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-The Project Gutenberg eBook, Der Weg ohne Heimkehr, by Armin T. Wegner
-
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
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-
-Title: Der Weg ohne Heimkehr
- Ein Martyrium in Briefen
-
-
-Author: Armin T. Wegner
-
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-
-Release Date: August 16, 2017 [eBook #55371]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-
-***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEG OHNE HEIMKEHR***
-
-
-E-text prepared by Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading
-Team (http://www.pgdp.net) from page images generously made available by
-the Google Books Library Project (https://books.google.com)
-
-
-
-Note: Images of the original pages are available through
- the Google Books Library Project. See
- https://books.google.com/books?id=EnDHAAAAMAAJ&hl=en
-
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-DER WEG OHNE HEIMKEHR
-
-Zweite Auflage
-
-
-ARMIN T. WEGNER
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-DER WEG OHNE HEIMKEHR
-
-Ein Martyrium in Briefen
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-Im Sibyllen-Verlag zu Dresden
-
-Alle Rechte, besonders das der
-Übersetzung, vorbehalten.
-Copyright 1920 by
-Sibyllen-Verlag, G. m. b. H.,
-Dresden.
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-
- Für ein greises geliebtes Haupt
-
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- Die große Palme und der kleine Schößling sind
- dahingegangen.
- Ich blieb allein zurück.
-
- Aus einem arabischen Liede.
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-
-
-
-Diese Briefe reden vom Tode, manche sind an Tote gerichtet. Als ich sie
-schrieb, wußte ich nicht, daß ich sie einmal zu einem Buche vereinen
-würde. Aber im Angesicht der Vernichtung, unter dem fahlen Horizont
-einer ausgebrannten Steppe, wurde unwillkürlich der Wunsch in mir wach,
-in diesen vielleicht letzten Äußerungen des Daseins über die
-persönlichen Freunde hinaus einer größeren, unsichtbaren Gemeinde etwas
-von dem zu sagen, das mich bewegte. Dieser Wunsch schlief auch dann
-nicht ein, als ich in schwerer Stunde aus den Mauern einer auf viele
-Meilen in die Einsamkeit verbannten Stadt jenen letzten Abschiedsbrief
-schrieb und nach menschlichen Überzeugungen mit dem Tode rechnen mußte.
-Damals wurden einige dieser Briefe in Deutschland gedruckt, wo sie
-leidenschaftliche Erregung erweckten; einer, den die Zensur aufgriff,
-verursachte später meine Rückberufung aus der Türkei. Dies, sowie die
-empörte Anteilnahme, die mich zu jenem unglücklichen Volke zog, dessen
-furchtbaren Untergang ich erleben mußte, waren der Grund, daß man mir
-nach meiner Rückkehr aus Bagdad die Bitte, auch weiterhin in diesem
-Lande zu verbleiben, das ich durch die Erhabenheit seiner heroischen
-Landschaft, die Fülle der erfahrenen Leiden liebgewonnen hatte,
-versagte. Als sich meine Abreise von Konstantinopel durch die
-Schwierigkeiten der Behörden verzögerte, wurde ich durch Soldaten der
-deutschen Militärmission verhaftet und bis zu meiner zwangsweisen
-Abfahrt auf einem Dampfer im Goldenen Horn interniert.
-
-So blieben diese Briefe nicht nur Angelegenheit der Wenigen, für die sie
-bestimmt waren, sondern wurden zu dem Bekenntnis eines von Schmerzen
-erfüllten Weges, bemüht, einen Ausdruck zu finden für die Kämpfe des
-Menschen dieser Zeit, als noch der Glaube einsamer Seelen war, was viele
-jetzt laut auf den Lippen tragen. Zwar: die alte Erde umgibt mich
-wieder. Dennoch sollte auch ich von jener traurigen Straße, auf der ein
-unbekanntes Schicksal mich verschont hatte, nicht wieder zurückkehren.
-Ist es das eigene Herz, das ich verwandelt sehe? Ist es der Atem der
-getöteten Heimat, die mich vergeblich nach Menschen, Gedanken, Zuständen
-suchen läßt, die ich verlassen habe, um sie nie mehr zu finden?
-
-_Berlin_, Januar 1919.
-
- A. T. W.
-
- Der Weg ohne Heimkehr
-
-
-
-
- An die Großmutter
-
-
- Konstantinopel, den 24. Oktober 1915.
- In einem Hotelzimmer.
-
-Wie lange liegt nun der letzte Tag wieder hinter mir, ich kann seine
-Küste nicht mehr schauen. Ich weiß nicht, war ich der Schwimmer, der
-sich mit einem jähen Ruck von seinem Strande losriß, oder war es das
-Land selbst, das sich ablöste von mir, das eine unendliche Weite
-zwischen uns stieß, während ich, die geliebte Küste vor Augen, hinter
-der Brandung kämpfe, die mich immer weiter hinausträgt. Noch sehe ich
-das Haar Deiner Schläfe, das sanfte, melancholische Blau Deines Auges.
-Aber hier ist nur noch Nebel, ich kann es nicht mehr unterscheiden.
-
-Mein alter Kamerad! Denn so darf ich wohl sagen, nun wir zehn Jahre und
-mehr miteinander geschritten sind. Du freilich schon länger mit mir.
-Aber erst in späteren Tagen fingst Du an, mir jene tiefe Liebe
-entgegenzubringen, hinter der mein Dank nur immer zu weit zurückbleibt,
-vor der alle Hoffnungen und Ergebnisse meines Lebens nur die Früchte
-Deiner Mühen und Zärtlichkeiten sind. Diese Liebe, die es dazu gebracht
-hat, daß eine alte Frau, mit den unendlichsten Augen, die ich kenne,
-weißhaarig und schon einmal vom Tode umfangen, immer das Glück und die
-Weisheit meiner Jugend gewesen ist.
-
-Ich habe den Vater wiedergesehen. Ich fand ihn, eine alternde Ruine, dem
-Umfallen nahe. Aber dies war es nicht allein. Zwei Stunden ehe ich
-reiste, der Wagen war bestellt und wir saßen beim Nachtmahl, schwankte
-der Vater, von einer plötzlichen Übelkeit befallen, gegen den Tisch.
-Eine Leichenblässe stieg ihm mit schreckhafter Geschwindigkeit in das
-Gesicht. Mutter und ich sahen ihn an. Wir saßen ganz ruhig. In der Tiefe
-meines Herzens war ein Geräusch, als hämmerte jemand unten im Keller.
-Wir dachten beide dasselbe, wir dachten daran, wie Großvater gestorben
-ist. Ich fühlte eine grauenhafte Leere durch meinen Körper gehen. Aber
-es war nur ein Augenblick, dann ging es vorüber, noch einmal vorüber.
-Wir legten den Vater auf das Sofa und ihm wurde bald besser. Aber wir
-hatten alles in dieser einen Sekunde gefühlt. Mutter begann unter der
-Last dieses Schreckens zu weinen. Hatte sie ihn nicht einst geliebt? Ich
-aber fühlte, was ich immer gewußt habe, daß dieser Tod nur ein
-Schrecken, kein reiner Schmerz für mich sein wird. Sollte ich die
-Ursache meines Daseins nicht lieben? Sollte ich die Ursache meines
-Daseins nicht hassen? Ich sah das Gesicht meiner Mutter, die eine
-Sekunde lang um dieses Leben gebangt hatte, und eine furchtbare Angst
-ergriff mich. Der Arzt kam. Aber ich konnte meine Gedanken nicht
-zusammenhalten, ich verstand nicht, was er sagte, und blickte wie ein
-Abwesender an ihm vorüber.
-
-Man sagte mir, ich sollte reisen. Erleichtert atmete ich auf. Welch eine
-furchtbare Marter wäre es mir gewesen, um dieses kranken Vaters willen
-zu bleiben. Wie gerne hätte ich um eine Stunde an der Seite dieser
-schmerzzerrissenen Mutter gebettelt. Aller Besinnung beraubt rannte ich
-durch die Wohnung wie durch die Räume eines brennenden Hauses und
-schaute mich voll Verzweiflung um, was ich noch aufraffen und mitnehmen
-könnte. Mein Auge fiel auf das Antlitz meiner Mutter. Aber dies war kein
-Bild, das ich in die Hand nehmen und forttragen konnte. Jetzt löste es
-sich ab von mir, schwankte, ein tränenbeladener Kahn, in den Abgrund
-hinunter. Mein Vater stand neben mir, aber es war nicht, als stände ein
-Mensch an meiner Seite, ein Turm vielleicht, ein wankender Torbogen,
-durch dessen Öffnung ich unaufgehalten hindurchschritt. Er hat mir kein
-Wort der Liebe zum Abschied gesagt, und ich ging doch hinaus, um bei dem
-Tode zu wohnen. Ich streichelte über seine runzlige Wange, wie man über
-die Risse eines alten Topfes streicht, ob man sie noch einmal zukitten
-könne, und fühlte, wie unfähig ich war, diesem alternden Manne noch
-jemals eine Freude zu bereiten.
-
-Ich fuhr alleine zum Bahnhof. Fuhr in die Nacht hinaus, die grauenvolle
-Ruine dieses Gesichtes im Gedächtnis und das tränenüberströmte Antlitz
-meiner Mutter (o du über alles geliebte Landschaft im Regentag!), die in
-diesem Augenblick zwei Menschen zu verlieren fürchtete. Ich legte meinen
-Kopf zwischen die Soldaten auf die Holzbank, froh, Deutschland wieder
-hinter mir zu haben, und auch der Herzschlag des Zuges, der mich sonst
-noch in den traurigsten Stunden, das Rollen der Räder und die wandernde
-Landschaft unter mir, mit Freude erfüllt hatte, konnte mir keine
-Erlösung bringen. Auch in meiner Seele war nichts als Lärm und
-Räderrollen. Ich war selbst nur ein Rad, mit rasender Geschwindigkeit um
-seine eigene Achse gedreht, und in diesem trostreichen Bewußtsein ging
-alles Denken unter.
-
-Die Reise, durch Mühsal und Häßlichkeiten auseinander gezerrt, dehnte
-sich über viele Tage, und je länger sie währte, um so mehr wuchs der
-Abgrund, der sich zwischen mich und Deutschland stellte. Erst heute habe
-ich das Buch geöffnet, das du mir mitgegeben hast, habe die Bezüge für
-das Kopfkissen gefunden, Deine Zeilen gelesen. Heute nacht werde ich
-darauf schlafen. Wieder sehe ich Deine großmütterliche Stirn sich auf
-mich neigen. Wie das Gaslicht auf der schwarzen Seide Deines Kleides
-glänzt. Fühle die weiche Blüte Deines Mundes an meinem Kinn. Mein alter
-Kamerad, warum wurdest Du, fünfundsiebzigjährig, nicht nach mir geboren,
-um an meiner Seite, meine Gefährtin, noch lange über diese Länder zu
-schreiten? Einmal wirst Du sterben und ich werde nicht bei Dir sein.
-Einmal werde ich sterben und Du wirst nicht bei mir sein. Ach, der Krieg
-hat alle Brücken zerbrochen. Zu sterben ist die letzte Freude geblieben,
-aber auch diese noch ist nicht ungetrübt. Der erste meiner Freunde hat
-die Stufe des Todes betreten, der zweite den Fuß auf seine Schwelle
-gesetzt. Ich fühle, wie sich die Wage mit Toten füllt. Werde ich Leben
-genug in mir haben, um allein in der anderen Schale das Gleichgewicht zu
-halten? Doch ob ich auch hier an der alten Straße der Glückseligkeit
-zwischen trojanischen Münzen und türkischen Soldatengräbern verfaulen
-sollte, ein betrogener Liebhaber des Lebens, glaube nicht, daß ich Dir
-verloren ginge, bin ich doch nur, Du Gütigste über der Erde, ein Enkel,
-ein Teilchen, das Ende eines Knöchelchens von Dir.
-
- Dein junger Kamerad.
-
-
-
-
- An die Frau eines im Kriege weilenden Soldaten
-
-
- Pera, den 7. November 1915.
- Mit dem Blick auf das Goldene Horn.
-
-Wenn du diesen Schlüssel wieder in Händen hältst, meine Liebe, so denke
-daran, daß ich ihn an jenem letzten Tage bei mir getragen habe, als ich
-mit Dir eine finstere Treppe hinaufstieg, um auf einer kalten Diele die
-Wärme Deines Leibes zu finden. Durch so viele Länder, durch so viele
-verschiedenartige Stunden des Tages habe ich ihn bei mir getragen, das
-Letzte, was ich von Dir besaß, und jedesmal, wenn ich ihn zufällig in
-meiner Tasche fühlte, weckte er alle heißen, o so greifbar nahen Bilder
-von neuem in mir auf, daß ich ihn lieb gewonnen habe und mich nur ungern
-von ihm trenne, als wäre dies nicht nur der Schlüssel zu Deinem Hause,
-sondern auch Deines Herzens und der Pförtner aller Glückseligkeit. Das
-erste Mal fühlte ich ihn bei mir, als ich in Budapest in einem
-Kaffeehaus einer schwarz gekleideten Dame gegenüber saß, die mit ihrem
-Schoßhund spielte: »_O mon Joujou, que veux tu donc? As tu faim?_ Denn
-Sie müssen wissen, mein Herr, er ist ein kleiner Franzose. Er ist aus
-Paris geflohen und hat Lüttich mitgemacht. _Ah mon petit, donne moi un
-baiser ...!_« Und sie reichte ihm ein Stückchen geröstetes, mit Butter
-bestrichenes Brot. In Bukarest aber legte ich den Schlüssel wie eine
-Waffe vor mir auf den Nachttisch, ängstlich auf jeden Schritt in den
-weiten Hotelgängen lauschend, erschrocken wie ein Spion, verhaftet zu
-werden, aufgespießt von den Blicken der Vorübergehenden, und nach einer
-Bahnfahrt, auf der ein Franzose ohne Aufhören mit gehässigem Lachen das
-Bild unseres Kaisers in den Schmutz zog. »_Ah, le Kaiser, le fou_«,
-sagte er, sich den Schnurrbart streichend, fett und widerwärtig wie ein
-Flaubertscher Landpächter.
-
-Schließlich ließ ich den Schlüssel auf der Galatabrücke in der hellen
-Sonne funkeln, als ich Dein liebes Bild und die ersten Zeilen von Dir in
-der Hand hielt. Nun, hier ist er, Erinnerung, Glücksbringer, Waffe und
-Reisebegleiter, ein kleines eisengepanzertes Schiffchen, das
-liebebeladen in den Hafen zurückschwimmt, das Dir Grüße und Dank bringt
-für jene von Dir so rührend mit eigener Hand gebundenen portugiesischen
-Briefe, die ich so sehr liebe und die mich immer von neuem in Erstaunen
-setzen, daß es in der Tat Frauen gegeben hat, die zu lieben wußten. Ach,
-ich könnte mir vorstellen, daß Du, des Schlüssels beraubt, die ganze
-Zeit über gefangen in Deinem Hause gesessen hast, nur mit meinem
-Schatten lebend, und dieser Gedanke könnte mich fast bewegen, ihn auch
-jetzt bei mir zu behalten und weiter mit in die Wüste zu nehmen, wohin
-ich in diesen Tagen reise. Über das schimmernde Wasser blickend, neige
-ich mich in der heißen Sonne über die Brüstung, und nachdem ich so viele
-kostbare und unwiderbringliche Schätze in den grundlosen Brunnen des
-Frauenherzens hinabgeworfen habe, überkommt mich eine warme Verlockung,
-in stiller Hingegebenheit nichts zu schenken und alles von Dir zu
-empfangen.
-
-
-
-
- An die Eltern
-
-
- Konstantinopel, den 2. Nov. 1915.
- Geschrieben in der warmen Sonne des Herbstes.
-
-Wenn Euch diese Zeilen erreichen, Ihr Lieben, werde ich schon weit von
-diesem Lande sein. Ich reise nach Bagdad. Gestern bin ich in die
-Militärmission eingetreten, man hat mich all meiner Chargen beraubt, und
-ich bin nichts als ein einfacher Sanitätssoldat, mit einer so niedrigen
-Löhnung, daß ich nicht weiß, wie ich leben soll. Ich werde zwischen
-türkischen Soldaten schlafen und mich von Abfällen nähren wie eine
-Ratte. Dennoch habe ich Glück gehabt. Ich bin dem Stabe des
-Feldmarschalles von der Goltz als Krankenpfleger zugeteilt. Wie sehr
-habe ich mich um diese Stelle bemüht. Fünf Tage lang suchte ich meinen
-beschleunigten Puls durch Pantopon und Tinktura Valeriana zu beruhigen,
-um tropentauglich befunden zu werden. Dabei jagte ihn meine innere
-Erregung, die fieberhafte Begierde, den Weg dieses Krieges wenigstens
-für mich stets aus eigener Kraft und nun wieder neu zu gestalten,
-jedesmal über achtzig Schläge hinauf, sobald ich die Treppe des
-Kriegsministeriums betrat.
-
-Dennoch: es ist mir gelungen. So behalte ich das Ruder meines Lebens in
-der Hand. Ich werde Bagdad, werde den Tigris, Mossul und Babylon sehen.
-Ich bin mir wohl bewußt, welchen Schritt ich getan. Ich habe aufgehört,
-ein freiwilliger Pfleger zu sein, bin ein Soldat geworden wie andere,
-meine Seele ist vogelfrei, man kann mich nach Deutschland und in die
-Gräben von Soissons schicken, man kann tun mit mir, was man will.
-Schließlich kann in einem so langen Kriege auch ich nicht ewig dem
-dunklen Lasso entgehen, der ständig um unser Haupt schwirrt. Denn
-niemand kann die Wechselfälle des Lebens voraussehen, die mich immer
-gerüstet finden, wenn es sein muß auch zum Tode.
-
-Aber, wenn es dahin kommen sollte: ich sterbe für mich, nicht für das
-Vaterland. Wie unsagbar traurig bin ich, daß ich es nicht um der
-Menschheit willen tun kann. Dennoch habe ich diesen Schritt getan, habe
-mein Leben eingesetzt für die Schätze meiner Seele. Wie glücklich ich
-bin. In einer Woche werden wir reisen. Seht ihr jene Kavalkade von
-Reitern, mit fliegendem Kalpak, mit klirrendem Säbel, schaukelnden
-Epauletten und goldenen Schnüren über der Brust? Wie sie am Rande der
-Wüste hinreiten, jetzt durch Wasser, jetzt einen Hügel hinan. Unter
-ihnen ist einer von schlanker Gestalt, groß, den Kopf ein wenig
-vornübergebeugt. Wie gut ihm die Uniform sitzt, ist es einer der
-Offiziere? Nein, er trägt keine Abzeichen, geht nur wie ein Gemeiner. Es
-ist Euer Sohn. Er ist glücklich, auch hier das Leben als ein
-Untergebener kennenzulernen; denn nie sehen wir die guten und schlechten
-Seiten der Menschen so scharf, als wenn sie unsere Vorgesetzten sind.
-Mit zitternd geöffneten Augen folgt er ihnen, immer gewillt zu
-verzeihen, der Liebe zu dieser Erde voll, und immer bereit, sich vor dem
-Leben zu beugen.
-
-Noch gestern bei Euch, jetzt an diesem Tische. Noch eben in dieser
-Stadt, nein, schon wieder fort, auf anderer Straße. Wo heute? Wo morgen?
-
- Deutsche Militärmission, Sanitätssoldat.
-
-
-
-
- An eine Schwester von Gül-Hane
-
-
- Marga v. Bonin, ertrunken am 14. Oktober 1917 in der
- Treskaschlucht.
-
- In einer Bretterkantine zu Ras-el-Ain,
- den 26. November 1915.
-
-Meine liebe Diestel und Ihr andern Blumen im Rosenhaus! Noch sehe ich
-Sie in weißen Hauben durch die Säle schreiten wie durch einen
-leuchtenden Garten. Aber die Rosen, die unter Ihren Händen aufblühen,
-sind blutende Wunden. Welch ein trauriger Brief ist das, von einer immer
-gut gelaunten, lustig zerzausten und höchst garstigen Diestel? Man
-reichte ihn mir in Bosanti in den Zug, und wieder sah ich Ihre etwas
-bestürzten Gesichter vor mir, mit denen Sie mich zur Bahn begleiteten.
-
-Heute sind wir über den Amanus gefahren, vor zwei Tagen über den Taurus.
-Nur von spärlichen Kiefernwäldern bewachsen, erhob sich seine steinerne
-Masse wie die unter zu kurzer Decke sich dehnende, unendliche Nacktheit
-eines sonnenverbrannten Bettlers. Als wir im Lastauto bis zur
-Seekrankheit hin und her geschüttelt, bei fast vollem Mond in die
-geisterhafte zilizische Ebene hinabflogen, den Staubschweif der
-Landstraße hinter uns herziehend, deutete jemand über den Rauch
-nächtlicher Zeltdächer, die einsam in der Ebene standen, auf einen
-hellen Streifen in der Ferne, wo die Flammen verbrannter Baumwollstauden
-in die Finsternis leuchteten. Dort mußte das Meer liegen. Und wie ich
-Abschied nehmend zum letzten Mal seine Wellen in der Ferne erblickte, da
-schickte ich Ihnen so viele Grüße in Ihr meerumgürtetes Haus und dachte
-wieder: Sie haben doch das Meer, da kann es Ihnen nie wirklich schlecht
-gehen! Wie schön, wenn am Abend die schwarzen Winterstürme heraufkommen
-und die Seelen der abgestorbenen Hunde von Oxia herüberbellen. Sich dann
-in dieser dunklen Stunde eine Kerze anzuzünden (liebe Kerze, liebe
-kleine Seele ...), bedarf es mehr, um glücklich zu sein?
-
-Sie sagen, wenn gute Wünsche etwas vermöchten, könnte mir nie ein
-Unglück zustoßen, und fast will ich glauben, daß Sie recht haben. Ich
-fühle, daß ich lange nicht so lebendig gewesen bin, wie in diesen Tagen,
-trotz alles Elends, das mich umgibt. Denn die Ränder aller Straßen sind
-mit den jammernden und hungernden Gestalten armenischer Flüchtlinge
-besetzt, durch deren wimmernde, schreiende, bettelnde Hecke, aus der
-sich tausend flehende Hände recken, unsere Seelen ein schmerzliches
-Spießrutenlaufen beginnen.
-
-Eben, da ich diese Zeilen schreibe, bin ich von einem Gang durch das
-Lager zurückgekehrt. Von allen Seiten schrien Hunger, Tod, Krankheit,
-Verzweiflung auf mich ein. Geruch von Kot und Verwesung stieg auf. Aus
-einem Zelte klang das Wimmern einer sterbenden Frau. Eine Mutter, die an
-den dunkelvioletten Aufschlägen meiner Uniform meine Zugehörigkeit zur
-Sanitätstruppe erkannte, eilte mit erhobenen Händen auf mich zu. Mich
-für einen Arzt haltend, klammerte sie sich mit letzter Kraft an mich
-Ärmsten, der ich weder Verbandmittel noch Arzeneien bei mir trug und dem
-es verboten war, ihr zu helfen.
-
-Dies alles aber wurde übertroffen durch den furchtbaren Anblick der
-täglich wachsenden Schar verwaister Kinder. Am Rande der Zeltstadt hatte
-man ihnen eine Reihe von Löchern in die Erde gegraben, die mit alten
-Lappen bedeckt waren. Darunter saßen sie, Kopf an Kopf, Knaben und
-Mädchen in jedem Alter, verwahrlost, vertiert, verhungert, ohne Nahrung
-und Brot, der niedrigsten menschlichen Hilfe beraubt und vor der
-Nachtkälte schaudernd aneinander gedrängt, ein kleines Stückchen
-glimmende Holzasche in der erstarrten Hand haltend, an dem sie
-vergeblich versuchten, sich zu wärmen. Einige weinten unaufhörlich. Ihr
-gelbes Haar hing ungeschnitten über die Stirn, ihre Gesichter waren von
-Schmutz und Tränen verklebt. Andere lagen im Sterben. Ihre Kinderaugen
-waren unergründlich und von Leiden ausgegraben, und obwohl sie stumm vor
-sich hinblickten, schienen sie doch den bittersten Vorwurf gegen die
-Welt im Antlitz zu tragen. Ja, es war, als hätte das Schicksal alle
-Schrecken der Erde an den Eingang dieser Wüste gestellt, uns noch einmal
-zu zeigen, was uns erwartet. Entsetzen ergriff mich, daß ich klopfenden
-Herzens aus dem Lager eilte, und obwohl ich auf flacher Erde
-dahinschritt, erfaßte mich Schwindel, als bräche der Boden zu beiden
-Seiten in einen Abgrund zusammen.
-
-Die Täler aller Berge, die Ufer aller Flüsse sind von diesen Lagern des
-Elends erfüllt. Über die Pässe des Taurus und Amanus zieht sich dieser
-gewaltige Strom eines vertriebenen Volkes, jener Hunderttausende von
-Verfluchten, der um den Fuß der Berge brandet, um, schmäler und schmäler
-werdend, in unabsehbaren Zügen in die Ebene hinabzugleiten und in der
-Wüste zu versickern. Wohin? Wohin? Dies ist ein Weg, von dem es keine
-Heimkehr gibt. Und ihnen nach blicke ich auf den Weg, den ich selber
-beschreiten werde, und denke mit einer mir ungewohnten und merkwürdigen
-Härte des Gefühls: diese erfüllen ihr Schicksal, erfülle du das deine!
-
-So sitze ich denn in dieser offenen Bretterbaracke, vor der langhaarige
-Kinder mit wilder Gier die fortgeworfenen Schalen der von uns verzehrten
-Orangen verschlingen, sitze die langen Abende auf den kleinen Bahnhöfen
-ohne Licht in den Eisenbahnzügen und führe mit den Kameraden die
-heitersten Gespräche über den Tod. Da sind alte Farmer aus Südwest unter
-uns, der Gesandte für Persien, ein Stabsoffizier aus Chile. Männer, die
-ihr halbes Leben in China oder in den Kolonien verbrachten, deutsche
-Kaufleute aus Basra und Teheran. Die Nachricht, daß die Schamas die
-Euphratlinie gesperrt halten, hat sie in die munterste Laune versetzt;
-sie erzählen denen, die zum ersten Male dieses Land betreten, von seinen
-vielen und mancherlei merkwürdigen Gefahren. Die reichhaltigste
-Speisekarte schöner Todesarten wird aufgetischt: Beduinen werden dich,
-an ihren Roßschweif gefesselt, durch die Steppen schleifen. Nichtsahnend
-wirst du zu einem Bartscherer gehen und dich mit tödlicher Seuche
-anstecken. Die schönen Weintrauben, die du verzehrst, lassen dich an
-Cholera erkranken. Aus der Erde unter deinem Zelt kriechen Tausendfüßler
-und Skorpione. Eiternde Beulen werden dein Gesicht zerfressen, sie
-entstellen dir Nase, Stirn und Mund. Kurden werden dir die Eingeweide
-aufschlitzen, Perser die Ohren abschneiden. Nackt und zerfleischt
-flüchtest du todkrank nach Bagdad oder dein Leichnam bleibt an der
-Straße liegen, den Schakalen zum Fraß. Und das alles erzählt man dir mit
-lächelndem Auge, als wäre der Tod das heiterste Schaustück der Welt. Und
-auch du lächelst, gehst schlafen und beschließt im stillen bei dir
-achtsam zu sein, kein ungekochtes Wasser zu trinken, um im nächsten
-Augenblick zu entdecken, daß man dein Kochgeschirr in einer
-übelriechenden Lache reinigt, die die Flüchtlinge mit ihren Exkrementen
-beschmutzt haben.
-
-Ja, liebe Schwester, man muß an das Glück seines Schicksals glauben!
-Darum fürchten Sie nicht für mich, wenn ich jetzt so fremden und
-ungewohnten Dingen entgegengehe, und vergessen Sie das ein wenig
-durchscheinende Gesicht, mit dem ich Abschied von Ihnen nahm. Erinnern
-Sie sich stets daran, daß es Pflanzen mit blassen Blättern gibt, die,
-wenn sie auch oben welk aussehen, an der Wurzel noch frische Kräfte
-haben. Zu diesen gehöre ich.
-
-Daß Sie hier wären! Den Tag über mit mir im Sattel zu sitzen und in die
-Steppe hinauszureiten, das wäre ein Leben so recht nach Ihrer Lust und
-ein Gedenken Ihrer nordischen Heide. Ja, hätten Sie es wahrgemacht und
-wären ein Junge geworden. Aber nun ist es zu spät, und wenn ich Ihnen
-auch ein paar Männerhosen schickte, so lang, daß sie selbst für eine
-hagere und ausgewachsene Diestel reichten ... es wäre doch zu nichts
-nütze.
-
- 8 Uhr morgens, drei Stunden vor Aufbruch.
-
-
-
-
- Traum auf dem Kelek
-
-
- Auf dem Tigris,
- den 10. Dezember 1915.
-
-Was meinen Sie nun, daß ich hier bin, an einem so sagenhaft schimmernden
-Brunnen aller Zeit? Seit zwei Tagen treiben wir den Strom hinab. Unter
-Schilfdächern, auf dem bewegten Boden luftgefüllter Schläuche, Hütten
-und Menschen auf einer flachen Hand. Zwischen Hühnern, Kisten und
-Wachtsoldaten liege ich auf der Matte, die Glieder vom langen Ritt durch
-die Wüste schmerzend, noch fröstelnd von der Kälte der eisigen Nächte,
-die das Wasser in unsern Schüsseln gefrieren ließ. Und das Floß dreht
-sich, ein lose auf den Wellen treibendes Blatt, bald hier, bald dort das
-Ufer berührend, um langsam weiter den Strom hinabzugleiten.
-
-Hier also sprang die Welt aus dem Mutterschoß. Aber die Brüste sind
-lange versiegt, die so fruchtbare Milch gaben, und welcher Fluch muß
-diese Erde getroffen haben, daß sie so voller Erbarmen um Wasser
-bettelt. Und dennoch: _ex oriente lux_. Denn hier bin ich und meine
-Sonne leuchtet. In ungeheurer Stummheit gleitet die Landschaft vorüber.
-Weite Steinhalden, ausgetrocknete Flußbetten, die Luft mit Schwefel
-erfüllend, Urweltbilder, Sonnenuntergänge, schwarz, schwarz, blaurot,
-Berge wie Sarkophage. Und ich warte, warte: wann wird dieses Land seine
-Lippen öffnen, die der Staub verklebt hat, die welk wurden von
-Jahrhunderte altem Schweigen, um zu mir zu reden?
-
-Wenn es dunkelt, binden wir das Floß an einen Stein am Ufer, stolpern
-ein paar Schritte in das finstere Land. Hier sitzen Soldaten um ein
-Zelt, eine Flamme loht in die Dunkelheit. Und wieder lege ich den Kopf
-zum Schlafe nieder. Nun aber treten aus dem verlassenen Haus die
-Gedanken, treten aus der Tür und beginnen ihre Wanderung. Sie entweichen
-über das Meer. Ich bin zu Hause, ich begrabe meinen Vater (die Vorhänge
-der Fenster sind herabgelassen). Ich bin bei meiner Geliebten, sie gibt
-sich mir hin, zitternd besteige ich ihr Lager. Doch welche plötzliche
-Erregung ergreift mich? Eifersucht verbrennt meine Seele. Bald bin ich
-in einer Stadt, die vom Feinde erobert wird. Ich werde gefangen
-genommen, erschossen als Spion. Es ist die letzte Stunde meiner
-Großmutter, schluchzend schreite ich hinter ihrem Sarge her.
-
-Nun ist es Morgen. Aber wie seltsam blickt dieses Haus der Gedanken;
-Staub liegt auf der Schwelle seiner Tür. Ich fühle, wie ich müde
-geworden bin, so endlose Fernen liegen hinter mir. Lautlos gleitet das
-Floß weiter den Strom hinab. Es ist Tag. Aber sollte ich nicht jetzt
-erst zu schlafen beginnen?
-
-
-
-
- An Carl Hauptmann
-
-
- Bagdad, den 25. Januar 1916.
- Diesseits des Tigris.
-
-Glauben Sie mir, mein verehrter väterlicher Freund, daß ich es gewiß
-nicht weniger bedauert habe, diesmal auf die Pilgerfahrt nach dem
-geliebten Hause verzichten zu müssen und wieder in die Wüste zu ziehen,
-ohne in Mekka zu beten. Eine Stunde an Ihrer Brust, welche Paradiese
-trüge der Mund nächtlicher Gespräche in diese fremden und durchaus nicht
-eintönigen Tage! Ach, ich höre Sie reden, sehe, wie Sie Ihr Gesicht im
-Schein der hohen Lampe nach vorne beugen, mir aus einem neuen Werke
-vorzulesen, sehe, wie Sie die Augen schließen, mir zuzuhören, wenn ich
-selber erzähle. Aber statt dessen floh ich, von dunklen Bedrückungen
-verfolgt, aus Deutschland. War ich nach Hause gekommen, um neue
-Schmerzen zu den alten zu tragen? Man will es mir zum Vorwurf machen,
-daß ich die Güte verkenne, die mir aus so vielen Herzen daheim liebend
-entgegenkam. Aber vielleicht werden Sie es verstehn, wieviel leichter
-uns die Heimat verwunden kann als die Fremde.
-
-Ich habe Frau Maria wiedergesehen. Sie ist bei mir in meiner alten
-Wohnung gewesen, die nun, zusammengewürfelt, bunte Dinge in einem
-Spielzeugkasten, hinter der verbotenen Tür verschlossen liegt. Ein
-höchst ernsthaftes, tyrannisches Spielzeug, und vielleicht, wenn Frau
-Maria das stumme Märchen der Möbel zu deuten weiß, hat sie auch Ihnen
-davon erzählt. Aber welche Schicksale liegen zwischen gestern und heute!
-Welche himmlische Heiterkeit erfüllt meine Seele! Jede Krankheit ist
-eine Brücke, die am Tode vorübergeht. Und so schritt ich durch diese
-letzte (ich war an Typhus erkrankt), wie ein gepanzerter Erzengel das
-Fegefeuer teilend, griff unter mir in die Flammen hinab, um auch noch
-fremde Seelen mit mir gerettet ans Licht zu tragen. Es waren die
-seltsamsten Fiebernächte, deren ich mich erinnern kann, und verwundert
-betrachte ich die Schätze, die sie mir zurückließen, ein Schwammtaucher
-und Perlenfischer, der erst an der Oberfläche erkennt, was ihm die Tiefe
-gebracht hat. Ich habe einen ganzen Umkreis geschrieben, eine
-vielstimmige Vision des Leidens, wie ich sie im Herbst des ersten
-Winters in Polen erlebte. Daneben eine Anzahl Gedichte, die nun schon
-alle der »Straße mit den tausend Zielen« angehören. Daß ich ein Buch
-Erlebnisse aus der Türkei in Arbeit nahm, erzählte ich Ihnen schon, eine
-Sammlung von Tragik, Buntheit und Ironie, auch eine Frucht dieser
-Krankheit. Aber das sind kleine Anfänge gegenüber weitliegenden Plänen,
-die ich nur flüchtig aufzeichnen konnte, Arbeiten für spätere Jahre.
-
-Glauben Sie übrigens nicht, daß diese Dinge alle mit dem Kriege
-zusammenhängen; was wir ständig vor Augen haben, steht unserm Herzen oft
-am fernsten. Und wie will ich dann, wenn ich heimgekehrt bin, mir Ihren
-Fleiß zum Vorbild nehmen! Wie will ich mir ständig jene Unermüdlichkeit
-und Strenge vor Augen halten, jenen grausamen Fleiß, der das Glück der
-Schaffenden ist, jene einsame Lampe in der Winternacht Ihres Gartens,
-hinter der Ihr Haar grau wurde, auf daß das Werk sich gestalte, zu dem
-wir berufen sind. »Und nur ein Fremdling sitzt mit Euch bei Tische ...«
-wie sehr habe ich beim Schreiben dieser Zeilen Ihrer gedenken müssen.
-Übrigens ertappte ich mich neulich beim Zeichnen an dem Plane eines
-Bauernhauses, und ich glaube, es sollte in Ihren Wäldern stehen. Auf daß
-ich immer den Atem Ihrer Emsigkeit fühle! Wie in all den andern Jahren,
-haben Sie auch in diesem blutigen Herbste Europas die friedliche Kelle
-nicht aus der Hand gelegt. Schon winkt der Richtkranz, mit bunten
-Bändern geschmückt, über dem neuen Hause, und gewiß ist das Dach
-inzwischen lange vollendet. Wo ist Tobias Buntschuh? Er erscheine! Ich
-habe nach Deutschland geschrieben, daß man mir Ihre Bücher schicken
-soll, und wenn ich schließlich all die papiernen und weisheitsvollen
-Freunde, die sich auch hier in meiner Kiste sammeln, nicht mehr mit mir
-schleppen könnte, nirgends gäbe es so gute Gelegenheit, sie fremden
-Menschen zu Gefährten zu geben, als hier. Oder meinen Sie nicht, daß des
-Tobias Seele auch aus der Bibliothek der deutschen Schule in Bagdad zu
-denen sprechen könnte, die Ohren haben zu hören?
-
-Glauben Sie nicht, daß dieses öde und ausgehungerte Land leer sei an
-edlen und empfängnisreichen Herzen! So begegnete ich eines Abends in
-Aleppo im Hause eines deutschen Kaufmanns der wundersamsten Frau, die
-ich seit Jahren getroffen. Geistreich, liebenswürdig und bestrickend,
-eine heimliche Herrscherin des Landes, war sie weit über die Grenzen
-ihrer Stadt bekannt und hielt selbst die türkischen Behörden in ihrem
-Bann. An dem Tische ihres kleinen, mit den kostbarsten alten Teppichen
-ausgeschmückten Salons, deren buntgeringeltes Ohr unsere Worte trank,
-saß Professor Koldewey, der Entdecker des wiederentstandenen Babylon,
-und der alte Feldmarschall von der Goltz. Und wer, der uns hier
-versammelt sah, hätte glauben mögen, daß draußen vor den Toren der Stadt
-armenische Leichen lagen und daß wir in Asien saßen. Mühsam erhob sich
-der Feldmarschall aus dem tiefen Sessel, um mir die Hand zu reichen. Wie
-rührte mich seine Bescheidenheit, wie sehr beglückte mich der Wohllaut
-seiner Stimme, und oft denke ich, so müßte mein Großvater sein, wenn er
-noch lebte. Ist dies ein altes, unbekanntes Glied der Verwandtschaft,
-mir durch Blut und Gebärde vertraut, nur daß ich ihm nicht früher
-begegnet bin? Immer ergreift Verehrung mein Herz, wenn ich einen
-Menschen schaue und fühle, daß eine starke Seele in diesem Gebäude
-wohnt. So weiß ich mich auch ihm insgeheim verbunden, durch eine
-Sprache, die jenseits aller Worte wohnt, obwohl er der greise, immer
-rüstige und von allen verehrte Feldmarschall ist und ich nur ein
-einfacher Unterleutnant bei seinem Stabe. Aber ist es nicht immer die
-Wahlverwandtschaft unserer Seele gewesen, die stärker als alle Bande des
-Blutes in unserm Leben den Ausschlag gab? Und wird diese Erfahrung Lügen
-gestraft, weil die Wahl des Blutes oft auch die Wahl der Seele ist? So
-fand ich auch Sie, mein verehrter Freund, dessen Liebe und Zartheit mich
-immer wieder beglückt.
-
-Wie gut ist es übrigens, daß ich in Ihrem Hause es so vortrefflich
-gelernt habe, Orangen zu essen, nun da sie so reichlich auf meinen Tisch
-regnen. Oh, ich sehe Sie im abendlichen Lichte des Zimmers das Messer
-schärfen und mit mir über die »Apfelsinen-Seele« plaudern. Unter einem
-halben Dutzend bei jeder Mahlzeit lasse ich nicht mehr mit mir rechten,
-und da ich bei jeder zerschnittenen Schale einmal in Gedanken bei Ihnen
-bin, können Sie leicht an den zehn Fingern Ihrer Hände zählen, wie oft
-ich am Tage an Sie denke.
-
-
-
-
- An die Frau eines im Kriege weilenden Soldaten
-
-
- Bagdad, den 18. Januar 16.
- Diesseits des Flusses.
-
-Wie glücklich ich bin, geliebte Frau. Die Post hat mir gestern so gute
-Briefe gebracht. Und wenn ich jeden abwechselnd in die Hand nähme, so
-wüßte ich nicht, welcher mir schwerer wiegt. Nun stelle Dir vor, wie ich
-meine Kerze entzünde, die in einer kleinen, mit Erde gefüllten Büchse
-steckt, und wie ich in die Kissen gelehnt mit einem alten Federmesser
-langsam die Umschläge aufschneide. Jetzt falte ich den Bogen
-auseinander, ein weißes Gesicht. Aber hier ist einer, auf dem laufen die
-Zeilen Sturm, und wie sie mit Heeresschritten auf mich loseilen, lasse
-ich mich zum neunzigsten Mal erobern, obwohl ich doch eine längst
-eingenommene Festung bin.
-
-Draußen ist eine große Unruhe in der Natur. Die hohen Rizinusstauden vor
-meinem Fenster rascheln mit ihrem dürren Blätterhemd, der Regen rast mit
-eisernen Hufen auf das Dach, und die Schakale heulen und kämpfen mit den
-Hunden wie jeden Abend, wenn sie an den Tigris kommen, um Wasser zu
-trinken. Mein Gesicht aber ist ganz überströmt von Liebe, und ich bin so
-überwältigt, als hättet Ihr alle zugleich Euer Herz auf meine Brust
-gelegt. Ich bin richtig ein wenig müde, daß ich mich zurück auf das
-Krankenbett lehne, um auszuruhen. Nur nichts sagen, nichts reden, dann
-will ich Dir auch gestehen, daß ich wieder krank gewesen bin. Du wirst
-nicht klagen, Geliebte. Soll ich Dich um Verzeihung bitten dafür, daß
-ich krank war? Es ist so wunderbar, wie geduldig ich geworden bin; wo
-ist mein heißes, unzufriedenes Herz geblieben? Und doch weiß ich nicht,
-weshalb die Gifte immer von neuem kommen, um in meinem gemarterten Leibe
-zu wohnen. Oft scheint es mir, als wäre dies eine stille Rache, welche
-die stumme und leidende Natur an uns nimmt. Es ist die Pflanze, die den
-Menschen besiegt.
-
-Zwei Tage vor unserer Ankunft lag ich in der Rohrhütte auf dem Kelek und
-fieberte. Das Floß drehte sich, mein armer Kopf drehte sich, zwei
-Kreisel, die ineinander gingen, endlich erblickte ich durch die offene
-Tür in der hellen Morgensonne den gewundenen Turm von Samara. Am Abend
-waren wir in Bagdad. Als ich aus dem Zuge stieg, fand ich mich unter
-Palmen. Palmen -- dachte ich und daß das Paradies im Schatten ihrer
-Schwerter ruhte. So elend ich war und obwohl eine kalte Nacht vom Flusse
-wehte, empfand ich es doch wie eine tiefe Erquickung, als müßte aus
-ihrem blauen Schatten Kühlung auch auf meine fiebernde Stirne regnen.
-Ich trat in das Haus des Betriebsleiters der Bagdadbahn und fand eine
-deutsche Mutter mit ihren Kindern um die Lampe versammelt. War das nicht
-genug, um allen Schmerz zu vergessen? Wäre ich nicht noch einmal zwanzig
-Tage durch die Wüste gereist, um das Wunder blonder Haare und blauer
-Augen zu schauen? Am nächsten Morgen wurde ich in das Krankenhaus der
-Bahn gebracht. Ich fand ein bereitetes Bett und einen weißgedeckten
-Tisch mit blühenden Astern. Es war der siebenzehnte Dezember und die
-Sonne schien durch die offene Tür.
-
-Hier habe ich gelegen. Weihnachten kam, das Fieber hatte nachgelassen,
-und man sandte mir gebratene Pute, Fisch und blühende Rosen ans Bett.
-Hier war ein kleines Bäumchen aus Kiefernzweigen, zwei Briefe, eine
-Flasche Champagner. Jemand hatte mir eine alte Kaschmirdecke geschenkt,
-die ich auf mein Bett über die Füße breitete, um sie liebevoll immer
-wieder zu betrachten. Mein Auge verlor sich in den Farben ihrer
-verschlungenen Muster wie in den Wegen des lieblichsten Gartens. Die
-Kerzen flammten, ihre kleinen weißen Seelen zitterten mir entgegen, nun
-entfalteten sie ihre Schmetterlingsflügel, und der Duft verbrannter
-Tannenzweige führte mich über so viel Jahre in die Zeiten zurück, da
-noch das Wunder dieser Nacht für mich nicht erloschen war. Dazu aß ich
-die kleinen Lebkuchen, die Du mir geschickt hattest und die ich so lange
-Wochen mit mir durch die Wüste trug. »So viel Liebe! So viel Liebe!«
-dachte ich, und wieder überströmte es mich. Wie viel hatte doch diese
-arme und geschändete Erde noch an Güte zu geben, wie reich war ich! Ja,
-einen Augenblick schien es mir, als wäre die Erde nur darum des Grauens
-und Blutes voll, weil ich allein alle Liebe der Welt im eifersüchtigen
-Herzen verschlossen hielte.
-
-Zwei Tage vor Neujahr stand ich das erste Mal auf. Mit zitternden Füßen
-ging ich um das Haus; aber es war zu viel. In der Nacht überkam mich ein
-neuer Anfall. Gleich einem abgerissenen Fetzen Leinewand flatterte der
-Geist aus diesem schmerzenden, von tausend glühenden Hämmern
-geschlagenen Kopfe davon. Und während nasse Tücher meine Stirn kühlten,
-während ich von helfenden Händen in das Badewasser gehoben wurde, zog
-aus meinem Haupte der Schwarm der Gedanken aus wie die Wolke der
-ungeborenen Geister, die ausbrechend das Haus der Schöpfung verlassen.
-Bis das Morphium kam und die Welt in Musik erlosch. Nie habe ich mich so
-reich an Gestalten gefühlt, nie so viel Pläne zugleich leibhaftig in
-Händen gewogen, wie in den Tagen dieser Krankheit. Ich habe mein Bett
-das »Fieberschiff« getauft und über Meere und Länder die
-abenteuerlichsten Reisen in ihm geführt. Hat schon jemand das Märchen
-des fliegenden Bettes gedichtet? Dann müßte ich es tun.
-
-Wie merkwürdig war dieser Silvesterabend, die seltsamste Fiebernacht
-stieg herauf. Während vierzig Grade meinen Körper siedeten, tanzte der
-Geist lustig auf seinem Seile weiter. Und in aller Klarheit stiegen die
-blutigen Erinnerungen Polens herauf, begann ich ruhig und unberührt
-Verse an Verse zu reihen. Wie habe ich in dieser Nacht das Martyrium des
-Dichters verwünscht! Der Sklave seiner eigenen Gedanken zu sein, die uns
-zertreten! Und doch, welches Wunder umrauschte mich. Sollte das alles
-ungeboren vorübergehen? In einer Nacht erschaut und wieder erloschen?
-Ich zündete die Kerze an, ich stand auf, um mein Tagebuch zu holen, das
-mir gegenüber auf dem Tische lag. Aber die Kräfte verließen mich, und
-die Besinnung verlierend sank ich auf die Steine. Ich mußte den Wärter
-rufen, der mich zurück in die Kissen trug. Frost schüttelte mich, von
-neuem erbrach sich mein Magen, diese Müllgrube verdorbenen Fleisches und
-faulender Pflanzen. Ich ließ mir Tee kochen. »Dies ist mein
-Neujahrs-Punsch,« sagte ich zu meinem Wärter. Es war zwei Uhr morgens,
-und ich wurde der Schmerzen müde. Dennoch gelang es mir, im Grauen des
-Jahres die ersten Zeilen niederzuschreiben. Wachsend hob sich die
-Gestalt, die Nacht hatte es nicht behalten.
-
-Und so blieb es durch alle Tage einer langen und langsamen Genesung. Es
-arbeitete in mir am Tag und in den Nächten, ich lag von einer wohligen
-Musik gewiegt. Und wenn ich aufwachte, begann es von neuem, stellte sich
-als ein fertiges Gebäude vor mich hin. Sollte man eine Krankheit nicht
-segnen, die so reiche Schätze in unsern Händen zurückließ? Wie wunderbar
-sie waren, diese tropischen Träume; hier ist der Vorhof des Todes. Aus
-ungeahnten Tiefen steigt die geläuterte Seele empor, eine süße Stärke
-erfüllt uns. Nun ist es die Stunde der Auferstehung.
-
-Noch liege ich, in tausend neuen Gedanken blätternd wie in einem schönen
-Buch, ehe man es zu lesen beginnt. Deiner gedenkend an den langen
-Abenden, die uns Regen und Stürme bringen, eingehüllt in das warme
-Gewand Deiner Liebe. Noch liege ich, diesseits des Tigris, gegenüber der
-gelobten Küste, im Angesicht von Bagdad, das ich bisher nicht betreten
-habe, und freue mich, wenn ich morgen aufstehen werde, auf den Strom und
-die weißen Häuser und auf die tausend Palmen, unter denen ich wandern
-werde. Wie dankbar bin ich dieser Krankheit, die mich in Ruhe und
-Schlummer eingesponnen, daß ich erneut das Wunder der Wiedergeburt
-schaue, um mit heiterer Seele das Bild dieser Stadt zu empfangen, daß
-nicht ein Körnchen Staubes und nicht die feinste geäderte Zeichnung auf
-der Wange einer alten arabischen Muhme ihrem gereinigten Spiegel
-entgeht.
-
-Noch weiß ich nicht, wie die Tage sich gestalten werden. Wie viel jene
-nächtliche Saat der Träume mir an Früchten zurückließ, wenn ich erst
-wieder mit blassem Gesicht durch die Lazarette wandern werde, um von
-Bett zu Bett abgehauene Gliedmaßen und blutige Verbände in meinen Eimer
-zu sammeln. In diesen Tagen vulkanischer Veränderungen, in denen uns die
-Aussicht zur nächsten Stunde verhängt bleibt und wir immer mehr der
-Bestimmung unseres eigenen Willens entzogen werden, bin auch ich zu
-einem kindlichen Glauben an das Schicksal zurückgekehrt. So sehr ich
-auch fühle, wie mir das Leben liebend entgegenkommt, so sehr empfinde
-ich, daß ich aufgehört habe, selbst der Lenker meiner Tage zu sein.
-
-Wie oft muß ich an einen Abend in Tekrit denken, als ich zwei Tage vor
-unserer Ankunft in den nächtlichen Straßen der Stadt einem lahmen Esel
-begegnete, dessen linker Hinterfuß gebrochen war und auf dessen
-schiefgeheiltem Knochen er wie auf einem Schlitten dahinglitt. Hoch oben
-hing der Mond, eine kühle Lampe, während aus einem Hause leise Musik
-erklang, wo Araber um die Flamme versammelt saßen, ihre Gebete sagend.
-Ich wandte mich um und sah das Tier mir einsam zwischen den verlassenen
-Mauern folgen, auf der staubigen und hartgetretenen Erde vergeblich nach
-Gräsern suchend. O meine Seele, dachte ich, wie sehr gleichst du diesem
-Geschöpf. Immer klingt aus einer verschlossenen Tür süßer Gesang. Aber
-der Weg ist dunkel und niemand weiß, wohin die Straße sich öffnet.
-
-
-
-
- An die Großmutter
-
-
- Bagdad, den 20. Januar 16.
- Im Hause zu den elf Fenstern.
-
-Nun will ich den Stuhl an Deine Seite rücken, Du liebes altes Gesicht.
-So dicht, daß die großmütterlichen Ohren, die so lange in die Welt
-gehorcht haben, sich gar nicht zu bemühen brauchen, mich zu verstehen.
-Nun fühle ich Deine Augen auf meinem Herzen. Sie leuchten mir und wärmen
-mich auch hier, in diesen Tagen, in denen so bittere Kälte heraufsteigt,
-daß ich verwundert in die heimatlich verwandelte Welt schaue, durch die
-der Schnee in schweren Flocken langsam zu Boden flattert, kleine weiße
-Vögel, die die Erde mit ihrem Gefieder decken.
-
-Palmen in Schnee. Wie lange hat das die Stadt nicht mehr gesehen. Die
-hohen Rizinusstauden im Garten brechen mit ihren Wurzeln aus der Erde.
-Der Tigris wirft Wellen wie ein Meer. Die Stadt aber ist ausgestorben;
-hin und wieder schleicht in langen Röcken, mit den bloßen Füßen in der
-aufgeweichten Straße versinkend, ein Araber an der Mauer entlang, das
-Kopftuch um Hals und Wange geschlagen, als litte er an Zahnweh. Der
-Markt steht still. Wer braucht zu kaufen, zu handeln, Lebensmittel feil
-zu bieten, wenn es regnet? An solchen Tagen mußt du zufrieden sein, wenn
-du so viel hast, daß du nicht hungerst.
-
-Die Welt ist hinter den Mauern. Hier sitze auch ich, in einem Hause,
-dessen Wände mich mit Kälte anhauchen (oh, wie will ich seine Kühle
-loben, wenn es erst Sommer ist!). In einem Zimmer, in dem elf hohe
-Fenster mir mit stets gleichem Erfolg die Täuschung vorspiegeln, ich
-säße im Freien. Neben mir steht ein kupfernes Kohlenbecken, in dem
-glimmende Holzasche dampft und mir Kopfschmerzen bereitet, und mein
-arabischer Reitsattel, auf dem ich durch die Wüste nach Mossul geritten
-bin. Ich habe meine kleine Lampe bei mir, die mir schon in Polen den
-Unterstand erhellte, und freue mich, daß sie nun zuweilen des Abends
-wieder meiner Arbeit leuchtet. So sitze ich in Decken und Mäntel gehüllt
-über dieses Papier gebeugt, während hinter den Scheiben mein arabischer
-Diener wartet, mir die Schuhe auszuziehen, mit wenig Hausgerät und
-vielen Teppichen und Schilfmatten unter den Füßen. Denn das Kaufen von
-Teppichen ist gewiß eine ansteckende Krankheit. Aber schließlich sind
-wir allein, und der Teppich ist unser einziger Freund: der Tisch, von
-dem wir speisen, unsere Morgen- und Abendandacht, und das Gedicht, das
-wir nicht müde werden immer von neuem zu lesen. Vor meinen Fenstern
-erheben Palmen ihre stachligen Schöpfe, aus denen sich gegen Abend eine
-Schar von Krähen erhebt, die müde und satt von den Schlachtfeldern von
-Kut el Amara heimkehrten, um jenseits des Tigris über den breiten
-Palmenwäldern, rasselnd, mit den Flügeln gegen die glasharten Blätter
-stoßend, Licht und Sonne verschüttend, eine schwarze Wolke,
-zusammenzuschlagen.
-
-Es ist Abend, die Stunde, da ich von meinen Spaziergängen heimzukehren
-pflegte in Dein Haus. Leuchtet dort nicht die Lampe und ein Tisch mit
-Schinkenbrötchen und Eiern? Heute Mittag war ich traurig, daß keine
-Briefe da waren, aber bedarf es noch eines Wortes? Du bist in mir.
-Langsam fühle ich, wie Du in meinem Blute heraufsteigst, mir die Stirne
-zu streicheln, und neige meinen Kopf über Dich, wie in den Abgrund aller
-Zärtlichkeit.
-
-
-
-
- Ein Vermächtnis in der Wüste
-
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- An Hugo Marcus.
-
- Bagdad, den 1. Febr. 1916.
- Im Jenseits.
-
-Welche Sonne Sie in mein Zimmer gebracht haben, lieber Freund, in diesen
-Tagen, wo Regen täglich sein kummervolles Haupt über die Stadt neigt,
-endlos in die zerfallenen Mauern verlassener Häuser zu weinen. Sie haben
-mir so hohe Worte der Liebe und der Bewunderung gesagt, und nach den
-Tagen des Zweifelns und der Bedenken, die nur ungern aus Ihrer kühlen
-Stirne aufstiegen, weiß ich, daß es mehr ist als die Anerkennung der
-Freundschaft. Sie wissen, wie unentbehrlich mir Ihr Urteil geworden ist,
-als wäre jedes Werk in seinen Zielen verfehlt, das nicht in Ihnen seinen
-Widerhall fände. Wie glücklich ich bin, nichts konnte mich freudiger
-stimmen, als was Sie mir über meine Briefe sagen. Sie wissen, daß ich
-darin immer einen Ausdruck der Seele gesucht habe, daß sie mir als die
-schönste Offenbarung tiefer Menschlichkeit gelten und daß mir dies nicht
-immer gelang. Aber Sie sehen auch, wie wenig es mir um Erfolge des
-Augenblicks zu tun sein kann, wenn ich andere Arbeiten um ihretwillen
-beiseitelege. Auch diese scheinen mir ein Ausdruck desselben Geistes zu
-sein, nicht weniger wahr und heilig, als irgendein künstlerisches
-Gebilde, das unter anderem Namen vor die Augen der Welt geht. Die
-bürgerliche Seele, stets eifersüchtig ihre Rechte wahrend, immer voll
-Furcht, daß ihr eigenes kleines Dasein bloßgelegt werden könnte, wird es
-freilich niemals begreifen, daß unser innerstes Wesen in andern Werken
-nicht minder nackt zur Schau gestellt ist, als in unsern Briefen.
-
-Aber warum sollten wir nicht stets das Beste geben, daß es denen, die
-unsere Liebe verdienen, zum Trost und zum Danke wird? Und sollte es
-einmal dahin kommen, daß ich selbst dazu nicht mehr imstande bin, so
-möchte ich Sie bitten, dieses für mich zu tun. Dieser Brief ist ein
-Vermächtnis. Denn so unglaublich es mir auch selber erscheinen mag, nun,
-da ich zum zweiten Mal in diesem Lande mich von tödlicher Krankheit
-erhebe, von den Erniedrigungen der Gefangenschaft und einer Summe
-undenkbarer Zufälle bedroht, täglich in der Luft gifterfüllter Lazarette
-von unsichtbaren Gefahren umgeben, inmitten einer Wüste, die auf endlose
-Meilen den Atem ihrer Verwesung erhebt, das Aas von gefallenem Vieh und
-menschliche Leichen bis vor die Tore der Stadt werfend, muß auch ich
-daran denken, daß das Schicksal von tausend Hoffnungen immer nur eine
-zum Ziele führt. Ich habe den Tod eines Schaffenden immer als ein
-Verbrechen gegen das keimende Leben empfunden, und so oft ich in diesem
-Kriege davon hörte, ergriff mich jenes widerwärtige Gefühl, das uns
-stets berührt, wenn wir von der Ermordung schwangerer Frauen hören. Wie?
-fragte ich mich, als man mir in den Tagen der Wiedergenesung erzählte,
-daß ich in Gefahr geschwebt hätte, dieses lebendigste Leben wäre das
-Rauschen des letzten Ufers gewesen? Nie habe ich mich dem Tode so ferne
-gefühlt, und noch in diesen Wochen, als ich in der Wüste durch die Lager
-armenischer Flüchtlinge ging und sie ihre Toten begraben sah, war mir,
-als ginge ich nur hindurch als der Abgesandte einer anderen Welt, um
-heimgekehrt aus der Hölle des Tages die Botschaft ewiger Liebe zu
-verkünden.
-
-Aber wie sollte die Zeit, dieses menschenfressende Ungeheuer, an dessen
-knochenbedecktem Tische ich nun so lange Monate saß, zurückschrecken vor
-einem Geheimnis, vor dem selbst noch die französische Revolution
-gezögert hat? Und vielleicht werden Sie doch eines hellen Frühlingstages
-sich auf die Bahn setzen, um in jene wälderumrauschte Stadt zu fahren,
-aus der noch einen Monat vor dem Kriege so viele Blätter auf den
-Schreibtisch Ihres Zimmers regneten. Und Sie werden in das Haus dieser
-alten Frau treten, von der ich Ihnen oftmals erzählte und deren Augen
-verklärt sind von dem zartesten Blau, das ich kenne, das auch Sie
-vielleicht einmal für Sekunden erblickten, wenn im Süden am Abend nach
-dem Regen eine Wolke sich teilte und das Herz des Himmels uns offen lag.
-Sie werden den breiten Schreibtisch betrachten, an dem ich gearbeitet
-habe und der unbebaut liegt, wie der Boden dieses verruchten Landes.
-Solche Tische haben ihre Geschichte. Auf diesem wurden einst Windeln
-gelegt und Wäsche gebreitet, und auch ich selbst habe darauf gelegen.
-Aber wann war es doch? Habe ich nicht schon damals aus einem Winkel
-dieses Zimmers mir zugeschaut, ehe ich selbst daran saß, um gequält von
-tausend feurigen Zweifeln und Begierden des Herzens das Unsagbare in
-Worte zu fassen? Oh, vergessen Sie nie, daß dieses der Tisch ist, dessen
-Schublade eine eifersüchtige Großmutter mit einem Nagel verschloß, um
-das Geheimnis ihres Enkels zu wahren, weil sein eigener Vater zwei
-Nächte in diesem Raume schlief. Und man wird Sie in das Schlafzimmer
-meiner Großmutter führen, wo neben ihrem Bette jene hochwandige Kiste
-steht, in der meine Papiere versammelt liegen, und die ich noch selber
-beim Tischler bestellt habe, ehe ich das letzte Mal hinauszog. Und Sie
-werden ein wenig verwundert vielleicht zwischen all den Zeitungen und
-liegen gebliebenen Schriftstücken sitzen, in jenem Zimmer, das in die
-zerflossenen Blätter eichener Bäume sieht und bei denen die geliebte
-Frau jeden Tag eine Stunde der Erinnerung verbrachte, sich mit den
-Resten meiner angefangenen Arbeiten zu schaffen machend, sie glättend,
-ordnend, überdenkend immer von neuem beiseite zu legen, jeden Abend,
-seit ich fortging in die Fremde. Sie werden darin meine Tagebücher,
-eigene und fremde Briefe seit meinen Knabenjahren, französische
-Zeitungen und Erinnerungen an Algier, Bilder aus der Levante und
-Sizilien und kleine Andenken aus russischen Schützengräben finden, denn
-ich bin Zeit meines Lebens ein Hamster gewesen und habe immer gesammelt
-und gesammelt, weil ich nie genug zu haben glaubte für das Werk, dessen
-weite Linien ich vor mir sah, als eine Arbeit für spätere Jahre. Dieser
-Haufen Papier, mit Bleistift und Tinte unleserlich beschrieben, ist
-alles, was ich hinterlasse. Ihrer liebenden Willkür vermache ich, was
-Sie immer damit tun wollen, mögen Sie das Beste und Wahrhaftigste der
-Gunst und dem Hasse der Menge preisgeben und geschähe es auch nur Ihnen
-zuliebe. Sind doch schließlich in diesen Seiten die Dokumente eines
-Dichters enthalten, wenn ich mir auch bewußt bin, daß selbst Ihnen viele
-davon Noten bleiben müssen, die Sie nicht spielen können, weil ich
-allein den Schlüssel besitze (o wie bedaure ich jetzt das gute
-Gedächtnis), und die jenen unentzifferten assyrischen Inschriften
-gleichen, die wir zuweilen auf alten Tonziegeln im Sande des Tigris
-finden.
-
-Geld habe ich keines zu vergeben. Ich bin immer ein Schuldner der andern
-gewesen, und jene wenigen Sparpfennige, die meine Mutter für mich mit
-rührender Geduld seit meiner Kindheit gesammelt hat, sind eine
-Opfergabe, die ich mich immer gescheut habe, aus ihren Händen zu nehmen.
-Schließlich bleibt meine Wohnung, dieser Tempel kindlicher
-Glückseligkeit, die am Rande Berlins wie in einer Totenkammer
-aufgespeichert liegt und die an meine Eltern und Brüder zurückfallen
-soll. Nur mein Schlafzimmer, dieser zwiefache Schmuckkasten, möge in die
-Hände jener ruhelosen Schauspielerin wandern, die wie ein Raffael ohne
-Arme geboren wurde und deren Namen an dieser Stelle auszusprechen ich
-mich scheue. Aber wer wird je diese Möbel so lieben und anbeten wie ich?
-Wer wird so Erinnerungen in sie verweben und ihre Märchen kennen wie
-ich? Nicht einmal jene kleine dämonische Seele, für die ich sie unter
-Mühsal und Entbehrungen zusammensuchte und die ich nach so bitteren
-Erkenntnissen der Einsamkeit und dem Begehren fremder Männer preisgab.
-Von meinen zahlreichen Büchern endlich sollen Sie, lieber Freund, sich
-die Werke Charles Louis Philippes nehmen, den ich so sehr geliebt habe.
-Den Rest aber möchte ich so verteilt sehen, daß jeder meiner Freunde
-etwas davon erhält.
-
-Wenn Sie mit liebender Hand diese Dinge aus ihrer Verborgenheit heben,
-werde ich freilich nicht mehr dabei sein, und ich möchte wohl, daß man
-mich auf ihrem Scheiterhaufen verbrennt, denn diese Bücher sind mir
-allezeit gute Freunde gewesen, immer bereite Pferde, auf denen ich in
-das Land unerfüllter Hoffnungen ritt, und diese Möbel, heroische
-Schicksalsgenossen, verdienten es wohl, daß man sie wie treue Frauen am
-Holzstoß der gefallenen Helden an meinem Sarge verbrennt. Es wäre meinem
-Leben gewiß nicht unangemessen, so auf der Wanderung zu verscheiden, und
-ich möchte wohl, daß man meine Asche in alle Winde streute, daß sie ruhe
-auf den vier Straßen des Lebens, auf denen ich so viele Jahre meiner
-Jugend verbrachte. Nur mein Herz möge man in eine Kapsel schließen, es
-noch einmal in Eure Nähe zu bringen, die ich so sehr geliebt habe.
-Dieses Herz, das immer der Kompaß meines Geistes gewesen ist,
-vielleicht, daß es in Euren Händen noch einmal zu schlagen begänne, wie
-zuweilen der erstarrte Vogel in der Hand des Gärtners warm wird und zu
-singen anhebt.
-
-Übrigens glauben Sie nicht, daß ich aus Ihrer Mitte verschwinden werde.
-Eines Tages, wenn Sie sich die Schnürsenkel binden, will ich aus der
-Spitze Ihrer abgetragenen Schuhe hervorsehen. Vielleicht finden Sie mich
-auf dem Pflaster des Nollendorfplatzes in einem verlorenen Hausschlüssel
-wieder, der zwischen Pferdedung und von den Rädern der Wagen verbogen
-auf die Steine fiel. In einem Warenhause werde ich aus dem Wassersturze
-der Dinge über Sie herfallen. Vielleicht leuchte ich Ihnen in zehn
-Jahren aus den Augen eines Jünglings wider, der in irgendeinem Saale
-dieser maßlosen Stadt ewige Verse in eine unberührte Menge hinabwirft;
-denn wie könnte ich je glauben, daß das Werk, für das ich glühte, um
-dessentwillen ich Heimat und Geliebte verließ, unvollendet verloren
-ginge -- oh, dann lieben Sie ihn, wie Sie mich geliebt haben, mit dem
-Ernst und den Erfahrungen Ihres Alters! Wie könnte ich glauben, daß ich,
-ein kosmopolitisches Känguruh, in der Wüste mit dem vollen Beutel
-verfaulen sollte, in den ich so fremdartige und kostbare Schätze häufte,
-daß die Sendung unerfüllt bliebe, für die auch ich nur ein Sendling war
-und die der Zufall nur in eine ebenso herrische wie demütige Seele warf.
-Denn ich habe immer die tiefe Überzeugung gefühlt, daß der Tod, so oft
-und gern ich ihm Freund und Gefährte war, mich erst treffen würde, wenn
-das Werk in sichtbarer Vollendung sich von mir gelöst hat, wenn ich nach
-so langen Jahren des drohnenhaften Umherirrens, am Glücke und am Elend
-des Menschen saugend, endlich das Fegefeuer dieser brennenden Zeit
-durchflogen hätte, sei es auch, um aus dem Taumel seligster
-Schaffenslust mit zerschmettertem Haupt auf die Erde zu stürzen, nachdem
-ich den Keim in die ewige Seele der Menschheit gelegt hätte, die das
-kostbare Gut in ihrem Innern bergend aus den Kampflüften der Geister
-heimkehrte in das Haus des Fleißes, zu den fiebernden Brücken der
-Begierde, in den schwermütigen Gesang der Arbeit.
-
-Aber wohin verliere ich mich, Geliebter? Noch brennt die Sonne, noch
-breiten vor meinem Fenster Palmen ihre stachligen Schöpfe, die, wie
-grüne Raketen auseinanderfallend, in der blauen Luft erstarrt sind. Noch
-zieht, von Frühlingswassern umspült, die Wüste einen blühenden Teppich
-um ihre alternden Füße. Noch lebe ich, am Nabel der Welt, in die Rätsel
-buntester Völker geworfen, grüßt unendliche Auferstehung den gemarterten
-Leib, noch höre ich Ihre Stimme an meinem Ohr, fühle, von heiterstem
-Glücke durchströmt, Ihre Hände auf meinem Herzen.
-
- Ihre Drohne, die Lieblingsdrohne der Königin.
-
-
-
-
- An eine Freundin
-
-
- Bagdad, Abdul Achad,
- den 25. Februar 1916.
-
-Man merkt kaum, daß die Zeit weitergeht, meine Liebe, so lautlos
-streicht jedes Gesicht an uns vorüber. Gestern erhielt ich Deinen Brief
-vom zwanzigsten Dezember. Habe ich denn damals schon gelebt? Ich begann
-ihn zu lesen, als ich in das Boot stieg, um über den Tigris zu fahren,
-wenn ich im Kahn nicht damit fertig wurde, wollte ich ihn am Ufer zu
-Ende lesen. Aber wir hatten kaum die Mitte des Stromes erreicht, da war
-der Brief aus, und ich fragte mich: war Dein Schreiben so kurz (es hatte
-doch sechs Seiten), war der Tigris so breit, oder hatte ich zu schnell
-gelesen? ... So verhungert sind wir hier draußen.
-
-Dabei lächelt der Himmel warm durch die Glaswände meines Hauses. Ich
-blicke über den Zaun in die Palmen und auf den Hof einer arabischen
-Wagenhalterei. Auf den Dächern der Pferdeställe wird jeden Tag der
-frische Dung ausgebreitet, um in der Sonne gedörrt als Brennstoff
-verkauft zu werden. Ein junger Araber hat den Tag über nichts zu tun,
-als mit den nackten Füßen langsam durch diese Materie zu laufen und sie
-umzuwenden. Wenn ich am Schreibtisch sitze, schaue ich ihm bei seiner
-Arbeit zu.
-
-An den Ufern des Flusses liegen die Hospitäler, Konsulate, Hotels, in
-denen man die hölzernen Betten der Verwundeten aufgestellt hat. Luftige
-Terrassen, auf deren weißen Fähnchen der rote Halbmond, ein blutiger
-Fleck, leuchtet. Hier kommen die Dampfer von Kut el Amara herab, ihre
-traurige Last an das Ufer zu werfen. Glitzernd hebt sich der Strom, eine
-weiße Straße des Todes. Hier liegt Abdul Achad, das Lazarett, in dem wir
-arbeiten, ein arabisches Hotel mit zweihundert verwundeten Soldaten.
-Unsere Krankenpfleger sind Eseltreiber und Lastträger der Straße. In
-unserem Operationssaal fanden wir nicht mehr als eine rostige Schere,
-zwei Klemmen und eine Sonde. Die durchgeeiterten Binden müssen stets von
-neuem verwandt werden, und wir sind glücklich, genug ungereinigte
-Baumwolle zu haben, die im Lande wächst. Die Wunden sind fast alle
-verschmutzt oder vernachlässigt, und viele sterben an Blutvergiftung
-dahin. Der Dienst ist anstrengend; aber unser Stabsarzt ist der
-liebenswerteste Vorgesetzte und Kamerad. Ich habe darin ein so großes
-Glück gehabt.
-
-Die Luft ist milde, und es wird täglich wärmer, doch jedermann spricht
-mit Schrecken vom Sommer, den wir hier an einem der heißesten Teile der
-Erde am Tag in den Kellern und des Nachts auf den Dächern verleben
-werden. Fast immer finde ich am Abend eine Stunde Zeit, in der Dämmerung
-in das bunte Gewühl arabischer Stadtviertel und Basare zu tauchen. Stets
-erfüllen heitere Pläne meine Seele, fremde Geheimnisse verführen und
-reizen mich. Dazu verdanke ich der Güte des Feldmarschalls ein höheres
-Abzeichen der Uniform; ich trage den Rang eines Sanitätsunterleutnants
-und bin dem Stabe der sechsten Armee zugeteilt. Du solltest mich nur
-sehen in meinem moosgrünen Waffenrock, mit violettem Sammetaufschlag und
-Silberborten, wenn ich mit einem »Grüß Gott, Soldat« am Morgen in das
-Lazarett trete.
-
-Leb wohl -- müßte ich nicht täglich zehn Liter Eiter riechen und den
-Pestgeruch der bis zum Skelett abgemagerten ruhrkranken Soldaten, so
-wäre das Leben fast vollkommen zu nennen.
-
-Frühling, ach wie du mich rührst ....
-
-
-
-
- Brief an die Mütter
-
-
- Bagdad, am Nabel der Welt,
- den 29. März 1916.
-
-Daß ich noch bin, Ihr geliebten Mütter, daß diese Erde noch unter mir
-ist und meinen Füßen nicht nachgibt, daß diese Zeilen den Herzschlag
-meines Atmens zu Euch hinübertragen, wie kann ich es ausdrücken, daß es
-mich so stark bewegt! Nie habe ich das Rauschen des Todes, seine Stille,
-sein kaltes Lächeln so vernehmbar gefühlt wie in diesen Tagen, und oft
-frage ich mich: darf ich noch leben? habe ich noch ein Recht zu atmen,
-Pläne zu tragen für ferne, fabelhaft unwirkliche Jahre, wenn so viele
-tote Augen um mich wie ein Abgrund gestellt sind?
-
-Am 10. März starb unser Stabsarzt plötzlich am Fleckfieber, und noch
-jetzt, Wochen später, erfüllt mich oft eine minutenlange Erregung, die
-mir Ruhe und Besinnung nimmt, zu erzählen. Seit vielen Monaten
-durchzieht eine verheerende Krankheit dieses maßlose, selbstvergessene
-Land. Die türkischen Soldaten haben sie aus den Städten Syriens und
-Kleinasiens durch die Steppe herübergetragen, und die Rache des
-armenischen Volkes, dessen faulende Leiber jeden Weg der Wüste bedecken,
-streckt ihre würgende Hand immer tiefer in die Häuser, in die
-Hospitäler, in die Zeltlager der Lebenden hinein. Noch sehe ich diesen
-völlig mit kleinen blauroten Punkten bedeckten Körper vor mir, den der
-Stabsarzt nichts ahnend wegen einer ungefährlichen Verwundung an meiner
-Seite entkleidete, um kurze Zeit darauf selber an einer eitrigen
-Halsentzündung zu erkranken. Schon nach wenigen Tagen fand ich ihn
-abgemagert und durch eine hinzugetretene Ruhr so entkräftet, daß er
-nicht mehr fähig war, alleine den Kopf zu heben.
-
-Ich ließ mein Bett in seinem Zimmer aufschlagen, und nun begannen jene
-ruhelosen Tage und Nächte, die mich bis zu seinem Tode nicht mehr von
-seiner Seite ließen. Nie werde ich diese einsamen Nächte vergessen, in
-denen alle Sehnsucht des südlichen Frühlings mit den Schmerzen des Todes
-und der Bitterkeit der Fremde gemischt war. Vor mir zu Füßen des
-Krankenbettes stand die abgeblendete Laterne, einen schwachen Lichtkreis
-über die Steinfliesen verbreitend, der sich leise in dem künstlichen
-Himmel der Decke spiegelte, die mit persischer Glasarbeit ausgelegt war
-und deren Achtecke sich glitzernd ineinander verschoben. Ich starrte auf
-den niedrig geschraubten Docht und hörte auf das röchelnde Atmen des
-Kranken, der einen Schleimkloß im Munde wälzte, von dem er vergeblich
-versuchte, sich zu befreien. Raschelnd jagten die Ratten über mir durch
-die hölzerne Täfelung der Decke. Dann stand ich auf, um den Kranken aus
-dem Bett zu heben, der infolge einer nervösen Störung nicht fähig war,
-im Liegen Wasser zu lassen. Und in der einen Hand das Geschirr haltend,
-in der andern seinen schweren, völlig willenlosen Körper, schwankte ich
-atemlos, bis wir beide völlig erschöpft waren und auf unsern Stirnen der
-Schweiß ausbrach.
-
-Wenn der Kranke zu schlafen schien, trat ich einen Augenblick auf die
-Terrasse des Hofes, in dem ein weitästiger Baum seine ersten Knospen
-entfaltete und an dessen Rande eine Reihe verschlossener Zimmer lag, die
-einst die Frauengemächer eines reichen Muhammedaners gewesen waren. Der
-Sternenhimmel blickte durch den viereckigen Ausschnitt des Hofes, ich
-stieg auf das Dach, den umgekehrten Wagen, den Sirius und den Mars zu
-betrachten, der einen rötlichen Schimmer trug. Plötzlich trat ich auf
-etwas Weiches, ich bückte mich und sah ein paar dunkle, von den Sternen
-schwach beleuchtete Grasbüschel, und merkwürdig, ich dachte: von allen
-Erlebnissen dieser Tage wird vielleicht einst nur diese kleine Grasnarbe
-auf dem lehmgehärteten Dach des zerfallenen Frauenhauses greifbar in
-deinem Gedächtnis zurückbleiben, aber dieser eine Blick wird auch alle
-bittere Wehmut der Stunden enthalten.
-
-Als ich wieder in das Zimmer trat, war dem Kranken, der mich rufen
-wollte, die kleine Kamelglocke aus den Fingern geglitten, und mit
-schwacher Stimme versuchte er mir zu erzählen, daß eine Ratte von der
-Decke ins Zimmer gefallen wäre. Wieder setzte ich mich an seine Seite.
-Eine Katze trat lautlos in das Zimmer, erschrak, als sie mich erblickte,
-ging wieder hinaus. So kam der Morgen, der das Abbild der Nächte war.
-Ich wußte nicht mehr, daß draußen ein Tag und die Geschäftigkeit fremden
-Lebens war. Atemlos ging ich hinter diesem Bette her, Umschläge
-erneuernd, Arzeneien, Milch und Suppe reichend, die der Kranke mit dem
-Geräusch der Erstickung über die Kissen ausbrach, waschend, die
-Bettlaken zurechtlegend, und mir war, als entfernte sich dieses Bett mit
-immer größerer Schnelligkeit von mir, mich zu immer schnellerem Laufe
-anspornend.
-
-Einmal bat mich der Stabsarzt, ihm etwas vorzulesen. Ich hatte Hauffs
-Märchen mitgebracht, die er sehr liebte, und las ihm die Geschichte vom
-Kalifen Storch vor; aber bald war er so schwach, daß er die Lippen kaum
-noch bewegen konnte. Am vierten Tage traten an den Weichen die kleinen
-blauroten Flecken auf. Vergeblich versuchte der Kranke immer wieder,
-etwas zu sagen; es war nicht mehr möglich, ihn zu verstehen. Die
-trockenen, schorfbedeckten Lippen blieben tonlos, während er
-verzweiflungsvoll den Kopf zur Seite schüttelte, und nur seine schönen
-blauen Augen glänzten noch zu mir auf. Am siebenten Tage begann der Puls
-plötzlich zu fallen, und er fiel in der kurzen Zeit, während wir im
-Nebenzimmer zu Mittag speisten, mit einer solchen Geschwindigkeit, daß
-es den Ärzten, die ihm noch eine Einspritzung in die Venen geben
-wollten, nicht mehr möglich war, diese zu finden. Drei Stunden später
-fuhr der letzte Atem mit einem widerlichen Geräusch, glucksend wie
-Spülwasser, aus dem Munde des Sterbenden aus. Die Ärzte standen
-schweigend. Schmerz würgte mich an der Kehle. Ich hatte ihn geliebt, der
-mir mehr Freund als Gebieter gewesen, glücklich, einem Berater zur Seite
-zu stehen, dessen geistige Sehweite, dessen künstlerisches und
-wissenschaftliches Vermögen das der anderen Offiziere so weit übertraf.
-Ich drückte ihm die Augen zu, zog ihm das Laken über das Gesicht.
-
-Wir traten hinaus. Im Hofe stand eine prächtige Stute, die mit dem Fuß
-in ein Loch der Wasserleitung getreten war und sich verletzt hatte. »Das
-schöne Pferd!« sagte der Stabsarzt der Marine, ärgerlich mit dem Fuße
-aufstampfend; aber wie merkwürdig erschien mir in diesem Augenblick sein
-Wort, das doch gewiß nicht weniger von Sorgfalt um ein lebendes Wesen
-erfüllt war. Die bunte Menge des Basars umdrängte uns. Der herrlichste
-Frühlingsnachmittag stand über der Stadt. Hatte ich je gelebt? Wieviel
-Jahre hatte ich im Gefängnis gesessen? Wir nahmen ein Boot und fuhren
-den Tigris hinunter, um dem Konsul den Tod des Arztes zu melden. Helle
-Sonne traf die bewegten Wellen des Flusses am Ufer. Mitten auf der
-Straße blieb ich stehen, betäubt von Licht und dem Gefühl des Lebens:
-daß ich noch bin! daß die Erde noch mein ist!
-
-Als wir heimkehrten, erschrak ich vor der plötzlichen Dunkelheit des
-Zimmers, in dem jede Nacht die Laterne gebrannt hatte. Mit
-trostbedürftigen Seelen, an die Härte eines unerbittlichen Daseins
-gewöhnt, leerten wir die Flasche Wein, die ich noch am Morgen für den
-Kranken geöffnet hatte. Spät in der Nacht kamen die Juden, alte Männer
-mit weißen Bärten, um in einer hölzernen Kiste den Leichnam zu holen,
-der nach dem Ritus begraben werden sollte. Murmelnd, von einer Laterne
-begleitet, den Sarg auf dem Rücken, verschwanden sie in der finsteren
-Gasse. In der Nacht konnte ich nicht schlafen, und schweißbedeckt, bis
-zum Äußersten erregt, wälzte ich mich in den heißen Decken, während
-widerwillig ohne Aufhören die Frage an mein Ohr brandete: wann du? wann
-du?
-
-Am nächsten Morgen ging ich in die israelitische Schule. In einem
-Kellergewölbe, völlig entkleidet, lag auf der bloßen Erde der Leichnam.
-Ein Schweißtuch war um die Stirn gebunden, und zwei Steine lagen zu
-beiden Seiten des Kopfes. Mitten auf die Brust des Toten aber, die mit
-einem langen Leinentuch bedeckt war, hatte man zur Wegzehrung ein
-abgebrochenes Stück arabischen Brotes gelegt. Ein zerlumpter Jude, in
-die Fetzen seines Gewandes gehüllt, kauerte die Wache haltend neben dem
-Leichnam, und im Winkel des Raumes lag ein zusammengekehrtes Häufchen
-Schmutz. Rührung ergriff mich vor der erschütternden Schlichtheit des
-Bildes, und immer wieder blickte ich auf diesen kümmerlichen Bissen
-Brot, der mir das Sinnbild alles menschlichen Jammers und Elends zu sein
-schien.
-
-Zwei Stunden nach Sonnenuntergang begann das Begräbnis. Im Hof der
-Synagoge stand der Sarg aufgebahrt. Zwanzig alte Juden sangen mit
-klagender Stimme einen hebräischen Psalm. Dahinter standen die deutschen
-Offiziere, Rabbiner und Würdenträger der Stadt, brennende Kerzen in der
-Hand haltend. Die Kawassen eröffneten den Zug, ihnen folgten die Schulen
-und die hohe Gemeinschaft der Rabbiner. Der Sarg wurde von den Schultern
-jüdischer Bürger getragen, dahinter schritten der Großrabbiner, die
-Vertreter des Stabes des Feldmarschalls, der Wali, die geistlichen und
-weltlichen muhammedanischen Behörden, deutsche und türkische Offiziere
-und Soldaten mit zur Erde gekehrten Waffen. Zwanzigtausend Juden
-begleiteten den Zug, während hochgeschwungene Fackeln die Finsternis
-erleuchteten, von denen der Wind Funken und brennendes Werg über die
-Köpfe des Trauergefolges hinwegwehte. Unmittelbar hinter dem Sarge
-schritt ich selber, das Kissen mit den Orden des Toten tragend, und ich
-dachte die ganze Strecke des Weges: wenn Ihr mich so schauen könntet,
-wie ich, übernächtigt, die hohe Lammfellmütze auf dem Kopf und von dem
-gelben Licht der Fackeln beleuchtet, hinter dem Sarge hinschreite,
-welchen Trost würde der warme Herzschlag Eurer Liebe mir bereiten!
-
-Die Fenster aller Häuser waren von Menschen erfüllt, in den
-Seitenstraßen und auf den Dächern drängte sich die Menge. Sobald der
-Sarg vor ihren Blicken erschien, durchzog ein ungeheures Klagen die
-Luft. Die Männer schlugen sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, die
-Frauen begannen jammernd und heulend an ihren Haaren zu raufen, schlugen
-sich gegen die Brüste, zerfetzten die Kleider, und von den Dächern wogte
-ihr Klagegesang in die Nacht hinab. Dicht vor meinen Füßen aber riß, bis
-zum Wahnsinn erregt, sich die wütende Menge unter den Kolbenschlägen der
-Soldaten darum, ein Stück des Weges den Sarg zu tragen, der, von dem
-Lichte der Fackeln umflossen, hoch über den Häuptern des Volkes erhoben
-die unendlich schmale Gasse dahinschwebte. Endlich öffnete sich das
-Feld, die Menge flutete auseinander, und ein kühler Wind strich aus der
-Wüste her. Halsbrecherisch stolperten wir im Dunkel über Hügel und
-Gräben. In Grabtücher gehüllt, versank der Leichnam, von den
-verlöschenden Lichtern beleuchtet, und während ich an der offenen Grube
-dem Toten einige Worte nachrief, wurde er in der Tiefe mit gebrannten
-Tonziegeln übermauert. Sturm wehte und ein heftiger Regen begann zu
-stürzen, als wir endlich im Dunkel aus der Wüste nach Hause tappten. --
-
-Wieviel Tage seitdem verflossen sind, ich weiß es nicht mehr. Ich ging
-in einem Traume dahin. Denn mag es auch nicht unrühmlicher sein, wie ein
-kranker Baum an Händen und Füßen mit Schutzringen umgeben, im Dunkel
-fiebererfüllter Hospitäler von Ungeziefer gebissen zu werden und daran
-zu sterben, als an der Wut unvernünftigen Eisens zu verbluten, so würde
-es doch meiner Aufgabe wenig entsprechen. Und während der widerliche
-süße Geruch der Medikamente und faulenden Wunden alle Räume des
-Lazarettes erfüllt, während ich auf dem Dampfer den Tigris von Kut el
-Amara hinauffahre, um zu sehen, wie an jeder Landungsstelle neue Tote an
-das Ufer gebracht werden, während ich immer wieder erlebe, wie an meiner
-Seite die Sterbenden die Maske des Todes auf ihr Gesicht setzen,
-überkommt mich zuweilen eine stumme und wilde Verzweiflung: genug!
-genug! einmal auch etwas anderes zu sehen als Schmerz, Eiter und Wunden!
-Lohnt es denn zu leben in einer Welt, die von nichts als dem Atem der
-Verwesung erfüllt ist? Lohnt es denn noch zu sterben in einer Zeit, wo
-selbst der Tod unwichtig oder billig geworden ist wie eine geringe
-Münze?
-
-Draußen steht der Frühling und hat noch den Staub der Wüste mit einem
-grünen Mantel bedeckt. Die Schwalben flattern bis in unseren
-Operationssaal, so dicht über unseren Köpfen, daß ihr Flügel zuweilen
-den entblößten Leib der Gemarterten streift. Das Hochwasser hat alle
-Palmengärten mit plätschernden Bächen erfüllt. Zitronen und Mandarinen
-duften schwermütig und berauschend, Wiesenschaumkraut und Sumpfdotter
-blühen. Und zuweilen, wenn der Südsturm über die Palmengärten fährt, die
-langen Blätter der Schöpfe wie aufgelöstes Frauenhaar über ihren Nacken
-werfend, setze ich mich an den Fuß der alten Lehmmauern und schließe die
-Augen. Dann ist mir, als hörte ich das Rauschen der deutschen Wälder
-wieder und sehe das Laub der Eichenbäume in der Sonne erzittern. Die
-Frösche quaken, und das Heimchen zirpt in der Wüste, und mir ist, als
-sähe ich Euch, Ihr geliebten Mütter, den Weg heraufkommen, ein altes und
-ein alterndes Gesicht. Ich küsse das weiße Haar Eurer Schläfen und
-schaue in die blaue Güte Eurer Augen, die mich beschützt hat in allem
-Unheil dieser Tage, und die mir hilft, das Werk zu Ende zu tragen, das
-mir alleine zu schwer ist.
-
-
-
-
- Letzter Brief an die Eltern, Brüder, Freunde, Mitmenschen und
- Geliebten[1]
-
-
- Bagdad, den 18. April 1916.
-
-Jeden Morgen, wenn die Sonne aufging, Ihr Geliebten, fragte ich mich
-erstaunt: wie? du lebst noch? Und ich fühlte es stündlich, daß auch über
-meinem Wege eine gefällte Palme lag.
-
-Seit zehn Tagen ist der Feldmarschall an Fleckfieber erkrankt. Eine
-Woche pflegte ich ihn, fühlte seine zitternden Arme in den meinen, sah
-in jenem kartenbehängten Zimmer, in dem sie sein Bett aufgeschlagen
-haben, aus den Kissen die rührenden Blicke seiner Geduld und Güte
-leuchten, die noch immer die Welt mit Wissen und alter Liebe zu umfangen
-schienen. Am siebenten Tage fand ich bei der Heimkehr in meiner Wäsche
-jenes kleine blutgefüllte Tier, das nun seit Monaten schon für uns das
-Sinnbild des Todes bedeutet, und das der bekannte Überträger des
-Fleckfiebers ist. Seit jenem Tage wußte ich, wie es um mich stand, und
-während mich noch die Angst um dieses greise Leben mit Bangen erfüllte,
-sah ich die eigene Jugend an den Rand der Vernichtung gestellt. Wenn ich
-des Abends den Tigris hinunterblickte, an dessen Ufern Fischer eine
-Seffineh stromaufwärts treidelten, immer dachte ich: wie schön ist es,
-ihren Gesang noch einmal zu hören! Und ich sah den Arabern zu, die in
-einer Kuffe über den Strom fuhren, und dachte: betrachte es recht -- so
-setzen sie ihre kleinen Ruder ins Wasser, so wirbelt die Flut hinter
-ihnen her. Gestern stieg ich in der Finsternis auf das Dach, den Mond zu
-betrachten, und zu jeder Stunde sagte ich mir: nimm noch zwei Augen voll
-Schönheit mit in die Dunkelheit.
-
-[Fußnote 1: Dieser Brief wurde zu Beginn einer schweren Erkrankung
-geschrieben, als der Verfasser nach menschlichem Ermessen damit rechnen
-mußte, nicht wieder zu gesunden.]
-
-Heute mittag, nachdem ich die Nacht unter Erbrechen und grauenvollem
-Kopfschmerz zubrachte, trat das erste Fieber bei mir auf, das schnell zu
-steigen beginnt. Seitdem kann für mich kein Zweifel mehr gelten, mein
-durch so viele Krankheiten geschwächter Körper, mein allzu beflügeltes
-Herz wird diesem neuen Ansturm nicht widerstehen. Aber seitdem ich diese
-feste Gewißheit habe, nach all den nächtelangen Zweifeln der vergangenen
-Tage, kommt fast eine stille Heiterkeit über mich. Auch der Tod ist nur
-eine Gedankenüberlegung, eine andere Art zu leben. Wer ihn erst geistig
-überwand, den kann er nicht mehr erschrecken. Der Reiz des Daseins hat
-für mich immer darin bestanden, daß es einmal mit dem Tode endet. Nicht
-an dieser Stelle habe ich ihn erwartet, aber auch hier soll er
-willkommen sein.
-
-Hinter mir steht mein arabischer Diener, er hat Blumen in mein Zimmer
-gestellt und erwartet ein Lob, aber ich achte nicht auf ihn und seinen
-schüchternen Versuch, mir Gutes zu tun, so sehr bin ich von dem Gedanken
-des Sterbens erfüllt. Es ist vier Uhr nachmittags, draußen blühen die
-Palmen in gelben Dolden, der hellste Sommer steht über dem Land, und ich
-beeile mich, die letzten Stunden, da ich noch klar bin, Abschied von
-Euch zu nehmen. Denn bald werde auch ich daliegen, wie ich so viele
-gesehen habe, meiner selbst nicht mächtig, von furchtbaren Zuckungen
-erschüttert, der Sprache beraubt, und mit blicklosen Augen, die ihre
-Welt nicht mehr kennen. Losgerissen wird meine Seele durch alle Räume
-der Erde flattern, als triebe ich im Südsturm, der die Wellen des Tigris
-auftürmt, auf einer führerlosen Kuffe, inmitten des wütenden Stromes
-ganz alleine durch die unendliche Verlassenheit dieses Landes dem Meere
-zu, dessen Rauschen mich mit Gesang begrüßt.
-
-Aber vom Tode umschattet, hebe ich noch einmal aus den Tiefen meiner
-Seele das Bild Eurer Gesichter, langsam wie man aus dem Grunde
-verschütteter Städte die Reste alter Tempelmauern und Wohnstätten
-emporhebt. Und ich frage mich: seid Ihr das wirklich? In welchen
-fabelhaften Zeiten habt Ihr gelebt? Wer wart Ihr, die Ihr durch mein
-Leben schrittet, fremd und liebend zugleich? Wie könnte ich Euch beim
-Namen nennen? Seid Ihr mir in dieser Stunde nicht alle gleich nah,
-Eltern, Brüder, Freunde, Mitmenschen und Geliebte? Ihr kleinen Knaben,
-mit denen ich in meiner Jugend befreundet war. Ihr weichen Wangen der
-Mädchen, blaß und hinreißend schön wie der Glanz des aufgehenden Mondes.
-Und Du, alterndes Gesicht einer schneeweißen Frau, weise und mit
-rätselhaften Falten bedeckt -- wenn es einen Schmerz für mich in dieser
-Stunde gibt, so ist es der, Dich verlassen zu müssen, Dir Leid zu
-bereiten. O nicht die kleinste Geste Eures Lebens bleibt mir in dieser
-Minute fern. Euch, die ich liebte, denen ich mit Zärtlichkeit weh tat.
-Und doch, wann war es, daß ich durch Eure Mitte ging? In so verschüttete
-Tiefen sankt Ihr hinab, daß ich Euch nicht wiedererkenne. Welcher Teil
-meines Leibes, meiner Seele blieb an Euch haften? Ach, wenn ich eines
-bedaure, so ist es, ohne Kinder sterben zu müssen, ohne Sohn, ohne
-Mädchen, das die Mutter kommender Geschlechter würde. Wie schön, wie
-unsagbar reich war dieses Leben, das ich mir baute, und doch soviel
-Samen der Liebe vergeblich verschwendet. Wie fremd war Euch meine Bitte
--- ach, ich begreife, daß Ihr es höher schätzen mußtet, frei zu sein,
-als die namenlose Mutter meiner Kinder zu werden!
-
-Aber verzeiht, wenn meine letzten Gedanken nicht Euch gewidmet sind,
-wenn sie sich auf jene dämmernde Zukunft der Menschheit richten, für die
-ich die Verpflichtung fühlte, zu sein, der mein künftiges Leben geopfert
-wurde. Und vielleicht liegt nur darin die Schwere des Abschieds dieser
-Stunde, daß ich der Erde den Dank nicht zeigen kann, den ich ihr
-schulde. Jener tiefste Schmerz des Mannes, der Welt nicht mehr beweisen
-zu können, was wir vermochten. Für Dich, Du vielgestaltete unendliche
-Masse der Völker, die Du, im Elend und im Glücke leidend, an Deinen
-Herrschern zugrunde gehst, Dich in Deinen Kriegen verblutest.
-
-Das Vaterland schuldet mir keinen Dank. Aber auch in mir stirbt die
-Menschheit ihren traurigen und namenlosen Tod. Auch ich litt für sie,
-auch ich konnte sie nicht erlösen, so inbrünstig dieser Wille in mir
-war. Vielleicht bleibt es dabei ein geringer Trost, immerhin an den
-Mühen gestorben zu sein, schmerzleidenden Menschen Linderung zu
-bereiten, wenn ich mir auch in keiner Stunde verhehlt habe, daß die
-Sehnsucht, die mich in diese Länder trieb, die Erde in allen Weiten und
-Tiefen zu erschöpfen, nicht geringer in mir gewesen ist.
-
-Und so lebt denn wohl, lebt wohl, Ihr Geliebten! Zum letzten Male grüßt
-Euch Euer Sohn, Bruder, Freund und Mitmensch
-
- Armin Wegner,
-
-im Dienste der Menschheit sterbend an der Unersättlichkeit des Lebens.
-
-Lebt wohl! lebt wohl! Ihr Geliebten!
-
-
-
-
- An eine Freundin
-
-
- Bagdad, den 25. Mai 16.
- Am Tage der Auferstehung.
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-Nach so viel stummen und verschwiegenen Grüßen, so viel liebend
-gefalteten Büchern und Päckchen mit Süßigkeiten, halte ich endlich den
-Brief meiner teuren Freundin in der Hand. Es ist seltsam mit diesen
-Briefen in der Fremde. Wir haben eine Liebschaft mit ihnen, wie mit
-einer zärtlichen Frau, als wollten wir ohne Ende sagen: »Küß mich noch
-einmal! So, Dein Gesicht an meine Seite.« Und obwohl wir sie siebenmal
-gelesen haben und lange auswendig wissen, werden wir doch nicht müde,
-immer von neuem ihre Züge zu betrachten.
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-Nun aber blickt ein Auferstandener in diese Augen, einer, der von
-zwiefachem Tode heraufkommt und, aus ohnmächtigem Schlaf erwachend, sich
-mit der Hand über die Stirn streicht: ja, es ist die Erde, es ist das
-Wort geliebter Seelen, das an dein Ohr tönt. Noch schwankt der Boden
-unter meinen Füßen, noch begreife ich nicht, daß diese Fülle des Glückes
-mir geschenkt war. Noch zweifle ich am Tag und der Stunde der Heimkehr,
-der langen, mühseligen Reise durch eine lieblose und sonnendurchglühte
-Wüste gedenkend. Aber vielleicht habe ich hier die Wendung jener
-rasenden Laufbahn erreicht, die bestimmt scheint, mich durch alle
-Schrecken und Finsternisse zu treiben! Oft frage ich mich erstaunt, wie
-ist es möglich, daß das Leben in dir noch neben dem Tode Raum hat? Und
-muß ich der Erde nicht dankbar sein, wenn sie mich Wiedergewonnenen so
-immer von neuem liebend an ihre Brust reißt? Muß ich nicht heiter sein,
-obwohl ein Leben bitterster Enttäuschungen mich im Mutterlande erwartet?
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-Ich rüste zur Heimkehr. Kein Wort, kein Gefühl klammert sich an mich,
-das stark genug wäre, mich in diesen Mauern zu halten. Vereinsamt schaue
-ich mich unter der Schar dieser Männer um, unter denen ich fast alleine
-zurückblieb. Die Herzen haben mich verlassen, um derentwillen ich durch
-diese Wüste reiste, und mir blieb nichts als die traurige Pflicht, ihnen
-das Bett des Sterbens zu bereiten. Noch sehe ich die Augen des greisen
-Feldmarschalls auf mich gerichtet, höre das Wunder seiner Stimme, die,
-schon vom ewigen Schlafe befangen, in dem Dunkel ferner Schlachten
-umherging, und zur selben Stunde, da der geliebte Leichnam, auf die
-Lafette einer Kanone gebunden, in eine Wolke von Musik gehüllt, seinem
-letzten Hause unter den Mauern uralter Kalifen entgegenschwebte, trug
-mich selber das Boot über den Kühle atmenden Fluß, schwankte ich
-fieberdurchglüht dem Ufer zu, mich selber zum Sterben zu bereiten. An
-dem Geländer des Hospitals stand ein anatolischer Soldat, den ich vor
-Monaten in schwerer Krankheit gepflegt hatte, dessen volle Gestalt ich
-kaum wiedererkannte. Und nicht ohne Verbitterung dachte ich: du hast
-deine Gesundheit aus mir getrunken, dein schwerer Leib zieht mich selber
-hinab. Aber die Wage stieg von neuem, und nicht ohne Wehmut bekenne ich:
-also auch hier solltest du hindurch! Die Sonne des Sommers öffnet ihren
-weißen Himmel. Ich habe meine Toten begraben. Der Weg ist frei. Das Band
-ist zerrissen, das mich an ihre Tage gefesselt hat, das mich glücklich
-machte, in ihrem Schatten zu leben.
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-Aber je mehr ich so der Stunde gedenke, da unter meinen Füßen die Meile
-des Weges wieder kleiner wird, um so stärker erkenne ich, wie von Tag zu
-Tag die Mühe unsäglicher wurde, die meinem geschwächten Leibe bereitet
-ist. Und schon ruft eine sieche Steppe, rufen die Blätter verbrannter
-Palmen mir entgegen: es ist zu spät! Die gelbe Glut einer böse
-blickenden Sonne hat eine unsichtbare Mauer um unser Haus gezogen. Das
-Thermometer in unseren Brusttaschen steigt auf einundvierzig Grade, als
-wollte es sagen: sieh, auch die Mutter Erde atmet im Fieber. Wir leben
-in den Kellern. Vor unseren Fenstern hängen breite Rahmen aus
-Palmblättern, die mit Kameldorn gefüllt sind und mit Wasser begossen
-werden. Die Hunde vor unsern Türen liegen in einer Pfütze von Schweiß.
-Wir warten, bis es Abend wird, dann kriechen wir aus unseren Verstecken,
-steigen auf die Dächer, wo wir unsere Betten ausbreiten, und liegen
-schlaflos und warten auf den Nachtwind. Über uns wachsen die Sterne, die
-goldenen Früchte eines riesenhaften Baumes, und ich brauchte nur die
-Hand auszustrecken, so griffe ich in ihre Krone und pflückte sie alle in
-Deinen Schoß. Zuweilen erhebt sich urplötzlich aus der Ebene ein
-Sandsturm. Dunkle Wolken wirbeln aus der Tiefe herauf, der feine Sand
-fällt über Gesicht und Hände, das Mückennetz bläht sich, ein gefülltes
-Segel, und plötzlich rollt unser ganzes Bett über das flache Dach dahin.
-Die Leinentücher flattern nach allen Seiten, die Schlafschuhe wandern,
-und der mit Wasser gefüllte Tonkrug, an dem unsere Lippen Tag und Nacht
-verdurstend hängen, bricht in Scherben.
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-Wenn aber der Mond scheint, füllt sich die Ebene mit einem zarten Licht.
-Blaue Dämmerung steigt aus den Palmenhainen, zerfließt weich in die
-Steppe. Wie klein wird die Erde unter uns. Dann ist mir, als wüchse mein
-Leib unendlich in die nächtliche Landschaft hinaus. Mein Haupt ruht in
-Mossul, meine Füße rühren an die Trümmer von Babylon. Meine rechte Hand
-liegt auf den Dächern von Damaskus, und mit der linken greife ich in die
-Schneeberge von Luristan. Durch mich rinnt eine unendliche Ader, der
-Tigris. Zu ihm kommen die Verwundeten, die Kranken, die Gefangenen, die
-Sterbenden, Wasser zu schöpfen. Bin ich ein Strom, an dessen Ufern die
-Regimenter des Todes lagern, um zu trinken? Ich habe kein Blut mehr in
-mir. Dies Land hat mich zu seiner Scholle gemacht, in deren Tiefen die
-Flut versiegt ist, und auch mein Leib ist zur Wüste geworden, von
-verdorrenden Gräsern bedeckt und von heißen Winden geschlagen.
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- An die Mutter[2]
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- Bagdad, im Mai 16.
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-Auch Du, meine Mutter, hast Deine Söhne der Vernichtung geboren. Auch Du
-hast gedarbt, um Erkenntnis gerungen, schlaflos gelitten, daß Deine
-Kinder reif würden für die Stunde des Todes. Und auch Deinem alternden
-Leib ruft eine barbarische Zeit entgegen: gebäre noch einmal. Werde noch
-einmal Mutter, daß neues Blut da sei, das auf den Schlachtfeldern und in
-den Laufgräben fließe!
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-O die große Lüge, die wir niemals vergessen werden, die falsche Sonne,
-die über der vorgeschichtlichen Zeit unserer Kindheit leuchtete. Denn
-wofür haben wir gekämpft? Wofür trugen wir Arbeit und Hoffnung so viele
-Jahre hindurch? Wofür bauten wir Eisenbahnen und Dampfschiffe,
-errichteten Schulen, Fabriken und Krankenhäuser, lehrten unsere Kinder
-weise, kräftig und pflichttreu zu sein? Glaubten wir wirklich, daß wir
-die Menschen näher aneinander rückten, Völker an Völker, Herzen an
-Herzen zu binden, die Güter der Erde dorthin zu tragen, wo ihrer Mangel
-wäre, und die Armut zu töten? O die große Lüge, die große Lüge! So viel
-Wunder des Geistes und der Hände, nur daß wir Mittel hätten, Soldaten
-schneller dorthin zu werfen, wo sie Menschen fänden, zu töten;
-bewaffnete Mörder noch über die weitesten Meere zu tragen, Männer, weise
-und klug und tapfer für die Geschäfte des Mordens, und Werkzeuge und
-Folterkammern des Todes. Dreitausend Jahre haben wir die Sehnsucht in
-uns getragen, in die Lüfte zu steigen, und da sie endlich in Erfüllung
-ging und wir fliegen lernten, da hoben wir uns in die Lüfte und warfen
-den Tod vom Himmel auf die Erde herab.
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-[Fußnote 2: Dieser Brief wurde von der Zensur festgehalten und
-veranlaßte die Rückberufung des Verfassers aus der Türkei.]
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-So viele Reisen über Gebirge und fremde Länder, so viele Wanderungen
-durch Städte, durch blühende Ortschaften, wir vollführten sie nicht, daß
-wir die Erde lieben lernten. Wir suchten nur nach den Schwächen unserer
-Brüder, daß wir besser wüßten, wo ihre Wunde schmerzhaft ist. Und immer
-noch wird jeder Tag zum Laufbrett einer neuen schändlichen Handlung,
-immer noch rollt diese Kugel, deren knöchernes Klappern uns aus halbem
-Schlummer emporweckt. Glaubten wir nicht, erblindet zu sein vor dem
-Schmerz dieser Zeit, gewappnet gegen die Gefühle in unserer Brust? Ach,
-es gibt Falten in dem Gesicht dieses Elends, die sich so unauslöschbar
-einprägen, daß wir sie niemals vergessen werden.
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-Gestern kamen die gefangenen Engländer aus Kut-el-Amara an. In langen,
-staubigen Zügen trieb man sie durch die Gänge des Basars, durch die
-gaffende Menge der Händler und Straßenverkäufer, daß sie unter dem Hohn
-der Handwerker, unter dem Zischen der Wechsler doppelt empfänden, wie
-tief sie gedemütigt sind. An ihrem Ende erhob sich eine unübersehbare
-Reihe grauer Kamele, nur mit den Stricken ihrer Halfter
-aneinandergefesselt, auf ihrem Rücken die traurige Last jener Gestalten
-schleppend, die, von Hunger und Krankheit geschwächt, ihre Füße nicht
-mehr tragen konnten, die fast aufgehört hatten zu atmen und in leblosen
-Bündeln an den hölzernen Lastsattel der Kamele geklammert hingen. Aus
-ihren lehmfarbenen Hosen ragten die von der Sonne geröteten und
-geschwollenen Knie, deren Haut sich in Fetzen zu schälen begann, und mit
-langen, dürren Fingern griffen sie nach den Gurken, die mitleidige Hände
-ihnen reichten, und bissen gierig in das grüne Fleisch. Hier wankten
-Gestalten, die, barfuß und halb entkleidet, den letzten Rock, ihre
-Stiefel für ein Stück Brot, für eine Handvoll Datteln gegeben hatten.
-Auf ihren spitzen Schultern hing, wie über einen Stock gezogen, das am
-Rande ausgerissene Hemde, bei jedem Schritt ihre Scham entblößend, und
-zitternd erhob sich aus der Menge ihr grauenvoll ausgehungertes, noch
-immer mit dem Tropenhut bedecktes Haupt, das auf dem langen Hals wie der
-klappernde Kopf einer Mohnstaude schwankte. Araber hatten mit Wasser
-gefüllte Tonkrüge vor die Haustüren gestellt, aber die türkischen
-Soldaten drängten die schmachtenden Inder beiseite. Ab und zu blieb
-eines der Kamele stehen, um beim Weiterschreiten das nachfolgende an
-seiner Leine mit einem jähen Ruck aus der Ruhe zu reißen, daß die
-schlaffen Glieder ihrer traurigen, immer noch atmenden Last
-schmerzhaft zusammenschlugen. Zuweilen schien es, als müßten,
-durcheinandergeschüttelt, diese Augen aus ihren vertrockneten Höhlen
-fallen, um im Staub unter den Füßen der Tiere zu sterben, die
-wiederkäuend mit schaumtropfender Lippe, bald vor- bald rückwärts
-gerissen, eine jammervolle Kette des Elends aus dem Dunkel des Basars
-von neuem in die glühende Sonne der Wüste tauchten.
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-Am Abend ging ich durch das Lager der Gefangenen. In der grauen Asche
-des Staubes lagen ihre Leiber gleich verkohlten Knochen umher. Kleine
-schlitzäugige Gurkhas und die zarten Glieder der Sikhs, deren
-fremdartige Augen leidend zu mir aufblickten, aus deren Tiefe die Flamme
-uralter Gottesverehrung brach. Dazwischen blonde Gestalten, noch
-knabenhaft und kaum der Mutter entwachsen, mit einem unsagbaren Ausdruck
-des Nicht-dafür-Könnens, armselige Gestelle von Lumpen. Und wie ich sie
-so liegen sah, halbnackt, fassungslos aufgelöst, ganz der steigenden
-Kühle des Nachtwindes hingegeben, da mußte ich mir unwillkürlich sagen:
-wie merkwürdig, daß es noch eine Erde unter den Füßen dieser Verdammten
-gibt, um darauf zu schlafen, daß nicht auch unter ihnen eine Sonne
-glüht, daß ihre Füße nicht auf zwei spitzen Pfählen stehen oder auf
-einem brennenden Rost, statt auf sonnendurchglühter Wüste ... ja, die
-Erde ist barmherziger als wir.
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-Und doch ist dieses nur der Ausschnitt einer Stunde, der millionste Teil
-des Elends, das von allen Seiten der Erde aufbrüllt und um Erlösung
-schreit. Ich brauche nur die Zeitung aufzuschlagen, so finde ich eine
-endlose Liste versunkener Schiffe, die die Ernte dieses einen Monats
-bedeutet. »Den ersten Mai ein bewaffneter englischer Bewachungsdampfer,
-zwei französische Hilfskreuzer vor Le Havre, ein französischer Kreuzer
-La Provence mit 4000 Mann wovon 3300 ertranken ....« Das sind die
-bluttriefenden Trophäen, die ein über alles geliebtes Deutschland gleich
-den zahllosen Kopfhäuten eines skalpierenden Indianers triumphierend an
-die Schnalle seines Gürtels hängt! Hat je ein Mensch so viel Kraft der
-Vorstellung besessen, daß er sich ausmalte, wie Tausende von Männern in
-wahnsinniger Todesangst auf dem Deck eines sinkenden Schiffes
-durcheinanderrennen in einem einzigen tierhaften Schrei der Empörung,
-hat je eine Mutter es vor sich gesehen, wie die Not menschlicher Arme
-durch einen Brei von Blut und zerstückelten Leibern zu schwimmen begann
--- und ging nicht hin und riß sich das Haupt von den Schultern, dies
-nicht zu Ende zu denken?
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-O meine Mutter, wie arm und schwach sind wir geworden. Wir sterben vor
-Scham, in einer Welt leben zu müssen, die so wenig dem Abbild unseres
-Herzens gleicht. Auch Du mußtest einem Gotte opfern, den Du nicht
-verehrst. Auch Deine Söhne hängen in den Speichen eines Rades, das sie
-zu zerreißen droht. Glaubten wir nicht unverwundbar zu sein? Hatten
-unsere Seelen nicht in dem Drachenblute dieser furchtbaren Zeit gebadet?
-Aber Mitleid und Liebe ängstigt und foltert uns. Auch uns blieb wie
-Siegfried eine verwundbare Stelle in der Hornhaut der Seelen, und durch
-die schmale Öffnung zittert der grausame Speer, uns bis in die letzten
-Tiefen zerfleischend.
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- Dein gefesselter Sohn.
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- An die Mutter
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- Babel, den 18. Juni 1916.
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-Meine arme Mutter, als ich Dir das letztemal schrieb, wußte ich noch
-nichts von dem Tode unseres Bruders, und doch ist mir, als müßte eine
-Stimme aus einer Ecke des Weltalls zu mir gesprochen haben, daß ich Dir
-dieses sagte: auch Du hast Deine Söhne der Vernichtung geboren. Als
-könnte ich Dir heute nur all jene Worte wiederholen, die ich Dir damals
-schrieb.
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-Vor zwei Tagen ging ich auf das Armee-Oberkommando, um einen Urlaub nach
-Babylon zu erbitten. Jemand gab mir einen versiegelten Brief in die
-Hand, ich lief die Treppe zum Fluß hinunter, um das Boot zu besteigen,
-und im Hinabschreiten öffnete ich den Umschlag. Als ich den schwarzen
-Rand erblickte, dachte ich gleich: es ist der Vater. Dann las ich von
-dem Tode unseres armen Ikarus, der so früh seine Flügel gebrochen hat.
-Eine Weile später stand ich in dem Hof des deutschen Etappenoffiziers
-und hörte, wie eine Stimme zu mir sagte: »Was machen Sie für ein
-Gesicht? ...« Da fühlte ich, von Krankheit und Hitze geschwächt, wie mir
-die Tränen aufstiegen, und konnte nicht sprechen.
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-Ich fuhr den Fluß zurück über das opalfarbene Wasser, badende Knaben
-scherzten am Ufer, der volle Mond erblühte am Himmel. In dieser Nacht
-schlief ich wenig. Immer sah ich die Gestalt meiner Mutter vor mir, sah
-eine unendlich zarte, pergamentene Hand, unter der sich die blauen Adern
-abzeichnen, wie sie inmitten fremder Menschen und der kalten
-Geschäftigkeit eines ungerührten Soldatenlebens an dem Sarge ihres
-Kindes stand, mit einer schüchternen Bewegung ihrer weißen Finger über
-seine blonde Stirne streichend, als wollte sie noch einmal sagen: mein
-Junge. Und ich sehe uns ältere Brüder mit einem bunten schottischen
-Kleidchen zwischen uns durch den Garten unseres Hauses rennen, daß uns
-die kleinen Beine kaum folgen können, blonde Härchen, über denen eine
-weiße Pudelmütze hing mit einem Ponpon daran. Und ich sehe unsern Bruder
-nach Hause kommen mit seinem zerbrochenen Ärmchen, dem der Knochen aus
-dem Gelenk gerissen war, weil er schon so früh seine Seiltänzer- und
-Fliegerkünste auf den regenglatten Barrieren des Viehmarktes übte, und
-ich denke, daß er eigentlich immer unglücklich in seinen Unternehmungen
-gewesen ist. Armer Ikarus! Vielleicht findet meine Mutter heimkehrend
-zwei braungewichste Schuhe in einem Winkel des Zimmers, blank wie eine
-Kastanie, einen seidenen Schlips, auf den er stolz war, und ich bin
-nicht bei ihr, ihr die Tränen von den Wangen zu küssen.
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-Im Dunkel gehe ich noch einmal an den Fluß hinab. Unter den Palmen haben
-türkische Soldaten ihre Zelte aufgeschlagen. Sie liegen, ihrer Uniform
-ledig, in ihren zerrissenen Hemden auf der bloßen, noch warmen Erde,
-ihre Lämmer, die sie morgen schlachten werden, in ihrem weißen, wolligen
-Fell am Boden ruhend, zwischen sich; und ich denke, daß auch sie alle
-nur geopferte Menschen sind. Aber da sehe ich die Gestalt meiner Mutter
-von neuem zwischen den Zelten auftauchen, blaß vom Mondlicht beleuchtet,
-und wieder sehe ich diese schmale, blaugeäderte Hand vor mir, die
-zärtlich nach der Stirne ihres Kindes greift. Ich steige auf das Dach
-unseres Hauses und werfe mich auf die Decken. Aber ich kann nicht
-schlafen. Ruhelos liege ich, bis der Mond untergeht.
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-Gestern bin ich nach Babylon gefahren. Wir reisten die Nacht durch. Ich
-saß mit Arabern in einem ungefederten Pilgerwagen, der von vier
-Maultieren gezogen wurde. So rasten wir, von Gendarmen begleitet, durch
-die Wüste. Einmal an einer Wasserstelle traten einige hinaus, breiteten
-ihren Teppich auf den Boden und standen zwischen Sonne und Mond über dem
-ungeheuren Zifferblatt dieser Ebene, das Gesicht gegen den Himmel
-gerichtet. Wie nahe empfand ich sie mir in dieser Stunde, als sie
-niederknieten, voll Anbetung diese ewige Erde mit der Stirn zu berühren,
-und als ich den Wagen bestieg, stolperte ich absichtlich, mit der Hand
-in den Staub greifend, erschüttert von der Erhabenheit dieser Natur. Um
-Mitternacht hielten wir an einer Karawanserei. Ich ließ mein Bett auf
-dem Dache des Hauses ausbreiten, aß etwas Brot und Käse und öffnete
-meine Kleider dem Nachtwind. Unten bewegten sich Araber phantastisch im
-Mondlicht, ein kleiner Junge verkaufte Buttermilch aus einem
-Ziegenschlauch. »Libben, Libben,« sagte seine schläfrige Stimme.
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-Um zwei Uhr weckte mich mein Diener. Wieder rasten wir im Galopp durch
-die Wüste, und wie glücklich war ich, die Erde von neuem unter mir
-gleiten zu fühlen. Kamel- und Ziegenkarawanen schwammen im Zwielicht mit
-wunderlichen Köpfen an uns vorbei. In der hellen Sonne hob sich die
-Staubkrone von Babylon aus der Ebene. Wieder dringt eine neue Welt auf
-mich ein, und zwischen Palmenhainen, Dorfhütten und Ziegelruinen
-versunkener Riesenpaläste fühle ich zwischen den vielen
-Unbegreiflichkeiten, die mich unter einem heißen Himmel in ausgebrannter
-Seele bewegen, auch diese, daß mein Bruder gestorben ist. Vielleicht
-empfinde ich weniger als ihr den Schmerz dieser Stunde, von den
-Gesichtern fremder Menschen und Landschaften umstellt, den Schmerz, der
-vielfach gestaltet in den Straßen der Heimat auf mich wartet, um in der
-Stunde der Heimkehr über mich herzufallen. Vielleicht hat eigenes Leiden
-mich müde gemacht, in jenen Stunden, da auch ich abgeschlossen hatte mit
-meinem Leben, dessen Tagebuchblätter mit vielfachen Zungen zu mir reden,
-auf deren leergebliebenen Seiten jener Zeit ich nichts geschrieben finde
-als die Worte: »Meine arme Mutter.« Wann werden meine Augen, die so viel
-Blut getrunken haben, noch einmal die Tage der Schönheit und des
-Friedens schauen? Wann werde ich wieder den Duft blühender Veilchen
-riechen? Fortzugehen aus dieser Welt des Jammers und der Verbrechen,
-nichts zu sein als ein Baum, ein Stein am Wege, eine Blume im Wind ... o
-meine Mutter, wer das könnte! Aber glaube mir, daß auch auf Deine Lippen
-noch einmal ein Lächeln treten wird, wenn aus den Händen Deiner Söhne
-die starken Früchte erwachsen, die Du ersehntest. Sieh, noch aus den
-tiefsten Abgründen der Erde wollen wir das Glück der Kommenden in die
-Höhe bauen, daß Sonne auch um Deine alternde Schläfe spielt, die ich
-mich zärtlich neige zu küssen. Ach, möchtest Du im Elend so glücklich
-sein, wie Dein trotz aller Leiden des Körpers und der Seele von tausend
-starken, unerschöpflichen Gedanken verfolgter Sohn, dessen Liebe bei Dir
-sein wird immer, immer.
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- An einen Freund
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- Hans Feige, gestorben den 2. Februar 1917 zu Sipote in
- rumänischer Gefangenschaft.
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- Babel, den 24. Juni 16.
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-Mein lieber Hans, es scheint, als wenn eine unsagbare Macht mich abhält,
-meinen Freunden zu schreiben, die im Felde stehen. So erging es mir mit
-Fritz v. Z., bis er gefallen war, da bereute ich mein langes Schweigen
-zu spät. Was ist es, das mir die Brücken zerbricht, die zu jenen
-hinüberführen? Ist es die Unmöglichkeit der Vorstellung, daß Menschen,
-die das Leben meiner Gemeinschaft führten, in das Rad einer Maschine
-gespannt sind, die Betätigung eines Handwerks verrichten, das meinem
-innersten Gefühl so sehr widerspricht? Ist es die Erkenntnis, trotz
-aller Jahre der Freundschaft, aus Knabentagen heraufgewachsen, trotz
-aller Gleichartigkeit der Gesinnung irdische und seelische Weiten
-zwischen sich zu fühlen, die zur Stunde noch unüberbrückbar sind? Ich
-habe mit stiller Genugtuung Deine Briefe gelesen. Nein, Du bist Dir treu
-geblieben. Noch zwischen Bajonetten und dem kalten Regen der Schüsse
-sehe ich Deine Seele tanzen. Noch in Laufgräben und Unterständen sind
-süße Frauen an Deine Seite gebettet.
-
-Vielleicht schmerzt es mich, daß Du meine letzten Worte so wenig
-verstanden hast, daß Du Gefühle an Dich gerichtet empfinden konntest,
-die so sehr anderen Menschen galten. Aber ich will jenes Briefes, auf
-Krankenbetten, in Bitternissen geschrieben, nicht wieder gedenken. Hier
-liegen Monate, die der gefolterten Seele Jahrtausende sind. Nur zu
-lieben, zu schaffen ist meine Seele bereit, zwei Berufe, für die diese
-Zeit sie schwach und untüchtig gemacht hat. Was soll ich Dir sagen? Wenn
-ich ein Land wüßte, dem Krieg zu entfliehen, eine Scholle oder die
-Schroffe eines Berges, noch seinem leisesten Echo fern zu sein oder dem
-unüberwindlichen Geruch des Blutes, den der Wind über die Erde hinträgt,
-würde ich, ein Soldat, mit den heiligsten Eiden berufen, Wunden zu
-heilen und Trost zu sprechen, nicht diese Stätten des Unheils und der
-vermodernden Schädel verlassen, wortbrüchig, aber treu der heiligsten
-Pflicht der Seele? Würde ich nicht schwach genug sein, dem Drange nicht
-länger zu widerstehen in der Unerreichbarkeit der Fremde, sollte ich
-auch Mutter, Freunde und Geliebte für immer verlassen, für mich, ein
-Einzelner, das Gebäude des Friedens und der Arbeit neu zu errichten? Und
-wenn es dennoch einen Ort gab, an dem ich Ruhe fand, eine Stätte, an der
-ich glücklich wurde, so war es unter dem Dache dieses Hauses, das aus
-den Trümmern Jahrtausende alter Ziegel erbaut ist, bei dem
-melancholischen Gesang der Wasserheber, im Schatten uralter Palmen und
-Maulbeerbäume, den vergessenen Resten des Paradieses, in der
-Gemeinschaft einfacher und sinnhafter Menschen, Tagediebe und
-räuberischer Seelen (ja, auch diese noch wage ich zu lieben).
-
-Freilich erschien mir auch hier das Rätsel das gleiche, von dem wir
-umlauert sind, und nie empfand ich die dunkle Antwort der Erde auf die
-Nichtigkeit alles menschlichen Tuns so stark, wie auf den zerbrochenen
-Mauern dieser aus ewigem Schlafe erstandenen Stadt, wenn ich im
-Abendschatten auf der Höhe dunkelgebreiteter Schutthügel wie auf den
-Spitzen verlassener Berge zu stehen glaubte und aus den Spalten der
-silberne Ton einer Blaurake sich hob. Denn auch wir waren bestrebt,
-höher zu bauen als unsere Väter. Auch wir bauten an einem Turme zu
-Babel. Auch wir Völker dieser noch atmenden Erde redeten in vielerlei
-Zungen, waren in Wirrnis geworfen und verstanden uns nicht. Und auch
-unsere Kinder werden einst einen hohlen Abgrund finden, einen See voll
-Wasser, über den der klagende Ton einsamer Vögel hinstreicht, wo wir
-einst gewaltige Mauern errichteten, ragende Türme und unendliche
-Treppen, in den Himmel zu steigen. Ach, daß wir nicht reif wurden, einen
-andern Stern zu betreten, da die Erde nicht Raum hat, uns Erlösung zu
-bringen.
-
-Wo bist Du? In welchem Winkel der Schlachten soll ich Dich suchen,
-geliebter Gefährte so vieler unwiederbringlicher Jahre? Soll ich auch
-Dich unter den Toten wiederfinden? Ich fühle, wie es einsam um mich
-wird. Einsam, da ich noch immer von jugendlichem Stürmen erfüllt bin, da
-ich erst angefangen habe, zu leben, da ich endlich die Straße fand, nach
-der ich so lange suchte. Möchte mir die schmerzliche Stunde erspart
-bleiben, als letzter der Freunde zu sterben.
-
-Vor meinem Fenster, im Uferrasen des Euphrat, gehen junge Araberfrauen,
-Schößlinge von Palmen im Arm, und wie sie im Schatten der Dorfmauer
-hinschreiten, gleichen sie sanftfüßigen Boten des Friedens. Möchten die
-zartfingrigen Zweige ihrer Triebe, ehe sie Wurzel schlagen, seine ersten
-Tage beschatten. Doch nun sehe ich Dich im Staube der Landstraße
-dahinziehen, von Sonne und der fröhlichen Schar der Kameraden umgeben,
-das furchtbare Mordgewehr auf dem Rücken, ein Lied singend. »Der Sohn
-des Leichtsinns ist immer glücklich!« -- rief mir gestern ein arabischer
-Eseltreiber zu, der sich lachend auf das mit blutigen Striemen bedeckte
-Tier schwang, und wenn Kummer und Not und die pedantische Hand des Todes
-um Dein Haupt sein sollten: bleib mir erhalten, alter Junge!
-
-
-
-
- Brief an die Eltern
-
-
- Im Palmengarten der Karmelitermönche.
- Bagdad, den 21. August 1916.
-
-Welches gerechte Erstaunen, welcher Schmerz, Ihr einsamen Seelen, wird
-Euch erfaßt haben, als Ihr saht, daß ich fast zwei Monate geschwiegen
-habe. Daß ich von Zwiespältigkeiten, Demütigungen und einer Menge nur
-halb gelebter Stunden umhergeworfen, mich fast selber vergaß, seit ich
-Bagdad, dieses verlogene Gebäude von Schmutz, Staub, glühenden
-Backsteinen, schlechtem Essen und knechtischem Soldatenton von neuem
-betrat. Denn wir waren kaum aus der »Pfanne von Babel« heraus, als uns
-schon auf der Straße nach Mauhanil das Unheil mit verbogenen Federn in
-den Staub warf. Als unser Wagen plötzlich zusammenknickte wie ein Kamel,
-das sich in die Knie wirft, während die zerlumpten Kutscher unter den
-Kolbenstößen der Gendarmen mit einem arabischen »das tut nichts« die
-verbogenen Federn mit Bindfaden wieder aneinanderflickten. Ja, ich
-glaube, ich verdanke es nur der Güte des Bruders Ägidius, wenn ich im
-Schatten seiner Feigenbäume noch einmal dazu kam, mich auf mich selbst
-zu besinnen, wenn ich für Augenblicke zurückschauen kann auf Leiden,
-Hindernisse und Fallstricke, die ich, ein gehetztes Wild, überspringen
-mußte, um endlich zur Ruhe zu kommen. Zur Ruhe zu kommen? ... ach, um
-aufgescheucht, atemlos von neuem durch Gestrüpp und über Abgründe zu
-stürzen. Denn während ich halb krank durch die Straßen von Bagdad irrte,
-wie ein persischer Bettelmönch in einem hauslosen Stande lebend, während
-ich jeden Morgen meine Wohnung wechselte, mit der Last meiner Teppiche
-und dem zu einem Hausrat angewachsenen Gepäck, während ich in
-halbzerfallenen Häusern nächtigte, jeden Tag der Stunde der Heimkehr
-gedenkend, erreichte mich eines Abends der Tagesbefehl vom 26. Juli
-1916: »Der Sanitätssoldat Wegner wird in die Cholerabaracken
-kommandiert.«
-
-Da stand ich im Schein meiner Handlaterne in der Finsternis unseres
-kleinen Hofes, faltete das Papier zusammen, und mir war, als hielte ich
-mein Todesurteil in der Hand. Von Fieber und innerem Leiden geschwächt,
-soeben von den Ärzten eines dreimonatlichen Urlaubs versichert, dennoch
-von täglichen Verlockungen bewegt und noch gestern bereit, nach Persien
-oder Ägypten zu wandern, erkannte ich an der Unterschrift dieses
-Befehls, daß alle Pläne, die ich in den letzten Tagen erwog, mir für
-immer zerbrochen waren. Niedertracht und Verleumdung, die mit
-gespreizten Beinen auf den Dächern der Stadt reiten, hatten sich an die
-Spuren meines Weges geheftet. Der böse Wille eines preußischen
-Offiziers, der es nicht duldete, daß meine geringe Verachtung vor seiner
-nur mit einer Schlafhose bekleideten Körperlichkeit sich zu verneigen
-wagte, statt stramm zu stehen. Denn nach meiner Rückkehr aus Babylon
-hatte man mich für kurze Zeit in ein fremdes Haus einquartiert, dessen
-Räume ich kaum betreten hatte, als ein mir unbekannter Deutscher im
-Türrahmen des Zimmers erschien. An einen vertrauten Umgang gewöhnt,
-machte ich eine leichte Verbeugung, da er auf seinen nackten, von
-Schweiß geröteten Schulterblättern die Abzeichen seines Hauptmannsranges
-in der Tat nicht eintätowiert trug. »Wer sind Sie?« Ich nannte meinen
-Namen. Er fragte nach meinem militärischen Rang. Ich würde mich schämen,
-Euch die Worte zu wiederholen, die darauf folgten. Am Abend fand ich das
-Feldbett, das mein Diener auf dem obersten Dach aufgeschlagen hatte,
-eine Stufe tiefer aus dem Wind gestellt. Wenige Tage darauf wollte es
-das Unglück, daß ich, noch immer auf die Ausfertigung meines
-Urlaubsscheines wartend, mit einer schönen Frau durch den öffentlichen
-Palmengarten von Bagdad ging, während der deutsche Etappenmajor vor der
-Kapelle seinen Kaffee einnahm. Schon am nächsten Abend hielt ich diesen
-Befehl in Händen, der geeignet schien, die Hoffnung auf Heimkehr für
-immer in mir zu töten.
-
-Mit wie bitteren Gefühlen, wie schmerzlicher Sehnsucht ging ich in
-dieser Nacht auf der Terrasse unseres Daches umher, wo Pater Joseph, mit
-dem ich das einsame Haus teilte, sich neben mir auf das von
-Palmenzweigen geflochtene Bett warf. »Schlafen Sie ruhig,« sprach seine
-Stimme durch das Dunkel, »ich habe es immer gefühlt, daß über Ihnen eine
-schützende Hand schwebt.« Ich aber blickte in den nächtlichen Himmel, an
-dem violett schimmernde Sterne ihr ewiges Spiel begannen. Ich konnte
-mich nicht losreißen davon, daß dies nicht der Wille der Notwendigkeit
-war, der mich von neuem auf die Straße des Verderbens stürzte und meinen
-kaum wiederhergestellten Körper, den ich nicht ohne Mühe auf den Beinen
-hielt, bald wieder auf das Lager werfen mußte. Mein immer bereiter
-Wunsch, den Leidenden zu helfen, sah sich gegen eine Mauer haßerfüllter
-Blicke gestellt, die gerüstet schienen, mich zu vernichten. Aus den
-weißen Laken der Betten sah ich von neuem die Gebärde der Hilflosigkeit
-gegen mich Hilflosen gerichtet, die Gesichter des Entsetzens vor mich
-hingestellt, vielfach und schmerzlich aneinandergereiht, wie ich sie so
-oft in diesen Jahren gesehen.
-
-Da gedachte ich Eurer und Eurer Liebe, die bei mir war, Ihr einsamen
-Seelen. Zum ersten Male in meinem Leben, seit vielen Jahren, sah ich
-Euch beide vereint wie in den Tagen der Kindheit. Eure Augen trugen den
-alten Glanz, aber Kummer und Sorgen hatten Eure Gesichter gezeichnet.
-Und von Sehnsucht überwältigt, griff ich zum zehnten Male nach Euren
-Briefen, aber es waren die alten, tränenbeladenen Seiten, die von dem
-Tode unseres Bruders kündeten. Wieder sah ich Euch abschiednehmend vor
-mir stehen, wie Ihr die väterliche und mütterliche Rechte zum letztenmal
-dem Sohn auf das tote Herz legtet, wie Ihr beide, ein alterndes
-Zwiegespann, müde an dem verwaisten Herde zurückbliebt.
-
-Mit einer bitteren Verzweiflung ging ich in diesen Tagen von neuem an
-die Arbeit, bereit, das Letzte zu geben, das in mir war, bemüht um die
-Schmerzen neuer Menschen, als hätte es irgendwo dort hinten nie ein
-anderes Dasein gegeben als dieses, das mit bolus alber und trockenem
-Brot zwischen den Betten umherlief, die mit dem Schmutz der Kranken
-bedeckt waren. Eines Morgens fand ich in der Schreibstube zwischen den
-Papieren einen geheimen Befehl an den leitenden Arzt des Lazarettes, der
-den Vermerk trug: »W. ist so zu beschäftigen, daß ihm jede Lust, in
-Bagdad spazieren zu gehen, vergeht.« Man stellte mir also nach dem
-Leben, beraubte mich des höheren Ranges, den mir der Feldmarschall
-verliehen hatte, zwang mich zu einer Tätigkeit, der ich bei meinem
-Zustand nicht mehr gewachsen war, und übertrug mir in schändlicher
-Absicht bei täglich zwölfstündigem Dienst noch drei Nachtwachen in einer
-Woche. Nur einem Wunder verdanke ich es, daß die Cholera in diesen Tagen
-nachließ. Ein an Leiden Erblindeter, irrte ich in den gedeckten Kellern
-dahin, lief mit arabischen Handwerkern durch die heiße Sonne, einen
-Leichnam in seinen Sarg zu löten, oder stahl mich im Dunkel zwischen den
-Palmen hinaus, einem Toten drei Handvoll Erde in die Grube zu werfen,
-mit dem ich noch gestern bei Tische saß. In diesen Tagen lernte ich den
-Schlaf über alles lieben. Wenn es zuweilen geschah, daß ich des Nachts
-emporfuhr, schloß ich erschreckt von neuem die Augen: nicht einen
-Gedanken länger in einer Welt leben zu müssen, die schamlos die Wurzeln
-aller Taten entblößte, eine Welt zu schauen, die so sehr das Abbild der
-Selbstsucht und der Zwistigkeit war, von harten Herzen gesteinigt, unter
-dem niederen Himmel böse blickender Augen, die nicht gewillt schienen,
-mich mit Liebe zu lohnen. Voll Wehmut gedachte ich der Tage, da ich mit
-dem Feldmarschall, mit Sven Hedin und dem erfahrenen Herzoge von
-Mecklenburg zu Tische gesessen, da ich ihnen im abendlichen Lichte des
-Tigris vorgelesen, gedachte der achtungsvollen Worte ihrer Freundschaft,
-der liebenden Geste, mit der sie mir die Hand reichten. Es war weder
-Ehrgeiz noch Beschämung, die mich erfaßten, daß ich mich plötzlich so
-herabgesetzt sah und in den Kreis der Enttäuschung geführt (bin ich
-nicht immer der Gast der Armut gewesen?), aber es schmerzte mich,
-Verleumdung und niedriger Vergeltung zu begegnen, wo ich zu halbem
-Erstaunen oft Liebe und herzliche Erkenntnis fand. Der Strom der Bosheit
-hatte auch mich ergriffen. Ich sah, wie er immer weitere Kreise zog,
-mich immer weiter hinwegführte von meinen Freunden.
-
-Ach, ich wußte es wohl, die mich liebten, lagen unter den Toten draußen
-oder kehrten enttäuscht und ungläubig in die Heimat zurück. Und eines
-Mittags, nachdem ich die Nacht Wache gehalten, lief ich in die Wüste
-hinaus, das Grab meines Stabsarztes zu suchen. Aber ich irrte vergeblich
-in glühenden Winden zwischen Aas und zerfallenen Hügeln umher, bis ich
-im Staube kauernd den blinden Wärter des Friedhofes fand, der, mit
-greisen Händen über den Buckel der Gräber tastend, lange zwischen den
-zerfallenen Steinen umherlief, mich endlich vor eine kahle Stelle zu
-führen. Enttäuscht blickte ich auf die entblößte Stätte dessen, den ich
-geliebt hatte, die so Unvergeßliches für mich barg, von denen betrogen,
-die mir während meiner langen Krankheit oft ihr Wort gegeben, dafür
-Sorge zu tragen. Nicht ein Zeichen der Erinnerung war mir geblieben, als
-der traurige Schatz meines Herzens, mit dem ich Trostloser zurücklief in
-die Stadt.
-
-Und ich ging durch den schlafenden Bazar, dessen hundert Augen
-geschlossen lagen, denn es war Feiertag, und dessen schmale Gänge sich
-in finsterer Einsamkeit dehnten, bis der Zufall mich in eine verlassene
-Karawanserei führte, wo alte Teppiche, Möbel und Waffen vergangener
-Jahrhunderte aufgespeichert lagen. Und wie ich mich so einsam und
-bekümmert zwischen ihnen stehen sah, von Krankheit und Heimweh
-geschwächt, in meinem abgerissenen Waffenrock und meinen staubigen
-Soldatenstiefeln, da fühlte ich, daß auch ich nichts anderes war, als
-ein wertloser Gegenstand, noch eben gut, um als Hemmschuh für das
-gleitende Rad des Todes zu dienen, alt, abgebraucht und um sechzig
-Piaster verhandelt.
-
- Euer Sohn, der Freund der Toten.
-
-
-
-
- Der Triumph der Mutter
-
-
- Bagdad, Mesnil Schah Bender,
- den 30. August 1916.
-
-Am vergangenen Sonntag ging ich in die lateinische Kirche. Sie feierten
-das Fest der heiligen Jungfrau Maria. Chaldäische Christinnen in ihren
-weiten seidenen Gewändern füllten das Schiff, arabische Kaufleute, über
-denen der Priester, schwarzbärtig, die weihrauchgefüllte Kugel schwang.
-Ich setzte mich unter sie, ich blickte auf das mit Palmenzweigen
-geschmückte Bild der Gottesmutter, die auf ihren Armen den Sohn trug,
-und mir war, als schaute ich in Deine Züge, Mutter, die in unendlicher
-Liebe auf mich herabsahen. Waren nicht auch mir die Worte gesprochen
-worden: »_Beatus venter, qui te portavit, et ubera quae suxisti?_« Ging
-nicht von diesem Lächeln aller Friede der Erde aus, stand es nicht wie
-die aufgehende Sonne über den Tagen der Kindheit, an deren Ende jene
-Wildnis der Seele beginnt, in die wir alle hinausgetrieben werden,
-verirrte Tiere? War nicht auch Dein Leid ein Meer? Hattest Du nicht die
-sieben Schmerzen Marias getragen, den Sohn in Kummer geboren, mit ihm
-die Kämpfe und Enttäuschungen einer langen Jugend erlitten, ihn
-dargebracht auf dem Opfersteine der Menschheit, daß verblute, was mit
-soviel Mühen Deinem Leibe, Deinem Herzen entwachsen war? Als Du ihn
-wiederfandest in seinem zerrissenen Fliegerrock, von dem Schmutz dieser
-Erde bespritzt, gekreuzigt an die zerbrochenen Flügel seiner Maschine,
-waren da nicht auch Dir aus den unbarmherzigen Tiefen der Finsternis die
-Worte gesprochen worden: »Siehe da, Deinen Sohn!« Glitt nicht in jener
-Stunde vervielfacht und geläutert die namenlose Liebe auf uns Brüder
-herab, die von unendlicher Trauer verklärt vor uns die Flamme Deines
-Hauptes emporhob?
-
-_Inventa es Mater Salvatoris Virgo Dei Genetrix, quem totus non capit
-orbis in tua se clausit viscera, factus homo._
-
-Ich neigte den Kopf, alle Bekenntnisse der Trennung und dieser
-schmerzlichen Zeit im aufgewühlten Herzen bewegend, und dachte: »Ich
-kann Dein Gesicht nicht zu mir hertragen, Mutter, so viele Jahre liegen
-zwischen gestern und heute; aber aus jeder Landschaft noch, die ich
-beschreite, blickt Deine Güte, aus jedem Sturme spricht Deine Stimme zu
-mir. Mein Geist ist dem Deinen nahe. Meine Seele bettet sich in das Tal
-Deiner Wangen, sie wandert in den Falten Deines Gesichtes einher wie der
-Wanderer, der in den Schluchten der Berge verirrt ist, und findet nie
-ein Ende. Ich bin ertrunken in Deinen Augen. Wie die Welle über den
-Schlummernden am Grunde der Wasser, so gleitet über mich Deiner Liebe
-Lächeln.«
-
-Arabische Knaben erhoben die helle Stimme zum Gesang. Die Seele, des
-schwebenden Schrittes entwöhnt, stürzte in sich zusammen. Neben mir
-knieten zwei gefangene Engländer in ihrem lehmfarbenen, sauber
-gebürsteten Waffenrock; ich blickte auf die Leidenslinie ihrer jungen
-Gesichter, und wie ich sie so an meiner Seite sah, die Kette des
-Skapuliers über die Schultern gehängt, die sie beschützt hatte vor
-Krankheit und Tod, vor den Gefahren der Schlacht, in dunkler
-Gefangenschaft, wie sie fern von der Heimat, die liebliche Heiterkeit
-englischer Dörfer vor Augen, die Gesichter betend hinter der mageren
-Hand verbargen, wurde die Stimme des Brudertums so laut in mir, daß es
-mir Mühe machte, die Tränen zurückzuhalten.
-
-_Laudemus omnes in Domino diem festum celebrantes sub honore beatae
-Mariae Virginis._
-
-Als ich wieder aufsah zu dem palmengeschmückten Bilde, fand ich ihr
-Gesicht zum zweitenmale verändert, als blickten alle, die in dieser
-Kirche versammelt waren, arabische, armenische und chaldäische Christen,
-griechische Kaufleute, deutsche Offiziere, verwundete, kranke und
-gefangene Soldaten, Frauen, Kinder und Greise mit mir empor zu der
-Mutter des Menschengeschlechts, die die gesegnete Frucht ihres Leibes
-umklammert hielt, sie liebevoll hinter dem schützenden Mantel zu bergen.
-Und ich sah Leid, Kummer, Zorn und Verzweiflung in den Lichtern ihrer
-Augen stehen, zwei spitze, schwertheiße Flammen. Da erkannte ich die
-Menschheit, die von Schmerzen zerrissen und fluchbeladen mit mir in
-diesem Raume kniete, eine stumme, untröstliche Gemeinde, die gekommen
-war, an ihrem Bilde um Vergebung zu bitten.
-
-_Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!_
-
-Dumpf tönte das Aufschlagen der Hände gegen die Brust.
-
-Da aber klang in unendlicher Versöhnung ihre erlösende Stimme aus der
-Höhe herab: »Ich habe Frucht getragen wie ein Weinstock, ich gab von mir
-süßen Geruch. Ich bin die Mutter der schönen Liebe, der Furcht, der
-Erkenntnis und heiliger Hoffnung. In mir ist Gnade jeglichen Weges,
-jeglicher Wahrheit. Kommt zu mir alle, die ihr mein begehrt, an meinen
-Brüsten werdet ihr gesättigt werden. Mein Geist ist süßer denn Honig,
-meine Erbschaft köstlicher denn Honig und Honigseim. Mein Andenken
-bleibt in ewige Geschlechter. Die mich essen, werden noch hungern, und
-die mich trinken, werden nach mir durstig sein.«
-
-_Alleluia, alleluia. Per te, Dei Genetrix, nobis est vita perdita data:
-quae de coelo suscepisti prolem et mundo genuisti Salvatorem. Alleluia._
-
-Die silbernen Schellen erklangen, der Priester küßte das goldgeschmückte
-Buch, Weihrauchwolken erhoben sich zum Gewölbe der Kirche. Eine süße
-Wehmut stieg auf in meiner Brust, und aus ewigen Gründen hörte ich eine
-Stimme sagen: »Lege von Dir den Rock, der mit Schmutz und Eiter bedeckt
-ist. Laß liegen den Kranken auf seinem Bett, auf seiner Bahre den
-Verwundeten, den Sterbenden in seinem Blut. Auch Du bist berufen, ein
-Jünger zu sein, auf Erden das Reich Deiner Mutter aufzurichten, ein
-Baumeister der Liebe unter den Völkern und eine leise Stimme der
-Zukunft. Hatte ich nicht in Dein Herz die Gabe der Liebe gelegt, die
-Gewalt der Rede, die ich Dir geschenkt hatte? Hättest Du nicht aufstehen
-sollen, Deine Hände gegen den Mund zu legen, sei es auch gegen eine Welt
-kalter Gerechtigkeit, um zu sterben unter dem Hasse der Menge, ein Narr
-des Edelmutes, eine Heldenstimme der Unvernunft? Du aber gingst hin,
-verschlossest den lebendigen Strom des Gewissens, weigertest Speise und
-Trank Deinen Worten, die hinter dem Gehege Deiner Zähne dahinstarben wie
-gefangene Tiere. Du Knecht der Stummheit! Du Verbrecher des Schweigens!
-Du Dieb der Wahrhaftigkeit!«
-
-_Regina mundi dignissima et mater perpetua intercede pro nostra pace et
-salute._
-
-Aber zum dritten Male aufschauend erblickte ich hinter dem
-palmengeschmückten Bilde den Leib des Gekreuzigten, mit Blut bedeckt,
-die Hände von Nägeln zerschlagen, und erkannte in ihm das Bild dieser
-Erde, die, in Kriegen verstümmelt und von grenzenlosem Elend verzerrt,
-sich einen Leichnam zum Sinnbild ihrer höchsten Verehrung gemacht hat.
-Sie drängten hinzu mit gierig geöffneten Lippen, ich sah, daß ihre Seele
-ein reißendes Tier war, die verschlang das Kind Deiner Liebe, das Du
-geboren hast, die trank von dem heiligen Blute des Bruders und wurde
-trunken davon. Ihre Nahrung war der Leib eines Toten.
-
-_Accipite et manducate, hoc est enim corpus meum, quod pro vobis
-tradetur._
-
-Und von grenzenlosem Schmerze erfaßt, drängte ich hinaus, ein Betäubter,
-den ein Stein vor den Kopf getroffen. Noch auf der Straße, inmitten der
-Menge, die um die Tische der Bazare war, unter Handwerkern, Kaufleuten,
-unter Juden und Mohammedanern, Christen, Bettlern und Soldaten, während
-durch die offene Tür die Orgel in den Lärm des Marktes klang, schrie es
-auf in mir: »O Du erhabene Mutter des Menschengeschlechts -- sie beten
-Dich an, aber sie durchbohren Dir das Herz! Wer soll uns erlösen, wenn
-Du es nicht bist, Mutter? Aus Deinem Schoße wachsen die Kinder der Welt.
-Stehe auf aus den tausend Müttern der Erde, erhebe Dich aus den
-Millionen Herzen, die gelitten haben! Verschließe den Schoß, der so
-viele Leben geboren hat, laß versiegen den Quell Deiner Brüste! Stehe
-auf aus den volkreichen Städten Deutschlands; aus den Kathedralen von
-Frankreich, aus der Finsternis englischer Fabriken erhebe Deine Stimme!
-Aus den Wäldern Indiens, aus den Zelten arabischer Wüsten, den
-verschneiten Hütten russischer Dörfer beginne den Klagegesang. Aus der
-toten Verlassenheit anatolischer Felsenhöhlen, aus dem traurigen
-Wohnzimmer der Witwe, die in ihrem hölzernen Käfig dahinsiecht, aus der
-steinernen Klippe am Hang sizilianischer Felsen, wo die Stimme des
-Meeres in das Singen der Wiege klingt, laß Deinen Ruf laut werden, halte
-nicht länger zurück das Gewitter Deines Zorns und der Verzweiflung! Hebe
-Dich auf aus den Tiefen der Trauer und Einsamkeit, lege Deine Hände vor
-das Antlitz des Todes, und laß den Lärm der Schlachten verstummen, daß
-die Welt rein werde von den Greueln des Blutes. Denn Deine Kinder sind
-schwach und untreu ihres Gelübdes. Sie lernten es wohl, das eiserne Rohr
-zu führen, aus dem die teuflische Kugel fliegt, aber untüchtig sind sie
-und feige für die Arbeit des Brudertums. Sie achteten Deiner nicht,
-gingen hin und verrieten das Wort Deiner Liebe. O gib Brot und Speise
-denen, die hungern, gib einen Vater den Kindern wieder, nicht länger laß
-einsam sein den Schlaf des Weibes. Aus ihren weißen Betten steigen die
-Gebete der Kinder zu Dir auf, und aus den Gräbern noch blühen die Hände
-der Toten. Denn Dir gehört alle Herrlichkeit der Erde, Mutter, alle
-Kraft der Liebe, alle Barmherzigkeit!
-
-_Qui audit te non confitetur et qui operantur in te non peccabunt. Qui
-elucidant te, vitam aeternam habebunt. Ave Maria!_«
-
-
-
-
- An Carl Hauptmann
-
-
- Kriegslazarett Kasim Pascha,
- den 3. September 1916.
-
-Welchen Balsam haben Ihre Worte in meine Wunden getan! Wohl weiß ich,
-daß jeder Brief ein Pfeil ist, der in das Ungewisse fliegt, von dem wir
-nicht ahnen, in welchem Lande, zu welcher Stunde er niederfällt; der
-Ihre aber traf mich mitten im Herzen. Mir ist, als erwachte ich für
-Augenblicke aus tiefem Schlaf. Daß es noch eine lichtere Landschaft
-gibt, als die flache Ebene dieses Daches, wo ich meinen Tisch zwischen
-die Betten gestellt habe, und die flackernde Kerze, die von dem Atem der
-Kranken bewegt scheint, um Ihnen zu schreiben; wo ich im Schlafkleid
-unter dem hellen Mond seltsame Wache vor dem Tode halte, der unsichtbar
-in den Adern der Menschen umhergeht, der jeden Tag mit weißem Gesicht
-glühend am Himmel heraufsteigt und seine seltsamen Inseln, Kamel-,
-Pferde- und Stierleichen, die aufgelösten Leiber toter Soldaten mitten
-durch den Strom der Stadt treibt, daß wir nie vergessen, daß wir auch
-hier in den Laufgräben des Krieges schlafen.
-
-Wenn ich zurückdenke an das Leben, das ich einstmals geführt habe, an
-die stille Tafelrunde der Geister, die diese Zeit so lange hungernd von
-ihrer Mahlzeit scheuchte, so befällt mich oft eine stille Angst, daß
-dies alles nur ein merkwürdiger Traum war, der niemals Wahrheit
-besessen. Daß ich nie ein anderes Zimmer bewohnte als diesen einäugigen
-Raum, dessen Scheiben mit Papier verklebt sind, in dessen Winkel an
-einer aufgespannten Schnur meine Wäsche und meine Kleider hängen, in der
-die Koffer geschlossen und die Teppiche in Ballen gepackt liegen, als
-gelte es, jede Stunde des Aufbruchs gewärtig zu sein. Hat es auch für
-mich Wandernden einmal Heimat gegeben? Wann geschah es, daß ich auf
-etwas anderes blickte als gleißende Backsteinbauten oder in das sandige
-Auge der Wüste? Der stille Gleichmut des Landes hat seine tröstende Hand
-auch auf mich gelegt. Die Flamme des Zornes ist herabgebrannt, ich habe
-lächeln gelernt, was mich noch gestern in Empörung versetzte, begreife
-ich mit ergebener Anmut. Wie oft muß ich an meinen arabischen Diener
-denken, der jede Frage mit einem »Warum« beantwortet. »Ist das Essen
-fertig?« -- »Warum soll es nicht fertig sein?« -- »Hast du meine Stiefel
-geputzt? Ist Reis, sind Tomaten da?« -- »Warum nicht, Sahib?« Und wenn
-ich ihn darnach fragte, würde er nicht antworten: »Warum sollst du in
-Deutschland sein? Kannst du mir sagen, weshalb diese Erde besser sein
-sollte, als sie es ist? ...« Aluan wird 17 Jahre alt, ist zum zweiten
-Male verheiratet und hat zwei Kinder auf dem Friedhof liegen. Seit ich
-in den Tagen meiner Krankheit an seinem feindlichen Unbegreifen so oft
-in hilflose Verzweiflung geriet, hatte ich nie geglaubt, daß wir
-einander menschlich so nahe kämen. Wir beide haben manches von einander
-gelernt.
-
-Einmal besuchte ich ihn im Hause seines Schwiegervaters in Kazimen, lag
-die heißen Stunden des Mittags in seiner ländlichen Hütte auf der besten
-buntgedruckten Matratze, die er auf dem Erdboden ausgebreitet hatte, und
-deren Muster ich noch immer auf der Rückseite meines Hemdes trage. An
-der Wand hingen die kostbaren Frauenkleider aus grüner und roter Seide,
-und während ich schlief, kamen Kälber und Eselinnen, mit kauenden
-Mäulern, und berochen mit großen Augen den Gast. Bei dieser Gelegenheit
-sah ich auch Aluans starke und wohlgebaute Frau, zu der er jede Nacht
-eine Stunde weit von Bagdad nach Kazimen läuft, um erst im Morgengrauen
-wiederzukehren.
-
-Zuweilen fahre ich mit ihm nach der Insel hinaus, um zu baden. Hinter
-der Stadt bildet der Strom eine breite Sandbank, auf der Fellachen ihr
-Gemüse bauen. In meinem zeltüberdachten Boote versteckt, die persische
-Mütze auf dem Kopf, gleite ich heimlich aus der Stadt, denn ich bin ein
-scheuer Fremdling unter den Leuten des eigenen Volkes geworden. Dann
-breite ich meinen Teppich auf den Sand der Insel, ziehe mein
-baumwollenes arabisches Überkleid an, lese im Homer, im Herodot, im
-Goethe oder der Bibel, die meine nie versagenden Tröster sind; denn ich
-bin nun ganz zurückgekehrt zu den ewigen Menschheitswerken, die jenseits
-alles Ruhmes und Streites dieser Zeit liegen. Neben mir, auf den Fersen
-sitzend, hockt Aluan, und nachdem er lange geschwiegen hat, lächelt er
-nachdenklich. »Ja, siehst du, Sahib,« sagt er zu mir, »das ist der
-Unterschied. Ich habe eine Frau und kein Essen. Du hast Essen und keine
-Frau.« Auch hier spricht die Stimme des Menschlichen zu mir, und mit
-leiser Rührung betrachte ich die sanfte Neigung seines Kopfes, wenn er
-mir zuhört, oder die zärtliche Geste, mit der er nach einem Zipfel
-meines Kleides hascht, seine Lippen darauf zu drücken und mir für eine
-Kupfermünze zu danken.
-
-Aber ich habe noch andere Brüder, die heimkehrend in den Stunden des
-Abends auf mich warten. Hinter der Brücke am Wasser liegt die kleine
-Moschee. In den Nächten des Ramadan bin ich der Gast der alten Mollahs.
-Hier ist Munir, der Erleuchtete, ich sitze zu seinen Füßen und lausche
-auf seine Stimme. Einmal fragen sie mich nach meinem Namen. Ich sage
-ihnen, wie ich heiße; seitdem rufen sie mich »Tarik«. Wir lesen einander
-Gedichte in arabischer und deutscher Sprache vor, und obwohl keiner des
-anderen Worte versteht, hören wir doch einander zu und sind voll
-Andacht.
-
-Mein arabischer Diener, die alten Gelehrten im Schatten der Moschee und
-Pater Joseph, mit dem ich das Dach meines Hauses teile, sind nun meine
-einzigen Freunde geblieben, vielleicht noch ein sterbender Hund, den ich
-am Wasser, krank und mit Wunden bedeckt, zwischen dem Lärm der
-Bootsführer und Wasserträger ganz in sich versunken, die geheimnisvolle
-Arbeit des Todes verrichten sehe. Aber die Stunden sind selten, da ich
-in ihrer Mitte bin. Ich habe aufgehört, mir selbst zu gehören, in eine
-Reihe inhaltsloser Tage gedrängt, ein bodenloses Gefäß, das leer wurde,
-noch ehe wir es zu füllen begannen. Nicht immer ohne Bitterkeit trage
-ich diese Stunden und die Demütigungen, die mit meiner Arbeit verbunden
-sind; denn auch hier gilt nur, wer zu töten berufen ist, und ein
-liebender Menschenpfleger ist im Grunde eine verächtliche Gestalt.
-Möchte mir nur die Liebe derer bewahrt bleiben, denen ich, meiner selbst
-kaum mächtig, die letzte Kraft meiner Hände reiche.
-
-Während ich diese Zeilen schreibe, blicke ich vom Dach in den Hof auf
-die lange Reihe ihrer Betten hinab, wo sie, ihrer Decken entblößt,
-nebeneinander liegen, das eine Knie in die Höhe gezogen, als stiegen sie
-noch im Schlaf eine unendlich mühsame Treppe hinauf. Und ich höre wieder
-die Stimmen der deutschen Soldaten, die, heimgekehrt aus der Wüste, mir
-von den bitteren Mühen ihres Lebens erzählen, wie sie hier, am »Hintern
-der Erde«, von Hunger, Krankheit und Heimweh zernagt, der letzten Hilfe,
-des Beistandes ihrer Offiziere beraubt, die sie ohne Grund in der Glut
-der Mittagsstunden in der sommerlichen Wüste Schanzen werfen ließen, in
-einer »türkischen Fremdenlegion« dienten. Noch gestern saß ich an dem
-Bett eines sterbenden Offiziers, in dessen letzten Träumen das bittere
-Gefühl versagter Freundschaft umging, die Scham und der Vorwurf gegen
-die Kameraden, die, Verbrecher aus Ehrgeiz und Niedertracht, ihren
-Untergebenen die Liebe verweigerten, die sie ihnen schuldig waren. Nun
-tönt aus dem Schatten der Mauer die Stimme eines jungen Soldaten, der
-seinen türkischen Wärter ruft: »Mustapha, Musta -- pha!« leise und
-kläglich, als riefe er seine Mutter. Ich blicke auf und schaue den
-schwarzen Strom hinunter, in dem die letzten Lichter der Stadt sich
-spiegeln, blicke in das Wunder der fallenden Sterne, die wie glühende
-Geißeln über den nächtlichen Himmel peitschen, die herabsickern, langsam
-fallende Schneeflocken, silberne Tränen. Jetzt blitzen sie auf,
-gewaltige lichthelle Kugeln, die eine unsichtbare Hand über die Erde
-hinabwirft, zu schauen, ob der Krieg noch immer nicht das verwüstete
-Lager entweihter Unschuld verließ. Sie verlöschen, und wieder wird
-Nacht. Aus dem Dunkel des Flusses aber tönt die leise Stimme eines
-arabischen Fischers, der in seinem Boote schlafend den Strom
-hinabtreibt:
-
- Die große Palme und der kleine Schößling sind dahingegangen,
- Ich blieb allein zurück.
-
-Mitten in all das kommt Ihr Brief, und ich fahre empor wie ein
-Schlafwandelnder. Freude! Freude! Aber auch Kummer erfaßt mich. Ich sehe
-die frischgelöschte Tinte Ihres Namens darunter, als wäre ich eben in
-der Winterstille durch den Schnee der Berge herabgekommen, trete in das
-abendliche Zimmer und sehe, wie Sie vom Tische aufstehen und aufhören zu
-schreiben. Wie ich zu lesen anfange, erkenne ich verwundert, daß ich
-selber es bin, an den diese Worte gerichtet wurden. Werde ich wirklich
-noch einmal diese Stube schauen? Wann wird der Tag kommen, da mir und
-Euch allen die Worte geschenkt sind: »Hier gebe ich Dir Armin Wegner
-zurück.« Wie anders wird die Gestalt sein und die Seele, die wieder
-unter die Augen der Freunde tritt. Ihr werdet die ersten weißen Haare
-auf dem Haupte der Jugend schauen. Denn es ist ein Weg ohne Heimkehr,
-den wir beschreiten, an dem wir wohnen wie die abgeschiedenen Seelen der
-Babylonier, deren Nahrung der Staub ist, und die von ihm zurückkehren,
-tun es nicht ungestraft. Andere Augen sind es, mit denen sie schauen;
-sie bleiben gezeichnet für den kommenden Tag.
-
-Dennoch glühen unter der Asche dieser Tage purpurne Flammen, die
-zuweilen urplötzlich hervorbrechen, vor deren geheimer Gewalt ich
-erschrecke, als wenn sie mich selber vernichten müßten! Ein unbändiges
-Verlangen ergreift mich, die Schritte hinaus zu setzen, in welche Höhen
-und Abgründe sie auch führen mögen, fort! fort! verkleidet in das Gewand
-eines Beduinen, bettelnd, mit Aussatz bedeckt, und sei es auch, um in
-der Wüste zu sterben. Aber schon höre ich die Schritte der Häscher im
-Hof, die mir das Blut in den Adern erkalten lassen. Wohin? Wohin? ...
-Einst sagte mir ein arabischer Wahrsager, den ich im Staub der Straße um
-meine Zukunft befragte, indem er die Würfel auf eine messingne Schale
-legte, in die das Zeichen des Widders und des Steinbocks gegraben war:
-»Was du im Herzen trägst, wird in Erfüllung gehen.« Aber was ist es, das
-ich im Herzen trage: Tod, Leben, Ruhm oder Untergang, Glück oder
-Verbrechen? Auch der Gram ist nur eine Stufe der Lust; hinter den
-härtesten Leiden noch gilt es zu jubilieren wie eine Lerche. Nur eines
-weiß ich, daß mit mir die Liebe ist, daß sie mich weiter begleiten wird,
-und sei es auch zu den Abenteuern und Ländern, die jenseits dieses
-Lebens liegen. »Friede sei mit Dir!« rufen mir die Araber zu, denen ich
-des Nachts in den dunklen Gassen begegne; mit mir aber geht der
-Unfriede, mit meinem friedlichen Herzen die Unrast, die mich durch alle
-Schmerzen der Erde von der Hölle bis zu den Sternen treibt, immer
-duldend und immer voll Neugier.
-
- Ihr Armin, genannt Tarik, das ist »der des Weges Schreitende«.
-
-
-
-
- Die vierzig Tage und Nächte der Heimkehr
-
-
- An Pater Joseph
-
- Hadit, den 30. September.
- Früh ½7, im Schatten eines alten Wasserrades.
-
-Bester Pater! Ihnen den ersten Gruß. Daß es weiter geht. Daß die Erde
-sich wieder rundet. Als Sie mich bei meiner Abreise baten, Ihnen zu
-schreiben, schien mir dies freilich ein Wunsch, dessen Erfüllung fern in
-einer heimatlichen Schreibstube lag. Aber nun ich die ersten Tage durch
-die Wüste gereist bin, sehe ich, wie sehr meine Gefühle bei Ihnen
-blieben, wie fremd mir die Heimat noch ist. Dabei denke ich nicht ohne
-Genugtuung daran, daß ich dieser letzten kurzen Erkrankung, die mich
-nach den Anstrengungen der vergangenen Wochen zum drittenmal auf das
-Lager warf, den Aufbruch zur Heimkehr verdanke, die fast noch in der
-Stunde des Abschieds an dem Mangel an Wagen gescheitert wäre. Dieser
-Heimkehr, die keine Heimkehr ist; denn auch meine verblutete Seele liegt
-bei den Toten in der Steppe begraben und wird nie wieder in das Land
-zurückkehren, das ich vor kaum zwei Jahren verließ. Wie oft muß ich mich
-unserer erregten Gespräche in den verdeckten Kellern von Mesnil Schah
-Bender erinnern und jener tröstlichen Worte, die ich Ihnen zurückließ:
-»Meine Irrtümer sind mir lieber als Ihre Wahrheiten.« Aber ich fühle
-auch, daß hinter allen Widersprüchen etwas Menschliches lag, das wieder
-zu zittern anhebt. Ja, jetzt erkenne ich, wie schwer mir der Abschied
-wurde, seit das letzte Wahrzeichen der Stadt verschwand, jene einsame
-Grabpyramide, die halb zerfallen hinter Kazimen in der Wüste steht. Zwei
-Tage sahen wir sie in der Sonne leuchten, dann löste sie sich in Rauch
-auf.
-
-Heute werden wir zum erstenmal einen Tag rasten. Die Kutscher haben die
-Splinte aus den Wagen gezogen und sind in das Dorf gegangen; so habe ich
-Zeit, in Geduld zu warten. Ja, das Menschliche. Wie es mich auch hier
-auf allen Dörfern und Wegen der Wüste begleitet! Jener oft wiederholte
-Gruß der Fellachen, jenes »Bruder, Bruder«, mit dem uns die Beduinen die
-Früchte ihrer Felder reichen, der Bettler die Hand nach uns ausstreckt,
-scheint mir ein tägliches Gleichnis meiner Gedanken. Oft, wenn ich in
-die Gasse ihrer lehmgehärteten Hütten trete, gesellt sich ein arabischer
-Junge zu mir. »Eier! Eier!« ertönt unsere Stimme vor den Türen, dann
-kommen die Mädchen und Frauen aus den Höfen heraus. Ich bleibe bei den
-Männern an ihren Webstühlen stehen, mit ihnen zu plaudern (sie hocken in
-einem Loch in der Erde). Zutraulich legen sie mir die Hand auf die
-Schulter. Ich sitze bei den Frauen auf ihren Matten, und sie
-verschleiern sich nicht.
-
-Während aus den tönernen Schaufeln des Wasserrades ein feiner Sprühregen
-über mich herabfällt, blicke ich nach der schmalen Insel des Euphrat
-hinüber, auf der zwischen Palmen die Hütten aneinandergedrängt stehen,
-eine graue Feste. Bronzene Gestalten treten zögernd in das Wasser, das
-Bündel ihrer Kleider wie einen wunderlichen Turban um den Kopf
-geschlungen. Und wie ich dem Spiel ihrer Leiber zuschaue, die sich
-schwer gegen die Strömung beugen, wie sie, ihre Kinder auf dem Rücken
-tragend, das Ufer hinaufklettern, über das die warme Morgensonne
-streicht, fühle ich wieder, wie ich trotz Tod und Tränen in dieses Land
-verliebt gewesen bin.
-
-Täglich streifen wir viele Stunden weit durch seine hungrige Weite.
-Schon vor Sonnenaufgang, wenn die Pferde noch ungeschirrt an den Wagen
-stehen, wandere ich zu Fuß hinter der Karawane her. Blaß hebt sich die
-Staubwolke unter den Tritten der keuchenden Tiere, bis der Tag kommt,
-und der Schatten ihrer spitzen Ohren deutet auf unseren Weg. Dabei bin
-ich von einer so überquellenden Heiterkeit und Fülle der Gesichte
-bewegt, daß es mir kaum gelingt, im Weiterschreiten auf ein
-zerflattertes Papier ein paar kurze Aufzeichnungen zu machen. Welche
-Veränderung ist mit mir vorgegangen! Selbst meine Uhr, die seit Monaten
-still stand, begann drei Tagereisen hinter Bagdad wieder zu gehen. Oder
-ich lehne in den heißen Mittagstunden im Winkel unseres schaukelnden
-Pilgerwagens und träume zwischen Wachen und Dämmern von einem großen
-Manifest des Friedens. Ist es Europa, dem ich mich nähere, das mich so
-froh macht? Ich glaube, wenn es nach Indien oder Ägypten ginge, ich
-könnte nicht glücklicher sein.
-
-Gestern, schon in der Dunkelheit, wir waren den ganzen Tag durch
-löchrigen Boden gefahren, blieb unser Wagen allein in der Steppe zurück.
-Ich war auf den Bock gestiegen und hatte selbst die Zügel unserer vier
-Pferde in die Hand genommen, aber die hartgewordene Krume einer
-ausgetrockneten Wassermulde zersplitterte unter unseren Rädern wie Glas.
-Die Pferde zogen an, zerrissen die Stränge, zitterten und blieben
-stehen. Und während der Kutscher mit tränenverzerrtem Gesicht und einem
-»Hilf Allah« immer wieder vergeblich auf die Pferde einschlug, ging ich
-im offenen Hemd und meinen weichen Schlafschuhen allein eine Stunde weit
-unter dem sternenbeglänzten Himmel, das nächste Dorf zu suchen. Wie nahe
-wart Ihr mir alle, während ich still vor mich hinschritt, einsame Worte
-mit Euch tauschend. Ich hätte nur die Hand auszustrecken brauchen, um
-das Schlagen Eurer Herzen zu fühlen. O beglückende Müdigkeit, als
-endlich auch unser Wagen in den finsteren Hof der Karawanserei rollte,
-spät unter dem offenen Wind zu schlafen, unter den Kaugeräuschen der
-Tiere, die zwischen unsern Lagern umhergehen. Dann tönt das Donnern der
-Wasserräder lauter vom Fluß, und die Glocke des Leithengstes klingt noch
-lange in unsern Traum ...
-
-Grüßen Sie Aluan, Dschafar und Achmed und die andern kleinen
-Bootsjungen, mit denen wir hinab nach der Insel fuhren. Gedenken Sie der
-Lebendigen und der Toten. Und wenn Sie durch jene trümmerbesäte Straße
-gehen, durch die wir oft im Dunkeln stolperten, so vergessen Sie nicht,
-daß ich auch diesen Staub unter Ihren Füßen noch liebte.
-
-
-
-
- Die vierzig Tage und Nächte der Heimkehr
-
-
- Aus dem Tagebuche
-
- Rahije, den 2. Oktober,
- abends ½6.
-
-Eben im Euphrat gebadet, Grund sehr steinig. Die ersten stärkeren
-Wolkenzüge treten auf und beschatten die Sonne. Die letzten Palmen sind
-verschwunden. Vor Ana habe ich mir für zehn Piaster ein schwarzes
-Lämmchen gekauft. Schon drei Tage schleppe ich es mit mir und habe die
-größte Freude, es während der Fahrt auf dem Schoß zu halten und zu
-streicheln.
-
-Gestern nachmittag, wir fuhren, Wagen und Karawane, in enggeschlossenem
-Zug, uns vor Überfällen der Beduinen zu schützen (am Vorabend waren
-deutsche Schahturs überfallen worden, und es gab acht tote Araber), ein
-wenig schweigsam, denn es war spät geworden, stand plötzlich in der
-Abenddämmerung ein seltsames Zeichen am Himmel. Ein langer, geschwänzter
-Strich wie die helle Schnur einer Peitsche. War es der rauchende Schweif
-einer Sternschnuppe oder spiegelte sich der leuchtende Lauf des Euphrat
-in den Wolken wider? Alle Blicke waren auf den blassen Himmel gerichtet,
-wo es unverändert fast zehn Minuten verweilte. »Das ist ein Zeichen des
-Friedens,« sagte eine Stimme. Mir aber schien es eine feurige Geißel,
-die über der Erde stand. Unwillkürlich neigte ich den Kopf, als müßte
-ihr sausender Schlag auch über mich und unsere kleine Karawane
-herabfallen, die mühsam und gedrückt über den steinigen Grund dahinzog.
-
- Abu Kemal. Dreizehnter Tag.
- Abends 5 Uhr.
-
-Heute nur acht Kilometer zurückgelegt. Kahle, steinige Uferhöhen, die
-wir nur langsam hinaufklimmen, verwahrloste Wege. Weite
-violettschimmernde Hochebene, durch die der Fluß stahlgrau dahinzieht.
-Überall liegen lose Brocken zerstreut, als wäre ein ungeheurer
-Steinregen herabgefallen. Gegen Mittag raste Hassan, der Führer der
-Kutscher, mit seinem Wagen in das ausgetrocknete Bett eines Flusses.
-Alle Pferde bluteten. Zwei Räder waren völlig zerbrochen, und der Wagen
-schleppte sich, auf den Speichen rumpelnd, mühsam bis in den Chan.
-Gestern ging ein Maultier mit allem Gepäck in den Fluß, konnte aber
-gerettet werden. Ein Pferd, das beim Tränken über die Uferböschung
-stürzte, wurde abgetrieben. So gibt es täglich Verzögerungen. Wir werden
-zwei Tage hierbleiben.
-
- El Gahsim, den 6. Oktober.
-
-Bei Sonnenuntergang unter dem Dach einer weidengeflochtenen Hütte. Neben
-mir vor einem Feuer von Eselsmist hockt ein blinder Araber. Über mir an
-den Zweigen hängt in einem leinenen Beutel der Koran. Ein ungeheurer
-Staubsturm hat die Ebene mit einem schwarzen Mantel bedeckt. Wir hatten
-eben abgekocht, als die Wolke plötzlich über den Horizont sprang, Blitze
-wie feurige Flammen. Von den hohen Wellen des Euphrat wurde der Schaum
-so weit durch die Luft gewirbelt, daß wir glaubten, es begänne zu
-regnen. Zu meinen Füßen liegt alles durcheinander, das noch fettige
-Geschirr, die Beutel mit Reis und getrockneten Aprikosen, das rote
-Fleisch der angeschnittenen Melone, alles mit einer Schicht von grauem
-Staub bedeckt. Ich fühle ihn zwischen Lippen und Zähnen. Heute wurde
-unser Lämmchen geschlachtet. Ich hatte es Mona Lisa getauft, und es
-sprang und meckerte lustig auf unsern Halteplätzen umher. In meinen
-Mantel gehüllt, versuche ich auf einer Reihe von Kisten zu schlafen. Als
-ich wieder aufwache, ist klare Nacht. Der blinde Araber steht draußen im
-Mondschein auf seiner Matte und betet. Die toten Augen sind in das
-geisterhafte Licht gerichtet, unbeweglich, als schaute er in eine
-wunderbare Landschaft. Nun sehe ich es auch. Da beugt er den Kopf und
-fällt in die Kniee.
-
- Salichie, den 7. Oktober.
- Nachts 12 Uhr.
-
-Einsame Herberge in der Wüste. Ich lehne, die Wache haltend, am Tor der
-verlassenen Karawanserei. Draußen dämmert die endlose Ebene. Der volle
-Mond steht am Himmel. Es ist so hell, daß ich ohne Mühe schreiben kann.
-Vom Hof tönt das Husten der brustkranken Pferde, nur unterbrochen von
-dem Heulen Hassans. Sie haben ihm den Rücken und die Sohlen blutig
-geschlagen, weil er im Basar von Ana die eisernen Ersatzteile der Wagen
-verkauft hat, die die türkische Kommandantur für uns requiriert hatte.
-Von Fußtritten verfolgt, schleppt er sich von einem Winkel in den
-andern.
-
-Ich trete in einen fensterlosen Raum der Karawanserei. Als ich Licht
-mache, leuchten mir von der berußten Gipswand in großen deutschen
-Buchstaben die Worte entgegen: »Wo waren wir gestern?« Betroffen bleibe
-ich stehen, leuchte mit dem Streichholz die Wand ab. Ich zähle acht
-verschiedene Sprachen. Hier ist eine Trommel mit gekreuzten Schlägern an
-die Mauer gezeichnet. Deutsche Namen darunter und das Datum: den 28.
-August 1914. Daneben: Ankunft dritter Zug von Ekbatana, den 2. Januar
-1915. Reise von Teheran nach Bagdad und Stambul, Baruch Josephsberg, 77.
-Reg. Lemberg. Marga Imre, _5 Magyarka, honvéd 13. IV. 16_. Marie
-Stirting, Erna Erickson de Bender Abas _le 23. Julliet 15 en route pour
-Beirut_. Dann die Inschrift eines englischen Gefangenen: _Happy he, who
-return. London, Holting-street._ Die Unterschrift ist nicht zu
-entziffern. Namen, Namen. Deutsche, englische, französische, ungarische,
-türkische, arabische, hebräische, schwedische Inschriften. Es nimmt kein
-Ende. Wie seltsam berührt es mich, viele Tagereisen weit in der Wüste
-all jene mit zahlreichen Zungen zu mir reden zu hören, die gleich mir
-diese tote Stille durchwandert haben, die vom Golf oder aus russischer
-Gefangenschaft die endlose Reise über die persischen Berge und durch die
-Wüste machten, von Hitze und Kälte gepeinigt, eine Nacht in diesem
-fensterlosen Raume zu schlafen. Wo sind sie, die mit verrostetem Nagel
-dieses in den Mörtel der Wand gruben? Hier hat einer sein Vaterhaus, von
-Bäumen beschattet, an die Wand gezeichnet. Neben manchem Namen ist ein
-kleines Kreuz gemalt, heimkehrende Kameraden haben es hinzugesetzt,
-dreimal sind sie den Weg durch die Wüste gezogen. An der
-gegenüberliegenden Wand steht eine arabische Inschrift: »O Ali, Sohn des
-Hassan, ich habe Wasserrinnen nach dir vollgeweint.« Darunter auf
-Türkisch: »In Bagdad und Umgegend habe ich drei Monate im Elend gelebt.
-O Allah, gib uns Barmherzigkeit und Frieden. Osman Hakki Tefik,
-Hauptmann im Generalstab. Salichie, den 4. Tamus 1333[3].«
-
-Als ich wieder hinaustrete, schlägt mir die Nacht kalt entgegen. Ich
-gehe vorsichtig zwischen den schlafenden Menschen und Tieren hindurch,
-die zusammengekauert am Boden liegen. Ermüdet setze ich mich auf den
-Leib des toten Esels, der am Nachmittag gestorben ist. Bis hierher
-schleppte er die blutgeschwollenen Glieder, aber als die Maultiere, von
-ihrer Traglast befreit, den wunden Rücken im Staube wälzten, erhob er
-sich nicht wieder. Und ich denke an den Weg zurück, den wir alle
-gewandert sind, denke an meine Toten und wie sie mich ständig begleiten.
-Wenn ich am Tage in der hellen Sonne hinter der Karawane herschreite,
-winkt mir ihr Gepäck vom Rücken der Maultiere herab. Dunkel leuchtet ihr
-Name auf den hellen Kisten, dem traurigen Rest ihrer Habe, den ich mit
-mir zurück in die Heimat trage, als ginge ich wie der Gläubige hinter
-dem Leichnam her, den er in heiliger Erde bestatten will, ihren
-geliebten Schatten in Deutschland zu begraben. Des Abends am Feuerloch
-ist mir, als müßte ich wie in früheren Tagen mit ihnen die Mahlzeit
-teilen. Ich blicke in ihr Gesicht: »Bist du es, alter Freund und
-Wüstengefährte? Willst du Brot? Magst du Tee?« ... Ich fühle ihre Nähe,
-die mich umgibt, die stille Gemeinschaft derer, denen wir nicht mehr weh
-tun können. Ich schlafe in ihrem Schatten.
-
-[Fußnote 3: der Hedschra.]
-
-Fröstelnd lehne ich mich über den aufgetriebenen Leib des toten Tieres,
-mit der Hand seinen Hals liebkosend, der noch eine leichte Wärme trägt.
-Wieder steigt jener freundliche Gedanke des Friedens vor mir herauf, und
-während ich einsam in der unergründlichen Weite sitze, ist mir, als
-könnte ich deutlich auf das künftige Europa hinabsehen, wie auf ein
-heiteres Gebäude, das sich mit freundlichen Zimmern und Gärten vor mir
-ausbreitet. --
-
-Zwei Uhr nachts. Es ist Zeit zum Wecken. Ich reiße den Kutschern die
-Mäntel fort, die sich zitternd zwischen ihren Futtersäcken erheben. Nun
-habe ich noch eine Stunde Ruhe, aber die Fledermäuse, die im Gebälk
-flattern, lassen mich nicht einschlafen. Bald gehe ich hinter der
-Karawane her. Vor mir raucht die unabsehbare Ebene. Und wieder denke
-ich: o sie liebten dich nicht, du grauer einsamer Boden, alle, die ihren
-flüchtigen Namen an die zerbröckelnde Wand dieser Herberge schrieben.
-Sie dachten: Deutschland, oder England, oder Schweden ... irgendwo dort
-hinten an eine geliebte und menschenbelebte Scholle, zogen vorüber und
-fluchten dir. Ich aber fühle deine grenzenlose Weite in meinem Herzen.
-Fühle in mir deine Sonne, deinen Wind, deine Sterne. Fühle, wie mit
-jedem Schritt meine Seele lebendiger und froher wird, als wanderte ich
-vom Tode zurück in das Leben.
-
- Abu Herera, den 11. Oktober.
-
-Der letzte Leichnam? Als wir in die verlassene Karawanserei treten, die
-von Unrat und üblen Gerüchen erfüllt ist, liegt er in der offenen Tür.
-Die ausgehungerte Gestalt eines zwölfjährigen armenischen Knaben. Mit
-strohblondem Haar, den Leib bis auf die Knochen abgemagert, Hände und
-Füße wie Keulen. Nur der linke Arm steckt noch in Lumpen. Als ich an den
-Fluß trete, finde ich viele Gräber, zahllose alte Feuerstellen. Ist
-dieses das Ende einer furchtbaren und grausamen Jagd?
-
-Wieder tritt jener Auszug eines vertriebenen Volkes vor meine Augen,
-durch dessen schmerzliche Lager ich im vergangenen Jahr mit
-erschrockener Seele geirrt bin. Bald begegnen wir den ersten
-Flüchtlingen. Die Ränder aller Wege sind mit ihren Knochen besät, die
-grell in der Sonne bleichen. In Maden treffen wir das erste Lager.
-Kinder und Frauen umdrängen unsern Wagen, schlagen sich wund um ein
-Stück Brot oder eine leere Melonenschale. In Tibini haben sie einen
-kleinen Basar errichtet. Bäcker, Fleischer und Schuster sitzen in der
-grellen Sonne unter den ausgespannten Lumpen eines zerrissenen Tuches
-auf dem nackten Steinboden und bieten ihre Ware aus. Einen türkischen
-Offizier sah ich beim Garkoch ein gebratenes Stück Fleisch kaufen, und
-nicht ohne Bewunderung dachte ich: sie haben dich in den Tod getrieben,
-du aber bietest deinem Mörder für einen Metalik noch in der Wüste ein
-Stück Fleisch an!
-
-Bei Rakka, in einem völlig verwahrlosten schmutzigen Lager, traf ich
-einen dreizehnjährigen Knaben. Er hatte seine Mutter und seinen Bruder
-verloren, nur sein Vater lebte. Er hieß Manuel. Einen weißen Lappen
-gegen die Sonne um den Kopf gebunden, lief er, auf auf einem Kuhhorn
-blasend, lachend zwischen den Haufen der Hungernden, Kranken und
-Sterbenden umher, die reglos dalagen oder, dem Wahnsinn nahe, ihren Kot
-als Speise verzehrten. Seine wohlgebaute, noch kräftige Gestalt, sein
-offenes Gesicht gefielen mir. Ich wollte ihn in unsern Wagen nehmen, um
-ihn mit nach Deutschland zu bringen. Seine geraden Augen leuchteten
-dunkel zu mir auf. (Meine Mutter, dachte ich einen Augenblick, ich will
-dir einen neuen Sohn schenken!) Ich ließ mich zu seinem Vater führen,
-einem Händler aus Alexandrette, den sie zum Wächter des Lagers gemacht
-hatten, weil er lesen und schreiben konnte. Aber obwohl sein Gesicht
-sich vor Freude verklärte, war er so müde und abgestumpft, und seine
-Angst vor den Gendarmen, die Furcht um das eigene Leben waren so groß,
-daß er keinen Ausweg finden konnte.
-
-Da ging ich selbst zu dem arabischen Aufseher. Ich saß zwei Stunden auf
-seiner Matte und bot ihm den Rest meiner Barschaft an. Aber sie wollten
-ihn nicht freigeben. Ich versprach, in Aleppo bei Hakki Bey, dem Leiter
-der Ansiedlungen, für ihn zu bitten. Wieder und wieder drückte ich ihre
-Hände, ich sagte: ich werde in Deutschland an Euch denken. Manuel
-begleitete mich bis an den Ausgang des Lagers. Er wollte versuchen, in
-der kommenden Nacht unserer Karawane nachzulaufen. Aber ich glaube
-nicht, daß es ihm gelingen wird, unter den Flintenschüssen der Gendarmen
-zu entfliehen.
-
- Mes kene, den 15. Oktober.
-
-Als es Abend wird, sitze ich mit dem Priester Père Arslan Dadschad in
-der offenen Tür seines Zeltes, und sie erzählen mir von ihren Leiden.
-Von den 800 Familien der Stadt, mit denen sie auszogen, von den vielen
-Tausenden, die er in der Wüste begraben hat, darunter dreiundzwanzig
-Priester und einen Bischof. Ihre Blicke schreien mich an. »Du bist doch
-ein Deutscher«, sagen sie, »und mit den Türken verbündet ... so ist es
-also wahr, daß ihr selbst es gewollt habt!« Ich schlage die Augen herab.
-Was kann ich ihnen erwidern, um sie Lügen zu strafen? Aus einer Tasche
-seines Gewandes, in einen zerlumpten Fetzen gehüllt, holt der Priester
-sein Christuskreuz, und als er es andächtig mit Küssen bedeckt, kann
-ich, von Rührung ergriffen, mich nicht enthalten, es gleichfalls an die
-Lippen zu führen, dieses Kreuz, das der Zeuge so vielen menschlichen
-Kummers und Leidens gewesen ist.
-
-Ich sehe nach den abendlich rauchenden Zelten und dem hellen Mond, der
-über der dämmerigen Ebene aufsteigt. Das alles ist so anheimelnd, daß
-ich mir einen Augenblick ein friedliches Bild vortäuschen könnte. Frauen
-in geschürzten Unterröcken und offenen Blusen machen einen kleinen
-Abendspaziergang. Das Geschrei spielender Kinder tönt herüber. Da höre
-ich wieder ihre ängstlich forschende Stimme: ob ich Armenier in den
-Städten am Euphrat getroffen habe? »... Wir werden sterben, wir wissen
-es.« Er deutet auf sein zerlumptes Gewand: »_Une fois j'étais un prètre,
-maintenant je suis un mouton, qui va à mourir._«
-
-Ich gehe im Dunkel an den Fluß hinunter. In einer Schlucht finde ich
-einen Haufen übereinandergetürmter Menschengerippe. Weiße Schädel, die
-noch mit Haaren bedeckt sind, ein Becken, die Brustrippe eines Kindes,
-zierlich gebogen wie eine Spange. Einen Augenblick überkommt mich eine
-dumpfe Verzweiflung, die mir die Tränen in die Augen treibt, als müßte
-ich alle Hoffnungen, alle Keime der Liebe vernichten, die mich je an das
-Lebendige banden. Unendlich märchenhaft aber fließt der Fluß in die
-weite Einsamkeit hinaus, in den unterspülte Erdschollen zuweilen
-donnernd hinabfallen, und an dessen Ufern ich verlassen dahinschreite,
-als wäre ich der letzte Mensch.
-
- Der Hafir, den 16. Oktober.
-
-Eine grüne Oase, Weide mit Lämmerherden. Ich liege, o Wunder, unter
-einem Baum und sehe das Licht durch die schmalen Blätter scheinen. Heute
-ist mein dreißigster Geburtstag. Zum dritten Male, seit ich von Hause
-fortzog, sehe ich diesen Tag sich wenden. Seit dem frühen Morgen wandere
-ich in der hellen Sonne dahin, den Blick nach dem hohen Himmel
-gerichtet, dort hinten, wo die Stadt aufsteigen soll, nach der wir so
-lange Wochen gewandert sind, der Liebe voll und der starken Hoffnung des
-kommenden Lebens. Mit welcher Freude verzeichnet das Auge das Auftauchen
-jedes neuen Gegenstandes. Ein plätscherndes Wasser, eine Blume, einen
-Regentropfen. Schwarzblaue Wolken beschatten den Himmel, und wieder
-bricht die Sonne hindurch. Altweibersommer fliegt uns durch die Steppe
-entgegen -- die weißen Haare Europas, das in Gram und Elend früh
-gealtert ist.
-
- Aleppo, den 19. Oktober.
- Bei den deutschen Schwestern.
-
-Als das schwarze Haupt der Zitadelle sich hinter den sanften Erdwellen
-aufreckt, geraten die Pferde in schnellere Bewegung. Lächelnd neigen die
-Kranken sich aus den Wagen, deren hölzerne Kästen mit zerrissenen Planen
-klappernd in die steinernen Straßen rollen, windbrüchige Schiffe, die
-den letzten Sturm überstanden. Wir haben die Bahnlinie erreicht, die uns
-wieder mit Stambul verbindet.
-
-Mein erster Gang führt mich zu den Schwestern. Sie haben für die
-armenischen Flüchtlinge zwei Häuser eingerichtet, die mit Waisenkindern
-überfüllt sind, die an der Straße liegen blieben. Die meisten kommen aus
-Van oder Erzerum und waren länger als sechs Monate unterwegs. In den
-ersten Wochen war der Hof so dicht von dem nackten Gestrüpp ihrer
-Scharen überwuchert, daß sie sich gegenseitig zu ersticken drohten. Als
-man das Haus reinigte, fand man im Brunnenschacht die Leiche eines
-Kleinen, der zwischen der Wildnis der Menschen dort schweigend
-verschwunden war. Auch Frauen und Männer halten sich unter ihnen
-versteckt. Ich habe angefangen, ihre Schicksale aufzuzeichnen, wobei
-Schwester Beatrix mir als Dolmetscher dient. Nur mühsam beginnen sie aus
-Schwäche und Angst vor neuen Leiden zu reden, bis die Fülle ihres Elends
-sie fortreißt und sie in Tränen ausbrechen.
-
-In den letzten Tagen habe ich zahlreiche fotografische Aufnahmen
-gemacht. Man erzählt mir, daß Dschemal Pascha, der Henker von Syrien,
-bei Todesstrafe verboten hat, in den Flüchtlingslagern zu fotografieren.
-Zusammengerollt trage ich diese Bilder des Entsetzens und der Anklage
-unter meiner Bauchbinde versteckt. In den Lagern von Meskene und Aleppo
-sammelte ich viele Bittbriefe, die ich in meinem Tornister verborgen
-habe, um sie an die amerikanische Botschaft in Konstantinopel zu
-bringen, da die Post sie nicht befördern würde. Ich zweifle keinen
-Augenblick, damit eine hochverräterische Handlung zu begehen, und doch
-erfüllt mich das Bewußtsein, diesen Ärmsten wenigstens in einer
-schwachen Hinsicht geholfen zu haben, mit dem Gefühl größeren Glückes
-als jede andere Tat es vermöchte.
-
- Konia, den 28. Oktober.
- Im Bade.
-
-Heute ist der neununddreißigste Tag, seit wir Bagdad verließen. Da der
-Zug über Mittag liegen bleibt, gehe ich ein paar Schritte in die
-herbstliche Stadt. Müde setze ich mich in die verlassene Moschee, hocke
-mich in einer Nische auf den Boden, lege den Daumen hinter die
-Ohrläppchen und fange zu grübeln an. Bald kommen die Leute und Soldaten
-von der Straße herein. Ein paar Vögel zwitschern in der Kuppel, die
-Stimme des Vorbeters klingt, von tiefem Schweigen unterbrochen, durch
-den Raum. Einen Augenblick denke ich, von einem Schwindel der Gefühle
-erfaßt: Gott, wo bist du? So schlafe ich ein und erwache erst, als das
-Bethaus leer ist, und wie zur Antwort singt eine grenzenlose Öde durch
-den Raum.
-
-In weiße Tücher gehüllt, liege ich auf der Ruhebank des Bades. Nur
-gedämpft klingt der Lärm der Stadt herüber, ein blaues Licht fällt durch
-die Decke herab. Noch brennt mir die Haut von dem heißen Seifenwasser,
-und verwundert schaue ich mein sonnenverbranntes Gesicht im Spiegel, den
-langen Bart, der mir in der Wüste gewachsen ist. Zuweilen aber sinke ich
-in Träume, dann steigt gewaltsam und furchtbar ein Werk vor mir auf, von
-dem ich glaube, daß es zu dem Grausamsten gehören muß, was je über
-menschliches Elend geschrieben wurde.
-
-Ehe ich Aleppo verließ, ging ich in das Polizeigebäude, um bei dem
-Leiter der Ansiedlungen für Manuel zu bitten. Aber obgleich er drüben in
-seinem Amtszimmer saß und ich seinen Kopf durch die Scheiben erblickte,
-ließ er mir durch den Diener sagen, er wäre verreist. In allen
-Gesichtern, die aus den Türen sahen, wohnte ein feiges Gewissen. Ich
-ließ mich bei seinem Vertreter melden. Alle waren sehr höflich, und wie
-immer bot man mir eine Schale Kaffee an. Doch während ihm Angst und Lüge
-deutlich in die Augenwinkel geschrieben stand, wagte er doch zu
-behaupten, mit der Frage der Ansiedlungen hätten sie nichts zu schaffen.
-So trat ich, ohne ein Wort meiner Bitte vorgetragen zu haben, wieder
-hinaus, die Treppe hinunter, an den Polizisten vorbei, die mit falschen
-Gesichtern in den Winkeln standen.
-
-Von Neuem breitet der Badewärter ein frisches Laken über mich. Ein
-wohliges Gefühl entfesselt alle Glieder. Aber schon im Halbschlaf sehe
-ich noch einmal die bloßen braungebrannten Füße des armenischen Knaben
-vor mir, die schon so viele Meilen in die Ferne gewandert sind. Seine
-dunklen Augen blicken fragend zu mir auf ... Manuel wird in der Wüste
-sterben. Ich habe ihn nicht wiedergesehen.
-
-
-
-
- An die Großmutter
-
-
- Kospoli, den 12. November 1916.
- An Bord des Corcovado, Goldenes Horn.
-
-Nur diesen Gruß, mein greises geliebtes Haupt, nur dieses Wort, daß ich
-da bin, tausend Stunden näher an Deinem Herzen! Nichts mehr von Undank
-und Bitterkeit! Nichts von Vergangenheit, nichts von Zukunft! In dieser
-Stunde nur Freude! Daß ich zurückgekehrt bin mit unerhörten Reichtümern
-des Geistes und Herzens, mit unersetzbaren, märchenhaften Schätzen des
-Leides. Nun da ich hier bin, gerettet, um das Martyrium dieses Weges,
-für mich und alle Opfer, die er gekostet hat, immer von neuem zu
-durchleben, fühle ich, wie hinter mir die Wüste zu wachsen beginnt,
-Meilen und Meilen wandernd in das Ewig-Ungewisse hinein. Nun erst
-erkenne ich, wie fern, wie fremd ich Euch war. Aber ich fühle auch, wie
-in mir das Wiedergeborene sich aufhebt, wie tausend Stricke mich rufen:
-Spanne dich ein, den Schatz zur Höhe zu winden, den zu entdecken du in
-so weite Tiefen hinab mußtest!
-
-Sollte es mich dem gegenüber bedrücken, daß dieser Krieg noch immer
-nicht in sich selber zusammenbrach? Daß ich, zwischen unüberbrückbare
-Widersprüche und Welten gesetzt, mich zweifelnd umschaue, wohin ich die
-Schritte bewegen soll, vor mir die Hölle der Somme, in meinem Rücken die
-Wüste? In dem Rumpf eines alten Schiffes wohnend, in dessen Kajüten man
-die deutschen Soldaten einquartiert hat und das rostig, von Seemuscheln
-bedeckt, im Goldenen Horn vor Anker liegt, trete ich zuweilen an die
-Reeling. Und zwischen abgetakelten Seegelbooten, zwischen
-schwarzbauchigen Dampfern, deren eingeschlafene Schrauben von Seetang
-bedeckt sind, zwischen Schornsteinen, Brückenpfeilern und Speichern sehe
-ich die grauen Leiber der Schlachtschiffe schimmern. Ja, vielleicht
-werde ich morgen, von denen fortgeschickt, denen ich so lange gedient
-habe, dort über das Fallreep treten, die Hände an der Naht und die Füße
-zusammengeschlagen, mit der Bitte, mich anzumustern, wieder wie in
-Knabentagen eine Matrosenbluse und einen Schifferknoten zu tragen, von
-Seewind umjubelt. Aber dahinter steht ein anderes Bild, und die Hand auf
-das Geschütz oder die Fahne gelegt, inmitten des grauen Kasernenhofes
-einer herbstlichen Stadt, höre ich mich mit anderen die Worte sprechen:
-»Ich, Armin Wegner, schwöre zu Gott dem Allmächtigen und Allwissenden
-einen leiblichen Eid, daß ich seiner Majestät dem Könige von Preußen zu
-Lande und zu Wasser ...« hier aber wird es plötzlich still um mich, und
-umgeben von einem kalten Schweigen höre ich einsam, als wären sie etwas
-Fremdes, Losgelöstes, von meiner Lippe die Worte fallen: »Daß ich
-niemals einen Menschen töten werde, an welchen Orten der Erde es immer
-sei! Niemals das Geschütz oder Gewehr gegen meine fremden Brüder zu
-richten. So wahr mir Gott helfe!«
-
-Da streift helle Sonne mein Gesicht. Ich sehe, wie die dunkle Welle, in
-die mein Blick noch eben träumend versenkt war, blauleuchtend zu blitzen
-und zu schäumen anhebt. Und ich begreife aus den Erfahrungen einer
-langen Jugend heraus, daß ich nicht mehr traurig sein darf, daß nie
-wieder etwas aufstehen kann, mich zu beugen oder zu brechen, so
-fratzenhaft Rätsel auch immer vor mich hintreten mögen, die zu lösen
-fast übermenschlich scheint und deren Ungelöstheit doch den Tod
-bedeutet. Sind wir nicht immer auf einer Reise begriffen? Ist die Küste
-nicht stets von Nebel verhüllt? Wenn ich des Nachts in meiner engen
-Schiffskabine liege, und mein Blick trifft aufwachend auf die Matratze
-des darüberliegenden Kameraden und die engen hölzernen Wände dieses
-vermodernden Kastens, in dem es nach Schwefel und Wanzen riecht, dann
-ist mir, als wäre ich, wie in vergangenen Jahren, auf irgendeiner
-abenteuerlichen Fahrt begriffen, als müßte ich beim ersten Schlagen der
-Glocke auf Deck und an die Brüstung eilen, eine fremde, märchenhafte
-Küste zu schauen oder ein grünes Ufer der Heimat, an dem auch Dein
-weißes Haar wehte wie eine seidene Fahne des Friedens.
-
-Wird es morgen sein? Wieviel Jahre werden vergehen? O, ich begreife, daß
-ich ein Recht habe, glücklich zu werden ... Freude! In dieser Stunde nur
-Freude! Nichts von Vergangenheit, nichts von Zukunft! War nicht jede
-See, die wir durchschwammen, nur der Vorbote eines größeren Meeres, in
-das wir uns stürzten, des geretteten Lebens froh und der neugewonnenen
-stärkeren Kräfte? O schöpferische Tat des Geistes, Kraft der Seele, die
-aus gemartertem Dasein geläutert emporsteigt, und du, gewaltigste
-Pflicht, die ich mich freudig bereite zu erfüllen, beglänzt von der
-Sonne des dreißigsten Jahres, zu schaffen, zu leben für Dich, mich, uns
-alle!
-
-
-
-
- Inhalt
-
-
- Seite
- An die Großmutter 1
- An die Frau eines im Kriege weilenden Soldaten 8
- An die Eltern 12
- An eine Schwester von Gül-Hane 16
- Traum auf dem Kelek 24
- An Carl Hauptmann 27
- An die Frau eines im Kriege weilenden Soldaten 34
- An die Großmutter 44
- Ein Vermächtnis in der Wüste 48
- An eine Freundin 60
- Brief an die Mutter 64
- Letzter Brief an die Eltern, Brüder, Freunde, Mitmenschen und 78
- Geliebten
- An eine Freundin 85
- An die Mutter 91
- An die Mutter 99
- An einen Freund 106
- Brief an die Eltern 112
- Der Triumph der Mutter 123
- An Carl Hauptmann 133
- Die vierzig Tage und Nächte der Heimkehr (an Pater Joseph) 145
- Die vierzig Tage und Nächte der Heimkehr (aus dem Tagebuche) 152
- An die Großmutter 173
-
-
-
-
- Werke
- von
- Armin T. Wegner
-
-
-
-
-
- Im Verlage von _Egon Fleischel & Co._ erschienen
-
- Zwischen zwei Städten 1909
- Gedichte in Prosa 1910
- Höre mich reden, Anna-Maria 1912
- Das Antlitz der Städte 1917
- Der Weg ohne Heimkehr 1919
-
-
- _In Vorbereitung befinden sich:_
-
- Im Hause der Glückseligkeit
- Türkische Novellen
-
-
-
-
-
- Das Antlitz der Städte
-
- Preis geh. M. 3,--; geb. M. 5,50
-
- _Carl Maria Weber_ in der _Bonner Zeitung_: Unter unsern
- zeitgenössischen Lyrikern hat kaum einer das Erleben des
- geistigen Großstädters, das benervte Schauen, das
- wollüstig-grausame Verfallensein an dieses Geröll von Lebendigem
- und Seelenlosem mit solcher Intensität gestaltet wie _Armin T.
- Wegner_. Visionen sind hier geballt von bedrückenden
- Schattendimensionen. Gläserne Dichte haben für ihn Mauern und
- Wände, kochende Lust und sieches Elend zudeckende Gewänder. Denn
- dieses Buch der Städte ist kein Bilderbuch (und keine ist irgend
- genannt; er meint _die_ Stadt als dämonisches Wesen, Irrgarten
- der Leidenschaften, Denkmal menschlicher Kraft und Unnatur); er
- sagt auch -- und zumeist vom Menschen aus, der sie schuf, der in
- ihr gefangen ist, an tausend Ketten zerrend, ihrem Mittelpunkt --
- wie er der Mittelpunkt der Welt überhaupt ist (oder doch sein
- sollte). Gesunde, unschwüle und unsentimentale (also unverlogene)
- Sinnlichkeit strahlt allenthalben auf -- was Wunder, daß
- selbsthasserische, puritanische Schnüffelbolde zum Staatsanwalt
- liefen, der im Interesse der öffentlichen Moral auch (kurz vor
- der Revolution) gleich bei der Hand war, die Konfiskation des
- inkriminierten Buches zu veranlassen.
-
- _Hans Franck_ in der _Frankfurter Zeitung_: Es gibt kein
- deutsches Versbuch, in dem das Gesicht der großen Stadt mit
- gleicher Wucht und Wahrhaftigkeit durch das Wort nachgestaltet
- wurde.
-
- _Richard Dehmel_: Und alle Lebensgluten sind mit der Ehrfurcht
- betrachtet, die das Häßliche wie das Schöne als gottgewollt liebt
- und das irdische Grauen himmlisch verklärt.
-
- _Nord und Süd_: Ein ethischer Wanderer ist er, großen Stils.
-
- _Josef Winkler_ in der _Rheinisch-Westfälischen Zeitung_: Er ist
- der erste Sänger der modernen Großstadt, wie sie wirklich ist.
- Man behauptete mal, wenn nur eine Großstadt bestehen bliebe,
- könne diese mit ihren Menschen und Mitteln aus einem
- Weltuntergang unsere ganze Kultur neubauen. An diesen Ausspruch
- muß man denken vor dem Reichtum, den Wegner in seinem Buch
- aufdeckt: vom titanischen Rhythmus des ungeheuren Schaffens der
- zusammengeballten Millionen .... Ich begrüße ihn als einen
- wahrhaft schöpferischen, visionär begnadeten Dichter.
-
-
-
-
- * * * * * *
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten.
-Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt
-(vorher/nachher):
-
- [S. 79]:
- ... des Todes bedeutet, nnd das der bekannte ...
- ... des Todes bedeutet, und das der bekannte ...
-
- [S. 99]:
- ... geboren. Als könnte ich dir heute nur all jene ...
- ... geboren. Als könnte ich Dir heute nur all jene ...
-
- [S. 176]:
- ... wie in vergangenen Jahren auf irgendeiner ...
- ... wie in vergangenen Jahren, auf irgendeiner ...
-
-
-
-***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEG OHNE HEIMKEHR***
-
-
-******* This file should be named 55371-8.txt or 55371-8.zip *******
-
-
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-http://www.gutenberg.org/dirs/5/5/3/7/55371
-
-
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-be renamed.
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-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
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-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
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-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation
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-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
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-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
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-</head>
-<body>
-<h1 class="pg">The Project Gutenberg eBook, Der Weg ohne Heimkehr, by Armin T. Wegner</h1>
-<p>This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States
-and most other parts of the world at no cost and with almost no
-restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
-under the terms of the Project Gutenberg License included with this
-eBook or online at <a
-href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you are not
-located in the United States, you'll have to check the laws of the
-country where you are located before using this ebook.</p>
-<p>Title: Der Weg ohne Heimkehr</p>
-<p> Ein Martyrium in Briefen</p>
-<p>Author: Armin T. Wegner</p>
-<p>Release Date: August 16, 2017 [eBook #55371]</p>
-<p>Language: German</p>
-<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p>
-<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEG OHNE HEIMKEHR***</p>
-<p>&nbsp;</p>
-<h4>E-text prepared by Jens Sadowski<br />
- and the Online Distributed Proofreading Team<br />
- (<a href="http://www.pgdp.net">http://www.pgdp.net</a>)<br />
- from page images generously made available by<br />
- by the Google Books Library Project<br />
- (<a href="https://books.google.com">https://books.google.com</a>)</h4>
-<p>&nbsp;</p>
-<table border="0" style="background-color: #ccccff;margin: 0 auto;" cellpadding="10">
- <tr>
- <td valign="top">
- Note:
- </td>
- <td>
- Images of the original pages are available through
- the Google Books Library Project. See
- <a href="https://books.google.com/books?id=EnDHAAAAMAAJ&amp;hl=en">
- https://books.google.com/books?id=EnDHAAAAMAAJ&amp;hl=en</a>
- </td>
- </tr>
-</table>
-<p>&nbsp;</p>
-<hr class="full" />
-<p>&nbsp;</p>
-<p>&nbsp;</p>
-<p>&nbsp;</p>
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="halftitle">
-Der Weg ohne Heimkehr
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="run">
-Zweite Auflage
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="aut">
-Armin T. Wegner
-</p>
-
-<h1 class="title">
-<span class="line1">Der</span><br />
-<span class="line2">Weg ohne Heimkehr</span>
-</h1>
-
-<p class="subt">
-Ein Martyrium in Briefen
-</p>
-
-<p class="pub">
-Im Sibyllen-Verlag zu Dresden
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="cop">
-Alle Rechte, besonders das
-der Übersetzung, vorbehalten.
-Copyright 1920 by Sibyllen-Verlag,
-G. m. b. H., Dresden.
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="ded">
-Für ein greises geliebtes Haupt
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
- <div class="epi-container">
- <div class="epi">
- <div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Die große Palme und der kleine Schößling sind dahingegangen.</p>
- <p class="verse">Ich blieb allein zurück.</p>
- </div>
- </div>
- </div>
-<p class="src">
-Aus einem arabischen Liede.
-</p>
-
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="blank chapter" id="chapter-0-1" title="Einführung">
-</h2>
-
-<p class="noindent">
-Diese Briefe reden vom Tode, manche sind an Tote
-gerichtet. Als ich sie schrieb, wußte ich nicht, daß ich sie
-einmal zu einem Buche vereinen würde. Aber im Angesicht
-der Vernichtung, unter dem fahlen Horizont einer
-ausgebrannten Steppe, wurde unwillkürlich der Wunsch
-in mir wach, in diesen vielleicht letzten Äußerungen des
-Daseins über die persönlichen Freunde hinaus einer
-größeren, unsichtbaren Gemeinde etwas von dem zu
-sagen, das mich bewegte. Dieser Wunsch schlief auch
-dann nicht ein, als ich in schwerer Stunde aus den
-Mauern einer auf viele Meilen in die Einsamkeit verbannten
-Stadt jenen letzten Abschiedsbrief schrieb und
-nach menschlichen Überzeugungen mit dem Tode rechnen
-mußte. Damals wurden einige dieser Briefe in Deutschland
-gedruckt, wo sie leidenschaftliche Erregung erweckten;
-einer, den die Zensur aufgriff, verursachte später meine
-Rückberufung aus der Türkei. Dies, sowie die empörte
-Anteilnahme, die mich zu jenem unglücklichen
-Volke zog, dessen furchtbaren Untergang ich erleben
-mußte, waren der Grund, daß man mir nach meiner
-Rückkehr aus Bagdad die Bitte, auch weiterhin in
-diesem Lande zu verbleiben, das ich durch die Erhabenheit
-seiner heroischen Landschaft, die Fülle der erfahrenen
-Leiden liebgewonnen hatte, versagte. Als sich
-meine Abreise von Konstantinopel durch die Schwierigkeiten
-der Behörden verzögerte, wurde ich durch
-Soldaten der deutschen Militärmission verhaftet und
-bis zu meiner zwangsweisen Abfahrt auf einem Dampfer
-im Goldenen Horn interniert.
-</p>
-
-<p>
-So blieben diese Briefe nicht nur Angelegenheit
-der Wenigen, für die sie bestimmt waren, sondern
-wurden zu dem Bekenntnis eines von Schmerzen erfüllten
-Weges, bemüht, einen Ausdruck zu finden für
-die Kämpfe des Menschen dieser Zeit, als noch der
-Glaube einsamer Seelen war, was viele jetzt laut auf
-den Lippen tragen. Zwar: die alte Erde umgibt mich
-wieder. Dennoch sollte auch ich von jener traurigen
-Straße, auf der ein unbekanntes Schicksal mich verschont
-hatte, nicht wieder zurückkehren. Ist es das
-eigene Herz, das ich verwandelt sehe? Ist es der
-Atem der getöteten Heimat, die mich vergeblich nach
-Menschen, Gedanken, Zuständen suchen läßt, die ich
-verlassen habe, um sie nie mehr zu finden?
-</p>
-
-<p class="dsign">
-<em>Berlin</em>, Januar 1919.
-</p>
-
-<p class="sign">
-A. T. W.
-</p>
-
-<p class="title">
-<span class="line1">Der Weg ohne Heimkehr</span>
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-2">
-<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a>
-An die Großmutter
-</h2>
-
-<p class="date">
-Konstantinopel, den 24. Oktober 1915.<br />
-In einem Hotelzimmer.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Wie lange liegt nun der letzte Tag wieder
-hinter mir, ich kann seine Küste nicht mehr
-schauen. Ich weiß nicht, war ich der Schwimmer,
-der sich mit einem jähen Ruck von seinem Strande
-losriß, oder war es das Land selbst, das sich
-ablöste von mir, das eine unendliche Weite
-zwischen uns stieß, während ich, die geliebte
-Küste vor Augen, hinter der Brandung kämpfe,
-die mich immer weiter hinausträgt. Noch sehe
-ich das Haar Deiner Schläfe, das sanfte,
-melancholische Blau Deines Auges. Aber hier
-ist nur noch Nebel, ich kann es nicht mehr
-unterscheiden.
-</p>
-
-<p>
-Mein alter Kamerad! Denn so darf ich
-wohl sagen, nun wir zehn Jahre und mehr
-miteinander geschritten sind. Du freilich schon
-<a id="page-2" class="pagenum" title="2"></a>
-länger mit mir. Aber erst in späteren Tagen
-fingst Du an, mir jene tiefe Liebe entgegenzubringen,
-hinter der mein Dank nur immer zu
-weit zurückbleibt, vor der alle Hoffnungen und
-Ergebnisse meines Lebens nur die Früchte Deiner
-Mühen und Zärtlichkeiten sind. Diese Liebe,
-die es dazu gebracht hat, daß eine alte Frau,
-mit den unendlichsten Augen, die ich kenne,
-weißhaarig und schon einmal vom Tode umfangen,
-immer das Glück und die Weisheit
-meiner Jugend gewesen ist.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe den Vater wiedergesehen. Ich fand
-ihn, eine alternde Ruine, dem Umfallen nahe.
-Aber dies war es nicht allein. Zwei Stunden
-ehe ich reiste, der Wagen war bestellt und wir
-saßen beim Nachtmahl, schwankte der Vater,
-von einer plötzlichen Übelkeit befallen, gegen den
-Tisch. Eine Leichenblässe stieg ihm mit schreckhafter
-Geschwindigkeit in das Gesicht. Mutter
-und ich sahen ihn an. Wir saßen ganz ruhig.
-In der Tiefe meines Herzens war ein Geräusch,
-als hämmerte jemand unten im Keller. Wir
-<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a>
-dachten beide dasselbe, wir dachten daran, wie
-Großvater gestorben ist. Ich fühlte eine grauenhafte
-Leere durch meinen Körper gehen. Aber es war
-nur ein Augenblick, dann ging es vorüber, noch
-einmal vorüber. Wir legten den Vater auf
-das Sofa und ihm wurde bald besser. Aber
-wir hatten alles in dieser einen Sekunde gefühlt.
-Mutter begann unter der Last dieses Schreckens
-zu weinen. Hatte sie ihn nicht einst geliebt?
-Ich aber fühlte, was ich immer gewußt habe,
-daß dieser Tod nur ein Schrecken, kein reiner
-Schmerz für mich sein wird. Sollte ich die
-Ursache meines Daseins nicht lieben? Sollte
-ich die Ursache meines Daseins nicht hassen?
-Ich sah das Gesicht meiner Mutter, die eine
-Sekunde lang um dieses Leben gebangt hatte,
-und eine furchtbare Angst ergriff mich. Der
-Arzt kam. Aber ich konnte meine Gedanken nicht
-zusammenhalten, ich verstand nicht, was er sagte,
-und blickte wie ein Abwesender an ihm vorüber.
-</p>
-
-<p>
-Man sagte mir, ich sollte reisen. Erleichtert
-atmete ich auf. Welch eine furchtbare Marter
-<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a>
-wäre es mir gewesen, um dieses kranken Vaters
-willen zu bleiben. Wie gerne hätte ich um
-eine Stunde an der Seite dieser schmerzzerrissenen
-Mutter gebettelt. Aller Besinnung
-beraubt rannte ich durch die Wohnung wie
-durch die Räume eines brennenden Hauses und
-schaute mich voll Verzweiflung um, was ich
-noch aufraffen und mitnehmen könnte. Mein
-Auge fiel auf das Antlitz meiner Mutter. Aber
-dies war kein Bild, das ich in die Hand
-nehmen und forttragen konnte. Jetzt löste es
-sich ab von mir, schwankte, ein tränenbeladener
-Kahn, in den Abgrund hinunter. Mein Vater
-stand neben mir, aber es war nicht, als stände
-ein Mensch an meiner Seite, ein Turm vielleicht,
-ein wankender Torbogen, durch dessen Öffnung
-ich unaufgehalten hindurchschritt. Er hat mir
-kein Wort der Liebe zum Abschied gesagt, und
-ich ging doch hinaus, um bei dem Tode zu
-wohnen. Ich streichelte über seine runzlige
-Wange, wie man über die Risse eines alten
-Topfes streicht, ob man sie noch einmal zukitten
-<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
-könne, und fühlte, wie unfähig ich war, diesem
-alternden Manne noch jemals eine Freude zu
-bereiten.
-</p>
-
-<p>
-Ich fuhr alleine zum Bahnhof. Fuhr in
-die Nacht hinaus, die grauenvolle Ruine dieses
-Gesichtes im Gedächtnis und das tränenüberströmte
-Antlitz meiner Mutter (o du über alles geliebte
-Landschaft im Regentag!), die in diesem Augenblick
-zwei Menschen zu verlieren fürchtete. Ich
-legte meinen Kopf zwischen die Soldaten auf
-die Holzbank, froh, Deutschland wieder hinter
-mir zu haben, und auch der Herzschlag des Zuges,
-der mich sonst noch in den traurigsten Stunden,
-das Rollen der Räder und die wandernde Landschaft
-unter mir, mit Freude erfüllt hatte, konnte
-mir keine Erlösung bringen. Auch in meiner
-Seele war nichts als Lärm und Räderrollen. Ich
-war selbst nur ein Rad, mit rasender Geschwindigkeit
-um seine eigene Achse gedreht, und in diesem
-trostreichen Bewußtsein ging alles Denken unter.
-</p>
-
-<p>
-Die Reise, durch Mühsal und Häßlichkeiten
-auseinander gezerrt, dehnte sich über viele Tage,
-<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
-und je länger sie währte, um so mehr wuchs der
-Abgrund, der sich zwischen mich und Deutschland
-stellte. Erst heute habe ich das Buch geöffnet,
-das du mir mitgegeben hast, habe die Bezüge
-für das Kopfkissen gefunden, Deine Zeilen gelesen.
-Heute nacht werde ich darauf schlafen.
-Wieder sehe ich Deine großmütterliche Stirn
-sich auf mich neigen. Wie das Gaslicht auf der
-schwarzen Seide Deines Kleides glänzt. Fühle
-die weiche Blüte Deines Mundes an meinem
-Kinn. Mein alter Kamerad, warum wurdest
-Du, fünfundsiebzigjährig, nicht nach mir geboren,
-um an meiner Seite, meine Gefährtin, noch
-lange über diese Länder zu schreiten? Einmal
-wirst Du sterben und ich werde nicht bei Dir
-sein. Einmal werde ich sterben und Du wirst
-nicht bei mir sein. Ach, der Krieg hat alle
-Brücken zerbrochen. Zu sterben ist die letzte
-Freude geblieben, aber auch diese noch ist nicht
-ungetrübt. Der erste meiner Freunde hat die
-Stufe des Todes betreten, der zweite den Fuß
-auf seine Schwelle gesetzt. Ich fühle, wie sich
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-die Wage mit Toten füllt. Werde ich Leben
-genug in mir haben, um allein in der anderen
-Schale das Gleichgewicht zu halten? Doch
-ob ich auch hier an der alten Straße der Glückseligkeit
-zwischen trojanischen Münzen und türkischen
-Soldatengräbern verfaulen sollte, ein betrogener
-Liebhaber des Lebens, glaube nicht, daß
-ich Dir verloren ginge, bin ich doch nur, Du
-Gütigste über der Erde, ein Enkel, ein Teilchen,
-das Ende eines Knöchelchens von Dir.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Dein junger Kamerad.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-3">
-<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
-An die Frau eines im Kriege
-weilenden Soldaten
-</h2>
-
-<p class="date">
-Pera, den 7. November 1915.<br />
-Mit dem Blick auf das Goldene Horn.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Wenn du diesen Schlüssel wieder in Händen
-hältst, meine Liebe, so denke daran, daß ich ihn
-an jenem letzten Tage bei mir getragen habe,
-als ich mit Dir eine finstere Treppe hinaufstieg,
-um auf einer kalten Diele die Wärme Deines
-Leibes zu finden. Durch so viele Länder, durch
-so viele verschiedenartige Stunden des Tages
-habe ich ihn bei mir getragen, das Letzte, was
-ich von Dir besaß, und jedesmal, wenn ich ihn
-zufällig in meiner Tasche fühlte, weckte er alle
-heißen, o so greifbar nahen Bilder von neuem
-in mir auf, daß ich ihn lieb gewonnen habe
-und mich nur ungern von ihm trenne, als wäre
-dies nicht nur der Schlüssel zu Deinem Hause,
-sondern auch Deines Herzens und der Pförtner
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-aller Glückseligkeit. Das erste Mal fühlte ich
-ihn bei mir, als ich in Budapest in einem
-Kaffeehaus einer schwarz gekleideten Dame
-gegenüber saß, die mit ihrem Schoßhund spielte:
-&bdquo;<span class="antiqua">O mon Joujou, que veux tu donc? As tu
-faim?</span> Denn Sie müssen wissen, mein Herr, er
-ist ein kleiner Franzose. Er ist aus Paris geflohen
-und hat Lüttich mitgemacht. <span class="antiqua">Ah mon
-petit, donne moi un baiser ...!</span>&ldquo; Und
-sie reichte ihm ein Stückchen geröstetes, mit
-Butter bestrichenes Brot. In Bukarest aber
-legte ich den Schlüssel wie eine Waffe vor mir
-auf den Nachttisch, ängstlich auf jeden Schritt
-in den weiten Hotelgängen lauschend, erschrocken
-wie ein Spion, verhaftet zu werden, aufgespießt von
-den Blicken der Vorübergehenden, und nach einer
-Bahnfahrt, auf der ein Franzose ohne Aufhören
-mit gehässigem Lachen das Bild unseres Kaisers
-in den Schmutz zog. &bdquo;<span class="antiqua">Ah, le Kaiser, le
-fou</span>&ldquo;, sagte er, sich den Schnurrbart streichend,
-fett und widerwärtig wie ein Flaubertscher Landpächter.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-Schließlich ließ ich den Schlüssel auf der
-Galatabrücke in der hellen Sonne funkeln, als
-ich Dein liebes Bild und die ersten Zeilen von
-Dir in der Hand hielt. Nun, hier ist er,
-Erinnerung, Glücksbringer, Waffe und Reisebegleiter,
-ein kleines eisengepanzertes Schiffchen,
-das liebebeladen in den Hafen zurückschwimmt,
-das Dir Grüße und Dank bringt für jene von
-Dir so rührend mit eigener Hand gebundenen
-portugiesischen Briefe, die ich so sehr liebe und
-die mich immer von neuem in Erstaunen setzen,
-daß es in der Tat Frauen gegeben hat, die zu
-lieben wußten. Ach, ich könnte mir vorstellen,
-daß Du, des Schlüssels beraubt, die ganze
-Zeit über gefangen in Deinem Hause gesessen
-hast, nur mit meinem Schatten lebend,
-und dieser Gedanke könnte mich fast bewegen,
-ihn auch jetzt bei mir zu behalten
-und weiter mit in die Wüste zu nehmen,
-wohin ich in diesen Tagen reise. Über das
-schimmernde Wasser blickend, neige ich mich
-in der heißen Sonne über die Brüstung, und
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-nachdem ich so viele kostbare und unwiderbringliche
-Schätze in den grundlosen Brunnen
-des Frauenherzens hinabgeworfen habe, überkommt
-mich eine warme Verlockung, in stiller
-Hingegebenheit nichts zu schenken und alles von
-Dir zu empfangen.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-4">
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-An die Eltern
-</h2>
-
-<p class="date">
-Konstantinopel, den 2. Nov. 1915.<br />
-Geschrieben in der warmen Sonne des Herbstes.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Wenn Euch diese Zeilen erreichen, Ihr Lieben,
-werde ich schon weit von diesem Lande sein.
-Ich reise nach Bagdad. Gestern bin ich in die
-Militärmission eingetreten, man hat mich all
-meiner Chargen beraubt, und ich bin nichts als
-ein einfacher Sanitätssoldat, mit einer so niedrigen
-Löhnung, daß ich nicht weiß, wie ich leben
-soll. Ich werde zwischen türkischen Soldaten
-schlafen und mich von Abfällen nähren wie
-eine Ratte. Dennoch habe ich Glück gehabt.
-Ich bin dem Stabe des Feldmarschalles von der
-Goltz als Krankenpfleger zugeteilt. Wie sehr
-habe ich mich um diese Stelle bemüht. Fünf
-Tage lang suchte ich meinen beschleunigten Puls
-durch Pantopon und Tinktura Valeriana zu beruhigen,
-um tropentauglich befunden zu werden.
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-Dabei jagte ihn meine innere Erregung, die fieberhafte
-Begierde, den Weg dieses Krieges wenigstens
-für mich stets aus eigener Kraft und nun
-wieder neu zu gestalten, jedesmal über achtzig
-Schläge hinauf, sobald ich die Treppe des Kriegsministeriums
-betrat.
-</p>
-
-<p>
-Dennoch: es ist mir gelungen. So behalte
-ich das Ruder meines Lebens in der Hand.
-Ich werde Bagdad, werde den Tigris, Mossul
-und Babylon sehen. Ich bin mir wohl bewußt,
-welchen Schritt ich getan. Ich habe aufgehört,
-ein freiwilliger Pfleger zu sein, bin ein Soldat
-geworden wie andere, meine Seele ist vogelfrei,
-man kann mich nach Deutschland und in die
-Gräben von Soissons schicken, man kann tun
-mit mir, was man will. Schließlich kann in
-einem so langen Kriege auch ich nicht ewig dem
-dunklen Lasso entgehen, der ständig um unser
-Haupt schwirrt. Denn niemand kann die Wechselfälle
-des Lebens voraussehen, die mich immer
-gerüstet finden, wenn es sein muß auch zum
-Tode.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-Aber, wenn es dahin kommen sollte: ich sterbe
-für mich, nicht für das Vaterland. Wie unsagbar
-traurig bin ich, daß ich es nicht um der
-Menschheit willen tun kann. Dennoch habe ich
-diesen Schritt getan, habe mein Leben eingesetzt
-für die Schätze meiner Seele. Wie glücklich
-ich bin. In einer Woche werden wir reisen.
-Seht ihr jene Kavalkade von Reitern, mit fliegendem
-Kalpak, mit klirrendem Säbel, schaukelnden
-Epauletten und goldenen Schnüren über
-der Brust? Wie sie am Rande der Wüste hinreiten,
-jetzt durch Wasser, jetzt einen Hügel hinan.
-Unter ihnen ist einer von schlanker Gestalt,
-groß, den Kopf ein wenig vornübergebeugt. Wie
-gut ihm die Uniform sitzt, ist es einer der Offiziere?
-Nein, er trägt keine Abzeichen, geht nur
-wie ein Gemeiner. Es ist Euer Sohn. Er ist
-glücklich, auch hier das Leben als ein Untergebener
-kennenzulernen; denn nie sehen wir die
-guten und schlechten Seiten der Menschen so
-scharf, als wenn sie unsere Vorgesetzten sind. Mit
-zitternd geöffneten Augen folgt er ihnen, immer
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-gewillt zu verzeihen, der Liebe zu dieser Erde voll,
-und immer bereit, sich vor dem Leben zu beugen.
-</p>
-
-<p>
-Noch gestern bei Euch, jetzt an diesem Tische.
-Noch eben in dieser Stadt, nein, schon wieder
-fort, auf anderer Straße. Wo heute? Wo
-morgen?
-</p>
-
-<p class="sign">
-Deutsche Militärmission, Sanitätssoldat.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-5">
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-An eine Schwester von Gül-Hane
-</h2>
-
-<p class="rec">
-Marga v. Bonin, ertrunken am 14. Oktober 1917
-in der Treskaschlucht.
-</p>
-
-<p class="date">
-In einer Bretterkantine zu Ras-el-Ain,<br />
-den 26. November 1915.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Meine liebe Diestel und Ihr andern Blumen
-im Rosenhaus! Noch sehe ich Sie in weißen
-Hauben durch die Säle schreiten wie durch
-einen leuchtenden Garten. Aber die Rosen,
-die unter Ihren Händen aufblühen, sind blutende
-Wunden. Welch ein trauriger Brief ist das,
-von einer immer gut gelaunten, lustig zerzausten
-und höchst garstigen Diestel? Man reichte ihn
-mir in Bosanti in den Zug, und wieder sah
-ich Ihre etwas bestürzten Gesichter vor mir,
-mit denen Sie mich zur Bahn begleiteten.
-</p>
-
-<p>
-Heute sind wir über den Amanus gefahren,
-vor zwei Tagen über den Taurus. Nur von
-spärlichen Kiefernwäldern bewachsen, erhob sich
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-seine steinerne Masse wie die unter zu kurzer
-Decke sich dehnende, unendliche Nacktheit eines
-sonnenverbrannten Bettlers. Als wir im Lastauto
-bis zur Seekrankheit hin und her geschüttelt,
-bei fast vollem Mond in die geisterhafte
-zilizische Ebene hinabflogen, den Staubschweif
-der Landstraße hinter uns herziehend,
-deutete jemand über den Rauch nächtlicher Zeltdächer,
-die einsam in der Ebene standen, auf
-einen hellen Streifen in der Ferne, wo die
-Flammen verbrannter Baumwollstauden in die
-Finsternis leuchteten. Dort mußte das Meer
-liegen. Und wie ich Abschied nehmend zum
-letzten Mal seine Wellen in der Ferne erblickte,
-da schickte ich Ihnen so viele Grüße in Ihr
-meerumgürtetes Haus und dachte wieder: Sie
-haben doch das Meer, da kann es Ihnen nie
-wirklich schlecht gehen! Wie schön, wenn am Abend
-die schwarzen Winterstürme heraufkommen und
-die Seelen der abgestorbenen Hunde von Oxia herüberbellen.
-Sich dann in dieser dunklen Stunde
-eine Kerze anzuzünden (liebe Kerze, liebe kleine
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-Seele ...), bedarf es mehr, um glücklich
-zu sein?
-</p>
-
-<p>
-Sie sagen, wenn gute Wünsche etwas vermöchten,
-könnte mir nie ein Unglück zustoßen,
-und fast will ich glauben, daß Sie recht haben.
-Ich fühle, daß ich lange nicht so lebendig gewesen
-bin, wie in diesen Tagen, trotz alles Elends,
-das mich umgibt. Denn die Ränder aller Straßen
-sind mit den jammernden und hungernden Gestalten
-armenischer Flüchtlinge besetzt, durch deren
-wimmernde, schreiende, bettelnde Hecke, aus der
-sich tausend flehende Hände recken, unsere Seelen
-ein schmerzliches Spießrutenlaufen beginnen.
-</p>
-
-<p>
-Eben, da ich diese Zeilen schreibe, bin ich von
-einem Gang durch das Lager zurückgekehrt. Von
-allen Seiten schrien Hunger, Tod, Krankheit,
-Verzweiflung auf mich ein. Geruch von Kot
-und Verwesung stieg auf. Aus einem Zelte
-klang das Wimmern einer sterbenden Frau. Eine
-Mutter, die an den dunkelvioletten Aufschlägen
-meiner Uniform meine Zugehörigkeit zur Sanitätstruppe
-erkannte, eilte mit erhobenen Händen auf
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-mich zu. Mich für einen Arzt haltend, klammerte
-sie sich mit letzter Kraft an mich Ärmsten, der
-ich weder Verbandmittel noch Arzeneien bei mir
-trug und dem es verboten war, ihr zu helfen.
-</p>
-
-<p>
-Dies alles aber wurde übertroffen durch den
-furchtbaren Anblick der täglich wachsenden Schar
-verwaister Kinder. Am Rande der Zeltstadt
-hatte man ihnen eine Reihe von Löchern in die
-Erde gegraben, die mit alten Lappen bedeckt
-waren. Darunter saßen sie, Kopf an Kopf,
-Knaben und Mädchen in jedem Alter, verwahrlost,
-vertiert, verhungert, ohne Nahrung und Brot,
-der niedrigsten menschlichen Hilfe beraubt und
-vor der Nachtkälte schaudernd aneinander gedrängt,
-ein kleines Stückchen glimmende Holzasche
-in der erstarrten Hand haltend, an dem
-sie vergeblich versuchten, sich zu wärmen. Einige
-weinten unaufhörlich. Ihr gelbes Haar hing
-ungeschnitten über die Stirn, ihre Gesichter
-waren von Schmutz und Tränen verklebt. Andere
-lagen im Sterben. Ihre Kinderaugen waren
-unergründlich und von Leiden ausgegraben, und
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-obwohl sie stumm vor sich hinblickten, schienen
-sie doch den bittersten Vorwurf gegen die Welt
-im Antlitz zu tragen. Ja, es war, als hätte das
-Schicksal alle Schrecken der Erde an den Eingang
-dieser Wüste gestellt, uns noch einmal zu
-zeigen, was uns erwartet. Entsetzen ergriff mich,
-daß ich klopfenden Herzens aus dem Lager eilte,
-und obwohl ich auf flacher Erde dahinschritt,
-erfaßte mich Schwindel, als bräche der Boden
-zu beiden Seiten in einen Abgrund zusammen.
-</p>
-
-<p>
-Die Täler aller Berge, die Ufer aller Flüsse
-sind von diesen Lagern des Elends erfüllt. Über
-die Pässe des Taurus und Amanus zieht sich
-dieser gewaltige Strom eines vertriebenen Volkes,
-jener Hunderttausende von Verfluchten, der um
-den Fuß der Berge brandet, um, schmäler und
-schmäler werdend, in unabsehbaren Zügen in
-die Ebene hinabzugleiten und in der Wüste zu
-versickern. Wohin? Wohin? Dies ist ein
-Weg, von dem es keine Heimkehr gibt. Und
-ihnen nach blicke ich auf den Weg, den ich
-selber beschreiten werde, und denke mit einer mir
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-ungewohnten und merkwürdigen Härte des
-Gefühls: diese erfüllen ihr Schicksal, erfülle
-du das deine!
-</p>
-
-<p>
-So sitze ich denn in dieser offenen Bretterbaracke,
-vor der langhaarige Kinder mit wilder
-Gier die fortgeworfenen Schalen der von uns
-verzehrten Orangen verschlingen, sitze die langen
-Abende auf den kleinen Bahnhöfen ohne Licht
-in den Eisenbahnzügen und führe mit den
-Kameraden die heitersten Gespräche über den
-Tod. Da sind alte Farmer aus Südwest unter
-uns, der Gesandte für Persien, ein Stabsoffizier
-aus Chile. Männer, die ihr halbes Leben in
-China oder in den Kolonien verbrachten, deutsche
-Kaufleute aus Basra und Teheran. Die
-Nachricht, daß die Schamas die Euphratlinie
-gesperrt halten, hat sie in die munterste Laune
-versetzt; sie erzählen denen, die zum ersten Male
-dieses Land betreten, von seinen vielen und
-mancherlei merkwürdigen Gefahren. Die reichhaltigste
-Speisekarte schöner Todesarten wird
-aufgetischt: Beduinen werden dich, an ihren
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-Roßschweif gefesselt, durch die Steppen schleifen.
-Nichtsahnend wirst du zu einem Bartscherer
-gehen und dich mit tödlicher Seuche anstecken.
-Die schönen Weintrauben, die du verzehrst,
-lassen dich an Cholera erkranken. Aus der
-Erde unter deinem Zelt kriechen Tausendfüßler
-und Skorpione. Eiternde Beulen werden dein
-Gesicht zerfressen, sie entstellen dir Nase, Stirn
-und Mund. Kurden werden dir die Eingeweide
-aufschlitzen, Perser die Ohren abschneiden. Nackt
-und zerfleischt flüchtest du todkrank nach Bagdad
-oder dein Leichnam bleibt an der Straße
-liegen, den Schakalen zum Fraß. Und das
-alles erzählt man dir mit lächelndem Auge,
-als wäre der Tod das heiterste Schaustück der
-Welt. Und auch du lächelst, gehst schlafen
-und beschließt im stillen bei dir achtsam zu
-sein, kein ungekochtes Wasser zu trinken, um
-im nächsten Augenblick zu entdecken, daß man
-dein Kochgeschirr in einer übelriechenden Lache
-reinigt, die die Flüchtlinge mit ihren Exkrementen
-beschmutzt haben.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-Ja, liebe Schwester, man muß an das Glück
-seines Schicksals glauben! Darum fürchten
-Sie nicht für mich, wenn ich jetzt so fremden
-und ungewohnten Dingen entgegengehe, und vergessen
-Sie das ein wenig durchscheinende Gesicht,
-mit dem ich Abschied von Ihnen nahm. Erinnern
-Sie sich stets daran, daß es Pflanzen
-mit blassen Blättern gibt, die, wenn sie auch
-oben welk aussehen, an der Wurzel noch frische
-Kräfte haben. Zu diesen gehöre ich.
-</p>
-
-<p>
-Daß Sie hier wären! Den Tag über mit
-mir im Sattel zu sitzen und in die Steppe
-hinauszureiten, das wäre ein Leben so recht
-nach Ihrer Lust und ein Gedenken Ihrer nordischen
-Heide. Ja, hätten Sie es wahrgemacht
-und wären ein Junge geworden. Aber
-nun ist es zu spät, und wenn ich Ihnen auch
-ein paar Männerhosen schickte, so lang, daß sie
-selbst für eine hagere und ausgewachsene Diestel
-reichten ... es wäre doch zu nichts nütze.
-</p>
-
-<p class="sign">
-8 Uhr morgens, drei Stunden vor Aufbruch.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-6">
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-Traum auf dem Kelek
-</h2>
-
-<p class="date">
-Auf dem Tigris,<br />
-den 10. Dezember 1915.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Was meinen Sie nun, daß ich hier bin, an
-einem so sagenhaft schimmernden Brunnen aller
-Zeit? Seit zwei Tagen treiben wir den Strom
-hinab. Unter Schilfdächern, auf dem bewegten
-Boden luftgefüllter Schläuche, Hütten und
-Menschen auf einer flachen Hand. Zwischen
-Hühnern, Kisten und Wachtsoldaten liege ich
-auf der Matte, die Glieder vom langen Ritt
-durch die Wüste schmerzend, noch fröstelnd von
-der Kälte der eisigen Nächte, die das Wasser
-in unsern Schüsseln gefrieren ließ. Und das Floß
-dreht sich, ein lose auf den Wellen treibendes
-Blatt, bald hier, bald dort das Ufer berührend,
-um langsam weiter den Strom hinabzugleiten.
-</p>
-
-<p>
-Hier also sprang die Welt aus dem Mutterschoß.
-Aber die Brüste sind lange versiegt, die
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-so fruchtbare Milch gaben, und welcher Fluch
-muß diese Erde getroffen haben, daß sie so voller
-Erbarmen um Wasser bettelt. Und dennoch:
-<span class="antiqua">ex oriente lux</span>. Denn hier bin ich und meine
-Sonne leuchtet. In ungeheurer Stummheit
-gleitet die Landschaft vorüber. Weite Steinhalden,
-ausgetrocknete Flußbetten, die Luft mit
-Schwefel erfüllend, Urweltbilder, Sonnenuntergänge,
-schwarz, schwarz, blaurot, Berge wie
-Sarkophage. Und ich warte, warte: wann wird
-dieses Land seine Lippen öffnen, die der Staub
-verklebt hat, die welk wurden von Jahrhunderte
-altem Schweigen, um zu mir zu reden?
-</p>
-
-<p>
-Wenn es dunkelt, binden wir das Floß an
-einen Stein am Ufer, stolpern ein paar Schritte
-in das finstere Land. Hier sitzen Soldaten um
-ein Zelt, eine Flamme loht in die Dunkelheit.
-Und wieder lege ich den Kopf zum Schlafe
-nieder. Nun aber treten aus dem verlassenen
-Haus die Gedanken, treten aus der Tür und
-beginnen ihre Wanderung. Sie entweichen über
-das Meer. Ich bin zu Hause, ich begrabe
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-meinen Vater (die Vorhänge der Fenster sind
-herabgelassen). Ich bin bei meiner Geliebten,
-sie gibt sich mir hin, zitternd besteige ich ihr
-Lager. Doch welche plötzliche Erregung ergreift
-mich? Eifersucht verbrennt meine Seele. Bald
-bin ich in einer Stadt, die vom Feinde erobert
-wird. Ich werde gefangen genommen, erschossen
-als Spion. Es ist die letzte Stunde meiner
-Großmutter, schluchzend schreite ich hinter ihrem
-Sarge her.
-</p>
-
-<p>
-Nun ist es Morgen. Aber wie seltsam blickt
-dieses Haus der Gedanken; Staub liegt auf
-der Schwelle seiner Tür. Ich fühle, wie ich
-müde geworden bin, so endlose Fernen liegen
-hinter mir. Lautlos gleitet das Floß weiter
-den Strom hinab. Es ist Tag. Aber sollte ich
-nicht jetzt erst zu schlafen beginnen?
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-7">
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-An Carl Hauptmann
-</h2>
-
-<p class="date">
-Bagdad, den 25. Januar 1916.<br />
-Diesseits des Tigris.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Glauben Sie mir, mein verehrter väterlicher
-Freund, daß ich es gewiß nicht weniger bedauert
-habe, diesmal auf die Pilgerfahrt nach dem geliebten
-Hause verzichten zu müssen und wieder
-in die Wüste zu ziehen, ohne in Mekka zu beten.
-Eine Stunde an Ihrer Brust, welche Paradiese
-trüge der Mund nächtlicher Gespräche in diese
-fremden und durchaus nicht eintönigen Tage!
-Ach, ich höre Sie reden, sehe, wie Sie Ihr
-Gesicht im Schein der hohen Lampe nach vorne
-beugen, mir aus einem neuen Werke vorzulesen,
-sehe, wie Sie die Augen schließen, mir zuzuhören,
-wenn ich selber erzähle. Aber statt dessen floh
-ich, von dunklen Bedrückungen verfolgt, aus
-Deutschland. War ich nach Hause gekommen,
-um neue Schmerzen zu den alten zu tragen?
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-Man will es mir zum Vorwurf machen, daß
-ich die Güte verkenne, die mir aus so vielen
-Herzen daheim liebend entgegenkam. Aber
-vielleicht werden Sie es verstehn, wieviel leichter
-uns die Heimat verwunden kann als die Fremde.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe Frau Maria wiedergesehen. Sie
-ist bei mir in meiner alten Wohnung gewesen,
-die nun, zusammengewürfelt, bunte Dinge in
-einem Spielzeugkasten, hinter der verbotenen
-Tür verschlossen liegt. Ein höchst ernsthaftes,
-tyrannisches Spielzeug, und vielleicht, wenn
-Frau Maria das stumme Märchen der Möbel
-zu deuten weiß, hat sie auch Ihnen davon erzählt.
-Aber welche Schicksale liegen zwischen
-gestern und heute! Welche himmlische Heiterkeit
-erfüllt meine Seele! Jede Krankheit ist
-eine Brücke, die am Tode vorübergeht. Und
-so schritt ich durch diese letzte (ich war an
-Typhus erkrankt), wie ein gepanzerter Erzengel
-das Fegefeuer teilend, griff unter mir in die
-Flammen hinab, um auch noch fremde Seelen
-mit mir gerettet ans Licht zu tragen. Es waren
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-die seltsamsten Fiebernächte, deren ich mich erinnern
-kann, und verwundert betrachte ich die
-Schätze, die sie mir zurückließen, ein Schwammtaucher
-und Perlenfischer, der erst an der Oberfläche
-erkennt, was ihm die Tiefe gebracht hat.
-Ich habe einen ganzen Umkreis geschrieben, eine
-vielstimmige Vision des Leidens, wie ich sie
-im Herbst des ersten Winters in Polen erlebte.
-Daneben eine Anzahl Gedichte, die
-nun schon alle der &bdquo;Straße mit den tausend
-Zielen&ldquo; angehören. Daß ich ein Buch Erlebnisse
-aus der Türkei in Arbeit nahm, erzählte
-ich Ihnen schon, eine Sammlung von Tragik,
-Buntheit und Ironie, auch eine Frucht dieser
-Krankheit. Aber das sind kleine Anfänge gegenüber
-weitliegenden Plänen, die ich nur flüchtig
-aufzeichnen konnte, Arbeiten für spätere Jahre.
-</p>
-
-<p>
-Glauben Sie übrigens nicht, daß diese Dinge
-alle mit dem Kriege zusammenhängen; was
-wir ständig vor Augen haben, steht unserm
-Herzen oft am fernsten. Und wie will ich dann,
-wenn ich heimgekehrt bin, mir Ihren Fleiß zum
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-Vorbild nehmen! Wie will ich mir ständig
-jene Unermüdlichkeit und Strenge vor Augen
-halten, jenen grausamen Fleiß, der das Glück
-der Schaffenden ist, jene einsame Lampe in der
-Winternacht Ihres Gartens, hinter der Ihr
-Haar grau wurde, auf daß das Werk sich gestalte,
-zu dem wir berufen sind. &bdquo;Und nur
-ein Fremdling sitzt mit Euch bei Tische ...&ldquo;
-wie sehr habe ich beim Schreiben dieser Zeilen
-Ihrer gedenken müssen. Übrigens ertappte ich
-mich neulich beim Zeichnen an dem Plane eines
-Bauernhauses, und ich glaube, es sollte in Ihren
-Wäldern stehen. Auf daß ich immer den Atem
-Ihrer Emsigkeit fühle! Wie in all den andern
-Jahren, haben Sie auch in diesem blutigen
-Herbste Europas die friedliche Kelle nicht aus
-der Hand gelegt. Schon winkt der Richtkranz,
-mit bunten Bändern geschmückt, über dem neuen
-Hause, und gewiß ist das Dach inzwischen lange
-vollendet. Wo ist Tobias Buntschuh? Er erscheine!
-Ich habe nach Deutschland geschrieben,
-daß man mir Ihre Bücher schicken soll, und wenn
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-ich schließlich all die papiernen und weisheitsvollen
-Freunde, die sich auch hier in meiner
-Kiste sammeln, nicht mehr mit mir schleppen
-könnte, nirgends gäbe es so gute Gelegenheit,
-sie fremden Menschen zu Gefährten zu geben,
-als hier. Oder meinen Sie nicht, daß des
-Tobias Seele auch aus der Bibliothek der
-deutschen Schule in Bagdad zu denen sprechen
-könnte, die Ohren haben zu hören?
-</p>
-
-<p>
-Glauben Sie nicht, daß dieses öde und ausgehungerte
-Land leer sei an edlen und empfängnisreichen
-Herzen! So begegnete ich eines Abends
-in Aleppo im Hause eines deutschen Kaufmanns
-der wundersamsten Frau, die ich seit Jahren getroffen.
-Geistreich, liebenswürdig und bestrickend,
-eine heimliche Herrscherin des Landes, war sie
-weit über die Grenzen ihrer Stadt bekannt und
-hielt selbst die türkischen Behörden in ihrem
-Bann. An dem Tische ihres kleinen, mit den
-kostbarsten alten Teppichen ausgeschmückten Salons,
-deren buntgeringeltes Ohr unsere Worte
-trank, saß Professor Koldewey, der Entdecker
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-des wiederentstandenen Babylon, und der alte
-Feldmarschall von der Goltz. Und wer, der uns
-hier versammelt sah, hätte glauben mögen, daß
-draußen vor den Toren der Stadt armenische
-Leichen lagen und daß wir in Asien saßen. Mühsam
-erhob sich der Feldmarschall aus dem tiefen
-Sessel, um mir die Hand zu reichen. Wie
-rührte mich seine Bescheidenheit, wie sehr beglückte
-mich der Wohllaut seiner Stimme, und
-oft denke ich, so müßte mein Großvater sein,
-wenn er noch lebte. Ist dies ein altes, unbekanntes
-Glied der Verwandtschaft, mir durch
-Blut und Gebärde vertraut, nur daß ich ihm
-nicht früher begegnet bin? Immer ergreift Verehrung
-mein Herz, wenn ich einen Menschen
-schaue und fühle, daß eine starke Seele in diesem
-Gebäude wohnt. So weiß ich mich auch ihm
-insgeheim verbunden, durch eine Sprache, die
-jenseits aller Worte wohnt, obwohl er der greise,
-immer rüstige und von allen verehrte Feldmarschall
-ist und ich nur ein einfacher Unterleutnant
-bei seinem Stabe. Aber ist es nicht immer die
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-Wahlverwandtschaft unserer Seele gewesen, die
-stärker als alle Bande des Blutes in unserm
-Leben den Ausschlag gab? Und wird diese Erfahrung
-Lügen gestraft, weil die Wahl des
-Blutes oft auch die Wahl der Seele ist? So
-fand ich auch Sie, mein verehrter Freund, dessen
-Liebe und Zartheit mich immer wieder beglückt.
-</p>
-
-<p>
-Wie gut ist es übrigens, daß ich in Ihrem
-Hause es so vortrefflich gelernt habe, Orangen
-zu essen, nun da sie so reichlich auf meinen Tisch
-regnen. Oh, ich sehe Sie im abendlichen Lichte
-des Zimmers das Messer schärfen und mit mir
-über die &bdquo;Apfelsinen-Seele&ldquo; plaudern. Unter
-einem halben Dutzend bei jeder Mahlzeit lasse
-ich nicht mehr mit mir rechten, und da ich bei
-jeder zerschnittenen Schale einmal in Gedanken
-bei Ihnen bin, können Sie leicht an den zehn
-Fingern Ihrer Hände zählen, wie oft ich am
-Tage an Sie denke.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-8">
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-An die Frau eines im Kriege
-weilenden Soldaten
-</h2>
-
-<p class="date">
-Bagdad, den 18. Januar 16.<br />
-Diesseits des Flusses.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Wie glücklich ich bin, geliebte Frau. Die
-Post hat mir gestern so gute Briefe gebracht.
-Und wenn ich jeden abwechselnd in die Hand
-nähme, so wüßte ich nicht, welcher mir schwerer
-wiegt. Nun stelle Dir vor, wie ich meine Kerze
-entzünde, die in einer kleinen, mit Erde gefüllten
-Büchse steckt, und wie ich in die Kissen gelehnt
-mit einem alten Federmesser langsam die Umschläge
-aufschneide. Jetzt falte ich den Bogen
-auseinander, ein weißes Gesicht. Aber hier ist
-einer, auf dem laufen die Zeilen Sturm, und
-wie sie mit Heeresschritten auf mich loseilen,
-lasse ich mich zum neunzigsten Mal erobern,
-obwohl ich doch eine längst eingenommene
-Festung bin.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-Draußen ist eine große Unruhe in der Natur.
-Die hohen Rizinusstauden vor meinem Fenster
-rascheln mit ihrem dürren Blätterhemd, der
-Regen rast mit eisernen Hufen auf das Dach,
-und die Schakale heulen und kämpfen mit den
-Hunden wie jeden Abend, wenn sie an den Tigris
-kommen, um Wasser zu trinken. Mein Gesicht
-aber ist ganz überströmt von Liebe, und ich bin
-so überwältigt, als hättet Ihr alle zugleich Euer
-Herz auf meine Brust gelegt. Ich bin richtig
-ein wenig müde, daß ich mich zurück auf das
-Krankenbett lehne, um auszuruhen. Nur nichts
-sagen, nichts reden, dann will ich Dir auch gestehen,
-daß ich wieder krank gewesen bin. Du
-wirst nicht klagen, Geliebte. Soll ich Dich um
-Verzeihung bitten dafür, daß ich krank war?
-Es ist so wunderbar, wie geduldig ich geworden
-bin; wo ist mein heißes, unzufriedenes Herz
-geblieben? Und doch weiß ich nicht, weshalb
-die Gifte immer von neuem kommen, um in
-meinem gemarterten Leibe zu wohnen. Oft scheint
-es mir, als wäre dies eine stille Rache, welche
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-die stumme und leidende Natur an uns nimmt.
-Es ist die Pflanze, die den Menschen besiegt.
-</p>
-
-<p>
-Zwei Tage vor unserer Ankunft lag ich in
-der Rohrhütte auf dem Kelek und fieberte. Das
-Floß drehte sich, mein armer Kopf drehte sich,
-zwei Kreisel, die ineinander gingen, endlich erblickte
-ich durch die offene Tür in der hellen
-Morgensonne den gewundenen Turm von Samara.
-Am Abend waren wir in Bagdad.
-Als ich aus dem Zuge stieg, fand ich mich
-unter Palmen. Palmen &mdash; dachte ich und daß
-das Paradies im Schatten ihrer Schwerter
-ruhte. So elend ich war und obwohl eine
-kalte Nacht vom Flusse wehte, empfand ich es
-doch wie eine tiefe Erquickung, als müßte aus
-ihrem blauen Schatten Kühlung auch auf meine
-fiebernde Stirne regnen. Ich trat in das Haus
-des Betriebsleiters der Bagdadbahn und fand
-eine deutsche Mutter mit ihren Kindern um die
-Lampe versammelt. War das nicht genug, um
-allen Schmerz zu vergessen? Wäre ich nicht
-noch einmal zwanzig Tage durch die Wüste
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-gereist, um das Wunder blonder Haare und
-blauer Augen zu schauen? Am nächsten Morgen
-wurde ich in das Krankenhaus der Bahn gebracht.
-Ich fand ein bereitetes Bett und einen
-weißgedeckten Tisch mit blühenden Astern. Es
-war der siebenzehnte Dezember und die Sonne
-schien durch die offene Tür.
-</p>
-
-<p>
-Hier habe ich gelegen. Weihnachten kam,
-das Fieber hatte nachgelassen, und man sandte
-mir gebratene Pute, Fisch und blühende Rosen
-ans Bett. Hier war ein kleines Bäumchen
-aus Kiefernzweigen, zwei Briefe, eine Flasche
-Champagner. Jemand hatte mir eine alte
-Kaschmirdecke geschenkt, die ich auf mein Bett
-über die Füße breitete, um sie liebevoll immer
-wieder zu betrachten. Mein Auge verlor sich
-in den Farben ihrer verschlungenen Muster wie in
-den Wegen des lieblichsten Gartens. Die Kerzen
-flammten, ihre kleinen weißen Seelen zitterten
-mir entgegen, nun entfalteten sie ihre Schmetterlingsflügel,
-und der Duft verbrannter Tannenzweige
-führte mich über so viel Jahre in die
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-Zeiten zurück, da noch das Wunder dieser Nacht
-für mich nicht erloschen war. Dazu aß ich die
-kleinen Lebkuchen, die Du mir geschickt hattest
-und die ich so lange Wochen mit mir durch die
-Wüste trug. &bdquo;So viel Liebe! So viel Liebe!&ldquo;
-dachte ich, und wieder überströmte es mich.
-Wie viel hatte doch diese arme und geschändete
-Erde noch an Güte zu geben, wie reich war ich!
-Ja, einen Augenblick schien es mir, als wäre
-die Erde nur darum des Grauens und Blutes
-voll, weil ich allein alle Liebe der Welt im
-eifersüchtigen Herzen verschlossen hielte.
-</p>
-
-<p>
-Zwei Tage vor Neujahr stand ich das erste
-Mal auf. Mit zitternden Füßen ging ich um
-das Haus; aber es war zu viel. In der Nacht
-überkam mich ein neuer Anfall. Gleich einem
-abgerissenen Fetzen Leinewand flatterte der Geist
-aus diesem schmerzenden, von tausend glühenden
-Hämmern geschlagenen Kopfe davon. Und
-während nasse Tücher meine Stirn kühlten,
-während ich von helfenden Händen in das
-Badewasser gehoben wurde, zog aus meinem
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-Haupte der Schwarm der Gedanken aus wie
-die Wolke der ungeborenen Geister, die ausbrechend
-das Haus der Schöpfung verlassen.
-Bis das Morphium kam und die Welt in
-Musik erlosch. Nie habe ich mich so reich an
-Gestalten gefühlt, nie so viel Pläne zugleich
-leibhaftig in Händen gewogen, wie in den Tagen
-dieser Krankheit. Ich habe mein Bett das
-&bdquo;Fieberschiff&ldquo; getauft und über Meere und
-Länder die abenteuerlichsten Reisen in ihm geführt.
-Hat schon jemand das Märchen des
-fliegenden Bettes gedichtet? Dann müßte ich
-es tun.
-</p>
-
-<p>
-Wie merkwürdig war dieser Silvesterabend,
-die seltsamste Fiebernacht stieg herauf. Während
-vierzig Grade meinen Körper siedeten, tanzte
-der Geist lustig auf seinem Seile weiter. Und
-in aller Klarheit stiegen die blutigen Erinnerungen
-Polens herauf, begann ich ruhig und unberührt
-Verse an Verse zu reihen. Wie habe ich in
-dieser Nacht das Martyrium des Dichters verwünscht!
-Der Sklave seiner eigenen Gedanken
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-zu sein, die uns zertreten! Und doch, welches
-Wunder umrauschte mich. Sollte das alles
-ungeboren vorübergehen? In einer Nacht erschaut
-und wieder erloschen? Ich zündete die
-Kerze an, ich stand auf, um mein Tagebuch zu
-holen, das mir gegenüber auf dem Tische lag.
-Aber die Kräfte verließen mich, und die Besinnung
-verlierend sank ich auf die Steine. Ich
-mußte den Wärter rufen, der mich zurück in
-die Kissen trug. Frost schüttelte mich, von
-neuem erbrach sich mein Magen, diese Müllgrube
-verdorbenen Fleisches und faulender Pflanzen.
-Ich ließ mir Tee kochen. &bdquo;Dies ist mein Neujahrs-Punsch,&ldquo;
-sagte ich zu meinem Wärter.
-Es war zwei Uhr morgens, und ich wurde der
-Schmerzen müde. Dennoch gelang es mir, im
-Grauen des Jahres die ersten Zeilen niederzuschreiben.
-Wachsend hob sich die Gestalt, die
-Nacht hatte es nicht behalten.
-</p>
-
-<p>
-Und so blieb es durch alle Tage einer langen
-und langsamen Genesung. Es arbeitete in mir
-am Tag und in den Nächten, ich lag von einer
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-wohligen Musik gewiegt. Und wenn ich aufwachte,
-begann es von neuem, stellte sich als ein
-fertiges Gebäude vor mich hin. Sollte man
-eine Krankheit nicht segnen, die so reiche Schätze
-in unsern Händen zurückließ? Wie wunderbar
-sie waren, diese tropischen Träume; hier ist der
-Vorhof des Todes. Aus ungeahnten Tiefen steigt
-die geläuterte Seele empor, eine süße Stärke erfüllt
-uns. Nun ist es die Stunde der Auferstehung.
-</p>
-
-<p>
-Noch liege ich, in tausend neuen Gedanken
-blätternd wie in einem schönen Buch, ehe man
-es zu lesen beginnt. Deiner gedenkend an den
-langen Abenden, die uns Regen und Stürme
-bringen, eingehüllt in das warme Gewand Deiner
-Liebe. Noch liege ich, diesseits des Tigris, gegenüber
-der gelobten Küste, im Angesicht von Bagdad,
-das ich bisher nicht betreten habe, und freue
-mich, wenn ich morgen aufstehen werde, auf den
-Strom und die weißen Häuser und auf die
-tausend Palmen, unter denen ich wandern werde.
-Wie dankbar bin ich dieser Krankheit, die mich
-in Ruhe und Schlummer eingesponnen, daß ich
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-erneut das Wunder der Wiedergeburt schaue,
-um mit heiterer Seele das Bild dieser Stadt
-zu empfangen, daß nicht ein Körnchen Staubes
-und nicht die feinste geäderte Zeichnung auf der
-Wange einer alten arabischen Muhme ihrem
-gereinigten Spiegel entgeht.
-</p>
-
-<p>
-Noch weiß ich nicht, wie die Tage sich gestalten
-werden. Wie viel jene nächtliche Saat
-der Träume mir an Früchten zurückließ, wenn
-ich erst wieder mit blassem Gesicht durch die
-Lazarette wandern werde, um von Bett zu Bett
-abgehauene Gliedmaßen und blutige Verbände
-in meinen Eimer zu sammeln. In diesen Tagen
-vulkanischer Veränderungen, in denen uns die
-Aussicht zur nächsten Stunde verhängt bleibt und
-wir immer mehr der Bestimmung unseres eigenen
-Willens entzogen werden, bin auch ich zu einem
-kindlichen Glauben an das Schicksal zurückgekehrt.
-So sehr ich auch fühle, wie mir das
-Leben liebend entgegenkommt, so sehr empfinde
-ich, daß ich aufgehört habe, selbst der Lenker
-meiner Tage zu sein.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-Wie oft muß ich an einen Abend in Tekrit
-denken, als ich zwei Tage vor unserer Ankunft
-in den nächtlichen Straßen der Stadt einem
-lahmen Esel begegnete, dessen linker Hinterfuß
-gebrochen war und auf dessen schiefgeheiltem
-Knochen er wie auf einem Schlitten dahinglitt.
-Hoch oben hing der Mond, eine kühle Lampe,
-während aus einem Hause leise Musik erklang,
-wo Araber um die Flamme versammelt saßen,
-ihre Gebete sagend. Ich wandte mich um und
-sah das Tier mir einsam zwischen den verlassenen
-Mauern folgen, auf der staubigen und hartgetretenen
-Erde vergeblich nach Gräsern suchend.
-O meine Seele, dachte ich, wie sehr gleichst
-du diesem Geschöpf. Immer klingt aus einer
-verschlossenen Tür süßer Gesang. Aber der Weg
-ist dunkel und niemand weiß, wohin die Straße
-sich öffnet.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-9">
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-An die Großmutter
-</h2>
-
-<p class="date">
-Bagdad, den 20. Januar 16.<br />
-Im Hause zu den elf Fenstern.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Nun will ich den Stuhl an Deine Seite
-rücken, Du liebes altes Gesicht. So dicht,
-daß die großmütterlichen Ohren, die so lange
-in die Welt gehorcht haben, sich gar nicht zu bemühen
-brauchen, mich zu verstehen. Nun fühle
-ich Deine Augen auf meinem Herzen. Sie
-leuchten mir und wärmen mich auch hier, in
-diesen Tagen, in denen so bittere Kälte heraufsteigt,
-daß ich verwundert in die heimatlich verwandelte
-Welt schaue, durch die der Schnee in
-schweren Flocken langsam zu Boden flattert, kleine
-weiße Vögel, die die Erde mit ihrem Gefieder decken.
-</p>
-
-<p>
-Palmen in Schnee. Wie lange hat das
-die Stadt nicht mehr gesehen. Die hohen
-Rizinusstauden im Garten brechen mit ihren
-Wurzeln aus der Erde. Der Tigris wirft
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-Wellen wie ein Meer. Die Stadt aber ist
-ausgestorben; hin und wieder schleicht in langen
-Röcken, mit den bloßen Füßen in der aufgeweichten
-Straße versinkend, ein Araber an der Mauer
-entlang, das Kopftuch um Hals und Wange
-geschlagen, als litte er an Zahnweh. Der Markt
-steht still. Wer braucht zu kaufen, zu handeln,
-Lebensmittel feil zu bieten, wenn es regnet? An
-solchen Tagen mußt du zufrieden sein, wenn
-du so viel hast, daß du nicht hungerst.
-</p>
-
-<p>
-Die Welt ist hinter den Mauern. Hier sitze
-auch ich, in einem Hause, dessen Wände mich
-mit Kälte anhauchen (oh, wie will ich seine Kühle
-loben, wenn es erst Sommer ist!). In einem
-Zimmer, in dem elf hohe Fenster mir mit stets
-gleichem Erfolg die Täuschung vorspiegeln, ich
-säße im Freien. Neben mir steht ein kupfernes
-Kohlenbecken, in dem glimmende Holzasche dampft
-und mir Kopfschmerzen bereitet, und mein arabischer
-Reitsattel, auf dem ich durch die Wüste
-nach Mossul geritten bin. Ich habe meine kleine
-Lampe bei mir, die mir schon in Polen den
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-Unterstand erhellte, und freue mich, daß sie nun
-zuweilen des Abends wieder meiner Arbeit leuchtet.
-So sitze ich in Decken und Mäntel gehüllt über
-dieses Papier gebeugt, während hinter den
-Scheiben mein arabischer Diener wartet, mir
-die Schuhe auszuziehen, mit wenig Hausgerät
-und vielen Teppichen und Schilfmatten unter
-den Füßen. Denn das Kaufen von Teppichen
-ist gewiß eine ansteckende Krankheit. Aber
-schließlich sind wir allein, und der Teppich ist
-unser einziger Freund: der Tisch, von dem wir
-speisen, unsere Morgen- und Abendandacht, und
-das Gedicht, das wir nicht müde werden immer
-von neuem zu lesen. Vor meinen Fenstern erheben
-Palmen ihre stachligen Schöpfe, aus
-denen sich gegen Abend eine Schar von Krähen
-erhebt, die müde und satt von den Schlachtfeldern
-von Kut el Amara heimkehrten, um jenseits
-des Tigris über den breiten Palmenwäldern,
-rasselnd, mit den Flügeln gegen die glasharten
-Blätter stoßend, Licht und Sonne verschüttend,
-eine schwarze Wolke, zusammenzuschlagen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-Es ist Abend, die Stunde, da ich von meinen
-Spaziergängen heimzukehren pflegte in Dein
-Haus. Leuchtet dort nicht die Lampe und ein
-Tisch mit Schinkenbrötchen und Eiern? Heute
-Mittag war ich traurig, daß keine Briefe da
-waren, aber bedarf es noch eines Wortes? Du
-bist in mir. Langsam fühle ich, wie Du in
-meinem Blute heraufsteigst, mir die Stirne zu
-streicheln, und neige meinen Kopf über Dich, wie
-in den Abgrund aller Zärtlichkeit.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-10">
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-Ein Vermächtnis in der Wüste
-</h2>
-
-<p class="rec">
-An Hugo Marcus.
-</p>
-
-<p class="date">
-Bagdad, den 1. Febr. 1916.<br />
-Im Jenseits.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Welche Sonne Sie in mein Zimmer gebracht
-haben, lieber Freund, in diesen Tagen, wo Regen
-täglich sein kummervolles Haupt über die Stadt
-neigt, endlos in die zerfallenen Mauern verlassener
-Häuser zu weinen. Sie haben mir so hohe Worte
-der Liebe und der Bewunderung gesagt, und nach
-den Tagen des Zweifelns und der Bedenken,
-die nur ungern aus Ihrer kühlen Stirne aufstiegen,
-weiß ich, daß es mehr ist als die Anerkennung
-der Freundschaft. Sie wissen, wie unentbehrlich
-mir Ihr Urteil geworden ist, als wäre
-jedes Werk in seinen Zielen verfehlt, das nicht
-in Ihnen seinen Widerhall fände. Wie glücklich
-ich bin, nichts konnte mich freudiger stimmen,
-als was Sie mir über meine Briefe sagen.
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-Sie wissen, daß ich darin immer einen Ausdruck
-der Seele gesucht habe, daß sie mir als
-die schönste Offenbarung tiefer Menschlichkeit
-gelten und daß mir dies nicht immer gelang.
-Aber Sie sehen auch, wie wenig es mir um
-Erfolge des Augenblicks zu tun sein kann, wenn
-ich andere Arbeiten um ihretwillen beiseitelege.
-Auch diese scheinen mir ein Ausdruck desselben
-Geistes zu sein, nicht weniger wahr und heilig,
-als irgendein künstlerisches Gebilde, das unter
-anderem Namen vor die Augen der Welt geht.
-Die bürgerliche Seele, stets eifersüchtig ihre
-Rechte wahrend, immer voll Furcht, daß ihr
-eigenes kleines Dasein bloßgelegt werden könnte,
-wird es freilich niemals begreifen, daß unser
-innerstes Wesen in andern Werken nicht minder
-nackt zur Schau gestellt ist, als in unsern
-Briefen.
-</p>
-
-<p>
-Aber warum sollten wir nicht stets das Beste
-geben, daß es denen, die unsere Liebe verdienen,
-zum Trost und zum Danke wird? Und sollte
-es einmal dahin kommen, daß ich selbst dazu
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-nicht mehr imstande bin, so möchte ich Sie bitten,
-dieses für mich zu tun. Dieser Brief ist ein
-Vermächtnis. Denn so unglaublich es mir
-auch selber erscheinen mag, nun, da ich zum
-zweiten Mal in diesem Lande mich von tödlicher
-Krankheit erhebe, von den Erniedrigungen der
-Gefangenschaft und einer Summe undenkbarer
-Zufälle bedroht, täglich in der Luft gifterfüllter
-Lazarette von unsichtbaren Gefahren umgeben,
-inmitten einer Wüste, die auf endlose Meilen
-den Atem ihrer Verwesung erhebt, das Aas von
-gefallenem Vieh und menschliche Leichen bis vor
-die Tore der Stadt werfend, muß auch ich
-daran denken, daß das Schicksal von tausend
-Hoffnungen immer nur eine zum Ziele führt.
-Ich habe den Tod eines Schaffenden immer
-als ein Verbrechen gegen das keimende Leben
-empfunden, und so oft ich in diesem Kriege
-davon hörte, ergriff mich jenes widerwärtige
-Gefühl, das uns stets berührt, wenn wir von
-der Ermordung schwangerer Frauen hören. Wie?
-fragte ich mich, als man mir in den Tagen
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-der Wiedergenesung erzählte, daß ich in Gefahr
-geschwebt hätte, dieses lebendigste Leben wäre
-das Rauschen des letzten Ufers gewesen? Nie
-habe ich mich dem Tode so ferne gefühlt, und
-noch in diesen Wochen, als ich in der Wüste
-durch die Lager armenischer Flüchtlinge ging
-und sie ihre Toten begraben sah, war mir, als
-ginge ich nur hindurch als der Abgesandte einer
-anderen Welt, um heimgekehrt aus der Hölle
-des Tages die Botschaft ewiger Liebe zu verkünden.
-</p>
-
-<p>
-Aber wie sollte die Zeit, dieses menschenfressende
-Ungeheuer, an dessen knochenbedecktem
-Tische ich nun so lange Monate saß, zurückschrecken
-vor einem Geheimnis, vor dem selbst
-noch die französische Revolution gezögert hat?
-Und vielleicht werden Sie doch eines hellen Frühlingstages
-sich auf die Bahn setzen, um in jene
-wälderumrauschte Stadt zu fahren, aus der noch
-einen Monat vor dem Kriege so viele Blätter
-auf den Schreibtisch Ihres Zimmers regneten.
-Und Sie werden in das Haus dieser alten
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-Frau treten, von der ich Ihnen oftmals erzählte
-und deren Augen verklärt sind von dem zartesten
-Blau, das ich kenne, das auch Sie vielleicht
-einmal für Sekunden erblickten, wenn im Süden
-am Abend nach dem Regen eine Wolke sich
-teilte und das Herz des Himmels uns offen
-lag. Sie werden den breiten Schreibtisch betrachten,
-an dem ich gearbeitet habe und der
-unbebaut liegt, wie der Boden dieses verruchten
-Landes. Solche Tische haben ihre Geschichte.
-Auf diesem wurden einst Windeln gelegt und
-Wäsche gebreitet, und auch ich selbst habe darauf
-gelegen. Aber wann war es doch? Habe ich
-nicht schon damals aus einem Winkel dieses
-Zimmers mir zugeschaut, ehe ich selbst daran
-saß, um gequält von tausend feurigen Zweifeln
-und Begierden des Herzens das Unsagbare in
-Worte zu fassen? Oh, vergessen Sie nie, daß
-dieses der Tisch ist, dessen Schublade eine eifersüchtige
-Großmutter mit einem Nagel verschloß,
-um das Geheimnis ihres Enkels zu wahren,
-weil sein eigener Vater zwei Nächte in diesem
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-Raume schlief. Und man wird Sie in das
-Schlafzimmer meiner Großmutter führen, wo
-neben ihrem Bette jene hochwandige Kiste steht,
-in der meine Papiere versammelt liegen, und
-die ich noch selber beim Tischler bestellt habe,
-ehe ich das letzte Mal hinauszog. Und Sie
-werden ein wenig verwundert vielleicht zwischen
-all den Zeitungen und liegen gebliebenen Schriftstücken
-sitzen, in jenem Zimmer, das in die zerflossenen
-Blätter eichener Bäume sieht und bei
-denen die geliebte Frau jeden Tag eine Stunde
-der Erinnerung verbrachte, sich mit den Resten
-meiner angefangenen Arbeiten zu schaffen machend,
-sie glättend, ordnend, überdenkend immer von
-neuem beiseite zu legen, jeden Abend, seit ich
-fortging in die Fremde. Sie werden darin
-meine Tagebücher, eigene und fremde Briefe
-seit meinen Knabenjahren, französische Zeitungen
-und Erinnerungen an Algier, Bilder aus der
-Levante und Sizilien und kleine Andenken aus
-russischen Schützengräben finden, denn ich bin
-Zeit meines Lebens ein Hamster gewesen und
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-habe immer gesammelt und gesammelt, weil ich
-nie genug zu haben glaubte für das Werk,
-dessen weite Linien ich vor mir sah, als eine
-Arbeit für spätere Jahre. Dieser Haufen Papier,
-mit Bleistift und Tinte unleserlich beschrieben,
-ist alles, was ich hinterlasse. Ihrer liebenden
-Willkür vermache ich, was Sie immer damit
-tun wollen, mögen Sie das Beste und Wahrhaftigste
-der Gunst und dem Hasse der Menge
-preisgeben und geschähe es auch nur Ihnen
-zuliebe. Sind doch schließlich in diesen Seiten
-die Dokumente eines Dichters enthalten, wenn
-ich mir auch bewußt bin, daß selbst Ihnen viele
-davon Noten bleiben müssen, die Sie nicht
-spielen können, weil ich allein den Schlüssel besitze
-(o wie bedaure ich jetzt das gute Gedächtnis),
-und die jenen unentzifferten assyrischen Inschriften
-gleichen, die wir zuweilen auf alten Tonziegeln
-im Sande des Tigris finden.
-</p>
-
-<p>
-Geld habe ich keines zu vergeben. Ich bin
-immer ein Schuldner der andern gewesen, und
-jene wenigen Sparpfennige, die meine Mutter
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-für mich mit rührender Geduld seit meiner Kindheit
-gesammelt hat, sind eine Opfergabe, die
-ich mich immer gescheut habe, aus ihren Händen
-zu nehmen. Schließlich bleibt meine Wohnung,
-dieser Tempel kindlicher Glückseligkeit, die am
-Rande Berlins wie in einer Totenkammer aufgespeichert
-liegt und die an meine Eltern und
-Brüder zurückfallen soll. Nur mein Schlafzimmer,
-dieser zwiefache Schmuckkasten, möge
-in die Hände jener ruhelosen Schauspielerin
-wandern, die wie ein Raffael ohne Arme geboren
-wurde und deren Namen an dieser Stelle
-auszusprechen ich mich scheue. Aber wer wird
-je diese Möbel so lieben und anbeten wie ich?
-Wer wird so Erinnerungen in sie verweben und
-ihre Märchen kennen wie ich? Nicht einmal
-jene kleine dämonische Seele, für die ich sie
-unter Mühsal und Entbehrungen zusammensuchte
-und die ich nach so bitteren Erkenntnissen der
-Einsamkeit und dem Begehren fremder Männer
-preisgab. Von meinen zahlreichen Büchern
-endlich sollen Sie, lieber Freund, sich die Werke
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-Charles Louis Philippes nehmen, den ich so sehr
-geliebt habe. Den Rest aber möchte ich so verteilt
-sehen, daß jeder meiner Freunde etwas
-davon erhält.
-</p>
-
-<p>
-Wenn Sie mit liebender Hand diese Dinge
-aus ihrer Verborgenheit heben, werde ich freilich
-nicht mehr dabei sein, und ich möchte wohl,
-daß man mich auf ihrem Scheiterhaufen verbrennt,
-denn diese Bücher sind mir allezeit
-gute Freunde gewesen, immer bereite Pferde,
-auf denen ich in das Land unerfüllter Hoffnungen
-ritt, und diese Möbel, heroische Schicksalsgenossen,
-verdienten es wohl, daß man sie wie
-treue Frauen am Holzstoß der gefallenen Helden
-an meinem Sarge verbrennt. Es wäre meinem
-Leben gewiß nicht unangemessen, so auf der
-Wanderung zu verscheiden, und ich möchte wohl,
-daß man meine Asche in alle Winde streute,
-daß sie ruhe auf den vier Straßen des Lebens,
-auf denen ich so viele Jahre meiner Jugend
-verbrachte. Nur mein Herz möge man in eine
-Kapsel schließen, es noch einmal in Eure Nähe
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-zu bringen, die ich so sehr geliebt habe. Dieses
-Herz, das immer der Kompaß meines Geistes
-gewesen ist, vielleicht, daß es in Euren Händen
-noch einmal zu schlagen begänne, wie zuweilen
-der erstarrte Vogel in der Hand des Gärtners
-warm wird und zu singen anhebt.
-</p>
-
-<p>
-Übrigens glauben Sie nicht, daß ich aus
-Ihrer Mitte verschwinden werde. Eines Tages,
-wenn Sie sich die Schnürsenkel binden, will
-ich aus der Spitze Ihrer abgetragenen Schuhe
-hervorsehen. Vielleicht finden Sie mich auf
-dem Pflaster des Nollendorfplatzes in einem
-verlorenen Hausschlüssel wieder, der zwischen
-Pferdedung und von den Rädern der Wagen
-verbogen auf die Steine fiel. In einem Warenhause
-werde ich aus dem Wassersturze der Dinge
-über Sie herfallen. Vielleicht leuchte ich Ihnen
-in zehn Jahren aus den Augen eines Jünglings
-wider, der in irgendeinem Saale dieser maßlosen
-Stadt ewige Verse in eine unberührte
-Menge hinabwirft; denn wie könnte ich je
-glauben, daß das Werk, für das ich glühte,
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-um dessentwillen ich Heimat und Geliebte verließ,
-unvollendet verloren ginge &mdash; oh, dann lieben
-Sie ihn, wie Sie mich geliebt haben, mit dem
-Ernst und den Erfahrungen Ihres Alters! Wie
-könnte ich glauben, daß ich, ein kosmopolitisches
-Känguruh, in der Wüste mit dem vollen Beutel
-verfaulen sollte, in den ich so fremdartige und
-kostbare Schätze häufte, daß die Sendung unerfüllt
-bliebe, für die auch ich nur ein Sendling
-war und die der Zufall nur in eine ebenso
-herrische wie demütige Seele warf. Denn ich
-habe immer die tiefe Überzeugung gefühlt, daß
-der Tod, so oft und gern ich ihm Freund und
-Gefährte war, mich erst treffen würde, wenn
-das Werk in sichtbarer Vollendung sich von mir
-gelöst hat, wenn ich nach so langen Jahren
-des drohnenhaften Umherirrens, am Glücke und
-am Elend des Menschen saugend, endlich das
-Fegefeuer dieser brennenden Zeit durchflogen hätte,
-sei es auch, um aus dem Taumel seligster
-Schaffenslust mit zerschmettertem Haupt auf
-die Erde zu stürzen, nachdem ich den Keim in
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-die ewige Seele der Menschheit gelegt hätte,
-die das kostbare Gut in ihrem Innern bergend
-aus den Kampflüften der Geister heimkehrte in
-das Haus des Fleißes, zu den fiebernden Brücken
-der Begierde, in den schwermütigen Gesang der
-Arbeit.
-</p>
-
-<p>
-Aber wohin verliere ich mich, Geliebter? Noch
-brennt die Sonne, noch breiten vor meinem
-Fenster Palmen ihre stachligen Schöpfe, die, wie
-grüne Raketen auseinanderfallend, in der blauen
-Luft erstarrt sind. Noch zieht, von Frühlingswassern
-umspült, die Wüste einen blühenden
-Teppich um ihre alternden Füße. Noch lebe
-ich, am Nabel der Welt, in die Rätsel buntester
-Völker geworfen, grüßt unendliche Auferstehung
-den gemarterten Leib, noch höre ich
-Ihre Stimme an meinem Ohr, fühle, von
-heiterstem Glücke durchströmt, Ihre Hände auf
-meinem Herzen.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Ihre Drohne, die Lieblingsdrohne
-der Königin.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-11">
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-An eine Freundin
-</h2>
-
-<p class="date">
-Bagdad, Abdul Achad,<br />
-den 25. Februar 1916.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Man merkt kaum, daß die Zeit weitergeht,
-meine Liebe, so lautlos streicht jedes Gesicht an
-uns vorüber. Gestern erhielt ich Deinen Brief
-vom zwanzigsten Dezember. Habe ich denn
-damals schon gelebt? Ich begann ihn zu lesen,
-als ich in das Boot stieg, um über den Tigris
-zu fahren, wenn ich im Kahn nicht damit
-fertig wurde, wollte ich ihn am Ufer zu Ende
-lesen. Aber wir hatten kaum die Mitte des
-Stromes erreicht, da war der Brief aus, und
-ich fragte mich: war Dein Schreiben so kurz
-(es hatte doch sechs Seiten), war der Tigris
-so breit, oder hatte ich zu schnell gelesen? ...
-So verhungert sind wir hier draußen.
-</p>
-
-<p>
-Dabei lächelt der Himmel warm durch die
-Glaswände meines Hauses. Ich blicke über
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-den Zaun in die Palmen und auf den Hof
-einer arabischen Wagenhalterei. Auf den Dächern
-der Pferdeställe wird jeden Tag der frische Dung
-ausgebreitet, um in der Sonne gedörrt als
-Brennstoff verkauft zu werden. Ein junger Araber
-hat den Tag über nichts zu tun, als mit den
-nackten Füßen langsam durch diese Materie zu
-laufen und sie umzuwenden. Wenn ich am
-Schreibtisch sitze, schaue ich ihm bei seiner Arbeit
-zu.
-</p>
-
-<p>
-An den Ufern des Flusses liegen die Hospitäler,
-Konsulate, Hotels, in denen man die hölzernen
-Betten der Verwundeten aufgestellt hat. Luftige
-Terrassen, auf deren weißen Fähnchen der rote
-Halbmond, ein blutiger Fleck, leuchtet. Hier
-kommen die Dampfer von Kut el Amara herab,
-ihre traurige Last an das Ufer zu werfen.
-Glitzernd hebt sich der Strom, eine weiße
-Straße des Todes. Hier liegt Abdul Achad,
-das Lazarett, in dem wir arbeiten, ein arabisches
-Hotel mit zweihundert verwundeten Soldaten.
-Unsere Krankenpfleger sind Eseltreiber
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-und Lastträger der Straße. In unserem Operationssaal
-fanden wir nicht mehr als eine
-rostige Schere, zwei Klemmen und eine Sonde.
-Die durchgeeiterten Binden müssen stets von
-neuem verwandt werden, und wir sind glücklich,
-genug ungereinigte Baumwolle zu haben, die
-im Lande wächst. Die Wunden sind fast alle
-verschmutzt oder vernachlässigt, und viele sterben
-an Blutvergiftung dahin. Der Dienst ist anstrengend;
-aber unser Stabsarzt ist der liebenswerteste
-Vorgesetzte und Kamerad. Ich habe
-darin ein so großes Glück gehabt.
-</p>
-
-<p>
-Die Luft ist milde, und es wird täglich wärmer,
-doch jedermann spricht mit Schrecken vom
-Sommer, den wir hier an einem der heißesten
-Teile der Erde am Tag in den Kellern und
-des Nachts auf den Dächern verleben werden.
-Fast immer finde ich am Abend eine Stunde
-Zeit, in der Dämmerung in das bunte Gewühl
-arabischer Stadtviertel und Basare zu tauchen.
-Stets erfüllen heitere Pläne meine Seele, fremde
-Geheimnisse verführen und reizen mich. Dazu
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-verdanke ich der Güte des Feldmarschalls ein
-höheres Abzeichen der Uniform; ich trage den
-Rang eines Sanitätsunterleutnants und bin
-dem Stabe der sechsten Armee zugeteilt. Du
-solltest mich nur sehen in meinem moosgrünen
-Waffenrock, mit violettem Sammetaufschlag und
-Silberborten, wenn ich mit einem &bdquo;Grüß Gott,
-Soldat&ldquo; am Morgen in das Lazarett trete.
-</p>
-
-<p>
-Leb wohl &mdash; müßte ich nicht täglich zehn
-Liter Eiter riechen und den Pestgeruch der bis
-zum Skelett abgemagerten ruhrkranken Soldaten,
-so wäre das Leben fast vollkommen zu nennen.
-</p>
-
-<p>
-Frühling, ach wie du mich rührst ....
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-12">
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-Brief an die Mütter
-</h2>
-
-<p class="date">
-Bagdad, am Nabel der Welt,<br />
-den 29. März 1916.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Daß ich noch bin, Ihr geliebten Mütter, daß
-diese Erde noch unter mir ist und meinen Füßen
-nicht nachgibt, daß diese Zeilen den Herzschlag
-meines Atmens zu Euch hinübertragen, wie kann
-ich es ausdrücken, daß es mich so stark bewegt!
-Nie habe ich das Rauschen des Todes, seine
-Stille, sein kaltes Lächeln so vernehmbar gefühlt
-wie in diesen Tagen, und oft frage ich mich:
-darf ich noch leben? habe ich noch ein Recht
-zu atmen, Pläne zu tragen für ferne, fabelhaft
-unwirkliche Jahre, wenn so viele tote Augen
-um mich wie ein Abgrund gestellt sind?
-</p>
-
-<p>
-Am 10. März starb unser Stabsarzt plötzlich
-am Fleckfieber, und noch jetzt, Wochen später,
-erfüllt mich oft eine minutenlange Erregung, die
-mir Ruhe und Besinnung nimmt, zu erzählen.
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-Seit vielen Monaten durchzieht eine verheerende
-Krankheit dieses maßlose, selbstvergessene Land.
-Die türkischen Soldaten haben sie aus den
-Städten Syriens und Kleinasiens durch die
-Steppe herübergetragen, und die Rache des armenischen
-Volkes, dessen faulende Leiber jeden
-Weg der Wüste bedecken, streckt ihre würgende
-Hand immer tiefer in die Häuser, in die Hospitäler,
-in die Zeltlager der Lebenden hinein. Noch
-sehe ich diesen völlig mit kleinen blauroten Punkten
-bedeckten Körper vor mir, den der Stabsarzt
-nichts ahnend wegen einer ungefährlichen Verwundung
-an meiner Seite entkleidete, um kurze
-Zeit darauf selber an einer eitrigen Halsentzündung
-zu erkranken. Schon nach wenigen
-Tagen fand ich ihn abgemagert und durch
-eine hinzugetretene Ruhr so entkräftet, daß er
-nicht mehr fähig war, alleine den Kopf zu
-heben.
-</p>
-
-<p>
-Ich ließ mein Bett in seinem Zimmer aufschlagen,
-und nun begannen jene ruhelosen Tage
-und Nächte, die mich bis zu seinem Tode nicht
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-mehr von seiner Seite ließen. Nie werde ich
-diese einsamen Nächte vergessen, in denen alle
-Sehnsucht des südlichen Frühlings mit den
-Schmerzen des Todes und der Bitterkeit der
-Fremde gemischt war. Vor mir zu Füßen des
-Krankenbettes stand die abgeblendete Laterne, einen
-schwachen Lichtkreis über die Steinfliesen verbreitend,
-der sich leise in dem künstlichen Himmel
-der Decke spiegelte, die mit persischer Glasarbeit
-ausgelegt war und deren Achtecke sich glitzernd ineinander
-verschoben. Ich starrte auf den niedrig
-geschraubten Docht und hörte auf das röchelnde
-Atmen des Kranken, der einen Schleimkloß im
-Munde wälzte, von dem er vergeblich versuchte,
-sich zu befreien. Raschelnd jagten die Ratten
-über mir durch die hölzerne Täfelung der Decke.
-Dann stand ich auf, um den Kranken aus dem
-Bett zu heben, der infolge einer nervösen Störung
-nicht fähig war, im Liegen Wasser zu lassen.
-Und in der einen Hand das Geschirr haltend,
-in der andern seinen schweren, völlig willenlosen
-Körper, schwankte ich atemlos, bis wir beide
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-völlig erschöpft waren und auf unsern Stirnen
-der Schweiß ausbrach.
-</p>
-
-<p>
-Wenn der Kranke zu schlafen schien, trat ich
-einen Augenblick auf die Terrasse des Hofes,
-in dem ein weitästiger Baum seine ersten Knospen
-entfaltete und an dessen Rande eine Reihe verschlossener
-Zimmer lag, die einst die Frauengemächer
-eines reichen Muhammedaners gewesen
-waren. Der Sternenhimmel blickte durch den
-viereckigen Ausschnitt des Hofes, ich stieg auf
-das Dach, den umgekehrten Wagen, den Sirius
-und den Mars zu betrachten, der einen rötlichen
-Schimmer trug. Plötzlich trat ich auf etwas
-Weiches, ich bückte mich und sah ein paar dunkle,
-von den Sternen schwach beleuchtete Grasbüschel,
-und merkwürdig, ich dachte: von allen Erlebnissen
-dieser Tage wird vielleicht einst nur diese kleine
-Grasnarbe auf dem lehmgehärteten Dach des
-zerfallenen Frauenhauses greifbar in deinem Gedächtnis
-zurückbleiben, aber dieser eine Blick
-wird auch alle bittere Wehmut der Stunden
-enthalten.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-Als ich wieder in das Zimmer trat, war dem
-Kranken, der mich rufen wollte, die kleine Kamelglocke
-aus den Fingern geglitten, und mit schwacher
-Stimme versuchte er mir zu erzählen, daß eine
-Ratte von der Decke ins Zimmer gefallen wäre.
-Wieder setzte ich mich an seine Seite. Eine
-Katze trat lautlos in das Zimmer, erschrak, als
-sie mich erblickte, ging wieder hinaus. So kam
-der Morgen, der das Abbild der Nächte war.
-Ich wußte nicht mehr, daß draußen ein Tag
-und die Geschäftigkeit fremden Lebens war.
-Atemlos ging ich hinter diesem Bette her, Umschläge
-erneuernd, Arzeneien, Milch und Suppe
-reichend, die der Kranke mit dem Geräusch der
-Erstickung über die Kissen ausbrach, waschend,
-die Bettlaken zurechtlegend, und mir war, als
-entfernte sich dieses Bett mit immer größerer
-Schnelligkeit von mir, mich zu immer schnellerem
-Laufe anspornend.
-</p>
-
-<p>
-Einmal bat mich der Stabsarzt, ihm etwas
-vorzulesen. Ich hatte Hauffs Märchen mitgebracht,
-die er sehr liebte, und las ihm die Geschichte
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-vom Kalifen Storch vor; aber bald
-war er so schwach, daß er die Lippen kaum noch
-bewegen konnte. Am vierten Tage traten an
-den Weichen die kleinen blauroten Flecken auf.
-Vergeblich versuchte der Kranke immer wieder,
-etwas zu sagen; es war nicht mehr möglich,
-ihn zu verstehen. Die trockenen, schorfbedeckten
-Lippen blieben tonlos, während er verzweiflungsvoll
-den Kopf zur Seite schüttelte, und nur
-seine schönen blauen Augen glänzten noch zu
-mir auf. Am siebenten Tage begann der Puls
-plötzlich zu fallen, und er fiel in der kurzen Zeit,
-während wir im Nebenzimmer zu Mittag speisten,
-mit einer solchen Geschwindigkeit, daß es den
-Ärzten, die ihm noch eine Einspritzung in die
-Venen geben wollten, nicht mehr möglich war,
-diese zu finden. Drei Stunden später fuhr der
-letzte Atem mit einem widerlichen Geräusch,
-glucksend wie Spülwasser, aus dem Munde
-des Sterbenden aus. Die Ärzte standen schweigend.
-Schmerz würgte mich an der Kehle. Ich
-hatte ihn geliebt, der mir mehr Freund als Gebieter
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-gewesen, glücklich, einem Berater zur Seite zu
-stehen, dessen geistige Sehweite, dessen künstlerisches
-und wissenschaftliches Vermögen das der
-anderen Offiziere so weit übertraf. Ich drückte ihm
-die Augen zu, zog ihm das Laken über das Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-Wir traten hinaus. Im Hofe stand eine
-prächtige Stute, die mit dem Fuß in ein Loch
-der Wasserleitung getreten war und sich verletzt
-hatte. &bdquo;Das schöne Pferd!&ldquo; sagte der Stabsarzt
-der Marine, ärgerlich mit dem Fuße aufstampfend;
-aber wie merkwürdig erschien mir in
-diesem Augenblick sein Wort, das doch gewiß
-nicht weniger von Sorgfalt um ein lebendes
-Wesen erfüllt war. Die bunte Menge des
-Basars umdrängte uns. Der herrlichste Frühlingsnachmittag
-stand über der Stadt. Hatte ich
-je gelebt? Wieviel Jahre hatte ich im Gefängnis
-gesessen? Wir nahmen ein Boot und
-fuhren den Tigris hinunter, um dem Konsul
-den Tod des Arztes zu melden. Helle Sonne
-traf die bewegten Wellen des Flusses am Ufer.
-Mitten auf der Straße blieb ich stehen, betäubt
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-von Licht und dem Gefühl des Lebens: daß ich
-noch bin! daß die Erde noch mein ist!
-</p>
-
-<p>
-Als wir heimkehrten, erschrak ich vor der
-plötzlichen Dunkelheit des Zimmers, in dem
-jede Nacht die Laterne gebrannt hatte. Mit
-trostbedürftigen Seelen, an die Härte eines unerbittlichen
-Daseins gewöhnt, leerten wir die
-Flasche Wein, die ich noch am Morgen für
-den Kranken geöffnet hatte. Spät in der Nacht
-kamen die Juden, alte Männer mit weißen
-Bärten, um in einer hölzernen Kiste den Leichnam
-zu holen, der nach dem Ritus begraben
-werden sollte. Murmelnd, von einer Laterne
-begleitet, den Sarg auf dem Rücken, verschwanden
-sie in der finsteren Gasse. In der
-Nacht konnte ich nicht schlafen, und schweißbedeckt,
-bis zum Äußersten erregt, wälzte ich
-mich in den heißen Decken, während widerwillig
-ohne Aufhören die Frage an mein Ohr brandete:
-wann du? wann du?
-</p>
-
-<p>
-Am nächsten Morgen ging ich in die israelitische
-Schule. In einem Kellergewölbe, völlig
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-entkleidet, lag auf der bloßen Erde der Leichnam.
-Ein Schweißtuch war um die Stirn gebunden,
-und zwei Steine lagen zu beiden Seiten des
-Kopfes. Mitten auf die Brust des Toten aber,
-die mit einem langen Leinentuch bedeckt war,
-hatte man zur Wegzehrung ein abgebrochenes
-Stück arabischen Brotes gelegt. Ein zerlumpter
-Jude, in die Fetzen seines Gewandes
-gehüllt, kauerte die Wache haltend neben dem
-Leichnam, und im Winkel des Raumes lag ein
-zusammengekehrtes Häufchen Schmutz. Rührung
-ergriff mich vor der erschütternden Schlichtheit
-des Bildes, und immer wieder blickte ich auf
-diesen kümmerlichen Bissen Brot, der mir das
-Sinnbild alles menschlichen Jammers und Elends
-zu sein schien.
-</p>
-
-<p>
-Zwei Stunden nach Sonnenuntergang begann
-das Begräbnis. Im Hof der Synagoge stand
-der Sarg aufgebahrt. Zwanzig alte Juden
-sangen mit klagender Stimme einen hebräischen
-Psalm. Dahinter standen die deutschen Offiziere,
-Rabbiner und Würdenträger der Stadt, brennende
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-Kerzen in der Hand haltend. Die Kawassen
-eröffneten den Zug, ihnen folgten die
-Schulen und die hohe Gemeinschaft der Rabbiner.
-Der Sarg wurde von den Schultern
-jüdischer Bürger getragen, dahinter schritten der
-Großrabbiner, die Vertreter des Stabes des
-Feldmarschalls, der Wali, die geistlichen und
-weltlichen muhammedanischen Behörden, deutsche
-und türkische Offiziere und Soldaten mit zur
-Erde gekehrten Waffen. Zwanzigtausend Juden
-begleiteten den Zug, während hochgeschwungene
-Fackeln die Finsternis erleuchteten, von denen
-der Wind Funken und brennendes Werg über
-die Köpfe des Trauergefolges hinwegwehte. Unmittelbar
-hinter dem Sarge schritt ich selber,
-das Kissen mit den Orden des Toten tragend,
-und ich dachte die ganze Strecke des Weges:
-wenn Ihr mich so schauen könntet, wie ich, übernächtigt,
-die hohe Lammfellmütze auf dem Kopf
-und von dem gelben Licht der Fackeln beleuchtet,
-hinter dem Sarge hinschreite, welchen Trost würde
-der warme Herzschlag Eurer Liebe mir bereiten!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-Die Fenster aller Häuser waren von Menschen
-erfüllt, in den Seitenstraßen und auf den Dächern
-drängte sich die Menge. Sobald der Sarg
-vor ihren Blicken erschien, durchzog ein ungeheures
-Klagen die Luft. Die Männer schlugen
-sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, die
-Frauen begannen jammernd und heulend an ihren
-Haaren zu raufen, schlugen sich gegen die Brüste,
-zerfetzten die Kleider, und von den Dächern
-wogte ihr Klagegesang in die Nacht hinab.
-Dicht vor meinen Füßen aber riß, bis zum
-Wahnsinn erregt, sich die wütende Menge unter
-den Kolbenschlägen der Soldaten darum, ein
-Stück des Weges den Sarg zu tragen, der,
-von dem Lichte der Fackeln umflossen, hoch über
-den Häuptern des Volkes erhoben die unendlich
-schmale Gasse dahinschwebte. Endlich öffnete
-sich das Feld, die Menge flutete auseinander,
-und ein kühler Wind strich aus der Wüste her.
-Halsbrecherisch stolperten wir im Dunkel über
-Hügel und Gräben. In Grabtücher gehüllt,
-versank der Leichnam, von den verlöschenden
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-Lichtern beleuchtet, und während ich an der offenen
-Grube dem Toten einige Worte nachrief, wurde
-er in der Tiefe mit gebrannten Tonziegeln übermauert.
-Sturm wehte und ein heftiger Regen
-begann zu stürzen, als wir endlich im Dunkel
-aus der Wüste nach Hause tappten. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Wieviel Tage seitdem verflossen sind, ich weiß
-es nicht mehr. Ich ging in einem Traume
-dahin. Denn mag es auch nicht unrühmlicher
-sein, wie ein kranker Baum an Händen und
-Füßen mit Schutzringen umgeben, im Dunkel
-fiebererfüllter Hospitäler von Ungeziefer gebissen
-zu werden und daran zu sterben, als an der
-Wut unvernünftigen Eisens zu verbluten, so würde
-es doch meiner Aufgabe wenig entsprechen. Und
-während der widerliche süße Geruch der Medikamente
-und faulenden Wunden alle Räume des
-Lazarettes erfüllt, während ich auf dem Dampfer
-den Tigris von Kut el Amara hinauffahre, um zu
-sehen, wie an jeder Landungsstelle neue Tote an das
-Ufer gebracht werden, während ich immer wieder
-erlebe, wie an meiner Seite die Sterbenden die
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-Maske des Todes auf ihr Gesicht setzen, überkommt
-mich zuweilen eine stumme und wilde
-Verzweiflung: genug! genug! einmal auch
-etwas anderes zu sehen als Schmerz, Eiter und
-Wunden! Lohnt es denn zu leben in einer
-Welt, die von nichts als dem Atem der Verwesung
-erfüllt ist? Lohnt es denn noch zu sterben
-in einer Zeit, wo selbst der Tod unwichtig oder
-billig geworden ist wie eine geringe Münze?
-</p>
-
-<p>
-Draußen steht der Frühling und hat noch
-den Staub der Wüste mit einem grünen Mantel
-bedeckt. Die Schwalben flattern bis in unseren
-Operationssaal, so dicht über unseren Köpfen,
-daß ihr Flügel zuweilen den entblößten Leib
-der Gemarterten streift. Das Hochwasser hat
-alle Palmengärten mit plätschernden Bächen erfüllt.
-Zitronen und Mandarinen duften schwermütig
-und berauschend, Wiesenschaumkraut und
-Sumpfdotter blühen. Und zuweilen, wenn der
-Südsturm über die Palmengärten fährt, die
-langen Blätter der Schöpfe wie aufgelöstes
-Frauenhaar über ihren Nacken werfend, setze ich
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-mich an den Fuß der alten Lehmmauern und
-schließe die Augen. Dann ist mir, als hörte
-ich das Rauschen der deutschen Wälder wieder
-und sehe das Laub der Eichenbäume in der Sonne
-erzittern. Die Frösche quaken, und das Heimchen
-zirpt in der Wüste, und mir ist, als sähe ich
-Euch, Ihr geliebten Mütter, den Weg heraufkommen,
-ein altes und ein alterndes Gesicht.
-Ich küsse das weiße Haar Eurer Schläfen und
-schaue in die blaue Güte Eurer Augen, die mich
-beschützt hat in allem Unheil dieser Tage, und
-die mir hilft, das Werk zu Ende zu tragen,
-das mir alleine zu schwer ist.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-13">
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-Letzter Brief an die Eltern,
-Brüder, Freunde, Mitmenschen
-und Geliebten<a class="fnote" href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a>
-</h2>
-
-<p class="date">
-Bagdad, den 18. April 1916.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Jeden Morgen, wenn die Sonne aufging,
-Ihr Geliebten, fragte ich mich erstaunt: wie?
-du lebst noch? Und ich fühlte es stündlich,
-daß auch über meinem Wege eine gefällte
-Palme lag.
-</p>
-
-<p>
-Seit zehn Tagen ist der Feldmarschall an
-Fleckfieber erkrankt. Eine Woche pflegte ich ihn,
-fühlte seine zitternden Arme in den meinen, sah
-in jenem kartenbehängten Zimmer, in dem sie
-sein Bett aufgeschlagen haben, aus den Kissen
-die rührenden Blicke seiner Geduld und Güte
-leuchten, die noch immer die Welt mit Wissen
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-und alter Liebe zu umfangen schienen. Am
-siebenten Tage fand ich bei der Heimkehr in
-meiner Wäsche jenes kleine blutgefüllte Tier,
-das nun seit Monaten schon für uns das Sinnbild
-des Todes bedeutet, <a id="corr-0"></a>und das der bekannte
-Überträger des Fleckfiebers ist. Seit jenem Tage
-wußte ich, wie es um mich stand, und während
-mich noch die Angst um dieses greise Leben mit
-Bangen erfüllte, sah ich die eigene Jugend an
-den Rand der Vernichtung gestellt. Wenn ich
-des Abends den Tigris hinunterblickte, an dessen
-Ufern Fischer eine Seffineh stromaufwärts treidelten,
-immer dachte ich: wie schön ist es, ihren
-Gesang noch einmal zu hören! Und ich sah
-den Arabern zu, die in einer Kuffe über den
-Strom fuhren, und dachte: betrachte es recht
-&mdash; so setzen sie ihre kleinen Ruder ins Wasser,
-so wirbelt die Flut hinter ihnen her. Gestern
-stieg ich in der Finsternis auf das Dach, den
-Mond zu betrachten, und zu jeder Stunde sagte
-ich mir: nimm noch zwei Augen voll Schönheit
-mit in die Dunkelheit.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-Heute mittag, nachdem ich die Nacht unter Erbrechen
-und grauenvollem Kopfschmerz zubrachte,
-trat das erste Fieber bei mir auf, das schnell
-zu steigen beginnt. Seitdem kann für mich kein
-Zweifel mehr gelten, mein durch so viele Krankheiten
-geschwächter Körper, mein allzu beflügeltes
-Herz wird diesem neuen Ansturm nicht widerstehen.
-Aber seitdem ich diese feste Gewißheit
-habe, nach all den nächtelangen Zweifeln der
-vergangenen Tage, kommt fast eine stille Heiterkeit
-über mich. Auch der Tod ist nur eine Gedankenüberlegung,
-eine andere Art zu leben. Wer
-ihn erst geistig überwand, den kann er nicht
-mehr erschrecken. Der Reiz des Daseins hat
-für mich immer darin bestanden, daß es einmal
-mit dem Tode endet. Nicht an dieser
-Stelle habe ich ihn erwartet, aber auch hier
-soll er willkommen sein.
-</p>
-
-<p>
-Hinter mir steht mein arabischer Diener, er
-hat Blumen in mein Zimmer gestellt und erwartet
-ein Lob, aber ich achte nicht auf ihn
-und seinen schüchternen Versuch, mir Gutes zu
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-tun, so sehr bin ich von dem Gedanken des
-Sterbens erfüllt. Es ist vier Uhr nachmittags,
-draußen blühen die Palmen in gelben Dolden,
-der hellste Sommer steht über dem Land, und
-ich beeile mich, die letzten Stunden, da ich noch
-klar bin, Abschied von Euch zu nehmen. Denn
-bald werde auch ich daliegen, wie ich so viele
-gesehen habe, meiner selbst nicht mächtig, von
-furchtbaren Zuckungen erschüttert, der Sprache
-beraubt, und mit blicklosen Augen, die ihre Welt
-nicht mehr kennen. Losgerissen wird meine Seele
-durch alle Räume der Erde flattern, als triebe
-ich im Südsturm, der die Wellen des Tigris
-auftürmt, auf einer führerlosen Kuffe, inmitten
-des wütenden Stromes ganz alleine durch die
-unendliche Verlassenheit dieses Landes dem Meere
-zu, dessen Rauschen mich mit Gesang begrüßt.
-</p>
-
-<p>
-Aber vom Tode umschattet, hebe ich noch
-einmal aus den Tiefen meiner Seele das Bild
-Eurer Gesichter, langsam wie man aus dem Grunde
-verschütteter Städte die Reste alter Tempelmauern
-und Wohnstätten emporhebt. Und ich frage
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-mich: seid Ihr das wirklich? In welchen fabelhaften
-Zeiten habt Ihr gelebt? Wer wart Ihr,
-die Ihr durch mein Leben schrittet, fremd und
-liebend zugleich? Wie könnte ich Euch beim
-Namen nennen? Seid Ihr mir in dieser Stunde
-nicht alle gleich nah, Eltern, Brüder, Freunde,
-Mitmenschen und Geliebte? Ihr kleinen Knaben,
-mit denen ich in meiner Jugend befreundet war.
-Ihr weichen Wangen der Mädchen, blaß und
-hinreißend schön wie der Glanz des aufgehenden
-Mondes. Und Du, alterndes Gesicht einer
-schneeweißen Frau, weise und mit rätselhaften
-Falten bedeckt &mdash; wenn es einen Schmerz für
-mich in dieser Stunde gibt, so ist es der, Dich
-verlassen zu müssen, Dir Leid zu bereiten. O
-nicht die kleinste Geste Eures Lebens bleibt mir
-in dieser Minute fern. Euch, die ich liebte,
-denen ich mit Zärtlichkeit weh tat. Und doch,
-wann war es, daß ich durch Eure Mitte ging?
-In so verschüttete Tiefen sankt Ihr hinab, daß
-ich Euch nicht wiedererkenne. Welcher Teil
-meines Leibes, meiner Seele blieb an Euch
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-haften? Ach, wenn ich eines bedaure, so ist es,
-ohne Kinder sterben zu müssen, ohne Sohn,
-ohne Mädchen, das die Mutter kommender
-Geschlechter würde. Wie schön, wie unsagbar
-reich war dieses Leben, das ich mir baute, und
-doch soviel Samen der Liebe vergeblich verschwendet.
-Wie fremd war Euch meine Bitte
-&mdash; ach, ich begreife, daß Ihr es höher schätzen
-mußtet, frei zu sein, als die namenlose Mutter
-meiner Kinder zu werden!
-</p>
-
-<p>
-Aber verzeiht, wenn meine letzten Gedanken
-nicht Euch gewidmet sind, wenn sie sich auf
-jene dämmernde Zukunft der Menschheit richten,
-für die ich die Verpflichtung fühlte, zu sein,
-der mein künftiges Leben geopfert wurde. Und
-vielleicht liegt nur darin die Schwere des Abschieds
-dieser Stunde, daß ich der Erde den
-Dank nicht zeigen kann, den ich ihr schulde. Jener
-tiefste Schmerz des Mannes, der Welt nicht
-mehr beweisen zu können, was wir vermochten.
-Für Dich, Du vielgestaltete unendliche Masse
-der Völker, die Du, im Elend und im Glücke
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-leidend, an Deinen Herrschern zugrunde gehst,
-Dich in Deinen Kriegen verblutest.
-</p>
-
-<p>
-Das Vaterland schuldet mir keinen Dank.
-Aber auch in mir stirbt die Menschheit ihren
-traurigen und namenlosen Tod. Auch ich litt
-für sie, auch ich konnte sie nicht erlösen, so inbrünstig
-dieser Wille in mir war. Vielleicht
-bleibt es dabei ein geringer Trost, immerhin an
-den Mühen gestorben zu sein, schmerzleidenden
-Menschen Linderung zu bereiten, wenn ich mir
-auch in keiner Stunde verhehlt habe, daß die
-Sehnsucht, die mich in diese Länder trieb, die
-Erde in allen Weiten und Tiefen zu erschöpfen,
-nicht geringer in mir gewesen ist.
-</p>
-
-<p>
-Und so lebt denn wohl, lebt wohl, Ihr Geliebten!
-Zum letzten Male grüßt Euch Euer
-Sohn, Bruder, Freund und Mitmensch
-</p>
-
-<p class="sign">
-Armin Wegner,
-</p>
-
-<p class="noindent">
-im Dienste der Menschheit sterbend an der
-Unersättlichkeit des Lebens.
-</p>
-
-<p>
-Lebt wohl! lebt wohl! Ihr Geliebten!
-</p>
-
-<hr class="footnote" />
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-1" id="footnote-1">[1]</a> Dieser Brief wurde zu Beginn einer schweren Erkrankung geschrieben,
-als der Verfasser nach menschlichem Ermessen damit rechnen
-mußte, nicht wieder zu gesunden.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-14">
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-An eine Freundin
-</h2>
-
-<p class="date">
-Bagdad, den 25. Mai 16.<br />
-Am Tage der Auferstehung.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Nach so viel stummen und verschwiegenen
-Grüßen, so viel liebend gefalteten Büchern und
-Päckchen mit Süßigkeiten, halte ich endlich den
-Brief meiner teuren Freundin in der Hand.
-Es ist seltsam mit diesen Briefen in der Fremde.
-Wir haben eine Liebschaft mit ihnen, wie mit
-einer zärtlichen Frau, als wollten wir ohne Ende
-sagen: &bdquo;Küß mich noch einmal! So, Dein
-Gesicht an meine Seite.&ldquo; Und obwohl wir sie
-siebenmal gelesen haben und lange auswendig
-wissen, werden wir doch nicht müde, immer von
-neuem ihre Züge zu betrachten.
-</p>
-
-<p>
-Nun aber blickt ein Auferstandener in diese
-Augen, einer, der von zwiefachem Tode heraufkommt
-und, aus ohnmächtigem Schlaf erwachend,
-sich mit der Hand über die Stirn streicht: ja,
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-es ist die Erde, es ist das Wort geliebter Seelen,
-das an dein Ohr tönt. Noch schwankt der
-Boden unter meinen Füßen, noch begreife ich
-nicht, daß diese Fülle des Glückes mir geschenkt
-war. Noch zweifle ich am Tag und der Stunde
-der Heimkehr, der langen, mühseligen Reise
-durch eine lieblose und sonnendurchglühte Wüste
-gedenkend. Aber vielleicht habe ich hier die
-Wendung jener rasenden Laufbahn erreicht, die
-bestimmt scheint, mich durch alle Schrecken und
-Finsternisse zu treiben! Oft frage ich mich erstaunt,
-wie ist es möglich, daß das Leben in
-dir noch neben dem Tode Raum hat? Und
-muß ich der Erde nicht dankbar sein, wenn sie mich
-Wiedergewonnenen so immer von neuem liebend
-an ihre Brust reißt? Muß ich nicht heiter sein,
-obwohl ein Leben bitterster Enttäuschungen mich
-im Mutterlande erwartet?
-</p>
-
-<p>
-Ich rüste zur Heimkehr. Kein Wort, kein
-Gefühl klammert sich an mich, das stark genug
-wäre, mich in diesen Mauern zu halten. Vereinsamt
-schaue ich mich unter der Schar dieser
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-Männer um, unter denen ich fast alleine zurückblieb.
-Die Herzen haben mich verlassen, um
-derentwillen ich durch diese Wüste reiste, und mir
-blieb nichts als die traurige Pflicht, ihnen das
-Bett des Sterbens zu bereiten. Noch sehe ich
-die Augen des greisen Feldmarschalls auf mich
-gerichtet, höre das Wunder seiner Stimme, die,
-schon vom ewigen Schlafe befangen, in dem
-Dunkel ferner Schlachten umherging, und zur
-selben Stunde, da der geliebte Leichnam, auf
-die Lafette einer Kanone gebunden, in eine Wolke
-von Musik gehüllt, seinem letzten Hause unter
-den Mauern uralter Kalifen entgegenschwebte,
-trug mich selber das Boot über den Kühle atmenden
-Fluß, schwankte ich fieberdurchglüht dem
-Ufer zu, mich selber zum Sterben zu bereiten.
-An dem Geländer des Hospitals stand ein anatolischer
-Soldat, den ich vor Monaten in schwerer
-Krankheit gepflegt hatte, dessen volle Gestalt ich
-kaum wiedererkannte. Und nicht ohne Verbitterung
-dachte ich: du hast deine Gesundheit
-aus mir getrunken, dein schwerer Leib zieht
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-mich selber hinab. Aber die Wage stieg von
-neuem, und nicht ohne Wehmut bekenne ich:
-also auch hier solltest du hindurch! Die Sonne
-des Sommers öffnet ihren weißen Himmel.
-Ich habe meine Toten begraben. Der Weg
-ist frei. Das Band ist zerrissen, das mich an
-ihre Tage gefesselt hat, das mich glücklich machte,
-in ihrem Schatten zu leben.
-</p>
-
-<p>
-Aber je mehr ich so der Stunde gedenke, da
-unter meinen Füßen die Meile des Weges wieder
-kleiner wird, um so stärker erkenne ich, wie von
-Tag zu Tag die Mühe unsäglicher wurde, die
-meinem geschwächten Leibe bereitet ist. Und schon
-ruft eine sieche Steppe, rufen die Blätter verbrannter
-Palmen mir entgegen: es ist zu spät!
-Die gelbe Glut einer böse blickenden Sonne hat
-eine unsichtbare Mauer um unser Haus gezogen.
-Das Thermometer in unseren Brusttaschen steigt
-auf einundvierzig Grade, als wollte es sagen:
-sieh, auch die Mutter Erde atmet im Fieber.
-Wir leben in den Kellern. Vor unseren Fenstern
-hängen breite Rahmen aus Palmblättern, die
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-mit Kameldorn gefüllt sind und mit Wasser
-begossen werden. Die Hunde vor unsern Türen
-liegen in einer Pfütze von Schweiß. Wir
-warten, bis es Abend wird, dann kriechen wir
-aus unseren Verstecken, steigen auf die Dächer,
-wo wir unsere Betten ausbreiten, und liegen
-schlaflos und warten auf den Nachtwind. Über
-uns wachsen die Sterne, die goldenen Früchte
-eines riesenhaften Baumes, und ich brauchte
-nur die Hand auszustrecken, so griffe ich in
-ihre Krone und pflückte sie alle in Deinen Schoß.
-Zuweilen erhebt sich urplötzlich aus der Ebene
-ein Sandsturm. Dunkle Wolken wirbeln aus
-der Tiefe herauf, der feine Sand fällt über
-Gesicht und Hände, das Mückennetz bläht sich,
-ein gefülltes Segel, und plötzlich rollt unser
-ganzes Bett über das flache Dach dahin.
-Die Leinentücher flattern nach allen Seiten, die
-Schlafschuhe wandern, und der mit Wasser
-gefüllte Tonkrug, an dem unsere Lippen Tag
-und Nacht verdurstend hängen, bricht in
-Scherben.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-Wenn aber der Mond scheint, füllt sich die
-Ebene mit einem zarten Licht. Blaue Dämmerung
-steigt aus den Palmenhainen, zerfließt
-weich in die Steppe. Wie klein wird die Erde
-unter uns. Dann ist mir, als wüchse mein
-Leib unendlich in die nächtliche Landschaft hinaus.
-Mein Haupt ruht in Mossul, meine Füße rühren
-an die Trümmer von Babylon. Meine rechte
-Hand liegt auf den Dächern von Damaskus,
-und mit der linken greife ich in die Schneeberge
-von Luristan. Durch mich rinnt eine unendliche
-Ader, der Tigris. Zu ihm kommen die Verwundeten,
-die Kranken, die Gefangenen, die
-Sterbenden, Wasser zu schöpfen. Bin ich ein
-Strom, an dessen Ufern die Regimenter des
-Todes lagern, um zu trinken? Ich habe kein
-Blut mehr in mir. Dies Land hat mich zu
-seiner Scholle gemacht, in deren Tiefen die Flut
-versiegt ist, und auch mein Leib ist zur Wüste
-geworden, von verdorrenden Gräsern bedeckt und
-von heißen Winden geschlagen.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-15">
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-An die Mutter<a class="fnote" href="#footnote-2" id="fnote-2">[2]</a>
-</h2>
-
-<p class="date">
-Bagdad, im Mai 16.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Auch Du, meine Mutter, hast Deine Söhne
-der Vernichtung geboren. Auch Du hast gedarbt,
-um Erkenntnis gerungen, schlaflos gelitten,
-daß Deine Kinder reif würden für die Stunde
-des Todes. Und auch Deinem alternden Leib
-ruft eine barbarische Zeit entgegen: gebäre noch
-einmal. Werde noch einmal Mutter, daß neues
-Blut da sei, das auf den Schlachtfeldern und
-in den Laufgräben fließe!
-</p>
-
-<p>
-O die große Lüge, die wir niemals vergessen
-werden, die falsche Sonne, die über der vorgeschichtlichen
-Zeit unserer Kindheit leuchtete.
-Denn wofür haben wir gekämpft? Wofür
-trugen wir Arbeit und Hoffnung so viele Jahre
-hindurch? Wofür bauten wir Eisenbahnen und
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-Dampfschiffe, errichteten Schulen, Fabriken und
-Krankenhäuser, lehrten unsere Kinder weise, kräftig
-und pflichttreu zu sein? Glaubten wir wirklich,
-daß wir die Menschen näher aneinander rückten,
-Völker an Völker, Herzen an Herzen zu binden,
-die Güter der Erde dorthin zu tragen, wo ihrer
-Mangel wäre, und die Armut zu töten? O die
-große Lüge, die große Lüge! So viel Wunder
-des Geistes und der Hände, nur daß wir Mittel
-hätten, Soldaten schneller dorthin zu werfen, wo
-sie Menschen fänden, zu töten; bewaffnete Mörder
-noch über die weitesten Meere zu tragen, Männer,
-weise und klug und tapfer für die Geschäfte des
-Mordens, und Werkzeuge und Folterkammern
-des Todes. Dreitausend Jahre haben wir die
-Sehnsucht in uns getragen, in die Lüfte zu
-steigen, und da sie endlich in Erfüllung ging
-und wir fliegen lernten, da hoben wir uns in
-die Lüfte und warfen den Tod vom Himmel
-auf die Erde herab.
-</p>
-
-<p>
-So viele Reisen über Gebirge und fremde
-Länder, so viele Wanderungen durch Städte,
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-durch blühende Ortschaften, wir vollführten sie
-nicht, daß wir die Erde lieben lernten. Wir
-suchten nur nach den Schwächen unserer Brüder,
-daß wir besser wüßten, wo ihre Wunde schmerzhaft
-ist. Und immer noch wird jeder Tag zum
-Laufbrett einer neuen schändlichen Handlung,
-immer noch rollt diese Kugel, deren knöchernes
-Klappern uns aus halbem Schlummer emporweckt.
-Glaubten wir nicht, erblindet zu sein
-vor dem Schmerz dieser Zeit, gewappnet gegen
-die Gefühle in unserer Brust? Ach, es gibt
-Falten in dem Gesicht dieses Elends, die sich
-so unauslöschbar einprägen, daß wir sie niemals
-vergessen werden.
-</p>
-
-<p>
-Gestern kamen die gefangenen Engländer aus
-Kut-el-Amara an. In langen, staubigen Zügen
-trieb man sie durch die Gänge des Basars,
-durch die gaffende Menge der Händler und
-Straßenverkäufer, daß sie unter dem Hohn der
-Handwerker, unter dem Zischen der Wechsler
-doppelt empfänden, wie tief sie gedemütigt sind.
-An ihrem Ende erhob sich eine unübersehbare
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-Reihe grauer Kamele, nur mit den Stricken
-ihrer Halfter aneinandergefesselt, auf ihrem
-Rücken die traurige Last jener Gestalten schleppend,
-die, von Hunger und Krankheit geschwächt,
-ihre Füße nicht mehr tragen konnten, die fast
-aufgehört hatten zu atmen und in leblosen
-Bündeln an den hölzernen Lastsattel der Kamele
-geklammert hingen. Aus ihren lehmfarbenen
-Hosen ragten die von der Sonne geröteten und
-geschwollenen Knie, deren Haut sich in Fetzen
-zu schälen begann, und mit langen, dürren Fingern
-griffen sie nach den Gurken, die mitleidige Hände
-ihnen reichten, und bissen gierig in das grüne
-Fleisch. Hier wankten Gestalten, die, barfuß
-und halb entkleidet, den letzten Rock, ihre Stiefel
-für ein Stück Brot, für eine Handvoll Datteln
-gegeben hatten. Auf ihren spitzen Schultern
-hing, wie über einen Stock gezogen, das am
-Rande ausgerissene Hemde, bei jedem Schritt
-ihre Scham entblößend, und zitternd erhob sich
-aus der Menge ihr grauenvoll ausgehungertes,
-noch immer mit dem Tropenhut bedecktes Haupt,
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-das auf dem langen Hals wie der klappernde
-Kopf einer Mohnstaude schwankte. Araber hatten
-mit Wasser gefüllte Tonkrüge vor die Haustüren
-gestellt, aber die türkischen Soldaten drängten
-die schmachtenden Inder beiseite. Ab und zu
-blieb eines der Kamele stehen, um beim Weiterschreiten
-das nachfolgende an seiner Leine mit
-einem jähen Ruck aus der Ruhe zu reißen,
-daß die schlaffen Glieder ihrer traurigen, immer
-noch atmenden Last schmerzhaft zusammenschlugen.
-Zuweilen schien es, als müßten, durcheinandergeschüttelt,
-diese Augen aus ihren vertrockneten
-Höhlen fallen, um im Staub unter den Füßen
-der Tiere zu sterben, die wiederkäuend mit
-schaumtropfender Lippe, bald vor- bald rückwärts
-gerissen, eine jammervolle Kette des Elends aus
-dem Dunkel des Basars von neuem in die
-glühende Sonne der Wüste tauchten.
-</p>
-
-<p>
-Am Abend ging ich durch das Lager der
-Gefangenen. In der grauen Asche des Staubes
-lagen ihre Leiber gleich verkohlten Knochen
-umher. Kleine schlitzäugige Gurkhas und die
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-zarten Glieder der Sikhs, deren fremdartige
-Augen leidend zu mir aufblickten, aus deren
-Tiefe die Flamme uralter Gottesverehrung brach.
-Dazwischen blonde Gestalten, noch knabenhaft
-und kaum der Mutter entwachsen, mit einem
-unsagbaren Ausdruck des Nicht-dafür-Könnens,
-armselige Gestelle von Lumpen. Und wie ich
-sie so liegen sah, halbnackt, fassungslos aufgelöst,
-ganz der steigenden Kühle des Nachtwindes hingegeben,
-da mußte ich mir unwillkürlich sagen:
-wie merkwürdig, daß es noch eine Erde unter
-den Füßen dieser Verdammten gibt, um darauf
-zu schlafen, daß nicht auch unter ihnen eine
-Sonne glüht, daß ihre Füße nicht auf zwei
-spitzen Pfählen stehen oder auf einem brennenden
-Rost, statt auf sonnendurchglühter Wüste ...
-ja, die Erde ist barmherziger als wir.
-</p>
-
-<p>
-Und doch ist dieses nur der Ausschnitt einer
-Stunde, der millionste Teil des Elends, das
-von allen Seiten der Erde aufbrüllt und um
-Erlösung schreit. Ich brauche nur die Zeitung
-aufzuschlagen, so finde ich eine endlose Liste versunkener
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-Schiffe, die die Ernte dieses einen
-Monats bedeutet. &bdquo;Den ersten Mai ein bewaffneter
-englischer Bewachungsdampfer, zwei
-französische Hilfskreuzer vor Le Havre, ein französischer
-Kreuzer La Provence mit 4000 Mann
-wovon 3300 ertranken ....&ldquo; Das sind die bluttriefenden
-Trophäen, die ein über alles geliebtes
-Deutschland gleich den zahllosen Kopfhäuten
-eines skalpierenden Indianers triumphierend an
-die Schnalle seines Gürtels hängt! Hat je ein
-Mensch so viel Kraft der Vorstellung besessen,
-daß er sich ausmalte, wie Tausende von Männern
-in wahnsinniger Todesangst auf dem Deck eines
-sinkenden Schiffes durcheinanderrennen in einem
-einzigen tierhaften Schrei der Empörung, hat
-je eine Mutter es vor sich gesehen, wie die Not
-menschlicher Arme durch einen Brei von Blut
-und zerstückelten Leibern zu schwimmen begann &mdash;
-und ging nicht hin und riß sich das Haupt von
-den Schultern, dies nicht zu Ende zu denken?
-</p>
-
-<p>
-O meine Mutter, wie arm und schwach sind
-wir geworden. Wir sterben vor Scham, in
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-einer Welt leben zu müssen, die so wenig dem
-Abbild unseres Herzens gleicht. Auch Du
-mußtest einem Gotte opfern, den Du nicht verehrst.
-Auch Deine Söhne hängen in den
-Speichen eines Rades, das sie zu zerreißen
-droht. Glaubten wir nicht unverwundbar zu
-sein? Hatten unsere Seelen nicht in dem
-Drachenblute dieser furchtbaren Zeit gebadet?
-Aber Mitleid und Liebe ängstigt und foltert
-uns. Auch uns blieb wie Siegfried eine verwundbare
-Stelle in der Hornhaut der Seelen,
-und durch die schmale Öffnung zittert der grausame
-Speer, uns bis in die letzten Tiefen zerfleischend.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Dein gefesselter Sohn.
-</p>
-
-<hr class="footnote" />
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-2" id="footnote-2">[2]</a> Dieser Brief wurde von der Zensur festgehalten und veranlaßte
-die Rückberufung des Verfassers aus der Türkei.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-16">
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-An die Mutter
-</h2>
-
-<p class="date">
-Babel, den 18. Juni 1916.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Meine arme Mutter, als ich Dir das letztemal
-schrieb, wußte ich noch nichts von dem Tode
-unseres Bruders, und doch ist mir, als müßte
-eine Stimme aus einer Ecke des Weltalls zu
-mir gesprochen haben, daß ich Dir dieses sagte:
-auch Du hast Deine Söhne der Vernichtung
-geboren. Als könnte ich <a id="corr-1"></a>Dir heute nur all jene
-Worte wiederholen, die ich Dir damals schrieb.
-</p>
-
-<p>
-Vor zwei Tagen ging ich auf das Armee-Oberkommando,
-um einen Urlaub nach Babylon
-zu erbitten. Jemand gab mir einen versiegelten
-Brief in die Hand, ich lief die Treppe zum
-Fluß hinunter, um das Boot zu besteigen, und
-im Hinabschreiten öffnete ich den Umschlag. Als
-ich den schwarzen Rand erblickte, dachte ich
-gleich: es ist der Vater. Dann las ich von
-dem Tode unseres armen Ikarus, der so früh
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-seine Flügel gebrochen hat. Eine Weile später
-stand ich in dem Hof des deutschen Etappenoffiziers
-und hörte, wie eine Stimme zu mir
-sagte: &bdquo;Was machen Sie für ein Gesicht? ...&ldquo;
-Da fühlte ich, von Krankheit und Hitze geschwächt,
-wie mir die Tränen aufstiegen, und
-konnte nicht sprechen.
-</p>
-
-<p>
-Ich fuhr den Fluß zurück über das opalfarbene
-Wasser, badende Knaben scherzten am
-Ufer, der volle Mond erblühte am Himmel.
-In dieser Nacht schlief ich wenig. Immer sah
-ich die Gestalt meiner Mutter vor mir, sah eine
-unendlich zarte, pergamentene Hand, unter der
-sich die blauen Adern abzeichnen, wie sie inmitten
-fremder Menschen und der kalten Geschäftigkeit
-eines ungerührten Soldatenlebens an
-dem Sarge ihres Kindes stand, mit einer
-schüchternen Bewegung ihrer weißen Finger über
-seine blonde Stirne streichend, als wollte sie
-noch einmal sagen: mein Junge. Und ich sehe
-uns ältere Brüder mit einem bunten schottischen
-Kleidchen zwischen uns durch den Garten unseres
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-Hauses rennen, daß uns die kleinen Beine kaum
-folgen können, blonde Härchen, über denen eine
-weiße Pudelmütze hing mit einem Ponpon daran.
-Und ich sehe unsern Bruder nach Hause kommen
-mit seinem zerbrochenen Ärmchen, dem der Knochen
-aus dem Gelenk gerissen war, weil er schon so
-früh seine Seiltänzer- und Fliegerkünste auf den
-regenglatten Barrieren des Viehmarktes übte,
-und ich denke, daß er eigentlich immer unglücklich
-in seinen Unternehmungen gewesen ist. Armer
-Ikarus! Vielleicht findet meine Mutter heimkehrend
-zwei braungewichste Schuhe in einem
-Winkel des Zimmers, blank wie eine Kastanie,
-einen seidenen Schlips, auf den er stolz war,
-und ich bin nicht bei ihr, ihr die Tränen von
-den Wangen zu küssen.
-</p>
-
-<p>
-Im Dunkel gehe ich noch einmal an den
-Fluß hinab. Unter den Palmen haben türkische
-Soldaten ihre Zelte aufgeschlagen. Sie liegen,
-ihrer Uniform ledig, in ihren zerrissenen Hemden
-auf der bloßen, noch warmen Erde, ihre
-Lämmer, die sie morgen schlachten werden, in
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-ihrem weißen, wolligen Fell am Boden ruhend,
-zwischen sich; und ich denke, daß auch sie alle
-nur geopferte Menschen sind. Aber da sehe ich
-die Gestalt meiner Mutter von neuem zwischen
-den Zelten auftauchen, blaß vom Mondlicht
-beleuchtet, und wieder sehe ich diese schmale,
-blaugeäderte Hand vor mir, die zärtlich nach
-der Stirne ihres Kindes greift. Ich steige auf
-das Dach unseres Hauses und werfe mich auf
-die Decken. Aber ich kann nicht schlafen. Ruhelos
-liege ich, bis der Mond untergeht.
-</p>
-
-<p>
-Gestern bin ich nach Babylon gefahren. Wir
-reisten die Nacht durch. Ich saß mit Arabern
-in einem ungefederten Pilgerwagen, der von vier
-Maultieren gezogen wurde. So rasten wir, von
-Gendarmen begleitet, durch die Wüste. Einmal
-an einer Wasserstelle traten einige hinaus,
-breiteten ihren Teppich auf den Boden und
-standen zwischen Sonne und Mond über dem
-ungeheuren Zifferblatt dieser Ebene, das Gesicht
-gegen den Himmel gerichtet. Wie nahe empfand
-ich sie mir in dieser Stunde, als sie niederknieten,
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-voll Anbetung diese ewige Erde mit der
-Stirn zu berühren, und als ich den Wagen
-bestieg, stolperte ich absichtlich, mit der Hand
-in den Staub greifend, erschüttert von der Erhabenheit
-dieser Natur. Um Mitternacht hielten
-wir an einer Karawanserei. Ich ließ mein Bett
-auf dem Dache des Hauses ausbreiten, aß etwas
-Brot und Käse und öffnete meine Kleider dem
-Nachtwind. Unten bewegten sich Araber phantastisch
-im Mondlicht, ein kleiner Junge verkaufte
-Buttermilch aus einem Ziegenschlauch.
-&bdquo;Libben, Libben,&ldquo; sagte seine schläfrige Stimme.
-</p>
-
-<p>
-Um zwei Uhr weckte mich mein Diener.
-Wieder rasten wir im Galopp durch die Wüste,
-und wie glücklich war ich, die Erde von neuem
-unter mir gleiten zu fühlen. Kamel- und Ziegenkarawanen
-schwammen im Zwielicht mit wunderlichen
-Köpfen an uns vorbei. In der hellen
-Sonne hob sich die Staubkrone von Babylon
-aus der Ebene. Wieder dringt eine neue Welt
-auf mich ein, und zwischen Palmenhainen, Dorfhütten
-und Ziegelruinen versunkener Riesenpaläste
-<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
-fühle ich zwischen den vielen Unbegreiflichkeiten,
-die mich unter einem heißen Himmel in ausgebrannter
-Seele bewegen, auch diese, daß mein
-Bruder gestorben ist. Vielleicht empfinde ich
-weniger als ihr den Schmerz dieser Stunde,
-von den Gesichtern fremder Menschen und Landschaften
-umstellt, den Schmerz, der vielfach gestaltet
-in den Straßen der Heimat auf mich
-wartet, um in der Stunde der Heimkehr über
-mich herzufallen. Vielleicht hat eigenes Leiden
-mich müde gemacht, in jenen Stunden, da auch
-ich abgeschlossen hatte mit meinem Leben, dessen
-Tagebuchblätter mit vielfachen Zungen zu mir
-reden, auf deren leergebliebenen Seiten jener Zeit
-ich nichts geschrieben finde als die Worte:
-&bdquo;Meine arme Mutter.&ldquo; Wann werden meine
-Augen, die so viel Blut getrunken haben, noch
-einmal die Tage der Schönheit und des Friedens
-schauen? Wann werde ich wieder den Duft
-blühender Veilchen riechen? Fortzugehen aus
-dieser Welt des Jammers und der Verbrechen,
-nichts zu sein als ein Baum, ein Stein am
-<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-Wege, eine Blume im Wind ... o meine
-Mutter, wer das könnte! Aber glaube mir, daß
-auch auf Deine Lippen noch einmal ein Lächeln
-treten wird, wenn aus den Händen Deiner
-Söhne die starken Früchte erwachsen, die Du
-ersehntest. Sieh, noch aus den tiefsten Abgründen
-der Erde wollen wir das Glück der Kommenden
-in die Höhe bauen, daß Sonne auch um Deine
-alternde Schläfe spielt, die ich mich zärtlich neige
-zu küssen. Ach, möchtest Du im Elend so glücklich
-sein, wie Dein trotz aller Leiden des Körpers
-und der Seele von tausend starken, unerschöpflichen
-Gedanken verfolgter Sohn, dessen Liebe
-bei Dir sein wird immer, immer.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-17">
-<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-An einen Freund
-</h2>
-
-<p class="rec">
-Hans Feige, gestorben den 2. Februar 1917 zu Sipote
-in rumänischer Gefangenschaft.
-</p>
-
-<p class="date">
-Babel, den 24. Juni 16.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Mein lieber Hans, es scheint, als wenn eine
-unsagbare Macht mich abhält, meinen Freunden
-zu schreiben, die im Felde stehen. So erging es
-mir mit Fritz v. Z., bis er gefallen war, da bereute
-ich mein langes Schweigen zu spät. Was
-ist es, das mir die Brücken zerbricht, die zu jenen
-hinüberführen? Ist es die Unmöglichkeit der
-Vorstellung, daß Menschen, die das Leben meiner
-Gemeinschaft führten, in das Rad einer Maschine
-gespannt sind, die Betätigung eines Handwerks
-verrichten, das meinem innersten Gefühl so sehr
-widerspricht? Ist es die Erkenntnis, trotz aller
-Jahre der Freundschaft, aus Knabentagen heraufgewachsen,
-trotz aller Gleichartigkeit der Gesinnung
-irdische und seelische Weiten zwischen sich zu
-<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
-fühlen, die zur Stunde noch unüberbrückbar sind?
-Ich habe mit stiller Genugtuung Deine Briefe gelesen.
-Nein, Du bist Dir treu geblieben. Noch
-zwischen Bajonetten und dem kalten Regen der
-Schüsse sehe ich Deine Seele tanzen. Noch in
-Laufgräben und Unterständen sind süße Frauen
-an Deine Seite gebettet.
-</p>
-
-<p>
-Vielleicht schmerzt es mich, daß Du meine
-letzten Worte so wenig verstanden hast, daß Du
-Gefühle an Dich gerichtet empfinden konntest,
-die so sehr anderen Menschen galten. Aber ich
-will jenes Briefes, auf Krankenbetten, in Bitternissen
-geschrieben, nicht wieder gedenken. Hier
-liegen Monate, die der gefolterten Seele Jahrtausende
-sind. Nur zu lieben, zu schaffen ist
-meine Seele bereit, zwei Berufe, für die diese
-Zeit sie schwach und untüchtig gemacht hat.
-Was soll ich Dir sagen? Wenn ich ein Land
-wüßte, dem Krieg zu entfliehen, eine Scholle
-oder die Schroffe eines Berges, noch seinem
-leisesten Echo fern zu sein oder dem unüberwindlichen
-Geruch des Blutes, den der Wind über
-<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
-die Erde hinträgt, würde ich, ein Soldat, mit
-den heiligsten Eiden berufen, Wunden zu heilen
-und Trost zu sprechen, nicht diese Stätten des
-Unheils und der vermodernden Schädel verlassen,
-wortbrüchig, aber treu der heiligsten Pflicht der
-Seele? Würde ich nicht schwach genug sein, dem
-Drange nicht länger zu widerstehen in der Unerreichbarkeit
-der Fremde, sollte ich auch Mutter, Freunde
-und Geliebte für immer verlassen, für mich, ein
-Einzelner, das Gebäude des Friedens und der
-Arbeit neu zu errichten? Und wenn es dennoch
-einen Ort gab, an dem ich Ruhe fand, eine
-Stätte, an der ich glücklich wurde, so war es
-unter dem Dache dieses Hauses, das aus den
-Trümmern Jahrtausende alter Ziegel erbaut
-ist, bei dem melancholischen Gesang der
-Wasserheber, im Schatten uralter Palmen
-und Maulbeerbäume, den vergessenen Resten
-des Paradieses, in der Gemeinschaft einfacher
-und sinnhafter Menschen, Tagediebe und räuberischer
-Seelen (ja, auch diese noch wage ich
-zu lieben).
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
-Freilich erschien mir auch hier das Rätsel
-das gleiche, von dem wir umlauert sind, und
-nie empfand ich die dunkle Antwort der Erde
-auf die Nichtigkeit alles menschlichen Tuns so
-stark, wie auf den zerbrochenen Mauern dieser
-aus ewigem Schlafe erstandenen Stadt, wenn
-ich im Abendschatten auf der Höhe dunkelgebreiteter
-Schutthügel wie auf den Spitzen
-verlassener Berge zu stehen glaubte und aus
-den Spalten der silberne Ton einer Blaurake
-sich hob. Denn auch wir waren bestrebt, höher
-zu bauen als unsere Väter. Auch wir bauten
-an einem Turme zu Babel. Auch wir Völker
-dieser noch atmenden Erde redeten in vielerlei
-Zungen, waren in Wirrnis geworfen und verstanden
-uns nicht. Und auch unsere Kinder
-werden einst einen hohlen Abgrund finden, einen
-See voll Wasser, über den der klagende Ton
-einsamer Vögel hinstreicht, wo wir einst gewaltige
-Mauern errichteten, ragende Türme und
-unendliche Treppen, in den Himmel zu steigen.
-Ach, daß wir nicht reif wurden, einen andern
-<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
-Stern zu betreten, da die Erde nicht Raum
-hat, uns Erlösung zu bringen.
-</p>
-
-<p>
-Wo bist Du? In welchem Winkel der
-Schlachten soll ich Dich suchen, geliebter Gefährte
-so vieler unwiederbringlicher Jahre? Soll
-ich auch Dich unter den Toten wiederfinden?
-Ich fühle, wie es einsam um mich wird. Einsam,
-da ich noch immer von jugendlichem Stürmen
-erfüllt bin, da ich erst angefangen habe, zu
-leben, da ich endlich die Straße fand, nach der
-ich so lange suchte. Möchte mir die schmerzliche
-Stunde erspart bleiben, als letzter der Freunde
-zu sterben.
-</p>
-
-<p>
-Vor meinem Fenster, im Uferrasen des
-Euphrat, gehen junge Araberfrauen, Schößlinge
-von Palmen im Arm, und wie sie im Schatten
-der Dorfmauer hinschreiten, gleichen sie sanftfüßigen
-Boten des Friedens. Möchten die zartfingrigen
-Zweige ihrer Triebe, ehe sie Wurzel
-schlagen, seine ersten Tage beschatten. Doch nun
-sehe ich Dich im Staube der Landstraße dahinziehen,
-von Sonne und der fröhlichen Schar
-<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
-der Kameraden umgeben, das furchtbare Mordgewehr
-auf dem Rücken, ein Lied singend.
-&bdquo;Der Sohn des Leichtsinns ist immer glücklich!&ldquo;
-&mdash; rief mir gestern ein arabischer Eseltreiber
-zu, der sich lachend auf das mit
-blutigen Striemen bedeckte Tier schwang, und
-wenn Kummer und Not und die pedantische
-Hand des Todes um Dein Haupt sein sollten:
-bleib mir erhalten, alter Junge!
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-18">
-<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
-Brief an die Eltern
-</h2>
-
-<p class="date">
-Im Palmengarten der Karmelitermönche.<br />
-Bagdad, den 21. August 1916.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Welches gerechte Erstaunen, welcher Schmerz,
-Ihr einsamen Seelen, wird Euch erfaßt haben,
-als Ihr saht, daß ich fast zwei Monate geschwiegen
-habe. Daß ich von Zwiespältigkeiten,
-Demütigungen und einer Menge nur halb gelebter
-Stunden umhergeworfen, mich fast selber
-vergaß, seit ich Bagdad, dieses verlogene Gebäude
-von Schmutz, Staub, glühenden Backsteinen,
-schlechtem Essen und knechtischem Soldatenton
-von neuem betrat. Denn wir waren
-kaum aus der &bdquo;Pfanne von Babel&ldquo; heraus,
-als uns schon auf der Straße nach
-Mauhanil das Unheil mit verbogenen Federn
-in den Staub warf. Als unser Wagen plötzlich
-zusammenknickte wie ein Kamel, das sich
-in die Knie wirft, während die zerlumpten
-<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
-Kutscher unter den Kolbenstößen der Gendarmen
-mit einem arabischen &bdquo;das tut nichts&ldquo; die verbogenen
-Federn mit Bindfaden wieder aneinanderflickten.
-Ja, ich glaube, ich verdanke es nur der
-Güte des Bruders Ägidius, wenn ich im Schatten
-seiner Feigenbäume noch einmal dazu kam, mich
-auf mich selbst zu besinnen, wenn ich für Augenblicke
-zurückschauen kann auf Leiden, Hindernisse
-und Fallstricke, die ich, ein gehetztes Wild, überspringen
-mußte, um endlich zur Ruhe zu kommen.
-Zur Ruhe zu kommen? ... ach, um aufgescheucht,
-atemlos von neuem durch Gestrüpp und über Abgründe
-zu stürzen. Denn während ich halb krank
-durch die Straßen von Bagdad irrte, wie ein
-persischer Bettelmönch in einem hauslosen Stande
-lebend, während ich jeden Morgen meine Wohnung
-wechselte, mit der Last meiner Teppiche und
-dem zu einem Hausrat angewachsenen Gepäck,
-während ich in halbzerfallenen Häusern nächtigte,
-jeden Tag der Stunde der Heimkehr gedenkend,
-erreichte mich eines Abends der Tagesbefehl
-vom 26. Juli 1916: &bdquo;Der Sanitätssoldat
-<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
-Wegner wird in die Cholerabaracken kommandiert.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da stand ich im Schein meiner Handlaterne
-in der Finsternis unseres kleinen Hofes, faltete
-das Papier zusammen, und mir war, als
-hielte ich mein Todesurteil in der Hand. Von
-Fieber und innerem Leiden geschwächt, soeben
-von den Ärzten eines dreimonatlichen Urlaubs
-versichert, dennoch von täglichen Verlockungen
-bewegt und noch gestern bereit, nach Persien oder
-Ägypten zu wandern, erkannte ich an der Unterschrift
-dieses Befehls, daß alle Pläne, die ich
-in den letzten Tagen erwog, mir für immer zerbrochen
-waren. Niedertracht und Verleumdung,
-die mit gespreizten Beinen auf den Dächern der
-Stadt reiten, hatten sich an die Spuren meines
-Weges geheftet. Der böse Wille eines preußischen
-Offiziers, der es nicht duldete, daß meine
-geringe Verachtung vor seiner nur mit einer
-Schlafhose bekleideten Körperlichkeit sich zu verneigen
-wagte, statt stramm zu stehen. Denn
-nach meiner Rückkehr aus Babylon hatte man
-<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
-mich für kurze Zeit in ein fremdes Haus einquartiert,
-dessen Räume ich kaum betreten hatte,
-als ein mir unbekannter Deutscher im Türrahmen
-des Zimmers erschien. An einen vertrauten Umgang
-gewöhnt, machte ich eine leichte Verbeugung, da
-er auf seinen nackten, von Schweiß geröteten
-Schulterblättern die Abzeichen seines Hauptmannsranges
-in der Tat nicht eintätowiert trug.
-&bdquo;Wer sind Sie?&ldquo; Ich nannte meinen Namen.
-Er fragte nach meinem militärischen Rang.
-Ich würde mich schämen, Euch die Worte zu
-wiederholen, die darauf folgten. Am Abend
-fand ich das Feldbett, das mein Diener auf
-dem obersten Dach aufgeschlagen hatte, eine
-Stufe tiefer aus dem Wind gestellt. Wenige
-Tage darauf wollte es das Unglück, daß ich,
-noch immer auf die Ausfertigung meines Urlaubsscheines
-wartend, mit einer schönen Frau durch
-den öffentlichen Palmengarten von Bagdad ging,
-während der deutsche Etappenmajor vor der
-Kapelle seinen Kaffee einnahm. Schon am nächsten
-Abend hielt ich diesen Befehl in Händen, der
-<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
-geeignet schien, die Hoffnung auf Heimkehr für
-immer in mir zu töten.
-</p>
-
-<p>
-Mit wie bitteren Gefühlen, wie schmerzlicher
-Sehnsucht ging ich in dieser Nacht auf der
-Terrasse unseres Daches umher, wo Pater Joseph,
-mit dem ich das einsame Haus teilte,
-sich neben mir auf das von Palmenzweigen
-geflochtene Bett warf. &bdquo;Schlafen Sie ruhig,&ldquo;
-sprach seine Stimme durch das Dunkel, &bdquo;ich
-habe es immer gefühlt, daß über Ihnen eine
-schützende Hand schwebt.&ldquo; Ich aber blickte in
-den nächtlichen Himmel, an dem violett schimmernde
-Sterne ihr ewiges Spiel begannen.
-Ich konnte mich nicht losreißen davon, daß dies
-nicht der Wille der Notwendigkeit war, der
-mich von neuem auf die Straße des Verderbens
-stürzte und meinen kaum wiederhergestellten
-Körper, den ich nicht ohne Mühe auf
-den Beinen hielt, bald wieder auf das Lager
-werfen mußte. Mein immer bereiter Wunsch,
-den Leidenden zu helfen, sah sich gegen eine
-Mauer haßerfüllter Blicke gestellt, die gerüstet
-<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
-schienen, mich zu vernichten. Aus den weißen
-Laken der Betten sah ich von neuem die Gebärde
-der Hilflosigkeit gegen mich Hilflosen
-gerichtet, die Gesichter des Entsetzens vor mich
-hingestellt, vielfach und schmerzlich aneinandergereiht,
-wie ich sie so oft in diesen Jahren gesehen.
-</p>
-
-<p>
-Da gedachte ich Eurer und Eurer Liebe, die
-bei mir war, Ihr einsamen Seelen. Zum
-ersten Male in meinem Leben, seit vielen Jahren,
-sah ich Euch beide vereint wie in den Tagen
-der Kindheit. Eure Augen trugen den alten
-Glanz, aber Kummer und Sorgen hatten Eure
-Gesichter gezeichnet. Und von Sehnsucht überwältigt,
-griff ich zum zehnten Male nach Euren
-Briefen, aber es waren die alten, tränenbeladenen
-Seiten, die von dem Tode unseres Bruders
-kündeten. Wieder sah ich Euch abschiednehmend
-vor mir stehen, wie Ihr die väterliche und
-mütterliche Rechte zum letztenmal dem Sohn
-auf das tote Herz legtet, wie Ihr beide, ein
-alterndes Zwiegespann, müde an dem verwaisten
-Herde zurückbliebt.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
-Mit einer bitteren Verzweiflung ging ich in
-diesen Tagen von neuem an die Arbeit, bereit,
-das Letzte zu geben, das in mir war, bemüht
-um die Schmerzen neuer Menschen, als
-hätte es irgendwo dort hinten nie ein anderes
-Dasein gegeben als dieses, das mit bolus
-alber und trockenem Brot zwischen den Betten
-umherlief, die mit dem Schmutz der Kranken
-bedeckt waren. Eines Morgens fand ich in der
-Schreibstube zwischen den Papieren einen geheimen
-Befehl an den leitenden Arzt des Lazarettes,
-der den Vermerk trug: &bdquo;W. ist so
-zu beschäftigen, daß ihm jede Lust, in Bagdad
-spazieren zu gehen, vergeht.&ldquo; Man stellte mir
-also nach dem Leben, beraubte mich des höheren
-Ranges, den mir der Feldmarschall verliehen
-hatte, zwang mich zu einer Tätigkeit, der ich
-bei meinem Zustand nicht mehr gewachsen war,
-und übertrug mir in schändlicher Absicht bei
-täglich zwölfstündigem Dienst noch drei Nachtwachen
-in einer Woche. Nur einem Wunder
-verdanke ich es, daß die Cholera in diesen Tagen
-<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
-nachließ. Ein an Leiden Erblindeter, irrte ich
-in den gedeckten Kellern dahin, lief mit arabischen
-Handwerkern durch die heiße Sonne,
-einen Leichnam in seinen Sarg zu löten, oder
-stahl mich im Dunkel zwischen den Palmen
-hinaus, einem Toten drei Handvoll Erde in
-die Grube zu werfen, mit dem ich noch gestern
-bei Tische saß. In diesen Tagen lernte ich
-den Schlaf über alles lieben. Wenn es zuweilen
-geschah, daß ich des Nachts emporfuhr,
-schloß ich erschreckt von neuem die Augen:
-nicht einen Gedanken länger in einer Welt
-leben zu müssen, die schamlos die Wurzeln aller
-Taten entblößte, eine Welt zu schauen, die so sehr
-das Abbild der Selbstsucht und der Zwistigkeit
-war, von harten Herzen gesteinigt, unter dem
-niederen Himmel böse blickender Augen, die
-nicht gewillt schienen, mich mit Liebe zu lohnen.
-Voll Wehmut gedachte ich der Tage, da ich
-mit dem Feldmarschall, mit Sven Hedin und
-dem erfahrenen Herzoge von Mecklenburg zu Tische
-gesessen, da ich ihnen im abendlichen Lichte des Tigris
-<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
-vorgelesen, gedachte der achtungsvollen Worte
-ihrer Freundschaft, der liebenden Geste, mit der
-sie mir die Hand reichten. Es war weder
-Ehrgeiz noch Beschämung, die mich erfaßten,
-daß ich mich plötzlich so herabgesetzt sah und in
-den Kreis der Enttäuschung geführt (bin ich
-nicht immer der Gast der Armut gewesen?),
-aber es schmerzte mich, Verleumdung und niedriger
-Vergeltung zu begegnen, wo ich zu
-halbem Erstaunen oft Liebe und herzliche Erkenntnis
-fand. Der Strom der Bosheit hatte
-auch mich ergriffen. Ich sah, wie er immer
-weitere Kreise zog, mich immer weiter hinwegführte
-von meinen Freunden.
-</p>
-
-<p>
-Ach, ich wußte es wohl, die mich liebten,
-lagen unter den Toten draußen oder kehrten enttäuscht
-und ungläubig in die Heimat zurück.
-Und eines Mittags, nachdem ich die Nacht
-Wache gehalten, lief ich in die Wüste hinaus,
-das Grab meines Stabsarztes zu suchen. Aber
-ich irrte vergeblich in glühenden Winden zwischen
-Aas und zerfallenen Hügeln umher, bis ich im
-<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
-Staube kauernd den blinden Wärter des Friedhofes
-fand, der, mit greisen Händen über den
-Buckel der Gräber tastend, lange zwischen den
-zerfallenen Steinen umherlief, mich endlich vor
-eine kahle Stelle zu führen. Enttäuscht blickte
-ich auf die entblößte Stätte dessen, den ich geliebt
-hatte, die so Unvergeßliches für mich
-barg, von denen betrogen, die mir während
-meiner langen Krankheit oft ihr Wort gegeben,
-dafür Sorge zu tragen. Nicht ein Zeichen der
-Erinnerung war mir geblieben, als der traurige
-Schatz meines Herzens, mit dem ich Trostloser
-zurücklief in die Stadt.
-</p>
-
-<p>
-Und ich ging durch den schlafenden Bazar,
-dessen hundert Augen geschlossen lagen, denn es
-war Feiertag, und dessen schmale Gänge sich
-in finsterer Einsamkeit dehnten, bis der Zufall
-mich in eine verlassene Karawanserei führte, wo
-alte Teppiche, Möbel und Waffen vergangener
-Jahrhunderte aufgespeichert lagen. Und wie ich
-mich so einsam und bekümmert zwischen ihnen
-stehen sah, von Krankheit und Heimweh geschwächt,
-<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
-in meinem abgerissenen Waffenrock
-und meinen staubigen Soldatenstiefeln, da fühlte
-ich, daß auch ich nichts anderes war, als ein
-wertloser Gegenstand, noch eben gut, um als
-Hemmschuh für das gleitende Rad des Todes
-zu dienen, alt, abgebraucht und um sechzig
-Piaster verhandelt.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Euer Sohn,
-der Freund der Toten.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-19">
-<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
-Der Triumph der Mutter
-</h2>
-
-<p class="date">
-Bagdad, Mesnil Schah Bender,<br />
-den 30. August 1916.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Am vergangenen Sonntag ging ich in die
-lateinische Kirche. Sie feierten das Fest der
-heiligen Jungfrau Maria. Chaldäische Christinnen
-in ihren weiten seidenen Gewändern
-füllten das Schiff, arabische Kaufleute, über
-denen der Priester, schwarzbärtig, die weihrauchgefüllte
-Kugel schwang. Ich setzte mich unter
-sie, ich blickte auf das mit Palmenzweigen geschmückte
-Bild der Gottesmutter, die auf ihren
-Armen den Sohn trug, und mir war, als schaute
-ich in Deine Züge, Mutter, die in unendlicher Liebe
-auf mich herabsahen. Waren nicht auch mir die
-Worte gesprochen worden: &bdquo;<span class="antiqua">Beatus venter, qui
-te portavit, et ubera quae suxisti?</span>&ldquo; Ging nicht
-von diesem Lächeln aller Friede der Erde aus,
-stand es nicht wie die aufgehende Sonne über
-<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
-den Tagen der Kindheit, an deren Ende jene
-Wildnis der Seele beginnt, in die wir alle
-hinausgetrieben werden, verirrte Tiere? War
-nicht auch Dein Leid ein Meer? Hattest
-Du nicht die sieben Schmerzen Marias getragen,
-den Sohn in Kummer geboren, mit
-ihm die Kämpfe und Enttäuschungen einer
-langen Jugend erlitten, ihn dargebracht auf
-dem Opfersteine der Menschheit, daß verblute,
-was mit soviel Mühen Deinem Leibe, Deinem
-Herzen entwachsen war? Als Du ihn wiederfandest
-in seinem zerrissenen Fliegerrock, von
-dem Schmutz dieser Erde bespritzt, gekreuzigt
-an die zerbrochenen Flügel seiner Maschine,
-waren da nicht auch Dir aus den unbarmherzigen
-Tiefen der Finsternis die Worte gesprochen
-worden: &bdquo;Siehe da, Deinen Sohn!&ldquo;
-Glitt nicht in jener Stunde vervielfacht
-und geläutert die namenlose Liebe auf uns
-Brüder herab, die von unendlicher Trauer verklärt
-vor uns die Flamme Deines Hauptes
-emporhob?
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
-<span class="antiqua">Inventa es Mater Salvatoris Virgo Dei
-Genetrix, quem totus non capit orbis in
-tua se clausit viscera, factus homo.</span>
-</p>
-
-<p>
-Ich neigte den Kopf, alle Bekenntnisse der
-Trennung und dieser schmerzlichen Zeit im aufgewühlten
-Herzen bewegend, und dachte: &bdquo;Ich
-kann Dein Gesicht nicht zu mir hertragen,
-Mutter, so viele Jahre liegen zwischen gestern
-und heute; aber aus jeder Landschaft noch, die
-ich beschreite, blickt Deine Güte, aus jedem
-Sturme spricht Deine Stimme zu mir. Mein
-Geist ist dem Deinen nahe. Meine Seele bettet
-sich in das Tal Deiner Wangen, sie wandert
-in den Falten Deines Gesichtes einher wie der
-Wanderer, der in den Schluchten der Berge
-verirrt ist, und findet nie ein Ende. Ich bin
-ertrunken in Deinen Augen. Wie die Welle
-über den Schlummernden am Grunde der
-Wasser, so gleitet über mich Deiner Liebe
-Lächeln.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Arabische Knaben erhoben die helle Stimme
-zum Gesang. Die Seele, des schwebenden
-<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
-Schrittes entwöhnt, stürzte in sich zusammen.
-Neben mir knieten zwei gefangene Engländer
-in ihrem lehmfarbenen, sauber gebürsteten Waffenrock;
-ich blickte auf die Leidenslinie ihrer jungen
-Gesichter, und wie ich sie so an meiner Seite
-sah, die Kette des Skapuliers über die Schultern
-gehängt, die sie beschützt hatte vor Krankheit
-und Tod, vor den Gefahren der Schlacht, in
-dunkler Gefangenschaft, wie sie fern von der
-Heimat, die liebliche Heiterkeit englischer Dörfer
-vor Augen, die Gesichter betend hinter der mageren
-Hand verbargen, wurde die Stimme des Brudertums
-so laut in mir, daß es mir Mühe machte,
-die Tränen zurückzuhalten.
-</p>
-
-<p>
-<span class="antiqua">Laudemus omnes in Domino diem festum
-celebrantes sub honore beatae Mariae Virginis.</span>
-</p>
-
-<p>
-Als ich wieder aufsah zu dem palmengeschmückten
-Bilde, fand ich ihr Gesicht zum
-zweitenmale verändert, als blickten alle, die in
-dieser Kirche versammelt waren, arabische, armenische
-und chaldäische Christen, griechische
-Kaufleute, deutsche Offiziere, verwundete, kranke
-<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
-und gefangene Soldaten, Frauen, Kinder und
-Greise mit mir empor zu der Mutter des
-Menschengeschlechts, die die gesegnete Frucht
-ihres Leibes umklammert hielt, sie liebevoll hinter
-dem schützenden Mantel zu bergen. Und ich
-sah Leid, Kummer, Zorn und Verzweiflung in
-den Lichtern ihrer Augen stehen, zwei spitze,
-schwertheiße Flammen. Da erkannte ich die
-Menschheit, die von Schmerzen zerrissen und
-fluchbeladen mit mir in diesem Raume kniete,
-eine stumme, untröstliche Gemeinde, die gekommen
-war, an ihrem Bilde um Vergebung zu bitten.
-</p>
-
-<p>
-<span class="antiqua">Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!</span>
-</p>
-
-<p>
-Dumpf tönte das Aufschlagen der Hände
-gegen die Brust.
-</p>
-
-<p>
-Da aber klang in unendlicher Versöhnung
-ihre erlösende Stimme aus der Höhe herab:
-&bdquo;Ich habe Frucht getragen wie ein Weinstock,
-ich gab von mir süßen Geruch. Ich bin die
-Mutter der schönen Liebe, der Furcht, der Erkenntnis
-und heiliger Hoffnung. In mir ist
-Gnade jeglichen Weges, jeglicher Wahrheit.
-<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
-Kommt zu mir alle, die ihr mein begehrt, an
-meinen Brüsten werdet ihr gesättigt werden.
-Mein Geist ist süßer denn Honig, meine Erbschaft
-köstlicher denn Honig und Honigseim.
-Mein Andenken bleibt in ewige Geschlechter.
-Die mich essen, werden noch hungern, und die
-mich trinken, werden nach mir durstig sein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<span class="antiqua">Alleluia, alleluia. Per te, Dei Genetrix,
-nobis est vita perdita data: quae de coelo
-suscepisti prolem et mundo genuisti Salvatorem.
-Alleluia.</span>
-</p>
-
-<p>
-Die silbernen Schellen erklangen, der Priester
-küßte das goldgeschmückte Buch, Weihrauchwolken
-erhoben sich zum Gewölbe der Kirche.
-Eine süße Wehmut stieg auf in meiner Brust,
-und aus ewigen Gründen hörte ich eine Stimme
-sagen: &bdquo;Lege von Dir den Rock, der mit
-Schmutz und Eiter bedeckt ist. Laß liegen den
-Kranken auf seinem Bett, auf seiner Bahre
-den Verwundeten, den Sterbenden in seinem
-Blut. Auch Du bist berufen, ein Jünger
-zu sein, auf Erden das Reich Deiner Mutter
-<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
-aufzurichten, ein Baumeister der Liebe unter den
-Völkern und eine leise Stimme der Zukunft.
-Hatte ich nicht in Dein Herz die Gabe der
-Liebe gelegt, die Gewalt der Rede, die ich Dir
-geschenkt hatte? Hättest Du nicht aufstehen
-sollen, Deine Hände gegen den Mund zu
-legen, sei es auch gegen eine Welt kalter Gerechtigkeit,
-um zu sterben unter dem Hasse der
-Menge, ein Narr des Edelmutes, eine Heldenstimme
-der Unvernunft? Du aber gingst hin,
-verschlossest den lebendigen Strom des Gewissens,
-weigertest Speise und Trank Deinen Worten,
-die hinter dem Gehege Deiner Zähne dahinstarben
-wie gefangene Tiere. Du Knecht der
-Stummheit! Du Verbrecher des Schweigens!
-Du Dieb der Wahrhaftigkeit!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<span class="antiqua">Regina mundi dignissima et mater perpetua
-intercede pro nostra pace et salute.</span>
-</p>
-
-<p>
-Aber zum dritten Male aufschauend erblickte
-ich hinter dem palmengeschmückten Bilde den
-Leib des Gekreuzigten, mit Blut bedeckt, die
-Hände von Nägeln zerschlagen, und erkannte in
-<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
-ihm das Bild dieser Erde, die, in Kriegen
-verstümmelt und von grenzenlosem Elend verzerrt,
-sich einen Leichnam zum Sinnbild ihrer
-höchsten Verehrung gemacht hat. Sie drängten
-hinzu mit gierig geöffneten Lippen, ich sah,
-daß ihre Seele ein reißendes Tier war, die
-verschlang das Kind Deiner Liebe, das Du geboren
-hast, die trank von dem heiligen Blute
-des Bruders und wurde trunken davon. Ihre
-Nahrung war der Leib eines Toten.
-</p>
-
-<p>
-<span class="antiqua">Accipite et manducate, hoc est enim corpus
-meum, quod pro vobis tradetur.</span>
-</p>
-
-<p>
-Und von grenzenlosem Schmerze erfaßt,
-drängte ich hinaus, ein Betäubter, den ein Stein
-vor den Kopf getroffen. Noch auf der Straße, inmitten
-der Menge, die um die Tische der Bazare
-war, unter Handwerkern, Kaufleuten, unter Juden
-und Mohammedanern, Christen, Bettlern und
-Soldaten, während durch die offene Tür die
-Orgel in den Lärm des Marktes klang, schrie
-es auf in mir: &bdquo;O Du erhabene Mutter
-des Menschengeschlechts &mdash; sie beten Dich an,
-<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
-aber sie durchbohren Dir das Herz! Wer soll
-uns erlösen, wenn Du es nicht bist, Mutter?
-Aus Deinem Schoße wachsen die Kinder der
-Welt. Stehe auf aus den tausend Müttern
-der Erde, erhebe Dich aus den Millionen Herzen,
-die gelitten haben! Verschließe den Schoß,
-der so viele Leben geboren hat, laß versiegen den
-Quell Deiner Brüste! Stehe auf aus den
-volkreichen Städten Deutschlands; aus den
-Kathedralen von Frankreich, aus der Finsternis
-englischer Fabriken erhebe Deine Stimme! Aus
-den Wäldern Indiens, aus den Zelten arabischer
-Wüsten, den verschneiten Hütten russischer Dörfer
-beginne den Klagegesang. Aus der toten Verlassenheit
-anatolischer Felsenhöhlen, aus dem
-traurigen Wohnzimmer der Witwe, die in
-ihrem hölzernen Käfig dahinsiecht, aus der
-steinernen Klippe am Hang sizilianischer Felsen,
-wo die Stimme des Meeres in das Singen
-der Wiege klingt, laß Deinen Ruf laut werden,
-halte nicht länger zurück das Gewitter Deines
-Zorns und der Verzweiflung! Hebe Dich auf
-<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
-aus den Tiefen der Trauer und Einsamkeit,
-lege Deine Hände vor das Antlitz des Todes,
-und laß den Lärm der Schlachten verstummen,
-daß die Welt rein werde von den Greueln des
-Blutes. Denn Deine Kinder sind schwach und
-untreu ihres Gelübdes. Sie lernten es wohl,
-das eiserne Rohr zu führen, aus dem die teuflische
-Kugel fliegt, aber untüchtig sind sie und
-feige für die Arbeit des Brudertums. Sie
-achteten Deiner nicht, gingen hin und verrieten
-das Wort Deiner Liebe. O gib Brot und
-Speise denen, die hungern, gib einen Vater den
-Kindern wieder, nicht länger laß einsam sein den
-Schlaf des Weibes. Aus ihren weißen Betten
-steigen die Gebete der Kinder zu Dir auf, und
-aus den Gräbern noch blühen die Hände der
-Toten. Denn Dir gehört alle Herrlichkeit der Erde,
-Mutter, alle Kraft der Liebe, alle Barmherzigkeit!
-</p>
-
-<p>
-<span class="antiqua">Qui audit te non confitetur et qui operantur
-in te non peccabunt. Qui elucidant
-te, vitam aeternam habebunt. Ave Maria!</span>&ldquo;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-20">
-<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
-An Carl Hauptmann
-</h2>
-
-<p class="date">
-Kriegslazarett Kasim Pascha,<br />
-den 3. September 1916.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Welchen Balsam haben Ihre Worte in meine
-Wunden getan! Wohl weiß ich, daß jeder
-Brief ein Pfeil ist, der in das Ungewisse fliegt,
-von dem wir nicht ahnen, in welchem Lande, zu
-welcher Stunde er niederfällt; der Ihre aber
-traf mich mitten im Herzen. Mir ist, als erwachte
-ich für Augenblicke aus tiefem Schlaf.
-Daß es noch eine lichtere Landschaft gibt, als
-die flache Ebene dieses Daches, wo ich meinen
-Tisch zwischen die Betten gestellt habe, und die
-flackernde Kerze, die von dem Atem der Kranken
-bewegt scheint, um Ihnen zu schreiben; wo ich
-im Schlafkleid unter dem hellen Mond seltsame
-Wache vor dem Tode halte, der unsichtbar
-in den Adern der Menschen umhergeht, der jeden
-Tag mit weißem Gesicht glühend am Himmel
-<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
-heraufsteigt und seine seltsamen Inseln, Kamel-,
-Pferde- und Stierleichen, die aufgelösten Leiber
-toter Soldaten mitten durch den Strom der
-Stadt treibt, daß wir nie vergessen, daß wir
-auch hier in den Laufgräben des Krieges schlafen.
-</p>
-
-<p>
-Wenn ich zurückdenke an das Leben, das ich
-einstmals geführt habe, an die stille Tafelrunde
-der Geister, die diese Zeit so lange hungernd von
-ihrer Mahlzeit scheuchte, so befällt mich oft eine
-stille Angst, daß dies alles nur ein merkwürdiger
-Traum war, der niemals Wahrheit besessen.
-Daß ich nie ein anderes Zimmer bewohnte als
-diesen einäugigen Raum, dessen Scheiben mit
-Papier verklebt sind, in dessen Winkel an einer
-aufgespannten Schnur meine Wäsche und meine
-Kleider hängen, in der die Koffer geschlossen und
-die Teppiche in Ballen gepackt liegen, als gelte
-es, jede Stunde des Aufbruchs gewärtig zu sein.
-Hat es auch für mich Wandernden einmal
-Heimat gegeben? Wann geschah es, daß ich
-auf etwas anderes blickte als gleißende Backsteinbauten
-oder in das sandige Auge der Wüste?
-<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
-Der stille Gleichmut des Landes hat seine tröstende
-Hand auch auf mich gelegt. Die Flamme des
-Zornes ist herabgebrannt, ich habe lächeln gelernt,
-was mich noch gestern in Empörung versetzte, begreife
-ich mit ergebener Anmut. Wie oft muß
-ich an meinen arabischen Diener denken, der jede
-Frage mit einem &bdquo;Warum&ldquo; beantwortet. &bdquo;Ist
-das Essen fertig?&ldquo; &mdash; &bdquo;Warum soll es nicht
-fertig sein?&ldquo; &mdash; &bdquo;Hast du meine Stiefel geputzt?
-Ist Reis, sind Tomaten da?&ldquo; &mdash; &bdquo;Warum
-nicht, Sahib?&ldquo; Und wenn ich ihn darnach
-fragte, würde er nicht antworten: &bdquo;Warum
-sollst du in Deutschland sein? Kannst du mir
-sagen, weshalb diese Erde besser sein sollte, als
-sie es ist? ...&ldquo; Aluan wird 17 Jahre alt,
-ist zum zweiten Male verheiratet und hat zwei
-Kinder auf dem Friedhof liegen. Seit ich in
-den Tagen meiner Krankheit an seinem feindlichen
-Unbegreifen so oft in hilflose Verzweiflung geriet,
-hatte ich nie geglaubt, daß wir einander menschlich
-so nahe kämen. Wir beide haben manches
-von einander gelernt.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
-Einmal besuchte ich ihn im Hause seines
-Schwiegervaters in Kazimen, lag die heißen
-Stunden des Mittags in seiner ländlichen Hütte
-auf der besten buntgedruckten Matratze, die er
-auf dem Erdboden ausgebreitet hatte, und deren
-Muster ich noch immer auf der Rückseite meines
-Hemdes trage. An der Wand hingen die kostbaren
-Frauenkleider aus grüner und roter
-Seide, und während ich schlief, kamen Kälber
-und Eselinnen, mit kauenden Mäulern, und berochen
-mit großen Augen den Gast. Bei dieser
-Gelegenheit sah ich auch Aluans starke und
-wohlgebaute Frau, zu der er jede Nacht eine
-Stunde weit von Bagdad nach Kazimen läuft,
-um erst im Morgengrauen wiederzukehren.
-</p>
-
-<p>
-Zuweilen fahre ich mit ihm nach der Insel
-hinaus, um zu baden. Hinter der Stadt bildet
-der Strom eine breite Sandbank, auf der
-Fellachen ihr Gemüse bauen. In meinem zeltüberdachten
-Boote versteckt, die persische Mütze auf
-dem Kopf, gleite ich heimlich aus der Stadt, denn
-ich bin ein scheuer Fremdling unter den Leuten
-<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
-des eigenen Volkes geworden. Dann breite ich
-meinen Teppich auf den Sand der Insel, ziehe
-mein baumwollenes arabisches Überkleid an, lese
-im Homer, im Herodot, im Goethe oder der
-Bibel, die meine nie versagenden Tröster sind;
-denn ich bin nun ganz zurückgekehrt zu den
-ewigen Menschheitswerken, die jenseits alles
-Ruhmes und Streites dieser Zeit liegen. Neben
-mir, auf den Fersen sitzend, hockt Aluan,
-und nachdem er lange geschwiegen hat, lächelt
-er nachdenklich. &bdquo;Ja, siehst du, Sahib,&ldquo; sagt
-er zu mir, &bdquo;das ist der Unterschied. Ich habe
-eine Frau und kein Essen. Du hast Essen und
-keine Frau.&ldquo; Auch hier spricht die Stimme
-des Menschlichen zu mir, und mit leiser
-Rührung betrachte ich die sanfte Neigung
-seines Kopfes, wenn er mir zuhört, oder die
-zärtliche Geste, mit der er nach einem Zipfel
-meines Kleides hascht, seine Lippen darauf zu
-drücken und mir für eine Kupfermünze zu danken.
-</p>
-
-<p>
-Aber ich habe noch andere Brüder, die heimkehrend
-in den Stunden des Abends auf mich
-<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
-warten. Hinter der Brücke am Wasser liegt
-die kleine Moschee. In den Nächten des Ramadan
-bin ich der Gast der alten Mollahs.
-Hier ist Munir, der Erleuchtete, ich sitze zu
-seinen Füßen und lausche auf seine Stimme.
-Einmal fragen sie mich nach meinem Namen.
-Ich sage ihnen, wie ich heiße; seitdem rufen
-sie mich &bdquo;Tarik&ldquo;. Wir lesen einander Gedichte
-in arabischer und deutscher Sprache vor, und
-obwohl keiner des anderen Worte versteht, hören
-wir doch einander zu und sind voll Andacht.
-</p>
-
-<p>
-Mein arabischer Diener, die alten Gelehrten
-im Schatten der Moschee und Pater Joseph,
-mit dem ich das Dach meines Hauses teile,
-sind nun meine einzigen Freunde geblieben, vielleicht
-noch ein sterbender Hund, den ich am
-Wasser, krank und mit Wunden bedeckt, zwischen
-dem Lärm der Bootsführer und Wasserträger
-ganz in sich versunken, die geheimnisvolle
-Arbeit des Todes verrichten sehe. Aber die
-Stunden sind selten, da ich in ihrer Mitte bin.
-Ich habe aufgehört, mir selbst zu gehören, in
-<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
-eine Reihe inhaltsloser Tage gedrängt, ein bodenloses
-Gefäß, das leer wurde, noch ehe wir
-es zu füllen begannen. Nicht immer ohne Bitterkeit
-trage ich diese Stunden und die Demütigungen,
-die mit meiner Arbeit verbunden
-sind; denn auch hier gilt nur, wer zu töten
-berufen ist, und ein liebender Menschenpfleger
-ist im Grunde eine verächtliche Gestalt. Möchte
-mir nur die Liebe derer bewahrt bleiben, denen
-ich, meiner selbst kaum mächtig, die letzte Kraft
-meiner Hände reiche.
-</p>
-
-<p>
-Während ich diese Zeilen schreibe, blicke ich
-vom Dach in den Hof auf die lange Reihe
-ihrer Betten hinab, wo sie, ihrer Decken entblößt,
-nebeneinander liegen, das eine Knie in
-die Höhe gezogen, als stiegen sie noch im
-Schlaf eine unendlich mühsame Treppe hinauf.
-Und ich höre wieder die Stimmen der deutschen
-Soldaten, die, heimgekehrt aus der Wüste, mir
-von den bitteren Mühen ihres Lebens erzählen,
-wie sie hier, am &bdquo;Hintern der Erde&ldquo;, von Hunger,
-Krankheit und Heimweh zernagt, der letzten
-<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
-Hilfe, des Beistandes ihrer Offiziere beraubt,
-die sie ohne Grund in der Glut der Mittagsstunden
-in der sommerlichen Wüste Schanzen
-werfen ließen, in einer &bdquo;türkischen Fremdenlegion&ldquo;
-dienten. Noch gestern saß ich an dem
-Bett eines sterbenden Offiziers, in dessen letzten
-Träumen das bittere Gefühl versagter Freundschaft
-umging, die Scham und der Vorwurf
-gegen die Kameraden, die, Verbrecher aus Ehrgeiz
-und Niedertracht, ihren Untergebenen die
-Liebe verweigerten, die sie ihnen schuldig waren.
-Nun tönt aus dem Schatten der Mauer die
-Stimme eines jungen Soldaten, der seinen
-türkischen Wärter ruft: &bdquo;Mustapha, Musta &mdash;
-pha!&ldquo; leise und kläglich, als riefe er seine
-Mutter. Ich blicke auf und schaue den schwarzen
-Strom hinunter, in dem die letzten Lichter
-der Stadt sich spiegeln, blicke in das Wunder
-der fallenden Sterne, die wie glühende
-Geißeln über den nächtlichen Himmel peitschen,
-die herabsickern, langsam fallende Schneeflocken,
-silberne Tränen. Jetzt blitzen sie auf, gewaltige
-<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
-lichthelle Kugeln, die eine unsichtbare Hand über
-die Erde hinabwirft, zu schauen, ob der Krieg
-noch immer nicht das verwüstete Lager entweihter
-Unschuld verließ. Sie verlöschen, und
-wieder wird Nacht. Aus dem Dunkel des
-Flusses aber tönt die leise Stimme eines arabischen
-Fischers, der in seinem Boote schlafend
-den Strom hinabtreibt:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Die große Palme und der kleine Schößling sind dahingegangen,</p>
- <p class="verse">Ich blieb allein zurück.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>
-Mitten in all das kommt Ihr Brief, und
-ich fahre empor wie ein Schlafwandelnder.
-Freude! Freude! Aber auch Kummer erfaßt mich.
-Ich sehe die frischgelöschte Tinte Ihres Namens
-darunter, als wäre ich eben in der Winterstille
-durch den Schnee der Berge herabgekommen,
-trete in das abendliche Zimmer und sehe, wie
-Sie vom Tische aufstehen und aufhören zu
-schreiben. Wie ich zu lesen anfange, erkenne ich
-verwundert, daß ich selber es bin, an den diese
-Worte gerichtet wurden. Werde ich wirklich
-<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
-noch einmal diese Stube schauen? Wann wird
-der Tag kommen, da mir und Euch allen die
-Worte geschenkt sind: &bdquo;Hier gebe ich Dir
-Armin Wegner zurück.&ldquo; Wie anders wird die
-Gestalt sein und die Seele, die wieder unter
-die Augen der Freunde tritt. Ihr werdet die
-ersten weißen Haare auf dem Haupte der Jugend
-schauen. Denn es ist ein Weg ohne
-Heimkehr, den wir beschreiten, an dem wir
-wohnen wie die abgeschiedenen Seelen der
-Babylonier, deren Nahrung der Staub ist, und
-die von ihm zurückkehren, tun es nicht ungestraft.
-Andere Augen sind es, mit denen sie
-schauen; sie bleiben gezeichnet für den kommenden
-Tag.
-</p>
-
-<p>
-Dennoch glühen unter der Asche dieser Tage
-purpurne Flammen, die zuweilen urplötzlich hervorbrechen,
-vor deren geheimer Gewalt ich erschrecke,
-als wenn sie mich selber vernichten
-müßten! Ein unbändiges Verlangen ergreift
-mich, die Schritte hinaus zu setzen, in welche
-Höhen und Abgründe sie auch führen mögen,
-<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
-fort! fort! verkleidet in das Gewand eines
-Beduinen, bettelnd, mit Aussatz bedeckt, und
-sei es auch, um in der Wüste zu sterben. Aber
-schon höre ich die Schritte der Häscher im Hof,
-die mir das Blut in den Adern erkalten lassen.
-Wohin? Wohin? ... Einst sagte mir ein
-arabischer Wahrsager, den ich im Staub der
-Straße um meine Zukunft befragte, indem er
-die Würfel auf eine messingne Schale legte,
-in die das Zeichen des Widders und des
-Steinbocks gegraben war: &bdquo;Was du im Herzen
-trägst, wird in Erfüllung gehen.&ldquo; Aber was
-ist es, das ich im Herzen trage: Tod, Leben,
-Ruhm oder Untergang, Glück oder Verbrechen?
-Auch der Gram ist nur eine Stufe der Lust;
-hinter den härtesten Leiden noch gilt es zu jubilieren
-wie eine Lerche. Nur eines weiß ich,
-daß mit mir die Liebe ist, daß sie mich weiter
-begleiten wird, und sei es auch zu den Abenteuern
-und Ländern, die jenseits dieses Lebens
-liegen. &bdquo;Friede sei mit Dir!&ldquo; rufen mir die
-Araber zu, denen ich des Nachts in den dunklen
-<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
-Gassen begegne; mit mir aber geht der Unfriede,
-mit meinem friedlichen Herzen die Unrast, die
-mich durch alle Schmerzen der Erde von der
-Hölle bis zu den Sternen treibt, immer duldend
-und immer voll Neugier.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Ihr Armin, genannt Tarik,
-das ist &bdquo;der des Weges Schreitende&ldquo;.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-21">
-<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
-Die vierzig Tage und Nächte
-der Heimkehr
-</h2>
-
-<p class="rec">
-An Pater Joseph
-</p>
-
-<p class="date">
-Hadit, den 30. September.<br />
-Früh ½7, im Schatten eines alten Wasserrades.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Bester Pater! Ihnen den ersten Gruß.
-Daß es weiter geht. Daß die Erde sich
-wieder rundet. Als Sie mich bei meiner Abreise
-baten, Ihnen zu schreiben, schien mir dies
-freilich ein Wunsch, dessen Erfüllung fern in
-einer heimatlichen Schreibstube lag. Aber nun
-ich die ersten Tage durch die Wüste gereist bin,
-sehe ich, wie sehr meine Gefühle bei Ihnen
-blieben, wie fremd mir die Heimat noch ist.
-Dabei denke ich nicht ohne Genugtuung daran,
-daß ich dieser letzten kurzen Erkrankung, die
-mich nach den Anstrengungen der vergangenen
-Wochen zum drittenmal auf das Lager warf,
-den Aufbruch zur Heimkehr verdanke, die fast noch
-<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
-in der Stunde des Abschieds an dem Mangel an
-Wagen gescheitert wäre. Dieser Heimkehr, die
-keine Heimkehr ist; denn auch meine verblutete
-Seele liegt bei den Toten in der Steppe begraben
-und wird nie wieder in das Land zurückkehren,
-das ich vor kaum zwei Jahren verließ.
-Wie oft muß ich mich unserer erregten Gespräche
-in den verdeckten Kellern von Mesnil Schah
-Bender erinnern und jener tröstlichen Worte,
-die ich Ihnen zurückließ: &bdquo;Meine Irrtümer
-sind mir lieber als Ihre Wahrheiten.&ldquo; Aber ich
-fühle auch, daß hinter allen Widersprüchen etwas
-Menschliches lag, das wieder zu zittern anhebt.
-Ja, jetzt erkenne ich, wie schwer mir der Abschied
-wurde, seit das letzte Wahrzeichen der
-Stadt verschwand, jene einsame Grabpyramide,
-die halb zerfallen hinter Kazimen in der Wüste
-steht. Zwei Tage sahen wir sie in der Sonne
-leuchten, dann löste sie sich in Rauch auf.
-</p>
-
-<p>
-Heute werden wir zum erstenmal einen Tag
-rasten. Die Kutscher haben die Splinte aus
-den Wagen gezogen und sind in das Dorf
-<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
-gegangen; so habe ich Zeit, in Geduld zu
-warten. Ja, das Menschliche. Wie es mich
-auch hier auf allen Dörfern und Wegen der
-Wüste begleitet! Jener oft wiederholte Gruß
-der Fellachen, jenes &bdquo;Bruder, Bruder&ldquo;, mit
-dem uns die Beduinen die Früchte ihrer Felder
-reichen, der Bettler die Hand nach uns ausstreckt,
-scheint mir ein tägliches Gleichnis meiner
-Gedanken. Oft, wenn ich in die Gasse ihrer
-lehmgehärteten Hütten trete, gesellt sich ein
-arabischer Junge zu mir. &bdquo;Eier! Eier!&ldquo; ertönt
-unsere Stimme vor den Türen, dann kommen
-die Mädchen und Frauen aus den Höfen heraus.
-Ich bleibe bei den Männern an ihren
-Webstühlen stehen, mit ihnen zu plaudern (sie
-hocken in einem Loch in der Erde). Zutraulich
-legen sie mir die Hand auf die Schulter. Ich
-sitze bei den Frauen auf ihren Matten, und sie
-verschleiern sich nicht.
-</p>
-
-<p>
-Während aus den tönernen Schaufeln des
-Wasserrades ein feiner Sprühregen über mich
-herabfällt, blicke ich nach der schmalen Insel
-<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
-des Euphrat hinüber, auf der zwischen Palmen
-die Hütten aneinandergedrängt stehen, eine graue
-Feste. Bronzene Gestalten treten zögernd in
-das Wasser, das Bündel ihrer Kleider wie einen
-wunderlichen Turban um den Kopf geschlungen.
-Und wie ich dem Spiel ihrer Leiber zuschaue,
-die sich schwer gegen die Strömung beugen,
-wie sie, ihre Kinder auf dem Rücken tragend,
-das Ufer hinaufklettern, über das die warme
-Morgensonne streicht, fühle ich wieder, wie ich
-trotz Tod und Tränen in dieses Land verliebt
-gewesen bin.
-</p>
-
-<p>
-Täglich streifen wir viele Stunden weit durch
-seine hungrige Weite. Schon vor Sonnenaufgang,
-wenn die Pferde noch ungeschirrt an
-den Wagen stehen, wandere ich zu Fuß hinter
-der Karawane her. Blaß hebt sich die Staubwolke
-unter den Tritten der keuchenden Tiere,
-bis der Tag kommt, und der Schatten ihrer
-spitzen Ohren deutet auf unseren Weg. Dabei
-bin ich von einer so überquellenden Heiterkeit
-und Fülle der Gesichte bewegt, daß es mir kaum
-<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
-gelingt, im Weiterschreiten auf ein zerflattertes
-Papier ein paar kurze Aufzeichnungen zu machen.
-Welche Veränderung ist mit mir vorgegangen!
-Selbst meine Uhr, die seit Monaten still stand,
-begann drei Tagereisen hinter Bagdad wieder
-zu gehen. Oder ich lehne in den heißen Mittagstunden
-im Winkel unseres schaukelnden Pilgerwagens
-und träume zwischen Wachen und Dämmern
-von einem großen Manifest des Friedens.
-Ist es Europa, dem ich mich nähere, das mich
-so froh macht? Ich glaube, wenn es nach
-Indien oder Ägypten ginge, ich könnte nicht
-glücklicher sein.
-</p>
-
-<p>
-Gestern, schon in der Dunkelheit, wir waren
-den ganzen Tag durch löchrigen Boden gefahren,
-blieb unser Wagen allein in der Steppe
-zurück. Ich war auf den Bock gestiegen und
-hatte selbst die Zügel unserer vier Pferde in die
-Hand genommen, aber die hartgewordene Krume
-einer ausgetrockneten Wassermulde zersplitterte
-unter unseren Rädern wie Glas. Die Pferde
-zogen an, zerrissen die Stränge, zitterten und
-<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
-blieben stehen. Und während der Kutscher mit
-tränenverzerrtem Gesicht und einem &bdquo;Hilf Allah&ldquo;
-immer wieder vergeblich auf die Pferde einschlug,
-ging ich im offenen Hemd und meinen weichen
-Schlafschuhen allein eine Stunde weit unter
-dem sternenbeglänzten Himmel, das nächste Dorf
-zu suchen. Wie nahe wart Ihr mir alle, während
-ich still vor mich hinschritt, einsame Worte mit
-Euch tauschend. Ich hätte nur die Hand auszustrecken
-brauchen, um das Schlagen Eurer
-Herzen zu fühlen. O beglückende Müdigkeit,
-als endlich auch unser Wagen in den finsteren
-Hof der Karawanserei rollte, spät unter dem
-offenen Wind zu schlafen, unter den Kaugeräuschen
-der Tiere, die zwischen unsern Lagern
-umhergehen. Dann tönt das Donnern der
-Wasserräder lauter vom Fluß, und die Glocke
-des Leithengstes klingt noch lange in unsern
-Traum ...
-</p>
-
-<p>
-Grüßen Sie Aluan, Dschafar und Achmed
-und die andern kleinen Bootsjungen, mit denen
-wir hinab nach der Insel fuhren. Gedenken
-<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
-Sie der Lebendigen und der Toten. Und wenn
-Sie durch jene trümmerbesäte Straße gehen,
-durch die wir oft im Dunkeln stolperten, so vergessen
-Sie nicht, daß ich auch diesen Staub
-unter Ihren Füßen noch liebte.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-22">
-<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
-Die vierzig Tage und Nächte
-der Heimkehr
-</h2>
-
-<p class="rec">
-Aus dem Tagebuche
-</p>
-
-<p class="date">
-Rahije, den 2. Oktober,<br />
-abends ½6.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Eben im Euphrat gebadet, Grund sehr steinig.
-Die ersten stärkeren Wolkenzüge treten auf und
-beschatten die Sonne. Die letzten Palmen sind
-verschwunden. Vor Ana habe ich mir für
-zehn Piaster ein schwarzes Lämmchen gekauft.
-Schon drei Tage schleppe ich es mit mir und
-habe die größte Freude, es während der Fahrt
-auf dem Schoß zu halten und zu streicheln.
-</p>
-
-<p>
-Gestern nachmittag, wir fuhren, Wagen und
-Karawane, in enggeschlossenem Zug, uns vor Überfällen
-der Beduinen zu schützen (am Vorabend
-waren deutsche Schahturs überfallen worden,
-und es gab acht tote Araber), ein wenig schweigsam,
-denn es war spät geworden, stand plötzlich
-<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
-in der Abenddämmerung ein seltsames Zeichen
-am Himmel. Ein langer, geschwänzter Strich
-wie die helle Schnur einer Peitsche. War es
-der rauchende Schweif einer Sternschnuppe oder
-spiegelte sich der leuchtende Lauf des Euphrat
-in den Wolken wider? Alle Blicke waren auf
-den blassen Himmel gerichtet, wo es unverändert
-fast zehn Minuten verweilte. &bdquo;Das ist
-ein Zeichen des Friedens,&ldquo; sagte eine Stimme.
-Mir aber schien es eine feurige Geißel, die über
-der Erde stand. Unwillkürlich neigte ich den Kopf,
-als müßte ihr sausender Schlag auch über mich und
-unsere kleine Karawane herabfallen, die mühsam
-und gedrückt über den steinigen Grund dahinzog.
-</p>
-
-<p class="date">
-Abu Kemal. Dreizehnter Tag.<br />
-Abends 5 Uhr.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Heute nur acht Kilometer zurückgelegt. Kahle,
-steinige Uferhöhen, die wir nur langsam hinaufklimmen,
-verwahrloste Wege. Weite violettschimmernde
-Hochebene, durch die der Fluß
-stahlgrau dahinzieht. Überall liegen lose Brocken
-<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
-zerstreut, als wäre ein ungeheurer Steinregen
-herabgefallen. Gegen Mittag raste Hassan, der
-Führer der Kutscher, mit seinem Wagen in das
-ausgetrocknete Bett eines Flusses. Alle Pferde
-bluteten. Zwei Räder waren völlig zerbrochen,
-und der Wagen schleppte sich, auf den Speichen
-rumpelnd, mühsam bis in den Chan. Gestern
-ging ein Maultier mit allem Gepäck in den
-Fluß, konnte aber gerettet werden. Ein Pferd,
-das beim Tränken über die Uferböschung stürzte,
-wurde abgetrieben. So gibt es täglich Verzögerungen.
-Wir werden zwei Tage hierbleiben.
-</p>
-
-<p class="date">
-El Gahsim, den 6. Oktober.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Bei Sonnenuntergang unter dem Dach einer
-weidengeflochtenen Hütte. Neben mir vor einem
-Feuer von Eselsmist hockt ein blinder Araber.
-Über mir an den Zweigen hängt in einem leinenen
-Beutel der Koran. Ein ungeheurer Staubsturm
-hat die Ebene mit einem schwarzen Mantel
-bedeckt. Wir hatten eben abgekocht, als die
-Wolke plötzlich über den Horizont sprang, Blitze
-<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
-wie feurige Flammen. Von den hohen Wellen
-des Euphrat wurde der Schaum so weit durch
-die Luft gewirbelt, daß wir glaubten, es begänne
-zu regnen. Zu meinen Füßen liegt alles durcheinander,
-das noch fettige Geschirr, die Beutel
-mit Reis und getrockneten Aprikosen, das rote
-Fleisch der angeschnittenen Melone, alles mit
-einer Schicht von grauem Staub bedeckt. Ich
-fühle ihn zwischen Lippen und Zähnen. Heute
-wurde unser Lämmchen geschlachtet. Ich hatte
-es Mona Lisa getauft, und es sprang und
-meckerte lustig auf unsern Halteplätzen umher.
-In meinen Mantel gehüllt, versuche ich auf einer
-Reihe von Kisten zu schlafen. Als ich wieder
-aufwache, ist klare Nacht. Der blinde Araber
-steht draußen im Mondschein auf seiner Matte
-und betet. Die toten Augen sind in das
-geisterhafte Licht gerichtet, unbeweglich, als
-schaute er in eine wunderbare Landschaft. Nun
-sehe ich es auch. Da beugt er den Kopf und
-fällt in die Kniee.
-</p>
-
-<p class="date">
-<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
-Salichie, den 7. Oktober.<br />
-Nachts 12 Uhr.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Einsame Herberge in der Wüste. Ich lehne,
-die Wache haltend, am Tor der verlassenen
-Karawanserei. Draußen dämmert die endlose
-Ebene. Der volle Mond steht am Himmel.
-Es ist so hell, daß ich ohne Mühe schreiben
-kann. Vom Hof tönt das Husten der brustkranken
-Pferde, nur unterbrochen von dem Heulen
-Hassans. Sie haben ihm den Rücken und die
-Sohlen blutig geschlagen, weil er im Basar
-von Ana die eisernen Ersatzteile der Wagen
-verkauft hat, die die türkische Kommandantur
-für uns requiriert hatte. Von Fußtritten verfolgt,
-schleppt er sich von einem Winkel in den
-andern.
-</p>
-
-<p>
-Ich trete in einen fensterlosen Raum der
-Karawanserei. Als ich Licht mache, leuchten
-mir von der berußten Gipswand in großen deutschen
-Buchstaben die Worte entgegen: &bdquo;Wo
-waren wir gestern?&ldquo; Betroffen bleibe ich stehen,
-leuchte mit dem Streichholz die Wand ab.
-<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
-Ich zähle acht verschiedene Sprachen. Hier ist
-eine Trommel mit gekreuzten Schlägern an die
-Mauer gezeichnet. Deutsche Namen darunter
-und das Datum: den 28. August 1914. Daneben:
-Ankunft dritter Zug von Ekbatana, den
-2. Januar 1915. Reise von Teheran nach
-Bagdad und Stambul, Baruch Josephsberg,
-77. Reg. Lemberg. Marga Imre, <span class="antiqua">5 Magyarka,
-honvéd 13. IV. 16</span>. Marie Stirting, Erna
-Erickson de Bender Abas <span class="antiqua">le 23. Julliet 15 en
-route pour Beirut</span>. Dann die Inschrift eines
-englischen Gefangenen: <span class="antiqua">Happy he, who return.
-London, Holting-street.</span> Die Unterschrift ist
-nicht zu entziffern. Namen, Namen. Deutsche,
-englische, französische, ungarische, türkische, arabische,
-hebräische, schwedische Inschriften. Es
-nimmt kein Ende. Wie seltsam berührt es mich,
-viele Tagereisen weit in der Wüste all jene mit
-zahlreichen Zungen zu mir reden zu hören, die
-gleich mir diese tote Stille durchwandert haben,
-die vom Golf oder aus russischer Gefangenschaft
-die endlose Reise über die persischen Berge
-<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
-und durch die Wüste machten, von Hitze und
-Kälte gepeinigt, eine Nacht in diesem fensterlosen
-Raume zu schlafen. Wo sind sie, die
-mit verrostetem Nagel dieses in den Mörtel
-der Wand gruben? Hier hat einer sein Vaterhaus,
-von Bäumen beschattet, an die Wand
-gezeichnet. Neben manchem Namen ist ein
-kleines Kreuz gemalt, heimkehrende Kameraden
-haben es hinzugesetzt, dreimal sind sie den Weg
-durch die Wüste gezogen. An der gegenüberliegenden
-Wand steht eine arabische Inschrift:
-&bdquo;O Ali, Sohn des Hassan, ich habe Wasserrinnen
-nach dir vollgeweint.&ldquo; Darunter auf
-Türkisch: &bdquo;In Bagdad und Umgegend habe
-ich drei Monate im Elend gelebt. O Allah,
-gib uns Barmherzigkeit und Frieden. Osman
-Hakki Tefik, Hauptmann im Generalstab. Salichie,
-den 4. Tamus 1333<a class="fnote" href="#footnote-3" id="fnote-3">[3]</a>.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Als ich wieder hinaustrete, schlägt mir die
-Nacht kalt entgegen. Ich gehe vorsichtig zwischen
-den schlafenden Menschen und Tieren hindurch,
-<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
-die zusammengekauert am Boden liegen.
-Ermüdet setze ich mich auf den Leib des toten
-Esels, der am Nachmittag gestorben ist. Bis
-hierher schleppte er die blutgeschwollenen Glieder,
-aber als die Maultiere, von ihrer Traglast befreit,
-den wunden Rücken im Staube wälzten,
-erhob er sich nicht wieder. Und ich denke an
-den Weg zurück, den wir alle gewandert sind,
-denke an meine Toten und wie sie mich ständig
-begleiten. Wenn ich am Tage in der hellen
-Sonne hinter der Karawane herschreite, winkt
-mir ihr Gepäck vom Rücken der Maultiere
-herab. Dunkel leuchtet ihr Name auf den
-hellen Kisten, dem traurigen Rest ihrer Habe,
-den ich mit mir zurück in die Heimat
-trage, als ginge ich wie der Gläubige hinter
-dem Leichnam her, den er in heiliger Erde
-bestatten will, ihren geliebten Schatten in
-Deutschland zu begraben. Des Abends am
-Feuerloch ist mir, als müßte ich wie in früheren
-Tagen mit ihnen die Mahlzeit teilen. Ich
-blicke in ihr Gesicht: &bdquo;Bist du es, alter Freund
-<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
-und Wüstengefährte? Willst du Brot? Magst
-du Tee?&ldquo; ... Ich fühle ihre Nähe, die mich
-umgibt, die stille Gemeinschaft derer, denen wir
-nicht mehr weh tun können. Ich schlafe in
-ihrem Schatten.
-</p>
-
-<p>
-Fröstelnd lehne ich mich über den aufgetriebenen
-Leib des toten Tieres, mit der Hand
-seinen Hals liebkosend, der noch eine leichte
-Wärme trägt. Wieder steigt jener freundliche
-Gedanke des Friedens vor mir herauf, und
-während ich einsam in der unergründlichen
-Weite sitze, ist mir, als könnte ich deutlich auf
-das künftige Europa hinabsehen, wie auf ein
-heiteres Gebäude, das sich mit freundlichen
-Zimmern und Gärten vor mir ausbreitet. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Zwei Uhr nachts. Es ist Zeit zum Wecken.
-Ich reiße den Kutschern die Mäntel fort, die
-sich zitternd zwischen ihren Futtersäcken erheben.
-Nun habe ich noch eine Stunde Ruhe, aber
-die Fledermäuse, die im Gebälk flattern, lassen
-mich nicht einschlafen. Bald gehe ich hinter
-der Karawane her. Vor mir raucht die unabsehbare
-<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
-Ebene. Und wieder denke ich: o sie
-liebten dich nicht, du grauer einsamer Boden,
-alle, die ihren flüchtigen Namen an
-die zerbröckelnde Wand dieser Herberge schrieben.
-Sie dachten: Deutschland, oder England,
-oder Schweden ... irgendwo dort hinten an
-eine geliebte und menschenbelebte Scholle, zogen
-vorüber und fluchten dir. Ich aber fühle
-deine grenzenlose Weite in meinem Herzen.
-Fühle in mir deine Sonne, deinen Wind, deine
-Sterne. Fühle, wie mit jedem Schritt meine
-Seele lebendiger und froher wird, als wanderte
-ich vom Tode zurück in das Leben.
-</p>
-
-<p class="date">
-Abu Herera, den 11. Oktober.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Der letzte Leichnam? Als wir in die verlassene
-Karawanserei treten, die von Unrat und üblen Gerüchen
-erfüllt ist, liegt er in der offenen Tür. Die
-ausgehungerte Gestalt eines zwölfjährigen armenischen
-Knaben. Mit strohblondem Haar, den
-Leib bis auf die Knochen abgemagert, Hände
-und Füße wie Keulen. Nur der linke Arm
-<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
-steckt noch in Lumpen. Als ich an den Fluß
-trete, finde ich viele Gräber, zahllose alte Feuerstellen.
-Ist dieses das Ende einer furchtbaren
-und grausamen Jagd?
-</p>
-
-<p>
-Wieder tritt jener Auszug eines vertriebenen
-Volkes vor meine Augen, durch dessen schmerzliche
-Lager ich im vergangenen Jahr mit erschrockener
-Seele geirrt bin. Bald begegnen
-wir den ersten Flüchtlingen. Die Ränder aller
-Wege sind mit ihren Knochen besät, die grell
-in der Sonne bleichen. In Maden treffen wir
-das erste Lager. Kinder und Frauen umdrängen
-unsern Wagen, schlagen sich wund um ein
-Stück Brot oder eine leere Melonenschale. In
-Tibini haben sie einen kleinen Basar errichtet.
-Bäcker, Fleischer und Schuster sitzen in der grellen
-Sonne unter den ausgespannten Lumpen eines zerrissenen
-Tuches auf dem nackten Steinboden und
-bieten ihre Ware aus. Einen türkischen Offizier sah
-ich beim Garkoch ein gebratenes Stück Fleisch
-kaufen, und nicht ohne Bewunderung dachte ich:
-sie haben dich in den Tod getrieben, du aber
-<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
-bietest deinem Mörder für einen Metalik noch
-in der Wüste ein Stück Fleisch an!
-</p>
-
-<p>
-Bei Rakka, in einem völlig verwahrlosten
-schmutzigen Lager, traf ich einen dreizehnjährigen
-Knaben. Er hatte seine Mutter und
-seinen Bruder verloren, nur sein Vater lebte.
-Er hieß Manuel. Einen weißen Lappen gegen
-die Sonne um den Kopf gebunden, lief er, auf
-auf einem Kuhhorn blasend, lachend zwischen
-den Haufen der Hungernden, Kranken und
-Sterbenden umher, die reglos dalagen oder,
-dem Wahnsinn nahe, ihren Kot als Speise
-verzehrten. Seine wohlgebaute, noch kräftige
-Gestalt, sein offenes Gesicht gefielen mir. Ich
-wollte ihn in unsern Wagen nehmen, um
-ihn mit nach Deutschland zu bringen. Seine
-geraden Augen leuchteten dunkel zu mir auf.
-(Meine Mutter, dachte ich einen Augenblick, ich
-will dir einen neuen Sohn schenken!) Ich ließ
-mich zu seinem Vater führen, einem Händler
-aus Alexandrette, den sie zum Wächter des
-Lagers gemacht hatten, weil er lesen und schreiben
-<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
-konnte. Aber obwohl sein Gesicht sich vor
-Freude verklärte, war er so müde und abgestumpft,
-und seine Angst vor den Gendarmen,
-die Furcht um das eigene Leben waren so groß,
-daß er keinen Ausweg finden konnte.
-</p>
-
-<p>
-Da ging ich selbst zu dem arabischen Aufseher.
-Ich saß zwei Stunden auf seiner Matte
-und bot ihm den Rest meiner Barschaft an.
-Aber sie wollten ihn nicht freigeben. Ich versprach,
-in Aleppo bei Hakki Bey, dem Leiter
-der Ansiedlungen, für ihn zu bitten. Wieder
-und wieder drückte ich ihre Hände, ich sagte:
-ich werde in Deutschland an Euch denken.
-Manuel begleitete mich bis an den Ausgang des
-Lagers. Er wollte versuchen, in der kommenden
-Nacht unserer Karawane nachzulaufen. Aber ich
-glaube nicht, daß es ihm gelingen wird, unter
-den Flintenschüssen der Gendarmen zu entfliehen.
-</p>
-
-<p class="date">
-Mes kene, den 15. Oktober.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Als es Abend wird, sitze ich mit dem Priester
-Père Arslan Dadschad in der offenen Tür seines
-<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
-Zeltes, und sie erzählen mir von ihren Leiden. Von
-den 800 Familien der Stadt, mit denen sie auszogen,
-von den vielen Tausenden, die er in der
-Wüste begraben hat, darunter dreiundzwanzig
-Priester und einen Bischof. Ihre Blicke schreien
-mich an. &bdquo;Du bist doch ein Deutscher&ldquo;, sagen sie,
-&bdquo;und mit den Türken verbündet ... so ist es also
-wahr, daß ihr selbst es gewollt habt!&ldquo; Ich schlage
-die Augen herab. Was kann ich ihnen erwidern,
-um sie Lügen zu strafen? Aus einer Tasche seines
-Gewandes, in einen zerlumpten Fetzen gehüllt,
-holt der Priester sein Christuskreuz, und als er
-es andächtig mit Küssen bedeckt, kann ich, von
-Rührung ergriffen, mich nicht enthalten, es
-gleichfalls an die Lippen zu führen, dieses Kreuz,
-das der Zeuge so vielen menschlichen Kummers
-und Leidens gewesen ist.
-</p>
-
-<p>
-Ich sehe nach den abendlich rauchenden
-Zelten und dem hellen Mond, der über der
-dämmerigen Ebene aufsteigt. Das alles ist so
-anheimelnd, daß ich mir einen Augenblick ein
-friedliches Bild vortäuschen könnte. Frauen in
-<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
-geschürzten Unterröcken und offenen Blusen machen
-einen kleinen Abendspaziergang. Das Geschrei
-spielender Kinder tönt herüber. Da höre ich
-wieder ihre ängstlich forschende Stimme: ob ich
-Armenier in den Städten am Euphrat getroffen
-habe? &bdquo;... Wir werden sterben, wir wissen
-es.&ldquo; Er deutet auf sein zerlumptes Gewand:
-&bdquo;<span class="antiqua">Une fois j&rsquo;étais un prètre, maintenant je
-suis un mouton, qui va à mourir.</span>&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich gehe im Dunkel an den Fluß hinunter.
-In einer Schlucht finde ich einen Haufen übereinandergetürmter
-Menschengerippe. Weiße Schädel,
-die noch mit Haaren bedeckt sind, ein
-Becken, die Brustrippe eines Kindes, zierlich gebogen
-wie eine Spange. Einen Augenblick überkommt
-mich eine dumpfe Verzweiflung, die mir
-die Tränen in die Augen treibt, als müßte ich
-alle Hoffnungen, alle Keime der Liebe vernichten,
-die mich je an das Lebendige banden. Unendlich
-märchenhaft aber fließt der Fluß in die
-weite Einsamkeit hinaus, in den unterspülte Erdschollen
-zuweilen donnernd hinabfallen, und an
-<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
-dessen Ufern ich verlassen dahinschreite, als wäre
-ich der letzte Mensch.
-</p>
-
-<p class="date">
-Der Hafir, den 16. Oktober.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Eine grüne Oase, Weide mit Lämmerherden.
-Ich liege, o Wunder, unter einem Baum und sehe
-das Licht durch die schmalen Blätter scheinen.
-Heute ist mein dreißigster Geburtstag. Zum dritten
-Male, seit ich von Hause fortzog, sehe ich diesen
-Tag sich wenden. Seit dem frühen Morgen
-wandere ich in der hellen Sonne dahin, den Blick
-nach dem hohen Himmel gerichtet, dort hinten, wo
-die Stadt aufsteigen soll, nach der wir so lange
-Wochen gewandert sind, der Liebe voll und der
-starken Hoffnung des kommenden Lebens. Mit
-welcher Freude verzeichnet das Auge das Auftauchen
-jedes neuen Gegenstandes. Ein plätscherndes
-Wasser, eine Blume, einen Regentropfen.
-Schwarzblaue Wolken beschatten den
-Himmel, und wieder bricht die Sonne hindurch.
-Altweibersommer fliegt uns durch die Steppe
-<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
-entgegen &mdash; die weißen Haare Europas, das
-in Gram und Elend früh gealtert ist.
-</p>
-
-<p class="date">
-Aleppo, den 19. Oktober.<br />
-Bei den deutschen Schwestern.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Als das schwarze Haupt der Zitadelle sich
-hinter den sanften Erdwellen aufreckt, geraten
-die Pferde in schnellere Bewegung. Lächelnd
-neigen die Kranken sich aus den Wagen, deren
-hölzerne Kästen mit zerrissenen Planen klappernd
-in die steinernen Straßen rollen, windbrüchige
-Schiffe, die den letzten Sturm überstanden.
-Wir haben die Bahnlinie erreicht, die uns
-wieder mit Stambul verbindet.
-</p>
-
-<p>
-Mein erster Gang führt mich zu den Schwestern.
-Sie haben für die armenischen Flüchtlinge zwei
-Häuser eingerichtet, die mit Waisenkindern überfüllt
-sind, die an der Straße liegen blieben.
-Die meisten kommen aus Van oder Erzerum
-und waren länger als sechs Monate unterwegs.
-In den ersten Wochen war der Hof so dicht
-von dem nackten Gestrüpp ihrer Scharen überwuchert,
-<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
-daß sie sich gegenseitig zu ersticken drohten.
-Als man das Haus reinigte, fand man im
-Brunnenschacht die Leiche eines Kleinen, der
-zwischen der Wildnis der Menschen dort schweigend
-verschwunden war. Auch Frauen und Männer
-halten sich unter ihnen versteckt. Ich habe angefangen,
-ihre Schicksale aufzuzeichnen, wobei
-Schwester Beatrix mir als Dolmetscher dient.
-Nur mühsam beginnen sie aus Schwäche und Angst
-vor neuen Leiden zu reden, bis die Fülle ihres
-Elends sie fortreißt und sie in Tränen ausbrechen.
-</p>
-
-<p>
-In den letzten Tagen habe ich zahlreiche
-fotografische Aufnahmen gemacht. Man erzählt
-mir, daß Dschemal Pascha, der Henker von
-Syrien, bei Todesstrafe verboten hat, in den
-Flüchtlingslagern zu fotografieren. Zusammengerollt
-trage ich diese Bilder des Entsetzens und
-der Anklage unter meiner Bauchbinde versteckt.
-In den Lagern von Meskene und Aleppo sammelte
-ich viele Bittbriefe, die ich in meinem Tornister
-verborgen habe, um sie an die amerikanische Botschaft
-in Konstantinopel zu bringen, da die Post
-<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
-sie nicht befördern würde. Ich zweifle keinen
-Augenblick, damit eine hochverräterische Handlung
-zu begehen, und doch erfüllt mich das Bewußtsein,
-diesen Ärmsten wenigstens in einer schwachen
-Hinsicht geholfen zu haben, mit dem Gefühl
-größeren Glückes als jede andere Tat es vermöchte.
-</p>
-
-<p class="date">
-Konia, den 28. Oktober.<br />
-Im Bade.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Heute ist der neununddreißigste Tag, seit wir
-Bagdad verließen. Da der Zug über Mittag liegen
-bleibt, gehe ich ein paar Schritte in die herbstliche
-Stadt. Müde setze ich mich in die verlassene
-Moschee, hocke mich in einer Nische auf
-den Boden, lege den Daumen hinter die Ohrläppchen
-und fange zu grübeln an. Bald kommen
-die Leute und Soldaten von der Straße
-herein. Ein paar Vögel zwitschern in der
-Kuppel, die Stimme des Vorbeters klingt, von
-tiefem Schweigen unterbrochen, durch den Raum.
-Einen Augenblick denke ich, von einem Schwindel
-der Gefühle erfaßt: Gott, wo bist du? So
-<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
-schlafe ich ein und erwache erst, als das Bethaus
-leer ist, und wie zur Antwort singt eine grenzenlose
-Öde durch den Raum.
-</p>
-
-<p>
-In weiße Tücher gehüllt, liege ich auf der
-Ruhebank des Bades. Nur gedämpft klingt
-der Lärm der Stadt herüber, ein blaues Licht
-fällt durch die Decke herab. Noch brennt mir
-die Haut von dem heißen Seifenwasser, und
-verwundert schaue ich mein sonnenverbranntes
-Gesicht im Spiegel, den langen Bart, der mir
-in der Wüste gewachsen ist. Zuweilen aber
-sinke ich in Träume, dann steigt gewaltsam
-und furchtbar ein Werk vor mir auf, von
-dem ich glaube, daß es zu dem Grausamsten
-gehören muß, was je über menschliches Elend
-geschrieben wurde.
-</p>
-
-<p>
-Ehe ich Aleppo verließ, ging ich in das
-Polizeigebäude, um bei dem Leiter der Ansiedlungen
-für Manuel zu bitten. Aber obgleich
-er drüben in seinem Amtszimmer saß und
-ich seinen Kopf durch die Scheiben erblickte,
-ließ er mir durch den Diener sagen, er wäre
-<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
-verreist. In allen Gesichtern, die aus den
-Türen sahen, wohnte ein feiges Gewissen. Ich
-ließ mich bei seinem Vertreter melden. Alle
-waren sehr höflich, und wie immer bot man
-mir eine Schale Kaffee an. Doch während
-ihm Angst und Lüge deutlich in die Augenwinkel
-geschrieben stand, wagte er doch zu behaupten,
-mit der Frage der Ansiedlungen hätten
-sie nichts zu schaffen. So trat ich, ohne ein
-Wort meiner Bitte vorgetragen zu haben, wieder
-hinaus, die Treppe hinunter, an den Polizisten
-vorbei, die mit falschen Gesichtern in den
-Winkeln standen.
-</p>
-
-<p>
-Von Neuem breitet der Badewärter ein frisches
-Laken über mich. Ein wohliges Gefühl
-entfesselt alle Glieder. Aber schon im Halbschlaf
-sehe ich noch einmal die bloßen braungebrannten
-Füße des armenischen Knaben vor
-mir, die schon so viele Meilen in die Ferne gewandert
-sind. Seine dunklen Augen blicken
-fragend zu mir auf ... Manuel wird in der
-Wüste sterben. Ich habe ihn nicht wiedergesehen.
-</p>
-
-<hr class="footnote" />
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-3" id="footnote-3">[3]</a> der Hedschra.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-23">
-<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
-An die Großmutter
-</h2>
-
-<p class="date">
-Kospoli, den 12. November 1916.<br />
-An Bord des Corcovado, Goldenes Horn.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Nur diesen Gruß, mein greises geliebtes
-Haupt, nur dieses Wort, daß ich da bin, tausend
-Stunden näher an Deinem Herzen! Nichts
-mehr von Undank und Bitterkeit! Nichts von
-Vergangenheit, nichts von Zukunft! In dieser
-Stunde nur Freude! Daß ich zurückgekehrt
-bin mit unerhörten Reichtümern des Geistes
-und Herzens, mit unersetzbaren, märchenhaften
-Schätzen des Leides. Nun da ich hier bin, gerettet,
-um das Martyrium dieses Weges, für
-mich und alle Opfer, die er gekostet hat, immer
-von neuem zu durchleben, fühle ich, wie hinter
-mir die Wüste zu wachsen beginnt, Meilen und
-Meilen wandernd in das Ewig-Ungewisse hinein.
-Nun erst erkenne ich, wie fern, wie fremd ich
-Euch war. Aber ich fühle auch, wie in mir
-<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
-das Wiedergeborene sich aufhebt, wie tausend
-Stricke mich rufen: Spanne dich ein, den
-Schatz zur Höhe zu winden, den zu entdecken
-du in so weite Tiefen hinab mußtest!
-</p>
-
-<p>
-Sollte es mich dem gegenüber bedrücken, daß
-dieser Krieg noch immer nicht in sich selber zusammenbrach?
-Daß ich, zwischen unüberbrückbare
-Widersprüche und Welten gesetzt, mich
-zweifelnd umschaue, wohin ich die Schritte bewegen
-soll, vor mir die Hölle der Somme,
-in meinem Rücken die Wüste? In dem
-Rumpf eines alten Schiffes wohnend, in dessen
-Kajüten man die deutschen Soldaten einquartiert
-hat und das rostig, von Seemuscheln bedeckt,
-im Goldenen Horn vor Anker liegt, trete ich
-zuweilen an die Reeling. Und zwischen abgetakelten
-Seegelbooten, zwischen schwarzbauchigen
-Dampfern, deren eingeschlafene Schrauben von
-Seetang bedeckt sind, zwischen Schornsteinen,
-Brückenpfeilern und Speichern sehe ich die
-grauen Leiber der Schlachtschiffe schimmern. Ja,
-vielleicht werde ich morgen, von denen fortgeschickt,
-<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
-denen ich so lange gedient habe, dort
-über das Fallreep treten, die Hände an der
-Naht und die Füße zusammengeschlagen, mit
-der Bitte, mich anzumustern, wieder wie in
-Knabentagen eine Matrosenbluse und einen
-Schifferknoten zu tragen, von Seewind umjubelt.
-Aber dahinter steht ein anderes Bild, und die
-Hand auf das Geschütz oder die Fahne gelegt,
-inmitten des grauen Kasernenhofes einer herbstlichen
-Stadt, höre ich mich mit anderen die
-Worte sprechen: &bdquo;Ich, Armin Wegner, schwöre
-zu Gott dem Allmächtigen und Allwissenden
-einen leiblichen Eid, daß ich seiner Majestät dem
-Könige von Preußen zu Lande und zu Wasser
-...&ldquo; hier aber wird es plötzlich still
-um mich, und umgeben von einem kalten
-Schweigen höre ich einsam, als wären
-sie etwas Fremdes, Losgelöstes, von meiner
-Lippe die Worte fallen: &bdquo;Daß ich niemals
-einen Menschen töten werde, an welchen Orten
-der Erde es immer sei! Niemals das
-Geschütz oder Gewehr gegen meine fremden
-<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a>
-Brüder zu richten. So wahr mir Gott
-helfe!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da streift helle Sonne mein Gesicht. Ich
-sehe, wie die dunkle Welle, in die mein Blick
-noch eben träumend versenkt war, blauleuchtend
-zu blitzen und zu schäumen anhebt. Und ich
-begreife aus den Erfahrungen einer langen Jugend
-heraus, daß ich nicht mehr traurig sein
-darf, daß nie wieder etwas aufstehen kann, mich
-zu beugen oder zu brechen, so fratzenhaft Rätsel
-auch immer vor mich hintreten mögen, die zu
-lösen fast übermenschlich scheint und deren Ungelöstheit
-doch den Tod bedeutet. Sind wir
-nicht immer auf einer Reise begriffen? Ist die
-Küste nicht stets von Nebel verhüllt? Wenn
-ich des Nachts in meiner engen Schiffskabine
-liege, und mein Blick trifft aufwachend auf
-die Matratze des darüberliegenden Kameraden
-und die engen hölzernen Wände dieses vermodernden
-Kastens, in dem es nach Schwefel
-und Wanzen riecht, dann ist mir, als wäre ich,
-wie in vergangenen Jahren<a id="corr-2"></a>, auf irgendeiner
-<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
-abenteuerlichen Fahrt begriffen, als müßte ich
-beim ersten Schlagen der Glocke auf Deck und
-an die Brüstung eilen, eine fremde, märchenhafte
-Küste zu schauen oder ein grünes Ufer
-der Heimat, an dem auch Dein weißes Haar
-wehte wie eine seidene Fahne des Friedens.
-</p>
-
-<p>
-Wird es morgen sein? Wieviel Jahre werden
-vergehen? O, ich begreife, daß ich ein Recht
-habe, glücklich zu werden ... Freude! In
-dieser Stunde nur Freude! Nichts von Vergangenheit,
-nichts von Zukunft! War nicht
-jede See, die wir durchschwammen, nur der
-Vorbote eines größeren Meeres, in das wir
-uns stürzten, des geretteten Lebens froh und der
-neugewonnenen stärkeren Kräfte? O schöpferische
-Tat des Geistes, Kraft der Seele, die aus gemartertem
-Dasein geläutert emporsteigt, und du,
-gewaltigste Pflicht, die ich mich freudig bereite
-zu erfüllen, beglänzt von der Sonne des dreißigsten
-Jahres, zu schaffen, zu leben für Dich,
-mich, uns alle!
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-24">
-<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
-Inhalt
-</h2>
-
-<div class="table">
-<table class="toc" summary="TOC">
-<tbody>
- <tr>
- <td class="col1">&nbsp;</td>
- <td class="col_page">Seite</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">An die Großmutter</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-1">1</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">An die Frau eines im Kriege weilenden Soldaten</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-8">8</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">An die Eltern</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-12">12</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">An eine Schwester von Gül-Hane</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-16">16</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Traum auf dem Kelek</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-24">24</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">An Carl Hauptmann</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-27">27</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">An die Frau eines im Kriege weilenden Soldaten</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-34">34</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">An die Großmutter</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-44">44</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Ein Vermächtnis in der Wüste</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-48">48</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">An eine Freundin</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-60">60</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Brief an die Mutter</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-64">64</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Letzter Brief an die Eltern, Brüder, Freunde, Mitmenschen und Geliebten</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-78">78</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">An eine Freundin</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-85">85</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">An die Mutter</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-91">91</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">An die Mutter</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-99">99</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">An einen Freund</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-106">106</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Brief an die Eltern</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-112">112</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Der Triumph der Mutter</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-123">123</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">An Carl Hauptmann</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-133">133</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Die vierzig Tage und Nächte der Heimkehr (an Pater Joseph)</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-145">145</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Die vierzig Tage und Nächte der Heimkehr (aus dem Tagebuche)</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-152">152</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">An die Großmutter</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-173">173</a></td>
- </tr>
-</tbody>
-</table>
-</div>
-
-<div class="ads">
-<p class="big unwrap hdr">
-<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
-Werke<br />
-von<br />
-Armin T. Wegner
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="ads">
-<p class="hdr">
-<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
-Im Verlage von <em>Egon Fleischel &amp; Co.</em> erschienen
-</p>
-
-<p class="books">
-Zwischen zwei Städten 1909<br />
-Gedichte in Prosa 1910<br />
-Höre mich reden, Anna-Maria 1912<br />
-Das Antlitz der Städte 1917<br />
-Der Weg ohne Heimkehr 1919
-</p>
-
-<p class="hdr">
-<em>In Vorbereitung befinden sich:</em>
-</p>
-
-<p class="books">
-Im Hause der Glückseligkeit<br />
-Türkische Novellen
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="ads">
-<p class="big hdr">
-<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
-Das Antlitz der Städte
-</p>
-
-<p class="price">
-Preis geh. M. 3,&mdash;; geb. M. 5,50
-</p>
-
-<p>
-<em>Carl Maria Weber</em> in der <em>Bonner Zeitung</em>: Unter
-unsern zeitgenössischen Lyrikern hat kaum einer das Erleben des
-geistigen Großstädters, das benervte Schauen, das wollüstig-grausame
-Verfallensein an dieses Geröll von Lebendigem und Seelenlosem
-mit solcher Intensität gestaltet wie <em>Armin T. Wegner</em>. Visionen
-sind hier geballt von bedrückenden Schattendimensionen. Gläserne
-Dichte haben für ihn Mauern und Wände, kochende Lust und sieches
-Elend zudeckende Gewänder. Denn dieses Buch der Städte ist kein
-Bilderbuch (und keine ist irgend genannt; er meint <em>die</em> Stadt als
-dämonisches Wesen, Irrgarten der Leidenschaften, Denkmal menschlicher
-Kraft und Unnatur); er sagt auch &mdash; und zumeist vom
-Menschen aus, der sie schuf, der in ihr gefangen ist, an tausend
-Ketten zerrend, ihrem Mittelpunkt &mdash; wie er der Mittelpunkt der
-Welt überhaupt ist (oder doch sein sollte). Gesunde, unschwüle und
-unsentimentale (also unverlogene) Sinnlichkeit strahlt allenthalben
-auf &mdash; was Wunder, daß selbsthasserische, puritanische Schnüffelbolde
-zum Staatsanwalt liefen, der im Interesse der öffentlichen Moral
-auch (kurz vor der Revolution) gleich bei der Hand war, die Konfiskation
-des inkriminierten Buches zu veranlassen.
-</p>
-
-<p>
-<em>Hans Franck</em> in der <em>Frankfurter Zeitung</em>: Es gibt kein
-deutsches Versbuch, in dem das Gesicht der großen Stadt mit gleicher
-Wucht und Wahrhaftigkeit durch das Wort nachgestaltet wurde.
-</p>
-
-<p>
-<em>Richard Dehmel</em>: Und alle Lebensgluten sind mit der Ehrfurcht
-betrachtet, die das Häßliche wie das Schöne als gottgewollt liebt
-und das irdische Grauen himmlisch verklärt.
-</p>
-
-<p>
-<em>Nord und Süd</em>: Ein ethischer Wanderer ist er, großen Stils.
-</p>
-
-<p>
-<em>Josef Winkler</em> in der <em>Rheinisch-Westfälischen Zeitung</em>:
-Er ist der erste Sänger der modernen Großstadt, wie sie wirklich ist.
-Man behauptete mal, wenn nur eine Großstadt bestehen bliebe,
-könne diese mit ihren Menschen und Mitteln aus einem Weltuntergang
-unsere ganze Kultur neubauen. An diesen Ausspruch muß
-man denken vor dem Reichtum, den Wegner in seinem Buch aufdeckt:
-vom titanischen Rhythmus des ungeheuren Schaffens der zusammengeballten
-Millionen .... Ich begrüße ihn als einen wahrhaft
-schöpferischen, visionär begnadeten Dichter.
-</p>
-
-</div>
-
-<p>&nbsp;</p>
-<p>&nbsp;</p>
-<hr />
-<p>&nbsp;</p>
-
-<div class="trnote">
-<p id="trnote" class="transnote"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p>
-Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten.
-Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt
-(vorher/nachher):
-</p>
-
-<ul>
-
-<li>
-... des Todes bedeutet, <span class="underline">nnd</span> das der bekannte ...<br />
-... des Todes bedeutet, <a href="#corr-0"><span class="underline">und</span></a> das der bekannte ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... geboren. Als könnte ich <span class="underline">dir</span> heute nur all jene ...<br />
-... geboren. Als könnte ich <a href="#corr-1"><span class="underline">Dir</span></a> heute nur all jene ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... wie in vergangenen Jahren auf irgendeiner ...<br />
-... wie in vergangenen Jahren<a href="#corr-2"><span class="underline">,</span></a> auf irgendeiner ...<br />
-</li>
-</ul>
-</div>
-
-<p>&nbsp;</p>
-<p>&nbsp;</p>
-<hr class="full" />
-<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEG OHNE HEIMKEHR***</p>
-<p>******* This file should be named 55371-h.htm or 55371-h.zip *******</p>
-<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br />
-<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/5/5/3/7/55371">http://www.gutenberg.org/5/5/3/7/55371</a></p>
-<p>
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.</p>
-
-<p>Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
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-</p>
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-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br />
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-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
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-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
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-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
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-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
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-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
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-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
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- no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use
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- ebook.</p></blockquote>
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-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
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-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.</p>
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-<p>1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.</p>
-
-<p>1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.</p>
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-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.</p>
-
-<p>1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
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-<p>1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.</p>
-
-<p>1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that</p>
-
-<ul>
-<li>You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."</li>
-
-<li>You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.</li>
-
-<li>You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.</li>
-
-<li>You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.</li>
-</ul>
-
-<p>1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.</p>
-
-<p>1.F.</p>
-
-<p>1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.</p>
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-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
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-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
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-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.</p>
-
-<p>1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.</p>
-
-<p>1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.</p>
-
-<p>1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.</p>
-
-<p>1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause. </p>
-
-<h3>Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm</h3>
-
-<p>Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.</p>
-
-<p>Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org.</p>
-
-<h3>Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation</h3>
-
-<p>The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.</p>
-
-<p>The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact</p>
-
-<p>For additional contact information:</p>
-
-<p> Dr. Gregory B. Newby<br />
- Chief Executive and Director<br />
- gbnewby@pglaf.org</p>
-
-<h3>Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation</h3>
-
-<p>Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.</p>
-
-<p>The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit <a href="http://www.gutenberg.org/donate">www.gutenberg.org/donate</a>.</p>
-
-<p>While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.</p>
-
-<p>International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.</p>
-
-<p>Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate</p>
-
-<h3>Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.</h3>
-
-<p>Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.</p>
-
-<p>Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.</p>
-
-<p>Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org</p>
-
-<p>This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.</p>
-
-</body>
-</html>
-
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