morgentöpfchen. Der Gelbgießer blieb unter seinem Laden stehen
-und schaute nach dem des Tuchmachers. Nach einer Weile kam Ferdinand
-daraus wieder zum Vorschein. »Nochmals meinen gehorsamsten Dank an den
-Herrn Schichtmeister!« rief ihm der Tuchmacher nach, »und ich lasse
-mich und mein neu assortirtes Lager bestens empfehlen.«
-
-Ferdinand steckte lächelnd seine Quittung zu dem Rest seiner Baarschaft
-und wollte sich auf den Heimweg machen. Als er aber an das Gewölbe
-des Gelbgießers kam, hielt dieser ihn auf und nöthigte ihn hinein.
-Er holte aus einem Wandschrank einen Teller mit Knackwurst und
-Brodschnitten, eine Flasche und ein Gläschen, schenkte ein und bat den
-jungen Häuer, zuzulangen. Dieser nahm ein Brodschnittchen, verschmähte
-aber den Inhalt des Gläschens, weil er nie Branntwein trinke. Der
-Gelbgießer nannte dies eine Sonderbarkeit und wollte ihn zu dem echten
-»Eibenstocker« nöthigen. Aber Ferdinand beharrte bei seiner Weigerung,
-und als der Gelbgießer einen Grund dafür wissen wollte, sagte er: »Ich
-halte das Branntweintrinken für eins der Hauptübel der Menschheit.«
-
-»Ja, wenn man den Branntwein säuft,« fiel Meister Mickley ein; »aber
-ein Gläschen zum Imbiß dient zur Gesundheit.«
-
-»Halten Sie zur Güte, Meister!« erwiederte Ferdinand; »unser Herr
-Markscheider, der alle Dinge der Natur kennt, soweit Menschen sie
-erforscht haben, hat uns in der Bergschule klar bewiesen, daß der
-Branntwein, in was immer für einem Verhältniß genommen, nie von Nutzen
-für die menschliche Natur sein könne; daß er aber in einiger Menge
-genossen immer verderblich wirke. Die Säufer, die unter das Vieh
-herabgesunken sind, haben auch Anfangs nur Gläschen getrunken. Doch
-selbst der mäßigste Genuß bleibt eine Sünde gegen Gott und Menschen,
-weil er immer die Mitschuld trägt, daß das, was Gott den Menschen zur
-Nahrung bestimmt hat, so gut wie unter die Füße getreten wird. Lieber
-Meister, Sie dulden gewiß nicht, daß auch nur ein Bröcklein Brod in
-Ihrem Hause muthwillig weggeworfen werde; aber in jedem Glase Schnapps
-werden ein paar Loth Brod zu nichte gemacht. Bedenken Sie, Meister,
-wie viel tausend Scheffel Korn und Kartoffeln nur in unserm lieben
-Gebirge jährlich zu Branntwein verbrannt werden -- das ist Brod für
-viele tausend Menschen. Wahrlich, wenn man sich's recht überlegt, so
-darf es Einen nicht wundern, wenn der liebe Gott über den Greuel einmal
-ergrimmt und uns ganz entzieht, was wir so schmählich mißbrauchen.«
-
-»Er ist ja ein halber Pastor!« rief der Gelbgießer aus; »na, so lassen
-wir den Schnapps! Also Er ist auf der Bergschule -- sagte Er nicht?«
-
-»Ich wohne bei meiner Mutter in Pobersdorf und fahre auf dem Vater
-Abraham an, besuche aber die Bergschule seit zwei Jahren.«
-
-»Und da kommt Er alle Tage anderthalb Stunden weit herein in die
-Stunden? Das macht jeden Tag drei Stunden Wegs um eine Stunde
-Unterricht!«
-
-»Was kann es helfen,« erwiederte Ferdinand, »in der Stadt ist theuer
-leben, dazu reicht das Häuerlohn nicht aus.«
-
-»Und von der Grube wohnt Er auch eine Stunde entfernt; da hat Er
-täglich einen Marsch von 5 Stunden zu machen. Dazu kommt die saure
-Grubenschicht von 8 Stunden, das thut 13 Stunden täglich, mit der
-Schule 14 -- da bleibt Ihm ja gar keine Zeit zu einem Ueberwerk!«
-
-»Freilich nicht; -- nun, ich richte mich mit meiner Mutter ein, und
-da wir eigne Herberg haben und eine Kuh im Stall, so kommen wir schon
-aus. Freilich, der Fleischtopf steht bei uns immer weit vom Feuer,
-aber dafür hat's uns noch kein Jahr an den lieben Kartoffeln gefehlt.
-Uebrigens leb' ich mit meinen Kameraden in der guten Hoffnung, daß
-unsere Herren Gewerken uns bald auch zu einem wenig Fleisch helfen
-werden, da der Vater Abraham neuerdings so höflich geworden.«
-
-»Höflich?« versetzte Meister Mickley, -- »es geht wahrlich an mit
-der Höflichkeit. Es ist wahr, es hat in den letzten Quartalen einige
-Ausbeute gesetzt; aber lieber Freund, Er bedenkt wohl nicht, daß wir
-Gewerken viele Jahre nicht einen Heller von unsern Kuxen gehabt, ja gar
-einmal Zubuße gezahlt haben.«
-
-»Aber die ist doch gewiß längst reichlich wieder erstattet, und nach
-meiner Ansicht muß es in der letzten Zeit eine ansehnliche Ausbeute
-gesetzt haben.«
-
-Der Gelbgießer sah den Sprecher scharf an; dann ging er an sein
-Schreibpult und brachte ein Schreiben zum Vorschein, welches er dem
-Knappen vorlegen wollte, aber erst noch einmal zurückzog, indem er den
-jungen Mann fixirend fragte: »Wie hoch schätzt Er ungefähr die Ausbeute
-vom Vater Abraham auf das letzte Quartal? Ich will einmal sehen, ob Er
-schon einen tüchtigen Steiger abgäbe, wenn unser alter Meier bergfertig
-würde. Er muß wissen, daß ich vier Kuxe baue und im Ausschusse der
-Gewerken sitze, also ein Wörtlein mitzureden habe, wenn es eine Stelle
-auf dem Abraham zu besetzen giebt. Ich will einmal sehen, ob Er schon
-ein wenig Erz zu taxiren versteht. Laß Er hören!«
-
-Der Jüngling sah vor sich nieder. Er mußte sich des Gesprächs der drei
-Bürger erinnern, namentlich der halben Aeußerung des Zinngießers, die
-zuerst seinen Unwillen erregt hatte. Offenbar wollte der Gelbgießer
-ihn aushorchen, und er war im Begriff, eine kurze Antwort zu geben;
-doch lag auch wieder etwas so Herzliches im Tone des Fragenden, daß
-Ferdinand das rauhe Wort nicht über die Lippen brachte. Zudem war seine
-Ehrliebe erregt und, was mehr sagen wollte, ihm eine Aussicht gezeigt
-worden, die sein höchstes Lebensglück zum Hintergrund hatte. Nach
-einigem Nachsinnen sagte er: »Mit dem Erzschätzen ohne genaue Probe
-ist es immer ein unsicheres Ding, -- aber nach meinem Dafürhalten kann
-die Ausbeute im letzten Quartal nicht unter 1300 Species betragen
-haben.«
-
-»Die Ausbeute?« rief der Gelbgießer. »Er meint wohl den Gesammtwerth
-des gewonnenen Erzes?«
-
-»Nein, den reinen Ertrag, nach Abzug der Gewinnungskosten und des
-Zehntens.«
-
-Jetzt schlug der Gelbgießer das Buch auf und hielt es dem Häuer vor das
-Gesicht: »Da les' Er, was unter Quartal Crucis notirt ist.«
-
-Der Jüngling las die Notiz und schüttelte mit dem Kopfe. »Da hätte
-ich mich stark verrechnet,« sagte er, das Buch zurückgebend; »blos 5
-Species auf den Kux, das thut für alle 128 Kuxe 640 Species, also noch
-nicht die Hälfte der von mir vermutheten Summe. So stark sollte sich
-einer, der Steiger werden will, freilich nicht verrechnen!«
-
-»Ob Er sich aber auch nur verrechnet hat?« sagte der Meister. »Er
-scheint mir einen offenen Kopf zu haben -- vielleicht hat Er doch recht
-gerechnet -- he?«
-
-»Sie überzeugen mich ja hier vom Gegentheil,« antwortete Ferdinand.
-
-»Aber die Differenz kann wohl an etwas ganz Anderem liegen, als an
-Seiner Berechnung? Sei er aufrichtig, junger Freund, es soll Sein
-Schade nicht sein. -- Hat Er keine Vermuthung, auf welche Art die
-schöne Ausbeute, welche Er der Gewerkschaft zugeschätzt hat, auf
-weniger als die Hälfte geschwunden sein kann?«
-
-Der Jüngling stand rasch auf. »Meister Mickley!« sagte er, »ich habe
-Ihnen gleich gesagt, daß Erzschätzen nach dem bloßen Augenschein etwas
-sehr Unsicheres sei; und wenn Sie anderer Meinung sind, so denken Sie,
-daß ich noch lange in die Bergschule gehen muß, eh' ich reif bin zum
-Steiger!«
-
-»Ei, nur nicht so heftig, lieber junger Mann!« bat Mickley, ihn bei
-der Hand nehmend; »nehm' Er nur wieder Platz, und hör' Er, was ich ihm
-sagen will.«
-
-Ferdinand aber gab vor, daß er zu Hause nothwendig zu thun habe.
-
-»Nun, so besuch' Er mich ein ander Mal, komm Er doch immer, wenn Er
-die Bergschule besucht; die ist alle Nachmittage zwischen 3 und 4,
-da kann Er bei mir sich an einer Tasse Kaffee erquicken; und wenn Er
-Zeichnenmaterial braucht, das kann Er bei mir auch haben, braucht's
-nicht in der Buchhandlung zu holen. Wart' Er, ich will Ihm einmal
-etwas zeigen!« Und er schob sich hinter seinen Ladentisch und brachte
-verschiedene Reißzeuge zum Vorschein. »Ist Er schon mit einem Reißzeuge
-versehen?« fragte er.
-
-»Ich habe mich mit einem Zirkel und einem selbstgemachten Transporteur
-behelfen müssen,« sagte Ferdinand; »ein gutes Reißzeug war mir zu
-kostspielig.«
-
-Der Gelbgießer öffnete das größte der mit schwarzem Maroquin
-überzogenen Kästchen und legte es mit seinen aus rothem Sammet
-hervorblitzenden feinen Instrumenten dem jungen Häuer vor. Dieser wurde
-von dem Anblick unwiderstehlich gefesselt. Ein so kostbares Reißzeug
-hatte er selbst bei seinem Markscheider nicht gesehen. Stumm stand er
-darüber gebeugt und wagte kaum Athem zu holen, damit sein Hauch das
-funkelnde Metall nicht erblinden mache.
-
-»Ist das wohl vollständig?« fragte Mickley; »gefällt es Ihm?«
-
-»Wem wollte das nicht gefallen?« sagte Ferdinand; »wer die edle
-Mathematik treibt, der muß daran seine Freude haben. Aber es gehört
-wohl ein guter Beutel dazu, einen solchen Schatz zu besitzen?«
-
-»Manchmal hilft auch ein gutes, ehrliches Gesicht dazu,« sagte der
-Bürger. »Ich weiß nicht, Er hat mir's angethan. Ich will Ihm was
-sagen: Das Ding steht seit Jahren hier, und kein Mensch kauft es.
-Alles behilft sich mit billigen Kästen, den Zimmer- und Maurermeistern
-kommt's nicht darauf an, ob der Transporteur keinen Grad richtig zeigt,
-oder das Winkelmaß auf 89 Grad steht statt auf 90, und den Bergschülern
-fehlt's am Besten. Ich will aber das Ding einmal los sein, ehe es
-verrostet. Nehm' Er es als eine kleine Aufmunterung zu rechtem Fleiße,
-damit wir wieder einen tüchtigen Steiger bekommen, wenn der alte Meier
-bergfertig wird.«
-
-Ferdinand wollte zwar ein so kostbares Geschenk nicht nehmen, aber der
-Gelbgießer wußte es ihm aufzureden. Als wär' er in den Besitz eines
-Königreichs gekommen, so froh verließ er das Gewölbe. Draußen stieß er
-auf Brunhild, die älteste Tochter seines Schichtmeisters aus dessen
-zweiter Ehe. Er bot dem schönen, eleganten Mädchen sein Glückauf und
-wollte vorübergehen; aber sie hielt ihn freundlich an. »Haben Sie
-meinen Vater nicht gesehen, Herr Bergner?« fragte sie. »Oh, zum Herrn
-fehlt mir viel, Fräulein Brunhild,« erwiederte er, »Ihren Vater
-vermuth' ich beim Herrn Markscheider.« »Gut, ich danke,« sagte sie,
-»und nicht wahr, Sie thun mir einen Gefallen?« -- »Zwei für einen,«
-sagte er, »befehlen Sie nur!« -- »Sie machen sich wohl aus einem
-kleinen Umweg nichts, wenn er über den Vater Abraham führt?« sprach
-sie mit einem feinen Lächeln, »wollen Sie nicht unserer Hedwig sagen,
-sie möchte der Mutter ihr neues Barègekleid schicken und nicht auf die
-Eltern mit dem Essen warten; wir sind Alle zu Landgraf's zu Tisch und
-zu einer Soirée bei Neuhoff's geladen; es kann Mitternacht werden, eh'
-die Eltern heimkommen. Grüßen Sie die gute Hedwig von mir -- und hier,
-wollten Sie ihr wohl das Stückchen Apfeltorte von mir bringen?«
-
-Ferdinand übernahm den Auftrag mit herzlicher Freude, und das schöne
-Mädchen nahm freundlich Abschied. »Die hat doch ein Herz,« sagte der
-Häuer ihr nachblickend; »das hat sie von ihrem Vater, und die Mutter
-hat es nicht verwüsten können. Gott segne sie!« -- Nun lenkte er seinen
-Schritt dem Thore zu.
-
-
-II.
-
-Brunhild fand ihren Vater wirklich bei dem Markscheider. Sie theilte
-ihm mit, welche Einladungen an ihn und die Seinigen ergangen waren, und
-bat ihn, augenblicklich mit ihr zu kommen. Er ging mit ihr. »Wo ist
-denn die Mutter?« fragte er vor der Thür.
-
-»Bei dem Goldschmied,« antwortete sie.
-
-»Schon wieder?« fragte er trübe.
-
-»Sei nur nicht bös,« sagte Brunhild, »ich wollte es nicht haben; aber
-Du weißt, wie die Mutter ist, und vielleicht hat sie heute nicht ganz
-Unrecht, ich habe Dir noch nicht gesagt, daß die Frau Baronin zum
-Besuch hierher kommt und bei Neuhoff's absteigt.«
-
-»Heute?« fragte der Schichtmeister; »und da sollen wir wohl am Abend in
-Gesellschaft der Baronin sein?«
-
-»Ja, und auch schon bei Landgraf's mit ihr speisen.«
-
-»Also die Frau Baronin kommt? Sie will uns kennen lernen,« sagte der
-Schichtmeister erheitert, »so komm denn!«
-
-Bei dem Goldschmied angekommen und von diesem in sein Wohnzimmer
-geführt, wurde der Schichtmeister von seiner Frau auf die Seite
-gezogen. »Hast Du schon gehört, lieber Schatz, welche Ehre, welches
-Glück uns erwartet?« redete sie ihn an. Und als er bejahte, sagte
-sie: »Denke Dir, das ist Alles so von dem Baron veranstaltet; der
-liebe, goldne Mann erwartet den günstigsten Eindruck von der Begegnung
-unsers Kindes mit seiner Mutter, und hofft morgen schon ihr Jawort zu
-erhalten. Du kannst Dir meine Seligkeit denken, Schatz, denk' einmal,
-in einem Vierteljahr ist unser Kind vielleicht Frau Baronin -- gnädige
-Frau! Aber Du weißt, man muß das Eisen schmieden, wenn es glüht, und
-nur den Dummen kommt das Glück im Schlafe. Es versteht sich, daß wir
-vor der Frau Baronin anständig erscheinen müssen. Glücklicherweise sind
-unsere Mädchen, als hätten sie es geahnt, in den letzten Tagen fleißig
-hinter ihrer Garderobe her gewesen, und mein neues Barègekleid macht
-sich auch. Aber zu den noblen Gewändern gehört auch ein nobler Schmuck,
-wenigstens für Brunhild. Ich bin daher gleich hierher gegangen und habe
-uns einige sehr einfache, aber noble Sachen ausgesucht; Du weißt, ich
-verstehe mich auf dergleichen. Aber denke Dir, der Goldschmied will uns
-nur auf einen Wechsel von Dir weitern Credit geben. Vergebens tröstete
-ich ihn auf das nahe Ende meines Erbschaftsprocesses; er besteht auf
-dem Wechsel. Nun, Du weißt doch besser als er, wie es um den Proceß
-steht, daß wir ihn in erster Instanz gewonnen, und daß nach der
-Versicherung unsers Advocaten das Erkenntniß der zweiten Instanz bald
-erfolgen und unser Erbe in spätestens drei Monaten in unsern Händen
-sein muß. Du hast hoffentlich kein Bedenken gegen den Wechsel?«
-
-»Allerdings, liebe Bertha, hab' ich das,« erwiederte der
-Schichtmeister, »Alles, nur keinen Wechsel! Ich hoffe zwar auch, daß
-der Proceß bis dahin entschieden sein wird, aber es bleibt doch immer
-eine Möglichkeit, daß er sich noch sehr lange hinauszieht. Ich meine
-auch, der Schmuck sei nicht so nothwendig --«
-
-»Nicht nothwendig?« fiel ihm die Frau ins Wort, und da der Goldschmied
-hinausgegangen war, so rief sie laut: »Brunhild! Klotilde! sagt, ob
-die Schmucksachen uns nicht nöthig sind, um vor der Frau Baronin zu
-bestehen?«
-
-Brunhild sagte, sie wolle nichts bestimmen, aber so viel wisse sie,
-daß ihr Alexis nicht nach Schmuck bei ihr frage. -- »Aber,« fiel
-Klotilde ein, »die Frau Baronin ist eine Banquierstochter, und diese
-Damen halten viel auf Geschmeide. Die Frau Magisterin sagte, der erste
-Eindruck einer Begegnung entscheide oft über die ganze Zukunft, und
-ich möchte der geschmeideliebenden Baronin nicht allzu einfach vor die
-Augen kommen, wenn ich ihre Schwiegertochter werden wollte!«
-
-»Aus Dir spricht Welt, Mädchen,« rief die Mutter; »ja so ist es, wir
-müssen den ersten Eindruck wahren!«
-
-Zögernd erklärte der Schichtmeister seine Bereitwilligkeit, den Schmuck
-gegen eine Obligation zu erstehen. »Ich zweifle nur, daß Herr Reichel
-darauf eingeht,« bemerkte die Frau, »doch versuche Dein Glück. Komm mit
-in den Laden!«
-
-Sie gingen hinaus. Der Goldschmied hatte die ausgewählten
-Gegenstände schon bereit gelegt. Die Frauen überließen sich mit
-Entzücken der Betrachtung dieser nothwendigen Entbehrlichkeiten,
-indeß der Schichtmeister mit dem Goldschmied über die Art der
-Zahlungssicherstellung verhandelte. Herr Reichel wollte von der
-vorgeschlagenen Art der Zahlungssicherstellung nichts wissen; er
-bestand auf einem Wechsel nicht nur für die schon im Buch stehende,
-sondern auch für die neue Schuld. Der Schichtmeister konnte sich zu
-dem Wechsel nicht entschließen, und der ganze Handel drohte sich zu
-zerschlagen. Aber Töchter, die zur rechten Zeit bethauete Wimpern
-zeigen, und Mütter, die im rechten Augenblick das Vaterherz zu packen
-verstehen, werden meist siegreich aus einem Angriff auf väterliche
-Finanzscrupel hervorgehen. Klotilden, die als das leibhaftige Ebenbild
-der Mutter des Vaters Liebling war, perlten Tröpfchen über die rosigen
-Wangen, und sie ging mit dem Tuche vor den Augen ins Zimmer zurück.
-»Komm, Brunhild!« rief die Mutter zornig und zog sie jener nach. »Aber
-Bertha!« sagte der Schichtmeister folgend, »sei nur nicht so bös! Ich
-kann doch nicht anders.«
-
-Die Beleidigte wendete sich von ihm ab und rief ihren Töchtern
-zu: »Jetzt kommt, Kinder! kommt gleich mit nach Hause! Es war
-sehr unrecht, Euch in Pension zu thun. Euer Vater will, Ihr sollt
-Häuersweiber werden wie das Gänseblümchen, die Hedwig. Kommt! Ihr setzt
-keinen Fuß wieder in die Pension, und Du, Brunhild, vergissest Deinen
-Alexis! Vielleicht findet sich auch noch ein Steiger für Dich -- armes
--- unglückliches -- Kind --« und ihre Stimme erstarb in Schluchzen.
-
-Da brach dem Schichtmeister das Herz. Er kratzte sich den Kopf -- er
-besann sich -- es galt, sich zur Zahlung von 400 Thalern nach Ablauf
-von drei Monaten verbindlich zu machen. -- Die Erbschaft seiner Frau,
-so redete er sich in der Erregung des Herzens ein, die Erbschaft mußte
-bis dahin eingehen, und wenn nicht, so wäre darauf inzwischen schon ein
-Darlehn zu erlangen. -- Er ging in den Laden zurück und unterzeichnete
-den schon ausgefüllten Wechsel. Seine Hand zitterte, aber doch war ihm
-leichter ums Herz, als er, den Kasten mit dem erstandenen Geschmeide in
-den Händen, zu seiner Frau trat.
-
-Die vier Familienglieder verfügten sich nun zu der »Frau Magisterin«,
-bei welcher Brunhild und Klotilde sich jenen schimmernden Anstrich
-holten, der in gewissen Gesellschaftskreisen für die Blüthe der
-Erziehung gilt. Als sie nur wenig Minuten das Haus des Goldschmieds
-verlassen, trat bei diesem ein einzelner, auch bergmännischer
-Besuch ein. Ein langer, hagerer Graukopf mit dem Abzeichen eines
-Grubensteigers. Sein gefurchtes Gesicht ließ ihn älter erscheinen,
-als er war. Sein Glückauf! war nicht das helle, herzhafte, wie es
-gewöhnlich aus der Knappen Mund ertönt, es klang hohl und traurig. Der
-Goldschmied führte ihn in ein kleines Bureau, das hinten an den Laden
-stieß. Der Steiger brachte aus seinem Kittel ein Päckchen in Papier,
-das ihm der Goldschmied hastig abnahm und mit den Händen wog. »Es
-scheint leichtes Gut zu sein,« sagte er.
-
-»Leicht?« versetzte der Steiger; »ich wette, daß Sie noch nie
-schwereres Erz in den Händen gehabt, sehen Sie es nur erst an!«
-
-Der Goldschmied entfernte das Papier und vergaß einen Augenblick den
-Kunstgriff des Wucherers, das zu kaufende Gut mit Geringschätzung zu
-betrachten.
-
-»Wie viel haben Sie von dieser Art?« fragte er.
-
-»Zwei Centner,« antwortete der Steiger mit einem tiefen Seufzer.
-
-»Freilich wenig,« sagte der Goldschmied; »wird sich kaum des Schmelzens
-verlohnen.«
-
-»So sprechen Sie immer,« sagte der Steiger; »aber ich weiß so gut wie
-Sie, was in dem Erze steckt, und was sich herausschmelzen läßt.«
-
-»Was verlangt Ihr für den Braß?« fragte der Goldschmied wieder.
-
-»Ich hoffe damit den Wechsel meines Sohnes gedeckt zu haben -- sonst
-will ich weiter nichts -- ich will froh sein, wenn ich diesen Stein vom
-Herzen habe.«
-
-Der Goldschmied wollte den Werth des Erzes herabsetzen, so daß der
-Wechsel nicht damit gedeckt erschien, aber der Steiger bestand auf
-seiner Forderung, und zuletzt versprach der Goldschmied, den Wechsel
-auszuliefern, sobald er das Erz in Empfang nähme. Der Steiger wollte
-es in der zweitnächsten Nacht zum Theil bringen und verabschiedete
-sich. »O, mein Sohn! mein Sohn!« murmelte er unter der Thür, »wenn Du
-wüßtest, wohin Dein Uebermuth Deinen alten Vater gebracht hat!« Eine
-Thräne quoll aus seinem Auge -- langsam stieg er die Stufen vor dem
-Laden hinab. Plötzlich fand er sich angeredet. Aufblickend sah er den
-Gelbgießer Mickley vor sich stehen.
-
-»Ihr noch in der Stadt?« fragte dieser, »und kommt vom Goldschmied?«
-Der Steiger erschrak. »Ich war -- ich hatte -- mein Sohn schickte mich
-hierher --« stotterte er.
-
-»So?« versetzte Mickley; »ist der Herr auch wieder einmal zu Platze?
-Er ist nun endlich einmal Doctor geworden und geht mit einer vornehmen
-Heirath um -- he?«
-
-»Wie er thut, ja; und da er so gut mit dem Herrn Obereinfahrer steht,
-so mag wohl was d'ran sein.«
-
-»Ach ja, es ist ja die Schwester vom Herrn Baron, um die er freit; --
-da gratulir' ich zur vornehmen Freundschaft, Alter!«
-
-»Danke, Meister Mickley, eine brave, bürgerliche Schwiegertochter wäre
-mir lieber. --«
-
-»Ihr seid ein braver Mann, Steiger,« sagte der Gelbgießer, ihm
-auf die Schulter klopfend, »ich weiß, Ihr habt's nicht wie Eure
-Schichtmeisterin darauf angelegt, in vornehme Freundschaft zu kommen.
-Hättet Ihr doch in Eurer Demuth Euren Sohn gar nicht studiren lassen;
-aber gute Freunde haben Euch überredet. Daß er nun aus der Art
-geschlagen, ist somit nicht Eure Schuld.«
-
-»Dort kommt er gerade,« sagte der Steiger, »dort aus dem Posthause; der
-Herr Obereinfahrer und eine Dame sind bei ihm -- sie kommen hierher,
-wir wollen doch ein wenig auf die Seite gehen.«
-
-»Ei warum nicht gar! Es sind Menschen wie wir auch. Ich möchte Euern
-Sohn 'mal in der Nähe sehen.«
-
-Jene Drei waren bald in die Nähe der Beiden gekommen; der Steiger
-salutirte seinem Vorgesetzten, der Bürger grüßte höflich; der
-Obereinfahrer erwiederte freundlich die Grüße, aber der Doctor,
-anscheinend in tiefem Gespräch mit der Dame, der eine Zofe und ein
-Lakai mit Gepäck folgten, ging, ohne nur den Kopf nach seinem Vater zu
-wenden, stolz vorüber.
-
-»War das Euer Sohn?« fragte der Gelbgießer nach einer Weile. Der
-Steiger bejahete es mit einem Seufzer.
-
-»Und er sah Euch nicht einmal an!« sagte jener, »und grüßte nicht
-einmal! Er verleugnet seinen Vater, er schämt sich seiner Herkunft!
-Armer, alter Mann!«
-
-Der ehrsame Bürger nahm Abschied von dem Greis, und dieser wankte dem
-Thore zu.
-
-
-III.
-
-Die Fundgrube Vater Abraham gehörte zu den ältesten Bergwerken des
-Reviers. An einem sanften Abhange der waldigen Hochebene gelegen,
-ragten die stattlichen Berggebäude, das gethürmte Huthaus, die
-Bergschmiede, die Wäsche und der Pferdegöpel aus dunkeln Tannen hervor.
-Ein Glöcklein, das von Minute zu Minute angeschlagen wurde, schallte
-weithin durch die einsame Gegend. Es war der Nachmittag desselben
-Lohntags. Das Wetter wunderschön. Auf einer Bank vor dem Huthause
-saß ein stattlicher Greis im Bergmannskittel zur Seite eines jungen,
-einfach bürgerlich gekleideten Mädchens von ausnehmender Anmuth. Eine
-kleine Gestalt, aber vom zierlichsten Bau, eine bewundernswürdige
-Vereinigung von Zartheit und Fülle. Während sie emsig strickte, hing
-ihr blaues Auge an den dunkelblauen Berghäuptern des Fichtelberges und
-seiner Nachbarn, welche trotz der Entfernung mehrer Stunden doch ganz
-nahe zu sein schienen, so durchsichtig war die Luft und so günstig die
-Lage des Standpunktes.
-
-»Ja, schau Dir ihn nur an, den alten lieben Bergkönig,« sagte der
-Greis; »so wie Du hab' ich ihn schon seit mehr als vierzig Jahren fast
-täglich betrachtet, entweder von dieser Bank oder vom Fenster aus, und
-doch hab' ich mich nie satt daran sehen können. Nein, je älter ich
-geworden, desto lieber hab' ich da hinauf geschaut; und wenn mir noch
-so weh ums Herz gewesen, von meinen Bergen herab ist mir Linderung
-gekommen.«
-
-»Ich habe schon oft nachgedacht,« sagte das junge Mädchen, »was es denn
-eigentlich sei, das uns so heimlich und so magisch von den duftigen
-Höhen anweht, aber ich habe den Schlüssel zu dem Zauber nicht finden
-können.«
-
-»Ja, sieh, mein Kind,« erwiederte der Greis; »zwischen den Bergen
-und dem unverdorbenen Menschenherzen findet eine nahe Verwandtschaft
-statt. Beide streben zum Himmel, und beide tragen himmlische Kräfte in
-sich. Aber was den Fichtelberg betrifft, so hat der für ein echtes,
-treues Bergmannskind noch einen ganz besondern Zauber. Denn sieh, im
-Fichtelberg hauste der gute Geist des ganzen Gebirges. Das jetzige
-superkluge Volk will zwar nichts davon wissen, aber ich weiß, was ich
-weiß.«
-
-»Erzählt mir doch etwas, Großvater!« bat das Mädchen und wandte ihm
-ihr sonniges Gesicht mit den blauen Augen zu. Zwar war es nur die
-alte, schon hundertmal von ihm vernommene Geschichte, die sie zu hören
-hoffen durfte; aber sie wußte, wie gern er sie erzählte, wenn er einen
-andächtigen Hörer fand, den er gern auch für einen gläubigen nahm.
-
-»Nun, Dir kann man allenfalls so etwas erzählen,« sagte er; »Du gehörst
-nicht zu den Superklugen.«
-
-»Vor Alters, wo alle Menschen gläubiger waren,« begann der Alte,
-»kamen die Berggeister häufig auf die Oberwelt und waren den Menschen
-hülfreich, wo es noth that; aber je ungläubiger die Menschen wurden,
-desto weniger mochten die guten Geister mit ihnen zu schaffen haben und
-so zogen sie sich immer mehr in den Schoß der Erde zurück. Doch kommen
-sie dann und wann noch ans Tages- oder Grubenlicht. Auch ihr Fürst,
-der Geist des Fichtelberges, ist vor gar nicht langer Zeit noch gesehen
-worden. Da ist bei meines seligen Vaters Lebzeiten zu Wiesenthal ein
-armer, armer Häuer gewesen, der hat die Stube voll Kinder und kein Brod
-in der »Almet« gehabt, auch keins schaffen können, denn seine Grube ist
-auflässig und er ohne neue Arbeit gewesen. Da treibt ihn das Geschrei
-der hungrigen Kinder bei Morgengrauen aus dem Hause, und in der
-Verzweiflung seines Herzens geht er, er weiß selbst nicht wohin. Und
-wie er gegangen und gegangen ist, steht er oben auf dem Fichtelberg.
-Da sitzt ein steinalter Bergmann unweit von ihm auf einem Stein, der
-winkt ihm. Wie er hinkommt, sieht er zu des Alten Füßen einen Brunnen
-voll hellen Wassers, und war ihm doch sonst nie ein Brunnen da oben
-vorgekommen. »Was soll ich?« hat er gefragt. »Räume doch die Steine aus
-meinem Brunnen hier; schlechtes Volk hat sie hineingeworfen.« Das hat
-sich der Wiesenthaler nicht zweimal sagen lassen; hat nicht gefragt:
-was krieg ich? oder was geht's mich an? sondern: 's ist ein alter Mann,
-hat er gedacht, und das Alter muß man ehren; hat sich frisch ans Werk
-gemacht und die Steine herausgeholt. Und wie er den letzten auf den
-Rand gebracht, siehe, da ist's blankes Gold gewesen; der Alte aber
-war verschwunden. Ist kein anderer gewesen, als der gute Bergfürst.
-Fröhlichen Muthes ist der Häuer heimgeeilt, und alle Noth hat bei ihm
-ein Ende gehabt. Später ist es ihm eingefallen, daß wohl auch die
-andern Steine, die er aus dem Brunnen geräumt, goldhaltig gewesen sein
-könnten; er ist daher wieder auf den Berg gestiegen, aber wie er auch
-gesucht, er hat keinen Brunnen, noch eine Spur davon mehr gefunden.«
-
-»Es ist recht schade,« sagte das Mädchen, »daß jetzt solche guten
-Geister keinem Menschen mehr zu Hülfe kommen, wo es der Noth so viel in
-unserm Gebirge giebt.«
-
-»Ach wohl giebt's der Noth viel im armen Gebirge!« rief der Greis,
-»mehr als ein Mensch aussagen kann, und die guten Berggeister wären
-nöthiger als je. Aber sieh, Hedwig, die Menschen haben sie durch ihren
-Undank selbst verscheucht. Mit den Berggeistern ist der Segen vom
-Gebirge geflohen; das Bergwerk, sein eigentlicher Lebenspuls, ist in
-Verfall gekommen, und ich weiß nicht, was noch aus ihm werden wird.
-Wenn ich zurückdenke in meine Jugendzeit, was für ein Leben war da noch
-in unserm Revier, und besonders auf unserm Vater Abraham! Wie ich als
-neuer Hutmann Deine Großmutter heimführte, da standen 250 Bergleute
-im Staat aufgepflanzt auf der Halde, lauter Vater-Abrahamer, und eine
-Hochzeit war's, woran die paar Alten, die aus jener Zeit noch leben,
-noch heute mit Lust denken. Aber wie muß es erst gewesen sein, als
-droben der alte Schacht noch gangbar war, wo an 500 Bergleute anfuhren
-und ein Häuer vom Vater Abraham von den Stadtleuten wie ein Herr
-angesehen war! Doch das war auch eine Strafe des erzürnten Berggeistes,
-daß er die schlagenden Wetter in den alten Bau schickte, so daß kein
-Häuer seines Lebens mehr darin sicher war, und der Schacht aufgelassen
-werden mußte. Nun schlug man da unten ein und suchte nach dem alten
-Gang, fand aber nur einen Zweig davon, dem zur Mächtigkeit und dem
-Reichthum des verlassenen gar viel fehlte. Ach, wenn der alte Schacht
-noch im Gang wäre, wie anders stände es um uns! Dann möchte allenfalls
-Deine Stiefmutter mit ihren Docken den Staat treiben, womit sie Deinen
-Vater jetzt ruinirt!«
-
-Hedwig seufzte und fragte dann: »Aber Großvater, sollte man denn den
-alten Schacht jetzt nicht wieder öffnen können, nachdem er über hundert
-Jahre darniedergelegen?«
-
-»Du weißt nicht, was es mit den schlagenden Wettern für eine Bewandtniß
-hat. Sieh, die kommen durch feine, unsichtbare Spalten aus dem
-feurigen und kochenden Innern des Erdkörpers. Da ist's wie in einem
-Schmelzofen, nur daß nicht blos ein, sondern alle möglichen Metalle
-da unter einander in glühendem Fluß sind, und wenn es schon in unsern
-Schmelzhütten an giftigen Dämpfen und Gasen nicht fehlt, die dem
-Schmelzer übel zusetzen, wie viel weniger da unten in dem ungeheuren
-Generalschmelzofen! Die Dämpfe sind zwar gut, es sind die Nährmütter
-unserer Erzadern, indem sie sich in den gröbern Spalten der Erde zu
-Metallen niederschlagen; aber ihre Gesellen, die Gase, werden, wenn sie
-in eine Grube eindringen, die größte Plage des Bergmanns. Es ist aber
-in der Macht des Berggeistes, die Gasritzen zu öffnen und zu schließen,
-und er öffnet sie zur Strafe, wenn die Gewerken oder das Bergvolk mit
-seinen Schätzen gottlosen Mißbrauch treiben. So war's auch auf dem
-alten Vater Abraham. Da sind die Bergleute gar übermüthig geworden;
-die Schichtmeisterin ist auch ein Weib gewesen wie Deine Stiefmutter,
-hoffärtig und hart gegen die Armuth, und ein Gewerke, der die meisten
-Kuxe gebaut, hat die Schwelgerei so weit getrieben, daß er sich in
-Wein gebadet und den so mißbrauchten edlen Saft den Armen geschenkt
-hat. Das hat der Berggeist nicht länger mit ansehen können. Erst hat
-er gewarnt, hie und da ist eine kleine Wand eingestürzt; dann und wann
-hat einem Bergmanne ein Schwaden den Athem versetzt -- aber wie alle
-Warnungen nichts gefruchtet, hat er seine furchtbarsten Wetterschleusen
-aufgezogen; da sind auf einmal zehn Mann vor Ort erschlagen worden, und
-wer sich nachher wieder hingewagt, hat das gleiche Schicksal gehabt,
-zuerst in der tiefsten, zuletzt in allen Gezeugstrecken. So hat man den
-reichen Gang im Stiche lassen müssen. Später sind wohl Versuche gemacht
-worden, den Gang wieder aufzunehmen, sie sind aber alle unglücklich
-abgelaufen; noch zu meiner Zeit ließ sich ein vorwitziger Bergmann in
-den Schacht und ward todt herausgezogen, nicht etwa erstickt, sondern
-erschlagen. Seitdem hat Niemand dem Zorne des Berggeistes zu trotzen
-gewagt; und dieser Zorn wird auch nicht weichen, wenn es die Menschen
-auf dem Vater Abraham treiben wie bisher.«
-
-»Aber Großvater,« sagte Hedwig, »es sind doch nicht alle Leute
-hoffärtig oder gottlos, die auf dem Vater Abraham leben und verkehren;
-sollte denn der Berggeist den Unschuldigen mit dem Schuldigen strafen?
-Das wäre doch ungerecht. Da seid Ihr, mein Vater, der Ferdinand, die
-Brunhild, der Steiger Meier und so viele rechtschaffene Bergleute, auch
-die Mutter hat ihre guten Seiten.«
-
-»Dich hast Du nicht mit genannt,« sagte der Greis, »und doch bist Du
-das einzige Wesen, um dessentwillen der Berggeist wenigstens nicht
-weiter geht in seinem Zorn. Du bist wie Deine selige Mutter -- o die
-Liebe! sie wäre der Schutzgeist vom Vater Abraham geworden, hätte
-sie fortgelebt und Deinem Vater eine Schaar Kinder geboren wie ihre
-Nachfolgerin, das unselige Weib. Mit Deiner Mutter ging der gute Engel
-Deines Vaters von der Erde, und Deine Stiefmutter scheuchte den letzten
-Segen vom Vater Abraham. Denn wie das Weib hier zu hausen begann,
-wurden da unten die Erze tauber und tauber, und zuletzt förderte der
-Göpel nichts mehr zu Tage als Haldensturz.«
-
-»Aber« -- wandte Hedwig ein -- »seit ein paar Jahren ist die Grube doch
-wieder recht höflich geworden, und es sind Aussichten vorhanden, daß
-sie es noch mehr wird.« --
-
-»Ist doch kein Segen dabei!« versetzte der Greis. »Wenn man unser Erz
-sieht, so lacht Einem das Herz im Leibe, und wenn es in die Hütten
-kommt, ist's nichts. Ich sage Dir, es ist kein Segen mehr auf dem Vater
-Abraham; selbst das Gute, was die Erde noch giebt, wird zunichte, wenn
-nicht zum Fluch. Du sprachst vom Steiger Meier, ja, das ist mein alter
-Kamerad von Kindheit auf; wie ich Hutmann ward, wurde er Steiger, und
-wir sind immer gute Freunde gewesen. Erst als sein Student aus der Art
-schlug, und der alte Vater dem Oben'naus und Nirgendsan die Zügel nicht
-straff anzog, gab's manche Mißhelligkeit zwischen uns, und seit einiger
-Zeit ist er mir gar entfremdet. Ich weiß nicht, was ich denken soll, er
-kann mich nicht mehr aufrichtig anschauen, und in seinen Mienen liegt
-etwas, das mir weh thut.«
-
-»Der alte gute Mann hat so viel Sorgen um den Sohn ausgestanden, und
-die Sorgen haben sein Gesicht fast zur Unkenntlichkeit verzerrt,«
-meinte Hedwig.
-
-»Und dieser Sohn sollte einmal Dein Mann werden,« -- sagte der Greis;
--- »es war ein Lieblingsgedanke von uns Alten; wer konnte denken, daß
-der schöne schwarzlockige Bube so ausarten würde! Nun, ich brauchte
-mein Wort gegen den Steiger nicht zu brechen, sein Herr Sohn sorgte
-dafür, daß nichts daraus ward. Der liebe Gott hatte es besser mit Dir
-im Sinne, als wir kurzsichtigen Menschen; er hatte Dir den Rechten
-schon erwählt. Ja, das ist der Trost meiner letzten Tage, daß ich
-Dich in der Hut eines so rechtschaffenen Menschen weiß, wie Dein
-Ferdinand ist. Das ist noch ein echtes Bergmannsblut, treu und wahr und
-unbefleckt.«
-
-Hedwigs Antlitz leuchtete wie verklärt; sie nahm die braune, schwielige
-Rechte ihres Ahnen und preßte sie zwischen ihre kleinen zierlichen
-Hände.
-
-»Deine Stiefmutter sieht zwar scheel zu Eurer Liebe,« fuhr er fort;
-»die hochmüthige Frau glaubt, es falle eine Perle aus ihrer Krone, wenn
-ihres Mannes Tochter eines Steigers Weib wird; aber Ihr sollt ihr zum
-Trotz ein Paar werden, bevor ich meine Augen schließe. Was ich Dich
-noch fragen wollte, Hedwig -- was denkst Du von den Besuchen, die der
-Doctor Meier seit seiner Ankunft dem Vater Abraham abstattet? Sonst
-mied er ihn ja.«
-
-Hedwig wurde roth und bückte sich auf ihren Strickstrumpf: »Ich weiß
-nicht, was er will,« sagte sie nach einer Pause, »ich geh' ihm aus dem
-Wege, wenn er kommt.«
-
-»Er scheint mit dem hoffärtigen Weibe ziemlich vertraut zu sein,« sagte
-der Alte, »es fehlte blos noch ein Laster auf dem Vater Abraham! --
-Doch es fängt an, mir kühl zu werden; die Stunde des Schichtwechsels
-rückt auch heran, da will ich mich zum Beten fertig machen. Da unser
-Volk heut' nicht da ist, so hast Du wenig Kocherei auf den Abend, geh'
-doch noch ein wenig aus, mein Kind!« Er streichelte ihr das volle, in
-Wellen gescheitelte Haar, stand auf und ging ins Haus.
-
-Auch Hedwig erhob sich, verließ langsam die Halde und verlor sich im
-nahen Walde. Unwillkürlich schlug sie den Fußweg ein, der am alten
-Vater-Abraham-Schacht vorbei nach Pobersdorf führte. Der alte Schacht
-befand sich auf dem höchsten Theile des weiten Plateaus, und seine
-Halde bot eine vollständige Rundsicht dar, welche Hedwig benutzen
-wollte, nach ihrem Geliebten zu spähen, der jetzt anfahren mußte.
-Sie stieg daher hinauf, aber als sie oben ihren Blick in die rechte
-Richtung brachte, sah sie eine andere Gestalt daher kommen, als
-die ersehnte. Es war der Doctor Meier, derselbe, dem sie als Kind
-versprochen gewesen, und der sie aus Hochmuth von sich gestoßen, ehe
-sie noch das jungfräuliche Alter erreicht hatte. Am letzten Sonntage
-war sie ihm auf dem Kirchwege begegnet, das erste Mal seit vielen
-Jahren. Da war der inzwischen zum Mann Gereifte vor der blühenden
-Jungfrau voll Staunen stehen geblieben. Er hatte sie angeredet, doch
-war sie durch Ferdinands Dazwischenkunft aus dieser verlegenen Lage
-befreit worden. Als sie aber nach Hause gegangen, und Ferdinand auf
-dem halben Wege von ihr geschieden war, hatte der Doctor plötzlich vor
-ihr gestanden und sich ihr zur Weiterbegleitung aufgedrungen. Da hatte
-er einen Ton gegen sie angestimmt, der mit seinem frühern Betragen
-in vollem Widerspruche stand. Sie hatte indessen seine girrenden
-Aeußerungen für leeres Gerede genommen; doch war sie ihm, als er
-seitdem täglich im Vater Abraham einsprach, sorgfältig ausgewichen.
-Auch jetzt wünschte sie ihm nicht zu begegnen; sie schlüpfte daher in
-die nahe, offenstehende Kaue, welche den alten Schacht überdeckte.
-Aber die scharfen Geieraugen des Doctors hatten bereits die liebliche
-Gestalt erspäht, und gerade ihre Flucht reizte ihn, sie zu verfolgen.
-In raschen Sätzen sprang er die Halde hinan und stand bald im Eingange
-der Kaue, der schönen Flüchtigen gegenüber; aber zwischen ihm und ihr
-klaffte der furchtbare Schlund.
-
-»Was fliehen Sie, Hedwig?« fragte er. »Kommen Sie, ich habe einen
-Auftrag von Ihrer Mutter an Sie. Hier ist ihr Commodenschlüssel, den
-soll ich Ihnen mit der Bitte überbringen, ihr den neuen Pariser Shawl
-durch mich zu schicken. Das Kleid hat ihr der Junge richtig überbracht.«
-
-»Warum hat sie denn nicht dem Jungen aufgetragen, ihr den Shawl zu
-holen, wenn sie ihn durchaus haben muß?«
-
-»Da fragen Sie mich zu viel; -- genug, ich kam vorhin in ihre
-Gesellschaft, und als ich beim Abschiednehmen sagte, ich ginge erst
-noch einmal nach Pobersdorf, da bat sie mich, auf dem Rückwege ihr den
-kleinen Gefallen zu thun.«
-
-Zögernd kam jetzt Hedwig um das Mundloch des Schachtes herum. »So
-kommen Sie,« sprach sie, als sie sich ihm näherte. Er stand unbeweglich
-vor ihr und schien sie mit seinen Blicken verschlingen zu wollen. Nach
-einer Weile reichte er ihr die Hand. »Hedwig, Sie stehen mir gegenüber
-wie eine Fremde, fast wie eine Feindin; das sollte anders sein! Geben
-Sie mir die Hand.«
-
-»Kommen Sie nur!« drängte sie, »ich will Ihnen den Shawl holen.«
-
-»Stolzes Mädchen! Können Sie den Mann entgelten lassen, was der wilde
-Knabe verbrach? Konnte er auch in der verschlossenen Knospe die
-Herrlichkeit der Blume ahnen? Hedwig, der erste Strahl Ihrer Schönheit,
-der mein Auge traf, ist wie der Blitz durch meine Seele gegangen;
-ich möchte Ihnen zu Füßen fallen und Sie um Vergessen und Vergeben
-anflehen. -- Hedwig, lassen Sie die alten Zeiten wieder gelten, wo ich
-Ihnen der nächste Mensch auf Erden sein sollte! --«
-
-»Aber nicht wollte,« fiel sie ein, »und mit Recht, denn wie paßte solch
-ein Gänseblümchen zu solch einem stolzen Ritter! Nein, Herr Meier, die
-alten Zeiten sind todt und begraben -- lassen wir die Todten ruhen. Zu
-vergessen und zu vergeben habe ich nichts, denn Sie haben mich nicht
-gekränkt; die Blume weiß nichts von dem verächtlichen Blick, der die
-Knospe traf. Gehen Sie jetzt, ich folge Ihnen!«
-
-Aber er ergriff ihre Hand, und als sie sie ihm entziehen wollte,
-schlang er seinen Arm um ihren Leib und zog sie heftig an sich. »Nein,
-Mädchen! so mußt Du mich nicht abspeisen wollen. Sieh und fühle, wie Du
-plötzlich mein ganzes Wesen mit einer namenlosen Gluth erfüllt hast!
--- Hedwig! es ist über mich gekommen wie ein plötzliches Erwachen aus
-wüstem Schlaf, wie ein Wirbel, der mich mit allmächtiger Gewalt zu Dir
-reißt. -- Hedwig -- das Wort unserer Väter muß sich erfüllen -- Du mußt
-mein werden!«
-
-»Lassen Sie mich los!« rief Hedwig ringend, »ich habe weder Lust noch
-Zeit, Komödie mit Ihnen zu spielen!«
-
-»Komödie? Mädchen! Siehst Du nicht, fühlst Du nicht, welch verzehrendes
-Feuer in mir rast, ein Feuer, das, beim Himmel! eher zu einer Tragödie
-paßt als zu einer Komödie! Hedwig, ich habe gelesen, daß Männer, die
-lange dem Geschoß des blinden Gottes Trotz boten, von ihm plötzlich
-mit unheilbarer Wunde gestraft wurden; ich fühle jetzt, daß dies kein
-bloßes Märchen ist. Hedwig, laß Gnade walten und gieb mir das Recht
-auf Deinen Besitz zurück!« Hedwig wand sich mit abgewandtem Gesicht
-ängstlich in den Armen des starken Mannes. »Gieb, gieb es mir zurück!«
-drängte er -- »oder ich nehme es mir!«
-
-Da blickte sie ihm ins Gesicht und erschrak vor dessen Ausdruck bis in
-die innerste Seele hinein. War es möglich, daß ein Mensch so plötzlich
-von einer rasenden Leidenschaft ergriffen werden konnte? »Lassen Sie
-mich!« schrie sie, »Sie sind wie ein Wahnsinniger!«
-
-»So scheint es mir selbst,« versetzte er, »darum gehen Sie glimpflich
-mit mir um -- seien Sie mild und versöhnlich!«
-
-»Lassen Sie mich erst los -- dann wollen wir vernünftig mit einander
-reden.«
-
-»Versprich mit einem Kuß, daß Du nicht entfliehen willst,« und er
-neigte sich zum Empfang des Pfandes. In diesem Augenblick riß sie sich
-mit verzweifelter Anstrengung los und floh. Aber er hatte sie schnell
-wieder erreicht und zog sie in das Innere der Kaue zurück. -- »Hülfe!
-Hülfe!« kreischte sie, daß es weit durch den Wald hin gellte; aber
-schnell verschloß er ihr den Mund mit seinen Küssen. Vergebens kämpfte
-Hedwig mit allen Waffen, die dem Weibe gegen die Gewalt verliehen
-sind, um sich der ungestümen Liebkosungen des Rasenden zu erwehren;
-aber ihre Kraft reichte gegen die Gewalt ihres Gegners nicht aus. Da
-plötzlich fühlte der Doctor sich hinten kräftig gepackt, ja eh' er
-sich noch besinnen konnte, sah er sich zu seinem Entsetzen gerade über
-dem schwarzen Schachtschlunde schweben, in den er unrettbar stürzen
-mußte, wenn die Riesenfaust, die ihn hielt, ihn fahren ließ. War etwa
-ein Berggeist dem bedrängten Mädchen zu Hülfe gekommen? Insofern man
-die Bergleute scherzweis auch Berggeister nennt, allerdings: Ferdinand
-war der Retter, der auf seinem Wege zur Schicht den Hülferuf vernommen
-hatte. Da stand er nun und hielt mit dem nervigen Arm den Dränger
-seiner Trauten über die grauenvolle Tiefe, und da kniete die Geliebte
-zu seinen Füßen und beschwor ihn, den Elenden zu schonen. Der Doctor
-war zu einem Bilde des Todes erblaßt. »So, nun wird er genug haben,«
-sagte Ferdinand; »diese Cur wird hoffentlich gründlich sein -- meint
-der Herr Doctor nicht selbst?« Und er trug den bleichen Mann vor die
-Kaue: »Nun komm, Hedwig!« sagte er, »den Arm kann ich Dir nicht bieten
-in meinem lettigen Grubenzeug.« -- Aber Hedwig hing sich ängstlich an
-seinen Arm und ging mit Ferdinand heim. Beide sahen nichts von den
-racheblitzenden Blicken, die ihnen folgten.
-
-
-IV.
-
-Der Doctor stand lange brütend auf der Halde. Langsam trat er endlich
-den Weg nach der Stadt an. Aber er beschloß, den Jungen zu erwarten,
-welchen Hedwig mit dem Shawl schicken wollte. Er brauchte nicht lange
-zu warten; der Junge war froh, sich seines Botendienstes so leicht
-entledigen zu können, und ein Trinkgeld machte seine Freude vollkommen.
-
-»Aber welche Entdeckung hab' ich machen müssen!« sagte der Doctor, als
-er der Schichtmeisterin den Shawl überreicht hatte und von ihr mit
-Dankesergießungen überschüttet worden war; »Ihre Hedwig lustwandelte
-~tête-à-tête~ mit einem gemeinen Bergmann im Walde.«
-
-»+Meine+ Hedwig?« erwiederte die Frau; »die Sie meinen, ist doch nicht
-+mein+ Kind, sonst würde sie sich sicher nicht zu einer Liaison mit
-einem Häuer verirren. Aber interessiren Sie sich vielleicht jetzt für
-das Gänseblümchen, wie Sie es vor Jahren getauft haben?«
-
-»Das gerade nicht; ich wundere mich nur, daß die Liaison von ihnen
-geduldet wird. Immer ist Hedwig die rechte Tochter von Fräulein
-Brunhild's Vater, mithin des Barons künftige Schwägerin. Wenn nun die
-Frau Baronin Mutter erführe, daß ihr Sohn Gefahr liefe, der Schwager
-eines gemeinen Häuers zu werden, so könnte sie leicht --«
-
-»Um Gotteswillen!« unterbrach ihn die Schichtmeisterin entsetzt; »ich
-bitte, lassen Sie den Baron und die Frau Baronin ja nichts merken von
-dem, was Sie gesehen; dafür, daß aus Hedwigs Liaison nichts wird,
-stehe ich. Von Stund' an muß mein Mann den frechen Menschen, der sich
-in unsere Familie drängt, ablohnen und Hedwig jeden Verkehr mit ihm
-untersagen.«
-
-»Zum Glücke Ihrer Brunhild dürfte das klug und weise sein,« bemerkte
-der Doctor und empfahl sich in der Hoffnung eines genußreichen Abends.
-Er begab sich zu dem Goldschmied Reichel, der ihn wie einen guten
-Kunden empfing.
-
-»Wie steht's, Bester?« fragte der Doctor, »hat mein Alter gedeckt?«
-
-»Ich glaube -- wenn die ganze Lieferung der Probe gleicht; das muß sich
-erst ausweisen.«
-
-»Wißt Ihr was? Ihr müßt mir augenblicklich noch hundert Thaler
-vorstrecken; ich muß morgen nach Hallbach zu meiner Erkornen und da
-nobel auftreten; wahrscheinlich muß ich ihren Papa nach Bad Kissingen
-begleiten. Wir vertauschen den alten Wechsel mit einem neuen, und --
-nun Ihr wißt Euch schon bezahlt zu machen.«
-
-»Aber Ihr Vater war schon jetzt schwierig,« wendete der Goldschmied ein.
-
-»Nur keine Umstände, mein Guter!« sagte der Doctor. »Hoffentlich ist
-das der letzte Schröpfkopf, den ich an den guten Alten ansetzen muß.
-Zieht nur die Casse auf, mein Goldmann!«
-
-Der Goldschmied mußte den Doctor wohl unwiderstehlich finden, er zog
-ein Kästchen aus seinem Ladentisch und zählte die verlangte Summe in
-Dukaten auf.
-
-Der Doctor strich sie ein. »Die habt Ihr aber gehörig mit Königswasser
-getauft,« sagte er, die Münzen prüfend, »Ihr seid doch ein
-unverbesserlicher Anabaptist!«
-
-Gleichgültig, als ob er die Anspielung nicht verstehe, füllte der
-Goldschmied ein Wechselformular aus und legte es dem Schuldner vor.
-Dieser unterzeichnete. »So, wieder ein Geschäft gemacht!« sagte er,
-sein Gold einsteckend.
-
-»Nun noch Eins: Vergeßt um Eurer selbst willen nicht, daß die Klausel,
-»nach Wechselrecht verfahren,« keine andere Bedeutung haben kann, als
-die eines Schreckschusses! Ihr kennt das Sprichwort vom Hehler!« Und er
-ging.
-
-»Das ist der leibhaftige Satan!« murmelte der Goldschmied, ihm
-nachstarrend.
-
-Diese Verhandlung zeigt, daß der unglückliche alte Steiger sich sehr
-irrte, indem er wähnte, seinem Sohne sei das verzweifelte Mittel,
-dessen übermäßige Geldbedürfnisse zu befriedigen, so verborgen
-geblieben, wie er es zu halten gesucht. Der entartete Sohn selbst hat
-den Goldschmied auf den Vater gehetzt. Nur der Ort, wo dieser das
-Erz aufbewahrte, war jenem unbekannt, und er hatte bisher auch nicht
-Ursache gehabt, danach zu forschen.
-
-Während der Vater tief im Schoße der Erde nicht nur mit seinem schweren
-Tagewerk sich plagte, sondern auch von Gewissensbissen gequält wurde,
-verlebte der Sohn einen genußreichen Abend im Salon des reichen
-Handelsherrn Neuhoff. Er war ein ausgezeichneter Gesellschafter, als
-solcher schon früher der Baronin von Brunn, in deren Haus ihn ihr
-Sohn eingeführt hatte, so lieb und werth geworden, daß man an ihrem
-Wohnorte Hallbach lange von einem zärtlichen Verhältniß zwischen
-Beiden munkelte, bis es offenkundig ward, daß der junge Arzt sich
-Hoffnung auf die Hand der Baronesse Lydia mache. Heute entfaltete er
-alle seine Gaben, theils um sich in guter Gesellschaft über die am
-Nachmittag erlittene Niederlage erhoben zu fühlen, theils um seinen
-Einfluß auf die Baronin zu befestigen. Diesen Einfluß bedurfte er nicht
-nur für seinen Heirathsplan, der freilich mit seinem Benehmen gegen
-Hedwig im Widerspruch stand, sondern auch zur Förderung der Wünsche
-des jungen Barons und Brunhild's, wodurch er an der Schichtmeisterin
-eine dankbare Bundesgenossin gegen Hedwig und ihren Häuer gewann.
-Seine Bemühungen gelangen vollständig; er wußte die Baronin dergestalt
-auf die in Wahrheit vorhandenen trefflichen und zum Theil glänzenden
-Eigenschaften Brunhild's aufmerksam zu machen, daß am Schlusse des
-Abends der Baron es wagen konnte, der Mutter seine Wahl zu gestehen.
-Und die von der schönen, und, was ihr allerdings viel galt, eleganten
-jungen Dame bezauberte Gnädige beschloß den Abend mit einer stillen
-Verlobung, vorbehältlich der Einwilligung ihres gichtkranken Gatten, an
-der sie nicht zweifelte. »Ich curire ihn,« sagte der Doctor, »und im
-schlimmsten Falle geht das Glück des Freundes dem meinigen vor, wenn
-ich liquidire.«
-
-Als er früh zwischen vier und fünf Uhr sich seiner väterlichen
-Behausung näherte, sah er aus der schwer zugänglichen Oeffnung eines
-alten Stollens eine dunkle Gestalt treten und gleichfalls auf das
-Haus zugehen. Er ging ihr schnell nach und stieß an der Hausthür auf
-seinen Vater. »Du kommst so spät aus der Stadt?« redete der Greis den
-Sohn an, »so lange hast Du geschwärmt? Und ich muß mich mit der sauern
-Nachtschicht plagen! Du solltest doch nun ein anderes Leben anfangen!«
-
-»Du hast keine Idee von dem Leben einer Gesellschaftssphäre, zu der
-ich nun einmal durch Anlage und Neigung gehöre,« antwortete der
-Doctor. »Ich muß meine höhere Bestimmung erfüllen, und Du wirst bald
-Ursache haben, Dich über alle Opfer zu freuen, die Du mir gebracht.
-Du sollst sie an keinen Undankbaren verschwendet haben. Laß Dir sagen,
-daß ich heute glücklich die Verlobung zwischen dem Obereinfahrer und
-Schichtmeisters Brunhild zu Stande gebracht habe; und was ich über
-die Mutter zu Gunsten Anderer vermocht, das vermag ich auch zu meinen
-eigenen. Du wirst sehen, in wenig Wochen darfst Du die reiche Baronesse
-Lydia von Brunn als Deine Schwiegertochter begrüßen!«
-
-»Dann werde ich wohl am längsten einen Sohn gehabt haben,« sagte der
-Greis, »wer seinen Vater auf der Straße nicht kennen will, wenn er nur
-in eines Barons Gesellschaft geht, wird ihm vollends fremd sein, wenn
-er der Mann einer Baronesse ist. Nun, ich wünsche Glück zu dem hohen
-Flug -- freuen könnte ich mich nur, wenn Du mir eine Schwiegertochter
-brächtest, wie meine Hedwig, die Du im tollen Hochmuth von Dir
-gestoßen.«
-
-»Die hat sich längst zu entschädigen gewußt,« sagte der Doctor.
-
-»Wohl ihr,« erwiederte der Steiger, »Gott hat ihr trefflichen Ersatz
-gegeben. Das ist auch mein Trost bei der ganzen Geschichte, daß das
-Mädchen nun doch noch glücklich wird. Doch jetzt laß uns hineingehen,
-ich höre die Mutter Licht anschlagen.«
-
-Sie gingen hinein.
-
-Die letzten Worte hatten den Stachel der Eifersucht und Rache, den
-der Sohn im Herzen trug, tiefer hineingetrieben. Daß sein Vater aus
-dem alten Stollen gekommen war, leitete ihn auf die Vermuthung, daß
-dort die geheime Erzniederlage desselben sei, und diese Vermuthung
-führte sein brütendes Gehirn auf einen Gedanken, dessen Tücke er vor
-sich selbst mit der Ausflucht beschönigen konnte, er müsse von seinem
-Vater die nahe Möglichkeit der Entdeckung seines Verbrechens entfernen;
-denn so gut wie er konnte auch ein fremder Mensch, vielleicht gar der
-Bergner, den Vater einmal bei seinem nächtlichen Gange von oder zu dem
-Stollen beobachten, Verdacht schöpfen, untersuchen -- und dann war der
-Vater verloren.
-
-Wie kein Mensch so bös ist, daß er nicht nach einer Rechtfertigung
-seiner bösen Absichten suchte und sie auch glücklich fände, so fand
-der Doctor, als er am Tage wieder in die Stadt kam und da zufällig
-den Häuer Ferdinand Bergner aus dem Laden des Gelbgießers treten und
-diesen das Abschiedswort rufen hörte: »Auf Wiedersehen, mein lieber
-Steiger ~in spe~,« in diesem Worte mehr als eine bloße Rechtfertigung
-seines schon fertigen Anschlages, er fand sich als Sohn verpflichtet,
-einen Menschen unschädlich zu machen, der offenbar seinem Vater nach
-dem Brode trachtete. Er hatte eigentlich heute abreisen wollen, aber
-sein tückischer Plan nöthigte ihn, noch eine Nacht in der Heimath zu
-verweilen. Sobald es finster war, verließ er die Stadt, nicht ohne
-sich vorher mit Wachszündern zu versehen, eilte nach Pobersdorf und in
-den alten Stollen bei der väterlichen Wohnung. Er mußte lange suchen,
-ehe er seine Vermuthung bestätigt fand; aber er fand sie bestätigt: in
-einem Haufen alten Schuttes lagen die schimmernden Stufen.
-
-Wie das Haus des Steigers, war auch Ferdinands Wohnung ein altes
-Zechenhaus, das von ersterem etwa tausend Schritte entfernt stand.
-Daher fehlte es auch nicht an einem Stollen daselbst, der dicht hinter
-dem Hause mündete. Der Doctor kannte, als Ferdinands Jugendgespiele,
-die Oertlichkeit genau; er wußte auch, daß dieser Stollen durch eine
-Thür verschlossen war; aber auch dafür hatte er sich gerüstet; er
-kannte die einfache Schließvorrichtung solcher Grubenthüren und hatte
-sich mit einem Stück Draht versehen, das er hier gleich in die rechte
-Form brachte. Seine Absicht war, die Erzstufen in Ferdinands Stollen,
-die sogenannte Jakobszeche, zu schaffen, dort zu verbergen und nach
-einiger Zeit den Verdacht der Erzentwendung auf den verhaßten Häuer zu
-lenken. Sein Werkzeug zur Vollendung des verruchten Vorhabens sollte
-ein naher Anverwandter, ebenfalls Häuer auf dem Vater Abraham und
-Aspirant auf die Steigerstelle, werden. Mittels einer Leinenschürze,
-welche seine Mutter am Gartenzaun zum Trocknen aufgehangen, bewirkte
-er in drei Gängen den nicht leichten Transport. In einer Stunde war
-das Werk der Bosheit geschehen. Er hatte das Erz in der Jakobszeche
-so untergebracht, daß nur ein mit Absicht spähendes Auge es entdecken
-konnte. Froh über das Vollbrachte ging er heim, um noch eine Nacht
-unter dem väterlichen Dache zuzubringen.
-
-Er hatte keine Ahnung, daß gerade diese Nacht, wo sein Vater die
-Nachtschicht aussetzte, zur Ablieferung einer Hälfte des gestohlenen
-Erzes bestimmt war. Um 1 Uhr nach Mitternacht stand der Steiger auf
-und begab sich in seinen Stollen. Wie erschrak der beklagenswerthe
-Mann, als das Erz nicht mehr zu finden war! Er durchsuchte alle
-Winkel und Schutthaufen des nicht tiefen Stollens -- das Erz war
-verschwunden. Wie vernichtet setzte er sich auf einen Stein im Stollen;
-er erschöpfte sich in Muthmaßungen, wer des Erzes habhaft geworden und
-es fortgetragen haben könnte; eben so wenig wie sein alter Camerad, der
-Hutmann, war er ganz frei von Aberglauben -- vielleicht war das Erz
-durch das Blendwerk eines Kobolds unsichtbar gemacht, vielleicht war
-es gar »heimgegangen« -- aber es konnte wohl auch von einem Menschen
-entdeckt und weggeschafft worden sein; dann war das Geheimniß schon
-nicht mehr blos unter Zweien. Er zitterte vor Angst, aber auch vor
-Frost; um sich zu erwärmen und zu ermuntern, nahm er einen Schluck
-aus seinem Fläschchen, das er jedes Mal gefüllt mit zur Schicht zu
-nehmen pflegte, die er heute von der Stadt aus antreten wollte. Aber
-statt daß er sonst das Fläschchen nur allmälig im Verlaufe der Schicht
-geleert hatte, trank er es jetzt in wenig Minuten aus. Neu belebt
-machte er sich an eine neue Durchsuchung des Stollens. Umsonst, das
-Erz war und blieb weg. Wieder setzte er sich nieder und versank in
-qualvolles Sinnen. Endlich erklang das Häuerglöcklein. Das lud zur
-Schicht. Er erhob sich, sein Kopf war schwer, taumelnd verließ er den
-Stollen und schlug die Richtung nach dem Vater Abraham ein. Was ihm
-noch nie begegnet, widerfuhr ihm jetzt: er verirrte sich im Walde
-und kam erst später als die andern Bergleute auf die Grube. Noch
-immer berauscht, voll Angst und Verdruß, stieg er in den Schacht.
-Die gewohnte Sicherheit des Trittes hatte ihn verlassen; in der
-halben Teufe verfehlte er eine Sprosse und stürzte hinab zu den Füßen
-Ferdinands, der heute bei der Förderung beschäftigt war. Dieser fing
-zwar noch den Oberkörper des stürzenden Greises mit seinen Armen auf,
-derselbe war aber bereits im Fallen durch die Wände erheblich verletzt,
-so daß er stark blutete und kein Lebenszeichen von sich gab. Ferdinand
-befahl dem nahen Hundejungen, Wasser zu bringen, und suchte dann
-seinen unglücklichen Vorgesetzten zu beleben. Auf den Lärm des Jungen
-kamen bald mehrere Häuer von ihren Oertern und theilten Ferdinands
-Bemühungen. Es gelang, dem Greise einige Lebenszeichen zu entlocken;
-aber sie blieben sehr schwach. »Wir müssen ihn hinaufschaffen,«
-erklärte Ferdinand, »ich fahre schnell aus und mache die Hängematte
-zurecht; Einer von Euch führt sie beim Herausfördern.« Die Cameraden
-waren damit einverstanden. Ferdinand fuhr aus, traf Hedwig schon wach,
-machte sie mit dem Unglücksfall bekannt, und erhielt nicht nur die
-nöthigen Decken und Stricke zu der Hängematte, sondern wurde auch
-von ihr in deren rascher Herstellung unterstützt. Nach einer halben
-Stunde lag der Verunglückte auf einem Sopha in der Wohnstube des
-Schichtmeisters, der sogleich einen Boten nach Pobersdorf schickte, um
-den Doctor herbeizuholen. Inzwischen kam der Steiger zum Bewußtsein;
-das erste Wort aber, das er wieder vernehmen ließ, war: »Ich muß
-sterben, ruft mir den Hutmann, daß ich ihm beichte!«
-
-Hedwig weckte ihren Großvater, der den Schlaf der Gerechten schlief.
-Sie theilte ihm schonend mit, was seinem Jugendfreunde zugestoßen war.
-Erschüttert stand der Greis auf und war bald am Lager des Sterbenden.
-Als dieser verlangte, mit ihm allein zu sein, ging der Schichtmeister
-mit den Uebrigen aus der Stube; und nun nahm der Unglückliche dem
-alten Freunde das Versprechen ab, gleich wie ein Geistlicher das
-Beichtgeheimniß zu ehren; dann bekannte er ihm seine Schuld und
-beschwor ihn, den Schichtmeister vor den Fallstricken des wucherischen
-Goldschmiedes zu warnen. Unmittelbar darauf verschied er. Der Doctor
-kam nur zur Leiche des durch ihn gemordeten Vaters. Ob er die grause
-Schuld wohl fühlte? Ob die Schmerzensäußerungen, denen er sich
-überließ, echt und von tiefem Grunde waren? Der weitere Verlauf dieser
-Geschichte wird es lehren.
-
-
-V.
-
-Für jetzt hatte der erschütternde Todesfall wenigstens den Einfluß
-auf das Gemüth des Doctors, daß er den Anschlag gegen Ferdinand nicht
-weiter verfolgte, sondern nach der Beerdigung seines Vaters seine so
-lange aufgeschobene Reise antrat. Der Trauerfall hatte auch bei den
-Bewohnern des Vater Abraham alles Andere so weit in den Hintergrund
-gedrängt, daß bis dahin der Schichtmeister die ihm von seiner Frau
-als nothwendig dargestellte und geforderte Ablohnung Ferdinands
-auszusprechen vergessen hatte. Kaum war der Steiger Meier begraben, so
-erinnerte die Schichtmeisterin ihren Gatten wieder an jene Maßregel.
-Vergebens stellte er vor, wie unentbehrlich gerade jetzt Ferdinand für
-die Grube geworden sei, denn der Häuer Meier, der sich zur Vertretung
-der Steigerstelle dränge, sei dieser Aufgabe nicht gewachsen. Allein
-die Frau brachte bald wieder durch den Vater den Beamten zum Schweigen.
-Glücklicherweise war die Verhandlung von Brunhild gehört worden, die
-auf einen kurzen Besuch da war; und diese vertraute Hedwig den ihrer
-Liebe drohenden Streich. Hedwig setzte augenblicklich ihren Großvater
-davon in Kenntniß.
-
-»Was!« schrie der würdige Greis, »den besten Häuer vom Vater Abraham
-will mein Sohn dem Drachen von Weib opfern? Und gerade jetzt, wo ein
-Steiger fehlt? Denn der Meier Hilf, der den Steiger spielen möchte,
-taugt kaum zum Scheidejungen. Wart', da will ich, der Hutmann, auch ein
-Wort mitreden!« Und er ging hinab, rief seinen Sohn aus dem Zimmer und
-lud ihn zu einem kleinen Gang in den Wald ein.
-
-»Lieber Sohn,« begann er, als sie im Schatten der Tannen wandelten,
-»ich habe noch den Auftrag eines Sterbenden an Dich auszurichten.
-Der arme Steiger Meier hat mir in seinen letzten Augenblicken ein
-schreckliches Geheimniß anvertraut, das mir zum Theil den Unsegen
-erklärt, der auf dem Vater Abraham lastet. Ich darf Dir nicht Alles
-sagen, aber ich soll Dich warnen vor den Fallstricken des wucherischen
-Goldschmieds. Ich will hinzufügen, daß dieser Goldschmied den
-unglücklichen Steiger zu einem Verbrechen verführt hat, zu dem er wohl
-auch Dich verleiten könnte, wenn er Dich so in seine Gewalt bekäme wie
-ihn.«
-
-»Ich weiß nicht, was mir das soll,« sagte der Schichtmeister
-empfindlich; »ich bin doch kein Knabe mehr.«
-
-»Höre Deinen Vater an, mein Sohn!« sagte der Greis. »Noch bin ich
-Hutmann auf dem Vater Abraham und das Haupt meines Stammes; ich habe
-darauf zu sehen, daß Zucht und Ehre in dem Hause wohne, das mir zur Hut
-übergeben worden, und in der Familie, die meinen Namen führt. Ich hätte
-schon eher ein ernstes Wort mit Dir reden sollen, um das Verderben
-abzuwehren, das dem Vater Abraham und meinem Hause droht. Aber es ist
-so, man bessert nicht eher einen gefährlichen Pfad, bis ein Nächster
-darauf den Hals gebrochen. Ich sage Dir, der Hochmuth, der in Deiner
-Familie eingerissen, führt Dich zum jähen Fall -- vielleicht zu einem
-schlimmeren, als er den Steiger Meier ereilte. Ihr treibt mehr Aufwand,
-als ihr ehrlicherweise bestreiten könnt.«
-
-»Ach Vater, mische Dich doch nicht in meine eigensten Angelegenheiten!«
-unterbrach ihn der Sohn, »ich weiß schon, wie weit ich dem Dir
-allerdings unbehaglichen Sinne meiner Frau für das Feine und
-Wohlanständige und ihrer Mutterzärtlichkeit nachzugeben habe. Ich
-hoffe, der Hutmann Frenzel wird die Ehre seines Namens nicht befleckt
-finden durch die Verbindung seiner Enkelin mit einem Freiherrn von
-Brunn.«
-
-»Alle Achtung vor dem Freiherrn von Brunn; ist er doch mein hoher
-Vorgesetzter und gewiß ein vortrefflicher Herr; aber die Ehre eines
-Namens wird in Wahrheit nur durch Rechtschaffenheit bewahrt. Mein Sohn,
-das edle Bergwerk ist im Verfall, wodurch? Durch die Schuld der Gewerke
-und des Bergvolkes, besonders seiner Vorgesetzten. Die sind nicht der
-wahren, sondern eitler Ehre nachgejagt, und diese Jagd hat die Treue
-von den Bergen gescheucht und mit der Treue den Segen.«
-
-»Sonst soll es der Unglaube gewesen sein, der die guten Berggeister
-verscheucht und so das Bergwerk zu Grunde gerichtet habe,« warf der
-Schichtmeister spottend ein.
-
-»Es hängt Alles zusammen,« sagte der Hutmann, »der Unglaube kommt aus
-einem hoffärtigen Herzen wie die Ehrsucht, und wo die Demuth wohnt,
-wohnt auch die Treue; und die guten Geister mögen nicht länger weilen,
-wo Treue, Glaube und Demuth fliehen; es hängt Alles zusammen.«
-
-»Ich will Dir bessern Bescheid über den Verfall unsers vaterländischen
-Bergbaues sagen,« fiel der Schichtmeister ein: »unser Erzgebirge ist
-nicht ärmer an Metallen als sonst, aber der Bau in den großen Teufen
-ist kostspieliger als sonst bei geringerer Teufe, und dazu ist der
-Metallwerth so gesunken, daß sich der Abbau manches Erzfeldes nicht
-mehr lohnt, das bei den alten Metallpreisen für reich und ergiebig
-gelten würde.«
-
-»Ja, Ihr studirten Herrn habt für Alles eine ganz natürliche
-Erklärung,« meinte der Alte, »aber ich weiß, was ich weiß, sei es, wie
-es sei, das kannst Du mir nicht abstreiten, daß die Hoffart die Mutter
-der Untreue ist, und wo Hoffart und Untreue hausen, da baut keine
-Schwalbe ihr Nest, da ist Unsegen und Verderben. Darum beschwör' ich
-Dich, treib' den Hoffartsteufel aus Deinem Hause, eh' er das Ei der
-Untreue ausbrütet! Fang' gleich damit an, daß Du zu Deinem hoffärtigen
-Weibe sprichst: Der Ferdinand Bergner bleibt auf dem Vater Abraham,
-Punktum! Was hast Du gegen den Menschen, daß Du ihn fortschicken
-willst?«
-
-Der Schichtmeister wußte keine Anklage wider den jungen Häuer
-vorzubringen, er behauptete blos, der bevorstehenden Familienverbindung
-mit dem Freiherrn von Brunn das Opfer bringen und einen ihm sonst
-selbst lieben Menschen dem Hause entfremden zu müssen. Der schwache
-Mensch glaubte, seinen Erzeuger von der Nothwendigkeit dieser Maßregel
-ebenso überzeugen zu können, wie er durch seine Frau überzeugt war.
-Aber er irrte sich.
-
-»Weißt Du, ob dem Obereinfahrer die Halbschwägerschaft mit dem Häuer,
-hoffentlich bald Steiger Bergner anstößig ist? Hast Du ihn schon
-darüber gefragt?« Der Schichtmeister mußte verneinen. »Also ist der
-ganze Vorwand nur ein Hirngespinnst Deiner Frau!« sagte der Greis;
-»der Obereinfahrer beweist ja schon dadurch, daß er selbst eine
-arme bürgerliche Schichtmeisterstochter freit, daß er weit über die
-lächerlichen Standesgrillen hinaus ist, die Ihr ihm zutraut. Ich
-glaube, er würde es Euch sehr wenig danken, daß Ihr mehr um seine
-Standesehre besorgt seid als er selbst. Aber so geht es der Hoffart
-allerwegen: immer macht sie die Rechnung ohne den Wirth. Ich hoffe, der
-Ferdinand bleibt auf der Grube, und solltest Du ihn vertreiben wollen,
-so werde ich mich den Weg in die Stadt nicht verdrießen lassen und dem
-Gewerkenausschuß rathen, der Grube sofort in dem Bergner einen neuen
-Steiger zu geben. Ich hoffe, daß mein Wort noch etwas gilt bei den
-Herren, und ich will es geltend machen; denn dem Vater Abraham thut
-gerade jetzt, wo der Schichtmeister so schwach ist, ein Steiger noth,
-der die Augen offen hat und die alte Bergmannstreue fest im Herzen!«
-
-»Du wirst mich doch nicht in eine schiefe Stellung zur Gewerkschaft
-bringen wollen?« sagte der Schichtmeister.
-
-»Gehe nur ein Jeder seinen geraden, rechten Weg, so giebt's keine
-schiefe Stellung!« versetzte der Alte. »Du weißt nun meine Meinung --
-thu, was Du willst!« Er wandte sich wieder dem Huthause zu.
-
-Als der Schichtmeister heim kam, hatte er mit seiner Frau eine geheime
-Berathung, in welcher sie lange auf Ferdinands Entfernung bestand,
-sich endlich aber doch überzeugen ließ, daß nach der Willenserklärung
-des Großvaters der gefaßte Beschluß unausführbar war. Sie gab in der
-Hoffnung nach, bald Mittel zu finden, sich des »gemeinen Menschen« zu
-entledigen.
-
-Während der wackere Hutmann sich so eifrig seines Schützlings annahm,
-war auch der Gelbgießer Mickley bemüht, ihm den Steigerposten
-zuzuwenden. Ehe Ferdinand es sich träumen ließ, wurde er vom Bergamte
-zur Prüfung geladen. Es waren zwar außer dem Vetter des Doctors noch
-drei Bewerber um die Stelle da, aber er durfte es mit allen aufnehmen.
-Er ging als Sieger aus diesem Ehrenkampfe hervor und erhielt schon
-am folgenden Tage seine Bestallung als Steiger der Fundgrube Vater
-Abraham. Es versteht sich von selbst, daß ein redlich Liebender, wenn
-er sich in die Lage gebracht sieht, sein Nestchen zu bauen, damit
-nicht säumt. So empfing auch Ferdinand nicht so bald seine Bestallung
-aus der Hand seines Schichtmeisters, als er sich auch ein Herz faßte
-und um Hedwigs Hand bat. Der Schichtmeister hätte vielleicht im
-ersten Augenblick sich das Jawort durch den persönlichen Zauber,
-den der Freier auf ihn übte, entlocken lassen, wäre nicht die
-Schichtmeisterin eingetreten. Ein Blick auf sie und von ihr reichte
-hin, den ganzen Zauber wirkungslos zu machen, und der junge Steiger sah
-sich abgewiesen. Vergebens erklärte Hedwig ihren entschiedenen Willen,
-niemals von Ferdinand zu lassen, vergebens erhob auch der Großvater
-seine gewichtige Stimme zu Gunsten der Liebenden; die Schichtmeisterin
-setzte jetzt ihren Willen durch.
-
-»Na, weißt Du was,« sagte der Greis, als er mit Hedwig allein war,
-»eigentlich ist es gut, daß es nicht so glatt mit Euch Beiden geht; je
-steiler der Weg zum Himmel, desto größer die Seligkeit. Ich bin nun
-siebzig Jahre alt und hab' schon viel widerwillige Eltern gesehen; aber
-mir ist kein Fall vorgekommen, wo sie durchgedrungen wären, wenn anders
-die Liebenden das Herz auf dem rechten Flecke hatten. Na, bei Dir ist
-das der Fall, das weiß ich, und bei dem Ferdinand auch, das mußt Du
-noch besser wissen als ich. Daß Du noch eine Weile Aschenbrödel hier
-sein mußt, ist gewiß ein kleineres Unglück für Dich, als wenn Dich
-Deine Stiefmutter hätschelte und zur Hoffart erzöge!« Und zu Ferdinand
-sprach er: »Glückauf, Steiger! Du bist nun berufen, scharf nach dem
-Rechten zu sehen auf dem Vater Abraham. Für Deine Steigerbildung hat
-der Markscheider gesorgt; aber die Steigerbildung thut's nicht allein,
-ein echter Steiger braucht auch ein Steigerherz. Nun, ein solches hat
-Dir Gott verliehen, das halte fest und rein, so wird's wohl um Dich und
-den Vater Abraham stehen. Wisse, Dein Vorfahrer war auch ein rechter
-Steiger, aber er ließ sich vom Teufel blenden und entging vielleicht
-nur durch den schnellen Tod großer Schmach. Aber wenn er selbst auch
-noch so wegkam, das Bergwerk hat doch den Fluch seines Strauchelns
-gefühlt -- trag' Sorge, Steiger, daß der Fluch wieder hinweggenommen
-werde; halt' auf Recht und Treue auf dem Vater Abraham! Und wenn Du
-einmal etwas siehst, was nicht ganz recht ist vor Gott und Menschen,
-auf welcher Seite es immer sei, drück' nicht etwa Deine Augen zu
--- aber fahr' auch nicht mit der Hast eines Büttels drein, der ein
-Dutzend Kinder von seinen Denunciations-Groschen füttern muß! Weißt,
-es würde weniger Verbrechen in der Welt geben, wenn man das erste
-Verbrechen unter vier Augen strafte, statt den Verbrecher sogleich der
-Brandmarkung für's ganze Leben preiszugeben!«
-
-Ferdinand schüttelte dem Greise herzlich die Hand und stieg
-mit hoffnungsfreudigem Herzen in den Schacht zu seiner ersten
-Steigerschicht.
-
-
-VI.
-
-Vier Wochen nach Ferdinands Beförderung erlangte der Obereinfahrer
-die väterliche Einwilligung in seine Heirath, und nun wurde seine
-Verlobung öffentlich bekannt gemacht. Schicklicherweise konnte
-Brunhild nun nicht länger in der Pension bleiben, sondern mußte bis
-zu ihrer Vermählung im Vaterhause wohnen. Da war jetzt alle Sorge
-auf Vollendung der bräutlichen Ausstattung und Vorbereitung zu einer
-würdigen Hochzeitsfeier gerichtet. Mit bangem Herzklopfen sah Hedwig,
-der jetzt die ganze Hauswirthschaft zufiel, das Herbeischleppen all der
-kostbaren Gegenstände, welche der eitlen Mutter zur Ausstattung der
-künftigen Baronin unerläßlich schienen, mit Kopfschütteln und Murren
-beobachtete der Großvater das Treiben; zumal als der Erbschaftsproceß,
-auf den seine Schwiegertochter pochte, kein Ende nehmen wollte, und
-der Schichtmeister selbst anfing, eine sehr besorgte Miene zu zeigen.
-
-Da jetzt der Obereinfahrer öfters auf dem Vater Abraham einsprach,
-um seine Braut zu sehen, so wachte die Schichtmeisterin strenger
-als je darüber, daß Ferdinand sich ihrem Familienkreise fernhielt.
-Doch fand sich bei ihren häufigen Stadtbesuchen und Brunhild's
-freundlicher Gesinnung für die Liebenden Gelegenheit genug, sich zu
-sehen und gegenseitig zu ermuthigen. Ferdinand ging jeden Tag mit
-frischer Hoffnungsfreudigkeit an sein schweres Tagewerk; er war seinen
-Untergebenen, von denen nur der bei der Steigerwahl durchgefallene
-Meier ihm mit Mißmuth gehorchte, ein Vorbild an Fleiß und Pünktlichkeit
-im Dienst und sah streng auf die Pflichterfüllung jedes Einzelnen. Aber
-er sorgte auch für die Verbesserung ihrer Lage. Die Anbrüche hielten
-aus, und ehe drei Monate um waren, erfuhr er durch seinen Gönner
-Mickley, daß die letzte Erzlieferung von der Schmelz-Administration
-doppelt so hoch bezahlt worden sei, als jede frühere Lieferung von
-gleichem Gewicht. Mußte Ferdinand, der keine so auffallende Veredlung
-des Ganzen wahrgenommen hatte, dies Ergebniß Wunder nehmen, so
-äußerte er doch nichts hierüber, vielmehr ergriff er diese Gelegenheit
-sogleich, um für seine Häuer eine Lohnaufbesserung zu beantragen.
-
-»Na,« sagte der Gelbgießer; »ich werde die Sache dem Ausschuß vorlegen.
-Es ist schön von Ihm, daß Er Seiner armen Kameraden gedenkt und für
-sich nichts begehrt. Wenn der Vater Abraham so höflich bleibt wie
-jetzt, so glaub' ich, die Gewerkschaft wird sich billig finden lassen.
-Ich werde mich gewiß dafür verwenden. Aber jetzt muß ich Ihm was
-zeigen.« Er holte aus einem Wandschrank eine Erzstufe. »Woher glaubt Er
-wohl, daß diese Stufe ist?« fragte er.
-
-Ferdinand nahm sie, wog und betrachtete sie genau. »Soll sie aus dem
-hiesigen Revier sein?« fragte er nach einer Weile. Der Gelbgießer
-bejahete, und der junge Metallurg begann seine Prüfung von Neuem.
-Endlich sagte er: »Die Gangart ist ganz die unsrige, und ich glaube
-nicht, daß im hiesigen Revier noch irgendwo Weißgiltigerz mit
-gediegenem Silber zugleich so in den Quarz einbricht, wie auf dem Vater
-Abraham. Ich kenne hier herum wohl jedes Gestein, wo man auf Silber
-baut, aber nirgends sonst hab' ich dergleichen gesehen, wie dieses
-ist.«
-
-»Hm!« sagte der Gelbgießer, »ich dachte mir's auch -- aber ich traute
-doch meinen Augen nicht ganz. Nun will ich Ihm auch sagen, wie ich zu
-der Stufe gekommen bin. Der Goldschmied Reichel hat seinen Lehrjungen
-mißhandelt, daß er ihm davongelaufen ist. Da er nicht wieder zu ihm und
-lieber Gelbgießer werden wollte, so bat mich sein Vater, es mit ihm
-zu versuchen. Nun, es scheint ein anstelliger Junge zu sein; deshalb
-brauchte ich ihn bei der neuen Einrichtung meines Stufen-Cabinets
-nach dem Breithaupt'schen System. Da sagte er, er hätte auch ein paar
-Stufen zu Hause, ob ich sie haben wolle. Nun, ich bin ein Liebhaber
-von dem Zeug und hieß ihn danach gehen. Da brachte er mir die schöne
-Silberstufe da, aber nur diese, die andere hatten seine Geschwister
-verschleppt. »Aber, Junge!« rief ich erstaunt, »wo hast Du die
-prächtige Stufe her?« Ganz unbefangen gab er zur Antwort, er habe
-sie beim Kartoffelabkeimen für seine Meisterin im Keller unter den
-Kartoffeln gefunden, und weil es gerade Weihnachten gewesen, wo bei
-seinen Eltern das Bergwerk für die Kinder aufgebaut worden, da habe er
-beide Stufen mit hingenommen und in das Bergwerk gethan. Was sagt Er
-dazu?«
-
-»Ich weiß nicht, was ich denken soll,« sagte Ferdinand, »wie können die
-Stufen vom Vater Abraham in den Keller des Goldschmieds gekommen sein,
-der nicht einmal zu den Gewerken gehört?« Bei sich mußte er wohl an die
-Anspielung des alten Hutmanns auf ein Verbrechen des Steigers Meier
-denken; aber er wagte nicht, den Gedanken laut werden zu lassen.
-
-Der Gelbgießer sah dem jungen Mann forschend ins Gesicht, doch nicht
-mißtrauisch, denn dieses Gesicht war ihm ein treuer Spiegel des
-fleckenlosesten Gemüthes. »Ich will Ihm was sagen, Steiger,« nahm
-Mickley endlich das Wort, »dem Goldschmied hab' ich nie getraut, er
-ist ein Wucherer, und wer einmal Wucher treibt, der ist auch zu andern
-Schlechtigkeiten fähig! Wer nur einmal in seinem Kartoffelkeller
-nachgraben könnte, der fände vielleicht noch mehr Erz vom Vater
-Abraham.«
-
-»Wenn er es nicht bei guter Zeit fortgeschafft hat,« fiel Ferdinand
-ein. »Aber Sie haben Recht, wo die zwei Stufen gelegen, da können
-auch noch mehr gelegen haben. Nur ist es mir ein Räthsel, wie sie
-hingekommen.«
-
-»Weiß Er noch, wie ich Ihn vor einem Vierteljahr fragte, wie hoch
-Er das gelieferte Erz schätze, und wie wenig die Ausbeute Seiner
-Schätzung entsprach? Junger Freund,« fuhr er seine Hand fassend fort,
-»wir sind jetzt unter uns, und was wir reden, bleibt unter uns: ist
-Ihm denn noch nicht der übermäßige Aufwand unseres Schichtmeisters
-aufgefallen?«
-
-»Seiner Frau, wollen Sie sagen,« versetzte Ferdinand, »denn der
-Schichtmeister selbst ist ein schlichter Mann, nur leider zu gut gegen
-seine Frau. Allerdings ist das für einen Schichtmeister eine sehr
-theure Ehehälfte.«
-
-»Zumal jetzt,« fiel der Gelbgießer ein, »wo sie Schwiegermutter eines
-Barons wird. Es ist ja übertrieben, was die Frau zusammenkauft --
-borgt, wollt' ich sagen; aber später oder früher muß es doch einmal
-bezahlt werden. Wovon aber? he? etwa von dem da?« Er deutete auf die
-Stufe.
-
-Ferdinand erschrak -- »Herr Mickley!« rief er, -- »Sie thun unserm
-Schichtmeister Unrecht.«
-
-»Ich sage nicht, daß er schon auf solche Art gezahlt hat, aber es
-kann dazu kommen; Schulden und Schuld und Schuft -- es ist nur ein
-Unterschied von wenig Buchstaben, gewöhnlich geht's vom ersten zum
-letzten.«
-
-»Aber nicht Jeder, der Schulden hat, ist oder wird ein Schuft.«
-
-»Das sag' ich ja nicht, ich habe selbst einen Schuldner, einen Poeten,
-der hier die Schule besuchte; ein strebsamer, offener Kopf, aber armer
-Teufel, der hinter dem Webstuhl verkommen wäre, hätte er keine Schulden
-machen wollen. Nun, er hat als Student und Poet mehr Schulden machen
-müssen, als ich zu bezahlen haben möchte; aber er ist darum doch eine
-grundehrliche Haut und wird's auch bleiben, denn bei allem hohen Geist
-hat er ein demüthiges Herz. Aber wo Schulden eine Frucht der Hoffart
-und des Uebermuthes sind, da hat der Teufel sein Spiel.«
-
-»Für den Schichtmeister bin ich gut,« sagte Ferdinand warm, »und
-was die Frau betrifft, so hab' ich helle Augen, und wäre ich auch
-blind, so würde kein Häuer, kein Hundejunge ihr zu einem Unterschleif
-behülflich sein, drehte es sich auch nur um eine Bleiglanzstufe wie ein
-Daumenglied groß.«
-
-»Nun, ich will Ihm glauben,« sagte der Gelbgießer, -- »eine sonderbare
-Sache bleibt es mit der Stufe, -- aber es läßt sich vor der Hand nichts
-damit machen. Ein Glück, daß wir jetzt einen tüchtigen Steiger haben,
--- der alte, -- na, man soll die Todten ruhen lassen. -- Seh' Er nur
-wacker zum Rechten, -- es wird Sein Schade nicht sein. Da fällt mir
-noch etwas ein. Neulich wurde im Ausschuß die Frage aufgeworfen, ob
-es nicht gut wäre, den alten Schacht wieder einmal zu untersuchen, es
-könnten die bösen Wetter wohl gewichen sein. Vor Jahren wurde schon
-einmal ein Gutachten darüber von unserm Schichtmeister verlangt.
-Der fand den Versuch nur unter der Bedingung möglich, daß wir einen
-neuen Stollen zur Wetterlosung vom Höllengrund aus treiben ließen.
-Das war und blieb uns ein zu kostspieliges Unternehmen. Jetzt wollen
-wir den Schichtmeister geradezu mit der Untersuchung beauftragen,
-weil wir glauben, bei gehöriger Vorsicht sei die Sache nicht
-nothwendig lebensgefährlich. Einen gemeinen Bergmann hinabzulassen,
-wie es vor Zeiten geschehen, das würde wenig nützen. Gesetzt aber,
-der Schichtmeister lehnte den Auftrag ab, was dem Vater einer so
-zahlreichen Familie Niemand verdenken könnte, hätte Er wohl den Muth,
-das Wagstück zu unternehmen?«
-
-»Wenn mir's befohlen wird, -- ja!« erklärte Ferdinand fest, »aus bloßem
-Vorwitz wär' es wohl strafbar, aber bei Erfüllung einer Pflicht giebt
-man sich in Gottes Hand. Da muß ja jeder Bergmann täglich sein Leben
-wagen!«
-
-»Er ist ein echtes Bergmannsblut!« rief der Gelbgießer. »Nun weiß Er
-was, ich hab' mir ein Plänchen erdacht. Wird der alte Schacht wieder
-gangbar, so müssen wir doch dort neue Bergleute anlegen und mehr als
-am neuen. Da reicht nun ein Schichtmeister mit einem Grubensteiger und
-Hutmann nicht aus, und wenn wir schon dem Frenzel die Leitung beider
-Gruben als Schichtmeister lassen, so brauchen wir doch noch ein paar
-Grubensteiger für den oberen Schacht und für beide Schächte einen
-tüchtigen Obersteiger. Und der wird Er und kein Anderer. Dann denk'
-ich, soll Er auch Sein Mädchen bekommen.«
-
-Ferdinand drückte dem Redner freudig die Hand. »Wenn über mich befohlen
-wird,« sagte er, »so gehorche ich. Aber den Schichtmeister übergehen
-Sie nicht! Und wenn er das Wagstück auf sich nimmt, so wollen die
-Herren Gewerken hübsch an seine Familie denken.«
-
-»Daran soll's nicht fehlen,« sagte Mickley und Ferdinand nahm Abschied.
-
-Ferdinand hatte in der einzigen Buchhandlung des Ortes ein Buch über
-Naturlehre bestellt und wollte sehen, ob es angekommen sei. Er mußte
-da an dem Hause des Goldschmieds vorbei und begegnete vor der Thür
-desselben dem Schichtmeister mit ganz verstörtem Gesicht. Er konnte
-sich nicht helfen, er trat mit einem Glückauf auf ihn zu und fragte, ob
-ihm etwas fehle. Der Gefragte starrte ihn an, -- nach einer Weile sagte
-er: »Was soll mir fehlen? Ich suche meine Frau, -- hat Er sie gesehen?«
-
-Da Ferdinand verneinte, so ließ ihn der Schichtmeister stehen und eilte
-in die nächste Seitengasse. Ferdinand sah ihm bedenklich und beklommen
-nach. Schon seit längerer Zeit war ihm eine zunehmende Abmagerung und
-Verdüsterung des sonst so vollen und freundlichen Gesichtes seines
-Vorgesetzten aufgefallen, und er und Hedwig hatten darüber oft ihre
-Besorgnisse getauscht; aber so verstört war ihm dieses Gesicht nie
-erschienen. Mit trüben Gedanken ging er in den nahen Buchladen; hier
-eingetreten, fand er sich dem Obereinfahrer und -- dem Doctor Meier
-gegenüber. Ferdinand bot dem Ersteren seinen bergmännischen Gruß und
-fragte dann nach seinem Buch. Es war nicht angekommen.
-
-»Wollen Sie das Buch für sich?« fragte der Baron, und als Ferdinand
-bejahete, sagte er: »Dann können Sie sich die Ausgabe ersparen;
-vielleicht ist das Buch noch gar nicht verschrieben, oder man macht
-die Bestellung rückgängig. Ich habe eine sehr gute Physik zum
-Selbstunterricht, -- irre ich nicht, so sind Sie der neue Steiger auf
-dem Vater Abraham, den ich mit geprüft habe, kommen Sie mit zu mir, ich
-schenke Ihnen das Buch.«
-
-Ferdinand war ganz überrascht von dieser Güte. Bis jetzt war der Herr
-nur immer an ihm vorübergegangen, ohne von ihm weiter Notiz zu nehmen,
-und nun kam er ihm auf einmal mit einem so freundlichen und werthvollen
-Geschenk entgegen. Hatte vielleicht Brunhild ihre Furcht vor der Mutter
-und ihre Schüchternheit vor dem vornehmen Bräutigam so weit überwunden,
-daß sie ihm von Hedwigs Liebe zu Ferdinand geplaudert? Während dieser
-hierüber nachsann, sagte der Obereinfahrer zu dem Doctor: »Es bleibt
-dabei, Robert: Du wohnst die wenigen Tage Deines Hierbleibens bei
-mir. Willst Du jetzt Deine Mutter begrüßen, was nicht mehr als billig
-ist, so geh' und komm' zurück, wann es Dir beliebt!« Dann ging er
-mit Ferdinand fort. Düster blickte diesem der Doctor nach und machte
-sich dann langsam ebenfalls auf den Weg. Auf dem Markte begegnete er
-der Schichtmeisterin mit ihrer zweiten Tochter. »Ei! da ist ja der
-Herr Doctor wieder!« rief ihm die Frau entgegen. Nach gewechselter
-Begrüßung fragte sie: »Wie geht's auf Hallbach? Was machen die gnädigen
-Herrschaften?«
-
-»O, die sind ~in dulci jubilo~, weil ich den Papa gichtfrei aus
-Kissingen zurückgebracht habe. Sie senden die herzlichsten Grüße an
-die Braut ihres lieben Sohnes und ihr ganzes Haus, aber der gnädige
-Herr will nun auch die künftige Schwiegertochter sehen. Ich komme als
-außerordentlicher Botschafter, um sie mit ihrer Frau Mama und dem
-Bräutigam abzuholen!«
-
-»O welche Ehre! die treffliche Herrschaft!« rief die Schichtmeisterin;
-»Klotilde, da gilt es, schnell etwas Garderobe in Stand zu setzen!«
-dann stellte sie noch manche Frage eitler Neugier, die der Doctor zur
-größten Befriedigung beantwortete. »Aber was hab' ich hören müssen?«
-sagte er darauf, -- »der Mensch, -- wie heißt er doch! -- nun, der
-früher Ihr Schwiegersohn werden wollte, der ist ja Steiger auf dem
-Vater Abraham geworden!«
-
-»Das erfahren Sie jetzt erst?« versetzte die Schichtmeisterin,
-»freilich ist er's geworden, so sehr ich dagegen gekämpft, er hat sich
-die Gunst der Gewerke erschlichen und schon auf den Tod Ihres Vaters
-gelauert.«
-
-»Das scheint mir selbst so,« sagte der Doctor, »und nun ist er Ihnen
-ein Stück näher gerückt; ich meine in Betreff seiner Heirathsabsichten.«
-
-»Das mag er sich einbilden, aber daß er sich täuscht, dafür bin ich da!«
-
-»Er scheint aber ein Fuchs zu sein, hat er doch auch schon den Baron
-für sich eingenommen. Der hat ihn jetzt freundlich zu sich eingeladen,
-um ihm ein Buch zu schenken. Wenn der Mensch da nur nicht von seiner
-Liebschaft plaudert!«
-
-»Das wäre ja gräßlich! Was meinen Sie, da wäre der Baron wohl im
-Stande, die Verlobung rückgängig zu machen?«
-
-»Das schon nicht,« erwiederte der Doctor lächelnd der erschrockenen
-Frau, »dazu liebt er die Brunhild zu innig; ja ich glaube, er
-könnte mit seinem guten Herzen wohl der Fürsprecher des Schleichers
-werden, aber auch dadurch sein eigenes Glück gefährden. Ich weiß,
-was es bedurft hat, den alten Herrn für die Verbindung mit einer so
-anständigen Familie, wie die Ihrige ist, zu gewinnen. Hätte ich nicht
-meine eigene Angelegenheit vor ihm einstweilen in den Hintergrund
-treten lassen, so weiß ich nicht, ob Sie so bald Hochzeit halten
-würden, als es nun der Fall sein wird.«
-
-»O, Sie guter, lieber Herr Doctor!« sagte die Frau, seinen Arm
-drückend, »wie dankbar müssen wir Ihnen sein! Aber verlassen Sie sich
-auch darauf, daß wir Ihren Empfehlungen keine Schande machen werden.
-Lassen Sie nur erst die Hochzeit vorbei sein, dann muß das Frauenzimmer
-zu fernen Verwandten. Jetzt bei dem Drasch, den wir haben, kann ich sie
-nicht entbehren.«
-
-Leise flüsterte der Doctor ihr zu: »Lassen Sie das Mädchen lieber da,
-vielleicht findet sich ein Mittel, den Steiger unschädlich zu machen
--- wir sprechen weiter darüber -- auf Wiedersehen!« Damit trennten sie
-sich.
-
-Die Schichtmeisterin begab sich jetzt nach der Pension ihrer Kinder,
-wo sie ihrem Manne das Rendezvous gegeben, das sie aber um eine Stunde
-versäumt hatte. Er hatte, wie wir gesehen, sie inzwischen gesucht, war
-aber zuletzt wieder an den verabredeten Ort gegangen und traf, abermals
-zum Suchen ausgehend, sie unter der Thür.
-
-»Endlich!« rief er, »Du bist aber doch auch gar zu sorglos, Frau!«
-
-»Sorglos? Ich?« rief sie erstaunt. -- »Nun bitt' ich einen Menschen, zu
-entscheiden, wer mehr sorgt und schafft in dieser Zeit wie ich!«
-
-»Geh hinauf, Klotilde,« sagte der Schichtmeister, »ich muß mit Deiner
-Mutter noch einen Weg gehen.«
-
-Klotilde gehorchte, und der Schichtmeister nahm den Arm seiner Frau,
-blieb aber in der Hausflur stehen und sagte: »Weißt Du auch, daß wir
-verloren sind? Morgen ist der Wechsel fällig, und die Post ist wieder
-angekommen, ohne eine Entscheidung Deiner Angelegenheit, geschweige gar
-Geld zu bringen!«
-
-»Nun, der Goldschmied wird wohl prolongiren,« sagte sie.
-
-»Nicht eine Stunde. -- Ich war bei ihm, bat ihn, fiel ihm bald zu
-Füßen, -- umsonst: er erklärte, er könne nicht anders, er habe in
-jüngster Zeit solche Ohrfeigen von unsicheren Schuldnern bekommen, daß
-er nicht mehr schonen könne. Wenn der Wechsel morgen nicht gedeckt
-wäre, müsse er nach Wechselrecht verfahren.«
-
-»Um des Himmels willen!« rief die Frau, die Hände zusammenschlagend;
-»was wird da aus meinen Kindern? was aus Brunhild? Dich setzen lassen,
--- Herr des Himmels! das wäre ja ein Schlag, der alle Hoffnungen
-vernichtete! Komm, Mann! ich will selbst mit zum Goldschmied gehen, --
-er muß noch warten, ich will ihm meine Erbschaft verpfänden, -- komm!«
-
-Sie gingen zu dem Wucherer. Er empfing sie mit triumphirender Miene und
-führte sie in sein Zimmer. »Ist vielleicht die Erbschaft angelangt?«
-sagte er, »das wäre mir höchst erwünscht.«
-
-Die Schichtmeisterin berichtigte seinen vermeintlichen Irrthum und
-brachte ihren Vorschlag an.
-
-»Es thut mir leid, verehrte Frau,« entgegnete der Goldschmied, »darauf
-kann ich mich nicht einlassen. Ich bin schon zu sehr geprellt worden,
--- verzeihen Sie, -- aber in Geldsachen keine Freundschaft! -- bis
-morgen Abend um fünf hab' ich mein Geld, oder der Herr Schichtmeister
-sitzt im Stockhaus. Ich kann's nicht ändern.«
-
-»Aber Mann! Sie werden doch kein solcher Tyrann sein?« rief die
-Schichtmeisterin. -- »Sie werden uns doch nicht unglücklich machen
-wollen? Denken Sie doch an meine Kinder, meine armen, unschuldigen
-Kinder, -- meine Brunhild, die dieser Schlag auf der Stelle tödtete!«
-
-»Die Kinder, -- hm, -- die Kinder,« sagte der Wucherer im Tone des
-Mitleidens, -- »um ihretwillen könnte man schon ein Uebriges thun.« --
-
-»O Sie Guter!« rief die Frau, dem Manne fast um den Hals fallend, und
-der Schichtmeister sagte: »Ja, Herr Reichel, um meiner Kinder willen
-lassen Sie Billigkeit walten. -- Nur noch kurze Zeit Geduld, und Sie
-sollen mit gutem Zins bezahlt werden.«
-
-»Die Zeiten sind schlecht, sehr schlecht,« sagte der Wucherer, eine
-Thräne im Auge, -- »aber Ihre Fräulein Tochter ist ein herrliches
-Geschöpf, -- ja, die Natur hat sie sichtlich zu etwas Hohem bestimmt;
-es wäre jammerschade, wenn sie an der Schwelle ihres Glückes ins
-tiefste Elend geschleudert würde.« --
-
-Die Schichtmeisterin schluchzte laut auf, dem Schichtmeister blutete
-das Herz.
-
-»Ich will Ihnen etwas sagen,« fuhr der Goldschmied fort, »borgen kann
-ich nicht länger, aber aus Erbarmen mit Ihrer lieben Fräulein Tochter
-will ich -- könnte ich -- nun, man ist auch ein Mensch -- ich könnte --
-für Sie freilich ist es ein Leichtes, ich riskire doppelt und dreifach
-dabei, aber was thut man nicht aus christlicher Liebe! -- ich könnte
-mich allenfalls zur Annahme von Waare an Zahlungsstatt verstehen.«
-
-»Waare?« rief die Frau; »was für Waare sollen wir Ihnen denn bringen?
-Ich habe unbeschränkten Credit bei den Schnitt- und Modehändlern.«
-
-»Sie verstehen mich nicht,« sagte der Goldschmied lächelnd, »ich kann
-doch keinen Schnittladen etabliren! Ich meine: der Herr Schichtmeister
-soll mir von seiner Waare liefern.«
-
-»Von meiner Waare?« rief der Schichtmeister zusammenfahrend, »was hab'
-ich denn für Waare?«
-
-»Ich glaube, die Frau Schichtmeisterin versteht mich nun, ich kann mich
-nur auf Waare einlassen, die in mein Fach schlägt, denken Sie, ich wäre
-der Schuster und Sie der Gerber, liefern Sie dem Schuster Leder!«
-
-Der Schichtmeister sah starr zur Erde. Der Wucherer wechselte mit der
-Frau einen Blick der Verständigung.
-
-»Ich sehe, Sie sind unentschlossen,« sagte er dann zu dem
-Schichtmeister, »und Unentschlossenheit steckt an, ich finde doch, es
-sei gut, daß ich mir die Sache selbst erst noch überlege. Was Ihnen
-bedenklich scheint, muß es mir doppelt sein. Gut! ich will aus warmem
-Antheil an Ihrem Familienglück den Wechsel um acht Tage prolongiren,
-bis dahin wollen wir uns den Handel überlegen, aber ich schwöre, daß
-ich länger keinen Augenblick warten kann.«
-
-Wie Verhungernde ein Brodkrümchen, ergriffen die beiden Gatten die
-dargebotene Frist. Sie schmeichelten sich mit der Hoffnung, daß
-inzwischen der Erbschaftsstreit sich entscheiden und sie in den Besitz
-der nöthigen Zahlungsmittel bringen müsse. So gingen sie heim.
-
-
-VII.
-
-Der Schichtmeister und seine Frau sollten sich sehr bald enttäuscht
-sehen. Am folgenden Morgen brachte der Postbote ein Schreiben von
-ihrem Sachwalter aus der Kreisstadt, dem das appellationsgerichtliche
-Erkenntniß in ihrer Sache beilag, und dieses Erkenntniß sprach der
-Gegenpartei die Erbschaft ungetheilt zu. Das war ein fürchterlicher
-Schlag. Zwar vertröstete der Sachwalter auf das drittinstanzliche
-Urtheil, welches gewiß das erste Erkenntniß wieder herstellen würde, --
-aber welche weit hinausgeschobene Aussicht war das, wie nutzlos für die
-Gefahr, in der man schwebte!
-
-Brunhild, welcher aus den aufgeregten und verstörten Mienen ihrer
-Eltern eine Ahnung von dem Inhalte der Hiobspost aufging, nahm die
-Mutter auf die Seite und erbot sich, all' ihren Schmuck, selbst den
-bezahlten, zurückzugeben; die Mutter und Schwester sollten das Gleiche
-thun, um den Goldschmied zu befriedigen.
-
-»Wo denkst Du hin, Kind?!« rief die Frau; »in einigen Tagen sollen
-wir zu Deinem Schwiegervater reisen, sollen uns dem freiherrlichen
-Hause präsentiren! Wie können wir so ärmlich auftreten, nachdem uns
-die gnädige Frau so geschmückt gesehen! Da müßte sie ja denken, wir
-hätten die Sachen blos geborgt gehabt. Nein, das geht nicht! Nur nicht
-ängstlich, meine Tochter! Es wird sich Alles machen. Der Goldschmied
-wird befriedigt, kümmere Dich um nichts!« Und sie ging zu ihrem Gatten,
-der bei ihrem Eintritte schnell ein paar Terzerole im Pulte verbarg.
-Sie bat ihn, mit in den Wald zu gehen, und er folgte ihr.
-
-»Noth kennt kein Gebot!« begann sie unter den Bäumen, nachdem sie sich
-sorgfältig umgesehen. »Wir müssen uns in das Unvermeidliche schicken;
--- einmal ist nicht immer, -- und den kargen Gewerken, die ihrem
-Schichtmeister längst hätten eine Gehaltzulage geben können, da der
-Vater Abraham so höflich geworden, geschieht nur Recht, wenn wir uns
-selber helfen.«
-
-»Weib!« rief der Schichtmeister, -- »wo denkst Du hin? Es hieße ja
-ewige Schande über uns Alle bringen, wenn ich solche Untreue verübte.
-Nein, lieber geh' ich ins Gefängniß, oder --«
-
-»Und zerstörst das Glück Deiner Tochter, ja aller Deiner Kinder! Ich
-fürchte nicht, daß Du solch ein Rabenvater sein wirst. Brunhilds
-schönes Herz bräche auf der Stelle, zerrisse ihr Bund mit Alexis, --
-denn die Tochter eines Schuldgefangenen kann nicht mehr hoffen, Baronin
-von Brunn genannt zu werden.«
-
-»O Gott! mein Gott! welche Qual!« klagte der Mann; »ich sehe keine
-Möglichkeit der Rettung. Ich bin gestern bei Pontius und Pilatus
-gewesen, um Geld zu erborgen, -- verlorne Mühe! Alles zog sich hinter
-Ausflüchte zurück. Es steht schrecklich, schrecklich mit uns!«
-
-»Nicht so schrecklich, als es Dir die Muthlosigkeit vorspiegelt,«
-versetzte die Frau, »Du wärest nicht der Erste, der sich auf die Art
-rettete, wie ich meine -- ein paar Centner Erz sind bald auf die Seite
-geschafft.«
-
-»Aber, Weib! wenn es herauskäme.«
-
-»Ja, dafür muß man sorgen, daß es nicht herauskommt.«
-
-»Wie wäre das möglich? Ja, wenn der alte gute Steiger Meier -- --« er
-konnte nicht vollenden; ihm fiel die Warnung seines Vaters ein, und ein
-Schauer durchrieselte ihn.
-
-»Du meinst, wenn der noch lebte, ließe sich eher etwas wagen, als unter
-den Späheraugen des neuen Steigers? Wolltest Du nicht so sagen?«
-
-Der Schichtmeister seufzte tief auf. -- »Bertha! brechen wir ab von dem
-Capitel!«
-
-»Nein, Schatz! wir müssen ins Reine kommen, was geschehen soll.
-Geschehen muß etwas; wir sind es unsern Kindern schuldig, daß wir
-handeln. Es ist mein einziger Stolz, meine Kinder zu Glück und Ehre zu
-bringen. Es sind Deine Kinder, Fritz! die liebsten, schönsten Kinder
-der Gegend. Sie dürfen nicht in Dunkelheit und Elend verkommen! Auf,
-Mann! Vater!«
-
-»Aber der Steiger -- der Ferdinand -- er hat seine Augen überall.«
-
-»Der Spion! -- Aber halt! -- ich entsinne mich -- wart' einmal, Mann!
-ich denke, wir werden den Aufpasser los.«
-
-»Wie so?«
-
-»Nun, laß mich nur machen! Ein Freund hat mir gestern etwas
-zugeflüstert. Ich gehe diesen Nachmittag wieder in die Stadt, um das
-Nähere zu erforschen.«
-
-»Vater! Mutter!« rief jetzt eine Stimme vom Huthause her. Es war
-Brunhilds Stimme. Die Gatten folgten dem Rufe und trafen vor dem Hause
-den Zubußboten, der den Schichtmeister einlud, den Nachmittag um 4
-Uhr in der Wohnung des Gelbgießers Mickley zu einer Berathung des
-Gewerkeausschusses sich einzufinden.
-
-»Das paßt prächtig, da können wir zusammen gehen!« rief die
-Schichtmeisterin. -- Und so geschah es.
-
-Dem Schichtmeister wurde vom Ausschusse der Beschluß mitgetheilt,
-es solle ein Versuch gemacht werden, den alten Vater Abraham wieder
-zu befahren, und man wolle ihm diesen Versuch unter Zusicherung
-einer Gratification von 100 Thlrn. von der nächsten Quartalausbeute
-übertragen. Der Schichtmeister war überrascht, sich zu einem Wagstück
-erlesen zu sehen, das er früher widerrathen -- und doch erschien es ihm
-wie ein vom Himmel selbst ihm gewiesener Ausweg aus den Verstrickungen
-der Schuld. »Lieber ehrenvoll im Berufe sterben, als der Schande
-verfallen!« dachte er, -- »und wenn ich als ein Opfer meiner Pflicht
-sterbe, wird meiner Familie der Antheil aller Guten -- dann ist auch
-das Glück meiner Brunhild gewahrt!« Laut und fest erklärte er seine
-Bereitwilligkeit, den Auftrag auszuführen.
-
-Der Ausschuß war theils verwundert, theils erfreut hierüber. Man
-rühmte den mannhaften Sinn, der noch immer unter dem Bergstande nicht
-erstorben wäre; doch unterließ man auch nicht, ihn auf die Gefahr
-aufmerksam zu machen, der er entgegenging, man erinnerte ihn an seine
-zahlreiche Familie und wie es ihm Niemand verargen werde, wenn er
-um der Seinen willen einem Jüngeren, Familienlosen, vielleicht dem
-Steiger Bergner, das gefahrvolle Unternehmen überließe. Aber er blieb
-bei seiner Erklärung und verließ am Ende mit leichterem Herzen als er
-gekommen, die Versammlung.
-
-Der Schichtmeister fand seine Frau bei Klotilden. Sie war nicht
-so heiter gestimmt wie er, denn sie hatte den Doctor nicht daheim
-getroffen. Dieser hatte einen Ausflug gemacht, von dem er erst den
-dritten Tag zurückkehren würde. Der Schichtmeister theilte ihr, nachdem
-Klotilde entfernt worden, das auf seiner Seite Geschehene mit.
-
-»Gott im Himmel!« rief die Frau entsetzt aus, »und darüber kannst Du
-froh sein Mann? Siehst Du denn nicht ein, daß das nur eine Falle ist,
-die sie Dir legen? Sie wollen Dich los sein und ihren Liebling, den
-Schleicher Ferdinand, an Deine Stelle bringen! Es ist eine Verschwörung
-gegen Dein Leben, -- begreifst Du das nicht?«
-
-»Du bist entsetzlich, Bertha! Die Herren haben mich wohl auf die Gefahr
-aufmerksam gemacht und wollten mir es gar nicht verargen, wenn ich eben
-dem Ferdinand das Wagstück überließe. Aber das duldet einmal meine
-bergmännische Ehre nicht, und dann ist es für mich der einzige Weg, mit
-Ehren aus dieser verzweifelten Lage zu kommen.«
-
-»Nein! nein!« rief sie, ihm um den Hals fallend. »Ich lasse Dich
-nicht, Du darfst Dich nicht opfern, darfst Deine Kinder nicht zu
-Waisen machen!« Plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke, -- sie fuhr in
-die Höhe, ihre Augen funkelten, ihre Nasenflügel dehnten sich weit.
-»Ich hab's! ich hab's!« rief sie, »weißt Du was? Du versprichst dem
-Ferdinand die Hand der Hedwig, -- und er stiege in die Hölle! Du mußt
-mir und Deinen Kindern bleiben, -- der Ferdinand wird vor Wonne tanzen,
-wenn ihm plötzlich die Hand seines Herzblattes geboten wird. Kostet ihm
-das Wagstück das Leben, nun so stirbt ein lediger Mensch und er stirbt
-im Rausche des Glückes; kommt er davon, nun, so muß die Verlobung so
-lange geheim bleiben, bis Brunhild Baronin von Brunn ist!«
-
-»Aber was wird dann aus mir? Wie entrinn' ich den Klauen des Wucherers?«
-
-»Folge nur jetzt dem Fingerzeig des Himmels! das Uebrige findet sich.«
-Bei sich dachte sie: ist nur erst der Aufpasser vom Wetter erschlagen,
-so haben wir freies Spiel auf dem Vater Abraham; es fällt mir nicht
-ein, den gemeinen Menschen in die Familie aufzunehmen. Es ward ihr
-nicht leicht, den Gatten von seinem gefaßten Entschlusse abzubringen;
-aber endlich siegte der Gedanke, seiner halbverwaisten und arg
-zurückgesetzten ältesten Tochter sich endlich einmal väterlich gerecht
-erweisen zu können, über seine Bedenken; und er überließ sich wieder
-ganz dem Einflusse seiner Frau.
-
-Ferdinand hatte sich inzwischen mit dem ganzen Feuer seines
-wißbegierigen Geistes über das Werk gemacht, das ihm von dem
-Obereinfahrer geschenkt worden war. Es war Müller-Pouillet's großes
-physikalisches Werk, für den armen Steiger ein außerordentlicher
-Schatz. Der Zufall hatte gewollt, daß ihm im ersten Durchblättern
-des Werkes die Beschreibung der von Humphry Davy erfundenen
-Sicherheitslampe in die Augen gefallen war, und in der Erinnerung an
-das letzte Gespräch mit Mickley ergriff er sogleich den Gedanken, eine
-solche Lampe nach Anleitung des Buches zu construiren. Er eilte in die
-Stadt und kaufte sich den dazu erforderlichen feinen Draht. Mochte nun
-der Schichtmeister selbst den Auftrag der Gewerken übernehmen oder ihm
-die Ausführung überlassen, jedenfalls sollte die Sicherheitslampe dabei
-ihre Dienste leisten.
-
-Es war kurz vor dem Schichtwechsel, wo er, schon wieder aus der Stadt
-zurückgekehrt, mit Hedwig und ihrem Großvater auf der Hausbank saß
-und Beiden seine schöne Entdeckung mittheilte, als Hedwigs Eltern
-heimkehrten. Der Schichtmeister forderte ihn sogleich auf, mit ins
-Zimmer zu kommen, und fragte ihn hier, ob er Hedwigs Hand unter der
-Bedingung annehme, daß er sich der Versuchsfahrt in den alten Schacht
-unterziehe. Dem jungen Manne war, als thäte sich plötzlich der Himmel
-vor ihm auf. »Und wenn zehntausend Kobolde darin hausten, ich führe
-hinein!« rief er trunken vor Entzücken, -- »aber ich nehme Sie beim
-Wort.«
-
-»Hier meine Hand!« sagte der Schichtmeister. »Bertha, gieb ihm die
-Deine auch zur Bekräftigung, daß er unser Schwiegersohn werden soll,
-wenn --«
-
-»Lassen Sie mich Hedwig mit dem Großvater holen und verloben Sie uns
-ordentlich,« bat Ferdinand und eilte hinaus. Thränen rollten über seine
-Wangen, als er zu den Beiden trat und sie, keines Wortes mächtig, auf-
-und mit in die Stube zog. Als Hedwig hier ihr Glück erfuhr, sank sie
-entzückt erst dem Vater, dann der Mutter an die Brust, dann in die
-Arme ihres Trauten. Das Verlöbniß ward unter der Bedingung vorläufiger
-Geheimhaltung geschlossen. Als Hedwig hinterher erfuhr, um welchen
-Preis ihr Glück erkauft worden, erschrak sie freilich; aber Ferdinand
-tröstete sie mit seiner Sicherheitslampe.
-
-Die Versuchsfahrt wurde auf übermorgen festgesetzt. Bis dahin wollte
-der Schichtmeister alle nöthigen Vorbereitungen dazu treffen. Der
-Hutmann, welcher seine Schwiegertochter halb durchschaute, sorgte
-dafür, daß sie ihr Wort später nicht zurücknehmen konnte; obgleich das
-Schreiben bei ihm schwer ging, so ließ er sich's doch nicht verdrießen,
-sogleich ein Anerkenntniß des geschlossenen Verlöbnisses aufzusetzen
-und es von beiden Eltern unterschreiben zu lassen. Er sorgte auch
-dafür, daß die Zurüstungen zur Befahrung des alten Schachtes streng
-nach der Regel getroffen wurden. Haspel, Seil, Signalschnur und Glocke,
-Fahrstuhl, -- Alles untersuchte er genau und ließ es wohl befestigen.
-Die zuverlässigsten Häuer wurden zur Dienstleistung bei dem Unternehmen
-ausgewählt.
-
-Dieses selbst fand statt in Gegenwart des Ausschusses und einer
-bergamtlichen Commission, zu welcher der Obereinfahrer gehörte.
-Freudig, in seinem besten Grubenkleide, seine Sicherheitslampe in der
-Blende und mit Schlägel und Eisen bewaffnet, ging Ferdinand ans Werk.
-Der Kuß der Liebe hatte ihn dazu geweiht, ihm schien es gefeit. Den
-Zeugen war nicht wohl zu Muthe, als Ferdinand in den Stuhl stieg und
-die Haspeldreher an ihre Kurbeln griffen. »Es gilt zwölf Schichten für
-einen Jeden von Euch!« rief ihnen der Gelbgießer zu. Es hätte dieses
-Versprechens nicht bedurft, denn die beiden Knappen hätten für ihren
-Steiger das Leben gelassen. Der Stuhl wurde über die Mündung gehoben
-und nun schwebte der kühne Schachtergründer frei über der grauenvollen
-Tiefe. Die Zuschauer erbleichten. -- »Los!« rief Ferdinand, und der
-Haspel begann zu arbeiten. »Glückauf!« rief der Verschwindende, und
-das Tageslicht schloß sich über ihm. Athemlos stand Alles umher, nur
-das Schnurren des Seiles unterbrach die Stille. »Wißt Ihr was?« brach
-endlich der Gelbgießer das Schweigen gegen seine Ausschußgenossen, »ist
-Alles, wie wir hoffen, so wollen wir ein paar Hundert Thaler nicht
-ansehen, es ist bei Gott ein Stück Arbeit, an das Keiner von uns um
-manches Tausend gehen möchte! Wir wollen dem braven Manne ein Geschenk
-von 300 Thalern aussetzen und dem Schichtmeister die schon bewilligten
-100 Thaler zur Ausstattung seiner ältesten Tochter lassen. Ich verlege
-die Summe und ziehe sie nach und nach von der Ausbeute ab.« Es war der
-rechte Moment, Alle zu einer solchen Verwilligung geneigt zu finden;
-Angesichts der grausen Gefahr hatte Keiner den Muth, sie zu verweigern.
-»Abgemacht also!« sagte Mickley, und ihm war, als könnte er das Weitere
-nun leichtern Herzens abwarten. Die ganze Verhandlung aber war von
-dem Schichtmeister vernommen worden, und er hätte sich in den Schacht
-stürzen mögen, daß er sich um den reichen Lohn gebracht, der ihn aus
-aller Bedrängniß retten konnte.
-
-Langsam wand sich das Seil von seiner Walze; die Augen der Anwesenden
-waren bald auf diese, bald auf das Glöcklein gerichtet, welches mit
-der Signalschnur verbunden war, die sich von einer am Fahrstuhl
-angebrachten Rolle selbst abwickelte. Verabredeterweise sollte auf
-dreimaliges Läuten der Glocke hinter einander das Seil sogleich
-aufgewunden werden. Auf blos zweimaliges Läuten sollte man den Haspel
-nur in Ruhe stellen. Ring nach Ring verschwand von dem Haspel, das
-Glöcklein blieb unbewegt. Erst als das Seil bis auf wenige Ringe
-abgelaufen war, bewegte sich plötzlich die Schnur; Alles blickte auf
-die Glocke und lauschte, -- einmal -- zweimal; -- »in die Ruhe!«
-commandirte der Schichtmeister mit dem Hutmann zugleich. »Er hat gleich
-die tiefste Strecke genommen,« sagte der Obereinfahrer, »und nun
-schütze ihn Gott vor schlagendem Wetter!«
-
-Der Hutmann nahm seine Kappe ab und faltete die Hände; die Andern
-folgten seinem Beispiel, die ganze Versammlung war eine stille,
-betende Gemeinde. Aber Niemand von ihr hatte eine Ahnung von der
-einsamen Beterin, die draußen an einer Ecke der Halde hinter einem
-Fichtengebüsch knieete. Es war Hedwig, die nicht im Huthause hatte
-bleiben können, sondern von dem stürmisch bewegten Herzen in die
-Nähe des Ortes getrieben worden war, wo sich für sie Leben oder Tod
-entschied.
-
-Es war das Leben, das der Ewige Hedwig beschieden hatte. Nach Verlauf
-einer furchtbaren Stunde ertönte die Glocke von Neuem, und dies Mal
-in drei Pulsen. Hedwig kannte das Zeichen; hochauf jubelte ihr Herz;
-ein Ausruf des heißesten Dankes zum Himmel empor, und auf sprang sie,
-keine falsche Scheu hielt sie zurück, sie mußte dabei sein, wenn der
-Geliebte das Tageslicht wieder begrüßte, ihr Glückauf durfte nicht
-fehlen, wenn die, die ihn nicht liebten wie sie, ihm das ihrige
-entgegenriefen. Und da stand sie nun unter der Thür der Kaue zur Seite
-des Gelbgießers, und der sah zum ersten Male das holde Geschöpf, das
-der höchste Preis für die That seines jungen Freundes sein sollte. Der
-ehrliche Bürger ahnte gleich, daß diese und keine Andere die Erwählte
-sei, und er nahm ihre Hand und flüsterte: »Der Herr hilft, -- ich
-wünsche Glück zum Brautstand!« Lauter schnurrte das Seil, rüstiger
-drehten die Haspler, da halt! was war das? ein Angstschrei entrang
-sich Hedwigs Herzen, die Glocke klang, -- aber nein; nur ein Zufall
-bewegte die Schnur und vorwärts geht das Drehen, -- bald erglänzt der
-schwarze Schlund in einem goldenen Dämmer, -- noch ein paar Windungen,
-da taucht der Schachthut, der Kopf empor. »Glückauf!« ruft hell und
-stark der glückliche Teufenfahrer; -- »Glückauf! Glückauf!« rufen alle
-Männer, daß die alte Kaue erzittert und der Wald erdröhnt, -- aber wo
-bleibt denn Dein Glückauf, Du süße, liebeglühende Maid? Ach! Deine
-Seligkeit ist viel zu groß, als daß sie laut werden dürfte vor den
-Menschen, und ohne zu wissen, wie es geschieht, sinkst Du an die Brust
-dessen, den Gott Dir neu und nun wohl auf immer geschenkt. Vergessen
-ist das Versprechen des Geheimnisses, rein vergessen; der Augenblick
-ist zu groß für kleinliche Rücksichten, und wenn Könige und Kaiser
-zugegen wären und der Großmogul Euer künftiger Schwager, Ihr müßt
-Euch umarmen und vor Gott und der Welt bekennen, daß Euch eine Liebe
-eint, die stärker ist als der Tod. -- Erst dann mögen die Herren der
-Commission und des Ausschusses den Bericht vernehmen. Der Bericht war
-kurz, aber wenn auch etwas grauenhaft, doch in bergmännischer Hinsicht
-befriedigend. Ferdinand hatte die Leichen der einst in der Grube
-Erschlagenen gefunden, aber auch den alten Gang; und eine Stufe, die er
-abgeschlagen, erwies sich als reichhaltiges Silbererz, das den neuen
-Angriff des alten Baues wohl verlohnte.
-
-»Das ist Alles gut,« sagte der Obereinfahrer, der Ferdinands Geheimniß
-von der Sicherheitslampe kannte; »aber wir sind noch nicht versichert
-wegen der schlagenden Wetter.«
-
-»Doch,« erklärte Ferdinand; »auch das hab' ich nicht ungeprüft
-gelassen. Ich hatte mich mit Wachszündern versehen, die ich bei der
-Einfahrt von Zeit zu Zeit anzündete und fallen ließ; an ihrem schönen
-Fortbrennen überzeugte ich mich, daß der Schacht weder schlagende
-noch erstickende Wetter hatte, und unten in der söhligen Strecke zog
-ich einen langen Schwefelfaden viele Lachter weit hinter, den zündete
-ich vorn an und ließ das Feuer hinter laufen; nicht ein Lüftchen
-rührte sich. Wahrscheinlich sind in der langen Zeit, daß Niemand unten
-gewesen, die freien Spalten, durch welche die Wetter früher eindrangen,
-verwachsen; denn auch die Erdrinde, die man für starr und todt hält,
-ist ja fortwährenden Veränderungen unterworfen.«
-
-»Bravo!« sagte der Obereinfahrer; »so gratulire ich den Herren Gewerken
-vom Vater Abraham und empfehle diesen wackern, einsichtsvollen Steiger
-ihrer Gunst. Ich hoffe, wir werden uns von nun an öfter sehen, mein
-lieber Freund und -- Schwager! Denn daß Sie das werden wollen, hab' ich
-so eben gesehen!« Damit reichte er dem glücklichen Ferdinand die Hand.
-
-»Da siehst Du, was Deine Stiefmutter für eine Gans ist,« murmelte der
-Hutmann Hedwig zu, »der Herr Obereinfahrer freut sich, einen solchen
-Schwager zu haben.«
-
-Das Mädchen drückte ihm in namenloser Seligkeit die Hand. Die
-Versammlung bewegte sich nun langsam dem Huthause zu.
-
-Hier war inzwischen der Doctor Meier angekommen und befand sich mit der
-Hausfrau allein in eifrigem Gespräch, als eines der jüngeren Mädchen
-hereinsprang und rief: »Mutter! Mutter! sie kommen!« Die Frau eilte ans
-Fenster. Ein Blick hinaus machte sie erbleichen. »Er lebt, -- er ist
-dabei!« rief sie, »und an seiner Seite die Dirne -- und der Baron, --
-ich kriege den Tod!«
-
-»Nur ruhig, meine Beste!« sagte der Doctor, »wenn Ihre Mine nicht
-wirkt, so wirkt die meinige. Verlassen Sie sich auf mich und treten Sie
-der Gesellschaft heiter entgegen!«
-
-Gleich darauf trat die Gesellschaft ein.
-
-
-VIII.
-
-Der Doctor hielt sich nur noch wenige Augenblicke im Huthause auf. Er
-eilte nach Pobersdorf zu seinem Vetter, dem er sich früher eben so
-sehr entfremdet hatte wie seinem Schulkameraden Ferdinand, dem er aber
-wieder näher getreten war, als er glaubte, ihn brauchen zu können.
-
-»Ich glaube, Du hast es jetzt in der Hand, Steiger auf dem Vater
-Abraham zu werden,« so eröffnete er jetzt seine Verhandlung mit ihm.
-
-»Wie so?« fragte der Bergmann stutzig.
-
-»Ich habe in der Stadt von Erzpartirerei gehört, die auf dem Vater
-Abraham getrieben werden soll. Du weißt, der Obereinfahrer ist mein
-Freund; der hat schon lange auf den Grund des Gerüchtes gespürt, aber
-umsonst. Durch einen Zufall glaub' ich dem Erzdiebe auf die Spur
-gekommen zu sein; aber da ich nicht gut selbst die Spur verfolgen
-konnte, so schwieg ich gegen meinen Freund davon. Täuscht mich die Spur
-nicht, so ist kein Anderer der Dieb als der -- wie heißt er doch! --
-nun, der Dir die Steigerstelle vor der Nase weggeschnappt hat.«
-
-»Ach, Du meinst den Bergner Ferd--,« sagte der Vetter, »bist ja mit
-ihm in die Schule gegangen, -- der sollte Erz gestohlen haben? --
-Ja, -- meiner Treu! jetzt geht mir ein Licht auf: Der »Boß!« hat 100
-Thlr. in der Sparkasse und einen ganzen Schrank voll Bücher, so viel
-Geld hat ein Häuer nicht übrig, und wenn andere Bergleut' ihre freie
-Zeit zu Nebenverdienst verwendet haben, ist er daheim gesessen und
-hat gezeichnet, geschrieben, gerechnet und in Büchern gelesen; da hat
-er gut gescheidter werden können als Andere, aber er hat auch weniger
-verdient dabei und doch 100 Thaler gespart, -- das geht nicht mit
-rechten Dingen zu.«
-
-»Nun, ich denke, ich habe seine Geldquelle entdeckt,« sagte der Doctor,
-»aber ich müßte aus dem Spiele bleiben.«
-
-»Wenn ich Etwas finde, brauch' ich's nur meinem Schwager, dem
-Bergamtsboten zu stecken, der wird's schon vor die rechte Schmiede
-bringen.«
-
-»Ganz recht so! mach' Deine Sache, ich werde bei meinem Obereinfahrer
-das Meinige für Dich thun.« Hiermit schied er.
-
-Die Gesellschaft hatte sich vom Huthause verloren. Ferdinand war
-angefahren, und Hedwig waltete in der Küche. Da trat ihre Schwester
-Brunhild zu ihr. »Du hast recht viel Drasch um meinetwillen,« sagte sie
-in ihrer gewohnten, nur etwas schüchternen Freundlichkeit.
-
-»Arbeiten ist mir ja eine Lust,« erwiederte Hedwig. »Ich wollte, ich
-könnte wirklich etwas für Dich thun; Du warst immer so gut mit mir,
-wenn Du's auch vor Deiner Mutter nicht so merken lassen durftest; ich
-hätte gern an Deiner Garderobe mitgeholfen, aber da läßt mich die
-Mutter nicht an, weil sie meint, ich hätte keinen Geschmack.«
-
-»Ach, die Mutter quält sich und Andere mit ihrem Geschmacksfanatismus,«
-sagte Brunhild; »ich will froh sein, wenn ich erst bei meinem Alexis
-bin, dann hat doch diese peinliche Mutterfürsorge ein Ende. Sag', hast
-Du den Vater beobachtet?«
-
-»In den Augenblicken, wo ich mit ihm zusammenkomme, wohl,« sagte
-Hedwig, »Du bist mehr um ihn, kommt er Dir denn auch so verstört vor
-wie mir?«
-
-»Das wollt' ich von Dir wissen, -- o Gott! mir liegt eine fürchterliche
-Last auf dem Herzen. Ich habe schon gebetet; es wird nicht anders. Seit
-die Gesellschaft fort ist, kommt mir der Vater ganz verzweifelt vor;
-er hat sich mit der Mutter gezankt und jetzt auf seine Schreibstube
-eingeschlossen. Mit der Mutter läßt sich auch seit gestern kein
-vernünftiges Wort mehr reden; sie ist so leidenschaftlich, und manchmal
-erschreckt sie mich fast durch ihren Blick. Ich habe sie noch nie so
-gesehen! Höre Du mich, Hedwig, Du bist gut und klug, glaube mir, ich
-nehme den herzlichsten Antheil an Deinem Glücke, wenn ich mir es auch
-vor der Mutter nicht so merken lasse.«
-
-Hedwig zog sie an sich und küßte sie.
-
-»Was ich Dir sagen wollte,« fuhr Brunhild fort, »mir ahnt ein Unheil,
--- und ich bin eigentlich die Hauptursache davon. Meinetwegen haben
-sich die Eltern in Schulden gestürzt. Freilich hab' ich gegen den
-übertriebenen Aufwand geredet, aber die Mutter ließ sich nicht weisen,
-es wurde gekauft und geborgt auf die Erbschaft los, und darauf hin hat
-sich der Vater auch verleiten lassen, dem Goldschmied einen Wechsel von
-vierhundert Thalern auszustellen, der in diesen Tagen fällig ist. So
-viel ich wegbekommen habe, ist der Erbschaftsproceß verloren, und nun
-soll der Vater den Wechsel decken und kann es nicht.«
-
-»Und was droht ihm da?« fragte Hedwig bebend.
-
-»Gefängniß, der Gläubiger kann ihn so lange setzen lassen, bis er
-zahlt.«
-
-»Barmherziger Gott!« rief Hedwig, »aber so weit wird's doch der
-Goldschmied nicht treiben?«
-
-»Du kennst den Mann nicht,« sagte Brunhild, »das ist ein Shylock; o,
-der Vater ist in fürchterliche Hände gerathen und um meinetwillen!«
-
-Beide Mädchen mußten weinen. Nach einiger Zeit sagte Hedwig: »Aber
-unser Klagen nützt nichts, wir müssen auf Mittel denken, dem Vater zu
-helfen.«
-
-»Ich habe mir schon den Kopf zerbrochen,« sagte Brunhild, »aber ich
-sehe keinen Ausweg. Ich war heimlich in der Stadt und wollte dem
-Goldschmied meinen ganzen Schmuck geben; er nahm ihn nicht, in fünf
-Tagen wolle er den Wechsel baar gedeckt sehen, sagte er.«
-
-»Halt! ich hab's!« rief Hedwig, »der Gewerkenausschuß hat meinem
-Ferdinand 300 Thaler Belohnung für die Befahrung des alten Schachtes
-zugesichert, 100 Thaler hat er in der Sparcasse, das sind 400 Thaler,
-die muß er dem Vater leihen!«
-
-»Wird er das wohl thun?«
-
-»So gewiß, als es Dein Baron thun würde, wenn Du ihn darum bätest. Aber
-bei Euch vornehmen Leuten liegt ewig noch eine Scheidewand zwischen den
-Seelen, wenn Ihr Euch auch noch so sehr liebt!«
-
-»Ich hätte wahrlich nicht den Muth, an meinen Alexis solch eine Bitte
-zu richten.«
-
-»Das kommt von der Unnatur her, in die Du hineingezwängt worden bist;
-es ist ein Wunder, daß Du noch so gut und lieb geblieben. Ich hoffe,
-wenn Du erst ganz bei Deinem Alexis sein wirst, wird die gesunde Natur
-bei Dir wieder zu ihrem vollen Rechte kommen. Gräme Dich also nicht
-mehr um den Vater, fünf Tage noch hat es Zeit mit dem Wechsel, da ist
-er gedeckt.«
-
-Brunhild umschlang die edle Schwester und ergoß zum ersten Mal ihr
-ganzes volles Herz vor einer verwandten Frauenseele. Gleich darauf
-erschien der Baron und brachte die Nachricht, eine Tante von ihm sei
-angekommen, wolle aber noch heute nach Schloß Scharfenstein, wohin sie
-geladen worden. Und da er selbst seine Braut dort noch vorzustellen
-habe, so wolle er mit ihr die Tante begleiten. Die Schichtmeisterin
-fand es von selbst verständlich, daß Brunhild von der Partie war, und
-diese glaubte jetzt ohne Angst um den Vater, sich auf ein paar Tage
-entfernen zu dürfen.
-
-Als Ferdinand ausfuhr, gab Hedwig ihm eine Strecke weit das Geleit und
-theilte ihm die Bedrängniß ihres Vaters mit. Er war mit Freude zur
-Hülfe bereit. »Morgen wird mir wahrscheinlich das Geld für die Fahrt
-ausgezahlt,« sagte er, »wenn nicht, so gehe ich übermorgen früh in die
-Stadt und dem Mickley nicht vom Halse, bis ich das Geld habe. Dann ist
-die Sache abgemacht. Aber sag' Deinem Vater nichts davon, Du weißt, ich
-liebe es nicht, über solche Dinge viel Geräusch zu machen. Uebermorgen
-bringe ich Dir den quittirten Wechsel.«
-
-Dabei blieb es. Als Hedwig bei ihrer Rückkehr dem Vater unter der
-Hausthür begegnete, flüsterte sie ihm zu: »Hoffe und vertraue, es ist
-Hülfe nah!«
-
-Er sah ihr forschend in das mondbeglänzte Gesicht. Ihr Auge schwamm in
-Thränen, aber ihren Mund umspielte ein seliges Lächeln. Er streichelte
-ihr die Stirn und sagte: »Du sprichst wie ein Engel, -- ach --« aber
-das Dazwischentreten seiner Frau schloß ihm den Mund.
-
-»Wo steckst Du denn so lange?« herrschte sie Hedwig zu, »geh' doch an
-Deine Arbeit!« Dann wollte sie mit dem Gatten ein Gespräch anknüpfen,
-aber der machte sich unwillig los. -- »Du bist mein Dämon!« sagte er
-und ging in seine Schreibstube, wo er sich wieder einschloß.
-
-Hier lagen die Terzerole frei auf dem Tische. »Heute noch nicht!«
-sprach er und verbarg sie nochmals, »die Engelsstimme hat noch einmal
-Hoffnung in mein Herz gesenkt. Hoffe und vertraue, es ist Hülfe nahe!
-so sprach das verkannte, verstoßene Kind, -- o wie hab' ich das an ihm
-verdient? -- Weiß sie meine Lage und hat sie den Ferdinand zur Hülfe
-aufgefordert? Der könnte helfen; aber ich selbst hätte nicht den Muth,
-den edlen Menschen anzusprechen, den wir erst zu verderben getrachtet.
-O Gott! wie gerecht bist Du! Den wir verderben wollten, der ist mit
-Ehre gekrönt, und er trägt den Lohn davon, der unser hätte werden
-können. Jetzt wären wir gerettet, -- o Weib! Weib!« -- Er versank eine
-Zeit lang in trübes Brüten; nach und nach wurden seine Züge weicher und
-Thränen entquollen seinen Augen. -- »O Gott! o Gott! wie tief bin ich
-gefallen!« rief er aus und sank auf seine Kniee zum brünstigen Gebete.
-
-Der folgende Tag verging ziemlich still im Huthause, nur daß zwischen
-den beiden Gatten wieder ein verdrießlicher Auftritt stattfand, nach
-welchem der Schichtmeister sich in sein Zimmer schloß, und seine
-Frau von Stunde zu Stunde widerwärtiger gegen ihre Umgebung wurde.
-Niemand hatte darunter mehr zu leiden als Hedwig, doch trug sie Alles
-mit stiller Geduld; sie fühlte, daß ihre Tyrannin der elendere und
-beklagenswerthere Theil war.
-
-Da Ferdinand an diesem Tage das ihm zugesicherte Geschenk nicht
-erhielt, so machte er sich den folgenden Morgen auf den Weg nach der
-Stadt, um es zu fordern. Es bedurfte nur eines Wortes bei dem biedern
-Gelbgießer, um diesen zur Zahlung zu vermögen. Dreihundert baare
-Thaler wurden dem armen Bergmann zugezählt, -- eine Summe, die er
-nie beisammen gesehen, geschweige denn sein genannt hatte! Was würde
-der Sparcassenmann für Augen machen, wenn er eine solche Einlage
-brächte. Aber was machte er für welche, als der sparsame Knappe sein
-ganzes Guthaben verlangte und auch nicht eher vom Platze wich, bis er
-es hatte! Froh wie Gott ging Ferdinand dann zu dem Goldschmied und
-erklärte, von dem Schichtmeister abgeschickt zu sein, den Wechsel
-einzulösen.
-
-Der Goldschmied riß erstaunt die Augen auf, wollte Bedenklichkeiten
-erheben, aber Ferdinand hatte in seinem Wesen so etwas Gebietendes, daß
-der Wucherer sich gezwungen fühlte, den Wechsel herbeizuschaffen, zu
-quittiren und Ferdinand einzuhändigen. Kaum war dies geschehen, als die
-Ladenthür aufging und außer dem Bergschreiber und dem Bergamtsdiener
-einen Gerichtsactuar und den Gerichtsfrohn einließ. »Da finden wir
-die Compagnons gleich beisammen,« sagte der Bergschreiber. »Im
-Namen des Gesetzes erkläre ich diese beiden Herren für Gefangene!«
-sagte der Actuar; »ich hoffe, Sie werden sich Ihr Loos nicht durch
-Widersetzlichkeit erschweren!«
-
-Der Goldschmied bebte wie ein Espenblatt, indeß Ferdinand sich blos
-verwunderte. »Da muß ein Irrthum walten,« sagte er, »und der wird sich
-bald aufklären; ich gebe mich ruhig gefangen.« Der Goldschmied erhob
-allerlei Einwände; seine Frau kam herbeigeheult und wollte ihn nicht
-fortbringen lassen. Es half aber Alles nichts, die Verhaftung wurde
-vollzogen.
-
-Der Vetter des Doctors war rasch zu Werke gegangen, aber er würde
-seinen Zweck nicht so bald erreicht haben, hätte nicht die von den
-Geschwistern des Lehrburschen vom Gelbgießer Mickley verschleppte
-Silberstufe ihren Weg schon vorher in die Hände des Bergamtsboten
-gefunden gehabt. Dieser hatte nachgeforscht, woher die Stufe gekommen;
-und als nun sein Schwager ihm mittheilte, welche Entdeckung er in der
-alten Jacobszeche gemacht, da hatte es gar keiner Weitläufigkeiten
-bedurft; jener war in die Bergkanzlei gegangen und hatte dem
-Bergschreiber Anzeige erstattet. Es war sofort eine bergamtliche
-Untersuchung der Jacobszeche vorgenommen und dort das vom Doctor dahin
-getragene Erz gefunden worden.
-
-Mit großer Verwunderung sah der Gelbgießer Mickley seinen Schützling in
-Gesellschaft der Bergamts- und Gerichtspersonen sammt dem Goldschmied
-über den Markt nach dem Rathhause gehen. Bald erfuhr er die Bedeutung
-dieses Aufzuges. Sogleich zog er sich an und eilte aufs Rathhaus, um
-dem Gericht seine Bürgschaft für Ferdinand anzutragen. Der Richter
-erlaubte ihm nur, den Gefangenen in Beisein eines Actuars zu besuchen.
-Ferdinand empfing den edlen Freund mit einer Miene, welche das
-unerschütterliche Vertrauen, das dieser in ihn setzte, bestätigte.
-Er erzählte den Hergang der Verhaftung. Der Gelbgießer fragte, ob
-er etwas für ihn thun könne. Ferdinand bat ihn, seiner Mutter in
-beruhigender Weise wissen zu lassen, wo er sich befinde, und seiner
-Braut mitzutheilen, daß der Wechsel eingelöst, ihm aber vom Gericht
-abgenommen wäre.
-
-»Hat Er denn eine Wechselschuld bei dem Wucherer?« fragte Mickley.
-
-»Ich nicht,« sagte Ferdinand, »aber eine mir theure Person.«
-
-»Sollte die Verhaftung mit dem Wechsel in einem Zusammenhange stehen?«
-fragte Jener wieder.
-
-»Ich glaube nicht,« sagte Ferdinand.
-
-»Nun, ich werde Beides bestellen,« versicherte Mickley, »und für eine
-Erquickung will ich auch sorgen.«
-
-»Das Liebste wäre mir ein Buch; meine Mutter soll mir das neue, vom
-Herrn Obereinfahrer geschenkte schicken.«
-
-»So behalt' Er frohen Muth; der liebe Gott wird Ihm schon beistehen.«
-Damit schloß Mickley seinen Besuch.
-
-Hedwig war einen Augenblick durch die ihr vom Gelbgießer selbst
-gebrachte Schreckensbotschaft von der Einkerkerung ihres Geliebten
-wie niedergedonnert. Aber sie raffte sich bald wieder zusammen,
-war er doch unschuldig! Sie erklärte, den Gelbgießer in die Stadt
-begleiten zu wollen. Ihr Vater war im Schacht, und den Widerspruch
-der Mutter, die nicht wußte, was es gab, achtete sie nicht, es war
-ihr erster Ungehorsam. Unterwegs theilte ihr Mickley mit, wie die
-ganze Sache stand, und daß durch die Entdeckung einer beträchtlichen
-Partie reichhaltigen Erzes in der hinter Ferdinands Haus befindlichen
-Jacobszeche dieser allerdings ziemlich belastet erscheine.
-
-»Das Erz hat irgend ein schlechter Mensch hingeschafft!« rief Hedwig
-aus, »und der das gethan, muß einen besondern Zahn auf Ferdinand haben;
-ich weiß aber keinen Feind von ihm zu nennen als den Bergmann Meier,
-der sich auf den Steigerdienst gespitzt hatte, und seinen Vetter, den
-Doctor Meier.« Und sie erzählte, in welcher Weise einst der Doctor mit
-Ferdinand zusammengetroffen war.
-
-»Gut! gut!« sagte Mickley, »jetzt entsinn' ich mich, daß ich den alten
-Steiger Meier in seiner letzten Zeit ein paar Mal bei dem Goldschmied
-habe aus- und eingehen sehen, und nach dem letzten Mal stürzte er
-plötzlich in den Schacht. Ich hatte schon damals meine Gedanken
-darüber, aber ich wollte dem alten Mann nicht Unrecht thun. Wir gehen
-jetzt stracks aufs Stadtgericht; da will ich gleich den Antrag stellen,
-daß alle Papiere des Goldschmieds durchsucht werden!«
-
-So geschah es; auch wirkte der wackere Bürger für Hedwig die Erlaubniß
-aus, den Gefangenen zu sprechen.
-
-Mittlerweile war auf dem Huthause der Doctor Meier erschienen und
-hatte der Schichtmeisterin triumphirend zugerufen: »Die Falle ist zu,
-der Fuchs gefangen!« Diesen Zuruf hörte der in der Küche seine Pfeife
-anzündende Hutmann. Dieser war bei Mickley's Anwesenheit und Fortgehen
-mit Hedwig im Walde gewesen, wußte daher noch nichts von Ferdinands
-Verhaftung. Doch fiel ihm die Aeußerung des Doctors auf, und er
-brachte sie gleich in Zusammenhang mit Hedwigs ganz außerordentlichem
-Gang in die Stadt. Seine Aufmerksamkeit wurde noch mehr erregt durch
-den Jubel, mit dem die Schichtmeisterin den Ruf des Doctors aufnahm.
-»Also der Fuchs ist unschädlich gemacht?« rief sie, -- »o Sie sind
-der Schutzgeist meines Hauses!« -- »Gott behüt' uns vor solchem
-Schutzgeist!« sprach der Greis bei sich; »da ist ein Bubenstück gegen
-meinen Steiger ausgeführt worden!« Er konnte nicht hören, was die
-Beiden weiter verhandelten. Der Doctor entfernte sich bald, und der
-Greis beschloß, auf seine Schwiegertochter Acht zu haben.
-
-Es war nach Tisch. Der argwöhnische Alte raubte sich heute sein
-gewohntes Mittagsschläfchen, um auf Alles zu merken, was im Hause
-vorging. Doch hielt er sich still in seinem Stübchen. Gerade unter
-diesem befand sich die Scheidebank und die damit verbundene Erzkammer.
-Die Scheidearbeit ruhte heute; daher war die Scheidebank verschlossen.
-Der Schichtmeister brauchte die Scheidearbeiter zur Ausbesserung des
-Pumpwerks im Schacht. Dennoch vernahm der Hutmann auf einmal ein
-Geräusch in der Scheidebank oder Erzkammer. Er schlich sich hinaus
-und verbarg sich auf der Treppe. Bald darauf ging die in die Hausflur
-führende Thür der Erzkammer auf, und die Schichtmeisterin trat mit
-einem verdeckten Handkorbe heraus, der ihr sichtlich sehr schwer wurde.
-Sie betrat damit die dunkle Treppe und wurde ihren Schwiegervater erst
-gewahr, als sie dicht vor ihm stand.
-
-»Ei, Frau Tochter! was für schwere Spitzen, Hauben oder Tücher tragen
-Sie denn da?« redete er sie an, und ehe sie es hindern konnte, hatte
-er den Deckel aufgehoben, und die schönsten Erzstufen blinkten ihm
-entgegen. »Ich hätte nicht gedacht, daß meine Sohnsfrau sich so gut auf
-Erz verstände; wahrlich! die besten Stufen hat sie sich herausgeklaubt,
--- kommen Sie doch gefälligst mit herauf, Madame, wir wollen uns oben
-die Dingelchen bei Licht besehen. Nur keine Umstände, sonst ruf' ich
-die Leute vom Göpel herüber und sage ihnen, bei wem sie sich bedanken
-mögen, daß sie zu keiner Lohnverbesserung kommen können.«
-
-Vernichtet folgte die Frau dem strengen Greise auf sein Zimmer. Er
-schloß hinter ihr ab. »Jetzt, Du Weib des Unheils, bekenne: was
-wolltest Du mit dem Erz thun?« Die Frau schwieg lange; aber endlich
-beichtete sie unter strömenden Thränen. Es kam ein seltsames Gemisch
-von wirklicher Mutterzärtlichkeit, Eigenliebe und Hoffart, wie es nur
-in der seichten Lache der Halbbildung möglich ist, zum Vorschein. Und
-als sie ein umfassendes Bekenntniß abgelegt hatte, und das ganze Gerüst
-ihres Hochmuths zusammengebrochen war und sie mit ihm, da sprach der
-Greis: »Unglückselige Frau! Du hast fürchterlich gefrevelt. Du hast uns
-Alle an einen Abgrund gebracht, von dem ich keine Rettung sehe, wenn
-Gott nicht ein Wunder thut!«
-
-»Mutter! Mutter!« rief jetzt eine Kinderstimme von unten. Der Greis
-öffnete die Thür und fragte hinaus, was die Mutter solle. »Es ist ein
-Mann da,« lautete die Antwort. Der Hutmann ging hinab; es war der
-Gerichtsbote, der den Schichtmeister auf das Stadtgericht beschied.
-
-»Was soll er dort?« fragte der Greis voll banger Ahnung.
-
-»Er soll als Zeuge aussagen, ob er dem Steiger Bergner aufgetragen, für
-ihn einen Wechsel zu bezahlen?«
-
-»Wie? weiter nichts? der Wechsel ist bezahlt?«
-
-»Wie die Quittung besagt, die man beim Steiger gefunden.«
-
-»Gut! ich will meinen Sohn gleich aus dem Schacht rufen lassen.«
-
-»Ja, thut das! denn die Freilassung des Steigers hängt von dem
-Zeugniß ab. Der Herr Obereinfahrer hat sich für ihn verwandt, und der
-Herr Stadtrichter will ihn entlassen, wenn es mit dem Wechsel seine
-Richtigkeit hat.«
-
-Der Greis ahnte den ganzen Zusammenhang; er eilte an den Göpel und
-schickte einen Bergmann in den Schacht nach seinem Sohn. »Sagt ihm,
-es gäbe eine gute Nachricht!« rief er dem Bergmann nach. Dann ließ
-er den Gerichtsboten in das Wohnzimmer treten und ging zu seiner
-Schwiegertochter zurück.
-
-»Jetzt, Frau, trag das Erz wieder an seinen Ort und danke dem
-barmherzigen Gott, daß er Dein Verbrechen verhütet. Er wollte nicht den
-Untergang der Deinen, darum hat er auch schon die Rettung aus aller
-Noth geschickt. Wie dies geschehen, wirst Du später hören!«
-
-Die Frau fiel auf ihre Kniee und umklammerte schluchzend die des
-Greises.
-
-Der Schichtmeister war bald oben und ging, nachdem er vernommen,
-was vorgefallen war, mit tief erschütterter Seele im Geleite des
-Gerichtsboten nach der Stadt.
-
-Zwei Stunden später füllte sich das Huthaus mit frohen Menschen. Im
-Triumph brachte Hedwig ihren Ferdinand, gefolgt von dem Schichtmeister,
-Ferdinands Mutter, dem Gelbgießer, dem Baron von Brunn und Brunhild.
-Die Letztern waren, von Scharfenstein zurückkehrend, in dem Augenblick
-über den Markt gefahren, wo Hedwig von Ferdinand gekommen war, und
-diese hatte sogleich die Schwester angerufen und ihr das Geschehene
-mitgetheilt. Da hatte Brunhild, die inzwischen alle Schüchternheit
-gegen ihren Bräutigam verloren, diesen sofort in das Geheimniß gezogen.
-Der edle Mann hatte sogleich seine Vermittelung angeboten und war ohne
-Säumen zur That geschritten. Auf seine Fürsprache wurde Ferdinand,
-nachdem der Schichtmeister sich zu dem Wechsel bekannt hatte, gegen
-Handgelöbniß entlassen.
-
-Da mußte nun die Schichtmeisterin in dem Manne, den sie erst dem Tode
-und dann der Entehrung preiszugeben versucht, den Wohlthäter ihres
-Hauses erkennen. Eine tiefere und heilsamere Beschämung konnte ihr
-nicht widerfahren.
-
-War Ferdinand nun schon noch immer der Untersuchung unterworfen, so
-dienten doch die Enthüllungen, welche die Schichtmeisterin ihrem
-Schwiegervater gemacht hatte, und die dieser dem Obereinfahrer
-mittheilte, dazu, die Wahrheit völlig ans Licht zu bringen. Mit Schmerz
-erkannte der Baron die Unwürdigkeit seines Freundes; er schüttelte den
-Schmarotzer ab und ließ ihm die Wahl, sich entweder über dem Meere
-eine neue Heimath zu suchen oder ins Gefängniß zu wandern. Der Elende
-wählte das Erstere. Als Brunn ihn am Bord eines Schiffes wußte, wirkte
-er auf Niederschlagung des Processes hin, die er auch erlangte, als der
-Goldschmied eines Morgens im Gefängniß erhängt gefunden wurde.
-
-Der Obereinfahrer Freiherr von Brunn und Steiger Bergner hatten an
-einem Tage Hochzeit, und es zeigte sich, daß nur in der hoffärtigen
-Einbildung der Schichtmeisterin die Furcht begründet war, die Familie
-des Freiherrn werde an der Verschwägerung mit einem redlichen Bergmanne
-niedern Grades Anstoß nehmen. Gleich nach der Hochzeit begann der
-neue Betrieb des alten Schachtes; Frenzel wurde Schichtmeister und
-Ferdinand Obersteiger der vereinigten Vater Abraham Fundgruben. Ein
-stattliches Huthaus krönt jetzt mit einem Dampfgöpel und anderen
-Betriebsgebäuden die alte Halde, und an schönen Sommertagen kann der
-Wanderer auf der Hausbank eine allerliebste junge Frau sich abwechselnd
-der reizenden Aussicht auf das wiesenthaler Gebirge und der drei
-kleinen Engel erfreuen sehen, die zu ihren Füßen spielen. An Sonntagen
-vervollständigt das anmuthige Bild der Vater Obersteiger und nicht
-selten der Groß- und Urgroßvater vom untern Huthause. Auch hier ist
-nach jener Lection ein einfältigerer Sinn, Friede und Segen eingekehrt.
-
-
-
-
-III.
-
-Der Gimpelkönig.
-
-
-1.
-
-Da wo das Erzgebirge an das Voigtland grenzt, ist ein Landstrich, in
-welchem fast jeder dritte Ort sich auf »grün« endigt. Die Leute dort
-sagen, das rühre von den vielen Vogelherden her, die es da giebt. Denn
-»'s Grün« heißt der Platz, worauf der Vogelherd angelegt ist. Die
-vielen Vogelherde aber deuten auf die Hauptpassion der Bewohner; die
-Gegend ist weithin bekannt als Vogelstellerdistrikt. Der hat auch einen
-Vorort -- Wellersgrün nennen wir ihn, obgleich er auf der Landkarte
-anders lautet; doch »grünt« er sich wenigstens.
-
-Da hauste bei Menschengedenken ein Mann, der hatte sich vom
-Bürstenbinder, Krämer und Achtelhufengutsbesitzer zum Potentaten der
-Gimpel emporgeschwungen. Die Einleitung läßt schon ahnen, daß hier
-nicht von jener adamitischen Gimpelspecies die Rede ist, welcher das
-goldene Gefieder von den Händen leichtfertiger Evastöchter gerupft zu
-werden pflegt, sondern von dem niedlichen Sängervolke, dessen Heimath
-der grüne Tannenwald ist, und das den Wellersgrünern von jeher ihre
-gesuchtesten Virtuosen in der Tonkunst lieferte. Gottfried Unger --
-so hieß unser Mann -- hatte keine Ahnung von jener uneigentlichen
-Gimpelspecies; ihm war Gimpel gleichbedeutend mit Genie, und darum
-war er stolz auf den Königstitel, welchen ihm seine Heimathgenossen
-ertheilt hatten, weil er im Fangen und Abrichten der kleinen Waldsänger
-eine Meisterschaft besaß, die man einer wunderbaren Herrschaft über
-diese Thiere zuschrieb. So berühmt vor allen seinen vogelstellenden
-Landsleuten war König Gottfried, daß seine Zöglinge nicht allein in
-ferne Gegenden verschrieben wurden, sondern daß auch nicht selten
-Bewohner der benachbarten Städte nach Wellersgrün lediglich in der
-Absicht wallfahrteten, den »Gimpelkönig« und seinen Hof zu sehen.
-
-Gewisse Leute wollten zwar behaupten, diese Besucher zöge noch etwas
-ganz Anderes nach dem schmucken gelben Hause am hüpfenden Wasserfall
-des »Grünbächels«, als König Ungers Hofkapelle -- nämlich die
-Prinzessin des kleinen Reiches, das über alle Beschreibung nette
-und herzige Hannchen, Ungers eheleibliche neunzehnjährige Tochter.
-Aber wenn dies auch vielleicht hinsichtlich des jüngeren Theiles der
-Wallfahrer seine Richtigkeit hatte, so doch bestimmt nicht in Ansehung
-der vielen gesetzten Männer, die sich darunter befanden; für die war
-es interessant genug, Herrn Gottfried umringt von seinem gefiederten
-Hofstaat zu sehen.
-
-Man denke sich eine große, weißgetünchte, vom Scharwerksmaurer unter
-der Decke mit einer Guirlande von Phantasieblumen geschmückte Stube,
-deren fünf Fenster rechts und links mit Reihen vollbesetzter Vogelbauer
-garnirt sind. Das der Stubenthür gegenüber befindliche Fenster ist mit
-Epheu eingefaßt, eine Reihe Blumentöpfe mit Balsaminen, Muskat- und
-Rosenkrautstöcken bedeckt das Bret, und die Bauer zu beiden Seiten
-zeichnen sich durch Größe und Zierlichkeit aus. Hier hausen die Gimpel
--- sie sind der hohe Adel des Ungerschen Reiches; die andern in den
-unansehnlichen Behältern, die Quäker, Finken, Meisen, Zeisige und
-dergleichen, sind das gemeine Volk. Vom künstlerischen Gesichtspunkte
-aus betrachtet, sind jene die Solosänger, diese die Choristen. Vor
-dem solchergestalt ausgezeichneten Fenster steht ein kleiner Tisch und
-vor diesem ein Lederpolsterstuhl -- das ist der Thron des Monarchen,
-da sitzt er, ein stattlicher Funfziger, den einen Arm auf den Tisch
-gestemmt, mit dem andern die Meerschaumpfeife haltend, der er sparsam
-abgemessene Wolken entzieht und giebt seinen Lieblingen Audienz.
-Solches geschieht, indem er einen Bauer nach dem andern von seinem
-Nagel herunternimmt, ihn vor sich auf den Tisch setzt und eine Melodie
-intonirt, worauf der Bewohner des Bauers sofort einfällt und die Weise
-zu Ende führt. Auf diese Weise wird der Zuhörer nach und nach mit einer
-Blumenlese von Melodieen erfreut, die vom »Freund, ich bin zufrieden«
-bis zum »Frisch auf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!« fast alle
-Rhythmen des Liedergesanges umfassen. Freilich wird dem fremden Zuhörer
-der Genuß dieses Concertes durch das wirre Durcheinander des Chores
-verdorben, denn es ist kaum möglich, vor dem Zwitschern, Zirpen und
-Wirbeln der Quäker, Zeisige, Finken u. s. w. den schulgerechten Gesang
-der Solisten zu vernehmen. Meister Ungers Gehör aber unterscheidet
-diesen recht wohl, ja für dasselbe dient der gemeine Chor den edlen
-Concertisten nur zur Folie, wie dies ja auch bei mancher musikalischen
-Kunstanstalt der Nichtgimpel der Fall ist.
-
-Wer den ehrenwerthen Meister so unter seinen Vögeln sah, oder wer gar
-seinen Lehrstunden beiwohnte, der mußte die heitere Gemüthsruhe, die
-unerschöpfliche Geduld desselben bewundern, und war es eine Frau, die
-ihn so beobachtete, so konnte sie kaum umhin, Frau Unger um ein solches
-Lamm von einem Eheherrn zu beneiden. Allein sowie Herr Gottfried seinen
-Vögeln den Rücken gewendet hatte, war er ein ganz anderer Mensch, da
-keifte und nörgelte er im Hause herum, bis es seiner Gattin glücklich
-gelang, ihn auf den Vogelherd oder in die Schänke zu spediren.
-Vielleicht wurde das Maß von Geduld, so ihm die Vorsehung verliehen,
-von seinen Zöglingen so vollständig absorbirt, daß ihm für den Verkehr
-mit Menschen nichts davon übrig blieb. Niemand konnte im Umgange
-reiz- und verletzbarer sein, und in ganz Wellersgrün gab es keinen
-Menschen, der so schwer zu versöhnen war wie er, zumal wenn ihm Jemand
-sein Steckenpferd unsanft berührte. Kam er doch seit vielen Jahren
-schon nicht mehr in die Ortskirche, weil der Pfarrer sich einmal von
-der Kanzel gegen das Vogelstellen auszusprechen gewagt hatte; da der
-hierdurch schwerbeleidigte Gimpelkönig aber doch ein guter Christ
-sein wollte, so ging er entweder nach Schönheide oder Hundshübel zum
-Gottesdienst. Desto fleißiger besuchte er eine der Ortsschänken, nicht
-nur weil der Inhaber derselben seine Liebhaberei theilte, sondern
-auch weil dies der Ort war, wo er fortwährend Gelegenheit hatte,
-neue »Stückla« für seine Gimpel zu hören. Zu seiner Ehre muß gesagt
-werden, daß er sich fast nie betrank; sein gewöhnliches Getränk
-war das heimische »Einfache«, worauf er höchstens zum Schluß einen
-»Eibenstöcker« setzte, den er seinen Magendoctor nannte.
-
-Hausdespoten werden von ihren Familien nicht mit Rosenketten in ihren
-vier Pfählen festgehalten -- der Ungerschen Familie war, als hätte sich
-ein böser Wind gelegt, sobald sich ihr Haupt auf den Vogelherd oder
-in die Schänke verfügt hatte. Da wurde es erst gemüthlich im Hause.
-Mutter und Tochter krochen aus Küche, Stall und Keller hervor und
-reiheten sich mit den beiden »Gimpelprinzen« um den Ofen; oft kam dazu
-auch der Geselle mit dem Lehrjungen. Da wurde nun gescherzt, erzählt
-oder gesungen, ohne daß jedoch dabei die Hände feierten. Sonntags
-traktirte Frau Unger das ganze Hausgesinde mit einem Nachmittagskaffee
-und »Hefenkloß«, in welchem die Rosinen nicht fehlen durften, und
-wer zur rechten Zeit bei ihr einsprach, war ein frohwillkommener
-Gast. Manches arme Dorfkind hatte regelmäßig das Glück, keins aber
-regelmäßiger, als das »Rußbuttenlobel«, ein alter Junggeselle, der
-in seiner Jugend mit Rußbutten durchs Land gezogen und seit er zu
-solchem Erwerb invalid geworden, in die Stelle eines Vice-Tag- und
-Nachtwächters von Wellersgrün eingerückt war. Diese wichtige Person
-war für das Ungersche Haus noch mehr, als ihr Titel besagte: sie war
-zugleich Historienbuch, Liedersammlung, Ortschronik und Zeitung. Daher
-geschah es, daß, sobald »Rußbuttenlobels« wohlbekannter Amtsspieß an
-der Ungerschen Hausthür lehnte, -- denn die Schwelle durfte dieses
-polizeiliche Attribut nicht überschreiten, das wäre eine Verletzung
-der Wellersgrüner Habeascorpusakte gewesen, -- eine Nachbarin nach der
-andern in die Gimpelresidenz »hutzen«[1] eilte, um das Neueste aus der
-Tagesgeschichte zu erfahren.
-
-
- [1] Hutzen heißt im Obererzgebirge soviel als: einen kurzen Besuch im
- Hauskleide machen.
-
-So war es auch am Trinitatisfeste des Jahres Eintausend Achthundert
-und --Zig. Der Hausherr saß beim Einfachen in der obern Schänke;
-die Hausfrau mit ihren Kindern und Hausgenossen am Kaffeetisch, und
-»Rußbuttenlobel« trat mit seinem »Helf Gott!« in die Stube. Nachdem
-er von allen Seiten freundlich bewillkommt und von Hannchen an den
-Tisch gezogen worden, hieß es rechts und links: »Was hat's Neues in
-der alten Welt?« Lobel warf sich in die Brust, that einen Zug aus
-der ihm vorgesetzten Tasse, einen kräftigen Biß in den »Hefenkloß«
-und sagte: »So in einem Athem, Ihr guten Leut', läßt sich das nicht
-erzählen.« Darauf leerte er die Tasse und ließ den Hefenkloß mit großer
-Schnelligkeit zwischen seinen Kinnladen verschwinden. Alle Anwesenden
-hefteten die Augen auf den Anfangspunkt dieser Werkzeuge; doch Lobel
-richtete seine Blicke, eh' er sprach, nach der Thür, als erwarte er
-noch einige Ohren für seine Zeitung. Er wartete nicht vergebens --
-der Spieß war gesehen worden -- ehe fünf Minuten vergingen, war ein
-halbes Dutzend Nachbarinnen versammelt, von denen sich die eine ein
-Loth Kaffee, die andere ein Gebind Zwirn, die dritte für einen Pfennig
-Pfeffer zum schicklichen Behelf nahm, und der Bericht -- den wir mit
-Beseitigung der Mundart wortgetreu wiedergeben -- begann:
-
-»Es geht arg her in der alten Welt, Ihr guten Leut'! Der Franzos
-draußen ist wieder einmal kollerig, aber ob's ihm unter der Mütze fehlt
-oder in den Schuhen, das weiß der Himmel, und in Welschland wollen sie
-auch gescheidt werden, ob's ihnen aber von der hohen Obrigkeit erlaubt
-wird, das weiß der Zeitungsschreiber nicht, wie soll's Rußbuttenlobel
-wissen! Aber der Russ' dahinten scheert sich den Teufel darum, ob's
-in Polen Wölfe giebt oder nicht -- er hat einen gar guten Magen, das
-wissen wir von Anno dreizehn, da haben die Kosacken gefressen, was
-ihnen zwischen die Zähne kam; übrigens ist es oben im Sibirienland
-fast so kalt wie in Karlsfeld, wie die Polaken zu erzählen wissen und
-viele andere Ehrenleut', die dort auf dem Zobelfang waren -- Du mußt
-aber hübsch aufpassen, Heinerle, sonst bleibst zeitlebens ein dummer
-Junge, und die Rosinen mußt Du nicht aus dem Hefenkloß bohren -- und in
-England werden sie nächstens mit Dampf in den Mond fahren, ich wollte,
-sie wären schon alle droben gewesen, eh' sie unserm armen Gebirge sein
-Klöppelwesen ruinirten -- daß sich Gott erbarm'! meine Schwester hat
-gestern in der Stadt schon wieder zwei Pfennige weniger bekommen für
-die Elle Borten! Item: der Papst ist gestorben, der Tod kann's aber
-machen, wie er will, er wird nicht fertig mit der Gesellschaft, es ist
-schon wieder ein neuer da -- meiner Hühner halben! -- ich wollte nur,
-ich hätte ein paar Fuder von den Feigen und Apfelsinen, die dieses
-Jahr in Welschland gewachsen sind, und könnte sie in Wellersgrün
-verzehren. Doch daß ich nicht Eins über dem Andern vergesse -- Friedel,
-Du wirst gleich Dein Schälchen hinunterstoßen, 's wär' schad' um den
-eingebrockten Hefenkloß, aber der Steingutmacher will auch leben --
-in Lindengrün hat eine Bergmannsfrau Vierlinge gehabt; da fleckt's!
-jedoch aber im Dänemarkschen -- 's muß wohl um Buxtehude herum liegen,
-dort bin ich nicht gewesen -- da will der Königsstamm aussterben --
-geht mir auch nicht besser, bin Rußbuttenlobel der Erste und Letzte
-und habe nichts auf meinem Gewissen, als den armen Handwerksburschen,
-den ich verarretirt und aus dem Dorfe verbannt habe, weil er ins
-Lieben-Konrads Haus fechten kam, obwohl mein Spieß vor der Thür
-lehnte; da konnte der dumme Teufel doch denken, daß die Polizei nicht
-weit war und ihn erwischen würde; aber gedauert hat mich der Schelm,
-mein' Seel'. Wie gesagt, es geht arg zu in der alten Welt -- aber Ihre
-Hefenklöß' sind delicat, Frau Dore! -- wenn's nicht bald anders wird
-mit der Menschheit, glaub' ich, der Pfannenstieler Pfarrer, der zu den
-Heiligen gehört, behält Recht -- der sagt, das Ende aller Dinge sei
-vor der Thür. Nun meinetwegen! ich hab' Nichts zu verlieren als den
-Spieß und vier Zeilen Erdäpfel auf des Richters Feld; wegen des armen
-ausgewiesenen Handwerksburschen werd' ich nicht gleich in die Hölle
-fahren, wiewohl 's nicht christlich war. Ja, arg geht's zu in der Welt
--- aber im Ungerhaus giebt's gute Hefenklöß', das ist auch gewiß!«
-
-Er wischte sich mit dem Aermel seiner Manchesterjacke den Schweiß von
-der Stirn, nahm einen frischen Hefenkloß, überlieferte ihn seinen
-Kauwerkzeugen, schlürfte eine zweite Tasse Kaffee und begann auf die
-Frage: »Ist das Alles?« von Neuem:
-
-»Das war's Auswärtige; nun kommt das Einheimische, und das ist das
-Wichtigste.« -- Er berichtete nun, wo ein Todesfall vorgekommen und zu
-erwarten, ein Kind geboren, eine Hochzeit vor der Thür, ein Hausbau in
-Angriff genommen war und dergleichen mehr, endlich schloß er: »Doch nun
-das Beste! Was denkt Ihr, daß das Allerneueste ist?«
-
-Alle sahen ihn gespannt an.
-
-»Gelt, Ihr wißt's nicht?« sagte er nach einer Pause. »Nun so hört: mein
-Vetter, der Sacher Heinrich, ist diesen Mittag aus der Fremde gekommen!«
-
-Das schien in der That eine unerwartete und wichtige Neuigkeit zu sein,
-denn alle Anwesenden gaben Zeichen der Ueberraschung und des Interesses
-von sich -- Niemand aber lebhaftere, als Hannchen, denn die stieß einen
-lauten Schrei aus und wurde roth wie eine Erdbeere bis in den Nacken
-hinein.
-
-»Nicht wahr, Jungfer Hannel,« bemerkte der Erzähler, »das ist Wasser
-auf Ihre Mühle?«
-
-Alle blickten die Gefragte an. Diese warf dem Frager einen zürnenden
-Blick zu und eilte zur Thür hinaus.
-
-»Da hat man's,« sagte Lobel, »alte Liebe rostet nicht!«
-
-»'s war auch gar ein feiner Bursch, der Sacher Heinrich,« meinte eine
-der Nachbarinnen.
-
-»Ihr solltet ihn erst jetzt sehen,« versetzte Lobel, »jetzt sticht
-er alle Wellersgrüner Bursche aus, sowohl was Ansehen als Manieren
-betrifft; ich sollt's nicht sagen, weil's mein leiblich Schwesterkind
-ist -- aber wahr bleibt wahr. Er ist aber auch ein Stück in der Welt
-herumgekommen, wie Keiner in Wellersgrün -- sogar in Welschland ist
-er gewesen, und in Frankreich hat er fast zwei Jahre gearbeitet -- da
-kann's Hannel bald hören, wie das auf Französisch heißt:
-
- -- keine von Allen
- Hat so mir gefallen
- Wie Hannchen, schön' Hannchen, lieb' Hannchen,
- mein Hannchen allein.«
-
-»Laß Er das Geplapper, Lobel!« gebot Frau Unger. »Vor drei Jahren, wie
-Sein Vetter in die Fremde ging, war mein Hannel noch ein Kind, und wer
-weiß, ob der Sacher Heinrich jetzt noch an die Tändelei denkt. Mein
-Hannel hat sie längst vergessen; und nun treib' Er mir das Mädel nicht
-wieder aus der Stube mit solchem Spaß! -- Aber sehen möcht' ich den
-Sacher Heinrich, das gesteh' ich.«
-
-»Ich auch« -- »ich auch« -- hieß es von mehren Seiten und
-Rußbuttenlobel schloß mit der Aeußerung: »Er wird schon kommen und sein
-Schätzel grüßen.«
-
-Jetzt schlugen ferne Trompetenklänge an die Ohren der Gesellschaft.
-
-»Das hätt' ich bald über dem Sacher Heinrich vergessen,« sagte die
-inkarnirte Dorfzeitung, »in der obern Schänke ist heute Musik -- sie
-blasen schon zusammen. Also munter, ihr jungen Leut'!«
-
-Diese Mahnung galt den ledigen Personen im Zimmer und man säumte nicht,
-ihr nachzukommen, denn das junge Volk tanzt in Wellersgrün so gern wie
-überall im lieben Gebirge. Bald war Frau Unger mit ihren Kindern allein
-daheim. Denn auch Rußbuttenlobel mußte von Amtswegen in die Schänke.
-Wie er, den kürzesten Weg nehmend, aus der Hinterthür in den Ungerschen
-Grasgarten trat, fand er Hannchen dort in sich versunken stehen. Er
-schlich sich nahe und sah, wie sie einer Sternblume die Blättchen nach
-einander ausriß und dazu halblaut sagte: »Er liebt mich -- von Herzen
--- mit Schmerzen -- klein Wenig -- gar nicht -- er liebt mich -- --« Da
-fiel das letzte Blatt und Rußbuttenlobel ging mit den Worten vorüber:
-»Ei freilich! Komm Sie nur in die Schänke, Jungfer; da ist er auch.«
-
-
-2.
-
-In der Schänke ging es laut. Aus dem ganzen Dorfe strömten die Gäste
-herbei, die Alten nach der Schänkstube im Erdgeschoß, die Jungen nach
-dem darüber gelegenen Tanzboden. Nur ein Trupp munterer Bursche, aus
-deren Mitte ein fast elegant gekleideter Jüngling hoch emporragte,
-folgte dem Zuge der Alten. Als er in die Schänkstube trat, gerieth
-die ganze anwesende Gesellschaft in Bewegung. »Der Sacher Heinrich!«
-lief's von Mund zu Munde, und bald fand sich der feingekleidete Mensch
-umdrängt von Solchen, die ihm ihr »Grüß Gott, Heinrich!« und das
-Bierglas zum Willkommentrunk entgegenbrachten.
-
-Während er allen in erwünschter Weise Bescheid that, wurde er mehr und
-mehr dem Hintergrunde zugeschoben, bis er dicht vor dem »Herrentisch«
-stand, an welchem die Angesehenen des Ortes, darunter auch der
-»Gimpelkönig«, ihren Platz hatten. Die gleiche Begrüßung ward ihm auch
-hier zu Theil; dann rückte man eng zusammen und bemächtigte sich des
-Ankömmlings gänzlich, indem man ihn an den Tisch zog und zwischen sich
-nahm, daß er weder zur Rechten, noch zur Linken entweichen konnte. Das
-war eine große Ehre, und Heinrich wußte sie zu schätzen; -- er zog
-seine wohlgefüllte Cigarrentasche, damals in Wellersgrün ein unerhörter
-Luxus, präsentirte sie den Umsitzenden und steckte sich selbst einen
-der duftenden Glimmstengel an, worauf er sich in Bereitschaft setzte,
-auf die mancherlei Fragen, die man an ihn richten würde, bündige
-Antwort zu geben. Seine Begleiter pflanzten sich, die dorfüblichen
-Pfeifen im Munde, vor dem Tische, dem Freunde gegenüber auf.
-
-An Fragen seitens der Tischgenossen Heinrichs fehlte es nun nicht,
-sie waren aber so mannigfaltig und wirr durcheinanderlaufend, daß
-der Gefragte gar nicht dazu kommen konnte, sie zu beantworten.
-Endlich machte der Wirth den Vorschlag, der Heimkömmling möge seine
-Reisegeschichte zum Besten geben, wogegen er sich zu einer »Stütze«
-Doppelbier erbot. Der Vorschlag wurde wie das Anerbieten freudig
-aufgenommen. Erst that man der »Stütze« alle mögliche Ehre an, und
-dann begann Heinrich seine Erzählung. Daraus erfuhren die Zuhörer,
-daß der junge Mann, nachdem er vor drei Jahren als Tischlergeselle
-das Felleisen genommen, sich nicht lange in den engen Grenzen seines
-Vaterlandes gefallen, daß es ihn in die Weite getrieben hatte, um
-Menschen und Sitten kennen und etwas Rechtes in seinem Fache zu lernen.
-Erst war er nach Wien gewandert, von da hatte es ihn nach Italien
-gezogen, wo es ihm aber sehr trübselig ergangen war. Unter unsäglichen
-Beschwerden hatte er sich nach der Schweiz durchgeschlagen und nachdem
-er hier wieder etwas »zu Federn gekommen«, sich der Hauptstadt
-Frankreichs zugewendet. So gut er es nun daselbst getroffen, so mächtig
-ihn anfangs das Leben in der ungeheuren Weltstadt angezogen hatte, so
-war doch allgemach die Sehnsucht nach der Heimath in ihm wach geworden.
-Sein Meister hatte ihn zum Werkführer über fünfzig Arbeiter, ja zu
-seinem Eidam machen wollen, aber da war plötzlich das Verlangen nach
-der lieben Heimath so mächtig geworden, daß er es keinen Tag mehr in
-Paris ausgehalten und »Knall und Fall« den Wanderstab zur Heimkehr
-ergriffen hatte. Die mancherlei kleinen Reiseabenteuer, welche in
-Heinrichs Erzählung vorkamen, verliehen derselben eine solche Würze,
-daß Einer von seinen Zuhörern nach Leerung der vom Wirth gespendeten
-Stütze gleich eine zweite bringen ließ. Heinrich schloß mit den Worten:
-»So bin ich denn nun glücklich wieder in Wellersgrün und denk' auch
-da zu bleiben, denn das können Sie mir glauben, werthe Landsleut',
-so schön es draußen sein mag, es bleibt doch wahr, wie man bei uns
-spricht: »d'rham is d'rham.« Da schüttelten ihm alle Umsitzenden die
-Hand, tranken auf sein Wohl, lobten seinen Entschluß und sicherten ihm
-zu seiner Niederlassung im Orte allen möglichen Beistand zu.
-
-»An meiner Fürsprache beim Handwerk soll's ihm nicht fehlen, Heinrich!«
-sagte unter andern der Obermeister von der Zunft der vereinigten
-fünfzehn Handwerke.
-
-»Und Credit, wie Empfehlungen nach Schneeberg und Auerbach finden Sie
-bei mir,« versprach der Krämer, oder wie er sich nannte, Kaufmann
-des Oberdorfes. Der Förster eröffnete ihm die besten Aussichten auf
-unbeschränkten Nutzholzcredit und der Zimmermeister wollte ihm sein
-mütterliches Häuschen herrichten, daß es eine Art hätte. Zuletzt war
-auch von einer Frau die Rede, und von mehr als einer Seite ließ man
-merken, daß er ein ganz annehmbarer Schwiegersohn wäre.
-
-»Mit dem Heirathen,« sagte jedoch Heinrich, »hat es bei mir noch Zeit.
-Vor der Hand drängt's mich nicht, denn meine Mutter ist, Gott sei Dank!
-noch rüstig, und übrigens -- kommt Zeit, kommt Rath!« Dabei warf er
-aber einen anhaltenden Seitenblick nach Meister Unger und nach einer
-Pause richtete er an diesen die Frage: »Wie geht's daheim, Meister
-Unger? Ist die Frau sammt den Kindern wohlauf?«
-
-»Was soll's mit denen für Noth haben?« war die Antwort. »Man sorgt und
-schafft doch genug für sie! Nun, Er besucht uns doch, Heinrich -- Er
-wird sich freuen, wenn Er meine Gimpel sieht und hört.«
-
-Heinrich lächelte und blies eine starke Wolke vor sich hin.
-
-»Ei, Heinrich!« sagte der Schänkwirth, »wir waren ja ehedem auch ein
-Vogelfreund und suchten als Steller Unsersgleichen -- wir werden jetzt
-das edle Vergnügen doch auch wieder treiben?«
-
-»Da sei Gott vor!« erwiederte der Gefragte. »Ich bedaure, daß ich
-jemals ein Vöglein seiner Freiheit beraubt habe -- halten Sie mir's zu
-Gute, lieben Leute! -- aber ich muß Ihnen sagen: mir erscheint es jetzt
-geradezu sündlich, das Vogelfangen.«
-
-Dem Gimpelkönig entsank die Pfeife, der Wirth wurde kirschbraun im
-Gesicht und der eine und andere der Tischgenossen rief: »Wie so? Was
-sagt er? Sündlich?«
-
-»Ja -- nehmen Sie mir's nicht übel!« erwiederte der junge Mann fest,
-»so erscheint es mir, und lassen Sie sich sagen warum? Lassen Sie
-sich erzählen, wie ich zu dieser Ansicht gekommen bin. Sie wissen,
-daß ich früher auch meinen Vogel gestellt habe, wie Einer, und der
-Meister Unger da muß mir bezeugen, daß im Lernen der Gimpel Keiner
-ihm gleich kam als ich -- es hat manchen kleinen Wettstreit zwischen
-uns gegeben, aber in aller Freundschaft -- und wie ich in die Fremde
-ging, that mir nichts so weh, als daß ich meine Vögel da lassen
-mußte; ich hätte sie lieber mitgenommen, wenn es gegangen wäre. Zog
-ich dann auf meiner Wanderschaft durch einen Wald und hörte einen
-Reiterfinken schlagen oder eine Amsel singen, so zuckte es mir in
-allen Gliedern, ich ärgerte mich, daß ich gar kein Stellzeug bei mir
-hatte, aber dessenungeachtet schlich ich den Vögeln wohl stundenlang
-nach und so kam es oft, daß ich über einer mäßigen Tagereise zwei,
-auch drei Tage zubrachte. Das war viel Zeitverlust und Verlust an
-Geld obendrein. Nach und nach verlor sich zwar das Erpichtsein aufs
-Vogelstellen etwas, ganz aber konnte ich's doch nicht los werden
-und wenn der liebe Sonntag kam, ging ich vogelstellen, statt in die
-Sonntagsschulen, welche einsichtsvolle Menschenfreunde zur Fortbildung
-des Handwerkerstandes weit und breit ins Leben gerufen haben. So ging
-es, bis ich ins Welschland kam. Da hatt' ich das Unglück, der Polizei
-verdächtig zu werden: statt für einen ehrlichen Handwerksburschen sah
-sie mich für einen geheimen Revolutionär an -- ich wurde verhaftet und
-nach Padua ins Gefängniß gebracht. Im Gefängniß, ihr lieben Leute,
-lernt man erst Jesum Christum erkennen. Vier Wochen mußte ich einsam
-in einem schauerlichen Loche sitzen -- ach! ich dachte, der liebe Herr
-Gott habe in seinem Zorn die Tage plötzlich zu Jahren ausgesponnen, so
-fürchterlich lang wurde mir die Zeit. Da fielen mir alle meine Sünden
-ein -- und auch mein Vogelstellen. Da dachte ich, wie meine armen
-Vöglein der Verlust ihrer Freiheit geschmerzt haben müsse, und ich
-mußte es als eine Strafe vom lieben Gott erkennen, daß ich jetzt auch
-in einem Käfig steckte, der freilich nicht von schwachem Draht oder
-Holz, sondern aus gewaltigen Steinen erbaut war. Als ein Tag nach dem
-andern dahinschlich, ohne daß ich erlöst wurde oder eine Vertröstung
-auf baldige Erlösung erhielt, wurde ich lebenssatt, die Verzweiflung
-übermannte mich, mehr als einmal war ich nahe daran, mit dem Kopfe
-wider die Wand zu rennen und ihn zu zerschmettern; nur der Gedanke an
-meine gute Mutter hielt mich davon zurück. Dann fielen mir meine Vögel
-immer wieder ein und ich dachte: so wie dir jetzt, so ist es auch den
-armen Thierlein zu Muthe gewesen, da sie deine Gefangenen waren! Du
-sahest wohl ihr ängstlich Flattern an der Leimruthe, im Netz oder im
-Bauer, du hörtest ihr kläglich Schreien, bemerktest ihre traurigen
-Mienen -- und doch ließest du sie im Käfig, getrennt von ihren Jungen,
-oder das Männchen von seinem Weibchen; sie mußten ihr herbes Loos
-tragen -- so füge nun auch du dich in dein Schicksal! Des Nachts
-aber kamen schreckhafte Träume; da verwandelten sich meine ehemaligen
-Gefangenen in gräuliche Riesenvögel, die mit ihren furchtbaren
-Schnäbeln nach mir hackten oder mich mit ihren Krallen packten und
-an den Rand eines schauerlichen Abgrundes rissen, bei dessen Anblick
-ich entsetzt aufschrie und erwachte. Da betete ich in meiner Angst zu
-Gott und schwur, nie wieder eines seiner für die Freiheit geborenen
-Geschöpfe dieses ersten Lebensgutes zu berauben -- denn das sag'
-ich aus Erfahrung: es giebt kein köstlicheres Gut im Leben als die
-Freiheit, und ein Raub an diesem Gute wider ein Geschöpf Gottes verübt
-ist ein Frevel schwarz wie der Mord --«
-
-»Einen Eibenstöcker!« rief der Gimpelkönig, und Heinrich, ohne auf
-dessen unwirsches Gesicht zu achten, fuhr fort:
-
-»Endlich ward ich frei -- mir war, als läge ein Zeitraum von Jahren
-zwischen Verlust und Wiedergewinn meiner Freiheit, und ich konnte kaum
-gehen, so hatte die Haft mich angegriffen. Als ich mich außerhalb der
-Stadt fand, kniete ich auf offenem Felde nieder und dankte Gott, daß
-ich wieder fessellos unter seinem Himmel und auf seiner Flur athmete,
-und wiederholte meinen Schwur, nie wieder Hand an ein lebendiges Wesen
-zu legen, um es seiner angeborenen Freiheit zu berauben. Darauf zog
-ich viele Tage durch herrlich bebaute Gegenden -- aber so mannigfach
-und üppig alle Gewächse erschienen, so reizend die goldenen Früchte
-aus den dunkelgrünen Kronen der Bäume schimmerten, so schwellend die
-Matten, so gestaltenreich die Höhen sich in Aug' und Seele drängten, so
-fehlte ihnen doch ein Reiz, den ich mit Wehmuth vermißte: die Schwärme
-singender Vögel, welche unsere Heimathwälder beleben. Wichen sie vor
-mir als vor einem Feind oder einem Verfluchten, dessen Ohr nimmer werth
-war, sich an ihren Melodieen zu weiden?«
-
-»Noch einen Eibenstöcker!« unterbrach Meister Unger den Erzähler
-abermals.
-
-»Willst Du schon nach Hause?« fragte der Obermeister der fünfzehn
-Handwerke.
-
-»Nein,« erwiederte der Gefragte, »es wird mir blos übel von dem
-Gemähre --«
-
-»Ruhig!« riefen mehre Stimmen, »erzähl' weiter, Heinrich!«
-
-»Ja, erzähl' Er weiter, Mosje Sacher!« stimmte der Förster bei -- aus
-Seiner Geschichte kann Mancher 'was lernen!«
-
-Dies beabsichtigte Heinrich eben und rücksichtslos, wie immer
-jugendliche Verkündiger ernster Wahrheiten, fuhr er fort: »Bald traf
-ich mit einem Landsmann zusammen, einem Maler, der desselben Weges zog
-wie ich, und als die Rede gerade auf den von mir wahrgenommenen Mangel
-an Singvögeln in der paradiesischen Gegend kam, fragte ich ihn nach der
-Ursache dieser Erscheinung. Er antwortete mir, daß nur die furchtbaren
-Nachstellungen der Menschen nach und nach die Wälder und Fluren dieses
-Striches von den kleinen Sängern entblößt hätten. Da dacht' ich an
-meine Heimath und den hier getriebenen Vogelfang, und mir war bange
-darum, daß da auch eintreten möchte, was ich dort zu beklagen fand.
-Später gingen wir durch eine große Kastanienpflanzung, die fast ganz
-abgestorben war. Die wenigen noch grünen Bäume waren mit Schaaren von
-Raupen bedeckt. Es war ein trauriger Anblick -- ich dachte an alle
-die Arbeit, die hier vergebens aufgewendet, an alle die Hoffnungen,
-welche vernichtet waren. Offenbar war die Pflanzung ein Opfer des
-Raupenfraßes, und ein Landmann, den mein Gefährte fragte, bestätigte
-dies. »So rächt sich jetzt an den Kindern, was ihre Väter gesündigt
-haben,« sagte der Maler, »hätten diese die Singvögel nicht von Wald und
-Flur vertilgt, so hätte das zerstörende Insekt nie so mächtig werden
-können, als es hier geworden.« Ich schrieb mir das hinter die Ohren und
-will's auch mein Leben lang nicht vergessen. Und ich hab' noch viel
-über den Gegenstand nachgedacht, und es ist mir immer klarer geworden,
-daß das Wegfangen der Singvögel eine Sünde sei und daß ein Vogelsteller
-Gott nimmermehr gefallen, ja schwerlich in den Himmel kommen könne.«
-
-»Hoho!« rief der Schänkwirth, »wer's glaubt, wird selig.«
-
-»Nein, der ist ein Esel!« polterte Meister Unger.
-
-»Es ist dummes Zeug,« sagte der Obermeister der Fünfzehnerzunft,
-»schmeckt nach Pfaffen -- fort damit!«
-
-»Ja, fort damit!« schrie der Gimpelmonarch. »Wirth, noch einen
-Eibenstöcker! Das fehlt noch, daß so ein Gelbschnabel uns Mores lehren
-will!«
-
-»Der Sacher hat aber Recht,« erklärte der Förster.
-
-»Bei Euch Grünröcken,« erwiederte Unger, das ihm gereichte Glas
-Branntwein hinabstürzend, »Ihr möchtet nur allein im Walde Herr sein,
-es soll kein anderer Mensch sein Vergnügen darin haben. -- Weiß Er
-was, Sacher: geh' Er lieber hin, wo Er hergekommen ist, wir brauchen
-in Wellersgrün keine Neuerer und Weltumstürzer, wie Er ist -- geh' Er
-wieder nach Paris, wo dergleichen hingehören!«
-
-Heinrich schwieg, aber seine jüngern Freunde drangen jetzt ungestüm auf
-den Gimpelkönig ein. »Das leiden wir nicht,« schrieen sie, -- »das ist
-schändlich, ein Wellersgrüner Kind so zu behandeln!«
-
-»Ein Wechselbalg mag er sein und kein Wellersgrüner!« rief Meister
-Unger, aber sogleich saß ihm ein Schlag im Gesicht.
-
-»Ums Himmelswillen, keine Schlägerei!« rief Heinrich und warf sich
-zwischen den Angegriffenen und die Angreifer -- da fuhr ein Bierglas
-durch die Luft, im Nu war die Schänkstube in ein Schlachtfeld
-verwandelt, wo zwischen zwei an Stärke fast gleichen Parteien ein
-erbitterter Faustkampf geführt wurde. Die Ursache des Kampfes selbst,
-Heinrich, gab sich alle Mühe, ihn beizulegen -- umsonst; -- er bat, er
-flehete, er weinte -- er ließ sich sogar von dem ergrimmten Gimpelkönig
-einen Schlag versetzen, ohne ihn zu erwiedern, -- es war vergebens,
-der Kampf wurde nur erbitterter -- bis »Rußbuttenlobel« außerhalb
-eines Fensters erschien, sich durch den offenen Flügel auf die innere
-Brüstung schwang und mit vorgehaltenem Spieß ausrief: »Ruhe! im Namen
-der Obrigkeit, Ruhe! eh' Ihr's Euch versehen werdet, ist der Gensd'arm
-hier!«
-
-Das wirkte. Die Parteien trennten sich; die Anhänger Heinrichs meinten,
-man müsse ja nicht bei den »Dickköpfen« sein, und alsbald zogen sie ab
-und hinauf auf den Tanzboden, wo sie, namentlich dem weiblichen Theile
-der Gesellschaft, ganz willkommen waren. Heinrich nahm aber traurig in
-einem Seitenzimmer Platz, und während seine Kameraden walzten, versank
-er in tiefes Sinnen.
-
-
-3.
-
-Eine geraume Weile saß Heinrich gedankenvoll allein, als er seine
-Schulter von einer Hand berührt fühlte und aufblickend Rußbuttenlobel
-neben sich sah. Heinrich reichte ihm stumm das Glas dar; Lobel trank
-daraus, gab ihm die Hand und sagte:
-
-»Es war eine Finte mit dem Gensd'arm, Vetter! Ich wollt' Euch nur
-auseinander haben.«
-
-»Ich danke Dir, Vetter!« erwiederte Heinrich -- »ach, ich möchte weinen
-wie ein Kind über diesen Empfang in der Heimath. Wie hab' ich mich in
-der Fremde draußen auf diesen Tag gefreut -- und nun muß er mir so
-verdorben werden!«
-
-»Wie konntest Du auch dem Meister Unger so auf sein bestes Hühnerauge
-treten?« sagte Lobel. »Hast Du denn gar nicht ans Hannel gedacht?
-Drunten sitzt der alte Vogelfried nun, und tobt und schimpft auf Dich,
-und sagt ganz unverholen, er wisse wohl, daß Du ein Auge auf seine
-Tochter hättest, aber eher woll' er sie dem Rußbuttenlobel -- also mir
--- geben, denn so einem Neuerer und Weltverbesserer, wie Du wärest.
-Wenn das arme Hannel dies wüßte!«
-
-»Ei was wird die sich darum härmen!« erwiederte Heinrich, »wer weiß,
-will sie noch etwas wissen von mir! Damals, wie ich mit ihr ging,
-war sie noch ein halbes Kind und ich selbst hinter den Ohren nicht
-trocken, und inzwischen sind drei Jahre vergangen -- ich hab' ihr nie
-geschrieben -- Lobel, lassen wir das Mädel sein -- ich weiß ja auch
-nicht, ob sie heute noch nach meinem Sinne wäre!«
-
-»Sieh sie nur einmal, Heinrich!« fiel der Andere ein, »ich wette meinen
-Spieß gegen was du willst, sie gefällt dir jetzt noch besser, denn
-sonst -- ach, die Augen werden Dir übergehen, wenn Du sehen wirst,
-wie das voll und schlank, und blumig und samig geworden ist, so voll
-Lieblichkeit, daß man's immer anschauen und drüber beten und fluchen
-vergessen möchte! Komm mit; sie erwartet Dich!«
-
-»Wo?«
-
-»Daheim, bei ihrer Mutter.«
-
-»Wo denkst Du hin, Lobel! Nach dem, was hier vorgefallen ist, kann
-nicht die Rede davon sein, daß ich die Schwelle des Unger'schen Hauses
-betrete. Ich hätte nach dieser Geschichte lieber Lust, wieder in die
-Fremde zu gehen.«
-
-»Und Deine alte Mutter zu verlassen -- und das traute Hannel! Du
-denkst, das Mädel hat Dich vergessen? Das weiß ich besser. Denk'
-nur, wie ich vorhin zum Kaffee unten war, da erzählt' ich der ganzen
-Gesellschaft, daß Du da wärest. Da schrie sie laut auf, wurde über und
-über roth, und als ich sie mit Dir aufzog, rannte sie zur Thür hinaus.
-Und als ich darauf fortging, stand sie im Grasgarten hinter ihrem
-Hause, und ließ sich von der Käseblume sagen, ob Du sie liebtest. Und
-als die Blume sagte: er liebt Dich, kreuzte sie die Hände über das
-wonnige Herzchen und sah mit entzückten Augen gen Himmel. Sieh, so
-liebt sie Dich -- und Du -- ja, die Blume spricht wahr: Du liebst sie,
-du willst Dir's nur nicht gestehen.«
-
-»Du irrst Dich, Vetter -- ich gestehe, daß ich mich des herzigen Kindes
-gern erinnere, aber mein Herz schlägt ganz ruhig dabei. Wie ist es --
-wird sie nicht zum Tanz kommen?«
-
-»Seit Du fort warst, ist sie äußerst wenig zur Musik gewesen -- aber
-heute, da sie weiß, daß Du wieder da bist, wird sie wohl kommen.«
-
-»Gut -- warten wir das ab -- sehen möcht' ich sie wohl, aber in ihres
-Vaters Haus komm' ich nicht.«
-
-»Und mußt doch einmal Hochzeit darin machen.«
-
-»Still davon, Vetter! Das ist vorbei! -- Da, laß frisch einschenken!«
-
-Der Tanz war eben zu Ende; die Tänzer stürmten, soweit es der Platz
-zuließ, ins Zimmer, wo Heinrich saß. Die Freunde tranken ihm zu und
-als die Musik von Neuem begann, drangen sie in ihn zu tanzen. Er ließ
-sich endlich bewegen, aufzustehen, ging langsam nach der Saalthür
-und musterte den anwesenden Mädchenflor. Es schien nicht, daß ihn
-Eine anzog -- er stand unschlüssig da -- auf einmal öffnete sich die
-gegenüber befindliche Thür des Haupteingangs. -- »Da kommt sie,«
-flüsterte Lobel hinter Heinrich, der die eintretende Gestalt anstarrte.
-
-War das wirklich das Kind, mit dem er einst harmlos »Liebstens«
-gespielt hatte? War diese vollaufgeblühte Jungfrau, diese gebietende
-und doch so leicht daher schwebende Gestalt mit dem Zaubergrübchen im
-rosigen Kinn, dem schwellenden Purpurmund und den meertiefen Augen
-wirklich die stille Mädchenknospe, die einst an seinem Herzen geruht
-hatte, sorglos träumend in der sicheren Hut seines reinen Sinnes? Was
-damals nur Ahnung gewesen, das war jetzt Licht, Fülle, Leben -- was
-einst dulden konnte, daß der Jüngling harmlos mit ihm tändelte, das
-forderte jetzt Achtung, Verehrung, Liebe. Eine süße Bestürzung, ein
-minutenlanges Schwanken zwischen Staunen und Entzücken und dann ein
-Aufflammen des ganzen Feuers, das in seiner Brust verborgen glühte
--- dann stand er vor ihr mit der stummen, aber tiefen Huldigung, die
-noch jeder männliche Geist dem Weibe darbrachte, dessen Liebreiz sein
-Herz rührte. Seine Verneigung vor ihr, die Schüchternheit, mit der
-er die ihm ebenso schüchtern gebotene Hand nahm, die ehrerbietige
-Art, mit welcher er sie »Jungfer Hannchen« anredete -- das waren die
-äußeren Zeichen dieser Huldigung; andere hatte der, trotz seinen
-weiten Wanderungen und seinem Verkehr mit Welschen und Franzosen,
-einfach gebliebene Gebirgssohn nicht. Und sie? Sie fand ihn freilich
-nicht in so bedeutsamer Weise verändert, wie er sie -- der Schritt
-vom einundzwanzigjährigen zum vierundzwanzigjährigen Jüngling ist
-kein so großer, wie der vom fünfzehn- zum achtzehnjährigen Mädchen
--- aus dem Flaum um den Mund war ein zierlicher Bart geworden, eine
-weitere äußerliche Veränderung fiel ihr nicht auf. Erst war es ihr
-gewesen, als müsse sie ihm so frei und munter entgegenhüpfen wie sonst
--- aber mit einemmal empfand sie ihm gegenüber eine unaussprechliche
-Beklemmung, ihre Hand zitterte in der seinen und außer dem großen,
-strahlenden Blick, mit dem sie ihn begrüßt hatte, wagte sie ihm keinen
-mehr ins Gesicht zu thun, wenn sie merkte, daß sein Auge auf ihr ruhte.
-So standen sie lange da und wer weiß, wie lange sie es so getrieben
-hätten, wäre nicht ein junger Mann im lichtblauen Rock auf sie
-zugekommen und hätte da Hannchen nicht schnell Heinrichs Arm genommen
-und ihm zugeflüstert: »Wir wollen tanzen, sonst fordert mich Der auf
-und ich kann ihn doch nicht leiden!« Da flog Heinrich mit ihr in den
-Reihen und tanzte nach Jahren wieder den ersten heimathlichen Walzer.
-Vergessen war alles vorhin Vorgefallene -- Athem wehete in Athem --
-Puls schlug an Puls -- Blick flammte in Blick. -- »Mein Hannchen« klang
-es herüber -- »mein Heinrich« flüstert' es hinüber -- und als der
-Walzer zu Ende war, führte der glückliche Tänzer sein Mädchen mit dem
-Entschlusse aus dem Saale, nimmer wieder von der Heimath und seinem
-Hannchen zu weichen.
-
-Dort in dem heimlichen Winkel des Nebenzimmers, wo Heinrich vorhin
-allein gesessen, nahmen sie jetzt miteinander Platz, und nun ging es an
-ein Fragen und Erzählen und Händedrücken und -- was weiß ich! -- Zum
-Beschluß erklärte Heinrich dem entzückt aufhorchenden Mädchen noch, daß
-er in vier Wochen Meister würde und wenn's nach seinem Willen ginge,
-müßte Hannchen in einem Vierteljahr sein liebes Weibchen sein. Da kam
-»Rußbuttenlobel« und flüsterte: »Kinder! seid »a Bissel« auf Eurer
-Hut vor dem Kunz-Karl-Fried -- wenn er kommt und will mit Ihr tanzen,
-Jungfer Hannel, so schlag' Sie's ihm nicht ab; Sie weiß, er hat ein
-Aug' auf Sie, und wenn Sie ihn beleidigt, so geht er hinunter zum Alten
-und verdirbt Euch die Freude! Ich muß jetzt einmal ins Dorf schauen --
-seid gescheidt!« Damit verschwand er.
-
-»Was?« sagte Hannchen, »mit dem Kunz soll ich tanzen? Nimmermehr! Ich
-will nur mit Dir tanzen, Heinrich!«
-
-»Doch,« erwiederte dieser, »doch möcht' ich Dir rathen, ihm wenigstens
-+einen+ Tanz zu gönnen. Du bist ihm vorhin schon ausgewichen -- ein
-zweites Mal nimmt er's gewiß sehr übel, und dann -- ich muß Dir sagen,
-daß ich bei Deinem Vater in Ungnade gefallen bin -- wenn ihm der Kunz
-hinterbringt, daß wir beisammen sind, so reißt er uns wohl auseinander.«
-
-»So wollen wir fortgehen -- ich sage Dir, ich kann und darf nicht mit
-diesem Menschen tanzen, Du wirst schon noch erfahren, warum --«
-
-»So laß uns noch den nächsten Reihen zusammentanzen,« sagte Heinrich,
-»damit ich wenigstens einmal bestelle -- man möchte mich sonst für
-einen Lump halten -- dann gehen wir spazieren.«
-
-Das Paar erhob sich -- aber da stand der Gemiedene schon vor ihnen
-und bat Hannchen um den nächsten Tanz. Diese schmiegte sich an den
-Geliebten und ward von ihm dem Unliebsamen im Fluge entführt. »Einen
-Walzer!« rief Heinrich den Musikern zu, ein Achtgroschenstück auf das
-Orchesterpult werfend. Schnell war der Tanz im Gange und Kunz hatte das
-Nachsehen.
-
-Inzwischen fuhr in der Schänkstube Meister Unger fort, dem so unberufen
-aufgetretenen Gegner des Vogelstellens in tiefster Seele zu grollen
-und dann und wann diesem Groll durch ein derbes Wort Luft zu machen.
-»Ich hab' ihm aber doch eins gegeben, daran er denken wird,« sagte er
-endlich und ließ sich den vierten »Eibenstöcker« geben und noch einen
--- und wieder einen -- da wurde er immer aufgeregter, bis der junge
-Kunz-Müller von Neuhahn -- eben jener Karl-Fried -- hereintrat und sich
-dem »Herrentische« näherte. Er war ein guter Kunde des Gimpelkönigs;
-als ihn dieser daher zu Gesicht bekam, sänftigte sich sein Zorn etwas,
-er reichte ihm freundlich die Hand und zog ihn an seine Seite. »Na, wie
-ist's, Karl-Fried,« redete er den Platznehmenden an, »wollt Ihr meinen
-Wallheim noch haben? Wenn nicht, so wandert er nach Kirchberg, wo mir
-Einer fünf Thaler und Tuch zu einem Rock und ein Paar Lödelschuh dafür
-geboten hat.« Der Wallheim war aber einer seiner gefiederten Schüler,
-darum so genannt, weil er das Mantellied aus Holtei's »Lenore« sang.
-
-»Was der Wollklopper giebt, kann ich auch noch zahlen,« erwiederte der
-Müller, »ich nehme den Vogel für einen Doppellouisd'or, aber den Bauer
-müßt Ihr zugeben.«
-
-»Für eine Metze Heugesäm' -- topp! -- Wirthschaft, ein Fläschel zum
-Leihkauf!« rief der Verkäufer. Während der Wirth dem Befehl nachkam,
-flüsterte der Müller dem Vater Hannchens etwas ins Ohr.
-
-»Da soll doch gleich --« der Fluch erstarb dem empörten Vater auf der
-Zunge; er sprang auf und eilte zur Thür. Der Ohrenbläser rannte ihm
-bestürzt nach. »Lieber Meister Unger!« bat er, »seid nicht so hitzig!
-macht kein Aufsehen! -- ich bin dem Hannel gut -- und weil wir einmal
-darauf zu reden kommen, so will ich Euch nur sagen, daß es mein Wunsch
-ist, Euer Schwiegersohn zu werden.«
-
-Der Alte vergaß seinen Zorn für einen Augenblick. »Wirklich,
-Karl-Fried? Ist das Euer Ernst?« fragte er erfreut. »Warum habt Ihr mir
-das nicht schon längst gesagt?«
-
-»Je nun -- ich hatte immer das Herz nicht -- das Hannel that so apart
-gegen mich.«
-
-»Ich will ihr das Apartthun schon einstreichen,« erklärte Meister
-Unger. »Ihr wißt, in meinem Hause bin ich Herr, da gilt, was ich will.
-Ihr werdet mein Schwiegersohn, Karl-Fried, oder ich will zeitlebens
-keinen Vogel mehr fangen! Jetzt aber will ich meinen Nickel vom
-Tanzboden holen, wenn sie mit dem »Leimtiegel« karessirt.«
-
-Er eilte fort und stand in wenig Augenblicken vor den Liebenden, die
-bei der eben eingetretenen Tanzpause sich in ihren Plauderwinkel
-zurückgezogen hatten.
-
-»Du gehst augenblicklich mit mir in die Schänkstube oder nach Hause!«
-herrschte der Vater der Tochter zu.
-
-Hannchen, an unbedingten Gehorsam gegen die Eltern gewöhnt, erhob
-sich und erklärte, nach Hause gehen zu wollen, wenn sie nicht auf dem
-Tanzboden bleiben dürfe. Heinrich stand auf und sagte: »Verzeihen Sie
-mir, Meister Unger, wenn ich Sie beleidigt habe -- es war bestimmt
-nicht meine Absicht --«
-
-»Mit Ihm hab' ich gar nichts zu reden,« versetzte Jener, »und Er hat
-nichts mit meiner Tochter zu reden, merk' Er sich das, und wenn Er dem
-Mädel nachläuft, so will ich's Ihm schon einstreichen!«
-
-Das liebende Paar wäre dem Ergrimmten gern um den Hals gefallen, wenn
-der Ort eine solche Scene gestattet hätte. Mit feuchten Augen fügte
-sich Hannchen in den Befehl ihres Vaters. Er wollte sie mit in die
-Schänkstube nehmen, allein sie machte sich los und ging weinend nach
-Hause.
-
-Heinrich hatte ihr mitgetheilt, auf welche Weise er dazu gekommen
-war, den Vater so gegen sich zu erbittern, und sie kannte diesen zu
-gut, um nicht zu wissen, wie ernst und dauernd diese Erbitterung sein
-mußte. Aber so tief sie darum den Vorfall beklagte, so konnte sie doch
-dem Geliebten nicht Unrecht geben, daß er so freimüthig als Anwalt
-der armen Vöglein aufgetreten war, und wiewohl sie bisher über das
-Unrecht, das in der Liebhaberei des Vogelstellens lag, noch wenig
-nachgedacht hatte, so war es ihr doch sofort einleuchtend, und mit
-dem Feuer eines edlen Gemüthes faßte sie den lebhaftesten Abscheu
-dawider. Es beunruhigte sie sogar, daß sie ihren Vater zuweilen nach
-dem Vogelherd begleitet, Beeren für denselben gesammelt, auch wohl,
-wenn er selbst abwesend war, an seiner Statt den Herd besorgt hatte.
-Sie beschloß, sich künftig solchen Aufträgen nur gezwungen zu fügen.
-Daheim angelangt, fiel sie ihrer Mutter weinend um den Hals und gestand
-ihr ihr Glück und ihr Leid. Frau Unger tröstete die Bekümmerte,
-billigte ihre Liebe, ermahnte sie zur Geduld und versprach ihr, Alles
-aufzubieten, um ihr den Weg zur Hochzeit zu ebnen.
-
-Den folgenden Tag gab es zwei Brautwerbungen im Ungerschen Hause.
-Die eine kam schriftlich an die Hausfrau, Rußbuttenlobel war ihr
-Ueberbringer und Heinrich ihr Absender -- die andere brachte
-Kunz-Karl-Fried in Person bei dem Hausherrn an. Dieser saß indeß
-nicht auf dem hohen Pferde wie gestern; er war mit einem Rausche
-heimgekommen, und dessen schämte er sich heute vor seiner Familie. Er
-nahm daher den ihm so lieben Werber etwas kleinlaut auf und schob, um
-seine stillzürnende Ehehälfte zu begütigen, ihr die Entscheidung über
-diese Angelegenheit zu. Frau Unger aber entschied so: »Meister Kunz,
-Er hat schon Sein Theil -- heirath' Er das arme Mädel, dem Er die Ehre
-genommen!« Verblüfft vernahm der reiche Bewerber diesen Bescheid,
-stotterte etwas von dem Unpassenden, ein so armes Ding wie die
-Gemeinte zu seiner Frau zu machen, und zog sich, als ihm hierauf Frau
-Unger eine tüchtige Lection in Wellersgrüner Hochdeutsch gegeben, mit
-dem erhandelten Gimpel zurück, jedoch ohne seine Hoffnung auf Hannchens
-Besitz ganz aufzugeben, da er auf seinen Geldsack und Meister Jobsts
-Gunst pochte.
-
-Ganz andern Bescheid trug Rußbuttenlobel von Frau Unger heim. Zwar auf
-eine schriftliche Erwiederung des schriftlichen Antrages konnte die
-Gute sich nicht einlassen, da es zu ihrer Jugendzeit in Wellersgrün
-noch nicht Sitte gewesen war, daß ein Mädchen schreiben lernte --
-aber der freundlichste Gruß und die herzlichste Zusage legte sie dem
-Liebesboten in den Mund, und dieser war nicht der Mann, der eine Silbe
-fehlen ließ, wenn er etwas auszurichten hatte. »Was die Einwilligung
-meines Alten betrifft,« hatte die wackere Frau gesagt, »so wird es zwar
-etwas Zeit und Mühe kosten, sie zu erlangen, aber einmal muß er doch Ja
-sagen.«
-
-»Du lieber Gott!« rief Heinrich, als er dies vernahm, »heute über
-zwanzig Jahre ist auch »einmal!« Da kann mir's gehen, wie dem
-Lautersgrüner Pastor, -- der hat sich mit seinem Schatz auch zwanzig
-Jahre geschleppt und wie er endlich zu der Pfarre gekommen, daß er hat
-heirathen können, sind sie beide halb stumpf gewesen!«
-
-»Ich denk', so soll's Dir nicht gehen,« tröstete Lobel, »der alte
-Gimpelkönig hat zwar einen harten Kopf, aber ich glaub', er ist mürb'
-zu machen -- ich hoffe, Du führst Dein Hannel in Kurzem heim, wenn Du
-mir folgst.«
-
-»Vetter -- Herzensvetter -- sprich, was soll ich thun?«
-
-»Du mußt den Alten mürb' machen -- mußt mit ihm um die Wette
-vogelstellen und Gimpel lernen --«
-
-»Nimmermehr!«
-
-»Versteh mich recht -- Du sollst's nur zum Schein -- sollst selbst
-nicht einen einzigen Vogel fangen, aber sollst einen Vogelherd bauen --
-dem Alten in den Strich -- und ihm so den Fang verderben, Du weißt ja
-Bescheid damit.«
-
-»Man muß auch den Schein des Unrechts meiden, besonders wenn man sich
-zu seinem Bekämpfer aufwirft.«
-
-»Auch um dieses Bekämpfens willen ist es gut, wenn Du scheinbar
-umlenkst. Du hast es ganz falsch angefangen, daß Du so mit der Thür
-ins Haus fielst. Böse Gewohnheiten sind wie Warzen -- Wegschneiden
-hilft nicht, man muß sie durch Sympathie vertreiben. Jetzt, wo Du das
-ganze vogelstellende Wellersgrün vor den Kopf gestoßen hast, magst
-Du noch so schöne Reden wider den Vogelfang halten, Du predigst doch
-tauben Ohren. Mach' es einmal ganz anders! Gewinne Dir zuerst den
-Eckstein der Vogelstellerzunft, den Gimpelkönig, geh' ihm in seiner
-Leidenschaft zu Leibe! Ich verschaffe Dir Gimpel zum Lernen -- und Du
-mußt ein paar lernen, vor welchen sich alle Gimpel des Gimpelkönigs
-verstecken müssen. Er muß seine Reputation in Gefahr kommen, muß sie
-auf Dich übergehen sehen -- so wird er mürbe und kapitulirt!«
-
-»Vetter!« rief Heinrich und schloß die Wellersgrüner Sicherheitspolizei
-mit einer Freude in seine Arme, die dieses Institut ihm anderwärts
-nicht eingeflößt hatte -- »Vetter! Du bekommst in meinem Hause deinen
-Auszug -- Dein Plan ist göttlich -- daß ich nicht selbst darauf
-verfiel! -- Aber ich bin zu sehr verliebt, dergleichen auszudenken. --
-Vetter, mach' Deine Sach', ich mache die meine!«
-
-
-4.
-
-Die Zeit des Gimpelfangs war wieder da, und es that auch noth, denn
-Meister Ungers Kapelle war durch einen in letzter Zeit ungewöhnlich
-starken Absatz sehr zusammengeschmolzen und er mußte rekrutiren.
-Hannchen hatte sich längst auf diesen Zeitpunkt gefreut, denn nun lag
-ihr Vater zu halben Tagen im Vogelherd und sie konnte den Geliebten
-unter den Augen ihrer Mutter täglich bei sich empfangen.
-
-Dieser war inzwischen Meister geworden, erfreute sich einer guten
-Kundschaft, und sein Hauswesen war so in den Stand gesetzt, daß er
-jeden Tag ein Weibchen heimführen konnte. Bisher war es ihm nur selten
-vergönnt gewesen, die dazu Auserkorene auf Augenblicke verstohlen zu
-sprechen -- mit welchem Entzücken ging er am ersten Nachmittage,
-da Meister Unger auf dem Vogelfang war, frank und frei in das ihm
-geöffnete Haus!
-
-Ein Glück war es, daß der »Kunz-Karl-Fried« nicht im Orte hauste, sonst
-wäre dem glücklichen Freiersmann die Freude bald wieder versalzen
-gewesen; aber die Wellersgrüner konnten ihn immerhin zu seinem
-Schätzchen gehen sehen, die hielten das Geheimniß eines liebenden
-Paares heilig. Einiges Aufsehen machte es indeß, als man erfuhr, der
-Sacher Heinrich, der sich in der Schänke so kräftig gegen den Vogelfang
-ausgesprochen, habe jetzt selbst im Niederwellersgrüner Hammerwalde
-einen Vogelherd angelegt -- aber auch dies fand man bald in der
-Ordnung, indem man es als ein »Blendwerk« deutete, daß der pfiffige
-Liebhaber nothgedrungen dem Vater seiner Liebsten vormache, um diesem
-die Meinung beizubringen, er wäre gleich ihm selber auf dem Vogelfang,
-während er ganz gemüthlich um das Töchterlein freiete. Als aber Meister
-Unger die sonderbare Mär von Heinrichs Anstalten zum Vogelstellen
-hörte, rieb er sich vergnügt die Hände. »Da hat man das Großmaul!«
-sagte er, »wie es außer der Zeit war, da konnt' er gut wider das
-Vogelstellen predigen, aber kaum ist die Zeit da, da kann er's selbst
-nicht lassen. Ja, lehrt mich das nicht kennen! Was einmal zum Vogelfang
-geboren ist, kann sein' Lebtag' nicht davon loskommen! -- Meine Tochter
-kriegt er aber nun doch nicht!«
-
-Vier Wochen des herrlichsten Wetters für den Vogelfang gingen in das
-Land. Täglich ging Meister Unger ans Werk und täglich kehrte er heim,
-ohne mehr zu fangen, als hin und wieder einen »lumpigen Quäker«. Das
-edlere Geflügel, wie Grünertse, Zippen, namentlich aber Gimpel, schien
-ihm ganz und gar den Rücken gekehrt zu haben. Noch drei gelernte Gimpel
-hatte er in seinem Besitz und die Nachfragen nach diesen Sängern
-häuften sich wie noch nie. Nach Monatsfrist war er auch nicht um einen
-reicher.
-
-Man hätte glauben sollen, das fortwährende Fehlschlagen aller
-Bemühungen wäre das Grab von Seiner Majestät Geduld geworden; aber
-man hat keinen Begriff von der Geduld eines leidenschaftlichen
-Vogelstellers. Meister Unger wurde durch das Mißlingen seiner
-Operationen nur um so erpichter, zumal da die Anreizungen von Außen --
-Bestellungen auf gelernte und ungelernte Gimpel -- sich mehrten. Aus
-diesen Bestellungen ersah er zugleich, welch' ungeheuern Ruf er erlangt
-hatte, und er war nicht der Mann, der gegen solchen Ruf gleichgültig
-sein, ihn ohne Schmerz verlieren konnte. Davon, daß viele Aufträge
-fingirt, ein bloßes Machwerk Rußbuttenlobels waren, hatte er freilich
-keine Ahnung. Statt des halben, legte er sich bald den ganzen Tag auf
-seine Lieblingsbeschäftigung; es fehlte wenig, so wäre er ganz hinaus
-auf den Vogelherd gezogen. Es war aber Alles umsonst -- das Glück
-hatte sich entschieden von ihm gewendet. Dagegen mußte er hören, wie
-dem Sacher die »rarsten« Vögel zuströmten und wie dieser bereits im
-Besitz einer so zahlreichen Gimpelkapelle sei, wie er selbst sie nie
-beisammen gehabt. Da wurde dem Gimpelkönig angst und bang um seinen
-Ruhm -- wenn jetzt bei seiner Anwesenheit zu Hause ein städtischer
-Besuch kam, versteckt' er sich und ließ sich verläugnen, denn er wußte
-nicht, wie er seine Armuth an Sängern beschönigen sollte. Er begann an
-Zauberei zu glauben, und als er eine Zeitlang weiter nichts fing, galt
-es ihm als ausgemacht, daß sein Vogelherd behext sei -- und wer konnte
-der Hexenmeister anders sein, als der in Welschland und Frankreich mit
-allen Teufelskünsten bekannt gewordene Sacher? -- Der Hexenmeister war
-jedoch Niemand als Rußbuttenlobel, welcher sich im Besitz eines Mittels
-befand, wodurch der für die Vögel ausgehängte Köder diesen schon von
-Weitem verleidet wurde -- eine feine Essenz, womit Lobel in der Nacht
-die Beeren, oder worin sonst der Köder bestand, besprengte und dadurch
-die Vögel verscheuchte.
-
-Mittlerweile machte der Müller aus Neuhahn vergebliche Versuche,
-sich bei Frau Unger sowohl, als bei Hannchen in Gunst zu setzen. Ein
-goldener Henkeldukaten an schwarzem Sammethalsbande wurde von ersterer
-ohne Antwort zurückgeschickt, und eine schwere goldene Halskette
-erfuhr bei Hannchen, die eben keine Danae war, gleiches Schicksal.
-Herr Kunz, der nicht begriff, wie ein Frauenzimmer blind gegen die
-Reize des Goldes sein könnte, argwöhnte ganz richtig, daß doch wohl der
-Sacher Heinrich noch zu dem Hannchen schleiche. Er legte sich in den
-Hinterhalt, um darüber ins Reine zu kommen, und brauchte nicht lange
-zu lauern, um seinen Verdacht bestätigt zu finden. Eine Stunde später
-erfuhr Meister Unger auf dem Vogelherd die Schreckenspost, daß der
-Mensch, der an all seinem Unglück schuld war, hinter seinem Rücken in
-sein Haus »auf die Freiet« ginge. »Der Mensch bringt mich unter die
-Erde!« rief der betrogene Vater aus und das Wasser trat ihm in die
-Augen vor Zorn und Schmerz. Er kratzte sich hinter den Ohren, raufte
-sich die Haare, lief im Vogelherd auf und ab und fragte: »Was soll
-ich thun? Den Vogelherd verlassen und nach Hause eilen, dort Ordnung
-zu schaffen? Aber wer weiß, mach' ich nicht gerade heute einen guten
-Fang? O ich geplagter Mann! Drin in meinem Hause geht's drunter und
-drüber und hier hält mich das Geschäft. -- Herzens-Karl-Fried«, redete
-er diesen weinerlich an, »jetzt kann ich unmöglich von hier fort --
-Ihr müßt Euch gedulden -- wenn ich nach Hause komme, will ich meinem
-Weibsen den Marsch schon machen. Verlaßt Euch auf mich, der Tischler
-kommt mir nicht wieder ins Haus!«
-
-Es giebt keine blindere und verkehrtere Leidenschaft als die
-Eifersucht einer aufdringlichen Liebe. Kunz begriff nicht, daß eine
-angefochtene Liebe nur heißer und fester wird. Als Meister Unger
-am Abend seinem »Weibsen den Marsch machte« und Heinrichs Besuche
-in seinem Hause streng untersagte, unterwarfen sich zwar Weib und
-Kind dem Verbote; aber die wußten schon, wo sie waren: sie waren ja
-»d'rham« in Wellersgrün, im lieben Gebirge, wo verfolgte Liebe überall
-Schutz findet, wenn nicht unter dem eigenen Dache, so doch in irgend
-einem Nachbarstübchen, oder, wenn es sein muß, draußen im schattigen
-Tannenwald. »Ihr werdet einander doch dann und wann sehen,« tröstete
-die Mutter ihr Kind, »morgen gehst Du zur Muhme Christliebe zu Rocken,
-und wenn früh das Rußbuttenlobel kommt, so steck' ich's ihm, dann
-erfährt's Dein Heinrich schon.«
-
-Die Bestellungen auf Gimpel, welche Meister Unger erhalten und
-angenommen hatte, beliefen sich schon auf ein paar Dutzend, und er
-hatte noch immer nur seine alten drei Stück. Man kam und mahnte -- er
-vertröstete -- aber seine Hoffnungen auf eine Wendung seines Unsterns
-schlugen fehl -- er konnte sein Wort nicht halten -- er stand am
-Abgrunde seines Ruhmes. Heinrich hatte eine Menge der begehrten Vögel
-und zum Theil schon gelernte -- wenn Ungers Kunden davon erfuhren, so
-war er »gepritscht«, und Heinrich trat an seine, so lange mit Ehren
-behauptete Stelle. Als er eines Abends glücklos wie immer heimkehrte,
-kam ihm wohl der Gedanke, es koste vielleicht nur ein Wort bei dem
-Tischler, so ließe dieser ihm einen Theil seiner Herde, und er könne
-damit seine Ehre retten -- aber dieses Wort zu sprechen, war ihm
-unmöglich. Den Abend darauf schüttete er gegen Rußbuttenlobel, dem
-er nicht im mindesten mißtrauete, sein ganzes Herz aus. Der schlaue
-Wächter unterließ nicht, auf der einen Seite den Ehrgeiz des alten
-Voglers gehörig zu streicheln, auf der andern aber Heinrichs Virtuosen
-in das glänzendste Licht zu stellen. In der That war es dem jungen
-Tischlermeister gelungen, ein paar Gimpel vorzüglich gut abzurichten;
-der eine sang sogar zwei Melodieen: »Kommt a Vogerl g'flogen« und
-»Hörst Du nicht die Vöglein singen« -- ohne allen Anstoß und mit einer
-Richtigkeit des Zeitmaßes, die Unger seinen Sängern nie beizubringen
-wußte. Diesen Vogel taufte Rußbuttenlobel den »Steiermärker« und er
-hatte es durch seine Beredtsamkeit bald dahin gebracht, daß Meister
-Gottfried von Begierde brannte, den »Steiermärker« zu hören, ja wo
-möglich zu besitzen. Lobel äußerte jedoch bescheidene Zweifel in
-Bezug auf die Erfüllung des letzten Wunsches, dagegen versprach er zur
-Erreichung des ersten behülflich zu sein, nur müsse er abwarten, wenn
-Heinrich einmal einen Nachmittag nicht zu Hause wäre, da wolle er dem
-Meister den Steiermärker auf den Vogelherd bringen.
-
-Der Nachmittag, wo Heinrich nicht zu Hause war, mußte natürlich bald
-kommen, und Rußbuttenlobel zog vergnügt mit dem Käfig, welcher den
-Steiermärker beherbergte, hinaus nach Ungers Vogelherd. Der arme Mann
-hatte eben wieder einen Schritt näher zum Grabe seines Ruhmes gethan:
-er hatte »kein Schwänzel« gefangen und war recht niedergeschlagen, als
-Lobel in den Herd eintrat. Dem ehrlichen Boten das Bauer entreißen,
-das es verhüllende Tuch wegziehen und den Gimpel nach allen Seiten
-betrachten, war eins. Lobel intonirte und der Steiermärker begann.
-Lange lange schon war dem Gimpelkönig auf seinem jetzt wackeligen
-Throne kein Ohrenschmauß zu Theil geworden, wie in diesem Augenblick.
-Es war ihm, als müsse er den Sänger küssen -- er schnalzte mit der
-Zunge -- klatschte in die Hände -- er setzte den Vogel vor sich auf die
-Bank und kauerte andächtig davor -- am Ende fing er an zu greinen und
-sagte: »Mit mir ist's aus -- wenn die Leute dich hören, Steiermärker,
-so will kein Mensch von mir einen Gimpel mehr, und ich heiße der
-Gimpelkönig nur noch zum Spott! -- Rußbuttenlobel, verschafft mir den
-Steiermärker!«
-
-»Das steht nicht in meiner Macht -- Ihr könnt denken, daß mein Vetter
-den Vogel auch gern hat -- ja, ich sag' Euch, er hält ihn wie seinen
-Augapfel, und wenn er wüßte, daß ich ihn hier herausgetragen hätte --
-ich käme ins Teufels Küche!«
-
-»Oho! ich werd' ihn nicht behexen, wie mir der Sacher den Vogelherd
-behext hat,« erwiederte Meister Unger. »Lobel! ich bitt' Euch, verhelft
-mir zu dem Gimpel da!«
-
-»Ich will dem Heinrich sagen, daß Ihr --«
-
-»Nein! nein! er darf nicht wissen, daß +ich+ den Vogel haben will.«
-
-»Das würde ihm ja doch nicht verborgen bleiben, wenn der Vogel in Eure
-Hände käme,« sagte Lobel und versprach alles Mögliche zu thun, um
-seinem Vetter den Gimpel feil zu machen.
-
-Von Stund' an war es um den letzten Rest von des Gimpelkönigs
-Seelenruhe geschehen. Der Gesang des Steiermärkers klang ihm in den
-Ohren, wo er ging und stand. Daheim, auf dem Vogelherd, auf dem Felde,
-überall war es ihm, als hörte er's tönen: »Kommt a Vogerl g'flogen,
-setzt sich auf mein'n Hut« -- er träumte wachend und schlafend von dem
-niedlichen Sänger. Er fing schon an, den Zwiespalt mit dem Eigenthümer
-desselben zu beklagen, begann zu bereuen, daß er ihn beleidigt,
-geschlagen, aus dem Hause gewiesen -- ach! wenn es ihm nur möglich
-gewesen wäre, dem Beleidigten die Hand zur Versöhnung zu bieten! Wie
-sich jetzt herausstellte, war es dem Tischler ja mit dem Verdammen des
-Vogelfanges gar nicht so ernst gewesen, als man es aufgenommen hatte --
-jetzt ließ sich schon mit ihm leben -- aber ihm entgegengehen? -- nein
--- das wäre eine Erniedrigung gewesen, ein solcher Gedanke durfte nicht
-aufkommen. »Wenn nur das Rußbuttenlobel käme!« seufzte der Geplagte,
-als er wieder leer vom Vogelherd heimkehrte.
-
-Rußbuttenlobel kam.
-
-»Es kann nicht anders sein,« klagte der unglückliche Vogelsteller dem
-würdigen Polizeimann, »mein Vogelherd ist behext -- zwei Tage hab' ich
-wieder kein Schwänzel gefangen.«
-
-»Das glaub' ich,« sagte Lobel, »in den letzten zwei Tagen ist mein
-Vetter beständig auf seinem Herd gewesen, da konntet Ihr nichts fangen,
-Meister Unger!«
-
-»Wie so? -- sagt mir's, wie so?«
-
-»So fragt man die Bauern aus, Meister Unger --«
-
-»Lobel, sagt mir's -- es soll Euer Schade nicht sein -- der Sacher kann
-hexen, gelt?«
-
-Lobel machte eine geheimnißvolle Miene, rückte seine Mütze, kratzte
-sich das Hinterhaupt, nahm den Frager beim Arm und flüsterte ihm ins
-Ohr: »Versprecht Ihr mir, daß Ihr mich nicht verrathen wollt, Meister
-Unger?«
-
-Dieser schwor »Stein und Bein« und Lobel sagte darauf: »Der Heinrich
-hat ein Mittel, alle Vögel eine Stunde im Umkreis an sich zu locken --
-ich weiß nicht, worin es besteht, aber so viel kann ich Euch sagen: die
-Kraft liegt im Köder -- die Beeren sind in eine Flüssigkeit getaucht,
-deren Bereitung ich vergebens erforscht habe, sonst hätte ich Euch
-längst ein Fläschchen davon verschafft --«
-
-»Um's Himmelswillen, verschafft mir eins!« unterbrach ihn der
-leichtgläubige Hörer.
-
-»Das ist unmöglich, ich müßt' es denn stehlen -- das wäre ein schöner
-Streich von einem Polizeimann. Aber hört -- ich weiß einen Weg, Euch
-zu helfen. So viel hab' ich nach und nach ausspionirt, daß mein Vetter
-vor jedem Fang frische Beeren -- ich glaub', es sind Pfaffenhütle --
-nimmt und sie auf dem Vogelherd selbst zubereitet. Ihr müßt sehen, wie
-Ihr solche Beeren in Eure Gewalt bekommt. Der Heinrich bleibt nie wie
-Ihr einen ganzen Nachmittag auf dem Herd -- er geht stundenlang davon
-weg und wieder hin, wie's ihm gelegen ist. Nun dürft Ihr nur einmal
-abpassen, wenn er eine solche Pause macht -- da schleicht Ihr -- ja so,
-das geht nicht -- eine Mannsperson und eine verheirathete Weibsperson
-darf die Beeren, wenn sie einmal geweiht sind, nicht berühren, sonst
-verlieren sie ihre Kraft; es muß eine reine Magd sein, welche die
-Beeren nimmt -- und auch nicht zu jeder Zeit darf das geschehen,
-sondern nur zum Neumond --«
-
-»Ich schick's Hannel,« fiel Meister Unger ein.
-
-»Aber wird die gehen -- wird die ihren Herzensschatz bestehlen?«
-
-»Ei was! -- so was ist kein Diebstahl, dergleichen kommt unter
-Jägersleuten vor. Also zum Neumond, sagt Ihr, muß es geschehen?«
-
-»Zu keiner andern Zeit -- all solch Hexenwerk will beim Neumond
-getrieben sein.«
-
-»Gut -- wenn haben wir den nächsten Neumond?«
-
-»Uebermorgen.«
-
-»Das ist herrlich! Aber wird da der Sacher gerade auf den Vogelherd
-gehen?«
-
-»Und wenn er sonst nie ginge, den Neumond versäumt er nicht. Instruirt
-nur's Hannel gut, damit sich's nicht erwischen läßt! Und noch eins, das
-ich bald vergessen hätte -- wenn sie hingeht, muß sie stracks nach dem
-Herd gehen, darf nicht davor stehen bleiben, sich nicht umsehen und
-keinen Laut von sich geben, bis sie bei den Beeren ist, und wenn sie
-die hat, muß sie, ohne sich umzusehen, wieder fortgehen. Das schärft
-ihr ja recht ein!«
-
-In der Erwartung des Neumonds und des damit verknüpften Hexenstückleins
-schlichen dem Gimpelkönig die Stunden langsam dahin. Er hatte jetzt
-für nichts mehr Sinn als für den Köderraub, selbst der Steiermärker
-trat etwas in den Hintergrund, doch vergaß er ihn nicht ganz, und
-als am Vorabend des verhängnißvollen Tages ein Brief von Leipzig an
-ihn kam, worin ein Unbekannter anfragte, ob es wahr sei, was man von
-dem wunderbaren Gimpel spräche, der zwei Melodieen mit unerhörter
-Virtuosität sänge, und ob dem Herrn Unger -- denn sonst könne doch
-Niemand im Besitz eines solchen Wunders sein -- das Thier feil wäre --
-als Meister Unger diesen Brief gelesen, behauptete der Steiermärker
-den gleichen Platz mit dem morgenden Abenteuer. Er konnte unmöglich
-schlafen -- als Lobel in der Nähe die zehnte Stunde abrief, schlich er
-sich hinaus zu ihm und bat ihn, nach dem Abrufen zu ihm zu kommen und
-ein Gläschen »Eibenstöcker« mit ihm zu trinken, denn als Krämer führte
-er selbst seinen Magentrost im Laden.
-
-Lobel ließ nicht vergebens auf sich warten. Was die Beiden da mit
-einander ausgemacht haben, weiß ich nicht; aber am folgenden Morgen
-erschien der Wächter sehr früh bei Heinrich, lachte im ganzen Gesichte
-und sagte: »Heinrich, das Eisen ist warm -- nun schmiede zu! Heute oder
-nie wird die Komödie aus.«
-
-
-5.
-
-Nie war der Gimpelkönig seinen Angehörigen milder erschienen, als
-am heutigen Tage. Nicht ein einzigesmal ließ er sich als Topfgucker
-betreffen, nicht ein einzigesmal keifte er um ein Nichts. Der wackern
-Hausfrau widerfuhr das Unglück, daß »der Götzen« in der Röhre anbrannte
--- wenn es nun nichts setzt, dachte sie, so geht ein Wunder vor! Aber
-der gestrenge Hausherr verlor kein Wort darum, er setzte sich zu
-Tische und verschlang seinen Götzen sammt der verbrannten Rinde in
-schweigsamer Hast. Das frohe Staunen der Frau und Kinder war groß.
-
-Eben so groß, aber minder froh war Hannchens Staunen, als nach dem
-Essen der Alte sie ersuchte, sich fertig zu machen, daß sie mit ihm auf
-den Vogelherd gehen könne. Was sollte sie auf dem Vogelherd? Sollte
-sie an einem Geschäft sich betheiligen, das ihr Heinrich sie als ein
-Unrecht verabscheuen gelehrt? Sie machte Ausflüchte, aber umsonst;
-sie mußte sich entschließen, und ihre Mutter, von Lobel gestimmt,
-forderte sie selbst auf, diesmal dem Vater zu willfahren. »Nimm Dein
-Handkörbchen mit!« befahl er beim Fortgehen, und dem nachkommend, trat
-sie an seiner Seite den Gang an. Aber statt nach dem Gemeindeholz, wo
-der väterliche Vogelherd stand, ging es nach dem Hammerwalde. »Dort ist
-ja nicht Dein Vogelherd!« sagte sie stehen bleibend.
-
-»Komm nur!« erwiederte er, »wir machen einen Umweg; dort giebt's viel
-Beeren, die mir fehlen, die wollen wir mitnehmen.« Und sie schritten
-weiter. »Hannel!« sagte er bald darauf im sanftesten Tone, dessen er
-den Seinen gegenüber nur fähig war, »Hannel, Du mußt mir einen Gefallen
-thun -- wer weiß, ob ich Dir nicht auch einen thun kann.«
-
-Hannchen, die einer solchen Sprache aus dem Munde ihres Erzeugers gar
-nicht mehr gewohnt war, fühlte sich ganz gerührt dadurch und sagte:
-»Ich bin Dir ja immer folgsam gewesen -- nur wegen des Kunz-Karl-Fried
-war mir's unmöglich, Dir zu gehorchen -- ach, Vater! dringe mir doch
-diesen Menschen nicht weiter auf! ich will auch Alles thun, was Du nur
-willst.«
-
-»Gut, Du sollst Deinen Willen haben, wenn Du den Kunz nun einmal nicht
-leiden kannst -- aber laß mich nun auch meinen Willen haben.«
-
-»Nun?« fragte Hannchen mit erleichtertem Herzen.
-
-»Geh -- hm -- je nun -- Du sollst mit Deinem Körbchen hinübergehen nach
-des Sacher Heinrichs Vogelherd -- siehst Du, dort in der Telle liegt
-er -- Dort wirst Du viel Lockbeeren finden -- davon sollst Du mir ein
-Körbchen voll holen.«
-
-»Die Beeren sind aber ja nicht unser.«
-
-»Das weiß ich wohl -- sie sind dem Sacher -- aber ich muß die Beeren
-haben -- wenn Du mir sie nicht holst, so nehm' ich mein Wort zurück und
-Du mußt den Kunz-Karl-Fried doch heirathen!«
-
-Hannchen schrak zusammen. Sie hatte als einfaches gebirgisches
-Landmädchen keinen rechten Begriff von der Ausdehnung der väterlichen
-Gewalt, daher zitterte sie bei dem Gedanken, daß ihr Vater sie wohl
-am Ende ebenso gut zu einer Heirath mit dem ihr verhaßten Bewerber
-zwingen, als er seine Einwilligung zur Verbindung mit dem Geliebten
-verweigern konnte. In der Angst ihres Herzens gehorchte sie ohne
-Weiteres. Ihr Vater versicherte, daß sie nicht zu fürchten brauche,
-erwischt zu werden, da der Eigner des Herdes erst vor einer Stunde
-heimgegangen sei, schärfte ihr noch Rußbuttenlobels Anweisungen ein
-und entließ sie mit den Worten: »Ich verberge mich hier im Gebüsch und
-erwarte Dich.«
-
-Die Entfernung des Sacherschen Vogelherdes von besagtem Gebüsch betrug
-nur zehn Minuten; in spätestens einer halben Stunde mußte Hannchen mit
-dem Raube zurück sein. Allein es vergingen Dreiviertelstunden und die
-Abgesandte ließ sich nicht wiedersehen. Der Alte harrte in fieberhafter
-Aufregung -- an dem glücklichen Erfolge des Unternehmens hing sein
-Ruf, seine Ruhe, das Glück seiner Tage, wie er wähnte. Von Minute zu
-Minute steigerte sich diese Erregung. Er trat von Zeit zu Zeit aus
-seinem Versteck und spähete nach der Gegend des Vogelherdes hinüber
--- aber Hannchen zeigte sich nicht. Endlich übermannte ihn die Unruhe
-seines Herzens -- es litt ihn nicht mehr auf dem Platze -- er mußte
-sehen, was aus dem Mädchen geworden. Er zog sich in dem Gebüsche, das
-den Hammerwald säumte, langsam und vorsichtig nach dem Vogelherde hin.
-Jeden Augenblick, wenn ein Vogel im Gebüsch sich regte, glaubte er,
-die Tochter käme, aber er fand sich allemal getäuscht. So gelangte er
-in die Nähe des Herdes. Keine Spur von einem Menschen rings zu sehen.
-Er kroch auf allen Vieren nah an die Einfriedigung -- es war so still
-hier wie auf dem Friedhofe. Nur dann und wann drang das Pfeifen eines
-Lockvogels aus der Reisighütte des Vogelherdes. Sollte Hannchen etwa da
-drinnen und eingeschlafen sein? Er schlich sich hinan -- es war, als
-vernähme er ein Flüstern und Murmeln -- er bog einige Zweige zurück,
-um ein Guckloch zu erhalten -- Himmel! welch ein Schauspiel öffnete
-sich da seinen Blicken! Da saß sie, die Pflichtvergessene, in den Armen
-ihres Buhlen; vor ihr stand das Körbchen, halb gefüllt mit Beertrauben,
-während eine Menge dergleichen auf Heinrichs Schooß lag. Andere hielt
-er in seiner Linken -- aber was that er damit? Er zählte die Beeren
-daran -- »fünfundzwanzig,« schloß er halblaut -- »also weiter, mein
-Kind! fünfundzwanzig Küsse als Lösegeld!« -- Und die Gefangene? Da
-hält sie das Mäulchen hin und zahlt, zahlt so prompt, wie es nur auf
-der Wechselbank geschehen kann. Fünfundzwanzig baare Küsse zählt der
-erstaunte Vater, dann sieht er, wie die Zahlerin die Traube lächelnd
-nimmt und sie in das Körbchen wirft -- mithin hat sie alle Trauben, die
-darin liegen, mit solcher Münze ausgelöst! Und weiter muß er sehen, wie
-Heinrich schon wieder eine andere Traube ergriffen hat und daran zählt
--- also soll es so fortgehen, bis alle Beeren ins Körbchen gewandert
-sind? Welch Vaterauge könnte das mit ansehen?
-
-»Was ist das?« ruft Meister Unger in die Scene hinein und steht einen
-Augenblick später zürnend vor dem auseinandergeprallten Paare. Wehe!
-welch' ein Wetter wird nun über die Erschrockenen hereinbrechen? --
-Doch horch! welch ein Tönen dringt an das Ohr des Ergrimmten und
-schmeichelt sich weich und lieblich in seine innerste Seele hinein?
-»Kommt a Vogerl g'flogen«, singt der Steiermärker zur Seite seines
-Herrn -- wie bezaubert steht der Gimpelkönig da, und lauscht und
-lauscht, vergißt Vaterzorn und Kindesungehorsam und hat nur Augen und
-Ohren für den kleinen Sänger. Und wie dem ersten Stücklein gar das
-andere folgt:
-
- »Hörst du nicht die Vöglein singen
- Abends von der Donau her,
- Wie sie dir die Botschaft bringen
- Daß mein Herz nicht läßt von dir!«
-
-da wird er so gerührt, so von Entzücken hingerissen, daß es ein Blinder
-wahrnehmen möchte, geschweige denn die scharfsichtige Liebe. Kaum hatte
-der Steiermärker ausgesungen, so ergriff Heinrich den Käfig und reichte
-ihn dem Lauschenden mit den Worten: »Nehmen Sie den Vogel, Meister
-Unger; er war längst für Sie bestimmt und alle meine Vögel sollen Sie
-haben -- seien Sie nur wieder gut mit mir!« Und Hannchen warf sich an
-die Vaterbrust und bat mit für den Geliebten und für sich selbst: »Du
-siehst, ich that Deinen Willen, aber ich wurde ertappt, und da ich Dir
-für mein Leben gern die Beeren verschaffen wollte, an denen Dir so viel
-gelegen schien, so unterwarf ich mich der Bedingung, unter welcher ich
-sie allein retten konnte: ich löste sie aus.«
-
-»Und das ist Dir gewiß nicht sauer geworden, Du Taubenschnabel!« fiel
-ihr der Alte ins Wort. Dann wendete er sich an Heinrich: »Er will mir
-den Steiermärker wirklich lassen?« fragte er.
-
-»Den Steiermärker sammt meinem ganzen Reichthum an Gimpeln.«
-
-»Und was will Er dafür haben?«
-
-»Für Geld sind mir die Vögel nicht feil -- schenken Sie mir Ihre
-Freundschaft!«
-
-Das war für den Gimpelkönig zu viel. Er fühlte, wie schwer er den
-jungen Mann gekränkt hatte -- und doch schenkte derselbe ihm jetzt den
-unschätzbaren Steiermärker -- solche Großmuth hätte einen Botokuden
-rühren müssen -- er richtete sich in die Höhe und sagte: »Von einem
-fremden Menschen kann ich kein Geschenk nehmen, Meister Sacher.«
-
-»O so lassen Sie das Fremdsein zwischen uns aufhören -- machen Sie mich
-zu einem Gliede Ihrer Familie -- zu Ihrem Sohne!«
-
-Hannchen umschlang mit dem Bittenden zugleich den mit seinem Ausspruch
-Zögernden -- da trat das bis jetzt versteckt gebliebene Rußbuttenlobel
-leise hinter ihn, intonirte, und der Steiermärker sang: »Hörst Du nicht
-die Vöglein singen.« Da war von einem längern Widerstande gegen die
-Bitten der Liebenden keine Rede.
-
-»Wenn Ihr denn durchaus nicht voneinander lassen könnt, so habt Euch in
-Gottes Namen!« sprach der Alte, drängte die Glücklichen von sich weg
-und schloß dafür den Vogelbauer mit dem Steiermärker in seine Arme.
-
-»Wann soll ich Euch denn die andern dreißig Vögel bringen, Meister
-Unger?« fragte Rußbuttenlobel vortretend.
-
-»Ihr auch da, Lobel?« rief der Gefragte.
-
-»Ja,« sagte Lobel; »ich hatte Lunten, daß hier 'was Polizeiwidriges
-im Werke wäre, und da gehörte ich auf den Plan. Ich bin nur froh, daß
-Alles so abgelaufen ist, denn es ist ein traurig Amt, der Gerechtigkeit
-in die Hände zu arbeiten, viel lieber schanz' ich der Geistlichkeit
-'was zu.«
-
-Den andern Tag erfuhr ganz Wellersgrün und auch die Neuhahner Mühle
-durch die getreue Dorfpost die unerwartete Kunde von der Aussöhnung
-der Meister Gottfried und Heinrich und des Letzteren Verlobung mit
-Hannchen. Der Verlobung folgte bald die Hochzeit, und als Heinrich
-im Besitze seines Schatzes war, ließ er nicht nur seinen Vogelherd
-wieder eingehen, sondern bekämpfte auch aufs Neue, jedoch mit mehr
-Behutsamkeit und Mäßigung, als jenen Sonntag, die Leidenschaft seiner
-Heimathgenossen für den Vogelfang. Der Schwiegervater wurde leichter,
-als sich erwarten ließ, durch die Großvaterfreuden bekehrt, und wenn
-ihm auch der Steiermärker, so lange er lebte, schon als Vermittler
-dieser Freuden lieb und werth blieb, so war sein Vogelherd doch bei
-der Taufe seines fünften Enkels bereits verfallen, und es kam ihm fast
-wie eine alte Sage vor, daß es einst in Wellersgrün einen Gimpelkönig
-gegeben und daß dieser Niemand anders gewesen als er selbst.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
- Wiederholte Anführungszeichen in Folgeabsätzen bei gleichem
- Sprecher wurden entfernt.
-
- Korrekturen:
-
- S. 50: Pohlwassers → Pöhlwassers
- einem wasserreichen Nebenbach des {Pöhlwassers}
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Erzgebirgische Geschichten. Erster Band, by
-August Peters
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERZGEBIRGISCHE GESCHICHTEN. ***
-
-***** This file should be named 56045-0.txt or 56045-0.zip *****
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
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-
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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-
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-
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- The Project Gutenberg eBook of Erzgebirgische Geschichten (1. Band), by Elfried von Taura.
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-
-
-<pre>
-
-Project Gutenberg's Erzgebirgische Geschichten. Erster Band, by August Peters
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Erzgebirgische Geschichten. Erster Band
-
-Author: August Peters
-
-Release Date: November 25, 2017 [EBook #56045]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERZGEBIRGISCHE GESCHICHTEN. ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This transcription was produced from
-images generously made available by Bayerische
-Staatsbibliothek / Bavarian State Library.)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
-Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h1>Erzgebirgische Geschichten</h1>
-<p class="center">
-von</p>
-<p class="h2">Elfried von Taura,</p>
-<p class="center smaller">
-Verfasser von: »Die stille Mühle« etc. etc.</p>
-<div class="figcenter">
-<img src="images/signet.png" alt="Signet" />
-</div>
-<p class="center">
-Erster Band.</p>
-<p class="center p2">
-<b>Hannover.</b></p>
-<p class="center">
-Carl Rümpler.<br />
-1858.
-</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">Druck von August Grimpe in Hannover.</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Inhalt">Inhalt.</h2>
-
-<div class="toc">
-<p><a href="#Brettschneiderfritz">Bretschneiderfritz.</a></p>
-<p><a href="#Die_Fundgrube">Die Fundgrube Vater Abraham.</a></p>
-<p><a href="#Der_Gimpelkoenig">Der Gimpelkönig.</a></p>
-</div>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-chapter.png" alt="Dekoration" />
-</div>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1">[1]</a></span></p>
-
-<h2 id="Brettschneiderfritz">I.<br />
-Bretschneiderfritz.</h2>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span></p>
-
-<h3>1.</h3>
-</div>
-<p class="drop">Hoch auf dem Plateau des Erzgebirges, in der
-nordöstlichen Nachbarschaft des Keilberges, erhebt
-sich, weit nach Mitternacht und Morgen sichtbar,
-die rautenförmige Basaltkegelgruppe des Bärenstein,
-Scheibenberg, Pöhlberg und Haßberg. Es
-ist ein Raum von wenig Geviertstunden, den sie
-umschließt, aber ein Raum voll landschaftlicher
-und menschlicher Contraste. Die üppigsten Wiesengründe
-wechseln mit kahlen Bergkuppen und hochgethürmten
-Felsen, die herrlichsten Tannenwälder
-mit den traurigsten Torfmooren, die belebtesten,
-von bienenfleißigen Menschen wimmelnden Gegenden
-mit menschenleeren Wüstungen und die abgeschliffensten,
-auf der Höhe der Civilisation stehenden
-Stadtbewohner mit Gemeinden, die noch um Jahrzehente
-hinter jenen zurück sind. Tiefer als die
-Kluft, welche die Gegensätze der Bildung scheidet,<span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span>
-kann das tiefe Thal nicht sein, welches die ganze
-Fläche in zwei Hälften scheidet, eine östliche und
-westliche. Aber von welchen Gegensätzen wüßte
-der Bach zu erzählen, der das Thal bald sanft,
-bald wild durchströmt, wenn wir ihn fragen
-wollten! Es genügt hier zu wissen, daß er in
-seinem obern Lauf die Grenze zweier Staaten und
-zweier Kirchengebiete bildet, daß er anfangs durch
-ein flaches Wiesenthal, dann durch ein enges, tiefes,
-felsiges Waldthal und endlich durch das tiefe
-und weite Thal von Königswald fließt. Da wo
-der schöne Bach die Grenze eines der augenfälligsten
-landwirthschaftlichen Contraste überschreitet, an der
-untern Oeffnung des erwähnten Waldthales, bespült
-er den Garten einer Försterei und treibt
-unterhalb derselben eine Mahl- und Sägmühle,
-oder, wie man hierzuland sagt, Bretmühle.</p>
-
-<p>Es wird mir weh ums Herz, so oft ich an
-diese Bretmühle denke. Denn immer muß ich da
-auch an den armen Bretschneiderfritz denken, der
-einst dort lebte und, wiewohl er fast nie aus dem
-Thal gekommen, mehr erlebte als manches Menschenkind,
-das die halbe Welt am Wanderstabe durchmessen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span></p>
-
-<p>Wenn ich so um zwanzig Jahre in meiner
-Erinnerung zurückgehe, was war da der Bretschneiderfritz
-von Königswald für ein Mann! Alt
-und Jung hatte ihn gern und ehrte ihn als Einen,
-der sein Fach verstand und auch noch etwas mehr,
-der dabei ein rechtschaffen Stück Geld verdiente
-und »lebte und leben ließ.« Zwar der Förster
-drüben über dem Bach war nicht ganz gleicher
-Meinung mit den Königswaldern, denn er hatte
-den Fritz im Verdacht, daß er um die schönen
-Stämme und Klötze wisse, die von Zeit zu Zeit
-aus dem Theile des Reviers verschwanden, welcher
-mit dem Pöhlwasser zunächst der Bretmühle »raint«.
-Er konnte jedoch nichts auf ihn bringen, und so
-blieb Fritzens Ansehen bei den Königswaldern ungeschmälert.
-Er war kein Jüngling mehr, denn
-er hatte bereits in den Zwanzigern nichts mehr zu
-suchen, doch war er noch immer ein Junggeselle.
-Nicht als ob es ihm an Gelegenheit zum »Freien«
-gefehlt hätte! In Königswald mangelt es so wenig
-als anderwärts an heirathslustigen Jungfern, und
-da der Fritz ein »feiner Bursch« war, so hätte mehr
-als eine und nicht die schlechteste mit beiden Händen
-zugegriffen, wenn er gesagt hätte: »Nimm<span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span>
-mich!« Aber unser Fritz war ein wenig wählerisch
-und zuletzt gab es nur Eine in Königswald, der
-er Herz und Hand schenken mochte, das war
-<em class="gesperrt">Kordel</em>, die Mündel seines Brodherrn, des
-Müllers.</p>
-
-<p>Da hatte es nun so seinen besondern Haken,
-daß Fritz mit seinem Werben nicht recht vom
-Flecke kam. Nicht als ob er dem Mädchen nicht
-angestanden hätte, im Gegentheil, sie hatte deß vor
-ihren Freundinnen gar keinen Hehl, daß sie den
-Fritz gern habe; aber dieser war so bis über die
-Ohren in sie verliebt, daß er nicht wußte, wie er
-an sie kommen sollte. Das Mädchen hatte so sein
-eigenes Köpfchen, was sie von allen schönen Königswalderinnen
-unterschied: wie sie immer etwas
-Apartes vor diesen haben mußte, sei es nun an
-ihren Kleidern oder in der Art, wie sie das üppige
-kastanienbraune Haar scheitelte und aufsteckte, so
-wollte sie auch von den Männern anders genommen
-sein, wie jene, namentlich wollte sie dem Mann
-ihrer Wahl keinen Schritt entgegengehen, woran
-es die andern jungen Königswalderinnen keineswegs
-fehlen ließen. Dem Bretschneiderfritz machte Kordel's
-zurückhaltendes Wesen viel Herzensnoth, und<span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span>
-in dieser verfiel er auf einen Weg, auf den er am
-allerwenigsten hätte verfallen sollen: er entdeckte
-sich dem Müller und bat ihn um seine Fürsprache.
-Der Müller sagte ihm ihre Hand ohne Weiteres
-zu, gerade als ob er als Vormund nur so mir
-nichts dir nichts über ein freies Menschenwesen
-hätte verfügen dürfen. Es war ihm indeß mit
-seiner Zusage gar nicht so ernst, wie er that, wenigstens
-schob er ihre Erfüllung auf die lange
-Bank, und das war Fritzens Unglück.</p>
-
-<p>In Königswald hieß es schon lange, daß Fritz
-und Kordel auf dem Punkte ständen, ein Paar zu
-werden; da fehlte es denn wie gewöhnlich nicht an
-spitziger Neckerei, noch an neidischer Afterrede.
-Wäre das Gerücht wahr gewesen, so hätte sich
-Kordel aus Beidem nichts gemacht, aber da die
-Sache noch im weiten Felde stand, Fritz noch kein
-Sterbenswörtchen von Liebe und Heirath zu ihr
-gesagt hatte, so verdroß es sie, so »in der Leute
-Mäuler herumzugehen«, und sie wurde dem Fritz
-fast böse, daß er das Gerücht vom Brautstand veranlaßt
-und doch nicht wahr machte. Als es ihr
-gar zu bunt ward, meinte sie, sie wolle dem Gerede
-bald ein Ende machen; es müsse ja der Fritz<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span>
-nicht sein; es gäbe der Bursche noch genug in der
-Welt, und der erste Beste, der sie haben wolle,
-und der ihr gefalle, solle sie heimholen. &ndash; »Ja«
-&ndash; mußte sie aber dann lächelnd einwenden &ndash;
-»wenn nur erst Einer käme, so »fein wie der Fritz«
-oder »noch a Bissel feiner.« &ndash; »Je nun« &ndash;
-raisonnirte der Trotzkopf, sich stolz in die Höhe
-werfend, weiter &ndash; »wer weiß, es kann morgen
-Einer kommen.«</p>
-
-<p>Es war eines Sonntags, als sie aus der
-Kirche kam, wo sie dieses Selbstgespräch hielt, und
-sie war dazu durch die Neckerei ihrer Freundinnen
-auf dem Kirchhof veranlaßt worden. Ihr Weg
-führte sie an ihrem von den Eltern ererbten Häuschen
-vorüber, welches jetzt eine alte Muhme bewohnte,
-die als Sibylle von Königswald bei allen
-jungen Mädchen, verliebten Burschen, wie lottospielenden
-Weibern und Männern des Ortes in
-hohem Ansehen stand. Kordel fand sich bei den
-letzten Worten ihres Selbstgesprächs gerade vor
-ihrem Besitzthum; was war bei der Richtung ihrer
-Gedanken natürlicher, als daß sie hineinging, die
-»Muhme Beate« zu fragen, was für ein Mann
-ihr beschieden wäre. Die Alte empfing ihre jugendliche<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span>
-Hauswirthin mit zuvorkommender Dienstwilligkeit
-&ndash; ihr sibyllinisches Buch aus zweiunddreißig
-Blättern lag auf dem Tisch, eh' Kordel ihren
-Wunsch noch ausgesprochen hatte. Richtig! da
-war es ja ganz offenbar: ihr war »ein junger,
-schöner Herr in einem grünen Rock« beschieden,
-nicht aus Königswald, sondern weit, weit her &ndash;
-aus Leipzig oder Dresden, wo nicht gar aus
-Bautzen;« er war bereits unterwegs und eh'
-drei Tage vergingen, konnte sie ihn schon gesehen
-haben.</p>
-
-<p>Es soll mich wundern, wenn Kordel an diesem
-Abend so geschwind eingeschlafen ist, wie sonst, und
-wenn sie nicht von dem Grünrock geträumt hat.
-Der Montag verging, ohne daß er ihr den Verheißenen
-vor die Augen brachte, so oft sie auch
-zum Fenster hinaussah oder sich im Hofe, im Garten
-und auf der Wiese zu thun machte. Aber sonderbar
-&ndash; Abends beim Essen erzählte der Müller,
-daß beim Förster drüben ein neuer Gehülfe angekommen
-sei, ein »kreuzfideler Kauz«, mit dem er
-auf dem Weiperter Blechhammer einen so vergnügten
-Nachmittag zugebracht habe, wie lange
-keinen. Kordel wurde roth bis in den Nacken,<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span>
-und diese Nacht träumte sie wirklich von einem
-Grünrock.</p>
-
-<p>Am andern Morgen litt es sie nicht im Hause;
-kaum hatte sie ihren Kaffee getrunken, so nahm sie
-Sense und »Wetzkitze« und eilte auf die Wiese,
-die der Pöhlbach vom Garten des Försters trennte,
-dort zu mähen. Denn der Müller hielt sie nicht
-zum Staat in seinem Hause, sondern ließ sie ihr
-Brod ordentlich verdienen. Sie hatte kaum zwei
-Schwaden nieder, da horch! &ndash; so etwas hatte sie
-noch nie gehört, &ndash; aus dem offenen Giebelfenster
-des Forsthauses sang eine Tenorstimme, gegen
-welche die des Kantors nur heiseres Gekrächze
-war, das schöne Lied: »Es blies ein Jäger wohl
-in sein Horn &ndash; trarah &ndash; trarah &ndash; trarah etc.«
-Das Mädchen vergaß gar das Mähen über den
-wunderholden Tönen, und die Empfindungen,
-welche Text und Melodie athmen, strömten in
-solchen Schauern durch ihre Brust, daß diese das
-fesselnde Mieder zu zersprengen drohte.</p>
-
-<p>Auch den Bretschneider lockte der ungewohnte
-Sang an sein Fensterlein, das nach dieser Seite
-herausgeht, und wie ihm wurde, als er sein Lieb
-nur fünfzig Schritte von dem Forsthause auf ihre<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span>
-Sense gelehnt in Zuhören versunken sah, das will
-ich Niemand sagen. Aber es sollt' ihm noch
-schlimmer werden. Denn das Lied war kaum zu
-Ende und Kordel hatte kaum die Sense wieder in
-Bewegung gesetzt, da kommt ein schlanker grünrockiger
-Gesell mit fliegenden schwarzen Locken zum
-Forsthause heraus, setzt wie ein Hirsch über den
-Bach und ist wie der Blitz an Kordel's Seite.</p>
-
-<p>»Guten Morgen, Jungfer Nachbarin!« grüßte
-der Wildfang. &ndash; »So schöne Gelegenheit, Unterricht
-in der Landwirthschaft zu erhalten, finde ich
-im Leben nicht wieder; da muß ich gleich Stunde
-nehmen. Ich bitte!« Und damit nimmt er die
-Sense aus der Hand des erglühenden und bebenden
-Mädchens.</p>
-
-<p>»Ach, verzeihen Sie!« fährt er zu sprechen fort.
-&ndash; »Ich habe Sie erschreckt &ndash; dictiren Sie mir welche
-Strafe Sie wollen, und zürnen Sie mir nicht!«</p>
-
-<p>»Geben Sie mir meine Sense!« stammelte das
-verlegene Kind.</p>
-
-<p>»Warten Sie nur einen Augenblick!« versetzte
-der kecke Mensch. &ndash; »Wenn Sie mir böse sind,
-so muß ich Ihren Vater, das fidele Haus, rufen,
-daß er meinen Advocaten bei Ihnen mache.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span></p>
-
-<p>»Der Müller ist nicht mein Vater«, versetzte sie,
-»sondern nur mein Vormund.«</p>
-
-<p>»So vertritt mein alter Freund von gestern
-also doch Vaterstelle bei Ihnen. Wie ist es, muß
-ich mir seinen Beistand erbitten, oder verzeihen Sie
-mir so?«</p>
-
-<p>»Ich habe ja nichts zu verzeihen.«</p>
-
-<p>»Wohlan, Ihre Hand! O welche allerliebste
-kleine Hand! Man sollte nicht meinen, daß sie
-solche Arbeit verrichten könnte.«</p>
-
-<p>»O Sie sollen gleich sehen, ob sie's kann; geben
-Sie mir nur die Sense!«</p>
-
-<p>Er behielt sie jedoch und schickte sich an, eine
-Schwade zu hauen.</p>
-
-<p>»Um Gotteswillen!« schrie das Mädchen, ihm
-in den Arm fallend, »so hauen Sie sich ja die
-Zehen weg.« Und nun nahm sie die Sense und
-zeigte ihm, wie man sie führen müsse.</p>
-
-<p>Dem Allen mußte der gute Bretschneider von
-seiner Bretmühle aus zusehen, und ihm war, als
-ob die kreischende Säge hinter ihm mitten durch
-sein Herz schnitt. Jetzt &ndash; das sah er ein &ndash;
-war es die höchste Zeit, sein Schäfchen ins Trockene
-zu bringen, sonst war es für ihn verloren. Er<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span>
-eilte stracks hinüber in die Mühle, um mit seinem
-Herrn ein ernstes Wort über die Heirathsangelegenheit
-zu reden. Leider war der Müller ausgegangen
-und Fritz mußte sich gedulden bis Mittag. Als
-er wieder über den Hof ging, begegnete ihm die
-von der Wiese zurückkommende Kordel. Er sah
-sie mit einem traurigen und doch so innigen Blick
-an, daß er ihr durch die Seele drang. Jetzt hätte
-er dreist sein und sein ganzes Herz vor ihr bloß
-legen sollen; gewiß, sie hätte ihm nicht widerstanden,
-und wenn sie einmal Ja gesagt, da wäre sie
-ihm auch treu geblieben, und es wäre ganz anders
-geworden mit dem armen Fritz &ndash; aber auch mit
-ihr. Allein er seufzte blos, und ging zu seiner
-Säge &ndash; mit der konnte er um die Wette seufzen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span></p>
-
-<h3>2.</h3>
-</div>
-
-<p>Am Mittag, gleich nach dem Essen, als Kordel
-bereits wieder draußen herumwirthschaftete, zog Fritz
-den Müller mit sich auf die Bretmühle. Wie bekannt
-hat jede Schneidemühle ein Souterrain, in
-welchem sich die Radstube befindet. Dort häufen
-sich auch die von oben herabfallenden Sägespäne
-auf. Es mußte sich gerade treffen, daß Kordel,
-um dergleichen Späne einzufassen, sich in der Radstube
-befand, als Fritz und der Müller oben ankamen
-und sich auf den vor der Säge liegenden
-Klotz setzend, ein Gespräch begannen, in welchem
-das Mädchen fast das erste Wort war. Kordel
-war bestimmt nicht die Neugierigste ihres Geschlechtes,
-aber in diesem Falle konnte es ihr Niemand
-verargen, wenn sie sich nahe herbeischlich und
-sich hütete, ihre Anwesenheit zu verrathen. Der
-Bretschneider machte dem Müller Vorwürfe, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span>
-er sein Versprechen bis heute nicht erfüllt hatte.
-Der Müller entschuldigte sich damit, daß es noch
-immer nicht habe passen wollen, fügte aber hinzu,
-daß er dem Fritz diesen wichtigen Dienst nur um
-einen Gegendienst leisten könnte. Auf Fritzens Befragen,
-was für Einer das wäre, antwortete der
-Müller:</p>
-
-<p>»Das kann Er sich schon denken, Fritz! Er soll
-mir zu meinem Eigenthum verhelfen, den achtzehn
-Fichten oben an der Waldecke hinter der Mühle.«</p>
-
-<p>Fritz kratzte sich hinter den Ohren und sagte
-kein Wort.</p>
-
-<p>»Er meint doch nicht, es wäre ein Unrecht,«
-fuhr der Müller fort, »wenn wir die Fichten
-holen? Sie gehören mir von Rechtswegen; der
-Boden, worauf sie stehen, gehört zu meiner
-Mühle; der frühere Förster hat bei Lebzeiten
-meines Schwiegervaters die Grenzsteine verrückt
-und so die schönen Fichten, wie er keine auf seinem
-Revier hatte, an den Staatswald gebracht.«</p>
-
-<p>»Warum suchen Sie denn Ihr Recht nicht?«
-fragte Fritz.</p>
-
-<p>»Red' Er mir nicht von Rechtsuchen dem Fiskus
-gegenüber!« versetzte der Müller. »Soll ich mich<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span>
-um die Mühle prozessiren? Er weiß doch, wie es
-den Grumbachern geht, die nun seit funfzig Jahren
-wegen des Streitwaldes mit dem Fiskus im Proceß
-liegen. Fritz &ndash; sei Er nicht wunderlich! Es ist
-ja keine Gefahr bei der Sache. Der neue Forstgehülfe
-ist auf dem Revier noch unbekannt, auch
-bin ich bereits gut Freund mit ihm und will ihn
-schon lenken.«</p>
-
-<p>Fritz schüttelte den Kopf und sagte: »Mit dieser
-Sache möcht' ich nicht gern zu schaffen haben.«</p>
-
-<p>»So hab' ich auch nichts mit Seinen Absichten
-auf die Kordel zu schaffen und ich gebe sie, wen
-sie sonst will.« Damit erhob sich der Müller und
-ließ den armen Fritz in der traurigsten Stimmung
-sitzen.</p>
-
-<p>Kordel hatte von dieser Unterredung nicht ein
-Wort verloren. Sie vergaß die Sägspäne vor
-Zorn über den Vormund, daß er sie um achtzehn
-Fichten verkuppeln wollte und auch über den Fritz,
-daß er sich mit seiner Werbung an den Vormund
-statt an sie selber gewendet hatte.</p>
-
-<p>Ihr Groll gegen den Vormund milderte sich
-indeß schon am Abend; denn da brachte er den
-Forstgehülfen mit nach Hause. Dieser hatte jetzt<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span>
-seinen grünen Anzug durch einen Tirolerhut vervollständigt,
-der ihm verwegen auf dem rechten
-Ohre saß. Statt Büchse und Waidtasche trug er
-ein weit friedlicheres Instrument am Arme: eine
-Guitarre, auf der er im Schreiten über die Hausflur
-bis in die Mitte der Stube einen Marsch
-spielte, zum Ergötzen der Müllerin und des gesammten
-Hausgesindes, nur nicht des Bretschneiders.
-Der ärgerte sich über die Musik dermaßen,
-daß er mit einer verteufelten Unmusik gegen sie
-ins Feld rückte: er nahm die Feile zur Hand und
-fing an, die Säge in einer Weise zu schärfen, daß
-es über eine halbe Stunde weit schrillte. Da
-konnte der Jäger allerdings nicht spielen und singen,
-weshalb die Müllerin hinausrannte und dem Fritz
-das Schärfen untersagte.</p>
-
-<p>Der Forstgehülfe war in der That ein Sänger,
-wie ihrer nicht viele in grünen Pikeschen umherlaufen.
-Hätt' er nur einen bessern Gebrauch von
-seiner schönen Gottesgabe gemacht. Die gute Kordel
-hatte gar keine Ahnung, was für ein Springinsfeld
-der dunkellockige Sänger war, sonst hätte
-sie seinen schmeichelnden Tönen nicht so freien Eingang
-in ihr Herz gestattet, wie es schon am Morgen<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span>
-der Fall gewesen war und noch weit mehr diesen
-Abend geschah. Und diesem Abend folgten noch
-andere, ja, einen wie den andern stellte sich der
-Jäger ein, und eh' die Woche um war, fand er
-sich in der Mühle wie zu Hause, und Kordel's
-Herz hing wehrlos in seinem aus Gluthblicken und
-Tönen gewobenen Liebesnetz.</p>
-
-<p>Um den Bretschneiderfritz war es geschehen.
-Am Sonntage mußte er sehen, wie Kordel in Begleitung
-des Müllers und des Grünrocks in »das
-Gericht« zu Tanze ging. Da fuhr die Hölle in
-sein Herz, und wie er ihnen nachsah, ballte er seine
-Faust und sprach: »Warte, du Tagedieb, dich will
-ich bald aus meinem Gehege vertreiben.« Darauf
-zog er sich an und ging ebenfalls in das Gericht.</p>
-
-<p>Der Bretschneiderfritz war kein Säufer, und
-Niemand in ganz Königswald konnte auftreten und
-sagen, er habe ihn ein einziges Mal betrunken gesehen;
-heute betrank er sich, und das Bißchen Verstand,
-welches der Teufel der Eifersucht ihm noch
-gelassen, das trieb der Schnapsgeist vollends aus.
-Zwar war er nicht so voll, daß er taumelte, als
-er sich vom Müller bereden ließ, aus der Schänkstube
-hinauf in den Tanzsaal zu gehen, aber wer<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span>
-ihn kannte, sah, daß das Thier in ihm jetzt die
-Oberhand hatte. Die Kordel sah es ihm gleich
-an, als er auf sie zukam, und obschon sie nicht
-wagte, ihm den Tanz abzuschlagen, so riß sie sich
-doch gleich von ihm los, als er sie fest an sich
-riß, daß es ihr den Athem versetzte. Er wollte
-sich ihrer wieder bemächtigen, aber sie stieß ihn mit
-solcher Heftigkeit von sich, daß er zu Boden taumelte.
-Der Müller hob ihn auf und führte ihn
-fort, während Kordel sich unter den Schutz des
-Forstgehülfen flüchtete.</p>
-
-<p>»Herr!« sprach Fritz zum Müller, als sie wieder
-nach der Schänkstube gingen, »wollen Sie die
-Fichten noch haben?«</p>
-
-<p>»Er holt sie mir doch nicht,« erwiederte der
-Müller kühl.</p>
-
-<p>»Ich hole sie &ndash; heute Nacht noch fang' ich
-an. Geben Sie auf die Kordel Acht und halten
-Sie den Försterburschen auf!«</p>
-
-<p>»Verlaß Er sich auf mich!« sagte der Müller,
-worauf Fritz, ohne noch ein Wort zu sagen, davon
-eilte.</p>
-
-<p>Der Forstgehülfe ließ sich nur zu gern halten,
-weniger durch das Zureden des Müllers, als durch<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span>
-den Zauber, den Kordel auf ihn übte. Es graute
-schon der Tag, als die drei Nachtschwärmer in die
-Mühle zurückkehrten. Der Forstgehülfe hängte sein
-Gewehr über, das er hier eingelegt hatte, nahm
-mit einem Kusse von Kordel Abschied und eilte
-dem Walde zu, um da nachträglich seine Pflicht
-zu erfüllen. Als er aber an ein wunderheimliches
-Plätzchen kam, wo ein von jungen Tannen beschatteter
-schwellender Mooshang zum Ruhen einlud,
-meinte er, es sei Eins besser als das Andere,
-legte sich und schlief ein. Erst als die Mittagssonne
-durch eine Oeffnung des dichten Gezweiges
-ihm ins Gesicht schien, erwachte er, und da mußte
-es sich noch schicken, daß ihm zwei Weiber mit
-schwergeladenen Holzkörben in den Weg kamen,
-gegen die er das Interesse des Staates durch
-Pfänden und Aufschreiben der Namen wahren
-konnte. Glücklich, zwei schneidende Beweise seines
-Diensteifers &ndash; eine Handsäge und ein Beil &ndash; dem
-Prinzipal überliefern zu können, betrat er das
-Forsthaus &ndash; aber mit einem »Hol' Sie der Henker
-mit Ihrem Bettel da!« wurden ihm die Pfänder
-von dem erzürnten Förster vor die Füße
-geworfen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span></p>
-
-<p>»Bei Ihnen heißt es wohl auch: Die kleinen
-Diebe hängt man, die großen läßt man laufen?«
-fuhr der Förster fort; »hätten Sie lieber aufgepaßt,
-daß man nicht die drei schönsten Fichten im
-Walde gestohlen hätte, als daß Sie auf ein paar
-alte Weiber mit Kaffeeholz fahndeten. Wenn Sie
-sich noch eine solche Nachlässigkeit zu Schulden
-kommen lassen, so sind wir auf der Stelle geschiedene
-Leute. Von heute an inspiciren Sie lediglich
-den Kriegwald, und da haben Sie Acht auf die
-Bretmühle, denn irre ich nicht, so haust dort unser
-Dieb, obgleich eine genaue Haussuchung in allen
-Ställen und Schuppen der Mühle nicht das Geringste
-ergeben hat.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span></p>
-
-<h3>3.</h3>
-</div>
-
-<p>Als der Gehülfe am Nachmittage den Platz besah,
-wo in der Nacht die stattlichen Bäume verschwunden
-waren, wurde es ihm gleich klar, daß
-dieselben nicht gut anders wohin als in die Mühle
-gewandert sein konnten. Sicher aber war der
-Müller unschuldig daran, denn wie sollte ein so
-bemittelter Mann Holz stehlen? Er ließ sich daher
-durch den Vorfall nicht abhalten, gegen Abend
-wieder in die Mühle zu gehen und eine Blumenlese
-theils verliebter, theils lustiger Lieder zum Besten
-zu geben. Länger aber als bis es finster geworden
-war, ließ er sich diesmal nicht halten, sondern
-er ging an seinen Posten, schwörend, daß
-wenn die Diebe heute kämen, sie ihren Mann finden
-sollten. Sie kamen aber nicht, und auch die
-folgende Nacht nicht, noch die dritte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span></p>
-
-<p>In der vierten Nacht meinte der junge Forstwart,
-es sei doch eine Thorheit, da umsonst und
-nichts im kühlen Forst die halbe Nacht hindurch
-zu wachen, statt mit dem nettesten Mädchen, das
-je an eines Waidmanns Brust gelegen, zu kosen.
-Er ging zwar wie gewöhnlich um neun Uhr aus
-der Mühle fort und hinauf in den Wald, aber
-als im Dorfe der Wächter die zehnte Stunde abblies,
-schlich er sich wieder in die Mühle, wo Kordel
-ihn bereits erwartete &ndash; das arme, arme
-Ding!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Als am frühen Morgen der pflichtvergessene
-Bursche aus Kordel's Armen hinauseilte nach dem
-Walde, rührte ihn das Gewissen nicht, daß er ein
-holdes Menschenleben vergiftet hatte; dagegen wurde
-er von dem Anblick der drei frischen Stöcke, die
-neben den drei ersten entstanden waren, wie vom
-Donner gerührt. Jetzt mußte er aus dem Dienst,
-das wußte er, denn der Förster spaßte nicht, und
-dies und wieder dies allein war sein Gedanke und
-seine Sorge &ndash; was aus der armen Kordel werden
-würde, daran dachte er nicht im Geringsten.
-Aber vielleicht konnte sie ihm zur Entdeckung des
-Diebes behülflich sein &ndash; dieser Gedanke trieb ihn<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span>
-flugs in die Mühle zurück, wo, wie er wußte,
-Kordel noch wachte, da sie jetzt den Backofen zu
-heizen hatte.</p>
-
-<p>Kordel saß, beleuchtet von der röthlichen Flamme,
-die sie eben angezündet hatte, auf den Stufen vor
-dem Backofen und hatte ihr Antlitz in die Schürze
-gehüllt, als der Verführer wieder zu ihr trat. Sie
-fiel ihm weinend um den Hals und dankte, daß
-er wiederkomme, denn ihr sei so angst und bange
-geworden, seit er sie verlassen. »O nicht wahr«
-&ndash; fuhr sie, ihm in die verführerischen Augen
-blickend, fort &ndash; »nicht wahr, Du verlässest mich
-nicht?«</p>
-
-<p>»Wenn ich nur nicht muß, lieber Schatz!« erwiederte
-er, sie küssend. Das Mädchen fuhr erschrocken
-zurück und fragte, wie er das meine?
-Nun berichtete er ihr seine Entdeckung, theilte ihr
-mit, was er zu erwarten habe, und versetzte sie
-dadurch in die schrecklichste Angst. Gleichwohl gelang
-es ihm nicht sogleich, ihr das Geheimniß, um
-das sie wohl wußte, zu entlocken, erst nachdem er
-sie überredet hatte, daß das Vergehen mit einigen
-Wochen Gefängniß gesühnt sei, und als er mit
-traurigen Geberden für immer von ihr Abschied<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span>
-nahm, verrieth sie ihm den Ort, wo die entwendeten
-Fichten, in Klötze geschnitten, untergebracht
-waren; mehr aber konnte er nicht von ihr erfahren.</p>
-
-<p>Der Müller saß mit seinen Leuten beim Frühstück,
-als der Förster mit einem Gerichtsschöppen
-erschien, um abermals Haussuchung vorzunehmen.
-Aber diesmal nahmen sie sich nicht die Mühe, in
-Ställen und Schuppen herumzukriechen, sondern sie
-verfügten sich stracks hinter die Bretmühle, wo sie
-unter dem »Fluther« nach einigem Suchen ein
-großes verdecktes Gewölbe und darin die gesuchten
-Klötze entdeckten. Der Müller schien nicht im Geringsten
-verlegen bei dieser Entdeckung; er fluchte
-auf die Diebe, die sein Haus verunehrten, und
-that, als ob er nicht das Mindeste um das Vergehen
-wüßte, was der Förster auch glaubte, da
-er einem solchen Manne, der noch dazu sein Gevatter
-war, eine solche Handlung nimmermehr zutraute.</p>
-
-<p>»Ich habe dem Bretschneider schon lange nicht
-getraut,« erklärte er, »und kein Anderer als er
-und der Kadenlieb sind die Diebe.«</p>
-
-<p>Am folgenden Tage wurde der Bretschneiderfritz
-mit dem Tagelöhner »Kadenlieb« ins Amt abgeführt.<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span>
-Der Müller mußte zwar auch mit, aber
-nach kurzem Verhör wurde er als ein angesessener
-Mann entlassen. Den Bretschneider und seinen
-Mitverdächtigen sperrte man ein. Sie bekannten
-ihr Vergehen gleich im ersten Verhör, ohne die
-Mitschuld des Müllers anzugeben.</p>
-
-<p>Keiner von Beiden hatte eine Ahnung von dem
-Schicksale, das ihnen bevorstand. Walddiebstähle
-waren im Königswalder Forst keine Seltenheit,
-aber der höchste, der bis dahin an Königswalder
-Einwohnern gestraft worden war, hatte den Betheiligten
-nicht über drei Monate Gefängniß gebracht.
-Daß man wegen Waldfrevel ins Arbeitshaus
-kommen könne, das schien den Beiden ebenso
-unmöglich wie andern Königswaldern, denn welcher
-gemeine Mann kennt die so und so viel Paragraphen
-der verschiedenen Strafgesetzbücher? Wie erschraken
-daher die Inkulpaten, als ihnen nach halbjähriger
-Untersuchungshaft das Urtheil eröffnet
-wurde, welches über den Bretschneider drei und
-über den Kaden anderthalb Jahre Arbeitshaus verhängte!
-Der Letztere faßte sich zwar bald wieder
-und tröstete sich, es werde wohl auszuhalten sein,
-aber den Ersteren erschütterte der harte Richterspruch<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span>
-so tief und dauernd, daß sein Mitgefangener (seit
-die Akten spruchreif waren, hatte man die beiden
-Schuldgenossen zusammengesperrt) fortwährend befürchtete,
-er möchte sich »ein Leid anthun.« Und
-wer weiß, was geschehen wäre, hätte nicht vierzehn
-Tage nach der Urtheilsverkündigung der Amtswachtmeister
-folgenden Brief überbracht:</p>
-
-<div class="letter">
-
-<p>»Guter, lieber Fritz! Sie sind gerächt. &ndash; Ich
-habe den Ort, wo die Klötze lagen, verrathen. &ndash;
-Gott weiß, ich wollte Ihnen kein Uebel zufügen &ndash;
-aber die Liebe &ndash; o Gott! wie fürchterlich bin ich
-für meine Verblendung gestraft! &ndash; Ich bin nicht
-mehr in der Mühle &ndash; als die Frau erfuhr, daß
-es anders mit mir stehe, hat sie mich aus dem
-Hause gejagt. Ich rannte in der Verzweiflung
-nach dem Hammerteich, aber der liebe Gott hat
-mich verstoßen, wie mich die Menschen verstießen,
-er ließ mich zur rechten Zeit die schwere Sünde,
-die ich zu begehen im Begriff stand, erkennen. &ndash;
-Ich wohne nun im Hause mit der Kartenschlägerbeate
-zusammen. Es ist ein traurig Leben &ndash; o
-wenn es überstanden wäre. Ich komme nicht aus
-dem Hause, selbst nicht in die Kirche, denn ich
-schäme mich vor den Leuten, und zu mir kommt<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span>
-Niemand in meinem Elend; sogar meine besten
-Freundinnen verachten mich, besonders seit er, dem
-ich meine Ehre geopfert, fort ist in die weite Welt.
-Nicht wahr, guter Fritz, so hätten Sie nicht handeln
-können?</p>
-
-<p>Mein Gewissen läßt mir keine Ruhe &ndash; verzeihen
-Sie mir, lieber Fritz! &ndash; ich werde ruhiger
-werden, wenn ich Ihre Verzeihung habe. Werth
-bin ich Sie freilich nicht, denn ich habe mich schwer
-an Ihnen versündigt und weiß auch, daß ich mein
-Vergehen nie wieder gut machen kann. O wenn
-ich doch das könnte! &ndash; Denken Sie aber ja
-nicht, daß ich weiter etwas will, als Ihre Verzeihung
-&ndash; daß ich ein so freches Ding wäre,
-welches einen braven Menschen wie Sie nun für
-gut genug hielte, nachdem ein Anderer sie sitzen
-lassen. &ndash; Lassen Sie mir nur ein paar Zeilen
-zukommen, daß Sie mir nicht fluchen.</p>
-
-<p>Ich habe gehört, welch' ein hartes Urtheil Sie
-getroffen &ndash; der Bube, der eine vater- und mutterlose
-Waise ins tiefste Elend stößt, geht frei aus,
-und ein braver Mensch, wie Sie, wird wegen ein
-paar Waldbäumen so entsetzlich bestraft! Aber
-verlieren Sie den Muth nicht &ndash; Gott richtet anders<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span>
-als die Menschen, hoffen Sie auf ihn und
-den lieben Heiland, der uns zuruft: Kommt her
-zu mir, Alle, die ihr mühselig und beladen seid! &ndash;
-Ich schicke Ihnen hier ein Buch mit, das ich einmal
-einem armen Handwerksburschen abgekauft
-habe; es ist eine wundersame, rührende Geschichte.
-Ich hätte mich gern selbst aufgemacht und Ihnen
-das Buch überbracht, aber ich schäme mich so. &ndash; Der
-gute Vater im Himmel stärke und erhalte Sie!
-Ich werde allezeit für Sie beten.</p>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Concordie E.</em>«
-</p></div>
-
-<p>Ein Thränenstrom rann über Fritzens abgehärmte
-Wangen beim Lesen dieses Briefes, und er
-konnte sich lange nicht satt daran lesen. Anfangs
-vermißte er das Buch gar nicht, von welchem im
-Briefe die Rede und das ihm doch nicht mit übergeben
-worden war. Er erhielt es erst zu Mittag;
-es war Zschokke's »Alamontade«.</p>
-
-<p>»Ich hoffe, Ihr werdet kein Hartkopf sein,«
-sprach der Wachtmeister, als er dem Fritz das Buch
-darreichte, »Ihr werdet das arme Frauenzimmer
-nicht ohne Trost lassen. Ihr wißt gar nicht, was
-sie für Euch gethan hat. Die Extrakost hat sie
-bezahlt.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span></p>
-
-<p>»Sie? Nicht der Müller?« fragte Fritz erstaunt.</p>
-
-<p>»Der wird sich hüten,« erwiederte der Wachtmeister,
-»das würde ihn ja verdächtig machen. Die
-Kordel hat Alles bezahlt, mich aber gebeten, Euch
-nichts davon zu sagen. Und sie hat noch weit
-mehr thun wollen; sie hat sich erboten, die Fichten
-nach der Taxe zu bezahlen und auch alle Kosten,
-wenn Ihr freigegeben würdet. Das geht nun
-freilich nicht an, denn Strafe muß sein.«</p>
-
-<p>Fritz nahm dies Alles still auf &ndash; er war
-keines Wortes mächtig vor den Empfindungen, die
-sich in seinem Busen drängten. Der Wachtmeister
-nahm sein Schweigen für »Hartköpfigkeit« und
-verließ ihn voll Unwillen. Aber am folgenden
-Morgen verlangte Fritz Papier und Schreibzeug,
-und als er das hatte, schrieb er einen Brief, der
-den Wachtmeister eines Andern belehrte. Ich habe
-den Brief nicht zu Gesicht bekommen, sonst würde
-ich seinen Inhalt ebenfalls mittheilen. Aber der
-Kadenlieb hat erzählt, daß dem alten Wachtmeister
-beim Lesen des Briefes das Wasser in den Augen
-gestanden hätte.</p>
-
-<p>Kordel's Brief und Buch waren für den gefangenen
-Fritz reiche Trostquellen; sein Benehmen<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span>
-wurde von Stund an so, daß es dem »Kadenlieb«
-zu seinen Befürchtungen keinen Anlaß mehr gab.
-Als ihm das zweite Erkenntniß, wodurch das
-erste bestätigt wurde, eröffnet worden war, ließ er
-sich ruhig und gefaßt in das Arbeitshaus abführen.
-Man würde sich aber sehr irren, wenn man glaubte,
-er hätte sich mit stoischem Gleichmuth in sein Schicksal
-ergeben. Zweierlei nagte an seinem Herzen
-und raubte ihm die Heiterkeit des Geistes und den
-muthigen Aufblick nach Oben, wodurch ein solches
-Loos erträglich wird: die Bekümmerniß um die
-arme, betrogene und verlassene Kordel, und der
-Gedanke an das Brandmal, welches seine Strafe
-für immer auf seinen Namen drückte. Und wie
-berechtigt dieser Gedanke war, das sollte er nur zu
-sehr erfahren.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span></p>
-
-<h3>4.</h3>
-</div>
-
-<p>Zwei Jahre hielt Fritz seine Strafe wacker aus.
-Sein musterhaftes Betragen gewann ihm bald die
-Liebe der Anstaltsbeamten und ihre menschenfreundliche
-Behandlung, verbunden mit der innigen Theilnahme,
-welche Kordel fortwährend an seinem Schicksale
-bezeugte, hielt ihn so lange aufrecht, und am
-Ende des zweiten Jahres wurde er auf nachdrückliche
-Verwendung des Vorstandes der Strafanstalt
-begnadigt.</p>
-
-<p>Als er, der Gewänder der Schmach entkleidet,
-aus dem schrecklichen Aufenthalt heraustrat und sich
-wieder frei in der unendlichen Behausung Gottes
-fand, da fiel alles Leid und alle finstere Sorge
-von seinem Herzen; stille bescheidene Hoffnungen
-hielten Einzug darin, begleiteten ihn und förderten
-seine Schritte nach der lieben Gebirgsheimath. Er<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span>
-hatte nur fünfzehn Stunden Weges bis Königswald,
-die gedachte er in einem Tage zurückzulegen. Er
-vergaß, daß er nicht mehr der frühere Bretschneiderfritz
-war, dem eine solche Tagereise allerdings Spaß
-gewesen; bevor er ein Viertel des Weges hinter
-sich hatte, wurde er inne, welche Verheerungen eine
-drittehalbjährige Haft auch in dem kräftigsten Körper
-anrichtet, und mit Mühe und Noth erreichte er
-gegen Abend das Städtchen Schwarzenberg, welches
-ungefähr auf der Mitte des Weges liegt. Dort
-suchte er in einem Gasthause ein Nachtquartier.
-Die Wirthin, an welche er sich deshalb wandte,
-machte jenes kalte Gesicht, das armen Fußwanderern
-gewöhnlich zu Theil wird, wenn sie in einem frequenten
-Gasthofe Einkehr halten; das hätte den
-Bretschneiderfritz jedoch wenig gekümmert, hätte die
-Wirthin nur nicht so schnippisch nach dem Passe gefragt.
-Da wurde er verlegen. Er hatte an Passes
-Statt nur seinen Entlassungsschein aus dem Arbeitshause
-&ndash; sollte er das hochmüthige Weib mit seiner
-Schmach bekannt machen? Lieber hätte er ein
-Nachtquartier im wilden Forst gesucht, als das gethan.
-So schüttelte er den Staub von seinen
-Füßen und hinkte weiter, um in dem nächsten<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span>
-Dorfe Grünstädtel sein Heil zu versuchen. Aber
-wer weiß, wie es ihm dort wieder gegangen wäre!
-Glücklicherweise führte ein mitleidiger Stern einen
-Bergmann des Weges, der den erschöpften Pilger
-einholte, ein Gespräch mit ihm anknüpfte und, als
-er seine Lage erfahren hatte, ihn freundlichst einlud,
-mit ihm bis Raschau (das nur eine Viertelstunde
-weiter war als Grünstädtel) zu gehen und es sich
-eine Nacht bei ihm gefallen zu lassen. Fritz hätte
-dem gastfreundlichen Manne um den Hals fallen
-mögen, und es versteht sich, daß er sein Erbieten
-annahm. Die Liebe Gottes giebt sich auf mancherlei
-Weise kund, am schönsten aber dem Gedrückten durch
-mitfühlende Menschenherzen. Das erfuhr unser
-Wanderer so recht in der Hütte des guten Bergmanns,
-der »froh wie Gott« sein kärglich Mahl
-mit ihm theilte und ihm ein Lager zurechtmachte,
-wie er es seit Jahren nicht genossen hatte. Wie
-wohl that seinem Herzen die freundliche Begegnung,
-die ihm von den zahlreichen Gliedern der armen
-Bergmannsfamilie widerfuhr! Wie belebte sie seinen
-Muth, sein Vertrauen zu den Menschen, seine Hoffnungen
-wieder! »Ach! wie ist das Leben so schön
-in der Freiheit unter guten Menschen!« sprach er,<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span>
-als er sich auf sein Lager streckte, und nach innigem
-Gebete schlief er flugs und fröhlich ein.</p>
-
-<p>Gestärkt und im Herzen erquickt setzte er seine
-Reise am andern Morgen fort. Sie wurde ihm
-noch sauer genug, aber frohen Muthes überwand
-er eine bergige Strecke nach der andern, und wie
-die Sonne auf die Wipfel seiner heimathlichen
-Wälder den Scheidekuß glühete, überschritt er die
-letzte Anhöhe vor Königswald. Als nun die wohlbekannten
-Thalfluren ihm entgegenlachten, als der
-alte Kirchthurm und dann ein rauchender Schornstein
-und ein graues Schindel- oder Strohdach
-nach dem andern aus der Tiefe auftauchte, da erbebte
-sein Herz von nie empfundenem Entzücken.
-Das hemmte seinen wankenden Schritt &ndash; er mußte
-sich am Waldsaum niederlassen, und in das blühende
-Haidekraut gestreckt, sog er die balsamische Luft
-der Heimath mit durstigen Zügen. So lag er noch,
-als die Abendglocke dem fliehenden Tage den Scheidegruß
-der Königswalder Christengemeine nachrief.
-Da wurde ihm weh &ndash; recht weh ums Herz. Von
-den Feldern verloren sich die letzten Arbeiter und
-eilten heim an den traulichen Herd, in die Kreise
-der Ihrigen, wo das labende Mahl ihrer wartete<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span>
-und bald auch die erquickende Ruhe von des Tages
-Last und Hitze. Den armen Fritz erwartete Niemand,
-kein Mahl war ihm bereitet, und wo sollte
-er sein Haupt hinlegen? Jene Gedanken und diese
-Frage drängten sich ihm jetzt auf, und dunkle
-Schatten lagerten sich um seine Seele. Er erinnerte
-sich, woher er kam und was das in Königswalde
-zu bedeuten hatte. Es fiel ihm ein, wie die
-Königswalder es dem »Schneiderfriedel« gemacht
-hatten, der vor fünf Jahren vom Zuchthause heimgekommen
-war und den ihr moralischer Bettelstolz
-in Verzweiflung getrieben hatte. Zwar, Eine Seele
-lebte ihm in Königswald, bei der er eines freundlichen
-Empfanges gewiß sein konnte; aber das war
-ein lediges Frauenzimmer, bei dem er nicht herbergen
-konnte, zumal da sie ohnehin schon wegen
-ihres Fehltritts verachtet genug war. Doch stand
-ihm denn nicht die Mühle offen? Vielleicht &ndash;
-aber ihr kennt den Fritz wenig, wenn ihr glaubt,
-er habe den Müller, der ihn in Schande und
-Elend gestürzt, dessen Weib die arme Kordel unbarmherzig
-aus dem Hause gestoßen, um ein Unterkommen
-ansprechen können. Mit dem wollte und
-durfte er nichts mehr zu schaffen haben. Nun, er<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span>
-hatte ja Verwandte in Königswald; gleich da oben
-im ersten Gute, da hauste seines Vaters Bruder,
-ein ziemlich vermöglicher Mann; weiter unten
-wohnten zwei Vettern, die einen einträglichen
-Grenzhandel trieben und außer diesen lebten auch
-zwei Mutterschwestern im Dorfe, der entfernten
-Verwandten nicht zu gedenken. Unser Fritz hatte
-vor seinem Unglück mit Allen im besten Vernehmen
-gestanden, dessen erinnerte er sich wohl, aber auch,
-daß sie sich während seiner Haft nicht um ihn gekümmert
-hatten. Was Wunder, wenn er jetzt ins
-Dorf zu gehen zögerte und als er sich endlich dazu
-entschloß, mit Bangigkeit dem Gute seines Oheims
-zuwankte!</p>
-
-<p>Seine Ahnung betrog ihn nicht. Der Oheim
-und seine Frau machten sehr verwunderte Gesichter,
-als sie den unerwarteten Spätgast eintreten sahen.
-Da gab es keine traute Umarmung, keinen warmen
-Händedruck, man bot ihm ein so kühles »Willkommen«,
-daß es ihm durchs Herz fuhr: man bot
-ihm einen Platz am Tisch, auf dem eine große
-Schüssel Kartoffelsuppe dampfte, aber mit so sichtbarem
-Mißbehagen, daß dem Gaste das Blut zu
-Häupten stieg. Er nahm Stock und Hut und verließ<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span>
-das ungastliche Haus seines nächsten Verwandten.
-Sollt' er nun sein Glück bei der Sippschaft weiter
-versuchen? Was blieb ihm übrig? Wer sollte ihn
-sonst freundlich aufnehmen, wenn es die Verwandten
-nicht thaten? Er nahm seinen Weg zum Vetter
-Konrad, der überdies sein Gevatter war. Hier
-wäre ihm auch wohl eine bessere Aufnahme zu Theil
-geworden, hätte der Gevatter Herrenrecht im Hause
-gehabt, das hatte aber die Frau Gevatterin und
-das war »eine hochmüthige Gans.« Ein Abendessen
-und ein Nachtlager sollte dem Fritz zwar gewährt
-werden, aber ihn ganz ins Haus zu nehmen
-&ndash; das könne er nicht verlangen, meinte das Weib,
-ärgerlich über ihres Mannes freundliches Benehmen
-gegen den »Anrüchigen«. Dieser dankte für das
-Anerbieten und ging weiter. Der Arme! er sollte
-den bittern Kelch der Erfahrung, daß Vetternfreundschaft
-die allerunsicherste sei, bis auf die Hefen leeren.</p>
-
-<p>Die Vier, die er noch aufsuchte, nahmen ihn
-mit gleicher Kälte, wo nicht mit schwerverhaltenem
-Widerwillen auf; ein Nachtquartier wollten sie ihm
-zwar nicht versagen, und das wäre ihm auch vor
-der Hand genug gewesen, aber sie boten es ihm
-auf eine Weise, die sein Selbstgefühl empörte. Er<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span>
-dankte Allen und ging weiter &ndash; aber nicht mehr
-zu irgend einem Gliede seiner Freundschaft, sondern
-aus dem Dorfe hinaus &ndash; nach dem Gottesacker,
-dessen eingestürzte Mauer zu jeder Zeit den Zutritt
-zur stillen Wohnstatt der Todten gestattete. Im
-Mondschein fand er leicht die Stätte, die er suchte:
-das Doppelgrab seiner Eltern. Von Schmerz überwältigt
-sank er dort nieder und weinte und konnte
-lange nichts als weinen.</p>
-
-<p>O ihr Geister der längst abgeschiedenen Eltern!
-Sahet ihr aus euren seligen Wohnungen den einzigen
-Sohn sich winden an eurer Gruft? Sahet
-ihr nicht, wie seine Thränen euren zurückgelassenen
-Staub tränkten? Ja, ihr sahet es und ihr tratet
-vor Gott und batet ihn, daß er dem armen Dulder
-einen Engel zum Geleite sende auf der dornenvollen
-Bahn unter den harten, blödrichtenden
-Menschen. Und Gott war auch schon zuvorgekommen,
-der Engel war längst da, an eurem Grabe
-hat er sich dem Heimkehrenden schon geoffenbart
-durch die sinnigen Liebeszeichen, womit er euern
-Staub geehrt. Als Fritz sich wieder erhob, sah er
-das einfache Kreuz, welches er den Eltern hatte
-setzen lassen, mit einem frischen Kranze geschmückt<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span>
-und das Blumenbeet auf dem Hügel, das er angelegt
-hatte, so sauber gepflegt, wie er es selber
-kaum gethan &ndash; er wußte gleich, wem er Beides
-verdanke. Er mußte sie sehen ohne Verzug &ndash; er
-mußte ihr danken, und das nicht allein: er bedurfte
-ihres freundlichen Willkommens in der Heimath,
-ihres warmen, theilnehmenden Händedrucks. Der
-Wächter verkündete bereits die zehnte Stunde, da
-sah es ja Niemand, wenn er in ihr Haus ging,
-und ehe noch Jemand im Dorfe aufstand, konnte
-er es ja wieder verlassen. So schlug er denn den
-Weg nach ihrer Behausung ein. Durch die Ladenritzen
-schimmerte noch Licht, als Fritz dort ankam,
-die fleißige Bewohnerin klöppelte noch, &ndash; mit hochschlagendem
-Herzen klopfte er an den Laden und
-rief sie beim Namen. Schnell wich der Riegel der
-Thür &ndash; eine warme Hand zog ihn hinein &ndash; er
-trat in die warme Stube &ndash; Kordel lag schluchzend
-an seiner Brust. Aber war das die Kordel, die
-er vor wenig Jahren gekannt in der schwellenden
-Fülle und rosigen Frische der Jugend? O nein,
-das war nur der Schatten ihres holden Leibes.
-Mit welcher Gier hatte der nimmersatte Geier des
-Grams an diesen lieblichen Formen gezehrt, die ein<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span>
-leichtsinniger Bube frech entweihte, statt sich in Ehrfurcht
-zu neigen vor einem Meisterwerke seines
-Schöpfers! Fritz vermißte indeß keinen ihrer Reize,
-wenn ihm auch die traurige Verheerung ihrer Gestalt
-schmerzlich auffiel. Er ließ sie sich ausweinen
-an seiner Brust, aber er wagte es nicht, seinen
-Arm um ihren Leib zu legen, nur ihre Hand nahm
-er und preßte sie an seine Lippen. Nach dieser fast
-lautlosen Begrüßung führte Kordel den Gast an das
-Bettchen ihres kleinen Fritz (so hatte sie das vaterlose
-Knäblein taufen lassen), auf den die ganze Fülle
-und Frische seiner Mutter übergegangen zu sein
-schien. Dann eilte sie, ein warmes Essen für den
-Gast zu bereiten. Wie mundeten ihm die neuen
-Kartoffeln mit der frischen Butter und der durch
-den besten Rahm veredelte Kaffee! Zumal da
-Kordel ihm Gesellschaft leistete. Wie war sie so
-heiter, so freundlich und so sanft! Ihr besseres
-Theil trat geläutert und verklärt vor seinen Geist.
-Er sagte ihr, daß sie nicht fürchten möge, er werde
-sie in Verlegenheit bringen. Sie möge ihm nur
-ein Nachtlager auf dem Heuboden gönnen, daß er
-ein wenig ausruhen könnte, am Morgen mit dem
-ersten Hahnenschrei wolle er sich ungesehen fortmachen,<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span>
-sich nach einer Herberge umthun und Arbeit suchen.
-Doch von dem Schlafen auf dem Heuboden, dem
-Frühaufstehen und Ungesehenfortgehen konnte keine
-Rede sein; sie lächelte, als er den Grund angab,
-und sagte, daß sie sich vor dem Gerede der Leute
-nicht mehr fürchte. Mehr als sie ihr wegen des
-Kindes angethan, könnten sie ihr nicht anthun; in
-jenem Falle hätten sie allenfalls noch Grund gehabt,
-sie zu verachten, anders jetzt, wo sie eine
-heilige Pflicht erfülle, und wenn man sich gleichwohl
-darüber aufhielte, so dürfe und werde sie sich dadurch
-nicht irre machen lassen. Und sie bat den
-Bedenklichen in so rührenden Ausdrücken und in
-einer Weise, die ihn glauben ließ, er erzeige ihr
-eine Wohlthat, daß er sich entschloß, das Hinterstübchen,
-welches seit dem kürzlich erfolgten Tode
-der Kartenschlägerin ganz leer stand, zu beziehen,
-bis er irgend ein passendes Unterkommen würde
-gefunden haben.</p>
-
-<p>Ein solches zu suchen, ließ Fritz sich gleich am
-andern Tage angelegen sein. Er war früher ein
-sehr gesuchter Arbeiter gewesen; so ging er mit
-gutem Vertrauen aus. Aber obwohl es der Bretmühlen
-eine ziemliche Anzahl in dieser holz- und<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span>
-wasserreichen Gegend giebt, so wollte sich jetzt doch
-nirgends eine Stelle für ihn finden. Das machte
-ihn wohl etwas unmuthig, aber er verzagte darum
-nicht. Er verstand sich auch auf die »Zeugarbeit«,
-und so ging er abermals den Wässern der Umgegend
-nach. Aber er hatte in den Mahlmühlen
-eben so wenig Glück, als in den Bretmühlen; hie
-und da gab man ihm auf verblümte Weise zu verstehen,
-daß man einen Zuchthäusler nicht möge;
-denn Arbeitshaus oder Zuchthaus ist dem gemeinen
-Volke all' eins. So kehrte Fritz am Ende der
-zweiten Woche nach seiner Heimkunft völlig niedergeschlagen
-in sein Asyl zurück. Kordel gab sich die
-freundlichste Mühe ihn aufzurichten; sie stellte ihm
-vor, daß es ja nicht so dränge mit einem Unterkommen;
-der liebe Gott segne sie dieses Jahr reichlich
-mit Kartoffeln &ndash; daß sie eine Kuh, ein Stück
-Jungvieh und eine Ziege halte, wisse er; ihre
-Wirthschaft sei bezahlt und außerdem habe sie auch
-noch ein paar hundert Thaler auf Interessen ausstehen.
-So könne sie es sich nun auch etwas
-leichter machen, als zeither, indem sie sich von ihm
-in der Wirthschaft helfen ließe. Die Arbeit aber,
-welche die kleine Wirthschaft für einen rüstigen Mann<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span>
-darbot, schien dem Bretschneider doch zu geringfügig,
-um sich dafür füttern zu lassen. Da er in seinem
-erlernten Fache nirgends ein Unterkommen fand, so
-entschloß er sich, bei den Begüterten von Königswald
-Taglöhnerarbeit zu suchen. Aber hier sollte ihm
-das tödtliche Gift des Mißtrauens und der Verachtung
-tropfenweise eingeflößt und in Galle und
-Blut hineingetrieben werden. Man hatte für den
-entlassenen Sträfling nirgends Arbeit.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span></p>
-
-<h3>5.</h3>
-</div>
-
-<p>Der Leser muß nicht glauben, daß es das <em class="gesperrt">Vergehen</em>
-des Bretschneiders war, was sie verachteten
-und weshalb sie ihn von ihren Thüren scheuchten,
-&ndash; o da waren wohl wenige unter den wohlehrsamen
-Begüterten von Königswald ganz rein geschoren,
-so Mancher hatte dann und wann ein
-Stämmchen aus dem königlichen Forst geholt, ohne
-daß das Stempeleisen des Forstmeisters es berührt
-hatte; aber sie hatten es fein schlau angefangen
-und waren glücklich mit ihrer Beute weggekommen.
-Vor der Welt waren sie ehrliche Leute, so meinten
-sie, daß sie es wirklich wären, und glaubten von
-ihrer Ehrlichkeit keinen bessern Beweis liefern zu
-können, als wenn sie jeden wegen einer unehrlichen
-Handlung Bestraften recht sichtlich verachteten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span></p>
-
-<p>Leser &ndash; glaubst du nicht, daß solche Erfahrungen
-in solcher Lage einen Menschen zur Verzweiflung
-treiben, oder doch »die Milch der frommen
-Denkart in gährend Drachengift verwandeln«
-können? Bei unserm Fritz war es nahe daran,
-daß das Eine oder Andere geschah, nur Kordel's
-immer gleiche Sanftmuth und Freundlichkeit verhinderte,
-daß das so reichlich in ihm erzeugte Gift
-nicht alsbald seinen ganzen edleren Menschen vernichtete.
-Aber daß er durch alle die fehlgeschlagenen
-Hoffnungen und vergeblichen Anstrengungen, ein
-ehrlich Unterkommen zu finden, täglich schwermüthiger
-gemacht wurde, konnte sie nicht hindern. Das
-schmerzte sie und begann dem Wurm, der an ihrer
-Gesundheit nagte, neue Nahrung zu geben. Endlich
-konnte sie nicht länger an sich halten und ein Gedanke,
-der gleich nach seinen ersten vergeblichen
-Gängen in ihr aufgetaucht war, brach sich unwiderstehlich
-Bahn.</p>
-
-<p>»Fritz!« sprach sie etwas rascher als gewöhnlich,
-»Sie handeln unrecht an sich selbst. Was ärgern
-Sie sich so ab mit den unvernünftigen Leuten?
-Was sorgen und quälen Sie sich so um ein Unterkommen
-unter ihnen? Habe ich nicht genug für<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span>
-uns alle Drei? &ndash; Lassen Sie mich ausreden! &ndash;
-Ihre Hand! Sehen Sie den unschuldigen Wurm
-da &ndash; er hat keinen Vater &ndash; wer weiß, ob nicht
-bald auch keine Mutter.«</p>
-
-<p>Hier wurde sie roth und stockte; Fritz aber fiel
-ihr in die Rede und bat sie, nicht solche Gedanken
-zu hegen.</p>
-
-<p>»Man muß auf Alles gefaßt sein &ndash; ja, lieber
-Fritz! &ndash; mir ist, als werde ich nicht lange mehr
-für das arme Kind sorgen können. Dieser Husten
-&ndash; meine abnehmenden Kräfte &ndash; Fritz! soll ich,
-wenn der Herr mich abruft, das Kind als Waise
-zurücklassen?«</p>
-
-<p>»O wäre ich nicht, was ich bin!« rief Fritz
-gramvoll aus, »so sagte ich, ich will sein Vater
-sein!«</p>
-
-<p>»Ist es das und immer nur das?« erwiederte
-Kordel. »Wenn Sie mich auch nicht mehr lieben,
-wie einst, wenn ich auch nicht werth bin, Ihre Frau
-zu sein, so &ndash; ich flehe Sie an &ndash; werden Sie
-diesem verwaisten Wesen ein Vater!«</p>
-
-<p>»Versteh' ich Sie recht?« stammelte Fritz von
-einem heiligen Freudenschauer durchbebt. »Wollen
-Sie mich?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span></p>
-
-<p>»Zum Vater meines Kindes machen,« sprach
-sie mit hohem Erröthen, seine Hand an ihr Herz
-drückend.</p>
-
-<p>»Aber bedenken Sie, ich bin ein Ausgestoßener.«</p>
-
-<p>»Und was bin ich? Wir tragen das gleiche
-Loos &ndash; die ehrbaren Leute stoßen mich wie Sie
-von sich &ndash; so lassen Sie uns gemeinsam tragen,
-was uns der Himmel aufgelegt hat! Zum Glück
-haben wir genug, um die hartherzige Gesellschaft
-allenfalls entbehren zu können. Wir können einen
-Handel anfangen &ndash; gewiß, Gott wird uns helfen,
-wenn wir zufrieden sind und fortan auf seinen
-Wegen wandeln. Wollen Sie?«</p>
-
-<p>»Ob ich will? O du mein einziger Trost im
-Leben! Ich habe ja nie aufgehört, dich zu lieben
-und ich dachte mir es seit dem Augenblicke, da ich
-dein Unglück erfuhr, als das höchste Glück, für
-dich und dein Kind sorgen zu können. Wenn du
-mich nicht verschmähst, so will ich deinem Kinde ein
-treuer Vater sein.«</p>
-
-<p>Da schlang Kordel weinend ihre Arme um
-seinen Hals &ndash; seine Thränen mischten sich mit den
-ihrigen, und der Engel, der den Schlummer des
-kleinen Knaben hütete, war Zeuge ihrer Verlobung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span></p>
-
-<p>Sechs Wochen später wurden sie getraut. Hochzeitgepränge,
-Schmaus und Tanz gab es freilich
-nicht dabei; ihr einziger Hochzeitsgast »bei einem
-Gericht Gerngesehen« war der Kadenlieb. Dem
-ging es bei den Königswalder Pharisäern natürlich
-auch nicht besser oder vielmehr noch schlimmer, als
-dem Bretschneiderfritz, aber er machte sich nicht viel
-aus den »Dickköpfen«, wie er sie nannte, und Arbeit
-und Brod mußte ihm der Müller schaffen.</p>
-
-<p>Hätte Fritz nur einen Theil von dem leichten
-Sinn seines Schicksalsgenossen gehabt, so hätte er
-sich in seiner neuen Lage recht zufrieden fühlen
-mögen. Eine Zeitlang schien es auch, als ob er
-mit seinem Geschicke ausgesöhnt sei. Es gab vor
-und nach der Hochzeit vollauf für ihn zu thun:
-die Hafer- und Kartoffelnernte und andere Feldarbeit,
-verschiedene Reparaturen im Hause und an
-den Wirthschaftsgeräthen beschäftigten ihn mehrere
-Wochen lang recht gehörig, und da sein Weib immer
-mit einem Lächeln, einem zärtlichen Worte bei der
-Hand war, so vermißte er die Liebe und Achtung
-der Welt nicht. Dazu kam, daß Kordel sich merklich
-zu erholen schien, sie bekam ein frischeres Aussehen,
-als sie bisher gehabt hatte, und Fritz schöpfte<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span>
-daraus Hoffnung für ihre völlige Wiederherstellung.
-Auch die Zuneigung, womit der kleine Fritz sich an
-ihn gewöhnte, war eine Quelle der Freude und des
-Trostes für ihn. Als aber die Arbeit in Feld und
-Haus nachließ und der müssigen Stunden zu viele
-für ihn kamen, wollte ihn der alte Mißmuth wieder
-beschleichen. Es kränkte ihn doch, daß er sein Gewerbe
-nicht ausüben konnte; auch daß er unter
-polizeilicher Aufsicht stand, keine Ehrenrechte in Gemeinde
-und Staat besaß und von seinen Mitbürgern
-verachtet war, konnte er nicht verschmerzen. Er
-gerieth auf den Gedanken, sich selbst eine Bretmühle
-zu bauen, statt einen Handel anzulegen, und Kordel
-willigte mit Freuden ein. Sie kündigte ihr Kapital
-und machte ihm zu seinem Geburtstage, welcher im
-December fiel, ein Angebinde damit.</p>
-
-<p>Fritz lebte wieder etwas auf, da er nun einen
-sicheren Weg zu Arbeit und Verdienst vor sich sah.
-Er suchte und fand bald einen geeigneten Platz zu
-einer Schneidemühle an einem wasserreichen Nebenbach
-des <span id="corr050">Pöhlwassers</span>. Da er aber mit dem Bau
-vor dem nächsten Frühjahr nicht beginnen konnte
-und auch zur Holzanfuhr die jetzige Zeit noch nicht
-günstig war, so trug er das Kapital, um es nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span>
-nutzlos daliegen zu lassen, nach Annaberg zu einem
-Kaufmann, der zugleich Bankiergeschäfte trieb. Vierzehn
-Tage später erhielt er die Schreckensnachricht,
-daß der Kaufmann Bankerott gemacht habe und
-Fritzens Geld verloren sei.</p>
-
-<p>Das war ein furchtbarer Schlag für unser Paar;
-Fritz wollte sich nicht darüber zufrieden geben und
-jammerte immerfort: »Das arme Kind! das arme
-Kind!« Kordel, die den Verlust eher zu verschmerzen
-schien, suchte ihn zu trösten, doch gelang es ihr nur
-unvollkommen. »Wer weiß, wie der liebe Gott
-auf andere Weise für das Kind sorgt,« sagte sie,
-wenn Fritz so wehklagte.</p>
-
-<p>Sie hatte Recht &ndash; der liebe Gott sorgte bald
-für das Kind, daß es das Geld entbehren konnte
-&ndash; er nahm es zu sich; das Scharlachfieber raffte
-es weg.</p>
-
-<p>Das war kurz nach Weihnachten, &ndash; am Aschermittwoch
-senkten sie neben der Hülle des Kindes die
-seiner Mutter ein. Die Auszehrung, welche ihr der
-Gram über die Treulosigkeit ihres Verführers, noch
-mehr aber über die Kränkungen, die sie von den
-Königswaldern erdulden mußte, zugezogen hatte, war
-nach dem Tode ihres Knaben plötzlich in ein entschiedeneres<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span>
-Stadium übergetreten. Ruhig und ergeben
-sah sie ihr Ende herannahen und sanft, wie
-sie in der letzten Zeit gelebt, schlummerte sie hinüber.</p>
-
-<p>Mit ihr erlosch aller Glanz aus dem Leben des
-armen Fritz; er schleppte es fortan als eine finstere
-und bleierne Last mit sich herum. Seine Heimathgenossen
-fingen allgemach an, mit dem hart Geschlagenen
-einiges Mitleid zu fühlen, sie zeigten sich
-freundlicher gegen ihn und boten ihm Arbeit an,
-aber er mochte nichts mehr von ihnen wissen. Sie
-waren vornehmlich schuld an dem Tode seines Weibes
-&ndash; dies konnte er ihnen nicht verzeihen, wenn
-er ihnen auch die eigene Schmach verziehen hätte.
-Er schloß sich völlig von ihnen ab; außer dem
-Kadenlieb pflog er mit keinem lebendigen Menschen
-Umgang &ndash; sein Herz war bei den Todten und
-ihrer Wohnstätte galten seine Besuche. Ihm war
-am wohlsten, wenn er zwischen seinen Gräbern
-weilen, oder doch nahe bei der Kirchhofmauer so
-sitzen konnte, daß er die Kreuze darauf sah. Kordel's
-Kreuz war allezeit frisch bekränzt. Eine Ziege,
-die sie aufgezogen und so an sich gewöhnt hatte,
-daß sie ihr überall hin folgte wie ein Hund, trug
-diese Anhänglichkeit bald auf ihren trauernden Herrn<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span>
-über, sie war immer bei ihm, wenn er seines traurigen
-Kultus pflog. So hat er es zwei Sommer
-getrieben.</p>
-
-<p>Am zweiten Jahrestage von Kordel's Tode brach
-in Königswald ein Feuer aus, welches bei dem
-starken Winde, der gerade wehte, für den größten
-Theil des Ortes verderblich zu werden drohte. Fritz
-eilte zum Löschen; es war das erste Mal, daß er
-sich wieder unter seine Mitbürger mischte, von denen
-es ihm keiner an entschlossener Thätigkeit gleich
-that, obschon die meisten tüchtig zugriffen. Leider
-war die Löschanstalt nicht im besten Stande und
-noch dazu schlecht geleitet. Fritz sah die Nothwendigkeit
-des Niederreißens zweier Gebäude ein, um
-das Fortschreiten der Flamme, die bereits ein zweites
-Haus ergriffen hatte, zu hemmen. Der Richter,
-welcher Feuer-Commissarius war, widersetzte sich
-Fritzens Rath und ordnete an, alle Thätigkeit auf
-das Löschen der brennenden Gebäude zu verwenden.
-Fritz, von der Nutzlosigkeit dieser Anstrengung überzeugt,
-rief nun die Hülfeleistenden auf, ihm mit
-dem erforderlichen Geräthe zu folgen und zum Niederreißen
-der bezeichneten Gebäude zu schreiten. Alle
-Einsichtigen folgten seinem Rufe; dadurch wurde<span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span>
-der Richter in Wuth versetzt, er stürzte auf den Bretschneiderfritz
-los, packte ihn bei der Brust und schrie:</p>
-
-<p>»Was will Er hier? Commandiren? Aufwiegeln?
-Weiß Er, was Er ist? Er hat gar kein Recht
-in der Gemeine; nicht ein Wort hat Er zu sagen!
-Unter meiner Aufsicht steht Er, und ich kann Ihn
-ohne Weiteres ins Loch sperren lassen.«</p>
-
-<p>Fritz erwiederte kein Wort &ndash; er vermochte
-keins hervorzubringen. Er wandte seinen Blick nach
-Oben und ging zu sehen, wo er sonst helfen konnte.
-Das zuerst in Brand gerathene Haus gehörte einer
-armen Wittwe. Sie hatte nur wenig von ihrer
-Habe zu retten vermocht, und Niemand getraute
-sich mehr in das über und über brennende Gebäude,
-um noch Etwas herauszuholen.</p>
-
-<p>»Helft mir doch wenigstens meine Ziege retten!«
-rief die jammervolle Wittwe aus; »hört doch, wie
-das arme Thier schreit!« Damit wollte sie in das
-Haus; doch Fritz, der eben hinzutrat, ergriff sie,
-schleuderte sie zurück und eilte selbst in das Gebäude,
-eh' Andere ihn zurückzuhalten vermochten.
-Es mag Manchem tollkühn erscheinen, um einer
-Ziege willen ein Menschenleben zu wagen, aber
-Fritz wußte, was einem verlassenen Menschen solch'<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span>
-ein Stück Vieh sein kann, und die Wittwe war
-verlassen wie er &ndash; und was galt ihm sein Leben?
-Es gelang ihm wirklich, das Thier zu retten, ein
-Freudenruf entrang sich mancher beklommenen Brust,
-als er sich wieder unter der Thür zeigte. Schon
-war er fast aus dem Bereiche der fürchterlichen Gefahr,
-als plötzlich ein brennender Sparren niederstürzte
-und ihn zu Boden streckte. Der eben herbeigeeilte
-Kadenlieb trug ihn für todt in sein Haus;
-schnelle ärztliche Hülfe rief ihn jedoch wieder ins
-Leben. Der Arzt hoffte ihn zu retten, obschon seine
-Brust schwer verletzt war. Fritz wünschte blos, von den
-Menschen errettet zu sein und sein Wunsch ging in Erfüllung.
-Ein heftiger Blutsturz bahnte seiner Seele
-den Ausweg aus ihrem vergänglichen Gefäß. Der
-Kadenlieb, welcher nicht von seinem Bette wich und
-ihn wie ein Bruder pflegte, wurde sein Erbe.</p>
-
-<p>Der macht' es gescheidt &ndash; als der Frühling
-ins Land kam, bepflanzt' er die Gräber seiner
-Freunde mit Veilchen und Immergrün, verkaufte
-Haus und Feld, gab dem Todtengräber ein Sümmchen,
-damit er die Gräber wohl pflege, und ging
-mit dem Rest nach Amerika.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-chapter.png" alt="Dekoration" />
-</div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Fundgrube">II.<br />
-Die Fundgrube Vater Abraham.</h2>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span></p>
-
-<h3>I.</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Die Bergleute des Reviers hatten Lohntag. Die
-Auslohnung war vorbei, und das muntere Bergvolk
-stand in Gruppen längs der Rathhausseite des großen
-Marktplatzes oder schlenderte durch die zwei Budenreihen
-des Krammarktes. Denn seit undenklichen
-Zeiten war in der freien Bergstadt dafür gesorgt,
-daß die Bergleute, deren Viele stundenweit herkamen,
-sich eines Theiles der schwergewonnenen Groschen
-auf leichte Art wieder entäußern konnten. Und wie
-man Fischreußen vor die Abflußöffnungen der Gewässer
-legt, so baute man die Buden gerade in die
-Verlängerung der Gasse, in welcher das Berg- und
-Zehntamt lag. Da mußten selbst diejenigen hindurch,
-welche Lust hatten, einen Theil ihres Lohnes
-in der Sparcasse niederzulegen, die seit einem Jahrzehent
-bestand, so daß gar manches für die Sparcasse<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span>
-bestimmte Fischlein dort hängen blieb. Das konnte
-freilich nur von dem unbeweibten Bergvolke gelten,
-denn der beweibte und dann sicher auch mit Kindern
-gesegnete Knappe konnte höchstens mit Hülfe
-eines Heckethalers sich an der Sparcasse betheiligen.
-Gönnt der sich doch nicht einmal ein billiges Frühstück
-in der Garküche, aus welcher es so bratenhaft
-duftet &ndash; an das gegenüberliegende »süße Löchel«,
-die Conditorei, ist gar nicht zu denken, sondern er
-verzehrt höchstens in den Brodbänken ein »Dreierstöllchen«
-mit einer halben Knackwurst, nachdem er
-die Hälfte für seine »Alte«, vorausgesetzt, daß sie
-noch jung ist, im Kittel geborgen.</p>
-
-<p>Von jungen Burschen sah man in den Brodbänken
-höchstens den Bergner Ferdinand vom Vater
-Abraham. Heute war er da. Ein hochgewachsener,
-blonder, frischer Gesell, mit intelligenten Zügen. Der
-leinene Kittel kohlschwarz, Fahrleder und Gürtel schön
-lackirt, auch das Schuhwerk blank gewichst. Unter
-der Bänkenthür stand er und blickte mit seinen
-hellen, blauen Augen nach der gegenüberliegenden
-Conditorei, aber wohl eher nach dem lockigen Kopfe
-einer Dame, die dort an einem Fenster an der
-Seite eines Bergherrn stand, als nach den gaumenkitzelnden<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span>
-Dingen des Schaufensters. Dicht neben
-den Brodbänken befand sich der Laden eines Gelbgießers,
-an welchen sich die Gewölbe eines Tuchmachers
-und eines Zinngießers reihten. Diesen
-drei Geschäftsleuten schien der Lohntag keine Weizenblüthe
-zu sein; standen sie doch schon seit einer
-halben Stunde vor dem Gelbgießerladen und klagten
-über den flauen Geschäftsgang. Plötzlich aber wurde
-ihre Aufmerksamkeit nach der Conditorei hinübergelenkt,
-aus welcher eine hochgewachsene Dame mit
-einer Schaar junger Dämchen in orgelpfeifenähnlicher
-Größenabstufung hervorquoll.</p>
-
-<p>»Da kommt die Staatsglucke vom Vater Abraham
-mit ihren Küchlein!« rief der Tuchmacher;
-»acht Stück, und was für eine Prachtrace! Und
-richtig &ndash; der Liebhaber der Aeltesten, der neue
-Herr Obereinfahrer, ist auch dabei; der wird wohl
-die ganze Schaar tractirt haben.«</p>
-
-<p>»Soll mich wundern, ob aus dem Freier auch
-ein Nehmer wird,« sagte der Zinngießer; »der Herr
-Obereinfahrer ist ein Feiner; reich und von Adel,
-wie er ist, denkt er wohl höher hinaus, als zu der
-armen Schichtmeisterstochter, die Nichts hat, als
-was sie auf dem Leibe trägt.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span></p>
-
-<p>»Ja, wenn das nur noch ihr Eigenthum wäre,«
-fiel der Tuchmacher ein; »ich will mein Contobuch
-vom Schinder verbrennen lassen, wenn von all den
-Fahnen und Behängen, worin das schöne Fräulein
-prangt, nicht über Dreiviertel in verschiedenen Contobüchern
-ungelöscht stehen.«</p>
-
-<p>»Oho!« nahm der Gelbgießer das Wort;
-»macht's nur nicht so gefährlich! Dazu ist mein
-Schichtmeister Frenzel denn doch ein viel zu wackerer
-Mann, als daß er solche Schuldenwirthschaft dulden
-sollte. Es ist wahr, die Schichtmeisterin trägt die
-Nase ein wenig hoch und macht am Ende mehr
-aus sich und ihren Töchtern, als dahinter steckt;
-aber sie ist doch eine tüchtige Hauswirthin, und man
-findet nirgends eine so ausgesuchte Ordnung und
-Sauberkeit, wie bei ihr zu Hause.«</p>
-
-<p>»Ei, das ist doch nicht etwa ihr Verdienst!« sagte
-der Tuchmacher. »Ihr als Gewerke vom Vater Abraham
-solltet doch wissen, wer da eigentlich die Hauswirthin
-ist, obgleich sie nur für das Aschenbrödel gilt.
-Das ist die Kleine, die Stieftochter der großen Dame
-dort, die Einzige von des Schichtmeisters erster Frau.«</p>
-
-<p>»Die kenn' ich ja gar nicht,« erwiederte der
-Gelbgießer.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span></p>
-
-<p>»Natürlich,« erklärte der Tuchmacher; »sowie
-sich ein Besuch auf dem Vater Abraham zeigt, muß
-sich Aschenbrödel in der Küche verkriechen. Sie
-würde schön ankommen, wollte sie sich als schwarze
-Henne unter den bunten Küchlein der Frau Mama
-zeigen. Aber sie ist es, die eigentlich das ganze
-Haus erhält, denn das müßt Ihr doch selbst zugeben,
-daß die Schichtmeisterin, wenn sie eine Wirthin
-sein wollte, nicht mehr Staat treiben würde,
-wie eine Bergmeisterin!«</p>
-
-<p>»Nun, wer weiß,« unterbrach der Zinngießer
-den Sprecher, »wer weiß, ob sich der Schichtmeister
-nicht besser steht wie unser Bergmeister. Der Vater
-Abraham hat schönes Erz, und wer kann einen
-Schichtmeister, der auf seiner Grube wohnt, so
-genau&nbsp;&ndash;« hier stockte der Redner; ein Blick auf
-das Gesicht des Gelbgießers machte ihn verstummen.
-Doch dieser rief schnell: »Was wolltet Ihr sagen,
-Nachbar Paul? Redet weiter, was meint Ihr?
-Bedenkt, daß ich Kuxinhaber vom Vater Abraham
-bin, und mich das sehr nahe angeht, was Ihr da
-auf der Zunge hattet!«</p>
-
-<p>»Ich hab's verschluckt und vergessen,« sagte der
-Zinngießer; »Ihr wißt ja, Nachbar Mickley, es<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span>
-kommt Einem manchmal ein überzwercher Gedanke
-in den Mund. Ich weiß nichts, will nichts wissen
-und glaube, daß der Schichtmeister Frenzel ein
-wackerer Mann ist, wie Ihr selbst ihn nanntet.«</p>
-
-<p>»Bis jetzt,« erwiederte der Gelbgießer, »hat
-seine Gewerkschaft alle Ursach' gehabt, mit ihm zufrieden
-zu sein, und er gilt allgemein als der tüchtigste
-Grubenbeamte im ganzen Revier. Aber es ist
-eine böse Zeit, man darf fast seinem Bruder nicht
-mehr trauen, und was Ihr da angedeutet, will ich
-mir hinter die Ohren schreiben.«</p>
-
-<p>»Aber Nachbar Mickley,« sagte der Zinngießer
-fast ängstlich, »seid doch nicht so wunderlich! Ich
-habe gar nichts angedeutet, gar nichts. Euer
-Schichtmeister ist gewiß ein wackerer Mann, kein
-Mensch kann wider ihn auftreten, auch der Nachbar
-Kunz nicht. Gewiß, Nachbar Kunz, behauptet Ihr
-nicht im Ernst, daß es mit den Schichtmeistersleuten
-so übel stehe, wie Ihr vorhin sagtet.«</p>
-
-<p>»Oh! was ich gesagt hab', das hab' ich gesagt,«
-versetzte der Tuchmacher, »wollt Ihr einen kleinen
-Beweis für meine Worte sehen, so schaut in mein
-Contobuch, da steht noch ein alter Rest von zehn
-Thalern, um den ich schon zehnmal umsonst gemahnt<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span>
-habe. Aber jetzt ist meine Geduld zu Ende, und wenn
-ich morgen mein Geld nicht habe, geht's vor Gericht!«</p>
-
-<p>Das ganze Gespräch war von dem jungen
-Bergmann, der unter der Brodbänkenthür stand,
-mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt worden.
-Mehrmals hatte sein Gesicht den Ausdruck heftigen
-Unwillens angenommen, und bei den letzten Worten
-des Tuchmachers geschah dies wieder. Er fuhr
-hastig in seinen Kittel und zog ein Perlbeutelchen
-hervor, dessen Inhalt er überzählte. Ach! es war
-viel, viel zu wenig, um die Schuld seines Vorgesetzten
-zu decken. Er besann sich aber nicht lange;
-er steckte seine Börse wieder ein und eilte nach der
-Spar-Casse. Der Geschäftsführer derselben wunderte
-sich nicht wenig, daß sein treuester Sparkunde
-heute Geld entnehmen wollte, statt welches einzulegen;
-aber es half nichts, er mußte dem drängenden
-Häuer acht blanke Thaler auszahlen. Mit
-diesem Zuschuß zu seinem heutigen Lohn verfügte
-dieser sich nach dem Gewölbe des Gelbgießers, wo
-die drei Bürger noch immer beisammen standen und
-jetzt neue Glossen über die Schichtmeisterin machten,
-die mit ihren zwei ältesten Töchtern in einen Goldschmiedsladen
-getreten war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span></p>
-
-<p>»Ist hier nicht der Meister Kunz?« fragte Ferdinand,
-zu dem Kleeblatt tretend, nachdem er nicht
-unterlassen hatte, sein Glückauf! zu bieten.</p>
-
-<p>»Der bin ich,« antwortete der Tuchmacher, »was
-steht zu Diensten? Ich seh's Ihm an, Er bringt Handgeld
-&ndash; nun Er soll heute einen guten Handel machen.«</p>
-
-<p>»Ich komme blos im Auftrage meines Schichtmeisters,«
-sagte Ferdinand; »soll Ihnen die zehn
-Thaler auszahlen, die er noch schuldig ist.«</p>
-
-<p>»So?« versetzte der Tuchmacher; »nun, das
-ist auch Handgeld, &ndash; doch ein Ehrenmann der
-Herr Schichtmeister; aber es hätte ja noch Zeit
-gehabt, bis der Herr Schichtmeister wieder etwas
-gebraucht hätte. Komm Er, ich will Ihm gleich
-die Quittung schreiben.« Und er nahm den Häuer
-mit in sein Gewölbe.</p>
-
-<p>»Da habt Ihr's!« sagte der Zinngießer zu
-dem Gelbgießer: »da hat der Nachbar Kunz auch
-raisonnirt über den schlechten Zahler; nun ist er
-doch ein Ehrenmann, und Ihr müßt Euch keinen
-Floh ins Ohr setzen lassen. Ich für meine Person
-weiß nichts Unlauteres von Euerm Schichtmeister
-und alle Welt nennt ihn einen tüchtigen Mann.
-Ich habe nichts gesagt, behüt' Euch Gott!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span></p>
-
-<p>Damit entfernte sich der Zinngießer und ging
-in die Garküche nach seinem Morgentöpfchen. Der
-Gelbgießer blieb unter seinem Laden stehen und
-schaute nach dem des Tuchmachers. Nach einer Weile
-kam Ferdinand daraus wieder zum Vorschein. »Nochmals
-meinen gehorsamsten Dank an den Herrn Schichtmeister!«
-rief ihm der Tuchmacher nach, »und ich lasse
-mich und mein neu assortirtes Lager bestens empfehlen.«</p>
-
-<p>Ferdinand steckte lächelnd seine Quittung zu dem
-Rest seiner Baarschaft und wollte sich auf den Heimweg
-machen. Als er aber an das Gewölbe des
-Gelbgießers kam, hielt dieser ihn auf und nöthigte
-ihn hinein. Er holte aus einem Wandschrank einen
-Teller mit Knackwurst und Brodschnitten, eine Flasche
-und ein Gläschen, schenkte ein und bat den jungen
-Häuer, zuzulangen. Dieser nahm ein Brodschnittchen,
-verschmähte aber den Inhalt des Gläschens,
-weil er nie Branntwein trinke. Der Gelbgießer
-nannte dies eine Sonderbarkeit und wollte ihn zu
-dem echten »Eibenstocker« nöthigen. Aber Ferdinand
-beharrte bei seiner Weigerung, und als der Gelbgießer
-einen Grund dafür wissen wollte, sagte er:
-»Ich halte das Branntweintrinken für eins der
-Hauptübel der Menschheit.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span></p>
-
-<p>»Ja, wenn man den Branntwein säuft,« fiel
-Meister Mickley ein; »aber ein Gläschen zum Imbiß
-dient zur Gesundheit.«</p>
-
-<p>»Halten Sie zur Güte, Meister!« erwiederte
-Ferdinand; »unser Herr Markscheider, der alle
-Dinge der Natur kennt, soweit Menschen sie erforscht
-haben, hat uns in der Bergschule klar bewiesen,
-daß der Branntwein, in was immer für
-einem Verhältniß genommen, nie von Nutzen für
-die menschliche Natur sein könne; daß er aber in
-einiger Menge genossen immer verderblich wirke.
-Die Säufer, die unter das Vieh herabgesunken
-sind, haben auch Anfangs nur Gläschen getrunken.
-Doch selbst der mäßigste Genuß bleibt eine Sünde
-gegen Gott und Menschen, weil er immer die Mitschuld
-trägt, daß das, was Gott den Menschen zur
-Nahrung bestimmt hat, so gut wie unter die Füße
-getreten wird. Lieber Meister, Sie dulden gewiß
-nicht, daß auch nur ein Bröcklein Brod in Ihrem
-Hause muthwillig weggeworfen werde; aber in jedem
-Glase Schnapps werden ein paar Loth Brod zu
-nichte gemacht. Bedenken Sie, Meister, wie viel
-tausend Scheffel Korn und Kartoffeln nur in unserm
-lieben Gebirge jährlich zu Branntwein verbrannt<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span>
-werden &ndash; das ist Brod für viele tausend Menschen.
-Wahrlich, wenn man sich's recht überlegt, so darf
-es Einen nicht wundern, wenn der liebe Gott über
-den Greuel einmal ergrimmt und uns ganz entzieht,
-was wir so schmählich mißbrauchen.«</p>
-
-<p>»Er ist ja ein halber Pastor!« rief der Gelbgießer
-aus; »na, so lassen wir den Schnapps!
-Also Er ist auf der Bergschule &ndash; sagte Er nicht?«</p>
-
-<p>»Ich wohne bei meiner Mutter in Pobersdorf
-und fahre auf dem Vater Abraham an, besuche
-aber die Bergschule seit zwei Jahren.«</p>
-
-<p>»Und da kommt Er alle Tage anderthalb
-Stunden weit herein in die Stunden? Das macht
-jeden Tag drei Stunden Wegs um eine Stunde
-Unterricht!«</p>
-
-<p>»Was kann es helfen,« erwiederte Ferdinand,
-»in der Stadt ist theuer leben, dazu reicht das
-Häuerlohn nicht aus.«</p>
-
-<p>»Und von der Grube wohnt Er auch eine
-Stunde entfernt; da hat Er täglich einen Marsch
-von 5 Stunden zu machen. Dazu kommt die
-saure Grubenschicht von 8 Stunden, das thut 13
-Stunden täglich, mit der Schule 14 &ndash; da bleibt
-Ihm ja gar keine Zeit zu einem Ueberwerk!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span></p>
-
-<p>»Freilich nicht; &ndash; nun, ich richte mich mit
-meiner Mutter ein, und da wir eigne Herberg haben
-und eine Kuh im Stall, so kommen wir schon aus.
-Freilich, der Fleischtopf steht bei uns immer weit
-vom Feuer, aber dafür hat's uns noch kein Jahr
-an den lieben Kartoffeln gefehlt. Uebrigens leb'
-ich mit meinen Kameraden in der guten Hoffnung,
-daß unsere Herren Gewerken uns bald auch zu
-einem wenig Fleisch helfen werden, da der Vater
-Abraham neuerdings so höflich geworden.«</p>
-
-<p>»Höflich?« versetzte Meister Mickley, &ndash; »es
-geht wahrlich an mit der Höflichkeit. Es ist wahr,
-es hat in den letzten Quartalen einige Ausbeute
-gesetzt; aber lieber Freund, Er bedenkt wohl nicht,
-daß wir Gewerken viele Jahre nicht einen Heller
-von unsern Kuxen gehabt, ja gar einmal Zubuße
-gezahlt haben.«</p>
-
-<p>»Aber die ist doch gewiß längst reichlich wieder
-erstattet, und nach meiner Ansicht muß es in der
-letzten Zeit eine ansehnliche Ausbeute gesetzt haben.«</p>
-
-<p>Der Gelbgießer sah den Sprecher scharf an;
-dann ging er an sein Schreibpult und brachte ein
-Schreiben zum Vorschein, welches er dem Knappen
-vorlegen wollte, aber erst noch einmal zurückzog,<span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span>
-indem er den jungen Mann fixirend fragte: »Wie
-hoch schätzt Er ungefähr die Ausbeute vom Vater
-Abraham auf das letzte Quartal? Ich will einmal
-sehen, ob Er schon einen tüchtigen Steiger
-abgäbe, wenn unser alter Meier bergfertig würde.
-Er muß wissen, daß ich vier Kuxe baue und im
-Ausschusse der Gewerken sitze, also ein Wörtlein
-mitzureden habe, wenn es eine Stelle auf dem
-Abraham zu besetzen giebt. Ich will einmal sehen,
-ob Er schon ein wenig Erz zu taxiren versteht. Laß
-Er hören!«</p>
-
-<p>Der Jüngling sah vor sich nieder. Er mußte
-sich des Gesprächs der drei Bürger erinnern, namentlich
-der halben Aeußerung des Zinngießers, die
-zuerst seinen Unwillen erregt hatte. Offenbar wollte
-der Gelbgießer ihn aushorchen, und er war im
-Begriff, eine kurze Antwort zu geben; doch lag
-auch wieder etwas so Herzliches im Tone des Fragenden,
-daß Ferdinand das rauhe Wort nicht über
-die Lippen brachte. Zudem war seine Ehrliebe erregt
-und, was mehr sagen wollte, ihm eine Aussicht
-gezeigt worden, die sein höchstes Lebensglück
-zum Hintergrund hatte. Nach einigem Nachsinnen
-sagte er: »Mit dem Erzschätzen ohne genaue Probe<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span>
-ist es immer ein unsicheres Ding, &ndash; aber nach
-meinem Dafürhalten kann die Ausbeute im letzten
-Quartal nicht unter 1300 Species betragen haben.«</p>
-
-<p>»Die Ausbeute?« rief der Gelbgießer. »Er
-meint wohl den Gesammtwerth des gewonnenen
-Erzes?«</p>
-
-<p>»Nein, den reinen Ertrag, nach Abzug der
-Gewinnungskosten und des Zehntens.«</p>
-
-<p>Jetzt schlug der Gelbgießer das Buch auf und
-hielt es dem Häuer vor das Gesicht: »Da les' Er,
-was unter Quartal Crucis notirt ist.«</p>
-
-<p>Der Jüngling las die Notiz und schüttelte mit
-dem Kopfe. »Da hätte ich mich stark verrechnet,«
-sagte er, das Buch zurückgebend; »blos 5 Species
-auf den Kux, das thut für alle 128 Kuxe 640
-Species, also noch nicht die Hälfte der von mir
-vermutheten Summe. So stark sollte sich einer,
-der Steiger werden will, freilich nicht verrechnen!«</p>
-
-<p>»Ob Er sich aber auch nur verrechnet hat?«
-sagte der Meister. »Er scheint mir einen offenen
-Kopf zu haben &ndash; vielleicht hat Er doch recht gerechnet
-&ndash; he?«</p>
-
-<p>»Sie überzeugen mich ja hier vom Gegentheil,«
-antwortete Ferdinand.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span></p>
-
-<p>»Aber die Differenz kann wohl an etwas ganz
-Anderem liegen, als an Seiner Berechnung? Sei
-er aufrichtig, junger Freund, es soll Sein Schade
-nicht sein. &ndash; Hat Er keine Vermuthung, auf welche
-Art die schöne Ausbeute, welche Er der Gewerkschaft
-zugeschätzt hat, auf weniger als die Hälfte geschwunden
-sein kann?«</p>
-
-<p>Der Jüngling stand rasch auf. »Meister Mickley!«
-sagte er, »ich habe Ihnen gleich gesagt, daß
-Erzschätzen nach dem bloßen Augenschein etwas sehr
-Unsicheres sei; und wenn Sie anderer Meinung
-sind, so denken Sie, daß ich noch lange in die
-Bergschule gehen muß, eh' ich reif bin zum Steiger!«</p>
-
-<p>»Ei, nur nicht so heftig, lieber junger Mann!«
-bat Mickley, ihn bei der Hand nehmend; »nehm'
-Er nur wieder Platz, und hör' Er, was ich ihm
-sagen will.«</p>
-
-<p>Ferdinand aber gab vor, daß er zu Hause
-nothwendig zu thun habe.</p>
-
-<p>»Nun, so besuch' Er mich ein ander Mal, komm
-Er doch immer, wenn Er die Bergschule besucht;
-die ist alle Nachmittage zwischen 3 und 4, da kann
-Er bei mir sich an einer Tasse Kaffee erquicken;
-und wenn Er Zeichnenmaterial braucht, das kann<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span>
-Er bei mir auch haben, braucht's nicht in der Buchhandlung
-zu holen. Wart' Er, ich will Ihm einmal
-etwas zeigen!« Und er schob sich hinter seinen
-Ladentisch und brachte verschiedene Reißzeuge zum
-Vorschein. »Ist Er schon mit einem Reißzeuge
-versehen?« fragte er.</p>
-
-<p>»Ich habe mich mit einem Zirkel und einem selbstgemachten
-Transporteur behelfen müssen,« sagte Ferdinand;
-»ein gutes Reißzeug war mir zu kostspielig.«</p>
-
-<p>Der Gelbgießer öffnete das größte der mit
-schwarzem Maroquin überzogenen Kästchen und legte
-es mit seinen aus rothem Sammet hervorblitzenden
-feinen Instrumenten dem jungen Häuer vor. Dieser
-wurde von dem Anblick unwiderstehlich gefesselt. Ein
-so kostbares Reißzeug hatte er selbst bei seinem
-Markscheider nicht gesehen. Stumm stand er darüber
-gebeugt und wagte kaum Athem zu holen, damit sein
-Hauch das funkelnde Metall nicht erblinden mache.</p>
-
-<p>»Ist das wohl vollständig?« fragte Mickley;
-»gefällt es Ihm?«</p>
-
-<p>»Wem wollte das nicht gefallen?« sagte Ferdinand;
-»wer die edle Mathematik treibt, der muß
-daran seine Freude haben. Aber es gehört wohl ein
-guter Beutel dazu, einen solchen Schatz zu besitzen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span></p>
-
-<p>»Manchmal hilft auch ein gutes, ehrliches Gesicht
-dazu,« sagte der Bürger. »Ich weiß nicht,
-Er hat mir's angethan. Ich will Ihm was sagen:
-Das Ding steht seit Jahren hier, und kein Mensch
-kauft es. Alles behilft sich mit billigen Kästen,
-den Zimmer- und Maurermeistern kommt's nicht
-darauf an, ob der Transporteur keinen Grad richtig
-zeigt, oder das Winkelmaß auf 89 Grad steht
-statt auf 90, und den Bergschülern fehlt's am
-Besten. Ich will aber das Ding einmal los sein,
-ehe es verrostet. Nehm' Er es als eine kleine
-Aufmunterung zu rechtem Fleiße, damit wir wieder
-einen tüchtigen Steiger bekommen, wenn der alte
-Meier bergfertig wird.«</p>
-
-<p>Ferdinand wollte zwar ein so kostbares Geschenk
-nicht nehmen, aber der Gelbgießer wußte es ihm
-aufzureden. Als wär' er in den Besitz eines Königreichs
-gekommen, so froh verließ er das Gewölbe.
-Draußen stieß er auf Brunhild, die älteste Tochter
-seines Schichtmeisters aus dessen zweiter Ehe. Er
-bot dem schönen, eleganten Mädchen sein Glückauf
-und wollte vorübergehen; aber sie hielt ihn freundlich
-an. »Haben Sie meinen Vater nicht gesehen,
-Herr Bergner?« fragte sie. »Oh, zum Herrn fehlt<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span>
-mir viel, Fräulein Brunhild,« erwiederte er, »Ihren
-Vater vermuth' ich beim Herrn Markscheider.« »Gut,
-ich danke,« sagte sie, »und nicht wahr, Sie thun
-mir einen Gefallen?« &ndash; »Zwei für einen,« sagte
-er, »befehlen Sie nur!« &ndash; »Sie machen sich wohl
-aus einem kleinen Umweg nichts, wenn er über
-den Vater Abraham führt?« sprach sie mit einem
-feinen Lächeln, »wollen Sie nicht unserer Hedwig
-sagen, sie möchte der Mutter ihr neues Barègekleid
-schicken und nicht auf die Eltern mit dem
-Essen warten; wir sind Alle zu Landgraf's zu
-Tisch und zu einer Soirée bei Neuhoff's geladen;
-es kann Mitternacht werden, eh' die Eltern heimkommen.
-Grüßen Sie die gute Hedwig von mir
-&ndash; und hier, wollten Sie ihr wohl das Stückchen
-Apfeltorte von mir bringen?«</p>
-
-<p>Ferdinand übernahm den Auftrag mit herzlicher
-Freude, und das schöne Mädchen nahm freundlich
-Abschied. »Die hat doch ein Herz,« sagte der Häuer
-ihr nachblickend; »das hat sie von ihrem Vater,
-und die Mutter hat es nicht verwüsten können.
-Gott segne sie!« &ndash; Nun lenkte er seinen Schritt
-dem Thore zu.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span></p>
-
-<h3>II.</h3>
-</div>
-
-<p>Brunhild fand ihren Vater wirklich bei dem
-Markscheider. Sie theilte ihm mit, welche Einladungen
-an ihn und die Seinigen ergangen waren,
-und bat ihn, augenblicklich mit ihr zu kommen. Er
-ging mit ihr. »Wo ist denn die Mutter?« fragte
-er vor der Thür.</p>
-
-<p>»Bei dem Goldschmied,« antwortete sie.</p>
-
-<p>»Schon wieder?« fragte er trübe.</p>
-
-<p>»Sei nur nicht bös,« sagte Brunhild, »ich
-wollte es nicht haben; aber Du weißt, wie die
-Mutter ist, und vielleicht hat sie heute nicht ganz
-Unrecht, ich habe Dir noch nicht gesagt, daß die
-Frau Baronin zum Besuch hierher kommt und bei
-Neuhoff's absteigt.«</p>
-
-<p>»Heute?« fragte der Schichtmeister; »und da sollen
-wir wohl am Abend in Gesellschaft der Baronin sein?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span></p>
-
-<p>»Ja, und auch schon bei Landgraf's mit ihr
-speisen.«</p>
-
-<p>»Also die Frau Baronin kommt? Sie will uns
-kennen lernen,« sagte der Schichtmeister erheitert,
-»so komm denn!«</p>
-
-<p>Bei dem Goldschmied angekommen und von
-diesem in sein Wohnzimmer geführt, wurde der
-Schichtmeister von seiner Frau auf die Seite gezogen.
-»Hast Du schon gehört, lieber Schatz, welche
-Ehre, welches Glück uns erwartet?« redete sie ihn
-an. Und als er bejahte, sagte sie: »Denke Dir,
-das ist Alles so von dem Baron veranstaltet; der
-liebe, goldne Mann erwartet den günstigsten Eindruck
-von der Begegnung unsers Kindes mit seiner
-Mutter, und hofft morgen schon ihr Jawort zu erhalten.
-Du kannst Dir meine Seligkeit denken,
-Schatz, denk' einmal, in einem Vierteljahr ist unser
-Kind vielleicht Frau Baronin &ndash; gnädige Frau!
-Aber Du weißt, man muß das Eisen schmieden,
-wenn es glüht, und nur den Dummen kommt das
-Glück im Schlafe. Es versteht sich, daß wir vor
-der Frau Baronin anständig erscheinen müssen.
-Glücklicherweise sind unsere Mädchen, als hätten sie
-es geahnt, in den letzten Tagen fleißig hinter ihrer<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span>
-Garderobe her gewesen, und mein neues Barègekleid
-macht sich auch. Aber zu den noblen Gewändern
-gehört auch ein nobler Schmuck, wenigstens
-für Brunhild. Ich bin daher gleich hierher
-gegangen und habe uns einige sehr einfache, aber
-noble Sachen ausgesucht; Du weißt, ich verstehe
-mich auf dergleichen. Aber denke Dir, der Goldschmied
-will uns nur auf einen Wechsel von Dir
-weitern Credit geben. Vergebens tröstete ich ihn
-auf das nahe Ende meines Erbschaftsprocesses; er
-besteht auf dem Wechsel. Nun, Du weißt doch
-besser als er, wie es um den Proceß steht, daß
-wir ihn in erster Instanz gewonnen, und daß nach
-der Versicherung unsers Advocaten das Erkenntniß
-der zweiten Instanz bald erfolgen und unser Erbe
-in spätestens drei Monaten in unsern Händen sein muß.
-Du hast hoffentlich kein Bedenken gegen den Wechsel?«</p>
-
-<p>»Allerdings, liebe Bertha, hab' ich das,« erwiederte
-der Schichtmeister, »Alles, nur keinen
-Wechsel! Ich hoffe zwar auch, daß der Proceß
-bis dahin entschieden sein wird, aber es bleibt doch
-immer eine Möglichkeit, daß er sich noch sehr lange
-hinauszieht. Ich meine auch, der Schmuck sei nicht
-so nothwendig&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span></p>
-
-<p>»Nicht nothwendig?« fiel ihm die Frau ins
-Wort, und da der Goldschmied hinausgegangen
-war, so rief sie laut: »Brunhild! Klotilde! sagt,
-ob die Schmucksachen uns nicht nöthig sind, um
-vor der Frau Baronin zu bestehen?«</p>
-
-<p>Brunhild sagte, sie wolle nichts bestimmen, aber
-so viel wisse sie, daß ihr Alexis nicht nach Schmuck
-bei ihr frage. &ndash; »Aber,« fiel Klotilde ein, »die
-Frau Baronin ist eine Banquierstochter, und diese
-Damen halten viel auf Geschmeide. Die Frau
-Magisterin sagte, der erste Eindruck einer Begegnung
-entscheide oft über die ganze Zukunft, und
-ich möchte der geschmeideliebenden Baronin nicht
-allzu einfach vor die Augen kommen, wenn ich ihre
-Schwiegertochter werden wollte!«</p>
-
-<p>»Aus Dir spricht Welt, Mädchen,« rief die Mutter;
-»ja so ist es, wir müssen den ersten Eindruck wahren!«</p>
-
-<p>Zögernd erklärte der Schichtmeister seine Bereitwilligkeit,
-den Schmuck gegen eine Obligation zu
-erstehen. »Ich zweifle nur, daß Herr Reichel darauf
-eingeht,« bemerkte die Frau, »doch versuche
-Dein Glück. Komm mit in den Laden!«</p>
-
-<p>Sie gingen hinaus. Der Goldschmied hatte die
-ausgewählten Gegenstände schon bereit gelegt. Die<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span>
-Frauen überließen sich mit Entzücken der Betrachtung
-dieser nothwendigen Entbehrlichkeiten, indeß
-der Schichtmeister mit dem Goldschmied über die
-Art der Zahlungssicherstellung verhandelte. Herr
-Reichel wollte von der vorgeschlagenen Art der Zahlungssicherstellung
-nichts wissen; er bestand auf
-einem Wechsel nicht nur für die schon im Buch
-stehende, sondern auch für die neue Schuld. Der
-Schichtmeister konnte sich zu dem Wechsel nicht entschließen,
-und der ganze Handel drohte sich zu zerschlagen.
-Aber Töchter, die zur rechten Zeit bethauete
-Wimpern zeigen, und Mütter, die im rechten
-Augenblick das Vaterherz zu packen verstehen, werden
-meist siegreich aus einem Angriff auf väterliche Finanzscrupel
-hervorgehen. Klotilden, die als das leibhaftige
-Ebenbild der Mutter des Vaters Liebling
-war, perlten Tröpfchen über die rosigen Wangen,
-und sie ging mit dem Tuche vor den Augen ins
-Zimmer zurück. »Komm, Brunhild!« rief die Mutter
-zornig und zog sie jener nach. »Aber Bertha!«
-sagte der Schichtmeister folgend, »sei nur nicht so
-bös! Ich kann doch nicht anders.«</p>
-
-<p>Die Beleidigte wendete sich von ihm ab und
-rief ihren Töchtern zu: »Jetzt kommt, Kinder! kommt<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span>
-gleich mit nach Hause! Es war sehr unrecht, Euch
-in Pension zu thun. Euer Vater will, Ihr sollt
-Häuersweiber werden wie das Gänseblümchen, die
-Hedwig. Kommt! Ihr setzt keinen Fuß wieder in
-die Pension, und Du, Brunhild, vergissest Deinen
-Alexis! Vielleicht findet sich auch noch ein Steiger
-für Dich &ndash; armes &ndash; unglückliches &ndash; Kind&nbsp;&ndash;«
-und ihre Stimme erstarb in Schluchzen.</p>
-
-<p>Da brach dem Schichtmeister das Herz. Er
-kratzte sich den Kopf &ndash; er besann sich &ndash; es galt,
-sich zur Zahlung von 400 Thalern nach Ablauf
-von drei Monaten verbindlich zu machen. &ndash; Die
-Erbschaft seiner Frau, so redete er sich in der Erregung
-des Herzens ein, die Erbschaft mußte bis
-dahin eingehen, und wenn nicht, so wäre darauf
-inzwischen schon ein Darlehn zu erlangen. &ndash; Er
-ging in den Laden zurück und unterzeichnete den
-schon ausgefüllten Wechsel. Seine Hand zitterte,
-aber doch war ihm leichter ums Herz, als er, den
-Kasten mit dem erstandenen Geschmeide in den Händen,
-zu seiner Frau trat.</p>
-
-<p>Die vier Familienglieder verfügten sich nun zu
-der »Frau Magisterin«, bei welcher Brunhild und
-Klotilde sich jenen schimmernden Anstrich holten, der<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span>
-in gewissen Gesellschaftskreisen für die Blüthe der
-Erziehung gilt. Als sie nur wenig Minuten das
-Haus des Goldschmieds verlassen, trat bei diesem
-ein einzelner, auch bergmännischer Besuch ein. Ein
-langer, hagerer Graukopf mit dem Abzeichen eines
-Grubensteigers. Sein gefurchtes Gesicht ließ ihn
-älter erscheinen, als er war. Sein Glückauf! war
-nicht das helle, herzhafte, wie es gewöhnlich aus
-der Knappen Mund ertönt, es klang hohl und
-traurig. Der Goldschmied führte ihn in ein kleines
-Bureau, das hinten an den Laden stieß. Der
-Steiger brachte aus seinem Kittel ein Päckchen in
-Papier, das ihm der Goldschmied hastig abnahm und
-mit den Händen wog. »Es scheint leichtes Gut zu
-sein,« sagte er.</p>
-
-<p>»Leicht?« versetzte der Steiger; »ich wette, daß
-Sie noch nie schwereres Erz in den Händen gehabt,
-sehen Sie es nur erst an!«</p>
-
-<p>Der Goldschmied entfernte das Papier und vergaß
-einen Augenblick den Kunstgriff des Wucherers, das
-zu kaufende Gut mit Geringschätzung zu betrachten.</p>
-
-<p>»Wie viel haben Sie von dieser Art?« fragte er.</p>
-
-<p>»Zwei Centner,« antwortete der Steiger mit
-einem tiefen Seufzer.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span></p>
-
-<p>»Freilich wenig,« sagte der Goldschmied; »wird
-sich kaum des Schmelzens verlohnen.«</p>
-
-<p>»So sprechen Sie immer,« sagte der Steiger;
-»aber ich weiß so gut wie Sie, was in dem Erze
-steckt, und was sich herausschmelzen läßt.«</p>
-
-<p>»Was verlangt Ihr für den Braß?« fragte
-der Goldschmied wieder.</p>
-
-<p>»Ich hoffe damit den Wechsel meines Sohnes gedeckt
-zu haben &ndash; sonst will ich weiter nichts &ndash; ich will
-froh sein, wenn ich diesen Stein vom Herzen habe.«</p>
-
-<p>Der Goldschmied wollte den Werth des Erzes
-herabsetzen, so daß der Wechsel nicht damit gedeckt
-erschien, aber der Steiger bestand auf seiner Forderung,
-und zuletzt versprach der Goldschmied, den
-Wechsel auszuliefern, sobald er das Erz in Empfang
-nähme. Der Steiger wollte es in der zweitnächsten
-Nacht zum Theil bringen und verabschiedete
-sich. »O, mein Sohn! mein Sohn!« murmelte
-er unter der Thür, »wenn Du wüßtest, wohin Dein
-Uebermuth Deinen alten Vater gebracht hat!« Eine
-Thräne quoll aus seinem Auge &ndash; langsam stieg
-er die Stufen vor dem Laden hinab. Plötzlich fand
-er sich angeredet. Aufblickend sah er den Gelbgießer
-Mickley vor sich stehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span></p>
-
-<p>»Ihr noch in der Stadt?« fragte dieser, »und
-kommt vom Goldschmied?« Der Steiger erschrak.
-»Ich war &ndash; ich hatte &ndash; mein Sohn schickte mich
-hierher&nbsp;&ndash;« stotterte er.</p>
-
-<p>»So?« versetzte Mickley; »ist der Herr auch
-wieder einmal zu Platze? Er ist nun endlich einmal
-Doctor geworden und geht mit einer vornehmen
-Heirath um &ndash; he?«</p>
-
-<p>»Wie er thut, ja; und da er so gut mit dem
-Herrn Obereinfahrer steht, so mag wohl was d'ran
-sein.«</p>
-
-<p>»Ach ja, es ist ja die Schwester vom Herrn
-Baron, um die er freit; &ndash; da gratulir' ich zur
-vornehmen Freundschaft, Alter!«</p>
-
-<p>»Danke, Meister Mickley, eine brave, bürgerliche
-Schwiegertochter wäre mir lieber.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ihr seid ein braver Mann, Steiger,« sagte
-der Gelbgießer, ihm auf die Schulter klopfend, »ich
-weiß, Ihr habt's nicht wie Eure Schichtmeisterin
-darauf angelegt, in vornehme Freundschaft zu kommen.
-Hättet Ihr doch in Eurer Demuth Euren Sohn
-gar nicht studiren lassen; aber gute Freunde haben
-Euch überredet. Daß er nun aus der Art geschlagen,
-ist somit nicht Eure Schuld.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span></p>
-
-<p>»Dort kommt er gerade,« sagte der Steiger,
-»dort aus dem Posthause; der Herr Obereinfahrer
-und eine Dame sind bei ihm &ndash; sie kommen hierher,
-wir wollen doch ein wenig auf die Seite gehen.«</p>
-
-<p>»Ei warum nicht gar! Es sind Menschen wie
-wir auch. Ich möchte Euern Sohn 'mal in der
-Nähe sehen.«</p>
-
-<p>Jene Drei waren bald in die Nähe der Beiden
-gekommen; der Steiger salutirte seinem Vorgesetzten,
-der Bürger grüßte höflich; der Obereinfahrer erwiederte
-freundlich die Grüße, aber der Doctor, anscheinend
-in tiefem Gespräch mit der Dame, der eine
-Zofe und ein Lakai mit Gepäck folgten, ging, ohne
-nur den Kopf nach seinem Vater zu wenden, stolz
-vorüber.</p>
-
-<p>»War das Euer Sohn?« fragte der Gelbgießer
-nach einer Weile. Der Steiger bejahete es mit
-einem Seufzer.</p>
-
-<p>»Und er sah Euch nicht einmal an!« sagte jener,
-»und grüßte nicht einmal! Er verleugnet seinen Vater,
-er schämt sich seiner Herkunft! Armer, alter Mann!«</p>
-
-<p>Der ehrsame Bürger nahm Abschied von dem
-Greis, und dieser wankte dem Thore zu.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span></p>
-
-<h3>III.</h3>
-</div>
-
-<p>Die Fundgrube Vater Abraham gehörte zu den
-ältesten Bergwerken des Reviers. An einem sanften
-Abhange der waldigen Hochebene gelegen, ragten die
-stattlichen Berggebäude, das gethürmte Huthaus, die
-Bergschmiede, die Wäsche und der Pferdegöpel aus
-dunkeln Tannen hervor. Ein Glöcklein, das von
-Minute zu Minute angeschlagen wurde, schallte
-weithin durch die einsame Gegend. Es war der
-Nachmittag desselben Lohntags. Das Wetter wunderschön.
-Auf einer Bank vor dem Huthause saß
-ein stattlicher Greis im Bergmannskittel zur Seite
-eines jungen, einfach bürgerlich gekleideten Mädchens
-von ausnehmender Anmuth. Eine kleine Gestalt,
-aber vom zierlichsten Bau, eine bewundernswürdige
-Vereinigung von Zartheit und Fülle. Während sie
-emsig strickte, hing ihr blaues Auge an den dunkelblauen<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span>
-Berghäuptern des Fichtelberges und seiner
-Nachbarn, welche trotz der Entfernung mehrer Stunden
-doch ganz nahe zu sein schienen, so durchsichtig
-war die Luft und so günstig die Lage des Standpunktes.</p>
-
-<p>»Ja, schau Dir ihn nur an, den alten lieben
-Bergkönig,« sagte der Greis; »so wie Du hab' ich
-ihn schon seit mehr als vierzig Jahren fast täglich
-betrachtet, entweder von dieser Bank oder vom Fenster
-aus, und doch hab' ich mich nie satt daran sehen
-können. Nein, je älter ich geworden, desto lieber
-hab' ich da hinauf geschaut; und wenn mir noch
-so weh ums Herz gewesen, von meinen Bergen herab
-ist mir Linderung gekommen.«</p>
-
-<p>»Ich habe schon oft nachgedacht,« sagte das
-junge Mädchen, »was es denn eigentlich sei, das
-uns so heimlich und so magisch von den duftigen
-Höhen anweht, aber ich habe den Schlüssel zu dem
-Zauber nicht finden können.«</p>
-
-<p>»Ja, sieh, mein Kind,« erwiederte der Greis;
-»zwischen den Bergen und dem unverdorbenen
-Menschenherzen findet eine nahe Verwandtschaft statt.
-Beide streben zum Himmel, und beide tragen himmlische
-Kräfte in sich. Aber was den Fichtelberg<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span>
-betrifft, so hat der für ein echtes, treues Bergmannskind
-noch einen ganz besondern Zauber. Denn sieh,
-im Fichtelberg hauste der gute Geist des ganzen
-Gebirges. Das jetzige superkluge Volk will zwar
-nichts davon wissen, aber ich weiß, was ich weiß.«</p>
-
-<p>»Erzählt mir doch etwas, Großvater!« bat das
-Mädchen und wandte ihm ihr sonniges Gesicht mit
-den blauen Augen zu. Zwar war es nur die alte,
-schon hundertmal von ihm vernommene Geschichte,
-die sie zu hören hoffen durfte; aber sie wußte, wie
-gern er sie erzählte, wenn er einen andächtigen
-Hörer fand, den er gern auch für einen gläubigen
-nahm.</p>
-
-<p>»Nun, Dir kann man allenfalls so etwas erzählen,«
-sagte er; »Du gehörst nicht zu den Superklugen.«</p>
-
-<p>»Vor Alters, wo alle Menschen gläubiger
-waren,« begann der Alte, »kamen die Berggeister
-häufig auf die Oberwelt und waren den Menschen
-hülfreich, wo es noth that; aber je ungläubiger
-die Menschen wurden, desto weniger mochten die
-guten Geister mit ihnen zu schaffen haben und so
-zogen sie sich immer mehr in den Schoß der Erde
-zurück. Doch kommen sie dann und wann noch<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span>
-ans Tages- oder Grubenlicht. Auch ihr Fürst, der
-Geist des Fichtelberges, ist vor gar nicht langer
-Zeit noch gesehen worden. Da ist bei meines seligen
-Vaters Lebzeiten zu Wiesenthal ein armer, armer
-Häuer gewesen, der hat die Stube voll Kinder und
-kein Brod in der »Almet« gehabt, auch keins
-schaffen können, denn seine Grube ist auflässig und
-er ohne neue Arbeit gewesen. Da treibt ihn das
-Geschrei der hungrigen Kinder bei Morgengrauen
-aus dem Hause, und in der Verzweiflung seines
-Herzens geht er, er weiß selbst nicht wohin. Und
-wie er gegangen und gegangen ist, steht er oben
-auf dem Fichtelberg. Da sitzt ein steinalter Bergmann
-unweit von ihm auf einem Stein, der winkt
-ihm. Wie er hinkommt, sieht er zu des Alten Füßen
-einen Brunnen voll hellen Wassers, und war ihm
-doch sonst nie ein Brunnen da oben vorgekommen.
-»Was soll ich?« hat er gefragt. »Räume doch die
-Steine aus meinem Brunnen hier; schlechtes Volk
-hat sie hineingeworfen.« Das hat sich der Wiesenthaler
-nicht zweimal sagen lassen; hat nicht gefragt:
-was krieg ich? oder was geht's mich an? sondern:
-'s ist ein alter Mann, hat er gedacht, und das
-Alter muß man ehren; hat sich frisch ans Werk<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span>
-gemacht und die Steine herausgeholt. Und wie er
-den letzten auf den Rand gebracht, siehe, da ist's
-blankes Gold gewesen; der Alte aber war verschwunden.
-Ist kein anderer gewesen, als der gute Bergfürst.
-Fröhlichen Muthes ist der Häuer heimgeeilt,
-und alle Noth hat bei ihm ein Ende gehabt. Später
-ist es ihm eingefallen, daß wohl auch die andern
-Steine, die er aus dem Brunnen geräumt, goldhaltig
-gewesen sein könnten; er ist daher wieder auf
-den Berg gestiegen, aber wie er auch gesucht, er
-hat keinen Brunnen, noch eine Spur davon mehr
-gefunden.«</p>
-
-<p>»Es ist recht schade,« sagte das Mädchen, »daß
-jetzt solche guten Geister keinem Menschen mehr zu
-Hülfe kommen, wo es der Noth so viel in unserm
-Gebirge giebt.«</p>
-
-<p>»Ach wohl giebt's der Noth viel im armen Gebirge!«
-rief der Greis, »mehr als ein Mensch aussagen
-kann, und die guten Berggeister wären nöthiger
-als je. Aber sieh, Hedwig, die Menschen haben sie
-durch ihren Undank selbst verscheucht. Mit den
-Berggeistern ist der Segen vom Gebirge geflohen;
-das Bergwerk, sein eigentlicher Lebenspuls, ist in
-Verfall gekommen, und ich weiß nicht, was noch<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span>
-aus ihm werden wird. Wenn ich zurückdenke in
-meine Jugendzeit, was für ein Leben war da noch
-in unserm Revier, und besonders auf unserm Vater
-Abraham! Wie ich als neuer Hutmann Deine
-Großmutter heimführte, da standen 250 Bergleute
-im Staat aufgepflanzt auf der Halde, lauter Vater-Abrahamer,
-und eine Hochzeit war's, woran die
-paar Alten, die aus jener Zeit noch leben, noch heute
-mit Lust denken. Aber wie muß es erst gewesen
-sein, als droben der alte Schacht noch gangbar
-war, wo an 500 Bergleute anfuhren und ein Häuer
-vom Vater Abraham von den Stadtleuten wie ein
-Herr angesehen war! Doch das war auch eine
-Strafe des erzürnten Berggeistes, daß er die schlagenden
-Wetter in den alten Bau schickte, so daß
-kein Häuer seines Lebens mehr darin sicher war,
-und der Schacht aufgelassen werden mußte. Nun
-schlug man da unten ein und suchte nach dem
-alten Gang, fand aber nur einen Zweig davon, dem
-zur Mächtigkeit und dem Reichthum des verlassenen gar
-viel fehlte. Ach, wenn der alte Schacht noch im Gang
-wäre, wie anders stände es um uns! Dann möchte
-allenfalls Deine Stiefmutter mit ihren Docken den
-Staat treiben, womit sie Deinen Vater jetzt ruinirt!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span></p>
-
-<p>Hedwig seufzte und fragte dann: »Aber Großvater,
-sollte man denn den alten Schacht jetzt nicht
-wieder öffnen können, nachdem er über hundert
-Jahre darniedergelegen?«</p>
-
-<p>»Du weißt nicht, was es mit den schlagenden
-Wettern für eine Bewandtniß hat. Sieh, die
-kommen durch feine, unsichtbare Spalten aus dem
-feurigen und kochenden Innern des Erdkörpers.
-Da ist's wie in einem Schmelzofen, nur daß nicht
-blos ein, sondern alle möglichen Metalle da unter
-einander in glühendem Fluß sind, und wenn es
-schon in unsern Schmelzhütten an giftigen Dämpfen
-und Gasen nicht fehlt, die dem Schmelzer übel
-zusetzen, wie viel weniger da unten in dem ungeheuren
-Generalschmelzofen! Die Dämpfe sind zwar
-gut, es sind die Nährmütter unserer Erzadern, indem
-sie sich in den gröbern Spalten der Erde zu
-Metallen niederschlagen; aber ihre Gesellen, die
-Gase, werden, wenn sie in eine Grube eindringen,
-die größte Plage des Bergmanns. Es ist aber in
-der Macht des Berggeistes, die Gasritzen zu öffnen
-und zu schließen, und er öffnet sie zur Strafe, wenn
-die Gewerken oder das Bergvolk mit seinen Schätzen
-gottlosen Mißbrauch treiben. So war's auch auf<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span>
-dem alten Vater Abraham. Da sind die Bergleute
-gar übermüthig geworden; die Schichtmeisterin ist
-auch ein Weib gewesen wie Deine Stiefmutter,
-hoffärtig und hart gegen die Armuth, und ein Gewerke,
-der die meisten Kuxe gebaut, hat die Schwelgerei
-so weit getrieben, daß er sich in Wein gebadet
-und den so mißbrauchten edlen Saft den Armen
-geschenkt hat. Das hat der Berggeist nicht länger
-mit ansehen können. Erst hat er gewarnt, hie und
-da ist eine kleine Wand eingestürzt; dann und
-wann hat einem Bergmanne ein Schwaden den
-Athem versetzt &ndash; aber wie alle Warnungen nichts
-gefruchtet, hat er seine furchtbarsten Wetterschleusen
-aufgezogen; da sind auf einmal zehn Mann vor
-Ort erschlagen worden, und wer sich nachher wieder
-hingewagt, hat das gleiche Schicksal gehabt, zuerst
-in der tiefsten, zuletzt in allen Gezeugstrecken. So
-hat man den reichen Gang im Stiche lassen müssen.
-Später sind wohl Versuche gemacht worden, den
-Gang wieder aufzunehmen, sie sind aber alle unglücklich
-abgelaufen; noch zu meiner Zeit ließ sich
-ein vorwitziger Bergmann in den Schacht und ward
-todt herausgezogen, nicht etwa erstickt, sondern erschlagen.
-Seitdem hat Niemand dem Zorne des<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span>
-Berggeistes zu trotzen gewagt; und dieser Zorn wird
-auch nicht weichen, wenn es die Menschen auf dem
-Vater Abraham treiben wie bisher.«</p>
-
-<p>»Aber Großvater,« sagte Hedwig, »es sind doch
-nicht alle Leute hoffärtig oder gottlos, die auf dem
-Vater Abraham leben und verkehren; sollte denn
-der Berggeist den Unschuldigen mit dem Schuldigen
-strafen? Das wäre doch ungerecht. Da seid Ihr,
-mein Vater, der Ferdinand, die Brunhild, der
-Steiger Meier und so viele rechtschaffene Bergleute,
-auch die Mutter hat ihre guten Seiten.«</p>
-
-<p>»Dich hast Du nicht mit genannt,« sagte der
-Greis, »und doch bist Du das einzige Wesen, um
-dessentwillen der Berggeist wenigstens nicht weiter
-geht in seinem Zorn. Du bist wie Deine selige
-Mutter &ndash; o die Liebe! sie wäre der Schutzgeist
-vom Vater Abraham geworden, hätte sie fortgelebt
-und Deinem Vater eine Schaar Kinder geboren wie
-ihre Nachfolgerin, das unselige Weib. Mit Deiner
-Mutter ging der gute Engel Deines Vaters von
-der Erde, und Deine Stiefmutter scheuchte den
-letzten Segen vom Vater Abraham. Denn wie
-das Weib hier zu hausen begann, wurden da
-unten die Erze tauber und tauber, und zuletzt<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span>
-förderte der Göpel nichts mehr zu Tage als
-Haldensturz.«</p>
-
-<p>»Aber« &ndash; wandte Hedwig ein &ndash; »seit ein
-paar Jahren ist die Grube doch wieder recht höflich
-geworden, und es sind Aussichten vorhanden, daß
-sie es noch mehr wird.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ist doch kein Segen dabei!« versetzte der Greis.
-»Wenn man unser Erz sieht, so lacht Einem das
-Herz im Leibe, und wenn es in die Hütten kommt,
-ist's nichts. Ich sage Dir, es ist kein Segen mehr
-auf dem Vater Abraham; selbst das Gute, was
-die Erde noch giebt, wird zunichte, wenn nicht zum
-Fluch. Du sprachst vom Steiger Meier, ja, das
-ist mein alter Kamerad von Kindheit auf; wie ich
-Hutmann ward, wurde er Steiger, und wir sind
-immer gute Freunde gewesen. Erst als sein Student
-aus der Art schlug, und der alte Vater dem Oben'naus
-und Nirgendsan die Zügel nicht straff anzog, gab's
-manche Mißhelligkeit zwischen uns, und seit einiger Zeit
-ist er mir gar entfremdet. Ich weiß nicht, was ich denken
-soll, er kann mich nicht mehr aufrichtig anschauen, und
-in seinen Mienen liegt etwas, das mir weh thut.«</p>
-
-<p>»Der alte gute Mann hat so viel Sorgen um
-den Sohn ausgestanden, und die Sorgen haben<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span>
-sein Gesicht fast zur Unkenntlichkeit verzerrt,« meinte
-Hedwig.</p>
-
-<p>»Und dieser Sohn sollte einmal Dein Mann
-werden,« &ndash; sagte der Greis; &ndash; »es war ein
-Lieblingsgedanke von uns Alten; wer konnte denken,
-daß der schöne schwarzlockige Bube so ausarten
-würde! Nun, ich brauchte mein Wort gegen den
-Steiger nicht zu brechen, sein Herr Sohn sorgte
-dafür, daß nichts daraus ward. Der liebe Gott
-hatte es besser mit Dir im Sinne, als wir kurzsichtigen
-Menschen; er hatte Dir den Rechten schon
-erwählt. Ja, das ist der Trost meiner letzten Tage,
-daß ich Dich in der Hut eines so rechtschaffenen
-Menschen weiß, wie Dein Ferdinand ist. Das ist
-noch ein echtes Bergmannsblut, treu und wahr und
-unbefleckt.«</p>
-
-<p>Hedwigs Antlitz leuchtete wie verklärt; sie nahm
-die braune, schwielige Rechte ihres Ahnen und preßte
-sie zwischen ihre kleinen zierlichen Hände.</p>
-
-<p>»Deine Stiefmutter sieht zwar scheel zu Eurer
-Liebe,« fuhr er fort; »die hochmüthige Frau glaubt,
-es falle eine Perle aus ihrer Krone, wenn ihres
-Mannes Tochter eines Steigers Weib wird; aber
-Ihr sollt ihr zum Trotz ein Paar werden, bevor<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span>
-ich meine Augen schließe. Was ich Dich noch fragen
-wollte, Hedwig &ndash; was denkst Du von den Besuchen,
-die der Doctor Meier seit seiner Ankunft dem
-Vater Abraham abstattet? Sonst mied er ihn ja.«</p>
-
-<p>Hedwig wurde roth und bückte sich auf ihren
-Strickstrumpf: »Ich weiß nicht, was er will,« sagte
-sie nach einer Pause, »ich geh' ihm aus dem Wege,
-wenn er kommt.«</p>
-
-<p>»Er scheint mit dem hoffärtigen Weibe ziemlich
-vertraut zu sein,« sagte der Alte, »es fehlte blos
-noch ein Laster auf dem Vater Abraham! &ndash; Doch
-es fängt an, mir kühl zu werden; die Stunde des
-Schichtwechsels rückt auch heran, da will ich mich
-zum Beten fertig machen. Da unser Volk heut'
-nicht da ist, so hast Du wenig Kocherei auf den
-Abend, geh' doch noch ein wenig aus, mein Kind!«
-Er streichelte ihr das volle, in Wellen gescheitelte
-Haar, stand auf und ging ins Haus.</p>
-
-<p>Auch Hedwig erhob sich, verließ langsam die
-Halde und verlor sich im nahen Walde. Unwillkürlich
-schlug sie den Fußweg ein, der am alten
-Vater-Abraham-Schacht vorbei nach Pobersdorf
-führte. Der alte Schacht befand sich auf dem
-höchsten Theile des weiten Plateaus, und seine<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span>
-Halde bot eine vollständige Rundsicht dar, welche
-Hedwig benutzen wollte, nach ihrem Geliebten zu
-spähen, der jetzt anfahren mußte. Sie stieg daher
-hinauf, aber als sie oben ihren Blick in die rechte
-Richtung brachte, sah sie eine andere Gestalt daher
-kommen, als die ersehnte. Es war der Doctor
-Meier, derselbe, dem sie als Kind versprochen gewesen,
-und der sie aus Hochmuth von sich gestoßen,
-ehe sie noch das jungfräuliche Alter erreicht hatte.
-Am letzten Sonntage war sie ihm auf dem Kirchwege
-begegnet, das erste Mal seit vielen Jahren.
-Da war der inzwischen zum Mann Gereifte vor der
-blühenden Jungfrau voll Staunen stehen geblieben.
-Er hatte sie angeredet, doch war sie durch Ferdinands
-Dazwischenkunft aus dieser verlegenen Lage
-befreit worden. Als sie aber nach Hause gegangen,
-und Ferdinand auf dem halben Wege von ihr geschieden
-war, hatte der Doctor plötzlich vor ihr gestanden
-und sich ihr zur Weiterbegleitung aufgedrungen.
-Da hatte er einen Ton gegen sie angestimmt,
-der mit seinem frühern Betragen in vollem
-Widerspruche stand. Sie hatte indessen seine girrenden
-Aeußerungen für leeres Gerede genommen;
-doch war sie ihm, als er seitdem täglich im Vater<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span>
-Abraham einsprach, sorgfältig ausgewichen. Auch
-jetzt wünschte sie ihm nicht zu begegnen; sie schlüpfte
-daher in die nahe, offenstehende Kaue, welche den
-alten Schacht überdeckte. Aber die scharfen Geieraugen
-des Doctors hatten bereits die liebliche Gestalt
-erspäht, und gerade ihre Flucht reizte ihn, sie
-zu verfolgen. In raschen Sätzen sprang er die
-Halde hinan und stand bald im Eingange der Kaue,
-der schönen Flüchtigen gegenüber; aber zwischen ihm
-und ihr klaffte der furchtbare Schlund.</p>
-
-<p>»Was fliehen Sie, Hedwig?« fragte er. »Kommen
-Sie, ich habe einen Auftrag von Ihrer Mutter
-an Sie. Hier ist ihr Commodenschlüssel, den soll
-ich Ihnen mit der Bitte überbringen, ihr den neuen
-Pariser Shawl durch mich zu schicken. Das Kleid
-hat ihr der Junge richtig überbracht.«</p>
-
-<p>»Warum hat sie denn nicht dem Jungen aufgetragen,
-ihr den Shawl zu holen, wenn sie ihn
-durchaus haben muß?«</p>
-
-<p>»Da fragen Sie mich zu viel; &ndash; genug, ich
-kam vorhin in ihre Gesellschaft, und als ich beim
-Abschiednehmen sagte, ich ginge erst noch einmal
-nach Pobersdorf, da bat sie mich, auf dem Rückwege
-ihr den kleinen Gefallen zu thun.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span></p>
-
-<p>Zögernd kam jetzt Hedwig um das Mundloch
-des Schachtes herum. »So kommen Sie,« sprach
-sie, als sie sich ihm näherte. Er stand unbeweglich
-vor ihr und schien sie mit seinen Blicken verschlingen
-zu wollen. Nach einer Weile reichte er ihr die
-Hand. »Hedwig, Sie stehen mir gegenüber wie
-eine Fremde, fast wie eine Feindin; das sollte anders
-sein! Geben Sie mir die Hand.«</p>
-
-<p>»Kommen Sie nur!« drängte sie, »ich will Ihnen
-den Shawl holen.«</p>
-
-<p>»Stolzes Mädchen! Können Sie den Mann
-entgelten lassen, was der wilde Knabe verbrach?
-Konnte er auch in der verschlossenen Knospe die
-Herrlichkeit der Blume ahnen? Hedwig, der erste
-Strahl Ihrer Schönheit, der mein Auge traf, ist
-wie der Blitz durch meine Seele gegangen; ich möchte
-Ihnen zu Füßen fallen und Sie um Vergessen und
-Vergeben anflehen. &ndash; Hedwig, lassen Sie die alten
-Zeiten wieder gelten, wo ich Ihnen der nächste
-Mensch auf Erden sein sollte!&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Aber nicht wollte,« fiel sie ein, »und mit Recht,
-denn wie paßte solch ein Gänseblümchen zu solch
-einem stolzen Ritter! Nein, Herr Meier, die alten
-Zeiten sind todt und begraben &ndash; lassen wir die<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span>
-Todten ruhen. Zu vergessen und zu vergeben habe
-ich nichts, denn Sie haben mich nicht gekränkt; die
-Blume weiß nichts von dem verächtlichen Blick, der
-die Knospe traf. Gehen Sie jetzt, ich folge Ihnen!«</p>
-
-<p>Aber er ergriff ihre Hand, und als sie sie ihm
-entziehen wollte, schlang er seinen Arm um ihren
-Leib und zog sie heftig an sich. »Nein, Mädchen!
-so mußt Du mich nicht abspeisen wollen. Sieh
-und fühle, wie Du plötzlich mein ganzes Wesen mit
-einer namenlosen Gluth erfüllt hast! &ndash; Hedwig!
-es ist über mich gekommen wie ein plötzliches Erwachen
-aus wüstem Schlaf, wie ein Wirbel, der
-mich mit allmächtiger Gewalt zu Dir reißt. &ndash;
-Hedwig &ndash; das Wort unserer Väter muß sich erfüllen
-&ndash; Du mußt mein werden!«</p>
-
-<p>»Lassen Sie mich los!« rief Hedwig ringend,
-»ich habe weder Lust noch Zeit, Komödie mit Ihnen
-zu spielen!«</p>
-
-<p>»Komödie? Mädchen! Siehst Du nicht, fühlst
-Du nicht, welch verzehrendes Feuer in mir rast,
-ein Feuer, das, beim Himmel! eher zu einer Tragödie
-paßt als zu einer Komödie! Hedwig, ich
-habe gelesen, daß Männer, die lange dem Geschoß
-des blinden Gottes Trotz boten, von ihm plötzlich<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span>
-mit unheilbarer Wunde gestraft wurden; ich fühle
-jetzt, daß dies kein bloßes Märchen ist. Hedwig,
-laß Gnade walten und gieb mir das Recht auf
-Deinen Besitz zurück!« Hedwig wand sich mit abgewandtem
-Gesicht ängstlich in den Armen des starken
-Mannes. »Gieb, gieb es mir zurück!« drängte er
-&ndash; »oder ich nehme es mir!«</p>
-
-<p>Da blickte sie ihm ins Gesicht und erschrak vor
-dessen Ausdruck bis in die innerste Seele hinein.
-War es möglich, daß ein Mensch so plötzlich von
-einer rasenden Leidenschaft ergriffen werden konnte?
-»Lassen Sie mich!« schrie sie, »Sie sind wie ein
-Wahnsinniger!«</p>
-
-<p>»So scheint es mir selbst,« versetzte er, »darum
-gehen Sie glimpflich mit mir um &ndash; seien Sie
-mild und versöhnlich!«</p>
-
-<p>»Lassen Sie mich erst los &ndash; dann wollen wir
-vernünftig mit einander reden.«</p>
-
-<p>»Versprich mit einem Kuß, daß Du nicht entfliehen
-willst,« und er neigte sich zum Empfang des
-Pfandes. In diesem Augenblick riß sie sich mit
-verzweifelter Anstrengung los und floh. Aber er
-hatte sie schnell wieder erreicht und zog sie in das
-Innere der Kaue zurück. &ndash; »Hülfe! Hülfe!« kreischte<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span>
-sie, daß es weit durch den Wald hin gellte; aber
-schnell verschloß er ihr den Mund mit seinen Küssen.
-Vergebens kämpfte Hedwig mit allen Waffen, die
-dem Weibe gegen die Gewalt verliehen sind, um
-sich der ungestümen Liebkosungen des Rasenden zu
-erwehren; aber ihre Kraft reichte gegen die Gewalt
-ihres Gegners nicht aus. Da plötzlich fühlte der
-Doctor sich hinten kräftig gepackt, ja eh' er sich noch
-besinnen konnte, sah er sich zu seinem Entsetzen gerade
-über dem schwarzen Schachtschlunde schweben,
-in den er unrettbar stürzen mußte, wenn die Riesenfaust,
-die ihn hielt, ihn fahren ließ. War etwa ein
-Berggeist dem bedrängten Mädchen zu Hülfe gekommen?
-Insofern man die Bergleute scherzweis
-auch Berggeister nennt, allerdings: Ferdinand war
-der Retter, der auf seinem Wege zur Schicht den
-Hülferuf vernommen hatte. Da stand er nun und
-hielt mit dem nervigen Arm den Dränger seiner
-Trauten über die grauenvolle Tiefe, und da kniete
-die Geliebte zu seinen Füßen und beschwor ihn, den
-Elenden zu schonen. Der Doctor war zu einem
-Bilde des Todes erblaßt. »So, nun wird er genug
-haben,« sagte Ferdinand; »diese Cur wird hoffentlich
-gründlich sein &ndash; meint der Herr Doctor nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span>
-selbst?« Und er trug den bleichen Mann vor die
-Kaue: »Nun komm, Hedwig!« sagte er, »den Arm
-kann ich Dir nicht bieten in meinem lettigen Grubenzeug.«
-&ndash; Aber Hedwig hing sich ängstlich an seinen
-Arm und ging mit Ferdinand heim. Beide sahen
-nichts von den racheblitzenden Blicken, die ihnen
-folgten.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span></p>
-
-<h3>IV.</h3>
-</div>
-
-<p>Der Doctor stand lange brütend auf der Halde.
-Langsam trat er endlich den Weg nach der Stadt
-an. Aber er beschloß, den Jungen zu erwarten,
-welchen Hedwig mit dem Shawl schicken wollte. Er
-brauchte nicht lange zu warten; der Junge war froh,
-sich seines Botendienstes so leicht entledigen zu können,
-und ein Trinkgeld machte seine Freude vollkommen.</p>
-
-<p>»Aber welche Entdeckung hab' ich machen müssen!«
-sagte der Doctor, als er der Schichtmeisterin den
-Shawl überreicht hatte und von ihr mit Dankesergießungen
-überschüttet worden war; »Ihre Hedwig
-lustwandelte <em class="antiqua">tête-à-tête</em> mit einem gemeinen Bergmann
-im Walde.«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Meine</em> Hedwig?« erwiederte die Frau; »die
-Sie meinen, ist doch nicht <em class="gesperrt">mein</em> Kind, sonst würde<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span>
-sie sich sicher nicht zu einer Liaison mit einem Häuer
-verirren. Aber interessiren Sie sich vielleicht jetzt
-für das Gänseblümchen, wie Sie es vor Jahren
-getauft haben?«</p>
-
-<p>»Das gerade nicht; ich wundere mich nur, daß
-die Liaison von ihnen geduldet wird. Immer ist
-Hedwig die rechte Tochter von Fräulein Brunhild's
-Vater, mithin des Barons künftige Schwägerin.
-Wenn nun die Frau Baronin Mutter erführe, daß
-ihr Sohn Gefahr liefe, der Schwager eines gemeinen
-Häuers zu werden, so könnte sie leicht&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Um Gotteswillen!« unterbrach ihn die Schichtmeisterin
-entsetzt; »ich bitte, lassen Sie den Baron
-und die Frau Baronin ja nichts merken von dem,
-was Sie gesehen; dafür, daß aus Hedwigs Liaison
-nichts wird, stehe ich. Von Stund' an muß mein
-Mann den frechen Menschen, der sich in unsere Familie
-drängt, ablohnen und Hedwig jeden Verkehr
-mit ihm untersagen.«</p>
-
-<p>»Zum Glücke Ihrer Brunhild dürfte das klug
-und weise sein,« bemerkte der Doctor und empfahl
-sich in der Hoffnung eines genußreichen Abends. Er
-begab sich zu dem Goldschmied Reichel, der ihn wie
-einen guten Kunden empfing.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span></p>
-
-<p>»Wie steht's, Bester?« fragte der Doctor, »hat
-mein Alter gedeckt?«</p>
-
-<p>»Ich glaube &ndash; wenn die ganze Lieferung der
-Probe gleicht; das muß sich erst ausweisen.«</p>
-
-<p>»Wißt Ihr was? Ihr müßt mir augenblicklich
-noch hundert Thaler vorstrecken; ich muß morgen
-nach Hallbach zu meiner Erkornen und da nobel
-auftreten; wahrscheinlich muß ich ihren Papa nach
-Bad Kissingen begleiten. Wir vertauschen den alten
-Wechsel mit einem neuen, und &ndash; nun Ihr wißt
-Euch schon bezahlt zu machen.«</p>
-
-<p>»Aber Ihr Vater war schon jetzt schwierig,«
-wendete der Goldschmied ein.</p>
-
-<p>»Nur keine Umstände, mein Guter!« sagte der
-Doctor. »Hoffentlich ist das der letzte Schröpfkopf,
-den ich an den guten Alten ansetzen muß. Zieht
-nur die Casse auf, mein Goldmann!«</p>
-
-<p>Der Goldschmied mußte den Doctor wohl unwiderstehlich
-finden, er zog ein Kästchen aus seinem Ladentisch
-und zählte die verlangte Summe in Dukaten auf.</p>
-
-<p>Der Doctor strich sie ein. »Die habt Ihr aber
-gehörig mit Königswasser getauft,« sagte er, die
-Münzen prüfend, »Ihr seid doch ein unverbesserlicher
-Anabaptist!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span></p>
-
-<p>Gleichgültig, als ob er die Anspielung nicht verstehe,
-füllte der Goldschmied ein Wechselformular aus
-und legte es dem Schuldner vor. Dieser unterzeichnete.
-»So, wieder ein Geschäft gemacht!« sagte
-er, sein Gold einsteckend.</p>
-
-<p>»Nun noch Eins: Vergeßt um Eurer selbst
-willen nicht, daß die Klausel, »nach Wechselrecht
-verfahren,« keine andere Bedeutung haben kann,
-als die eines Schreckschusses! Ihr kennt das Sprichwort
-vom Hehler!« Und er ging.</p>
-
-<p>»Das ist der leibhaftige Satan!« murmelte der
-Goldschmied, ihm nachstarrend.</p>
-
-<p>Diese Verhandlung zeigt, daß der unglückliche
-alte Steiger sich sehr irrte, indem er wähnte, seinem
-Sohne sei das verzweifelte Mittel, dessen übermäßige
-Geldbedürfnisse zu befriedigen, so verborgen geblieben,
-wie er es zu halten gesucht. Der entartete Sohn
-selbst hat den Goldschmied auf den Vater gehetzt.
-Nur der Ort, wo dieser das Erz aufbewahrte, war
-jenem unbekannt, und er hatte bisher auch nicht
-Ursache gehabt, danach zu forschen.</p>
-
-<p>Während der Vater tief im Schoße der Erde
-nicht nur mit seinem schweren Tagewerk sich plagte,
-sondern auch von Gewissensbissen gequält wurde,<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span>
-verlebte der Sohn einen genußreichen Abend im
-Salon des reichen Handelsherrn Neuhoff. Er war
-ein ausgezeichneter Gesellschafter, als solcher schon
-früher der Baronin von Brunn, in deren Haus ihn
-ihr Sohn eingeführt hatte, so lieb und werth geworden,
-daß man an ihrem Wohnorte Hallbach
-lange von einem zärtlichen Verhältniß zwischen Beiden
-munkelte, bis es offenkundig ward, daß der
-junge Arzt sich Hoffnung auf die Hand der Baronesse
-Lydia mache. Heute entfaltete er alle seine
-Gaben, theils um sich in guter Gesellschaft über die
-am Nachmittag erlittene Niederlage erhoben zu fühlen,
-theils um seinen Einfluß auf die Baronin zu
-befestigen. Diesen Einfluß bedurfte er nicht nur für
-seinen Heirathsplan, der freilich mit seinem Benehmen
-gegen Hedwig im Widerspruch stand, sondern auch
-zur Förderung der Wünsche des jungen Barons
-und Brunhild's, wodurch er an der Schichtmeisterin
-eine dankbare Bundesgenossin gegen Hedwig und
-ihren Häuer gewann. Seine Bemühungen gelangen
-vollständig; er wußte die Baronin dergestalt auf die
-in Wahrheit vorhandenen trefflichen und zum Theil
-glänzenden Eigenschaften Brunhild's aufmerksam zu
-machen, daß am Schlusse des Abends der Baron<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span>
-es wagen konnte, der Mutter seine Wahl zu gestehen.
-Und die von der schönen, und, was ihr
-allerdings viel galt, eleganten jungen Dame bezauberte
-Gnädige beschloß den Abend mit einer stillen
-Verlobung, vorbehältlich der Einwilligung ihres
-gichtkranken Gatten, an der sie nicht zweifelte. »Ich
-curire ihn,« sagte der Doctor, »und im schlimmsten
-Falle geht das Glück des Freundes dem meinigen
-vor, wenn ich liquidire.«</p>
-
-<p>Als er früh zwischen vier und fünf Uhr sich
-seiner väterlichen Behausung näherte, sah er aus
-der schwer zugänglichen Oeffnung eines alten Stollens
-eine dunkle Gestalt treten und gleichfalls auf
-das Haus zugehen. Er ging ihr schnell nach und
-stieß an der Hausthür auf seinen Vater. »Du
-kommst so spät aus der Stadt?« redete der Greis
-den Sohn an, »so lange hast Du geschwärmt?
-Und ich muß mich mit der sauern Nachtschicht plagen!
-Du solltest doch nun ein anderes Leben anfangen!«</p>
-
-<p>»Du hast keine Idee von dem Leben einer Gesellschaftssphäre,
-zu der ich nun einmal durch Anlage
-und Neigung gehöre,« antwortete der Doctor. »Ich
-muß meine höhere Bestimmung erfüllen, und Du
-wirst bald Ursache haben, Dich über alle Opfer zu<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span>
-freuen, die Du mir gebracht. Du sollst sie an keinen
-Undankbaren verschwendet haben. Laß Dir sagen,
-daß ich heute glücklich die Verlobung zwischen dem
-Obereinfahrer und Schichtmeisters Brunhild zu
-Stande gebracht habe; und was ich über die Mutter
-zu Gunsten Anderer vermocht, das vermag ich auch
-zu meinen eigenen. Du wirst sehen, in wenig
-Wochen darfst Du die reiche Baronesse Lydia von
-Brunn als Deine Schwiegertochter begrüßen!«</p>
-
-<p>»Dann werde ich wohl am längsten einen Sohn
-gehabt haben,« sagte der Greis, »wer seinen Vater
-auf der Straße nicht kennen will, wenn er nur in
-eines Barons Gesellschaft geht, wird ihm vollends fremd
-sein, wenn er der Mann einer Baronesse ist. Nun,
-ich wünsche Glück zu dem hohen Flug &ndash; freuen
-könnte ich mich nur, wenn Du mir eine Schwiegertochter
-brächtest, wie meine Hedwig, die Du im
-tollen Hochmuth von Dir gestoßen.«</p>
-
-<p>»Die hat sich längst zu entschädigen gewußt,«
-sagte der Doctor.</p>
-
-<p>»Wohl ihr,« erwiederte der Steiger, »Gott
-hat ihr trefflichen Ersatz gegeben. Das ist auch
-mein Trost bei der ganzen Geschichte, daß das
-Mädchen nun doch noch glücklich wird. Doch jetzt<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span>
-laß uns hineingehen, ich höre die Mutter Licht anschlagen.«</p>
-
-<p>Sie gingen hinein.</p>
-
-<p>Die letzten Worte hatten den Stachel der Eifersucht
-und Rache, den der Sohn im Herzen trug,
-tiefer hineingetrieben. Daß sein Vater aus dem
-alten Stollen gekommen war, leitete ihn auf die
-Vermuthung, daß dort die geheime Erzniederlage
-desselben sei, und diese Vermuthung führte sein brütendes
-Gehirn auf einen Gedanken, dessen Tücke er
-vor sich selbst mit der Ausflucht beschönigen konnte,
-er müsse von seinem Vater die nahe Möglichkeit der
-Entdeckung seines Verbrechens entfernen; denn so
-gut wie er konnte auch ein fremder Mensch, vielleicht
-gar der Bergner, den Vater einmal bei seinem
-nächtlichen Gange von oder zu dem Stollen beobachten,
-Verdacht schöpfen, untersuchen &ndash; und dann
-war der Vater verloren.</p>
-
-<p>Wie kein Mensch so bös ist, daß er nicht nach
-einer Rechtfertigung seiner bösen Absichten suchte und
-sie auch glücklich fände, so fand der Doctor, als er
-am Tage wieder in die Stadt kam und da zufällig
-den Häuer Ferdinand Bergner aus dem Laden des
-Gelbgießers treten und diesen das Abschiedswort<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span>
-rufen hörte: »Auf Wiedersehen, mein lieber Steiger
-<em class="antiqua">in spe</em>,« in diesem Worte mehr als eine bloße
-Rechtfertigung seines schon fertigen Anschlages, er
-fand sich als Sohn verpflichtet, einen Menschen unschädlich
-zu machen, der offenbar seinem Vater nach
-dem Brode trachtete. Er hatte eigentlich heute abreisen
-wollen, aber sein tückischer Plan nöthigte ihn,
-noch eine Nacht in der Heimath zu verweilen. Sobald
-es finster war, verließ er die Stadt, nicht ohne
-sich vorher mit Wachszündern zu versehen, eilte
-nach Pobersdorf und in den alten Stollen bei der
-väterlichen Wohnung. Er mußte lange suchen, ehe
-er seine Vermuthung bestätigt fand; aber er fand
-sie bestätigt: in einem Haufen alten Schuttes lagen
-die schimmernden Stufen.</p>
-
-<p>Wie das Haus des Steigers, war auch Ferdinands
-Wohnung ein altes Zechenhaus, das von
-ersterem etwa tausend Schritte entfernt stand. Daher
-fehlte es auch nicht an einem Stollen daselbst, der
-dicht hinter dem Hause mündete. Der Doctor
-kannte, als Ferdinands Jugendgespiele, die Oertlichkeit
-genau; er wußte auch, daß dieser Stollen
-durch eine Thür verschlossen war; aber auch dafür
-hatte er sich gerüstet; er kannte die einfache Schließvorrichtung<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span>
-solcher Grubenthüren und hatte sich mit
-einem Stück Draht versehen, das er hier gleich in
-die rechte Form brachte. Seine Absicht war, die Erzstufen
-in Ferdinands Stollen, die sogenannte Jakobszeche,
-zu schaffen, dort zu verbergen und nach einiger
-Zeit den Verdacht der Erzentwendung auf den verhaßten
-Häuer zu lenken. Sein Werkzeug zur Vollendung
-des verruchten Vorhabens sollte ein naher
-Anverwandter, ebenfalls Häuer auf dem Vater Abraham
-und Aspirant auf die Steigerstelle, werden.
-Mittels einer Leinenschürze, welche seine Mutter am
-Gartenzaun zum Trocknen aufgehangen, bewirkte er
-in drei Gängen den nicht leichten Transport. In
-einer Stunde war das Werk der Bosheit geschehen.
-Er hatte das Erz in der Jakobszeche so untergebracht,
-daß nur ein mit Absicht spähendes Auge es
-entdecken konnte. Froh über das Vollbrachte ging
-er heim, um noch eine Nacht unter dem väterlichen
-Dache zuzubringen.</p>
-
-<p>Er hatte keine Ahnung, daß gerade diese Nacht,
-wo sein Vater die Nachtschicht aussetzte, zur Ablieferung
-einer Hälfte des gestohlenen Erzes bestimmt
-war. Um 1 Uhr nach Mitternacht stand der Steiger
-auf und begab sich in seinen Stollen. Wie erschrak<span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span>
-der beklagenswerthe Mann, als das Erz nicht mehr
-zu finden war! Er durchsuchte alle Winkel und
-Schutthaufen des nicht tiefen Stollens &ndash; das Erz
-war verschwunden. Wie vernichtet setzte er sich auf
-einen Stein im Stollen; er erschöpfte sich in Muthmaßungen,
-wer des Erzes habhaft geworden und es
-fortgetragen haben könnte; eben so wenig wie sein
-alter Camerad, der Hutmann, war er ganz frei von
-Aberglauben &ndash; vielleicht war das Erz durch das
-Blendwerk eines Kobolds unsichtbar gemacht, vielleicht
-war es gar »heimgegangen« &ndash; aber es
-konnte wohl auch von einem Menschen entdeckt und
-weggeschafft worden sein; dann war das Geheimniß
-schon nicht mehr blos unter Zweien. Er zitterte
-vor Angst, aber auch vor Frost; um sich zu erwärmen
-und zu ermuntern, nahm er einen Schluck
-aus seinem Fläschchen, das er jedes Mal gefüllt mit
-zur Schicht zu nehmen pflegte, die er heute von
-der Stadt aus antreten wollte. Aber statt daß er
-sonst das Fläschchen nur allmälig im Verlaufe der
-Schicht geleert hatte, trank er es jetzt in wenig
-Minuten aus. Neu belebt machte er sich an eine
-neue Durchsuchung des Stollens. Umsonst, das
-Erz war und blieb weg. Wieder setzte er sich<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span>
-nieder und versank in qualvolles Sinnen. Endlich
-erklang das Häuerglöcklein. Das lud zur Schicht.
-Er erhob sich, sein Kopf war schwer, taumelnd verließ
-er den Stollen und schlug die Richtung nach
-dem Vater Abraham ein. Was ihm noch nie begegnet,
-widerfuhr ihm jetzt: er verirrte sich im
-Walde und kam erst später als die andern Bergleute
-auf die Grube. Noch immer berauscht, voll
-Angst und Verdruß, stieg er in den Schacht. Die
-gewohnte Sicherheit des Trittes hatte ihn verlassen;
-in der halben Teufe verfehlte er eine Sprosse und
-stürzte hinab zu den Füßen Ferdinands, der heute
-bei der Förderung beschäftigt war. Dieser fing
-zwar noch den Oberkörper des stürzenden Greises
-mit seinen Armen auf, derselbe war aber bereits im
-Fallen durch die Wände erheblich verletzt, so daß
-er stark blutete und kein Lebenszeichen von sich gab.
-Ferdinand befahl dem nahen Hundejungen, Wasser
-zu bringen, und suchte dann seinen unglücklichen
-Vorgesetzten zu beleben. Auf den Lärm des Jungen
-kamen bald mehrere Häuer von ihren Oertern und
-theilten Ferdinands Bemühungen. Es gelang, dem
-Greise einige Lebenszeichen zu entlocken; aber sie
-blieben sehr schwach. »Wir müssen ihn hinaufschaffen,«<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span>
-erklärte Ferdinand, »ich fahre schnell aus
-und mache die Hängematte zurecht; Einer von Euch
-führt sie beim Herausfördern.« Die Cameraden
-waren damit einverstanden. Ferdinand fuhr aus,
-traf Hedwig schon wach, machte sie mit dem Unglücksfall
-bekannt, und erhielt nicht nur die
-nöthigen Decken und Stricke zu der Hängematte,
-sondern wurde auch von ihr in deren rascher Herstellung
-unterstützt. Nach einer halben Stunde lag
-der Verunglückte auf einem Sopha in der Wohnstube
-des Schichtmeisters, der sogleich einen Boten
-nach Pobersdorf schickte, um den Doctor herbeizuholen.
-Inzwischen kam der Steiger zum Bewußtsein;
-das erste Wort aber, das er wieder vernehmen
-ließ, war: »Ich muß sterben, ruft mir den Hutmann,
-daß ich ihm beichte!«</p>
-
-<p>Hedwig weckte ihren Großvater, der den Schlaf
-der Gerechten schlief. Sie theilte ihm schonend mit,
-was seinem Jugendfreunde zugestoßen war. Erschüttert
-stand der Greis auf und war bald am
-Lager des Sterbenden. Als dieser verlangte, mit
-ihm allein zu sein, ging der Schichtmeister mit den
-Uebrigen aus der Stube; und nun nahm der Unglückliche
-dem alten Freunde das Versprechen ab,<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span>
-gleich wie ein Geistlicher das Beichtgeheimniß zu
-ehren; dann bekannte er ihm seine Schuld und beschwor
-ihn, den Schichtmeister vor den Fallstricken
-des wucherischen Goldschmiedes zu warnen. Unmittelbar
-darauf verschied er. Der Doctor kam nur
-zur Leiche des durch ihn gemordeten Vaters. Ob
-er die grause Schuld wohl fühlte? Ob die Schmerzensäußerungen,
-denen er sich überließ, echt und von
-tiefem Grunde waren? Der weitere Verlauf dieser
-Geschichte wird es lehren.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span></p>
-
-<h3>V.</h3>
-</div>
-
-<p>Für jetzt hatte der erschütternde Todesfall wenigstens
-den Einfluß auf das Gemüth des Doctors,
-daß er den Anschlag gegen Ferdinand nicht weiter
-verfolgte, sondern nach der Beerdigung seines Vaters
-seine so lange aufgeschobene Reise antrat. Der
-Trauerfall hatte auch bei den Bewohnern des Vater
-Abraham alles Andere so weit in den Hintergrund
-gedrängt, daß bis dahin der Schichtmeister die ihm
-von seiner Frau als nothwendig dargestellte und
-geforderte Ablohnung Ferdinands auszusprechen vergessen
-hatte. Kaum war der Steiger Meier begraben,
-so erinnerte die Schichtmeisterin ihren Gatten
-wieder an jene Maßregel. Vergebens stellte er vor,
-wie unentbehrlich gerade jetzt Ferdinand für die
-Grube geworden sei, denn der Häuer Meier, der
-sich zur Vertretung der Steigerstelle dränge, sei dieser<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span>
-Aufgabe nicht gewachsen. Allein die Frau brachte
-bald wieder durch den Vater den Beamten zum
-Schweigen. Glücklicherweise war die Verhandlung
-von Brunhild gehört worden, die auf einen kurzen
-Besuch da war; und diese vertraute Hedwig den
-ihrer Liebe drohenden Streich. Hedwig setzte augenblicklich
-ihren Großvater davon in Kenntniß.</p>
-
-<p>»Was!« schrie der würdige Greis, »den besten
-Häuer vom Vater Abraham will mein Sohn dem
-Drachen von Weib opfern? Und gerade jetzt, wo
-ein Steiger fehlt? Denn der Meier Hilf, der den
-Steiger spielen möchte, taugt kaum zum Scheidejungen.
-Wart', da will ich, der Hutmann, auch
-ein Wort mitreden!« Und er ging hinab, rief
-seinen Sohn aus dem Zimmer und lud ihn zu
-einem kleinen Gang in den Wald ein.</p>
-
-<p>»Lieber Sohn,« begann er, als sie im Schatten
-der Tannen wandelten, »ich habe noch den Auftrag
-eines Sterbenden an Dich auszurichten. Der arme
-Steiger Meier hat mir in seinen letzten Augenblicken
-ein schreckliches Geheimniß anvertraut, das mir zum
-Theil den Unsegen erklärt, der auf dem Vater
-Abraham lastet. Ich darf Dir nicht Alles sagen,
-aber ich soll Dich warnen vor den Fallstricken des<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span>
-wucherischen Goldschmieds. Ich will hinzufügen,
-daß dieser Goldschmied den unglücklichen Steiger zu
-einem Verbrechen verführt hat, zu dem er wohl auch
-Dich verleiten könnte, wenn er Dich so in seine
-Gewalt bekäme wie ihn.«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht, was mir das soll,« sagte der
-Schichtmeister empfindlich; »ich bin doch kein Knabe
-mehr.«</p>
-
-<p>»Höre Deinen Vater an, mein Sohn!« sagte
-der Greis. »Noch bin ich Hutmann auf dem Vater
-Abraham und das Haupt meines Stammes; ich
-habe darauf zu sehen, daß Zucht und Ehre in dem
-Hause wohne, das mir zur Hut übergeben worden,
-und in der Familie, die meinen Namen führt. Ich
-hätte schon eher ein ernstes Wort mit Dir reden
-sollen, um das Verderben abzuwehren, das dem
-Vater Abraham und meinem Hause droht. Aber
-es ist so, man bessert nicht eher einen gefährlichen
-Pfad, bis ein Nächster darauf den Hals gebrochen.
-Ich sage Dir, der Hochmuth, der in Deiner Familie
-eingerissen, führt Dich zum jähen Fall &ndash; vielleicht
-zu einem schlimmeren, als er den Steiger Meier
-ereilte. Ihr treibt mehr Aufwand, als ihr ehrlicherweise
-bestreiten könnt.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span></p>
-
-<p>»Ach Vater, mische Dich doch nicht in meine
-eigensten Angelegenheiten!« unterbrach ihn der Sohn,
-»ich weiß schon, wie weit ich dem Dir allerdings
-unbehaglichen Sinne meiner Frau für das Feine
-und Wohlanständige und ihrer Mutterzärtlichkeit
-nachzugeben habe. Ich hoffe, der Hutmann Frenzel
-wird die Ehre seines Namens nicht befleckt finden
-durch die Verbindung seiner Enkelin mit einem Freiherrn
-von Brunn.«</p>
-
-<p>»Alle Achtung vor dem Freiherrn von Brunn;
-ist er doch mein hoher Vorgesetzter und gewiß ein
-vortrefflicher Herr; aber die Ehre eines Namens
-wird in Wahrheit nur durch Rechtschaffenheit bewahrt.
-Mein Sohn, das edle Bergwerk ist im
-Verfall, wodurch? Durch die Schuld der Gewerke
-und des Bergvolkes, besonders seiner Vorgesetzten.
-Die sind nicht der wahren, sondern eitler Ehre
-nachgejagt, und diese Jagd hat die Treue von
-den Bergen gescheucht und mit der Treue den
-Segen.«</p>
-
-<p>»Sonst soll es der Unglaube gewesen sein, der die
-guten Berggeister verscheucht und so das Bergwerk
-zu Grunde gerichtet habe,« warf der Schichtmeister
-spottend ein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span></p>
-
-<p>»Es hängt Alles zusammen,« sagte der Hutmann,
-»der Unglaube kommt aus einem hoffärtigen
-Herzen wie die Ehrsucht, und wo die Demuth wohnt,
-wohnt auch die Treue; und die guten Geister mögen
-nicht länger weilen, wo Treue, Glaube und Demuth
-fliehen; es hängt Alles zusammen.«</p>
-
-<p>»Ich will Dir bessern Bescheid über den Verfall
-unsers vaterländischen Bergbaues sagen,« fiel der
-Schichtmeister ein: »unser Erzgebirge ist nicht ärmer
-an Metallen als sonst, aber der Bau in den großen
-Teufen ist kostspieliger als sonst bei geringerer Teufe,
-und dazu ist der Metallwerth so gesunken, daß sich
-der Abbau manches Erzfeldes nicht mehr lohnt, das
-bei den alten Metallpreisen für reich und ergiebig
-gelten würde.«</p>
-
-<p>»Ja, Ihr studirten Herrn habt für Alles eine
-ganz natürliche Erklärung,« meinte der Alte, »aber
-ich weiß, was ich weiß, sei es, wie es sei, das
-kannst Du mir nicht abstreiten, daß die Hoffart die
-Mutter der Untreue ist, und wo Hoffart und Untreue
-hausen, da baut keine Schwalbe ihr Nest, da
-ist Unsegen und Verderben. Darum beschwör' ich
-Dich, treib' den Hoffartsteufel aus Deinem Hause,
-eh' er das Ei der Untreue ausbrütet! Fang' gleich<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span>
-damit an, daß Du zu Deinem hoffärtigen Weibe
-sprichst: Der Ferdinand Bergner bleibt auf dem
-Vater Abraham, Punktum! Was hast Du gegen
-den Menschen, daß Du ihn fortschicken willst?«</p>
-
-<p>Der Schichtmeister wußte keine Anklage wider
-den jungen Häuer vorzubringen, er behauptete blos,
-der bevorstehenden Familienverbindung mit dem
-Freiherrn von Brunn das Opfer bringen und einen
-ihm sonst selbst lieben Menschen dem Hause entfremden
-zu müssen. Der schwache Mensch glaubte,
-seinen Erzeuger von der Nothwendigkeit dieser Maßregel
-ebenso überzeugen zu können, wie er durch
-seine Frau überzeugt war. Aber er irrte sich.</p>
-
-<p>»Weißt Du, ob dem Obereinfahrer die Halbschwägerschaft
-mit dem Häuer, hoffentlich bald Steiger
-Bergner anstößig ist? Hast Du ihn schon darüber
-gefragt?« Der Schichtmeister mußte verneinen.
-»Also ist der ganze Vorwand nur ein Hirngespinnst
-Deiner Frau!« sagte der Greis; »der Obereinfahrer
-beweist ja schon dadurch, daß er selbst eine arme
-bürgerliche Schichtmeisterstochter freit, daß er weit
-über die lächerlichen Standesgrillen hinaus ist, die
-Ihr ihm zutraut. Ich glaube, er würde es Euch
-sehr wenig danken, daß Ihr mehr um seine Standesehre<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span>
-besorgt seid als er selbst. Aber so geht es der
-Hoffart allerwegen: immer macht sie die Rechnung
-ohne den Wirth. Ich hoffe, der Ferdinand bleibt
-auf der Grube, und solltest Du ihn vertreiben
-wollen, so werde ich mich den Weg in die Stadt
-nicht verdrießen lassen und dem Gewerkenausschuß
-rathen, der Grube sofort in dem Bergner einen
-neuen Steiger zu geben. Ich hoffe, daß mein Wort
-noch etwas gilt bei den Herren, und ich will es
-geltend machen; denn dem Vater Abraham thut
-gerade jetzt, wo der Schichtmeister so schwach ist,
-ein Steiger noth, der die Augen offen hat und die
-alte Bergmannstreue fest im Herzen!«</p>
-
-<p>»Du wirst mich doch nicht in eine schiefe Stellung
-zur Gewerkschaft bringen wollen?« sagte der
-Schichtmeister.</p>
-
-<p>»Gehe nur ein Jeder seinen geraden, rechten
-Weg, so giebt's keine schiefe Stellung!« versetzte der
-Alte. »Du weißt nun meine Meinung &ndash; thu,
-was Du willst!« Er wandte sich wieder dem Huthause
-zu.</p>
-
-<p>Als der Schichtmeister heim kam, hatte er mit
-seiner Frau eine geheime Berathung, in welcher sie
-lange auf Ferdinands Entfernung bestand, sich endlich<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span>
-aber doch überzeugen ließ, daß nach der Willenserklärung
-des Großvaters der gefaßte Beschluß unausführbar
-war. Sie gab in der Hoffnung nach,
-bald Mittel zu finden, sich des »gemeinen Menschen«
-zu entledigen.</p>
-
-<p>Während der wackere Hutmann sich so eifrig
-seines Schützlings annahm, war auch der Gelbgießer
-Mickley bemüht, ihm den Steigerposten zuzuwenden.
-Ehe Ferdinand es sich träumen ließ, wurde er vom
-Bergamte zur Prüfung geladen. Es waren zwar
-außer dem Vetter des Doctors noch drei Bewerber
-um die Stelle da, aber er durfte es mit allen
-aufnehmen. Er ging als Sieger aus diesem Ehrenkampfe
-hervor und erhielt schon am folgenden Tage
-seine Bestallung als Steiger der Fundgrube Vater
-Abraham. Es versteht sich von selbst, daß ein
-redlich Liebender, wenn er sich in die Lage gebracht
-sieht, sein Nestchen zu bauen, damit nicht säumt.
-So empfing auch Ferdinand nicht so bald seine
-Bestallung aus der Hand seines Schichtmeisters, als
-er sich auch ein Herz faßte und um Hedwigs Hand
-bat. Der Schichtmeister hätte vielleicht im ersten
-Augenblick sich das Jawort durch den persönlichen
-Zauber, den der Freier auf ihn übte, entlocken<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span>
-lassen, wäre nicht die Schichtmeisterin eingetreten.
-Ein Blick auf sie und von ihr reichte hin, den
-ganzen Zauber wirkungslos zu machen, und der
-junge Steiger sah sich abgewiesen. Vergebens erklärte
-Hedwig ihren entschiedenen Willen, niemals
-von Ferdinand zu lassen, vergebens erhob auch der
-Großvater seine gewichtige Stimme zu Gunsten der
-Liebenden; die Schichtmeisterin setzte jetzt ihren Willen
-durch.</p>
-
-<p>»Na, weißt Du was,« sagte der Greis, als er
-mit Hedwig allein war, »eigentlich ist es gut, daß
-es nicht so glatt mit Euch Beiden geht; je steiler
-der Weg zum Himmel, desto größer die Seligkeit.
-Ich bin nun siebzig Jahre alt und hab' schon viel
-widerwillige Eltern gesehen; aber mir ist kein Fall
-vorgekommen, wo sie durchgedrungen wären, wenn
-anders die Liebenden das Herz auf dem rechten
-Flecke hatten. Na, bei Dir ist das der Fall, das
-weiß ich, und bei dem Ferdinand auch, das mußt
-Du noch besser wissen als ich. Daß Du noch eine
-Weile Aschenbrödel hier sein mußt, ist gewiß ein
-kleineres Unglück für Dich, als wenn Dich Deine
-Stiefmutter hätschelte und zur Hoffart erzöge!«
-Und zu Ferdinand sprach er: »Glückauf, Steiger!<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span>
-Du bist nun berufen, scharf nach dem Rechten zu
-sehen auf dem Vater Abraham. Für Deine Steigerbildung
-hat der Markscheider gesorgt; aber die
-Steigerbildung thut's nicht allein, ein echter Steiger
-braucht auch ein Steigerherz. Nun, ein solches hat
-Dir Gott verliehen, das halte fest und rein, so
-wird's wohl um Dich und den Vater Abraham
-stehen. Wisse, Dein Vorfahrer war auch ein rechter
-Steiger, aber er ließ sich vom Teufel blenden und
-entging vielleicht nur durch den schnellen Tod großer
-Schmach. Aber wenn er selbst auch noch so wegkam,
-das Bergwerk hat doch den Fluch seines
-Strauchelns gefühlt &ndash; trag' Sorge, Steiger, daß
-der Fluch wieder hinweggenommen werde; halt' auf
-Recht und Treue auf dem Vater Abraham! Und
-wenn Du einmal etwas siehst, was nicht ganz
-recht ist vor Gott und Menschen, auf welcher
-Seite es immer sei, drück' nicht etwa Deine
-Augen zu &ndash; aber fahr' auch nicht mit der
-Hast eines Büttels drein, der ein Dutzend Kinder
-von seinen Denunciations-Groschen füttern muß!
-Weißt, es würde weniger Verbrechen in der
-Welt geben, wenn man das erste Verbrechen
-unter vier Augen strafte, statt den Verbrecher<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span>
-sogleich der Brandmarkung für's ganze Leben preiszugeben!«</p>
-
-<p>Ferdinand schüttelte dem Greise herzlich die Hand
-und stieg mit hoffnungsfreudigem Herzen in den
-Schacht zu seiner ersten Steigerschicht.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span></p>
-
-<h3>VI.</h3>
-</div>
-
-<p>Vier Wochen nach Ferdinands Beförderung erlangte
-der Obereinfahrer die väterliche Einwilligung
-in seine Heirath, und nun wurde seine Verlobung
-öffentlich bekannt gemacht. Schicklicherweise konnte
-Brunhild nun nicht länger in der Pension bleiben,
-sondern mußte bis zu ihrer Vermählung im Vaterhause
-wohnen. Da war jetzt alle Sorge auf Vollendung
-der bräutlichen Ausstattung und Vorbereitung
-zu einer würdigen Hochzeitsfeier gerichtet. Mit
-bangem Herzklopfen sah Hedwig, der jetzt die ganze
-Hauswirthschaft zufiel, das Herbeischleppen all der
-kostbaren Gegenstände, welche der eitlen Mutter zur
-Ausstattung der künftigen Baronin unerläßlich schienen,
-mit Kopfschütteln und Murren beobachtete der
-Großvater das Treiben; zumal als der Erbschaftsproceß,
-auf den seine Schwiegertochter pochte, kein<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span>
-Ende nehmen wollte, und der Schichtmeister selbst
-anfing, eine sehr besorgte Miene zu zeigen.</p>
-
-<p>Da jetzt der Obereinfahrer öfters auf dem Vater
-Abraham einsprach, um seine Braut zu sehen, so
-wachte die Schichtmeisterin strenger als je darüber,
-daß Ferdinand sich ihrem Familienkreise fernhielt.
-Doch fand sich bei ihren häufigen Stadtbesuchen
-und Brunhild's freundlicher Gesinnung für die Liebenden
-Gelegenheit genug, sich zu sehen und gegenseitig
-zu ermuthigen. Ferdinand ging jeden Tag
-mit frischer Hoffnungsfreudigkeit an sein schweres
-Tagewerk; er war seinen Untergebenen, von denen
-nur der bei der Steigerwahl durchgefallene Meier
-ihm mit Mißmuth gehorchte, ein Vorbild an Fleiß
-und Pünktlichkeit im Dienst und sah streng auf die
-Pflichterfüllung jedes Einzelnen. Aber er sorgte
-auch für die Verbesserung ihrer Lage. Die Anbrüche
-hielten aus, und ehe drei Monate um waren,
-erfuhr er durch seinen Gönner Mickley, daß die
-letzte Erzlieferung von der Schmelz-Administration
-doppelt so hoch bezahlt worden sei, als jede frühere
-Lieferung von gleichem Gewicht. Mußte Ferdinand,
-der keine so auffallende Veredlung des Ganzen
-wahrgenommen hatte, dies Ergebniß Wunder nehmen,<span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span>
-so äußerte er doch nichts hierüber, vielmehr ergriff
-er diese Gelegenheit sogleich, um für seine Häuer
-eine Lohnaufbesserung zu beantragen.</p>
-
-<p>»Na,« sagte der Gelbgießer; »ich werde die
-Sache dem Ausschuß vorlegen. Es ist schön von
-Ihm, daß Er Seiner armen Kameraden gedenkt
-und für sich nichts begehrt. Wenn der Vater Abraham
-so höflich bleibt wie jetzt, so glaub' ich, die
-Gewerkschaft wird sich billig finden lassen. Ich
-werde mich gewiß dafür verwenden. Aber jetzt muß
-ich Ihm was zeigen.« Er holte aus einem Wandschrank
-eine Erzstufe. »Woher glaubt Er wohl,
-daß diese Stufe ist?« fragte er.</p>
-
-<p>Ferdinand nahm sie, wog und betrachtete sie
-genau. »Soll sie aus dem hiesigen Revier sein?«
-fragte er nach einer Weile. Der Gelbgießer bejahete,
-und der junge Metallurg begann seine Prüfung von
-Neuem. Endlich sagte er: »Die Gangart ist ganz
-die unsrige, und ich glaube nicht, daß im hiesigen
-Revier noch irgendwo Weißgiltigerz mit gediegenem
-Silber zugleich so in den Quarz einbricht, wie auf
-dem Vater Abraham. Ich kenne hier herum wohl
-jedes Gestein, wo man auf Silber baut, aber nirgends
-sonst hab' ich dergleichen gesehen, wie dieses ist.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span></p>
-
-<p>»Hm!« sagte der Gelbgießer, »ich dachte mir's
-auch &ndash; aber ich traute doch meinen Augen nicht
-ganz. Nun will ich Ihm auch sagen, wie ich zu
-der Stufe gekommen bin. Der Goldschmied Reichel
-hat seinen Lehrjungen mißhandelt, daß er ihm davongelaufen
-ist. Da er nicht wieder zu ihm und lieber
-Gelbgießer werden wollte, so bat mich sein Vater,
-es mit ihm zu versuchen. Nun, es scheint ein anstelliger
-Junge zu sein; deshalb brauchte ich ihn
-bei der neuen Einrichtung meines Stufen-Cabinets
-nach dem Breithaupt'schen System. Da sagte er,
-er hätte auch ein paar Stufen zu Hause, ob ich
-sie haben wolle. Nun, ich bin ein Liebhaber von
-dem Zeug und hieß ihn danach gehen. Da brachte
-er mir die schöne Silberstufe da, aber nur diese,
-die andere hatten seine Geschwister verschleppt. »Aber,
-Junge!« rief ich erstaunt, »wo hast Du die prächtige
-Stufe her?« Ganz unbefangen gab er zur
-Antwort, er habe sie beim Kartoffelabkeimen für seine
-Meisterin im Keller unter den Kartoffeln gefunden, und
-weil es gerade Weihnachten gewesen, wo bei seinen
-Eltern das Bergwerk für die Kinder aufgebaut worden,
-da habe er beide Stufen mit hingenommen und in
-das Bergwerk gethan. Was sagt Er dazu?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span></p>
-
-<p>»Ich weiß nicht, was ich denken soll,« sagte
-Ferdinand, »wie können die Stufen vom Vater
-Abraham in den Keller des Goldschmieds gekommen
-sein, der nicht einmal zu den Gewerken gehört?«
-Bei sich mußte er wohl an die Anspielung des alten
-Hutmanns auf ein Verbrechen des Steigers Meier
-denken; aber er wagte nicht, den Gedanken laut
-werden zu lassen.</p>
-
-<p>Der Gelbgießer sah dem jungen Mann forschend
-ins Gesicht, doch nicht mißtrauisch, denn dieses Gesicht
-war ihm ein treuer Spiegel des fleckenlosesten
-Gemüthes. »Ich will Ihm was sagen, Steiger,«
-nahm Mickley endlich das Wort, »dem Goldschmied
-hab' ich nie getraut, er ist ein Wucherer, und wer
-einmal Wucher treibt, der ist auch zu andern Schlechtigkeiten
-fähig! Wer nur einmal in seinem Kartoffelkeller
-nachgraben könnte, der fände vielleicht
-noch mehr Erz vom Vater Abraham.«</p>
-
-<p>»Wenn er es nicht bei guter Zeit fortgeschafft hat,«
-fiel Ferdinand ein. »Aber Sie haben Recht, wo die zwei
-Stufen gelegen, da können auch noch mehr gelegen haben.
-Nur ist es mir ein Räthsel, wie sie hingekommen.«</p>
-
-<p>»Weiß Er noch, wie ich Ihn vor einem Vierteljahr
-fragte, wie hoch Er das gelieferte Erz schätze,<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span>
-und wie wenig die Ausbeute Seiner Schätzung entsprach?
-Junger Freund,« fuhr er seine Hand fassend
-fort, »wir sind jetzt unter uns, und was wir reden,
-bleibt unter uns: ist Ihm denn noch nicht der übermäßige
-Aufwand unseres Schichtmeisters aufgefallen?«</p>
-
-<p>»Seiner Frau, wollen Sie sagen,« versetzte Ferdinand,
-»denn der Schichtmeister selbst ist ein schlichter
-Mann, nur leider zu gut gegen seine Frau. Allerdings
-ist das für einen Schichtmeister eine sehr theure
-Ehehälfte.«</p>
-
-<p>»Zumal jetzt,« fiel der Gelbgießer ein, »wo sie
-Schwiegermutter eines Barons wird. Es ist ja
-übertrieben, was die Frau zusammenkauft &ndash; borgt,
-wollt' ich sagen; aber später oder früher muß es
-doch einmal bezahlt werden. Wovon aber? he?
-etwa von dem da?« Er deutete auf die Stufe.</p>
-
-<p>Ferdinand erschrak &ndash; »Herr Mickley!« rief er,
-&ndash; »Sie thun unserm Schichtmeister Unrecht.«</p>
-
-<p>»Ich sage nicht, daß er schon auf solche Art gezahlt
-hat, aber es kann dazu kommen; Schulden und Schuld
-und Schuft &ndash; es ist nur ein Unterschied von wenig
-Buchstaben, gewöhnlich geht's vom ersten zum letzten.«</p>
-
-<p>»Aber nicht Jeder, der Schulden hat, ist oder
-wird ein Schuft.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span></p>
-
-<p>»Das sag' ich ja nicht, ich habe selbst einen
-Schuldner, einen Poeten, der hier die Schule besuchte;
-ein strebsamer, offener Kopf, aber armer
-Teufel, der hinter dem Webstuhl verkommen wäre,
-hätte er keine Schulden machen wollen. Nun, er
-hat als Student und Poet mehr Schulden machen
-müssen, als ich zu bezahlen haben möchte; aber er
-ist darum doch eine grundehrliche Haut und wird's
-auch bleiben, denn bei allem hohen Geist hat er ein
-demüthiges Herz. Aber wo Schulden eine Frucht
-der Hoffart und des Uebermuthes sind, da hat der
-Teufel sein Spiel.«</p>
-
-<p>»Für den Schichtmeister bin ich gut,« sagte Ferdinand
-warm, »und was die Frau betrifft, so hab'
-ich helle Augen, und wäre ich auch blind, so würde
-kein Häuer, kein Hundejunge ihr zu einem Unterschleif
-behülflich sein, drehte es sich auch nur um
-eine Bleiglanzstufe wie ein Daumenglied groß.«</p>
-
-<p>»Nun, ich will Ihm glauben,« sagte der Gelbgießer,
-&ndash; »eine sonderbare Sache bleibt es mit der
-Stufe, &ndash; aber es läßt sich vor der Hand nichts
-damit machen. Ein Glück, daß wir jetzt einen
-tüchtigen Steiger haben, &ndash; der alte, &ndash; na, man
-soll die Todten ruhen lassen. &ndash; Seh' Er nur wacker<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span>
-zum Rechten, &ndash; es wird Sein Schade nicht sein.
-Da fällt mir noch etwas ein. Neulich wurde im
-Ausschuß die Frage aufgeworfen, ob es nicht gut
-wäre, den alten Schacht wieder einmal zu untersuchen,
-es könnten die bösen Wetter wohl gewichen
-sein. Vor Jahren wurde schon einmal ein Gutachten
-darüber von unserm Schichtmeister verlangt.
-Der fand den Versuch nur unter der Bedingung
-möglich, daß wir einen neuen Stollen zur Wetterlosung
-vom Höllengrund aus treiben ließen. Das
-war und blieb uns ein zu kostspieliges Unternehmen.
-Jetzt wollen wir den Schichtmeister geradezu mit
-der Untersuchung beauftragen, weil wir glauben,
-bei gehöriger Vorsicht sei die Sache nicht nothwendig
-lebensgefährlich. Einen gemeinen Bergmann hinabzulassen,
-wie es vor Zeiten geschehen, das würde
-wenig nützen. Gesetzt aber, der Schichtmeister
-lehnte den Auftrag ab, was dem Vater einer
-so zahlreichen Familie Niemand verdenken könnte,
-hätte Er wohl den Muth, das Wagstück zu unternehmen?«</p>
-
-<p>»Wenn mir's befohlen wird, &ndash; ja!« erklärte
-Ferdinand fest, »aus bloßem Vorwitz wär' es wohl
-strafbar, aber bei Erfüllung einer Pflicht giebt man<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span>
-sich in Gottes Hand. Da muß ja jeder Bergmann
-täglich sein Leben wagen!«</p>
-
-<p>»Er ist ein echtes Bergmannsblut!« rief der
-Gelbgießer. »Nun weiß Er was, ich hab' mir ein
-Plänchen erdacht. Wird der alte Schacht wieder
-gangbar, so müssen wir doch dort neue Bergleute
-anlegen und mehr als am neuen. Da reicht nun
-ein Schichtmeister mit einem Grubensteiger und Hutmann
-nicht aus, und wenn wir schon dem Frenzel
-die Leitung beider Gruben als Schichtmeister lassen,
-so brauchen wir doch noch ein paar Grubensteiger
-für den oberen Schacht und für beide Schächte
-einen tüchtigen Obersteiger. Und der wird Er und
-kein Anderer. Dann denk' ich, soll Er auch Sein
-Mädchen bekommen.«</p>
-
-<p>Ferdinand drückte dem Redner freudig die Hand.
-»Wenn über mich befohlen wird,« sagte er, »so gehorche
-ich. Aber den Schichtmeister übergehen Sie nicht! Und
-wenn er das Wagstück auf sich nimmt, so wollen die
-Herren Gewerken hübsch an seine Familie denken.«</p>
-
-<p>»Daran soll's nicht fehlen,« sagte Mickley und
-Ferdinand nahm Abschied.</p>
-
-<p>Ferdinand hatte in der einzigen Buchhandlung
-des Ortes ein Buch über Naturlehre bestellt und<span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span>
-wollte sehen, ob es angekommen sei. Er mußte da
-an dem Hause des Goldschmieds vorbei und begegnete
-vor der Thür desselben dem Schichtmeister mit
-ganz verstörtem Gesicht. Er konnte sich nicht helfen,
-er trat mit einem Glückauf auf ihn zu und fragte,
-ob ihm etwas fehle. Der Gefragte starrte ihn an,
-&ndash; nach einer Weile sagte er: »Was soll mir fehlen?
-Ich suche meine Frau, &ndash; hat Er sie gesehen?«</p>
-
-<p>Da Ferdinand verneinte, so ließ ihn der Schichtmeister
-stehen und eilte in die nächste Seitengasse.
-Ferdinand sah ihm bedenklich und beklommen nach.
-Schon seit längerer Zeit war ihm eine zunehmende
-Abmagerung und Verdüsterung des sonst so vollen
-und freundlichen Gesichtes seines Vorgesetzten aufgefallen,
-und er und Hedwig hatten darüber oft
-ihre Besorgnisse getauscht; aber so verstört war ihm
-dieses Gesicht nie erschienen. Mit trüben Gedanken
-ging er in den nahen Buchladen; hier eingetreten,
-fand er sich dem Obereinfahrer und &ndash; dem Doctor
-Meier gegenüber. Ferdinand bot dem Ersteren
-seinen bergmännischen Gruß und fragte dann nach
-seinem Buch. Es war nicht angekommen.</p>
-
-<p>»Wollen Sie das Buch für sich?« fragte der
-Baron, und als Ferdinand bejahete, sagte er: »Dann<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span>
-können Sie sich die Ausgabe ersparen; vielleicht ist
-das Buch noch gar nicht verschrieben, oder man
-macht die Bestellung rückgängig. Ich habe eine sehr
-gute Physik zum Selbstunterricht, &ndash; irre ich nicht,
-so sind Sie der neue Steiger auf dem Vater Abraham,
-den ich mit geprüft habe, kommen Sie mit zu
-mir, ich schenke Ihnen das Buch.«</p>
-
-<p>Ferdinand war ganz überrascht von dieser Güte.
-Bis jetzt war der Herr nur immer an ihm vorübergegangen,
-ohne von ihm weiter Notiz zu nehmen,
-und nun kam er ihm auf einmal mit einem so
-freundlichen und werthvollen Geschenk entgegen.
-Hatte vielleicht Brunhild ihre Furcht vor der Mutter
-und ihre Schüchternheit vor dem vornehmen Bräutigam
-so weit überwunden, daß sie ihm von Hedwigs
-Liebe zu Ferdinand geplaudert? Während
-dieser hierüber nachsann, sagte der Obereinfahrer zu
-dem Doctor: »Es bleibt dabei, Robert: Du wohnst
-die wenigen Tage Deines Hierbleibens bei mir.
-Willst Du jetzt Deine Mutter begrüßen, was nicht
-mehr als billig ist, so geh' und komm' zurück, wann
-es Dir beliebt!« Dann ging er mit Ferdinand
-fort. Düster blickte diesem der Doctor nach und
-machte sich dann langsam ebenfalls auf den Weg.<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span>
-Auf dem Markte begegnete er der Schichtmeisterin
-mit ihrer zweiten Tochter. »Ei! da ist ja der Herr
-Doctor wieder!« rief ihm die Frau entgegen. Nach
-gewechselter Begrüßung fragte sie: »Wie geht's auf
-Hallbach? Was machen die gnädigen Herrschaften?«</p>
-
-<p>»O, die sind <em class="antiqua">in dulci jubilo</em>, weil ich den
-Papa gichtfrei aus Kissingen zurückgebracht habe.
-Sie senden die herzlichsten Grüße an die Braut
-ihres lieben Sohnes und ihr ganzes Haus, aber
-der gnädige Herr will nun auch die künftige
-Schwiegertochter sehen. Ich komme als außerordentlicher
-Botschafter, um sie mit ihrer Frau
-Mama und dem Bräutigam abzuholen!«</p>
-
-<p>»O welche Ehre! die treffliche Herrschaft!« rief
-die Schichtmeisterin; »Klotilde, da gilt es, schnell
-etwas Garderobe in Stand zu setzen!« dann stellte
-sie noch manche Frage eitler Neugier, die der Doctor
-zur größten Befriedigung beantwortete. »Aber was
-hab' ich hören müssen?« sagte er darauf, &ndash; »der
-Mensch, &ndash; wie heißt er doch! &ndash; nun, der früher
-Ihr Schwiegersohn werden wollte, der ist ja Steiger
-auf dem Vater Abraham geworden!«</p>
-
-<p>»Das erfahren Sie jetzt erst?« versetzte die
-Schichtmeisterin, »freilich ist er's geworden, so sehr<span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span>
-ich dagegen gekämpft, er hat sich die Gunst der Gewerke
-erschlichen und schon auf den Tod Ihres
-Vaters gelauert.«</p>
-
-<p>»Das scheint mir selbst so,« sagte der Doctor,
-»und nun ist er Ihnen ein Stück näher gerückt;
-ich meine in Betreff seiner Heirathsabsichten.«</p>
-
-<p>»Das mag er sich einbilden, aber daß er sich
-täuscht, dafür bin ich da!«</p>
-
-<p>»Er scheint aber ein Fuchs zu sein, hat er doch
-auch schon den Baron für sich eingenommen. Der
-hat ihn jetzt freundlich zu sich eingeladen, um ihm
-ein Buch zu schenken. Wenn der Mensch da nur
-nicht von seiner Liebschaft plaudert!«</p>
-
-<p>»Das wäre ja gräßlich! Was meinen Sie, da
-wäre der Baron wohl im Stande, die Verlobung
-rückgängig zu machen?«</p>
-
-<p>»Das schon nicht,« erwiederte der Doctor lächelnd
-der erschrockenen Frau, »dazu liebt er die Brunhild
-zu innig; ja ich glaube, er könnte mit seinem guten
-Herzen wohl der Fürsprecher des Schleichers werden,
-aber auch dadurch sein eigenes Glück gefährden. Ich
-weiß, was es bedurft hat, den alten Herrn für die
-Verbindung mit einer so anständigen Familie, wie
-die Ihrige ist, zu gewinnen. Hätte ich nicht meine<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span>
-eigene Angelegenheit vor ihm einstweilen in den
-Hintergrund treten lassen, so weiß ich nicht, ob Sie
-so bald Hochzeit halten würden, als es nun der
-Fall sein wird.«</p>
-
-<p>»O, Sie guter, lieber Herr Doctor!« sagte die
-Frau, seinen Arm drückend, »wie dankbar müssen
-wir Ihnen sein! Aber verlassen Sie sich auch
-darauf, daß wir Ihren Empfehlungen keine Schande
-machen werden. Lassen Sie nur erst die Hochzeit
-vorbei sein, dann muß das Frauenzimmer zu fernen
-Verwandten. Jetzt bei dem Drasch, den wir haben,
-kann ich sie nicht entbehren.«</p>
-
-<p>Leise flüsterte der Doctor ihr zu: »Lassen Sie
-das Mädchen lieber da, vielleicht findet sich ein
-Mittel, den Steiger unschädlich zu machen &ndash; wir
-sprechen weiter darüber &ndash; auf Wiedersehen!« Damit
-trennten sie sich.</p>
-
-<p>Die Schichtmeisterin begab sich jetzt nach der
-Pension ihrer Kinder, wo sie ihrem Manne das
-Rendezvous gegeben, das sie aber um eine Stunde
-versäumt hatte. Er hatte, wie wir gesehen, sie inzwischen
-gesucht, war aber zuletzt wieder an den
-verabredeten Ort gegangen und traf, abermals zum
-Suchen ausgehend, sie unter der Thür.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span></p>
-
-<p>»Endlich!« rief er, »Du bist aber doch auch
-gar zu sorglos, Frau!«</p>
-
-<p>»Sorglos? Ich?« rief sie erstaunt. &ndash; »Nun
-bitt' ich einen Menschen, zu entscheiden, wer mehr
-sorgt und schafft in dieser Zeit wie ich!«</p>
-
-<p>»Geh hinauf, Klotilde,« sagte der Schichtmeister,
-»ich muß mit Deiner Mutter noch einen Weg gehen.«</p>
-
-<p>Klotilde gehorchte, und der Schichtmeister nahm
-den Arm seiner Frau, blieb aber in der Hausflur
-stehen und sagte: »Weißt Du auch, daß wir verloren
-sind? Morgen ist der Wechsel fällig, und die
-Post ist wieder angekommen, ohne eine Entscheidung
-Deiner Angelegenheit, geschweige gar Geld zu bringen!«</p>
-
-<p>»Nun, der Goldschmied wird wohl prolongiren,«
-sagte sie.</p>
-
-<p>»Nicht eine Stunde. &ndash; Ich war bei ihm, bat
-ihn, fiel ihm bald zu Füßen, &ndash; umsonst: er erklärte,
-er könne nicht anders, er habe in jüngster
-Zeit solche Ohrfeigen von unsicheren Schuldnern bekommen,
-daß er nicht mehr schonen könne. Wenn
-der Wechsel morgen nicht gedeckt wäre, müsse er
-nach Wechselrecht verfahren.«</p>
-
-<p>»Um des Himmels willen!« rief die Frau, die
-Hände zusammenschlagend; »was wird da aus meinen<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span>
-Kindern? was aus Brunhild? Dich setzen lassen, &ndash;
-Herr des Himmels! das wäre ja ein Schlag, der alle
-Hoffnungen vernichtete! Komm, Mann! ich will selbst
-mit zum Goldschmied gehen, &ndash; er muß noch warten,
-ich will ihm meine Erbschaft verpfänden, &ndash; komm!«</p>
-
-<p>Sie gingen zu dem Wucherer. Er empfing sie
-mit triumphirender Miene und führte sie in sein
-Zimmer. »Ist vielleicht die Erbschaft angelangt?«
-sagte er, »das wäre mir höchst erwünscht.«</p>
-
-<p>Die Schichtmeisterin berichtigte seinen vermeintlichen
-Irrthum und brachte ihren Vorschlag an.</p>
-
-<p>»Es thut mir leid, verehrte Frau,« entgegnete
-der Goldschmied, »darauf kann ich mich nicht einlassen.
-Ich bin schon zu sehr geprellt worden, &ndash;
-verzeihen Sie, &ndash; aber in Geldsachen keine Freundschaft!
-&ndash; bis morgen Abend um fünf hab' ich mein
-Geld, oder der Herr Schichtmeister sitzt im Stockhaus.
-Ich kann's nicht ändern.«</p>
-
-<p>»Aber Mann! Sie werden doch kein solcher
-Tyrann sein?« rief die Schichtmeisterin. &ndash; »Sie
-werden uns doch nicht unglücklich machen wollen?
-Denken Sie doch an meine Kinder, meine armen,
-unschuldigen Kinder, &ndash; meine Brunhild, die dieser
-Schlag auf der Stelle tödtete!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span></p>
-
-<p>»Die Kinder, &ndash; hm, &ndash; die Kinder,« sagte
-der Wucherer im Tone des Mitleidens, &ndash; »um
-ihretwillen könnte man schon ein Uebriges thun.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»O Sie Guter!« rief die Frau, dem Manne
-fast um den Hals fallend, und der Schichtmeister
-sagte: »Ja, Herr Reichel, um meiner Kinder willen
-lassen Sie Billigkeit walten. &ndash; Nur noch kurze
-Zeit Geduld, und Sie sollen mit gutem Zins bezahlt
-werden.«</p>
-
-<p>»Die Zeiten sind schlecht, sehr schlecht,« sagte der
-Wucherer, eine Thräne im Auge, &ndash; »aber Ihre
-Fräulein Tochter ist ein herrliches Geschöpf, &ndash; ja,
-die Natur hat sie sichtlich zu etwas Hohem bestimmt;
-es wäre jammerschade, wenn sie an der Schwelle
-ihres Glückes ins tiefste Elend geschleudert würde.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die Schichtmeisterin schluchzte laut auf, dem
-Schichtmeister blutete das Herz.</p>
-
-<p>»Ich will Ihnen etwas sagen,« fuhr der Goldschmied
-fort, »borgen kann ich nicht länger, aber
-aus Erbarmen mit Ihrer lieben Fräulein Tochter
-will ich &ndash; könnte ich &ndash; nun, man ist auch ein
-Mensch &ndash; ich könnte &ndash; für Sie freilich ist es
-ein Leichtes, ich riskire doppelt und dreifach dabei,
-aber was thut man nicht aus christlicher Liebe! &ndash;<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span>
-ich könnte mich allenfalls zur Annahme von Waare
-an Zahlungsstatt verstehen.«</p>
-
-<p>»Waare?« rief die Frau; »was für Waare
-sollen wir Ihnen denn bringen? Ich habe unbeschränkten
-Credit bei den Schnitt- und Modehändlern.«</p>
-
-<p>»Sie verstehen mich nicht,« sagte der Goldschmied
-lächelnd, »ich kann doch keinen Schnittladen etabliren!
-Ich meine: der Herr Schichtmeister soll
-mir von seiner Waare liefern.«</p>
-
-<p>»Von meiner Waare?« rief der Schichtmeister
-zusammenfahrend, »was hab' ich denn für Waare?«</p>
-
-<p>»Ich glaube, die Frau Schichtmeisterin versteht
-mich nun, ich kann mich nur auf Waare einlassen,
-die in mein Fach schlägt, denken Sie, ich wäre der
-Schuster und Sie der Gerber, liefern Sie dem
-Schuster Leder!«</p>
-
-<p>Der Schichtmeister sah starr zur Erde. Der
-Wucherer wechselte mit der Frau einen Blick der
-Verständigung.</p>
-
-<p>»Ich sehe, Sie sind unentschlossen,« sagte er
-dann zu dem Schichtmeister, »und Unentschlossenheit
-steckt an, ich finde doch, es sei gut, daß ich mir
-die Sache selbst erst noch überlege. Was Ihnen<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span>
-bedenklich scheint, muß es mir doppelt sein. Gut!
-ich will aus warmem Antheil an Ihrem Familienglück
-den Wechsel um acht Tage prolongiren, bis
-dahin wollen wir uns den Handel überlegen, aber
-ich schwöre, daß ich länger keinen Augenblick warten
-kann.«</p>
-
-<p>Wie Verhungernde ein Brodkrümchen, ergriffen
-die beiden Gatten die dargebotene Frist. Sie
-schmeichelten sich mit der Hoffnung, daß inzwischen
-der Erbschaftsstreit sich entscheiden und sie in den
-Besitz der nöthigen Zahlungsmittel bringen müsse.
-So gingen sie heim.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span></p>
-
-<h3>VII.</h3>
-</div>
-
-<p>Der Schichtmeister und seine Frau sollten sich
-sehr bald enttäuscht sehen. Am folgenden Morgen
-brachte der Postbote ein Schreiben von ihrem Sachwalter
-aus der Kreisstadt, dem das appellationsgerichtliche
-Erkenntniß in ihrer Sache beilag, und
-dieses Erkenntniß sprach der Gegenpartei die Erbschaft
-ungetheilt zu. Das war ein fürchterlicher
-Schlag. Zwar vertröstete der Sachwalter auf das
-drittinstanzliche Urtheil, welches gewiß das erste Erkenntniß
-wieder herstellen würde, &ndash; aber welche
-weit hinausgeschobene Aussicht war das, wie nutzlos
-für die Gefahr, in der man schwebte!</p>
-
-<p>Brunhild, welcher aus den aufgeregten und
-verstörten Mienen ihrer Eltern eine Ahnung von
-dem Inhalte der Hiobspost aufging, nahm die
-Mutter auf die Seite und erbot sich, all' ihren<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span>
-Schmuck, selbst den bezahlten, zurückzugeben; die
-Mutter und Schwester sollten das Gleiche thun,
-um den Goldschmied zu befriedigen.</p>
-
-<p>»Wo denkst Du hin, Kind?!« rief die Frau;
-»in einigen Tagen sollen wir zu Deinem Schwiegervater
-reisen, sollen uns dem freiherrlichen Hause
-präsentiren! Wie können wir so ärmlich auftreten,
-nachdem uns die gnädige Frau so geschmückt gesehen!
-Da müßte sie ja denken, wir hätten die
-Sachen blos geborgt gehabt. Nein, das geht nicht!
-Nur nicht ängstlich, meine Tochter! Es wird sich
-Alles machen. Der Goldschmied wird befriedigt,
-kümmere Dich um nichts!« Und sie ging zu ihrem
-Gatten, der bei ihrem Eintritte schnell ein paar
-Terzerole im Pulte verbarg. Sie bat ihn, mit in
-den Wald zu gehen, und er folgte ihr.</p>
-
-<p>»Noth kennt kein Gebot!« begann sie unter den
-Bäumen, nachdem sie sich sorgfältig umgesehen.
-»Wir müssen uns in das Unvermeidliche schicken;
-&ndash; einmal ist nicht immer, &ndash; und den kargen
-Gewerken, die ihrem Schichtmeister längst hätten
-eine Gehaltzulage geben können, da der Vater Abraham
-so höflich geworden, geschieht nur Recht, wenn
-wir uns selber helfen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span></p>
-
-<p>»Weib!« rief der Schichtmeister, &ndash; »wo denkst
-Du hin? Es hieße ja ewige Schande über uns
-Alle bringen, wenn ich solche Untreue verübte. Nein,
-lieber geh' ich ins Gefängniß, oder&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Und zerstörst das Glück Deiner Tochter, ja
-aller Deiner Kinder! Ich fürchte nicht, daß Du solch
-ein Rabenvater sein wirst. Brunhilds schönes Herz
-bräche auf der Stelle, zerrisse ihr Bund mit Alexis,
-&ndash; denn die Tochter eines Schuldgefangenen kann
-nicht mehr hoffen, Baronin von Brunn genannt
-zu werden.«</p>
-
-<p>»O Gott! mein Gott! welche Qual!« klagte
-der Mann; »ich sehe keine Möglichkeit der Rettung.
-Ich bin gestern bei Pontius und Pilatus gewesen,
-um Geld zu erborgen, &ndash; verlorne Mühe! Alles
-zog sich hinter Ausflüchte zurück. Es steht schrecklich,
-schrecklich mit uns!«</p>
-
-<p>»Nicht so schrecklich, als es Dir die Muthlosigkeit
-vorspiegelt,« versetzte die Frau, »Du wärest nicht der
-Erste, der sich auf die Art rettete, wie ich meine &ndash; ein
-paar Centner Erz sind bald auf die Seite geschafft.«</p>
-
-<p>»Aber, Weib! wenn es herauskäme.«</p>
-
-<p>»Ja, dafür muß man sorgen, daß es nicht
-herauskommt.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span></p>
-
-<p>»Wie wäre das möglich? Ja, wenn der alte
-gute Steiger Meier&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;« er konnte nicht vollenden;
-ihm fiel die Warnung seines Vaters ein,
-und ein Schauer durchrieselte ihn.</p>
-
-<p>»Du meinst, wenn der noch lebte, ließe sich
-eher etwas wagen, als unter den Späheraugen des
-neuen Steigers? Wolltest Du nicht so sagen?«</p>
-
-<p>Der Schichtmeister seufzte tief auf. &ndash; »Bertha!
-brechen wir ab von dem Capitel!«</p>
-
-<p>»Nein, Schatz! wir müssen ins Reine kommen,
-was geschehen soll. Geschehen muß etwas; wir sind
-es unsern Kindern schuldig, daß wir handeln. Es ist
-mein einziger Stolz, meine Kinder zu Glück und Ehre
-zu bringen. Es sind Deine Kinder, Fritz! die liebsten,
-schönsten Kinder der Gegend. Sie dürfen nicht in Dunkelheit
-und Elend verkommen! Auf, Mann! Vater!«</p>
-
-<p>»Aber der Steiger &ndash; der Ferdinand &ndash; er
-hat seine Augen überall.«</p>
-
-<p>»Der Spion! &ndash; Aber halt! &ndash; ich entsinne
-mich &ndash; wart' einmal, Mann! ich denke, wir werden
-den Aufpasser los.«</p>
-
-<p>»Wie so?«</p>
-
-<p>»Nun, laß mich nur machen! Ein Freund
-hat mir gestern etwas zugeflüstert. Ich gehe diesen<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span>
-Nachmittag wieder in die Stadt, um das Nähere
-zu erforschen.«</p>
-
-<p>»Vater! Mutter!« rief jetzt eine Stimme vom
-Huthause her. Es war Brunhilds Stimme. Die
-Gatten folgten dem Rufe und trafen vor dem Hause
-den Zubußboten, der den Schichtmeister einlud, den
-Nachmittag um 4 Uhr in der Wohnung des Gelbgießers
-Mickley zu einer Berathung des Gewerkeausschusses
-sich einzufinden.</p>
-
-<p>»Das paßt prächtig, da können wir zusammen
-gehen!« rief die Schichtmeisterin. &ndash; Und so geschah es.</p>
-
-<p>Dem Schichtmeister wurde vom Ausschusse der
-Beschluß mitgetheilt, es solle ein Versuch gemacht
-werden, den alten Vater Abraham wieder zu befahren,
-und man wolle ihm diesen Versuch unter
-Zusicherung einer Gratification von 100 Thlrn. von
-der nächsten Quartalausbeute übertragen. Der
-Schichtmeister war überrascht, sich zu einem Wagstück
-erlesen zu sehen, das er früher widerrathen &ndash;
-und doch erschien es ihm wie ein vom Himmel selbst
-ihm gewiesener Ausweg aus den Verstrickungen der
-Schuld. »Lieber ehrenvoll im Berufe sterben, als
-der Schande verfallen!« dachte er, &ndash; »und wenn
-ich als ein Opfer meiner Pflicht sterbe, wird meiner<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span>
-Familie der Antheil aller Guten &ndash; dann ist auch das
-Glück meiner Brunhild gewahrt!« Laut und fest erklärte
-er seine Bereitwilligkeit, den Auftrag auszuführen.</p>
-
-<p>Der Ausschuß war theils verwundert, theils erfreut
-hierüber. Man rühmte den mannhaften Sinn,
-der noch immer unter dem Bergstande nicht erstorben
-wäre; doch unterließ man auch nicht, ihn auf die
-Gefahr aufmerksam zu machen, der er entgegenging,
-man erinnerte ihn an seine zahlreiche Familie und
-wie es ihm Niemand verargen werde, wenn er um
-der Seinen willen einem Jüngeren, Familienlosen,
-vielleicht dem Steiger Bergner, das gefahrvolle Unternehmen
-überließe. Aber er blieb bei seiner Erklärung
-und verließ am Ende mit leichterem Herzen
-als er gekommen, die Versammlung.</p>
-
-<p>Der Schichtmeister fand seine Frau bei Klotilden.
-Sie war nicht so heiter gestimmt wie er, denn sie
-hatte den Doctor nicht daheim getroffen. Dieser hatte
-einen Ausflug gemacht, von dem er erst den dritten Tag
-zurückkehren würde. Der Schichtmeister theilte ihr,
-nachdem Klotilde entfernt worden, das auf seiner Seite
-Geschehene mit.</p>
-
-<p>»Gott im Himmel!« rief die Frau entsetzt aus,
-»und darüber kannst Du froh sein Mann? Siehst<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span>
-Du denn nicht ein, daß das nur eine Falle ist, die
-sie Dir legen? Sie wollen Dich los sein und ihren
-Liebling, den Schleicher Ferdinand, an Deine Stelle
-bringen! Es ist eine Verschwörung gegen Dein
-Leben, &ndash; begreifst Du das nicht?«</p>
-
-<p>»Du bist entsetzlich, Bertha! Die Herren haben
-mich wohl auf die Gefahr aufmerksam gemacht und
-wollten mir es gar nicht verargen, wenn ich eben
-dem Ferdinand das Wagstück überließe. Aber das
-duldet einmal meine bergmännische Ehre nicht, und
-dann ist es für mich der einzige Weg, mit Ehren
-aus dieser verzweifelten Lage zu kommen.«</p>
-
-<p>»Nein! nein!« rief sie, ihm um den Hals fallend.
-»Ich lasse Dich nicht, Du darfst Dich nicht
-opfern, darfst Deine Kinder nicht zu Waisen machen!«
-Plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke, &ndash; sie fuhr in
-die Höhe, ihre Augen funkelten, ihre Nasenflügel
-dehnten sich weit. »Ich hab's! ich hab's!« rief
-sie, »weißt Du was? Du versprichst dem Ferdinand
-die Hand der Hedwig, &ndash; und er stiege in
-die Hölle! Du mußt mir und Deinen Kindern
-bleiben, &ndash; der Ferdinand wird vor Wonne tanzen,
-wenn ihm plötzlich die Hand seines Herzblattes geboten
-wird. Kostet ihm das Wagstück das Leben,<span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span>
-nun so stirbt ein lediger Mensch und er stirbt im
-Rausche des Glückes; kommt er davon, nun, so
-muß die Verlobung so lange geheim bleiben, bis
-Brunhild Baronin von Brunn ist!«</p>
-
-<p>»Aber was wird dann aus mir? Wie entrinn'
-ich den Klauen des Wucherers?«</p>
-
-<p>»Folge nur jetzt dem Fingerzeig des Himmels!
-das Uebrige findet sich.« Bei sich dachte sie: ist nur
-erst der Aufpasser vom Wetter erschlagen, so haben
-wir freies Spiel auf dem Vater Abraham; es
-fällt mir nicht ein, den gemeinen Menschen in die
-Familie aufzunehmen. Es ward ihr nicht leicht,
-den Gatten von seinem gefaßten Entschlusse abzubringen;
-aber endlich siegte der Gedanke, seiner
-halbverwaisten und arg zurückgesetzten ältesten Tochter
-sich endlich einmal väterlich gerecht erweisen zu
-können, über seine Bedenken; und er überließ sich
-wieder ganz dem Einflusse seiner Frau.</p>
-
-<p>Ferdinand hatte sich inzwischen mit dem ganzen
-Feuer seines wißbegierigen Geistes über das Werk
-gemacht, das ihm von dem Obereinfahrer geschenkt
-worden war. Es war Müller-Pouillet's großes
-physikalisches Werk, für den armen Steiger ein
-außerordentlicher Schatz. Der Zufall hatte gewollt,<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span>
-daß ihm im ersten Durchblättern des Werkes die
-Beschreibung der von Humphry Davy erfundenen
-Sicherheitslampe in die Augen gefallen war, und
-in der Erinnerung an das letzte Gespräch mit Mickley
-ergriff er sogleich den Gedanken, eine solche Lampe
-nach Anleitung des Buches zu construiren. Er
-eilte in die Stadt und kaufte sich den dazu erforderlichen
-feinen Draht. Mochte nun der Schichtmeister
-selbst den Auftrag der Gewerken übernehmen
-oder ihm die Ausführung überlassen, jedenfalls sollte
-die Sicherheitslampe dabei ihre Dienste leisten.</p>
-
-<p>Es war kurz vor dem Schichtwechsel, wo er,
-schon wieder aus der Stadt zurückgekehrt, mit Hedwig
-und ihrem Großvater auf der Hausbank saß
-und Beiden seine schöne Entdeckung mittheilte, als
-Hedwigs Eltern heimkehrten. Der Schichtmeister
-forderte ihn sogleich auf, mit ins Zimmer zu kommen,
-und fragte ihn hier, ob er Hedwigs Hand
-unter der Bedingung annehme, daß er sich der
-Versuchsfahrt in den alten Schacht unterziehe. Dem
-jungen Manne war, als thäte sich plötzlich der Himmel
-vor ihm auf. »Und wenn zehntausend Kobolde
-darin hausten, ich führe hinein!« rief er trunken
-vor Entzücken, &ndash; »aber ich nehme Sie beim Wort.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span></p>
-
-<p>»Hier meine Hand!« sagte der Schichtmeister.
-»Bertha, gieb ihm die Deine auch zur Bekräftigung,
-daß er unser Schwiegersohn werden soll, wenn&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Lassen Sie mich Hedwig mit dem Großvater
-holen und verloben Sie uns ordentlich,« bat Ferdinand
-und eilte hinaus. Thränen rollten über
-seine Wangen, als er zu den Beiden trat und sie,
-keines Wortes mächtig, auf- und mit in die Stube
-zog. Als Hedwig hier ihr Glück erfuhr, sank sie
-entzückt erst dem Vater, dann der Mutter an die
-Brust, dann in die Arme ihres Trauten. Das Verlöbniß
-ward unter der Bedingung vorläufiger Geheimhaltung
-geschlossen. Als Hedwig hinterher erfuhr,
-um welchen Preis ihr Glück erkauft worden,
-erschrak sie freilich; aber Ferdinand tröstete sie mit
-seiner Sicherheitslampe.</p>
-
-<p>Die Versuchsfahrt wurde auf übermorgen festgesetzt.
-Bis dahin wollte der Schichtmeister alle
-nöthigen Vorbereitungen dazu treffen. Der Hutmann,
-welcher seine Schwiegertochter halb durchschaute,
-sorgte dafür, daß sie ihr Wort später nicht
-zurücknehmen konnte; obgleich das Schreiben bei
-ihm schwer ging, so ließ er sich's doch nicht verdrießen,
-sogleich ein Anerkenntniß des geschlossenen<span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span>
-Verlöbnisses aufzusetzen und es von beiden Eltern
-unterschreiben zu lassen. Er sorgte auch dafür, daß
-die Zurüstungen zur Befahrung des alten Schachtes
-streng nach der Regel getroffen wurden. Haspel,
-Seil, Signalschnur und Glocke, Fahrstuhl, &ndash; Alles
-untersuchte er genau und ließ es wohl befestigen.
-Die zuverlässigsten Häuer wurden zur Dienstleistung
-bei dem Unternehmen ausgewählt.</p>
-
-<p>Dieses selbst fand statt in Gegenwart des Ausschusses
-und einer bergamtlichen Commission, zu
-welcher der Obereinfahrer gehörte. Freudig, in
-seinem besten Grubenkleide, seine Sicherheitslampe
-in der Blende und mit Schlägel und Eisen bewaffnet,
-ging Ferdinand ans Werk. Der Kuß der Liebe
-hatte ihn dazu geweiht, ihm schien es gefeit. Den
-Zeugen war nicht wohl zu Muthe, als Ferdinand
-in den Stuhl stieg und die Haspeldreher an ihre
-Kurbeln griffen. »Es gilt zwölf Schichten für einen
-Jeden von Euch!« rief ihnen der Gelbgießer zu.
-Es hätte dieses Versprechens nicht bedurft, denn die
-beiden Knappen hätten für ihren Steiger das Leben
-gelassen. Der Stuhl wurde über die Mündung
-gehoben und nun schwebte der kühne Schachtergründer
-frei über der grauenvollen Tiefe. Die Zuschauer<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span>
-erbleichten. &ndash; »Los!« rief Ferdinand, und der
-Haspel begann zu arbeiten. »Glückauf!« rief der
-Verschwindende, und das Tageslicht schloß sich über
-ihm. Athemlos stand Alles umher, nur das Schnurren
-des Seiles unterbrach die Stille. »Wißt Ihr
-was?« brach endlich der Gelbgießer das Schweigen
-gegen seine Ausschußgenossen, »ist Alles, wie wir
-hoffen, so wollen wir ein paar Hundert Thaler nicht
-ansehen, es ist bei Gott ein Stück Arbeit, an das
-Keiner von uns um manches Tausend gehen möchte!
-Wir wollen dem braven Manne ein Geschenk von
-300 Thalern aussetzen und dem Schichtmeister die
-schon bewilligten 100 Thaler zur Ausstattung seiner
-ältesten Tochter lassen. Ich verlege die Summe
-und ziehe sie nach und nach von der Ausbeute ab.«
-Es war der rechte Moment, Alle zu einer solchen
-Verwilligung geneigt zu finden; Angesichts der grausen
-Gefahr hatte Keiner den Muth, sie zu verweigern.
-»Abgemacht also!« sagte Mickley, und ihm war, als
-könnte er das Weitere nun leichtern Herzens abwarten.
-Die ganze Verhandlung aber war von dem Schichtmeister
-vernommen worden, und er hätte sich in den
-Schacht stürzen mögen, daß er sich um den reichen Lohn
-gebracht, der ihn aus aller Bedrängniß retten konnte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span></p>
-
-<p>Langsam wand sich das Seil von seiner Walze;
-die Augen der Anwesenden waren bald auf diese,
-bald auf das Glöcklein gerichtet, welches mit der
-Signalschnur verbunden war, die sich von einer
-am Fahrstuhl angebrachten Rolle selbst abwickelte.
-Verabredeterweise sollte auf dreimaliges Läuten der
-Glocke hinter einander das Seil sogleich aufgewunden
-werden. Auf blos zweimaliges Läuten sollte man
-den Haspel nur in Ruhe stellen. Ring nach Ring
-verschwand von dem Haspel, das Glöcklein blieb unbewegt.
-Erst als das Seil bis auf wenige Ringe
-abgelaufen war, bewegte sich plötzlich die Schnur;
-Alles blickte auf die Glocke und lauschte, &ndash; einmal
-&ndash; zweimal; &ndash; »in die Ruhe!« commandirte der
-Schichtmeister mit dem Hutmann zugleich. »Er hat
-gleich die tiefste Strecke genommen,« sagte der Obereinfahrer,
-»und nun schütze ihn Gott vor schlagendem
-Wetter!«</p>
-
-<p>Der Hutmann nahm seine Kappe ab und faltete
-die Hände; die Andern folgten seinem Beispiel, die
-ganze Versammlung war eine stille, betende Gemeinde.
-Aber Niemand von ihr hatte eine Ahnung
-von der einsamen Beterin, die draußen an einer
-Ecke der Halde hinter einem Fichtengebüsch knieete.<span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span>
-Es war Hedwig, die nicht im Huthause hatte bleiben
-können, sondern von dem stürmisch bewegten Herzen
-in die Nähe des Ortes getrieben worden war, wo
-sich für sie Leben oder Tod entschied.</p>
-
-<p>Es war das Leben, das der Ewige Hedwig beschieden
-hatte. Nach Verlauf einer furchtbaren
-Stunde ertönte die Glocke von Neuem, und dies Mal
-in drei Pulsen. Hedwig kannte das Zeichen; hochauf
-jubelte ihr Herz; ein Ausruf des heißesten
-Dankes zum Himmel empor, und auf sprang sie,
-keine falsche Scheu hielt sie zurück, sie mußte dabei
-sein, wenn der Geliebte das Tageslicht wieder begrüßte,
-ihr Glückauf durfte nicht fehlen, wenn die,
-die ihn nicht liebten wie sie, ihm das ihrige entgegenriefen.
-Und da stand sie nun unter der Thür
-der Kaue zur Seite des Gelbgießers, und der sah
-zum ersten Male das holde Geschöpf, das der höchste
-Preis für die That seines jungen Freundes sein
-sollte. Der ehrliche Bürger ahnte gleich, daß diese
-und keine Andere die Erwählte sei, und er nahm
-ihre Hand und flüsterte: »Der Herr hilft, &ndash; ich
-wünsche Glück zum Brautstand!« Lauter schnurrte
-das Seil, rüstiger drehten die Haspler, da halt!
-was war das? ein Angstschrei entrang sich Hedwigs<span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span>
-Herzen, die Glocke klang, &ndash; aber nein; nur ein
-Zufall bewegte die Schnur und vorwärts geht das
-Drehen, &ndash; bald erglänzt der schwarze Schlund in
-einem goldenen Dämmer, &ndash; noch ein paar Windungen,
-da taucht der Schachthut, der Kopf empor.
-»Glückauf!« ruft hell und stark der glückliche Teufenfahrer;
-&ndash; »Glückauf! Glückauf!« rufen alle Männer,
-daß die alte Kaue erzittert und der Wald erdröhnt,
-&ndash; aber wo bleibt denn Dein Glückauf,
-Du süße, liebeglühende Maid? Ach! Deine Seligkeit
-ist viel zu groß, als daß sie laut werden dürfte
-vor den Menschen, und ohne zu wissen, wie es
-geschieht, sinkst Du an die Brust dessen, den Gott
-Dir neu und nun wohl auf immer geschenkt. Vergessen
-ist das Versprechen des Geheimnisses, rein
-vergessen; der Augenblick ist zu groß für kleinliche
-Rücksichten, und wenn Könige und Kaiser zugegen
-wären und der Großmogul Euer künftiger Schwager,
-Ihr müßt Euch umarmen und vor Gott und der
-Welt bekennen, daß Euch eine Liebe eint, die stärker
-ist als der Tod. &ndash; Erst dann mögen die Herren
-der Commission und des Ausschusses den Bericht
-vernehmen. Der Bericht war kurz, aber wenn auch
-etwas grauenhaft, doch in bergmännischer Hinsicht<span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span>
-befriedigend. Ferdinand hatte die Leichen der einst
-in der Grube Erschlagenen gefunden, aber auch den
-alten Gang; und eine Stufe, die er abgeschlagen,
-erwies sich als reichhaltiges Silbererz, das den
-neuen Angriff des alten Baues wohl verlohnte.</p>
-
-<p>»Das ist Alles gut,« sagte der Obereinfahrer,
-der Ferdinands Geheimniß von der Sicherheitslampe
-kannte; »aber wir sind noch nicht versichert wegen
-der schlagenden Wetter.«</p>
-
-<p>»Doch,« erklärte Ferdinand; »auch das hab' ich
-nicht ungeprüft gelassen. Ich hatte mich mit Wachszündern
-versehen, die ich bei der Einfahrt von Zeit
-zu Zeit anzündete und fallen ließ; an ihrem schönen
-Fortbrennen überzeugte ich mich, daß der Schacht
-weder schlagende noch erstickende Wetter hatte, und
-unten in der söhligen Strecke zog ich einen langen
-Schwefelfaden viele Lachter weit hinter, den zündete
-ich vorn an und ließ das Feuer hinter laufen; nicht
-ein Lüftchen rührte sich. Wahrscheinlich sind in der
-langen Zeit, daß Niemand unten gewesen, die freien
-Spalten, durch welche die Wetter früher eindrangen,
-verwachsen; denn auch die Erdrinde, die man für
-starr und todt hält, ist ja fortwährenden Veränderungen
-unterworfen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span></p>
-
-<p>»Bravo!« sagte der Obereinfahrer; »so gratulire
-ich den Herren Gewerken vom Vater Abraham
-und empfehle diesen wackern, einsichtsvollen
-Steiger ihrer Gunst. Ich hoffe, wir werden uns
-von nun an öfter sehen, mein lieber Freund und
-&ndash; Schwager! Denn daß Sie das werden wollen,
-hab' ich so eben gesehen!« Damit reichte er dem
-glücklichen Ferdinand die Hand.</p>
-
-<p>»Da siehst Du, was Deine Stiefmutter für eine
-Gans ist,« murmelte der Hutmann Hedwig zu, »der
-Herr Obereinfahrer freut sich, einen solchen Schwager
-zu haben.«</p>
-
-<p>Das Mädchen drückte ihm in namenloser Seligkeit
-die Hand. Die Versammlung bewegte sich nun
-langsam dem Huthause zu.</p>
-
-<p>Hier war inzwischen der Doctor Meier angekommen
-und befand sich mit der Hausfrau allein
-in eifrigem Gespräch, als eines der jüngeren
-Mädchen hereinsprang und rief: »Mutter! Mutter!
-sie kommen!« Die Frau eilte ans Fenster. Ein
-Blick hinaus machte sie erbleichen. »Er lebt, &ndash;
-er ist dabei!« rief sie, »und an seiner Seite die
-Dirne &ndash; und der Baron, &ndash; ich kriege den
-Tod!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span></p>
-
-<p>»Nur ruhig, meine Beste!« sagte der Doctor,
-»wenn Ihre Mine nicht wirkt, so wirkt die meinige.
-Verlassen Sie sich auf mich und treten Sie
-der Gesellschaft heiter entgegen!«</p>
-
-<p>Gleich darauf trat die Gesellschaft ein.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span></p>
-
-<h3>VIII.</h3>
-</div>
-
-<p>Der Doctor hielt sich nur noch wenige Augenblicke
-im Huthause auf. Er eilte nach Pobersdorf
-zu seinem Vetter, dem er sich früher eben so sehr
-entfremdet hatte wie seinem Schulkameraden Ferdinand,
-dem er aber wieder näher getreten war, als
-er glaubte, ihn brauchen zu können.</p>
-
-<p>»Ich glaube, Du hast es jetzt in der Hand,
-Steiger auf dem Vater Abraham zu werden,« so
-eröffnete er jetzt seine Verhandlung mit ihm.</p>
-
-<p>»Wie so?« fragte der Bergmann stutzig.</p>
-
-<p>»Ich habe in der Stadt von Erzpartirerei gehört,
-die auf dem Vater Abraham getrieben werden
-soll. Du weißt, der Obereinfahrer ist mein Freund;
-der hat schon lange auf den Grund des Gerüchtes
-gespürt, aber umsonst. Durch einen Zufall glaub'
-ich dem Erzdiebe auf die Spur gekommen zu sein;<span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span>
-aber da ich nicht gut selbst die Spur verfolgen
-konnte, so schwieg ich gegen meinen Freund davon.
-Täuscht mich die Spur nicht, so ist kein Anderer
-der Dieb als der &ndash; wie heißt er doch! &ndash; nun, der
-Dir die Steigerstelle vor der Nase weggeschnappt hat.«</p>
-
-<p>»Ach, Du meinst den Bergner Ferd&ndash;,« sagte
-der Vetter, »bist ja mit ihm in die Schule gegangen,
-&ndash; der sollte Erz gestohlen haben? &ndash; Ja,
-&ndash; meiner Treu! jetzt geht mir ein Licht auf: Der
-»Boß!« hat 100 Thlr. in der Sparkasse und einen
-ganzen Schrank voll Bücher, so viel Geld hat ein
-Häuer nicht übrig, und wenn andere Bergleut' ihre
-freie Zeit zu Nebenverdienst verwendet haben, ist er
-daheim gesessen und hat gezeichnet, geschrieben, gerechnet
-und in Büchern gelesen; da hat er gut gescheidter
-werden können als Andere, aber er hat
-auch weniger verdient dabei und doch 100 Thaler
-gespart, &ndash; das geht nicht mit rechten Dingen zu.«</p>
-
-<p>»Nun, ich denke, ich habe seine Geldquelle entdeckt,«
-sagte der Doctor, »aber ich müßte aus dem
-Spiele bleiben.«</p>
-
-<p>»Wenn ich Etwas finde, brauch' ich's nur
-meinem Schwager, dem Bergamtsboten zu stecken,
-der wird's schon vor die rechte Schmiede bringen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span></p>
-
-<p>»Ganz recht so! mach' Deine Sache, ich werde
-bei meinem Obereinfahrer das Meinige für Dich
-thun.« Hiermit schied er.</p>
-
-<p>Die Gesellschaft hatte sich vom Huthause verloren.
-Ferdinand war angefahren, und Hedwig
-waltete in der Küche. Da trat ihre Schwester
-Brunhild zu ihr. »Du hast recht viel Drasch um
-meinetwillen,« sagte sie in ihrer gewohnten, nur
-etwas schüchternen Freundlichkeit.</p>
-
-<p>»Arbeiten ist mir ja eine Lust,« erwiederte
-Hedwig. »Ich wollte, ich könnte wirklich etwas für
-Dich thun; Du warst immer so gut mit mir, wenn
-Du's auch vor Deiner Mutter nicht so merken lassen
-durftest; ich hätte gern an Deiner Garderobe mitgeholfen,
-aber da läßt mich die Mutter nicht an,
-weil sie meint, ich hätte keinen Geschmack.«</p>
-
-<p>»Ach, die Mutter quält sich und Andere mit
-ihrem Geschmacksfanatismus,« sagte Brunhild; »ich
-will froh sein, wenn ich erst bei meinem Alexis bin,
-dann hat doch diese peinliche Mutterfürsorge ein
-Ende. Sag', hast Du den Vater beobachtet?«</p>
-
-<p>»In den Augenblicken, wo ich mit ihm zusammenkomme,
-wohl,« sagte Hedwig, »Du bist mehr um ihn,
-kommt er Dir denn auch so verstört vor wie mir?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span></p>
-
-<p>»Das wollt' ich von Dir wissen, &ndash; o Gott!
-mir liegt eine fürchterliche Last auf dem Herzen.
-Ich habe schon gebetet; es wird nicht anders. Seit
-die Gesellschaft fort ist, kommt mir der Vater ganz
-verzweifelt vor; er hat sich mit der Mutter gezankt
-und jetzt auf seine Schreibstube eingeschlossen. Mit
-der Mutter läßt sich auch seit gestern kein vernünftiges
-Wort mehr reden; sie ist so leidenschaftlich,
-und manchmal erschreckt sie mich fast durch ihren
-Blick. Ich habe sie noch nie so gesehen! Höre Du
-mich, Hedwig, Du bist gut und klug, glaube mir,
-ich nehme den herzlichsten Antheil an Deinem Glücke,
-wenn ich mir es auch vor der Mutter nicht so
-merken lasse.«</p>
-
-<p>Hedwig zog sie an sich und küßte sie.</p>
-
-<p>»Was ich Dir sagen wollte,« fuhr Brunhild
-fort, »mir ahnt ein Unheil, &ndash; und ich bin eigentlich
-die Hauptursache davon. Meinetwegen haben sich
-die Eltern in Schulden gestürzt. Freilich hab' ich
-gegen den übertriebenen Aufwand geredet, aber die
-Mutter ließ sich nicht weisen, es wurde gekauft und
-geborgt auf die Erbschaft los, und darauf hin hat
-sich der Vater auch verleiten lassen, dem Goldschmied
-einen Wechsel von vierhundert Thalern auszustellen,<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span>
-der in diesen Tagen fällig ist. So viel ich wegbekommen
-habe, ist der Erbschaftsproceß verloren,
-und nun soll der Vater den Wechsel decken und
-kann es nicht.«</p>
-
-<p>»Und was droht ihm da?« fragte Hedwig bebend.</p>
-
-<p>»Gefängniß, der Gläubiger kann ihn so lange
-setzen lassen, bis er zahlt.«</p>
-
-<p>»Barmherziger Gott!« rief Hedwig, »aber so
-weit wird's doch der Goldschmied nicht treiben?«</p>
-
-<p>»Du kennst den Mann nicht,« sagte Brunhild,
-»das ist ein Shylock; o, der Vater ist in fürchterliche
-Hände gerathen und um meinetwillen!«</p>
-
-<p>Beide Mädchen mußten weinen. Nach einiger
-Zeit sagte Hedwig: »Aber unser Klagen nützt nichts,
-wir müssen auf Mittel denken, dem Vater zu helfen.«</p>
-
-<p>»Ich habe mir schon den Kopf zerbrochen,« sagte
-Brunhild, »aber ich sehe keinen Ausweg. Ich war
-heimlich in der Stadt und wollte dem Goldschmied
-meinen ganzen Schmuck geben; er nahm ihn nicht,
-in fünf Tagen wolle er den Wechsel baar gedeckt
-sehen, sagte er.«</p>
-
-<p>»Halt! ich hab's!« rief Hedwig, »der Gewerkenausschuß
-hat meinem Ferdinand 300 Thaler Belohnung
-für die Befahrung des alten Schachtes zugesichert,<span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span>
-100 Thaler hat er in der Sparcasse, das
-sind 400 Thaler, die muß er dem Vater leihen!«</p>
-
-<p>»Wird er das wohl thun?«</p>
-
-<p>»So gewiß, als es Dein Baron thun würde,
-wenn Du ihn darum bätest. Aber bei Euch vornehmen
-Leuten liegt ewig noch eine Scheidewand
-zwischen den Seelen, wenn Ihr Euch auch noch so
-sehr liebt!«</p>
-
-<p>»Ich hätte wahrlich nicht den Muth, an meinen
-Alexis solch eine Bitte zu richten.«</p>
-
-<p>»Das kommt von der Unnatur her, in die Du
-hineingezwängt worden bist; es ist ein Wunder, daß
-Du noch so gut und lieb geblieben. Ich hoffe,
-wenn Du erst ganz bei Deinem Alexis sein wirst,
-wird die gesunde Natur bei Dir wieder zu ihrem
-vollen Rechte kommen. Gräme Dich also nicht mehr
-um den Vater, fünf Tage noch hat es Zeit mit
-dem Wechsel, da ist er gedeckt.«</p>
-
-<p>Brunhild umschlang die edle Schwester und ergoß
-zum ersten Mal ihr ganzes volles Herz vor
-einer verwandten Frauenseele. Gleich darauf erschien
-der Baron und brachte die Nachricht, eine
-Tante von ihm sei angekommen, wolle aber noch
-heute nach Schloß Scharfenstein, wohin sie geladen<span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span>
-worden. Und da er selbst seine Braut dort noch
-vorzustellen habe, so wolle er mit ihr die Tante
-begleiten. Die Schichtmeisterin fand es von selbst
-verständlich, daß Brunhild von der Partie war, und
-diese glaubte jetzt ohne Angst um den Vater, sich
-auf ein paar Tage entfernen zu dürfen.</p>
-
-<p>Als Ferdinand ausfuhr, gab Hedwig ihm eine
-Strecke weit das Geleit und theilte ihm die Bedrängniß
-ihres Vaters mit. Er war mit Freude
-zur Hülfe bereit. »Morgen wird mir wahrscheinlich
-das Geld für die Fahrt ausgezahlt,« sagte er,
-»wenn nicht, so gehe ich übermorgen früh in die
-Stadt und dem Mickley nicht vom Halse, bis ich
-das Geld habe. Dann ist die Sache abgemacht.
-Aber sag' Deinem Vater nichts davon, Du weißt,
-ich liebe es nicht, über solche Dinge viel Geräusch
-zu machen. Uebermorgen bringe ich Dir den quittirten
-Wechsel.«</p>
-
-<p>Dabei blieb es. Als Hedwig bei ihrer Rückkehr
-dem Vater unter der Hausthür begegnete,
-flüsterte sie ihm zu: »Hoffe und vertraue, es ist
-Hülfe nah!«</p>
-
-<p>Er sah ihr forschend in das mondbeglänzte Gesicht.
-Ihr Auge schwamm in Thränen, aber ihren<span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span>
-Mund umspielte ein seliges Lächeln. Er streichelte
-ihr die Stirn und sagte: »Du sprichst wie ein
-Engel, &ndash; ach&nbsp;&ndash;« aber das Dazwischentreten
-seiner Frau schloß ihm den Mund.</p>
-
-<p>»Wo steckst Du denn so lange?« herrschte sie
-Hedwig zu, »geh' doch an Deine Arbeit!« Dann
-wollte sie mit dem Gatten ein Gespräch anknüpfen,
-aber der machte sich unwillig los. &ndash; »Du bist
-mein Dämon!« sagte er und ging in seine Schreibstube,
-wo er sich wieder einschloß.</p>
-
-<p>Hier lagen die Terzerole frei auf dem Tische.
-»Heute noch nicht!« sprach er und verbarg sie nochmals,
-»die Engelsstimme hat noch einmal Hoffnung
-in mein Herz gesenkt. Hoffe und vertraue, es ist
-Hülfe nahe! so sprach das verkannte, verstoßene
-Kind, &ndash; o wie hab' ich das an ihm verdient? &ndash;
-Weiß sie meine Lage und hat sie den Ferdinand
-zur Hülfe aufgefordert? Der könnte helfen; aber
-ich selbst hätte nicht den Muth, den edlen Menschen
-anzusprechen, den wir erst zu verderben getrachtet.
-O Gott! wie gerecht bist Du! Den wir verderben
-wollten, der ist mit Ehre gekrönt, und er trägt den
-Lohn davon, der unser hätte werden können. Jetzt
-wären wir gerettet, &ndash; o Weib! Weib!« &ndash; Er<span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span>
-versank eine Zeit lang in trübes Brüten; nach und
-nach wurden seine Züge weicher und Thränen entquollen
-seinen Augen. &ndash; »O Gott! o Gott! wie
-tief bin ich gefallen!« rief er aus und sank auf
-seine Kniee zum brünstigen Gebete.</p>
-
-<p>Der folgende Tag verging ziemlich still im Huthause,
-nur daß zwischen den beiden Gatten wieder
-ein verdrießlicher Auftritt stattfand, nach welchem der
-Schichtmeister sich in sein Zimmer schloß, und seine
-Frau von Stunde zu Stunde widerwärtiger gegen
-ihre Umgebung wurde. Niemand hatte darunter
-mehr zu leiden als Hedwig, doch trug sie Alles mit
-stiller Geduld; sie fühlte, daß ihre Tyrannin der
-elendere und beklagenswerthere Theil war.</p>
-
-<p>Da Ferdinand an diesem Tage das ihm zugesicherte
-Geschenk nicht erhielt, so machte er sich den
-folgenden Morgen auf den Weg nach der Stadt,
-um es zu fordern. Es bedurfte nur eines Wortes
-bei dem biedern Gelbgießer, um diesen zur Zahlung
-zu vermögen. Dreihundert baare Thaler wurden
-dem armen Bergmann zugezählt, &ndash; eine Summe,
-die er nie beisammen gesehen, geschweige denn sein
-genannt hatte! Was würde der Sparcassenmann
-für Augen machen, wenn er eine solche Einlage<span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span>
-brächte. Aber was machte er für welche, als der
-sparsame Knappe sein ganzes Guthaben verlangte
-und auch nicht eher vom Platze wich, bis er es
-hatte! Froh wie Gott ging Ferdinand dann zu
-dem Goldschmied und erklärte, von dem Schichtmeister
-abgeschickt zu sein, den Wechsel einzulösen.</p>
-
-<p>Der Goldschmied riß erstaunt die Augen auf,
-wollte Bedenklichkeiten erheben, aber Ferdinand hatte
-in seinem Wesen so etwas Gebietendes, daß der
-Wucherer sich gezwungen fühlte, den Wechsel herbeizuschaffen,
-zu quittiren und Ferdinand einzuhändigen.
-Kaum war dies geschehen, als die Ladenthür
-aufging und außer dem Bergschreiber und dem
-Bergamtsdiener einen Gerichtsactuar und den Gerichtsfrohn
-einließ. »Da finden wir die Compagnons
-gleich beisammen,« sagte der Bergschreiber.
-»Im Namen des Gesetzes erkläre ich diese beiden
-Herren für Gefangene!« sagte der Actuar; »ich
-hoffe, Sie werden sich Ihr Loos nicht durch Widersetzlichkeit
-erschweren!«</p>
-
-<p>Der Goldschmied bebte wie ein Espenblatt, indeß
-Ferdinand sich blos verwunderte. »Da muß
-ein Irrthum walten,« sagte er, »und der wird sich
-bald aufklären; ich gebe mich ruhig gefangen.«<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span>
-Der Goldschmied erhob allerlei Einwände; seine Frau
-kam herbeigeheult und wollte ihn nicht fortbringen
-lassen. Es half aber Alles nichts, die Verhaftung
-wurde vollzogen.</p>
-
-<p>Der Vetter des Doctors war rasch zu Werke
-gegangen, aber er würde seinen Zweck nicht so bald
-erreicht haben, hätte nicht die von den Geschwistern
-des Lehrburschen vom Gelbgießer Mickley verschleppte
-Silberstufe ihren Weg schon vorher in die Hände
-des Bergamtsboten gefunden gehabt. Dieser hatte
-nachgeforscht, woher die Stufe gekommen; und als
-nun sein Schwager ihm mittheilte, welche Entdeckung
-er in der alten Jacobszeche gemacht, da
-hatte es gar keiner Weitläufigkeiten bedurft; jener
-war in die Bergkanzlei gegangen und hatte dem
-Bergschreiber Anzeige erstattet. Es war sofort eine
-bergamtliche Untersuchung der Jacobszeche vorgenommen
-und dort das vom Doctor dahin getragene
-Erz gefunden worden.</p>
-
-<p>Mit großer Verwunderung sah der Gelbgießer
-Mickley seinen Schützling in Gesellschaft der Bergamts-
-und Gerichtspersonen sammt dem Goldschmied
-über den Markt nach dem Rathhause gehen. Bald
-erfuhr er die Bedeutung dieses Aufzuges. Sogleich<span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span>
-zog er sich an und eilte aufs Rathhaus, um dem
-Gericht seine Bürgschaft für Ferdinand anzutragen.
-Der Richter erlaubte ihm nur, den Gefangenen in
-Beisein eines Actuars zu besuchen. Ferdinand empfing
-den edlen Freund mit einer Miene, welche
-das unerschütterliche Vertrauen, das dieser in ihn
-setzte, bestätigte. Er erzählte den Hergang der Verhaftung.
-Der Gelbgießer fragte, ob er etwas für
-ihn thun könne. Ferdinand bat ihn, seiner Mutter
-in beruhigender Weise wissen zu lassen, wo er sich
-befinde, und seiner Braut mitzutheilen, daß der
-Wechsel eingelöst, ihm aber vom Gericht abgenommen
-wäre.</p>
-
-<p>»Hat Er denn eine Wechselschuld bei dem
-Wucherer?« fragte Mickley.</p>
-
-<p>»Ich nicht,« sagte Ferdinand, »aber eine mir
-theure Person.«</p>
-
-<p>»Sollte die Verhaftung mit dem Wechsel in
-einem Zusammenhange stehen?« fragte Jener
-wieder.</p>
-
-<p>»Ich glaube nicht,« sagte Ferdinand.</p>
-
-<p>»Nun, ich werde Beides bestellen,« versicherte
-Mickley, »und für eine Erquickung will ich auch
-sorgen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span></p>
-
-<p>»Das Liebste wäre mir ein Buch; meine Mutter
-soll mir das neue, vom Herrn Obereinfahrer geschenkte
-schicken.«</p>
-
-<p>»So behalt' Er frohen Muth; der liebe Gott
-wird Ihm schon beistehen.« Damit schloß Mickley
-seinen Besuch.</p>
-
-<p>Hedwig war einen Augenblick durch die ihr vom
-Gelbgießer selbst gebrachte Schreckensbotschaft von
-der Einkerkerung ihres Geliebten wie niedergedonnert.
-Aber sie raffte sich bald wieder zusammen,
-war er doch unschuldig! Sie erklärte, den Gelbgießer
-in die Stadt begleiten zu wollen. Ihr Vater
-war im Schacht, und den Widerspruch der Mutter,
-die nicht wußte, was es gab, achtete sie nicht, es
-war ihr erster Ungehorsam. Unterwegs theilte ihr
-Mickley mit, wie die ganze Sache stand, und daß
-durch die Entdeckung einer beträchtlichen Partie reichhaltigen
-Erzes in der hinter Ferdinands Haus befindlichen
-Jacobszeche dieser allerdings ziemlich belastet
-erscheine.</p>
-
-<p>»Das Erz hat irgend ein schlechter Mensch hingeschafft!«
-rief Hedwig aus, »und der das gethan,
-muß einen besondern Zahn auf Ferdinand haben;
-ich weiß aber keinen Feind von ihm zu nennen als<span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span>
-den Bergmann Meier, der sich auf den Steigerdienst
-gespitzt hatte, und seinen Vetter, den Doctor
-Meier.« Und sie erzählte, in welcher Weise einst
-der Doctor mit Ferdinand zusammengetroffen war.</p>
-
-<p>»Gut! gut!« sagte Mickley, »jetzt entsinn' ich
-mich, daß ich den alten Steiger Meier in seiner
-letzten Zeit ein paar Mal bei dem Goldschmied habe
-aus- und eingehen sehen, und nach dem letzten Mal
-stürzte er plötzlich in den Schacht. Ich hatte schon
-damals meine Gedanken darüber, aber ich wollte
-dem alten Mann nicht Unrecht thun. Wir gehen
-jetzt stracks aufs Stadtgericht; da will ich gleich
-den Antrag stellen, daß alle Papiere des Goldschmieds
-durchsucht werden!«</p>
-
-<p>So geschah es; auch wirkte der wackere Bürger
-für Hedwig die Erlaubniß aus, den Gefangenen zu
-sprechen.</p>
-
-<p>Mittlerweile war auf dem Huthause der Doctor
-Meier erschienen und hatte der Schichtmeisterin
-triumphirend zugerufen: »Die Falle ist zu, der Fuchs
-gefangen!« Diesen Zuruf hörte der in der Küche
-seine Pfeife anzündende Hutmann. Dieser war bei
-Mickley's Anwesenheit und Fortgehen mit Hedwig
-im Walde gewesen, wußte daher noch nichts von<span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span>
-Ferdinands Verhaftung. Doch fiel ihm die Aeußerung
-des Doctors auf, und er brachte sie gleich in
-Zusammenhang mit Hedwigs ganz außerordentlichem
-Gang in die Stadt. Seine Aufmerksamkeit wurde
-noch mehr erregt durch den Jubel, mit dem die
-Schichtmeisterin den Ruf des Doctors aufnahm.
-»Also der Fuchs ist unschädlich gemacht?« rief sie,
-&ndash; »o Sie sind der Schutzgeist meines Hauses!«
-&ndash; »Gott behüt' uns vor solchem Schutzgeist!«
-sprach der Greis bei sich; »da ist ein Bubenstück
-gegen meinen Steiger ausgeführt worden!« Er
-konnte nicht hören, was die Beiden weiter verhandelten.
-Der Doctor entfernte sich bald, und der
-Greis beschloß, auf seine Schwiegertochter Acht zu
-haben.</p>
-
-<p>Es war nach Tisch. Der argwöhnische Alte
-raubte sich heute sein gewohntes Mittagsschläfchen,
-um auf Alles zu merken, was im Hause vorging.
-Doch hielt er sich still in seinem Stübchen. Gerade
-unter diesem befand sich die Scheidebank und die
-damit verbundene Erzkammer. Die Scheidearbeit
-ruhte heute; daher war die Scheidebank verschlossen.
-Der Schichtmeister brauchte die Scheidearbeiter zur
-Ausbesserung des Pumpwerks im Schacht. Dennoch<span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span>
-vernahm der Hutmann auf einmal ein Geräusch
-in der Scheidebank oder Erzkammer. Er schlich sich
-hinaus und verbarg sich auf der Treppe. Bald
-darauf ging die in die Hausflur führende Thür der
-Erzkammer auf, und die Schichtmeisterin trat mit
-einem verdeckten Handkorbe heraus, der ihr sichtlich
-sehr schwer wurde. Sie betrat damit die dunkle
-Treppe und wurde ihren Schwiegervater erst gewahr,
-als sie dicht vor ihm stand.</p>
-
-<p>»Ei, Frau Tochter! was für schwere Spitzen,
-Hauben oder Tücher tragen Sie denn da?« redete
-er sie an, und ehe sie es hindern konnte, hatte er
-den Deckel aufgehoben, und die schönsten Erzstufen
-blinkten ihm entgegen. »Ich hätte nicht gedacht,
-daß meine Sohnsfrau sich so gut auf Erz verstände;
-wahrlich! die besten Stufen hat sie sich
-herausgeklaubt, &ndash; kommen Sie doch gefälligst mit
-herauf, Madame, wir wollen uns oben die Dingelchen
-bei Licht besehen. Nur keine Umstände, sonst
-ruf' ich die Leute vom Göpel herüber und sage
-ihnen, bei wem sie sich bedanken mögen, daß sie zu
-keiner Lohnverbesserung kommen können.«</p>
-
-<p>Vernichtet folgte die Frau dem strengen Greise
-auf sein Zimmer. Er schloß hinter ihr ab. »Jetzt,<span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span>
-Du Weib des Unheils, bekenne: was wolltest Du
-mit dem Erz thun?« Die Frau schwieg lange;
-aber endlich beichtete sie unter strömenden Thränen.
-Es kam ein seltsames Gemisch von wirklicher Mutterzärtlichkeit,
-Eigenliebe und Hoffart, wie es nur in
-der seichten Lache der Halbbildung möglich ist, zum
-Vorschein. Und als sie ein umfassendes Bekenntniß
-abgelegt hatte, und das ganze Gerüst ihres Hochmuths
-zusammengebrochen war und sie mit ihm,
-da sprach der Greis: »Unglückselige Frau! Du hast
-fürchterlich gefrevelt. Du hast uns Alle an einen
-Abgrund gebracht, von dem ich keine Rettung sehe,
-wenn Gott nicht ein Wunder thut!«</p>
-
-<p>»Mutter! Mutter!« rief jetzt eine Kinderstimme
-von unten. Der Greis öffnete die Thür und fragte
-hinaus, was die Mutter solle. »Es ist ein Mann
-da,« lautete die Antwort. Der Hutmann ging
-hinab; es war der Gerichtsbote, der den Schichtmeister
-auf das Stadtgericht beschied.</p>
-
-<p>»Was soll er dort?« fragte der Greis voll
-banger Ahnung.</p>
-
-<p>»Er soll als Zeuge aussagen, ob er dem Steiger
-Bergner aufgetragen, für ihn einen Wechsel zu bezahlen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span></p>
-
-<p>»Wie? weiter nichts? der Wechsel ist bezahlt?«</p>
-
-<p>»Wie die Quittung besagt, die man beim Steiger
-gefunden.«</p>
-
-<p>»Gut! ich will meinen Sohn gleich aus dem
-Schacht rufen lassen.«</p>
-
-<p>»Ja, thut das! denn die Freilassung des Steigers
-hängt von dem Zeugniß ab. Der Herr Obereinfahrer
-hat sich für ihn verwandt, und der Herr
-Stadtrichter will ihn entlassen, wenn es mit dem
-Wechsel seine Richtigkeit hat.«</p>
-
-<p>Der Greis ahnte den ganzen Zusammenhang;
-er eilte an den Göpel und schickte einen Bergmann
-in den Schacht nach seinem Sohn. »Sagt ihm, es
-gäbe eine gute Nachricht!« rief er dem Bergmann nach.
-Dann ließ er den Gerichtsboten in das Wohnzimmer
-treten und ging zu seiner Schwiegertochter zurück.</p>
-
-<p>»Jetzt, Frau, trag das Erz wieder an seinen
-Ort und danke dem barmherzigen Gott, daß er
-Dein Verbrechen verhütet. Er wollte nicht den
-Untergang der Deinen, darum hat er auch schon
-die Rettung aus aller Noth geschickt. Wie dies
-geschehen, wirst Du später hören!«</p>
-
-<p>Die Frau fiel auf ihre Kniee und umklammerte
-schluchzend die des Greises.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span></p>
-
-<p>Der Schichtmeister war bald oben und ging,
-nachdem er vernommen, was vorgefallen war, mit
-tief erschütterter Seele im Geleite des Gerichtsboten
-nach der Stadt.</p>
-
-<p>Zwei Stunden später füllte sich das Huthaus
-mit frohen Menschen. Im Triumph brachte Hedwig
-ihren Ferdinand, gefolgt von dem Schichtmeister,
-Ferdinands Mutter, dem Gelbgießer, dem Baron
-von Brunn und Brunhild. Die Letztern waren,
-von Scharfenstein zurückkehrend, in dem Augenblick
-über den Markt gefahren, wo Hedwig von Ferdinand
-gekommen war, und diese hatte sogleich die
-Schwester angerufen und ihr das Geschehene mitgetheilt.
-Da hatte Brunhild, die inzwischen alle
-Schüchternheit gegen ihren Bräutigam verloren,
-diesen sofort in das Geheimniß gezogen. Der edle
-Mann hatte sogleich seine Vermittelung angeboten
-und war ohne Säumen zur That geschritten. Auf
-seine Fürsprache wurde Ferdinand, nachdem der
-Schichtmeister sich zu dem Wechsel bekannt hatte,
-gegen Handgelöbniß entlassen.</p>
-
-<p>Da mußte nun die Schichtmeisterin in dem
-Manne, den sie erst dem Tode und dann der Entehrung
-preiszugeben versucht, den Wohlthäter ihres<span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span>
-Hauses erkennen. Eine tiefere und heilsamere Beschämung
-konnte ihr nicht widerfahren.</p>
-
-<p>War Ferdinand nun schon noch immer der Untersuchung
-unterworfen, so dienten doch die Enthüllungen,
-welche die Schichtmeisterin ihrem Schwiegervater
-gemacht hatte, und die dieser dem Obereinfahrer
-mittheilte, dazu, die Wahrheit völlig ans Licht zu
-bringen. Mit Schmerz erkannte der Baron die
-Unwürdigkeit seines Freundes; er schüttelte den
-Schmarotzer ab und ließ ihm die Wahl, sich entweder
-über dem Meere eine neue Heimath zu suchen
-oder ins Gefängniß zu wandern. Der Elende wählte
-das Erstere. Als Brunn ihn am Bord eines
-Schiffes wußte, wirkte er auf Niederschlagung des
-Processes hin, die er auch erlangte, als der Goldschmied
-eines Morgens im Gefängniß erhängt gefunden
-wurde.</p>
-
-<p>Der Obereinfahrer Freiherr von Brunn und
-Steiger Bergner hatten an einem Tage Hochzeit,
-und es zeigte sich, daß nur in der hoffärtigen Einbildung
-der Schichtmeisterin die Furcht begründet
-war, die Familie des Freiherrn werde an der Verschwägerung
-mit einem redlichen Bergmanne niedern
-Grades Anstoß nehmen. Gleich nach der Hochzeit<span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span>
-begann der neue Betrieb des alten Schachtes;
-Frenzel wurde Schichtmeister und Ferdinand Obersteiger
-der vereinigten Vater Abraham Fundgruben.
-Ein stattliches Huthaus krönt jetzt mit einem Dampfgöpel
-und anderen Betriebsgebäuden die alte Halde,
-und an schönen Sommertagen kann der Wanderer
-auf der Hausbank eine allerliebste junge Frau sich
-abwechselnd der reizenden Aussicht auf das wiesenthaler
-Gebirge und der drei kleinen Engel erfreuen
-sehen, die zu ihren Füßen spielen. An Sonntagen
-vervollständigt das anmuthige Bild der Vater Obersteiger
-und nicht selten der Groß- und Urgroßvater
-vom untern Huthause. Auch hier ist nach jener
-Lection ein einfältigerer Sinn, Friede und Segen
-eingekehrt.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-chapter.png" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_Gimpelkoenig">III.<br />
-Der Gimpelkönig.</h2>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span></p>
-
-<h3>1.</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Da wo das Erzgebirge an das Voigtland grenzt,
-ist ein Landstrich, in welchem fast jeder dritte Ort
-sich auf »grün« endigt. Die Leute dort sagen, das
-rühre von den vielen Vogelherden her, die es da
-giebt. Denn »'s Grün« heißt der Platz, worauf
-der Vogelherd angelegt ist. Die vielen Vogelherde
-aber deuten auf die Hauptpassion der Bewohner;
-die Gegend ist weithin bekannt als Vogelstellerdistrikt.
-Der hat auch einen Vorort &ndash; Wellersgrün nennen
-wir ihn, obgleich er auf der Landkarte anders lautet;
-doch »grünt« er sich wenigstens.</p>
-
-<p>Da hauste bei Menschengedenken ein Mann,
-der hatte sich vom Bürstenbinder, Krämer und
-Achtelhufengutsbesitzer zum Potentaten der Gimpel
-emporgeschwungen. Die Einleitung läßt schon ahnen,
-daß hier nicht von jener adamitischen Gimpelspecies<span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span>
-die Rede ist, welcher das goldene Gefieder von den
-Händen leichtfertiger Evastöchter gerupft zu werden
-pflegt, sondern von dem niedlichen Sängervolke,
-dessen Heimath der grüne Tannenwald ist, und das
-den Wellersgrünern von jeher ihre gesuchtesten Virtuosen
-in der Tonkunst lieferte. Gottfried Unger &ndash;
-so hieß unser Mann &ndash; hatte keine Ahnung von
-jener uneigentlichen Gimpelspecies; ihm war Gimpel
-gleichbedeutend mit Genie, und darum war er stolz
-auf den Königstitel, welchen ihm seine Heimathgenossen
-ertheilt hatten, weil er im Fangen und
-Abrichten der kleinen Waldsänger eine Meisterschaft
-besaß, die man einer wunderbaren Herrschaft über
-diese Thiere zuschrieb. So berühmt vor allen seinen
-vogelstellenden Landsleuten war König Gottfried,
-daß seine Zöglinge nicht allein in ferne Gegenden
-verschrieben wurden, sondern daß auch nicht selten
-Bewohner der benachbarten Städte nach Wellersgrün
-lediglich in der Absicht wallfahrteten, den
-»Gimpelkönig« und seinen Hof zu sehen.</p>
-
-<p>Gewisse Leute wollten zwar behaupten, diese
-Besucher zöge noch etwas ganz Anderes nach dem
-schmucken gelben Hause am hüpfenden Wasserfall
-des »Grünbächels«, als König Ungers Hofkapelle &ndash;<span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span>
-nämlich die Prinzessin des kleinen Reiches, das über
-alle Beschreibung nette und herzige Hannchen, Ungers
-eheleibliche neunzehnjährige Tochter. Aber
-wenn dies auch vielleicht hinsichtlich des jüngeren
-Theiles der Wallfahrer seine Richtigkeit hatte, so
-doch bestimmt nicht in Ansehung der vielen gesetzten
-Männer, die sich darunter befanden; für die war
-es interessant genug, Herrn Gottfried umringt von
-seinem gefiederten Hofstaat zu sehen.</p>
-
-<p>Man denke sich eine große, weißgetünchte, vom
-Scharwerksmaurer unter der Decke mit einer Guirlande
-von Phantasieblumen geschmückte Stube,
-deren fünf Fenster rechts und links mit Reihen
-vollbesetzter Vogelbauer garnirt sind. Das der
-Stubenthür gegenüber befindliche Fenster ist mit
-Epheu eingefaßt, eine Reihe Blumentöpfe mit Balsaminen,
-Muskat- und Rosenkrautstöcken bedeckt das
-Bret, und die Bauer zu beiden Seiten zeichnen sich
-durch Größe und Zierlichkeit aus. Hier hausen die
-Gimpel &ndash; sie sind der hohe Adel des Ungerschen
-Reiches; die andern in den unansehnlichen Behältern,
-die Quäker, Finken, Meisen, Zeisige und dergleichen,
-sind das gemeine Volk. Vom künstlerischen Gesichtspunkte
-aus betrachtet, sind jene die Solosänger,<span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span>
-diese die Choristen. Vor dem solchergestalt ausgezeichneten
-Fenster steht ein kleiner Tisch und vor
-diesem ein Lederpolsterstuhl &ndash; das ist der Thron
-des Monarchen, da sitzt er, ein stattlicher Funfziger,
-den einen Arm auf den Tisch gestemmt, mit dem
-andern die Meerschaumpfeife haltend, der er sparsam
-abgemessene Wolken entzieht und giebt seinen Lieblingen
-Audienz. Solches geschieht, indem er einen
-Bauer nach dem andern von seinem Nagel herunternimmt,
-ihn vor sich auf den Tisch setzt und eine
-Melodie intonirt, worauf der Bewohner des Bauers
-sofort einfällt und die Weise zu Ende führt. Auf
-diese Weise wird der Zuhörer nach und nach mit
-einer Blumenlese von Melodieen erfreut, die vom
-»Freund, ich bin zufrieden« bis zum »Frisch auf,
-Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!« fast alle
-Rhythmen des Liedergesanges umfassen. Freilich
-wird dem fremden Zuhörer der Genuß dieses Concertes
-durch das wirre Durcheinander des Chores
-verdorben, denn es ist kaum möglich, vor dem
-Zwitschern, Zirpen und Wirbeln der Quäker,
-Zeisige, Finken u. s. w. den schulgerechten Gesang
-der Solisten zu vernehmen. Meister Ungers Gehör
-aber unterscheidet diesen recht wohl, ja für dasselbe<span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span>
-dient der gemeine Chor den edlen Concertisten nur
-zur Folie, wie dies ja auch bei mancher musikalischen
-Kunstanstalt der Nichtgimpel der Fall ist.</p>
-
-<p>Wer den ehrenwerthen Meister so unter seinen
-Vögeln sah, oder wer gar seinen Lehrstunden beiwohnte,
-der mußte die heitere Gemüthsruhe, die
-unerschöpfliche Geduld desselben bewundern, und
-war es eine Frau, die ihn so beobachtete, so konnte
-sie kaum umhin, Frau Unger um ein solches Lamm
-von einem Eheherrn zu beneiden. Allein sowie
-Herr Gottfried seinen Vögeln den Rücken gewendet
-hatte, war er ein ganz anderer Mensch, da keifte
-und nörgelte er im Hause herum, bis es seiner
-Gattin glücklich gelang, ihn auf den Vogelherd oder
-in die Schänke zu spediren. Vielleicht wurde das
-Maß von Geduld, so ihm die Vorsehung verliehen,
-von seinen Zöglingen so vollständig absorbirt, daß
-ihm für den Verkehr mit Menschen nichts davon
-übrig blieb. Niemand konnte im Umgange reiz- und
-verletzbarer sein, und in ganz Wellersgrün gab es
-keinen Menschen, der so schwer zu versöhnen war
-wie er, zumal wenn ihm Jemand sein Steckenpferd
-unsanft berührte. Kam er doch seit vielen Jahren
-schon nicht mehr in die Ortskirche, weil der Pfarrer<span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span>
-sich einmal von der Kanzel gegen das Vogelstellen
-auszusprechen gewagt hatte; da der hierdurch schwerbeleidigte
-Gimpelkönig aber doch ein guter Christ
-sein wollte, so ging er entweder nach Schönheide
-oder Hundshübel zum Gottesdienst. Desto fleißiger
-besuchte er eine der Ortsschänken, nicht nur weil der
-Inhaber derselben seine Liebhaberei theilte, sondern
-auch weil dies der Ort war, wo er fortwährend Gelegenheit
-hatte, neue »Stückla« für seine Gimpel zu hören.
-Zu seiner Ehre muß gesagt werden, daß er sich fast nie
-betrank; sein gewöhnliches Getränk war das heimische
-»Einfache«, worauf er höchstens zum Schluß einen
-»Eibenstöcker« setzte, den er seinen Magendoctor nannte.</p>
-
-<p>Hausdespoten werden von ihren Familien nicht
-mit Rosenketten in ihren vier Pfählen festgehalten
-&ndash; der Ungerschen Familie war, als hätte sich ein
-böser Wind gelegt, sobald sich ihr Haupt auf den
-Vogelherd oder in die Schänke verfügt hatte. Da
-wurde es erst gemüthlich im Hause. Mutter und
-Tochter krochen aus Küche, Stall und Keller hervor
-und reiheten sich mit den beiden »Gimpelprinzen«
-um den Ofen; oft kam dazu auch der Geselle mit
-dem Lehrjungen. Da wurde nun gescherzt, erzählt
-oder gesungen, ohne daß jedoch dabei die Hände<span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span>
-feierten. Sonntags traktirte Frau Unger das ganze
-Hausgesinde mit einem Nachmittagskaffee und »Hefenkloß«,
-in welchem die Rosinen nicht fehlen durften,
-und wer zur rechten Zeit bei ihr einsprach, war ein
-frohwillkommener Gast. Manches arme Dorfkind
-hatte regelmäßig das Glück, keins aber regelmäßiger,
-als das »Rußbuttenlobel«, ein alter Junggeselle,
-der in seiner Jugend mit Rußbutten durchs Land
-gezogen und seit er zu solchem Erwerb invalid geworden,
-in die Stelle eines Vice-Tag- und Nachtwächters
-von Wellersgrün eingerückt war. Diese
-wichtige Person war für das Ungersche Haus noch
-mehr, als ihr Titel besagte: sie war zugleich Historienbuch,
-Liedersammlung, Ortschronik und Zeitung.
-Daher geschah es, daß, sobald »Rußbuttenlobels«
-wohlbekannter Amtsspieß an der Ungerschen Hausthür
-lehnte, &ndash; denn die Schwelle durfte dieses polizeiliche
-Attribut nicht überschreiten, das wäre eine
-Verletzung der Wellersgrüner Habeascorpusakte gewesen,
-&ndash; eine Nachbarin nach der andern in die
-Gimpelresidenz »hutzen«<a id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">1</a> eilte, um das Neueste
-aus der Tagesgeschichte zu erfahren.</p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">1</span></a> Hutzen heißt im Obererzgebirge soviel als: einen
-kurzen Besuch im Hauskleide machen.</p>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span></p></div>
-
-<p>So war es auch am Trinitatisfeste des Jahres
-Eintausend Achthundert und &ndash;Zig. Der Hausherr
-saß beim Einfachen in der obern Schänke; die Hausfrau
-mit ihren Kindern und Hausgenossen am Kaffeetisch,
-und »Rußbuttenlobel« trat mit seinem »Helf
-Gott!« in die Stube. Nachdem er von allen
-Seiten freundlich bewillkommt und von Hannchen
-an den Tisch gezogen worden, hieß es rechts und
-links: »Was hat's Neues in der alten Welt?«
-Lobel warf sich in die Brust, that einen Zug aus
-der ihm vorgesetzten Tasse, einen kräftigen Biß in
-den »Hefenkloß« und sagte: »So in einem Athem,
-Ihr guten Leut', läßt sich das nicht erzählen.«
-Darauf leerte er die Tasse und ließ den Hefenkloß
-mit großer Schnelligkeit zwischen seinen Kinnladen
-verschwinden. Alle Anwesenden hefteten die Augen
-auf den Anfangspunkt dieser Werkzeuge; doch Lobel
-richtete seine Blicke, eh' er sprach, nach der Thür,
-als erwarte er noch einige Ohren für seine Zeitung.
-Er wartete nicht vergebens &ndash; der Spieß war gesehen
-worden &ndash; ehe fünf Minuten vergingen, war
-ein halbes Dutzend Nachbarinnen versammelt, von
-denen sich die eine ein Loth Kaffee, die andere ein
-Gebind Zwirn, die dritte für einen Pfennig Pfeffer<span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span>
-zum schicklichen Behelf nahm, und der Bericht &ndash;
-den wir mit Beseitigung der Mundart wortgetreu
-wiedergeben &ndash; begann:</p>
-
-<p>»Es geht arg her in der alten Welt, Ihr
-guten Leut'! Der Franzos draußen ist wieder einmal
-kollerig, aber ob's ihm unter der Mütze fehlt
-oder in den Schuhen, das weiß der Himmel, und
-in Welschland wollen sie auch gescheidt werden, ob's
-ihnen aber von der hohen Obrigkeit erlaubt wird,
-das weiß der Zeitungsschreiber nicht, wie soll's
-Rußbuttenlobel wissen! Aber der Russ' dahinten
-scheert sich den Teufel darum, ob's in Polen Wölfe
-giebt oder nicht &ndash; er hat einen gar guten Magen,
-das wissen wir von Anno dreizehn, da haben die
-Kosacken gefressen, was ihnen zwischen die Zähne
-kam; übrigens ist es oben im Sibirienland fast
-so kalt wie in Karlsfeld, wie die Polaken zu erzählen
-wissen und viele andere Ehrenleut', die dort
-auf dem Zobelfang waren &ndash; Du mußt aber hübsch
-aufpassen, Heinerle, sonst bleibst zeitlebens ein
-dummer Junge, und die Rosinen mußt Du nicht
-aus dem Hefenkloß bohren &ndash; und in England
-werden sie nächstens mit Dampf in den Mond
-fahren, ich wollte, sie wären schon alle droben gewesen,<span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span>
-eh' sie unserm armen Gebirge sein Klöppelwesen
-ruinirten &ndash; daß sich Gott erbarm'! meine Schwester
-hat gestern in der Stadt schon wieder zwei Pfennige
-weniger bekommen für die Elle Borten! Item:
-der Papst ist gestorben, der Tod kann's aber machen,
-wie er will, er wird nicht fertig mit der Gesellschaft,
-es ist schon wieder ein neuer da &ndash; meiner Hühner
-halben! &ndash; ich wollte nur, ich hätte ein paar Fuder
-von den Feigen und Apfelsinen, die dieses Jahr in
-Welschland gewachsen sind, und könnte sie in Wellersgrün
-verzehren. Doch daß ich nicht Eins über dem
-Andern vergesse &ndash; Friedel, Du wirst gleich Dein
-Schälchen hinunterstoßen, 's wär' schad' um den
-eingebrockten Hefenkloß, aber der Steingutmacher
-will auch leben &ndash; in Lindengrün hat eine Bergmannsfrau
-Vierlinge gehabt; da fleckt's! jedoch
-aber im Dänemarkschen &ndash; 's muß wohl um Buxtehude
-herum liegen, dort bin ich nicht gewesen &ndash;
-da will der Königsstamm aussterben &ndash; geht mir
-auch nicht besser, bin Rußbuttenlobel der Erste und
-Letzte und habe nichts auf meinem Gewissen, als
-den armen Handwerksburschen, den ich verarretirt
-und aus dem Dorfe verbannt habe, weil er ins
-Lieben-Konrads Haus fechten kam, obwohl mein<span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span>
-Spieß vor der Thür lehnte; da konnte der dumme
-Teufel doch denken, daß die Polizei nicht weit war
-und ihn erwischen würde; aber gedauert hat mich
-der Schelm, mein' Seel'. Wie gesagt, es geht arg
-zu in der alten Welt &ndash; aber Ihre Hefenklöß' sind
-delicat, Frau Dore! &ndash; wenn's nicht bald anders
-wird mit der Menschheit, glaub' ich, der Pfannenstieler
-Pfarrer, der zu den Heiligen gehört, behält
-Recht &ndash; der sagt, das Ende aller Dinge sei vor
-der Thür. Nun meinetwegen! ich hab' Nichts zu
-verlieren als den Spieß und vier Zeilen Erdäpfel
-auf des Richters Feld; wegen des armen ausgewiesenen
-Handwerksburschen werd' ich nicht gleich in
-die Hölle fahren, wiewohl 's nicht christlich war.
-Ja, arg geht's zu in der Welt &ndash; aber im Ungerhaus
-giebt's gute Hefenklöß', das ist auch gewiß!«</p>
-
-<p>Er wischte sich mit dem Aermel seiner Manchesterjacke
-den Schweiß von der Stirn, nahm einen frischen
-Hefenkloß, überlieferte ihn seinen Kauwerkzeugen,
-schlürfte eine zweite Tasse Kaffee und begann auf
-die Frage: »Ist das Alles?« von Neuem:</p>
-
-<p>»Das war's Auswärtige; nun kommt das Einheimische,
-und das ist das Wichtigste.« &ndash; Er berichtete
-nun, wo ein Todesfall vorgekommen und<span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span>
-zu erwarten, ein Kind geboren, eine Hochzeit vor
-der Thür, ein Hausbau in Angriff genommen war
-und dergleichen mehr, endlich schloß er: »Doch nun
-das Beste! Was denkt Ihr, daß das Allerneueste
-ist?«</p>
-
-<p>Alle sahen ihn gespannt an.</p>
-
-<p>»Gelt, Ihr wißt's nicht?« sagte er nach einer
-Pause. »Nun so hört: mein Vetter, der Sacher
-Heinrich, ist diesen Mittag aus der Fremde gekommen!«</p>
-
-<p>Das schien in der That eine unerwartete und
-wichtige Neuigkeit zu sein, denn alle Anwesenden
-gaben Zeichen der Ueberraschung und des Interesses
-von sich &ndash; Niemand aber lebhaftere, als Hannchen,
-denn die stieß einen lauten Schrei aus und wurde
-roth wie eine Erdbeere bis in den Nacken hinein.</p>
-
-<p>»Nicht wahr, Jungfer Hannel,« bemerkte der
-Erzähler, »das ist Wasser auf Ihre Mühle?«</p>
-
-<p>Alle blickten die Gefragte an. Diese warf dem
-Frager einen zürnenden Blick zu und eilte zur Thür
-hinaus.</p>
-
-<p>»Da hat man's,« sagte Lobel, »alte Liebe rostet
-nicht!«</p>
-
-<p>»'s war auch gar ein feiner Bursch, der Sacher
-Heinrich,« meinte eine der Nachbarinnen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span></p>
-
-<p>»Ihr solltet ihn erst jetzt sehen,« versetzte Lobel,
-»jetzt sticht er alle Wellersgrüner Bursche aus, sowohl
-was Ansehen als Manieren betrifft; ich sollt's
-nicht sagen, weil's mein leiblich Schwesterkind ist &ndash;
-aber wahr bleibt wahr. Er ist aber auch ein Stück
-in der Welt herumgekommen, wie Keiner in Wellersgrün
-&ndash; sogar in Welschland ist er gewesen, und
-in Frankreich hat er fast zwei Jahre gearbeitet &ndash;
-da kann's Hannel bald hören, wie das auf Französisch
-heißt:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&ndash; keine von Allen<br /></span>
-<span class="i0">Hat so mir gefallen<br /></span>
-<span class="i0">Wie Hannchen, schön' Hannchen, lieb' Hannchen, mein Hannchen allein.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>»Laß Er das Geplapper, Lobel!« gebot Frau
-Unger. »Vor drei Jahren, wie Sein Vetter in
-die Fremde ging, war mein Hannel noch ein Kind,
-und wer weiß, ob der Sacher Heinrich jetzt noch
-an die Tändelei denkt. Mein Hannel hat sie längst
-vergessen; und nun treib' Er mir das Mädel nicht
-wieder aus der Stube mit solchem Spaß! &ndash; Aber
-sehen möcht' ich den Sacher Heinrich, das gesteh' ich.«</p>
-
-<p>»Ich auch« &ndash; »ich auch« &ndash; hieß es von mehren
-Seiten und Rußbuttenlobel schloß mit der Aeußerung:
-»Er wird schon kommen und sein Schätzel grüßen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span></p>
-
-<p>Jetzt schlugen ferne Trompetenklänge an die
-Ohren der Gesellschaft.</p>
-
-<p>»Das hätt' ich bald über dem Sacher Heinrich
-vergessen,« sagte die inkarnirte Dorfzeitung, »in der
-obern Schänke ist heute Musik &ndash; sie blasen schon
-zusammen. Also munter, ihr jungen Leut'!«</p>
-
-<p>Diese Mahnung galt den ledigen Personen im
-Zimmer und man säumte nicht, ihr nachzukommen,
-denn das junge Volk tanzt in Wellersgrün so gern
-wie überall im lieben Gebirge. Bald war Frau
-Unger mit ihren Kindern allein daheim. Denn auch
-Rußbuttenlobel mußte von Amtswegen in die Schänke.
-Wie er, den kürzesten Weg nehmend, aus der Hinterthür
-in den Ungerschen Grasgarten trat, fand er
-Hannchen dort in sich versunken stehen. Er schlich
-sich nahe und sah, wie sie einer Sternblume die
-Blättchen nach einander ausriß und dazu halblaut
-sagte: »Er liebt mich &ndash; von Herzen &ndash; mit Schmerzen
-&ndash; klein Wenig &ndash; gar nicht &ndash; er liebt mich&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«
-Da fiel das letzte Blatt und Rußbuttenlobel ging
-mit den Worten vorüber: »Ei freilich! Komm Sie
-nur in die Schänke, Jungfer; da ist er auch.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span></p>
-
-<h3>2.</h3>
-</div>
-
-<p>In der Schänke ging es laut. Aus dem ganzen
-Dorfe strömten die Gäste herbei, die Alten nach der
-Schänkstube im Erdgeschoß, die Jungen nach dem
-darüber gelegenen Tanzboden. Nur ein Trupp
-munterer Bursche, aus deren Mitte ein fast elegant
-gekleideter Jüngling hoch emporragte, folgte dem
-Zuge der Alten. Als er in die Schänkstube trat,
-gerieth die ganze anwesende Gesellschaft in Bewegung.
-»Der Sacher Heinrich!« lief's von Mund zu Munde,
-und bald fand sich der feingekleidete Mensch umdrängt
-von Solchen, die ihm ihr »Grüß Gott, Heinrich!«
-und das Bierglas zum Willkommentrunk entgegenbrachten.</p>
-
-<p>Während er allen in erwünschter Weise Bescheid
-that, wurde er mehr und mehr dem Hintergrunde
-zugeschoben, bis er dicht vor dem »Herrentisch« stand,<span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span>
-an welchem die Angesehenen des Ortes, darunter
-auch der »Gimpelkönig«, ihren Platz hatten. Die
-gleiche Begrüßung ward ihm auch hier zu Theil;
-dann rückte man eng zusammen und bemächtigte
-sich des Ankömmlings gänzlich, indem man ihn an
-den Tisch zog und zwischen sich nahm, daß er weder
-zur Rechten, noch zur Linken entweichen konnte.
-Das war eine große Ehre, und Heinrich wußte
-sie zu schätzen; &ndash; er zog seine wohlgefüllte Cigarrentasche,
-damals in Wellersgrün ein unerhörter Luxus,
-präsentirte sie den Umsitzenden und steckte sich selbst
-einen der duftenden Glimmstengel an, worauf er sich
-in Bereitschaft setzte, auf die mancherlei Fragen, die
-man an ihn richten würde, bündige Antwort zu
-geben. Seine Begleiter pflanzten sich, die dorfüblichen
-Pfeifen im Munde, vor dem Tische, dem
-Freunde gegenüber auf.</p>
-
-<p>An Fragen seitens der Tischgenossen Heinrichs
-fehlte es nun nicht, sie waren aber so mannigfaltig
-und wirr durcheinanderlaufend, daß der Gefragte
-gar nicht dazu kommen konnte, sie zu beantworten.
-Endlich machte der Wirth den Vorschlag, der Heimkömmling
-möge seine Reisegeschichte zum Besten geben,
-wogegen er sich zu einer »Stütze« Doppelbier erbot.<span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span>
-Der Vorschlag wurde wie das Anerbieten freudig
-aufgenommen. Erst that man der »Stütze« alle
-mögliche Ehre an, und dann begann Heinrich seine
-Erzählung. Daraus erfuhren die Zuhörer, daß der
-junge Mann, nachdem er vor drei Jahren als
-Tischlergeselle das Felleisen genommen, sich nicht
-lange in den engen Grenzen seines Vaterlandes gefallen,
-daß es ihn in die Weite getrieben hatte, um
-Menschen und Sitten kennen und etwas Rechtes
-in seinem Fache zu lernen. Erst war er nach Wien
-gewandert, von da hatte es ihn nach Italien gezogen,
-wo es ihm aber sehr trübselig ergangen war.
-Unter unsäglichen Beschwerden hatte er sich nach
-der Schweiz durchgeschlagen und nachdem er hier
-wieder etwas »zu Federn gekommen«, sich der Hauptstadt
-Frankreichs zugewendet. So gut er es nun
-daselbst getroffen, so mächtig ihn anfangs das Leben
-in der ungeheuren Weltstadt angezogen hatte, so
-war doch allgemach die Sehnsucht nach der Heimath
-in ihm wach geworden. Sein Meister hatte ihn
-zum Werkführer über fünfzig Arbeiter, ja zu seinem
-Eidam machen wollen, aber da war plötzlich das
-Verlangen nach der lieben Heimath so mächtig geworden,
-daß er es keinen Tag mehr in Paris<span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span>
-ausgehalten und »Knall und Fall« den Wanderstab
-zur Heimkehr ergriffen hatte. Die mancherlei
-kleinen Reiseabenteuer, welche in Heinrichs Erzählung
-vorkamen, verliehen derselben eine solche Würze, daß
-Einer von seinen Zuhörern nach Leerung der vom
-Wirth gespendeten Stütze gleich eine zweite bringen
-ließ. Heinrich schloß mit den Worten: »So bin
-ich denn nun glücklich wieder in Wellersgrün und
-denk' auch da zu bleiben, denn das können Sie mir
-glauben, werthe Landsleut', so schön es draußen
-sein mag, es bleibt doch wahr, wie man bei uns
-spricht: »d'rham is d'rham.« Da schüttelten ihm
-alle Umsitzenden die Hand, tranken auf sein Wohl,
-lobten seinen Entschluß und sicherten ihm zu seiner
-Niederlassung im Orte allen möglichen Beistand zu.</p>
-
-<p>»An meiner Fürsprache beim Handwerk soll's
-ihm nicht fehlen, Heinrich!« sagte unter andern der
-Obermeister von der Zunft der vereinigten fünfzehn
-Handwerke.</p>
-
-<p>»Und Credit, wie Empfehlungen nach Schneeberg
-und Auerbach finden Sie bei mir,« versprach
-der Krämer, oder wie er sich nannte, Kaufmann
-des Oberdorfes. Der Förster eröffnete ihm die
-besten Aussichten auf unbeschränkten Nutzholzcredit<span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span>
-und der Zimmermeister wollte ihm sein mütterliches
-Häuschen herrichten, daß es eine Art hätte. Zuletzt
-war auch von einer Frau die Rede, und von mehr
-als einer Seite ließ man merken, daß er ein ganz
-annehmbarer Schwiegersohn wäre.</p>
-
-<p>»Mit dem Heirathen,« sagte jedoch Heinrich,
-»hat es bei mir noch Zeit. Vor der Hand drängt's
-mich nicht, denn meine Mutter ist, Gott sei Dank!
-noch rüstig, und übrigens &ndash; kommt Zeit, kommt
-Rath!« Dabei warf er aber einen anhaltenden
-Seitenblick nach Meister Unger und nach einer Pause
-richtete er an diesen die Frage: »Wie geht's daheim,
-Meister Unger? Ist die Frau sammt den Kindern
-wohlauf?«</p>
-
-<p>»Was soll's mit denen für Noth haben?« war
-die Antwort. »Man sorgt und schafft doch genug für sie!
-Nun, Er besucht uns doch, Heinrich &ndash; Er wird sich
-freuen, wenn Er meine Gimpel sieht und hört.«</p>
-
-<p>Heinrich lächelte und blies eine starke Wolke
-vor sich hin.</p>
-
-<p>»Ei, Heinrich!« sagte der Schänkwirth, »wir
-waren ja ehedem auch ein Vogelfreund und suchten
-als Steller Unsersgleichen &ndash; wir werden jetzt
-das edle Vergnügen doch auch wieder treiben?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span></p>
-
-<p>»Da sei Gott vor!« erwiederte der Gefragte.
-»Ich bedaure, daß ich jemals ein Vöglein seiner
-Freiheit beraubt habe &ndash; halten Sie mir's zu Gute,
-lieben Leute! &ndash; aber ich muß Ihnen sagen: mir
-erscheint es jetzt geradezu sündlich, das Vogelfangen.«</p>
-
-<p>Dem Gimpelkönig entsank die Pfeife, der Wirth
-wurde kirschbraun im Gesicht und der eine und
-andere der Tischgenossen rief: »Wie so? Was sagt
-er? Sündlich?«</p>
-
-<p>»Ja &ndash; nehmen Sie mir's nicht übel!« erwiederte
-der junge Mann fest, »so erscheint es mir,
-und lassen Sie sich sagen warum? Lassen Sie sich
-erzählen, wie ich zu dieser Ansicht gekommen bin.
-Sie wissen, daß ich früher auch meinen Vogel gestellt
-habe, wie Einer, und der Meister Unger da
-muß mir bezeugen, daß im Lernen der Gimpel
-Keiner ihm gleich kam als ich &ndash; es hat manchen
-kleinen Wettstreit zwischen uns gegeben, aber in
-aller Freundschaft &ndash; und wie ich in die Fremde
-ging, that mir nichts so weh, als daß ich meine
-Vögel da lassen mußte; ich hätte sie lieber mitgenommen,
-wenn es gegangen wäre. Zog ich dann
-auf meiner Wanderschaft durch einen Wald und
-hörte einen Reiterfinken schlagen oder eine Amsel<span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span>
-singen, so zuckte es mir in allen Gliedern, ich ärgerte
-mich, daß ich gar kein Stellzeug bei mir hatte,
-aber dessenungeachtet schlich ich den Vögeln wohl
-stundenlang nach und so kam es oft, daß ich über
-einer mäßigen Tagereise zwei, auch drei Tage zubrachte.
-Das war viel Zeitverlust und Verlust an
-Geld obendrein. Nach und nach verlor sich zwar
-das Erpichtsein aufs Vogelstellen etwas, ganz aber
-konnte ich's doch nicht los werden und wenn der
-liebe Sonntag kam, ging ich vogelstellen, statt in
-die Sonntagsschulen, welche einsichtsvolle Menschenfreunde
-zur Fortbildung des Handwerkerstandes weit
-und breit ins Leben gerufen haben. So ging es,
-bis ich ins Welschland kam. Da hatt' ich das
-Unglück, der Polizei verdächtig zu werden: statt für
-einen ehrlichen Handwerksburschen sah sie mich für
-einen geheimen Revolutionär an &ndash; ich wurde verhaftet
-und nach Padua ins Gefängniß gebracht.
-Im Gefängniß, ihr lieben Leute, lernt man erst
-Jesum Christum erkennen. Vier Wochen mußte ich
-einsam in einem schauerlichen Loche sitzen &ndash; ach!
-ich dachte, der liebe Herr Gott habe in seinem Zorn
-die Tage plötzlich zu Jahren ausgesponnen, so
-fürchterlich lang wurde mir die Zeit. Da fielen<span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span>
-mir alle meine Sünden ein &ndash; und auch mein
-Vogelstellen. Da dachte ich, wie meine armen
-Vöglein der Verlust ihrer Freiheit geschmerzt haben
-müsse, und ich mußte es als eine Strafe vom lieben
-Gott erkennen, daß ich jetzt auch in einem Käfig
-steckte, der freilich nicht von schwachem Draht oder
-Holz, sondern aus gewaltigen Steinen erbaut war.
-Als ein Tag nach dem andern dahinschlich, ohne
-daß ich erlöst wurde oder eine Vertröstung auf
-baldige Erlösung erhielt, wurde ich lebenssatt, die
-Verzweiflung übermannte mich, mehr als einmal
-war ich nahe daran, mit dem Kopfe wider die
-Wand zu rennen und ihn zu zerschmettern; nur
-der Gedanke an meine gute Mutter hielt mich davon
-zurück. Dann fielen mir meine Vögel immer wieder
-ein und ich dachte: so wie dir jetzt, so ist es
-auch den armen Thierlein zu Muthe gewesen, da
-sie deine Gefangenen waren! Du sahest wohl ihr
-ängstlich Flattern an der Leimruthe, im Netz oder
-im Bauer, du hörtest ihr kläglich Schreien, bemerktest
-ihre traurigen Mienen &ndash; und doch ließest
-du sie im Käfig, getrennt von ihren Jungen, oder
-das Männchen von seinem Weibchen; sie mußten
-ihr herbes Loos tragen &ndash; so füge nun auch du<span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span>
-dich in dein Schicksal! Des Nachts aber kamen
-schreckhafte Träume; da verwandelten sich meine
-ehemaligen Gefangenen in gräuliche Riesenvögel, die
-mit ihren furchtbaren Schnäbeln nach mir hackten
-oder mich mit ihren Krallen packten und an den
-Rand eines schauerlichen Abgrundes rissen, bei dessen
-Anblick ich entsetzt aufschrie und erwachte. Da
-betete ich in meiner Angst zu Gott und schwur, nie
-wieder eines seiner für die Freiheit geborenen Geschöpfe
-dieses ersten Lebensgutes zu berauben &ndash;
-denn das sag' ich aus Erfahrung: es giebt kein
-köstlicheres Gut im Leben als die Freiheit, und ein
-Raub an diesem Gute wider ein Geschöpf Gottes
-verübt ist ein Frevel schwarz wie der Mord&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Einen Eibenstöcker!« rief der Gimpelkönig, und
-Heinrich, ohne auf dessen unwirsches Gesicht zu
-achten, fuhr fort:</p>
-
-<p>»Endlich ward ich frei &ndash; mir war, als läge
-ein Zeitraum von Jahren zwischen Verlust und
-Wiedergewinn meiner Freiheit, und ich konnte kaum
-gehen, so hatte die Haft mich angegriffen. Als ich
-mich außerhalb der Stadt fand, kniete ich auf
-offenem Felde nieder und dankte Gott, daß ich
-wieder fessellos unter seinem Himmel und auf seiner<span class="pagenum"><a id="Seite_214">[214]</a></span>
-Flur athmete, und wiederholte meinen Schwur, nie
-wieder Hand an ein lebendiges Wesen zu legen,
-um es seiner angeborenen Freiheit zu berauben.
-Darauf zog ich viele Tage durch herrlich bebaute
-Gegenden &ndash; aber so mannigfach und üppig alle
-Gewächse erschienen, so reizend die goldenen Früchte
-aus den dunkelgrünen Kronen der Bäume schimmerten,
-so schwellend die Matten, so gestaltenreich
-die Höhen sich in Aug' und Seele drängten, so
-fehlte ihnen doch ein Reiz, den ich mit Wehmuth
-vermißte: die Schwärme singender Vögel, welche
-unsere Heimathwälder beleben. Wichen sie vor mir
-als vor einem Feind oder einem Verfluchten, dessen
-Ohr nimmer werth war, sich an ihren Melodieen
-zu weiden?«</p>
-
-<p>»Noch einen Eibenstöcker!« unterbrach Meister
-Unger den Erzähler abermals.</p>
-
-<p>»Willst Du schon nach Hause?« fragte der
-Obermeister der fünfzehn Handwerke.</p>
-
-<p>»Nein,« erwiederte der Gefragte, »es wird mir
-blos übel von dem Gemähre&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ruhig!« riefen mehre Stimmen, »erzähl' weiter,
-Heinrich!«</p>
-
-<p>»Ja, erzähl' Er weiter, Mosje Sacher!« stimmte<span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span>
-der Förster bei &ndash; aus Seiner Geschichte kann
-Mancher 'was lernen!«</p>
-
-<p>Dies beabsichtigte Heinrich eben und rücksichtslos,
-wie immer jugendliche Verkündiger ernster
-Wahrheiten, fuhr er fort: »Bald traf ich mit einem
-Landsmann zusammen, einem Maler, der desselben
-Weges zog wie ich, und als die Rede gerade auf den
-von mir wahrgenommenen Mangel an Singvögeln
-in der paradiesischen Gegend kam, fragte ich ihn nach
-der Ursache dieser Erscheinung. Er antwortete mir,
-daß nur die furchtbaren Nachstellungen der Menschen
-nach und nach die Wälder und Fluren dieses
-Striches von den kleinen Sängern entblößt hätten.
-Da dacht' ich an meine Heimath und den hier getriebenen
-Vogelfang, und mir war bange darum,
-daß da auch eintreten möchte, was ich dort zu beklagen
-fand. Später gingen wir durch eine große
-Kastanienpflanzung, die fast ganz abgestorben war.
-Die wenigen noch grünen Bäume waren mit Schaaren
-von Raupen bedeckt. Es war ein trauriger
-Anblick &ndash; ich dachte an alle die Arbeit, die hier
-vergebens aufgewendet, an alle die Hoffnungen,
-welche vernichtet waren. Offenbar war die Pflanzung
-ein Opfer des Raupenfraßes, und ein Landmann,<span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span>
-den mein Gefährte fragte, bestätigte dies.
-»So rächt sich jetzt an den Kindern, was ihre
-Väter gesündigt haben,« sagte der Maler, »hätten
-diese die Singvögel nicht von Wald und Flur
-vertilgt, so hätte das zerstörende Insekt nie so
-mächtig werden können, als es hier geworden.« Ich
-schrieb mir das hinter die Ohren und will's auch
-mein Leben lang nicht vergessen. Und ich hab' noch
-viel über den Gegenstand nachgedacht, und es ist
-mir immer klarer geworden, daß das Wegfangen
-der Singvögel eine Sünde sei und daß ein Vogelsteller
-Gott nimmermehr gefallen, ja schwerlich in
-den Himmel kommen könne.«</p>
-
-<p>»Hoho!« rief der Schänkwirth, »wer's glaubt,
-wird selig.«</p>
-
-<p>»Nein, der ist ein Esel!« polterte Meister Unger.</p>
-
-<p>»Es ist dummes Zeug,« sagte der Obermeister
-der Fünfzehnerzunft, »schmeckt nach Pfaffen &ndash; fort
-damit!«</p>
-
-<p>»Ja, fort damit!« schrie der Gimpelmonarch.
-»Wirth, noch einen Eibenstöcker! Das fehlt noch,
-daß so ein Gelbschnabel uns Mores lehren will!«</p>
-
-<p>»Der Sacher hat aber Recht,« erklärte der
-Förster.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span></p>
-
-<p>»Bei Euch Grünröcken,« erwiederte Unger, das
-ihm gereichte Glas Branntwein hinabstürzend, »Ihr
-möchtet nur allein im Walde Herr sein, es soll
-kein anderer Mensch sein Vergnügen darin haben.
-&ndash; Weiß Er was, Sacher: geh' Er lieber hin, wo
-Er hergekommen ist, wir brauchen in Wellersgrün
-keine Neuerer und Weltumstürzer, wie Er ist &ndash;
-geh' Er wieder nach Paris, wo dergleichen hingehören!«</p>
-
-<p>Heinrich schwieg, aber seine jüngern Freunde
-drangen jetzt ungestüm auf den Gimpelkönig ein.
-»Das leiden wir nicht,« schrieen sie, &ndash; »das ist
-schändlich, ein Wellersgrüner Kind so zu behandeln!«</p>
-
-<p>»Ein Wechselbalg mag er sein und kein Wellersgrüner!«
-rief Meister Unger, aber sogleich saß ihm
-ein Schlag im Gesicht.</p>
-
-<p>»Ums Himmelswillen, keine Schlägerei!« rief
-Heinrich und warf sich zwischen den Angegriffenen
-und die Angreifer &ndash; da fuhr ein Bierglas durch
-die Luft, im Nu war die Schänkstube in ein
-Schlachtfeld verwandelt, wo zwischen zwei an Stärke
-fast gleichen Parteien ein erbitterter Faustkampf geführt
-wurde. Die Ursache des Kampfes selbst,
-Heinrich, gab sich alle Mühe, ihn beizulegen &ndash;<span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span>
-umsonst; &ndash; er bat, er flehete, er weinte &ndash; er
-ließ sich sogar von dem ergrimmten Gimpelkönig
-einen Schlag versetzen, ohne ihn zu erwiedern, &ndash;
-es war vergebens, der Kampf wurde nur erbitterter
-&ndash; bis »Rußbuttenlobel« außerhalb eines Fensters
-erschien, sich durch den offenen Flügel auf die innere
-Brüstung schwang und mit vorgehaltenem Spieß
-ausrief: »Ruhe! im Namen der Obrigkeit, Ruhe!
-eh' Ihr's Euch versehen werdet, ist der Gensd'arm
-hier!«</p>
-
-<p>Das wirkte. Die Parteien trennten sich; die
-Anhänger Heinrichs meinten, man müsse ja nicht
-bei den »Dickköpfen« sein, und alsbald zogen sie
-ab und hinauf auf den Tanzboden, wo sie, namentlich
-dem weiblichen Theile der Gesellschaft, ganz
-willkommen waren. Heinrich nahm aber traurig in
-einem Seitenzimmer Platz, und während seine Kameraden
-walzten, versank er in tiefes Sinnen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span></p>
-
-<h3>3.</h3>
-</div>
-
-<p>Eine geraume Weile saß Heinrich gedankenvoll
-allein, als er seine Schulter von einer Hand berührt
-fühlte und aufblickend Rußbuttenlobel neben sich sah.
-Heinrich reichte ihm stumm das Glas dar; Lobel
-trank daraus, gab ihm die Hand und sagte:</p>
-
-<p>»Es war eine Finte mit dem Gensd'arm,
-Vetter! Ich wollt' Euch nur auseinander haben.«</p>
-
-<p>»Ich danke Dir, Vetter!« erwiederte Heinrich &ndash;
-»ach, ich möchte weinen wie ein Kind über diesen
-Empfang in der Heimath. Wie hab' ich mich in
-der Fremde draußen auf diesen Tag gefreut &ndash;
-und nun muß er mir so verdorben werden!«</p>
-
-<p>»Wie konntest Du auch dem Meister Unger so
-auf sein bestes Hühnerauge treten?« sagte Lobel.
-»Hast Du denn gar nicht ans Hannel gedacht?
-Drunten sitzt der alte Vogelfried nun, und tobt<span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span>
-und schimpft auf Dich, und sagt ganz unverholen,
-er wisse wohl, daß Du ein Auge auf seine Tochter
-hättest, aber eher woll' er sie dem Rußbuttenlobel
-&ndash; also mir &ndash; geben, denn so einem Neuerer und
-Weltverbesserer, wie Du wärest. Wenn das arme
-Hannel dies wüßte!«</p>
-
-<p>»Ei was wird die sich darum härmen!« erwiederte
-Heinrich, »wer weiß, will sie noch etwas
-wissen von mir! Damals, wie ich mit ihr ging,
-war sie noch ein halbes Kind und ich selbst hinter
-den Ohren nicht trocken, und inzwischen sind drei
-Jahre vergangen &ndash; ich hab' ihr nie geschrieben &ndash;
-Lobel, lassen wir das Mädel sein &ndash; ich weiß ja
-auch nicht, ob sie heute noch nach meinem Sinne
-wäre!«</p>
-
-<p>»Sieh sie nur einmal, Heinrich!« fiel der Andere
-ein, »ich wette meinen Spieß gegen was du willst,
-sie gefällt dir jetzt noch besser, denn sonst &ndash; ach,
-die Augen werden Dir übergehen, wenn Du sehen
-wirst, wie das voll und schlank, und blumig und
-samig geworden ist, so voll Lieblichkeit, daß man's
-immer anschauen und drüber beten und fluchen
-vergessen möchte! Komm mit; sie erwartet Dich!«</p>
-
-<p>»Wo?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span></p>
-
-<p>»Daheim, bei ihrer Mutter.«</p>
-
-<p>»Wo denkst Du hin, Lobel! Nach dem, was
-hier vorgefallen ist, kann nicht die Rede davon sein,
-daß ich die Schwelle des Unger'schen Hauses betrete.
-Ich hätte nach dieser Geschichte lieber Lust,
-wieder in die Fremde zu gehen.«</p>
-
-<p>»Und Deine alte Mutter zu verlassen &ndash; und
-das traute Hannel! Du denkst, das Mädel hat
-Dich vergessen? Das weiß ich besser. Denk' nur,
-wie ich vorhin zum Kaffee unten war, da erzählt'
-ich der ganzen Gesellschaft, daß Du da wärest. Da
-schrie sie laut auf, wurde über und über roth, und
-als ich sie mit Dir aufzog, rannte sie zur Thür
-hinaus. Und als ich darauf fortging, stand sie
-im Grasgarten hinter ihrem Hause, und ließ sich
-von der Käseblume sagen, ob Du sie liebtest. Und
-als die Blume sagte: er liebt Dich, kreuzte sie die
-Hände über das wonnige Herzchen und sah mit
-entzückten Augen gen Himmel. Sieh, so liebt sie
-Dich &ndash; und Du &ndash; ja, die Blume spricht
-wahr: Du liebst sie, du willst Dir's nur nicht
-gestehen.«</p>
-
-<p>»Du irrst Dich, Vetter &ndash; ich gestehe, daß ich
-mich des herzigen Kindes gern erinnere, aber mein<span class="pagenum"><a id="Seite_222">[222]</a></span>
-Herz schlägt ganz ruhig dabei. Wie ist es &ndash; wird
-sie nicht zum Tanz kommen?«</p>
-
-<p>»Seit Du fort warst, ist sie äußerst wenig zur
-Musik gewesen &ndash; aber heute, da sie weiß, daß Du
-wieder da bist, wird sie wohl kommen.«</p>
-
-<p>»Gut &ndash; warten wir das ab &ndash; sehen möcht' ich
-sie wohl, aber in ihres Vaters Haus komm' ich nicht.«</p>
-
-<p>»Und mußt doch einmal Hochzeit darin machen.«</p>
-
-<p>»Still davon, Vetter! Das ist vorbei! &ndash; Da,
-laß frisch einschenken!«</p>
-
-<p>Der Tanz war eben zu Ende; die Tänzer
-stürmten, soweit es der Platz zuließ, ins Zimmer,
-wo Heinrich saß. Die Freunde tranken ihm zu und
-als die Musik von Neuem begann, drangen sie in
-ihn zu tanzen. Er ließ sich endlich bewegen, aufzustehen,
-ging langsam nach der Saalthür und
-musterte den anwesenden Mädchenflor. Es schien
-nicht, daß ihn Eine anzog &ndash; er stand unschlüssig
-da &ndash; auf einmal öffnete sich die gegenüber befindliche
-Thür des Haupteingangs. &ndash; »Da kommt sie,«
-flüsterte Lobel hinter Heinrich, der die eintretende
-Gestalt anstarrte.</p>
-
-<p>War das wirklich das Kind, mit dem er einst
-harmlos »Liebstens« gespielt hatte? War diese<span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span>
-vollaufgeblühte Jungfrau, diese gebietende und doch
-so leicht daher schwebende Gestalt mit dem Zaubergrübchen
-im rosigen Kinn, dem schwellenden Purpurmund
-und den meertiefen Augen wirklich die stille
-Mädchenknospe, die einst an seinem Herzen geruht
-hatte, sorglos träumend in der sicheren Hut seines
-reinen Sinnes? Was damals nur Ahnung gewesen,
-das war jetzt Licht, Fülle, Leben &ndash; was
-einst dulden konnte, daß der Jüngling harmlos mit
-ihm tändelte, das forderte jetzt Achtung, Verehrung,
-Liebe. Eine süße Bestürzung, ein minutenlanges
-Schwanken zwischen Staunen und Entzücken und
-dann ein Aufflammen des ganzen Feuers, das in
-seiner Brust verborgen glühte &ndash; dann stand er
-vor ihr mit der stummen, aber tiefen Huldigung,
-die noch jeder männliche Geist dem Weibe darbrachte,
-dessen Liebreiz sein Herz rührte. Seine
-Verneigung vor ihr, die Schüchternheit, mit der er
-die ihm ebenso schüchtern gebotene Hand nahm, die
-ehrerbietige Art, mit welcher er sie »Jungfer Hannchen«
-anredete &ndash; das waren die äußeren Zeichen
-dieser Huldigung; andere hatte der, trotz seinen
-weiten Wanderungen und seinem Verkehr mit Welschen
-und Franzosen, einfach gebliebene Gebirgssohn<span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span>
-nicht. Und sie? Sie fand ihn freilich nicht in so
-bedeutsamer Weise verändert, wie er sie &ndash; der
-Schritt vom einundzwanzigjährigen zum vierundzwanzigjährigen
-Jüngling ist kein so großer, wie
-der vom fünfzehn- zum achtzehnjährigen Mädchen
-&ndash; aus dem Flaum um den Mund war ein zierlicher
-Bart geworden, eine weitere äußerliche Veränderung
-fiel ihr nicht auf. Erst war es ihr gewesen,
-als müsse sie ihm so frei und munter entgegenhüpfen
-wie sonst &ndash; aber mit einemmal empfand
-sie ihm gegenüber eine unaussprechliche Beklemmung,
-ihre Hand zitterte in der seinen und außer dem
-großen, strahlenden Blick, mit dem sie ihn begrüßt
-hatte, wagte sie ihm keinen mehr ins Gesicht zu
-thun, wenn sie merkte, daß sein Auge auf ihr
-ruhte. So standen sie lange da und wer weiß,
-wie lange sie es so getrieben hätten, wäre nicht
-ein junger Mann im lichtblauen Rock auf sie zugekommen
-und hätte da Hannchen nicht schnell Heinrichs
-Arm genommen und ihm zugeflüstert: »Wir
-wollen tanzen, sonst fordert mich Der auf und ich
-kann ihn doch nicht leiden!« Da flog Heinrich mit
-ihr in den Reihen und tanzte nach Jahren wieder
-den ersten heimathlichen Walzer. Vergessen war<span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span>
-alles vorhin Vorgefallene &ndash; Athem wehete in
-Athem &ndash; Puls schlug an Puls &ndash; Blick flammte
-in Blick. &ndash; »Mein Hannchen« klang es herüber
-&ndash; »mein Heinrich« flüstert' es hinüber &ndash; und
-als der Walzer zu Ende war, führte der glückliche
-Tänzer sein Mädchen mit dem Entschlusse aus dem
-Saale, nimmer wieder von der Heimath und seinem
-Hannchen zu weichen.</p>
-
-<p>Dort in dem heimlichen Winkel des Nebenzimmers,
-wo Heinrich vorhin allein gesessen, nahmen
-sie jetzt miteinander Platz, und nun ging es an ein
-Fragen und Erzählen und Händedrücken und &ndash;
-was weiß ich! &ndash; Zum Beschluß erklärte Heinrich
-dem entzückt aufhorchenden Mädchen noch, daß er
-in vier Wochen Meister würde und wenn's nach
-seinem Willen ginge, müßte Hannchen in einem
-Vierteljahr sein liebes Weibchen sein. Da kam
-»Rußbuttenlobel« und flüsterte: »Kinder! seid »a
-Bissel« auf Eurer Hut vor dem Kunz-Karl-Fried
-&ndash; wenn er kommt und will mit Ihr tanzen,
-Jungfer Hannel, so schlag' Sie's ihm nicht ab;
-Sie weiß, er hat ein Aug' auf Sie, und wenn
-Sie ihn beleidigt, so geht er hinunter zum Alten
-und verdirbt Euch die Freude! Ich muß jetzt<span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span>
-einmal ins Dorf schauen &ndash; seid gescheidt!« Damit
-verschwand er.</p>
-
-<p>»Was?« sagte Hannchen, »mit dem Kunz soll
-ich tanzen? Nimmermehr! Ich will nur mit Dir
-tanzen, Heinrich!«</p>
-
-<p>»Doch,« erwiederte dieser, »doch möcht' ich Dir
-rathen, ihm wenigstens <em class="gesperrt">einen</em> Tanz zu gönnen.
-Du bist ihm vorhin schon ausgewichen &ndash; ein zweites
-Mal nimmt er's gewiß sehr übel, und dann &ndash;
-ich muß Dir sagen, daß ich bei Deinem Vater in
-Ungnade gefallen bin &ndash; wenn ihm der Kunz
-hinterbringt, daß wir beisammen sind, so reißt er
-uns wohl auseinander.«</p>
-
-<p>»So wollen wir fortgehen &ndash; ich sage Dir,
-ich kann und darf nicht mit diesem Menschen tanzen,
-Du wirst schon noch erfahren, warum&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»So laß uns noch den nächsten Reihen zusammentanzen,«
-sagte Heinrich, »damit ich wenigstens
-einmal bestelle &ndash; man möchte mich sonst für einen
-Lump halten &ndash; dann gehen wir spazieren.«</p>
-
-<p>Das Paar erhob sich &ndash; aber da stand der
-Gemiedene schon vor ihnen und bat Hannchen um
-den nächsten Tanz. Diese schmiegte sich an den
-Geliebten und ward von ihm dem Unliebsamen im<span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span>
-Fluge entführt. »Einen Walzer!« rief Heinrich
-den Musikern zu, ein Achtgroschenstück auf das
-Orchesterpult werfend. Schnell war der Tanz im
-Gange und Kunz hatte das Nachsehen.</p>
-
-<p>Inzwischen fuhr in der Schänkstube Meister
-Unger fort, dem so unberufen aufgetretenen Gegner
-des Vogelstellens in tiefster Seele zu grollen und
-dann und wann diesem Groll durch ein derbes
-Wort Luft zu machen. »Ich hab' ihm aber doch
-eins gegeben, daran er denken wird,« sagte er endlich
-und ließ sich den vierten »Eibenstöcker« geben und
-noch einen &ndash; und wieder einen &ndash; da wurde er
-immer aufgeregter, bis der junge Kunz-Müller von
-Neuhahn &ndash; eben jener Karl-Fried &ndash; hereintrat
-und sich dem »Herrentische« näherte. Er war ein
-guter Kunde des Gimpelkönigs; als ihn dieser daher
-zu Gesicht bekam, sänftigte sich sein Zorn etwas, er
-reichte ihm freundlich die Hand und zog ihn an
-seine Seite. »Na, wie ist's, Karl-Fried,« redete
-er den Platznehmenden an, »wollt Ihr meinen
-Wallheim noch haben? Wenn nicht, so wandert
-er nach Kirchberg, wo mir Einer fünf Thaler und
-Tuch zu einem Rock und ein Paar Lödelschuh dafür
-geboten hat.« Der Wallheim war aber einer seiner<span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span>
-gefiederten Schüler, darum so genannt, weil er das
-Mantellied aus Holtei's »Lenore« sang.</p>
-
-<p>»Was der Wollklopper giebt, kann ich auch noch
-zahlen,« erwiederte der Müller, »ich nehme den
-Vogel für einen Doppellouisd'or, aber den Bauer
-müßt Ihr zugeben.«</p>
-
-<p>»Für eine Metze Heugesäm' &ndash; topp! &ndash; Wirthschaft,
-ein Fläschel zum Leihkauf!« rief der Verkäufer.
-Während der Wirth dem Befehl nachkam, flüsterte
-der Müller dem Vater Hannchens etwas ins Ohr.</p>
-
-<p>»Da soll doch gleich&nbsp;&ndash;« der Fluch erstarb dem
-empörten Vater auf der Zunge; er sprang auf und
-eilte zur Thür. Der Ohrenbläser rannte ihm bestürzt
-nach. »Lieber Meister Unger!« bat er, »seid
-nicht so hitzig! macht kein Aufsehen! &ndash; ich bin
-dem Hannel gut &ndash; und weil wir einmal darauf
-zu reden kommen, so will ich Euch nur sagen, daß
-es mein Wunsch ist, Euer Schwiegersohn zu werden.«</p>
-
-<p>Der Alte vergaß seinen Zorn für einen Augenblick.
-»Wirklich, Karl-Fried? Ist das Euer Ernst?«
-fragte er erfreut. »Warum habt Ihr mir das nicht
-schon längst gesagt?«</p>
-
-<p>»Je nun &ndash; ich hatte immer das Herz nicht &ndash;
-das Hannel that so apart gegen mich.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span></p>
-
-<p>»Ich will ihr das Apartthun schon einstreichen,«
-erklärte Meister Unger. »Ihr wißt, in meinem
-Hause bin ich Herr, da gilt, was ich will. Ihr
-werdet mein Schwiegersohn, Karl-Fried, oder ich
-will zeitlebens keinen Vogel mehr fangen! Jetzt
-aber will ich meinen Nickel vom Tanzboden holen,
-wenn sie mit dem »Leimtiegel« karessirt.«</p>
-
-<p>Er eilte fort und stand in wenig Augenblicken
-vor den Liebenden, die bei der eben eingetretenen
-Tanzpause sich in ihren Plauderwinkel zurückgezogen
-hatten.</p>
-
-<p>»Du gehst augenblicklich mit mir in die Schänkstube
-oder nach Hause!« herrschte der Vater der
-Tochter zu.</p>
-
-<p>Hannchen, an unbedingten Gehorsam gegen die
-Eltern gewöhnt, erhob sich und erklärte, nach Hause
-gehen zu wollen, wenn sie nicht auf dem Tanzboden
-bleiben dürfe. Heinrich stand auf und sagte:
-»Verzeihen Sie mir, Meister Unger, wenn ich Sie
-beleidigt habe &ndash; es war bestimmt nicht meine
-Absicht&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Mit Ihm hab' ich gar nichts zu reden,« versetzte
-Jener, »und Er hat nichts mit meiner Tochter
-zu reden, merk' Er sich das, und wenn Er dem<span class="pagenum"><a id="Seite_230">[230]</a></span>
-Mädel nachläuft, so will ich's Ihm schon einstreichen!«</p>
-
-<p>Das liebende Paar wäre dem Ergrimmten gern
-um den Hals gefallen, wenn der Ort eine solche
-Scene gestattet hätte. Mit feuchten Augen fügte
-sich Hannchen in den Befehl ihres Vaters. Er
-wollte sie mit in die Schänkstube nehmen, allein sie
-machte sich los und ging weinend nach Hause.</p>
-
-<p>Heinrich hatte ihr mitgetheilt, auf welche Weise
-er dazu gekommen war, den Vater so gegen sich
-zu erbittern, und sie kannte diesen zu gut, um nicht
-zu wissen, wie ernst und dauernd diese Erbitterung
-sein mußte. Aber so tief sie darum den Vorfall
-beklagte, so konnte sie doch dem Geliebten nicht
-Unrecht geben, daß er so freimüthig als Anwalt der
-armen Vöglein aufgetreten war, und wiewohl sie
-bisher über das Unrecht, das in der Liebhaberei
-des Vogelstellens lag, noch wenig nachgedacht hatte,
-so war es ihr doch sofort einleuchtend, und mit dem
-Feuer eines edlen Gemüthes faßte sie den lebhaftesten
-Abscheu dawider. Es beunruhigte sie sogar,
-daß sie ihren Vater zuweilen nach dem Vogelherd
-begleitet, Beeren für denselben gesammelt, auch
-wohl, wenn er selbst abwesend war, an seiner Statt<span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span>
-den Herd besorgt hatte. Sie beschloß, sich künftig
-solchen Aufträgen nur gezwungen zu fügen. Daheim
-angelangt, fiel sie ihrer Mutter weinend um
-den Hals und gestand ihr ihr Glück und ihr Leid.
-Frau Unger tröstete die Bekümmerte, billigte ihre
-Liebe, ermahnte sie zur Geduld und versprach ihr,
-Alles aufzubieten, um ihr den Weg zur Hochzeit
-zu ebnen.</p>
-
-<p>Den folgenden Tag gab es zwei Brautwerbungen
-im Ungerschen Hause. Die eine kam schriftlich
-an die Hausfrau, Rußbuttenlobel war ihr
-Ueberbringer und Heinrich ihr Absender &ndash; die andere
-brachte Kunz-Karl-Fried in Person bei dem Hausherrn
-an. Dieser saß indeß nicht auf dem hohen
-Pferde wie gestern; er war mit einem Rausche heimgekommen,
-und dessen schämte er sich heute vor
-seiner Familie. Er nahm daher den ihm so lieben
-Werber etwas kleinlaut auf und schob, um seine
-stillzürnende Ehehälfte zu begütigen, ihr die Entscheidung
-über diese Angelegenheit zu. Frau Unger
-aber entschied so: »Meister Kunz, Er hat schon Sein
-Theil &ndash; heirath' Er das arme Mädel, dem Er
-die Ehre genommen!« Verblüfft vernahm der
-reiche Bewerber diesen Bescheid, stotterte etwas von<span class="pagenum"><a id="Seite_232">[232]</a></span>
-dem Unpassenden, ein so armes Ding wie die Gemeinte
-zu seiner Frau zu machen, und zog sich,
-als ihm hierauf Frau Unger eine tüchtige Lection
-in Wellersgrüner Hochdeutsch gegeben, mit dem erhandelten
-Gimpel zurück, jedoch ohne seine Hoffnung
-auf Hannchens Besitz ganz aufzugeben, da er auf
-seinen Geldsack und Meister Jobsts Gunst pochte.</p>
-
-<p>Ganz andern Bescheid trug Rußbuttenlobel von
-Frau Unger heim. Zwar auf eine schriftliche Erwiederung
-des schriftlichen Antrages konnte die Gute
-sich nicht einlassen, da es zu ihrer Jugendzeit in
-Wellersgrün noch nicht Sitte gewesen war, daß ein
-Mädchen schreiben lernte &ndash; aber der freundlichste
-Gruß und die herzlichste Zusage legte sie dem Liebesboten
-in den Mund, und dieser war nicht der Mann,
-der eine Silbe fehlen ließ, wenn er etwas auszurichten
-hatte. »Was die Einwilligung meines Alten
-betrifft,« hatte die wackere Frau gesagt, »so wird
-es zwar etwas Zeit und Mühe kosten, sie zu erlangen,
-aber einmal muß er doch Ja sagen.«</p>
-
-<p>»Du lieber Gott!« rief Heinrich, als er dies
-vernahm, »heute über zwanzig Jahre ist auch »einmal!«
-Da kann mir's gehen, wie dem Lautersgrüner
-Pastor, &ndash; der hat sich mit seinem Schatz<span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span>
-auch zwanzig Jahre geschleppt und wie er endlich
-zu der Pfarre gekommen, daß er hat heirathen
-können, sind sie beide halb stumpf gewesen!«</p>
-
-<p>»Ich denk', so soll's Dir nicht gehen,« tröstete
-Lobel, »der alte Gimpelkönig hat zwar einen harten
-Kopf, aber ich glaub', er ist mürb' zu machen &ndash;
-ich hoffe, Du führst Dein Hannel in Kurzem heim,
-wenn Du mir folgst.«</p>
-
-<p>»Vetter &ndash; Herzensvetter &ndash; sprich, was soll
-ich thun?«</p>
-
-<p>»Du mußt den Alten mürb' machen &ndash; mußt
-mit ihm um die Wette vogelstellen und Gimpel
-lernen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nimmermehr!«</p>
-
-<p>»Versteh mich recht &ndash; Du sollst's nur zum
-Schein &ndash; sollst selbst nicht einen einzigen Vogel
-fangen, aber sollst einen Vogelherd bauen &ndash; dem
-Alten in den Strich &ndash; und ihm so den Fang
-verderben, Du weißt ja Bescheid damit.«</p>
-
-<p>»Man muß auch den Schein des Unrechts
-meiden, besonders wenn man sich zu seinem Bekämpfer
-aufwirft.«</p>
-
-<p>»Auch um dieses Bekämpfens willen ist es gut,
-wenn Du scheinbar umlenkst. Du hast es ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_234">[234]</a></span>
-falsch angefangen, daß Du so mit der Thür ins
-Haus fielst. Böse Gewohnheiten sind wie Warzen
-&ndash; Wegschneiden hilft nicht, man muß sie durch
-Sympathie vertreiben. Jetzt, wo Du das ganze
-vogelstellende Wellersgrün vor den Kopf gestoßen
-hast, magst Du noch so schöne Reden wider den
-Vogelfang halten, Du predigst doch tauben Ohren.
-Mach' es einmal ganz anders! Gewinne Dir
-zuerst den Eckstein der Vogelstellerzunft, den Gimpelkönig,
-geh' ihm in seiner Leidenschaft zu Leibe!
-Ich verschaffe Dir Gimpel zum Lernen &ndash; und
-Du mußt ein paar lernen, vor welchen sich alle
-Gimpel des Gimpelkönigs verstecken müssen. Er muß
-seine Reputation in Gefahr kommen, muß sie auf Dich
-übergehen sehen &ndash; so wird er mürbe und kapitulirt!«</p>
-
-<p>»Vetter!« rief Heinrich und schloß die Wellersgrüner
-Sicherheitspolizei mit einer Freude in seine
-Arme, die dieses Institut ihm anderwärts nicht
-eingeflößt hatte &ndash; »Vetter! Du bekommst in meinem
-Hause deinen Auszug &ndash; Dein Plan ist göttlich &ndash;
-daß ich nicht selbst darauf verfiel! &ndash; Aber ich bin
-zu sehr verliebt, dergleichen auszudenken. &ndash; Vetter,
-mach' Deine Sach', ich mache die meine!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span></p>
-
-<h3>4.</h3>
-</div>
-
-<p>Die Zeit des Gimpelfangs war wieder da, und
-es that auch noth, denn Meister Ungers Kapelle
-war durch einen in letzter Zeit ungewöhnlich starken
-Absatz sehr zusammengeschmolzen und er mußte rekrutiren.
-Hannchen hatte sich längst auf diesen
-Zeitpunkt gefreut, denn nun lag ihr Vater zu halben
-Tagen im Vogelherd und sie konnte den Geliebten
-unter den Augen ihrer Mutter täglich bei sich empfangen.</p>
-
-<p>Dieser war inzwischen Meister geworden, erfreute
-sich einer guten Kundschaft, und sein Hauswesen
-war so in den Stand gesetzt, daß er jeden Tag
-ein Weibchen heimführen konnte. Bisher war es
-ihm nur selten vergönnt gewesen, die dazu Auserkorene
-auf Augenblicke verstohlen zu sprechen &ndash;
-mit welchem Entzücken ging er am ersten Nachmittage,<span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span>
-da Meister Unger auf dem Vogelfang war, frank
-und frei in das ihm geöffnete Haus!</p>
-
-<p>Ein Glück war es, daß der »Kunz-Karl-Fried«
-nicht im Orte hauste, sonst wäre dem glücklichen
-Freiersmann die Freude bald wieder versalzen gewesen;
-aber die Wellersgrüner konnten ihn immerhin
-zu seinem Schätzchen gehen sehen, die hielten
-das Geheimniß eines liebenden Paares heilig. Einiges
-Aufsehen machte es indeß, als man erfuhr, der
-Sacher Heinrich, der sich in der Schänke so kräftig
-gegen den Vogelfang ausgesprochen, habe jetzt selbst
-im Niederwellersgrüner Hammerwalde einen Vogelherd
-angelegt &ndash; aber auch dies fand man bald
-in der Ordnung, indem man es als ein »Blendwerk«
-deutete, daß der pfiffige Liebhaber nothgedrungen
-dem Vater seiner Liebsten vormache, um
-diesem die Meinung beizubringen, er wäre gleich
-ihm selber auf dem Vogelfang, während er ganz
-gemüthlich um das Töchterlein freiete. Als aber
-Meister Unger die sonderbare Mär von Heinrichs
-Anstalten zum Vogelstellen hörte, rieb er sich vergnügt
-die Hände. »Da hat man das Großmaul!«
-sagte er, »wie es außer der Zeit war, da konnt'
-er gut wider das Vogelstellen predigen, aber kaum<span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span>
-ist die Zeit da, da kann er's selbst nicht lassen. Ja,
-lehrt mich das nicht kennen! Was einmal zum
-Vogelfang geboren ist, kann sein' Lebtag' nicht davon
-loskommen! &ndash; Meine Tochter kriegt er aber nun
-doch nicht!«</p>
-
-<p>Vier Wochen des herrlichsten Wetters für den
-Vogelfang gingen in das Land. Täglich ging
-Meister Unger ans Werk und täglich kehrte er heim,
-ohne mehr zu fangen, als hin und wieder einen
-»lumpigen Quäker«. Das edlere Geflügel, wie
-Grünertse, Zippen, namentlich aber Gimpel, schien
-ihm ganz und gar den Rücken gekehrt zu haben.
-Noch drei gelernte Gimpel hatte er in seinem Besitz
-und die Nachfragen nach diesen Sängern häuften
-sich wie noch nie. Nach Monatsfrist war er auch
-nicht um einen reicher.</p>
-
-<p>Man hätte glauben sollen, das fortwährende
-Fehlschlagen aller Bemühungen wäre das Grab
-von Seiner Majestät Geduld geworden; aber man
-hat keinen Begriff von der Geduld eines leidenschaftlichen
-Vogelstellers. Meister Unger wurde durch
-das Mißlingen seiner Operationen nur um so erpichter,
-zumal da die Anreizungen von Außen &ndash;
-Bestellungen auf gelernte und ungelernte Gimpel &ndash;<span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span>
-sich mehrten. Aus diesen Bestellungen ersah er zugleich,
-welch' ungeheuern Ruf er erlangt hatte, und
-er war nicht der Mann, der gegen solchen Ruf
-gleichgültig sein, ihn ohne Schmerz verlieren konnte.
-Davon, daß viele Aufträge fingirt, ein bloßes
-Machwerk Rußbuttenlobels waren, hatte er freilich
-keine Ahnung. Statt des halben, legte er sich bald
-den ganzen Tag auf seine Lieblingsbeschäftigung;
-es fehlte wenig, so wäre er ganz hinaus auf den
-Vogelherd gezogen. Es war aber Alles umsonst &ndash;
-das Glück hatte sich entschieden von ihm gewendet.
-Dagegen mußte er hören, wie dem Sacher die
-»rarsten« Vögel zuströmten und wie dieser bereits
-im Besitz einer so zahlreichen Gimpelkapelle sei, wie
-er selbst sie nie beisammen gehabt. Da wurde dem
-Gimpelkönig angst und bang um seinen Ruhm &ndash;
-wenn jetzt bei seiner Anwesenheit zu Hause ein
-städtischer Besuch kam, versteckt' er sich und ließ sich
-verläugnen, denn er wußte nicht, wie er seine Armuth
-an Sängern beschönigen sollte. Er begann
-an Zauberei zu glauben, und als er eine Zeitlang
-weiter nichts fing, galt es ihm als ausgemacht, daß
-sein Vogelherd behext sei &ndash; und wer konnte der
-Hexenmeister anders sein, als der in Welschland und<span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span>
-Frankreich mit allen Teufelskünsten bekannt gewordene
-Sacher? &ndash; Der Hexenmeister war jedoch Niemand
-als Rußbuttenlobel, welcher sich im Besitz
-eines Mittels befand, wodurch der für die Vögel
-ausgehängte Köder diesen schon von Weitem verleidet
-wurde &ndash; eine feine Essenz, womit Lobel in
-der Nacht die Beeren, oder worin sonst der Köder
-bestand, besprengte und dadurch die Vögel verscheuchte.</p>
-
-<p>Mittlerweile machte der Müller aus Neuhahn
-vergebliche Versuche, sich bei Frau Unger sowohl,
-als bei Hannchen in Gunst zu setzen. Ein goldener
-Henkeldukaten an schwarzem Sammethalsbande wurde
-von ersterer ohne Antwort zurückgeschickt, und eine
-schwere goldene Halskette erfuhr bei Hannchen, die
-eben keine Danae war, gleiches Schicksal. Herr
-Kunz, der nicht begriff, wie ein Frauenzimmer blind
-gegen die Reize des Goldes sein könnte, argwöhnte
-ganz richtig, daß doch wohl der Sacher Heinrich
-noch zu dem Hannchen schleiche. Er legte sich in
-den Hinterhalt, um darüber ins Reine zu kommen,
-und brauchte nicht lange zu lauern, um seinen
-Verdacht bestätigt zu finden. Eine Stunde später
-erfuhr Meister Unger auf dem Vogelherd die<span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span>
-Schreckenspost, daß der Mensch, der an all seinem
-Unglück schuld war, hinter seinem Rücken in sein
-Haus »auf die Freiet« ginge. »Der Mensch bringt
-mich unter die Erde!« rief der betrogene Vater
-aus und das Wasser trat ihm in die Augen vor
-Zorn und Schmerz. Er kratzte sich hinter den
-Ohren, raufte sich die Haare, lief im Vogelherd auf
-und ab und fragte: »Was soll ich thun? Den
-Vogelherd verlassen und nach Hause eilen, dort
-Ordnung zu schaffen? Aber wer weiß, mach' ich
-nicht gerade heute einen guten Fang? O ich geplagter
-Mann! Drin in meinem Hause geht's drunter
-und drüber und hier hält mich das Geschäft. &ndash;
-Herzens-Karl-Fried«, redete er diesen weinerlich an,
-»jetzt kann ich unmöglich von hier fort &ndash; Ihr müßt
-Euch gedulden &ndash; wenn ich nach Hause komme, will
-ich meinem Weibsen den Marsch schon machen.
-Verlaßt Euch auf mich, der Tischler kommt mir
-nicht wieder ins Haus!«</p>
-
-<p>Es giebt keine blindere und verkehrtere Leidenschaft
-als die Eifersucht einer aufdringlichen Liebe.
-Kunz begriff nicht, daß eine angefochtene Liebe nur
-heißer und fester wird. Als Meister Unger am
-Abend seinem »Weibsen den Marsch machte« und<span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span>
-Heinrichs Besuche in seinem Hause streng untersagte,
-unterwarfen sich zwar Weib und Kind dem
-Verbote; aber die wußten schon, wo sie waren: sie
-waren ja »d'rham« in Wellersgrün, im lieben Gebirge,
-wo verfolgte Liebe überall Schutz findet,
-wenn nicht unter dem eigenen Dache, so doch in
-irgend einem Nachbarstübchen, oder, wenn es sein
-muß, draußen im schattigen Tannenwald. »Ihr
-werdet einander doch dann und wann sehen,« tröstete
-die Mutter ihr Kind, »morgen gehst Du zur Muhme
-Christliebe zu Rocken, und wenn früh das Rußbuttenlobel
-kommt, so steck' ich's ihm, dann erfährt's
-Dein Heinrich schon.«</p>
-
-<p>Die Bestellungen auf Gimpel, welche Meister
-Unger erhalten und angenommen hatte, beliefen sich
-schon auf ein paar Dutzend, und er hatte noch
-immer nur seine alten drei Stück. Man kam und
-mahnte &ndash; er vertröstete &ndash; aber seine Hoffnungen
-auf eine Wendung seines Unsterns schlugen fehl &ndash;
-er konnte sein Wort nicht halten &ndash; er stand am
-Abgrunde seines Ruhmes. Heinrich hatte eine
-Menge der begehrten Vögel und zum Theil schon
-gelernte &ndash; wenn Ungers Kunden davon erfuhren,
-so war er »gepritscht«, und Heinrich trat an seine,<span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span>
-so lange mit Ehren behauptete Stelle. Als er
-eines Abends glücklos wie immer heimkehrte, kam
-ihm wohl der Gedanke, es koste vielleicht nur ein
-Wort bei dem Tischler, so ließe dieser ihm einen
-Theil seiner Herde, und er könne damit seine Ehre
-retten &ndash; aber dieses Wort zu sprechen, war ihm
-unmöglich. Den Abend darauf schüttete er gegen
-Rußbuttenlobel, dem er nicht im mindesten mißtrauete,
-sein ganzes Herz aus. Der schlaue Wächter
-unterließ nicht, auf der einen Seite den Ehrgeiz des
-alten Voglers gehörig zu streicheln, auf der andern
-aber Heinrichs Virtuosen in das glänzendste Licht
-zu stellen. In der That war es dem jungen
-Tischlermeister gelungen, ein paar Gimpel vorzüglich
-gut abzurichten; der eine sang sogar zwei Melodieen:
-»Kommt a Vogerl g'flogen« und »Hörst Du
-nicht die Vöglein singen« &ndash; ohne allen Anstoß und
-mit einer Richtigkeit des Zeitmaßes, die Unger seinen
-Sängern nie beizubringen wußte. Diesen Vogel
-taufte Rußbuttenlobel den »Steiermärker« und er
-hatte es durch seine Beredtsamkeit bald dahin gebracht,
-daß Meister Gottfried von Begierde brannte,
-den »Steiermärker« zu hören, ja wo möglich zu
-besitzen. Lobel äußerte jedoch bescheidene Zweifel<span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span>
-in Bezug auf die Erfüllung des letzten Wunsches,
-dagegen versprach er zur Erreichung des ersten behülflich
-zu sein, nur müsse er abwarten, wenn
-Heinrich einmal einen Nachmittag nicht zu Hause
-wäre, da wolle er dem Meister den Steiermärker
-auf den Vogelherd bringen.</p>
-
-<p>Der Nachmittag, wo Heinrich nicht zu Hause
-war, mußte natürlich bald kommen, und Rußbuttenlobel
-zog vergnügt mit dem Käfig, welcher den
-Steiermärker beherbergte, hinaus nach Ungers Vogelherd.
-Der arme Mann hatte eben wieder einen
-Schritt näher zum Grabe seines Ruhmes gethan:
-er hatte »kein Schwänzel« gefangen und war recht
-niedergeschlagen, als Lobel in den Herd eintrat.
-Dem ehrlichen Boten das Bauer entreißen, das es
-verhüllende Tuch wegziehen und den Gimpel nach
-allen Seiten betrachten, war eins. Lobel intonirte
-und der Steiermärker begann. Lange lange schon
-war dem Gimpelkönig auf seinem jetzt wackeligen
-Throne kein Ohrenschmauß zu Theil geworden, wie
-in diesem Augenblick. Es war ihm, als müsse er
-den Sänger küssen &ndash; er schnalzte mit der Zunge
-&ndash; klatschte in die Hände &ndash; er setzte den Vogel
-vor sich auf die Bank und kauerte andächtig davor<span class="pagenum"><a id="Seite_244">[244]</a></span>
-&ndash; am Ende fing er an zu greinen und sagte:
-»Mit mir ist's aus &ndash; wenn die Leute dich hören,
-Steiermärker, so will kein Mensch von mir einen
-Gimpel mehr, und ich heiße der Gimpelkönig nur
-noch zum Spott! &ndash; Rußbuttenlobel, verschafft mir
-den Steiermärker!«</p>
-
-<p>»Das steht nicht in meiner Macht &ndash; Ihr könnt
-denken, daß mein Vetter den Vogel auch gern hat
-&ndash; ja, ich sag' Euch, er hält ihn wie seinen Augapfel,
-und wenn er wüßte, daß ich ihn hier herausgetragen
-hätte &ndash; ich käme ins Teufels Küche!«</p>
-
-<p>»Oho! ich werd' ihn nicht behexen, wie mir
-der Sacher den Vogelherd behext hat,« erwiederte
-Meister Unger. »Lobel! ich bitt' Euch, verhelft
-mir zu dem Gimpel da!«</p>
-
-<p>»Ich will dem Heinrich sagen, daß Ihr&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nein! nein! er darf nicht wissen, daß <em class="gesperrt">ich</em> den
-Vogel haben will.«</p>
-
-<p>»Das würde ihm ja doch nicht verborgen
-bleiben, wenn der Vogel in Eure Hände käme,«
-sagte Lobel und versprach alles Mögliche zu thun,
-um seinem Vetter den Gimpel feil zu machen.</p>
-
-<p>Von Stund' an war es um den letzten Rest
-von des Gimpelkönigs Seelenruhe geschehen. Der<span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span>
-Gesang des Steiermärkers klang ihm in den Ohren,
-wo er ging und stand. Daheim, auf dem Vogelherd,
-auf dem Felde, überall war es ihm, als hörte
-er's tönen: »Kommt a Vogerl g'flogen, setzt sich auf
-mein'n Hut« &ndash; er träumte wachend und schlafend
-von dem niedlichen Sänger. Er fing schon an, den
-Zwiespalt mit dem Eigenthümer desselben zu beklagen,
-begann zu bereuen, daß er ihn beleidigt,
-geschlagen, aus dem Hause gewiesen &ndash; ach! wenn
-es ihm nur möglich gewesen wäre, dem Beleidigten
-die Hand zur Versöhnung zu bieten! Wie sich
-jetzt herausstellte, war es dem Tischler ja mit dem
-Verdammen des Vogelfanges gar nicht so ernst gewesen,
-als man es aufgenommen hatte &ndash; jetzt ließ
-sich schon mit ihm leben &ndash; aber ihm entgegengehen?
-&ndash; nein &ndash; das wäre eine Erniedrigung
-gewesen, ein solcher Gedanke durfte nicht aufkommen.
-»Wenn nur das Rußbuttenlobel käme!« seufzte der
-Geplagte, als er wieder leer vom Vogelherd heimkehrte.</p>
-
-<p>Rußbuttenlobel kam.</p>
-
-<p>»Es kann nicht anders sein,« klagte der unglückliche
-Vogelsteller dem würdigen Polizeimann,
-»mein Vogelherd ist behext &ndash; zwei Tage hab' ich
-wieder kein Schwänzel gefangen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span></p>
-
-<p>»Das glaub' ich,« sagte Lobel, »in den letzten
-zwei Tagen ist mein Vetter beständig auf seinem
-Herd gewesen, da konntet Ihr nichts fangen, Meister
-Unger!«</p>
-
-<p>»Wie so? &ndash; sagt mir's, wie so?«</p>
-
-<p>»So fragt man die Bauern aus, Meister
-Unger&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Lobel, sagt mir's &ndash; es soll Euer Schade
-nicht sein &ndash; der Sacher kann hexen, gelt?«</p>
-
-<p>Lobel machte eine geheimnißvolle Miene, rückte
-seine Mütze, kratzte sich das Hinterhaupt, nahm den
-Frager beim Arm und flüsterte ihm ins Ohr:
-»Versprecht Ihr mir, daß Ihr mich nicht verrathen
-wollt, Meister Unger?«</p>
-
-<p>Dieser schwor »Stein und Bein« und Lobel
-sagte darauf: »Der Heinrich hat ein Mittel, alle
-Vögel eine Stunde im Umkreis an sich zu locken &ndash;
-ich weiß nicht, worin es besteht, aber so viel kann
-ich Euch sagen: die Kraft liegt im Köder &ndash; die
-Beeren sind in eine Flüssigkeit getaucht, deren Bereitung
-ich vergebens erforscht habe, sonst hätte ich
-Euch längst ein Fläschchen davon verschafft&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Um's Himmelswillen, verschafft mir eins!«
-unterbrach ihn der leichtgläubige Hörer.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span></p>
-
-<p>»Das ist unmöglich, ich müßt' es denn stehlen
-&ndash; das wäre ein schöner Streich von einem Polizeimann.
-Aber hört &ndash; ich weiß einen Weg, Euch
-zu helfen. So viel hab' ich nach und nach ausspionirt,
-daß mein Vetter vor jedem Fang frische
-Beeren &ndash; ich glaub', es sind Pfaffenhütle &ndash; nimmt
-und sie auf dem Vogelherd selbst zubereitet. Ihr
-müßt sehen, wie Ihr solche Beeren in Eure Gewalt
-bekommt. Der Heinrich bleibt nie wie Ihr einen
-ganzen Nachmittag auf dem Herd &ndash; er geht stundenlang
-davon weg und wieder hin, wie's ihm gelegen
-ist. Nun dürft Ihr nur einmal abpassen, wenn er
-eine solche Pause macht &ndash; da schleicht Ihr &ndash; ja
-so, das geht nicht &ndash; eine Mannsperson und eine
-verheirathete Weibsperson darf die Beeren, wenn
-sie einmal geweiht sind, nicht berühren, sonst verlieren
-sie ihre Kraft; es muß eine reine Magd sein,
-welche die Beeren nimmt &ndash; und auch nicht zu jeder
-Zeit darf das geschehen, sondern nur zum Neumond&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ich schick's Hannel,« fiel Meister Unger ein.</p>
-
-<p>»Aber wird die gehen &ndash; wird die ihren Herzensschatz
-bestehlen?«</p>
-
-<p>»Ei was! &ndash; so was ist kein Diebstahl, dergleichen<span class="pagenum"><a id="Seite_248">[248]</a></span>
-kommt unter Jägersleuten vor. Also zum
-Neumond, sagt Ihr, muß es geschehen?«</p>
-
-<p>»Zu keiner andern Zeit &ndash; all solch Hexenwerk
-will beim Neumond getrieben sein.«</p>
-
-<p>»Gut &ndash; wenn haben wir den nächsten Neumond?«</p>
-
-<p>»Uebermorgen.«</p>
-
-<p>»Das ist herrlich! Aber wird da der Sacher
-gerade auf den Vogelherd gehen?«</p>
-
-<p>»Und wenn er sonst nie ginge, den Neumond
-versäumt er nicht. Instruirt nur's Hannel gut,
-damit sich's nicht erwischen läßt! Und noch eins,
-das ich bald vergessen hätte &ndash; wenn sie hingeht,
-muß sie stracks nach dem Herd gehen, darf nicht
-davor stehen bleiben, sich nicht umsehen und keinen
-Laut von sich geben, bis sie bei den Beeren ist,
-und wenn sie die hat, muß sie, ohne sich umzusehen,
-wieder fortgehen. Das schärft ihr ja recht ein!«</p>
-
-<p>In der Erwartung des Neumonds und des
-damit verknüpften Hexenstückleins schlichen dem
-Gimpelkönig die Stunden langsam dahin. Er hatte
-jetzt für nichts mehr Sinn als für den Köderraub,
-selbst der Steiermärker trat etwas in den Hintergrund,
-doch vergaß er ihn nicht ganz, und als am<span class="pagenum"><a id="Seite_249">[249]</a></span>
-Vorabend des verhängnißvollen Tages ein Brief von
-Leipzig an ihn kam, worin ein Unbekannter anfragte,
-ob es wahr sei, was man von dem wunderbaren
-Gimpel spräche, der zwei Melodieen mit unerhörter
-Virtuosität sänge, und ob dem Herrn Unger &ndash;
-denn sonst könne doch Niemand im Besitz eines
-solchen Wunders sein &ndash; das Thier feil wäre &ndash;
-als Meister Unger diesen Brief gelesen, behauptete
-der Steiermärker den gleichen Platz mit dem morgenden
-Abenteuer. Er konnte unmöglich schlafen &ndash;
-als Lobel in der Nähe die zehnte Stunde abrief,
-schlich er sich hinaus zu ihm und bat ihn, nach dem
-Abrufen zu ihm zu kommen und ein Gläschen
-»Eibenstöcker« mit ihm zu trinken, denn als Krämer
-führte er selbst seinen Magentrost im Laden.</p>
-
-<p>Lobel ließ nicht vergebens auf sich warten. Was
-die Beiden da mit einander ausgemacht haben, weiß
-ich nicht; aber am folgenden Morgen erschien der
-Wächter sehr früh bei Heinrich, lachte im ganzen
-Gesichte und sagte: »Heinrich, das Eisen ist warm
-&ndash; nun schmiede zu! Heute oder nie wird die Komödie
-aus.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_250">[250]</a></span></p>
-
-<h3>5.</h3>
-</div>
-
-<p>Nie war der Gimpelkönig seinen Angehörigen
-milder erschienen, als am heutigen Tage. Nicht ein
-einzigesmal ließ er sich als Topfgucker betreffen, nicht
-ein einzigesmal keifte er um ein Nichts. Der wackern
-Hausfrau widerfuhr das Unglück, daß »der Götzen«
-in der Röhre anbrannte &ndash; wenn es nun nichts
-setzt, dachte sie, so geht ein Wunder vor! Aber der
-gestrenge Hausherr verlor kein Wort darum, er
-setzte sich zu Tische und verschlang seinen Götzen
-sammt der verbrannten Rinde in schweigsamer Hast.
-Das frohe Staunen der Frau und Kinder war groß.</p>
-
-<p>Eben so groß, aber minder froh war Hannchens
-Staunen, als nach dem Essen der Alte sie ersuchte,
-sich fertig zu machen, daß sie mit ihm auf den
-Vogelherd gehen könne. Was sollte sie auf dem
-Vogelherd? Sollte sie an einem Geschäft sich<span class="pagenum"><a id="Seite_251">[251]</a></span>
-betheiligen, das ihr Heinrich sie als ein Unrecht verabscheuen
-gelehrt? Sie machte Ausflüchte, aber
-umsonst; sie mußte sich entschließen, und ihre Mutter,
-von Lobel gestimmt, forderte sie selbst auf, diesmal
-dem Vater zu willfahren. »Nimm Dein Handkörbchen
-mit!« befahl er beim Fortgehen, und dem
-nachkommend, trat sie an seiner Seite den Gang
-an. Aber statt nach dem Gemeindeholz, wo der
-väterliche Vogelherd stand, ging es nach dem Hammerwalde.
-»Dort ist ja nicht Dein Vogelherd!« sagte
-sie stehen bleibend.</p>
-
-<p>»Komm nur!« erwiederte er, »wir machen einen
-Umweg; dort giebt's viel Beeren, die mir fehlen,
-die wollen wir mitnehmen.« Und sie schritten weiter.
-»Hannel!« sagte er bald darauf im sanftesten Tone,
-dessen er den Seinen gegenüber nur fähig war,
-»Hannel, Du mußt mir einen Gefallen thun &ndash; wer
-weiß, ob ich Dir nicht auch einen thun kann.«</p>
-
-<p>Hannchen, die einer solchen Sprache aus dem
-Munde ihres Erzeugers gar nicht mehr gewohnt
-war, fühlte sich ganz gerührt dadurch und sagte:
-»Ich bin Dir ja immer folgsam gewesen &ndash; nur
-wegen des Kunz-Karl-Fried war mir's unmöglich,
-Dir zu gehorchen &ndash; ach, Vater! dringe mir doch<span class="pagenum"><a id="Seite_252">[252]</a></span>
-diesen Menschen nicht weiter auf! ich will auch Alles
-thun, was Du nur willst.«</p>
-
-<p>»Gut, Du sollst Deinen Willen haben, wenn
-Du den Kunz nun einmal nicht leiden kannst &ndash;
-aber laß mich nun auch meinen Willen haben.«</p>
-
-<p>»Nun?« fragte Hannchen mit erleichtertem Herzen.</p>
-
-<p>»Geh &ndash; hm &ndash; je nun &ndash; Du sollst mit
-Deinem Körbchen hinübergehen nach des Sacher
-Heinrichs Vogelherd &ndash; siehst Du, dort in der Telle
-liegt er &ndash; Dort wirst Du viel Lockbeeren finden
-&ndash; davon sollst Du mir ein Körbchen voll holen.«</p>
-
-<p>»Die Beeren sind aber ja nicht unser.«</p>
-
-<p>»Das weiß ich wohl &ndash; sie sind dem Sacher
-&ndash; aber ich muß die Beeren haben &ndash; wenn Du
-mir sie nicht holst, so nehm' ich mein Wort zurück
-und Du mußt den Kunz-Karl-Fried doch heirathen!«</p>
-
-<p>Hannchen schrak zusammen. Sie hatte als einfaches
-gebirgisches Landmädchen keinen rechten Begriff
-von der Ausdehnung der väterlichen Gewalt,
-daher zitterte sie bei dem Gedanken, daß ihr Vater
-sie wohl am Ende ebenso gut zu einer Heirath mit
-dem ihr verhaßten Bewerber zwingen, als er seine
-Einwilligung zur Verbindung mit dem Geliebten
-verweigern konnte. In der Angst ihres Herzens<span class="pagenum"><a id="Seite_253">[253]</a></span>
-gehorchte sie ohne Weiteres. Ihr Vater versicherte,
-daß sie nicht zu fürchten brauche, erwischt zu werden,
-da der Eigner des Herdes erst vor einer Stunde
-heimgegangen sei, schärfte ihr noch Rußbuttenlobels
-Anweisungen ein und entließ sie mit den Worten:
-»Ich verberge mich hier im Gebüsch und erwarte
-Dich.«</p>
-
-<p>Die Entfernung des Sacherschen Vogelherdes
-von besagtem Gebüsch betrug nur zehn Minuten;
-in spätestens einer halben Stunde mußte Hannchen
-mit dem Raube zurück sein. Allein es vergingen
-Dreiviertelstunden und die Abgesandte ließ sich nicht
-wiedersehen. Der Alte harrte in fieberhafter Aufregung
-&ndash; an dem glücklichen Erfolge des Unternehmens
-hing sein Ruf, seine Ruhe, das Glück seiner
-Tage, wie er wähnte. Von Minute zu Minute
-steigerte sich diese Erregung. Er trat von Zeit zu
-Zeit aus seinem Versteck und spähete nach der Gegend
-des Vogelherdes hinüber &ndash; aber Hannchen
-zeigte sich nicht. Endlich übermannte ihn die Unruhe
-seines Herzens &ndash; es litt ihn nicht mehr auf
-dem Platze &ndash; er mußte sehen, was aus dem
-Mädchen geworden. Er zog sich in dem Gebüsche,
-das den Hammerwald säumte, langsam und vorsichtig<span class="pagenum"><a id="Seite_254">[254]</a></span>
-nach dem Vogelherde hin. Jeden Augenblick, wenn ein
-Vogel im Gebüsch sich regte, glaubte er, die Tochter
-käme, aber er fand sich allemal getäuscht. So gelangte
-er in die Nähe des Herdes. Keine Spur
-von einem Menschen rings zu sehen. Er kroch auf
-allen Vieren nah an die Einfriedigung &ndash; es war
-so still hier wie auf dem Friedhofe. Nur dann und
-wann drang das Pfeifen eines Lockvogels aus der
-Reisighütte des Vogelherdes. Sollte Hannchen etwa
-da drinnen und eingeschlafen sein? Er schlich sich
-hinan &ndash; es war, als vernähme er ein Flüstern
-und Murmeln &ndash; er bog einige Zweige zurück, um
-ein Guckloch zu erhalten &ndash; Himmel! welch ein
-Schauspiel öffnete sich da seinen Blicken! Da saß
-sie, die Pflichtvergessene, in den Armen ihres Buhlen;
-vor ihr stand das Körbchen, halb gefüllt mit
-Beertrauben, während eine Menge dergleichen auf
-Heinrichs Schooß lag. Andere hielt er in seiner
-Linken &ndash; aber was that er damit? Er zählte
-die Beeren daran &ndash; »fünfundzwanzig,« schloß er
-halblaut &ndash; »also weiter, mein Kind! fünfundzwanzig
-Küsse als Lösegeld!« &ndash; Und die Gefangene? Da
-hält sie das Mäulchen hin und zahlt, zahlt so
-prompt, wie es nur auf der Wechselbank geschehen<span class="pagenum"><a id="Seite_255">[255]</a></span>
-kann. Fünfundzwanzig baare Küsse zählt der erstaunte
-Vater, dann sieht er, wie die Zahlerin die
-Traube lächelnd nimmt und sie in das Körbchen
-wirft &ndash; mithin hat sie alle Trauben, die darin
-liegen, mit solcher Münze ausgelöst! Und weiter
-muß er sehen, wie Heinrich schon wieder eine andere
-Traube ergriffen hat und daran zählt &ndash; also soll
-es so fortgehen, bis alle Beeren ins Körbchen gewandert
-sind? Welch Vaterauge könnte das mit
-ansehen?</p>
-
-<p>»Was ist das?« ruft Meister Unger in die
-Scene hinein und steht einen Augenblick später zürnend
-vor dem auseinandergeprallten Paare. Wehe!
-welch' ein Wetter wird nun über die Erschrockenen
-hereinbrechen? &ndash; Doch horch! welch ein Tönen
-dringt an das Ohr des Ergrimmten und schmeichelt
-sich weich und lieblich in seine innerste Seele hinein?
-»Kommt a Vogerl g'flogen«, singt der Steiermärker
-zur Seite seines Herrn &ndash; wie bezaubert steht der
-Gimpelkönig da, und lauscht und lauscht, vergißt
-Vaterzorn und Kindesungehorsam und hat nur
-Augen und Ohren für den kleinen Sänger. Und
-wie dem ersten Stücklein gar das andere folgt:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_256">[256]</a></span></p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Hörst du nicht die Vöglein singen<br /></span>
-<span class="i0">Abends von der Donau her,<br /></span>
-<span class="i0">Wie sie dir die Botschaft bringen<br /></span>
-<span class="i0">Daß mein Herz nicht läßt von dir!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">da wird er so gerührt, so von Entzücken hingerissen,
-daß es ein Blinder wahrnehmen möchte, geschweige
-denn die scharfsichtige Liebe. Kaum hatte der
-Steiermärker ausgesungen, so ergriff Heinrich den
-Käfig und reichte ihn dem Lauschenden mit den
-Worten: »Nehmen Sie den Vogel, Meister Unger;
-er war längst für Sie bestimmt und alle meine
-Vögel sollen Sie haben &ndash; seien Sie nur wieder
-gut mit mir!« Und Hannchen warf sich an die
-Vaterbrust und bat mit für den Geliebten und für
-sich selbst: »Du siehst, ich that Deinen Willen, aber
-ich wurde ertappt, und da ich Dir für mein Leben
-gern die Beeren verschaffen wollte, an denen Dir
-so viel gelegen schien, so unterwarf ich mich der
-Bedingung, unter welcher ich sie allein retten konnte:
-ich löste sie aus.«</p>
-
-<p>»Und das ist Dir gewiß nicht sauer geworden,
-Du Taubenschnabel!« fiel ihr der Alte
-ins Wort. Dann wendete er sich an Heinrich:
-»Er will mir den Steiermärker wirklich lassen?«
-fragte er.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_257">[257]</a></span></p>
-
-<p>»Den Steiermärker sammt meinem ganzen Reichthum
-an Gimpeln.«</p>
-
-<p>»Und was will Er dafür haben?«</p>
-
-<p>»Für Geld sind mir die Vögel nicht feil &ndash;
-schenken Sie mir Ihre Freundschaft!«</p>
-
-<p>Das war für den Gimpelkönig zu viel. Er
-fühlte, wie schwer er den jungen Mann gekränkt
-hatte &ndash; und doch schenkte derselbe ihm jetzt den
-unschätzbaren Steiermärker &ndash; solche Großmuth hätte
-einen Botokuden rühren müssen &ndash; er richtete sich
-in die Höhe und sagte: »Von einem fremden Menschen
-kann ich kein Geschenk nehmen, Meister Sacher.«</p>
-
-<p>»O so lassen Sie das Fremdsein zwischen uns
-aufhören &ndash; machen Sie mich zu einem Gliede
-Ihrer Familie &ndash; zu Ihrem Sohne!«</p>
-
-<p>Hannchen umschlang mit dem Bittenden zugleich
-den mit seinem Ausspruch Zögernden &ndash; da trat
-das bis jetzt versteckt gebliebene Rußbuttenlobel leise
-hinter ihn, intonirte, und der Steiermärker sang:
-»Hörst Du nicht die Vöglein singen.« Da war
-von einem längern Widerstande gegen die Bitten
-der Liebenden keine Rede.</p>
-
-<p>»Wenn Ihr denn durchaus nicht voneinander
-lassen könnt, so habt Euch in Gottes Namen!«<span class="pagenum"><a id="Seite_258">[258]</a></span>
-sprach der Alte, drängte die Glücklichen von sich
-weg und schloß dafür den Vogelbauer mit dem
-Steiermärker in seine Arme.</p>
-
-<p>»Wann soll ich Euch denn die andern dreißig
-Vögel bringen, Meister Unger?« fragte Rußbuttenlobel
-vortretend.</p>
-
-<p>»Ihr auch da, Lobel?« rief der Gefragte.</p>
-
-<p>»Ja,« sagte Lobel; »ich hatte Lunten, daß hier
-'was Polizeiwidriges im Werke wäre, und da gehörte
-ich auf den Plan. Ich bin nur froh, daß
-Alles so abgelaufen ist, denn es ist ein traurig Amt,
-der Gerechtigkeit in die Hände zu arbeiten, viel lieber
-schanz' ich der Geistlichkeit 'was zu.«</p>
-
-<p>Den andern Tag erfuhr ganz Wellersgrün und
-auch die Neuhahner Mühle durch die getreue Dorfpost
-die unerwartete Kunde von der Aussöhnung
-der Meister Gottfried und Heinrich und des Letzteren
-Verlobung mit Hannchen. Der Verlobung folgte
-bald die Hochzeit, und als Heinrich im Besitze
-seines Schatzes war, ließ er nicht nur seinen Vogelherd
-wieder eingehen, sondern bekämpfte auch aufs
-Neue, jedoch mit mehr Behutsamkeit und Mäßigung,
-als jenen Sonntag, die Leidenschaft seiner Heimathgenossen
-für den Vogelfang. Der Schwiegervater<span class="pagenum"><a id="Seite_259">[259]</a></span>
-wurde leichter, als sich erwarten ließ, durch die
-Großvaterfreuden bekehrt, und wenn ihm auch der
-Steiermärker, so lange er lebte, schon als Vermittler
-dieser Freuden lieb und werth blieb, so war
-sein Vogelherd doch bei der Taufe seines fünften
-Enkels bereits verfallen, und es kam ihm fast wie
-eine alte Sage vor, daß es einst in Wellersgrün
-einen Gimpelkönig gegeben und daß dieser Niemand
-anders gewesen als er selbst.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-end.png" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_260">[260]</a></span></p>
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Wiederholte Anführungszeichen in Folgeabsätzen bei gleichem
-Sprecher wurden entfernt.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 50: Pohlwassers → Pöhlwassers<br />
-einem wasserreichen Nebenbach des <a href="#corr050">Pöhlwassers</a></p>
-</div></div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Erzgebirgische Geschichten. Erster Band, by
-August Peters
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERZGEBIRGISCHE GESCHICHTEN. ***
-
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-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
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-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
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-information can be found at the Foundation's web site and official
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
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-
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
-
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
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-
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
-
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-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
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-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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