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Erster Band - -Author: August Peters - -Release Date: November 25, 2017 [EBook #56045] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERZGEBIRGISCHE GESCHICHTEN. *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This transcription was produced from -images generously made available by Bayerische -Staatsbibliothek / Bavarian State Library.) - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text - ist +so ausgezeichnet+. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist - ~so markiert~. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Erzgebirgische Geschichten - - von - - Elfried von Taura, - - Verfasser von: »Die stille Mühle« etc. etc. - - [Illustration] - - Erster Band. - - Hannover. - - Carl Rümpler. - - 1858. - - - - -Druck von August Grimpe in Hannover. - - - - -Inhalt. - - - Bretschneiderfritz. - - Die Fundgrube Vater Abraham. - - Der Gimpelkönig. - - - - -I. - -Bretschneiderfritz. - - -1. - -Hoch auf dem Plateau des Erzgebirges, in der nordöstlichen -Nachbarschaft des Keilberges, erhebt sich, weit nach Mitternacht und -Morgen sichtbar, die rautenförmige Basaltkegelgruppe des Bärenstein, -Scheibenberg, Pöhlberg und Haßberg. Es ist ein Raum von wenig -Geviertstunden, den sie umschließt, aber ein Raum voll landschaftlicher -und menschlicher Contraste. Die üppigsten Wiesengründe wechseln -mit kahlen Bergkuppen und hochgethürmten Felsen, die herrlichsten -Tannenwälder mit den traurigsten Torfmooren, die belebtesten, von -bienenfleißigen Menschen wimmelnden Gegenden mit menschenleeren -Wüstungen und die abgeschliffensten, auf der Höhe der Civilisation -stehenden Stadtbewohner mit Gemeinden, die noch um Jahrzehente hinter -jenen zurück sind. Tiefer als die Kluft, welche die Gegensätze der -Bildung scheidet, kann das tiefe Thal nicht sein, welches die ganze -Fläche in zwei Hälften scheidet, eine östliche und westliche. Aber -von welchen Gegensätzen wüßte der Bach zu erzählen, der das Thal bald -sanft, bald wild durchströmt, wenn wir ihn fragen wollten! Es genügt -hier zu wissen, daß er in seinem obern Lauf die Grenze zweier Staaten -und zweier Kirchengebiete bildet, daß er anfangs durch ein flaches -Wiesenthal, dann durch ein enges, tiefes, felsiges Waldthal und endlich -durch das tiefe und weite Thal von Königswald fließt. Da wo der schöne -Bach die Grenze eines der augenfälligsten landwirthschaftlichen -Contraste überschreitet, an der untern Oeffnung des erwähnten -Waldthales, bespült er den Garten einer Försterei und treibt unterhalb -derselben eine Mahl- und Sägmühle, oder, wie man hierzuland sagt, -Bretmühle. - -Es wird mir weh ums Herz, so oft ich an diese Bretmühle denke. Denn -immer muß ich da auch an den armen Bretschneiderfritz denken, der -einst dort lebte und, wiewohl er fast nie aus dem Thal gekommen, mehr -erlebte als manches Menschenkind, das die halbe Welt am Wanderstabe -durchmessen. - -Wenn ich so um zwanzig Jahre in meiner Erinnerung zurückgehe, was -war da der Bretschneiderfritz von Königswald für ein Mann! Alt und -Jung hatte ihn gern und ehrte ihn als Einen, der sein Fach verstand -und auch noch etwas mehr, der dabei ein rechtschaffen Stück Geld -verdiente und »lebte und leben ließ.« Zwar der Förster drüben über dem -Bach war nicht ganz gleicher Meinung mit den Königswaldern, denn er -hatte den Fritz im Verdacht, daß er um die schönen Stämme und Klötze -wisse, die von Zeit zu Zeit aus dem Theile des Reviers verschwanden, -welcher mit dem Pöhlwasser zunächst der Bretmühle »raint«. Er konnte -jedoch nichts auf ihn bringen, und so blieb Fritzens Ansehen bei den -Königswaldern ungeschmälert. Er war kein Jüngling mehr, denn er hatte -bereits in den Zwanzigern nichts mehr zu suchen, doch war er noch -immer ein Junggeselle. Nicht als ob es ihm an Gelegenheit zum »Freien« -gefehlt hätte! In Königswald mangelt es so wenig als anderwärts an -heirathslustigen Jungfern, und da der Fritz ein »feiner Bursch« war, -so hätte mehr als eine und nicht die schlechteste mit beiden Händen -zugegriffen, wenn er gesagt hätte: »Nimm mich!« Aber unser Fritz war -ein wenig wählerisch und zuletzt gab es nur Eine in Königswald, der -er Herz und Hand schenken mochte, das war +Kordel+, die Mündel seines -Brodherrn, des Müllers. - -Da hatte es nun so seinen besondern Haken, daß Fritz mit seinem -Werben nicht recht vom Flecke kam. Nicht als ob er dem Mädchen nicht -angestanden hätte, im Gegentheil, sie hatte deß vor ihren Freundinnen -gar keinen Hehl, daß sie den Fritz gern habe; aber dieser war so bis -über die Ohren in sie verliebt, daß er nicht wußte, wie er an sie -kommen sollte. Das Mädchen hatte so sein eigenes Köpfchen, was sie -von allen schönen Königswalderinnen unterschied: wie sie immer etwas -Apartes vor diesen haben mußte, sei es nun an ihren Kleidern oder -in der Art, wie sie das üppige kastanienbraune Haar scheitelte und -aufsteckte, so wollte sie auch von den Männern anders genommen sein, -wie jene, namentlich wollte sie dem Mann ihrer Wahl keinen Schritt -entgegengehen, woran es die andern jungen Königswalderinnen keineswegs -fehlen ließen. Dem Bretschneiderfritz machte Kordel's zurückhaltendes -Wesen viel Herzensnoth, und in dieser verfiel er auf einen Weg, auf -den er am allerwenigsten hätte verfallen sollen: er entdeckte sich dem -Müller und bat ihn um seine Fürsprache. Der Müller sagte ihm ihre Hand -ohne Weiteres zu, gerade als ob er als Vormund nur so mir nichts dir -nichts über ein freies Menschenwesen hätte verfügen dürfen. Es war ihm -indeß mit seiner Zusage gar nicht so ernst, wie er that, wenigstens -schob er ihre Erfüllung auf die lange Bank, und das war Fritzens -Unglück. - -In Königswald hieß es schon lange, daß Fritz und Kordel auf dem Punkte -ständen, ein Paar zu werden; da fehlte es denn wie gewöhnlich nicht -an spitziger Neckerei, noch an neidischer Afterrede. Wäre das Gerücht -wahr gewesen, so hätte sich Kordel aus Beidem nichts gemacht, aber da -die Sache noch im weiten Felde stand, Fritz noch kein Sterbenswörtchen -von Liebe und Heirath zu ihr gesagt hatte, so verdroß es sie, so »in -der Leute Mäuler herumzugehen«, und sie wurde dem Fritz fast böse, daß -er das Gerücht vom Brautstand veranlaßt und doch nicht wahr machte. -Als es ihr gar zu bunt ward, meinte sie, sie wolle dem Gerede bald ein -Ende machen; es müsse ja der Fritz nicht sein; es gäbe der Bursche -noch genug in der Welt, und der erste Beste, der sie haben wolle, und -der ihr gefalle, solle sie heimholen. -- »Ja« -- mußte sie aber dann -lächelnd einwenden -- »wenn nur erst Einer käme, so »fein wie der -Fritz« oder »noch a Bissel feiner.« -- »Je nun« -- raisonnirte der -Trotzkopf, sich stolz in die Höhe werfend, weiter -- »wer weiß, es kann -morgen Einer kommen.« - -Es war eines Sonntags, als sie aus der Kirche kam, wo sie dieses -Selbstgespräch hielt, und sie war dazu durch die Neckerei ihrer -Freundinnen auf dem Kirchhof veranlaßt worden. Ihr Weg führte sie an -ihrem von den Eltern ererbten Häuschen vorüber, welches jetzt eine -alte Muhme bewohnte, die als Sibylle von Königswald bei allen jungen -Mädchen, verliebten Burschen, wie lottospielenden Weibern und Männern -des Ortes in hohem Ansehen stand. Kordel fand sich bei den letzten -Worten ihres Selbstgesprächs gerade vor ihrem Besitzthum; was war -bei der Richtung ihrer Gedanken natürlicher, als daß sie hineinging, -die »Muhme Beate« zu fragen, was für ein Mann ihr beschieden wäre. -Die Alte empfing ihre jugendliche Hauswirthin mit zuvorkommender -Dienstwilligkeit -- ihr sibyllinisches Buch aus zweiunddreißig Blättern -lag auf dem Tisch, eh' Kordel ihren Wunsch noch ausgesprochen hatte. -Richtig! da war es ja ganz offenbar: ihr war »ein junger, schöner Herr -in einem grünen Rock« beschieden, nicht aus Königswald, sondern weit, -weit her -- aus Leipzig oder Dresden, wo nicht gar aus Bautzen;« er war -bereits unterwegs und eh' drei Tage vergingen, konnte sie ihn schon -gesehen haben. - -Es soll mich wundern, wenn Kordel an diesem Abend so geschwind -eingeschlafen ist, wie sonst, und wenn sie nicht von dem Grünrock -geträumt hat. Der Montag verging, ohne daß er ihr den Verheißenen vor -die Augen brachte, so oft sie auch zum Fenster hinaussah oder sich im -Hofe, im Garten und auf der Wiese zu thun machte. Aber sonderbar -- -Abends beim Essen erzählte der Müller, daß beim Förster drüben ein -neuer Gehülfe angekommen sei, ein »kreuzfideler Kauz«, mit dem er auf -dem Weiperter Blechhammer einen so vergnügten Nachmittag zugebracht -habe, wie lange keinen. Kordel wurde roth bis in den Nacken, und diese -Nacht träumte sie wirklich von einem Grünrock. - -Am andern Morgen litt es sie nicht im Hause; kaum hatte sie ihren -Kaffee getrunken, so nahm sie Sense und »Wetzkitze« und eilte auf die -Wiese, die der Pöhlbach vom Garten des Försters trennte, dort zu mähen. -Denn der Müller hielt sie nicht zum Staat in seinem Hause, sondern ließ -sie ihr Brod ordentlich verdienen. Sie hatte kaum zwei Schwaden nieder, -da horch! -- so etwas hatte sie noch nie gehört, -- aus dem offenen -Giebelfenster des Forsthauses sang eine Tenorstimme, gegen welche die -des Kantors nur heiseres Gekrächze war, das schöne Lied: »Es blies ein -Jäger wohl in sein Horn -- trarah -- trarah -- trarah etc.« Das Mädchen -vergaß gar das Mähen über den wunderholden Tönen, und die Empfindungen, -welche Text und Melodie athmen, strömten in solchen Schauern durch ihre -Brust, daß diese das fesselnde Mieder zu zersprengen drohte. - -Auch den Bretschneider lockte der ungewohnte Sang an sein Fensterlein, -das nach dieser Seite herausgeht, und wie ihm wurde, als er sein Lieb -nur fünfzig Schritte von dem Forsthause auf ihre Sense gelehnt in -Zuhören versunken sah, das will ich Niemand sagen. Aber es sollt' ihm -noch schlimmer werden. Denn das Lied war kaum zu Ende und Kordel hatte -kaum die Sense wieder in Bewegung gesetzt, da kommt ein schlanker -grünrockiger Gesell mit fliegenden schwarzen Locken zum Forsthause -heraus, setzt wie ein Hirsch über den Bach und ist wie der Blitz an -Kordel's Seite. - -»Guten Morgen, Jungfer Nachbarin!« grüßte der Wildfang. -- »So schöne -Gelegenheit, Unterricht in der Landwirthschaft zu erhalten, finde ich -im Leben nicht wieder; da muß ich gleich Stunde nehmen. Ich bitte!« -Und damit nimmt er die Sense aus der Hand des erglühenden und bebenden -Mädchens. - -»Ach, verzeihen Sie!« fährt er zu sprechen fort. -- »Ich habe Sie -erschreckt -- dictiren Sie mir welche Strafe Sie wollen, und zürnen Sie -mir nicht!« - -»Geben Sie mir meine Sense!« stammelte das verlegene Kind. - -»Warten Sie nur einen Augenblick!« versetzte der kecke Mensch. -- »Wenn -Sie mir böse sind, so muß ich Ihren Vater, das fidele Haus, rufen, daß -er meinen Advocaten bei Ihnen mache.« - -»Der Müller ist nicht mein Vater«, versetzte sie, »sondern nur mein -Vormund.« - -»So vertritt mein alter Freund von gestern also doch Vaterstelle bei -Ihnen. Wie ist es, muß ich mir seinen Beistand erbitten, oder verzeihen -Sie mir so?« - -»Ich habe ja nichts zu verzeihen.« - -»Wohlan, Ihre Hand! O welche allerliebste kleine Hand! Man sollte nicht -meinen, daß sie solche Arbeit verrichten könnte.« - -»O Sie sollen gleich sehen, ob sie's kann; geben Sie mir nur die Sense!« - -Er behielt sie jedoch und schickte sich an, eine Schwade zu hauen. - -»Um Gotteswillen!« schrie das Mädchen, ihm in den Arm fallend, »so -hauen Sie sich ja die Zehen weg.« Und nun nahm sie die Sense und zeigte -ihm, wie man sie führen müsse. - -Dem Allen mußte der gute Bretschneider von seiner Bretmühle aus -zusehen, und ihm war, als ob die kreischende Säge hinter ihm mitten -durch sein Herz schnitt. Jetzt -- das sah er ein -- war es die höchste -Zeit, sein Schäfchen ins Trockene zu bringen, sonst war es für ihn -verloren. Er eilte stracks hinüber in die Mühle, um mit seinem Herrn -ein ernstes Wort über die Heirathsangelegenheit zu reden. Leider war -der Müller ausgegangen und Fritz mußte sich gedulden bis Mittag. -Als er wieder über den Hof ging, begegnete ihm die von der Wiese -zurückkommende Kordel. Er sah sie mit einem traurigen und doch so -innigen Blick an, daß er ihr durch die Seele drang. Jetzt hätte er -dreist sein und sein ganzes Herz vor ihr bloß legen sollen; gewiß, sie -hätte ihm nicht widerstanden, und wenn sie einmal Ja gesagt, da wäre -sie ihm auch treu geblieben, und es wäre ganz anders geworden mit dem -armen Fritz -- aber auch mit ihr. Allein er seufzte blos, und ging zu -seiner Säge -- mit der konnte er um die Wette seufzen. - - -2. - -Am Mittag, gleich nach dem Essen, als Kordel bereits wieder draußen -herumwirthschaftete, zog Fritz den Müller mit sich auf die Bretmühle. -Wie bekannt hat jede Schneidemühle ein Souterrain, in welchem sich die -Radstube befindet. Dort häufen sich auch die von oben herabfallenden -Sägespäne auf. Es mußte sich gerade treffen, daß Kordel, um dergleichen -Späne einzufassen, sich in der Radstube befand, als Fritz und der -Müller oben ankamen und sich auf den vor der Säge liegenden Klotz -setzend, ein Gespräch begannen, in welchem das Mädchen fast das -erste Wort war. Kordel war bestimmt nicht die Neugierigste ihres -Geschlechtes, aber in diesem Falle konnte es ihr Niemand verargen, -wenn sie sich nahe herbeischlich und sich hütete, ihre Anwesenheit zu -verrathen. Der Bretschneider machte dem Müller Vorwürfe, daß er sein -Versprechen bis heute nicht erfüllt hatte. Der Müller entschuldigte -sich damit, daß es noch immer nicht habe passen wollen, fügte -aber hinzu, daß er dem Fritz diesen wichtigen Dienst nur um einen -Gegendienst leisten könnte. Auf Fritzens Befragen, was für Einer das -wäre, antwortete der Müller: - -»Das kann Er sich schon denken, Fritz! Er soll mir zu meinem Eigenthum -verhelfen, den achtzehn Fichten oben an der Waldecke hinter der Mühle.« - -Fritz kratzte sich hinter den Ohren und sagte kein Wort. - -»Er meint doch nicht, es wäre ein Unrecht,« fuhr der Müller fort, -»wenn wir die Fichten holen? Sie gehören mir von Rechtswegen; der -Boden, worauf sie stehen, gehört zu meiner Mühle; der frühere Förster -hat bei Lebzeiten meines Schwiegervaters die Grenzsteine verrückt und -so die schönen Fichten, wie er keine auf seinem Revier hatte, an den -Staatswald gebracht.« - -»Warum suchen Sie denn Ihr Recht nicht?« fragte Fritz. - -»Red' Er mir nicht von Rechtsuchen dem Fiskus gegenüber!« versetzte -der Müller. »Soll ich mich um die Mühle prozessiren? Er weiß doch, -wie es den Grumbachern geht, die nun seit funfzig Jahren wegen des -Streitwaldes mit dem Fiskus im Proceß liegen. Fritz -- sei Er nicht -wunderlich! Es ist ja keine Gefahr bei der Sache. Der neue Forstgehülfe -ist auf dem Revier noch unbekannt, auch bin ich bereits gut Freund mit -ihm und will ihn schon lenken.« - -Fritz schüttelte den Kopf und sagte: »Mit dieser Sache möcht' ich nicht -gern zu schaffen haben.« - -»So hab' ich auch nichts mit Seinen Absichten auf die Kordel zu -schaffen und ich gebe sie, wen sie sonst will.« Damit erhob sich der -Müller und ließ den armen Fritz in der traurigsten Stimmung sitzen. - -Kordel hatte von dieser Unterredung nicht ein Wort verloren. Sie vergaß -die Sägspäne vor Zorn über den Vormund, daß er sie um achtzehn Fichten -verkuppeln wollte und auch über den Fritz, daß er sich mit seiner -Werbung an den Vormund statt an sie selber gewendet hatte. - -Ihr Groll gegen den Vormund milderte sich indeß schon am Abend; denn -da brachte er den Forstgehülfen mit nach Hause. Dieser hatte jetzt -seinen grünen Anzug durch einen Tirolerhut vervollständigt, der ihm -verwegen auf dem rechten Ohre saß. Statt Büchse und Waidtasche trug er -ein weit friedlicheres Instrument am Arme: eine Guitarre, auf der er -im Schreiten über die Hausflur bis in die Mitte der Stube einen Marsch -spielte, zum Ergötzen der Müllerin und des gesammten Hausgesindes, nur -nicht des Bretschneiders. Der ärgerte sich über die Musik dermaßen, daß -er mit einer verteufelten Unmusik gegen sie ins Feld rückte: er nahm -die Feile zur Hand und fing an, die Säge in einer Weise zu schärfen, -daß es über eine halbe Stunde weit schrillte. Da konnte der Jäger -allerdings nicht spielen und singen, weshalb die Müllerin hinausrannte -und dem Fritz das Schärfen untersagte. - -Der Forstgehülfe war in der That ein Sänger, wie ihrer nicht viele in -grünen Pikeschen umherlaufen. Hätt' er nur einen bessern Gebrauch von -seiner schönen Gottesgabe gemacht. Die gute Kordel hatte gar keine -Ahnung, was für ein Springinsfeld der dunkellockige Sänger war, sonst -hätte sie seinen schmeichelnden Tönen nicht so freien Eingang in ihr -Herz gestattet, wie es schon am Morgen der Fall gewesen war und noch -weit mehr diesen Abend geschah. Und diesem Abend folgten noch andere, -ja, einen wie den andern stellte sich der Jäger ein, und eh' die Woche -um war, fand er sich in der Mühle wie zu Hause, und Kordel's Herz hing -wehrlos in seinem aus Gluthblicken und Tönen gewobenen Liebesnetz. - -Um den Bretschneiderfritz war es geschehen. Am Sonntage mußte er sehen, -wie Kordel in Begleitung des Müllers und des Grünrocks in »das Gericht« -zu Tanze ging. Da fuhr die Hölle in sein Herz, und wie er ihnen -nachsah, ballte er seine Faust und sprach: »Warte, du Tagedieb, dich -will ich bald aus meinem Gehege vertreiben.« Darauf zog er sich an und -ging ebenfalls in das Gericht. - -Der Bretschneiderfritz war kein Säufer, und Niemand in ganz Königswald -konnte auftreten und sagen, er habe ihn ein einziges Mal betrunken -gesehen; heute betrank er sich, und das Bißchen Verstand, welches der -Teufel der Eifersucht ihm noch gelassen, das trieb der Schnapsgeist -vollends aus. Zwar war er nicht so voll, daß er taumelte, als er sich -vom Müller bereden ließ, aus der Schänkstube hinauf in den Tanzsaal -zu gehen, aber wer ihn kannte, sah, daß das Thier in ihm jetzt die -Oberhand hatte. Die Kordel sah es ihm gleich an, als er auf sie zukam, -und obschon sie nicht wagte, ihm den Tanz abzuschlagen, so riß sie -sich doch gleich von ihm los, als er sie fest an sich riß, daß es ihr -den Athem versetzte. Er wollte sich ihrer wieder bemächtigen, aber sie -stieß ihn mit solcher Heftigkeit von sich, daß er zu Boden taumelte. -Der Müller hob ihn auf und führte ihn fort, während Kordel sich unter -den Schutz des Forstgehülfen flüchtete. - -»Herr!« sprach Fritz zum Müller, als sie wieder nach der Schänkstube -gingen, »wollen Sie die Fichten noch haben?« - -»Er holt sie mir doch nicht,« erwiederte der Müller kühl. - -»Ich hole sie -- heute Nacht noch fang' ich an. Geben Sie auf die -Kordel Acht und halten Sie den Försterburschen auf!« - -»Verlaß Er sich auf mich!« sagte der Müller, worauf Fritz, ohne noch -ein Wort zu sagen, davon eilte. - -Der Forstgehülfe ließ sich nur zu gern halten, weniger durch das -Zureden des Müllers, als durch den Zauber, den Kordel auf ihn übte. -Es graute schon der Tag, als die drei Nachtschwärmer in die Mühle -zurückkehrten. Der Forstgehülfe hängte sein Gewehr über, das er hier -eingelegt hatte, nahm mit einem Kusse von Kordel Abschied und eilte -dem Walde zu, um da nachträglich seine Pflicht zu erfüllen. Als er -aber an ein wunderheimliches Plätzchen kam, wo ein von jungen Tannen -beschatteter schwellender Mooshang zum Ruhen einlud, meinte er, es sei -Eins besser als das Andere, legte sich und schlief ein. Erst als die -Mittagssonne durch eine Oeffnung des dichten Gezweiges ihm ins Gesicht -schien, erwachte er, und da mußte es sich noch schicken, daß ihm zwei -Weiber mit schwergeladenen Holzkörben in den Weg kamen, gegen die er -das Interesse des Staates durch Pfänden und Aufschreiben der Namen -wahren konnte. Glücklich, zwei schneidende Beweise seines Diensteifers --- eine Handsäge und ein Beil -- dem Prinzipal überliefern zu können, -betrat er das Forsthaus -- aber mit einem »Hol' Sie der Henker mit -Ihrem Bettel da!« wurden ihm die Pfänder von dem erzürnten Förster vor -die Füße geworfen. - -»Bei Ihnen heißt es wohl auch: Die kleinen Diebe hängt man, die großen -läßt man laufen?« fuhr der Förster fort; »hätten Sie lieber aufgepaßt, -daß man nicht die drei schönsten Fichten im Walde gestohlen hätte, -als daß Sie auf ein paar alte Weiber mit Kaffeeholz fahndeten. Wenn -Sie sich noch eine solche Nachlässigkeit zu Schulden kommen lassen, -so sind wir auf der Stelle geschiedene Leute. Von heute an inspiciren -Sie lediglich den Kriegwald, und da haben Sie Acht auf die Bretmühle, -denn irre ich nicht, so haust dort unser Dieb, obgleich eine genaue -Haussuchung in allen Ställen und Schuppen der Mühle nicht das Geringste -ergeben hat.« - - -3. - -Als der Gehülfe am Nachmittage den Platz besah, wo in der Nacht die -stattlichen Bäume verschwunden waren, wurde es ihm gleich klar, daß -dieselben nicht gut anders wohin als in die Mühle gewandert sein -konnten. Sicher aber war der Müller unschuldig daran, denn wie sollte -ein so bemittelter Mann Holz stehlen? Er ließ sich daher durch den -Vorfall nicht abhalten, gegen Abend wieder in die Mühle zu gehen und -eine Blumenlese theils verliebter, theils lustiger Lieder zum Besten -zu geben. Länger aber als bis es finster geworden war, ließ er sich -diesmal nicht halten, sondern er ging an seinen Posten, schwörend, daß -wenn die Diebe heute kämen, sie ihren Mann finden sollten. Sie kamen -aber nicht, und auch die folgende Nacht nicht, noch die dritte. - -In der vierten Nacht meinte der junge Forstwart, es sei doch eine -Thorheit, da umsonst und nichts im kühlen Forst die halbe Nacht -hindurch zu wachen, statt mit dem nettesten Mädchen, das je an eines -Waidmanns Brust gelegen, zu kosen. Er ging zwar wie gewöhnlich um neun -Uhr aus der Mühle fort und hinauf in den Wald, aber als im Dorfe der -Wächter die zehnte Stunde abblies, schlich er sich wieder in die Mühle, -wo Kordel ihn bereits erwartete -- das arme, arme Ding! -- - -Als am frühen Morgen der pflichtvergessene Bursche aus Kordel's Armen -hinauseilte nach dem Walde, rührte ihn das Gewissen nicht, daß er ein -holdes Menschenleben vergiftet hatte; dagegen wurde er von dem Anblick -der drei frischen Stöcke, die neben den drei ersten entstanden waren, -wie vom Donner gerührt. Jetzt mußte er aus dem Dienst, das wußte er, -denn der Förster spaßte nicht, und dies und wieder dies allein war -sein Gedanke und seine Sorge -- was aus der armen Kordel werden würde, -daran dachte er nicht im Geringsten. Aber vielleicht konnte sie ihm -zur Entdeckung des Diebes behülflich sein -- dieser Gedanke trieb ihn -flugs in die Mühle zurück, wo, wie er wußte, Kordel noch wachte, da sie -jetzt den Backofen zu heizen hatte. - -Kordel saß, beleuchtet von der röthlichen Flamme, die sie eben -angezündet hatte, auf den Stufen vor dem Backofen und hatte ihr Antlitz -in die Schürze gehüllt, als der Verführer wieder zu ihr trat. Sie fiel -ihm weinend um den Hals und dankte, daß er wiederkomme, denn ihr sei so -angst und bange geworden, seit er sie verlassen. »O nicht wahr« -- fuhr -sie, ihm in die verführerischen Augen blickend, fort -- »nicht wahr, Du -verlässest mich nicht?« - -»Wenn ich nur nicht muß, lieber Schatz!« erwiederte er, sie küssend. -Das Mädchen fuhr erschrocken zurück und fragte, wie er das meine? Nun -berichtete er ihr seine Entdeckung, theilte ihr mit, was er zu erwarten -habe, und versetzte sie dadurch in die schrecklichste Angst. Gleichwohl -gelang es ihm nicht sogleich, ihr das Geheimniß, um das sie wohl wußte, -zu entlocken, erst nachdem er sie überredet hatte, daß das Vergehen mit -einigen Wochen Gefängniß gesühnt sei, und als er mit traurigen Geberden -für immer von ihr Abschied nahm, verrieth sie ihm den Ort, wo die -entwendeten Fichten, in Klötze geschnitten, untergebracht waren; mehr -aber konnte er nicht von ihr erfahren. - -Der Müller saß mit seinen Leuten beim Frühstück, als der Förster mit -einem Gerichtsschöppen erschien, um abermals Haussuchung vorzunehmen. -Aber diesmal nahmen sie sich nicht die Mühe, in Ställen und Schuppen -herumzukriechen, sondern sie verfügten sich stracks hinter die -Bretmühle, wo sie unter dem »Fluther« nach einigem Suchen ein großes -verdecktes Gewölbe und darin die gesuchten Klötze entdeckten. Der -Müller schien nicht im Geringsten verlegen bei dieser Entdeckung; er -fluchte auf die Diebe, die sein Haus verunehrten, und that, als ob er -nicht das Mindeste um das Vergehen wüßte, was der Förster auch glaubte, -da er einem solchen Manne, der noch dazu sein Gevatter war, eine solche -Handlung nimmermehr zutraute. - -»Ich habe dem Bretschneider schon lange nicht getraut,« erklärte er, -»und kein Anderer als er und der Kadenlieb sind die Diebe.« - -Am folgenden Tage wurde der Bretschneiderfritz mit dem Tagelöhner -»Kadenlieb« ins Amt abgeführt. Der Müller mußte zwar auch mit, aber -nach kurzem Verhör wurde er als ein angesessener Mann entlassen. Den -Bretschneider und seinen Mitverdächtigen sperrte man ein. Sie bekannten -ihr Vergehen gleich im ersten Verhör, ohne die Mitschuld des Müllers -anzugeben. - -Keiner von Beiden hatte eine Ahnung von dem Schicksale, das ihnen -bevorstand. Walddiebstähle waren im Königswalder Forst keine -Seltenheit, aber der höchste, der bis dahin an Königswalder Einwohnern -gestraft worden war, hatte den Betheiligten nicht über drei Monate -Gefängniß gebracht. Daß man wegen Waldfrevel ins Arbeitshaus kommen -könne, das schien den Beiden ebenso unmöglich wie andern Königswaldern, -denn welcher gemeine Mann kennt die so und so viel Paragraphen der -verschiedenen Strafgesetzbücher? Wie erschraken daher die Inkulpaten, -als ihnen nach halbjähriger Untersuchungshaft das Urtheil eröffnet -wurde, welches über den Bretschneider drei und über den Kaden -anderthalb Jahre Arbeitshaus verhängte! Der Letztere faßte sich zwar -bald wieder und tröstete sich, es werde wohl auszuhalten sein, aber den -Ersteren erschütterte der harte Richterspruch so tief und dauernd, -daß sein Mitgefangener (seit die Akten spruchreif waren, hatte man die -beiden Schuldgenossen zusammengesperrt) fortwährend befürchtete, er -möchte sich »ein Leid anthun.« Und wer weiß, was geschehen wäre, hätte -nicht vierzehn Tage nach der Urtheilsverkündigung der Amtswachtmeister -folgenden Brief überbracht: - - »Guter, lieber Fritz! Sie sind gerächt. -- Ich habe den Ort, - wo die Klötze lagen, verrathen. -- Gott weiß, ich wollte - Ihnen kein Uebel zufügen -- aber die Liebe -- o Gott! wie - fürchterlich bin ich für meine Verblendung gestraft! -- Ich bin - nicht mehr in der Mühle -- als die Frau erfuhr, daß es anders - mit mir stehe, hat sie mich aus dem Hause gejagt. Ich rannte - in der Verzweiflung nach dem Hammerteich, aber der liebe Gott - hat mich verstoßen, wie mich die Menschen verstießen, er ließ - mich zur rechten Zeit die schwere Sünde, die ich zu begehen - im Begriff stand, erkennen. -- Ich wohne nun im Hause mit der - Kartenschlägerbeate zusammen. Es ist ein traurig Leben -- o - wenn es überstanden wäre. Ich komme nicht aus dem Hause, selbst - nicht in die Kirche, denn ich schäme mich vor den Leuten, und - zu mir kommt Niemand in meinem Elend; sogar meine besten - Freundinnen verachten mich, besonders seit er, dem ich meine - Ehre geopfert, fort ist in die weite Welt. Nicht wahr, guter - Fritz, so hätten Sie nicht handeln können? - - Mein Gewissen läßt mir keine Ruhe -- verzeihen Sie mir, lieber - Fritz! -- ich werde ruhiger werden, wenn ich Ihre Verzeihung - habe. Werth bin ich Sie freilich nicht, denn ich habe mich - schwer an Ihnen versündigt und weiß auch, daß ich mein Vergehen - nie wieder gut machen kann. O wenn ich doch das könnte! -- - Denken Sie aber ja nicht, daß ich weiter etwas will, als Ihre - Verzeihung -- daß ich ein so freches Ding wäre, welches einen - braven Menschen wie Sie nun für gut genug hielte, nachdem ein - Anderer sie sitzen lassen. -- Lassen Sie mir nur ein paar - Zeilen zukommen, daß Sie mir nicht fluchen. - - Ich habe gehört, welch' ein hartes Urtheil Sie getroffen -- - der Bube, der eine vater- und mutterlose Waise ins tiefste - Elend stößt, geht frei aus, und ein braver Mensch, wie Sie, - wird wegen ein paar Waldbäumen so entsetzlich bestraft! Aber - verlieren Sie den Muth nicht -- Gott richtet anders als die - Menschen, hoffen Sie auf ihn und den lieben Heiland, der uns - zuruft: Kommt her zu mir, Alle, die ihr mühselig und beladen - seid! -- Ich schicke Ihnen hier ein Buch mit, das ich einmal - einem armen Handwerksburschen abgekauft habe; es ist eine - wundersame, rührende Geschichte. Ich hätte mich gern selbst - aufgemacht und Ihnen das Buch überbracht, aber ich schäme mich - so. -- Der gute Vater im Himmel stärke und erhalte Sie! Ich - werde allezeit für Sie beten. - - +Concordie E.+« - -Ein Thränenstrom rann über Fritzens abgehärmte Wangen beim Lesen dieses -Briefes, und er konnte sich lange nicht satt daran lesen. Anfangs -vermißte er das Buch gar nicht, von welchem im Briefe die Rede und das -ihm doch nicht mit übergeben worden war. Er erhielt es erst zu Mittag; -es war Zschokke's »Alamontade«. - -»Ich hoffe, Ihr werdet kein Hartkopf sein,« sprach der Wachtmeister, -als er dem Fritz das Buch darreichte, »Ihr werdet das arme Frauenzimmer -nicht ohne Trost lassen. Ihr wißt gar nicht, was sie für Euch gethan -hat. Die Extrakost hat sie bezahlt.« - -»Sie? Nicht der Müller?« fragte Fritz erstaunt. - -»Der wird sich hüten,« erwiederte der Wachtmeister, »das würde ihn ja -verdächtig machen. Die Kordel hat Alles bezahlt, mich aber gebeten, -Euch nichts davon zu sagen. Und sie hat noch weit mehr thun wollen; sie -hat sich erboten, die Fichten nach der Taxe zu bezahlen und auch alle -Kosten, wenn Ihr freigegeben würdet. Das geht nun freilich nicht an, -denn Strafe muß sein.« - -Fritz nahm dies Alles still auf -- er war keines Wortes mächtig vor den -Empfindungen, die sich in seinem Busen drängten. Der Wachtmeister nahm -sein Schweigen für »Hartköpfigkeit« und verließ ihn voll Unwillen. Aber -am folgenden Morgen verlangte Fritz Papier und Schreibzeug, und als er -das hatte, schrieb er einen Brief, der den Wachtmeister eines Andern -belehrte. Ich habe den Brief nicht zu Gesicht bekommen, sonst würde ich -seinen Inhalt ebenfalls mittheilen. Aber der Kadenlieb hat erzählt, daß -dem alten Wachtmeister beim Lesen des Briefes das Wasser in den Augen -gestanden hätte. - -Kordel's Brief und Buch waren für den gefangenen Fritz reiche -Trostquellen; sein Benehmen wurde von Stund an so, daß es dem -»Kadenlieb« zu seinen Befürchtungen keinen Anlaß mehr gab. Als ihm -das zweite Erkenntniß, wodurch das erste bestätigt wurde, eröffnet -worden war, ließ er sich ruhig und gefaßt in das Arbeitshaus abführen. -Man würde sich aber sehr irren, wenn man glaubte, er hätte sich mit -stoischem Gleichmuth in sein Schicksal ergeben. Zweierlei nagte an -seinem Herzen und raubte ihm die Heiterkeit des Geistes und den -muthigen Aufblick nach Oben, wodurch ein solches Loos erträglich wird: -die Bekümmerniß um die arme, betrogene und verlassene Kordel, und der -Gedanke an das Brandmal, welches seine Strafe für immer auf seinen -Namen drückte. Und wie berechtigt dieser Gedanke war, das sollte er nur -zu sehr erfahren. - - -4. - -Zwei Jahre hielt Fritz seine Strafe wacker aus. Sein musterhaftes -Betragen gewann ihm bald die Liebe der Anstaltsbeamten und ihre -menschenfreundliche Behandlung, verbunden mit der innigen Theilnahme, -welche Kordel fortwährend an seinem Schicksale bezeugte, hielt ihn -so lange aufrecht, und am Ende des zweiten Jahres wurde er auf -nachdrückliche Verwendung des Vorstandes der Strafanstalt begnadigt. - -Als er, der Gewänder der Schmach entkleidet, aus dem schrecklichen -Aufenthalt heraustrat und sich wieder frei in der unendlichen Behausung -Gottes fand, da fiel alles Leid und alle finstere Sorge von seinem -Herzen; stille bescheidene Hoffnungen hielten Einzug darin, begleiteten -ihn und förderten seine Schritte nach der lieben Gebirgsheimath. Er -hatte nur fünfzehn Stunden Weges bis Königswald, die gedachte er in -einem Tage zurückzulegen. Er vergaß, daß er nicht mehr der frühere -Bretschneiderfritz war, dem eine solche Tagereise allerdings Spaß -gewesen; bevor er ein Viertel des Weges hinter sich hatte, wurde er -inne, welche Verheerungen eine drittehalbjährige Haft auch in dem -kräftigsten Körper anrichtet, und mit Mühe und Noth erreichte er gegen -Abend das Städtchen Schwarzenberg, welches ungefähr auf der Mitte des -Weges liegt. Dort suchte er in einem Gasthause ein Nachtquartier. Die -Wirthin, an welche er sich deshalb wandte, machte jenes kalte Gesicht, -das armen Fußwanderern gewöhnlich zu Theil wird, wenn sie in einem -frequenten Gasthofe Einkehr halten; das hätte den Bretschneiderfritz -jedoch wenig gekümmert, hätte die Wirthin nur nicht so schnippisch -nach dem Passe gefragt. Da wurde er verlegen. Er hatte an Passes Statt -nur seinen Entlassungsschein aus dem Arbeitshause -- sollte er das -hochmüthige Weib mit seiner Schmach bekannt machen? Lieber hätte er ein -Nachtquartier im wilden Forst gesucht, als das gethan. So schüttelte er -den Staub von seinen Füßen und hinkte weiter, um in dem nächsten Dorfe -Grünstädtel sein Heil zu versuchen. Aber wer weiß, wie es ihm dort -wieder gegangen wäre! Glücklicherweise führte ein mitleidiger Stern -einen Bergmann des Weges, der den erschöpften Pilger einholte, ein -Gespräch mit ihm anknüpfte und, als er seine Lage erfahren hatte, ihn -freundlichst einlud, mit ihm bis Raschau (das nur eine Viertelstunde -weiter war als Grünstädtel) zu gehen und es sich eine Nacht bei ihm -gefallen zu lassen. Fritz hätte dem gastfreundlichen Manne um den Hals -fallen mögen, und es versteht sich, daß er sein Erbieten annahm. Die -Liebe Gottes giebt sich auf mancherlei Weise kund, am schönsten aber -dem Gedrückten durch mitfühlende Menschenherzen. Das erfuhr unser -Wanderer so recht in der Hütte des guten Bergmanns, der »froh wie Gott« -sein kärglich Mahl mit ihm theilte und ihm ein Lager zurechtmachte, wie -er es seit Jahren nicht genossen hatte. Wie wohl that seinem Herzen die -freundliche Begegnung, die ihm von den zahlreichen Gliedern der armen -Bergmannsfamilie widerfuhr! Wie belebte sie seinen Muth, sein Vertrauen -zu den Menschen, seine Hoffnungen wieder! »Ach! wie ist das Leben so -schön in der Freiheit unter guten Menschen!« sprach er, als er sich -auf sein Lager streckte, und nach innigem Gebete schlief er flugs und -fröhlich ein. - -Gestärkt und im Herzen erquickt setzte er seine Reise am andern Morgen -fort. Sie wurde ihm noch sauer genug, aber frohen Muthes überwand er -eine bergige Strecke nach der andern, und wie die Sonne auf die Wipfel -seiner heimathlichen Wälder den Scheidekuß glühete, überschritt er die -letzte Anhöhe vor Königswald. Als nun die wohlbekannten Thalfluren -ihm entgegenlachten, als der alte Kirchthurm und dann ein rauchender -Schornstein und ein graues Schindel- oder Strohdach nach dem andern -aus der Tiefe auftauchte, da erbebte sein Herz von nie empfundenem -Entzücken. Das hemmte seinen wankenden Schritt -- er mußte sich am -Waldsaum niederlassen, und in das blühende Haidekraut gestreckt, sog -er die balsamische Luft der Heimath mit durstigen Zügen. So lag er -noch, als die Abendglocke dem fliehenden Tage den Scheidegruß der -Königswalder Christengemeine nachrief. Da wurde ihm weh -- recht weh -ums Herz. Von den Feldern verloren sich die letzten Arbeiter und eilten -heim an den traulichen Herd, in die Kreise der Ihrigen, wo das labende -Mahl ihrer wartete und bald auch die erquickende Ruhe von des Tages -Last und Hitze. Den armen Fritz erwartete Niemand, kein Mahl war ihm -bereitet, und wo sollte er sein Haupt hinlegen? Jene Gedanken und diese -Frage drängten sich ihm jetzt auf, und dunkle Schatten lagerten sich um -seine Seele. Er erinnerte sich, woher er kam und was das in Königswalde -zu bedeuten hatte. Es fiel ihm ein, wie die Königswalder es dem -»Schneiderfriedel« gemacht hatten, der vor fünf Jahren vom Zuchthause -heimgekommen war und den ihr moralischer Bettelstolz in Verzweiflung -getrieben hatte. Zwar, Eine Seele lebte ihm in Königswald, bei der -er eines freundlichen Empfanges gewiß sein konnte; aber das war ein -lediges Frauenzimmer, bei dem er nicht herbergen konnte, zumal da sie -ohnehin schon wegen ihres Fehltritts verachtet genug war. Doch stand -ihm denn nicht die Mühle offen? Vielleicht -- aber ihr kennt den Fritz -wenig, wenn ihr glaubt, er habe den Müller, der ihn in Schande und -Elend gestürzt, dessen Weib die arme Kordel unbarmherzig aus dem Hause -gestoßen, um ein Unterkommen ansprechen können. Mit dem wollte und -durfte er nichts mehr zu schaffen haben. Nun, er hatte ja Verwandte -in Königswald; gleich da oben im ersten Gute, da hauste seines Vaters -Bruder, ein ziemlich vermöglicher Mann; weiter unten wohnten zwei -Vettern, die einen einträglichen Grenzhandel trieben und außer diesen -lebten auch zwei Mutterschwestern im Dorfe, der entfernten Verwandten -nicht zu gedenken. Unser Fritz hatte vor seinem Unglück mit Allen im -besten Vernehmen gestanden, dessen erinnerte er sich wohl, aber auch, -daß sie sich während seiner Haft nicht um ihn gekümmert hatten. Was -Wunder, wenn er jetzt ins Dorf zu gehen zögerte und als er sich endlich -dazu entschloß, mit Bangigkeit dem Gute seines Oheims zuwankte! - -Seine Ahnung betrog ihn nicht. Der Oheim und seine Frau machten sehr -verwunderte Gesichter, als sie den unerwarteten Spätgast eintreten -sahen. Da gab es keine traute Umarmung, keinen warmen Händedruck, -man bot ihm ein so kühles »Willkommen«, daß es ihm durchs Herz -fuhr: man bot ihm einen Platz am Tisch, auf dem eine große Schüssel -Kartoffelsuppe dampfte, aber mit so sichtbarem Mißbehagen, daß dem -Gaste das Blut zu Häupten stieg. Er nahm Stock und Hut und verließ das -ungastliche Haus seines nächsten Verwandten. Sollt' er nun sein Glück -bei der Sippschaft weiter versuchen? Was blieb ihm übrig? Wer sollte -ihn sonst freundlich aufnehmen, wenn es die Verwandten nicht thaten? -Er nahm seinen Weg zum Vetter Konrad, der überdies sein Gevatter war. -Hier wäre ihm auch wohl eine bessere Aufnahme zu Theil geworden, hätte -der Gevatter Herrenrecht im Hause gehabt, das hatte aber die Frau -Gevatterin und das war »eine hochmüthige Gans.« Ein Abendessen und ein -Nachtlager sollte dem Fritz zwar gewährt werden, aber ihn ganz ins Haus -zu nehmen -- das könne er nicht verlangen, meinte das Weib, ärgerlich -über ihres Mannes freundliches Benehmen gegen den »Anrüchigen«. -Dieser dankte für das Anerbieten und ging weiter. Der Arme! er -sollte den bittern Kelch der Erfahrung, daß Vetternfreundschaft die -allerunsicherste sei, bis auf die Hefen leeren. - -Die Vier, die er noch aufsuchte, nahmen ihn mit gleicher Kälte, wo -nicht mit schwerverhaltenem Widerwillen auf; ein Nachtquartier wollten -sie ihm zwar nicht versagen, und das wäre ihm auch vor der Hand genug -gewesen, aber sie boten es ihm auf eine Weise, die sein Selbstgefühl -empörte. Er dankte Allen und ging weiter -- aber nicht mehr zu irgend -einem Gliede seiner Freundschaft, sondern aus dem Dorfe hinaus -- nach -dem Gottesacker, dessen eingestürzte Mauer zu jeder Zeit den Zutritt -zur stillen Wohnstatt der Todten gestattete. Im Mondschein fand er -leicht die Stätte, die er suchte: das Doppelgrab seiner Eltern. Von -Schmerz überwältigt sank er dort nieder und weinte und konnte lange -nichts als weinen. - -O ihr Geister der längst abgeschiedenen Eltern! Sahet ihr aus euren -seligen Wohnungen den einzigen Sohn sich winden an eurer Gruft? Sahet -ihr nicht, wie seine Thränen euren zurückgelassenen Staub tränkten? -Ja, ihr sahet es und ihr tratet vor Gott und batet ihn, daß er dem -armen Dulder einen Engel zum Geleite sende auf der dornenvollen Bahn -unter den harten, blödrichtenden Menschen. Und Gott war auch schon -zuvorgekommen, der Engel war längst da, an eurem Grabe hat er sich -dem Heimkehrenden schon geoffenbart durch die sinnigen Liebeszeichen, -womit er euern Staub geehrt. Als Fritz sich wieder erhob, sah er das -einfache Kreuz, welches er den Eltern hatte setzen lassen, mit einem -frischen Kranze geschmückt und das Blumenbeet auf dem Hügel, das -er angelegt hatte, so sauber gepflegt, wie er es selber kaum gethan --- er wußte gleich, wem er Beides verdanke. Er mußte sie sehen ohne -Verzug -- er mußte ihr danken, und das nicht allein: er bedurfte ihres -freundlichen Willkommens in der Heimath, ihres warmen, theilnehmenden -Händedrucks. Der Wächter verkündete bereits die zehnte Stunde, da sah -es ja Niemand, wenn er in ihr Haus ging, und ehe noch Jemand im Dorfe -aufstand, konnte er es ja wieder verlassen. So schlug er denn den -Weg nach ihrer Behausung ein. Durch die Ladenritzen schimmerte noch -Licht, als Fritz dort ankam, die fleißige Bewohnerin klöppelte noch, --- mit hochschlagendem Herzen klopfte er an den Laden und rief sie -beim Namen. Schnell wich der Riegel der Thür -- eine warme Hand zog -ihn hinein -- er trat in die warme Stube -- Kordel lag schluchzend an -seiner Brust. Aber war das die Kordel, die er vor wenig Jahren gekannt -in der schwellenden Fülle und rosigen Frische der Jugend? O nein, das -war nur der Schatten ihres holden Leibes. Mit welcher Gier hatte der -nimmersatte Geier des Grams an diesen lieblichen Formen gezehrt, die -ein leichtsinniger Bube frech entweihte, statt sich in Ehrfurcht zu -neigen vor einem Meisterwerke seines Schöpfers! Fritz vermißte indeß -keinen ihrer Reize, wenn ihm auch die traurige Verheerung ihrer Gestalt -schmerzlich auffiel. Er ließ sie sich ausweinen an seiner Brust, aber -er wagte es nicht, seinen Arm um ihren Leib zu legen, nur ihre Hand -nahm er und preßte sie an seine Lippen. Nach dieser fast lautlosen -Begrüßung führte Kordel den Gast an das Bettchen ihres kleinen Fritz -(so hatte sie das vaterlose Knäblein taufen lassen), auf den die ganze -Fülle und Frische seiner Mutter übergegangen zu sein schien. Dann -eilte sie, ein warmes Essen für den Gast zu bereiten. Wie mundeten ihm -die neuen Kartoffeln mit der frischen Butter und der durch den besten -Rahm veredelte Kaffee! Zumal da Kordel ihm Gesellschaft leistete. Wie -war sie so heiter, so freundlich und so sanft! Ihr besseres Theil -trat geläutert und verklärt vor seinen Geist. Er sagte ihr, daß sie -nicht fürchten möge, er werde sie in Verlegenheit bringen. Sie möge -ihm nur ein Nachtlager auf dem Heuboden gönnen, daß er ein wenig -ausruhen könnte, am Morgen mit dem ersten Hahnenschrei wolle er sich -ungesehen fortmachen, sich nach einer Herberge umthun und Arbeit -suchen. Doch von dem Schlafen auf dem Heuboden, dem Frühaufstehen und -Ungesehenfortgehen konnte keine Rede sein; sie lächelte, als er den -Grund angab, und sagte, daß sie sich vor dem Gerede der Leute nicht -mehr fürchte. Mehr als sie ihr wegen des Kindes angethan, könnten sie -ihr nicht anthun; in jenem Falle hätten sie allenfalls noch Grund -gehabt, sie zu verachten, anders jetzt, wo sie eine heilige Pflicht -erfülle, und wenn man sich gleichwohl darüber aufhielte, so dürfe -und werde sie sich dadurch nicht irre machen lassen. Und sie bat den -Bedenklichen in so rührenden Ausdrücken und in einer Weise, die ihn -glauben ließ, er erzeige ihr eine Wohlthat, daß er sich entschloß, -das Hinterstübchen, welches seit dem kürzlich erfolgten Tode der -Kartenschlägerin ganz leer stand, zu beziehen, bis er irgend ein -passendes Unterkommen würde gefunden haben. - -Ein solches zu suchen, ließ Fritz sich gleich am andern Tage angelegen -sein. Er war früher ein sehr gesuchter Arbeiter gewesen; so ging er -mit gutem Vertrauen aus. Aber obwohl es der Bretmühlen eine ziemliche -Anzahl in dieser holz- und wasserreichen Gegend giebt, so wollte -sich jetzt doch nirgends eine Stelle für ihn finden. Das machte ihn -wohl etwas unmuthig, aber er verzagte darum nicht. Er verstand sich -auch auf die »Zeugarbeit«, und so ging er abermals den Wässern der -Umgegend nach. Aber er hatte in den Mahlmühlen eben so wenig Glück, -als in den Bretmühlen; hie und da gab man ihm auf verblümte Weise zu -verstehen, daß man einen Zuchthäusler nicht möge; denn Arbeitshaus oder -Zuchthaus ist dem gemeinen Volke all' eins. So kehrte Fritz am Ende der -zweiten Woche nach seiner Heimkunft völlig niedergeschlagen in sein -Asyl zurück. Kordel gab sich die freundlichste Mühe ihn aufzurichten; -sie stellte ihm vor, daß es ja nicht so dränge mit einem Unterkommen; -der liebe Gott segne sie dieses Jahr reichlich mit Kartoffeln -- daß -sie eine Kuh, ein Stück Jungvieh und eine Ziege halte, wisse er; -ihre Wirthschaft sei bezahlt und außerdem habe sie auch noch ein -paar hundert Thaler auf Interessen ausstehen. So könne sie es sich -nun auch etwas leichter machen, als zeither, indem sie sich von ihm -in der Wirthschaft helfen ließe. Die Arbeit aber, welche die kleine -Wirthschaft für einen rüstigen Mann darbot, schien dem Bretschneider -doch zu geringfügig, um sich dafür füttern zu lassen. Da er in seinem -erlernten Fache nirgends ein Unterkommen fand, so entschloß er sich, -bei den Begüterten von Königswald Taglöhnerarbeit zu suchen. Aber -hier sollte ihm das tödtliche Gift des Mißtrauens und der Verachtung -tropfenweise eingeflößt und in Galle und Blut hineingetrieben werden. -Man hatte für den entlassenen Sträfling nirgends Arbeit. - - -5. - -Der Leser muß nicht glauben, daß es das +Vergehen+ des Bretschneiders -war, was sie verachteten und weshalb sie ihn von ihren Thüren -scheuchten, -- o da waren wohl wenige unter den wohlehrsamen Begüterten -von Königswald ganz rein geschoren, so Mancher hatte dann und wann ein -Stämmchen aus dem königlichen Forst geholt, ohne daß das Stempeleisen -des Forstmeisters es berührt hatte; aber sie hatten es fein schlau -angefangen und waren glücklich mit ihrer Beute weggekommen. Vor der -Welt waren sie ehrliche Leute, so meinten sie, daß sie es wirklich -wären, und glaubten von ihrer Ehrlichkeit keinen bessern Beweis -liefern zu können, als wenn sie jeden wegen einer unehrlichen Handlung -Bestraften recht sichtlich verachteten. - -Leser -- glaubst du nicht, daß solche Erfahrungen in solcher Lage einen -Menschen zur Verzweiflung treiben, oder doch »die Milch der frommen -Denkart in gährend Drachengift verwandeln« können? Bei unserm Fritz war -es nahe daran, daß das Eine oder Andere geschah, nur Kordel's immer -gleiche Sanftmuth und Freundlichkeit verhinderte, daß das so reichlich -in ihm erzeugte Gift nicht alsbald seinen ganzen edleren Menschen -vernichtete. Aber daß er durch alle die fehlgeschlagenen Hoffnungen und -vergeblichen Anstrengungen, ein ehrlich Unterkommen zu finden, täglich -schwermüthiger gemacht wurde, konnte sie nicht hindern. Das schmerzte -sie und begann dem Wurm, der an ihrer Gesundheit nagte, neue Nahrung zu -geben. Endlich konnte sie nicht länger an sich halten und ein Gedanke, -der gleich nach seinen ersten vergeblichen Gängen in ihr aufgetaucht -war, brach sich unwiderstehlich Bahn. - -»Fritz!« sprach sie etwas rascher als gewöhnlich, »Sie handeln unrecht -an sich selbst. Was ärgern Sie sich so ab mit den unvernünftigen -Leuten? Was sorgen und quälen Sie sich so um ein Unterkommen unter -ihnen? Habe ich nicht genug für uns alle Drei? -- Lassen Sie mich -ausreden! -- Ihre Hand! Sehen Sie den unschuldigen Wurm da -- er hat -keinen Vater -- wer weiß, ob nicht bald auch keine Mutter.« - -Hier wurde sie roth und stockte; Fritz aber fiel ihr in die Rede und -bat sie, nicht solche Gedanken zu hegen. - -»Man muß auf Alles gefaßt sein -- ja, lieber Fritz! -- mir ist, als -werde ich nicht lange mehr für das arme Kind sorgen können. Dieser -Husten -- meine abnehmenden Kräfte -- Fritz! soll ich, wenn der Herr -mich abruft, das Kind als Waise zurücklassen?« - -»O wäre ich nicht, was ich bin!« rief Fritz gramvoll aus, »so sagte -ich, ich will sein Vater sein!« - -»Ist es das und immer nur das?« erwiederte Kordel. »Wenn Sie mich auch -nicht mehr lieben, wie einst, wenn ich auch nicht werth bin, Ihre Frau -zu sein, so -- ich flehe Sie an -- werden Sie diesem verwaisten Wesen -ein Vater!« - -»Versteh' ich Sie recht?« stammelte Fritz von einem heiligen -Freudenschauer durchbebt. »Wollen Sie mich?« - -»Zum Vater meines Kindes machen,« sprach sie mit hohem Erröthen, seine -Hand an ihr Herz drückend. - -»Aber bedenken Sie, ich bin ein Ausgestoßener.« - -»Und was bin ich? Wir tragen das gleiche Loos -- die ehrbaren Leute -stoßen mich wie Sie von sich -- so lassen Sie uns gemeinsam tragen, -was uns der Himmel aufgelegt hat! Zum Glück haben wir genug, um die -hartherzige Gesellschaft allenfalls entbehren zu können. Wir können -einen Handel anfangen -- gewiß, Gott wird uns helfen, wenn wir -zufrieden sind und fortan auf seinen Wegen wandeln. Wollen Sie?« - -»Ob ich will? O du mein einziger Trost im Leben! Ich habe ja nie -aufgehört, dich zu lieben und ich dachte mir es seit dem Augenblicke, -da ich dein Unglück erfuhr, als das höchste Glück, für dich und dein -Kind sorgen zu können. Wenn du mich nicht verschmähst, so will ich -deinem Kinde ein treuer Vater sein.« - -Da schlang Kordel weinend ihre Arme um seinen Hals -- seine Thränen -mischten sich mit den ihrigen, und der Engel, der den Schlummer des -kleinen Knaben hütete, war Zeuge ihrer Verlobung. - -Sechs Wochen später wurden sie getraut. Hochzeitgepränge, Schmaus und -Tanz gab es freilich nicht dabei; ihr einziger Hochzeitsgast »bei -einem Gericht Gerngesehen« war der Kadenlieb. Dem ging es bei den -Königswalder Pharisäern natürlich auch nicht besser oder vielmehr noch -schlimmer, als dem Bretschneiderfritz, aber er machte sich nicht viel -aus den »Dickköpfen«, wie er sie nannte, und Arbeit und Brod mußte ihm -der Müller schaffen. - -Hätte Fritz nur einen Theil von dem leichten Sinn seines -Schicksalsgenossen gehabt, so hätte er sich in seiner neuen Lage -recht zufrieden fühlen mögen. Eine Zeitlang schien es auch, als ob -er mit seinem Geschicke ausgesöhnt sei. Es gab vor und nach der -Hochzeit vollauf für ihn zu thun: die Hafer- und Kartoffelnernte -und andere Feldarbeit, verschiedene Reparaturen im Hause und an den -Wirthschaftsgeräthen beschäftigten ihn mehrere Wochen lang recht -gehörig, und da sein Weib immer mit einem Lächeln, einem zärtlichen -Worte bei der Hand war, so vermißte er die Liebe und Achtung der Welt -nicht. Dazu kam, daß Kordel sich merklich zu erholen schien, sie -bekam ein frischeres Aussehen, als sie bisher gehabt hatte, und Fritz -schöpfte daraus Hoffnung für ihre völlige Wiederherstellung. Auch die -Zuneigung, womit der kleine Fritz sich an ihn gewöhnte, war eine Quelle -der Freude und des Trostes für ihn. Als aber die Arbeit in Feld und -Haus nachließ und der müssigen Stunden zu viele für ihn kamen, wollte -ihn der alte Mißmuth wieder beschleichen. Es kränkte ihn doch, daß er -sein Gewerbe nicht ausüben konnte; auch daß er unter polizeilicher -Aufsicht stand, keine Ehrenrechte in Gemeinde und Staat besaß und von -seinen Mitbürgern verachtet war, konnte er nicht verschmerzen. Er -gerieth auf den Gedanken, sich selbst eine Bretmühle zu bauen, statt -einen Handel anzulegen, und Kordel willigte mit Freuden ein. Sie -kündigte ihr Kapital und machte ihm zu seinem Geburtstage, welcher im -December fiel, ein Angebinde damit. - -Fritz lebte wieder etwas auf, da er nun einen sicheren Weg zu Arbeit -und Verdienst vor sich sah. Er suchte und fand bald einen geeigneten -Platz zu einer Schneidemühle an einem wasserreichen Nebenbach des -Pöhlwassers. Da er aber mit dem Bau vor dem nächsten Frühjahr nicht -beginnen konnte und auch zur Holzanfuhr die jetzige Zeit noch nicht -günstig war, so trug er das Kapital, um es nicht nutzlos daliegen zu -lassen, nach Annaberg zu einem Kaufmann, der zugleich Bankiergeschäfte -trieb. Vierzehn Tage später erhielt er die Schreckensnachricht, daß der -Kaufmann Bankerott gemacht habe und Fritzens Geld verloren sei. - -Das war ein furchtbarer Schlag für unser Paar; Fritz wollte sich nicht -darüber zufrieden geben und jammerte immerfort: »Das arme Kind! das -arme Kind!« Kordel, die den Verlust eher zu verschmerzen schien, suchte -ihn zu trösten, doch gelang es ihr nur unvollkommen. »Wer weiß, wie der -liebe Gott auf andere Weise für das Kind sorgt,« sagte sie, wenn Fritz -so wehklagte. - -Sie hatte Recht -- der liebe Gott sorgte bald für das Kind, daß es das -Geld entbehren konnte -- er nahm es zu sich; das Scharlachfieber raffte -es weg. - -Das war kurz nach Weihnachten, -- am Aschermittwoch senkten sie neben -der Hülle des Kindes die seiner Mutter ein. Die Auszehrung, welche ihr -der Gram über die Treulosigkeit ihres Verführers, noch mehr aber über -die Kränkungen, die sie von den Königswaldern erdulden mußte, zugezogen -hatte, war nach dem Tode ihres Knaben plötzlich in ein entschiedeneres -Stadium übergetreten. Ruhig und ergeben sah sie ihr Ende herannahen und -sanft, wie sie in der letzten Zeit gelebt, schlummerte sie hinüber. - -Mit ihr erlosch aller Glanz aus dem Leben des armen Fritz; er schleppte -es fortan als eine finstere und bleierne Last mit sich herum. Seine -Heimathgenossen fingen allgemach an, mit dem hart Geschlagenen einiges -Mitleid zu fühlen, sie zeigten sich freundlicher gegen ihn und boten -ihm Arbeit an, aber er mochte nichts mehr von ihnen wissen. Sie waren -vornehmlich schuld an dem Tode seines Weibes -- dies konnte er ihnen -nicht verzeihen, wenn er ihnen auch die eigene Schmach verziehen hätte. -Er schloß sich völlig von ihnen ab; außer dem Kadenlieb pflog er mit -keinem lebendigen Menschen Umgang -- sein Herz war bei den Todten und -ihrer Wohnstätte galten seine Besuche. Ihm war am wohlsten, wenn er -zwischen seinen Gräbern weilen, oder doch nahe bei der Kirchhofmauer -so sitzen konnte, daß er die Kreuze darauf sah. Kordel's Kreuz war -allezeit frisch bekränzt. Eine Ziege, die sie aufgezogen und so an sich -gewöhnt hatte, daß sie ihr überall hin folgte wie ein Hund, trug diese -Anhänglichkeit bald auf ihren trauernden Herrn über, sie war immer bei -ihm, wenn er seines traurigen Kultus pflog. So hat er es zwei Sommer -getrieben. - -Am zweiten Jahrestage von Kordel's Tode brach in Königswald ein Feuer -aus, welches bei dem starken Winde, der gerade wehte, für den größten -Theil des Ortes verderblich zu werden drohte. Fritz eilte zum Löschen; -es war das erste Mal, daß er sich wieder unter seine Mitbürger mischte, -von denen es ihm keiner an entschlossener Thätigkeit gleich that, -obschon die meisten tüchtig zugriffen. Leider war die Löschanstalt -nicht im besten Stande und noch dazu schlecht geleitet. Fritz sah -die Nothwendigkeit des Niederreißens zweier Gebäude ein, um das -Fortschreiten der Flamme, die bereits ein zweites Haus ergriffen hatte, -zu hemmen. Der Richter, welcher Feuer-Commissarius war, widersetzte -sich Fritzens Rath und ordnete an, alle Thätigkeit auf das Löschen -der brennenden Gebäude zu verwenden. Fritz, von der Nutzlosigkeit -dieser Anstrengung überzeugt, rief nun die Hülfeleistenden auf, ihm -mit dem erforderlichen Geräthe zu folgen und zum Niederreißen der -bezeichneten Gebäude zu schreiten. Alle Einsichtigen folgten seinem -Rufe; dadurch wurde der Richter in Wuth versetzt, er stürzte auf den -Bretschneiderfritz los, packte ihn bei der Brust und schrie: - -»Was will Er hier? Commandiren? Aufwiegeln? Weiß Er, was Er ist? Er -hat gar kein Recht in der Gemeine; nicht ein Wort hat Er zu sagen! -Unter meiner Aufsicht steht Er, und ich kann Ihn ohne Weiteres ins Loch -sperren lassen.« - -Fritz erwiederte kein Wort -- er vermochte keins hervorzubringen. Er -wandte seinen Blick nach Oben und ging zu sehen, wo er sonst helfen -konnte. Das zuerst in Brand gerathene Haus gehörte einer armen Wittwe. -Sie hatte nur wenig von ihrer Habe zu retten vermocht, und Niemand -getraute sich mehr in das über und über brennende Gebäude, um noch -Etwas herauszuholen. - -»Helft mir doch wenigstens meine Ziege retten!« rief die jammervolle -Wittwe aus; »hört doch, wie das arme Thier schreit!« Damit wollte -sie in das Haus; doch Fritz, der eben hinzutrat, ergriff sie, -schleuderte sie zurück und eilte selbst in das Gebäude, eh' Andere -ihn zurückzuhalten vermochten. Es mag Manchem tollkühn erscheinen, um -einer Ziege willen ein Menschenleben zu wagen, aber Fritz wußte, was -einem verlassenen Menschen solch' ein Stück Vieh sein kann, und die -Wittwe war verlassen wie er -- und was galt ihm sein Leben? Es gelang -ihm wirklich, das Thier zu retten, ein Freudenruf entrang sich mancher -beklommenen Brust, als er sich wieder unter der Thür zeigte. Schon -war er fast aus dem Bereiche der fürchterlichen Gefahr, als plötzlich -ein brennender Sparren niederstürzte und ihn zu Boden streckte. Der -eben herbeigeeilte Kadenlieb trug ihn für todt in sein Haus; schnelle -ärztliche Hülfe rief ihn jedoch wieder ins Leben. Der Arzt hoffte ihn -zu retten, obschon seine Brust schwer verletzt war. Fritz wünschte -blos, von den Menschen errettet zu sein und sein Wunsch ging in -Erfüllung. Ein heftiger Blutsturz bahnte seiner Seele den Ausweg aus -ihrem vergänglichen Gefäß. Der Kadenlieb, welcher nicht von seinem -Bette wich und ihn wie ein Bruder pflegte, wurde sein Erbe. - -Der macht' es gescheidt -- als der Frühling ins Land kam, bepflanzt' er -die Gräber seiner Freunde mit Veilchen und Immergrün, verkaufte Haus -und Feld, gab dem Todtengräber ein Sümmchen, damit er die Gräber wohl -pflege, und ging mit dem Rest nach Amerika. - - - - -II. - -Die Fundgrube Vater Abraham. - - -I. - -Die Bergleute des Reviers hatten Lohntag. Die Auslohnung war vorbei, -und das muntere Bergvolk stand in Gruppen längs der Rathhausseite des -großen Marktplatzes oder schlenderte durch die zwei Budenreihen des -Krammarktes. Denn seit undenklichen Zeiten war in der freien Bergstadt -dafür gesorgt, daß die Bergleute, deren Viele stundenweit herkamen, -sich eines Theiles der schwergewonnenen Groschen auf leichte Art wieder -entäußern konnten. Und wie man Fischreußen vor die Abflußöffnungen -der Gewässer legt, so baute man die Buden gerade in die Verlängerung -der Gasse, in welcher das Berg- und Zehntamt lag. Da mußten selbst -diejenigen hindurch, welche Lust hatten, einen Theil ihres Lohnes -in der Sparcasse niederzulegen, die seit einem Jahrzehent bestand, -so daß gar manches für die Sparcasse bestimmte Fischlein dort -hängen blieb. Das konnte freilich nur von dem unbeweibten Bergvolke -gelten, denn der beweibte und dann sicher auch mit Kindern gesegnete -Knappe konnte höchstens mit Hülfe eines Heckethalers sich an der -Sparcasse betheiligen. Gönnt der sich doch nicht einmal ein billiges -Frühstück in der Garküche, aus welcher es so bratenhaft duftet -- -an das gegenüberliegende »süße Löchel«, die Conditorei, ist gar -nicht zu denken, sondern er verzehrt höchstens in den Brodbänken ein -»Dreierstöllchen« mit einer halben Knackwurst, nachdem er die Hälfte -für seine »Alte«, vorausgesetzt, daß sie noch jung ist, im Kittel -geborgen. - -Von jungen Burschen sah man in den Brodbänken höchstens den Bergner -Ferdinand vom Vater Abraham. Heute war er da. Ein hochgewachsener, -blonder, frischer Gesell, mit intelligenten Zügen. Der leinene Kittel -kohlschwarz, Fahrleder und Gürtel schön lackirt, auch das Schuhwerk -blank gewichst. Unter der Bänkenthür stand er und blickte mit seinen -hellen, blauen Augen nach der gegenüberliegenden Conditorei, aber wohl -eher nach dem lockigen Kopfe einer Dame, die dort an einem Fenster -an der Seite eines Bergherrn stand, als nach den gaumenkitzelnden -Dingen des Schaufensters. Dicht neben den Brodbänken befand sich der -Laden eines Gelbgießers, an welchen sich die Gewölbe eines Tuchmachers -und eines Zinngießers reihten. Diesen drei Geschäftsleuten schien der -Lohntag keine Weizenblüthe zu sein; standen sie doch schon seit einer -halben Stunde vor dem Gelbgießerladen und klagten über den flauen -Geschäftsgang. Plötzlich aber wurde ihre Aufmerksamkeit nach der -Conditorei hinübergelenkt, aus welcher eine hochgewachsene Dame mit -einer Schaar junger Dämchen in orgelpfeifenähnlicher Größenabstufung -hervorquoll. - -»Da kommt die Staatsglucke vom Vater Abraham mit ihren Küchlein!« rief -der Tuchmacher; »acht Stück, und was für eine Prachtrace! Und richtig --- der Liebhaber der Aeltesten, der neue Herr Obereinfahrer, ist auch -dabei; der wird wohl die ganze Schaar tractirt haben.« - -»Soll mich wundern, ob aus dem Freier auch ein Nehmer wird,« sagte -der Zinngießer; »der Herr Obereinfahrer ist ein Feiner; reich und -von Adel, wie er ist, denkt er wohl höher hinaus, als zu der armen -Schichtmeisterstochter, die Nichts hat, als was sie auf dem Leibe -trägt.« - -»Ja, wenn das nur noch ihr Eigenthum wäre,« fiel der Tuchmacher ein; -»ich will mein Contobuch vom Schinder verbrennen lassen, wenn von all -den Fahnen und Behängen, worin das schöne Fräulein prangt, nicht über -Dreiviertel in verschiedenen Contobüchern ungelöscht stehen.« - -»Oho!« nahm der Gelbgießer das Wort; »macht's nur nicht so gefährlich! -Dazu ist mein Schichtmeister Frenzel denn doch ein viel zu wackerer -Mann, als daß er solche Schuldenwirthschaft dulden sollte. Es ist -wahr, die Schichtmeisterin trägt die Nase ein wenig hoch und macht am -Ende mehr aus sich und ihren Töchtern, als dahinter steckt; aber sie -ist doch eine tüchtige Hauswirthin, und man findet nirgends eine so -ausgesuchte Ordnung und Sauberkeit, wie bei ihr zu Hause.« - -»Ei, das ist doch nicht etwa ihr Verdienst!« sagte der Tuchmacher. »Ihr -als Gewerke vom Vater Abraham solltet doch wissen, wer da eigentlich -die Hauswirthin ist, obgleich sie nur für das Aschenbrödel gilt. Das -ist die Kleine, die Stieftochter der großen Dame dort, die Einzige von -des Schichtmeisters erster Frau.« - -»Die kenn' ich ja gar nicht,« erwiederte der Gelbgießer. - -»Natürlich,« erklärte der Tuchmacher; »sowie sich ein Besuch auf dem -Vater Abraham zeigt, muß sich Aschenbrödel in der Küche verkriechen. -Sie würde schön ankommen, wollte sie sich als schwarze Henne unter den -bunten Küchlein der Frau Mama zeigen. Aber sie ist es, die eigentlich -das ganze Haus erhält, denn das müßt Ihr doch selbst zugeben, daß die -Schichtmeisterin, wenn sie eine Wirthin sein wollte, nicht mehr Staat -treiben würde, wie eine Bergmeisterin!« - -»Nun, wer weiß,« unterbrach der Zinngießer den Sprecher, »wer weiß, ob -sich der Schichtmeister nicht besser steht wie unser Bergmeister. Der -Vater Abraham hat schönes Erz, und wer kann einen Schichtmeister, der -auf seiner Grube wohnt, so genau --« hier stockte der Redner; ein Blick -auf das Gesicht des Gelbgießers machte ihn verstummen. Doch dieser rief -schnell: »Was wolltet Ihr sagen, Nachbar Paul? Redet weiter, was meint -Ihr? Bedenkt, daß ich Kuxinhaber vom Vater Abraham bin, und mich das -sehr nahe angeht, was Ihr da auf der Zunge hattet!« - -»Ich hab's verschluckt und vergessen,« sagte der Zinngießer; »Ihr wißt -ja, Nachbar Mickley, es kommt Einem manchmal ein überzwercher Gedanke -in den Mund. Ich weiß nichts, will nichts wissen und glaube, daß der -Schichtmeister Frenzel ein wackerer Mann ist, wie Ihr selbst ihn -nanntet.« - -»Bis jetzt,« erwiederte der Gelbgießer, »hat seine Gewerkschaft alle -Ursach' gehabt, mit ihm zufrieden zu sein, und er gilt allgemein als -der tüchtigste Grubenbeamte im ganzen Revier. Aber es ist eine böse -Zeit, man darf fast seinem Bruder nicht mehr trauen, und was Ihr da -angedeutet, will ich mir hinter die Ohren schreiben.« - -»Aber Nachbar Mickley,« sagte der Zinngießer fast ängstlich, »seid doch -nicht so wunderlich! Ich habe gar nichts angedeutet, gar nichts. Euer -Schichtmeister ist gewiß ein wackerer Mann, kein Mensch kann wider ihn -auftreten, auch der Nachbar Kunz nicht. Gewiß, Nachbar Kunz, behauptet -Ihr nicht im Ernst, daß es mit den Schichtmeistersleuten so übel stehe, -wie Ihr vorhin sagtet.« - -»Oh! was ich gesagt hab', das hab' ich gesagt,« versetzte der -Tuchmacher, »wollt Ihr einen kleinen Beweis für meine Worte sehen, -so schaut in mein Contobuch, da steht noch ein alter Rest von zehn -Thalern, um den ich schon zehnmal umsonst gemahnt habe. Aber jetzt ist -meine Geduld zu Ende, und wenn ich morgen mein Geld nicht habe, geht's -vor Gericht!« - -Das ganze Gespräch war von dem jungen Bergmann, der unter der -Brodbänkenthür stand, mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt worden. -Mehrmals hatte sein Gesicht den Ausdruck heftigen Unwillens angenommen, -und bei den letzten Worten des Tuchmachers geschah dies wieder. Er -fuhr hastig in seinen Kittel und zog ein Perlbeutelchen hervor, dessen -Inhalt er überzählte. Ach! es war viel, viel zu wenig, um die Schuld -seines Vorgesetzten zu decken. Er besann sich aber nicht lange; -er steckte seine Börse wieder ein und eilte nach der Spar-Casse. -Der Geschäftsführer derselben wunderte sich nicht wenig, daß sein -treuester Sparkunde heute Geld entnehmen wollte, statt welches -einzulegen; aber es half nichts, er mußte dem drängenden Häuer acht -blanke Thaler auszahlen. Mit diesem Zuschuß zu seinem heutigen Lohn -verfügte dieser sich nach dem Gewölbe des Gelbgießers, wo die drei -Bürger noch immer beisammen standen und jetzt neue Glossen über die -Schichtmeisterin machten, die mit ihren zwei ältesten Töchtern in einen -Goldschmiedsladen getreten war. - -»Ist hier nicht der Meister Kunz?« fragte Ferdinand, zu dem Kleeblatt -tretend, nachdem er nicht unterlassen hatte, sein Glückauf! zu bieten. - -»Der bin ich,« antwortete der Tuchmacher, »was steht zu Diensten? Ich -seh's Ihm an, Er bringt Handgeld -- nun Er soll heute einen guten -Handel machen.« - -»Ich komme blos im Auftrage meines Schichtmeisters,« sagte Ferdinand; -»soll Ihnen die zehn Thaler auszahlen, die er noch schuldig ist.« - -»So?« versetzte der Tuchmacher; »nun, das ist auch Handgeld, -- doch -ein Ehrenmann der Herr Schichtmeister; aber es hätte ja noch Zeit -gehabt, bis der Herr Schichtmeister wieder etwas gebraucht hätte. Komm -Er, ich will Ihm gleich die Quittung schreiben.« Und er nahm den Häuer -mit in sein Gewölbe. - -»Da habt Ihr's!« sagte der Zinngießer zu dem Gelbgießer: »da hat -der Nachbar Kunz auch raisonnirt über den schlechten Zahler; nun -ist er doch ein Ehrenmann, und Ihr müßt Euch keinen Floh ins Ohr -setzen lassen. Ich für meine Person weiß nichts Unlauteres von Euerm -Schichtmeister und alle Welt nennt ihn einen tüchtigen Mann. Ich habe -nichts gesagt, behüt' Euch Gott!« - -Damit entfernte sich der Zinngießer und ging in die Garküche nach -seinem Morgentöpfchen. Der Gelbgießer blieb unter seinem Laden stehen -und schaute nach dem des Tuchmachers. Nach einer Weile kam Ferdinand -daraus wieder zum Vorschein. »Nochmals meinen gehorsamsten Dank an den -Herrn Schichtmeister!« rief ihm der Tuchmacher nach, »und ich lasse -mich und mein neu assortirtes Lager bestens empfehlen.« - -Ferdinand steckte lächelnd seine Quittung zu dem Rest seiner Baarschaft -und wollte sich auf den Heimweg machen. Als er aber an das Gewölbe -des Gelbgießers kam, hielt dieser ihn auf und nöthigte ihn hinein. -Er holte aus einem Wandschrank einen Teller mit Knackwurst und -Brodschnitten, eine Flasche und ein Gläschen, schenkte ein und bat den -jungen Häuer, zuzulangen. Dieser nahm ein Brodschnittchen, verschmähte -aber den Inhalt des Gläschens, weil er nie Branntwein trinke. Der -Gelbgießer nannte dies eine Sonderbarkeit und wollte ihn zu dem echten -»Eibenstocker« nöthigen. Aber Ferdinand beharrte bei seiner Weigerung, -und als der Gelbgießer einen Grund dafür wissen wollte, sagte er: »Ich -halte das Branntweintrinken für eins der Hauptübel der Menschheit.« - -»Ja, wenn man den Branntwein säuft,« fiel Meister Mickley ein; »aber -ein Gläschen zum Imbiß dient zur Gesundheit.« - -»Halten Sie zur Güte, Meister!« erwiederte Ferdinand; »unser Herr -Markscheider, der alle Dinge der Natur kennt, soweit Menschen sie -erforscht haben, hat uns in der Bergschule klar bewiesen, daß der -Branntwein, in was immer für einem Verhältniß genommen, nie von Nutzen -für die menschliche Natur sein könne; daß er aber in einiger Menge -genossen immer verderblich wirke. Die Säufer, die unter das Vieh -herabgesunken sind, haben auch Anfangs nur Gläschen getrunken. Doch -selbst der mäßigste Genuß bleibt eine Sünde gegen Gott und Menschen, -weil er immer die Mitschuld trägt, daß das, was Gott den Menschen zur -Nahrung bestimmt hat, so gut wie unter die Füße getreten wird. Lieber -Meister, Sie dulden gewiß nicht, daß auch nur ein Bröcklein Brod in -Ihrem Hause muthwillig weggeworfen werde; aber in jedem Glase Schnapps -werden ein paar Loth Brod zu nichte gemacht. Bedenken Sie, Meister, -wie viel tausend Scheffel Korn und Kartoffeln nur in unserm lieben -Gebirge jährlich zu Branntwein verbrannt werden -- das ist Brod für -viele tausend Menschen. Wahrlich, wenn man sich's recht überlegt, so -darf es Einen nicht wundern, wenn der liebe Gott über den Greuel einmal -ergrimmt und uns ganz entzieht, was wir so schmählich mißbrauchen.« - -»Er ist ja ein halber Pastor!« rief der Gelbgießer aus; »na, so lassen -wir den Schnapps! Also Er ist auf der Bergschule -- sagte Er nicht?« - -»Ich wohne bei meiner Mutter in Pobersdorf und fahre auf dem Vater -Abraham an, besuche aber die Bergschule seit zwei Jahren.« - -»Und da kommt Er alle Tage anderthalb Stunden weit herein in die -Stunden? Das macht jeden Tag drei Stunden Wegs um eine Stunde -Unterricht!« - -»Was kann es helfen,« erwiederte Ferdinand, »in der Stadt ist theuer -leben, dazu reicht das Häuerlohn nicht aus.« - -»Und von der Grube wohnt Er auch eine Stunde entfernt; da hat Er -täglich einen Marsch von 5 Stunden zu machen. Dazu kommt die saure -Grubenschicht von 8 Stunden, das thut 13 Stunden täglich, mit der -Schule 14 -- da bleibt Ihm ja gar keine Zeit zu einem Ueberwerk!« - -»Freilich nicht; -- nun, ich richte mich mit meiner Mutter ein, und -da wir eigne Herberg haben und eine Kuh im Stall, so kommen wir schon -aus. Freilich, der Fleischtopf steht bei uns immer weit vom Feuer, -aber dafür hat's uns noch kein Jahr an den lieben Kartoffeln gefehlt. -Uebrigens leb' ich mit meinen Kameraden in der guten Hoffnung, daß -unsere Herren Gewerken uns bald auch zu einem wenig Fleisch helfen -werden, da der Vater Abraham neuerdings so höflich geworden.« - -»Höflich?« versetzte Meister Mickley, -- »es geht wahrlich an mit -der Höflichkeit. Es ist wahr, es hat in den letzten Quartalen einige -Ausbeute gesetzt; aber lieber Freund, Er bedenkt wohl nicht, daß wir -Gewerken viele Jahre nicht einen Heller von unsern Kuxen gehabt, ja gar -einmal Zubuße gezahlt haben.« - -»Aber die ist doch gewiß längst reichlich wieder erstattet, und nach -meiner Ansicht muß es in der letzten Zeit eine ansehnliche Ausbeute -gesetzt haben.« - -Der Gelbgießer sah den Sprecher scharf an; dann ging er an sein -Schreibpult und brachte ein Schreiben zum Vorschein, welches er dem -Knappen vorlegen wollte, aber erst noch einmal zurückzog, indem er den -jungen Mann fixirend fragte: »Wie hoch schätzt Er ungefähr die Ausbeute -vom Vater Abraham auf das letzte Quartal? Ich will einmal sehen, ob Er -schon einen tüchtigen Steiger abgäbe, wenn unser alter Meier bergfertig -würde. Er muß wissen, daß ich vier Kuxe baue und im Ausschusse der -Gewerken sitze, also ein Wörtlein mitzureden habe, wenn es eine Stelle -auf dem Abraham zu besetzen giebt. Ich will einmal sehen, ob Er schon -ein wenig Erz zu taxiren versteht. Laß Er hören!« - -Der Jüngling sah vor sich nieder. Er mußte sich des Gesprächs der drei -Bürger erinnern, namentlich der halben Aeußerung des Zinngießers, die -zuerst seinen Unwillen erregt hatte. Offenbar wollte der Gelbgießer -ihn aushorchen, und er war im Begriff, eine kurze Antwort zu geben; -doch lag auch wieder etwas so Herzliches im Tone des Fragenden, daß -Ferdinand das rauhe Wort nicht über die Lippen brachte. Zudem war seine -Ehrliebe erregt und, was mehr sagen wollte, ihm eine Aussicht gezeigt -worden, die sein höchstes Lebensglück zum Hintergrund hatte. Nach -einigem Nachsinnen sagte er: »Mit dem Erzschätzen ohne genaue Probe -ist es immer ein unsicheres Ding, -- aber nach meinem Dafürhalten kann -die Ausbeute im letzten Quartal nicht unter 1300 Species betragen -haben.« - -»Die Ausbeute?« rief der Gelbgießer. »Er meint wohl den Gesammtwerth -des gewonnenen Erzes?« - -»Nein, den reinen Ertrag, nach Abzug der Gewinnungskosten und des -Zehntens.« - -Jetzt schlug der Gelbgießer das Buch auf und hielt es dem Häuer vor das -Gesicht: »Da les' Er, was unter Quartal Crucis notirt ist.« - -Der Jüngling las die Notiz und schüttelte mit dem Kopfe. »Da hätte -ich mich stark verrechnet,« sagte er, das Buch zurückgebend; »blos 5 -Species auf den Kux, das thut für alle 128 Kuxe 640 Species, also noch -nicht die Hälfte der von mir vermutheten Summe. So stark sollte sich -einer, der Steiger werden will, freilich nicht verrechnen!« - -»Ob Er sich aber auch nur verrechnet hat?« sagte der Meister. »Er -scheint mir einen offenen Kopf zu haben -- vielleicht hat Er doch recht -gerechnet -- he?« - -»Sie überzeugen mich ja hier vom Gegentheil,« antwortete Ferdinand. - -»Aber die Differenz kann wohl an etwas ganz Anderem liegen, als an -Seiner Berechnung? Sei er aufrichtig, junger Freund, es soll Sein -Schade nicht sein. -- Hat Er keine Vermuthung, auf welche Art die -schöne Ausbeute, welche Er der Gewerkschaft zugeschätzt hat, auf -weniger als die Hälfte geschwunden sein kann?« - -Der Jüngling stand rasch auf. »Meister Mickley!« sagte er, »ich habe -Ihnen gleich gesagt, daß Erzschätzen nach dem bloßen Augenschein etwas -sehr Unsicheres sei; und wenn Sie anderer Meinung sind, so denken Sie, -daß ich noch lange in die Bergschule gehen muß, eh' ich reif bin zum -Steiger!« - -»Ei, nur nicht so heftig, lieber junger Mann!« bat Mickley, ihn bei -der Hand nehmend; »nehm' Er nur wieder Platz, und hör' Er, was ich ihm -sagen will.« - -Ferdinand aber gab vor, daß er zu Hause nothwendig zu thun habe. - -»Nun, so besuch' Er mich ein ander Mal, komm Er doch immer, wenn Er -die Bergschule besucht; die ist alle Nachmittage zwischen 3 und 4, -da kann Er bei mir sich an einer Tasse Kaffee erquicken; und wenn Er -Zeichnenmaterial braucht, das kann Er bei mir auch haben, braucht's -nicht in der Buchhandlung zu holen. Wart' Er, ich will Ihm einmal -etwas zeigen!« Und er schob sich hinter seinen Ladentisch und brachte -verschiedene Reißzeuge zum Vorschein. »Ist Er schon mit einem Reißzeuge -versehen?« fragte er. - -»Ich habe mich mit einem Zirkel und einem selbstgemachten Transporteur -behelfen müssen,« sagte Ferdinand; »ein gutes Reißzeug war mir zu -kostspielig.« - -Der Gelbgießer öffnete das größte der mit schwarzem Maroquin -überzogenen Kästchen und legte es mit seinen aus rothem Sammet -hervorblitzenden feinen Instrumenten dem jungen Häuer vor. Dieser wurde -von dem Anblick unwiderstehlich gefesselt. Ein so kostbares Reißzeug -hatte er selbst bei seinem Markscheider nicht gesehen. Stumm stand er -darüber gebeugt und wagte kaum Athem zu holen, damit sein Hauch das -funkelnde Metall nicht erblinden mache. - -»Ist das wohl vollständig?« fragte Mickley; »gefällt es Ihm?« - -»Wem wollte das nicht gefallen?« sagte Ferdinand; »wer die edle -Mathematik treibt, der muß daran seine Freude haben. Aber es gehört -wohl ein guter Beutel dazu, einen solchen Schatz zu besitzen?« - -»Manchmal hilft auch ein gutes, ehrliches Gesicht dazu,« sagte der -Bürger. »Ich weiß nicht, Er hat mir's angethan. Ich will Ihm was -sagen: Das Ding steht seit Jahren hier, und kein Mensch kauft es. -Alles behilft sich mit billigen Kästen, den Zimmer- und Maurermeistern -kommt's nicht darauf an, ob der Transporteur keinen Grad richtig zeigt, -oder das Winkelmaß auf 89 Grad steht statt auf 90, und den Bergschülern -fehlt's am Besten. Ich will aber das Ding einmal los sein, ehe es -verrostet. Nehm' Er es als eine kleine Aufmunterung zu rechtem Fleiße, -damit wir wieder einen tüchtigen Steiger bekommen, wenn der alte Meier -bergfertig wird.« - -Ferdinand wollte zwar ein so kostbares Geschenk nicht nehmen, aber der -Gelbgießer wußte es ihm aufzureden. Als wär' er in den Besitz eines -Königreichs gekommen, so froh verließ er das Gewölbe. Draußen stieß er -auf Brunhild, die älteste Tochter seines Schichtmeisters aus dessen -zweiter Ehe. Er bot dem schönen, eleganten Mädchen sein Glückauf und -wollte vorübergehen; aber sie hielt ihn freundlich an. »Haben Sie -meinen Vater nicht gesehen, Herr Bergner?« fragte sie. »Oh, zum Herrn -fehlt mir viel, Fräulein Brunhild,« erwiederte er, »Ihren Vater -vermuth' ich beim Herrn Markscheider.« »Gut, ich danke,« sagte sie, -»und nicht wahr, Sie thun mir einen Gefallen?« -- »Zwei für einen,« -sagte er, »befehlen Sie nur!« -- »Sie machen sich wohl aus einem -kleinen Umweg nichts, wenn er über den Vater Abraham führt?« sprach -sie mit einem feinen Lächeln, »wollen Sie nicht unserer Hedwig sagen, -sie möchte der Mutter ihr neues Barègekleid schicken und nicht auf die -Eltern mit dem Essen warten; wir sind Alle zu Landgraf's zu Tisch und -zu einer Soirée bei Neuhoff's geladen; es kann Mitternacht werden, eh' -die Eltern heimkommen. Grüßen Sie die gute Hedwig von mir -- und hier, -wollten Sie ihr wohl das Stückchen Apfeltorte von mir bringen?« - -Ferdinand übernahm den Auftrag mit herzlicher Freude, und das schöne -Mädchen nahm freundlich Abschied. »Die hat doch ein Herz,« sagte der -Häuer ihr nachblickend; »das hat sie von ihrem Vater, und die Mutter -hat es nicht verwüsten können. Gott segne sie!« -- Nun lenkte er seinen -Schritt dem Thore zu. - - -II. - -Brunhild fand ihren Vater wirklich bei dem Markscheider. Sie theilte -ihm mit, welche Einladungen an ihn und die Seinigen ergangen waren, und -bat ihn, augenblicklich mit ihr zu kommen. Er ging mit ihr. »Wo ist -denn die Mutter?« fragte er vor der Thür. - -»Bei dem Goldschmied,« antwortete sie. - -»Schon wieder?« fragte er trübe. - -»Sei nur nicht bös,« sagte Brunhild, »ich wollte es nicht haben; aber -Du weißt, wie die Mutter ist, und vielleicht hat sie heute nicht ganz -Unrecht, ich habe Dir noch nicht gesagt, daß die Frau Baronin zum -Besuch hierher kommt und bei Neuhoff's absteigt.« - -»Heute?« fragte der Schichtmeister; »und da sollen wir wohl am Abend in -Gesellschaft der Baronin sein?« - -»Ja, und auch schon bei Landgraf's mit ihr speisen.« - -»Also die Frau Baronin kommt? Sie will uns kennen lernen,« sagte der -Schichtmeister erheitert, »so komm denn!« - -Bei dem Goldschmied angekommen und von diesem in sein Wohnzimmer -geführt, wurde der Schichtmeister von seiner Frau auf die Seite -gezogen. »Hast Du schon gehört, lieber Schatz, welche Ehre, welches -Glück uns erwartet?« redete sie ihn an. Und als er bejahte, sagte -sie: »Denke Dir, das ist Alles so von dem Baron veranstaltet; der -liebe, goldne Mann erwartet den günstigsten Eindruck von der Begegnung -unsers Kindes mit seiner Mutter, und hofft morgen schon ihr Jawort zu -erhalten. Du kannst Dir meine Seligkeit denken, Schatz, denk' einmal, -in einem Vierteljahr ist unser Kind vielleicht Frau Baronin -- gnädige -Frau! Aber Du weißt, man muß das Eisen schmieden, wenn es glüht, und -nur den Dummen kommt das Glück im Schlafe. Es versteht sich, daß wir -vor der Frau Baronin anständig erscheinen müssen. Glücklicherweise sind -unsere Mädchen, als hätten sie es geahnt, in den letzten Tagen fleißig -hinter ihrer Garderobe her gewesen, und mein neues Barègekleid macht -sich auch. Aber zu den noblen Gewändern gehört auch ein nobler Schmuck, -wenigstens für Brunhild. Ich bin daher gleich hierher gegangen und habe -uns einige sehr einfache, aber noble Sachen ausgesucht; Du weißt, ich -verstehe mich auf dergleichen. Aber denke Dir, der Goldschmied will uns -nur auf einen Wechsel von Dir weitern Credit geben. Vergebens tröstete -ich ihn auf das nahe Ende meines Erbschaftsprocesses; er besteht auf -dem Wechsel. Nun, Du weißt doch besser als er, wie es um den Proceß -steht, daß wir ihn in erster Instanz gewonnen, und daß nach der -Versicherung unsers Advocaten das Erkenntniß der zweiten Instanz bald -erfolgen und unser Erbe in spätestens drei Monaten in unsern Händen -sein muß. Du hast hoffentlich kein Bedenken gegen den Wechsel?« - -»Allerdings, liebe Bertha, hab' ich das,« erwiederte der -Schichtmeister, »Alles, nur keinen Wechsel! Ich hoffe zwar auch, daß -der Proceß bis dahin entschieden sein wird, aber es bleibt doch immer -eine Möglichkeit, daß er sich noch sehr lange hinauszieht. Ich meine -auch, der Schmuck sei nicht so nothwendig --« - -»Nicht nothwendig?« fiel ihm die Frau ins Wort, und da der Goldschmied -hinausgegangen war, so rief sie laut: »Brunhild! Klotilde! sagt, ob -die Schmucksachen uns nicht nöthig sind, um vor der Frau Baronin zu -bestehen?« - -Brunhild sagte, sie wolle nichts bestimmen, aber so viel wisse sie, -daß ihr Alexis nicht nach Schmuck bei ihr frage. -- »Aber,« fiel -Klotilde ein, »die Frau Baronin ist eine Banquierstochter, und diese -Damen halten viel auf Geschmeide. Die Frau Magisterin sagte, der erste -Eindruck einer Begegnung entscheide oft über die ganze Zukunft, und -ich möchte der geschmeideliebenden Baronin nicht allzu einfach vor die -Augen kommen, wenn ich ihre Schwiegertochter werden wollte!« - -»Aus Dir spricht Welt, Mädchen,« rief die Mutter; »ja so ist es, wir -müssen den ersten Eindruck wahren!« - -Zögernd erklärte der Schichtmeister seine Bereitwilligkeit, den Schmuck -gegen eine Obligation zu erstehen. »Ich zweifle nur, daß Herr Reichel -darauf eingeht,« bemerkte die Frau, »doch versuche Dein Glück. Komm mit -in den Laden!« - -Sie gingen hinaus. Der Goldschmied hatte die ausgewählten -Gegenstände schon bereit gelegt. Die Frauen überließen sich mit -Entzücken der Betrachtung dieser nothwendigen Entbehrlichkeiten, -indeß der Schichtmeister mit dem Goldschmied über die Art der -Zahlungssicherstellung verhandelte. Herr Reichel wollte von der -vorgeschlagenen Art der Zahlungssicherstellung nichts wissen; er -bestand auf einem Wechsel nicht nur für die schon im Buch stehende, -sondern auch für die neue Schuld. Der Schichtmeister konnte sich zu -dem Wechsel nicht entschließen, und der ganze Handel drohte sich zu -zerschlagen. Aber Töchter, die zur rechten Zeit bethauete Wimpern -zeigen, und Mütter, die im rechten Augenblick das Vaterherz zu packen -verstehen, werden meist siegreich aus einem Angriff auf väterliche -Finanzscrupel hervorgehen. Klotilden, die als das leibhaftige Ebenbild -der Mutter des Vaters Liebling war, perlten Tröpfchen über die rosigen -Wangen, und sie ging mit dem Tuche vor den Augen ins Zimmer zurück. -»Komm, Brunhild!« rief die Mutter zornig und zog sie jener nach. »Aber -Bertha!« sagte der Schichtmeister folgend, »sei nur nicht so bös! Ich -kann doch nicht anders.« - -Die Beleidigte wendete sich von ihm ab und rief ihren Töchtern -zu: »Jetzt kommt, Kinder! kommt gleich mit nach Hause! Es war -sehr unrecht, Euch in Pension zu thun. Euer Vater will, Ihr sollt -Häuersweiber werden wie das Gänseblümchen, die Hedwig. Kommt! Ihr setzt -keinen Fuß wieder in die Pension, und Du, Brunhild, vergissest Deinen -Alexis! Vielleicht findet sich auch noch ein Steiger für Dich -- armes --- unglückliches -- Kind --« und ihre Stimme erstarb in Schluchzen. - -Da brach dem Schichtmeister das Herz. Er kratzte sich den Kopf -- er -besann sich -- es galt, sich zur Zahlung von 400 Thalern nach Ablauf -von drei Monaten verbindlich zu machen. -- Die Erbschaft seiner Frau, -so redete er sich in der Erregung des Herzens ein, die Erbschaft mußte -bis dahin eingehen, und wenn nicht, so wäre darauf inzwischen schon ein -Darlehn zu erlangen. -- Er ging in den Laden zurück und unterzeichnete -den schon ausgefüllten Wechsel. Seine Hand zitterte, aber doch war ihm -leichter ums Herz, als er, den Kasten mit dem erstandenen Geschmeide in -den Händen, zu seiner Frau trat. - -Die vier Familienglieder verfügten sich nun zu der »Frau Magisterin«, -bei welcher Brunhild und Klotilde sich jenen schimmernden Anstrich -holten, der in gewissen Gesellschaftskreisen für die Blüthe der -Erziehung gilt. Als sie nur wenig Minuten das Haus des Goldschmieds -verlassen, trat bei diesem ein einzelner, auch bergmännischer -Besuch ein. Ein langer, hagerer Graukopf mit dem Abzeichen eines -Grubensteigers. Sein gefurchtes Gesicht ließ ihn älter erscheinen, -als er war. Sein Glückauf! war nicht das helle, herzhafte, wie es -gewöhnlich aus der Knappen Mund ertönt, es klang hohl und traurig. Der -Goldschmied führte ihn in ein kleines Bureau, das hinten an den Laden -stieß. Der Steiger brachte aus seinem Kittel ein Päckchen in Papier, -das ihm der Goldschmied hastig abnahm und mit den Händen wog. »Es -scheint leichtes Gut zu sein,« sagte er. - -»Leicht?« versetzte der Steiger; »ich wette, daß Sie noch nie -schwereres Erz in den Händen gehabt, sehen Sie es nur erst an!« - -Der Goldschmied entfernte das Papier und vergaß einen Augenblick den -Kunstgriff des Wucherers, das zu kaufende Gut mit Geringschätzung zu -betrachten. - -»Wie viel haben Sie von dieser Art?« fragte er. - -»Zwei Centner,« antwortete der Steiger mit einem tiefen Seufzer. - -»Freilich wenig,« sagte der Goldschmied; »wird sich kaum des Schmelzens -verlohnen.« - -»So sprechen Sie immer,« sagte der Steiger; »aber ich weiß so gut wie -Sie, was in dem Erze steckt, und was sich herausschmelzen läßt.« - -»Was verlangt Ihr für den Braß?« fragte der Goldschmied wieder. - -»Ich hoffe damit den Wechsel meines Sohnes gedeckt zu haben -- sonst -will ich weiter nichts -- ich will froh sein, wenn ich diesen Stein vom -Herzen habe.« - -Der Goldschmied wollte den Werth des Erzes herabsetzen, so daß der -Wechsel nicht damit gedeckt erschien, aber der Steiger bestand auf -seiner Forderung, und zuletzt versprach der Goldschmied, den Wechsel -auszuliefern, sobald er das Erz in Empfang nähme. Der Steiger wollte -es in der zweitnächsten Nacht zum Theil bringen und verabschiedete -sich. »O, mein Sohn! mein Sohn!« murmelte er unter der Thür, »wenn Du -wüßtest, wohin Dein Uebermuth Deinen alten Vater gebracht hat!« Eine -Thräne quoll aus seinem Auge -- langsam stieg er die Stufen vor dem -Laden hinab. Plötzlich fand er sich angeredet. Aufblickend sah er den -Gelbgießer Mickley vor sich stehen. - -»Ihr noch in der Stadt?« fragte dieser, »und kommt vom Goldschmied?« -Der Steiger erschrak. »Ich war -- ich hatte -- mein Sohn schickte mich -hierher --« stotterte er. - -»So?« versetzte Mickley; »ist der Herr auch wieder einmal zu Platze? -Er ist nun endlich einmal Doctor geworden und geht mit einer vornehmen -Heirath um -- he?« - -»Wie er thut, ja; und da er so gut mit dem Herrn Obereinfahrer steht, -so mag wohl was d'ran sein.« - -»Ach ja, es ist ja die Schwester vom Herrn Baron, um die er freit; -- -da gratulir' ich zur vornehmen Freundschaft, Alter!« - -»Danke, Meister Mickley, eine brave, bürgerliche Schwiegertochter wäre -mir lieber. --« - -»Ihr seid ein braver Mann, Steiger,« sagte der Gelbgießer, ihm -auf die Schulter klopfend, »ich weiß, Ihr habt's nicht wie Eure -Schichtmeisterin darauf angelegt, in vornehme Freundschaft zu kommen. -Hättet Ihr doch in Eurer Demuth Euren Sohn gar nicht studiren lassen; -aber gute Freunde haben Euch überredet. Daß er nun aus der Art -geschlagen, ist somit nicht Eure Schuld.« - -»Dort kommt er gerade,« sagte der Steiger, »dort aus dem Posthause; der -Herr Obereinfahrer und eine Dame sind bei ihm -- sie kommen hierher, -wir wollen doch ein wenig auf die Seite gehen.« - -»Ei warum nicht gar! Es sind Menschen wie wir auch. Ich möchte Euern -Sohn 'mal in der Nähe sehen.« - -Jene Drei waren bald in die Nähe der Beiden gekommen; der Steiger -salutirte seinem Vorgesetzten, der Bürger grüßte höflich; der -Obereinfahrer erwiederte freundlich die Grüße, aber der Doctor, -anscheinend in tiefem Gespräch mit der Dame, der eine Zofe und ein -Lakai mit Gepäck folgten, ging, ohne nur den Kopf nach seinem Vater zu -wenden, stolz vorüber. - -»War das Euer Sohn?« fragte der Gelbgießer nach einer Weile. Der -Steiger bejahete es mit einem Seufzer. - -»Und er sah Euch nicht einmal an!« sagte jener, »und grüßte nicht -einmal! Er verleugnet seinen Vater, er schämt sich seiner Herkunft! -Armer, alter Mann!« - -Der ehrsame Bürger nahm Abschied von dem Greis, und dieser wankte dem -Thore zu. - - -III. - -Die Fundgrube Vater Abraham gehörte zu den ältesten Bergwerken des -Reviers. An einem sanften Abhange der waldigen Hochebene gelegen, -ragten die stattlichen Berggebäude, das gethürmte Huthaus, die -Bergschmiede, die Wäsche und der Pferdegöpel aus dunkeln Tannen hervor. -Ein Glöcklein, das von Minute zu Minute angeschlagen wurde, schallte -weithin durch die einsame Gegend. Es war der Nachmittag desselben -Lohntags. Das Wetter wunderschön. Auf einer Bank vor dem Huthause -saß ein stattlicher Greis im Bergmannskittel zur Seite eines jungen, -einfach bürgerlich gekleideten Mädchens von ausnehmender Anmuth. Eine -kleine Gestalt, aber vom zierlichsten Bau, eine bewundernswürdige -Vereinigung von Zartheit und Fülle. Während sie emsig strickte, hing -ihr blaues Auge an den dunkelblauen Berghäuptern des Fichtelberges und -seiner Nachbarn, welche trotz der Entfernung mehrer Stunden doch ganz -nahe zu sein schienen, so durchsichtig war die Luft und so günstig die -Lage des Standpunktes. - -»Ja, schau Dir ihn nur an, den alten lieben Bergkönig,« sagte der -Greis; »so wie Du hab' ich ihn schon seit mehr als vierzig Jahren fast -täglich betrachtet, entweder von dieser Bank oder vom Fenster aus, und -doch hab' ich mich nie satt daran sehen können. Nein, je älter ich -geworden, desto lieber hab' ich da hinauf geschaut; und wenn mir noch -so weh ums Herz gewesen, von meinen Bergen herab ist mir Linderung -gekommen.« - -»Ich habe schon oft nachgedacht,« sagte das junge Mädchen, »was es denn -eigentlich sei, das uns so heimlich und so magisch von den duftigen -Höhen anweht, aber ich habe den Schlüssel zu dem Zauber nicht finden -können.« - -»Ja, sieh, mein Kind,« erwiederte der Greis; »zwischen den Bergen -und dem unverdorbenen Menschenherzen findet eine nahe Verwandtschaft -statt. Beide streben zum Himmel, und beide tragen himmlische Kräfte in -sich. Aber was den Fichtelberg betrifft, so hat der für ein echtes, -treues Bergmannskind noch einen ganz besondern Zauber. Denn sieh, im -Fichtelberg hauste der gute Geist des ganzen Gebirges. Das jetzige -superkluge Volk will zwar nichts davon wissen, aber ich weiß, was ich -weiß.« - -»Erzählt mir doch etwas, Großvater!« bat das Mädchen und wandte ihm -ihr sonniges Gesicht mit den blauen Augen zu. Zwar war es nur die -alte, schon hundertmal von ihm vernommene Geschichte, die sie zu hören -hoffen durfte; aber sie wußte, wie gern er sie erzählte, wenn er einen -andächtigen Hörer fand, den er gern auch für einen gläubigen nahm. - -»Nun, Dir kann man allenfalls so etwas erzählen,« sagte er; »Du gehörst -nicht zu den Superklugen.« - -»Vor Alters, wo alle Menschen gläubiger waren,« begann der Alte, -»kamen die Berggeister häufig auf die Oberwelt und waren den Menschen -hülfreich, wo es noth that; aber je ungläubiger die Menschen wurden, -desto weniger mochten die guten Geister mit ihnen zu schaffen haben und -so zogen sie sich immer mehr in den Schoß der Erde zurück. Doch kommen -sie dann und wann noch ans Tages- oder Grubenlicht. Auch ihr Fürst, -der Geist des Fichtelberges, ist vor gar nicht langer Zeit noch gesehen -worden. Da ist bei meines seligen Vaters Lebzeiten zu Wiesenthal ein -armer, armer Häuer gewesen, der hat die Stube voll Kinder und kein Brod -in der »Almet« gehabt, auch keins schaffen können, denn seine Grube ist -auflässig und er ohne neue Arbeit gewesen. Da treibt ihn das Geschrei -der hungrigen Kinder bei Morgengrauen aus dem Hause, und in der -Verzweiflung seines Herzens geht er, er weiß selbst nicht wohin. Und -wie er gegangen und gegangen ist, steht er oben auf dem Fichtelberg. -Da sitzt ein steinalter Bergmann unweit von ihm auf einem Stein, der -winkt ihm. Wie er hinkommt, sieht er zu des Alten Füßen einen Brunnen -voll hellen Wassers, und war ihm doch sonst nie ein Brunnen da oben -vorgekommen. »Was soll ich?« hat er gefragt. »Räume doch die Steine aus -meinem Brunnen hier; schlechtes Volk hat sie hineingeworfen.« Das hat -sich der Wiesenthaler nicht zweimal sagen lassen; hat nicht gefragt: -was krieg ich? oder was geht's mich an? sondern: 's ist ein alter Mann, -hat er gedacht, und das Alter muß man ehren; hat sich frisch ans Werk -gemacht und die Steine herausgeholt. Und wie er den letzten auf den -Rand gebracht, siehe, da ist's blankes Gold gewesen; der Alte aber -war verschwunden. Ist kein anderer gewesen, als der gute Bergfürst. -Fröhlichen Muthes ist der Häuer heimgeeilt, und alle Noth hat bei ihm -ein Ende gehabt. Später ist es ihm eingefallen, daß wohl auch die -andern Steine, die er aus dem Brunnen geräumt, goldhaltig gewesen sein -könnten; er ist daher wieder auf den Berg gestiegen, aber wie er auch -gesucht, er hat keinen Brunnen, noch eine Spur davon mehr gefunden.« - -»Es ist recht schade,« sagte das Mädchen, »daß jetzt solche guten -Geister keinem Menschen mehr zu Hülfe kommen, wo es der Noth so viel in -unserm Gebirge giebt.« - -»Ach wohl giebt's der Noth viel im armen Gebirge!« rief der Greis, -»mehr als ein Mensch aussagen kann, und die guten Berggeister wären -nöthiger als je. Aber sieh, Hedwig, die Menschen haben sie durch ihren -Undank selbst verscheucht. Mit den Berggeistern ist der Segen vom -Gebirge geflohen; das Bergwerk, sein eigentlicher Lebenspuls, ist in -Verfall gekommen, und ich weiß nicht, was noch aus ihm werden wird. -Wenn ich zurückdenke in meine Jugendzeit, was für ein Leben war da noch -in unserm Revier, und besonders auf unserm Vater Abraham! Wie ich als -neuer Hutmann Deine Großmutter heimführte, da standen 250 Bergleute -im Staat aufgepflanzt auf der Halde, lauter Vater-Abrahamer, und eine -Hochzeit war's, woran die paar Alten, die aus jener Zeit noch leben, -noch heute mit Lust denken. Aber wie muß es erst gewesen sein, als -droben der alte Schacht noch gangbar war, wo an 500 Bergleute anfuhren -und ein Häuer vom Vater Abraham von den Stadtleuten wie ein Herr -angesehen war! Doch das war auch eine Strafe des erzürnten Berggeistes, -daß er die schlagenden Wetter in den alten Bau schickte, so daß kein -Häuer seines Lebens mehr darin sicher war, und der Schacht aufgelassen -werden mußte. Nun schlug man da unten ein und suchte nach dem alten -Gang, fand aber nur einen Zweig davon, dem zur Mächtigkeit und dem -Reichthum des verlassenen gar viel fehlte. Ach, wenn der alte Schacht -noch im Gang wäre, wie anders stände es um uns! Dann möchte allenfalls -Deine Stiefmutter mit ihren Docken den Staat treiben, womit sie Deinen -Vater jetzt ruinirt!« - -Hedwig seufzte und fragte dann: »Aber Großvater, sollte man denn den -alten Schacht jetzt nicht wieder öffnen können, nachdem er über hundert -Jahre darniedergelegen?« - -»Du weißt nicht, was es mit den schlagenden Wettern für eine Bewandtniß -hat. Sieh, die kommen durch feine, unsichtbare Spalten aus dem -feurigen und kochenden Innern des Erdkörpers. Da ist's wie in einem -Schmelzofen, nur daß nicht blos ein, sondern alle möglichen Metalle -da unter einander in glühendem Fluß sind, und wenn es schon in unsern -Schmelzhütten an giftigen Dämpfen und Gasen nicht fehlt, die dem -Schmelzer übel zusetzen, wie viel weniger da unten in dem ungeheuren -Generalschmelzofen! Die Dämpfe sind zwar gut, es sind die Nährmütter -unserer Erzadern, indem sie sich in den gröbern Spalten der Erde zu -Metallen niederschlagen; aber ihre Gesellen, die Gase, werden, wenn sie -in eine Grube eindringen, die größte Plage des Bergmanns. Es ist aber -in der Macht des Berggeistes, die Gasritzen zu öffnen und zu schließen, -und er öffnet sie zur Strafe, wenn die Gewerken oder das Bergvolk mit -seinen Schätzen gottlosen Mißbrauch treiben. So war's auch auf dem -alten Vater Abraham. Da sind die Bergleute gar übermüthig geworden; -die Schichtmeisterin ist auch ein Weib gewesen wie Deine Stiefmutter, -hoffärtig und hart gegen die Armuth, und ein Gewerke, der die meisten -Kuxe gebaut, hat die Schwelgerei so weit getrieben, daß er sich in -Wein gebadet und den so mißbrauchten edlen Saft den Armen geschenkt -hat. Das hat der Berggeist nicht länger mit ansehen können. Erst hat -er gewarnt, hie und da ist eine kleine Wand eingestürzt; dann und wann -hat einem Bergmanne ein Schwaden den Athem versetzt -- aber wie alle -Warnungen nichts gefruchtet, hat er seine furchtbarsten Wetterschleusen -aufgezogen; da sind auf einmal zehn Mann vor Ort erschlagen worden, und -wer sich nachher wieder hingewagt, hat das gleiche Schicksal gehabt, -zuerst in der tiefsten, zuletzt in allen Gezeugstrecken. So hat man den -reichen Gang im Stiche lassen müssen. Später sind wohl Versuche gemacht -worden, den Gang wieder aufzunehmen, sie sind aber alle unglücklich -abgelaufen; noch zu meiner Zeit ließ sich ein vorwitziger Bergmann in -den Schacht und ward todt herausgezogen, nicht etwa erstickt, sondern -erschlagen. Seitdem hat Niemand dem Zorne des Berggeistes zu trotzen -gewagt; und dieser Zorn wird auch nicht weichen, wenn es die Menschen -auf dem Vater Abraham treiben wie bisher.« - -»Aber Großvater,« sagte Hedwig, »es sind doch nicht alle Leute -hoffärtig oder gottlos, die auf dem Vater Abraham leben und verkehren; -sollte denn der Berggeist den Unschuldigen mit dem Schuldigen strafen? -Das wäre doch ungerecht. Da seid Ihr, mein Vater, der Ferdinand, die -Brunhild, der Steiger Meier und so viele rechtschaffene Bergleute, auch -die Mutter hat ihre guten Seiten.« - -»Dich hast Du nicht mit genannt,« sagte der Greis, »und doch bist Du -das einzige Wesen, um dessentwillen der Berggeist wenigstens nicht -weiter geht in seinem Zorn. Du bist wie Deine selige Mutter -- o die -Liebe! sie wäre der Schutzgeist vom Vater Abraham geworden, hätte -sie fortgelebt und Deinem Vater eine Schaar Kinder geboren wie ihre -Nachfolgerin, das unselige Weib. Mit Deiner Mutter ging der gute Engel -Deines Vaters von der Erde, und Deine Stiefmutter scheuchte den letzten -Segen vom Vater Abraham. Denn wie das Weib hier zu hausen begann, -wurden da unten die Erze tauber und tauber, und zuletzt förderte der -Göpel nichts mehr zu Tage als Haldensturz.« - -»Aber« -- wandte Hedwig ein -- »seit ein paar Jahren ist die Grube doch -wieder recht höflich geworden, und es sind Aussichten vorhanden, daß -sie es noch mehr wird.« -- - -»Ist doch kein Segen dabei!« versetzte der Greis. »Wenn man unser Erz -sieht, so lacht Einem das Herz im Leibe, und wenn es in die Hütten -kommt, ist's nichts. Ich sage Dir, es ist kein Segen mehr auf dem Vater -Abraham; selbst das Gute, was die Erde noch giebt, wird zunichte, wenn -nicht zum Fluch. Du sprachst vom Steiger Meier, ja, das ist mein alter -Kamerad von Kindheit auf; wie ich Hutmann ward, wurde er Steiger, und -wir sind immer gute Freunde gewesen. Erst als sein Student aus der Art -schlug, und der alte Vater dem Oben'naus und Nirgendsan die Zügel nicht -straff anzog, gab's manche Mißhelligkeit zwischen uns, und seit einiger -Zeit ist er mir gar entfremdet. Ich weiß nicht, was ich denken soll, er -kann mich nicht mehr aufrichtig anschauen, und in seinen Mienen liegt -etwas, das mir weh thut.« - -»Der alte gute Mann hat so viel Sorgen um den Sohn ausgestanden, und -die Sorgen haben sein Gesicht fast zur Unkenntlichkeit verzerrt,« -meinte Hedwig. - -»Und dieser Sohn sollte einmal Dein Mann werden,« -- sagte der Greis; --- »es war ein Lieblingsgedanke von uns Alten; wer konnte denken, daß -der schöne schwarzlockige Bube so ausarten würde! Nun, ich brauchte -mein Wort gegen den Steiger nicht zu brechen, sein Herr Sohn sorgte -dafür, daß nichts daraus ward. Der liebe Gott hatte es besser mit Dir -im Sinne, als wir kurzsichtigen Menschen; er hatte Dir den Rechten -schon erwählt. Ja, das ist der Trost meiner letzten Tage, daß ich -Dich in der Hut eines so rechtschaffenen Menschen weiß, wie Dein -Ferdinand ist. Das ist noch ein echtes Bergmannsblut, treu und wahr und -unbefleckt.« - -Hedwigs Antlitz leuchtete wie verklärt; sie nahm die braune, schwielige -Rechte ihres Ahnen und preßte sie zwischen ihre kleinen zierlichen -Hände. - -»Deine Stiefmutter sieht zwar scheel zu Eurer Liebe,« fuhr er fort; -»die hochmüthige Frau glaubt, es falle eine Perle aus ihrer Krone, wenn -ihres Mannes Tochter eines Steigers Weib wird; aber Ihr sollt ihr zum -Trotz ein Paar werden, bevor ich meine Augen schließe. Was ich Dich -noch fragen wollte, Hedwig -- was denkst Du von den Besuchen, die der -Doctor Meier seit seiner Ankunft dem Vater Abraham abstattet? Sonst -mied er ihn ja.« - -Hedwig wurde roth und bückte sich auf ihren Strickstrumpf: »Ich weiß -nicht, was er will,« sagte sie nach einer Pause, »ich geh' ihm aus dem -Wege, wenn er kommt.« - -»Er scheint mit dem hoffärtigen Weibe ziemlich vertraut zu sein,« sagte -der Alte, »es fehlte blos noch ein Laster auf dem Vater Abraham! -- -Doch es fängt an, mir kühl zu werden; die Stunde des Schichtwechsels -rückt auch heran, da will ich mich zum Beten fertig machen. Da unser -Volk heut' nicht da ist, so hast Du wenig Kocherei auf den Abend, geh' -doch noch ein wenig aus, mein Kind!« Er streichelte ihr das volle, in -Wellen gescheitelte Haar, stand auf und ging ins Haus. - -Auch Hedwig erhob sich, verließ langsam die Halde und verlor sich im -nahen Walde. Unwillkürlich schlug sie den Fußweg ein, der am alten -Vater-Abraham-Schacht vorbei nach Pobersdorf führte. Der alte Schacht -befand sich auf dem höchsten Theile des weiten Plateaus, und seine -Halde bot eine vollständige Rundsicht dar, welche Hedwig benutzen -wollte, nach ihrem Geliebten zu spähen, der jetzt anfahren mußte. -Sie stieg daher hinauf, aber als sie oben ihren Blick in die rechte -Richtung brachte, sah sie eine andere Gestalt daher kommen, als -die ersehnte. Es war der Doctor Meier, derselbe, dem sie als Kind -versprochen gewesen, und der sie aus Hochmuth von sich gestoßen, ehe -sie noch das jungfräuliche Alter erreicht hatte. Am letzten Sonntage -war sie ihm auf dem Kirchwege begegnet, das erste Mal seit vielen -Jahren. Da war der inzwischen zum Mann Gereifte vor der blühenden -Jungfrau voll Staunen stehen geblieben. Er hatte sie angeredet, doch -war sie durch Ferdinands Dazwischenkunft aus dieser verlegenen Lage -befreit worden. Als sie aber nach Hause gegangen, und Ferdinand auf -dem halben Wege von ihr geschieden war, hatte der Doctor plötzlich vor -ihr gestanden und sich ihr zur Weiterbegleitung aufgedrungen. Da hatte -er einen Ton gegen sie angestimmt, der mit seinem frühern Betragen -in vollem Widerspruche stand. Sie hatte indessen seine girrenden -Aeußerungen für leeres Gerede genommen; doch war sie ihm, als er -seitdem täglich im Vater Abraham einsprach, sorgfältig ausgewichen. -Auch jetzt wünschte sie ihm nicht zu begegnen; sie schlüpfte daher in -die nahe, offenstehende Kaue, welche den alten Schacht überdeckte. -Aber die scharfen Geieraugen des Doctors hatten bereits die liebliche -Gestalt erspäht, und gerade ihre Flucht reizte ihn, sie zu verfolgen. -In raschen Sätzen sprang er die Halde hinan und stand bald im Eingange -der Kaue, der schönen Flüchtigen gegenüber; aber zwischen ihm und ihr -klaffte der furchtbare Schlund. - -»Was fliehen Sie, Hedwig?« fragte er. »Kommen Sie, ich habe einen -Auftrag von Ihrer Mutter an Sie. Hier ist ihr Commodenschlüssel, den -soll ich Ihnen mit der Bitte überbringen, ihr den neuen Pariser Shawl -durch mich zu schicken. Das Kleid hat ihr der Junge richtig überbracht.« - -»Warum hat sie denn nicht dem Jungen aufgetragen, ihr den Shawl zu -holen, wenn sie ihn durchaus haben muß?« - -»Da fragen Sie mich zu viel; -- genug, ich kam vorhin in ihre -Gesellschaft, und als ich beim Abschiednehmen sagte, ich ginge erst -noch einmal nach Pobersdorf, da bat sie mich, auf dem Rückwege ihr den -kleinen Gefallen zu thun.« - -Zögernd kam jetzt Hedwig um das Mundloch des Schachtes herum. »So -kommen Sie,« sprach sie, als sie sich ihm näherte. Er stand unbeweglich -vor ihr und schien sie mit seinen Blicken verschlingen zu wollen. Nach -einer Weile reichte er ihr die Hand. »Hedwig, Sie stehen mir gegenüber -wie eine Fremde, fast wie eine Feindin; das sollte anders sein! Geben -Sie mir die Hand.« - -»Kommen Sie nur!« drängte sie, »ich will Ihnen den Shawl holen.« - -»Stolzes Mädchen! Können Sie den Mann entgelten lassen, was der wilde -Knabe verbrach? Konnte er auch in der verschlossenen Knospe die -Herrlichkeit der Blume ahnen? Hedwig, der erste Strahl Ihrer Schönheit, -der mein Auge traf, ist wie der Blitz durch meine Seele gegangen; -ich möchte Ihnen zu Füßen fallen und Sie um Vergessen und Vergeben -anflehen. -- Hedwig, lassen Sie die alten Zeiten wieder gelten, wo ich -Ihnen der nächste Mensch auf Erden sein sollte! --« - -»Aber nicht wollte,« fiel sie ein, »und mit Recht, denn wie paßte solch -ein Gänseblümchen zu solch einem stolzen Ritter! Nein, Herr Meier, die -alten Zeiten sind todt und begraben -- lassen wir die Todten ruhen. Zu -vergessen und zu vergeben habe ich nichts, denn Sie haben mich nicht -gekränkt; die Blume weiß nichts von dem verächtlichen Blick, der die -Knospe traf. Gehen Sie jetzt, ich folge Ihnen!« - -Aber er ergriff ihre Hand, und als sie sie ihm entziehen wollte, -schlang er seinen Arm um ihren Leib und zog sie heftig an sich. »Nein, -Mädchen! so mußt Du mich nicht abspeisen wollen. Sieh und fühle, wie Du -plötzlich mein ganzes Wesen mit einer namenlosen Gluth erfüllt hast! --- Hedwig! es ist über mich gekommen wie ein plötzliches Erwachen aus -wüstem Schlaf, wie ein Wirbel, der mich mit allmächtiger Gewalt zu Dir -reißt. -- Hedwig -- das Wort unserer Väter muß sich erfüllen -- Du mußt -mein werden!« - -»Lassen Sie mich los!« rief Hedwig ringend, »ich habe weder Lust noch -Zeit, Komödie mit Ihnen zu spielen!« - -»Komödie? Mädchen! Siehst Du nicht, fühlst Du nicht, welch verzehrendes -Feuer in mir rast, ein Feuer, das, beim Himmel! eher zu einer Tragödie -paßt als zu einer Komödie! Hedwig, ich habe gelesen, daß Männer, die -lange dem Geschoß des blinden Gottes Trotz boten, von ihm plötzlich -mit unheilbarer Wunde gestraft wurden; ich fühle jetzt, daß dies kein -bloßes Märchen ist. Hedwig, laß Gnade walten und gieb mir das Recht -auf Deinen Besitz zurück!« Hedwig wand sich mit abgewandtem Gesicht -ängstlich in den Armen des starken Mannes. »Gieb, gieb es mir zurück!« -drängte er -- »oder ich nehme es mir!« - -Da blickte sie ihm ins Gesicht und erschrak vor dessen Ausdruck bis in -die innerste Seele hinein. War es möglich, daß ein Mensch so plötzlich -von einer rasenden Leidenschaft ergriffen werden konnte? »Lassen Sie -mich!« schrie sie, »Sie sind wie ein Wahnsinniger!« - -»So scheint es mir selbst,« versetzte er, »darum gehen Sie glimpflich -mit mir um -- seien Sie mild und versöhnlich!« - -»Lassen Sie mich erst los -- dann wollen wir vernünftig mit einander -reden.« - -»Versprich mit einem Kuß, daß Du nicht entfliehen willst,« und er -neigte sich zum Empfang des Pfandes. In diesem Augenblick riß sie sich -mit verzweifelter Anstrengung los und floh. Aber er hatte sie schnell -wieder erreicht und zog sie in das Innere der Kaue zurück. -- »Hülfe! -Hülfe!« kreischte sie, daß es weit durch den Wald hin gellte; aber -schnell verschloß er ihr den Mund mit seinen Küssen. Vergebens kämpfte -Hedwig mit allen Waffen, die dem Weibe gegen die Gewalt verliehen -sind, um sich der ungestümen Liebkosungen des Rasenden zu erwehren; -aber ihre Kraft reichte gegen die Gewalt ihres Gegners nicht aus. Da -plötzlich fühlte der Doctor sich hinten kräftig gepackt, ja eh' er -sich noch besinnen konnte, sah er sich zu seinem Entsetzen gerade über -dem schwarzen Schachtschlunde schweben, in den er unrettbar stürzen -mußte, wenn die Riesenfaust, die ihn hielt, ihn fahren ließ. War etwa -ein Berggeist dem bedrängten Mädchen zu Hülfe gekommen? Insofern man -die Bergleute scherzweis auch Berggeister nennt, allerdings: Ferdinand -war der Retter, der auf seinem Wege zur Schicht den Hülferuf vernommen -hatte. Da stand er nun und hielt mit dem nervigen Arm den Dränger -seiner Trauten über die grauenvolle Tiefe, und da kniete die Geliebte -zu seinen Füßen und beschwor ihn, den Elenden zu schonen. Der Doctor -war zu einem Bilde des Todes erblaßt. »So, nun wird er genug haben,« -sagte Ferdinand; »diese Cur wird hoffentlich gründlich sein -- meint -der Herr Doctor nicht selbst?« Und er trug den bleichen Mann vor die -Kaue: »Nun komm, Hedwig!« sagte er, »den Arm kann ich Dir nicht bieten -in meinem lettigen Grubenzeug.« -- Aber Hedwig hing sich ängstlich an -seinen Arm und ging mit Ferdinand heim. Beide sahen nichts von den -racheblitzenden Blicken, die ihnen folgten. - - -IV. - -Der Doctor stand lange brütend auf der Halde. Langsam trat er endlich -den Weg nach der Stadt an. Aber er beschloß, den Jungen zu erwarten, -welchen Hedwig mit dem Shawl schicken wollte. Er brauchte nicht lange -zu warten; der Junge war froh, sich seines Botendienstes so leicht -entledigen zu können, und ein Trinkgeld machte seine Freude vollkommen. - -»Aber welche Entdeckung hab' ich machen müssen!« sagte der Doctor, als -er der Schichtmeisterin den Shawl überreicht hatte und von ihr mit -Dankesergießungen überschüttet worden war; »Ihre Hedwig lustwandelte -~tête-à-tête~ mit einem gemeinen Bergmann im Walde.« - -»+Meine+ Hedwig?« erwiederte die Frau; »die Sie meinen, ist doch nicht -+mein+ Kind, sonst würde sie sich sicher nicht zu einer Liaison mit -einem Häuer verirren. Aber interessiren Sie sich vielleicht jetzt für -das Gänseblümchen, wie Sie es vor Jahren getauft haben?« - -»Das gerade nicht; ich wundere mich nur, daß die Liaison von ihnen -geduldet wird. Immer ist Hedwig die rechte Tochter von Fräulein -Brunhild's Vater, mithin des Barons künftige Schwägerin. Wenn nun die -Frau Baronin Mutter erführe, daß ihr Sohn Gefahr liefe, der Schwager -eines gemeinen Häuers zu werden, so könnte sie leicht --« - -»Um Gotteswillen!« unterbrach ihn die Schichtmeisterin entsetzt; »ich -bitte, lassen Sie den Baron und die Frau Baronin ja nichts merken von -dem, was Sie gesehen; dafür, daß aus Hedwigs Liaison nichts wird, -stehe ich. Von Stund' an muß mein Mann den frechen Menschen, der sich -in unsere Familie drängt, ablohnen und Hedwig jeden Verkehr mit ihm -untersagen.« - -»Zum Glücke Ihrer Brunhild dürfte das klug und weise sein,« bemerkte -der Doctor und empfahl sich in der Hoffnung eines genußreichen Abends. -Er begab sich zu dem Goldschmied Reichel, der ihn wie einen guten -Kunden empfing. - -»Wie steht's, Bester?« fragte der Doctor, »hat mein Alter gedeckt?« - -»Ich glaube -- wenn die ganze Lieferung der Probe gleicht; das muß sich -erst ausweisen.« - -»Wißt Ihr was? Ihr müßt mir augenblicklich noch hundert Thaler -vorstrecken; ich muß morgen nach Hallbach zu meiner Erkornen und da -nobel auftreten; wahrscheinlich muß ich ihren Papa nach Bad Kissingen -begleiten. Wir vertauschen den alten Wechsel mit einem neuen, und -- -nun Ihr wißt Euch schon bezahlt zu machen.« - -»Aber Ihr Vater war schon jetzt schwierig,« wendete der Goldschmied ein. - -»Nur keine Umstände, mein Guter!« sagte der Doctor. »Hoffentlich ist -das der letzte Schröpfkopf, den ich an den guten Alten ansetzen muß. -Zieht nur die Casse auf, mein Goldmann!« - -Der Goldschmied mußte den Doctor wohl unwiderstehlich finden, er zog -ein Kästchen aus seinem Ladentisch und zählte die verlangte Summe in -Dukaten auf. - -Der Doctor strich sie ein. »Die habt Ihr aber gehörig mit Königswasser -getauft,« sagte er, die Münzen prüfend, »Ihr seid doch ein -unverbesserlicher Anabaptist!« - -Gleichgültig, als ob er die Anspielung nicht verstehe, füllte der -Goldschmied ein Wechselformular aus und legte es dem Schuldner vor. -Dieser unterzeichnete. »So, wieder ein Geschäft gemacht!« sagte er, -sein Gold einsteckend. - -»Nun noch Eins: Vergeßt um Eurer selbst willen nicht, daß die Klausel, -»nach Wechselrecht verfahren,« keine andere Bedeutung haben kann, als -die eines Schreckschusses! Ihr kennt das Sprichwort vom Hehler!« Und er -ging. - -»Das ist der leibhaftige Satan!« murmelte der Goldschmied, ihm -nachstarrend. - -Diese Verhandlung zeigt, daß der unglückliche alte Steiger sich sehr -irrte, indem er wähnte, seinem Sohne sei das verzweifelte Mittel, -dessen übermäßige Geldbedürfnisse zu befriedigen, so verborgen -geblieben, wie er es zu halten gesucht. Der entartete Sohn selbst hat -den Goldschmied auf den Vater gehetzt. Nur der Ort, wo dieser das -Erz aufbewahrte, war jenem unbekannt, und er hatte bisher auch nicht -Ursache gehabt, danach zu forschen. - -Während der Vater tief im Schoße der Erde nicht nur mit seinem schweren -Tagewerk sich plagte, sondern auch von Gewissensbissen gequält wurde, -verlebte der Sohn einen genußreichen Abend im Salon des reichen -Handelsherrn Neuhoff. Er war ein ausgezeichneter Gesellschafter, als -solcher schon früher der Baronin von Brunn, in deren Haus ihn ihr -Sohn eingeführt hatte, so lieb und werth geworden, daß man an ihrem -Wohnorte Hallbach lange von einem zärtlichen Verhältniß zwischen -Beiden munkelte, bis es offenkundig ward, daß der junge Arzt sich -Hoffnung auf die Hand der Baronesse Lydia mache. Heute entfaltete er -alle seine Gaben, theils um sich in guter Gesellschaft über die am -Nachmittag erlittene Niederlage erhoben zu fühlen, theils um seinen -Einfluß auf die Baronin zu befestigen. Diesen Einfluß bedurfte er nicht -nur für seinen Heirathsplan, der freilich mit seinem Benehmen gegen -Hedwig im Widerspruch stand, sondern auch zur Förderung der Wünsche -des jungen Barons und Brunhild's, wodurch er an der Schichtmeisterin -eine dankbare Bundesgenossin gegen Hedwig und ihren Häuer gewann. -Seine Bemühungen gelangen vollständig; er wußte die Baronin dergestalt -auf die in Wahrheit vorhandenen trefflichen und zum Theil glänzenden -Eigenschaften Brunhild's aufmerksam zu machen, daß am Schlusse des -Abends der Baron es wagen konnte, der Mutter seine Wahl zu gestehen. -Und die von der schönen, und, was ihr allerdings viel galt, eleganten -jungen Dame bezauberte Gnädige beschloß den Abend mit einer stillen -Verlobung, vorbehältlich der Einwilligung ihres gichtkranken Gatten, an -der sie nicht zweifelte. »Ich curire ihn,« sagte der Doctor, »und im -schlimmsten Falle geht das Glück des Freundes dem meinigen vor, wenn -ich liquidire.« - -Als er früh zwischen vier und fünf Uhr sich seiner väterlichen -Behausung näherte, sah er aus der schwer zugänglichen Oeffnung eines -alten Stollens eine dunkle Gestalt treten und gleichfalls auf das -Haus zugehen. Er ging ihr schnell nach und stieß an der Hausthür auf -seinen Vater. »Du kommst so spät aus der Stadt?« redete der Greis den -Sohn an, »so lange hast Du geschwärmt? Und ich muß mich mit der sauern -Nachtschicht plagen! Du solltest doch nun ein anderes Leben anfangen!« - -»Du hast keine Idee von dem Leben einer Gesellschaftssphäre, zu der -ich nun einmal durch Anlage und Neigung gehöre,« antwortete der -Doctor. »Ich muß meine höhere Bestimmung erfüllen, und Du wirst bald -Ursache haben, Dich über alle Opfer zu freuen, die Du mir gebracht. -Du sollst sie an keinen Undankbaren verschwendet haben. Laß Dir sagen, -daß ich heute glücklich die Verlobung zwischen dem Obereinfahrer und -Schichtmeisters Brunhild zu Stande gebracht habe; und was ich über -die Mutter zu Gunsten Anderer vermocht, das vermag ich auch zu meinen -eigenen. Du wirst sehen, in wenig Wochen darfst Du die reiche Baronesse -Lydia von Brunn als Deine Schwiegertochter begrüßen!« - -»Dann werde ich wohl am längsten einen Sohn gehabt haben,« sagte der -Greis, »wer seinen Vater auf der Straße nicht kennen will, wenn er nur -in eines Barons Gesellschaft geht, wird ihm vollends fremd sein, wenn -er der Mann einer Baronesse ist. Nun, ich wünsche Glück zu dem hohen -Flug -- freuen könnte ich mich nur, wenn Du mir eine Schwiegertochter -brächtest, wie meine Hedwig, die Du im tollen Hochmuth von Dir -gestoßen.« - -»Die hat sich längst zu entschädigen gewußt,« sagte der Doctor. - -»Wohl ihr,« erwiederte der Steiger, »Gott hat ihr trefflichen Ersatz -gegeben. Das ist auch mein Trost bei der ganzen Geschichte, daß das -Mädchen nun doch noch glücklich wird. Doch jetzt laß uns hineingehen, -ich höre die Mutter Licht anschlagen.« - -Sie gingen hinein. - -Die letzten Worte hatten den Stachel der Eifersucht und Rache, den -der Sohn im Herzen trug, tiefer hineingetrieben. Daß sein Vater aus -dem alten Stollen gekommen war, leitete ihn auf die Vermuthung, daß -dort die geheime Erzniederlage desselben sei, und diese Vermuthung -führte sein brütendes Gehirn auf einen Gedanken, dessen Tücke er vor -sich selbst mit der Ausflucht beschönigen konnte, er müsse von seinem -Vater die nahe Möglichkeit der Entdeckung seines Verbrechens entfernen; -denn so gut wie er konnte auch ein fremder Mensch, vielleicht gar der -Bergner, den Vater einmal bei seinem nächtlichen Gange von oder zu dem -Stollen beobachten, Verdacht schöpfen, untersuchen -- und dann war der -Vater verloren. - -Wie kein Mensch so bös ist, daß er nicht nach einer Rechtfertigung -seiner bösen Absichten suchte und sie auch glücklich fände, so fand -der Doctor, als er am Tage wieder in die Stadt kam und da zufällig -den Häuer Ferdinand Bergner aus dem Laden des Gelbgießers treten und -diesen das Abschiedswort rufen hörte: »Auf Wiedersehen, mein lieber -Steiger ~in spe~,« in diesem Worte mehr als eine bloße Rechtfertigung -seines schon fertigen Anschlages, er fand sich als Sohn verpflichtet, -einen Menschen unschädlich zu machen, der offenbar seinem Vater nach -dem Brode trachtete. Er hatte eigentlich heute abreisen wollen, aber -sein tückischer Plan nöthigte ihn, noch eine Nacht in der Heimath zu -verweilen. Sobald es finster war, verließ er die Stadt, nicht ohne -sich vorher mit Wachszündern zu versehen, eilte nach Pobersdorf und in -den alten Stollen bei der väterlichen Wohnung. Er mußte lange suchen, -ehe er seine Vermuthung bestätigt fand; aber er fand sie bestätigt: in -einem Haufen alten Schuttes lagen die schimmernden Stufen. - -Wie das Haus des Steigers, war auch Ferdinands Wohnung ein altes -Zechenhaus, das von ersterem etwa tausend Schritte entfernt stand. -Daher fehlte es auch nicht an einem Stollen daselbst, der dicht hinter -dem Hause mündete. Der Doctor kannte, als Ferdinands Jugendgespiele, -die Oertlichkeit genau; er wußte auch, daß dieser Stollen durch eine -Thür verschlossen war; aber auch dafür hatte er sich gerüstet; er -kannte die einfache Schließvorrichtung solcher Grubenthüren und hatte -sich mit einem Stück Draht versehen, das er hier gleich in die rechte -Form brachte. Seine Absicht war, die Erzstufen in Ferdinands Stollen, -die sogenannte Jakobszeche, zu schaffen, dort zu verbergen und nach -einiger Zeit den Verdacht der Erzentwendung auf den verhaßten Häuer zu -lenken. Sein Werkzeug zur Vollendung des verruchten Vorhabens sollte -ein naher Anverwandter, ebenfalls Häuer auf dem Vater Abraham und -Aspirant auf die Steigerstelle, werden. Mittels einer Leinenschürze, -welche seine Mutter am Gartenzaun zum Trocknen aufgehangen, bewirkte -er in drei Gängen den nicht leichten Transport. In einer Stunde war -das Werk der Bosheit geschehen. Er hatte das Erz in der Jakobszeche -so untergebracht, daß nur ein mit Absicht spähendes Auge es entdecken -konnte. Froh über das Vollbrachte ging er heim, um noch eine Nacht -unter dem väterlichen Dache zuzubringen. - -Er hatte keine Ahnung, daß gerade diese Nacht, wo sein Vater die -Nachtschicht aussetzte, zur Ablieferung einer Hälfte des gestohlenen -Erzes bestimmt war. Um 1 Uhr nach Mitternacht stand der Steiger auf -und begab sich in seinen Stollen. Wie erschrak der beklagenswerthe -Mann, als das Erz nicht mehr zu finden war! Er durchsuchte alle -Winkel und Schutthaufen des nicht tiefen Stollens -- das Erz war -verschwunden. Wie vernichtet setzte er sich auf einen Stein im Stollen; -er erschöpfte sich in Muthmaßungen, wer des Erzes habhaft geworden und -es fortgetragen haben könnte; eben so wenig wie sein alter Camerad, der -Hutmann, war er ganz frei von Aberglauben -- vielleicht war das Erz -durch das Blendwerk eines Kobolds unsichtbar gemacht, vielleicht war -es gar »heimgegangen« -- aber es konnte wohl auch von einem Menschen -entdeckt und weggeschafft worden sein; dann war das Geheimniß schon -nicht mehr blos unter Zweien. Er zitterte vor Angst, aber auch vor -Frost; um sich zu erwärmen und zu ermuntern, nahm er einen Schluck -aus seinem Fläschchen, das er jedes Mal gefüllt mit zur Schicht zu -nehmen pflegte, die er heute von der Stadt aus antreten wollte. Aber -statt daß er sonst das Fläschchen nur allmälig im Verlaufe der Schicht -geleert hatte, trank er es jetzt in wenig Minuten aus. Neu belebt -machte er sich an eine neue Durchsuchung des Stollens. Umsonst, das -Erz war und blieb weg. Wieder setzte er sich nieder und versank in -qualvolles Sinnen. Endlich erklang das Häuerglöcklein. Das lud zur -Schicht. Er erhob sich, sein Kopf war schwer, taumelnd verließ er den -Stollen und schlug die Richtung nach dem Vater Abraham ein. Was ihm -noch nie begegnet, widerfuhr ihm jetzt: er verirrte sich im Walde -und kam erst später als die andern Bergleute auf die Grube. Noch -immer berauscht, voll Angst und Verdruß, stieg er in den Schacht. -Die gewohnte Sicherheit des Trittes hatte ihn verlassen; in der -halben Teufe verfehlte er eine Sprosse und stürzte hinab zu den Füßen -Ferdinands, der heute bei der Förderung beschäftigt war. Dieser fing -zwar noch den Oberkörper des stürzenden Greises mit seinen Armen auf, -derselbe war aber bereits im Fallen durch die Wände erheblich verletzt, -so daß er stark blutete und kein Lebenszeichen von sich gab. Ferdinand -befahl dem nahen Hundejungen, Wasser zu bringen, und suchte dann -seinen unglücklichen Vorgesetzten zu beleben. Auf den Lärm des Jungen -kamen bald mehrere Häuer von ihren Oertern und theilten Ferdinands -Bemühungen. Es gelang, dem Greise einige Lebenszeichen zu entlocken; -aber sie blieben sehr schwach. »Wir müssen ihn hinaufschaffen,« -erklärte Ferdinand, »ich fahre schnell aus und mache die Hängematte -zurecht; Einer von Euch führt sie beim Herausfördern.« Die Cameraden -waren damit einverstanden. Ferdinand fuhr aus, traf Hedwig schon wach, -machte sie mit dem Unglücksfall bekannt, und erhielt nicht nur die -nöthigen Decken und Stricke zu der Hängematte, sondern wurde auch -von ihr in deren rascher Herstellung unterstützt. Nach einer halben -Stunde lag der Verunglückte auf einem Sopha in der Wohnstube des -Schichtmeisters, der sogleich einen Boten nach Pobersdorf schickte, um -den Doctor herbeizuholen. Inzwischen kam der Steiger zum Bewußtsein; -das erste Wort aber, das er wieder vernehmen ließ, war: »Ich muß -sterben, ruft mir den Hutmann, daß ich ihm beichte!« - -Hedwig weckte ihren Großvater, der den Schlaf der Gerechten schlief. -Sie theilte ihm schonend mit, was seinem Jugendfreunde zugestoßen war. -Erschüttert stand der Greis auf und war bald am Lager des Sterbenden. -Als dieser verlangte, mit ihm allein zu sein, ging der Schichtmeister -mit den Uebrigen aus der Stube; und nun nahm der Unglückliche dem -alten Freunde das Versprechen ab, gleich wie ein Geistlicher das -Beichtgeheimniß zu ehren; dann bekannte er ihm seine Schuld und -beschwor ihn, den Schichtmeister vor den Fallstricken des wucherischen -Goldschmiedes zu warnen. Unmittelbar darauf verschied er. Der Doctor -kam nur zur Leiche des durch ihn gemordeten Vaters. Ob er die grause -Schuld wohl fühlte? Ob die Schmerzensäußerungen, denen er sich -überließ, echt und von tiefem Grunde waren? Der weitere Verlauf dieser -Geschichte wird es lehren. - - -V. - -Für jetzt hatte der erschütternde Todesfall wenigstens den Einfluß -auf das Gemüth des Doctors, daß er den Anschlag gegen Ferdinand nicht -weiter verfolgte, sondern nach der Beerdigung seines Vaters seine so -lange aufgeschobene Reise antrat. Der Trauerfall hatte auch bei den -Bewohnern des Vater Abraham alles Andere so weit in den Hintergrund -gedrängt, daß bis dahin der Schichtmeister die ihm von seiner Frau -als nothwendig dargestellte und geforderte Ablohnung Ferdinands -auszusprechen vergessen hatte. Kaum war der Steiger Meier begraben, so -erinnerte die Schichtmeisterin ihren Gatten wieder an jene Maßregel. -Vergebens stellte er vor, wie unentbehrlich gerade jetzt Ferdinand für -die Grube geworden sei, denn der Häuer Meier, der sich zur Vertretung -der Steigerstelle dränge, sei dieser Aufgabe nicht gewachsen. Allein -die Frau brachte bald wieder durch den Vater den Beamten zum Schweigen. -Glücklicherweise war die Verhandlung von Brunhild gehört worden, die -auf einen kurzen Besuch da war; und diese vertraute Hedwig den ihrer -Liebe drohenden Streich. Hedwig setzte augenblicklich ihren Großvater -davon in Kenntniß. - -»Was!« schrie der würdige Greis, »den besten Häuer vom Vater Abraham -will mein Sohn dem Drachen von Weib opfern? Und gerade jetzt, wo ein -Steiger fehlt? Denn der Meier Hilf, der den Steiger spielen möchte, -taugt kaum zum Scheidejungen. Wart', da will ich, der Hutmann, auch ein -Wort mitreden!« Und er ging hinab, rief seinen Sohn aus dem Zimmer und -lud ihn zu einem kleinen Gang in den Wald ein. - -»Lieber Sohn,« begann er, als sie im Schatten der Tannen wandelten, -»ich habe noch den Auftrag eines Sterbenden an Dich auszurichten. -Der arme Steiger Meier hat mir in seinen letzten Augenblicken ein -schreckliches Geheimniß anvertraut, das mir zum Theil den Unsegen -erklärt, der auf dem Vater Abraham lastet. Ich darf Dir nicht Alles -sagen, aber ich soll Dich warnen vor den Fallstricken des wucherischen -Goldschmieds. Ich will hinzufügen, daß dieser Goldschmied den -unglücklichen Steiger zu einem Verbrechen verführt hat, zu dem er wohl -auch Dich verleiten könnte, wenn er Dich so in seine Gewalt bekäme wie -ihn.« - -»Ich weiß nicht, was mir das soll,« sagte der Schichtmeister -empfindlich; »ich bin doch kein Knabe mehr.« - -»Höre Deinen Vater an, mein Sohn!« sagte der Greis. »Noch bin ich -Hutmann auf dem Vater Abraham und das Haupt meines Stammes; ich habe -darauf zu sehen, daß Zucht und Ehre in dem Hause wohne, das mir zur Hut -übergeben worden, und in der Familie, die meinen Namen führt. Ich hätte -schon eher ein ernstes Wort mit Dir reden sollen, um das Verderben -abzuwehren, das dem Vater Abraham und meinem Hause droht. Aber es ist -so, man bessert nicht eher einen gefährlichen Pfad, bis ein Nächster -darauf den Hals gebrochen. Ich sage Dir, der Hochmuth, der in Deiner -Familie eingerissen, führt Dich zum jähen Fall -- vielleicht zu einem -schlimmeren, als er den Steiger Meier ereilte. Ihr treibt mehr Aufwand, -als ihr ehrlicherweise bestreiten könnt.« - -»Ach Vater, mische Dich doch nicht in meine eigensten Angelegenheiten!« -unterbrach ihn der Sohn, »ich weiß schon, wie weit ich dem Dir -allerdings unbehaglichen Sinne meiner Frau für das Feine und -Wohlanständige und ihrer Mutterzärtlichkeit nachzugeben habe. Ich -hoffe, der Hutmann Frenzel wird die Ehre seines Namens nicht befleckt -finden durch die Verbindung seiner Enkelin mit einem Freiherrn von -Brunn.« - -»Alle Achtung vor dem Freiherrn von Brunn; ist er doch mein hoher -Vorgesetzter und gewiß ein vortrefflicher Herr; aber die Ehre eines -Namens wird in Wahrheit nur durch Rechtschaffenheit bewahrt. Mein Sohn, -das edle Bergwerk ist im Verfall, wodurch? Durch die Schuld der Gewerke -und des Bergvolkes, besonders seiner Vorgesetzten. Die sind nicht der -wahren, sondern eitler Ehre nachgejagt, und diese Jagd hat die Treue -von den Bergen gescheucht und mit der Treue den Segen.« - -»Sonst soll es der Unglaube gewesen sein, der die guten Berggeister -verscheucht und so das Bergwerk zu Grunde gerichtet habe,« warf der -Schichtmeister spottend ein. - -»Es hängt Alles zusammen,« sagte der Hutmann, »der Unglaube kommt aus -einem hoffärtigen Herzen wie die Ehrsucht, und wo die Demuth wohnt, -wohnt auch die Treue; und die guten Geister mögen nicht länger weilen, -wo Treue, Glaube und Demuth fliehen; es hängt Alles zusammen.« - -»Ich will Dir bessern Bescheid über den Verfall unsers vaterländischen -Bergbaues sagen,« fiel der Schichtmeister ein: »unser Erzgebirge ist -nicht ärmer an Metallen als sonst, aber der Bau in den großen Teufen -ist kostspieliger als sonst bei geringerer Teufe, und dazu ist der -Metallwerth so gesunken, daß sich der Abbau manches Erzfeldes nicht -mehr lohnt, das bei den alten Metallpreisen für reich und ergiebig -gelten würde.« - -»Ja, Ihr studirten Herrn habt für Alles eine ganz natürliche -Erklärung,« meinte der Alte, »aber ich weiß, was ich weiß, sei es, wie -es sei, das kannst Du mir nicht abstreiten, daß die Hoffart die Mutter -der Untreue ist, und wo Hoffart und Untreue hausen, da baut keine -Schwalbe ihr Nest, da ist Unsegen und Verderben. Darum beschwör' ich -Dich, treib' den Hoffartsteufel aus Deinem Hause, eh' er das Ei der -Untreue ausbrütet! Fang' gleich damit an, daß Du zu Deinem hoffärtigen -Weibe sprichst: Der Ferdinand Bergner bleibt auf dem Vater Abraham, -Punktum! Was hast Du gegen den Menschen, daß Du ihn fortschicken -willst?« - -Der Schichtmeister wußte keine Anklage wider den jungen Häuer -vorzubringen, er behauptete blos, der bevorstehenden Familienverbindung -mit dem Freiherrn von Brunn das Opfer bringen und einen ihm sonst -selbst lieben Menschen dem Hause entfremden zu müssen. Der schwache -Mensch glaubte, seinen Erzeuger von der Nothwendigkeit dieser Maßregel -ebenso überzeugen zu können, wie er durch seine Frau überzeugt war. -Aber er irrte sich. - -»Weißt Du, ob dem Obereinfahrer die Halbschwägerschaft mit dem Häuer, -hoffentlich bald Steiger Bergner anstößig ist? Hast Du ihn schon -darüber gefragt?« Der Schichtmeister mußte verneinen. »Also ist der -ganze Vorwand nur ein Hirngespinnst Deiner Frau!« sagte der Greis; -»der Obereinfahrer beweist ja schon dadurch, daß er selbst eine -arme bürgerliche Schichtmeisterstochter freit, daß er weit über die -lächerlichen Standesgrillen hinaus ist, die Ihr ihm zutraut. Ich -glaube, er würde es Euch sehr wenig danken, daß Ihr mehr um seine -Standesehre besorgt seid als er selbst. Aber so geht es der Hoffart -allerwegen: immer macht sie die Rechnung ohne den Wirth. Ich hoffe, der -Ferdinand bleibt auf der Grube, und solltest Du ihn vertreiben wollen, -so werde ich mich den Weg in die Stadt nicht verdrießen lassen und dem -Gewerkenausschuß rathen, der Grube sofort in dem Bergner einen neuen -Steiger zu geben. Ich hoffe, daß mein Wort noch etwas gilt bei den -Herren, und ich will es geltend machen; denn dem Vater Abraham thut -gerade jetzt, wo der Schichtmeister so schwach ist, ein Steiger noth, -der die Augen offen hat und die alte Bergmannstreue fest im Herzen!« - -»Du wirst mich doch nicht in eine schiefe Stellung zur Gewerkschaft -bringen wollen?« sagte der Schichtmeister. - -»Gehe nur ein Jeder seinen geraden, rechten Weg, so giebt's keine -schiefe Stellung!« versetzte der Alte. »Du weißt nun meine Meinung -- -thu, was Du willst!« Er wandte sich wieder dem Huthause zu. - -Als der Schichtmeister heim kam, hatte er mit seiner Frau eine geheime -Berathung, in welcher sie lange auf Ferdinands Entfernung bestand, -sich endlich aber doch überzeugen ließ, daß nach der Willenserklärung -des Großvaters der gefaßte Beschluß unausführbar war. Sie gab in der -Hoffnung nach, bald Mittel zu finden, sich des »gemeinen Menschen« zu -entledigen. - -Während der wackere Hutmann sich so eifrig seines Schützlings annahm, -war auch der Gelbgießer Mickley bemüht, ihm den Steigerposten -zuzuwenden. Ehe Ferdinand es sich träumen ließ, wurde er vom Bergamte -zur Prüfung geladen. Es waren zwar außer dem Vetter des Doctors noch -drei Bewerber um die Stelle da, aber er durfte es mit allen aufnehmen. -Er ging als Sieger aus diesem Ehrenkampfe hervor und erhielt schon -am folgenden Tage seine Bestallung als Steiger der Fundgrube Vater -Abraham. Es versteht sich von selbst, daß ein redlich Liebender, wenn -er sich in die Lage gebracht sieht, sein Nestchen zu bauen, damit -nicht säumt. So empfing auch Ferdinand nicht so bald seine Bestallung -aus der Hand seines Schichtmeisters, als er sich auch ein Herz faßte -und um Hedwigs Hand bat. Der Schichtmeister hätte vielleicht im -ersten Augenblick sich das Jawort durch den persönlichen Zauber, -den der Freier auf ihn übte, entlocken lassen, wäre nicht die -Schichtmeisterin eingetreten. Ein Blick auf sie und von ihr reichte -hin, den ganzen Zauber wirkungslos zu machen, und der junge Steiger sah -sich abgewiesen. Vergebens erklärte Hedwig ihren entschiedenen Willen, -niemals von Ferdinand zu lassen, vergebens erhob auch der Großvater -seine gewichtige Stimme zu Gunsten der Liebenden; die Schichtmeisterin -setzte jetzt ihren Willen durch. - -»Na, weißt Du was,« sagte der Greis, als er mit Hedwig allein war, -»eigentlich ist es gut, daß es nicht so glatt mit Euch Beiden geht; je -steiler der Weg zum Himmel, desto größer die Seligkeit. Ich bin nun -siebzig Jahre alt und hab' schon viel widerwillige Eltern gesehen; aber -mir ist kein Fall vorgekommen, wo sie durchgedrungen wären, wenn anders -die Liebenden das Herz auf dem rechten Flecke hatten. Na, bei Dir ist -das der Fall, das weiß ich, und bei dem Ferdinand auch, das mußt Du -noch besser wissen als ich. Daß Du noch eine Weile Aschenbrödel hier -sein mußt, ist gewiß ein kleineres Unglück für Dich, als wenn Dich -Deine Stiefmutter hätschelte und zur Hoffart erzöge!« Und zu Ferdinand -sprach er: »Glückauf, Steiger! Du bist nun berufen, scharf nach dem -Rechten zu sehen auf dem Vater Abraham. Für Deine Steigerbildung hat -der Markscheider gesorgt; aber die Steigerbildung thut's nicht allein, -ein echter Steiger braucht auch ein Steigerherz. Nun, ein solches hat -Dir Gott verliehen, das halte fest und rein, so wird's wohl um Dich und -den Vater Abraham stehen. Wisse, Dein Vorfahrer war auch ein rechter -Steiger, aber er ließ sich vom Teufel blenden und entging vielleicht -nur durch den schnellen Tod großer Schmach. Aber wenn er selbst auch -noch so wegkam, das Bergwerk hat doch den Fluch seines Strauchelns -gefühlt -- trag' Sorge, Steiger, daß der Fluch wieder hinweggenommen -werde; halt' auf Recht und Treue auf dem Vater Abraham! Und wenn Du -einmal etwas siehst, was nicht ganz recht ist vor Gott und Menschen, -auf welcher Seite es immer sei, drück' nicht etwa Deine Augen zu --- aber fahr' auch nicht mit der Hast eines Büttels drein, der ein -Dutzend Kinder von seinen Denunciations-Groschen füttern muß! Weißt, -es würde weniger Verbrechen in der Welt geben, wenn man das erste -Verbrechen unter vier Augen strafte, statt den Verbrecher sogleich der -Brandmarkung für's ganze Leben preiszugeben!« - -Ferdinand schüttelte dem Greise herzlich die Hand und stieg -mit hoffnungsfreudigem Herzen in den Schacht zu seiner ersten -Steigerschicht. - - -VI. - -Vier Wochen nach Ferdinands Beförderung erlangte der Obereinfahrer -die väterliche Einwilligung in seine Heirath, und nun wurde seine -Verlobung öffentlich bekannt gemacht. Schicklicherweise konnte -Brunhild nun nicht länger in der Pension bleiben, sondern mußte bis -zu ihrer Vermählung im Vaterhause wohnen. Da war jetzt alle Sorge -auf Vollendung der bräutlichen Ausstattung und Vorbereitung zu einer -würdigen Hochzeitsfeier gerichtet. Mit bangem Herzklopfen sah Hedwig, -der jetzt die ganze Hauswirthschaft zufiel, das Herbeischleppen all der -kostbaren Gegenstände, welche der eitlen Mutter zur Ausstattung der -künftigen Baronin unerläßlich schienen, mit Kopfschütteln und Murren -beobachtete der Großvater das Treiben; zumal als der Erbschaftsproceß, -auf den seine Schwiegertochter pochte, kein Ende nehmen wollte, und -der Schichtmeister selbst anfing, eine sehr besorgte Miene zu zeigen. - -Da jetzt der Obereinfahrer öfters auf dem Vater Abraham einsprach, -um seine Braut zu sehen, so wachte die Schichtmeisterin strenger -als je darüber, daß Ferdinand sich ihrem Familienkreise fernhielt. -Doch fand sich bei ihren häufigen Stadtbesuchen und Brunhild's -freundlicher Gesinnung für die Liebenden Gelegenheit genug, sich zu -sehen und gegenseitig zu ermuthigen. Ferdinand ging jeden Tag mit -frischer Hoffnungsfreudigkeit an sein schweres Tagewerk; er war seinen -Untergebenen, von denen nur der bei der Steigerwahl durchgefallene -Meier ihm mit Mißmuth gehorchte, ein Vorbild an Fleiß und Pünktlichkeit -im Dienst und sah streng auf die Pflichterfüllung jedes Einzelnen. Aber -er sorgte auch für die Verbesserung ihrer Lage. Die Anbrüche hielten -aus, und ehe drei Monate um waren, erfuhr er durch seinen Gönner -Mickley, daß die letzte Erzlieferung von der Schmelz-Administration -doppelt so hoch bezahlt worden sei, als jede frühere Lieferung von -gleichem Gewicht. Mußte Ferdinand, der keine so auffallende Veredlung -des Ganzen wahrgenommen hatte, dies Ergebniß Wunder nehmen, so -äußerte er doch nichts hierüber, vielmehr ergriff er diese Gelegenheit -sogleich, um für seine Häuer eine Lohnaufbesserung zu beantragen. - -»Na,« sagte der Gelbgießer; »ich werde die Sache dem Ausschuß vorlegen. -Es ist schön von Ihm, daß Er Seiner armen Kameraden gedenkt und für -sich nichts begehrt. Wenn der Vater Abraham so höflich bleibt wie -jetzt, so glaub' ich, die Gewerkschaft wird sich billig finden lassen. -Ich werde mich gewiß dafür verwenden. Aber jetzt muß ich Ihm was -zeigen.« Er holte aus einem Wandschrank eine Erzstufe. »Woher glaubt Er -wohl, daß diese Stufe ist?« fragte er. - -Ferdinand nahm sie, wog und betrachtete sie genau. »Soll sie aus dem -hiesigen Revier sein?« fragte er nach einer Weile. Der Gelbgießer -bejahete, und der junge Metallurg begann seine Prüfung von Neuem. -Endlich sagte er: »Die Gangart ist ganz die unsrige, und ich glaube -nicht, daß im hiesigen Revier noch irgendwo Weißgiltigerz mit -gediegenem Silber zugleich so in den Quarz einbricht, wie auf dem Vater -Abraham. Ich kenne hier herum wohl jedes Gestein, wo man auf Silber -baut, aber nirgends sonst hab' ich dergleichen gesehen, wie dieses -ist.« - -»Hm!« sagte der Gelbgießer, »ich dachte mir's auch -- aber ich traute -doch meinen Augen nicht ganz. Nun will ich Ihm auch sagen, wie ich zu -der Stufe gekommen bin. Der Goldschmied Reichel hat seinen Lehrjungen -mißhandelt, daß er ihm davongelaufen ist. Da er nicht wieder zu ihm und -lieber Gelbgießer werden wollte, so bat mich sein Vater, es mit ihm -zu versuchen. Nun, es scheint ein anstelliger Junge zu sein; deshalb -brauchte ich ihn bei der neuen Einrichtung meines Stufen-Cabinets -nach dem Breithaupt'schen System. Da sagte er, er hätte auch ein paar -Stufen zu Hause, ob ich sie haben wolle. Nun, ich bin ein Liebhaber -von dem Zeug und hieß ihn danach gehen. Da brachte er mir die schöne -Silberstufe da, aber nur diese, die andere hatten seine Geschwister -verschleppt. »Aber, Junge!« rief ich erstaunt, »wo hast Du die -prächtige Stufe her?« Ganz unbefangen gab er zur Antwort, er habe -sie beim Kartoffelabkeimen für seine Meisterin im Keller unter den -Kartoffeln gefunden, und weil es gerade Weihnachten gewesen, wo bei -seinen Eltern das Bergwerk für die Kinder aufgebaut worden, da habe er -beide Stufen mit hingenommen und in das Bergwerk gethan. Was sagt Er -dazu?« - -»Ich weiß nicht, was ich denken soll,« sagte Ferdinand, »wie können die -Stufen vom Vater Abraham in den Keller des Goldschmieds gekommen sein, -der nicht einmal zu den Gewerken gehört?« Bei sich mußte er wohl an die -Anspielung des alten Hutmanns auf ein Verbrechen des Steigers Meier -denken; aber er wagte nicht, den Gedanken laut werden zu lassen. - -Der Gelbgießer sah dem jungen Mann forschend ins Gesicht, doch nicht -mißtrauisch, denn dieses Gesicht war ihm ein treuer Spiegel des -fleckenlosesten Gemüthes. »Ich will Ihm was sagen, Steiger,« nahm -Mickley endlich das Wort, »dem Goldschmied hab' ich nie getraut, er -ist ein Wucherer, und wer einmal Wucher treibt, der ist auch zu andern -Schlechtigkeiten fähig! Wer nur einmal in seinem Kartoffelkeller -nachgraben könnte, der fände vielleicht noch mehr Erz vom Vater -Abraham.« - -»Wenn er es nicht bei guter Zeit fortgeschafft hat,« fiel Ferdinand -ein. »Aber Sie haben Recht, wo die zwei Stufen gelegen, da können -auch noch mehr gelegen haben. Nur ist es mir ein Räthsel, wie sie -hingekommen.« - -»Weiß Er noch, wie ich Ihn vor einem Vierteljahr fragte, wie hoch -Er das gelieferte Erz schätze, und wie wenig die Ausbeute Seiner -Schätzung entsprach? Junger Freund,« fuhr er seine Hand fassend fort, -»wir sind jetzt unter uns, und was wir reden, bleibt unter uns: ist -Ihm denn noch nicht der übermäßige Aufwand unseres Schichtmeisters -aufgefallen?« - -»Seiner Frau, wollen Sie sagen,« versetzte Ferdinand, »denn der -Schichtmeister selbst ist ein schlichter Mann, nur leider zu gut gegen -seine Frau. Allerdings ist das für einen Schichtmeister eine sehr -theure Ehehälfte.« - -»Zumal jetzt,« fiel der Gelbgießer ein, »wo sie Schwiegermutter eines -Barons wird. Es ist ja übertrieben, was die Frau zusammenkauft -- -borgt, wollt' ich sagen; aber später oder früher muß es doch einmal -bezahlt werden. Wovon aber? he? etwa von dem da?« Er deutete auf die -Stufe. - -Ferdinand erschrak -- »Herr Mickley!« rief er, -- »Sie thun unserm -Schichtmeister Unrecht.« - -»Ich sage nicht, daß er schon auf solche Art gezahlt hat, aber es -kann dazu kommen; Schulden und Schuld und Schuft -- es ist nur ein -Unterschied von wenig Buchstaben, gewöhnlich geht's vom ersten zum -letzten.« - -»Aber nicht Jeder, der Schulden hat, ist oder wird ein Schuft.« - -»Das sag' ich ja nicht, ich habe selbst einen Schuldner, einen Poeten, -der hier die Schule besuchte; ein strebsamer, offener Kopf, aber armer -Teufel, der hinter dem Webstuhl verkommen wäre, hätte er keine Schulden -machen wollen. Nun, er hat als Student und Poet mehr Schulden machen -müssen, als ich zu bezahlen haben möchte; aber er ist darum doch eine -grundehrliche Haut und wird's auch bleiben, denn bei allem hohen Geist -hat er ein demüthiges Herz. Aber wo Schulden eine Frucht der Hoffart -und des Uebermuthes sind, da hat der Teufel sein Spiel.« - -»Für den Schichtmeister bin ich gut,« sagte Ferdinand warm, »und -was die Frau betrifft, so hab' ich helle Augen, und wäre ich auch -blind, so würde kein Häuer, kein Hundejunge ihr zu einem Unterschleif -behülflich sein, drehte es sich auch nur um eine Bleiglanzstufe wie ein -Daumenglied groß.« - -»Nun, ich will Ihm glauben,« sagte der Gelbgießer, -- »eine sonderbare -Sache bleibt es mit der Stufe, -- aber es läßt sich vor der Hand nichts -damit machen. Ein Glück, daß wir jetzt einen tüchtigen Steiger haben, --- der alte, -- na, man soll die Todten ruhen lassen. -- Seh' Er nur -wacker zum Rechten, -- es wird Sein Schade nicht sein. Da fällt mir -noch etwas ein. Neulich wurde im Ausschuß die Frage aufgeworfen, ob -es nicht gut wäre, den alten Schacht wieder einmal zu untersuchen, es -könnten die bösen Wetter wohl gewichen sein. Vor Jahren wurde schon -einmal ein Gutachten darüber von unserm Schichtmeister verlangt. -Der fand den Versuch nur unter der Bedingung möglich, daß wir einen -neuen Stollen zur Wetterlosung vom Höllengrund aus treiben ließen. -Das war und blieb uns ein zu kostspieliges Unternehmen. Jetzt wollen -wir den Schichtmeister geradezu mit der Untersuchung beauftragen, -weil wir glauben, bei gehöriger Vorsicht sei die Sache nicht -nothwendig lebensgefährlich. Einen gemeinen Bergmann hinabzulassen, -wie es vor Zeiten geschehen, das würde wenig nützen. Gesetzt aber, -der Schichtmeister lehnte den Auftrag ab, was dem Vater einer so -zahlreichen Familie Niemand verdenken könnte, hätte Er wohl den Muth, -das Wagstück zu unternehmen?« - -»Wenn mir's befohlen wird, -- ja!« erklärte Ferdinand fest, »aus bloßem -Vorwitz wär' es wohl strafbar, aber bei Erfüllung einer Pflicht giebt -man sich in Gottes Hand. Da muß ja jeder Bergmann täglich sein Leben -wagen!« - -»Er ist ein echtes Bergmannsblut!« rief der Gelbgießer. »Nun weiß Er -was, ich hab' mir ein Plänchen erdacht. Wird der alte Schacht wieder -gangbar, so müssen wir doch dort neue Bergleute anlegen und mehr als -am neuen. Da reicht nun ein Schichtmeister mit einem Grubensteiger und -Hutmann nicht aus, und wenn wir schon dem Frenzel die Leitung beider -Gruben als Schichtmeister lassen, so brauchen wir doch noch ein paar -Grubensteiger für den oberen Schacht und für beide Schächte einen -tüchtigen Obersteiger. Und der wird Er und kein Anderer. Dann denk' -ich, soll Er auch Sein Mädchen bekommen.« - -Ferdinand drückte dem Redner freudig die Hand. »Wenn über mich befohlen -wird,« sagte er, »so gehorche ich. Aber den Schichtmeister übergehen -Sie nicht! Und wenn er das Wagstück auf sich nimmt, so wollen die -Herren Gewerken hübsch an seine Familie denken.« - -»Daran soll's nicht fehlen,« sagte Mickley und Ferdinand nahm Abschied. - -Ferdinand hatte in der einzigen Buchhandlung des Ortes ein Buch über -Naturlehre bestellt und wollte sehen, ob es angekommen sei. Er mußte -da an dem Hause des Goldschmieds vorbei und begegnete vor der Thür -desselben dem Schichtmeister mit ganz verstörtem Gesicht. Er konnte -sich nicht helfen, er trat mit einem Glückauf auf ihn zu und fragte, ob -ihm etwas fehle. Der Gefragte starrte ihn an, -- nach einer Weile sagte -er: »Was soll mir fehlen? Ich suche meine Frau, -- hat Er sie gesehen?« - -Da Ferdinand verneinte, so ließ ihn der Schichtmeister stehen und eilte -in die nächste Seitengasse. Ferdinand sah ihm bedenklich und beklommen -nach. Schon seit längerer Zeit war ihm eine zunehmende Abmagerung und -Verdüsterung des sonst so vollen und freundlichen Gesichtes seines -Vorgesetzten aufgefallen, und er und Hedwig hatten darüber oft ihre -Besorgnisse getauscht; aber so verstört war ihm dieses Gesicht nie -erschienen. Mit trüben Gedanken ging er in den nahen Buchladen; hier -eingetreten, fand er sich dem Obereinfahrer und -- dem Doctor Meier -gegenüber. Ferdinand bot dem Ersteren seinen bergmännischen Gruß und -fragte dann nach seinem Buch. Es war nicht angekommen. - -»Wollen Sie das Buch für sich?« fragte der Baron, und als Ferdinand -bejahete, sagte er: »Dann können Sie sich die Ausgabe ersparen; -vielleicht ist das Buch noch gar nicht verschrieben, oder man macht -die Bestellung rückgängig. Ich habe eine sehr gute Physik zum -Selbstunterricht, -- irre ich nicht, so sind Sie der neue Steiger auf -dem Vater Abraham, den ich mit geprüft habe, kommen Sie mit zu mir, ich -schenke Ihnen das Buch.« - -Ferdinand war ganz überrascht von dieser Güte. Bis jetzt war der Herr -nur immer an ihm vorübergegangen, ohne von ihm weiter Notiz zu nehmen, -und nun kam er ihm auf einmal mit einem so freundlichen und werthvollen -Geschenk entgegen. Hatte vielleicht Brunhild ihre Furcht vor der Mutter -und ihre Schüchternheit vor dem vornehmen Bräutigam so weit überwunden, -daß sie ihm von Hedwigs Liebe zu Ferdinand geplaudert? Während dieser -hierüber nachsann, sagte der Obereinfahrer zu dem Doctor: »Es bleibt -dabei, Robert: Du wohnst die wenigen Tage Deines Hierbleibens bei -mir. Willst Du jetzt Deine Mutter begrüßen, was nicht mehr als billig -ist, so geh' und komm' zurück, wann es Dir beliebt!« Dann ging er -mit Ferdinand fort. Düster blickte diesem der Doctor nach und machte -sich dann langsam ebenfalls auf den Weg. Auf dem Markte begegnete er -der Schichtmeisterin mit ihrer zweiten Tochter. »Ei! da ist ja der -Herr Doctor wieder!« rief ihm die Frau entgegen. Nach gewechselter -Begrüßung fragte sie: »Wie geht's auf Hallbach? Was machen die gnädigen -Herrschaften?« - -»O, die sind ~in dulci jubilo~, weil ich den Papa gichtfrei aus -Kissingen zurückgebracht habe. Sie senden die herzlichsten Grüße an -die Braut ihres lieben Sohnes und ihr ganzes Haus, aber der gnädige -Herr will nun auch die künftige Schwiegertochter sehen. Ich komme als -außerordentlicher Botschafter, um sie mit ihrer Frau Mama und dem -Bräutigam abzuholen!« - -»O welche Ehre! die treffliche Herrschaft!« rief die Schichtmeisterin; -»Klotilde, da gilt es, schnell etwas Garderobe in Stand zu setzen!« -dann stellte sie noch manche Frage eitler Neugier, die der Doctor zur -größten Befriedigung beantwortete. »Aber was hab' ich hören müssen?« -sagte er darauf, -- »der Mensch, -- wie heißt er doch! -- nun, der -früher Ihr Schwiegersohn werden wollte, der ist ja Steiger auf dem -Vater Abraham geworden!« - -»Das erfahren Sie jetzt erst?« versetzte die Schichtmeisterin, -»freilich ist er's geworden, so sehr ich dagegen gekämpft, er hat sich -die Gunst der Gewerke erschlichen und schon auf den Tod Ihres Vaters -gelauert.« - -»Das scheint mir selbst so,« sagte der Doctor, »und nun ist er Ihnen -ein Stück näher gerückt; ich meine in Betreff seiner Heirathsabsichten.« - -»Das mag er sich einbilden, aber daß er sich täuscht, dafür bin ich da!« - -»Er scheint aber ein Fuchs zu sein, hat er doch auch schon den Baron -für sich eingenommen. Der hat ihn jetzt freundlich zu sich eingeladen, -um ihm ein Buch zu schenken. Wenn der Mensch da nur nicht von seiner -Liebschaft plaudert!« - -»Das wäre ja gräßlich! Was meinen Sie, da wäre der Baron wohl im -Stande, die Verlobung rückgängig zu machen?« - -»Das schon nicht,« erwiederte der Doctor lächelnd der erschrockenen -Frau, »dazu liebt er die Brunhild zu innig; ja ich glaube, er -könnte mit seinem guten Herzen wohl der Fürsprecher des Schleichers -werden, aber auch dadurch sein eigenes Glück gefährden. Ich weiß, -was es bedurft hat, den alten Herrn für die Verbindung mit einer so -anständigen Familie, wie die Ihrige ist, zu gewinnen. Hätte ich nicht -meine eigene Angelegenheit vor ihm einstweilen in den Hintergrund -treten lassen, so weiß ich nicht, ob Sie so bald Hochzeit halten -würden, als es nun der Fall sein wird.« - -»O, Sie guter, lieber Herr Doctor!« sagte die Frau, seinen Arm -drückend, »wie dankbar müssen wir Ihnen sein! Aber verlassen Sie sich -auch darauf, daß wir Ihren Empfehlungen keine Schande machen werden. -Lassen Sie nur erst die Hochzeit vorbei sein, dann muß das Frauenzimmer -zu fernen Verwandten. Jetzt bei dem Drasch, den wir haben, kann ich sie -nicht entbehren.« - -Leise flüsterte der Doctor ihr zu: »Lassen Sie das Mädchen lieber da, -vielleicht findet sich ein Mittel, den Steiger unschädlich zu machen --- wir sprechen weiter darüber -- auf Wiedersehen!« Damit trennten sie -sich. - -Die Schichtmeisterin begab sich jetzt nach der Pension ihrer Kinder, -wo sie ihrem Manne das Rendezvous gegeben, das sie aber um eine Stunde -versäumt hatte. Er hatte, wie wir gesehen, sie inzwischen gesucht, war -aber zuletzt wieder an den verabredeten Ort gegangen und traf, abermals -zum Suchen ausgehend, sie unter der Thür. - -»Endlich!« rief er, »Du bist aber doch auch gar zu sorglos, Frau!« - -»Sorglos? Ich?« rief sie erstaunt. -- »Nun bitt' ich einen Menschen, zu -entscheiden, wer mehr sorgt und schafft in dieser Zeit wie ich!« - -»Geh hinauf, Klotilde,« sagte der Schichtmeister, »ich muß mit Deiner -Mutter noch einen Weg gehen.« - -Klotilde gehorchte, und der Schichtmeister nahm den Arm seiner Frau, -blieb aber in der Hausflur stehen und sagte: »Weißt Du auch, daß wir -verloren sind? Morgen ist der Wechsel fällig, und die Post ist wieder -angekommen, ohne eine Entscheidung Deiner Angelegenheit, geschweige gar -Geld zu bringen!« - -»Nun, der Goldschmied wird wohl prolongiren,« sagte sie. - -»Nicht eine Stunde. -- Ich war bei ihm, bat ihn, fiel ihm bald zu -Füßen, -- umsonst: er erklärte, er könne nicht anders, er habe in -jüngster Zeit solche Ohrfeigen von unsicheren Schuldnern bekommen, daß -er nicht mehr schonen könne. Wenn der Wechsel morgen nicht gedeckt -wäre, müsse er nach Wechselrecht verfahren.« - -»Um des Himmels willen!« rief die Frau, die Hände zusammenschlagend; -»was wird da aus meinen Kindern? was aus Brunhild? Dich setzen lassen, --- Herr des Himmels! das wäre ja ein Schlag, der alle Hoffnungen -vernichtete! Komm, Mann! ich will selbst mit zum Goldschmied gehen, -- -er muß noch warten, ich will ihm meine Erbschaft verpfänden, -- komm!« - -Sie gingen zu dem Wucherer. Er empfing sie mit triumphirender Miene und -führte sie in sein Zimmer. »Ist vielleicht die Erbschaft angelangt?« -sagte er, »das wäre mir höchst erwünscht.« - -Die Schichtmeisterin berichtigte seinen vermeintlichen Irrthum und -brachte ihren Vorschlag an. - -»Es thut mir leid, verehrte Frau,« entgegnete der Goldschmied, »darauf -kann ich mich nicht einlassen. Ich bin schon zu sehr geprellt worden, --- verzeihen Sie, -- aber in Geldsachen keine Freundschaft! -- bis -morgen Abend um fünf hab' ich mein Geld, oder der Herr Schichtmeister -sitzt im Stockhaus. Ich kann's nicht ändern.« - -»Aber Mann! Sie werden doch kein solcher Tyrann sein?« rief die -Schichtmeisterin. -- »Sie werden uns doch nicht unglücklich machen -wollen? Denken Sie doch an meine Kinder, meine armen, unschuldigen -Kinder, -- meine Brunhild, die dieser Schlag auf der Stelle tödtete!« - -»Die Kinder, -- hm, -- die Kinder,« sagte der Wucherer im Tone des -Mitleidens, -- »um ihretwillen könnte man schon ein Uebriges thun.« -- - -»O Sie Guter!« rief die Frau, dem Manne fast um den Hals fallend, und -der Schichtmeister sagte: »Ja, Herr Reichel, um meiner Kinder willen -lassen Sie Billigkeit walten. -- Nur noch kurze Zeit Geduld, und Sie -sollen mit gutem Zins bezahlt werden.« - -»Die Zeiten sind schlecht, sehr schlecht,« sagte der Wucherer, eine -Thräne im Auge, -- »aber Ihre Fräulein Tochter ist ein herrliches -Geschöpf, -- ja, die Natur hat sie sichtlich zu etwas Hohem bestimmt; -es wäre jammerschade, wenn sie an der Schwelle ihres Glückes ins -tiefste Elend geschleudert würde.« -- - -Die Schichtmeisterin schluchzte laut auf, dem Schichtmeister blutete -das Herz. - -»Ich will Ihnen etwas sagen,« fuhr der Goldschmied fort, »borgen kann -ich nicht länger, aber aus Erbarmen mit Ihrer lieben Fräulein Tochter -will ich -- könnte ich -- nun, man ist auch ein Mensch -- ich könnte -- -für Sie freilich ist es ein Leichtes, ich riskire doppelt und dreifach -dabei, aber was thut man nicht aus christlicher Liebe! -- ich könnte -mich allenfalls zur Annahme von Waare an Zahlungsstatt verstehen.« - -»Waare?« rief die Frau; »was für Waare sollen wir Ihnen denn bringen? -Ich habe unbeschränkten Credit bei den Schnitt- und Modehändlern.« - -»Sie verstehen mich nicht,« sagte der Goldschmied lächelnd, »ich kann -doch keinen Schnittladen etabliren! Ich meine: der Herr Schichtmeister -soll mir von seiner Waare liefern.« - -»Von meiner Waare?« rief der Schichtmeister zusammenfahrend, »was hab' -ich denn für Waare?« - -»Ich glaube, die Frau Schichtmeisterin versteht mich nun, ich kann mich -nur auf Waare einlassen, die in mein Fach schlägt, denken Sie, ich wäre -der Schuster und Sie der Gerber, liefern Sie dem Schuster Leder!« - -Der Schichtmeister sah starr zur Erde. Der Wucherer wechselte mit der -Frau einen Blick der Verständigung. - -»Ich sehe, Sie sind unentschlossen,« sagte er dann zu dem -Schichtmeister, »und Unentschlossenheit steckt an, ich finde doch, es -sei gut, daß ich mir die Sache selbst erst noch überlege. Was Ihnen -bedenklich scheint, muß es mir doppelt sein. Gut! ich will aus warmem -Antheil an Ihrem Familienglück den Wechsel um acht Tage prolongiren, -bis dahin wollen wir uns den Handel überlegen, aber ich schwöre, daß -ich länger keinen Augenblick warten kann.« - -Wie Verhungernde ein Brodkrümchen, ergriffen die beiden Gatten die -dargebotene Frist. Sie schmeichelten sich mit der Hoffnung, daß -inzwischen der Erbschaftsstreit sich entscheiden und sie in den Besitz -der nöthigen Zahlungsmittel bringen müsse. So gingen sie heim. - - -VII. - -Der Schichtmeister und seine Frau sollten sich sehr bald enttäuscht -sehen. Am folgenden Morgen brachte der Postbote ein Schreiben von -ihrem Sachwalter aus der Kreisstadt, dem das appellationsgerichtliche -Erkenntniß in ihrer Sache beilag, und dieses Erkenntniß sprach der -Gegenpartei die Erbschaft ungetheilt zu. Das war ein fürchterlicher -Schlag. Zwar vertröstete der Sachwalter auf das drittinstanzliche -Urtheil, welches gewiß das erste Erkenntniß wieder herstellen würde, -- -aber welche weit hinausgeschobene Aussicht war das, wie nutzlos für die -Gefahr, in der man schwebte! - -Brunhild, welcher aus den aufgeregten und verstörten Mienen ihrer -Eltern eine Ahnung von dem Inhalte der Hiobspost aufging, nahm die -Mutter auf die Seite und erbot sich, all' ihren Schmuck, selbst den -bezahlten, zurückzugeben; die Mutter und Schwester sollten das Gleiche -thun, um den Goldschmied zu befriedigen. - -»Wo denkst Du hin, Kind?!« rief die Frau; »in einigen Tagen sollen -wir zu Deinem Schwiegervater reisen, sollen uns dem freiherrlichen -Hause präsentiren! Wie können wir so ärmlich auftreten, nachdem uns -die gnädige Frau so geschmückt gesehen! Da müßte sie ja denken, wir -hätten die Sachen blos geborgt gehabt. Nein, das geht nicht! Nur nicht -ängstlich, meine Tochter! Es wird sich Alles machen. Der Goldschmied -wird befriedigt, kümmere Dich um nichts!« Und sie ging zu ihrem Gatten, -der bei ihrem Eintritte schnell ein paar Terzerole im Pulte verbarg. -Sie bat ihn, mit in den Wald zu gehen, und er folgte ihr. - -»Noth kennt kein Gebot!« begann sie unter den Bäumen, nachdem sie sich -sorgfältig umgesehen. »Wir müssen uns in das Unvermeidliche schicken; --- einmal ist nicht immer, -- und den kargen Gewerken, die ihrem -Schichtmeister längst hätten eine Gehaltzulage geben können, da der -Vater Abraham so höflich geworden, geschieht nur Recht, wenn wir uns -selber helfen.« - -»Weib!« rief der Schichtmeister, -- »wo denkst Du hin? Es hieße ja -ewige Schande über uns Alle bringen, wenn ich solche Untreue verübte. -Nein, lieber geh' ich ins Gefängniß, oder --« - -»Und zerstörst das Glück Deiner Tochter, ja aller Deiner Kinder! Ich -fürchte nicht, daß Du solch ein Rabenvater sein wirst. Brunhilds -schönes Herz bräche auf der Stelle, zerrisse ihr Bund mit Alexis, -- -denn die Tochter eines Schuldgefangenen kann nicht mehr hoffen, Baronin -von Brunn genannt zu werden.« - -»O Gott! mein Gott! welche Qual!« klagte der Mann; »ich sehe keine -Möglichkeit der Rettung. Ich bin gestern bei Pontius und Pilatus -gewesen, um Geld zu erborgen, -- verlorne Mühe! Alles zog sich hinter -Ausflüchte zurück. Es steht schrecklich, schrecklich mit uns!« - -»Nicht so schrecklich, als es Dir die Muthlosigkeit vorspiegelt,« -versetzte die Frau, »Du wärest nicht der Erste, der sich auf die Art -rettete, wie ich meine -- ein paar Centner Erz sind bald auf die Seite -geschafft.« - -»Aber, Weib! wenn es herauskäme.« - -»Ja, dafür muß man sorgen, daß es nicht herauskommt.« - -»Wie wäre das möglich? Ja, wenn der alte gute Steiger Meier -- --« er -konnte nicht vollenden; ihm fiel die Warnung seines Vaters ein, und ein -Schauer durchrieselte ihn. - -»Du meinst, wenn der noch lebte, ließe sich eher etwas wagen, als unter -den Späheraugen des neuen Steigers? Wolltest Du nicht so sagen?« - -Der Schichtmeister seufzte tief auf. -- »Bertha! brechen wir ab von dem -Capitel!« - -»Nein, Schatz! wir müssen ins Reine kommen, was geschehen soll. -Geschehen muß etwas; wir sind es unsern Kindern schuldig, daß wir -handeln. Es ist mein einziger Stolz, meine Kinder zu Glück und Ehre zu -bringen. Es sind Deine Kinder, Fritz! die liebsten, schönsten Kinder -der Gegend. Sie dürfen nicht in Dunkelheit und Elend verkommen! Auf, -Mann! Vater!« - -»Aber der Steiger -- der Ferdinand -- er hat seine Augen überall.« - -»Der Spion! -- Aber halt! -- ich entsinne mich -- wart' einmal, Mann! -ich denke, wir werden den Aufpasser los.« - -»Wie so?« - -»Nun, laß mich nur machen! Ein Freund hat mir gestern etwas -zugeflüstert. Ich gehe diesen Nachmittag wieder in die Stadt, um das -Nähere zu erforschen.« - -»Vater! Mutter!« rief jetzt eine Stimme vom Huthause her. Es war -Brunhilds Stimme. Die Gatten folgten dem Rufe und trafen vor dem Hause -den Zubußboten, der den Schichtmeister einlud, den Nachmittag um 4 -Uhr in der Wohnung des Gelbgießers Mickley zu einer Berathung des -Gewerkeausschusses sich einzufinden. - -»Das paßt prächtig, da können wir zusammen gehen!« rief die -Schichtmeisterin. -- Und so geschah es. - -Dem Schichtmeister wurde vom Ausschusse der Beschluß mitgetheilt, -es solle ein Versuch gemacht werden, den alten Vater Abraham wieder -zu befahren, und man wolle ihm diesen Versuch unter Zusicherung -einer Gratification von 100 Thlrn. von der nächsten Quartalausbeute -übertragen. Der Schichtmeister war überrascht, sich zu einem Wagstück -erlesen zu sehen, das er früher widerrathen -- und doch erschien es ihm -wie ein vom Himmel selbst ihm gewiesener Ausweg aus den Verstrickungen -der Schuld. »Lieber ehrenvoll im Berufe sterben, als der Schande -verfallen!« dachte er, -- »und wenn ich als ein Opfer meiner Pflicht -sterbe, wird meiner Familie der Antheil aller Guten -- dann ist auch -das Glück meiner Brunhild gewahrt!« Laut und fest erklärte er seine -Bereitwilligkeit, den Auftrag auszuführen. - -Der Ausschuß war theils verwundert, theils erfreut hierüber. Man -rühmte den mannhaften Sinn, der noch immer unter dem Bergstande nicht -erstorben wäre; doch unterließ man auch nicht, ihn auf die Gefahr -aufmerksam zu machen, der er entgegenging, man erinnerte ihn an seine -zahlreiche Familie und wie es ihm Niemand verargen werde, wenn er -um der Seinen willen einem Jüngeren, Familienlosen, vielleicht dem -Steiger Bergner, das gefahrvolle Unternehmen überließe. Aber er blieb -bei seiner Erklärung und verließ am Ende mit leichterem Herzen als er -gekommen, die Versammlung. - -Der Schichtmeister fand seine Frau bei Klotilden. Sie war nicht -so heiter gestimmt wie er, denn sie hatte den Doctor nicht daheim -getroffen. Dieser hatte einen Ausflug gemacht, von dem er erst den -dritten Tag zurückkehren würde. Der Schichtmeister theilte ihr, nachdem -Klotilde entfernt worden, das auf seiner Seite Geschehene mit. - -»Gott im Himmel!« rief die Frau entsetzt aus, »und darüber kannst Du -froh sein Mann? Siehst Du denn nicht ein, daß das nur eine Falle ist, -die sie Dir legen? Sie wollen Dich los sein und ihren Liebling, den -Schleicher Ferdinand, an Deine Stelle bringen! Es ist eine Verschwörung -gegen Dein Leben, -- begreifst Du das nicht?« - -»Du bist entsetzlich, Bertha! Die Herren haben mich wohl auf die Gefahr -aufmerksam gemacht und wollten mir es gar nicht verargen, wenn ich eben -dem Ferdinand das Wagstück überließe. Aber das duldet einmal meine -bergmännische Ehre nicht, und dann ist es für mich der einzige Weg, mit -Ehren aus dieser verzweifelten Lage zu kommen.« - -»Nein! nein!« rief sie, ihm um den Hals fallend. »Ich lasse Dich -nicht, Du darfst Dich nicht opfern, darfst Deine Kinder nicht zu -Waisen machen!« Plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke, -- sie fuhr in -die Höhe, ihre Augen funkelten, ihre Nasenflügel dehnten sich weit. -»Ich hab's! ich hab's!« rief sie, »weißt Du was? Du versprichst dem -Ferdinand die Hand der Hedwig, -- und er stiege in die Hölle! Du mußt -mir und Deinen Kindern bleiben, -- der Ferdinand wird vor Wonne tanzen, -wenn ihm plötzlich die Hand seines Herzblattes geboten wird. Kostet ihm -das Wagstück das Leben, nun so stirbt ein lediger Mensch und er stirbt -im Rausche des Glückes; kommt er davon, nun, so muß die Verlobung so -lange geheim bleiben, bis Brunhild Baronin von Brunn ist!« - -»Aber was wird dann aus mir? Wie entrinn' ich den Klauen des Wucherers?« - -»Folge nur jetzt dem Fingerzeig des Himmels! das Uebrige findet sich.« -Bei sich dachte sie: ist nur erst der Aufpasser vom Wetter erschlagen, -so haben wir freies Spiel auf dem Vater Abraham; es fällt mir nicht -ein, den gemeinen Menschen in die Familie aufzunehmen. Es ward ihr -nicht leicht, den Gatten von seinem gefaßten Entschlusse abzubringen; -aber endlich siegte der Gedanke, seiner halbverwaisten und arg -zurückgesetzten ältesten Tochter sich endlich einmal väterlich gerecht -erweisen zu können, über seine Bedenken; und er überließ sich wieder -ganz dem Einflusse seiner Frau. - -Ferdinand hatte sich inzwischen mit dem ganzen Feuer seines -wißbegierigen Geistes über das Werk gemacht, das ihm von dem -Obereinfahrer geschenkt worden war. Es war Müller-Pouillet's großes -physikalisches Werk, für den armen Steiger ein außerordentlicher -Schatz. Der Zufall hatte gewollt, daß ihm im ersten Durchblättern -des Werkes die Beschreibung der von Humphry Davy erfundenen -Sicherheitslampe in die Augen gefallen war, und in der Erinnerung an -das letzte Gespräch mit Mickley ergriff er sogleich den Gedanken, eine -solche Lampe nach Anleitung des Buches zu construiren. Er eilte in die -Stadt und kaufte sich den dazu erforderlichen feinen Draht. Mochte nun -der Schichtmeister selbst den Auftrag der Gewerken übernehmen oder ihm -die Ausführung überlassen, jedenfalls sollte die Sicherheitslampe dabei -ihre Dienste leisten. - -Es war kurz vor dem Schichtwechsel, wo er, schon wieder aus der Stadt -zurückgekehrt, mit Hedwig und ihrem Großvater auf der Hausbank saß -und Beiden seine schöne Entdeckung mittheilte, als Hedwigs Eltern -heimkehrten. Der Schichtmeister forderte ihn sogleich auf, mit ins -Zimmer zu kommen, und fragte ihn hier, ob er Hedwigs Hand unter der -Bedingung annehme, daß er sich der Versuchsfahrt in den alten Schacht -unterziehe. Dem jungen Manne war, als thäte sich plötzlich der Himmel -vor ihm auf. »Und wenn zehntausend Kobolde darin hausten, ich führe -hinein!« rief er trunken vor Entzücken, -- »aber ich nehme Sie beim -Wort.« - -»Hier meine Hand!« sagte der Schichtmeister. »Bertha, gieb ihm die -Deine auch zur Bekräftigung, daß er unser Schwiegersohn werden soll, -wenn --« - -»Lassen Sie mich Hedwig mit dem Großvater holen und verloben Sie uns -ordentlich,« bat Ferdinand und eilte hinaus. Thränen rollten über seine -Wangen, als er zu den Beiden trat und sie, keines Wortes mächtig, auf- -und mit in die Stube zog. Als Hedwig hier ihr Glück erfuhr, sank sie -entzückt erst dem Vater, dann der Mutter an die Brust, dann in die -Arme ihres Trauten. Das Verlöbniß ward unter der Bedingung vorläufiger -Geheimhaltung geschlossen. Als Hedwig hinterher erfuhr, um welchen -Preis ihr Glück erkauft worden, erschrak sie freilich; aber Ferdinand -tröstete sie mit seiner Sicherheitslampe. - -Die Versuchsfahrt wurde auf übermorgen festgesetzt. Bis dahin wollte -der Schichtmeister alle nöthigen Vorbereitungen dazu treffen. Der -Hutmann, welcher seine Schwiegertochter halb durchschaute, sorgte -dafür, daß sie ihr Wort später nicht zurücknehmen konnte; obgleich das -Schreiben bei ihm schwer ging, so ließ er sich's doch nicht verdrießen, -sogleich ein Anerkenntniß des geschlossenen Verlöbnisses aufzusetzen -und es von beiden Eltern unterschreiben zu lassen. Er sorgte auch -dafür, daß die Zurüstungen zur Befahrung des alten Schachtes streng -nach der Regel getroffen wurden. Haspel, Seil, Signalschnur und Glocke, -Fahrstuhl, -- Alles untersuchte er genau und ließ es wohl befestigen. -Die zuverlässigsten Häuer wurden zur Dienstleistung bei dem Unternehmen -ausgewählt. - -Dieses selbst fand statt in Gegenwart des Ausschusses und einer -bergamtlichen Commission, zu welcher der Obereinfahrer gehörte. -Freudig, in seinem besten Grubenkleide, seine Sicherheitslampe in der -Blende und mit Schlägel und Eisen bewaffnet, ging Ferdinand ans Werk. -Der Kuß der Liebe hatte ihn dazu geweiht, ihm schien es gefeit. Den -Zeugen war nicht wohl zu Muthe, als Ferdinand in den Stuhl stieg und -die Haspeldreher an ihre Kurbeln griffen. »Es gilt zwölf Schichten für -einen Jeden von Euch!« rief ihnen der Gelbgießer zu. Es hätte dieses -Versprechens nicht bedurft, denn die beiden Knappen hätten für ihren -Steiger das Leben gelassen. Der Stuhl wurde über die Mündung gehoben -und nun schwebte der kühne Schachtergründer frei über der grauenvollen -Tiefe. Die Zuschauer erbleichten. -- »Los!« rief Ferdinand, und der -Haspel begann zu arbeiten. »Glückauf!« rief der Verschwindende, und -das Tageslicht schloß sich über ihm. Athemlos stand Alles umher, nur -das Schnurren des Seiles unterbrach die Stille. »Wißt Ihr was?« brach -endlich der Gelbgießer das Schweigen gegen seine Ausschußgenossen, »ist -Alles, wie wir hoffen, so wollen wir ein paar Hundert Thaler nicht -ansehen, es ist bei Gott ein Stück Arbeit, an das Keiner von uns um -manches Tausend gehen möchte! Wir wollen dem braven Manne ein Geschenk -von 300 Thalern aussetzen und dem Schichtmeister die schon bewilligten -100 Thaler zur Ausstattung seiner ältesten Tochter lassen. Ich verlege -die Summe und ziehe sie nach und nach von der Ausbeute ab.« Es war der -rechte Moment, Alle zu einer solchen Verwilligung geneigt zu finden; -Angesichts der grausen Gefahr hatte Keiner den Muth, sie zu verweigern. -»Abgemacht also!« sagte Mickley, und ihm war, als könnte er das Weitere -nun leichtern Herzens abwarten. Die ganze Verhandlung aber war von -dem Schichtmeister vernommen worden, und er hätte sich in den Schacht -stürzen mögen, daß er sich um den reichen Lohn gebracht, der ihn aus -aller Bedrängniß retten konnte. - -Langsam wand sich das Seil von seiner Walze; die Augen der Anwesenden -waren bald auf diese, bald auf das Glöcklein gerichtet, welches mit -der Signalschnur verbunden war, die sich von einer am Fahrstuhl -angebrachten Rolle selbst abwickelte. Verabredeterweise sollte auf -dreimaliges Läuten der Glocke hinter einander das Seil sogleich -aufgewunden werden. Auf blos zweimaliges Läuten sollte man den Haspel -nur in Ruhe stellen. Ring nach Ring verschwand von dem Haspel, das -Glöcklein blieb unbewegt. Erst als das Seil bis auf wenige Ringe -abgelaufen war, bewegte sich plötzlich die Schnur; Alles blickte auf -die Glocke und lauschte, -- einmal -- zweimal; -- »in die Ruhe!« -commandirte der Schichtmeister mit dem Hutmann zugleich. »Er hat gleich -die tiefste Strecke genommen,« sagte der Obereinfahrer, »und nun -schütze ihn Gott vor schlagendem Wetter!« - -Der Hutmann nahm seine Kappe ab und faltete die Hände; die Andern -folgten seinem Beispiel, die ganze Versammlung war eine stille, -betende Gemeinde. Aber Niemand von ihr hatte eine Ahnung von der -einsamen Beterin, die draußen an einer Ecke der Halde hinter einem -Fichtengebüsch knieete. Es war Hedwig, die nicht im Huthause hatte -bleiben können, sondern von dem stürmisch bewegten Herzen in die -Nähe des Ortes getrieben worden war, wo sich für sie Leben oder Tod -entschied. - -Es war das Leben, das der Ewige Hedwig beschieden hatte. Nach Verlauf -einer furchtbaren Stunde ertönte die Glocke von Neuem, und dies Mal -in drei Pulsen. Hedwig kannte das Zeichen; hochauf jubelte ihr Herz; -ein Ausruf des heißesten Dankes zum Himmel empor, und auf sprang sie, -keine falsche Scheu hielt sie zurück, sie mußte dabei sein, wenn der -Geliebte das Tageslicht wieder begrüßte, ihr Glückauf durfte nicht -fehlen, wenn die, die ihn nicht liebten wie sie, ihm das ihrige -entgegenriefen. Und da stand sie nun unter der Thür der Kaue zur Seite -des Gelbgießers, und der sah zum ersten Male das holde Geschöpf, das -der höchste Preis für die That seines jungen Freundes sein sollte. Der -ehrliche Bürger ahnte gleich, daß diese und keine Andere die Erwählte -sei, und er nahm ihre Hand und flüsterte: »Der Herr hilft, -- ich -wünsche Glück zum Brautstand!« Lauter schnurrte das Seil, rüstiger -drehten die Haspler, da halt! was war das? ein Angstschrei entrang -sich Hedwigs Herzen, die Glocke klang, -- aber nein; nur ein Zufall -bewegte die Schnur und vorwärts geht das Drehen, -- bald erglänzt der -schwarze Schlund in einem goldenen Dämmer, -- noch ein paar Windungen, -da taucht der Schachthut, der Kopf empor. »Glückauf!« ruft hell und -stark der glückliche Teufenfahrer; -- »Glückauf! Glückauf!« rufen alle -Männer, daß die alte Kaue erzittert und der Wald erdröhnt, -- aber wo -bleibt denn Dein Glückauf, Du süße, liebeglühende Maid? Ach! Deine -Seligkeit ist viel zu groß, als daß sie laut werden dürfte vor den -Menschen, und ohne zu wissen, wie es geschieht, sinkst Du an die Brust -dessen, den Gott Dir neu und nun wohl auf immer geschenkt. Vergessen -ist das Versprechen des Geheimnisses, rein vergessen; der Augenblick -ist zu groß für kleinliche Rücksichten, und wenn Könige und Kaiser -zugegen wären und der Großmogul Euer künftiger Schwager, Ihr müßt -Euch umarmen und vor Gott und der Welt bekennen, daß Euch eine Liebe -eint, die stärker ist als der Tod. -- Erst dann mögen die Herren der -Commission und des Ausschusses den Bericht vernehmen. Der Bericht war -kurz, aber wenn auch etwas grauenhaft, doch in bergmännischer Hinsicht -befriedigend. Ferdinand hatte die Leichen der einst in der Grube -Erschlagenen gefunden, aber auch den alten Gang; und eine Stufe, die er -abgeschlagen, erwies sich als reichhaltiges Silbererz, das den neuen -Angriff des alten Baues wohl verlohnte. - -»Das ist Alles gut,« sagte der Obereinfahrer, der Ferdinands Geheimniß -von der Sicherheitslampe kannte; »aber wir sind noch nicht versichert -wegen der schlagenden Wetter.« - -»Doch,« erklärte Ferdinand; »auch das hab' ich nicht ungeprüft -gelassen. Ich hatte mich mit Wachszündern versehen, die ich bei der -Einfahrt von Zeit zu Zeit anzündete und fallen ließ; an ihrem schönen -Fortbrennen überzeugte ich mich, daß der Schacht weder schlagende -noch erstickende Wetter hatte, und unten in der söhligen Strecke zog -ich einen langen Schwefelfaden viele Lachter weit hinter, den zündete -ich vorn an und ließ das Feuer hinter laufen; nicht ein Lüftchen -rührte sich. Wahrscheinlich sind in der langen Zeit, daß Niemand unten -gewesen, die freien Spalten, durch welche die Wetter früher eindrangen, -verwachsen; denn auch die Erdrinde, die man für starr und todt hält, -ist ja fortwährenden Veränderungen unterworfen.« - -»Bravo!« sagte der Obereinfahrer; »so gratulire ich den Herren Gewerken -vom Vater Abraham und empfehle diesen wackern, einsichtsvollen Steiger -ihrer Gunst. Ich hoffe, wir werden uns von nun an öfter sehen, mein -lieber Freund und -- Schwager! Denn daß Sie das werden wollen, hab' ich -so eben gesehen!« Damit reichte er dem glücklichen Ferdinand die Hand. - -»Da siehst Du, was Deine Stiefmutter für eine Gans ist,« murmelte der -Hutmann Hedwig zu, »der Herr Obereinfahrer freut sich, einen solchen -Schwager zu haben.« - -Das Mädchen drückte ihm in namenloser Seligkeit die Hand. Die -Versammlung bewegte sich nun langsam dem Huthause zu. - -Hier war inzwischen der Doctor Meier angekommen und befand sich mit der -Hausfrau allein in eifrigem Gespräch, als eines der jüngeren Mädchen -hereinsprang und rief: »Mutter! Mutter! sie kommen!« Die Frau eilte ans -Fenster. Ein Blick hinaus machte sie erbleichen. »Er lebt, -- er ist -dabei!« rief sie, »und an seiner Seite die Dirne -- und der Baron, -- -ich kriege den Tod!« - -»Nur ruhig, meine Beste!« sagte der Doctor, »wenn Ihre Mine nicht -wirkt, so wirkt die meinige. Verlassen Sie sich auf mich und treten Sie -der Gesellschaft heiter entgegen!« - -Gleich darauf trat die Gesellschaft ein. - - -VIII. - -Der Doctor hielt sich nur noch wenige Augenblicke im Huthause auf. Er -eilte nach Pobersdorf zu seinem Vetter, dem er sich früher eben so -sehr entfremdet hatte wie seinem Schulkameraden Ferdinand, dem er aber -wieder näher getreten war, als er glaubte, ihn brauchen zu können. - -»Ich glaube, Du hast es jetzt in der Hand, Steiger auf dem Vater -Abraham zu werden,« so eröffnete er jetzt seine Verhandlung mit ihm. - -»Wie so?« fragte der Bergmann stutzig. - -»Ich habe in der Stadt von Erzpartirerei gehört, die auf dem Vater -Abraham getrieben werden soll. Du weißt, der Obereinfahrer ist mein -Freund; der hat schon lange auf den Grund des Gerüchtes gespürt, aber -umsonst. Durch einen Zufall glaub' ich dem Erzdiebe auf die Spur -gekommen zu sein; aber da ich nicht gut selbst die Spur verfolgen -konnte, so schwieg ich gegen meinen Freund davon. Täuscht mich die Spur -nicht, so ist kein Anderer der Dieb als der -- wie heißt er doch! -- -nun, der Dir die Steigerstelle vor der Nase weggeschnappt hat.« - -»Ach, Du meinst den Bergner Ferd--,« sagte der Vetter, »bist ja mit -ihm in die Schule gegangen, -- der sollte Erz gestohlen haben? -- -Ja, -- meiner Treu! jetzt geht mir ein Licht auf: Der »Boß!« hat 100 -Thlr. in der Sparkasse und einen ganzen Schrank voll Bücher, so viel -Geld hat ein Häuer nicht übrig, und wenn andere Bergleut' ihre freie -Zeit zu Nebenverdienst verwendet haben, ist er daheim gesessen und -hat gezeichnet, geschrieben, gerechnet und in Büchern gelesen; da hat -er gut gescheidter werden können als Andere, aber er hat auch weniger -verdient dabei und doch 100 Thaler gespart, -- das geht nicht mit -rechten Dingen zu.« - -»Nun, ich denke, ich habe seine Geldquelle entdeckt,« sagte der Doctor, -»aber ich müßte aus dem Spiele bleiben.« - -»Wenn ich Etwas finde, brauch' ich's nur meinem Schwager, dem -Bergamtsboten zu stecken, der wird's schon vor die rechte Schmiede -bringen.« - -»Ganz recht so! mach' Deine Sache, ich werde bei meinem Obereinfahrer -das Meinige für Dich thun.« Hiermit schied er. - -Die Gesellschaft hatte sich vom Huthause verloren. Ferdinand war -angefahren, und Hedwig waltete in der Küche. Da trat ihre Schwester -Brunhild zu ihr. »Du hast recht viel Drasch um meinetwillen,« sagte sie -in ihrer gewohnten, nur etwas schüchternen Freundlichkeit. - -»Arbeiten ist mir ja eine Lust,« erwiederte Hedwig. »Ich wollte, ich -könnte wirklich etwas für Dich thun; Du warst immer so gut mit mir, -wenn Du's auch vor Deiner Mutter nicht so merken lassen durftest; ich -hätte gern an Deiner Garderobe mitgeholfen, aber da läßt mich die -Mutter nicht an, weil sie meint, ich hätte keinen Geschmack.« - -»Ach, die Mutter quält sich und Andere mit ihrem Geschmacksfanatismus,« -sagte Brunhild; »ich will froh sein, wenn ich erst bei meinem Alexis -bin, dann hat doch diese peinliche Mutterfürsorge ein Ende. Sag', hast -Du den Vater beobachtet?« - -»In den Augenblicken, wo ich mit ihm zusammenkomme, wohl,« sagte -Hedwig, »Du bist mehr um ihn, kommt er Dir denn auch so verstört vor -wie mir?« - -»Das wollt' ich von Dir wissen, -- o Gott! mir liegt eine fürchterliche -Last auf dem Herzen. Ich habe schon gebetet; es wird nicht anders. Seit -die Gesellschaft fort ist, kommt mir der Vater ganz verzweifelt vor; -er hat sich mit der Mutter gezankt und jetzt auf seine Schreibstube -eingeschlossen. Mit der Mutter läßt sich auch seit gestern kein -vernünftiges Wort mehr reden; sie ist so leidenschaftlich, und manchmal -erschreckt sie mich fast durch ihren Blick. Ich habe sie noch nie so -gesehen! Höre Du mich, Hedwig, Du bist gut und klug, glaube mir, ich -nehme den herzlichsten Antheil an Deinem Glücke, wenn ich mir es auch -vor der Mutter nicht so merken lasse.« - -Hedwig zog sie an sich und küßte sie. - -»Was ich Dir sagen wollte,« fuhr Brunhild fort, »mir ahnt ein Unheil, --- und ich bin eigentlich die Hauptursache davon. Meinetwegen haben -sich die Eltern in Schulden gestürzt. Freilich hab' ich gegen den -übertriebenen Aufwand geredet, aber die Mutter ließ sich nicht weisen, -es wurde gekauft und geborgt auf die Erbschaft los, und darauf hin hat -sich der Vater auch verleiten lassen, dem Goldschmied einen Wechsel von -vierhundert Thalern auszustellen, der in diesen Tagen fällig ist. So -viel ich wegbekommen habe, ist der Erbschaftsproceß verloren, und nun -soll der Vater den Wechsel decken und kann es nicht.« - -»Und was droht ihm da?« fragte Hedwig bebend. - -»Gefängniß, der Gläubiger kann ihn so lange setzen lassen, bis er -zahlt.« - -»Barmherziger Gott!« rief Hedwig, »aber so weit wird's doch der -Goldschmied nicht treiben?« - -»Du kennst den Mann nicht,« sagte Brunhild, »das ist ein Shylock; o, -der Vater ist in fürchterliche Hände gerathen und um meinetwillen!« - -Beide Mädchen mußten weinen. Nach einiger Zeit sagte Hedwig: »Aber -unser Klagen nützt nichts, wir müssen auf Mittel denken, dem Vater zu -helfen.« - -»Ich habe mir schon den Kopf zerbrochen,« sagte Brunhild, »aber ich -sehe keinen Ausweg. Ich war heimlich in der Stadt und wollte dem -Goldschmied meinen ganzen Schmuck geben; er nahm ihn nicht, in fünf -Tagen wolle er den Wechsel baar gedeckt sehen, sagte er.« - -»Halt! ich hab's!« rief Hedwig, »der Gewerkenausschuß hat meinem -Ferdinand 300 Thaler Belohnung für die Befahrung des alten Schachtes -zugesichert, 100 Thaler hat er in der Sparcasse, das sind 400 Thaler, -die muß er dem Vater leihen!« - -»Wird er das wohl thun?« - -»So gewiß, als es Dein Baron thun würde, wenn Du ihn darum bätest. Aber -bei Euch vornehmen Leuten liegt ewig noch eine Scheidewand zwischen den -Seelen, wenn Ihr Euch auch noch so sehr liebt!« - -»Ich hätte wahrlich nicht den Muth, an meinen Alexis solch eine Bitte -zu richten.« - -»Das kommt von der Unnatur her, in die Du hineingezwängt worden bist; -es ist ein Wunder, daß Du noch so gut und lieb geblieben. Ich hoffe, -wenn Du erst ganz bei Deinem Alexis sein wirst, wird die gesunde Natur -bei Dir wieder zu ihrem vollen Rechte kommen. Gräme Dich also nicht -mehr um den Vater, fünf Tage noch hat es Zeit mit dem Wechsel, da ist -er gedeckt.« - -Brunhild umschlang die edle Schwester und ergoß zum ersten Mal ihr -ganzes volles Herz vor einer verwandten Frauenseele. Gleich darauf -erschien der Baron und brachte die Nachricht, eine Tante von ihm sei -angekommen, wolle aber noch heute nach Schloß Scharfenstein, wohin sie -geladen worden. Und da er selbst seine Braut dort noch vorzustellen -habe, so wolle er mit ihr die Tante begleiten. Die Schichtmeisterin -fand es von selbst verständlich, daß Brunhild von der Partie war, und -diese glaubte jetzt ohne Angst um den Vater, sich auf ein paar Tage -entfernen zu dürfen. - -Als Ferdinand ausfuhr, gab Hedwig ihm eine Strecke weit das Geleit und -theilte ihm die Bedrängniß ihres Vaters mit. Er war mit Freude zur -Hülfe bereit. »Morgen wird mir wahrscheinlich das Geld für die Fahrt -ausgezahlt,« sagte er, »wenn nicht, so gehe ich übermorgen früh in die -Stadt und dem Mickley nicht vom Halse, bis ich das Geld habe. Dann ist -die Sache abgemacht. Aber sag' Deinem Vater nichts davon, Du weißt, ich -liebe es nicht, über solche Dinge viel Geräusch zu machen. Uebermorgen -bringe ich Dir den quittirten Wechsel.« - -Dabei blieb es. Als Hedwig bei ihrer Rückkehr dem Vater unter der -Hausthür begegnete, flüsterte sie ihm zu: »Hoffe und vertraue, es ist -Hülfe nah!« - -Er sah ihr forschend in das mondbeglänzte Gesicht. Ihr Auge schwamm in -Thränen, aber ihren Mund umspielte ein seliges Lächeln. Er streichelte -ihr die Stirn und sagte: »Du sprichst wie ein Engel, -- ach --« aber -das Dazwischentreten seiner Frau schloß ihm den Mund. - -»Wo steckst Du denn so lange?« herrschte sie Hedwig zu, »geh' doch an -Deine Arbeit!« Dann wollte sie mit dem Gatten ein Gespräch anknüpfen, -aber der machte sich unwillig los. -- »Du bist mein Dämon!« sagte er -und ging in seine Schreibstube, wo er sich wieder einschloß. - -Hier lagen die Terzerole frei auf dem Tische. »Heute noch nicht!« -sprach er und verbarg sie nochmals, »die Engelsstimme hat noch einmal -Hoffnung in mein Herz gesenkt. Hoffe und vertraue, es ist Hülfe nahe! -so sprach das verkannte, verstoßene Kind, -- o wie hab' ich das an ihm -verdient? -- Weiß sie meine Lage und hat sie den Ferdinand zur Hülfe -aufgefordert? Der könnte helfen; aber ich selbst hätte nicht den Muth, -den edlen Menschen anzusprechen, den wir erst zu verderben getrachtet. -O Gott! wie gerecht bist Du! Den wir verderben wollten, der ist mit -Ehre gekrönt, und er trägt den Lohn davon, der unser hätte werden -können. Jetzt wären wir gerettet, -- o Weib! Weib!« -- Er versank eine -Zeit lang in trübes Brüten; nach und nach wurden seine Züge weicher und -Thränen entquollen seinen Augen. -- »O Gott! o Gott! wie tief bin ich -gefallen!« rief er aus und sank auf seine Kniee zum brünstigen Gebete. - -Der folgende Tag verging ziemlich still im Huthause, nur daß zwischen -den beiden Gatten wieder ein verdrießlicher Auftritt stattfand, nach -welchem der Schichtmeister sich in sein Zimmer schloß, und seine -Frau von Stunde zu Stunde widerwärtiger gegen ihre Umgebung wurde. -Niemand hatte darunter mehr zu leiden als Hedwig, doch trug sie Alles -mit stiller Geduld; sie fühlte, daß ihre Tyrannin der elendere und -beklagenswerthere Theil war. - -Da Ferdinand an diesem Tage das ihm zugesicherte Geschenk nicht -erhielt, so machte er sich den folgenden Morgen auf den Weg nach der -Stadt, um es zu fordern. Es bedurfte nur eines Wortes bei dem biedern -Gelbgießer, um diesen zur Zahlung zu vermögen. Dreihundert baare -Thaler wurden dem armen Bergmann zugezählt, -- eine Summe, die er -nie beisammen gesehen, geschweige denn sein genannt hatte! Was würde -der Sparcassenmann für Augen machen, wenn er eine solche Einlage -brächte. Aber was machte er für welche, als der sparsame Knappe sein -ganzes Guthaben verlangte und auch nicht eher vom Platze wich, bis er -es hatte! Froh wie Gott ging Ferdinand dann zu dem Goldschmied und -erklärte, von dem Schichtmeister abgeschickt zu sein, den Wechsel -einzulösen. - -Der Goldschmied riß erstaunt die Augen auf, wollte Bedenklichkeiten -erheben, aber Ferdinand hatte in seinem Wesen so etwas Gebietendes, daß -der Wucherer sich gezwungen fühlte, den Wechsel herbeizuschaffen, zu -quittiren und Ferdinand einzuhändigen. Kaum war dies geschehen, als die -Ladenthür aufging und außer dem Bergschreiber und dem Bergamtsdiener -einen Gerichtsactuar und den Gerichtsfrohn einließ. »Da finden wir -die Compagnons gleich beisammen,« sagte der Bergschreiber. »Im -Namen des Gesetzes erkläre ich diese beiden Herren für Gefangene!« -sagte der Actuar; »ich hoffe, Sie werden sich Ihr Loos nicht durch -Widersetzlichkeit erschweren!« - -Der Goldschmied bebte wie ein Espenblatt, indeß Ferdinand sich blos -verwunderte. »Da muß ein Irrthum walten,« sagte er, »und der wird sich -bald aufklären; ich gebe mich ruhig gefangen.« Der Goldschmied erhob -allerlei Einwände; seine Frau kam herbeigeheult und wollte ihn nicht -fortbringen lassen. Es half aber Alles nichts, die Verhaftung wurde -vollzogen. - -Der Vetter des Doctors war rasch zu Werke gegangen, aber er würde -seinen Zweck nicht so bald erreicht haben, hätte nicht die von den -Geschwistern des Lehrburschen vom Gelbgießer Mickley verschleppte -Silberstufe ihren Weg schon vorher in die Hände des Bergamtsboten -gefunden gehabt. Dieser hatte nachgeforscht, woher die Stufe gekommen; -und als nun sein Schwager ihm mittheilte, welche Entdeckung er in der -alten Jacobszeche gemacht, da hatte es gar keiner Weitläufigkeiten -bedurft; jener war in die Bergkanzlei gegangen und hatte dem -Bergschreiber Anzeige erstattet. Es war sofort eine bergamtliche -Untersuchung der Jacobszeche vorgenommen und dort das vom Doctor dahin -getragene Erz gefunden worden. - -Mit großer Verwunderung sah der Gelbgießer Mickley seinen Schützling in -Gesellschaft der Bergamts- und Gerichtspersonen sammt dem Goldschmied -über den Markt nach dem Rathhause gehen. Bald erfuhr er die Bedeutung -dieses Aufzuges. Sogleich zog er sich an und eilte aufs Rathhaus, um -dem Gericht seine Bürgschaft für Ferdinand anzutragen. Der Richter -erlaubte ihm nur, den Gefangenen in Beisein eines Actuars zu besuchen. -Ferdinand empfing den edlen Freund mit einer Miene, welche das -unerschütterliche Vertrauen, das dieser in ihn setzte, bestätigte. -Er erzählte den Hergang der Verhaftung. Der Gelbgießer fragte, ob -er etwas für ihn thun könne. Ferdinand bat ihn, seiner Mutter in -beruhigender Weise wissen zu lassen, wo er sich befinde, und seiner -Braut mitzutheilen, daß der Wechsel eingelöst, ihm aber vom Gericht -abgenommen wäre. - -»Hat Er denn eine Wechselschuld bei dem Wucherer?« fragte Mickley. - -»Ich nicht,« sagte Ferdinand, »aber eine mir theure Person.« - -»Sollte die Verhaftung mit dem Wechsel in einem Zusammenhange stehen?« -fragte Jener wieder. - -»Ich glaube nicht,« sagte Ferdinand. - -»Nun, ich werde Beides bestellen,« versicherte Mickley, »und für eine -Erquickung will ich auch sorgen.« - -»Das Liebste wäre mir ein Buch; meine Mutter soll mir das neue, vom -Herrn Obereinfahrer geschenkte schicken.« - -»So behalt' Er frohen Muth; der liebe Gott wird Ihm schon beistehen.« -Damit schloß Mickley seinen Besuch. - -Hedwig war einen Augenblick durch die ihr vom Gelbgießer selbst -gebrachte Schreckensbotschaft von der Einkerkerung ihres Geliebten -wie niedergedonnert. Aber sie raffte sich bald wieder zusammen, -war er doch unschuldig! Sie erklärte, den Gelbgießer in die Stadt -begleiten zu wollen. Ihr Vater war im Schacht, und den Widerspruch -der Mutter, die nicht wußte, was es gab, achtete sie nicht, es war -ihr erster Ungehorsam. Unterwegs theilte ihr Mickley mit, wie die -ganze Sache stand, und daß durch die Entdeckung einer beträchtlichen -Partie reichhaltigen Erzes in der hinter Ferdinands Haus befindlichen -Jacobszeche dieser allerdings ziemlich belastet erscheine. - -»Das Erz hat irgend ein schlechter Mensch hingeschafft!« rief Hedwig -aus, »und der das gethan, muß einen besondern Zahn auf Ferdinand haben; -ich weiß aber keinen Feind von ihm zu nennen als den Bergmann Meier, -der sich auf den Steigerdienst gespitzt hatte, und seinen Vetter, den -Doctor Meier.« Und sie erzählte, in welcher Weise einst der Doctor mit -Ferdinand zusammengetroffen war. - -»Gut! gut!« sagte Mickley, »jetzt entsinn' ich mich, daß ich den alten -Steiger Meier in seiner letzten Zeit ein paar Mal bei dem Goldschmied -habe aus- und eingehen sehen, und nach dem letzten Mal stürzte er -plötzlich in den Schacht. Ich hatte schon damals meine Gedanken -darüber, aber ich wollte dem alten Mann nicht Unrecht thun. Wir gehen -jetzt stracks aufs Stadtgericht; da will ich gleich den Antrag stellen, -daß alle Papiere des Goldschmieds durchsucht werden!« - -So geschah es; auch wirkte der wackere Bürger für Hedwig die Erlaubniß -aus, den Gefangenen zu sprechen. - -Mittlerweile war auf dem Huthause der Doctor Meier erschienen und -hatte der Schichtmeisterin triumphirend zugerufen: »Die Falle ist zu, -der Fuchs gefangen!« Diesen Zuruf hörte der in der Küche seine Pfeife -anzündende Hutmann. Dieser war bei Mickley's Anwesenheit und Fortgehen -mit Hedwig im Walde gewesen, wußte daher noch nichts von Ferdinands -Verhaftung. Doch fiel ihm die Aeußerung des Doctors auf, und er -brachte sie gleich in Zusammenhang mit Hedwigs ganz außerordentlichem -Gang in die Stadt. Seine Aufmerksamkeit wurde noch mehr erregt durch -den Jubel, mit dem die Schichtmeisterin den Ruf des Doctors aufnahm. -»Also der Fuchs ist unschädlich gemacht?« rief sie, -- »o Sie sind -der Schutzgeist meines Hauses!« -- »Gott behüt' uns vor solchem -Schutzgeist!« sprach der Greis bei sich; »da ist ein Bubenstück gegen -meinen Steiger ausgeführt worden!« Er konnte nicht hören, was die -Beiden weiter verhandelten. Der Doctor entfernte sich bald, und der -Greis beschloß, auf seine Schwiegertochter Acht zu haben. - -Es war nach Tisch. Der argwöhnische Alte raubte sich heute sein -gewohntes Mittagsschläfchen, um auf Alles zu merken, was im Hause -vorging. Doch hielt er sich still in seinem Stübchen. Gerade unter -diesem befand sich die Scheidebank und die damit verbundene Erzkammer. -Die Scheidearbeit ruhte heute; daher war die Scheidebank verschlossen. -Der Schichtmeister brauchte die Scheidearbeiter zur Ausbesserung des -Pumpwerks im Schacht. Dennoch vernahm der Hutmann auf einmal ein -Geräusch in der Scheidebank oder Erzkammer. Er schlich sich hinaus -und verbarg sich auf der Treppe. Bald darauf ging die in die Hausflur -führende Thür der Erzkammer auf, und die Schichtmeisterin trat mit -einem verdeckten Handkorbe heraus, der ihr sichtlich sehr schwer wurde. -Sie betrat damit die dunkle Treppe und wurde ihren Schwiegervater erst -gewahr, als sie dicht vor ihm stand. - -»Ei, Frau Tochter! was für schwere Spitzen, Hauben oder Tücher tragen -Sie denn da?« redete er sie an, und ehe sie es hindern konnte, hatte -er den Deckel aufgehoben, und die schönsten Erzstufen blinkten ihm -entgegen. »Ich hätte nicht gedacht, daß meine Sohnsfrau sich so gut auf -Erz verstände; wahrlich! die besten Stufen hat sie sich herausgeklaubt, --- kommen Sie doch gefälligst mit herauf, Madame, wir wollen uns oben -die Dingelchen bei Licht besehen. Nur keine Umstände, sonst ruf' ich -die Leute vom Göpel herüber und sage ihnen, bei wem sie sich bedanken -mögen, daß sie zu keiner Lohnverbesserung kommen können.« - -Vernichtet folgte die Frau dem strengen Greise auf sein Zimmer. Er -schloß hinter ihr ab. »Jetzt, Du Weib des Unheils, bekenne: was -wolltest Du mit dem Erz thun?« Die Frau schwieg lange; aber endlich -beichtete sie unter strömenden Thränen. Es kam ein seltsames Gemisch -von wirklicher Mutterzärtlichkeit, Eigenliebe und Hoffart, wie es nur -in der seichten Lache der Halbbildung möglich ist, zum Vorschein. Und -als sie ein umfassendes Bekenntniß abgelegt hatte, und das ganze Gerüst -ihres Hochmuths zusammengebrochen war und sie mit ihm, da sprach der -Greis: »Unglückselige Frau! Du hast fürchterlich gefrevelt. Du hast uns -Alle an einen Abgrund gebracht, von dem ich keine Rettung sehe, wenn -Gott nicht ein Wunder thut!« - -»Mutter! Mutter!« rief jetzt eine Kinderstimme von unten. Der Greis -öffnete die Thür und fragte hinaus, was die Mutter solle. »Es ist ein -Mann da,« lautete die Antwort. Der Hutmann ging hinab; es war der -Gerichtsbote, der den Schichtmeister auf das Stadtgericht beschied. - -»Was soll er dort?« fragte der Greis voll banger Ahnung. - -»Er soll als Zeuge aussagen, ob er dem Steiger Bergner aufgetragen, für -ihn einen Wechsel zu bezahlen?« - -»Wie? weiter nichts? der Wechsel ist bezahlt?« - -»Wie die Quittung besagt, die man beim Steiger gefunden.« - -»Gut! ich will meinen Sohn gleich aus dem Schacht rufen lassen.« - -»Ja, thut das! denn die Freilassung des Steigers hängt von dem -Zeugniß ab. Der Herr Obereinfahrer hat sich für ihn verwandt, und der -Herr Stadtrichter will ihn entlassen, wenn es mit dem Wechsel seine -Richtigkeit hat.« - -Der Greis ahnte den ganzen Zusammenhang; er eilte an den Göpel und -schickte einen Bergmann in den Schacht nach seinem Sohn. »Sagt ihm, -es gäbe eine gute Nachricht!« rief er dem Bergmann nach. Dann ließ -er den Gerichtsboten in das Wohnzimmer treten und ging zu seiner -Schwiegertochter zurück. - -»Jetzt, Frau, trag das Erz wieder an seinen Ort und danke dem -barmherzigen Gott, daß er Dein Verbrechen verhütet. Er wollte nicht den -Untergang der Deinen, darum hat er auch schon die Rettung aus aller -Noth geschickt. Wie dies geschehen, wirst Du später hören!« - -Die Frau fiel auf ihre Kniee und umklammerte schluchzend die des -Greises. - -Der Schichtmeister war bald oben und ging, nachdem er vernommen, -was vorgefallen war, mit tief erschütterter Seele im Geleite des -Gerichtsboten nach der Stadt. - -Zwei Stunden später füllte sich das Huthaus mit frohen Menschen. Im -Triumph brachte Hedwig ihren Ferdinand, gefolgt von dem Schichtmeister, -Ferdinands Mutter, dem Gelbgießer, dem Baron von Brunn und Brunhild. -Die Letztern waren, von Scharfenstein zurückkehrend, in dem Augenblick -über den Markt gefahren, wo Hedwig von Ferdinand gekommen war, und -diese hatte sogleich die Schwester angerufen und ihr das Geschehene -mitgetheilt. Da hatte Brunhild, die inzwischen alle Schüchternheit -gegen ihren Bräutigam verloren, diesen sofort in das Geheimniß gezogen. -Der edle Mann hatte sogleich seine Vermittelung angeboten und war ohne -Säumen zur That geschritten. Auf seine Fürsprache wurde Ferdinand, -nachdem der Schichtmeister sich zu dem Wechsel bekannt hatte, gegen -Handgelöbniß entlassen. - -Da mußte nun die Schichtmeisterin in dem Manne, den sie erst dem Tode -und dann der Entehrung preiszugeben versucht, den Wohlthäter ihres -Hauses erkennen. Eine tiefere und heilsamere Beschämung konnte ihr -nicht widerfahren. - -War Ferdinand nun schon noch immer der Untersuchung unterworfen, so -dienten doch die Enthüllungen, welche die Schichtmeisterin ihrem -Schwiegervater gemacht hatte, und die dieser dem Obereinfahrer -mittheilte, dazu, die Wahrheit völlig ans Licht zu bringen. Mit Schmerz -erkannte der Baron die Unwürdigkeit seines Freundes; er schüttelte den -Schmarotzer ab und ließ ihm die Wahl, sich entweder über dem Meere -eine neue Heimath zu suchen oder ins Gefängniß zu wandern. Der Elende -wählte das Erstere. Als Brunn ihn am Bord eines Schiffes wußte, wirkte -er auf Niederschlagung des Processes hin, die er auch erlangte, als der -Goldschmied eines Morgens im Gefängniß erhängt gefunden wurde. - -Der Obereinfahrer Freiherr von Brunn und Steiger Bergner hatten an -einem Tage Hochzeit, und es zeigte sich, daß nur in der hoffärtigen -Einbildung der Schichtmeisterin die Furcht begründet war, die Familie -des Freiherrn werde an der Verschwägerung mit einem redlichen Bergmanne -niedern Grades Anstoß nehmen. Gleich nach der Hochzeit begann der -neue Betrieb des alten Schachtes; Frenzel wurde Schichtmeister und -Ferdinand Obersteiger der vereinigten Vater Abraham Fundgruben. Ein -stattliches Huthaus krönt jetzt mit einem Dampfgöpel und anderen -Betriebsgebäuden die alte Halde, und an schönen Sommertagen kann der -Wanderer auf der Hausbank eine allerliebste junge Frau sich abwechselnd -der reizenden Aussicht auf das wiesenthaler Gebirge und der drei -kleinen Engel erfreuen sehen, die zu ihren Füßen spielen. An Sonntagen -vervollständigt das anmuthige Bild der Vater Obersteiger und nicht -selten der Groß- und Urgroßvater vom untern Huthause. Auch hier ist -nach jener Lection ein einfältigerer Sinn, Friede und Segen eingekehrt. - - - - -III. - -Der Gimpelkönig. - - -1. - -Da wo das Erzgebirge an das Voigtland grenzt, ist ein Landstrich, in -welchem fast jeder dritte Ort sich auf »grün« endigt. Die Leute dort -sagen, das rühre von den vielen Vogelherden her, die es da giebt. Denn -»'s Grün« heißt der Platz, worauf der Vogelherd angelegt ist. Die -vielen Vogelherde aber deuten auf die Hauptpassion der Bewohner; die -Gegend ist weithin bekannt als Vogelstellerdistrikt. Der hat auch einen -Vorort -- Wellersgrün nennen wir ihn, obgleich er auf der Landkarte -anders lautet; doch »grünt« er sich wenigstens. - -Da hauste bei Menschengedenken ein Mann, der hatte sich vom -Bürstenbinder, Krämer und Achtelhufengutsbesitzer zum Potentaten der -Gimpel emporgeschwungen. Die Einleitung läßt schon ahnen, daß hier -nicht von jener adamitischen Gimpelspecies die Rede ist, welcher das -goldene Gefieder von den Händen leichtfertiger Evastöchter gerupft zu -werden pflegt, sondern von dem niedlichen Sängervolke, dessen Heimath -der grüne Tannenwald ist, und das den Wellersgrünern von jeher ihre -gesuchtesten Virtuosen in der Tonkunst lieferte. Gottfried Unger -- -so hieß unser Mann -- hatte keine Ahnung von jener uneigentlichen -Gimpelspecies; ihm war Gimpel gleichbedeutend mit Genie, und darum -war er stolz auf den Königstitel, welchen ihm seine Heimathgenossen -ertheilt hatten, weil er im Fangen und Abrichten der kleinen Waldsänger -eine Meisterschaft besaß, die man einer wunderbaren Herrschaft über -diese Thiere zuschrieb. So berühmt vor allen seinen vogelstellenden -Landsleuten war König Gottfried, daß seine Zöglinge nicht allein in -ferne Gegenden verschrieben wurden, sondern daß auch nicht selten -Bewohner der benachbarten Städte nach Wellersgrün lediglich in der -Absicht wallfahrteten, den »Gimpelkönig« und seinen Hof zu sehen. - -Gewisse Leute wollten zwar behaupten, diese Besucher zöge noch etwas -ganz Anderes nach dem schmucken gelben Hause am hüpfenden Wasserfall -des »Grünbächels«, als König Ungers Hofkapelle -- nämlich die -Prinzessin des kleinen Reiches, das über alle Beschreibung nette -und herzige Hannchen, Ungers eheleibliche neunzehnjährige Tochter. -Aber wenn dies auch vielleicht hinsichtlich des jüngeren Theiles der -Wallfahrer seine Richtigkeit hatte, so doch bestimmt nicht in Ansehung -der vielen gesetzten Männer, die sich darunter befanden; für die war -es interessant genug, Herrn Gottfried umringt von seinem gefiederten -Hofstaat zu sehen. - -Man denke sich eine große, weißgetünchte, vom Scharwerksmaurer unter -der Decke mit einer Guirlande von Phantasieblumen geschmückte Stube, -deren fünf Fenster rechts und links mit Reihen vollbesetzter Vogelbauer -garnirt sind. Das der Stubenthür gegenüber befindliche Fenster ist mit -Epheu eingefaßt, eine Reihe Blumentöpfe mit Balsaminen, Muskat- und -Rosenkrautstöcken bedeckt das Bret, und die Bauer zu beiden Seiten -zeichnen sich durch Größe und Zierlichkeit aus. Hier hausen die Gimpel --- sie sind der hohe Adel des Ungerschen Reiches; die andern in den -unansehnlichen Behältern, die Quäker, Finken, Meisen, Zeisige und -dergleichen, sind das gemeine Volk. Vom künstlerischen Gesichtspunkte -aus betrachtet, sind jene die Solosänger, diese die Choristen. Vor -dem solchergestalt ausgezeichneten Fenster steht ein kleiner Tisch und -vor diesem ein Lederpolsterstuhl -- das ist der Thron des Monarchen, -da sitzt er, ein stattlicher Funfziger, den einen Arm auf den Tisch -gestemmt, mit dem andern die Meerschaumpfeife haltend, der er sparsam -abgemessene Wolken entzieht und giebt seinen Lieblingen Audienz. -Solches geschieht, indem er einen Bauer nach dem andern von seinem -Nagel herunternimmt, ihn vor sich auf den Tisch setzt und eine Melodie -intonirt, worauf der Bewohner des Bauers sofort einfällt und die Weise -zu Ende führt. Auf diese Weise wird der Zuhörer nach und nach mit einer -Blumenlese von Melodieen erfreut, die vom »Freund, ich bin zufrieden« -bis zum »Frisch auf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!« fast alle -Rhythmen des Liedergesanges umfassen. Freilich wird dem fremden Zuhörer -der Genuß dieses Concertes durch das wirre Durcheinander des Chores -verdorben, denn es ist kaum möglich, vor dem Zwitschern, Zirpen und -Wirbeln der Quäker, Zeisige, Finken u. s. w. den schulgerechten Gesang -der Solisten zu vernehmen. Meister Ungers Gehör aber unterscheidet -diesen recht wohl, ja für dasselbe dient der gemeine Chor den edlen -Concertisten nur zur Folie, wie dies ja auch bei mancher musikalischen -Kunstanstalt der Nichtgimpel der Fall ist. - -Wer den ehrenwerthen Meister so unter seinen Vögeln sah, oder wer gar -seinen Lehrstunden beiwohnte, der mußte die heitere Gemüthsruhe, die -unerschöpfliche Geduld desselben bewundern, und war es eine Frau, die -ihn so beobachtete, so konnte sie kaum umhin, Frau Unger um ein solches -Lamm von einem Eheherrn zu beneiden. Allein sowie Herr Gottfried seinen -Vögeln den Rücken gewendet hatte, war er ein ganz anderer Mensch, da -keifte und nörgelte er im Hause herum, bis es seiner Gattin glücklich -gelang, ihn auf den Vogelherd oder in die Schänke zu spediren. -Vielleicht wurde das Maß von Geduld, so ihm die Vorsehung verliehen, -von seinen Zöglingen so vollständig absorbirt, daß ihm für den Verkehr -mit Menschen nichts davon übrig blieb. Niemand konnte im Umgange -reiz- und verletzbarer sein, und in ganz Wellersgrün gab es keinen -Menschen, der so schwer zu versöhnen war wie er, zumal wenn ihm Jemand -sein Steckenpferd unsanft berührte. Kam er doch seit vielen Jahren -schon nicht mehr in die Ortskirche, weil der Pfarrer sich einmal von -der Kanzel gegen das Vogelstellen auszusprechen gewagt hatte; da der -hierdurch schwerbeleidigte Gimpelkönig aber doch ein guter Christ -sein wollte, so ging er entweder nach Schönheide oder Hundshübel zum -Gottesdienst. Desto fleißiger besuchte er eine der Ortsschänken, nicht -nur weil der Inhaber derselben seine Liebhaberei theilte, sondern -auch weil dies der Ort war, wo er fortwährend Gelegenheit hatte, -neue »Stückla« für seine Gimpel zu hören. Zu seiner Ehre muß gesagt -werden, daß er sich fast nie betrank; sein gewöhnliches Getränk -war das heimische »Einfache«, worauf er höchstens zum Schluß einen -»Eibenstöcker« setzte, den er seinen Magendoctor nannte. - -Hausdespoten werden von ihren Familien nicht mit Rosenketten in ihren -vier Pfählen festgehalten -- der Ungerschen Familie war, als hätte sich -ein böser Wind gelegt, sobald sich ihr Haupt auf den Vogelherd oder -in die Schänke verfügt hatte. Da wurde es erst gemüthlich im Hause. -Mutter und Tochter krochen aus Küche, Stall und Keller hervor und -reiheten sich mit den beiden »Gimpelprinzen« um den Ofen; oft kam dazu -auch der Geselle mit dem Lehrjungen. Da wurde nun gescherzt, erzählt -oder gesungen, ohne daß jedoch dabei die Hände feierten. Sonntags -traktirte Frau Unger das ganze Hausgesinde mit einem Nachmittagskaffee -und »Hefenkloß«, in welchem die Rosinen nicht fehlen durften, und -wer zur rechten Zeit bei ihr einsprach, war ein frohwillkommener -Gast. Manches arme Dorfkind hatte regelmäßig das Glück, keins aber -regelmäßiger, als das »Rußbuttenlobel«, ein alter Junggeselle, der -in seiner Jugend mit Rußbutten durchs Land gezogen und seit er zu -solchem Erwerb invalid geworden, in die Stelle eines Vice-Tag- und -Nachtwächters von Wellersgrün eingerückt war. Diese wichtige Person -war für das Ungersche Haus noch mehr, als ihr Titel besagte: sie war -zugleich Historienbuch, Liedersammlung, Ortschronik und Zeitung. Daher -geschah es, daß, sobald »Rußbuttenlobels« wohlbekannter Amtsspieß an -der Ungerschen Hausthür lehnte, -- denn die Schwelle durfte dieses -polizeiliche Attribut nicht überschreiten, das wäre eine Verletzung -der Wellersgrüner Habeascorpusakte gewesen, -- eine Nachbarin nach der -andern in die Gimpelresidenz »hutzen«[1] eilte, um das Neueste aus der -Tagesgeschichte zu erfahren. - - - [1] Hutzen heißt im Obererzgebirge soviel als: einen kurzen Besuch im - Hauskleide machen. - -So war es auch am Trinitatisfeste des Jahres Eintausend Achthundert -und --Zig. Der Hausherr saß beim Einfachen in der obern Schänke; -die Hausfrau mit ihren Kindern und Hausgenossen am Kaffeetisch, und -»Rußbuttenlobel« trat mit seinem »Helf Gott!« in die Stube. Nachdem -er von allen Seiten freundlich bewillkommt und von Hannchen an den -Tisch gezogen worden, hieß es rechts und links: »Was hat's Neues in -der alten Welt?« Lobel warf sich in die Brust, that einen Zug aus -der ihm vorgesetzten Tasse, einen kräftigen Biß in den »Hefenkloß« -und sagte: »So in einem Athem, Ihr guten Leut', läßt sich das nicht -erzählen.« Darauf leerte er die Tasse und ließ den Hefenkloß mit großer -Schnelligkeit zwischen seinen Kinnladen verschwinden. Alle Anwesenden -hefteten die Augen auf den Anfangspunkt dieser Werkzeuge; doch Lobel -richtete seine Blicke, eh' er sprach, nach der Thür, als erwarte er -noch einige Ohren für seine Zeitung. Er wartete nicht vergebens -- -der Spieß war gesehen worden -- ehe fünf Minuten vergingen, war ein -halbes Dutzend Nachbarinnen versammelt, von denen sich die eine ein -Loth Kaffee, die andere ein Gebind Zwirn, die dritte für einen Pfennig -Pfeffer zum schicklichen Behelf nahm, und der Bericht -- den wir mit -Beseitigung der Mundart wortgetreu wiedergeben -- begann: - -»Es geht arg her in der alten Welt, Ihr guten Leut'! Der Franzos -draußen ist wieder einmal kollerig, aber ob's ihm unter der Mütze fehlt -oder in den Schuhen, das weiß der Himmel, und in Welschland wollen sie -auch gescheidt werden, ob's ihnen aber von der hohen Obrigkeit erlaubt -wird, das weiß der Zeitungsschreiber nicht, wie soll's Rußbuttenlobel -wissen! Aber der Russ' dahinten scheert sich den Teufel darum, ob's -in Polen Wölfe giebt oder nicht -- er hat einen gar guten Magen, das -wissen wir von Anno dreizehn, da haben die Kosacken gefressen, was -ihnen zwischen die Zähne kam; übrigens ist es oben im Sibirienland -fast so kalt wie in Karlsfeld, wie die Polaken zu erzählen wissen und -viele andere Ehrenleut', die dort auf dem Zobelfang waren -- Du mußt -aber hübsch aufpassen, Heinerle, sonst bleibst zeitlebens ein dummer -Junge, und die Rosinen mußt Du nicht aus dem Hefenkloß bohren -- und in -England werden sie nächstens mit Dampf in den Mond fahren, ich wollte, -sie wären schon alle droben gewesen, eh' sie unserm armen Gebirge sein -Klöppelwesen ruinirten -- daß sich Gott erbarm'! meine Schwester hat -gestern in der Stadt schon wieder zwei Pfennige weniger bekommen für -die Elle Borten! Item: der Papst ist gestorben, der Tod kann's aber -machen, wie er will, er wird nicht fertig mit der Gesellschaft, es ist -schon wieder ein neuer da -- meiner Hühner halben! -- ich wollte nur, -ich hätte ein paar Fuder von den Feigen und Apfelsinen, die dieses -Jahr in Welschland gewachsen sind, und könnte sie in Wellersgrün -verzehren. Doch daß ich nicht Eins über dem Andern vergesse -- Friedel, -Du wirst gleich Dein Schälchen hinunterstoßen, 's wär' schad' um den -eingebrockten Hefenkloß, aber der Steingutmacher will auch leben -- -in Lindengrün hat eine Bergmannsfrau Vierlinge gehabt; da fleckt's! -jedoch aber im Dänemarkschen -- 's muß wohl um Buxtehude herum liegen, -dort bin ich nicht gewesen -- da will der Königsstamm aussterben -- -geht mir auch nicht besser, bin Rußbuttenlobel der Erste und Letzte -und habe nichts auf meinem Gewissen, als den armen Handwerksburschen, -den ich verarretirt und aus dem Dorfe verbannt habe, weil er ins -Lieben-Konrads Haus fechten kam, obwohl mein Spieß vor der Thür -lehnte; da konnte der dumme Teufel doch denken, daß die Polizei nicht -weit war und ihn erwischen würde; aber gedauert hat mich der Schelm, -mein' Seel'. Wie gesagt, es geht arg zu in der alten Welt -- aber Ihre -Hefenklöß' sind delicat, Frau Dore! -- wenn's nicht bald anders wird -mit der Menschheit, glaub' ich, der Pfannenstieler Pfarrer, der zu den -Heiligen gehört, behält Recht -- der sagt, das Ende aller Dinge sei -vor der Thür. Nun meinetwegen! ich hab' Nichts zu verlieren als den -Spieß und vier Zeilen Erdäpfel auf des Richters Feld; wegen des armen -ausgewiesenen Handwerksburschen werd' ich nicht gleich in die Hölle -fahren, wiewohl 's nicht christlich war. Ja, arg geht's zu in der Welt --- aber im Ungerhaus giebt's gute Hefenklöß', das ist auch gewiß!« - -Er wischte sich mit dem Aermel seiner Manchesterjacke den Schweiß von -der Stirn, nahm einen frischen Hefenkloß, überlieferte ihn seinen -Kauwerkzeugen, schlürfte eine zweite Tasse Kaffee und begann auf die -Frage: »Ist das Alles?« von Neuem: - -»Das war's Auswärtige; nun kommt das Einheimische, und das ist das -Wichtigste.« -- Er berichtete nun, wo ein Todesfall vorgekommen und zu -erwarten, ein Kind geboren, eine Hochzeit vor der Thür, ein Hausbau in -Angriff genommen war und dergleichen mehr, endlich schloß er: »Doch nun -das Beste! Was denkt Ihr, daß das Allerneueste ist?« - -Alle sahen ihn gespannt an. - -»Gelt, Ihr wißt's nicht?« sagte er nach einer Pause. »Nun so hört: mein -Vetter, der Sacher Heinrich, ist diesen Mittag aus der Fremde gekommen!« - -Das schien in der That eine unerwartete und wichtige Neuigkeit zu sein, -denn alle Anwesenden gaben Zeichen der Ueberraschung und des Interesses -von sich -- Niemand aber lebhaftere, als Hannchen, denn die stieß einen -lauten Schrei aus und wurde roth wie eine Erdbeere bis in den Nacken -hinein. - -»Nicht wahr, Jungfer Hannel,« bemerkte der Erzähler, »das ist Wasser -auf Ihre Mühle?« - -Alle blickten die Gefragte an. Diese warf dem Frager einen zürnenden -Blick zu und eilte zur Thür hinaus. - -»Da hat man's,« sagte Lobel, »alte Liebe rostet nicht!« - -»'s war auch gar ein feiner Bursch, der Sacher Heinrich,« meinte eine -der Nachbarinnen. - -»Ihr solltet ihn erst jetzt sehen,« versetzte Lobel, »jetzt sticht -er alle Wellersgrüner Bursche aus, sowohl was Ansehen als Manieren -betrifft; ich sollt's nicht sagen, weil's mein leiblich Schwesterkind -ist -- aber wahr bleibt wahr. Er ist aber auch ein Stück in der Welt -herumgekommen, wie Keiner in Wellersgrün -- sogar in Welschland ist -er gewesen, und in Frankreich hat er fast zwei Jahre gearbeitet -- da -kann's Hannel bald hören, wie das auf Französisch heißt: - - -- keine von Allen - Hat so mir gefallen - Wie Hannchen, schön' Hannchen, lieb' Hannchen, - mein Hannchen allein.« - -»Laß Er das Geplapper, Lobel!« gebot Frau Unger. »Vor drei Jahren, wie -Sein Vetter in die Fremde ging, war mein Hannel noch ein Kind, und wer -weiß, ob der Sacher Heinrich jetzt noch an die Tändelei denkt. Mein -Hannel hat sie längst vergessen; und nun treib' Er mir das Mädel nicht -wieder aus der Stube mit solchem Spaß! -- Aber sehen möcht' ich den -Sacher Heinrich, das gesteh' ich.« - -»Ich auch« -- »ich auch« -- hieß es von mehren Seiten und -Rußbuttenlobel schloß mit der Aeußerung: »Er wird schon kommen und sein -Schätzel grüßen.« - -Jetzt schlugen ferne Trompetenklänge an die Ohren der Gesellschaft. - -»Das hätt' ich bald über dem Sacher Heinrich vergessen,« sagte die -inkarnirte Dorfzeitung, »in der obern Schänke ist heute Musik -- sie -blasen schon zusammen. Also munter, ihr jungen Leut'!« - -Diese Mahnung galt den ledigen Personen im Zimmer und man säumte nicht, -ihr nachzukommen, denn das junge Volk tanzt in Wellersgrün so gern wie -überall im lieben Gebirge. Bald war Frau Unger mit ihren Kindern allein -daheim. Denn auch Rußbuttenlobel mußte von Amtswegen in die Schänke. -Wie er, den kürzesten Weg nehmend, aus der Hinterthür in den Ungerschen -Grasgarten trat, fand er Hannchen dort in sich versunken stehen. Er -schlich sich nahe und sah, wie sie einer Sternblume die Blättchen nach -einander ausriß und dazu halblaut sagte: »Er liebt mich -- von Herzen --- mit Schmerzen -- klein Wenig -- gar nicht -- er liebt mich -- --« Da -fiel das letzte Blatt und Rußbuttenlobel ging mit den Worten vorüber: -»Ei freilich! Komm Sie nur in die Schänke, Jungfer; da ist er auch.« - - -2. - -In der Schänke ging es laut. Aus dem ganzen Dorfe strömten die Gäste -herbei, die Alten nach der Schänkstube im Erdgeschoß, die Jungen nach -dem darüber gelegenen Tanzboden. Nur ein Trupp munterer Bursche, aus -deren Mitte ein fast elegant gekleideter Jüngling hoch emporragte, -folgte dem Zuge der Alten. Als er in die Schänkstube trat, gerieth -die ganze anwesende Gesellschaft in Bewegung. »Der Sacher Heinrich!« -lief's von Mund zu Munde, und bald fand sich der feingekleidete Mensch -umdrängt von Solchen, die ihm ihr »Grüß Gott, Heinrich!« und das -Bierglas zum Willkommentrunk entgegenbrachten. - -Während er allen in erwünschter Weise Bescheid that, wurde er mehr und -mehr dem Hintergrunde zugeschoben, bis er dicht vor dem »Herrentisch« -stand, an welchem die Angesehenen des Ortes, darunter auch der -»Gimpelkönig«, ihren Platz hatten. Die gleiche Begrüßung ward ihm auch -hier zu Theil; dann rückte man eng zusammen und bemächtigte sich des -Ankömmlings gänzlich, indem man ihn an den Tisch zog und zwischen sich -nahm, daß er weder zur Rechten, noch zur Linken entweichen konnte. Das -war eine große Ehre, und Heinrich wußte sie zu schätzen; -- er zog -seine wohlgefüllte Cigarrentasche, damals in Wellersgrün ein unerhörter -Luxus, präsentirte sie den Umsitzenden und steckte sich selbst einen -der duftenden Glimmstengel an, worauf er sich in Bereitschaft setzte, -auf die mancherlei Fragen, die man an ihn richten würde, bündige -Antwort zu geben. Seine Begleiter pflanzten sich, die dorfüblichen -Pfeifen im Munde, vor dem Tische, dem Freunde gegenüber auf. - -An Fragen seitens der Tischgenossen Heinrichs fehlte es nun nicht, -sie waren aber so mannigfaltig und wirr durcheinanderlaufend, daß -der Gefragte gar nicht dazu kommen konnte, sie zu beantworten. -Endlich machte der Wirth den Vorschlag, der Heimkömmling möge seine -Reisegeschichte zum Besten geben, wogegen er sich zu einer »Stütze« -Doppelbier erbot. Der Vorschlag wurde wie das Anerbieten freudig -aufgenommen. Erst that man der »Stütze« alle mögliche Ehre an, und -dann begann Heinrich seine Erzählung. Daraus erfuhren die Zuhörer, -daß der junge Mann, nachdem er vor drei Jahren als Tischlergeselle -das Felleisen genommen, sich nicht lange in den engen Grenzen seines -Vaterlandes gefallen, daß es ihn in die Weite getrieben hatte, um -Menschen und Sitten kennen und etwas Rechtes in seinem Fache zu lernen. -Erst war er nach Wien gewandert, von da hatte es ihn nach Italien -gezogen, wo es ihm aber sehr trübselig ergangen war. Unter unsäglichen -Beschwerden hatte er sich nach der Schweiz durchgeschlagen und nachdem -er hier wieder etwas »zu Federn gekommen«, sich der Hauptstadt -Frankreichs zugewendet. So gut er es nun daselbst getroffen, so mächtig -ihn anfangs das Leben in der ungeheuren Weltstadt angezogen hatte, so -war doch allgemach die Sehnsucht nach der Heimath in ihm wach geworden. -Sein Meister hatte ihn zum Werkführer über fünfzig Arbeiter, ja zu -seinem Eidam machen wollen, aber da war plötzlich das Verlangen nach -der lieben Heimath so mächtig geworden, daß er es keinen Tag mehr in -Paris ausgehalten und »Knall und Fall« den Wanderstab zur Heimkehr -ergriffen hatte. Die mancherlei kleinen Reiseabenteuer, welche in -Heinrichs Erzählung vorkamen, verliehen derselben eine solche Würze, -daß Einer von seinen Zuhörern nach Leerung der vom Wirth gespendeten -Stütze gleich eine zweite bringen ließ. Heinrich schloß mit den Worten: -»So bin ich denn nun glücklich wieder in Wellersgrün und denk' auch -da zu bleiben, denn das können Sie mir glauben, werthe Landsleut', -so schön es draußen sein mag, es bleibt doch wahr, wie man bei uns -spricht: »d'rham is d'rham.« Da schüttelten ihm alle Umsitzenden die -Hand, tranken auf sein Wohl, lobten seinen Entschluß und sicherten ihm -zu seiner Niederlassung im Orte allen möglichen Beistand zu. - -»An meiner Fürsprache beim Handwerk soll's ihm nicht fehlen, Heinrich!« -sagte unter andern der Obermeister von der Zunft der vereinigten -fünfzehn Handwerke. - -»Und Credit, wie Empfehlungen nach Schneeberg und Auerbach finden Sie -bei mir,« versprach der Krämer, oder wie er sich nannte, Kaufmann -des Oberdorfes. Der Förster eröffnete ihm die besten Aussichten auf -unbeschränkten Nutzholzcredit und der Zimmermeister wollte ihm sein -mütterliches Häuschen herrichten, daß es eine Art hätte. Zuletzt war -auch von einer Frau die Rede, und von mehr als einer Seite ließ man -merken, daß er ein ganz annehmbarer Schwiegersohn wäre. - -»Mit dem Heirathen,« sagte jedoch Heinrich, »hat es bei mir noch Zeit. -Vor der Hand drängt's mich nicht, denn meine Mutter ist, Gott sei Dank! -noch rüstig, und übrigens -- kommt Zeit, kommt Rath!« Dabei warf er -aber einen anhaltenden Seitenblick nach Meister Unger und nach einer -Pause richtete er an diesen die Frage: »Wie geht's daheim, Meister -Unger? Ist die Frau sammt den Kindern wohlauf?« - -»Was soll's mit denen für Noth haben?« war die Antwort. »Man sorgt und -schafft doch genug für sie! Nun, Er besucht uns doch, Heinrich -- Er -wird sich freuen, wenn Er meine Gimpel sieht und hört.« - -Heinrich lächelte und blies eine starke Wolke vor sich hin. - -»Ei, Heinrich!« sagte der Schänkwirth, »wir waren ja ehedem auch ein -Vogelfreund und suchten als Steller Unsersgleichen -- wir werden jetzt -das edle Vergnügen doch auch wieder treiben?« - -»Da sei Gott vor!« erwiederte der Gefragte. »Ich bedaure, daß ich -jemals ein Vöglein seiner Freiheit beraubt habe -- halten Sie mir's zu -Gute, lieben Leute! -- aber ich muß Ihnen sagen: mir erscheint es jetzt -geradezu sündlich, das Vogelfangen.« - -Dem Gimpelkönig entsank die Pfeife, der Wirth wurde kirschbraun im -Gesicht und der eine und andere der Tischgenossen rief: »Wie so? Was -sagt er? Sündlich?« - -»Ja -- nehmen Sie mir's nicht übel!« erwiederte der junge Mann fest, -»so erscheint es mir, und lassen Sie sich sagen warum? Lassen Sie -sich erzählen, wie ich zu dieser Ansicht gekommen bin. Sie wissen, -daß ich früher auch meinen Vogel gestellt habe, wie Einer, und der -Meister Unger da muß mir bezeugen, daß im Lernen der Gimpel Keiner -ihm gleich kam als ich -- es hat manchen kleinen Wettstreit zwischen -uns gegeben, aber in aller Freundschaft -- und wie ich in die Fremde -ging, that mir nichts so weh, als daß ich meine Vögel da lassen -mußte; ich hätte sie lieber mitgenommen, wenn es gegangen wäre. Zog -ich dann auf meiner Wanderschaft durch einen Wald und hörte einen -Reiterfinken schlagen oder eine Amsel singen, so zuckte es mir in -allen Gliedern, ich ärgerte mich, daß ich gar kein Stellzeug bei mir -hatte, aber dessenungeachtet schlich ich den Vögeln wohl stundenlang -nach und so kam es oft, daß ich über einer mäßigen Tagereise zwei, -auch drei Tage zubrachte. Das war viel Zeitverlust und Verlust an -Geld obendrein. Nach und nach verlor sich zwar das Erpichtsein aufs -Vogelstellen etwas, ganz aber konnte ich's doch nicht los werden -und wenn der liebe Sonntag kam, ging ich vogelstellen, statt in die -Sonntagsschulen, welche einsichtsvolle Menschenfreunde zur Fortbildung -des Handwerkerstandes weit und breit ins Leben gerufen haben. So ging -es, bis ich ins Welschland kam. Da hatt' ich das Unglück, der Polizei -verdächtig zu werden: statt für einen ehrlichen Handwerksburschen sah -sie mich für einen geheimen Revolutionär an -- ich wurde verhaftet und -nach Padua ins Gefängniß gebracht. Im Gefängniß, ihr lieben Leute, -lernt man erst Jesum Christum erkennen. Vier Wochen mußte ich einsam -in einem schauerlichen Loche sitzen -- ach! ich dachte, der liebe Herr -Gott habe in seinem Zorn die Tage plötzlich zu Jahren ausgesponnen, so -fürchterlich lang wurde mir die Zeit. Da fielen mir alle meine Sünden -ein -- und auch mein Vogelstellen. Da dachte ich, wie meine armen -Vöglein der Verlust ihrer Freiheit geschmerzt haben müsse, und ich -mußte es als eine Strafe vom lieben Gott erkennen, daß ich jetzt auch -in einem Käfig steckte, der freilich nicht von schwachem Draht oder -Holz, sondern aus gewaltigen Steinen erbaut war. Als ein Tag nach dem -andern dahinschlich, ohne daß ich erlöst wurde oder eine Vertröstung -auf baldige Erlösung erhielt, wurde ich lebenssatt, die Verzweiflung -übermannte mich, mehr als einmal war ich nahe daran, mit dem Kopfe -wider die Wand zu rennen und ihn zu zerschmettern; nur der Gedanke an -meine gute Mutter hielt mich davon zurück. Dann fielen mir meine Vögel -immer wieder ein und ich dachte: so wie dir jetzt, so ist es auch den -armen Thierlein zu Muthe gewesen, da sie deine Gefangenen waren! Du -sahest wohl ihr ängstlich Flattern an der Leimruthe, im Netz oder im -Bauer, du hörtest ihr kläglich Schreien, bemerktest ihre traurigen -Mienen -- und doch ließest du sie im Käfig, getrennt von ihren Jungen, -oder das Männchen von seinem Weibchen; sie mußten ihr herbes Loos -tragen -- so füge nun auch du dich in dein Schicksal! Des Nachts -aber kamen schreckhafte Träume; da verwandelten sich meine ehemaligen -Gefangenen in gräuliche Riesenvögel, die mit ihren furchtbaren -Schnäbeln nach mir hackten oder mich mit ihren Krallen packten und -an den Rand eines schauerlichen Abgrundes rissen, bei dessen Anblick -ich entsetzt aufschrie und erwachte. Da betete ich in meiner Angst zu -Gott und schwur, nie wieder eines seiner für die Freiheit geborenen -Geschöpfe dieses ersten Lebensgutes zu berauben -- denn das sag' -ich aus Erfahrung: es giebt kein köstlicheres Gut im Leben als die -Freiheit, und ein Raub an diesem Gute wider ein Geschöpf Gottes verübt -ist ein Frevel schwarz wie der Mord --« - -»Einen Eibenstöcker!« rief der Gimpelkönig, und Heinrich, ohne auf -dessen unwirsches Gesicht zu achten, fuhr fort: - -»Endlich ward ich frei -- mir war, als läge ein Zeitraum von Jahren -zwischen Verlust und Wiedergewinn meiner Freiheit, und ich konnte kaum -gehen, so hatte die Haft mich angegriffen. Als ich mich außerhalb der -Stadt fand, kniete ich auf offenem Felde nieder und dankte Gott, daß -ich wieder fessellos unter seinem Himmel und auf seiner Flur athmete, -und wiederholte meinen Schwur, nie wieder Hand an ein lebendiges Wesen -zu legen, um es seiner angeborenen Freiheit zu berauben. Darauf zog -ich viele Tage durch herrlich bebaute Gegenden -- aber so mannigfach -und üppig alle Gewächse erschienen, so reizend die goldenen Früchte -aus den dunkelgrünen Kronen der Bäume schimmerten, so schwellend die -Matten, so gestaltenreich die Höhen sich in Aug' und Seele drängten, so -fehlte ihnen doch ein Reiz, den ich mit Wehmuth vermißte: die Schwärme -singender Vögel, welche unsere Heimathwälder beleben. Wichen sie vor -mir als vor einem Feind oder einem Verfluchten, dessen Ohr nimmer werth -war, sich an ihren Melodieen zu weiden?« - -»Noch einen Eibenstöcker!« unterbrach Meister Unger den Erzähler -abermals. - -»Willst Du schon nach Hause?« fragte der Obermeister der fünfzehn -Handwerke. - -»Nein,« erwiederte der Gefragte, »es wird mir blos übel von dem -Gemähre --« - -»Ruhig!« riefen mehre Stimmen, »erzähl' weiter, Heinrich!« - -»Ja, erzähl' Er weiter, Mosje Sacher!« stimmte der Förster bei -- aus -Seiner Geschichte kann Mancher 'was lernen!« - -Dies beabsichtigte Heinrich eben und rücksichtslos, wie immer -jugendliche Verkündiger ernster Wahrheiten, fuhr er fort: »Bald traf -ich mit einem Landsmann zusammen, einem Maler, der desselben Weges zog -wie ich, und als die Rede gerade auf den von mir wahrgenommenen Mangel -an Singvögeln in der paradiesischen Gegend kam, fragte ich ihn nach der -Ursache dieser Erscheinung. Er antwortete mir, daß nur die furchtbaren -Nachstellungen der Menschen nach und nach die Wälder und Fluren dieses -Striches von den kleinen Sängern entblößt hätten. Da dacht' ich an -meine Heimath und den hier getriebenen Vogelfang, und mir war bange -darum, daß da auch eintreten möchte, was ich dort zu beklagen fand. -Später gingen wir durch eine große Kastanienpflanzung, die fast ganz -abgestorben war. Die wenigen noch grünen Bäume waren mit Schaaren von -Raupen bedeckt. Es war ein trauriger Anblick -- ich dachte an alle -die Arbeit, die hier vergebens aufgewendet, an alle die Hoffnungen, -welche vernichtet waren. Offenbar war die Pflanzung ein Opfer des -Raupenfraßes, und ein Landmann, den mein Gefährte fragte, bestätigte -dies. »So rächt sich jetzt an den Kindern, was ihre Väter gesündigt -haben,« sagte der Maler, »hätten diese die Singvögel nicht von Wald und -Flur vertilgt, so hätte das zerstörende Insekt nie so mächtig werden -können, als es hier geworden.« Ich schrieb mir das hinter die Ohren und -will's auch mein Leben lang nicht vergessen. Und ich hab' noch viel -über den Gegenstand nachgedacht, und es ist mir immer klarer geworden, -daß das Wegfangen der Singvögel eine Sünde sei und daß ein Vogelsteller -Gott nimmermehr gefallen, ja schwerlich in den Himmel kommen könne.« - -»Hoho!« rief der Schänkwirth, »wer's glaubt, wird selig.« - -»Nein, der ist ein Esel!« polterte Meister Unger. - -»Es ist dummes Zeug,« sagte der Obermeister der Fünfzehnerzunft, -»schmeckt nach Pfaffen -- fort damit!« - -»Ja, fort damit!« schrie der Gimpelmonarch. »Wirth, noch einen -Eibenstöcker! Das fehlt noch, daß so ein Gelbschnabel uns Mores lehren -will!« - -»Der Sacher hat aber Recht,« erklärte der Förster. - -»Bei Euch Grünröcken,« erwiederte Unger, das ihm gereichte Glas -Branntwein hinabstürzend, »Ihr möchtet nur allein im Walde Herr sein, -es soll kein anderer Mensch sein Vergnügen darin haben. -- Weiß Er -was, Sacher: geh' Er lieber hin, wo Er hergekommen ist, wir brauchen -in Wellersgrün keine Neuerer und Weltumstürzer, wie Er ist -- geh' Er -wieder nach Paris, wo dergleichen hingehören!« - -Heinrich schwieg, aber seine jüngern Freunde drangen jetzt ungestüm auf -den Gimpelkönig ein. »Das leiden wir nicht,« schrieen sie, -- »das ist -schändlich, ein Wellersgrüner Kind so zu behandeln!« - -»Ein Wechselbalg mag er sein und kein Wellersgrüner!« rief Meister -Unger, aber sogleich saß ihm ein Schlag im Gesicht. - -»Ums Himmelswillen, keine Schlägerei!« rief Heinrich und warf sich -zwischen den Angegriffenen und die Angreifer -- da fuhr ein Bierglas -durch die Luft, im Nu war die Schänkstube in ein Schlachtfeld -verwandelt, wo zwischen zwei an Stärke fast gleichen Parteien ein -erbitterter Faustkampf geführt wurde. Die Ursache des Kampfes selbst, -Heinrich, gab sich alle Mühe, ihn beizulegen -- umsonst; -- er bat, er -flehete, er weinte -- er ließ sich sogar von dem ergrimmten Gimpelkönig -einen Schlag versetzen, ohne ihn zu erwiedern, -- es war vergebens, -der Kampf wurde nur erbitterter -- bis »Rußbuttenlobel« außerhalb -eines Fensters erschien, sich durch den offenen Flügel auf die innere -Brüstung schwang und mit vorgehaltenem Spieß ausrief: »Ruhe! im Namen -der Obrigkeit, Ruhe! eh' Ihr's Euch versehen werdet, ist der Gensd'arm -hier!« - -Das wirkte. Die Parteien trennten sich; die Anhänger Heinrichs meinten, -man müsse ja nicht bei den »Dickköpfen« sein, und alsbald zogen sie ab -und hinauf auf den Tanzboden, wo sie, namentlich dem weiblichen Theile -der Gesellschaft, ganz willkommen waren. Heinrich nahm aber traurig in -einem Seitenzimmer Platz, und während seine Kameraden walzten, versank -er in tiefes Sinnen. - - -3. - -Eine geraume Weile saß Heinrich gedankenvoll allein, als er seine -Schulter von einer Hand berührt fühlte und aufblickend Rußbuttenlobel -neben sich sah. Heinrich reichte ihm stumm das Glas dar; Lobel trank -daraus, gab ihm die Hand und sagte: - -»Es war eine Finte mit dem Gensd'arm, Vetter! Ich wollt' Euch nur -auseinander haben.« - -»Ich danke Dir, Vetter!« erwiederte Heinrich -- »ach, ich möchte weinen -wie ein Kind über diesen Empfang in der Heimath. Wie hab' ich mich in -der Fremde draußen auf diesen Tag gefreut -- und nun muß er mir so -verdorben werden!« - -»Wie konntest Du auch dem Meister Unger so auf sein bestes Hühnerauge -treten?« sagte Lobel. »Hast Du denn gar nicht ans Hannel gedacht? -Drunten sitzt der alte Vogelfried nun, und tobt und schimpft auf Dich, -und sagt ganz unverholen, er wisse wohl, daß Du ein Auge auf seine -Tochter hättest, aber eher woll' er sie dem Rußbuttenlobel -- also mir --- geben, denn so einem Neuerer und Weltverbesserer, wie Du wärest. -Wenn das arme Hannel dies wüßte!« - -»Ei was wird die sich darum härmen!« erwiederte Heinrich, »wer weiß, -will sie noch etwas wissen von mir! Damals, wie ich mit ihr ging, -war sie noch ein halbes Kind und ich selbst hinter den Ohren nicht -trocken, und inzwischen sind drei Jahre vergangen -- ich hab' ihr nie -geschrieben -- Lobel, lassen wir das Mädel sein -- ich weiß ja auch -nicht, ob sie heute noch nach meinem Sinne wäre!« - -»Sieh sie nur einmal, Heinrich!« fiel der Andere ein, »ich wette meinen -Spieß gegen was du willst, sie gefällt dir jetzt noch besser, denn -sonst -- ach, die Augen werden Dir übergehen, wenn Du sehen wirst, -wie das voll und schlank, und blumig und samig geworden ist, so voll -Lieblichkeit, daß man's immer anschauen und drüber beten und fluchen -vergessen möchte! Komm mit; sie erwartet Dich!« - -»Wo?« - -»Daheim, bei ihrer Mutter.« - -»Wo denkst Du hin, Lobel! Nach dem, was hier vorgefallen ist, kann -nicht die Rede davon sein, daß ich die Schwelle des Unger'schen Hauses -betrete. Ich hätte nach dieser Geschichte lieber Lust, wieder in die -Fremde zu gehen.« - -»Und Deine alte Mutter zu verlassen -- und das traute Hannel! Du -denkst, das Mädel hat Dich vergessen? Das weiß ich besser. Denk' -nur, wie ich vorhin zum Kaffee unten war, da erzählt' ich der ganzen -Gesellschaft, daß Du da wärest. Da schrie sie laut auf, wurde über und -über roth, und als ich sie mit Dir aufzog, rannte sie zur Thür hinaus. -Und als ich darauf fortging, stand sie im Grasgarten hinter ihrem -Hause, und ließ sich von der Käseblume sagen, ob Du sie liebtest. Und -als die Blume sagte: er liebt Dich, kreuzte sie die Hände über das -wonnige Herzchen und sah mit entzückten Augen gen Himmel. Sieh, so -liebt sie Dich -- und Du -- ja, die Blume spricht wahr: Du liebst sie, -du willst Dir's nur nicht gestehen.« - -»Du irrst Dich, Vetter -- ich gestehe, daß ich mich des herzigen Kindes -gern erinnere, aber mein Herz schlägt ganz ruhig dabei. Wie ist es -- -wird sie nicht zum Tanz kommen?« - -»Seit Du fort warst, ist sie äußerst wenig zur Musik gewesen -- aber -heute, da sie weiß, daß Du wieder da bist, wird sie wohl kommen.« - -»Gut -- warten wir das ab -- sehen möcht' ich sie wohl, aber in ihres -Vaters Haus komm' ich nicht.« - -»Und mußt doch einmal Hochzeit darin machen.« - -»Still davon, Vetter! Das ist vorbei! -- Da, laß frisch einschenken!« - -Der Tanz war eben zu Ende; die Tänzer stürmten, soweit es der Platz -zuließ, ins Zimmer, wo Heinrich saß. Die Freunde tranken ihm zu und -als die Musik von Neuem begann, drangen sie in ihn zu tanzen. Er ließ -sich endlich bewegen, aufzustehen, ging langsam nach der Saalthür -und musterte den anwesenden Mädchenflor. Es schien nicht, daß ihn -Eine anzog -- er stand unschlüssig da -- auf einmal öffnete sich die -gegenüber befindliche Thür des Haupteingangs. -- »Da kommt sie,« -flüsterte Lobel hinter Heinrich, der die eintretende Gestalt anstarrte. - -War das wirklich das Kind, mit dem er einst harmlos »Liebstens« -gespielt hatte? War diese vollaufgeblühte Jungfrau, diese gebietende -und doch so leicht daher schwebende Gestalt mit dem Zaubergrübchen im -rosigen Kinn, dem schwellenden Purpurmund und den meertiefen Augen -wirklich die stille Mädchenknospe, die einst an seinem Herzen geruht -hatte, sorglos träumend in der sicheren Hut seines reinen Sinnes? Was -damals nur Ahnung gewesen, das war jetzt Licht, Fülle, Leben -- was -einst dulden konnte, daß der Jüngling harmlos mit ihm tändelte, das -forderte jetzt Achtung, Verehrung, Liebe. Eine süße Bestürzung, ein -minutenlanges Schwanken zwischen Staunen und Entzücken und dann ein -Aufflammen des ganzen Feuers, das in seiner Brust verborgen glühte --- dann stand er vor ihr mit der stummen, aber tiefen Huldigung, die -noch jeder männliche Geist dem Weibe darbrachte, dessen Liebreiz sein -Herz rührte. Seine Verneigung vor ihr, die Schüchternheit, mit der -er die ihm ebenso schüchtern gebotene Hand nahm, die ehrerbietige -Art, mit welcher er sie »Jungfer Hannchen« anredete -- das waren die -äußeren Zeichen dieser Huldigung; andere hatte der, trotz seinen -weiten Wanderungen und seinem Verkehr mit Welschen und Franzosen, -einfach gebliebene Gebirgssohn nicht. Und sie? Sie fand ihn freilich -nicht in so bedeutsamer Weise verändert, wie er sie -- der Schritt -vom einundzwanzigjährigen zum vierundzwanzigjährigen Jüngling ist -kein so großer, wie der vom fünfzehn- zum achtzehnjährigen Mädchen --- aus dem Flaum um den Mund war ein zierlicher Bart geworden, eine -weitere äußerliche Veränderung fiel ihr nicht auf. Erst war es ihr -gewesen, als müsse sie ihm so frei und munter entgegenhüpfen wie sonst --- aber mit einemmal empfand sie ihm gegenüber eine unaussprechliche -Beklemmung, ihre Hand zitterte in der seinen und außer dem großen, -strahlenden Blick, mit dem sie ihn begrüßt hatte, wagte sie ihm keinen -mehr ins Gesicht zu thun, wenn sie merkte, daß sein Auge auf ihr ruhte. -So standen sie lange da und wer weiß, wie lange sie es so getrieben -hätten, wäre nicht ein junger Mann im lichtblauen Rock auf sie -zugekommen und hätte da Hannchen nicht schnell Heinrichs Arm genommen -und ihm zugeflüstert: »Wir wollen tanzen, sonst fordert mich Der auf -und ich kann ihn doch nicht leiden!« Da flog Heinrich mit ihr in den -Reihen und tanzte nach Jahren wieder den ersten heimathlichen Walzer. -Vergessen war alles vorhin Vorgefallene -- Athem wehete in Athem -- -Puls schlug an Puls -- Blick flammte in Blick. -- »Mein Hannchen« klang -es herüber -- »mein Heinrich« flüstert' es hinüber -- und als der -Walzer zu Ende war, führte der glückliche Tänzer sein Mädchen mit dem -Entschlusse aus dem Saale, nimmer wieder von der Heimath und seinem -Hannchen zu weichen. - -Dort in dem heimlichen Winkel des Nebenzimmers, wo Heinrich vorhin -allein gesessen, nahmen sie jetzt miteinander Platz, und nun ging es an -ein Fragen und Erzählen und Händedrücken und -- was weiß ich! -- Zum -Beschluß erklärte Heinrich dem entzückt aufhorchenden Mädchen noch, daß -er in vier Wochen Meister würde und wenn's nach seinem Willen ginge, -müßte Hannchen in einem Vierteljahr sein liebes Weibchen sein. Da kam -»Rußbuttenlobel« und flüsterte: »Kinder! seid »a Bissel« auf Eurer -Hut vor dem Kunz-Karl-Fried -- wenn er kommt und will mit Ihr tanzen, -Jungfer Hannel, so schlag' Sie's ihm nicht ab; Sie weiß, er hat ein -Aug' auf Sie, und wenn Sie ihn beleidigt, so geht er hinunter zum Alten -und verdirbt Euch die Freude! Ich muß jetzt einmal ins Dorf schauen -- -seid gescheidt!« Damit verschwand er. - -»Was?« sagte Hannchen, »mit dem Kunz soll ich tanzen? Nimmermehr! Ich -will nur mit Dir tanzen, Heinrich!« - -»Doch,« erwiederte dieser, »doch möcht' ich Dir rathen, ihm wenigstens -+einen+ Tanz zu gönnen. Du bist ihm vorhin schon ausgewichen -- ein -zweites Mal nimmt er's gewiß sehr übel, und dann -- ich muß Dir sagen, -daß ich bei Deinem Vater in Ungnade gefallen bin -- wenn ihm der Kunz -hinterbringt, daß wir beisammen sind, so reißt er uns wohl auseinander.« - -»So wollen wir fortgehen -- ich sage Dir, ich kann und darf nicht mit -diesem Menschen tanzen, Du wirst schon noch erfahren, warum --« - -»So laß uns noch den nächsten Reihen zusammentanzen,« sagte Heinrich, -»damit ich wenigstens einmal bestelle -- man möchte mich sonst für -einen Lump halten -- dann gehen wir spazieren.« - -Das Paar erhob sich -- aber da stand der Gemiedene schon vor ihnen -und bat Hannchen um den nächsten Tanz. Diese schmiegte sich an den -Geliebten und ward von ihm dem Unliebsamen im Fluge entführt. »Einen -Walzer!« rief Heinrich den Musikern zu, ein Achtgroschenstück auf das -Orchesterpult werfend. Schnell war der Tanz im Gange und Kunz hatte das -Nachsehen. - -Inzwischen fuhr in der Schänkstube Meister Unger fort, dem so unberufen -aufgetretenen Gegner des Vogelstellens in tiefster Seele zu grollen -und dann und wann diesem Groll durch ein derbes Wort Luft zu machen. -»Ich hab' ihm aber doch eins gegeben, daran er denken wird,« sagte er -endlich und ließ sich den vierten »Eibenstöcker« geben und noch einen --- und wieder einen -- da wurde er immer aufgeregter, bis der junge -Kunz-Müller von Neuhahn -- eben jener Karl-Fried -- hereintrat und sich -dem »Herrentische« näherte. Er war ein guter Kunde des Gimpelkönigs; -als ihn dieser daher zu Gesicht bekam, sänftigte sich sein Zorn etwas, -er reichte ihm freundlich die Hand und zog ihn an seine Seite. »Na, wie -ist's, Karl-Fried,« redete er den Platznehmenden an, »wollt Ihr meinen -Wallheim noch haben? Wenn nicht, so wandert er nach Kirchberg, wo mir -Einer fünf Thaler und Tuch zu einem Rock und ein Paar Lödelschuh dafür -geboten hat.« Der Wallheim war aber einer seiner gefiederten Schüler, -darum so genannt, weil er das Mantellied aus Holtei's »Lenore« sang. - -»Was der Wollklopper giebt, kann ich auch noch zahlen,« erwiederte der -Müller, »ich nehme den Vogel für einen Doppellouisd'or, aber den Bauer -müßt Ihr zugeben.« - -»Für eine Metze Heugesäm' -- topp! -- Wirthschaft, ein Fläschel zum -Leihkauf!« rief der Verkäufer. Während der Wirth dem Befehl nachkam, -flüsterte der Müller dem Vater Hannchens etwas ins Ohr. - -»Da soll doch gleich --« der Fluch erstarb dem empörten Vater auf der -Zunge; er sprang auf und eilte zur Thür. Der Ohrenbläser rannte ihm -bestürzt nach. »Lieber Meister Unger!« bat er, »seid nicht so hitzig! -macht kein Aufsehen! -- ich bin dem Hannel gut -- und weil wir einmal -darauf zu reden kommen, so will ich Euch nur sagen, daß es mein Wunsch -ist, Euer Schwiegersohn zu werden.« - -Der Alte vergaß seinen Zorn für einen Augenblick. »Wirklich, -Karl-Fried? Ist das Euer Ernst?« fragte er erfreut. »Warum habt Ihr mir -das nicht schon längst gesagt?« - -»Je nun -- ich hatte immer das Herz nicht -- das Hannel that so apart -gegen mich.« - -»Ich will ihr das Apartthun schon einstreichen,« erklärte Meister -Unger. »Ihr wißt, in meinem Hause bin ich Herr, da gilt, was ich will. -Ihr werdet mein Schwiegersohn, Karl-Fried, oder ich will zeitlebens -keinen Vogel mehr fangen! Jetzt aber will ich meinen Nickel vom -Tanzboden holen, wenn sie mit dem »Leimtiegel« karessirt.« - -Er eilte fort und stand in wenig Augenblicken vor den Liebenden, die -bei der eben eingetretenen Tanzpause sich in ihren Plauderwinkel -zurückgezogen hatten. - -»Du gehst augenblicklich mit mir in die Schänkstube oder nach Hause!« -herrschte der Vater der Tochter zu. - -Hannchen, an unbedingten Gehorsam gegen die Eltern gewöhnt, erhob -sich und erklärte, nach Hause gehen zu wollen, wenn sie nicht auf dem -Tanzboden bleiben dürfe. Heinrich stand auf und sagte: »Verzeihen Sie -mir, Meister Unger, wenn ich Sie beleidigt habe -- es war bestimmt -nicht meine Absicht --« - -»Mit Ihm hab' ich gar nichts zu reden,« versetzte Jener, »und Er hat -nichts mit meiner Tochter zu reden, merk' Er sich das, und wenn Er dem -Mädel nachläuft, so will ich's Ihm schon einstreichen!« - -Das liebende Paar wäre dem Ergrimmten gern um den Hals gefallen, wenn -der Ort eine solche Scene gestattet hätte. Mit feuchten Augen fügte -sich Hannchen in den Befehl ihres Vaters. Er wollte sie mit in die -Schänkstube nehmen, allein sie machte sich los und ging weinend nach -Hause. - -Heinrich hatte ihr mitgetheilt, auf welche Weise er dazu gekommen -war, den Vater so gegen sich zu erbittern, und sie kannte diesen zu -gut, um nicht zu wissen, wie ernst und dauernd diese Erbitterung sein -mußte. Aber so tief sie darum den Vorfall beklagte, so konnte sie doch -dem Geliebten nicht Unrecht geben, daß er so freimüthig als Anwalt -der armen Vöglein aufgetreten war, und wiewohl sie bisher über das -Unrecht, das in der Liebhaberei des Vogelstellens lag, noch wenig -nachgedacht hatte, so war es ihr doch sofort einleuchtend, und mit -dem Feuer eines edlen Gemüthes faßte sie den lebhaftesten Abscheu -dawider. Es beunruhigte sie sogar, daß sie ihren Vater zuweilen nach -dem Vogelherd begleitet, Beeren für denselben gesammelt, auch wohl, -wenn er selbst abwesend war, an seiner Statt den Herd besorgt hatte. -Sie beschloß, sich künftig solchen Aufträgen nur gezwungen zu fügen. -Daheim angelangt, fiel sie ihrer Mutter weinend um den Hals und gestand -ihr ihr Glück und ihr Leid. Frau Unger tröstete die Bekümmerte, -billigte ihre Liebe, ermahnte sie zur Geduld und versprach ihr, Alles -aufzubieten, um ihr den Weg zur Hochzeit zu ebnen. - -Den folgenden Tag gab es zwei Brautwerbungen im Ungerschen Hause. -Die eine kam schriftlich an die Hausfrau, Rußbuttenlobel war ihr -Ueberbringer und Heinrich ihr Absender -- die andere brachte -Kunz-Karl-Fried in Person bei dem Hausherrn an. Dieser saß indeß -nicht auf dem hohen Pferde wie gestern; er war mit einem Rausche -heimgekommen, und dessen schämte er sich heute vor seiner Familie. Er -nahm daher den ihm so lieben Werber etwas kleinlaut auf und schob, um -seine stillzürnende Ehehälfte zu begütigen, ihr die Entscheidung über -diese Angelegenheit zu. Frau Unger aber entschied so: »Meister Kunz, -Er hat schon Sein Theil -- heirath' Er das arme Mädel, dem Er die Ehre -genommen!« Verblüfft vernahm der reiche Bewerber diesen Bescheid, -stotterte etwas von dem Unpassenden, ein so armes Ding wie die -Gemeinte zu seiner Frau zu machen, und zog sich, als ihm hierauf Frau -Unger eine tüchtige Lection in Wellersgrüner Hochdeutsch gegeben, mit -dem erhandelten Gimpel zurück, jedoch ohne seine Hoffnung auf Hannchens -Besitz ganz aufzugeben, da er auf seinen Geldsack und Meister Jobsts -Gunst pochte. - -Ganz andern Bescheid trug Rußbuttenlobel von Frau Unger heim. Zwar auf -eine schriftliche Erwiederung des schriftlichen Antrages konnte die -Gute sich nicht einlassen, da es zu ihrer Jugendzeit in Wellersgrün -noch nicht Sitte gewesen war, daß ein Mädchen schreiben lernte -- -aber der freundlichste Gruß und die herzlichste Zusage legte sie dem -Liebesboten in den Mund, und dieser war nicht der Mann, der eine Silbe -fehlen ließ, wenn er etwas auszurichten hatte. »Was die Einwilligung -meines Alten betrifft,« hatte die wackere Frau gesagt, »so wird es zwar -etwas Zeit und Mühe kosten, sie zu erlangen, aber einmal muß er doch Ja -sagen.« - -»Du lieber Gott!« rief Heinrich, als er dies vernahm, »heute über -zwanzig Jahre ist auch »einmal!« Da kann mir's gehen, wie dem -Lautersgrüner Pastor, -- der hat sich mit seinem Schatz auch zwanzig -Jahre geschleppt und wie er endlich zu der Pfarre gekommen, daß er hat -heirathen können, sind sie beide halb stumpf gewesen!« - -»Ich denk', so soll's Dir nicht gehen,« tröstete Lobel, »der alte -Gimpelkönig hat zwar einen harten Kopf, aber ich glaub', er ist mürb' -zu machen -- ich hoffe, Du führst Dein Hannel in Kurzem heim, wenn Du -mir folgst.« - -»Vetter -- Herzensvetter -- sprich, was soll ich thun?« - -»Du mußt den Alten mürb' machen -- mußt mit ihm um die Wette -vogelstellen und Gimpel lernen --« - -»Nimmermehr!« - -»Versteh mich recht -- Du sollst's nur zum Schein -- sollst selbst -nicht einen einzigen Vogel fangen, aber sollst einen Vogelherd bauen -- -dem Alten in den Strich -- und ihm so den Fang verderben, Du weißt ja -Bescheid damit.« - -»Man muß auch den Schein des Unrechts meiden, besonders wenn man sich -zu seinem Bekämpfer aufwirft.« - -»Auch um dieses Bekämpfens willen ist es gut, wenn Du scheinbar -umlenkst. Du hast es ganz falsch angefangen, daß Du so mit der Thür -ins Haus fielst. Böse Gewohnheiten sind wie Warzen -- Wegschneiden -hilft nicht, man muß sie durch Sympathie vertreiben. Jetzt, wo Du das -ganze vogelstellende Wellersgrün vor den Kopf gestoßen hast, magst -Du noch so schöne Reden wider den Vogelfang halten, Du predigst doch -tauben Ohren. Mach' es einmal ganz anders! Gewinne Dir zuerst den -Eckstein der Vogelstellerzunft, den Gimpelkönig, geh' ihm in seiner -Leidenschaft zu Leibe! Ich verschaffe Dir Gimpel zum Lernen -- und Du -mußt ein paar lernen, vor welchen sich alle Gimpel des Gimpelkönigs -verstecken müssen. Er muß seine Reputation in Gefahr kommen, muß sie -auf Dich übergehen sehen -- so wird er mürbe und kapitulirt!« - -»Vetter!« rief Heinrich und schloß die Wellersgrüner Sicherheitspolizei -mit einer Freude in seine Arme, die dieses Institut ihm anderwärts -nicht eingeflößt hatte -- »Vetter! Du bekommst in meinem Hause deinen -Auszug -- Dein Plan ist göttlich -- daß ich nicht selbst darauf -verfiel! -- Aber ich bin zu sehr verliebt, dergleichen auszudenken. -- -Vetter, mach' Deine Sach', ich mache die meine!« - - -4. - -Die Zeit des Gimpelfangs war wieder da, und es that auch noth, denn -Meister Ungers Kapelle war durch einen in letzter Zeit ungewöhnlich -starken Absatz sehr zusammengeschmolzen und er mußte rekrutiren. -Hannchen hatte sich längst auf diesen Zeitpunkt gefreut, denn nun lag -ihr Vater zu halben Tagen im Vogelherd und sie konnte den Geliebten -unter den Augen ihrer Mutter täglich bei sich empfangen. - -Dieser war inzwischen Meister geworden, erfreute sich einer guten -Kundschaft, und sein Hauswesen war so in den Stand gesetzt, daß er -jeden Tag ein Weibchen heimführen konnte. Bisher war es ihm nur selten -vergönnt gewesen, die dazu Auserkorene auf Augenblicke verstohlen zu -sprechen -- mit welchem Entzücken ging er am ersten Nachmittage, -da Meister Unger auf dem Vogelfang war, frank und frei in das ihm -geöffnete Haus! - -Ein Glück war es, daß der »Kunz-Karl-Fried« nicht im Orte hauste, sonst -wäre dem glücklichen Freiersmann die Freude bald wieder versalzen -gewesen; aber die Wellersgrüner konnten ihn immerhin zu seinem -Schätzchen gehen sehen, die hielten das Geheimniß eines liebenden -Paares heilig. Einiges Aufsehen machte es indeß, als man erfuhr, der -Sacher Heinrich, der sich in der Schänke so kräftig gegen den Vogelfang -ausgesprochen, habe jetzt selbst im Niederwellersgrüner Hammerwalde -einen Vogelherd angelegt -- aber auch dies fand man bald in der -Ordnung, indem man es als ein »Blendwerk« deutete, daß der pfiffige -Liebhaber nothgedrungen dem Vater seiner Liebsten vormache, um diesem -die Meinung beizubringen, er wäre gleich ihm selber auf dem Vogelfang, -während er ganz gemüthlich um das Töchterlein freiete. Als aber Meister -Unger die sonderbare Mär von Heinrichs Anstalten zum Vogelstellen -hörte, rieb er sich vergnügt die Hände. »Da hat man das Großmaul!« -sagte er, »wie es außer der Zeit war, da konnt' er gut wider das -Vogelstellen predigen, aber kaum ist die Zeit da, da kann er's selbst -nicht lassen. Ja, lehrt mich das nicht kennen! Was einmal zum Vogelfang -geboren ist, kann sein' Lebtag' nicht davon loskommen! -- Meine Tochter -kriegt er aber nun doch nicht!« - -Vier Wochen des herrlichsten Wetters für den Vogelfang gingen in das -Land. Täglich ging Meister Unger ans Werk und täglich kehrte er heim, -ohne mehr zu fangen, als hin und wieder einen »lumpigen Quäker«. Das -edlere Geflügel, wie Grünertse, Zippen, namentlich aber Gimpel, schien -ihm ganz und gar den Rücken gekehrt zu haben. Noch drei gelernte Gimpel -hatte er in seinem Besitz und die Nachfragen nach diesen Sängern -häuften sich wie noch nie. Nach Monatsfrist war er auch nicht um einen -reicher. - -Man hätte glauben sollen, das fortwährende Fehlschlagen aller -Bemühungen wäre das Grab von Seiner Majestät Geduld geworden; aber -man hat keinen Begriff von der Geduld eines leidenschaftlichen -Vogelstellers. Meister Unger wurde durch das Mißlingen seiner -Operationen nur um so erpichter, zumal da die Anreizungen von Außen -- -Bestellungen auf gelernte und ungelernte Gimpel -- sich mehrten. Aus -diesen Bestellungen ersah er zugleich, welch' ungeheuern Ruf er erlangt -hatte, und er war nicht der Mann, der gegen solchen Ruf gleichgültig -sein, ihn ohne Schmerz verlieren konnte. Davon, daß viele Aufträge -fingirt, ein bloßes Machwerk Rußbuttenlobels waren, hatte er freilich -keine Ahnung. Statt des halben, legte er sich bald den ganzen Tag auf -seine Lieblingsbeschäftigung; es fehlte wenig, so wäre er ganz hinaus -auf den Vogelherd gezogen. Es war aber Alles umsonst -- das Glück -hatte sich entschieden von ihm gewendet. Dagegen mußte er hören, wie -dem Sacher die »rarsten« Vögel zuströmten und wie dieser bereits im -Besitz einer so zahlreichen Gimpelkapelle sei, wie er selbst sie nie -beisammen gehabt. Da wurde dem Gimpelkönig angst und bang um seinen -Ruhm -- wenn jetzt bei seiner Anwesenheit zu Hause ein städtischer -Besuch kam, versteckt' er sich und ließ sich verläugnen, denn er wußte -nicht, wie er seine Armuth an Sängern beschönigen sollte. Er begann an -Zauberei zu glauben, und als er eine Zeitlang weiter nichts fing, galt -es ihm als ausgemacht, daß sein Vogelherd behext sei -- und wer konnte -der Hexenmeister anders sein, als der in Welschland und Frankreich mit -allen Teufelskünsten bekannt gewordene Sacher? -- Der Hexenmeister war -jedoch Niemand als Rußbuttenlobel, welcher sich im Besitz eines Mittels -befand, wodurch der für die Vögel ausgehängte Köder diesen schon von -Weitem verleidet wurde -- eine feine Essenz, womit Lobel in der Nacht -die Beeren, oder worin sonst der Köder bestand, besprengte und dadurch -die Vögel verscheuchte. - -Mittlerweile machte der Müller aus Neuhahn vergebliche Versuche, -sich bei Frau Unger sowohl, als bei Hannchen in Gunst zu setzen. Ein -goldener Henkeldukaten an schwarzem Sammethalsbande wurde von ersterer -ohne Antwort zurückgeschickt, und eine schwere goldene Halskette -erfuhr bei Hannchen, die eben keine Danae war, gleiches Schicksal. -Herr Kunz, der nicht begriff, wie ein Frauenzimmer blind gegen die -Reize des Goldes sein könnte, argwöhnte ganz richtig, daß doch wohl der -Sacher Heinrich noch zu dem Hannchen schleiche. Er legte sich in den -Hinterhalt, um darüber ins Reine zu kommen, und brauchte nicht lange -zu lauern, um seinen Verdacht bestätigt zu finden. Eine Stunde später -erfuhr Meister Unger auf dem Vogelherd die Schreckenspost, daß der -Mensch, der an all seinem Unglück schuld war, hinter seinem Rücken in -sein Haus »auf die Freiet« ginge. »Der Mensch bringt mich unter die -Erde!« rief der betrogene Vater aus und das Wasser trat ihm in die -Augen vor Zorn und Schmerz. Er kratzte sich hinter den Ohren, raufte -sich die Haare, lief im Vogelherd auf und ab und fragte: »Was soll -ich thun? Den Vogelherd verlassen und nach Hause eilen, dort Ordnung -zu schaffen? Aber wer weiß, mach' ich nicht gerade heute einen guten -Fang? O ich geplagter Mann! Drin in meinem Hause geht's drunter und -drüber und hier hält mich das Geschäft. -- Herzens-Karl-Fried«, redete -er diesen weinerlich an, »jetzt kann ich unmöglich von hier fort -- -Ihr müßt Euch gedulden -- wenn ich nach Hause komme, will ich meinem -Weibsen den Marsch schon machen. Verlaßt Euch auf mich, der Tischler -kommt mir nicht wieder ins Haus!« - -Es giebt keine blindere und verkehrtere Leidenschaft als die -Eifersucht einer aufdringlichen Liebe. Kunz begriff nicht, daß eine -angefochtene Liebe nur heißer und fester wird. Als Meister Unger -am Abend seinem »Weibsen den Marsch machte« und Heinrichs Besuche -in seinem Hause streng untersagte, unterwarfen sich zwar Weib und -Kind dem Verbote; aber die wußten schon, wo sie waren: sie waren ja -»d'rham« in Wellersgrün, im lieben Gebirge, wo verfolgte Liebe überall -Schutz findet, wenn nicht unter dem eigenen Dache, so doch in irgend -einem Nachbarstübchen, oder, wenn es sein muß, draußen im schattigen -Tannenwald. »Ihr werdet einander doch dann und wann sehen,« tröstete -die Mutter ihr Kind, »morgen gehst Du zur Muhme Christliebe zu Rocken, -und wenn früh das Rußbuttenlobel kommt, so steck' ich's ihm, dann -erfährt's Dein Heinrich schon.« - -Die Bestellungen auf Gimpel, welche Meister Unger erhalten und -angenommen hatte, beliefen sich schon auf ein paar Dutzend, und er -hatte noch immer nur seine alten drei Stück. Man kam und mahnte -- er -vertröstete -- aber seine Hoffnungen auf eine Wendung seines Unsterns -schlugen fehl -- er konnte sein Wort nicht halten -- er stand am -Abgrunde seines Ruhmes. Heinrich hatte eine Menge der begehrten Vögel -und zum Theil schon gelernte -- wenn Ungers Kunden davon erfuhren, so -war er »gepritscht«, und Heinrich trat an seine, so lange mit Ehren -behauptete Stelle. Als er eines Abends glücklos wie immer heimkehrte, -kam ihm wohl der Gedanke, es koste vielleicht nur ein Wort bei dem -Tischler, so ließe dieser ihm einen Theil seiner Herde, und er könne -damit seine Ehre retten -- aber dieses Wort zu sprechen, war ihm -unmöglich. Den Abend darauf schüttete er gegen Rußbuttenlobel, dem -er nicht im mindesten mißtrauete, sein ganzes Herz aus. Der schlaue -Wächter unterließ nicht, auf der einen Seite den Ehrgeiz des alten -Voglers gehörig zu streicheln, auf der andern aber Heinrichs Virtuosen -in das glänzendste Licht zu stellen. In der That war es dem jungen -Tischlermeister gelungen, ein paar Gimpel vorzüglich gut abzurichten; -der eine sang sogar zwei Melodieen: »Kommt a Vogerl g'flogen« und -»Hörst Du nicht die Vöglein singen« -- ohne allen Anstoß und mit einer -Richtigkeit des Zeitmaßes, die Unger seinen Sängern nie beizubringen -wußte. Diesen Vogel taufte Rußbuttenlobel den »Steiermärker« und er -hatte es durch seine Beredtsamkeit bald dahin gebracht, daß Meister -Gottfried von Begierde brannte, den »Steiermärker« zu hören, ja wo -möglich zu besitzen. Lobel äußerte jedoch bescheidene Zweifel in -Bezug auf die Erfüllung des letzten Wunsches, dagegen versprach er zur -Erreichung des ersten behülflich zu sein, nur müsse er abwarten, wenn -Heinrich einmal einen Nachmittag nicht zu Hause wäre, da wolle er dem -Meister den Steiermärker auf den Vogelherd bringen. - -Der Nachmittag, wo Heinrich nicht zu Hause war, mußte natürlich bald -kommen, und Rußbuttenlobel zog vergnügt mit dem Käfig, welcher den -Steiermärker beherbergte, hinaus nach Ungers Vogelherd. Der arme Mann -hatte eben wieder einen Schritt näher zum Grabe seines Ruhmes gethan: -er hatte »kein Schwänzel« gefangen und war recht niedergeschlagen, als -Lobel in den Herd eintrat. Dem ehrlichen Boten das Bauer entreißen, -das es verhüllende Tuch wegziehen und den Gimpel nach allen Seiten -betrachten, war eins. Lobel intonirte und der Steiermärker begann. -Lange lange schon war dem Gimpelkönig auf seinem jetzt wackeligen -Throne kein Ohrenschmauß zu Theil geworden, wie in diesem Augenblick. -Es war ihm, als müsse er den Sänger küssen -- er schnalzte mit der -Zunge -- klatschte in die Hände -- er setzte den Vogel vor sich auf die -Bank und kauerte andächtig davor -- am Ende fing er an zu greinen und -sagte: »Mit mir ist's aus -- wenn die Leute dich hören, Steiermärker, -so will kein Mensch von mir einen Gimpel mehr, und ich heiße der -Gimpelkönig nur noch zum Spott! -- Rußbuttenlobel, verschafft mir den -Steiermärker!« - -»Das steht nicht in meiner Macht -- Ihr könnt denken, daß mein Vetter -den Vogel auch gern hat -- ja, ich sag' Euch, er hält ihn wie seinen -Augapfel, und wenn er wüßte, daß ich ihn hier herausgetragen hätte -- -ich käme ins Teufels Küche!« - -»Oho! ich werd' ihn nicht behexen, wie mir der Sacher den Vogelherd -behext hat,« erwiederte Meister Unger. »Lobel! ich bitt' Euch, verhelft -mir zu dem Gimpel da!« - -»Ich will dem Heinrich sagen, daß Ihr --« - -»Nein! nein! er darf nicht wissen, daß +ich+ den Vogel haben will.« - -»Das würde ihm ja doch nicht verborgen bleiben, wenn der Vogel in Eure -Hände käme,« sagte Lobel und versprach alles Mögliche zu thun, um -seinem Vetter den Gimpel feil zu machen. - -Von Stund' an war es um den letzten Rest von des Gimpelkönigs -Seelenruhe geschehen. Der Gesang des Steiermärkers klang ihm in den -Ohren, wo er ging und stand. Daheim, auf dem Vogelherd, auf dem Felde, -überall war es ihm, als hörte er's tönen: »Kommt a Vogerl g'flogen, -setzt sich auf mein'n Hut« -- er träumte wachend und schlafend von dem -niedlichen Sänger. Er fing schon an, den Zwiespalt mit dem Eigenthümer -desselben zu beklagen, begann zu bereuen, daß er ihn beleidigt, -geschlagen, aus dem Hause gewiesen -- ach! wenn es ihm nur möglich -gewesen wäre, dem Beleidigten die Hand zur Versöhnung zu bieten! Wie -sich jetzt herausstellte, war es dem Tischler ja mit dem Verdammen des -Vogelfanges gar nicht so ernst gewesen, als man es aufgenommen hatte -- -jetzt ließ sich schon mit ihm leben -- aber ihm entgegengehen? -- nein --- das wäre eine Erniedrigung gewesen, ein solcher Gedanke durfte nicht -aufkommen. »Wenn nur das Rußbuttenlobel käme!« seufzte der Geplagte, -als er wieder leer vom Vogelherd heimkehrte. - -Rußbuttenlobel kam. - -»Es kann nicht anders sein,« klagte der unglückliche Vogelsteller dem -würdigen Polizeimann, »mein Vogelherd ist behext -- zwei Tage hab' ich -wieder kein Schwänzel gefangen.« - -»Das glaub' ich,« sagte Lobel, »in den letzten zwei Tagen ist mein -Vetter beständig auf seinem Herd gewesen, da konntet Ihr nichts fangen, -Meister Unger!« - -»Wie so? -- sagt mir's, wie so?« - -»So fragt man die Bauern aus, Meister Unger --« - -»Lobel, sagt mir's -- es soll Euer Schade nicht sein -- der Sacher kann -hexen, gelt?« - -Lobel machte eine geheimnißvolle Miene, rückte seine Mütze, kratzte -sich das Hinterhaupt, nahm den Frager beim Arm und flüsterte ihm ins -Ohr: »Versprecht Ihr mir, daß Ihr mich nicht verrathen wollt, Meister -Unger?« - -Dieser schwor »Stein und Bein« und Lobel sagte darauf: »Der Heinrich -hat ein Mittel, alle Vögel eine Stunde im Umkreis an sich zu locken -- -ich weiß nicht, worin es besteht, aber so viel kann ich Euch sagen: die -Kraft liegt im Köder -- die Beeren sind in eine Flüssigkeit getaucht, -deren Bereitung ich vergebens erforscht habe, sonst hätte ich Euch -längst ein Fläschchen davon verschafft --« - -»Um's Himmelswillen, verschafft mir eins!« unterbrach ihn der -leichtgläubige Hörer. - -»Das ist unmöglich, ich müßt' es denn stehlen -- das wäre ein schöner -Streich von einem Polizeimann. Aber hört -- ich weiß einen Weg, Euch -zu helfen. So viel hab' ich nach und nach ausspionirt, daß mein Vetter -vor jedem Fang frische Beeren -- ich glaub', es sind Pfaffenhütle -- -nimmt und sie auf dem Vogelherd selbst zubereitet. Ihr müßt sehen, wie -Ihr solche Beeren in Eure Gewalt bekommt. Der Heinrich bleibt nie wie -Ihr einen ganzen Nachmittag auf dem Herd -- er geht stundenlang davon -weg und wieder hin, wie's ihm gelegen ist. Nun dürft Ihr nur einmal -abpassen, wenn er eine solche Pause macht -- da schleicht Ihr -- ja so, -das geht nicht -- eine Mannsperson und eine verheirathete Weibsperson -darf die Beeren, wenn sie einmal geweiht sind, nicht berühren, sonst -verlieren sie ihre Kraft; es muß eine reine Magd sein, welche die -Beeren nimmt -- und auch nicht zu jeder Zeit darf das geschehen, -sondern nur zum Neumond --« - -»Ich schick's Hannel,« fiel Meister Unger ein. - -»Aber wird die gehen -- wird die ihren Herzensschatz bestehlen?« - -»Ei was! -- so was ist kein Diebstahl, dergleichen kommt unter -Jägersleuten vor. Also zum Neumond, sagt Ihr, muß es geschehen?« - -»Zu keiner andern Zeit -- all solch Hexenwerk will beim Neumond -getrieben sein.« - -»Gut -- wenn haben wir den nächsten Neumond?« - -»Uebermorgen.« - -»Das ist herrlich! Aber wird da der Sacher gerade auf den Vogelherd -gehen?« - -»Und wenn er sonst nie ginge, den Neumond versäumt er nicht. Instruirt -nur's Hannel gut, damit sich's nicht erwischen läßt! Und noch eins, das -ich bald vergessen hätte -- wenn sie hingeht, muß sie stracks nach dem -Herd gehen, darf nicht davor stehen bleiben, sich nicht umsehen und -keinen Laut von sich geben, bis sie bei den Beeren ist, und wenn sie -die hat, muß sie, ohne sich umzusehen, wieder fortgehen. Das schärft -ihr ja recht ein!« - -In der Erwartung des Neumonds und des damit verknüpften Hexenstückleins -schlichen dem Gimpelkönig die Stunden langsam dahin. Er hatte jetzt -für nichts mehr Sinn als für den Köderraub, selbst der Steiermärker -trat etwas in den Hintergrund, doch vergaß er ihn nicht ganz, und -als am Vorabend des verhängnißvollen Tages ein Brief von Leipzig an -ihn kam, worin ein Unbekannter anfragte, ob es wahr sei, was man von -dem wunderbaren Gimpel spräche, der zwei Melodieen mit unerhörter -Virtuosität sänge, und ob dem Herrn Unger -- denn sonst könne doch -Niemand im Besitz eines solchen Wunders sein -- das Thier feil wäre -- -als Meister Unger diesen Brief gelesen, behauptete der Steiermärker -den gleichen Platz mit dem morgenden Abenteuer. Er konnte unmöglich -schlafen -- als Lobel in der Nähe die zehnte Stunde abrief, schlich er -sich hinaus zu ihm und bat ihn, nach dem Abrufen zu ihm zu kommen und -ein Gläschen »Eibenstöcker« mit ihm zu trinken, denn als Krämer führte -er selbst seinen Magentrost im Laden. - -Lobel ließ nicht vergebens auf sich warten. Was die Beiden da mit -einander ausgemacht haben, weiß ich nicht; aber am folgenden Morgen -erschien der Wächter sehr früh bei Heinrich, lachte im ganzen Gesichte -und sagte: »Heinrich, das Eisen ist warm -- nun schmiede zu! Heute oder -nie wird die Komödie aus.« - - -5. - -Nie war der Gimpelkönig seinen Angehörigen milder erschienen, als -am heutigen Tage. Nicht ein einzigesmal ließ er sich als Topfgucker -betreffen, nicht ein einzigesmal keifte er um ein Nichts. Der wackern -Hausfrau widerfuhr das Unglück, daß »der Götzen« in der Röhre anbrannte --- wenn es nun nichts setzt, dachte sie, so geht ein Wunder vor! Aber -der gestrenge Hausherr verlor kein Wort darum, er setzte sich zu -Tische und verschlang seinen Götzen sammt der verbrannten Rinde in -schweigsamer Hast. Das frohe Staunen der Frau und Kinder war groß. - -Eben so groß, aber minder froh war Hannchens Staunen, als nach dem -Essen der Alte sie ersuchte, sich fertig zu machen, daß sie mit ihm auf -den Vogelherd gehen könne. Was sollte sie auf dem Vogelherd? Sollte -sie an einem Geschäft sich betheiligen, das ihr Heinrich sie als ein -Unrecht verabscheuen gelehrt? Sie machte Ausflüchte, aber umsonst; -sie mußte sich entschließen, und ihre Mutter, von Lobel gestimmt, -forderte sie selbst auf, diesmal dem Vater zu willfahren. »Nimm Dein -Handkörbchen mit!« befahl er beim Fortgehen, und dem nachkommend, trat -sie an seiner Seite den Gang an. Aber statt nach dem Gemeindeholz, wo -der väterliche Vogelherd stand, ging es nach dem Hammerwalde. »Dort ist -ja nicht Dein Vogelherd!« sagte sie stehen bleibend. - -»Komm nur!« erwiederte er, »wir machen einen Umweg; dort giebt's viel -Beeren, die mir fehlen, die wollen wir mitnehmen.« Und sie schritten -weiter. »Hannel!« sagte er bald darauf im sanftesten Tone, dessen er -den Seinen gegenüber nur fähig war, »Hannel, Du mußt mir einen Gefallen -thun -- wer weiß, ob ich Dir nicht auch einen thun kann.« - -Hannchen, die einer solchen Sprache aus dem Munde ihres Erzeugers gar -nicht mehr gewohnt war, fühlte sich ganz gerührt dadurch und sagte: -»Ich bin Dir ja immer folgsam gewesen -- nur wegen des Kunz-Karl-Fried -war mir's unmöglich, Dir zu gehorchen -- ach, Vater! dringe mir doch -diesen Menschen nicht weiter auf! ich will auch Alles thun, was Du nur -willst.« - -»Gut, Du sollst Deinen Willen haben, wenn Du den Kunz nun einmal nicht -leiden kannst -- aber laß mich nun auch meinen Willen haben.« - -»Nun?« fragte Hannchen mit erleichtertem Herzen. - -»Geh -- hm -- je nun -- Du sollst mit Deinem Körbchen hinübergehen nach -des Sacher Heinrichs Vogelherd -- siehst Du, dort in der Telle liegt -er -- Dort wirst Du viel Lockbeeren finden -- davon sollst Du mir ein -Körbchen voll holen.« - -»Die Beeren sind aber ja nicht unser.« - -»Das weiß ich wohl -- sie sind dem Sacher -- aber ich muß die Beeren -haben -- wenn Du mir sie nicht holst, so nehm' ich mein Wort zurück und -Du mußt den Kunz-Karl-Fried doch heirathen!« - -Hannchen schrak zusammen. Sie hatte als einfaches gebirgisches -Landmädchen keinen rechten Begriff von der Ausdehnung der väterlichen -Gewalt, daher zitterte sie bei dem Gedanken, daß ihr Vater sie wohl -am Ende ebenso gut zu einer Heirath mit dem ihr verhaßten Bewerber -zwingen, als er seine Einwilligung zur Verbindung mit dem Geliebten -verweigern konnte. In der Angst ihres Herzens gehorchte sie ohne -Weiteres. Ihr Vater versicherte, daß sie nicht zu fürchten brauche, -erwischt zu werden, da der Eigner des Herdes erst vor einer Stunde -heimgegangen sei, schärfte ihr noch Rußbuttenlobels Anweisungen ein -und entließ sie mit den Worten: »Ich verberge mich hier im Gebüsch und -erwarte Dich.« - -Die Entfernung des Sacherschen Vogelherdes von besagtem Gebüsch betrug -nur zehn Minuten; in spätestens einer halben Stunde mußte Hannchen mit -dem Raube zurück sein. Allein es vergingen Dreiviertelstunden und die -Abgesandte ließ sich nicht wiedersehen. Der Alte harrte in fieberhafter -Aufregung -- an dem glücklichen Erfolge des Unternehmens hing sein -Ruf, seine Ruhe, das Glück seiner Tage, wie er wähnte. Von Minute zu -Minute steigerte sich diese Erregung. Er trat von Zeit zu Zeit aus -seinem Versteck und spähete nach der Gegend des Vogelherdes hinüber --- aber Hannchen zeigte sich nicht. Endlich übermannte ihn die Unruhe -seines Herzens -- es litt ihn nicht mehr auf dem Platze -- er mußte -sehen, was aus dem Mädchen geworden. Er zog sich in dem Gebüsche, das -den Hammerwald säumte, langsam und vorsichtig nach dem Vogelherde hin. -Jeden Augenblick, wenn ein Vogel im Gebüsch sich regte, glaubte er, -die Tochter käme, aber er fand sich allemal getäuscht. So gelangte er -in die Nähe des Herdes. Keine Spur von einem Menschen rings zu sehen. -Er kroch auf allen Vieren nah an die Einfriedigung -- es war so still -hier wie auf dem Friedhofe. Nur dann und wann drang das Pfeifen eines -Lockvogels aus der Reisighütte des Vogelherdes. Sollte Hannchen etwa da -drinnen und eingeschlafen sein? Er schlich sich hinan -- es war, als -vernähme er ein Flüstern und Murmeln -- er bog einige Zweige zurück, -um ein Guckloch zu erhalten -- Himmel! welch ein Schauspiel öffnete -sich da seinen Blicken! Da saß sie, die Pflichtvergessene, in den Armen -ihres Buhlen; vor ihr stand das Körbchen, halb gefüllt mit Beertrauben, -während eine Menge dergleichen auf Heinrichs Schooß lag. Andere hielt -er in seiner Linken -- aber was that er damit? Er zählte die Beeren -daran -- »fünfundzwanzig,« schloß er halblaut -- »also weiter, mein -Kind! fünfundzwanzig Küsse als Lösegeld!« -- Und die Gefangene? Da -hält sie das Mäulchen hin und zahlt, zahlt so prompt, wie es nur auf -der Wechselbank geschehen kann. Fünfundzwanzig baare Küsse zählt der -erstaunte Vater, dann sieht er, wie die Zahlerin die Traube lächelnd -nimmt und sie in das Körbchen wirft -- mithin hat sie alle Trauben, die -darin liegen, mit solcher Münze ausgelöst! Und weiter muß er sehen, wie -Heinrich schon wieder eine andere Traube ergriffen hat und daran zählt --- also soll es so fortgehen, bis alle Beeren ins Körbchen gewandert -sind? Welch Vaterauge könnte das mit ansehen? - -»Was ist das?« ruft Meister Unger in die Scene hinein und steht einen -Augenblick später zürnend vor dem auseinandergeprallten Paare. Wehe! -welch' ein Wetter wird nun über die Erschrockenen hereinbrechen? -- -Doch horch! welch ein Tönen dringt an das Ohr des Ergrimmten und -schmeichelt sich weich und lieblich in seine innerste Seele hinein? -»Kommt a Vogerl g'flogen«, singt der Steiermärker zur Seite seines -Herrn -- wie bezaubert steht der Gimpelkönig da, und lauscht und -lauscht, vergißt Vaterzorn und Kindesungehorsam und hat nur Augen und -Ohren für den kleinen Sänger. Und wie dem ersten Stücklein gar das -andere folgt: - - »Hörst du nicht die Vöglein singen - Abends von der Donau her, - Wie sie dir die Botschaft bringen - Daß mein Herz nicht läßt von dir!« - -da wird er so gerührt, so von Entzücken hingerissen, daß es ein Blinder -wahrnehmen möchte, geschweige denn die scharfsichtige Liebe. Kaum hatte -der Steiermärker ausgesungen, so ergriff Heinrich den Käfig und reichte -ihn dem Lauschenden mit den Worten: »Nehmen Sie den Vogel, Meister -Unger; er war längst für Sie bestimmt und alle meine Vögel sollen Sie -haben -- seien Sie nur wieder gut mit mir!« Und Hannchen warf sich an -die Vaterbrust und bat mit für den Geliebten und für sich selbst: »Du -siehst, ich that Deinen Willen, aber ich wurde ertappt, und da ich Dir -für mein Leben gern die Beeren verschaffen wollte, an denen Dir so viel -gelegen schien, so unterwarf ich mich der Bedingung, unter welcher ich -sie allein retten konnte: ich löste sie aus.« - -»Und das ist Dir gewiß nicht sauer geworden, Du Taubenschnabel!« fiel -ihr der Alte ins Wort. Dann wendete er sich an Heinrich: »Er will mir -den Steiermärker wirklich lassen?« fragte er. - -»Den Steiermärker sammt meinem ganzen Reichthum an Gimpeln.« - -»Und was will Er dafür haben?« - -»Für Geld sind mir die Vögel nicht feil -- schenken Sie mir Ihre -Freundschaft!« - -Das war für den Gimpelkönig zu viel. Er fühlte, wie schwer er den -jungen Mann gekränkt hatte -- und doch schenkte derselbe ihm jetzt den -unschätzbaren Steiermärker -- solche Großmuth hätte einen Botokuden -rühren müssen -- er richtete sich in die Höhe und sagte: »Von einem -fremden Menschen kann ich kein Geschenk nehmen, Meister Sacher.« - -»O so lassen Sie das Fremdsein zwischen uns aufhören -- machen Sie mich -zu einem Gliede Ihrer Familie -- zu Ihrem Sohne!« - -Hannchen umschlang mit dem Bittenden zugleich den mit seinem Ausspruch -Zögernden -- da trat das bis jetzt versteckt gebliebene Rußbuttenlobel -leise hinter ihn, intonirte, und der Steiermärker sang: »Hörst Du nicht -die Vöglein singen.« Da war von einem längern Widerstande gegen die -Bitten der Liebenden keine Rede. - -»Wenn Ihr denn durchaus nicht voneinander lassen könnt, so habt Euch in -Gottes Namen!« sprach der Alte, drängte die Glücklichen von sich weg -und schloß dafür den Vogelbauer mit dem Steiermärker in seine Arme. - -»Wann soll ich Euch denn die andern dreißig Vögel bringen, Meister -Unger?« fragte Rußbuttenlobel vortretend. - -»Ihr auch da, Lobel?« rief der Gefragte. - -»Ja,« sagte Lobel; »ich hatte Lunten, daß hier 'was Polizeiwidriges -im Werke wäre, und da gehörte ich auf den Plan. Ich bin nur froh, daß -Alles so abgelaufen ist, denn es ist ein traurig Amt, der Gerechtigkeit -in die Hände zu arbeiten, viel lieber schanz' ich der Geistlichkeit -'was zu.« - -Den andern Tag erfuhr ganz Wellersgrün und auch die Neuhahner Mühle -durch die getreue Dorfpost die unerwartete Kunde von der Aussöhnung -der Meister Gottfried und Heinrich und des Letzteren Verlobung mit -Hannchen. Der Verlobung folgte bald die Hochzeit, und als Heinrich -im Besitze seines Schatzes war, ließ er nicht nur seinen Vogelherd -wieder eingehen, sondern bekämpfte auch aufs Neue, jedoch mit mehr -Behutsamkeit und Mäßigung, als jenen Sonntag, die Leidenschaft seiner -Heimathgenossen für den Vogelfang. Der Schwiegervater wurde leichter, -als sich erwarten ließ, durch die Großvaterfreuden bekehrt, und wenn -ihm auch der Steiermärker, so lange er lebte, schon als Vermittler -dieser Freuden lieb und werth blieb, so war sein Vogelherd doch bei -der Taufe seines fünften Enkels bereits verfallen, und es kam ihm fast -wie eine alte Sage vor, daß es einst in Wellersgrün einen Gimpelkönig -gegeben und daß dieser Niemand anders gewesen als er selbst. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - Wiederholte Anführungszeichen in Folgeabsätzen bei gleichem - Sprecher wurden entfernt. - - Korrekturen: - - S. 50: Pohlwassers → Pöhlwassers - einem wasserreichen Nebenbach des {Pöhlwassers} - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Erzgebirgische Geschichten. Erster Band, by -August Peters - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERZGEBIRGISCHE GESCHICHTEN. *** - -***** This file should be named 56045-0.txt or 56045-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/6/0/4/56045/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This transcription was produced from -images generously made available by Bayerische -Staatsbibliothek / Bavarian State Library.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License (available with this file or online at -http://gutenberg.org/license). - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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Band), by Elfried von Taura. - </title> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; -} - -.chapter { - page-break-before: always; -} - -h1, h2, h3 { - text-align: center; /* all headings centered */ - clear: both; -} - -.h2 { - text-indent: 0; - text-align: center; - font-size: x-large; -} - -p { - margin-top: 1ex; - margin-bottom: 1ex; - text-align: justify; - text-indent: 1em; -} - -.noind { - text-indent: 0; -} - -.p2 {margin-top: 2em;} - -hr { - width: 33%; - margin-top: 2em; - margin-bottom: 2em; - margin-left: 33.5%; - margin-right: 33.5%; - clear: both; -} - -hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%; } - -.pagenum { - position: absolute; - left: 90%; - width: 8%; - font-family: sans-serif; - font-style: normal; - font-weight: normal; - font-size: small; - text-align: right; -} /* page numbers */ - -.pagenum a { - color: gray; -} - -.letter { - margin-left: 5%; - margin-right: 5%; -} - -.toc { - margin-left: 15%; -} - -.center { - text-align: center; - text-indent: 0; -} - -.right { - text-align: right; -} - -.smaller { - font-size: smaller; -} - -.antiqua { - font-family: sans-serif; - font-style: normal; - font-size: 95%; -} - -.gesperrt { - font-style: italic; -} - -/* Images */ -img { - max-width: 100%; - height: auto; -} - -.figcenter { - margin: auto; - text-align: center; -} - -/* Footnotes */ -.footnotes {border: dashed 1px;} - -.footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;} - -.footnote .label {position: absolute; right: 84%; text-align: right;} - -.footnote p { - text-indent: 0; -} - -.fnanchor { - vertical-align: top; - font-size: 70%; - text-decoration: none; -} - -/* Poetry */ -.poem { - margin-left:10%; - margin-right:10%; - text-align: left; -} - -.poem br {display: none;} - -.poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} - -.poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} - -p.drop:first-letter { - font-size: 150%; -} - -/* Transcriber's notes */ -.transnote { - background-color: #E6E6FA; - color: black; - font-size:smaller; - padding:0.5em; - margin-bottom:5em; -} - -.transnote p { - text-indent: 0; -} - -.corr p { - margin-left: 2em; - text-indent: -1em; -} - </style> - </head> -<body> - - -<pre> - -Project Gutenberg's Erzgebirgische Geschichten. Erster Band, by August Peters - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Erzgebirgische Geschichten. Erster Band - -Author: August Peters - -Release Date: November 25, 2017 [EBook #56045] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERZGEBIRGISCHE GESCHICHTEN. *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This transcription was produced from -images generously made available by Bayerische -Staatsbibliothek / Bavarian State Library.) - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt. -Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>. -Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich -am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p> -</div> - -<div class="chapter"> -<h1>Erzgebirgische Geschichten</h1> -<p class="center"> -von</p> -<p class="h2">Elfried von Taura,</p> -<p class="center smaller"> -Verfasser von: »Die stille Mühle« etc. etc.</p> -<div class="figcenter"> -<img src="images/signet.png" alt="Signet" /> -</div> -<p class="center"> -Erster Band.</p> -<p class="center p2"> -<b>Hannover.</b></p> -<p class="center"> -Carl Rümpler.<br /> -1858. -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center">Druck von August Grimpe in Hannover.</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h2 id="Inhalt">Inhalt.</h2> - -<div class="toc"> -<p><a href="#Brettschneiderfritz">Bretschneiderfritz.</a></p> -<p><a href="#Die_Fundgrube">Die Fundgrube Vater Abraham.</a></p> -<p><a href="#Der_Gimpelkoenig">Der Gimpelkönig.</a></p> -</div> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-chapter.png" alt="Dekoration" /> -</div> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1">[1]</a></span></p> - -<h2 id="Brettschneiderfritz">I.<br /> -Bretschneiderfritz.</h2> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span></p> - -<h3>1.</h3> -</div> -<p class="drop">Hoch auf dem Plateau des Erzgebirges, in der -nordöstlichen Nachbarschaft des Keilberges, erhebt -sich, weit nach Mitternacht und Morgen sichtbar, -die rautenförmige Basaltkegelgruppe des Bärenstein, -Scheibenberg, Pöhlberg und Haßberg. Es -ist ein Raum von wenig Geviertstunden, den sie -umschließt, aber ein Raum voll landschaftlicher -und menschlicher Contraste. Die üppigsten Wiesengründe -wechseln mit kahlen Bergkuppen und hochgethürmten -Felsen, die herrlichsten Tannenwälder -mit den traurigsten Torfmooren, die belebtesten, -von bienenfleißigen Menschen wimmelnden Gegenden -mit menschenleeren Wüstungen und die abgeschliffensten, -auf der Höhe der Civilisation stehenden -Stadtbewohner mit Gemeinden, die noch um Jahrzehente -hinter jenen zurück sind. Tiefer als die -Kluft, welche die Gegensätze der Bildung scheidet,<span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span> -kann das tiefe Thal nicht sein, welches die ganze -Fläche in zwei Hälften scheidet, eine östliche und -westliche. Aber von welchen Gegensätzen wüßte -der Bach zu erzählen, der das Thal bald sanft, -bald wild durchströmt, wenn wir ihn fragen -wollten! Es genügt hier zu wissen, daß er in -seinem obern Lauf die Grenze zweier Staaten und -zweier Kirchengebiete bildet, daß er anfangs durch -ein flaches Wiesenthal, dann durch ein enges, tiefes, -felsiges Waldthal und endlich durch das tiefe -und weite Thal von Königswald fließt. Da wo -der schöne Bach die Grenze eines der augenfälligsten -landwirthschaftlichen Contraste überschreitet, an der -untern Oeffnung des erwähnten Waldthales, bespült -er den Garten einer Försterei und treibt -unterhalb derselben eine Mahl- und Sägmühle, -oder, wie man hierzuland sagt, Bretmühle.</p> - -<p>Es wird mir weh ums Herz, so oft ich an -diese Bretmühle denke. Denn immer muß ich da -auch an den armen Bretschneiderfritz denken, der -einst dort lebte und, wiewohl er fast nie aus dem -Thal gekommen, mehr erlebte als manches Menschenkind, -das die halbe Welt am Wanderstabe durchmessen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span></p> - -<p>Wenn ich so um zwanzig Jahre in meiner -Erinnerung zurückgehe, was war da der Bretschneiderfritz -von Königswald für ein Mann! Alt -und Jung hatte ihn gern und ehrte ihn als Einen, -der sein Fach verstand und auch noch etwas mehr, -der dabei ein rechtschaffen Stück Geld verdiente -und »lebte und leben ließ.« Zwar der Förster -drüben über dem Bach war nicht ganz gleicher -Meinung mit den Königswaldern, denn er hatte -den Fritz im Verdacht, daß er um die schönen -Stämme und Klötze wisse, die von Zeit zu Zeit -aus dem Theile des Reviers verschwanden, welcher -mit dem Pöhlwasser zunächst der Bretmühle »raint«. -Er konnte jedoch nichts auf ihn bringen, und so -blieb Fritzens Ansehen bei den Königswaldern ungeschmälert. -Er war kein Jüngling mehr, denn -er hatte bereits in den Zwanzigern nichts mehr zu -suchen, doch war er noch immer ein Junggeselle. -Nicht als ob es ihm an Gelegenheit zum »Freien« -gefehlt hätte! In Königswald mangelt es so wenig -als anderwärts an heirathslustigen Jungfern, und -da der Fritz ein »feiner Bursch« war, so hätte mehr -als eine und nicht die schlechteste mit beiden Händen -zugegriffen, wenn er gesagt hätte: »Nimm<span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span> -mich!« Aber unser Fritz war ein wenig wählerisch -und zuletzt gab es nur Eine in Königswald, der -er Herz und Hand schenken mochte, das war -<em class="gesperrt">Kordel</em>, die Mündel seines Brodherrn, des -Müllers.</p> - -<p>Da hatte es nun so seinen besondern Haken, -daß Fritz mit seinem Werben nicht recht vom -Flecke kam. Nicht als ob er dem Mädchen nicht -angestanden hätte, im Gegentheil, sie hatte deß vor -ihren Freundinnen gar keinen Hehl, daß sie den -Fritz gern habe; aber dieser war so bis über die -Ohren in sie verliebt, daß er nicht wußte, wie er -an sie kommen sollte. Das Mädchen hatte so sein -eigenes Köpfchen, was sie von allen schönen Königswalderinnen -unterschied: wie sie immer etwas -Apartes vor diesen haben mußte, sei es nun an -ihren Kleidern oder in der Art, wie sie das üppige -kastanienbraune Haar scheitelte und aufsteckte, so -wollte sie auch von den Männern anders genommen -sein, wie jene, namentlich wollte sie dem Mann -ihrer Wahl keinen Schritt entgegengehen, woran -es die andern jungen Königswalderinnen keineswegs -fehlen ließen. Dem Bretschneiderfritz machte Kordel's -zurückhaltendes Wesen viel Herzensnoth, und<span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span> -in dieser verfiel er auf einen Weg, auf den er am -allerwenigsten hätte verfallen sollen: er entdeckte -sich dem Müller und bat ihn um seine Fürsprache. -Der Müller sagte ihm ihre Hand ohne Weiteres -zu, gerade als ob er als Vormund nur so mir -nichts dir nichts über ein freies Menschenwesen -hätte verfügen dürfen. Es war ihm indeß mit -seiner Zusage gar nicht so ernst, wie er that, wenigstens -schob er ihre Erfüllung auf die lange -Bank, und das war Fritzens Unglück.</p> - -<p>In Königswald hieß es schon lange, daß Fritz -und Kordel auf dem Punkte ständen, ein Paar zu -werden; da fehlte es denn wie gewöhnlich nicht an -spitziger Neckerei, noch an neidischer Afterrede. -Wäre das Gerücht wahr gewesen, so hätte sich -Kordel aus Beidem nichts gemacht, aber da die -Sache noch im weiten Felde stand, Fritz noch kein -Sterbenswörtchen von Liebe und Heirath zu ihr -gesagt hatte, so verdroß es sie, so »in der Leute -Mäuler herumzugehen«, und sie wurde dem Fritz -fast böse, daß er das Gerücht vom Brautstand veranlaßt -und doch nicht wahr machte. Als es ihr -gar zu bunt ward, meinte sie, sie wolle dem Gerede -bald ein Ende machen; es müsse ja der Fritz<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span> -nicht sein; es gäbe der Bursche noch genug in der -Welt, und der erste Beste, der sie haben wolle, -und der ihr gefalle, solle sie heimholen. – »Ja« -– mußte sie aber dann lächelnd einwenden – -»wenn nur erst Einer käme, so »fein wie der Fritz« -oder »noch a Bissel feiner.« – »Je nun« – -raisonnirte der Trotzkopf, sich stolz in die Höhe -werfend, weiter – »wer weiß, es kann morgen -Einer kommen.«</p> - -<p>Es war eines Sonntags, als sie aus der -Kirche kam, wo sie dieses Selbstgespräch hielt, und -sie war dazu durch die Neckerei ihrer Freundinnen -auf dem Kirchhof veranlaßt worden. Ihr Weg -führte sie an ihrem von den Eltern ererbten Häuschen -vorüber, welches jetzt eine alte Muhme bewohnte, -die als Sibylle von Königswald bei allen -jungen Mädchen, verliebten Burschen, wie lottospielenden -Weibern und Männern des Ortes in -hohem Ansehen stand. Kordel fand sich bei den -letzten Worten ihres Selbstgesprächs gerade vor -ihrem Besitzthum; was war bei der Richtung ihrer -Gedanken natürlicher, als daß sie hineinging, die -»Muhme Beate« zu fragen, was für ein Mann -ihr beschieden wäre. Die Alte empfing ihre jugendliche<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span> -Hauswirthin mit zuvorkommender Dienstwilligkeit -– ihr sibyllinisches Buch aus zweiunddreißig -Blättern lag auf dem Tisch, eh' Kordel ihren -Wunsch noch ausgesprochen hatte. Richtig! da -war es ja ganz offenbar: ihr war »ein junger, -schöner Herr in einem grünen Rock« beschieden, -nicht aus Königswald, sondern weit, weit her – -aus Leipzig oder Dresden, wo nicht gar aus -Bautzen;« er war bereits unterwegs und eh' -drei Tage vergingen, konnte sie ihn schon gesehen -haben.</p> - -<p>Es soll mich wundern, wenn Kordel an diesem -Abend so geschwind eingeschlafen ist, wie sonst, und -wenn sie nicht von dem Grünrock geträumt hat. -Der Montag verging, ohne daß er ihr den Verheißenen -vor die Augen brachte, so oft sie auch -zum Fenster hinaussah oder sich im Hofe, im Garten -und auf der Wiese zu thun machte. Aber sonderbar -– Abends beim Essen erzählte der Müller, -daß beim Förster drüben ein neuer Gehülfe angekommen -sei, ein »kreuzfideler Kauz«, mit dem er -auf dem Weiperter Blechhammer einen so vergnügten -Nachmittag zugebracht habe, wie lange -keinen. Kordel wurde roth bis in den Nacken,<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span> -und diese Nacht träumte sie wirklich von einem -Grünrock.</p> - -<p>Am andern Morgen litt es sie nicht im Hause; -kaum hatte sie ihren Kaffee getrunken, so nahm sie -Sense und »Wetzkitze« und eilte auf die Wiese, -die der Pöhlbach vom Garten des Försters trennte, -dort zu mähen. Denn der Müller hielt sie nicht -zum Staat in seinem Hause, sondern ließ sie ihr -Brod ordentlich verdienen. Sie hatte kaum zwei -Schwaden nieder, da horch! – so etwas hatte sie -noch nie gehört, – aus dem offenen Giebelfenster -des Forsthauses sang eine Tenorstimme, gegen -welche die des Kantors nur heiseres Gekrächze -war, das schöne Lied: »Es blies ein Jäger wohl -in sein Horn – trarah – trarah – trarah etc.« -Das Mädchen vergaß gar das Mähen über den -wunderholden Tönen, und die Empfindungen, -welche Text und Melodie athmen, strömten in -solchen Schauern durch ihre Brust, daß diese das -fesselnde Mieder zu zersprengen drohte.</p> - -<p>Auch den Bretschneider lockte der ungewohnte -Sang an sein Fensterlein, das nach dieser Seite -herausgeht, und wie ihm wurde, als er sein Lieb -nur fünfzig Schritte von dem Forsthause auf ihre<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span> -Sense gelehnt in Zuhören versunken sah, das will -ich Niemand sagen. Aber es sollt' ihm noch -schlimmer werden. Denn das Lied war kaum zu -Ende und Kordel hatte kaum die Sense wieder in -Bewegung gesetzt, da kommt ein schlanker grünrockiger -Gesell mit fliegenden schwarzen Locken zum -Forsthause heraus, setzt wie ein Hirsch über den -Bach und ist wie der Blitz an Kordel's Seite.</p> - -<p>»Guten Morgen, Jungfer Nachbarin!« grüßte -der Wildfang. – »So schöne Gelegenheit, Unterricht -in der Landwirthschaft zu erhalten, finde ich -im Leben nicht wieder; da muß ich gleich Stunde -nehmen. Ich bitte!« Und damit nimmt er die -Sense aus der Hand des erglühenden und bebenden -Mädchens.</p> - -<p>»Ach, verzeihen Sie!« fährt er zu sprechen fort. -– »Ich habe Sie erschreckt – dictiren Sie mir welche -Strafe Sie wollen, und zürnen Sie mir nicht!«</p> - -<p>»Geben Sie mir meine Sense!« stammelte das -verlegene Kind.</p> - -<p>»Warten Sie nur einen Augenblick!« versetzte -der kecke Mensch. – »Wenn Sie mir böse sind, -so muß ich Ihren Vater, das fidele Haus, rufen, -daß er meinen Advocaten bei Ihnen mache.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span></p> - -<p>»Der Müller ist nicht mein Vater«, versetzte sie, -»sondern nur mein Vormund.«</p> - -<p>»So vertritt mein alter Freund von gestern -also doch Vaterstelle bei Ihnen. Wie ist es, muß -ich mir seinen Beistand erbitten, oder verzeihen Sie -mir so?«</p> - -<p>»Ich habe ja nichts zu verzeihen.«</p> - -<p>»Wohlan, Ihre Hand! O welche allerliebste -kleine Hand! Man sollte nicht meinen, daß sie -solche Arbeit verrichten könnte.«</p> - -<p>»O Sie sollen gleich sehen, ob sie's kann; geben -Sie mir nur die Sense!«</p> - -<p>Er behielt sie jedoch und schickte sich an, eine -Schwade zu hauen.</p> - -<p>»Um Gotteswillen!« schrie das Mädchen, ihm -in den Arm fallend, »so hauen Sie sich ja die -Zehen weg.« Und nun nahm sie die Sense und -zeigte ihm, wie man sie führen müsse.</p> - -<p>Dem Allen mußte der gute Bretschneider von -seiner Bretmühle aus zusehen, und ihm war, als -ob die kreischende Säge hinter ihm mitten durch -sein Herz schnitt. Jetzt – das sah er ein – -war es die höchste Zeit, sein Schäfchen ins Trockene -zu bringen, sonst war es für ihn verloren. Er<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span> -eilte stracks hinüber in die Mühle, um mit seinem -Herrn ein ernstes Wort über die Heirathsangelegenheit -zu reden. Leider war der Müller ausgegangen -und Fritz mußte sich gedulden bis Mittag. Als -er wieder über den Hof ging, begegnete ihm die -von der Wiese zurückkommende Kordel. Er sah -sie mit einem traurigen und doch so innigen Blick -an, daß er ihr durch die Seele drang. Jetzt hätte -er dreist sein und sein ganzes Herz vor ihr bloß -legen sollen; gewiß, sie hätte ihm nicht widerstanden, -und wenn sie einmal Ja gesagt, da wäre sie -ihm auch treu geblieben, und es wäre ganz anders -geworden mit dem armen Fritz – aber auch mit -ihr. Allein er seufzte blos, und ging zu seiner -Säge – mit der konnte er um die Wette seufzen.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span></p> - -<h3>2.</h3> -</div> - -<p>Am Mittag, gleich nach dem Essen, als Kordel -bereits wieder draußen herumwirthschaftete, zog Fritz -den Müller mit sich auf die Bretmühle. Wie bekannt -hat jede Schneidemühle ein Souterrain, in -welchem sich die Radstube befindet. Dort häufen -sich auch die von oben herabfallenden Sägespäne -auf. Es mußte sich gerade treffen, daß Kordel, -um dergleichen Späne einzufassen, sich in der Radstube -befand, als Fritz und der Müller oben ankamen -und sich auf den vor der Säge liegenden -Klotz setzend, ein Gespräch begannen, in welchem -das Mädchen fast das erste Wort war. Kordel -war bestimmt nicht die Neugierigste ihres Geschlechtes, -aber in diesem Falle konnte es ihr Niemand -verargen, wenn sie sich nahe herbeischlich und -sich hütete, ihre Anwesenheit zu verrathen. Der -Bretschneider machte dem Müller Vorwürfe, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span> -er sein Versprechen bis heute nicht erfüllt hatte. -Der Müller entschuldigte sich damit, daß es noch -immer nicht habe passen wollen, fügte aber hinzu, -daß er dem Fritz diesen wichtigen Dienst nur um -einen Gegendienst leisten könnte. Auf Fritzens Befragen, -was für Einer das wäre, antwortete der -Müller:</p> - -<p>»Das kann Er sich schon denken, Fritz! Er soll -mir zu meinem Eigenthum verhelfen, den achtzehn -Fichten oben an der Waldecke hinter der Mühle.«</p> - -<p>Fritz kratzte sich hinter den Ohren und sagte -kein Wort.</p> - -<p>»Er meint doch nicht, es wäre ein Unrecht,« -fuhr der Müller fort, »wenn wir die Fichten -holen? Sie gehören mir von Rechtswegen; der -Boden, worauf sie stehen, gehört zu meiner -Mühle; der frühere Förster hat bei Lebzeiten -meines Schwiegervaters die Grenzsteine verrückt -und so die schönen Fichten, wie er keine auf seinem -Revier hatte, an den Staatswald gebracht.«</p> - -<p>»Warum suchen Sie denn Ihr Recht nicht?« -fragte Fritz.</p> - -<p>»Red' Er mir nicht von Rechtsuchen dem Fiskus -gegenüber!« versetzte der Müller. »Soll ich mich<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span> -um die Mühle prozessiren? Er weiß doch, wie es -den Grumbachern geht, die nun seit funfzig Jahren -wegen des Streitwaldes mit dem Fiskus im Proceß -liegen. Fritz – sei Er nicht wunderlich! Es ist -ja keine Gefahr bei der Sache. Der neue Forstgehülfe -ist auf dem Revier noch unbekannt, auch -bin ich bereits gut Freund mit ihm und will ihn -schon lenken.«</p> - -<p>Fritz schüttelte den Kopf und sagte: »Mit dieser -Sache möcht' ich nicht gern zu schaffen haben.«</p> - -<p>»So hab' ich auch nichts mit Seinen Absichten -auf die Kordel zu schaffen und ich gebe sie, wen -sie sonst will.« Damit erhob sich der Müller und -ließ den armen Fritz in der traurigsten Stimmung -sitzen.</p> - -<p>Kordel hatte von dieser Unterredung nicht ein -Wort verloren. Sie vergaß die Sägspäne vor -Zorn über den Vormund, daß er sie um achtzehn -Fichten verkuppeln wollte und auch über den Fritz, -daß er sich mit seiner Werbung an den Vormund -statt an sie selber gewendet hatte.</p> - -<p>Ihr Groll gegen den Vormund milderte sich -indeß schon am Abend; denn da brachte er den -Forstgehülfen mit nach Hause. Dieser hatte jetzt<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span> -seinen grünen Anzug durch einen Tirolerhut vervollständigt, -der ihm verwegen auf dem rechten -Ohre saß. Statt Büchse und Waidtasche trug er -ein weit friedlicheres Instrument am Arme: eine -Guitarre, auf der er im Schreiten über die Hausflur -bis in die Mitte der Stube einen Marsch -spielte, zum Ergötzen der Müllerin und des gesammten -Hausgesindes, nur nicht des Bretschneiders. -Der ärgerte sich über die Musik dermaßen, -daß er mit einer verteufelten Unmusik gegen sie -ins Feld rückte: er nahm die Feile zur Hand und -fing an, die Säge in einer Weise zu schärfen, daß -es über eine halbe Stunde weit schrillte. Da -konnte der Jäger allerdings nicht spielen und singen, -weshalb die Müllerin hinausrannte und dem Fritz -das Schärfen untersagte.</p> - -<p>Der Forstgehülfe war in der That ein Sänger, -wie ihrer nicht viele in grünen Pikeschen umherlaufen. -Hätt' er nur einen bessern Gebrauch von -seiner schönen Gottesgabe gemacht. Die gute Kordel -hatte gar keine Ahnung, was für ein Springinsfeld -der dunkellockige Sänger war, sonst hätte -sie seinen schmeichelnden Tönen nicht so freien Eingang -in ihr Herz gestattet, wie es schon am Morgen<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span> -der Fall gewesen war und noch weit mehr diesen -Abend geschah. Und diesem Abend folgten noch -andere, ja, einen wie den andern stellte sich der -Jäger ein, und eh' die Woche um war, fand er -sich in der Mühle wie zu Hause, und Kordel's -Herz hing wehrlos in seinem aus Gluthblicken und -Tönen gewobenen Liebesnetz.</p> - -<p>Um den Bretschneiderfritz war es geschehen. -Am Sonntage mußte er sehen, wie Kordel in Begleitung -des Müllers und des Grünrocks in »das -Gericht« zu Tanze ging. Da fuhr die Hölle in -sein Herz, und wie er ihnen nachsah, ballte er seine -Faust und sprach: »Warte, du Tagedieb, dich will -ich bald aus meinem Gehege vertreiben.« Darauf -zog er sich an und ging ebenfalls in das Gericht.</p> - -<p>Der Bretschneiderfritz war kein Säufer, und -Niemand in ganz Königswald konnte auftreten und -sagen, er habe ihn ein einziges Mal betrunken gesehen; -heute betrank er sich, und das Bißchen Verstand, -welches der Teufel der Eifersucht ihm noch -gelassen, das trieb der Schnapsgeist vollends aus. -Zwar war er nicht so voll, daß er taumelte, als -er sich vom Müller bereden ließ, aus der Schänkstube -hinauf in den Tanzsaal zu gehen, aber wer<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span> -ihn kannte, sah, daß das Thier in ihm jetzt die -Oberhand hatte. Die Kordel sah es ihm gleich -an, als er auf sie zukam, und obschon sie nicht -wagte, ihm den Tanz abzuschlagen, so riß sie sich -doch gleich von ihm los, als er sie fest an sich -riß, daß es ihr den Athem versetzte. Er wollte -sich ihrer wieder bemächtigen, aber sie stieß ihn mit -solcher Heftigkeit von sich, daß er zu Boden taumelte. -Der Müller hob ihn auf und führte ihn -fort, während Kordel sich unter den Schutz des -Forstgehülfen flüchtete.</p> - -<p>»Herr!« sprach Fritz zum Müller, als sie wieder -nach der Schänkstube gingen, »wollen Sie die -Fichten noch haben?«</p> - -<p>»Er holt sie mir doch nicht,« erwiederte der -Müller kühl.</p> - -<p>»Ich hole sie – heute Nacht noch fang' ich -an. Geben Sie auf die Kordel Acht und halten -Sie den Försterburschen auf!«</p> - -<p>»Verlaß Er sich auf mich!« sagte der Müller, -worauf Fritz, ohne noch ein Wort zu sagen, davon -eilte.</p> - -<p>Der Forstgehülfe ließ sich nur zu gern halten, -weniger durch das Zureden des Müllers, als durch<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span> -den Zauber, den Kordel auf ihn übte. Es graute -schon der Tag, als die drei Nachtschwärmer in die -Mühle zurückkehrten. Der Forstgehülfe hängte sein -Gewehr über, das er hier eingelegt hatte, nahm -mit einem Kusse von Kordel Abschied und eilte -dem Walde zu, um da nachträglich seine Pflicht -zu erfüllen. Als er aber an ein wunderheimliches -Plätzchen kam, wo ein von jungen Tannen beschatteter -schwellender Mooshang zum Ruhen einlud, -meinte er, es sei Eins besser als das Andere, -legte sich und schlief ein. Erst als die Mittagssonne -durch eine Oeffnung des dichten Gezweiges -ihm ins Gesicht schien, erwachte er, und da mußte -es sich noch schicken, daß ihm zwei Weiber mit -schwergeladenen Holzkörben in den Weg kamen, -gegen die er das Interesse des Staates durch -Pfänden und Aufschreiben der Namen wahren -konnte. Glücklich, zwei schneidende Beweise seines -Diensteifers – eine Handsäge und ein Beil – dem -Prinzipal überliefern zu können, betrat er das -Forsthaus – aber mit einem »Hol' Sie der Henker -mit Ihrem Bettel da!« wurden ihm die Pfänder -von dem erzürnten Förster vor die Füße -geworfen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span></p> - -<p>»Bei Ihnen heißt es wohl auch: Die kleinen -Diebe hängt man, die großen läßt man laufen?« -fuhr der Förster fort; »hätten Sie lieber aufgepaßt, -daß man nicht die drei schönsten Fichten im -Walde gestohlen hätte, als daß Sie auf ein paar -alte Weiber mit Kaffeeholz fahndeten. Wenn Sie -sich noch eine solche Nachlässigkeit zu Schulden -kommen lassen, so sind wir auf der Stelle geschiedene -Leute. Von heute an inspiciren Sie lediglich -den Kriegwald, und da haben Sie Acht auf die -Bretmühle, denn irre ich nicht, so haust dort unser -Dieb, obgleich eine genaue Haussuchung in allen -Ställen und Schuppen der Mühle nicht das Geringste -ergeben hat.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span></p> - -<h3>3.</h3> -</div> - -<p>Als der Gehülfe am Nachmittage den Platz besah, -wo in der Nacht die stattlichen Bäume verschwunden -waren, wurde es ihm gleich klar, daß -dieselben nicht gut anders wohin als in die Mühle -gewandert sein konnten. Sicher aber war der -Müller unschuldig daran, denn wie sollte ein so -bemittelter Mann Holz stehlen? Er ließ sich daher -durch den Vorfall nicht abhalten, gegen Abend -wieder in die Mühle zu gehen und eine Blumenlese -theils verliebter, theils lustiger Lieder zum Besten -zu geben. Länger aber als bis es finster geworden -war, ließ er sich diesmal nicht halten, sondern -er ging an seinen Posten, schwörend, daß -wenn die Diebe heute kämen, sie ihren Mann finden -sollten. Sie kamen aber nicht, und auch die -folgende Nacht nicht, noch die dritte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span></p> - -<p>In der vierten Nacht meinte der junge Forstwart, -es sei doch eine Thorheit, da umsonst und -nichts im kühlen Forst die halbe Nacht hindurch -zu wachen, statt mit dem nettesten Mädchen, das -je an eines Waidmanns Brust gelegen, zu kosen. -Er ging zwar wie gewöhnlich um neun Uhr aus -der Mühle fort und hinauf in den Wald, aber -als im Dorfe der Wächter die zehnte Stunde abblies, -schlich er sich wieder in die Mühle, wo Kordel -ihn bereits erwartete – das arme, arme -Ding! –</p> - -<p>Als am frühen Morgen der pflichtvergessene -Bursche aus Kordel's Armen hinauseilte nach dem -Walde, rührte ihn das Gewissen nicht, daß er ein -holdes Menschenleben vergiftet hatte; dagegen wurde -er von dem Anblick der drei frischen Stöcke, die -neben den drei ersten entstanden waren, wie vom -Donner gerührt. Jetzt mußte er aus dem Dienst, -das wußte er, denn der Förster spaßte nicht, und -dies und wieder dies allein war sein Gedanke und -seine Sorge – was aus der armen Kordel werden -würde, daran dachte er nicht im Geringsten. -Aber vielleicht konnte sie ihm zur Entdeckung des -Diebes behülflich sein – dieser Gedanke trieb ihn<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span> -flugs in die Mühle zurück, wo, wie er wußte, -Kordel noch wachte, da sie jetzt den Backofen zu -heizen hatte.</p> - -<p>Kordel saß, beleuchtet von der röthlichen Flamme, -die sie eben angezündet hatte, auf den Stufen vor -dem Backofen und hatte ihr Antlitz in die Schürze -gehüllt, als der Verführer wieder zu ihr trat. Sie -fiel ihm weinend um den Hals und dankte, daß -er wiederkomme, denn ihr sei so angst und bange -geworden, seit er sie verlassen. »O nicht wahr« -– fuhr sie, ihm in die verführerischen Augen -blickend, fort – »nicht wahr, Du verlässest mich -nicht?«</p> - -<p>»Wenn ich nur nicht muß, lieber Schatz!« erwiederte -er, sie küssend. Das Mädchen fuhr erschrocken -zurück und fragte, wie er das meine? -Nun berichtete er ihr seine Entdeckung, theilte ihr -mit, was er zu erwarten habe, und versetzte sie -dadurch in die schrecklichste Angst. Gleichwohl gelang -es ihm nicht sogleich, ihr das Geheimniß, um -das sie wohl wußte, zu entlocken, erst nachdem er -sie überredet hatte, daß das Vergehen mit einigen -Wochen Gefängniß gesühnt sei, und als er mit -traurigen Geberden für immer von ihr Abschied<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span> -nahm, verrieth sie ihm den Ort, wo die entwendeten -Fichten, in Klötze geschnitten, untergebracht -waren; mehr aber konnte er nicht von ihr erfahren.</p> - -<p>Der Müller saß mit seinen Leuten beim Frühstück, -als der Förster mit einem Gerichtsschöppen -erschien, um abermals Haussuchung vorzunehmen. -Aber diesmal nahmen sie sich nicht die Mühe, in -Ställen und Schuppen herumzukriechen, sondern sie -verfügten sich stracks hinter die Bretmühle, wo sie -unter dem »Fluther« nach einigem Suchen ein -großes verdecktes Gewölbe und darin die gesuchten -Klötze entdeckten. Der Müller schien nicht im Geringsten -verlegen bei dieser Entdeckung; er fluchte -auf die Diebe, die sein Haus verunehrten, und -that, als ob er nicht das Mindeste um das Vergehen -wüßte, was der Förster auch glaubte, da -er einem solchen Manne, der noch dazu sein Gevatter -war, eine solche Handlung nimmermehr zutraute.</p> - -<p>»Ich habe dem Bretschneider schon lange nicht -getraut,« erklärte er, »und kein Anderer als er -und der Kadenlieb sind die Diebe.«</p> - -<p>Am folgenden Tage wurde der Bretschneiderfritz -mit dem Tagelöhner »Kadenlieb« ins Amt abgeführt.<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span> -Der Müller mußte zwar auch mit, aber -nach kurzem Verhör wurde er als ein angesessener -Mann entlassen. Den Bretschneider und seinen -Mitverdächtigen sperrte man ein. Sie bekannten -ihr Vergehen gleich im ersten Verhör, ohne die -Mitschuld des Müllers anzugeben.</p> - -<p>Keiner von Beiden hatte eine Ahnung von dem -Schicksale, das ihnen bevorstand. Walddiebstähle -waren im Königswalder Forst keine Seltenheit, -aber der höchste, der bis dahin an Königswalder -Einwohnern gestraft worden war, hatte den Betheiligten -nicht über drei Monate Gefängniß gebracht. -Daß man wegen Waldfrevel ins Arbeitshaus -kommen könne, das schien den Beiden ebenso -unmöglich wie andern Königswaldern, denn welcher -gemeine Mann kennt die so und so viel Paragraphen -der verschiedenen Strafgesetzbücher? Wie erschraken -daher die Inkulpaten, als ihnen nach halbjähriger -Untersuchungshaft das Urtheil eröffnet -wurde, welches über den Bretschneider drei und -über den Kaden anderthalb Jahre Arbeitshaus verhängte! -Der Letztere faßte sich zwar bald wieder -und tröstete sich, es werde wohl auszuhalten sein, -aber den Ersteren erschütterte der harte Richterspruch<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span> -so tief und dauernd, daß sein Mitgefangener (seit -die Akten spruchreif waren, hatte man die beiden -Schuldgenossen zusammengesperrt) fortwährend befürchtete, -er möchte sich »ein Leid anthun.« Und -wer weiß, was geschehen wäre, hätte nicht vierzehn -Tage nach der Urtheilsverkündigung der Amtswachtmeister -folgenden Brief überbracht:</p> - -<div class="letter"> - -<p>»Guter, lieber Fritz! Sie sind gerächt. – Ich -habe den Ort, wo die Klötze lagen, verrathen. – -Gott weiß, ich wollte Ihnen kein Uebel zufügen – -aber die Liebe – o Gott! wie fürchterlich bin ich -für meine Verblendung gestraft! – Ich bin nicht -mehr in der Mühle – als die Frau erfuhr, daß -es anders mit mir stehe, hat sie mich aus dem -Hause gejagt. Ich rannte in der Verzweiflung -nach dem Hammerteich, aber der liebe Gott hat -mich verstoßen, wie mich die Menschen verstießen, -er ließ mich zur rechten Zeit die schwere Sünde, -die ich zu begehen im Begriff stand, erkennen. – -Ich wohne nun im Hause mit der Kartenschlägerbeate -zusammen. Es ist ein traurig Leben – o -wenn es überstanden wäre. Ich komme nicht aus -dem Hause, selbst nicht in die Kirche, denn ich -schäme mich vor den Leuten, und zu mir kommt<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span> -Niemand in meinem Elend; sogar meine besten -Freundinnen verachten mich, besonders seit er, dem -ich meine Ehre geopfert, fort ist in die weite Welt. -Nicht wahr, guter Fritz, so hätten Sie nicht handeln -können?</p> - -<p>Mein Gewissen läßt mir keine Ruhe – verzeihen -Sie mir, lieber Fritz! – ich werde ruhiger -werden, wenn ich Ihre Verzeihung habe. Werth -bin ich Sie freilich nicht, denn ich habe mich schwer -an Ihnen versündigt und weiß auch, daß ich mein -Vergehen nie wieder gut machen kann. O wenn -ich doch das könnte! – Denken Sie aber ja -nicht, daß ich weiter etwas will, als Ihre Verzeihung -– daß ich ein so freches Ding wäre, -welches einen braven Menschen wie Sie nun für -gut genug hielte, nachdem ein Anderer sie sitzen -lassen. – Lassen Sie mir nur ein paar Zeilen -zukommen, daß Sie mir nicht fluchen.</p> - -<p>Ich habe gehört, welch' ein hartes Urtheil Sie -getroffen – der Bube, der eine vater- und mutterlose -Waise ins tiefste Elend stößt, geht frei aus, -und ein braver Mensch, wie Sie, wird wegen ein -paar Waldbäumen so entsetzlich bestraft! Aber -verlieren Sie den Muth nicht – Gott richtet anders<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span> -als die Menschen, hoffen Sie auf ihn und -den lieben Heiland, der uns zuruft: Kommt her -zu mir, Alle, die ihr mühselig und beladen seid! – -Ich schicke Ihnen hier ein Buch mit, das ich einmal -einem armen Handwerksburschen abgekauft -habe; es ist eine wundersame, rührende Geschichte. -Ich hätte mich gern selbst aufgemacht und Ihnen -das Buch überbracht, aber ich schäme mich so. – Der -gute Vater im Himmel stärke und erhalte Sie! -Ich werde allezeit für Sie beten.</p> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Concordie E.</em>« -</p></div> - -<p>Ein Thränenstrom rann über Fritzens abgehärmte -Wangen beim Lesen dieses Briefes, und er -konnte sich lange nicht satt daran lesen. Anfangs -vermißte er das Buch gar nicht, von welchem im -Briefe die Rede und das ihm doch nicht mit übergeben -worden war. Er erhielt es erst zu Mittag; -es war Zschokke's »Alamontade«.</p> - -<p>»Ich hoffe, Ihr werdet kein Hartkopf sein,« -sprach der Wachtmeister, als er dem Fritz das Buch -darreichte, »Ihr werdet das arme Frauenzimmer -nicht ohne Trost lassen. Ihr wißt gar nicht, was -sie für Euch gethan hat. Die Extrakost hat sie -bezahlt.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span></p> - -<p>»Sie? Nicht der Müller?« fragte Fritz erstaunt.</p> - -<p>»Der wird sich hüten,« erwiederte der Wachtmeister, -»das würde ihn ja verdächtig machen. Die -Kordel hat Alles bezahlt, mich aber gebeten, Euch -nichts davon zu sagen. Und sie hat noch weit -mehr thun wollen; sie hat sich erboten, die Fichten -nach der Taxe zu bezahlen und auch alle Kosten, -wenn Ihr freigegeben würdet. Das geht nun -freilich nicht an, denn Strafe muß sein.«</p> - -<p>Fritz nahm dies Alles still auf – er war -keines Wortes mächtig vor den Empfindungen, die -sich in seinem Busen drängten. Der Wachtmeister -nahm sein Schweigen für »Hartköpfigkeit« und -verließ ihn voll Unwillen. Aber am folgenden -Morgen verlangte Fritz Papier und Schreibzeug, -und als er das hatte, schrieb er einen Brief, der -den Wachtmeister eines Andern belehrte. Ich habe -den Brief nicht zu Gesicht bekommen, sonst würde -ich seinen Inhalt ebenfalls mittheilen. Aber der -Kadenlieb hat erzählt, daß dem alten Wachtmeister -beim Lesen des Briefes das Wasser in den Augen -gestanden hätte.</p> - -<p>Kordel's Brief und Buch waren für den gefangenen -Fritz reiche Trostquellen; sein Benehmen<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span> -wurde von Stund an so, daß es dem »Kadenlieb« -zu seinen Befürchtungen keinen Anlaß mehr gab. -Als ihm das zweite Erkenntniß, wodurch das -erste bestätigt wurde, eröffnet worden war, ließ er -sich ruhig und gefaßt in das Arbeitshaus abführen. -Man würde sich aber sehr irren, wenn man glaubte, -er hätte sich mit stoischem Gleichmuth in sein Schicksal -ergeben. Zweierlei nagte an seinem Herzen -und raubte ihm die Heiterkeit des Geistes und den -muthigen Aufblick nach Oben, wodurch ein solches -Loos erträglich wird: die Bekümmerniß um die -arme, betrogene und verlassene Kordel, und der -Gedanke an das Brandmal, welches seine Strafe -für immer auf seinen Namen drückte. Und wie -berechtigt dieser Gedanke war, das sollte er nur zu -sehr erfahren.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span></p> - -<h3>4.</h3> -</div> - -<p>Zwei Jahre hielt Fritz seine Strafe wacker aus. -Sein musterhaftes Betragen gewann ihm bald die -Liebe der Anstaltsbeamten und ihre menschenfreundliche -Behandlung, verbunden mit der innigen Theilnahme, -welche Kordel fortwährend an seinem Schicksale -bezeugte, hielt ihn so lange aufrecht, und am -Ende des zweiten Jahres wurde er auf nachdrückliche -Verwendung des Vorstandes der Strafanstalt -begnadigt.</p> - -<p>Als er, der Gewänder der Schmach entkleidet, -aus dem schrecklichen Aufenthalt heraustrat und sich -wieder frei in der unendlichen Behausung Gottes -fand, da fiel alles Leid und alle finstere Sorge -von seinem Herzen; stille bescheidene Hoffnungen -hielten Einzug darin, begleiteten ihn und förderten -seine Schritte nach der lieben Gebirgsheimath. Er<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span> -hatte nur fünfzehn Stunden Weges bis Königswald, -die gedachte er in einem Tage zurückzulegen. Er -vergaß, daß er nicht mehr der frühere Bretschneiderfritz -war, dem eine solche Tagereise allerdings Spaß -gewesen; bevor er ein Viertel des Weges hinter -sich hatte, wurde er inne, welche Verheerungen eine -drittehalbjährige Haft auch in dem kräftigsten Körper -anrichtet, und mit Mühe und Noth erreichte er -gegen Abend das Städtchen Schwarzenberg, welches -ungefähr auf der Mitte des Weges liegt. Dort -suchte er in einem Gasthause ein Nachtquartier. -Die Wirthin, an welche er sich deshalb wandte, -machte jenes kalte Gesicht, das armen Fußwanderern -gewöhnlich zu Theil wird, wenn sie in einem frequenten -Gasthofe Einkehr halten; das hätte den -Bretschneiderfritz jedoch wenig gekümmert, hätte die -Wirthin nur nicht so schnippisch nach dem Passe gefragt. -Da wurde er verlegen. Er hatte an Passes -Statt nur seinen Entlassungsschein aus dem Arbeitshause -– sollte er das hochmüthige Weib mit seiner -Schmach bekannt machen? Lieber hätte er ein -Nachtquartier im wilden Forst gesucht, als das gethan. -So schüttelte er den Staub von seinen -Füßen und hinkte weiter, um in dem nächsten<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span> -Dorfe Grünstädtel sein Heil zu versuchen. Aber -wer weiß, wie es ihm dort wieder gegangen wäre! -Glücklicherweise führte ein mitleidiger Stern einen -Bergmann des Weges, der den erschöpften Pilger -einholte, ein Gespräch mit ihm anknüpfte und, als -er seine Lage erfahren hatte, ihn freundlichst einlud, -mit ihm bis Raschau (das nur eine Viertelstunde -weiter war als Grünstädtel) zu gehen und es sich -eine Nacht bei ihm gefallen zu lassen. Fritz hätte -dem gastfreundlichen Manne um den Hals fallen -mögen, und es versteht sich, daß er sein Erbieten -annahm. Die Liebe Gottes giebt sich auf mancherlei -Weise kund, am schönsten aber dem Gedrückten durch -mitfühlende Menschenherzen. Das erfuhr unser -Wanderer so recht in der Hütte des guten Bergmanns, -der »froh wie Gott« sein kärglich Mahl -mit ihm theilte und ihm ein Lager zurechtmachte, -wie er es seit Jahren nicht genossen hatte. Wie -wohl that seinem Herzen die freundliche Begegnung, -die ihm von den zahlreichen Gliedern der armen -Bergmannsfamilie widerfuhr! Wie belebte sie seinen -Muth, sein Vertrauen zu den Menschen, seine Hoffnungen -wieder! »Ach! wie ist das Leben so schön -in der Freiheit unter guten Menschen!« sprach er,<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span> -als er sich auf sein Lager streckte, und nach innigem -Gebete schlief er flugs und fröhlich ein.</p> - -<p>Gestärkt und im Herzen erquickt setzte er seine -Reise am andern Morgen fort. Sie wurde ihm -noch sauer genug, aber frohen Muthes überwand -er eine bergige Strecke nach der andern, und wie -die Sonne auf die Wipfel seiner heimathlichen -Wälder den Scheidekuß glühete, überschritt er die -letzte Anhöhe vor Königswald. Als nun die wohlbekannten -Thalfluren ihm entgegenlachten, als der -alte Kirchthurm und dann ein rauchender Schornstein -und ein graues Schindel- oder Strohdach -nach dem andern aus der Tiefe auftauchte, da erbebte -sein Herz von nie empfundenem Entzücken. -Das hemmte seinen wankenden Schritt – er mußte -sich am Waldsaum niederlassen, und in das blühende -Haidekraut gestreckt, sog er die balsamische Luft -der Heimath mit durstigen Zügen. So lag er noch, -als die Abendglocke dem fliehenden Tage den Scheidegruß -der Königswalder Christengemeine nachrief. -Da wurde ihm weh – recht weh ums Herz. Von -den Feldern verloren sich die letzten Arbeiter und -eilten heim an den traulichen Herd, in die Kreise -der Ihrigen, wo das labende Mahl ihrer wartete<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span> -und bald auch die erquickende Ruhe von des Tages -Last und Hitze. Den armen Fritz erwartete Niemand, -kein Mahl war ihm bereitet, und wo sollte -er sein Haupt hinlegen? Jene Gedanken und diese -Frage drängten sich ihm jetzt auf, und dunkle -Schatten lagerten sich um seine Seele. Er erinnerte -sich, woher er kam und was das in Königswalde -zu bedeuten hatte. Es fiel ihm ein, wie die -Königswalder es dem »Schneiderfriedel« gemacht -hatten, der vor fünf Jahren vom Zuchthause heimgekommen -war und den ihr moralischer Bettelstolz -in Verzweiflung getrieben hatte. Zwar, Eine Seele -lebte ihm in Königswald, bei der er eines freundlichen -Empfanges gewiß sein konnte; aber das war -ein lediges Frauenzimmer, bei dem er nicht herbergen -konnte, zumal da sie ohnehin schon wegen -ihres Fehltritts verachtet genug war. Doch stand -ihm denn nicht die Mühle offen? Vielleicht – -aber ihr kennt den Fritz wenig, wenn ihr glaubt, -er habe den Müller, der ihn in Schande und -Elend gestürzt, dessen Weib die arme Kordel unbarmherzig -aus dem Hause gestoßen, um ein Unterkommen -ansprechen können. Mit dem wollte und -durfte er nichts mehr zu schaffen haben. Nun, er<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span> -hatte ja Verwandte in Königswald; gleich da oben -im ersten Gute, da hauste seines Vaters Bruder, -ein ziemlich vermöglicher Mann; weiter unten -wohnten zwei Vettern, die einen einträglichen -Grenzhandel trieben und außer diesen lebten auch -zwei Mutterschwestern im Dorfe, der entfernten -Verwandten nicht zu gedenken. Unser Fritz hatte -vor seinem Unglück mit Allen im besten Vernehmen -gestanden, dessen erinnerte er sich wohl, aber auch, -daß sie sich während seiner Haft nicht um ihn gekümmert -hatten. Was Wunder, wenn er jetzt ins -Dorf zu gehen zögerte und als er sich endlich dazu -entschloß, mit Bangigkeit dem Gute seines Oheims -zuwankte!</p> - -<p>Seine Ahnung betrog ihn nicht. Der Oheim -und seine Frau machten sehr verwunderte Gesichter, -als sie den unerwarteten Spätgast eintreten sahen. -Da gab es keine traute Umarmung, keinen warmen -Händedruck, man bot ihm ein so kühles »Willkommen«, -daß es ihm durchs Herz fuhr: man bot -ihm einen Platz am Tisch, auf dem eine große -Schüssel Kartoffelsuppe dampfte, aber mit so sichtbarem -Mißbehagen, daß dem Gaste das Blut zu -Häupten stieg. Er nahm Stock und Hut und verließ<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span> -das ungastliche Haus seines nächsten Verwandten. -Sollt' er nun sein Glück bei der Sippschaft weiter -versuchen? Was blieb ihm übrig? Wer sollte ihn -sonst freundlich aufnehmen, wenn es die Verwandten -nicht thaten? Er nahm seinen Weg zum Vetter -Konrad, der überdies sein Gevatter war. Hier -wäre ihm auch wohl eine bessere Aufnahme zu Theil -geworden, hätte der Gevatter Herrenrecht im Hause -gehabt, das hatte aber die Frau Gevatterin und -das war »eine hochmüthige Gans.« Ein Abendessen -und ein Nachtlager sollte dem Fritz zwar gewährt -werden, aber ihn ganz ins Haus zu nehmen -– das könne er nicht verlangen, meinte das Weib, -ärgerlich über ihres Mannes freundliches Benehmen -gegen den »Anrüchigen«. Dieser dankte für das -Anerbieten und ging weiter. Der Arme! er sollte -den bittern Kelch der Erfahrung, daß Vetternfreundschaft -die allerunsicherste sei, bis auf die Hefen leeren.</p> - -<p>Die Vier, die er noch aufsuchte, nahmen ihn -mit gleicher Kälte, wo nicht mit schwerverhaltenem -Widerwillen auf; ein Nachtquartier wollten sie ihm -zwar nicht versagen, und das wäre ihm auch vor -der Hand genug gewesen, aber sie boten es ihm -auf eine Weise, die sein Selbstgefühl empörte. Er<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span> -dankte Allen und ging weiter – aber nicht mehr -zu irgend einem Gliede seiner Freundschaft, sondern -aus dem Dorfe hinaus – nach dem Gottesacker, -dessen eingestürzte Mauer zu jeder Zeit den Zutritt -zur stillen Wohnstatt der Todten gestattete. Im -Mondschein fand er leicht die Stätte, die er suchte: -das Doppelgrab seiner Eltern. Von Schmerz überwältigt -sank er dort nieder und weinte und konnte -lange nichts als weinen.</p> - -<p>O ihr Geister der längst abgeschiedenen Eltern! -Sahet ihr aus euren seligen Wohnungen den einzigen -Sohn sich winden an eurer Gruft? Sahet -ihr nicht, wie seine Thränen euren zurückgelassenen -Staub tränkten? Ja, ihr sahet es und ihr tratet -vor Gott und batet ihn, daß er dem armen Dulder -einen Engel zum Geleite sende auf der dornenvollen -Bahn unter den harten, blödrichtenden -Menschen. Und Gott war auch schon zuvorgekommen, -der Engel war längst da, an eurem Grabe -hat er sich dem Heimkehrenden schon geoffenbart -durch die sinnigen Liebeszeichen, womit er euern -Staub geehrt. Als Fritz sich wieder erhob, sah er -das einfache Kreuz, welches er den Eltern hatte -setzen lassen, mit einem frischen Kranze geschmückt<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span> -und das Blumenbeet auf dem Hügel, das er angelegt -hatte, so sauber gepflegt, wie er es selber -kaum gethan – er wußte gleich, wem er Beides -verdanke. Er mußte sie sehen ohne Verzug – er -mußte ihr danken, und das nicht allein: er bedurfte -ihres freundlichen Willkommens in der Heimath, -ihres warmen, theilnehmenden Händedrucks. Der -Wächter verkündete bereits die zehnte Stunde, da -sah es ja Niemand, wenn er in ihr Haus ging, -und ehe noch Jemand im Dorfe aufstand, konnte -er es ja wieder verlassen. So schlug er denn den -Weg nach ihrer Behausung ein. Durch die Ladenritzen -schimmerte noch Licht, als Fritz dort ankam, -die fleißige Bewohnerin klöppelte noch, – mit hochschlagendem -Herzen klopfte er an den Laden und -rief sie beim Namen. Schnell wich der Riegel der -Thür – eine warme Hand zog ihn hinein – er -trat in die warme Stube – Kordel lag schluchzend -an seiner Brust. Aber war das die Kordel, die -er vor wenig Jahren gekannt in der schwellenden -Fülle und rosigen Frische der Jugend? O nein, -das war nur der Schatten ihres holden Leibes. -Mit welcher Gier hatte der nimmersatte Geier des -Grams an diesen lieblichen Formen gezehrt, die ein<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span> -leichtsinniger Bube frech entweihte, statt sich in Ehrfurcht -zu neigen vor einem Meisterwerke seines -Schöpfers! Fritz vermißte indeß keinen ihrer Reize, -wenn ihm auch die traurige Verheerung ihrer Gestalt -schmerzlich auffiel. Er ließ sie sich ausweinen -an seiner Brust, aber er wagte es nicht, seinen -Arm um ihren Leib zu legen, nur ihre Hand nahm -er und preßte sie an seine Lippen. Nach dieser fast -lautlosen Begrüßung führte Kordel den Gast an das -Bettchen ihres kleinen Fritz (so hatte sie das vaterlose -Knäblein taufen lassen), auf den die ganze Fülle -und Frische seiner Mutter übergegangen zu sein -schien. Dann eilte sie, ein warmes Essen für den -Gast zu bereiten. Wie mundeten ihm die neuen -Kartoffeln mit der frischen Butter und der durch -den besten Rahm veredelte Kaffee! Zumal da -Kordel ihm Gesellschaft leistete. Wie war sie so -heiter, so freundlich und so sanft! Ihr besseres -Theil trat geläutert und verklärt vor seinen Geist. -Er sagte ihr, daß sie nicht fürchten möge, er werde -sie in Verlegenheit bringen. Sie möge ihm nur -ein Nachtlager auf dem Heuboden gönnen, daß er -ein wenig ausruhen könnte, am Morgen mit dem -ersten Hahnenschrei wolle er sich ungesehen fortmachen,<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span> -sich nach einer Herberge umthun und Arbeit suchen. -Doch von dem Schlafen auf dem Heuboden, dem -Frühaufstehen und Ungesehenfortgehen konnte keine -Rede sein; sie lächelte, als er den Grund angab, -und sagte, daß sie sich vor dem Gerede der Leute -nicht mehr fürchte. Mehr als sie ihr wegen des -Kindes angethan, könnten sie ihr nicht anthun; in -jenem Falle hätten sie allenfalls noch Grund gehabt, -sie zu verachten, anders jetzt, wo sie eine -heilige Pflicht erfülle, und wenn man sich gleichwohl -darüber aufhielte, so dürfe und werde sie sich dadurch -nicht irre machen lassen. Und sie bat den -Bedenklichen in so rührenden Ausdrücken und in -einer Weise, die ihn glauben ließ, er erzeige ihr -eine Wohlthat, daß er sich entschloß, das Hinterstübchen, -welches seit dem kürzlich erfolgten Tode -der Kartenschlägerin ganz leer stand, zu beziehen, -bis er irgend ein passendes Unterkommen würde -gefunden haben.</p> - -<p>Ein solches zu suchen, ließ Fritz sich gleich am -andern Tage angelegen sein. Er war früher ein -sehr gesuchter Arbeiter gewesen; so ging er mit -gutem Vertrauen aus. Aber obwohl es der Bretmühlen -eine ziemliche Anzahl in dieser holz- und<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span> -wasserreichen Gegend giebt, so wollte sich jetzt doch -nirgends eine Stelle für ihn finden. Das machte -ihn wohl etwas unmuthig, aber er verzagte darum -nicht. Er verstand sich auch auf die »Zeugarbeit«, -und so ging er abermals den Wässern der Umgegend -nach. Aber er hatte in den Mahlmühlen -eben so wenig Glück, als in den Bretmühlen; hie -und da gab man ihm auf verblümte Weise zu verstehen, -daß man einen Zuchthäusler nicht möge; -denn Arbeitshaus oder Zuchthaus ist dem gemeinen -Volke all' eins. So kehrte Fritz am Ende der -zweiten Woche nach seiner Heimkunft völlig niedergeschlagen -in sein Asyl zurück. Kordel gab sich die -freundlichste Mühe ihn aufzurichten; sie stellte ihm -vor, daß es ja nicht so dränge mit einem Unterkommen; -der liebe Gott segne sie dieses Jahr reichlich -mit Kartoffeln – daß sie eine Kuh, ein Stück -Jungvieh und eine Ziege halte, wisse er; ihre -Wirthschaft sei bezahlt und außerdem habe sie auch -noch ein paar hundert Thaler auf Interessen ausstehen. -So könne sie es sich nun auch etwas -leichter machen, als zeither, indem sie sich von ihm -in der Wirthschaft helfen ließe. Die Arbeit aber, -welche die kleine Wirthschaft für einen rüstigen Mann<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span> -darbot, schien dem Bretschneider doch zu geringfügig, -um sich dafür füttern zu lassen. Da er in seinem -erlernten Fache nirgends ein Unterkommen fand, so -entschloß er sich, bei den Begüterten von Königswald -Taglöhnerarbeit zu suchen. Aber hier sollte ihm -das tödtliche Gift des Mißtrauens und der Verachtung -tropfenweise eingeflößt und in Galle und -Blut hineingetrieben werden. Man hatte für den -entlassenen Sträfling nirgends Arbeit.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span></p> - -<h3>5.</h3> -</div> - -<p>Der Leser muß nicht glauben, daß es das <em class="gesperrt">Vergehen</em> -des Bretschneiders war, was sie verachteten -und weshalb sie ihn von ihren Thüren scheuchten, -– o da waren wohl wenige unter den wohlehrsamen -Begüterten von Königswald ganz rein geschoren, -so Mancher hatte dann und wann ein -Stämmchen aus dem königlichen Forst geholt, ohne -daß das Stempeleisen des Forstmeisters es berührt -hatte; aber sie hatten es fein schlau angefangen -und waren glücklich mit ihrer Beute weggekommen. -Vor der Welt waren sie ehrliche Leute, so meinten -sie, daß sie es wirklich wären, und glaubten von -ihrer Ehrlichkeit keinen bessern Beweis liefern zu -können, als wenn sie jeden wegen einer unehrlichen -Handlung Bestraften recht sichtlich verachteten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span></p> - -<p>Leser – glaubst du nicht, daß solche Erfahrungen -in solcher Lage einen Menschen zur Verzweiflung -treiben, oder doch »die Milch der frommen -Denkart in gährend Drachengift verwandeln« -können? Bei unserm Fritz war es nahe daran, -daß das Eine oder Andere geschah, nur Kordel's -immer gleiche Sanftmuth und Freundlichkeit verhinderte, -daß das so reichlich in ihm erzeugte Gift -nicht alsbald seinen ganzen edleren Menschen vernichtete. -Aber daß er durch alle die fehlgeschlagenen -Hoffnungen und vergeblichen Anstrengungen, ein -ehrlich Unterkommen zu finden, täglich schwermüthiger -gemacht wurde, konnte sie nicht hindern. Das -schmerzte sie und begann dem Wurm, der an ihrer -Gesundheit nagte, neue Nahrung zu geben. Endlich -konnte sie nicht länger an sich halten und ein Gedanke, -der gleich nach seinen ersten vergeblichen -Gängen in ihr aufgetaucht war, brach sich unwiderstehlich -Bahn.</p> - -<p>»Fritz!« sprach sie etwas rascher als gewöhnlich, -»Sie handeln unrecht an sich selbst. Was ärgern -Sie sich so ab mit den unvernünftigen Leuten? -Was sorgen und quälen Sie sich so um ein Unterkommen -unter ihnen? Habe ich nicht genug für<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span> -uns alle Drei? – Lassen Sie mich ausreden! – -Ihre Hand! Sehen Sie den unschuldigen Wurm -da – er hat keinen Vater – wer weiß, ob nicht -bald auch keine Mutter.«</p> - -<p>Hier wurde sie roth und stockte; Fritz aber fiel -ihr in die Rede und bat sie, nicht solche Gedanken -zu hegen.</p> - -<p>»Man muß auf Alles gefaßt sein – ja, lieber -Fritz! – mir ist, als werde ich nicht lange mehr -für das arme Kind sorgen können. Dieser Husten -– meine abnehmenden Kräfte – Fritz! soll ich, -wenn der Herr mich abruft, das Kind als Waise -zurücklassen?«</p> - -<p>»O wäre ich nicht, was ich bin!« rief Fritz -gramvoll aus, »so sagte ich, ich will sein Vater -sein!«</p> - -<p>»Ist es das und immer nur das?« erwiederte -Kordel. »Wenn Sie mich auch nicht mehr lieben, -wie einst, wenn ich auch nicht werth bin, Ihre Frau -zu sein, so – ich flehe Sie an – werden Sie -diesem verwaisten Wesen ein Vater!«</p> - -<p>»Versteh' ich Sie recht?« stammelte Fritz von -einem heiligen Freudenschauer durchbebt. »Wollen -Sie mich?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span></p> - -<p>»Zum Vater meines Kindes machen,« sprach -sie mit hohem Erröthen, seine Hand an ihr Herz -drückend.</p> - -<p>»Aber bedenken Sie, ich bin ein Ausgestoßener.«</p> - -<p>»Und was bin ich? Wir tragen das gleiche -Loos – die ehrbaren Leute stoßen mich wie Sie -von sich – so lassen Sie uns gemeinsam tragen, -was uns der Himmel aufgelegt hat! Zum Glück -haben wir genug, um die hartherzige Gesellschaft -allenfalls entbehren zu können. Wir können einen -Handel anfangen – gewiß, Gott wird uns helfen, -wenn wir zufrieden sind und fortan auf seinen -Wegen wandeln. Wollen Sie?«</p> - -<p>»Ob ich will? O du mein einziger Trost im -Leben! Ich habe ja nie aufgehört, dich zu lieben -und ich dachte mir es seit dem Augenblicke, da ich -dein Unglück erfuhr, als das höchste Glück, für -dich und dein Kind sorgen zu können. Wenn du -mich nicht verschmähst, so will ich deinem Kinde ein -treuer Vater sein.«</p> - -<p>Da schlang Kordel weinend ihre Arme um -seinen Hals – seine Thränen mischten sich mit den -ihrigen, und der Engel, der den Schlummer des -kleinen Knaben hütete, war Zeuge ihrer Verlobung.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span></p> - -<p>Sechs Wochen später wurden sie getraut. Hochzeitgepränge, -Schmaus und Tanz gab es freilich -nicht dabei; ihr einziger Hochzeitsgast »bei einem -Gericht Gerngesehen« war der Kadenlieb. Dem -ging es bei den Königswalder Pharisäern natürlich -auch nicht besser oder vielmehr noch schlimmer, als -dem Bretschneiderfritz, aber er machte sich nicht viel -aus den »Dickköpfen«, wie er sie nannte, und Arbeit -und Brod mußte ihm der Müller schaffen.</p> - -<p>Hätte Fritz nur einen Theil von dem leichten -Sinn seines Schicksalsgenossen gehabt, so hätte er -sich in seiner neuen Lage recht zufrieden fühlen -mögen. Eine Zeitlang schien es auch, als ob er -mit seinem Geschicke ausgesöhnt sei. Es gab vor -und nach der Hochzeit vollauf für ihn zu thun: -die Hafer- und Kartoffelnernte und andere Feldarbeit, -verschiedene Reparaturen im Hause und an -den Wirthschaftsgeräthen beschäftigten ihn mehrere -Wochen lang recht gehörig, und da sein Weib immer -mit einem Lächeln, einem zärtlichen Worte bei der -Hand war, so vermißte er die Liebe und Achtung -der Welt nicht. Dazu kam, daß Kordel sich merklich -zu erholen schien, sie bekam ein frischeres Aussehen, -als sie bisher gehabt hatte, und Fritz schöpfte<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span> -daraus Hoffnung für ihre völlige Wiederherstellung. -Auch die Zuneigung, womit der kleine Fritz sich an -ihn gewöhnte, war eine Quelle der Freude und des -Trostes für ihn. Als aber die Arbeit in Feld und -Haus nachließ und der müssigen Stunden zu viele -für ihn kamen, wollte ihn der alte Mißmuth wieder -beschleichen. Es kränkte ihn doch, daß er sein Gewerbe -nicht ausüben konnte; auch daß er unter -polizeilicher Aufsicht stand, keine Ehrenrechte in Gemeinde -und Staat besaß und von seinen Mitbürgern -verachtet war, konnte er nicht verschmerzen. Er -gerieth auf den Gedanken, sich selbst eine Bretmühle -zu bauen, statt einen Handel anzulegen, und Kordel -willigte mit Freuden ein. Sie kündigte ihr Kapital -und machte ihm zu seinem Geburtstage, welcher im -December fiel, ein Angebinde damit.</p> - -<p>Fritz lebte wieder etwas auf, da er nun einen -sicheren Weg zu Arbeit und Verdienst vor sich sah. -Er suchte und fand bald einen geeigneten Platz zu -einer Schneidemühle an einem wasserreichen Nebenbach -des <span id="corr050">Pöhlwassers</span>. Da er aber mit dem Bau -vor dem nächsten Frühjahr nicht beginnen konnte -und auch zur Holzanfuhr die jetzige Zeit noch nicht -günstig war, so trug er das Kapital, um es nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span> -nutzlos daliegen zu lassen, nach Annaberg zu einem -Kaufmann, der zugleich Bankiergeschäfte trieb. Vierzehn -Tage später erhielt er die Schreckensnachricht, -daß der Kaufmann Bankerott gemacht habe und -Fritzens Geld verloren sei.</p> - -<p>Das war ein furchtbarer Schlag für unser Paar; -Fritz wollte sich nicht darüber zufrieden geben und -jammerte immerfort: »Das arme Kind! das arme -Kind!« Kordel, die den Verlust eher zu verschmerzen -schien, suchte ihn zu trösten, doch gelang es ihr nur -unvollkommen. »Wer weiß, wie der liebe Gott -auf andere Weise für das Kind sorgt,« sagte sie, -wenn Fritz so wehklagte.</p> - -<p>Sie hatte Recht – der liebe Gott sorgte bald -für das Kind, daß es das Geld entbehren konnte -– er nahm es zu sich; das Scharlachfieber raffte -es weg.</p> - -<p>Das war kurz nach Weihnachten, – am Aschermittwoch -senkten sie neben der Hülle des Kindes die -seiner Mutter ein. Die Auszehrung, welche ihr der -Gram über die Treulosigkeit ihres Verführers, noch -mehr aber über die Kränkungen, die sie von den -Königswaldern erdulden mußte, zugezogen hatte, war -nach dem Tode ihres Knaben plötzlich in ein entschiedeneres<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span> -Stadium übergetreten. Ruhig und ergeben -sah sie ihr Ende herannahen und sanft, wie -sie in der letzten Zeit gelebt, schlummerte sie hinüber.</p> - -<p>Mit ihr erlosch aller Glanz aus dem Leben des -armen Fritz; er schleppte es fortan als eine finstere -und bleierne Last mit sich herum. Seine Heimathgenossen -fingen allgemach an, mit dem hart Geschlagenen -einiges Mitleid zu fühlen, sie zeigten sich -freundlicher gegen ihn und boten ihm Arbeit an, -aber er mochte nichts mehr von ihnen wissen. Sie -waren vornehmlich schuld an dem Tode seines Weibes -– dies konnte er ihnen nicht verzeihen, wenn -er ihnen auch die eigene Schmach verziehen hätte. -Er schloß sich völlig von ihnen ab; außer dem -Kadenlieb pflog er mit keinem lebendigen Menschen -Umgang – sein Herz war bei den Todten und -ihrer Wohnstätte galten seine Besuche. Ihm war -am wohlsten, wenn er zwischen seinen Gräbern -weilen, oder doch nahe bei der Kirchhofmauer so -sitzen konnte, daß er die Kreuze darauf sah. Kordel's -Kreuz war allezeit frisch bekränzt. Eine Ziege, -die sie aufgezogen und so an sich gewöhnt hatte, -daß sie ihr überall hin folgte wie ein Hund, trug -diese Anhänglichkeit bald auf ihren trauernden Herrn<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span> -über, sie war immer bei ihm, wenn er seines traurigen -Kultus pflog. So hat er es zwei Sommer -getrieben.</p> - -<p>Am zweiten Jahrestage von Kordel's Tode brach -in Königswald ein Feuer aus, welches bei dem -starken Winde, der gerade wehte, für den größten -Theil des Ortes verderblich zu werden drohte. Fritz -eilte zum Löschen; es war das erste Mal, daß er -sich wieder unter seine Mitbürger mischte, von denen -es ihm keiner an entschlossener Thätigkeit gleich -that, obschon die meisten tüchtig zugriffen. Leider -war die Löschanstalt nicht im besten Stande und -noch dazu schlecht geleitet. Fritz sah die Nothwendigkeit -des Niederreißens zweier Gebäude ein, um -das Fortschreiten der Flamme, die bereits ein zweites -Haus ergriffen hatte, zu hemmen. Der Richter, -welcher Feuer-Commissarius war, widersetzte sich -Fritzens Rath und ordnete an, alle Thätigkeit auf -das Löschen der brennenden Gebäude zu verwenden. -Fritz, von der Nutzlosigkeit dieser Anstrengung überzeugt, -rief nun die Hülfeleistenden auf, ihm mit -dem erforderlichen Geräthe zu folgen und zum Niederreißen -der bezeichneten Gebäude zu schreiten. Alle -Einsichtigen folgten seinem Rufe; dadurch wurde<span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span> -der Richter in Wuth versetzt, er stürzte auf den Bretschneiderfritz -los, packte ihn bei der Brust und schrie:</p> - -<p>»Was will Er hier? Commandiren? Aufwiegeln? -Weiß Er, was Er ist? Er hat gar kein Recht -in der Gemeine; nicht ein Wort hat Er zu sagen! -Unter meiner Aufsicht steht Er, und ich kann Ihn -ohne Weiteres ins Loch sperren lassen.«</p> - -<p>Fritz erwiederte kein Wort – er vermochte -keins hervorzubringen. Er wandte seinen Blick nach -Oben und ging zu sehen, wo er sonst helfen konnte. -Das zuerst in Brand gerathene Haus gehörte einer -armen Wittwe. Sie hatte nur wenig von ihrer -Habe zu retten vermocht, und Niemand getraute -sich mehr in das über und über brennende Gebäude, -um noch Etwas herauszuholen.</p> - -<p>»Helft mir doch wenigstens meine Ziege retten!« -rief die jammervolle Wittwe aus; »hört doch, wie -das arme Thier schreit!« Damit wollte sie in das -Haus; doch Fritz, der eben hinzutrat, ergriff sie, -schleuderte sie zurück und eilte selbst in das Gebäude, -eh' Andere ihn zurückzuhalten vermochten. -Es mag Manchem tollkühn erscheinen, um einer -Ziege willen ein Menschenleben zu wagen, aber -Fritz wußte, was einem verlassenen Menschen solch'<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span> -ein Stück Vieh sein kann, und die Wittwe war -verlassen wie er – und was galt ihm sein Leben? -Es gelang ihm wirklich, das Thier zu retten, ein -Freudenruf entrang sich mancher beklommenen Brust, -als er sich wieder unter der Thür zeigte. Schon -war er fast aus dem Bereiche der fürchterlichen Gefahr, -als plötzlich ein brennender Sparren niederstürzte -und ihn zu Boden streckte. Der eben herbeigeeilte -Kadenlieb trug ihn für todt in sein Haus; -schnelle ärztliche Hülfe rief ihn jedoch wieder ins -Leben. Der Arzt hoffte ihn zu retten, obschon seine -Brust schwer verletzt war. Fritz wünschte blos, von den -Menschen errettet zu sein und sein Wunsch ging in Erfüllung. -Ein heftiger Blutsturz bahnte seiner Seele -den Ausweg aus ihrem vergänglichen Gefäß. Der -Kadenlieb, welcher nicht von seinem Bette wich und -ihn wie ein Bruder pflegte, wurde sein Erbe.</p> - -<p>Der macht' es gescheidt – als der Frühling -ins Land kam, bepflanzt' er die Gräber seiner -Freunde mit Veilchen und Immergrün, verkaufte -Haus und Feld, gab dem Todtengräber ein Sümmchen, -damit er die Gräber wohl pflege, und ging -mit dem Rest nach Amerika.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-chapter.png" alt="Dekoration" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Fundgrube">II.<br /> -Die Fundgrube Vater Abraham.</h2> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span></p> - -<h3>I.</h3> -</div> - -<p class="drop">Die Bergleute des Reviers hatten Lohntag. Die -Auslohnung war vorbei, und das muntere Bergvolk -stand in Gruppen längs der Rathhausseite des großen -Marktplatzes oder schlenderte durch die zwei Budenreihen -des Krammarktes. Denn seit undenklichen -Zeiten war in der freien Bergstadt dafür gesorgt, -daß die Bergleute, deren Viele stundenweit herkamen, -sich eines Theiles der schwergewonnenen Groschen -auf leichte Art wieder entäußern konnten. Und wie -man Fischreußen vor die Abflußöffnungen der Gewässer -legt, so baute man die Buden gerade in die -Verlängerung der Gasse, in welcher das Berg- und -Zehntamt lag. Da mußten selbst diejenigen hindurch, -welche Lust hatten, einen Theil ihres Lohnes -in der Sparcasse niederzulegen, die seit einem Jahrzehent -bestand, so daß gar manches für die Sparcasse<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span> -bestimmte Fischlein dort hängen blieb. Das konnte -freilich nur von dem unbeweibten Bergvolke gelten, -denn der beweibte und dann sicher auch mit Kindern -gesegnete Knappe konnte höchstens mit Hülfe -eines Heckethalers sich an der Sparcasse betheiligen. -Gönnt der sich doch nicht einmal ein billiges Frühstück -in der Garküche, aus welcher es so bratenhaft -duftet – an das gegenüberliegende »süße Löchel«, -die Conditorei, ist gar nicht zu denken, sondern er -verzehrt höchstens in den Brodbänken ein »Dreierstöllchen« -mit einer halben Knackwurst, nachdem er -die Hälfte für seine »Alte«, vorausgesetzt, daß sie -noch jung ist, im Kittel geborgen.</p> - -<p>Von jungen Burschen sah man in den Brodbänken -höchstens den Bergner Ferdinand vom Vater -Abraham. Heute war er da. Ein hochgewachsener, -blonder, frischer Gesell, mit intelligenten Zügen. Der -leinene Kittel kohlschwarz, Fahrleder und Gürtel schön -lackirt, auch das Schuhwerk blank gewichst. Unter -der Bänkenthür stand er und blickte mit seinen -hellen, blauen Augen nach der gegenüberliegenden -Conditorei, aber wohl eher nach dem lockigen Kopfe -einer Dame, die dort an einem Fenster an der -Seite eines Bergherrn stand, als nach den gaumenkitzelnden<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span> -Dingen des Schaufensters. Dicht neben -den Brodbänken befand sich der Laden eines Gelbgießers, -an welchen sich die Gewölbe eines Tuchmachers -und eines Zinngießers reihten. Diesen -drei Geschäftsleuten schien der Lohntag keine Weizenblüthe -zu sein; standen sie doch schon seit einer -halben Stunde vor dem Gelbgießerladen und klagten -über den flauen Geschäftsgang. Plötzlich aber wurde -ihre Aufmerksamkeit nach der Conditorei hinübergelenkt, -aus welcher eine hochgewachsene Dame mit -einer Schaar junger Dämchen in orgelpfeifenähnlicher -Größenabstufung hervorquoll.</p> - -<p>»Da kommt die Staatsglucke vom Vater Abraham -mit ihren Küchlein!« rief der Tuchmacher; -»acht Stück, und was für eine Prachtrace! Und -richtig – der Liebhaber der Aeltesten, der neue -Herr Obereinfahrer, ist auch dabei; der wird wohl -die ganze Schaar tractirt haben.«</p> - -<p>»Soll mich wundern, ob aus dem Freier auch -ein Nehmer wird,« sagte der Zinngießer; »der Herr -Obereinfahrer ist ein Feiner; reich und von Adel, -wie er ist, denkt er wohl höher hinaus, als zu der -armen Schichtmeisterstochter, die Nichts hat, als -was sie auf dem Leibe trägt.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span></p> - -<p>»Ja, wenn das nur noch ihr Eigenthum wäre,« -fiel der Tuchmacher ein; »ich will mein Contobuch -vom Schinder verbrennen lassen, wenn von all den -Fahnen und Behängen, worin das schöne Fräulein -prangt, nicht über Dreiviertel in verschiedenen Contobüchern -ungelöscht stehen.«</p> - -<p>»Oho!« nahm der Gelbgießer das Wort; -»macht's nur nicht so gefährlich! Dazu ist mein -Schichtmeister Frenzel denn doch ein viel zu wackerer -Mann, als daß er solche Schuldenwirthschaft dulden -sollte. Es ist wahr, die Schichtmeisterin trägt die -Nase ein wenig hoch und macht am Ende mehr -aus sich und ihren Töchtern, als dahinter steckt; -aber sie ist doch eine tüchtige Hauswirthin, und man -findet nirgends eine so ausgesuchte Ordnung und -Sauberkeit, wie bei ihr zu Hause.«</p> - -<p>»Ei, das ist doch nicht etwa ihr Verdienst!« sagte -der Tuchmacher. »Ihr als Gewerke vom Vater Abraham -solltet doch wissen, wer da eigentlich die Hauswirthin -ist, obgleich sie nur für das Aschenbrödel gilt. -Das ist die Kleine, die Stieftochter der großen Dame -dort, die Einzige von des Schichtmeisters erster Frau.«</p> - -<p>»Die kenn' ich ja gar nicht,« erwiederte der -Gelbgießer.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span></p> - -<p>»Natürlich,« erklärte der Tuchmacher; »sowie -sich ein Besuch auf dem Vater Abraham zeigt, muß -sich Aschenbrödel in der Küche verkriechen. Sie -würde schön ankommen, wollte sie sich als schwarze -Henne unter den bunten Küchlein der Frau Mama -zeigen. Aber sie ist es, die eigentlich das ganze -Haus erhält, denn das müßt Ihr doch selbst zugeben, -daß die Schichtmeisterin, wenn sie eine Wirthin -sein wollte, nicht mehr Staat treiben würde, -wie eine Bergmeisterin!«</p> - -<p>»Nun, wer weiß,« unterbrach der Zinngießer -den Sprecher, »wer weiß, ob sich der Schichtmeister -nicht besser steht wie unser Bergmeister. Der Vater -Abraham hat schönes Erz, und wer kann einen -Schichtmeister, der auf seiner Grube wohnt, so -genau –« hier stockte der Redner; ein Blick auf -das Gesicht des Gelbgießers machte ihn verstummen. -Doch dieser rief schnell: »Was wolltet Ihr sagen, -Nachbar Paul? Redet weiter, was meint Ihr? -Bedenkt, daß ich Kuxinhaber vom Vater Abraham -bin, und mich das sehr nahe angeht, was Ihr da -auf der Zunge hattet!«</p> - -<p>»Ich hab's verschluckt und vergessen,« sagte der -Zinngießer; »Ihr wißt ja, Nachbar Mickley, es<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span> -kommt Einem manchmal ein überzwercher Gedanke -in den Mund. Ich weiß nichts, will nichts wissen -und glaube, daß der Schichtmeister Frenzel ein -wackerer Mann ist, wie Ihr selbst ihn nanntet.«</p> - -<p>»Bis jetzt,« erwiederte der Gelbgießer, »hat -seine Gewerkschaft alle Ursach' gehabt, mit ihm zufrieden -zu sein, und er gilt allgemein als der tüchtigste -Grubenbeamte im ganzen Revier. Aber es ist -eine böse Zeit, man darf fast seinem Bruder nicht -mehr trauen, und was Ihr da angedeutet, will ich -mir hinter die Ohren schreiben.«</p> - -<p>»Aber Nachbar Mickley,« sagte der Zinngießer -fast ängstlich, »seid doch nicht so wunderlich! Ich -habe gar nichts angedeutet, gar nichts. Euer -Schichtmeister ist gewiß ein wackerer Mann, kein -Mensch kann wider ihn auftreten, auch der Nachbar -Kunz nicht. Gewiß, Nachbar Kunz, behauptet Ihr -nicht im Ernst, daß es mit den Schichtmeistersleuten -so übel stehe, wie Ihr vorhin sagtet.«</p> - -<p>»Oh! was ich gesagt hab', das hab' ich gesagt,« -versetzte der Tuchmacher, »wollt Ihr einen kleinen -Beweis für meine Worte sehen, so schaut in mein -Contobuch, da steht noch ein alter Rest von zehn -Thalern, um den ich schon zehnmal umsonst gemahnt<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span> -habe. Aber jetzt ist meine Geduld zu Ende, und wenn -ich morgen mein Geld nicht habe, geht's vor Gericht!«</p> - -<p>Das ganze Gespräch war von dem jungen -Bergmann, der unter der Brodbänkenthür stand, -mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt worden. -Mehrmals hatte sein Gesicht den Ausdruck heftigen -Unwillens angenommen, und bei den letzten Worten -des Tuchmachers geschah dies wieder. Er fuhr -hastig in seinen Kittel und zog ein Perlbeutelchen -hervor, dessen Inhalt er überzählte. Ach! es war -viel, viel zu wenig, um die Schuld seines Vorgesetzten -zu decken. Er besann sich aber nicht lange; -er steckte seine Börse wieder ein und eilte nach der -Spar-Casse. Der Geschäftsführer derselben wunderte -sich nicht wenig, daß sein treuester Sparkunde -heute Geld entnehmen wollte, statt welches einzulegen; -aber es half nichts, er mußte dem drängenden -Häuer acht blanke Thaler auszahlen. Mit -diesem Zuschuß zu seinem heutigen Lohn verfügte -dieser sich nach dem Gewölbe des Gelbgießers, wo -die drei Bürger noch immer beisammen standen und -jetzt neue Glossen über die Schichtmeisterin machten, -die mit ihren zwei ältesten Töchtern in einen Goldschmiedsladen -getreten war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span></p> - -<p>»Ist hier nicht der Meister Kunz?« fragte Ferdinand, -zu dem Kleeblatt tretend, nachdem er nicht -unterlassen hatte, sein Glückauf! zu bieten.</p> - -<p>»Der bin ich,« antwortete der Tuchmacher, »was -steht zu Diensten? Ich seh's Ihm an, Er bringt Handgeld -– nun Er soll heute einen guten Handel machen.«</p> - -<p>»Ich komme blos im Auftrage meines Schichtmeisters,« -sagte Ferdinand; »soll Ihnen die zehn -Thaler auszahlen, die er noch schuldig ist.«</p> - -<p>»So?« versetzte der Tuchmacher; »nun, das -ist auch Handgeld, – doch ein Ehrenmann der -Herr Schichtmeister; aber es hätte ja noch Zeit -gehabt, bis der Herr Schichtmeister wieder etwas -gebraucht hätte. Komm Er, ich will Ihm gleich -die Quittung schreiben.« Und er nahm den Häuer -mit in sein Gewölbe.</p> - -<p>»Da habt Ihr's!« sagte der Zinngießer zu -dem Gelbgießer: »da hat der Nachbar Kunz auch -raisonnirt über den schlechten Zahler; nun ist er -doch ein Ehrenmann, und Ihr müßt Euch keinen -Floh ins Ohr setzen lassen. Ich für meine Person -weiß nichts Unlauteres von Euerm Schichtmeister -und alle Welt nennt ihn einen tüchtigen Mann. -Ich habe nichts gesagt, behüt' Euch Gott!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span></p> - -<p>Damit entfernte sich der Zinngießer und ging -in die Garküche nach seinem Morgentöpfchen. Der -Gelbgießer blieb unter seinem Laden stehen und -schaute nach dem des Tuchmachers. Nach einer Weile -kam Ferdinand daraus wieder zum Vorschein. »Nochmals -meinen gehorsamsten Dank an den Herrn Schichtmeister!« -rief ihm der Tuchmacher nach, »und ich lasse -mich und mein neu assortirtes Lager bestens empfehlen.«</p> - -<p>Ferdinand steckte lächelnd seine Quittung zu dem -Rest seiner Baarschaft und wollte sich auf den Heimweg -machen. Als er aber an das Gewölbe des -Gelbgießers kam, hielt dieser ihn auf und nöthigte -ihn hinein. Er holte aus einem Wandschrank einen -Teller mit Knackwurst und Brodschnitten, eine Flasche -und ein Gläschen, schenkte ein und bat den jungen -Häuer, zuzulangen. Dieser nahm ein Brodschnittchen, -verschmähte aber den Inhalt des Gläschens, -weil er nie Branntwein trinke. Der Gelbgießer -nannte dies eine Sonderbarkeit und wollte ihn zu -dem echten »Eibenstocker« nöthigen. Aber Ferdinand -beharrte bei seiner Weigerung, und als der Gelbgießer -einen Grund dafür wissen wollte, sagte er: -»Ich halte das Branntweintrinken für eins der -Hauptübel der Menschheit.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span></p> - -<p>»Ja, wenn man den Branntwein säuft,« fiel -Meister Mickley ein; »aber ein Gläschen zum Imbiß -dient zur Gesundheit.«</p> - -<p>»Halten Sie zur Güte, Meister!« erwiederte -Ferdinand; »unser Herr Markscheider, der alle -Dinge der Natur kennt, soweit Menschen sie erforscht -haben, hat uns in der Bergschule klar bewiesen, -daß der Branntwein, in was immer für -einem Verhältniß genommen, nie von Nutzen für -die menschliche Natur sein könne; daß er aber in -einiger Menge genossen immer verderblich wirke. -Die Säufer, die unter das Vieh herabgesunken -sind, haben auch Anfangs nur Gläschen getrunken. -Doch selbst der mäßigste Genuß bleibt eine Sünde -gegen Gott und Menschen, weil er immer die Mitschuld -trägt, daß das, was Gott den Menschen zur -Nahrung bestimmt hat, so gut wie unter die Füße -getreten wird. Lieber Meister, Sie dulden gewiß -nicht, daß auch nur ein Bröcklein Brod in Ihrem -Hause muthwillig weggeworfen werde; aber in jedem -Glase Schnapps werden ein paar Loth Brod zu -nichte gemacht. Bedenken Sie, Meister, wie viel -tausend Scheffel Korn und Kartoffeln nur in unserm -lieben Gebirge jährlich zu Branntwein verbrannt<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span> -werden – das ist Brod für viele tausend Menschen. -Wahrlich, wenn man sich's recht überlegt, so darf -es Einen nicht wundern, wenn der liebe Gott über -den Greuel einmal ergrimmt und uns ganz entzieht, -was wir so schmählich mißbrauchen.«</p> - -<p>»Er ist ja ein halber Pastor!« rief der Gelbgießer -aus; »na, so lassen wir den Schnapps! -Also Er ist auf der Bergschule – sagte Er nicht?«</p> - -<p>»Ich wohne bei meiner Mutter in Pobersdorf -und fahre auf dem Vater Abraham an, besuche -aber die Bergschule seit zwei Jahren.«</p> - -<p>»Und da kommt Er alle Tage anderthalb -Stunden weit herein in die Stunden? Das macht -jeden Tag drei Stunden Wegs um eine Stunde -Unterricht!«</p> - -<p>»Was kann es helfen,« erwiederte Ferdinand, -»in der Stadt ist theuer leben, dazu reicht das -Häuerlohn nicht aus.«</p> - -<p>»Und von der Grube wohnt Er auch eine -Stunde entfernt; da hat Er täglich einen Marsch -von 5 Stunden zu machen. Dazu kommt die -saure Grubenschicht von 8 Stunden, das thut 13 -Stunden täglich, mit der Schule 14 – da bleibt -Ihm ja gar keine Zeit zu einem Ueberwerk!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span></p> - -<p>»Freilich nicht; – nun, ich richte mich mit -meiner Mutter ein, und da wir eigne Herberg haben -und eine Kuh im Stall, so kommen wir schon aus. -Freilich, der Fleischtopf steht bei uns immer weit -vom Feuer, aber dafür hat's uns noch kein Jahr -an den lieben Kartoffeln gefehlt. Uebrigens leb' -ich mit meinen Kameraden in der guten Hoffnung, -daß unsere Herren Gewerken uns bald auch zu -einem wenig Fleisch helfen werden, da der Vater -Abraham neuerdings so höflich geworden.«</p> - -<p>»Höflich?« versetzte Meister Mickley, – »es -geht wahrlich an mit der Höflichkeit. Es ist wahr, -es hat in den letzten Quartalen einige Ausbeute -gesetzt; aber lieber Freund, Er bedenkt wohl nicht, -daß wir Gewerken viele Jahre nicht einen Heller -von unsern Kuxen gehabt, ja gar einmal Zubuße -gezahlt haben.«</p> - -<p>»Aber die ist doch gewiß längst reichlich wieder -erstattet, und nach meiner Ansicht muß es in der -letzten Zeit eine ansehnliche Ausbeute gesetzt haben.«</p> - -<p>Der Gelbgießer sah den Sprecher scharf an; -dann ging er an sein Schreibpult und brachte ein -Schreiben zum Vorschein, welches er dem Knappen -vorlegen wollte, aber erst noch einmal zurückzog,<span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span> -indem er den jungen Mann fixirend fragte: »Wie -hoch schätzt Er ungefähr die Ausbeute vom Vater -Abraham auf das letzte Quartal? Ich will einmal -sehen, ob Er schon einen tüchtigen Steiger -abgäbe, wenn unser alter Meier bergfertig würde. -Er muß wissen, daß ich vier Kuxe baue und im -Ausschusse der Gewerken sitze, also ein Wörtlein -mitzureden habe, wenn es eine Stelle auf dem -Abraham zu besetzen giebt. Ich will einmal sehen, -ob Er schon ein wenig Erz zu taxiren versteht. Laß -Er hören!«</p> - -<p>Der Jüngling sah vor sich nieder. Er mußte -sich des Gesprächs der drei Bürger erinnern, namentlich -der halben Aeußerung des Zinngießers, die -zuerst seinen Unwillen erregt hatte. Offenbar wollte -der Gelbgießer ihn aushorchen, und er war im -Begriff, eine kurze Antwort zu geben; doch lag -auch wieder etwas so Herzliches im Tone des Fragenden, -daß Ferdinand das rauhe Wort nicht über -die Lippen brachte. Zudem war seine Ehrliebe erregt -und, was mehr sagen wollte, ihm eine Aussicht -gezeigt worden, die sein höchstes Lebensglück -zum Hintergrund hatte. Nach einigem Nachsinnen -sagte er: »Mit dem Erzschätzen ohne genaue Probe<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span> -ist es immer ein unsicheres Ding, – aber nach -meinem Dafürhalten kann die Ausbeute im letzten -Quartal nicht unter 1300 Species betragen haben.«</p> - -<p>»Die Ausbeute?« rief der Gelbgießer. »Er -meint wohl den Gesammtwerth des gewonnenen -Erzes?«</p> - -<p>»Nein, den reinen Ertrag, nach Abzug der -Gewinnungskosten und des Zehntens.«</p> - -<p>Jetzt schlug der Gelbgießer das Buch auf und -hielt es dem Häuer vor das Gesicht: »Da les' Er, -was unter Quartal Crucis notirt ist.«</p> - -<p>Der Jüngling las die Notiz und schüttelte mit -dem Kopfe. »Da hätte ich mich stark verrechnet,« -sagte er, das Buch zurückgebend; »blos 5 Species -auf den Kux, das thut für alle 128 Kuxe 640 -Species, also noch nicht die Hälfte der von mir -vermutheten Summe. So stark sollte sich einer, -der Steiger werden will, freilich nicht verrechnen!«</p> - -<p>»Ob Er sich aber auch nur verrechnet hat?« -sagte der Meister. »Er scheint mir einen offenen -Kopf zu haben – vielleicht hat Er doch recht gerechnet -– he?«</p> - -<p>»Sie überzeugen mich ja hier vom Gegentheil,« -antwortete Ferdinand.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span></p> - -<p>»Aber die Differenz kann wohl an etwas ganz -Anderem liegen, als an Seiner Berechnung? Sei -er aufrichtig, junger Freund, es soll Sein Schade -nicht sein. – Hat Er keine Vermuthung, auf welche -Art die schöne Ausbeute, welche Er der Gewerkschaft -zugeschätzt hat, auf weniger als die Hälfte geschwunden -sein kann?«</p> - -<p>Der Jüngling stand rasch auf. »Meister Mickley!« -sagte er, »ich habe Ihnen gleich gesagt, daß -Erzschätzen nach dem bloßen Augenschein etwas sehr -Unsicheres sei; und wenn Sie anderer Meinung -sind, so denken Sie, daß ich noch lange in die -Bergschule gehen muß, eh' ich reif bin zum Steiger!«</p> - -<p>»Ei, nur nicht so heftig, lieber junger Mann!« -bat Mickley, ihn bei der Hand nehmend; »nehm' -Er nur wieder Platz, und hör' Er, was ich ihm -sagen will.«</p> - -<p>Ferdinand aber gab vor, daß er zu Hause -nothwendig zu thun habe.</p> - -<p>»Nun, so besuch' Er mich ein ander Mal, komm -Er doch immer, wenn Er die Bergschule besucht; -die ist alle Nachmittage zwischen 3 und 4, da kann -Er bei mir sich an einer Tasse Kaffee erquicken; -und wenn Er Zeichnenmaterial braucht, das kann<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span> -Er bei mir auch haben, braucht's nicht in der Buchhandlung -zu holen. Wart' Er, ich will Ihm einmal -etwas zeigen!« Und er schob sich hinter seinen -Ladentisch und brachte verschiedene Reißzeuge zum -Vorschein. »Ist Er schon mit einem Reißzeuge -versehen?« fragte er.</p> - -<p>»Ich habe mich mit einem Zirkel und einem selbstgemachten -Transporteur behelfen müssen,« sagte Ferdinand; -»ein gutes Reißzeug war mir zu kostspielig.«</p> - -<p>Der Gelbgießer öffnete das größte der mit -schwarzem Maroquin überzogenen Kästchen und legte -es mit seinen aus rothem Sammet hervorblitzenden -feinen Instrumenten dem jungen Häuer vor. Dieser -wurde von dem Anblick unwiderstehlich gefesselt. Ein -so kostbares Reißzeug hatte er selbst bei seinem -Markscheider nicht gesehen. Stumm stand er darüber -gebeugt und wagte kaum Athem zu holen, damit sein -Hauch das funkelnde Metall nicht erblinden mache.</p> - -<p>»Ist das wohl vollständig?« fragte Mickley; -»gefällt es Ihm?«</p> - -<p>»Wem wollte das nicht gefallen?« sagte Ferdinand; -»wer die edle Mathematik treibt, der muß -daran seine Freude haben. Aber es gehört wohl ein -guter Beutel dazu, einen solchen Schatz zu besitzen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span></p> - -<p>»Manchmal hilft auch ein gutes, ehrliches Gesicht -dazu,« sagte der Bürger. »Ich weiß nicht, -Er hat mir's angethan. Ich will Ihm was sagen: -Das Ding steht seit Jahren hier, und kein Mensch -kauft es. Alles behilft sich mit billigen Kästen, -den Zimmer- und Maurermeistern kommt's nicht -darauf an, ob der Transporteur keinen Grad richtig -zeigt, oder das Winkelmaß auf 89 Grad steht -statt auf 90, und den Bergschülern fehlt's am -Besten. Ich will aber das Ding einmal los sein, -ehe es verrostet. Nehm' Er es als eine kleine -Aufmunterung zu rechtem Fleiße, damit wir wieder -einen tüchtigen Steiger bekommen, wenn der alte -Meier bergfertig wird.«</p> - -<p>Ferdinand wollte zwar ein so kostbares Geschenk -nicht nehmen, aber der Gelbgießer wußte es ihm -aufzureden. Als wär' er in den Besitz eines Königreichs -gekommen, so froh verließ er das Gewölbe. -Draußen stieß er auf Brunhild, die älteste Tochter -seines Schichtmeisters aus dessen zweiter Ehe. Er -bot dem schönen, eleganten Mädchen sein Glückauf -und wollte vorübergehen; aber sie hielt ihn freundlich -an. »Haben Sie meinen Vater nicht gesehen, -Herr Bergner?« fragte sie. »Oh, zum Herrn fehlt<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span> -mir viel, Fräulein Brunhild,« erwiederte er, »Ihren -Vater vermuth' ich beim Herrn Markscheider.« »Gut, -ich danke,« sagte sie, »und nicht wahr, Sie thun -mir einen Gefallen?« – »Zwei für einen,« sagte -er, »befehlen Sie nur!« – »Sie machen sich wohl -aus einem kleinen Umweg nichts, wenn er über -den Vater Abraham führt?« sprach sie mit einem -feinen Lächeln, »wollen Sie nicht unserer Hedwig -sagen, sie möchte der Mutter ihr neues Barègekleid -schicken und nicht auf die Eltern mit dem -Essen warten; wir sind Alle zu Landgraf's zu -Tisch und zu einer Soirée bei Neuhoff's geladen; -es kann Mitternacht werden, eh' die Eltern heimkommen. -Grüßen Sie die gute Hedwig von mir -– und hier, wollten Sie ihr wohl das Stückchen -Apfeltorte von mir bringen?«</p> - -<p>Ferdinand übernahm den Auftrag mit herzlicher -Freude, und das schöne Mädchen nahm freundlich -Abschied. »Die hat doch ein Herz,« sagte der Häuer -ihr nachblickend; »das hat sie von ihrem Vater, -und die Mutter hat es nicht verwüsten können. -Gott segne sie!« – Nun lenkte er seinen Schritt -dem Thore zu.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span></p> - -<h3>II.</h3> -</div> - -<p>Brunhild fand ihren Vater wirklich bei dem -Markscheider. Sie theilte ihm mit, welche Einladungen -an ihn und die Seinigen ergangen waren, -und bat ihn, augenblicklich mit ihr zu kommen. Er -ging mit ihr. »Wo ist denn die Mutter?« fragte -er vor der Thür.</p> - -<p>»Bei dem Goldschmied,« antwortete sie.</p> - -<p>»Schon wieder?« fragte er trübe.</p> - -<p>»Sei nur nicht bös,« sagte Brunhild, »ich -wollte es nicht haben; aber Du weißt, wie die -Mutter ist, und vielleicht hat sie heute nicht ganz -Unrecht, ich habe Dir noch nicht gesagt, daß die -Frau Baronin zum Besuch hierher kommt und bei -Neuhoff's absteigt.«</p> - -<p>»Heute?« fragte der Schichtmeister; »und da sollen -wir wohl am Abend in Gesellschaft der Baronin sein?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span></p> - -<p>»Ja, und auch schon bei Landgraf's mit ihr -speisen.«</p> - -<p>»Also die Frau Baronin kommt? Sie will uns -kennen lernen,« sagte der Schichtmeister erheitert, -»so komm denn!«</p> - -<p>Bei dem Goldschmied angekommen und von -diesem in sein Wohnzimmer geführt, wurde der -Schichtmeister von seiner Frau auf die Seite gezogen. -»Hast Du schon gehört, lieber Schatz, welche -Ehre, welches Glück uns erwartet?« redete sie ihn -an. Und als er bejahte, sagte sie: »Denke Dir, -das ist Alles so von dem Baron veranstaltet; der -liebe, goldne Mann erwartet den günstigsten Eindruck -von der Begegnung unsers Kindes mit seiner -Mutter, und hofft morgen schon ihr Jawort zu erhalten. -Du kannst Dir meine Seligkeit denken, -Schatz, denk' einmal, in einem Vierteljahr ist unser -Kind vielleicht Frau Baronin – gnädige Frau! -Aber Du weißt, man muß das Eisen schmieden, -wenn es glüht, und nur den Dummen kommt das -Glück im Schlafe. Es versteht sich, daß wir vor -der Frau Baronin anständig erscheinen müssen. -Glücklicherweise sind unsere Mädchen, als hätten sie -es geahnt, in den letzten Tagen fleißig hinter ihrer<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span> -Garderobe her gewesen, und mein neues Barègekleid -macht sich auch. Aber zu den noblen Gewändern -gehört auch ein nobler Schmuck, wenigstens -für Brunhild. Ich bin daher gleich hierher -gegangen und habe uns einige sehr einfache, aber -noble Sachen ausgesucht; Du weißt, ich verstehe -mich auf dergleichen. Aber denke Dir, der Goldschmied -will uns nur auf einen Wechsel von Dir -weitern Credit geben. Vergebens tröstete ich ihn -auf das nahe Ende meines Erbschaftsprocesses; er -besteht auf dem Wechsel. Nun, Du weißt doch -besser als er, wie es um den Proceß steht, daß -wir ihn in erster Instanz gewonnen, und daß nach -der Versicherung unsers Advocaten das Erkenntniß -der zweiten Instanz bald erfolgen und unser Erbe -in spätestens drei Monaten in unsern Händen sein muß. -Du hast hoffentlich kein Bedenken gegen den Wechsel?«</p> - -<p>»Allerdings, liebe Bertha, hab' ich das,« erwiederte -der Schichtmeister, »Alles, nur keinen -Wechsel! Ich hoffe zwar auch, daß der Proceß -bis dahin entschieden sein wird, aber es bleibt doch -immer eine Möglichkeit, daß er sich noch sehr lange -hinauszieht. Ich meine auch, der Schmuck sei nicht -so nothwendig –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span></p> - -<p>»Nicht nothwendig?« fiel ihm die Frau ins -Wort, und da der Goldschmied hinausgegangen -war, so rief sie laut: »Brunhild! Klotilde! sagt, -ob die Schmucksachen uns nicht nöthig sind, um -vor der Frau Baronin zu bestehen?«</p> - -<p>Brunhild sagte, sie wolle nichts bestimmen, aber -so viel wisse sie, daß ihr Alexis nicht nach Schmuck -bei ihr frage. – »Aber,« fiel Klotilde ein, »die -Frau Baronin ist eine Banquierstochter, und diese -Damen halten viel auf Geschmeide. Die Frau -Magisterin sagte, der erste Eindruck einer Begegnung -entscheide oft über die ganze Zukunft, und -ich möchte der geschmeideliebenden Baronin nicht -allzu einfach vor die Augen kommen, wenn ich ihre -Schwiegertochter werden wollte!«</p> - -<p>»Aus Dir spricht Welt, Mädchen,« rief die Mutter; -»ja so ist es, wir müssen den ersten Eindruck wahren!«</p> - -<p>Zögernd erklärte der Schichtmeister seine Bereitwilligkeit, -den Schmuck gegen eine Obligation zu -erstehen. »Ich zweifle nur, daß Herr Reichel darauf -eingeht,« bemerkte die Frau, »doch versuche -Dein Glück. Komm mit in den Laden!«</p> - -<p>Sie gingen hinaus. Der Goldschmied hatte die -ausgewählten Gegenstände schon bereit gelegt. Die<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span> -Frauen überließen sich mit Entzücken der Betrachtung -dieser nothwendigen Entbehrlichkeiten, indeß -der Schichtmeister mit dem Goldschmied über die -Art der Zahlungssicherstellung verhandelte. Herr -Reichel wollte von der vorgeschlagenen Art der Zahlungssicherstellung -nichts wissen; er bestand auf -einem Wechsel nicht nur für die schon im Buch -stehende, sondern auch für die neue Schuld. Der -Schichtmeister konnte sich zu dem Wechsel nicht entschließen, -und der ganze Handel drohte sich zu zerschlagen. -Aber Töchter, die zur rechten Zeit bethauete -Wimpern zeigen, und Mütter, die im rechten -Augenblick das Vaterherz zu packen verstehen, werden -meist siegreich aus einem Angriff auf väterliche Finanzscrupel -hervorgehen. Klotilden, die als das leibhaftige -Ebenbild der Mutter des Vaters Liebling -war, perlten Tröpfchen über die rosigen Wangen, -und sie ging mit dem Tuche vor den Augen ins -Zimmer zurück. »Komm, Brunhild!« rief die Mutter -zornig und zog sie jener nach. »Aber Bertha!« -sagte der Schichtmeister folgend, »sei nur nicht so -bös! Ich kann doch nicht anders.«</p> - -<p>Die Beleidigte wendete sich von ihm ab und -rief ihren Töchtern zu: »Jetzt kommt, Kinder! kommt<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span> -gleich mit nach Hause! Es war sehr unrecht, Euch -in Pension zu thun. Euer Vater will, Ihr sollt -Häuersweiber werden wie das Gänseblümchen, die -Hedwig. Kommt! Ihr setzt keinen Fuß wieder in -die Pension, und Du, Brunhild, vergissest Deinen -Alexis! Vielleicht findet sich auch noch ein Steiger -für Dich – armes – unglückliches – Kind –« -und ihre Stimme erstarb in Schluchzen.</p> - -<p>Da brach dem Schichtmeister das Herz. Er -kratzte sich den Kopf – er besann sich – es galt, -sich zur Zahlung von 400 Thalern nach Ablauf -von drei Monaten verbindlich zu machen. – Die -Erbschaft seiner Frau, so redete er sich in der Erregung -des Herzens ein, die Erbschaft mußte bis -dahin eingehen, und wenn nicht, so wäre darauf -inzwischen schon ein Darlehn zu erlangen. – Er -ging in den Laden zurück und unterzeichnete den -schon ausgefüllten Wechsel. Seine Hand zitterte, -aber doch war ihm leichter ums Herz, als er, den -Kasten mit dem erstandenen Geschmeide in den Händen, -zu seiner Frau trat.</p> - -<p>Die vier Familienglieder verfügten sich nun zu -der »Frau Magisterin«, bei welcher Brunhild und -Klotilde sich jenen schimmernden Anstrich holten, der<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span> -in gewissen Gesellschaftskreisen für die Blüthe der -Erziehung gilt. Als sie nur wenig Minuten das -Haus des Goldschmieds verlassen, trat bei diesem -ein einzelner, auch bergmännischer Besuch ein. Ein -langer, hagerer Graukopf mit dem Abzeichen eines -Grubensteigers. Sein gefurchtes Gesicht ließ ihn -älter erscheinen, als er war. Sein Glückauf! war -nicht das helle, herzhafte, wie es gewöhnlich aus -der Knappen Mund ertönt, es klang hohl und -traurig. Der Goldschmied führte ihn in ein kleines -Bureau, das hinten an den Laden stieß. Der -Steiger brachte aus seinem Kittel ein Päckchen in -Papier, das ihm der Goldschmied hastig abnahm und -mit den Händen wog. »Es scheint leichtes Gut zu -sein,« sagte er.</p> - -<p>»Leicht?« versetzte der Steiger; »ich wette, daß -Sie noch nie schwereres Erz in den Händen gehabt, -sehen Sie es nur erst an!«</p> - -<p>Der Goldschmied entfernte das Papier und vergaß -einen Augenblick den Kunstgriff des Wucherers, das -zu kaufende Gut mit Geringschätzung zu betrachten.</p> - -<p>»Wie viel haben Sie von dieser Art?« fragte er.</p> - -<p>»Zwei Centner,« antwortete der Steiger mit -einem tiefen Seufzer.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span></p> - -<p>»Freilich wenig,« sagte der Goldschmied; »wird -sich kaum des Schmelzens verlohnen.«</p> - -<p>»So sprechen Sie immer,« sagte der Steiger; -»aber ich weiß so gut wie Sie, was in dem Erze -steckt, und was sich herausschmelzen läßt.«</p> - -<p>»Was verlangt Ihr für den Braß?« fragte -der Goldschmied wieder.</p> - -<p>»Ich hoffe damit den Wechsel meines Sohnes gedeckt -zu haben – sonst will ich weiter nichts – ich will -froh sein, wenn ich diesen Stein vom Herzen habe.«</p> - -<p>Der Goldschmied wollte den Werth des Erzes -herabsetzen, so daß der Wechsel nicht damit gedeckt -erschien, aber der Steiger bestand auf seiner Forderung, -und zuletzt versprach der Goldschmied, den -Wechsel auszuliefern, sobald er das Erz in Empfang -nähme. Der Steiger wollte es in der zweitnächsten -Nacht zum Theil bringen und verabschiedete -sich. »O, mein Sohn! mein Sohn!« murmelte -er unter der Thür, »wenn Du wüßtest, wohin Dein -Uebermuth Deinen alten Vater gebracht hat!« Eine -Thräne quoll aus seinem Auge – langsam stieg -er die Stufen vor dem Laden hinab. Plötzlich fand -er sich angeredet. Aufblickend sah er den Gelbgießer -Mickley vor sich stehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span></p> - -<p>»Ihr noch in der Stadt?« fragte dieser, »und -kommt vom Goldschmied?« Der Steiger erschrak. -»Ich war – ich hatte – mein Sohn schickte mich -hierher –« stotterte er.</p> - -<p>»So?« versetzte Mickley; »ist der Herr auch -wieder einmal zu Platze? Er ist nun endlich einmal -Doctor geworden und geht mit einer vornehmen -Heirath um – he?«</p> - -<p>»Wie er thut, ja; und da er so gut mit dem -Herrn Obereinfahrer steht, so mag wohl was d'ran -sein.«</p> - -<p>»Ach ja, es ist ja die Schwester vom Herrn -Baron, um die er freit; – da gratulir' ich zur -vornehmen Freundschaft, Alter!«</p> - -<p>»Danke, Meister Mickley, eine brave, bürgerliche -Schwiegertochter wäre mir lieber. –«</p> - -<p>»Ihr seid ein braver Mann, Steiger,« sagte -der Gelbgießer, ihm auf die Schulter klopfend, »ich -weiß, Ihr habt's nicht wie Eure Schichtmeisterin -darauf angelegt, in vornehme Freundschaft zu kommen. -Hättet Ihr doch in Eurer Demuth Euren Sohn -gar nicht studiren lassen; aber gute Freunde haben -Euch überredet. Daß er nun aus der Art geschlagen, -ist somit nicht Eure Schuld.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span></p> - -<p>»Dort kommt er gerade,« sagte der Steiger, -»dort aus dem Posthause; der Herr Obereinfahrer -und eine Dame sind bei ihm – sie kommen hierher, -wir wollen doch ein wenig auf die Seite gehen.«</p> - -<p>»Ei warum nicht gar! Es sind Menschen wie -wir auch. Ich möchte Euern Sohn 'mal in der -Nähe sehen.«</p> - -<p>Jene Drei waren bald in die Nähe der Beiden -gekommen; der Steiger salutirte seinem Vorgesetzten, -der Bürger grüßte höflich; der Obereinfahrer erwiederte -freundlich die Grüße, aber der Doctor, anscheinend -in tiefem Gespräch mit der Dame, der eine -Zofe und ein Lakai mit Gepäck folgten, ging, ohne -nur den Kopf nach seinem Vater zu wenden, stolz -vorüber.</p> - -<p>»War das Euer Sohn?« fragte der Gelbgießer -nach einer Weile. Der Steiger bejahete es mit -einem Seufzer.</p> - -<p>»Und er sah Euch nicht einmal an!« sagte jener, -»und grüßte nicht einmal! Er verleugnet seinen Vater, -er schämt sich seiner Herkunft! Armer, alter Mann!«</p> - -<p>Der ehrsame Bürger nahm Abschied von dem -Greis, und dieser wankte dem Thore zu.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span></p> - -<h3>III.</h3> -</div> - -<p>Die Fundgrube Vater Abraham gehörte zu den -ältesten Bergwerken des Reviers. An einem sanften -Abhange der waldigen Hochebene gelegen, ragten die -stattlichen Berggebäude, das gethürmte Huthaus, die -Bergschmiede, die Wäsche und der Pferdegöpel aus -dunkeln Tannen hervor. Ein Glöcklein, das von -Minute zu Minute angeschlagen wurde, schallte -weithin durch die einsame Gegend. Es war der -Nachmittag desselben Lohntags. Das Wetter wunderschön. -Auf einer Bank vor dem Huthause saß -ein stattlicher Greis im Bergmannskittel zur Seite -eines jungen, einfach bürgerlich gekleideten Mädchens -von ausnehmender Anmuth. Eine kleine Gestalt, -aber vom zierlichsten Bau, eine bewundernswürdige -Vereinigung von Zartheit und Fülle. Während sie -emsig strickte, hing ihr blaues Auge an den dunkelblauen<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span> -Berghäuptern des Fichtelberges und seiner -Nachbarn, welche trotz der Entfernung mehrer Stunden -doch ganz nahe zu sein schienen, so durchsichtig -war die Luft und so günstig die Lage des Standpunktes.</p> - -<p>»Ja, schau Dir ihn nur an, den alten lieben -Bergkönig,« sagte der Greis; »so wie Du hab' ich -ihn schon seit mehr als vierzig Jahren fast täglich -betrachtet, entweder von dieser Bank oder vom Fenster -aus, und doch hab' ich mich nie satt daran sehen -können. Nein, je älter ich geworden, desto lieber -hab' ich da hinauf geschaut; und wenn mir noch -so weh ums Herz gewesen, von meinen Bergen herab -ist mir Linderung gekommen.«</p> - -<p>»Ich habe schon oft nachgedacht,« sagte das -junge Mädchen, »was es denn eigentlich sei, das -uns so heimlich und so magisch von den duftigen -Höhen anweht, aber ich habe den Schlüssel zu dem -Zauber nicht finden können.«</p> - -<p>»Ja, sieh, mein Kind,« erwiederte der Greis; -»zwischen den Bergen und dem unverdorbenen -Menschenherzen findet eine nahe Verwandtschaft statt. -Beide streben zum Himmel, und beide tragen himmlische -Kräfte in sich. Aber was den Fichtelberg<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span> -betrifft, so hat der für ein echtes, treues Bergmannskind -noch einen ganz besondern Zauber. Denn sieh, -im Fichtelberg hauste der gute Geist des ganzen -Gebirges. Das jetzige superkluge Volk will zwar -nichts davon wissen, aber ich weiß, was ich weiß.«</p> - -<p>»Erzählt mir doch etwas, Großvater!« bat das -Mädchen und wandte ihm ihr sonniges Gesicht mit -den blauen Augen zu. Zwar war es nur die alte, -schon hundertmal von ihm vernommene Geschichte, -die sie zu hören hoffen durfte; aber sie wußte, wie -gern er sie erzählte, wenn er einen andächtigen -Hörer fand, den er gern auch für einen gläubigen -nahm.</p> - -<p>»Nun, Dir kann man allenfalls so etwas erzählen,« -sagte er; »Du gehörst nicht zu den Superklugen.«</p> - -<p>»Vor Alters, wo alle Menschen gläubiger -waren,« begann der Alte, »kamen die Berggeister -häufig auf die Oberwelt und waren den Menschen -hülfreich, wo es noth that; aber je ungläubiger -die Menschen wurden, desto weniger mochten die -guten Geister mit ihnen zu schaffen haben und so -zogen sie sich immer mehr in den Schoß der Erde -zurück. Doch kommen sie dann und wann noch<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span> -ans Tages- oder Grubenlicht. Auch ihr Fürst, der -Geist des Fichtelberges, ist vor gar nicht langer -Zeit noch gesehen worden. Da ist bei meines seligen -Vaters Lebzeiten zu Wiesenthal ein armer, armer -Häuer gewesen, der hat die Stube voll Kinder und -kein Brod in der »Almet« gehabt, auch keins -schaffen können, denn seine Grube ist auflässig und -er ohne neue Arbeit gewesen. Da treibt ihn das -Geschrei der hungrigen Kinder bei Morgengrauen -aus dem Hause, und in der Verzweiflung seines -Herzens geht er, er weiß selbst nicht wohin. Und -wie er gegangen und gegangen ist, steht er oben -auf dem Fichtelberg. Da sitzt ein steinalter Bergmann -unweit von ihm auf einem Stein, der winkt -ihm. Wie er hinkommt, sieht er zu des Alten Füßen -einen Brunnen voll hellen Wassers, und war ihm -doch sonst nie ein Brunnen da oben vorgekommen. -»Was soll ich?« hat er gefragt. »Räume doch die -Steine aus meinem Brunnen hier; schlechtes Volk -hat sie hineingeworfen.« Das hat sich der Wiesenthaler -nicht zweimal sagen lassen; hat nicht gefragt: -was krieg ich? oder was geht's mich an? sondern: -'s ist ein alter Mann, hat er gedacht, und das -Alter muß man ehren; hat sich frisch ans Werk<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span> -gemacht und die Steine herausgeholt. Und wie er -den letzten auf den Rand gebracht, siehe, da ist's -blankes Gold gewesen; der Alte aber war verschwunden. -Ist kein anderer gewesen, als der gute Bergfürst. -Fröhlichen Muthes ist der Häuer heimgeeilt, -und alle Noth hat bei ihm ein Ende gehabt. Später -ist es ihm eingefallen, daß wohl auch die andern -Steine, die er aus dem Brunnen geräumt, goldhaltig -gewesen sein könnten; er ist daher wieder auf -den Berg gestiegen, aber wie er auch gesucht, er -hat keinen Brunnen, noch eine Spur davon mehr -gefunden.«</p> - -<p>»Es ist recht schade,« sagte das Mädchen, »daß -jetzt solche guten Geister keinem Menschen mehr zu -Hülfe kommen, wo es der Noth so viel in unserm -Gebirge giebt.«</p> - -<p>»Ach wohl giebt's der Noth viel im armen Gebirge!« -rief der Greis, »mehr als ein Mensch aussagen -kann, und die guten Berggeister wären nöthiger -als je. Aber sieh, Hedwig, die Menschen haben sie -durch ihren Undank selbst verscheucht. Mit den -Berggeistern ist der Segen vom Gebirge geflohen; -das Bergwerk, sein eigentlicher Lebenspuls, ist in -Verfall gekommen, und ich weiß nicht, was noch<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span> -aus ihm werden wird. Wenn ich zurückdenke in -meine Jugendzeit, was für ein Leben war da noch -in unserm Revier, und besonders auf unserm Vater -Abraham! Wie ich als neuer Hutmann Deine -Großmutter heimführte, da standen 250 Bergleute -im Staat aufgepflanzt auf der Halde, lauter Vater-Abrahamer, -und eine Hochzeit war's, woran die -paar Alten, die aus jener Zeit noch leben, noch heute -mit Lust denken. Aber wie muß es erst gewesen -sein, als droben der alte Schacht noch gangbar -war, wo an 500 Bergleute anfuhren und ein Häuer -vom Vater Abraham von den Stadtleuten wie ein -Herr angesehen war! Doch das war auch eine -Strafe des erzürnten Berggeistes, daß er die schlagenden -Wetter in den alten Bau schickte, so daß -kein Häuer seines Lebens mehr darin sicher war, -und der Schacht aufgelassen werden mußte. Nun -schlug man da unten ein und suchte nach dem -alten Gang, fand aber nur einen Zweig davon, dem -zur Mächtigkeit und dem Reichthum des verlassenen gar -viel fehlte. Ach, wenn der alte Schacht noch im Gang -wäre, wie anders stände es um uns! Dann möchte -allenfalls Deine Stiefmutter mit ihren Docken den -Staat treiben, womit sie Deinen Vater jetzt ruinirt!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span></p> - -<p>Hedwig seufzte und fragte dann: »Aber Großvater, -sollte man denn den alten Schacht jetzt nicht -wieder öffnen können, nachdem er über hundert -Jahre darniedergelegen?«</p> - -<p>»Du weißt nicht, was es mit den schlagenden -Wettern für eine Bewandtniß hat. Sieh, die -kommen durch feine, unsichtbare Spalten aus dem -feurigen und kochenden Innern des Erdkörpers. -Da ist's wie in einem Schmelzofen, nur daß nicht -blos ein, sondern alle möglichen Metalle da unter -einander in glühendem Fluß sind, und wenn es -schon in unsern Schmelzhütten an giftigen Dämpfen -und Gasen nicht fehlt, die dem Schmelzer übel -zusetzen, wie viel weniger da unten in dem ungeheuren -Generalschmelzofen! Die Dämpfe sind zwar -gut, es sind die Nährmütter unserer Erzadern, indem -sie sich in den gröbern Spalten der Erde zu -Metallen niederschlagen; aber ihre Gesellen, die -Gase, werden, wenn sie in eine Grube eindringen, -die größte Plage des Bergmanns. Es ist aber in -der Macht des Berggeistes, die Gasritzen zu öffnen -und zu schließen, und er öffnet sie zur Strafe, wenn -die Gewerken oder das Bergvolk mit seinen Schätzen -gottlosen Mißbrauch treiben. So war's auch auf<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span> -dem alten Vater Abraham. Da sind die Bergleute -gar übermüthig geworden; die Schichtmeisterin ist -auch ein Weib gewesen wie Deine Stiefmutter, -hoffärtig und hart gegen die Armuth, und ein Gewerke, -der die meisten Kuxe gebaut, hat die Schwelgerei -so weit getrieben, daß er sich in Wein gebadet -und den so mißbrauchten edlen Saft den Armen -geschenkt hat. Das hat der Berggeist nicht länger -mit ansehen können. Erst hat er gewarnt, hie und -da ist eine kleine Wand eingestürzt; dann und -wann hat einem Bergmanne ein Schwaden den -Athem versetzt – aber wie alle Warnungen nichts -gefruchtet, hat er seine furchtbarsten Wetterschleusen -aufgezogen; da sind auf einmal zehn Mann vor -Ort erschlagen worden, und wer sich nachher wieder -hingewagt, hat das gleiche Schicksal gehabt, zuerst -in der tiefsten, zuletzt in allen Gezeugstrecken. So -hat man den reichen Gang im Stiche lassen müssen. -Später sind wohl Versuche gemacht worden, den -Gang wieder aufzunehmen, sie sind aber alle unglücklich -abgelaufen; noch zu meiner Zeit ließ sich -ein vorwitziger Bergmann in den Schacht und ward -todt herausgezogen, nicht etwa erstickt, sondern erschlagen. -Seitdem hat Niemand dem Zorne des<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span> -Berggeistes zu trotzen gewagt; und dieser Zorn wird -auch nicht weichen, wenn es die Menschen auf dem -Vater Abraham treiben wie bisher.«</p> - -<p>»Aber Großvater,« sagte Hedwig, »es sind doch -nicht alle Leute hoffärtig oder gottlos, die auf dem -Vater Abraham leben und verkehren; sollte denn -der Berggeist den Unschuldigen mit dem Schuldigen -strafen? Das wäre doch ungerecht. Da seid Ihr, -mein Vater, der Ferdinand, die Brunhild, der -Steiger Meier und so viele rechtschaffene Bergleute, -auch die Mutter hat ihre guten Seiten.«</p> - -<p>»Dich hast Du nicht mit genannt,« sagte der -Greis, »und doch bist Du das einzige Wesen, um -dessentwillen der Berggeist wenigstens nicht weiter -geht in seinem Zorn. Du bist wie Deine selige -Mutter – o die Liebe! sie wäre der Schutzgeist -vom Vater Abraham geworden, hätte sie fortgelebt -und Deinem Vater eine Schaar Kinder geboren wie -ihre Nachfolgerin, das unselige Weib. Mit Deiner -Mutter ging der gute Engel Deines Vaters von -der Erde, und Deine Stiefmutter scheuchte den -letzten Segen vom Vater Abraham. Denn wie -das Weib hier zu hausen begann, wurden da -unten die Erze tauber und tauber, und zuletzt<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span> -förderte der Göpel nichts mehr zu Tage als -Haldensturz.«</p> - -<p>»Aber« – wandte Hedwig ein – »seit ein -paar Jahren ist die Grube doch wieder recht höflich -geworden, und es sind Aussichten vorhanden, daß -sie es noch mehr wird.« –</p> - -<p>»Ist doch kein Segen dabei!« versetzte der Greis. -»Wenn man unser Erz sieht, so lacht Einem das -Herz im Leibe, und wenn es in die Hütten kommt, -ist's nichts. Ich sage Dir, es ist kein Segen mehr -auf dem Vater Abraham; selbst das Gute, was -die Erde noch giebt, wird zunichte, wenn nicht zum -Fluch. Du sprachst vom Steiger Meier, ja, das -ist mein alter Kamerad von Kindheit auf; wie ich -Hutmann ward, wurde er Steiger, und wir sind -immer gute Freunde gewesen. Erst als sein Student -aus der Art schlug, und der alte Vater dem Oben'naus -und Nirgendsan die Zügel nicht straff anzog, gab's -manche Mißhelligkeit zwischen uns, und seit einiger Zeit -ist er mir gar entfremdet. Ich weiß nicht, was ich denken -soll, er kann mich nicht mehr aufrichtig anschauen, und -in seinen Mienen liegt etwas, das mir weh thut.«</p> - -<p>»Der alte gute Mann hat so viel Sorgen um -den Sohn ausgestanden, und die Sorgen haben<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span> -sein Gesicht fast zur Unkenntlichkeit verzerrt,« meinte -Hedwig.</p> - -<p>»Und dieser Sohn sollte einmal Dein Mann -werden,« – sagte der Greis; – »es war ein -Lieblingsgedanke von uns Alten; wer konnte denken, -daß der schöne schwarzlockige Bube so ausarten -würde! Nun, ich brauchte mein Wort gegen den -Steiger nicht zu brechen, sein Herr Sohn sorgte -dafür, daß nichts daraus ward. Der liebe Gott -hatte es besser mit Dir im Sinne, als wir kurzsichtigen -Menschen; er hatte Dir den Rechten schon -erwählt. Ja, das ist der Trost meiner letzten Tage, -daß ich Dich in der Hut eines so rechtschaffenen -Menschen weiß, wie Dein Ferdinand ist. Das ist -noch ein echtes Bergmannsblut, treu und wahr und -unbefleckt.«</p> - -<p>Hedwigs Antlitz leuchtete wie verklärt; sie nahm -die braune, schwielige Rechte ihres Ahnen und preßte -sie zwischen ihre kleinen zierlichen Hände.</p> - -<p>»Deine Stiefmutter sieht zwar scheel zu Eurer -Liebe,« fuhr er fort; »die hochmüthige Frau glaubt, -es falle eine Perle aus ihrer Krone, wenn ihres -Mannes Tochter eines Steigers Weib wird; aber -Ihr sollt ihr zum Trotz ein Paar werden, bevor<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span> -ich meine Augen schließe. Was ich Dich noch fragen -wollte, Hedwig – was denkst Du von den Besuchen, -die der Doctor Meier seit seiner Ankunft dem -Vater Abraham abstattet? Sonst mied er ihn ja.«</p> - -<p>Hedwig wurde roth und bückte sich auf ihren -Strickstrumpf: »Ich weiß nicht, was er will,« sagte -sie nach einer Pause, »ich geh' ihm aus dem Wege, -wenn er kommt.«</p> - -<p>»Er scheint mit dem hoffärtigen Weibe ziemlich -vertraut zu sein,« sagte der Alte, »es fehlte blos -noch ein Laster auf dem Vater Abraham! – Doch -es fängt an, mir kühl zu werden; die Stunde des -Schichtwechsels rückt auch heran, da will ich mich -zum Beten fertig machen. Da unser Volk heut' -nicht da ist, so hast Du wenig Kocherei auf den -Abend, geh' doch noch ein wenig aus, mein Kind!« -Er streichelte ihr das volle, in Wellen gescheitelte -Haar, stand auf und ging ins Haus.</p> - -<p>Auch Hedwig erhob sich, verließ langsam die -Halde und verlor sich im nahen Walde. Unwillkürlich -schlug sie den Fußweg ein, der am alten -Vater-Abraham-Schacht vorbei nach Pobersdorf -führte. Der alte Schacht befand sich auf dem -höchsten Theile des weiten Plateaus, und seine<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span> -Halde bot eine vollständige Rundsicht dar, welche -Hedwig benutzen wollte, nach ihrem Geliebten zu -spähen, der jetzt anfahren mußte. Sie stieg daher -hinauf, aber als sie oben ihren Blick in die rechte -Richtung brachte, sah sie eine andere Gestalt daher -kommen, als die ersehnte. Es war der Doctor -Meier, derselbe, dem sie als Kind versprochen gewesen, -und der sie aus Hochmuth von sich gestoßen, -ehe sie noch das jungfräuliche Alter erreicht hatte. -Am letzten Sonntage war sie ihm auf dem Kirchwege -begegnet, das erste Mal seit vielen Jahren. -Da war der inzwischen zum Mann Gereifte vor der -blühenden Jungfrau voll Staunen stehen geblieben. -Er hatte sie angeredet, doch war sie durch Ferdinands -Dazwischenkunft aus dieser verlegenen Lage -befreit worden. Als sie aber nach Hause gegangen, -und Ferdinand auf dem halben Wege von ihr geschieden -war, hatte der Doctor plötzlich vor ihr gestanden -und sich ihr zur Weiterbegleitung aufgedrungen. -Da hatte er einen Ton gegen sie angestimmt, -der mit seinem frühern Betragen in vollem -Widerspruche stand. Sie hatte indessen seine girrenden -Aeußerungen für leeres Gerede genommen; -doch war sie ihm, als er seitdem täglich im Vater<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span> -Abraham einsprach, sorgfältig ausgewichen. Auch -jetzt wünschte sie ihm nicht zu begegnen; sie schlüpfte -daher in die nahe, offenstehende Kaue, welche den -alten Schacht überdeckte. Aber die scharfen Geieraugen -des Doctors hatten bereits die liebliche Gestalt -erspäht, und gerade ihre Flucht reizte ihn, sie -zu verfolgen. In raschen Sätzen sprang er die -Halde hinan und stand bald im Eingange der Kaue, -der schönen Flüchtigen gegenüber; aber zwischen ihm -und ihr klaffte der furchtbare Schlund.</p> - -<p>»Was fliehen Sie, Hedwig?« fragte er. »Kommen -Sie, ich habe einen Auftrag von Ihrer Mutter -an Sie. Hier ist ihr Commodenschlüssel, den soll -ich Ihnen mit der Bitte überbringen, ihr den neuen -Pariser Shawl durch mich zu schicken. Das Kleid -hat ihr der Junge richtig überbracht.«</p> - -<p>»Warum hat sie denn nicht dem Jungen aufgetragen, -ihr den Shawl zu holen, wenn sie ihn -durchaus haben muß?«</p> - -<p>»Da fragen Sie mich zu viel; – genug, ich -kam vorhin in ihre Gesellschaft, und als ich beim -Abschiednehmen sagte, ich ginge erst noch einmal -nach Pobersdorf, da bat sie mich, auf dem Rückwege -ihr den kleinen Gefallen zu thun.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span></p> - -<p>Zögernd kam jetzt Hedwig um das Mundloch -des Schachtes herum. »So kommen Sie,« sprach -sie, als sie sich ihm näherte. Er stand unbeweglich -vor ihr und schien sie mit seinen Blicken verschlingen -zu wollen. Nach einer Weile reichte er ihr die -Hand. »Hedwig, Sie stehen mir gegenüber wie -eine Fremde, fast wie eine Feindin; das sollte anders -sein! Geben Sie mir die Hand.«</p> - -<p>»Kommen Sie nur!« drängte sie, »ich will Ihnen -den Shawl holen.«</p> - -<p>»Stolzes Mädchen! Können Sie den Mann -entgelten lassen, was der wilde Knabe verbrach? -Konnte er auch in der verschlossenen Knospe die -Herrlichkeit der Blume ahnen? Hedwig, der erste -Strahl Ihrer Schönheit, der mein Auge traf, ist -wie der Blitz durch meine Seele gegangen; ich möchte -Ihnen zu Füßen fallen und Sie um Vergessen und -Vergeben anflehen. – Hedwig, lassen Sie die alten -Zeiten wieder gelten, wo ich Ihnen der nächste -Mensch auf Erden sein sollte! –«</p> - -<p>»Aber nicht wollte,« fiel sie ein, »und mit Recht, -denn wie paßte solch ein Gänseblümchen zu solch -einem stolzen Ritter! Nein, Herr Meier, die alten -Zeiten sind todt und begraben – lassen wir die<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span> -Todten ruhen. Zu vergessen und zu vergeben habe -ich nichts, denn Sie haben mich nicht gekränkt; die -Blume weiß nichts von dem verächtlichen Blick, der -die Knospe traf. Gehen Sie jetzt, ich folge Ihnen!«</p> - -<p>Aber er ergriff ihre Hand, und als sie sie ihm -entziehen wollte, schlang er seinen Arm um ihren -Leib und zog sie heftig an sich. »Nein, Mädchen! -so mußt Du mich nicht abspeisen wollen. Sieh -und fühle, wie Du plötzlich mein ganzes Wesen mit -einer namenlosen Gluth erfüllt hast! – Hedwig! -es ist über mich gekommen wie ein plötzliches Erwachen -aus wüstem Schlaf, wie ein Wirbel, der -mich mit allmächtiger Gewalt zu Dir reißt. – -Hedwig – das Wort unserer Väter muß sich erfüllen -– Du mußt mein werden!«</p> - -<p>»Lassen Sie mich los!« rief Hedwig ringend, -»ich habe weder Lust noch Zeit, Komödie mit Ihnen -zu spielen!«</p> - -<p>»Komödie? Mädchen! Siehst Du nicht, fühlst -Du nicht, welch verzehrendes Feuer in mir rast, -ein Feuer, das, beim Himmel! eher zu einer Tragödie -paßt als zu einer Komödie! Hedwig, ich -habe gelesen, daß Männer, die lange dem Geschoß -des blinden Gottes Trotz boten, von ihm plötzlich<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span> -mit unheilbarer Wunde gestraft wurden; ich fühle -jetzt, daß dies kein bloßes Märchen ist. Hedwig, -laß Gnade walten und gieb mir das Recht auf -Deinen Besitz zurück!« Hedwig wand sich mit abgewandtem -Gesicht ängstlich in den Armen des starken -Mannes. »Gieb, gieb es mir zurück!« drängte er -– »oder ich nehme es mir!«</p> - -<p>Da blickte sie ihm ins Gesicht und erschrak vor -dessen Ausdruck bis in die innerste Seele hinein. -War es möglich, daß ein Mensch so plötzlich von -einer rasenden Leidenschaft ergriffen werden konnte? -»Lassen Sie mich!« schrie sie, »Sie sind wie ein -Wahnsinniger!«</p> - -<p>»So scheint es mir selbst,« versetzte er, »darum -gehen Sie glimpflich mit mir um – seien Sie -mild und versöhnlich!«</p> - -<p>»Lassen Sie mich erst los – dann wollen wir -vernünftig mit einander reden.«</p> - -<p>»Versprich mit einem Kuß, daß Du nicht entfliehen -willst,« und er neigte sich zum Empfang des -Pfandes. In diesem Augenblick riß sie sich mit -verzweifelter Anstrengung los und floh. Aber er -hatte sie schnell wieder erreicht und zog sie in das -Innere der Kaue zurück. – »Hülfe! Hülfe!« kreischte<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span> -sie, daß es weit durch den Wald hin gellte; aber -schnell verschloß er ihr den Mund mit seinen Küssen. -Vergebens kämpfte Hedwig mit allen Waffen, die -dem Weibe gegen die Gewalt verliehen sind, um -sich der ungestümen Liebkosungen des Rasenden zu -erwehren; aber ihre Kraft reichte gegen die Gewalt -ihres Gegners nicht aus. Da plötzlich fühlte der -Doctor sich hinten kräftig gepackt, ja eh' er sich noch -besinnen konnte, sah er sich zu seinem Entsetzen gerade -über dem schwarzen Schachtschlunde schweben, -in den er unrettbar stürzen mußte, wenn die Riesenfaust, -die ihn hielt, ihn fahren ließ. War etwa ein -Berggeist dem bedrängten Mädchen zu Hülfe gekommen? -Insofern man die Bergleute scherzweis -auch Berggeister nennt, allerdings: Ferdinand war -der Retter, der auf seinem Wege zur Schicht den -Hülferuf vernommen hatte. Da stand er nun und -hielt mit dem nervigen Arm den Dränger seiner -Trauten über die grauenvolle Tiefe, und da kniete -die Geliebte zu seinen Füßen und beschwor ihn, den -Elenden zu schonen. Der Doctor war zu einem -Bilde des Todes erblaßt. »So, nun wird er genug -haben,« sagte Ferdinand; »diese Cur wird hoffentlich -gründlich sein – meint der Herr Doctor nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span> -selbst?« Und er trug den bleichen Mann vor die -Kaue: »Nun komm, Hedwig!« sagte er, »den Arm -kann ich Dir nicht bieten in meinem lettigen Grubenzeug.« -– Aber Hedwig hing sich ängstlich an seinen -Arm und ging mit Ferdinand heim. Beide sahen -nichts von den racheblitzenden Blicken, die ihnen -folgten.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span></p> - -<h3>IV.</h3> -</div> - -<p>Der Doctor stand lange brütend auf der Halde. -Langsam trat er endlich den Weg nach der Stadt -an. Aber er beschloß, den Jungen zu erwarten, -welchen Hedwig mit dem Shawl schicken wollte. Er -brauchte nicht lange zu warten; der Junge war froh, -sich seines Botendienstes so leicht entledigen zu können, -und ein Trinkgeld machte seine Freude vollkommen.</p> - -<p>»Aber welche Entdeckung hab' ich machen müssen!« -sagte der Doctor, als er der Schichtmeisterin den -Shawl überreicht hatte und von ihr mit Dankesergießungen -überschüttet worden war; »Ihre Hedwig -lustwandelte <em class="antiqua">tête-à-tête</em> mit einem gemeinen Bergmann -im Walde.«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Meine</em> Hedwig?« erwiederte die Frau; »die -Sie meinen, ist doch nicht <em class="gesperrt">mein</em> Kind, sonst würde<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span> -sie sich sicher nicht zu einer Liaison mit einem Häuer -verirren. Aber interessiren Sie sich vielleicht jetzt -für das Gänseblümchen, wie Sie es vor Jahren -getauft haben?«</p> - -<p>»Das gerade nicht; ich wundere mich nur, daß -die Liaison von ihnen geduldet wird. Immer ist -Hedwig die rechte Tochter von Fräulein Brunhild's -Vater, mithin des Barons künftige Schwägerin. -Wenn nun die Frau Baronin Mutter erführe, daß -ihr Sohn Gefahr liefe, der Schwager eines gemeinen -Häuers zu werden, so könnte sie leicht –«</p> - -<p>»Um Gotteswillen!« unterbrach ihn die Schichtmeisterin -entsetzt; »ich bitte, lassen Sie den Baron -und die Frau Baronin ja nichts merken von dem, -was Sie gesehen; dafür, daß aus Hedwigs Liaison -nichts wird, stehe ich. Von Stund' an muß mein -Mann den frechen Menschen, der sich in unsere Familie -drängt, ablohnen und Hedwig jeden Verkehr -mit ihm untersagen.«</p> - -<p>»Zum Glücke Ihrer Brunhild dürfte das klug -und weise sein,« bemerkte der Doctor und empfahl -sich in der Hoffnung eines genußreichen Abends. Er -begab sich zu dem Goldschmied Reichel, der ihn wie -einen guten Kunden empfing.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span></p> - -<p>»Wie steht's, Bester?« fragte der Doctor, »hat -mein Alter gedeckt?«</p> - -<p>»Ich glaube – wenn die ganze Lieferung der -Probe gleicht; das muß sich erst ausweisen.«</p> - -<p>»Wißt Ihr was? Ihr müßt mir augenblicklich -noch hundert Thaler vorstrecken; ich muß morgen -nach Hallbach zu meiner Erkornen und da nobel -auftreten; wahrscheinlich muß ich ihren Papa nach -Bad Kissingen begleiten. Wir vertauschen den alten -Wechsel mit einem neuen, und – nun Ihr wißt -Euch schon bezahlt zu machen.«</p> - -<p>»Aber Ihr Vater war schon jetzt schwierig,« -wendete der Goldschmied ein.</p> - -<p>»Nur keine Umstände, mein Guter!« sagte der -Doctor. »Hoffentlich ist das der letzte Schröpfkopf, -den ich an den guten Alten ansetzen muß. Zieht -nur die Casse auf, mein Goldmann!«</p> - -<p>Der Goldschmied mußte den Doctor wohl unwiderstehlich -finden, er zog ein Kästchen aus seinem Ladentisch -und zählte die verlangte Summe in Dukaten auf.</p> - -<p>Der Doctor strich sie ein. »Die habt Ihr aber -gehörig mit Königswasser getauft,« sagte er, die -Münzen prüfend, »Ihr seid doch ein unverbesserlicher -Anabaptist!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span></p> - -<p>Gleichgültig, als ob er die Anspielung nicht verstehe, -füllte der Goldschmied ein Wechselformular aus -und legte es dem Schuldner vor. Dieser unterzeichnete. -»So, wieder ein Geschäft gemacht!« sagte -er, sein Gold einsteckend.</p> - -<p>»Nun noch Eins: Vergeßt um Eurer selbst -willen nicht, daß die Klausel, »nach Wechselrecht -verfahren,« keine andere Bedeutung haben kann, -als die eines Schreckschusses! Ihr kennt das Sprichwort -vom Hehler!« Und er ging.</p> - -<p>»Das ist der leibhaftige Satan!« murmelte der -Goldschmied, ihm nachstarrend.</p> - -<p>Diese Verhandlung zeigt, daß der unglückliche -alte Steiger sich sehr irrte, indem er wähnte, seinem -Sohne sei das verzweifelte Mittel, dessen übermäßige -Geldbedürfnisse zu befriedigen, so verborgen geblieben, -wie er es zu halten gesucht. Der entartete Sohn -selbst hat den Goldschmied auf den Vater gehetzt. -Nur der Ort, wo dieser das Erz aufbewahrte, war -jenem unbekannt, und er hatte bisher auch nicht -Ursache gehabt, danach zu forschen.</p> - -<p>Während der Vater tief im Schoße der Erde -nicht nur mit seinem schweren Tagewerk sich plagte, -sondern auch von Gewissensbissen gequält wurde,<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span> -verlebte der Sohn einen genußreichen Abend im -Salon des reichen Handelsherrn Neuhoff. Er war -ein ausgezeichneter Gesellschafter, als solcher schon -früher der Baronin von Brunn, in deren Haus ihn -ihr Sohn eingeführt hatte, so lieb und werth geworden, -daß man an ihrem Wohnorte Hallbach -lange von einem zärtlichen Verhältniß zwischen Beiden -munkelte, bis es offenkundig ward, daß der -junge Arzt sich Hoffnung auf die Hand der Baronesse -Lydia mache. Heute entfaltete er alle seine -Gaben, theils um sich in guter Gesellschaft über die -am Nachmittag erlittene Niederlage erhoben zu fühlen, -theils um seinen Einfluß auf die Baronin zu -befestigen. Diesen Einfluß bedurfte er nicht nur für -seinen Heirathsplan, der freilich mit seinem Benehmen -gegen Hedwig im Widerspruch stand, sondern auch -zur Förderung der Wünsche des jungen Barons -und Brunhild's, wodurch er an der Schichtmeisterin -eine dankbare Bundesgenossin gegen Hedwig und -ihren Häuer gewann. Seine Bemühungen gelangen -vollständig; er wußte die Baronin dergestalt auf die -in Wahrheit vorhandenen trefflichen und zum Theil -glänzenden Eigenschaften Brunhild's aufmerksam zu -machen, daß am Schlusse des Abends der Baron<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span> -es wagen konnte, der Mutter seine Wahl zu gestehen. -Und die von der schönen, und, was ihr -allerdings viel galt, eleganten jungen Dame bezauberte -Gnädige beschloß den Abend mit einer stillen -Verlobung, vorbehältlich der Einwilligung ihres -gichtkranken Gatten, an der sie nicht zweifelte. »Ich -curire ihn,« sagte der Doctor, »und im schlimmsten -Falle geht das Glück des Freundes dem meinigen -vor, wenn ich liquidire.«</p> - -<p>Als er früh zwischen vier und fünf Uhr sich -seiner väterlichen Behausung näherte, sah er aus -der schwer zugänglichen Oeffnung eines alten Stollens -eine dunkle Gestalt treten und gleichfalls auf -das Haus zugehen. Er ging ihr schnell nach und -stieß an der Hausthür auf seinen Vater. »Du -kommst so spät aus der Stadt?« redete der Greis -den Sohn an, »so lange hast Du geschwärmt? -Und ich muß mich mit der sauern Nachtschicht plagen! -Du solltest doch nun ein anderes Leben anfangen!«</p> - -<p>»Du hast keine Idee von dem Leben einer Gesellschaftssphäre, -zu der ich nun einmal durch Anlage -und Neigung gehöre,« antwortete der Doctor. »Ich -muß meine höhere Bestimmung erfüllen, und Du -wirst bald Ursache haben, Dich über alle Opfer zu<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span> -freuen, die Du mir gebracht. Du sollst sie an keinen -Undankbaren verschwendet haben. Laß Dir sagen, -daß ich heute glücklich die Verlobung zwischen dem -Obereinfahrer und Schichtmeisters Brunhild zu -Stande gebracht habe; und was ich über die Mutter -zu Gunsten Anderer vermocht, das vermag ich auch -zu meinen eigenen. Du wirst sehen, in wenig -Wochen darfst Du die reiche Baronesse Lydia von -Brunn als Deine Schwiegertochter begrüßen!«</p> - -<p>»Dann werde ich wohl am längsten einen Sohn -gehabt haben,« sagte der Greis, »wer seinen Vater -auf der Straße nicht kennen will, wenn er nur in -eines Barons Gesellschaft geht, wird ihm vollends fremd -sein, wenn er der Mann einer Baronesse ist. Nun, -ich wünsche Glück zu dem hohen Flug – freuen -könnte ich mich nur, wenn Du mir eine Schwiegertochter -brächtest, wie meine Hedwig, die Du im -tollen Hochmuth von Dir gestoßen.«</p> - -<p>»Die hat sich längst zu entschädigen gewußt,« -sagte der Doctor.</p> - -<p>»Wohl ihr,« erwiederte der Steiger, »Gott -hat ihr trefflichen Ersatz gegeben. Das ist auch -mein Trost bei der ganzen Geschichte, daß das -Mädchen nun doch noch glücklich wird. Doch jetzt<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span> -laß uns hineingehen, ich höre die Mutter Licht anschlagen.«</p> - -<p>Sie gingen hinein.</p> - -<p>Die letzten Worte hatten den Stachel der Eifersucht -und Rache, den der Sohn im Herzen trug, -tiefer hineingetrieben. Daß sein Vater aus dem -alten Stollen gekommen war, leitete ihn auf die -Vermuthung, daß dort die geheime Erzniederlage -desselben sei, und diese Vermuthung führte sein brütendes -Gehirn auf einen Gedanken, dessen Tücke er -vor sich selbst mit der Ausflucht beschönigen konnte, -er müsse von seinem Vater die nahe Möglichkeit der -Entdeckung seines Verbrechens entfernen; denn so -gut wie er konnte auch ein fremder Mensch, vielleicht -gar der Bergner, den Vater einmal bei seinem -nächtlichen Gange von oder zu dem Stollen beobachten, -Verdacht schöpfen, untersuchen – und dann -war der Vater verloren.</p> - -<p>Wie kein Mensch so bös ist, daß er nicht nach -einer Rechtfertigung seiner bösen Absichten suchte und -sie auch glücklich fände, so fand der Doctor, als er -am Tage wieder in die Stadt kam und da zufällig -den Häuer Ferdinand Bergner aus dem Laden des -Gelbgießers treten und diesen das Abschiedswort<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span> -rufen hörte: »Auf Wiedersehen, mein lieber Steiger -<em class="antiqua">in spe</em>,« in diesem Worte mehr als eine bloße -Rechtfertigung seines schon fertigen Anschlages, er -fand sich als Sohn verpflichtet, einen Menschen unschädlich -zu machen, der offenbar seinem Vater nach -dem Brode trachtete. Er hatte eigentlich heute abreisen -wollen, aber sein tückischer Plan nöthigte ihn, -noch eine Nacht in der Heimath zu verweilen. Sobald -es finster war, verließ er die Stadt, nicht ohne -sich vorher mit Wachszündern zu versehen, eilte -nach Pobersdorf und in den alten Stollen bei der -väterlichen Wohnung. Er mußte lange suchen, ehe -er seine Vermuthung bestätigt fand; aber er fand -sie bestätigt: in einem Haufen alten Schuttes lagen -die schimmernden Stufen.</p> - -<p>Wie das Haus des Steigers, war auch Ferdinands -Wohnung ein altes Zechenhaus, das von -ersterem etwa tausend Schritte entfernt stand. Daher -fehlte es auch nicht an einem Stollen daselbst, der -dicht hinter dem Hause mündete. Der Doctor -kannte, als Ferdinands Jugendgespiele, die Oertlichkeit -genau; er wußte auch, daß dieser Stollen -durch eine Thür verschlossen war; aber auch dafür -hatte er sich gerüstet; er kannte die einfache Schließvorrichtung<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span> -solcher Grubenthüren und hatte sich mit -einem Stück Draht versehen, das er hier gleich in -die rechte Form brachte. Seine Absicht war, die Erzstufen -in Ferdinands Stollen, die sogenannte Jakobszeche, -zu schaffen, dort zu verbergen und nach einiger -Zeit den Verdacht der Erzentwendung auf den verhaßten -Häuer zu lenken. Sein Werkzeug zur Vollendung -des verruchten Vorhabens sollte ein naher -Anverwandter, ebenfalls Häuer auf dem Vater Abraham -und Aspirant auf die Steigerstelle, werden. -Mittels einer Leinenschürze, welche seine Mutter am -Gartenzaun zum Trocknen aufgehangen, bewirkte er -in drei Gängen den nicht leichten Transport. In -einer Stunde war das Werk der Bosheit geschehen. -Er hatte das Erz in der Jakobszeche so untergebracht, -daß nur ein mit Absicht spähendes Auge es -entdecken konnte. Froh über das Vollbrachte ging -er heim, um noch eine Nacht unter dem väterlichen -Dache zuzubringen.</p> - -<p>Er hatte keine Ahnung, daß gerade diese Nacht, -wo sein Vater die Nachtschicht aussetzte, zur Ablieferung -einer Hälfte des gestohlenen Erzes bestimmt -war. Um 1 Uhr nach Mitternacht stand der Steiger -auf und begab sich in seinen Stollen. Wie erschrak<span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span> -der beklagenswerthe Mann, als das Erz nicht mehr -zu finden war! Er durchsuchte alle Winkel und -Schutthaufen des nicht tiefen Stollens – das Erz -war verschwunden. Wie vernichtet setzte er sich auf -einen Stein im Stollen; er erschöpfte sich in Muthmaßungen, -wer des Erzes habhaft geworden und es -fortgetragen haben könnte; eben so wenig wie sein -alter Camerad, der Hutmann, war er ganz frei von -Aberglauben – vielleicht war das Erz durch das -Blendwerk eines Kobolds unsichtbar gemacht, vielleicht -war es gar »heimgegangen« – aber es -konnte wohl auch von einem Menschen entdeckt und -weggeschafft worden sein; dann war das Geheimniß -schon nicht mehr blos unter Zweien. Er zitterte -vor Angst, aber auch vor Frost; um sich zu erwärmen -und zu ermuntern, nahm er einen Schluck -aus seinem Fläschchen, das er jedes Mal gefüllt mit -zur Schicht zu nehmen pflegte, die er heute von -der Stadt aus antreten wollte. Aber statt daß er -sonst das Fläschchen nur allmälig im Verlaufe der -Schicht geleert hatte, trank er es jetzt in wenig -Minuten aus. Neu belebt machte er sich an eine -neue Durchsuchung des Stollens. Umsonst, das -Erz war und blieb weg. Wieder setzte er sich<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span> -nieder und versank in qualvolles Sinnen. Endlich -erklang das Häuerglöcklein. Das lud zur Schicht. -Er erhob sich, sein Kopf war schwer, taumelnd verließ -er den Stollen und schlug die Richtung nach -dem Vater Abraham ein. Was ihm noch nie begegnet, -widerfuhr ihm jetzt: er verirrte sich im -Walde und kam erst später als die andern Bergleute -auf die Grube. Noch immer berauscht, voll -Angst und Verdruß, stieg er in den Schacht. Die -gewohnte Sicherheit des Trittes hatte ihn verlassen; -in der halben Teufe verfehlte er eine Sprosse und -stürzte hinab zu den Füßen Ferdinands, der heute -bei der Förderung beschäftigt war. Dieser fing -zwar noch den Oberkörper des stürzenden Greises -mit seinen Armen auf, derselbe war aber bereits im -Fallen durch die Wände erheblich verletzt, so daß -er stark blutete und kein Lebenszeichen von sich gab. -Ferdinand befahl dem nahen Hundejungen, Wasser -zu bringen, und suchte dann seinen unglücklichen -Vorgesetzten zu beleben. Auf den Lärm des Jungen -kamen bald mehrere Häuer von ihren Oertern und -theilten Ferdinands Bemühungen. Es gelang, dem -Greise einige Lebenszeichen zu entlocken; aber sie -blieben sehr schwach. »Wir müssen ihn hinaufschaffen,«<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span> -erklärte Ferdinand, »ich fahre schnell aus -und mache die Hängematte zurecht; Einer von Euch -führt sie beim Herausfördern.« Die Cameraden -waren damit einverstanden. Ferdinand fuhr aus, -traf Hedwig schon wach, machte sie mit dem Unglücksfall -bekannt, und erhielt nicht nur die -nöthigen Decken und Stricke zu der Hängematte, -sondern wurde auch von ihr in deren rascher Herstellung -unterstützt. Nach einer halben Stunde lag -der Verunglückte auf einem Sopha in der Wohnstube -des Schichtmeisters, der sogleich einen Boten -nach Pobersdorf schickte, um den Doctor herbeizuholen. -Inzwischen kam der Steiger zum Bewußtsein; -das erste Wort aber, das er wieder vernehmen -ließ, war: »Ich muß sterben, ruft mir den Hutmann, -daß ich ihm beichte!«</p> - -<p>Hedwig weckte ihren Großvater, der den Schlaf -der Gerechten schlief. Sie theilte ihm schonend mit, -was seinem Jugendfreunde zugestoßen war. Erschüttert -stand der Greis auf und war bald am -Lager des Sterbenden. Als dieser verlangte, mit -ihm allein zu sein, ging der Schichtmeister mit den -Uebrigen aus der Stube; und nun nahm der Unglückliche -dem alten Freunde das Versprechen ab,<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span> -gleich wie ein Geistlicher das Beichtgeheimniß zu -ehren; dann bekannte er ihm seine Schuld und beschwor -ihn, den Schichtmeister vor den Fallstricken -des wucherischen Goldschmiedes zu warnen. Unmittelbar -darauf verschied er. Der Doctor kam nur -zur Leiche des durch ihn gemordeten Vaters. Ob -er die grause Schuld wohl fühlte? Ob die Schmerzensäußerungen, -denen er sich überließ, echt und von -tiefem Grunde waren? Der weitere Verlauf dieser -Geschichte wird es lehren.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span></p> - -<h3>V.</h3> -</div> - -<p>Für jetzt hatte der erschütternde Todesfall wenigstens -den Einfluß auf das Gemüth des Doctors, -daß er den Anschlag gegen Ferdinand nicht weiter -verfolgte, sondern nach der Beerdigung seines Vaters -seine so lange aufgeschobene Reise antrat. Der -Trauerfall hatte auch bei den Bewohnern des Vater -Abraham alles Andere so weit in den Hintergrund -gedrängt, daß bis dahin der Schichtmeister die ihm -von seiner Frau als nothwendig dargestellte und -geforderte Ablohnung Ferdinands auszusprechen vergessen -hatte. Kaum war der Steiger Meier begraben, -so erinnerte die Schichtmeisterin ihren Gatten -wieder an jene Maßregel. Vergebens stellte er vor, -wie unentbehrlich gerade jetzt Ferdinand für die -Grube geworden sei, denn der Häuer Meier, der -sich zur Vertretung der Steigerstelle dränge, sei dieser<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span> -Aufgabe nicht gewachsen. Allein die Frau brachte -bald wieder durch den Vater den Beamten zum -Schweigen. Glücklicherweise war die Verhandlung -von Brunhild gehört worden, die auf einen kurzen -Besuch da war; und diese vertraute Hedwig den -ihrer Liebe drohenden Streich. Hedwig setzte augenblicklich -ihren Großvater davon in Kenntniß.</p> - -<p>»Was!« schrie der würdige Greis, »den besten -Häuer vom Vater Abraham will mein Sohn dem -Drachen von Weib opfern? Und gerade jetzt, wo -ein Steiger fehlt? Denn der Meier Hilf, der den -Steiger spielen möchte, taugt kaum zum Scheidejungen. -Wart', da will ich, der Hutmann, auch -ein Wort mitreden!« Und er ging hinab, rief -seinen Sohn aus dem Zimmer und lud ihn zu -einem kleinen Gang in den Wald ein.</p> - -<p>»Lieber Sohn,« begann er, als sie im Schatten -der Tannen wandelten, »ich habe noch den Auftrag -eines Sterbenden an Dich auszurichten. Der arme -Steiger Meier hat mir in seinen letzten Augenblicken -ein schreckliches Geheimniß anvertraut, das mir zum -Theil den Unsegen erklärt, der auf dem Vater -Abraham lastet. Ich darf Dir nicht Alles sagen, -aber ich soll Dich warnen vor den Fallstricken des<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span> -wucherischen Goldschmieds. Ich will hinzufügen, -daß dieser Goldschmied den unglücklichen Steiger zu -einem Verbrechen verführt hat, zu dem er wohl auch -Dich verleiten könnte, wenn er Dich so in seine -Gewalt bekäme wie ihn.«</p> - -<p>»Ich weiß nicht, was mir das soll,« sagte der -Schichtmeister empfindlich; »ich bin doch kein Knabe -mehr.«</p> - -<p>»Höre Deinen Vater an, mein Sohn!« sagte -der Greis. »Noch bin ich Hutmann auf dem Vater -Abraham und das Haupt meines Stammes; ich -habe darauf zu sehen, daß Zucht und Ehre in dem -Hause wohne, das mir zur Hut übergeben worden, -und in der Familie, die meinen Namen führt. Ich -hätte schon eher ein ernstes Wort mit Dir reden -sollen, um das Verderben abzuwehren, das dem -Vater Abraham und meinem Hause droht. Aber -es ist so, man bessert nicht eher einen gefährlichen -Pfad, bis ein Nächster darauf den Hals gebrochen. -Ich sage Dir, der Hochmuth, der in Deiner Familie -eingerissen, führt Dich zum jähen Fall – vielleicht -zu einem schlimmeren, als er den Steiger Meier -ereilte. Ihr treibt mehr Aufwand, als ihr ehrlicherweise -bestreiten könnt.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span></p> - -<p>»Ach Vater, mische Dich doch nicht in meine -eigensten Angelegenheiten!« unterbrach ihn der Sohn, -»ich weiß schon, wie weit ich dem Dir allerdings -unbehaglichen Sinne meiner Frau für das Feine -und Wohlanständige und ihrer Mutterzärtlichkeit -nachzugeben habe. Ich hoffe, der Hutmann Frenzel -wird die Ehre seines Namens nicht befleckt finden -durch die Verbindung seiner Enkelin mit einem Freiherrn -von Brunn.«</p> - -<p>»Alle Achtung vor dem Freiherrn von Brunn; -ist er doch mein hoher Vorgesetzter und gewiß ein -vortrefflicher Herr; aber die Ehre eines Namens -wird in Wahrheit nur durch Rechtschaffenheit bewahrt. -Mein Sohn, das edle Bergwerk ist im -Verfall, wodurch? Durch die Schuld der Gewerke -und des Bergvolkes, besonders seiner Vorgesetzten. -Die sind nicht der wahren, sondern eitler Ehre -nachgejagt, und diese Jagd hat die Treue von -den Bergen gescheucht und mit der Treue den -Segen.«</p> - -<p>»Sonst soll es der Unglaube gewesen sein, der die -guten Berggeister verscheucht und so das Bergwerk -zu Grunde gerichtet habe,« warf der Schichtmeister -spottend ein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span></p> - -<p>»Es hängt Alles zusammen,« sagte der Hutmann, -»der Unglaube kommt aus einem hoffärtigen -Herzen wie die Ehrsucht, und wo die Demuth wohnt, -wohnt auch die Treue; und die guten Geister mögen -nicht länger weilen, wo Treue, Glaube und Demuth -fliehen; es hängt Alles zusammen.«</p> - -<p>»Ich will Dir bessern Bescheid über den Verfall -unsers vaterländischen Bergbaues sagen,« fiel der -Schichtmeister ein: »unser Erzgebirge ist nicht ärmer -an Metallen als sonst, aber der Bau in den großen -Teufen ist kostspieliger als sonst bei geringerer Teufe, -und dazu ist der Metallwerth so gesunken, daß sich -der Abbau manches Erzfeldes nicht mehr lohnt, das -bei den alten Metallpreisen für reich und ergiebig -gelten würde.«</p> - -<p>»Ja, Ihr studirten Herrn habt für Alles eine -ganz natürliche Erklärung,« meinte der Alte, »aber -ich weiß, was ich weiß, sei es, wie es sei, das -kannst Du mir nicht abstreiten, daß die Hoffart die -Mutter der Untreue ist, und wo Hoffart und Untreue -hausen, da baut keine Schwalbe ihr Nest, da -ist Unsegen und Verderben. Darum beschwör' ich -Dich, treib' den Hoffartsteufel aus Deinem Hause, -eh' er das Ei der Untreue ausbrütet! Fang' gleich<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span> -damit an, daß Du zu Deinem hoffärtigen Weibe -sprichst: Der Ferdinand Bergner bleibt auf dem -Vater Abraham, Punktum! Was hast Du gegen -den Menschen, daß Du ihn fortschicken willst?«</p> - -<p>Der Schichtmeister wußte keine Anklage wider -den jungen Häuer vorzubringen, er behauptete blos, -der bevorstehenden Familienverbindung mit dem -Freiherrn von Brunn das Opfer bringen und einen -ihm sonst selbst lieben Menschen dem Hause entfremden -zu müssen. Der schwache Mensch glaubte, -seinen Erzeuger von der Nothwendigkeit dieser Maßregel -ebenso überzeugen zu können, wie er durch -seine Frau überzeugt war. Aber er irrte sich.</p> - -<p>»Weißt Du, ob dem Obereinfahrer die Halbschwägerschaft -mit dem Häuer, hoffentlich bald Steiger -Bergner anstößig ist? Hast Du ihn schon darüber -gefragt?« Der Schichtmeister mußte verneinen. -»Also ist der ganze Vorwand nur ein Hirngespinnst -Deiner Frau!« sagte der Greis; »der Obereinfahrer -beweist ja schon dadurch, daß er selbst eine arme -bürgerliche Schichtmeisterstochter freit, daß er weit -über die lächerlichen Standesgrillen hinaus ist, die -Ihr ihm zutraut. Ich glaube, er würde es Euch -sehr wenig danken, daß Ihr mehr um seine Standesehre<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span> -besorgt seid als er selbst. Aber so geht es der -Hoffart allerwegen: immer macht sie die Rechnung -ohne den Wirth. Ich hoffe, der Ferdinand bleibt -auf der Grube, und solltest Du ihn vertreiben -wollen, so werde ich mich den Weg in die Stadt -nicht verdrießen lassen und dem Gewerkenausschuß -rathen, der Grube sofort in dem Bergner einen -neuen Steiger zu geben. Ich hoffe, daß mein Wort -noch etwas gilt bei den Herren, und ich will es -geltend machen; denn dem Vater Abraham thut -gerade jetzt, wo der Schichtmeister so schwach ist, -ein Steiger noth, der die Augen offen hat und die -alte Bergmannstreue fest im Herzen!«</p> - -<p>»Du wirst mich doch nicht in eine schiefe Stellung -zur Gewerkschaft bringen wollen?« sagte der -Schichtmeister.</p> - -<p>»Gehe nur ein Jeder seinen geraden, rechten -Weg, so giebt's keine schiefe Stellung!« versetzte der -Alte. »Du weißt nun meine Meinung – thu, -was Du willst!« Er wandte sich wieder dem Huthause -zu.</p> - -<p>Als der Schichtmeister heim kam, hatte er mit -seiner Frau eine geheime Berathung, in welcher sie -lange auf Ferdinands Entfernung bestand, sich endlich<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span> -aber doch überzeugen ließ, daß nach der Willenserklärung -des Großvaters der gefaßte Beschluß unausführbar -war. Sie gab in der Hoffnung nach, -bald Mittel zu finden, sich des »gemeinen Menschen« -zu entledigen.</p> - -<p>Während der wackere Hutmann sich so eifrig -seines Schützlings annahm, war auch der Gelbgießer -Mickley bemüht, ihm den Steigerposten zuzuwenden. -Ehe Ferdinand es sich träumen ließ, wurde er vom -Bergamte zur Prüfung geladen. Es waren zwar -außer dem Vetter des Doctors noch drei Bewerber -um die Stelle da, aber er durfte es mit allen -aufnehmen. Er ging als Sieger aus diesem Ehrenkampfe -hervor und erhielt schon am folgenden Tage -seine Bestallung als Steiger der Fundgrube Vater -Abraham. Es versteht sich von selbst, daß ein -redlich Liebender, wenn er sich in die Lage gebracht -sieht, sein Nestchen zu bauen, damit nicht säumt. -So empfing auch Ferdinand nicht so bald seine -Bestallung aus der Hand seines Schichtmeisters, als -er sich auch ein Herz faßte und um Hedwigs Hand -bat. Der Schichtmeister hätte vielleicht im ersten -Augenblick sich das Jawort durch den persönlichen -Zauber, den der Freier auf ihn übte, entlocken<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span> -lassen, wäre nicht die Schichtmeisterin eingetreten. -Ein Blick auf sie und von ihr reichte hin, den -ganzen Zauber wirkungslos zu machen, und der -junge Steiger sah sich abgewiesen. Vergebens erklärte -Hedwig ihren entschiedenen Willen, niemals -von Ferdinand zu lassen, vergebens erhob auch der -Großvater seine gewichtige Stimme zu Gunsten der -Liebenden; die Schichtmeisterin setzte jetzt ihren Willen -durch.</p> - -<p>»Na, weißt Du was,« sagte der Greis, als er -mit Hedwig allein war, »eigentlich ist es gut, daß -es nicht so glatt mit Euch Beiden geht; je steiler -der Weg zum Himmel, desto größer die Seligkeit. -Ich bin nun siebzig Jahre alt und hab' schon viel -widerwillige Eltern gesehen; aber mir ist kein Fall -vorgekommen, wo sie durchgedrungen wären, wenn -anders die Liebenden das Herz auf dem rechten -Flecke hatten. Na, bei Dir ist das der Fall, das -weiß ich, und bei dem Ferdinand auch, das mußt -Du noch besser wissen als ich. Daß Du noch eine -Weile Aschenbrödel hier sein mußt, ist gewiß ein -kleineres Unglück für Dich, als wenn Dich Deine -Stiefmutter hätschelte und zur Hoffart erzöge!« -Und zu Ferdinand sprach er: »Glückauf, Steiger!<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span> -Du bist nun berufen, scharf nach dem Rechten zu -sehen auf dem Vater Abraham. Für Deine Steigerbildung -hat der Markscheider gesorgt; aber die -Steigerbildung thut's nicht allein, ein echter Steiger -braucht auch ein Steigerherz. Nun, ein solches hat -Dir Gott verliehen, das halte fest und rein, so -wird's wohl um Dich und den Vater Abraham -stehen. Wisse, Dein Vorfahrer war auch ein rechter -Steiger, aber er ließ sich vom Teufel blenden und -entging vielleicht nur durch den schnellen Tod großer -Schmach. Aber wenn er selbst auch noch so wegkam, -das Bergwerk hat doch den Fluch seines -Strauchelns gefühlt – trag' Sorge, Steiger, daß -der Fluch wieder hinweggenommen werde; halt' auf -Recht und Treue auf dem Vater Abraham! Und -wenn Du einmal etwas siehst, was nicht ganz -recht ist vor Gott und Menschen, auf welcher -Seite es immer sei, drück' nicht etwa Deine -Augen zu – aber fahr' auch nicht mit der -Hast eines Büttels drein, der ein Dutzend Kinder -von seinen Denunciations-Groschen füttern muß! -Weißt, es würde weniger Verbrechen in der -Welt geben, wenn man das erste Verbrechen -unter vier Augen strafte, statt den Verbrecher<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span> -sogleich der Brandmarkung für's ganze Leben preiszugeben!«</p> - -<p>Ferdinand schüttelte dem Greise herzlich die Hand -und stieg mit hoffnungsfreudigem Herzen in den -Schacht zu seiner ersten Steigerschicht.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span></p> - -<h3>VI.</h3> -</div> - -<p>Vier Wochen nach Ferdinands Beförderung erlangte -der Obereinfahrer die väterliche Einwilligung -in seine Heirath, und nun wurde seine Verlobung -öffentlich bekannt gemacht. Schicklicherweise konnte -Brunhild nun nicht länger in der Pension bleiben, -sondern mußte bis zu ihrer Vermählung im Vaterhause -wohnen. Da war jetzt alle Sorge auf Vollendung -der bräutlichen Ausstattung und Vorbereitung -zu einer würdigen Hochzeitsfeier gerichtet. Mit -bangem Herzklopfen sah Hedwig, der jetzt die ganze -Hauswirthschaft zufiel, das Herbeischleppen all der -kostbaren Gegenstände, welche der eitlen Mutter zur -Ausstattung der künftigen Baronin unerläßlich schienen, -mit Kopfschütteln und Murren beobachtete der -Großvater das Treiben; zumal als der Erbschaftsproceß, -auf den seine Schwiegertochter pochte, kein<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span> -Ende nehmen wollte, und der Schichtmeister selbst -anfing, eine sehr besorgte Miene zu zeigen.</p> - -<p>Da jetzt der Obereinfahrer öfters auf dem Vater -Abraham einsprach, um seine Braut zu sehen, so -wachte die Schichtmeisterin strenger als je darüber, -daß Ferdinand sich ihrem Familienkreise fernhielt. -Doch fand sich bei ihren häufigen Stadtbesuchen -und Brunhild's freundlicher Gesinnung für die Liebenden -Gelegenheit genug, sich zu sehen und gegenseitig -zu ermuthigen. Ferdinand ging jeden Tag -mit frischer Hoffnungsfreudigkeit an sein schweres -Tagewerk; er war seinen Untergebenen, von denen -nur der bei der Steigerwahl durchgefallene Meier -ihm mit Mißmuth gehorchte, ein Vorbild an Fleiß -und Pünktlichkeit im Dienst und sah streng auf die -Pflichterfüllung jedes Einzelnen. Aber er sorgte -auch für die Verbesserung ihrer Lage. Die Anbrüche -hielten aus, und ehe drei Monate um waren, -erfuhr er durch seinen Gönner Mickley, daß die -letzte Erzlieferung von der Schmelz-Administration -doppelt so hoch bezahlt worden sei, als jede frühere -Lieferung von gleichem Gewicht. Mußte Ferdinand, -der keine so auffallende Veredlung des Ganzen -wahrgenommen hatte, dies Ergebniß Wunder nehmen,<span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span> -so äußerte er doch nichts hierüber, vielmehr ergriff -er diese Gelegenheit sogleich, um für seine Häuer -eine Lohnaufbesserung zu beantragen.</p> - -<p>»Na,« sagte der Gelbgießer; »ich werde die -Sache dem Ausschuß vorlegen. Es ist schön von -Ihm, daß Er Seiner armen Kameraden gedenkt -und für sich nichts begehrt. Wenn der Vater Abraham -so höflich bleibt wie jetzt, so glaub' ich, die -Gewerkschaft wird sich billig finden lassen. Ich -werde mich gewiß dafür verwenden. Aber jetzt muß -ich Ihm was zeigen.« Er holte aus einem Wandschrank -eine Erzstufe. »Woher glaubt Er wohl, -daß diese Stufe ist?« fragte er.</p> - -<p>Ferdinand nahm sie, wog und betrachtete sie -genau. »Soll sie aus dem hiesigen Revier sein?« -fragte er nach einer Weile. Der Gelbgießer bejahete, -und der junge Metallurg begann seine Prüfung von -Neuem. Endlich sagte er: »Die Gangart ist ganz -die unsrige, und ich glaube nicht, daß im hiesigen -Revier noch irgendwo Weißgiltigerz mit gediegenem -Silber zugleich so in den Quarz einbricht, wie auf -dem Vater Abraham. Ich kenne hier herum wohl -jedes Gestein, wo man auf Silber baut, aber nirgends -sonst hab' ich dergleichen gesehen, wie dieses ist.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span></p> - -<p>»Hm!« sagte der Gelbgießer, »ich dachte mir's -auch – aber ich traute doch meinen Augen nicht -ganz. Nun will ich Ihm auch sagen, wie ich zu -der Stufe gekommen bin. Der Goldschmied Reichel -hat seinen Lehrjungen mißhandelt, daß er ihm davongelaufen -ist. Da er nicht wieder zu ihm und lieber -Gelbgießer werden wollte, so bat mich sein Vater, -es mit ihm zu versuchen. Nun, es scheint ein anstelliger -Junge zu sein; deshalb brauchte ich ihn -bei der neuen Einrichtung meines Stufen-Cabinets -nach dem Breithaupt'schen System. Da sagte er, -er hätte auch ein paar Stufen zu Hause, ob ich -sie haben wolle. Nun, ich bin ein Liebhaber von -dem Zeug und hieß ihn danach gehen. Da brachte -er mir die schöne Silberstufe da, aber nur diese, -die andere hatten seine Geschwister verschleppt. »Aber, -Junge!« rief ich erstaunt, »wo hast Du die prächtige -Stufe her?« Ganz unbefangen gab er zur -Antwort, er habe sie beim Kartoffelabkeimen für seine -Meisterin im Keller unter den Kartoffeln gefunden, und -weil es gerade Weihnachten gewesen, wo bei seinen -Eltern das Bergwerk für die Kinder aufgebaut worden, -da habe er beide Stufen mit hingenommen und in -das Bergwerk gethan. Was sagt Er dazu?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span></p> - -<p>»Ich weiß nicht, was ich denken soll,« sagte -Ferdinand, »wie können die Stufen vom Vater -Abraham in den Keller des Goldschmieds gekommen -sein, der nicht einmal zu den Gewerken gehört?« -Bei sich mußte er wohl an die Anspielung des alten -Hutmanns auf ein Verbrechen des Steigers Meier -denken; aber er wagte nicht, den Gedanken laut -werden zu lassen.</p> - -<p>Der Gelbgießer sah dem jungen Mann forschend -ins Gesicht, doch nicht mißtrauisch, denn dieses Gesicht -war ihm ein treuer Spiegel des fleckenlosesten -Gemüthes. »Ich will Ihm was sagen, Steiger,« -nahm Mickley endlich das Wort, »dem Goldschmied -hab' ich nie getraut, er ist ein Wucherer, und wer -einmal Wucher treibt, der ist auch zu andern Schlechtigkeiten -fähig! Wer nur einmal in seinem Kartoffelkeller -nachgraben könnte, der fände vielleicht -noch mehr Erz vom Vater Abraham.«</p> - -<p>»Wenn er es nicht bei guter Zeit fortgeschafft hat,« -fiel Ferdinand ein. »Aber Sie haben Recht, wo die zwei -Stufen gelegen, da können auch noch mehr gelegen haben. -Nur ist es mir ein Räthsel, wie sie hingekommen.«</p> - -<p>»Weiß Er noch, wie ich Ihn vor einem Vierteljahr -fragte, wie hoch Er das gelieferte Erz schätze,<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span> -und wie wenig die Ausbeute Seiner Schätzung entsprach? -Junger Freund,« fuhr er seine Hand fassend -fort, »wir sind jetzt unter uns, und was wir reden, -bleibt unter uns: ist Ihm denn noch nicht der übermäßige -Aufwand unseres Schichtmeisters aufgefallen?«</p> - -<p>»Seiner Frau, wollen Sie sagen,« versetzte Ferdinand, -»denn der Schichtmeister selbst ist ein schlichter -Mann, nur leider zu gut gegen seine Frau. Allerdings -ist das für einen Schichtmeister eine sehr theure -Ehehälfte.«</p> - -<p>»Zumal jetzt,« fiel der Gelbgießer ein, »wo sie -Schwiegermutter eines Barons wird. Es ist ja -übertrieben, was die Frau zusammenkauft – borgt, -wollt' ich sagen; aber später oder früher muß es -doch einmal bezahlt werden. Wovon aber? he? -etwa von dem da?« Er deutete auf die Stufe.</p> - -<p>Ferdinand erschrak – »Herr Mickley!« rief er, -– »Sie thun unserm Schichtmeister Unrecht.«</p> - -<p>»Ich sage nicht, daß er schon auf solche Art gezahlt -hat, aber es kann dazu kommen; Schulden und Schuld -und Schuft – es ist nur ein Unterschied von wenig -Buchstaben, gewöhnlich geht's vom ersten zum letzten.«</p> - -<p>»Aber nicht Jeder, der Schulden hat, ist oder -wird ein Schuft.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span></p> - -<p>»Das sag' ich ja nicht, ich habe selbst einen -Schuldner, einen Poeten, der hier die Schule besuchte; -ein strebsamer, offener Kopf, aber armer -Teufel, der hinter dem Webstuhl verkommen wäre, -hätte er keine Schulden machen wollen. Nun, er -hat als Student und Poet mehr Schulden machen -müssen, als ich zu bezahlen haben möchte; aber er -ist darum doch eine grundehrliche Haut und wird's -auch bleiben, denn bei allem hohen Geist hat er ein -demüthiges Herz. Aber wo Schulden eine Frucht -der Hoffart und des Uebermuthes sind, da hat der -Teufel sein Spiel.«</p> - -<p>»Für den Schichtmeister bin ich gut,« sagte Ferdinand -warm, »und was die Frau betrifft, so hab' -ich helle Augen, und wäre ich auch blind, so würde -kein Häuer, kein Hundejunge ihr zu einem Unterschleif -behülflich sein, drehte es sich auch nur um -eine Bleiglanzstufe wie ein Daumenglied groß.«</p> - -<p>»Nun, ich will Ihm glauben,« sagte der Gelbgießer, -– »eine sonderbare Sache bleibt es mit der -Stufe, – aber es läßt sich vor der Hand nichts -damit machen. Ein Glück, daß wir jetzt einen -tüchtigen Steiger haben, – der alte, – na, man -soll die Todten ruhen lassen. – Seh' Er nur wacker<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span> -zum Rechten, – es wird Sein Schade nicht sein. -Da fällt mir noch etwas ein. Neulich wurde im -Ausschuß die Frage aufgeworfen, ob es nicht gut -wäre, den alten Schacht wieder einmal zu untersuchen, -es könnten die bösen Wetter wohl gewichen -sein. Vor Jahren wurde schon einmal ein Gutachten -darüber von unserm Schichtmeister verlangt. -Der fand den Versuch nur unter der Bedingung -möglich, daß wir einen neuen Stollen zur Wetterlosung -vom Höllengrund aus treiben ließen. Das -war und blieb uns ein zu kostspieliges Unternehmen. -Jetzt wollen wir den Schichtmeister geradezu mit -der Untersuchung beauftragen, weil wir glauben, -bei gehöriger Vorsicht sei die Sache nicht nothwendig -lebensgefährlich. Einen gemeinen Bergmann hinabzulassen, -wie es vor Zeiten geschehen, das würde -wenig nützen. Gesetzt aber, der Schichtmeister -lehnte den Auftrag ab, was dem Vater einer -so zahlreichen Familie Niemand verdenken könnte, -hätte Er wohl den Muth, das Wagstück zu unternehmen?«</p> - -<p>»Wenn mir's befohlen wird, – ja!« erklärte -Ferdinand fest, »aus bloßem Vorwitz wär' es wohl -strafbar, aber bei Erfüllung einer Pflicht giebt man<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span> -sich in Gottes Hand. Da muß ja jeder Bergmann -täglich sein Leben wagen!«</p> - -<p>»Er ist ein echtes Bergmannsblut!« rief der -Gelbgießer. »Nun weiß Er was, ich hab' mir ein -Plänchen erdacht. Wird der alte Schacht wieder -gangbar, so müssen wir doch dort neue Bergleute -anlegen und mehr als am neuen. Da reicht nun -ein Schichtmeister mit einem Grubensteiger und Hutmann -nicht aus, und wenn wir schon dem Frenzel -die Leitung beider Gruben als Schichtmeister lassen, -so brauchen wir doch noch ein paar Grubensteiger -für den oberen Schacht und für beide Schächte -einen tüchtigen Obersteiger. Und der wird Er und -kein Anderer. Dann denk' ich, soll Er auch Sein -Mädchen bekommen.«</p> - -<p>Ferdinand drückte dem Redner freudig die Hand. -»Wenn über mich befohlen wird,« sagte er, »so gehorche -ich. Aber den Schichtmeister übergehen Sie nicht! Und -wenn er das Wagstück auf sich nimmt, so wollen die -Herren Gewerken hübsch an seine Familie denken.«</p> - -<p>»Daran soll's nicht fehlen,« sagte Mickley und -Ferdinand nahm Abschied.</p> - -<p>Ferdinand hatte in der einzigen Buchhandlung -des Ortes ein Buch über Naturlehre bestellt und<span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span> -wollte sehen, ob es angekommen sei. Er mußte da -an dem Hause des Goldschmieds vorbei und begegnete -vor der Thür desselben dem Schichtmeister mit -ganz verstörtem Gesicht. Er konnte sich nicht helfen, -er trat mit einem Glückauf auf ihn zu und fragte, -ob ihm etwas fehle. Der Gefragte starrte ihn an, -– nach einer Weile sagte er: »Was soll mir fehlen? -Ich suche meine Frau, – hat Er sie gesehen?«</p> - -<p>Da Ferdinand verneinte, so ließ ihn der Schichtmeister -stehen und eilte in die nächste Seitengasse. -Ferdinand sah ihm bedenklich und beklommen nach. -Schon seit längerer Zeit war ihm eine zunehmende -Abmagerung und Verdüsterung des sonst so vollen -und freundlichen Gesichtes seines Vorgesetzten aufgefallen, -und er und Hedwig hatten darüber oft -ihre Besorgnisse getauscht; aber so verstört war ihm -dieses Gesicht nie erschienen. Mit trüben Gedanken -ging er in den nahen Buchladen; hier eingetreten, -fand er sich dem Obereinfahrer und – dem Doctor -Meier gegenüber. Ferdinand bot dem Ersteren -seinen bergmännischen Gruß und fragte dann nach -seinem Buch. Es war nicht angekommen.</p> - -<p>»Wollen Sie das Buch für sich?« fragte der -Baron, und als Ferdinand bejahete, sagte er: »Dann<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span> -können Sie sich die Ausgabe ersparen; vielleicht ist -das Buch noch gar nicht verschrieben, oder man -macht die Bestellung rückgängig. Ich habe eine sehr -gute Physik zum Selbstunterricht, – irre ich nicht, -so sind Sie der neue Steiger auf dem Vater Abraham, -den ich mit geprüft habe, kommen Sie mit zu -mir, ich schenke Ihnen das Buch.«</p> - -<p>Ferdinand war ganz überrascht von dieser Güte. -Bis jetzt war der Herr nur immer an ihm vorübergegangen, -ohne von ihm weiter Notiz zu nehmen, -und nun kam er ihm auf einmal mit einem so -freundlichen und werthvollen Geschenk entgegen. -Hatte vielleicht Brunhild ihre Furcht vor der Mutter -und ihre Schüchternheit vor dem vornehmen Bräutigam -so weit überwunden, daß sie ihm von Hedwigs -Liebe zu Ferdinand geplaudert? Während -dieser hierüber nachsann, sagte der Obereinfahrer zu -dem Doctor: »Es bleibt dabei, Robert: Du wohnst -die wenigen Tage Deines Hierbleibens bei mir. -Willst Du jetzt Deine Mutter begrüßen, was nicht -mehr als billig ist, so geh' und komm' zurück, wann -es Dir beliebt!« Dann ging er mit Ferdinand -fort. Düster blickte diesem der Doctor nach und -machte sich dann langsam ebenfalls auf den Weg.<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span> -Auf dem Markte begegnete er der Schichtmeisterin -mit ihrer zweiten Tochter. »Ei! da ist ja der Herr -Doctor wieder!« rief ihm die Frau entgegen. Nach -gewechselter Begrüßung fragte sie: »Wie geht's auf -Hallbach? Was machen die gnädigen Herrschaften?«</p> - -<p>»O, die sind <em class="antiqua">in dulci jubilo</em>, weil ich den -Papa gichtfrei aus Kissingen zurückgebracht habe. -Sie senden die herzlichsten Grüße an die Braut -ihres lieben Sohnes und ihr ganzes Haus, aber -der gnädige Herr will nun auch die künftige -Schwiegertochter sehen. Ich komme als außerordentlicher -Botschafter, um sie mit ihrer Frau -Mama und dem Bräutigam abzuholen!«</p> - -<p>»O welche Ehre! die treffliche Herrschaft!« rief -die Schichtmeisterin; »Klotilde, da gilt es, schnell -etwas Garderobe in Stand zu setzen!« dann stellte -sie noch manche Frage eitler Neugier, die der Doctor -zur größten Befriedigung beantwortete. »Aber was -hab' ich hören müssen?« sagte er darauf, – »der -Mensch, – wie heißt er doch! – nun, der früher -Ihr Schwiegersohn werden wollte, der ist ja Steiger -auf dem Vater Abraham geworden!«</p> - -<p>»Das erfahren Sie jetzt erst?« versetzte die -Schichtmeisterin, »freilich ist er's geworden, so sehr<span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span> -ich dagegen gekämpft, er hat sich die Gunst der Gewerke -erschlichen und schon auf den Tod Ihres -Vaters gelauert.«</p> - -<p>»Das scheint mir selbst so,« sagte der Doctor, -»und nun ist er Ihnen ein Stück näher gerückt; -ich meine in Betreff seiner Heirathsabsichten.«</p> - -<p>»Das mag er sich einbilden, aber daß er sich -täuscht, dafür bin ich da!«</p> - -<p>»Er scheint aber ein Fuchs zu sein, hat er doch -auch schon den Baron für sich eingenommen. Der -hat ihn jetzt freundlich zu sich eingeladen, um ihm -ein Buch zu schenken. Wenn der Mensch da nur -nicht von seiner Liebschaft plaudert!«</p> - -<p>»Das wäre ja gräßlich! Was meinen Sie, da -wäre der Baron wohl im Stande, die Verlobung -rückgängig zu machen?«</p> - -<p>»Das schon nicht,« erwiederte der Doctor lächelnd -der erschrockenen Frau, »dazu liebt er die Brunhild -zu innig; ja ich glaube, er könnte mit seinem guten -Herzen wohl der Fürsprecher des Schleichers werden, -aber auch dadurch sein eigenes Glück gefährden. Ich -weiß, was es bedurft hat, den alten Herrn für die -Verbindung mit einer so anständigen Familie, wie -die Ihrige ist, zu gewinnen. Hätte ich nicht meine<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span> -eigene Angelegenheit vor ihm einstweilen in den -Hintergrund treten lassen, so weiß ich nicht, ob Sie -so bald Hochzeit halten würden, als es nun der -Fall sein wird.«</p> - -<p>»O, Sie guter, lieber Herr Doctor!« sagte die -Frau, seinen Arm drückend, »wie dankbar müssen -wir Ihnen sein! Aber verlassen Sie sich auch -darauf, daß wir Ihren Empfehlungen keine Schande -machen werden. Lassen Sie nur erst die Hochzeit -vorbei sein, dann muß das Frauenzimmer zu fernen -Verwandten. Jetzt bei dem Drasch, den wir haben, -kann ich sie nicht entbehren.«</p> - -<p>Leise flüsterte der Doctor ihr zu: »Lassen Sie -das Mädchen lieber da, vielleicht findet sich ein -Mittel, den Steiger unschädlich zu machen – wir -sprechen weiter darüber – auf Wiedersehen!« Damit -trennten sie sich.</p> - -<p>Die Schichtmeisterin begab sich jetzt nach der -Pension ihrer Kinder, wo sie ihrem Manne das -Rendezvous gegeben, das sie aber um eine Stunde -versäumt hatte. Er hatte, wie wir gesehen, sie inzwischen -gesucht, war aber zuletzt wieder an den -verabredeten Ort gegangen und traf, abermals zum -Suchen ausgehend, sie unter der Thür.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span></p> - -<p>»Endlich!« rief er, »Du bist aber doch auch -gar zu sorglos, Frau!«</p> - -<p>»Sorglos? Ich?« rief sie erstaunt. – »Nun -bitt' ich einen Menschen, zu entscheiden, wer mehr -sorgt und schafft in dieser Zeit wie ich!«</p> - -<p>»Geh hinauf, Klotilde,« sagte der Schichtmeister, -»ich muß mit Deiner Mutter noch einen Weg gehen.«</p> - -<p>Klotilde gehorchte, und der Schichtmeister nahm -den Arm seiner Frau, blieb aber in der Hausflur -stehen und sagte: »Weißt Du auch, daß wir verloren -sind? Morgen ist der Wechsel fällig, und die -Post ist wieder angekommen, ohne eine Entscheidung -Deiner Angelegenheit, geschweige gar Geld zu bringen!«</p> - -<p>»Nun, der Goldschmied wird wohl prolongiren,« -sagte sie.</p> - -<p>»Nicht eine Stunde. – Ich war bei ihm, bat -ihn, fiel ihm bald zu Füßen, – umsonst: er erklärte, -er könne nicht anders, er habe in jüngster -Zeit solche Ohrfeigen von unsicheren Schuldnern bekommen, -daß er nicht mehr schonen könne. Wenn -der Wechsel morgen nicht gedeckt wäre, müsse er -nach Wechselrecht verfahren.«</p> - -<p>»Um des Himmels willen!« rief die Frau, die -Hände zusammenschlagend; »was wird da aus meinen<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span> -Kindern? was aus Brunhild? Dich setzen lassen, – -Herr des Himmels! das wäre ja ein Schlag, der alle -Hoffnungen vernichtete! Komm, Mann! ich will selbst -mit zum Goldschmied gehen, – er muß noch warten, -ich will ihm meine Erbschaft verpfänden, – komm!«</p> - -<p>Sie gingen zu dem Wucherer. Er empfing sie -mit triumphirender Miene und führte sie in sein -Zimmer. »Ist vielleicht die Erbschaft angelangt?« -sagte er, »das wäre mir höchst erwünscht.«</p> - -<p>Die Schichtmeisterin berichtigte seinen vermeintlichen -Irrthum und brachte ihren Vorschlag an.</p> - -<p>»Es thut mir leid, verehrte Frau,« entgegnete -der Goldschmied, »darauf kann ich mich nicht einlassen. -Ich bin schon zu sehr geprellt worden, – -verzeihen Sie, – aber in Geldsachen keine Freundschaft! -– bis morgen Abend um fünf hab' ich mein -Geld, oder der Herr Schichtmeister sitzt im Stockhaus. -Ich kann's nicht ändern.«</p> - -<p>»Aber Mann! Sie werden doch kein solcher -Tyrann sein?« rief die Schichtmeisterin. – »Sie -werden uns doch nicht unglücklich machen wollen? -Denken Sie doch an meine Kinder, meine armen, -unschuldigen Kinder, – meine Brunhild, die dieser -Schlag auf der Stelle tödtete!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span></p> - -<p>»Die Kinder, – hm, – die Kinder,« sagte -der Wucherer im Tone des Mitleidens, – »um -ihretwillen könnte man schon ein Uebriges thun.« –</p> - -<p>»O Sie Guter!« rief die Frau, dem Manne -fast um den Hals fallend, und der Schichtmeister -sagte: »Ja, Herr Reichel, um meiner Kinder willen -lassen Sie Billigkeit walten. – Nur noch kurze -Zeit Geduld, und Sie sollen mit gutem Zins bezahlt -werden.«</p> - -<p>»Die Zeiten sind schlecht, sehr schlecht,« sagte der -Wucherer, eine Thräne im Auge, – »aber Ihre -Fräulein Tochter ist ein herrliches Geschöpf, – ja, -die Natur hat sie sichtlich zu etwas Hohem bestimmt; -es wäre jammerschade, wenn sie an der Schwelle -ihres Glückes ins tiefste Elend geschleudert würde.« –</p> - -<p>Die Schichtmeisterin schluchzte laut auf, dem -Schichtmeister blutete das Herz.</p> - -<p>»Ich will Ihnen etwas sagen,« fuhr der Goldschmied -fort, »borgen kann ich nicht länger, aber -aus Erbarmen mit Ihrer lieben Fräulein Tochter -will ich – könnte ich – nun, man ist auch ein -Mensch – ich könnte – für Sie freilich ist es -ein Leichtes, ich riskire doppelt und dreifach dabei, -aber was thut man nicht aus christlicher Liebe! –<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span> -ich könnte mich allenfalls zur Annahme von Waare -an Zahlungsstatt verstehen.«</p> - -<p>»Waare?« rief die Frau; »was für Waare -sollen wir Ihnen denn bringen? Ich habe unbeschränkten -Credit bei den Schnitt- und Modehändlern.«</p> - -<p>»Sie verstehen mich nicht,« sagte der Goldschmied -lächelnd, »ich kann doch keinen Schnittladen etabliren! -Ich meine: der Herr Schichtmeister soll -mir von seiner Waare liefern.«</p> - -<p>»Von meiner Waare?« rief der Schichtmeister -zusammenfahrend, »was hab' ich denn für Waare?«</p> - -<p>»Ich glaube, die Frau Schichtmeisterin versteht -mich nun, ich kann mich nur auf Waare einlassen, -die in mein Fach schlägt, denken Sie, ich wäre der -Schuster und Sie der Gerber, liefern Sie dem -Schuster Leder!«</p> - -<p>Der Schichtmeister sah starr zur Erde. Der -Wucherer wechselte mit der Frau einen Blick der -Verständigung.</p> - -<p>»Ich sehe, Sie sind unentschlossen,« sagte er -dann zu dem Schichtmeister, »und Unentschlossenheit -steckt an, ich finde doch, es sei gut, daß ich mir -die Sache selbst erst noch überlege. Was Ihnen<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span> -bedenklich scheint, muß es mir doppelt sein. Gut! -ich will aus warmem Antheil an Ihrem Familienglück -den Wechsel um acht Tage prolongiren, bis -dahin wollen wir uns den Handel überlegen, aber -ich schwöre, daß ich länger keinen Augenblick warten -kann.«</p> - -<p>Wie Verhungernde ein Brodkrümchen, ergriffen -die beiden Gatten die dargebotene Frist. Sie -schmeichelten sich mit der Hoffnung, daß inzwischen -der Erbschaftsstreit sich entscheiden und sie in den -Besitz der nöthigen Zahlungsmittel bringen müsse. -So gingen sie heim.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span></p> - -<h3>VII.</h3> -</div> - -<p>Der Schichtmeister und seine Frau sollten sich -sehr bald enttäuscht sehen. Am folgenden Morgen -brachte der Postbote ein Schreiben von ihrem Sachwalter -aus der Kreisstadt, dem das appellationsgerichtliche -Erkenntniß in ihrer Sache beilag, und -dieses Erkenntniß sprach der Gegenpartei die Erbschaft -ungetheilt zu. Das war ein fürchterlicher -Schlag. Zwar vertröstete der Sachwalter auf das -drittinstanzliche Urtheil, welches gewiß das erste Erkenntniß -wieder herstellen würde, – aber welche -weit hinausgeschobene Aussicht war das, wie nutzlos -für die Gefahr, in der man schwebte!</p> - -<p>Brunhild, welcher aus den aufgeregten und -verstörten Mienen ihrer Eltern eine Ahnung von -dem Inhalte der Hiobspost aufging, nahm die -Mutter auf die Seite und erbot sich, all' ihren<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span> -Schmuck, selbst den bezahlten, zurückzugeben; die -Mutter und Schwester sollten das Gleiche thun, -um den Goldschmied zu befriedigen.</p> - -<p>»Wo denkst Du hin, Kind?!« rief die Frau; -»in einigen Tagen sollen wir zu Deinem Schwiegervater -reisen, sollen uns dem freiherrlichen Hause -präsentiren! Wie können wir so ärmlich auftreten, -nachdem uns die gnädige Frau so geschmückt gesehen! -Da müßte sie ja denken, wir hätten die -Sachen blos geborgt gehabt. Nein, das geht nicht! -Nur nicht ängstlich, meine Tochter! Es wird sich -Alles machen. Der Goldschmied wird befriedigt, -kümmere Dich um nichts!« Und sie ging zu ihrem -Gatten, der bei ihrem Eintritte schnell ein paar -Terzerole im Pulte verbarg. Sie bat ihn, mit in -den Wald zu gehen, und er folgte ihr.</p> - -<p>»Noth kennt kein Gebot!« begann sie unter den -Bäumen, nachdem sie sich sorgfältig umgesehen. -»Wir müssen uns in das Unvermeidliche schicken; -– einmal ist nicht immer, – und den kargen -Gewerken, die ihrem Schichtmeister längst hätten -eine Gehaltzulage geben können, da der Vater Abraham -so höflich geworden, geschieht nur Recht, wenn -wir uns selber helfen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span></p> - -<p>»Weib!« rief der Schichtmeister, – »wo denkst -Du hin? Es hieße ja ewige Schande über uns -Alle bringen, wenn ich solche Untreue verübte. Nein, -lieber geh' ich ins Gefängniß, oder –«</p> - -<p>»Und zerstörst das Glück Deiner Tochter, ja -aller Deiner Kinder! Ich fürchte nicht, daß Du solch -ein Rabenvater sein wirst. Brunhilds schönes Herz -bräche auf der Stelle, zerrisse ihr Bund mit Alexis, -– denn die Tochter eines Schuldgefangenen kann -nicht mehr hoffen, Baronin von Brunn genannt -zu werden.«</p> - -<p>»O Gott! mein Gott! welche Qual!« klagte -der Mann; »ich sehe keine Möglichkeit der Rettung. -Ich bin gestern bei Pontius und Pilatus gewesen, -um Geld zu erborgen, – verlorne Mühe! Alles -zog sich hinter Ausflüchte zurück. Es steht schrecklich, -schrecklich mit uns!«</p> - -<p>»Nicht so schrecklich, als es Dir die Muthlosigkeit -vorspiegelt,« versetzte die Frau, »Du wärest nicht der -Erste, der sich auf die Art rettete, wie ich meine – ein -paar Centner Erz sind bald auf die Seite geschafft.«</p> - -<p>»Aber, Weib! wenn es herauskäme.«</p> - -<p>»Ja, dafür muß man sorgen, daß es nicht -herauskommt.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span></p> - -<p>»Wie wäre das möglich? Ja, wenn der alte -gute Steiger Meier – –« er konnte nicht vollenden; -ihm fiel die Warnung seines Vaters ein, -und ein Schauer durchrieselte ihn.</p> - -<p>»Du meinst, wenn der noch lebte, ließe sich -eher etwas wagen, als unter den Späheraugen des -neuen Steigers? Wolltest Du nicht so sagen?«</p> - -<p>Der Schichtmeister seufzte tief auf. – »Bertha! -brechen wir ab von dem Capitel!«</p> - -<p>»Nein, Schatz! wir müssen ins Reine kommen, -was geschehen soll. Geschehen muß etwas; wir sind -es unsern Kindern schuldig, daß wir handeln. Es ist -mein einziger Stolz, meine Kinder zu Glück und Ehre -zu bringen. Es sind Deine Kinder, Fritz! die liebsten, -schönsten Kinder der Gegend. Sie dürfen nicht in Dunkelheit -und Elend verkommen! Auf, Mann! Vater!«</p> - -<p>»Aber der Steiger – der Ferdinand – er -hat seine Augen überall.«</p> - -<p>»Der Spion! – Aber halt! – ich entsinne -mich – wart' einmal, Mann! ich denke, wir werden -den Aufpasser los.«</p> - -<p>»Wie so?«</p> - -<p>»Nun, laß mich nur machen! Ein Freund -hat mir gestern etwas zugeflüstert. Ich gehe diesen<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span> -Nachmittag wieder in die Stadt, um das Nähere -zu erforschen.«</p> - -<p>»Vater! Mutter!« rief jetzt eine Stimme vom -Huthause her. Es war Brunhilds Stimme. Die -Gatten folgten dem Rufe und trafen vor dem Hause -den Zubußboten, der den Schichtmeister einlud, den -Nachmittag um 4 Uhr in der Wohnung des Gelbgießers -Mickley zu einer Berathung des Gewerkeausschusses -sich einzufinden.</p> - -<p>»Das paßt prächtig, da können wir zusammen -gehen!« rief die Schichtmeisterin. – Und so geschah es.</p> - -<p>Dem Schichtmeister wurde vom Ausschusse der -Beschluß mitgetheilt, es solle ein Versuch gemacht -werden, den alten Vater Abraham wieder zu befahren, -und man wolle ihm diesen Versuch unter -Zusicherung einer Gratification von 100 Thlrn. von -der nächsten Quartalausbeute übertragen. Der -Schichtmeister war überrascht, sich zu einem Wagstück -erlesen zu sehen, das er früher widerrathen – -und doch erschien es ihm wie ein vom Himmel selbst -ihm gewiesener Ausweg aus den Verstrickungen der -Schuld. »Lieber ehrenvoll im Berufe sterben, als -der Schande verfallen!« dachte er, – »und wenn -ich als ein Opfer meiner Pflicht sterbe, wird meiner<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span> -Familie der Antheil aller Guten – dann ist auch das -Glück meiner Brunhild gewahrt!« Laut und fest erklärte -er seine Bereitwilligkeit, den Auftrag auszuführen.</p> - -<p>Der Ausschuß war theils verwundert, theils erfreut -hierüber. Man rühmte den mannhaften Sinn, -der noch immer unter dem Bergstande nicht erstorben -wäre; doch unterließ man auch nicht, ihn auf die -Gefahr aufmerksam zu machen, der er entgegenging, -man erinnerte ihn an seine zahlreiche Familie und -wie es ihm Niemand verargen werde, wenn er um -der Seinen willen einem Jüngeren, Familienlosen, -vielleicht dem Steiger Bergner, das gefahrvolle Unternehmen -überließe. Aber er blieb bei seiner Erklärung -und verließ am Ende mit leichterem Herzen -als er gekommen, die Versammlung.</p> - -<p>Der Schichtmeister fand seine Frau bei Klotilden. -Sie war nicht so heiter gestimmt wie er, denn sie -hatte den Doctor nicht daheim getroffen. Dieser hatte -einen Ausflug gemacht, von dem er erst den dritten Tag -zurückkehren würde. Der Schichtmeister theilte ihr, -nachdem Klotilde entfernt worden, das auf seiner Seite -Geschehene mit.</p> - -<p>»Gott im Himmel!« rief die Frau entsetzt aus, -»und darüber kannst Du froh sein Mann? Siehst<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span> -Du denn nicht ein, daß das nur eine Falle ist, die -sie Dir legen? Sie wollen Dich los sein und ihren -Liebling, den Schleicher Ferdinand, an Deine Stelle -bringen! Es ist eine Verschwörung gegen Dein -Leben, – begreifst Du das nicht?«</p> - -<p>»Du bist entsetzlich, Bertha! Die Herren haben -mich wohl auf die Gefahr aufmerksam gemacht und -wollten mir es gar nicht verargen, wenn ich eben -dem Ferdinand das Wagstück überließe. Aber das -duldet einmal meine bergmännische Ehre nicht, und -dann ist es für mich der einzige Weg, mit Ehren -aus dieser verzweifelten Lage zu kommen.«</p> - -<p>»Nein! nein!« rief sie, ihm um den Hals fallend. -»Ich lasse Dich nicht, Du darfst Dich nicht -opfern, darfst Deine Kinder nicht zu Waisen machen!« -Plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke, – sie fuhr in -die Höhe, ihre Augen funkelten, ihre Nasenflügel -dehnten sich weit. »Ich hab's! ich hab's!« rief -sie, »weißt Du was? Du versprichst dem Ferdinand -die Hand der Hedwig, – und er stiege in -die Hölle! Du mußt mir und Deinen Kindern -bleiben, – der Ferdinand wird vor Wonne tanzen, -wenn ihm plötzlich die Hand seines Herzblattes geboten -wird. Kostet ihm das Wagstück das Leben,<span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span> -nun so stirbt ein lediger Mensch und er stirbt im -Rausche des Glückes; kommt er davon, nun, so -muß die Verlobung so lange geheim bleiben, bis -Brunhild Baronin von Brunn ist!«</p> - -<p>»Aber was wird dann aus mir? Wie entrinn' -ich den Klauen des Wucherers?«</p> - -<p>»Folge nur jetzt dem Fingerzeig des Himmels! -das Uebrige findet sich.« Bei sich dachte sie: ist nur -erst der Aufpasser vom Wetter erschlagen, so haben -wir freies Spiel auf dem Vater Abraham; es -fällt mir nicht ein, den gemeinen Menschen in die -Familie aufzunehmen. Es ward ihr nicht leicht, -den Gatten von seinem gefaßten Entschlusse abzubringen; -aber endlich siegte der Gedanke, seiner -halbverwaisten und arg zurückgesetzten ältesten Tochter -sich endlich einmal väterlich gerecht erweisen zu -können, über seine Bedenken; und er überließ sich -wieder ganz dem Einflusse seiner Frau.</p> - -<p>Ferdinand hatte sich inzwischen mit dem ganzen -Feuer seines wißbegierigen Geistes über das Werk -gemacht, das ihm von dem Obereinfahrer geschenkt -worden war. Es war Müller-Pouillet's großes -physikalisches Werk, für den armen Steiger ein -außerordentlicher Schatz. Der Zufall hatte gewollt,<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span> -daß ihm im ersten Durchblättern des Werkes die -Beschreibung der von Humphry Davy erfundenen -Sicherheitslampe in die Augen gefallen war, und -in der Erinnerung an das letzte Gespräch mit Mickley -ergriff er sogleich den Gedanken, eine solche Lampe -nach Anleitung des Buches zu construiren. Er -eilte in die Stadt und kaufte sich den dazu erforderlichen -feinen Draht. Mochte nun der Schichtmeister -selbst den Auftrag der Gewerken übernehmen -oder ihm die Ausführung überlassen, jedenfalls sollte -die Sicherheitslampe dabei ihre Dienste leisten.</p> - -<p>Es war kurz vor dem Schichtwechsel, wo er, -schon wieder aus der Stadt zurückgekehrt, mit Hedwig -und ihrem Großvater auf der Hausbank saß -und Beiden seine schöne Entdeckung mittheilte, als -Hedwigs Eltern heimkehrten. Der Schichtmeister -forderte ihn sogleich auf, mit ins Zimmer zu kommen, -und fragte ihn hier, ob er Hedwigs Hand -unter der Bedingung annehme, daß er sich der -Versuchsfahrt in den alten Schacht unterziehe. Dem -jungen Manne war, als thäte sich plötzlich der Himmel -vor ihm auf. »Und wenn zehntausend Kobolde -darin hausten, ich führe hinein!« rief er trunken -vor Entzücken, – »aber ich nehme Sie beim Wort.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span></p> - -<p>»Hier meine Hand!« sagte der Schichtmeister. -»Bertha, gieb ihm die Deine auch zur Bekräftigung, -daß er unser Schwiegersohn werden soll, wenn –«</p> - -<p>»Lassen Sie mich Hedwig mit dem Großvater -holen und verloben Sie uns ordentlich,« bat Ferdinand -und eilte hinaus. Thränen rollten über -seine Wangen, als er zu den Beiden trat und sie, -keines Wortes mächtig, auf- und mit in die Stube -zog. Als Hedwig hier ihr Glück erfuhr, sank sie -entzückt erst dem Vater, dann der Mutter an die -Brust, dann in die Arme ihres Trauten. Das Verlöbniß -ward unter der Bedingung vorläufiger Geheimhaltung -geschlossen. Als Hedwig hinterher erfuhr, -um welchen Preis ihr Glück erkauft worden, -erschrak sie freilich; aber Ferdinand tröstete sie mit -seiner Sicherheitslampe.</p> - -<p>Die Versuchsfahrt wurde auf übermorgen festgesetzt. -Bis dahin wollte der Schichtmeister alle -nöthigen Vorbereitungen dazu treffen. Der Hutmann, -welcher seine Schwiegertochter halb durchschaute, -sorgte dafür, daß sie ihr Wort später nicht -zurücknehmen konnte; obgleich das Schreiben bei -ihm schwer ging, so ließ er sich's doch nicht verdrießen, -sogleich ein Anerkenntniß des geschlossenen<span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span> -Verlöbnisses aufzusetzen und es von beiden Eltern -unterschreiben zu lassen. Er sorgte auch dafür, daß -die Zurüstungen zur Befahrung des alten Schachtes -streng nach der Regel getroffen wurden. Haspel, -Seil, Signalschnur und Glocke, Fahrstuhl, – Alles -untersuchte er genau und ließ es wohl befestigen. -Die zuverlässigsten Häuer wurden zur Dienstleistung -bei dem Unternehmen ausgewählt.</p> - -<p>Dieses selbst fand statt in Gegenwart des Ausschusses -und einer bergamtlichen Commission, zu -welcher der Obereinfahrer gehörte. Freudig, in -seinem besten Grubenkleide, seine Sicherheitslampe -in der Blende und mit Schlägel und Eisen bewaffnet, -ging Ferdinand ans Werk. Der Kuß der Liebe -hatte ihn dazu geweiht, ihm schien es gefeit. Den -Zeugen war nicht wohl zu Muthe, als Ferdinand -in den Stuhl stieg und die Haspeldreher an ihre -Kurbeln griffen. »Es gilt zwölf Schichten für einen -Jeden von Euch!« rief ihnen der Gelbgießer zu. -Es hätte dieses Versprechens nicht bedurft, denn die -beiden Knappen hätten für ihren Steiger das Leben -gelassen. Der Stuhl wurde über die Mündung -gehoben und nun schwebte der kühne Schachtergründer -frei über der grauenvollen Tiefe. Die Zuschauer<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span> -erbleichten. – »Los!« rief Ferdinand, und der -Haspel begann zu arbeiten. »Glückauf!« rief der -Verschwindende, und das Tageslicht schloß sich über -ihm. Athemlos stand Alles umher, nur das Schnurren -des Seiles unterbrach die Stille. »Wißt Ihr -was?« brach endlich der Gelbgießer das Schweigen -gegen seine Ausschußgenossen, »ist Alles, wie wir -hoffen, so wollen wir ein paar Hundert Thaler nicht -ansehen, es ist bei Gott ein Stück Arbeit, an das -Keiner von uns um manches Tausend gehen möchte! -Wir wollen dem braven Manne ein Geschenk von -300 Thalern aussetzen und dem Schichtmeister die -schon bewilligten 100 Thaler zur Ausstattung seiner -ältesten Tochter lassen. Ich verlege die Summe -und ziehe sie nach und nach von der Ausbeute ab.« -Es war der rechte Moment, Alle zu einer solchen -Verwilligung geneigt zu finden; Angesichts der grausen -Gefahr hatte Keiner den Muth, sie zu verweigern. -»Abgemacht also!« sagte Mickley, und ihm war, als -könnte er das Weitere nun leichtern Herzens abwarten. -Die ganze Verhandlung aber war von dem Schichtmeister -vernommen worden, und er hätte sich in den -Schacht stürzen mögen, daß er sich um den reichen Lohn -gebracht, der ihn aus aller Bedrängniß retten konnte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span></p> - -<p>Langsam wand sich das Seil von seiner Walze; -die Augen der Anwesenden waren bald auf diese, -bald auf das Glöcklein gerichtet, welches mit der -Signalschnur verbunden war, die sich von einer -am Fahrstuhl angebrachten Rolle selbst abwickelte. -Verabredeterweise sollte auf dreimaliges Läuten der -Glocke hinter einander das Seil sogleich aufgewunden -werden. Auf blos zweimaliges Läuten sollte man -den Haspel nur in Ruhe stellen. Ring nach Ring -verschwand von dem Haspel, das Glöcklein blieb unbewegt. -Erst als das Seil bis auf wenige Ringe -abgelaufen war, bewegte sich plötzlich die Schnur; -Alles blickte auf die Glocke und lauschte, – einmal -– zweimal; – »in die Ruhe!« commandirte der -Schichtmeister mit dem Hutmann zugleich. »Er hat -gleich die tiefste Strecke genommen,« sagte der Obereinfahrer, -»und nun schütze ihn Gott vor schlagendem -Wetter!«</p> - -<p>Der Hutmann nahm seine Kappe ab und faltete -die Hände; die Andern folgten seinem Beispiel, die -ganze Versammlung war eine stille, betende Gemeinde. -Aber Niemand von ihr hatte eine Ahnung -von der einsamen Beterin, die draußen an einer -Ecke der Halde hinter einem Fichtengebüsch knieete.<span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span> -Es war Hedwig, die nicht im Huthause hatte bleiben -können, sondern von dem stürmisch bewegten Herzen -in die Nähe des Ortes getrieben worden war, wo -sich für sie Leben oder Tod entschied.</p> - -<p>Es war das Leben, das der Ewige Hedwig beschieden -hatte. Nach Verlauf einer furchtbaren -Stunde ertönte die Glocke von Neuem, und dies Mal -in drei Pulsen. Hedwig kannte das Zeichen; hochauf -jubelte ihr Herz; ein Ausruf des heißesten -Dankes zum Himmel empor, und auf sprang sie, -keine falsche Scheu hielt sie zurück, sie mußte dabei -sein, wenn der Geliebte das Tageslicht wieder begrüßte, -ihr Glückauf durfte nicht fehlen, wenn die, -die ihn nicht liebten wie sie, ihm das ihrige entgegenriefen. -Und da stand sie nun unter der Thür -der Kaue zur Seite des Gelbgießers, und der sah -zum ersten Male das holde Geschöpf, das der höchste -Preis für die That seines jungen Freundes sein -sollte. Der ehrliche Bürger ahnte gleich, daß diese -und keine Andere die Erwählte sei, und er nahm -ihre Hand und flüsterte: »Der Herr hilft, – ich -wünsche Glück zum Brautstand!« Lauter schnurrte -das Seil, rüstiger drehten die Haspler, da halt! -was war das? ein Angstschrei entrang sich Hedwigs<span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span> -Herzen, die Glocke klang, – aber nein; nur ein -Zufall bewegte die Schnur und vorwärts geht das -Drehen, – bald erglänzt der schwarze Schlund in -einem goldenen Dämmer, – noch ein paar Windungen, -da taucht der Schachthut, der Kopf empor. -»Glückauf!« ruft hell und stark der glückliche Teufenfahrer; -– »Glückauf! Glückauf!« rufen alle Männer, -daß die alte Kaue erzittert und der Wald erdröhnt, -– aber wo bleibt denn Dein Glückauf, -Du süße, liebeglühende Maid? Ach! Deine Seligkeit -ist viel zu groß, als daß sie laut werden dürfte -vor den Menschen, und ohne zu wissen, wie es -geschieht, sinkst Du an die Brust dessen, den Gott -Dir neu und nun wohl auf immer geschenkt. Vergessen -ist das Versprechen des Geheimnisses, rein -vergessen; der Augenblick ist zu groß für kleinliche -Rücksichten, und wenn Könige und Kaiser zugegen -wären und der Großmogul Euer künftiger Schwager, -Ihr müßt Euch umarmen und vor Gott und der -Welt bekennen, daß Euch eine Liebe eint, die stärker -ist als der Tod. – Erst dann mögen die Herren -der Commission und des Ausschusses den Bericht -vernehmen. Der Bericht war kurz, aber wenn auch -etwas grauenhaft, doch in bergmännischer Hinsicht<span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span> -befriedigend. Ferdinand hatte die Leichen der einst -in der Grube Erschlagenen gefunden, aber auch den -alten Gang; und eine Stufe, die er abgeschlagen, -erwies sich als reichhaltiges Silbererz, das den -neuen Angriff des alten Baues wohl verlohnte.</p> - -<p>»Das ist Alles gut,« sagte der Obereinfahrer, -der Ferdinands Geheimniß von der Sicherheitslampe -kannte; »aber wir sind noch nicht versichert wegen -der schlagenden Wetter.«</p> - -<p>»Doch,« erklärte Ferdinand; »auch das hab' ich -nicht ungeprüft gelassen. Ich hatte mich mit Wachszündern -versehen, die ich bei der Einfahrt von Zeit -zu Zeit anzündete und fallen ließ; an ihrem schönen -Fortbrennen überzeugte ich mich, daß der Schacht -weder schlagende noch erstickende Wetter hatte, und -unten in der söhligen Strecke zog ich einen langen -Schwefelfaden viele Lachter weit hinter, den zündete -ich vorn an und ließ das Feuer hinter laufen; nicht -ein Lüftchen rührte sich. Wahrscheinlich sind in der -langen Zeit, daß Niemand unten gewesen, die freien -Spalten, durch welche die Wetter früher eindrangen, -verwachsen; denn auch die Erdrinde, die man für -starr und todt hält, ist ja fortwährenden Veränderungen -unterworfen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span></p> - -<p>»Bravo!« sagte der Obereinfahrer; »so gratulire -ich den Herren Gewerken vom Vater Abraham -und empfehle diesen wackern, einsichtsvollen -Steiger ihrer Gunst. Ich hoffe, wir werden uns -von nun an öfter sehen, mein lieber Freund und -– Schwager! Denn daß Sie das werden wollen, -hab' ich so eben gesehen!« Damit reichte er dem -glücklichen Ferdinand die Hand.</p> - -<p>»Da siehst Du, was Deine Stiefmutter für eine -Gans ist,« murmelte der Hutmann Hedwig zu, »der -Herr Obereinfahrer freut sich, einen solchen Schwager -zu haben.«</p> - -<p>Das Mädchen drückte ihm in namenloser Seligkeit -die Hand. Die Versammlung bewegte sich nun -langsam dem Huthause zu.</p> - -<p>Hier war inzwischen der Doctor Meier angekommen -und befand sich mit der Hausfrau allein -in eifrigem Gespräch, als eines der jüngeren -Mädchen hereinsprang und rief: »Mutter! Mutter! -sie kommen!« Die Frau eilte ans Fenster. Ein -Blick hinaus machte sie erbleichen. »Er lebt, – -er ist dabei!« rief sie, »und an seiner Seite die -Dirne – und der Baron, – ich kriege den -Tod!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span></p> - -<p>»Nur ruhig, meine Beste!« sagte der Doctor, -»wenn Ihre Mine nicht wirkt, so wirkt die meinige. -Verlassen Sie sich auf mich und treten Sie -der Gesellschaft heiter entgegen!«</p> - -<p>Gleich darauf trat die Gesellschaft ein.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span></p> - -<h3>VIII.</h3> -</div> - -<p>Der Doctor hielt sich nur noch wenige Augenblicke -im Huthause auf. Er eilte nach Pobersdorf -zu seinem Vetter, dem er sich früher eben so sehr -entfremdet hatte wie seinem Schulkameraden Ferdinand, -dem er aber wieder näher getreten war, als -er glaubte, ihn brauchen zu können.</p> - -<p>»Ich glaube, Du hast es jetzt in der Hand, -Steiger auf dem Vater Abraham zu werden,« so -eröffnete er jetzt seine Verhandlung mit ihm.</p> - -<p>»Wie so?« fragte der Bergmann stutzig.</p> - -<p>»Ich habe in der Stadt von Erzpartirerei gehört, -die auf dem Vater Abraham getrieben werden -soll. Du weißt, der Obereinfahrer ist mein Freund; -der hat schon lange auf den Grund des Gerüchtes -gespürt, aber umsonst. Durch einen Zufall glaub' -ich dem Erzdiebe auf die Spur gekommen zu sein;<span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span> -aber da ich nicht gut selbst die Spur verfolgen -konnte, so schwieg ich gegen meinen Freund davon. -Täuscht mich die Spur nicht, so ist kein Anderer -der Dieb als der – wie heißt er doch! – nun, der -Dir die Steigerstelle vor der Nase weggeschnappt hat.«</p> - -<p>»Ach, Du meinst den Bergner Ferd–,« sagte -der Vetter, »bist ja mit ihm in die Schule gegangen, -– der sollte Erz gestohlen haben? – Ja, -– meiner Treu! jetzt geht mir ein Licht auf: Der -»Boß!« hat 100 Thlr. in der Sparkasse und einen -ganzen Schrank voll Bücher, so viel Geld hat ein -Häuer nicht übrig, und wenn andere Bergleut' ihre -freie Zeit zu Nebenverdienst verwendet haben, ist er -daheim gesessen und hat gezeichnet, geschrieben, gerechnet -und in Büchern gelesen; da hat er gut gescheidter -werden können als Andere, aber er hat -auch weniger verdient dabei und doch 100 Thaler -gespart, – das geht nicht mit rechten Dingen zu.«</p> - -<p>»Nun, ich denke, ich habe seine Geldquelle entdeckt,« -sagte der Doctor, »aber ich müßte aus dem -Spiele bleiben.«</p> - -<p>»Wenn ich Etwas finde, brauch' ich's nur -meinem Schwager, dem Bergamtsboten zu stecken, -der wird's schon vor die rechte Schmiede bringen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span></p> - -<p>»Ganz recht so! mach' Deine Sache, ich werde -bei meinem Obereinfahrer das Meinige für Dich -thun.« Hiermit schied er.</p> - -<p>Die Gesellschaft hatte sich vom Huthause verloren. -Ferdinand war angefahren, und Hedwig -waltete in der Küche. Da trat ihre Schwester -Brunhild zu ihr. »Du hast recht viel Drasch um -meinetwillen,« sagte sie in ihrer gewohnten, nur -etwas schüchternen Freundlichkeit.</p> - -<p>»Arbeiten ist mir ja eine Lust,« erwiederte -Hedwig. »Ich wollte, ich könnte wirklich etwas für -Dich thun; Du warst immer so gut mit mir, wenn -Du's auch vor Deiner Mutter nicht so merken lassen -durftest; ich hätte gern an Deiner Garderobe mitgeholfen, -aber da läßt mich die Mutter nicht an, -weil sie meint, ich hätte keinen Geschmack.«</p> - -<p>»Ach, die Mutter quält sich und Andere mit -ihrem Geschmacksfanatismus,« sagte Brunhild; »ich -will froh sein, wenn ich erst bei meinem Alexis bin, -dann hat doch diese peinliche Mutterfürsorge ein -Ende. Sag', hast Du den Vater beobachtet?«</p> - -<p>»In den Augenblicken, wo ich mit ihm zusammenkomme, -wohl,« sagte Hedwig, »Du bist mehr um ihn, -kommt er Dir denn auch so verstört vor wie mir?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span></p> - -<p>»Das wollt' ich von Dir wissen, – o Gott! -mir liegt eine fürchterliche Last auf dem Herzen. -Ich habe schon gebetet; es wird nicht anders. Seit -die Gesellschaft fort ist, kommt mir der Vater ganz -verzweifelt vor; er hat sich mit der Mutter gezankt -und jetzt auf seine Schreibstube eingeschlossen. Mit -der Mutter läßt sich auch seit gestern kein vernünftiges -Wort mehr reden; sie ist so leidenschaftlich, -und manchmal erschreckt sie mich fast durch ihren -Blick. Ich habe sie noch nie so gesehen! Höre Du -mich, Hedwig, Du bist gut und klug, glaube mir, -ich nehme den herzlichsten Antheil an Deinem Glücke, -wenn ich mir es auch vor der Mutter nicht so -merken lasse.«</p> - -<p>Hedwig zog sie an sich und küßte sie.</p> - -<p>»Was ich Dir sagen wollte,« fuhr Brunhild -fort, »mir ahnt ein Unheil, – und ich bin eigentlich -die Hauptursache davon. Meinetwegen haben sich -die Eltern in Schulden gestürzt. Freilich hab' ich -gegen den übertriebenen Aufwand geredet, aber die -Mutter ließ sich nicht weisen, es wurde gekauft und -geborgt auf die Erbschaft los, und darauf hin hat -sich der Vater auch verleiten lassen, dem Goldschmied -einen Wechsel von vierhundert Thalern auszustellen,<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span> -der in diesen Tagen fällig ist. So viel ich wegbekommen -habe, ist der Erbschaftsproceß verloren, -und nun soll der Vater den Wechsel decken und -kann es nicht.«</p> - -<p>»Und was droht ihm da?« fragte Hedwig bebend.</p> - -<p>»Gefängniß, der Gläubiger kann ihn so lange -setzen lassen, bis er zahlt.«</p> - -<p>»Barmherziger Gott!« rief Hedwig, »aber so -weit wird's doch der Goldschmied nicht treiben?«</p> - -<p>»Du kennst den Mann nicht,« sagte Brunhild, -»das ist ein Shylock; o, der Vater ist in fürchterliche -Hände gerathen und um meinetwillen!«</p> - -<p>Beide Mädchen mußten weinen. Nach einiger -Zeit sagte Hedwig: »Aber unser Klagen nützt nichts, -wir müssen auf Mittel denken, dem Vater zu helfen.«</p> - -<p>»Ich habe mir schon den Kopf zerbrochen,« sagte -Brunhild, »aber ich sehe keinen Ausweg. Ich war -heimlich in der Stadt und wollte dem Goldschmied -meinen ganzen Schmuck geben; er nahm ihn nicht, -in fünf Tagen wolle er den Wechsel baar gedeckt -sehen, sagte er.«</p> - -<p>»Halt! ich hab's!« rief Hedwig, »der Gewerkenausschuß -hat meinem Ferdinand 300 Thaler Belohnung -für die Befahrung des alten Schachtes zugesichert,<span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span> -100 Thaler hat er in der Sparcasse, das -sind 400 Thaler, die muß er dem Vater leihen!«</p> - -<p>»Wird er das wohl thun?«</p> - -<p>»So gewiß, als es Dein Baron thun würde, -wenn Du ihn darum bätest. Aber bei Euch vornehmen -Leuten liegt ewig noch eine Scheidewand -zwischen den Seelen, wenn Ihr Euch auch noch so -sehr liebt!«</p> - -<p>»Ich hätte wahrlich nicht den Muth, an meinen -Alexis solch eine Bitte zu richten.«</p> - -<p>»Das kommt von der Unnatur her, in die Du -hineingezwängt worden bist; es ist ein Wunder, daß -Du noch so gut und lieb geblieben. Ich hoffe, -wenn Du erst ganz bei Deinem Alexis sein wirst, -wird die gesunde Natur bei Dir wieder zu ihrem -vollen Rechte kommen. Gräme Dich also nicht mehr -um den Vater, fünf Tage noch hat es Zeit mit -dem Wechsel, da ist er gedeckt.«</p> - -<p>Brunhild umschlang die edle Schwester und ergoß -zum ersten Mal ihr ganzes volles Herz vor -einer verwandten Frauenseele. Gleich darauf erschien -der Baron und brachte die Nachricht, eine -Tante von ihm sei angekommen, wolle aber noch -heute nach Schloß Scharfenstein, wohin sie geladen<span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span> -worden. Und da er selbst seine Braut dort noch -vorzustellen habe, so wolle er mit ihr die Tante -begleiten. Die Schichtmeisterin fand es von selbst -verständlich, daß Brunhild von der Partie war, und -diese glaubte jetzt ohne Angst um den Vater, sich -auf ein paar Tage entfernen zu dürfen.</p> - -<p>Als Ferdinand ausfuhr, gab Hedwig ihm eine -Strecke weit das Geleit und theilte ihm die Bedrängniß -ihres Vaters mit. Er war mit Freude -zur Hülfe bereit. »Morgen wird mir wahrscheinlich -das Geld für die Fahrt ausgezahlt,« sagte er, -»wenn nicht, so gehe ich übermorgen früh in die -Stadt und dem Mickley nicht vom Halse, bis ich -das Geld habe. Dann ist die Sache abgemacht. -Aber sag' Deinem Vater nichts davon, Du weißt, -ich liebe es nicht, über solche Dinge viel Geräusch -zu machen. Uebermorgen bringe ich Dir den quittirten -Wechsel.«</p> - -<p>Dabei blieb es. Als Hedwig bei ihrer Rückkehr -dem Vater unter der Hausthür begegnete, -flüsterte sie ihm zu: »Hoffe und vertraue, es ist -Hülfe nah!«</p> - -<p>Er sah ihr forschend in das mondbeglänzte Gesicht. -Ihr Auge schwamm in Thränen, aber ihren<span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span> -Mund umspielte ein seliges Lächeln. Er streichelte -ihr die Stirn und sagte: »Du sprichst wie ein -Engel, – ach –« aber das Dazwischentreten -seiner Frau schloß ihm den Mund.</p> - -<p>»Wo steckst Du denn so lange?« herrschte sie -Hedwig zu, »geh' doch an Deine Arbeit!« Dann -wollte sie mit dem Gatten ein Gespräch anknüpfen, -aber der machte sich unwillig los. – »Du bist -mein Dämon!« sagte er und ging in seine Schreibstube, -wo er sich wieder einschloß.</p> - -<p>Hier lagen die Terzerole frei auf dem Tische. -»Heute noch nicht!« sprach er und verbarg sie nochmals, -»die Engelsstimme hat noch einmal Hoffnung -in mein Herz gesenkt. Hoffe und vertraue, es ist -Hülfe nahe! so sprach das verkannte, verstoßene -Kind, – o wie hab' ich das an ihm verdient? – -Weiß sie meine Lage und hat sie den Ferdinand -zur Hülfe aufgefordert? Der könnte helfen; aber -ich selbst hätte nicht den Muth, den edlen Menschen -anzusprechen, den wir erst zu verderben getrachtet. -O Gott! wie gerecht bist Du! Den wir verderben -wollten, der ist mit Ehre gekrönt, und er trägt den -Lohn davon, der unser hätte werden können. Jetzt -wären wir gerettet, – o Weib! Weib!« – Er<span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span> -versank eine Zeit lang in trübes Brüten; nach und -nach wurden seine Züge weicher und Thränen entquollen -seinen Augen. – »O Gott! o Gott! wie -tief bin ich gefallen!« rief er aus und sank auf -seine Kniee zum brünstigen Gebete.</p> - -<p>Der folgende Tag verging ziemlich still im Huthause, -nur daß zwischen den beiden Gatten wieder -ein verdrießlicher Auftritt stattfand, nach welchem der -Schichtmeister sich in sein Zimmer schloß, und seine -Frau von Stunde zu Stunde widerwärtiger gegen -ihre Umgebung wurde. Niemand hatte darunter -mehr zu leiden als Hedwig, doch trug sie Alles mit -stiller Geduld; sie fühlte, daß ihre Tyrannin der -elendere und beklagenswerthere Theil war.</p> - -<p>Da Ferdinand an diesem Tage das ihm zugesicherte -Geschenk nicht erhielt, so machte er sich den -folgenden Morgen auf den Weg nach der Stadt, -um es zu fordern. Es bedurfte nur eines Wortes -bei dem biedern Gelbgießer, um diesen zur Zahlung -zu vermögen. Dreihundert baare Thaler wurden -dem armen Bergmann zugezählt, – eine Summe, -die er nie beisammen gesehen, geschweige denn sein -genannt hatte! Was würde der Sparcassenmann -für Augen machen, wenn er eine solche Einlage<span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span> -brächte. Aber was machte er für welche, als der -sparsame Knappe sein ganzes Guthaben verlangte -und auch nicht eher vom Platze wich, bis er es -hatte! Froh wie Gott ging Ferdinand dann zu -dem Goldschmied und erklärte, von dem Schichtmeister -abgeschickt zu sein, den Wechsel einzulösen.</p> - -<p>Der Goldschmied riß erstaunt die Augen auf, -wollte Bedenklichkeiten erheben, aber Ferdinand hatte -in seinem Wesen so etwas Gebietendes, daß der -Wucherer sich gezwungen fühlte, den Wechsel herbeizuschaffen, -zu quittiren und Ferdinand einzuhändigen. -Kaum war dies geschehen, als die Ladenthür -aufging und außer dem Bergschreiber und dem -Bergamtsdiener einen Gerichtsactuar und den Gerichtsfrohn -einließ. »Da finden wir die Compagnons -gleich beisammen,« sagte der Bergschreiber. -»Im Namen des Gesetzes erkläre ich diese beiden -Herren für Gefangene!« sagte der Actuar; »ich -hoffe, Sie werden sich Ihr Loos nicht durch Widersetzlichkeit -erschweren!«</p> - -<p>Der Goldschmied bebte wie ein Espenblatt, indeß -Ferdinand sich blos verwunderte. »Da muß -ein Irrthum walten,« sagte er, »und der wird sich -bald aufklären; ich gebe mich ruhig gefangen.«<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span> -Der Goldschmied erhob allerlei Einwände; seine Frau -kam herbeigeheult und wollte ihn nicht fortbringen -lassen. Es half aber Alles nichts, die Verhaftung -wurde vollzogen.</p> - -<p>Der Vetter des Doctors war rasch zu Werke -gegangen, aber er würde seinen Zweck nicht so bald -erreicht haben, hätte nicht die von den Geschwistern -des Lehrburschen vom Gelbgießer Mickley verschleppte -Silberstufe ihren Weg schon vorher in die Hände -des Bergamtsboten gefunden gehabt. Dieser hatte -nachgeforscht, woher die Stufe gekommen; und als -nun sein Schwager ihm mittheilte, welche Entdeckung -er in der alten Jacobszeche gemacht, da -hatte es gar keiner Weitläufigkeiten bedurft; jener -war in die Bergkanzlei gegangen und hatte dem -Bergschreiber Anzeige erstattet. Es war sofort eine -bergamtliche Untersuchung der Jacobszeche vorgenommen -und dort das vom Doctor dahin getragene -Erz gefunden worden.</p> - -<p>Mit großer Verwunderung sah der Gelbgießer -Mickley seinen Schützling in Gesellschaft der Bergamts- -und Gerichtspersonen sammt dem Goldschmied -über den Markt nach dem Rathhause gehen. Bald -erfuhr er die Bedeutung dieses Aufzuges. Sogleich<span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span> -zog er sich an und eilte aufs Rathhaus, um dem -Gericht seine Bürgschaft für Ferdinand anzutragen. -Der Richter erlaubte ihm nur, den Gefangenen in -Beisein eines Actuars zu besuchen. Ferdinand empfing -den edlen Freund mit einer Miene, welche -das unerschütterliche Vertrauen, das dieser in ihn -setzte, bestätigte. Er erzählte den Hergang der Verhaftung. -Der Gelbgießer fragte, ob er etwas für -ihn thun könne. Ferdinand bat ihn, seiner Mutter -in beruhigender Weise wissen zu lassen, wo er sich -befinde, und seiner Braut mitzutheilen, daß der -Wechsel eingelöst, ihm aber vom Gericht abgenommen -wäre.</p> - -<p>»Hat Er denn eine Wechselschuld bei dem -Wucherer?« fragte Mickley.</p> - -<p>»Ich nicht,« sagte Ferdinand, »aber eine mir -theure Person.«</p> - -<p>»Sollte die Verhaftung mit dem Wechsel in -einem Zusammenhange stehen?« fragte Jener -wieder.</p> - -<p>»Ich glaube nicht,« sagte Ferdinand.</p> - -<p>»Nun, ich werde Beides bestellen,« versicherte -Mickley, »und für eine Erquickung will ich auch -sorgen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span></p> - -<p>»Das Liebste wäre mir ein Buch; meine Mutter -soll mir das neue, vom Herrn Obereinfahrer geschenkte -schicken.«</p> - -<p>»So behalt' Er frohen Muth; der liebe Gott -wird Ihm schon beistehen.« Damit schloß Mickley -seinen Besuch.</p> - -<p>Hedwig war einen Augenblick durch die ihr vom -Gelbgießer selbst gebrachte Schreckensbotschaft von -der Einkerkerung ihres Geliebten wie niedergedonnert. -Aber sie raffte sich bald wieder zusammen, -war er doch unschuldig! Sie erklärte, den Gelbgießer -in die Stadt begleiten zu wollen. Ihr Vater -war im Schacht, und den Widerspruch der Mutter, -die nicht wußte, was es gab, achtete sie nicht, es -war ihr erster Ungehorsam. Unterwegs theilte ihr -Mickley mit, wie die ganze Sache stand, und daß -durch die Entdeckung einer beträchtlichen Partie reichhaltigen -Erzes in der hinter Ferdinands Haus befindlichen -Jacobszeche dieser allerdings ziemlich belastet -erscheine.</p> - -<p>»Das Erz hat irgend ein schlechter Mensch hingeschafft!« -rief Hedwig aus, »und der das gethan, -muß einen besondern Zahn auf Ferdinand haben; -ich weiß aber keinen Feind von ihm zu nennen als<span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span> -den Bergmann Meier, der sich auf den Steigerdienst -gespitzt hatte, und seinen Vetter, den Doctor -Meier.« Und sie erzählte, in welcher Weise einst -der Doctor mit Ferdinand zusammengetroffen war.</p> - -<p>»Gut! gut!« sagte Mickley, »jetzt entsinn' ich -mich, daß ich den alten Steiger Meier in seiner -letzten Zeit ein paar Mal bei dem Goldschmied habe -aus- und eingehen sehen, und nach dem letzten Mal -stürzte er plötzlich in den Schacht. Ich hatte schon -damals meine Gedanken darüber, aber ich wollte -dem alten Mann nicht Unrecht thun. Wir gehen -jetzt stracks aufs Stadtgericht; da will ich gleich -den Antrag stellen, daß alle Papiere des Goldschmieds -durchsucht werden!«</p> - -<p>So geschah es; auch wirkte der wackere Bürger -für Hedwig die Erlaubniß aus, den Gefangenen zu -sprechen.</p> - -<p>Mittlerweile war auf dem Huthause der Doctor -Meier erschienen und hatte der Schichtmeisterin -triumphirend zugerufen: »Die Falle ist zu, der Fuchs -gefangen!« Diesen Zuruf hörte der in der Küche -seine Pfeife anzündende Hutmann. Dieser war bei -Mickley's Anwesenheit und Fortgehen mit Hedwig -im Walde gewesen, wußte daher noch nichts von<span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span> -Ferdinands Verhaftung. Doch fiel ihm die Aeußerung -des Doctors auf, und er brachte sie gleich in -Zusammenhang mit Hedwigs ganz außerordentlichem -Gang in die Stadt. Seine Aufmerksamkeit wurde -noch mehr erregt durch den Jubel, mit dem die -Schichtmeisterin den Ruf des Doctors aufnahm. -»Also der Fuchs ist unschädlich gemacht?« rief sie, -– »o Sie sind der Schutzgeist meines Hauses!« -– »Gott behüt' uns vor solchem Schutzgeist!« -sprach der Greis bei sich; »da ist ein Bubenstück -gegen meinen Steiger ausgeführt worden!« Er -konnte nicht hören, was die Beiden weiter verhandelten. -Der Doctor entfernte sich bald, und der -Greis beschloß, auf seine Schwiegertochter Acht zu -haben.</p> - -<p>Es war nach Tisch. Der argwöhnische Alte -raubte sich heute sein gewohntes Mittagsschläfchen, -um auf Alles zu merken, was im Hause vorging. -Doch hielt er sich still in seinem Stübchen. Gerade -unter diesem befand sich die Scheidebank und die -damit verbundene Erzkammer. Die Scheidearbeit -ruhte heute; daher war die Scheidebank verschlossen. -Der Schichtmeister brauchte die Scheidearbeiter zur -Ausbesserung des Pumpwerks im Schacht. Dennoch<span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span> -vernahm der Hutmann auf einmal ein Geräusch -in der Scheidebank oder Erzkammer. Er schlich sich -hinaus und verbarg sich auf der Treppe. Bald -darauf ging die in die Hausflur führende Thür der -Erzkammer auf, und die Schichtmeisterin trat mit -einem verdeckten Handkorbe heraus, der ihr sichtlich -sehr schwer wurde. Sie betrat damit die dunkle -Treppe und wurde ihren Schwiegervater erst gewahr, -als sie dicht vor ihm stand.</p> - -<p>»Ei, Frau Tochter! was für schwere Spitzen, -Hauben oder Tücher tragen Sie denn da?« redete -er sie an, und ehe sie es hindern konnte, hatte er -den Deckel aufgehoben, und die schönsten Erzstufen -blinkten ihm entgegen. »Ich hätte nicht gedacht, -daß meine Sohnsfrau sich so gut auf Erz verstände; -wahrlich! die besten Stufen hat sie sich -herausgeklaubt, – kommen Sie doch gefälligst mit -herauf, Madame, wir wollen uns oben die Dingelchen -bei Licht besehen. Nur keine Umstände, sonst -ruf' ich die Leute vom Göpel herüber und sage -ihnen, bei wem sie sich bedanken mögen, daß sie zu -keiner Lohnverbesserung kommen können.«</p> - -<p>Vernichtet folgte die Frau dem strengen Greise -auf sein Zimmer. Er schloß hinter ihr ab. »Jetzt,<span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span> -Du Weib des Unheils, bekenne: was wolltest Du -mit dem Erz thun?« Die Frau schwieg lange; -aber endlich beichtete sie unter strömenden Thränen. -Es kam ein seltsames Gemisch von wirklicher Mutterzärtlichkeit, -Eigenliebe und Hoffart, wie es nur in -der seichten Lache der Halbbildung möglich ist, zum -Vorschein. Und als sie ein umfassendes Bekenntniß -abgelegt hatte, und das ganze Gerüst ihres Hochmuths -zusammengebrochen war und sie mit ihm, -da sprach der Greis: »Unglückselige Frau! Du hast -fürchterlich gefrevelt. Du hast uns Alle an einen -Abgrund gebracht, von dem ich keine Rettung sehe, -wenn Gott nicht ein Wunder thut!«</p> - -<p>»Mutter! Mutter!« rief jetzt eine Kinderstimme -von unten. Der Greis öffnete die Thür und fragte -hinaus, was die Mutter solle. »Es ist ein Mann -da,« lautete die Antwort. Der Hutmann ging -hinab; es war der Gerichtsbote, der den Schichtmeister -auf das Stadtgericht beschied.</p> - -<p>»Was soll er dort?« fragte der Greis voll -banger Ahnung.</p> - -<p>»Er soll als Zeuge aussagen, ob er dem Steiger -Bergner aufgetragen, für ihn einen Wechsel zu bezahlen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span></p> - -<p>»Wie? weiter nichts? der Wechsel ist bezahlt?«</p> - -<p>»Wie die Quittung besagt, die man beim Steiger -gefunden.«</p> - -<p>»Gut! ich will meinen Sohn gleich aus dem -Schacht rufen lassen.«</p> - -<p>»Ja, thut das! denn die Freilassung des Steigers -hängt von dem Zeugniß ab. Der Herr Obereinfahrer -hat sich für ihn verwandt, und der Herr -Stadtrichter will ihn entlassen, wenn es mit dem -Wechsel seine Richtigkeit hat.«</p> - -<p>Der Greis ahnte den ganzen Zusammenhang; -er eilte an den Göpel und schickte einen Bergmann -in den Schacht nach seinem Sohn. »Sagt ihm, es -gäbe eine gute Nachricht!« rief er dem Bergmann nach. -Dann ließ er den Gerichtsboten in das Wohnzimmer -treten und ging zu seiner Schwiegertochter zurück.</p> - -<p>»Jetzt, Frau, trag das Erz wieder an seinen -Ort und danke dem barmherzigen Gott, daß er -Dein Verbrechen verhütet. Er wollte nicht den -Untergang der Deinen, darum hat er auch schon -die Rettung aus aller Noth geschickt. Wie dies -geschehen, wirst Du später hören!«</p> - -<p>Die Frau fiel auf ihre Kniee und umklammerte -schluchzend die des Greises.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span></p> - -<p>Der Schichtmeister war bald oben und ging, -nachdem er vernommen, was vorgefallen war, mit -tief erschütterter Seele im Geleite des Gerichtsboten -nach der Stadt.</p> - -<p>Zwei Stunden später füllte sich das Huthaus -mit frohen Menschen. Im Triumph brachte Hedwig -ihren Ferdinand, gefolgt von dem Schichtmeister, -Ferdinands Mutter, dem Gelbgießer, dem Baron -von Brunn und Brunhild. Die Letztern waren, -von Scharfenstein zurückkehrend, in dem Augenblick -über den Markt gefahren, wo Hedwig von Ferdinand -gekommen war, und diese hatte sogleich die -Schwester angerufen und ihr das Geschehene mitgetheilt. -Da hatte Brunhild, die inzwischen alle -Schüchternheit gegen ihren Bräutigam verloren, -diesen sofort in das Geheimniß gezogen. Der edle -Mann hatte sogleich seine Vermittelung angeboten -und war ohne Säumen zur That geschritten. Auf -seine Fürsprache wurde Ferdinand, nachdem der -Schichtmeister sich zu dem Wechsel bekannt hatte, -gegen Handgelöbniß entlassen.</p> - -<p>Da mußte nun die Schichtmeisterin in dem -Manne, den sie erst dem Tode und dann der Entehrung -preiszugeben versucht, den Wohlthäter ihres<span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span> -Hauses erkennen. Eine tiefere und heilsamere Beschämung -konnte ihr nicht widerfahren.</p> - -<p>War Ferdinand nun schon noch immer der Untersuchung -unterworfen, so dienten doch die Enthüllungen, -welche die Schichtmeisterin ihrem Schwiegervater -gemacht hatte, und die dieser dem Obereinfahrer -mittheilte, dazu, die Wahrheit völlig ans Licht zu -bringen. Mit Schmerz erkannte der Baron die -Unwürdigkeit seines Freundes; er schüttelte den -Schmarotzer ab und ließ ihm die Wahl, sich entweder -über dem Meere eine neue Heimath zu suchen -oder ins Gefängniß zu wandern. Der Elende wählte -das Erstere. Als Brunn ihn am Bord eines -Schiffes wußte, wirkte er auf Niederschlagung des -Processes hin, die er auch erlangte, als der Goldschmied -eines Morgens im Gefängniß erhängt gefunden -wurde.</p> - -<p>Der Obereinfahrer Freiherr von Brunn und -Steiger Bergner hatten an einem Tage Hochzeit, -und es zeigte sich, daß nur in der hoffärtigen Einbildung -der Schichtmeisterin die Furcht begründet -war, die Familie des Freiherrn werde an der Verschwägerung -mit einem redlichen Bergmanne niedern -Grades Anstoß nehmen. Gleich nach der Hochzeit<span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span> -begann der neue Betrieb des alten Schachtes; -Frenzel wurde Schichtmeister und Ferdinand Obersteiger -der vereinigten Vater Abraham Fundgruben. -Ein stattliches Huthaus krönt jetzt mit einem Dampfgöpel -und anderen Betriebsgebäuden die alte Halde, -und an schönen Sommertagen kann der Wanderer -auf der Hausbank eine allerliebste junge Frau sich -abwechselnd der reizenden Aussicht auf das wiesenthaler -Gebirge und der drei kleinen Engel erfreuen -sehen, die zu ihren Füßen spielen. An Sonntagen -vervollständigt das anmuthige Bild der Vater Obersteiger -und nicht selten der Groß- und Urgroßvater -vom untern Huthause. Auch hier ist nach jener -Lection ein einfältigerer Sinn, Friede und Segen -eingekehrt.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-chapter.png" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Gimpelkoenig">III.<br /> -Der Gimpelkönig.</h2> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span></p> - -<h3>1.</h3> -</div> - -<p class="drop">Da wo das Erzgebirge an das Voigtland grenzt, -ist ein Landstrich, in welchem fast jeder dritte Ort -sich auf »grün« endigt. Die Leute dort sagen, das -rühre von den vielen Vogelherden her, die es da -giebt. Denn »'s Grün« heißt der Platz, worauf -der Vogelherd angelegt ist. Die vielen Vogelherde -aber deuten auf die Hauptpassion der Bewohner; -die Gegend ist weithin bekannt als Vogelstellerdistrikt. -Der hat auch einen Vorort – Wellersgrün nennen -wir ihn, obgleich er auf der Landkarte anders lautet; -doch »grünt« er sich wenigstens.</p> - -<p>Da hauste bei Menschengedenken ein Mann, -der hatte sich vom Bürstenbinder, Krämer und -Achtelhufengutsbesitzer zum Potentaten der Gimpel -emporgeschwungen. Die Einleitung läßt schon ahnen, -daß hier nicht von jener adamitischen Gimpelspecies<span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span> -die Rede ist, welcher das goldene Gefieder von den -Händen leichtfertiger Evastöchter gerupft zu werden -pflegt, sondern von dem niedlichen Sängervolke, -dessen Heimath der grüne Tannenwald ist, und das -den Wellersgrünern von jeher ihre gesuchtesten Virtuosen -in der Tonkunst lieferte. Gottfried Unger – -so hieß unser Mann – hatte keine Ahnung von -jener uneigentlichen Gimpelspecies; ihm war Gimpel -gleichbedeutend mit Genie, und darum war er stolz -auf den Königstitel, welchen ihm seine Heimathgenossen -ertheilt hatten, weil er im Fangen und -Abrichten der kleinen Waldsänger eine Meisterschaft -besaß, die man einer wunderbaren Herrschaft über -diese Thiere zuschrieb. So berühmt vor allen seinen -vogelstellenden Landsleuten war König Gottfried, -daß seine Zöglinge nicht allein in ferne Gegenden -verschrieben wurden, sondern daß auch nicht selten -Bewohner der benachbarten Städte nach Wellersgrün -lediglich in der Absicht wallfahrteten, den -»Gimpelkönig« und seinen Hof zu sehen.</p> - -<p>Gewisse Leute wollten zwar behaupten, diese -Besucher zöge noch etwas ganz Anderes nach dem -schmucken gelben Hause am hüpfenden Wasserfall -des »Grünbächels«, als König Ungers Hofkapelle –<span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span> -nämlich die Prinzessin des kleinen Reiches, das über -alle Beschreibung nette und herzige Hannchen, Ungers -eheleibliche neunzehnjährige Tochter. Aber -wenn dies auch vielleicht hinsichtlich des jüngeren -Theiles der Wallfahrer seine Richtigkeit hatte, so -doch bestimmt nicht in Ansehung der vielen gesetzten -Männer, die sich darunter befanden; für die war -es interessant genug, Herrn Gottfried umringt von -seinem gefiederten Hofstaat zu sehen.</p> - -<p>Man denke sich eine große, weißgetünchte, vom -Scharwerksmaurer unter der Decke mit einer Guirlande -von Phantasieblumen geschmückte Stube, -deren fünf Fenster rechts und links mit Reihen -vollbesetzter Vogelbauer garnirt sind. Das der -Stubenthür gegenüber befindliche Fenster ist mit -Epheu eingefaßt, eine Reihe Blumentöpfe mit Balsaminen, -Muskat- und Rosenkrautstöcken bedeckt das -Bret, und die Bauer zu beiden Seiten zeichnen sich -durch Größe und Zierlichkeit aus. Hier hausen die -Gimpel – sie sind der hohe Adel des Ungerschen -Reiches; die andern in den unansehnlichen Behältern, -die Quäker, Finken, Meisen, Zeisige und dergleichen, -sind das gemeine Volk. Vom künstlerischen Gesichtspunkte -aus betrachtet, sind jene die Solosänger,<span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span> -diese die Choristen. Vor dem solchergestalt ausgezeichneten -Fenster steht ein kleiner Tisch und vor -diesem ein Lederpolsterstuhl – das ist der Thron -des Monarchen, da sitzt er, ein stattlicher Funfziger, -den einen Arm auf den Tisch gestemmt, mit dem -andern die Meerschaumpfeife haltend, der er sparsam -abgemessene Wolken entzieht und giebt seinen Lieblingen -Audienz. Solches geschieht, indem er einen -Bauer nach dem andern von seinem Nagel herunternimmt, -ihn vor sich auf den Tisch setzt und eine -Melodie intonirt, worauf der Bewohner des Bauers -sofort einfällt und die Weise zu Ende führt. Auf -diese Weise wird der Zuhörer nach und nach mit -einer Blumenlese von Melodieen erfreut, die vom -»Freund, ich bin zufrieden« bis zum »Frisch auf, -Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!« fast alle -Rhythmen des Liedergesanges umfassen. Freilich -wird dem fremden Zuhörer der Genuß dieses Concertes -durch das wirre Durcheinander des Chores -verdorben, denn es ist kaum möglich, vor dem -Zwitschern, Zirpen und Wirbeln der Quäker, -Zeisige, Finken u. s. w. den schulgerechten Gesang -der Solisten zu vernehmen. Meister Ungers Gehör -aber unterscheidet diesen recht wohl, ja für dasselbe<span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span> -dient der gemeine Chor den edlen Concertisten nur -zur Folie, wie dies ja auch bei mancher musikalischen -Kunstanstalt der Nichtgimpel der Fall ist.</p> - -<p>Wer den ehrenwerthen Meister so unter seinen -Vögeln sah, oder wer gar seinen Lehrstunden beiwohnte, -der mußte die heitere Gemüthsruhe, die -unerschöpfliche Geduld desselben bewundern, und -war es eine Frau, die ihn so beobachtete, so konnte -sie kaum umhin, Frau Unger um ein solches Lamm -von einem Eheherrn zu beneiden. Allein sowie -Herr Gottfried seinen Vögeln den Rücken gewendet -hatte, war er ein ganz anderer Mensch, da keifte -und nörgelte er im Hause herum, bis es seiner -Gattin glücklich gelang, ihn auf den Vogelherd oder -in die Schänke zu spediren. Vielleicht wurde das -Maß von Geduld, so ihm die Vorsehung verliehen, -von seinen Zöglingen so vollständig absorbirt, daß -ihm für den Verkehr mit Menschen nichts davon -übrig blieb. Niemand konnte im Umgange reiz- und -verletzbarer sein, und in ganz Wellersgrün gab es -keinen Menschen, der so schwer zu versöhnen war -wie er, zumal wenn ihm Jemand sein Steckenpferd -unsanft berührte. Kam er doch seit vielen Jahren -schon nicht mehr in die Ortskirche, weil der Pfarrer<span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span> -sich einmal von der Kanzel gegen das Vogelstellen -auszusprechen gewagt hatte; da der hierdurch schwerbeleidigte -Gimpelkönig aber doch ein guter Christ -sein wollte, so ging er entweder nach Schönheide -oder Hundshübel zum Gottesdienst. Desto fleißiger -besuchte er eine der Ortsschänken, nicht nur weil der -Inhaber derselben seine Liebhaberei theilte, sondern -auch weil dies der Ort war, wo er fortwährend Gelegenheit -hatte, neue »Stückla« für seine Gimpel zu hören. -Zu seiner Ehre muß gesagt werden, daß er sich fast nie -betrank; sein gewöhnliches Getränk war das heimische -»Einfache«, worauf er höchstens zum Schluß einen -»Eibenstöcker« setzte, den er seinen Magendoctor nannte.</p> - -<p>Hausdespoten werden von ihren Familien nicht -mit Rosenketten in ihren vier Pfählen festgehalten -– der Ungerschen Familie war, als hätte sich ein -böser Wind gelegt, sobald sich ihr Haupt auf den -Vogelherd oder in die Schänke verfügt hatte. Da -wurde es erst gemüthlich im Hause. Mutter und -Tochter krochen aus Küche, Stall und Keller hervor -und reiheten sich mit den beiden »Gimpelprinzen« -um den Ofen; oft kam dazu auch der Geselle mit -dem Lehrjungen. Da wurde nun gescherzt, erzählt -oder gesungen, ohne daß jedoch dabei die Hände<span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span> -feierten. Sonntags traktirte Frau Unger das ganze -Hausgesinde mit einem Nachmittagskaffee und »Hefenkloß«, -in welchem die Rosinen nicht fehlen durften, -und wer zur rechten Zeit bei ihr einsprach, war ein -frohwillkommener Gast. Manches arme Dorfkind -hatte regelmäßig das Glück, keins aber regelmäßiger, -als das »Rußbuttenlobel«, ein alter Junggeselle, -der in seiner Jugend mit Rußbutten durchs Land -gezogen und seit er zu solchem Erwerb invalid geworden, -in die Stelle eines Vice-Tag- und Nachtwächters -von Wellersgrün eingerückt war. Diese -wichtige Person war für das Ungersche Haus noch -mehr, als ihr Titel besagte: sie war zugleich Historienbuch, -Liedersammlung, Ortschronik und Zeitung. -Daher geschah es, daß, sobald »Rußbuttenlobels« -wohlbekannter Amtsspieß an der Ungerschen Hausthür -lehnte, – denn die Schwelle durfte dieses polizeiliche -Attribut nicht überschreiten, das wäre eine -Verletzung der Wellersgrüner Habeascorpusakte gewesen, -– eine Nachbarin nach der andern in die -Gimpelresidenz »hutzen«<a id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">1</a> eilte, um das Neueste -aus der Tagesgeschichte zu erfahren.</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">1</span></a> Hutzen heißt im Obererzgebirge soviel als: einen -kurzen Besuch im Hauskleide machen.</p> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span></p></div> - -<p>So war es auch am Trinitatisfeste des Jahres -Eintausend Achthundert und –Zig. Der Hausherr -saß beim Einfachen in der obern Schänke; die Hausfrau -mit ihren Kindern und Hausgenossen am Kaffeetisch, -und »Rußbuttenlobel« trat mit seinem »Helf -Gott!« in die Stube. Nachdem er von allen -Seiten freundlich bewillkommt und von Hannchen -an den Tisch gezogen worden, hieß es rechts und -links: »Was hat's Neues in der alten Welt?« -Lobel warf sich in die Brust, that einen Zug aus -der ihm vorgesetzten Tasse, einen kräftigen Biß in -den »Hefenkloß« und sagte: »So in einem Athem, -Ihr guten Leut', läßt sich das nicht erzählen.« -Darauf leerte er die Tasse und ließ den Hefenkloß -mit großer Schnelligkeit zwischen seinen Kinnladen -verschwinden. Alle Anwesenden hefteten die Augen -auf den Anfangspunkt dieser Werkzeuge; doch Lobel -richtete seine Blicke, eh' er sprach, nach der Thür, -als erwarte er noch einige Ohren für seine Zeitung. -Er wartete nicht vergebens – der Spieß war gesehen -worden – ehe fünf Minuten vergingen, war -ein halbes Dutzend Nachbarinnen versammelt, von -denen sich die eine ein Loth Kaffee, die andere ein -Gebind Zwirn, die dritte für einen Pfennig Pfeffer<span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span> -zum schicklichen Behelf nahm, und der Bericht – -den wir mit Beseitigung der Mundart wortgetreu -wiedergeben – begann:</p> - -<p>»Es geht arg her in der alten Welt, Ihr -guten Leut'! Der Franzos draußen ist wieder einmal -kollerig, aber ob's ihm unter der Mütze fehlt -oder in den Schuhen, das weiß der Himmel, und -in Welschland wollen sie auch gescheidt werden, ob's -ihnen aber von der hohen Obrigkeit erlaubt wird, -das weiß der Zeitungsschreiber nicht, wie soll's -Rußbuttenlobel wissen! Aber der Russ' dahinten -scheert sich den Teufel darum, ob's in Polen Wölfe -giebt oder nicht – er hat einen gar guten Magen, -das wissen wir von Anno dreizehn, da haben die -Kosacken gefressen, was ihnen zwischen die Zähne -kam; übrigens ist es oben im Sibirienland fast -so kalt wie in Karlsfeld, wie die Polaken zu erzählen -wissen und viele andere Ehrenleut', die dort -auf dem Zobelfang waren – Du mußt aber hübsch -aufpassen, Heinerle, sonst bleibst zeitlebens ein -dummer Junge, und die Rosinen mußt Du nicht -aus dem Hefenkloß bohren – und in England -werden sie nächstens mit Dampf in den Mond -fahren, ich wollte, sie wären schon alle droben gewesen,<span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span> -eh' sie unserm armen Gebirge sein Klöppelwesen -ruinirten – daß sich Gott erbarm'! meine Schwester -hat gestern in der Stadt schon wieder zwei Pfennige -weniger bekommen für die Elle Borten! Item: -der Papst ist gestorben, der Tod kann's aber machen, -wie er will, er wird nicht fertig mit der Gesellschaft, -es ist schon wieder ein neuer da – meiner Hühner -halben! – ich wollte nur, ich hätte ein paar Fuder -von den Feigen und Apfelsinen, die dieses Jahr in -Welschland gewachsen sind, und könnte sie in Wellersgrün -verzehren. Doch daß ich nicht Eins über dem -Andern vergesse – Friedel, Du wirst gleich Dein -Schälchen hinunterstoßen, 's wär' schad' um den -eingebrockten Hefenkloß, aber der Steingutmacher -will auch leben – in Lindengrün hat eine Bergmannsfrau -Vierlinge gehabt; da fleckt's! jedoch -aber im Dänemarkschen – 's muß wohl um Buxtehude -herum liegen, dort bin ich nicht gewesen – -da will der Königsstamm aussterben – geht mir -auch nicht besser, bin Rußbuttenlobel der Erste und -Letzte und habe nichts auf meinem Gewissen, als -den armen Handwerksburschen, den ich verarretirt -und aus dem Dorfe verbannt habe, weil er ins -Lieben-Konrads Haus fechten kam, obwohl mein<span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span> -Spieß vor der Thür lehnte; da konnte der dumme -Teufel doch denken, daß die Polizei nicht weit war -und ihn erwischen würde; aber gedauert hat mich -der Schelm, mein' Seel'. Wie gesagt, es geht arg -zu in der alten Welt – aber Ihre Hefenklöß' sind -delicat, Frau Dore! – wenn's nicht bald anders -wird mit der Menschheit, glaub' ich, der Pfannenstieler -Pfarrer, der zu den Heiligen gehört, behält -Recht – der sagt, das Ende aller Dinge sei vor -der Thür. Nun meinetwegen! ich hab' Nichts zu -verlieren als den Spieß und vier Zeilen Erdäpfel -auf des Richters Feld; wegen des armen ausgewiesenen -Handwerksburschen werd' ich nicht gleich in -die Hölle fahren, wiewohl 's nicht christlich war. -Ja, arg geht's zu in der Welt – aber im Ungerhaus -giebt's gute Hefenklöß', das ist auch gewiß!«</p> - -<p>Er wischte sich mit dem Aermel seiner Manchesterjacke -den Schweiß von der Stirn, nahm einen frischen -Hefenkloß, überlieferte ihn seinen Kauwerkzeugen, -schlürfte eine zweite Tasse Kaffee und begann auf -die Frage: »Ist das Alles?« von Neuem:</p> - -<p>»Das war's Auswärtige; nun kommt das Einheimische, -und das ist das Wichtigste.« – Er berichtete -nun, wo ein Todesfall vorgekommen und<span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span> -zu erwarten, ein Kind geboren, eine Hochzeit vor -der Thür, ein Hausbau in Angriff genommen war -und dergleichen mehr, endlich schloß er: »Doch nun -das Beste! Was denkt Ihr, daß das Allerneueste -ist?«</p> - -<p>Alle sahen ihn gespannt an.</p> - -<p>»Gelt, Ihr wißt's nicht?« sagte er nach einer -Pause. »Nun so hört: mein Vetter, der Sacher -Heinrich, ist diesen Mittag aus der Fremde gekommen!«</p> - -<p>Das schien in der That eine unerwartete und -wichtige Neuigkeit zu sein, denn alle Anwesenden -gaben Zeichen der Ueberraschung und des Interesses -von sich – Niemand aber lebhaftere, als Hannchen, -denn die stieß einen lauten Schrei aus und wurde -roth wie eine Erdbeere bis in den Nacken hinein.</p> - -<p>»Nicht wahr, Jungfer Hannel,« bemerkte der -Erzähler, »das ist Wasser auf Ihre Mühle?«</p> - -<p>Alle blickten die Gefragte an. Diese warf dem -Frager einen zürnenden Blick zu und eilte zur Thür -hinaus.</p> - -<p>»Da hat man's,« sagte Lobel, »alte Liebe rostet -nicht!«</p> - -<p>»'s war auch gar ein feiner Bursch, der Sacher -Heinrich,« meinte eine der Nachbarinnen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span></p> - -<p>»Ihr solltet ihn erst jetzt sehen,« versetzte Lobel, -»jetzt sticht er alle Wellersgrüner Bursche aus, sowohl -was Ansehen als Manieren betrifft; ich sollt's -nicht sagen, weil's mein leiblich Schwesterkind ist – -aber wahr bleibt wahr. Er ist aber auch ein Stück -in der Welt herumgekommen, wie Keiner in Wellersgrün -– sogar in Welschland ist er gewesen, und -in Frankreich hat er fast zwei Jahre gearbeitet – -da kann's Hannel bald hören, wie das auf Französisch -heißt:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">– keine von Allen<br /></span> -<span class="i0">Hat so mir gefallen<br /></span> -<span class="i0">Wie Hannchen, schön' Hannchen, lieb' Hannchen, mein Hannchen allein.«<br /></span> -</div></div> - -<p>»Laß Er das Geplapper, Lobel!« gebot Frau -Unger. »Vor drei Jahren, wie Sein Vetter in -die Fremde ging, war mein Hannel noch ein Kind, -und wer weiß, ob der Sacher Heinrich jetzt noch -an die Tändelei denkt. Mein Hannel hat sie längst -vergessen; und nun treib' Er mir das Mädel nicht -wieder aus der Stube mit solchem Spaß! – Aber -sehen möcht' ich den Sacher Heinrich, das gesteh' ich.«</p> - -<p>»Ich auch« – »ich auch« – hieß es von mehren -Seiten und Rußbuttenlobel schloß mit der Aeußerung: -»Er wird schon kommen und sein Schätzel grüßen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span></p> - -<p>Jetzt schlugen ferne Trompetenklänge an die -Ohren der Gesellschaft.</p> - -<p>»Das hätt' ich bald über dem Sacher Heinrich -vergessen,« sagte die inkarnirte Dorfzeitung, »in der -obern Schänke ist heute Musik – sie blasen schon -zusammen. Also munter, ihr jungen Leut'!«</p> - -<p>Diese Mahnung galt den ledigen Personen im -Zimmer und man säumte nicht, ihr nachzukommen, -denn das junge Volk tanzt in Wellersgrün so gern -wie überall im lieben Gebirge. Bald war Frau -Unger mit ihren Kindern allein daheim. Denn auch -Rußbuttenlobel mußte von Amtswegen in die Schänke. -Wie er, den kürzesten Weg nehmend, aus der Hinterthür -in den Ungerschen Grasgarten trat, fand er -Hannchen dort in sich versunken stehen. Er schlich -sich nahe und sah, wie sie einer Sternblume die -Blättchen nach einander ausriß und dazu halblaut -sagte: »Er liebt mich – von Herzen – mit Schmerzen -– klein Wenig – gar nicht – er liebt mich – –« -Da fiel das letzte Blatt und Rußbuttenlobel ging -mit den Worten vorüber: »Ei freilich! Komm Sie -nur in die Schänke, Jungfer; da ist er auch.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span></p> - -<h3>2.</h3> -</div> - -<p>In der Schänke ging es laut. Aus dem ganzen -Dorfe strömten die Gäste herbei, die Alten nach der -Schänkstube im Erdgeschoß, die Jungen nach dem -darüber gelegenen Tanzboden. Nur ein Trupp -munterer Bursche, aus deren Mitte ein fast elegant -gekleideter Jüngling hoch emporragte, folgte dem -Zuge der Alten. Als er in die Schänkstube trat, -gerieth die ganze anwesende Gesellschaft in Bewegung. -»Der Sacher Heinrich!« lief's von Mund zu Munde, -und bald fand sich der feingekleidete Mensch umdrängt -von Solchen, die ihm ihr »Grüß Gott, Heinrich!« -und das Bierglas zum Willkommentrunk entgegenbrachten.</p> - -<p>Während er allen in erwünschter Weise Bescheid -that, wurde er mehr und mehr dem Hintergrunde -zugeschoben, bis er dicht vor dem »Herrentisch« stand,<span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span> -an welchem die Angesehenen des Ortes, darunter -auch der »Gimpelkönig«, ihren Platz hatten. Die -gleiche Begrüßung ward ihm auch hier zu Theil; -dann rückte man eng zusammen und bemächtigte -sich des Ankömmlings gänzlich, indem man ihn an -den Tisch zog und zwischen sich nahm, daß er weder -zur Rechten, noch zur Linken entweichen konnte. -Das war eine große Ehre, und Heinrich wußte -sie zu schätzen; – er zog seine wohlgefüllte Cigarrentasche, -damals in Wellersgrün ein unerhörter Luxus, -präsentirte sie den Umsitzenden und steckte sich selbst -einen der duftenden Glimmstengel an, worauf er sich -in Bereitschaft setzte, auf die mancherlei Fragen, die -man an ihn richten würde, bündige Antwort zu -geben. Seine Begleiter pflanzten sich, die dorfüblichen -Pfeifen im Munde, vor dem Tische, dem -Freunde gegenüber auf.</p> - -<p>An Fragen seitens der Tischgenossen Heinrichs -fehlte es nun nicht, sie waren aber so mannigfaltig -und wirr durcheinanderlaufend, daß der Gefragte -gar nicht dazu kommen konnte, sie zu beantworten. -Endlich machte der Wirth den Vorschlag, der Heimkömmling -möge seine Reisegeschichte zum Besten geben, -wogegen er sich zu einer »Stütze« Doppelbier erbot.<span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span> -Der Vorschlag wurde wie das Anerbieten freudig -aufgenommen. Erst that man der »Stütze« alle -mögliche Ehre an, und dann begann Heinrich seine -Erzählung. Daraus erfuhren die Zuhörer, daß der -junge Mann, nachdem er vor drei Jahren als -Tischlergeselle das Felleisen genommen, sich nicht -lange in den engen Grenzen seines Vaterlandes gefallen, -daß es ihn in die Weite getrieben hatte, um -Menschen und Sitten kennen und etwas Rechtes -in seinem Fache zu lernen. Erst war er nach Wien -gewandert, von da hatte es ihn nach Italien gezogen, -wo es ihm aber sehr trübselig ergangen war. -Unter unsäglichen Beschwerden hatte er sich nach -der Schweiz durchgeschlagen und nachdem er hier -wieder etwas »zu Federn gekommen«, sich der Hauptstadt -Frankreichs zugewendet. So gut er es nun -daselbst getroffen, so mächtig ihn anfangs das Leben -in der ungeheuren Weltstadt angezogen hatte, so -war doch allgemach die Sehnsucht nach der Heimath -in ihm wach geworden. Sein Meister hatte ihn -zum Werkführer über fünfzig Arbeiter, ja zu seinem -Eidam machen wollen, aber da war plötzlich das -Verlangen nach der lieben Heimath so mächtig geworden, -daß er es keinen Tag mehr in Paris<span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span> -ausgehalten und »Knall und Fall« den Wanderstab -zur Heimkehr ergriffen hatte. Die mancherlei -kleinen Reiseabenteuer, welche in Heinrichs Erzählung -vorkamen, verliehen derselben eine solche Würze, daß -Einer von seinen Zuhörern nach Leerung der vom -Wirth gespendeten Stütze gleich eine zweite bringen -ließ. Heinrich schloß mit den Worten: »So bin -ich denn nun glücklich wieder in Wellersgrün und -denk' auch da zu bleiben, denn das können Sie mir -glauben, werthe Landsleut', so schön es draußen -sein mag, es bleibt doch wahr, wie man bei uns -spricht: »d'rham is d'rham.« Da schüttelten ihm -alle Umsitzenden die Hand, tranken auf sein Wohl, -lobten seinen Entschluß und sicherten ihm zu seiner -Niederlassung im Orte allen möglichen Beistand zu.</p> - -<p>»An meiner Fürsprache beim Handwerk soll's -ihm nicht fehlen, Heinrich!« sagte unter andern der -Obermeister von der Zunft der vereinigten fünfzehn -Handwerke.</p> - -<p>»Und Credit, wie Empfehlungen nach Schneeberg -und Auerbach finden Sie bei mir,« versprach -der Krämer, oder wie er sich nannte, Kaufmann -des Oberdorfes. Der Förster eröffnete ihm die -besten Aussichten auf unbeschränkten Nutzholzcredit<span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span> -und der Zimmermeister wollte ihm sein mütterliches -Häuschen herrichten, daß es eine Art hätte. Zuletzt -war auch von einer Frau die Rede, und von mehr -als einer Seite ließ man merken, daß er ein ganz -annehmbarer Schwiegersohn wäre.</p> - -<p>»Mit dem Heirathen,« sagte jedoch Heinrich, -»hat es bei mir noch Zeit. Vor der Hand drängt's -mich nicht, denn meine Mutter ist, Gott sei Dank! -noch rüstig, und übrigens – kommt Zeit, kommt -Rath!« Dabei warf er aber einen anhaltenden -Seitenblick nach Meister Unger und nach einer Pause -richtete er an diesen die Frage: »Wie geht's daheim, -Meister Unger? Ist die Frau sammt den Kindern -wohlauf?«</p> - -<p>»Was soll's mit denen für Noth haben?« war -die Antwort. »Man sorgt und schafft doch genug für sie! -Nun, Er besucht uns doch, Heinrich – Er wird sich -freuen, wenn Er meine Gimpel sieht und hört.«</p> - -<p>Heinrich lächelte und blies eine starke Wolke -vor sich hin.</p> - -<p>»Ei, Heinrich!« sagte der Schänkwirth, »wir -waren ja ehedem auch ein Vogelfreund und suchten -als Steller Unsersgleichen – wir werden jetzt -das edle Vergnügen doch auch wieder treiben?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span></p> - -<p>»Da sei Gott vor!« erwiederte der Gefragte. -»Ich bedaure, daß ich jemals ein Vöglein seiner -Freiheit beraubt habe – halten Sie mir's zu Gute, -lieben Leute! – aber ich muß Ihnen sagen: mir -erscheint es jetzt geradezu sündlich, das Vogelfangen.«</p> - -<p>Dem Gimpelkönig entsank die Pfeife, der Wirth -wurde kirschbraun im Gesicht und der eine und -andere der Tischgenossen rief: »Wie so? Was sagt -er? Sündlich?«</p> - -<p>»Ja – nehmen Sie mir's nicht übel!« erwiederte -der junge Mann fest, »so erscheint es mir, -und lassen Sie sich sagen warum? Lassen Sie sich -erzählen, wie ich zu dieser Ansicht gekommen bin. -Sie wissen, daß ich früher auch meinen Vogel gestellt -habe, wie Einer, und der Meister Unger da -muß mir bezeugen, daß im Lernen der Gimpel -Keiner ihm gleich kam als ich – es hat manchen -kleinen Wettstreit zwischen uns gegeben, aber in -aller Freundschaft – und wie ich in die Fremde -ging, that mir nichts so weh, als daß ich meine -Vögel da lassen mußte; ich hätte sie lieber mitgenommen, -wenn es gegangen wäre. Zog ich dann -auf meiner Wanderschaft durch einen Wald und -hörte einen Reiterfinken schlagen oder eine Amsel<span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span> -singen, so zuckte es mir in allen Gliedern, ich ärgerte -mich, daß ich gar kein Stellzeug bei mir hatte, -aber dessenungeachtet schlich ich den Vögeln wohl -stundenlang nach und so kam es oft, daß ich über -einer mäßigen Tagereise zwei, auch drei Tage zubrachte. -Das war viel Zeitverlust und Verlust an -Geld obendrein. Nach und nach verlor sich zwar -das Erpichtsein aufs Vogelstellen etwas, ganz aber -konnte ich's doch nicht los werden und wenn der -liebe Sonntag kam, ging ich vogelstellen, statt in -die Sonntagsschulen, welche einsichtsvolle Menschenfreunde -zur Fortbildung des Handwerkerstandes weit -und breit ins Leben gerufen haben. So ging es, -bis ich ins Welschland kam. Da hatt' ich das -Unglück, der Polizei verdächtig zu werden: statt für -einen ehrlichen Handwerksburschen sah sie mich für -einen geheimen Revolutionär an – ich wurde verhaftet -und nach Padua ins Gefängniß gebracht. -Im Gefängniß, ihr lieben Leute, lernt man erst -Jesum Christum erkennen. Vier Wochen mußte ich -einsam in einem schauerlichen Loche sitzen – ach! -ich dachte, der liebe Herr Gott habe in seinem Zorn -die Tage plötzlich zu Jahren ausgesponnen, so -fürchterlich lang wurde mir die Zeit. Da fielen<span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span> -mir alle meine Sünden ein – und auch mein -Vogelstellen. Da dachte ich, wie meine armen -Vöglein der Verlust ihrer Freiheit geschmerzt haben -müsse, und ich mußte es als eine Strafe vom lieben -Gott erkennen, daß ich jetzt auch in einem Käfig -steckte, der freilich nicht von schwachem Draht oder -Holz, sondern aus gewaltigen Steinen erbaut war. -Als ein Tag nach dem andern dahinschlich, ohne -daß ich erlöst wurde oder eine Vertröstung auf -baldige Erlösung erhielt, wurde ich lebenssatt, die -Verzweiflung übermannte mich, mehr als einmal -war ich nahe daran, mit dem Kopfe wider die -Wand zu rennen und ihn zu zerschmettern; nur -der Gedanke an meine gute Mutter hielt mich davon -zurück. Dann fielen mir meine Vögel immer wieder -ein und ich dachte: so wie dir jetzt, so ist es -auch den armen Thierlein zu Muthe gewesen, da -sie deine Gefangenen waren! Du sahest wohl ihr -ängstlich Flattern an der Leimruthe, im Netz oder -im Bauer, du hörtest ihr kläglich Schreien, bemerktest -ihre traurigen Mienen – und doch ließest -du sie im Käfig, getrennt von ihren Jungen, oder -das Männchen von seinem Weibchen; sie mußten -ihr herbes Loos tragen – so füge nun auch du<span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span> -dich in dein Schicksal! Des Nachts aber kamen -schreckhafte Träume; da verwandelten sich meine -ehemaligen Gefangenen in gräuliche Riesenvögel, die -mit ihren furchtbaren Schnäbeln nach mir hackten -oder mich mit ihren Krallen packten und an den -Rand eines schauerlichen Abgrundes rissen, bei dessen -Anblick ich entsetzt aufschrie und erwachte. Da -betete ich in meiner Angst zu Gott und schwur, nie -wieder eines seiner für die Freiheit geborenen Geschöpfe -dieses ersten Lebensgutes zu berauben – -denn das sag' ich aus Erfahrung: es giebt kein -köstlicheres Gut im Leben als die Freiheit, und ein -Raub an diesem Gute wider ein Geschöpf Gottes -verübt ist ein Frevel schwarz wie der Mord –«</p> - -<p>»Einen Eibenstöcker!« rief der Gimpelkönig, und -Heinrich, ohne auf dessen unwirsches Gesicht zu -achten, fuhr fort:</p> - -<p>»Endlich ward ich frei – mir war, als läge -ein Zeitraum von Jahren zwischen Verlust und -Wiedergewinn meiner Freiheit, und ich konnte kaum -gehen, so hatte die Haft mich angegriffen. Als ich -mich außerhalb der Stadt fand, kniete ich auf -offenem Felde nieder und dankte Gott, daß ich -wieder fessellos unter seinem Himmel und auf seiner<span class="pagenum"><a id="Seite_214">[214]</a></span> -Flur athmete, und wiederholte meinen Schwur, nie -wieder Hand an ein lebendiges Wesen zu legen, -um es seiner angeborenen Freiheit zu berauben. -Darauf zog ich viele Tage durch herrlich bebaute -Gegenden – aber so mannigfach und üppig alle -Gewächse erschienen, so reizend die goldenen Früchte -aus den dunkelgrünen Kronen der Bäume schimmerten, -so schwellend die Matten, so gestaltenreich -die Höhen sich in Aug' und Seele drängten, so -fehlte ihnen doch ein Reiz, den ich mit Wehmuth -vermißte: die Schwärme singender Vögel, welche -unsere Heimathwälder beleben. Wichen sie vor mir -als vor einem Feind oder einem Verfluchten, dessen -Ohr nimmer werth war, sich an ihren Melodieen -zu weiden?«</p> - -<p>»Noch einen Eibenstöcker!« unterbrach Meister -Unger den Erzähler abermals.</p> - -<p>»Willst Du schon nach Hause?« fragte der -Obermeister der fünfzehn Handwerke.</p> - -<p>»Nein,« erwiederte der Gefragte, »es wird mir -blos übel von dem Gemähre –«</p> - -<p>»Ruhig!« riefen mehre Stimmen, »erzähl' weiter, -Heinrich!«</p> - -<p>»Ja, erzähl' Er weiter, Mosje Sacher!« stimmte<span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span> -der Förster bei – aus Seiner Geschichte kann -Mancher 'was lernen!«</p> - -<p>Dies beabsichtigte Heinrich eben und rücksichtslos, -wie immer jugendliche Verkündiger ernster -Wahrheiten, fuhr er fort: »Bald traf ich mit einem -Landsmann zusammen, einem Maler, der desselben -Weges zog wie ich, und als die Rede gerade auf den -von mir wahrgenommenen Mangel an Singvögeln -in der paradiesischen Gegend kam, fragte ich ihn nach -der Ursache dieser Erscheinung. Er antwortete mir, -daß nur die furchtbaren Nachstellungen der Menschen -nach und nach die Wälder und Fluren dieses -Striches von den kleinen Sängern entblößt hätten. -Da dacht' ich an meine Heimath und den hier getriebenen -Vogelfang, und mir war bange darum, -daß da auch eintreten möchte, was ich dort zu beklagen -fand. Später gingen wir durch eine große -Kastanienpflanzung, die fast ganz abgestorben war. -Die wenigen noch grünen Bäume waren mit Schaaren -von Raupen bedeckt. Es war ein trauriger -Anblick – ich dachte an alle die Arbeit, die hier -vergebens aufgewendet, an alle die Hoffnungen, -welche vernichtet waren. Offenbar war die Pflanzung -ein Opfer des Raupenfraßes, und ein Landmann,<span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span> -den mein Gefährte fragte, bestätigte dies. -»So rächt sich jetzt an den Kindern, was ihre -Väter gesündigt haben,« sagte der Maler, »hätten -diese die Singvögel nicht von Wald und Flur -vertilgt, so hätte das zerstörende Insekt nie so -mächtig werden können, als es hier geworden.« Ich -schrieb mir das hinter die Ohren und will's auch -mein Leben lang nicht vergessen. Und ich hab' noch -viel über den Gegenstand nachgedacht, und es ist -mir immer klarer geworden, daß das Wegfangen -der Singvögel eine Sünde sei und daß ein Vogelsteller -Gott nimmermehr gefallen, ja schwerlich in -den Himmel kommen könne.«</p> - -<p>»Hoho!« rief der Schänkwirth, »wer's glaubt, -wird selig.«</p> - -<p>»Nein, der ist ein Esel!« polterte Meister Unger.</p> - -<p>»Es ist dummes Zeug,« sagte der Obermeister -der Fünfzehnerzunft, »schmeckt nach Pfaffen – fort -damit!«</p> - -<p>»Ja, fort damit!« schrie der Gimpelmonarch. -»Wirth, noch einen Eibenstöcker! Das fehlt noch, -daß so ein Gelbschnabel uns Mores lehren will!«</p> - -<p>»Der Sacher hat aber Recht,« erklärte der -Förster.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span></p> - -<p>»Bei Euch Grünröcken,« erwiederte Unger, das -ihm gereichte Glas Branntwein hinabstürzend, »Ihr -möchtet nur allein im Walde Herr sein, es soll -kein anderer Mensch sein Vergnügen darin haben. -– Weiß Er was, Sacher: geh' Er lieber hin, wo -Er hergekommen ist, wir brauchen in Wellersgrün -keine Neuerer und Weltumstürzer, wie Er ist – -geh' Er wieder nach Paris, wo dergleichen hingehören!«</p> - -<p>Heinrich schwieg, aber seine jüngern Freunde -drangen jetzt ungestüm auf den Gimpelkönig ein. -»Das leiden wir nicht,« schrieen sie, – »das ist -schändlich, ein Wellersgrüner Kind so zu behandeln!«</p> - -<p>»Ein Wechselbalg mag er sein und kein Wellersgrüner!« -rief Meister Unger, aber sogleich saß ihm -ein Schlag im Gesicht.</p> - -<p>»Ums Himmelswillen, keine Schlägerei!« rief -Heinrich und warf sich zwischen den Angegriffenen -und die Angreifer – da fuhr ein Bierglas durch -die Luft, im Nu war die Schänkstube in ein -Schlachtfeld verwandelt, wo zwischen zwei an Stärke -fast gleichen Parteien ein erbitterter Faustkampf geführt -wurde. Die Ursache des Kampfes selbst, -Heinrich, gab sich alle Mühe, ihn beizulegen –<span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span> -umsonst; – er bat, er flehete, er weinte – er -ließ sich sogar von dem ergrimmten Gimpelkönig -einen Schlag versetzen, ohne ihn zu erwiedern, – -es war vergebens, der Kampf wurde nur erbitterter -– bis »Rußbuttenlobel« außerhalb eines Fensters -erschien, sich durch den offenen Flügel auf die innere -Brüstung schwang und mit vorgehaltenem Spieß -ausrief: »Ruhe! im Namen der Obrigkeit, Ruhe! -eh' Ihr's Euch versehen werdet, ist der Gensd'arm -hier!«</p> - -<p>Das wirkte. Die Parteien trennten sich; die -Anhänger Heinrichs meinten, man müsse ja nicht -bei den »Dickköpfen« sein, und alsbald zogen sie -ab und hinauf auf den Tanzboden, wo sie, namentlich -dem weiblichen Theile der Gesellschaft, ganz -willkommen waren. Heinrich nahm aber traurig in -einem Seitenzimmer Platz, und während seine Kameraden -walzten, versank er in tiefes Sinnen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span></p> - -<h3>3.</h3> -</div> - -<p>Eine geraume Weile saß Heinrich gedankenvoll -allein, als er seine Schulter von einer Hand berührt -fühlte und aufblickend Rußbuttenlobel neben sich sah. -Heinrich reichte ihm stumm das Glas dar; Lobel -trank daraus, gab ihm die Hand und sagte:</p> - -<p>»Es war eine Finte mit dem Gensd'arm, -Vetter! Ich wollt' Euch nur auseinander haben.«</p> - -<p>»Ich danke Dir, Vetter!« erwiederte Heinrich – -»ach, ich möchte weinen wie ein Kind über diesen -Empfang in der Heimath. Wie hab' ich mich in -der Fremde draußen auf diesen Tag gefreut – -und nun muß er mir so verdorben werden!«</p> - -<p>»Wie konntest Du auch dem Meister Unger so -auf sein bestes Hühnerauge treten?« sagte Lobel. -»Hast Du denn gar nicht ans Hannel gedacht? -Drunten sitzt der alte Vogelfried nun, und tobt<span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span> -und schimpft auf Dich, und sagt ganz unverholen, -er wisse wohl, daß Du ein Auge auf seine Tochter -hättest, aber eher woll' er sie dem Rußbuttenlobel -– also mir – geben, denn so einem Neuerer und -Weltverbesserer, wie Du wärest. Wenn das arme -Hannel dies wüßte!«</p> - -<p>»Ei was wird die sich darum härmen!« erwiederte -Heinrich, »wer weiß, will sie noch etwas -wissen von mir! Damals, wie ich mit ihr ging, -war sie noch ein halbes Kind und ich selbst hinter -den Ohren nicht trocken, und inzwischen sind drei -Jahre vergangen – ich hab' ihr nie geschrieben – -Lobel, lassen wir das Mädel sein – ich weiß ja -auch nicht, ob sie heute noch nach meinem Sinne -wäre!«</p> - -<p>»Sieh sie nur einmal, Heinrich!« fiel der Andere -ein, »ich wette meinen Spieß gegen was du willst, -sie gefällt dir jetzt noch besser, denn sonst – ach, -die Augen werden Dir übergehen, wenn Du sehen -wirst, wie das voll und schlank, und blumig und -samig geworden ist, so voll Lieblichkeit, daß man's -immer anschauen und drüber beten und fluchen -vergessen möchte! Komm mit; sie erwartet Dich!«</p> - -<p>»Wo?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span></p> - -<p>»Daheim, bei ihrer Mutter.«</p> - -<p>»Wo denkst Du hin, Lobel! Nach dem, was -hier vorgefallen ist, kann nicht die Rede davon sein, -daß ich die Schwelle des Unger'schen Hauses betrete. -Ich hätte nach dieser Geschichte lieber Lust, -wieder in die Fremde zu gehen.«</p> - -<p>»Und Deine alte Mutter zu verlassen – und -das traute Hannel! Du denkst, das Mädel hat -Dich vergessen? Das weiß ich besser. Denk' nur, -wie ich vorhin zum Kaffee unten war, da erzählt' -ich der ganzen Gesellschaft, daß Du da wärest. Da -schrie sie laut auf, wurde über und über roth, und -als ich sie mit Dir aufzog, rannte sie zur Thür -hinaus. Und als ich darauf fortging, stand sie -im Grasgarten hinter ihrem Hause, und ließ sich -von der Käseblume sagen, ob Du sie liebtest. Und -als die Blume sagte: er liebt Dich, kreuzte sie die -Hände über das wonnige Herzchen und sah mit -entzückten Augen gen Himmel. Sieh, so liebt sie -Dich – und Du – ja, die Blume spricht -wahr: Du liebst sie, du willst Dir's nur nicht -gestehen.«</p> - -<p>»Du irrst Dich, Vetter – ich gestehe, daß ich -mich des herzigen Kindes gern erinnere, aber mein<span class="pagenum"><a id="Seite_222">[222]</a></span> -Herz schlägt ganz ruhig dabei. Wie ist es – wird -sie nicht zum Tanz kommen?«</p> - -<p>»Seit Du fort warst, ist sie äußerst wenig zur -Musik gewesen – aber heute, da sie weiß, daß Du -wieder da bist, wird sie wohl kommen.«</p> - -<p>»Gut – warten wir das ab – sehen möcht' ich -sie wohl, aber in ihres Vaters Haus komm' ich nicht.«</p> - -<p>»Und mußt doch einmal Hochzeit darin machen.«</p> - -<p>»Still davon, Vetter! Das ist vorbei! – Da, -laß frisch einschenken!«</p> - -<p>Der Tanz war eben zu Ende; die Tänzer -stürmten, soweit es der Platz zuließ, ins Zimmer, -wo Heinrich saß. Die Freunde tranken ihm zu und -als die Musik von Neuem begann, drangen sie in -ihn zu tanzen. Er ließ sich endlich bewegen, aufzustehen, -ging langsam nach der Saalthür und -musterte den anwesenden Mädchenflor. Es schien -nicht, daß ihn Eine anzog – er stand unschlüssig -da – auf einmal öffnete sich die gegenüber befindliche -Thür des Haupteingangs. – »Da kommt sie,« -flüsterte Lobel hinter Heinrich, der die eintretende -Gestalt anstarrte.</p> - -<p>War das wirklich das Kind, mit dem er einst -harmlos »Liebstens« gespielt hatte? War diese<span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span> -vollaufgeblühte Jungfrau, diese gebietende und doch -so leicht daher schwebende Gestalt mit dem Zaubergrübchen -im rosigen Kinn, dem schwellenden Purpurmund -und den meertiefen Augen wirklich die stille -Mädchenknospe, die einst an seinem Herzen geruht -hatte, sorglos träumend in der sicheren Hut seines -reinen Sinnes? Was damals nur Ahnung gewesen, -das war jetzt Licht, Fülle, Leben – was -einst dulden konnte, daß der Jüngling harmlos mit -ihm tändelte, das forderte jetzt Achtung, Verehrung, -Liebe. Eine süße Bestürzung, ein minutenlanges -Schwanken zwischen Staunen und Entzücken und -dann ein Aufflammen des ganzen Feuers, das in -seiner Brust verborgen glühte – dann stand er -vor ihr mit der stummen, aber tiefen Huldigung, -die noch jeder männliche Geist dem Weibe darbrachte, -dessen Liebreiz sein Herz rührte. Seine -Verneigung vor ihr, die Schüchternheit, mit der er -die ihm ebenso schüchtern gebotene Hand nahm, die -ehrerbietige Art, mit welcher er sie »Jungfer Hannchen« -anredete – das waren die äußeren Zeichen -dieser Huldigung; andere hatte der, trotz seinen -weiten Wanderungen und seinem Verkehr mit Welschen -und Franzosen, einfach gebliebene Gebirgssohn<span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span> -nicht. Und sie? Sie fand ihn freilich nicht in so -bedeutsamer Weise verändert, wie er sie – der -Schritt vom einundzwanzigjährigen zum vierundzwanzigjährigen -Jüngling ist kein so großer, wie -der vom fünfzehn- zum achtzehnjährigen Mädchen -– aus dem Flaum um den Mund war ein zierlicher -Bart geworden, eine weitere äußerliche Veränderung -fiel ihr nicht auf. Erst war es ihr gewesen, -als müsse sie ihm so frei und munter entgegenhüpfen -wie sonst – aber mit einemmal empfand -sie ihm gegenüber eine unaussprechliche Beklemmung, -ihre Hand zitterte in der seinen und außer dem -großen, strahlenden Blick, mit dem sie ihn begrüßt -hatte, wagte sie ihm keinen mehr ins Gesicht zu -thun, wenn sie merkte, daß sein Auge auf ihr -ruhte. So standen sie lange da und wer weiß, -wie lange sie es so getrieben hätten, wäre nicht -ein junger Mann im lichtblauen Rock auf sie zugekommen -und hätte da Hannchen nicht schnell Heinrichs -Arm genommen und ihm zugeflüstert: »Wir -wollen tanzen, sonst fordert mich Der auf und ich -kann ihn doch nicht leiden!« Da flog Heinrich mit -ihr in den Reihen und tanzte nach Jahren wieder -den ersten heimathlichen Walzer. Vergessen war<span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span> -alles vorhin Vorgefallene – Athem wehete in -Athem – Puls schlug an Puls – Blick flammte -in Blick. – »Mein Hannchen« klang es herüber -– »mein Heinrich« flüstert' es hinüber – und -als der Walzer zu Ende war, führte der glückliche -Tänzer sein Mädchen mit dem Entschlusse aus dem -Saale, nimmer wieder von der Heimath und seinem -Hannchen zu weichen.</p> - -<p>Dort in dem heimlichen Winkel des Nebenzimmers, -wo Heinrich vorhin allein gesessen, nahmen -sie jetzt miteinander Platz, und nun ging es an ein -Fragen und Erzählen und Händedrücken und – -was weiß ich! – Zum Beschluß erklärte Heinrich -dem entzückt aufhorchenden Mädchen noch, daß er -in vier Wochen Meister würde und wenn's nach -seinem Willen ginge, müßte Hannchen in einem -Vierteljahr sein liebes Weibchen sein. Da kam -»Rußbuttenlobel« und flüsterte: »Kinder! seid »a -Bissel« auf Eurer Hut vor dem Kunz-Karl-Fried -– wenn er kommt und will mit Ihr tanzen, -Jungfer Hannel, so schlag' Sie's ihm nicht ab; -Sie weiß, er hat ein Aug' auf Sie, und wenn -Sie ihn beleidigt, so geht er hinunter zum Alten -und verdirbt Euch die Freude! Ich muß jetzt<span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span> -einmal ins Dorf schauen – seid gescheidt!« Damit -verschwand er.</p> - -<p>»Was?« sagte Hannchen, »mit dem Kunz soll -ich tanzen? Nimmermehr! Ich will nur mit Dir -tanzen, Heinrich!«</p> - -<p>»Doch,« erwiederte dieser, »doch möcht' ich Dir -rathen, ihm wenigstens <em class="gesperrt">einen</em> Tanz zu gönnen. -Du bist ihm vorhin schon ausgewichen – ein zweites -Mal nimmt er's gewiß sehr übel, und dann – -ich muß Dir sagen, daß ich bei Deinem Vater in -Ungnade gefallen bin – wenn ihm der Kunz -hinterbringt, daß wir beisammen sind, so reißt er -uns wohl auseinander.«</p> - -<p>»So wollen wir fortgehen – ich sage Dir, -ich kann und darf nicht mit diesem Menschen tanzen, -Du wirst schon noch erfahren, warum –«</p> - -<p>»So laß uns noch den nächsten Reihen zusammentanzen,« -sagte Heinrich, »damit ich wenigstens -einmal bestelle – man möchte mich sonst für einen -Lump halten – dann gehen wir spazieren.«</p> - -<p>Das Paar erhob sich – aber da stand der -Gemiedene schon vor ihnen und bat Hannchen um -den nächsten Tanz. Diese schmiegte sich an den -Geliebten und ward von ihm dem Unliebsamen im<span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span> -Fluge entführt. »Einen Walzer!« rief Heinrich -den Musikern zu, ein Achtgroschenstück auf das -Orchesterpult werfend. Schnell war der Tanz im -Gange und Kunz hatte das Nachsehen.</p> - -<p>Inzwischen fuhr in der Schänkstube Meister -Unger fort, dem so unberufen aufgetretenen Gegner -des Vogelstellens in tiefster Seele zu grollen und -dann und wann diesem Groll durch ein derbes -Wort Luft zu machen. »Ich hab' ihm aber doch -eins gegeben, daran er denken wird,« sagte er endlich -und ließ sich den vierten »Eibenstöcker« geben und -noch einen – und wieder einen – da wurde er -immer aufgeregter, bis der junge Kunz-Müller von -Neuhahn – eben jener Karl-Fried – hereintrat -und sich dem »Herrentische« näherte. Er war ein -guter Kunde des Gimpelkönigs; als ihn dieser daher -zu Gesicht bekam, sänftigte sich sein Zorn etwas, er -reichte ihm freundlich die Hand und zog ihn an -seine Seite. »Na, wie ist's, Karl-Fried,« redete -er den Platznehmenden an, »wollt Ihr meinen -Wallheim noch haben? Wenn nicht, so wandert -er nach Kirchberg, wo mir Einer fünf Thaler und -Tuch zu einem Rock und ein Paar Lödelschuh dafür -geboten hat.« Der Wallheim war aber einer seiner<span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span> -gefiederten Schüler, darum so genannt, weil er das -Mantellied aus Holtei's »Lenore« sang.</p> - -<p>»Was der Wollklopper giebt, kann ich auch noch -zahlen,« erwiederte der Müller, »ich nehme den -Vogel für einen Doppellouisd'or, aber den Bauer -müßt Ihr zugeben.«</p> - -<p>»Für eine Metze Heugesäm' – topp! – Wirthschaft, -ein Fläschel zum Leihkauf!« rief der Verkäufer. -Während der Wirth dem Befehl nachkam, flüsterte -der Müller dem Vater Hannchens etwas ins Ohr.</p> - -<p>»Da soll doch gleich –« der Fluch erstarb dem -empörten Vater auf der Zunge; er sprang auf und -eilte zur Thür. Der Ohrenbläser rannte ihm bestürzt -nach. »Lieber Meister Unger!« bat er, »seid -nicht so hitzig! macht kein Aufsehen! – ich bin -dem Hannel gut – und weil wir einmal darauf -zu reden kommen, so will ich Euch nur sagen, daß -es mein Wunsch ist, Euer Schwiegersohn zu werden.«</p> - -<p>Der Alte vergaß seinen Zorn für einen Augenblick. -»Wirklich, Karl-Fried? Ist das Euer Ernst?« -fragte er erfreut. »Warum habt Ihr mir das nicht -schon längst gesagt?«</p> - -<p>»Je nun – ich hatte immer das Herz nicht – -das Hannel that so apart gegen mich.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span></p> - -<p>»Ich will ihr das Apartthun schon einstreichen,« -erklärte Meister Unger. »Ihr wißt, in meinem -Hause bin ich Herr, da gilt, was ich will. Ihr -werdet mein Schwiegersohn, Karl-Fried, oder ich -will zeitlebens keinen Vogel mehr fangen! Jetzt -aber will ich meinen Nickel vom Tanzboden holen, -wenn sie mit dem »Leimtiegel« karessirt.«</p> - -<p>Er eilte fort und stand in wenig Augenblicken -vor den Liebenden, die bei der eben eingetretenen -Tanzpause sich in ihren Plauderwinkel zurückgezogen -hatten.</p> - -<p>»Du gehst augenblicklich mit mir in die Schänkstube -oder nach Hause!« herrschte der Vater der -Tochter zu.</p> - -<p>Hannchen, an unbedingten Gehorsam gegen die -Eltern gewöhnt, erhob sich und erklärte, nach Hause -gehen zu wollen, wenn sie nicht auf dem Tanzboden -bleiben dürfe. Heinrich stand auf und sagte: -»Verzeihen Sie mir, Meister Unger, wenn ich Sie -beleidigt habe – es war bestimmt nicht meine -Absicht –«</p> - -<p>»Mit Ihm hab' ich gar nichts zu reden,« versetzte -Jener, »und Er hat nichts mit meiner Tochter -zu reden, merk' Er sich das, und wenn Er dem<span class="pagenum"><a id="Seite_230">[230]</a></span> -Mädel nachläuft, so will ich's Ihm schon einstreichen!«</p> - -<p>Das liebende Paar wäre dem Ergrimmten gern -um den Hals gefallen, wenn der Ort eine solche -Scene gestattet hätte. Mit feuchten Augen fügte -sich Hannchen in den Befehl ihres Vaters. Er -wollte sie mit in die Schänkstube nehmen, allein sie -machte sich los und ging weinend nach Hause.</p> - -<p>Heinrich hatte ihr mitgetheilt, auf welche Weise -er dazu gekommen war, den Vater so gegen sich -zu erbittern, und sie kannte diesen zu gut, um nicht -zu wissen, wie ernst und dauernd diese Erbitterung -sein mußte. Aber so tief sie darum den Vorfall -beklagte, so konnte sie doch dem Geliebten nicht -Unrecht geben, daß er so freimüthig als Anwalt der -armen Vöglein aufgetreten war, und wiewohl sie -bisher über das Unrecht, das in der Liebhaberei -des Vogelstellens lag, noch wenig nachgedacht hatte, -so war es ihr doch sofort einleuchtend, und mit dem -Feuer eines edlen Gemüthes faßte sie den lebhaftesten -Abscheu dawider. Es beunruhigte sie sogar, -daß sie ihren Vater zuweilen nach dem Vogelherd -begleitet, Beeren für denselben gesammelt, auch -wohl, wenn er selbst abwesend war, an seiner Statt<span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span> -den Herd besorgt hatte. Sie beschloß, sich künftig -solchen Aufträgen nur gezwungen zu fügen. Daheim -angelangt, fiel sie ihrer Mutter weinend um -den Hals und gestand ihr ihr Glück und ihr Leid. -Frau Unger tröstete die Bekümmerte, billigte ihre -Liebe, ermahnte sie zur Geduld und versprach ihr, -Alles aufzubieten, um ihr den Weg zur Hochzeit -zu ebnen.</p> - -<p>Den folgenden Tag gab es zwei Brautwerbungen -im Ungerschen Hause. Die eine kam schriftlich -an die Hausfrau, Rußbuttenlobel war ihr -Ueberbringer und Heinrich ihr Absender – die andere -brachte Kunz-Karl-Fried in Person bei dem Hausherrn -an. Dieser saß indeß nicht auf dem hohen -Pferde wie gestern; er war mit einem Rausche heimgekommen, -und dessen schämte er sich heute vor -seiner Familie. Er nahm daher den ihm so lieben -Werber etwas kleinlaut auf und schob, um seine -stillzürnende Ehehälfte zu begütigen, ihr die Entscheidung -über diese Angelegenheit zu. Frau Unger -aber entschied so: »Meister Kunz, Er hat schon Sein -Theil – heirath' Er das arme Mädel, dem Er -die Ehre genommen!« Verblüfft vernahm der -reiche Bewerber diesen Bescheid, stotterte etwas von<span class="pagenum"><a id="Seite_232">[232]</a></span> -dem Unpassenden, ein so armes Ding wie die Gemeinte -zu seiner Frau zu machen, und zog sich, -als ihm hierauf Frau Unger eine tüchtige Lection -in Wellersgrüner Hochdeutsch gegeben, mit dem erhandelten -Gimpel zurück, jedoch ohne seine Hoffnung -auf Hannchens Besitz ganz aufzugeben, da er auf -seinen Geldsack und Meister Jobsts Gunst pochte.</p> - -<p>Ganz andern Bescheid trug Rußbuttenlobel von -Frau Unger heim. Zwar auf eine schriftliche Erwiederung -des schriftlichen Antrages konnte die Gute -sich nicht einlassen, da es zu ihrer Jugendzeit in -Wellersgrün noch nicht Sitte gewesen war, daß ein -Mädchen schreiben lernte – aber der freundlichste -Gruß und die herzlichste Zusage legte sie dem Liebesboten -in den Mund, und dieser war nicht der Mann, -der eine Silbe fehlen ließ, wenn er etwas auszurichten -hatte. »Was die Einwilligung meines Alten -betrifft,« hatte die wackere Frau gesagt, »so wird -es zwar etwas Zeit und Mühe kosten, sie zu erlangen, -aber einmal muß er doch Ja sagen.«</p> - -<p>»Du lieber Gott!« rief Heinrich, als er dies -vernahm, »heute über zwanzig Jahre ist auch »einmal!« -Da kann mir's gehen, wie dem Lautersgrüner -Pastor, – der hat sich mit seinem Schatz<span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span> -auch zwanzig Jahre geschleppt und wie er endlich -zu der Pfarre gekommen, daß er hat heirathen -können, sind sie beide halb stumpf gewesen!«</p> - -<p>»Ich denk', so soll's Dir nicht gehen,« tröstete -Lobel, »der alte Gimpelkönig hat zwar einen harten -Kopf, aber ich glaub', er ist mürb' zu machen – -ich hoffe, Du führst Dein Hannel in Kurzem heim, -wenn Du mir folgst.«</p> - -<p>»Vetter – Herzensvetter – sprich, was soll -ich thun?«</p> - -<p>»Du mußt den Alten mürb' machen – mußt -mit ihm um die Wette vogelstellen und Gimpel -lernen –«</p> - -<p>»Nimmermehr!«</p> - -<p>»Versteh mich recht – Du sollst's nur zum -Schein – sollst selbst nicht einen einzigen Vogel -fangen, aber sollst einen Vogelherd bauen – dem -Alten in den Strich – und ihm so den Fang -verderben, Du weißt ja Bescheid damit.«</p> - -<p>»Man muß auch den Schein des Unrechts -meiden, besonders wenn man sich zu seinem Bekämpfer -aufwirft.«</p> - -<p>»Auch um dieses Bekämpfens willen ist es gut, -wenn Du scheinbar umlenkst. Du hast es ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_234">[234]</a></span> -falsch angefangen, daß Du so mit der Thür ins -Haus fielst. Böse Gewohnheiten sind wie Warzen -– Wegschneiden hilft nicht, man muß sie durch -Sympathie vertreiben. Jetzt, wo Du das ganze -vogelstellende Wellersgrün vor den Kopf gestoßen -hast, magst Du noch so schöne Reden wider den -Vogelfang halten, Du predigst doch tauben Ohren. -Mach' es einmal ganz anders! Gewinne Dir -zuerst den Eckstein der Vogelstellerzunft, den Gimpelkönig, -geh' ihm in seiner Leidenschaft zu Leibe! -Ich verschaffe Dir Gimpel zum Lernen – und -Du mußt ein paar lernen, vor welchen sich alle -Gimpel des Gimpelkönigs verstecken müssen. Er muß -seine Reputation in Gefahr kommen, muß sie auf Dich -übergehen sehen – so wird er mürbe und kapitulirt!«</p> - -<p>»Vetter!« rief Heinrich und schloß die Wellersgrüner -Sicherheitspolizei mit einer Freude in seine -Arme, die dieses Institut ihm anderwärts nicht -eingeflößt hatte – »Vetter! Du bekommst in meinem -Hause deinen Auszug – Dein Plan ist göttlich – -daß ich nicht selbst darauf verfiel! – Aber ich bin -zu sehr verliebt, dergleichen auszudenken. – Vetter, -mach' Deine Sach', ich mache die meine!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span></p> - -<h3>4.</h3> -</div> - -<p>Die Zeit des Gimpelfangs war wieder da, und -es that auch noth, denn Meister Ungers Kapelle -war durch einen in letzter Zeit ungewöhnlich starken -Absatz sehr zusammengeschmolzen und er mußte rekrutiren. -Hannchen hatte sich längst auf diesen -Zeitpunkt gefreut, denn nun lag ihr Vater zu halben -Tagen im Vogelherd und sie konnte den Geliebten -unter den Augen ihrer Mutter täglich bei sich empfangen.</p> - -<p>Dieser war inzwischen Meister geworden, erfreute -sich einer guten Kundschaft, und sein Hauswesen -war so in den Stand gesetzt, daß er jeden Tag -ein Weibchen heimführen konnte. Bisher war es -ihm nur selten vergönnt gewesen, die dazu Auserkorene -auf Augenblicke verstohlen zu sprechen – -mit welchem Entzücken ging er am ersten Nachmittage,<span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span> -da Meister Unger auf dem Vogelfang war, frank -und frei in das ihm geöffnete Haus!</p> - -<p>Ein Glück war es, daß der »Kunz-Karl-Fried« -nicht im Orte hauste, sonst wäre dem glücklichen -Freiersmann die Freude bald wieder versalzen gewesen; -aber die Wellersgrüner konnten ihn immerhin -zu seinem Schätzchen gehen sehen, die hielten -das Geheimniß eines liebenden Paares heilig. Einiges -Aufsehen machte es indeß, als man erfuhr, der -Sacher Heinrich, der sich in der Schänke so kräftig -gegen den Vogelfang ausgesprochen, habe jetzt selbst -im Niederwellersgrüner Hammerwalde einen Vogelherd -angelegt – aber auch dies fand man bald -in der Ordnung, indem man es als ein »Blendwerk« -deutete, daß der pfiffige Liebhaber nothgedrungen -dem Vater seiner Liebsten vormache, um -diesem die Meinung beizubringen, er wäre gleich -ihm selber auf dem Vogelfang, während er ganz -gemüthlich um das Töchterlein freiete. Als aber -Meister Unger die sonderbare Mär von Heinrichs -Anstalten zum Vogelstellen hörte, rieb er sich vergnügt -die Hände. »Da hat man das Großmaul!« -sagte er, »wie es außer der Zeit war, da konnt' -er gut wider das Vogelstellen predigen, aber kaum<span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span> -ist die Zeit da, da kann er's selbst nicht lassen. Ja, -lehrt mich das nicht kennen! Was einmal zum -Vogelfang geboren ist, kann sein' Lebtag' nicht davon -loskommen! – Meine Tochter kriegt er aber nun -doch nicht!«</p> - -<p>Vier Wochen des herrlichsten Wetters für den -Vogelfang gingen in das Land. Täglich ging -Meister Unger ans Werk und täglich kehrte er heim, -ohne mehr zu fangen, als hin und wieder einen -»lumpigen Quäker«. Das edlere Geflügel, wie -Grünertse, Zippen, namentlich aber Gimpel, schien -ihm ganz und gar den Rücken gekehrt zu haben. -Noch drei gelernte Gimpel hatte er in seinem Besitz -und die Nachfragen nach diesen Sängern häuften -sich wie noch nie. Nach Monatsfrist war er auch -nicht um einen reicher.</p> - -<p>Man hätte glauben sollen, das fortwährende -Fehlschlagen aller Bemühungen wäre das Grab -von Seiner Majestät Geduld geworden; aber man -hat keinen Begriff von der Geduld eines leidenschaftlichen -Vogelstellers. Meister Unger wurde durch -das Mißlingen seiner Operationen nur um so erpichter, -zumal da die Anreizungen von Außen – -Bestellungen auf gelernte und ungelernte Gimpel –<span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span> -sich mehrten. Aus diesen Bestellungen ersah er zugleich, -welch' ungeheuern Ruf er erlangt hatte, und -er war nicht der Mann, der gegen solchen Ruf -gleichgültig sein, ihn ohne Schmerz verlieren konnte. -Davon, daß viele Aufträge fingirt, ein bloßes -Machwerk Rußbuttenlobels waren, hatte er freilich -keine Ahnung. Statt des halben, legte er sich bald -den ganzen Tag auf seine Lieblingsbeschäftigung; -es fehlte wenig, so wäre er ganz hinaus auf den -Vogelherd gezogen. Es war aber Alles umsonst – -das Glück hatte sich entschieden von ihm gewendet. -Dagegen mußte er hören, wie dem Sacher die -»rarsten« Vögel zuströmten und wie dieser bereits -im Besitz einer so zahlreichen Gimpelkapelle sei, wie -er selbst sie nie beisammen gehabt. Da wurde dem -Gimpelkönig angst und bang um seinen Ruhm – -wenn jetzt bei seiner Anwesenheit zu Hause ein -städtischer Besuch kam, versteckt' er sich und ließ sich -verläugnen, denn er wußte nicht, wie er seine Armuth -an Sängern beschönigen sollte. Er begann -an Zauberei zu glauben, und als er eine Zeitlang -weiter nichts fing, galt es ihm als ausgemacht, daß -sein Vogelherd behext sei – und wer konnte der -Hexenmeister anders sein, als der in Welschland und<span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span> -Frankreich mit allen Teufelskünsten bekannt gewordene -Sacher? – Der Hexenmeister war jedoch Niemand -als Rußbuttenlobel, welcher sich im Besitz -eines Mittels befand, wodurch der für die Vögel -ausgehängte Köder diesen schon von Weitem verleidet -wurde – eine feine Essenz, womit Lobel in -der Nacht die Beeren, oder worin sonst der Köder -bestand, besprengte und dadurch die Vögel verscheuchte.</p> - -<p>Mittlerweile machte der Müller aus Neuhahn -vergebliche Versuche, sich bei Frau Unger sowohl, -als bei Hannchen in Gunst zu setzen. Ein goldener -Henkeldukaten an schwarzem Sammethalsbande wurde -von ersterer ohne Antwort zurückgeschickt, und eine -schwere goldene Halskette erfuhr bei Hannchen, die -eben keine Danae war, gleiches Schicksal. Herr -Kunz, der nicht begriff, wie ein Frauenzimmer blind -gegen die Reize des Goldes sein könnte, argwöhnte -ganz richtig, daß doch wohl der Sacher Heinrich -noch zu dem Hannchen schleiche. Er legte sich in -den Hinterhalt, um darüber ins Reine zu kommen, -und brauchte nicht lange zu lauern, um seinen -Verdacht bestätigt zu finden. Eine Stunde später -erfuhr Meister Unger auf dem Vogelherd die<span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span> -Schreckenspost, daß der Mensch, der an all seinem -Unglück schuld war, hinter seinem Rücken in sein -Haus »auf die Freiet« ginge. »Der Mensch bringt -mich unter die Erde!« rief der betrogene Vater -aus und das Wasser trat ihm in die Augen vor -Zorn und Schmerz. Er kratzte sich hinter den -Ohren, raufte sich die Haare, lief im Vogelherd auf -und ab und fragte: »Was soll ich thun? Den -Vogelherd verlassen und nach Hause eilen, dort -Ordnung zu schaffen? Aber wer weiß, mach' ich -nicht gerade heute einen guten Fang? O ich geplagter -Mann! Drin in meinem Hause geht's drunter -und drüber und hier hält mich das Geschäft. – -Herzens-Karl-Fried«, redete er diesen weinerlich an, -»jetzt kann ich unmöglich von hier fort – Ihr müßt -Euch gedulden – wenn ich nach Hause komme, will -ich meinem Weibsen den Marsch schon machen. -Verlaßt Euch auf mich, der Tischler kommt mir -nicht wieder ins Haus!«</p> - -<p>Es giebt keine blindere und verkehrtere Leidenschaft -als die Eifersucht einer aufdringlichen Liebe. -Kunz begriff nicht, daß eine angefochtene Liebe nur -heißer und fester wird. Als Meister Unger am -Abend seinem »Weibsen den Marsch machte« und<span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span> -Heinrichs Besuche in seinem Hause streng untersagte, -unterwarfen sich zwar Weib und Kind dem -Verbote; aber die wußten schon, wo sie waren: sie -waren ja »d'rham« in Wellersgrün, im lieben Gebirge, -wo verfolgte Liebe überall Schutz findet, -wenn nicht unter dem eigenen Dache, so doch in -irgend einem Nachbarstübchen, oder, wenn es sein -muß, draußen im schattigen Tannenwald. »Ihr -werdet einander doch dann und wann sehen,« tröstete -die Mutter ihr Kind, »morgen gehst Du zur Muhme -Christliebe zu Rocken, und wenn früh das Rußbuttenlobel -kommt, so steck' ich's ihm, dann erfährt's -Dein Heinrich schon.«</p> - -<p>Die Bestellungen auf Gimpel, welche Meister -Unger erhalten und angenommen hatte, beliefen sich -schon auf ein paar Dutzend, und er hatte noch -immer nur seine alten drei Stück. Man kam und -mahnte – er vertröstete – aber seine Hoffnungen -auf eine Wendung seines Unsterns schlugen fehl – -er konnte sein Wort nicht halten – er stand am -Abgrunde seines Ruhmes. Heinrich hatte eine -Menge der begehrten Vögel und zum Theil schon -gelernte – wenn Ungers Kunden davon erfuhren, -so war er »gepritscht«, und Heinrich trat an seine,<span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span> -so lange mit Ehren behauptete Stelle. Als er -eines Abends glücklos wie immer heimkehrte, kam -ihm wohl der Gedanke, es koste vielleicht nur ein -Wort bei dem Tischler, so ließe dieser ihm einen -Theil seiner Herde, und er könne damit seine Ehre -retten – aber dieses Wort zu sprechen, war ihm -unmöglich. Den Abend darauf schüttete er gegen -Rußbuttenlobel, dem er nicht im mindesten mißtrauete, -sein ganzes Herz aus. Der schlaue Wächter -unterließ nicht, auf der einen Seite den Ehrgeiz des -alten Voglers gehörig zu streicheln, auf der andern -aber Heinrichs Virtuosen in das glänzendste Licht -zu stellen. In der That war es dem jungen -Tischlermeister gelungen, ein paar Gimpel vorzüglich -gut abzurichten; der eine sang sogar zwei Melodieen: -»Kommt a Vogerl g'flogen« und »Hörst Du -nicht die Vöglein singen« – ohne allen Anstoß und -mit einer Richtigkeit des Zeitmaßes, die Unger seinen -Sängern nie beizubringen wußte. Diesen Vogel -taufte Rußbuttenlobel den »Steiermärker« und er -hatte es durch seine Beredtsamkeit bald dahin gebracht, -daß Meister Gottfried von Begierde brannte, -den »Steiermärker« zu hören, ja wo möglich zu -besitzen. Lobel äußerte jedoch bescheidene Zweifel<span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span> -in Bezug auf die Erfüllung des letzten Wunsches, -dagegen versprach er zur Erreichung des ersten behülflich -zu sein, nur müsse er abwarten, wenn -Heinrich einmal einen Nachmittag nicht zu Hause -wäre, da wolle er dem Meister den Steiermärker -auf den Vogelherd bringen.</p> - -<p>Der Nachmittag, wo Heinrich nicht zu Hause -war, mußte natürlich bald kommen, und Rußbuttenlobel -zog vergnügt mit dem Käfig, welcher den -Steiermärker beherbergte, hinaus nach Ungers Vogelherd. -Der arme Mann hatte eben wieder einen -Schritt näher zum Grabe seines Ruhmes gethan: -er hatte »kein Schwänzel« gefangen und war recht -niedergeschlagen, als Lobel in den Herd eintrat. -Dem ehrlichen Boten das Bauer entreißen, das es -verhüllende Tuch wegziehen und den Gimpel nach -allen Seiten betrachten, war eins. Lobel intonirte -und der Steiermärker begann. Lange lange schon -war dem Gimpelkönig auf seinem jetzt wackeligen -Throne kein Ohrenschmauß zu Theil geworden, wie -in diesem Augenblick. Es war ihm, als müsse er -den Sänger küssen – er schnalzte mit der Zunge -– klatschte in die Hände – er setzte den Vogel -vor sich auf die Bank und kauerte andächtig davor<span class="pagenum"><a id="Seite_244">[244]</a></span> -– am Ende fing er an zu greinen und sagte: -»Mit mir ist's aus – wenn die Leute dich hören, -Steiermärker, so will kein Mensch von mir einen -Gimpel mehr, und ich heiße der Gimpelkönig nur -noch zum Spott! – Rußbuttenlobel, verschafft mir -den Steiermärker!«</p> - -<p>»Das steht nicht in meiner Macht – Ihr könnt -denken, daß mein Vetter den Vogel auch gern hat -– ja, ich sag' Euch, er hält ihn wie seinen Augapfel, -und wenn er wüßte, daß ich ihn hier herausgetragen -hätte – ich käme ins Teufels Küche!«</p> - -<p>»Oho! ich werd' ihn nicht behexen, wie mir -der Sacher den Vogelherd behext hat,« erwiederte -Meister Unger. »Lobel! ich bitt' Euch, verhelft -mir zu dem Gimpel da!«</p> - -<p>»Ich will dem Heinrich sagen, daß Ihr –«</p> - -<p>»Nein! nein! er darf nicht wissen, daß <em class="gesperrt">ich</em> den -Vogel haben will.«</p> - -<p>»Das würde ihm ja doch nicht verborgen -bleiben, wenn der Vogel in Eure Hände käme,« -sagte Lobel und versprach alles Mögliche zu thun, -um seinem Vetter den Gimpel feil zu machen.</p> - -<p>Von Stund' an war es um den letzten Rest -von des Gimpelkönigs Seelenruhe geschehen. Der<span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span> -Gesang des Steiermärkers klang ihm in den Ohren, -wo er ging und stand. Daheim, auf dem Vogelherd, -auf dem Felde, überall war es ihm, als hörte -er's tönen: »Kommt a Vogerl g'flogen, setzt sich auf -mein'n Hut« – er träumte wachend und schlafend -von dem niedlichen Sänger. Er fing schon an, den -Zwiespalt mit dem Eigenthümer desselben zu beklagen, -begann zu bereuen, daß er ihn beleidigt, -geschlagen, aus dem Hause gewiesen – ach! wenn -es ihm nur möglich gewesen wäre, dem Beleidigten -die Hand zur Versöhnung zu bieten! Wie sich -jetzt herausstellte, war es dem Tischler ja mit dem -Verdammen des Vogelfanges gar nicht so ernst gewesen, -als man es aufgenommen hatte – jetzt ließ -sich schon mit ihm leben – aber ihm entgegengehen? -– nein – das wäre eine Erniedrigung -gewesen, ein solcher Gedanke durfte nicht aufkommen. -»Wenn nur das Rußbuttenlobel käme!« seufzte der -Geplagte, als er wieder leer vom Vogelherd heimkehrte.</p> - -<p>Rußbuttenlobel kam.</p> - -<p>»Es kann nicht anders sein,« klagte der unglückliche -Vogelsteller dem würdigen Polizeimann, -»mein Vogelherd ist behext – zwei Tage hab' ich -wieder kein Schwänzel gefangen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span></p> - -<p>»Das glaub' ich,« sagte Lobel, »in den letzten -zwei Tagen ist mein Vetter beständig auf seinem -Herd gewesen, da konntet Ihr nichts fangen, Meister -Unger!«</p> - -<p>»Wie so? – sagt mir's, wie so?«</p> - -<p>»So fragt man die Bauern aus, Meister -Unger –«</p> - -<p>»Lobel, sagt mir's – es soll Euer Schade -nicht sein – der Sacher kann hexen, gelt?«</p> - -<p>Lobel machte eine geheimnißvolle Miene, rückte -seine Mütze, kratzte sich das Hinterhaupt, nahm den -Frager beim Arm und flüsterte ihm ins Ohr: -»Versprecht Ihr mir, daß Ihr mich nicht verrathen -wollt, Meister Unger?«</p> - -<p>Dieser schwor »Stein und Bein« und Lobel -sagte darauf: »Der Heinrich hat ein Mittel, alle -Vögel eine Stunde im Umkreis an sich zu locken – -ich weiß nicht, worin es besteht, aber so viel kann -ich Euch sagen: die Kraft liegt im Köder – die -Beeren sind in eine Flüssigkeit getaucht, deren Bereitung -ich vergebens erforscht habe, sonst hätte ich -Euch längst ein Fläschchen davon verschafft –«</p> - -<p>»Um's Himmelswillen, verschafft mir eins!« -unterbrach ihn der leichtgläubige Hörer.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span></p> - -<p>»Das ist unmöglich, ich müßt' es denn stehlen -– das wäre ein schöner Streich von einem Polizeimann. -Aber hört – ich weiß einen Weg, Euch -zu helfen. So viel hab' ich nach und nach ausspionirt, -daß mein Vetter vor jedem Fang frische -Beeren – ich glaub', es sind Pfaffenhütle – nimmt -und sie auf dem Vogelherd selbst zubereitet. Ihr -müßt sehen, wie Ihr solche Beeren in Eure Gewalt -bekommt. Der Heinrich bleibt nie wie Ihr einen -ganzen Nachmittag auf dem Herd – er geht stundenlang -davon weg und wieder hin, wie's ihm gelegen -ist. Nun dürft Ihr nur einmal abpassen, wenn er -eine solche Pause macht – da schleicht Ihr – ja -so, das geht nicht – eine Mannsperson und eine -verheirathete Weibsperson darf die Beeren, wenn -sie einmal geweiht sind, nicht berühren, sonst verlieren -sie ihre Kraft; es muß eine reine Magd sein, -welche die Beeren nimmt – und auch nicht zu jeder -Zeit darf das geschehen, sondern nur zum Neumond –«</p> - -<p>»Ich schick's Hannel,« fiel Meister Unger ein.</p> - -<p>»Aber wird die gehen – wird die ihren Herzensschatz -bestehlen?«</p> - -<p>»Ei was! – so was ist kein Diebstahl, dergleichen<span class="pagenum"><a id="Seite_248">[248]</a></span> -kommt unter Jägersleuten vor. Also zum -Neumond, sagt Ihr, muß es geschehen?«</p> - -<p>»Zu keiner andern Zeit – all solch Hexenwerk -will beim Neumond getrieben sein.«</p> - -<p>»Gut – wenn haben wir den nächsten Neumond?«</p> - -<p>»Uebermorgen.«</p> - -<p>»Das ist herrlich! Aber wird da der Sacher -gerade auf den Vogelherd gehen?«</p> - -<p>»Und wenn er sonst nie ginge, den Neumond -versäumt er nicht. Instruirt nur's Hannel gut, -damit sich's nicht erwischen läßt! Und noch eins, -das ich bald vergessen hätte – wenn sie hingeht, -muß sie stracks nach dem Herd gehen, darf nicht -davor stehen bleiben, sich nicht umsehen und keinen -Laut von sich geben, bis sie bei den Beeren ist, -und wenn sie die hat, muß sie, ohne sich umzusehen, -wieder fortgehen. Das schärft ihr ja recht ein!«</p> - -<p>In der Erwartung des Neumonds und des -damit verknüpften Hexenstückleins schlichen dem -Gimpelkönig die Stunden langsam dahin. Er hatte -jetzt für nichts mehr Sinn als für den Köderraub, -selbst der Steiermärker trat etwas in den Hintergrund, -doch vergaß er ihn nicht ganz, und als am<span class="pagenum"><a id="Seite_249">[249]</a></span> -Vorabend des verhängnißvollen Tages ein Brief von -Leipzig an ihn kam, worin ein Unbekannter anfragte, -ob es wahr sei, was man von dem wunderbaren -Gimpel spräche, der zwei Melodieen mit unerhörter -Virtuosität sänge, und ob dem Herrn Unger – -denn sonst könne doch Niemand im Besitz eines -solchen Wunders sein – das Thier feil wäre – -als Meister Unger diesen Brief gelesen, behauptete -der Steiermärker den gleichen Platz mit dem morgenden -Abenteuer. Er konnte unmöglich schlafen – -als Lobel in der Nähe die zehnte Stunde abrief, -schlich er sich hinaus zu ihm und bat ihn, nach dem -Abrufen zu ihm zu kommen und ein Gläschen -»Eibenstöcker« mit ihm zu trinken, denn als Krämer -führte er selbst seinen Magentrost im Laden.</p> - -<p>Lobel ließ nicht vergebens auf sich warten. Was -die Beiden da mit einander ausgemacht haben, weiß -ich nicht; aber am folgenden Morgen erschien der -Wächter sehr früh bei Heinrich, lachte im ganzen -Gesichte und sagte: »Heinrich, das Eisen ist warm -– nun schmiede zu! Heute oder nie wird die Komödie -aus.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_250">[250]</a></span></p> - -<h3>5.</h3> -</div> - -<p>Nie war der Gimpelkönig seinen Angehörigen -milder erschienen, als am heutigen Tage. Nicht ein -einzigesmal ließ er sich als Topfgucker betreffen, nicht -ein einzigesmal keifte er um ein Nichts. Der wackern -Hausfrau widerfuhr das Unglück, daß »der Götzen« -in der Röhre anbrannte – wenn es nun nichts -setzt, dachte sie, so geht ein Wunder vor! Aber der -gestrenge Hausherr verlor kein Wort darum, er -setzte sich zu Tische und verschlang seinen Götzen -sammt der verbrannten Rinde in schweigsamer Hast. -Das frohe Staunen der Frau und Kinder war groß.</p> - -<p>Eben so groß, aber minder froh war Hannchens -Staunen, als nach dem Essen der Alte sie ersuchte, -sich fertig zu machen, daß sie mit ihm auf den -Vogelherd gehen könne. Was sollte sie auf dem -Vogelherd? Sollte sie an einem Geschäft sich<span class="pagenum"><a id="Seite_251">[251]</a></span> -betheiligen, das ihr Heinrich sie als ein Unrecht verabscheuen -gelehrt? Sie machte Ausflüchte, aber -umsonst; sie mußte sich entschließen, und ihre Mutter, -von Lobel gestimmt, forderte sie selbst auf, diesmal -dem Vater zu willfahren. »Nimm Dein Handkörbchen -mit!« befahl er beim Fortgehen, und dem -nachkommend, trat sie an seiner Seite den Gang -an. Aber statt nach dem Gemeindeholz, wo der -väterliche Vogelherd stand, ging es nach dem Hammerwalde. -»Dort ist ja nicht Dein Vogelherd!« sagte -sie stehen bleibend.</p> - -<p>»Komm nur!« erwiederte er, »wir machen einen -Umweg; dort giebt's viel Beeren, die mir fehlen, -die wollen wir mitnehmen.« Und sie schritten weiter. -»Hannel!« sagte er bald darauf im sanftesten Tone, -dessen er den Seinen gegenüber nur fähig war, -»Hannel, Du mußt mir einen Gefallen thun – wer -weiß, ob ich Dir nicht auch einen thun kann.«</p> - -<p>Hannchen, die einer solchen Sprache aus dem -Munde ihres Erzeugers gar nicht mehr gewohnt -war, fühlte sich ganz gerührt dadurch und sagte: -»Ich bin Dir ja immer folgsam gewesen – nur -wegen des Kunz-Karl-Fried war mir's unmöglich, -Dir zu gehorchen – ach, Vater! dringe mir doch<span class="pagenum"><a id="Seite_252">[252]</a></span> -diesen Menschen nicht weiter auf! ich will auch Alles -thun, was Du nur willst.«</p> - -<p>»Gut, Du sollst Deinen Willen haben, wenn -Du den Kunz nun einmal nicht leiden kannst – -aber laß mich nun auch meinen Willen haben.«</p> - -<p>»Nun?« fragte Hannchen mit erleichtertem Herzen.</p> - -<p>»Geh – hm – je nun – Du sollst mit -Deinem Körbchen hinübergehen nach des Sacher -Heinrichs Vogelherd – siehst Du, dort in der Telle -liegt er – Dort wirst Du viel Lockbeeren finden -– davon sollst Du mir ein Körbchen voll holen.«</p> - -<p>»Die Beeren sind aber ja nicht unser.«</p> - -<p>»Das weiß ich wohl – sie sind dem Sacher -– aber ich muß die Beeren haben – wenn Du -mir sie nicht holst, so nehm' ich mein Wort zurück -und Du mußt den Kunz-Karl-Fried doch heirathen!«</p> - -<p>Hannchen schrak zusammen. Sie hatte als einfaches -gebirgisches Landmädchen keinen rechten Begriff -von der Ausdehnung der väterlichen Gewalt, -daher zitterte sie bei dem Gedanken, daß ihr Vater -sie wohl am Ende ebenso gut zu einer Heirath mit -dem ihr verhaßten Bewerber zwingen, als er seine -Einwilligung zur Verbindung mit dem Geliebten -verweigern konnte. In der Angst ihres Herzens<span class="pagenum"><a id="Seite_253">[253]</a></span> -gehorchte sie ohne Weiteres. Ihr Vater versicherte, -daß sie nicht zu fürchten brauche, erwischt zu werden, -da der Eigner des Herdes erst vor einer Stunde -heimgegangen sei, schärfte ihr noch Rußbuttenlobels -Anweisungen ein und entließ sie mit den Worten: -»Ich verberge mich hier im Gebüsch und erwarte -Dich.«</p> - -<p>Die Entfernung des Sacherschen Vogelherdes -von besagtem Gebüsch betrug nur zehn Minuten; -in spätestens einer halben Stunde mußte Hannchen -mit dem Raube zurück sein. Allein es vergingen -Dreiviertelstunden und die Abgesandte ließ sich nicht -wiedersehen. Der Alte harrte in fieberhafter Aufregung -– an dem glücklichen Erfolge des Unternehmens -hing sein Ruf, seine Ruhe, das Glück seiner -Tage, wie er wähnte. Von Minute zu Minute -steigerte sich diese Erregung. Er trat von Zeit zu -Zeit aus seinem Versteck und spähete nach der Gegend -des Vogelherdes hinüber – aber Hannchen -zeigte sich nicht. Endlich übermannte ihn die Unruhe -seines Herzens – es litt ihn nicht mehr auf -dem Platze – er mußte sehen, was aus dem -Mädchen geworden. Er zog sich in dem Gebüsche, -das den Hammerwald säumte, langsam und vorsichtig<span class="pagenum"><a id="Seite_254">[254]</a></span> -nach dem Vogelherde hin. Jeden Augenblick, wenn ein -Vogel im Gebüsch sich regte, glaubte er, die Tochter -käme, aber er fand sich allemal getäuscht. So gelangte -er in die Nähe des Herdes. Keine Spur -von einem Menschen rings zu sehen. Er kroch auf -allen Vieren nah an die Einfriedigung – es war -so still hier wie auf dem Friedhofe. Nur dann und -wann drang das Pfeifen eines Lockvogels aus der -Reisighütte des Vogelherdes. Sollte Hannchen etwa -da drinnen und eingeschlafen sein? Er schlich sich -hinan – es war, als vernähme er ein Flüstern -und Murmeln – er bog einige Zweige zurück, um -ein Guckloch zu erhalten – Himmel! welch ein -Schauspiel öffnete sich da seinen Blicken! Da saß -sie, die Pflichtvergessene, in den Armen ihres Buhlen; -vor ihr stand das Körbchen, halb gefüllt mit -Beertrauben, während eine Menge dergleichen auf -Heinrichs Schooß lag. Andere hielt er in seiner -Linken – aber was that er damit? Er zählte -die Beeren daran – »fünfundzwanzig,« schloß er -halblaut – »also weiter, mein Kind! fünfundzwanzig -Küsse als Lösegeld!« – Und die Gefangene? Da -hält sie das Mäulchen hin und zahlt, zahlt so -prompt, wie es nur auf der Wechselbank geschehen<span class="pagenum"><a id="Seite_255">[255]</a></span> -kann. Fünfundzwanzig baare Küsse zählt der erstaunte -Vater, dann sieht er, wie die Zahlerin die -Traube lächelnd nimmt und sie in das Körbchen -wirft – mithin hat sie alle Trauben, die darin -liegen, mit solcher Münze ausgelöst! Und weiter -muß er sehen, wie Heinrich schon wieder eine andere -Traube ergriffen hat und daran zählt – also soll -es so fortgehen, bis alle Beeren ins Körbchen gewandert -sind? Welch Vaterauge könnte das mit -ansehen?</p> - -<p>»Was ist das?« ruft Meister Unger in die -Scene hinein und steht einen Augenblick später zürnend -vor dem auseinandergeprallten Paare. Wehe! -welch' ein Wetter wird nun über die Erschrockenen -hereinbrechen? – Doch horch! welch ein Tönen -dringt an das Ohr des Ergrimmten und schmeichelt -sich weich und lieblich in seine innerste Seele hinein? -»Kommt a Vogerl g'flogen«, singt der Steiermärker -zur Seite seines Herrn – wie bezaubert steht der -Gimpelkönig da, und lauscht und lauscht, vergißt -Vaterzorn und Kindesungehorsam und hat nur -Augen und Ohren für den kleinen Sänger. Und -wie dem ersten Stücklein gar das andere folgt:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_256">[256]</a></span></p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Hörst du nicht die Vöglein singen<br /></span> -<span class="i0">Abends von der Donau her,<br /></span> -<span class="i0">Wie sie dir die Botschaft bringen<br /></span> -<span class="i0">Daß mein Herz nicht läßt von dir!«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">da wird er so gerührt, so von Entzücken hingerissen, -daß es ein Blinder wahrnehmen möchte, geschweige -denn die scharfsichtige Liebe. Kaum hatte der -Steiermärker ausgesungen, so ergriff Heinrich den -Käfig und reichte ihn dem Lauschenden mit den -Worten: »Nehmen Sie den Vogel, Meister Unger; -er war längst für Sie bestimmt und alle meine -Vögel sollen Sie haben – seien Sie nur wieder -gut mit mir!« Und Hannchen warf sich an die -Vaterbrust und bat mit für den Geliebten und für -sich selbst: »Du siehst, ich that Deinen Willen, aber -ich wurde ertappt, und da ich Dir für mein Leben -gern die Beeren verschaffen wollte, an denen Dir -so viel gelegen schien, so unterwarf ich mich der -Bedingung, unter welcher ich sie allein retten konnte: -ich löste sie aus.«</p> - -<p>»Und das ist Dir gewiß nicht sauer geworden, -Du Taubenschnabel!« fiel ihr der Alte -ins Wort. Dann wendete er sich an Heinrich: -»Er will mir den Steiermärker wirklich lassen?« -fragte er.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_257">[257]</a></span></p> - -<p>»Den Steiermärker sammt meinem ganzen Reichthum -an Gimpeln.«</p> - -<p>»Und was will Er dafür haben?«</p> - -<p>»Für Geld sind mir die Vögel nicht feil – -schenken Sie mir Ihre Freundschaft!«</p> - -<p>Das war für den Gimpelkönig zu viel. Er -fühlte, wie schwer er den jungen Mann gekränkt -hatte – und doch schenkte derselbe ihm jetzt den -unschätzbaren Steiermärker – solche Großmuth hätte -einen Botokuden rühren müssen – er richtete sich -in die Höhe und sagte: »Von einem fremden Menschen -kann ich kein Geschenk nehmen, Meister Sacher.«</p> - -<p>»O so lassen Sie das Fremdsein zwischen uns -aufhören – machen Sie mich zu einem Gliede -Ihrer Familie – zu Ihrem Sohne!«</p> - -<p>Hannchen umschlang mit dem Bittenden zugleich -den mit seinem Ausspruch Zögernden – da trat -das bis jetzt versteckt gebliebene Rußbuttenlobel leise -hinter ihn, intonirte, und der Steiermärker sang: -»Hörst Du nicht die Vöglein singen.« Da war -von einem längern Widerstande gegen die Bitten -der Liebenden keine Rede.</p> - -<p>»Wenn Ihr denn durchaus nicht voneinander -lassen könnt, so habt Euch in Gottes Namen!«<span class="pagenum"><a id="Seite_258">[258]</a></span> -sprach der Alte, drängte die Glücklichen von sich -weg und schloß dafür den Vogelbauer mit dem -Steiermärker in seine Arme.</p> - -<p>»Wann soll ich Euch denn die andern dreißig -Vögel bringen, Meister Unger?« fragte Rußbuttenlobel -vortretend.</p> - -<p>»Ihr auch da, Lobel?« rief der Gefragte.</p> - -<p>»Ja,« sagte Lobel; »ich hatte Lunten, daß hier -'was Polizeiwidriges im Werke wäre, und da gehörte -ich auf den Plan. Ich bin nur froh, daß -Alles so abgelaufen ist, denn es ist ein traurig Amt, -der Gerechtigkeit in die Hände zu arbeiten, viel lieber -schanz' ich der Geistlichkeit 'was zu.«</p> - -<p>Den andern Tag erfuhr ganz Wellersgrün und -auch die Neuhahner Mühle durch die getreue Dorfpost -die unerwartete Kunde von der Aussöhnung -der Meister Gottfried und Heinrich und des Letzteren -Verlobung mit Hannchen. Der Verlobung folgte -bald die Hochzeit, und als Heinrich im Besitze -seines Schatzes war, ließ er nicht nur seinen Vogelherd -wieder eingehen, sondern bekämpfte auch aufs -Neue, jedoch mit mehr Behutsamkeit und Mäßigung, -als jenen Sonntag, die Leidenschaft seiner Heimathgenossen -für den Vogelfang. Der Schwiegervater<span class="pagenum"><a id="Seite_259">[259]</a></span> -wurde leichter, als sich erwarten ließ, durch die -Großvaterfreuden bekehrt, und wenn ihm auch der -Steiermärker, so lange er lebte, schon als Vermittler -dieser Freuden lieb und werth blieb, so war -sein Vogelherd doch bei der Taufe seines fünften -Enkels bereits verfallen, und es kam ihm fast wie -eine alte Sage vor, daß es einst in Wellersgrün -einen Gimpelkönig gegeben und daß dieser Niemand -anders gewesen als er selbst.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-end.png" alt="Dekoration" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_260">[260]</a></span></p> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Wiederholte Anführungszeichen in Folgeabsätzen bei gleichem -Sprecher wurden entfernt.</p> - -<p>Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 50: Pohlwassers → Pöhlwassers<br /> -einem wasserreichen Nebenbach des <a href="#corr050">Pöhlwassers</a></p> -</div></div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Erzgebirgische Geschichten. Erster Band, by -August Peters - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERZGEBIRGISCHE GESCHICHTEN. *** - -***** This file should be named 56045-h.htm or 56045-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/6/0/4/56045/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This transcription was produced from -images generously made available by Bayerische -Staatsbibliothek / Bavarian State Library.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License (available with this file or online at -http://gutenberg.org/license). - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. 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