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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-07 14:02:49 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - - -Title: Der Weg ohne Heimkehr - Ein Martyrium in Briefen - - -Author: Armin T. Wegner - - - -Release Date: August 16, 2017 [eBook #55371] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - - -***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEG OHNE HEIMKEHR*** - - -E-text prepared by Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading -Team (http://www.pgdp.net) from page images generously made available by -the Google Books Library Project (https://books.google.com) - - - -Note: Images of the original pages are available through - the Google Books Library Project. See - https://books.google.com/books?id=EnDHAAAAMAAJ&hl=en - - - - - -DER WEG OHNE HEIMKEHR - -Zweite Auflage - - -ARMIN T. WEGNER - -DER WEG OHNE HEIMKEHR - -Ein Martyrium in Briefen - - - - - - -Im Sibyllen-Verlag zu Dresden - -Alle Rechte, besonders das der -Übersetzung, vorbehalten. -Copyright 1920 by -Sibyllen-Verlag, G. m. b. H., -Dresden. - - - Für ein greises geliebtes Haupt - - - Die große Palme und der kleine Schößling sind - dahingegangen. - Ich blieb allein zurück. - - Aus einem arabischen Liede. - - - - - - -Diese Briefe reden vom Tode, manche sind an Tote gerichtet. Als ich sie -schrieb, wußte ich nicht, daß ich sie einmal zu einem Buche vereinen -würde. Aber im Angesicht der Vernichtung, unter dem fahlen Horizont -einer ausgebrannten Steppe, wurde unwillkürlich der Wunsch in mir wach, -in diesen vielleicht letzten Äußerungen des Daseins über die -persönlichen Freunde hinaus einer größeren, unsichtbaren Gemeinde etwas -von dem zu sagen, das mich bewegte. Dieser Wunsch schlief auch dann -nicht ein, als ich in schwerer Stunde aus den Mauern einer auf viele -Meilen in die Einsamkeit verbannten Stadt jenen letzten Abschiedsbrief -schrieb und nach menschlichen Überzeugungen mit dem Tode rechnen mußte. -Damals wurden einige dieser Briefe in Deutschland gedruckt, wo sie -leidenschaftliche Erregung erweckten; einer, den die Zensur aufgriff, -verursachte später meine Rückberufung aus der Türkei. Dies, sowie die -empörte Anteilnahme, die mich zu jenem unglücklichen Volke zog, dessen -furchtbaren Untergang ich erleben mußte, waren der Grund, daß man mir -nach meiner Rückkehr aus Bagdad die Bitte, auch weiterhin in diesem -Lande zu verbleiben, das ich durch die Erhabenheit seiner heroischen -Landschaft, die Fülle der erfahrenen Leiden liebgewonnen hatte, -versagte. Als sich meine Abreise von Konstantinopel durch die -Schwierigkeiten der Behörden verzögerte, wurde ich durch Soldaten der -deutschen Militärmission verhaftet und bis zu meiner zwangsweisen -Abfahrt auf einem Dampfer im Goldenen Horn interniert. - -So blieben diese Briefe nicht nur Angelegenheit der Wenigen, für die sie -bestimmt waren, sondern wurden zu dem Bekenntnis eines von Schmerzen -erfüllten Weges, bemüht, einen Ausdruck zu finden für die Kämpfe des -Menschen dieser Zeit, als noch der Glaube einsamer Seelen war, was viele -jetzt laut auf den Lippen tragen. Zwar: die alte Erde umgibt mich -wieder. Dennoch sollte auch ich von jener traurigen Straße, auf der ein -unbekanntes Schicksal mich verschont hatte, nicht wieder zurückkehren. -Ist es das eigene Herz, das ich verwandelt sehe? Ist es der Atem der -getöteten Heimat, die mich vergeblich nach Menschen, Gedanken, Zuständen -suchen läßt, die ich verlassen habe, um sie nie mehr zu finden? - -_Berlin_, Januar 1919. - - A. T. W. - - Der Weg ohne Heimkehr - - - - - An die Großmutter - - - Konstantinopel, den 24. Oktober 1915. - In einem Hotelzimmer. - -Wie lange liegt nun der letzte Tag wieder hinter mir, ich kann seine -Küste nicht mehr schauen. Ich weiß nicht, war ich der Schwimmer, der -sich mit einem jähen Ruck von seinem Strande losriß, oder war es das -Land selbst, das sich ablöste von mir, das eine unendliche Weite -zwischen uns stieß, während ich, die geliebte Küste vor Augen, hinter -der Brandung kämpfe, die mich immer weiter hinausträgt. Noch sehe ich -das Haar Deiner Schläfe, das sanfte, melancholische Blau Deines Auges. -Aber hier ist nur noch Nebel, ich kann es nicht mehr unterscheiden. - -Mein alter Kamerad! Denn so darf ich wohl sagen, nun wir zehn Jahre und -mehr miteinander geschritten sind. Du freilich schon länger mit mir. -Aber erst in späteren Tagen fingst Du an, mir jene tiefe Liebe -entgegenzubringen, hinter der mein Dank nur immer zu weit zurückbleibt, -vor der alle Hoffnungen und Ergebnisse meines Lebens nur die Früchte -Deiner Mühen und Zärtlichkeiten sind. Diese Liebe, die es dazu gebracht -hat, daß eine alte Frau, mit den unendlichsten Augen, die ich kenne, -weißhaarig und schon einmal vom Tode umfangen, immer das Glück und die -Weisheit meiner Jugend gewesen ist. - -Ich habe den Vater wiedergesehen. Ich fand ihn, eine alternde Ruine, dem -Umfallen nahe. Aber dies war es nicht allein. Zwei Stunden ehe ich -reiste, der Wagen war bestellt und wir saßen beim Nachtmahl, schwankte -der Vater, von einer plötzlichen Übelkeit befallen, gegen den Tisch. -Eine Leichenblässe stieg ihm mit schreckhafter Geschwindigkeit in das -Gesicht. Mutter und ich sahen ihn an. Wir saßen ganz ruhig. In der Tiefe -meines Herzens war ein Geräusch, als hämmerte jemand unten im Keller. -Wir dachten beide dasselbe, wir dachten daran, wie Großvater gestorben -ist. Ich fühlte eine grauenhafte Leere durch meinen Körper gehen. Aber -es war nur ein Augenblick, dann ging es vorüber, noch einmal vorüber. -Wir legten den Vater auf das Sofa und ihm wurde bald besser. Aber wir -hatten alles in dieser einen Sekunde gefühlt. Mutter begann unter der -Last dieses Schreckens zu weinen. Hatte sie ihn nicht einst geliebt? Ich -aber fühlte, was ich immer gewußt habe, daß dieser Tod nur ein -Schrecken, kein reiner Schmerz für mich sein wird. Sollte ich die -Ursache meines Daseins nicht lieben? Sollte ich die Ursache meines -Daseins nicht hassen? Ich sah das Gesicht meiner Mutter, die eine -Sekunde lang um dieses Leben gebangt hatte, und eine furchtbare Angst -ergriff mich. Der Arzt kam. Aber ich konnte meine Gedanken nicht -zusammenhalten, ich verstand nicht, was er sagte, und blickte wie ein -Abwesender an ihm vorüber. - -Man sagte mir, ich sollte reisen. Erleichtert atmete ich auf. Welch eine -furchtbare Marter wäre es mir gewesen, um dieses kranken Vaters willen -zu bleiben. Wie gerne hätte ich um eine Stunde an der Seite dieser -schmerzzerrissenen Mutter gebettelt. Aller Besinnung beraubt rannte ich -durch die Wohnung wie durch die Räume eines brennenden Hauses und -schaute mich voll Verzweiflung um, was ich noch aufraffen und mitnehmen -könnte. Mein Auge fiel auf das Antlitz meiner Mutter. Aber dies war kein -Bild, das ich in die Hand nehmen und forttragen konnte. Jetzt löste es -sich ab von mir, schwankte, ein tränenbeladener Kahn, in den Abgrund -hinunter. Mein Vater stand neben mir, aber es war nicht, als stände ein -Mensch an meiner Seite, ein Turm vielleicht, ein wankender Torbogen, -durch dessen Öffnung ich unaufgehalten hindurchschritt. Er hat mir kein -Wort der Liebe zum Abschied gesagt, und ich ging doch hinaus, um bei dem -Tode zu wohnen. Ich streichelte über seine runzlige Wange, wie man über -die Risse eines alten Topfes streicht, ob man sie noch einmal zukitten -könne, und fühlte, wie unfähig ich war, diesem alternden Manne noch -jemals eine Freude zu bereiten. - -Ich fuhr alleine zum Bahnhof. Fuhr in die Nacht hinaus, die grauenvolle -Ruine dieses Gesichtes im Gedächtnis und das tränenüberströmte Antlitz -meiner Mutter (o du über alles geliebte Landschaft im Regentag!), die in -diesem Augenblick zwei Menschen zu verlieren fürchtete. Ich legte meinen -Kopf zwischen die Soldaten auf die Holzbank, froh, Deutschland wieder -hinter mir zu haben, und auch der Herzschlag des Zuges, der mich sonst -noch in den traurigsten Stunden, das Rollen der Räder und die wandernde -Landschaft unter mir, mit Freude erfüllt hatte, konnte mir keine -Erlösung bringen. Auch in meiner Seele war nichts als Lärm und -Räderrollen. Ich war selbst nur ein Rad, mit rasender Geschwindigkeit um -seine eigene Achse gedreht, und in diesem trostreichen Bewußtsein ging -alles Denken unter. - -Die Reise, durch Mühsal und Häßlichkeiten auseinander gezerrt, dehnte -sich über viele Tage, und je länger sie währte, um so mehr wuchs der -Abgrund, der sich zwischen mich und Deutschland stellte. Erst heute habe -ich das Buch geöffnet, das du mir mitgegeben hast, habe die Bezüge für -das Kopfkissen gefunden, Deine Zeilen gelesen. Heute nacht werde ich -darauf schlafen. Wieder sehe ich Deine großmütterliche Stirn sich auf -mich neigen. Wie das Gaslicht auf der schwarzen Seide Deines Kleides -glänzt. Fühle die weiche Blüte Deines Mundes an meinem Kinn. Mein alter -Kamerad, warum wurdest Du, fünfundsiebzigjährig, nicht nach mir geboren, -um an meiner Seite, meine Gefährtin, noch lange über diese Länder zu -schreiten? Einmal wirst Du sterben und ich werde nicht bei Dir sein. -Einmal werde ich sterben und Du wirst nicht bei mir sein. Ach, der Krieg -hat alle Brücken zerbrochen. Zu sterben ist die letzte Freude geblieben, -aber auch diese noch ist nicht ungetrübt. Der erste meiner Freunde hat -die Stufe des Todes betreten, der zweite den Fuß auf seine Schwelle -gesetzt. Ich fühle, wie sich die Wage mit Toten füllt. Werde ich Leben -genug in mir haben, um allein in der anderen Schale das Gleichgewicht zu -halten? Doch ob ich auch hier an der alten Straße der Glückseligkeit -zwischen trojanischen Münzen und türkischen Soldatengräbern verfaulen -sollte, ein betrogener Liebhaber des Lebens, glaube nicht, daß ich Dir -verloren ginge, bin ich doch nur, Du Gütigste über der Erde, ein Enkel, -ein Teilchen, das Ende eines Knöchelchens von Dir. - - Dein junger Kamerad. - - - - - An die Frau eines im Kriege weilenden Soldaten - - - Pera, den 7. November 1915. - Mit dem Blick auf das Goldene Horn. - -Wenn du diesen Schlüssel wieder in Händen hältst, meine Liebe, so denke -daran, daß ich ihn an jenem letzten Tage bei mir getragen habe, als ich -mit Dir eine finstere Treppe hinaufstieg, um auf einer kalten Diele die -Wärme Deines Leibes zu finden. Durch so viele Länder, durch so viele -verschiedenartige Stunden des Tages habe ich ihn bei mir getragen, das -Letzte, was ich von Dir besaß, und jedesmal, wenn ich ihn zufällig in -meiner Tasche fühlte, weckte er alle heißen, o so greifbar nahen Bilder -von neuem in mir auf, daß ich ihn lieb gewonnen habe und mich nur ungern -von ihm trenne, als wäre dies nicht nur der Schlüssel zu Deinem Hause, -sondern auch Deines Herzens und der Pförtner aller Glückseligkeit. Das -erste Mal fühlte ich ihn bei mir, als ich in Budapest in einem -Kaffeehaus einer schwarz gekleideten Dame gegenüber saß, die mit ihrem -Schoßhund spielte: »_O mon Joujou, que veux tu donc? As tu faim?_ Denn -Sie müssen wissen, mein Herr, er ist ein kleiner Franzose. Er ist aus -Paris geflohen und hat Lüttich mitgemacht. _Ah mon petit, donne moi un -baiser ...!_« Und sie reichte ihm ein Stückchen geröstetes, mit Butter -bestrichenes Brot. In Bukarest aber legte ich den Schlüssel wie eine -Waffe vor mir auf den Nachttisch, ängstlich auf jeden Schritt in den -weiten Hotelgängen lauschend, erschrocken wie ein Spion, verhaftet zu -werden, aufgespießt von den Blicken der Vorübergehenden, und nach einer -Bahnfahrt, auf der ein Franzose ohne Aufhören mit gehässigem Lachen das -Bild unseres Kaisers in den Schmutz zog. »_Ah, le Kaiser, le fou_«, -sagte er, sich den Schnurrbart streichend, fett und widerwärtig wie ein -Flaubertscher Landpächter. - -Schließlich ließ ich den Schlüssel auf der Galatabrücke in der hellen -Sonne funkeln, als ich Dein liebes Bild und die ersten Zeilen von Dir in -der Hand hielt. Nun, hier ist er, Erinnerung, Glücksbringer, Waffe und -Reisebegleiter, ein kleines eisengepanzertes Schiffchen, das -liebebeladen in den Hafen zurückschwimmt, das Dir Grüße und Dank bringt -für jene von Dir so rührend mit eigener Hand gebundenen portugiesischen -Briefe, die ich so sehr liebe und die mich immer von neuem in Erstaunen -setzen, daß es in der Tat Frauen gegeben hat, die zu lieben wußten. Ach, -ich könnte mir vorstellen, daß Du, des Schlüssels beraubt, die ganze -Zeit über gefangen in Deinem Hause gesessen hast, nur mit meinem -Schatten lebend, und dieser Gedanke könnte mich fast bewegen, ihn auch -jetzt bei mir zu behalten und weiter mit in die Wüste zu nehmen, wohin -ich in diesen Tagen reise. Über das schimmernde Wasser blickend, neige -ich mich in der heißen Sonne über die Brüstung, und nachdem ich so viele -kostbare und unwiderbringliche Schätze in den grundlosen Brunnen des -Frauenherzens hinabgeworfen habe, überkommt mich eine warme Verlockung, -in stiller Hingegebenheit nichts zu schenken und alles von Dir zu -empfangen. - - - - - An die Eltern - - - Konstantinopel, den 2. Nov. 1915. - Geschrieben in der warmen Sonne des Herbstes. - -Wenn Euch diese Zeilen erreichen, Ihr Lieben, werde ich schon weit von -diesem Lande sein. Ich reise nach Bagdad. Gestern bin ich in die -Militärmission eingetreten, man hat mich all meiner Chargen beraubt, und -ich bin nichts als ein einfacher Sanitätssoldat, mit einer so niedrigen -Löhnung, daß ich nicht weiß, wie ich leben soll. Ich werde zwischen -türkischen Soldaten schlafen und mich von Abfällen nähren wie eine -Ratte. Dennoch habe ich Glück gehabt. Ich bin dem Stabe des -Feldmarschalles von der Goltz als Krankenpfleger zugeteilt. Wie sehr -habe ich mich um diese Stelle bemüht. Fünf Tage lang suchte ich meinen -beschleunigten Puls durch Pantopon und Tinktura Valeriana zu beruhigen, -um tropentauglich befunden zu werden. Dabei jagte ihn meine innere -Erregung, die fieberhafte Begierde, den Weg dieses Krieges wenigstens -für mich stets aus eigener Kraft und nun wieder neu zu gestalten, -jedesmal über achtzig Schläge hinauf, sobald ich die Treppe des -Kriegsministeriums betrat. - -Dennoch: es ist mir gelungen. So behalte ich das Ruder meines Lebens in -der Hand. Ich werde Bagdad, werde den Tigris, Mossul und Babylon sehen. -Ich bin mir wohl bewußt, welchen Schritt ich getan. Ich habe aufgehört, -ein freiwilliger Pfleger zu sein, bin ein Soldat geworden wie andere, -meine Seele ist vogelfrei, man kann mich nach Deutschland und in die -Gräben von Soissons schicken, man kann tun mit mir, was man will. -Schließlich kann in einem so langen Kriege auch ich nicht ewig dem -dunklen Lasso entgehen, der ständig um unser Haupt schwirrt. Denn -niemand kann die Wechselfälle des Lebens voraussehen, die mich immer -gerüstet finden, wenn es sein muß auch zum Tode. - -Aber, wenn es dahin kommen sollte: ich sterbe für mich, nicht für das -Vaterland. Wie unsagbar traurig bin ich, daß ich es nicht um der -Menschheit willen tun kann. Dennoch habe ich diesen Schritt getan, habe -mein Leben eingesetzt für die Schätze meiner Seele. Wie glücklich ich -bin. In einer Woche werden wir reisen. Seht ihr jene Kavalkade von -Reitern, mit fliegendem Kalpak, mit klirrendem Säbel, schaukelnden -Epauletten und goldenen Schnüren über der Brust? Wie sie am Rande der -Wüste hinreiten, jetzt durch Wasser, jetzt einen Hügel hinan. Unter -ihnen ist einer von schlanker Gestalt, groß, den Kopf ein wenig -vornübergebeugt. Wie gut ihm die Uniform sitzt, ist es einer der -Offiziere? Nein, er trägt keine Abzeichen, geht nur wie ein Gemeiner. Es -ist Euer Sohn. Er ist glücklich, auch hier das Leben als ein -Untergebener kennenzulernen; denn nie sehen wir die guten und schlechten -Seiten der Menschen so scharf, als wenn sie unsere Vorgesetzten sind. -Mit zitternd geöffneten Augen folgt er ihnen, immer gewillt zu -verzeihen, der Liebe zu dieser Erde voll, und immer bereit, sich vor dem -Leben zu beugen. - -Noch gestern bei Euch, jetzt an diesem Tische. Noch eben in dieser -Stadt, nein, schon wieder fort, auf anderer Straße. Wo heute? Wo morgen? - - Deutsche Militärmission, Sanitätssoldat. - - - - - An eine Schwester von Gül-Hane - - - Marga v. Bonin, ertrunken am 14. Oktober 1917 in der - Treskaschlucht. - - In einer Bretterkantine zu Ras-el-Ain, - den 26. November 1915. - -Meine liebe Diestel und Ihr andern Blumen im Rosenhaus! Noch sehe ich -Sie in weißen Hauben durch die Säle schreiten wie durch einen -leuchtenden Garten. Aber die Rosen, die unter Ihren Händen aufblühen, -sind blutende Wunden. Welch ein trauriger Brief ist das, von einer immer -gut gelaunten, lustig zerzausten und höchst garstigen Diestel? Man -reichte ihn mir in Bosanti in den Zug, und wieder sah ich Ihre etwas -bestürzten Gesichter vor mir, mit denen Sie mich zur Bahn begleiteten. - -Heute sind wir über den Amanus gefahren, vor zwei Tagen über den Taurus. -Nur von spärlichen Kiefernwäldern bewachsen, erhob sich seine steinerne -Masse wie die unter zu kurzer Decke sich dehnende, unendliche Nacktheit -eines sonnenverbrannten Bettlers. Als wir im Lastauto bis zur -Seekrankheit hin und her geschüttelt, bei fast vollem Mond in die -geisterhafte zilizische Ebene hinabflogen, den Staubschweif der -Landstraße hinter uns herziehend, deutete jemand über den Rauch -nächtlicher Zeltdächer, die einsam in der Ebene standen, auf einen -hellen Streifen in der Ferne, wo die Flammen verbrannter Baumwollstauden -in die Finsternis leuchteten. Dort mußte das Meer liegen. Und wie ich -Abschied nehmend zum letzten Mal seine Wellen in der Ferne erblickte, da -schickte ich Ihnen so viele Grüße in Ihr meerumgürtetes Haus und dachte -wieder: Sie haben doch das Meer, da kann es Ihnen nie wirklich schlecht -gehen! Wie schön, wenn am Abend die schwarzen Winterstürme heraufkommen -und die Seelen der abgestorbenen Hunde von Oxia herüberbellen. Sich dann -in dieser dunklen Stunde eine Kerze anzuzünden (liebe Kerze, liebe -kleine Seele ...), bedarf es mehr, um glücklich zu sein? - -Sie sagen, wenn gute Wünsche etwas vermöchten, könnte mir nie ein -Unglück zustoßen, und fast will ich glauben, daß Sie recht haben. Ich -fühle, daß ich lange nicht so lebendig gewesen bin, wie in diesen Tagen, -trotz alles Elends, das mich umgibt. Denn die Ränder aller Straßen sind -mit den jammernden und hungernden Gestalten armenischer Flüchtlinge -besetzt, durch deren wimmernde, schreiende, bettelnde Hecke, aus der -sich tausend flehende Hände recken, unsere Seelen ein schmerzliches -Spießrutenlaufen beginnen. - -Eben, da ich diese Zeilen schreibe, bin ich von einem Gang durch das -Lager zurückgekehrt. Von allen Seiten schrien Hunger, Tod, Krankheit, -Verzweiflung auf mich ein. Geruch von Kot und Verwesung stieg auf. Aus -einem Zelte klang das Wimmern einer sterbenden Frau. Eine Mutter, die an -den dunkelvioletten Aufschlägen meiner Uniform meine Zugehörigkeit zur -Sanitätstruppe erkannte, eilte mit erhobenen Händen auf mich zu. Mich -für einen Arzt haltend, klammerte sie sich mit letzter Kraft an mich -Ärmsten, der ich weder Verbandmittel noch Arzeneien bei mir trug und dem -es verboten war, ihr zu helfen. - -Dies alles aber wurde übertroffen durch den furchtbaren Anblick der -täglich wachsenden Schar verwaister Kinder. Am Rande der Zeltstadt hatte -man ihnen eine Reihe von Löchern in die Erde gegraben, die mit alten -Lappen bedeckt waren. Darunter saßen sie, Kopf an Kopf, Knaben und -Mädchen in jedem Alter, verwahrlost, vertiert, verhungert, ohne Nahrung -und Brot, der niedrigsten menschlichen Hilfe beraubt und vor der -Nachtkälte schaudernd aneinander gedrängt, ein kleines Stückchen -glimmende Holzasche in der erstarrten Hand haltend, an dem sie -vergeblich versuchten, sich zu wärmen. Einige weinten unaufhörlich. Ihr -gelbes Haar hing ungeschnitten über die Stirn, ihre Gesichter waren von -Schmutz und Tränen verklebt. Andere lagen im Sterben. Ihre Kinderaugen -waren unergründlich und von Leiden ausgegraben, und obwohl sie stumm vor -sich hinblickten, schienen sie doch den bittersten Vorwurf gegen die -Welt im Antlitz zu tragen. Ja, es war, als hätte das Schicksal alle -Schrecken der Erde an den Eingang dieser Wüste gestellt, uns noch einmal -zu zeigen, was uns erwartet. Entsetzen ergriff mich, daß ich klopfenden -Herzens aus dem Lager eilte, und obwohl ich auf flacher Erde -dahinschritt, erfaßte mich Schwindel, als bräche der Boden zu beiden -Seiten in einen Abgrund zusammen. - -Die Täler aller Berge, die Ufer aller Flüsse sind von diesen Lagern des -Elends erfüllt. Über die Pässe des Taurus und Amanus zieht sich dieser -gewaltige Strom eines vertriebenen Volkes, jener Hunderttausende von -Verfluchten, der um den Fuß der Berge brandet, um, schmäler und schmäler -werdend, in unabsehbaren Zügen in die Ebene hinabzugleiten und in der -Wüste zu versickern. Wohin? Wohin? Dies ist ein Weg, von dem es keine -Heimkehr gibt. Und ihnen nach blicke ich auf den Weg, den ich selber -beschreiten werde, und denke mit einer mir ungewohnten und merkwürdigen -Härte des Gefühls: diese erfüllen ihr Schicksal, erfülle du das deine! - -So sitze ich denn in dieser offenen Bretterbaracke, vor der langhaarige -Kinder mit wilder Gier die fortgeworfenen Schalen der von uns verzehrten -Orangen verschlingen, sitze die langen Abende auf den kleinen Bahnhöfen -ohne Licht in den Eisenbahnzügen und führe mit den Kameraden die -heitersten Gespräche über den Tod. Da sind alte Farmer aus Südwest unter -uns, der Gesandte für Persien, ein Stabsoffizier aus Chile. Männer, die -ihr halbes Leben in China oder in den Kolonien verbrachten, deutsche -Kaufleute aus Basra und Teheran. Die Nachricht, daß die Schamas die -Euphratlinie gesperrt halten, hat sie in die munterste Laune versetzt; -sie erzählen denen, die zum ersten Male dieses Land betreten, von seinen -vielen und mancherlei merkwürdigen Gefahren. Die reichhaltigste -Speisekarte schöner Todesarten wird aufgetischt: Beduinen werden dich, -an ihren Roßschweif gefesselt, durch die Steppen schleifen. Nichtsahnend -wirst du zu einem Bartscherer gehen und dich mit tödlicher Seuche -anstecken. Die schönen Weintrauben, die du verzehrst, lassen dich an -Cholera erkranken. Aus der Erde unter deinem Zelt kriechen Tausendfüßler -und Skorpione. Eiternde Beulen werden dein Gesicht zerfressen, sie -entstellen dir Nase, Stirn und Mund. Kurden werden dir die Eingeweide -aufschlitzen, Perser die Ohren abschneiden. Nackt und zerfleischt -flüchtest du todkrank nach Bagdad oder dein Leichnam bleibt an der -Straße liegen, den Schakalen zum Fraß. Und das alles erzählt man dir mit -lächelndem Auge, als wäre der Tod das heiterste Schaustück der Welt. Und -auch du lächelst, gehst schlafen und beschließt im stillen bei dir -achtsam zu sein, kein ungekochtes Wasser zu trinken, um im nächsten -Augenblick zu entdecken, daß man dein Kochgeschirr in einer -übelriechenden Lache reinigt, die die Flüchtlinge mit ihren Exkrementen -beschmutzt haben. - -Ja, liebe Schwester, man muß an das Glück seines Schicksals glauben! -Darum fürchten Sie nicht für mich, wenn ich jetzt so fremden und -ungewohnten Dingen entgegengehe, und vergessen Sie das ein wenig -durchscheinende Gesicht, mit dem ich Abschied von Ihnen nahm. Erinnern -Sie sich stets daran, daß es Pflanzen mit blassen Blättern gibt, die, -wenn sie auch oben welk aussehen, an der Wurzel noch frische Kräfte -haben. Zu diesen gehöre ich. - -Daß Sie hier wären! Den Tag über mit mir im Sattel zu sitzen und in die -Steppe hinauszureiten, das wäre ein Leben so recht nach Ihrer Lust und -ein Gedenken Ihrer nordischen Heide. Ja, hätten Sie es wahrgemacht und -wären ein Junge geworden. Aber nun ist es zu spät, und wenn ich Ihnen -auch ein paar Männerhosen schickte, so lang, daß sie selbst für eine -hagere und ausgewachsene Diestel reichten ... es wäre doch zu nichts -nütze. - - 8 Uhr morgens, drei Stunden vor Aufbruch. - - - - - Traum auf dem Kelek - - - Auf dem Tigris, - den 10. Dezember 1915. - -Was meinen Sie nun, daß ich hier bin, an einem so sagenhaft schimmernden -Brunnen aller Zeit? Seit zwei Tagen treiben wir den Strom hinab. Unter -Schilfdächern, auf dem bewegten Boden luftgefüllter Schläuche, Hütten -und Menschen auf einer flachen Hand. Zwischen Hühnern, Kisten und -Wachtsoldaten liege ich auf der Matte, die Glieder vom langen Ritt durch -die Wüste schmerzend, noch fröstelnd von der Kälte der eisigen Nächte, -die das Wasser in unsern Schüsseln gefrieren ließ. Und das Floß dreht -sich, ein lose auf den Wellen treibendes Blatt, bald hier, bald dort das -Ufer berührend, um langsam weiter den Strom hinabzugleiten. - -Hier also sprang die Welt aus dem Mutterschoß. Aber die Brüste sind -lange versiegt, die so fruchtbare Milch gaben, und welcher Fluch muß -diese Erde getroffen haben, daß sie so voller Erbarmen um Wasser -bettelt. Und dennoch: _ex oriente lux_. Denn hier bin ich und meine -Sonne leuchtet. In ungeheurer Stummheit gleitet die Landschaft vorüber. -Weite Steinhalden, ausgetrocknete Flußbetten, die Luft mit Schwefel -erfüllend, Urweltbilder, Sonnenuntergänge, schwarz, schwarz, blaurot, -Berge wie Sarkophage. Und ich warte, warte: wann wird dieses Land seine -Lippen öffnen, die der Staub verklebt hat, die welk wurden von -Jahrhunderte altem Schweigen, um zu mir zu reden? - -Wenn es dunkelt, binden wir das Floß an einen Stein am Ufer, stolpern -ein paar Schritte in das finstere Land. Hier sitzen Soldaten um ein -Zelt, eine Flamme loht in die Dunkelheit. Und wieder lege ich den Kopf -zum Schlafe nieder. Nun aber treten aus dem verlassenen Haus die -Gedanken, treten aus der Tür und beginnen ihre Wanderung. Sie entweichen -über das Meer. Ich bin zu Hause, ich begrabe meinen Vater (die Vorhänge -der Fenster sind herabgelassen). Ich bin bei meiner Geliebten, sie gibt -sich mir hin, zitternd besteige ich ihr Lager. Doch welche plötzliche -Erregung ergreift mich? Eifersucht verbrennt meine Seele. Bald bin ich -in einer Stadt, die vom Feinde erobert wird. Ich werde gefangen -genommen, erschossen als Spion. Es ist die letzte Stunde meiner -Großmutter, schluchzend schreite ich hinter ihrem Sarge her. - -Nun ist es Morgen. Aber wie seltsam blickt dieses Haus der Gedanken; -Staub liegt auf der Schwelle seiner Tür. Ich fühle, wie ich müde -geworden bin, so endlose Fernen liegen hinter mir. Lautlos gleitet das -Floß weiter den Strom hinab. Es ist Tag. Aber sollte ich nicht jetzt -erst zu schlafen beginnen? - - - - - An Carl Hauptmann - - - Bagdad, den 25. Januar 1916. - Diesseits des Tigris. - -Glauben Sie mir, mein verehrter väterlicher Freund, daß ich es gewiß -nicht weniger bedauert habe, diesmal auf die Pilgerfahrt nach dem -geliebten Hause verzichten zu müssen und wieder in die Wüste zu ziehen, -ohne in Mekka zu beten. Eine Stunde an Ihrer Brust, welche Paradiese -trüge der Mund nächtlicher Gespräche in diese fremden und durchaus nicht -eintönigen Tage! Ach, ich höre Sie reden, sehe, wie Sie Ihr Gesicht im -Schein der hohen Lampe nach vorne beugen, mir aus einem neuen Werke -vorzulesen, sehe, wie Sie die Augen schließen, mir zuzuhören, wenn ich -selber erzähle. Aber statt dessen floh ich, von dunklen Bedrückungen -verfolgt, aus Deutschland. War ich nach Hause gekommen, um neue -Schmerzen zu den alten zu tragen? Man will es mir zum Vorwurf machen, -daß ich die Güte verkenne, die mir aus so vielen Herzen daheim liebend -entgegenkam. Aber vielleicht werden Sie es verstehn, wieviel leichter -uns die Heimat verwunden kann als die Fremde. - -Ich habe Frau Maria wiedergesehen. Sie ist bei mir in meiner alten -Wohnung gewesen, die nun, zusammengewürfelt, bunte Dinge in einem -Spielzeugkasten, hinter der verbotenen Tür verschlossen liegt. Ein -höchst ernsthaftes, tyrannisches Spielzeug, und vielleicht, wenn Frau -Maria das stumme Märchen der Möbel zu deuten weiß, hat sie auch Ihnen -davon erzählt. Aber welche Schicksale liegen zwischen gestern und heute! -Welche himmlische Heiterkeit erfüllt meine Seele! Jede Krankheit ist -eine Brücke, die am Tode vorübergeht. Und so schritt ich durch diese -letzte (ich war an Typhus erkrankt), wie ein gepanzerter Erzengel das -Fegefeuer teilend, griff unter mir in die Flammen hinab, um auch noch -fremde Seelen mit mir gerettet ans Licht zu tragen. Es waren die -seltsamsten Fiebernächte, deren ich mich erinnern kann, und verwundert -betrachte ich die Schätze, die sie mir zurückließen, ein Schwammtaucher -und Perlenfischer, der erst an der Oberfläche erkennt, was ihm die Tiefe -gebracht hat. Ich habe einen ganzen Umkreis geschrieben, eine -vielstimmige Vision des Leidens, wie ich sie im Herbst des ersten -Winters in Polen erlebte. Daneben eine Anzahl Gedichte, die nun schon -alle der »Straße mit den tausend Zielen« angehören. Daß ich ein Buch -Erlebnisse aus der Türkei in Arbeit nahm, erzählte ich Ihnen schon, eine -Sammlung von Tragik, Buntheit und Ironie, auch eine Frucht dieser -Krankheit. Aber das sind kleine Anfänge gegenüber weitliegenden Plänen, -die ich nur flüchtig aufzeichnen konnte, Arbeiten für spätere Jahre. - -Glauben Sie übrigens nicht, daß diese Dinge alle mit dem Kriege -zusammenhängen; was wir ständig vor Augen haben, steht unserm Herzen oft -am fernsten. Und wie will ich dann, wenn ich heimgekehrt bin, mir Ihren -Fleiß zum Vorbild nehmen! Wie will ich mir ständig jene Unermüdlichkeit -und Strenge vor Augen halten, jenen grausamen Fleiß, der das Glück der -Schaffenden ist, jene einsame Lampe in der Winternacht Ihres Gartens, -hinter der Ihr Haar grau wurde, auf daß das Werk sich gestalte, zu dem -wir berufen sind. »Und nur ein Fremdling sitzt mit Euch bei Tische ...« -wie sehr habe ich beim Schreiben dieser Zeilen Ihrer gedenken müssen. -Übrigens ertappte ich mich neulich beim Zeichnen an dem Plane eines -Bauernhauses, und ich glaube, es sollte in Ihren Wäldern stehen. Auf daß -ich immer den Atem Ihrer Emsigkeit fühle! Wie in all den andern Jahren, -haben Sie auch in diesem blutigen Herbste Europas die friedliche Kelle -nicht aus der Hand gelegt. Schon winkt der Richtkranz, mit bunten -Bändern geschmückt, über dem neuen Hause, und gewiß ist das Dach -inzwischen lange vollendet. Wo ist Tobias Buntschuh? Er erscheine! Ich -habe nach Deutschland geschrieben, daß man mir Ihre Bücher schicken -soll, und wenn ich schließlich all die papiernen und weisheitsvollen -Freunde, die sich auch hier in meiner Kiste sammeln, nicht mehr mit mir -schleppen könnte, nirgends gäbe es so gute Gelegenheit, sie fremden -Menschen zu Gefährten zu geben, als hier. Oder meinen Sie nicht, daß des -Tobias Seele auch aus der Bibliothek der deutschen Schule in Bagdad zu -denen sprechen könnte, die Ohren haben zu hören? - -Glauben Sie nicht, daß dieses öde und ausgehungerte Land leer sei an -edlen und empfängnisreichen Herzen! So begegnete ich eines Abends in -Aleppo im Hause eines deutschen Kaufmanns der wundersamsten Frau, die -ich seit Jahren getroffen. Geistreich, liebenswürdig und bestrickend, -eine heimliche Herrscherin des Landes, war sie weit über die Grenzen -ihrer Stadt bekannt und hielt selbst die türkischen Behörden in ihrem -Bann. An dem Tische ihres kleinen, mit den kostbarsten alten Teppichen -ausgeschmückten Salons, deren buntgeringeltes Ohr unsere Worte trank, -saß Professor Koldewey, der Entdecker des wiederentstandenen Babylon, -und der alte Feldmarschall von der Goltz. Und wer, der uns hier -versammelt sah, hätte glauben mögen, daß draußen vor den Toren der Stadt -armenische Leichen lagen und daß wir in Asien saßen. Mühsam erhob sich -der Feldmarschall aus dem tiefen Sessel, um mir die Hand zu reichen. Wie -rührte mich seine Bescheidenheit, wie sehr beglückte mich der Wohllaut -seiner Stimme, und oft denke ich, so müßte mein Großvater sein, wenn er -noch lebte. Ist dies ein altes, unbekanntes Glied der Verwandtschaft, -mir durch Blut und Gebärde vertraut, nur daß ich ihm nicht früher -begegnet bin? Immer ergreift Verehrung mein Herz, wenn ich einen -Menschen schaue und fühle, daß eine starke Seele in diesem Gebäude -wohnt. So weiß ich mich auch ihm insgeheim verbunden, durch eine -Sprache, die jenseits aller Worte wohnt, obwohl er der greise, immer -rüstige und von allen verehrte Feldmarschall ist und ich nur ein -einfacher Unterleutnant bei seinem Stabe. Aber ist es nicht immer die -Wahlverwandtschaft unserer Seele gewesen, die stärker als alle Bande des -Blutes in unserm Leben den Ausschlag gab? Und wird diese Erfahrung Lügen -gestraft, weil die Wahl des Blutes oft auch die Wahl der Seele ist? So -fand ich auch Sie, mein verehrter Freund, dessen Liebe und Zartheit mich -immer wieder beglückt. - -Wie gut ist es übrigens, daß ich in Ihrem Hause es so vortrefflich -gelernt habe, Orangen zu essen, nun da sie so reichlich auf meinen Tisch -regnen. Oh, ich sehe Sie im abendlichen Lichte des Zimmers das Messer -schärfen und mit mir über die »Apfelsinen-Seele« plaudern. Unter einem -halben Dutzend bei jeder Mahlzeit lasse ich nicht mehr mit mir rechten, -und da ich bei jeder zerschnittenen Schale einmal in Gedanken bei Ihnen -bin, können Sie leicht an den zehn Fingern Ihrer Hände zählen, wie oft -ich am Tage an Sie denke. - - - - - An die Frau eines im Kriege weilenden Soldaten - - - Bagdad, den 18. Januar 16. - Diesseits des Flusses. - -Wie glücklich ich bin, geliebte Frau. Die Post hat mir gestern so gute -Briefe gebracht. Und wenn ich jeden abwechselnd in die Hand nähme, so -wüßte ich nicht, welcher mir schwerer wiegt. Nun stelle Dir vor, wie ich -meine Kerze entzünde, die in einer kleinen, mit Erde gefüllten Büchse -steckt, und wie ich in die Kissen gelehnt mit einem alten Federmesser -langsam die Umschläge aufschneide. Jetzt falte ich den Bogen -auseinander, ein weißes Gesicht. Aber hier ist einer, auf dem laufen die -Zeilen Sturm, und wie sie mit Heeresschritten auf mich loseilen, lasse -ich mich zum neunzigsten Mal erobern, obwohl ich doch eine längst -eingenommene Festung bin. - -Draußen ist eine große Unruhe in der Natur. Die hohen Rizinusstauden vor -meinem Fenster rascheln mit ihrem dürren Blätterhemd, der Regen rast mit -eisernen Hufen auf das Dach, und die Schakale heulen und kämpfen mit den -Hunden wie jeden Abend, wenn sie an den Tigris kommen, um Wasser zu -trinken. Mein Gesicht aber ist ganz überströmt von Liebe, und ich bin so -überwältigt, als hättet Ihr alle zugleich Euer Herz auf meine Brust -gelegt. Ich bin richtig ein wenig müde, daß ich mich zurück auf das -Krankenbett lehne, um auszuruhen. Nur nichts sagen, nichts reden, dann -will ich Dir auch gestehen, daß ich wieder krank gewesen bin. Du wirst -nicht klagen, Geliebte. Soll ich Dich um Verzeihung bitten dafür, daß -ich krank war? Es ist so wunderbar, wie geduldig ich geworden bin; wo -ist mein heißes, unzufriedenes Herz geblieben? Und doch weiß ich nicht, -weshalb die Gifte immer von neuem kommen, um in meinem gemarterten Leibe -zu wohnen. Oft scheint es mir, als wäre dies eine stille Rache, welche -die stumme und leidende Natur an uns nimmt. Es ist die Pflanze, die den -Menschen besiegt. - -Zwei Tage vor unserer Ankunft lag ich in der Rohrhütte auf dem Kelek und -fieberte. Das Floß drehte sich, mein armer Kopf drehte sich, zwei -Kreisel, die ineinander gingen, endlich erblickte ich durch die offene -Tür in der hellen Morgensonne den gewundenen Turm von Samara. Am Abend -waren wir in Bagdad. Als ich aus dem Zuge stieg, fand ich mich unter -Palmen. Palmen -- dachte ich und daß das Paradies im Schatten ihrer -Schwerter ruhte. So elend ich war und obwohl eine kalte Nacht vom Flusse -wehte, empfand ich es doch wie eine tiefe Erquickung, als müßte aus -ihrem blauen Schatten Kühlung auch auf meine fiebernde Stirne regnen. -Ich trat in das Haus des Betriebsleiters der Bagdadbahn und fand eine -deutsche Mutter mit ihren Kindern um die Lampe versammelt. War das nicht -genug, um allen Schmerz zu vergessen? Wäre ich nicht noch einmal zwanzig -Tage durch die Wüste gereist, um das Wunder blonder Haare und blauer -Augen zu schauen? Am nächsten Morgen wurde ich in das Krankenhaus der -Bahn gebracht. Ich fand ein bereitetes Bett und einen weißgedeckten -Tisch mit blühenden Astern. Es war der siebenzehnte Dezember und die -Sonne schien durch die offene Tür. - -Hier habe ich gelegen. Weihnachten kam, das Fieber hatte nachgelassen, -und man sandte mir gebratene Pute, Fisch und blühende Rosen ans Bett. -Hier war ein kleines Bäumchen aus Kiefernzweigen, zwei Briefe, eine -Flasche Champagner. Jemand hatte mir eine alte Kaschmirdecke geschenkt, -die ich auf mein Bett über die Füße breitete, um sie liebevoll immer -wieder zu betrachten. Mein Auge verlor sich in den Farben ihrer -verschlungenen Muster wie in den Wegen des lieblichsten Gartens. Die -Kerzen flammten, ihre kleinen weißen Seelen zitterten mir entgegen, nun -entfalteten sie ihre Schmetterlingsflügel, und der Duft verbrannter -Tannenzweige führte mich über so viel Jahre in die Zeiten zurück, da -noch das Wunder dieser Nacht für mich nicht erloschen war. Dazu aß ich -die kleinen Lebkuchen, die Du mir geschickt hattest und die ich so lange -Wochen mit mir durch die Wüste trug. »So viel Liebe! So viel Liebe!« -dachte ich, und wieder überströmte es mich. Wie viel hatte doch diese -arme und geschändete Erde noch an Güte zu geben, wie reich war ich! Ja, -einen Augenblick schien es mir, als wäre die Erde nur darum des Grauens -und Blutes voll, weil ich allein alle Liebe der Welt im eifersüchtigen -Herzen verschlossen hielte. - -Zwei Tage vor Neujahr stand ich das erste Mal auf. Mit zitternden Füßen -ging ich um das Haus; aber es war zu viel. In der Nacht überkam mich ein -neuer Anfall. Gleich einem abgerissenen Fetzen Leinewand flatterte der -Geist aus diesem schmerzenden, von tausend glühenden Hämmern -geschlagenen Kopfe davon. Und während nasse Tücher meine Stirn kühlten, -während ich von helfenden Händen in das Badewasser gehoben wurde, zog -aus meinem Haupte der Schwarm der Gedanken aus wie die Wolke der -ungeborenen Geister, die ausbrechend das Haus der Schöpfung verlassen. -Bis das Morphium kam und die Welt in Musik erlosch. Nie habe ich mich so -reich an Gestalten gefühlt, nie so viel Pläne zugleich leibhaftig in -Händen gewogen, wie in den Tagen dieser Krankheit. Ich habe mein Bett -das »Fieberschiff« getauft und über Meere und Länder die -abenteuerlichsten Reisen in ihm geführt. Hat schon jemand das Märchen -des fliegenden Bettes gedichtet? Dann müßte ich es tun. - -Wie merkwürdig war dieser Silvesterabend, die seltsamste Fiebernacht -stieg herauf. Während vierzig Grade meinen Körper siedeten, tanzte der -Geist lustig auf seinem Seile weiter. Und in aller Klarheit stiegen die -blutigen Erinnerungen Polens herauf, begann ich ruhig und unberührt -Verse an Verse zu reihen. Wie habe ich in dieser Nacht das Martyrium des -Dichters verwünscht! Der Sklave seiner eigenen Gedanken zu sein, die uns -zertreten! Und doch, welches Wunder umrauschte mich. Sollte das alles -ungeboren vorübergehen? In einer Nacht erschaut und wieder erloschen? -Ich zündete die Kerze an, ich stand auf, um mein Tagebuch zu holen, das -mir gegenüber auf dem Tische lag. Aber die Kräfte verließen mich, und -die Besinnung verlierend sank ich auf die Steine. Ich mußte den Wärter -rufen, der mich zurück in die Kissen trug. Frost schüttelte mich, von -neuem erbrach sich mein Magen, diese Müllgrube verdorbenen Fleisches und -faulender Pflanzen. Ich ließ mir Tee kochen. »Dies ist mein -Neujahrs-Punsch,« sagte ich zu meinem Wärter. Es war zwei Uhr morgens, -und ich wurde der Schmerzen müde. Dennoch gelang es mir, im Grauen des -Jahres die ersten Zeilen niederzuschreiben. Wachsend hob sich die -Gestalt, die Nacht hatte es nicht behalten. - -Und so blieb es durch alle Tage einer langen und langsamen Genesung. Es -arbeitete in mir am Tag und in den Nächten, ich lag von einer wohligen -Musik gewiegt. Und wenn ich aufwachte, begann es von neuem, stellte sich -als ein fertiges Gebäude vor mich hin. Sollte man eine Krankheit nicht -segnen, die so reiche Schätze in unsern Händen zurückließ? Wie wunderbar -sie waren, diese tropischen Träume; hier ist der Vorhof des Todes. Aus -ungeahnten Tiefen steigt die geläuterte Seele empor, eine süße Stärke -erfüllt uns. Nun ist es die Stunde der Auferstehung. - -Noch liege ich, in tausend neuen Gedanken blätternd wie in einem schönen -Buch, ehe man es zu lesen beginnt. Deiner gedenkend an den langen -Abenden, die uns Regen und Stürme bringen, eingehüllt in das warme -Gewand Deiner Liebe. Noch liege ich, diesseits des Tigris, gegenüber der -gelobten Küste, im Angesicht von Bagdad, das ich bisher nicht betreten -habe, und freue mich, wenn ich morgen aufstehen werde, auf den Strom und -die weißen Häuser und auf die tausend Palmen, unter denen ich wandern -werde. Wie dankbar bin ich dieser Krankheit, die mich in Ruhe und -Schlummer eingesponnen, daß ich erneut das Wunder der Wiedergeburt -schaue, um mit heiterer Seele das Bild dieser Stadt zu empfangen, daß -nicht ein Körnchen Staubes und nicht die feinste geäderte Zeichnung auf -der Wange einer alten arabischen Muhme ihrem gereinigten Spiegel -entgeht. - -Noch weiß ich nicht, wie die Tage sich gestalten werden. Wie viel jene -nächtliche Saat der Träume mir an Früchten zurückließ, wenn ich erst -wieder mit blassem Gesicht durch die Lazarette wandern werde, um von -Bett zu Bett abgehauene Gliedmaßen und blutige Verbände in meinen Eimer -zu sammeln. In diesen Tagen vulkanischer Veränderungen, in denen uns die -Aussicht zur nächsten Stunde verhängt bleibt und wir immer mehr der -Bestimmung unseres eigenen Willens entzogen werden, bin auch ich zu -einem kindlichen Glauben an das Schicksal zurückgekehrt. So sehr ich -auch fühle, wie mir das Leben liebend entgegenkommt, so sehr empfinde -ich, daß ich aufgehört habe, selbst der Lenker meiner Tage zu sein. - -Wie oft muß ich an einen Abend in Tekrit denken, als ich zwei Tage vor -unserer Ankunft in den nächtlichen Straßen der Stadt einem lahmen Esel -begegnete, dessen linker Hinterfuß gebrochen war und auf dessen -schiefgeheiltem Knochen er wie auf einem Schlitten dahinglitt. Hoch oben -hing der Mond, eine kühle Lampe, während aus einem Hause leise Musik -erklang, wo Araber um die Flamme versammelt saßen, ihre Gebete sagend. -Ich wandte mich um und sah das Tier mir einsam zwischen den verlassenen -Mauern folgen, auf der staubigen und hartgetretenen Erde vergeblich nach -Gräsern suchend. O meine Seele, dachte ich, wie sehr gleichst du diesem -Geschöpf. Immer klingt aus einer verschlossenen Tür süßer Gesang. Aber -der Weg ist dunkel und niemand weiß, wohin die Straße sich öffnet. - - - - - An die Großmutter - - - Bagdad, den 20. Januar 16. - Im Hause zu den elf Fenstern. - -Nun will ich den Stuhl an Deine Seite rücken, Du liebes altes Gesicht. -So dicht, daß die großmütterlichen Ohren, die so lange in die Welt -gehorcht haben, sich gar nicht zu bemühen brauchen, mich zu verstehen. -Nun fühle ich Deine Augen auf meinem Herzen. Sie leuchten mir und wärmen -mich auch hier, in diesen Tagen, in denen so bittere Kälte heraufsteigt, -daß ich verwundert in die heimatlich verwandelte Welt schaue, durch die -der Schnee in schweren Flocken langsam zu Boden flattert, kleine weiße -Vögel, die die Erde mit ihrem Gefieder decken. - -Palmen in Schnee. Wie lange hat das die Stadt nicht mehr gesehen. Die -hohen Rizinusstauden im Garten brechen mit ihren Wurzeln aus der Erde. -Der Tigris wirft Wellen wie ein Meer. Die Stadt aber ist ausgestorben; -hin und wieder schleicht in langen Röcken, mit den bloßen Füßen in der -aufgeweichten Straße versinkend, ein Araber an der Mauer entlang, das -Kopftuch um Hals und Wange geschlagen, als litte er an Zahnweh. Der -Markt steht still. Wer braucht zu kaufen, zu handeln, Lebensmittel feil -zu bieten, wenn es regnet? An solchen Tagen mußt du zufrieden sein, wenn -du so viel hast, daß du nicht hungerst. - -Die Welt ist hinter den Mauern. Hier sitze auch ich, in einem Hause, -dessen Wände mich mit Kälte anhauchen (oh, wie will ich seine Kühle -loben, wenn es erst Sommer ist!). In einem Zimmer, in dem elf hohe -Fenster mir mit stets gleichem Erfolg die Täuschung vorspiegeln, ich -säße im Freien. Neben mir steht ein kupfernes Kohlenbecken, in dem -glimmende Holzasche dampft und mir Kopfschmerzen bereitet, und mein -arabischer Reitsattel, auf dem ich durch die Wüste nach Mossul geritten -bin. Ich habe meine kleine Lampe bei mir, die mir schon in Polen den -Unterstand erhellte, und freue mich, daß sie nun zuweilen des Abends -wieder meiner Arbeit leuchtet. So sitze ich in Decken und Mäntel gehüllt -über dieses Papier gebeugt, während hinter den Scheiben mein arabischer -Diener wartet, mir die Schuhe auszuziehen, mit wenig Hausgerät und -vielen Teppichen und Schilfmatten unter den Füßen. Denn das Kaufen von -Teppichen ist gewiß eine ansteckende Krankheit. Aber schließlich sind -wir allein, und der Teppich ist unser einziger Freund: der Tisch, von -dem wir speisen, unsere Morgen- und Abendandacht, und das Gedicht, das -wir nicht müde werden immer von neuem zu lesen. Vor meinen Fenstern -erheben Palmen ihre stachligen Schöpfe, aus denen sich gegen Abend eine -Schar von Krähen erhebt, die müde und satt von den Schlachtfeldern von -Kut el Amara heimkehrten, um jenseits des Tigris über den breiten -Palmenwäldern, rasselnd, mit den Flügeln gegen die glasharten Blätter -stoßend, Licht und Sonne verschüttend, eine schwarze Wolke, -zusammenzuschlagen. - -Es ist Abend, die Stunde, da ich von meinen Spaziergängen heimzukehren -pflegte in Dein Haus. Leuchtet dort nicht die Lampe und ein Tisch mit -Schinkenbrötchen und Eiern? Heute Mittag war ich traurig, daß keine -Briefe da waren, aber bedarf es noch eines Wortes? Du bist in mir. -Langsam fühle ich, wie Du in meinem Blute heraufsteigst, mir die Stirne -zu streicheln, und neige meinen Kopf über Dich, wie in den Abgrund aller -Zärtlichkeit. - - - - - Ein Vermächtnis in der Wüste - - - An Hugo Marcus. - - Bagdad, den 1. Febr. 1916. - Im Jenseits. - -Welche Sonne Sie in mein Zimmer gebracht haben, lieber Freund, in diesen -Tagen, wo Regen täglich sein kummervolles Haupt über die Stadt neigt, -endlos in die zerfallenen Mauern verlassener Häuser zu weinen. Sie haben -mir so hohe Worte der Liebe und der Bewunderung gesagt, und nach den -Tagen des Zweifelns und der Bedenken, die nur ungern aus Ihrer kühlen -Stirne aufstiegen, weiß ich, daß es mehr ist als die Anerkennung der -Freundschaft. Sie wissen, wie unentbehrlich mir Ihr Urteil geworden ist, -als wäre jedes Werk in seinen Zielen verfehlt, das nicht in Ihnen seinen -Widerhall fände. Wie glücklich ich bin, nichts konnte mich freudiger -stimmen, als was Sie mir über meine Briefe sagen. Sie wissen, daß ich -darin immer einen Ausdruck der Seele gesucht habe, daß sie mir als die -schönste Offenbarung tiefer Menschlichkeit gelten und daß mir dies nicht -immer gelang. Aber Sie sehen auch, wie wenig es mir um Erfolge des -Augenblicks zu tun sein kann, wenn ich andere Arbeiten um ihretwillen -beiseitelege. Auch diese scheinen mir ein Ausdruck desselben Geistes zu -sein, nicht weniger wahr und heilig, als irgendein künstlerisches -Gebilde, das unter anderem Namen vor die Augen der Welt geht. Die -bürgerliche Seele, stets eifersüchtig ihre Rechte wahrend, immer voll -Furcht, daß ihr eigenes kleines Dasein bloßgelegt werden könnte, wird es -freilich niemals begreifen, daß unser innerstes Wesen in andern Werken -nicht minder nackt zur Schau gestellt ist, als in unsern Briefen. - -Aber warum sollten wir nicht stets das Beste geben, daß es denen, die -unsere Liebe verdienen, zum Trost und zum Danke wird? Und sollte es -einmal dahin kommen, daß ich selbst dazu nicht mehr imstande bin, so -möchte ich Sie bitten, dieses für mich zu tun. Dieser Brief ist ein -Vermächtnis. Denn so unglaublich es mir auch selber erscheinen mag, nun, -da ich zum zweiten Mal in diesem Lande mich von tödlicher Krankheit -erhebe, von den Erniedrigungen der Gefangenschaft und einer Summe -undenkbarer Zufälle bedroht, täglich in der Luft gifterfüllter Lazarette -von unsichtbaren Gefahren umgeben, inmitten einer Wüste, die auf endlose -Meilen den Atem ihrer Verwesung erhebt, das Aas von gefallenem Vieh und -menschliche Leichen bis vor die Tore der Stadt werfend, muß auch ich -daran denken, daß das Schicksal von tausend Hoffnungen immer nur eine -zum Ziele führt. Ich habe den Tod eines Schaffenden immer als ein -Verbrechen gegen das keimende Leben empfunden, und so oft ich in diesem -Kriege davon hörte, ergriff mich jenes widerwärtige Gefühl, das uns -stets berührt, wenn wir von der Ermordung schwangerer Frauen hören. Wie? -fragte ich mich, als man mir in den Tagen der Wiedergenesung erzählte, -daß ich in Gefahr geschwebt hätte, dieses lebendigste Leben wäre das -Rauschen des letzten Ufers gewesen? Nie habe ich mich dem Tode so ferne -gefühlt, und noch in diesen Wochen, als ich in der Wüste durch die Lager -armenischer Flüchtlinge ging und sie ihre Toten begraben sah, war mir, -als ginge ich nur hindurch als der Abgesandte einer anderen Welt, um -heimgekehrt aus der Hölle des Tages die Botschaft ewiger Liebe zu -verkünden. - -Aber wie sollte die Zeit, dieses menschenfressende Ungeheuer, an dessen -knochenbedecktem Tische ich nun so lange Monate saß, zurückschrecken vor -einem Geheimnis, vor dem selbst noch die französische Revolution -gezögert hat? Und vielleicht werden Sie doch eines hellen Frühlingstages -sich auf die Bahn setzen, um in jene wälderumrauschte Stadt zu fahren, -aus der noch einen Monat vor dem Kriege so viele Blätter auf den -Schreibtisch Ihres Zimmers regneten. Und Sie werden in das Haus dieser -alten Frau treten, von der ich Ihnen oftmals erzählte und deren Augen -verklärt sind von dem zartesten Blau, das ich kenne, das auch Sie -vielleicht einmal für Sekunden erblickten, wenn im Süden am Abend nach -dem Regen eine Wolke sich teilte und das Herz des Himmels uns offen lag. -Sie werden den breiten Schreibtisch betrachten, an dem ich gearbeitet -habe und der unbebaut liegt, wie der Boden dieses verruchten Landes. -Solche Tische haben ihre Geschichte. Auf diesem wurden einst Windeln -gelegt und Wäsche gebreitet, und auch ich selbst habe darauf gelegen. -Aber wann war es doch? Habe ich nicht schon damals aus einem Winkel -dieses Zimmers mir zugeschaut, ehe ich selbst daran saß, um gequält von -tausend feurigen Zweifeln und Begierden des Herzens das Unsagbare in -Worte zu fassen? Oh, vergessen Sie nie, daß dieses der Tisch ist, dessen -Schublade eine eifersüchtige Großmutter mit einem Nagel verschloß, um -das Geheimnis ihres Enkels zu wahren, weil sein eigener Vater zwei -Nächte in diesem Raume schlief. Und man wird Sie in das Schlafzimmer -meiner Großmutter führen, wo neben ihrem Bette jene hochwandige Kiste -steht, in der meine Papiere versammelt liegen, und die ich noch selber -beim Tischler bestellt habe, ehe ich das letzte Mal hinauszog. Und Sie -werden ein wenig verwundert vielleicht zwischen all den Zeitungen und -liegen gebliebenen Schriftstücken sitzen, in jenem Zimmer, das in die -zerflossenen Blätter eichener Bäume sieht und bei denen die geliebte -Frau jeden Tag eine Stunde der Erinnerung verbrachte, sich mit den -Resten meiner angefangenen Arbeiten zu schaffen machend, sie glättend, -ordnend, überdenkend immer von neuem beiseite zu legen, jeden Abend, -seit ich fortging in die Fremde. Sie werden darin meine Tagebücher, -eigene und fremde Briefe seit meinen Knabenjahren, französische -Zeitungen und Erinnerungen an Algier, Bilder aus der Levante und -Sizilien und kleine Andenken aus russischen Schützengräben finden, denn -ich bin Zeit meines Lebens ein Hamster gewesen und habe immer gesammelt -und gesammelt, weil ich nie genug zu haben glaubte für das Werk, dessen -weite Linien ich vor mir sah, als eine Arbeit für spätere Jahre. Dieser -Haufen Papier, mit Bleistift und Tinte unleserlich beschrieben, ist -alles, was ich hinterlasse. Ihrer liebenden Willkür vermache ich, was -Sie immer damit tun wollen, mögen Sie das Beste und Wahrhaftigste der -Gunst und dem Hasse der Menge preisgeben und geschähe es auch nur Ihnen -zuliebe. Sind doch schließlich in diesen Seiten die Dokumente eines -Dichters enthalten, wenn ich mir auch bewußt bin, daß selbst Ihnen viele -davon Noten bleiben müssen, die Sie nicht spielen können, weil ich -allein den Schlüssel besitze (o wie bedaure ich jetzt das gute -Gedächtnis), und die jenen unentzifferten assyrischen Inschriften -gleichen, die wir zuweilen auf alten Tonziegeln im Sande des Tigris -finden. - -Geld habe ich keines zu vergeben. Ich bin immer ein Schuldner der andern -gewesen, und jene wenigen Sparpfennige, die meine Mutter für mich mit -rührender Geduld seit meiner Kindheit gesammelt hat, sind eine -Opfergabe, die ich mich immer gescheut habe, aus ihren Händen zu nehmen. -Schließlich bleibt meine Wohnung, dieser Tempel kindlicher -Glückseligkeit, die am Rande Berlins wie in einer Totenkammer -aufgespeichert liegt und die an meine Eltern und Brüder zurückfallen -soll. Nur mein Schlafzimmer, dieser zwiefache Schmuckkasten, möge in die -Hände jener ruhelosen Schauspielerin wandern, die wie ein Raffael ohne -Arme geboren wurde und deren Namen an dieser Stelle auszusprechen ich -mich scheue. Aber wer wird je diese Möbel so lieben und anbeten wie ich? -Wer wird so Erinnerungen in sie verweben und ihre Märchen kennen wie -ich? Nicht einmal jene kleine dämonische Seele, für die ich sie unter -Mühsal und Entbehrungen zusammensuchte und die ich nach so bitteren -Erkenntnissen der Einsamkeit und dem Begehren fremder Männer preisgab. -Von meinen zahlreichen Büchern endlich sollen Sie, lieber Freund, sich -die Werke Charles Louis Philippes nehmen, den ich so sehr geliebt habe. -Den Rest aber möchte ich so verteilt sehen, daß jeder meiner Freunde -etwas davon erhält. - -Wenn Sie mit liebender Hand diese Dinge aus ihrer Verborgenheit heben, -werde ich freilich nicht mehr dabei sein, und ich möchte wohl, daß man -mich auf ihrem Scheiterhaufen verbrennt, denn diese Bücher sind mir -allezeit gute Freunde gewesen, immer bereite Pferde, auf denen ich in -das Land unerfüllter Hoffnungen ritt, und diese Möbel, heroische -Schicksalsgenossen, verdienten es wohl, daß man sie wie treue Frauen am -Holzstoß der gefallenen Helden an meinem Sarge verbrennt. Es wäre meinem -Leben gewiß nicht unangemessen, so auf der Wanderung zu verscheiden, und -ich möchte wohl, daß man meine Asche in alle Winde streute, daß sie ruhe -auf den vier Straßen des Lebens, auf denen ich so viele Jahre meiner -Jugend verbrachte. Nur mein Herz möge man in eine Kapsel schließen, es -noch einmal in Eure Nähe zu bringen, die ich so sehr geliebt habe. -Dieses Herz, das immer der Kompaß meines Geistes gewesen ist, -vielleicht, daß es in Euren Händen noch einmal zu schlagen begänne, wie -zuweilen der erstarrte Vogel in der Hand des Gärtners warm wird und zu -singen anhebt. - -Übrigens glauben Sie nicht, daß ich aus Ihrer Mitte verschwinden werde. -Eines Tages, wenn Sie sich die Schnürsenkel binden, will ich aus der -Spitze Ihrer abgetragenen Schuhe hervorsehen. Vielleicht finden Sie mich -auf dem Pflaster des Nollendorfplatzes in einem verlorenen Hausschlüssel -wieder, der zwischen Pferdedung und von den Rädern der Wagen verbogen -auf die Steine fiel. In einem Warenhause werde ich aus dem Wassersturze -der Dinge über Sie herfallen. Vielleicht leuchte ich Ihnen in zehn -Jahren aus den Augen eines Jünglings wider, der in irgendeinem Saale -dieser maßlosen Stadt ewige Verse in eine unberührte Menge hinabwirft; -denn wie könnte ich je glauben, daß das Werk, für das ich glühte, um -dessentwillen ich Heimat und Geliebte verließ, unvollendet verloren -ginge -- oh, dann lieben Sie ihn, wie Sie mich geliebt haben, mit dem -Ernst und den Erfahrungen Ihres Alters! Wie könnte ich glauben, daß ich, -ein kosmopolitisches Känguruh, in der Wüste mit dem vollen Beutel -verfaulen sollte, in den ich so fremdartige und kostbare Schätze häufte, -daß die Sendung unerfüllt bliebe, für die auch ich nur ein Sendling war -und die der Zufall nur in eine ebenso herrische wie demütige Seele warf. -Denn ich habe immer die tiefe Überzeugung gefühlt, daß der Tod, so oft -und gern ich ihm Freund und Gefährte war, mich erst treffen würde, wenn -das Werk in sichtbarer Vollendung sich von mir gelöst hat, wenn ich nach -so langen Jahren des drohnenhaften Umherirrens, am Glücke und am Elend -des Menschen saugend, endlich das Fegefeuer dieser brennenden Zeit -durchflogen hätte, sei es auch, um aus dem Taumel seligster -Schaffenslust mit zerschmettertem Haupt auf die Erde zu stürzen, nachdem -ich den Keim in die ewige Seele der Menschheit gelegt hätte, die das -kostbare Gut in ihrem Innern bergend aus den Kampflüften der Geister -heimkehrte in das Haus des Fleißes, zu den fiebernden Brücken der -Begierde, in den schwermütigen Gesang der Arbeit. - -Aber wohin verliere ich mich, Geliebter? Noch brennt die Sonne, noch -breiten vor meinem Fenster Palmen ihre stachligen Schöpfe, die, wie -grüne Raketen auseinanderfallend, in der blauen Luft erstarrt sind. Noch -zieht, von Frühlingswassern umspült, die Wüste einen blühenden Teppich -um ihre alternden Füße. Noch lebe ich, am Nabel der Welt, in die Rätsel -buntester Völker geworfen, grüßt unendliche Auferstehung den gemarterten -Leib, noch höre ich Ihre Stimme an meinem Ohr, fühle, von heiterstem -Glücke durchströmt, Ihre Hände auf meinem Herzen. - - Ihre Drohne, die Lieblingsdrohne der Königin. - - - - - An eine Freundin - - - Bagdad, Abdul Achad, - den 25. Februar 1916. - -Man merkt kaum, daß die Zeit weitergeht, meine Liebe, so lautlos -streicht jedes Gesicht an uns vorüber. Gestern erhielt ich Deinen Brief -vom zwanzigsten Dezember. Habe ich denn damals schon gelebt? Ich begann -ihn zu lesen, als ich in das Boot stieg, um über den Tigris zu fahren, -wenn ich im Kahn nicht damit fertig wurde, wollte ich ihn am Ufer zu -Ende lesen. Aber wir hatten kaum die Mitte des Stromes erreicht, da war -der Brief aus, und ich fragte mich: war Dein Schreiben so kurz (es hatte -doch sechs Seiten), war der Tigris so breit, oder hatte ich zu schnell -gelesen? ... So verhungert sind wir hier draußen. - -Dabei lächelt der Himmel warm durch die Glaswände meines Hauses. Ich -blicke über den Zaun in die Palmen und auf den Hof einer arabischen -Wagenhalterei. Auf den Dächern der Pferdeställe wird jeden Tag der -frische Dung ausgebreitet, um in der Sonne gedörrt als Brennstoff -verkauft zu werden. Ein junger Araber hat den Tag über nichts zu tun, -als mit den nackten Füßen langsam durch diese Materie zu laufen und sie -umzuwenden. Wenn ich am Schreibtisch sitze, schaue ich ihm bei seiner -Arbeit zu. - -An den Ufern des Flusses liegen die Hospitäler, Konsulate, Hotels, in -denen man die hölzernen Betten der Verwundeten aufgestellt hat. Luftige -Terrassen, auf deren weißen Fähnchen der rote Halbmond, ein blutiger -Fleck, leuchtet. Hier kommen die Dampfer von Kut el Amara herab, ihre -traurige Last an das Ufer zu werfen. Glitzernd hebt sich der Strom, eine -weiße Straße des Todes. Hier liegt Abdul Achad, das Lazarett, in dem wir -arbeiten, ein arabisches Hotel mit zweihundert verwundeten Soldaten. -Unsere Krankenpfleger sind Eseltreiber und Lastträger der Straße. In -unserem Operationssaal fanden wir nicht mehr als eine rostige Schere, -zwei Klemmen und eine Sonde. Die durchgeeiterten Binden müssen stets von -neuem verwandt werden, und wir sind glücklich, genug ungereinigte -Baumwolle zu haben, die im Lande wächst. Die Wunden sind fast alle -verschmutzt oder vernachlässigt, und viele sterben an Blutvergiftung -dahin. Der Dienst ist anstrengend; aber unser Stabsarzt ist der -liebenswerteste Vorgesetzte und Kamerad. Ich habe darin ein so großes -Glück gehabt. - -Die Luft ist milde, und es wird täglich wärmer, doch jedermann spricht -mit Schrecken vom Sommer, den wir hier an einem der heißesten Teile der -Erde am Tag in den Kellern und des Nachts auf den Dächern verleben -werden. Fast immer finde ich am Abend eine Stunde Zeit, in der Dämmerung -in das bunte Gewühl arabischer Stadtviertel und Basare zu tauchen. Stets -erfüllen heitere Pläne meine Seele, fremde Geheimnisse verführen und -reizen mich. Dazu verdanke ich der Güte des Feldmarschalls ein höheres -Abzeichen der Uniform; ich trage den Rang eines Sanitätsunterleutnants -und bin dem Stabe der sechsten Armee zugeteilt. Du solltest mich nur -sehen in meinem moosgrünen Waffenrock, mit violettem Sammetaufschlag und -Silberborten, wenn ich mit einem »Grüß Gott, Soldat« am Morgen in das -Lazarett trete. - -Leb wohl -- müßte ich nicht täglich zehn Liter Eiter riechen und den -Pestgeruch der bis zum Skelett abgemagerten ruhrkranken Soldaten, so -wäre das Leben fast vollkommen zu nennen. - -Frühling, ach wie du mich rührst .... - - - - - Brief an die Mütter - - - Bagdad, am Nabel der Welt, - den 29. März 1916. - -Daß ich noch bin, Ihr geliebten Mütter, daß diese Erde noch unter mir -ist und meinen Füßen nicht nachgibt, daß diese Zeilen den Herzschlag -meines Atmens zu Euch hinübertragen, wie kann ich es ausdrücken, daß es -mich so stark bewegt! Nie habe ich das Rauschen des Todes, seine Stille, -sein kaltes Lächeln so vernehmbar gefühlt wie in diesen Tagen, und oft -frage ich mich: darf ich noch leben? habe ich noch ein Recht zu atmen, -Pläne zu tragen für ferne, fabelhaft unwirkliche Jahre, wenn so viele -tote Augen um mich wie ein Abgrund gestellt sind? - -Am 10. März starb unser Stabsarzt plötzlich am Fleckfieber, und noch -jetzt, Wochen später, erfüllt mich oft eine minutenlange Erregung, die -mir Ruhe und Besinnung nimmt, zu erzählen. Seit vielen Monaten -durchzieht eine verheerende Krankheit dieses maßlose, selbstvergessene -Land. Die türkischen Soldaten haben sie aus den Städten Syriens und -Kleinasiens durch die Steppe herübergetragen, und die Rache des -armenischen Volkes, dessen faulende Leiber jeden Weg der Wüste bedecken, -streckt ihre würgende Hand immer tiefer in die Häuser, in die -Hospitäler, in die Zeltlager der Lebenden hinein. Noch sehe ich diesen -völlig mit kleinen blauroten Punkten bedeckten Körper vor mir, den der -Stabsarzt nichts ahnend wegen einer ungefährlichen Verwundung an meiner -Seite entkleidete, um kurze Zeit darauf selber an einer eitrigen -Halsentzündung zu erkranken. Schon nach wenigen Tagen fand ich ihn -abgemagert und durch eine hinzugetretene Ruhr so entkräftet, daß er -nicht mehr fähig war, alleine den Kopf zu heben. - -Ich ließ mein Bett in seinem Zimmer aufschlagen, und nun begannen jene -ruhelosen Tage und Nächte, die mich bis zu seinem Tode nicht mehr von -seiner Seite ließen. Nie werde ich diese einsamen Nächte vergessen, in -denen alle Sehnsucht des südlichen Frühlings mit den Schmerzen des Todes -und der Bitterkeit der Fremde gemischt war. Vor mir zu Füßen des -Krankenbettes stand die abgeblendete Laterne, einen schwachen Lichtkreis -über die Steinfliesen verbreitend, der sich leise in dem künstlichen -Himmel der Decke spiegelte, die mit persischer Glasarbeit ausgelegt war -und deren Achtecke sich glitzernd ineinander verschoben. Ich starrte auf -den niedrig geschraubten Docht und hörte auf das röchelnde Atmen des -Kranken, der einen Schleimkloß im Munde wälzte, von dem er vergeblich -versuchte, sich zu befreien. Raschelnd jagten die Ratten über mir durch -die hölzerne Täfelung der Decke. Dann stand ich auf, um den Kranken aus -dem Bett zu heben, der infolge einer nervösen Störung nicht fähig war, -im Liegen Wasser zu lassen. Und in der einen Hand das Geschirr haltend, -in der andern seinen schweren, völlig willenlosen Körper, schwankte ich -atemlos, bis wir beide völlig erschöpft waren und auf unsern Stirnen der -Schweiß ausbrach. - -Wenn der Kranke zu schlafen schien, trat ich einen Augenblick auf die -Terrasse des Hofes, in dem ein weitästiger Baum seine ersten Knospen -entfaltete und an dessen Rande eine Reihe verschlossener Zimmer lag, die -einst die Frauengemächer eines reichen Muhammedaners gewesen waren. Der -Sternenhimmel blickte durch den viereckigen Ausschnitt des Hofes, ich -stieg auf das Dach, den umgekehrten Wagen, den Sirius und den Mars zu -betrachten, der einen rötlichen Schimmer trug. Plötzlich trat ich auf -etwas Weiches, ich bückte mich und sah ein paar dunkle, von den Sternen -schwach beleuchtete Grasbüschel, und merkwürdig, ich dachte: von allen -Erlebnissen dieser Tage wird vielleicht einst nur diese kleine Grasnarbe -auf dem lehmgehärteten Dach des zerfallenen Frauenhauses greifbar in -deinem Gedächtnis zurückbleiben, aber dieser eine Blick wird auch alle -bittere Wehmut der Stunden enthalten. - -Als ich wieder in das Zimmer trat, war dem Kranken, der mich rufen -wollte, die kleine Kamelglocke aus den Fingern geglitten, und mit -schwacher Stimme versuchte er mir zu erzählen, daß eine Ratte von der -Decke ins Zimmer gefallen wäre. Wieder setzte ich mich an seine Seite. -Eine Katze trat lautlos in das Zimmer, erschrak, als sie mich erblickte, -ging wieder hinaus. So kam der Morgen, der das Abbild der Nächte war. -Ich wußte nicht mehr, daß draußen ein Tag und die Geschäftigkeit fremden -Lebens war. Atemlos ging ich hinter diesem Bette her, Umschläge -erneuernd, Arzeneien, Milch und Suppe reichend, die der Kranke mit dem -Geräusch der Erstickung über die Kissen ausbrach, waschend, die -Bettlaken zurechtlegend, und mir war, als entfernte sich dieses Bett mit -immer größerer Schnelligkeit von mir, mich zu immer schnellerem Laufe -anspornend. - -Einmal bat mich der Stabsarzt, ihm etwas vorzulesen. Ich hatte Hauffs -Märchen mitgebracht, die er sehr liebte, und las ihm die Geschichte vom -Kalifen Storch vor; aber bald war er so schwach, daß er die Lippen kaum -noch bewegen konnte. Am vierten Tage traten an den Weichen die kleinen -blauroten Flecken auf. Vergeblich versuchte der Kranke immer wieder, -etwas zu sagen; es war nicht mehr möglich, ihn zu verstehen. Die -trockenen, schorfbedeckten Lippen blieben tonlos, während er -verzweiflungsvoll den Kopf zur Seite schüttelte, und nur seine schönen -blauen Augen glänzten noch zu mir auf. Am siebenten Tage begann der Puls -plötzlich zu fallen, und er fiel in der kurzen Zeit, während wir im -Nebenzimmer zu Mittag speisten, mit einer solchen Geschwindigkeit, daß -es den Ärzten, die ihm noch eine Einspritzung in die Venen geben -wollten, nicht mehr möglich war, diese zu finden. Drei Stunden später -fuhr der letzte Atem mit einem widerlichen Geräusch, glucksend wie -Spülwasser, aus dem Munde des Sterbenden aus. Die Ärzte standen -schweigend. Schmerz würgte mich an der Kehle. Ich hatte ihn geliebt, der -mir mehr Freund als Gebieter gewesen, glücklich, einem Berater zur Seite -zu stehen, dessen geistige Sehweite, dessen künstlerisches und -wissenschaftliches Vermögen das der anderen Offiziere so weit übertraf. -Ich drückte ihm die Augen zu, zog ihm das Laken über das Gesicht. - -Wir traten hinaus. Im Hofe stand eine prächtige Stute, die mit dem Fuß -in ein Loch der Wasserleitung getreten war und sich verletzt hatte. »Das -schöne Pferd!« sagte der Stabsarzt der Marine, ärgerlich mit dem Fuße -aufstampfend; aber wie merkwürdig erschien mir in diesem Augenblick sein -Wort, das doch gewiß nicht weniger von Sorgfalt um ein lebendes Wesen -erfüllt war. Die bunte Menge des Basars umdrängte uns. Der herrlichste -Frühlingsnachmittag stand über der Stadt. Hatte ich je gelebt? Wieviel -Jahre hatte ich im Gefängnis gesessen? Wir nahmen ein Boot und fuhren -den Tigris hinunter, um dem Konsul den Tod des Arztes zu melden. Helle -Sonne traf die bewegten Wellen des Flusses am Ufer. Mitten auf der -Straße blieb ich stehen, betäubt von Licht und dem Gefühl des Lebens: -daß ich noch bin! daß die Erde noch mein ist! - -Als wir heimkehrten, erschrak ich vor der plötzlichen Dunkelheit des -Zimmers, in dem jede Nacht die Laterne gebrannt hatte. Mit -trostbedürftigen Seelen, an die Härte eines unerbittlichen Daseins -gewöhnt, leerten wir die Flasche Wein, die ich noch am Morgen für den -Kranken geöffnet hatte. Spät in der Nacht kamen die Juden, alte Männer -mit weißen Bärten, um in einer hölzernen Kiste den Leichnam zu holen, -der nach dem Ritus begraben werden sollte. Murmelnd, von einer Laterne -begleitet, den Sarg auf dem Rücken, verschwanden sie in der finsteren -Gasse. In der Nacht konnte ich nicht schlafen, und schweißbedeckt, bis -zum Äußersten erregt, wälzte ich mich in den heißen Decken, während -widerwillig ohne Aufhören die Frage an mein Ohr brandete: wann du? wann -du? - -Am nächsten Morgen ging ich in die israelitische Schule. In einem -Kellergewölbe, völlig entkleidet, lag auf der bloßen Erde der Leichnam. -Ein Schweißtuch war um die Stirn gebunden, und zwei Steine lagen zu -beiden Seiten des Kopfes. Mitten auf die Brust des Toten aber, die mit -einem langen Leinentuch bedeckt war, hatte man zur Wegzehrung ein -abgebrochenes Stück arabischen Brotes gelegt. Ein zerlumpter Jude, in -die Fetzen seines Gewandes gehüllt, kauerte die Wache haltend neben dem -Leichnam, und im Winkel des Raumes lag ein zusammengekehrtes Häufchen -Schmutz. Rührung ergriff mich vor der erschütternden Schlichtheit des -Bildes, und immer wieder blickte ich auf diesen kümmerlichen Bissen -Brot, der mir das Sinnbild alles menschlichen Jammers und Elends zu sein -schien. - -Zwei Stunden nach Sonnenuntergang begann das Begräbnis. Im Hof der -Synagoge stand der Sarg aufgebahrt. Zwanzig alte Juden sangen mit -klagender Stimme einen hebräischen Psalm. Dahinter standen die deutschen -Offiziere, Rabbiner und Würdenträger der Stadt, brennende Kerzen in der -Hand haltend. Die Kawassen eröffneten den Zug, ihnen folgten die Schulen -und die hohe Gemeinschaft der Rabbiner. Der Sarg wurde von den Schultern -jüdischer Bürger getragen, dahinter schritten der Großrabbiner, die -Vertreter des Stabes des Feldmarschalls, der Wali, die geistlichen und -weltlichen muhammedanischen Behörden, deutsche und türkische Offiziere -und Soldaten mit zur Erde gekehrten Waffen. Zwanzigtausend Juden -begleiteten den Zug, während hochgeschwungene Fackeln die Finsternis -erleuchteten, von denen der Wind Funken und brennendes Werg über die -Köpfe des Trauergefolges hinwegwehte. Unmittelbar hinter dem Sarge -schritt ich selber, das Kissen mit den Orden des Toten tragend, und ich -dachte die ganze Strecke des Weges: wenn Ihr mich so schauen könntet, -wie ich, übernächtigt, die hohe Lammfellmütze auf dem Kopf und von dem -gelben Licht der Fackeln beleuchtet, hinter dem Sarge hinschreite, -welchen Trost würde der warme Herzschlag Eurer Liebe mir bereiten! - -Die Fenster aller Häuser waren von Menschen erfüllt, in den -Seitenstraßen und auf den Dächern drängte sich die Menge. Sobald der -Sarg vor ihren Blicken erschien, durchzog ein ungeheures Klagen die -Luft. Die Männer schlugen sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, die -Frauen begannen jammernd und heulend an ihren Haaren zu raufen, schlugen -sich gegen die Brüste, zerfetzten die Kleider, und von den Dächern wogte -ihr Klagegesang in die Nacht hinab. Dicht vor meinen Füßen aber riß, bis -zum Wahnsinn erregt, sich die wütende Menge unter den Kolbenschlägen der -Soldaten darum, ein Stück des Weges den Sarg zu tragen, der, von dem -Lichte der Fackeln umflossen, hoch über den Häuptern des Volkes erhoben -die unendlich schmale Gasse dahinschwebte. Endlich öffnete sich das -Feld, die Menge flutete auseinander, und ein kühler Wind strich aus der -Wüste her. Halsbrecherisch stolperten wir im Dunkel über Hügel und -Gräben. In Grabtücher gehüllt, versank der Leichnam, von den -verlöschenden Lichtern beleuchtet, und während ich an der offenen Grube -dem Toten einige Worte nachrief, wurde er in der Tiefe mit gebrannten -Tonziegeln übermauert. Sturm wehte und ein heftiger Regen begann zu -stürzen, als wir endlich im Dunkel aus der Wüste nach Hause tappten. -- - -Wieviel Tage seitdem verflossen sind, ich weiß es nicht mehr. Ich ging -in einem Traume dahin. Denn mag es auch nicht unrühmlicher sein, wie ein -kranker Baum an Händen und Füßen mit Schutzringen umgeben, im Dunkel -fiebererfüllter Hospitäler von Ungeziefer gebissen zu werden und daran -zu sterben, als an der Wut unvernünftigen Eisens zu verbluten, so würde -es doch meiner Aufgabe wenig entsprechen. Und während der widerliche -süße Geruch der Medikamente und faulenden Wunden alle Räume des -Lazarettes erfüllt, während ich auf dem Dampfer den Tigris von Kut el -Amara hinauffahre, um zu sehen, wie an jeder Landungsstelle neue Tote an -das Ufer gebracht werden, während ich immer wieder erlebe, wie an meiner -Seite die Sterbenden die Maske des Todes auf ihr Gesicht setzen, -überkommt mich zuweilen eine stumme und wilde Verzweiflung: genug! -genug! einmal auch etwas anderes zu sehen als Schmerz, Eiter und Wunden! -Lohnt es denn zu leben in einer Welt, die von nichts als dem Atem der -Verwesung erfüllt ist? Lohnt es denn noch zu sterben in einer Zeit, wo -selbst der Tod unwichtig oder billig geworden ist wie eine geringe -Münze? - -Draußen steht der Frühling und hat noch den Staub der Wüste mit einem -grünen Mantel bedeckt. Die Schwalben flattern bis in unseren -Operationssaal, so dicht über unseren Köpfen, daß ihr Flügel zuweilen -den entblößten Leib der Gemarterten streift. Das Hochwasser hat alle -Palmengärten mit plätschernden Bächen erfüllt. Zitronen und Mandarinen -duften schwermütig und berauschend, Wiesenschaumkraut und Sumpfdotter -blühen. Und zuweilen, wenn der Südsturm über die Palmengärten fährt, die -langen Blätter der Schöpfe wie aufgelöstes Frauenhaar über ihren Nacken -werfend, setze ich mich an den Fuß der alten Lehmmauern und schließe die -Augen. Dann ist mir, als hörte ich das Rauschen der deutschen Wälder -wieder und sehe das Laub der Eichenbäume in der Sonne erzittern. Die -Frösche quaken, und das Heimchen zirpt in der Wüste, und mir ist, als -sähe ich Euch, Ihr geliebten Mütter, den Weg heraufkommen, ein altes und -ein alterndes Gesicht. Ich küsse das weiße Haar Eurer Schläfen und -schaue in die blaue Güte Eurer Augen, die mich beschützt hat in allem -Unheil dieser Tage, und die mir hilft, das Werk zu Ende zu tragen, das -mir alleine zu schwer ist. - - - - - Letzter Brief an die Eltern, Brüder, Freunde, Mitmenschen und - Geliebten[1] - - - Bagdad, den 18. April 1916. - -Jeden Morgen, wenn die Sonne aufging, Ihr Geliebten, fragte ich mich -erstaunt: wie? du lebst noch? Und ich fühlte es stündlich, daß auch über -meinem Wege eine gefällte Palme lag. - -Seit zehn Tagen ist der Feldmarschall an Fleckfieber erkrankt. Eine -Woche pflegte ich ihn, fühlte seine zitternden Arme in den meinen, sah -in jenem kartenbehängten Zimmer, in dem sie sein Bett aufgeschlagen -haben, aus den Kissen die rührenden Blicke seiner Geduld und Güte -leuchten, die noch immer die Welt mit Wissen und alter Liebe zu umfangen -schienen. Am siebenten Tage fand ich bei der Heimkehr in meiner Wäsche -jenes kleine blutgefüllte Tier, das nun seit Monaten schon für uns das -Sinnbild des Todes bedeutet, und das der bekannte Überträger des -Fleckfiebers ist. Seit jenem Tage wußte ich, wie es um mich stand, und -während mich noch die Angst um dieses greise Leben mit Bangen erfüllte, -sah ich die eigene Jugend an den Rand der Vernichtung gestellt. Wenn ich -des Abends den Tigris hinunterblickte, an dessen Ufern Fischer eine -Seffineh stromaufwärts treidelten, immer dachte ich: wie schön ist es, -ihren Gesang noch einmal zu hören! Und ich sah den Arabern zu, die in -einer Kuffe über den Strom fuhren, und dachte: betrachte es recht -- so -setzen sie ihre kleinen Ruder ins Wasser, so wirbelt die Flut hinter -ihnen her. Gestern stieg ich in der Finsternis auf das Dach, den Mond zu -betrachten, und zu jeder Stunde sagte ich mir: nimm noch zwei Augen voll -Schönheit mit in die Dunkelheit. - -[Fußnote 1: Dieser Brief wurde zu Beginn einer schweren Erkrankung -geschrieben, als der Verfasser nach menschlichem Ermessen damit rechnen -mußte, nicht wieder zu gesunden.] - -Heute mittag, nachdem ich die Nacht unter Erbrechen und grauenvollem -Kopfschmerz zubrachte, trat das erste Fieber bei mir auf, das schnell zu -steigen beginnt. Seitdem kann für mich kein Zweifel mehr gelten, mein -durch so viele Krankheiten geschwächter Körper, mein allzu beflügeltes -Herz wird diesem neuen Ansturm nicht widerstehen. Aber seitdem ich diese -feste Gewißheit habe, nach all den nächtelangen Zweifeln der vergangenen -Tage, kommt fast eine stille Heiterkeit über mich. Auch der Tod ist nur -eine Gedankenüberlegung, eine andere Art zu leben. Wer ihn erst geistig -überwand, den kann er nicht mehr erschrecken. Der Reiz des Daseins hat -für mich immer darin bestanden, daß es einmal mit dem Tode endet. Nicht -an dieser Stelle habe ich ihn erwartet, aber auch hier soll er -willkommen sein. - -Hinter mir steht mein arabischer Diener, er hat Blumen in mein Zimmer -gestellt und erwartet ein Lob, aber ich achte nicht auf ihn und seinen -schüchternen Versuch, mir Gutes zu tun, so sehr bin ich von dem Gedanken -des Sterbens erfüllt. Es ist vier Uhr nachmittags, draußen blühen die -Palmen in gelben Dolden, der hellste Sommer steht über dem Land, und ich -beeile mich, die letzten Stunden, da ich noch klar bin, Abschied von -Euch zu nehmen. Denn bald werde auch ich daliegen, wie ich so viele -gesehen habe, meiner selbst nicht mächtig, von furchtbaren Zuckungen -erschüttert, der Sprache beraubt, und mit blicklosen Augen, die ihre -Welt nicht mehr kennen. Losgerissen wird meine Seele durch alle Räume -der Erde flattern, als triebe ich im Südsturm, der die Wellen des Tigris -auftürmt, auf einer führerlosen Kuffe, inmitten des wütenden Stromes -ganz alleine durch die unendliche Verlassenheit dieses Landes dem Meere -zu, dessen Rauschen mich mit Gesang begrüßt. - -Aber vom Tode umschattet, hebe ich noch einmal aus den Tiefen meiner -Seele das Bild Eurer Gesichter, langsam wie man aus dem Grunde -verschütteter Städte die Reste alter Tempelmauern und Wohnstätten -emporhebt. Und ich frage mich: seid Ihr das wirklich? In welchen -fabelhaften Zeiten habt Ihr gelebt? Wer wart Ihr, die Ihr durch mein -Leben schrittet, fremd und liebend zugleich? Wie könnte ich Euch beim -Namen nennen? Seid Ihr mir in dieser Stunde nicht alle gleich nah, -Eltern, Brüder, Freunde, Mitmenschen und Geliebte? Ihr kleinen Knaben, -mit denen ich in meiner Jugend befreundet war. Ihr weichen Wangen der -Mädchen, blaß und hinreißend schön wie der Glanz des aufgehenden Mondes. -Und Du, alterndes Gesicht einer schneeweißen Frau, weise und mit -rätselhaften Falten bedeckt -- wenn es einen Schmerz für mich in dieser -Stunde gibt, so ist es der, Dich verlassen zu müssen, Dir Leid zu -bereiten. O nicht die kleinste Geste Eures Lebens bleibt mir in dieser -Minute fern. Euch, die ich liebte, denen ich mit Zärtlichkeit weh tat. -Und doch, wann war es, daß ich durch Eure Mitte ging? In so verschüttete -Tiefen sankt Ihr hinab, daß ich Euch nicht wiedererkenne. Welcher Teil -meines Leibes, meiner Seele blieb an Euch haften? Ach, wenn ich eines -bedaure, so ist es, ohne Kinder sterben zu müssen, ohne Sohn, ohne -Mädchen, das die Mutter kommender Geschlechter würde. Wie schön, wie -unsagbar reich war dieses Leben, das ich mir baute, und doch soviel -Samen der Liebe vergeblich verschwendet. Wie fremd war Euch meine Bitte --- ach, ich begreife, daß Ihr es höher schätzen mußtet, frei zu sein, -als die namenlose Mutter meiner Kinder zu werden! - -Aber verzeiht, wenn meine letzten Gedanken nicht Euch gewidmet sind, -wenn sie sich auf jene dämmernde Zukunft der Menschheit richten, für die -ich die Verpflichtung fühlte, zu sein, der mein künftiges Leben geopfert -wurde. Und vielleicht liegt nur darin die Schwere des Abschieds dieser -Stunde, daß ich der Erde den Dank nicht zeigen kann, den ich ihr -schulde. Jener tiefste Schmerz des Mannes, der Welt nicht mehr beweisen -zu können, was wir vermochten. Für Dich, Du vielgestaltete unendliche -Masse der Völker, die Du, im Elend und im Glücke leidend, an Deinen -Herrschern zugrunde gehst, Dich in Deinen Kriegen verblutest. - -Das Vaterland schuldet mir keinen Dank. Aber auch in mir stirbt die -Menschheit ihren traurigen und namenlosen Tod. Auch ich litt für sie, -auch ich konnte sie nicht erlösen, so inbrünstig dieser Wille in mir -war. Vielleicht bleibt es dabei ein geringer Trost, immerhin an den -Mühen gestorben zu sein, schmerzleidenden Menschen Linderung zu -bereiten, wenn ich mir auch in keiner Stunde verhehlt habe, daß die -Sehnsucht, die mich in diese Länder trieb, die Erde in allen Weiten und -Tiefen zu erschöpfen, nicht geringer in mir gewesen ist. - -Und so lebt denn wohl, lebt wohl, Ihr Geliebten! Zum letzten Male grüßt -Euch Euer Sohn, Bruder, Freund und Mitmensch - - Armin Wegner, - -im Dienste der Menschheit sterbend an der Unersättlichkeit des Lebens. - -Lebt wohl! lebt wohl! Ihr Geliebten! - - - - - An eine Freundin - - - Bagdad, den 25. Mai 16. - Am Tage der Auferstehung. - -Nach so viel stummen und verschwiegenen Grüßen, so viel liebend -gefalteten Büchern und Päckchen mit Süßigkeiten, halte ich endlich den -Brief meiner teuren Freundin in der Hand. Es ist seltsam mit diesen -Briefen in der Fremde. Wir haben eine Liebschaft mit ihnen, wie mit -einer zärtlichen Frau, als wollten wir ohne Ende sagen: »Küß mich noch -einmal! So, Dein Gesicht an meine Seite.« Und obwohl wir sie siebenmal -gelesen haben und lange auswendig wissen, werden wir doch nicht müde, -immer von neuem ihre Züge zu betrachten. - -Nun aber blickt ein Auferstandener in diese Augen, einer, der von -zwiefachem Tode heraufkommt und, aus ohnmächtigem Schlaf erwachend, sich -mit der Hand über die Stirn streicht: ja, es ist die Erde, es ist das -Wort geliebter Seelen, das an dein Ohr tönt. Noch schwankt der Boden -unter meinen Füßen, noch begreife ich nicht, daß diese Fülle des Glückes -mir geschenkt war. Noch zweifle ich am Tag und der Stunde der Heimkehr, -der langen, mühseligen Reise durch eine lieblose und sonnendurchglühte -Wüste gedenkend. Aber vielleicht habe ich hier die Wendung jener -rasenden Laufbahn erreicht, die bestimmt scheint, mich durch alle -Schrecken und Finsternisse zu treiben! Oft frage ich mich erstaunt, wie -ist es möglich, daß das Leben in dir noch neben dem Tode Raum hat? Und -muß ich der Erde nicht dankbar sein, wenn sie mich Wiedergewonnenen so -immer von neuem liebend an ihre Brust reißt? Muß ich nicht heiter sein, -obwohl ein Leben bitterster Enttäuschungen mich im Mutterlande erwartet? - -Ich rüste zur Heimkehr. Kein Wort, kein Gefühl klammert sich an mich, -das stark genug wäre, mich in diesen Mauern zu halten. Vereinsamt schaue -ich mich unter der Schar dieser Männer um, unter denen ich fast alleine -zurückblieb. Die Herzen haben mich verlassen, um derentwillen ich durch -diese Wüste reiste, und mir blieb nichts als die traurige Pflicht, ihnen -das Bett des Sterbens zu bereiten. Noch sehe ich die Augen des greisen -Feldmarschalls auf mich gerichtet, höre das Wunder seiner Stimme, die, -schon vom ewigen Schlafe befangen, in dem Dunkel ferner Schlachten -umherging, und zur selben Stunde, da der geliebte Leichnam, auf die -Lafette einer Kanone gebunden, in eine Wolke von Musik gehüllt, seinem -letzten Hause unter den Mauern uralter Kalifen entgegenschwebte, trug -mich selber das Boot über den Kühle atmenden Fluß, schwankte ich -fieberdurchglüht dem Ufer zu, mich selber zum Sterben zu bereiten. An -dem Geländer des Hospitals stand ein anatolischer Soldat, den ich vor -Monaten in schwerer Krankheit gepflegt hatte, dessen volle Gestalt ich -kaum wiedererkannte. Und nicht ohne Verbitterung dachte ich: du hast -deine Gesundheit aus mir getrunken, dein schwerer Leib zieht mich selber -hinab. Aber die Wage stieg von neuem, und nicht ohne Wehmut bekenne ich: -also auch hier solltest du hindurch! Die Sonne des Sommers öffnet ihren -weißen Himmel. Ich habe meine Toten begraben. Der Weg ist frei. Das Band -ist zerrissen, das mich an ihre Tage gefesselt hat, das mich glücklich -machte, in ihrem Schatten zu leben. - -Aber je mehr ich so der Stunde gedenke, da unter meinen Füßen die Meile -des Weges wieder kleiner wird, um so stärker erkenne ich, wie von Tag zu -Tag die Mühe unsäglicher wurde, die meinem geschwächten Leibe bereitet -ist. Und schon ruft eine sieche Steppe, rufen die Blätter verbrannter -Palmen mir entgegen: es ist zu spät! Die gelbe Glut einer böse -blickenden Sonne hat eine unsichtbare Mauer um unser Haus gezogen. Das -Thermometer in unseren Brusttaschen steigt auf einundvierzig Grade, als -wollte es sagen: sieh, auch die Mutter Erde atmet im Fieber. Wir leben -in den Kellern. Vor unseren Fenstern hängen breite Rahmen aus -Palmblättern, die mit Kameldorn gefüllt sind und mit Wasser begossen -werden. Die Hunde vor unsern Türen liegen in einer Pfütze von Schweiß. -Wir warten, bis es Abend wird, dann kriechen wir aus unseren Verstecken, -steigen auf die Dächer, wo wir unsere Betten ausbreiten, und liegen -schlaflos und warten auf den Nachtwind. Über uns wachsen die Sterne, die -goldenen Früchte eines riesenhaften Baumes, und ich brauchte nur die -Hand auszustrecken, so griffe ich in ihre Krone und pflückte sie alle in -Deinen Schoß. Zuweilen erhebt sich urplötzlich aus der Ebene ein -Sandsturm. Dunkle Wolken wirbeln aus der Tiefe herauf, der feine Sand -fällt über Gesicht und Hände, das Mückennetz bläht sich, ein gefülltes -Segel, und plötzlich rollt unser ganzes Bett über das flache Dach dahin. -Die Leinentücher flattern nach allen Seiten, die Schlafschuhe wandern, -und der mit Wasser gefüllte Tonkrug, an dem unsere Lippen Tag und Nacht -verdurstend hängen, bricht in Scherben. - -Wenn aber der Mond scheint, füllt sich die Ebene mit einem zarten Licht. -Blaue Dämmerung steigt aus den Palmenhainen, zerfließt weich in die -Steppe. Wie klein wird die Erde unter uns. Dann ist mir, als wüchse mein -Leib unendlich in die nächtliche Landschaft hinaus. Mein Haupt ruht in -Mossul, meine Füße rühren an die Trümmer von Babylon. Meine rechte Hand -liegt auf den Dächern von Damaskus, und mit der linken greife ich in die -Schneeberge von Luristan. Durch mich rinnt eine unendliche Ader, der -Tigris. Zu ihm kommen die Verwundeten, die Kranken, die Gefangenen, die -Sterbenden, Wasser zu schöpfen. Bin ich ein Strom, an dessen Ufern die -Regimenter des Todes lagern, um zu trinken? Ich habe kein Blut mehr in -mir. Dies Land hat mich zu seiner Scholle gemacht, in deren Tiefen die -Flut versiegt ist, und auch mein Leib ist zur Wüste geworden, von -verdorrenden Gräsern bedeckt und von heißen Winden geschlagen. - - - - - An die Mutter[2] - - - Bagdad, im Mai 16. - -Auch Du, meine Mutter, hast Deine Söhne der Vernichtung geboren. Auch Du -hast gedarbt, um Erkenntnis gerungen, schlaflos gelitten, daß Deine -Kinder reif würden für die Stunde des Todes. Und auch Deinem alternden -Leib ruft eine barbarische Zeit entgegen: gebäre noch einmal. Werde noch -einmal Mutter, daß neues Blut da sei, das auf den Schlachtfeldern und in -den Laufgräben fließe! - -O die große Lüge, die wir niemals vergessen werden, die falsche Sonne, -die über der vorgeschichtlichen Zeit unserer Kindheit leuchtete. Denn -wofür haben wir gekämpft? Wofür trugen wir Arbeit und Hoffnung so viele -Jahre hindurch? Wofür bauten wir Eisenbahnen und Dampfschiffe, -errichteten Schulen, Fabriken und Krankenhäuser, lehrten unsere Kinder -weise, kräftig und pflichttreu zu sein? Glaubten wir wirklich, daß wir -die Menschen näher aneinander rückten, Völker an Völker, Herzen an -Herzen zu binden, die Güter der Erde dorthin zu tragen, wo ihrer Mangel -wäre, und die Armut zu töten? O die große Lüge, die große Lüge! So viel -Wunder des Geistes und der Hände, nur daß wir Mittel hätten, Soldaten -schneller dorthin zu werfen, wo sie Menschen fänden, zu töten; -bewaffnete Mörder noch über die weitesten Meere zu tragen, Männer, weise -und klug und tapfer für die Geschäfte des Mordens, und Werkzeuge und -Folterkammern des Todes. Dreitausend Jahre haben wir die Sehnsucht in -uns getragen, in die Lüfte zu steigen, und da sie endlich in Erfüllung -ging und wir fliegen lernten, da hoben wir uns in die Lüfte und warfen -den Tod vom Himmel auf die Erde herab. - -[Fußnote 2: Dieser Brief wurde von der Zensur festgehalten und -veranlaßte die Rückberufung des Verfassers aus der Türkei.] - -So viele Reisen über Gebirge und fremde Länder, so viele Wanderungen -durch Städte, durch blühende Ortschaften, wir vollführten sie nicht, daß -wir die Erde lieben lernten. Wir suchten nur nach den Schwächen unserer -Brüder, daß wir besser wüßten, wo ihre Wunde schmerzhaft ist. Und immer -noch wird jeder Tag zum Laufbrett einer neuen schändlichen Handlung, -immer noch rollt diese Kugel, deren knöchernes Klappern uns aus halbem -Schlummer emporweckt. Glaubten wir nicht, erblindet zu sein vor dem -Schmerz dieser Zeit, gewappnet gegen die Gefühle in unserer Brust? Ach, -es gibt Falten in dem Gesicht dieses Elends, die sich so unauslöschbar -einprägen, daß wir sie niemals vergessen werden. - -Gestern kamen die gefangenen Engländer aus Kut-el-Amara an. In langen, -staubigen Zügen trieb man sie durch die Gänge des Basars, durch die -gaffende Menge der Händler und Straßenverkäufer, daß sie unter dem Hohn -der Handwerker, unter dem Zischen der Wechsler doppelt empfänden, wie -tief sie gedemütigt sind. An ihrem Ende erhob sich eine unübersehbare -Reihe grauer Kamele, nur mit den Stricken ihrer Halfter -aneinandergefesselt, auf ihrem Rücken die traurige Last jener Gestalten -schleppend, die, von Hunger und Krankheit geschwächt, ihre Füße nicht -mehr tragen konnten, die fast aufgehört hatten zu atmen und in leblosen -Bündeln an den hölzernen Lastsattel der Kamele geklammert hingen. Aus -ihren lehmfarbenen Hosen ragten die von der Sonne geröteten und -geschwollenen Knie, deren Haut sich in Fetzen zu schälen begann, und mit -langen, dürren Fingern griffen sie nach den Gurken, die mitleidige Hände -ihnen reichten, und bissen gierig in das grüne Fleisch. Hier wankten -Gestalten, die, barfuß und halb entkleidet, den letzten Rock, ihre -Stiefel für ein Stück Brot, für eine Handvoll Datteln gegeben hatten. -Auf ihren spitzen Schultern hing, wie über einen Stock gezogen, das am -Rande ausgerissene Hemde, bei jedem Schritt ihre Scham entblößend, und -zitternd erhob sich aus der Menge ihr grauenvoll ausgehungertes, noch -immer mit dem Tropenhut bedecktes Haupt, das auf dem langen Hals wie der -klappernde Kopf einer Mohnstaude schwankte. Araber hatten mit Wasser -gefüllte Tonkrüge vor die Haustüren gestellt, aber die türkischen -Soldaten drängten die schmachtenden Inder beiseite. Ab und zu blieb -eines der Kamele stehen, um beim Weiterschreiten das nachfolgende an -seiner Leine mit einem jähen Ruck aus der Ruhe zu reißen, daß die -schlaffen Glieder ihrer traurigen, immer noch atmenden Last -schmerzhaft zusammenschlugen. Zuweilen schien es, als müßten, -durcheinandergeschüttelt, diese Augen aus ihren vertrockneten Höhlen -fallen, um im Staub unter den Füßen der Tiere zu sterben, die -wiederkäuend mit schaumtropfender Lippe, bald vor- bald rückwärts -gerissen, eine jammervolle Kette des Elends aus dem Dunkel des Basars -von neuem in die glühende Sonne der Wüste tauchten. - -Am Abend ging ich durch das Lager der Gefangenen. In der grauen Asche -des Staubes lagen ihre Leiber gleich verkohlten Knochen umher. Kleine -schlitzäugige Gurkhas und die zarten Glieder der Sikhs, deren -fremdartige Augen leidend zu mir aufblickten, aus deren Tiefe die Flamme -uralter Gottesverehrung brach. Dazwischen blonde Gestalten, noch -knabenhaft und kaum der Mutter entwachsen, mit einem unsagbaren Ausdruck -des Nicht-dafür-Könnens, armselige Gestelle von Lumpen. Und wie ich sie -so liegen sah, halbnackt, fassungslos aufgelöst, ganz der steigenden -Kühle des Nachtwindes hingegeben, da mußte ich mir unwillkürlich sagen: -wie merkwürdig, daß es noch eine Erde unter den Füßen dieser Verdammten -gibt, um darauf zu schlafen, daß nicht auch unter ihnen eine Sonne -glüht, daß ihre Füße nicht auf zwei spitzen Pfählen stehen oder auf -einem brennenden Rost, statt auf sonnendurchglühter Wüste ... ja, die -Erde ist barmherziger als wir. - -Und doch ist dieses nur der Ausschnitt einer Stunde, der millionste Teil -des Elends, das von allen Seiten der Erde aufbrüllt und um Erlösung -schreit. Ich brauche nur die Zeitung aufzuschlagen, so finde ich eine -endlose Liste versunkener Schiffe, die die Ernte dieses einen Monats -bedeutet. »Den ersten Mai ein bewaffneter englischer Bewachungsdampfer, -zwei französische Hilfskreuzer vor Le Havre, ein französischer Kreuzer -La Provence mit 4000 Mann wovon 3300 ertranken ....« Das sind die -bluttriefenden Trophäen, die ein über alles geliebtes Deutschland gleich -den zahllosen Kopfhäuten eines skalpierenden Indianers triumphierend an -die Schnalle seines Gürtels hängt! Hat je ein Mensch so viel Kraft der -Vorstellung besessen, daß er sich ausmalte, wie Tausende von Männern in -wahnsinniger Todesangst auf dem Deck eines sinkenden Schiffes -durcheinanderrennen in einem einzigen tierhaften Schrei der Empörung, -hat je eine Mutter es vor sich gesehen, wie die Not menschlicher Arme -durch einen Brei von Blut und zerstückelten Leibern zu schwimmen begann --- und ging nicht hin und riß sich das Haupt von den Schultern, dies -nicht zu Ende zu denken? - -O meine Mutter, wie arm und schwach sind wir geworden. Wir sterben vor -Scham, in einer Welt leben zu müssen, die so wenig dem Abbild unseres -Herzens gleicht. Auch Du mußtest einem Gotte opfern, den Du nicht -verehrst. Auch Deine Söhne hängen in den Speichen eines Rades, das sie -zu zerreißen droht. Glaubten wir nicht unverwundbar zu sein? Hatten -unsere Seelen nicht in dem Drachenblute dieser furchtbaren Zeit gebadet? -Aber Mitleid und Liebe ängstigt und foltert uns. Auch uns blieb wie -Siegfried eine verwundbare Stelle in der Hornhaut der Seelen, und durch -die schmale Öffnung zittert der grausame Speer, uns bis in die letzten -Tiefen zerfleischend. - - Dein gefesselter Sohn. - - - - - An die Mutter - - - Babel, den 18. Juni 1916. - -Meine arme Mutter, als ich Dir das letztemal schrieb, wußte ich noch -nichts von dem Tode unseres Bruders, und doch ist mir, als müßte eine -Stimme aus einer Ecke des Weltalls zu mir gesprochen haben, daß ich Dir -dieses sagte: auch Du hast Deine Söhne der Vernichtung geboren. Als -könnte ich Dir heute nur all jene Worte wiederholen, die ich Dir damals -schrieb. - -Vor zwei Tagen ging ich auf das Armee-Oberkommando, um einen Urlaub nach -Babylon zu erbitten. Jemand gab mir einen versiegelten Brief in die -Hand, ich lief die Treppe zum Fluß hinunter, um das Boot zu besteigen, -und im Hinabschreiten öffnete ich den Umschlag. Als ich den schwarzen -Rand erblickte, dachte ich gleich: es ist der Vater. Dann las ich von -dem Tode unseres armen Ikarus, der so früh seine Flügel gebrochen hat. -Eine Weile später stand ich in dem Hof des deutschen Etappenoffiziers -und hörte, wie eine Stimme zu mir sagte: »Was machen Sie für ein -Gesicht? ...« Da fühlte ich, von Krankheit und Hitze geschwächt, wie mir -die Tränen aufstiegen, und konnte nicht sprechen. - -Ich fuhr den Fluß zurück über das opalfarbene Wasser, badende Knaben -scherzten am Ufer, der volle Mond erblühte am Himmel. In dieser Nacht -schlief ich wenig. Immer sah ich die Gestalt meiner Mutter vor mir, sah -eine unendlich zarte, pergamentene Hand, unter der sich die blauen Adern -abzeichnen, wie sie inmitten fremder Menschen und der kalten -Geschäftigkeit eines ungerührten Soldatenlebens an dem Sarge ihres -Kindes stand, mit einer schüchternen Bewegung ihrer weißen Finger über -seine blonde Stirne streichend, als wollte sie noch einmal sagen: mein -Junge. Und ich sehe uns ältere Brüder mit einem bunten schottischen -Kleidchen zwischen uns durch den Garten unseres Hauses rennen, daß uns -die kleinen Beine kaum folgen können, blonde Härchen, über denen eine -weiße Pudelmütze hing mit einem Ponpon daran. Und ich sehe unsern Bruder -nach Hause kommen mit seinem zerbrochenen Ärmchen, dem der Knochen aus -dem Gelenk gerissen war, weil er schon so früh seine Seiltänzer- und -Fliegerkünste auf den regenglatten Barrieren des Viehmarktes übte, und -ich denke, daß er eigentlich immer unglücklich in seinen Unternehmungen -gewesen ist. Armer Ikarus! Vielleicht findet meine Mutter heimkehrend -zwei braungewichste Schuhe in einem Winkel des Zimmers, blank wie eine -Kastanie, einen seidenen Schlips, auf den er stolz war, und ich bin -nicht bei ihr, ihr die Tränen von den Wangen zu küssen. - -Im Dunkel gehe ich noch einmal an den Fluß hinab. Unter den Palmen haben -türkische Soldaten ihre Zelte aufgeschlagen. Sie liegen, ihrer Uniform -ledig, in ihren zerrissenen Hemden auf der bloßen, noch warmen Erde, -ihre Lämmer, die sie morgen schlachten werden, in ihrem weißen, wolligen -Fell am Boden ruhend, zwischen sich; und ich denke, daß auch sie alle -nur geopferte Menschen sind. Aber da sehe ich die Gestalt meiner Mutter -von neuem zwischen den Zelten auftauchen, blaß vom Mondlicht beleuchtet, -und wieder sehe ich diese schmale, blaugeäderte Hand vor mir, die -zärtlich nach der Stirne ihres Kindes greift. Ich steige auf das Dach -unseres Hauses und werfe mich auf die Decken. Aber ich kann nicht -schlafen. Ruhelos liege ich, bis der Mond untergeht. - -Gestern bin ich nach Babylon gefahren. Wir reisten die Nacht durch. Ich -saß mit Arabern in einem ungefederten Pilgerwagen, der von vier -Maultieren gezogen wurde. So rasten wir, von Gendarmen begleitet, durch -die Wüste. Einmal an einer Wasserstelle traten einige hinaus, breiteten -ihren Teppich auf den Boden und standen zwischen Sonne und Mond über dem -ungeheuren Zifferblatt dieser Ebene, das Gesicht gegen den Himmel -gerichtet. Wie nahe empfand ich sie mir in dieser Stunde, als sie -niederknieten, voll Anbetung diese ewige Erde mit der Stirn zu berühren, -und als ich den Wagen bestieg, stolperte ich absichtlich, mit der Hand -in den Staub greifend, erschüttert von der Erhabenheit dieser Natur. Um -Mitternacht hielten wir an einer Karawanserei. Ich ließ mein Bett auf -dem Dache des Hauses ausbreiten, aß etwas Brot und Käse und öffnete -meine Kleider dem Nachtwind. Unten bewegten sich Araber phantastisch im -Mondlicht, ein kleiner Junge verkaufte Buttermilch aus einem -Ziegenschlauch. »Libben, Libben,« sagte seine schläfrige Stimme. - -Um zwei Uhr weckte mich mein Diener. Wieder rasten wir im Galopp durch -die Wüste, und wie glücklich war ich, die Erde von neuem unter mir -gleiten zu fühlen. Kamel- und Ziegenkarawanen schwammen im Zwielicht mit -wunderlichen Köpfen an uns vorbei. In der hellen Sonne hob sich die -Staubkrone von Babylon aus der Ebene. Wieder dringt eine neue Welt auf -mich ein, und zwischen Palmenhainen, Dorfhütten und Ziegelruinen -versunkener Riesenpaläste fühle ich zwischen den vielen -Unbegreiflichkeiten, die mich unter einem heißen Himmel in ausgebrannter -Seele bewegen, auch diese, daß mein Bruder gestorben ist. Vielleicht -empfinde ich weniger als ihr den Schmerz dieser Stunde, von den -Gesichtern fremder Menschen und Landschaften umstellt, den Schmerz, der -vielfach gestaltet in den Straßen der Heimat auf mich wartet, um in der -Stunde der Heimkehr über mich herzufallen. Vielleicht hat eigenes Leiden -mich müde gemacht, in jenen Stunden, da auch ich abgeschlossen hatte mit -meinem Leben, dessen Tagebuchblätter mit vielfachen Zungen zu mir reden, -auf deren leergebliebenen Seiten jener Zeit ich nichts geschrieben finde -als die Worte: »Meine arme Mutter.« Wann werden meine Augen, die so viel -Blut getrunken haben, noch einmal die Tage der Schönheit und des -Friedens schauen? Wann werde ich wieder den Duft blühender Veilchen -riechen? Fortzugehen aus dieser Welt des Jammers und der Verbrechen, -nichts zu sein als ein Baum, ein Stein am Wege, eine Blume im Wind ... o -meine Mutter, wer das könnte! Aber glaube mir, daß auch auf Deine Lippen -noch einmal ein Lächeln treten wird, wenn aus den Händen Deiner Söhne -die starken Früchte erwachsen, die Du ersehntest. Sieh, noch aus den -tiefsten Abgründen der Erde wollen wir das Glück der Kommenden in die -Höhe bauen, daß Sonne auch um Deine alternde Schläfe spielt, die ich -mich zärtlich neige zu küssen. Ach, möchtest Du im Elend so glücklich -sein, wie Dein trotz aller Leiden des Körpers und der Seele von tausend -starken, unerschöpflichen Gedanken verfolgter Sohn, dessen Liebe bei Dir -sein wird immer, immer. - - - - - An einen Freund - - - Hans Feige, gestorben den 2. Februar 1917 zu Sipote in - rumänischer Gefangenschaft. - - Babel, den 24. Juni 16. - -Mein lieber Hans, es scheint, als wenn eine unsagbare Macht mich abhält, -meinen Freunden zu schreiben, die im Felde stehen. So erging es mir mit -Fritz v. Z., bis er gefallen war, da bereute ich mein langes Schweigen -zu spät. Was ist es, das mir die Brücken zerbricht, die zu jenen -hinüberführen? Ist es die Unmöglichkeit der Vorstellung, daß Menschen, -die das Leben meiner Gemeinschaft führten, in das Rad einer Maschine -gespannt sind, die Betätigung eines Handwerks verrichten, das meinem -innersten Gefühl so sehr widerspricht? Ist es die Erkenntnis, trotz -aller Jahre der Freundschaft, aus Knabentagen heraufgewachsen, trotz -aller Gleichartigkeit der Gesinnung irdische und seelische Weiten -zwischen sich zu fühlen, die zur Stunde noch unüberbrückbar sind? Ich -habe mit stiller Genugtuung Deine Briefe gelesen. Nein, Du bist Dir treu -geblieben. Noch zwischen Bajonetten und dem kalten Regen der Schüsse -sehe ich Deine Seele tanzen. Noch in Laufgräben und Unterständen sind -süße Frauen an Deine Seite gebettet. - -Vielleicht schmerzt es mich, daß Du meine letzten Worte so wenig -verstanden hast, daß Du Gefühle an Dich gerichtet empfinden konntest, -die so sehr anderen Menschen galten. Aber ich will jenes Briefes, auf -Krankenbetten, in Bitternissen geschrieben, nicht wieder gedenken. Hier -liegen Monate, die der gefolterten Seele Jahrtausende sind. Nur zu -lieben, zu schaffen ist meine Seele bereit, zwei Berufe, für die diese -Zeit sie schwach und untüchtig gemacht hat. Was soll ich Dir sagen? Wenn -ich ein Land wüßte, dem Krieg zu entfliehen, eine Scholle oder die -Schroffe eines Berges, noch seinem leisesten Echo fern zu sein oder dem -unüberwindlichen Geruch des Blutes, den der Wind über die Erde hinträgt, -würde ich, ein Soldat, mit den heiligsten Eiden berufen, Wunden zu -heilen und Trost zu sprechen, nicht diese Stätten des Unheils und der -vermodernden Schädel verlassen, wortbrüchig, aber treu der heiligsten -Pflicht der Seele? Würde ich nicht schwach genug sein, dem Drange nicht -länger zu widerstehen in der Unerreichbarkeit der Fremde, sollte ich -auch Mutter, Freunde und Geliebte für immer verlassen, für mich, ein -Einzelner, das Gebäude des Friedens und der Arbeit neu zu errichten? Und -wenn es dennoch einen Ort gab, an dem ich Ruhe fand, eine Stätte, an der -ich glücklich wurde, so war es unter dem Dache dieses Hauses, das aus -den Trümmern Jahrtausende alter Ziegel erbaut ist, bei dem -melancholischen Gesang der Wasserheber, im Schatten uralter Palmen und -Maulbeerbäume, den vergessenen Resten des Paradieses, in der -Gemeinschaft einfacher und sinnhafter Menschen, Tagediebe und -räuberischer Seelen (ja, auch diese noch wage ich zu lieben). - -Freilich erschien mir auch hier das Rätsel das gleiche, von dem wir -umlauert sind, und nie empfand ich die dunkle Antwort der Erde auf die -Nichtigkeit alles menschlichen Tuns so stark, wie auf den zerbrochenen -Mauern dieser aus ewigem Schlafe erstandenen Stadt, wenn ich im -Abendschatten auf der Höhe dunkelgebreiteter Schutthügel wie auf den -Spitzen verlassener Berge zu stehen glaubte und aus den Spalten der -silberne Ton einer Blaurake sich hob. Denn auch wir waren bestrebt, -höher zu bauen als unsere Väter. Auch wir bauten an einem Turme zu -Babel. Auch wir Völker dieser noch atmenden Erde redeten in vielerlei -Zungen, waren in Wirrnis geworfen und verstanden uns nicht. Und auch -unsere Kinder werden einst einen hohlen Abgrund finden, einen See voll -Wasser, über den der klagende Ton einsamer Vögel hinstreicht, wo wir -einst gewaltige Mauern errichteten, ragende Türme und unendliche -Treppen, in den Himmel zu steigen. Ach, daß wir nicht reif wurden, einen -andern Stern zu betreten, da die Erde nicht Raum hat, uns Erlösung zu -bringen. - -Wo bist Du? In welchem Winkel der Schlachten soll ich Dich suchen, -geliebter Gefährte so vieler unwiederbringlicher Jahre? Soll ich auch -Dich unter den Toten wiederfinden? Ich fühle, wie es einsam um mich -wird. Einsam, da ich noch immer von jugendlichem Stürmen erfüllt bin, da -ich erst angefangen habe, zu leben, da ich endlich die Straße fand, nach -der ich so lange suchte. Möchte mir die schmerzliche Stunde erspart -bleiben, als letzter der Freunde zu sterben. - -Vor meinem Fenster, im Uferrasen des Euphrat, gehen junge Araberfrauen, -Schößlinge von Palmen im Arm, und wie sie im Schatten der Dorfmauer -hinschreiten, gleichen sie sanftfüßigen Boten des Friedens. Möchten die -zartfingrigen Zweige ihrer Triebe, ehe sie Wurzel schlagen, seine ersten -Tage beschatten. Doch nun sehe ich Dich im Staube der Landstraße -dahinziehen, von Sonne und der fröhlichen Schar der Kameraden umgeben, -das furchtbare Mordgewehr auf dem Rücken, ein Lied singend. »Der Sohn -des Leichtsinns ist immer glücklich!« -- rief mir gestern ein arabischer -Eseltreiber zu, der sich lachend auf das mit blutigen Striemen bedeckte -Tier schwang, und wenn Kummer und Not und die pedantische Hand des Todes -um Dein Haupt sein sollten: bleib mir erhalten, alter Junge! - - - - - Brief an die Eltern - - - Im Palmengarten der Karmelitermönche. - Bagdad, den 21. August 1916. - -Welches gerechte Erstaunen, welcher Schmerz, Ihr einsamen Seelen, wird -Euch erfaßt haben, als Ihr saht, daß ich fast zwei Monate geschwiegen -habe. Daß ich von Zwiespältigkeiten, Demütigungen und einer Menge nur -halb gelebter Stunden umhergeworfen, mich fast selber vergaß, seit ich -Bagdad, dieses verlogene Gebäude von Schmutz, Staub, glühenden -Backsteinen, schlechtem Essen und knechtischem Soldatenton von neuem -betrat. Denn wir waren kaum aus der »Pfanne von Babel« heraus, als uns -schon auf der Straße nach Mauhanil das Unheil mit verbogenen Federn in -den Staub warf. Als unser Wagen plötzlich zusammenknickte wie ein Kamel, -das sich in die Knie wirft, während die zerlumpten Kutscher unter den -Kolbenstößen der Gendarmen mit einem arabischen »das tut nichts« die -verbogenen Federn mit Bindfaden wieder aneinanderflickten. Ja, ich -glaube, ich verdanke es nur der Güte des Bruders Ägidius, wenn ich im -Schatten seiner Feigenbäume noch einmal dazu kam, mich auf mich selbst -zu besinnen, wenn ich für Augenblicke zurückschauen kann auf Leiden, -Hindernisse und Fallstricke, die ich, ein gehetztes Wild, überspringen -mußte, um endlich zur Ruhe zu kommen. Zur Ruhe zu kommen? ... ach, um -aufgescheucht, atemlos von neuem durch Gestrüpp und über Abgründe zu -stürzen. Denn während ich halb krank durch die Straßen von Bagdad irrte, -wie ein persischer Bettelmönch in einem hauslosen Stande lebend, während -ich jeden Morgen meine Wohnung wechselte, mit der Last meiner Teppiche -und dem zu einem Hausrat angewachsenen Gepäck, während ich in -halbzerfallenen Häusern nächtigte, jeden Tag der Stunde der Heimkehr -gedenkend, erreichte mich eines Abends der Tagesbefehl vom 26. Juli -1916: »Der Sanitätssoldat Wegner wird in die Cholerabaracken -kommandiert.« - -Da stand ich im Schein meiner Handlaterne in der Finsternis unseres -kleinen Hofes, faltete das Papier zusammen, und mir war, als hielte ich -mein Todesurteil in der Hand. Von Fieber und innerem Leiden geschwächt, -soeben von den Ärzten eines dreimonatlichen Urlaubs versichert, dennoch -von täglichen Verlockungen bewegt und noch gestern bereit, nach Persien -oder Ägypten zu wandern, erkannte ich an der Unterschrift dieses -Befehls, daß alle Pläne, die ich in den letzten Tagen erwog, mir für -immer zerbrochen waren. Niedertracht und Verleumdung, die mit -gespreizten Beinen auf den Dächern der Stadt reiten, hatten sich an die -Spuren meines Weges geheftet. Der böse Wille eines preußischen -Offiziers, der es nicht duldete, daß meine geringe Verachtung vor seiner -nur mit einer Schlafhose bekleideten Körperlichkeit sich zu verneigen -wagte, statt stramm zu stehen. Denn nach meiner Rückkehr aus Babylon -hatte man mich für kurze Zeit in ein fremdes Haus einquartiert, dessen -Räume ich kaum betreten hatte, als ein mir unbekannter Deutscher im -Türrahmen des Zimmers erschien. An einen vertrauten Umgang gewöhnt, -machte ich eine leichte Verbeugung, da er auf seinen nackten, von -Schweiß geröteten Schulterblättern die Abzeichen seines Hauptmannsranges -in der Tat nicht eintätowiert trug. »Wer sind Sie?« Ich nannte meinen -Namen. Er fragte nach meinem militärischen Rang. Ich würde mich schämen, -Euch die Worte zu wiederholen, die darauf folgten. Am Abend fand ich das -Feldbett, das mein Diener auf dem obersten Dach aufgeschlagen hatte, -eine Stufe tiefer aus dem Wind gestellt. Wenige Tage darauf wollte es -das Unglück, daß ich, noch immer auf die Ausfertigung meines -Urlaubsscheines wartend, mit einer schönen Frau durch den öffentlichen -Palmengarten von Bagdad ging, während der deutsche Etappenmajor vor der -Kapelle seinen Kaffee einnahm. Schon am nächsten Abend hielt ich diesen -Befehl in Händen, der geeignet schien, die Hoffnung auf Heimkehr für -immer in mir zu töten. - -Mit wie bitteren Gefühlen, wie schmerzlicher Sehnsucht ging ich in -dieser Nacht auf der Terrasse unseres Daches umher, wo Pater Joseph, mit -dem ich das einsame Haus teilte, sich neben mir auf das von -Palmenzweigen geflochtene Bett warf. »Schlafen Sie ruhig,« sprach seine -Stimme durch das Dunkel, »ich habe es immer gefühlt, daß über Ihnen eine -schützende Hand schwebt.« Ich aber blickte in den nächtlichen Himmel, an -dem violett schimmernde Sterne ihr ewiges Spiel begannen. Ich konnte -mich nicht losreißen davon, daß dies nicht der Wille der Notwendigkeit -war, der mich von neuem auf die Straße des Verderbens stürzte und meinen -kaum wiederhergestellten Körper, den ich nicht ohne Mühe auf den Beinen -hielt, bald wieder auf das Lager werfen mußte. Mein immer bereiter -Wunsch, den Leidenden zu helfen, sah sich gegen eine Mauer haßerfüllter -Blicke gestellt, die gerüstet schienen, mich zu vernichten. Aus den -weißen Laken der Betten sah ich von neuem die Gebärde der Hilflosigkeit -gegen mich Hilflosen gerichtet, die Gesichter des Entsetzens vor mich -hingestellt, vielfach und schmerzlich aneinandergereiht, wie ich sie so -oft in diesen Jahren gesehen. - -Da gedachte ich Eurer und Eurer Liebe, die bei mir war, Ihr einsamen -Seelen. Zum ersten Male in meinem Leben, seit vielen Jahren, sah ich -Euch beide vereint wie in den Tagen der Kindheit. Eure Augen trugen den -alten Glanz, aber Kummer und Sorgen hatten Eure Gesichter gezeichnet. -Und von Sehnsucht überwältigt, griff ich zum zehnten Male nach Euren -Briefen, aber es waren die alten, tränenbeladenen Seiten, die von dem -Tode unseres Bruders kündeten. Wieder sah ich Euch abschiednehmend vor -mir stehen, wie Ihr die väterliche und mütterliche Rechte zum letztenmal -dem Sohn auf das tote Herz legtet, wie Ihr beide, ein alterndes -Zwiegespann, müde an dem verwaisten Herde zurückbliebt. - -Mit einer bitteren Verzweiflung ging ich in diesen Tagen von neuem an -die Arbeit, bereit, das Letzte zu geben, das in mir war, bemüht um die -Schmerzen neuer Menschen, als hätte es irgendwo dort hinten nie ein -anderes Dasein gegeben als dieses, das mit bolus alber und trockenem -Brot zwischen den Betten umherlief, die mit dem Schmutz der Kranken -bedeckt waren. Eines Morgens fand ich in der Schreibstube zwischen den -Papieren einen geheimen Befehl an den leitenden Arzt des Lazarettes, der -den Vermerk trug: »W. ist so zu beschäftigen, daß ihm jede Lust, in -Bagdad spazieren zu gehen, vergeht.« Man stellte mir also nach dem -Leben, beraubte mich des höheren Ranges, den mir der Feldmarschall -verliehen hatte, zwang mich zu einer Tätigkeit, der ich bei meinem -Zustand nicht mehr gewachsen war, und übertrug mir in schändlicher -Absicht bei täglich zwölfstündigem Dienst noch drei Nachtwachen in einer -Woche. Nur einem Wunder verdanke ich es, daß die Cholera in diesen Tagen -nachließ. Ein an Leiden Erblindeter, irrte ich in den gedeckten Kellern -dahin, lief mit arabischen Handwerkern durch die heiße Sonne, einen -Leichnam in seinen Sarg zu löten, oder stahl mich im Dunkel zwischen den -Palmen hinaus, einem Toten drei Handvoll Erde in die Grube zu werfen, -mit dem ich noch gestern bei Tische saß. In diesen Tagen lernte ich den -Schlaf über alles lieben. Wenn es zuweilen geschah, daß ich des Nachts -emporfuhr, schloß ich erschreckt von neuem die Augen: nicht einen -Gedanken länger in einer Welt leben zu müssen, die schamlos die Wurzeln -aller Taten entblößte, eine Welt zu schauen, die so sehr das Abbild der -Selbstsucht und der Zwistigkeit war, von harten Herzen gesteinigt, unter -dem niederen Himmel böse blickender Augen, die nicht gewillt schienen, -mich mit Liebe zu lohnen. Voll Wehmut gedachte ich der Tage, da ich mit -dem Feldmarschall, mit Sven Hedin und dem erfahrenen Herzoge von -Mecklenburg zu Tische gesessen, da ich ihnen im abendlichen Lichte des -Tigris vorgelesen, gedachte der achtungsvollen Worte ihrer Freundschaft, -der liebenden Geste, mit der sie mir die Hand reichten. Es war weder -Ehrgeiz noch Beschämung, die mich erfaßten, daß ich mich plötzlich so -herabgesetzt sah und in den Kreis der Enttäuschung geführt (bin ich -nicht immer der Gast der Armut gewesen?), aber es schmerzte mich, -Verleumdung und niedriger Vergeltung zu begegnen, wo ich zu halbem -Erstaunen oft Liebe und herzliche Erkenntnis fand. Der Strom der Bosheit -hatte auch mich ergriffen. Ich sah, wie er immer weitere Kreise zog, -mich immer weiter hinwegführte von meinen Freunden. - -Ach, ich wußte es wohl, die mich liebten, lagen unter den Toten draußen -oder kehrten enttäuscht und ungläubig in die Heimat zurück. Und eines -Mittags, nachdem ich die Nacht Wache gehalten, lief ich in die Wüste -hinaus, das Grab meines Stabsarztes zu suchen. Aber ich irrte vergeblich -in glühenden Winden zwischen Aas und zerfallenen Hügeln umher, bis ich -im Staube kauernd den blinden Wärter des Friedhofes fand, der, mit -greisen Händen über den Buckel der Gräber tastend, lange zwischen den -zerfallenen Steinen umherlief, mich endlich vor eine kahle Stelle zu -führen. Enttäuscht blickte ich auf die entblößte Stätte dessen, den ich -geliebt hatte, die so Unvergeßliches für mich barg, von denen betrogen, -die mir während meiner langen Krankheit oft ihr Wort gegeben, dafür -Sorge zu tragen. Nicht ein Zeichen der Erinnerung war mir geblieben, als -der traurige Schatz meines Herzens, mit dem ich Trostloser zurücklief in -die Stadt. - -Und ich ging durch den schlafenden Bazar, dessen hundert Augen -geschlossen lagen, denn es war Feiertag, und dessen schmale Gänge sich -in finsterer Einsamkeit dehnten, bis der Zufall mich in eine verlassene -Karawanserei führte, wo alte Teppiche, Möbel und Waffen vergangener -Jahrhunderte aufgespeichert lagen. Und wie ich mich so einsam und -bekümmert zwischen ihnen stehen sah, von Krankheit und Heimweh -geschwächt, in meinem abgerissenen Waffenrock und meinen staubigen -Soldatenstiefeln, da fühlte ich, daß auch ich nichts anderes war, als -ein wertloser Gegenstand, noch eben gut, um als Hemmschuh für das -gleitende Rad des Todes zu dienen, alt, abgebraucht und um sechzig -Piaster verhandelt. - - Euer Sohn, der Freund der Toten. - - - - - Der Triumph der Mutter - - - Bagdad, Mesnil Schah Bender, - den 30. August 1916. - -Am vergangenen Sonntag ging ich in die lateinische Kirche. Sie feierten -das Fest der heiligen Jungfrau Maria. Chaldäische Christinnen in ihren -weiten seidenen Gewändern füllten das Schiff, arabische Kaufleute, über -denen der Priester, schwarzbärtig, die weihrauchgefüllte Kugel schwang. -Ich setzte mich unter sie, ich blickte auf das mit Palmenzweigen -geschmückte Bild der Gottesmutter, die auf ihren Armen den Sohn trug, -und mir war, als schaute ich in Deine Züge, Mutter, die in unendlicher -Liebe auf mich herabsahen. Waren nicht auch mir die Worte gesprochen -worden: »_Beatus venter, qui te portavit, et ubera quae suxisti?_« Ging -nicht von diesem Lächeln aller Friede der Erde aus, stand es nicht wie -die aufgehende Sonne über den Tagen der Kindheit, an deren Ende jene -Wildnis der Seele beginnt, in die wir alle hinausgetrieben werden, -verirrte Tiere? War nicht auch Dein Leid ein Meer? Hattest Du nicht die -sieben Schmerzen Marias getragen, den Sohn in Kummer geboren, mit ihm -die Kämpfe und Enttäuschungen einer langen Jugend erlitten, ihn -dargebracht auf dem Opfersteine der Menschheit, daß verblute, was mit -soviel Mühen Deinem Leibe, Deinem Herzen entwachsen war? Als Du ihn -wiederfandest in seinem zerrissenen Fliegerrock, von dem Schmutz dieser -Erde bespritzt, gekreuzigt an die zerbrochenen Flügel seiner Maschine, -waren da nicht auch Dir aus den unbarmherzigen Tiefen der Finsternis die -Worte gesprochen worden: »Siehe da, Deinen Sohn!« Glitt nicht in jener -Stunde vervielfacht und geläutert die namenlose Liebe auf uns Brüder -herab, die von unendlicher Trauer verklärt vor uns die Flamme Deines -Hauptes emporhob? - -_Inventa es Mater Salvatoris Virgo Dei Genetrix, quem totus non capit -orbis in tua se clausit viscera, factus homo._ - -Ich neigte den Kopf, alle Bekenntnisse der Trennung und dieser -schmerzlichen Zeit im aufgewühlten Herzen bewegend, und dachte: »Ich -kann Dein Gesicht nicht zu mir hertragen, Mutter, so viele Jahre liegen -zwischen gestern und heute; aber aus jeder Landschaft noch, die ich -beschreite, blickt Deine Güte, aus jedem Sturme spricht Deine Stimme zu -mir. Mein Geist ist dem Deinen nahe. Meine Seele bettet sich in das Tal -Deiner Wangen, sie wandert in den Falten Deines Gesichtes einher wie der -Wanderer, der in den Schluchten der Berge verirrt ist, und findet nie -ein Ende. Ich bin ertrunken in Deinen Augen. Wie die Welle über den -Schlummernden am Grunde der Wasser, so gleitet über mich Deiner Liebe -Lächeln.« - -Arabische Knaben erhoben die helle Stimme zum Gesang. Die Seele, des -schwebenden Schrittes entwöhnt, stürzte in sich zusammen. Neben mir -knieten zwei gefangene Engländer in ihrem lehmfarbenen, sauber -gebürsteten Waffenrock; ich blickte auf die Leidenslinie ihrer jungen -Gesichter, und wie ich sie so an meiner Seite sah, die Kette des -Skapuliers über die Schultern gehängt, die sie beschützt hatte vor -Krankheit und Tod, vor den Gefahren der Schlacht, in dunkler -Gefangenschaft, wie sie fern von der Heimat, die liebliche Heiterkeit -englischer Dörfer vor Augen, die Gesichter betend hinter der mageren -Hand verbargen, wurde die Stimme des Brudertums so laut in mir, daß es -mir Mühe machte, die Tränen zurückzuhalten. - -_Laudemus omnes in Domino diem festum celebrantes sub honore beatae -Mariae Virginis._ - -Als ich wieder aufsah zu dem palmengeschmückten Bilde, fand ich ihr -Gesicht zum zweitenmale verändert, als blickten alle, die in dieser -Kirche versammelt waren, arabische, armenische und chaldäische Christen, -griechische Kaufleute, deutsche Offiziere, verwundete, kranke und -gefangene Soldaten, Frauen, Kinder und Greise mit mir empor zu der -Mutter des Menschengeschlechts, die die gesegnete Frucht ihres Leibes -umklammert hielt, sie liebevoll hinter dem schützenden Mantel zu bergen. -Und ich sah Leid, Kummer, Zorn und Verzweiflung in den Lichtern ihrer -Augen stehen, zwei spitze, schwertheiße Flammen. Da erkannte ich die -Menschheit, die von Schmerzen zerrissen und fluchbeladen mit mir in -diesem Raume kniete, eine stumme, untröstliche Gemeinde, die gekommen -war, an ihrem Bilde um Vergebung zu bitten. - -_Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!_ - -Dumpf tönte das Aufschlagen der Hände gegen die Brust. - -Da aber klang in unendlicher Versöhnung ihre erlösende Stimme aus der -Höhe herab: »Ich habe Frucht getragen wie ein Weinstock, ich gab von mir -süßen Geruch. Ich bin die Mutter der schönen Liebe, der Furcht, der -Erkenntnis und heiliger Hoffnung. In mir ist Gnade jeglichen Weges, -jeglicher Wahrheit. Kommt zu mir alle, die ihr mein begehrt, an meinen -Brüsten werdet ihr gesättigt werden. Mein Geist ist süßer denn Honig, -meine Erbschaft köstlicher denn Honig und Honigseim. Mein Andenken -bleibt in ewige Geschlechter. Die mich essen, werden noch hungern, und -die mich trinken, werden nach mir durstig sein.« - -_Alleluia, alleluia. Per te, Dei Genetrix, nobis est vita perdita data: -quae de coelo suscepisti prolem et mundo genuisti Salvatorem. Alleluia._ - -Die silbernen Schellen erklangen, der Priester küßte das goldgeschmückte -Buch, Weihrauchwolken erhoben sich zum Gewölbe der Kirche. Eine süße -Wehmut stieg auf in meiner Brust, und aus ewigen Gründen hörte ich eine -Stimme sagen: »Lege von Dir den Rock, der mit Schmutz und Eiter bedeckt -ist. Laß liegen den Kranken auf seinem Bett, auf seiner Bahre den -Verwundeten, den Sterbenden in seinem Blut. Auch Du bist berufen, ein -Jünger zu sein, auf Erden das Reich Deiner Mutter aufzurichten, ein -Baumeister der Liebe unter den Völkern und eine leise Stimme der -Zukunft. Hatte ich nicht in Dein Herz die Gabe der Liebe gelegt, die -Gewalt der Rede, die ich Dir geschenkt hatte? Hättest Du nicht aufstehen -sollen, Deine Hände gegen den Mund zu legen, sei es auch gegen eine Welt -kalter Gerechtigkeit, um zu sterben unter dem Hasse der Menge, ein Narr -des Edelmutes, eine Heldenstimme der Unvernunft? Du aber gingst hin, -verschlossest den lebendigen Strom des Gewissens, weigertest Speise und -Trank Deinen Worten, die hinter dem Gehege Deiner Zähne dahinstarben wie -gefangene Tiere. Du Knecht der Stummheit! Du Verbrecher des Schweigens! -Du Dieb der Wahrhaftigkeit!« - -_Regina mundi dignissima et mater perpetua intercede pro nostra pace et -salute._ - -Aber zum dritten Male aufschauend erblickte ich hinter dem -palmengeschmückten Bilde den Leib des Gekreuzigten, mit Blut bedeckt, -die Hände von Nägeln zerschlagen, und erkannte in ihm das Bild dieser -Erde, die, in Kriegen verstümmelt und von grenzenlosem Elend verzerrt, -sich einen Leichnam zum Sinnbild ihrer höchsten Verehrung gemacht hat. -Sie drängten hinzu mit gierig geöffneten Lippen, ich sah, daß ihre Seele -ein reißendes Tier war, die verschlang das Kind Deiner Liebe, das Du -geboren hast, die trank von dem heiligen Blute des Bruders und wurde -trunken davon. Ihre Nahrung war der Leib eines Toten. - -_Accipite et manducate, hoc est enim corpus meum, quod pro vobis -tradetur._ - -Und von grenzenlosem Schmerze erfaßt, drängte ich hinaus, ein Betäubter, -den ein Stein vor den Kopf getroffen. Noch auf der Straße, inmitten der -Menge, die um die Tische der Bazare war, unter Handwerkern, Kaufleuten, -unter Juden und Mohammedanern, Christen, Bettlern und Soldaten, während -durch die offene Tür die Orgel in den Lärm des Marktes klang, schrie es -auf in mir: »O Du erhabene Mutter des Menschengeschlechts -- sie beten -Dich an, aber sie durchbohren Dir das Herz! Wer soll uns erlösen, wenn -Du es nicht bist, Mutter? Aus Deinem Schoße wachsen die Kinder der Welt. -Stehe auf aus den tausend Müttern der Erde, erhebe Dich aus den -Millionen Herzen, die gelitten haben! Verschließe den Schoß, der so -viele Leben geboren hat, laß versiegen den Quell Deiner Brüste! Stehe -auf aus den volkreichen Städten Deutschlands; aus den Kathedralen von -Frankreich, aus der Finsternis englischer Fabriken erhebe Deine Stimme! -Aus den Wäldern Indiens, aus den Zelten arabischer Wüsten, den -verschneiten Hütten russischer Dörfer beginne den Klagegesang. Aus der -toten Verlassenheit anatolischer Felsenhöhlen, aus dem traurigen -Wohnzimmer der Witwe, die in ihrem hölzernen Käfig dahinsiecht, aus der -steinernen Klippe am Hang sizilianischer Felsen, wo die Stimme des -Meeres in das Singen der Wiege klingt, laß Deinen Ruf laut werden, halte -nicht länger zurück das Gewitter Deines Zorns und der Verzweiflung! Hebe -Dich auf aus den Tiefen der Trauer und Einsamkeit, lege Deine Hände vor -das Antlitz des Todes, und laß den Lärm der Schlachten verstummen, daß -die Welt rein werde von den Greueln des Blutes. Denn Deine Kinder sind -schwach und untreu ihres Gelübdes. Sie lernten es wohl, das eiserne Rohr -zu führen, aus dem die teuflische Kugel fliegt, aber untüchtig sind sie -und feige für die Arbeit des Brudertums. Sie achteten Deiner nicht, -gingen hin und verrieten das Wort Deiner Liebe. O gib Brot und Speise -denen, die hungern, gib einen Vater den Kindern wieder, nicht länger laß -einsam sein den Schlaf des Weibes. Aus ihren weißen Betten steigen die -Gebete der Kinder zu Dir auf, und aus den Gräbern noch blühen die Hände -der Toten. Denn Dir gehört alle Herrlichkeit der Erde, Mutter, alle -Kraft der Liebe, alle Barmherzigkeit! - -_Qui audit te non confitetur et qui operantur in te non peccabunt. Qui -elucidant te, vitam aeternam habebunt. Ave Maria!_« - - - - - An Carl Hauptmann - - - Kriegslazarett Kasim Pascha, - den 3. September 1916. - -Welchen Balsam haben Ihre Worte in meine Wunden getan! Wohl weiß ich, -daß jeder Brief ein Pfeil ist, der in das Ungewisse fliegt, von dem wir -nicht ahnen, in welchem Lande, zu welcher Stunde er niederfällt; der -Ihre aber traf mich mitten im Herzen. Mir ist, als erwachte ich für -Augenblicke aus tiefem Schlaf. Daß es noch eine lichtere Landschaft -gibt, als die flache Ebene dieses Daches, wo ich meinen Tisch zwischen -die Betten gestellt habe, und die flackernde Kerze, die von dem Atem der -Kranken bewegt scheint, um Ihnen zu schreiben; wo ich im Schlafkleid -unter dem hellen Mond seltsame Wache vor dem Tode halte, der unsichtbar -in den Adern der Menschen umhergeht, der jeden Tag mit weißem Gesicht -glühend am Himmel heraufsteigt und seine seltsamen Inseln, Kamel-, -Pferde- und Stierleichen, die aufgelösten Leiber toter Soldaten mitten -durch den Strom der Stadt treibt, daß wir nie vergessen, daß wir auch -hier in den Laufgräben des Krieges schlafen. - -Wenn ich zurückdenke an das Leben, das ich einstmals geführt habe, an -die stille Tafelrunde der Geister, die diese Zeit so lange hungernd von -ihrer Mahlzeit scheuchte, so befällt mich oft eine stille Angst, daß -dies alles nur ein merkwürdiger Traum war, der niemals Wahrheit -besessen. Daß ich nie ein anderes Zimmer bewohnte als diesen einäugigen -Raum, dessen Scheiben mit Papier verklebt sind, in dessen Winkel an -einer aufgespannten Schnur meine Wäsche und meine Kleider hängen, in der -die Koffer geschlossen und die Teppiche in Ballen gepackt liegen, als -gelte es, jede Stunde des Aufbruchs gewärtig zu sein. Hat es auch für -mich Wandernden einmal Heimat gegeben? Wann geschah es, daß ich auf -etwas anderes blickte als gleißende Backsteinbauten oder in das sandige -Auge der Wüste? Der stille Gleichmut des Landes hat seine tröstende Hand -auch auf mich gelegt. Die Flamme des Zornes ist herabgebrannt, ich habe -lächeln gelernt, was mich noch gestern in Empörung versetzte, begreife -ich mit ergebener Anmut. Wie oft muß ich an meinen arabischen Diener -denken, der jede Frage mit einem »Warum« beantwortet. »Ist das Essen -fertig?« -- »Warum soll es nicht fertig sein?« -- »Hast du meine Stiefel -geputzt? Ist Reis, sind Tomaten da?« -- »Warum nicht, Sahib?« Und wenn -ich ihn darnach fragte, würde er nicht antworten: »Warum sollst du in -Deutschland sein? Kannst du mir sagen, weshalb diese Erde besser sein -sollte, als sie es ist? ...« Aluan wird 17 Jahre alt, ist zum zweiten -Male verheiratet und hat zwei Kinder auf dem Friedhof liegen. Seit ich -in den Tagen meiner Krankheit an seinem feindlichen Unbegreifen so oft -in hilflose Verzweiflung geriet, hatte ich nie geglaubt, daß wir -einander menschlich so nahe kämen. Wir beide haben manches von einander -gelernt. - -Einmal besuchte ich ihn im Hause seines Schwiegervaters in Kazimen, lag -die heißen Stunden des Mittags in seiner ländlichen Hütte auf der besten -buntgedruckten Matratze, die er auf dem Erdboden ausgebreitet hatte, und -deren Muster ich noch immer auf der Rückseite meines Hemdes trage. An -der Wand hingen die kostbaren Frauenkleider aus grüner und roter Seide, -und während ich schlief, kamen Kälber und Eselinnen, mit kauenden -Mäulern, und berochen mit großen Augen den Gast. Bei dieser Gelegenheit -sah ich auch Aluans starke und wohlgebaute Frau, zu der er jede Nacht -eine Stunde weit von Bagdad nach Kazimen läuft, um erst im Morgengrauen -wiederzukehren. - -Zuweilen fahre ich mit ihm nach der Insel hinaus, um zu baden. Hinter -der Stadt bildet der Strom eine breite Sandbank, auf der Fellachen ihr -Gemüse bauen. In meinem zeltüberdachten Boote versteckt, die persische -Mütze auf dem Kopf, gleite ich heimlich aus der Stadt, denn ich bin ein -scheuer Fremdling unter den Leuten des eigenen Volkes geworden. Dann -breite ich meinen Teppich auf den Sand der Insel, ziehe mein -baumwollenes arabisches Überkleid an, lese im Homer, im Herodot, im -Goethe oder der Bibel, die meine nie versagenden Tröster sind; denn ich -bin nun ganz zurückgekehrt zu den ewigen Menschheitswerken, die jenseits -alles Ruhmes und Streites dieser Zeit liegen. Neben mir, auf den Fersen -sitzend, hockt Aluan, und nachdem er lange geschwiegen hat, lächelt er -nachdenklich. »Ja, siehst du, Sahib,« sagt er zu mir, »das ist der -Unterschied. Ich habe eine Frau und kein Essen. Du hast Essen und keine -Frau.« Auch hier spricht die Stimme des Menschlichen zu mir, und mit -leiser Rührung betrachte ich die sanfte Neigung seines Kopfes, wenn er -mir zuhört, oder die zärtliche Geste, mit der er nach einem Zipfel -meines Kleides hascht, seine Lippen darauf zu drücken und mir für eine -Kupfermünze zu danken. - -Aber ich habe noch andere Brüder, die heimkehrend in den Stunden des -Abends auf mich warten. Hinter der Brücke am Wasser liegt die kleine -Moschee. In den Nächten des Ramadan bin ich der Gast der alten Mollahs. -Hier ist Munir, der Erleuchtete, ich sitze zu seinen Füßen und lausche -auf seine Stimme. Einmal fragen sie mich nach meinem Namen. Ich sage -ihnen, wie ich heiße; seitdem rufen sie mich »Tarik«. Wir lesen einander -Gedichte in arabischer und deutscher Sprache vor, und obwohl keiner des -anderen Worte versteht, hören wir doch einander zu und sind voll -Andacht. - -Mein arabischer Diener, die alten Gelehrten im Schatten der Moschee und -Pater Joseph, mit dem ich das Dach meines Hauses teile, sind nun meine -einzigen Freunde geblieben, vielleicht noch ein sterbender Hund, den ich -am Wasser, krank und mit Wunden bedeckt, zwischen dem Lärm der -Bootsführer und Wasserträger ganz in sich versunken, die geheimnisvolle -Arbeit des Todes verrichten sehe. Aber die Stunden sind selten, da ich -in ihrer Mitte bin. Ich habe aufgehört, mir selbst zu gehören, in eine -Reihe inhaltsloser Tage gedrängt, ein bodenloses Gefäß, das leer wurde, -noch ehe wir es zu füllen begannen. Nicht immer ohne Bitterkeit trage -ich diese Stunden und die Demütigungen, die mit meiner Arbeit verbunden -sind; denn auch hier gilt nur, wer zu töten berufen ist, und ein -liebender Menschenpfleger ist im Grunde eine verächtliche Gestalt. -Möchte mir nur die Liebe derer bewahrt bleiben, denen ich, meiner selbst -kaum mächtig, die letzte Kraft meiner Hände reiche. - -Während ich diese Zeilen schreibe, blicke ich vom Dach in den Hof auf -die lange Reihe ihrer Betten hinab, wo sie, ihrer Decken entblößt, -nebeneinander liegen, das eine Knie in die Höhe gezogen, als stiegen sie -noch im Schlaf eine unendlich mühsame Treppe hinauf. Und ich höre wieder -die Stimmen der deutschen Soldaten, die, heimgekehrt aus der Wüste, mir -von den bitteren Mühen ihres Lebens erzählen, wie sie hier, am »Hintern -der Erde«, von Hunger, Krankheit und Heimweh zernagt, der letzten Hilfe, -des Beistandes ihrer Offiziere beraubt, die sie ohne Grund in der Glut -der Mittagsstunden in der sommerlichen Wüste Schanzen werfen ließen, in -einer »türkischen Fremdenlegion« dienten. Noch gestern saß ich an dem -Bett eines sterbenden Offiziers, in dessen letzten Träumen das bittere -Gefühl versagter Freundschaft umging, die Scham und der Vorwurf gegen -die Kameraden, die, Verbrecher aus Ehrgeiz und Niedertracht, ihren -Untergebenen die Liebe verweigerten, die sie ihnen schuldig waren. Nun -tönt aus dem Schatten der Mauer die Stimme eines jungen Soldaten, der -seinen türkischen Wärter ruft: »Mustapha, Musta -- pha!« leise und -kläglich, als riefe er seine Mutter. Ich blicke auf und schaue den -schwarzen Strom hinunter, in dem die letzten Lichter der Stadt sich -spiegeln, blicke in das Wunder der fallenden Sterne, die wie glühende -Geißeln über den nächtlichen Himmel peitschen, die herabsickern, langsam -fallende Schneeflocken, silberne Tränen. Jetzt blitzen sie auf, -gewaltige lichthelle Kugeln, die eine unsichtbare Hand über die Erde -hinabwirft, zu schauen, ob der Krieg noch immer nicht das verwüstete -Lager entweihter Unschuld verließ. Sie verlöschen, und wieder wird -Nacht. Aus dem Dunkel des Flusses aber tönt die leise Stimme eines -arabischen Fischers, der in seinem Boote schlafend den Strom -hinabtreibt: - - Die große Palme und der kleine Schößling sind dahingegangen, - Ich blieb allein zurück. - -Mitten in all das kommt Ihr Brief, und ich fahre empor wie ein -Schlafwandelnder. Freude! Freude! Aber auch Kummer erfaßt mich. Ich sehe -die frischgelöschte Tinte Ihres Namens darunter, als wäre ich eben in -der Winterstille durch den Schnee der Berge herabgekommen, trete in das -abendliche Zimmer und sehe, wie Sie vom Tische aufstehen und aufhören zu -schreiben. Wie ich zu lesen anfange, erkenne ich verwundert, daß ich -selber es bin, an den diese Worte gerichtet wurden. Werde ich wirklich -noch einmal diese Stube schauen? Wann wird der Tag kommen, da mir und -Euch allen die Worte geschenkt sind: »Hier gebe ich Dir Armin Wegner -zurück.« Wie anders wird die Gestalt sein und die Seele, die wieder -unter die Augen der Freunde tritt. Ihr werdet die ersten weißen Haare -auf dem Haupte der Jugend schauen. Denn es ist ein Weg ohne Heimkehr, -den wir beschreiten, an dem wir wohnen wie die abgeschiedenen Seelen der -Babylonier, deren Nahrung der Staub ist, und die von ihm zurückkehren, -tun es nicht ungestraft. Andere Augen sind es, mit denen sie schauen; -sie bleiben gezeichnet für den kommenden Tag. - -Dennoch glühen unter der Asche dieser Tage purpurne Flammen, die -zuweilen urplötzlich hervorbrechen, vor deren geheimer Gewalt ich -erschrecke, als wenn sie mich selber vernichten müßten! Ein unbändiges -Verlangen ergreift mich, die Schritte hinaus zu setzen, in welche Höhen -und Abgründe sie auch führen mögen, fort! fort! verkleidet in das Gewand -eines Beduinen, bettelnd, mit Aussatz bedeckt, und sei es auch, um in -der Wüste zu sterben. Aber schon höre ich die Schritte der Häscher im -Hof, die mir das Blut in den Adern erkalten lassen. Wohin? Wohin? ... -Einst sagte mir ein arabischer Wahrsager, den ich im Staub der Straße um -meine Zukunft befragte, indem er die Würfel auf eine messingne Schale -legte, in die das Zeichen des Widders und des Steinbocks gegraben war: -»Was du im Herzen trägst, wird in Erfüllung gehen.« Aber was ist es, das -ich im Herzen trage: Tod, Leben, Ruhm oder Untergang, Glück oder -Verbrechen? Auch der Gram ist nur eine Stufe der Lust; hinter den -härtesten Leiden noch gilt es zu jubilieren wie eine Lerche. Nur eines -weiß ich, daß mit mir die Liebe ist, daß sie mich weiter begleiten wird, -und sei es auch zu den Abenteuern und Ländern, die jenseits dieses -Lebens liegen. »Friede sei mit Dir!« rufen mir die Araber zu, denen ich -des Nachts in den dunklen Gassen begegne; mit mir aber geht der -Unfriede, mit meinem friedlichen Herzen die Unrast, die mich durch alle -Schmerzen der Erde von der Hölle bis zu den Sternen treibt, immer -duldend und immer voll Neugier. - - Ihr Armin, genannt Tarik, das ist »der des Weges Schreitende«. - - - - - Die vierzig Tage und Nächte der Heimkehr - - - An Pater Joseph - - Hadit, den 30. September. - Früh ½7, im Schatten eines alten Wasserrades. - -Bester Pater! Ihnen den ersten Gruß. Daß es weiter geht. Daß die Erde -sich wieder rundet. Als Sie mich bei meiner Abreise baten, Ihnen zu -schreiben, schien mir dies freilich ein Wunsch, dessen Erfüllung fern in -einer heimatlichen Schreibstube lag. Aber nun ich die ersten Tage durch -die Wüste gereist bin, sehe ich, wie sehr meine Gefühle bei Ihnen -blieben, wie fremd mir die Heimat noch ist. Dabei denke ich nicht ohne -Genugtuung daran, daß ich dieser letzten kurzen Erkrankung, die mich -nach den Anstrengungen der vergangenen Wochen zum drittenmal auf das -Lager warf, den Aufbruch zur Heimkehr verdanke, die fast noch in der -Stunde des Abschieds an dem Mangel an Wagen gescheitert wäre. Dieser -Heimkehr, die keine Heimkehr ist; denn auch meine verblutete Seele liegt -bei den Toten in der Steppe begraben und wird nie wieder in das Land -zurückkehren, das ich vor kaum zwei Jahren verließ. Wie oft muß ich mich -unserer erregten Gespräche in den verdeckten Kellern von Mesnil Schah -Bender erinnern und jener tröstlichen Worte, die ich Ihnen zurückließ: -»Meine Irrtümer sind mir lieber als Ihre Wahrheiten.« Aber ich fühle -auch, daß hinter allen Widersprüchen etwas Menschliches lag, das wieder -zu zittern anhebt. Ja, jetzt erkenne ich, wie schwer mir der Abschied -wurde, seit das letzte Wahrzeichen der Stadt verschwand, jene einsame -Grabpyramide, die halb zerfallen hinter Kazimen in der Wüste steht. Zwei -Tage sahen wir sie in der Sonne leuchten, dann löste sie sich in Rauch -auf. - -Heute werden wir zum erstenmal einen Tag rasten. Die Kutscher haben die -Splinte aus den Wagen gezogen und sind in das Dorf gegangen; so habe ich -Zeit, in Geduld zu warten. Ja, das Menschliche. Wie es mich auch hier -auf allen Dörfern und Wegen der Wüste begleitet! Jener oft wiederholte -Gruß der Fellachen, jenes »Bruder, Bruder«, mit dem uns die Beduinen die -Früchte ihrer Felder reichen, der Bettler die Hand nach uns ausstreckt, -scheint mir ein tägliches Gleichnis meiner Gedanken. Oft, wenn ich in -die Gasse ihrer lehmgehärteten Hütten trete, gesellt sich ein arabischer -Junge zu mir. »Eier! Eier!« ertönt unsere Stimme vor den Türen, dann -kommen die Mädchen und Frauen aus den Höfen heraus. Ich bleibe bei den -Männern an ihren Webstühlen stehen, mit ihnen zu plaudern (sie hocken in -einem Loch in der Erde). Zutraulich legen sie mir die Hand auf die -Schulter. Ich sitze bei den Frauen auf ihren Matten, und sie -verschleiern sich nicht. - -Während aus den tönernen Schaufeln des Wasserrades ein feiner Sprühregen -über mich herabfällt, blicke ich nach der schmalen Insel des Euphrat -hinüber, auf der zwischen Palmen die Hütten aneinandergedrängt stehen, -eine graue Feste. Bronzene Gestalten treten zögernd in das Wasser, das -Bündel ihrer Kleider wie einen wunderlichen Turban um den Kopf -geschlungen. Und wie ich dem Spiel ihrer Leiber zuschaue, die sich -schwer gegen die Strömung beugen, wie sie, ihre Kinder auf dem Rücken -tragend, das Ufer hinaufklettern, über das die warme Morgensonne -streicht, fühle ich wieder, wie ich trotz Tod und Tränen in dieses Land -verliebt gewesen bin. - -Täglich streifen wir viele Stunden weit durch seine hungrige Weite. -Schon vor Sonnenaufgang, wenn die Pferde noch ungeschirrt an den Wagen -stehen, wandere ich zu Fuß hinter der Karawane her. Blaß hebt sich die -Staubwolke unter den Tritten der keuchenden Tiere, bis der Tag kommt, -und der Schatten ihrer spitzen Ohren deutet auf unseren Weg. Dabei bin -ich von einer so überquellenden Heiterkeit und Fülle der Gesichte -bewegt, daß es mir kaum gelingt, im Weiterschreiten auf ein -zerflattertes Papier ein paar kurze Aufzeichnungen zu machen. Welche -Veränderung ist mit mir vorgegangen! Selbst meine Uhr, die seit Monaten -still stand, begann drei Tagereisen hinter Bagdad wieder zu gehen. Oder -ich lehne in den heißen Mittagstunden im Winkel unseres schaukelnden -Pilgerwagens und träume zwischen Wachen und Dämmern von einem großen -Manifest des Friedens. Ist es Europa, dem ich mich nähere, das mich so -froh macht? Ich glaube, wenn es nach Indien oder Ägypten ginge, ich -könnte nicht glücklicher sein. - -Gestern, schon in der Dunkelheit, wir waren den ganzen Tag durch -löchrigen Boden gefahren, blieb unser Wagen allein in der Steppe zurück. -Ich war auf den Bock gestiegen und hatte selbst die Zügel unserer vier -Pferde in die Hand genommen, aber die hartgewordene Krume einer -ausgetrockneten Wassermulde zersplitterte unter unseren Rädern wie Glas. -Die Pferde zogen an, zerrissen die Stränge, zitterten und blieben -stehen. Und während der Kutscher mit tränenverzerrtem Gesicht und einem -»Hilf Allah« immer wieder vergeblich auf die Pferde einschlug, ging ich -im offenen Hemd und meinen weichen Schlafschuhen allein eine Stunde weit -unter dem sternenbeglänzten Himmel, das nächste Dorf zu suchen. Wie nahe -wart Ihr mir alle, während ich still vor mich hinschritt, einsame Worte -mit Euch tauschend. Ich hätte nur die Hand auszustrecken brauchen, um -das Schlagen Eurer Herzen zu fühlen. O beglückende Müdigkeit, als -endlich auch unser Wagen in den finsteren Hof der Karawanserei rollte, -spät unter dem offenen Wind zu schlafen, unter den Kaugeräuschen der -Tiere, die zwischen unsern Lagern umhergehen. Dann tönt das Donnern der -Wasserräder lauter vom Fluß, und die Glocke des Leithengstes klingt noch -lange in unsern Traum ... - -Grüßen Sie Aluan, Dschafar und Achmed und die andern kleinen -Bootsjungen, mit denen wir hinab nach der Insel fuhren. Gedenken Sie der -Lebendigen und der Toten. Und wenn Sie durch jene trümmerbesäte Straße -gehen, durch die wir oft im Dunkeln stolperten, so vergessen Sie nicht, -daß ich auch diesen Staub unter Ihren Füßen noch liebte. - - - - - Die vierzig Tage und Nächte der Heimkehr - - - Aus dem Tagebuche - - Rahije, den 2. Oktober, - abends ½6. - -Eben im Euphrat gebadet, Grund sehr steinig. Die ersten stärkeren -Wolkenzüge treten auf und beschatten die Sonne. Die letzten Palmen sind -verschwunden. Vor Ana habe ich mir für zehn Piaster ein schwarzes -Lämmchen gekauft. Schon drei Tage schleppe ich es mit mir und habe die -größte Freude, es während der Fahrt auf dem Schoß zu halten und zu -streicheln. - -Gestern nachmittag, wir fuhren, Wagen und Karawane, in enggeschlossenem -Zug, uns vor Überfällen der Beduinen zu schützen (am Vorabend waren -deutsche Schahturs überfallen worden, und es gab acht tote Araber), ein -wenig schweigsam, denn es war spät geworden, stand plötzlich in der -Abenddämmerung ein seltsames Zeichen am Himmel. Ein langer, geschwänzter -Strich wie die helle Schnur einer Peitsche. War es der rauchende Schweif -einer Sternschnuppe oder spiegelte sich der leuchtende Lauf des Euphrat -in den Wolken wider? Alle Blicke waren auf den blassen Himmel gerichtet, -wo es unverändert fast zehn Minuten verweilte. »Das ist ein Zeichen des -Friedens,« sagte eine Stimme. Mir aber schien es eine feurige Geißel, -die über der Erde stand. Unwillkürlich neigte ich den Kopf, als müßte -ihr sausender Schlag auch über mich und unsere kleine Karawane -herabfallen, die mühsam und gedrückt über den steinigen Grund dahinzog. - - Abu Kemal. Dreizehnter Tag. - Abends 5 Uhr. - -Heute nur acht Kilometer zurückgelegt. Kahle, steinige Uferhöhen, die -wir nur langsam hinaufklimmen, verwahrloste Wege. Weite -violettschimmernde Hochebene, durch die der Fluß stahlgrau dahinzieht. -Überall liegen lose Brocken zerstreut, als wäre ein ungeheurer -Steinregen herabgefallen. Gegen Mittag raste Hassan, der Führer der -Kutscher, mit seinem Wagen in das ausgetrocknete Bett eines Flusses. -Alle Pferde bluteten. Zwei Räder waren völlig zerbrochen, und der Wagen -schleppte sich, auf den Speichen rumpelnd, mühsam bis in den Chan. -Gestern ging ein Maultier mit allem Gepäck in den Fluß, konnte aber -gerettet werden. Ein Pferd, das beim Tränken über die Uferböschung -stürzte, wurde abgetrieben. So gibt es täglich Verzögerungen. Wir werden -zwei Tage hierbleiben. - - El Gahsim, den 6. Oktober. - -Bei Sonnenuntergang unter dem Dach einer weidengeflochtenen Hütte. Neben -mir vor einem Feuer von Eselsmist hockt ein blinder Araber. Über mir an -den Zweigen hängt in einem leinenen Beutel der Koran. Ein ungeheurer -Staubsturm hat die Ebene mit einem schwarzen Mantel bedeckt. Wir hatten -eben abgekocht, als die Wolke plötzlich über den Horizont sprang, Blitze -wie feurige Flammen. Von den hohen Wellen des Euphrat wurde der Schaum -so weit durch die Luft gewirbelt, daß wir glaubten, es begänne zu -regnen. Zu meinen Füßen liegt alles durcheinander, das noch fettige -Geschirr, die Beutel mit Reis und getrockneten Aprikosen, das rote -Fleisch der angeschnittenen Melone, alles mit einer Schicht von grauem -Staub bedeckt. Ich fühle ihn zwischen Lippen und Zähnen. Heute wurde -unser Lämmchen geschlachtet. Ich hatte es Mona Lisa getauft, und es -sprang und meckerte lustig auf unsern Halteplätzen umher. In meinen -Mantel gehüllt, versuche ich auf einer Reihe von Kisten zu schlafen. Als -ich wieder aufwache, ist klare Nacht. Der blinde Araber steht draußen im -Mondschein auf seiner Matte und betet. Die toten Augen sind in das -geisterhafte Licht gerichtet, unbeweglich, als schaute er in eine -wunderbare Landschaft. Nun sehe ich es auch. Da beugt er den Kopf und -fällt in die Kniee. - - Salichie, den 7. Oktober. - Nachts 12 Uhr. - -Einsame Herberge in der Wüste. Ich lehne, die Wache haltend, am Tor der -verlassenen Karawanserei. Draußen dämmert die endlose Ebene. Der volle -Mond steht am Himmel. Es ist so hell, daß ich ohne Mühe schreiben kann. -Vom Hof tönt das Husten der brustkranken Pferde, nur unterbrochen von -dem Heulen Hassans. Sie haben ihm den Rücken und die Sohlen blutig -geschlagen, weil er im Basar von Ana die eisernen Ersatzteile der Wagen -verkauft hat, die die türkische Kommandantur für uns requiriert hatte. -Von Fußtritten verfolgt, schleppt er sich von einem Winkel in den -andern. - -Ich trete in einen fensterlosen Raum der Karawanserei. Als ich Licht -mache, leuchten mir von der berußten Gipswand in großen deutschen -Buchstaben die Worte entgegen: »Wo waren wir gestern?« Betroffen bleibe -ich stehen, leuchte mit dem Streichholz die Wand ab. Ich zähle acht -verschiedene Sprachen. Hier ist eine Trommel mit gekreuzten Schlägern an -die Mauer gezeichnet. Deutsche Namen darunter und das Datum: den 28. -August 1914. Daneben: Ankunft dritter Zug von Ekbatana, den 2. Januar -1915. Reise von Teheran nach Bagdad und Stambul, Baruch Josephsberg, 77. -Reg. Lemberg. Marga Imre, _5 Magyarka, honvéd 13. IV. 16_. Marie -Stirting, Erna Erickson de Bender Abas _le 23. Julliet 15 en route pour -Beirut_. Dann die Inschrift eines englischen Gefangenen: _Happy he, who -return. London, Holting-street._ Die Unterschrift ist nicht zu -entziffern. Namen, Namen. Deutsche, englische, französische, ungarische, -türkische, arabische, hebräische, schwedische Inschriften. Es nimmt kein -Ende. Wie seltsam berührt es mich, viele Tagereisen weit in der Wüste -all jene mit zahlreichen Zungen zu mir reden zu hören, die gleich mir -diese tote Stille durchwandert haben, die vom Golf oder aus russischer -Gefangenschaft die endlose Reise über die persischen Berge und durch die -Wüste machten, von Hitze und Kälte gepeinigt, eine Nacht in diesem -fensterlosen Raume zu schlafen. Wo sind sie, die mit verrostetem Nagel -dieses in den Mörtel der Wand gruben? Hier hat einer sein Vaterhaus, von -Bäumen beschattet, an die Wand gezeichnet. Neben manchem Namen ist ein -kleines Kreuz gemalt, heimkehrende Kameraden haben es hinzugesetzt, -dreimal sind sie den Weg durch die Wüste gezogen. An der -gegenüberliegenden Wand steht eine arabische Inschrift: »O Ali, Sohn des -Hassan, ich habe Wasserrinnen nach dir vollgeweint.« Darunter auf -Türkisch: »In Bagdad und Umgegend habe ich drei Monate im Elend gelebt. -O Allah, gib uns Barmherzigkeit und Frieden. Osman Hakki Tefik, -Hauptmann im Generalstab. Salichie, den 4. Tamus 1333[3].« - -Als ich wieder hinaustrete, schlägt mir die Nacht kalt entgegen. Ich -gehe vorsichtig zwischen den schlafenden Menschen und Tieren hindurch, -die zusammengekauert am Boden liegen. Ermüdet setze ich mich auf den -Leib des toten Esels, der am Nachmittag gestorben ist. Bis hierher -schleppte er die blutgeschwollenen Glieder, aber als die Maultiere, von -ihrer Traglast befreit, den wunden Rücken im Staube wälzten, erhob er -sich nicht wieder. Und ich denke an den Weg zurück, den wir alle -gewandert sind, denke an meine Toten und wie sie mich ständig begleiten. -Wenn ich am Tage in der hellen Sonne hinter der Karawane herschreite, -winkt mir ihr Gepäck vom Rücken der Maultiere herab. Dunkel leuchtet ihr -Name auf den hellen Kisten, dem traurigen Rest ihrer Habe, den ich mit -mir zurück in die Heimat trage, als ginge ich wie der Gläubige hinter -dem Leichnam her, den er in heiliger Erde bestatten will, ihren -geliebten Schatten in Deutschland zu begraben. Des Abends am Feuerloch -ist mir, als müßte ich wie in früheren Tagen mit ihnen die Mahlzeit -teilen. Ich blicke in ihr Gesicht: »Bist du es, alter Freund und -Wüstengefährte? Willst du Brot? Magst du Tee?« ... Ich fühle ihre Nähe, -die mich umgibt, die stille Gemeinschaft derer, denen wir nicht mehr weh -tun können. Ich schlafe in ihrem Schatten. - -[Fußnote 3: der Hedschra.] - -Fröstelnd lehne ich mich über den aufgetriebenen Leib des toten Tieres, -mit der Hand seinen Hals liebkosend, der noch eine leichte Wärme trägt. -Wieder steigt jener freundliche Gedanke des Friedens vor mir herauf, und -während ich einsam in der unergründlichen Weite sitze, ist mir, als -könnte ich deutlich auf das künftige Europa hinabsehen, wie auf ein -heiteres Gebäude, das sich mit freundlichen Zimmern und Gärten vor mir -ausbreitet. -- - -Zwei Uhr nachts. Es ist Zeit zum Wecken. Ich reiße den Kutschern die -Mäntel fort, die sich zitternd zwischen ihren Futtersäcken erheben. Nun -habe ich noch eine Stunde Ruhe, aber die Fledermäuse, die im Gebälk -flattern, lassen mich nicht einschlafen. Bald gehe ich hinter der -Karawane her. Vor mir raucht die unabsehbare Ebene. Und wieder denke -ich: o sie liebten dich nicht, du grauer einsamer Boden, alle, die ihren -flüchtigen Namen an die zerbröckelnde Wand dieser Herberge schrieben. -Sie dachten: Deutschland, oder England, oder Schweden ... irgendwo dort -hinten an eine geliebte und menschenbelebte Scholle, zogen vorüber und -fluchten dir. Ich aber fühle deine grenzenlose Weite in meinem Herzen. -Fühle in mir deine Sonne, deinen Wind, deine Sterne. Fühle, wie mit -jedem Schritt meine Seele lebendiger und froher wird, als wanderte ich -vom Tode zurück in das Leben. - - Abu Herera, den 11. Oktober. - -Der letzte Leichnam? Als wir in die verlassene Karawanserei treten, die -von Unrat und üblen Gerüchen erfüllt ist, liegt er in der offenen Tür. -Die ausgehungerte Gestalt eines zwölfjährigen armenischen Knaben. Mit -strohblondem Haar, den Leib bis auf die Knochen abgemagert, Hände und -Füße wie Keulen. Nur der linke Arm steckt noch in Lumpen. Als ich an den -Fluß trete, finde ich viele Gräber, zahllose alte Feuerstellen. Ist -dieses das Ende einer furchtbaren und grausamen Jagd? - -Wieder tritt jener Auszug eines vertriebenen Volkes vor meine Augen, -durch dessen schmerzliche Lager ich im vergangenen Jahr mit -erschrockener Seele geirrt bin. Bald begegnen wir den ersten -Flüchtlingen. Die Ränder aller Wege sind mit ihren Knochen besät, die -grell in der Sonne bleichen. In Maden treffen wir das erste Lager. -Kinder und Frauen umdrängen unsern Wagen, schlagen sich wund um ein -Stück Brot oder eine leere Melonenschale. In Tibini haben sie einen -kleinen Basar errichtet. Bäcker, Fleischer und Schuster sitzen in der -grellen Sonne unter den ausgespannten Lumpen eines zerrissenen Tuches -auf dem nackten Steinboden und bieten ihre Ware aus. Einen türkischen -Offizier sah ich beim Garkoch ein gebratenes Stück Fleisch kaufen, und -nicht ohne Bewunderung dachte ich: sie haben dich in den Tod getrieben, -du aber bietest deinem Mörder für einen Metalik noch in der Wüste ein -Stück Fleisch an! - -Bei Rakka, in einem völlig verwahrlosten schmutzigen Lager, traf ich -einen dreizehnjährigen Knaben. Er hatte seine Mutter und seinen Bruder -verloren, nur sein Vater lebte. Er hieß Manuel. Einen weißen Lappen -gegen die Sonne um den Kopf gebunden, lief er, auf auf einem Kuhhorn -blasend, lachend zwischen den Haufen der Hungernden, Kranken und -Sterbenden umher, die reglos dalagen oder, dem Wahnsinn nahe, ihren Kot -als Speise verzehrten. Seine wohlgebaute, noch kräftige Gestalt, sein -offenes Gesicht gefielen mir. Ich wollte ihn in unsern Wagen nehmen, um -ihn mit nach Deutschland zu bringen. Seine geraden Augen leuchteten -dunkel zu mir auf. (Meine Mutter, dachte ich einen Augenblick, ich will -dir einen neuen Sohn schenken!) Ich ließ mich zu seinem Vater führen, -einem Händler aus Alexandrette, den sie zum Wächter des Lagers gemacht -hatten, weil er lesen und schreiben konnte. Aber obwohl sein Gesicht -sich vor Freude verklärte, war er so müde und abgestumpft, und seine -Angst vor den Gendarmen, die Furcht um das eigene Leben waren so groß, -daß er keinen Ausweg finden konnte. - -Da ging ich selbst zu dem arabischen Aufseher. Ich saß zwei Stunden auf -seiner Matte und bot ihm den Rest meiner Barschaft an. Aber sie wollten -ihn nicht freigeben. Ich versprach, in Aleppo bei Hakki Bey, dem Leiter -der Ansiedlungen, für ihn zu bitten. Wieder und wieder drückte ich ihre -Hände, ich sagte: ich werde in Deutschland an Euch denken. Manuel -begleitete mich bis an den Ausgang des Lagers. Er wollte versuchen, in -der kommenden Nacht unserer Karawane nachzulaufen. Aber ich glaube -nicht, daß es ihm gelingen wird, unter den Flintenschüssen der Gendarmen -zu entfliehen. - - Mes kene, den 15. Oktober. - -Als es Abend wird, sitze ich mit dem Priester Père Arslan Dadschad in -der offenen Tür seines Zeltes, und sie erzählen mir von ihren Leiden. -Von den 800 Familien der Stadt, mit denen sie auszogen, von den vielen -Tausenden, die er in der Wüste begraben hat, darunter dreiundzwanzig -Priester und einen Bischof. Ihre Blicke schreien mich an. »Du bist doch -ein Deutscher«, sagen sie, »und mit den Türken verbündet ... so ist es -also wahr, daß ihr selbst es gewollt habt!« Ich schlage die Augen herab. -Was kann ich ihnen erwidern, um sie Lügen zu strafen? Aus einer Tasche -seines Gewandes, in einen zerlumpten Fetzen gehüllt, holt der Priester -sein Christuskreuz, und als er es andächtig mit Küssen bedeckt, kann -ich, von Rührung ergriffen, mich nicht enthalten, es gleichfalls an die -Lippen zu führen, dieses Kreuz, das der Zeuge so vielen menschlichen -Kummers und Leidens gewesen ist. - -Ich sehe nach den abendlich rauchenden Zelten und dem hellen Mond, der -über der dämmerigen Ebene aufsteigt. Das alles ist so anheimelnd, daß -ich mir einen Augenblick ein friedliches Bild vortäuschen könnte. Frauen -in geschürzten Unterröcken und offenen Blusen machen einen kleinen -Abendspaziergang. Das Geschrei spielender Kinder tönt herüber. Da höre -ich wieder ihre ängstlich forschende Stimme: ob ich Armenier in den -Städten am Euphrat getroffen habe? »... Wir werden sterben, wir wissen -es.« Er deutet auf sein zerlumptes Gewand: »_Une fois j'étais un prètre, -maintenant je suis un mouton, qui va à mourir._« - -Ich gehe im Dunkel an den Fluß hinunter. In einer Schlucht finde ich -einen Haufen übereinandergetürmter Menschengerippe. Weiße Schädel, die -noch mit Haaren bedeckt sind, ein Becken, die Brustrippe eines Kindes, -zierlich gebogen wie eine Spange. Einen Augenblick überkommt mich eine -dumpfe Verzweiflung, die mir die Tränen in die Augen treibt, als müßte -ich alle Hoffnungen, alle Keime der Liebe vernichten, die mich je an das -Lebendige banden. Unendlich märchenhaft aber fließt der Fluß in die -weite Einsamkeit hinaus, in den unterspülte Erdschollen zuweilen -donnernd hinabfallen, und an dessen Ufern ich verlassen dahinschreite, -als wäre ich der letzte Mensch. - - Der Hafir, den 16. Oktober. - -Eine grüne Oase, Weide mit Lämmerherden. Ich liege, o Wunder, unter -einem Baum und sehe das Licht durch die schmalen Blätter scheinen. Heute -ist mein dreißigster Geburtstag. Zum dritten Male, seit ich von Hause -fortzog, sehe ich diesen Tag sich wenden. Seit dem frühen Morgen wandere -ich in der hellen Sonne dahin, den Blick nach dem hohen Himmel -gerichtet, dort hinten, wo die Stadt aufsteigen soll, nach der wir so -lange Wochen gewandert sind, der Liebe voll und der starken Hoffnung des -kommenden Lebens. Mit welcher Freude verzeichnet das Auge das Auftauchen -jedes neuen Gegenstandes. Ein plätscherndes Wasser, eine Blume, einen -Regentropfen. Schwarzblaue Wolken beschatten den Himmel, und wieder -bricht die Sonne hindurch. Altweibersommer fliegt uns durch die Steppe -entgegen -- die weißen Haare Europas, das in Gram und Elend früh -gealtert ist. - - Aleppo, den 19. Oktober. - Bei den deutschen Schwestern. - -Als das schwarze Haupt der Zitadelle sich hinter den sanften Erdwellen -aufreckt, geraten die Pferde in schnellere Bewegung. Lächelnd neigen die -Kranken sich aus den Wagen, deren hölzerne Kästen mit zerrissenen Planen -klappernd in die steinernen Straßen rollen, windbrüchige Schiffe, die -den letzten Sturm überstanden. Wir haben die Bahnlinie erreicht, die uns -wieder mit Stambul verbindet. - -Mein erster Gang führt mich zu den Schwestern. Sie haben für die -armenischen Flüchtlinge zwei Häuser eingerichtet, die mit Waisenkindern -überfüllt sind, die an der Straße liegen blieben. Die meisten kommen aus -Van oder Erzerum und waren länger als sechs Monate unterwegs. In den -ersten Wochen war der Hof so dicht von dem nackten Gestrüpp ihrer -Scharen überwuchert, daß sie sich gegenseitig zu ersticken drohten. Als -man das Haus reinigte, fand man im Brunnenschacht die Leiche eines -Kleinen, der zwischen der Wildnis der Menschen dort schweigend -verschwunden war. Auch Frauen und Männer halten sich unter ihnen -versteckt. Ich habe angefangen, ihre Schicksale aufzuzeichnen, wobei -Schwester Beatrix mir als Dolmetscher dient. Nur mühsam beginnen sie aus -Schwäche und Angst vor neuen Leiden zu reden, bis die Fülle ihres Elends -sie fortreißt und sie in Tränen ausbrechen. - -In den letzten Tagen habe ich zahlreiche fotografische Aufnahmen -gemacht. Man erzählt mir, daß Dschemal Pascha, der Henker von Syrien, -bei Todesstrafe verboten hat, in den Flüchtlingslagern zu fotografieren. -Zusammengerollt trage ich diese Bilder des Entsetzens und der Anklage -unter meiner Bauchbinde versteckt. In den Lagern von Meskene und Aleppo -sammelte ich viele Bittbriefe, die ich in meinem Tornister verborgen -habe, um sie an die amerikanische Botschaft in Konstantinopel zu -bringen, da die Post sie nicht befördern würde. Ich zweifle keinen -Augenblick, damit eine hochverräterische Handlung zu begehen, und doch -erfüllt mich das Bewußtsein, diesen Ärmsten wenigstens in einer -schwachen Hinsicht geholfen zu haben, mit dem Gefühl größeren Glückes -als jede andere Tat es vermöchte. - - Konia, den 28. Oktober. - Im Bade. - -Heute ist der neununddreißigste Tag, seit wir Bagdad verließen. Da der -Zug über Mittag liegen bleibt, gehe ich ein paar Schritte in die -herbstliche Stadt. Müde setze ich mich in die verlassene Moschee, hocke -mich in einer Nische auf den Boden, lege den Daumen hinter die -Ohrläppchen und fange zu grübeln an. Bald kommen die Leute und Soldaten -von der Straße herein. Ein paar Vögel zwitschern in der Kuppel, die -Stimme des Vorbeters klingt, von tiefem Schweigen unterbrochen, durch -den Raum. Einen Augenblick denke ich, von einem Schwindel der Gefühle -erfaßt: Gott, wo bist du? So schlafe ich ein und erwache erst, als das -Bethaus leer ist, und wie zur Antwort singt eine grenzenlose Öde durch -den Raum. - -In weiße Tücher gehüllt, liege ich auf der Ruhebank des Bades. Nur -gedämpft klingt der Lärm der Stadt herüber, ein blaues Licht fällt durch -die Decke herab. Noch brennt mir die Haut von dem heißen Seifenwasser, -und verwundert schaue ich mein sonnenverbranntes Gesicht im Spiegel, den -langen Bart, der mir in der Wüste gewachsen ist. Zuweilen aber sinke ich -in Träume, dann steigt gewaltsam und furchtbar ein Werk vor mir auf, von -dem ich glaube, daß es zu dem Grausamsten gehören muß, was je über -menschliches Elend geschrieben wurde. - -Ehe ich Aleppo verließ, ging ich in das Polizeigebäude, um bei dem -Leiter der Ansiedlungen für Manuel zu bitten. Aber obgleich er drüben in -seinem Amtszimmer saß und ich seinen Kopf durch die Scheiben erblickte, -ließ er mir durch den Diener sagen, er wäre verreist. In allen -Gesichtern, die aus den Türen sahen, wohnte ein feiges Gewissen. Ich -ließ mich bei seinem Vertreter melden. Alle waren sehr höflich, und wie -immer bot man mir eine Schale Kaffee an. Doch während ihm Angst und Lüge -deutlich in die Augenwinkel geschrieben stand, wagte er doch zu -behaupten, mit der Frage der Ansiedlungen hätten sie nichts zu schaffen. -So trat ich, ohne ein Wort meiner Bitte vorgetragen zu haben, wieder -hinaus, die Treppe hinunter, an den Polizisten vorbei, die mit falschen -Gesichtern in den Winkeln standen. - -Von Neuem breitet der Badewärter ein frisches Laken über mich. Ein -wohliges Gefühl entfesselt alle Glieder. Aber schon im Halbschlaf sehe -ich noch einmal die bloßen braungebrannten Füße des armenischen Knaben -vor mir, die schon so viele Meilen in die Ferne gewandert sind. Seine -dunklen Augen blicken fragend zu mir auf ... Manuel wird in der Wüste -sterben. Ich habe ihn nicht wiedergesehen. - - - - - An die Großmutter - - - Kospoli, den 12. November 1916. - An Bord des Corcovado, Goldenes Horn. - -Nur diesen Gruß, mein greises geliebtes Haupt, nur dieses Wort, daß ich -da bin, tausend Stunden näher an Deinem Herzen! Nichts mehr von Undank -und Bitterkeit! Nichts von Vergangenheit, nichts von Zukunft! In dieser -Stunde nur Freude! Daß ich zurückgekehrt bin mit unerhörten Reichtümern -des Geistes und Herzens, mit unersetzbaren, märchenhaften Schätzen des -Leides. Nun da ich hier bin, gerettet, um das Martyrium dieses Weges, -für mich und alle Opfer, die er gekostet hat, immer von neuem zu -durchleben, fühle ich, wie hinter mir die Wüste zu wachsen beginnt, -Meilen und Meilen wandernd in das Ewig-Ungewisse hinein. Nun erst -erkenne ich, wie fern, wie fremd ich Euch war. Aber ich fühle auch, wie -in mir das Wiedergeborene sich aufhebt, wie tausend Stricke mich rufen: -Spanne dich ein, den Schatz zur Höhe zu winden, den zu entdecken du in -so weite Tiefen hinab mußtest! - -Sollte es mich dem gegenüber bedrücken, daß dieser Krieg noch immer -nicht in sich selber zusammenbrach? Daß ich, zwischen unüberbrückbare -Widersprüche und Welten gesetzt, mich zweifelnd umschaue, wohin ich die -Schritte bewegen soll, vor mir die Hölle der Somme, in meinem Rücken die -Wüste? In dem Rumpf eines alten Schiffes wohnend, in dessen Kajüten man -die deutschen Soldaten einquartiert hat und das rostig, von Seemuscheln -bedeckt, im Goldenen Horn vor Anker liegt, trete ich zuweilen an die -Reeling. Und zwischen abgetakelten Seegelbooten, zwischen -schwarzbauchigen Dampfern, deren eingeschlafene Schrauben von Seetang -bedeckt sind, zwischen Schornsteinen, Brückenpfeilern und Speichern sehe -ich die grauen Leiber der Schlachtschiffe schimmern. Ja, vielleicht -werde ich morgen, von denen fortgeschickt, denen ich so lange gedient -habe, dort über das Fallreep treten, die Hände an der Naht und die Füße -zusammengeschlagen, mit der Bitte, mich anzumustern, wieder wie in -Knabentagen eine Matrosenbluse und einen Schifferknoten zu tragen, von -Seewind umjubelt. Aber dahinter steht ein anderes Bild, und die Hand auf -das Geschütz oder die Fahne gelegt, inmitten des grauen Kasernenhofes -einer herbstlichen Stadt, höre ich mich mit anderen die Worte sprechen: -»Ich, Armin Wegner, schwöre zu Gott dem Allmächtigen und Allwissenden -einen leiblichen Eid, daß ich seiner Majestät dem Könige von Preußen zu -Lande und zu Wasser ...« hier aber wird es plötzlich still um mich, und -umgeben von einem kalten Schweigen höre ich einsam, als wären sie etwas -Fremdes, Losgelöstes, von meiner Lippe die Worte fallen: »Daß ich -niemals einen Menschen töten werde, an welchen Orten der Erde es immer -sei! Niemals das Geschütz oder Gewehr gegen meine fremden Brüder zu -richten. So wahr mir Gott helfe!« - -Da streift helle Sonne mein Gesicht. Ich sehe, wie die dunkle Welle, in -die mein Blick noch eben träumend versenkt war, blauleuchtend zu blitzen -und zu schäumen anhebt. Und ich begreife aus den Erfahrungen einer -langen Jugend heraus, daß ich nicht mehr traurig sein darf, daß nie -wieder etwas aufstehen kann, mich zu beugen oder zu brechen, so -fratzenhaft Rätsel auch immer vor mich hintreten mögen, die zu lösen -fast übermenschlich scheint und deren Ungelöstheit doch den Tod -bedeutet. Sind wir nicht immer auf einer Reise begriffen? Ist die Küste -nicht stets von Nebel verhüllt? Wenn ich des Nachts in meiner engen -Schiffskabine liege, und mein Blick trifft aufwachend auf die Matratze -des darüberliegenden Kameraden und die engen hölzernen Wände dieses -vermodernden Kastens, in dem es nach Schwefel und Wanzen riecht, dann -ist mir, als wäre ich, wie in vergangenen Jahren, auf irgendeiner -abenteuerlichen Fahrt begriffen, als müßte ich beim ersten Schlagen der -Glocke auf Deck und an die Brüstung eilen, eine fremde, märchenhafte -Küste zu schauen oder ein grünes Ufer der Heimat, an dem auch Dein -weißes Haar wehte wie eine seidene Fahne des Friedens. - -Wird es morgen sein? Wieviel Jahre werden vergehen? O, ich begreife, daß -ich ein Recht habe, glücklich zu werden ... Freude! In dieser Stunde nur -Freude! Nichts von Vergangenheit, nichts von Zukunft! War nicht jede -See, die wir durchschwammen, nur der Vorbote eines größeren Meeres, in -das wir uns stürzten, des geretteten Lebens froh und der neugewonnenen -stärkeren Kräfte? O schöpferische Tat des Geistes, Kraft der Seele, die -aus gemartertem Dasein geläutert emporsteigt, und du, gewaltigste -Pflicht, die ich mich freudig bereite zu erfüllen, beglänzt von der -Sonne des dreißigsten Jahres, zu schaffen, zu leben für Dich, mich, uns -alle! - - - - - Inhalt - - - Seite - An die Großmutter 1 - An die Frau eines im Kriege weilenden Soldaten 8 - An die Eltern 12 - An eine Schwester von Gül-Hane 16 - Traum auf dem Kelek 24 - An Carl Hauptmann 27 - An die Frau eines im Kriege weilenden Soldaten 34 - An die Großmutter 44 - Ein Vermächtnis in der Wüste 48 - An eine Freundin 60 - Brief an die Mutter 64 - Letzter Brief an die Eltern, Brüder, Freunde, Mitmenschen und 78 - Geliebten - An eine Freundin 85 - An die Mutter 91 - An die Mutter 99 - An einen Freund 106 - Brief an die Eltern 112 - Der Triumph der Mutter 123 - An Carl Hauptmann 133 - Die vierzig Tage und Nächte der Heimkehr (an Pater Joseph) 145 - Die vierzig Tage und Nächte der Heimkehr (aus dem Tagebuche) 152 - An die Großmutter 173 - - - - - Werke - von - Armin T. Wegner - - - - - - Im Verlage von _Egon Fleischel & Co._ erschienen - - Zwischen zwei Städten 1909 - Gedichte in Prosa 1910 - Höre mich reden, Anna-Maria 1912 - Das Antlitz der Städte 1917 - Der Weg ohne Heimkehr 1919 - - - _In Vorbereitung befinden sich:_ - - Im Hause der Glückseligkeit - Türkische Novellen - - - - - - Das Antlitz der Städte - - Preis geh. M. 3,--; geb. M. 5,50 - - _Carl Maria Weber_ in der _Bonner Zeitung_: Unter unsern - zeitgenössischen Lyrikern hat kaum einer das Erleben des - geistigen Großstädters, das benervte Schauen, das - wollüstig-grausame Verfallensein an dieses Geröll von Lebendigem - und Seelenlosem mit solcher Intensität gestaltet wie _Armin T. - Wegner_. Visionen sind hier geballt von bedrückenden - Schattendimensionen. Gläserne Dichte haben für ihn Mauern und - Wände, kochende Lust und sieches Elend zudeckende Gewänder. Denn - dieses Buch der Städte ist kein Bilderbuch (und keine ist irgend - genannt; er meint _die_ Stadt als dämonisches Wesen, Irrgarten - der Leidenschaften, Denkmal menschlicher Kraft und Unnatur); er - sagt auch -- und zumeist vom Menschen aus, der sie schuf, der in - ihr gefangen ist, an tausend Ketten zerrend, ihrem Mittelpunkt -- - wie er der Mittelpunkt der Welt überhaupt ist (oder doch sein - sollte). Gesunde, unschwüle und unsentimentale (also unverlogene) - Sinnlichkeit strahlt allenthalben auf -- was Wunder, daß - selbsthasserische, puritanische Schnüffelbolde zum Staatsanwalt - liefen, der im Interesse der öffentlichen Moral auch (kurz vor - der Revolution) gleich bei der Hand war, die Konfiskation des - inkriminierten Buches zu veranlassen. - - _Hans Franck_ in der _Frankfurter Zeitung_: Es gibt kein - deutsches Versbuch, in dem das Gesicht der großen Stadt mit - gleicher Wucht und Wahrhaftigkeit durch das Wort nachgestaltet - wurde. - - _Richard Dehmel_: Und alle Lebensgluten sind mit der Ehrfurcht - betrachtet, die das Häßliche wie das Schöne als gottgewollt liebt - und das irdische Grauen himmlisch verklärt. - - _Nord und Süd_: Ein ethischer Wanderer ist er, großen Stils. - - _Josef Winkler_ in der _Rheinisch-Westfälischen Zeitung_: Er ist - der erste Sänger der modernen Großstadt, wie sie wirklich ist. - Man behauptete mal, wenn nur eine Großstadt bestehen bliebe, - könne diese mit ihren Menschen und Mitteln aus einem - Weltuntergang unsere ganze Kultur neubauen. An diesen Ausspruch - muß man denken vor dem Reichtum, den Wegner in seinem Buch - aufdeckt: vom titanischen Rhythmus des ungeheuren Schaffens der - zusammengeballten Millionen .... Ich begrüße ihn als einen - wahrhaft schöpferischen, visionär begnadeten Dichter. - - - - - * * * * * * - - - - -Anmerkungen zur Transkription - -Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. -Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt -(vorher/nachher): - - [S. 79]: - ... des Todes bedeutet, nnd das der bekannte ... - ... des Todes bedeutet, und das der bekannte ... - - [S. 99]: - ... geboren. Als könnte ich dir heute nur all jene ... - ... geboren. Als könnte ich Dir heute nur all jene ... - - [S. 176]: - ... wie in vergangenen Jahren auf irgendeiner ... - ... wie in vergangenen Jahren, auf irgendeiner ... - - - -***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEG OHNE HEIMKEHR*** - - -******* This file should be named 55371-8.txt or 55371-8.zip ******* - - -This and all associated files of various formats will be found in: -http://www.gutenberg.org/dirs/5/5/3/7/55371 - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Wegner</h1> -<p>This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States -and most other parts of the world at no cost and with almost no -restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it -under the terms of the Project Gutenberg License included with this -eBook or online at <a -href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you are not -located in the United States, you'll have to check the laws of the -country where you are located before using this ebook.</p> -<p>Title: Der Weg ohne Heimkehr</p> -<p> Ein Martyrium in Briefen</p> -<p>Author: Armin T. Wegner</p> -<p>Release Date: August 16, 2017 [eBook #55371]</p> -<p>Language: German</p> -<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p> -<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEG OHNE HEIMKEHR***</p> -<p> </p> -<h4>E-text prepared by Jens Sadowski<br /> - and the Online Distributed Proofreading Team<br /> - (<a href="http://www.pgdp.net">http://www.pgdp.net</a>)<br /> - from page images generously made available by<br /> - by the Google Books Library Project<br /> - (<a href="https://books.google.com">https://books.google.com</a>)</h4> -<p> </p> -<table border="0" style="background-color: #ccccff;margin: 0 auto;" cellpadding="10"> - <tr> - <td valign="top"> - Note: - </td> - <td> - Images of the original pages are available through - the Google Books Library Project. See - <a href="https://books.google.com/books?id=EnDHAAAAMAAJ&hl=en"> - https://books.google.com/books?id=EnDHAAAAMAAJ&hl=en</a> - </td> - </tr> -</table> -<p> </p> -<hr class="full" /> -<p> </p> -<p> </p> -<p> </p> - -<div class="frontmatter"> -<p class="halftitle"> -Der Weg ohne Heimkehr -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="run"> -Zweite Auflage -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="aut"> -Armin T. Wegner -</p> - -<h1 class="title"> -<span class="line1">Der</span><br /> -<span class="line2">Weg ohne Heimkehr</span> -</h1> - -<p class="subt"> -Ein Martyrium in Briefen -</p> - -<p class="pub"> -Im Sibyllen-Verlag zu Dresden -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="cop"> -Alle Rechte, besonders das -der Übersetzung, vorbehalten. -Copyright 1920 by Sibyllen-Verlag, -G. m. b. H., Dresden. -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="ded"> -Für ein greises geliebtes Haupt -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter"> - <div class="epi-container"> - <div class="epi"> - <div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Die große Palme und der kleine Schößling sind dahingegangen.</p> - <p class="verse">Ich blieb allein zurück.</p> - </div> - </div> - </div> -<p class="src"> -Aus einem arabischen Liede. -</p> - - </div> - </div> -</div> - -<h2 class="blank chapter" id="chapter-0-1" title="Einführung"> -</h2> - -<p class="noindent"> -Diese Briefe reden vom Tode, manche sind an Tote -gerichtet. Als ich sie schrieb, wußte ich nicht, daß ich sie -einmal zu einem Buche vereinen würde. Aber im Angesicht -der Vernichtung, unter dem fahlen Horizont einer -ausgebrannten Steppe, wurde unwillkürlich der Wunsch -in mir wach, in diesen vielleicht letzten Äußerungen des -Daseins über die persönlichen Freunde hinaus einer -größeren, unsichtbaren Gemeinde etwas von dem zu -sagen, das mich bewegte. Dieser Wunsch schlief auch -dann nicht ein, als ich in schwerer Stunde aus den -Mauern einer auf viele Meilen in die Einsamkeit verbannten -Stadt jenen letzten Abschiedsbrief schrieb und -nach menschlichen Überzeugungen mit dem Tode rechnen -mußte. Damals wurden einige dieser Briefe in Deutschland -gedruckt, wo sie leidenschaftliche Erregung erweckten; -einer, den die Zensur aufgriff, verursachte später meine -Rückberufung aus der Türkei. Dies, sowie die empörte -Anteilnahme, die mich zu jenem unglücklichen -Volke zog, dessen furchtbaren Untergang ich erleben -mußte, waren der Grund, daß man mir nach meiner -Rückkehr aus Bagdad die Bitte, auch weiterhin in -diesem Lande zu verbleiben, das ich durch die Erhabenheit -seiner heroischen Landschaft, die Fülle der erfahrenen -Leiden liebgewonnen hatte, versagte. Als sich -meine Abreise von Konstantinopel durch die Schwierigkeiten -der Behörden verzögerte, wurde ich durch -Soldaten der deutschen Militärmission verhaftet und -bis zu meiner zwangsweisen Abfahrt auf einem Dampfer -im Goldenen Horn interniert. -</p> - -<p> -So blieben diese Briefe nicht nur Angelegenheit -der Wenigen, für die sie bestimmt waren, sondern -wurden zu dem Bekenntnis eines von Schmerzen erfüllten -Weges, bemüht, einen Ausdruck zu finden für -die Kämpfe des Menschen dieser Zeit, als noch der -Glaube einsamer Seelen war, was viele jetzt laut auf -den Lippen tragen. Zwar: die alte Erde umgibt mich -wieder. Dennoch sollte auch ich von jener traurigen -Straße, auf der ein unbekanntes Schicksal mich verschont -hatte, nicht wieder zurückkehren. Ist es das -eigene Herz, das ich verwandelt sehe? Ist es der -Atem der getöteten Heimat, die mich vergeblich nach -Menschen, Gedanken, Zuständen suchen läßt, die ich -verlassen habe, um sie nie mehr zu finden? -</p> - -<p class="dsign"> -<em>Berlin</em>, Januar 1919. -</p> - -<p class="sign"> -A. T. W. -</p> - -<p class="title"> -<span class="line1">Der Weg ohne Heimkehr</span> -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-2"> -<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a> -An die Großmutter -</h2> - -<p class="date"> -Konstantinopel, den 24. Oktober 1915.<br /> -In einem Hotelzimmer. -</p> - -<p class="noindent"> -Wie lange liegt nun der letzte Tag wieder -hinter mir, ich kann seine Küste nicht mehr -schauen. Ich weiß nicht, war ich der Schwimmer, -der sich mit einem jähen Ruck von seinem Strande -losriß, oder war es das Land selbst, das sich -ablöste von mir, das eine unendliche Weite -zwischen uns stieß, während ich, die geliebte -Küste vor Augen, hinter der Brandung kämpfe, -die mich immer weiter hinausträgt. Noch sehe -ich das Haar Deiner Schläfe, das sanfte, -melancholische Blau Deines Auges. Aber hier -ist nur noch Nebel, ich kann es nicht mehr -unterscheiden. -</p> - -<p> -Mein alter Kamerad! Denn so darf ich -wohl sagen, nun wir zehn Jahre und mehr -miteinander geschritten sind. Du freilich schon -<a id="page-2" class="pagenum" title="2"></a> -länger mit mir. Aber erst in späteren Tagen -fingst Du an, mir jene tiefe Liebe entgegenzubringen, -hinter der mein Dank nur immer zu -weit zurückbleibt, vor der alle Hoffnungen und -Ergebnisse meines Lebens nur die Früchte Deiner -Mühen und Zärtlichkeiten sind. Diese Liebe, -die es dazu gebracht hat, daß eine alte Frau, -mit den unendlichsten Augen, die ich kenne, -weißhaarig und schon einmal vom Tode umfangen, -immer das Glück und die Weisheit -meiner Jugend gewesen ist. -</p> - -<p> -Ich habe den Vater wiedergesehen. Ich fand -ihn, eine alternde Ruine, dem Umfallen nahe. -Aber dies war es nicht allein. Zwei Stunden -ehe ich reiste, der Wagen war bestellt und wir -saßen beim Nachtmahl, schwankte der Vater, -von einer plötzlichen Übelkeit befallen, gegen den -Tisch. Eine Leichenblässe stieg ihm mit schreckhafter -Geschwindigkeit in das Gesicht. Mutter -und ich sahen ihn an. Wir saßen ganz ruhig. -In der Tiefe meines Herzens war ein Geräusch, -als hämmerte jemand unten im Keller. Wir -<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a> -dachten beide dasselbe, wir dachten daran, wie -Großvater gestorben ist. Ich fühlte eine grauenhafte -Leere durch meinen Körper gehen. Aber es war -nur ein Augenblick, dann ging es vorüber, noch -einmal vorüber. Wir legten den Vater auf -das Sofa und ihm wurde bald besser. Aber -wir hatten alles in dieser einen Sekunde gefühlt. -Mutter begann unter der Last dieses Schreckens -zu weinen. Hatte sie ihn nicht einst geliebt? -Ich aber fühlte, was ich immer gewußt habe, -daß dieser Tod nur ein Schrecken, kein reiner -Schmerz für mich sein wird. Sollte ich die -Ursache meines Daseins nicht lieben? Sollte -ich die Ursache meines Daseins nicht hassen? -Ich sah das Gesicht meiner Mutter, die eine -Sekunde lang um dieses Leben gebangt hatte, -und eine furchtbare Angst ergriff mich. Der -Arzt kam. Aber ich konnte meine Gedanken nicht -zusammenhalten, ich verstand nicht, was er sagte, -und blickte wie ein Abwesender an ihm vorüber. -</p> - -<p> -Man sagte mir, ich sollte reisen. Erleichtert -atmete ich auf. Welch eine furchtbare Marter -<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a> -wäre es mir gewesen, um dieses kranken Vaters -willen zu bleiben. Wie gerne hätte ich um -eine Stunde an der Seite dieser schmerzzerrissenen -Mutter gebettelt. Aller Besinnung -beraubt rannte ich durch die Wohnung wie -durch die Räume eines brennenden Hauses und -schaute mich voll Verzweiflung um, was ich -noch aufraffen und mitnehmen könnte. Mein -Auge fiel auf das Antlitz meiner Mutter. Aber -dies war kein Bild, das ich in die Hand -nehmen und forttragen konnte. Jetzt löste es -sich ab von mir, schwankte, ein tränenbeladener -Kahn, in den Abgrund hinunter. Mein Vater -stand neben mir, aber es war nicht, als stände -ein Mensch an meiner Seite, ein Turm vielleicht, -ein wankender Torbogen, durch dessen Öffnung -ich unaufgehalten hindurchschritt. Er hat mir -kein Wort der Liebe zum Abschied gesagt, und -ich ging doch hinaus, um bei dem Tode zu -wohnen. Ich streichelte über seine runzlige -Wange, wie man über die Risse eines alten -Topfes streicht, ob man sie noch einmal zukitten -<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> -könne, und fühlte, wie unfähig ich war, diesem -alternden Manne noch jemals eine Freude zu -bereiten. -</p> - -<p> -Ich fuhr alleine zum Bahnhof. Fuhr in -die Nacht hinaus, die grauenvolle Ruine dieses -Gesichtes im Gedächtnis und das tränenüberströmte -Antlitz meiner Mutter (o du über alles geliebte -Landschaft im Regentag!), die in diesem Augenblick -zwei Menschen zu verlieren fürchtete. Ich -legte meinen Kopf zwischen die Soldaten auf -die Holzbank, froh, Deutschland wieder hinter -mir zu haben, und auch der Herzschlag des Zuges, -der mich sonst noch in den traurigsten Stunden, -das Rollen der Räder und die wandernde Landschaft -unter mir, mit Freude erfüllt hatte, konnte -mir keine Erlösung bringen. Auch in meiner -Seele war nichts als Lärm und Räderrollen. Ich -war selbst nur ein Rad, mit rasender Geschwindigkeit -um seine eigene Achse gedreht, und in diesem -trostreichen Bewußtsein ging alles Denken unter. -</p> - -<p> -Die Reise, durch Mühsal und Häßlichkeiten -auseinander gezerrt, dehnte sich über viele Tage, -<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> -und je länger sie währte, um so mehr wuchs der -Abgrund, der sich zwischen mich und Deutschland -stellte. Erst heute habe ich das Buch geöffnet, -das du mir mitgegeben hast, habe die Bezüge -für das Kopfkissen gefunden, Deine Zeilen gelesen. -Heute nacht werde ich darauf schlafen. -Wieder sehe ich Deine großmütterliche Stirn -sich auf mich neigen. Wie das Gaslicht auf der -schwarzen Seide Deines Kleides glänzt. Fühle -die weiche Blüte Deines Mundes an meinem -Kinn. Mein alter Kamerad, warum wurdest -Du, fünfundsiebzigjährig, nicht nach mir geboren, -um an meiner Seite, meine Gefährtin, noch -lange über diese Länder zu schreiten? Einmal -wirst Du sterben und ich werde nicht bei Dir -sein. Einmal werde ich sterben und Du wirst -nicht bei mir sein. Ach, der Krieg hat alle -Brücken zerbrochen. Zu sterben ist die letzte -Freude geblieben, aber auch diese noch ist nicht -ungetrübt. Der erste meiner Freunde hat die -Stufe des Todes betreten, der zweite den Fuß -auf seine Schwelle gesetzt. Ich fühle, wie sich -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> -die Wage mit Toten füllt. Werde ich Leben -genug in mir haben, um allein in der anderen -Schale das Gleichgewicht zu halten? Doch -ob ich auch hier an der alten Straße der Glückseligkeit -zwischen trojanischen Münzen und türkischen -Soldatengräbern verfaulen sollte, ein betrogener -Liebhaber des Lebens, glaube nicht, daß -ich Dir verloren ginge, bin ich doch nur, Du -Gütigste über der Erde, ein Enkel, ein Teilchen, -das Ende eines Knöchelchens von Dir. -</p> - -<p class="sign"> -Dein junger Kamerad. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-3"> -<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> -An die Frau eines im Kriege -weilenden Soldaten -</h2> - -<p class="date"> -Pera, den 7. November 1915.<br /> -Mit dem Blick auf das Goldene Horn. -</p> - -<p class="noindent"> -Wenn du diesen Schlüssel wieder in Händen -hältst, meine Liebe, so denke daran, daß ich ihn -an jenem letzten Tage bei mir getragen habe, -als ich mit Dir eine finstere Treppe hinaufstieg, -um auf einer kalten Diele die Wärme Deines -Leibes zu finden. Durch so viele Länder, durch -so viele verschiedenartige Stunden des Tages -habe ich ihn bei mir getragen, das Letzte, was -ich von Dir besaß, und jedesmal, wenn ich ihn -zufällig in meiner Tasche fühlte, weckte er alle -heißen, o so greifbar nahen Bilder von neuem -in mir auf, daß ich ihn lieb gewonnen habe -und mich nur ungern von ihm trenne, als wäre -dies nicht nur der Schlüssel zu Deinem Hause, -sondern auch Deines Herzens und der Pförtner -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -aller Glückseligkeit. Das erste Mal fühlte ich -ihn bei mir, als ich in Budapest in einem -Kaffeehaus einer schwarz gekleideten Dame -gegenüber saß, die mit ihrem Schoßhund spielte: -„<span class="antiqua">O mon Joujou, que veux tu donc? As tu -faim?</span> Denn Sie müssen wissen, mein Herr, er -ist ein kleiner Franzose. Er ist aus Paris geflohen -und hat Lüttich mitgemacht. <span class="antiqua">Ah mon -petit, donne moi un baiser ...!</span>“ Und -sie reichte ihm ein Stückchen geröstetes, mit -Butter bestrichenes Brot. In Bukarest aber -legte ich den Schlüssel wie eine Waffe vor mir -auf den Nachttisch, ängstlich auf jeden Schritt -in den weiten Hotelgängen lauschend, erschrocken -wie ein Spion, verhaftet zu werden, aufgespießt von -den Blicken der Vorübergehenden, und nach einer -Bahnfahrt, auf der ein Franzose ohne Aufhören -mit gehässigem Lachen das Bild unseres Kaisers -in den Schmutz zog. „<span class="antiqua">Ah, le Kaiser, le -fou</span>“, sagte er, sich den Schnurrbart streichend, -fett und widerwärtig wie ein Flaubertscher Landpächter. -</p> - -<p> -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -Schließlich ließ ich den Schlüssel auf der -Galatabrücke in der hellen Sonne funkeln, als -ich Dein liebes Bild und die ersten Zeilen von -Dir in der Hand hielt. Nun, hier ist er, -Erinnerung, Glücksbringer, Waffe und Reisebegleiter, -ein kleines eisengepanzertes Schiffchen, -das liebebeladen in den Hafen zurückschwimmt, -das Dir Grüße und Dank bringt für jene von -Dir so rührend mit eigener Hand gebundenen -portugiesischen Briefe, die ich so sehr liebe und -die mich immer von neuem in Erstaunen setzen, -daß es in der Tat Frauen gegeben hat, die zu -lieben wußten. Ach, ich könnte mir vorstellen, -daß Du, des Schlüssels beraubt, die ganze -Zeit über gefangen in Deinem Hause gesessen -hast, nur mit meinem Schatten lebend, -und dieser Gedanke könnte mich fast bewegen, -ihn auch jetzt bei mir zu behalten -und weiter mit in die Wüste zu nehmen, -wohin ich in diesen Tagen reise. Über das -schimmernde Wasser blickend, neige ich mich -in der heißen Sonne über die Brüstung, und -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -nachdem ich so viele kostbare und unwiderbringliche -Schätze in den grundlosen Brunnen -des Frauenherzens hinabgeworfen habe, überkommt -mich eine warme Verlockung, in stiller -Hingegebenheit nichts zu schenken und alles von -Dir zu empfangen. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-4"> -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -An die Eltern -</h2> - -<p class="date"> -Konstantinopel, den 2. Nov. 1915.<br /> -Geschrieben in der warmen Sonne des Herbstes. -</p> - -<p class="noindent"> -Wenn Euch diese Zeilen erreichen, Ihr Lieben, -werde ich schon weit von diesem Lande sein. -Ich reise nach Bagdad. Gestern bin ich in die -Militärmission eingetreten, man hat mich all -meiner Chargen beraubt, und ich bin nichts als -ein einfacher Sanitätssoldat, mit einer so niedrigen -Löhnung, daß ich nicht weiß, wie ich leben -soll. Ich werde zwischen türkischen Soldaten -schlafen und mich von Abfällen nähren wie -eine Ratte. Dennoch habe ich Glück gehabt. -Ich bin dem Stabe des Feldmarschalles von der -Goltz als Krankenpfleger zugeteilt. Wie sehr -habe ich mich um diese Stelle bemüht. Fünf -Tage lang suchte ich meinen beschleunigten Puls -durch Pantopon und Tinktura Valeriana zu beruhigen, -um tropentauglich befunden zu werden. -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -Dabei jagte ihn meine innere Erregung, die fieberhafte -Begierde, den Weg dieses Krieges wenigstens -für mich stets aus eigener Kraft und nun -wieder neu zu gestalten, jedesmal über achtzig -Schläge hinauf, sobald ich die Treppe des Kriegsministeriums -betrat. -</p> - -<p> -Dennoch: es ist mir gelungen. So behalte -ich das Ruder meines Lebens in der Hand. -Ich werde Bagdad, werde den Tigris, Mossul -und Babylon sehen. Ich bin mir wohl bewußt, -welchen Schritt ich getan. Ich habe aufgehört, -ein freiwilliger Pfleger zu sein, bin ein Soldat -geworden wie andere, meine Seele ist vogelfrei, -man kann mich nach Deutschland und in die -Gräben von Soissons schicken, man kann tun -mit mir, was man will. Schließlich kann in -einem so langen Kriege auch ich nicht ewig dem -dunklen Lasso entgehen, der ständig um unser -Haupt schwirrt. Denn niemand kann die Wechselfälle -des Lebens voraussehen, die mich immer -gerüstet finden, wenn es sein muß auch zum -Tode. -</p> - -<p> -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -Aber, wenn es dahin kommen sollte: ich sterbe -für mich, nicht für das Vaterland. Wie unsagbar -traurig bin ich, daß ich es nicht um der -Menschheit willen tun kann. Dennoch habe ich -diesen Schritt getan, habe mein Leben eingesetzt -für die Schätze meiner Seele. Wie glücklich -ich bin. In einer Woche werden wir reisen. -Seht ihr jene Kavalkade von Reitern, mit fliegendem -Kalpak, mit klirrendem Säbel, schaukelnden -Epauletten und goldenen Schnüren über -der Brust? Wie sie am Rande der Wüste hinreiten, -jetzt durch Wasser, jetzt einen Hügel hinan. -Unter ihnen ist einer von schlanker Gestalt, -groß, den Kopf ein wenig vornübergebeugt. Wie -gut ihm die Uniform sitzt, ist es einer der Offiziere? -Nein, er trägt keine Abzeichen, geht nur -wie ein Gemeiner. Es ist Euer Sohn. Er ist -glücklich, auch hier das Leben als ein Untergebener -kennenzulernen; denn nie sehen wir die -guten und schlechten Seiten der Menschen so -scharf, als wenn sie unsere Vorgesetzten sind. Mit -zitternd geöffneten Augen folgt er ihnen, immer -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -gewillt zu verzeihen, der Liebe zu dieser Erde voll, -und immer bereit, sich vor dem Leben zu beugen. -</p> - -<p> -Noch gestern bei Euch, jetzt an diesem Tische. -Noch eben in dieser Stadt, nein, schon wieder -fort, auf anderer Straße. Wo heute? Wo -morgen? -</p> - -<p class="sign"> -Deutsche Militärmission, Sanitätssoldat. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-5"> -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -An eine Schwester von Gül-Hane -</h2> - -<p class="rec"> -Marga v. Bonin, ertrunken am 14. Oktober 1917 -in der Treskaschlucht. -</p> - -<p class="date"> -In einer Bretterkantine zu Ras-el-Ain,<br /> -den 26. November 1915. -</p> - -<p class="noindent"> -Meine liebe Diestel und Ihr andern Blumen -im Rosenhaus! Noch sehe ich Sie in weißen -Hauben durch die Säle schreiten wie durch -einen leuchtenden Garten. Aber die Rosen, -die unter Ihren Händen aufblühen, sind blutende -Wunden. Welch ein trauriger Brief ist das, -von einer immer gut gelaunten, lustig zerzausten -und höchst garstigen Diestel? Man reichte ihn -mir in Bosanti in den Zug, und wieder sah -ich Ihre etwas bestürzten Gesichter vor mir, -mit denen Sie mich zur Bahn begleiteten. -</p> - -<p> -Heute sind wir über den Amanus gefahren, -vor zwei Tagen über den Taurus. Nur von -spärlichen Kiefernwäldern bewachsen, erhob sich -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -seine steinerne Masse wie die unter zu kurzer -Decke sich dehnende, unendliche Nacktheit eines -sonnenverbrannten Bettlers. Als wir im Lastauto -bis zur Seekrankheit hin und her geschüttelt, -bei fast vollem Mond in die geisterhafte -zilizische Ebene hinabflogen, den Staubschweif -der Landstraße hinter uns herziehend, -deutete jemand über den Rauch nächtlicher Zeltdächer, -die einsam in der Ebene standen, auf -einen hellen Streifen in der Ferne, wo die -Flammen verbrannter Baumwollstauden in die -Finsternis leuchteten. Dort mußte das Meer -liegen. Und wie ich Abschied nehmend zum -letzten Mal seine Wellen in der Ferne erblickte, -da schickte ich Ihnen so viele Grüße in Ihr -meerumgürtetes Haus und dachte wieder: Sie -haben doch das Meer, da kann es Ihnen nie -wirklich schlecht gehen! Wie schön, wenn am Abend -die schwarzen Winterstürme heraufkommen und -die Seelen der abgestorbenen Hunde von Oxia herüberbellen. -Sich dann in dieser dunklen Stunde -eine Kerze anzuzünden (liebe Kerze, liebe kleine -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -Seele ...), bedarf es mehr, um glücklich -zu sein? -</p> - -<p> -Sie sagen, wenn gute Wünsche etwas vermöchten, -könnte mir nie ein Unglück zustoßen, -und fast will ich glauben, daß Sie recht haben. -Ich fühle, daß ich lange nicht so lebendig gewesen -bin, wie in diesen Tagen, trotz alles Elends, -das mich umgibt. Denn die Ränder aller Straßen -sind mit den jammernden und hungernden Gestalten -armenischer Flüchtlinge besetzt, durch deren -wimmernde, schreiende, bettelnde Hecke, aus der -sich tausend flehende Hände recken, unsere Seelen -ein schmerzliches Spießrutenlaufen beginnen. -</p> - -<p> -Eben, da ich diese Zeilen schreibe, bin ich von -einem Gang durch das Lager zurückgekehrt. Von -allen Seiten schrien Hunger, Tod, Krankheit, -Verzweiflung auf mich ein. Geruch von Kot -und Verwesung stieg auf. Aus einem Zelte -klang das Wimmern einer sterbenden Frau. Eine -Mutter, die an den dunkelvioletten Aufschlägen -meiner Uniform meine Zugehörigkeit zur Sanitätstruppe -erkannte, eilte mit erhobenen Händen auf -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -mich zu. Mich für einen Arzt haltend, klammerte -sie sich mit letzter Kraft an mich Ärmsten, der -ich weder Verbandmittel noch Arzeneien bei mir -trug und dem es verboten war, ihr zu helfen. -</p> - -<p> -Dies alles aber wurde übertroffen durch den -furchtbaren Anblick der täglich wachsenden Schar -verwaister Kinder. Am Rande der Zeltstadt -hatte man ihnen eine Reihe von Löchern in die -Erde gegraben, die mit alten Lappen bedeckt -waren. Darunter saßen sie, Kopf an Kopf, -Knaben und Mädchen in jedem Alter, verwahrlost, -vertiert, verhungert, ohne Nahrung und Brot, -der niedrigsten menschlichen Hilfe beraubt und -vor der Nachtkälte schaudernd aneinander gedrängt, -ein kleines Stückchen glimmende Holzasche -in der erstarrten Hand haltend, an dem -sie vergeblich versuchten, sich zu wärmen. Einige -weinten unaufhörlich. Ihr gelbes Haar hing -ungeschnitten über die Stirn, ihre Gesichter -waren von Schmutz und Tränen verklebt. Andere -lagen im Sterben. Ihre Kinderaugen waren -unergründlich und von Leiden ausgegraben, und -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -obwohl sie stumm vor sich hinblickten, schienen -sie doch den bittersten Vorwurf gegen die Welt -im Antlitz zu tragen. Ja, es war, als hätte das -Schicksal alle Schrecken der Erde an den Eingang -dieser Wüste gestellt, uns noch einmal zu -zeigen, was uns erwartet. Entsetzen ergriff mich, -daß ich klopfenden Herzens aus dem Lager eilte, -und obwohl ich auf flacher Erde dahinschritt, -erfaßte mich Schwindel, als bräche der Boden -zu beiden Seiten in einen Abgrund zusammen. -</p> - -<p> -Die Täler aller Berge, die Ufer aller Flüsse -sind von diesen Lagern des Elends erfüllt. Über -die Pässe des Taurus und Amanus zieht sich -dieser gewaltige Strom eines vertriebenen Volkes, -jener Hunderttausende von Verfluchten, der um -den Fuß der Berge brandet, um, schmäler und -schmäler werdend, in unabsehbaren Zügen in -die Ebene hinabzugleiten und in der Wüste zu -versickern. Wohin? Wohin? Dies ist ein -Weg, von dem es keine Heimkehr gibt. Und -ihnen nach blicke ich auf den Weg, den ich -selber beschreiten werde, und denke mit einer mir -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -ungewohnten und merkwürdigen Härte des -Gefühls: diese erfüllen ihr Schicksal, erfülle -du das deine! -</p> - -<p> -So sitze ich denn in dieser offenen Bretterbaracke, -vor der langhaarige Kinder mit wilder -Gier die fortgeworfenen Schalen der von uns -verzehrten Orangen verschlingen, sitze die langen -Abende auf den kleinen Bahnhöfen ohne Licht -in den Eisenbahnzügen und führe mit den -Kameraden die heitersten Gespräche über den -Tod. Da sind alte Farmer aus Südwest unter -uns, der Gesandte für Persien, ein Stabsoffizier -aus Chile. Männer, die ihr halbes Leben in -China oder in den Kolonien verbrachten, deutsche -Kaufleute aus Basra und Teheran. Die -Nachricht, daß die Schamas die Euphratlinie -gesperrt halten, hat sie in die munterste Laune -versetzt; sie erzählen denen, die zum ersten Male -dieses Land betreten, von seinen vielen und -mancherlei merkwürdigen Gefahren. Die reichhaltigste -Speisekarte schöner Todesarten wird -aufgetischt: Beduinen werden dich, an ihren -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -Roßschweif gefesselt, durch die Steppen schleifen. -Nichtsahnend wirst du zu einem Bartscherer -gehen und dich mit tödlicher Seuche anstecken. -Die schönen Weintrauben, die du verzehrst, -lassen dich an Cholera erkranken. Aus der -Erde unter deinem Zelt kriechen Tausendfüßler -und Skorpione. Eiternde Beulen werden dein -Gesicht zerfressen, sie entstellen dir Nase, Stirn -und Mund. Kurden werden dir die Eingeweide -aufschlitzen, Perser die Ohren abschneiden. Nackt -und zerfleischt flüchtest du todkrank nach Bagdad -oder dein Leichnam bleibt an der Straße -liegen, den Schakalen zum Fraß. Und das -alles erzählt man dir mit lächelndem Auge, -als wäre der Tod das heiterste Schaustück der -Welt. Und auch du lächelst, gehst schlafen -und beschließt im stillen bei dir achtsam zu -sein, kein ungekochtes Wasser zu trinken, um -im nächsten Augenblick zu entdecken, daß man -dein Kochgeschirr in einer übelriechenden Lache -reinigt, die die Flüchtlinge mit ihren Exkrementen -beschmutzt haben. -</p> - -<p> -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -Ja, liebe Schwester, man muß an das Glück -seines Schicksals glauben! Darum fürchten -Sie nicht für mich, wenn ich jetzt so fremden -und ungewohnten Dingen entgegengehe, und vergessen -Sie das ein wenig durchscheinende Gesicht, -mit dem ich Abschied von Ihnen nahm. Erinnern -Sie sich stets daran, daß es Pflanzen -mit blassen Blättern gibt, die, wenn sie auch -oben welk aussehen, an der Wurzel noch frische -Kräfte haben. Zu diesen gehöre ich. -</p> - -<p> -Daß Sie hier wären! Den Tag über mit -mir im Sattel zu sitzen und in die Steppe -hinauszureiten, das wäre ein Leben so recht -nach Ihrer Lust und ein Gedenken Ihrer nordischen -Heide. Ja, hätten Sie es wahrgemacht -und wären ein Junge geworden. Aber -nun ist es zu spät, und wenn ich Ihnen auch -ein paar Männerhosen schickte, so lang, daß sie -selbst für eine hagere und ausgewachsene Diestel -reichten ... es wäre doch zu nichts nütze. -</p> - -<p class="sign"> -8 Uhr morgens, drei Stunden vor Aufbruch. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-6"> -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -Traum auf dem Kelek -</h2> - -<p class="date"> -Auf dem Tigris,<br /> -den 10. Dezember 1915. -</p> - -<p class="noindent"> -Was meinen Sie nun, daß ich hier bin, an -einem so sagenhaft schimmernden Brunnen aller -Zeit? Seit zwei Tagen treiben wir den Strom -hinab. Unter Schilfdächern, auf dem bewegten -Boden luftgefüllter Schläuche, Hütten und -Menschen auf einer flachen Hand. Zwischen -Hühnern, Kisten und Wachtsoldaten liege ich -auf der Matte, die Glieder vom langen Ritt -durch die Wüste schmerzend, noch fröstelnd von -der Kälte der eisigen Nächte, die das Wasser -in unsern Schüsseln gefrieren ließ. Und das Floß -dreht sich, ein lose auf den Wellen treibendes -Blatt, bald hier, bald dort das Ufer berührend, -um langsam weiter den Strom hinabzugleiten. -</p> - -<p> -Hier also sprang die Welt aus dem Mutterschoß. -Aber die Brüste sind lange versiegt, die -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -so fruchtbare Milch gaben, und welcher Fluch -muß diese Erde getroffen haben, daß sie so voller -Erbarmen um Wasser bettelt. Und dennoch: -<span class="antiqua">ex oriente lux</span>. Denn hier bin ich und meine -Sonne leuchtet. In ungeheurer Stummheit -gleitet die Landschaft vorüber. Weite Steinhalden, -ausgetrocknete Flußbetten, die Luft mit -Schwefel erfüllend, Urweltbilder, Sonnenuntergänge, -schwarz, schwarz, blaurot, Berge wie -Sarkophage. Und ich warte, warte: wann wird -dieses Land seine Lippen öffnen, die der Staub -verklebt hat, die welk wurden von Jahrhunderte -altem Schweigen, um zu mir zu reden? -</p> - -<p> -Wenn es dunkelt, binden wir das Floß an -einen Stein am Ufer, stolpern ein paar Schritte -in das finstere Land. Hier sitzen Soldaten um -ein Zelt, eine Flamme loht in die Dunkelheit. -Und wieder lege ich den Kopf zum Schlafe -nieder. Nun aber treten aus dem verlassenen -Haus die Gedanken, treten aus der Tür und -beginnen ihre Wanderung. Sie entweichen über -das Meer. Ich bin zu Hause, ich begrabe -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -meinen Vater (die Vorhänge der Fenster sind -herabgelassen). Ich bin bei meiner Geliebten, -sie gibt sich mir hin, zitternd besteige ich ihr -Lager. Doch welche plötzliche Erregung ergreift -mich? Eifersucht verbrennt meine Seele. Bald -bin ich in einer Stadt, die vom Feinde erobert -wird. Ich werde gefangen genommen, erschossen -als Spion. Es ist die letzte Stunde meiner -Großmutter, schluchzend schreite ich hinter ihrem -Sarge her. -</p> - -<p> -Nun ist es Morgen. Aber wie seltsam blickt -dieses Haus der Gedanken; Staub liegt auf -der Schwelle seiner Tür. Ich fühle, wie ich -müde geworden bin, so endlose Fernen liegen -hinter mir. Lautlos gleitet das Floß weiter -den Strom hinab. Es ist Tag. Aber sollte ich -nicht jetzt erst zu schlafen beginnen? -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-7"> -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -An Carl Hauptmann -</h2> - -<p class="date"> -Bagdad, den 25. Januar 1916.<br /> -Diesseits des Tigris. -</p> - -<p class="noindent"> -Glauben Sie mir, mein verehrter väterlicher -Freund, daß ich es gewiß nicht weniger bedauert -habe, diesmal auf die Pilgerfahrt nach dem geliebten -Hause verzichten zu müssen und wieder -in die Wüste zu ziehen, ohne in Mekka zu beten. -Eine Stunde an Ihrer Brust, welche Paradiese -trüge der Mund nächtlicher Gespräche in diese -fremden und durchaus nicht eintönigen Tage! -Ach, ich höre Sie reden, sehe, wie Sie Ihr -Gesicht im Schein der hohen Lampe nach vorne -beugen, mir aus einem neuen Werke vorzulesen, -sehe, wie Sie die Augen schließen, mir zuzuhören, -wenn ich selber erzähle. Aber statt dessen floh -ich, von dunklen Bedrückungen verfolgt, aus -Deutschland. War ich nach Hause gekommen, -um neue Schmerzen zu den alten zu tragen? -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -Man will es mir zum Vorwurf machen, daß -ich die Güte verkenne, die mir aus so vielen -Herzen daheim liebend entgegenkam. Aber -vielleicht werden Sie es verstehn, wieviel leichter -uns die Heimat verwunden kann als die Fremde. -</p> - -<p> -Ich habe Frau Maria wiedergesehen. Sie -ist bei mir in meiner alten Wohnung gewesen, -die nun, zusammengewürfelt, bunte Dinge in -einem Spielzeugkasten, hinter der verbotenen -Tür verschlossen liegt. Ein höchst ernsthaftes, -tyrannisches Spielzeug, und vielleicht, wenn -Frau Maria das stumme Märchen der Möbel -zu deuten weiß, hat sie auch Ihnen davon erzählt. -Aber welche Schicksale liegen zwischen -gestern und heute! Welche himmlische Heiterkeit -erfüllt meine Seele! Jede Krankheit ist -eine Brücke, die am Tode vorübergeht. Und -so schritt ich durch diese letzte (ich war an -Typhus erkrankt), wie ein gepanzerter Erzengel -das Fegefeuer teilend, griff unter mir in die -Flammen hinab, um auch noch fremde Seelen -mit mir gerettet ans Licht zu tragen. Es waren -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -die seltsamsten Fiebernächte, deren ich mich erinnern -kann, und verwundert betrachte ich die -Schätze, die sie mir zurückließen, ein Schwammtaucher -und Perlenfischer, der erst an der Oberfläche -erkennt, was ihm die Tiefe gebracht hat. -Ich habe einen ganzen Umkreis geschrieben, eine -vielstimmige Vision des Leidens, wie ich sie -im Herbst des ersten Winters in Polen erlebte. -Daneben eine Anzahl Gedichte, die -nun schon alle der „Straße mit den tausend -Zielen“ angehören. Daß ich ein Buch Erlebnisse -aus der Türkei in Arbeit nahm, erzählte -ich Ihnen schon, eine Sammlung von Tragik, -Buntheit und Ironie, auch eine Frucht dieser -Krankheit. Aber das sind kleine Anfänge gegenüber -weitliegenden Plänen, die ich nur flüchtig -aufzeichnen konnte, Arbeiten für spätere Jahre. -</p> - -<p> -Glauben Sie übrigens nicht, daß diese Dinge -alle mit dem Kriege zusammenhängen; was -wir ständig vor Augen haben, steht unserm -Herzen oft am fernsten. Und wie will ich dann, -wenn ich heimgekehrt bin, mir Ihren Fleiß zum -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -Vorbild nehmen! Wie will ich mir ständig -jene Unermüdlichkeit und Strenge vor Augen -halten, jenen grausamen Fleiß, der das Glück -der Schaffenden ist, jene einsame Lampe in der -Winternacht Ihres Gartens, hinter der Ihr -Haar grau wurde, auf daß das Werk sich gestalte, -zu dem wir berufen sind. „Und nur -ein Fremdling sitzt mit Euch bei Tische ...“ -wie sehr habe ich beim Schreiben dieser Zeilen -Ihrer gedenken müssen. Übrigens ertappte ich -mich neulich beim Zeichnen an dem Plane eines -Bauernhauses, und ich glaube, es sollte in Ihren -Wäldern stehen. Auf daß ich immer den Atem -Ihrer Emsigkeit fühle! Wie in all den andern -Jahren, haben Sie auch in diesem blutigen -Herbste Europas die friedliche Kelle nicht aus -der Hand gelegt. Schon winkt der Richtkranz, -mit bunten Bändern geschmückt, über dem neuen -Hause, und gewiß ist das Dach inzwischen lange -vollendet. Wo ist Tobias Buntschuh? Er erscheine! -Ich habe nach Deutschland geschrieben, -daß man mir Ihre Bücher schicken soll, und wenn -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -ich schließlich all die papiernen und weisheitsvollen -Freunde, die sich auch hier in meiner -Kiste sammeln, nicht mehr mit mir schleppen -könnte, nirgends gäbe es so gute Gelegenheit, -sie fremden Menschen zu Gefährten zu geben, -als hier. Oder meinen Sie nicht, daß des -Tobias Seele auch aus der Bibliothek der -deutschen Schule in Bagdad zu denen sprechen -könnte, die Ohren haben zu hören? -</p> - -<p> -Glauben Sie nicht, daß dieses öde und ausgehungerte -Land leer sei an edlen und empfängnisreichen -Herzen! So begegnete ich eines Abends -in Aleppo im Hause eines deutschen Kaufmanns -der wundersamsten Frau, die ich seit Jahren getroffen. -Geistreich, liebenswürdig und bestrickend, -eine heimliche Herrscherin des Landes, war sie -weit über die Grenzen ihrer Stadt bekannt und -hielt selbst die türkischen Behörden in ihrem -Bann. An dem Tische ihres kleinen, mit den -kostbarsten alten Teppichen ausgeschmückten Salons, -deren buntgeringeltes Ohr unsere Worte -trank, saß Professor Koldewey, der Entdecker -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -des wiederentstandenen Babylon, und der alte -Feldmarschall von der Goltz. Und wer, der uns -hier versammelt sah, hätte glauben mögen, daß -draußen vor den Toren der Stadt armenische -Leichen lagen und daß wir in Asien saßen. Mühsam -erhob sich der Feldmarschall aus dem tiefen -Sessel, um mir die Hand zu reichen. Wie -rührte mich seine Bescheidenheit, wie sehr beglückte -mich der Wohllaut seiner Stimme, und -oft denke ich, so müßte mein Großvater sein, -wenn er noch lebte. Ist dies ein altes, unbekanntes -Glied der Verwandtschaft, mir durch -Blut und Gebärde vertraut, nur daß ich ihm -nicht früher begegnet bin? Immer ergreift Verehrung -mein Herz, wenn ich einen Menschen -schaue und fühle, daß eine starke Seele in diesem -Gebäude wohnt. So weiß ich mich auch ihm -insgeheim verbunden, durch eine Sprache, die -jenseits aller Worte wohnt, obwohl er der greise, -immer rüstige und von allen verehrte Feldmarschall -ist und ich nur ein einfacher Unterleutnant -bei seinem Stabe. Aber ist es nicht immer die -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -Wahlverwandtschaft unserer Seele gewesen, die -stärker als alle Bande des Blutes in unserm -Leben den Ausschlag gab? Und wird diese Erfahrung -Lügen gestraft, weil die Wahl des -Blutes oft auch die Wahl der Seele ist? So -fand ich auch Sie, mein verehrter Freund, dessen -Liebe und Zartheit mich immer wieder beglückt. -</p> - -<p> -Wie gut ist es übrigens, daß ich in Ihrem -Hause es so vortrefflich gelernt habe, Orangen -zu essen, nun da sie so reichlich auf meinen Tisch -regnen. Oh, ich sehe Sie im abendlichen Lichte -des Zimmers das Messer schärfen und mit mir -über die „Apfelsinen-Seele“ plaudern. Unter -einem halben Dutzend bei jeder Mahlzeit lasse -ich nicht mehr mit mir rechten, und da ich bei -jeder zerschnittenen Schale einmal in Gedanken -bei Ihnen bin, können Sie leicht an den zehn -Fingern Ihrer Hände zählen, wie oft ich am -Tage an Sie denke. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-8"> -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -An die Frau eines im Kriege -weilenden Soldaten -</h2> - -<p class="date"> -Bagdad, den 18. Januar 16.<br /> -Diesseits des Flusses. -</p> - -<p class="noindent"> -Wie glücklich ich bin, geliebte Frau. Die -Post hat mir gestern so gute Briefe gebracht. -Und wenn ich jeden abwechselnd in die Hand -nähme, so wüßte ich nicht, welcher mir schwerer -wiegt. Nun stelle Dir vor, wie ich meine Kerze -entzünde, die in einer kleinen, mit Erde gefüllten -Büchse steckt, und wie ich in die Kissen gelehnt -mit einem alten Federmesser langsam die Umschläge -aufschneide. Jetzt falte ich den Bogen -auseinander, ein weißes Gesicht. Aber hier ist -einer, auf dem laufen die Zeilen Sturm, und -wie sie mit Heeresschritten auf mich loseilen, -lasse ich mich zum neunzigsten Mal erobern, -obwohl ich doch eine längst eingenommene -Festung bin. -</p> - -<p> -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -Draußen ist eine große Unruhe in der Natur. -Die hohen Rizinusstauden vor meinem Fenster -rascheln mit ihrem dürren Blätterhemd, der -Regen rast mit eisernen Hufen auf das Dach, -und die Schakale heulen und kämpfen mit den -Hunden wie jeden Abend, wenn sie an den Tigris -kommen, um Wasser zu trinken. Mein Gesicht -aber ist ganz überströmt von Liebe, und ich bin -so überwältigt, als hättet Ihr alle zugleich Euer -Herz auf meine Brust gelegt. Ich bin richtig -ein wenig müde, daß ich mich zurück auf das -Krankenbett lehne, um auszuruhen. Nur nichts -sagen, nichts reden, dann will ich Dir auch gestehen, -daß ich wieder krank gewesen bin. Du -wirst nicht klagen, Geliebte. Soll ich Dich um -Verzeihung bitten dafür, daß ich krank war? -Es ist so wunderbar, wie geduldig ich geworden -bin; wo ist mein heißes, unzufriedenes Herz -geblieben? Und doch weiß ich nicht, weshalb -die Gifte immer von neuem kommen, um in -meinem gemarterten Leibe zu wohnen. Oft scheint -es mir, als wäre dies eine stille Rache, welche -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -die stumme und leidende Natur an uns nimmt. -Es ist die Pflanze, die den Menschen besiegt. -</p> - -<p> -Zwei Tage vor unserer Ankunft lag ich in -der Rohrhütte auf dem Kelek und fieberte. Das -Floß drehte sich, mein armer Kopf drehte sich, -zwei Kreisel, die ineinander gingen, endlich erblickte -ich durch die offene Tür in der hellen -Morgensonne den gewundenen Turm von Samara. -Am Abend waren wir in Bagdad. -Als ich aus dem Zuge stieg, fand ich mich -unter Palmen. Palmen — dachte ich und daß -das Paradies im Schatten ihrer Schwerter -ruhte. So elend ich war und obwohl eine -kalte Nacht vom Flusse wehte, empfand ich es -doch wie eine tiefe Erquickung, als müßte aus -ihrem blauen Schatten Kühlung auch auf meine -fiebernde Stirne regnen. Ich trat in das Haus -des Betriebsleiters der Bagdadbahn und fand -eine deutsche Mutter mit ihren Kindern um die -Lampe versammelt. War das nicht genug, um -allen Schmerz zu vergessen? Wäre ich nicht -noch einmal zwanzig Tage durch die Wüste -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -gereist, um das Wunder blonder Haare und -blauer Augen zu schauen? Am nächsten Morgen -wurde ich in das Krankenhaus der Bahn gebracht. -Ich fand ein bereitetes Bett und einen -weißgedeckten Tisch mit blühenden Astern. Es -war der siebenzehnte Dezember und die Sonne -schien durch die offene Tür. -</p> - -<p> -Hier habe ich gelegen. Weihnachten kam, -das Fieber hatte nachgelassen, und man sandte -mir gebratene Pute, Fisch und blühende Rosen -ans Bett. Hier war ein kleines Bäumchen -aus Kiefernzweigen, zwei Briefe, eine Flasche -Champagner. Jemand hatte mir eine alte -Kaschmirdecke geschenkt, die ich auf mein Bett -über die Füße breitete, um sie liebevoll immer -wieder zu betrachten. Mein Auge verlor sich -in den Farben ihrer verschlungenen Muster wie in -den Wegen des lieblichsten Gartens. Die Kerzen -flammten, ihre kleinen weißen Seelen zitterten -mir entgegen, nun entfalteten sie ihre Schmetterlingsflügel, -und der Duft verbrannter Tannenzweige -führte mich über so viel Jahre in die -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -Zeiten zurück, da noch das Wunder dieser Nacht -für mich nicht erloschen war. Dazu aß ich die -kleinen Lebkuchen, die Du mir geschickt hattest -und die ich so lange Wochen mit mir durch die -Wüste trug. „So viel Liebe! So viel Liebe!“ -dachte ich, und wieder überströmte es mich. -Wie viel hatte doch diese arme und geschändete -Erde noch an Güte zu geben, wie reich war ich! -Ja, einen Augenblick schien es mir, als wäre -die Erde nur darum des Grauens und Blutes -voll, weil ich allein alle Liebe der Welt im -eifersüchtigen Herzen verschlossen hielte. -</p> - -<p> -Zwei Tage vor Neujahr stand ich das erste -Mal auf. Mit zitternden Füßen ging ich um -das Haus; aber es war zu viel. In der Nacht -überkam mich ein neuer Anfall. Gleich einem -abgerissenen Fetzen Leinewand flatterte der Geist -aus diesem schmerzenden, von tausend glühenden -Hämmern geschlagenen Kopfe davon. Und -während nasse Tücher meine Stirn kühlten, -während ich von helfenden Händen in das -Badewasser gehoben wurde, zog aus meinem -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -Haupte der Schwarm der Gedanken aus wie -die Wolke der ungeborenen Geister, die ausbrechend -das Haus der Schöpfung verlassen. -Bis das Morphium kam und die Welt in -Musik erlosch. Nie habe ich mich so reich an -Gestalten gefühlt, nie so viel Pläne zugleich -leibhaftig in Händen gewogen, wie in den Tagen -dieser Krankheit. Ich habe mein Bett das -„Fieberschiff“ getauft und über Meere und -Länder die abenteuerlichsten Reisen in ihm geführt. -Hat schon jemand das Märchen des -fliegenden Bettes gedichtet? Dann müßte ich -es tun. -</p> - -<p> -Wie merkwürdig war dieser Silvesterabend, -die seltsamste Fiebernacht stieg herauf. Während -vierzig Grade meinen Körper siedeten, tanzte -der Geist lustig auf seinem Seile weiter. Und -in aller Klarheit stiegen die blutigen Erinnerungen -Polens herauf, begann ich ruhig und unberührt -Verse an Verse zu reihen. Wie habe ich in -dieser Nacht das Martyrium des Dichters verwünscht! -Der Sklave seiner eigenen Gedanken -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -zu sein, die uns zertreten! Und doch, welches -Wunder umrauschte mich. Sollte das alles -ungeboren vorübergehen? In einer Nacht erschaut -und wieder erloschen? Ich zündete die -Kerze an, ich stand auf, um mein Tagebuch zu -holen, das mir gegenüber auf dem Tische lag. -Aber die Kräfte verließen mich, und die Besinnung -verlierend sank ich auf die Steine. Ich -mußte den Wärter rufen, der mich zurück in -die Kissen trug. Frost schüttelte mich, von -neuem erbrach sich mein Magen, diese Müllgrube -verdorbenen Fleisches und faulender Pflanzen. -Ich ließ mir Tee kochen. „Dies ist mein Neujahrs-Punsch,“ -sagte ich zu meinem Wärter. -Es war zwei Uhr morgens, und ich wurde der -Schmerzen müde. Dennoch gelang es mir, im -Grauen des Jahres die ersten Zeilen niederzuschreiben. -Wachsend hob sich die Gestalt, die -Nacht hatte es nicht behalten. -</p> - -<p> -Und so blieb es durch alle Tage einer langen -und langsamen Genesung. Es arbeitete in mir -am Tag und in den Nächten, ich lag von einer -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -wohligen Musik gewiegt. Und wenn ich aufwachte, -begann es von neuem, stellte sich als ein -fertiges Gebäude vor mich hin. Sollte man -eine Krankheit nicht segnen, die so reiche Schätze -in unsern Händen zurückließ? Wie wunderbar -sie waren, diese tropischen Träume; hier ist der -Vorhof des Todes. Aus ungeahnten Tiefen steigt -die geläuterte Seele empor, eine süße Stärke erfüllt -uns. Nun ist es die Stunde der Auferstehung. -</p> - -<p> -Noch liege ich, in tausend neuen Gedanken -blätternd wie in einem schönen Buch, ehe man -es zu lesen beginnt. Deiner gedenkend an den -langen Abenden, die uns Regen und Stürme -bringen, eingehüllt in das warme Gewand Deiner -Liebe. Noch liege ich, diesseits des Tigris, gegenüber -der gelobten Küste, im Angesicht von Bagdad, -das ich bisher nicht betreten habe, und freue -mich, wenn ich morgen aufstehen werde, auf den -Strom und die weißen Häuser und auf die -tausend Palmen, unter denen ich wandern werde. -Wie dankbar bin ich dieser Krankheit, die mich -in Ruhe und Schlummer eingesponnen, daß ich -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -erneut das Wunder der Wiedergeburt schaue, -um mit heiterer Seele das Bild dieser Stadt -zu empfangen, daß nicht ein Körnchen Staubes -und nicht die feinste geäderte Zeichnung auf der -Wange einer alten arabischen Muhme ihrem -gereinigten Spiegel entgeht. -</p> - -<p> -Noch weiß ich nicht, wie die Tage sich gestalten -werden. Wie viel jene nächtliche Saat -der Träume mir an Früchten zurückließ, wenn -ich erst wieder mit blassem Gesicht durch die -Lazarette wandern werde, um von Bett zu Bett -abgehauene Gliedmaßen und blutige Verbände -in meinen Eimer zu sammeln. In diesen Tagen -vulkanischer Veränderungen, in denen uns die -Aussicht zur nächsten Stunde verhängt bleibt und -wir immer mehr der Bestimmung unseres eigenen -Willens entzogen werden, bin auch ich zu einem -kindlichen Glauben an das Schicksal zurückgekehrt. -So sehr ich auch fühle, wie mir das -Leben liebend entgegenkommt, so sehr empfinde -ich, daß ich aufgehört habe, selbst der Lenker -meiner Tage zu sein. -</p> - -<p> -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -Wie oft muß ich an einen Abend in Tekrit -denken, als ich zwei Tage vor unserer Ankunft -in den nächtlichen Straßen der Stadt einem -lahmen Esel begegnete, dessen linker Hinterfuß -gebrochen war und auf dessen schiefgeheiltem -Knochen er wie auf einem Schlitten dahinglitt. -Hoch oben hing der Mond, eine kühle Lampe, -während aus einem Hause leise Musik erklang, -wo Araber um die Flamme versammelt saßen, -ihre Gebete sagend. Ich wandte mich um und -sah das Tier mir einsam zwischen den verlassenen -Mauern folgen, auf der staubigen und hartgetretenen -Erde vergeblich nach Gräsern suchend. -O meine Seele, dachte ich, wie sehr gleichst -du diesem Geschöpf. Immer klingt aus einer -verschlossenen Tür süßer Gesang. Aber der Weg -ist dunkel und niemand weiß, wohin die Straße -sich öffnet. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-9"> -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -An die Großmutter -</h2> - -<p class="date"> -Bagdad, den 20. Januar 16.<br /> -Im Hause zu den elf Fenstern. -</p> - -<p class="noindent"> -Nun will ich den Stuhl an Deine Seite -rücken, Du liebes altes Gesicht. So dicht, -daß die großmütterlichen Ohren, die so lange -in die Welt gehorcht haben, sich gar nicht zu bemühen -brauchen, mich zu verstehen. Nun fühle -ich Deine Augen auf meinem Herzen. Sie -leuchten mir und wärmen mich auch hier, in -diesen Tagen, in denen so bittere Kälte heraufsteigt, -daß ich verwundert in die heimatlich verwandelte -Welt schaue, durch die der Schnee in -schweren Flocken langsam zu Boden flattert, kleine -weiße Vögel, die die Erde mit ihrem Gefieder decken. -</p> - -<p> -Palmen in Schnee. Wie lange hat das -die Stadt nicht mehr gesehen. Die hohen -Rizinusstauden im Garten brechen mit ihren -Wurzeln aus der Erde. Der Tigris wirft -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -Wellen wie ein Meer. Die Stadt aber ist -ausgestorben; hin und wieder schleicht in langen -Röcken, mit den bloßen Füßen in der aufgeweichten -Straße versinkend, ein Araber an der Mauer -entlang, das Kopftuch um Hals und Wange -geschlagen, als litte er an Zahnweh. Der Markt -steht still. Wer braucht zu kaufen, zu handeln, -Lebensmittel feil zu bieten, wenn es regnet? An -solchen Tagen mußt du zufrieden sein, wenn -du so viel hast, daß du nicht hungerst. -</p> - -<p> -Die Welt ist hinter den Mauern. Hier sitze -auch ich, in einem Hause, dessen Wände mich -mit Kälte anhauchen (oh, wie will ich seine Kühle -loben, wenn es erst Sommer ist!). In einem -Zimmer, in dem elf hohe Fenster mir mit stets -gleichem Erfolg die Täuschung vorspiegeln, ich -säße im Freien. Neben mir steht ein kupfernes -Kohlenbecken, in dem glimmende Holzasche dampft -und mir Kopfschmerzen bereitet, und mein arabischer -Reitsattel, auf dem ich durch die Wüste -nach Mossul geritten bin. Ich habe meine kleine -Lampe bei mir, die mir schon in Polen den -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -Unterstand erhellte, und freue mich, daß sie nun -zuweilen des Abends wieder meiner Arbeit leuchtet. -So sitze ich in Decken und Mäntel gehüllt über -dieses Papier gebeugt, während hinter den -Scheiben mein arabischer Diener wartet, mir -die Schuhe auszuziehen, mit wenig Hausgerät -und vielen Teppichen und Schilfmatten unter -den Füßen. Denn das Kaufen von Teppichen -ist gewiß eine ansteckende Krankheit. Aber -schließlich sind wir allein, und der Teppich ist -unser einziger Freund: der Tisch, von dem wir -speisen, unsere Morgen- und Abendandacht, und -das Gedicht, das wir nicht müde werden immer -von neuem zu lesen. Vor meinen Fenstern erheben -Palmen ihre stachligen Schöpfe, aus -denen sich gegen Abend eine Schar von Krähen -erhebt, die müde und satt von den Schlachtfeldern -von Kut el Amara heimkehrten, um jenseits -des Tigris über den breiten Palmenwäldern, -rasselnd, mit den Flügeln gegen die glasharten -Blätter stoßend, Licht und Sonne verschüttend, -eine schwarze Wolke, zusammenzuschlagen. -</p> - -<p> -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -Es ist Abend, die Stunde, da ich von meinen -Spaziergängen heimzukehren pflegte in Dein -Haus. Leuchtet dort nicht die Lampe und ein -Tisch mit Schinkenbrötchen und Eiern? Heute -Mittag war ich traurig, daß keine Briefe da -waren, aber bedarf es noch eines Wortes? Du -bist in mir. Langsam fühle ich, wie Du in -meinem Blute heraufsteigst, mir die Stirne zu -streicheln, und neige meinen Kopf über Dich, wie -in den Abgrund aller Zärtlichkeit. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-10"> -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -Ein Vermächtnis in der Wüste -</h2> - -<p class="rec"> -An Hugo Marcus. -</p> - -<p class="date"> -Bagdad, den 1. Febr. 1916.<br /> -Im Jenseits. -</p> - -<p class="noindent"> -Welche Sonne Sie in mein Zimmer gebracht -haben, lieber Freund, in diesen Tagen, wo Regen -täglich sein kummervolles Haupt über die Stadt -neigt, endlos in die zerfallenen Mauern verlassener -Häuser zu weinen. Sie haben mir so hohe Worte -der Liebe und der Bewunderung gesagt, und nach -den Tagen des Zweifelns und der Bedenken, -die nur ungern aus Ihrer kühlen Stirne aufstiegen, -weiß ich, daß es mehr ist als die Anerkennung -der Freundschaft. Sie wissen, wie unentbehrlich -mir Ihr Urteil geworden ist, als wäre -jedes Werk in seinen Zielen verfehlt, das nicht -in Ihnen seinen Widerhall fände. Wie glücklich -ich bin, nichts konnte mich freudiger stimmen, -als was Sie mir über meine Briefe sagen. -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -Sie wissen, daß ich darin immer einen Ausdruck -der Seele gesucht habe, daß sie mir als -die schönste Offenbarung tiefer Menschlichkeit -gelten und daß mir dies nicht immer gelang. -Aber Sie sehen auch, wie wenig es mir um -Erfolge des Augenblicks zu tun sein kann, wenn -ich andere Arbeiten um ihretwillen beiseitelege. -Auch diese scheinen mir ein Ausdruck desselben -Geistes zu sein, nicht weniger wahr und heilig, -als irgendein künstlerisches Gebilde, das unter -anderem Namen vor die Augen der Welt geht. -Die bürgerliche Seele, stets eifersüchtig ihre -Rechte wahrend, immer voll Furcht, daß ihr -eigenes kleines Dasein bloßgelegt werden könnte, -wird es freilich niemals begreifen, daß unser -innerstes Wesen in andern Werken nicht minder -nackt zur Schau gestellt ist, als in unsern -Briefen. -</p> - -<p> -Aber warum sollten wir nicht stets das Beste -geben, daß es denen, die unsere Liebe verdienen, -zum Trost und zum Danke wird? Und sollte -es einmal dahin kommen, daß ich selbst dazu -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -nicht mehr imstande bin, so möchte ich Sie bitten, -dieses für mich zu tun. Dieser Brief ist ein -Vermächtnis. Denn so unglaublich es mir -auch selber erscheinen mag, nun, da ich zum -zweiten Mal in diesem Lande mich von tödlicher -Krankheit erhebe, von den Erniedrigungen der -Gefangenschaft und einer Summe undenkbarer -Zufälle bedroht, täglich in der Luft gifterfüllter -Lazarette von unsichtbaren Gefahren umgeben, -inmitten einer Wüste, die auf endlose Meilen -den Atem ihrer Verwesung erhebt, das Aas von -gefallenem Vieh und menschliche Leichen bis vor -die Tore der Stadt werfend, muß auch ich -daran denken, daß das Schicksal von tausend -Hoffnungen immer nur eine zum Ziele führt. -Ich habe den Tod eines Schaffenden immer -als ein Verbrechen gegen das keimende Leben -empfunden, und so oft ich in diesem Kriege -davon hörte, ergriff mich jenes widerwärtige -Gefühl, das uns stets berührt, wenn wir von -der Ermordung schwangerer Frauen hören. Wie? -fragte ich mich, als man mir in den Tagen -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -der Wiedergenesung erzählte, daß ich in Gefahr -geschwebt hätte, dieses lebendigste Leben wäre -das Rauschen des letzten Ufers gewesen? Nie -habe ich mich dem Tode so ferne gefühlt, und -noch in diesen Wochen, als ich in der Wüste -durch die Lager armenischer Flüchtlinge ging -und sie ihre Toten begraben sah, war mir, als -ginge ich nur hindurch als der Abgesandte einer -anderen Welt, um heimgekehrt aus der Hölle -des Tages die Botschaft ewiger Liebe zu verkünden. -</p> - -<p> -Aber wie sollte die Zeit, dieses menschenfressende -Ungeheuer, an dessen knochenbedecktem -Tische ich nun so lange Monate saß, zurückschrecken -vor einem Geheimnis, vor dem selbst -noch die französische Revolution gezögert hat? -Und vielleicht werden Sie doch eines hellen Frühlingstages -sich auf die Bahn setzen, um in jene -wälderumrauschte Stadt zu fahren, aus der noch -einen Monat vor dem Kriege so viele Blätter -auf den Schreibtisch Ihres Zimmers regneten. -Und Sie werden in das Haus dieser alten -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -Frau treten, von der ich Ihnen oftmals erzählte -und deren Augen verklärt sind von dem zartesten -Blau, das ich kenne, das auch Sie vielleicht -einmal für Sekunden erblickten, wenn im Süden -am Abend nach dem Regen eine Wolke sich -teilte und das Herz des Himmels uns offen -lag. Sie werden den breiten Schreibtisch betrachten, -an dem ich gearbeitet habe und der -unbebaut liegt, wie der Boden dieses verruchten -Landes. Solche Tische haben ihre Geschichte. -Auf diesem wurden einst Windeln gelegt und -Wäsche gebreitet, und auch ich selbst habe darauf -gelegen. Aber wann war es doch? Habe ich -nicht schon damals aus einem Winkel dieses -Zimmers mir zugeschaut, ehe ich selbst daran -saß, um gequält von tausend feurigen Zweifeln -und Begierden des Herzens das Unsagbare in -Worte zu fassen? Oh, vergessen Sie nie, daß -dieses der Tisch ist, dessen Schublade eine eifersüchtige -Großmutter mit einem Nagel verschloß, -um das Geheimnis ihres Enkels zu wahren, -weil sein eigener Vater zwei Nächte in diesem -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -Raume schlief. Und man wird Sie in das -Schlafzimmer meiner Großmutter führen, wo -neben ihrem Bette jene hochwandige Kiste steht, -in der meine Papiere versammelt liegen, und -die ich noch selber beim Tischler bestellt habe, -ehe ich das letzte Mal hinauszog. Und Sie -werden ein wenig verwundert vielleicht zwischen -all den Zeitungen und liegen gebliebenen Schriftstücken -sitzen, in jenem Zimmer, das in die zerflossenen -Blätter eichener Bäume sieht und bei -denen die geliebte Frau jeden Tag eine Stunde -der Erinnerung verbrachte, sich mit den Resten -meiner angefangenen Arbeiten zu schaffen machend, -sie glättend, ordnend, überdenkend immer von -neuem beiseite zu legen, jeden Abend, seit ich -fortging in die Fremde. Sie werden darin -meine Tagebücher, eigene und fremde Briefe -seit meinen Knabenjahren, französische Zeitungen -und Erinnerungen an Algier, Bilder aus der -Levante und Sizilien und kleine Andenken aus -russischen Schützengräben finden, denn ich bin -Zeit meines Lebens ein Hamster gewesen und -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -habe immer gesammelt und gesammelt, weil ich -nie genug zu haben glaubte für das Werk, -dessen weite Linien ich vor mir sah, als eine -Arbeit für spätere Jahre. Dieser Haufen Papier, -mit Bleistift und Tinte unleserlich beschrieben, -ist alles, was ich hinterlasse. Ihrer liebenden -Willkür vermache ich, was Sie immer damit -tun wollen, mögen Sie das Beste und Wahrhaftigste -der Gunst und dem Hasse der Menge -preisgeben und geschähe es auch nur Ihnen -zuliebe. Sind doch schließlich in diesen Seiten -die Dokumente eines Dichters enthalten, wenn -ich mir auch bewußt bin, daß selbst Ihnen viele -davon Noten bleiben müssen, die Sie nicht -spielen können, weil ich allein den Schlüssel besitze -(o wie bedaure ich jetzt das gute Gedächtnis), -und die jenen unentzifferten assyrischen Inschriften -gleichen, die wir zuweilen auf alten Tonziegeln -im Sande des Tigris finden. -</p> - -<p> -Geld habe ich keines zu vergeben. Ich bin -immer ein Schuldner der andern gewesen, und -jene wenigen Sparpfennige, die meine Mutter -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -für mich mit rührender Geduld seit meiner Kindheit -gesammelt hat, sind eine Opfergabe, die -ich mich immer gescheut habe, aus ihren Händen -zu nehmen. Schließlich bleibt meine Wohnung, -dieser Tempel kindlicher Glückseligkeit, die am -Rande Berlins wie in einer Totenkammer aufgespeichert -liegt und die an meine Eltern und -Brüder zurückfallen soll. Nur mein Schlafzimmer, -dieser zwiefache Schmuckkasten, möge -in die Hände jener ruhelosen Schauspielerin -wandern, die wie ein Raffael ohne Arme geboren -wurde und deren Namen an dieser Stelle -auszusprechen ich mich scheue. Aber wer wird -je diese Möbel so lieben und anbeten wie ich? -Wer wird so Erinnerungen in sie verweben und -ihre Märchen kennen wie ich? Nicht einmal -jene kleine dämonische Seele, für die ich sie -unter Mühsal und Entbehrungen zusammensuchte -und die ich nach so bitteren Erkenntnissen der -Einsamkeit und dem Begehren fremder Männer -preisgab. Von meinen zahlreichen Büchern -endlich sollen Sie, lieber Freund, sich die Werke -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -Charles Louis Philippes nehmen, den ich so sehr -geliebt habe. Den Rest aber möchte ich so verteilt -sehen, daß jeder meiner Freunde etwas -davon erhält. -</p> - -<p> -Wenn Sie mit liebender Hand diese Dinge -aus ihrer Verborgenheit heben, werde ich freilich -nicht mehr dabei sein, und ich möchte wohl, -daß man mich auf ihrem Scheiterhaufen verbrennt, -denn diese Bücher sind mir allezeit -gute Freunde gewesen, immer bereite Pferde, -auf denen ich in das Land unerfüllter Hoffnungen -ritt, und diese Möbel, heroische Schicksalsgenossen, -verdienten es wohl, daß man sie wie -treue Frauen am Holzstoß der gefallenen Helden -an meinem Sarge verbrennt. Es wäre meinem -Leben gewiß nicht unangemessen, so auf der -Wanderung zu verscheiden, und ich möchte wohl, -daß man meine Asche in alle Winde streute, -daß sie ruhe auf den vier Straßen des Lebens, -auf denen ich so viele Jahre meiner Jugend -verbrachte. Nur mein Herz möge man in eine -Kapsel schließen, es noch einmal in Eure Nähe -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -zu bringen, die ich so sehr geliebt habe. Dieses -Herz, das immer der Kompaß meines Geistes -gewesen ist, vielleicht, daß es in Euren Händen -noch einmal zu schlagen begänne, wie zuweilen -der erstarrte Vogel in der Hand des Gärtners -warm wird und zu singen anhebt. -</p> - -<p> -Übrigens glauben Sie nicht, daß ich aus -Ihrer Mitte verschwinden werde. Eines Tages, -wenn Sie sich die Schnürsenkel binden, will -ich aus der Spitze Ihrer abgetragenen Schuhe -hervorsehen. Vielleicht finden Sie mich auf -dem Pflaster des Nollendorfplatzes in einem -verlorenen Hausschlüssel wieder, der zwischen -Pferdedung und von den Rädern der Wagen -verbogen auf die Steine fiel. In einem Warenhause -werde ich aus dem Wassersturze der Dinge -über Sie herfallen. Vielleicht leuchte ich Ihnen -in zehn Jahren aus den Augen eines Jünglings -wider, der in irgendeinem Saale dieser maßlosen -Stadt ewige Verse in eine unberührte -Menge hinabwirft; denn wie könnte ich je -glauben, daß das Werk, für das ich glühte, -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -um dessentwillen ich Heimat und Geliebte verließ, -unvollendet verloren ginge — oh, dann lieben -Sie ihn, wie Sie mich geliebt haben, mit dem -Ernst und den Erfahrungen Ihres Alters! Wie -könnte ich glauben, daß ich, ein kosmopolitisches -Känguruh, in der Wüste mit dem vollen Beutel -verfaulen sollte, in den ich so fremdartige und -kostbare Schätze häufte, daß die Sendung unerfüllt -bliebe, für die auch ich nur ein Sendling -war und die der Zufall nur in eine ebenso -herrische wie demütige Seele warf. Denn ich -habe immer die tiefe Überzeugung gefühlt, daß -der Tod, so oft und gern ich ihm Freund und -Gefährte war, mich erst treffen würde, wenn -das Werk in sichtbarer Vollendung sich von mir -gelöst hat, wenn ich nach so langen Jahren -des drohnenhaften Umherirrens, am Glücke und -am Elend des Menschen saugend, endlich das -Fegefeuer dieser brennenden Zeit durchflogen hätte, -sei es auch, um aus dem Taumel seligster -Schaffenslust mit zerschmettertem Haupt auf -die Erde zu stürzen, nachdem ich den Keim in -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -die ewige Seele der Menschheit gelegt hätte, -die das kostbare Gut in ihrem Innern bergend -aus den Kampflüften der Geister heimkehrte in -das Haus des Fleißes, zu den fiebernden Brücken -der Begierde, in den schwermütigen Gesang der -Arbeit. -</p> - -<p> -Aber wohin verliere ich mich, Geliebter? Noch -brennt die Sonne, noch breiten vor meinem -Fenster Palmen ihre stachligen Schöpfe, die, wie -grüne Raketen auseinanderfallend, in der blauen -Luft erstarrt sind. Noch zieht, von Frühlingswassern -umspült, die Wüste einen blühenden -Teppich um ihre alternden Füße. Noch lebe -ich, am Nabel der Welt, in die Rätsel buntester -Völker geworfen, grüßt unendliche Auferstehung -den gemarterten Leib, noch höre ich -Ihre Stimme an meinem Ohr, fühle, von -heiterstem Glücke durchströmt, Ihre Hände auf -meinem Herzen. -</p> - -<p class="sign"> -Ihre Drohne, die Lieblingsdrohne -der Königin. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-11"> -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -An eine Freundin -</h2> - -<p class="date"> -Bagdad, Abdul Achad,<br /> -den 25. Februar 1916. -</p> - -<p class="noindent"> -Man merkt kaum, daß die Zeit weitergeht, -meine Liebe, so lautlos streicht jedes Gesicht an -uns vorüber. Gestern erhielt ich Deinen Brief -vom zwanzigsten Dezember. Habe ich denn -damals schon gelebt? Ich begann ihn zu lesen, -als ich in das Boot stieg, um über den Tigris -zu fahren, wenn ich im Kahn nicht damit -fertig wurde, wollte ich ihn am Ufer zu Ende -lesen. Aber wir hatten kaum die Mitte des -Stromes erreicht, da war der Brief aus, und -ich fragte mich: war Dein Schreiben so kurz -(es hatte doch sechs Seiten), war der Tigris -so breit, oder hatte ich zu schnell gelesen? ... -So verhungert sind wir hier draußen. -</p> - -<p> -Dabei lächelt der Himmel warm durch die -Glaswände meines Hauses. Ich blicke über -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -den Zaun in die Palmen und auf den Hof -einer arabischen Wagenhalterei. Auf den Dächern -der Pferdeställe wird jeden Tag der frische Dung -ausgebreitet, um in der Sonne gedörrt als -Brennstoff verkauft zu werden. Ein junger Araber -hat den Tag über nichts zu tun, als mit den -nackten Füßen langsam durch diese Materie zu -laufen und sie umzuwenden. Wenn ich am -Schreibtisch sitze, schaue ich ihm bei seiner Arbeit -zu. -</p> - -<p> -An den Ufern des Flusses liegen die Hospitäler, -Konsulate, Hotels, in denen man die hölzernen -Betten der Verwundeten aufgestellt hat. Luftige -Terrassen, auf deren weißen Fähnchen der rote -Halbmond, ein blutiger Fleck, leuchtet. Hier -kommen die Dampfer von Kut el Amara herab, -ihre traurige Last an das Ufer zu werfen. -Glitzernd hebt sich der Strom, eine weiße -Straße des Todes. Hier liegt Abdul Achad, -das Lazarett, in dem wir arbeiten, ein arabisches -Hotel mit zweihundert verwundeten Soldaten. -Unsere Krankenpfleger sind Eseltreiber -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -und Lastträger der Straße. In unserem Operationssaal -fanden wir nicht mehr als eine -rostige Schere, zwei Klemmen und eine Sonde. -Die durchgeeiterten Binden müssen stets von -neuem verwandt werden, und wir sind glücklich, -genug ungereinigte Baumwolle zu haben, die -im Lande wächst. Die Wunden sind fast alle -verschmutzt oder vernachlässigt, und viele sterben -an Blutvergiftung dahin. Der Dienst ist anstrengend; -aber unser Stabsarzt ist der liebenswerteste -Vorgesetzte und Kamerad. Ich habe -darin ein so großes Glück gehabt. -</p> - -<p> -Die Luft ist milde, und es wird täglich wärmer, -doch jedermann spricht mit Schrecken vom -Sommer, den wir hier an einem der heißesten -Teile der Erde am Tag in den Kellern und -des Nachts auf den Dächern verleben werden. -Fast immer finde ich am Abend eine Stunde -Zeit, in der Dämmerung in das bunte Gewühl -arabischer Stadtviertel und Basare zu tauchen. -Stets erfüllen heitere Pläne meine Seele, fremde -Geheimnisse verführen und reizen mich. Dazu -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -verdanke ich der Güte des Feldmarschalls ein -höheres Abzeichen der Uniform; ich trage den -Rang eines Sanitätsunterleutnants und bin -dem Stabe der sechsten Armee zugeteilt. Du -solltest mich nur sehen in meinem moosgrünen -Waffenrock, mit violettem Sammetaufschlag und -Silberborten, wenn ich mit einem „Grüß Gott, -Soldat“ am Morgen in das Lazarett trete. -</p> - -<p> -Leb wohl — müßte ich nicht täglich zehn -Liter Eiter riechen und den Pestgeruch der bis -zum Skelett abgemagerten ruhrkranken Soldaten, -so wäre das Leben fast vollkommen zu nennen. -</p> - -<p> -Frühling, ach wie du mich rührst .... -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-12"> -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -Brief an die Mütter -</h2> - -<p class="date"> -Bagdad, am Nabel der Welt,<br /> -den 29. März 1916. -</p> - -<p class="noindent"> -Daß ich noch bin, Ihr geliebten Mütter, daß -diese Erde noch unter mir ist und meinen Füßen -nicht nachgibt, daß diese Zeilen den Herzschlag -meines Atmens zu Euch hinübertragen, wie kann -ich es ausdrücken, daß es mich so stark bewegt! -Nie habe ich das Rauschen des Todes, seine -Stille, sein kaltes Lächeln so vernehmbar gefühlt -wie in diesen Tagen, und oft frage ich mich: -darf ich noch leben? habe ich noch ein Recht -zu atmen, Pläne zu tragen für ferne, fabelhaft -unwirkliche Jahre, wenn so viele tote Augen -um mich wie ein Abgrund gestellt sind? -</p> - -<p> -Am 10. März starb unser Stabsarzt plötzlich -am Fleckfieber, und noch jetzt, Wochen später, -erfüllt mich oft eine minutenlange Erregung, die -mir Ruhe und Besinnung nimmt, zu erzählen. -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -Seit vielen Monaten durchzieht eine verheerende -Krankheit dieses maßlose, selbstvergessene Land. -Die türkischen Soldaten haben sie aus den -Städten Syriens und Kleinasiens durch die -Steppe herübergetragen, und die Rache des armenischen -Volkes, dessen faulende Leiber jeden -Weg der Wüste bedecken, streckt ihre würgende -Hand immer tiefer in die Häuser, in die Hospitäler, -in die Zeltlager der Lebenden hinein. Noch -sehe ich diesen völlig mit kleinen blauroten Punkten -bedeckten Körper vor mir, den der Stabsarzt -nichts ahnend wegen einer ungefährlichen Verwundung -an meiner Seite entkleidete, um kurze -Zeit darauf selber an einer eitrigen Halsentzündung -zu erkranken. Schon nach wenigen -Tagen fand ich ihn abgemagert und durch -eine hinzugetretene Ruhr so entkräftet, daß er -nicht mehr fähig war, alleine den Kopf zu -heben. -</p> - -<p> -Ich ließ mein Bett in seinem Zimmer aufschlagen, -und nun begannen jene ruhelosen Tage -und Nächte, die mich bis zu seinem Tode nicht -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -mehr von seiner Seite ließen. Nie werde ich -diese einsamen Nächte vergessen, in denen alle -Sehnsucht des südlichen Frühlings mit den -Schmerzen des Todes und der Bitterkeit der -Fremde gemischt war. Vor mir zu Füßen des -Krankenbettes stand die abgeblendete Laterne, einen -schwachen Lichtkreis über die Steinfliesen verbreitend, -der sich leise in dem künstlichen Himmel -der Decke spiegelte, die mit persischer Glasarbeit -ausgelegt war und deren Achtecke sich glitzernd ineinander -verschoben. Ich starrte auf den niedrig -geschraubten Docht und hörte auf das röchelnde -Atmen des Kranken, der einen Schleimkloß im -Munde wälzte, von dem er vergeblich versuchte, -sich zu befreien. Raschelnd jagten die Ratten -über mir durch die hölzerne Täfelung der Decke. -Dann stand ich auf, um den Kranken aus dem -Bett zu heben, der infolge einer nervösen Störung -nicht fähig war, im Liegen Wasser zu lassen. -Und in der einen Hand das Geschirr haltend, -in der andern seinen schweren, völlig willenlosen -Körper, schwankte ich atemlos, bis wir beide -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -völlig erschöpft waren und auf unsern Stirnen -der Schweiß ausbrach. -</p> - -<p> -Wenn der Kranke zu schlafen schien, trat ich -einen Augenblick auf die Terrasse des Hofes, -in dem ein weitästiger Baum seine ersten Knospen -entfaltete und an dessen Rande eine Reihe verschlossener -Zimmer lag, die einst die Frauengemächer -eines reichen Muhammedaners gewesen -waren. Der Sternenhimmel blickte durch den -viereckigen Ausschnitt des Hofes, ich stieg auf -das Dach, den umgekehrten Wagen, den Sirius -und den Mars zu betrachten, der einen rötlichen -Schimmer trug. Plötzlich trat ich auf etwas -Weiches, ich bückte mich und sah ein paar dunkle, -von den Sternen schwach beleuchtete Grasbüschel, -und merkwürdig, ich dachte: von allen Erlebnissen -dieser Tage wird vielleicht einst nur diese kleine -Grasnarbe auf dem lehmgehärteten Dach des -zerfallenen Frauenhauses greifbar in deinem Gedächtnis -zurückbleiben, aber dieser eine Blick -wird auch alle bittere Wehmut der Stunden -enthalten. -</p> - -<p> -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -Als ich wieder in das Zimmer trat, war dem -Kranken, der mich rufen wollte, die kleine Kamelglocke -aus den Fingern geglitten, und mit schwacher -Stimme versuchte er mir zu erzählen, daß eine -Ratte von der Decke ins Zimmer gefallen wäre. -Wieder setzte ich mich an seine Seite. Eine -Katze trat lautlos in das Zimmer, erschrak, als -sie mich erblickte, ging wieder hinaus. So kam -der Morgen, der das Abbild der Nächte war. -Ich wußte nicht mehr, daß draußen ein Tag -und die Geschäftigkeit fremden Lebens war. -Atemlos ging ich hinter diesem Bette her, Umschläge -erneuernd, Arzeneien, Milch und Suppe -reichend, die der Kranke mit dem Geräusch der -Erstickung über die Kissen ausbrach, waschend, -die Bettlaken zurechtlegend, und mir war, als -entfernte sich dieses Bett mit immer größerer -Schnelligkeit von mir, mich zu immer schnellerem -Laufe anspornend. -</p> - -<p> -Einmal bat mich der Stabsarzt, ihm etwas -vorzulesen. Ich hatte Hauffs Märchen mitgebracht, -die er sehr liebte, und las ihm die Geschichte -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -vom Kalifen Storch vor; aber bald -war er so schwach, daß er die Lippen kaum noch -bewegen konnte. Am vierten Tage traten an -den Weichen die kleinen blauroten Flecken auf. -Vergeblich versuchte der Kranke immer wieder, -etwas zu sagen; es war nicht mehr möglich, -ihn zu verstehen. Die trockenen, schorfbedeckten -Lippen blieben tonlos, während er verzweiflungsvoll -den Kopf zur Seite schüttelte, und nur -seine schönen blauen Augen glänzten noch zu -mir auf. Am siebenten Tage begann der Puls -plötzlich zu fallen, und er fiel in der kurzen Zeit, -während wir im Nebenzimmer zu Mittag speisten, -mit einer solchen Geschwindigkeit, daß es den -Ärzten, die ihm noch eine Einspritzung in die -Venen geben wollten, nicht mehr möglich war, -diese zu finden. Drei Stunden später fuhr der -letzte Atem mit einem widerlichen Geräusch, -glucksend wie Spülwasser, aus dem Munde -des Sterbenden aus. Die Ärzte standen schweigend. -Schmerz würgte mich an der Kehle. Ich -hatte ihn geliebt, der mir mehr Freund als Gebieter -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -gewesen, glücklich, einem Berater zur Seite zu -stehen, dessen geistige Sehweite, dessen künstlerisches -und wissenschaftliches Vermögen das der -anderen Offiziere so weit übertraf. Ich drückte ihm -die Augen zu, zog ihm das Laken über das Gesicht. -</p> - -<p> -Wir traten hinaus. Im Hofe stand eine -prächtige Stute, die mit dem Fuß in ein Loch -der Wasserleitung getreten war und sich verletzt -hatte. „Das schöne Pferd!“ sagte der Stabsarzt -der Marine, ärgerlich mit dem Fuße aufstampfend; -aber wie merkwürdig erschien mir in -diesem Augenblick sein Wort, das doch gewiß -nicht weniger von Sorgfalt um ein lebendes -Wesen erfüllt war. Die bunte Menge des -Basars umdrängte uns. Der herrlichste Frühlingsnachmittag -stand über der Stadt. Hatte ich -je gelebt? Wieviel Jahre hatte ich im Gefängnis -gesessen? Wir nahmen ein Boot und -fuhren den Tigris hinunter, um dem Konsul -den Tod des Arztes zu melden. Helle Sonne -traf die bewegten Wellen des Flusses am Ufer. -Mitten auf der Straße blieb ich stehen, betäubt -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -von Licht und dem Gefühl des Lebens: daß ich -noch bin! daß die Erde noch mein ist! -</p> - -<p> -Als wir heimkehrten, erschrak ich vor der -plötzlichen Dunkelheit des Zimmers, in dem -jede Nacht die Laterne gebrannt hatte. Mit -trostbedürftigen Seelen, an die Härte eines unerbittlichen -Daseins gewöhnt, leerten wir die -Flasche Wein, die ich noch am Morgen für -den Kranken geöffnet hatte. Spät in der Nacht -kamen die Juden, alte Männer mit weißen -Bärten, um in einer hölzernen Kiste den Leichnam -zu holen, der nach dem Ritus begraben -werden sollte. Murmelnd, von einer Laterne -begleitet, den Sarg auf dem Rücken, verschwanden -sie in der finsteren Gasse. In der -Nacht konnte ich nicht schlafen, und schweißbedeckt, -bis zum Äußersten erregt, wälzte ich -mich in den heißen Decken, während widerwillig -ohne Aufhören die Frage an mein Ohr brandete: -wann du? wann du? -</p> - -<p> -Am nächsten Morgen ging ich in die israelitische -Schule. In einem Kellergewölbe, völlig -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -entkleidet, lag auf der bloßen Erde der Leichnam. -Ein Schweißtuch war um die Stirn gebunden, -und zwei Steine lagen zu beiden Seiten des -Kopfes. Mitten auf die Brust des Toten aber, -die mit einem langen Leinentuch bedeckt war, -hatte man zur Wegzehrung ein abgebrochenes -Stück arabischen Brotes gelegt. Ein zerlumpter -Jude, in die Fetzen seines Gewandes -gehüllt, kauerte die Wache haltend neben dem -Leichnam, und im Winkel des Raumes lag ein -zusammengekehrtes Häufchen Schmutz. Rührung -ergriff mich vor der erschütternden Schlichtheit -des Bildes, und immer wieder blickte ich auf -diesen kümmerlichen Bissen Brot, der mir das -Sinnbild alles menschlichen Jammers und Elends -zu sein schien. -</p> - -<p> -Zwei Stunden nach Sonnenuntergang begann -das Begräbnis. Im Hof der Synagoge stand -der Sarg aufgebahrt. Zwanzig alte Juden -sangen mit klagender Stimme einen hebräischen -Psalm. Dahinter standen die deutschen Offiziere, -Rabbiner und Würdenträger der Stadt, brennende -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -Kerzen in der Hand haltend. Die Kawassen -eröffneten den Zug, ihnen folgten die -Schulen und die hohe Gemeinschaft der Rabbiner. -Der Sarg wurde von den Schultern -jüdischer Bürger getragen, dahinter schritten der -Großrabbiner, die Vertreter des Stabes des -Feldmarschalls, der Wali, die geistlichen und -weltlichen muhammedanischen Behörden, deutsche -und türkische Offiziere und Soldaten mit zur -Erde gekehrten Waffen. Zwanzigtausend Juden -begleiteten den Zug, während hochgeschwungene -Fackeln die Finsternis erleuchteten, von denen -der Wind Funken und brennendes Werg über -die Köpfe des Trauergefolges hinwegwehte. Unmittelbar -hinter dem Sarge schritt ich selber, -das Kissen mit den Orden des Toten tragend, -und ich dachte die ganze Strecke des Weges: -wenn Ihr mich so schauen könntet, wie ich, übernächtigt, -die hohe Lammfellmütze auf dem Kopf -und von dem gelben Licht der Fackeln beleuchtet, -hinter dem Sarge hinschreite, welchen Trost würde -der warme Herzschlag Eurer Liebe mir bereiten! -</p> - -<p> -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -Die Fenster aller Häuser waren von Menschen -erfüllt, in den Seitenstraßen und auf den Dächern -drängte sich die Menge. Sobald der Sarg -vor ihren Blicken erschien, durchzog ein ungeheures -Klagen die Luft. Die Männer schlugen -sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, die -Frauen begannen jammernd und heulend an ihren -Haaren zu raufen, schlugen sich gegen die Brüste, -zerfetzten die Kleider, und von den Dächern -wogte ihr Klagegesang in die Nacht hinab. -Dicht vor meinen Füßen aber riß, bis zum -Wahnsinn erregt, sich die wütende Menge unter -den Kolbenschlägen der Soldaten darum, ein -Stück des Weges den Sarg zu tragen, der, -von dem Lichte der Fackeln umflossen, hoch über -den Häuptern des Volkes erhoben die unendlich -schmale Gasse dahinschwebte. Endlich öffnete -sich das Feld, die Menge flutete auseinander, -und ein kühler Wind strich aus der Wüste her. -Halsbrecherisch stolperten wir im Dunkel über -Hügel und Gräben. In Grabtücher gehüllt, -versank der Leichnam, von den verlöschenden -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -Lichtern beleuchtet, und während ich an der offenen -Grube dem Toten einige Worte nachrief, wurde -er in der Tiefe mit gebrannten Tonziegeln übermauert. -Sturm wehte und ein heftiger Regen -begann zu stürzen, als wir endlich im Dunkel -aus der Wüste nach Hause tappten. — -</p> - -<p> -Wieviel Tage seitdem verflossen sind, ich weiß -es nicht mehr. Ich ging in einem Traume -dahin. Denn mag es auch nicht unrühmlicher -sein, wie ein kranker Baum an Händen und -Füßen mit Schutzringen umgeben, im Dunkel -fiebererfüllter Hospitäler von Ungeziefer gebissen -zu werden und daran zu sterben, als an der -Wut unvernünftigen Eisens zu verbluten, so würde -es doch meiner Aufgabe wenig entsprechen. Und -während der widerliche süße Geruch der Medikamente -und faulenden Wunden alle Räume des -Lazarettes erfüllt, während ich auf dem Dampfer -den Tigris von Kut el Amara hinauffahre, um zu -sehen, wie an jeder Landungsstelle neue Tote an das -Ufer gebracht werden, während ich immer wieder -erlebe, wie an meiner Seite die Sterbenden die -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -Maske des Todes auf ihr Gesicht setzen, überkommt -mich zuweilen eine stumme und wilde -Verzweiflung: genug! genug! einmal auch -etwas anderes zu sehen als Schmerz, Eiter und -Wunden! Lohnt es denn zu leben in einer -Welt, die von nichts als dem Atem der Verwesung -erfüllt ist? Lohnt es denn noch zu sterben -in einer Zeit, wo selbst der Tod unwichtig oder -billig geworden ist wie eine geringe Münze? -</p> - -<p> -Draußen steht der Frühling und hat noch -den Staub der Wüste mit einem grünen Mantel -bedeckt. Die Schwalben flattern bis in unseren -Operationssaal, so dicht über unseren Köpfen, -daß ihr Flügel zuweilen den entblößten Leib -der Gemarterten streift. Das Hochwasser hat -alle Palmengärten mit plätschernden Bächen erfüllt. -Zitronen und Mandarinen duften schwermütig -und berauschend, Wiesenschaumkraut und -Sumpfdotter blühen. Und zuweilen, wenn der -Südsturm über die Palmengärten fährt, die -langen Blätter der Schöpfe wie aufgelöstes -Frauenhaar über ihren Nacken werfend, setze ich -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -mich an den Fuß der alten Lehmmauern und -schließe die Augen. Dann ist mir, als hörte -ich das Rauschen der deutschen Wälder wieder -und sehe das Laub der Eichenbäume in der Sonne -erzittern. Die Frösche quaken, und das Heimchen -zirpt in der Wüste, und mir ist, als sähe ich -Euch, Ihr geliebten Mütter, den Weg heraufkommen, -ein altes und ein alterndes Gesicht. -Ich küsse das weiße Haar Eurer Schläfen und -schaue in die blaue Güte Eurer Augen, die mich -beschützt hat in allem Unheil dieser Tage, und -die mir hilft, das Werk zu Ende zu tragen, -das mir alleine zu schwer ist. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-13"> -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -Letzter Brief an die Eltern, -Brüder, Freunde, Mitmenschen -und Geliebten<a class="fnote" href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a> -</h2> - -<p class="date"> -Bagdad, den 18. April 1916. -</p> - -<p class="noindent"> -Jeden Morgen, wenn die Sonne aufging, -Ihr Geliebten, fragte ich mich erstaunt: wie? -du lebst noch? Und ich fühlte es stündlich, -daß auch über meinem Wege eine gefällte -Palme lag. -</p> - -<p> -Seit zehn Tagen ist der Feldmarschall an -Fleckfieber erkrankt. Eine Woche pflegte ich ihn, -fühlte seine zitternden Arme in den meinen, sah -in jenem kartenbehängten Zimmer, in dem sie -sein Bett aufgeschlagen haben, aus den Kissen -die rührenden Blicke seiner Geduld und Güte -leuchten, die noch immer die Welt mit Wissen -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -und alter Liebe zu umfangen schienen. Am -siebenten Tage fand ich bei der Heimkehr in -meiner Wäsche jenes kleine blutgefüllte Tier, -das nun seit Monaten schon für uns das Sinnbild -des Todes bedeutet, <a id="corr-0"></a>und das der bekannte -Überträger des Fleckfiebers ist. Seit jenem Tage -wußte ich, wie es um mich stand, und während -mich noch die Angst um dieses greise Leben mit -Bangen erfüllte, sah ich die eigene Jugend an -den Rand der Vernichtung gestellt. Wenn ich -des Abends den Tigris hinunterblickte, an dessen -Ufern Fischer eine Seffineh stromaufwärts treidelten, -immer dachte ich: wie schön ist es, ihren -Gesang noch einmal zu hören! Und ich sah -den Arabern zu, die in einer Kuffe über den -Strom fuhren, und dachte: betrachte es recht -— so setzen sie ihre kleinen Ruder ins Wasser, -so wirbelt die Flut hinter ihnen her. Gestern -stieg ich in der Finsternis auf das Dach, den -Mond zu betrachten, und zu jeder Stunde sagte -ich mir: nimm noch zwei Augen voll Schönheit -mit in die Dunkelheit. -</p> - -<p> -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -Heute mittag, nachdem ich die Nacht unter Erbrechen -und grauenvollem Kopfschmerz zubrachte, -trat das erste Fieber bei mir auf, das schnell -zu steigen beginnt. Seitdem kann für mich kein -Zweifel mehr gelten, mein durch so viele Krankheiten -geschwächter Körper, mein allzu beflügeltes -Herz wird diesem neuen Ansturm nicht widerstehen. -Aber seitdem ich diese feste Gewißheit -habe, nach all den nächtelangen Zweifeln der -vergangenen Tage, kommt fast eine stille Heiterkeit -über mich. Auch der Tod ist nur eine Gedankenüberlegung, -eine andere Art zu leben. Wer -ihn erst geistig überwand, den kann er nicht -mehr erschrecken. Der Reiz des Daseins hat -für mich immer darin bestanden, daß es einmal -mit dem Tode endet. Nicht an dieser -Stelle habe ich ihn erwartet, aber auch hier -soll er willkommen sein. -</p> - -<p> -Hinter mir steht mein arabischer Diener, er -hat Blumen in mein Zimmer gestellt und erwartet -ein Lob, aber ich achte nicht auf ihn -und seinen schüchternen Versuch, mir Gutes zu -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -tun, so sehr bin ich von dem Gedanken des -Sterbens erfüllt. Es ist vier Uhr nachmittags, -draußen blühen die Palmen in gelben Dolden, -der hellste Sommer steht über dem Land, und -ich beeile mich, die letzten Stunden, da ich noch -klar bin, Abschied von Euch zu nehmen. Denn -bald werde auch ich daliegen, wie ich so viele -gesehen habe, meiner selbst nicht mächtig, von -furchtbaren Zuckungen erschüttert, der Sprache -beraubt, und mit blicklosen Augen, die ihre Welt -nicht mehr kennen. Losgerissen wird meine Seele -durch alle Räume der Erde flattern, als triebe -ich im Südsturm, der die Wellen des Tigris -auftürmt, auf einer führerlosen Kuffe, inmitten -des wütenden Stromes ganz alleine durch die -unendliche Verlassenheit dieses Landes dem Meere -zu, dessen Rauschen mich mit Gesang begrüßt. -</p> - -<p> -Aber vom Tode umschattet, hebe ich noch -einmal aus den Tiefen meiner Seele das Bild -Eurer Gesichter, langsam wie man aus dem Grunde -verschütteter Städte die Reste alter Tempelmauern -und Wohnstätten emporhebt. Und ich frage -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -mich: seid Ihr das wirklich? In welchen fabelhaften -Zeiten habt Ihr gelebt? Wer wart Ihr, -die Ihr durch mein Leben schrittet, fremd und -liebend zugleich? Wie könnte ich Euch beim -Namen nennen? Seid Ihr mir in dieser Stunde -nicht alle gleich nah, Eltern, Brüder, Freunde, -Mitmenschen und Geliebte? Ihr kleinen Knaben, -mit denen ich in meiner Jugend befreundet war. -Ihr weichen Wangen der Mädchen, blaß und -hinreißend schön wie der Glanz des aufgehenden -Mondes. Und Du, alterndes Gesicht einer -schneeweißen Frau, weise und mit rätselhaften -Falten bedeckt — wenn es einen Schmerz für -mich in dieser Stunde gibt, so ist es der, Dich -verlassen zu müssen, Dir Leid zu bereiten. O -nicht die kleinste Geste Eures Lebens bleibt mir -in dieser Minute fern. Euch, die ich liebte, -denen ich mit Zärtlichkeit weh tat. Und doch, -wann war es, daß ich durch Eure Mitte ging? -In so verschüttete Tiefen sankt Ihr hinab, daß -ich Euch nicht wiedererkenne. Welcher Teil -meines Leibes, meiner Seele blieb an Euch -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -haften? Ach, wenn ich eines bedaure, so ist es, -ohne Kinder sterben zu müssen, ohne Sohn, -ohne Mädchen, das die Mutter kommender -Geschlechter würde. Wie schön, wie unsagbar -reich war dieses Leben, das ich mir baute, und -doch soviel Samen der Liebe vergeblich verschwendet. -Wie fremd war Euch meine Bitte -— ach, ich begreife, daß Ihr es höher schätzen -mußtet, frei zu sein, als die namenlose Mutter -meiner Kinder zu werden! -</p> - -<p> -Aber verzeiht, wenn meine letzten Gedanken -nicht Euch gewidmet sind, wenn sie sich auf -jene dämmernde Zukunft der Menschheit richten, -für die ich die Verpflichtung fühlte, zu sein, -der mein künftiges Leben geopfert wurde. Und -vielleicht liegt nur darin die Schwere des Abschieds -dieser Stunde, daß ich der Erde den -Dank nicht zeigen kann, den ich ihr schulde. Jener -tiefste Schmerz des Mannes, der Welt nicht -mehr beweisen zu können, was wir vermochten. -Für Dich, Du vielgestaltete unendliche Masse -der Völker, die Du, im Elend und im Glücke -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -leidend, an Deinen Herrschern zugrunde gehst, -Dich in Deinen Kriegen verblutest. -</p> - -<p> -Das Vaterland schuldet mir keinen Dank. -Aber auch in mir stirbt die Menschheit ihren -traurigen und namenlosen Tod. Auch ich litt -für sie, auch ich konnte sie nicht erlösen, so inbrünstig -dieser Wille in mir war. Vielleicht -bleibt es dabei ein geringer Trost, immerhin an -den Mühen gestorben zu sein, schmerzleidenden -Menschen Linderung zu bereiten, wenn ich mir -auch in keiner Stunde verhehlt habe, daß die -Sehnsucht, die mich in diese Länder trieb, die -Erde in allen Weiten und Tiefen zu erschöpfen, -nicht geringer in mir gewesen ist. -</p> - -<p> -Und so lebt denn wohl, lebt wohl, Ihr Geliebten! -Zum letzten Male grüßt Euch Euer -Sohn, Bruder, Freund und Mitmensch -</p> - -<p class="sign"> -Armin Wegner, -</p> - -<p class="noindent"> -im Dienste der Menschheit sterbend an der -Unersättlichkeit des Lebens. -</p> - -<p> -Lebt wohl! lebt wohl! Ihr Geliebten! -</p> - -<hr class="footnote" /> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-1" id="footnote-1">[1]</a> Dieser Brief wurde zu Beginn einer schweren Erkrankung geschrieben, -als der Verfasser nach menschlichem Ermessen damit rechnen -mußte, nicht wieder zu gesunden. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-14"> -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -An eine Freundin -</h2> - -<p class="date"> -Bagdad, den 25. Mai 16.<br /> -Am Tage der Auferstehung. -</p> - -<p class="noindent"> -Nach so viel stummen und verschwiegenen -Grüßen, so viel liebend gefalteten Büchern und -Päckchen mit Süßigkeiten, halte ich endlich den -Brief meiner teuren Freundin in der Hand. -Es ist seltsam mit diesen Briefen in der Fremde. -Wir haben eine Liebschaft mit ihnen, wie mit -einer zärtlichen Frau, als wollten wir ohne Ende -sagen: „Küß mich noch einmal! So, Dein -Gesicht an meine Seite.“ Und obwohl wir sie -siebenmal gelesen haben und lange auswendig -wissen, werden wir doch nicht müde, immer von -neuem ihre Züge zu betrachten. -</p> - -<p> -Nun aber blickt ein Auferstandener in diese -Augen, einer, der von zwiefachem Tode heraufkommt -und, aus ohnmächtigem Schlaf erwachend, -sich mit der Hand über die Stirn streicht: ja, -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> -es ist die Erde, es ist das Wort geliebter Seelen, -das an dein Ohr tönt. Noch schwankt der -Boden unter meinen Füßen, noch begreife ich -nicht, daß diese Fülle des Glückes mir geschenkt -war. Noch zweifle ich am Tag und der Stunde -der Heimkehr, der langen, mühseligen Reise -durch eine lieblose und sonnendurchglühte Wüste -gedenkend. Aber vielleicht habe ich hier die -Wendung jener rasenden Laufbahn erreicht, die -bestimmt scheint, mich durch alle Schrecken und -Finsternisse zu treiben! Oft frage ich mich erstaunt, -wie ist es möglich, daß das Leben in -dir noch neben dem Tode Raum hat? Und -muß ich der Erde nicht dankbar sein, wenn sie mich -Wiedergewonnenen so immer von neuem liebend -an ihre Brust reißt? Muß ich nicht heiter sein, -obwohl ein Leben bitterster Enttäuschungen mich -im Mutterlande erwartet? -</p> - -<p> -Ich rüste zur Heimkehr. Kein Wort, kein -Gefühl klammert sich an mich, das stark genug -wäre, mich in diesen Mauern zu halten. Vereinsamt -schaue ich mich unter der Schar dieser -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -Männer um, unter denen ich fast alleine zurückblieb. -Die Herzen haben mich verlassen, um -derentwillen ich durch diese Wüste reiste, und mir -blieb nichts als die traurige Pflicht, ihnen das -Bett des Sterbens zu bereiten. Noch sehe ich -die Augen des greisen Feldmarschalls auf mich -gerichtet, höre das Wunder seiner Stimme, die, -schon vom ewigen Schlafe befangen, in dem -Dunkel ferner Schlachten umherging, und zur -selben Stunde, da der geliebte Leichnam, auf -die Lafette einer Kanone gebunden, in eine Wolke -von Musik gehüllt, seinem letzten Hause unter -den Mauern uralter Kalifen entgegenschwebte, -trug mich selber das Boot über den Kühle atmenden -Fluß, schwankte ich fieberdurchglüht dem -Ufer zu, mich selber zum Sterben zu bereiten. -An dem Geländer des Hospitals stand ein anatolischer -Soldat, den ich vor Monaten in schwerer -Krankheit gepflegt hatte, dessen volle Gestalt ich -kaum wiedererkannte. Und nicht ohne Verbitterung -dachte ich: du hast deine Gesundheit -aus mir getrunken, dein schwerer Leib zieht -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -mich selber hinab. Aber die Wage stieg von -neuem, und nicht ohne Wehmut bekenne ich: -also auch hier solltest du hindurch! Die Sonne -des Sommers öffnet ihren weißen Himmel. -Ich habe meine Toten begraben. Der Weg -ist frei. Das Band ist zerrissen, das mich an -ihre Tage gefesselt hat, das mich glücklich machte, -in ihrem Schatten zu leben. -</p> - -<p> -Aber je mehr ich so der Stunde gedenke, da -unter meinen Füßen die Meile des Weges wieder -kleiner wird, um so stärker erkenne ich, wie von -Tag zu Tag die Mühe unsäglicher wurde, die -meinem geschwächten Leibe bereitet ist. Und schon -ruft eine sieche Steppe, rufen die Blätter verbrannter -Palmen mir entgegen: es ist zu spät! -Die gelbe Glut einer böse blickenden Sonne hat -eine unsichtbare Mauer um unser Haus gezogen. -Das Thermometer in unseren Brusttaschen steigt -auf einundvierzig Grade, als wollte es sagen: -sieh, auch die Mutter Erde atmet im Fieber. -Wir leben in den Kellern. Vor unseren Fenstern -hängen breite Rahmen aus Palmblättern, die -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -mit Kameldorn gefüllt sind und mit Wasser -begossen werden. Die Hunde vor unsern Türen -liegen in einer Pfütze von Schweiß. Wir -warten, bis es Abend wird, dann kriechen wir -aus unseren Verstecken, steigen auf die Dächer, -wo wir unsere Betten ausbreiten, und liegen -schlaflos und warten auf den Nachtwind. Über -uns wachsen die Sterne, die goldenen Früchte -eines riesenhaften Baumes, und ich brauchte -nur die Hand auszustrecken, so griffe ich in -ihre Krone und pflückte sie alle in Deinen Schoß. -Zuweilen erhebt sich urplötzlich aus der Ebene -ein Sandsturm. Dunkle Wolken wirbeln aus -der Tiefe herauf, der feine Sand fällt über -Gesicht und Hände, das Mückennetz bläht sich, -ein gefülltes Segel, und plötzlich rollt unser -ganzes Bett über das flache Dach dahin. -Die Leinentücher flattern nach allen Seiten, die -Schlafschuhe wandern, und der mit Wasser -gefüllte Tonkrug, an dem unsere Lippen Tag -und Nacht verdurstend hängen, bricht in -Scherben. -</p> - -<p> -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -Wenn aber der Mond scheint, füllt sich die -Ebene mit einem zarten Licht. Blaue Dämmerung -steigt aus den Palmenhainen, zerfließt -weich in die Steppe. Wie klein wird die Erde -unter uns. Dann ist mir, als wüchse mein -Leib unendlich in die nächtliche Landschaft hinaus. -Mein Haupt ruht in Mossul, meine Füße rühren -an die Trümmer von Babylon. Meine rechte -Hand liegt auf den Dächern von Damaskus, -und mit der linken greife ich in die Schneeberge -von Luristan. Durch mich rinnt eine unendliche -Ader, der Tigris. Zu ihm kommen die Verwundeten, -die Kranken, die Gefangenen, die -Sterbenden, Wasser zu schöpfen. Bin ich ein -Strom, an dessen Ufern die Regimenter des -Todes lagern, um zu trinken? Ich habe kein -Blut mehr in mir. Dies Land hat mich zu -seiner Scholle gemacht, in deren Tiefen die Flut -versiegt ist, und auch mein Leib ist zur Wüste -geworden, von verdorrenden Gräsern bedeckt und -von heißen Winden geschlagen. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-15"> -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -An die Mutter<a class="fnote" href="#footnote-2" id="fnote-2">[2]</a> -</h2> - -<p class="date"> -Bagdad, im Mai 16. -</p> - -<p class="noindent"> -Auch Du, meine Mutter, hast Deine Söhne -der Vernichtung geboren. Auch Du hast gedarbt, -um Erkenntnis gerungen, schlaflos gelitten, -daß Deine Kinder reif würden für die Stunde -des Todes. Und auch Deinem alternden Leib -ruft eine barbarische Zeit entgegen: gebäre noch -einmal. Werde noch einmal Mutter, daß neues -Blut da sei, das auf den Schlachtfeldern und -in den Laufgräben fließe! -</p> - -<p> -O die große Lüge, die wir niemals vergessen -werden, die falsche Sonne, die über der vorgeschichtlichen -Zeit unserer Kindheit leuchtete. -Denn wofür haben wir gekämpft? Wofür -trugen wir Arbeit und Hoffnung so viele Jahre -hindurch? Wofür bauten wir Eisenbahnen und -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -Dampfschiffe, errichteten Schulen, Fabriken und -Krankenhäuser, lehrten unsere Kinder weise, kräftig -und pflichttreu zu sein? Glaubten wir wirklich, -daß wir die Menschen näher aneinander rückten, -Völker an Völker, Herzen an Herzen zu binden, -die Güter der Erde dorthin zu tragen, wo ihrer -Mangel wäre, und die Armut zu töten? O die -große Lüge, die große Lüge! So viel Wunder -des Geistes und der Hände, nur daß wir Mittel -hätten, Soldaten schneller dorthin zu werfen, wo -sie Menschen fänden, zu töten; bewaffnete Mörder -noch über die weitesten Meere zu tragen, Männer, -weise und klug und tapfer für die Geschäfte des -Mordens, und Werkzeuge und Folterkammern -des Todes. Dreitausend Jahre haben wir die -Sehnsucht in uns getragen, in die Lüfte zu -steigen, und da sie endlich in Erfüllung ging -und wir fliegen lernten, da hoben wir uns in -die Lüfte und warfen den Tod vom Himmel -auf die Erde herab. -</p> - -<p> -So viele Reisen über Gebirge und fremde -Länder, so viele Wanderungen durch Städte, -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -durch blühende Ortschaften, wir vollführten sie -nicht, daß wir die Erde lieben lernten. Wir -suchten nur nach den Schwächen unserer Brüder, -daß wir besser wüßten, wo ihre Wunde schmerzhaft -ist. Und immer noch wird jeder Tag zum -Laufbrett einer neuen schändlichen Handlung, -immer noch rollt diese Kugel, deren knöchernes -Klappern uns aus halbem Schlummer emporweckt. -Glaubten wir nicht, erblindet zu sein -vor dem Schmerz dieser Zeit, gewappnet gegen -die Gefühle in unserer Brust? Ach, es gibt -Falten in dem Gesicht dieses Elends, die sich -so unauslöschbar einprägen, daß wir sie niemals -vergessen werden. -</p> - -<p> -Gestern kamen die gefangenen Engländer aus -Kut-el-Amara an. In langen, staubigen Zügen -trieb man sie durch die Gänge des Basars, -durch die gaffende Menge der Händler und -Straßenverkäufer, daß sie unter dem Hohn der -Handwerker, unter dem Zischen der Wechsler -doppelt empfänden, wie tief sie gedemütigt sind. -An ihrem Ende erhob sich eine unübersehbare -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -Reihe grauer Kamele, nur mit den Stricken -ihrer Halfter aneinandergefesselt, auf ihrem -Rücken die traurige Last jener Gestalten schleppend, -die, von Hunger und Krankheit geschwächt, -ihre Füße nicht mehr tragen konnten, die fast -aufgehört hatten zu atmen und in leblosen -Bündeln an den hölzernen Lastsattel der Kamele -geklammert hingen. Aus ihren lehmfarbenen -Hosen ragten die von der Sonne geröteten und -geschwollenen Knie, deren Haut sich in Fetzen -zu schälen begann, und mit langen, dürren Fingern -griffen sie nach den Gurken, die mitleidige Hände -ihnen reichten, und bissen gierig in das grüne -Fleisch. Hier wankten Gestalten, die, barfuß -und halb entkleidet, den letzten Rock, ihre Stiefel -für ein Stück Brot, für eine Handvoll Datteln -gegeben hatten. Auf ihren spitzen Schultern -hing, wie über einen Stock gezogen, das am -Rande ausgerissene Hemde, bei jedem Schritt -ihre Scham entblößend, und zitternd erhob sich -aus der Menge ihr grauenvoll ausgehungertes, -noch immer mit dem Tropenhut bedecktes Haupt, -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -das auf dem langen Hals wie der klappernde -Kopf einer Mohnstaude schwankte. Araber hatten -mit Wasser gefüllte Tonkrüge vor die Haustüren -gestellt, aber die türkischen Soldaten drängten -die schmachtenden Inder beiseite. Ab und zu -blieb eines der Kamele stehen, um beim Weiterschreiten -das nachfolgende an seiner Leine mit -einem jähen Ruck aus der Ruhe zu reißen, -daß die schlaffen Glieder ihrer traurigen, immer -noch atmenden Last schmerzhaft zusammenschlugen. -Zuweilen schien es, als müßten, durcheinandergeschüttelt, -diese Augen aus ihren vertrockneten -Höhlen fallen, um im Staub unter den Füßen -der Tiere zu sterben, die wiederkäuend mit -schaumtropfender Lippe, bald vor- bald rückwärts -gerissen, eine jammervolle Kette des Elends aus -dem Dunkel des Basars von neuem in die -glühende Sonne der Wüste tauchten. -</p> - -<p> -Am Abend ging ich durch das Lager der -Gefangenen. In der grauen Asche des Staubes -lagen ihre Leiber gleich verkohlten Knochen -umher. Kleine schlitzäugige Gurkhas und die -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> -zarten Glieder der Sikhs, deren fremdartige -Augen leidend zu mir aufblickten, aus deren -Tiefe die Flamme uralter Gottesverehrung brach. -Dazwischen blonde Gestalten, noch knabenhaft -und kaum der Mutter entwachsen, mit einem -unsagbaren Ausdruck des Nicht-dafür-Könnens, -armselige Gestelle von Lumpen. Und wie ich -sie so liegen sah, halbnackt, fassungslos aufgelöst, -ganz der steigenden Kühle des Nachtwindes hingegeben, -da mußte ich mir unwillkürlich sagen: -wie merkwürdig, daß es noch eine Erde unter -den Füßen dieser Verdammten gibt, um darauf -zu schlafen, daß nicht auch unter ihnen eine -Sonne glüht, daß ihre Füße nicht auf zwei -spitzen Pfählen stehen oder auf einem brennenden -Rost, statt auf sonnendurchglühter Wüste ... -ja, die Erde ist barmherziger als wir. -</p> - -<p> -Und doch ist dieses nur der Ausschnitt einer -Stunde, der millionste Teil des Elends, das -von allen Seiten der Erde aufbrüllt und um -Erlösung schreit. Ich brauche nur die Zeitung -aufzuschlagen, so finde ich eine endlose Liste versunkener -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -Schiffe, die die Ernte dieses einen -Monats bedeutet. „Den ersten Mai ein bewaffneter -englischer Bewachungsdampfer, zwei -französische Hilfskreuzer vor Le Havre, ein französischer -Kreuzer La Provence mit 4000 Mann -wovon 3300 ertranken ....“ Das sind die bluttriefenden -Trophäen, die ein über alles geliebtes -Deutschland gleich den zahllosen Kopfhäuten -eines skalpierenden Indianers triumphierend an -die Schnalle seines Gürtels hängt! Hat je ein -Mensch so viel Kraft der Vorstellung besessen, -daß er sich ausmalte, wie Tausende von Männern -in wahnsinniger Todesangst auf dem Deck eines -sinkenden Schiffes durcheinanderrennen in einem -einzigen tierhaften Schrei der Empörung, hat -je eine Mutter es vor sich gesehen, wie die Not -menschlicher Arme durch einen Brei von Blut -und zerstückelten Leibern zu schwimmen begann — -und ging nicht hin und riß sich das Haupt von -den Schultern, dies nicht zu Ende zu denken? -</p> - -<p> -O meine Mutter, wie arm und schwach sind -wir geworden. Wir sterben vor Scham, in -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -einer Welt leben zu müssen, die so wenig dem -Abbild unseres Herzens gleicht. Auch Du -mußtest einem Gotte opfern, den Du nicht verehrst. -Auch Deine Söhne hängen in den -Speichen eines Rades, das sie zu zerreißen -droht. Glaubten wir nicht unverwundbar zu -sein? Hatten unsere Seelen nicht in dem -Drachenblute dieser furchtbaren Zeit gebadet? -Aber Mitleid und Liebe ängstigt und foltert -uns. Auch uns blieb wie Siegfried eine verwundbare -Stelle in der Hornhaut der Seelen, -und durch die schmale Öffnung zittert der grausame -Speer, uns bis in die letzten Tiefen zerfleischend. -</p> - -<p class="sign"> -Dein gefesselter Sohn. -</p> - -<hr class="footnote" /> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-2" id="footnote-2">[2]</a> Dieser Brief wurde von der Zensur festgehalten und veranlaßte -die Rückberufung des Verfassers aus der Türkei. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-16"> -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -An die Mutter -</h2> - -<p class="date"> -Babel, den 18. Juni 1916. -</p> - -<p class="noindent"> -Meine arme Mutter, als ich Dir das letztemal -schrieb, wußte ich noch nichts von dem Tode -unseres Bruders, und doch ist mir, als müßte -eine Stimme aus einer Ecke des Weltalls zu -mir gesprochen haben, daß ich Dir dieses sagte: -auch Du hast Deine Söhne der Vernichtung -geboren. Als könnte ich <a id="corr-1"></a>Dir heute nur all jene -Worte wiederholen, die ich Dir damals schrieb. -</p> - -<p> -Vor zwei Tagen ging ich auf das Armee-Oberkommando, -um einen Urlaub nach Babylon -zu erbitten. Jemand gab mir einen versiegelten -Brief in die Hand, ich lief die Treppe zum -Fluß hinunter, um das Boot zu besteigen, und -im Hinabschreiten öffnete ich den Umschlag. Als -ich den schwarzen Rand erblickte, dachte ich -gleich: es ist der Vater. Dann las ich von -dem Tode unseres armen Ikarus, der so früh -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -seine Flügel gebrochen hat. Eine Weile später -stand ich in dem Hof des deutschen Etappenoffiziers -und hörte, wie eine Stimme zu mir -sagte: „Was machen Sie für ein Gesicht? ...“ -Da fühlte ich, von Krankheit und Hitze geschwächt, -wie mir die Tränen aufstiegen, und -konnte nicht sprechen. -</p> - -<p> -Ich fuhr den Fluß zurück über das opalfarbene -Wasser, badende Knaben scherzten am -Ufer, der volle Mond erblühte am Himmel. -In dieser Nacht schlief ich wenig. Immer sah -ich die Gestalt meiner Mutter vor mir, sah eine -unendlich zarte, pergamentene Hand, unter der -sich die blauen Adern abzeichnen, wie sie inmitten -fremder Menschen und der kalten Geschäftigkeit -eines ungerührten Soldatenlebens an -dem Sarge ihres Kindes stand, mit einer -schüchternen Bewegung ihrer weißen Finger über -seine blonde Stirne streichend, als wollte sie -noch einmal sagen: mein Junge. Und ich sehe -uns ältere Brüder mit einem bunten schottischen -Kleidchen zwischen uns durch den Garten unseres -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -Hauses rennen, daß uns die kleinen Beine kaum -folgen können, blonde Härchen, über denen eine -weiße Pudelmütze hing mit einem Ponpon daran. -Und ich sehe unsern Bruder nach Hause kommen -mit seinem zerbrochenen Ärmchen, dem der Knochen -aus dem Gelenk gerissen war, weil er schon so -früh seine Seiltänzer- und Fliegerkünste auf den -regenglatten Barrieren des Viehmarktes übte, -und ich denke, daß er eigentlich immer unglücklich -in seinen Unternehmungen gewesen ist. Armer -Ikarus! Vielleicht findet meine Mutter heimkehrend -zwei braungewichste Schuhe in einem -Winkel des Zimmers, blank wie eine Kastanie, -einen seidenen Schlips, auf den er stolz war, -und ich bin nicht bei ihr, ihr die Tränen von -den Wangen zu küssen. -</p> - -<p> -Im Dunkel gehe ich noch einmal an den -Fluß hinab. Unter den Palmen haben türkische -Soldaten ihre Zelte aufgeschlagen. Sie liegen, -ihrer Uniform ledig, in ihren zerrissenen Hemden -auf der bloßen, noch warmen Erde, ihre -Lämmer, die sie morgen schlachten werden, in -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -ihrem weißen, wolligen Fell am Boden ruhend, -zwischen sich; und ich denke, daß auch sie alle -nur geopferte Menschen sind. Aber da sehe ich -die Gestalt meiner Mutter von neuem zwischen -den Zelten auftauchen, blaß vom Mondlicht -beleuchtet, und wieder sehe ich diese schmale, -blaugeäderte Hand vor mir, die zärtlich nach -der Stirne ihres Kindes greift. Ich steige auf -das Dach unseres Hauses und werfe mich auf -die Decken. Aber ich kann nicht schlafen. Ruhelos -liege ich, bis der Mond untergeht. -</p> - -<p> -Gestern bin ich nach Babylon gefahren. Wir -reisten die Nacht durch. Ich saß mit Arabern -in einem ungefederten Pilgerwagen, der von vier -Maultieren gezogen wurde. So rasten wir, von -Gendarmen begleitet, durch die Wüste. Einmal -an einer Wasserstelle traten einige hinaus, -breiteten ihren Teppich auf den Boden und -standen zwischen Sonne und Mond über dem -ungeheuren Zifferblatt dieser Ebene, das Gesicht -gegen den Himmel gerichtet. Wie nahe empfand -ich sie mir in dieser Stunde, als sie niederknieten, -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -voll Anbetung diese ewige Erde mit der -Stirn zu berühren, und als ich den Wagen -bestieg, stolperte ich absichtlich, mit der Hand -in den Staub greifend, erschüttert von der Erhabenheit -dieser Natur. Um Mitternacht hielten -wir an einer Karawanserei. Ich ließ mein Bett -auf dem Dache des Hauses ausbreiten, aß etwas -Brot und Käse und öffnete meine Kleider dem -Nachtwind. Unten bewegten sich Araber phantastisch -im Mondlicht, ein kleiner Junge verkaufte -Buttermilch aus einem Ziegenschlauch. -„Libben, Libben,“ sagte seine schläfrige Stimme. -</p> - -<p> -Um zwei Uhr weckte mich mein Diener. -Wieder rasten wir im Galopp durch die Wüste, -und wie glücklich war ich, die Erde von neuem -unter mir gleiten zu fühlen. Kamel- und Ziegenkarawanen -schwammen im Zwielicht mit wunderlichen -Köpfen an uns vorbei. In der hellen -Sonne hob sich die Staubkrone von Babylon -aus der Ebene. Wieder dringt eine neue Welt -auf mich ein, und zwischen Palmenhainen, Dorfhütten -und Ziegelruinen versunkener Riesenpaläste -<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> -fühle ich zwischen den vielen Unbegreiflichkeiten, -die mich unter einem heißen Himmel in ausgebrannter -Seele bewegen, auch diese, daß mein -Bruder gestorben ist. Vielleicht empfinde ich -weniger als ihr den Schmerz dieser Stunde, -von den Gesichtern fremder Menschen und Landschaften -umstellt, den Schmerz, der vielfach gestaltet -in den Straßen der Heimat auf mich -wartet, um in der Stunde der Heimkehr über -mich herzufallen. Vielleicht hat eigenes Leiden -mich müde gemacht, in jenen Stunden, da auch -ich abgeschlossen hatte mit meinem Leben, dessen -Tagebuchblätter mit vielfachen Zungen zu mir -reden, auf deren leergebliebenen Seiten jener Zeit -ich nichts geschrieben finde als die Worte: -„Meine arme Mutter.“ Wann werden meine -Augen, die so viel Blut getrunken haben, noch -einmal die Tage der Schönheit und des Friedens -schauen? Wann werde ich wieder den Duft -blühender Veilchen riechen? Fortzugehen aus -dieser Welt des Jammers und der Verbrechen, -nichts zu sein als ein Baum, ein Stein am -<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> -Wege, eine Blume im Wind ... o meine -Mutter, wer das könnte! Aber glaube mir, daß -auch auf Deine Lippen noch einmal ein Lächeln -treten wird, wenn aus den Händen Deiner -Söhne die starken Früchte erwachsen, die Du -ersehntest. Sieh, noch aus den tiefsten Abgründen -der Erde wollen wir das Glück der Kommenden -in die Höhe bauen, daß Sonne auch um Deine -alternde Schläfe spielt, die ich mich zärtlich neige -zu küssen. Ach, möchtest Du im Elend so glücklich -sein, wie Dein trotz aller Leiden des Körpers -und der Seele von tausend starken, unerschöpflichen -Gedanken verfolgter Sohn, dessen Liebe -bei Dir sein wird immer, immer. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-17"> -<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -An einen Freund -</h2> - -<p class="rec"> -Hans Feige, gestorben den 2. Februar 1917 zu Sipote -in rumänischer Gefangenschaft. -</p> - -<p class="date"> -Babel, den 24. Juni 16. -</p> - -<p class="noindent"> -Mein lieber Hans, es scheint, als wenn eine -unsagbare Macht mich abhält, meinen Freunden -zu schreiben, die im Felde stehen. So erging es -mir mit Fritz v. Z., bis er gefallen war, da bereute -ich mein langes Schweigen zu spät. Was -ist es, das mir die Brücken zerbricht, die zu jenen -hinüberführen? Ist es die Unmöglichkeit der -Vorstellung, daß Menschen, die das Leben meiner -Gemeinschaft führten, in das Rad einer Maschine -gespannt sind, die Betätigung eines Handwerks -verrichten, das meinem innersten Gefühl so sehr -widerspricht? Ist es die Erkenntnis, trotz aller -Jahre der Freundschaft, aus Knabentagen heraufgewachsen, -trotz aller Gleichartigkeit der Gesinnung -irdische und seelische Weiten zwischen sich zu -<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -fühlen, die zur Stunde noch unüberbrückbar sind? -Ich habe mit stiller Genugtuung Deine Briefe gelesen. -Nein, Du bist Dir treu geblieben. Noch -zwischen Bajonetten und dem kalten Regen der -Schüsse sehe ich Deine Seele tanzen. Noch in -Laufgräben und Unterständen sind süße Frauen -an Deine Seite gebettet. -</p> - -<p> -Vielleicht schmerzt es mich, daß Du meine -letzten Worte so wenig verstanden hast, daß Du -Gefühle an Dich gerichtet empfinden konntest, -die so sehr anderen Menschen galten. Aber ich -will jenes Briefes, auf Krankenbetten, in Bitternissen -geschrieben, nicht wieder gedenken. Hier -liegen Monate, die der gefolterten Seele Jahrtausende -sind. Nur zu lieben, zu schaffen ist -meine Seele bereit, zwei Berufe, für die diese -Zeit sie schwach und untüchtig gemacht hat. -Was soll ich Dir sagen? Wenn ich ein Land -wüßte, dem Krieg zu entfliehen, eine Scholle -oder die Schroffe eines Berges, noch seinem -leisesten Echo fern zu sein oder dem unüberwindlichen -Geruch des Blutes, den der Wind über -<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> -die Erde hinträgt, würde ich, ein Soldat, mit -den heiligsten Eiden berufen, Wunden zu heilen -und Trost zu sprechen, nicht diese Stätten des -Unheils und der vermodernden Schädel verlassen, -wortbrüchig, aber treu der heiligsten Pflicht der -Seele? Würde ich nicht schwach genug sein, dem -Drange nicht länger zu widerstehen in der Unerreichbarkeit -der Fremde, sollte ich auch Mutter, Freunde -und Geliebte für immer verlassen, für mich, ein -Einzelner, das Gebäude des Friedens und der -Arbeit neu zu errichten? Und wenn es dennoch -einen Ort gab, an dem ich Ruhe fand, eine -Stätte, an der ich glücklich wurde, so war es -unter dem Dache dieses Hauses, das aus den -Trümmern Jahrtausende alter Ziegel erbaut -ist, bei dem melancholischen Gesang der -Wasserheber, im Schatten uralter Palmen -und Maulbeerbäume, den vergessenen Resten -des Paradieses, in der Gemeinschaft einfacher -und sinnhafter Menschen, Tagediebe und räuberischer -Seelen (ja, auch diese noch wage ich -zu lieben). -</p> - -<p> -<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -Freilich erschien mir auch hier das Rätsel -das gleiche, von dem wir umlauert sind, und -nie empfand ich die dunkle Antwort der Erde -auf die Nichtigkeit alles menschlichen Tuns so -stark, wie auf den zerbrochenen Mauern dieser -aus ewigem Schlafe erstandenen Stadt, wenn -ich im Abendschatten auf der Höhe dunkelgebreiteter -Schutthügel wie auf den Spitzen -verlassener Berge zu stehen glaubte und aus -den Spalten der silberne Ton einer Blaurake -sich hob. Denn auch wir waren bestrebt, höher -zu bauen als unsere Väter. Auch wir bauten -an einem Turme zu Babel. Auch wir Völker -dieser noch atmenden Erde redeten in vielerlei -Zungen, waren in Wirrnis geworfen und verstanden -uns nicht. Und auch unsere Kinder -werden einst einen hohlen Abgrund finden, einen -See voll Wasser, über den der klagende Ton -einsamer Vögel hinstreicht, wo wir einst gewaltige -Mauern errichteten, ragende Türme und -unendliche Treppen, in den Himmel zu steigen. -Ach, daß wir nicht reif wurden, einen andern -<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -Stern zu betreten, da die Erde nicht Raum -hat, uns Erlösung zu bringen. -</p> - -<p> -Wo bist Du? In welchem Winkel der -Schlachten soll ich Dich suchen, geliebter Gefährte -so vieler unwiederbringlicher Jahre? Soll -ich auch Dich unter den Toten wiederfinden? -Ich fühle, wie es einsam um mich wird. Einsam, -da ich noch immer von jugendlichem Stürmen -erfüllt bin, da ich erst angefangen habe, zu -leben, da ich endlich die Straße fand, nach der -ich so lange suchte. Möchte mir die schmerzliche -Stunde erspart bleiben, als letzter der Freunde -zu sterben. -</p> - -<p> -Vor meinem Fenster, im Uferrasen des -Euphrat, gehen junge Araberfrauen, Schößlinge -von Palmen im Arm, und wie sie im Schatten -der Dorfmauer hinschreiten, gleichen sie sanftfüßigen -Boten des Friedens. Möchten die zartfingrigen -Zweige ihrer Triebe, ehe sie Wurzel -schlagen, seine ersten Tage beschatten. Doch nun -sehe ich Dich im Staube der Landstraße dahinziehen, -von Sonne und der fröhlichen Schar -<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> -der Kameraden umgeben, das furchtbare Mordgewehr -auf dem Rücken, ein Lied singend. -„Der Sohn des Leichtsinns ist immer glücklich!“ -— rief mir gestern ein arabischer Eseltreiber -zu, der sich lachend auf das mit -blutigen Striemen bedeckte Tier schwang, und -wenn Kummer und Not und die pedantische -Hand des Todes um Dein Haupt sein sollten: -bleib mir erhalten, alter Junge! -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-18"> -<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> -Brief an die Eltern -</h2> - -<p class="date"> -Im Palmengarten der Karmelitermönche.<br /> -Bagdad, den 21. August 1916. -</p> - -<p class="noindent"> -Welches gerechte Erstaunen, welcher Schmerz, -Ihr einsamen Seelen, wird Euch erfaßt haben, -als Ihr saht, daß ich fast zwei Monate geschwiegen -habe. Daß ich von Zwiespältigkeiten, -Demütigungen und einer Menge nur halb gelebter -Stunden umhergeworfen, mich fast selber -vergaß, seit ich Bagdad, dieses verlogene Gebäude -von Schmutz, Staub, glühenden Backsteinen, -schlechtem Essen und knechtischem Soldatenton -von neuem betrat. Denn wir waren -kaum aus der „Pfanne von Babel“ heraus, -als uns schon auf der Straße nach -Mauhanil das Unheil mit verbogenen Federn -in den Staub warf. Als unser Wagen plötzlich -zusammenknickte wie ein Kamel, das sich -in die Knie wirft, während die zerlumpten -<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> -Kutscher unter den Kolbenstößen der Gendarmen -mit einem arabischen „das tut nichts“ die verbogenen -Federn mit Bindfaden wieder aneinanderflickten. -Ja, ich glaube, ich verdanke es nur der -Güte des Bruders Ägidius, wenn ich im Schatten -seiner Feigenbäume noch einmal dazu kam, mich -auf mich selbst zu besinnen, wenn ich für Augenblicke -zurückschauen kann auf Leiden, Hindernisse -und Fallstricke, die ich, ein gehetztes Wild, überspringen -mußte, um endlich zur Ruhe zu kommen. -Zur Ruhe zu kommen? ... ach, um aufgescheucht, -atemlos von neuem durch Gestrüpp und über Abgründe -zu stürzen. Denn während ich halb krank -durch die Straßen von Bagdad irrte, wie ein -persischer Bettelmönch in einem hauslosen Stande -lebend, während ich jeden Morgen meine Wohnung -wechselte, mit der Last meiner Teppiche und -dem zu einem Hausrat angewachsenen Gepäck, -während ich in halbzerfallenen Häusern nächtigte, -jeden Tag der Stunde der Heimkehr gedenkend, -erreichte mich eines Abends der Tagesbefehl -vom 26. Juli 1916: „Der Sanitätssoldat -<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> -Wegner wird in die Cholerabaracken kommandiert.“ -</p> - -<p> -Da stand ich im Schein meiner Handlaterne -in der Finsternis unseres kleinen Hofes, faltete -das Papier zusammen, und mir war, als -hielte ich mein Todesurteil in der Hand. Von -Fieber und innerem Leiden geschwächt, soeben -von den Ärzten eines dreimonatlichen Urlaubs -versichert, dennoch von täglichen Verlockungen -bewegt und noch gestern bereit, nach Persien oder -Ägypten zu wandern, erkannte ich an der Unterschrift -dieses Befehls, daß alle Pläne, die ich -in den letzten Tagen erwog, mir für immer zerbrochen -waren. Niedertracht und Verleumdung, -die mit gespreizten Beinen auf den Dächern der -Stadt reiten, hatten sich an die Spuren meines -Weges geheftet. Der böse Wille eines preußischen -Offiziers, der es nicht duldete, daß meine -geringe Verachtung vor seiner nur mit einer -Schlafhose bekleideten Körperlichkeit sich zu verneigen -wagte, statt stramm zu stehen. Denn -nach meiner Rückkehr aus Babylon hatte man -<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> -mich für kurze Zeit in ein fremdes Haus einquartiert, -dessen Räume ich kaum betreten hatte, -als ein mir unbekannter Deutscher im Türrahmen -des Zimmers erschien. An einen vertrauten Umgang -gewöhnt, machte ich eine leichte Verbeugung, da -er auf seinen nackten, von Schweiß geröteten -Schulterblättern die Abzeichen seines Hauptmannsranges -in der Tat nicht eintätowiert trug. -„Wer sind Sie?“ Ich nannte meinen Namen. -Er fragte nach meinem militärischen Rang. -Ich würde mich schämen, Euch die Worte zu -wiederholen, die darauf folgten. Am Abend -fand ich das Feldbett, das mein Diener auf -dem obersten Dach aufgeschlagen hatte, eine -Stufe tiefer aus dem Wind gestellt. Wenige -Tage darauf wollte es das Unglück, daß ich, -noch immer auf die Ausfertigung meines Urlaubsscheines -wartend, mit einer schönen Frau durch -den öffentlichen Palmengarten von Bagdad ging, -während der deutsche Etappenmajor vor der -Kapelle seinen Kaffee einnahm. Schon am nächsten -Abend hielt ich diesen Befehl in Händen, der -<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> -geeignet schien, die Hoffnung auf Heimkehr für -immer in mir zu töten. -</p> - -<p> -Mit wie bitteren Gefühlen, wie schmerzlicher -Sehnsucht ging ich in dieser Nacht auf der -Terrasse unseres Daches umher, wo Pater Joseph, -mit dem ich das einsame Haus teilte, -sich neben mir auf das von Palmenzweigen -geflochtene Bett warf. „Schlafen Sie ruhig,“ -sprach seine Stimme durch das Dunkel, „ich -habe es immer gefühlt, daß über Ihnen eine -schützende Hand schwebt.“ Ich aber blickte in -den nächtlichen Himmel, an dem violett schimmernde -Sterne ihr ewiges Spiel begannen. -Ich konnte mich nicht losreißen davon, daß dies -nicht der Wille der Notwendigkeit war, der -mich von neuem auf die Straße des Verderbens -stürzte und meinen kaum wiederhergestellten -Körper, den ich nicht ohne Mühe auf -den Beinen hielt, bald wieder auf das Lager -werfen mußte. Mein immer bereiter Wunsch, -den Leidenden zu helfen, sah sich gegen eine -Mauer haßerfüllter Blicke gestellt, die gerüstet -<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> -schienen, mich zu vernichten. Aus den weißen -Laken der Betten sah ich von neuem die Gebärde -der Hilflosigkeit gegen mich Hilflosen -gerichtet, die Gesichter des Entsetzens vor mich -hingestellt, vielfach und schmerzlich aneinandergereiht, -wie ich sie so oft in diesen Jahren gesehen. -</p> - -<p> -Da gedachte ich Eurer und Eurer Liebe, die -bei mir war, Ihr einsamen Seelen. Zum -ersten Male in meinem Leben, seit vielen Jahren, -sah ich Euch beide vereint wie in den Tagen -der Kindheit. Eure Augen trugen den alten -Glanz, aber Kummer und Sorgen hatten Eure -Gesichter gezeichnet. Und von Sehnsucht überwältigt, -griff ich zum zehnten Male nach Euren -Briefen, aber es waren die alten, tränenbeladenen -Seiten, die von dem Tode unseres Bruders -kündeten. Wieder sah ich Euch abschiednehmend -vor mir stehen, wie Ihr die väterliche und -mütterliche Rechte zum letztenmal dem Sohn -auf das tote Herz legtet, wie Ihr beide, ein -alterndes Zwiegespann, müde an dem verwaisten -Herde zurückbliebt. -</p> - -<p> -<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> -Mit einer bitteren Verzweiflung ging ich in -diesen Tagen von neuem an die Arbeit, bereit, -das Letzte zu geben, das in mir war, bemüht -um die Schmerzen neuer Menschen, als -hätte es irgendwo dort hinten nie ein anderes -Dasein gegeben als dieses, das mit bolus -alber und trockenem Brot zwischen den Betten -umherlief, die mit dem Schmutz der Kranken -bedeckt waren. Eines Morgens fand ich in der -Schreibstube zwischen den Papieren einen geheimen -Befehl an den leitenden Arzt des Lazarettes, -der den Vermerk trug: „W. ist so -zu beschäftigen, daß ihm jede Lust, in Bagdad -spazieren zu gehen, vergeht.“ Man stellte mir -also nach dem Leben, beraubte mich des höheren -Ranges, den mir der Feldmarschall verliehen -hatte, zwang mich zu einer Tätigkeit, der ich -bei meinem Zustand nicht mehr gewachsen war, -und übertrug mir in schändlicher Absicht bei -täglich zwölfstündigem Dienst noch drei Nachtwachen -in einer Woche. Nur einem Wunder -verdanke ich es, daß die Cholera in diesen Tagen -<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> -nachließ. Ein an Leiden Erblindeter, irrte ich -in den gedeckten Kellern dahin, lief mit arabischen -Handwerkern durch die heiße Sonne, -einen Leichnam in seinen Sarg zu löten, oder -stahl mich im Dunkel zwischen den Palmen -hinaus, einem Toten drei Handvoll Erde in -die Grube zu werfen, mit dem ich noch gestern -bei Tische saß. In diesen Tagen lernte ich -den Schlaf über alles lieben. Wenn es zuweilen -geschah, daß ich des Nachts emporfuhr, -schloß ich erschreckt von neuem die Augen: -nicht einen Gedanken länger in einer Welt -leben zu müssen, die schamlos die Wurzeln aller -Taten entblößte, eine Welt zu schauen, die so sehr -das Abbild der Selbstsucht und der Zwistigkeit -war, von harten Herzen gesteinigt, unter dem -niederen Himmel böse blickender Augen, die -nicht gewillt schienen, mich mit Liebe zu lohnen. -Voll Wehmut gedachte ich der Tage, da ich -mit dem Feldmarschall, mit Sven Hedin und -dem erfahrenen Herzoge von Mecklenburg zu Tische -gesessen, da ich ihnen im abendlichen Lichte des Tigris -<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> -vorgelesen, gedachte der achtungsvollen Worte -ihrer Freundschaft, der liebenden Geste, mit der -sie mir die Hand reichten. Es war weder -Ehrgeiz noch Beschämung, die mich erfaßten, -daß ich mich plötzlich so herabgesetzt sah und in -den Kreis der Enttäuschung geführt (bin ich -nicht immer der Gast der Armut gewesen?), -aber es schmerzte mich, Verleumdung und niedriger -Vergeltung zu begegnen, wo ich zu -halbem Erstaunen oft Liebe und herzliche Erkenntnis -fand. Der Strom der Bosheit hatte -auch mich ergriffen. Ich sah, wie er immer -weitere Kreise zog, mich immer weiter hinwegführte -von meinen Freunden. -</p> - -<p> -Ach, ich wußte es wohl, die mich liebten, -lagen unter den Toten draußen oder kehrten enttäuscht -und ungläubig in die Heimat zurück. -Und eines Mittags, nachdem ich die Nacht -Wache gehalten, lief ich in die Wüste hinaus, -das Grab meines Stabsarztes zu suchen. Aber -ich irrte vergeblich in glühenden Winden zwischen -Aas und zerfallenen Hügeln umher, bis ich im -<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -Staube kauernd den blinden Wärter des Friedhofes -fand, der, mit greisen Händen über den -Buckel der Gräber tastend, lange zwischen den -zerfallenen Steinen umherlief, mich endlich vor -eine kahle Stelle zu führen. Enttäuscht blickte -ich auf die entblößte Stätte dessen, den ich geliebt -hatte, die so Unvergeßliches für mich -barg, von denen betrogen, die mir während -meiner langen Krankheit oft ihr Wort gegeben, -dafür Sorge zu tragen. Nicht ein Zeichen der -Erinnerung war mir geblieben, als der traurige -Schatz meines Herzens, mit dem ich Trostloser -zurücklief in die Stadt. -</p> - -<p> -Und ich ging durch den schlafenden Bazar, -dessen hundert Augen geschlossen lagen, denn es -war Feiertag, und dessen schmale Gänge sich -in finsterer Einsamkeit dehnten, bis der Zufall -mich in eine verlassene Karawanserei führte, wo -alte Teppiche, Möbel und Waffen vergangener -Jahrhunderte aufgespeichert lagen. Und wie ich -mich so einsam und bekümmert zwischen ihnen -stehen sah, von Krankheit und Heimweh geschwächt, -<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -in meinem abgerissenen Waffenrock -und meinen staubigen Soldatenstiefeln, da fühlte -ich, daß auch ich nichts anderes war, als ein -wertloser Gegenstand, noch eben gut, um als -Hemmschuh für das gleitende Rad des Todes -zu dienen, alt, abgebraucht und um sechzig -Piaster verhandelt. -</p> - -<p class="sign"> -Euer Sohn, -der Freund der Toten. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-19"> -<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> -Der Triumph der Mutter -</h2> - -<p class="date"> -Bagdad, Mesnil Schah Bender,<br /> -den 30. August 1916. -</p> - -<p class="noindent"> -Am vergangenen Sonntag ging ich in die -lateinische Kirche. Sie feierten das Fest der -heiligen Jungfrau Maria. Chaldäische Christinnen -in ihren weiten seidenen Gewändern -füllten das Schiff, arabische Kaufleute, über -denen der Priester, schwarzbärtig, die weihrauchgefüllte -Kugel schwang. Ich setzte mich unter -sie, ich blickte auf das mit Palmenzweigen geschmückte -Bild der Gottesmutter, die auf ihren -Armen den Sohn trug, und mir war, als schaute -ich in Deine Züge, Mutter, die in unendlicher Liebe -auf mich herabsahen. Waren nicht auch mir die -Worte gesprochen worden: „<span class="antiqua">Beatus venter, qui -te portavit, et ubera quae suxisti?</span>“ Ging nicht -von diesem Lächeln aller Friede der Erde aus, -stand es nicht wie die aufgehende Sonne über -<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> -den Tagen der Kindheit, an deren Ende jene -Wildnis der Seele beginnt, in die wir alle -hinausgetrieben werden, verirrte Tiere? War -nicht auch Dein Leid ein Meer? Hattest -Du nicht die sieben Schmerzen Marias getragen, -den Sohn in Kummer geboren, mit -ihm die Kämpfe und Enttäuschungen einer -langen Jugend erlitten, ihn dargebracht auf -dem Opfersteine der Menschheit, daß verblute, -was mit soviel Mühen Deinem Leibe, Deinem -Herzen entwachsen war? Als Du ihn wiederfandest -in seinem zerrissenen Fliegerrock, von -dem Schmutz dieser Erde bespritzt, gekreuzigt -an die zerbrochenen Flügel seiner Maschine, -waren da nicht auch Dir aus den unbarmherzigen -Tiefen der Finsternis die Worte gesprochen -worden: „Siehe da, Deinen Sohn!“ -Glitt nicht in jener Stunde vervielfacht -und geläutert die namenlose Liebe auf uns -Brüder herab, die von unendlicher Trauer verklärt -vor uns die Flamme Deines Hauptes -emporhob? -</p> - -<p> -<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> -<span class="antiqua">Inventa es Mater Salvatoris Virgo Dei -Genetrix, quem totus non capit orbis in -tua se clausit viscera, factus homo.</span> -</p> - -<p> -Ich neigte den Kopf, alle Bekenntnisse der -Trennung und dieser schmerzlichen Zeit im aufgewühlten -Herzen bewegend, und dachte: „Ich -kann Dein Gesicht nicht zu mir hertragen, -Mutter, so viele Jahre liegen zwischen gestern -und heute; aber aus jeder Landschaft noch, die -ich beschreite, blickt Deine Güte, aus jedem -Sturme spricht Deine Stimme zu mir. Mein -Geist ist dem Deinen nahe. Meine Seele bettet -sich in das Tal Deiner Wangen, sie wandert -in den Falten Deines Gesichtes einher wie der -Wanderer, der in den Schluchten der Berge -verirrt ist, und findet nie ein Ende. Ich bin -ertrunken in Deinen Augen. Wie die Welle -über den Schlummernden am Grunde der -Wasser, so gleitet über mich Deiner Liebe -Lächeln.“ -</p> - -<p> -Arabische Knaben erhoben die helle Stimme -zum Gesang. Die Seele, des schwebenden -<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> -Schrittes entwöhnt, stürzte in sich zusammen. -Neben mir knieten zwei gefangene Engländer -in ihrem lehmfarbenen, sauber gebürsteten Waffenrock; -ich blickte auf die Leidenslinie ihrer jungen -Gesichter, und wie ich sie so an meiner Seite -sah, die Kette des Skapuliers über die Schultern -gehängt, die sie beschützt hatte vor Krankheit -und Tod, vor den Gefahren der Schlacht, in -dunkler Gefangenschaft, wie sie fern von der -Heimat, die liebliche Heiterkeit englischer Dörfer -vor Augen, die Gesichter betend hinter der mageren -Hand verbargen, wurde die Stimme des Brudertums -so laut in mir, daß es mir Mühe machte, -die Tränen zurückzuhalten. -</p> - -<p> -<span class="antiqua">Laudemus omnes in Domino diem festum -celebrantes sub honore beatae Mariae Virginis.</span> -</p> - -<p> -Als ich wieder aufsah zu dem palmengeschmückten -Bilde, fand ich ihr Gesicht zum -zweitenmale verändert, als blickten alle, die in -dieser Kirche versammelt waren, arabische, armenische -und chaldäische Christen, griechische -Kaufleute, deutsche Offiziere, verwundete, kranke -<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -und gefangene Soldaten, Frauen, Kinder und -Greise mit mir empor zu der Mutter des -Menschengeschlechts, die die gesegnete Frucht -ihres Leibes umklammert hielt, sie liebevoll hinter -dem schützenden Mantel zu bergen. Und ich -sah Leid, Kummer, Zorn und Verzweiflung in -den Lichtern ihrer Augen stehen, zwei spitze, -schwertheiße Flammen. Da erkannte ich die -Menschheit, die von Schmerzen zerrissen und -fluchbeladen mit mir in diesem Raume kniete, -eine stumme, untröstliche Gemeinde, die gekommen -war, an ihrem Bilde um Vergebung zu bitten. -</p> - -<p> -<span class="antiqua">Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!</span> -</p> - -<p> -Dumpf tönte das Aufschlagen der Hände -gegen die Brust. -</p> - -<p> -Da aber klang in unendlicher Versöhnung -ihre erlösende Stimme aus der Höhe herab: -„Ich habe Frucht getragen wie ein Weinstock, -ich gab von mir süßen Geruch. Ich bin die -Mutter der schönen Liebe, der Furcht, der Erkenntnis -und heiliger Hoffnung. In mir ist -Gnade jeglichen Weges, jeglicher Wahrheit. -<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> -Kommt zu mir alle, die ihr mein begehrt, an -meinen Brüsten werdet ihr gesättigt werden. -Mein Geist ist süßer denn Honig, meine Erbschaft -köstlicher denn Honig und Honigseim. -Mein Andenken bleibt in ewige Geschlechter. -Die mich essen, werden noch hungern, und die -mich trinken, werden nach mir durstig sein.“ -</p> - -<p> -<span class="antiqua">Alleluia, alleluia. Per te, Dei Genetrix, -nobis est vita perdita data: quae de coelo -suscepisti prolem et mundo genuisti Salvatorem. -Alleluia.</span> -</p> - -<p> -Die silbernen Schellen erklangen, der Priester -küßte das goldgeschmückte Buch, Weihrauchwolken -erhoben sich zum Gewölbe der Kirche. -Eine süße Wehmut stieg auf in meiner Brust, -und aus ewigen Gründen hörte ich eine Stimme -sagen: „Lege von Dir den Rock, der mit -Schmutz und Eiter bedeckt ist. Laß liegen den -Kranken auf seinem Bett, auf seiner Bahre -den Verwundeten, den Sterbenden in seinem -Blut. Auch Du bist berufen, ein Jünger -zu sein, auf Erden das Reich Deiner Mutter -<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -aufzurichten, ein Baumeister der Liebe unter den -Völkern und eine leise Stimme der Zukunft. -Hatte ich nicht in Dein Herz die Gabe der -Liebe gelegt, die Gewalt der Rede, die ich Dir -geschenkt hatte? Hättest Du nicht aufstehen -sollen, Deine Hände gegen den Mund zu -legen, sei es auch gegen eine Welt kalter Gerechtigkeit, -um zu sterben unter dem Hasse der -Menge, ein Narr des Edelmutes, eine Heldenstimme -der Unvernunft? Du aber gingst hin, -verschlossest den lebendigen Strom des Gewissens, -weigertest Speise und Trank Deinen Worten, -die hinter dem Gehege Deiner Zähne dahinstarben -wie gefangene Tiere. Du Knecht der -Stummheit! Du Verbrecher des Schweigens! -Du Dieb der Wahrhaftigkeit!“ -</p> - -<p> -<span class="antiqua">Regina mundi dignissima et mater perpetua -intercede pro nostra pace et salute.</span> -</p> - -<p> -Aber zum dritten Male aufschauend erblickte -ich hinter dem palmengeschmückten Bilde den -Leib des Gekreuzigten, mit Blut bedeckt, die -Hände von Nägeln zerschlagen, und erkannte in -<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> -ihm das Bild dieser Erde, die, in Kriegen -verstümmelt und von grenzenlosem Elend verzerrt, -sich einen Leichnam zum Sinnbild ihrer -höchsten Verehrung gemacht hat. Sie drängten -hinzu mit gierig geöffneten Lippen, ich sah, -daß ihre Seele ein reißendes Tier war, die -verschlang das Kind Deiner Liebe, das Du geboren -hast, die trank von dem heiligen Blute -des Bruders und wurde trunken davon. Ihre -Nahrung war der Leib eines Toten. -</p> - -<p> -<span class="antiqua">Accipite et manducate, hoc est enim corpus -meum, quod pro vobis tradetur.</span> -</p> - -<p> -Und von grenzenlosem Schmerze erfaßt, -drängte ich hinaus, ein Betäubter, den ein Stein -vor den Kopf getroffen. Noch auf der Straße, inmitten -der Menge, die um die Tische der Bazare -war, unter Handwerkern, Kaufleuten, unter Juden -und Mohammedanern, Christen, Bettlern und -Soldaten, während durch die offene Tür die -Orgel in den Lärm des Marktes klang, schrie -es auf in mir: „O Du erhabene Mutter -des Menschengeschlechts — sie beten Dich an, -<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> -aber sie durchbohren Dir das Herz! Wer soll -uns erlösen, wenn Du es nicht bist, Mutter? -Aus Deinem Schoße wachsen die Kinder der -Welt. Stehe auf aus den tausend Müttern -der Erde, erhebe Dich aus den Millionen Herzen, -die gelitten haben! Verschließe den Schoß, -der so viele Leben geboren hat, laß versiegen den -Quell Deiner Brüste! Stehe auf aus den -volkreichen Städten Deutschlands; aus den -Kathedralen von Frankreich, aus der Finsternis -englischer Fabriken erhebe Deine Stimme! Aus -den Wäldern Indiens, aus den Zelten arabischer -Wüsten, den verschneiten Hütten russischer Dörfer -beginne den Klagegesang. Aus der toten Verlassenheit -anatolischer Felsenhöhlen, aus dem -traurigen Wohnzimmer der Witwe, die in -ihrem hölzernen Käfig dahinsiecht, aus der -steinernen Klippe am Hang sizilianischer Felsen, -wo die Stimme des Meeres in das Singen -der Wiege klingt, laß Deinen Ruf laut werden, -halte nicht länger zurück das Gewitter Deines -Zorns und der Verzweiflung! Hebe Dich auf -<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> -aus den Tiefen der Trauer und Einsamkeit, -lege Deine Hände vor das Antlitz des Todes, -und laß den Lärm der Schlachten verstummen, -daß die Welt rein werde von den Greueln des -Blutes. Denn Deine Kinder sind schwach und -untreu ihres Gelübdes. Sie lernten es wohl, -das eiserne Rohr zu führen, aus dem die teuflische -Kugel fliegt, aber untüchtig sind sie und -feige für die Arbeit des Brudertums. Sie -achteten Deiner nicht, gingen hin und verrieten -das Wort Deiner Liebe. O gib Brot und -Speise denen, die hungern, gib einen Vater den -Kindern wieder, nicht länger laß einsam sein den -Schlaf des Weibes. Aus ihren weißen Betten -steigen die Gebete der Kinder zu Dir auf, und -aus den Gräbern noch blühen die Hände der -Toten. Denn Dir gehört alle Herrlichkeit der Erde, -Mutter, alle Kraft der Liebe, alle Barmherzigkeit! -</p> - -<p> -<span class="antiqua">Qui audit te non confitetur et qui operantur -in te non peccabunt. Qui elucidant -te, vitam aeternam habebunt. Ave Maria!</span>“ -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-20"> -<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> -An Carl Hauptmann -</h2> - -<p class="date"> -Kriegslazarett Kasim Pascha,<br /> -den 3. September 1916. -</p> - -<p class="noindent"> -Welchen Balsam haben Ihre Worte in meine -Wunden getan! Wohl weiß ich, daß jeder -Brief ein Pfeil ist, der in das Ungewisse fliegt, -von dem wir nicht ahnen, in welchem Lande, zu -welcher Stunde er niederfällt; der Ihre aber -traf mich mitten im Herzen. Mir ist, als erwachte -ich für Augenblicke aus tiefem Schlaf. -Daß es noch eine lichtere Landschaft gibt, als -die flache Ebene dieses Daches, wo ich meinen -Tisch zwischen die Betten gestellt habe, und die -flackernde Kerze, die von dem Atem der Kranken -bewegt scheint, um Ihnen zu schreiben; wo ich -im Schlafkleid unter dem hellen Mond seltsame -Wache vor dem Tode halte, der unsichtbar -in den Adern der Menschen umhergeht, der jeden -Tag mit weißem Gesicht glühend am Himmel -<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> -heraufsteigt und seine seltsamen Inseln, Kamel-, -Pferde- und Stierleichen, die aufgelösten Leiber -toter Soldaten mitten durch den Strom der -Stadt treibt, daß wir nie vergessen, daß wir -auch hier in den Laufgräben des Krieges schlafen. -</p> - -<p> -Wenn ich zurückdenke an das Leben, das ich -einstmals geführt habe, an die stille Tafelrunde -der Geister, die diese Zeit so lange hungernd von -ihrer Mahlzeit scheuchte, so befällt mich oft eine -stille Angst, daß dies alles nur ein merkwürdiger -Traum war, der niemals Wahrheit besessen. -Daß ich nie ein anderes Zimmer bewohnte als -diesen einäugigen Raum, dessen Scheiben mit -Papier verklebt sind, in dessen Winkel an einer -aufgespannten Schnur meine Wäsche und meine -Kleider hängen, in der die Koffer geschlossen und -die Teppiche in Ballen gepackt liegen, als gelte -es, jede Stunde des Aufbruchs gewärtig zu sein. -Hat es auch für mich Wandernden einmal -Heimat gegeben? Wann geschah es, daß ich -auf etwas anderes blickte als gleißende Backsteinbauten -oder in das sandige Auge der Wüste? -<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> -Der stille Gleichmut des Landes hat seine tröstende -Hand auch auf mich gelegt. Die Flamme des -Zornes ist herabgebrannt, ich habe lächeln gelernt, -was mich noch gestern in Empörung versetzte, begreife -ich mit ergebener Anmut. Wie oft muß -ich an meinen arabischen Diener denken, der jede -Frage mit einem „Warum“ beantwortet. „Ist -das Essen fertig?“ — „Warum soll es nicht -fertig sein?“ — „Hast du meine Stiefel geputzt? -Ist Reis, sind Tomaten da?“ — „Warum -nicht, Sahib?“ Und wenn ich ihn darnach -fragte, würde er nicht antworten: „Warum -sollst du in Deutschland sein? Kannst du mir -sagen, weshalb diese Erde besser sein sollte, als -sie es ist? ...“ Aluan wird 17 Jahre alt, -ist zum zweiten Male verheiratet und hat zwei -Kinder auf dem Friedhof liegen. Seit ich in -den Tagen meiner Krankheit an seinem feindlichen -Unbegreifen so oft in hilflose Verzweiflung geriet, -hatte ich nie geglaubt, daß wir einander menschlich -so nahe kämen. Wir beide haben manches -von einander gelernt. -</p> - -<p> -<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> -Einmal besuchte ich ihn im Hause seines -Schwiegervaters in Kazimen, lag die heißen -Stunden des Mittags in seiner ländlichen Hütte -auf der besten buntgedruckten Matratze, die er -auf dem Erdboden ausgebreitet hatte, und deren -Muster ich noch immer auf der Rückseite meines -Hemdes trage. An der Wand hingen die kostbaren -Frauenkleider aus grüner und roter -Seide, und während ich schlief, kamen Kälber -und Eselinnen, mit kauenden Mäulern, und berochen -mit großen Augen den Gast. Bei dieser -Gelegenheit sah ich auch Aluans starke und -wohlgebaute Frau, zu der er jede Nacht eine -Stunde weit von Bagdad nach Kazimen läuft, -um erst im Morgengrauen wiederzukehren. -</p> - -<p> -Zuweilen fahre ich mit ihm nach der Insel -hinaus, um zu baden. Hinter der Stadt bildet -der Strom eine breite Sandbank, auf der -Fellachen ihr Gemüse bauen. In meinem zeltüberdachten -Boote versteckt, die persische Mütze auf -dem Kopf, gleite ich heimlich aus der Stadt, denn -ich bin ein scheuer Fremdling unter den Leuten -<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> -des eigenen Volkes geworden. Dann breite ich -meinen Teppich auf den Sand der Insel, ziehe -mein baumwollenes arabisches Überkleid an, lese -im Homer, im Herodot, im Goethe oder der -Bibel, die meine nie versagenden Tröster sind; -denn ich bin nun ganz zurückgekehrt zu den -ewigen Menschheitswerken, die jenseits alles -Ruhmes und Streites dieser Zeit liegen. Neben -mir, auf den Fersen sitzend, hockt Aluan, -und nachdem er lange geschwiegen hat, lächelt -er nachdenklich. „Ja, siehst du, Sahib,“ sagt -er zu mir, „das ist der Unterschied. Ich habe -eine Frau und kein Essen. Du hast Essen und -keine Frau.“ Auch hier spricht die Stimme -des Menschlichen zu mir, und mit leiser -Rührung betrachte ich die sanfte Neigung -seines Kopfes, wenn er mir zuhört, oder die -zärtliche Geste, mit der er nach einem Zipfel -meines Kleides hascht, seine Lippen darauf zu -drücken und mir für eine Kupfermünze zu danken. -</p> - -<p> -Aber ich habe noch andere Brüder, die heimkehrend -in den Stunden des Abends auf mich -<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> -warten. Hinter der Brücke am Wasser liegt -die kleine Moschee. In den Nächten des Ramadan -bin ich der Gast der alten Mollahs. -Hier ist Munir, der Erleuchtete, ich sitze zu -seinen Füßen und lausche auf seine Stimme. -Einmal fragen sie mich nach meinem Namen. -Ich sage ihnen, wie ich heiße; seitdem rufen -sie mich „Tarik“. Wir lesen einander Gedichte -in arabischer und deutscher Sprache vor, und -obwohl keiner des anderen Worte versteht, hören -wir doch einander zu und sind voll Andacht. -</p> - -<p> -Mein arabischer Diener, die alten Gelehrten -im Schatten der Moschee und Pater Joseph, -mit dem ich das Dach meines Hauses teile, -sind nun meine einzigen Freunde geblieben, vielleicht -noch ein sterbender Hund, den ich am -Wasser, krank und mit Wunden bedeckt, zwischen -dem Lärm der Bootsführer und Wasserträger -ganz in sich versunken, die geheimnisvolle -Arbeit des Todes verrichten sehe. Aber die -Stunden sind selten, da ich in ihrer Mitte bin. -Ich habe aufgehört, mir selbst zu gehören, in -<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> -eine Reihe inhaltsloser Tage gedrängt, ein bodenloses -Gefäß, das leer wurde, noch ehe wir -es zu füllen begannen. Nicht immer ohne Bitterkeit -trage ich diese Stunden und die Demütigungen, -die mit meiner Arbeit verbunden -sind; denn auch hier gilt nur, wer zu töten -berufen ist, und ein liebender Menschenpfleger -ist im Grunde eine verächtliche Gestalt. Möchte -mir nur die Liebe derer bewahrt bleiben, denen -ich, meiner selbst kaum mächtig, die letzte Kraft -meiner Hände reiche. -</p> - -<p> -Während ich diese Zeilen schreibe, blicke ich -vom Dach in den Hof auf die lange Reihe -ihrer Betten hinab, wo sie, ihrer Decken entblößt, -nebeneinander liegen, das eine Knie in -die Höhe gezogen, als stiegen sie noch im -Schlaf eine unendlich mühsame Treppe hinauf. -Und ich höre wieder die Stimmen der deutschen -Soldaten, die, heimgekehrt aus der Wüste, mir -von den bitteren Mühen ihres Lebens erzählen, -wie sie hier, am „Hintern der Erde“, von Hunger, -Krankheit und Heimweh zernagt, der letzten -<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> -Hilfe, des Beistandes ihrer Offiziere beraubt, -die sie ohne Grund in der Glut der Mittagsstunden -in der sommerlichen Wüste Schanzen -werfen ließen, in einer „türkischen Fremdenlegion“ -dienten. Noch gestern saß ich an dem -Bett eines sterbenden Offiziers, in dessen letzten -Träumen das bittere Gefühl versagter Freundschaft -umging, die Scham und der Vorwurf -gegen die Kameraden, die, Verbrecher aus Ehrgeiz -und Niedertracht, ihren Untergebenen die -Liebe verweigerten, die sie ihnen schuldig waren. -Nun tönt aus dem Schatten der Mauer die -Stimme eines jungen Soldaten, der seinen -türkischen Wärter ruft: „Mustapha, Musta — -pha!“ leise und kläglich, als riefe er seine -Mutter. Ich blicke auf und schaue den schwarzen -Strom hinunter, in dem die letzten Lichter -der Stadt sich spiegeln, blicke in das Wunder -der fallenden Sterne, die wie glühende -Geißeln über den nächtlichen Himmel peitschen, -die herabsickern, langsam fallende Schneeflocken, -silberne Tränen. Jetzt blitzen sie auf, gewaltige -<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> -lichthelle Kugeln, die eine unsichtbare Hand über -die Erde hinabwirft, zu schauen, ob der Krieg -noch immer nicht das verwüstete Lager entweihter -Unschuld verließ. Sie verlöschen, und -wieder wird Nacht. Aus dem Dunkel des -Flusses aber tönt die leise Stimme eines arabischen -Fischers, der in seinem Boote schlafend -den Strom hinabtreibt: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Die große Palme und der kleine Schößling sind dahingegangen,</p> - <p class="verse">Ich blieb allein zurück.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p> -Mitten in all das kommt Ihr Brief, und -ich fahre empor wie ein Schlafwandelnder. -Freude! Freude! Aber auch Kummer erfaßt mich. -Ich sehe die frischgelöschte Tinte Ihres Namens -darunter, als wäre ich eben in der Winterstille -durch den Schnee der Berge herabgekommen, -trete in das abendliche Zimmer und sehe, wie -Sie vom Tische aufstehen und aufhören zu -schreiben. Wie ich zu lesen anfange, erkenne ich -verwundert, daß ich selber es bin, an den diese -Worte gerichtet wurden. Werde ich wirklich -<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> -noch einmal diese Stube schauen? Wann wird -der Tag kommen, da mir und Euch allen die -Worte geschenkt sind: „Hier gebe ich Dir -Armin Wegner zurück.“ Wie anders wird die -Gestalt sein und die Seele, die wieder unter -die Augen der Freunde tritt. Ihr werdet die -ersten weißen Haare auf dem Haupte der Jugend -schauen. Denn es ist ein Weg ohne -Heimkehr, den wir beschreiten, an dem wir -wohnen wie die abgeschiedenen Seelen der -Babylonier, deren Nahrung der Staub ist, und -die von ihm zurückkehren, tun es nicht ungestraft. -Andere Augen sind es, mit denen sie -schauen; sie bleiben gezeichnet für den kommenden -Tag. -</p> - -<p> -Dennoch glühen unter der Asche dieser Tage -purpurne Flammen, die zuweilen urplötzlich hervorbrechen, -vor deren geheimer Gewalt ich erschrecke, -als wenn sie mich selber vernichten -müßten! Ein unbändiges Verlangen ergreift -mich, die Schritte hinaus zu setzen, in welche -Höhen und Abgründe sie auch führen mögen, -<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> -fort! fort! verkleidet in das Gewand eines -Beduinen, bettelnd, mit Aussatz bedeckt, und -sei es auch, um in der Wüste zu sterben. Aber -schon höre ich die Schritte der Häscher im Hof, -die mir das Blut in den Adern erkalten lassen. -Wohin? Wohin? ... Einst sagte mir ein -arabischer Wahrsager, den ich im Staub der -Straße um meine Zukunft befragte, indem er -die Würfel auf eine messingne Schale legte, -in die das Zeichen des Widders und des -Steinbocks gegraben war: „Was du im Herzen -trägst, wird in Erfüllung gehen.“ Aber was -ist es, das ich im Herzen trage: Tod, Leben, -Ruhm oder Untergang, Glück oder Verbrechen? -Auch der Gram ist nur eine Stufe der Lust; -hinter den härtesten Leiden noch gilt es zu jubilieren -wie eine Lerche. Nur eines weiß ich, -daß mit mir die Liebe ist, daß sie mich weiter -begleiten wird, und sei es auch zu den Abenteuern -und Ländern, die jenseits dieses Lebens -liegen. „Friede sei mit Dir!“ rufen mir die -Araber zu, denen ich des Nachts in den dunklen -<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> -Gassen begegne; mit mir aber geht der Unfriede, -mit meinem friedlichen Herzen die Unrast, die -mich durch alle Schmerzen der Erde von der -Hölle bis zu den Sternen treibt, immer duldend -und immer voll Neugier. -</p> - -<p class="sign"> -Ihr Armin, genannt Tarik, -das ist „der des Weges Schreitende“. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-21"> -<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> -Die vierzig Tage und Nächte -der Heimkehr -</h2> - -<p class="rec"> -An Pater Joseph -</p> - -<p class="date"> -Hadit, den 30. September.<br /> -Früh ½7, im Schatten eines alten Wasserrades. -</p> - -<p class="noindent"> -Bester Pater! Ihnen den ersten Gruß. -Daß es weiter geht. Daß die Erde sich -wieder rundet. Als Sie mich bei meiner Abreise -baten, Ihnen zu schreiben, schien mir dies -freilich ein Wunsch, dessen Erfüllung fern in -einer heimatlichen Schreibstube lag. Aber nun -ich die ersten Tage durch die Wüste gereist bin, -sehe ich, wie sehr meine Gefühle bei Ihnen -blieben, wie fremd mir die Heimat noch ist. -Dabei denke ich nicht ohne Genugtuung daran, -daß ich dieser letzten kurzen Erkrankung, die -mich nach den Anstrengungen der vergangenen -Wochen zum drittenmal auf das Lager warf, -den Aufbruch zur Heimkehr verdanke, die fast noch -<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> -in der Stunde des Abschieds an dem Mangel an -Wagen gescheitert wäre. Dieser Heimkehr, die -keine Heimkehr ist; denn auch meine verblutete -Seele liegt bei den Toten in der Steppe begraben -und wird nie wieder in das Land zurückkehren, -das ich vor kaum zwei Jahren verließ. -Wie oft muß ich mich unserer erregten Gespräche -in den verdeckten Kellern von Mesnil Schah -Bender erinnern und jener tröstlichen Worte, -die ich Ihnen zurückließ: „Meine Irrtümer -sind mir lieber als Ihre Wahrheiten.“ Aber ich -fühle auch, daß hinter allen Widersprüchen etwas -Menschliches lag, das wieder zu zittern anhebt. -Ja, jetzt erkenne ich, wie schwer mir der Abschied -wurde, seit das letzte Wahrzeichen der -Stadt verschwand, jene einsame Grabpyramide, -die halb zerfallen hinter Kazimen in der Wüste -steht. Zwei Tage sahen wir sie in der Sonne -leuchten, dann löste sie sich in Rauch auf. -</p> - -<p> -Heute werden wir zum erstenmal einen Tag -rasten. Die Kutscher haben die Splinte aus -den Wagen gezogen und sind in das Dorf -<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> -gegangen; so habe ich Zeit, in Geduld zu -warten. Ja, das Menschliche. Wie es mich -auch hier auf allen Dörfern und Wegen der -Wüste begleitet! Jener oft wiederholte Gruß -der Fellachen, jenes „Bruder, Bruder“, mit -dem uns die Beduinen die Früchte ihrer Felder -reichen, der Bettler die Hand nach uns ausstreckt, -scheint mir ein tägliches Gleichnis meiner -Gedanken. Oft, wenn ich in die Gasse ihrer -lehmgehärteten Hütten trete, gesellt sich ein -arabischer Junge zu mir. „Eier! Eier!“ ertönt -unsere Stimme vor den Türen, dann kommen -die Mädchen und Frauen aus den Höfen heraus. -Ich bleibe bei den Männern an ihren -Webstühlen stehen, mit ihnen zu plaudern (sie -hocken in einem Loch in der Erde). Zutraulich -legen sie mir die Hand auf die Schulter. Ich -sitze bei den Frauen auf ihren Matten, und sie -verschleiern sich nicht. -</p> - -<p> -Während aus den tönernen Schaufeln des -Wasserrades ein feiner Sprühregen über mich -herabfällt, blicke ich nach der schmalen Insel -<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> -des Euphrat hinüber, auf der zwischen Palmen -die Hütten aneinandergedrängt stehen, eine graue -Feste. Bronzene Gestalten treten zögernd in -das Wasser, das Bündel ihrer Kleider wie einen -wunderlichen Turban um den Kopf geschlungen. -Und wie ich dem Spiel ihrer Leiber zuschaue, -die sich schwer gegen die Strömung beugen, -wie sie, ihre Kinder auf dem Rücken tragend, -das Ufer hinaufklettern, über das die warme -Morgensonne streicht, fühle ich wieder, wie ich -trotz Tod und Tränen in dieses Land verliebt -gewesen bin. -</p> - -<p> -Täglich streifen wir viele Stunden weit durch -seine hungrige Weite. Schon vor Sonnenaufgang, -wenn die Pferde noch ungeschirrt an -den Wagen stehen, wandere ich zu Fuß hinter -der Karawane her. Blaß hebt sich die Staubwolke -unter den Tritten der keuchenden Tiere, -bis der Tag kommt, und der Schatten ihrer -spitzen Ohren deutet auf unseren Weg. Dabei -bin ich von einer so überquellenden Heiterkeit -und Fülle der Gesichte bewegt, daß es mir kaum -<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> -gelingt, im Weiterschreiten auf ein zerflattertes -Papier ein paar kurze Aufzeichnungen zu machen. -Welche Veränderung ist mit mir vorgegangen! -Selbst meine Uhr, die seit Monaten still stand, -begann drei Tagereisen hinter Bagdad wieder -zu gehen. Oder ich lehne in den heißen Mittagstunden -im Winkel unseres schaukelnden Pilgerwagens -und träume zwischen Wachen und Dämmern -von einem großen Manifest des Friedens. -Ist es Europa, dem ich mich nähere, das mich -so froh macht? Ich glaube, wenn es nach -Indien oder Ägypten ginge, ich könnte nicht -glücklicher sein. -</p> - -<p> -Gestern, schon in der Dunkelheit, wir waren -den ganzen Tag durch löchrigen Boden gefahren, -blieb unser Wagen allein in der Steppe -zurück. Ich war auf den Bock gestiegen und -hatte selbst die Zügel unserer vier Pferde in die -Hand genommen, aber die hartgewordene Krume -einer ausgetrockneten Wassermulde zersplitterte -unter unseren Rädern wie Glas. Die Pferde -zogen an, zerrissen die Stränge, zitterten und -<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> -blieben stehen. Und während der Kutscher mit -tränenverzerrtem Gesicht und einem „Hilf Allah“ -immer wieder vergeblich auf die Pferde einschlug, -ging ich im offenen Hemd und meinen weichen -Schlafschuhen allein eine Stunde weit unter -dem sternenbeglänzten Himmel, das nächste Dorf -zu suchen. Wie nahe wart Ihr mir alle, während -ich still vor mich hinschritt, einsame Worte mit -Euch tauschend. Ich hätte nur die Hand auszustrecken -brauchen, um das Schlagen Eurer -Herzen zu fühlen. O beglückende Müdigkeit, -als endlich auch unser Wagen in den finsteren -Hof der Karawanserei rollte, spät unter dem -offenen Wind zu schlafen, unter den Kaugeräuschen -der Tiere, die zwischen unsern Lagern -umhergehen. Dann tönt das Donnern der -Wasserräder lauter vom Fluß, und die Glocke -des Leithengstes klingt noch lange in unsern -Traum ... -</p> - -<p> -Grüßen Sie Aluan, Dschafar und Achmed -und die andern kleinen Bootsjungen, mit denen -wir hinab nach der Insel fuhren. Gedenken -<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> -Sie der Lebendigen und der Toten. Und wenn -Sie durch jene trümmerbesäte Straße gehen, -durch die wir oft im Dunkeln stolperten, so vergessen -Sie nicht, daß ich auch diesen Staub -unter Ihren Füßen noch liebte. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-22"> -<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> -Die vierzig Tage und Nächte -der Heimkehr -</h2> - -<p class="rec"> -Aus dem Tagebuche -</p> - -<p class="date"> -Rahije, den 2. Oktober,<br /> -abends ½6. -</p> - -<p class="noindent"> -Eben im Euphrat gebadet, Grund sehr steinig. -Die ersten stärkeren Wolkenzüge treten auf und -beschatten die Sonne. Die letzten Palmen sind -verschwunden. Vor Ana habe ich mir für -zehn Piaster ein schwarzes Lämmchen gekauft. -Schon drei Tage schleppe ich es mit mir und -habe die größte Freude, es während der Fahrt -auf dem Schoß zu halten und zu streicheln. -</p> - -<p> -Gestern nachmittag, wir fuhren, Wagen und -Karawane, in enggeschlossenem Zug, uns vor Überfällen -der Beduinen zu schützen (am Vorabend -waren deutsche Schahturs überfallen worden, -und es gab acht tote Araber), ein wenig schweigsam, -denn es war spät geworden, stand plötzlich -<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> -in der Abenddämmerung ein seltsames Zeichen -am Himmel. Ein langer, geschwänzter Strich -wie die helle Schnur einer Peitsche. War es -der rauchende Schweif einer Sternschnuppe oder -spiegelte sich der leuchtende Lauf des Euphrat -in den Wolken wider? Alle Blicke waren auf -den blassen Himmel gerichtet, wo es unverändert -fast zehn Minuten verweilte. „Das ist -ein Zeichen des Friedens,“ sagte eine Stimme. -Mir aber schien es eine feurige Geißel, die über -der Erde stand. Unwillkürlich neigte ich den Kopf, -als müßte ihr sausender Schlag auch über mich und -unsere kleine Karawane herabfallen, die mühsam -und gedrückt über den steinigen Grund dahinzog. -</p> - -<p class="date"> -Abu Kemal. Dreizehnter Tag.<br /> -Abends 5 Uhr. -</p> - -<p class="noindent"> -Heute nur acht Kilometer zurückgelegt. Kahle, -steinige Uferhöhen, die wir nur langsam hinaufklimmen, -verwahrloste Wege. Weite violettschimmernde -Hochebene, durch die der Fluß -stahlgrau dahinzieht. Überall liegen lose Brocken -<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> -zerstreut, als wäre ein ungeheurer Steinregen -herabgefallen. Gegen Mittag raste Hassan, der -Führer der Kutscher, mit seinem Wagen in das -ausgetrocknete Bett eines Flusses. Alle Pferde -bluteten. Zwei Räder waren völlig zerbrochen, -und der Wagen schleppte sich, auf den Speichen -rumpelnd, mühsam bis in den Chan. Gestern -ging ein Maultier mit allem Gepäck in den -Fluß, konnte aber gerettet werden. Ein Pferd, -das beim Tränken über die Uferböschung stürzte, -wurde abgetrieben. So gibt es täglich Verzögerungen. -Wir werden zwei Tage hierbleiben. -</p> - -<p class="date"> -El Gahsim, den 6. Oktober. -</p> - -<p class="noindent"> -Bei Sonnenuntergang unter dem Dach einer -weidengeflochtenen Hütte. Neben mir vor einem -Feuer von Eselsmist hockt ein blinder Araber. -Über mir an den Zweigen hängt in einem leinenen -Beutel der Koran. Ein ungeheurer Staubsturm -hat die Ebene mit einem schwarzen Mantel -bedeckt. Wir hatten eben abgekocht, als die -Wolke plötzlich über den Horizont sprang, Blitze -<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> -wie feurige Flammen. Von den hohen Wellen -des Euphrat wurde der Schaum so weit durch -die Luft gewirbelt, daß wir glaubten, es begänne -zu regnen. Zu meinen Füßen liegt alles durcheinander, -das noch fettige Geschirr, die Beutel -mit Reis und getrockneten Aprikosen, das rote -Fleisch der angeschnittenen Melone, alles mit -einer Schicht von grauem Staub bedeckt. Ich -fühle ihn zwischen Lippen und Zähnen. Heute -wurde unser Lämmchen geschlachtet. Ich hatte -es Mona Lisa getauft, und es sprang und -meckerte lustig auf unsern Halteplätzen umher. -In meinen Mantel gehüllt, versuche ich auf einer -Reihe von Kisten zu schlafen. Als ich wieder -aufwache, ist klare Nacht. Der blinde Araber -steht draußen im Mondschein auf seiner Matte -und betet. Die toten Augen sind in das -geisterhafte Licht gerichtet, unbeweglich, als -schaute er in eine wunderbare Landschaft. Nun -sehe ich es auch. Da beugt er den Kopf und -fällt in die Kniee. -</p> - -<p class="date"> -<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> -Salichie, den 7. Oktober.<br /> -Nachts 12 Uhr. -</p> - -<p class="noindent"> -Einsame Herberge in der Wüste. Ich lehne, -die Wache haltend, am Tor der verlassenen -Karawanserei. Draußen dämmert die endlose -Ebene. Der volle Mond steht am Himmel. -Es ist so hell, daß ich ohne Mühe schreiben -kann. Vom Hof tönt das Husten der brustkranken -Pferde, nur unterbrochen von dem Heulen -Hassans. Sie haben ihm den Rücken und die -Sohlen blutig geschlagen, weil er im Basar -von Ana die eisernen Ersatzteile der Wagen -verkauft hat, die die türkische Kommandantur -für uns requiriert hatte. Von Fußtritten verfolgt, -schleppt er sich von einem Winkel in den -andern. -</p> - -<p> -Ich trete in einen fensterlosen Raum der -Karawanserei. Als ich Licht mache, leuchten -mir von der berußten Gipswand in großen deutschen -Buchstaben die Worte entgegen: „Wo -waren wir gestern?“ Betroffen bleibe ich stehen, -leuchte mit dem Streichholz die Wand ab. -<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> -Ich zähle acht verschiedene Sprachen. Hier ist -eine Trommel mit gekreuzten Schlägern an die -Mauer gezeichnet. Deutsche Namen darunter -und das Datum: den 28. August 1914. Daneben: -Ankunft dritter Zug von Ekbatana, den -2. Januar 1915. Reise von Teheran nach -Bagdad und Stambul, Baruch Josephsberg, -77. Reg. Lemberg. Marga Imre, <span class="antiqua">5 Magyarka, -honvéd 13. IV. 16</span>. Marie Stirting, Erna -Erickson de Bender Abas <span class="antiqua">le 23. Julliet 15 en -route pour Beirut</span>. Dann die Inschrift eines -englischen Gefangenen: <span class="antiqua">Happy he, who return. -London, Holting-street.</span> Die Unterschrift ist -nicht zu entziffern. Namen, Namen. Deutsche, -englische, französische, ungarische, türkische, arabische, -hebräische, schwedische Inschriften. Es -nimmt kein Ende. Wie seltsam berührt es mich, -viele Tagereisen weit in der Wüste all jene mit -zahlreichen Zungen zu mir reden zu hören, die -gleich mir diese tote Stille durchwandert haben, -die vom Golf oder aus russischer Gefangenschaft -die endlose Reise über die persischen Berge -<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> -und durch die Wüste machten, von Hitze und -Kälte gepeinigt, eine Nacht in diesem fensterlosen -Raume zu schlafen. Wo sind sie, die -mit verrostetem Nagel dieses in den Mörtel -der Wand gruben? Hier hat einer sein Vaterhaus, -von Bäumen beschattet, an die Wand -gezeichnet. Neben manchem Namen ist ein -kleines Kreuz gemalt, heimkehrende Kameraden -haben es hinzugesetzt, dreimal sind sie den Weg -durch die Wüste gezogen. An der gegenüberliegenden -Wand steht eine arabische Inschrift: -„O Ali, Sohn des Hassan, ich habe Wasserrinnen -nach dir vollgeweint.“ Darunter auf -Türkisch: „In Bagdad und Umgegend habe -ich drei Monate im Elend gelebt. O Allah, -gib uns Barmherzigkeit und Frieden. Osman -Hakki Tefik, Hauptmann im Generalstab. Salichie, -den 4. Tamus 1333<a class="fnote" href="#footnote-3" id="fnote-3">[3]</a>.“ -</p> - -<p> -Als ich wieder hinaustrete, schlägt mir die -Nacht kalt entgegen. Ich gehe vorsichtig zwischen -den schlafenden Menschen und Tieren hindurch, -<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> -die zusammengekauert am Boden liegen. -Ermüdet setze ich mich auf den Leib des toten -Esels, der am Nachmittag gestorben ist. Bis -hierher schleppte er die blutgeschwollenen Glieder, -aber als die Maultiere, von ihrer Traglast befreit, -den wunden Rücken im Staube wälzten, -erhob er sich nicht wieder. Und ich denke an -den Weg zurück, den wir alle gewandert sind, -denke an meine Toten und wie sie mich ständig -begleiten. Wenn ich am Tage in der hellen -Sonne hinter der Karawane herschreite, winkt -mir ihr Gepäck vom Rücken der Maultiere -herab. Dunkel leuchtet ihr Name auf den -hellen Kisten, dem traurigen Rest ihrer Habe, -den ich mit mir zurück in die Heimat -trage, als ginge ich wie der Gläubige hinter -dem Leichnam her, den er in heiliger Erde -bestatten will, ihren geliebten Schatten in -Deutschland zu begraben. Des Abends am -Feuerloch ist mir, als müßte ich wie in früheren -Tagen mit ihnen die Mahlzeit teilen. Ich -blicke in ihr Gesicht: „Bist du es, alter Freund -<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> -und Wüstengefährte? Willst du Brot? Magst -du Tee?“ ... Ich fühle ihre Nähe, die mich -umgibt, die stille Gemeinschaft derer, denen wir -nicht mehr weh tun können. Ich schlafe in -ihrem Schatten. -</p> - -<p> -Fröstelnd lehne ich mich über den aufgetriebenen -Leib des toten Tieres, mit der Hand -seinen Hals liebkosend, der noch eine leichte -Wärme trägt. Wieder steigt jener freundliche -Gedanke des Friedens vor mir herauf, und -während ich einsam in der unergründlichen -Weite sitze, ist mir, als könnte ich deutlich auf -das künftige Europa hinabsehen, wie auf ein -heiteres Gebäude, das sich mit freundlichen -Zimmern und Gärten vor mir ausbreitet. — -</p> - -<p> -Zwei Uhr nachts. Es ist Zeit zum Wecken. -Ich reiße den Kutschern die Mäntel fort, die -sich zitternd zwischen ihren Futtersäcken erheben. -Nun habe ich noch eine Stunde Ruhe, aber -die Fledermäuse, die im Gebälk flattern, lassen -mich nicht einschlafen. Bald gehe ich hinter -der Karawane her. Vor mir raucht die unabsehbare -<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> -Ebene. Und wieder denke ich: o sie -liebten dich nicht, du grauer einsamer Boden, -alle, die ihren flüchtigen Namen an -die zerbröckelnde Wand dieser Herberge schrieben. -Sie dachten: Deutschland, oder England, -oder Schweden ... irgendwo dort hinten an -eine geliebte und menschenbelebte Scholle, zogen -vorüber und fluchten dir. Ich aber fühle -deine grenzenlose Weite in meinem Herzen. -Fühle in mir deine Sonne, deinen Wind, deine -Sterne. Fühle, wie mit jedem Schritt meine -Seele lebendiger und froher wird, als wanderte -ich vom Tode zurück in das Leben. -</p> - -<p class="date"> -Abu Herera, den 11. Oktober. -</p> - -<p class="noindent"> -Der letzte Leichnam? Als wir in die verlassene -Karawanserei treten, die von Unrat und üblen Gerüchen -erfüllt ist, liegt er in der offenen Tür. Die -ausgehungerte Gestalt eines zwölfjährigen armenischen -Knaben. Mit strohblondem Haar, den -Leib bis auf die Knochen abgemagert, Hände -und Füße wie Keulen. Nur der linke Arm -<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> -steckt noch in Lumpen. Als ich an den Fluß -trete, finde ich viele Gräber, zahllose alte Feuerstellen. -Ist dieses das Ende einer furchtbaren -und grausamen Jagd? -</p> - -<p> -Wieder tritt jener Auszug eines vertriebenen -Volkes vor meine Augen, durch dessen schmerzliche -Lager ich im vergangenen Jahr mit erschrockener -Seele geirrt bin. Bald begegnen -wir den ersten Flüchtlingen. Die Ränder aller -Wege sind mit ihren Knochen besät, die grell -in der Sonne bleichen. In Maden treffen wir -das erste Lager. Kinder und Frauen umdrängen -unsern Wagen, schlagen sich wund um ein -Stück Brot oder eine leere Melonenschale. In -Tibini haben sie einen kleinen Basar errichtet. -Bäcker, Fleischer und Schuster sitzen in der grellen -Sonne unter den ausgespannten Lumpen eines zerrissenen -Tuches auf dem nackten Steinboden und -bieten ihre Ware aus. Einen türkischen Offizier sah -ich beim Garkoch ein gebratenes Stück Fleisch -kaufen, und nicht ohne Bewunderung dachte ich: -sie haben dich in den Tod getrieben, du aber -<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> -bietest deinem Mörder für einen Metalik noch -in der Wüste ein Stück Fleisch an! -</p> - -<p> -Bei Rakka, in einem völlig verwahrlosten -schmutzigen Lager, traf ich einen dreizehnjährigen -Knaben. Er hatte seine Mutter und -seinen Bruder verloren, nur sein Vater lebte. -Er hieß Manuel. Einen weißen Lappen gegen -die Sonne um den Kopf gebunden, lief er, auf -auf einem Kuhhorn blasend, lachend zwischen -den Haufen der Hungernden, Kranken und -Sterbenden umher, die reglos dalagen oder, -dem Wahnsinn nahe, ihren Kot als Speise -verzehrten. Seine wohlgebaute, noch kräftige -Gestalt, sein offenes Gesicht gefielen mir. Ich -wollte ihn in unsern Wagen nehmen, um -ihn mit nach Deutschland zu bringen. Seine -geraden Augen leuchteten dunkel zu mir auf. -(Meine Mutter, dachte ich einen Augenblick, ich -will dir einen neuen Sohn schenken!) Ich ließ -mich zu seinem Vater führen, einem Händler -aus Alexandrette, den sie zum Wächter des -Lagers gemacht hatten, weil er lesen und schreiben -<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> -konnte. Aber obwohl sein Gesicht sich vor -Freude verklärte, war er so müde und abgestumpft, -und seine Angst vor den Gendarmen, -die Furcht um das eigene Leben waren so groß, -daß er keinen Ausweg finden konnte. -</p> - -<p> -Da ging ich selbst zu dem arabischen Aufseher. -Ich saß zwei Stunden auf seiner Matte -und bot ihm den Rest meiner Barschaft an. -Aber sie wollten ihn nicht freigeben. Ich versprach, -in Aleppo bei Hakki Bey, dem Leiter -der Ansiedlungen, für ihn zu bitten. Wieder -und wieder drückte ich ihre Hände, ich sagte: -ich werde in Deutschland an Euch denken. -Manuel begleitete mich bis an den Ausgang des -Lagers. Er wollte versuchen, in der kommenden -Nacht unserer Karawane nachzulaufen. Aber ich -glaube nicht, daß es ihm gelingen wird, unter -den Flintenschüssen der Gendarmen zu entfliehen. -</p> - -<p class="date"> -Mes kene, den 15. Oktober. -</p> - -<p class="noindent"> -Als es Abend wird, sitze ich mit dem Priester -Père Arslan Dadschad in der offenen Tür seines -<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> -Zeltes, und sie erzählen mir von ihren Leiden. Von -den 800 Familien der Stadt, mit denen sie auszogen, -von den vielen Tausenden, die er in der -Wüste begraben hat, darunter dreiundzwanzig -Priester und einen Bischof. Ihre Blicke schreien -mich an. „Du bist doch ein Deutscher“, sagen sie, -„und mit den Türken verbündet ... so ist es also -wahr, daß ihr selbst es gewollt habt!“ Ich schlage -die Augen herab. Was kann ich ihnen erwidern, -um sie Lügen zu strafen? Aus einer Tasche seines -Gewandes, in einen zerlumpten Fetzen gehüllt, -holt der Priester sein Christuskreuz, und als er -es andächtig mit Küssen bedeckt, kann ich, von -Rührung ergriffen, mich nicht enthalten, es -gleichfalls an die Lippen zu führen, dieses Kreuz, -das der Zeuge so vielen menschlichen Kummers -und Leidens gewesen ist. -</p> - -<p> -Ich sehe nach den abendlich rauchenden -Zelten und dem hellen Mond, der über der -dämmerigen Ebene aufsteigt. Das alles ist so -anheimelnd, daß ich mir einen Augenblick ein -friedliches Bild vortäuschen könnte. Frauen in -<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> -geschürzten Unterröcken und offenen Blusen machen -einen kleinen Abendspaziergang. Das Geschrei -spielender Kinder tönt herüber. Da höre ich -wieder ihre ängstlich forschende Stimme: ob ich -Armenier in den Städten am Euphrat getroffen -habe? „... Wir werden sterben, wir wissen -es.“ Er deutet auf sein zerlumptes Gewand: -„<span class="antiqua">Une fois j’étais un prètre, maintenant je -suis un mouton, qui va à mourir.</span>“ -</p> - -<p> -Ich gehe im Dunkel an den Fluß hinunter. -In einer Schlucht finde ich einen Haufen übereinandergetürmter -Menschengerippe. Weiße Schädel, -die noch mit Haaren bedeckt sind, ein -Becken, die Brustrippe eines Kindes, zierlich gebogen -wie eine Spange. Einen Augenblick überkommt -mich eine dumpfe Verzweiflung, die mir -die Tränen in die Augen treibt, als müßte ich -alle Hoffnungen, alle Keime der Liebe vernichten, -die mich je an das Lebendige banden. Unendlich -märchenhaft aber fließt der Fluß in die -weite Einsamkeit hinaus, in den unterspülte Erdschollen -zuweilen donnernd hinabfallen, und an -<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> -dessen Ufern ich verlassen dahinschreite, als wäre -ich der letzte Mensch. -</p> - -<p class="date"> -Der Hafir, den 16. Oktober. -</p> - -<p class="noindent"> -Eine grüne Oase, Weide mit Lämmerherden. -Ich liege, o Wunder, unter einem Baum und sehe -das Licht durch die schmalen Blätter scheinen. -Heute ist mein dreißigster Geburtstag. Zum dritten -Male, seit ich von Hause fortzog, sehe ich diesen -Tag sich wenden. Seit dem frühen Morgen -wandere ich in der hellen Sonne dahin, den Blick -nach dem hohen Himmel gerichtet, dort hinten, wo -die Stadt aufsteigen soll, nach der wir so lange -Wochen gewandert sind, der Liebe voll und der -starken Hoffnung des kommenden Lebens. Mit -welcher Freude verzeichnet das Auge das Auftauchen -jedes neuen Gegenstandes. Ein plätscherndes -Wasser, eine Blume, einen Regentropfen. -Schwarzblaue Wolken beschatten den -Himmel, und wieder bricht die Sonne hindurch. -Altweibersommer fliegt uns durch die Steppe -<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> -entgegen — die weißen Haare Europas, das -in Gram und Elend früh gealtert ist. -</p> - -<p class="date"> -Aleppo, den 19. Oktober.<br /> -Bei den deutschen Schwestern. -</p> - -<p class="noindent"> -Als das schwarze Haupt der Zitadelle sich -hinter den sanften Erdwellen aufreckt, geraten -die Pferde in schnellere Bewegung. Lächelnd -neigen die Kranken sich aus den Wagen, deren -hölzerne Kästen mit zerrissenen Planen klappernd -in die steinernen Straßen rollen, windbrüchige -Schiffe, die den letzten Sturm überstanden. -Wir haben die Bahnlinie erreicht, die uns -wieder mit Stambul verbindet. -</p> - -<p> -Mein erster Gang führt mich zu den Schwestern. -Sie haben für die armenischen Flüchtlinge zwei -Häuser eingerichtet, die mit Waisenkindern überfüllt -sind, die an der Straße liegen blieben. -Die meisten kommen aus Van oder Erzerum -und waren länger als sechs Monate unterwegs. -In den ersten Wochen war der Hof so dicht -von dem nackten Gestrüpp ihrer Scharen überwuchert, -<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> -daß sie sich gegenseitig zu ersticken drohten. -Als man das Haus reinigte, fand man im -Brunnenschacht die Leiche eines Kleinen, der -zwischen der Wildnis der Menschen dort schweigend -verschwunden war. Auch Frauen und Männer -halten sich unter ihnen versteckt. Ich habe angefangen, -ihre Schicksale aufzuzeichnen, wobei -Schwester Beatrix mir als Dolmetscher dient. -Nur mühsam beginnen sie aus Schwäche und Angst -vor neuen Leiden zu reden, bis die Fülle ihres -Elends sie fortreißt und sie in Tränen ausbrechen. -</p> - -<p> -In den letzten Tagen habe ich zahlreiche -fotografische Aufnahmen gemacht. Man erzählt -mir, daß Dschemal Pascha, der Henker von -Syrien, bei Todesstrafe verboten hat, in den -Flüchtlingslagern zu fotografieren. Zusammengerollt -trage ich diese Bilder des Entsetzens und -der Anklage unter meiner Bauchbinde versteckt. -In den Lagern von Meskene und Aleppo sammelte -ich viele Bittbriefe, die ich in meinem Tornister -verborgen habe, um sie an die amerikanische Botschaft -in Konstantinopel zu bringen, da die Post -<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> -sie nicht befördern würde. Ich zweifle keinen -Augenblick, damit eine hochverräterische Handlung -zu begehen, und doch erfüllt mich das Bewußtsein, -diesen Ärmsten wenigstens in einer schwachen -Hinsicht geholfen zu haben, mit dem Gefühl -größeren Glückes als jede andere Tat es vermöchte. -</p> - -<p class="date"> -Konia, den 28. Oktober.<br /> -Im Bade. -</p> - -<p class="noindent"> -Heute ist der neununddreißigste Tag, seit wir -Bagdad verließen. Da der Zug über Mittag liegen -bleibt, gehe ich ein paar Schritte in die herbstliche -Stadt. Müde setze ich mich in die verlassene -Moschee, hocke mich in einer Nische auf -den Boden, lege den Daumen hinter die Ohrläppchen -und fange zu grübeln an. Bald kommen -die Leute und Soldaten von der Straße -herein. Ein paar Vögel zwitschern in der -Kuppel, die Stimme des Vorbeters klingt, von -tiefem Schweigen unterbrochen, durch den Raum. -Einen Augenblick denke ich, von einem Schwindel -der Gefühle erfaßt: Gott, wo bist du? So -<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> -schlafe ich ein und erwache erst, als das Bethaus -leer ist, und wie zur Antwort singt eine grenzenlose -Öde durch den Raum. -</p> - -<p> -In weiße Tücher gehüllt, liege ich auf der -Ruhebank des Bades. Nur gedämpft klingt -der Lärm der Stadt herüber, ein blaues Licht -fällt durch die Decke herab. Noch brennt mir -die Haut von dem heißen Seifenwasser, und -verwundert schaue ich mein sonnenverbranntes -Gesicht im Spiegel, den langen Bart, der mir -in der Wüste gewachsen ist. Zuweilen aber -sinke ich in Träume, dann steigt gewaltsam -und furchtbar ein Werk vor mir auf, von -dem ich glaube, daß es zu dem Grausamsten -gehören muß, was je über menschliches Elend -geschrieben wurde. -</p> - -<p> -Ehe ich Aleppo verließ, ging ich in das -Polizeigebäude, um bei dem Leiter der Ansiedlungen -für Manuel zu bitten. Aber obgleich -er drüben in seinem Amtszimmer saß und -ich seinen Kopf durch die Scheiben erblickte, -ließ er mir durch den Diener sagen, er wäre -<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> -verreist. In allen Gesichtern, die aus den -Türen sahen, wohnte ein feiges Gewissen. Ich -ließ mich bei seinem Vertreter melden. Alle -waren sehr höflich, und wie immer bot man -mir eine Schale Kaffee an. Doch während -ihm Angst und Lüge deutlich in die Augenwinkel -geschrieben stand, wagte er doch zu behaupten, -mit der Frage der Ansiedlungen hätten -sie nichts zu schaffen. So trat ich, ohne ein -Wort meiner Bitte vorgetragen zu haben, wieder -hinaus, die Treppe hinunter, an den Polizisten -vorbei, die mit falschen Gesichtern in den -Winkeln standen. -</p> - -<p> -Von Neuem breitet der Badewärter ein frisches -Laken über mich. Ein wohliges Gefühl -entfesselt alle Glieder. Aber schon im Halbschlaf -sehe ich noch einmal die bloßen braungebrannten -Füße des armenischen Knaben vor -mir, die schon so viele Meilen in die Ferne gewandert -sind. Seine dunklen Augen blicken -fragend zu mir auf ... Manuel wird in der -Wüste sterben. Ich habe ihn nicht wiedergesehen. -</p> - -<hr class="footnote" /> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-3" id="footnote-3">[3]</a> der Hedschra. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-23"> -<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> -An die Großmutter -</h2> - -<p class="date"> -Kospoli, den 12. November 1916.<br /> -An Bord des Corcovado, Goldenes Horn. -</p> - -<p class="noindent"> -Nur diesen Gruß, mein greises geliebtes -Haupt, nur dieses Wort, daß ich da bin, tausend -Stunden näher an Deinem Herzen! Nichts -mehr von Undank und Bitterkeit! Nichts von -Vergangenheit, nichts von Zukunft! In dieser -Stunde nur Freude! Daß ich zurückgekehrt -bin mit unerhörten Reichtümern des Geistes -und Herzens, mit unersetzbaren, märchenhaften -Schätzen des Leides. Nun da ich hier bin, gerettet, -um das Martyrium dieses Weges, für -mich und alle Opfer, die er gekostet hat, immer -von neuem zu durchleben, fühle ich, wie hinter -mir die Wüste zu wachsen beginnt, Meilen und -Meilen wandernd in das Ewig-Ungewisse hinein. -Nun erst erkenne ich, wie fern, wie fremd ich -Euch war. Aber ich fühle auch, wie in mir -<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> -das Wiedergeborene sich aufhebt, wie tausend -Stricke mich rufen: Spanne dich ein, den -Schatz zur Höhe zu winden, den zu entdecken -du in so weite Tiefen hinab mußtest! -</p> - -<p> -Sollte es mich dem gegenüber bedrücken, daß -dieser Krieg noch immer nicht in sich selber zusammenbrach? -Daß ich, zwischen unüberbrückbare -Widersprüche und Welten gesetzt, mich -zweifelnd umschaue, wohin ich die Schritte bewegen -soll, vor mir die Hölle der Somme, -in meinem Rücken die Wüste? In dem -Rumpf eines alten Schiffes wohnend, in dessen -Kajüten man die deutschen Soldaten einquartiert -hat und das rostig, von Seemuscheln bedeckt, -im Goldenen Horn vor Anker liegt, trete ich -zuweilen an die Reeling. Und zwischen abgetakelten -Seegelbooten, zwischen schwarzbauchigen -Dampfern, deren eingeschlafene Schrauben von -Seetang bedeckt sind, zwischen Schornsteinen, -Brückenpfeilern und Speichern sehe ich die -grauen Leiber der Schlachtschiffe schimmern. Ja, -vielleicht werde ich morgen, von denen fortgeschickt, -<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> -denen ich so lange gedient habe, dort -über das Fallreep treten, die Hände an der -Naht und die Füße zusammengeschlagen, mit -der Bitte, mich anzumustern, wieder wie in -Knabentagen eine Matrosenbluse und einen -Schifferknoten zu tragen, von Seewind umjubelt. -Aber dahinter steht ein anderes Bild, und die -Hand auf das Geschütz oder die Fahne gelegt, -inmitten des grauen Kasernenhofes einer herbstlichen -Stadt, höre ich mich mit anderen die -Worte sprechen: „Ich, Armin Wegner, schwöre -zu Gott dem Allmächtigen und Allwissenden -einen leiblichen Eid, daß ich seiner Majestät dem -Könige von Preußen zu Lande und zu Wasser -...“ hier aber wird es plötzlich still -um mich, und umgeben von einem kalten -Schweigen höre ich einsam, als wären -sie etwas Fremdes, Losgelöstes, von meiner -Lippe die Worte fallen: „Daß ich niemals -einen Menschen töten werde, an welchen Orten -der Erde es immer sei! Niemals das -Geschütz oder Gewehr gegen meine fremden -<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> -Brüder zu richten. So wahr mir Gott -helfe!“ -</p> - -<p> -Da streift helle Sonne mein Gesicht. Ich -sehe, wie die dunkle Welle, in die mein Blick -noch eben träumend versenkt war, blauleuchtend -zu blitzen und zu schäumen anhebt. Und ich -begreife aus den Erfahrungen einer langen Jugend -heraus, daß ich nicht mehr traurig sein -darf, daß nie wieder etwas aufstehen kann, mich -zu beugen oder zu brechen, so fratzenhaft Rätsel -auch immer vor mich hintreten mögen, die zu -lösen fast übermenschlich scheint und deren Ungelöstheit -doch den Tod bedeutet. Sind wir -nicht immer auf einer Reise begriffen? Ist die -Küste nicht stets von Nebel verhüllt? Wenn -ich des Nachts in meiner engen Schiffskabine -liege, und mein Blick trifft aufwachend auf -die Matratze des darüberliegenden Kameraden -und die engen hölzernen Wände dieses vermodernden -Kastens, in dem es nach Schwefel -und Wanzen riecht, dann ist mir, als wäre ich, -wie in vergangenen Jahren<a id="corr-2"></a>, auf irgendeiner -<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> -abenteuerlichen Fahrt begriffen, als müßte ich -beim ersten Schlagen der Glocke auf Deck und -an die Brüstung eilen, eine fremde, märchenhafte -Küste zu schauen oder ein grünes Ufer -der Heimat, an dem auch Dein weißes Haar -wehte wie eine seidene Fahne des Friedens. -</p> - -<p> -Wird es morgen sein? Wieviel Jahre werden -vergehen? O, ich begreife, daß ich ein Recht -habe, glücklich zu werden ... Freude! In -dieser Stunde nur Freude! Nichts von Vergangenheit, -nichts von Zukunft! War nicht -jede See, die wir durchschwammen, nur der -Vorbote eines größeren Meeres, in das wir -uns stürzten, des geretteten Lebens froh und der -neugewonnenen stärkeren Kräfte? O schöpferische -Tat des Geistes, Kraft der Seele, die aus gemartertem -Dasein geläutert emporsteigt, und du, -gewaltigste Pflicht, die ich mich freudig bereite -zu erfüllen, beglänzt von der Sonne des dreißigsten -Jahres, zu schaffen, zu leben für Dich, -mich, uns alle! -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-24"> -<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> -Inhalt -</h2> - -<div class="table"> -<table class="toc" summary="TOC"> -<tbody> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col_page">Seite</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">An die Großmutter</td> - <td class="col_page"><a href="#page-1">1</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">An die Frau eines im Kriege weilenden Soldaten</td> - <td class="col_page"><a href="#page-8">8</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">An die Eltern</td> - <td class="col_page"><a href="#page-12">12</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">An eine Schwester von Gül-Hane</td> - <td class="col_page"><a href="#page-16">16</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Traum auf dem Kelek</td> - <td class="col_page"><a href="#page-24">24</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">An Carl Hauptmann</td> - <td class="col_page"><a href="#page-27">27</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">An die Frau eines im Kriege weilenden Soldaten</td> - <td class="col_page"><a href="#page-34">34</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">An die Großmutter</td> - <td class="col_page"><a href="#page-44">44</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Ein Vermächtnis in der Wüste</td> - <td class="col_page"><a href="#page-48">48</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">An eine Freundin</td> - <td class="col_page"><a href="#page-60">60</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Brief an die Mutter</td> - <td class="col_page"><a href="#page-64">64</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Letzter Brief an die Eltern, Brüder, Freunde, Mitmenschen und Geliebten</td> - <td class="col_page"><a href="#page-78">78</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">An eine Freundin</td> - <td class="col_page"><a href="#page-85">85</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">An die Mutter</td> - <td class="col_page"><a href="#page-91">91</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">An die Mutter</td> - <td class="col_page"><a href="#page-99">99</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">An einen Freund</td> - <td class="col_page"><a href="#page-106">106</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Brief an die Eltern</td> - <td class="col_page"><a href="#page-112">112</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Der Triumph der Mutter</td> - <td class="col_page"><a href="#page-123">123</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">An Carl Hauptmann</td> - <td class="col_page"><a href="#page-133">133</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Die vierzig Tage und Nächte der Heimkehr (an Pater Joseph)</td> - <td class="col_page"><a href="#page-145">145</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Die vierzig Tage und Nächte der Heimkehr (aus dem Tagebuche)</td> - <td class="col_page"><a href="#page-152">152</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">An die Großmutter</td> - <td class="col_page"><a href="#page-173">173</a></td> - </tr> -</tbody> -</table> -</div> - -<div class="ads"> -<p class="big unwrap hdr"> -<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> -Werke<br /> -von<br /> -Armin T. Wegner -</p> - -</div> - -<div class="ads"> -<p class="hdr"> -<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> -Im Verlage von <em>Egon Fleischel & Co.</em> erschienen -</p> - -<p class="books"> -Zwischen zwei Städten 1909<br /> -Gedichte in Prosa 1910<br /> -Höre mich reden, Anna-Maria 1912<br /> -Das Antlitz der Städte 1917<br /> -Der Weg ohne Heimkehr 1919 -</p> - -<p class="hdr"> -<em>In Vorbereitung befinden sich:</em> -</p> - -<p class="books"> -Im Hause der Glückseligkeit<br /> -Türkische Novellen -</p> - -</div> - -<div class="ads"> -<p class="big hdr"> -<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> -Das Antlitz der Städte -</p> - -<p class="price"> -Preis geh. M. 3,—; geb. M. 5,50 -</p> - -<p> -<em>Carl Maria Weber</em> in der <em>Bonner Zeitung</em>: Unter -unsern zeitgenössischen Lyrikern hat kaum einer das Erleben des -geistigen Großstädters, das benervte Schauen, das wollüstig-grausame -Verfallensein an dieses Geröll von Lebendigem und Seelenlosem -mit solcher Intensität gestaltet wie <em>Armin T. Wegner</em>. Visionen -sind hier geballt von bedrückenden Schattendimensionen. Gläserne -Dichte haben für ihn Mauern und Wände, kochende Lust und sieches -Elend zudeckende Gewänder. Denn dieses Buch der Städte ist kein -Bilderbuch (und keine ist irgend genannt; er meint <em>die</em> Stadt als -dämonisches Wesen, Irrgarten der Leidenschaften, Denkmal menschlicher -Kraft und Unnatur); er sagt auch — und zumeist vom -Menschen aus, der sie schuf, der in ihr gefangen ist, an tausend -Ketten zerrend, ihrem Mittelpunkt — wie er der Mittelpunkt der -Welt überhaupt ist (oder doch sein sollte). Gesunde, unschwüle und -unsentimentale (also unverlogene) Sinnlichkeit strahlt allenthalben -auf — was Wunder, daß selbsthasserische, puritanische Schnüffelbolde -zum Staatsanwalt liefen, der im Interesse der öffentlichen Moral -auch (kurz vor der Revolution) gleich bei der Hand war, die Konfiskation -des inkriminierten Buches zu veranlassen. -</p> - -<p> -<em>Hans Franck</em> in der <em>Frankfurter Zeitung</em>: Es gibt kein -deutsches Versbuch, in dem das Gesicht der großen Stadt mit gleicher -Wucht und Wahrhaftigkeit durch das Wort nachgestaltet wurde. -</p> - -<p> -<em>Richard Dehmel</em>: Und alle Lebensgluten sind mit der Ehrfurcht -betrachtet, die das Häßliche wie das Schöne als gottgewollt liebt -und das irdische Grauen himmlisch verklärt. -</p> - -<p> -<em>Nord und Süd</em>: Ein ethischer Wanderer ist er, großen Stils. -</p> - -<p> -<em>Josef Winkler</em> in der <em>Rheinisch-Westfälischen Zeitung</em>: -Er ist der erste Sänger der modernen Großstadt, wie sie wirklich ist. -Man behauptete mal, wenn nur eine Großstadt bestehen bliebe, -könne diese mit ihren Menschen und Mitteln aus einem Weltuntergang -unsere ganze Kultur neubauen. An diesen Ausspruch muß -man denken vor dem Reichtum, den Wegner in seinem Buch aufdeckt: -vom titanischen Rhythmus des ungeheuren Schaffens der zusammengeballten -Millionen .... Ich begrüße ihn als einen wahrhaft -schöpferischen, visionär begnadeten Dichter. -</p> - -</div> - -<p> </p> -<p> </p> -<hr /> -<p> </p> - -<div class="trnote"> -<p id="trnote" class="transnote"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p> -Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. -Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt -(vorher/nachher): -</p> - -<ul> - -<li> -... des Todes bedeutet, <span class="underline">nnd</span> das der bekannte ...<br /> -... des Todes bedeutet, <a href="#corr-0"><span class="underline">und</span></a> das der bekannte ...<br /> -</li> - -<li> -... geboren. Als könnte ich <span class="underline">dir</span> heute nur all jene ...<br /> -... geboren. Als könnte ich <a href="#corr-1"><span class="underline">Dir</span></a> heute nur all jene ...<br /> -</li> - -<li> -... wie in vergangenen Jahren auf irgendeiner ...<br /> -... wie in vergangenen Jahren<a href="#corr-2"><span class="underline">,</span></a> auf irgendeiner ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - -<p> </p> -<p> </p> -<hr class="full" /> -<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEG OHNE HEIMKEHR***</p> -<p>******* This file should be named 55371-h.htm or 55371-h.zip *******</p> -<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br /> -<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/5/5/3/7/55371">http://www.gutenberg.org/5/5/3/7/55371</a></p> -<p> -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed.</p> - -<p>Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.</p> - -<p>1.F.</p> - -<p>1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment.</p> - -<p>1.F.2. 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It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life.</p> - -<p>Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org.</p> - -<h3>Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation</h3> - -<p>The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws.</p> - -<p>The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact</p> - -<p>For additional contact information:</p> - -<p> Dr. Gregory B. Newby<br /> - Chief Executive and Director<br /> - gbnewby@pglaf.org</p> - -<h3>Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation</h3> - -<p>Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS.</p> - -<p>The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit <a href="http://www.gutenberg.org/donate">www.gutenberg.org/donate</a>.</p> - -<p>While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate.</p> - -<p>International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.</p> - -<p>Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate</p> - -<h3>Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.</h3> - -<p>Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support.</p> - -<p>Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition.</p> - -<p>Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org</p> - -<p>This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.</p> - -</body> -</html> - diff --git a/old/55371-h/images/cover-page.jpg b/old/55371-h/images/cover-page.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 05f8472..0000000 --- a/old/55371-h/images/cover-page.jpg +++ /dev/null |
