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-The Project Gutenberg EBook of Schneeberger Schützenmittwoch vor
-fünfizig Jahren, by Guido Meyer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Schneeberger Schützenmittwoch vor fünfizig Jahren
-
-Author: Guido Meyer
-
-Release Date: August 13, 2017 [EBook #55352]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHNEEBERGER ***
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-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
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- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original in Antiqua
- gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original gesperrter Text ist
- _so ausgezeichnet_.
-
- Weitere Anmerkung zur Transkription finden sich am Ende des Buches.
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- Schneeberger Schützenmittwoch
- vor fünfzig Jahren.
-
- Von _Guido Meyer_, Bamberg.
-
- Verlag: Br. Fr. Goedsche's Buchhandlung
- (Karl Schmeil) Schneeberg i. Erzgebirge.
-
- 1915.
-
- Druck: C. M. Gärtner, Schneeberg und Aue.
- Sonderabdruck aus dem Erzgeb. Volksfreund.
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-
-Nachdruck verboten.
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-Nur wenige alte Schneeberger werden sich noch auf die ehemalige
-Kommunalgarde entsinnen können. Schreiber dieser Blätter war zur Zeit
-ihrer Auflösung, im Jahre 1853, noch »Einjähriger« beim Regiment Milch
-und Zwieback und so kann er nur vom Hörensagen berichten, daß sie aus
-700 Mann bestanden hat, die in neun Kompagnien eingeteilt waren.
-
-Der Buchbindermeister Lehmann, Gott hab ihn selig, hat es mir gesagt
-und dabei versichert, daß er nie im Leben gelogen habe, nämlich, daß
-fünf dieser Kompagnien nicht mit Gewehren, sondern mit Lanzen, Spießen
-und Knüppeln, die Bäcker mit Ofengabeln und die Essenkehrer sogar mit
-Reisigbesen bewaffnet gewesen wären. -- Bei Fürstenbesuchen hätten die
-Letzteren nicht mit ausrücken dürfen, weil sie mit Ofengabeln und Besen
-doch nicht gut hätten »präsentieren« können.
-
-Aber von den Feuerschützen, war die von der k. privilegierten
-Schützengesellschaft gestellte erste Kompagnie in militärischer
-Feuerdisciplin ausgebildet -- damals bestanden noch 24 Tempo zum laden
-und feuern -- und da die Patronen mit den Zähnen abgebissen werden
-mußten, konnten nur Männer eingestellt werden, die ein gesundes,
-natürliches Gebiß besaßen.
-
-All diesen Vorzügen hatte es diese erste Kompagnie zu verdanken, daß
-sie allein, unter Beibehaltung der Gardeuniform, als die »Schneeberger
-Schützenkompagnie« fortbestehen durfte und so konnte man sie noch bis
-zum Jahre 1888 in ihrer, wie soll ich sagen -- kleidsamen Schneidigkeit
-oder schneidigen Kleidsamkeit, bewundern.
-
-Freilich, so ganz uniform waren diese alten Gardeuniformen nicht.
-Da sie in vielen Fällen vom Vater auf den Sohn vererbt wurden, kam
-es zuweilen vor, daß, je nach dem Körperumfang des Vor- -- oder
-Nachbesitzers bei dem Einen recht gespannte Verhältnisse zutage traten,
-dort wieder das Bild einer verschrumpelten »Aeppelspalke« zeigte.
-Wieder bei einem Dritten, der von Natur etwas zu kurz weggekommen ist,
-peitschten die Rockschößen die Kniekehlen und beim Vierten bedeckten
-sie nur das nötigste mit -- Nacht und Grauen. Auch das Dunkelblau der
-Waffenröcke verriet so manche Mißhelligkeit und das Rot der Vorstöße
-hatte wohl neunerlei Variationen. Daß hie und da einmal zwischen den
-gelben, blanken Knöpfen ein weißer glänzte, fiel nicht weiter auf.
-
-An die bonapartische Zeit erinnerte der »Schützenhut«, ein, allerdings
-nicht quer aufgesetzter, Schiffshut, den ein wehender, weißer, bei
-der Musik rotweißer Federbusch zierte. Diese Admiralshüte dünkten uns
-Jungen für viel vornehmer, als die schmucklosen Ledertschakos der
-Neustädtler Schützen.
-
-Eine Ausnahme in der Kopfbedeckung machten die _Schanzer_, auch
-Zimmerlinge genannt: Sie trugen hohe Bärenmützen aus Pelzwerk, wodurch
-diese bärtigen Gesellen ein martialisches Aussehen bekamen. Ein großes
-ledernes Schurzfell bedeckte ihre Lenden, aber mit ihrem Schanzzeug
-haben sie wohl nie einen Spatenstich getan, nie einen Baum gefällt.
-
-Kleinere, zottige Schutzfelle trugen auch die Trommler am linken
-Bein, damit die langen, aus der Landsknechtzeit stammenden Trommeln
-die Hosen nicht durchwetzen konnten. Auch rote Epauletts mit roten
-Franzen, nach französischem Muster trugen sie. -- Ihr Tambourmajor, der
-Pflastermeister Thierfelder, bot in seinen blendendweißen Hosen und
-seinen weißen Gamaschen, die in Kanonenstiefeln staken, einen ebenso
-originellen, wie imposanten Anblick. Meisterlich verstand er es, seinen
-goldblitzenden Tambourstab nach dem Takte der Musik in die Luft zu
-werfen und nach einer Reihe von Schritten wieder aufzufangen.
-
-Die Offiziere trugen als besonderes Abzeichen ein halbmondförmiges
-goldenes Brustschild und der Schützenkönig, meist in Zivil, sein
-silbernes Schildgehänge, das noch heute die Brust des Schützenkönigs
-ziert.
-
-Die »Volontäre«, das waren die nichtuniformierten Schützen sind erst
-_nach_ meiner Zeit mit ausgerückt. Sie mögen mit ihren schwarzen
-Cylinderhüten wohl stark an die Besengarde der Essenkehrer erinnert
-haben und ihnen, nicht zum wenigsten auch ihrer ewigen Hänselei, ist
-es zu verdanken, daß all die Herrlichkeit der blitzenden Uniformen
-der bequemen Joppe und dem Jägerhute mit Gemsbart und Spielhahnfeder
-weichen mußte.
-
-Aber in diesen Blättern sollen sie wieder aufleben, die alten
-biederen Schützen im Königsrock und einer jener feuchtfröhlichen
-Schützenmittwoche aus Väterzeiten soll wieder schimmern in
-pfingstsonnigem Glanz.
-
- * * * * *
-
-Bumderrrabum! -- Durch die altehrwürdigen Gassen Schneebergs trommelten
-die Leichsenringe in sonniger Morgenfrühe den Schützenweckruf:
-
- Kamerad kumm! Kamerad kumm!
- Sollst zu deinem Hauptmann kumm!
- Sollst en Buckel voll Prügel bekumm! ...
-
-Da krochen die Schützen heraus aus den Betten und hinein in die
-schwarzen Schützenhosen und als dann die Glocken von St. Wolfgang
-die achte Stunde verkündet hatten, da hörte man bald hier, bald dort
-eine Haustüre klingeln und nun: »Kommt der Schütz gezogen, früh im
-Morgenstrahl.«
-
-Auch der Falke Gust erschien im Rahmen seiner Haustüre in voller
-Schützenuniform, das Kuhbein auf der Schulter. Aber nicht wie die
-anderen konnte er spornstreichs dem Stellungsplatze zu, enteilen, denn
-seine bessere Ehehälfte, die Miene, war hinter ihm erschienen und hielt
-ihn am Kuppel fest. Sie hatte ihm noch einige gute Ermahnungen mit auf
-den Weg zu geben und eindringlich sprach sie auf ihn hinein: »Doß de mr
-fei zemittig zun Assn aham kimmst, Gust! ich soog drsch fei!« Der Gust
-aber begehrte auf: »Du denkst wuhl, en Harigschwanz un e paar Aadippeln
-halber laatsch ich zemittig vun Schießhaus aham? iech waß noch net
-emol, öb ich zun Ohmdsassen aham kumm, do werschte mit 'n Bittlich schu
-allaa fartig warn.«
-
-Da wurde die Miene aber rackerig, sie schrie fast: »Wos, du Lumig!
-Mei Assn is dr wuhl net gut soot! -- Freilich, fer miech is alles
-gut, dei Fraa kah sich drham rimschindn un ploong, wenn du när draußn
-bei 'n Schitznbriedern klaam bleim un aa Dippl Lager noonge annern
-neischmattern kast in de Unendlichkeit, de werscht schu drfür sorring,
-doß de net ze korz kimmst. -- Morring in hallichter Frien kimmste wiedr
-esu windschief ahgeland wie vunnegahr, wu de mit'n Schlissl de ganze
-Haustir zrkrahlt host, weil de 's Schlisslloch net drwischn kunntst.
--- Dos soog iech dr Gust! iech mach dr fei nimmer auf, meitwaang kaste
-noochert draußn bei dr Vuglstang kampirn«. -- Da hellte sich plötzlich
-ihr Gesicht auf, mit einem Schub gab sie ihren Gust frei und rief dem
-Davoneilenden triumpfirend nach: »'s is när gut, doß wos gut drfir
-is!« -- Dann trat sie hinaus auf die Straße, sah ihm nach, so lange
-sie ihn sehen konnte und flüsterte ganz glückselig: »E schiener Karl
-is 'r doch, mei Gust in seiner Schützenuniform. Freilich, wenn 'r
-sist vun Ufenausputzn aham kimmt, do sieht 'r esu dracket aus, wie e
-geraachertr, ins Aschnloch neigeporzelter Schwartnmoong.«
-
-Inzwischen schritt Gust eilends den Kasernenberg hinauf, er hatte den
-Nachruf seiner Miene noch gehört, nun lachte er stillvergnügt vor sich
-hin und sagte halblaut: »Gieh när du alter Geizkroong! mit dan halm
-Toler, dan de mr mietgaam host, kah ich mr freilich kan Utan-Urang
-kaafn, obr de hast schu racht Alte: 's is när gut, doß wos gut drfir
-is!« Bei den letzten Worten hatte er sich umgedreht und als er die
-Miene noch drunten stehen sah, schlug er sich an die Schützenbrust, wo
-in einer verborgenen Tasche einige größere Geldstücke klimperten und
-da er jetzt außer Hörweite war, rief er laut: »Do sitzn de Mussekantn,
-Moses un de Profetn!« -- Hohnlachend verabschiedete er sich mit den
-Worten: »Du Schoof, du dumms!« Er bemerkte es gar nicht, wie der
-Bäckermeister Förster, der hemdärmelich unter seiner Türe stand, ihm
-verständnisinnig zunickte.
-
-Das »dumme Schoof« aber, trat strahlenden Gesichts den kurzen Heimweg
-an und die kirschroten Lippen hauchten: »Ach Gottle! er hoot sich noch
-emol imgedreht nooch mr, ahgelacht hoot 'r mich un zugenickt hoot 'r
-mr, sugar de Hand hoot 'r ofs Harz gelegt! 'r is mr doch noch racht
-gut, mei Gust -- -- iech ne obr ah! Ich will se 'n när gönne, Bei
-Schitzenmietewoch, er is doch sist es ganze Gahr esu brov.« -- --
-
-Auf ihrem Sammelplatz draußen in der Grießbächer Gasse standen die
-Schützen in plaudernden Gruppen beisammen. Die einen freuten sich in
-festfroher Stimmung über das prachtvolle Pfingstwetter, andere sprachen
-über die neuesten Kriegsereignisse in Schleswig-Holstein. Wieder andere
-kritisierten die vorübergehenden Passanten.
-
-Der kleine, schmächtige Reichelt Heinrich streckte die Hand nach
-der Apotheke zu aus und rief: »Guckt när, guckt, dort vorne die
-dicke Pfanneschmidtn, die hoot doch vrdeckis e Krineline ah wie
-ene Reitschul! sollt mr dä net maane, de gruße Glock wacklet dorte
-rim?« -- Da krähte der Klinge Schneider: »Hatt'rsch dä schu gesah?
-es Klemperstötzel schwenkt fei itze sunntigs ah mit ener Krineline
-rim! Schockweiß sei de Gunge hintnnoch geloffn un ham geschriern:
-Klemperstötzel, trat fei net of deine Faßreifn! -- Wos die danne Gunge
-wieder ennoochgeschriern hoot, kennt'r eich denkn.«
-
-Vorn, am Feineeck standen die Trommler, die Leichsenringe mit den
-Zimmerlingen zusammen. Ihr Gespräch drehte sich um die Person ihres
-Tambourmajors, der an einsamer Tête, jeder Zoll ein Feldherr, die
-Rechte weit abgestreckt auf dem Knauf seines Tambourstabes gestützt, in
-unnahbarer und unnachahmlicher Grandezza stand.
-
-Der Leichsenring August meinte: »Wie aus Staa gemeislt stitt'r dorte,
-mr mecht ball maane, er wär e General un kummedieret's Ganze.«
-
-Der Traugott lachte: »Emol is 'r odr doch mit zamst sen Stolz nei in
-Drack geflung. Vor e Gahrer dreie, viere warsch wuhl, ben Schitznauszug
-do hoot'r draußn vr dr Hauptwach 's Trompetl vrsaah, grod wollt'r sen
-Stackn wiedr auffange, do is 'r iebr en grußn Pflastrstaa gestolpert un
-mit zamst sen Stackn, dan'r gerod noch drwischt hoot, loog'r ofn Bauch.
-Fix wie dr Teifl war'r freilich wiedr auf, odr en grußn blutrutn Flack
-hatt'r of seiner weißn Huus, dar immer grässer war. Ben Hieplumpsn
-hoot sei Flaschl mit Kersch un Rum drah gelaam missn un war guttegahr
-ausgeloffn. -- Dar luus sich odr fei net faag findn, sen Stackn hoot'r
-akkerat esu in de Luft gefeiert, als wenn gar nischt gepassirt wär.
-
-Wie mr naus kumme sei vr Schießhaus, war de Huus wiedr treich, odr
-ahgeklabbt war'sche wie geleimt ofs linke Baa. Ne annern Toog is'r
-obr kumme mit seinr Rammel un hoot dan Pflasterstaa korz und klaa
-gepucht.« -- --
-
-Bei den Musikern bewegte sich das Gespräch in höheren Sphären, man
-sprach vom Schneeberger Theater.
-
-Die ~B~-Klarinette, der Bretschneider-Fritz, vertrat die Meinung, daß
-der Direktor Leichsenring seinen Erfolg nur dem Umstand zu verdanken
-habe, daß er ein geborener Schneeberger sei. Aber die ~A~-Klarinette
-machte es: »Papperlapapp! E paar scheene Larven sin's, die's Deater
-voll machen. Der schöne Retzlaff, der die Weibsen drei Meiln im Umkreis
-verrickt gemacht hat -- und die Freilein Wesche, derzulieb jeder
-Rotzlaff ins Deater rennt.«
-
-»Halt eire Klarenettenschnäbel!« warf der Flötist Schürer ein: »Wie
-warsch denn neilich in der Regimentstochter, wo die Wesche die Marie
-gesunge hat? da hat doch von eich zween kee Luder mehr uff de Noten
-geguckt, da hab ich mit der Fleet egal einspringen missen, sonst wär's
-zweete Regiment fei nich 'rangerickt.«
-
-»Ei ei ei!« heuchelte die ~C~-Trompete, der lange Dörfel: »Aber Kunst,
-werkliche Kunst is doch ooch derbei. Der Wurm, er is freilich kee
-Adonis, denn en Buckel hat er, wie e Dromedar, aber singe kann der --
-singe, mer gloobt ne Devrient zu heern.«
-
-»Hostn du schu emol ne Devrient geheert?« höhnte der Posaunist Greiner.
-»Du bist doch noch net zum Loch naus kumme, hechstns emol nieber of'n
-Auer Garmerich.«
-
-»Meenste? -- Da frag emal ne dicken Bretschneider, mir warn erscht vor
-Korzen in Leipzig, im Gewandhauskonzert.« »Hatt'r ah miet geblosn?«
-grinste die ~Es~-Trompete, der Heimtücker Strubelt, aber der dicke
-Bretschneider schnauzte ihn an: »Du, herrschte Strubelt, der, der dorte
-die Tuba geblasen hat, der konnt's anderscht wie du, da gabs keene
-Mißtön, wie du se mannichsmal aus deiner Kanone nausfeierscht«.
-
-Die Tuba aber gab schlagfertig und bissig zurück: »Esu natierlich
-klinge se freilich net wie die, die du ze denn Fagott nausprasselst«.
-Damit hatte er die Lacher auf seiner Seite. Am lautesten aber lachte
-der lahme Bretschneider und es war schon mehr ein Giebsen, als er rief:
-»Un ah net esu laut, wie dar Kanuneschuß neilich in dr Prob, aus'n
-Anton sein Waldhorn!«
-
-»Ho ich dich drwischt!« brüllte der Wünsch Anton. »Ka annerer Mensch is
-gewasn als du, dar mr salt dan Papierstöppel in's Mundstick neigedreht
-hoot.« --
-
-»Vertragt euch doch, Kinder!« mahnte jetzt der Konzertmeister Reiser.
-»Was sollen denn die Leute von euch denken, wenn sie euren Dischput
-hören!«
-
-Und richtig, der Weiß Potscher, der in der Nähe gestanden hatte,
-mischte sich ein. »Wissn se, Herr Reiser«, sagte er, »'s Blosn mit dr
-Gusch is schwar, iech hoo's ah schu probiert, ich wollt doch salber e
-Mussegant warn, odr ich kunnt noch esu schie neiblosn ins Trumpetl, 's
-is doch allemol esu garschtig wiedr rauskumme.«
-
-Drüben an der Ladentüre der Langapotheke stand, bei seinem Freund
-Heyner, der Stadtmusikdirektor Meyer und erzählte von seinen
-Monstrekonzerten, die er als hannöverscher Musikmeister mit acht
-vereinigten Militärkapellen vor Sr. Majestät dem König Ernst August
-veranstaltet hatte. Da erscholl das Kommando: »Antreten!«
-
-Meyer reichte Heynern die Hand zum Abschied, mit den Worten: »Siehste
-Heyner, _so_ hat mir Majestät die Hand gedrückt und dabei gesagt:
-»Meyer, das war eine Glanzleistung von Ihnen.««
-
-Heyner zog bei dem Händedruck erst das eine, dann das andere Bein in
-die Höhe, jetzt fing er an zu tanzen und schrie: »Autsch! Dunnerwetter!
-Hol der Teufel Deine Glanzleistung!« -- Da legte Meyer seine
-weißbehandschuhte Rechte salutierend an den goldverbrämten Dreimaster
-und mit einem Lächeln der Befriedigung auf den Lippen, schritt er zu
-seinen Leuten hinüber.
-
-Inzwischen waren die Schützen in vier Gliedern angetreten. Feldwebel
-Schmidt entnahm seiner dicken Brieftasche eine Liste und verlas aus
-derselben die Namen der Gardisten. In allen Tönen, aus der hellsten
-Schneiderkehle, bis zum dröhnenden Böttcherbaß, erklang das »Hier!«
-Nur einmal blieb es aus, als der Laternenwärter Leichsenring, vulgo
-Hosenbummel, aufgerufen wurde.
-
-»Auf den wird nicht gewartet, der ist sowieso schon zu alt für den
-Dienst«, entschied der Hauptmann Röder. Er wollte das Schwert ziehen,
-aber das ging nicht so leicht. Korporal Günther (der Planitzer)
-half ihm ziehen, da gab es einen Ruck, der Säbel flog heraus und
-der Hauptmann in die große Trommel, die wohl einen dumpfen Ton von
-sich gab, aber Stand hielt. Günther hatte sich an den dicken Höfer
-angeklammert, der ebenfalls einen knurrenden Ton von sich gab, aber
-auch Stand hielt.
-
-Als sich der Hauptmann von seinem Schreck erholt hatte, trat er an
-die Front und wollte »Achtung« kommandieren, da rief der Vizekorporal
-Kleinert: »Herr Hauptmann! dorte kommt der Bummel aus'n Apothekergässel
-raus!«
-
-»Der hat ja hellgraue Hosen an!« riefen gleich drei auf einmal. --
-Des Hauptmanns Blicke verfinsterten sich und er knurrte dem Spätling
-entgegen: »Zu spät kommen Sie und auch noch in einem solchen Aufzug?
-Sie treten nicht ein!«
-
-»Ich waß schu Herr Hauptmah, ich wollt mich ah när zer Schtell maldn.
-Odr ich kah wassettersch nischt drfier, mei Schitznhus war untnrim
-ausgetriefelt un do ho ich se heit frieh nauf zun Heisler Schneider
-geschickt, dar soll se frisch eiseime, dar hoot mrsche odr net
-wiedrgebracht. Grod kumm ich vunne har, net emal drham war'r.« -- In
-diesem Augenblick flog ein Freudenschimmer über das Heldengesicht
-Leichsenrings. »Herr Hauptmah« rief er aus; »Wartn se när noch fimf
-Minutn; dorte kimmt dar Heislerschneider mit dr Hus iebern Arm im's
-Richtereck rim.« Ohne eine Antwort abzuwarten, stürmte er davon, packte
-den Häusler beim Kragen und schob ihn vor sich her in die Hausflur der
-Garküche hinein.
-
-Der Häusler Schneider hatte, während Leichsenring zu ihm gegangen war,
-die fertige Hose zu diesem getragen. Da aber jeder einen anderen Weg
-einschlug, hatten sie sich umgangen. Nun war der Häusler mit der Hose
-nach dem Topfmarkt getrippelt, wo gewöhnlich die Aufstellung stattfand.
-Hier war aber infolge eines Rohrbruches das Pflaster aufgerissen
-und da er sich wegen seiner Stocktaubheit mit niemandem verständigen
-konnte, war er aufs geradewohl hinüber nach der Ziegengasse getrippelt.
-Als er da auch keine Schützen sah, nach der Griesbächer Gasse. Schon
-von weitem hatte man ihn rufen hören: »Bebebummel! Bebebummel!«
-
-Der Hauptmann hatte fünf Minuten gewartet, es wurden sechs, sieben
-Minuten, Leichsenring kam nicht wieder. Da wurden zwei Schützen zur
-Nachforschung abkommandiert, die alsbald in der Garküche verschwanden.
-In der Hausflur hörten sie schon einen Mordsspektakel aus einem sonst
-verschwiegenen Ort und als sie dort hineintraten, fanden sie den
-Leichsenring in Socken und Unterhosen, wie er den Häusler Schneider
-an die Wand gekreuzigt hielt und ihm eine Standrede hielt, über die
-Dummheit: »Wie se in hunnerttausend Gahrn noch net dogewasn is un ah
-net wiederkimmt.«
-
-Als er der beiden Schützen ansichtig wurde, ließ er sein Opfer los.
-»Gott sei getrummelt un gepfiffn!« rief er aus: »hot dä kaner vun Eich
-e scharfs Masser eistackn?«
-
-»De wärschtn doch net epper ohmorksn wolln?« fragte der Wittig Franz
-entsetzt.
-
-»Schoden kennts dan nischt, wenn'r emol ohgemorkst wür!« polterte
-Leichsenring. »Do guckt när emol har, wos dos Kamel do fartig gebracht
-hoot: meine Schitznhus hoot'r mr untn frisch eiseime solln un doderbei
-hoot'r sche mr guttegar untn zugeneeht. Itze halft mr när aufschlitzn,
-mit dan Brummochs -- wu is'r dä hie? -- war doch nischt ahzefange: Kah
-Scheer, kah Messr drbei, blus de Schnupptewaksduhs hatt'r eistackn.«
-
-Na, die Hose war schnell wieder aufgeschlitzt, sie triefelte zwar
-wieder, wie zuvor, aber in kurzer Zeit stand Leichsenring in Reih und
-Glied.
-
-Nun erfolgten die Kommandos: »Achtung! Augen -- rechts! Richtung! Höfer
--- 'n Bauch nein! Augen -- geradaus! Schulterts -- Kepp! Iebersch --
-Kepp! Rechts -- um! Vorwärts -- marrrsch!«
-
-Unter Trommelschlag schwenkte alsbald die Kompagnie um den goldenen
-Ring herum. Am Rathaus wurde Halt gemacht, um die Fahne abzuholen.
-Unter den Klängen des Norma-Marsches trat die Fahnensektion ein,
-der Hauptmann kommandierte: »Links -- um! Vorwärts -- marrrsch!«
-Thierfelder hob den Tambourstab, der Radetzkymarsch setzte ein und der
-Tambourstab flitzte und blitzte durch die pfingstsonnige Luft im Takte
-auf und nieder.
-
-Als die Schützen an der Hauptwache vorbeizogen, stand dort die
-Wachmannschaft des achten Bataillons mit präsentiertem Gewehr und die
-Schützen erwiderten diese Ehrenbezeigung durch Schultern des Gewehres,
-während der Fahnenträger Burkhardt in verwegenster Weise die Fahne
-schwenkte.
-
-Als der Zug an der Hauptwache vorbei war, ließ der Wachoffizier Graf
-Kameke abtreten, er selbst aber stellte sich an die Barriere, sein
-Gesicht verzog sich zu einem grinsenden Lachen: im letzten Glied der
-Schützen marschierte ein Mann, dessen Federstutz bei Schritt und Tritt
-einen Bogen von neunzig Grad beschrieb und dessen Bajonett bald mit dem
-des linken bald mit dem des rechten Nebenmannes zusammenklirrte.
-
-Der Wackelfritze, über den er sich so belustigte, war der Schulhausmann
-Wetzel.
-
-Der Schützenzug war von einer Schar jugendlicher Trabanten dicht
-umschwärmt. Zumeist waren es Schützensprößlinge, die ihres Vaters
-Schützenmütze in der Hand trugen. Ein barhäupt- und barfüßiger Junge
-trug sogar deren zwei.
-
-Als nun die Musik schwieg, und nur die Trommeln rasselten, frug ein
-anderer, behäupteter und gestiefelter Junge den Barfüßler: »Wäm
-geheeren denn die zwee Mitzen eegentlich, die du nausträgst?«
-
-»Die Aane gehärt men Voter« entgegnete der Barfüßler, »un die annere
-men Vetter Henner. Vun en Gedn« setzte er geschwätzig hinzu: »krieg ich
-en Dreier fersch Naustroong.«
-
-»So? was koofst du dir denn draußen für deinen Sechser?«
-
-»Dos waas ich salberscht noch net. Vielleicht, -- vielleicht ene
-Brootworschtbriehsammel und e sauere Gork, oder e Ei un en Bittlich. --
-Kriegst du ah ewos fersch Naustroong?«
-
-»Versteht sich! -- ne halbe Bratwurscht,« bestätigte der Gestiefelte.
-
-Da blitzte es neidisch und feindselig in den Augen des Barfüßlers
-auf. Rückwärts tretend verkrümelte er sich in die Menge und ehe er
-in derselben verschwand, rief er giftig: »Wenn dr när dr Hund de
-Brootworscht aus dr Pfut ruppet, du Aff du grußfrasseter!«
-
-Es wäre vielleicht zu einer Verfolgung und zu einer Prügelei
-gekommen, hätte nicht die Musik wieder eingesetzt, zum zweiten, zum
-Lieblingsmarsch der Jugend und hundert helle Kehlen fielen mit ein
-in die Melodie: »Koch, koch Lindenthee, denn mir tut der Bauch so
-weh.« -- --
-
-Während sich nun der Zug allmählich dem Schießhause näherte, gingen
-draußen »unter den Linden« zwei würdige alte Herren auf und ab
-spazieren. Der eine davon war der Kauf- und Handelsherr Rupprecht,
-(infolge seines Spielwarenhandels unser Weihnachtsrupperich) der andere
-war dessen Hausgenoß der schwerhörige Tuchhändler Günther.
-
-Als diese beiden Herren, abwärts schreitend in die Nähe der Reitbahn
-kamen, da hielt grade der Müller Heinrich die Lunte auf das Zündloch
-eines Böllers und »_bauz_« krachte es, daß es in den Bergen
-widerhallte. Rupprecht fuhr erschrocken in sich zusammen und blieb
-stehen. Günther aber drehte ihm mit freundlichem Lächeln das Gesicht
-zu und frug: »Was haste gesagt, Rupprecht?« Auf die abwehrende Geste
-Rupprechts setzte Günther hinzu: »De weest doch Rupprecht, ich häre e
-bischen schwer -- da mußte schon e bissl lauter sprechen.« Da krachte
-ein zweiter Schuß, Günther schüttelte den Kopf und sagte: »Ich kann
-dich immer noch nich recht verstehen, Rupprecht, ich habe blos Bach
-verstanden. Meenst du den Bäcker Bach?«
-
-Das Eintreffen der Schützen drunten am Schießhaus war jetzt Rupprecht
-ein willkommener Anlaß, aus der Nähe der Böller und über weitere Fragen
-Günthers hinwegzukommen. Er deutete mit der Hand hinunter, Günther
-nickte verständnisvoll mit dem Kopf und beide Herren gingen hinab, um
-sich das kriegerische Schauspiel anzusehen.
-
-Hier erschollen wieder die Kommandos: »Halt! Rechts -- um! Schulterts
--- Kepp! Präsentierts -- Kepp!«
-
-Unter den Klängen des Marsches aus Norma wurde die Fahne auf
-ihrem Ständer gehißt, die Wache zog auf und als dann endlich die
-Schlußkommandos: »Los! Tret' -- ab!« erfolgten, dann gab es stöhnen,
-blasen und fauchen, die Mützenjungen traten in Funktion und nahmen
-die schweißtriefenden Schützenhüte, Gewehr und die Koppel mit dem
-Seitengewehr und der Patronentasche in Verwahrung.
-
-Die Schützen aber rissen die Knöpfe des Waffenrockes auf, holten das
-blaurotgewürfelte Taschentuch mitsamt der Pfeife und dem Tabaksbeutel
-aus der Schößentasche und nachdem die Schweißperlen auf den Glatzen
-trocken gefummelt waren, wurde die schon zuhause gestopfte Pfeife in
-Brand gesetzt.
-
-»Gott sei Dank, daß mr da sin!« stöhnte der eine und der Falke Gust
-jammerte: »Dan Dorscht, dan Dorscht!«
-
-Bald füllte sich der geräumige Saal im »Alten Verein« wie auch das
-Schenkzimmer im alten Schießhaus und bald auch knallten die Büchsen im
-Scheibenstand.
-
-Der Saalbau, mit seiner langen Front hoher Bogenfenster, ist in
-den achtziger Jahren abgebrochen worden. Er stand an Stelle des
-jetzigen Gartens und barg neben dem großen Saal noch ein geräumiges
-Vorzimmer und an der Rückseite eine Kegelbahn. Hier überall herrschte
-nun ein buntes, feuchtfröhliches Treiben beim althergebrachten
-Schützenmittwochs-Frühschoppen. Im Saale saßen an langen Tafeln,
-in bunter Reihe uniformierte und nichtuniformierte Schützen und
-erfüllten den Raum mit Lachen und Johlen, mit Bier-, Bratwurst- und
-Knasterdüften. Gute Witze wurden mit einem Tusch belohnt, schlechte
-aber charakterisierte, je nach dem Grad der Brenzlichkeit derselben,
-das Klappenhorn Meyers mit: Du bist der beste Bruder ah net, -- oder --
-Schmeiß'n naus den Judenitzig.
-
-Nun muß der Verfasser, wohl oder übel, seine eigene, damals noch
-recht unscheinbare, aber »nissige« Person ins Treffen führen, da sich
-jetzt Handlungen einschieben, in denen sie eine wenn auch nicht immer
-einwandfreie Rolle gespielt hat.
-
-Nachdem ich meines Vaters Hut und Degen drüben in der Schenke der Frau
-Hirsch besorgt und aufgehoben hatte, pflanzte ich mich drinnen im Saal
-gegenüber von Vaters Klappenhorn, wie ein mahnendes Fragezeichen auf.
-Ich hatte meinen Opulus zu einer halben Bratwurst noch nicht bekommen
-und wußte recht gut, daß ich hier als lästiger Ohrenzeuge prompt
-abgefertigt werden würde. Aber, war es meines Vaters Kurzsichtigkeit,
-war es der fast schneidbare Tabaksqualm, mein Bratwurstappetit
-wurde auf eine harte Probe gestellt. Dabei hörte ich denn, wie mein
-Hoflieferant, der Reuther Bäck, lachend erzählte, wie er sich auf dem
-ganzen Marsch darüber geammesiert habe, daß dem Wenzel Schmied der
-Nasenputzer wie ein Fuchsschwanz hintenunter gehangen habe.
-
-»Das hast du mir doch jedenfalls selber hinten rausgezong, denn du
-warst doch mei Hintermann!« schimpfte Wenzel, aber der Neumerkel
-beruhigte ihn mit den Worten: »Gab dich när zefriedn. Ich ho's gesah,
-wie'r drsch nooch un nooch rausgezerrt hoot. Ich ho's ah gesah, wie'r
-egal in sen Bort neigekichert hoot. Ich gelaab odr, er hätt net esu
-gelacht, wenn'r gewußt hätt, doß'n salber sei Schnupptichel un ah de
-Quastn vun sen Tobaksbeutel hintnnausgebaumelt sei.«
-
-In das allgemeine Gelächter stimmte ich kräftig mit ein, nicht ohne
-Erfolg hatte ich mich dadurch meinem Vater bemerkbar gemacht und nun
-trug ich fröhlichen Sinnes meine zwölf Pfennige zur Frau Hirsch an den
-Schenktisch.
-
-Eine Minute später konnte ich liebäugelnd meine, in ein »Pfengbrot«
-eingeklemmte halbe Bratwurst betrachten; doch -- zwischen Lipp und
-Bratwurstzipfel -- in dem Augenblick, wo ich den ersten ersehnten Biß
-tun wollte, da -- pflanzte sich Bluth Antons Bluthund Pluto breitbeinig
-und zähneflätschend vor mir auf. Wie diese Bestie vor meiner Bratwurst,
-so standen die Worte des Barfüßlers plötzlich vor meiner Seele. Schnell
-ließ ich die Hand mit der Wurst hinter meinem Rücken verschwinden
-und wie sich nun der Bluthund mit der Zunge die Schnauze leckte,
-streckte auch ich ihm die Zunge heraus, fühlte aber zugleich, wie eine
-warme, feuchte Zunge hinten über meine Bratwurstfinger strich und wie
-denselben Wurst und Semmel entglitt. -- Ein anderer Köter hatte mir sie
-aus der Pfut geruppt. -- Ich sah nur noch die lebendige Illustration
-zu dem Liede: »Wenn der Hund mit der Wurst übern Eckstein springt«,
-draußen vor der Türe.
-
-Ein freundlicher, mitleidiger Herr, den die Schießhauswirtin mit: »Herr
-Pursch« anredete und der den Vorgang lachend mit angesehen hatte,
-kaufte mir eine _ganze_ Bratwurst und so war ich bald, dem gesättigten
-Löwen gleich, mit Hund und Barfüßler versöhnt. -- Der Letztere hat
-übrigens seinen Beruf als Profet verfehlt, er ist Prolet geworden und
-da ihm schon lange kein Zahn mehr weh tut, kann er auch keine »saure
-Gork« mehr essen.
-
-Als ich hinaus trat, in den sonnigen Vormittag, fiel mein erster Blick
-auf den Wachtposten, der vor dem Fahnenständer, dem Trommelbock und den
-Gewehren auf- und abschritt und dabei mit seinem Federbusch derartige
-Schwenkungen machte, daß ich sofort in ihm den Schulhausmann Wetzel
-erkannte. Ich grüßte ihn pflichtschuldigst. Freundlich grüßte er
-wieder: »Morring Klaaner. Du bist doch dr klaane Meyer -- Du kast mr en
-Gefalln tu. Gieh emol nieber in de Wach un soog, ne Posten dohausn tät
-de Zung ene halbe Ehl zun Hals raushänge.«
-
-Ich sprang hinüber und richtete es wortgetreu aus, aber der Korporal
-Richter meinte: »Ach wos! dar soll wartn bis 'r ohgelöst werd.« Der
-Schneider Windsheimer, der mein Leibschneider war, winkte mich zu sich
-heran und gab mir ein leeres Glas in die Hand. »Das läßte« sagte er
-»dortn an Bottich vollloofn, da kann er seinen Dorscht dran löschen.«
-
-Da wo jetzt der Eingang zum Keglerheim ist, da war der Wasserbottich,
-an dem ich das Glas mit perlfrischem Wasser füllte.
-
-Hätte ich nun einem wütenden Stier ein blutrotes Tuch vorgehalten,
-zornigere Augen hätten mich nicht anfunkeln können, als die des Wetzel,
-als ich mit dem Glase Wasser daherkam.
-
-»Hullunk, elendiger!« schrie er mich an: und packte sein Gewehr mit
-beiden Fäusten am Ende des Laufes. »Kumm mr net ze nah, odr ich schloog
-dich ze Brei!« -- Da erscholl drüben vom Wachhause her infernalisches
-Gelächter. Die gesamte Wachmannschaft stand vor der Tür; ein Jeder
-hielt in der einen Hand eine volle Stange Bier und mit der anderen
-hielt er sich den Bauch.
-
-Sofort entlud sich Wetzels Zorn nach dieser Seite: »Inu ihr Lumpn!
-ihr Sauhind! -- ihr zutscht do driem de ganze Sprengstütz Bier aus
-un iech soll Wasser saufn? -- Pfoi Teifl! schamt eich!« Als nun
-auch noch von drüben prost! prost! prost! gerufen wurde, da verließ
-Wetzel vorschriftswidrig seinen Posten und das Gewehr hinter sich
-herschleifend und lästerlich schimpfend trieb er die Schützen in das
-Wachtlokal hinein.
-
-Es dauerte eine geraume Zeit bis Wetzel wieder zum Vorschein kam. Seine
-Rechte umklammerte ein schon zur Hälfte geleertes Stangenglas, das er
-nun in aller Gemütsruhe vollends leerte und dann ins Gras warf.
-
-Als er auf Posten zurückgekehrt war, strich der Fischer Heinrich vorbei
-und zog den Hut. »Morring Herr Wetzel! Heite weeß mr doch gar nich wie
-der Wind weht? -- Ihr habt wohl eire Fahne in der Wäsche, oder amende
-gar versetzt?«
-
-»Unnere Fahn? -- do ... -- stitt se doch« wollte Wetzel sagen, aber der
-Mund blieb ihm sperrangelweit offen und erst nach einer Weile klappte
-er ihn hörbar wieder zu, dann kam ein Bumben un Granatndunnerwetter zum
-Ausbruch und endlich rief er die Wache heraus: »De Fahn is gemaust«!
-
-Wer nun glaubte die Mannschaft käme über Kopf und Hals gestürzt, der
-irrte gewaltig. Die trank zunächst sämtliche Gläser leer und bis die
-Röcke zugeknöpft und das Seitengewehr umgeschnallt war, verging eine
-geraume Zeit, in der Wetzel den Fischer Heinrich ausfragte und als
-nun drei Mann zur Stelle kamen, konnte er berichten, daß der oder die
-Diebe hinauf nach den Scheunen zu geflüchtet seien. Wer der Fahnendieb
-war, konnte nicht ermittelt werden. Ich aber hatte den Vorgang aus
-nächster Nähe mit angesehen und während die Schützen den Berg hinauf
-eilten, sprang ich auf der anderen Seite den Berg hinunter und drüben
-wieder hinauf, zum -- Gerichtswäldchen. Dort angekommen, sah ich die
-Fahne, an der ein langes Seil befestigt war, im Moose liegen, während
-der Fahnendieb sich vergeblich bemühte, am Stamm einer Fichte empor zu
-klettern.
-
-»Lassen Sie mich nauf Herr Rusrat« rief ich: »ich kann besser klettern
-als Sie!«
-
-»Rusrat?? -- wie kaste denn Rusrat zu mir saang -- weeste nich wie ich
-hees? Kannste denn danauf klettern? die Ficht is hoch!«
-
-»Mir is kee Boom ze hoch un auf der Ficht bin ich schon öfters gewesen.«
-
-»Nu da strampel emal los, nimm das Strickend mit nauf, da ziehste dann
-de Fahne drmit nauf un bindst se drohm fest.«
-
-Nach wenigen Minuten flatterte die altehrwürdige Fahne, die vielleicht
-schon hunderte mal »gemaust« worden ist, über allen Gipfeln, lustig
-hoch im Winde.
-
-Als ich wieder Boden unter den Füßen hatte, meinte der »Rusrat«: »Itze
-heests aber auskratzen!«
-
-»Sie haben schon noch Zeit Herr Ru... Herr Claus; der Fischer Heinrich
-hat die Wache nauf nach »vor Scheunen« geschickt.«
-
-»Ich wees schon,« blinzelte der Rusrat, »das war schon so ausgemacht,
-der verrät mich nich.«
-
-»Wenn ich fimf Neugroschen krieg,« sagte ich keck, »dann halt ich mei
-Maul ooch!«
-
-Lachend zog der Fahnendieb den Beutel, warf ein Fünfgroschenstück ins
-Moos und entfernte sich mit den Worten: »So ein ruppiger Lausgung!
-Denhalber brauchts wahrhaftig nimmer ze reenge, aus den werd emal
-entweder e großes Tier oder e großer Lump.«
-
-Das war wieder eine Prophezeiung, die freilich bis jetzt nach keiner
-Seite hin eingetroffen ist, denn ich habe vorgezogen, im Leben den
-goldenen Mittelweg einzuschlagen. Damals aber schlug ich mit meinem
-Fünfgroschenstück, singend und springend den kürzesten Weg ein, zum
-Pfingstmarkt.
-
-_Pfingstmarkt!_ Welche Fülle genußreicher Erinnerungen weckst du in
-mir! -- Welch buntes, pfingstfröhliches Treiben flutete über deinen
-grünen Rasen, auf dem die Kinder jauchzend ihre Purzelbäume schossen
-und auf dem in Buden, auf Tischen, Bänken und Karren alle, einem
-Kinderherzen begehrlichen Herrlichkeiten ausgebreitet waren.
-
-Dieser terrassenförmig gestaffelte, mit Queckengras bestandene
-Wiesenplan ist fürwahr eine glückliche Wahl unserer Väter gewesen,
-hier ihre Schießstätten zu errichten. Liebevoll umsäumten sie ihn mit
-schattigen Lindenalleen, die schon vor fünfzig Jahren sich zu mächtigen
-Baumkronen entwickelt hatten. Nicht unerwähnt möchte ich hierbei
-lassen, daß mein Großvater, der damalige Ratssenator Bauer, sich um die
-Anpflanzung dieser Anlagen wesentliche Verdienste erworben hat.
-
-Dahin führte mich nun mein Weg, an wogenden Feldern vorbei, durch
-üppigen Wiesenflor, über dem die Schmetterlinge gaukelten und
-geschäftige Bienen summten.
-
-Ein sonniger, wonniger Pfingstzauber war über die lachenden Gefilde
-gebreitet und vom klaren Himmelsblau, das sich hinüber spannte, bis
-zu den fernen Riesen des Erzgebirges, schmetterten die Lerchen ihr
-Jubellied hernieder. Auch in den alten Lindenkronen frohlockten
-die Vögel und die Reitzugfinken hielten, von Baum zu Baum, ihre
-Zwiegespräche.
-
-Als ich aber aus der Doppelallee herauskam, wars mit dem Zauber vorbei,
-denn Arnolds Reitschule setzte sich eben in Drehung und August drehte,
-den kalten Kalkstummel im Munde, mit beständigem Kopfnicken, den
-alten, verstimmten Leierkasten, dem er, soweit es die alten Blasbälge
-zuließen, das Neueste auf dem Gebiet der Gassenhauer entlockte: »Ach
-ich bin so müde.« --
-
-August war bei der spottlustigen Jugend dadurch zur Zielscheibe
-geworden, daß er mit den meisten Consonanten in Erbfehde lag. Einem
-kleinen Fahrgast, dem die Nase blutete, hatte er einmal zugerufen:
-»Tlaaner, dei Noot lutt!« Und diese Worte blieben an ihm haften; jeder
-Bengel riefs ihm nach -- so auch ich jetzt: »Autut, dei Noot lutt!«
-Prompt und kopfnickend kam die Antwort zurück: »Ette lotte luten!«
-
-Gleich darauf flötete mich aus dem Stern und Thonpfeifen geschmückten
-Hintergrund einer Schießbude eine liebliche jungfräuliche Stimme an:
-»Schießen se mal, junger Herr! Zwee Schisse fimf Fenge.«
-
-Donnerwetter! das imponierte mir. Erstens »Sie« und dann auch noch
-»junger Herr!« -- Solch gute Meinung von mir durfte nicht unbeachtet,
-nicht unbelohnt bleiben, stand ich doch in absehbarer Zeit schon vor
-dem Uebergang vom Flegel zum Herrn Flegel und so schoß ich denn
-im Vollgefühl meiner Herrlichkeit vier Löcher in die Luft. -- Mit
-ebensoviel Groschen meiner erleichterten Barschaft ging ich, etwas
-enttäuscht davon.
-
-Wiederum klangen die Worte: »Junger Herr!« an mein Ohr, diesmal aus dem
-Munde des Horndrechslermeisters Röder, der vor seiner Bude stand und
-mir ein niedliches Liliputpfeifchen mit den Worten entgegenhielt: »Nur
-fimf Neigroschen, junger Herr.«
-
-Fast bereute ich jetzt die vier Luftlöcher, als ich aber entgegnete:
-»Ich darf doch noch gar nich roochen!« da ließ Röder den jungen Herrn
-fallen und er sagte, mit dem Finger drohend: »Dich Schlingel hab ich
-doch schon roochen sehn, daneilich am Bach of der Stangebergwiese,
-dort, wo die vielen Vergißmeinnicht stehn, da bist du im Gras gelegen
-und hast Ringeln in die Luft geblasen wie e Alter.«
-
-Ich machte einige lange Schritte und stand bald vor der
-Holzdrechslerbude der höchsten Persönlichkeit Schneebergs, des
-Türmers Böhm. Die vielen buntgefiederten Abschießvögel in allen
-Größen, erregten meine Aufmerksamkeit nicht, noch weniger die
-scheckigen Pferdchen mit und ohne Reiter, auch nicht die Blasrohre,
-die Knallbüchsen, die »Schrietzbüchsen«, die Pfennigpfeifen und
-Kegelspiele, mich interessierte ein Raphael Engel, der beide Ellenbogen
-auf die Verkaufslade gestützt und an einer großen Süßholzwurzel kauend,
-seine Blicke von Gegenstand zu Gegenstand schweifen ließ. Dieser Engel
-war jener profetische Barfüßler.
-
-»Luuz« sagte eben der Türmer zu seinem Sprößling Louis: »Ich gieh itze
-en Aangblick fort, paß fei gut auf, doß nischt gemaust werd.« -- Kaum
-war Luuz drinnen allein, da nahm der barfüßige Engel einen großen
-Wulst gekauter Süßholzwurzel aus dem Mund und frug: »Wos kost dä ene
-Schrietzbichs?« Luuz antwortete: »De klenn kostn en Dreier, die do en
-Sechser und de grußn en Neigrosch«.
-
-»Weiß emol aane har, vor en Neigrosch!« -- Der Barfüßler betrachtete
-sie mit Kennerblicken von außen und innen, dann blies er einmal
-hindurch und meinte: »Ich denk mr när, die hoot ewing zeviel Luft.«
-
-»Wos vrstist'n du!« sagte Luuz verächtlich: »Wenn se nei ins Wasser
-kimmt un 's Garn drinne naß werd, nochert zieht se schu.«
-
-»Derf ich se dä erscht emol probirn, driem an Wasserbottig?«
-
-»Nu meitwaang -- de mußt se odr fei behaltn, wenn de se eingesaut host!«
-
-Leichtbesohlt flatterte der Engel davon -- er soll heute noch
-wiederkommen.
-
-Ambrosische Düfte zogen mich an der Nase hinüber, zu den Kindern
-des Südens, zu den Bergen von Apfelsinen, Johannesbrot, Datteln und
-Feigen. Dann trug ich das schnuppernde Riechorgan weiter, zu den
-schmalzgebackenen Blätterteig-, Sand- und Spritzkuchen, vorbei an den
-Zuckerbuden mit ihren Feuersteinchen, Aniskörnchen und Zimmtmandeln,
-vorbei an den bunten Eiern, den sauren Gurken und den Böklingen. Die
-»Bittlich Richtern« pries ihre Ware an: »Lauter dicke Speckbuckel, de
-kleen en Zweeer, de grußen 'n Dreier. Solche scheene goldgelbe Fische
-wern nich alle Tage gefang!« --
-
-Nicht einmal die Bratwurstkarline konnte mir einen Dreier entlocken für
-ihre duftenden Brühsemmeln, die sie emsig und unverdrossen mit ihren
-rusigen fettglänzenden Fingern aushöhlte und dann von Zeit zu Zeit
-die Finger ableckte. Dabei machte sie ihre Witze: Eine Affenschande
-wäre es, so eine Gottesgabe für einen lumpigen Dreier zu verkitschen,
-ihr seliger Urgroßvater gäbe einen Taler drum, wenn er nur einmal
-hineinbeißen könnte. »Ihr hatt doch alle keene Ahnung« setzte sie
-hinzu, »was da alles noch so drum un dra hängt; vier Wochen lang muß
-ich dernach meine Finger in griene Seefe stecken, daß se nur wieder
-reene wern.«
-
-»Lecken Sie se ooch öfter emal derbei ab?« frug ein fürwitziger Bengel,
-aber schlagfertig kam es zurück: »Ich hätte bald was gesagt, du
-Lausewenzel!«
-
-Wenn sich Mund und Nase laben, wolln die Ohren auch was haben. Und
-diese kamen voll und ganz auf ihre Rechnung. Schon das Geschrill der
-hunderte von Pfennigpfeifen hätte genügt, aber dazu kamen noch die
-Schnarren, die Waldteufel und die Mundharmonikas. Das gab mit dem
-Grundmotiv der Reitschulorgel eine machtvolle Symphonie, zu der die
-Scheibenschützen den Takt knallten.
-
-Strich aber Einer mit einem Brummeisen vorbei, so konnte man die
-Wahrnehmung machen, daß die Brummeisen, so verschrieen sie bei gewissen
-Ehehälften sein mögen, ganz gewiß zu den zahmeren und zarteren
-Gatt--ungen zu zählen sind.
-
-Das Elfeglöckel läutete die Mittagsstunde ein, da ging ich hinüber
-in den Saalbau, um mich meinem Vater zum Heimweg anzuschließen. Als
-wir durch das Vorzimmer kamen, saß da in einer Ecke der Falke Gust
-bei einem tellergroßen »Biffstek« und rief mit schon etwas lallender
-Stimme: »Mahlzeit Herr Direkter! Hier sitzn de Mussegantn, Moses un de
-Profetn!«
-
-Um drei Uhr nachmittags war ich wieder zuplatze, da begann das
-_Vogelschießen_. Dies wurde aber nicht von der Schützengesellschaft
-abgehalten, sondern die _Schnepperschützen_ hatten die einmalige
-Erlaubnis bekommen, ihr Vogelschießen diesmal ausnahmsweise vor
-dem Schießhaus abhalten zu dürfen. Zu diesem Zwecke hatten sie vor
-der Vogelstange, unten beim alten Schießhaus eine geräumige Bude
-aufgestellt, aus der sie mit ihren großen Armbrüsten (Schneppern) dem
-riesigen Adler auf der Vogelstange zuleibe gingen.
-
-Uns Jungen machte es ein besonderes Vergnügen, Jagd nach den
-verschossenen Bolzen zu machen, die wir dann, das halbe Dutzend für
-einen Dreier, zur Bude zurück brachten. Ich konnte diesen Erwerb recht
-gut gebrauchen, denn ich hatte meine restlichen vier Neugroschen -- wie
-gewonnen, so zerronnen -- in der Würfelbude verknobelt.
-
-So kam ich auch jetzt wieder mit einer handvoll Bolzen zur Bude
-zurück, da lehnte der Horndrechsler Pfeifer am Eckpfosten und uzte die
-Schnepperschützen.
-
-»_Fffft_« machte er es gerade: »Schu wiedr drnahm wack. Ihr mißt doch
-nooch'n Vugel zieln, net noch ne Maandn, dar stieht doch itze gar net
-an Himmel! Mir ham doch itze Neimaand.«
-
-»Halt de Gusch!« schimpfte der Rohrlapper, »du machst uns när de Bolzn
-schei!«
-
-Beim nächsten Schuß machte es Pfeifer wieder: »_Fffft!_ wiedr e Loch
-in Himmel. Ich gelaab, dr Peterus is ausgerissn, dar is doch ka Minut
-sicher vr eiern Fahlbolzn.«
-
-Nun wurde es den Geneckten doch zu bunt und sie schrien durcheinander:
-»Gieh doch du rei, du Maulaff! -- Zeig erscht du emol, wos de kast, du
-Grußgusch! -- Dar fällt doch geleich im, wenn dr Schuß lusgitt!«
-
-Ohne weiteres kroch Pfeifer durch die Absperrleinen und verlangte
-einen Schnepper. -- Nun hatten aber die Schützen ein altes abgelegtes
-Monstrum, ganz extra für solche Fälle, bei der Hand, an dem der Bügel
-nicht mehr fest im Schafte stak, so daß derselbe ohne Schwierigkeit
-seitlich verschoben werden konnte und so rückten sie ihn, bevor sie
-ihn mit der Drehwinde aufzogen, ein gutes Stück nach links, so daß die
-ganze Schleuderkraft nach dieser Seite verlegt wurde, dann reichten
-sie den mühsam gespannten Schnepper mit verhaltenem Lachen, dem
-ahnungslosen Pfeifer.
-
-Dieser stand nun, jeder Zoll ein Tell, im Anschlag und zielte, lange
-und genau zielte er, denn unter keinen Umständen durfte er sich
-blamieren. -- »Sättersch!« stichelte der Leonhardt Schmied: »Itze
-getraut'r sich net, ne Finger krumb ze machn.« -- Da drückte Pfeifer ab
-und -- ein zehnstimmiges, schallendes Gelächter durchbrauste die Bude.
-
-Der heimtückische, ungleich gespannte Schnepper hatte Pfeifer eine
-solch wuchtige »Faunz« versetzt, daß er, den Schnepper weit von sich
-schleudernd, einen Luftsprung machte und dann, mit einem Gesicht wie
-ein herabgefallenes Mondkalb, auf seinen geliebten fünf Buchstaben
-saß. Das alles dauerte nur Augenblicke, dann nahm er sich zusammen,
-krabbelte sich ächzend in die Höhe und wortlos, nur mit einem
-grundtiefen Verachtungsblick auf die Schnepperschützen, hinkte er zur
-Türe hinaus.
-
-Diese aber krümmten sich vor Lachen wie die Würmer und als ihm der
-Könitzer nachrief: »Der Rumpes is gefalln, Sie wern fei Keenig!« da
-drehte sich Pfeifer herum, und drohend die beiden Fäuste schüttelnd,
-entrangen sich befreiende Worte von seinen Lippen. Mit Löwenstimme
-donnerten sie zur Bude zurück, die Kraftworte Götz von Berlichingens,
-in sechsstelliger Multiplikation. --
-
-Pfeifer hatte genug Vogelschießen. Hinkend und sich sämmtliche Backen
-reibend, stapfte er stadteinwärts.
-
-Als er an Stahls Schuppen vorbeikam, begegnete ihm der Härtel Fritz,
-der ihn schon von Weitem mit staunenden Blicken betrachtete.
-
-»Inusse sog mr när,« sprach ihn dieser an: »Du host doch ene Papp
-drahsitzen wie ene Backmuldr? host wuhl endlich emol aane drwischt?« --
-Pfeifer sah ihn bissig an. »Zähwieting ho ich!« gab er barsch zurück.
--- »Zähwieting? ginne dä dir de Zahnervn esu weit nunner, bis in de
-Baah, doste drezzeverze drzu machst?« Pfeifer ließ ihn stehen und
-hinkte davon. Erst nach einigen Schritten drehte er sich wütend um und
-rief dem noch immer dortstehenden Härtel zu: »Gieh när du nei in de
-Schnapperbud, wenn de ka A...ladr drah host!« -- --
-
-Kopfschüttelnd und um Pfeifers Seelenzustand ernstlich besorgt, ging
-auch Härtel seines Weges, schießhauswärts.
-
-Er war zwar nicht Schütze, aber der Schützenmittwoch galt von jeher
-als bürgerliches Volksfest, an dem sich Jedermann nach Herzenslust
-beteiligen konnte. So strebte nun Härtel der Schützenkegelbahn zu,
-als er aber um den Saalbau herumschwenken wollte, da hörte er lustige
-Stimmen drüben im Wachhäusel.
-
-Wo es lustig zuging, da war Härtel in seinem Element und so lenkte er
-die Schritte hinüber und spähte zur halboffenen Türe hinein.
-
-In der Wachstube saßen um einen großen Tisch herum ein Dutzend
-uniformirte und nicht uniformirte Männer, die auf sämmtlichen
-Stockzähnen kauend, sich an einem feisten Schinken gütlich taten.
-Härtel wollte schon wieder abschieben, da rief der Maler Engelbrecht in
-seinem damals noch unverfälschten hannöverschen Dialekt: »Sspaziren Sie
-nur herein, Herr Härtell, Sie dürfenn auch mal von unseremm delikatenn
-Schinkenn kostenn. Es ist ne ganz besonders feine Sochte, die wie
-Butter auf der Zunge zergeht. Ich gebe Ihnen mein Wocht, der Schinkenn
-stammt von einer Edelsau aus guter Familje.«
-
-Härtel ließ sich das nicht zweimal sagen und so saß er alsbald im
-Kreise froher Zecher, beim löblichen Tun. Dabei erfuhr er denn, daß es
-zwischen den beiden Korporalen Richter und Piefky zum Streite darüber
-gekommen sei, daß jeder von den beiden behauptete, im Besitz der besten
-Schinken zu sein. Trotz der Noblesse Piefkys, der einen Schinken von
-zuhause geholt und zum Besten gegeben habe, bleibe Richter beharrlich
-dabei, sein Schinken wäre noch viel besser, freilich den Beweis für
-seine Behauptung bleibt er uns schuldig.
-
-»Ich kann doch nischt derfür«, entschuldigte sich Richter. »Ich selber
-bin doch gar nich eso, aber meine Frau, die hält alle Händ ieber ihre
-Schinken.«
-
-Schallendes Gelächter. Dann ließ sich die sonore Stimme Piefkys
-salbungsvoll vernehmen: »Wieviel Schinken hamm Sie denn eegentlich noch
-derheeme, Herr Richter?«
-
-»Blos noch en eenzigen,« war die Antwort.
-
-»Na da lassen Sie sich'n nur recht gut schmecken,« sagte Piefky und
-zwinkerte mit den Augen zu seinem Kollegen Windsheimer hinüber.
-
-»Nu ähm!« bestätigte Windsheimer: »Mir wolln uns den guten Geschmack
-gar nich mehr drmit verderm.«
-
-Da Richter, um eine in ihm aufsteigende Regung seines, in die Enge
-getriebenen Schützenherzens zu unterdrücken, schwieg, trat eine
-Gesprächspause ein, die durch einen allgemeinen Trunk ausgefüllt
-wurde. Als dann die Schaumspuren aus den Schnurrbärten geleckt waren,
-lenkte der Klempnermeister Schulz das Gespräch auf einen anderen
-Punkt, indem er sich mit den Worten an Leichsenring wandte: »Saang se
-emal, Bummelhose, wie war denn eegentlich die Geschichte damals mit'n
-Schilbach, wie der nein in de Laterne gerannt is?«
-
-Leichsenring warf, ob seines verunglimpften Spitznamens, dem Sprecher
-einen scharfen Blick zu, dann holte er in aller Gemächlichkeit ein
-altes Schnappmesser aus der Hosentasche hervor, das zwar keine Klingen
-mehr hatte, dafür aber einen breiten Stahlrücken zum Feuerschlagen.
-Aus der Westentasche brachte er noch ein Stück Zündschwamm und einen
-Feuerstein zum Vorschein und nun pinkte er immer mit dem Kopfe nickend
-und jedesmal das rechte Auge zusammenzwickend, bis der Schwamm an
-zu glimmen fing. Diesen legte er auf den Tabak in seiner Pfeife und
-dann baffte er mit sichtlichem Behagen mächtige Wolkenschiebel zur
-verräucherten Decke empor.
-
-Nach einer Weile drehte er sich zu seinem Nachbar Denkert herum und
-sagte, »dos is mr fei lieber als der Towak. Wenn ichs machen kännt, ich
-raachet nischt wie Feierschwamb.«
-
-»Der riecht wenigstens besser wie Ihr Tobak,« meinte Denkert.
-
-»Nunununuu!« machte es Leichsenring, »ne schlachstn raach ich fei noch
-lank net, 's is Feinschnitt, 's Pfund vr 28 Pfeng!«
-
-»Alle bunähr!« sagte Denkert, »da kann ich freilich nich antreten mit
-mein Griensiegel.«
-
-Als jetzt Schulz mahnte: »Nu was is denn also mit'n Schilbache«, da gab
-Leichsenring kleine Grüne bei und erzählte:
-
-»Das war esu. Saltmol, wie de Bah fartig war un dar erschte, bekränzte
-Zug vun dr Schlähm rauf kumme is, do soßn doch die ganzn Grußn drinne,
-in Frack un mit dr Angsträhr un do war dr Herr Schilbach ah drbei.
-Nutwennig hoot dar doch allmeitoog und do is'r ahm in sen Stormschriet
-vun Bahhuf rauf ahamgebieslt. -- Iech ho ne net kumme sah; ich stand
-an Appetekneck un ho an nischt gedacht, wie ich mei Lamp rogeleiert
-ho. Zwaa Drehertsn hätt ich noch ze machn gehatt, do tuts of amol en
-Klerrerts, doß michs vr Schrack när esu rim gedreht hoot un wie ich
-hieguck, -- ich denk dr Schloog trift mich, -- mei liebr Herr Schilbach
-in vulln Wichs stackt mit'n Kopp in dr Lartarr. -- Sei Ziehlindr war
-zrkneetscht un sei Gesicht, es Vürhemmel, dar feine noble Frack, alles
-voller Riebeehlflackn. -- Mei Ziehlindr mit zamst dr Lamp un drei
-Scheim warn natierlich ah hie un 's war när e tausnds Gelick, doß 's ka
-Blut gaam hoot.«
-
-»Wer hat denn ne Schaden rieber un nieber bezahlt?« frug der Lenk
-Karl, der damit beschäftigt war, die letzten Fleischspuren vom
-Schinkenknochen zu kratzen.
-
-»Suviel ich waas, hoot dr Herr Schilbach allesmitenanner bezohlt«,
-sagte Leichsenring und mit ehrfurchtvollem Stirnrunzeln fügte er hinzu:
-»Mir hoot'r salt sugar noch e Viergutsgroschnstick -- 's war freilich
-e pulisch -- gaam, ich sollt mich of men Schrack wiedr stärkn. Wu mei
-letzte Lartarr hängt draußn ben Haustein, ho ichs besorgt. -- Odr ich
-soog när: Wos alles vürkumme kah.«
-
-»Ja ja ja!« bestätigte der Weiß Heinerich mit bedächtigem Kopfnicken.
-»Auf dere besch--ummelten Welt passiert mannigmal Manches, was mer nich
-begreifen kann und doch geht alles ganz natierlich zu, grad wie mit den
-geheimnisvollen Schuß in Neistädtel, der hat sich itze ooch aufgeklärt.«
-
-»Wos is dä do gepassiert? do waß ich doch gar nischt drfu« frug
-Leichsenring eifrig und neugierig.
-
-»Nu das is doch scho e Gahrer dreie, viere her, wo of'n Neistädtler
-Vogelschießen der Rumpes runtergepfeffert worden is, ohne daß e Schuß
-gefalln, ohne daß e Knall geheert wordn is«, sagte Weiß.
-
-Leichsenring zog die Schultern hoch, legte die Stirne in Falten und kam
-dann zu der Folgerung: »Do is ahm amende dar Rumpes mit'n Bloosrohr
-rogeschossn wurn.«
-
-Soviele Ehrentitel sind noch nie auf einmal über Leichsenring gehäuft
-worden, wie jetzt und ärgerlich verteidigte er sich: »Ach wos! ka Schuß
-gefalln, ka Schuß geknallt, dos gelaab ich net, do mißt ich doch gar ka
-Schitz net sei!«
-
-»Wenigstens kee _solcher_ wie Sie« bemerkte Mattausch.
-
-»Suuu?« fuhr Leichsenring, nun erst recht beleidigt auf: »Ich will
-Sie emol wos soong Herr Mattausch! Meitwaang kah dr Herr Schilbach
-noch zahmol in de Lartarr neirenne, bei Ihne wern de Scheim nimmer
-eingezuung!«
-
-»Nana, nur friedlich!« mahnte der Leutnant Süß, der den Namen mit der
-Tat verband, er war seines Zeichens Konditor.
-
-Weiß nahm seine Erzählung wieder auf: »Also, wie gesagt, Niemand hatte
-en Schuß da draußen abgegebn und doch is eener gefalln und geknallt
-hats ooch«.
-
-»Nu also!« sagte Leichsenring, aber Süß winkte ihm Schweigen zu.
-
-Weiß fuhr fort: »Erscht vor korzen hat mirsch der betreffende Schitz
-drunten beim Einenkel in der »Erholung« selber erzählt, der den Schuß
-abgeem hat.«
-
-»Nu also!« sagte Leichsenring und »Ruhig! -- Maulhalten!« rief es
-durcheinander, da frug Weiß mit erhobener Stimme: »Wißt ihr wer der
-Schütze war?«
-
-»Der Teifel!« schrie Leichsenring, Leutnant Süß aber warnte ihn streng:
-»Wenn Sie noch einmal dreinreden, kriegen Sie kei Bier mehr.« -- Das
-half.
-
-»Nenenenee!« rief Weiß, »der Teufel -- Sie meenen doch den Schneider
-Teufel, der warsch nich: Der Fritsche wars, drüben of'n Fritschegut,
-der hat mit'n Fernrohr von sein Fenster aus beobacht', wie se draußn
-of'n Neistädtler Schießhaus ene gute halbe Stund nach'n Rumpes
-gepulvert ham un da is'n die Geschicht zu langweilig worn, er hat sei
-neis Jagdgewehr aus'n Gewehrschrank geholt, mit grobn Rehpostn geladen
-un -- von sein Fenster aus den Rumpes draußen runtergewichst.«
-
-An der Tafelrunde lief ein Ellenbogenstoßen um, nur der Leichsenring
-hat nichts davon verspürt und gerade der war der Einzige, der die
-Geschichte glaubte.
-
-»Hei--ner--rich!!!« -- Eine weibliche Stimme wars, die den Ruf
-ausgestoßen hatte und der Korporal Richter wars, der dieselbe erkannte,
-von seinem Sitz aufsprang und hinauseilte. Draußen aber stand seine
-Gattin mit strahlendem Gesicht und noch keuchend vom schnellen Lauf
-frug sie: »Is denn wahr, daß du Keenig worden bist?«
-
-»_Iiiich?_ -- Keenig --? Ich hab doch gar nich mit geschossn!«
-
-Da schlug die freudige Stimmung der Gattin ins Gegenteil um und etwas
-spitzig frug sie: »Nu verwas hast'n nachert den Schinken holn lassn?«
-
-»_Iiich?_ ne Schinken? ...?«
-
-In Richters Hirn begann sich ein Seifensieder zu formen, der riesige
-Dimensionen annahm. Bang kam es von seinen Lippen: »Wer hat ne denn
-geholt?«
-
-»Die zwee Schneiderseeln da drinne, itze steckn se ihre Kepp zesamm un
-vischpern mitenander, der scheene Piefke un der Windsheimer.« -- Sie
-fing an zu weinen.
-
-»Warum heilst de denn?«
-
-»Dort of'n Tisch liegt'r unner guter Schinknknochn rattnkahl
-abgezaust,« schluchzte die untröstliche Gattin.
-
-»O diese -- diese --« knirschte Richter und fand keinen Ausdruck, der
-ihm kräftig genug schien. Aber seine Frau examinierte ihn scharf:
-»Wieso ham denn die gewußt, daß mir en Schinkn drheeme ham?« da wurde
-er kleinlaut und bekannte, daß er den Schützenbrüdern selbst den Mund
-wässerig gemacht habe, indem er den Schinken über den Schellenkönig
-gelobt habe.
-
-Jetzt fand die Gattin das erlösende Wort: »Du Kamel! Ich hab mirsch
-doch gedacht, daß du wieder emal der Dumme warscht. --«
-
-»Un du de Gescheidte, daß de ne Schinkn hergeem hast. Ich denk mir ham
-uns enander nischt vorzewerfn, aber ich hab schon mein Plan: -- --
-Der Stoff zu en Anzug, den de mir ze Weihnachtn geem hast, der liegt
-doch noch in der Kommod; von den lassn mir beim Piefke en Rock un beim
-Windsheimer Hose und Weste machen. Alles übrige werd sich findn.«
-
-Siegesbewußt erschien Richter wieder im Wachlokale.
-
-Schon lange hatte das Elfeglöckel die siebende Abendstunde eingeläutet,
-leerer wurde es um die Vogelstange, von der August Schuhmann in
-seinen Erinnerungsblättern von 1819 so schön schreibt, sie sei »die
-Drehspindel des Vergnügens« und der Grundtext des Vergnügens sei:
-»Freuet euch des Lebens«.
-
-Vor dem Saalbau stellten sich die Schützen zum Einzug auf, mit
-der Front nach den Fenstern zu. -- In Vertretung des Hauptmanns
-kommandierte Leutnant Schreyer. Das vorletzte Kommando sollte gegeben
-werden, doch ach, -- auch Schreyer hatte sich ein bischen zuviel des
-Lebens gefreut und so geschah es, daß er in der Aufregung »links --
-um!« kommandierte und nun waren die Nasen nach der entgegengesetzten
-Seite gerichtet. Einige Schützen hatten aber doch instinktiv die
-richtigere Rechtswendung gemacht und so standen sich der dicke Höfer
-und der Fahnenträger Burkhardt Nase gegen Nase gegenüber.
-
-»Wu willst denn du hie mit deiner Fahne«, fragte Höfer. »Ich waaß net,
-'s scheint nooch Wilbach nauswärts gieh ze solln. Wu willst dä du hie,
-mit denn dickn Bauch?« »Mit dan werd aham gerammelt un wenn ich eich
-alle iebern Haufn schmeißn muß. Iech ho Hunger.«
-
-Da krähte eine helle, aber durchdringende Stimme aus der Reihe
-der Schützen: »Rechts -- um -- kehrt!« und nun erst konnte das
-Schlußkommando: »Vorwärts marsch!« erfolgen.
-
-Als die Schützenbeine den Takt zum Radetzkymarsch stampften, da gab es
-außer dem Schulhausmann Wetzel noch _viele, sehr viele Wackelfritzen_.
-
-Am anderen Morgen stand die Falks Miene droben beim Försterbeck im
-Laden und kaufte die gewohnten »Pfengbrotle« ein. Der Försterbeck
-wollte eine Unterhaltung mit ihr anbändeln. »Schies Watter ham se
-gehatt, de Schitzn«, sagte er. Aber die sonst so redselige Miene schien
-heute wortkarg zu sein, sie verhielt sich stumm. Da frug Förster: »'s
-is'n doch gut bekumme, ne Gust?« worauf die kurzangebundene Antwort
-kam: »Waaß net, der schleeft noch.«
-
-»Nu da lossn se ne när ornlich ausruhe vun sen Strapazn«, meinte
-Förster und brachte damit die Miene zum reden.
-
-»Wos? -- Strapazn? -- schiene Strapazn!« legte sie los: »odr mit eich
-Mannsen kah mr do net drieber redn; Max oder Alexander --« sie machte
-wendende Bewegungen mit den Händen -- »sis aaner wie dr Ander! Wenn ihr
-ins Kutteln kummt, kennt'r ka Mooß un ka Ziel.«
-
-»Hahaha!« lachte Förster, »das kimmt ahm of Moses un de Profetn ah.«
-
-Die Miene sah ihn verständnislos und mißtrauisch an, dann spreißelte
-sie: »Dos mog nu sei wies will, odr dr Kukuk waaß, wie dos bei dan
-Schitznbriedrn zugitt; en halm Toler ho ich men Gust mietgaam, achtzn
-Neigrosch hoot'r wiedr miet aham gebracht un en Mords Aff drzu.«
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
- Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
- Korrekturen:
-
- S. 11: poltrte → polterte
- ohgemorkst wür!« {polterte} Leichsenring
-
- S. 19: Dienste → Verdienste
- dieser Anlagen wesentliche {Verdienste} erworben
-
- S. 21 Blätterteich → Blätterteig
- schmalzgebackenen {Blätterteig}-, Sand- und Spritzkuchen
-
- S. 22: vor → vor dem
- ausnahmsweise {vor dem} Schießhaus abhalten
-
- S. 29: schluchtzte → schluchzte
- {schluchzte} die untröstliche Gattin
-
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Schneeberger Schützenmittwoch vo
- fünfizig Jahren, by Guido Meyer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHNEEBERGER ***
-
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- The Project Gutenberg eBook of Schneeberger Schützenmittwoch vor fünfzig Jahren, by Guido Meyer.
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-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Schneeberger Schützenmittwoch vor
-fünfizig Jahren, by Guido Meyer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Schneeberger Schützenmittwoch vor fünfizig Jahren
-
-Author: Guido Meyer
-
-Release Date: August 13, 2017 [EBook #55352]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHNEEBERGER ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkung zur Transkription finden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p></div>
-
-<div class="chapter">
-<h1>
-Schneeberger Schützenmittwoch<br />
-vor fünfzig Jahren.</h1>
-<p class="center">
-Von <em class="gesperrt">Guido Meyer</em>, Bamberg.</p>
-<p class="center p2">
-Verlag: Br. Fr. Goedsche's Buchhandlung<br />
-(Karl Schmeil) Schneeberg i. Erzgebirge.</p>
-<p class="center p2">
-1915.</p>
-<p class="center smaller">
-Druck: C. M. Gärtner, Schneeberg und Aue.<br />
-Sonderabdruck aus dem Erzgeb. Volksfreund.</p>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">Nachdruck verboten.</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span></p>
-
-<p>Nur wenige alte Schneeberger werden sich noch auf die
-ehemalige Kommunalgarde entsinnen können. Schreiber
-dieser Blätter war zur Zeit ihrer Auflösung, im Jahre 1853,
-noch »Einjähriger« beim Regiment Milch und Zwieback und
-so kann er nur vom Hörensagen berichten, daß sie aus 700
-Mann bestanden hat, die in neun Kompagnien eingeteilt
-waren.</p>
-</div>
-<p>Der Buchbindermeister Lehmann, Gott hab ihn selig, hat
-es mir gesagt und dabei versichert, daß er nie im Leben gelogen
-habe, nämlich, daß fünf dieser Kompagnien nicht mit
-Gewehren, sondern mit Lanzen, Spießen und Knüppeln, die
-Bäcker mit Ofengabeln und die Essenkehrer sogar mit Reisigbesen
-bewaffnet gewesen wären. &ndash; Bei Fürstenbesuchen hätten
-die Letzteren nicht mit ausrücken dürfen, weil sie mit Ofengabeln
-und Besen doch nicht gut hätten »präsentieren«
-können.</p>
-
-<p>Aber von den Feuerschützen, war die von der k. privilegierten
-Schützengesellschaft gestellte erste Kompagnie in militärischer
-Feuerdisciplin ausgebildet &ndash; damals bestanden noch
-24 Tempo zum laden und feuern &ndash; und da die Patronen
-mit den Zähnen abgebissen werden mußten, konnten nur
-Männer eingestellt werden, die ein gesundes, natürliches Gebiß
-besaßen.</p>
-
-<p>All diesen Vorzügen hatte es diese erste Kompagnie zu
-verdanken, daß sie allein, unter Beibehaltung der Gardeuniform,
-als die »Schneeberger Schützenkompagnie« fortbestehen durfte
-und so konnte man sie noch bis zum Jahre 1888 in ihrer,
-wie soll ich sagen &ndash; kleidsamen Schneidigkeit oder schneidigen
-Kleidsamkeit, bewundern.</p>
-
-<p>Freilich, so ganz uniform waren diese alten Gardeuniformen
-nicht. Da sie in vielen Fällen vom Vater auf den Sohn
-vererbt wurden, kam es zuweilen vor, daß, je nach dem Körperumfang
-des Vor- &ndash; oder Nachbesitzers bei dem Einen recht
-gespannte Verhältnisse zutage traten, dort wieder das Bild<span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span>
-einer verschrumpelten »Aeppelspalke« zeigte. Wieder bei einem
-Dritten, der von Natur etwas zu kurz weggekommen ist,
-peitschten die Rockschößen die Kniekehlen und beim Vierten bedeckten
-sie nur das nötigste mit &ndash; Nacht und Grauen. Auch das
-Dunkelblau der Waffenröcke verriet so manche Mißhelligkeit
-und das Rot der Vorstöße hatte wohl neunerlei Variationen.
-Daß hie und da einmal zwischen den gelben, blanken Knöpfen
-ein weißer glänzte, fiel nicht weiter auf.</p>
-
-<p>An die bonapartische Zeit erinnerte der »Schützenhut«,
-ein, allerdings nicht quer aufgesetzter, Schiffshut, den ein
-wehender, weißer, bei der Musik rotweißer Federbusch zierte.
-Diese Admiralshüte dünkten uns Jungen für viel vornehmer,
-als die schmucklosen Ledertschakos der Neustädtler
-Schützen.</p>
-
-<p>Eine Ausnahme in der Kopfbedeckung machten die
-<em class="gesperrt">Schanzer</em>, auch Zimmerlinge genannt: Sie trugen hohe
-Bärenmützen aus Pelzwerk, wodurch diese bärtigen Gesellen
-ein martialisches Aussehen bekamen. Ein großes ledernes
-Schurzfell bedeckte ihre Lenden, aber mit ihrem Schanzzeug
-haben sie wohl nie einen Spatenstich getan, nie einen
-Baum gefällt.</p>
-
-<p>Kleinere, zottige Schutzfelle trugen auch die Trommler
-am linken Bein, damit die langen, aus der Landsknechtzeit
-stammenden Trommeln die Hosen nicht durchwetzen konnten.
-Auch rote Epauletts mit roten Franzen, nach französischem
-Muster trugen sie. &ndash; Ihr Tambourmajor, der Pflastermeister
-Thierfelder, bot in seinen blendendweißen Hosen und seinen
-weißen Gamaschen, die in Kanonenstiefeln staken, einen ebenso
-originellen, wie imposanten Anblick. Meisterlich verstand er
-es, seinen goldblitzenden Tambourstab nach dem Takte der
-Musik in die Luft zu werfen und nach einer Reihe von
-Schritten wieder aufzufangen.</p>
-
-<p>Die Offiziere trugen als besonderes Abzeichen ein halbmondförmiges
-goldenes Brustschild und der Schützenkönig,
-meist in Zivil, sein silbernes Schildgehänge, das noch heute
-die Brust des Schützenkönigs ziert.</p>
-
-<p>Die »Volontäre«, das waren die nichtuniformierten
-Schützen sind erst <em class="gesperrt">nach</em> meiner Zeit mit ausgerückt. Sie
-mögen mit ihren schwarzen Cylinderhüten wohl stark an die<span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span>
-Besengarde der Essenkehrer erinnert haben und ihnen, nicht
-zum wenigsten auch ihrer ewigen Hänselei, ist es zu verdanken,
-daß all die Herrlichkeit der blitzenden Uniformen der bequemen
-Joppe und dem Jägerhute mit Gemsbart und Spielhahnfeder
-weichen mußte.</p>
-
-<p>Aber in diesen Blättern sollen sie wieder aufleben, die
-alten biederen Schützen im Königsrock und einer jener feuchtfröhlichen
-Schützenmittwoche aus Väterzeiten soll wieder
-schimmern in pfingstsonnigem Glanz.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Bumderrrabum! &ndash; Durch die altehrwürdigen Gassen
-Schneebergs trommelten die Leichsenringe in sonniger Morgenfrühe
-den Schützenweckruf:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Kamerad kumm! Kamerad kumm!<br /></span>
-<span class="i0">Sollst zu deinem Hauptmann kumm!<br /></span>
-<span class="i0">Sollst en Buckel voll Prügel bekumm!&nbsp;…<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Da krochen die Schützen heraus aus den Betten und
-hinein in die schwarzen Schützenhosen und als dann die
-Glocken von St. Wolfgang die achte Stunde verkündet hatten,
-da hörte man bald hier, bald dort eine Haustüre klingeln
-und nun: »Kommt der Schütz gezogen, früh im Morgenstrahl.«</p>
-
-<p>Auch der Falke Gust erschien im Rahmen seiner Haustüre
-in voller Schützenuniform, das Kuhbein auf der Schulter.
-Aber nicht wie die anderen konnte er spornstreichs dem Stellungsplatze
-zu, enteilen, denn seine bessere Ehehälfte, die
-Miene, war hinter ihm erschienen und hielt ihn am Kuppel
-fest. Sie hatte ihm noch einige gute Ermahnungen mit auf
-den Weg zu geben und eindringlich sprach sie auf ihn hinein:
-»Doß de mr fei zemittig zun Assn aham kimmst, Gust! ich
-soog drsch fei!« Der Gust aber begehrte auf: »Du denkst
-wuhl, en Harigschwanz un e paar Aadippeln halber laatsch
-ich zemittig vun Schießhaus aham? iech waß noch net emol,
-öb ich zun Ohmdsassen aham kumm, do werschte mit 'n Bittlich
-schu allaa fartig warn.«</p>
-
-<p>Da wurde die Miene aber rackerig, sie schrie fast: »Wos,
-du Lumig! Mei Assn is dr wuhl net gut soot! &ndash; Freilich,
-fer miech is alles gut, dei Fraa kah sich drham rimschindn
-un ploong, wenn du när draußn bei 'n Schitznbriedern klaam<span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span>
-bleim un aa Dippl Lager noonge annern neischmattern kast
-in de Unendlichkeit, de werscht schu drfür sorring, doß de
-net ze korz kimmst. &ndash; Morring in hallichter Frien kimmste
-wiedr esu windschief ahgeland wie vunnegahr, wu de mit'n
-Schlissl de ganze Haustir zrkrahlt host, weil de 's Schlisslloch
-net drwischn kunntst. &ndash; Dos soog iech dr Gust! iech
-mach dr fei nimmer auf, meitwaang kaste noochert draußn
-bei dr Vuglstang kampirn«. &ndash; Da hellte sich plötzlich ihr
-Gesicht auf, mit einem Schub gab sie ihren Gust frei und
-rief dem Davoneilenden triumpfirend nach: »'s is när gut,
-doß wos gut drfir is!« &ndash; Dann trat sie hinaus auf die
-Straße, sah ihm nach, so lange sie ihn sehen konnte und
-flüsterte ganz glückselig: »E schiener Karl is 'r doch, mei Gust
-in seiner Schützenuniform. Freilich, wenn 'r sist vun Ufenausputzn
-aham kimmt, do sieht 'r esu dracket aus, wie e geraachertr,
-ins Aschnloch neigeporzelter Schwartnmoong.«</p>
-
-<p>Inzwischen schritt Gust eilends den Kasernenberg hinauf,
-er hatte den Nachruf seiner Miene noch gehört, nun lachte er
-stillvergnügt vor sich hin und sagte halblaut: »Gieh när du
-alter Geizkroong! mit dan halm Toler, dan de mr mietgaam
-host, kah ich mr freilich kan Utan-Urang kaafn, obr de hast
-schu racht Alte: 's is när gut, doß wos gut drfir is!« Bei
-den letzten Worten hatte er sich umgedreht und als er die
-Miene noch drunten stehen sah, schlug er sich an die Schützenbrust,
-wo in einer verborgenen Tasche einige größere Geldstücke
-klimperten und da er jetzt außer Hörweite war, rief er
-laut: »Do sitzn de Mussekantn, Moses un de Profetn!« &ndash;
-Hohnlachend verabschiedete er sich mit den Worten: »Du
-Schoof, du dumms!« Er bemerkte es gar nicht, wie der
-Bäckermeister Förster, der hemdärmelich unter seiner Türe
-stand, ihm verständnisinnig zunickte.</p>
-
-<p>Das »dumme Schoof« aber, trat strahlenden Gesichts
-den kurzen Heimweg an und die kirschroten Lippen hauchten:
-»Ach Gottle! er hoot sich noch emol imgedreht nooch mr,
-ahgelacht hoot 'r mich un zugenickt hoot 'r mr, sugar de
-Hand hoot 'r ofs Harz gelegt! 'r is mr doch noch racht gut,
-mei Gust &ndash;&nbsp;&ndash; iech ne obr ah! Ich will se 'n när gönne,
-Bei Schitzenmietewoch, er is doch sist es ganze Gahr esu
-brov.«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span></p>
-
-<p>Auf ihrem Sammelplatz draußen in der Grießbächer
-Gasse standen die Schützen in plaudernden Gruppen beisammen.
-Die einen freuten sich in festfroher Stimmung über
-das prachtvolle Pfingstwetter, andere sprachen über die neuesten
-Kriegsereignisse in Schleswig-Holstein. Wieder andere kritisierten
-die vorübergehenden Passanten.</p>
-
-<p>Der kleine, schmächtige Reichelt Heinrich streckte die
-Hand nach der Apotheke zu aus und rief: »Guckt när, guckt,
-dort vorne die dicke Pfanneschmidtn, die hoot doch vrdeckis
-e Krineline ah wie ene Reitschul! sollt mr dä net maane, de
-gruße Glock wacklet dorte rim?« &ndash; Da krähte der Klinge
-Schneider: »Hatt'rsch dä schu gesah? es Klemperstötzel
-schwenkt fei itze sunntigs ah mit ener Krineline rim! Schockweiß
-sei de Gunge hintnnoch geloffn un ham geschriern:
-Klemperstötzel, trat fei net of deine Faßreifn! &ndash; Wos
-die danne Gunge wieder ennoochgeschriern hoot, kennt'r
-eich denkn.«</p>
-
-<p>Vorn, am Feineeck standen die Trommler, die Leichsenringe
-mit den Zimmerlingen zusammen. Ihr Gespräch
-drehte sich um die Person ihres Tambourmajors, der an
-einsamer Tête, jeder Zoll ein Feldherr, die Rechte weit abgestreckt
-auf dem Knauf seines Tambourstabes gestützt, in unnahbarer
-und unnachahmlicher Grandezza stand.</p>
-
-<p>Der Leichsenring August meinte: »Wie aus Staa gemeislt
-stitt'r dorte, mr mecht ball maane, er wär e General un kummedieret's
-Ganze.«</p>
-
-<p>Der Traugott lachte: »Emol is 'r odr doch mit
-zamst sen Stolz nei in Drack geflung. Vor e Gahrer
-dreie, viere warsch wuhl, ben Schitznauszug do hoot'r
-draußn vr dr Hauptwach 's Trompetl vrsaah, grod
-wollt'r sen Stackn wiedr auffange, do is 'r iebr en
-grußn Pflastrstaa gestolpert un mit zamst sen Stackn,
-dan'r gerod noch drwischt hoot, loog'r ofn Bauch.
-Fix wie dr Teifl war'r freilich wiedr auf, odr en grußn
-blutrutn Flack hatt'r of seiner weißn Huus, dar immer grässer
-war. Ben Hieplumpsn hoot sei Flaschl mit Kersch un Rum
-drah gelaam missn un war guttegahr ausgeloffn. &ndash; Dar luus
-sich odr fei net faag findn, sen Stackn hoot'r akkerat esu in
-de Luft gefeiert, als wenn gar nischt gepassirt wär.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span></p>
-
-<p>Wie mr naus kumme sei vr Schießhaus, war de Huus
-wiedr treich, odr ahgeklabbt war'sche wie geleimt ofs linke
-Baa. Ne annern Toog is'r obr kumme mit seinr Rammel
-un hoot dan Pflasterstaa korz und klaa gepucht.«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Bei den Musikern bewegte sich das Gespräch in höheren
-Sphären, man sprach vom Schneeberger Theater.</p>
-
-<p>Die <em class="antiqua">B</em>-Klarinette, der Bretschneider-Fritz, vertrat die
-Meinung, daß der Direktor Leichsenring seinen Erfolg nur
-dem Umstand zu verdanken habe, daß er ein geborener
-Schneeberger sei. Aber die <em class="antiqua">A</em>-Klarinette machte es:
-»Papperlapapp! E paar scheene Larven sin's, die's Deater
-voll machen. Der schöne Retzlaff, der die Weibsen drei Meiln
-im Umkreis verrickt gemacht hat &ndash; und die Freilein Wesche,
-derzulieb jeder Rotzlaff ins Deater rennt.«</p>
-
-<p>»Halt eire Klarenettenschnäbel!« warf der Flötist
-Schürer ein: »Wie warsch denn neilich in der Regimentstochter,
-wo die Wesche die Marie gesunge hat? da hat doch
-von eich zween kee Luder mehr uff de Noten geguckt, da hab
-ich mit der Fleet egal einspringen missen, sonst wär's zweete
-Regiment fei nich 'rangerickt.«</p>
-
-<p>»Ei ei ei!« heuchelte die <em class="antiqua">C</em>-Trompete, der lange Dörfel:
-»Aber Kunst, werkliche Kunst is doch ooch derbei. Der Wurm,
-er is freilich kee Adonis, denn en Buckel hat er, wie e
-Dromedar, aber singe kann der &ndash; singe, mer gloobt ne
-Devrient zu heern.«</p>
-
-<p>»Hostn du schu emol ne Devrient geheert?« höhnte der
-Posaunist Greiner. »Du bist doch noch net zum Loch naus
-kumme, hechstns emol nieber of'n Auer Garmerich.«</p>
-
-<p>»Meenste? &ndash; Da frag emal ne dicken Bretschneider,
-mir warn erscht vor Korzen in Leipzig, im Gewandhauskonzert.«
-»Hatt'r ah miet geblosn?« grinste die <em class="antiqua">Es</em>-Trompete,
-der Heimtücker Strubelt, aber der dicke Bretschneider schnauzte
-ihn an: »Du, herrschte Strubelt, der, der dorte die Tuba
-geblasen hat, der konnt's anderscht wie du, da gabs keene
-Mißtön, wie du se mannichsmal aus deiner Kanone nausfeierscht«.</p>
-
-<p>Die Tuba aber gab schlagfertig und bissig zurück: »Esu
-natierlich klinge se freilich net wie die, die du ze denn Fagott
-nausprasselst«. Damit hatte er die Lacher auf seiner Seite.<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span>
-Am lautesten aber lachte der lahme Bretschneider und es war
-schon mehr ein Giebsen, als er rief: »Un ah net esu laut,
-wie dar Kanuneschuß neilich in dr Prob, aus'n Anton sein
-Waldhorn!«</p>
-
-<p>»Ho ich dich drwischt!« brüllte der Wünsch Anton. »Ka
-annerer Mensch is gewasn als du, dar mr salt dan Papierstöppel
-in's Mundstick neigedreht hoot.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Vertragt euch doch, Kinder!« mahnte jetzt der Konzertmeister
-Reiser. »Was sollen denn die Leute von euch denken,
-wenn sie euren Dischput hören!«</p>
-
-<p>Und richtig, der Weiß Potscher, der in der Nähe gestanden
-hatte, mischte sich ein. »Wissn se, Herr Reiser«,
-sagte er, »'s Blosn mit dr Gusch is schwar, iech hoo's ah
-schu probiert, ich wollt doch salber e Mussegant warn, odr ich
-kunnt noch esu schie neiblosn ins Trumpetl, 's is doch allemol
-esu garschtig wiedr rauskumme.«</p>
-
-<p>Drüben an der Ladentüre der Langapotheke stand, bei
-seinem Freund Heyner, der Stadtmusikdirektor Meyer und
-erzählte von seinen Monstrekonzerten, die er als hannöverscher
-Musikmeister mit acht vereinigten Militärkapellen vor
-Sr. Majestät dem König Ernst August veranstaltet hatte.
-Da erscholl das Kommando: »Antreten!«</p>
-
-<p>Meyer reichte Heynern die Hand zum Abschied, mit den
-Worten: »Siehste Heyner, <em class="gesperrt">so</em> hat mir Majestät die Hand
-gedrückt und dabei gesagt: »Meyer, das war eine Glanzleistung
-von Ihnen.««</p>
-
-<p>Heyner zog bei dem Händedruck erst das eine, dann das
-andere Bein in die Höhe, jetzt fing er an zu tanzen und
-schrie: »Autsch! Dunnerwetter! Hol der Teufel Deine
-Glanzleistung!« &ndash; Da legte Meyer seine weißbehandschuhte
-Rechte salutierend an den goldverbrämten Dreimaster und mit
-einem Lächeln der Befriedigung auf den Lippen, schritt er zu
-seinen Leuten hinüber.</p>
-
-<p>Inzwischen waren die Schützen in vier Gliedern angetreten.
-Feldwebel Schmidt entnahm seiner dicken Brieftasche
-eine Liste und verlas aus derselben die Namen der Gardisten.
-In allen Tönen, aus der hellsten Schneiderkehle, bis
-zum dröhnenden Böttcherbaß, erklang das »Hier!« Nur einmal<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span>
-blieb es aus, als der Laternenwärter Leichsenring, vulgo
-Hosenbummel, aufgerufen wurde.</p>
-
-<p>»Auf den wird nicht gewartet, der ist sowieso schon zu
-alt für den Dienst«, entschied der Hauptmann Röder. Er
-wollte das Schwert ziehen, aber das ging nicht so leicht.
-Korporal Günther (der Planitzer) half ihm ziehen, da gab es
-einen Ruck, der Säbel flog heraus und der Hauptmann in
-die große Trommel, die wohl einen dumpfen Ton von sich
-gab, aber Stand hielt. Günther hatte sich an den dicken
-Höfer angeklammert, der ebenfalls einen knurrenden Ton von
-sich gab, aber auch Stand hielt.</p>
-
-<p>Als sich der Hauptmann von seinem Schreck erholt hatte,
-trat er an die Front und wollte »Achtung« kommandieren,
-da rief der Vizekorporal Kleinert: »Herr Hauptmann! dorte
-kommt der Bummel aus'n Apothekergässel raus!«</p>
-
-<p>»Der hat ja hellgraue Hosen an!« riefen gleich drei
-auf einmal. &ndash; Des Hauptmanns Blicke verfinsterten sich
-und er knurrte dem Spätling entgegen: »Zu spät kommen
-Sie und auch noch in einem solchen Aufzug? Sie treten
-nicht ein!«</p>
-
-<p>»Ich waß schu Herr Hauptmah, ich wollt mich ah när
-zer Schtell maldn. Odr ich kah wassettersch nischt drfier,
-mei Schitznhus war untnrim ausgetriefelt un do ho ich se
-heit frieh nauf zun Heisler Schneider geschickt, dar soll se
-frisch eiseime, dar hoot mrsche odr net wiedrgebracht. Grod
-kumm ich vunne har, net emal drham war'r.« &ndash; In diesem
-Augenblick flog ein Freudenschimmer über das Heldengesicht
-Leichsenrings. »Herr Hauptmah« rief er aus; »Wartn se när
-noch fimf Minutn; dorte kimmt dar Heislerschneider mit
-dr Hus iebern Arm im's Richtereck rim.« Ohne eine
-Antwort abzuwarten, stürmte er davon, packte den Häusler
-beim Kragen und schob ihn vor sich her in die Hausflur der
-Garküche hinein.</p>
-
-<p>Der Häusler Schneider hatte, während Leichsenring zu
-ihm gegangen war, die fertige Hose zu diesem getragen. Da
-aber jeder einen anderen Weg einschlug, hatten sie sich umgangen.
-Nun war der Häusler mit der Hose nach dem
-Topfmarkt getrippelt, wo gewöhnlich die Aufstellung stattfand.
-Hier war aber infolge eines Rohrbruches das Pflaster<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span>
-aufgerissen und da er sich wegen seiner Stocktaubheit mit
-niemandem verständigen konnte, war er aufs geradewohl
-hinüber nach der Ziegengasse getrippelt. Als er da auch
-keine Schützen sah, nach der Griesbächer Gasse. Schon von
-weitem hatte man ihn rufen hören: »Bebebummel! Bebebummel!«</p>
-
-<p>Der Hauptmann hatte fünf Minuten gewartet, es wurden
-sechs, sieben Minuten, Leichsenring kam nicht wieder.
-Da wurden zwei Schützen zur Nachforschung abkommandiert,
-die alsbald in der Garküche verschwanden. In der Hausflur
-hörten sie schon einen Mordsspektakel aus einem sonst
-verschwiegenen Ort und als sie dort hineintraten, fanden
-sie den Leichsenring in Socken und Unterhosen, wie er den
-Häusler Schneider an die Wand gekreuzigt hielt und
-ihm eine Standrede hielt, über die Dummheit: »Wie se
-in hunnerttausend Gahrn noch net dogewasn is un ah net
-wiederkimmt.«</p>
-
-<p>Als er der beiden Schützen ansichtig wurde, ließ er sein
-Opfer los. »Gott sei getrummelt un gepfiffn!« rief er aus:
-»hot dä kaner vun Eich e scharfs Masser eistackn?«</p>
-
-<p>»De wärschtn doch net epper ohmorksn wolln?« fragte
-der Wittig Franz entsetzt.</p>
-
-<p>»Schoden kennts dan nischt, wenn'r emol ohgemorkst
-wür!« <span id="corr011">polterte</span> Leichsenring. »Do guckt när emol har, wos
-dos Kamel do fartig gebracht hoot: meine Schitznhus hoot'r
-mr untn frisch eiseime solln un doderbei hoot'r sche mr
-guttegar untn zugeneeht. Itze halft mr när aufschlitzn, mit
-dan Brummochs &ndash; wu is'r dä hie? &ndash; war doch nischt
-ahzefange: Kah Scheer, kah Messr drbei, blus de Schnupptewaksduhs
-hatt'r eistackn.«</p>
-
-<p>Na, die Hose war schnell wieder aufgeschlitzt, sie triefelte
-zwar wieder, wie zuvor, aber in kurzer Zeit stand Leichsenring
-in Reih und Glied.</p>
-
-<p>Nun erfolgten die Kommandos: »Achtung! Augen &ndash;
-rechts! Richtung! Höfer &ndash; 'n Bauch nein! Augen &ndash;
-geradaus! Schulterts &ndash; Kepp! Iebersch &ndash; Kepp! Rechts
-&ndash; um! Vorwärts &ndash; marrrsch!«</p>
-
-<p>Unter Trommelschlag schwenkte alsbald die Kompagnie
-um den goldenen Ring herum. Am Rathaus wurde Halt<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span>
-gemacht, um die Fahne abzuholen. Unter den Klängen des
-Norma-Marsches trat die Fahnensektion ein, der Hauptmann
-kommandierte: »Links &ndash; um! Vorwärts &ndash; marrrsch!«
-Thierfelder hob den Tambourstab, der Radetzkymarsch setzte
-ein und der Tambourstab flitzte und blitzte durch die pfingstsonnige
-Luft im Takte auf und nieder.</p>
-
-<p>Als die Schützen an der Hauptwache vorbeizogen, stand
-dort die Wachmannschaft des achten Bataillons mit präsentiertem
-Gewehr und die Schützen erwiderten diese Ehrenbezeigung
-durch Schultern des Gewehres, während der
-Fahnenträger Burkhardt in verwegenster Weise die Fahne
-schwenkte.</p>
-
-<p>Als der Zug an der Hauptwache vorbei war, ließ der
-Wachoffizier Graf Kameke abtreten, er selbst aber stellte sich
-an die Barriere, sein Gesicht verzog sich zu einem grinsenden
-Lachen: im letzten Glied der Schützen marschierte ein Mann,
-dessen Federstutz bei Schritt und Tritt einen Bogen von neunzig
-Grad beschrieb und dessen Bajonett bald mit dem des linken
-bald mit dem des rechten Nebenmannes zusammenklirrte.</p>
-
-<p>Der Wackelfritze, über den er sich so belustigte, war der
-Schulhausmann Wetzel.</p>
-
-<p>Der Schützenzug war von einer Schar jugendlicher Trabanten
-dicht umschwärmt. Zumeist waren es Schützensprößlinge,
-die ihres Vaters Schützenmütze in der Hand trugen.
-Ein barhäupt- und barfüßiger Junge trug sogar deren
-zwei.</p>
-
-<p>Als nun die Musik schwieg, und nur die Trommeln
-rasselten, frug ein anderer, behäupteter und gestiefelter Junge
-den Barfüßler: »Wäm geheeren denn die zwee Mitzen eegentlich,
-die du nausträgst?«</p>
-
-<p>»Die Aane gehärt men Voter« entgegnete der Barfüßler,
-»un die annere men Vetter Henner. Vun en Gedn« setzte er
-geschwätzig hinzu: »krieg ich en Dreier fersch Naustroong.«</p>
-
-<p>»So? was koofst du dir denn draußen für deinen
-Sechser?«</p>
-
-<p>»Dos waas ich salberscht noch net. Vielleicht, &ndash; vielleicht
-ene Brootworschtbriehsammel und e sauere Gork, oder
-e Ei un en Bittlich. &ndash; Kriegst du ah ewos fersch Naustroong?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span></p>
-
-<p>»Versteht sich! &ndash; ne halbe Bratwurscht,« bestätigte der
-Gestiefelte.</p>
-
-<p>Da blitzte es neidisch und feindselig in den Augen des
-Barfüßlers auf. Rückwärts tretend verkrümelte er sich in
-die Menge und ehe er in derselben verschwand, rief er giftig:
-»Wenn dr när dr Hund de Brootworscht aus dr Pfut ruppet,
-du Aff du grußfrasseter!«</p>
-
-<p>Es wäre vielleicht zu einer Verfolgung und zu einer
-Prügelei gekommen, hätte nicht die Musik wieder eingesetzt,
-zum zweiten, zum Lieblingsmarsch der Jugend und hundert
-helle Kehlen fielen mit ein in die Melodie: »Koch, koch
-Lindenthee, denn mir tut der Bauch so weh.«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Während sich nun der Zug allmählich dem Schießhause
-näherte, gingen draußen »unter den Linden« zwei würdige
-alte Herren auf und ab spazieren. Der eine davon war der
-Kauf- und Handelsherr Rupprecht, (infolge seines Spielwarenhandels
-unser Weihnachtsrupperich) der andere war dessen
-Hausgenoß der schwerhörige Tuchhändler Günther.</p>
-
-<p>Als diese beiden Herren, abwärts schreitend in die Nähe der
-Reitbahn kamen, da hielt grade der Müller Heinrich die Lunte
-auf das Zündloch eines Böllers und »<em class="gesperrt">bauz</em>« krachte es, daß es
-in den Bergen widerhallte. Rupprecht fuhr erschrocken in sich
-zusammen und blieb stehen. Günther aber drehte ihm mit
-freundlichem Lächeln das Gesicht zu und frug: »Was haste
-gesagt, Rupprecht?« Auf die abwehrende Geste Rupprechts
-setzte Günther hinzu: »De weest doch Rupprecht, ich häre e
-bischen schwer &ndash; da mußte schon e bissl lauter sprechen.«
-Da krachte ein zweiter Schuß, Günther schüttelte den Kopf
-und sagte: »Ich kann dich immer noch nich recht verstehen,
-Rupprecht, ich habe blos Bach verstanden. Meenst du den
-Bäcker Bach?«</p>
-
-<p>Das Eintreffen der Schützen drunten am Schießhaus
-war jetzt Rupprecht ein willkommener Anlaß, aus der
-Nähe der Böller und über weitere Fragen Günthers hinwegzukommen.
-Er deutete mit der Hand hinunter, Günther
-nickte verständnisvoll mit dem Kopf und beide Herren
-gingen hinab, um sich das kriegerische Schauspiel anzusehen.</p>
-
-<p>Hier erschollen wieder die Kommandos: »Halt! Rechts
-&ndash; um! Schulterts &ndash; Kepp! Präsentierts &ndash; Kepp!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span></p>
-
-<p>Unter den Klängen des Marsches aus Norma wurde
-die Fahne auf ihrem Ständer gehißt, die Wache zog auf
-und als dann endlich die Schlußkommandos: »Los! Tret'
-&ndash; ab!« erfolgten, dann gab es stöhnen, blasen und fauchen,
-die Mützenjungen traten in Funktion und nahmen die schweißtriefenden
-Schützenhüte, Gewehr und die Koppel mit dem
-Seitengewehr und der Patronentasche in Verwahrung.</p>
-
-<p>Die Schützen aber rissen die Knöpfe des Waffenrockes
-auf, holten das blaurotgewürfelte Taschentuch mitsamt der
-Pfeife und dem Tabaksbeutel aus der Schößentasche und
-nachdem die Schweißperlen auf den Glatzen trocken gefummelt
-waren, wurde die schon zuhause gestopfte Pfeife in
-Brand gesetzt.</p>
-
-<p>»Gott sei Dank, daß mr da sin!« stöhnte der eine und
-der Falke Gust jammerte: »Dan Dorscht, dan Dorscht!«</p>
-
-<p>Bald füllte sich der geräumige Saal im »Alten Verein«
-wie auch das Schenkzimmer im alten Schießhaus und bald
-auch knallten die Büchsen im Scheibenstand.</p>
-
-<p>Der Saalbau, mit seiner langen Front hoher Bogenfenster,
-ist in den achtziger Jahren abgebrochen worden. Er stand an
-Stelle des jetzigen Gartens und barg neben dem großen Saal
-noch ein geräumiges Vorzimmer und an der Rückseite eine
-Kegelbahn. Hier überall herrschte nun ein buntes, feuchtfröhliches
-Treiben beim althergebrachten Schützenmittwochs-Frühschoppen.
-Im Saale saßen an langen Tafeln, in bunter
-Reihe uniformierte und nichtuniformierte Schützen und erfüllten
-den Raum mit Lachen und Johlen, mit Bier-, Bratwurst- und
-Knasterdüften. Gute Witze wurden mit einem Tusch belohnt,
-schlechte aber charakterisierte, je nach dem Grad der Brenzlichkeit
-derselben, das Klappenhorn Meyers mit: Du bist der
-beste Bruder ah net, &ndash; oder &ndash; Schmeiß'n naus den
-Judenitzig.</p>
-
-<p>Nun muß der Verfasser, wohl oder übel, seine eigene,
-damals noch recht unscheinbare, aber »nissige« Person ins Treffen
-führen, da sich jetzt Handlungen einschieben, in denen sie eine
-wenn auch nicht immer einwandfreie Rolle gespielt hat.</p>
-
-<p>Nachdem ich meines Vaters Hut und Degen drüben in
-der Schenke der Frau Hirsch besorgt und aufgehoben hatte,
-pflanzte ich mich drinnen im Saal gegenüber von Vaters<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span>
-Klappenhorn, wie ein mahnendes Fragezeichen auf. Ich
-hatte meinen Opulus zu einer halben Bratwurst noch
-nicht bekommen und wußte recht gut, daß ich hier
-als lästiger Ohrenzeuge prompt abgefertigt werden
-würde. Aber, war es meines Vaters Kurzsichtigkeit, war
-es der fast schneidbare Tabaksqualm, mein Bratwurstappetit
-wurde auf eine harte Probe gestellt. Dabei hörte ich denn,
-wie mein Hoflieferant, der Reuther Bäck, lachend erzählte,
-wie er sich auf dem ganzen Marsch darüber geammesiert habe,
-daß dem Wenzel Schmied der Nasenputzer wie ein Fuchsschwanz
-hintenunter gehangen habe.</p>
-
-<p>»Das hast du mir doch jedenfalls selber hinten rausgezong,
-denn du warst doch mei Hintermann!« schimpfte
-Wenzel, aber der Neumerkel beruhigte ihn mit den Worten:
-»Gab dich när zefriedn. Ich ho's gesah, wie'r drsch nooch
-un nooch rausgezerrt hoot. Ich ho's ah gesah, wie'r egal in
-sen Bort neigekichert hoot. Ich gelaab odr, er hätt net esu
-gelacht, wenn'r gewußt hätt, doß'n salber sei Schnupptichel un
-ah de Quastn vun sen Tobaksbeutel hintnnausgebaumelt sei.«</p>
-
-<p>In das allgemeine Gelächter stimmte ich kräftig mit
-ein, nicht ohne Erfolg hatte ich mich dadurch meinem Vater
-bemerkbar gemacht und nun trug ich fröhlichen Sinnes meine
-zwölf Pfennige zur Frau Hirsch an den Schenktisch.</p>
-
-<p>Eine Minute später konnte ich liebäugelnd meine, in ein
-»Pfengbrot« eingeklemmte halbe Bratwurst betrachten; doch &ndash;
-zwischen Lipp und Bratwurstzipfel &ndash; in dem Augenblick, wo
-ich den ersten ersehnten Biß tun wollte, da &ndash; pflanzte sich
-Bluth Antons Bluthund Pluto breitbeinig und zähneflätschend
-vor mir auf. Wie diese Bestie vor meiner Bratwurst, so
-standen die Worte des Barfüßlers plötzlich vor meiner Seele.
-Schnell ließ ich die Hand mit der Wurst hinter meinem
-Rücken verschwinden und wie sich nun der Bluthund mit der
-Zunge die Schnauze leckte, streckte auch ich ihm die Zunge
-heraus, fühlte aber zugleich, wie eine warme, feuchte Zunge
-hinten über meine Bratwurstfinger strich und wie denselben
-Wurst und Semmel entglitt. &ndash; Ein anderer Köter hatte mir
-sie aus der Pfut geruppt. &ndash; Ich sah nur noch die lebendige
-Illustration zu dem Liede: »Wenn der Hund mit der
-Wurst übern Eckstein springt«, draußen vor der Türe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span></p>
-
-<p>Ein freundlicher, mitleidiger Herr, den die Schießhauswirtin
-mit: »Herr Pursch« anredete und der den Vorgang
-lachend mit angesehen hatte, kaufte mir eine <em class="gesperrt">ganze</em> Bratwurst
-und so war ich bald, dem gesättigten Löwen gleich, mit Hund
-und Barfüßler versöhnt. &ndash; Der Letztere hat übrigens seinen
-Beruf als Profet verfehlt, er ist Prolet geworden und da ihm
-schon lange kein Zahn mehr weh tut, kann er auch keine
-»saure Gork« mehr essen.</p>
-
-<p>Als ich hinaus trat, in den sonnigen Vormittag, fiel mein
-erster Blick auf den Wachtposten, der vor dem Fahnenständer,
-dem Trommelbock und den Gewehren auf- und abschritt und
-dabei mit seinem Federbusch derartige Schwenkungen machte,
-daß ich sofort in ihm den Schulhausmann Wetzel erkannte.
-Ich grüßte ihn pflichtschuldigst. Freundlich grüßte er wieder:
-»Morring Klaaner. Du bist doch dr klaane Meyer &ndash; Du
-kast mr en Gefalln tu. Gieh emol nieber in de Wach un
-soog, ne Posten dohausn tät de Zung ene halbe Ehl zun
-Hals raushänge.«</p>
-
-<p>Ich sprang hinüber und richtete es wortgetreu aus, aber
-der Korporal Richter meinte: »Ach wos! dar soll wartn bis
-'r ohgelöst werd.« Der Schneider Windsheimer, der mein
-Leibschneider war, winkte mich zu sich heran und gab mir
-ein leeres Glas in die Hand. »Das läßte« sagte er »dortn
-an Bottich vollloofn, da kann er seinen Dorscht dran
-löschen.«</p>
-
-<p>Da wo jetzt der Eingang zum Keglerheim ist, da war der
-Wasserbottich, an dem ich das Glas mit perlfrischem Wasser
-füllte.</p>
-
-<p>Hätte ich nun einem wütenden Stier ein blutrotes Tuch
-vorgehalten, zornigere Augen hätten mich nicht anfunkeln können,
-als die des Wetzel, als ich mit dem Glase Wasser
-daherkam.</p>
-
-<p>»Hullunk, elendiger!« schrie er mich an: und packte sein
-Gewehr mit beiden Fäusten am Ende des Laufes. »Kumm
-mr net ze nah, odr ich schloog dich ze Brei!« &ndash; Da erscholl
-drüben vom Wachhause her infernalisches Gelächter. Die
-gesamte Wachmannschaft stand vor der Tür; ein Jeder hielt
-in der einen Hand eine volle Stange Bier und mit der
-anderen hielt er sich den Bauch.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span></p>
-
-<p>Sofort entlud sich Wetzels Zorn nach dieser Seite:
-»Inu ihr Lumpn! ihr Sauhind! &ndash; ihr zutscht do driem de
-ganze Sprengstütz Bier aus un iech soll Wasser saufn? &ndash;
-Pfoi Teifl! schamt eich!« Als nun auch noch von drüben
-prost! prost! prost! gerufen wurde, da verließ Wetzel vorschriftswidrig
-seinen Posten und das Gewehr hinter sich herschleifend
-und lästerlich schimpfend trieb er die Schützen in
-das Wachtlokal hinein.</p>
-
-<p>Es dauerte eine geraume Zeit bis Wetzel wieder zum
-Vorschein kam. Seine Rechte umklammerte ein schon zur
-Hälfte geleertes Stangenglas, das er nun in aller Gemütsruhe
-vollends leerte und dann ins Gras warf.</p>
-
-<p>Als er auf Posten zurückgekehrt war, strich der Fischer
-Heinrich vorbei und zog den Hut. »Morring Herr Wetzel!
-Heite weeß mr doch gar nich wie der Wind weht? &ndash; Ihr
-habt wohl eire Fahne in der Wäsche, oder amende gar versetzt?«</p>
-
-<p>»Unnere Fahn? &ndash; do … &ndash; stitt se doch« wollte
-Wetzel sagen, aber der Mund blieb ihm sperrangelweit offen
-und erst nach einer Weile klappte er ihn hörbar wieder zu,
-dann kam ein Bumben un Granatndunnerwetter zum Ausbruch
-und endlich rief er die Wache heraus: »De Fahn is gemaust«!</p>
-
-<p>Wer nun glaubte die Mannschaft käme über Kopf und
-Hals gestürzt, der irrte gewaltig. Die trank zunächst sämtliche
-Gläser leer und bis die Röcke zugeknöpft und das Seitengewehr
-umgeschnallt war, verging eine geraume Zeit, in der
-Wetzel den Fischer Heinrich ausfragte und als nun drei Mann
-zur Stelle kamen, konnte er berichten, daß der oder die Diebe
-hinauf nach den Scheunen zu geflüchtet seien. Wer der Fahnendieb
-war, konnte nicht ermittelt werden. Ich aber hatte den
-Vorgang aus nächster Nähe mit angesehen und während die
-Schützen den Berg hinauf eilten, sprang ich auf der anderen
-Seite den Berg hinunter und drüben wieder hinauf, zum
-&ndash; Gerichtswäldchen. Dort angekommen, sah ich die Fahne,
-an der ein langes Seil befestigt war, im Moose liegen,
-während der Fahnendieb sich vergeblich bemühte, am Stamm
-einer Fichte empor zu klettern.</p>
-
-<p>»Lassen Sie mich nauf Herr Rusrat« rief ich: »ich kann
-besser klettern als Sie!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span></p>
-
-<p>»Rusrat?? &ndash; wie kaste denn Rusrat zu mir saang
-&ndash; weeste nich wie ich hees? Kannste denn danauf klettern?
-die Ficht is hoch!«</p>
-
-<p>»Mir is kee Boom ze hoch un auf der Ficht bin ich
-schon öfters gewesen.«</p>
-
-<p>»Nu da strampel emal los, nimm das Strickend mit
-nauf, da ziehste dann de Fahne drmit nauf un bindst se
-drohm fest.«</p>
-
-<p>Nach wenigen Minuten flatterte die altehrwürdige Fahne,
-die vielleicht schon hunderte mal »gemaust« worden ist, über
-allen Gipfeln, lustig hoch im Winde.</p>
-
-<p>Als ich wieder Boden unter den Füßen hatte, meinte
-der »Rusrat«: »Itze heests aber auskratzen!«</p>
-
-<p>»Sie haben schon noch Zeit Herr Ru… Herr Claus;
-der Fischer Heinrich hat die Wache nauf nach »vor Scheunen«
-geschickt.«</p>
-
-<p>»Ich wees schon,« blinzelte der Rusrat, »das war schon
-so ausgemacht, der verrät mich nich.«</p>
-
-<p>»Wenn ich fimf Neugroschen krieg,« sagte ich keck, »dann
-halt ich mei Maul ooch!«</p>
-
-<p>Lachend zog der Fahnendieb den Beutel, warf ein Fünfgroschenstück
-ins Moos und entfernte sich mit den Worten:
-»So ein ruppiger Lausgung! Denhalber brauchts wahrhaftig
-nimmer ze reenge, aus den werd emal entweder e großes
-Tier oder e großer Lump.«</p>
-
-<p>Das war wieder eine Prophezeiung, die freilich bis jetzt
-nach keiner Seite hin eingetroffen ist, denn ich habe vorgezogen,
-im Leben den goldenen Mittelweg einzuschlagen. Damals
-aber schlug ich mit meinem Fünfgroschenstück, singend
-und springend den kürzesten Weg ein, zum Pfingstmarkt.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Pfingstmarkt!</em> Welche Fülle genußreicher Erinnerungen
-weckst du in mir! &ndash; Welch buntes, pfingstfröhliches
-Treiben flutete über deinen grünen Rasen, auf dem
-die Kinder jauchzend ihre Purzelbäume schossen und auf dem
-in Buden, auf Tischen, Bänken und Karren alle, einem
-Kinderherzen begehrlichen Herrlichkeiten ausgebreitet waren.</p>
-
-<p>Dieser terrassenförmig gestaffelte, mit Queckengras bestandene
-Wiesenplan ist fürwahr eine glückliche Wahl unserer
-Väter gewesen, hier ihre Schießstätten zu errichten. Liebevoll<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span>
-umsäumten sie ihn mit schattigen Lindenalleen, die schon
-vor fünfzig Jahren sich zu mächtigen Baumkronen entwickelt
-hatten. Nicht unerwähnt möchte ich hierbei lassen,
-daß mein Großvater, der damalige Ratssenator Bauer, sich
-um die Anpflanzung dieser Anlagen wesentliche <span id="corr019">Verdienste</span> erworben
-hat.</p>
-
-<p>Dahin führte mich nun mein Weg, an wogenden
-Feldern vorbei, durch üppigen Wiesenflor, über dem die
-Schmetterlinge gaukelten und geschäftige Bienen summten.</p>
-
-<p>Ein sonniger, wonniger Pfingstzauber war über die
-lachenden Gefilde gebreitet und vom klaren Himmelsblau,
-das sich hinüber spannte, bis zu den fernen Riesen des Erzgebirges,
-schmetterten die Lerchen ihr Jubellied hernieder.
-Auch in den alten Lindenkronen frohlockten die Vögel
-und die Reitzugfinken hielten, von Baum zu Baum, ihre
-Zwiegespräche.</p>
-
-<p>Als ich aber aus der Doppelallee herauskam, wars mit
-dem Zauber vorbei, denn Arnolds Reitschule setzte sich eben
-in Drehung und August drehte, den kalten Kalkstummel im
-Munde, mit beständigem Kopfnicken, den alten, verstimmten
-Leierkasten, dem er, soweit es die alten Blasbälge zuließen,
-das Neueste auf dem Gebiet der Gassenhauer entlockte: »Ach
-ich bin so müde.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>August war bei der spottlustigen Jugend dadurch zur
-Zielscheibe geworden, daß er mit den meisten Consonanten in
-Erbfehde lag. Einem kleinen Fahrgast, dem die Nase blutete,
-hatte er einmal zugerufen: »Tlaaner, dei Noot lutt!« Und
-diese Worte blieben an ihm haften; jeder Bengel riefs ihm
-nach &ndash; so auch ich jetzt: »Autut, dei Noot lutt!« Prompt
-und kopfnickend kam die Antwort zurück: »Ette lotte luten!«</p>
-
-<p>Gleich darauf flötete mich aus dem Stern und Thonpfeifen
-geschmückten Hintergrund einer Schießbude eine liebliche
-jungfräuliche Stimme an: »Schießen se mal, junger
-Herr! Zwee Schisse fimf Fenge.«</p>
-
-<p>Donnerwetter! das imponierte mir. Erstens »Sie« und
-dann auch noch »junger Herr!« &ndash; Solch gute Meinung von
-mir durfte nicht unbeachtet, nicht unbelohnt bleiben, stand ich
-doch in absehbarer Zeit schon vor dem Uebergang vom Flegel<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span>
-zum Herrn Flegel und so schoß ich denn im Vollgefühl meiner
-Herrlichkeit vier Löcher in die Luft. &ndash; Mit ebensoviel
-Groschen meiner erleichterten Barschaft ging ich, etwas enttäuscht
-davon.</p>
-
-<p>Wiederum klangen die Worte: »Junger Herr!« an mein
-Ohr, diesmal aus dem Munde des Horndrechslermeisters
-Röder, der vor seiner Bude stand und mir ein niedliches
-Liliputpfeifchen mit den Worten entgegenhielt: »Nur fimf
-Neigroschen, junger Herr.«</p>
-
-<p>Fast bereute ich jetzt die vier Luftlöcher, als ich aber
-entgegnete: »Ich darf doch noch gar nich roochen!« da ließ
-Röder den jungen Herrn fallen und er sagte, mit dem Finger
-drohend: »Dich Schlingel hab ich doch schon roochen sehn,
-daneilich am Bach of der Stangebergwiese, dort, wo die
-vielen Vergißmeinnicht stehn, da bist du im Gras gelegen
-und hast Ringeln in die Luft geblasen wie e Alter.«</p>
-
-<p>Ich machte einige lange Schritte und stand bald vor der
-Holzdrechslerbude der höchsten Persönlichkeit Schneebergs, des
-Türmers Böhm. Die vielen buntgefiederten Abschießvögel in
-allen Größen, erregten meine Aufmerksamkeit nicht, noch
-weniger die scheckigen Pferdchen mit und ohne Reiter, auch
-nicht die Blasrohre, die Knallbüchsen, die »Schrietzbüchsen«,
-die Pfennigpfeifen und Kegelspiele, mich interessierte ein
-Raphael Engel, der beide Ellenbogen auf die Verkaufslade
-gestützt und an einer großen Süßholzwurzel kauend, seine
-Blicke von Gegenstand zu Gegenstand schweifen ließ. Dieser
-Engel war jener profetische Barfüßler.</p>
-
-<p>»Luuz« sagte eben der Türmer zu seinem Sprößling
-Louis: »Ich gieh itze en Aangblick fort, paß fei gut auf, doß
-nischt gemaust werd.« &ndash; Kaum war Luuz drinnen allein, da
-nahm der barfüßige Engel einen großen Wulst gekauter
-Süßholzwurzel aus dem Mund und frug: »Wos kost dä ene
-Schrietzbichs?« Luuz antwortete: »De klenn kostn en Dreier,
-die do en Sechser und de grußn en Neigrosch«.</p>
-
-<p>»Weiß emol aane har, vor en Neigrosch!« &ndash; Der Barfüßler
-betrachtete sie mit Kennerblicken von außen und innen,
-dann blies er einmal hindurch und meinte: »Ich denk mr när,
-die hoot ewing zeviel Luft.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span></p>
-
-<p>»Wos vrstist'n du!« sagte Luuz verächtlich: »Wenn se
-nei ins Wasser kimmt un 's Garn drinne naß werd, nochert
-zieht se schu.«</p>
-
-<p>»Derf ich se dä erscht emol probirn, driem an Wasserbottig?«</p>
-
-<p>»Nu meitwaang &ndash; de mußt se odr fei behaltn, wenn
-de se eingesaut host!«</p>
-
-<p>Leichtbesohlt flatterte der Engel davon &ndash; er soll heute
-noch wiederkommen.</p>
-
-<p>Ambrosische Düfte zogen mich an der Nase hinüber, zu
-den Kindern des Südens, zu den Bergen von Apfelsinen,
-Johannesbrot, Datteln und Feigen. Dann trug ich das
-schnuppernde Riechorgan weiter, zu den schmalzgebackenen
-<span id="corr021">Blätterteig</span>-, Sand- und Spritzkuchen, vorbei an den
-Zuckerbuden mit ihren Feuersteinchen, Aniskörnchen und
-Zimmtmandeln, vorbei an den bunten Eiern, den sauren
-Gurken und den Böklingen. Die »Bittlich Richtern« pries
-ihre Ware an: »Lauter dicke Speckbuckel, de kleen en Zweeer,
-de grußen 'n Dreier. Solche scheene goldgelbe Fische wern
-nich alle Tage gefang!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nicht einmal die Bratwurstkarline konnte mir einen
-Dreier entlocken für ihre duftenden Brühsemmeln, die sie
-emsig und unverdrossen mit ihren rusigen fettglänzenden
-Fingern aushöhlte und dann von Zeit zu Zeit die Finger
-ableckte. Dabei machte sie ihre Witze: Eine Affenschande
-wäre es, so eine Gottesgabe für einen lumpigen Dreier zu
-verkitschen, ihr seliger Urgroßvater gäbe einen Taler drum,
-wenn er nur einmal hineinbeißen könnte. »Ihr hatt doch
-alle keene Ahnung« setzte sie hinzu, »was da alles noch so
-drum un dra hängt; vier Wochen lang muß ich dernach
-meine Finger in griene Seefe stecken, daß se nur wieder
-reene wern.«</p>
-
-<p>»Lecken Sie se ooch öfter emal derbei ab?« frug ein
-fürwitziger Bengel, aber schlagfertig kam es zurück: »Ich hätte
-bald was gesagt, du Lausewenzel!«</p>
-
-<p>Wenn sich Mund und Nase laben, wolln die Ohren auch
-was haben. Und diese kamen voll und ganz auf ihre Rechnung.
-Schon das Geschrill der hunderte von Pfennigpfeifen
-hätte genügt, aber dazu kamen noch die Schnarren, die Waldteufel<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span>
-und die Mundharmonikas. Das gab mit dem Grundmotiv
-der Reitschulorgel eine machtvolle Symphonie, zu der
-die Scheibenschützen den Takt knallten.</p>
-
-<p>Strich aber Einer mit einem Brummeisen vorbei,
-so konnte man die Wahrnehmung machen, daß die Brummeisen,
-so verschrieen sie bei gewissen Ehehälften sein mögen,
-ganz gewiß zu den zahmeren und zarteren Gatt&ndash;ungen zu
-zählen sind.</p>
-
-<p>Das Elfeglöckel läutete die Mittagsstunde ein, da ging
-ich hinüber in den Saalbau, um mich meinem Vater zum
-Heimweg anzuschließen. Als wir durch das Vorzimmer kamen,
-saß da in einer Ecke der Falke Gust bei einem tellergroßen
-»Biffstek« und rief mit schon etwas lallender Stimme:
-»Mahlzeit Herr Direkter! Hier sitzn de Mussegantn, Moses
-un de Profetn!«</p>
-
-<p>Um drei Uhr nachmittags war ich wieder zuplatze, da
-begann das <em class="gesperrt">Vogelschießen</em>. Dies wurde aber nicht von
-der Schützengesellschaft abgehalten, sondern die <em class="gesperrt">Schnepperschützen</em>
-hatten die einmalige Erlaubnis bekommen, ihr
-Vogelschießen diesmal ausnahmsweise <span id="corr022">vor dem</span> Schießhaus abhalten
-zu dürfen. Zu diesem Zwecke hatten sie vor der
-Vogelstange, unten beim alten Schießhaus eine geräumige
-Bude aufgestellt, aus der sie mit ihren großen Armbrüsten
-(Schneppern) dem riesigen Adler auf der Vogelstange zuleibe
-gingen.</p>
-
-<p>Uns Jungen machte es ein besonderes Vergnügen, Jagd
-nach den verschossenen Bolzen zu machen, die wir dann, das
-halbe Dutzend für einen Dreier, zur Bude zurück brachten.
-Ich konnte diesen Erwerb recht gut gebrauchen, denn ich hatte
-meine restlichen vier Neugroschen &ndash; wie gewonnen, so zerronnen
-&ndash; in der Würfelbude verknobelt.</p>
-
-<p>So kam ich auch jetzt wieder mit einer handvoll Bolzen
-zur Bude zurück, da lehnte der Horndrechsler Pfeifer am
-Eckpfosten und uzte die Schnepperschützen.</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Fffft</em>« machte er es gerade: »Schu wiedr drnahm
-wack. Ihr mißt doch nooch'n Vugel zieln, net noch ne
-Maandn, dar stieht doch itze gar net an Himmel! Mir ham
-doch itze Neimaand.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span></p>
-
-<p>»Halt de Gusch!« schimpfte der Rohrlapper, »du machst
-uns när de Bolzn schei!«</p>
-
-<p>Beim nächsten Schuß machte es Pfeifer wieder:
-»<em class="gesperrt">Fffft!</em> wiedr e Loch in Himmel. Ich gelaab, dr Peterus
-is ausgerissn, dar is doch ka Minut sicher vr eiern
-Fahlbolzn.«</p>
-
-<p>Nun wurde es den Geneckten doch zu bunt und sie
-schrien durcheinander: »Gieh doch du rei, du Maulaff! &ndash;
-Zeig erscht du emol, wos de kast, du Grußgusch! &ndash; Dar
-fällt doch geleich im, wenn dr Schuß lusgitt!«</p>
-
-<p>Ohne weiteres kroch Pfeifer durch die Absperrleinen
-und verlangte einen Schnepper. &ndash; Nun hatten aber die
-Schützen ein altes abgelegtes Monstrum, ganz extra
-für solche Fälle, bei der Hand, an dem der
-Bügel nicht mehr fest im Schafte stak, so daß derselbe
-ohne Schwierigkeit seitlich verschoben werden konnte und so
-rückten sie ihn, bevor sie ihn mit der Drehwinde aufzogen,
-ein gutes Stück nach links, so daß die ganze Schleuderkraft
-nach dieser Seite verlegt wurde, dann reichten sie den mühsam
-gespannten Schnepper mit verhaltenem Lachen, dem ahnungslosen
-Pfeifer.</p>
-
-<p>Dieser stand nun, jeder Zoll ein Tell, im Anschlag und
-zielte, lange und genau zielte er, denn unter keinen Umständen
-durfte er sich blamieren. &ndash; »Sättersch!« stichelte der Leonhardt
-Schmied: »Itze getraut'r sich net, ne Finger krumb ze machn.«
-&ndash; Da drückte Pfeifer ab und &ndash; ein zehnstimmiges, schallendes
-Gelächter durchbrauste die Bude.</p>
-
-<p>Der heimtückische, ungleich gespannte Schnepper hatte
-Pfeifer eine solch wuchtige »Faunz« versetzt, daß er, den
-Schnepper weit von sich schleudernd, einen Luftsprung machte
-und dann, mit einem Gesicht wie ein herabgefallenes Mondkalb,
-auf seinen geliebten fünf Buchstaben saß. Das alles
-dauerte nur Augenblicke, dann nahm er sich zusammen,
-krabbelte sich ächzend in die Höhe und wortlos, nur mit
-einem grundtiefen Verachtungsblick auf die Schnepperschützen,
-hinkte er zur Türe hinaus.</p>
-
-<p>Diese aber krümmten sich vor Lachen wie die Würmer
-und als ihm der Könitzer nachrief: »Der Rumpes is gefalln,
-Sie wern fei Keenig!« da drehte sich Pfeifer herum, und<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span>
-drohend die beiden Fäuste schüttelnd, entrangen sich befreiende
-Worte von seinen Lippen. Mit Löwenstimme donnerten sie
-zur Bude zurück, die Kraftworte Götz von Berlichingens, in
-sechsstelliger Multiplikation.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Pfeifer hatte genug Vogelschießen. Hinkend und sich
-sämmtliche Backen reibend, stapfte er stadteinwärts.</p>
-
-<p>Als er an Stahls Schuppen vorbeikam, begegnete ihm
-der Härtel Fritz, der ihn schon von Weitem mit staunenden
-Blicken betrachtete.</p>
-
-<p>»Inusse sog mr när,« sprach ihn dieser an: »Du host doch
-ene Papp drahsitzen wie ene Backmuldr? host wuhl endlich
-emol aane drwischt?« &ndash; Pfeifer sah ihn bissig an. »Zähwieting
-ho ich!« gab er barsch zurück. &ndash; »Zähwieting? ginne dä
-dir de Zahnervn esu weit nunner, bis in de Baah, doste drezzeverze
-drzu machst?« Pfeifer ließ ihn stehen und hinkte davon.
-Erst nach einigen Schritten drehte er sich wütend um und rief
-dem noch immer dortstehenden Härtel zu: »Gieh när du nei
-in de Schnapperbud, wenn de ka A…ladr drah host!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Kopfschüttelnd und um Pfeifers Seelenzustand ernstlich
-besorgt, ging auch Härtel seines Weges, schießhauswärts.</p>
-
-<p>Er war zwar nicht Schütze, aber der Schützenmittwoch
-galt von jeher als bürgerliches Volksfest, an dem sich Jedermann
-nach Herzenslust beteiligen konnte. So strebte nun
-Härtel der Schützenkegelbahn zu, als er aber um den Saalbau
-herumschwenken wollte, da hörte er lustige Stimmen drüben
-im Wachhäusel.</p>
-
-<p>Wo es lustig zuging, da war Härtel in seinem Element
-und so lenkte er die Schritte hinüber und spähte zur halboffenen
-Türe hinein.</p>
-
-<p>In der Wachstube saßen um einen großen Tisch herum
-ein Dutzend uniformirte und nicht uniformirte Männer, die
-auf sämmtlichen Stockzähnen kauend, sich an einem feisten
-Schinken gütlich taten. Härtel wollte schon wieder abschieben,
-da rief der Maler Engelbrecht in seinem damals noch unverfälschten
-hannöverschen Dialekt: »Sspaziren Sie nur herein,
-Herr Härtell, Sie dürfenn auch mal von unseremm delikatenn
-Schinkenn kostenn. Es ist ne ganz besonders feine Sochte, die
-wie Butter auf der Zunge zergeht. Ich gebe Ihnen mein Wocht,
-der Schinkenn stammt von einer Edelsau aus guter Familje.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span></p>
-
-<p>Härtel ließ sich das nicht zweimal sagen und so saß er
-alsbald im Kreise froher Zecher, beim löblichen Tun. Dabei
-erfuhr er denn, daß es zwischen den beiden Korporalen Richter
-und Piefky zum Streite darüber gekommen sei, daß jeder von
-den beiden behauptete, im Besitz der besten Schinken zu sein.
-Trotz der Noblesse Piefkys, der einen Schinken von zuhause
-geholt und zum Besten gegeben habe, bleibe Richter beharrlich
-dabei, sein Schinken wäre noch viel besser, freilich den
-Beweis für seine Behauptung bleibt er uns schuldig.</p>
-
-<p>»Ich kann doch nischt derfür«, entschuldigte sich Richter.
-»Ich selber bin doch gar nich eso, aber meine Frau, die hält
-alle Händ ieber ihre Schinken.«</p>
-
-<p>Schallendes Gelächter. Dann ließ sich die sonore Stimme
-Piefkys salbungsvoll vernehmen: »Wieviel Schinken hamm
-Sie denn eegentlich noch derheeme, Herr Richter?«</p>
-
-<p>»Blos noch en eenzigen,« war die Antwort.</p>
-
-<p>»Na da lassen Sie sich'n nur recht gut schmecken,« sagte
-Piefky und zwinkerte mit den Augen zu seinem Kollegen
-Windsheimer hinüber.</p>
-
-<p>»Nu ähm!« bestätigte Windsheimer: »Mir wolln uns
-den guten Geschmack gar nich mehr drmit verderm.«</p>
-
-<p>Da Richter, um eine in ihm aufsteigende Regung seines,
-in die Enge getriebenen Schützenherzens zu unterdrücken,
-schwieg, trat eine Gesprächspause ein, die durch einen allgemeinen
-Trunk ausgefüllt wurde. Als dann die Schaumspuren
-aus den Schnurrbärten geleckt waren, lenkte der
-Klempnermeister Schulz das Gespräch auf einen anderen
-Punkt, indem er sich mit den Worten an Leichsenring wandte:
-»Saang se emal, Bummelhose, wie war denn eegentlich die
-Geschichte damals mit'n Schilbach, wie der nein in de Laterne
-gerannt is?«</p>
-
-<p>Leichsenring warf, ob seines verunglimpften Spitznamens,
-dem Sprecher einen scharfen Blick zu, dann holte er
-in aller Gemächlichkeit ein altes Schnappmesser aus der
-Hosentasche hervor, das zwar keine Klingen mehr hatte, dafür
-aber einen breiten Stahlrücken zum Feuerschlagen. Aus der
-Westentasche brachte er noch ein Stück Zündschwamm und
-einen Feuerstein zum Vorschein und nun pinkte er immer
-mit dem Kopfe nickend und jedesmal das rechte Auge zusammenzwickend,<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span>
-bis der Schwamm an zu glimmen fing.
-Diesen legte er auf den Tabak in seiner Pfeife und dann
-baffte er mit sichtlichem Behagen mächtige Wolkenschiebel zur
-verräucherten Decke empor.</p>
-
-<p>Nach einer Weile drehte er sich zu seinem Nachbar
-Denkert herum und sagte, »dos is mr fei lieber als der
-Towak. Wenn ichs machen kännt, ich raachet nischt wie
-Feierschwamb.«</p>
-
-<p>»Der riecht wenigstens besser wie Ihr Tobak,« meinte
-Denkert.</p>
-
-<p>»Nunununuu!« machte es Leichsenring, »ne schlachstn
-raach ich fei noch lank net, 's is Feinschnitt, 's Pfund vr
-28 Pfeng!«</p>
-
-<p>»Alle bunähr!« sagte Denkert, »da kann ich freilich nich
-antreten mit mein Griensiegel.«</p>
-
-<p>Als jetzt Schulz mahnte: »Nu was is denn also mit'n
-Schilbache«, da gab Leichsenring kleine Grüne bei und
-erzählte:</p>
-
-<p>»Das war esu. Saltmol, wie de Bah fartig war un
-dar erschte, bekränzte Zug vun dr Schlähm rauf kumme is,
-do soßn doch die ganzn Grußn drinne, in Frack un mit dr
-Angsträhr un do war dr Herr Schilbach ah drbei. Nutwennig
-hoot dar doch allmeitoog und do is'r ahm in sen
-Stormschriet vun Bahhuf rauf ahamgebieslt. &ndash; Iech ho ne
-net kumme sah; ich stand an Appetekneck un ho an nischt
-gedacht, wie ich mei Lamp rogeleiert ho. Zwaa Drehertsn
-hätt ich noch ze machn gehatt, do tuts of amol en Klerrerts,
-doß michs vr Schrack när esu rim gedreht hoot un wie
-ich hieguck, &ndash; ich denk dr Schloog trift mich, &ndash; mei liebr
-Herr Schilbach in vulln Wichs stackt mit'n Kopp in dr
-Lartarr. &ndash; Sei Ziehlindr war zrkneetscht un sei Gesicht, es
-Vürhemmel, dar feine noble Frack, alles voller Riebeehlflackn.
-&ndash; Mei Ziehlindr mit zamst dr Lamp un drei Scheim warn
-natierlich ah hie un 's war när e tausnds Gelick, doß 's ka
-Blut gaam hoot.«</p>
-
-<p>»Wer hat denn ne Schaden rieber un nieber bezahlt?«
-frug der Lenk Karl, der damit beschäftigt war, die letzten
-Fleischspuren vom Schinkenknochen zu kratzen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span></p>
-
-<p>»Suviel ich waas, hoot dr Herr Schilbach allesmitenanner
-bezohlt«, sagte Leichsenring und mit ehrfurchtvollem Stirnrunzeln
-fügte er hinzu: »Mir hoot'r salt sugar noch e Viergutsgroschnstick
-&ndash; 's war freilich e pulisch &ndash; gaam, ich sollt
-mich of men Schrack wiedr stärkn. Wu mei letzte Lartarr
-hängt draußn ben Haustein, ho ichs besorgt. &ndash; Odr ich soog
-när: Wos alles vürkumme kah.«</p>
-
-<p>»Ja ja ja!« bestätigte der Weiß Heinerich mit bedächtigem
-Kopfnicken. »Auf dere besch&ndash;ummelten Welt passiert
-mannigmal Manches, was mer nich begreifen kann und doch
-geht alles ganz natierlich zu, grad wie mit den geheimnisvollen
-Schuß in Neistädtel, der hat sich itze ooch aufgeklärt.«</p>
-
-<p>»Wos is dä do gepassiert? do waß ich doch gar nischt
-drfu« frug Leichsenring eifrig und neugierig.</p>
-
-<p>»Nu das is doch scho e Gahrer dreie, viere her, wo
-of'n Neistädtler Vogelschießen der Rumpes runtergepfeffert
-worden is, ohne daß e Schuß gefalln, ohne daß e Knall
-geheert wordn is«, sagte Weiß.</p>
-
-<p>Leichsenring zog die Schultern hoch, legte die Stirne
-in Falten und kam dann zu der Folgerung: »Do is ahm
-amende dar Rumpes mit'n Bloosrohr rogeschossn wurn.«</p>
-
-<p>Soviele Ehrentitel sind noch nie auf einmal über
-Leichsenring gehäuft worden, wie jetzt und ärgerlich verteidigte
-er sich: »Ach wos! ka Schuß gefalln, ka Schuß
-geknallt, dos gelaab ich net, do mißt ich doch gar ka Schitz
-net sei!«</p>
-
-<p>»Wenigstens kee <em class="gesperrt">solcher</em> wie Sie« bemerkte Mattausch.</p>
-
-<p>»Suuu?« fuhr Leichsenring, nun erst recht beleidigt auf:
-»Ich will Sie emol wos soong Herr Mattausch! Meitwaang
-kah dr Herr Schilbach noch zahmol in de Lartarr neirenne,
-bei Ihne wern de Scheim nimmer eingezuung!«</p>
-
-<p>»Nana, nur friedlich!« mahnte der Leutnant Süß, der
-den Namen mit der Tat verband, er war seines Zeichens
-Konditor.</p>
-
-<p>Weiß nahm seine Erzählung wieder auf: »Also, wie
-gesagt, Niemand hatte en Schuß da draußen abgegebn und
-doch is eener gefalln und geknallt hats ooch«.</p>
-
-<p>»Nu also!« sagte Leichsenring, aber Süß winkte ihm
-Schweigen zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span></p>
-
-<p>Weiß fuhr fort: »Erscht vor korzen hat mirsch der betreffende
-Schitz drunten beim Einenkel in der »Erholung«
-selber erzählt, der den Schuß abgeem hat.«</p>
-
-<p>»Nu also!« sagte Leichsenring und »Ruhig! &ndash; Maulhalten!«
-rief es durcheinander, da frug Weiß mit erhobener
-Stimme: »Wißt ihr wer der Schütze war?«</p>
-
-<p>»Der Teifel!« schrie Leichsenring, Leutnant Süß aber
-warnte ihn streng: »Wenn Sie noch einmal dreinreden,
-kriegen Sie kei Bier mehr.« &ndash; Das half.</p>
-
-<p>»Nenenenee!« rief Weiß, »der Teufel &ndash; Sie meenen
-doch den Schneider Teufel, der warsch nich: Der Fritsche
-wars, drüben of'n Fritschegut, der hat mit'n Fernrohr von
-sein Fenster aus beobacht', wie se draußn of'n Neistädtler
-Schießhaus ene gute halbe Stund nach'n Rumpes gepulvert
-ham un da is'n die Geschicht zu langweilig worn, er hat sei
-neis Jagdgewehr aus'n Gewehrschrank geholt, mit grobn Rehpostn
-geladen un &ndash; von sein Fenster aus den Rumpes
-draußen runtergewichst.«</p>
-
-<p>An der Tafelrunde lief ein Ellenbogenstoßen um, nur
-der Leichsenring hat nichts davon verspürt und gerade der war
-der Einzige, der die Geschichte glaubte.</p>
-
-<p>»Hei&ndash;ner&ndash;rich!!!« &ndash; Eine weibliche Stimme wars,
-die den Ruf ausgestoßen hatte und der Korporal Richter
-wars, der dieselbe erkannte, von seinem Sitz aufsprang und
-hinauseilte. Draußen aber stand seine Gattin mit strahlendem
-Gesicht und noch keuchend vom schnellen Lauf frug sie: »Is
-denn wahr, daß du Keenig worden bist?«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Iiiich?</em> &ndash; Keenig&nbsp;&ndash;? Ich hab doch gar nich mit
-geschossn!«</p>
-
-<p>Da schlug die freudige Stimmung der Gattin ins Gegenteil
-um und etwas spitzig frug sie: »Nu verwas hast'n
-nachert den Schinken holn lassn?«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Iiich?</em> ne Schinken?&nbsp;…?«</p>
-
-<p>In Richters Hirn begann sich ein Seifensieder zu formen,
-der riesige Dimensionen annahm. Bang kam es von seinen
-Lippen: »Wer hat ne denn geholt?«</p>
-
-<p>»Die zwee Schneiderseeln da drinne, itze steckn se ihre
-Kepp zesamm un vischpern mitenander, der scheene Piefke un
-der Windsheimer.« &ndash; Sie fing an zu weinen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span></p>
-
-<p>»Warum heilst de denn?«</p>
-
-<p>»Dort of'n Tisch liegt'r unner guter Schinknknochn
-rattnkahl abgezaust,« <span id="corr029">schluchzte</span> die untröstliche Gattin.</p>
-
-<p>»O diese &ndash; diese&nbsp;&ndash;« knirschte Richter und fand keinen
-Ausdruck, der ihm kräftig genug schien. Aber seine Frau
-examinierte ihn scharf: »Wieso ham denn die gewußt, daß
-mir en Schinkn drheeme ham?« da wurde er kleinlaut und
-bekannte, daß er den Schützenbrüdern selbst den Mund
-wässerig gemacht habe, indem er den Schinken über den
-Schellenkönig gelobt habe.</p>
-
-<p>Jetzt fand die Gattin das erlösende Wort: »Du Kamel!
-Ich hab mirsch doch gedacht, daß du wieder emal der Dumme
-warscht.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Un du de Gescheidte, daß de ne Schinkn hergeem hast.
-Ich denk mir ham uns enander nischt vorzewerfn, aber ich
-hab schon mein Plan: &ndash;&nbsp;&ndash; Der Stoff zu en Anzug, den
-de mir ze Weihnachtn geem hast, der liegt doch noch in der
-Kommod; von den lassn mir beim Piefke en Rock un beim
-Windsheimer Hose und Weste machen. Alles übrige werd
-sich findn.«</p>
-
-<p>Siegesbewußt erschien Richter wieder im Wachlokale.</p>
-
-<p>Schon lange hatte das Elfeglöckel die siebende Abendstunde
-eingeläutet, leerer wurde es um die Vogelstange, von
-der August Schuhmann in seinen Erinnerungsblättern von
-1819 so schön schreibt, sie sei »die Drehspindel des Vergnügens«
-und der Grundtext des Vergnügens sei: »Freuet euch
-des Lebens«.</p>
-
-<p>Vor dem Saalbau stellten sich die Schützen zum Einzug
-auf, mit der Front nach den Fenstern zu. &ndash; In Vertretung
-des Hauptmanns kommandierte Leutnant Schreyer. Das
-vorletzte Kommando sollte gegeben werden, doch ach, &ndash; auch
-Schreyer hatte sich ein bischen zuviel des Lebens gefreut
-und so geschah es, daß er in der Aufregung »links &ndash; um!«
-kommandierte und nun waren die Nasen nach der entgegengesetzten
-Seite gerichtet. Einige Schützen hatten aber doch
-instinktiv die richtigere Rechtswendung gemacht und so standen
-sich der dicke Höfer und der Fahnenträger Burkhardt Nase
-gegen Nase gegenüber.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span></p>
-
-<p>»Wu willst denn du hie mit deiner Fahne«, fragte
-Höfer. »Ich waaß net, 's scheint nooch Wilbach nauswärts
-gieh ze solln. Wu willst dä du hie, mit denn dickn Bauch?«
-»Mit dan werd aham gerammelt un wenn ich eich alle iebern
-Haufn schmeißn muß. Iech ho Hunger.«</p>
-
-<p>Da krähte eine helle, aber durchdringende Stimme aus
-der Reihe der Schützen: »Rechts &ndash; um &ndash; kehrt!« und nun erst
-konnte das Schlußkommando: »Vorwärts marsch!« erfolgen.</p>
-
-<p>Als die Schützenbeine den Takt zum Radetzkymarsch
-stampften, da gab es außer dem Schulhausmann Wetzel noch
-<em class="gesperrt">viele, sehr viele Wackelfritzen</em>.</p>
-
-<p>Am anderen Morgen stand die Falks Miene droben
-beim Försterbeck im Laden und kaufte die gewohnten
-»Pfengbrotle« ein. Der Försterbeck wollte eine Unterhaltung
-mit ihr anbändeln. »Schies Watter ham se gehatt, de
-Schitzn«, sagte er. Aber die sonst so redselige Miene schien
-heute wortkarg zu sein, sie verhielt sich stumm. Da frug
-Förster: »'s is'n doch gut bekumme, ne Gust?« worauf die
-kurzangebundene Antwort kam: »Waaß net, der schleeft noch.«</p>
-
-<p>»Nu da lossn se ne när ornlich ausruhe vun sen
-Strapazn«, meinte Förster und brachte damit die Miene
-zum reden.</p>
-
-<p>»Wos? &ndash; Strapazn? &ndash; schiene Strapazn!« legte sie
-los: »odr mit eich Mannsen kah mr do net drieber redn;
-Max oder Alexander&nbsp;&ndash;« sie machte wendende Bewegungen
-mit den Händen &ndash; »sis aaner wie dr Ander! Wenn ihr
-ins Kutteln kummt, kennt'r ka Mooß un ka Ziel.«</p>
-
-<p>»Hahaha!« lachte Förster, »das kimmt ahm of Moses un
-de Profetn ah.«</p>
-
-<p>Die Miene sah ihn verständnislos und mißtrauisch an,
-dann spreißelte sie: »Dos mog nu sei wies will, odr dr
-Kukuk waaß, wie dos bei dan Schitznbriedrn zugitt; en
-halm Toler ho ich men Gust mietgaam, achtzn Neigrosch
-hoot'r wiedr miet aham gebracht un en Mords Aff drzu.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung
-der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-
-<div class="corr">
-<p>
-S. 11: poltrte → polterte<br />
-ohgemorkst wür!« <a href="#corr011">polterte</a> Leichsenring</p>
-<p>
-S. 19: Dienste → Verdienste<br />
-dieser Anlagen wesentliche <a href="#corr019">Verdienste</a> erworben</p>
-<p>
-S. 21 Blätterteich → Blätterteig<br />
-schmalzgebackenen <a href="#corr021">Blätterteig</a>-, Sand- und Spritzkuchen</p>
-<p>
-S. 22: vor → vor dem<br />
-ausnahmsweise <a href="#corr022">vor dem</a> Schießhaus abhalten</p>
-<p>
-S. 29: schluchtzte → schluchzte<br />
-<a href="#corr029">schluchzte</a> die untröstliche Gattin</p>
-</div></div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Schneeberger Schützenmittwoch vo
- fünfizig Jahren, by Guido Meyer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHNEEBERGER ***
-
-***** This file should be named 55352-h.htm or 55352-h.zip *****
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-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
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-and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
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-or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
-Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
-collection are in the public domain in the United States. If an
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-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
-page at http://pglaf.org
-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To
-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
-particular state visit http://pglaf.org
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
-
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
-
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
-
- http://www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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