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-The Project Gutenberg eBook, Der Weg ohne Heimkehr, by Armin T. Wegner
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-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-Title: Der Weg ohne Heimkehr
- Ein Martyrium in Briefen
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-Author: Armin T. Wegner
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-Release Date: August 16, 2017 [eBook #55371]
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-Language: German
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-Character set encoding: ISO-8859-1
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-***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEG OHNE HEIMKEHR***
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-E-text prepared by Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading
-Team (http://www.pgdp.net) from page images generously made available by
-the Google Books Library Project (https://books.google.com)
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-
-Note: Images of the original pages are available through
- the Google Books Library Project. See
- https://books.google.com/books?id=EnDHAAAAMAAJ&hl=en
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-DER WEG OHNE HEIMKEHR
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-Zweite Auflage
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-ARMIN T. WEGNER
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-DER WEG OHNE HEIMKEHR
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-Ein Martyrium in Briefen
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-Im Sibyllen-Verlag zu Dresden
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-Alle Rechte, besonders das der
-Übersetzung, vorbehalten.
-Copyright 1920 by
-Sibyllen-Verlag, G. m. b. H.,
-Dresden.
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- Für ein greises geliebtes Haupt
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- Die große Palme und der kleine Schößling sind
- dahingegangen.
- Ich blieb allein zurück.
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- Aus einem arabischen Liede.
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-Diese Briefe reden vom Tode, manche sind an Tote gerichtet. Als ich sie
-schrieb, wußte ich nicht, daß ich sie einmal zu einem Buche vereinen
-würde. Aber im Angesicht der Vernichtung, unter dem fahlen Horizont
-einer ausgebrannten Steppe, wurde unwillkürlich der Wunsch in mir wach,
-in diesen vielleicht letzten Äußerungen des Daseins über die
-persönlichen Freunde hinaus einer größeren, unsichtbaren Gemeinde etwas
-von dem zu sagen, das mich bewegte. Dieser Wunsch schlief auch dann
-nicht ein, als ich in schwerer Stunde aus den Mauern einer auf viele
-Meilen in die Einsamkeit verbannten Stadt jenen letzten Abschiedsbrief
-schrieb und nach menschlichen Überzeugungen mit dem Tode rechnen mußte.
-Damals wurden einige dieser Briefe in Deutschland gedruckt, wo sie
-leidenschaftliche Erregung erweckten; einer, den die Zensur aufgriff,
-verursachte später meine Rückberufung aus der Türkei. Dies, sowie die
-empörte Anteilnahme, die mich zu jenem unglücklichen Volke zog, dessen
-furchtbaren Untergang ich erleben mußte, waren der Grund, daß man mir
-nach meiner Rückkehr aus Bagdad die Bitte, auch weiterhin in diesem
-Lande zu verbleiben, das ich durch die Erhabenheit seiner heroischen
-Landschaft, die Fülle der erfahrenen Leiden liebgewonnen hatte,
-versagte. Als sich meine Abreise von Konstantinopel durch die
-Schwierigkeiten der Behörden verzögerte, wurde ich durch Soldaten der
-deutschen Militärmission verhaftet und bis zu meiner zwangsweisen
-Abfahrt auf einem Dampfer im Goldenen Horn interniert.
-
-So blieben diese Briefe nicht nur Angelegenheit der Wenigen, für die sie
-bestimmt waren, sondern wurden zu dem Bekenntnis eines von Schmerzen
-erfüllten Weges, bemüht, einen Ausdruck zu finden für die Kämpfe des
-Menschen dieser Zeit, als noch der Glaube einsamer Seelen war, was viele
-jetzt laut auf den Lippen tragen. Zwar: die alte Erde umgibt mich
-wieder. Dennoch sollte auch ich von jener traurigen Straße, auf der ein
-unbekanntes Schicksal mich verschont hatte, nicht wieder zurückkehren.
-Ist es das eigene Herz, das ich verwandelt sehe? Ist es der Atem der
-getöteten Heimat, die mich vergeblich nach Menschen, Gedanken, Zuständen
-suchen läßt, die ich verlassen habe, um sie nie mehr zu finden?
-
-_Berlin_, Januar 1919.
-
- A. T. W.
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- Der Weg ohne Heimkehr
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- An die Großmutter
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- Konstantinopel, den 24. Oktober 1915.
- In einem Hotelzimmer.
-
-Wie lange liegt nun der letzte Tag wieder hinter mir, ich kann seine
-Küste nicht mehr schauen. Ich weiß nicht, war ich der Schwimmer, der
-sich mit einem jähen Ruck von seinem Strande losriß, oder war es das
-Land selbst, das sich ablöste von mir, das eine unendliche Weite
-zwischen uns stieß, während ich, die geliebte Küste vor Augen, hinter
-der Brandung kämpfe, die mich immer weiter hinausträgt. Noch sehe ich
-das Haar Deiner Schläfe, das sanfte, melancholische Blau Deines Auges.
-Aber hier ist nur noch Nebel, ich kann es nicht mehr unterscheiden.
-
-Mein alter Kamerad! Denn so darf ich wohl sagen, nun wir zehn Jahre und
-mehr miteinander geschritten sind. Du freilich schon länger mit mir.
-Aber erst in späteren Tagen fingst Du an, mir jene tiefe Liebe
-entgegenzubringen, hinter der mein Dank nur immer zu weit zurückbleibt,
-vor der alle Hoffnungen und Ergebnisse meines Lebens nur die Früchte
-Deiner Mühen und Zärtlichkeiten sind. Diese Liebe, die es dazu gebracht
-hat, daß eine alte Frau, mit den unendlichsten Augen, die ich kenne,
-weißhaarig und schon einmal vom Tode umfangen, immer das Glück und die
-Weisheit meiner Jugend gewesen ist.
-
-Ich habe den Vater wiedergesehen. Ich fand ihn, eine alternde Ruine, dem
-Umfallen nahe. Aber dies war es nicht allein. Zwei Stunden ehe ich
-reiste, der Wagen war bestellt und wir saßen beim Nachtmahl, schwankte
-der Vater, von einer plötzlichen Übelkeit befallen, gegen den Tisch.
-Eine Leichenblässe stieg ihm mit schreckhafter Geschwindigkeit in das
-Gesicht. Mutter und ich sahen ihn an. Wir saßen ganz ruhig. In der Tiefe
-meines Herzens war ein Geräusch, als hämmerte jemand unten im Keller.
-Wir dachten beide dasselbe, wir dachten daran, wie Großvater gestorben
-ist. Ich fühlte eine grauenhafte Leere durch meinen Körper gehen. Aber
-es war nur ein Augenblick, dann ging es vorüber, noch einmal vorüber.
-Wir legten den Vater auf das Sofa und ihm wurde bald besser. Aber wir
-hatten alles in dieser einen Sekunde gefühlt. Mutter begann unter der
-Last dieses Schreckens zu weinen. Hatte sie ihn nicht einst geliebt? Ich
-aber fühlte, was ich immer gewußt habe, daß dieser Tod nur ein
-Schrecken, kein reiner Schmerz für mich sein wird. Sollte ich die
-Ursache meines Daseins nicht lieben? Sollte ich die Ursache meines
-Daseins nicht hassen? Ich sah das Gesicht meiner Mutter, die eine
-Sekunde lang um dieses Leben gebangt hatte, und eine furchtbare Angst
-ergriff mich. Der Arzt kam. Aber ich konnte meine Gedanken nicht
-zusammenhalten, ich verstand nicht, was er sagte, und blickte wie ein
-Abwesender an ihm vorüber.
-
-Man sagte mir, ich sollte reisen. Erleichtert atmete ich auf. Welch eine
-furchtbare Marter wäre es mir gewesen, um dieses kranken Vaters willen
-zu bleiben. Wie gerne hätte ich um eine Stunde an der Seite dieser
-schmerzzerrissenen Mutter gebettelt. Aller Besinnung beraubt rannte ich
-durch die Wohnung wie durch die Räume eines brennenden Hauses und
-schaute mich voll Verzweiflung um, was ich noch aufraffen und mitnehmen
-könnte. Mein Auge fiel auf das Antlitz meiner Mutter. Aber dies war kein
-Bild, das ich in die Hand nehmen und forttragen konnte. Jetzt löste es
-sich ab von mir, schwankte, ein tränenbeladener Kahn, in den Abgrund
-hinunter. Mein Vater stand neben mir, aber es war nicht, als stände ein
-Mensch an meiner Seite, ein Turm vielleicht, ein wankender Torbogen,
-durch dessen Öffnung ich unaufgehalten hindurchschritt. Er hat mir kein
-Wort der Liebe zum Abschied gesagt, und ich ging doch hinaus, um bei dem
-Tode zu wohnen. Ich streichelte über seine runzlige Wange, wie man über
-die Risse eines alten Topfes streicht, ob man sie noch einmal zukitten
-könne, und fühlte, wie unfähig ich war, diesem alternden Manne noch
-jemals eine Freude zu bereiten.
-
-Ich fuhr alleine zum Bahnhof. Fuhr in die Nacht hinaus, die grauenvolle
-Ruine dieses Gesichtes im Gedächtnis und das tränenüberströmte Antlitz
-meiner Mutter (o du über alles geliebte Landschaft im Regentag!), die in
-diesem Augenblick zwei Menschen zu verlieren fürchtete. Ich legte meinen
-Kopf zwischen die Soldaten auf die Holzbank, froh, Deutschland wieder
-hinter mir zu haben, und auch der Herzschlag des Zuges, der mich sonst
-noch in den traurigsten Stunden, das Rollen der Räder und die wandernde
-Landschaft unter mir, mit Freude erfüllt hatte, konnte mir keine
-Erlösung bringen. Auch in meiner Seele war nichts als Lärm und
-Räderrollen. Ich war selbst nur ein Rad, mit rasender Geschwindigkeit um
-seine eigene Achse gedreht, und in diesem trostreichen Bewußtsein ging
-alles Denken unter.
-
-Die Reise, durch Mühsal und Häßlichkeiten auseinander gezerrt, dehnte
-sich über viele Tage, und je länger sie währte, um so mehr wuchs der
-Abgrund, der sich zwischen mich und Deutschland stellte. Erst heute habe
-ich das Buch geöffnet, das du mir mitgegeben hast, habe die Bezüge für
-das Kopfkissen gefunden, Deine Zeilen gelesen. Heute nacht werde ich
-darauf schlafen. Wieder sehe ich Deine großmütterliche Stirn sich auf
-mich neigen. Wie das Gaslicht auf der schwarzen Seide Deines Kleides
-glänzt. Fühle die weiche Blüte Deines Mundes an meinem Kinn. Mein alter
-Kamerad, warum wurdest Du, fünfundsiebzigjährig, nicht nach mir geboren,
-um an meiner Seite, meine Gefährtin, noch lange über diese Länder zu
-schreiten? Einmal wirst Du sterben und ich werde nicht bei Dir sein.
-Einmal werde ich sterben und Du wirst nicht bei mir sein. Ach, der Krieg
-hat alle Brücken zerbrochen. Zu sterben ist die letzte Freude geblieben,
-aber auch diese noch ist nicht ungetrübt. Der erste meiner Freunde hat
-die Stufe des Todes betreten, der zweite den Fuß auf seine Schwelle
-gesetzt. Ich fühle, wie sich die Wage mit Toten füllt. Werde ich Leben
-genug in mir haben, um allein in der anderen Schale das Gleichgewicht zu
-halten? Doch ob ich auch hier an der alten Straße der Glückseligkeit
-zwischen trojanischen Münzen und türkischen Soldatengräbern verfaulen
-sollte, ein betrogener Liebhaber des Lebens, glaube nicht, daß ich Dir
-verloren ginge, bin ich doch nur, Du Gütigste über der Erde, ein Enkel,
-ein Teilchen, das Ende eines Knöchelchens von Dir.
-
- Dein junger Kamerad.
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- An die Frau eines im Kriege weilenden Soldaten
-
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- Pera, den 7. November 1915.
- Mit dem Blick auf das Goldene Horn.
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-Wenn du diesen Schlüssel wieder in Händen hältst, meine Liebe, so denke
-daran, daß ich ihn an jenem letzten Tage bei mir getragen habe, als ich
-mit Dir eine finstere Treppe hinaufstieg, um auf einer kalten Diele die
-Wärme Deines Leibes zu finden. Durch so viele Länder, durch so viele
-verschiedenartige Stunden des Tages habe ich ihn bei mir getragen, das
-Letzte, was ich von Dir besaß, und jedesmal, wenn ich ihn zufällig in
-meiner Tasche fühlte, weckte er alle heißen, o so greifbar nahen Bilder
-von neuem in mir auf, daß ich ihn lieb gewonnen habe und mich nur ungern
-von ihm trenne, als wäre dies nicht nur der Schlüssel zu Deinem Hause,
-sondern auch Deines Herzens und der Pförtner aller Glückseligkeit. Das
-erste Mal fühlte ich ihn bei mir, als ich in Budapest in einem
-Kaffeehaus einer schwarz gekleideten Dame gegenüber saß, die mit ihrem
-Schoßhund spielte: »_O mon Joujou, que veux tu donc? As tu faim?_ Denn
-Sie müssen wissen, mein Herr, er ist ein kleiner Franzose. Er ist aus
-Paris geflohen und hat Lüttich mitgemacht. _Ah mon petit, donne moi un
-baiser ...!_« Und sie reichte ihm ein Stückchen geröstetes, mit Butter
-bestrichenes Brot. In Bukarest aber legte ich den Schlüssel wie eine
-Waffe vor mir auf den Nachttisch, ängstlich auf jeden Schritt in den
-weiten Hotelgängen lauschend, erschrocken wie ein Spion, verhaftet zu
-werden, aufgespießt von den Blicken der Vorübergehenden, und nach einer
-Bahnfahrt, auf der ein Franzose ohne Aufhören mit gehässigem Lachen das
-Bild unseres Kaisers in den Schmutz zog. »_Ah, le Kaiser, le fou_«,
-sagte er, sich den Schnurrbart streichend, fett und widerwärtig wie ein
-Flaubertscher Landpächter.
-
-Schließlich ließ ich den Schlüssel auf der Galatabrücke in der hellen
-Sonne funkeln, als ich Dein liebes Bild und die ersten Zeilen von Dir in
-der Hand hielt. Nun, hier ist er, Erinnerung, Glücksbringer, Waffe und
-Reisebegleiter, ein kleines eisengepanzertes Schiffchen, das
-liebebeladen in den Hafen zurückschwimmt, das Dir Grüße und Dank bringt
-für jene von Dir so rührend mit eigener Hand gebundenen portugiesischen
-Briefe, die ich so sehr liebe und die mich immer von neuem in Erstaunen
-setzen, daß es in der Tat Frauen gegeben hat, die zu lieben wußten. Ach,
-ich könnte mir vorstellen, daß Du, des Schlüssels beraubt, die ganze
-Zeit über gefangen in Deinem Hause gesessen hast, nur mit meinem
-Schatten lebend, und dieser Gedanke könnte mich fast bewegen, ihn auch
-jetzt bei mir zu behalten und weiter mit in die Wüste zu nehmen, wohin
-ich in diesen Tagen reise. Über das schimmernde Wasser blickend, neige
-ich mich in der heißen Sonne über die Brüstung, und nachdem ich so viele
-kostbare und unwiderbringliche Schätze in den grundlosen Brunnen des
-Frauenherzens hinabgeworfen habe, überkommt mich eine warme Verlockung,
-in stiller Hingegebenheit nichts zu schenken und alles von Dir zu
-empfangen.
-
-
-
-
- An die Eltern
-
-
- Konstantinopel, den 2. Nov. 1915.
- Geschrieben in der warmen Sonne des Herbstes.
-
-Wenn Euch diese Zeilen erreichen, Ihr Lieben, werde ich schon weit von
-diesem Lande sein. Ich reise nach Bagdad. Gestern bin ich in die
-Militärmission eingetreten, man hat mich all meiner Chargen beraubt, und
-ich bin nichts als ein einfacher Sanitätssoldat, mit einer so niedrigen
-Löhnung, daß ich nicht weiß, wie ich leben soll. Ich werde zwischen
-türkischen Soldaten schlafen und mich von Abfällen nähren wie eine
-Ratte. Dennoch habe ich Glück gehabt. Ich bin dem Stabe des
-Feldmarschalles von der Goltz als Krankenpfleger zugeteilt. Wie sehr
-habe ich mich um diese Stelle bemüht. Fünf Tage lang suchte ich meinen
-beschleunigten Puls durch Pantopon und Tinktura Valeriana zu beruhigen,
-um tropentauglich befunden zu werden. Dabei jagte ihn meine innere
-Erregung, die fieberhafte Begierde, den Weg dieses Krieges wenigstens
-für mich stets aus eigener Kraft und nun wieder neu zu gestalten,
-jedesmal über achtzig Schläge hinauf, sobald ich die Treppe des
-Kriegsministeriums betrat.
-
-Dennoch: es ist mir gelungen. So behalte ich das Ruder meines Lebens in
-der Hand. Ich werde Bagdad, werde den Tigris, Mossul und Babylon sehen.
-Ich bin mir wohl bewußt, welchen Schritt ich getan. Ich habe aufgehört,
-ein freiwilliger Pfleger zu sein, bin ein Soldat geworden wie andere,
-meine Seele ist vogelfrei, man kann mich nach Deutschland und in die
-Gräben von Soissons schicken, man kann tun mit mir, was man will.
-Schließlich kann in einem so langen Kriege auch ich nicht ewig dem
-dunklen Lasso entgehen, der ständig um unser Haupt schwirrt. Denn
-niemand kann die Wechselfälle des Lebens voraussehen, die mich immer
-gerüstet finden, wenn es sein muß auch zum Tode.
-
-Aber, wenn es dahin kommen sollte: ich sterbe für mich, nicht für das
-Vaterland. Wie unsagbar traurig bin ich, daß ich es nicht um der
-Menschheit willen tun kann. Dennoch habe ich diesen Schritt getan, habe
-mein Leben eingesetzt für die Schätze meiner Seele. Wie glücklich ich
-bin. In einer Woche werden wir reisen. Seht ihr jene Kavalkade von
-Reitern, mit fliegendem Kalpak, mit klirrendem Säbel, schaukelnden
-Epauletten und goldenen Schnüren über der Brust? Wie sie am Rande der
-Wüste hinreiten, jetzt durch Wasser, jetzt einen Hügel hinan. Unter
-ihnen ist einer von schlanker Gestalt, groß, den Kopf ein wenig
-vornübergebeugt. Wie gut ihm die Uniform sitzt, ist es einer der
-Offiziere? Nein, er trägt keine Abzeichen, geht nur wie ein Gemeiner. Es
-ist Euer Sohn. Er ist glücklich, auch hier das Leben als ein
-Untergebener kennenzulernen; denn nie sehen wir die guten und schlechten
-Seiten der Menschen so scharf, als wenn sie unsere Vorgesetzten sind.
-Mit zitternd geöffneten Augen folgt er ihnen, immer gewillt zu
-verzeihen, der Liebe zu dieser Erde voll, und immer bereit, sich vor dem
-Leben zu beugen.
-
-Noch gestern bei Euch, jetzt an diesem Tische. Noch eben in dieser
-Stadt, nein, schon wieder fort, auf anderer Straße. Wo heute? Wo morgen?
-
- Deutsche Militärmission, Sanitätssoldat.
-
-
-
-
- An eine Schwester von Gül-Hane
-
-
- Marga v. Bonin, ertrunken am 14. Oktober 1917 in der
- Treskaschlucht.
-
- In einer Bretterkantine zu Ras-el-Ain,
- den 26. November 1915.
-
-Meine liebe Diestel und Ihr andern Blumen im Rosenhaus! Noch sehe ich
-Sie in weißen Hauben durch die Säle schreiten wie durch einen
-leuchtenden Garten. Aber die Rosen, die unter Ihren Händen aufblühen,
-sind blutende Wunden. Welch ein trauriger Brief ist das, von einer immer
-gut gelaunten, lustig zerzausten und höchst garstigen Diestel? Man
-reichte ihn mir in Bosanti in den Zug, und wieder sah ich Ihre etwas
-bestürzten Gesichter vor mir, mit denen Sie mich zur Bahn begleiteten.
-
-Heute sind wir über den Amanus gefahren, vor zwei Tagen über den Taurus.
-Nur von spärlichen Kiefernwäldern bewachsen, erhob sich seine steinerne
-Masse wie die unter zu kurzer Decke sich dehnende, unendliche Nacktheit
-eines sonnenverbrannten Bettlers. Als wir im Lastauto bis zur
-Seekrankheit hin und her geschüttelt, bei fast vollem Mond in die
-geisterhafte zilizische Ebene hinabflogen, den Staubschweif der
-Landstraße hinter uns herziehend, deutete jemand über den Rauch
-nächtlicher Zeltdächer, die einsam in der Ebene standen, auf einen
-hellen Streifen in der Ferne, wo die Flammen verbrannter Baumwollstauden
-in die Finsternis leuchteten. Dort mußte das Meer liegen. Und wie ich
-Abschied nehmend zum letzten Mal seine Wellen in der Ferne erblickte, da
-schickte ich Ihnen so viele Grüße in Ihr meerumgürtetes Haus und dachte
-wieder: Sie haben doch das Meer, da kann es Ihnen nie wirklich schlecht
-gehen! Wie schön, wenn am Abend die schwarzen Winterstürme heraufkommen
-und die Seelen der abgestorbenen Hunde von Oxia herüberbellen. Sich dann
-in dieser dunklen Stunde eine Kerze anzuzünden (liebe Kerze, liebe
-kleine Seele ...), bedarf es mehr, um glücklich zu sein?
-
-Sie sagen, wenn gute Wünsche etwas vermöchten, könnte mir nie ein
-Unglück zustoßen, und fast will ich glauben, daß Sie recht haben. Ich
-fühle, daß ich lange nicht so lebendig gewesen bin, wie in diesen Tagen,
-trotz alles Elends, das mich umgibt. Denn die Ränder aller Straßen sind
-mit den jammernden und hungernden Gestalten armenischer Flüchtlinge
-besetzt, durch deren wimmernde, schreiende, bettelnde Hecke, aus der
-sich tausend flehende Hände recken, unsere Seelen ein schmerzliches
-Spießrutenlaufen beginnen.
-
-Eben, da ich diese Zeilen schreibe, bin ich von einem Gang durch das
-Lager zurückgekehrt. Von allen Seiten schrien Hunger, Tod, Krankheit,
-Verzweiflung auf mich ein. Geruch von Kot und Verwesung stieg auf. Aus
-einem Zelte klang das Wimmern einer sterbenden Frau. Eine Mutter, die an
-den dunkelvioletten Aufschlägen meiner Uniform meine Zugehörigkeit zur
-Sanitätstruppe erkannte, eilte mit erhobenen Händen auf mich zu. Mich
-für einen Arzt haltend, klammerte sie sich mit letzter Kraft an mich
-Ärmsten, der ich weder Verbandmittel noch Arzeneien bei mir trug und dem
-es verboten war, ihr zu helfen.
-
-Dies alles aber wurde übertroffen durch den furchtbaren Anblick der
-täglich wachsenden Schar verwaister Kinder. Am Rande der Zeltstadt hatte
-man ihnen eine Reihe von Löchern in die Erde gegraben, die mit alten
-Lappen bedeckt waren. Darunter saßen sie, Kopf an Kopf, Knaben und
-Mädchen in jedem Alter, verwahrlost, vertiert, verhungert, ohne Nahrung
-und Brot, der niedrigsten menschlichen Hilfe beraubt und vor der
-Nachtkälte schaudernd aneinander gedrängt, ein kleines Stückchen
-glimmende Holzasche in der erstarrten Hand haltend, an dem sie
-vergeblich versuchten, sich zu wärmen. Einige weinten unaufhörlich. Ihr
-gelbes Haar hing ungeschnitten über die Stirn, ihre Gesichter waren von
-Schmutz und Tränen verklebt. Andere lagen im Sterben. Ihre Kinderaugen
-waren unergründlich und von Leiden ausgegraben, und obwohl sie stumm vor
-sich hinblickten, schienen sie doch den bittersten Vorwurf gegen die
-Welt im Antlitz zu tragen. Ja, es war, als hätte das Schicksal alle
-Schrecken der Erde an den Eingang dieser Wüste gestellt, uns noch einmal
-zu zeigen, was uns erwartet. Entsetzen ergriff mich, daß ich klopfenden
-Herzens aus dem Lager eilte, und obwohl ich auf flacher Erde
-dahinschritt, erfaßte mich Schwindel, als bräche der Boden zu beiden
-Seiten in einen Abgrund zusammen.
-
-Die Täler aller Berge, die Ufer aller Flüsse sind von diesen Lagern des
-Elends erfüllt. Über die Pässe des Taurus und Amanus zieht sich dieser
-gewaltige Strom eines vertriebenen Volkes, jener Hunderttausende von
-Verfluchten, der um den Fuß der Berge brandet, um, schmäler und schmäler
-werdend, in unabsehbaren Zügen in die Ebene hinabzugleiten und in der
-Wüste zu versickern. Wohin? Wohin? Dies ist ein Weg, von dem es keine
-Heimkehr gibt. Und ihnen nach blicke ich auf den Weg, den ich selber
-beschreiten werde, und denke mit einer mir ungewohnten und merkwürdigen
-Härte des Gefühls: diese erfüllen ihr Schicksal, erfülle du das deine!
-
-So sitze ich denn in dieser offenen Bretterbaracke, vor der langhaarige
-Kinder mit wilder Gier die fortgeworfenen Schalen der von uns verzehrten
-Orangen verschlingen, sitze die langen Abende auf den kleinen Bahnhöfen
-ohne Licht in den Eisenbahnzügen und führe mit den Kameraden die
-heitersten Gespräche über den Tod. Da sind alte Farmer aus Südwest unter
-uns, der Gesandte für Persien, ein Stabsoffizier aus Chile. Männer, die
-ihr halbes Leben in China oder in den Kolonien verbrachten, deutsche
-Kaufleute aus Basra und Teheran. Die Nachricht, daß die Schamas die
-Euphratlinie gesperrt halten, hat sie in die munterste Laune versetzt;
-sie erzählen denen, die zum ersten Male dieses Land betreten, von seinen
-vielen und mancherlei merkwürdigen Gefahren. Die reichhaltigste
-Speisekarte schöner Todesarten wird aufgetischt: Beduinen werden dich,
-an ihren Roßschweif gefesselt, durch die Steppen schleifen. Nichtsahnend
-wirst du zu einem Bartscherer gehen und dich mit tödlicher Seuche
-anstecken. Die schönen Weintrauben, die du verzehrst, lassen dich an
-Cholera erkranken. Aus der Erde unter deinem Zelt kriechen Tausendfüßler
-und Skorpione. Eiternde Beulen werden dein Gesicht zerfressen, sie
-entstellen dir Nase, Stirn und Mund. Kurden werden dir die Eingeweide
-aufschlitzen, Perser die Ohren abschneiden. Nackt und zerfleischt
-flüchtest du todkrank nach Bagdad oder dein Leichnam bleibt an der
-Straße liegen, den Schakalen zum Fraß. Und das alles erzählt man dir mit
-lächelndem Auge, als wäre der Tod das heiterste Schaustück der Welt. Und
-auch du lächelst, gehst schlafen und beschließt im stillen bei dir
-achtsam zu sein, kein ungekochtes Wasser zu trinken, um im nächsten
-Augenblick zu entdecken, daß man dein Kochgeschirr in einer
-übelriechenden Lache reinigt, die die Flüchtlinge mit ihren Exkrementen
-beschmutzt haben.
-
-Ja, liebe Schwester, man muß an das Glück seines Schicksals glauben!
-Darum fürchten Sie nicht für mich, wenn ich jetzt so fremden und
-ungewohnten Dingen entgegengehe, und vergessen Sie das ein wenig
-durchscheinende Gesicht, mit dem ich Abschied von Ihnen nahm. Erinnern
-Sie sich stets daran, daß es Pflanzen mit blassen Blättern gibt, die,
-wenn sie auch oben welk aussehen, an der Wurzel noch frische Kräfte
-haben. Zu diesen gehöre ich.
-
-Daß Sie hier wären! Den Tag über mit mir im Sattel zu sitzen und in die
-Steppe hinauszureiten, das wäre ein Leben so recht nach Ihrer Lust und
-ein Gedenken Ihrer nordischen Heide. Ja, hätten Sie es wahrgemacht und
-wären ein Junge geworden. Aber nun ist es zu spät, und wenn ich Ihnen
-auch ein paar Männerhosen schickte, so lang, daß sie selbst für eine
-hagere und ausgewachsene Diestel reichten ... es wäre doch zu nichts
-nütze.
-
- 8 Uhr morgens, drei Stunden vor Aufbruch.
-
-
-
-
- Traum auf dem Kelek
-
-
- Auf dem Tigris,
- den 10. Dezember 1915.
-
-Was meinen Sie nun, daß ich hier bin, an einem so sagenhaft schimmernden
-Brunnen aller Zeit? Seit zwei Tagen treiben wir den Strom hinab. Unter
-Schilfdächern, auf dem bewegten Boden luftgefüllter Schläuche, Hütten
-und Menschen auf einer flachen Hand. Zwischen Hühnern, Kisten und
-Wachtsoldaten liege ich auf der Matte, die Glieder vom langen Ritt durch
-die Wüste schmerzend, noch fröstelnd von der Kälte der eisigen Nächte,
-die das Wasser in unsern Schüsseln gefrieren ließ. Und das Floß dreht
-sich, ein lose auf den Wellen treibendes Blatt, bald hier, bald dort das
-Ufer berührend, um langsam weiter den Strom hinabzugleiten.
-
-Hier also sprang die Welt aus dem Mutterschoß. Aber die Brüste sind
-lange versiegt, die so fruchtbare Milch gaben, und welcher Fluch muß
-diese Erde getroffen haben, daß sie so voller Erbarmen um Wasser
-bettelt. Und dennoch: _ex oriente lux_. Denn hier bin ich und meine
-Sonne leuchtet. In ungeheurer Stummheit gleitet die Landschaft vorüber.
-Weite Steinhalden, ausgetrocknete Flußbetten, die Luft mit Schwefel
-erfüllend, Urweltbilder, Sonnenuntergänge, schwarz, schwarz, blaurot,
-Berge wie Sarkophage. Und ich warte, warte: wann wird dieses Land seine
-Lippen öffnen, die der Staub verklebt hat, die welk wurden von
-Jahrhunderte altem Schweigen, um zu mir zu reden?
-
-Wenn es dunkelt, binden wir das Floß an einen Stein am Ufer, stolpern
-ein paar Schritte in das finstere Land. Hier sitzen Soldaten um ein
-Zelt, eine Flamme loht in die Dunkelheit. Und wieder lege ich den Kopf
-zum Schlafe nieder. Nun aber treten aus dem verlassenen Haus die
-Gedanken, treten aus der Tür und beginnen ihre Wanderung. Sie entweichen
-über das Meer. Ich bin zu Hause, ich begrabe meinen Vater (die Vorhänge
-der Fenster sind herabgelassen). Ich bin bei meiner Geliebten, sie gibt
-sich mir hin, zitternd besteige ich ihr Lager. Doch welche plötzliche
-Erregung ergreift mich? Eifersucht verbrennt meine Seele. Bald bin ich
-in einer Stadt, die vom Feinde erobert wird. Ich werde gefangen
-genommen, erschossen als Spion. Es ist die letzte Stunde meiner
-Großmutter, schluchzend schreite ich hinter ihrem Sarge her.
-
-Nun ist es Morgen. Aber wie seltsam blickt dieses Haus der Gedanken;
-Staub liegt auf der Schwelle seiner Tür. Ich fühle, wie ich müde
-geworden bin, so endlose Fernen liegen hinter mir. Lautlos gleitet das
-Floß weiter den Strom hinab. Es ist Tag. Aber sollte ich nicht jetzt
-erst zu schlafen beginnen?
-
-
-
-
- An Carl Hauptmann
-
-
- Bagdad, den 25. Januar 1916.
- Diesseits des Tigris.
-
-Glauben Sie mir, mein verehrter väterlicher Freund, daß ich es gewiß
-nicht weniger bedauert habe, diesmal auf die Pilgerfahrt nach dem
-geliebten Hause verzichten zu müssen und wieder in die Wüste zu ziehen,
-ohne in Mekka zu beten. Eine Stunde an Ihrer Brust, welche Paradiese
-trüge der Mund nächtlicher Gespräche in diese fremden und durchaus nicht
-eintönigen Tage! Ach, ich höre Sie reden, sehe, wie Sie Ihr Gesicht im
-Schein der hohen Lampe nach vorne beugen, mir aus einem neuen Werke
-vorzulesen, sehe, wie Sie die Augen schließen, mir zuzuhören, wenn ich
-selber erzähle. Aber statt dessen floh ich, von dunklen Bedrückungen
-verfolgt, aus Deutschland. War ich nach Hause gekommen, um neue
-Schmerzen zu den alten zu tragen? Man will es mir zum Vorwurf machen,
-daß ich die Güte verkenne, die mir aus so vielen Herzen daheim liebend
-entgegenkam. Aber vielleicht werden Sie es verstehn, wieviel leichter
-uns die Heimat verwunden kann als die Fremde.
-
-Ich habe Frau Maria wiedergesehen. Sie ist bei mir in meiner alten
-Wohnung gewesen, die nun, zusammengewürfelt, bunte Dinge in einem
-Spielzeugkasten, hinter der verbotenen Tür verschlossen liegt. Ein
-höchst ernsthaftes, tyrannisches Spielzeug, und vielleicht, wenn Frau
-Maria das stumme Märchen der Möbel zu deuten weiß, hat sie auch Ihnen
-davon erzählt. Aber welche Schicksale liegen zwischen gestern und heute!
-Welche himmlische Heiterkeit erfüllt meine Seele! Jede Krankheit ist
-eine Brücke, die am Tode vorübergeht. Und so schritt ich durch diese
-letzte (ich war an Typhus erkrankt), wie ein gepanzerter Erzengel das
-Fegefeuer teilend, griff unter mir in die Flammen hinab, um auch noch
-fremde Seelen mit mir gerettet ans Licht zu tragen. Es waren die
-seltsamsten Fiebernächte, deren ich mich erinnern kann, und verwundert
-betrachte ich die Schätze, die sie mir zurückließen, ein Schwammtaucher
-und Perlenfischer, der erst an der Oberfläche erkennt, was ihm die Tiefe
-gebracht hat. Ich habe einen ganzen Umkreis geschrieben, eine
-vielstimmige Vision des Leidens, wie ich sie im Herbst des ersten
-Winters in Polen erlebte. Daneben eine Anzahl Gedichte, die nun schon
-alle der »Straße mit den tausend Zielen« angehören. Daß ich ein Buch
-Erlebnisse aus der Türkei in Arbeit nahm, erzählte ich Ihnen schon, eine
-Sammlung von Tragik, Buntheit und Ironie, auch eine Frucht dieser
-Krankheit. Aber das sind kleine Anfänge gegenüber weitliegenden Plänen,
-die ich nur flüchtig aufzeichnen konnte, Arbeiten für spätere Jahre.
-
-Glauben Sie übrigens nicht, daß diese Dinge alle mit dem Kriege
-zusammenhängen; was wir ständig vor Augen haben, steht unserm Herzen oft
-am fernsten. Und wie will ich dann, wenn ich heimgekehrt bin, mir Ihren
-Fleiß zum Vorbild nehmen! Wie will ich mir ständig jene Unermüdlichkeit
-und Strenge vor Augen halten, jenen grausamen Fleiß, der das Glück der
-Schaffenden ist, jene einsame Lampe in der Winternacht Ihres Gartens,
-hinter der Ihr Haar grau wurde, auf daß das Werk sich gestalte, zu dem
-wir berufen sind. »Und nur ein Fremdling sitzt mit Euch bei Tische ...«
-wie sehr habe ich beim Schreiben dieser Zeilen Ihrer gedenken müssen.
-Übrigens ertappte ich mich neulich beim Zeichnen an dem Plane eines
-Bauernhauses, und ich glaube, es sollte in Ihren Wäldern stehen. Auf daß
-ich immer den Atem Ihrer Emsigkeit fühle! Wie in all den andern Jahren,
-haben Sie auch in diesem blutigen Herbste Europas die friedliche Kelle
-nicht aus der Hand gelegt. Schon winkt der Richtkranz, mit bunten
-Bändern geschmückt, über dem neuen Hause, und gewiß ist das Dach
-inzwischen lange vollendet. Wo ist Tobias Buntschuh? Er erscheine! Ich
-habe nach Deutschland geschrieben, daß man mir Ihre Bücher schicken
-soll, und wenn ich schließlich all die papiernen und weisheitsvollen
-Freunde, die sich auch hier in meiner Kiste sammeln, nicht mehr mit mir
-schleppen könnte, nirgends gäbe es so gute Gelegenheit, sie fremden
-Menschen zu Gefährten zu geben, als hier. Oder meinen Sie nicht, daß des
-Tobias Seele auch aus der Bibliothek der deutschen Schule in Bagdad zu
-denen sprechen könnte, die Ohren haben zu hören?
-
-Glauben Sie nicht, daß dieses öde und ausgehungerte Land leer sei an
-edlen und empfängnisreichen Herzen! So begegnete ich eines Abends in
-Aleppo im Hause eines deutschen Kaufmanns der wundersamsten Frau, die
-ich seit Jahren getroffen. Geistreich, liebenswürdig und bestrickend,
-eine heimliche Herrscherin des Landes, war sie weit über die Grenzen
-ihrer Stadt bekannt und hielt selbst die türkischen Behörden in ihrem
-Bann. An dem Tische ihres kleinen, mit den kostbarsten alten Teppichen
-ausgeschmückten Salons, deren buntgeringeltes Ohr unsere Worte trank,
-saß Professor Koldewey, der Entdecker des wiederentstandenen Babylon,
-und der alte Feldmarschall von der Goltz. Und wer, der uns hier
-versammelt sah, hätte glauben mögen, daß draußen vor den Toren der Stadt
-armenische Leichen lagen und daß wir in Asien saßen. Mühsam erhob sich
-der Feldmarschall aus dem tiefen Sessel, um mir die Hand zu reichen. Wie
-rührte mich seine Bescheidenheit, wie sehr beglückte mich der Wohllaut
-seiner Stimme, und oft denke ich, so müßte mein Großvater sein, wenn er
-noch lebte. Ist dies ein altes, unbekanntes Glied der Verwandtschaft,
-mir durch Blut und Gebärde vertraut, nur daß ich ihm nicht früher
-begegnet bin? Immer ergreift Verehrung mein Herz, wenn ich einen
-Menschen schaue und fühle, daß eine starke Seele in diesem Gebäude
-wohnt. So weiß ich mich auch ihm insgeheim verbunden, durch eine
-Sprache, die jenseits aller Worte wohnt, obwohl er der greise, immer
-rüstige und von allen verehrte Feldmarschall ist und ich nur ein
-einfacher Unterleutnant bei seinem Stabe. Aber ist es nicht immer die
-Wahlverwandtschaft unserer Seele gewesen, die stärker als alle Bande des
-Blutes in unserm Leben den Ausschlag gab? Und wird diese Erfahrung Lügen
-gestraft, weil die Wahl des Blutes oft auch die Wahl der Seele ist? So
-fand ich auch Sie, mein verehrter Freund, dessen Liebe und Zartheit mich
-immer wieder beglückt.
-
-Wie gut ist es übrigens, daß ich in Ihrem Hause es so vortrefflich
-gelernt habe, Orangen zu essen, nun da sie so reichlich auf meinen Tisch
-regnen. Oh, ich sehe Sie im abendlichen Lichte des Zimmers das Messer
-schärfen und mit mir über die »Apfelsinen-Seele« plaudern. Unter einem
-halben Dutzend bei jeder Mahlzeit lasse ich nicht mehr mit mir rechten,
-und da ich bei jeder zerschnittenen Schale einmal in Gedanken bei Ihnen
-bin, können Sie leicht an den zehn Fingern Ihrer Hände zählen, wie oft
-ich am Tage an Sie denke.
-
-
-
-
- An die Frau eines im Kriege weilenden Soldaten
-
-
- Bagdad, den 18. Januar 16.
- Diesseits des Flusses.
-
-Wie glücklich ich bin, geliebte Frau. Die Post hat mir gestern so gute
-Briefe gebracht. Und wenn ich jeden abwechselnd in die Hand nähme, so
-wüßte ich nicht, welcher mir schwerer wiegt. Nun stelle Dir vor, wie ich
-meine Kerze entzünde, die in einer kleinen, mit Erde gefüllten Büchse
-steckt, und wie ich in die Kissen gelehnt mit einem alten Federmesser
-langsam die Umschläge aufschneide. Jetzt falte ich den Bogen
-auseinander, ein weißes Gesicht. Aber hier ist einer, auf dem laufen die
-Zeilen Sturm, und wie sie mit Heeresschritten auf mich loseilen, lasse
-ich mich zum neunzigsten Mal erobern, obwohl ich doch eine längst
-eingenommene Festung bin.
-
-Draußen ist eine große Unruhe in der Natur. Die hohen Rizinusstauden vor
-meinem Fenster rascheln mit ihrem dürren Blätterhemd, der Regen rast mit
-eisernen Hufen auf das Dach, und die Schakale heulen und kämpfen mit den
-Hunden wie jeden Abend, wenn sie an den Tigris kommen, um Wasser zu
-trinken. Mein Gesicht aber ist ganz überströmt von Liebe, und ich bin so
-überwältigt, als hättet Ihr alle zugleich Euer Herz auf meine Brust
-gelegt. Ich bin richtig ein wenig müde, daß ich mich zurück auf das
-Krankenbett lehne, um auszuruhen. Nur nichts sagen, nichts reden, dann
-will ich Dir auch gestehen, daß ich wieder krank gewesen bin. Du wirst
-nicht klagen, Geliebte. Soll ich Dich um Verzeihung bitten dafür, daß
-ich krank war? Es ist so wunderbar, wie geduldig ich geworden bin; wo
-ist mein heißes, unzufriedenes Herz geblieben? Und doch weiß ich nicht,
-weshalb die Gifte immer von neuem kommen, um in meinem gemarterten Leibe
-zu wohnen. Oft scheint es mir, als wäre dies eine stille Rache, welche
-die stumme und leidende Natur an uns nimmt. Es ist die Pflanze, die den
-Menschen besiegt.
-
-Zwei Tage vor unserer Ankunft lag ich in der Rohrhütte auf dem Kelek und
-fieberte. Das Floß drehte sich, mein armer Kopf drehte sich, zwei
-Kreisel, die ineinander gingen, endlich erblickte ich durch die offene
-Tür in der hellen Morgensonne den gewundenen Turm von Samara. Am Abend
-waren wir in Bagdad. Als ich aus dem Zuge stieg, fand ich mich unter
-Palmen. Palmen -- dachte ich und daß das Paradies im Schatten ihrer
-Schwerter ruhte. So elend ich war und obwohl eine kalte Nacht vom Flusse
-wehte, empfand ich es doch wie eine tiefe Erquickung, als müßte aus
-ihrem blauen Schatten Kühlung auch auf meine fiebernde Stirne regnen.
-Ich trat in das Haus des Betriebsleiters der Bagdadbahn und fand eine
-deutsche Mutter mit ihren Kindern um die Lampe versammelt. War das nicht
-genug, um allen Schmerz zu vergessen? Wäre ich nicht noch einmal zwanzig
-Tage durch die Wüste gereist, um das Wunder blonder Haare und blauer
-Augen zu schauen? Am nächsten Morgen wurde ich in das Krankenhaus der
-Bahn gebracht. Ich fand ein bereitetes Bett und einen weißgedeckten
-Tisch mit blühenden Astern. Es war der siebenzehnte Dezember und die
-Sonne schien durch die offene Tür.
-
-Hier habe ich gelegen. Weihnachten kam, das Fieber hatte nachgelassen,
-und man sandte mir gebratene Pute, Fisch und blühende Rosen ans Bett.
-Hier war ein kleines Bäumchen aus Kiefernzweigen, zwei Briefe, eine
-Flasche Champagner. Jemand hatte mir eine alte Kaschmirdecke geschenkt,
-die ich auf mein Bett über die Füße breitete, um sie liebevoll immer
-wieder zu betrachten. Mein Auge verlor sich in den Farben ihrer
-verschlungenen Muster wie in den Wegen des lieblichsten Gartens. Die
-Kerzen flammten, ihre kleinen weißen Seelen zitterten mir entgegen, nun
-entfalteten sie ihre Schmetterlingsflügel, und der Duft verbrannter
-Tannenzweige führte mich über so viel Jahre in die Zeiten zurück, da
-noch das Wunder dieser Nacht für mich nicht erloschen war. Dazu aß ich
-die kleinen Lebkuchen, die Du mir geschickt hattest und die ich so lange
-Wochen mit mir durch die Wüste trug. »So viel Liebe! So viel Liebe!«
-dachte ich, und wieder überströmte es mich. Wie viel hatte doch diese
-arme und geschändete Erde noch an Güte zu geben, wie reich war ich! Ja,
-einen Augenblick schien es mir, als wäre die Erde nur darum des Grauens
-und Blutes voll, weil ich allein alle Liebe der Welt im eifersüchtigen
-Herzen verschlossen hielte.
-
-Zwei Tage vor Neujahr stand ich das erste Mal auf. Mit zitternden Füßen
-ging ich um das Haus; aber es war zu viel. In der Nacht überkam mich ein
-neuer Anfall. Gleich einem abgerissenen Fetzen Leinewand flatterte der
-Geist aus diesem schmerzenden, von tausend glühenden Hämmern
-geschlagenen Kopfe davon. Und während nasse Tücher meine Stirn kühlten,
-während ich von helfenden Händen in das Badewasser gehoben wurde, zog
-aus meinem Haupte der Schwarm der Gedanken aus wie die Wolke der
-ungeborenen Geister, die ausbrechend das Haus der Schöpfung verlassen.
-Bis das Morphium kam und die Welt in Musik erlosch. Nie habe ich mich so
-reich an Gestalten gefühlt, nie so viel Pläne zugleich leibhaftig in
-Händen gewogen, wie in den Tagen dieser Krankheit. Ich habe mein Bett
-das »Fieberschiff« getauft und über Meere und Länder die
-abenteuerlichsten Reisen in ihm geführt. Hat schon jemand das Märchen
-des fliegenden Bettes gedichtet? Dann müßte ich es tun.
-
-Wie merkwürdig war dieser Silvesterabend, die seltsamste Fiebernacht
-stieg herauf. Während vierzig Grade meinen Körper siedeten, tanzte der
-Geist lustig auf seinem Seile weiter. Und in aller Klarheit stiegen die
-blutigen Erinnerungen Polens herauf, begann ich ruhig und unberührt
-Verse an Verse zu reihen. Wie habe ich in dieser Nacht das Martyrium des
-Dichters verwünscht! Der Sklave seiner eigenen Gedanken zu sein, die uns
-zertreten! Und doch, welches Wunder umrauschte mich. Sollte das alles
-ungeboren vorübergehen? In einer Nacht erschaut und wieder erloschen?
-Ich zündete die Kerze an, ich stand auf, um mein Tagebuch zu holen, das
-mir gegenüber auf dem Tische lag. Aber die Kräfte verließen mich, und
-die Besinnung verlierend sank ich auf die Steine. Ich mußte den Wärter
-rufen, der mich zurück in die Kissen trug. Frost schüttelte mich, von
-neuem erbrach sich mein Magen, diese Müllgrube verdorbenen Fleisches und
-faulender Pflanzen. Ich ließ mir Tee kochen. »Dies ist mein
-Neujahrs-Punsch,« sagte ich zu meinem Wärter. Es war zwei Uhr morgens,
-und ich wurde der Schmerzen müde. Dennoch gelang es mir, im Grauen des
-Jahres die ersten Zeilen niederzuschreiben. Wachsend hob sich die
-Gestalt, die Nacht hatte es nicht behalten.
-
-Und so blieb es durch alle Tage einer langen und langsamen Genesung. Es
-arbeitete in mir am Tag und in den Nächten, ich lag von einer wohligen
-Musik gewiegt. Und wenn ich aufwachte, begann es von neuem, stellte sich
-als ein fertiges Gebäude vor mich hin. Sollte man eine Krankheit nicht
-segnen, die so reiche Schätze in unsern Händen zurückließ? Wie wunderbar
-sie waren, diese tropischen Träume; hier ist der Vorhof des Todes. Aus
-ungeahnten Tiefen steigt die geläuterte Seele empor, eine süße Stärke
-erfüllt uns. Nun ist es die Stunde der Auferstehung.
-
-Noch liege ich, in tausend neuen Gedanken blätternd wie in einem schönen
-Buch, ehe man es zu lesen beginnt. Deiner gedenkend an den langen
-Abenden, die uns Regen und Stürme bringen, eingehüllt in das warme
-Gewand Deiner Liebe. Noch liege ich, diesseits des Tigris, gegenüber der
-gelobten Küste, im Angesicht von Bagdad, das ich bisher nicht betreten
-habe, und freue mich, wenn ich morgen aufstehen werde, auf den Strom und
-die weißen Häuser und auf die tausend Palmen, unter denen ich wandern
-werde. Wie dankbar bin ich dieser Krankheit, die mich in Ruhe und
-Schlummer eingesponnen, daß ich erneut das Wunder der Wiedergeburt
-schaue, um mit heiterer Seele das Bild dieser Stadt zu empfangen, daß
-nicht ein Körnchen Staubes und nicht die feinste geäderte Zeichnung auf
-der Wange einer alten arabischen Muhme ihrem gereinigten Spiegel
-entgeht.
-
-Noch weiß ich nicht, wie die Tage sich gestalten werden. Wie viel jene
-nächtliche Saat der Träume mir an Früchten zurückließ, wenn ich erst
-wieder mit blassem Gesicht durch die Lazarette wandern werde, um von
-Bett zu Bett abgehauene Gliedmaßen und blutige Verbände in meinen Eimer
-zu sammeln. In diesen Tagen vulkanischer Veränderungen, in denen uns die
-Aussicht zur nächsten Stunde verhängt bleibt und wir immer mehr der
-Bestimmung unseres eigenen Willens entzogen werden, bin auch ich zu
-einem kindlichen Glauben an das Schicksal zurückgekehrt. So sehr ich
-auch fühle, wie mir das Leben liebend entgegenkommt, so sehr empfinde
-ich, daß ich aufgehört habe, selbst der Lenker meiner Tage zu sein.
-
-Wie oft muß ich an einen Abend in Tekrit denken, als ich zwei Tage vor
-unserer Ankunft in den nächtlichen Straßen der Stadt einem lahmen Esel
-begegnete, dessen linker Hinterfuß gebrochen war und auf dessen
-schiefgeheiltem Knochen er wie auf einem Schlitten dahinglitt. Hoch oben
-hing der Mond, eine kühle Lampe, während aus einem Hause leise Musik
-erklang, wo Araber um die Flamme versammelt saßen, ihre Gebete sagend.
-Ich wandte mich um und sah das Tier mir einsam zwischen den verlassenen
-Mauern folgen, auf der staubigen und hartgetretenen Erde vergeblich nach
-Gräsern suchend. O meine Seele, dachte ich, wie sehr gleichst du diesem
-Geschöpf. Immer klingt aus einer verschlossenen Tür süßer Gesang. Aber
-der Weg ist dunkel und niemand weiß, wohin die Straße sich öffnet.
-
-
-
-
- An die Großmutter
-
-
- Bagdad, den 20. Januar 16.
- Im Hause zu den elf Fenstern.
-
-Nun will ich den Stuhl an Deine Seite rücken, Du liebes altes Gesicht.
-So dicht, daß die großmütterlichen Ohren, die so lange in die Welt
-gehorcht haben, sich gar nicht zu bemühen brauchen, mich zu verstehen.
-Nun fühle ich Deine Augen auf meinem Herzen. Sie leuchten mir und wärmen
-mich auch hier, in diesen Tagen, in denen so bittere Kälte heraufsteigt,
-daß ich verwundert in die heimatlich verwandelte Welt schaue, durch die
-der Schnee in schweren Flocken langsam zu Boden flattert, kleine weiße
-Vögel, die die Erde mit ihrem Gefieder decken.
-
-Palmen in Schnee. Wie lange hat das die Stadt nicht mehr gesehen. Die
-hohen Rizinusstauden im Garten brechen mit ihren Wurzeln aus der Erde.
-Der Tigris wirft Wellen wie ein Meer. Die Stadt aber ist ausgestorben;
-hin und wieder schleicht in langen Röcken, mit den bloßen Füßen in der
-aufgeweichten Straße versinkend, ein Araber an der Mauer entlang, das
-Kopftuch um Hals und Wange geschlagen, als litte er an Zahnweh. Der
-Markt steht still. Wer braucht zu kaufen, zu handeln, Lebensmittel feil
-zu bieten, wenn es regnet? An solchen Tagen mußt du zufrieden sein, wenn
-du so viel hast, daß du nicht hungerst.
-
-Die Welt ist hinter den Mauern. Hier sitze auch ich, in einem Hause,
-dessen Wände mich mit Kälte anhauchen (oh, wie will ich seine Kühle
-loben, wenn es erst Sommer ist!). In einem Zimmer, in dem elf hohe
-Fenster mir mit stets gleichem Erfolg die Täuschung vorspiegeln, ich
-säße im Freien. Neben mir steht ein kupfernes Kohlenbecken, in dem
-glimmende Holzasche dampft und mir Kopfschmerzen bereitet, und mein
-arabischer Reitsattel, auf dem ich durch die Wüste nach Mossul geritten
-bin. Ich habe meine kleine Lampe bei mir, die mir schon in Polen den
-Unterstand erhellte, und freue mich, daß sie nun zuweilen des Abends
-wieder meiner Arbeit leuchtet. So sitze ich in Decken und Mäntel gehüllt
-über dieses Papier gebeugt, während hinter den Scheiben mein arabischer
-Diener wartet, mir die Schuhe auszuziehen, mit wenig Hausgerät und
-vielen Teppichen und Schilfmatten unter den Füßen. Denn das Kaufen von
-Teppichen ist gewiß eine ansteckende Krankheit. Aber schließlich sind
-wir allein, und der Teppich ist unser einziger Freund: der Tisch, von
-dem wir speisen, unsere Morgen- und Abendandacht, und das Gedicht, das
-wir nicht müde werden immer von neuem zu lesen. Vor meinen Fenstern
-erheben Palmen ihre stachligen Schöpfe, aus denen sich gegen Abend eine
-Schar von Krähen erhebt, die müde und satt von den Schlachtfeldern von
-Kut el Amara heimkehrten, um jenseits des Tigris über den breiten
-Palmenwäldern, rasselnd, mit den Flügeln gegen die glasharten Blätter
-stoßend, Licht und Sonne verschüttend, eine schwarze Wolke,
-zusammenzuschlagen.
-
-Es ist Abend, die Stunde, da ich von meinen Spaziergängen heimzukehren
-pflegte in Dein Haus. Leuchtet dort nicht die Lampe und ein Tisch mit
-Schinkenbrötchen und Eiern? Heute Mittag war ich traurig, daß keine
-Briefe da waren, aber bedarf es noch eines Wortes? Du bist in mir.
-Langsam fühle ich, wie Du in meinem Blute heraufsteigst, mir die Stirne
-zu streicheln, und neige meinen Kopf über Dich, wie in den Abgrund aller
-Zärtlichkeit.
-
-
-
-
- Ein Vermächtnis in der Wüste
-
-
- An Hugo Marcus.
-
- Bagdad, den 1. Febr. 1916.
- Im Jenseits.
-
-Welche Sonne Sie in mein Zimmer gebracht haben, lieber Freund, in diesen
-Tagen, wo Regen täglich sein kummervolles Haupt über die Stadt neigt,
-endlos in die zerfallenen Mauern verlassener Häuser zu weinen. Sie haben
-mir so hohe Worte der Liebe und der Bewunderung gesagt, und nach den
-Tagen des Zweifelns und der Bedenken, die nur ungern aus Ihrer kühlen
-Stirne aufstiegen, weiß ich, daß es mehr ist als die Anerkennung der
-Freundschaft. Sie wissen, wie unentbehrlich mir Ihr Urteil geworden ist,
-als wäre jedes Werk in seinen Zielen verfehlt, das nicht in Ihnen seinen
-Widerhall fände. Wie glücklich ich bin, nichts konnte mich freudiger
-stimmen, als was Sie mir über meine Briefe sagen. Sie wissen, daß ich
-darin immer einen Ausdruck der Seele gesucht habe, daß sie mir als die
-schönste Offenbarung tiefer Menschlichkeit gelten und daß mir dies nicht
-immer gelang. Aber Sie sehen auch, wie wenig es mir um Erfolge des
-Augenblicks zu tun sein kann, wenn ich andere Arbeiten um ihretwillen
-beiseitelege. Auch diese scheinen mir ein Ausdruck desselben Geistes zu
-sein, nicht weniger wahr und heilig, als irgendein künstlerisches
-Gebilde, das unter anderem Namen vor die Augen der Welt geht. Die
-bürgerliche Seele, stets eifersüchtig ihre Rechte wahrend, immer voll
-Furcht, daß ihr eigenes kleines Dasein bloßgelegt werden könnte, wird es
-freilich niemals begreifen, daß unser innerstes Wesen in andern Werken
-nicht minder nackt zur Schau gestellt ist, als in unsern Briefen.
-
-Aber warum sollten wir nicht stets das Beste geben, daß es denen, die
-unsere Liebe verdienen, zum Trost und zum Danke wird? Und sollte es
-einmal dahin kommen, daß ich selbst dazu nicht mehr imstande bin, so
-möchte ich Sie bitten, dieses für mich zu tun. Dieser Brief ist ein
-Vermächtnis. Denn so unglaublich es mir auch selber erscheinen mag, nun,
-da ich zum zweiten Mal in diesem Lande mich von tödlicher Krankheit
-erhebe, von den Erniedrigungen der Gefangenschaft und einer Summe
-undenkbarer Zufälle bedroht, täglich in der Luft gifterfüllter Lazarette
-von unsichtbaren Gefahren umgeben, inmitten einer Wüste, die auf endlose
-Meilen den Atem ihrer Verwesung erhebt, das Aas von gefallenem Vieh und
-menschliche Leichen bis vor die Tore der Stadt werfend, muß auch ich
-daran denken, daß das Schicksal von tausend Hoffnungen immer nur eine
-zum Ziele führt. Ich habe den Tod eines Schaffenden immer als ein
-Verbrechen gegen das keimende Leben empfunden, und so oft ich in diesem
-Kriege davon hörte, ergriff mich jenes widerwärtige Gefühl, das uns
-stets berührt, wenn wir von der Ermordung schwangerer Frauen hören. Wie?
-fragte ich mich, als man mir in den Tagen der Wiedergenesung erzählte,
-daß ich in Gefahr geschwebt hätte, dieses lebendigste Leben wäre das
-Rauschen des letzten Ufers gewesen? Nie habe ich mich dem Tode so ferne
-gefühlt, und noch in diesen Wochen, als ich in der Wüste durch die Lager
-armenischer Flüchtlinge ging und sie ihre Toten begraben sah, war mir,
-als ginge ich nur hindurch als der Abgesandte einer anderen Welt, um
-heimgekehrt aus der Hölle des Tages die Botschaft ewiger Liebe zu
-verkünden.
-
-Aber wie sollte die Zeit, dieses menschenfressende Ungeheuer, an dessen
-knochenbedecktem Tische ich nun so lange Monate saß, zurückschrecken vor
-einem Geheimnis, vor dem selbst noch die französische Revolution
-gezögert hat? Und vielleicht werden Sie doch eines hellen Frühlingstages
-sich auf die Bahn setzen, um in jene wälderumrauschte Stadt zu fahren,
-aus der noch einen Monat vor dem Kriege so viele Blätter auf den
-Schreibtisch Ihres Zimmers regneten. Und Sie werden in das Haus dieser
-alten Frau treten, von der ich Ihnen oftmals erzählte und deren Augen
-verklärt sind von dem zartesten Blau, das ich kenne, das auch Sie
-vielleicht einmal für Sekunden erblickten, wenn im Süden am Abend nach
-dem Regen eine Wolke sich teilte und das Herz des Himmels uns offen lag.
-Sie werden den breiten Schreibtisch betrachten, an dem ich gearbeitet
-habe und der unbebaut liegt, wie der Boden dieses verruchten Landes.
-Solche Tische haben ihre Geschichte. Auf diesem wurden einst Windeln
-gelegt und Wäsche gebreitet, und auch ich selbst habe darauf gelegen.
-Aber wann war es doch? Habe ich nicht schon damals aus einem Winkel
-dieses Zimmers mir zugeschaut, ehe ich selbst daran saß, um gequält von
-tausend feurigen Zweifeln und Begierden des Herzens das Unsagbare in
-Worte zu fassen? Oh, vergessen Sie nie, daß dieses der Tisch ist, dessen
-Schublade eine eifersüchtige Großmutter mit einem Nagel verschloß, um
-das Geheimnis ihres Enkels zu wahren, weil sein eigener Vater zwei
-Nächte in diesem Raume schlief. Und man wird Sie in das Schlafzimmer
-meiner Großmutter führen, wo neben ihrem Bette jene hochwandige Kiste
-steht, in der meine Papiere versammelt liegen, und die ich noch selber
-beim Tischler bestellt habe, ehe ich das letzte Mal hinauszog. Und Sie
-werden ein wenig verwundert vielleicht zwischen all den Zeitungen und
-liegen gebliebenen Schriftstücken sitzen, in jenem Zimmer, das in die
-zerflossenen Blätter eichener Bäume sieht und bei denen die geliebte
-Frau jeden Tag eine Stunde der Erinnerung verbrachte, sich mit den
-Resten meiner angefangenen Arbeiten zu schaffen machend, sie glättend,
-ordnend, überdenkend immer von neuem beiseite zu legen, jeden Abend,
-seit ich fortging in die Fremde. Sie werden darin meine Tagebücher,
-eigene und fremde Briefe seit meinen Knabenjahren, französische
-Zeitungen und Erinnerungen an Algier, Bilder aus der Levante und
-Sizilien und kleine Andenken aus russischen Schützengräben finden, denn
-ich bin Zeit meines Lebens ein Hamster gewesen und habe immer gesammelt
-und gesammelt, weil ich nie genug zu haben glaubte für das Werk, dessen
-weite Linien ich vor mir sah, als eine Arbeit für spätere Jahre. Dieser
-Haufen Papier, mit Bleistift und Tinte unleserlich beschrieben, ist
-alles, was ich hinterlasse. Ihrer liebenden Willkür vermache ich, was
-Sie immer damit tun wollen, mögen Sie das Beste und Wahrhaftigste der
-Gunst und dem Hasse der Menge preisgeben und geschähe es auch nur Ihnen
-zuliebe. Sind doch schließlich in diesen Seiten die Dokumente eines
-Dichters enthalten, wenn ich mir auch bewußt bin, daß selbst Ihnen viele
-davon Noten bleiben müssen, die Sie nicht spielen können, weil ich
-allein den Schlüssel besitze (o wie bedaure ich jetzt das gute
-Gedächtnis), und die jenen unentzifferten assyrischen Inschriften
-gleichen, die wir zuweilen auf alten Tonziegeln im Sande des Tigris
-finden.
-
-Geld habe ich keines zu vergeben. Ich bin immer ein Schuldner der andern
-gewesen, und jene wenigen Sparpfennige, die meine Mutter für mich mit
-rührender Geduld seit meiner Kindheit gesammelt hat, sind eine
-Opfergabe, die ich mich immer gescheut habe, aus ihren Händen zu nehmen.
-Schließlich bleibt meine Wohnung, dieser Tempel kindlicher
-Glückseligkeit, die am Rande Berlins wie in einer Totenkammer
-aufgespeichert liegt und die an meine Eltern und Brüder zurückfallen
-soll. Nur mein Schlafzimmer, dieser zwiefache Schmuckkasten, möge in die
-Hände jener ruhelosen Schauspielerin wandern, die wie ein Raffael ohne
-Arme geboren wurde und deren Namen an dieser Stelle auszusprechen ich
-mich scheue. Aber wer wird je diese Möbel so lieben und anbeten wie ich?
-Wer wird so Erinnerungen in sie verweben und ihre Märchen kennen wie
-ich? Nicht einmal jene kleine dämonische Seele, für die ich sie unter
-Mühsal und Entbehrungen zusammensuchte und die ich nach so bitteren
-Erkenntnissen der Einsamkeit und dem Begehren fremder Männer preisgab.
-Von meinen zahlreichen Büchern endlich sollen Sie, lieber Freund, sich
-die Werke Charles Louis Philippes nehmen, den ich so sehr geliebt habe.
-Den Rest aber möchte ich so verteilt sehen, daß jeder meiner Freunde
-etwas davon erhält.
-
-Wenn Sie mit liebender Hand diese Dinge aus ihrer Verborgenheit heben,
-werde ich freilich nicht mehr dabei sein, und ich möchte wohl, daß man
-mich auf ihrem Scheiterhaufen verbrennt, denn diese Bücher sind mir
-allezeit gute Freunde gewesen, immer bereite Pferde, auf denen ich in
-das Land unerfüllter Hoffnungen ritt, und diese Möbel, heroische
-Schicksalsgenossen, verdienten es wohl, daß man sie wie treue Frauen am
-Holzstoß der gefallenen Helden an meinem Sarge verbrennt. Es wäre meinem
-Leben gewiß nicht unangemessen, so auf der Wanderung zu verscheiden, und
-ich möchte wohl, daß man meine Asche in alle Winde streute, daß sie ruhe
-auf den vier Straßen des Lebens, auf denen ich so viele Jahre meiner
-Jugend verbrachte. Nur mein Herz möge man in eine Kapsel schließen, es
-noch einmal in Eure Nähe zu bringen, die ich so sehr geliebt habe.
-Dieses Herz, das immer der Kompaß meines Geistes gewesen ist,
-vielleicht, daß es in Euren Händen noch einmal zu schlagen begänne, wie
-zuweilen der erstarrte Vogel in der Hand des Gärtners warm wird und zu
-singen anhebt.
-
-Übrigens glauben Sie nicht, daß ich aus Ihrer Mitte verschwinden werde.
-Eines Tages, wenn Sie sich die Schnürsenkel binden, will ich aus der
-Spitze Ihrer abgetragenen Schuhe hervorsehen. Vielleicht finden Sie mich
-auf dem Pflaster des Nollendorfplatzes in einem verlorenen Hausschlüssel
-wieder, der zwischen Pferdedung und von den Rädern der Wagen verbogen
-auf die Steine fiel. In einem Warenhause werde ich aus dem Wassersturze
-der Dinge über Sie herfallen. Vielleicht leuchte ich Ihnen in zehn
-Jahren aus den Augen eines Jünglings wider, der in irgendeinem Saale
-dieser maßlosen Stadt ewige Verse in eine unberührte Menge hinabwirft;
-denn wie könnte ich je glauben, daß das Werk, für das ich glühte, um
-dessentwillen ich Heimat und Geliebte verließ, unvollendet verloren
-ginge -- oh, dann lieben Sie ihn, wie Sie mich geliebt haben, mit dem
-Ernst und den Erfahrungen Ihres Alters! Wie könnte ich glauben, daß ich,
-ein kosmopolitisches Känguruh, in der Wüste mit dem vollen Beutel
-verfaulen sollte, in den ich so fremdartige und kostbare Schätze häufte,
-daß die Sendung unerfüllt bliebe, für die auch ich nur ein Sendling war
-und die der Zufall nur in eine ebenso herrische wie demütige Seele warf.
-Denn ich habe immer die tiefe Überzeugung gefühlt, daß der Tod, so oft
-und gern ich ihm Freund und Gefährte war, mich erst treffen würde, wenn
-das Werk in sichtbarer Vollendung sich von mir gelöst hat, wenn ich nach
-so langen Jahren des drohnenhaften Umherirrens, am Glücke und am Elend
-des Menschen saugend, endlich das Fegefeuer dieser brennenden Zeit
-durchflogen hätte, sei es auch, um aus dem Taumel seligster
-Schaffenslust mit zerschmettertem Haupt auf die Erde zu stürzen, nachdem
-ich den Keim in die ewige Seele der Menschheit gelegt hätte, die das
-kostbare Gut in ihrem Innern bergend aus den Kampflüften der Geister
-heimkehrte in das Haus des Fleißes, zu den fiebernden Brücken der
-Begierde, in den schwermütigen Gesang der Arbeit.
-
-Aber wohin verliere ich mich, Geliebter? Noch brennt die Sonne, noch
-breiten vor meinem Fenster Palmen ihre stachligen Schöpfe, die, wie
-grüne Raketen auseinanderfallend, in der blauen Luft erstarrt sind. Noch
-zieht, von Frühlingswassern umspült, die Wüste einen blühenden Teppich
-um ihre alternden Füße. Noch lebe ich, am Nabel der Welt, in die Rätsel
-buntester Völker geworfen, grüßt unendliche Auferstehung den gemarterten
-Leib, noch höre ich Ihre Stimme an meinem Ohr, fühle, von heiterstem
-Glücke durchströmt, Ihre Hände auf meinem Herzen.
-
- Ihre Drohne, die Lieblingsdrohne der Königin.
-
-
-
-
- An eine Freundin
-
-
- Bagdad, Abdul Achad,
- den 25. Februar 1916.
-
-Man merkt kaum, daß die Zeit weitergeht, meine Liebe, so lautlos
-streicht jedes Gesicht an uns vorüber. Gestern erhielt ich Deinen Brief
-vom zwanzigsten Dezember. Habe ich denn damals schon gelebt? Ich begann
-ihn zu lesen, als ich in das Boot stieg, um über den Tigris zu fahren,
-wenn ich im Kahn nicht damit fertig wurde, wollte ich ihn am Ufer zu
-Ende lesen. Aber wir hatten kaum die Mitte des Stromes erreicht, da war
-der Brief aus, und ich fragte mich: war Dein Schreiben so kurz (es hatte
-doch sechs Seiten), war der Tigris so breit, oder hatte ich zu schnell
-gelesen? ... So verhungert sind wir hier draußen.
-
-Dabei lächelt der Himmel warm durch die Glaswände meines Hauses. Ich
-blicke über den Zaun in die Palmen und auf den Hof einer arabischen
-Wagenhalterei. Auf den Dächern der Pferdeställe wird jeden Tag der
-frische Dung ausgebreitet, um in der Sonne gedörrt als Brennstoff
-verkauft zu werden. Ein junger Araber hat den Tag über nichts zu tun,
-als mit den nackten Füßen langsam durch diese Materie zu laufen und sie
-umzuwenden. Wenn ich am Schreibtisch sitze, schaue ich ihm bei seiner
-Arbeit zu.
-
-An den Ufern des Flusses liegen die Hospitäler, Konsulate, Hotels, in
-denen man die hölzernen Betten der Verwundeten aufgestellt hat. Luftige
-Terrassen, auf deren weißen Fähnchen der rote Halbmond, ein blutiger
-Fleck, leuchtet. Hier kommen die Dampfer von Kut el Amara herab, ihre
-traurige Last an das Ufer zu werfen. Glitzernd hebt sich der Strom, eine
-weiße Straße des Todes. Hier liegt Abdul Achad, das Lazarett, in dem wir
-arbeiten, ein arabisches Hotel mit zweihundert verwundeten Soldaten.
-Unsere Krankenpfleger sind Eseltreiber und Lastträger der Straße. In
-unserem Operationssaal fanden wir nicht mehr als eine rostige Schere,
-zwei Klemmen und eine Sonde. Die durchgeeiterten Binden müssen stets von
-neuem verwandt werden, und wir sind glücklich, genug ungereinigte
-Baumwolle zu haben, die im Lande wächst. Die Wunden sind fast alle
-verschmutzt oder vernachlässigt, und viele sterben an Blutvergiftung
-dahin. Der Dienst ist anstrengend; aber unser Stabsarzt ist der
-liebenswerteste Vorgesetzte und Kamerad. Ich habe darin ein so großes
-Glück gehabt.
-
-Die Luft ist milde, und es wird täglich wärmer, doch jedermann spricht
-mit Schrecken vom Sommer, den wir hier an einem der heißesten Teile der
-Erde am Tag in den Kellern und des Nachts auf den Dächern verleben
-werden. Fast immer finde ich am Abend eine Stunde Zeit, in der Dämmerung
-in das bunte Gewühl arabischer Stadtviertel und Basare zu tauchen. Stets
-erfüllen heitere Pläne meine Seele, fremde Geheimnisse verführen und
-reizen mich. Dazu verdanke ich der Güte des Feldmarschalls ein höheres
-Abzeichen der Uniform; ich trage den Rang eines Sanitätsunterleutnants
-und bin dem Stabe der sechsten Armee zugeteilt. Du solltest mich nur
-sehen in meinem moosgrünen Waffenrock, mit violettem Sammetaufschlag und
-Silberborten, wenn ich mit einem »Grüß Gott, Soldat« am Morgen in das
-Lazarett trete.
-
-Leb wohl -- müßte ich nicht täglich zehn Liter Eiter riechen und den
-Pestgeruch der bis zum Skelett abgemagerten ruhrkranken Soldaten, so
-wäre das Leben fast vollkommen zu nennen.
-
-Frühling, ach wie du mich rührst ....
-
-
-
-
- Brief an die Mütter
-
-
- Bagdad, am Nabel der Welt,
- den 29. März 1916.
-
-Daß ich noch bin, Ihr geliebten Mütter, daß diese Erde noch unter mir
-ist und meinen Füßen nicht nachgibt, daß diese Zeilen den Herzschlag
-meines Atmens zu Euch hinübertragen, wie kann ich es ausdrücken, daß es
-mich so stark bewegt! Nie habe ich das Rauschen des Todes, seine Stille,
-sein kaltes Lächeln so vernehmbar gefühlt wie in diesen Tagen, und oft
-frage ich mich: darf ich noch leben? habe ich noch ein Recht zu atmen,
-Pläne zu tragen für ferne, fabelhaft unwirkliche Jahre, wenn so viele
-tote Augen um mich wie ein Abgrund gestellt sind?
-
-Am 10. März starb unser Stabsarzt plötzlich am Fleckfieber, und noch
-jetzt, Wochen später, erfüllt mich oft eine minutenlange Erregung, die
-mir Ruhe und Besinnung nimmt, zu erzählen. Seit vielen Monaten
-durchzieht eine verheerende Krankheit dieses maßlose, selbstvergessene
-Land. Die türkischen Soldaten haben sie aus den Städten Syriens und
-Kleinasiens durch die Steppe herübergetragen, und die Rache des
-armenischen Volkes, dessen faulende Leiber jeden Weg der Wüste bedecken,
-streckt ihre würgende Hand immer tiefer in die Häuser, in die
-Hospitäler, in die Zeltlager der Lebenden hinein. Noch sehe ich diesen
-völlig mit kleinen blauroten Punkten bedeckten Körper vor mir, den der
-Stabsarzt nichts ahnend wegen einer ungefährlichen Verwundung an meiner
-Seite entkleidete, um kurze Zeit darauf selber an einer eitrigen
-Halsentzündung zu erkranken. Schon nach wenigen Tagen fand ich ihn
-abgemagert und durch eine hinzugetretene Ruhr so entkräftet, daß er
-nicht mehr fähig war, alleine den Kopf zu heben.
-
-Ich ließ mein Bett in seinem Zimmer aufschlagen, und nun begannen jene
-ruhelosen Tage und Nächte, die mich bis zu seinem Tode nicht mehr von
-seiner Seite ließen. Nie werde ich diese einsamen Nächte vergessen, in
-denen alle Sehnsucht des südlichen Frühlings mit den Schmerzen des Todes
-und der Bitterkeit der Fremde gemischt war. Vor mir zu Füßen des
-Krankenbettes stand die abgeblendete Laterne, einen schwachen Lichtkreis
-über die Steinfliesen verbreitend, der sich leise in dem künstlichen
-Himmel der Decke spiegelte, die mit persischer Glasarbeit ausgelegt war
-und deren Achtecke sich glitzernd ineinander verschoben. Ich starrte auf
-den niedrig geschraubten Docht und hörte auf das röchelnde Atmen des
-Kranken, der einen Schleimkloß im Munde wälzte, von dem er vergeblich
-versuchte, sich zu befreien. Raschelnd jagten die Ratten über mir durch
-die hölzerne Täfelung der Decke. Dann stand ich auf, um den Kranken aus
-dem Bett zu heben, der infolge einer nervösen Störung nicht fähig war,
-im Liegen Wasser zu lassen. Und in der einen Hand das Geschirr haltend,
-in der andern seinen schweren, völlig willenlosen Körper, schwankte ich
-atemlos, bis wir beide völlig erschöpft waren und auf unsern Stirnen der
-Schweiß ausbrach.
-
-Wenn der Kranke zu schlafen schien, trat ich einen Augenblick auf die
-Terrasse des Hofes, in dem ein weitästiger Baum seine ersten Knospen
-entfaltete und an dessen Rande eine Reihe verschlossener Zimmer lag, die
-einst die Frauengemächer eines reichen Muhammedaners gewesen waren. Der
-Sternenhimmel blickte durch den viereckigen Ausschnitt des Hofes, ich
-stieg auf das Dach, den umgekehrten Wagen, den Sirius und den Mars zu
-betrachten, der einen rötlichen Schimmer trug. Plötzlich trat ich auf
-etwas Weiches, ich bückte mich und sah ein paar dunkle, von den Sternen
-schwach beleuchtete Grasbüschel, und merkwürdig, ich dachte: von allen
-Erlebnissen dieser Tage wird vielleicht einst nur diese kleine Grasnarbe
-auf dem lehmgehärteten Dach des zerfallenen Frauenhauses greifbar in
-deinem Gedächtnis zurückbleiben, aber dieser eine Blick wird auch alle
-bittere Wehmut der Stunden enthalten.
-
-Als ich wieder in das Zimmer trat, war dem Kranken, der mich rufen
-wollte, die kleine Kamelglocke aus den Fingern geglitten, und mit
-schwacher Stimme versuchte er mir zu erzählen, daß eine Ratte von der
-Decke ins Zimmer gefallen wäre. Wieder setzte ich mich an seine Seite.
-Eine Katze trat lautlos in das Zimmer, erschrak, als sie mich erblickte,
-ging wieder hinaus. So kam der Morgen, der das Abbild der Nächte war.
-Ich wußte nicht mehr, daß draußen ein Tag und die Geschäftigkeit fremden
-Lebens war. Atemlos ging ich hinter diesem Bette her, Umschläge
-erneuernd, Arzeneien, Milch und Suppe reichend, die der Kranke mit dem
-Geräusch der Erstickung über die Kissen ausbrach, waschend, die
-Bettlaken zurechtlegend, und mir war, als entfernte sich dieses Bett mit
-immer größerer Schnelligkeit von mir, mich zu immer schnellerem Laufe
-anspornend.
-
-Einmal bat mich der Stabsarzt, ihm etwas vorzulesen. Ich hatte Hauffs
-Märchen mitgebracht, die er sehr liebte, und las ihm die Geschichte vom
-Kalifen Storch vor; aber bald war er so schwach, daß er die Lippen kaum
-noch bewegen konnte. Am vierten Tage traten an den Weichen die kleinen
-blauroten Flecken auf. Vergeblich versuchte der Kranke immer wieder,
-etwas zu sagen; es war nicht mehr möglich, ihn zu verstehen. Die
-trockenen, schorfbedeckten Lippen blieben tonlos, während er
-verzweiflungsvoll den Kopf zur Seite schüttelte, und nur seine schönen
-blauen Augen glänzten noch zu mir auf. Am siebenten Tage begann der Puls
-plötzlich zu fallen, und er fiel in der kurzen Zeit, während wir im
-Nebenzimmer zu Mittag speisten, mit einer solchen Geschwindigkeit, daß
-es den Ärzten, die ihm noch eine Einspritzung in die Venen geben
-wollten, nicht mehr möglich war, diese zu finden. Drei Stunden später
-fuhr der letzte Atem mit einem widerlichen Geräusch, glucksend wie
-Spülwasser, aus dem Munde des Sterbenden aus. Die Ärzte standen
-schweigend. Schmerz würgte mich an der Kehle. Ich hatte ihn geliebt, der
-mir mehr Freund als Gebieter gewesen, glücklich, einem Berater zur Seite
-zu stehen, dessen geistige Sehweite, dessen künstlerisches und
-wissenschaftliches Vermögen das der anderen Offiziere so weit übertraf.
-Ich drückte ihm die Augen zu, zog ihm das Laken über das Gesicht.
-
-Wir traten hinaus. Im Hofe stand eine prächtige Stute, die mit dem Fuß
-in ein Loch der Wasserleitung getreten war und sich verletzt hatte. »Das
-schöne Pferd!« sagte der Stabsarzt der Marine, ärgerlich mit dem Fuße
-aufstampfend; aber wie merkwürdig erschien mir in diesem Augenblick sein
-Wort, das doch gewiß nicht weniger von Sorgfalt um ein lebendes Wesen
-erfüllt war. Die bunte Menge des Basars umdrängte uns. Der herrlichste
-Frühlingsnachmittag stand über der Stadt. Hatte ich je gelebt? Wieviel
-Jahre hatte ich im Gefängnis gesessen? Wir nahmen ein Boot und fuhren
-den Tigris hinunter, um dem Konsul den Tod des Arztes zu melden. Helle
-Sonne traf die bewegten Wellen des Flusses am Ufer. Mitten auf der
-Straße blieb ich stehen, betäubt von Licht und dem Gefühl des Lebens:
-daß ich noch bin! daß die Erde noch mein ist!
-
-Als wir heimkehrten, erschrak ich vor der plötzlichen Dunkelheit des
-Zimmers, in dem jede Nacht die Laterne gebrannt hatte. Mit
-trostbedürftigen Seelen, an die Härte eines unerbittlichen Daseins
-gewöhnt, leerten wir die Flasche Wein, die ich noch am Morgen für den
-Kranken geöffnet hatte. Spät in der Nacht kamen die Juden, alte Männer
-mit weißen Bärten, um in einer hölzernen Kiste den Leichnam zu holen,
-der nach dem Ritus begraben werden sollte. Murmelnd, von einer Laterne
-begleitet, den Sarg auf dem Rücken, verschwanden sie in der finsteren
-Gasse. In der Nacht konnte ich nicht schlafen, und schweißbedeckt, bis
-zum Äußersten erregt, wälzte ich mich in den heißen Decken, während
-widerwillig ohne Aufhören die Frage an mein Ohr brandete: wann du? wann
-du?
-
-Am nächsten Morgen ging ich in die israelitische Schule. In einem
-Kellergewölbe, völlig entkleidet, lag auf der bloßen Erde der Leichnam.
-Ein Schweißtuch war um die Stirn gebunden, und zwei Steine lagen zu
-beiden Seiten des Kopfes. Mitten auf die Brust des Toten aber, die mit
-einem langen Leinentuch bedeckt war, hatte man zur Wegzehrung ein
-abgebrochenes Stück arabischen Brotes gelegt. Ein zerlumpter Jude, in
-die Fetzen seines Gewandes gehüllt, kauerte die Wache haltend neben dem
-Leichnam, und im Winkel des Raumes lag ein zusammengekehrtes Häufchen
-Schmutz. Rührung ergriff mich vor der erschütternden Schlichtheit des
-Bildes, und immer wieder blickte ich auf diesen kümmerlichen Bissen
-Brot, der mir das Sinnbild alles menschlichen Jammers und Elends zu sein
-schien.
-
-Zwei Stunden nach Sonnenuntergang begann das Begräbnis. Im Hof der
-Synagoge stand der Sarg aufgebahrt. Zwanzig alte Juden sangen mit
-klagender Stimme einen hebräischen Psalm. Dahinter standen die deutschen
-Offiziere, Rabbiner und Würdenträger der Stadt, brennende Kerzen in der
-Hand haltend. Die Kawassen eröffneten den Zug, ihnen folgten die Schulen
-und die hohe Gemeinschaft der Rabbiner. Der Sarg wurde von den Schultern
-jüdischer Bürger getragen, dahinter schritten der Großrabbiner, die
-Vertreter des Stabes des Feldmarschalls, der Wali, die geistlichen und
-weltlichen muhammedanischen Behörden, deutsche und türkische Offiziere
-und Soldaten mit zur Erde gekehrten Waffen. Zwanzigtausend Juden
-begleiteten den Zug, während hochgeschwungene Fackeln die Finsternis
-erleuchteten, von denen der Wind Funken und brennendes Werg über die
-Köpfe des Trauergefolges hinwegwehte. Unmittelbar hinter dem Sarge
-schritt ich selber, das Kissen mit den Orden des Toten tragend, und ich
-dachte die ganze Strecke des Weges: wenn Ihr mich so schauen könntet,
-wie ich, übernächtigt, die hohe Lammfellmütze auf dem Kopf und von dem
-gelben Licht der Fackeln beleuchtet, hinter dem Sarge hinschreite,
-welchen Trost würde der warme Herzschlag Eurer Liebe mir bereiten!
-
-Die Fenster aller Häuser waren von Menschen erfüllt, in den
-Seitenstraßen und auf den Dächern drängte sich die Menge. Sobald der
-Sarg vor ihren Blicken erschien, durchzog ein ungeheures Klagen die
-Luft. Die Männer schlugen sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, die
-Frauen begannen jammernd und heulend an ihren Haaren zu raufen, schlugen
-sich gegen die Brüste, zerfetzten die Kleider, und von den Dächern wogte
-ihr Klagegesang in die Nacht hinab. Dicht vor meinen Füßen aber riß, bis
-zum Wahnsinn erregt, sich die wütende Menge unter den Kolbenschlägen der
-Soldaten darum, ein Stück des Weges den Sarg zu tragen, der, von dem
-Lichte der Fackeln umflossen, hoch über den Häuptern des Volkes erhoben
-die unendlich schmale Gasse dahinschwebte. Endlich öffnete sich das
-Feld, die Menge flutete auseinander, und ein kühler Wind strich aus der
-Wüste her. Halsbrecherisch stolperten wir im Dunkel über Hügel und
-Gräben. In Grabtücher gehüllt, versank der Leichnam, von den
-verlöschenden Lichtern beleuchtet, und während ich an der offenen Grube
-dem Toten einige Worte nachrief, wurde er in der Tiefe mit gebrannten
-Tonziegeln übermauert. Sturm wehte und ein heftiger Regen begann zu
-stürzen, als wir endlich im Dunkel aus der Wüste nach Hause tappten. --
-
-Wieviel Tage seitdem verflossen sind, ich weiß es nicht mehr. Ich ging
-in einem Traume dahin. Denn mag es auch nicht unrühmlicher sein, wie ein
-kranker Baum an Händen und Füßen mit Schutzringen umgeben, im Dunkel
-fiebererfüllter Hospitäler von Ungeziefer gebissen zu werden und daran
-zu sterben, als an der Wut unvernünftigen Eisens zu verbluten, so würde
-es doch meiner Aufgabe wenig entsprechen. Und während der widerliche
-süße Geruch der Medikamente und faulenden Wunden alle Räume des
-Lazarettes erfüllt, während ich auf dem Dampfer den Tigris von Kut el
-Amara hinauffahre, um zu sehen, wie an jeder Landungsstelle neue Tote an
-das Ufer gebracht werden, während ich immer wieder erlebe, wie an meiner
-Seite die Sterbenden die Maske des Todes auf ihr Gesicht setzen,
-überkommt mich zuweilen eine stumme und wilde Verzweiflung: genug!
-genug! einmal auch etwas anderes zu sehen als Schmerz, Eiter und Wunden!
-Lohnt es denn zu leben in einer Welt, die von nichts als dem Atem der
-Verwesung erfüllt ist? Lohnt es denn noch zu sterben in einer Zeit, wo
-selbst der Tod unwichtig oder billig geworden ist wie eine geringe
-Münze?
-
-Draußen steht der Frühling und hat noch den Staub der Wüste mit einem
-grünen Mantel bedeckt. Die Schwalben flattern bis in unseren
-Operationssaal, so dicht über unseren Köpfen, daß ihr Flügel zuweilen
-den entblößten Leib der Gemarterten streift. Das Hochwasser hat alle
-Palmengärten mit plätschernden Bächen erfüllt. Zitronen und Mandarinen
-duften schwermütig und berauschend, Wiesenschaumkraut und Sumpfdotter
-blühen. Und zuweilen, wenn der Südsturm über die Palmengärten fährt, die
-langen Blätter der Schöpfe wie aufgelöstes Frauenhaar über ihren Nacken
-werfend, setze ich mich an den Fuß der alten Lehmmauern und schließe die
-Augen. Dann ist mir, als hörte ich das Rauschen der deutschen Wälder
-wieder und sehe das Laub der Eichenbäume in der Sonne erzittern. Die
-Frösche quaken, und das Heimchen zirpt in der Wüste, und mir ist, als
-sähe ich Euch, Ihr geliebten Mütter, den Weg heraufkommen, ein altes und
-ein alterndes Gesicht. Ich küsse das weiße Haar Eurer Schläfen und
-schaue in die blaue Güte Eurer Augen, die mich beschützt hat in allem
-Unheil dieser Tage, und die mir hilft, das Werk zu Ende zu tragen, das
-mir alleine zu schwer ist.
-
-
-
-
- Letzter Brief an die Eltern, Brüder, Freunde, Mitmenschen und
- Geliebten[1]
-
-
- Bagdad, den 18. April 1916.
-
-Jeden Morgen, wenn die Sonne aufging, Ihr Geliebten, fragte ich mich
-erstaunt: wie? du lebst noch? Und ich fühlte es stündlich, daß auch über
-meinem Wege eine gefällte Palme lag.
-
-Seit zehn Tagen ist der Feldmarschall an Fleckfieber erkrankt. Eine
-Woche pflegte ich ihn, fühlte seine zitternden Arme in den meinen, sah
-in jenem kartenbehängten Zimmer, in dem sie sein Bett aufgeschlagen
-haben, aus den Kissen die rührenden Blicke seiner Geduld und Güte
-leuchten, die noch immer die Welt mit Wissen und alter Liebe zu umfangen
-schienen. Am siebenten Tage fand ich bei der Heimkehr in meiner Wäsche
-jenes kleine blutgefüllte Tier, das nun seit Monaten schon für uns das
-Sinnbild des Todes bedeutet, und das der bekannte Überträger des
-Fleckfiebers ist. Seit jenem Tage wußte ich, wie es um mich stand, und
-während mich noch die Angst um dieses greise Leben mit Bangen erfüllte,
-sah ich die eigene Jugend an den Rand der Vernichtung gestellt. Wenn ich
-des Abends den Tigris hinunterblickte, an dessen Ufern Fischer eine
-Seffineh stromaufwärts treidelten, immer dachte ich: wie schön ist es,
-ihren Gesang noch einmal zu hören! Und ich sah den Arabern zu, die in
-einer Kuffe über den Strom fuhren, und dachte: betrachte es recht -- so
-setzen sie ihre kleinen Ruder ins Wasser, so wirbelt die Flut hinter
-ihnen her. Gestern stieg ich in der Finsternis auf das Dach, den Mond zu
-betrachten, und zu jeder Stunde sagte ich mir: nimm noch zwei Augen voll
-Schönheit mit in die Dunkelheit.
-
-[Fußnote 1: Dieser Brief wurde zu Beginn einer schweren Erkrankung
-geschrieben, als der Verfasser nach menschlichem Ermessen damit rechnen
-mußte, nicht wieder zu gesunden.]
-
-Heute mittag, nachdem ich die Nacht unter Erbrechen und grauenvollem
-Kopfschmerz zubrachte, trat das erste Fieber bei mir auf, das schnell zu
-steigen beginnt. Seitdem kann für mich kein Zweifel mehr gelten, mein
-durch so viele Krankheiten geschwächter Körper, mein allzu beflügeltes
-Herz wird diesem neuen Ansturm nicht widerstehen. Aber seitdem ich diese
-feste Gewißheit habe, nach all den nächtelangen Zweifeln der vergangenen
-Tage, kommt fast eine stille Heiterkeit über mich. Auch der Tod ist nur
-eine Gedankenüberlegung, eine andere Art zu leben. Wer ihn erst geistig
-überwand, den kann er nicht mehr erschrecken. Der Reiz des Daseins hat
-für mich immer darin bestanden, daß es einmal mit dem Tode endet. Nicht
-an dieser Stelle habe ich ihn erwartet, aber auch hier soll er
-willkommen sein.
-
-Hinter mir steht mein arabischer Diener, er hat Blumen in mein Zimmer
-gestellt und erwartet ein Lob, aber ich achte nicht auf ihn und seinen
-schüchternen Versuch, mir Gutes zu tun, so sehr bin ich von dem Gedanken
-des Sterbens erfüllt. Es ist vier Uhr nachmittags, draußen blühen die
-Palmen in gelben Dolden, der hellste Sommer steht über dem Land, und ich
-beeile mich, die letzten Stunden, da ich noch klar bin, Abschied von
-Euch zu nehmen. Denn bald werde auch ich daliegen, wie ich so viele
-gesehen habe, meiner selbst nicht mächtig, von furchtbaren Zuckungen
-erschüttert, der Sprache beraubt, und mit blicklosen Augen, die ihre
-Welt nicht mehr kennen. Losgerissen wird meine Seele durch alle Räume
-der Erde flattern, als triebe ich im Südsturm, der die Wellen des Tigris
-auftürmt, auf einer führerlosen Kuffe, inmitten des wütenden Stromes
-ganz alleine durch die unendliche Verlassenheit dieses Landes dem Meere
-zu, dessen Rauschen mich mit Gesang begrüßt.
-
-Aber vom Tode umschattet, hebe ich noch einmal aus den Tiefen meiner
-Seele das Bild Eurer Gesichter, langsam wie man aus dem Grunde
-verschütteter Städte die Reste alter Tempelmauern und Wohnstätten
-emporhebt. Und ich frage mich: seid Ihr das wirklich? In welchen
-fabelhaften Zeiten habt Ihr gelebt? Wer wart Ihr, die Ihr durch mein
-Leben schrittet, fremd und liebend zugleich? Wie könnte ich Euch beim
-Namen nennen? Seid Ihr mir in dieser Stunde nicht alle gleich nah,
-Eltern, Brüder, Freunde, Mitmenschen und Geliebte? Ihr kleinen Knaben,
-mit denen ich in meiner Jugend befreundet war. Ihr weichen Wangen der
-Mädchen, blaß und hinreißend schön wie der Glanz des aufgehenden Mondes.
-Und Du, alterndes Gesicht einer schneeweißen Frau, weise und mit
-rätselhaften Falten bedeckt -- wenn es einen Schmerz für mich in dieser
-Stunde gibt, so ist es der, Dich verlassen zu müssen, Dir Leid zu
-bereiten. O nicht die kleinste Geste Eures Lebens bleibt mir in dieser
-Minute fern. Euch, die ich liebte, denen ich mit Zärtlichkeit weh tat.
-Und doch, wann war es, daß ich durch Eure Mitte ging? In so verschüttete
-Tiefen sankt Ihr hinab, daß ich Euch nicht wiedererkenne. Welcher Teil
-meines Leibes, meiner Seele blieb an Euch haften? Ach, wenn ich eines
-bedaure, so ist es, ohne Kinder sterben zu müssen, ohne Sohn, ohne
-Mädchen, das die Mutter kommender Geschlechter würde. Wie schön, wie
-unsagbar reich war dieses Leben, das ich mir baute, und doch soviel
-Samen der Liebe vergeblich verschwendet. Wie fremd war Euch meine Bitte
--- ach, ich begreife, daß Ihr es höher schätzen mußtet, frei zu sein,
-als die namenlose Mutter meiner Kinder zu werden!
-
-Aber verzeiht, wenn meine letzten Gedanken nicht Euch gewidmet sind,
-wenn sie sich auf jene dämmernde Zukunft der Menschheit richten, für die
-ich die Verpflichtung fühlte, zu sein, der mein künftiges Leben geopfert
-wurde. Und vielleicht liegt nur darin die Schwere des Abschieds dieser
-Stunde, daß ich der Erde den Dank nicht zeigen kann, den ich ihr
-schulde. Jener tiefste Schmerz des Mannes, der Welt nicht mehr beweisen
-zu können, was wir vermochten. Für Dich, Du vielgestaltete unendliche
-Masse der Völker, die Du, im Elend und im Glücke leidend, an Deinen
-Herrschern zugrunde gehst, Dich in Deinen Kriegen verblutest.
-
-Das Vaterland schuldet mir keinen Dank. Aber auch in mir stirbt die
-Menschheit ihren traurigen und namenlosen Tod. Auch ich litt für sie,
-auch ich konnte sie nicht erlösen, so inbrünstig dieser Wille in mir
-war. Vielleicht bleibt es dabei ein geringer Trost, immerhin an den
-Mühen gestorben zu sein, schmerzleidenden Menschen Linderung zu
-bereiten, wenn ich mir auch in keiner Stunde verhehlt habe, daß die
-Sehnsucht, die mich in diese Länder trieb, die Erde in allen Weiten und
-Tiefen zu erschöpfen, nicht geringer in mir gewesen ist.
-
-Und so lebt denn wohl, lebt wohl, Ihr Geliebten! Zum letzten Male grüßt
-Euch Euer Sohn, Bruder, Freund und Mitmensch
-
- Armin Wegner,
-
-im Dienste der Menschheit sterbend an der Unersättlichkeit des Lebens.
-
-Lebt wohl! lebt wohl! Ihr Geliebten!
-
-
-
-
- An eine Freundin
-
-
- Bagdad, den 25. Mai 16.
- Am Tage der Auferstehung.
-
-Nach so viel stummen und verschwiegenen Grüßen, so viel liebend
-gefalteten Büchern und Päckchen mit Süßigkeiten, halte ich endlich den
-Brief meiner teuren Freundin in der Hand. Es ist seltsam mit diesen
-Briefen in der Fremde. Wir haben eine Liebschaft mit ihnen, wie mit
-einer zärtlichen Frau, als wollten wir ohne Ende sagen: »Küß mich noch
-einmal! So, Dein Gesicht an meine Seite.« Und obwohl wir sie siebenmal
-gelesen haben und lange auswendig wissen, werden wir doch nicht müde,
-immer von neuem ihre Züge zu betrachten.
-
-Nun aber blickt ein Auferstandener in diese Augen, einer, der von
-zwiefachem Tode heraufkommt und, aus ohnmächtigem Schlaf erwachend, sich
-mit der Hand über die Stirn streicht: ja, es ist die Erde, es ist das
-Wort geliebter Seelen, das an dein Ohr tönt. Noch schwankt der Boden
-unter meinen Füßen, noch begreife ich nicht, daß diese Fülle des Glückes
-mir geschenkt war. Noch zweifle ich am Tag und der Stunde der Heimkehr,
-der langen, mühseligen Reise durch eine lieblose und sonnendurchglühte
-Wüste gedenkend. Aber vielleicht habe ich hier die Wendung jener
-rasenden Laufbahn erreicht, die bestimmt scheint, mich durch alle
-Schrecken und Finsternisse zu treiben! Oft frage ich mich erstaunt, wie
-ist es möglich, daß das Leben in dir noch neben dem Tode Raum hat? Und
-muß ich der Erde nicht dankbar sein, wenn sie mich Wiedergewonnenen so
-immer von neuem liebend an ihre Brust reißt? Muß ich nicht heiter sein,
-obwohl ein Leben bitterster Enttäuschungen mich im Mutterlande erwartet?
-
-Ich rüste zur Heimkehr. Kein Wort, kein Gefühl klammert sich an mich,
-das stark genug wäre, mich in diesen Mauern zu halten. Vereinsamt schaue
-ich mich unter der Schar dieser Männer um, unter denen ich fast alleine
-zurückblieb. Die Herzen haben mich verlassen, um derentwillen ich durch
-diese Wüste reiste, und mir blieb nichts als die traurige Pflicht, ihnen
-das Bett des Sterbens zu bereiten. Noch sehe ich die Augen des greisen
-Feldmarschalls auf mich gerichtet, höre das Wunder seiner Stimme, die,
-schon vom ewigen Schlafe befangen, in dem Dunkel ferner Schlachten
-umherging, und zur selben Stunde, da der geliebte Leichnam, auf die
-Lafette einer Kanone gebunden, in eine Wolke von Musik gehüllt, seinem
-letzten Hause unter den Mauern uralter Kalifen entgegenschwebte, trug
-mich selber das Boot über den Kühle atmenden Fluß, schwankte ich
-fieberdurchglüht dem Ufer zu, mich selber zum Sterben zu bereiten. An
-dem Geländer des Hospitals stand ein anatolischer Soldat, den ich vor
-Monaten in schwerer Krankheit gepflegt hatte, dessen volle Gestalt ich
-kaum wiedererkannte. Und nicht ohne Verbitterung dachte ich: du hast
-deine Gesundheit aus mir getrunken, dein schwerer Leib zieht mich selber
-hinab. Aber die Wage stieg von neuem, und nicht ohne Wehmut bekenne ich:
-also auch hier solltest du hindurch! Die Sonne des Sommers öffnet ihren
-weißen Himmel. Ich habe meine Toten begraben. Der Weg ist frei. Das Band
-ist zerrissen, das mich an ihre Tage gefesselt hat, das mich glücklich
-machte, in ihrem Schatten zu leben.
-
-Aber je mehr ich so der Stunde gedenke, da unter meinen Füßen die Meile
-des Weges wieder kleiner wird, um so stärker erkenne ich, wie von Tag zu
-Tag die Mühe unsäglicher wurde, die meinem geschwächten Leibe bereitet
-ist. Und schon ruft eine sieche Steppe, rufen die Blätter verbrannter
-Palmen mir entgegen: es ist zu spät! Die gelbe Glut einer böse
-blickenden Sonne hat eine unsichtbare Mauer um unser Haus gezogen. Das
-Thermometer in unseren Brusttaschen steigt auf einundvierzig Grade, als
-wollte es sagen: sieh, auch die Mutter Erde atmet im Fieber. Wir leben
-in den Kellern. Vor unseren Fenstern hängen breite Rahmen aus
-Palmblättern, die mit Kameldorn gefüllt sind und mit Wasser begossen
-werden. Die Hunde vor unsern Türen liegen in einer Pfütze von Schweiß.
-Wir warten, bis es Abend wird, dann kriechen wir aus unseren Verstecken,
-steigen auf die Dächer, wo wir unsere Betten ausbreiten, und liegen
-schlaflos und warten auf den Nachtwind. Über uns wachsen die Sterne, die
-goldenen Früchte eines riesenhaften Baumes, und ich brauchte nur die
-Hand auszustrecken, so griffe ich in ihre Krone und pflückte sie alle in
-Deinen Schoß. Zuweilen erhebt sich urplötzlich aus der Ebene ein
-Sandsturm. Dunkle Wolken wirbeln aus der Tiefe herauf, der feine Sand
-fällt über Gesicht und Hände, das Mückennetz bläht sich, ein gefülltes
-Segel, und plötzlich rollt unser ganzes Bett über das flache Dach dahin.
-Die Leinentücher flattern nach allen Seiten, die Schlafschuhe wandern,
-und der mit Wasser gefüllte Tonkrug, an dem unsere Lippen Tag und Nacht
-verdurstend hängen, bricht in Scherben.
-
-Wenn aber der Mond scheint, füllt sich die Ebene mit einem zarten Licht.
-Blaue Dämmerung steigt aus den Palmenhainen, zerfließt weich in die
-Steppe. Wie klein wird die Erde unter uns. Dann ist mir, als wüchse mein
-Leib unendlich in die nächtliche Landschaft hinaus. Mein Haupt ruht in
-Mossul, meine Füße rühren an die Trümmer von Babylon. Meine rechte Hand
-liegt auf den Dächern von Damaskus, und mit der linken greife ich in die
-Schneeberge von Luristan. Durch mich rinnt eine unendliche Ader, der
-Tigris. Zu ihm kommen die Verwundeten, die Kranken, die Gefangenen, die
-Sterbenden, Wasser zu schöpfen. Bin ich ein Strom, an dessen Ufern die
-Regimenter des Todes lagern, um zu trinken? Ich habe kein Blut mehr in
-mir. Dies Land hat mich zu seiner Scholle gemacht, in deren Tiefen die
-Flut versiegt ist, und auch mein Leib ist zur Wüste geworden, von
-verdorrenden Gräsern bedeckt und von heißen Winden geschlagen.
-
-
-
-
- An die Mutter[2]
-
-
- Bagdad, im Mai 16.
-
-Auch Du, meine Mutter, hast Deine Söhne der Vernichtung geboren. Auch Du
-hast gedarbt, um Erkenntnis gerungen, schlaflos gelitten, daß Deine
-Kinder reif würden für die Stunde des Todes. Und auch Deinem alternden
-Leib ruft eine barbarische Zeit entgegen: gebäre noch einmal. Werde noch
-einmal Mutter, daß neues Blut da sei, das auf den Schlachtfeldern und in
-den Laufgräben fließe!
-
-O die große Lüge, die wir niemals vergessen werden, die falsche Sonne,
-die über der vorgeschichtlichen Zeit unserer Kindheit leuchtete. Denn
-wofür haben wir gekämpft? Wofür trugen wir Arbeit und Hoffnung so viele
-Jahre hindurch? Wofür bauten wir Eisenbahnen und Dampfschiffe,
-errichteten Schulen, Fabriken und Krankenhäuser, lehrten unsere Kinder
-weise, kräftig und pflichttreu zu sein? Glaubten wir wirklich, daß wir
-die Menschen näher aneinander rückten, Völker an Völker, Herzen an
-Herzen zu binden, die Güter der Erde dorthin zu tragen, wo ihrer Mangel
-wäre, und die Armut zu töten? O die große Lüge, die große Lüge! So viel
-Wunder des Geistes und der Hände, nur daß wir Mittel hätten, Soldaten
-schneller dorthin zu werfen, wo sie Menschen fänden, zu töten;
-bewaffnete Mörder noch über die weitesten Meere zu tragen, Männer, weise
-und klug und tapfer für die Geschäfte des Mordens, und Werkzeuge und
-Folterkammern des Todes. Dreitausend Jahre haben wir die Sehnsucht in
-uns getragen, in die Lüfte zu steigen, und da sie endlich in Erfüllung
-ging und wir fliegen lernten, da hoben wir uns in die Lüfte und warfen
-den Tod vom Himmel auf die Erde herab.
-
-[Fußnote 2: Dieser Brief wurde von der Zensur festgehalten und
-veranlaßte die Rückberufung des Verfassers aus der Türkei.]
-
-So viele Reisen über Gebirge und fremde Länder, so viele Wanderungen
-durch Städte, durch blühende Ortschaften, wir vollführten sie nicht, daß
-wir die Erde lieben lernten. Wir suchten nur nach den Schwächen unserer
-Brüder, daß wir besser wüßten, wo ihre Wunde schmerzhaft ist. Und immer
-noch wird jeder Tag zum Laufbrett einer neuen schändlichen Handlung,
-immer noch rollt diese Kugel, deren knöchernes Klappern uns aus halbem
-Schlummer emporweckt. Glaubten wir nicht, erblindet zu sein vor dem
-Schmerz dieser Zeit, gewappnet gegen die Gefühle in unserer Brust? Ach,
-es gibt Falten in dem Gesicht dieses Elends, die sich so unauslöschbar
-einprägen, daß wir sie niemals vergessen werden.
-
-Gestern kamen die gefangenen Engländer aus Kut-el-Amara an. In langen,
-staubigen Zügen trieb man sie durch die Gänge des Basars, durch die
-gaffende Menge der Händler und Straßenverkäufer, daß sie unter dem Hohn
-der Handwerker, unter dem Zischen der Wechsler doppelt empfänden, wie
-tief sie gedemütigt sind. An ihrem Ende erhob sich eine unübersehbare
-Reihe grauer Kamele, nur mit den Stricken ihrer Halfter
-aneinandergefesselt, auf ihrem Rücken die traurige Last jener Gestalten
-schleppend, die, von Hunger und Krankheit geschwächt, ihre Füße nicht
-mehr tragen konnten, die fast aufgehört hatten zu atmen und in leblosen
-Bündeln an den hölzernen Lastsattel der Kamele geklammert hingen. Aus
-ihren lehmfarbenen Hosen ragten die von der Sonne geröteten und
-geschwollenen Knie, deren Haut sich in Fetzen zu schälen begann, und mit
-langen, dürren Fingern griffen sie nach den Gurken, die mitleidige Hände
-ihnen reichten, und bissen gierig in das grüne Fleisch. Hier wankten
-Gestalten, die, barfuß und halb entkleidet, den letzten Rock, ihre
-Stiefel für ein Stück Brot, für eine Handvoll Datteln gegeben hatten.
-Auf ihren spitzen Schultern hing, wie über einen Stock gezogen, das am
-Rande ausgerissene Hemde, bei jedem Schritt ihre Scham entblößend, und
-zitternd erhob sich aus der Menge ihr grauenvoll ausgehungertes, noch
-immer mit dem Tropenhut bedecktes Haupt, das auf dem langen Hals wie der
-klappernde Kopf einer Mohnstaude schwankte. Araber hatten mit Wasser
-gefüllte Tonkrüge vor die Haustüren gestellt, aber die türkischen
-Soldaten drängten die schmachtenden Inder beiseite. Ab und zu blieb
-eines der Kamele stehen, um beim Weiterschreiten das nachfolgende an
-seiner Leine mit einem jähen Ruck aus der Ruhe zu reißen, daß die
-schlaffen Glieder ihrer traurigen, immer noch atmenden Last
-schmerzhaft zusammenschlugen. Zuweilen schien es, als müßten,
-durcheinandergeschüttelt, diese Augen aus ihren vertrockneten Höhlen
-fallen, um im Staub unter den Füßen der Tiere zu sterben, die
-wiederkäuend mit schaumtropfender Lippe, bald vor- bald rückwärts
-gerissen, eine jammervolle Kette des Elends aus dem Dunkel des Basars
-von neuem in die glühende Sonne der Wüste tauchten.
-
-Am Abend ging ich durch das Lager der Gefangenen. In der grauen Asche
-des Staubes lagen ihre Leiber gleich verkohlten Knochen umher. Kleine
-schlitzäugige Gurkhas und die zarten Glieder der Sikhs, deren
-fremdartige Augen leidend zu mir aufblickten, aus deren Tiefe die Flamme
-uralter Gottesverehrung brach. Dazwischen blonde Gestalten, noch
-knabenhaft und kaum der Mutter entwachsen, mit einem unsagbaren Ausdruck
-des Nicht-dafür-Könnens, armselige Gestelle von Lumpen. Und wie ich sie
-so liegen sah, halbnackt, fassungslos aufgelöst, ganz der steigenden
-Kühle des Nachtwindes hingegeben, da mußte ich mir unwillkürlich sagen:
-wie merkwürdig, daß es noch eine Erde unter den Füßen dieser Verdammten
-gibt, um darauf zu schlafen, daß nicht auch unter ihnen eine Sonne
-glüht, daß ihre Füße nicht auf zwei spitzen Pfählen stehen oder auf
-einem brennenden Rost, statt auf sonnendurchglühter Wüste ... ja, die
-Erde ist barmherziger als wir.
-
-Und doch ist dieses nur der Ausschnitt einer Stunde, der millionste Teil
-des Elends, das von allen Seiten der Erde aufbrüllt und um Erlösung
-schreit. Ich brauche nur die Zeitung aufzuschlagen, so finde ich eine
-endlose Liste versunkener Schiffe, die die Ernte dieses einen Monats
-bedeutet. »Den ersten Mai ein bewaffneter englischer Bewachungsdampfer,
-zwei französische Hilfskreuzer vor Le Havre, ein französischer Kreuzer
-La Provence mit 4000 Mann wovon 3300 ertranken ....« Das sind die
-bluttriefenden Trophäen, die ein über alles geliebtes Deutschland gleich
-den zahllosen Kopfhäuten eines skalpierenden Indianers triumphierend an
-die Schnalle seines Gürtels hängt! Hat je ein Mensch so viel Kraft der
-Vorstellung besessen, daß er sich ausmalte, wie Tausende von Männern in
-wahnsinniger Todesangst auf dem Deck eines sinkenden Schiffes
-durcheinanderrennen in einem einzigen tierhaften Schrei der Empörung,
-hat je eine Mutter es vor sich gesehen, wie die Not menschlicher Arme
-durch einen Brei von Blut und zerstückelten Leibern zu schwimmen begann
--- und ging nicht hin und riß sich das Haupt von den Schultern, dies
-nicht zu Ende zu denken?
-
-O meine Mutter, wie arm und schwach sind wir geworden. Wir sterben vor
-Scham, in einer Welt leben zu müssen, die so wenig dem Abbild unseres
-Herzens gleicht. Auch Du mußtest einem Gotte opfern, den Du nicht
-verehrst. Auch Deine Söhne hängen in den Speichen eines Rades, das sie
-zu zerreißen droht. Glaubten wir nicht unverwundbar zu sein? Hatten
-unsere Seelen nicht in dem Drachenblute dieser furchtbaren Zeit gebadet?
-Aber Mitleid und Liebe ängstigt und foltert uns. Auch uns blieb wie
-Siegfried eine verwundbare Stelle in der Hornhaut der Seelen, und durch
-die schmale Öffnung zittert der grausame Speer, uns bis in die letzten
-Tiefen zerfleischend.
-
- Dein gefesselter Sohn.
-
-
-
-
- An die Mutter
-
-
- Babel, den 18. Juni 1916.
-
-Meine arme Mutter, als ich Dir das letztemal schrieb, wußte ich noch
-nichts von dem Tode unseres Bruders, und doch ist mir, als müßte eine
-Stimme aus einer Ecke des Weltalls zu mir gesprochen haben, daß ich Dir
-dieses sagte: auch Du hast Deine Söhne der Vernichtung geboren. Als
-könnte ich Dir heute nur all jene Worte wiederholen, die ich Dir damals
-schrieb.
-
-Vor zwei Tagen ging ich auf das Armee-Oberkommando, um einen Urlaub nach
-Babylon zu erbitten. Jemand gab mir einen versiegelten Brief in die
-Hand, ich lief die Treppe zum Fluß hinunter, um das Boot zu besteigen,
-und im Hinabschreiten öffnete ich den Umschlag. Als ich den schwarzen
-Rand erblickte, dachte ich gleich: es ist der Vater. Dann las ich von
-dem Tode unseres armen Ikarus, der so früh seine Flügel gebrochen hat.
-Eine Weile später stand ich in dem Hof des deutschen Etappenoffiziers
-und hörte, wie eine Stimme zu mir sagte: »Was machen Sie für ein
-Gesicht? ...« Da fühlte ich, von Krankheit und Hitze geschwächt, wie mir
-die Tränen aufstiegen, und konnte nicht sprechen.
-
-Ich fuhr den Fluß zurück über das opalfarbene Wasser, badende Knaben
-scherzten am Ufer, der volle Mond erblühte am Himmel. In dieser Nacht
-schlief ich wenig. Immer sah ich die Gestalt meiner Mutter vor mir, sah
-eine unendlich zarte, pergamentene Hand, unter der sich die blauen Adern
-abzeichnen, wie sie inmitten fremder Menschen und der kalten
-Geschäftigkeit eines ungerührten Soldatenlebens an dem Sarge ihres
-Kindes stand, mit einer schüchternen Bewegung ihrer weißen Finger über
-seine blonde Stirne streichend, als wollte sie noch einmal sagen: mein
-Junge. Und ich sehe uns ältere Brüder mit einem bunten schottischen
-Kleidchen zwischen uns durch den Garten unseres Hauses rennen, daß uns
-die kleinen Beine kaum folgen können, blonde Härchen, über denen eine
-weiße Pudelmütze hing mit einem Ponpon daran. Und ich sehe unsern Bruder
-nach Hause kommen mit seinem zerbrochenen Ärmchen, dem der Knochen aus
-dem Gelenk gerissen war, weil er schon so früh seine Seiltänzer- und
-Fliegerkünste auf den regenglatten Barrieren des Viehmarktes übte, und
-ich denke, daß er eigentlich immer unglücklich in seinen Unternehmungen
-gewesen ist. Armer Ikarus! Vielleicht findet meine Mutter heimkehrend
-zwei braungewichste Schuhe in einem Winkel des Zimmers, blank wie eine
-Kastanie, einen seidenen Schlips, auf den er stolz war, und ich bin
-nicht bei ihr, ihr die Tränen von den Wangen zu küssen.
-
-Im Dunkel gehe ich noch einmal an den Fluß hinab. Unter den Palmen haben
-türkische Soldaten ihre Zelte aufgeschlagen. Sie liegen, ihrer Uniform
-ledig, in ihren zerrissenen Hemden auf der bloßen, noch warmen Erde,
-ihre Lämmer, die sie morgen schlachten werden, in ihrem weißen, wolligen
-Fell am Boden ruhend, zwischen sich; und ich denke, daß auch sie alle
-nur geopferte Menschen sind. Aber da sehe ich die Gestalt meiner Mutter
-von neuem zwischen den Zelten auftauchen, blaß vom Mondlicht beleuchtet,
-und wieder sehe ich diese schmale, blaugeäderte Hand vor mir, die
-zärtlich nach der Stirne ihres Kindes greift. Ich steige auf das Dach
-unseres Hauses und werfe mich auf die Decken. Aber ich kann nicht
-schlafen. Ruhelos liege ich, bis der Mond untergeht.
-
-Gestern bin ich nach Babylon gefahren. Wir reisten die Nacht durch. Ich
-saß mit Arabern in einem ungefederten Pilgerwagen, der von vier
-Maultieren gezogen wurde. So rasten wir, von Gendarmen begleitet, durch
-die Wüste. Einmal an einer Wasserstelle traten einige hinaus, breiteten
-ihren Teppich auf den Boden und standen zwischen Sonne und Mond über dem
-ungeheuren Zifferblatt dieser Ebene, das Gesicht gegen den Himmel
-gerichtet. Wie nahe empfand ich sie mir in dieser Stunde, als sie
-niederknieten, voll Anbetung diese ewige Erde mit der Stirn zu berühren,
-und als ich den Wagen bestieg, stolperte ich absichtlich, mit der Hand
-in den Staub greifend, erschüttert von der Erhabenheit dieser Natur. Um
-Mitternacht hielten wir an einer Karawanserei. Ich ließ mein Bett auf
-dem Dache des Hauses ausbreiten, aß etwas Brot und Käse und öffnete
-meine Kleider dem Nachtwind. Unten bewegten sich Araber phantastisch im
-Mondlicht, ein kleiner Junge verkaufte Buttermilch aus einem
-Ziegenschlauch. »Libben, Libben,« sagte seine schläfrige Stimme.
-
-Um zwei Uhr weckte mich mein Diener. Wieder rasten wir im Galopp durch
-die Wüste, und wie glücklich war ich, die Erde von neuem unter mir
-gleiten zu fühlen. Kamel- und Ziegenkarawanen schwammen im Zwielicht mit
-wunderlichen Köpfen an uns vorbei. In der hellen Sonne hob sich die
-Staubkrone von Babylon aus der Ebene. Wieder dringt eine neue Welt auf
-mich ein, und zwischen Palmenhainen, Dorfhütten und Ziegelruinen
-versunkener Riesenpaläste fühle ich zwischen den vielen
-Unbegreiflichkeiten, die mich unter einem heißen Himmel in ausgebrannter
-Seele bewegen, auch diese, daß mein Bruder gestorben ist. Vielleicht
-empfinde ich weniger als ihr den Schmerz dieser Stunde, von den
-Gesichtern fremder Menschen und Landschaften umstellt, den Schmerz, der
-vielfach gestaltet in den Straßen der Heimat auf mich wartet, um in der
-Stunde der Heimkehr über mich herzufallen. Vielleicht hat eigenes Leiden
-mich müde gemacht, in jenen Stunden, da auch ich abgeschlossen hatte mit
-meinem Leben, dessen Tagebuchblätter mit vielfachen Zungen zu mir reden,
-auf deren leergebliebenen Seiten jener Zeit ich nichts geschrieben finde
-als die Worte: »Meine arme Mutter.« Wann werden meine Augen, die so viel
-Blut getrunken haben, noch einmal die Tage der Schönheit und des
-Friedens schauen? Wann werde ich wieder den Duft blühender Veilchen
-riechen? Fortzugehen aus dieser Welt des Jammers und der Verbrechen,
-nichts zu sein als ein Baum, ein Stein am Wege, eine Blume im Wind ... o
-meine Mutter, wer das könnte! Aber glaube mir, daß auch auf Deine Lippen
-noch einmal ein Lächeln treten wird, wenn aus den Händen Deiner Söhne
-die starken Früchte erwachsen, die Du ersehntest. Sieh, noch aus den
-tiefsten Abgründen der Erde wollen wir das Glück der Kommenden in die
-Höhe bauen, daß Sonne auch um Deine alternde Schläfe spielt, die ich
-mich zärtlich neige zu küssen. Ach, möchtest Du im Elend so glücklich
-sein, wie Dein trotz aller Leiden des Körpers und der Seele von tausend
-starken, unerschöpflichen Gedanken verfolgter Sohn, dessen Liebe bei Dir
-sein wird immer, immer.
-
-
-
-
- An einen Freund
-
-
- Hans Feige, gestorben den 2. Februar 1917 zu Sipote in
- rumänischer Gefangenschaft.
-
- Babel, den 24. Juni 16.
-
-Mein lieber Hans, es scheint, als wenn eine unsagbare Macht mich abhält,
-meinen Freunden zu schreiben, die im Felde stehen. So erging es mir mit
-Fritz v. Z., bis er gefallen war, da bereute ich mein langes Schweigen
-zu spät. Was ist es, das mir die Brücken zerbricht, die zu jenen
-hinüberführen? Ist es die Unmöglichkeit der Vorstellung, daß Menschen,
-die das Leben meiner Gemeinschaft führten, in das Rad einer Maschine
-gespannt sind, die Betätigung eines Handwerks verrichten, das meinem
-innersten Gefühl so sehr widerspricht? Ist es die Erkenntnis, trotz
-aller Jahre der Freundschaft, aus Knabentagen heraufgewachsen, trotz
-aller Gleichartigkeit der Gesinnung irdische und seelische Weiten
-zwischen sich zu fühlen, die zur Stunde noch unüberbrückbar sind? Ich
-habe mit stiller Genugtuung Deine Briefe gelesen. Nein, Du bist Dir treu
-geblieben. Noch zwischen Bajonetten und dem kalten Regen der Schüsse
-sehe ich Deine Seele tanzen. Noch in Laufgräben und Unterständen sind
-süße Frauen an Deine Seite gebettet.
-
-Vielleicht schmerzt es mich, daß Du meine letzten Worte so wenig
-verstanden hast, daß Du Gefühle an Dich gerichtet empfinden konntest,
-die so sehr anderen Menschen galten. Aber ich will jenes Briefes, auf
-Krankenbetten, in Bitternissen geschrieben, nicht wieder gedenken. Hier
-liegen Monate, die der gefolterten Seele Jahrtausende sind. Nur zu
-lieben, zu schaffen ist meine Seele bereit, zwei Berufe, für die diese
-Zeit sie schwach und untüchtig gemacht hat. Was soll ich Dir sagen? Wenn
-ich ein Land wüßte, dem Krieg zu entfliehen, eine Scholle oder die
-Schroffe eines Berges, noch seinem leisesten Echo fern zu sein oder dem
-unüberwindlichen Geruch des Blutes, den der Wind über die Erde hinträgt,
-würde ich, ein Soldat, mit den heiligsten Eiden berufen, Wunden zu
-heilen und Trost zu sprechen, nicht diese Stätten des Unheils und der
-vermodernden Schädel verlassen, wortbrüchig, aber treu der heiligsten
-Pflicht der Seele? Würde ich nicht schwach genug sein, dem Drange nicht
-länger zu widerstehen in der Unerreichbarkeit der Fremde, sollte ich
-auch Mutter, Freunde und Geliebte für immer verlassen, für mich, ein
-Einzelner, das Gebäude des Friedens und der Arbeit neu zu errichten? Und
-wenn es dennoch einen Ort gab, an dem ich Ruhe fand, eine Stätte, an der
-ich glücklich wurde, so war es unter dem Dache dieses Hauses, das aus
-den Trümmern Jahrtausende alter Ziegel erbaut ist, bei dem
-melancholischen Gesang der Wasserheber, im Schatten uralter Palmen und
-Maulbeerbäume, den vergessenen Resten des Paradieses, in der
-Gemeinschaft einfacher und sinnhafter Menschen, Tagediebe und
-räuberischer Seelen (ja, auch diese noch wage ich zu lieben).
-
-Freilich erschien mir auch hier das Rätsel das gleiche, von dem wir
-umlauert sind, und nie empfand ich die dunkle Antwort der Erde auf die
-Nichtigkeit alles menschlichen Tuns so stark, wie auf den zerbrochenen
-Mauern dieser aus ewigem Schlafe erstandenen Stadt, wenn ich im
-Abendschatten auf der Höhe dunkelgebreiteter Schutthügel wie auf den
-Spitzen verlassener Berge zu stehen glaubte und aus den Spalten der
-silberne Ton einer Blaurake sich hob. Denn auch wir waren bestrebt,
-höher zu bauen als unsere Väter. Auch wir bauten an einem Turme zu
-Babel. Auch wir Völker dieser noch atmenden Erde redeten in vielerlei
-Zungen, waren in Wirrnis geworfen und verstanden uns nicht. Und auch
-unsere Kinder werden einst einen hohlen Abgrund finden, einen See voll
-Wasser, über den der klagende Ton einsamer Vögel hinstreicht, wo wir
-einst gewaltige Mauern errichteten, ragende Türme und unendliche
-Treppen, in den Himmel zu steigen. Ach, daß wir nicht reif wurden, einen
-andern Stern zu betreten, da die Erde nicht Raum hat, uns Erlösung zu
-bringen.
-
-Wo bist Du? In welchem Winkel der Schlachten soll ich Dich suchen,
-geliebter Gefährte so vieler unwiederbringlicher Jahre? Soll ich auch
-Dich unter den Toten wiederfinden? Ich fühle, wie es einsam um mich
-wird. Einsam, da ich noch immer von jugendlichem Stürmen erfüllt bin, da
-ich erst angefangen habe, zu leben, da ich endlich die Straße fand, nach
-der ich so lange suchte. Möchte mir die schmerzliche Stunde erspart
-bleiben, als letzter der Freunde zu sterben.
-
-Vor meinem Fenster, im Uferrasen des Euphrat, gehen junge Araberfrauen,
-Schößlinge von Palmen im Arm, und wie sie im Schatten der Dorfmauer
-hinschreiten, gleichen sie sanftfüßigen Boten des Friedens. Möchten die
-zartfingrigen Zweige ihrer Triebe, ehe sie Wurzel schlagen, seine ersten
-Tage beschatten. Doch nun sehe ich Dich im Staube der Landstraße
-dahinziehen, von Sonne und der fröhlichen Schar der Kameraden umgeben,
-das furchtbare Mordgewehr auf dem Rücken, ein Lied singend. »Der Sohn
-des Leichtsinns ist immer glücklich!« -- rief mir gestern ein arabischer
-Eseltreiber zu, der sich lachend auf das mit blutigen Striemen bedeckte
-Tier schwang, und wenn Kummer und Not und die pedantische Hand des Todes
-um Dein Haupt sein sollten: bleib mir erhalten, alter Junge!
-
-
-
-
- Brief an die Eltern
-
-
- Im Palmengarten der Karmelitermönche.
- Bagdad, den 21. August 1916.
-
-Welches gerechte Erstaunen, welcher Schmerz, Ihr einsamen Seelen, wird
-Euch erfaßt haben, als Ihr saht, daß ich fast zwei Monate geschwiegen
-habe. Daß ich von Zwiespältigkeiten, Demütigungen und einer Menge nur
-halb gelebter Stunden umhergeworfen, mich fast selber vergaß, seit ich
-Bagdad, dieses verlogene Gebäude von Schmutz, Staub, glühenden
-Backsteinen, schlechtem Essen und knechtischem Soldatenton von neuem
-betrat. Denn wir waren kaum aus der »Pfanne von Babel« heraus, als uns
-schon auf der Straße nach Mauhanil das Unheil mit verbogenen Federn in
-den Staub warf. Als unser Wagen plötzlich zusammenknickte wie ein Kamel,
-das sich in die Knie wirft, während die zerlumpten Kutscher unter den
-Kolbenstößen der Gendarmen mit einem arabischen »das tut nichts« die
-verbogenen Federn mit Bindfaden wieder aneinanderflickten. Ja, ich
-glaube, ich verdanke es nur der Güte des Bruders Ägidius, wenn ich im
-Schatten seiner Feigenbäume noch einmal dazu kam, mich auf mich selbst
-zu besinnen, wenn ich für Augenblicke zurückschauen kann auf Leiden,
-Hindernisse und Fallstricke, die ich, ein gehetztes Wild, überspringen
-mußte, um endlich zur Ruhe zu kommen. Zur Ruhe zu kommen? ... ach, um
-aufgescheucht, atemlos von neuem durch Gestrüpp und über Abgründe zu
-stürzen. Denn während ich halb krank durch die Straßen von Bagdad irrte,
-wie ein persischer Bettelmönch in einem hauslosen Stande lebend, während
-ich jeden Morgen meine Wohnung wechselte, mit der Last meiner Teppiche
-und dem zu einem Hausrat angewachsenen Gepäck, während ich in
-halbzerfallenen Häusern nächtigte, jeden Tag der Stunde der Heimkehr
-gedenkend, erreichte mich eines Abends der Tagesbefehl vom 26. Juli
-1916: »Der Sanitätssoldat Wegner wird in die Cholerabaracken
-kommandiert.«
-
-Da stand ich im Schein meiner Handlaterne in der Finsternis unseres
-kleinen Hofes, faltete das Papier zusammen, und mir war, als hielte ich
-mein Todesurteil in der Hand. Von Fieber und innerem Leiden geschwächt,
-soeben von den Ärzten eines dreimonatlichen Urlaubs versichert, dennoch
-von täglichen Verlockungen bewegt und noch gestern bereit, nach Persien
-oder Ägypten zu wandern, erkannte ich an der Unterschrift dieses
-Befehls, daß alle Pläne, die ich in den letzten Tagen erwog, mir für
-immer zerbrochen waren. Niedertracht und Verleumdung, die mit
-gespreizten Beinen auf den Dächern der Stadt reiten, hatten sich an die
-Spuren meines Weges geheftet. Der böse Wille eines preußischen
-Offiziers, der es nicht duldete, daß meine geringe Verachtung vor seiner
-nur mit einer Schlafhose bekleideten Körperlichkeit sich zu verneigen
-wagte, statt stramm zu stehen. Denn nach meiner Rückkehr aus Babylon
-hatte man mich für kurze Zeit in ein fremdes Haus einquartiert, dessen
-Räume ich kaum betreten hatte, als ein mir unbekannter Deutscher im
-Türrahmen des Zimmers erschien. An einen vertrauten Umgang gewöhnt,
-machte ich eine leichte Verbeugung, da er auf seinen nackten, von
-Schweiß geröteten Schulterblättern die Abzeichen seines Hauptmannsranges
-in der Tat nicht eintätowiert trug. »Wer sind Sie?« Ich nannte meinen
-Namen. Er fragte nach meinem militärischen Rang. Ich würde mich schämen,
-Euch die Worte zu wiederholen, die darauf folgten. Am Abend fand ich das
-Feldbett, das mein Diener auf dem obersten Dach aufgeschlagen hatte,
-eine Stufe tiefer aus dem Wind gestellt. Wenige Tage darauf wollte es
-das Unglück, daß ich, noch immer auf die Ausfertigung meines
-Urlaubsscheines wartend, mit einer schönen Frau durch den öffentlichen
-Palmengarten von Bagdad ging, während der deutsche Etappenmajor vor der
-Kapelle seinen Kaffee einnahm. Schon am nächsten Abend hielt ich diesen
-Befehl in Händen, der geeignet schien, die Hoffnung auf Heimkehr für
-immer in mir zu töten.
-
-Mit wie bitteren Gefühlen, wie schmerzlicher Sehnsucht ging ich in
-dieser Nacht auf der Terrasse unseres Daches umher, wo Pater Joseph, mit
-dem ich das einsame Haus teilte, sich neben mir auf das von
-Palmenzweigen geflochtene Bett warf. »Schlafen Sie ruhig,« sprach seine
-Stimme durch das Dunkel, »ich habe es immer gefühlt, daß über Ihnen eine
-schützende Hand schwebt.« Ich aber blickte in den nächtlichen Himmel, an
-dem violett schimmernde Sterne ihr ewiges Spiel begannen. Ich konnte
-mich nicht losreißen davon, daß dies nicht der Wille der Notwendigkeit
-war, der mich von neuem auf die Straße des Verderbens stürzte und meinen
-kaum wiederhergestellten Körper, den ich nicht ohne Mühe auf den Beinen
-hielt, bald wieder auf das Lager werfen mußte. Mein immer bereiter
-Wunsch, den Leidenden zu helfen, sah sich gegen eine Mauer haßerfüllter
-Blicke gestellt, die gerüstet schienen, mich zu vernichten. Aus den
-weißen Laken der Betten sah ich von neuem die Gebärde der Hilflosigkeit
-gegen mich Hilflosen gerichtet, die Gesichter des Entsetzens vor mich
-hingestellt, vielfach und schmerzlich aneinandergereiht, wie ich sie so
-oft in diesen Jahren gesehen.
-
-Da gedachte ich Eurer und Eurer Liebe, die bei mir war, Ihr einsamen
-Seelen. Zum ersten Male in meinem Leben, seit vielen Jahren, sah ich
-Euch beide vereint wie in den Tagen der Kindheit. Eure Augen trugen den
-alten Glanz, aber Kummer und Sorgen hatten Eure Gesichter gezeichnet.
-Und von Sehnsucht überwältigt, griff ich zum zehnten Male nach Euren
-Briefen, aber es waren die alten, tränenbeladenen Seiten, die von dem
-Tode unseres Bruders kündeten. Wieder sah ich Euch abschiednehmend vor
-mir stehen, wie Ihr die väterliche und mütterliche Rechte zum letztenmal
-dem Sohn auf das tote Herz legtet, wie Ihr beide, ein alterndes
-Zwiegespann, müde an dem verwaisten Herde zurückbliebt.
-
-Mit einer bitteren Verzweiflung ging ich in diesen Tagen von neuem an
-die Arbeit, bereit, das Letzte zu geben, das in mir war, bemüht um die
-Schmerzen neuer Menschen, als hätte es irgendwo dort hinten nie ein
-anderes Dasein gegeben als dieses, das mit bolus alber und trockenem
-Brot zwischen den Betten umherlief, die mit dem Schmutz der Kranken
-bedeckt waren. Eines Morgens fand ich in der Schreibstube zwischen den
-Papieren einen geheimen Befehl an den leitenden Arzt des Lazarettes, der
-den Vermerk trug: »W. ist so zu beschäftigen, daß ihm jede Lust, in
-Bagdad spazieren zu gehen, vergeht.« Man stellte mir also nach dem
-Leben, beraubte mich des höheren Ranges, den mir der Feldmarschall
-verliehen hatte, zwang mich zu einer Tätigkeit, der ich bei meinem
-Zustand nicht mehr gewachsen war, und übertrug mir in schändlicher
-Absicht bei täglich zwölfstündigem Dienst noch drei Nachtwachen in einer
-Woche. Nur einem Wunder verdanke ich es, daß die Cholera in diesen Tagen
-nachließ. Ein an Leiden Erblindeter, irrte ich in den gedeckten Kellern
-dahin, lief mit arabischen Handwerkern durch die heiße Sonne, einen
-Leichnam in seinen Sarg zu löten, oder stahl mich im Dunkel zwischen den
-Palmen hinaus, einem Toten drei Handvoll Erde in die Grube zu werfen,
-mit dem ich noch gestern bei Tische saß. In diesen Tagen lernte ich den
-Schlaf über alles lieben. Wenn es zuweilen geschah, daß ich des Nachts
-emporfuhr, schloß ich erschreckt von neuem die Augen: nicht einen
-Gedanken länger in einer Welt leben zu müssen, die schamlos die Wurzeln
-aller Taten entblößte, eine Welt zu schauen, die so sehr das Abbild der
-Selbstsucht und der Zwistigkeit war, von harten Herzen gesteinigt, unter
-dem niederen Himmel böse blickender Augen, die nicht gewillt schienen,
-mich mit Liebe zu lohnen. Voll Wehmut gedachte ich der Tage, da ich mit
-dem Feldmarschall, mit Sven Hedin und dem erfahrenen Herzoge von
-Mecklenburg zu Tische gesessen, da ich ihnen im abendlichen Lichte des
-Tigris vorgelesen, gedachte der achtungsvollen Worte ihrer Freundschaft,
-der liebenden Geste, mit der sie mir die Hand reichten. Es war weder
-Ehrgeiz noch Beschämung, die mich erfaßten, daß ich mich plötzlich so
-herabgesetzt sah und in den Kreis der Enttäuschung geführt (bin ich
-nicht immer der Gast der Armut gewesen?), aber es schmerzte mich,
-Verleumdung und niedriger Vergeltung zu begegnen, wo ich zu halbem
-Erstaunen oft Liebe und herzliche Erkenntnis fand. Der Strom der Bosheit
-hatte auch mich ergriffen. Ich sah, wie er immer weitere Kreise zog,
-mich immer weiter hinwegführte von meinen Freunden.
-
-Ach, ich wußte es wohl, die mich liebten, lagen unter den Toten draußen
-oder kehrten enttäuscht und ungläubig in die Heimat zurück. Und eines
-Mittags, nachdem ich die Nacht Wache gehalten, lief ich in die Wüste
-hinaus, das Grab meines Stabsarztes zu suchen. Aber ich irrte vergeblich
-in glühenden Winden zwischen Aas und zerfallenen Hügeln umher, bis ich
-im Staube kauernd den blinden Wärter des Friedhofes fand, der, mit
-greisen Händen über den Buckel der Gräber tastend, lange zwischen den
-zerfallenen Steinen umherlief, mich endlich vor eine kahle Stelle zu
-führen. Enttäuscht blickte ich auf die entblößte Stätte dessen, den ich
-geliebt hatte, die so Unvergeßliches für mich barg, von denen betrogen,
-die mir während meiner langen Krankheit oft ihr Wort gegeben, dafür
-Sorge zu tragen. Nicht ein Zeichen der Erinnerung war mir geblieben, als
-der traurige Schatz meines Herzens, mit dem ich Trostloser zurücklief in
-die Stadt.
-
-Und ich ging durch den schlafenden Bazar, dessen hundert Augen
-geschlossen lagen, denn es war Feiertag, und dessen schmale Gänge sich
-in finsterer Einsamkeit dehnten, bis der Zufall mich in eine verlassene
-Karawanserei führte, wo alte Teppiche, Möbel und Waffen vergangener
-Jahrhunderte aufgespeichert lagen. Und wie ich mich so einsam und
-bekümmert zwischen ihnen stehen sah, von Krankheit und Heimweh
-geschwächt, in meinem abgerissenen Waffenrock und meinen staubigen
-Soldatenstiefeln, da fühlte ich, daß auch ich nichts anderes war, als
-ein wertloser Gegenstand, noch eben gut, um als Hemmschuh für das
-gleitende Rad des Todes zu dienen, alt, abgebraucht und um sechzig
-Piaster verhandelt.
-
- Euer Sohn, der Freund der Toten.
-
-
-
-
- Der Triumph der Mutter
-
-
- Bagdad, Mesnil Schah Bender,
- den 30. August 1916.
-
-Am vergangenen Sonntag ging ich in die lateinische Kirche. Sie feierten
-das Fest der heiligen Jungfrau Maria. Chaldäische Christinnen in ihren
-weiten seidenen Gewändern füllten das Schiff, arabische Kaufleute, über
-denen der Priester, schwarzbärtig, die weihrauchgefüllte Kugel schwang.
-Ich setzte mich unter sie, ich blickte auf das mit Palmenzweigen
-geschmückte Bild der Gottesmutter, die auf ihren Armen den Sohn trug,
-und mir war, als schaute ich in Deine Züge, Mutter, die in unendlicher
-Liebe auf mich herabsahen. Waren nicht auch mir die Worte gesprochen
-worden: »_Beatus venter, qui te portavit, et ubera quae suxisti?_« Ging
-nicht von diesem Lächeln aller Friede der Erde aus, stand es nicht wie
-die aufgehende Sonne über den Tagen der Kindheit, an deren Ende jene
-Wildnis der Seele beginnt, in die wir alle hinausgetrieben werden,
-verirrte Tiere? War nicht auch Dein Leid ein Meer? Hattest Du nicht die
-sieben Schmerzen Marias getragen, den Sohn in Kummer geboren, mit ihm
-die Kämpfe und Enttäuschungen einer langen Jugend erlitten, ihn
-dargebracht auf dem Opfersteine der Menschheit, daß verblute, was mit
-soviel Mühen Deinem Leibe, Deinem Herzen entwachsen war? Als Du ihn
-wiederfandest in seinem zerrissenen Fliegerrock, von dem Schmutz dieser
-Erde bespritzt, gekreuzigt an die zerbrochenen Flügel seiner Maschine,
-waren da nicht auch Dir aus den unbarmherzigen Tiefen der Finsternis die
-Worte gesprochen worden: »Siehe da, Deinen Sohn!« Glitt nicht in jener
-Stunde vervielfacht und geläutert die namenlose Liebe auf uns Brüder
-herab, die von unendlicher Trauer verklärt vor uns die Flamme Deines
-Hauptes emporhob?
-
-_Inventa es Mater Salvatoris Virgo Dei Genetrix, quem totus non capit
-orbis in tua se clausit viscera, factus homo._
-
-Ich neigte den Kopf, alle Bekenntnisse der Trennung und dieser
-schmerzlichen Zeit im aufgewühlten Herzen bewegend, und dachte: »Ich
-kann Dein Gesicht nicht zu mir hertragen, Mutter, so viele Jahre liegen
-zwischen gestern und heute; aber aus jeder Landschaft noch, die ich
-beschreite, blickt Deine Güte, aus jedem Sturme spricht Deine Stimme zu
-mir. Mein Geist ist dem Deinen nahe. Meine Seele bettet sich in das Tal
-Deiner Wangen, sie wandert in den Falten Deines Gesichtes einher wie der
-Wanderer, der in den Schluchten der Berge verirrt ist, und findet nie
-ein Ende. Ich bin ertrunken in Deinen Augen. Wie die Welle über den
-Schlummernden am Grunde der Wasser, so gleitet über mich Deiner Liebe
-Lächeln.«
-
-Arabische Knaben erhoben die helle Stimme zum Gesang. Die Seele, des
-schwebenden Schrittes entwöhnt, stürzte in sich zusammen. Neben mir
-knieten zwei gefangene Engländer in ihrem lehmfarbenen, sauber
-gebürsteten Waffenrock; ich blickte auf die Leidenslinie ihrer jungen
-Gesichter, und wie ich sie so an meiner Seite sah, die Kette des
-Skapuliers über die Schultern gehängt, die sie beschützt hatte vor
-Krankheit und Tod, vor den Gefahren der Schlacht, in dunkler
-Gefangenschaft, wie sie fern von der Heimat, die liebliche Heiterkeit
-englischer Dörfer vor Augen, die Gesichter betend hinter der mageren
-Hand verbargen, wurde die Stimme des Brudertums so laut in mir, daß es
-mir Mühe machte, die Tränen zurückzuhalten.
-
-_Laudemus omnes in Domino diem festum celebrantes sub honore beatae
-Mariae Virginis._
-
-Als ich wieder aufsah zu dem palmengeschmückten Bilde, fand ich ihr
-Gesicht zum zweitenmale verändert, als blickten alle, die in dieser
-Kirche versammelt waren, arabische, armenische und chaldäische Christen,
-griechische Kaufleute, deutsche Offiziere, verwundete, kranke und
-gefangene Soldaten, Frauen, Kinder und Greise mit mir empor zu der
-Mutter des Menschengeschlechts, die die gesegnete Frucht ihres Leibes
-umklammert hielt, sie liebevoll hinter dem schützenden Mantel zu bergen.
-Und ich sah Leid, Kummer, Zorn und Verzweiflung in den Lichtern ihrer
-Augen stehen, zwei spitze, schwertheiße Flammen. Da erkannte ich die
-Menschheit, die von Schmerzen zerrissen und fluchbeladen mit mir in
-diesem Raume kniete, eine stumme, untröstliche Gemeinde, die gekommen
-war, an ihrem Bilde um Vergebung zu bitten.
-
-_Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!_
-
-Dumpf tönte das Aufschlagen der Hände gegen die Brust.
-
-Da aber klang in unendlicher Versöhnung ihre erlösende Stimme aus der
-Höhe herab: »Ich habe Frucht getragen wie ein Weinstock, ich gab von mir
-süßen Geruch. Ich bin die Mutter der schönen Liebe, der Furcht, der
-Erkenntnis und heiliger Hoffnung. In mir ist Gnade jeglichen Weges,
-jeglicher Wahrheit. Kommt zu mir alle, die ihr mein begehrt, an meinen
-Brüsten werdet ihr gesättigt werden. Mein Geist ist süßer denn Honig,
-meine Erbschaft köstlicher denn Honig und Honigseim. Mein Andenken
-bleibt in ewige Geschlechter. Die mich essen, werden noch hungern, und
-die mich trinken, werden nach mir durstig sein.«
-
-_Alleluia, alleluia. Per te, Dei Genetrix, nobis est vita perdita data:
-quae de coelo suscepisti prolem et mundo genuisti Salvatorem. Alleluia._
-
-Die silbernen Schellen erklangen, der Priester küßte das goldgeschmückte
-Buch, Weihrauchwolken erhoben sich zum Gewölbe der Kirche. Eine süße
-Wehmut stieg auf in meiner Brust, und aus ewigen Gründen hörte ich eine
-Stimme sagen: »Lege von Dir den Rock, der mit Schmutz und Eiter bedeckt
-ist. Laß liegen den Kranken auf seinem Bett, auf seiner Bahre den
-Verwundeten, den Sterbenden in seinem Blut. Auch Du bist berufen, ein
-Jünger zu sein, auf Erden das Reich Deiner Mutter aufzurichten, ein
-Baumeister der Liebe unter den Völkern und eine leise Stimme der
-Zukunft. Hatte ich nicht in Dein Herz die Gabe der Liebe gelegt, die
-Gewalt der Rede, die ich Dir geschenkt hatte? Hättest Du nicht aufstehen
-sollen, Deine Hände gegen den Mund zu legen, sei es auch gegen eine Welt
-kalter Gerechtigkeit, um zu sterben unter dem Hasse der Menge, ein Narr
-des Edelmutes, eine Heldenstimme der Unvernunft? Du aber gingst hin,
-verschlossest den lebendigen Strom des Gewissens, weigertest Speise und
-Trank Deinen Worten, die hinter dem Gehege Deiner Zähne dahinstarben wie
-gefangene Tiere. Du Knecht der Stummheit! Du Verbrecher des Schweigens!
-Du Dieb der Wahrhaftigkeit!«
-
-_Regina mundi dignissima et mater perpetua intercede pro nostra pace et
-salute._
-
-Aber zum dritten Male aufschauend erblickte ich hinter dem
-palmengeschmückten Bilde den Leib des Gekreuzigten, mit Blut bedeckt,
-die Hände von Nägeln zerschlagen, und erkannte in ihm das Bild dieser
-Erde, die, in Kriegen verstümmelt und von grenzenlosem Elend verzerrt,
-sich einen Leichnam zum Sinnbild ihrer höchsten Verehrung gemacht hat.
-Sie drängten hinzu mit gierig geöffneten Lippen, ich sah, daß ihre Seele
-ein reißendes Tier war, die verschlang das Kind Deiner Liebe, das Du
-geboren hast, die trank von dem heiligen Blute des Bruders und wurde
-trunken davon. Ihre Nahrung war der Leib eines Toten.
-
-_Accipite et manducate, hoc est enim corpus meum, quod pro vobis
-tradetur._
-
-Und von grenzenlosem Schmerze erfaßt, drängte ich hinaus, ein Betäubter,
-den ein Stein vor den Kopf getroffen. Noch auf der Straße, inmitten der
-Menge, die um die Tische der Bazare war, unter Handwerkern, Kaufleuten,
-unter Juden und Mohammedanern, Christen, Bettlern und Soldaten, während
-durch die offene Tür die Orgel in den Lärm des Marktes klang, schrie es
-auf in mir: »O Du erhabene Mutter des Menschengeschlechts -- sie beten
-Dich an, aber sie durchbohren Dir das Herz! Wer soll uns erlösen, wenn
-Du es nicht bist, Mutter? Aus Deinem Schoße wachsen die Kinder der Welt.
-Stehe auf aus den tausend Müttern der Erde, erhebe Dich aus den
-Millionen Herzen, die gelitten haben! Verschließe den Schoß, der so
-viele Leben geboren hat, laß versiegen den Quell Deiner Brüste! Stehe
-auf aus den volkreichen Städten Deutschlands; aus den Kathedralen von
-Frankreich, aus der Finsternis englischer Fabriken erhebe Deine Stimme!
-Aus den Wäldern Indiens, aus den Zelten arabischer Wüsten, den
-verschneiten Hütten russischer Dörfer beginne den Klagegesang. Aus der
-toten Verlassenheit anatolischer Felsenhöhlen, aus dem traurigen
-Wohnzimmer der Witwe, die in ihrem hölzernen Käfig dahinsiecht, aus der
-steinernen Klippe am Hang sizilianischer Felsen, wo die Stimme des
-Meeres in das Singen der Wiege klingt, laß Deinen Ruf laut werden, halte
-nicht länger zurück das Gewitter Deines Zorns und der Verzweiflung! Hebe
-Dich auf aus den Tiefen der Trauer und Einsamkeit, lege Deine Hände vor
-das Antlitz des Todes, und laß den Lärm der Schlachten verstummen, daß
-die Welt rein werde von den Greueln des Blutes. Denn Deine Kinder sind
-schwach und untreu ihres Gelübdes. Sie lernten es wohl, das eiserne Rohr
-zu führen, aus dem die teuflische Kugel fliegt, aber untüchtig sind sie
-und feige für die Arbeit des Brudertums. Sie achteten Deiner nicht,
-gingen hin und verrieten das Wort Deiner Liebe. O gib Brot und Speise
-denen, die hungern, gib einen Vater den Kindern wieder, nicht länger laß
-einsam sein den Schlaf des Weibes. Aus ihren weißen Betten steigen die
-Gebete der Kinder zu Dir auf, und aus den Gräbern noch blühen die Hände
-der Toten. Denn Dir gehört alle Herrlichkeit der Erde, Mutter, alle
-Kraft der Liebe, alle Barmherzigkeit!
-
-_Qui audit te non confitetur et qui operantur in te non peccabunt. Qui
-elucidant te, vitam aeternam habebunt. Ave Maria!_«
-
-
-
-
- An Carl Hauptmann
-
-
- Kriegslazarett Kasim Pascha,
- den 3. September 1916.
-
-Welchen Balsam haben Ihre Worte in meine Wunden getan! Wohl weiß ich,
-daß jeder Brief ein Pfeil ist, der in das Ungewisse fliegt, von dem wir
-nicht ahnen, in welchem Lande, zu welcher Stunde er niederfällt; der
-Ihre aber traf mich mitten im Herzen. Mir ist, als erwachte ich für
-Augenblicke aus tiefem Schlaf. Daß es noch eine lichtere Landschaft
-gibt, als die flache Ebene dieses Daches, wo ich meinen Tisch zwischen
-die Betten gestellt habe, und die flackernde Kerze, die von dem Atem der
-Kranken bewegt scheint, um Ihnen zu schreiben; wo ich im Schlafkleid
-unter dem hellen Mond seltsame Wache vor dem Tode halte, der unsichtbar
-in den Adern der Menschen umhergeht, der jeden Tag mit weißem Gesicht
-glühend am Himmel heraufsteigt und seine seltsamen Inseln, Kamel-,
-Pferde- und Stierleichen, die aufgelösten Leiber toter Soldaten mitten
-durch den Strom der Stadt treibt, daß wir nie vergessen, daß wir auch
-hier in den Laufgräben des Krieges schlafen.
-
-Wenn ich zurückdenke an das Leben, das ich einstmals geführt habe, an
-die stille Tafelrunde der Geister, die diese Zeit so lange hungernd von
-ihrer Mahlzeit scheuchte, so befällt mich oft eine stille Angst, daß
-dies alles nur ein merkwürdiger Traum war, der niemals Wahrheit
-besessen. Daß ich nie ein anderes Zimmer bewohnte als diesen einäugigen
-Raum, dessen Scheiben mit Papier verklebt sind, in dessen Winkel an
-einer aufgespannten Schnur meine Wäsche und meine Kleider hängen, in der
-die Koffer geschlossen und die Teppiche in Ballen gepackt liegen, als
-gelte es, jede Stunde des Aufbruchs gewärtig zu sein. Hat es auch für
-mich Wandernden einmal Heimat gegeben? Wann geschah es, daß ich auf
-etwas anderes blickte als gleißende Backsteinbauten oder in das sandige
-Auge der Wüste? Der stille Gleichmut des Landes hat seine tröstende Hand
-auch auf mich gelegt. Die Flamme des Zornes ist herabgebrannt, ich habe
-lächeln gelernt, was mich noch gestern in Empörung versetzte, begreife
-ich mit ergebener Anmut. Wie oft muß ich an meinen arabischen Diener
-denken, der jede Frage mit einem »Warum« beantwortet. »Ist das Essen
-fertig?« -- »Warum soll es nicht fertig sein?« -- »Hast du meine Stiefel
-geputzt? Ist Reis, sind Tomaten da?« -- »Warum nicht, Sahib?« Und wenn
-ich ihn darnach fragte, würde er nicht antworten: »Warum sollst du in
-Deutschland sein? Kannst du mir sagen, weshalb diese Erde besser sein
-sollte, als sie es ist? ...« Aluan wird 17 Jahre alt, ist zum zweiten
-Male verheiratet und hat zwei Kinder auf dem Friedhof liegen. Seit ich
-in den Tagen meiner Krankheit an seinem feindlichen Unbegreifen so oft
-in hilflose Verzweiflung geriet, hatte ich nie geglaubt, daß wir
-einander menschlich so nahe kämen. Wir beide haben manches von einander
-gelernt.
-
-Einmal besuchte ich ihn im Hause seines Schwiegervaters in Kazimen, lag
-die heißen Stunden des Mittags in seiner ländlichen Hütte auf der besten
-buntgedruckten Matratze, die er auf dem Erdboden ausgebreitet hatte, und
-deren Muster ich noch immer auf der Rückseite meines Hemdes trage. An
-der Wand hingen die kostbaren Frauenkleider aus grüner und roter Seide,
-und während ich schlief, kamen Kälber und Eselinnen, mit kauenden
-Mäulern, und berochen mit großen Augen den Gast. Bei dieser Gelegenheit
-sah ich auch Aluans starke und wohlgebaute Frau, zu der er jede Nacht
-eine Stunde weit von Bagdad nach Kazimen läuft, um erst im Morgengrauen
-wiederzukehren.
-
-Zuweilen fahre ich mit ihm nach der Insel hinaus, um zu baden. Hinter
-der Stadt bildet der Strom eine breite Sandbank, auf der Fellachen ihr
-Gemüse bauen. In meinem zeltüberdachten Boote versteckt, die persische
-Mütze auf dem Kopf, gleite ich heimlich aus der Stadt, denn ich bin ein
-scheuer Fremdling unter den Leuten des eigenen Volkes geworden. Dann
-breite ich meinen Teppich auf den Sand der Insel, ziehe mein
-baumwollenes arabisches Überkleid an, lese im Homer, im Herodot, im
-Goethe oder der Bibel, die meine nie versagenden Tröster sind; denn ich
-bin nun ganz zurückgekehrt zu den ewigen Menschheitswerken, die jenseits
-alles Ruhmes und Streites dieser Zeit liegen. Neben mir, auf den Fersen
-sitzend, hockt Aluan, und nachdem er lange geschwiegen hat, lächelt er
-nachdenklich. »Ja, siehst du, Sahib,« sagt er zu mir, »das ist der
-Unterschied. Ich habe eine Frau und kein Essen. Du hast Essen und keine
-Frau.« Auch hier spricht die Stimme des Menschlichen zu mir, und mit
-leiser Rührung betrachte ich die sanfte Neigung seines Kopfes, wenn er
-mir zuhört, oder die zärtliche Geste, mit der er nach einem Zipfel
-meines Kleides hascht, seine Lippen darauf zu drücken und mir für eine
-Kupfermünze zu danken.
-
-Aber ich habe noch andere Brüder, die heimkehrend in den Stunden des
-Abends auf mich warten. Hinter der Brücke am Wasser liegt die kleine
-Moschee. In den Nächten des Ramadan bin ich der Gast der alten Mollahs.
-Hier ist Munir, der Erleuchtete, ich sitze zu seinen Füßen und lausche
-auf seine Stimme. Einmal fragen sie mich nach meinem Namen. Ich sage
-ihnen, wie ich heiße; seitdem rufen sie mich »Tarik«. Wir lesen einander
-Gedichte in arabischer und deutscher Sprache vor, und obwohl keiner des
-anderen Worte versteht, hören wir doch einander zu und sind voll
-Andacht.
-
-Mein arabischer Diener, die alten Gelehrten im Schatten der Moschee und
-Pater Joseph, mit dem ich das Dach meines Hauses teile, sind nun meine
-einzigen Freunde geblieben, vielleicht noch ein sterbender Hund, den ich
-am Wasser, krank und mit Wunden bedeckt, zwischen dem Lärm der
-Bootsführer und Wasserträger ganz in sich versunken, die geheimnisvolle
-Arbeit des Todes verrichten sehe. Aber die Stunden sind selten, da ich
-in ihrer Mitte bin. Ich habe aufgehört, mir selbst zu gehören, in eine
-Reihe inhaltsloser Tage gedrängt, ein bodenloses Gefäß, das leer wurde,
-noch ehe wir es zu füllen begannen. Nicht immer ohne Bitterkeit trage
-ich diese Stunden und die Demütigungen, die mit meiner Arbeit verbunden
-sind; denn auch hier gilt nur, wer zu töten berufen ist, und ein
-liebender Menschenpfleger ist im Grunde eine verächtliche Gestalt.
-Möchte mir nur die Liebe derer bewahrt bleiben, denen ich, meiner selbst
-kaum mächtig, die letzte Kraft meiner Hände reiche.
-
-Während ich diese Zeilen schreibe, blicke ich vom Dach in den Hof auf
-die lange Reihe ihrer Betten hinab, wo sie, ihrer Decken entblößt,
-nebeneinander liegen, das eine Knie in die Höhe gezogen, als stiegen sie
-noch im Schlaf eine unendlich mühsame Treppe hinauf. Und ich höre wieder
-die Stimmen der deutschen Soldaten, die, heimgekehrt aus der Wüste, mir
-von den bitteren Mühen ihres Lebens erzählen, wie sie hier, am »Hintern
-der Erde«, von Hunger, Krankheit und Heimweh zernagt, der letzten Hilfe,
-des Beistandes ihrer Offiziere beraubt, die sie ohne Grund in der Glut
-der Mittagsstunden in der sommerlichen Wüste Schanzen werfen ließen, in
-einer »türkischen Fremdenlegion« dienten. Noch gestern saß ich an dem
-Bett eines sterbenden Offiziers, in dessen letzten Träumen das bittere
-Gefühl versagter Freundschaft umging, die Scham und der Vorwurf gegen
-die Kameraden, die, Verbrecher aus Ehrgeiz und Niedertracht, ihren
-Untergebenen die Liebe verweigerten, die sie ihnen schuldig waren. Nun
-tönt aus dem Schatten der Mauer die Stimme eines jungen Soldaten, der
-seinen türkischen Wärter ruft: »Mustapha, Musta -- pha!« leise und
-kläglich, als riefe er seine Mutter. Ich blicke auf und schaue den
-schwarzen Strom hinunter, in dem die letzten Lichter der Stadt sich
-spiegeln, blicke in das Wunder der fallenden Sterne, die wie glühende
-Geißeln über den nächtlichen Himmel peitschen, die herabsickern, langsam
-fallende Schneeflocken, silberne Tränen. Jetzt blitzen sie auf,
-gewaltige lichthelle Kugeln, die eine unsichtbare Hand über die Erde
-hinabwirft, zu schauen, ob der Krieg noch immer nicht das verwüstete
-Lager entweihter Unschuld verließ. Sie verlöschen, und wieder wird
-Nacht. Aus dem Dunkel des Flusses aber tönt die leise Stimme eines
-arabischen Fischers, der in seinem Boote schlafend den Strom
-hinabtreibt:
-
- Die große Palme und der kleine Schößling sind dahingegangen,
- Ich blieb allein zurück.
-
-Mitten in all das kommt Ihr Brief, und ich fahre empor wie ein
-Schlafwandelnder. Freude! Freude! Aber auch Kummer erfaßt mich. Ich sehe
-die frischgelöschte Tinte Ihres Namens darunter, als wäre ich eben in
-der Winterstille durch den Schnee der Berge herabgekommen, trete in das
-abendliche Zimmer und sehe, wie Sie vom Tische aufstehen und aufhören zu
-schreiben. Wie ich zu lesen anfange, erkenne ich verwundert, daß ich
-selber es bin, an den diese Worte gerichtet wurden. Werde ich wirklich
-noch einmal diese Stube schauen? Wann wird der Tag kommen, da mir und
-Euch allen die Worte geschenkt sind: »Hier gebe ich Dir Armin Wegner
-zurück.« Wie anders wird die Gestalt sein und die Seele, die wieder
-unter die Augen der Freunde tritt. Ihr werdet die ersten weißen Haare
-auf dem Haupte der Jugend schauen. Denn es ist ein Weg ohne Heimkehr,
-den wir beschreiten, an dem wir wohnen wie die abgeschiedenen Seelen der
-Babylonier, deren Nahrung der Staub ist, und die von ihm zurückkehren,
-tun es nicht ungestraft. Andere Augen sind es, mit denen sie schauen;
-sie bleiben gezeichnet für den kommenden Tag.
-
-Dennoch glühen unter der Asche dieser Tage purpurne Flammen, die
-zuweilen urplötzlich hervorbrechen, vor deren geheimer Gewalt ich
-erschrecke, als wenn sie mich selber vernichten müßten! Ein unbändiges
-Verlangen ergreift mich, die Schritte hinaus zu setzen, in welche Höhen
-und Abgründe sie auch führen mögen, fort! fort! verkleidet in das Gewand
-eines Beduinen, bettelnd, mit Aussatz bedeckt, und sei es auch, um in
-der Wüste zu sterben. Aber schon höre ich die Schritte der Häscher im
-Hof, die mir das Blut in den Adern erkalten lassen. Wohin? Wohin? ...
-Einst sagte mir ein arabischer Wahrsager, den ich im Staub der Straße um
-meine Zukunft befragte, indem er die Würfel auf eine messingne Schale
-legte, in die das Zeichen des Widders und des Steinbocks gegraben war:
-»Was du im Herzen trägst, wird in Erfüllung gehen.« Aber was ist es, das
-ich im Herzen trage: Tod, Leben, Ruhm oder Untergang, Glück oder
-Verbrechen? Auch der Gram ist nur eine Stufe der Lust; hinter den
-härtesten Leiden noch gilt es zu jubilieren wie eine Lerche. Nur eines
-weiß ich, daß mit mir die Liebe ist, daß sie mich weiter begleiten wird,
-und sei es auch zu den Abenteuern und Ländern, die jenseits dieses
-Lebens liegen. »Friede sei mit Dir!« rufen mir die Araber zu, denen ich
-des Nachts in den dunklen Gassen begegne; mit mir aber geht der
-Unfriede, mit meinem friedlichen Herzen die Unrast, die mich durch alle
-Schmerzen der Erde von der Hölle bis zu den Sternen treibt, immer
-duldend und immer voll Neugier.
-
- Ihr Armin, genannt Tarik, das ist »der des Weges Schreitende«.
-
-
-
-
- Die vierzig Tage und Nächte der Heimkehr
-
-
- An Pater Joseph
-
- Hadit, den 30. September.
- Früh ½7, im Schatten eines alten Wasserrades.
-
-Bester Pater! Ihnen den ersten Gruß. Daß es weiter geht. Daß die Erde
-sich wieder rundet. Als Sie mich bei meiner Abreise baten, Ihnen zu
-schreiben, schien mir dies freilich ein Wunsch, dessen Erfüllung fern in
-einer heimatlichen Schreibstube lag. Aber nun ich die ersten Tage durch
-die Wüste gereist bin, sehe ich, wie sehr meine Gefühle bei Ihnen
-blieben, wie fremd mir die Heimat noch ist. Dabei denke ich nicht ohne
-Genugtuung daran, daß ich dieser letzten kurzen Erkrankung, die mich
-nach den Anstrengungen der vergangenen Wochen zum drittenmal auf das
-Lager warf, den Aufbruch zur Heimkehr verdanke, die fast noch in der
-Stunde des Abschieds an dem Mangel an Wagen gescheitert wäre. Dieser
-Heimkehr, die keine Heimkehr ist; denn auch meine verblutete Seele liegt
-bei den Toten in der Steppe begraben und wird nie wieder in das Land
-zurückkehren, das ich vor kaum zwei Jahren verließ. Wie oft muß ich mich
-unserer erregten Gespräche in den verdeckten Kellern von Mesnil Schah
-Bender erinnern und jener tröstlichen Worte, die ich Ihnen zurückließ:
-»Meine Irrtümer sind mir lieber als Ihre Wahrheiten.« Aber ich fühle
-auch, daß hinter allen Widersprüchen etwas Menschliches lag, das wieder
-zu zittern anhebt. Ja, jetzt erkenne ich, wie schwer mir der Abschied
-wurde, seit das letzte Wahrzeichen der Stadt verschwand, jene einsame
-Grabpyramide, die halb zerfallen hinter Kazimen in der Wüste steht. Zwei
-Tage sahen wir sie in der Sonne leuchten, dann löste sie sich in Rauch
-auf.
-
-Heute werden wir zum erstenmal einen Tag rasten. Die Kutscher haben die
-Splinte aus den Wagen gezogen und sind in das Dorf gegangen; so habe ich
-Zeit, in Geduld zu warten. Ja, das Menschliche. Wie es mich auch hier
-auf allen Dörfern und Wegen der Wüste begleitet! Jener oft wiederholte
-Gruß der Fellachen, jenes »Bruder, Bruder«, mit dem uns die Beduinen die
-Früchte ihrer Felder reichen, der Bettler die Hand nach uns ausstreckt,
-scheint mir ein tägliches Gleichnis meiner Gedanken. Oft, wenn ich in
-die Gasse ihrer lehmgehärteten Hütten trete, gesellt sich ein arabischer
-Junge zu mir. »Eier! Eier!« ertönt unsere Stimme vor den Türen, dann
-kommen die Mädchen und Frauen aus den Höfen heraus. Ich bleibe bei den
-Männern an ihren Webstühlen stehen, mit ihnen zu plaudern (sie hocken in
-einem Loch in der Erde). Zutraulich legen sie mir die Hand auf die
-Schulter. Ich sitze bei den Frauen auf ihren Matten, und sie
-verschleiern sich nicht.
-
-Während aus den tönernen Schaufeln des Wasserrades ein feiner Sprühregen
-über mich herabfällt, blicke ich nach der schmalen Insel des Euphrat
-hinüber, auf der zwischen Palmen die Hütten aneinandergedrängt stehen,
-eine graue Feste. Bronzene Gestalten treten zögernd in das Wasser, das
-Bündel ihrer Kleider wie einen wunderlichen Turban um den Kopf
-geschlungen. Und wie ich dem Spiel ihrer Leiber zuschaue, die sich
-schwer gegen die Strömung beugen, wie sie, ihre Kinder auf dem Rücken
-tragend, das Ufer hinaufklettern, über das die warme Morgensonne
-streicht, fühle ich wieder, wie ich trotz Tod und Tränen in dieses Land
-verliebt gewesen bin.
-
-Täglich streifen wir viele Stunden weit durch seine hungrige Weite.
-Schon vor Sonnenaufgang, wenn die Pferde noch ungeschirrt an den Wagen
-stehen, wandere ich zu Fuß hinter der Karawane her. Blaß hebt sich die
-Staubwolke unter den Tritten der keuchenden Tiere, bis der Tag kommt,
-und der Schatten ihrer spitzen Ohren deutet auf unseren Weg. Dabei bin
-ich von einer so überquellenden Heiterkeit und Fülle der Gesichte
-bewegt, daß es mir kaum gelingt, im Weiterschreiten auf ein
-zerflattertes Papier ein paar kurze Aufzeichnungen zu machen. Welche
-Veränderung ist mit mir vorgegangen! Selbst meine Uhr, die seit Monaten
-still stand, begann drei Tagereisen hinter Bagdad wieder zu gehen. Oder
-ich lehne in den heißen Mittagstunden im Winkel unseres schaukelnden
-Pilgerwagens und träume zwischen Wachen und Dämmern von einem großen
-Manifest des Friedens. Ist es Europa, dem ich mich nähere, das mich so
-froh macht? Ich glaube, wenn es nach Indien oder Ägypten ginge, ich
-könnte nicht glücklicher sein.
-
-Gestern, schon in der Dunkelheit, wir waren den ganzen Tag durch
-löchrigen Boden gefahren, blieb unser Wagen allein in der Steppe zurück.
-Ich war auf den Bock gestiegen und hatte selbst die Zügel unserer vier
-Pferde in die Hand genommen, aber die hartgewordene Krume einer
-ausgetrockneten Wassermulde zersplitterte unter unseren Rädern wie Glas.
-Die Pferde zogen an, zerrissen die Stränge, zitterten und blieben
-stehen. Und während der Kutscher mit tränenverzerrtem Gesicht und einem
-»Hilf Allah« immer wieder vergeblich auf die Pferde einschlug, ging ich
-im offenen Hemd und meinen weichen Schlafschuhen allein eine Stunde weit
-unter dem sternenbeglänzten Himmel, das nächste Dorf zu suchen. Wie nahe
-wart Ihr mir alle, während ich still vor mich hinschritt, einsame Worte
-mit Euch tauschend. Ich hätte nur die Hand auszustrecken brauchen, um
-das Schlagen Eurer Herzen zu fühlen. O beglückende Müdigkeit, als
-endlich auch unser Wagen in den finsteren Hof der Karawanserei rollte,
-spät unter dem offenen Wind zu schlafen, unter den Kaugeräuschen der
-Tiere, die zwischen unsern Lagern umhergehen. Dann tönt das Donnern der
-Wasserräder lauter vom Fluß, und die Glocke des Leithengstes klingt noch
-lange in unsern Traum ...
-
-Grüßen Sie Aluan, Dschafar und Achmed und die andern kleinen
-Bootsjungen, mit denen wir hinab nach der Insel fuhren. Gedenken Sie der
-Lebendigen und der Toten. Und wenn Sie durch jene trümmerbesäte Straße
-gehen, durch die wir oft im Dunkeln stolperten, so vergessen Sie nicht,
-daß ich auch diesen Staub unter Ihren Füßen noch liebte.
-
-
-
-
- Die vierzig Tage und Nächte der Heimkehr
-
-
- Aus dem Tagebuche
-
- Rahije, den 2. Oktober,
- abends ½6.
-
-Eben im Euphrat gebadet, Grund sehr steinig. Die ersten stärkeren
-Wolkenzüge treten auf und beschatten die Sonne. Die letzten Palmen sind
-verschwunden. Vor Ana habe ich mir für zehn Piaster ein schwarzes
-Lämmchen gekauft. Schon drei Tage schleppe ich es mit mir und habe die
-größte Freude, es während der Fahrt auf dem Schoß zu halten und zu
-streicheln.
-
-Gestern nachmittag, wir fuhren, Wagen und Karawane, in enggeschlossenem
-Zug, uns vor Überfällen der Beduinen zu schützen (am Vorabend waren
-deutsche Schahturs überfallen worden, und es gab acht tote Araber), ein
-wenig schweigsam, denn es war spät geworden, stand plötzlich in der
-Abenddämmerung ein seltsames Zeichen am Himmel. Ein langer, geschwänzter
-Strich wie die helle Schnur einer Peitsche. War es der rauchende Schweif
-einer Sternschnuppe oder spiegelte sich der leuchtende Lauf des Euphrat
-in den Wolken wider? Alle Blicke waren auf den blassen Himmel gerichtet,
-wo es unverändert fast zehn Minuten verweilte. »Das ist ein Zeichen des
-Friedens,« sagte eine Stimme. Mir aber schien es eine feurige Geißel,
-die über der Erde stand. Unwillkürlich neigte ich den Kopf, als müßte
-ihr sausender Schlag auch über mich und unsere kleine Karawane
-herabfallen, die mühsam und gedrückt über den steinigen Grund dahinzog.
-
- Abu Kemal. Dreizehnter Tag.
- Abends 5 Uhr.
-
-Heute nur acht Kilometer zurückgelegt. Kahle, steinige Uferhöhen, die
-wir nur langsam hinaufklimmen, verwahrloste Wege. Weite
-violettschimmernde Hochebene, durch die der Fluß stahlgrau dahinzieht.
-Überall liegen lose Brocken zerstreut, als wäre ein ungeheurer
-Steinregen herabgefallen. Gegen Mittag raste Hassan, der Führer der
-Kutscher, mit seinem Wagen in das ausgetrocknete Bett eines Flusses.
-Alle Pferde bluteten. Zwei Räder waren völlig zerbrochen, und der Wagen
-schleppte sich, auf den Speichen rumpelnd, mühsam bis in den Chan.
-Gestern ging ein Maultier mit allem Gepäck in den Fluß, konnte aber
-gerettet werden. Ein Pferd, das beim Tränken über die Uferböschung
-stürzte, wurde abgetrieben. So gibt es täglich Verzögerungen. Wir werden
-zwei Tage hierbleiben.
-
- El Gahsim, den 6. Oktober.
-
-Bei Sonnenuntergang unter dem Dach einer weidengeflochtenen Hütte. Neben
-mir vor einem Feuer von Eselsmist hockt ein blinder Araber. Über mir an
-den Zweigen hängt in einem leinenen Beutel der Koran. Ein ungeheurer
-Staubsturm hat die Ebene mit einem schwarzen Mantel bedeckt. Wir hatten
-eben abgekocht, als die Wolke plötzlich über den Horizont sprang, Blitze
-wie feurige Flammen. Von den hohen Wellen des Euphrat wurde der Schaum
-so weit durch die Luft gewirbelt, daß wir glaubten, es begänne zu
-regnen. Zu meinen Füßen liegt alles durcheinander, das noch fettige
-Geschirr, die Beutel mit Reis und getrockneten Aprikosen, das rote
-Fleisch der angeschnittenen Melone, alles mit einer Schicht von grauem
-Staub bedeckt. Ich fühle ihn zwischen Lippen und Zähnen. Heute wurde
-unser Lämmchen geschlachtet. Ich hatte es Mona Lisa getauft, und es
-sprang und meckerte lustig auf unsern Halteplätzen umher. In meinen
-Mantel gehüllt, versuche ich auf einer Reihe von Kisten zu schlafen. Als
-ich wieder aufwache, ist klare Nacht. Der blinde Araber steht draußen im
-Mondschein auf seiner Matte und betet. Die toten Augen sind in das
-geisterhafte Licht gerichtet, unbeweglich, als schaute er in eine
-wunderbare Landschaft. Nun sehe ich es auch. Da beugt er den Kopf und
-fällt in die Kniee.
-
- Salichie, den 7. Oktober.
- Nachts 12 Uhr.
-
-Einsame Herberge in der Wüste. Ich lehne, die Wache haltend, am Tor der
-verlassenen Karawanserei. Draußen dämmert die endlose Ebene. Der volle
-Mond steht am Himmel. Es ist so hell, daß ich ohne Mühe schreiben kann.
-Vom Hof tönt das Husten der brustkranken Pferde, nur unterbrochen von
-dem Heulen Hassans. Sie haben ihm den Rücken und die Sohlen blutig
-geschlagen, weil er im Basar von Ana die eisernen Ersatzteile der Wagen
-verkauft hat, die die türkische Kommandantur für uns requiriert hatte.
-Von Fußtritten verfolgt, schleppt er sich von einem Winkel in den
-andern.
-
-Ich trete in einen fensterlosen Raum der Karawanserei. Als ich Licht
-mache, leuchten mir von der berußten Gipswand in großen deutschen
-Buchstaben die Worte entgegen: »Wo waren wir gestern?« Betroffen bleibe
-ich stehen, leuchte mit dem Streichholz die Wand ab. Ich zähle acht
-verschiedene Sprachen. Hier ist eine Trommel mit gekreuzten Schlägern an
-die Mauer gezeichnet. Deutsche Namen darunter und das Datum: den 28.
-August 1914. Daneben: Ankunft dritter Zug von Ekbatana, den 2. Januar
-1915. Reise von Teheran nach Bagdad und Stambul, Baruch Josephsberg, 77.
-Reg. Lemberg. Marga Imre, _5 Magyarka, honvéd 13. IV. 16_. Marie
-Stirting, Erna Erickson de Bender Abas _le 23. Julliet 15 en route pour
-Beirut_. Dann die Inschrift eines englischen Gefangenen: _Happy he, who
-return. London, Holting-street._ Die Unterschrift ist nicht zu
-entziffern. Namen, Namen. Deutsche, englische, französische, ungarische,
-türkische, arabische, hebräische, schwedische Inschriften. Es nimmt kein
-Ende. Wie seltsam berührt es mich, viele Tagereisen weit in der Wüste
-all jene mit zahlreichen Zungen zu mir reden zu hören, die gleich mir
-diese tote Stille durchwandert haben, die vom Golf oder aus russischer
-Gefangenschaft die endlose Reise über die persischen Berge und durch die
-Wüste machten, von Hitze und Kälte gepeinigt, eine Nacht in diesem
-fensterlosen Raume zu schlafen. Wo sind sie, die mit verrostetem Nagel
-dieses in den Mörtel der Wand gruben? Hier hat einer sein Vaterhaus, von
-Bäumen beschattet, an die Wand gezeichnet. Neben manchem Namen ist ein
-kleines Kreuz gemalt, heimkehrende Kameraden haben es hinzugesetzt,
-dreimal sind sie den Weg durch die Wüste gezogen. An der
-gegenüberliegenden Wand steht eine arabische Inschrift: »O Ali, Sohn des
-Hassan, ich habe Wasserrinnen nach dir vollgeweint.« Darunter auf
-Türkisch: »In Bagdad und Umgegend habe ich drei Monate im Elend gelebt.
-O Allah, gib uns Barmherzigkeit und Frieden. Osman Hakki Tefik,
-Hauptmann im Generalstab. Salichie, den 4. Tamus 1333[3].«
-
-Als ich wieder hinaustrete, schlägt mir die Nacht kalt entgegen. Ich
-gehe vorsichtig zwischen den schlafenden Menschen und Tieren hindurch,
-die zusammengekauert am Boden liegen. Ermüdet setze ich mich auf den
-Leib des toten Esels, der am Nachmittag gestorben ist. Bis hierher
-schleppte er die blutgeschwollenen Glieder, aber als die Maultiere, von
-ihrer Traglast befreit, den wunden Rücken im Staube wälzten, erhob er
-sich nicht wieder. Und ich denke an den Weg zurück, den wir alle
-gewandert sind, denke an meine Toten und wie sie mich ständig begleiten.
-Wenn ich am Tage in der hellen Sonne hinter der Karawane herschreite,
-winkt mir ihr Gepäck vom Rücken der Maultiere herab. Dunkel leuchtet ihr
-Name auf den hellen Kisten, dem traurigen Rest ihrer Habe, den ich mit
-mir zurück in die Heimat trage, als ginge ich wie der Gläubige hinter
-dem Leichnam her, den er in heiliger Erde bestatten will, ihren
-geliebten Schatten in Deutschland zu begraben. Des Abends am Feuerloch
-ist mir, als müßte ich wie in früheren Tagen mit ihnen die Mahlzeit
-teilen. Ich blicke in ihr Gesicht: »Bist du es, alter Freund und
-Wüstengefährte? Willst du Brot? Magst du Tee?« ... Ich fühle ihre Nähe,
-die mich umgibt, die stille Gemeinschaft derer, denen wir nicht mehr weh
-tun können. Ich schlafe in ihrem Schatten.
-
-[Fußnote 3: der Hedschra.]
-
-Fröstelnd lehne ich mich über den aufgetriebenen Leib des toten Tieres,
-mit der Hand seinen Hals liebkosend, der noch eine leichte Wärme trägt.
-Wieder steigt jener freundliche Gedanke des Friedens vor mir herauf, und
-während ich einsam in der unergründlichen Weite sitze, ist mir, als
-könnte ich deutlich auf das künftige Europa hinabsehen, wie auf ein
-heiteres Gebäude, das sich mit freundlichen Zimmern und Gärten vor mir
-ausbreitet. --
-
-Zwei Uhr nachts. Es ist Zeit zum Wecken. Ich reiße den Kutschern die
-Mäntel fort, die sich zitternd zwischen ihren Futtersäcken erheben. Nun
-habe ich noch eine Stunde Ruhe, aber die Fledermäuse, die im Gebälk
-flattern, lassen mich nicht einschlafen. Bald gehe ich hinter der
-Karawane her. Vor mir raucht die unabsehbare Ebene. Und wieder denke
-ich: o sie liebten dich nicht, du grauer einsamer Boden, alle, die ihren
-flüchtigen Namen an die zerbröckelnde Wand dieser Herberge schrieben.
-Sie dachten: Deutschland, oder England, oder Schweden ... irgendwo dort
-hinten an eine geliebte und menschenbelebte Scholle, zogen vorüber und
-fluchten dir. Ich aber fühle deine grenzenlose Weite in meinem Herzen.
-Fühle in mir deine Sonne, deinen Wind, deine Sterne. Fühle, wie mit
-jedem Schritt meine Seele lebendiger und froher wird, als wanderte ich
-vom Tode zurück in das Leben.
-
- Abu Herera, den 11. Oktober.
-
-Der letzte Leichnam? Als wir in die verlassene Karawanserei treten, die
-von Unrat und üblen Gerüchen erfüllt ist, liegt er in der offenen Tür.
-Die ausgehungerte Gestalt eines zwölfjährigen armenischen Knaben. Mit
-strohblondem Haar, den Leib bis auf die Knochen abgemagert, Hände und
-Füße wie Keulen. Nur der linke Arm steckt noch in Lumpen. Als ich an den
-Fluß trete, finde ich viele Gräber, zahllose alte Feuerstellen. Ist
-dieses das Ende einer furchtbaren und grausamen Jagd?
-
-Wieder tritt jener Auszug eines vertriebenen Volkes vor meine Augen,
-durch dessen schmerzliche Lager ich im vergangenen Jahr mit
-erschrockener Seele geirrt bin. Bald begegnen wir den ersten
-Flüchtlingen. Die Ränder aller Wege sind mit ihren Knochen besät, die
-grell in der Sonne bleichen. In Maden treffen wir das erste Lager.
-Kinder und Frauen umdrängen unsern Wagen, schlagen sich wund um ein
-Stück Brot oder eine leere Melonenschale. In Tibini haben sie einen
-kleinen Basar errichtet. Bäcker, Fleischer und Schuster sitzen in der
-grellen Sonne unter den ausgespannten Lumpen eines zerrissenen Tuches
-auf dem nackten Steinboden und bieten ihre Ware aus. Einen türkischen
-Offizier sah ich beim Garkoch ein gebratenes Stück Fleisch kaufen, und
-nicht ohne Bewunderung dachte ich: sie haben dich in den Tod getrieben,
-du aber bietest deinem Mörder für einen Metalik noch in der Wüste ein
-Stück Fleisch an!
-
-Bei Rakka, in einem völlig verwahrlosten schmutzigen Lager, traf ich
-einen dreizehnjährigen Knaben. Er hatte seine Mutter und seinen Bruder
-verloren, nur sein Vater lebte. Er hieß Manuel. Einen weißen Lappen
-gegen die Sonne um den Kopf gebunden, lief er, auf auf einem Kuhhorn
-blasend, lachend zwischen den Haufen der Hungernden, Kranken und
-Sterbenden umher, die reglos dalagen oder, dem Wahnsinn nahe, ihren Kot
-als Speise verzehrten. Seine wohlgebaute, noch kräftige Gestalt, sein
-offenes Gesicht gefielen mir. Ich wollte ihn in unsern Wagen nehmen, um
-ihn mit nach Deutschland zu bringen. Seine geraden Augen leuchteten
-dunkel zu mir auf. (Meine Mutter, dachte ich einen Augenblick, ich will
-dir einen neuen Sohn schenken!) Ich ließ mich zu seinem Vater führen,
-einem Händler aus Alexandrette, den sie zum Wächter des Lagers gemacht
-hatten, weil er lesen und schreiben konnte. Aber obwohl sein Gesicht
-sich vor Freude verklärte, war er so müde und abgestumpft, und seine
-Angst vor den Gendarmen, die Furcht um das eigene Leben waren so groß,
-daß er keinen Ausweg finden konnte.
-
-Da ging ich selbst zu dem arabischen Aufseher. Ich saß zwei Stunden auf
-seiner Matte und bot ihm den Rest meiner Barschaft an. Aber sie wollten
-ihn nicht freigeben. Ich versprach, in Aleppo bei Hakki Bey, dem Leiter
-der Ansiedlungen, für ihn zu bitten. Wieder und wieder drückte ich ihre
-Hände, ich sagte: ich werde in Deutschland an Euch denken. Manuel
-begleitete mich bis an den Ausgang des Lagers. Er wollte versuchen, in
-der kommenden Nacht unserer Karawane nachzulaufen. Aber ich glaube
-nicht, daß es ihm gelingen wird, unter den Flintenschüssen der Gendarmen
-zu entfliehen.
-
- Mes kene, den 15. Oktober.
-
-Als es Abend wird, sitze ich mit dem Priester Père Arslan Dadschad in
-der offenen Tür seines Zeltes, und sie erzählen mir von ihren Leiden.
-Von den 800 Familien der Stadt, mit denen sie auszogen, von den vielen
-Tausenden, die er in der Wüste begraben hat, darunter dreiundzwanzig
-Priester und einen Bischof. Ihre Blicke schreien mich an. »Du bist doch
-ein Deutscher«, sagen sie, »und mit den Türken verbündet ... so ist es
-also wahr, daß ihr selbst es gewollt habt!« Ich schlage die Augen herab.
-Was kann ich ihnen erwidern, um sie Lügen zu strafen? Aus einer Tasche
-seines Gewandes, in einen zerlumpten Fetzen gehüllt, holt der Priester
-sein Christuskreuz, und als er es andächtig mit Küssen bedeckt, kann
-ich, von Rührung ergriffen, mich nicht enthalten, es gleichfalls an die
-Lippen zu führen, dieses Kreuz, das der Zeuge so vielen menschlichen
-Kummers und Leidens gewesen ist.
-
-Ich sehe nach den abendlich rauchenden Zelten und dem hellen Mond, der
-über der dämmerigen Ebene aufsteigt. Das alles ist so anheimelnd, daß
-ich mir einen Augenblick ein friedliches Bild vortäuschen könnte. Frauen
-in geschürzten Unterröcken und offenen Blusen machen einen kleinen
-Abendspaziergang. Das Geschrei spielender Kinder tönt herüber. Da höre
-ich wieder ihre ängstlich forschende Stimme: ob ich Armenier in den
-Städten am Euphrat getroffen habe? »... Wir werden sterben, wir wissen
-es.« Er deutet auf sein zerlumptes Gewand: »_Une fois j'étais un prètre,
-maintenant je suis un mouton, qui va à mourir._«
-
-Ich gehe im Dunkel an den Fluß hinunter. In einer Schlucht finde ich
-einen Haufen übereinandergetürmter Menschengerippe. Weiße Schädel, die
-noch mit Haaren bedeckt sind, ein Becken, die Brustrippe eines Kindes,
-zierlich gebogen wie eine Spange. Einen Augenblick überkommt mich eine
-dumpfe Verzweiflung, die mir die Tränen in die Augen treibt, als müßte
-ich alle Hoffnungen, alle Keime der Liebe vernichten, die mich je an das
-Lebendige banden. Unendlich märchenhaft aber fließt der Fluß in die
-weite Einsamkeit hinaus, in den unterspülte Erdschollen zuweilen
-donnernd hinabfallen, und an dessen Ufern ich verlassen dahinschreite,
-als wäre ich der letzte Mensch.
-
- Der Hafir, den 16. Oktober.
-
-Eine grüne Oase, Weide mit Lämmerherden. Ich liege, o Wunder, unter
-einem Baum und sehe das Licht durch die schmalen Blätter scheinen. Heute
-ist mein dreißigster Geburtstag. Zum dritten Male, seit ich von Hause
-fortzog, sehe ich diesen Tag sich wenden. Seit dem frühen Morgen wandere
-ich in der hellen Sonne dahin, den Blick nach dem hohen Himmel
-gerichtet, dort hinten, wo die Stadt aufsteigen soll, nach der wir so
-lange Wochen gewandert sind, der Liebe voll und der starken Hoffnung des
-kommenden Lebens. Mit welcher Freude verzeichnet das Auge das Auftauchen
-jedes neuen Gegenstandes. Ein plätscherndes Wasser, eine Blume, einen
-Regentropfen. Schwarzblaue Wolken beschatten den Himmel, und wieder
-bricht die Sonne hindurch. Altweibersommer fliegt uns durch die Steppe
-entgegen -- die weißen Haare Europas, das in Gram und Elend früh
-gealtert ist.
-
- Aleppo, den 19. Oktober.
- Bei den deutschen Schwestern.
-
-Als das schwarze Haupt der Zitadelle sich hinter den sanften Erdwellen
-aufreckt, geraten die Pferde in schnellere Bewegung. Lächelnd neigen die
-Kranken sich aus den Wagen, deren hölzerne Kästen mit zerrissenen Planen
-klappernd in die steinernen Straßen rollen, windbrüchige Schiffe, die
-den letzten Sturm überstanden. Wir haben die Bahnlinie erreicht, die uns
-wieder mit Stambul verbindet.
-
-Mein erster Gang führt mich zu den Schwestern. Sie haben für die
-armenischen Flüchtlinge zwei Häuser eingerichtet, die mit Waisenkindern
-überfüllt sind, die an der Straße liegen blieben. Die meisten kommen aus
-Van oder Erzerum und waren länger als sechs Monate unterwegs. In den
-ersten Wochen war der Hof so dicht von dem nackten Gestrüpp ihrer
-Scharen überwuchert, daß sie sich gegenseitig zu ersticken drohten. Als
-man das Haus reinigte, fand man im Brunnenschacht die Leiche eines
-Kleinen, der zwischen der Wildnis der Menschen dort schweigend
-verschwunden war. Auch Frauen und Männer halten sich unter ihnen
-versteckt. Ich habe angefangen, ihre Schicksale aufzuzeichnen, wobei
-Schwester Beatrix mir als Dolmetscher dient. Nur mühsam beginnen sie aus
-Schwäche und Angst vor neuen Leiden zu reden, bis die Fülle ihres Elends
-sie fortreißt und sie in Tränen ausbrechen.
-
-In den letzten Tagen habe ich zahlreiche fotografische Aufnahmen
-gemacht. Man erzählt mir, daß Dschemal Pascha, der Henker von Syrien,
-bei Todesstrafe verboten hat, in den Flüchtlingslagern zu fotografieren.
-Zusammengerollt trage ich diese Bilder des Entsetzens und der Anklage
-unter meiner Bauchbinde versteckt. In den Lagern von Meskene und Aleppo
-sammelte ich viele Bittbriefe, die ich in meinem Tornister verborgen
-habe, um sie an die amerikanische Botschaft in Konstantinopel zu
-bringen, da die Post sie nicht befördern würde. Ich zweifle keinen
-Augenblick, damit eine hochverräterische Handlung zu begehen, und doch
-erfüllt mich das Bewußtsein, diesen Ärmsten wenigstens in einer
-schwachen Hinsicht geholfen zu haben, mit dem Gefühl größeren Glückes
-als jede andere Tat es vermöchte.
-
- Konia, den 28. Oktober.
- Im Bade.
-
-Heute ist der neununddreißigste Tag, seit wir Bagdad verließen. Da der
-Zug über Mittag liegen bleibt, gehe ich ein paar Schritte in die
-herbstliche Stadt. Müde setze ich mich in die verlassene Moschee, hocke
-mich in einer Nische auf den Boden, lege den Daumen hinter die
-Ohrläppchen und fange zu grübeln an. Bald kommen die Leute und Soldaten
-von der Straße herein. Ein paar Vögel zwitschern in der Kuppel, die
-Stimme des Vorbeters klingt, von tiefem Schweigen unterbrochen, durch
-den Raum. Einen Augenblick denke ich, von einem Schwindel der Gefühle
-erfaßt: Gott, wo bist du? So schlafe ich ein und erwache erst, als das
-Bethaus leer ist, und wie zur Antwort singt eine grenzenlose Öde durch
-den Raum.
-
-In weiße Tücher gehüllt, liege ich auf der Ruhebank des Bades. Nur
-gedämpft klingt der Lärm der Stadt herüber, ein blaues Licht fällt durch
-die Decke herab. Noch brennt mir die Haut von dem heißen Seifenwasser,
-und verwundert schaue ich mein sonnenverbranntes Gesicht im Spiegel, den
-langen Bart, der mir in der Wüste gewachsen ist. Zuweilen aber sinke ich
-in Träume, dann steigt gewaltsam und furchtbar ein Werk vor mir auf, von
-dem ich glaube, daß es zu dem Grausamsten gehören muß, was je über
-menschliches Elend geschrieben wurde.
-
-Ehe ich Aleppo verließ, ging ich in das Polizeigebäude, um bei dem
-Leiter der Ansiedlungen für Manuel zu bitten. Aber obgleich er drüben in
-seinem Amtszimmer saß und ich seinen Kopf durch die Scheiben erblickte,
-ließ er mir durch den Diener sagen, er wäre verreist. In allen
-Gesichtern, die aus den Türen sahen, wohnte ein feiges Gewissen. Ich
-ließ mich bei seinem Vertreter melden. Alle waren sehr höflich, und wie
-immer bot man mir eine Schale Kaffee an. Doch während ihm Angst und Lüge
-deutlich in die Augenwinkel geschrieben stand, wagte er doch zu
-behaupten, mit der Frage der Ansiedlungen hätten sie nichts zu schaffen.
-So trat ich, ohne ein Wort meiner Bitte vorgetragen zu haben, wieder
-hinaus, die Treppe hinunter, an den Polizisten vorbei, die mit falschen
-Gesichtern in den Winkeln standen.
-
-Von Neuem breitet der Badewärter ein frisches Laken über mich. Ein
-wohliges Gefühl entfesselt alle Glieder. Aber schon im Halbschlaf sehe
-ich noch einmal die bloßen braungebrannten Füße des armenischen Knaben
-vor mir, die schon so viele Meilen in die Ferne gewandert sind. Seine
-dunklen Augen blicken fragend zu mir auf ... Manuel wird in der Wüste
-sterben. Ich habe ihn nicht wiedergesehen.
-
-
-
-
- An die Großmutter
-
-
- Kospoli, den 12. November 1916.
- An Bord des Corcovado, Goldenes Horn.
-
-Nur diesen Gruß, mein greises geliebtes Haupt, nur dieses Wort, daß ich
-da bin, tausend Stunden näher an Deinem Herzen! Nichts mehr von Undank
-und Bitterkeit! Nichts von Vergangenheit, nichts von Zukunft! In dieser
-Stunde nur Freude! Daß ich zurückgekehrt bin mit unerhörten Reichtümern
-des Geistes und Herzens, mit unersetzbaren, märchenhaften Schätzen des
-Leides. Nun da ich hier bin, gerettet, um das Martyrium dieses Weges,
-für mich und alle Opfer, die er gekostet hat, immer von neuem zu
-durchleben, fühle ich, wie hinter mir die Wüste zu wachsen beginnt,
-Meilen und Meilen wandernd in das Ewig-Ungewisse hinein. Nun erst
-erkenne ich, wie fern, wie fremd ich Euch war. Aber ich fühle auch, wie
-in mir das Wiedergeborene sich aufhebt, wie tausend Stricke mich rufen:
-Spanne dich ein, den Schatz zur Höhe zu winden, den zu entdecken du in
-so weite Tiefen hinab mußtest!
-
-Sollte es mich dem gegenüber bedrücken, daß dieser Krieg noch immer
-nicht in sich selber zusammenbrach? Daß ich, zwischen unüberbrückbare
-Widersprüche und Welten gesetzt, mich zweifelnd umschaue, wohin ich die
-Schritte bewegen soll, vor mir die Hölle der Somme, in meinem Rücken die
-Wüste? In dem Rumpf eines alten Schiffes wohnend, in dessen Kajüten man
-die deutschen Soldaten einquartiert hat und das rostig, von Seemuscheln
-bedeckt, im Goldenen Horn vor Anker liegt, trete ich zuweilen an die
-Reeling. Und zwischen abgetakelten Seegelbooten, zwischen
-schwarzbauchigen Dampfern, deren eingeschlafene Schrauben von Seetang
-bedeckt sind, zwischen Schornsteinen, Brückenpfeilern und Speichern sehe
-ich die grauen Leiber der Schlachtschiffe schimmern. Ja, vielleicht
-werde ich morgen, von denen fortgeschickt, denen ich so lange gedient
-habe, dort über das Fallreep treten, die Hände an der Naht und die Füße
-zusammengeschlagen, mit der Bitte, mich anzumustern, wieder wie in
-Knabentagen eine Matrosenbluse und einen Schifferknoten zu tragen, von
-Seewind umjubelt. Aber dahinter steht ein anderes Bild, und die Hand auf
-das Geschütz oder die Fahne gelegt, inmitten des grauen Kasernenhofes
-einer herbstlichen Stadt, höre ich mich mit anderen die Worte sprechen:
-»Ich, Armin Wegner, schwöre zu Gott dem Allmächtigen und Allwissenden
-einen leiblichen Eid, daß ich seiner Majestät dem Könige von Preußen zu
-Lande und zu Wasser ...« hier aber wird es plötzlich still um mich, und
-umgeben von einem kalten Schweigen höre ich einsam, als wären sie etwas
-Fremdes, Losgelöstes, von meiner Lippe die Worte fallen: »Daß ich
-niemals einen Menschen töten werde, an welchen Orten der Erde es immer
-sei! Niemals das Geschütz oder Gewehr gegen meine fremden Brüder zu
-richten. So wahr mir Gott helfe!«
-
-Da streift helle Sonne mein Gesicht. Ich sehe, wie die dunkle Welle, in
-die mein Blick noch eben träumend versenkt war, blauleuchtend zu blitzen
-und zu schäumen anhebt. Und ich begreife aus den Erfahrungen einer
-langen Jugend heraus, daß ich nicht mehr traurig sein darf, daß nie
-wieder etwas aufstehen kann, mich zu beugen oder zu brechen, so
-fratzenhaft Rätsel auch immer vor mich hintreten mögen, die zu lösen
-fast übermenschlich scheint und deren Ungelöstheit doch den Tod
-bedeutet. Sind wir nicht immer auf einer Reise begriffen? Ist die Küste
-nicht stets von Nebel verhüllt? Wenn ich des Nachts in meiner engen
-Schiffskabine liege, und mein Blick trifft aufwachend auf die Matratze
-des darüberliegenden Kameraden und die engen hölzernen Wände dieses
-vermodernden Kastens, in dem es nach Schwefel und Wanzen riecht, dann
-ist mir, als wäre ich, wie in vergangenen Jahren, auf irgendeiner
-abenteuerlichen Fahrt begriffen, als müßte ich beim ersten Schlagen der
-Glocke auf Deck und an die Brüstung eilen, eine fremde, märchenhafte
-Küste zu schauen oder ein grünes Ufer der Heimat, an dem auch Dein
-weißes Haar wehte wie eine seidene Fahne des Friedens.
-
-Wird es morgen sein? Wieviel Jahre werden vergehen? O, ich begreife, daß
-ich ein Recht habe, glücklich zu werden ... Freude! In dieser Stunde nur
-Freude! Nichts von Vergangenheit, nichts von Zukunft! War nicht jede
-See, die wir durchschwammen, nur der Vorbote eines größeren Meeres, in
-das wir uns stürzten, des geretteten Lebens froh und der neugewonnenen
-stärkeren Kräfte? O schöpferische Tat des Geistes, Kraft der Seele, die
-aus gemartertem Dasein geläutert emporsteigt, und du, gewaltigste
-Pflicht, die ich mich freudig bereite zu erfüllen, beglänzt von der
-Sonne des dreißigsten Jahres, zu schaffen, zu leben für Dich, mich, uns
-alle!
-
-
-
-
- Inhalt
-
-
- Seite
- An die Großmutter 1
- An die Frau eines im Kriege weilenden Soldaten 8
- An die Eltern 12
- An eine Schwester von Gül-Hane 16
- Traum auf dem Kelek 24
- An Carl Hauptmann 27
- An die Frau eines im Kriege weilenden Soldaten 34
- An die Großmutter 44
- Ein Vermächtnis in der Wüste 48
- An eine Freundin 60
- Brief an die Mutter 64
- Letzter Brief an die Eltern, Brüder, Freunde, Mitmenschen und 78
- Geliebten
- An eine Freundin 85
- An die Mutter 91
- An die Mutter 99
- An einen Freund 106
- Brief an die Eltern 112
- Der Triumph der Mutter 123
- An Carl Hauptmann 133
- Die vierzig Tage und Nächte der Heimkehr (an Pater Joseph) 145
- Die vierzig Tage und Nächte der Heimkehr (aus dem Tagebuche) 152
- An die Großmutter 173
-
-
-
-
- Werke
- von
- Armin T. Wegner
-
-
-
-
-
- Im Verlage von _Egon Fleischel & Co._ erschienen
-
- Zwischen zwei Städten 1909
- Gedichte in Prosa 1910
- Höre mich reden, Anna-Maria 1912
- Das Antlitz der Städte 1917
- Der Weg ohne Heimkehr 1919
-
-
- _In Vorbereitung befinden sich:_
-
- Im Hause der Glückseligkeit
- Türkische Novellen
-
-
-
-
-
- Das Antlitz der Städte
-
- Preis geh. M. 3,--; geb. M. 5,50
-
- _Carl Maria Weber_ in der _Bonner Zeitung_: Unter unsern
- zeitgenössischen Lyrikern hat kaum einer das Erleben des
- geistigen Großstädters, das benervte Schauen, das
- wollüstig-grausame Verfallensein an dieses Geröll von Lebendigem
- und Seelenlosem mit solcher Intensität gestaltet wie _Armin T.
- Wegner_. Visionen sind hier geballt von bedrückenden
- Schattendimensionen. Gläserne Dichte haben für ihn Mauern und
- Wände, kochende Lust und sieches Elend zudeckende Gewänder. Denn
- dieses Buch der Städte ist kein Bilderbuch (und keine ist irgend
- genannt; er meint _die_ Stadt als dämonisches Wesen, Irrgarten
- der Leidenschaften, Denkmal menschlicher Kraft und Unnatur); er
- sagt auch -- und zumeist vom Menschen aus, der sie schuf, der in
- ihr gefangen ist, an tausend Ketten zerrend, ihrem Mittelpunkt --
- wie er der Mittelpunkt der Welt überhaupt ist (oder doch sein
- sollte). Gesunde, unschwüle und unsentimentale (also unverlogene)
- Sinnlichkeit strahlt allenthalben auf -- was Wunder, daß
- selbsthasserische, puritanische Schnüffelbolde zum Staatsanwalt
- liefen, der im Interesse der öffentlichen Moral auch (kurz vor
- der Revolution) gleich bei der Hand war, die Konfiskation des
- inkriminierten Buches zu veranlassen.
-
- _Hans Franck_ in der _Frankfurter Zeitung_: Es gibt kein
- deutsches Versbuch, in dem das Gesicht der großen Stadt mit
- gleicher Wucht und Wahrhaftigkeit durch das Wort nachgestaltet
- wurde.
-
- _Richard Dehmel_: Und alle Lebensgluten sind mit der Ehrfurcht
- betrachtet, die das Häßliche wie das Schöne als gottgewollt liebt
- und das irdische Grauen himmlisch verklärt.
-
- _Nord und Süd_: Ein ethischer Wanderer ist er, großen Stils.
-
- _Josef Winkler_ in der _Rheinisch-Westfälischen Zeitung_: Er ist
- der erste Sänger der modernen Großstadt, wie sie wirklich ist.
- Man behauptete mal, wenn nur eine Großstadt bestehen bliebe,
- könne diese mit ihren Menschen und Mitteln aus einem
- Weltuntergang unsere ganze Kultur neubauen. An diesen Ausspruch
- muß man denken vor dem Reichtum, den Wegner in seinem Buch
- aufdeckt: vom titanischen Rhythmus des ungeheuren Schaffens der
- zusammengeballten Millionen .... Ich begrüße ihn als einen
- wahrhaft schöpferischen, visionär begnadeten Dichter.
-
-
-
-
- * * * * * *
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten.
-Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt
-(vorher/nachher):
-
- [S. 79]:
- ... des Todes bedeutet, nnd das der bekannte ...
- ... des Todes bedeutet, und das der bekannte ...
-
- [S. 99]:
- ... geboren. Als könnte ich dir heute nur all jene ...
- ... geboren. Als könnte ich Dir heute nur all jene ...
-
- [S. 176]:
- ... wie in vergangenen Jahren auf irgendeiner ...
- ... wie in vergangenen Jahren, auf irgendeiner ...
-
-
-
-***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEG OHNE HEIMKEHR***
-
-
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-
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