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-The Project Gutenberg eBook, Fremde Straßen, by Peter Rosegger
-
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
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-
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-
-Title: Fremde Straßen
-
-
-Author: Peter Rosegger
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-Release Date: April 24, 2017 [eBook #54597]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
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-
-***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FREMDE STRAßEN***
-
-
-E-text prepared by the Online Distributed Proofreading Team
-(http://www.pgdp.net)
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-
-Anmerkungen zur Transkription
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter
- Text ist +so ausgezeichnet+. Im Original in Antiqua gesetzter
- Text ist ~so markiert~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
- Buches.
-
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-
-
-FREMDE STRAßEN
-
-Von
-
-PETER ROSEGGER
-
-Elftes bis fünfzehntes Tausend
-
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-[Illustration]
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-1922
-Verlag von L. Staackmann in Leipzig
-
-Alle Rechte vorbehalten
-
-Druck von C. Grumbach in Leipzig
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-Verhandlung zwischen Autor und Verleger.
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-1884.
-
- Als Vorwort zum »Geschichtenbuch des Wanderers«.
-
-
-+Der Verleger+: Zeit ist Geld. Also zur Sache: Ich wünsche ein neues
-Buch von Ihnen.
-
-+Der Autor+: Sie sind ein kühner Mann. Haben Sie doch schon fast
-anderthalb Dutzend Bände von mir!
-
-+V.+ Machen Sie die genannte Zahl voll.
-
-+A.+ Ich würde an Ihrer Stelle die Verlagswerke nicht zählen, sondern
-wägen.
-
-+V.+ Das überlasse ich dem Makulaturkäufer. Doch einstweilen ist man
-gewohnt, unter dem Christbaum einen neuen Band vom Waldpoeten zu finden.
-
-+A.+ Man vergißt über die Waldbücher den Wald.
-
-+V.+ Wir brauchen keinen Wald. Wenn alles Holz vertan ist, brennen wir
-Bücher.
-
-+A.+ Wissen Sie, warum den Faust der Teufel geholt hat? Weil er den
-Bücherdruck erfunden. -- Soll ich denn so viel schreiben, daß man mich
-auf meinen Schriften verbrennen kann?
-
-+V.+ Machen Sie sich nichts draus. Der Karthager Clitomachus schrieb
-über vierhundert Bücher, Chrysippus an siebenhundert, Didymus gar
-viertausend. Keiner ward verbrannt.
-
-+A.+ Weil sie keiner drucken ließ.
-
-+V.+ Luther ließ 1136 Schriften und Broschüren drucken.
-
-+A.+ Die Tinte eines +solchen+ Mannes ist, wie der Koran sagt, wertvoll
-gleich dem Blute des Märtyrers. Wenn wir anderen dem Beispiele folgen
-wollten, müßte unsere Erdoberfläche in kurzer Zeit ein Bücherbrett
-werden.
-
-+V.+ Sie übertreiben. Ein moderner Schriftsteller schreibt sein ganzes
-Leben lang nicht mehr, als was ein Esel ihm nachzuschleppen vermag.
-
-+A.+ Aber bedenken Sie, daß kein Esel groß genug ist, um mit einem
-deutschen Dichter zu gehen. -- Des bin ich zwar überzeugt, wenn aller
-Spreu von der Weltliteratur aller Zeiten ausgeschieden wäre, so trüge
-sie ein Esel leicht auf seinem Rücken, und zwar auf einmal.
-
-+V.+ Sie wären frivol genug, sich über den Untergang der
-Alexandrinischen Bibliothek zu freuen?
-
-+A.+ Bedauern können den Verlust fremder Gedanken nur die, so keine
-eigenen haben. Hingegen vergleiche ich Schriftstehler, welche aus
-fremden Büchern eigene schreiben, mit jener Katze, die ein Pfund Butter
-fraß und doch nur dreiviertel Pfund wog.
-
-+V.+ Herr, Ihre Bemerkungen mögen am Ende auch kein eigenes Fett sein.
-
-+A.+ Vielleicht spare ich mir selbes auf das Werk, das Sie haben wollen.
-
-+V.+ Sie schreiben doch jeden Tag!
-
-+A.+ Briefe.
-
-+V.+ Wohl doch nicht lauter --
-
-+A.+ Nein, nicht lauter Besänftigungsbriefe an die Gläubiger, sondern
-auch Artigkeitsschreiben an gute Leute, die in Zuschriften meine
-Bücher loben und um Freiexemplare bitten; tiefsinnige Sprüche für
-Autographensammler, Gedichte für Anthologien und Wohltätigkeitsalbums.
-Ferner Antworten auf briefliche Anfragen wißbegieriger Leser, in
-welchem Bergwinkel der »Waldschulmeister« spielte, wann und wo sich die
-Geschichte des »Gottsucher« zugetragen habe, wo man die »Dorfsünden«
-zu kaufen und den »Heimgarten« zu schenken kriege? -- So vergeht der
-Vormittag.
-
-+V.+ Und nachmittags?
-
-+A.+ Macht man sich über die historischen Dramen hoffnungsvoller
-Gymnasiasten, über die lyrischen Gedichte feinbesaiteter
-Ladenschwengel, über die Novellen und Romane höher gebildeter Töchter
-usw., die mit dem Ersuchen geschickt worden sind, darüber ein »wenn
-auch noch so strenges Urteil« zu fällen und sie einer Zeitungsredaktion
-oder einem Verleger zu rekommandieren. So vergeht der Tag.
-
-+V.+ Um Gotteswillen, wann dichten Sie denn Ihre Novellen und Skizzen,
-denen man in den Blättern begegnet?
-
-+A.+ Beim An- und Auskleiden, auf der Eisenbahn, wenn ich Besuch habe
-oder öffentlichen Vorlesungen über Kunst und Literatur beiwohne, bei
-welchen man ungestört seinen eigenen Gedanken nachhängen kann.
-
-+V.+ Gut. Und von diesen Dorfgeschichten, Waldnovellen,
-Volksschilderungen und dergleichen wollen wir wieder eine neue Sammlung
-flott machen.
-
-+A.+ Denken Sie an die Kritiker! Immer wieder Bauern und nichts als
-Bauern! Geben Sie acht, den Herren reißt endlich die Geduld!
-
-+V.+ So schreiben Sie einmal aus der Gesellschaft, aus der großen Welt.
-
-+A.+ Wollen Sie mich zugrunde richten? Wissen Sie nicht, daß man mir
-meine Dorfgeschichten nur verzeiht, weil es keine Stadtgeschichten
-sind? Wissen Sie nicht, daß die Rezensenten unruhig werden, so oft
-man einen Bauernburschen zu den Soldaten nimmt, oder ein hoffärtiges
-Dienstmädel aus einer Dorfgeschichte weg in die Stadt läuft -- weil
-sie fürchten, daß der Autor diesen Leutchen nun geistig nicht mehr zu
-folgen vermöge!
-
-+V.+ Seit wann denken denn Sie an die Rezensenten, anstatt an das, was
-in Ihnen keimt und reift und gedichtet sein will? Hat die Gesellschaft,
-die Welt, in der Sie nun doch schon seit zwanzig Jahren leben, Sie
-denn niemals angeregt? Vermag denn das Kulturleben und seine alles
-mit sich fortreißende Gewalt, sein Tausenderlei von Gestalten, Ideen,
-Bestrebungen, Verirrungen Sie nicht zu begeistern, zu interessieren,
-aufzuregen, Ihre dichterische Kraft herauszufordern?
-
-+A.+ Gewiß.
-
-+V.+ Nun also! Warum schreiben Sie nicht auch Weltgeschichten, wie Sie
-Waldgeschichten schreiben?
-
-+A.+ Sie haben wirklich recht. Ich erinnere mich, daß selbst die
-fruchtbarste Scholle einmal brach liegen will. Oder was anderes
-hervorbringen möchte. -- Auf meines Vaters Acker wollte nicht +jedes+
-Jahr Korn wachsen. So bauten wir auch manchmal Hafer drauf an, dann
-Kraut, Rüben, Flachs; oder ließen wildes Gras wachsen auf dem Acker.
-Nach all dem wuchs wieder schönes Korn. Eine solche Wechselwirtschaft
-ist endlich auch auf dem Dichterfeld nötig. Anstatt Waldgeschichten
-sollen Sie einen Band Weltgeschichten haben. Oder auch solche, die
-nicht äußerlich erlebt, vielmehr innerlich geschaut sind. Sie verstehen
-schon: Ich werde Ihnen ein Buch geben, das ich nicht hätte schreiben
-sollen. Von der Kritik mir untersagte Gebiete. Fremde Straßen mit
-der Aufschrift: Für Bauerndichter verbotener Weg. Trotzdem werde
-ich auf solchen Straßen einmal marschieren -- weil es mich freut,
-wie den Burschen die Wanderschaft. -- Bin ich doch wirklich schon
-viel herumgekommen, in der Gesellschaft unten und oben, in der Welt
-hier und dort, nicht allein von Tal zu Berg und von Land zur See,
-ich bin -- auf den Beinen des ewigen Juden -- durch die Geschichte
-geschritten von Epoche zu Epoche, bin gewandert vom Bauer bis zum
-Fürsten und wieder zurück bis zum Zigeuner. Ich habe nicht allein in
-der Werkstatt angehalten und in der Stube des Bürgers, sondern auch
-beim Lehrer und Gelehrten, beim Künstler und Soldaten, beim Geistlichen
-und Aristokraten. Ich habe erfahren, gelernt und gelesen, wie andere.
-Manches hat mich gefördert, vieles hat mir mißfallen. Daß ein freies
-Auge in Dorf und Wald klarer und richtiger sieht, als durch die
-Stadtbrille, ist natürlich. Aber die Freude, der Schmerz, der Spott und
-der Zorn über das, was ich auf meinen Wanderungen gesehen, schrie nicht
-minder laut nach Gestaltung, als die Eindrücke des Landlebens in meiner
-Heimat. Ich habe vieles davon aufgeschrieben.
-
-+V.+ Wo sind diese Manuskripte?
-
-+A.+ In meinem Kasten, mit sieben Schlössern verschlossen.
-
-+V.+ Und die Schlüssel?
-
-+A.+ Ins Wasser geworfen.
-
-+V.+ Ich habe einen Krebs gekauft, der Schlüssel in der Schere trug.
-Also können wir die Sachen drucken?
-
-+A.+ Sind Sie denn ein Freund von Krebsen, Herr Verleger?
-
-+V.+ Nur von denen aus dem Tierreich.
-
-+A.+ Und sind Sie sicher, daß Ihnen meine Schriften aus fremden Straßen
-nicht zurückgehen werden? Ich habe Sie bisher für einen klugen Mann
-gehalten.
-
-+V.+ Sehr schmeichelhaft. Ein kluger Mann macht zuweilen ein
-Experiment. Fremde Straßen. Romantische, naturalistische, moderne --
-pikant?
-
-+A.+ Werter und Verehrter, ich will Ihnen was sagen. Diese Straßen- und
-Weltgeschichten kamen ebenso tief aus mir hervor, als die Dorfbücher;
-es mag mancher Tropfen Galle und Schalkheit daran sein, aber sicherlich
-auch Herzblut. Das Herzblut den Menschen, die Galle den Spitzbuben und
-Toren.
-
-Zudem muß sich doch eine übermütige Phantasie einmal ein bißchen
-aushüpfen können auf freier Straße.
-
-+V.+ So gefallen Sie mir. Daß Sie endlich doch einmal auch den Gegnern
-der Dorf- und Waldgeschichten eine Freude machen.
-
-+A.+ Ah, Sie meinen die literarischen Bauernfresser.
-
-+V.+ Wissen Sie, was vor kurzem so einer geschrieben hat? »Der
-Realismus in der Literatur«, schrieb der Gelehrte, »wird nachgerade
-unerträglich! Besonders das Dorfgeschichtenunwesen! Was fängt der echte
-Dichter mit dem Bauern an? Dieser bietet viel zu wenig psychologische
-Probleme dar, er hat keine Berührungspunkte mit der Welt, sein Horizont
-ist zu klein. Höchstens ist der Bauer in der Poesie als komisches
-Element zu gebrauchen, etwa für Posse und Schwank.«
-
-+A.+ Schön. Somit sind gleichzeitig große soziale, volkswirtschaftliche
-Fragen gelöst. Der Bauer ist nicht ernst zu nehmen. Er läuft in der
-Welt nur so nebenher und schlägt seine Purzelbäume.
-
-+V.+ Nun, was sagen Sie dazu?
-
-+A.+ (Ironisch.) Daß uns die Sozialisten, Naturforscher, Psychologen,
-Ethnographen, Literarhistoriker usw. hinters Licht geführt haben.
-Da faselten sie, daß die ganze Sippe der Bauer ernähren müsse, und
-größtenteils auch beschützen. Nach Darwin sollen die Menschen sogar
-vom Bauern abstammen. Sozialisten behaupteten, die Poesie kenne weder
-politische Grenzen noch Standesunterschiede, ihr Reich sei in allen
-Menschenherzen. Ethnographen und Psychologen wollen gefunden haben,
-daß der Landmann in bezug auf die Kraft seines Sinnenlebens, in bezug
-auf den Schwung seiner Weltanschauung, in bezug auf die Gewalt seiner
-Phantasie mit dem Städter sich messen könne. Die Literarhistoriker
-haben die ältesten und unsterblichsten Denkmäler der Poesie angeblich
-dort entdeckt, wo das Volk in der Werkstatt wohnt und in der Hütte:
-Das Volksmärchen, das Volkslied. Wie schwer hierin selbst große Poeten
-irren können, beweist, daß Goethe seine lieblichste, Schiller seine
-herrlichste Dichtung bei den Bauern spielen ließ. -- Nun wissen wir
-es besser, der Bankier auf der Börse, der Hausherrnsohn am Billard
-oder an der Kredenz der Kassierin, der gelehrte Stubenhocker, die
-Ehebrecherin im Salon, die Theaterdame usw., das sind poesiefähige
-Leute. Aber Andreas Hofer ist es nicht. Die frischen Burschen und
-Dirnen, die sich vor lauter Lebensfreude kein Ende wissen; der Bauer
-mit den eisenstarren Rechtsbegriffen ist nicht poesiefähig. Der
-äußerlich wilde, innerlich gemütstiefe Waldmensch; der als Soldat in
-der Fremde vor Heimweh vergehende Alpenjunge; die bis in ihr hohes
-Alter zum Vorteile anderer ununterbrochen arbeitende und geplagte,
-aber innerlich zufriedene und humorvolle Magd ist nicht poesiefähig.
-Der arme Dorfpfarrer, der bescheidene Schulmeister, die der Menschheit
-höchste Güter für ihre Gemeinde hüten und austeilen, haben mit Poesie
-nichts zu schaffen. Die ländliche Liebe ist nicht poetisch, »weil ihr
-Horizont zu klein ist«. Des Landvolkes Vereinigung mit der Natur,
-sein stilles Walten in derselben, sein Leben und Beben unter ihren
-Gewalten ist nichts; sein Glauben, Zweifeln und Wiederaufrichten
-in der Religion, der rasende Aufschrei des Verzweifelnden in
-Waldesnacht ist nichts, »weil die psychologischen Probleme fehlen«.
-Die Dorfgeschichte und was wir alles in diesen Sack stecken, hat also
-nur einigen ethnographischen, vielleicht bloß zoologischen Wert. --
-Und die unzähligen hervorragenden Männer, die aus dem Bauernstande
-hervorgewachsen und in der Weltgeschichte glänzend verzeichnet sind?
-Wir ignorieren sie. Und daß es keine Berührungspunkte zwischen Bauer
-und Welt gebe, behaupten wir. Und von den modernen Erscheinungen
-und Bindemitteln, als der allgemeinen Wehrpflicht, der bäuerlichen
-Neigung zur Stadt, zum Studieren, von den zahllosen Autodidakten, dem
-Eisenbahnwesen, der Tourist, den Sommerfrischen, haben wir -- die
-literarischen Bauernfresser -- noch nichts gehört. -- Wir sitzen noch
-auf dem alten Schimmel, den die Literaturprofessoren geritten zur Zeit,
-als der Ritter und die Köhlerin, die Räubermühle, die Zauberliese
-usw. die Literatur bevölkerten. Wir wissen nichts davon, daß dem
-modernen Erzähler für den Salonroman wie für die Dorfgeschichte der
-gleiche Grundsatz gilt, daß nicht das Häufen packender Tatsachen,
-effektvoller Ereignisse die Hauptsache sei, sondern die Darstellung der
-seelischen Zustände, deren Entwicklung aus innerer Notwendigkeit, das
-organische Heranwachsen der Geschehnisse, des Segens, der Schuld und
-des Unheils aus der Artung der handelnden Personen. -- Und indem wir
-also die moderne Dorfnovelle nach jener Schablone abtun wollen, die
-einst für die Räuber- und Zufallsgeschichten geschnitten worden ist --
-sind wir vergleichbar jenem Märchenmann, der -- aus hundertjährigem
-Schlafe plötzlich auffahrend -- nach seinem Zopfe greift und nun
-mit Verwunderung inne werden muß, daß ihm mittlerweile alle Haare
-ausgegangen sind.
-
-+V.+ Nur hat solcher Märchenmann den Vorteil, daß man ihn nicht beim
-Schopf nehmen kann. --
-
-+A.+ Weil er keinen hat.
-
-+V.+ Also was geht aus dem Gesagten hervor? Daß Sie den
-Bauerngeschichtengegnern wirklich einmal eine Freude machen und ihnen
-zeigen sollen, um wieviel die Novellen aus der größeren Welt besser
-sind.
-
-+A.+ Wie schlau Sie sind, Herr Verleger! Sie meinen, den Leuten würden
-meine +Waldgeschichten+ wieder besser schmecken, sobald sie erst meine
-Weltgeschichten kennen gelernt haben. Das ist ein Standpunkt. -- Gut,
-wagen wir's. Und das Buch nennen wir: »Fremde Straßen.«
-
-
-
-
-Der Gutsherr auf Zurkow.
-
-
-Es war das reizendste Erkerzimmer, das ich je bewohnt habe. -- Es
-war mit mattfarbigem Samte tapeziert, mit meisterhaften Jagd- und
-Genrebildern geschmückt, mit echt orientalischen Teppichen belegt, mit
-kunstvoll geschnitzten Eichenholzmöbeln bestanden und es hatte an der
-Wand einen elfenbeinernen Telegraphentaster, der nach der Versicherung
-des Hausherrn bereit war, neu auftauchende Wünsche des Gastes promptest
-zu erfüllen. Und das war noch das wenigste, derlei besitzt in
-irgendwelcher Stadt jeder reiche Schlucker.
-
-Aber zwei Fenster waren da, deren Spiegelscheiben so hell und rein
-waren, daß man meinte, sie stünden offen und die reine Nordlandsluft
-wehe aus und ein. Das eine Fenster zeigte die hellgrünen Buchen-
-und Eichenwälder von Jasmund und die weißen Strandfelsen von
-Stubbenkammer, das andere die blaue Bandlinie des Meeres. Die
-sinkende Nachmittagssonne legte Gold auf die Wälder, Silber auf die
-Kreidefelsen, und ein Segelschiff am Horizont leuchtete wie ein
-aufsteigendes Sternlein.
-
-Ich hatte an jenem Tage zum ersten Male das Meer gesehen. Ich war erst
-vor zwei Stunden von der Reise gekommen, die von Wien bis Rügen zwei
-Tage und Nächte ununterbrochen gedauert hatte. Die Neugierde, den alten
-Freund zu sehen und wie sich der einstige arme Zimmermalerjunge als
-Gutsbesitzer ausnehme, hatte mir weder ein Interesse an den malerischen
-Elbeufern der sächsischen Schweiz, noch an der stolzen Kaiserstadt
-Berlin aufkommen lassen. In Stralsund hatte er mich erwartet -- es war
-sonst noch der alte Bursche; aber Welt hatte er nun stellenweise, als
-wäre er geborner Adelsherr auf diesem zauberhaften »Edelsitz« Zurkow.
-In drei Stunden hatten wir mit den feurigsten Hengsten, die mich je
-durch die Luft gerissen, die ganze Insel Rügen von Westen nach Osten
-durchschnitten.
-
-Auf Zurkow angelangt, erwartete uns ein Mahl, welches zwei
-weißbehandschuhte Diener servierten, die so stumm waren, wie der
-Fisch im Wasser. Mein Gastherr wußte auch nicht gleich, wo und wie
-er das vor sechs Jahren durch eine plötzliche Studienreise nach
-Italien unterbrochene Gespräch wieder anknüpfen sollte und glaubte es
-am schicklichsten damit zu tun, daß er die Abwesenheit seiner Frau
-entschuldigte, die einer unaufschiebbaren Familienangelegenheit wegen
-nach Putbus gefahren sei.
-
-Und ich? Fürwahr, mit einem Millionenmann, den man in der Künstlerbluse
-eines Wandmalers so oft gesehen und so liebgewonnen hat, spricht
-sich's etwas unglatt. Ich konnte nicht leugnen, daß alles sehr gütig
-und wohlgemeint war, was mir in diesem Hause zu widerfahren begann,
-und doch blickte ich immer wieder mit verstohlenem Mißtrauen auf den
-Gastherrn hin, ob er's denn wirklich sei, der gute Wendel Blees. Daß
-er's +gewesen+ war, konnte man hie und da noch spüren, aber ob er's
-+noch+ sei, das schien mir in der Tat zweifelhaft. Ein hübscher Junge
-war er immer gewesen, aber sein Schnurrbärtchen war nun entschiedener,
-seine Gesichtszüge ausdrucksvoller und vornehm blaß, sein Mund
-höflicher und sein braunes Auge lebhafter geworden. Daß er seine
-Absicht, Künstler zu werden, nicht bewerkstelligt hatte, war aus seinem
-Wesen unschwer zu ersehen. Nirgends der schöpferische, idealbeschwingte
-Geist; überall der formenängstliche reiche Mann. An dem überladenen
-Aufputz der Tafel, an der Auswahl der ziemlich auffallenden
-Leckerbissen und an der etwas klobigen Art, womit er die Dienerschaft
-behandelte, war zu erkennen, daß er in diesen Verhältnissen nicht immer
-heimisch gewesen und das rechte Maß nicht ganz leicht zu treffen wisse.
-
-Nachdem ich meine Reiseerlebnisse kurz angedeutet und meinem Freunde
-über das allgemeine Befinden die geziemende Mitteilung gemacht hatte,
-schloß Wendel, daß ich von der Reise ermüdet sein würde und wies mir
-mein Zimmer an, »um mich auszuruhen«.
-
-Ich hatte nun unersättlich zu den Fenstern hinausgeschaut in die mir so
-seltsame, zauberhaft schöne Gegend. Ich hatte eine der vortrefflichen
-Zigarren angebrannt und mich auf das Ruhebett hingestreckt und den
-mich umgebenden Luxus betrachtet und in die stille leere Luft hinein
-gefragt: Wendel Blees, du leichtsinnig Wienerkind, wie kommst du zu
-diesem Herrensitz im Inselreiche der Hünen?
-
-Es war damals kaum neun Jahre her, seit ein aufgeschossenes Bürschchen
-ziemlich selbstsicher in meine Arbeitsstube getreten war, meine
-Bilder scharf angeblickt und mich gebeten hatte, daß ich ihn in
-seiner Absicht unterstützen möge, er wolle Maler werden. Wer er wäre?
-fragte ich. »Nichts,« war seine Antwort, »ich bin ein Waisenkind,
-das ein entfernter Verwandter aufgezogen und dann im städtischen
-Rechnungsamte untergebracht hat, wo ich Ziffern zeichnen soll. Das ist
-aber nichts, ich bin durchgegangen, denn ich will Maler werden.« Ob er
-mir Proben von seinem Talente zeigen könne? Da hatte er schon mehrere
-Papierblätter aus der Tasche gezogen; dieselben enthielten Zeichnungen
-aus dem Schönbrunner Tiergarten, aus dem Militärleben und eine Auffahrt
-bei Hofe; manches war mit ziemlich grellen Farben bemalt. Nachdem ich
-diese Bilder besehen hatte, gestand ich dem jungen Mann, daß ich aus
-diesen Proben nichts zu erkennen vermöge und ihm doch rate, sich einem
-Beruf zuzuwenden, der weniger trügerisch sei, als das Künstlertum. Er
-verwies auf Maler, die so klein wie er angefangen, es aber zum Ruhm
-gebracht hätten. Ich blieb bei meiner Ansicht, lud ihn jedoch ein,
-wenn er in seinen freien Stunden neue Bilder versuchen sollte, mir sie
-seinerzeit wieder zu bringen. Das war das erste Begegnen mit Wendelin
-Blees. Wir sahen uns von diesem Tage an oft. Obwohl ich gar nichts für
-ihn zu tun vermochte, schloß er sich an mich. Da er bei einem Maler
-nicht unterkommen konnte, so ging er zu einem Anstreicher in die Lehre,
-denn die Farbe hatte ihm's angetan. Die freien Stunden, die er hatte,
-war er bei mir, sah meinen Arbeiten zu und übte sich selbst. Er eignete
-sich eine gewisse Technik an, aber es war kein Schwung da, keine
-Originalität -- kurz kein Talent.
-
-Ich sagte es ihm, er glaubte mir nicht.
-
-Indes gewann ich ihn lieb, anfangs seines Schwärmens für die Kunst
-wegen, später, weil er ein offener, herzens- und geistesfrischer,
-fröhlicher Junge war. Schrullen hatte er freilich, oft so wunderliche
-Schrullen, daß ich mir dachte: das wächst sich zu einem Narren oder
-doch zu einem großen Manne aus. Er war um ein Bedeutendes jünger
-als ich, aber wir wurden Freunde. Er hatte eigentlich keine Bildung
-genossen, aber er hatte liebenswürdige Naturanlagen, und wenn in seinem
-Wesen auch ein gewisser Trotz lag, so diente derselbe mehr zur Stählung
-seines Charakters, als um anderen Menschen unangenehm zu sein. Es
-hat sich manch strenge geschulter Mann als mein Freund bekannt, der
-mir nicht so viel war als der kleine Wendel. Er hat während unseres
-zweijährigen Beisammenseins nur eine einzige Dummheit gemacht. Auf
-mehreren Ausstellungen erregte ein Bild von mir besonderes Aufsehen.
-Als Folge des Beifalls erwuchsen -- wie das immer so geht -- auch die
-Widersacher. Einen solchen Widersacher, es war ein Zeitungsrezensent,
-forderte der kleine Wendel meines Bildes wegen zum Duell. Der Rezensent
-machte ihn abtreten und lachte ihn aus. Nun kam er wütend zu mir und
-ich lachte ihn auch aus.
-
-Seinem Meister, dem Anstreicher und Zimmermaler, war er ein fleißiger
-Gehilfe, aber niemand als ich wußte, mit welchem Widerwillen er das
-Handwerk betrieb. Und eines Tages trat er aufgeregter als sonst in
-meine Stube und sagte, daß er nun komme, um von mir Abschied zu nehmen.
-Er habe sich so viel erspart, daß er nach Italien gehen könne, um an
-den berühmten alten Meistern groß zu werden.
-
-Ich fragte, ob er wohl ermesse, was er gesagt habe. Er antwortete,
-daß ich noch von ihm hören würde und daß er auch als Künstler meine
-Freundschaft, die ihm das Teuerste auf der Welt sei, behalten wolle.
-Ich suchte ihm in der Eile ein paar Empfehlungsschreiben aufzudrängen,
-dann ging er. Ging ohne Geld -- denn sein Erspartes half ihm kaum bis
-über die Grenze -- ohne Kenntnisse, ohne Freunde und ohne Plan nach
-Italien.
-
-Von dem Tage seiner Abreise an war er verschollen. Und war's jahrelang,
-so daß mein Gedenken an ihn voll Wehmut wurde, wie man eines Toten
-gedenkt. Mein Leben ging in der Stille fort, aber jedes Jahr machte
-mich um mehrere Jahre älter, weil mit dem Wachsen meiner Einsicht
-mich meine künstlerischen Erfolge, so lärmend sie auch sein mochten,
-immer weniger und weniger befriedigen wollten. Die Ehre, welche mir
-die durch Effekt leicht zu bestechende Menge zollte, vermochte meinen
-inneren Unmut nicht aufzuwiegen und so zog ich mich sachte zurück in
-die Beschaulichkeit, lebte der Natur und machte Reisen von Galerie zu
-Galerie, um das an anderen mit Ehrfurcht zu bewundern, was mir selbst
-nicht gelingen wollte. Von Wendel fand ich auch nicht die leiseste
-Spur. Da erhielt ich eines Tages in Wien das folgende Schreiben:
-
- »Geschätzter Freund!
-
- Für den Fall Du einmal Lust nach malerischen Landschaften hast,
- so reise nach der Insel Rügen. Und wenn Du dort sein wirst, so
- versäume ja nicht, nach dem Landgute Zurkow zu fragen, denn der
- Besitzer ist ein alter Freund von Dir, der Dich bittet, es Dir
- bei ihm recht wohlergehen zu lassen. Er hofft, daß Du seiner
- nicht vergessen haben wirst und freut sich sehr, Dich nach
- sechs Jahren endlich wieder zu sehen. Es ist Dein alter
-
- Wendelin Blees.«
-
-Die Schrift war glatter geworden als sie einst gewesen, aber es war die
-seine. Mein Erstaunen war fast grenzenlos. Zur alten Neigung kam nun
-auch die Neugierde. Leicht locker gemacht war ich überhaupt und schon
-an einem der nächsten Tage saß ich auf der Nordbahn.
-
-Von Anklam bis Stralsund hatte ich Gelegenheit, mich bei einem
-Reisenden, der aus Bergen, dem Hauptorte der Insel Rügen, war,
-nach dem Landgute Zurkow und seinem Besitzer zu erkundigen. Da
-erfuhr ich, daß Zurkow zwar kein Edelsitz sei, wohl aber eines
-der schönsten und reichsten Güter der Insel. Es wäre ein Edelsitz
-gewesen, aber der letzte Edelmann hätte ihn am Spieltisch eines
-rheinischen Bades verloren und sich flink darauf erschossen. Hierauf
-sei ein holländischer Kaufmann gekommen, Marketze geheißen, der
-habe das zerfahrene Zurkow gekauft und in einen Stand gesetzt, wie
-es seit Menschengedenken nicht erhört worden. Der Landbau und die
-Waldwirtschaft, die Jagd und die Fischerei blühten nun. Auch habe
-der Eigentümer von Zurkow Bergwerke in England besessen und Schiffe,
-die zwischen Stettin und Kopenhagen verkehrten. Und das Schloß habe
-er herstellen und einrichten lassen, daß es nun einer königlichen
-Residenz ähnlich sehe. Das habe ihm aber alles nichts geholfen; mit
-seinem Sohne sei er unglücklich gewesen und so sei er, nachdem das
-Gut so fürtrefflich hergestellt war, aus Gram gestorben. Es sei aber
-ein junger Mensch aus dem Süden gekommen, ganz fremd, der sitze nun
-auf Zurkow und sei gut für drei Millionen Taler. Man erzähle sich von
-dieser Familie mancherlei, aber da nichts Bestimmtes zu sagen sei, so
-tue man am besten, zu schweigen.
-
-So war ich vorbereitet worden und so lag ich nun auf dem Ruhebette des
-Schlosses Zurkow -- ich konnte nicht sagen, daß mir gerade wohl zu Mute
-war.
-
-Endlich dämmerte es, und als ich wieder zum Fenster hinausblickte,
-war das Meer nicht blau, sondern lichtgrau und in seinem
-Quecksilberschimmer am Horizonte scharf abgeschnitten von der
-aufsteigenden Nacht. Das Schiff, welches früher fern wie ein Sternchen
-gefunkelt, war näher gekommen, es war das einzige Fahrzeug auf der
-dunkelnden Fläche. Auf den Felsen von Stubbenkammer glühte der
-Widerschein des Abendrotes und sie spiegelten sich im Meere wie blutige
-Schatten.
-
-Als ich träumend so zum Fenster hinausgeschaut, legte sich sachte eine
-Hand auf meine Achsel. Wendel stand hinter mir.
-
-»Wenn du ausgeruht hast,« sagte er, »so lade ich dich ein, mit mir zum
-Abendbrot zu kommen.«
-
-»Hier hast du eine merkwürdige Welt um dich,« lautete meine Entgegnung,
-»ich habe diesen stillen, meerumschlungenen Hain als Knabe im Traume
-gesehen, zur Zeit, da wir die nordische Mythologie studierten.«
-
-»So ist es,« antwortete er rasch, »so ist es, Mythologie! Darum kann
-dieser Ort so anheimelnd und so schrecklich sein.«
-
-»So schrecklich?«
-
-Jetzt faßte mich Wendel an meinen beiden Händen und sagte: »Geliebter
-Freund, ich danke dir tausend-, vieltausendmal, daß du zu mir gekommen
-bist.«
-
-Seine Stimme war so bewegt, daß es mir durch Mark und Bein ging.
-
-Die Kruste war nun gebrochen, bei ihm, bei mir. Arm in Arm gingen wir
-auf das Zimmer, in dem unser Abendtisch gedeckt war. Es war ein anderes
-als jenes, in welchem wir das Mittagsmahl genommen hatten, es war viel
-einfacher und viel heimlicher. An der Wand fiel mir ein technisch mit
-Meisterschaft gemachtes Ölporträt meines Gastherrn auf. Wir saßen uns
-bei etwas gedämpftem Lampenlichte an einem kleinen Tisch gegenüber;
-sonst war niemand da, und der Mann, der uns bediente, erschien nur,
-wenn er mit dem Glöcklein gerufen wurde. Die Speisen waren nach Wiener
-Art zubereitet, und anstatt des aufgeblasenen Champagners stand eine
-Flasche jenes ehrlichen, männlich herben Rotweines da, wie er in den
-gottgesegneten Talungen der tirolischen Etsch wächst und wie ich ihn in
-Gemeinschaft mit Wendel einst so gerne getrunken hatte.
-
-»Nun haben wir uns wieder,« sagte mein Freund und schaute mir mit
-feuchtem Auge ins Gesicht.
-
-»Ich kann mich immer noch kaum fassen vor Verwunderung, dich so
-wiederzufinden,« bemerkte ich.
-
-»Mir erging es nicht anders,« sagte er, »aber ich bin in den letzten
-Stunden, während du dich von den Reisestrapazen ein wenig erholtest,
-nicht müßig gewesen. Ich habe nach der Art gesucht, die uns wieder
-zusammenbringen soll, wie wir dazumal beisammen gewesen sind. Offen
-herausgesagt: mit den ersten Stunden unseres Wiedersehens war ich nicht
-zufrieden.«
-
-»Ich auch nicht. Aber nun sage mir endlich, Wendel, was um alles in der
-Welt ist mit dir vorgegangen?«
-
-»Du siehst es,« antwortete er mit einer wehmütigen Miene, »ein reicher
-Mann bin ich geworden.«
-
-»Das passiert manchem, und geht es gewöhnlich mit so natürlichen Dingen
-zu, daß man weiter gar nicht darüber spricht. Aber bei dir ist's ein
-anderes. Du warst stets unpraktisch, hast weder Schick gehabt zum Spiel
-noch zum Spekulieren, hast, so viel ich weiß, weder ein Los besessen
-noch einen reichen Onkel. Du hast auch meines Wissens nie ein Interesse
-gehabt an Geld und Herrlichkeit -- Künstler werden wolltest du, diesen
-Weg sah ich dich von mir fortziehen, nun finde ich einen Millionär. Das
-geht nicht mit rechten Dingen zu, mein Freund!«
-
-»Du hast eine naheliegende Eventualität nicht erwähnt.«
-
-»Ich weiß es, die reiche Heirat. Doch der Gedanke ist mir zu trivial.«
-
-»So dekoriere ihn mit der Liebe.«
-
-»Wirklich! Nun, die Liebe rentiert eine reiche Heirat immerhin.«
-
-»Und meinst du, daß eine reiche Heirat nicht auch die Liebe rentieren
-könnte?«
-
-Der Ton und Blick, mit dem diese Worte gesprochen wurden, war
-verblüffend. Ich schwieg.
-
-»Du hattest damals recht,« fuhr er fort, »ich bin kein Künstler
-geworden.«
-
-»Aber du bist Mann geworden, das ist mehr.«
-
-»Es mag mehr sein, aber es ist nicht so schön. Freund, wann war ich
-glücklicher als damals, als ich mich wie ein Bettelvagabund durch
-die Alpenländer nach Italien schlug! Ich war fest überzeugt, daß
-meine Rückkehr ein Triumphzug sein würde und daß die abenteuerliche
-Wanderschaft des Zimmermalers einst ein prächtiges Kapitel in der
-Biographie des berühmten Künstlers geben müsse. Ein junger Idealist,
-und wäre es auch nur ein eitler Tropf, nimmt im Reigen irdischer
-Seligkeit den ersten Platz ein. Ich habe diesen Platz bald verloren.
-In Mailand auf einer Wand sah ich das Abendmahl -- ein Triumph der
-Zimmermalerei,« setzte Wendel lächelnd hinzu. »Ich griff dort aus Not
-wieder nach dem alten Gewerbe. Ein Zufall verschlug mich mit einem
-Arbeitgeber nach Genua und vor dem barocken Denkmale des Kolumbus
-kam mir der Gedanke, ob ich mich nicht etwa der Bildhauerei zuwenden
-sollte. Auf jeden Fall wollte ich von hier aus zur See nach Rom gehen,
-dort weht alte, echte Künstlerluft, die wollte ich erst atmen, das
-weitere konnte nicht fehlen. Da trat ich eines Tages in ein Gasthaus
-der ~Via nuova~. Das, Freund, war der erste Schritt nach dem Herrengute
-Zurkow auf Rügen.«
-
-»Im Gasthause lerntest du sie kennen, nicht wahr?«
-
-»Wen?«
-
-»Die schöne Maid, die mit dem Vater auf Reisen war und die hernach
-deine Frau wurde.«
-
-»Du dichtest,« sagte Wendel Blees, »aber du dichtest banal. Du mußt
-schon tiefer ins Unglaubliche.«
-
-»Ich bitte dich, erzähle!«
-
-»So werde ich rasch und kurz erzählen. -- In einer Weinlaube des
-Gasthausgartens setzte ich mich ermüdet hin und musterte die
-Speisekarte. Ich suchte nicht nach dem feinsten Braten, sondern in der
-Preisrubrik nach der kleinsten Ziffer -- nun, das kannst du dir ja
-denken. Es war für die Italiener noch nicht die Zeit des Mittags, so
-war der Garten fast leer, nur hinter einem Zitronenbaum saß ein Herr
-mit weißem Backenbart und schaute zwischen den grünen Blättern zu mir
-herüber.
-
-Lange so, und immer wieder. Endlich schob er seinen Teller beiseite und
-blickte noch schärfer auf mich her. Dann stand er auf, kam an meinen
-Tisch und drückte mir die Hand. Er tat es, ohne ein Wort zu sagen,
-dann trat er wieder an seinen Tisch zurück und brütete vor sich hin.
-Hernach zog er aus seinem Ledertäschchen eine Photographie und sah sie
-an und schaute auf mich -- und stützte sein Haupt traurig auf die Hand.
-Jetzt mußte auch ich immer wieder auf ihn hinblicken und wurde dabei
-unruhig; ich bildete mir ein, das wäre ein großer Künstler und habe an
-mir vielleicht das Genie entdeckt; du siehst, ich hatte nicht mehr weit
-zum letzten Ziele manchen Künstlers -- zum Narrenhaus. Es gehörte ein
-Wunder dazu, um mich davon zu retten -- und das Wunder geschah.«
-
-»Als ich,« fuhr mein Freund Wendel fort, »mich zur Not gesättigt hatte,
-erhob ich mich, um meine nebelhaften Wege weiter zu wandeln. Da sprang
-der Mann am Zitronenbaume auf, hielt mich zurück, er wolle wissen, wer
-ich wäre.«
-
-»Also ein Polizeiorgan!« rief ich aus.
-
-»Mein Bester,« sagte Wendel, »ich sage dir noch einmal, wenn du in
-meiner Geschichte die Wahrheit erraten willst, so mußt du dich gerade
-an die größten Unwahrscheinlichkeiten halten. Der Mann hörte meine
-Geschichte, kaufte mir neue Kleider und ich war tagelang sein Gast.
-Er war liebevoll und fast zärtlich mit mir, und er war doch nur ein
-Fremder. Mehrmals sah ich ihn weinen. Er lud mich ein, mit nach Rügen
-zu kommen, wo er ein Gut habe, er wolle für mein Fortkommen sorgen
-helfen.«
-
-»Er hatte dich so plötzlich liebgewonnen?«
-
-»Und weißt du, warum? Weil ich große Ähnlichkeit mit seinem
-verstorbenen Sohne hätte.«
-
-»Du gingst mit ihm?«
-
-»Natürlich, ich ging nicht mit ihm, ich ging nach Rom. Und als ich
-dort meine Künstlergelüste gründlich ausgehungert hatte, und in dem
-Gemäuer des Kolosseums bei den Fledermäusen mein Nachtlager hielt,
-fiel mir wieder die Einladung des greisen Mannes ein. Ich schrieb ihm,
-daß ich nun kommen wolle und ob er für mich einen Erwerb hätte; wäre
-es was immer, nur ein ehrlich Brot. Er schickte mir Geld, ich reiste
-auf dem kürzesten Wege nach Rügen. Als ich nach Zurkow kam -- auf
-dieses schöne, reiche Zurkow, ja -- da hat er mich wie einen lieben
-Anverwandten empfangen, hat seine Tochter gerufen, mich ihr vorgestellt
-und ausgerufen: Nun Freda, ist er's nicht? -- Ja, sagte Freda, und doch
-wieder nein, Albin war nicht so schlank. -- Aber er hatte dasselbe
-nußbraune Haar, das ihm geradeso in die Stirn stand, denselben Mund,
-das ganze Gesicht; schau' sein Aug' an, Freda, schau' sein Aug' an! O
-Gott, mein Albin! -- Er hat geweint, sie hat ihn mit Mühe beruhigt --«
-
-»Und dein Auge?«
-
-»Das hat sie angeschaut.«
-
-»Dann verliebt?«
-
-»O nein,« antwortete mein Freund Wendel, »so schnell ging das nicht.
-Wir mußten uns erst aneinander gewöhnen. Der Alte gab uns zu schaffen,
-der wollte -- höre es! -- er wollte uns schon in den nächsten Wochen
-zusammenhaben. Er war durch den plötzlichen Verlust seines Sohnes
-verwirrt, beinahe schwachsinnig geworden.«
-
-Wendel führte mich dann zum Fenster: »Du siehst dort die weißen Felsen?«
-
-Ich sah sie in des Mondenscheines nebelhafter Blässe schroff aus dem
-Meere aufragen.
-
-»Von jenem Felsen,« fuhr mein Freund fort, »ist Albin Marketze,
-der einzige Sohn des reichen Mannes, in seinem dreiundzwanzigsten
-Lebensjahre auf einer geologischen Exkursion, bei der er sich zu
-tollkühn an die Hänge hinauswagte, in das Meer gestürzt und zugrunde
-gegangen. Der Vater war trostlos, seine Tochter, nun sein einziges
-Kind, suchte ihn umsonst zu zerstreuen, er gab sie zu Verwandten nach
-Putbus, überließ das Gut einem Verwalter und ließ sich von seinem
-Grame ziellos in der Welt herumtreiben. So war er auch nach Genua
-gekommen, wo wir uns also begegnet waren. Ich kann ihm die Liebe, die
-er mir schenkte, nimmer vergelten, der kranke Greis sah in mir seinen
-verstorbenen Sohn. -- Hast du dieses Bild schon betrachtet?« Wendel
-wies auf das Ölgemälde an der Wand.
-
-»Das scheint ein gewandter Künstler geschaffen zu haben,« bemerkte ich,
-»es ist Individualität in dem Bilde und doch stört mich etwas in den
-Zügen. Durch die wohlbekannte Form schaut mich eine fremde Psyche an.«
-
-»Im ganzen leugnest also auch du die Ähnlichkeit nicht. Und siehe, das
-ist das Porträt des verunglückten Albin.«
-
-Das fand ich denn doch merkwürdig und nun fing ich an, das besondere
-Interesse des alten Marketze für Wendel zu begreifen.
-
-»Da mir,« fuhr mein Freund fort, »die Lust, Maler zu werden,
-begreiflicherweise vergangen war, wenigstens einstweilen vergangen, so
-fügte ich mich gerne den fürsorglichen Wünschen meines Gönners, ich gab
-mich, anfangs gleichgültig, später mit Interesse, der Landwirtschaft
-hin und machte in derselben Fortschritte. Außerdem geschah manches zur
-Vermehrung meiner sonstigen Kenntnisse, damit wuchs auch -- möchte
-ich sagen -- mein Herz und ich schloß mich warm und dankbar meinem
-Wohltäter an. Ich war kaum drei Jahre auf Zurkow, als mir Marketze
-eines Tages zu verstehen gab, daß es ihm lieb wäre, wenn noch vor
-seinem Tode meine Verbindung mit seiner Tochter zustande käme. Freda
-war um einige Monate älter als ich, sie war mir nicht unangenehm
-gewesen. Es hatten sich, wie leicht erklärlich, reiche Bewerber
-eingefunden, allein --«
-
-»Sie hat den frischen guten Jungen vorgezogen,« unterbrach ich in
-meiner vorwitzigen Ungeduld, »reich war sie selbst, gesellschaftliche
-Rücksichten war sie nicht schuldig, so nahm sie sich einen Herzensmann.
-Ich habe mir oft gedacht, Wendel, daß in dir Trotz und Geschmeidigkeit,
-Männlichkeit und Weichlichkeit geradeso gemischt sind, wie es die
-Weiber gerne haben.«
-
-»Genug. Als der Vater starb, waren wir ein Ehepaar und ich habe mich
-wohl oder übel mit meiner neuen Würde und Herrlichkeit abfinden müssen.«
-
-»Aufrichtig gesagt, hoffe ich, daß dir die Kunst, ein reicher und
-glücklicher Mann zu sein, besser gelingen wird, als dir jemals ein
-gutes Gemälde gelungen wäre.«
-
-Eine Weile nach dieser Bemerkung antwortete Wendel: »Es gehört zum
-einen wie zum andern ein großes Talent. Wenn sich der reiche Mann in
-seine Lage nicht zu schicken weiß, so ist er ein +armer+ Mann.«
-
-Derlei besprachen wir, da begann allmählich das Gespräch zu stocken.
-Wir machten noch manchen stillen Schluck aus unseren Gläsern, dann
-wünschten wir uns in freundlicher Höflichkeit gute Ruhe, und ich wurde
-hierauf in mein Zimmer geführt.
-
-Ich stand noch lange am Fenster und blickte in die Nacht hinaus. Auf
-dem Meere lag der Schimmer des Mondes und die zackigen Kreidefelsen von
-Stubbenkammer standen wie Gespenster da. Jetzt legte sich auf meine
-Schulter wieder die Hand. Wendel stand neben mir und war bleich und
-verstört, wie ein Nachtwandler.
-
-»Verzeihe mir, mein Freund, daß ich deine Ruhe störe,« sagte er mit
-unsicherer Stimme, »ich wollte dich heute noch fragen, wann du von hier
-abreisest?«
-
-Mit Befremden entgegnete ich: »Wann ich abreise? Ich glaube, du
-könntest es ebensogut erfahren, wenn du mich gefragt hättest, wie lange
-ich denn zu bleiben gedächte. Du weißt, daß ich auf deine Einladung aus
-Wien komme, um dich zu besuchen.«
-
-»Ich danke dir, daß du gekommen bist!« stieß er hervor, »aber ich
-verreise morgen und wünsche in deiner Gesellschaft zu reisen.«
-
-Ich starrte ihn an.
-
-»Du hältst mich für verrückt,« sagte er.
-
-»Allerdings --«
-
-»So muß ich dir's denn gestehen, Freund,« er verdeckte mit krampfiger
-Hand sein Gesicht, »ich bin sehr unglücklich. Ich ertrage es nicht
-mehr länger, ich will fliehen, ich will nach Wien zurück. Mein Weib
-und ich, wir lieben uns nicht. Sie behandelt mich mit Hochmut, sie
-hat ihre Freunde, mit denen sie sich herumtreibt, fischt und jagt;
-ihrem Reitpferde schenkt sie mehr Aufmerksamkeit als mir. Von einem
-Familienleben ist in diesem Hause nicht der Schatten, entweder sie
-zieht ihre junkerlich faden oder aufgeblasenen Sportgenossen herbei
-und gibt laute Feste, wobei ich offen oder verstohlen die Zielscheibe
-ihrer Launen bin, oder sie reitet davon und läßt mich allein in diesem
-Schlosse, das mir unheimlich geworden ist wie eine Gruft. Ich hätte
-mit ihr für mein Leben gern einmal eine Reise nach Österreich gemacht;
-sie schlug mir's ab, ich möge allein reisen, wenn es mir auf Zurkow
-nicht behage, sie sei keine Freundin der vielgerühmten österreichischen
-Gemütlichkeit. Das einzige Glück ist, daß ich sie nicht liebe, denn
-sonst müßte ich mich von jenem Felsen dort, der die erste Ursache
-meiner Leiden ist ... Kurz, ich habe nichts und will nichts, ich bin
-frei, ich verlasse Zurkow noch in den nächsten vierundzwanzig Stunden,
-arm wie ich gekommen bin. Ich gehe mit dir nach Wien.«
-
-»Du mußt deine Aufregung vorübergehen lassen, armer Freund,« sagte ich,
-»wenn du ruhig geworden sein wirst, wollen wir es überlegen.«
-
-»Diese Zeremonie ist nicht mehr nötig. Ich habe es längst überlegt und
-heute mich entschlossen. Ich habe sie von deiner Ankunft unterrichtet
-und sie gebeten, daß sie zu Hause bleibe, um dich zu empfangen: sie
-weiß, daß du mein liebster Freund bist, der aus der Ferne zu mir kommt,
-und sie konnte das Haus verlassen, und sie konnte mir das lieblose Wort
-sagen.«
-
-»Welches Wort?«
-
-»Wen ich eingeladen, den möge auch ich bewirten, sie könne sich denken,
-wie mein bester Freund aus der Zeit der Farbenkleckserei aussehe, sie
-sei auf derlei vagabundierendes Künstlervolk nicht neugierig. Tiefer
-hätte sie mich nicht mehr verletzen können. Ich trenne mich von ihr.«
-
-»Ich danke dir,« sagte ich, »also mich willst du zur Ursache eines
-unsinnigen Schrittes machen! Dann empfehle ich mich.«
-
-»Bleib', Hans!« schrie er auf und packte mich an beiden Armen, »von
-dir ist keine Rede. Es handelt sich um mich! Mir hat sie den Schlag
-versetzt, sonst wollte sie nichts, als mich, mich beleidigen, aber
-das wollte sie. Meiner überdrüssig ist sie, den Bruch wünscht sie zu
-vollziehen. Der Wunsch kann erfüllt werden.«
-
-Der Mann schoß wildsprühende Blicke um sich, er knirschte mit den
-Zähnen.
-
-»Du hassest sie also?« war meine Frage.
-
-Hierauf antwortete Wendel: »Wenn ich sie haßte, so würde ich ihr diesen
-Wunsch nicht erfüllen, ich würde Herr auf Zurkow bleiben und das
-Leben des Reichen genießen und ihr im Wege stehen und mich an ihrem
-ohnmächtigen Ärger belustigen. Nein, ich hasse sie nicht. Von jetzt ab
--- sie ist mir gleichgültig.«
-
-»Gleichgültig? Deine Aufregung straft dich Lügen.«
-
-»Bin ich aufgeregt? Dann bin ich's nicht ihretwegen, sondern
-meinetwegen. Mein Unglück, ich schleudere es von mir, ich nehme wieder
-die Armut und Nichtigkeit auf mich. Seit ich dich sehe, mein Freund,
-habe ich wieder Mut, ich gehe mit dir nach Wien!«
-
-Das kam mir nun alles verworren vor; da fragte er mich: »Könntest du
-an meiner Stelle bleiben? Es mögen Gesetze und Sitten hundertmal für
-dich sprechen, wenn die Tatsache zeigt, daß du überflüssig bist, so
-wirst du verzichten und lieber mit Stolz und Ehren wieder der arme
-Anstreichergeselle sein, als auf Zurkow ein -- was weiß ich! Es war ja
-nichts, ein toller Traum, nichts als ein Roman, aber ein Roman ohne
-Liebe. Eine fixe Idee, geschmeichelte Eitelkeit und der Kitzel, reich
-zu sein, waren die Helden! Könntest du mich denn achten, wenn ich so
-noch hier sitzen bliebe?«
-
-»Ich gebe keine Antwort, solange ich nicht deine Frau gesehen habe.«
-
-»Die wirst du nicht sehen,« sagte Wendel Blees, »wie ich sie kenne,
-kehrt sie erst zurück, wenn sie die Gewißheit hat, daß du nicht mehr im
-Hause bist.«
-
-»Dann erlaube mir, daß ich jetzt einige Stunden ruhe. Bevor die Sonne
-aufgeht, werde ich dieses Haus verlassen.«
-
-»Tue so, mein Freund, und schlafe wohl.«
-
-Rasch hatte sich mein Gastherr nun entfernt. Unsere Unterredung
-hatte einen fast trotzigen Charakter gehabt. Ich schlief schlecht in
-derselben Nacht. Reue, daß ich hierher gekommen, Mitleid mit dem armen
-Wendel, Ratlosigkeit, was nun anzufangen, peinigten mich. Es kam mir
-der Gedanke, Frau Freda aufzusuchen und den Vermittler zu spielen;
-diesen Gedanken schleuderte ich rasch von mir -- zwischen Eheleute
-dränge sich kein Dritter, am wenigsten ein Fremder. Er würde es unter
-allen Umständen schlechter machen. Als der erste Schimmer des Morgens
-aus dem Meere stieg, war ich entschlossen. Ich packte hastig meine
-Sachen zusammen, schrieb auf ein Blättchen Papier die Worte:
-
- »Wendel, ich bin aus der Ferne gekommen, um Dir auf dieses
- Stück Papier das Wort zu schreiben: +Sei ein Mann!+ Lebe wohl.
-
- Dein treuer Hans.«
-
-Als ich durch den Hof eilen wollte, fuhren zwei große Hunde auf und
-ließen mich nicht weiter. Ich mußte umkehren in mein Zimmer, warf mein
-kleines Gepäck zum Fenster hinaus und kletterte selbst nach in den
-Garten. Das Schloß und das naheliegende Gehöfte lagen noch in Ruhe da;
-ich huschte durch Gestrüppe und bog erst eine Strecke weiter hin zum
-Wege.
-
-Ich war auf demselben etwa dreihundert Schritte gegangen, als von einer
-Eichengruppe ein Mann auf mich zusprang und mich mit dem Worte: »Da
-bist du ja schon!« an der Hand faßte.
-
-Wendel war's, der Herr auf Zurkow: und doch nicht mehr Herr auf Zurkow,
-in dem Kleide eines fahrenden Gesellen stand er da.
-
-»So, Kamerad,« sagte er, »nun wollen wir einmal mitsammen wandern.«
-
-Dagegen ließ sich nun nichts einwenden. Wir trabten wortkarg
-nebeneinander her. Als wir eine Stunde gegangen waren, machte mein
-Begleiter plötzlich einen Juchschrei, wie er so frisch und laut auf
-Rügen vorher wohl kaum erklungen sein mochte.
-
-»Sieh da, dieser Stein ist mir noch auf dem Herzen gelegen,« sagte er
-hernach und deutete auf einen bemoosten Grenzstein, »hier endet das Gut
-Zurkow, hier beginnt die weite Welt. Freund, nun bin ich wieder dein!«
-
-Da dachte ich: Wenn ich nur wüßte, was ich mit dir anfangen soll!
-
-So begann die Wanderschaft. Den Sund übersetzten wir auf einer abseits
-gelegenen Fischerbarke, Stralsund umgingen wir, weil Wendel sich vor
-dem Erkanntwerden fürchtete. Und dann wollte er zu Fuß nach Wien
-reisen. Er hatte von dem Schlosse ja nichts mit sich genommen, als
-was er einst dahin mitgebracht hatte, ein abgeschabtes Ledertäschchen
-und einen Hagenstock. Ich hatte viele Mühe, um ihm die Eisenbahnfahrt
-aufzuzwingen. Endlich, als es ins Österreich hereinging, fanden wir uns
-und waren harmlos heiter, wie einst; ich suchte seine Verhältnisse mit
-Ruhe und Erwägung zu besprechen, allein er war dazu viel zu nervös
-aufgeregt: bei ihm ging alles im Überschwunge und sein ganzes Wesen
-wurde mit fortgerissen.
-
-Als er die alte Kaiserstadt sah, war er überglücklich. So saßen wir nun
-endlich wieder in meiner Stube, wo wir vor Jahren oft froh beisammen
-gesessen und ich fragte ihn: »Wenn du jetzt zurückdenkst auf Zurkow,
-wie ist dir zu Mute?«
-
-»Unsäglich wohl!« rief er, »hast du einen zweiten Freund, Hans, der
-imstande ist, ein Herrenschloß und ein reiches Weib von sich zu
-schleudern, wie eine faule Birne?«
-
-»Du bist der einzige,« sagte ich, »und nun suche ich mir noch einen,
-der imstande ist, ein Herrenschloß und ein reiches Weib zu beherrschen.«
-
-»Da wird sie zurückgekehrt sein auf Zurkow,« sagte Wendel, »ausgerüstet
-mit neuen Mitteln mich zu demütigen, und wird selbst die größte
-Demütigung erlebt haben, die ein reiches Weib erleben kann: von dem
-Bettler abgelehnt zu sein.«
-
-Schon am nächsten Tag war Wendel Blees so glücklich, in einem Vororte
-Wiens als Zimmermaler Beschäftigung zu finden. Er besuchte mich
-häufig, aber für meine Bilder und ästhetischen Studien hatte er kein
-Interesse mehr, er saß zumeist still da und blickte zum Fenster hinaus
-auf die alten Ulmen und Eichen eines verwahrlosten Parkes. Von seinem
-abenteuerlichen Gutsherrnleben sprachen wir nicht mehr; ich aber dachte
-daran und mir kam die ganze Geschichte noch wunderlicher vor.
-
-Ich wußte nur, daß er seiner Gattin nicht schrieb und ihr absichtlich
-seinen Aufenthaltsort verheimlichte. Um so eifriger las er ein
-pommersches Wochenblatt und in demselben einmal eine Feilbietung des
-Gutes Zurkow auf Rügen. Er zeigte mir mit dem Finger die Stelle; wir
-haben nicht ein Wort darüber gesprochen.
-
-Mittlerweile bemerkte ich, daß die Farben -- die grünen sollen
-besonders schädlich sein -- dem Wendel Blees nicht mehr so wohl bekamen
-als einst, er wurde bleich und bekam eingefallene Wangen. Seine Besuche
-bei mir verminderten sich, er strich in seinen freien Stunden allein
-umher in den Vorstädten oder er saß in seiner Dachkammer und brütete
-vor sich hin. Als ich von einer größeren Reise zurückgekehrt war,
-gedachte ich wieder einmal seiner und suchte ihn auf. Ich fand ihn
-auf dem Fußboden kauernd, wo er eben ein paar Patronen (Formen für
-Zimmermalerei) aneinanderzuheften vorhaben mochte, aus Erschöpfung aber
-rasten mußte. Ich erschrak vor der herabgekommenen krankhaften Gestalt,
-vor dem stieren Blick, der mich völlig unheimlich anglotzte.
-
-»Bist du krank, Wendel?« fragte ich.
-
-»Was habt Ihr denn mit mir?« fuhr er jetzt auf, »warum soll ich krank
-sein?« Dann setzte er wehmütig und sanft bei: »So hast du doch nicht
-ganz meiner vergessen. Du kannst mir aber nicht helfen.«
-
-»Willst du nicht bisweilen mit mir einen kleinen Spaziergang machen?
-Das zerstreut und erfrischt.«
-
-»Wenn du recht langsam gehen willst,« meinte er, »ich war schon lange
-nicht mehr auf der Gasse und habe das Gehen verlernt.«
-
-Als ich von ihm fortging, hastete mir die alte Frau, die ihn pflegte,
-zur Türe nach und fragte: »Wie lang' kann er's denn noch machen, Herr
-Doktor?«
-
-Es waren freundliche Spätherbsttage. -- Ich führte den armen Wendel
-mehrmals auf den Ring; er sprach wenig, nur einmal, als er stehen blieb
-und sich an mich stützte, sagte er, mit großen Augen hinschauend: »Es
-ist eine herrliche Stadt!« Dann saßen wir auf einer stillen Bank des
-Stadtparkes und er schaute die gilbenden Blätter an, wovon eins ums
-andere langsam zu Boden sank.
-
-Da war's eines Tages, als wir über den Schwarzenbergplatz schritten,
-daß mein Begleiter plötzlich einen Schrei ausstieß. Ein Fiaker rollte
-vorüber, in welchem eine schwarzgekleidete Dame saß. Wendel riß sich
-von mir los und mit ausgestreckten Armen lief er dem Wagen nach. Ich
-suchte ihn zurückzuhalten, aber er eilte, als wären seine Arme Flügel,
-er verfolgte den Wagen bis zur Brücke, dort stürzte er zusammen.
-
-Allsogleich waren wir von einem Menschenhaufen umringt. Wir hoben ihn
-auf. Seinem Mund entströmte Blut; er schlug die Augen weit auf und
-stierte um sich und murmelte: »Sie ist fort.«
-
-»Wen meinst du, Wendelin?«
-
-»Freda!« hauchte er matt.
-
-Man trug ihn in einem geschlossenen Lederkasten ins nächste Lazarett;
-als sie ihn in der Halle niederließen und ich die Klappe öffnete, um zu
-fragen, wie er sich befinde, da waren die Lippen für immer verstummt.
-
- * * * * *
-
-Man erinnert sich vielleicht noch an eine Zeitungsnotiz, daß an
-jenem Oktobertage ein Mann einem Fiaker nachgelaufen, auf der
-Schwarzenbergbrücke mit dem Rufe: »Freda!« zusammengebrochen und bald
-darauf verschieden sei.
-
-Aber man weiß wohl nicht, daß diese Notiz einen seltsamen Besuch in der
-Leichenhalle zur Folge gehabt hat. Eine fremde Dame fand sich ein,
-bat sich die Leiche des Zimmermalers Wendelin Blees aus, bekränzte sie
-mit Eichenlaub, überführte sie auf einen still und lieblich gelegenen
-Friedhof des Wienerwaldes und begrub sie in einem eigenen Grabe.
-
-Auf dem Steine steht das Wort, das einzige Wort: »Verzeihe!«
-
-
-
-
-Das Mündel-Kindel.
-
-
-Im Garten des Gasthauses zum »Roten Herzen«, an einem Ecktische saß
-ein junger Mann. Er war der einzige Gast, die Mittagsleute hatten sich
-schon verzogen und die Nachmittagszecher waren noch nicht angerückt.
-Die jungen Wildkastanien gaben wenig Schatten, auf den runden Tischen
-mit den unordentlich verschobenen Tischtüchern, an denen hie und da
-Spuren der Bratensauce sichtbar waren, lag die grelle Aprilsonne.
-Drinnen in einem Winkel der Gaststube kauerte der Kellner, der
-einen Teil des Schlafes, den in der Vornacht anhaltende Trinker ihm
-gestohlen, einzubringen hatte. Der junge Gast, auf dessen blassem
-Gesicht schwarze Augenbrauen und ein schwarzes dünnes Schnurrbärtchen
-lagen, stützte sein Haupt auf den Ellbogen, so daß der gesprenkelte
-Strohhut auf dem Ohre lag. Er hatte vor sich ein volles Glas Bier
-stehen, in dem der weiße Schaum bereits zerronnen war. Er blickte
-hinaus auf die Kastanienallee, in der gelangweilte Spaziergänger hin
-und her siffelten oder auf den Bänken saßen. Am Alleedamme balgten ein
-paar Gassenjungen, die grüne Gesichter und dunkle Ringe um die Augen
-hatten und die paar Lumpen, die sie an den mageren und schmutzigen
-Gliedern trugen, sich gegenseitig vollends herabzureißen suchten. --
-Aus dem Sinnen über die Zukunft solcher verwahrloster Kinder wurde der
-junge Mann geweckt durch einen rasch in den Garten tretenden zweiten,
-der Überrock und Stock auf einen Sessel warf und sich bei dem Freunde
-entschuldigte, daß er ihn hatte warten lassen. Mit beiden Händen seinen
-braunen Vollbart streichend, setzte er sich an den Tisch, rief nach
-einem Glas Bier und auch der erstere ließ sein abgestandenes Glas gegen
-ein frisches umtauschen.
-
-»Ich hatte zum Schluß noch eine Überstunde mit drei Prozessen,«
-erzählte der Ankömmling. »Eine Ehrenbeleidigung und zwei
-Paternitätsklagen.«
-
-»Paternitätsklagen?« fragte der junge Mann und hob jetzt seinen Kopf in
-die Höhe. »Das ist interessant.«
-
-»Ach, was verstehst du davon,« lachte der Bezirksrichter.
-
-»Aber anhören kann man's doch.«
-
-»Im Vertrauen gesagt, Alfons, du siehst mir seit einiger Zeit gar
-nicht danach aus, als ob dir mit Widerlichkeiten gedient wäre. Nein,
-für Kopfhänger sind Gerichtsangelegenheiten nicht die richtige
-Unterhaltung. Heil dir!«
-
-Er hob sein Glas zum Anstoßen, Alfons tat ihm verdrossen Bescheid und
-goß dann sein Bier auf einem Zug hinunter, während der Richter sich mit
-einem Halben genug tat, den er mit Behagen vollführte, um dann seinen
-etwas genetzten Bart wieder in Ordnung zu bringen.
-
-»Sage mir, Freund, was fehlt dir? Hast du deine Lustigkeit in den
-Taschen des Winterrocks gelassen? Gibt dir das Staatsexamen so viel
-zu schaffen oder hat dir dein Alter die Rationen beschnitten? Andere
-Mißgeschicke kann ich mir bei einem Studiosus nicht denken.«
-
-»Nicht?«
-
-»Oder unglückliche Liebe? Doch dazu hast du, so viel ich weiß, nie
-Talent gehabt.«
-
-»Nein, dazu habe ich nie Talent gehabt,« sagte Alfons gelassen nach und
-schob auf dem Tisch das Salzgefäß beiseite, obschon es ihm nicht im
-Wege gewesen war. Und rief nach Bier. Aber als der Kellner um das Glas
-kam, wehrte er ab: »Ich danke. Ich trinke nicht mehr.«
-
-Mit einiger Befremdung betrachtete nun der Bezirksrichter seinen Freund
-daraufhin, ob er nicht etwa krank sei. Der andere hielt das nun nicht
-mehr lange aus. Diese Gelegenheit war ihm ja erwünscht. Für die Länge
-ist solch ein Anliegen nicht zu ertragen, ohne es mitteilen zu können.
-Und wem sollte er es mitteilen, als diesem Manne, der, um etliche Jahre
-älter, entfernt mit ihm verwandt und seit Kindheit vertraut, sich stets
-als verläßlicher und verschwiegener Freund erwiesen hatte.
-
-»Gustav,« sagte er plötzlich und rückte seinen Sessel. »Ich möchte dir
-etwas sagen. Vielleicht kannst du mir einen Rat geben. Aber sitzen
-bleiben möchte ich nicht hier. Machen wir einen Spaziergang.«
-
-Sie legten ihre Münzen hin und gingen. Durch die Allee hinaus schwieg
-Alfons, erst als sie in den Eichenwald kamen, wo der Kiesweg mit dem
-Schatten der treibenden Baumzweige besprenkelt war, bückte er sich nach
-einem Steinchen, warf es wieder fort und sagte: »Denke dir, Gustav, ich
-habe Malheur gehabt. Mit der kleinen Blonden.«
-
-»Mit der Strohhutmamsell? Aber das ist doch wohl ~tempi passati~. Du
-hast mir ja schon lange nichts mehr von ihr erzählt.«
-
-»Nun eben dann hättest du dir's denken können. Sie ist tot und -- das
-Kind lebt.«
-
-Da blieb der Richter stehen, kehrte sich dem Freunde zu und sagte leise
-und gedehnt: »Na, hörst du!« --
-
-Alfons schaute ihn unsicher an. »Dein Richterantlitz magst du nur
-abseits lassen. Das kann ich jetzt nicht brauchen. Ich bin schwer
-abgestraft. So teuer ist dir das sicher nie zu stehen gekommen. Sie
-starb in der Klinik. Das Kleine -- heute sechs Tage alt -- ist im
-Findelhaus.«
-
-»Nun also!« rief der Richter, aber Alfons fand den Ruf nicht ganz
-harmlos. »Entweder,« sagte er, »glaubst du, ich gebe mich mit dem
-Findelhaus zufrieden, oder --. Sei versichert, daß mir die Sache
-verteufelt nahegeht. Soll es nun ins Waisenhaus? Oder in eine andere
-Anstalt? Ich höre, man bringt so einen Wurm nirgends unter. Dann geben
-sie ihn aufs Land hinaus. Wo sie Engerl machen.«
-
-»Aber, das wirst du doch nicht zulassen!«
-
-»Ja, glaubst du denn, ich werde mich nennen und bekennen?«
-
-»Mein lieber Alfons, das wirst du allerdings müssen.«
-
-»Du kennst doch meinen Alten. Der würde mich enterben. Was sage ich,
-enterben. Ermorden! Wenigstens träfe ihn der Schlag.«
-
-»Dein Vater mag zwar ein bißchen so etwas sein, wie ein Moralphilister.
--- Du verzeihst schon. Aber ich halte ihn auch für einen anständigen
-Mann -- du verzeihst abermals. Das Kind seines Sohnes wird er nicht
-verderben lassen. Ist es ein Knabe?«
-
-»Natürlich! Aber daß ich den Alten in die Geschichte einweihe, das ist
-ganz ausgeschlossen. Wenn ich nur Geld hätte, dann ließe sich's leicht
-machen.«
-
-»Setzt er dir immer noch bloß zwanzig Kronen aus, monatlich?«
-
-»Könnte ich mir ein Automobil halten oder wenigstens ein Reitpferd,
-wie andere unserer Sippe, ich hätte mich nie nach dieser Richtung hin
-so weit verloren. Ich habe schon gedacht, ob ich jetzt nicht die Reise
-nach England machen sollte, wie es mein Alter wünscht. Natürlich hielte
-ich mich die Zeit über bei einem guten Freunde verborgen und mit dem
-Gelde wäre das Kind für eine Weile versorgt. Was meinst du?«
-
-Als die beiden Männer langsam weiter gingen, sagte der Richter in einem
-etwas singenden Tone: »Ja, ja. So machen sie's alle. Fast alle. Ist
-die eine Dummheit vollbracht, dann machen sie die zweite. Aber es ist
-ja gar nicht nötig, Alfons, daß du deines Kindes wegen ein Schwindler
-wirst. Es wird auch so gedeihen. Hat es schon einen Vormund?«
-
-»Was weiß ich. Wenn's erst auf so einen Vormund ankommt -- das sind mir
-auch die rechten. Die Waisen, die da auf dem Lande draußen verlausen
-und versumpern und endlich Trottel oder Lumpen werden -- alle haben
-ihre Vormünder. Du siehst, daß ich mich schon unterrichtet habe.«
-
-»Also deinem Vater willst du nichts sagen?«
-
-»Nein. Es würde das ganze Familienglück -- was man so nennt --
-zerstören. Am meisten würde Mama darunter zu leiden haben. Nein, daheim
-in der guten Stube breite ich meine Sache nicht aus. Niemals.«
-
-»Lieber verleugnest du das arme Kind, lässest es verderben, zum Trottel
-oder Spitzbuben werden. Na, ich dank' schön.«
-
-Da faßte Alfons den Freund am Arm und sprach: »Ich habe dir nicht
-vertraut, damit du mich rasend machen sollst. Wenn du keinen Rat weißt
--- ich habe dich ja nicht verpflichtet dazu.«
-
-»Fonserl! Fonserl! Nachdem, wie du jetzt geneigt bist, anderen Unrecht
-zu tun, sehe ich klar, daß du dich in Unrecht fühlst. Und das freut
-mich. Das Unrecht kommt von deinem Kummer und der Kummer kommt von der
-Liebe. Du liebst deinen Knaben.«
-
-»Aber ja!« brauste Alfons auf, zornig erregt darüber, daß ihm eine
-fremde Hand so tief in den verstecktesten Herzwinkel griff. Die andere
-Liebe hatte er dem Freunde gern verraten, +dieser+ hatte er sich
-geschämt Sie war zu zart und wundersam, er war ihrer zu ungewohnt.
-Dieses so sanft und so unwiderstehlich hinneigende wehe Gefühl, dieses
-Lustgefühl, dieses Angstgefühl -- dieses abgrundtiefe Erbarmen --
-wenn das Vaterliebe war! -- Dann erzählte er, wie er durch mancherlei
-Liste ins Findelhaus gekommen war und das Kind gesehen hatte. Für eine
-Verwandte in der Provinz sollte er ein kleines Kind aussuchen, eine
-lächerlichere Lüge fiel ihm nicht ein, doch sie war gut genug, um ihn
-vor das Bettchen zu bringen, über dem auf der Tafel der Name Richard
-Fachler und eine Nummer stand. Das war auch alles, was sein Kind besaß,
-und er -- der junge Vater -- sollte einmal drei Stadthäuser erben.
-Und konnte ihm nichts davon geben. So klein lag es da und sein rotes
-Köpfchen war kaum größer wie ein Apfel. Den Mund und das Näschen hatte
-es, so deuchte ihm, von seiner Mutter, dem guten armen Mädel, das sie
-am selben Tage in die Leichenkammer getragen. Die Augen des Kindes
-hatte er nicht gesehen, es schlief, es versäumte den Augenblick, da
-sein Vater vor ihm stand, das erste- und vielleicht das letztemal.
-
-»Und seither,« sagte Alfons, »wohin ich blicke, überall dieses
-Kindergesicht. Vorhin im Gastgarten sah ich Gassenjungen, verkommene
-Rangen, und einer hatte das Gesicht Richards, der Teufel hol's, und war
-doch eine Fratze! -- Freund, ich glaube, ich bin hysterisch.«
-
-»Weißt du, was man draußen im Volke sagt?« sprach nun der Richter.
-»Wenn von den Eltern eines stirbt, erbt der andere Teil die Liebe
-desselben zum Kind, so daß er eine doppelte Liebe hat, die des Vaters
-und die der Mutter. Wörtlich weiß ich nicht, wie es lautet, ein Spruch
-ist's.«
-
-»Ja mein Gott, was finge denn ich mit dieser doppelten Liebe an! Und
-kein Kind dazu. Nein doch, auf einmal so ein kleines, kreischendes Kind
-haben, und doch wieder keines haben -- etwas Komischeres gibt's nicht
-mehr.« So der junge Mann, und dabei mußte er sich heftig schneuzen.
-
-»Regnet's denn?« rief plötzlich der Richter; zwischen den Ästen der
-Eichen klatschten einige Tropfen nieder. »Es muß wohl, denn ich habe
-den neuen Überzieher an und keinen Schirm bei mir. Da regnet's immer.
--- Schon wieder vorüber. Aprilwetter. -- Ja, Freund, du hast mich
-zwar nicht um Rat gefragt in deiner Angelegenheit. Es gibt eigentlich
-weiter auch keinen. Aber ich biege das Dokument ein. Das heißt, es wird
-berücksichtigt. Es ist ja nicht ganz unmöglich, daß sich etwas machen
-läßt.«
-
-Solches ist besprochen worden auf jenem Spaziergange. Am Abende, als
-die Freunde auseinandergingen, schlenderte Alfons noch eine Weile durch
-die Stadt, es tat ihm aber das elektrische Licht weh und er suchte die
-Gassen, wo nur noch einige der alten, trüben Gaslaternen brannten. Er
-kam auch zu dem Gebäude der Findelanstalt, ging einen recht langsamen
-Schritt und kam endlich doch vorüber. Nach dem Friedhofe führte diese
-schmale, winklige Gasse hinaus. Aber er sagte sich: Nicht sentimental
-sein! Wenn du was Warmes übrig hast, so gib es Lebenden. Er kehrte um
-und kam wieder am Findelhause vorüber. Es war schon spät in der Nacht.
-
- * * * * *
-
-Am Stadtplatz, links von der Rathausecke mit dem sechseckigen Turm,
-standen in geschlossener Reihe die Häuser des Kaufmannes Marand. Das
-letzte derselben, das Eckhaus an der Bürgerstraße, trug das Schild
-»zu den drei Schaufeln«. Es war vom Erdgeschoß bis zum dritten Stock
-mit Waren aller Art angestapelt; die Treppen, Hofsöller und Hallen
-surrten den ganzen Tag wie ein Bienenschwarm von Kauflustigen, die von
-zahlreichen Kommis und Handlangern bedient wurden. Durch das Gedränge
-schritt manchmal, die Hände am Rücken, ein alter stattlicher Herr, mit
-weißem, halbkurzgeschnittenem Haar und grauem Spitzbart. Er machte
-vornehmeren Kunden die Honneurs, wer ihn aber nach einer Ware oder
-deren Preis fragte, den wies er mit einer leichten Handbewegung an
-die Bedienenden. Das war Herr Josef Marand, der Chef des Hauses. Im
-vierten Stock hatte er eine geräumige Wohnung für sich, sein kleines
-Frauchen und seinen einzigen Sohn Alfons. So lebhaft es in den unteren
-Stockwerken herging, so still war es im obersten. Der Sohn, ein
-~studiosus juris~ war selten zu Hause, und wenn doch, so war er in
-neuester Zeit schweigsam und schwermütiger Stimmung. Die Mutter suchte
-ihm seine Lieblingsspeisen aufzudrängen, durchwärmte übermäßig sein
-Zimmer, wollte mehrmals schon den Arzt rufen, denn sie war überzeugt,
-daß eine innere Krankheit in ihm nage. Sein Vater war der Meinung,
-Alfons arbeite zu wenig und der Müßiggang mache mißlaunig.
-
-Nun wurde der alte Herr selbst, obschon er stets tüchtig arbeitete,
-eines Tages in eine große Mißlaune versetzt. Kam er zum Mittagsmahl mit
-zorngeröteten Wangen, einen grauen Papierbogen in der Hand. »Da haben
-wir's!« polterte er auf seine erschrockene Frau los. »Diese Lumpen!
-Da setzen sie Kinder auf die Welt und lassen andere dafür sorgen. Sie
-können mich zwingen, sagt mein Rechtsanwalt, und ich sage, sie können
-mich +nicht+ zwingen. Geht das Bezirksgericht kurzer Hand her und
-kommandiert mich zum Vormund eines Findelkindes. Oder so etwas. Den
-Herrn Papa kennt man nicht, natürlich, und die Mutter stirbt bei der
-Geburt. Diese Gewissenlosigkeit! Und jetzt drängen sie mir den Balg
-auf, es ist ja zum Totlachen! Aber ich rekurriere! Zwingen! Ich glaube
-nicht, daß man zu so etwas gezwungen werden kann. Das ist doch eine
-Gewissenssache, und zu einer solchen kann kein Mensch gezwungen werden.
-Nein, was sie einem bei +uns+ alles aufmutzen wollen!«
-
-Seine Frau war bald beruhigt und meinte, das Unglück sei ja nicht so
-groß. Er hätte doch öfter schon Vormundstelle vertreten und wisse, daß
-außer ein bißchen Überwachung des Mündels nichts verlangt werde.
-
-»Nichts verlangt, nichts verlangt? Schon morgen bin ich zu Gericht
-beschieden zur Pflichtgelobung, um neun Uhr. Gerade diese fatale
-Stunde, wo die erste Post abzufertigen ist. Und so geht's hernach fort
-mit den Laufereien, einmal zum Gericht, dann zum Kind, dann in den
-Stadtrat, dann zum Vater --«
-
-»Aber wenn man den Vater gar nicht weiß,« lachte die kleine muntere
-Frau.
-
-»Eben, der Vormund soll ihn suchen, das gehört zu seinen ersten
-Pflichten. Und wenn man so 'nen Kerl dann noch bei den Ohren nehmen
-dürfte! Hat der Vormund Rechte? niemals, nur Pflichten -- ich pfeife
-darauf.«
-
-Alfons saß bereits bei seinem Suppenteller und löffelte tüchtig
-darauflos.
-
-»Du ißt schon wieder zu heiß, Kind!« verwies ihm die Mutter, denn er
-war rot im Gesicht bis hinter die Ohren. Während des Essens stellte er
-sich dann gelangweilt, lugte aber doch heimlich auf das Dekret, das der
-Alte neben sich auf die Kommode geworfen hatte. Der Name interessierte
-ihn ein bißchen. -- Es war richtig. Richard Fachler. Sein Vater war
-Vormund des Enkels geworden.
-
-An einem der nächsten Tage begegnete Alfons seinem Freunde Gustav
-auf der Promenade. Ganz flüchtig, denn beide gingen in Gesellschaft.
-»Zufrieden?« rief ihm der Bezirksrichter zu.
-
-Nun kam die Notwendigkeit heran, daß Marand im Findelhaus sich nach
-dem Kind erkundigte. Die Besuchsstunde traf sich gerade mit einer
-Handelskammersitzung, er hatte also nicht Zeit und schickte seine
-Frau. Die kam ganz erregt nach Hause. Ein so herziges Kind habe sie
-noch ihr Lebtag nicht gesehen. Dann begann sie, es zu beschreiben,
-während der Alte mit finsterem Gesicht den Kurszettel durchsah und
-Alfons mit der Seidenbürste seinen Zylinder glättete. So ordentlich
-hatte er den Hut noch nie gebürstet; so lange die Mutter redete stand
-er am Fenster und bürstete den Hut. Sie hatte auch die Papiere der
-Kindesmutter mitgebracht, derer bemächtigte sich sofort der Student, um
-seinem vielbeschäftigten Vater die Durchsicht zu ersparen. Außer den
-gewöhnlichen Dokumenten war ein zierliches Notizbüchlein da, das er
-unterschlug und aus dem er später ein paar Blätter entfernte.
-
-In der nächsten Woche wurde Marand -- und zwar zu sehr ungelegener
-Stunde, er hatte notwendig im Warenmagazine zu tun gehabt -- zu
-Gerichte beschieden, um seine Unterschrift zur Verfolgung und
-Habhaftmachung des Kindesvaters zu leisten. Er tat ein übriges und
-bestimmte für die Auffindung dieses »Strolches« ein Prämium von fünf
-Dukaten. Mittlerweile kündigte das Findelhaus dem Kinde den Aufenthalt,
-es sei eigentlich kein Findelkind, weil ja die Mutter bekannt war, es
-gehöre in ein Kinderasyl. Da gab es nun neuerliche Laufereien zu den
-Behörden, zu allerlei Anstalten und Persönlichkeiten und der Arzt
-verlangte, das Kind müsse eine Amme haben, es sei schwächlicher Natur
-und könne nur durch besondere Sorgfalt am Leben erhalten werden. Unter
-solchen Plagen nahm Marand eines Abends, als er mit seiner kleinen
-Familie beim Tee saß und eine vorzügliche Havanna rauchte, Anlaß, über
-die Folgen eines Fehltrittes zu sprechen und ganz ausdrücklich seinen
-Sohn davor zu warnen. »Wenn du einmal so was anstelltest, Alfons! Ich
-weiß nicht! Ich möcht's nicht erleben! Merk' dir's!« -- Darob war die
-Mutter etwas ungehalten und meinte, das sei wirklich ganz überflüssig,
-vor Alfons solche Sachen zu besprechen; wenn sie sonst keine Sorgen
-hätte; diese, daß ihr Sohn in fraglicher Beziehung etwa nicht
-musterhaft sei, wolle sie leicht ertragen. Man müsse ihn nur nicht mit
-der Nase daraufstoßen.
-
-Am nächsten Morgen, als Alfons auf die Universität ging, begegnete
-ihm auf der Treppe ein Weib vom Lande. Es hatte einen großen Handkorb
-bei sich, das runzelige Gesicht, das nur teilweise aus dem wulstigen
-Kopftuche hervorguckte, war über der Nase mit einem Leinwandpflaster
-bedeckt. Zu ihren Füßen heulte plötzlich ein braunes Dachshündchen
-auf, dem sie auf die Pfote getreten. »Luder, verdammtes!« kreischte
-die Alte und stach mit ihrem roten Regenschirm nach dem Tiere. Und
-dann erkundigte sie sich mit einer dünnen singenden Stimme, die aus
-zahnlosem Munde kam, ob in dem Hause der Kaufmann Marand wohne. Sie
-habe gehört, er sei der Vormund eines Findelkindes und da sie gerade
-beim Arzt in der Stadt zu tun gehabt habe, so wolle sie gleich ein
-kleines Kind mit nach Hause nehmen und da möchte sie halt anfragen, was
-dafür bezahlt würde.
-
-Alfons antwortete, der Mann wohne allerdings im Hause, aber er würde
-sie, wenn sie in dieser Sache vorspreche, unfehlbar über die Stiege
-herabwerfen. Darob ist die Alte umgekehrt und Alfons hat auf seinem Weg
-in die Vorlesung und während derselben den Gedanken weitergesponnen,
-wie, wenn der kleine Richard diese Hexe zur Nähr- und Pflegemutter
-bekäme?
-
-Bei einem Vorspruch im Findelhaus, um für das Kind die Bleibefrist
-zu verlängern, fand der alte Herr sich doch genötigt, sein Mündel
-anzusehen. Und als er nach Hause kam, war er unwirsch und über sein
-Journal gebeugt rief er aus: »Der arme Wurm kann ja schließlich nichts
-dafür. Es ist ein armer Wurm. Anders kann man's nicht sagen.« -- Und
-abends beim Tee lauerte er die Stimmung seines Frauchens ab. Sie hatte
-viele gute Tage und er wollte nicht gerade einen der wenigen schlechten
-erwischen.
-
-»Die Sache bin ich satt,« polterte er plötzlich hervor. »Ein Gelaufe
-hin und her, schon wochenlang. Eine Behörde schiebt's auf die andere,
-niemand will sich annehmen ums arme Wesen. Wenn ich -- wie es beinahe
-aussieht, das Findelhaus bezahlen soll und die Amme verlohnen und fürs
-weitere Fortkommen sorgen -- ja zum Satan, da ist's einfacher, man
-nimmt das Kind ins Haus -- --.«
-
-Und nun forschte er, was sie dazu für ein Gesicht zog. Sie zog aber
-gar keins, sondern behielt ihr natürliches bei, das gute freundliche,
-feinrunzlige Gesicht. Hingegen hatte Alfons, der gerade eine Zigarette
-zu drehen im Begriffe war, mit einer plumpen Armbewegung die
-Tabakschachtel über den Tischrand hinabgestoßen, nun konnte er sich den
-feinen Türkischen auf dem persischen Teppich zusammenfegen.
-
-»Im Gartenzimmer,« setzte der alte Herr bei, »würde es wenig
-genieren. Natürlich eine Amme dazu, und die Sache hat sich gehoben.
-Selbstverständlich nur für die erste Zeit, bis das Geschöpf etwas
-kräftiger ist und ohne Bedenken aufs Land gebracht werden kann.«
-
-Die Frau war über diesen Vorschlag verwundert. Instinktiv regt es eine
-Frau auf, wenn der Mann plötzlich ein fremdes Kind unsicherer Herkunft
-ins Haus nehmen will.
-
-»Was meint Ihr?« fragte er.
-
-»Mich geniert's nicht,« antwortete Alfons mit gleichgültiger Miene.
-
-Die Mutter meinte, das müßte erst gut überlegt werden. Hätte man so
-etwas einmal im Hause, dann wäre es schwer, es wieder fortzubringen.
-Es müsse extra dafür eine Magd gehalten werden und allerlei sonst.
-Die Männer hätten keine Ahnung, was das heißt, ein kleines Kind im
-Hause haben. Aber sie seien nachher doch die ersten, die sich über das
-Kindergeschrei beklagen.
-
-»Mich geniert's gar nicht,« versicherte Alfons noch einmal.
-
-»Ich glaube endlich auch dem Vater auf der Spur zu sein,« sagte der
-Alte. »Heißt das, positive Anhaltspunkte sind noch keine vorhanden,
-aber mancherlei stimmt auffallend. Ihr erinnert euch noch an den Kommis
-Steiner, den ich vor zwei Jahren entlassen mußte. Der soll in dem Hause
-des Strohhuthändlers Goll gewohnt haben. Beim Goll im Hause, dort ist
-ja auch die Kindsmutter gewesen.«
-
-Das Tabakzusammenfegen auf dem Teppich erlitt eine Unterbrechung.
-Alfons war für zwei Augenblicke erstarrt.
-
-»Der Steiner, meinst du?« fragte die Frau. »Wenn ich nicht irre, ist
-der damals ja nach Triest übersiedelt.«
-
-»Ei richtig, Frau, du hast recht. Man hörte sogar, daß er nach
-Südafrika ausgewandert sei, ich erinnere mich. Also der nicht.
-Dann ist's aber jedenfalls ein anderer. Ich werde ihm schon noch
-draufkommen.«
-
-Die Tabaksammlung ging wieder ruhig vonstatten.
-
-»Natürlich, in dieser Angelegenheit kommt's auf die Hausfrau an,« sagte
-der Kaufmann. »Wenn es dir nicht recht ist, dann nicht.«
-
-»Mein Gott, recht ist -- recht ist!« entgegnete sie gutmütig greinend.
-»Wenn ein gutes Werk geschieht, das muß einem wohl immer recht sein.«
-
-Da klatschte Alfons die Hände zusammen und rief in aller Lustigkeit
-aus: »Die Mama! Jetzt hat sie ein kleines Kind bekommen!« Und schon
-lange nicht mehr, wenn er des Abends auf sein Zimmer ging, klang's so
-warm und froh wie heute: »Gute Nacht, Vater! Gute Nacht, Mutter!«
-
- * * * * *
-
-Nun war der kleine Richard im Hause Marands. Anfangs gab es
-Unebenheiten im Haushalte. Ein Kind, und es mag noch so klein sein,
-beherrscht das Haus. Aber sie ertrugen es. Hatten sie sich's doch
-selbst eingebrockt. Der Vater hatte es im Hause haben wollen, die
-Mutter hatte ja gesagt. Alle vormundlichen Laufereien des beschäftigten
-Kaufmannes hatten ein Ende, das Gericht sagte nichts weiter, denn es
-wußte die Waise in guter Hut. Alfons war jetzt fast immer zu Hause, er
-brachte manche Stunde im Gartenzimmer zu und spielte mit dem Knaben,
-der von Woche zu Woche prächtiger gedieh und ein sehr schönes Kind war.
-Und selbst zur Zeit, wenn andere Studenten in der Kneipe saßen, blieb
-Alfons daheim und spielte mit dem Kind.
-
-Nach ein paar Jahren war der Knabe ein gesundes, kräftiges Menschlein
-geworden. Ein lieber kleiner Kerl. Das Haar war nachgedunkelt, die
-langen Augenwimpern und Brauen waren pechschwarz und die großen
-runden Augen schauten frisch und kindlich in die gute Welt hinaus,
-die liebevoll um ihn aufgerichtet worden war. Nun bekam er die erste
-Hose und das übrige dazu -- einen »Matrosenanzug« mit den flotten
-Schulterklappen und den goldenen Ankern daran, und das Käppchen, wie es
-ähnlich einst auch Alfons gehabt.
-
-Zur Zeit fiel Josef Marands sechzigster Geburtstag.
-
-Am Vorabende lud der Jubilar seine Frau und seinen Sohn zu einer
-Besprechung ein.
-
-»Ich hätte einen Wunsch,« sagte er, »aber ich fürchte, ihr werdet
-nicht damit einverstanden sein. Besonders du nicht, Alfons: Denn für
-dich bedeutet es eine Einbuße. Übrigens -- du könntest ja auch fünf
-Geschwister haben, oder acht, oder mehr. Einen Bruder verträgst du
-spielend.«
-
-Jetzt hob die Frau ihre Hand und wollte ihm den Mund zuhalten.
-
-»Lasset mich bloß ausreden,« sagte er ernsthaft. -- -- »Wenn wir den
-Richard ganz adoptieren wollten? Was denket ihr?«
-
-Nun konnte Alfons sich nicht mehr halten. Laut lachend fiel er dem
-Alten um den Hals und umarmte die Mutter und küßte sie und lachte und
-rief endlich aus: »Papa! Mama! also ihr wisset alles? Ihr wisset alles?«
-
-Sie stutzten und schauten ihn an. Nichts wußten sie. Aber als jetzt
-der kleine Richard zur Tür hereinhüpfte, im neuen Kleidchen und hell
-lachend auf Mama zu, kreischte das Kaufmannsfrauchen auf: »Marand,
-Josef! Das ist ja der Fonserl!«
-
-Da wußten sie alles.
-
-
-
-
-Der Mädeljäger.
-
-
-Am oberen Rande des Tales, wo es sich einengt in eine Felsenschlucht,
-aus der ein grünlicher Gebirgsbach hervorbraust, steht Schreckenburg.
-Es ist eigentlich keine Stadt und eigentlich kein Dorf, es ist eben
-ein »größerer Ort«. Die Einwohner treiben Gewerbe und Landwirtschaft,
-scheiden sich aber durchaus nicht etwa in Bürger und Bauern. Vater und
-Kinder, Hausherren und Knechte, Meister und Gesellen, darin liegt der
-Ständeunterschied von Schreckenburg. Wohl haben sie einen Fürsten,
-aber auch der hohe Herr ist nichts anderes als Vater. Die Herren von
-Schreckenburg sind ein altes Geschlecht, schon zur Zeit der Kreuzzüge,
-heißt es, wäre ihre Burg, deren rauchgrauer Ruinenzahn dort an der
-Felswand klebt, der Schrecken des fahrenden Volkes gewesen. Wenn man
-der Historia glauben darf, und man soll es sogar, so haben es die
-Schreckenburger seit jenen alten Zeiten verstanden, sich Achtung zu
-verschaffen in der Welt. Große Reiche sind entstanden und gestürzt
-worden, das Erzfürstentum Schreckenburg stand und blieb stehen im
-schönen Gebirgstal an der Luser. Der letzte Vorfahre des zur Zeit
-dieser Geschichte regierenden Fürsten hatte noch hundertundzehn
-Söldlinge gehabt, und ist von den Millionenheeren der Erde nicht
-angegriffen worden. Unser Fürst Othmar III. befehligt zur Zeit der
-Not ein Heer von zweiunddreißig Mann, davon vier zu Pferde! Aber die
-Zeit der Not kommt nicht, die sonst so kriegslustige Welt hält sich
-in respektvoller Entfernung vor dem Erzfürstentum Schreckenburg. Die
-Armee ist fast ständig beurlaubt bis auf sechs Mann, wovon einer den
-Nachtwächterdienst besorgt. Einmal wurde in einem Winkel dieses
-Reiches ein unpassender Witz gemacht, Othmar III. rekrutiere lieber
-Mädeln als Burschen, und den Ausspruch hat der Fürst nicht als
-Majestätsbeleidigung ahnden lassen. Die guten Leute von Schreckenburg
-lasen auch manchmal eine Zeitung, in der des Wunderbaren und Nützlichen
-viel berichtet wurde. Also erfuhren sie, daß in anderen Ländern die
-Staatsbürgersteuer eingeführt sein soll. So begab sich eines Tages eine
-Abordnung zum Fürsten und bat um die Gnade, daß auch im Erzfürstentum
-die Staatsbürgersteuer eingeführt werden möchte, maßen doch auch die
-Schreckenburger treue Staatsbürger wären und seit jeher bereit, für
-ihren durchlauchtigsten Herrn Blut und Leben zu opfern. Es fange das
-Gewerbe an, einigermaßen darniederzuliegen, weil in der Welt zu viel
-Fabriken gebaut würden, es sinke von Jahr zu Jahr der Viehpreis, weil
-jedes Land schon mehr und mehr sein eigenes Vieh hätte, kurz, es
-verschlechterten sich die Zeiten, und darum bäten sie untertänigst um
-die Einführung der Steuer. Der Fürst soll sie darauf in sehr gütiger
-Weise aufgeklärt haben, daß sich die Bittsteller in einem Irrtum
-befänden, wenn sie etwa glauben sollten, die Staatsbürgersteuer würde
-in anderen Ländern vom Fürsten geleistet an seine braven Untertanen;
-gerade das Gegenteil wäre der Fall, die Staatsbürger hätten die Steuer
-dem Fürsten und dem Staate zu leisten. Ob solcher Aufklärung waren
-die Abgeordneten sehr gedrückt, allein Othmar der Gütige legte dem
-Sprecher die Hand auf die Achsel und versicherte, für das Wohl seines
-Reiches auch fernerhin das möglichste zu tun, besonders im Straßenbau
-und in der Flußregulierung, auch trage er sich mit der Absicht, in
-Schreckenburg ein neues Universitätsgebäude errichten zu lassen.
-Darob waren die Abgeordneten sehr zufrieden, obschon sie wußten,
-daß die Universität nicht allzu ernst gemeint war. Der Fürst liebte
-es, in launigen Stunden das allerdings schon gebrechliche Volks- und
-Gewerbeschulgebäude zu Schreckenburg die Universität zu nennen. Wer
-wirklich in einer Hochschule die derbe körperliche Arbeit für eine
-spitzfindige Geistestätigkeit umtauschen wollte, der mußte ins Ausland
-gehen.
-
-Eines Brückenbaues wegen hatte der Schreckenburger nicht unbedrohlichen
-Konflikt mit einem nachbarlichen Herzog. Der hatte ein großes Reich
-und viele Mannen, war aber nicht zu bewegen, sich mitzubeteiligen am
-Bau einer Grenzbrücke über die Luser. Für das Fürstentum war diese
-Brücke schier die einzige Verbindung mit der weiten Welt. Der Herzog
-aber sagte, er habe in Schreckenburg nichts zu suchen und brauche keine
-Brücke hinüber. Das war der Kriegsfall. Othmar bot seinen Heerbann auf
-und zog auf Umwegen, da die neue Brücke eben noch nicht gebaut war, gen
-die herzogliche Residenz, um sie zu belagern. Als die zweiunddreißig
-Mann mit ihren Spießen sich dräuend vor dem Tore aufgestellt hatten,
-schickte der Herzog einen Gesandten herab. Das war ein Edelknabe, und
-der lud im Namen seines Herrn den Feind samt und sonders auf einen
-Löffel Suppe ein. Durch das geöffnete Tor konnte man in das Innere des
-großen Platzes schauen, der mit wohlausgerüsteten Kriegern versehen
-war, an der Zahl vielfach den Belagerern überlegen und versorgt mit
-allen schrecklichen Pulverwaffen der Neuzeit. Fürst Othmar soll
-hieraus »Kehrt euch!« kommandiert haben und an der Spitze seiner
-Armee friedlich heimwärts gezogen sein. Aus Anlaß dieses glücklichen
-Feldzuges, aus welchem alle Mann frisch und munter heimgekehrt waren,
-haben die dankbaren Schreckenburger ihrem klugen Feldherrn ein Denkmal
-aus Erz errichtet. Es ragt mitten auf dem Marktplatz empor und zeigt
-den Fürsten auf dem Pferde, angetan mit allem Ehrenschmucke seiner
-Erzherrlichkeit, in welcher der schlichte Herr sonst gar nicht mehr zu
-sehen war.
-
-Othmar der Gütige war in seiner Jugend viel auf Reisen gewesen, in
-allen Weltteilen, und stets bei Königen und Kaisern zu Tische geladen,
-was die Schreckenburger mit besonderem Stolze erfüllte. Auch ging
-im Reiche die erhebende Mär um, daß der durchlauchtigste Herr von
-Schreckenburg mit allen Potentaten der Welt brüderlich auf du und du
-stehe.
-
-Um so einfacher gab der Fürst sich zu Hause.
-
-Sein Schloß, welches außerhalb des Ortes auf einer Anhöhe stand, hätte
-jeder Fremde für ein stattliches Gutsgehöfte gehalten, wenn nicht
-über dem Tore das Wappen der Schreckenburger, ein dreiköpfiger Adler,
-angebracht gewesen wäre. Es war teils aus Stein, teils aus Holz gebaut,
-hatte einen halb um das Gebäude herumlaufenden Söller, helle viereckige
-Fenster, etwa dreißig an der Zahl, und über dem flachen Schindeldach
-ein zierliches Türmchen für ein Glöcklein, das den Nimbus einer
-Sturmglocke trug, tatsächlich aber nur zu den Tageszeiten geläutet
-wurde. Ein Gehöfte mit Viehstand und Scheunen lag hinter dem Wohnhause
-in behäbiger Breite da, belebt mit zahlreichem regsamen Gesinde.
-
-Der Haushalt des Fürsten war der eines wohlhabenden Gutsbesitzers und
-bestand aus sieben Personen, den Hausknecht mit eingerechnet, der, wenn
-es Gäste gab, im verbrämten Wolfspelz mit Stab und Reichsapfel am Tore
-zu stehen hatte.
-
-Der Fürst war ein Mann in jenen Jahren, da das Haupthaar voran zu
-schüttern und hinten zu grauen beginnt. Er war stets glatt rasiert
-und trug eine goldene Brille. Er ging in grauem oder, wenn es Sonntag
-war, in schwarzem Tuchanzuge herum und war mit Ausnahme des Propstes
-und des Reichshauptmannes der einzige im Reiche, der gewichste Stiefel
-trug. Wenn er zu Fuß durch das Fürstentum wandelte, lief alles, jung
-und alt, auf ihn zu und küßte ihm die Hand. Wenn er zu Pferde langsam
-dahintrabte, da wurden die Gesichter der guten Schreckenburger ganz
-leuchtend vor Stolz, denn jetzt war er der, so auf dem Marktplatze
-stand in Erz für alle Zeiten. In Wahrheit schaute der Fürst aber auf
-dem Pferde aus wie ein freundlicher Landarzt, der zu einem Kranken
-reitet. Beweibet war Erzfürst Othmar III. nicht, noch immer nicht,
-obwohl er gegen Frauen, und selbst wenn sie dem kleinen Gewerbestand
-angehörten, eine gewisse ritterliche Ehrerbietigkeit beobachtete.
-Die Ehrerbietigkeit ließen sich die Eheherren und Liebhaber der
-Schreckenburger Schönen noch leidlich gefallen, wenn der Fürst aber
-artig wurde und den Weibchen die Wange kneipte, da empfanden sie so
-etwas wie die Jakobiner zu Paris vor hundert Jahren. Doch muß gesagt
-werden, daß der Fürst es sich stets angelegen sein ließ, seinen
-Untertanen ein würdiges Vorbild von Rechtschaffenheit abzugeben. Für
-einen Seelenkenner wäre es vielleicht nicht unschwer zu merken gewesen,
-daß Fürst Othmar die Vereinsamung bereits zu fühlen begann. Nicht
-so sehr die Vereinsamung auf dem Throne, denn die ist der Gekrönte
-gewohnt, als vielmehr die Vereinsamung im Gemache und des nahenden
-Alters.
-
-Eines Tages war er unten im Tale in ein altes Bauernhaus getreten, um
-mit dem Nachbar eine wirtschaftliche Angelegenheit zu besprechen. Da
-fielen ihm die stattlichen Kästen und Truhen auf, die in der Stube
-standen. Sie gefielen ihm, sie würden seinem Hause, das seit den
-zerstörenden Bauernkriegen nicht an Überfülle von Prunkgegenständen
-litt, ein freundlicher Schmuck sein. Er fragte den Bauern, ob er ihm
-diese schöngebauten, festgefügten und kunstvoll geschnitzten Kästen
-nicht verkaufen wolle?
-
-»Ah nein, gnädiger Herr,« antwortete der alte Landmann, »die Kästen da
-geben wir nicht her, sie sollen schon im Haus bleiben für unsere Kinder
-und Kindeskinder.«
-
-»Diese können sich ja wieder welche machen lassen,« meinte der Fürst.
-
-Der Bauer schüttelte den Kopf, das würde nicht gut gehen. Die jungen
-Zimmerleute nennten sich zwar jetzt fürnehm Meistertischler, brächten
-so was aber nicht mehr zuwege; sie hätten keine Geduld dazu und auch
-nicht den Schick. Bei denen müsse ein Kasten in acht Tagen fertig sein,
-gleich aus jungem Holz, wie es der Förster vom Wald verkauft. »Nachher
-kreistet's und kracht's, nach einem Jahr kann man die Finger in die
-Fugen und Sprünge stecken, die Kastenwand kriegt einen Buckel wie das
-Kameltier oder eine Mulde wie die Fleischhackerschüssel. Ah nein, die
-alten Kästen geben wir nicht her.«
-
-Der Fürst hat auf solchen Bescheid seines Untertans zu Boden gestarrt
-und vielleicht sogar mit einer gewissen Wehmut der guten alten Zeit
-gedacht, da man so schöne Tischlerarbeit machte, und da man solch
-schöne Tischlerarbeit den Untertanen gelassen wegnehmen konnte.
-
-Als hierauf die Hausmutter in die Stube trat, um mit Weißbrot und
-gelber Butter den Landesvater zu ehren, sagte zu ihr der Bauer: »Das
-ist mir rechtschaffen zuwider, Brigitta. Unser Herr hat Gefallen an
-diesen Kästen, und wir mögen sie nicht weggeben.«
-
-Die Hausmutter sprach: »Da wird leicht geholfen sein. Diese Kästen
-hat der Zimmermann Reimar gemacht vor dreißig Jahren, wie wir zusammen
-geheiratet haben, und der Reimar lebt noch. -- Gnädiger Herr, bitt' gar
-schön, ein Stückel Brot und ein Batzel Butter nicht zu verschmähen.«
-
-Der Fürst setzte sich an den Tisch und griff zu. Dieweilen wurde nach
-dem Zimmermann Reimar geschickt. Der hatte einen krummen Fuß, kam am
-Abend in den Fürstenhof und blieb dort. Er ist dort geblieben etliche
-Jahre lang. Er hat zeitweilig einen Gesellen mitbeschäftigt, die
-längste Weile aber allein gearbeitet, er hat dem Landesfürsten das
-Haus eingerichtet. Die drei großen Stuben waren schon von alters her
-mit gutem Holz und schlichtem Schnitzwerk ausgetäfelt und geziert,
-so wollte der Fürst noch ein Nebengemach traulich einrichten lassen
-mit Täfelung, Truhen und Kästen und einem geräumigen Himmelbette.
-Da hatte also der alte Reimar zu schaffen. Er ließ sich gute Weile
-dabei und baute. Er baute ein Wandgesimse, eine Gerätetruhe, zwei
-breite Gewandkästen, eine Ofenbank, einen Uhrkasten und endlich das
-stattliche Himmelbett mit dem Hute darüber, dessen jede Ecke versehen
-wurde mit dem Ornamente des dreiköpfigen Adlers. Er arbeitete ohne
-Vorbild und Pläne, die Zeichnungen machte er gleich mit Zimmerfarbe und
-Reißblei aufs Bau- oder Schnitzholz. Und dieses Holz war an zwanzig
-Jahre unter dem Dachvorsprung einer Scheune, hoch an der luftigen Wand
-gelegen, um gehörig austrocknen zu können. Der alte Reimar hatte ein
-Sprichwort: Der Bräutigam soll seine Braut und der Zimmermann sein
-Holz sieben Jahre lang kennen, bevor er anhebt. An grünem Holz tat er
-nicht einen Handgriff. Mit dem Hammer schlug er an den Block: Klingt's
-gut, so wollen wir in Gottes Namen anfangen! Die größte Stube des
-Hauses hatte er sich zur Werkstatt erkoren, da hobelte er, schnitt
-und schnitzte. Häufig saß der Fürst da und schaute dem weißhaarigen
-Meister in Hemdärmeln und mit dem Lederschurz bei der Arbeit zu. Die
-ging wie ein langsames Uhrwerk, aber jeder Handgriff hatte einen Zweck
-und eine Folge. Dabei war der Mann so behaglich und heiter, sagte
-manchmal ein spaßhaftes Wort, während sein altes Auge an der Arbeit
-haftete. Dem Fürsten tat der Anblick wohl, wie da ein kleiner Mann aus
-dem Volke seine Seele gleichsam in ein Kunstwerk umgestaltete, in dem
-sie fortleben wird, vielleicht länger als die Geschlechter, die an dem
-Werke mit Bewunderung und Liebe vorübergehen. Mehrmals geschah es,
-daß der Fürst sich sogar an den Tisch setzte, wo der Reimar sein Mahl
-einnahm. Denn mit dem Gesinde aß nur der Geselle, der Meister zog es
-vor, allein zu sein und machte auch mit dem Herrn nicht allzu viele
-Höflichkeiten. Wenn der Fürst das Butzenscheibenfenster des Erkers
-öffnete, so überblickte er sein Reich; der Zimmermann hätte das von
-sich nicht sagen können, er hatte sein Lebtag auch in anderen Tälern,
-selbst drüben im Herzogtume Häuser gebaut. Fürsten +kann+ es geben,
-Zimmerleute +muß+ es geben. Also fühlte er sich in dieser Burg nicht
-besonders untertänig.
-
-Eines Tages kam der Fischerjunge Winard ins Haus und brachte auf dem
-Rücken eine Fischlagel mit, in der Wasser schwupperte. Er grüßte in der
-Stube ehrerbietig den Meister Reimar und fragte dem gnädigen Herrn nach.
-
-Der alte Diener war vorhanden und berichtete, Seine Durchlaucht könnten
-jetzt nicht gestört werden, sie wären just beim Regieren.
-
-»Wenn's nichts anders ist, so soll er nur herauskommen,« sagte der
-kühnliche Bursche, »ich muß wissen, ob der gnädige Herr die Forellen
-selber haben will, oder ob ich damit um ein Häusel weiter gehen soll.
-Heute ist Freitag, und morgen bringe ich sie nicht mehr an.«
-
-Der Diener ging hinein, um das zu melden, da entschuldigte sich
-der Fürst artig vor seinem Ministerium, das aus dem Propste, dem
-Kreishauptmanne und dem Meister Grobschmied bestand, ging hinaus und
-ließ sich die Fische zeigen. Es waren stattliche Tiere und glitten
-munter in ihrem nassen Gemach auf und nieder.
-
-»Sind sie nicht zu jung?«
-
-»Ich bin zwanzig, gnädiger Herr,« antwortete der hübsche Bursche.
-
-»Die Forellen meine ich.«
-
-»Ah so. Na, die werden nicht mehr besser.«
-
-»Gut, lasse sie da.«
-
-Am Abend desselben Tages war kein Gast vorhanden, und der Erzfürst saß
-bei den blaugesottenen Forellen allein. Er rief den Zimmermann, ob er
-Forellen liebe?
-
-Aber der Meister lag schon in seinem Bett und seufzte. In letzter
-Zeit litt er an der Gicht. So saß Seine Durchlaucht einsam da. Der
-Kammerdiener war brummig. Wenn die Tiere wenigstens lebendig gewesen
-wären. Aber sie lagen feierlich auf dem Silberteller, sie waren so
-sinnig mit einem grünen Kranz von Krautwerk umgeben, wie sich selbst
-ein Erzfürst keine schönere Aufbahrung wünschen könnte. -- Der Fürst
-fand am Essen kein Vergnügen, er stand vom Tische auf, faßte den
-silbernen Armleuchter und stellte sich damit vor den Spiegel. Seit
-einiger Zeit hatte er sich den Schnurrbart wachsen lassen, der war
-durchaus noch nicht grau, sondern hübsch nußbraun, wie der Meister
-Reimar die Kästen streicht. Aber was anfangen? In der Jugend hatte er
-wohl gelernt, wie man Weiber gewinnt, doch wie man um ein Weib freit,
-das schien ihm eine verdammt heikle Aufgabe. In solchem Falle kann
-der Herrscher nicht einmal seine Geheimräte zu Rate ziehen. Das kommt
-nun davon, daß er mit den Nachbarspotentaten den Verkehr so völlig
-vernachlässigt hat. Übrigens hatte der Fürst auf seinen Weltreisen
-Reiche kennen gelernt, deren mächtige Herrscher sich in der Wahl einer
-Ehefrau durchaus nicht einschränken lassen. Bei uns ist dem Prinzen
-eine Prinzessin vorgeschrieben. Zwei Gekrönte auf +einem+ Thron, ist
-das aristokratisch?
-
-Am nächsten Tage trat der Fürst gelegentlich in die Tischlerwerkstatt,
-um der Arbeit des Alten zuzusehen, der nur das Zimmerhandwerk gelernt
-hatte und nun die edelsten Tischlerarbeiten schuf. Meister Reimar lag
-aber im Bette, und ein Mädchen war da, das ihn pflegte. Das machte sich
-gar nichts draus, als der gnädige Herr eintrat, sondern beschäftigte
-sich eifrig damit, dem Alten warme Tücher um die Beine zu winden und
-ihm die Kissen zurecht zu legen. Dieses Mädchen hatte ein Haar wie
-Seide. Wie Naturseide, so lichtgelb und zart. Das waren gar keine
-Haarfäden mehr, das war purer Flaum; so wallte es hinter den rundlichen
-Achseln hinab, und in der Mitte war es lose zusammengehalten mit
-einem blauen Bändchen. Der Fürst ging hinaus in seinen Tiergarten,
-dort hatte er etliche Hirsche und Rehe drinnen und in einem hohen
-Drahtgeflechte zwei Fasanen. Die Hirsche waren noch nicht zahm, flohen
-mit hochgetragenem Gestämme ins Dickicht. Ein klaräugiges Rehlein blieb
-vor dem hohen Besuche stehen, ohne irgendein Zeichen von Angst oder
-Ehrfurcht. Der Fürst legte gesalzenes Brot in die hohle Hand und hielt
-es ihm vor. Das Reh schnupperte hin, fraß es aber nicht. Da trat ein
-junger Mensch hinzu und sagte: »Wetten wir was, gnädiger Herr, von mir
-nimmt es das Brot!«
-
-»Kümmere dich um deine Forellen!« sprach der Herr und wandte sich ab,
-denn der dreiste Ton des Burschen war ihm zuwider. Diesen Fischerjungen
-muß man unter die Soldaten stecken, daß er Manier lerne. --
-
-»Na, Alter, klappt's heute mit den Beinen?« fragte Seine Durchlaucht an
-einem nächsten Tage, als Meister Reimar wieder bei der Arbeit war.
-
-»Schön Dank, gnädiger Herr, es tut's wieder.«
-
-»Das Alter zwickt wohl schon ein bißchen?«
-
-»Ah, des Alters wegen möcht's schon noch passieren.«
-
-»Wie alt seid Ihr denn, Reimar?«
-
-»Zu Martini achtundsiebzig.«
-
-»Allen Respekt. Ich meine für das, was Ihr noch leistet.«
-
-»Solang' mich die Augen nicht verlassen ...«
-
-»Saget, Meister, wer war denn das junge Frauenzimmer, das Euch so
-sorgfältig gepflegt hat vor etlichen Tagen?«
-
-»Die Hedwig meinen der gnädige Herr. Muß wohl recht um Verzeihung
-bitten. Mir hätte schon auch im Haus keine Wartung gefehlt, aber wenn
-ein Kind einem zugeht, das kann man nicht wehren, muß einen noch
-freuen.«
-
-»Es war doch kein Kind mehr,« sagte der Fürst. »Mag wohl schon an
-siebzehnmal über Silvester gesprungen sein.«
-
-»Es ist so, gnädiger Herr, meine Enkelin lauft schon im achtzehnten um.«
-
-»Euere Enkelin? Sagtet Ihr nicht letzthin, daß Ihr ein alter
-Junggeselle wäret?« fragte der Fürst.
-
-»Wie man halt eben so sagt,« antwortete der Zimmermann, »ist nur damit
-gemeint, daß ich nie verheiratet gewesen bin.«
-
-»Und eine Enkelin, sagt Ihr?«
-
-»Ja mein!« rief der Alte aus, dieweilen er mit dem Reifmesser an einem
-dreiköpfigen Adler herumschnitzte, »in dieser Sache hat sich der Mensch
-nicht zu beklagen, da ist alleweil Segen Gottes genug vorhanden.«
-
-»Ist sie ein Tochterkind?«
-
-»Ein Sohnkind, gnädiger Herr. Aber ehelicherweis. Mein Sohn ist braver
-gewesen wie ich.«
-
-Der Fürst wandelte hernach in der Pappelallee auf und ab, die Hände
-am Rücken, das Haupt gesenkt. Seine verflogene Jugend hatte ihm kein
-solches Glück aufbewahrt. Wenn er einmal an der Gicht darniederliegt,
-wird ihm keine Enkelin warme Tücher um die Beine winden.
-
-Von dieser Zeit an forschte Othmar III., wann der Zimmermann Reimar
-denn wieder einmal an der Gicht darniederliegen würde. Der ließ darauf
-warten. Hingegen kam eine sehr schöne Fronleichnamsprozession. An
-diesem Tage pflegte zu Schreckenburg aller Pomp entfaltet zu werden,
-den der Ort aufbrachte. In früherer Zeit war auch der Hofstaat
-ausgerückt, der Erzfürst in seiner vollsten Würde, Prinzen und
-Prinzessinnen, Edelknaben und Zofen, da strahlten an den Mänteln
-und Roben die Goldspangen, an den Diademen die Diamanten. Das war
-längst nicht mehr. Zur Zeit des schlichten Volksfürsten Othmar III.
-gab es derlei nicht zu sehen. In seinem schwarzen bürgerlichen
-Gewande, begleitet von den Spitzen der Behörden, ging er hinter dem
-Baldachin einher, sein entblößtes Haupt blinkte diesmal in der Sonne
-silberiger als je. Seine Andacht war an diesem Fronleichnamsfeste
-keine gewöhnliche. Vor der Priesterschaft wallten in langen weißen
-Gewändern vier Kranzjungfrauen dahin, die auf rotseidenen Kissen die
-Marterwerkzeuge Christi trugen. Diese Jungfrauen waren alle schön und
-blühend wie der Mai, aber eine davon war anders als die übrigen. Sie
-überragte die anderen um eine halbe Kopflänge, ihr Haar wallte wie
-eine lichte Seidenwelle über den Nacken hinab. Ihre Wangen waren wie
-die Blüte des Apfelbaums, ihr Haupt senkte sie nicht, wie die drei
-Genossinnen taten, zu Boden, aufrecht trug sie es, und ihr großes
-Auge mit dem feuchten Glanze schaute vor sich hin gegen die Berge,
-auf welchen der Himmel ruhte. Würdevoll wie eine Königin. Sie trug
-auf ihrem Kissen die Dornenkrone des Heilandes. Das ist die Krone des
-Volkes. Hat der Erzfürst eine bessere?
-
-»Das Adlerschnitzen geht Euch gut von der Hand,« sagte am nächsten Tage
-der Fürst zum Zimmermann. Dieser hatte gerade wieder den dreiköpfigen
-in der Arbeit für das Himmelbett.
-
-»Na, wohl doch nicht, gnädiger Herr. Das ist ein vertracktes Vieh. Da
-könnt's wohl auch passieren, daß man das Tier gar nicht erkennt, wie es
-dem alten Herzog drüben ergangen ist mit seinem zweiköpfigen. Dem hat
-sein Jäger einmal vom Hochgebirg einen Adler heimgebracht. So, das soll
-ein Adler sein? ruft der Herzog dem Jäger zu, du mit deinem Jägerlatein
-bleibe mir vom Leib! Glaubst du, ich kenne den Adler nicht? Ein Adler
-hat +zwei+ Köpfe.«
-
-»Und unserer hat drei,« lachte der Fürst, belustigt von dem
-Spottgeschichtchen, das man über seinen Nachbar erzählte. Dann sprang
-er über: »Was meint Ihr, Meister, sollten die hohen Herrschaften aus
-ihren Wappen nicht einmal das Tier herausnehmen und den Menschen
-hineingeben?«
-
-»Oho, den brächte unsereiner noch weniger zuweg. Der Mensch, heißt es,
-soll in der Kunst das allerschwerste sein.«
-
-»Es müßte ja gerade kein geschnitzter sein? Vielmehr ein lebendiger,
-wie ihn Gott erschaffen hat! Was meint Ihr dazu?«
-
-»He he,« lachte der Alte, wie auf einen Spaß.
-
-Der Fürst rückte dem Zimmermann näher und setzte sich auf das
-Hinterteil der Schnitzbank. Plötzlich sagte er: »Meister Reimar, machet
-Feierabend für heute. Wir wollen einmal eins plaudern mitsammen.«
-
-Der Alte hing das Schnitzmesser an die Wand, befreite das dreiköpfige
-Ungeheuer aus der Zwänge und dachte: Wohl eine rechte Freud', so was.
-Wie unser gnädiger Herr gemein ist! In seiner Weise wollte er damit der
-Leutseligkeit des Fürsten ein Lob zudenken.
-
-»Wird Euch Eure Enkelin nicht bald wieder einmal besuchen? Wo wohnt sie
-denn? Nehmet sie doch ganz zu Euch, Vater Reimar, in diesem Hause ist
-Platz genug.«
-
-Der Antrag rührte den Alten fast zu Tränen.
-
-Eine Woche später war der Fürst bereits in der Lage, heimlich seine
-Studien zu machen an dem schönen heiteren Mädchen, das in dem Schlosse
-herumwirtschaftete, so geschickt, harmlos und fein, als wäre es darin
-geboren worden. Nach wenigen Tagen beherrschte es in Form einer
-fröhlichen Dienstfertigkeit die Beschließerin und die alte Kochfrau,
-ohne daß diese es merkten. Sie war die Unbefangenheit selber, auch dem
-Fürsten gegenüber. Dieser ging scharf drein, denn viel überflüssige
-Zeit war nicht mehr vorhanden. Eines Tages befahl er, das Frühstück
-solle ihm die Hedwig auf das Zimmer bringen. Und diese lud er ein:
-»Willst du nicht auch eine Tasse mit mir trinken?«
-
-»O Gott!« lachte das Mädel auf, »wann hab' ich heut' schon
-gefrühstückt! Das ist schon lang geschehen.«
-
-»So bist du am Ende wieder hungerig?«
-
-»Das tät' sich doch nicht schicken,« antwortete sie. »Wenn dem
-gnädigen Herrn schon allein die Zeit lang wird beim Frühstück, so
-soll er halt eine gnädige Frau dazu nehmen.« Das sagte sie munter und
-harmlos hin. Der Fürst aber stand auf und trat rasch auf sie zu. So
-rasch, daß sie erschrocken einen Schritt zurückwich. »Hedwig!« sagte er
-leise, und sonst nichts -- kein Wort. Sie verließ schnell das Zimmer.
-
-Der Kammerdiener des Fürsten bat noch an demselben Tage um seinen
-Abschied. Wenn ihm gar schon eine Bauerndrulle vorgezogen werde zur
-Bedienung! Man hätte es ihm gar so deutlich nicht zu machen gebraucht,
-auch etwas weniger deutlich hätte er verstanden, daß er überflüssig
-geworden sei ... Laut grölend wandte er sich gegen die Wand.
-
-»Franz,« sprach der Fürst zu ihm mit gütiger Stimme, »Franz, du bist
-ein altes Schaf.« Das alte Schaf hat den Abschied nicht erhalten. --
-
-»Herr Reimar! Herr Hoftischlermeister!« rief es eines Tages hinter
-ihm, als der Zimmermann zur Dämmerstunde durch den ruhsamen Park ging
-und sein Abendgebet verrichtete. Und als er sich umwandte, sah er, wie
-ein junger Mann auf ihn zueilte. Es war aber der Fürst, der so flinke
-Schritte machte und so frisch aufgelegt war.
-
-»Herr Tischlermeister!« fuhr der nahekommende Herr fort, »wollt Ihr ein
-schönes Märchen hören? Es ist sehr alt, vielleicht kennt Ihr es schon
-von der Mutter her.«
-
-Der Zimmermann blieb ehrerbietig stehen und horchte.
-
-»Es war einmal ein König,« begann der Fürst, den Alten am Arm nehmend
-und mit ihm zwischen den Ahornen dahinschreitend, »dieser König war
-sehr mächtig und hatte viele Städte voll von Untertanen. Er aber wohnte
-in einem großen Schlosse und war einsam. Wisset Ihr, was das ist:
-Einsamkeit?«
-
-»Ich kann mir's denken,« sagte der Zimmermann, »das ist Langeweile. Ich
-hab' sie weiter nie gehabt.«
-
-»Aber der König hat sie gehabt, Reimar! Als er jedoch ans Freien
-dachte, da fiel ihm das Rätsel ein. Kennt Ihr es? Was ist das, Meister:
-Gott sieht's nie, der König selten, der Bauer alle Tag?«
-
-»Hoho, das wird wohl seinesgleichen sein!« entgegnete der Zimmermann.
-
-»Seinesgleichen, gut. Also sah der König sehr selten seinesgleichen
-und unter den wenigen Prinzessinnen gefiel ihm keine. Er trug sich in
-ganz eigentümlichen Meinungen über das Weib. Er wollte eine Besondere
-haben. Die Richtige ist nicht gleich die Erstbeste von seinesgleichen.
-Er wollte eine große Auswahl haben, um seine Einzige sicher zu finden.
-Er dachte an denjenigen, der seinesgleichen alle Tage sieht.«
-
-»So hätte er sich ein feines Bauernmädel aussuchen sollen,« meinte der
-Zimmermann.
-
-Der Fürst blieb plötzlich stehen, kneipte den Alten am Arm und sagte:
-»Das hat er getan.«
-
-Der Zimmermann zog's ins Bedenkliche und sprach: »Wenn das Bauernmädel
-klug ist? Ich wollt' mich doch erst besinnen, ob ich einem König die
-Hand geben möchte.«
-
-»Wisset Ihr,« sagte der Fürst, »der Mensch hat zwei Hände. Auch der
-König. Geht eine Verbindung zur rechten Hand nicht, so geht sie
-vielleicht zur linken. Meinet Ihr nicht auch so?«
-
-»Hab' es wohl einmal gehört,« meinte nun der Alte. »Zur linken Hand.
-Verstehe aber den Unterschied nicht.«
-
-»Ich auch nicht, Meister. Aber wir drehen uns um die Sonne und wissen
-nicht warum. So drehen wir uns um Sitten, für den einen haben sie Sinn,
-für den anderen nicht. Tatsache ist, daß der Fürst ein Kind aus dem
-Volke freien will ...«
-
-Der Zimmermann schwieg. Es wurde ihm unheimlich. -- Diese hohen Herren!
-Sie mögen sonst noch so brav sein, in dem einen Punkt denken sie
-leichter, als andere Leute! -- An seine Hedwig dachte der Alte, da
-wurde ihm heiß in der Brust. Am Ende ist's doch gefehlt, daß sie im
-Schlosse wohnt. Sie ist ein heiteres dummes Ding und weiß nichts. Man
-muß sie heim zum Vater schicken. --
-
-Der Fürst nahm sich jeden Morgen vor, an diesem Tage mit Hedwig ein
-entscheidendes Wort zu sprechen. Aber zum Teufel, das war schwerer,
-als er es sich gedacht hatte. Auf dem Wege des Scherzes hatte er's
-schon versucht, dabei kam er nicht weit, das Mädel wußte sehr klug zu
-parieren. Ob sie nicht eine Erzfürstin sein möchte? war eines Tages,
-als sie mit dem Wedel die Ahnenbilder abstaubte, seine Frage.
-
-»Das wär' mir nicht zuwider,« antwortete sie, »da wollt' ich mir
-gleich einen schönen Erzfürsten nehmen.« Dabei versetzte sie einem
-graubärtigen Ahnen mit dem Wedel eins ins Gesicht. -- Und der hohe Herr
-verschob es klüglich, mit ihr zu sprechen. Eines Morgens war sie fort.
-Sie hätte heim müssen ins Elternhäuschen, um die Ziegen auf die Weide
-zu führen. Die Ziegen!
-
-Mit finsterer Stirn trat der Fürst in die Werkstatt. Der alte Reimar
-war just daran, das Himmelbett zu streichen.
-
-»Wieder braun und wieder braun!« rief der Fürst. »Muß denn alles dunkel
-sein? Das Bett will ich blau haben, himmelblau. Warum fragt Ihr mich
-nicht, wie ich's haben will, wenn Euch der gute Geschmack fehlt? Oder
-traut Ihr dem meinen nicht? Mißtrauen! Ich glaube fast, man mißtraut
-mir. Das möchte ich erst sehen, nach wessen Willen es zu gehen hat in
-meinem Hause, in meinem Staate!«
-
-Verblüfft schaute der Zimmermann drein, dann antwortete er: »Nach dem
-meinen nicht. Ich hab's auch nur aus Gefälligkeit getan.« Legte den
-Pinsel weg und packte sein Werkzeug zusammen. -- An der einen Seite ist
-das Himmelbett braun gestrichen, an der anderen Seite lacht uns noch
-heute das nackte Holz an, erzählend vom beleidigten Handwerksmann, der
-dem Fürsten plötzlich die Arbeit aufgesagt hat. Und da soll noch einer
-behaupten, dieses Schreckenburg wäre kein moderner Staat!
-
-Dem Erzfürsten tat es heimlich weh, den Meister beleidigt zu haben,
-aber er holte ihn nicht zurück. Ein Fürstenwort ist nicht von heut'
-auf morgen. Doch ging er von dieser Zeit an häufiger auf die Jagd. Er
-ging über die Felder des Landmannes und schoß Haselhühner, er ging
-an den Fluß und fischte Forellen, er ging auf den Almweiden hin, wo
-die Rinderhirten und Ziegenhirtinnen sind, und schoß nichts. Da war
-es einmal am Wasser, daß der Fischerjunge Winard, der ihm die Lagel
-nachtrug, seine Schafpelzmütze abzog, die der Bursche auch im Sommer
-trug und jetzt zwischen den Händen knüllte, und daß er gar untertänig
-zum Fürsten die Worte sprach: »Gnädigster Herr! Ich bitt' schön, ich
-hätt' halt schon lang ein Anliegen!«
-
-»Was ist's, mein Sohn, was fehlt dir?« munterte ihn der Fürst
-freundlich auf. Er war ja selber kein Freund von Förmlichkeiten, und
-es war wahrlich nicht das erste Mal, daß er seinen Untertanen, wie er
-sie immer noch zu nennen pflegte, unter Gottes freiem Himmel Audienz
-erteilte.
-
-»Getrau' mir's halt frei nicht zu sagen. Es ist was recht Wichtiges
-...« So stotterte der Bursche.
-
-»Du weißt, was in meiner Macht steht ...«
-
-»In -- des gnädigen Herrn Macht tät's wohl stehen.«
-
-Jetzt blickte ihn der Fürst prüfend an. Er kannte den hübschen und
-klugen Jungen schon seit länger. Manchmal auch war er ihm schon zu keck
-gewesen. »Ist dir etwa deine Stelle nicht mehr gut genug? Ist dir der
-Sold zu gering?«
-
-Der Bursche wurde tiefrot im Gesicht und murmelte kaum verständlich:
-»So bin ich nicht, daß ich Geldes wegen meinen Herrn auf der freien
-Weide anginge ...«
-
-»Dann ist's ...« der Herr griff ihm ans Kinn und hob ihm das Haupt:
-»Schaue mich an, Knabe! Ist's die Liebe?«
-
-Neigte der Junge heftig den Kopf: Ja, das wär's, die Liebe.
-
-»Und dein Schatz will dich nicht? Ja, siehst du, das geht manchem so.«
-
-»Wollen tät' sie mich sonst schon,« gestand der Bursche, »aber 's hat
-ihr wer was in den Kopf gesetzt. Sie kunnt eine bessere Partie machen,
-sagt sie.«
-
-»Ich will dir etwas sagen, Junge. Den Nebenbuhler mußt du ausstechen.«
-
-Halb abgewendet antwortete der Bursche: »Er ist halt viel stärker als
-ich. Zwar das nicht, stärker nicht -- aber angesehener.«
-
-»Wohl ein Bauer?«
-
-»Das nicht.«
-
-»Gar ein Bürger?«
-
-»Wohl ein wenig mehr.«
-
-»Was tausend! Ein Gutsbesitzer?«
-
-»Und noch etwas dazu, gnädigster Herr.«
-
-»Zum Rätselraten sind wir beide nicht beisammen, mein Junge!« sagte der
-Fürst etwas ernster.
-
-»Ich glaub's auch gar nicht,« sprach der Bursche dreister. »Es geht nur
-so ein Gerede. Und die Leut' sind ganz wild darüber. Sie sagen, dafür
-tät' ein braves Bauernmadel zu gut sein. Aber die Weibsbilder setzen
-sich's gleich in den Kopf und glauben die größte Dummheit. -- Der
-gnädigste Herr wollt' sie haben, sagen sie ...«
-
-Das war jetzt für den Erzfürsten keine Kleinigkeit. In solcher Lage war
-er nie gewesen und von seinen Berufsgenossen auch kaum jemals einer.
-Darauf ist keine Hofetikette eingerichtet. In zorniger Erregung wählte
-er den kürzesten Weg und sprach sehr langsam und nachdrücklich: »Was
-sagst du? Diese Dreistigkeit geht doch über alle Begriffe! Ich rate dir
-...!« Mit dem Finger wies er in die Ferne.
-
-Jetzt ereignete es sich aber, daß der Bursche kerzengerade vor ihm
-stehen blieb, daß er mit den blonden Wimpern zuckte und trutzig das
-Wort sagte: »So ist es doch wahr ...«
-
-Der Fürst ging mit raschen Schritten dahin, der Bursche eilte ihm nach,
-glühend und bebend vor Aufregung rief er gellend: »Nachher setzt's
-was, gnädiger Herr! Die Hedwig laß ich nimmer, und wenn's meinen Kopf
-kostet.«
-
-Der Herr wandte sich noch einmal um und schaute sich das im
-Liebeswahnsinn brennende Menschenkind an.
-
-»Wer mir das Mädel untreu macht,« rief der Bursch, die Fäuste ballte
-er, »da setzt's was! Ich bin auch nicht allein. Ich hab' Kameraden!«
-
-Warf die Fischlagel zu Boden und sprang durch das Strauchwerk davon.
-
--- Erzfürst Othmar! Klang das nicht wie eine Kriegserklärung?
-
-Noch an demselben Tage, als die unerhörte Drohung gefallen war unten
-am Wasser, beschied der Fürst den Forst-, Jagd- und Fischermeister
-Jonathan zu sich und sprach mit diesem seinem Agrikulturminister
-längere Zeit. Er befragte ihn über die allgemeine Aufführung des
-Fischerjungen Winard.
-
-»Keine Klage,« antwortete der Forstmeister. »Soweit brav, aber ein
-Hitzkopf. Vor etlichen Wochen drei Tage lang im Kotter gebrummt.
-Raufhändel, Liebesgeschichten.«
-
-»Man nehme ihn zu den Soldaten.«
-
-»Schwerer Ersatz, gnädiger Herr!«
-
-»Man nehme ihn zu den Soldaten!« sagte der Fürst.
-
-Als der Forstmeister es dem Fischerjungen hinterbringen wollte, daß er
-durch allerhöchste Gnade in die Armee aufgenommen werde, war der Winard
-nicht mehr da. Die Vermutung lag nahe, daß er ins Ausland geflohen sei,
-denn er hatte ein Handbündel mitgenommen.
-
-Wenige Tage nachher brachte die Post dem Fürsten ein kunstvoll und doch
-unbehilflich gefaltetes Brieflein. Das war vom Fischerjungen, dem das
-Schreiben nicht arg vonstatten ging. Der ließ sich vernehmen wörtlich
-wie folgt:
-
- »Eier gnaden, gnädigster First und durchlauchdicker
- Herr!
-
- Mus woll tausendmal um verzeihin biten wegen letztmal aber i
- kan nit anderst und vonwegen dem Mädel kunt i schlecht wern.
- Ich bit Ihnen, se kriegn bessere, lassens mir de, i bit Ihna
- kniefellig, sunst weis nit, was gschicht. Da thät ma wull all
- zamhalden, wann unsri Madln, die Bauern Madeln nit mehr sicher
- gangeten. Schreims mir nur bar zeillen das i mich verlassen
- kann und mich wieder aufzeign kann und wil mein Dienst fleißi
- verichten. Gnedigster Herr unterdeniger Diner
-
- Winard Oberlimer.«
-
-Der Winard Oberlimer wartete nun auf das Antwortschreiben des Fürsten.
-Er wußte wohl, daß hohe Herren sich nicht so leicht herbeilassen, mit
-Arbeitsleuten Briefe zu wechseln, aber in einem so wichtigen Falle,
-dachte er, würde der gnädige Herr doch eine Ausnahme machen. Er wartete
-Tage und Tage, er konnte nicht mehr essen, nicht mehr schlafen. Wo
-er wartete, das wissen wir nicht, denn er hatte vergessen, in dem
-Briefe seinen Aufenthaltsort anzugeben. Auch der seidenhaarigen Hedwig
-hatte er geschrieben und ihr Vorwürfe gemacht darüber, weil sie,
-»die spottschlechte Person, sein glihend Hertz um eitel guld und ehr
-verkaufft« hätte. Die Hedwig wußte sein Versteck und antwortete ihm das
-Folgende:
-
- »Mein Lebtag wär's mir nit eingefallen, das von wegen dem
- Fürsten, wie du meinst. Wenn ich dich auch einmal mit ihm
- gereizt hab. Aber dein Schimpf- und Spottbrief auf mich zeigt
- nit von deiner grossen Lieb und jetzt thu ichs. Nit wegen eitel
- Guld und Ehr, wie du schreibst, sondern weil mir ein guter
- freundlicher Mensch lieber ist, wie ein Zornnickel. Deine Wäsch
- hab ich dir aufs letztemal gewaschen und geflickt und kannst
- sie abholen lassen. Mit Achtung
-
- Hedwig Sommerauer.«
-
-Nun war Feuer auf dem Dache. Beim Straßenwirt an der Brücke kamen an
-Sonntagen die Burschen des Tales gern zusammen. Jetzt war der Winard
-unter ihnen und warb Streiter. Um das Gerücht wußte jeder schon, so
-brauchte er ihnen nur den Brief der Hedwig vorzulesen, als Beweis wie
-es stand.
-
-»Kameraden!« rief er, »verlaßt's mich jetzt nit! Ihr wisset, wie
-wir uns gern gehabt haben, dieses Madel und ich. Und jetzt soll sie
-verdorben werden? Heiraten! Der Herr so eine von niedrigem Stamm?
-Wer's glaubt, ich nit. Und was mir geschieht, kann jedem geschehen.
-Einer allein kann nichts machen, der wird eingekottert. Zusammhalten!
-Verlaßt's mich nit, Kameraden!«
-
-Etliche gaben zu bedenken, daß es eine gewagte Sache sei. Andere
-überstimmten sie: »Untertanenpflicht und Treu haben wir allzeit
-gehalten. Und wenn uns der Fürst Othmar jetzt ruft: In den Krieg für
-euer Land, für euern Herrn! so wird nicht einer das Hundsfott sein und
-sich drücken. Aber wir leben nicht mehr in der alten Zeit, Gott sei
-Dank, wir haben die Freiheit! Wenn's um unsern Schatz geht, da halten
-wir zusammen, gegen wen der will! Wir verlassen dich nicht, Winard!«
-
-Der Nachtwächter im Ofenwinkel war schon lange unruhig gewesen, jetzt
-stand er auf, rüttelte am Ofengeländer, daß es klirrte und rief: »In
-diesem Tone kann ich nicht weiterreden lassen. Zerstreut euch!«
-
-Brüllendes Gelächter. Sie zerstreuten sich nicht, sie bestellten
-frischen Trunk. Nur einer ging fort, ein einziger, und das war der
-Nachtwächter. --
-
-Sachte entfalteten sich trübe Aussichten im Staate Schreckenburg.
-Die Leute waren ernster, mürrischer. Die Kirchen blieben leerer als
-sonst, die Wirtshäuser waren voll. Die Leute sangen nicht mehr ihre
-heiteren Lieder, sie steckten die Köpfe zusammen. Der Fürst bot den
-Heerbann auf. Nach wenigen Tagen teilte ihm der Kriegsminister, der
-in gewöhnlichen Zeitläuften das Grobschmiedgewerbe betrieb, mit
-bekümmerter Miene mit, daß im Reiche nicht alles so sei, wie es sein
-sollte.
-
-»Ist dieser Winard Oberlimer eingezogen?« fragte der Fürst.
-
-»Leider nein, gnädigster Herr. Der hat unten im Straßenwirtshaus
-an der Brücke ein förmliches Lager aufgeschlagen. Er hat Genossen.
-Sie haben den Verkehr mit den Nachbarsländern abgeschnitten, fangen
-die hereingehenden Waren ab, das Korn, den Wein. Unsere Holz- und
-Viehausfuhr ist gehemmt. Seit gestern ist auch die Post ausgeblieben.«
-
-Nun verlor der Fürst die Ruhe. »Sofort die Truppen zusammenziehen und
-die Wegelagerer aufheben.« Nach etlichen raschen Schritten über die
-Dielen hin riß er den Kopf heftig empor und rief: »Die Rädelsführer
-standrechtlich erschießen!«
-
-»Durchlauchtigster Herr,« sagte der Kriegsminister. »Schon vor drei
-Tagen sind die Reichstruppen einberufen worden. Aber -- es kommt
-niemand.«
-
-»Wie?« Der Fürst war starr vor Entsetzen.
-
-»Das Mannsvolk scheint sich alles beim Straßenwirt versammelt zu haben.«
-
-»Verschwörung? Revolte?« --
-
-Um diese Zeit war es, daß der König eines großen Nachbarreiches von
-dem Hochgebirge herabkam. Er war nach einer Reise aus den südlichen
-Gegenden heraufgekommen, hatte eine Gemsenjagd gehalten, dann einen
-hochgelegenen Luftkurort besucht, um seine dort weilende Schwester,
-die Prinzessin Aglaia, abzuholen und nach Hause zu begleiten. Der
-König hatte »seinen lieben Vetter«, Othmar III., benachrichtigen
-lassen, daß er in zwei Tagen durch Schreckenburg reisen werde. Da
-hieß es nun einmal, sich in den Hofstaat werfen! Die Reichstruhe
-wurde aufgemacht, und bald stand der Erzfürst da in seiner vollen
-angestammten Herrlichkeit. Die taffetnen Strümpfe hatten ein paar
-kleine Schabenschäden, hingegen prangten die Silberschnallen der
-Bandschuhe in untadelhaftem Glanze. Der seidene Rock hatte die Meinung
-grün zu sein, schillerte aber stellenweise mehr ins Gelbliche, als es
-bei einem charakterfesten Tuche unbedenklich ist. Die Lendenschärpe,
-die breite rotflammende Schleife über der Brust, die funkelnden Sterne
-und Kreuze schlichteten alles reichlich. Der goldene Kragen war
-allerdings etwas zu wulstig, um dem an Freiheit gewöhnten Herrn die
-Kopfbewegung uneingeschränkt zu gestatten. Auf dem stahlblinkenden
-Reichshelm prangte der dreiköpfige Adler und legte seine goldenen
-Flügel schwer zu beiden Seiten herab über die Ohren. Das Schwert war
-für Riesen geschmiedet worden und schleifte einigermaßen widerspenstig
-um die Ecke, wenn der Fürst eine Bewegung nach rechts oder links zu
-machen hatte. Die Quaste des Griffes baumelte unten bei den Knien
-aufsichtslos herum. -- Das Ganze war ziemlich überwältigend. Bettelhaft
-vor seinem königlichen Vetter zu stehen, das war des Fürsten Sorge
-nicht. Etwas ganz anderes trübte seinen Sinn. Bereits hatte er
-seine verfügbaren sechs Getreuen hinabgeschickt zum Straßenwirt mit
-dem Befehl, die Brücke freizugeben für allerhöchste Herrschaften,
-die an diesem Nachmittage durchreisen würden. Die Antwort, die sie
-zurückbrachten, war dem Fürsten nicht vermeldbar. Sie war nicht
-hoffähig. Der Herr war außer sich. Das wäre doch eine Blamage, wenn der
-Erzfürst Othmar Seine Majestät mit einem Bürgerkriege begrüßen müßte!
-Sofort eine zweite Abordnung zum Brückenwirt: Was denn eigentlich der
-Herren Begehr sei! -- Die Antwort, das wisse Seine Durchlaucht recht
-wohl. -- In Wahrheit war es dem Fürsten nicht ganz klar. Da er wußte,
-daß der Fischerjunge Winard dabei eine Rolle spielte, so konnte er
-sich's nur halb und halb denken. Es mag ja unsinnig sein, das mit dem
-Mädel -- so dachte er sich zu -- es mag ja Dummheit eines besonders
-entwickelten Johannestriebs sein, gut, der Mensch bleibt immer ein Tor,
-und der Esel hat die Farbe des Alters. Allein sich einen politischen
-Zwang antun lassen und am Ende gar um Verzeihung bitten, daß er ein
-hübsches Mädel gerne anschaue? So weit wird's wohl noch lange nicht
-gekommen sein. Zwar kracht die Welt! Kracht in allen Ecken und Enden!
-Es ist das undenkbarste schon geschehen. Nicht jeder, der versammelt
-bei den Vätern ist, ging auf gewöhnlichem Wege heim. -- Er besichtigte
-seinen Thron, der im Saale stand. Ein schlichter Lehnsessel, mit rotem
-Leder ausgepolstert, mit silbernen Nieten verziert. -- Das Holz war
-alt, aber kaum ein halbes Dutzend Wurmstichlein, die es aufwies. Die
-Ahnen waren darauf gesessen! Und nun sollte etwa so einer, wie der
-Fischerjunge? Die seinige auf dem Schoß? Denn für zwei nebeneinander
-hat der Sessel, genau besehen, nicht Raum. -- Na, es wird sich ja
-noch schlichten lassen. Übermütige Bauernlümmel, nichts anderes. Ein
-gewöhnlicher Raufhandel um ein Weibsbild, und die verrückten Burschen
-vergessen, mit wem sie's zu tun haben. -- Es wird sich alles ordnen,
-bis wir klar sehen. Nur die hohen Herrschaften dürfen nichts erfahren,
-denn die Geschichte ist zu dumm! Das beste wird diesmal sein, was auch
-sonst sehr oft das beste ist -- aus der Not eine Tugend zu machen. Das
-Schloß ist zwar nicht danach angetan, aber Gastfreundschaft ist stets
-eine Tugend gewesen.
-
-Es naheten die königlichen Gäste. Eine Anzahl Staubwedel war tätig
-im Fürstenhause einen halben Tag lang. Die Beschließerin warf einen
-schwellenden Sack mit Eiderdunen ins noch unfertige Himmelbett.
-Etliche Schuljungen, vom Oberlehrer gewissenhaft ausgesucht, wurden
-in weiches buntes Pagengewand gesteckt. Bei dieser Auszeichnung kam's
-nicht darauf an, welche die bravsten waren, sondern welche schlank
-und frisch dastanden. Sechs Mann martialisch mit Helm und Lanzen
-bewaffnet, umgaben die Räte des Reiches, und mit solchem Hofstaate zog
-der Fürst den Reisenden entgegen. Er selbst ritt auf einem klobigen
-Rappen. Oberhalb des Ortes, am Eingange der Bergschlucht, begegneten
-sie sich. Zwei einzige Wägen kamen gerollt, im ersten saß der König
-und die Prinzessin. Der König sah mit seinem weißen Vollbart und im
-grauen Lodengewand aus wie ein Jäger. Die Prinzessin saß ebenso einfach
-da; sie hatte weder die Blüte der Jugend an sich, noch den Reif des
-Alters, ein Alpenrosenstrauß war ihr einziger Schmuck. Mit ruhiger
-Freundlichkeit reichte sie dem vorsichtig vom Rosse gestiegenen Fürsten
-die Hand, die er küßte. Das umstehende Volk freute sich des Anblicks
-und war stolz auf die ritterliche Erscheinung seines Fürsten, den es
-noch nie in diesem unerhörten Glanz gesehen hatte. »Ja, unser gnädiger
-Herr!« sagten sie, »da sieht man, wie armselig so ein König dasteht vor
-einem Erzfürsten von Schreckenburg! Das ist ein prachtvoller Herr!«
-Ein behendiger Alter schlug mit den Armen um sich und flüsterte in die
-Leute hinein: »Die unten an der Brücken! Wenn sie ihn jetzt so sehen
-könnten! Denen möcht' die Kurasch schon vergehen!«
-
-Mittlerweile hatte der Fürst die Herrschaften willkommen geheißen und
-sie eingeladen auf sein Schloß, zur Rast auf einige Tage.
-
-»Freund, das geht nicht!« antwortete Seine Majestät. »In zwei Tagen
-ist die Eröffnung unseres Reichstages, da müssen wir zu Hause sein.«
-
-»Dann verhüte der Himmel Achsenbruch, Überschwemmung und
-Brückeneinsturz!« sagte der Fürst.
-
-»Hoffentlich!« lächelte die Prinzessin, »wir haben ja das schönste
-Wetter.«
-
-»Gewiß, Hoheit, gewiß! Sehr schönes Wetter. Es wird auch anhalten.
-Und doch ist soeben die Nachricht eingetroffen, daß unten an der
-Luserbrücke der Verkehr unterbrochen sei,« sagte der Fürst beklommenen
-Atems und setzte gar ritterlich bei: »Ich bin im Augenblicke ja selber
-noch nicht genau unterrichtet. Sollte es sich aber bewahrheiten,
-dann wäre der einsame Herrscher auf Schreckenburgs Thron dem Zufalle
-außerordentlich verpflichtet!« daß er ihm so liebe Gäste in den Schoß
-werfe -- konnte dazugedacht werden.
-
-Der König tat die Bemerkung, daß er schon unterwegs Andeutungen
-vernommen hätte, als wäre an der Luserbrücke etwas nicht richtig. So
-als ob sich dort allerlei Gesindel zusammenrotte.
-
-»Arbeiter werden es sein, Majestät, um die Passage freizumachen,« fiel
-der Fürst ein.
-
-»Jedenfalls werden wir des Herrn Vetters liebenswürdige Einladung
-annehmen,« entschied die Prinzessin, »denn über eine schadhafte Brücke
-fahre ich nicht, niemals!«
-
-Hierauf lenkten sie rechts ein, der Fürst ritt voraus, die Wägen fuhren
-langsam hintendrein und das Gefolge kam zu Fuße nach. --
-
-Mittlerweile war ins Kriegslager beim Straßenwirt die richtige
-Begeisterung gekommen. Man hatte für den Krieg auch schon einen Namen.
-Mädeljäger-Krieg! Ging er doch gegen den Mädeljäger. Und jetzt erst
-kamen sie herfür von den Bergen und aus den Gräben, und wie das Feuer
-seinen Wind erzeugt, so schafft sich ein Aufstand rasch den nötigen
-Schwung. Früher hatte man nie viel davon gehört, und jetzt wußte
-jeder zu sagen vom gefährlichen Mädeljäger, von bedrohten Weibern und
-eroberten Schönen. Da reckten sich die Speere hoch in die Luft gleich
-Schwurfingern, daß die Stunde der Vergeltung gekommen sei! In äußerste
-Erregung geriet der Fischer Winard, denn jemand hatte erzählt, daß man
-in der Nacht den Zimmermann Reimar mit seiner Enkelin Hedwig begegnet
-habe -- in heimlicher Eile durch den Wald, wahrscheinlich gegen das
-Schloß hin. Jetzt war's helle, der alte Kuppler führte sie dem Wüstling
-zu. Darum also die ganze Tischlerei im Fürstenhause! -- Der Winard
-brachte stockend kaum die Worte hervor: »Kameraden! Werden wir halt
-heut' bei der Nacht das Schloß stürmen.«
-
-Jeder Bursch, der ein Liebchen hatte, jeder Ehemann, der ein junges
-Weib besaß, fühlte sich eins mit dem Fischerjungen. Es war die große,
-gemeinsame Sache. --
-
-Mit stillem Wohlgefallen blickte der König zum Fenster des
-Fürstenschlosses hinaus, mit lautem Jubel die Prinzessin. War Seine
-Majestät gleichwohl schon ein wenig gelangweilt gewesen auf diesem gar
-so schlichten, stillen Landsitz, Ihrer Hoheit, seiner Frau Schwester,
-gefiel es gar wohl. Das war nicht Palast und nicht Hütte, das war ein
-trauliches Haus. Und der Fürst! Er war nicht Knabe und nicht Greis, er
-war ein stattlicher Mann von angenehmstem Wesen. Ihre Hoheit war in
-einer sehr getragenen Stimmung, es war nicht Lust und es war nicht Weh,
-es war so etwas ganz Besonderes. Und als nun zur abendlichen Stunde die
-Hunderte von Fackeln heranloderten über die Matten, lärmend, knallend
-und jauchzend, da waren die Hoheiten nachgerade sehr gerührt über die
-Ovation, die ihnen hier von der schlichten Landbevölkerung gebracht
-werde. Der Fürst lud die Gäste zwar ein, rasch in das Hofzimmer zu
-kommen, wo das Abendmahl gedeckt sei. Es wäre besser, sich von den
-Fenstern zu entfernen, die guten Leute hätten in solchen Dingen
-kein Maß und Ziel, sie wären manchmal ein wenig zu unbefangen für
-ein Damenohr, er würde dann selber zu ihnen hinausgehen. Kaum er es
-gesagt hatte, war draußen ein schmetterndes Krachen, das geschlossene
-Einfahrtstor sprang in Trümmer, eingerannt mit einem wuchtigen
-Baumstamm.
-
-»Ein Überfall?« rief der König.
-
-»Es ist ein Überfall!« sagte der Fürst, »wenn's +mir+ gilt, gut!« Er
-eilte zur Tür. Die Prinzessin stürzte ihm nach, fiel ihm in den Arm und
-kreischte in höchster Angst: »Othmar! Bleibt! Verlaßt mich nicht!«
-
-»Ein Weibsbild ist drinnen!« schrie draußen vom Lindenbaum her eine
-Stimme.
-
-»Sie ist drinnen!« erscholl es im Menschenhaufen, der wie Wildwasser in
-den Hof flutete.
-
-»Tun müßt's ihr nichts, ich bitt' euch!« lautete der Befehl des
-Fischerjungen.
-
-»Umbringen niemanden!« schrie es von mehreren Seiten, »lebendiger ist
-der Vogel mehr wert als wie toter! Aber in den Käfig mit ihm! Für
-Hühnervolk ist ein einköpfiger Geier schon gefährlich, wie erst ein
-dreiköpfiger!«
-
-Das Haustor hielt dem ersten Ansturme stand. Da wurden schon Leitern
-herbeigeschleppt, um zu den Fenstern hineinzusteigen. Roter Rauch
-wirbelte von den brüllenden Lunten empor an die Wände und übers
-Dachwerk. Zwei Männer taten einen großen Sack auseinander, um den
-Mädeljäger, wenn sie ihn gefangen hätten, hineinzustecken. Der Winard
-hatte aus dem Schuppen einen herrschaftlichen Kobelwagen hervorziehen
-lassen. Da hinein, wenn wir sie herunter haben! Mit zwei fürstlichen
-Rößlein will er die böse Hedwig in seine Hütte führen. Das Gejohle
-rings ums Schloß war so wüste, daß der alte Kammerdiener auf dem
-Söller vergeblich rief, wen's denn anginge? Den guten Fürsten oder die
-Majestäten, oder ihn selber? Wenn ihn selber, er trage sein altes Haupt
-willig herab.
-
-»Feuer ins Dach!« Dieser Ruf war lauter als das Jammern des Alten.
-Etliche Männer hieben mit Äxten den Brunnenständer um und rollten
-den Trog über, daß das Wasser, anstatt Feuer zu löschen, auf dem
-Sande dahin sickerte. Ein Doppelfenster flog auf, so heftig, daß es
-schrillte. Es war oben im Zimmer des Fürsten. Er selbst stand am
-Fenster, rot beleuchtet von dem Fackelschein. Er wollte sprechen, das
-wurde bemerkt und dumpfer ward der Lärm. Der Fürst bog sich heraus,
-er hatte wieder seinen schwarzen Rock an. »Liebe Leute!« rief er. Das
-Gewoge wollte sich nicht legen, die Speere schlugen klirrend aneinander.
-
-»Mein vielgeliebtes Volk!« rief er lauter, da wurde es still.
-
-Der Fürst begann mit bewegter Stimme zu sprechen: »Ich bin erschüttert
-von der Kundgebung, ich bin hocherfreut von dem neuen Beweise euerer
-Liebe und Anhänglichkeit, mit der ihr mir ergeben seid. Es ist das
-größte Glück eines Fürsten, seine väterliche Huld vom Volke so
-gewürdigt zu sehen. Treu' um Treue! Und sinniger hättet ihr diese
-großartige Huldigung nicht anbringen können, als heute, an diesem
-Abende, an dem ich nebst dem Fürstenglücke auch das menschliche
-Herzensglück gefunden habe. Und schöner glaube ich diesen Beweis euerer
-Liebe nicht ehren zu können, als wenn ich euch jetzt euere künftige
-Herrscherin vorstelle ...«
-
-»Hört ihr's?« unterbrachen sie ihn.
-
-Der Fürst wendete sich zur Seite, da stand neben ihm ein Weib.
-
-»Die Hedwig?«
-
-»Ist sie's?«
-
-»Nicht ist sie's. Eine andere, eine Fremde! Seht doch!«
-
-Der Fürst erhob seine Stimme hoch und rief: »Das ist meine Braut, Ihre
-königliche Hoheit, die Prinzessin Aglaia von Bramburg!« --
-
-Kein Schuß ist gefallen, kein Tropfen Blut vergossen worden in diesem
-Bürgerkriege. Das Volk hatte sich verloren in die Wirtshäuser des
-Reiches. Hatten die Leute zuerst gleichwohl nicht gewußt, wie ihnen
-geschah, so schlug der finstere Trotz doch bald in helle Fröhlichkeit
-um. Sie hatten ja einen so schlauen Herrn und jetzt auch eine so
-königliche Herrin, bei der, wenn die Blütezeit auch schon vorüber, doch
-noch immer nicht Matthäi am letzten war! Wer soll da nicht als warmer
-Patriot eins trinken über den Durst? -- Als der nächste Morgen tagte,
-gab es um das Schloß nur zertretenen Rasen mit schwarzen Fackelabfällen
-und manchen Balkensplitter. Darüberhin schritt munter das bräutliche
-Paar.
-
-»Das ist schnell gegangen, du mein Herz!« lispelte der Fürst und
-legte die zarte Hand der Braut zwischen die seinen. »Gestern um diese
-Morgenstunde haben wir einander noch nicht persönlich gekannt -- und
-heute --!«
-
-»O, mein Lieber, ich habe dich immer gekannt!« rief sie hochbeseelt,
-»ich habe deiner immer gedacht, mein Herz hat dich immer gesehen, dich,
-wie du bist, da ich längst noch nicht wußte, daß es einen Fürsten
-Othmar gibt. Ich wäre achtzig Jahre alt geworden, ohne einen anderen
-Mann zu sehen als dich. Und du?«
-
-Da er nicht ganz befriedigende Antwort wußte, so entgegnete er bloß:
-»Meine Empfindung läßt sich gar nicht schildern.« --
-
-Ungut war es dem Fischerjungen Winard. Daß er seine Hedwig nicht
-mit fürstlichen Rössern in sein Haus führen konnte, das wurmte ihn
-kläglich. Und doch war er froh, sie im Schlosse nicht gefunden zu
-haben. Wo aber war sie denn? Zu Hause bei ihrer Mutter nicht, davon
-hatte er sich noch in derselben Nacht überzeugt. Einem Almhirten
-begegnete er, der wußte zu sagen, daß er hinten im Hochgebirge dem
-krummen Zimmermann mit einem jungen Frauenzimmer begegnet wäre. Gegen
-das Welsche hinüber hätten sie die Richtung genommen. -- So sauber!
-Jetzt konnte der Fischerjunge auch dem Welschland den Krieg erklären.
-
-Übrigens kam dieser neue Feldzug dem Burschen nicht ungelegen, daheim
-drohte ihm ja ein Hochverratsprozeß und drüben am Waldrande stand
-aus alten Zeiten her noch immer so etwas, wie ein aufrecht ragender
-Holzblock mit einem Querbalken. Allein mit leeren Taschen reist ein
-Schreckenburger nicht ins Ausland. Die halbe Arche Noahs plünderte
-er und machte sich damit auf den Weg gen Welschland. Am ersten Abend
-sprach er unterwegs in einer Sennhütte zu. Anfangs unterhielt er die
-Sennin mit einem behendigen Eichkätzchen, das an der Angelschnur
-hängend munter über Winards Achseln und Haupt spazieren sprang und sich
-dann wieder neckisch in den Rocksack versteckte. Dieses possierlichen
-Anblickes wegen tischte die Sennin eine Schüssel Milch auf. Dann langte
-der Bursch aus der Hosentasche ein kleines Schildkrötlein hervor und
-ließ es über den Tisch krauchen. Die Sennin war voll Entsetzen über das
-Tier, das sein dreieckiges Köpflein immer weiter vorstreckte gegen sie
-hin; aber aus Achtung für den jungen Fremdling, der solche Ungeheuer
-mit sich führte, buk sie ihm auch noch einen Eierkuchen. Nachdem dieser
-mit Wohlbehagen verzehrt worden war, gestand er der Sennin, noch
-etwas bei sich zu haben. Er griff in den zweiten Hosensack und zog
-ein feines Garnnetz hervor, in dem sich eine graue Schlange ringelte.
-»Darf ich sie auslassen?« fragte der Winard, die Sennin kreischte vor
-Grausen, da sagte er: »Ach, das Tierlein tut ja nichts, es ist bloß
-eine junge Viper.« Die Sennin hatte sich ihr Lebtag mehr mit Kühen und
-Schweinen abgegeben, als mit Blindschleichen, und so glaubte sie es ihm
-getreulich und brachte dem tapferen Tierbändiger zum Nachtisch noch
-Weißbrot und ein Töpflein mit goldigem Honig. Erst am nächsten Morgen
-fragte er, ob sie nicht einen alten krummen Mann mit einem jungen Mädel
-hätte des Weges gehen sehen. Ja, so ein Paar wäre vor etlichen Tagen
-vorbeigezogen gegen das mittägige Land hin.
-
-Während der Nacht hatte das Eichkätzchen die Schlange totgebissen.
-So warf der Bursche auch die Schildkröte ins Heu, und leichten Mutes
-zog er weiter gen Welschland. Am zweiten Tage sprach er in einer
-Kohlenbrennerhütte zu, fing dort Fische aus dem Bach und ließ sie von
-der Köhlerin braten. Dann lud er das schwarzäugige Weib artig zum
-Schmause ein. Am nächsten Tage wußte die Köhlerin ihm zu berichten, der
-krumme Alte mit dem jungen Mädel sei erst gestern gesehen worden und
-sitze unten in der Ölmühle. Die Ölmühle stand am Flüßlein Esonto, und
-dort fand er den krummen Alten und das junge Mädel. Nur war es nicht
-der Zimmermann Reimar und seine Enkelin Hedwig, sondern ein welscher
-Scherenschleifer mit seinem Kinde.
-
-Der Winard gehörte zu jenen Trotzköpfen, die nie einen ihrer Irrtümer
-eingestehen und nie umkehren wollen. Diesmal aber war die Überzeugung,
-daß er auf dem Irrwege ging, zu schlagend; doch zur Umkehr konnte er
-sich noch immer nicht entschließen; er ging eine Weile, das Gesicht
-noch gen Welschland wendend, rückwärts wie ein Krebs, bis er über einen
-Maulbeerstrunk stolpernd auf den Rücken fiel. Ein paar Tage später war
-er doch wieder im Gebirge, und da hörte er plötzlich von einem Hirten
-das Wort ausrufen: »Hau, da ist er ja wieder, der Mädeljäger!«
-
-Der Mädeljäger! War das nicht der Fürst? War nicht der Fürst so genannt
-worden? Wahrhaftig -- dachte sich der Bursche -- das stimmt auch bei
-mir! Bei mir vielleicht ganz besonders, wie ich ihr nachjage seit einer
-Woche! Ihr und so weiter. -- Jetzt fing er sachte an, sich zu schämen.
-Wieder den Weg hatte er verloren in der Waldwildnis, mißmutig bei einer
-Pechbrennerklause kehrte er zu, einen Löffel warmer Suppe erbittend.
-In der Klause saß der alte Reimar und zimmerte an einer Wiege. Diese
-Wiege, so klein sie war, brachte den Winard schier aus der Fassung. »Wo
-ist die Hedwig?« schnob er.
-
-Der Alte ließ seine Hand mit dem Schnitzger auf dem Knie ruhen und
-antwortete: »Winard, das sag' ich dir nicht. Ihr habt gerauft um sie,
-so sollt ihr sie keiner kriegen. Ich hab' das Mädel gut versteckt, du
-findest es nicht. Der gnädige Herr auch nicht.«
-
-»Der hat schon eine andere. Der heiratet eine alte Prinzessin. Und ich
-muß die Hedwig haben!«
-
-»+Mußt+ sie haben? Na, dann ist's was anderes. -- Mädel!« rief
-er durchs Fenster in den Wald hinaus. Sie war gerade bei den
-Pechersleuten unter dem Baume. Blieb aber nicht kleben an dem
-Baumstamm, der von Holz war, sprang dem Burschen an den Hals, der von
-Fleisch und Blut war.
-
-Jetzt ist die Geschichte aus. -- Wie? Die Wiege geht euch noch im Kopfe
-um? Fürs Pecherpaar hatte er sie gezimmert. -- Aber sollen sie denn
-hocken bleiben beim Pecherpaar in der Waldhütte? Am Tage, als Erzfürst
-Othmar der Gütige mit seiner geliebten Braut Hochzeit hielt, erging
-eine allgemeine Amnestie für politische Verbrecher. Es war nur einer
-vorhanden, und so wurde der Fischerjunge Winard jubelnd begrüßt, als er
-mit seiner Hedwig zurückkehrte ins heimatliche Fürstentum.
-
-
-
-
-Lieb' läßt sich nicht lumpen.
-
-
-Auf dem vornehmen Ozeandampfer »Poseidon« befanden sich zwei
-Auswanderer, welche die Aufmerksamkeit der übrigen Reisenden erregten.
-Eine anmutige, etwa vierunddreißigjährige Frau und ein schöner junger
-Mensch. Ein Ehepaar oder Geschwister konnten sie kaum sein, dafür
-war das dunkle Auge, mit welchem die Frau manchmal auf ihn blickte,
-viel zu unstet, zu gewitterhaft, und dafür war das Wesen des jungen
-Mannes manchmal zu befangen, manchmal zu kühn sich gebärdend -- ein
-zu seltsames Gemisch von Schüchternheit und Trotz. Als der »Poseidon«
-von der deutschen Küste gegen den Westen abgedampft war, hatte die
-Frau heftig geweint, hatte der Jüngling seine Hand auf ihre Schulter
-gelegt, bis sie plötzlich ihre beiden Arme um seinen Nacken schlang
-und ihn küßte. -- Hatten diese beiden freiwillig der Heimat entsagt?
-Waren sie aus zwingenden Gründen ausgezogen? Oder hatten sie sich
-sonstwie verfahren in der Alten Welt und steuerten nun der Neuen zu,
-um in ihr einen frischen Lebenslauf zu versuchen? -- Also fragten die
-Mitreisenden sich. Doch das Paar tat nichts, zeigte nichts, was Antwort
-geben konnte.
-
-Eine solche Ausfahrt hatte Frau Johanna von Martenstein wohl kaum
-gedacht an jenem Tage, als sie mit zwei Rappen vom Kirchhofe
-zurückfuhr -- eine Witwe von einundzwanzig Lenzen. Damals war ihr
-sonst lebensfreudiges Herz zugedeckt mit so schwerem Leide, daß ihr
-die ganze Welt wie ein Totenhaus erschien, in dessen Gewölbe die Sonne
-als trübe Ampel hing. Damals war ihr unmöglich zu denken, daß in ihrer
-schmerzerfüllten Brust jemals noch ein irdisches Begehren wach werden
-könnte. Von Natur religiösen Gemütes und religiös erzogen, hatte sie
-sich damals vorgenommen, den Mitmenschen von nun an lauter Gutes zu
-erweisen, zuvörderst Gutes solcher Art, daß es ihnen nicht so sehr für
-diese, als vielmehr für jene Welt zunutze kommen konnte. Und sie hatte
-sich vorgenommen, ganz nur noch dem Ewigen zu leben, von Stufe zu Stufe
-emporzusteigen in jenes Reich, in welchem dem so früh Verlorenen sie
-wieder zu begegnen hoffte.
-
-Denn wie namenlos nichtig ist ein Leben, wo selbst die Glücklichsten
-ungeheurem Leide zur Beute werden müssen! War Johanna von Martenstein,
-das blendend schöne, heitere Fräulein, auf dem reichen Wohnsitze
-ihrer Väter nicht beneidenswert gewesen? War ihre Liebe zu Oswald von
-Siegenberg, dem herrlichen Manne, nicht so, daß sie selbst manchmal
-schauerte vor der Gewalt dieser Seligkeit? Ein Jahr währte es, ein
-ganzes Jahr und drei Tage -- nicht länger. Im fröhlichen Treiben eines
-Schützenfestes ward er durch ein zufällig sich entladendes Schießgewehr
-getötet. O gleißendes Geschick mit deinem »Zufällig!« Da doch das
-darauf Kommende so folgerichtig ist, berechnet auf ein einsames
-Menschendasein voll grenzenloser Trauer!
-
-An jenem Tage, als Frau Johanna vom Kirchhofe heimfuhr gegen ihr
-Bergschloß, scheuten im Dorfe vor einem Dörcherkarren die Pferde und
-traten eines der halbnackt umherlaufenden Kinder zu Boden. Als das
-Gespann wieder stillstand, ließ Frau Johanna das verletzte Knäblein zu
-sich in den Wagen heben und bei den Dörcherleuten nachfragen, ob es
-ihnen gehöre, und was sie in diesem Falle verlangten an Vergütung.
-
-Das Haupt der fahrenden Bettlerfamilie, ein von Branntwein riechender
-Mann, kroch aus dem Blachenkobel hervor und erklärte rülpsend, an
-Vergütung erbäten sie drei Silbergulden oder fünf, oder so viel, als
-der gute Wille wäre; den Jungen aber möge die hohe Frau nur behalten,
-sie hätten noch genug solchen Gezüchtes.
-
-Frau von Martenstein sah in dieser Begegnung einen Wink des Himmels,
-den Knaben zu sich zu nehmen, ihn aus Liebe zu ihrem Gatten zu pflegen,
-gottselig zu erziehen, ihn gleichsam als Seelenopfer zu bestimmen für
-den Frieden des so plötzlich Verblichenen. Sie zahlte also an die
-Dörcherfamilie der Silbergulden zehnmal fünf, mit der Bedingung aber,
-daß dieselbe an den Knaben keinerlei Ansprüche mehr mache, ganz als
-wäre er gestorben und begraben. Bei solchem Handel hatten beide Teile
-gewonnen. Die Bettlerleute waren ein lästiges Kind los, und wer einen
-Blick in das Nest unter der Karrenblache getan hätte, der würde gesehen
-haben, daß vielfacher Ersatz vorhanden war. Das Lebendigbegrabenwerden
-eines solchen Würmleins im vornehmen Herrschaftswagen konnte der
-sonnengebräunten Mutter also nicht viele Tränen entlocken. Frau Johanna
-vergaß ob des hübschen Knaben, der nach Stillung des Blutes und nach
-einigem Wimmern neben ihr auf blauem Samtkissen schlummerte, ein wenig
-ihres Geschickes, und sie nahm sich zu solcher Stunde heilig vor, aus
-diesem armen Kinde eine Ehre Gottes zu machen.
-
-Am allermeisten gewann bei dem Geschäfte der kleine Konrad selbst,
-der das fahrende Dörcherdach vertauschte um eine feste Ritterburg,
-deren Ahnenreihe sich sachte ausgemündet hatte in das rote Meer des
-bürgerlichen Geblütes, also daß der Stromerknabe kein allzu fremder
-Eindringling war auf dem vieltürmigen Schlosse. Der herbeigerufene
-Arzt hatte die Verletzung am Arme als eine unbedeutende bezeichnet,
-und so geschah es, daß der Knabe Konrad unter gutem Zeichen einzog
-durch das hohe Tor, aus welchem sie drei Stunden früher den toten Herrn
-davongetragen hatten.
-
-Frau Johanna von Martenstein legte ihr Trauergewand nicht mehr ab. Wie
-es unter diesem schwarzen Winter dem jungen Herzen gehen wird, das muß
-die Folge zeigen.
-
-Der Knabe hatte in einem rückseitigen Teile des Schlosses sein Stübchen
-und seine Wärterin bekommen, und wurde vorbereitet für die Schule, zu
-der er denn auch bald hinabtrippelte in das Dorf. Täglich ein paarmal
-sah ihn die Frau, sie gewöhnte sich an den aufgeweckten Burschen, er
-speiste mit ihr an demselben Tische, und damit sie ihn persönlich
-überwachen konnte, ließ sie ihm in ihrer Nachbarschaft ein Zimmerchen
-herrichten, in dem er spielen und lernen konnte. Die Schule war mit
-ihm zufrieden, und als sie im Dorfe nach vier Jahren zurückgelegt
-war, sprach Frau von Martenstein eines Tages bei dem alten Pfarrer
-des Sprengels vor, teilte ihm ihre Absicht mit, den Jungen in das
-lateinische Studium einführen und zum Priester ausbilden zu lassen. Der
-Pfarrer lobte diese Absicht, bestärkte sie in derselben und versprach,
-die nötigen Schritte einleiten zu wollen. Also geschah es, daß Konrad
-nach fünfjähriger Schloßherrlichkeit in ein bischöfliches Seminar kam
-und dort anfing, alle Wissenschaften zu betreiben, allen Betrachtungen
-zu obliegen, die den menschlichen Geist allmählich in Gegensatz bringen
-zu den irdischen Sinnen, die ihn entweder sachte und ruhig, oder unter
-Krämpfen ablösen von dem Weltlichen und ihn ganz in den Bereich des
-Gedanklichen und Übersinnlichen hinüberspielen. Daß heranwachsende
-Knaben während und trotz solcher Studien naturgemäß so recht in das
-blühende, gährende Leben hineinranken, wird nicht beachtet.
-
-Wenn Konrad zu den Vakanzen heimkam, ward es allemal lebendiger und
-frischer auf Martenstein, und die junge Frau im schwarzen Gewand hatte
-manche Freude. Sie nahm sich stets vor, strenge zu sein gegen den
-munteren Knaben. Aber wenn Konrad in dem großen verwilderten Baumgarten
-auf die lustigste Weise umherregierte, die Wildtauben jagte, aus dem
-Bache Forellen fing, auf den Bäumen mit Eichhörnchen um die Wette
-kletterte und anstatt eines vollbrachten Lateinpensums lebendige
-Vögel, die er selbst gefangen, herbei brachte, da beobachtete sie ihn
-oft heimlich mit Vergnügen und vergaß der Strenge. Und wenn er im
-großen Teiche schwamm und oft minutenlang unter den Wellen blieb, da
-bangte ihr um ihn, bis sein Haupt wieder frank und frei aus dem Wasser
-hervorstand. Sie faltete die Hände über ihrem Schoß und dachte: Es wird
-ein schöner Bräutigam der heiligen Kirche!
-
-Wenn er endlich wieder fortgezogen war in die ferne Stadt, da empfand
-Frau Johanna ihre Einsamkeit doppelt, und sie zählte die Monate, die
-Wochen, die Tage, die Stunden endlich, bis er wiederkehrte. Aber ganz
-so, wie er fortgezogen, kam Konrad nie zurück; war es, daß er schlanker
-geworden, war es, daß seine Knabenstimme einen tieferen Ton angenommen,
-war es, daß an der Oberlippe und unter den Ohrläppchen junger
-Bartanflug schattete, war es, daß sein Wesen ebenmäßiger, ernster
-erschien -- mit jedem Jahre kam er anders heim, als er fortgezogen.
-
-Und eines Morgens, als Konrad in die Laube trat, wo sie zu frühstücken
-pflegten, und ihr den Morgenkuß darbrachte, zuerst auf die Hand und
-dann auf den Mund, fiel dieser Kuß so aus, daß Frau Johanna zuerst
-betroffen zu ihm aufblickte und dann mit kühlen Worten befahl: diese
-Formalitäten hätten von nun an aufzuhören, er möge seiner Ehrerbietung
-für sie stets nur in strenger Pflichterfüllung Ausdruck verleihen.
-
-Konrad errötete, dann setzte er sich ihr gegenüber und nahm schweigend
-sein Morgenbrot ein. Er konnte freilich nichts dafür, daß aus dem
-Knaben ein Jüngling geworden war, und daß die Dankbarkeit, die er
-für seine Gönnerin empfand, in Zuneigung sich verwandelt hatte. Der
-Schloßfrau war nicht wohl zumute, sie sah plötzlich, daß ein Gefühl,
-welches ihr bisher die einzige Labe ihres freudlosen Lebens gewesen,
-zur Gefahr sich steigerte. Noch an demselben Tage mußte Konrad
-übersiedeln in den entlegensten Trakt des Schlosses, wo ihm zwei Zimmer
-auf das sorgfältigste eingerichtet wurden. Damit gab Frau Johanna sich
-aber nicht zufrieden, denn sie sah, daß er sich beengt und befangen
-fühlte. Um den Rest der Vakanzen -- es waren die letzten vor der
-Priesterweihe -- dem jungen Manne nicht gar zu verkümmern, unternahm
-sie eine Reise nach einem entfernten Wallfahrtsorte, bei deren Rückkehr
-sie den Studenten nicht mehr auf dem Schlosse zu treffen hoffte. Aber
-was sie hoffte, das fürchtete sie, und was sie fürchtete, traf ein.
-Konrad war bereits abgereist in das geistliche Institut und hatte ein
-Schreiben zurückgelassen, in dem er dankte für alle Wohltaten, in dem
-er versprach, täglich, so lange er lebe, am Altare für sie zu beten,
-und in dem er von ihr Abschied nahm. Daß die Zeilen nur geschrieben
-worden waren, um alles zu verschweigen, zu verhüllen, was in dem
-leidenschaftlichen Herzen des jungen Mannes vorging -- Frau Johanna
-müßte kein Frauengemüt gehabt haben, um es nicht ein wenig zu ahnen.
-
-Das Herz der Schloßfrau Johanna war nun erwacht. Zornig schrieb sie
-an den Jüngling, er sei undankbar, daß er solchergestalt fortlaufen
-könne. Und in einem fast heftigen Schreiben an das Institut verlangte
-sie den Theologen. Er eigne sich nicht zum Priester, er habe aus
-eigenem Antriebe diesen Stand nicht gewählt, habe nur aus Pflichtgefühl
-die ihm unbesonnen vorgeschlagene Laufbahn betreten, auf der er bald
-pflichtvergessen und unglücklich werden müßte. Sie rufe ihn daher
-zurück und wolle ihn für einen praktischen Beruf ausbilden lassen. --
-Als die Briefe abgesandt waren, erschrak sie. Was soll das werden?
-Wohin soll das führen? fragte sie sich selbst. Gib Gott, was Gottes
-ist! -- Das Institut antwortete nicht anders, als daß der Tag bekannt
-gegeben ward, an dem Konrad seine erste Messe lesen werde. Frau
-Johanna atmete fast auf nach schwülem Drucke. In einem Gebete hatte
-sie des Himmels Beistand angerufen gegen die Macht der Versuchung,
-und es gelang ihr, ein Bruchstück ihrer Standhaftigkeit wieder
-zurückzuerobern. -- Es ist vorbei, also beredete sie sich selbst, die
-Zeit meiner Liebe liegt weit hinter mir. Ich habe nur noch einen Weg:
-dem Himmel zu.
-
-Die erste Messe sollte Konrad in der Dorfkirche lesen, zu der
-Martenstein eingepfarrt war. Zu diesem Festtage rüstete sich die ganze
-Gegend, das Dorf und auch das Schloß. Doch hatte Frau Johanna den
-alten Dorfpfarrer ersucht, daß Konrad während seiner Anwesenheit im
-Pfarrhofe wohnen dürfe. Diesen Wunsch hörte der alte Herr mit einigem
-Befremden, sagte ihn aber gerne zu. Am Vorabende des Festes erschien
-Konrad. Er war im Gewande des Priesters, allein in dem schwarzen Talare
-war sein schönes Angesicht noch blasser, sein Auge noch tauiger, neben
-der Tonsur kräuselte sein braunes Haar noch reicher und lockender.
-Als er hörte, daß seine Wohnung im Pfarrhofe war, stutzte er. Noch am
-dunkelnden Abende ging er zum Schlosse hinauf und fand Frau Johanna im
-Baumgarten einsam an einem Tische sitzend, in ihrer Hand einen frisch
-geflochtenen Kranz aus weißen Rosen.
-
-»Mutter,« sagte er, ohne anders zu grüßen, »ich muß dich schwer
-beleidigt haben, daß du mich verstoßen hast!« Er ließ sich vor ihr auf
-die Knie, und sein Körper bebte.
-
-»Konrad!« rief sie, der Schrei war gellend, sie beugte sich, suchte
-ihn aufzurichten. Er haschte nach ihrer Hand und drückte die heftig an
-seinen Mund.
-
-»Kind!« sagte sie und entzog ihm die Hand rasch, fast zornig. »Du
-bist ja mein Kind!« hauchte sie, riß ihn mit beiden Armen an sich,
-bedeckte seine Stirn, seine Augen, seinen Mund mit Küssen. -- Frau von
-Martenstein! -- Frau Johanna von Martenstein! Küßt so eine Mutter?
-Jawohl, er war festgeschmiegt an das schöne Weib, wie der Säugling
-sich festschmiegt an die Mutterbrust ... Aus dem Tale klangen die
-Kirchenglocken, da tauchte Frau Johanna ihn mit beiden Armen von sich,
-und ehrfurchtgebietend wie eine Siegerin schritt sie dahin unter den
-Bäumen. In der darauffolgenden Nacht schloß sie kein Auge. Sie wimmerte
-unter der Last des einsamen, freudlosen Lebens, sie wollte beten um
-Kraft, um Entsagung, aber ihr Gebet rief: Lieben oder sterben!
-
-Am nächsten Tage, als Konrad, angetan mit prunkendem Ornat, am
-reichgeschmückten Altare stand, auf dem Haupte eine Krone aus Rosen,
-umgeben, bedient von einer Priesterschaar, umklungen, umjubelt von
-Musik, wie ein Heiliger verehrt von der versammelten Menschenmenge, da
-saß Frau Johanna in ihrem Kirchenstuhl, und geruhigt dankte sie Gott,
-daß +rein+ das Opfer am Altare stand. Konrad war anzusehen wie eine
-aufrechtstehende Leiche, so fahl war sein Angesicht, so seelenlos seine
-Bewegung, so erloschen sein Auge.
-
-Bei der Abreise Konrad's war Frau von Martenstein gefaßt, beinahe
-heiter. Seine Züge blieben blaß und kalt, als wären sie zu Marmor
-geworden seit zwei Tagen. Kein heller Blick, kein warmes Wort mehr,
-ernst und still fuhr er davon und der Stadt zu, in der das Priesterhaus
-stand.
-
-Frau Johanna hatte sich sehr getäuscht mit ihrer Siegesfreudigkeit. Als
-alles vorüber war, und wieder der Alltag herrschte auf Martenstein,
-als sie sich vorstellte, daß das nun in unabsehbaren Zeiten so bleiben
-müsse, daß nie mehr ein lieber Mensch das Schloß, den Baumgarten
-beleben würde, da krampfte es in ihrem Herzen wie höllische Pein.
-Und in den Nächten kam es über sie wie Anklage, wie Vorwurf --
-Gewissensqual. Mit welchem Rechte hatte sie den Knaben aus der Armut
-gerissen, um ihn ins Elend eines Standes zu verbannen, zu dem er nicht
-geboren ist, wo er kein Glück finden kann? Das fahrende Leben von
-handwerkenden, bettelnden Dörchersleuten, ist es nicht besser als ein
-Lebendigbegrabensein in der Soutane? Wie liebesdurstig er ist! Etwas,
-das nicht ihr Eigentum war, hat sie sich angeeignet, um es dem Vorteil
-ihres Seelenfriedens zu opfern. Und nun muß sie etwas, das ihr Eigentum
-ist, hingeben und hinwelken sehen. Ihren Bräutigam hat sie der Kirche
-überantwortet, einer Braut, die den Gespons zur himmlichen Seligkeit
-erhebt oder schon auf Erden verdammt macht. -- So deutlich hatte Frau
-Johanna noch nie gesehen, als jetzt, da es zu spät war.
-
-Zu spät? Wann ist's zu spät? Er lebt noch, sie kann ihren Irrtum noch
-gutmachen, ihm noch Genugtuung geben ... Das wäre die Stimme des
-Gewissens, meinte sie; es war aber die Stimme der Leidenschaft. Wie man
-auch tüfteln und deuteln mag, das Herz will seine Rechte, und Lieb'
-läßt sich nicht lumpen.
-
-Und eines Tages besuchte Frau von Martenstein wieder einmal den alten
-Pfarrer ihres Ortes, um ihn zu fragen, ob das landwirtschaftliche
-Erträgnis des Jahres auf seinen Feldern wohl für die Bedürfnisse
-reiche, oder ob sie ihm mit etwas beispringen dürfe. Der Greis dankte,
-was er habe, das genüge reichlich für seinen Bedarf. Hierauf brachte
-die Schloßfrau folgendes vor: Sie werde von Tag zu Tag älter, es falle
-ihr manchmal beschwerlich, zur Pfarrkirche herabzusteigen, besonders
-zur Winterszeit. Also beabsichtige sie, die alte Schloßkapelle wieder
-instand setzen zu lassen; der Altarstein besitze urkundlich ohnehin die
-vorgeschriebenen Weihen, und so wolle sie täglich die heilige Messe im
-Schlosse lesen lassen.
-
-»Wie alt seid Ihr denn?« fragte hierauf der Pfarrer.
-
-»Wohl schon ziemlich in den Dreißigern,« antwortete Frau Johanna.
-
-»Und weil Ihr, die ziemlich in den Dreißigern stehende Frau, nicht
-herabgehen könnet zur Pfarrkirche, soll ich, der ziemlich in den
-Achtzigern stehende Mann, täglich zu Euch hinaufsteigen, um die Messe
-zu lesen?« fragte der Greis.
-
-»Das könnte kein Christenmensch begehren,« antwortete die Frau
-von Martenstein, »natürlich muß ich mir selbst einen Schloßkaplan
-halten. Und in dieser Angelegenheit wollte ich um Eurer Hochwürden
-Vermittelung gebeten haben. Ich dachte nämlich an Konrad, der, soviel
-ich weiß, noch keinen Seelsorgerposten hat, und der mit mir ohnehin in
-verwandtschaftlichem Verhältnisse steht.«
-
-Auf solche Eröffnung versetzte der Pfarrer: »Frau, warum habt Ihr es
-nicht früher gesagt, daß Ihr mit dem jungen Manne zusammenleben wollet?
-Jetzt ist es zu spät, er hat die Weihen des katholischen Priesters, und
-Ihr wisset, was das heißt.«
-
-Frau Johanna stutzte, als sie ihre Gedanken so derb erraten sah;
-zwar stellte sie sich anfangs höchst überrascht wegen solcher »die
-gute Absicht gröblich mißkennender Deutung«, machte eine schlaue
-Schwenkung und sagte, es müsse ja nicht gerade Konrad sein, er sei ihr
-nur eingefallen, sie wolle sich für einen älteren Herrn entscheiden,
-damit böse Zungen kein Ärgernis fänden. Allein den alten Herzenskenner
-täuschte sie nicht. Es war ihm ja schon früher die Neigung nicht ganz
-verborgen geblieben, die in dem jungen Priester für seine Gönnerin
-keimte; und gerade seine plötzliche Kälte und Versunkenheit machte
-ihn nachdenklich. Der alte Pfarrer, in der Absicht, Schlimmes zu
-verhüten, schrieb an das Konsistorium und sprach diesem die Meinung
-aus, daß es bei dem schwärmerischen Temperamente Konrad's, bei seiner
-weltmännischen Befähigung und der unternehmenden Tätigkeit desselben
-geraten sein dürfte, den jungen Priester nicht in eine ruhige Seelsorge
-seiner Heimatsgegend zu setzen, sondern diese schätzbaren Eigenschaften
-vielmehr auszunützen etwa für Bekehrungsmissionen in anderen Ländern.
-Mehr sagte der Alte nicht, das Konsistorium verstand ihn vollkommen.
-
-Mittlerweile hatte Frau Johanna auf Mittel und Wege gesonnen, Konrad
-wenigstens als Leutepriester auf eine der Pfarreien zu bekommen, über
-welche sie vermöge alter Schloßrechte das Patronat innehatte. Es war
-ihr unmöglich zu denken, daß sie fürder diesem Menschen fern sein
-sollte. In einer Nacht träumte ihr, daß eine Stimme rief: Johanna, wozu
-verlangst du dir den jungen Priester? Zum Beichten oder zum Sündigen?
--- Noch im Halbschlaf rief sie laut: Er ist mein Herzensfreund!
-
-Also waren seit dem Fest der ersten Messe an sechs Monate verflossen,
-da erhielt Frau Johanna ein Schreiben folgenden Inhaltes:
-
- »Teure Mutter!
-
- Im Rate der göttlichen Vorsehung ist es bestimmt, daß Menschen,
- die sich allzulieb haben, weit auseinander müssen. Du kannst
- Dich verstellen, wie Du willst, ich weiß, daß Du mich liebst.
- Aber wir sehen uns nicht mehr auf dieser Welt. Über mich ist
- beschlossen worden, daß ich nach Ostindien reisen muß als
- Missionär. Heiden bekehren, ohne selbst bekehrt zu sein. Ich
- bin kein Mensch mehr, sondern ein willenloses Werkzeug, es ist
- alles aus, in zwei Tagen reisen wir, unser sieben, mit dem
- Orientzuge ab. Anders hätte es kommen können. Wie gut Du es
- mit mir gemeint hast! Habe Dank, Du in Ewigkeit meine Lieb'
- und Pein. Gedenke, dieses Leben ist bald vorbei. Vielleicht in
- jenem.
-
- Konrad.«
-
-Als Frau Johanna den Brief gelesen hatte, war ihr gar nicht so zumute,
-als müsse sie verzweifeln oder verzichten. Im Gegenteil, sie fühlte
-plötzlich eine bisher ungekannte Kraft und Kampflust in sich. Der
-Brief war voll blutigen Schmerzes und voll herber Vorwürfe. »Ich bin
-kein Mensch mehr!« Wer hat sein Menschentum ihm genommen, wer muß es
-ihm wieder geben? -- Durch des Weibes Gehirn wogten frische Pläne. --
-Abreise in zwei Tagen mit dem Orientzuge! Alle Dazwischenkunft in der
-Stadt ist zu spät. Doch zieht die Eisenbahn nicht über die Heiden?
-nicht durch die Dohlenschluchten, welche nur wenige Meilen von
-Martenstein entfernt sind? Die Station Dohlau liegt in wüster, einsamer
-Gegend, muß dort nicht jeder Zug stehenbleiben, um Wasser zu schöpfen?
--- Die Frau war entschlossen.
-
-Konrad's Gemüt glich am Tage der Abreise einem ausgebrannten Vulkan. O,
-wie hatte es getobt, geloht! -- jetzt war es still. Man sagte ihm, er
-gehe in einen fremden Weltteil, und willenlos gab er sich drein. Von
-seinen Genossen waren mehrere voll heller Verzückung, sprachen von den
-Flammenzungen des göttlichen Geistes, mit denen sie die Ungläubigen
-bekehren würden. Fast frevelhaft hochgemut verließen sie die Heimat.
-Konrad saß einsam an einem Fenster des bereits hinrollenden Zuges und
-war vertieft in sein Brevier. Aber an das Gebet dachte er nicht, an
-nichts dachte er, der Stumpfsinn des Wehrlosen war über ihn gekommen,
-der Stumpfsinn des Gefesselten. Manchmal blickte er müde hinaus auf die
-Landschaft, und wie Wälder und Wiesen, Berge und Täler versanken von
-diesem schönen Lande. Es dämmerte der Abend; wenn neuer Tag erwacht,
-wird Fremde um ihn sein. Ihm gleichgültig, sein Herz ist ohnmächtig
-geworden. -- Der Zug rollte über Heiden, rollte in einer Felswildnis,
-durch eine Waldschlucht. Nun stand er still. Auf dem Bahnhof brannten
-zuckend ein paar Laternen, gepeitscht vom Sturmwind. Niemand stieg aus,
-niemand ein, an der Maschine rauschte das Wasser. Plötzlich schreckte
-Konrad auf, er hatte draußen seinen Namen rufen gehört. Dort an der
-Wand stand eine schwarze Gestalt, die rief laut, wenn in dem Zuge ein
-hochwürdiger Herr namens Konrad sei, so möge er auf einen Augenblick
-ins Freie kommen.
-
-Fast unwillkürlich erhob sich der Genannte und stieg aus. Die schwarze
-Gestalt faßte ihn an der Hand, zerrte ihn heftig in den Hintergrund
-durch das Tor, stieß ihn in einen bereitstehenden Wagen, die Tür schlug
-zu, und die Rosse trabten dahin durch Nacht und Wind.
-
-Als Konrad zu sich kam, merkte er wohl, daß er an Seite der Frau
-Johanna von Martenstein saß.
-
-»Schon das zweitemal,« sagte diese, »führe ich dich so im Wagen heim.«
-
-»Ich bin verloren,« hauchte Konrad.
-
-Von den Füßen der Pferde sprühten Funken, aus den Nüstern der Pferde
-stoben Flammen, fast so war es bei den grelleuchtenden Blitzen zu sehen.
-
-»Wir fahren in die Hölle!« stöhnte Konrad.
-
-»Drein gesaust, Kutscher!« rief Frau Johanna, ihre Arme ungeduldig in
-die Luft hinausstoßend: da flogen die Felsen, die Bäume, die fahlen
-Strünke vorüber wie Nebelgebilde im Sturm. Aufrecht stand der Kutscher
-und stach mit den Augen auf den wilden Pfad hin. Ein blendender Blitz,
-ein Knall, daß die Grundfesten bebten, da sprang von einem Steine
-geschnellt der Wagen empor, der Kutscher war hingeschleudert, und die
-Pferde rasten entfesselt dahin.
-
-»Sterben!« sagte Konrad.
-
-»Leben!« rief Frau Johanna, aber das wüste Gefährte toste leitlos,
-weglos hin und einem Abgrunde zu, in dessen Tiefe gelbe Nebel wallten.
-Bei dem roten Scheine einer in den Himmel emporwabernden Fichte sahen
-sie das Verderben, dem sie nahten.
-
-»Sterben!« wimmerte jetzt Frau Johanna.
-
-»Leben!« schrie der Jüngling, sprang jäh auf den Bock, erfaßte den
-Leitriemen und riß mit übermenschlicher Kraft die Rosse zurück. Diese
-standen.
-
-Mit einem Tone, in welchem Entzücken und Ehrfurcht lag, sagte Frau
-Johanna zu Konrad: »Mich gereut es nicht, daß ich dich hole, du bist
-ein Mann.«
-
-Endlich kam der Kutscher nachgehinkt, um seinen Platz wieder zu
-besteigen. Vom Himmel goß unendlicher Regen.
-
-Zur Stunde des Morgengrauens, als der Wagen in den Burghof von
-Martenstein gerollt war, als Konrad in seinem wohlbekannten, trauten
-Zimmer saß, belehrte ihn die glutvolle Umarmung der Schloßfrau, welch
-eine Wendung sein Leben genommen hatte. Und nun zeigte es sich auch,
-daß dieser junge Mensch nichts weniger war als ein ausgebrannter Vulkan.
-
-Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Frau Johanna von Martenstein
-in ihre Gemächer wankte, dort in die Kissen sank und weinte. -- Also
-mußte es geschehen! Seit Jahren hatte es in ihr gerufen: Laß ihn nicht
-von dir! Und seit Jahren hatte sie die Frömmigkeit gemahnt: Weihe ihn
-dem Herrn! Sie hatte sich beherrscht, hatte ihn hingegeben. Und nun,
-als er dem Herrn geweiht war, raubte sie ihn aus seinem Tempel. Was
-einst ein Vergehen gewesen wäre, das hatte sie reifen lassen zur Sünde.
--- Was soll jetzt werden? Wird dieser Frevel Gottes Gnade finden?
-Vielleicht. Nie aber die der Kirche, nie die der Gesellschaft.
-
-Zur späten Stunde desselben Tages trat Frau Johanna von Martenstein
-vor den jungen Mann und sagte: »Konrad, wir haben unser Geschick
-beschlossen und den Schlüssel ins Meer geworfen. -- Vor einiger Zeit
-hat jemand angefragt, ob Martenstein verkäuflich sei. Wohl, ich
-verkaufe alles, hier ist nicht mehr unseres Bleibens. Du solltest nach
-dem Osten, nun gehe mit mir nach dem Westen. In einer vorurteilsloseren
-Welt wollen wir unser Haus gründen. Ist es dir also recht?«
-
-»Wie kannst du fragen?« versetzte Konrad.
-
-»Weil du nun der Herr bist,« antwortete sie.
-
-Er sagte nichts mehr, um so mehr sprach sein erwachter Blick. Ein
-ernster Stolz, eine frisch auflodernde Daseinslust war in dem Wesen
-des jungen Mannes, dem die Frau in der Vollreife des Lebens sich gern
-unterwarf für alle ihre Zukunft.
-
-Wenige Wochen später befand das Paar sich auf dem großen Ozeandampfer
-»Poseidon«.
-
-
-
-
-Aus dem Tagebuch einer Ehefrau.
-
-
- Graz, am 7. April 18**
-
-Ich heirate ihn. Meiner Mama zu Trotz heirate ich ihn. Cousin Karl
-lacht mich aus und Mama sagt, am Ende nähme mich auch der nicht, ich
-bekäme gar keinen. Karl sagt, ich bekäme jeden. Mama ärgert sich, daß
-er Professor der Philosophie ist, ja sogar -- wenn er seinen Titel
-zeigen wollte, aber er will das nicht -- Ritter von! Das macht alle
-ihre Prophezeiungen von meiner Taugenichtsigkeit zuschanden und ich
-will in der schönen Villa am Rosenberge die Hausfrau sein.
-
-Er ist genau zweimal so alt als Karl, ich habe ihn auch zweimal so
-lieb. Lieben muß eine brave Frau ihren Mann, das weiß ich schon, und
-ich will eine brave Frau werden, gerade der Stiefmutter zu Trotz, weil
-sie immer sagt, sie beweine den Mann, der mich nimmt.
-
-Sie mag's tun und er soll sie belachen, das will ich.
-
-
- 10. April.
-
-Heute war die Verlobung. Mama hat wirklich dabei geweint, aber vor
-Freuden und über mein Glück, wie sie laut sagte. Es ist auch eins. Ich
-weiß gar nicht wie mir ist, so als ob ich in den Lüften schwebte, und
-alles beweist mir Ehrerbietung, und die ganze Welt, so ist mir, wendet
-sich ringsum auf mich her und alle Bäume, alle Sträucher, an denen wir
-beim Nachhausegehen vorbeikamen, flüsterten einander zu: Sie ist Braut.
-
-Ich werde es aber nicht lange sein. Mama behauptet, ich zähle im
-Traume schon die Tage, bis ich einen Mann hätte. Mein Onkel sagte mir
-scherzend: »Bleibe so lange Braut als möglich, heirate sobald als
-möglich. Der Ehestand ist am schönsten von vorne, der Brautstand von
-hinten.« -- So etwas Unverständiges kann nur der gute Onkel sagen.
-
-Gottlob, daß ich Braut bin!
-
-
- 30. April.
-
-Gestern war's. Aber gestern war ich unfähig, auch nur ein Wort zu
-schreiben.
-
-Heute will ich's denn, ich kann das Geheimnis nicht in mir
-verschließen, ich kann nicht. Das Papier will ich ja dann verbrennen.
-
-Mein Bräutigam richtet die Villa neu ein, ich hörte, daß er in meinem
-künftigen Boudoir ein Fenster ausbrechen lasse gegen Mariatrost hin,
-weil er weiß, daß mir dieser Blick so lieb ist. Ich bin mit Mama und
-dem Cousin Karl sehr oft in Mariatrost gewesen; aber wenn ich vom Walde
-auf das weiße Haus am Rosenberg herübergeblickt hatte, wie hätte ich
-denken können, daß es einmal mein sein sollte!
-
-Ich war begierig, die neue Wohnung zu sehen und wollte gestern meinen
-Bräutigam überraschen. Er war aber nicht zu Hause, er hatte Vorlesung
-auf der Universität. Ich fand die weißbeklecksten Maurer, die dummen
-Tapezierer, die auf ihren Leitern standen und nicht einmal grüßten.
-Ich wünschte, daß es heimlicher würde in diesem Hause und verließ es
-bald. In der Panoramagasse begegnete mir der Cousin. Ganz zufällig war
-er spazieren gegangen gegen Mariagrün hin und lud mich ein, ihn zu
-begleiten. Ich ging gerne mit ihm, aber er war sehr langweilig, riß im
-Vorbeigehen Blätter von den Bäumen und warf sie wieder weg.
-
-Als wir zum Kirchlein kamen, war mir weich zumute und ich sagte, wir
-wollten doch hineingehen und die Mutter Maria grüßen.
-
-Karl antwortete, er habe sie schon oft gegrüßt, sie hätte ihm aber
-niemals gedankt. Er sei arm, verlassen, von niemandem geliebt. Ich bat
-ihn, daß er nicht so reden möge, und vielleicht, daß ihm die Mutter
-Maria heute danke. Ich sagte das, weil er mir leid tat und weil ich
-einen Spaß machen wollte und endlich auch, weil ich wirklich immer ein
-großes Vertrauen hatte zu Mariagrün.
-
-Wir gingen aber an der Kirche vorüber und durch den Wald hinauf. Er
-wollte noch nicht sprechen und als ich ihn von der Seite heimlich
-anblicke, sehe ich, daß sein Auge voll Wasser steht. Mir wollte das
-Erbarmen mein Herz zerdrücken. Ich ärgerte mich, daß mir gar kein Wort
-einfiel, ihn zu trösten. Wenn er nur zu Hause bei uns wäre, dachte ich,
-unter Leuten macht er ja seine lustigen Glossen, daß alles lacht.
-
-Da ist es plötzlich. Er reißt mich an sich und küßt mich so heftig, daß
-ich vor Schreck ohnmächtig werden mußte ...
-
-Wir sind spät nach Hause gegangen.
-
-Jedes allein.
-
-
- 30. Juni.
-
-Die Hochzeit ist vorüber; sie war in der Domkirche, einfach und
-würdig. Ich hätte aber vermutet, es würden mehr Leute in der Kirche
-anwesend sein. Mir sei beim Heiraten alles Aufsehen zuwider, hatte ich
-gesagt, aber geheim wäre mir doch um Zuschauer zu tun gewesen. Mama
-war zärtlich mit mir, wie vorher noch nie; ich hätte mir nicht träumen
-lassen, daß mir der Abschied von ihr so schmerzlich fallen würde.
-
-Als mich mein Mann -- ach, mein Mann! -- durch unsere neue Wohnung
-führte, war mir sehr bange und wußte ich nicht, was ich sagen sollte,
-um meine Beklemmung zu erleichtern. Ich hatte einen unverstehbaren
-Drang, als müßte ich etwas sagen, was mir oder ihm weh täte. So sagte
-ich, daß ich nur eines fürchte in diesem Haus: Die Gegenwart seiner
-verstorbenen Frau. Ich sei maßlos eifersüchtig.
-
-Er lächelte und meinte, besser, die zwanzigjährige Frau sei es, als
-der vierundvierzigjährige Mann habe Anlaß dazu. Dann gab er mir den
-Schlüssel zu einem kleinen Zimmer und sagte, das Zimmer sollte mein
-Brautgeschenk sein, +mein+ ganz allein, er wolle es nimmer betreten und
-nicht mehr wissen, daß es auf der Welt sei.
-
-Während er mit dem Hausmeister sprach über das, was bei unserer
-Abwesenheit zu geschehen hat, öffnete ich das Zimmer, denn ich war sehr
-begierig auf die Brautgabe. Im Zimmer befanden sich alle Gegenstände
-von der ersten Frau, von ihrem Ölbilde an bis zum Hochzeitsschmuck, ihr
-Schreibtisch, ihre Kleider, ihr Toilettenkasten, die kleine Wiege mit
-dem blauseidenen Vorhang, die nicht verwendet worden ist. -- Das alles!
-Und es war mein Eigentum, ich konnte es vernichten.
-
-Als mein Mann zu mir zurückkam, fragte er in seiner gütigen Weise,
-warum ich weine?
-
-»Wie lange ist es, daß sie nicht mehr lebt?« so mußte ich fragen.
-
-Ich hätte fast gewünscht, daß er entgegenfragen möchte, von wem ich
-spreche, aber er sagte nur: »Seit du lebst, Juliana, ist sie nicht. Du
-wirst gesehen haben, wie alles schon verblaßt ist. Dein Geburtsjahr ist
-ihr Sterbejahr gewesen.«
-
-Nun sitze ich im Zimmer des Hotels. Mein Mann erkundigt sich beim
-Portier nach dem morgigen Wagen auf den Bahnhof. Ich solle mich um gar
-nichts kümmern, ich soll nur die schöne Welt genießen.
-
-Wenn nur schon morgen wäre!
-
-
- 16. Juli.
-
-Wir sind von der Hochzeitsreise zurückgekehrt. Es waren herrliche Tage.
-Ich habe mich während derselben in meinen Mann verliebt. Das ist ein
-goldener Mann und kann scherzen wie ein zwanzigjähriger Student.
-
-»Ei geh', Ludwig!« verwies ich ihn einmal neckend, »ein Professor der
-Philosophie und so übermütig!«
-
-Was ich mir unter Philosophie denn eigentlich vorstellte, war seine
-Frage, wenn nicht die Lehre vom heiteren Genuß der lieben Welt?
-
-Ich könnte damit einverstanden sein -- aber für mein Unglück gibt es
-keine Philosophie.
-
-
- 1. August.
-
-Keine Fürstin kann's so haben als ich. Draußen die paradiesische
-Landschaft mit der schönen Stadt im Tale. Im Hause die frohe Umgebung,
-in meinem Gemach der stille Frieden -- in mir die Pein.
-
-Wie Wochen sind mir die Stunden, da Ludwig nicht bei mir ist, und wie
-zittere ich, wenn er bei mir ist! Er ist jetzt in den Ferien Bauer,
-Gärtner und Jäger und immer munter, immer gut und liebevoll. Gar nie
-tritt er ins Zimmer, ohne mir eine Blume, eine Knospe mitzubringen, er
-ziert damit mein Haar, meinen Busen, tritt dann zwei Schritte zurück
-und schaut fröhlich her, wie es mir passe. Gestern abends, da wir
-beisammen im Garten standen vor einem Strauche junger Herbstrosen, nahm
-er mich an beiden Händen, schaute mir mit feuchtem, leuchtendem Auge
-ins Gesicht und sagte: »Juliana, ich danke dir! Ich danke dir, daß du
-mein bist!«
-
-Einen Stich gab's mir im Herzen, ich wankte ins Haus.
-
-Ich liebe ihn! Ich liebe ihn so heiß, daß ich den Frevel nicht
-begreifen kann, wie ich einst sagte: bloß Mama zum Trotz.
-
-
- 4. August.
-
-Es wird nicht anders. Es ist fürchterlich!
-
-
- 11. September.
-
-Heute ging Karl vorbei und blickte zu meinem Fenster herauf. Kaum
-konnte ich mich noch verbergen, daß er mich nicht sah. Ich weiß nicht,
-was größer ist, mein Haß gegen ihn oder meine Verachtung gegen mich.
-
-
- 30. September.
-
-Heute fand Ludwig, daß die Haustreppe für mich zu steil sei und will
-sie flacher legen lassen. Ich beschwor ihn, daß es nicht der Fall ist.
-Zum mindesten belegt er sie mit Teppichen, daß es meine Füße recht
-sanft haben sollen.
-
-Wie er strahlt vor Glück, wenn er mir etwas Liebes erweisen kann! Mein
-ganzer Tag, meine ganze Existenz ist lautere Liebe von ihm.
-
-Mama kommt mit ihren Ratschlägen, die mir zuwider sind, ich will nur
-ihn hören -- und daß ich's tue, zu tun vermag, ist eine Schmach für
-mich.
-
-Ihm gesteh --? Es ist unmöglich! Unmöglich!
-
-
- 9. Oktober.
-
-Seine Studenten lieben ihn auch. Sie haben ihm gestern zu seinem
-Geburtstage einen Fackelzug gebracht.
-
-»Der gilt dir!« jubelte er mir heimlich zu, »es ist ja der erste, den
-sie mir bringen.«
-
-Zum Fenster rief er hinab: »Ihr jungen Freunde! Mein Leben ist licht
-geworden. Opfert den Göttern, daß ich demütig bleibe!«
-
-»Ludwig,« sagte ich später zu ihm, da wir allein waren, »Philosophen
-pflegen sonst dem Glücke nicht sehr zu trauen. Ich kann nicht so
-zuversichtlich sein.«
-
-Nach einer Weile habe ich beigesetzt: »Du hast nur einen einzigen
-Fehler, lieber Mann. Daß du so gar nicht eifersüchtig bist.«
-
-»Diese Bemerkung,« sagte er darauf, »beweist, daß ich ganz recht habe,
-es nicht zu sein.«
-
-Ich las einmal, daß es Frauen gibt, die ihre Männer nicht allein
-mit Eifersucht quälen, nicht allein hintergehen, sondern sie auch
-eifersüchtig haben wollen. Bei Gott, von diesen bin ich doch keine. Wie
-könnte ich glücklich sein, über sein Vertrauen!
-
-
- 12. Oktober.
-
-Heute sind wir in die Stadt gezogen. Ich sehe von meinen Fenstern aus
-die schönen Alleen des Glacis und den Schloßberg. Die herbstlichen
-Schattierungen der Bäume sind gar zu schön. Seit ich diesen Mann habe
-und seinen Gesprächen lauschen kann, gehen mir erst die Augen auf für
-allerlei, das mir sonst gleichgültig gewesen ist. Wie könnte ich es
-genießen!
-
-Er hat mit dem Inspektor des Hauses einen förmlichen Pakt geschlossen,
-daß der Mann jeden Lärm möglichst hintanhalte und wie ein Engel mit
-flammendem Schwerte unser Paradies bewache. Und doch ahnt er es nicht,
-wie nahe die Zeit ist.
-
-Hat er jemals so viel an seine erste Frau denken können, als ich es
-tue? Alle Sachen von ihr, alle Erinnerungen an sie habe ich in das
-Stadthaus mitgenommen, hier damit ein Zimmer eingerichtet, das wie
-meine Hauskapelle ist. Wenn mir gar zu schwer wird um's Herz und
-ich trotz des geliebtesten Menschen, der mit mir lebt, nicht weiß,
-wem ich meine Angst und Not klagen soll, gehe ich in das Zimmer der
-Verstorbenen und weine mich aus.
-
-Und bete, sie möchte mich dahin rufen, wie sie dahin gerufen worden
-ist. Sie hat die Wiege bereitet, die Linnen gestickt mit Freuden -- sie
-hätte gerne gelebt mit diesem Mann.
-
-Ich kann nichts bereiten und Ludwig wird sich darüber wundern. Ich kann
-nicht, ich habe es versucht -- es ist, als stickte und webte ich an der
-Sünde weiter.
-
-Darf ich denn wünschen, daß es aus werde mit mir, da ich doch weiß, es
-könnte ihn nichts so hart treffen auf Erden?
-
-Ach, wenn ich ihn nicht so sehr liebte! Wenn er nur nicht so unsäglich
-gut wäre!
-
-
- 25. Dezember.
-
-Das war ein trauriger Christabend.
-
-Ludwig überschüttete mich mit Gaben, mich und das Kind, als ob es schon
-da wäre und spielen und jubeln könne. Und er saß in der dunklen Ecke
-des Zimmers und sagte kein Wort, sondern verdeckte sein Gesicht mit
-den Händen. Ich wußte nicht, was es war, und der Christbaum gab einen
-Schein, wie die Lichter an einer Bahre.
-
-Ich wagte nicht, ihn zu fragen nach seinem plötzlichen Kummer, denn ich
-glaubte, daß er nun alles wisse. Aber es war doch was anderes, denn
-endlich stand er auf, trat zu mir heran, die ich allein am Tische des
-Baumes gesessen war, und küßte mich so herzlich und treu, daß es nicht
-zu beschreiben ist.
-
-
- 28. Dezember.
-
-Er ist nicht, wie er sonst war.
-
-Er ist liebreich und gütig gegen mich wie immer, aber er ist nicht so
-heiter. Er ist zerstreut, ist viel an seinem Arbeitstische, arbeitet
-aber nicht, sondern schaut mit aufgestütztem Haupte nur so vor sich hin.
-
-Er muß einen Kummer haben. Hundertmal wollte ich ihn schon fragen, was
-es sei, aber ich kann nicht, ich vermag's nicht, ich weiß nicht warum.
-Wüßte er etwas, wie könnte er so herzlich mit mir sein, es wäre ja
-nicht möglich.
-
-
- 30. Dezember.
-
-Er ahnt doch etwas. Heute sprach er davon, daß es Zeit sein dürfte, das
-Wochenzimmer zu bereiten.
-
-
- 1. Januar 18**
-
-Er ahnt nichts. Wir haben in der Nacht die zwölfte Stunde wachend
-erwartet.
-
-»Ich segne dich, du vergangenes Jahr,« sagte er, »du hast mir mein
-Menschentum verzweifacht. Und ich segne dich, du kommendes Jahr, du
-wirst es verdreifachen.«
-
-Er ist wieder heiter und voll Zuversicht.
-
-
- 5. Januar.
-
-Ich wüßte keine andere Pein, die so höllisch sein könnte, als die
-meinige ist. Den Menschen, den man über alles liebt, dem man alles
-verdankt, ohne den man nicht mehr leben könnte, mit jedem Tage
-neuerdings täuschen und betrügen zu müssen.
-
-Ihm gestehen? Nein, nein, eher soll er mich im Sarge sehen.
-
-O unseliges Kind! Wie ich dich hasse, jetzt schon. Das einzige, was die
-Mutterliebe für dich tun kann, daß sie betet, du mögest das Tageslicht
-nimmer erblicken. Erscheinst du mir tot, ach, wie werde ich dich lieben
-und dankbar küssen und jubelnd begraben! O, Mutter Maria, ich rufe dich
-an! Mein Herz ist zum Zerspringen so schwer. Wenn ich dieses Büchlein
-nicht hätte! Alles in mich könnte ich nicht verschließen.
-
-
- 13. Januar.
-
-Der Gedanke verläßt mich nicht, o Gott! Es wäre ja zu unser aller
-Besten. Mein Fehltritt gebüßt, kein fremdes Wesen zwischen uns. In der
-Ehe Harmonie und Frieden nach Gottes Willen. Wie kann etwas, das so zum
-Guten führt, ein Verbrechen sein?
-
-Wenn ich nur mit ihm darüber sprechen könnte, wie über ein Fremdes, so
-daß ich seine Meinung wüßte für solchen Fall. Einmal hat er gesagt: Den
-Gott am meisten liebet, den nimmt er als Kind zu sich.
-
-
- 17. Januar.
-
-So bin ich vor mir selbst nicht mehr sicher. Heute morgens fragte mich
-Ludwig, woher ich denn plötzlich das Tigerherz genommen? Ich hätte in
-der Nacht vom Erwürgen gesprochen.
-
-Er mußte merken, wie ich erschrak, denn er sagte sogleich: »Wenn die
-Frauen so schlimm wären, als ihre Träume -- besonders in solcher Zeit!
-Der Traum ist das Ventil, durch das sich die Laster der tugendhaften
-Frau austoben.«
-
-Gott wolle, es wäre so!
-
-
- 25. Januar.
-
-Es ist merkwürdig, wie ich seine erste Frau, die ich anfangs als meine
-größte Feindin betrachtet habe, nun ganz zu meiner Vertrauten mache.
-Wie sehr sie ihn geliebt hat, er spricht auch nicht ein Wort darüber,
-aber tausend Spuren geben davon noch Zeugnis.
-
-O weise mich, seliger Geist, wie ich dich ihm würdig ersetzen kann!
-
-
- 10. Februar.
-
-Heute bin ich das erstemal aus dem Bette. Im Nebenzimmer schläft es.
-
-Ludwig war über die Frühgeburt nicht besonders überrascht. Es ist auch
-gar zu klein.
-
-Wenn er vom Kollegium nach Hause kommt, setzt er sich an's Bettlein und
-schaut es an. Ich habe immer gehört, es spreche das Blut, das muß doch
-nicht so sein. Er liebt es.
-
-Wenn ich jetzt denke an meine Gedanken! Solches nur denken zu können!
-
-Das Kind ist so arm, daß ich weinen muß, sooft ich es anblicke. Ich
-soll ruhen und schlafen, ich kann nicht, ich denke an das Kind immer
-und immer. Liebe ich es? Das wäre Untreue gegen den, der mir in meinen
-schweren Stunden wieder bewiesen hat, daß er mir alles ist, daß ich ihm
-alles bin. Er weinte und lachte, als es geboren war.
-
--- -- Sieben Monate! Wäre das nicht möglich? Wenn der Junimond nicht
-ausgeblieben wäre!
-
-Er kommt.
-
-
- 12. Februar.
-
-Und so soll es nun fortgehen? Das Geheimnis soll bleiben und ich soll
-ihn betrügen bis ans Lebensende?
-
-Das sei nicht. Das sei nimmer.
-
-Gut kann es sich nicht lösen -- aber es löst sich, ich weiß einen
-Ausweg. Da das Kind nicht hier bleiben darf und ich ohne es nicht sein
-kann, so muß ich mit ihm fort. Nach Wien, zur Schwester meiner Mutter.
-Von der Ferne werde ich ihm alles schreiben und die Form finden,
-die ihm am wenigsten weh tut. Ludwig ist nicht allein im Hörsaal
-Philosoph, er wird sich zurechtfinden. Hat er den Verlust des +treuen+
-Weibes ertragen können, so wird ihn der des falschen nicht zu Boden
-drücken. Habe ich sein Andenken an die erste Frau unterbrochen, so wird
-es nach meiner Flucht -- es soll nichts von mir zurückbleiben -- wieder
-erwachen und er wird nicht verlassen sein.
-
-
- 20. Februar.
-
-Ein Schreiben wollt' ich ihm zurücklassen, daß ich ihn bis zu meinem
-Tode lieben werde, daß ich von ihm gehe, weil ich seiner nicht wert
-wäre.
-
-Ich darf es nicht, ich darf diesen Brief, in den ich mein Leid gelegt
-habe, nicht an ihn gelangen lassen, das würde den Schmerz nur steigern.
-Ich will ohne alles, so wie eine Undankbare, eine Unwürdige geht, so
-will ich davongehen.
-
-Seine Verachtung gegen mich soll ihn retten und mich strafen, wie ich
-es verdiene. O mein Gott!
-
-
- 3. März.
-
-Ludwig ist mit einer kleinen Gesellschaft von Historikern auf einige
-Tage nach Cilli und Pettau gegangen, um dortige Römerdenkmale zu
-besichtigen.
-
-Er war sehr munter und sagte zu mir beim Abschied, ich sollte ihm nur
-recht den kleinen Ludwig hüten.
-
-Ich will nicht d'ran denken, will stark bleiben, ich habe viel zu
-vollbringen.
-
-Bei dem Packen sehe ich erst, wie wenig ich in dieses Haus gebracht
-habe, und wie viel von ihm empfangen.
-
-Der Dienerschaft sage ich, es sei verabredet, daß ich der
-Luftveränderung wegen auf einige Wochen nach Wien gehen werde.
-
-Also heute nachmittags vier Uhr in Gottesnamen!
-
-
- 6. März.
-
-Nun ist es so gekommen!
-
-Ich zittere jetzt noch, da ich es schreibe. Wozu schreibe ich es nur,
-ich sage ihm ja alles und darf es sagen, o Glück!
-
-Ich habe ihn geliebt, jetzt bete ich ihn an und den Nachkommen schreibe
-ich es entgegen: er ist anbetungswürdig!
-
-Jetzt weiß ich erst, was das ist: ein Mensch! Er hätte mich göttlicher
-nicht strafen, herrlicher nicht demütigen können und erheben zugleich,
-als er es getan hat. --
-
-Das Kind dicht eingehüllt am Arm, so floh ich wie eine Diebin. Der
-Wagen stand vor dem Tore; über die Aufregung vergaß ich des Schmerzes,
-der mich schrecklich gequält hatte die Nacht und den ganzen Tag
-hindurch.
-
-Am Tore steht Ludwig und fragt den Kutscher, wer wegfahre. Dieser
-deutet auf mich, die ich hastig aus dem Hause trete.
-
-»Was ist das, Juliana?« ruft Ludwig.
-
-Mir ist zum Zusammenbrechen, er stützt mich und bringt mich und das
-Kind zurück in die Wohnung.
-
-»Du wolltest -- mir entgegenfahren, mein Herz?« fragte er, »konntest es
-nicht wissen, daß wir die Reise um einen Tag abgekürzt haben.«
-
-»Ludwig,« sprach ich und mir wollte der Atem versagen, »laß mich
-rasten, mir ist schlimm zum Sterben. Es wird bald besser sein. Ich will
-dir dann was sagen.«
-
-Er führte mich voll zärtlicher Sorgfalt auf mein Zimmer und schloß die
-Tür ab.
-
-»Daran tust du wohl, Ludwig,« sagte ich, dann fiel ich vor ihm auf die
-Knie.
-
-Ich habe ihm alles gesagt -- alles.
-
-Er hörte es. Sein Blick war traurig, aber blieb liebevoll. Er hob mich
-auf und setzte sich neben mich, er war blaß, und seine Hand, mit der er
-die meinige hielt, zitterte.
-
-»Juliana,« sagte er, »diese Stunde mußte kommen, ich habe sie ersehnt,
-ich habe sie gefürchtet. Gerne möchte ich dir die Qual mildern,
-vielleicht dadurch, daß ich dir sage: Ich wußte es schon, wußte es seit
-dem Christabend.«
-
-So viel sprach er, dann stand er auf und ging einige Male das Zimmer
-auf und ab. Hierauf setzte er sich wieder und sagte: »Ich fand an
-jenem Tage auf deinem Arbeitstischchen das kleine Notizbuch liegen; es
-hätte meinetwegen immer dort liegen können, ich sah es nur diesmal,
-da ich etwas suchte, um dir ein kleines Gedicht einzuschmuggeln,
-einen Gruß dem Nahenden, der uns das nächstjährige Christfest feiern
-helfen soll. Ich pflege nicht indiskret zu sein, aber als ich das
-Büchlein aufschlug, sprang mir ein Wort in's Auge, das mir sofort deine
-nächtlichen Träume und Ausrufe in Erinnerung brachte. Ich mußte lesen,
-denn es war ein Sturm in mir, den ich beschwören wollte mit deinen
-Aufzeichnungen. Aber kein Wort gab mir den Frieden zurück und ich las
-alles.«
-
-»Und hast uns nicht verstoßen und hast uns lieben können!« rief ich aus.
-
-»Die Ehebrecherin hätte ich verstoßen,« sagte er ruhig, »Dein Fehltritt
-war vor dem Tage, da wir uns die Treue geschworen. Ich entschuldige
-nichts, denn daß es eine große Schuld war, beweist das Leid, welches
-sie in dein Herz warf.«
-
-»Und das Kind?«
-
-»Ist unser. Ich gestehe dir wohl, es war eine schwere Betrübnis in mir,
-da mich die Tatsache so plötzlich überrascht hatte; aber als ich des
-Gemeinen Herr wurde und die Wahrheit fand, da war ich zufrieden. Es
-ist mein Kind, wie es das deine ist, denn in unseren Armen ruht es,
-durch unsere Fürsorge wird es gedeihen, durch unser Herz wird das seine
-genährt und erweckt, durch unser Vorbild wird es uns ähnlich an Seele
-und Leib. Es wird uns und nur uns lieben und nichts anderes wissen.
-Nicht +der+ Augenblick ist mir der höchste, welcher der niedrigste
-ist und mir möglicherweise vom Kind einst zum Vorwurf gemacht werden
-kann. Nicht wer das Menschenkind erzeugt, ist sein Vater, sondern wer
-es erzieht. Diesem nur hat es zu danken, denn dieser machte es zum
-Menschen, diesen nur kann es lieben. Kein tierisches Band ist es, das
-mich an unsern Ludwig fesselt, ethische, menschliche Beziehungen sind
-es, und wenn der Himmel den lieben Kleinen beschützt, so wirst du
-sehen, daß keines andern, daß +mein+ Wesen verjüngt aus ihm hervorgeht.
-Auch uns verknüpfen dann unlösliche Bande der Natur, aber solche
-besserer Art, und der nur kann mir mein Anrecht streitig machen, der
-mir beweist, daß je ein leiblicher Vater sein Kind so teuer erkauft
-hat, als ich das meine.«
-
-In diesem Sinne hat er gesprochen. Ich wimmerte zu seinen Füßen, dann
-an seiner Brust.
-
-»Jedoch ein ernstes Wort,« so fuhr er fort, »habe ich mit dir zu
-sprechen, Juliana, deiner geplanten Flucht wegen. Ich erwäge die
-Gründe, die dich dazu bewogen haben, sie mögen gewichtig sein oder dir
-so geschienen haben. Aber ich hätte von dir so viele Kenntnis meines
-Wesens und Charakters erwartet, durch die du wissen solltest, daß unter
-allen Umständen ein vertrauensvolles Bekenntnis das Beste gewesen
-wäre. Ich habe dieses Bekenntnis von dir fast bestimmt noch vor der
-Geburt des Kindes erwartet; es hätte dir Beruhigung und Mut gebracht,
-es hätte dich meinem Herzen womöglich noch näher gebracht, schon durch
-das Mitleid mit der Reuigen und durch den Vorteil, verzeihen zu können.
-Wie, wenn du in den Wochen hättest sterben müssen, gepeinigt von dem
-Gewissen, und ohne von mir den Beweis der +wahren+ Liebe, den ich heute
-erbringen kann, hören zu können! Das alles war nicht, aber verlassen
-wolltest du mich heimlich, uns drei in ein Elend stürzen, wie ein
-größeres kaum zu denken ist. Diese Untreue, meine Juliana, ist mir noch
-schmerzlicher, als die erste es war ...«
-
-An all das kann ich mich noch erinnern, daß er's gesagt hatte, dann
-weiß ich nicht mehr, was mit mir geschah. Als ich wieder zu mir kam,
-lag ich auf meinem Bette, der Arzt stand neben mir und zu meinen
-Häupten Ludwig, der mir mit einem kühlen Tuch die Stirne trocknete.
-
-Ich legte den Arm um seinen Nacken, und sein liebes Haupt beugte sich
-nieder auf mein Gesicht, und auf meine Stirne fiel eine warme Träne ...
-
- * * * * *
-
-Als ein letztes Siegel der Reue und der Treue, ja sozusagen als eine
-Votivtafel zur Danksagung für ein so seltsamerweise gefundenes Eheglück
-fühlte sich die Frau Professorin veranlaßt, diese Tagebuchblätter --
-mit Hinweglassung der persönlichen Merkmale und Erkennungszeichen -- zu
-veröffentlichen.
-
-Ich, der ich dieses zu vermitteln übernahm, habe nur zwei Bedenken: als
-erstes, ob die Skrupel der Frau, als zweites, ob die Philosophie des
-Mannes wohl das richtige Verständnis finden werden?
-
-
-
-
-Die Kokette.
-
-
-Du sprichst von koketten Frauen, junger Freund, wie ein Blinder von der
-Farbe. Kokett nennst du es, wenn eine Dame durch auffallende Farben,
-Bewegungen, Blicke die Augen der Männer auf sich zu lenken sucht.
-Kokett nennst du sie, wenn sie sich ein wenig vordrängt und ein wenig
-versteckt, wenn sie ein wenig dreist ist und ein wenig erröten kann,
-wenn sie ein wenig anzieht und ein wenig abstößt und so die Herzen
-der Männer bearbeitet, bis sie Feuer geben, und wenn der Mann für sie
-lichterloh entbrennt, sie geneigt ist, die Glut regelrecht zu dämpfen.
-Das ist ja alles nett und kokett und verläuft auf das Anmutigste.
-
-Ich kenne eine andere Koketterie, mein Junge, und will dir erzählen;
-willst du keine Lehre daraus ziehen, so magst du dich wenigstens für
-klüger halten, als ich war -- und das wird dir sicherlich ein großes
-Vergnügen sein.
-
-Ich habe dir schon einmal gesagt, daß ich mich als Student eine
-Zeitlang mit Unterrichtgeben in der Stenographie fortgeholfen hätte.
-Also gewann ich auch durch Vermittlung eines Bekannten wöchentlich zwei
-Stunden bei einer Dame Stachari. Es war eine blasse, schwarzhaarige und
-großäugige Dame, die stets in schwarzem Seidenanzuge war und am Busen
-eine Kamelie oder eine rote Rose stecken hatte. Sie konnte nicht älter
-als vierundzwanzig Jahre sein, ich wußte nicht, ob sie vermählt war
-oder ledig; das alte Stubenmädchen erwähnte mehrmals des »Herrn«, den
-ich aber nie zu Gesichte bekam. Die Wohnung bestand aus drei Zimmern,
-die sehr luxuriös eingerichtet waren. Zumeist herrschte in ihnen ein
-künstlich hergestelltes Dunkel und ein betäubender Blumenduft. Die
-Blumen und ihr Duft, so behauptete sie, seien ihr Licht, ihre Luft,
-ihre Nahrung, ihre Liebe, ihr Traum, ihre Seligkeit. Was den Männern
-der Wein, der Tabak, das Opium sei, das wäre ihr die Blume; was den
-Männern das Spiel, die Gefahr, das Weib sei, das wäre ihr die Blume.
-Die Blume sei das einzige Wesen auf der Erde, von dem sie nichts
-Schlimmes erfahren, nicht enttäuscht worden wäre.
-
-Nun hätte ich für mein Leben gern gewußt, was die junge Dame schon für
-Schicksale gehabt und worin die Enttäuschungen bestanden; natürlich
-wagte ich nicht zu fragen und sie berührte ihre Vergangenheit, ihre
-persönlichen Verhältnisse mit keiner Silbe.
-
-Nachmittags von fünf bis sechs Uhr hatten wir den stenographischen
-Unterricht; ich wußte aber nicht, zu welchem Zwecke sie die
-Schnellschreibekunst erlernen wollte, einmal nur äußerte sie, solche
-mache ihr Spaß und sei ein netter Zeitvertreib, während ich immer der
-Meinung gewesen, die Stenographie sei Zeitersparnis. Indes ging ihr
-die Sache doch nicht recht von der Hand; mehrmals legte sie schon in
-der ersten Hälfte der Stunde den Stift weg, lehnte sich in den Sessel
-zurück und machte den Vorschlag, lieber ein bißchen zu plaudern. Nun
-wußte ich über nichts eigentlich zu plaudern, als über Gabelsberger,
-denn ich war ein ganz unerfahrener Mensch, der bisher in Gesellschaft
-sich stets bescheidener Schweigsamkeit beflissen hatte. In erster Zeit
-hatte mich sogar die Ansprache verlegen gemacht: ich nannte sie gnädige
-Frau, sie widersprach nicht, doch ahnte ich bald die Unschicklichkeit
-dieser würdigen Ansprache, denn die Dame kam mir manchmal sehr jung
-vor und ich nannte sie endlich »mein Fräulein«. Manchmal schlug sie
-Heines Buch der Lieder auf, fragte mich, welche Gedichte mir am besten
-gefielen und las wohl selbst eines oder das andere, wobei sie manchmal
-seufzte und schwermütig ward.
-
-Als es in den Spätherbst hineinging, wollte uns der Tag nicht
-mehr leuchten zu unserem Schreibunterrichte, da wurde die Lampe
-angezündet, die einen roten Schirm aus Seidenpapier hatte, so daß die
-Schreibeblätter und die Hände und die Wangen einen rosenglühenden
-Schein gaben. Manchmal zitterte im Schreiben ihre Hand ein wenig und
-sie bat mich, daß ich sie führe, was aber durchaus nicht nach der
-Schnellschreiberegel ist. -- Zwei Minuten nach Ablauf der Stunde
-pflegte ich aufzustehen, mich vor meiner Schülerin zu verneigen und
-davonzugehen. Bei solchem Fortgehen kam ich mir sehr einfältig vor
-und ich ärgerte mich nachher, daß ich nicht artiger gewesen war gegen
-das liebenswürdige Fräulein. Das böse Gewissen ließ mich deswegen oft
-halbe Nächte lang nicht schlafen und ich nahm mir fest vor, das nächste
-Mal sachgemäßer zu handeln. Als ich jedoch das nächste Mal wieder
-neben ihr saß, wieder die stille Lampe brannte, wieder ein Heinesches
-Gedicht gehaucht wurde, war ich eben gerade wieder so blöde, sehnte
-mir insgeheim den Verlauf der Stunde herbei und als sie vorüber war,
-zögerte es doch in mir, ob ich schon gehen oder meine Schülerin noch
-ein bißchen nachsitzen lassen solle.
-
-Eines Abends im Dezember machte mir das Fräulein die etwas
-überraschende Mitteilung, daß sie auf unbestimmte Zeit verreisen werde
-und daher den stenographischen Unterricht leider unterbrechen müsse.
-Sie händigte mir die Hälfte des ausbedungenen Honorars ein, die andere
-Hälfte stellte sie mir in Aussicht nach ihrer Rückkehr. Beim Abschiede
-teilte sie mir errötend mit, daß sie sich von mir eine Gunst ausbitten
-wolle -- ein Andenken von mir -- eine ganz kleine Haarlocke.
-
-Was sie an einer Haarlocke habe? fragte ich, die Sache ins Scherzhafte
-ziehend, denn ich mußte mein heftig pochendes Herz verdecken. Sie
-antwortete, das wisse sie schon und schnitt mir unter unsagbar zarten
-Berührungen vom Nacken links ein Löcklein ab. Nun wären wir gottlob im
-richtigen Geleise! dachte ich, tat nichts dafür und nichts dagegen,
-wartend, daß das Glück mir in den Schoß falle. Das Fräulein stand eine
-Weile sinnend, endlich flüsterte sie: »Also denn -- es ist bestimmt, in
-Gottes Rat!« damit steckte sie mir ein halbaufgeblühtes Rosenknösplein
-in das Knopfloch. Ich drückte ihr die Hand, wünschte eine glückliche
-Reise und Wiederkehr und taumelte zur Tür hinaus.
-
-Die qualvolle Zeit, die nun für mich kam, ist nicht nachzuempfinden Ich
-fühlte mich ganz und gar verwaist, mir war, als hätte ich die einzige
-Schwester -- he, bloß eine Schwester? -- verloren. Täglich mehrmals
-ging ich durch die Gasse und schaute hinauf zu ihren Fenstern, die mit
-Holzbalken verschlossen waren wie mitten im Sommer. Um Neujahr waren
-die Fenster plötzlich wieder offen, ich erschrak wonnig. Aber es waren
-nicht mehr die dunkelroten Gardinen, es waren weiße Spitzenvorhänge,
-zwischen denselben schaute ein alter schmauchender Weißkopf hervor.
-
-Also dahin für immer!
-
-Die Rosenknospe hielt ich wie ein Heiligtum und legte sie gepreßt in
-das Etui, in welchem das Bild meiner verstorbenen Mutter war. Von ihr
-hatte ich kein Bildnis, um so lebhafter baute und malte die Phantasie
-an ihrer Gestalt, bis sie die Schönste, die Begehrenswerteste war, die
-je auf Erden gelebt. Hören ließ sie aber nichts von sich und ich wußte
-nicht, sollte ich meine Gedanken und Sehnsucht nach Osten aussenden
-oder nach Westen, um sie zu finden.
-
-Übrigens schleifte mich das Leben fort über Kummer und Freude, über
-Hoffnung und Enttäuschung; mir blieb dabei nur der Vorteil, daß ich
-älter und reifer wurde. Nach einem halben Jahre war die verreiste
-Schülerin glücklich verwunden und nach einem Jahre vergessen.
-
-Frauen aber vergessen nicht so leicht. Als ich im zweiten Jahre auf
-der Universität war, erhielt ich eines Tages ein Paket zugeschickt.
-Kein Brief und kein Name war dabei. Das Paket kam aus einem böhmischen
-Orte, dessen Namen ich nicht zu enträtseln vermochte. Es bestand aus
-einem Buche mit folgendem Titel: »Die Schule der Liebe. Ein Unterricht
-für junge Männer und Frauen.« Ein Verlagsort war nicht angegeben,
-hingegen stand an der Stelle desselben mit Bleistift geschrieben: »Dem
-unvergeßlichen Lehrer die dankbare Schülerin J. St.«
-
-Anfangs stutzte ich. Wo und wann hätte ich in der Liebe Unterricht
-erteilt! Endlich verfiel ich doch auf die Stenographenstunden mit
-Fräulein Stachari. Dieses schöne Buch sollte wohl der Rest des Honorars
-sein. Jedenfalls habe ich mehr aus ihm gelernt, als das Fräulein aus
-meinem Schnellschreibeunterricht. Als diese gedruckte Schule der Liebe
-durchgemacht war, kam es mir unbegreiflich vor, daß irgend ein Mensch
-blöde sein könne. Lebhafter stieg die Erinnerung an die junge schwarze
-Dame in mir auf, aber nun in ganz neuer Beleuchtung; ich durchsuchte
-alle Ecken und Ränder des Buches, jedes Blatt, um etwa ganz klein,
-vielleicht gar in stenographischer Schrift geschrieben, ihre Adresse
-zu entdecken. Vergeblich. Sie blieb mir unerreichbar und fern in
-Dunkel gehüllt. Freilich fehlte es nun nicht mehr an anderweitigen
-Zerstreuungen, doch tat es mir leid, wenn ich an das Fräulein Stachari
-dachte.
-
-Endlich nahm mein Leben eine andere Richtung. Die Studien
-waren vollendet, ich gewann an der Universität zu G. eine
-Privatdozentenstelle. Ich fühlte mich ruhiger und ernster werden
-und begann mit tieferen Absichten nach dem schönen Geschlechte
-auszublicken. Eine Advokatentochter war, mit der ich Verkehr anzubahnen
-suchte. Zur selben Zeit erhielt ich den Brief, welchen ich noch in der
-Tasche trage.
-
- Prag, am 20. Juni 1884.
-
- »Verehrter Professor!
-
- Wohl kaum darf ich hoffen, daß Sie sich noch erinnern an
- eine unaufmerksame und störrische Schülerin, welcher Sie
- stenographischen Unterricht erteilten. Wie saßen wir doch
- so fromm und dumm beisammen! Ach, lange, lange ist es her!
- Die Stenographie habe ich gottlob vollständig vergessen,
- wozu auch hätten wir Frauen den Mund und manchmal sogar
- einen frisch roten, wenn wir uns nur aufs Schreiben verlegen
- wollten! Weniger habe ich des jungen Lehrers vergessen, der
- war stramm wie ein Leutnant und schüchtern wie ein Mädchen in
- der Fibelklasse. Heute wird wohl das eine noch zutreffen, aber
- das andere sicherlich nicht mehr. Möglicherweise hat sich auch
- bei der kleinen Schülerin seither einiges geändert, denn sie
- lebt in den Jahren, die wie Champagner prickeln. Keine Wirtin,
- die aller Welt aufwartet mit dem Stengelglase, die aber gern
- ihrem ehemaligen Lehrer den Labetrunk reichen möchte, falls er
- ihn von ihrer Hand nähme. Das Leben ist, ach, so flüchtig, und
- manche Frucht, die in kindischen Jahren sehnsuchtsvoll gesäet
- worden, reift so spät! Aber nicht zu spät.
-
- Ist Ihnen nie gesagt worden, daß ein junger Professor Reisen
- machen, die Welt genießen und auch Prag sehen müsse? Ach, so
- halten Sie sich doch daran! und das Wichtigste ist, daß Sie in
- Prag sich nach Ihrer Schülerin umsehen und mit ihr einen ganzen
- Abend lang von alten schönen Zeiten plaudern! Ach, wie wird
- das hübsch sein! Sie dürfen mit Ihrem Besuche aber durchaus
- nicht so lange warten, bis Sie ehrwürdig werden. Und damit
- nicht noch mit dem törichten Schreiben soviel Zeit vergeht,
- schließe ich rasch; das Weitere ist Ihre Sache.
-
- Ihre
-
- Josefine Stachari.«
-
-Noch ist die genaue Adresse angegeben.
-
-Jetzt war mir etwas eigentümlich zumute. Das ganze nun zur Leidenschaft
-gesteigerte Fühlen für die geheimnisvolle und doch so offenherzige
-Dame ward in mir wach. Ich setzte mich hin, schrieb einen Brief, in
-dem ich mit heftigen Ausdrücken der Ungeduld mein Kommen anzeigte.
-Der Brief selbst war eine so ungestüme Umarmung, daß ich ihn nach der
-zweiten Durchsicht zerriß. Der Weg von G. bis Prag ist kein Spaziergang
-zu einem Stelldichein, aber hatte ich nicht schon seit langem im
-Sinn, nach dem schönen Dresden, nach dem großen Berlin zu reisen?
-Dabei ließe sich Prag ja sehr leicht machen. Ich bekämpfte jetzt mein
-Temperament und schrieb der Dame mit einer den Zuständen durchaus nicht
-entsprechenden Ruhe, daß ich vorhätte, demnächst auf einer größeren
-Reise Prag zu berühren, bei welcher Gelegenheit ich nicht verfehlen
-würde, sie aufzusuchen.
-
-Wenige Tage später war von ihr der zweite Brief da:
-
- »Liebster Herr Professor!
-
- Diese Aufregung! Diese Freude! Diese Angst! Ich kann mich
- kaum fassen, ich kann es nicht glauben, daß es sein soll, Sie
- hier zu sehen. Es wäre zu herrlich! Ich habe Ihnen so viel
- mitzuteilen, anzuvertrauen; aber Sie müssen mir versprechen,
- ritterlich zu sein gegen ein hilfloses Weib, dessen
- verzagendes, seliges Herz Ihnen entgegenschlägt. Ach wie lange
- war die Zeit, wie einsam war mir oft unter meinen Blumen! Ihr
- Schreiben hat mich über alle Maßen glücklich gemacht, haben Sie
- Dank! Und kommen Sie rasch, setzen Sie sich auf den nächsten
- Zug, fahren Sie Tag und Nacht, ich vergehe vor Ungeduld, Ihnen
- mein Glück an den Busen zu legen. Sagte mir meine Ahnung doch
- schon lange, daß ich mich an Ihnen nicht täusche, daß Sie nicht
- täuschen können, mein teurer, mein lieber Freund. Nur müssen
- Sie nichts Arges von mir denken über meinen unbändigen Freimut,
- ich bin ein Weib. Die Stunde, wann Sie mich finden, kennen Sie,
- es ist unsere Stenographenstunde wie vor fünf Jahren. Fünf
- Jahre jünger bin ich geworden durch Ihren Brief, haben Sie
- nochmals Dank und eilen, eilen Sie zu Ihrer Freundin
-
- Josefine Stachari.«
-
-Für eine Portion war das genug. Mir wurde fast unheimlich. Für ein
-nettes Abenteuer baute sich die Sache fast zu groß auf, das läßt sich
-nicht so leicht abhaken, wie es angehakt ist. Das war nun doch einmal
-ein Weib, wie ich im müßigen Ideale mir es oft gedacht hatte, ein in
-heiliger Leidenschaft lohendes, alle Konvenienzen kühn verachtendes,
-heldenhaft liebendes Weib. Daß mittlerweile in meiner Erinnerung auch
-ihr Bild wundersam reizend und schön geworden war, habe ich dir ja
-schon gesagt.
-
-In den ersten Tagen der Ferien packte ich meinen Koffer und reiste
-Tag und Nacht der alten Königsstadt Prag zu. Es war mir zumute wie
-auf einer Brautfahrt. Es war doch zu rührend, wie sie meiner gedacht,
-wie sie auf mich gewartet hatte, bis ich in der Lage war, ein Weib
-heimzuführen. Und selbst, daß sie von mir fortgezogen, war das Werk
-einer großen Seele. Sie wollte uns gegenseitig die Reinheit hüten, sie
-wollte mich frei lassen, frei leben und frei wählen.
-
-Unsere Stenographenstunde war nachmittags von fünf bis sechs Uhr
-gewesen. Zu Prag ins Hotel gekommen, war mein erstes, durch einen Boten
-ihr meine Ankunft anzuzeigen, und daß ich mich an demselben Tag um fünf
-Uhr bei ihr einfinden würde. Hierauf reinigte ich mich sorgfältig von
-dem Staube der Reise, nahm ein Mahl zu mir und bereitete mich vor auf
-den Besuch.
-
-Punkt fünf Uhr schellte ich an der Tür ihrer Wohnung. Ein schmuckes
-Stubenmädchen erschien, um zu öffnen, fragte leise, ob ich der Herr
-aus G. sei und führte mich dann in ein dunkelgehaltenes Gemach. Es war
-fast üppig eingerichtet und die Blumen und Rosen schienen mir noch
-prangender zu blühen und noch betäubender zu duften, als vor Jahren.
-Da glitt sie auch schon auf mich zu, in weißem Hauskleide war sie,
-sank mir an die Brust und flüsterte: »Sie sind's! Gott, wie mir das
-Herz pocht!« Dann schluchzte sie und wir saßen auf einem Sofa. Obzwar
-wenig Licht fiel auf ihr Antlitz, so sah ich doch, daß dasselbe etwas
-rundlicher geworden war, und ihre Wangen schienen mir noch blasser
-und ihre Augenwimpern noch schwärzer und ihr Mund noch röter als vor
-Jahren. Und weil durch die leidenschaftliche Begrüßungsszene auch
-ihre schwarzen, seidenweichen Haare locker geworden waren und nun
-niederrollten auf ihre wogende Brust, so war sie unbeschreiblich schön.
-Vor den schweren Fenstergardinen stand ein rundes Tischchen, an das mit
-einem Kettlein ein Papagei gefesselt saß, der fortwährend krächzte.
-
-»Ach!« flüsterte sie, »der Vogel freut sich auch, daß Sie gekommen
-sind. Und Sie sind so stattlich und schön geworden, oh, ich bin
-wahnsinnig vor Glück!« Dabei nahm sie meine Hände und preßte sie heftig.
-
-»Ach, Freund!« hauchte sie, »Sie bringen mir die schönen Tage der
-ersten Jugend zurück!« Und da ich kaum eines Wortes mächtig war, so
-fuhr sie mit unendlichem Reize fort zu plaudern von vergangenen Zeiten,
-von dem Leben in G., von ihrer Kindheit, die herbe gewesen, von dem
-Glücke, das nun gekommen. Ich merkte nicht auf das, was sie sprach, ich
-hörte nur ihrer Stimme süßen Klang, ich fühlte nur den Atemhauch aus
-ihrem Munde -- mir verging das Denken und urplötzlich rissen meine Arme
-sie wild an mich, um sie zu küssen ... In demselben Augenblicke fuhr
-sie kreischend auf und stieß mich heftig zurück.
-
-»Mein Herr!« rief sie mit vor Zorn fast erstickter Stimme, »das ist
-abscheulich!« dann stürzte sie zur Glocke mit dem Ruf: »Mein Gemahl!
-Mein Gemahl!«
-
-Da trat aus dem Nebenzimmer ein schlanker, hagerer, brauner Mann im
-feinsten Salonanzuge.
-
-»Gott, o Gott!« schluchzte das Weib und preßte ihre Hände ins Gesicht:
-»Diese abscheuliche Frechheit! Züchtigen Sie ihn! Meine Freundschaft
-so zu mißbrauchen! Eine harmlose Plauderstunde über vergangene Zeiten!
-Von meinem Glück wollte ich ihm erzählen! Und er schändet's, der
-wahnsinnige Bube! -- O Gott, meine Nerven ...!«
-
-Der braune »Gemahl« stand immer noch an der Tür und drehte seinen
-langen Schnurrbart. Ich hatte mich von meiner Überraschung eher
-erholt, als es mir heute selbst erklärlich ist. Ich war ausgestanden
-und wartete einstweilen darauf, was der Gemahl sagen würde. Da dieser
-weder einen Revolver noch einen Dolch ergriff, sondern sich nur an mir
-und seiner rasenden Frau ergötzte und verschmitzt schmunzelte, so trat
-ich einen Schritt an ihn und sagte: »Es ist kein übles Abenteuer. Wem
-gehört sie aber nun! Sie, mein Herr, werden Gemahl genannt, und ich
-werde durch glühende Liebesbriefe aus dem fernen G. herbeigeholt!«
-
-»Hat Alte wieder Dummheit gemacht!« schnarrte der braune Mann mit
-fremdartiger Betonung, dann zog er sich wieder in sein Zimmer zurück
-und lehnte die Tür zu.
-
-Eine kochende Hölle im Herzen, starrte ich das Weib an. Sie sank
-mit vollendetem Faltenwurf ihres Kleides zu meinen Füßen nieder und
-schluchzte: »Ach, verzeihen Sie mir! teurer Freund! Ich bin namenlos
-unglücklich!«
-
-Mit der Fußspitze schob ich sie von mir. Ohne ein Wort zu verlieren,
-ging ich zur Tür hinaus. --
-
-Seither -- so dünkt mich fast -- bin ich wesentlich klüger. Wenigstens
-kann ich dir Unterricht erteilen über den Begriff: Kokette, den du
-etwas flüchtig zu überspringen pflegst.
-
-
-
-
-Ein Jünger Darwins.
-
-
-Es möge sich unter dem Begriffe »Gott« jeder das Seine denken; wie man
-ihn verliert und wie man ihn findet, ich bin davon ein Beispiel aus
-vielen. Ich werde nicht philosophieren -- die Sache geht mir zu sehr
-an's Herz.
-
-Ich bin der Sohn eines niederösterreichischen Landwirtes. Nach einigen
-absolvierten Gymnasialklassen in Wiener-Neustadt kam ich auf die land-
-und forstwirtschaftliche Anstalt in Hermsdorf. Von Haus aus hatte
-ich eine sehr religiöse Erziehung genossen, wozu auch noch meine
-empfindsame Gemütsart kam. Daß mir bei jedem Abschiede meine Eltern
-gute Lehren gaben, brav zu bleiben und auf Gott nicht zu vergessen,
-bin ich jedoch nach und nach so gewohnt geworden, daß es gar keinen
-Eindruck auf mich mehr machte. Ich fand es im Grunde ja doch so
-selbstverständlich, für was hielten sie mich denn, wenn sie mir
-zutrauen konnten, unbrav zu werden und Gott zu vergessen!
-
-Einen ganz anderen Eindruck hingegen machten eines Tages, als ich
-wieder ins Institut abreiste, auf mich die Worte unseres alten
-Pfarrers, der in der Volksschule mein Katechet und Beichtvater gewesen
-und dem ich als Knabe in der Dorfkirche ministriert hatte. Der saß in
-einem Ledersessel und zog mich neben sich nieder auf einen Stuhl und
-hielt mich an der Hand -- die seine war völlig kühl -- und sagte zu
-mir ungefähr folgendes: »Mein Sohn, so oft du fortgehst, befällt mich
-eine Bangigkeit. Wenn ich dir ins Auge schaue, da ist so viel Vertrauen
-d'rin. Du gehst munter in die Welt, es ist schön draußen, du wirst
-vieles Gute lernen, sie wird dir allerlei große Aufgaben stellen und
-allerlei Vergnügungen anbieten -- und eines Tages wirst du gewahr
-werden, daß du den kindlichen Glauben an Gott nicht mehr hast.«
-
-So sagte er, ich wurde hierauf fast erbost und rief: »Niemals, Herr
-Pfarrer, ich lasse mich nicht verführen, und meine Religion lasse ich
-mir nicht rauben, so wahr --«
-
-Ich hob den rechten Arm, er drückte mir ihn sanft zurück und sagte: »So
-behüte dich Gott!«
-
-Dann ging ich hin und war ganz glücklich im Bewußtsein meiner
-Frömmigkeit und meiner Festigkeit, und schaute in die besonnte
-Landschaft hinaus, wo alles so lebendig und freudenvoll war im Blühen,
-Glänzen und Jubilieren, und ich erinnerte mich auf jener Wanderschaft
-an den Ausspruch: Die Welt ist ein Transparent Gottes.
-
-Zu jener Zeit war ich siebzehn Jahre alt. Ich hatte den Ruf eines
-gesitteten, fleißigen Schülers; die Kollegen und die Lehrer und die
-Bücher und vielerlei Welt waren um mich, viele Freunde hatte ich, und
-ein paar kleine, kindische Feinde, aber niemand und nichts machte den
-geringsten Versuch, mich vom Glauben abwendig zu machen. Im Gegenteile,
-weil ich strebsam und ordentlich und stets munter war, so wurde ich
-anderen als Beispiel aufgestellt. Wenn ich dann allein war in meinem
-Zimmer, spät abends vor dem Einschlafen oder an hohen Festtagen,
-gedachte ich Gottes und meiner Eltern mit dem gleichen Herzen.
-
-In den Studien stieg ich auf: Geographie, Astronomie, Zoologie,
-Botanik, Mineralogie. Hatte mir doch mein alter Pfarrer gesagt, das
-Studium der Schöpfung Gottes sei auch ein frommes Werk. In freien
-Stunden gab ich mich gerne mit Dichtern ab, mit den besten, die wir
-haben: mit Klopstock, Körner, Herder, Schiller, Lessing, Goethe. Wohl
-sah ich manches in verschiedenen Zeiten mit verschiedenen Augen an.
-So hatte Faust für mich nicht weniger als drei Stücke. Als ich ihn das
-erstemal las, ergötzte mich darin der Spuk und der possierliche Teufel,
-der schließlich den Doktor in die Hölle holt; bei einem späteren
-zweiten Lesen interessierte mich vor allem die Liebesgeschichte mit
-Gretchen. Das drittemal -- da war ich schon weit -- sah ich nichts als
-den Philosophen Faust. In der Naturgeschichte weiß ich nicht, wann ich
-das Brücklein übersprang von den alten Gelehrten zu den modernen. Es
-ist ja eigentlich keine scharfe Grenze. So geht es sachte hin, es ist
-manches fremd. Der Katechet und der Lehrer der Naturgeschichte hatten
-keine Berührungspunkte mehr, das fiel mir anfangs gar nicht auf.
-
-Einmal, als ich zu Hause auf Ferien war, kam der alte Pfarrer
-auf Besuch und blätterte ein wenig in meinen Lehrbüchern. Sagte
-aber kein Wort, sondern war herzlich wie immer. Nicht mehr war
-es der Pflichteifer, der mich zum fach- und naturgeschichtlichen
-Studium trieb, sondern das wirkliche Interesse an ihm; ich las alle
-einschlägigen Werke, die ich bekommen konnte, selbst wenn sie weit über
-das Ziel unserer Fachstudien hinausgingen. Endlich bei einem lebhaften
-Gespräch mit einem Kollegen über Abstammung und Vererbung im Tierreiche
-sah ich's, wo ich war. Ich war mitten im Darwin.
-
-Jetzt wissen sie vieles von mir, was ich damals noch selbst nicht
-wußte. Also gut, Tiere und Pflanzen stammen aus ganz wenig Urformen
-her, vielleicht aus nur einer Urzelle! Und die Wesen züchten und
-entwickeln sich im Kampfe um's Dasein. Das ist was neues, aber
-es leuchtet ein. Doch das höchstentwickelte Tier, bei dem knüpft
-ja der Mensch an! Und die ganze Organisation des letzteren zeigt
-unwiderleglich, daß der Mensch in vielen tausenden von Jahren aus
-dem Tierreiche herausgewachsen ist. So erzählte man mir Dinge, die
-nicht waren?! -- Die neue Lehre dehnt sich mit ihren Grundsätzen durch
-unendliche Zeiten und Räume. Und nirgends von Gott die Rede? Nirgends
-eine Spur von ihm? Was ist das? -- In meiner Bedrängnis schrieb ich
-dem alten Pfarrer, ich sei in eine große Verwirrung geraten, die
-Naturgeschichte stimme mit der Bibel nicht und im Weltall wäre mir Gott
-abhanden gekommen.
-
-Der gute alte Mann tat ganz harmlos und schrieb zurück, meine
-Beängstigung sei einerseits ein Beweis von der tiefen Religiosität
-meines Gemütes, andererseits aber eine Mahnung, wie sehr ich in
-diesen Dingen auf der Hut sein müsse. Mein Zweifel -- wenn er die
-augenblickliche Stimmung so nennen wolle -- sei übrigens ganz grundlos.
-Daß man die Bibel nicht wörtlich, sondern gleichnisweise zu nehmen
-habe, sei oft genug gesagt worden, und so stimme sie, deuche ihm,
-wirklich mit dem von mir angeführten Systeme. Wissenschaftliche
-Forschungen könnten sich weit ausdehnen, aber endlich seien sie doch
-nur etwas Menschliches, also Unvollkommenes und Begrenztes. Und
-außerhalb dieses menschlichen Spielraumes -- der im Vergleiche zur
-Unendlichkeit doch ganz armselig wäre -- hätte Gott Raum genug, wenn es
-die Herren Gelehrten schon nicht zugeben wollten, daß er in der Seele
-seiner Geschöpfe sei.
-
-Auf diesem Karren schleifte ich meine Religiosität noch eine Weile
-fort. Doch als es immer weiter in die Erkenntnis und immer tiefer in's
-Leben hineinging, sah ich endlich ein, es wäre umsonst. Der kindliche
-Glaube war nicht mehr zu halten. Der Gott, der sich denken ließ, war
-nicht der Gott meiner Väter.
-
-Ich dachte viel an das Oberhaupt der neuen Schule. Alt-England ist
-ein gut katholisches Land, Darwin's Familie hat einen hochgeachteten
-Namen, der Gelehrte selbst ist ein makelloser Charakter, von dessen
-Seelenadel so manches erzählt wird. Wie kann es möglich sein, daß solch
-ein Mann eine Lehre ausbildet, die von keinem Gott weiß! -- Das kann
-nicht möglich sein.
-
-In einem persönlichen Gespräche mit dem alten Pfarrer teilte mir dieser
-zu meinem Troste mit, daß er vernommen habe, Darwin sei ein guter
-katholischer Christ, seine Lehre werde nur schlecht verstanden und
-falsch ausgelegt. Für den Augenblick leuchtete mir das wieder ein. --
-
-Meine Fachstudien waren beendet. Ich kam auf ein großes Gut in Mähren
-als Praktikant. Das war im Jahre 1880. Kurze Zeit darauf starb meine
-Mutter. Noch sterbend hatte sie gesagt, sie lasse mich, den fernen
-Sohn, grüßen und bei Gott im Himmel wollten wir uns alle wieder
-zusammenbestellen.
-
-Was nun in mir für ein Leid anhub! Meinem priesterlichen Freunde klagte
-ich alles. Er war erschüttert und wußte mir nichts mehr zu sagen, als
-ich solle beten und arbeiten.
-
-Arbeiten, ja, Tag und Nacht, bis zur Erschöpfung. Draußen auf den
-Feldern und in den Wäldern ging ich umher, solange ein Licht am Himmel,
-und legte selbst Hand an den Pflug, an das Schnittscheit, und in halben
-Nächten saß ich bei meinen Rechnungen und theoretischen Ausarbeitungen.
-Aber beten? Gebete sagen kann man, wann man will, aber beten nicht. O
-Mutter, Mutter, daß du mir auf ewig solltest genommen sein!
-
-Und in einer solchen Nacht, da draußen ein leiser Nachtwind rieselte
-in der Linde, und im Hause alle so ruhig und süß schliefen, als wäre
-Himmel und Erde für sie eine sanft schaukelnde Wiege -- da kam mir
-plötzlich der Gedanke: Bei Bibel und Priestern klopfe ich vergebens
-an. Nur der mir den Glauben geraubt hat, kann mir ihn wieder
-zurückgeben.
-
-Ich zündete das ausgelöschte Licht wieder an und schrieb an Charles
-Darwin zu Down in England.
-
-Ich stellte ihm meine Bedrängnis vor und bat ihn um Aufklärung, was er
-von Gott halte, was. er von der Unsterblichkeit der menschlichen Seele
-denke? -- Den Brief sandte ich am nächsten Tage ab. Zwei Wochen darauf
-hatte ich Antwort, die aber so kalligraphisch geschrieben war, daß
-ich die Handschrift des großen Gelehrten darin nicht vermuten konnte.
-Darwin entschuldigte sich durch eine zweite Person mit seinem Alter,
-mit seiner Kränklichkeit, mit der Bürde seiner wissenschaftlichen
-Arbeiten; er sei außerstande, die schwierige Frage zu beantworten.
-
-Also, er läßt mich sitzen. Er hat mich beraubt um meine Labnis und läßt
-mich in der Wüste verschmachten. Er hat seine Weltberühmtheit -- die
-tausend Herzen, die da brechen, kümmern ihn weiter nicht.
-
-Als ich jedoch -- denn das war mir wie angetan -- wieder in den
-Schriften des Forschers las, stellte ich mir die Frage: Ist es bei ihm
-die Lockung des Ruhmes? Soll es nicht vielmehr -- so wie ja auch bei
-mir -- der Drang nach Wahrheit sein? Und wie wäre es möglich, daß ein
-Forschergeist so groß und so tief sein kann, wenn nicht Gott mit ihm
-ist? Und war in seinem Schreiben nicht von einer +schwierigen+ Frage
-die Rede? Er müsse über diesen Punkt also doch was zu sagen haben und
-sehr viel, wenn es sich in einem gewöhnlichen Briefe nicht beantworten
-ließe. -- Es mag seine Kränklichkeit noch so groß sein, wenn es ein
-Seelenheil gilt, da muß er die Frage beantworten und sollte es ein Buch
-werden.
-
-So habe ich dem Gelehrten noch einmal geschrieben, habe ihm
-vorgestellt, daß mein Heil von seiner Antwort abhänge, daß er es seinem
-Jünger schuldig sei, das Gewissen zu beruhigen, daß der Forscher,
-nachdem er so viel gesagt, nicht zurückschrecken dürfe davor, das
-letzte Wort auszusprechen, daß ich dieses letzte Wort für eine
-Offenbarung halten wollte, und daß es, fiele es aus, wie immer, mich
-aus der peinigenden Ungewißheit reißen und beruhigen würde. Ich bat
-inständig, wie der Verschmachtende um einen Trunk Wasser bittet, mir
-wie ein sterblicher Mensch dem sterblichen Menschen offen und treu
-anzuvertrauen, was er von Christus und seinen Offenbarungen, und also
-auch von der Unsterblichkeit der Seele halte.
-
-Am elften Tage nach der Absendung dieses meines zweiten Briefes kam ein
-Schreiben, dessen Schriftzüge und Namensunterschrift als die des großen
-Forschers erkannt werden. Das Schreiben lautet:
-
- »Down, 5. November 1880.
-
- Lieber Herr!
-
- Ich bin sehr beschäftigt, ein alter Mann und von schlechter
- Gesundheit, und ich kann nicht Zeit gewinnen, Ihre Frage
- vollständig zu beantworten, vorausgesetzt, daß sie überhaupt
- beantwortet werden kann. Wissenschaft hat mit Christus
- nichts zu tun, ausgenommen insoferne, als die Gewöhnung an
- wissenschaftliche Forschung einen Mann vorsichtig macht,
- Beweise anzuerkennen. Was mich selbst betrifft, so glaube ich
- nicht, daß jemals irgend eine Offenbarung stattgefunden hat. In
- Betreff aber eines zukünftigen Lebens muß jedermann für sich
- selbst die Entscheidung treffen zwischen widersprechenden,
- unbestimmten Wahrscheinlichkeiten.
-
- Ihr Wohlergehen wünschend, bleibe ich, lieber Herr,
- Ihr hochachtungsvoller Charles Darwin.«
-
-Seine Meinung hatte ich nun. Was half sie mir? Sie setzte seinen Werken
-die Krone auf. Er war gottlos.
-
-Was wäre schließlich aber daran gelegen? Hätte ich mich von ihm nur
-freimachen können. Das konnte ich nicht. Seine Lehre hielt mich
-gefesselt, wie eine geschehene unerbittliche Tatsache. Ich versuchte
-mich mit Studium wieder auszugleichen, ging sogar auf eine berühmte
-deutsche Universität, um zu sehen, wie andere mit der Sache fertig
-werden. Ich hielt es aber nicht lange aus, kehrte zurück und suchte
-in meiner unerleuchteten Trostlosigkeit einen andern Weg. Das
-Gegengewicht, das mich bisher vor dem Niedersinken zur Erde bewahrt
-hatte, war verloren, ich war ein Leib ohne Seele. Nun kamen schon die
-Stunden, in denen ich solche Menschen beneidete, die imstande sind,
-des Nächsten Glück spielend zu ihrem eigenen Vorteile auszunützen. Das
-eben sind ja die wohlorganisierten Menschen, die den Kampf ums Dasein
-siegreich bestehen und in ihrer Gattung den Egoismus zu immer größerer
-Vollkommenheit ausbilden.
-
-Ich trachtete zwischen meinem Wissen und Leben eine Harmonie
-herzustellen, nämlich indifferent in moralischen Dingen, also schlecht
-zu werden. Aber hierin hatte der Alte ja auch wieder recht: du kannst
-nicht besser und nicht schlechter sein als du bist.
-
-Statt schlecht zu werden, wurde ich krank. Ich vermochte in eine Welt,
-in der nichts dahintersteckt, keinen Wert zu legen. Wo andere sich
-balgen um die Früchte des Augenblickes, dort wurde ich gleichgültig
-gegen alle Genüsse, deren letztes Ziel die Enttäuschung ist. Die
-Nervenspannungen wurden lax, ich begann abzuwelken. Weil just der
-Winter war, so sagten gutmütige Menschen, das Frühjahr würde mir
-Besserung bringen. Andere flüsterten -- und die hörte ich am liebsten
--- bis die Bäume ausschlügen, würde ich's überstanden haben.
-
-Es kam das Frühjahr. Und zwar nicht an einem Tage, aber in einer und
-derselben Woche starb in meiner Heimat der alte Pfarrer und zu Down bei
-Kent in England Charles Darwin. Ich lebte weiter. Meine Phantasie wurde
-noch einmal tätig, ich stellte mir vor, wenn sich der alte Gentleman
-doch geirrt hätte und wenn die beiden Hingeschiedenen in der Ewigkeit
-sich begegneten, was sie wohl sagen würden zueinander?
-
-Mein Zustand verbesserte sich nicht, ich fühlte wirklich, daß ich keine
-Seele mehr hatte, nur mitunter Nervenstimmungen, die mir wehe taten.
-Wer mich sah, der gab mir einen guten Rat, um gesund zu werden, und
-einer meiner ehemaligen Kollegen riet mir geradezu -- und pries es als
-das sicherste Mittel meiner Rettung -- ich sollte mich verlieben. Das
-Weib würde mich schon wieder Gott erkennen lernen. Einstweilen sollte
-ich ins Gebirge gehen, um in der reinen kräftigen Luft körperlich zu
-erstarken.
-
-Den letzteren Vorschlag, den auch mein Vater, ein geborener Tiroler,
-sehr unterstützte, befolgte ich in der Tat, ich zog in's Pustertal und
-habe dort den Sommer zugebracht. An flache Gegenden gewohnt, fühlte
-ich mich anfangs im engen Gesichtskreise zwischen hohen Bergen noch
-mehr gedrückt, hingegen taten mir die Menschen wohl. Zuerst überkam
-mich freilich eine unbeschreibliche Wehmut, als ich bei ihnen die liebe
-Gottesgläubigkeit und die Harmonie des Gemütes wiederfand, die mir
-verloren gegangen war, aber allmählich bekam ich Anwandlungen, daß ich
-das Glück meiner Person überhaupt nicht mehr als Hauptsache in Betracht
-zog, sondern leidlich zufrieden war, wenn ich's an anderen sah.
-
-Als die kalte, regnerische Zeit des Septembers kam, wurde mir übler und
-ich trachtete milderen Gegenden zu. Da vollzog sich außer und in mir
-ein Ereignis.
-
-Vom Gebirge kommend harrte ich bei einem Bahnhof des Etschtals auf den
-Zug, der mich nach Italien bringen sollte. Als der Zug im Bahnhofe
-stillstand, wurden alle Passagiere aufgefordert, auszusteigen, der Zug
-könne nicht abgelassen werden, da südlich von Trient das Hochwasser
-einen Damm zerstört habe. Wie lange Verspätung? fragte man. Der Verkehr
-nach dem Süden überhaupt eingestellt! war der Bescheid.
-
-So wollte ich nach Norden, der Heimat zufahren, was konnte ich dabei
-verlieren? Der Zug gegen Innsbruck wurde abgelassen. Er war groß
-und sehr überfüllt. Alle Fenster waren besetzt, denn da konnte man
-interessante Dinge sehen. Der Regen floß in Strömen und immer von
-neuem sank schweres, finsteres Gewölke an den Berghängen nieder,
-wallte, braute und staute sich in den Kesseln, als wollte es die
-Felsen sprengen. Jede Wand hatte ihre weißen Adern, die hundertfältig
-niedergingen. Das waren die Wasserfälle. Hier sprangen sie in Bogen,
-dort in breiten Bändern, dort in dünnen Schleiern. Aus den Schluchten
-donnerten braune Fluten, die dort und da mit beängstigender Gewalt
-an den Bahnkörper schlugen. Der Fluß war an den meisten Stellen
-ausgetreten, die Talsohle glich streckenweise einem trüben See, aus
-welchem Bäume, Hügel, einzelne Gebäude, Zäune und Wegsäulen ragten.
-Hier stand das Wasser ruhig, dort schoß es in breiten, verzweigten
-Adern heftig dahin. Mitten durch führte unser Bahndamm, auf welchem der
-Zug langsam und heftig pustend dahinfuhr. Ich war gegen meine Reise
-gleichgültig gewesen, aber je zweifelhafter nun das Weiterkommen wurde,
-je lebhafter wünschte ich es.
-
-Bei einer nächsten Station gewannen wir die tröstliche Versicherung,
-daß die oberen Gegenden weniger gelitten hätten und die Bahn fast
-durchwegs unbeschädigt sei. Wir kamen glücklich ins Pustertal, doch
-hier wurde es grauenhafter und endlich waren wir glücklich an einem
-Punkte, wo wir nicht vorwärts und nicht mehr rückwärts konnten. Vor uns
-hatte die rasende Rienz den Bahnkörper durchbrochen und die Schienen
-standen wie eine Riesengabel in die Luft hinaus. Hinter uns sahen wir
-eine Brücke niederbrechen. Ein mächtiger Fichtenstamm samt Astwerk und
-Wurzel mit Erdballen hatte sich herangewälzt und schmiegte sich an
-einen der Brückenpfeiler fest. Alsbald staute sich weiteres Gestämme,
-das empörte die Wasser, die heute keinen Widerstand kannten, und einer
-der Pfeiler begann zu krachen, das hielt noch ein paar Minuten stand,
-endlich aber wankte alles und brach Joch um Joch langsam nieder.
-
-Der Zug stand. »Wir haben Rasttag,« rief einer der Schaffner. Zur einen
-Seite hatten wir die Berglehne, zur andern die überflutete Talschlucht.
-Wir konnten einige Männer beobachten, Touristen mochten es sein, die
-jenseits am Felshange hinkletterten, weil die Straße unter Wasser
-war. Wir mußten, ob jammernd, lachend oder fluchend, unsere Behausung
-endlich auch verlassen und in Wind und Regen unser Fortkommen suchen.
-Der leere Zug schob sich langsam zurück auf eine gesichertere Stelle.
-Ich kroch den Berg hinan, und insoferne der Nebel Ausblick gestattete,
-sah ich neue und grauenhafte Verwüstungen. Da unten war ein Seitental,
-in welchem gerade ein Haus zusammenfiel. Aus dem Trümmerhaufen stob
-zuerst Rauch, es schien sich ein Feuer zu entwickeln, welches aber
-gar bald gedämpft war, weil alles ins Wasser niedersank und sich auf
-demselben fast sanft auseinanderlegte. Am Ufer schossen Menschen hin
-und her, schlugen die Hände zusammen, hantierten planlos mit langen
-Stangen herum, und ein Weib wollte ins Wasser springen, um eine
-ertrinkende Ziege zu retten, wurde aber noch rechtzeitig zurückgehalten.
-
-Ich trieb mich einen Tag lang herum, immer von Wasser und Erdbrüchen
-verhindert und abgelenkt und selbst am Leben bedroht. Ich hatte damals
-begreiflicherweise keinen Sinn für die Großartigkeit der Natur, die
-mich Würmchen mit ihren ungeheuren Gewalten umgab. Heute weiß ich, daß
-mir eine solche Größe in diesem Leben wohl kaum mehr begegnen wird.
-Endlich kam ich zu einem Hofe, der auf festem Grunde einer Höhung
-stand. Aber er war angepfropft von Leuten, die im Tale ihr Haus und
-Habe verloren hatten. Das war ein Weinen und Klagen! Die einen kauerten
-halbnackt in den Winkeln, daß ihre Kleider trocknen mochten; die
-anderen verschlangen in Heißhunger Nahrung, die ihnen die gastlichen
-Bewohner reichen konnten. Aber die Bäuerin sagte: »Helf Gott, wir
-werden bald selber nichts mehr haben!«
-
-Hier konnte ich also nicht bleiben.
-
-Nach einer schlechten Nacht, die ich in einem Heustadl zubrachte und in
-der ich inne wurde, was eine gute Nacht wert ist, kam ich wieder zum
-See der Rienz hinaus; man konnte nicht mehr sagen: Tal, denn es war ein
-See, der heute, da ich dieses schreibe, noch nicht abgelaufen ist und
-vielleicht gar nicht ganz ablaufen kann, weil Lawinen die Schluchtpässe
-verlegt haben. Mitten im See, aus dem die Dächer von Hütten, Mühlen und
-Holzsägen ragten, wovon eins ums andere verschwand, mitten in diesem
-weiten Gewässer auf einer schmalen, langgestreckten Insel sah ich ihrer
-sechs oder acht Männer, die mit verzweiflungsvollen Gebärden um Hilfe
-riefen. Ich fand nach langem Suchen Leute zusammen, die mit einem
-kleinen Floße jene Männer retteten. Sie hatten einen Tag früher den
-Flußdamm verteidigt und waren dabei, weil weiter oben eine Wehre brach,
-plötzlich vom Wasser eingeschlossen worden. Eine furchtbare Nacht
-hatten sie verlebt auf dem schmalen Damm, von welchem Stück für Stück
-weggeschwemmt wurde. Zwei weitere Genossen, die bei ihnen gewesen,
-hatten sich in der Finsternis der Sturmnacht von ihrer Seite verloren,
-waren zugrunde gegangen, ohne daß es von den übrigen bemerkt worden.
-
-Nun erfuhr ich auch, daß diese Gegenden von aller Welt abgeschnitten
-waren. Alle Täler bis hinaus nach Lienz, bis Defereggen und
-Oberdrauburg wären verheert. Aus dem Eisacktale brachte einer, der
-auf Umwegen übers Gebirge kam, Nachricht von den schrecklichen
-Verwüstungen, die dort und südlicher im Etschtale bei Bozen, Trient
-und in der Meraner Gegend angerichtet seien. Und alle Straßen und
-Eisenbahnen vernichtet, alle Telegraphenleitungen zerrissen. Ganze
-Dörfer und Städte überschwemmt, zum Teile eingestürzt, fortgerissen.
-Wie viele Menschen schon ums Leben gekommen und bei dem fortwährenden
-Steigen der Wasser noch ums Leben kommen würden, das sei nicht
-annähernd zu sagen. Aus manchen Engtälern sei gar keine Nachricht
-gekommen, aber das Wasser hätte unerhörte Massen von Getrümmer
-hervorgeschwemmt. Wie es den Leuten ergehe, das wisse Gott. Man
-begreife nicht, woher all das Wasser kommen könne, die Regenfluten
-allein könnten es nicht ausmachen. Allerdings gehe ein Wind, als wären
-die Dolomiten lauter heiße Öfen, der schmelze Schnee und Eis auf den
-Gebirgen. Aber es scheine, als sei in den Tauern und in den weißen
-Bergen (Dolomiten) und in den Trientiner Alpen und im Ortlergebirge und
-überall die Flut aus der Erde hervorgebrochen, wie es bei der Sintflut
-gewesen, und es sei nicht abzusehen, was daraus noch werden solle!
-
-Während die Leute zusammenstanden, um diese Posten zu hören, läuteten
-sie in den Nachbardörfern, die teils im See standen, fortweg Sturm, und
-es vergrößerte sich auch für diesen Ort, der hart am Berghange lag, die
-Gefahr. Man räumte die Häuser aus, aber jetzt kam die Dorfgasse herauf
-das braunrote Wasser gewallt. »Das Wasser rinnt aufwärts!« riefen die
-Kopflosesten, »da ist alles aus.«
-
-Aus den Häuserräumen hörte man das Quirln und Gurgeln des Wassers, das
-Niederbröckeln von Mauerwerk; dann wieder ein Knattern und Schmettern
-einstürzender Wände und Dächer. Bei den Häusern schrien die Leute, auf
-den Anhöhen röhrten und blökten die Haustiere, und über alles hin war
-das dumpfe Tosen.
-
-Ein Weib kam durchs Wasser gesprungen: das Spital sei hin, die Kranken
-müßten ertrinken, wenn man ihnen nicht zu Hilfe käme. Jetzt fiel es mir
-ein: da könntest du ja helfen! Wir trugen die Kranken in die Kirche
-hinauf, die höher stand. Aber auch einen Toten schleppten sie jetzt
-herbei, einen jungen Burschen, der seine mühselige Großmutter aus
-der überschwemmten Kammer gerettet und dabei den Tod gefunden hatte.
-Die Gerettete war ohnmächtig, die übrigen Mitglieder der Familie
-erhoben ein lautes Klagen. Da trat ein alter Mann zur Gruppe und
-rief: »Was beweint ihr den da! Der ist der Glückliche. Wir sind die
-Unglücklichen!« Wer einen Blick in die Gegend hinaus tat, der konnte
-wohl verstehen, wie's gemeint war.
-
-Der Himmel war finstergrau, aber die Berge standen jetzt rein bis zu
-ihren weißen Gipfeln. Im dunkelbraunen See spiegelte sich ihr Bild. Von
-den entwaldeten Lehnen gingen ununterbrochene Erdlawinen nieder, als
-wäre »die Erde rinnend geworden«, wie sich einer ausdrückte.
-
-Kaum hatten sie den Ertrunkenen in die Totenkammer gelegt, erscholl
--- so gut es durch das Tosen der Wasser hörbar war -- neues
-Jammergeschrei. Ein Kind hatten die Wellen fortgerissen, die Mutter
-desselben lief mit herzbrechenden Hilferufen hin und her, keiner wollte
-sich ins wallende Wasser wagen, und das Leiblein wogte schon dem
-reißenden Hauptstrome zu.
-
-Jetzt kam's über mich. Kannst du schwimmen? rief ich mir selber zu,
-nicht? So lern's! -- Und stürzte mich in's Wasser. -- Als ich wieder zu
-mir kam, lag ich auf einer steinernen Treppe, und um mich waren Leute
-und vor mir kniete ein Weib und beschwor mit gerungenen Händen, unter
-Tränen schreiend, alles Glück des Himmels auf mich herab. Andere Weiber
-beschäftigten sich mit dem geretteten Kinde, einem Mädchen von fünf bis
-sechs Jahren. Und während auf das unselige Dorf immer neue Wassermassen
-anbrausten von allen Seiten, und die Leute in heller Verzweiflung um
-ihre Existenz rangen, war ein überglückliches Wesen da, dem seine ganze
-kleine Habe zugrunde gegangen, das als Bettlerin saß an den Stufen des
-Kirchentores und das nimmer satt werden konnte, sein wiedergefundenes
-Kind jubelnd zu herzen und zu küssen.
-
-»Das ist er!« schrie sie und zeigte auf mich, »o, schaue ihn an!«
-
-Und der Blick, den das kleine Mädchen auf mich geworfen, ist mir tief
-gegangen.
-
-Ich habe es dann nicht mehr gesehen. Ich trug noch mein Weniges zu den
-Schutz- und Rettungsarbeiten bei, bis am dritten Tage das Wasser zu
-fallen begann, und wir alle erschöpft zur Rast sanken. --
-
-Später habe ich nach Tagen mühevollen Wanderns in Kärnten den Punkt
-erreicht, wo das Eisenbahngelaß die versprengten und verschlagenen
-Reisenden und Touristen wieder in Empfang nehmen konnte.
-
-Und als ich glücklich daheim in meinem Hügellande saß, da machte ich
-die Wahrnehmung, daß ich nicht mehr krank war. Nicht mehr krank und
-nicht mehr schwermütig, sondern so jung und munter, als ich's einst
-gewesen.
-
-Jetzt prüfte ich mich, was denn die furchtbare Leere, die Darwin in
-mein Gemüt gerissen, wieder ausgefüllt haben möchte. Ich fand's nicht,
-so sehr ich nachdachte. Vielleicht daß das große Unglück, welches ich
-miterlebte, mich wieder ins Gleichgewicht gebracht, wie es ja bisweilen
-geschehen soll, daß Pessimisten und Verzweifler gerade durch eine
-schwere Gefahr und Not wieder zur Achtung des Lebens bekehrt werden.
-Aber wenn ich mitunter so vor mich hinträumte, da sah ich in der
-Dämmerung meines Herzens, wo einst das »ewige Licht« wie vor dem Altare
-gebrannt hatte, zwei Sternlein schimmern -- und das waren die Augen des
-geretteten Kindes.
-
-
-
-
-Ehre.
-
-
-»Herr Kreisrichter, ich bitte auf ein Wort!«
-
-»Nun, nun, lieber Herr Seelader, was bringen Sie mir denn noch so spät?«
-
-»Auf ein Wort!«
-
-»Und so aufgeregt?«
-
-»Es ist etwas Wichtiges. Sie werden erstaunen, Herr Kreisrichter. Ich
-muß bitten, daß Sie mich festnehmen lassen!«
-
-»Aber, Seelader! Solche Späße!«
-
-»Es ist kein Spaß. Bei Gott nicht. Sie müssen mich einsperren.
-Sogleich! Ich habe einen Freund ermordet. Den Johann Hallsteiner. Den
-Sohn der alten Hallsteiner, die heute gestorben ist.«
-
-»Was? den Johann Hallsteiner haben Sie ermordet? Aber lieber Freund,
-was fehlt Ihnen denn? Der Johann Hallsteiner ist ja schon seit Jahren
-tot.«
-
-»Ich habe ihn erschossen. Ich werde alles beweisen. Ich zeige es jetzt
-an. Es ist die Zeit gekommen. Herr Richter, Sie haben einen Schuldigen
-vor sich!«
-
-Nun war der Kreisrichter in der Tat erschrocken, denn der junge Mann
-sah in diesem Augenblicke wirklich aus wie ein Mörder. Ganz verstört,
-blaß, wirr. Der Richter klingelte und befahl dem eintretenden Diener:
-»Schnell zum Doktor Grohbach. Er soll sofort kommen!«
-
-»O nein, Herr Richter,« sagte Seelader, »krank bin ich nicht. Ich bin
-ja ruhig, sehen Sie mich nur an, es ist die Wahrheit, was ich sage.«
-
-»So kommen Sie,« sprach der Kreisrichter freundlich und suchte den
-jungen Mann am Arm zu nehmen. »Ich werde Sie in Ihre Wohnung begleiten.«
-
-»Sie sind immer gut gewesen gegen mich und sind es auch jetzt,« sagte
-Seelader. »Aber es ist anders geworden. Ich darf nichts mehr annehmen.
-Ich werde diese Nacht noch in meinem Zimmer zubringen, wenn Sie mich
-nicht in den Arrest tun wollen, morgen jedoch zum Landesgericht gehen.
-Der Verantwortung wegen sollten Sie mich aber sogleich da behalten. Es
-wäre besser, Herr Kreisrichter!«
-
-Unter warmem Zureden brachte dieser den jungen, aufgeregten Menschen
-in sein Dachzimmerchen, empfahl ihn angelegentlich der Mietfrau und
-schickte den Arzt.
-
-Dann eilte er nach Hause.
-
-»Denkt euch, Kinder!« sagte der Kreisrichter bei dem Abendessen zu
-seiner Familie, »mein Amtsschreiber, der Seelader, ist erkrankt.«
-
-Die älteste Tochter, Fräulein Ludmilla, horchte auf.
-
-»Und das schwer, unheimlich erkrankt,« fuhr der Richter fort. »Ein
-Gehirnleiden. Ich muß nur erst zu Doktor Grohbach schicken, was er
-an ihm gefunden hat. Kommt der Arme heute abends -- eben erst vorhin
--- zu mir und bittet mich in höchst aufgeregter Weise, ich solle ihn
-festnehmen lassen, er habe seinen Freund Hallsteiner erschossen.«
-
-Fräulein Ludmilla legte Messer und Gabel weg.
-
-Die Frau Richterin sagte: »Du scherzest doch, Mann!«
-
-»Ich weiß wohl, daß der Selbstmord seines Freundes ihm nahegegangen ist
-damals,« sagte der Richter, »aber nach Jahren -- es mag ja fünf oder
-sechs Jahre seit jener Geschichte mit dem Hallsteiner her sein -- könne
-doch, meint man, aus diesem Grunde eine Gehirnstörung nicht mehr zum
-Ausbruche kommen. -- Wie war das nur gleich, damals?«
-
-»Der Postbeamte Johann Hallsteiner,« sagte nun die Frau, »hatte --
-so viel ich mich erinnern kann -- sich eine Veruntreuung zu Schulden
-kommen lassen und in dem Augenblick, als man ihn festnehmen wollte,
-sich eine Kugel durch den Kopf gejagt.«
-
-»Richtig, und ich entsinne mich, wie sein Freund Seelader, der war
-damals noch Student, am Grabe des Verscharrten einen lauten Schwur
-getan haben soll, die Ehre des Freundes zu retten, seinen Tod zu
-sühnen, oder so etwas.«
-
-»Dann hast du ihm doch zur kleinen Stelle verholfen, die er heute noch
-einnimmt.«
-
-»Er wird demnächst avancieren. Einen fleißigeren und gewissenhafteren
-Schreiber habe ich nie gehabt. Dazu ein stiller, eingezogener Mensch,
-bescheiden und liebenswürdig --«
-
-Fräulein Ludmillas Wangen blühten wie Rosen im Mai.
-
-»Als Student soll er's ja flott getrieben haben, bis die kleine
-Erbschaft seiner Eltern dahin war,« bemerkte die Frau Kreisrichterin.
-»Man glaubt nicht, wie vorteilhaft ein Mensch sich ändern kann, wenn er
-in das Geleise der Arbeit kommt. Und rührend war es, wie er die armen
-Eltern seines unglücklichen Freundes unterstützte, sich selbst alles
-versagte, um von seinem geringen Gehalte die siechen, verlassenen alten
-Menschen zu versorgen. Als vor einigen Monaten der alte Hallsteiner
-starb und heute die Frau, habe ich mir gedacht: Jetzt wird der gute
-Seelader auch aufatmen können und sein Gehalt für sich selber anwenden.«
-
-»Es muß ihn doch der Tod der alten Frau so sehr erschüttert haben,«
-meinte der Kreisrichter.
-
-»Wahrlich, ein leiblicher Sohn kann nicht besser gegen seine Eltern
-sein, als der Amtsschreiber es gegen die alten Hallsteiner-Leute
-gewesen,« sagte die Frau des Kreisrichters. »Nur fällt mir jetzt ein
-Wort auf, das er vor einigen Tagen, als er bei uns speiste, gesagt hat.
-Als er hörte, daß das Befinden der Frau Hallsteiner sich verschlimmert
-hatte, sprach er plötzlich: Mir scheint, nun werde ich bald Feierabend
-bekommen.«
-
-»Am Ende ist doch etwas dahinter,« meinte der Richter und begann,
-dieweilen er seine Pfeife stopfte und in Brand steckte, über mancherlei
-nachzusinnen.
-
-Und also hatten sie zusammen sich über den jungen Mann unterhalten,
-der sich als Mörder gestellt hatte. Fräulein Ludmilla war völlig still
-dagesessen. Sie hatte sich in ihre Häkelarbeit vertieft. Auf einmal
-stand sie auf und ging rasch zur Tür hinaus.
-
-Die Frau seufzte. Der Richter sagte: »Morgen früh sogleich will ich die
-Geschichte untersuchen. Am Ende ist doch etwas daran.«
-
- * * * * *
-
-Die Nacht war schlaflos vergangen. Max Seelader hatte sich samt seinen
-Kleidern ins Bett gelegt. Seine paar Sachen hatte er schon gestern
-in einen Sack getan und sie nicht mehr ausgepackt. Nur eine kleine
-Photographie war aus der Tasche hervorgeholt und auf das Tischchen
-neben seinem Lager gestellt worden. Ein Mädchenkopf, das Original haben
-wir schon gesehen.
-
-Zur Stunde, als der Kreisrichter im Amte zu erscheinen pflegte,
-ging der junge Mann hin zu ihm und sagte: »Da Sie mir mein Recht
-vorenthalten wollen, so reise ich jetzt zum Landesgericht, das ich um
-Strafe bitte. Teurer Herr! Vor Ihre Familie darf ich nicht mehr treten.
-Ich danke allen für alles Gute, ich sage Ihnen Lebewohl. Verzeihen --«
-
-Er stockte.
-
-»Jetzt lasse ich Sie aber nicht fort, lieber Seelader,« sprach der
-Richter, »daß bei Ihnen etwas nicht richtig ist, sehe ich nun. Setzen
-Sie sich zu mir und erzählen Sie mir ruhig das Anliegen, welches Sie
-drückt.«
-
-»Ich danke Ihnen. Aber Beichte und Freundeszuspruch können mir nicht
-viel nützen. Es wird besser sein, wenn auch Ihre Herren Adjunkten
-anwesend sind. Und der Arzt, damit sichergestellt wird, daß ich nicht
-geisteskrank bin.«
-
-»Sie wollen also ein förmliches Verhör. Gut, es soll geschehen.«
-
-Nach wenigen Minuten stand der junge Mann vor dem Gerichte, und nach
-einigen einleitenden Vorfragen begann er also zu sprechen:
-
-»Meine Eltern waren Gewerbsleute in N., sie wollten, nachdem ich das
-Gymnasium absolviert, auch mich für ihren Stand abrichten. Als sie
-starben, war ich frei und benutzte die Erbschaft, um in die Stadt zu
-gehen und zu studieren. Nicht so sehr wissensdurstig war ich, aber
-nach dem lustigen, ungebundenen Studentenleben plangte es mir. Und ein
-solches habe ich geführt, fünf Jahre lang. Die Kommerse, die Kneipen,
-die Mensuren und dergleichen machten mir viel Spaß, ja nahmen mein
-Wesen in Anspruch. Für einen wirklichen Gewinn hielt ich das Bewußtsein
-und das Hochhalten der Ehre, wie solches außer bei den Soldaten und
-Studenten in keinem Stande eigentlich entschieden und leidenschaftlich
-genug gepflegt wird. Ich will mich weiter darüber nicht auslassen,
-ich habe nur oft gesagt: es ist etwas Schönes, wenn ein junger Mensch
-seine Ehre höher wertet, als alles auf der Welt. Schon im zweiten
-Jahre meiner Studentenschaft hatte ich einen Kollegen aus der hiesigen
-Stadt kennen und achten gelernt, und bald entwickelte sich zwischen
-uns eine innige Freundschaft. Er war der Sohn armer Eltern, mußte
-freilich mehr ans Lernen denken, als ans Burschenleben, und einer
-Stellung zutrachten, in der er sich und seine Eltern ernähren konnte.
-Das hinderte den wackeren Johannes nicht, die Studentenideale zu hegen
-und zu pflegen, und besonders die Burschenehre ging ihm über alles.
-Auf mehreren Mensuren bewies er seinen Mut, und in einem Duelle trat
-er für die beleidigte Ehre eines Freundes ein. Dieser Freund war ich.
-Es handelte sich um nichts weiter, als um einen boshaften Spott,
-den ein mir mißgesinnter Bursche in meiner Abwesenheit mir angetan.
-Johannes forderte ihn auf Pistolen. Am zerrissenen Kinnbacken trug er
-zeitlebens ein Merkmal seiner tapferen Freundschaft. Natürlich schloß
-uns dieser Handel noch enger und unzertrennlicher aneinander und ich
-schwor ihm, über seine Ehre ebenso zu wachen, als er über die meinige
-gewacht und als ich über meine eigene wachen kann. Und sollten wir vom
-Schicksal einmal voneinander getrennt werden, und sollten wir in was
-immer für eine Lage versetzt werden, unsere gegenseitige Ehre wollten
-wir behüten wie unser Leben, ja unendlichmal mutiger und glühender,
-als unser Leben. -- Was sonst an Studentenangelegenheiten, Ehrensachen
-und Freundschaftsbeweisen war, kann übergangen werden. Ich weiß, was
-hier zu erzählen ist. Johannes hatte seine Studien vollendet und
-erhielt eine Anstellung als Postbeamter. Trotzdem brach er nicht mit
-den lustigen Kreisen, in denen er sich früher bewegte, ja, er erschloß
-sich noch neue. Man hielt ihn auch fest in denselben, denn er war ein
-heiterer, angenehmer Gesellschafter, und nach den langweiligen und
-verantwortlichen Stunden in der Amtsstube hatte er Zerstreuung nötiger
-als je. Es gab kleine Gelage mit Minnescherzen, mit Glücksspiel und
-anderen Lustbarkeiten. Wir bewohnten zusammen ein Zimmer und es fiel
-mir auf, daß er häufig in später Nacht nach Hause kam. Einmal habe ich
-ihm etwas darüber gesagt, er antwortete, daß weder seine Berufs- noch
-seine Kindespflichten darunter Schaden litten, wie ich auch tatsächlich
-nie eine Klage über ihn hörte und wie ich auch wußte, daß seine
-mühseligen Eltern, die damals auf dem Lande lebten, in ihrem Johannes
-den Ernährer und Beschützer anbeteten. Also ging es eine Weile, und
-plötzlich war das Verhängnis da.«
-
-Seelader unterbrach sich und trocknete mit dem Taschentuche seine Stirn.
-
-Nach einer Weile sagte der Richter: »Nun, erzählen Sie weiter.«
-
-»Schon seit einiger Zeit hatte ich bemerkt,« so fuhr der junge
-Mann fort zu sprechen, »daß mein Freund Johannes einen kleinen,
-scharfgeladenen Revolver bei sich trug. -- Wozu denn so etwas? fragte
-ich ihn einmal. -- Man kann nicht wissen, antwortete er, ob man nicht
-plötzlich in die Lage kommt, seine Ehre zu retten. -- Das war mir
-dunkel. Ich hielt es im Scherze gesprochen und dachte: er hat amtlich
-mit Geldsachen zu tun, es kann ja eine Waffe vorgeschrieben sein. Im
-ganzen gefiel mir aber an Johannes etwas nicht mehr so recht, und ich
-konnte mir doch keine Rechenschaft darüber geben, was eigentlich an ihm
-unangenehm, oder vielmehr unheimlich war. Bei allen, die ihn kannten,
-stand er in hoher Achtung und von jedem, der mit ihm umging, ward er
-geschätzt als guter Kamerad. -- Und nun kam diese Nacht.«
-
-»Wünschen Sie vielleicht ein Glas Wasser?« unterbrach einer der
-Adjunkten den Erzähler, weil dieser erregt zu sein schien.
-
-»Ich weiß wohl, was ich tue,« fuhr Seelader fort. »Mit dem, was ich
-jetzt zu bekennen habe, vernichte ich mich. Und das will ich auch,
-darum stehe ich da. -- Sie sehen, ich bin nicht aufgeregt, bin meiner
-Sinne vollkommen mächtig, und es wird sich leicht weisen, daß jedes
-Wort, was ich spreche, richtig ist. So etwas merkt man sich ganz
-genau. -- Es war in der Nacht vom elften bis zwölften Februar 1885.
-Johannes war wieder spät nach Hause gekommen und schlief sehr fest.
-Ich schlief nicht so fest und hörte es sogleich, wie jemand an unsere
-Tür klopfte. Da es wiederholt pochte, so stand ich auf, nachzusehen,
-was es gäbe. Vor der Tür stand der Hausherr in flüchtig übergeworfenem
-Mantel und teilte mir flüsternd mit, daß er Auftrag habe, den Herrn
-Johannes Hallsteiner zu wecken. Es scheine etwas Besonderes dran zu
-sein, im Vorsaal sei ein Gerichtsbeamter und auf der Treppe stünden
-zwei Gendarmen. -- Fast zu Tode erschrak ich und dann dachte ich:
-Was erschrickst du denn? Ein Irrtum liegt vor, den wollen wir gleich
-aufklären. Doch als ich draußen mit dem Gerichtsbeamten redete und
-den Verhaftsbefehl sah, gab's keine Ausflucht mehr und ich machte
-mich erbötig, den Gesuchten zu wecken und vorzubereiten, ohne daß mir
-auch nur eine Ahnung dämmerte, um was es sich handeln könne. Ihn im
-Schlafe überfallen, das würden sie doch nicht wollen. Als der Beamte
-vom Hausherrn sich die Versicherung geben ließ, daß die Fenster
-unseres Zimmers vergittert wären und auch sonst eine Möglichkeit des
-Entkommens nicht denkbar sei, durfte ich ins Zimmer zurücktreten. Die
-Türe hinter mir legte ich ins Schloß, zündete Licht an und weckte den
-Freund. -- Johannes, sagte ich, du sollst aufstehen, es fragt jemand
-nach dir. Er war sonst keiner von denen, die sich schnell aus dem
-Schlafe aufzuraffen vermögen, aber jetzt schießt er empor, und wie
-ich ihm die Art des nächtlichen Besuches andeute, wird er blaß. --
-Johannes, um des Himmels willen, was ist das? frage ich. -- Du siehst
-es ja, antwortet er ganz heiser. Hierauf stürzt er in den Winkel hinter
-meinen Schrank, reißt etwas aus der Tasche seines Rockes, kauert sich
-nieder, wimmert, wehrt mit der Hand mich, den Hinzueilenden, ab und
-schleudert endlich den Revolver von sich. Ich hebe die Waffe auf und
-sage heftig: Was hast du getan? -- Er fällt mir um den Hals: Hilf mir,
-Freund, es ist alles aus. Schulden, Spielschulden. Meine Ehre! Die Ehre
-mußte ich retten. Geld unterschlagen. -- Ohnmächtig muß ich geworden
-sein in dem Augenblicke, denn als ich mich finde, ist er angezogen
-und macht sich bereit. An der Tür pocht es ungeduldig. -- Noch einen
-Augenblick, bitte ich! ist mein Ruf, dann zum Freunde: Johannes, so
-gehst du nicht fort. In dieser Begleitung nicht! -- Dann rette mich,
-sagt er und blickt hilfesuchend um sich. -- Du hast in deinem Amte
-Geld veruntreut? sage ich und es kocht in mir, wild, rasend wild ein
-unbeschreiblicher Aufruhr, da, +das ist deine Rettung+! und drücke
-ihm den Revolver in die Hand. Er schaudert zurück und lacht hohl auf:
-das habe ich ja auch so gemeint. Seit einem Jahre trage ich ihn bei
-mir in der Tasche. Wenn's zum äußersten kommt, einen Fingerdruck. Und
-jetzt, +jetzt fehlt mir der Mut+! O, zertritt mich, die feige Bestie,
-speie mich an! Auf den Schuß habe ich gerechnet, für den schlimmsten
-Fall, mitten in Lust und Freuden habe ich auf den Schuß gerechnet,
-und jetzt fehlt mir dazu der Mut! hast du ein solches Scheusal schon
-gesehen? -- Als er so ruft, mir geht's durch alle Glieder. Schreck,
-Zorn, Mitleid gräbt in mir. Ich presse seine Faust zusammen, daß ihm
-die Waffe nicht entfallen kann. Bebend an allen Gliedern, schluchzend
-bitte ich ihn: Freund, geliebter, einziger Freund, verlasse dich
-selber nicht zu dieser Stunde. Sühne deine Schuld, rette deine Ehre,
-ich beschwöre dich! Du kannst nicht mehr weiterleben, du +kannst+
-nicht, Johannes, du bist ehrlos, verloren! Rette dich! Nur einen Funken
-Wille, nur einen Funken! Schließe die Augen, denke nichts, denke, es
-ist ein Traum, drücke los! Du mußt, Johannes, du +mußt+! -- Ich kann
-nicht! stöhnt er. O Gott, ich kann nicht, ich kann nicht! -- Draußen
-machen sie bereits Anstalt die Tür einzubrechen. Mein einziger, mein
-liebster Mensch! flehe ich, bei allem, was uns heilig war auf dieser
-Welt, laß dich nicht forttreiben wie einen gemeinen Dieb. Mach ein
-Ende! Ich zwinge dich! -- Er will den Revolver auf den Boden fallen
-lassen, ich drücke ihn zurück in seine Hand, will die Mündung gegen
-ihn wenden, seinen Finger krümmen auf den Hahn -- wir ringen, die Tür
-kracht unter dem Zwängeisen. Wir ringen heiß, da knallt der Schuß, und
-Johannes sinkt zu Boden. -- Die Ehre ist gerettet! Ich habe mein Wort
-gehalten! denn ich -- ich habe losgedrückt! Ich habe ihn erschossen.
-Die Kugel drang unter dem Kiefer hinein nahe an der Narbe, die er bei
-jenem Duell meinetwegen davongetragen. Kaum es geschehen ist, stürzen
-sie zur zertrümmerten Tür herein. -- Zu spät, sage ich, er hat sich
-erschossen! Ich habe vergebens mit ihm gerungen um den Revolver. --
-Dann haben sie ihn in die Totenkammer getragen. -- Und ich, wie ich
-allein bin und vor mir die Blutlache sehe, da schreit es in mir: Was
-hast du getan? der Ehre wegen ein Mörder, ein Lügner geworden! Welcher
-Ehre wegen! Sage, verdammter Wicht, was entehrt denn? Entehrt das
-Stehlen anvertrauter Gelder, oder entehrt erst der Gendarm? Nicht was
-dein Gewissen sagt, ist dir die Hauptsache, sondern was die Leute
-sagen! Von solcher Art ist die »Ehre«, der du bisher alles geopfert
-hast, deine Zeit, dein Studium, deine Begeisterung, deinen Freund,
-deine Seele. -- Also rief es in mir, aber dieser Ehrbegriff, dieser
-verfluchte Ehrgeiz war noch nicht tot in mir, er rang mit meinem
-Gewissen, wie ich vorher mit dem Freunde gerungen. Du mußt dich als
-seinen Mörder nennen und deine Strafe leiden, mahnte das Gewissen. --
-O Schande! Schande! rief der Ehrgeiz, ein Meuchelmörder, ein Lügner,
-ein Schurke zu sein! -- Höllische Pein litt ich in jenen Tagen. Dann
-ward mein Freund von Professoren zerschnitten, daß sie die Ursache
-seiner Tat fänden. In einer Anwandlung von Geistesverwirrung, sagten
-sie. Dann ward mein Freund hinausgetragen hinter das Lazarett und unter
-der Mauer eingescharrt. Als ich seine alten, nun ganz verlassenen
-Eltern sah, und wie die Mutter an seiner Grube zusammensank und sein
-Vater an der Krücke und mit weißem Haar fast stumpfsinnig auf den Sarg
-starrte, da wußte ich, was zu tun war. Ein Ausgleich wurde geschlossen
-zwischen meinem Ehrbegriff und meinem Gewissen. Zur Stunde faßte ich
-den Entschluß, mich nicht anzuzeigen, sondern mein Leben und Streben
-denen zu widmen, welchen ich den Sohn geraubt habe. Und erst wenn sie
-gestorben sein werden und meiner nicht mehr bedürfen, dann will ich
-hingehen und mich dem Gerichte stellen. Also schwur ich es, und das
-auszuführen war nun meine Ehrensache. Es ist das eine andere Ehre
-und ein anderer Ehrgeiz, mein Gewissen ist damit einverstanden. Mein
-kleines Vermögen war erschöpft, den letzten Rest schickte ich den
-Eltern meines Freundes. Ohne mein Studium vollendet zu haben, trachtete
-ich nach einer Stellung, um Brot zu erwerben. Endlich bekam ich die
-Schreiberstelle hier beim Kreisgerichtsamte, und da ich nebenbei
-in freien Stunden jüngeren Schülern Unterricht gab, so ward es mir
-möglich, außer für meine persönlichen Bedürfnisse, für das Greisenpaar
-zu sorgen. Unerträglich war es mir, wenn ich gelobt wurde deswegen, daß
-meine Treue zum unglücklichen Freunde so groß wäre. Es war, als ob man
-einen am Galgen Baumelnden lobte, daß er es so hoch gebracht habe. --
-Seine Eltern selbst lebten stumpfsinnig und freudlos dahin und nahmen
-das, was ich ihnen geben konnte, als das, was es ja auch ist, als etwas
-Selbstverständliches. Mein Gewissen war nie zur Ruhe gekommen, und nur
-wenn ich darbte, um den alten Leuten um so mehr schicken zu können,
-wurde es für den Augenblick milder gestimmt. Trost gab mir der Himmel
-auch an guten Menschen, die er mich finden ließ, und es waren Anzeichen
-vorhanden, daß ich einmal glücklich, sehr glücklich werden könnte. Aber
-ich durfte das Glück nicht annehmen. Es war Ehrensache, ich durfte es
-nicht annehmen. So unausstehlich, so häßlich war ich mir geworden, daß
-ich fast mit Lust und Gier die Buße trug, um mich einst selbst wieder
-achten zu können. Nach fremder Achtung, nach fremder Leute Meinung über
-mich hörte ich nicht mehr aus, für solche Ehre bin ich unempfindlich
-geworden. -- Das alles sage ich zu meiner Verteidigung, damit man sehe,
-wie es mir Ernst war. -- Nun sind die zwei alten Leute gestorben. Ich
-habe keine Verpflichtung mehr. Und nun ist es an der Zeit, meine Tat
-einzubekennen und mich dem Urteile der Gerechtigkeit zu übergeben.«
-
-Max Seelader schwieg.
-
-Die Richter blickten einander an. Ein solcher Fall war ihnen noch nicht
-vorgekommen. Zum Glücke brauchten sie darüber nicht abzuurteilen.
-Feucht waren des Kreisrichters Augen, als er aufstand, dem jungen,
-jetzt auf seinem Platze schier zusammengeknickten Menschen die Hand auf
-die Achsel legte und sprach: »Haben Sie noch etwas zu bestellen, so
-tun Sie es. Ich will dann mit Ihnen zum Landesgerichte fahren. Ihre
-Geschichte gehört vor die Geschwornen.«
-
- * * * * *
-
-Über Max Seelader findet demnächst im Landesgerichte die
-Hauptverhandlung statt. Lieber Leser, solltest du dabei einer der
-Geschworenen sein -- welches Urteil würdest du fällen?
-
-
-
-
-Die Vierzehnte.
-
-
-Am Freitag bin ich also nicht abgereist zum Karneval in die Stadt.
-
-»Reise Samstag früh,« hatte meine Mutter vorgeschlagen, und so reiste
-ich Samstag früh. Ich bin nicht abergläubisch, aber wenn man bei
-Unglücksfällen nachdenkt: fast allemal sind Vorzeichen nachzuweisen,
-die mit den Ursachen in geheimnisvollem Zusammenhange stehen.
-
-Ich reiste Samstag früh und war zu Mittag in der Stadt. Daß ich im
-Gedränge des Bahnhofes mit dem Rockknopf an der weißen Schnur eines
-~pompe funèbre~-Mannes hängen blieb, war mir für den Augenblick
-ärgerlich. Was hat dieser Mensch auf dem Bahnhofe zu tun? Ein Bahnhof
-ist keine Leichenhalle, außer, wenn mit dem Zuge ein Toter ankommt,
-was, wie ich später erfuhr, damals allerdings der Fall gewesen. Ich war
-mit einem Toten auf den Karneval gereist! Ich bin nicht abergläubisch,
-aber den Knopf trennte ich mir selbstverständlich sofort vom Tuche.
-
-Im Hotel nahm ich zwei gassenseitige fein möblierte Zimmer; es ist zwar
-auf eine besondere Häuslichkeit nicht zu rechnen, wenn man Welt sehen
-will, aber wohnen will man doch auch. Man erhält Besuche, und selbst
-wenn's nur für den Friseur wäre -- stets das Dekorum, sage ich, gegen
-jedermann das Dekorum.
-
-In bezug auf Salonanzüge, die ich mir sofort verschaffen mußte, wies
-man mich in das große Kleidermagazin »zum Uhu«. Ein Ballkleidermagazin
-»zum Uhu!« Ich bitte Sie! Abergläubische Leute müßte das Schild
-schon in vorhinein zurückschrecken; ich ärgerte mich bloß über die
-Geschmacklosigkeit und wählte ein anderes Geschäft.
-
-Theater, Museen, Konzerte -- Fastenkost, nichts als Fastenkost.
-Tanzen, springen, rasen, leben! Die Leute sind sozusagen lebendig und
-wissen doch nicht, was leben heißt. Mit den Elitebällen wollte ich den
-Anfang machen, abwärts geht's leicht und nach der Mahlzeit, bildlich
-gesprochen, wo man etwas pikanten Käse liebt, nehme ich noch etwas
-»Orpheum« oder »Elysium« usw.
-
-Am zweiten Tage erhielt ich Einladung in ein bekanntes Haus zum Diner.
-Ich bin im ganzen nicht für häusliche Zirkel hierhergekommen, derlei
-kultiviert man auf dem Lande zur Genüge. Doch, einmal kann man ja
-annehmen.
-
-In der Familie waren -- wie ich wußte -- ein paar hübsche Kinder von
-achtzehn aufwärts. Vortrefflich, das weiht in die Gesellschaft, in
-die Verhältnisse des diesjährigen Faschings ein. Man lernt das Feld
-kennen, auf dem man siegen will und wird. Ich dekorierte mich mit einer
-Rosenknospe, die ich ins Knopfloch steckte, und begab mich ins Haus, in
-das ich geladen war. Am Eingangstore begegnete mir eine alte Frau. Man
-braucht nicht abergläubisch zu sein, um von einer solchen Begegnung an
-der Stufe eines Hauses, in dem man sich unterhalten will, unangenehm
-berührt zu werden. Ich kehrte um, fuhr noch ein paar Straßen auf und
-ab, um dann das zweitemal ins Haus zu treten.
-
-Der Empfang war überaus herzlich. Vor allem überraschte mich die
-Wohnung. Man hat auf seinem Landgut auch Komfort, aber +diese+
-Eleganz -- ich war überrascht! Die Gesellschaft war nicht groß, aber
-glänzend, blendend -- reizende Mädchen darunter. Man ist nicht blöde;
-das Buch vom »guten Ton in der Gesellschaft« hat man im Kopf, man
-ist sattelfest in der Kunst des Tanzmeisters, in der Konversation,
-im Courmachen, kurz in allen ritterlichen Fertigkeiten eines Löwen.
-Man geht zu Tische; mir schneit der Zufall, nein, mein Glück, eine
-junge, entzückende Dame an den Arm, die ich an ihren Sitzplatz führe.
-Die alten Bekannten waren alsbald vertraulich; die sich bisher fremd
-gewesen, verstanden sich und es entwickelte sich jene ungebundene
-Munterkeit, die eine Gabe des Himmels ist, eine seltene Gabe, die
-keiner dem andern spenden kann, wenn sie nicht von selbst kommt. In
-feinen Kreisen kommt sie von selbst. Es ist doch ein anderes Leben
-in der Stadt als auf dem Dorfe. Alles so gebildet, so aufmerksam, so
-geistvoll! Es geht nichts über die Stadt.
-
-Als wir im besten Schnabulieren waren -- ich zertrennte just ein Stück
-Filet du Boeuf und sann mir dabei Artigkeiten aus, die ich meinen
-Beisitzerinnen sagen wollte -- sprang die Hausfrau von ihrem Sitze auf
-und ihr Blick irrte schreckerfüllt über die Tischgesellschaft hin.
-
-»Was ist?« war meine Frage an die Nachbarin. Man wird unruhig, auf
-allen Gesichtern Bestürzung. »Was ist geschehen?« fragte ich.
-
-»Dreizehn!« hörte ich murmeln. »Dreizehn Personen an der Tafel!«
-
-Alles sprang auf, aber die Hausfrau bat, daß man sich beruhige und
-vorläufig wieder an die Plätze begebe, damit das Unglaubliche nochmals
-untersucht werden könne.
-
-Wir setzten uns wie auf glühende Kohlen. Die Dame des Hauses, die mir
-zur Linken saß, zählte von sich aus links hin die Anwesenden -- es
-waren genau dreizehn -- und ich war der dreizehnte.
-
-Ein frivoler Patron war da, der meinte ganz unverfroren, er halte die
-Zahl dreizehn bei Tische nur in dem einen Falle für fatal, wenn bloß
-für zwölf gekocht worden. Eine solche Bemerkung unter Gebildeten
-verdient, daß sie einfach ignoriert werde -- und das wurde sie.
-
-Hingegen rief die Hausfrau: »Unbegreiflich, es ist doch für fünfzehn
-gedeckt!«
-
-Jetzt zählte meine schöne Nachbarin zur Rechten, indem sie von sich aus
-nach rechts hin vorging, es waren ganz genau dreizehn, und ich war der
-dreizehnte.
-
-Was war zu tun?
-
-Am ganzen Leibe zitternd, erbot ich mich, an einem Extratischchen Platz
-nehmen zu wollen.
-
-»Na, das fehlte noch!« rief man.
-
-Allsogleich wurde ein Diener zu einer Frau Müller, Apothekerswitwe im
-dritten Stock, geschickt:
-
-Ob Frau von Müller nicht das Vergnügen machen wolle, heute bei uns zu
-speisen, dann möchte sie aber die Güte haben, sofort.
-
-Der Bote kam zurück: Frau Müller wisse nicht wie sie zur Ehre käme, sie
-danke verbindlichst, aber es sei ihr momentan ganz unmöglich.
-
-»Das ist noch ein Glück,« bemerkte eine Tochter des Hauses, »eine
-Apothekerin! Mama weiß nicht, wo sie den Kopf hat.«
-
-»In der Tat,« sagte die Hausfrau, »es gibt Augenblicke im Leben, wo man
-trotz allem die Geistesgegenwart verlieren kann. Johann, gehen Sie ins
-Kinderzimmer, ich lasse Fräulein Antonia ersuchen, sie möchte mit uns
-speisen, aber sogleich!«
-
-Nach wenigen Augenblicken trat Fräulein Antonia ein, ohne Festkleid,
-ohne Schmuck, ein junges, einfaches Wesen, das geräuschlos am untersten
-Ende der Tafel Platz nahm. Man beachtete sie nicht weiter und das
-Mahl nahm seinen Fortgang. Da die natürliche Heiterkeit jedoch einmal
-gestört war, so mußte die gemachte dran, ist für den Notbedarf auch
-nicht übel, weil man sie in der Stadt ganz leidlich zu imitieren
-weiß. Ich konnte mich aus einer gewissen Beklommenheit gar nicht mehr
-herausarbeiten. Die Anzeichen für meinen Karneval spielten sich nicht
-gut. Ich war mit meinem jungen Leben in die Stadtluft gesprungen, um
--- der dreizehnte zu sein. -- Wenn man nachdenkt, es trifft immer
-zu -- der dreizehnte an einer Tafel stirbt. Man braucht darum nicht
-abergläubisch zu sein. -- Doch es ist ja vorbei, bei Tische sitzen
-vierzehn. Ich schaute verstohlen zwischen Weinflaschen, kunstreichen
-Blumenvasen und silbernen Obst- und Backwerkaufsätzen hin gegen das
-Fräulein Antonia, das fast hilflos und unbemerkt unter den lauten,
-rede- und eßgewandten Herrschaften dasaß.
-
-»In der Not frißt der Teufel Fliegen,« flüsterte meine stets
-geistreiche Nachbarin zur Rechten.
-
-»Übrigens,« setzte die Hausfrau bei, um ihre Maßregel doch auch noch
-zu entschuldigen, »es ist ein braves, anständiges Mädchen, das ich
-erst vor wenigen Monaten vom Lande bezog. Die Tochter eines kleineren
-Beamten, die mir für meine jüngste Zucht empfohlen worden ist. Es fehlt
-ihr noch Schick, wie Sie sehen, aber mein Gott, man muß noch froh sein,
-heutzutage eine ehrliche und verläßliche Person zu bekommen.«
-
-Wie ich aber so hinschaute auf das Mädchen, das mit dem glattgekämmten
-braunen Haar still und bescheiden zwischen den in aller Buntheit und
-mit allem Raffinement aufgeputzten Frauen dasaß, ohne Befangenheit und
-Geziertheit die Gabel handhabend und bisweilen mit ihrem großen Auge
-ruhig und mild aufschaute, da kam mir der vertrackte Gedanke: das wäre
-mir die liebste von allen.
-
-Man braucht darum nicht abergläubisch zu sein.
-
-Bei dem Aufruhr, den der Champagner verursachte, wollte das Mädchen
-heimlich sich davonmachen. Ich merkte es und säumte nicht, mit meinem
-Glase zu ihr zu treten und mit ihr anzustoßen.
-
-»Gegen die Lebensretterin muß man stets galant sein,« hörte ich hinter
-mir sagen; das verletzte mich, ich weiß nicht warum. Ich stieß mit dem
-Mädchen doppelt herzlich an und schaute ihr ins Auge.
-
-Dann entschwand sie. --
-
-An den verschiedenen Vorzeichen war aber doch was. Mir war der Fasching
-verdorben. Ich war überall dabei, man kann sagen, ich machte Glück
--- aber mir fehlte das Animo. Es war verrückt, ich dachte an die
-vierzehnte. Sie war nirgends dabei, aber sie saß in meiner Seele,
-geradeso hold und bescheiden, wie sie dort bei Tische gesessen. Das hat
-man davon.
-
-»Bist du in einem Hause zur Mahlzeit geladen worden, so mache einige
-Tage nach derselben in dem betreffenden Hause eine Visite, gemeinhin
-die Verdauungsvisite genannt,« so heißt es im »Buch vom guten Ton«.
-Mir wäre es lieb gewesen, wenn der gute Ton zehn solche Visiten
-verlangt hätte. Übrigens war ich in der Familie auch ohne Vorschrift
-willkommen und die Töchter wurden von Tag zu Tag liebenswürdiger. Aber
-das meinte ich nicht. Durch ihre Vermittlung wurde ich zu Hausbällen
-geladen, wo sie vortanzten und wo sie mich bei den Damenwahlen höchlich
-auszeichneten. Aber das meinte ich nicht. Endlich luden sie mich
-nochmals zum Speisen; ach, wie hätte ich gewünscht, daß wir wieder
-dreizehn zu Tische säßen! Doch es waren unser bloß fünf Personen. --
-»Der engste Familienkreis,« wie die Hausfrau so anmutend sagte. Aber
-das meinte ich nicht.
-
-Ich machte die unmaßgebliche Bemerkung, daß in den Familienkreis doch
-auch die kleineren Kinder gehörten. Die Töchter erröteten über diese
-Bemerkung. Aber das meinte ich nicht.
-
-Bei der nächsten Visite verfehlte ich beim Fortgehen in meiner
-Gedankenlosigkeit die richtige Tür und stand plötzlich im Kindszimmer.
-Mitten unter den fröhlichen Kleinen -- fröhlich mit ihnen -- saß meine
-Vierzehnte.
-
-Ein halbes Jahr später habe ich sie aus demselben Gemache geführt. Ein
-weißer Schleier umrahmte ihr liebes Angesicht, ein Myrtenzweig lag auf
-ihrem Haar.
-
- * * * * *
-
-Diese Zeilen schreibe ich heute -- am Vorabende unseres silbernen
-Hochzeitstages. Tag für Tag sitzen wir zu +dreizehn+ an unserem Tisch:
-Sie, ich und die elf Kinder. Man braucht darum nicht abergläubisch zu
-sein: aber welch ein Glück, so zu seinen dreizehn mitsammen zu speisen!
-
-
-
-
-Der Taubstumme.
-
-
-Das war an einem Wintertage. Ich fuhr von der Hauptstadt mit dem
-Eilzuge in eine Provinzstadt hinaus. Es war eine sechs Stunden lange,
-öde Fahrt. Die dicht beeisten Fensterscheiben vermeinten weiß was zu
-verhüllen, und wenn man sich an denselben ein Flecklein freihauchte
-oder freikratzte, so sah man draußen den Nebel und die bereiften
-Telegraphenstangen -- sonst auch nichts. Ich saß im Nichtraucherabteil
-zu vieren und, theoretisch genommen, hätte es recht ergötzlich sein
-können, denn es waren unser zwei Herren und zwei Damen. Aber du lieber
-Gott, die Damen vertreten zusammen ein volles Jahrhundert und der Herr
-kauerte tief in seinen Pelz vergraben und gab kaum ein Lebenszeichen
-von sich.
-
-Schon als ich beim Einsteigen zufällig auf die Stiefelspitze des
-männlichen Gegenübers getreten war, benützte ich das sittige:
-Pardon! um gleich mit ein paar anzüglichen Bemerkungen über das
-Zusammenpferchen und die Unbehaglichkeit des Reisens im Winter ein
-Gespräch anzuknüpfen. Der Mann schaute mich mit seinen großen Augen
-betrübt an und hüllte sich schweigend in seinen Pelz.
-
-Hingegen griff das Jahrhundert, welches auch schon fest saß, die
-Leine auf und gab der Mutmaßung lebhaften Ausdruck, daß Nebenabteile
-sicherlich ganz leer sein würden, daß aber die Herren Kondukteurs die
-nicht sehr löbliche Gepflogenheit hätten, dieselben usw. Es herrscheten
-hier überhaupt Unzukömmlichkeiten, die man auf ausländischen Bahnen
-nicht usw. -- Und wie eben die Unterhaltung im Gelaß ähnlicherweise
-angeht.
-
-Bei der Kartenvisitation fragte der Schaffner, ob wir in N. ~table
-d'hôte~ zu speisen wünschten. Ich und ein halbes Jahrhundert bejahten
-sofort, das andere halbe war stark unentschieden und entschloß sich
-endlich für die Karte. Mein Gegenüber, der apathische Mann im Pelz,
-schaute den Schaffner jetzt fragend an, mit einem gewissen ängstlichen
-Blick -- ob hier etwas nicht in Ordnung sei, oder was der Mann wolle?
-
-Dieser deutete uns noch durch ein Zeichen mit der Hand an, daß mit dem
-Herrn im Pelze etwas nicht richtig sei -- und schloß dann das Abteil.
-
-»Man tut doch immerhin am besten, ~table d'hôte~ zu speisen,«
-bemerkte ich hernach, um mit dem Herrn anzubinden, »man wird dabei
-am raschesten bedient und das Speisen ~à la carte~ bedeutet doch
-nur ein Gabelfrühstück im Vergleich mit dem in der Regel guten und
-verhältnismäßig reichhaltigen Mahle; die Preise unterscheiden sich
-nicht wesentlich.« Als mein Gegenüber sah, daß ich zu ihm spreche,
-deutete es durch eine klar zu verstehende Gebärde und durch einen
-gröhlenden Ton an, daß es nicht höre und auch nicht den Gebrauch der
-Sprache habe, und mummte sich -- da es in der Tat recht frostig war --
-noch tiefer in seinen Pelz.
-
-»Also taubstumm!« murmelte ich.
-
-»Ach, der Arme!« -- »Ach, der gute, arme Mann!« hauchten die beiden
-Frauen und schenkten ihm einen Blick, der überreich war an Teilnahme
-und Wärme.
-
-Der Bedauernswürdige war ein noch jugendlicher hübscher Kopf mit
-schwarzem Schnurrbärtchen und blassen Wangen, eine jener interessanten
-Typen, in denen sich Schönheit und Schmerz so rührend vermählt hat.
-Meist schloß er die Augen, und dann war es freilich nur mehr der
-Tastsinn allein, durch welchen er mit der Außenwelt zusammenhing. Aber
-er tastete nicht.
-
-»Ein so hübscher, feiner Kopf!« meinte die eine der Frauen.
-
-»Und reist allein!«
-
-»Wie weit er wohl reisen mag?«
-
-»Nach G., soviel ich früher an seinem Billett sah.«
-
-»Für den Notfall kann ich ihm auf dem dortigen Bahnhofe behilflich
-sein,« war meine Bemerkung, »denn auch ich fahre bis G.«
-
-Nun war ein reeller Gesprächstoff gegeben. Wir besprachen das traurige
-Geschick der Taubstummen und ich kam mit dem Jahrhundert bald darüber
-in Zwiespalt, was vorzuziehen sei, taubstumm oder blind sein. Ich
-entschied mich gewiß ganz unbedacht für das Taubstumme, denn das
-Gesicht geht mir über alles. Meine Seele sitzt im Auge, mir liegt die
-Schönheit der Welt im Lichte, in der Farbe. Des Menschen Wort ist
-mir entbehrlich, genug, wenn ich seinen Blick sehe. Was ich zu sagen
-habe, ist wenig; auch ist mein Wort als das des Fremden den meisten
-gleichgültig, jeder hört sich selbst am liebsten. Und was durch
-mein Auge einzieht, das bringt genug Stoff für ein reiches, inneres
-Leben und ich bleibe gesammelt, bleibe Eins mit mir. Zum Auge kann
-viel weniger Jammer eingehen als zum Ohre, und mit dem Auge kann ich
-viel weniger Unrecht tun als mit der Zunge. So bleibt der Taubstumme
-glücklicher und besser, als etwa der Blinde.
-
-»Aber bedenken Sie doch, bester Herr!« so drang jetzt das ganze
-Jahrhundert auf mich ein und führte gegen meine Ansicht die
-gewichtigsten Gründe ins Treffen. Durch das Gehör komme alle Lehre
-und Erziehung in den Menschen, und so wie sich ohne Gehör die Sprache
-nicht bilden könne, so blieben auch alle anderen Sinne zurück und man
-werde nicht sagen können, daß der Taubstumme um so besser sehe, während
-man vom Blinden wisse, daß er in der Regel ein schärferes Gehörorgan
-und einen ausgebildeteren Tastsinn habe, als der Sehende. Der Blinde
-führe ein reicheres und schöneres Geistesleben, während der Taubstumme
-zumeist stumpfsinnig, verschlagen, mißtrauisch und unzufrieden sei.
-
-Ich bekam nachgerade Respekt vor den beiden Frauen. »Und bedenken Sie,«
-fuhr die eine fort, »von der Musik, die den höchsten Rang in der Kunst
-einnimmt, die bildend und veredelnd bis in die Seele dringt, von der
-Musik gar nichts zu haben!«
-
-»Ein ganzes langes Leben ohne Vogelsang!« gab die andere zu bedenken.
-
-»Ein Leben ohne Strauß!« rief die eine.
-
-»Singt der Strauß?« fragte die andere.
-
-»Nein, aber er geigt.«
-
-»Ah so, der Wiener Strauß.«
-
-»Und was in der Menschenkehle steckt!« rief die eine. »Ach: wenn ich
-daran denke! Gestern war ich in der Oper, in Lohengrin.«
-
-»Wildmann soll wunderbar gesungen haben.«
-
-»Unvergleichlich! Unvergleichlich! sage ich. Bei dem überfülltem Hause
-war es mir mit Mühe und Protektion gelungen, einen Galeriesitz zu
-gewinnen, von dem aus ich kaum auf die Bühne sehen konnte. Ich war
-trotzdem glücklich, und bei diesem Gesang, ich gestehe es, daß ich ein
-wahres Gebet tat: O Gott, ich danke dir für seine Stimme, ich danke dir
-für mein Ohr!«
-
-Mit heller Begeisterung sprach sie's; dem Taubstummen mußten unsere
-lebhaften Mienen auffallen, er schaute der Dame, ich möchte sagen,
-wortdurstig auf den Mund, als hätte er's denken können: Ich verlangte
-Opern nicht, wenn ich nur die Worte der Menschen hören könnte! --
-
-Ein seltsames Mitleid erfaßte mich für den armen Mann und die Dame
-setzte bei:
-
-»Wie das traurig ist! Sterben zu müssen, ohne Wagner gehört zu
-haben!« --
-
-In N. angelangt, wollte ich meinem stummen Nachbar etwas zu essen
-verschaffen, aber er sprang selbst auf, nahm am Schänktisch Schinken
-und Bier, warf dafür den Betrag hin, setzte sich wieder ins Abteil und
-vermummte sich in den Pelz.
-
-»Er weiß sich doch zu helfen,« sagte eine der Frauen.
-
-»In den Taubstummen-Instituten genießen solche Leute heutzutage ja eine
-beinahe vollkommene Ausbildung.«
-
-Und sie hielten der Humanität ihres Jahrhunderts eine gebührende
-Lobrede.
-
-»Ein wunderschöner Mensch!« hauchte eine der Frauen, in das Anschauen
-des Unglücklichen versunken.
-
-Dann war davon die Rede, ob er etwa gar verheiratet sei, oder ob
-Taubstumme überhaupt heiraten dürften; ein gesundes Mädchen; ob sich
-der Zustand auch auf die Kinder fortpflanze.
-
-»Bleiben natürlich nur auf +einem+ Ohre taub,« war eine Ansicht.
-
-»Und stumm nur die Knaben,« gab ich zu, »bei Frauen ist überhaupt
-dieser Mangel schwer zu denken.«
-
-So spielte sich das Gespräch, dann kam anderes dazwischen, auch jene
-Müdigkeit, der bei längerer Fahrt jeder Reisende, er mag anfangs auch
-noch so frisch gewesen sein, anheimfällt. Schien es doch, als hätte uns
-der Taubstumme angesteckt, bis wir endlich um die Abenddämmerung in den
-Bahnhof von G. einfuhren.
-
-Das Jahrhundert reiste, nachdem ich mich recht artig von ihm
-verabschiedet hatte, weiter; ich suchte dem aussteigenden Taubstummen
-behilflich zu sein, dieser war dann in der Menschenmenge rasch
-verschwunden.
-
-Ich hielt mich in G. mehrere Tage auf, doch bekam ich den Reisegenossen
-nicht mehr zu sehen und ich vergaß auch bald der kleinen Gesellschaft
-im Gelaß. Dachte selbst nicht an die schönen Aussprüche der einen Dame
-über den Sinn des Gehörs und über die Musik, als ich eines Abends ins
-Theater zur Oper »Aïda« ging. Diese meine Lieblingsoper hatte ich schon
-in verschiedenen Ländern gehört, wozu ich noch bemerken will, daß mich
-gerade die italienische Aufführung im Vaterlande des Komponisten am
-wenigsten befriedigte. Diese überaus ergreifende und originelle Musik
-wollte mir in dem hüpfenden Tempo des Welschen nicht behagen; selbst
-Meister Verdi soll sie erst in der getragenen Weise der Deutschen recht
-liebgewonnen haben.
-
-Als weiteres Motiv meines Theaterbesuches war der Opernsänger Wildmann,
-der eben in G. gastierte. Ich hatte meinen Platz im zweiten Parterre,
-und als der Vorhang aufging, war ich sowohl von der geschmackvollen
-Ausstattung als auch von der guten Besetzung der Oper an dieser
-Provinzialbühne angenehm überrascht. Wildmann als Radames wurde mit
-einem wahren Beifallssturme begrüßt und als ich -- es war das erstemal
--- seinen in der Tat herrlichen Tenor hörte, mußte ich des wunderlichen
-Ausspruches gedenken: O Gott, ich danke dir für mein Ohr! -- Doch, die
-Züge des Sängers! Die ganze Gestalt -- wo war ich der schon begegnet?
-Ich wurde unruhig, ich bohrte meine Augen mit aller Anstrengung in das
-Opernglas, und im ersten Zwischenakte tauschte ich meinen Platz für
-einen des ersten Parterres um, daß ich noch besser sehen könne.
-
-Hier sah ich's denn auch noch besser. Und sah es: der berühmte
-Opernsänger Wildmann war niemand anderer, als mein Taubstummer vom
-Eisenbahnzug.
-
-War's möglich? Das weiß ich nicht, aber es war. Auf der Bühne geht ja
-oft genug das Unmöglichste vor -- doch was sollte einer gerade mit
-dieser Maske bezwecken? Sonnenklar war's mir bald: nicht hier, nein,
-dort im Gelaß hatte er Komödie gespielt. Doch warum? Für den Kunstgenuß
-war mir der Abend verdorben. Wildmann sang hinreißend, und er riß das
-Publikum zum rasenden Beifall hin -- aber mich wurmte der Taubstumme.
-Dieser Taubstumme, der das feinste Gehör hatte im ganzen Reiche, und
-die herrlichste Stimme!
-
-Kaum daß das Sterbelied der Eingemauerten verklungen war, eilte ich auf
-die Bühne, ich mußte den Mann sprechen, ich mußte ihn sprechen hören
-zu mir, mir gegenüber in nächster Nähe. Ich mußte ihm meine Freude
-zujubeln darüber, daß er nicht taubstumm war.
-
-Der Regisseur sagte mir, Herrn Wildmann würde ich nach dem Theater
-im »Hotel Dachstein« finden. Ich ging ins genannte Hotel, in dessen
-Silbersalon die Künstler, Schriftsteller und anderen Schöngeister
-von G. sich einzufinden pflegen. Da saß nun auch bald inmitten einer
-munteren Gesellschaft mein Opernsänger und war der munterste von allen.
-
-Ich saß abseits an einem Tische und beobachtete mir das laute, lustige
-Treiben des Theatervölkleins, in welchem jeder und jede so voll
-Geisteselektrizität war, daß während des Klapperns mit Messer und
-Gabel, während des Gläseranstoßens mit schäumendem Weine die Funken des
-Witzes wie lebhaftes Kleingewehrfeuer hin und wieder über den Tisch
-sprangen.
-
-Endlich -- als sich die Gesellschaft im Saale ein wenig zu lichten
-begann und auch von den Theaterleuten sich einige verabschiedet hatten
--- stand ich auf, trat zum Künstlertisch, nannte meinen Namen und bat
-in höflicher Weise, ob ich es wohl wagen dürfe, mich für den Rest des
-Abends dem glänzenden Kreise einzureihen, wie ein Glaskrystall unter
-Diamanten.
-
-Ich sei willkommen, sagten einige ziemlich gelassen und rückten mit
-den Stühlen. Herr Wildmann aber rief: »Der Tausend, das ist ja mein
-Reisegefährte!«
-
-»So ist es,« sagte ich mich verneigend.
-
-»Dann habe ich mich gefaßt zu machen auf einen Angriff,« lachte der
-Sänger.
-
-»Allerdings beabsichtige ich etwas, was mir damals nicht gelungen ist,
-nämlich Sie zur Rede zu stellen. Es freut mich, Herr, es freut mich
-sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen, und ich bewundere den ausgemachten
-Schauspieler, der in Ihnen steckt.«
-
-»Ja,« sagte Herr Wildmann lustig, »man verlangt von den Opernsängern
-eben, daß sie auch ein wenig Schauspieler seien.«
-
-»Diese Verstellung! Dieser betrübte Blick zum Beispiel, als ich damals
-ins Abteil stieg!«
-
-»Erklärlich auch ohne Verstellung. Sie sind mir nämlich auf das
-Hühnerauge getreten.«
-
-Die Gesellschaft war aufmerksam geworden und wußte bald, um was es sich
-handle, und sie lachte.
-
-»Wir haben Sie in der Tat für einen Taubstummen gehalten,« sagte ich.
-
-»Ich weiß es,« lachte der Opernsänger, »ist aber Ihre Schuld, oder
-hätte ich Ihnen gesagt, daß ich's bin! Übrigens -- Prosit!« Er schob
-mir ein perlendes Stengelglas zu: »Prosit!«
-
-»Übrigens,« fuhr er dann fort, »daß ich nicht allein +spreche+,
-sondern daß ich Ihnen auch Wahrheit sage! Ich habe es auf meinen
-häufigen Eisenbahnfahrten darauf abgesehen, für taubstumm gehalten zu
-werden. Erkennt man mich nicht und gelingt es mir, die Mitreisenden zu
-täuschen, so erwachsen mir aus meiner taubstummen Rolle unschätzbare
-Vorteile. Erstens schone ich meine Stimme, die unter dem steten
-Gepolter des Zuges nicht gewinnen würde, zweitens vernehme ich manches
-lehrreiche Gespräch, das man sonst in seinem Leben nicht wieder zu
-hören bekäme, köstliche Bemerkungen über die gehörlose Person, mitunter
-auch die freimütigsten Urteile über Theater und Oper und über den
-Sänger Wildmann, wie das eben auch bei unserer gemeinsamen Fahrt der
-Fall war. Allerdings kann man dabei auch Dinge zu hören bekommen, bei
-denen man nur herzlich bedauert, nicht wirklich taubstumm zu sein.
-Ich schmeichle mir, einige Menschenkenntnis zu besitzen, die mir
-wahrscheinlich länger treu bleiben wird als meine Stimme und aus der
-ich noch einmal Kapital zu schlagen gedenke. Wem verdanke ich sie? Den
-Stunden, da ich schwieg und scheinbar nicht hörte.«
-
-»Vielleicht werde ich es Ihnen nachmachen,« war meine Bemerkung.
-
-»Sie sind auch Künstler,« sagte er, »versuchen Sie's. Wohl dürften Sie
-ruhig bleiben, wenn man Ihre Bilder lästert; aber wenn man dieselben
-mit Enthusiasmus preist, und es kommt kein Glanz in Ihr Auge, dann erst
-sind Sie Meister der Verstellungskunst. Versuchen Sie's, es ist nicht
-leicht.« -- --
-
-Der Sänger und der Maler wurden an demselben Abende Freunde zu einander
-und verlebten mitsammen noch eine köstlich heitere Stunde, bis es
-ersterer endlich an der Zeit fand, die Kammer zu suchen und sieben
-Stunden lang wirklich taubstumm zu sein.
-
-
-
-
-Hauptmann Fortner und seine Frau.
-
-
-Hauptmann Fortner besaß so ziemlich alles, was Glück genannt wird unter
-den Menschen. Er hatte -- und das sage ich voraus -- ein lebensfrohes
-und naturfreudiges Herz. Sein Name war umleuchtet vom Glanze einer
-Heldentat. Er erfreute sich an einem schönen Weibe, an einem frischen,
-aufgeweckten Kinde. Nur eine Kleinigkeit fehlte ihm, die aber nötig
-ist, um dem Leben so recht nachlaufen zu können: anstatt des rechten
-bluteigenen Beines hatte er einen hölzernen Stelzfuß. Freilich war er
-auf dieses Stück Birkenholz stolzer als auf alle seine übrigen Glieder
-zusammen. Bei der Erstürmung von Serajewo hatte er den Fuß verloren und
-den Heldenglanz gewonnen. Aber dieses empfindungslose Stück Birkenholz
-schmerzte ihn mehr als alle übrigen Glieder zusammen, und es waren
-doch etliche darunter, die häufig durchzuckt wurden von rheumatischer
-Erinnerung an Bosnien. Das hölzerne Bein hatte ihn verdammt zum
-Ruhestand in jungen Jahren, die härteste Verdammnis, welche ein
-Soldatenherz zu treffen vermag.
-
-Doch mochte Hauptmann Fortner deswegen mit dem Schicksale nicht
-viel hadern. Er hatte sein Opfer redlich gebracht, und sein im
-Grunde weiches, friedliebendes Gemüt bequemte sich zum beschaulichen
-Pensionistenleben. Die Winterszeit in der Stadt war gerade nicht nach
-seinem Sinne. Er ging zwar auf Stelzfuß und Krücke wacker spazieren --
-denn Stubenhocken, das war seine Sache nicht -- aber die mitleidigen
-Blicke waren ihm zuwider, und er ließ seinen Schnurrbart so martialisch
-auswachsen und schaute so scharf und finster drein, daß seine
-kampflustige Miene die mitleidigen Herzen zurückschreckte. Anders
-war es im Sommer, wo er mit seiner kleinen Familie auf einem Dorfe
-zu wohnen pflegte, in einem weiten Talkessel, der mit schönen Bergen
-und dunkelnden Wäldern umgeben war. Da konnte er sich erfreuen an den
-Verrichtungen fleißiger Arbeiter, denen er oft stundenlang vergnüglich
-zusah, konnte sich ergötzen an der landschaftlichen Natur, zu der er
-Jahr für Jahr größere Neigung empfand.
-
-Seine Frau Emma harmonierte in all diesen Dingen lange Zeit ganz
-mit ihm, nur daß ihre gesunden Glieder noch weiter ausholen wollten
-und konnten. An den zahmen Spaziergängen durch Wald und Wiese fand
-sie nicht Genügen; mit zweien ihrer Brüder hatte sie einst eine
-Hochgebirgswander gemacht, und die ging ihr nicht mehr aus dem Sinn.
-Da sie ihren Knaben in der Pflege einer verläßlichen Kindsfrau wußte,
-so versäumte sie keine Gelegenheit, um sich Gruppen anzuschließen,
-die auf einen oder den anderen Berg stiegen, wie solche sich im
-Hintergrunde des grünen Gaues gewaltig erhoben. Sie sei verliebt in
-die hohen Berge! so sagte sie selbst, weil eine Frau alles, was ihr
-gefällt, mit der Liebe zusammenspannt. Der Hauptmann schaute manchmal
-der wohlausgerüsteten munteren Gesellschaft ein wenig betrübt nach. Das
-Herz tat ihm weh darob, daß er keinen der ins Land hinausleuchtenden
-Alpengipfel mehr erreichen konnte, und es tat ihm weh, daß -- doch
-genug der Wehmut für einen Soldaten! Sie ist tapfer und kommt ihm
-wohlbehalten wieder zurück.
-
-Also geschah es eines Tages, daß ein Bruder von Frau Emma, der
-Reserveleutnant war, einige junge Leute mitbrachte aus der Stadt in das
-Dorf; unternehmungslustige Studenten. Sie wurden natürlich dem Herrn
-Hauptmann Fortner und seiner jugendlichen Frau Gemahlin vorgestellt
-und von diesen eingeladen zum Kaffee. Bei dem Kaffee entstand der
-Plan zu einer Besteigung des Hochschwab. Allgemeiner Jubel; nur der
-Hauptmann schwieg und dachte: Mußt dich eben begnügen damit, andere in
-Bergeslust zu wissen. Am Abende desselben Tages, während seine Frau ihm
-wie gewöhnlich das Rauchzeug zurecht tat, stülpte sie ihren weichen
-Arm ganz leicht auf seine Schulter: »Nicht wahr, lieber Mann, du hast
-nichts dagegen, wenn ich morgen mit von der Partie bin?«
-
-»Wohin?« fragte er rasch.
-
-»Die auf den Hochschwab geht. Gelt, dir ist es recht?«
-
-Der Hauptmann stopfte seine Pfeife und sagte nichts. Ihm war zumute,
-als ob ihm jetzt etwas sehr Unangenehmes passiert wäre, und er konnte
-oder mochte sich doch keine Erklärung geben, weshalb er seine Frau
-nicht mit der Partie wissen wollte. Sie hat ja recht, hat zwei gesunde
-Füße und die Berge sind ihre Freude. Warum nicht? Der kleine Fritz zu
-Hause ist geborgen und versorgt. Allein ...
-
-»Wirst du dich denn auch unterhalten mit den weltfremden Leuten?«
-fragte er sie fast zärtlich.
-
-»Die werden mich wenig kümmern,« antwortete die Frau, »ich gehe nur mit
-meinem Bruder Hans. Und am Abende, sagen sie, können wir wieder zurück
-sein.«
-
-»Es wird etwas spät werden,« bemerkte der Hauptmann kleinlaut. Weil sie
-betrübt war, daß er keine bestimmte Antwort gab, sagte er endlich: »Ja,
-ja, Weibchen, wenn es dir Vergnügen macht, gehe nur.«
-
-Am nächsten Morgen wollte er ihr noch Verhaltungsmaßregeln sagen,
-denn für den Hochschwab kam sie ihm etwas zart und unerfahren vor.
-Doch als er aufwachte, war sie längst schon fort und ihr leeres Bett
-hatte nur die herzige Unordnung der verschobenen Decken und Kissen,
-in welchen stellenweise noch der Eindruck ihres Körpers zu sehen war.
-Schon um drei Uhr morgens, so erzählte die Kindsfrau, wären die jungen
-Herren draußen gewesen, aber bevor sie noch am Fenster klopften, sei
-die gnädige Frau flink und leise aus dem Bette gesprungen und kurze
-Zeit darauf schon vollkommen marschfertig mit ihnen gegangen. Im
-Wirtshause wäre Tee gekocht worden und dann habe man die Gesellschaft
-vom Waldschachen her, wo sie angestiegen, noch munter lachen gehört. Es
-müßten lustige Leute dabei sein, und über Studenten stehe einmal nichts
-auf.
-
-Als einst bei Serajewo der Arzt dem Hauptmann Fortner mitgeteilt,
-daß er sich für alle Zukunft mit einem einzigen Beine werde behelfen
-müssen, war ihm ein wenig weh geworden ums Herz. Aber so nicht wie
-jetzt, so weh nicht wie jetzt. Der Zeiger der Uhr stand auf sechs, noch
-fünfzehn Stunden oder länger, bis sie wieder da sein wird. Mißmutig
-suchte er sein Holzbein anzuschnallen, es wollte nicht recht gehen, die
-Kindsfrau machte sich erbötig, ihm dabei zu helfen, er wies sie fast
-unwirsch zurück zum Knaben und bediente sich zur Not allein.
-
-Im Laufe desselben Vormittags, als der Hauptmann unter der Linde saß,
-kam der Fleischerknecht mit dem großen Hunde des Weges; ein Kalb wurde
-herangezerrt und gehetzt. Der Hund sprang hinten drein, bald links,
-bald rechts, bellte heftig und tat, als ob er dem Kalb in die Beine
-schnappen wollte, so oft es sich weigerte zu gehen.
-
-»Mylord, setz ab!« rief der Bursche dem Treibhund zu; da stellte
-dieser augenblicklich seine Arbeit ein und der Fleischer band den
-lockergewordenen Strick sorgfältig um den Hals des Tieres.
-
-»Die Schwabengeher werden schon hoch oben sein!« rief er so nebenbei
-dem Hauptmann zu.
-
-»Hast du sie gesehen?«
-
-»Bei der zweiten Fölzbrücke sind sie mir begegnet,« berichtete der
-Bursche, »sind ihrer aber nicht mehr alle. Der Herr Leutnant hat in der
-Hütte zurückbleiben müssen.«
-
-»Mein Schwager?«
-
-»Hat sich beim Zaunstiegel den Fuß so stark verstaucht, daß es aus war.«
-
-»Ist doch meine Frau bei ihm geblieben?« fragte der Hauptmann.
-
-»Die Geißer-Gretel gibt ihm Umschläge.«
-
-»Und meine Frau?«
-
-»Sie werden jetzt schon hoch oben sein. -- Na, vorwärts. Pack an,
-Mylord!«
-
-Unter Gekläffe trappelte es weiter, und der Hauptmann blieb an der
-Linde zurück. Aber er war aufgestanden. Vor allem ließ er einen Wagen
-einspannen und fuhr zur Hütte in der Fölz. Dem Herrn Leutnant ging's
-nicht am schlimmsten, er war schon wieder davon, aber nicht auf den
-Hochschwab, sondern, wie ein Halter schmunzelnd dartat, in die untere
-Fölzsteinalm, wo die kraushaarige Geißer-Gretel ihre Ziegen hütete.
-
-Im Herzen des Hauptmanns wütete ein heißer Zorn. Er machte allen
-Ernstes den Versuch, das Gebirge hinanzuklettern, es ging nicht. Er
-fuhr zurück ins breite Tal, und auf einer Anhöhe stieg er aus und
-starrte hin in die Wände. Die Wände waren hoch und ätherblau, die
-Spitze des Gebirges, die weit dahinter lag, war nicht einmal seinem
-Auge erreichbar. Wenn er an die Beschwerden dachte, die von den
-Touristen etwa zu überwinden waren, als hartes Klettern, Sonnenbrand,
-Durst, Sturm, Frost, Erschöpfung, da wurde ihm leicht und tröstlich;
-wenn er sich aber vorstellte, wie sie auf grünen Matten rasteten,
-oder in Felsnischen saßen, aßen, tranken, scherzten, da wollte er
-vergehen vor Qual. Am Nachmittage suchte er bei seinem Kinde Linderung
-des Gemütszustandes. Der Knabe war im dritten Lebensjahre und trieb
-allerlei Ergötzlichkeit mit seinen hölzernen, rot angestrichenen
-Türken, mit seinen kleinen Zehen, mit des Vaters Schnurrbart und Nase,
-der Vater scherzte überlaut mit dem Kinde, blickte dabei immerfort auf
-die Uhr, die es heute so gar nicht vorwärts brachte.
-
-»Papa!« sagte der Kleine plötzlich, »werden die Studenten Mama wieder
-zurückbringen?«
-
-Gegend Abend stand er immer nur am Fenster. So oft er auf der Gasse
-Schritte oder einen Wagen hörte, steigerte sich seine Spannung. Zum
-Nachtmahl bestellte er ihr Lieblingsgericht, Forellen mit Artischocken.
-Es ward neun Uhr, es ward zehn Uhr, sie kam nicht. Die Nacht war
-finster und schwül, manchmal leuchtete ein matter Blitzschein auf. Der
-Hauptmann legte sich zu Bette, aber als der Tag anbrach, hatte er noch
-kein Auge geschlossen. Am Vormittage stellte sich sein Schwager Hans
-ein, der sehr aufgeweckt war und versicherte, daß sein Fehltritt über
-die Zaunstiegel sich schon wieder bekehrt habe.
-
-»Zum Teufel, wer kümmert sich um deinen Fehltritt!« rief der Hauptmann,
-»wo meine Frau ist, will ich wissen.«
-
-»Sind sie noch nicht da?« fragte der Leutnant überrascht. »Also müssen
-sie in den Fölzerhütten übernachtet haben.«
-
-»Mensch!« sagte der Hauptmann und umklammerte mit ehernen Fingern den
-Arm des Schwagers, »Mensch, hast du denn wirklich keinen Hauch einer
-Ahnung von dem, was Frauenehre ist!«
-
-»Mit solchen Begriffen, lieber Freund, plagt sie sich selber nicht,«
-antwortete Schwager Hans. »Bei Hirtinnen nimmt man's nicht so genau.«
-
-»Und was man so Ritterlichkeit nennt unter Brüdern,« sagte der
-Hauptmann mit niedergedämpfter Wut. »Du hast dich zum Begleiter meiner
-Frau, deiner Schwester, gemacht und hast sie fremden jungen Männern
-überantwortet. Die einzige Dame mit Studenten auf einer Bergpartie, in
-Alpenhütten ... Man muß Sägespäne im Kopfe haben ...«
-
-»Na, erlaube mir!« fuhr der Leutnant auf, »in diesem Tone lasse ich von
-meiner Schwester nicht sprechen!«
-
-»Den Spieß umkehren! Auch gut!« rief der Hauptmann seiner nicht mehr
-mächtig. »Kuppler!«
-
-Der Leutnant schoß auf dieses Wort wie von einer Feder geschleudert in
-die Luft. In demselben Augenblicke erhoben sich vor dem Hause fröhliche
-Stimmen. Die Touristen waren da. Keine allzugroße Müdigkeit sah man
-ihnen an, sie waren fröhlich und die junge Frau Hauptmännin war trotz
-der Schäden, die sie an ihrer Kleidung trug, lustig bis an die Grenze
-der Ausgelassenheit. Die jungen Herren verabschiedeten sich vor der
-Tür von der Frau, die sie noch an ein Versprechen erinnerte, bei einer
-nächsten Partie wieder ihre Kameraden zu sein.
-
-Warum gehen sie heute nicht ins Haus, die jungen Herren? Warum treten
-sie ihm heute nicht unter die Augen?
-
-Hauptmann Fortner hatte sich zurückgezogen auf seine Stube, er hätte es
-gerne gesehen, wie sich seine Frau beim Wiedersehen des Kindes benahm,
-er hätte gerne erfahren, ob sie nicht Ungeduld habe, den Gatten zu
-begrüßen. Sie kam aber nicht, sie zog in ihrem Gemache das zerfahrene
-Gewand aus, sie zog einen Sonntagsstaat an und machte sorgfältig Putz.
-Endlich hielt er es nicht mehr aus, er trat bei ihr ein und fragte
-kurz: »Was wird denn heute noch sein?«
-
-»Warum?« fragte sie, wie über seine Frage befremdet.
-
-»Bekommen wir Besuch, oder machst du welchen?«
-
-»Ah, du meinst, weil ich ein frisches Kleid angezogen habe? Mein Gott,
-soll ich nicht mehr ein anständiges Gewand am Leibe tragen?«
-
-Trotzig? Wie? Auch die dreht den Spieß um, dachte der Hauptmann, aber
-das wird mich nicht irremachen.
-
-»Emma,« sagte er mit Aufwand aller Fassung, »du scheinst von mir
-Vorwürfe zu befürchten, weil du mir mit den deinen zuvorkommen willst.«
-
-Alsogleich richtete sie sich auf und fragte: »Wieso?«
-
-»Sei ganz unbesorgt,« entgegnete er, »Vorwürfe werde ich dir nicht
-machen. Aber das wirst du dir merken: heute bist du das letztemal mit
-fremden Leuten auf einer Landpartie gewesen.«
-
-Sie blickte ihn betroffen an.
-
-»Außer in meiner Gesellschaft wirst du keinen Fuß mehr in die Welt
-setzen.«
-
-»Deine Gefangene also,« entgegnete sie. »Es ist wohl ein Verbrechen,
-auf den Berg zu steigen. Es geht zwar alles hinauf, nur die Philister
-nicht. Und die Krüppel nicht. Ich will mein junges Leben --«
-
-»Kein Wort mehr! -- Du hast weder Takt noch --« Er sprach das Wort
-nicht aus.
-
-Sie war still. Mit einer Handarbeit machte sie sich zu schaffen.
-
-»Ich werde keine Landpartie mehr machen,« schluchzte sie in ihr
-Spitzentuch hinein. »Ich will vergessen, was das ist, auf einem Berg
-zu sein. Ich werde zu Hause bleiben. Das werde ich tun, ich verspreche
-es.« Und sie weinte kläglich.
-
-Er verließ ihr Zimmer, denn lange wäre es ihm nicht möglich gewesen,
-fest zu bleiben. --
-
-Seit diesem Tage war es schon eine Weile her. Der Schwager Hans hatte
-anfangs fast Duellgedanken gehegt, sich endlich aber dafür entschieden,
-nicht mehr in das Haus des Hauptmanns zu gehen, solange dieser ihn
-nicht ausdrücklich zu sich bitte. Der Hauptmann bat ihn aber nicht
-zu sich. Sein Verhältnis zur Frau war äußerlich wie früher. Von der
-Alpenpartie war nicht ein Sterbenswörtchen mehr gesprochen worden.
-Nur der Kindsfrau war eines Tages eine anzügliche Bemerkung über
-die schönen Studenten entschlüpft, das kostete ihr den Dienst. Der
-Hauptmann zahlte ihr auf der Stelle den Monatslohn aus und sie war
-entlassen. Frau Emma war seit jenem Tage in der Tat nicht hundert
-Schritte vom Hause fortgegangen. Sie saß immer, auch beim schönsten
-Sommersonnenschein, in ihrem Zimmer oder im Hofraum neben dem
-Hühnerstall und stickte altdeutsche Zieraten in Tisch- oder Bettwäsche.
-
-Anders der Hauptmann. Ob heller Sonnenschein den weiten Talkessel
-füllte bis zum Überschäumen, oder ob schwere Wolken über dem Tale
-lagen, wie ein eherner Deckel mit Arabesken, den Hauptmann zog's
-hinaus. Mit mühseligem Schritte ging's voran, aber sein Antlitz war
-erfüllt von Naturfreude, und sein Auge war offen für alle Vorgänge
-in Flur und Wald und Wasser und Stein und am hohen Himmel. Dann saß
-er am Feldrain und blickte hinaus in das Bergrund, dessen Linien mit
-einem Ätherhauche sanft verschleiert waren, so daß die Felshäupter
-und Almkuppen doppelt weit entfernt und doppelt hoch erschienen.
-Und der Grund des Tales lag da wie ein Schachbrett mit den durch
-graue Holzzäune geteilten Quadratchen seiner grasgrünen Wiesen und
-strohgelben Felder; darauf die Figuren der Höfe und Baumgruppen und
-der alten Burg, die auf einem Felskopfe stand. In der Sohle Tiefe lag
-eine weiße, stellenweise breit auseinanderquellende Sandriesel, in der
-sich jetzt ein winziges Bächlein schlängelte, fast verschmachtend wie
-eine Forelle auf dem Trockenen. Der Hauptmann freute sich an all der
-Augenweide, aber in seine Freude klang leise, ganz leise ein Glöcklein
-des Schmerzes. -- Dann humpelte er durch das feuchte Dunkel des Waldes,
-wo der Hauch der Germen und der Genzianen und der Zyklamen war. Was das
-Herz frisch wurde mitten in diesem ungeheuren Neste des Lebens! Doch,
-das Glöcklein in ihm klang fort, leise, aber immer und immer. -- Wäre
-ich nicht allein! so quoll es einmal hervor zwischen seinen Lippen,
-denn im Grunde erträgt ein reges Herz die Freude nicht weniger schwer
-allein, als das Leid. Und die Natur, wenn sie in ihrer allebendigen
-Stille unter uns, über uns daliegt, um uns webt und leuchtet, eine
-ewige Harmonie der Kräfte auf der Wage unendlicher Räume, nur zum
-kleinsten Teil wahrgenommen, erfaßt von unseren Sinnen -- sie wirkt
-schier beklemmend auf die Seele. Unsere Glücksahnung und Wohlempfindung
-darüber, daß wir ein Teilchen dieser vollkommenen, unzerstörbaren,
-unendlichen Größe sind, wird getrübt durch das Bewußtsein, daß es
-unmöglich ist, das Ganze, zu dem wir gehören, zu überschauen und zu
-begreifen. Uns beginnt zu bangen vor den allewigen Gewalten, so sehr
-ihre Erscheinungen unsere Sinne auch entzücken mögen, und wir fliehen
-zu geliebten Menschen, bergen unser zitterndes Herz an einer fühlenden
-Brust.
-
-Etwas unstet stolperte unser Hauptmann dahin, wenn solche Gedanken
-und Empfindungen ihn bewegten. Da war es auch, daß er am See stand.
-Er setzte sich auf einen stumpfkantigen Stein, der von der Felswand
-niedergebrochen war und schaute hin auf die glatte Tafel, die
-mittendurch einen Sprung hatte, der eine Teil war der tiefschwarze
-Spiegel des Fichtenwaldes, der andere des lichten Himmels. Wie
-freundlich und wie kurz ist der Weg zu allen diesen Schönheiten, und
-wie leicht ist er zu gehen; ein wahrer Genuß für den, der gesunde
-Füße hat. Und doch ist niemand da, und die Bäume und die Steine und
-die rieselnden Ufer sind einsam, und der Mensch, der hier sitzt und
-hinausschaut ... Muß man denn immer voller Mühe und Gefahr und anderen
-Args hoch hinaufsteigen ins tote Gestein? Ist die Schönheit denn nicht
-am schönsten, wenn man mitten in ihrem urheiligen Wehen und Weben
-steht? -- Sie weiß es nur nicht, wie leicht sie das alles haben könnte,
-und sie sitzt zwischen Mauern wie eine Gefangene.
-
-Eines Tages hielt er es nicht mehr aus. Mitten aus der
-stimmungsvollsten Landschaft ging er fast zornig fort und nach Hause.
-Seine Frau saß im Hofe, neben der Scheunenstiege auf einem Sockel und
-stickte. Nach drei Seiten waren die Mauern, an deren Ecken Strohhalme
-wirr niederhingen und Spinnenweben klebten. Die vierte Seite war von
-einem Holztore geschlossen, über das ein Stückchen Himmel hereinblaute.
-Emma wollte nicht einmal dieses kümmerliche Stück Ätherblau sehen, sie
-schaute auf ihre Arbeit und stickte. Die Magd fegte mit einem Besen
-den Hof aus, der Staub umwirbelte die Frauengestalt; sie hüstelte und
-kehrte sich nicht daran. Also trat der Hauptmann an sie heran und sagte
-mit freundlicher Stimme: »Emma, heute sollten wir doch zusammen einen
-kleinen Spaziergang unternehmen. Es ist zu himmlisch draußen. Komm!«
-
-Sie bückte sich nach einer Nabel, die aber gar nicht hinabgefallen war,
-und antwortete ganz leichthin: »Nein, ich bleibe zu Hause.«
-
-Er schwieg und ging allein wieder hinaus. Am nächsten Tage nahm er
-seinen Knaben mit, der aber hockte mitten auf der sonnigen Straße hin
-und beschäftigte sich mit Steinchen und Käfern und der Hauptmann blieb
-doch allein mit seiner Freude an der großen landschaftlichen Natur und
-mit seinem Drange, sie mit einem lieben Menschen teilen zu können. --
-
-So war es in diesem Sommer und so war es im nächsten Sommer. Der
-Hauptmann ging allein und mühselig in der Gegend umher und Frau Emma
-saß daheim in den engen Mauern ihres Hauses. Sie sagte kein Wort davon,
-daß sie auch einmal hinaus möchte. In unbewachten Stunden aber war
-zum Fenster hinaus ihr Auge sehnsuchtsvoll gerichtet nach den Zinnen
-des Hochschwab, die über den Waldungen niederleuchteten. Da trat der
-Hauptmann wieder einmal zu ihr hin und sagte: »Liebes Kind, wenn du
-wüßtest, wie schön es ist da draußen auf dem Feldpfade, da drüben im
-Walde, am See!«
-
-»Ja, ich kann mir's denken,« sagte sie und stickte.
-
-»Auch dieser Sommer wird bald dahin sein,« fuhr er fort, »und du hast
-wieder nichts gehabt vom Landleben.«
-
-»Ich bin ganz zufrieden hier im Hause,« war ihre Antwort.
-
-»Aber es wäre so nett, wenn wir säßen da oben unter dem Ahorn und ins
-weite Tal hinausschauten und plauderten, und Fritz spielte neben uns im
-Grase oder sammelte Beeren.«
-
-»Nimm ihn nur mit,« sagte sie, ohne aufzublicken. »Ich warte, bis er so
-groß ist, daß man mit ihm Alpenpartien machen kann.«
-
-»Muß es denn gerade eine Alpenpartie sein?« fragte er, sogleich
-ärgerlich.
-
-»Das muß es nicht,« sprach sie, »darum sage ich ja, daß ich zu Hause
-bleibe.«
-
-Also ging er wieder allein davon. Dieser Sommer war besonders einladend
-zu Spaziergängen. Die morgendlichen Wiesen voll Taues, die mittägigen
-Wälder voll Blumenduftes und Schmetterlingsgegaukel, die abendlichen
-Schluchten voller Lichtspiele. Und die Vollmondnächte mit ihrem
-stillen, fast überirdischen Zauber -- dem einsamen Menschen wurde immer
-nur weh' im Herzen. Blumen pflückte er, Waldfrüchte sammelte er und
-brachte sie heim seinem Weibe.
-
-»Ah, wie hübsch!« sagte sie, »danke dir!« legte den Strauß neben sich
-hin und stickte.
-
-Einmal brachte er sie bis zum Baumgarten. Sie saß unter einem Apfelbaum
-und arbeitete. Manchen kurzen Blick tat sie hinaus zwischen den
-schlanken Stämmen und dem luftigen Laub in die freie, mit silberigem
-Duft gesättigte Gegend, er merkte ihr an, wie wohl ihr war und sein
-Entzücken darüber, er vermochte es nicht zurückzuhalten.
-
-Da sagte Frau Emma plötzlich: »Ich glaube es wird kühl,« raffte ihre
-Sachen zusammen und ging hinab zum Hause.
-
-So war es Sommer für Sommer. Frau Emma saß in ihrem Zimmer oder im
-Hofe, der Hauptmann strich mit seinem Stelzfuße über die Matten, über
-sonniges Heideland, in schattenfrische Gründe. Fritz wuchs heran, ward
-ein aufgeweckter Junge, blieb aber, wenn er auf den Schulferien zu
-Hause war, weder bei der stickenden Mutter in der Stube, noch ging er
-mit dem beschaulichen Vater. Er suchte Kameraden, mit denen er auf die
-Bäume kletterte, auf hohen Stelzen gehen, in den Bächen Krebse fangen
-und andere Knabenlust hegen konnte.
-
-Zehn Jahre war er alt, als eines Tages seine Mutter zu ihm sagte: »Daß
-du doch den ganzen Tag herumlaufen kannst! Wirst du denn nicht müde?«
-
-Der Junge blickte sie verwundert an; müde sein, er wußte nicht, was das
-wäre. Noch am Abende wollte er nicht ins Bett, aber als er endlich drin
-lag, schlief er auch schon.
-
-»Wenn du gar nicht müde wirst, so kannst ja mit mir einmal auf den
-Hochschwab gehen!« sagte die Mutter.
-
-Da jubelte Fritz auf, klatschte in die Hände, hüpfte vor Freude auf
-einem einzigen Fuß herum und jauchzte: »Auf den Hochschwab! Auf den
-Hochschwab!«
-
-Darüber freute sich nun auch der Hauptmann. Zwar äußerte er anfangs
-einiges Bedenken, das aber gründlich niedergeschlagen wurde. Sie würden
-sich einen Führer nehmen, wenn es sein müsse, übrigens wisse sie --
-Frau Emma -- auf den Bergen wohl Bescheid. Die Vorstellung, daß seine
-zwei liebsten Menschen den großartigen Naturgenuß haben würden und er
-selbst sozusagen durch die Augen seines Weibes und seines Kindes die
-Welt wieder einmal vom hohen Berge aus anschauen könne, trug in dem
-Hauptmann den Sieg davon. Er versorgte sie mit allem Notwendigen und
-ließ sie gehen.
-
-Und in einer kalten Tagesfrühe, als der Morgenstern aufstieg über den
-Bergen des Mürztales, verließen Mutter und Sohn das Haus. Ein Träger
-ging mit ihnen, der jedoch nach einigen Stunden überflüssig wurde,
-denn als sie auf den Höhen waren, hatten sie den Mundvorrat zum Teile
-aufgezehrt und die Überkleider angezogen. Was gab es da noch viel zu
-tragen! Die Frau nahm die Ledertasche an sich und schickte den Träger
-zurück.
-
-Hauptmann Fortner saß wieder auf seiner kleinen Anhöhe, blickte zum
-Hochschwab empor wie einst, und dachte seinem Weibe nach wie einst.
-Aber heute nicht mit Trauer, sondern mit frohem Stolze. War doch er
-selbst bei ihr in seinem frischen, tapferen Söhnlein; an Seite dieses
-Ritters wußte er sie gerne. Und auf den Träger und Führer konnte man
-sich wohl auch verlassen. Also saß er da den lieben langen Tag über
-und genoß die Alpenherrlichkeit, als wäre er oben mit seinen lieben
-zwei Menschen. Am Abende wollte er ihnen dann entgegenfahren durch das
-Hochtal, denn die Rückkehr war noch für denselben Tag bestimmt. Aber
-am Mittage kam der Führer zurück und berichtete, sie wären allein oben
-und hätten ihn zurückgejagt. Für das erste kam jetzt ein Donnerwetter
-über den Mann, der seine ihm Anvertrauten verlassen hatte; dieser
-aber entgegnete, er hätte gemeint, den Weibern müsse man ihren Willen
-lassen. Und sie würden ja gar nicht auf die Spitze des Schwab wollen,
-sondern sich wahrscheinlich auf die grüne Alm hingelegt haben. Auch
-habe er andere junge Leute oben gesehen, die Kohlröslein und Edelweiß
-gesucht. Gegen Abend würden alle wohlbehalten wieder herabkommen. --
-Für das zweite ließ der Hauptmann sofort einspannen und fuhr durch das
-Hochtal hinauf, soweit der Weg fahrbar war. Als dieser in einer breiten
-Sandhalde sich verlor, stieg der Hauptmann, aus und wollte es mit der
-Krücke versuchen, emporzusteigen. Da kamen sie herab. Einige Knaben
-waren es, Hirten und Bauernjungen, und mit ihnen auch der Fritz.
-
-»Seid ihr da?« rief ihnen der Hauptmann entgegen.
-
-»Ich will nicht fahren, Papa!« schrie Fritz, »wir wollen zu Fuß gehen
-und Krebse fangen. Ich bin gar nicht müde.«
-
-»Wo ist die Mutter?« fragte er.
-
-Da stutzte der Junge.
-
-»Mama wird ja voraus sein,« sagte Fritz. »Der,« er deutete auf einen
-anderen Knaben, »der hat gesagt, daß sie voraus ist.«
-
-Hierauf erzählte Fritz: Als sie oben an den Felsen gewesen, habe er
-die Knaben gesehen, die im Gewände Blumen gesucht hätten. Er habe sie
-gekannt und sei zu ihnen hingelaufen, und sie hätten einen Hut voll
-schöner Rosen gefunden. Dann sei ein anderer Bub gekommen und habe
-gesagt, Mama wäre wohl schon hinabgestiegen, und dann wären sie auch
-eilends hinabgegangen. -- So war der Junge nun da und die Mutter nicht
-mit ihm. Dem Hauptmann ging es kalt wie Stahl ins Leben. Da er gesehen,
-daß es für ihn unmöglich war, hinanzuklettern, fuhr er eilends zurück
-ins Tal und bot Leute auf, sein Weib zu suchen. Am späten Abend stiegen
-sie an, aber am nächsten Morgen waren sie noch nicht zurück. Fritz
-schlief in derselben Nacht so fest und süß, daß in dem verzweifelten
-Vater ein Haßgefühl erwachte gegen sein eigen Kind, das so sorglos und
-leichtsinnig sein konnte, die Mutter auf wildem Berg zu verlassen und
-dann daheim im Federbette gottlos ruhig zu schlafen.
-
-Am nächsten Mittag war noch niemand zurück. Am darauffolgenden Abende
-kam einer der suchenden Männer, um zu fragen, ob sie nicht etwa doch
-schon zu Hause sei.
-
-»Unseliges Kind!« rief der Hauptmann, den Knaben rüttelnd, er wollte
-ihn würgen und küssen zugleich. -- Unseliger Mann! so widerhallte
-es dumpf in ihm. -- Denn die Ahnung war zur Vermutung, diese zur
-Wahrscheinlichkeit, diese zur Gewißheit geworden: Sein Weib war
-geflohen, entführt. Alles war angespielt gewesen, sie hatte den
-arglosen Knaben im Gebirge wohl fortgeschickt, war von dem Buhlen
-sicher schon erwartet worden unter den Wänden, war mit ihm jenseits in
-die Gegend der Salza davongeeilt, nach dem Österreicherland, in die
-weite Welt. Also endet's mit dieser Ehe ...
-
-Herr Hauptmann, wir bitten um Urlaub. Bevor wir das Schlimmste
-annehmen, wollen wir uns doch selbst auf die Suche machen nach der Frau.
-
-Als Frau Emma den Träger zurückgeschickt hatte, stieg sie mit dem
-Knaben munter die Matten an. Sie hatte Mühe, Fritz vorwärts zu
-bringen, an jeder Blume, an jedem Käfer blieb er hängen. Nur das, was
-greifbar, faßbar, fangbar und tragbar war, machte dem Knaben Lust,
-alles andere war für ihn nicht da. Endlich kamen sie in das Gebiet
-der Steine. In wuchtigen Blöcken, in sandigem Schutt, in starrenden
-Wänden waren sie da. Ringsum steile, zerrissene Felsen. Sie waren in
-ein Kar hinaufgegangen und in einen Hochkessel hineingekommen, wo kein
-Halm und kein Zirm mehr stand -- alles kahl und starr. Sie kehrten
-um, bogen um eine Wandrippe, und da war es, daß Fritz die Knaben sah
-drüben am grasigen Hang zwischen Zirmbüschen und grauen Steinen.
-»Gemsen! Gemsen!« hatten sie geschrien, da begann Fritz zu laufen und
-zu klettern und in wenigen Minuten war er bei den Knaben. Die Mutter
-freute sich anfangs, daß er Genossen gefunden, sie setzte sich auf
-einen Stein um zu warten, bis sie herüberkämen vom Hang. Dann wollte
-sie sich mit ihrem Jungen auf den weiteren Anstieg machen. Sie kamen
-aber nicht, und als die Frau endlich aufstand, um über den Zirmbusch
-hinüberzuschauen, waren sie nicht mehr zu sehen.
-
-Nun begann sie zu rufen nach dem Fritz. Die Rufe schlugen an die
-Felsen. Der Knabe kam nicht und war nicht zu sehen und nicht zu hören.
-Jetzt begann ihr plötzlich bange zu werden. Sie hub an, zwischen dem
-Gezirm hinzuhuschen, mit Händen und Füßen über Felsklötze zu klettern,
-in großen Sprüngen von Stein zu Stein zu setzen. Sie kam an den grünen
-Hang, wo früher die Knaben zu sehen gewesen, sie sah und hörte keinen.
-Sie blickte in die Tiefe, wo es wie ein dunkelgrüner See lag, es war
-ein Zirmschachen; nirgends ein Mensch. Sie kletterte anwärts in einer
-steinernen Runse, wohin konnten sie anders sein, als da hinauf, denn
-an beiden Seiten waren die Wände. Sie kam in eine Wandfalte hinein,
-in der Schutt und Schnee lag: auf dem Schnee war keine Spur eines
-Menschenfußes. Jetzt suchte sie zu einem Felsrücken hinanzuklettern,
-um weiteren Blick zu gewinnen. Aber als sie auf dem Grate stand, war
-vor ihr ein zweites Grat, das noch schärfer hervorsprang und ihr also
-wieder die Aussicht deckte. Sie kroch über die breite steile Runse auf
-allen Vieren quer hinüber, sie arbeitete sich empor an den starren
-Felsrücken. Der Blick war jetzt frei in ein tiefes Felsental, an beiden
-Seiten finster ansteigendes Gewände, auf den Zinnen Nebel, in den
-Tiefen Schatten. Hart vor den Füßen der Frau ein schwindelerregender
-Abgrund. Und von ihrem Fritz keine Spur. Schon bluteten ihr Hände, Füße
-und Knie, aber keine Müdigkeit. Sie wollte den Weg, den sie gekommen
-zurückeilen, verlor aber die Richtung. Sie kam an eine Stelle, wo noch
-ein kleiner Vorsprung war, dann aber der Grund, auf den man einen Fuß
-stellen konnte, jäh aufhörte. Sie wollte zurück, sah aber, daß sie aus
-einem Abgrund heraufgeklettert, an dem der Rückweg unmöglich war. Nun,
-da stand sie oben. Wie in der Kirche ein Heiliger an der Wand, so stand
-sie da oben, konnte nicht weiter. Alle Glieder zitterten ihr, auf der
-Stirn kalter Schweiß, blaue Flammen, rote Funken vor den Augen, sie
-sank hin aufs scharfe Gestein.
-
-Als Frau Emma wieder wach wurde, wußte sie nicht, wo sie war, glaubte
-zu träumen, griff mit der Hand nach links, nach rechts, um ihr
-Bettgewand zu tasten. Kaltes feuchtes Gestein. Jetzt besann sie
-sich mit heißem Schreck ihrer Lage. Ringsum Nacht, am Himmel Sterne.
-»Fritz!« schrie sie gellend. Er war nicht da. Sie sprang auf, um trotz
-der Dunkelheit hinabzusteigen, sie glitt aus und rasch ging's in die
-Tiefe.
-
-Als sie das zweitemal erwachte, loderte vor ihr ein Feuerbrand. Die
-Sonne war emporgestiegen, Frau Emma lag in einem Zirmstrauch, halb
-noch getragen von den buschigen Armen. Allmählich kam sie zu sich. Da
-sah sie, es war alles verloren. Denn hier, wo sie lag, war seit der
-Weltschöpfung kein menschlicher Fuß noch gestanden, es konnte an den
-senkrechten Wänden keiner heran und keiner davon. Wie das hier alles
-hübsch beisammen ist: zu Füßen das Grab für den Leib, zu Häupten der
-Himmel für die Seele. Grausig schön standen die hohen Felsen ringsum
-in Morgenglut und grausig einsam! -- Und dort draußen, weit hinter den
-kahlen, niedrigen Riffen blaut das Waldland. Sanft und weich wie eine
-Wiege liegt der Talkessel zwischen zahmen, waldigen Bergen. Frau Emma
-hatte ihre Taschen ausgesucht nach Brotkrumen, denn der Mundvorrat
-war unterwegs geblieben. Dann blickte sie empor die senkrechte Wand
-über ihrem Haupte, ob nicht ein Striemlein Wassers herabrinne. Wie war
-alles dürr! Sie wußte wohl, dieser lechzende, klebende Gaumen mit dem
-widerlich bitteren Geschmack war der Anfang vom Sterben. -- O lieb
-Gelände dort draußen mit den Auen, mit deinen heimlichen Wäldern!
-Voller Leben! Voller Leben! Und ich konnte dich verschmähen, du
-heiteres Paradies! -- Mein Mann! Wie hat er unzähligemale meine Hand
-gefaßt! Jetzt kann ich diese treue Hand nicht mehr erreichen! Allein
-ließ ich ihn wandeln zwischen Blumen und frischen Wäldern hin und mein
-Sinn war steinernes Hochgebirge. Jetzt bin ich in dir, du furchtbare
-tödliche Welt. Dort unten war Liebe, Freude, Glück in hundertfachen
-Formen, ich habe alles versäumt. Verliebt in das Hochgebirge! Habe ich
-nicht einmal damit geprahlt? Nun vergehe ich in dir. Mein Mann, mein
-Kind, mein junges Leben! -- In solch herzversengenden Gedanken verging
-Stunde um Stunde. Und als die Sonne hoch über den starren Zinnen stand,
-und der Fels glühte und das verlassene Menschenherz im Verschmachten
-war, da lebte das Auge noch einmal auf. Sind dort unten im Kar nicht
-schwarze Punkte, die sich bewegen? Das bereits entfliehende Leben,
-stürmisch drängt es wieder zurück ins Menschenwesen. Als ob nie eine
-Müdigkeit, nie ein Verschmachten gewesen wäre, so erhebt sich das Weib
-über dem Zirm und winkt mit dem weißen Tuche und ruft: »Hier! Hier!
-Ferdinand!« Nicht mehr das Kind ruft sie, den Mann ruft sie, denn all
-ihr Fühlen und Sehnen und Lieben ist zurückgekehrt zu ihm. Und ihre
-einzige, alleinzige Erquickung zu dieser Stunde das Bewußtsein, daß sie
-ihn nie betrogen.
-
-Was Menschen vermögen, wenn es gilt, einen der Ihren zu retten! Koste
-es was es wolle, und wäre es ein Fürstentum. Und Wunder wirkt das
-Gefühl der Zusammengehörigkeit, es überwindet die äußere starre,
-herzlose Natur. -- Schon zu dämmern begann es, als die Stricke
-geschleudert wurden von Fels zu Fels, von Kante zu Kante heran bis zum
-Zirmstrauch, zur Felsenbrust, um ihr dieses verzagende Menschenleben
-noch abzuringen. Bei Fackelschein wurde sie hinabgetragen und um
-Mitternacht lag sie auf dem taufeuchten Rasen der Matte und schlief.
-Und als wieder der Morgen dämmerte, lag sich das Ehepaar unter
-krampfhaftem Schluchzen in den Armen und daneben in seinem Bettchen
-schlief göttlich leichtsinnig der blühende Knabe.
-
-Also ist es geschehen und also hat Frau Emma erfahren, daß die
-Waldberge besser und schöner sind, als die Felsen, und daß der Mann
-verläßlicher ist als das Kind. Und dem Hauptmann ist es eingefallen,
-daß es vielleicht nicht allemal gut ist für den Ehegatten, gleich das
-Schlimmste zu befürchten, wenn die Frau aus seinem Bereiche tritt.
-
-Frau Emma ist nicht mehr auf den Hochschwab gegangen, weder mit
-Studenten, noch mit ihrem Knaben. Sie ist an heiteren Sommertagen auch
-nicht mehr in ihrem Zimmer gesessen oder im staubigen Hofraum. Arm
-in Arm mit ihrem Manne, und gleichsam seine Krücke, ist sie gegangen
-über die blumigen Auen, durch die grünen Wälder und entlang am stillen
-blauen See. Ein Glück ist gekommen über beide, von dem sie in langen
-Jahren keine Ahnung gehabt. Wenn sie im Tale so dahinwandelten,
-mußte Frau Emma nur eins vermeiden -- den Blick auf das Gebirge des
-Hochschwab. Denn wenn sie hinter den Waldkuppen die kahlen Felsriesen
-aufragen sah, da wurde ihr übel.
-
-
-
-
-Scheintod.
-
-
-Bis zum Jahre 1869 lebte ich in der Residenz, wo ich an der technischen
-Hochschule als Assistent im physikalischen Kabinett und später als
-Professor tätig war. Im Jahre 1869 wurde ich zum Bürgerschuldirektor
-im Landstädtchen B. ernannt. Im Vorfrühling des besagten Jahres
-übersiedelte ich mit meiner Familie an den neuen Bestimmungsort. Meine
-Familie bestand aus der Gattin, mit der ich im neunten Jahre vermählt
-war, ferner aus zwei Kindern, einem Knaben von sieben und einem Mädchen
-von sechs Jahren. In B. bezogen wir eine geräumige und freundliche
-Wohnung und richteten uns fröhlich ein. Ich hatte mir in der Residenz
-die nötigen physikalischen und chemischen Instrumente nebst einer
-kleinen Sammlung von Mineralien, Schmetterlingen, Käfern und ähnlichen
-Dingen erworben, wie sie jeder Schulmann besitzen soll. Ich stellte
-diese Gegenstände in meinem geräumigen Arbeitszimmer auf; meine Gattin
-schmückte die Fenster mit ihrem kleinen Herbarium und freute sich der
-reinen Sonnenstrahlen, die hier nicht mehr von großstädtischem Staub
-und Nebel zurückgehalten wurden, sondern hell und lieblich auf die
-zarten Pflanzen und jungen Bäume fielen.
-
-Die Kinder ergötzten sich an dem Vogelgezwitscher vor den Fenstern,
-hüpften um die Mutter, wenn sie emsig die neuen Verhältnisse ordnete,
-sprangen in meinem Arbeitszimmer herum, waren stets geschäftig und
-gelehrsam, und der Knabe versuchte manches Instrument, das ich in den
-Stand setzte und einübte, auch zu handhaben, und zu seinem Jubel häufig
-mit Erfolg.
-
-Am glücklichsten waren die Kinder, wenn wir die Elektrisiermaschine
-spielen ließen, deren Strom uns durchzuckte und die Haare gegen Berg
-trieb. Bald verstand es der Kleine, selbst die Batterie vorzubereiten
-und das Experiment auszuführen.
-
-So waren wir alle recht heiter und ich ahnte nicht, welche Schrecken
-und welcher Jammer in diesem Hause sobald über mich kommen sollten.
-
-Meine Gattin, von Natur aus etwas schwächlich und nervös, zuvor kaum
-einmal aus der gewohnten Atmosphäre der Großstadt gekommen, fühlte sich
-z. B. gleich in der ersten Zeit, wahrscheinlich infolge der schärferen
-Luft und der häufig wechselnden Temperatur, angegriffen. Sie achtete
-es nicht, bestellte, als der Schnee geschmolzen war, den kleinen
-erworbenen Garten -- glücklich darüber, ihren Lieblingswunsch erfüllt
-zu sehen und endlich einmal einen Hausgarten zu besitzen. Wie kurz war
-ihre Freude! -- Am 18. März fiel sie plötzlich ein heftiges Fieber an,
-am 19. konnte sie das Bett nicht mehr verlassen. In der ersten Zeit
-ihrer Krankheit lag sie in steter Fieberhitze und zweimal in Delirium;
-in der letzten Zeit war sie ruhiger, weil erschöpft, und oft lag sie
-stundenlang in einem ohnmachtähnlichen Zustande. Von den beiden Ärzten
-des Städtchens war fast immer einer am Bette der Kranken; am sechsten
-Tage der Krankheit, als eine Art Krisis eingetreten zu sein schien,
-telegraphierte ich an einen der berühmtesten Ärzte der Residenz,
-Professor R. Dieser langte noch an demselben Tage ein; ein Konsilium
-wurde abgehalten und als Resultat desselben mir bedeutet, daß ich mich
-wohl für alle Fälle gefaßt machen müsse.
-
-Professor R. reiste wieder ab, nachdem er der Patientin ein
-hoffnungsreiches und mir ein trostloses Wort zugeflüstert hatte. Ich
-kam nicht vom Bette der Gattin; sie schlummerte zumeist, nur manchmal
-schlug sie die Augen plötzlich wie erschreckt auf, blickte hastig um
-sich, sah mich dann betrübt an, oder tat mir wohl auch den Gefallen,
-ein wenig zu lächeln. Sie sagte mitunter einige Worte, die ganz
-deutlich und verständig waren, und verfiel dann bald wieder in den
-Schlummer. Ihre Gesichtsfarbe war sehr blaß geworden, nur bisweilen
-waren rote Flecken auf ihre Wangen, auf ihre Stirn gehaucht. Der Puls
-war auf 134 und 140 Schläge in der Minute.
-
-Die Kinder waren vom Krankenzimmer abgesondert; die Kranke fragte
-mehrmals nach ihnen, ich gab ihr die besten Auskünfte über das
-Wohlbefinden der Kleinen, und so beruhigte sie sich stets.
-
-Am 26. März in der Morgenstunde war's, als sie mit größerer
-Entschiedenheit als sonst nach den Kleinen verlangte. Wir sagten, sie
-schliefen noch.
-
-»So weckt sie auf!« sagte sie mit heller Stimme, »ich muß sterben und
-will noch einmal meine Kinder sehen!«
-
-Mir fuhr das Wort wie ein Messer durch's Herz.
-
-Die Wärterin brachte die Kinder herein.
-
-»O, kommt, ihr armen Wesen!« rief ihnen die Mutter halb aufgerichtet
-mit ausgestreckten Armen entgegen, »ihr habt keine Mutter, ihr lieben
-Kinder, ihr lieben Kinder!« Sie herzte und küßte den Knaben, das
-Mädchen und wieder den Knaben, und ein Tränenstrom ergoß sich über die
-Wangen.
-
-Die Wärterin wollte die Kleinen wieder entfernen, allein die Kranke
-wehrte sich dagegen, preßte das Mädchen an ihren Mund, den Knaben an
-ihr Herz; mit sanfter Gewalt wollte man ihr sie entreißen, da rief sie
-laut: »Ich lass' sie nicht, ich lass' sie nicht von mir! -- Jesus,
-Maria und Josef!« Mit diesem Schrei sank sie zurück auf die Kissen.
-
-Wir stürzten um sie zusammen, sie war regungslos, ihr Auge war starr.
-Die Pflegerin wollte ihr einen Taschenspiegel an den Mund halten,
-wahrscheinlich, um die Atemlosigkeit zu bezeugen. Ich erinnere mich nur
-noch, daß ich ihr den Spiegel aus der Hand schlug -- weiter weiß ich
-nicht mehr, was in jener Stunde vorgegangen ist. --
-
-Als ich wieder erwachte, saß ich im Lehnstuhl eines anderen Zimmers;
-der Doktor stand neben mir und aus meinem entblößten Arm rieselte ein
-Blutquell ins Becken.
-
-Der Aderlaß soll nötig gewesen sein. Bald besann ich mich auf alles,
-was geschehen war, und verlangte nach meiner Frau. Sie hielten mich
-zurück, versuchten mich zu trösten und vorzubereiten.
-
-»Lasset das,« sagte ich, »ich weiß ja, daß sie tot ist. Ich will auch
-jetzt nicht zur ihr; lasset mich allein oder bringt die Kinder zu mir.«
-
-Sie ließen die Kinder herein. Diese erzählten mir sogleich mit
-aufgeweckten Mienen, daß in meinem Arbeitszimmer Leute beschäftigt
-seien, die Wände und die Kästen und die schönen Instrumente mit
-schwarzen Tüchern zu verhängen. -- Von meinem Arbeitszimmer ging die
-Tür in den Vorsaal, darum hatten sie es zur Aufbahrung der Toten
-gewählt.
-
-Ein paar Freunde suchten mich zu einem Spaziergange in den Frühlingstag
-zu bewegen. Ich fühlte das Bedürfnis, die Tote zu sehen und an ihrer
-Bahre zu beten. Eben als ich eintrat, hatte sie der Totenbeschauer
-verlassen; noch war die Leinwand zurückgeschlagen von ihrem Haupte.
-Ich meinte, sie schlafe, ich wollte anfangs nicht glauben, daß sie tot
-sei. Zubald nur sah ich die bläuliche Blässe ihrer Lippen, das starre,
-gebrochene Auge zwischen den halbgeschlossenen Lidern; ich befühlte
-ihre kalten, erstarrten, fast bleifarbigen Hände.
-
-Ich wankte aus dem Zimmer, aus dem Hause, ging hinaus vor die Stadt und
-wandelte in halbbetäubtem Zustande. Spät gedachte ich meiner Kinder und
-eilte meiner Wohnung zu. Die Kinder waren bereits zur Ruhe gebracht;
-sie waren ja so früh geweckt worden. Dann waren sie an diesem Tage auch
-viel im Freien und im Hause selbst herumgesprungen und hatten sich
-manches Gegenstandes zum Spiele bemächtigt, der ihnen sonst versagt
-gewesen war. Sie hatten keine eigentliche Aufsicht, waren sich selbst
-überlassen, und so war dieser Tag ganz nach ihrem Geschmacke. Zwar
-soll das Mädchen dem Brüderchen wohl einmal den Vorschlag gemacht
-haben, in das schwarze Zimmer zu gehen und die Mutter zu wecken. Der
-Knabe mochte den Vorschlag auch ausführen haben wollen, verweilte
-jedoch am Mineralkästchen, an dem er das Tuch zurückzog und die
-Steinchen auseinanderlegte. Gerade wollte sich der Kleine auch an den
-elektrischen Apparat machen, um Funken zu erzeugen, wie er das wohl von
-mir oft gesehen hatte -- als er aus dem Bahrzimmer entfernt wurde.
-
-Mir hat man das erst später erzählt, weil es für sich doch nicht
-wichtig schien.
-
-Am andern Morgen war mein erster Gang wieder zur Bahre. Die Blumen, die
-man in das Zimmer gestellt hatte, dufteten stark, die Lichter brannten
-still -- an der Toten war keine Veränderung eingetreten; genau so, wie
-gestern, war sie auch heute zu sehen; die Zeichen der Verwesung hatten
-sich noch nicht eingestellt. Ich küßte ihre Stirn, dann kniete ich
-nieder und zog -- wie es Sitte ist -- ihr den Brautring vom Finger. Als
-das geschehen war, tauchte ich die kalte Hand wieder über ihre Brust
-hin, auf der ein Kruzifix lag -- dann ging ich davon und mich in das
-Unvermeidliche fügend, suchte ich so viel Ruhe und Kraft zu gewinnen,
-um das Begräbnis anzuordnen. Sie hätten es auch ohne mich gemacht. Auf
-dem Friedhofe war bereits das Grab fertig; der Schreiner zimmerte am
-Sarge; der Singverein hielt die Probe der Trauerlieder ab und mehrere
-Frauen des Städtchens sandten Kränze.
-
-Ich kehrte wieder zu meinem Hause zurück. Auf dem Betschemel vor der
-Bahr kniete mancher Fremde, dem es wohl im Gesichte zu lesen war, daß
-ihn nicht sowohl Teilnahme als vielmehr Neugierde hergeführt hatte.
-Dann kamen andere, beteten, flüsterten oder fuhren sich mit dem
-Sacktuch über die Augen, besprengten die Leiche mit geweihtem Wasser
-und gingen wieder davon. Zuweilen war gar niemand zugegen, und aus der
-geöffneten Tür starrte das Totenbild in den öden Vorsaal.
-
-Ich ging auch davon. Ich mied die Menschen und ging gegen den Wald und
-dorthin, wo der Fluß über eine Wehr stürzte. Das Rauschen des Wassers
-tat mir wohl. Ich lag stundenlang am Ufer. Dann fielen mir wieder meine
-armen Kinder ein, die verlassen waren unter fremden Leuten in jenem
-Hause, in dem die tote Mutter lag.
-
-Ich eilte heimwärts. Ich eilte über die Treppen zu meiner Wohnung
-hinan. Kein Mensch war da; selbst die Magd war ausgegangen, um irgend
-etwas zu holen. Es wären -- dachte ich -- wohl auch die Kinder mit
-ihr. Ich nahte der offenen Tür, die zur Bahre führte, und sah es
-bald, da drinnen war Unordnung angerichtet. Von der einen Wand, wo
-in den Kästen die physikalischen Apparate standen, war der schwarze
-Tuchverschlag herabgerissen. Einer der Kästen war geöffnet und die
-Elektrisiermaschine stand auf dem Fußboden. Das Mädchen hockte dabei
-und blickte besorgt auf seine Fingerchen. Der Knabe war zur Leiche
-emporgeklettert und kicherte. Und was ich nun sah, das ist über alle
-Beschreibung grauenhaft. Die Gesichtszüge der Toten zuckten und
-verzerrten sich, sie schlug die Augen auf und ihre Lippen bebten wie im
-Krampfe.
-
-Ich glaube, daß ich im ersten Momente, da ich diese Erscheinung sah,
-über die Treppe hinabgestürzt bin und nach Hilfe gerufen habe. Sofort
-aber kam mir der Gedanke, sie ist wieder erwacht. Ich eilte in das
-Zimmer zurück. Das Mädchen auf dem Boden hielt die Maschine in Bewegung
-und ich sah, wie von dieser die Drähte um die Hand der Toten gewunden
-waren. Ich hörte das Knistern des elektrischen Stromes; der Knabe
-lachte laut, als das Antlitz und endlich auch das Haupt der Mutter sich
-mehr und mehr bewegte.
-
-Mein erstes war, daß ich die Bahrleuchter umstürzte, der Aufgebahrten
-das Kruzifix von der Brust entfernte; dann riß ich sie empor, daß ihr
-Haupt an meinem Busen zu lehnen kam. Jetzt eilten schon Leute herbei,
-die vor Entsetzen aufschrien, mich für wahnsinnig hielten, bis sie an
-der Totgeglaubten die Lebenszeichen sahen.
-
-Was nun folgte, weiß ich nicht; was in mir vorging, kann ich nicht
-erzählen; fast war mir wirklich zumute, alles sei Blendwerk und ich
-wäre in die Nacht des Wahnsinns gefallen.
-
-Als die Wiedererwachte dann in ihr, oder vielmehr in mein Bett gebracht
-war, da man das ihre schon zerstört hatte, brachte mir ein Amtsbote ein
-gefaltetes Stück Papier. Es kam aus der Sanitätskanzlei. Es war der
-Totenschein meiner Gattin.
-
-Die Kinder hatten ihre scheintote Mutter durch den elektrischen Strom
-zum Leben erweckt. Sie wurden nun ins Verhör genommen. Unbeaufsichtigt,
-wie sie waren, hatten sie sich in das Bahrzimmer begeben, hatten,
-unbekümmert um die Leiche, die Instrumente hervorgeholt, von welchen
-sie gestern verscheucht worden waren, und gedachten heute besonders am
-elektrischen Apparat, der stets der Gegenstand ihrer Wünsche gewesen
-war, ihr Mütchen zu kühlen. Sie wußten das Ding nach dem, was sie von
-mir gesehen haben mochten, trefflich in den Stand zu setzen. Anfangs
-mußte das Mädchen die springenden Funken aushalten, und tat es so
-lange, bis ihm die Fingerchen verbrannt waren. Hierauf belud sich
-der Knabe selber so lange, bis ihm alle Haare zu Berge stiegen. Und
-schließlich kam den Kindern der Einfall, die schlafende Mutter zu
-elektrisieren.
-
-Noch vor Mitternacht dieses merkwürdigsten Tages meines Lebens war
-nach vielen entsprechenden Mitteln und Maßregeln die Wiedererstandene
-zu ihrem vollen Bewußtsein gekommen. Ihre Hände waren wieder weich,
-ihr Auge war wieder lebendig und klar, doch blickte sie verwirrt.
-Ich hätte ihr mögen an die Brust sinken und ihr die Wucht, welche in
-meinem Gemüte lag, ausschütten; die Ärzte aber beschworen mich, jede
-Aufregung zu vermeiden und es in allem ganz so zu halten, wie mit einem
-gewöhnlichen Kranken.
-
-Nach Mitternacht verfiel sie in einen ruhigen Schlaf, aus dem sie gegen
-Morgen wieder erwachte. Sie suchte mit den Augen mich, wendete sich ein
-wenig zu mir und sagte: »Mein Freund, jetzt ist doch alles gut. Aber
-das ist ein schwerer Traum gewesen; -- den möchte ich nicht ein zweites
-Mal träumen!« Und hierauf erzählte sie, es sei ihr gewesen, als läge
-sie auf der Bahre -- viele Stunden lang. Man habe Anstalten getroffen,
-sie zu begraben, man habe schon den Sarg in das große Zimmer getragen;
-sie habe die Lichter der Bahre gesehen, habe jedes Geräusch, jedes
-Wort, das in der Nähe gesprochen wurde, ganz genau gehört, sei
-aber nicht imstande gewesen, einen Laut oder auch nur das mindeste
-Lebenszeichen von sich zu geben. Sie habe schon das gräßliche Geschick,
-lebendig begraben zu werden, vor Augen gehabt. Am schrecklichsten
-sei ihr das herzerschütternde Weinen ihres Gatten gewesen, der ihr
-schließlich den Ehering vom Finger gezogen habe. -- Als sie dieses
-erzählte, hob sie ihre Hand gegen das Auge und stieß den Schrei aus:
-»Wo ist der Ring? Mein Gott, wo ist der Ring!«
-
-Wir selbst alle im tiefsten Herzen erschüttert, suchten sie zu
-beruhigen, ihre Hand wäre in der Krankheit abgemagert, der Ring müsse
-zufällig vom Finger geglitten sein und würde sich leicht finden.
-
-»O, nein, nein!« rief sie, »das ist kein Traum gewesen! Ich bin auf der
-Bahre gelegen!« Und sie verbarg ihr Gesicht mit den Händen und verfiel
-in ein solches Zittern und Beben, daß ihr ganzer Körper sich schüttelte
-und wir sie mit kräftigen Armen im Bette niederhalten mußten.
-
-Die fürchterliche Aufregung, in der sie weinte, um Hilfe rief, mit
-Gewalt von dem Lager wollte und laut betete, dauerte etwa eine Stunde
-lang. Dann trat plötzlich die Abspannung ein.
-
-Noch an demselben Tage, fast genau vierundzwanzig Stunden nach ihrem
-Erwachen aus dem Scheintode, ist sie gestorben.
-
-Wieder versuchten wir den elektrischen Strom, aber vergebens. Die
-Geheimnisse der Natur sind unerforschlich; ich veranlaßte, daß noch
-einmal die Kinder den elektrischen Strom sammelten und leiteten --
-vergebens; die Schläferin wachte nicht wieder auf. Wir legten sie nicht
-mehr auf die Bahre, wir ließen sie auf dem Sterbebette ruhen, bis sich
--- und das dauerte nicht lange -- die ersten Symptome der Verwesung
-einstellten.
-
-Dann war das Begräbnis.
-
-Nicht in jenes Grab ließ ich sie senken, das bestimmt gewesen war, die
-Scheintote aufzunehmen. Eine neue Stätte wurde ihr bereitet.
-
-Möge sie im Frieden ruhen!
-
-
-
-
-In der Einsam.
-
-
- »Liebe Schwester!
-
- Weil Du seit unserem Abschied, und das ist rund ein Jahr her,
- keine Nachricht von mir bekommen hast, so wirst Du wohl denken,
- daß ich nicht mehr am Leben bin. Und möchtest leicht recht
- haben. Wunder wäre es keins. Wenn ich Dir nur gefolgt hätt',
- wie Du abgeraten hast, jetzt weiß ich erst, was ich trotz allem
- Unglück gehabt hab daheim. Zur selben Zeit hab ich's alleweil
- nur besser haben wollen, jetzt möcht ich gar nichts mehr, wie
- sterben, und wie damals so kann ich auch jetzt meinen Wunsch
- nicht erreichen. Bei mir heißt's einzig nur warten und leiden,
- ewig wird's wohl nicht dauern und wenn's einen Himmel gibt, und
- ich komm einmal hinein, so verlang ich mir nicht mehr, als wie
- meine Heimat und meine Leut.
-
- Das Land wo ich jetzt bin, heißt Brasilien und ein Vergleich
- mit daheim ist wohl keiner zu machen. Ich mag gar nicht anheben
- zu erzählen, wie anders es da ist. Ich tu in einer Sumpfgegend
- Wassergräben graben seit einem halben Jahr und verdiene mir
- dabei mehr Geld, als ich brauch, weil die Arbeit mein Liebstes
- ist, daß ich nicht verzage, und nach Unterhaltung und Vergnügen
- frag ich nimmer. Denk' Dir, meine gute Schwester, ich bin
- allein. Meine liebe kleine Angerl ist nimmer bei mir und das
- muß ich Dir erzählen, weil's mir noch immer 's Herz abdrucken
- will. Ich schreib mich hart, aber wenn ich noch lange warten
- tu, so kann ich gar nicht mehr, weil man hier die deutsche
- Sprache vergißt. Lernt dafür auch keine andere, wenn man mit
- keinem Menschen umgeht, wie sie da -- aber nit von der besseren
- Gattung -- aus allen Ländern zusammenkommen.
-
- Aber das ist alles nichts. Das trifft andere auch so. Ich hab
- mein eigenes Unglück, das für einen einzigen Menschen zu schwer
- ist. Und doch hab ich schon tausendmal Gott gedankt, daß mein
- Weib das nimmer erlebt hat. Freilich, wenn sie noch tät leben,
- kunnt vieles anders sein, kunnten vielleicht gar noch in der
- Heimat sein, allzwei mit dem Kind. Das weißt ja alles, nur von
- unserem armen kleinen lieben Dirndel weißt Du's nicht.
-
- Ist es nicht gerade an ihrem achten Geburtstag gewesen, wie
- wir von Triest abgereist sind? Du hättest sehen sollen, wie
- sie in ihrem blauen Kattunröckel gehüpft ist und die Handeln
- zusammengepatscht hat vor Freud: Nach Amerika! nach Amerika!
- Wie sie in allem ihrer Mutter ähnlich gewesen ist, so hab ich
- ja immer gesagt, die wachst auf zu meinem Trost und ist's auch
- im fremden Land: wo dieses Kind bei mir ist, da bin ich daheim.
- Also unterwegs. Viele haben die Seekrankheit bekommen, die
- kleine Angerl immer pumperlgesund und voller Faxen, daß oft
- ein Schock Matrosen umhergestanden ist auf dem Zwischendeck
- und sich mit dem lustigen Kind unterhalten. Ernsthaft ist sie
- nur worden am Abend, eh wir auf unseren Bündeln eingeschlafen
- sind und sie ihr Gebet für die Mutter gebetet hat. Einmal,
- wie ich drei Tage lang im Fieber bin gelegen, ist sie nit von
- mir gewichen, hat mir alles so gut und so gescheit zugetragen
- und versorgt wie eine Große -- ganz wie ihre Mutter, wenn ich
- krank gewesen bin -- und hat mich mit ihrem lieben Plaudern
- aufgeheitert und hat mir das Haar gekämmt mit den zarten
- Fingerln und hat immer einmal ein schnelles Küssel getan auf
- meine Stirn. Oft sind die Offiziere stehen geblieben und haben
- uns betrachtet, und die kleine Angerl ist so der Liebling
- geworden von allen, daß uns eine eigene Kammer angewiesen
- worden ist, obschon ich nur fürs Zwischendeck gezahlt gehabt
- hab.
-
- Aber für so ein rühriges Wesen, wie ein gesundes
- achtjähriges Kind, ist ein Schiff viel zu klein; auf die
- Leitern aus Strickwerk, wie es überall ausgespannt, ist sie
- hinaufgeklettert, bin oft in Ängsten gewesen, es kunnt ihr
- was geschehen; die Matrosen haben gelacht über den »kleinen
- tapferen Kerl«, und schad, daß es kein Bub wär. So sind wir
- schon vier Wochen auf dem Wasser gewesen, nichts als Wasser
- und nichts als Wasser. Immer einmal in weiter Fern ein
- Schiff, wunderselten der Streifen einer Insel, der aber bald
- wieder vergangen ist. Die Stürme, die ich, wie Du weißt, so
- gefürchtet, sind nicht arg gewesen, und mein kleins Mädel hat
- immer hell gejauchzt, wenn sie Papierballen ins Meer geworfen
- hat, die nachher aus den Wellen lustig auf und nieder gewuppt
- sind. Oder hat sich gefreut über die Seemöven, die unserem
- Schiff nachgeflogen, oder über die Delphine und andere Tiere,
- die aus dem Wasser aufschnellen. Aber endlich, wenn alles ruhig
- ist gewesen und immer das gleiche, immer das gleiche, da hat
- das Mädel doch angefangen zu fragen: Vater, wann kommen wir
- denn nach Amerika?
-
- Und da ist's gewesen, daß am Segelmast ein schweres Tau
- gespannt wird. Es dröhnt und summt, so scharf wird es gespannt.
- Da reißt es entzwei, schnellt auf das Deck nieder und trifft
- mein kleines Dirndel am Kopf. Das tut einen kurzen Schrei,
- taumelt hin, zu Boden -- und vorbei ist's gewesen. Ich
- versteh's nit, wie ich das heut so ruhig ausschreiben kann.
-
- Meine liebe Schwester! Unsere kleine Angerl hat's getroffen.
- Alles ist zusammengelaufen und der Schiffsarzt hat zwei Stunden
- lang gearbeitet. Es ist umsonst gewesen. Wie ein weißes Engerl
- ist sie dagelegen auf einem großen Bündel Garn, weiß bis in
- den Mund hinein zu den weißen Zähnlein und die Augen halb
- geschlossen und nichts mehr zu ihrem Vater, kein Hauch und kein
- Blick. Kühl und immer kälter ist ihr Handerl geworden in der
- meinen, bis sie mich endlich haben weggebracht -- weiß nit, was
- dann gewesen ist.
-
- So viel weiß ich wohl, daß ich noch einmal gestanden bin
- unter dem Mast und hingeschaut hab auf das gerissene Tau, das
- mein Dirndel erschlagen hat und jetzt wie eine tote Schlange
- dagelegen ist. Und hab umhergeschaut, auch auf die Garnbündel
- hin -- und ist nit mehr dagewesen. Ins Meer habt ihr mir's
- geworfen! soll ich geschrien haben und nachspringen wollen über
- Bord. Sie haben mich gehalten und gesagt, mein Kind tät in der
- Kabine liegen. Und ist's gelegen auf seinem Bett, und kalt und
- das liebe Gesichtl ist schon fremd gewesen. Da hab ich wohl
- dran glauben müssen.
-
- Und immer sind Leut um mich gestanden und all auf dem großen
- Auswandererschiff haben mich gekannt und untereinander gesagt:
- Das ist der Vater von dem erschlagenen Kind.
-
- Sonst ist es Brauch auf den Schiffen, daß man die Toten ins
- Meer senkt, weil wir aber nicht gar weit von einer Insel
- gewesen sind, hat der Kapitän angeordnet, daß dort mein
- Dirndel sollt begraben werden. Auf einem Boot sind wir ans
- Land gefahren, unser drei Mann mit der Angerl. Eingewickelt in
- Segeltuch ist es gewesen und mit einem weißen Band umbunden,
- und vorn an der Brust ein hölzernes Kreuzl geheftet, das eine
- Auswandererfrau gespendet hat. So auf die fremde Insel. Es ist
- eine kleine unbewohnte Insel gewesen und aus dem Sand stehen
- ganz weiße Felszacken auf, die wir aus der Ferne für Segel
- gehalten haben, aber es sind turmhohe Steinriffe wie in unseren
- Alpen. Und hab ich auf der Insel eine Grabstatt gesucht für
- mein Dirndl. Am Ufer ist Sand -- da nicht. Weiter hinten sind
- die Bäume und Sträucher, die in diesen Gegenden wachsen, auch
- schöne wilde Rosen -- hab ich schon wollen den Spaten einhauen,
- und ringelt sich eine zischende Schlange an den Stiel, und hab
- ich mir gedacht, da nicht. Vor den Schlangen hat sie immer so
- arg Entsetzen gehabt. Bin ich weiter gegangen auf der Insel,
- über Sand und Muschelboden und Steine und über das Geschlinge
- der Pflanzen. Wilde Vögel hab ich pfeifen und andere Tiere
- schreien gehört, oft ganz in der Nähe gröhlen wie Schweine,
- aber keines gesehen. Und dieweilen die zwei Kameraden bei der
- Angerl Wacht gehalten, bin ich die Felsen hinaufgestiegen und
- hab gesucht nach einem Platzl, wo wir rasten könnten. Zwischen
- drei oder vier Steinzinken ist so eine enge Stelle und da hab
- ich angefangen zu graben in dem verwitterten Gestein. Ist einer
- von den zweien heraufgekommen, hat mir wollen helfen. Nein,
- laßt mich, ich mach das allein. Ganz warm und heil ist mir
- worden bei dieser Arbeit, seit mein Weib in der Ewigkeit ist,
- hab ich ja das Bettherrichten besorgt. Immer einmal hab ich
- mich aufgerichtet, meine Ellbogen an den Spatenstiel gestützt,
- hinausgeschaut auf das weite Meer und gedacht: Ist doch das
- ein seltsames Geschäft, auf einer fremden Insel im Meer sein
- Kind eingraben! -- Gegen Abend ist es fertig gewesen; schön
- ist das Ding nicht worden, aber tief. Sie haben das Angerl
- hinausgetragen und hinabgelegt und hab ich ihnen die Schaufel
- aus der Hand genommen: zudecken wollt ich schon selber. Sie
- möchten zurückgehen auf das Schiff und ich tät mich bei ihnen
- und allen tausendmal bedanken für die christliche Lieb. Zum
- Angerl hab ich keinen Abschied hinabgerufen, weil ich mich
- daneben wollt niedersetzen auf einen Stein und sitzen bleiben,
- so lang es Gottes Willen ist. Die zwei Kameraden sind aber
- nicht von mir gegangen und ich sollt schnell machen, weil
- das Schiff wollt weiterfahren. Auf mich braucht ihr nicht zu
- warten, mein Verbleiben ist hier. Sie haben mir noch Zeit
- gelassen, haben ein paar Vaterunser gebetet, haben mich nachher
- an den Armen genommen, einer links und einer rechts, und
- haben mich fortgeschleppt von meinem kleine Dirndel. Das ist
- in der Einsam zurückgeblieben. Am Strand hab ich noch einmal
- umgeschaut auf die weißen Felszacken; vom Schiff aus hab ich
- noch einmal zurückgeschaut auf die Felsen, wo mein Kind ruht
- ganz allein zwischen den Steinen und wilden Tieren und wie
- es der Vater, mit dem es so freudig ist ausgezogen, treulos
- verlassen hat -- allein auf dem Weltmeer.
-
- So, meine Schwester, hab ich's müssen erleben. Du bist ja
- selbst Mutter, denk, es wäre Dein Kind. Denk's nit, Schwester,
- es ist wie sieben Messer in der Brust. Zehnmal habe ich mich
- hingesetzt, um Dir's zu schreiben, aber vor lauter Jammer nit
- können. Jetzt klage ich nicht mehr, jetzt, wenn der Feiertag
- kommt, setze ich mich auf einer Berghöhe nieder und schau
- hinaus aufs Meer, nach der Gegend, wo jene Insel liegt. Santa
- Maria haben sie die Matrosen geheißen, aber Du findest sie auf
- keiner Karte, sie ist zu klein. Und ich kann sie von meinem
- Berg aus nimmer und nimmer sehen, sie liegt viel hundert Meilen
- weit im Meer.
-
- Von der Zeit nach dem Unglück weiß ich nicht viel zu sagen. Auf
- dem Schiff bin ich krank geworden, nach Wochen ins Südamerika
- gekommen. In der großen Stadt Rio de Janeiro, im Spital bin
- ich achtzehn Wochen krank gelegen. Ein deutscher Kaufmann hat
- sich um mich angenommen, bin nachher auf seiner Schiffsreede in
- Arbeit gewesen, bis ich mit einem Kameraden aus Böhmen in die
- Teichgräberei gekommen bin, wo jetzt mein Aufenthalt ist. Meine
- Adresse ist zu machen an den Herrn Wilhelm Klinde, Kaufherr in
- Rio de Janeiro, von dort bekomm ich den Brief schon, aber weiß
- nicht, wie lang's mit mir so fortgeht. Ich hab halt vor, bei
- einer guten Gelegenheit nach Santa Maria zu reisen, aber es
- ist kein Schiff, das dahin geht und wenn eins nicht zufällig
- dahin kommt, wie damals unser Auswandererschiff, so tun sie's
- überhaupt nicht. Also schläft unser Angerl dort verlassen und
- wenn es am Jüngsten Tag aufsteht, wird es wohl verwundert um
- sich schauen, daß es allein ist. Mein Gott, solche Gedanken
- sind hart. Vor etlichen Tagen sind es zweihundert Meter Länge
- gewesen, was ich gegraben hab. Ist mein Führnehmen gewesen,
- ich rast mich paar Tage aus. Aber es hat nicht sein können, so
- hab ich alleweil ihre Stimme gehört: Vater, Vater! Kommst denn
- gar nimmer zu mir, laßt mich ganz allein! Daß ich wieder zum
- Arbeiten hab müssen anheben, wenn ich nicht verrückt werden
- will. Denk mir oft, 's Beste wäre, so lange und ohne Aufhören
- arbeiten, bis du hinfallst und nichts mehr weißt von der ganzen
- Welt. Im Himmel wirst sie wohl finden. Aber, liebe Schwester,
- ich bin halt nicht genug Christ, und kann's nimmer aus dem Kopf
- bringen, daß das Angerl auf der Insel liegt mit Leib und Seel
- und auf den Vater wartet. Und tausendmal bereue ich, daß ich
- meines Kindes Grab verlassen hab.
-
- Jetzt hab ich Dir mein Kreuz geschrieben, helfen kann mir wohl
- niemand. In andern Stücken geht's mir nit schlecht, aber das
- ist alles nichts. Mein einziger Trost, daß alles einmal ein
- Ende nimmt. Ich schließe mein Schreiben und sage: Gott zum
- Gruß, liebe Schwester. Ich wünsche, daß es Dir gut soll gehen
- in der lieben Heimat.
-
- Dein getreuer Bruder
-
- Mathias.«
-
-So lautet der Brief, der vor etwa drei Jahren eingelangt ist an die
-Frau Johanna Loregger, Beamtensfrau im großen Eisenwerke Donawitz bei
-Leoben. Was hat Frau Johanna bitterlich geweint um den armen Bruder
-und das liebe kleine Angerl. Dann schrieb sie ihm einen Brief, daß
-er heimkommen möchte. Im Eisenwerk fände er Arbeit gegen guten Lohn,
-und sie, die Schwester, wolle ihm sein Kreuz tragen helfen. Da auf
-diesen Brief keine Antwort kam, so schrieb sie ihm nach einem Jahre das
-zweitemal und schickte ihm Reisegeld. Dasselbe kam nach fünf Monaten
-zurück, mit dem Bescheid, daß Adressat nicht auffindbar sei.
-
-Da ließ Frau Johanna eine Messe lesen für seine arme Seele. Aber es war
-nicht das Ende, plötzlich kam von Bruder Mathias wieder ein Brief. Gut
-sah er nicht aus, dieser Brief. Er bestand aus verschiedenen zufälligen
-Papierstücken, wie man sie findet, oder lange im Sack umherträgt. Mit
-schlechtem Bleistift waren sie beschrieben und dann in einen gelben
-halbsteifen Bogen eingeschlagen und mit einem schwarzen Bindfaden
-zusammengebunden. Eine Freimarke trug der Brief nicht, hingegen eine
-Menge Poststempel, weil der Name Steiermark zu unleserlich geschrieben
-war.
-
-Und dieser Brief hat folgenden Wortlaut:
-
- »Auf Santa Maria.
-
- Eh' das Schiff abgeht, Schwester, will ich Dir noch paar Zeilen
- schreiben. Werden wohl die letzten sein auf dieser Welt,
- wollen uns nichts draus machen. Meinen Brief vorigen Jahres
- wirst Du erhalten haben, wo ich Dir geschrieben, daß mir unser
- Angerl auf der Reise verunglückt ist. Jetzt ist mein Wunsch
- erfüllt. Ich bin bei meinem Dirndl. Mit dem Geld, was ich mir
- hab' verdient in Brasilien, hab ich ein Boot mit sechs Matrosen
- aufgenommen und sind zweiundzwanzig Tag gefahren. Gemeint hab
- ich schon, sie wär nimmer zu finden, die liebe Insel Santa
- Maria. Und weil auch schlechte Fahrt, so wollten die Matrosen
- umkehren. Bin ich grob worden und sie müßten ihr Wort halten,
- da haben sie mich ins Meer werfen wollen. Ich bitt noch um
- Geduld für drei Tag. Es ist so um Weihnachten gewesen, aber
- die Tage sind hier ganz anders und zum Christabend wollt' ich
- bei meinem Kind sein. Und schau, dasmal hat mich Gott nit
- verlassen, endlich sind die weißen Felsen aufgetaucht an der
- Kimmung. Wie wenn ich auf die Heimatserden tät treten, so
- ist mir gewesen, wie ich auf den Sand gestiegen bin. Meine
- mancherlei Sachen auf dem Rücken, habe ich die Matrosen
- abgelohnt und gesagt, sie möchten zurückfahren, oder hin, wohin
- sie wollten, um mich hätten sie sich nimmer zu kümmern.
-
- Liebe Schwester, und dann bin ich landwärts gegangen über Sand
- und Muscheln und über die Schlinggewächse hin den weißen Felsen
- zu. Ich glaub, seit wir dazumal fort sind, ist kein Mensch
- hier gewesen. Kein Menschenfuß, nur wilder Tiere Spur. Wie
- dazumal, als ich sie allein gelassen, so still und ewig weit
- ist der blaue Himmel. Ich steig schnell zwischen den Zacken
- hinauf, als ob ich noch kommen müßt, eh sie aufwacht. Kann Dir
- nit sagen, Schwester, wie glückselig mir ums Herz ist gewesen.
- Jetzt komm ich zum Platzl hinauf und jetzt sitzt auf dem Grab
- ein Tiger. Ein großer wilder, gefleckter Tiger sitzt auf dem
- Grab meiner Angerl. Zuerst hat er den Kopf hingelegt gehabt
- auf dem Boden, wie er mich wahrnimmt, hebt er ihn und glotzt
- mich schreckbar an und setzt langsam die Tatze vor, als wollt
- er aufspringen und mich zerreißen. Meine Pistole hab ich im
- Bündel und kann sie nicht lösen; ist auch zu wenig für ein
- solches Tier. Ein Glück, daß das Boot noch nicht fort ist,
- so lauf ich hinab und sie möchten kommen und das wilde Tier
- umbringen. Alsdann sind sie hinauf, der Tiger ist immer noch
- gelegen auf dem Grab und einer hat den Revolver auf ihn dreimal
- abgeschossen. Das Tier ist aufgesprungen, ein paarmal um die
- Felszacke herumgeschlichen und dann jäh auf den Matrosen her.
- Der wäre verloren gewesen, wenn nicht der zweite und der dritte
- zuspringen und mit dem Tiger schaudervoll ringen tät, daß ich
- gemeint, nimmer könnten wir uns erwehren. Selber über und über
- blutend, haben sie ihn mit Messern endlich tot gestochen.
- Ist gelegen auf dem steinigen Grab, die Steine ganz rot, und
- hat seine Tatze hingelegt, als wollte er im Tod noch was
- beschützen. Und ist's mir zu Sinn gekommen: Jetzt hast du ihren
- getreuen Hüter umbringen lassen. Und hab ich ein grenzenloses
- Herzleid gehabt, daß dieses Tier wegen seiner getreuen Wacht
- hat sterben müssen. Unten im Sand wird es begraben, während ich
- an seiner Stell auf dem Grab Dir diese Zeilen schreibe. Die
- Matrosen werden den Brief mitnehmen und ich werd mich häuslich
- einrichten auf dieser Insel bei meinem lieben Dirndel. Mir
- ist so absonderlich, weiß nicht wie. Die Sachen, die ich mit
- hab, werden eine Weil reichen, nachher will ich auf der Insel
- Früchte suchen und Fische fangen und wie der Robinson, weißt
- Du, von dem wir als Kinder das Buch gelesen haben, hausen, so
- lang es Gott gefällt. Wie gut werd ich schon in der heutigen
- Nacht schlafen bei ihrem Bett und auf einmal wird sie das
- Handerl ausstrecken, mir um den Hals legen und sagen: Vater,
- Vater! bist doch gekommen zu deinem Dirndel.
-
- Leb' wohl, liebe Schwester, und wenn Du einmal auf den Kirchhof
- gehst, wo mein Weib ruht -- wir lassen sie grüßen.
-
- Mathias.«
-
-
-
-
-Der Kammerdiener.
-
-
-Der junge Mensch war allenthalben bekannt, hier und dort. Daß man
-ihn aber auch irgendwo +kennen+ gelernt hätte, dazu blieb er nicht
-lange genug auf einem Flecke. Er war hüben und er war drüben, und
-immer hatte er ein schwarzes Tuchgewand an und über der Weste eine
-goldene Uhrkette hängen, die mitunter ziemlich locker wog, es war eben
-nicht stets dieselbe. Die Hemdkrägen waren nicht immer so weiß, als
-sie zum schwarzen Anzuge gut gestanden wären, so daß es schien, der
-junge Mann wechsle öfter die Uhrketten, denn die Wäsche. Wohl trug er
-gerne gestreifte Hemden, denn wenn der Schmutz hübsch in Reihen und
-Quadrätchen eingeteilt ist, so hat er auf das Auge doch immerhin eine
-freundlichere Wirkung. Die Hauptaufmerksamkeit wendete der junge Mann
-wohl seinem Haar zu, das war von Natur fast pechschwarz und immer so
-fein gefettet und geglättet, daß es den Weibern als Toilettespiegel
-hätte dienen können.
-
-Seine Eltern waren unbekannt; er selber soll, aus einem Dorfe an
-der galizischen Grenze stammend, sich in einem Erziehungsinstitute
-befunden haben, wo es ihm aber nicht gefiel, denn er floh daraus. Es
-war jemand, der braverweise die Christenpflicht vorschützte, um dem
-Drange seines Herzens genüge zu tun und den jungen Menschen nicht
-versinken zu lassen. So wurde Julian wieder eingefangen und in ein
-anderes Institut getan. Dort hatte man ihm das Entfliehen so gottlos
-schwer gemacht, daß er es vorzog, die Sache so einzurichten, daß sie
-ihn selber fortjagten. Er kam in die Gegend, wo die Sommerresidenz des
-Grafen Borgstam stand; der Graf war ein alter Sonderling, ein morscher
-Rest des alten Adelsgeschlechtes gleichen Namens, der fast einsam dasaß
-inmitten seiner ausgebreiteten Güter. Er interessierte sich für den
-hübschen, intelligenten Burschen, stattete ihn aus und half ihm in ein
-Militärinstitut. Das fand Julian nicht wohlgetan und eine Weile später
-sah man ihn mit einer Schauspielertruppe durch das Land ziehen. Da war
-er schon zwanzig Jahre alt; aber bald bekam er den Komödiantenteint im
-hohen Grade. Seine Wangen fielen ein, seine Gesichtsfarbe wurde fahl,
-fast grünlich-grau, seine Augen brannten scharfzackig. Seine schlanke
-Gestalt war zweifach geknickt, einmal in den Knien und einmal am
-Nacken. Der schwarze Anzug wurde nicht mehr gebürstet.
-
-Graf Borgstam, der sich nun einmal diesem Menschen zugewandt hatte,
-wollte ihn nicht aus den Augen lassen. Ein so wohlgebildeter
-und wohlgearteter junger Mann! Er nahm den Julian zu sich als
-Kammerdiener. Der Graf war betagt und durch mancherlei Mesalliancen und
-abenteuerliche Lebensperioden hindurch glücklich dort angekommen, wo
-man müde und einsam dasteht. Diese Einsamkeit war um so unheimlicher,
-je größer sein Reichtum und je mehr der Wohldiener ihn schmeichelnd
-umkrochen. Doch sammelt sich immer noch ein Restchen Weichmut und
-Wärme in einem alten Herzen, wenn es scheinbar auch schon ausgebrannt
-ist, und dieses Restchen kam dem neuen Kammerdiener nicht schlecht
-zu statten. Julian erholte sich bald, seine Wangen blühten und
-sein Rückgrat strebte wieder der aufrechten Richtung zu. Bei der
-freundlichen Behandlung, die er im Schlosse genoß, kamen auch seine
-geistigen Anlagen rasch zum Vorschein. Die Lust zum Vagabundieren
-war weg und obgleich in eine gewisse Disziplin gesteckt -- denn der
-Graf war sein alter Soldat -- heimte sich Julian rasch ein, zeigte
-Anhänglichkeit zu seinem Herrn und nach zwei Jahren war er mehr oder
-weniger der Vertraute des Grafen, und der Kammerdiener bekam selbst
-wieder einen Diener zugeteilt.
-
-Den Winter verlebte der Graf in der Hauptstadt, wo er eines der
-vornehmsten Palais besaß, das aber in seinen größten Teilen unbewohnt
-blieb, weil der Herr nur einen kleinen Hausstaat zu führen pflegte
-und es auch sein alter Adel und dessen Verhältnisse verlangten, daß
-das Gebäude nicht praktisch verwertet werde, sondern mitten in der
-lebenslustigen Stadt still und ernst wie in ein düster-gewaltiges
-Monument, an das alte Herrengeschlecht erinnernd, dastehe.
-
-Julian war also des Grafen rechte Hand geworden, so daß diesem der
-übrige Haustroß mehr oder minder überflüssig erschien und er sich von
-demselben räumlich abzusondern liebte. Der Graf pflegte allabendlich
-einen alten General bei sich zu sehen, mit dem er ein Tarockspielchen
-machte und ein paar Flaschen Wein ausstach. Vor Mitternacht wurde dem
-Gaste aus dem Hause geleuchtet und der Graf stieg bisweilen schon
-etwas schlaftrunken zu seinem Schlafzimmer empor. Julian verschloß
-alle Fenster und Türen der Vorgemächer, hatte noch die Aufgabe, dem
-Herrn im Entkleiden zu helfen, ihm irgendein Buch auf den Nachttisch zu
-legen zur Lektüre, damit sich's leichter einschläft, und sich dann im
-Vorzimmer selbst zu Bette zu legen.
-
-Da war es eines Tages, daß, als der Graf schon im Bette lag und just
-das Buch weglegen wollte, Julian ins Gemach trat.
-
-»Was willst du?« fragte der Graf.
-
-»Euer Gnaden das Licht auslöschen,« war die Antwort; da stand er schon
-am Bette und in seiner Faust hielt er den Griff eines scharfblinkenden
-Hirschfängers.
-
-Der Graf richtete sich rasch empor, der Kammerdiener griff ihm an die
-Gurgel und preßte ihn auf das Kissen zurück.
-
-»Sie wissen, Herr, um was es sich handelt,« sagte Julian ganz leise,
-indem er Sorge trug, daß die Spitze des Messers dem vor Schreck
-stöhnenden alten Manne vors Auge kam. »Erschrecken Sie aber nicht so
-sehr, Sie werden ihr Leben mit einem einzigen Worte retten. Sie waren
-mir stets ein guter Herr und ich bitte Sie inständigst, ja nicht den
-mindesten Schrei zu versuchen. In der Notwehr bin ich alles imstande.«
-
-Tiefe bodenlose Frechheit des Anfallenden gab dem Grafen das Bewußtsein
-der Ruhe wieder. Er wehrte sich nicht, er starrte dem Burschen nur
-wunderlich ins rollende Auge.
-
-»Was -- bedeutet denn das, Julian?« fragte er.
-
-»Sagen Sie mir nun einmal ganz ruhig, wo Sie die Schlüssel zur
-Geldkasse haben.«
-
-»Laß mich los, Unglücklicher!«
-
-»Herr, wenn Sie lärmen wollen!« Der Bursche machte die Miene des
-Zustoßens.
-
-»Ich meine nur,« fuhr der Graf fort, »wenn du mich nicht losläßt, so
-kann ich nicht zu Worte kommen. Daß ich nicht Lärm schlage, magst du
-glauben, dafür ist mir mein Leben zu lieb, und du würdest zehnmal
-durchs Fenster entspringen können, bevor man zu Hilfe käme. Ich sehe
-deinen Vorteil recht gut ein.«
-
-»So werden Sie mir die Kasse öffnen.«
-
-Der Graf hatte sich nun vollends gesammelt. »Julian,« sagte er mit
-einem Humor, den man dem alten Herrn für eine solche Situation nicht
-zugetraut hätte, »da du dich so gut sichergestellt und auch, wie ich
-nun sehe, die Pistolen entfernt hast und selbst die Klingelschnur
-durchgeschnitten, da wir uns recht still verhalten und es noch viele
-Stunden dauert, bis im Hause der Erste aufwacht, so können wir die
-Sache ganz bequem machen und alles miteinander wohl überlegen, denn du
-mußt zugeben, daß es etwas Wichtiges ist, was du vorhast. Ich versuche
-nicht, dir davon abzuraten, aber ich gebe dir zu bedenken, ob dein
-Weg bis nach Amerika, -- und einen andern kannst du wohl nicht wählen
--- auch vorbereitet genug ist, daß du ihn von diesem Fenster aus
-schnurgerade nehmen kannst!«
-
-»Das ist meine Sache, nur habe ich keine Zeit zu verlieren. Also!«
-
-»Ach ja, die Schlüssel! Aber ich fürchte, daß, wenn du die Kasse
-geräumt haben wirst, dir doch nichts anderes übrig bleibt, als mich
-tot zu machen. Und insoferne ich väterlich für deine Zukunft besorgt
-bin, sage ich dir: du könntest gar nichts Schlimmeres tun, als mich zu
-ermorden!«
-
-»Sie höhnen mich!« knirschte der Kammerdiener, der als Angreifer nun
-weit erregter war, als der Angegriffene.
-
-»Stoß zu!« sagte der Graf, immer noch ruhig auf seinem Bette liegend,
-»stoß zu, wenn du's gratis tun willst!«
-
-Das wollte der Bursche allerdings nicht, und fast irre gemacht durch
-das Verhalten des Grafen, verlangte er in bittendem Tone die Schlüssel
-zur Kasse.
-
-»Julian!« sagte der Graf und wollte den Burschen an der Hand fassen,
-während der aber durchaus nicht gesonnen war, von seiner wehrhaften
-Stellung auch nur den geringsten Vorteil aufzugeben.
-
-»Du hast recht, Julian,« fuhr der Graf fort, »ich gestatte dir, daß
-du mich fesselst, aber den Mund laß mir frei, ich habe dir einiges
-zu sagen, was für dich nicht unwesentlich ist. -- Dort in der Ecke
-steht die Kasse, die Schlüssel kann ich dir auch angeben, ja selbst
-die geheimen Kunstgriffe, ohne welche das Ding nicht zu öffnen ist,
-möchte ich dich lehren, allein du würdest über den Inhalt des Schrankes
-enttäuscht sein. Zumeist sind es Papiere, mit denen ein Flüchtling
-nichts anzufangen weiß, das vorhandene Bargeld dürfte dich zur Not
-nach Neuyork bringen, aber nicht weiter. Und in diesem Lande wird nach
-meinem Tode das Gericht ein Testament öffnen, das schon seit sechs oder
-sieben Monaten geschrieben ist und in welchem der unglückliche Graf
-Borgstam, als der letzte, seinen Kammerdiener Julian Zellenbach zum
-Universalerben einsetzt. Ein Duplikat des Testamentes wirst du in der
-Kasse finden.«
-
-»Wir werden uns überzeugen.«
-
-»Gut, Junge. Aber was nützt das? Ich sehe es ein, du meinst, du
-könntest jetzt nicht mehr zurück.«
-
-»Sie sehen es selbst ein, Herr Graf.«
-
-»Vielleicht aber doch, wenn wir die Sache erörtern. Denn es wäre
-jammerschade, wenn du über die Flucht wegen der Kleinigkeit die dir
-einst rechtmäßig zufallenden Güter im Stiche lassen müßtest.«
-
-»So töricht bin ich nicht, daß ich mich durch solche Märchen hinhalten
-lasse,« sagte der Kammerdiener in verschmitztem Tone.
-
-»Es tut mir leid,« fuhr der Graf fort, indem er sich unter dem
-drohenden Messer nun einmal ein wenig zurecht rückte, »ich würde
-dich gerne von der Richtigkeit meiner Worte überzeugen, aber du bist
-ein toller Junge und stoßest aus Angst schließlich doch noch deinen
-leiblichen Vater nieder.«
-
-Das Bekenntnis war heraus, allein es wurde darum die Unterhaltung nicht
-wesentlich gemütlicher.
-
-»Ich habe mancherlei an dir erlebt, mein Sohn,« fuhr der Graf fort,
-»und ich habe dir außerdem noch mancherlei zugetraut; allein ein
-Raubmörder, das berührt mich unangenehm. Man kann Leute töten und Güter
-konfiszieren, so viel man will, aber auf ritterliche Weise, wie wir's
-getan haben. -- Doch dir mangelte die standesgemäße Erziehung und ich
-habe dich leider aus den Augen gelassen und jahrelang aus den Augen
-verloren; was ich konnte, habe ich dann ohnehin getan.«
-
-Nun war denn doch der scharfe Hirschfänger in der Faust des
-Kammerdieners etwas locker geworden. Er trat einen Schritt vom Bette
-zurück und sagte mit heiserer Stimme: »Erheben Sie sich und zeigen Sie
-mir das Dokument, denn Sie werden begreifen, daß ich mich sichern muß.«
-
-»Daran tust du wohl. Nur möchte ich wissen,« sagte der Graf und machte
-Anstalten, aufzustehen, »ob dir niemals eine Ahnung gekommen ist von
-unserer -- Zusammengehörigkeit?«
-
-»Mag sein,« antwortete der Bursche, »momentan handelt es sich aber
-darum, daß ich mich assekuriere. Hierher, wo ich Sie jetzt habe, dürfte
-ich Sie sobald nicht mehr kriegen.«
-
-»Das Vernünftigste ist, du gehst zu Bette,« so nun der väterliche
-Rat, »und keine Seele soll wissen, was in dieser Nacht zwischen uns
-vorgefallen.«
-
-»Aber Sie werden umso sicherer daran denken, mein Herr, und werden mich
-enterben oder mich aus dem Wege schaffen, auf welchem ich Ihnen nun
-unbequem sein muß.«
-
-»Ich sehe, daß du klug bist, mein Sohn. Doch dürftest du beruhigt sein,
-wenn ich dir meine, deine Geschichte, insoferne du sie nicht kennst,
-mitteile.«
-
-»Die kümmert mich nicht und möchte für mich dabei kaum mehr Ehre
-herauskommen, als für Sie. Was? Sie haben ein schönes, armes Weib ins
-Unglück gebracht, damit wird's beginnen.«
-
-»Ich habe sie versorgt.«
-
-»Sie ist verachtet worden und zugrunde gegangen.«
-
-»Weißt du's?«
-
-»Das ist leicht wissen, weil es der gewöhnliche Gang ist. Und die
-Leichtsinnigsten kommen immer noch am billigsten.«
-
-»Auch du wirst dich nicht zu beklagen haben.«
-
-»O klagen, Papa! Lieber nehm' ich mir meinen Teil und schweige.«
-
-»Schweigen, das glaube ich.«
-
-»Ich könnte ja in der Tat eine Rührszene aufführen,« meinte nun der
-junge Mann, »und ausrufen: Tausendmal besser für mich, ein Bauer hätte
-mich auferzogen, als daß ich hin- und hergeworfen worden bin zwischen
-Dorf und Stadt, zwischen Schule und Kaserne, einmal Geld im Überfluß,
-einmal gar keins, verkommen, verdorben -- verdorben!«
-
-»Vergißt es wohl nicht, daß ich dich in mein Haus nahm und hielt wie
-ein liebes Kind?«
-
-»Warum haben Sie das nicht getan, so lange es noch früh genug gewesen?
-Sie haben mich verhehlt. Sie hätten Ihr eigen Herz und Gewissen bis
-an's Lebensende betrügen können, weil es das Dekorum verlangt. --
-Ha, so könnte ich Komödie spielen, wenn mir die ganze Teufelei nicht
-verflucht gleichgültig wäre. Nur wollen Sie keine kindliche Liebe, oder
-wie das Zeug heißt, von mir verlangen!«
-
-»Ich verlange gar nichts von dir, mein Junge, als Klugheit,« unterbrach
-ihn der Graf, »aber du wirst dieselbe auch an mir erklärlich finden.
-Wir befinden uns jetzt beide in einer schlimmen Situation. Öffne ich
-dir die Kasse, um die Urkunde zu zeigen, so wirst du fürchten, ich
-könnte nach solchem Zwischenfall das Testament gelegentlich widerrufen
-und wirst das mit geeigneten Mitteln beizeiten zu verhindern suchen.
-Öffne ich nicht, so ist deine Sache unsicher, ja verloren.«
-
-»Und Sie werden die Notwendigkeit begreifen, daß ich für meine
-persönliche Sicherheit sorge und zwar radikal ...« So der Kammerdiener.
-
-Mittlerweile hatte sich der Graf ins Nachtkleid gehüllt, an der
-Wand umhergetastet, um scheinbar nach den Schlüsseln zu suchen. Der
-Kammerdiener folgte jeder seiner Bewegungen und dabei war er doch
-ratlos und wußte nicht, was er unter sotanen Verhältnissen zu tun
-hatte. Sie waren gegenseitig gebunden, wo sich's um Konvenienz, Dekorum
-und materiellen Vorteil handelte, aber nicht gebunden, wenn es auf
-Leben und Sicherheit ankam. Der Augenblick war kritisch und Julian
-umklammerte wieder fest und entschlossen die Mordwaffe.
-
-Da pochte es draußen an eine Tür.
-
-»+Auftreten die Tür! Rasch herein!+« rief der Graf mit voller Stimme.
-Da krachte das Getäfel. Julian brach ein, die Waffe entsank seiner
-Hand. Das vom Grafen durch einen heimlichen Druck an der Wand gerufene
-Gesinde stürzte herein, der Portier voraus.
-
-»Kommt uns zu Hilfe,« sagte der Graf, »dem Julian ist schlecht
-geworden. Bringt ihn in's Krankenzimmer, schafft ihm Beistand, und es
-sollen die Nacht über Leute bei ihm sein.«
-
-Den Hirschfänger hatte er, während er den Befehl gab, mit dem Fuße
-unter das Bett geschnellt. Der auf ein Fauteuil gesunkene Kammerdiener
-ließ sich hinaustragen und der Graf schloß die Tür und war nun allein
-in seinem Gemache.
-
-Am nächsten Morgen war der Kammerdiener, um frische Luft zu schöpfen,
-ins Freie gegangen und -- nicht mehr zurückgekommen. »Julian hat
-recht,« meinte der Graf, »seine Gesundheit ist angegriffen, er sucht
-ein südliches Klima auf.«
-
-
-
-
-Der Millionär.
-
-
-Das war vor dem Klosterkeller am See. Draußen glitzerte das
-Gewässer, jenseits desselben baute sich das Hochgebirge mit den
-Gletscherschildern, und an meinem Brettertisch, in der grünen Nacht der
-Lindenschatten, funkelte im Glas der goldene Wein doppelt freundlich.
-Wahrlich, die Klöster brauchen nicht zu fürchten, von der Erde vertilgt
-zu werden, solange sie gute Weine geben. Und die Juden werden niemals
-zur Herrschaft der Herzen gelangen, so lange jüdische Weinagenten uns
-mit jenem Gesüff verfolgen, wie man es in allen Schenken der Straße zu
-finden, zu trinken und zu verfluchen pflegt.
-
-Der Klosterwein hat schon manchen zur katholischen Religion bekehrt,
-und ich selbst schwor zu jener Stunde im Klosterpark, daß in einem
-solchen Weine die Wahrheit liegen müsse. Auch das Bauernvolk war
-sicherlich derselben Meinung, das an den übrigen Brettertischen unter
-den Linden herumsaß, Wein trank, kecke Gespräche führte und Lieder sang.
-
-Auf einmal unterbrach einer der Burschen sein Lied, stieß die Nachbarn
-mit dem Ellbogen und sagte: »Schaut, dort geht er! Dort drüben geht er
-wieder!«
-
-Die Augen wendeten sich gegen eine Landzunge hinaus, an deren Strand
-ein schwarzgekleideter Mann hinschritt. Er trug, soviel man von der
-Ferne ersehen konnte -- enge Beinkleider und ein kurzes schwarzes Wams.
-Und da er den Stock so an die linke Seite preßte wie einen Degen,
-gemahnte er fast an den Faust, wenn er im dunklen Samte neben Mephisto
-dahinschreitet. Über die Schulter hatte unser Wandler am Gestade ein
-graues Reisetuch geworfen, wie es so die Engländer ins Land gebracht
-haben. Und auf dieser Gestalt saß ein roter Punkt. Das war der rot
-bebartete und rot behaarte Kopf, der keine Bedeckung trug.
-
-Ganz hart am Wasser ging der Mann hin, blieb mitunter stehen, als ob er
-in den See starrte, und schritt dann zögernd fürbaß.
-
-»Er will schon wieder!« rief die Kellnerin.
-
-»Und getraut sich nicht!« lachte einer der Bauern.
-
-»Gebt acht, vielleicht springt er doch hinein!« sagte ein dritter.
-
-»Man soll ihm einen Krug Wein schicken, vielleicht bringt ihn das auf
-andere Gedanken,« rief ein vierter.
-
-»Steht sein gestriger noch auf der Tafel,« sagte die Kellnerin.
-
-»Seinen heutigen schreib auf die meine,« sagte einer der Zecher.
-
-»Ist gehupft wie gesprungen,« lachte die Kellnerin, »du zahlst auch
-nicht.«
-
-»Ich zahl' wie die Klosterbrüder zahlen: Gott vergelt's! Im nächsten
-Jahr soll er wieder gedeihen.« So keck redete der Zecher d'rein.
-Hierauf schossen sie zusammen, die Bauern und Hirten und Waldleute, die
-an den Tischen saßen. Der Krug Wein wurde dem Schwarzen nachgeschickt,
-kam aber wieder zurück, der Wandler am Gestade war nicht mehr zu finden.
-
-Als sich die bäuerlichen Gäste verlaufen hatten, fragte ich die
-Kellnerin, was es mit jenem Manne denn für eine Sache sei?
-
-»Eine traurige,« antwortete die Kellnerin und griff an die Stirne: »Er
-muß +da+ nicht recht sein. Er steigt schon etliche Tage in der Gegend
-um, sagt, er will sich umbringen und hat die Courage nicht dazu. Einmal
-ist er schon in den See gesprungen, muß ihm aber zu naß gewesen sein,
-weil er sich wieder herausgearbeitet hat. -- Da kommt der Pater Anton,
-der weiß mehr von ihm. Küss' die Hand, Hochwürden. Gleich bring' ich's.«
-
-So die Kellnerin und lief davon, um dem Ankömmling den gewohnten
-Trunk zu holen. Der Pater in schwarzem Talar, um die Mitte einen
-weißen Strick, setzte sich zu mir, gab einen freundlichen Gruß und
-schaute mich mit seinem runden Gesichte gemütlich an. Wir waren uns
-also schon verknüpft; ich wollte etwas von dem rätselhaften Manne
-wissen und der Pater wußte etwas von ihm. So war bald angehakt und
-der Priester erzählte mir. Etwa eine Woche zuvor sei weiterhin an der
-Felswand ein fremder Mann aus dem See gezogen worden, nachdem ihn der
-Fischer um Hilfe rufen gehört. Dann habe der Gerettete dem Retter
-heftige Vorwürfe gemacht, daß er ihn nicht habe ertrinken lassen,
-sei ihm ausgerissen, wieder ans Wasser gelaufen, dort aber am Ufer
-zusammengebrochen. Hierauf habe man den Armen ins Kloster gebracht,
-dort geatzt und mit Kleidern versehen, denn seine Gewandung sei nur
-mehr in schmutzigen Fetzen am Leibe gehangen. Im Alter wäre er noch
-kaum über dreißig Jahre, wer oder was er sonst sei, das wäre nicht aus
-ihm hervorzubringen, allem Anscheine nach ein Mensch aus gutem, reichem
-Hause, aber einer Irrenanstalt entsprungen. Bei einem Mahle, an dem
-er im Kloster teilgenommen, habe er sich als Feinschmecker erwiesen.
-Sein Benehmen sei ein merkwürdiges Gemisch von Höflichkeit und Trotz,
-manchmal flackere etwas, wie übermütige Lust in ihm auf, dann sei er
-wieder tief niedergeschlagen, starre oft bewegungslos lange Stunden
-in Abgründe, in das Wasser, sitze mitunter in der Tischlerwerkstatt
-und starre die Werkzeuge an. Einen Revolver habe er anfangs bei sich
-getragen, der sei ihm abgenommen worden. Dann wandle er traumhaft
-umher, man sehe ihn drüben an der steilen Wand, man sehe ihn oben
-auf den Höhen, man sehe ihn draußen bei den Klostermühlen und am
-Wasserfalle und an der Brettersäge, wo er seine Augen in das Getriebe
-vertiefe. Dann wieder laufe er in das Dickicht oder werfe sich auf
-den Erdboden und klammere sich mit krampfhaften Fingern an den Rasen.
-Man sei ihm mit der Religion gekommen, dabei wäre er bewegungslos wie
-ein Taubstummer geblieben; aber einmal habe er auf den Feldern einem
-pflügenden Bauer zugeschaut und habe dabei angefangen, herzbrechend
-zu schluchzen und habe sich in die frische Furche gelegt und habe
-sein Gesicht in die Erde gepreßt, daß der Bauer gar nicht gewußt,
-was er sich davon denken solle. Einmal am Abend habe er sich bei den
-Klosterbrüdern bedankt für die Herberge und Gastfreundschaft und
-gesagt: Morgen, wenn die Sonne aufgeht, bin ich nimmer. Aber als die
-Sonne ausging, war er doch noch und schlich von den Leuten abseits;
-da habe man gesehen, wie er sich mit einem Stein an den Kopf schlug,
-daß helles Blut niederrann über das Gesicht; dann wimmere er, und
-endlich, wenn er etwas zu essen bekäme, zeige er wieder guten Appetit.
-Der Abt sage nun, länger sehe er dem Manne nicht mehr zu, er lasse ihn
-abliefern in die nächste Irrenanstalt.
-
-Derlei hatte mir Pater Anton mitgeteilt, und dabei war es in mir
-unruhig geworden.
-
-»Die Leute sagen,« setzte der Pater bei und trank aus seinem Krug, »die
-Leute sagen, es sei der leibhaftige ewige Jude.«
-
-»Mag wohl sein, zum mindesten ein Stück von ihm.« -- Bald nachher nahm
-ich Abschied vom Kloster und zog meiner Wege.
-
-Ich strich bergauf und talab im Gebirge umher und dachte unterwegs
-viel an den sonderbaren Mann und hoffte ihm sogar zu begegnen. Das
-geschah aber nicht, und so wendete sich mein Herz von dem Grauen einer
-umnachteten Seele wieder der lichten Herrlichkeit der Hochgebirgswelt
-zu.
-
-Sonst pflegte man die Klöster in gesegnete Gegenden der Hügelgelände
-hinzubauen; aber der Erbauer dieser Pfaffei hatte das unwirtliche
-Hochgebirge vorgezogen. Die Liebe zu solchen wilden Gegenden konnte
-zu jener Zeit der Klostergründungen nicht Ursache gewesen sein,
-denn diese Liebe war in alten Zeiten nicht so in den Menschen wie
-heute. Eher war es der Schutz, den die wilden Berge vor feindlichen
-Einfällen gewährten, in Hinsicht darauf diese Stätte gewählt worden.
-Oder die Sache fing etwa mit einer Einsiedelei an, oder einem
-Jagdschlößchen, das die Priester eines fernen Klosters hier erbaut
-hatten; zum Jagdschlößchen kam eine Kirche, zu dieser kamen Andächtige,
-es huben Wunder an zu geschehen, der Wallfahrer wurden von Jahr zu
-Jahr mehr, die Kirche wurde vergrößert, ständige Priester mußten
-sich niederlassen, und es erwuchs ein Kloster, das von dem, was
-die Gläubigen herbeitrugen und was das ferne Mutterkloster abwarf,
-reichlich gedieh.
-
-Und so konnte die Abtei des heiligen Antonius ganz behaglich daliegen
-zwischen den Wänden. Sie lag -- von oben herab gesehen -- mit ihren
-weißen vielfensterigen Mauern, mit ihren zwei roten Kuppeltürmen, mit
-den Wirtschaftsgebäuden und Baumgärten reizend am Gestade des Alpsees,
-und hinter ihr war ein kleiner fast ebener Boden von grünen Matten
-und Fichtenwäldern. In Urzeiten mochte auch diesen von schroffen
-Felswänden eingeengten Boden der See bedeckt haben; heute ist er wie
-ein lieblicher Garten, an zwei Seiten bestanden von der Schutzmauer.
-Diese Schutzmauer ist mehr als fünftausend Fuß hoch, und im Winter hat
-das Kloster neun Wochen lang keinen Sonnenstrahl. Stellenweise steigt
-der blauende Wald streckenweit hinan in das steile Gebirge, am See hin
-ragen die Wände fast senkrecht empor. Oben sind sie scharf abgebrochen,
-und wie sich dort das Gebirge zurückzieht und im Hintergrunde zu neuen
-Massen großartig aufbaut, das kann man vom Tale aus nicht sehen.
-
-Wer jedoch oben steht auf einer der Kanten des Vorgewändes, dem
-schwindelt einerseits vor der Tiefe unter sich, in welcher der See
-wie eine braune, ins Gebirge eingezackte Spiegeltafel daliegt und
-daneben im dunklen Grün die lichten Würfelchen des Klostergebäudes
--- und andererseits vor der Höhe über sich, in welcher die grauen
-zerklüfteten Bergwuchten stehen, von deren Häuptern und Hochmulden
-der versteinerte Schnee niederleuchtet. Diese Felsmassen setzen sich
-nicht zusammen aus einzelnen Stücken und Schichten, sie haben nicht die
-Art des Zersprungenen, Zerbröckelnden; in geraden und glatten Linien
-gezeichnet, so stehen die ehernen quadratischen Blöcke da, mancher im
-Durchmesser von mehreren tausend Fuß; so liegen ihrer zwei und drei
-oder noch mehr übereinander und die obersten Zinnen überragen die
-Gebirgswelt und schauen in ihren äthergrauen Flächen weit hinaus in die
-Lande.
-
-Das Gewände jenseits des Sees hat mehr den Charakter des Unregelmäßigen
-und Plumpen, es baut sich in Kegeln aus, von deren Schründen
-gelblichweiße Schutthalden niedergehen und sich zwischen grünen Wäldern
-und grauen Klötzen ausböschen in den See. Selten ist das Bild ganz
-rein, entweder die Gipfel stechen in die Wolken hinein, oder es liegt
-der Nebel in den Tiefen und die Berge steigen scheinbar, jeder für
-sich, wie aus einem grauen Meere auf. Oder es schwimmen in der feuchten
-Luft die Nebelfetzen in halber Höhe hin, hängen wie Wetterfahnen an den
-Wänden oder dampfen im Morgensonnenschein aus den Steinhäuptern hervor
-und lösen sich in Äther.
-
-Scheinbar hat der Beschauer die Felswände sich ganz nahe gegenüber,
-aber wenn er nach Gemsen ausschaut, so sieht er dunkle kleine Punkte,
-wie Steinflöhe -- das sind freilich die Gemsen, aber sie zeigen nur,
-wie groß der Abstand, wie riesig die Verhältnisse sind, in welchen sich
-der Beschauer selber wie ein nichtiger Steinfloh vorkommen muß.
-
-Auf solchem Standpunkt wird der Wert des menschlichen Lebens stark
-verschoben, entweder es verliert gegenüber diesen ungeheuren
-Naturgewalten alle Bedeutung, oder es stellt sich als Erkenner und
-Genießer der Natur hoch über sie und ermißt an der seelenlosen
-Außenwelt seine göttliche Überlegenheit.
-
-Als ich in solchen Gedanken dahinging hoch am Grate des Gewändes, das
-senkrecht in den See hinabtauchte, sah ich plötzlich unter mir auf
-einem schmalen Felsvorsprung einen Menschen liegen. Er lag in seiner
-schwarzen Kleidung ausgestreckt auf dem Rücken wie eine Leiche und ich
-wähnte auch anfangs, es wäre der nun tote Fremdling, den ich ein paar
-Tage früher unten am See gesehen. Es war aber der lebendige, wie mich
-eine Bewegung desselben belehrte. Es war eine Bewegung mit dem Arm,
-wie bei dem Erwachen aus einem traumschweren Schlaf. Ich erschrak vor
-dieser Bewegung mehr, als früher vor dem leblosen Bilde, eine einzige
-Wendung des Körpers, und er mußte in die Tiefe stürzen.
-
-Diese Bewegung wurde vermieden, der Mann richtete sich sorgfältig empor
-und kletterte mit Geschick, aber auch mit Zittern und Zagen einem
-Gemssteige entlang quer heran zur Zinne. Mit einem Sprunge stand er auf
-der flachen weiten Matte und atmete auf. Dann blickte er wirr um sich
-und wollte davoneilen.
-
-Ich trat rasch zu ihm und redete ihn an: »Sie können vom Glücke sagen,
-daß Sie heil heraufgekommen sind!«
-
-»Jawohl,« antwortete er gedämpft und säumig, »ich kann vom Glücke
-sagen. Ich kann vom Glücke sagen!«
-
-»Wollen Sie nicht mit mir kommen, lieber Herr,« lud ich ihn ein, »unten
-im Kloster erwartet man Sie.«
-
-»Wer erwartet mich?« schnauzte er auf, »mich hat niemand zu erwarten,
-verstehen Sie? Die Pfaffen sollen mir meinen Revolver wiedergeben.«
-
-»Das sollen sie auch,« sagte ich, »wer im Gebirge reist, muß eine
-Schußwaffe haben. Sehen Sie, ich habe auch so etwas.«
-
-Damit zog ich mein Terzerol aus der Tasche, er blickte es mit gierigen
-Augen an und fragte, ob es geladen sei?
-
-»Dreifach. Ich pflege es im Gewände loszubrennen, ich ergötze mich am
-Echo.«
-
-Hierauf ging er mit mir und wies mehrere Stellen, die ein vielfaches
-Echo hatten. Dabei merkte ich, daß er mit der Gegend einigermaßen
-bekannt war und es war überhaupt vernünftig und unauffallend, was
-er sprach, und stand es zu seinem verwahrlosten Wesen, zu seinem
-verstörten Gesicht im Widerspruch. Das lange rote Haar und der volle
-Bart, der das blasse eingefallene Gesicht wie eine Wildnis umwucherte,
-war verworren und es klebten Baumnadeln und Sandkörner daran.
-
-Da er keinen Hut hatte, so fragte ich ihn, ob selbiger denn vom Winde
-entführt worden wäre?
-
-»Ha, ha,« lachte er, »alles frägt nach dem Hute, als ob der Hut das
-wichtigste wäre an einem Menschen. Ja, es ist mir einmal einer auf dem
-Kopf gesessen. Vielleicht schwimmt er unten im See, wenn Sie ihn haben
-wollen.«
-
-»Mir geht's nicht um den Hut,« war meine Entgegnung, »aber wenn ich
-Sie nach Ihrem Kopf gefragt hätte, wer weiß es, ob Sie mir Bescheid
-gegeben!«
-
-Auf das antwortete er nichts, sondern ging still vor mir her, der Steig
-zwischen dem Gestein und Gezirme war sehr schmal. Plötzlich -- wir
-waren so weit in das Hochplateau hineingekommen, daß man nicht mehr zum
-See und zum Kloster hinabsehen konnte -- blieb mein Begleiter stehen,
-kehrte sich um gegen mich und sagte: »Wenn Sie klug wären, hätten Sie
-mich jetzt von hinten niederschießen müssen.«
-
-»So? Sie halten mich für einen Banditen?«
-
-»Ei, was Sie denken!« rief er und legte seine Hand wie besänftigend
-auf meinen Arm. »Sie sind ein braver Mann und gerade darum sollten
-Sie an mir ein gutes Werk tun. Ich bin ein Tor, ich bin dem Wahnsinn
-nahe, aber ich weiß noch ganz genau, was ich will und habe das Endziel
-meines Lebens nicht aus den Augen verloren. Leider Gottes, es geht mir
-nach dem Worte der Schrift: Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist
-schwach.«
-
-Er setzte sich auf einen breiten Stein, der schief aus der Erde
-hervorragte. Ich setzte mich ihm gegenüber auf einen zweiten Stein und
-bot dem Gefährten meine Feldflasche an.
-
-Er tat daraus einen durstigen Zug und der Klosterwein brachte seine
-Mitteilsamkeit in ganz ungeahnter Weise zum Rieseln. Nachdem er
-mehrmals getrunken, sagte er: »So ist das jetzt schon der dritte Monat,
-seit ich Almosen nehme. Wer hätte sich das je gedacht, daß die Liebe
-zum elenden Leben stärker sein soll als der Stolz des Millionärs, als
-die Weltverachtung eines alten Lumpen! Wer hätte sich das gedacht! Aber
-ich sage es: das ist noch das Erbärmlichste unter allem Erbärmlichen
-am Menschen, daß er feig ist -- eine feige Bestie. -- Also im Kloster
-erwartet man mich!«
-
-»Und spricht von Ihnen,« setzte ich bei, »und ich muß gestehen, daß
-auch ich seit ein paar Tagen oft an Sie denke.«
-
-»Sie denken an mich. Das ist schön.«
-
-»Nach dem, was man von Ihnen erzählt, vermute ich, daß Ihnen die Leute
-übel mitgespielt haben.«
-
-»Die Leute, meinen Sie! Wenn das wäre, so könnte ich mich rächen!«
-rief der rätselhafte Mann lebhaft und wühlte mit den Fingern in seinem
-Vollbart, was er allemal tat, so oft er in Erregung kam; »leider bin
-ich es selber, der mir schlimm mitgespielt hat und den ich nun mit dem
-Tode bestrafen soll, weil er einen Menschen zugrunde gerichtet hat --
-sich selber.«
-
-»Daß Sie der guten Gesellschaft angehören, ist mir kein Zweifel,« sagte
-ich.
-
-»Der guten Gesellschaft!« lachte er auf.
-
-»Ihrer Aussprache nach sind Sie ein Wiener.«
-
-»Nur ein halber. Ein geborener Prager, studierte in Berlin. Als mein
-Vater starb, war ich dreiundzwanzig Jahre alt und Erbe einer Million.
-Allsogleich hub ich ein standesgemäßes Leben an, machte Streiche, ward
-relegiert und ging nach Wien. In Wien lebt sich's flotter, das Studium
-gab ich auf, nachdem ich zweimal gefallen war. Ich fand Genossen, die
-hatten einen guten Grundsatz, der gefiel mir: Die Million verjuxen und
-sich dann erschießen!«
-
-Mit zynischer Gebärde wühlte er wieder in seinem Bart, als wäre ihm das
-eine wie das andere zur Lust, schlenkerte die Arme aus, schnalzte mit
-den Fingern und wieherte: »Die Million verjuxen und sich erschießen!«
-
-»Hoffentlich,« so warf ich im Scherze ein, »waren Sie wie die liebe
-Jugend, diese ist leichtsinnig und pflegt ihren Grundsätzen nicht treu
-zu bleiben.«
-
-»Den ersten Teil meines Grundsatzes habe ich auf das Gewissenhafteste
-befolgt,« versicherte er. »Ich habe jeden Tag meinen Tausender in die
-Welt geworfen, habe Lakaien, Pferde, Freunde, Freundinnen gehabt, habe
-alles versucht, was sie Genuß heißen; ein dreijähriger Hexensabbat
-war's, teils in Wien, teils in Petersburg, teils in Baden-Baden und
-Homburg. Oh, wenn ich ein Tagebuch geschrieben hätte! Es war anfangs
-ganz ergötzlich, aber eher als man denken kann, eine Last, ein Ekel zum
-Erbrechen. Das Geld mußte fliegen Tag für Tag, die Langweile tat sich
-auf wie ein Abgrund, ich schleuderte Unsummen hinein, manche Stunde
-fraß das Jahreseinkommen eines Ministers, und die Langweile war nicht
-zu töten. Es gibt nichts, woran ich mich nicht übersättigt hätte, noch
-bevor ich es eigentlich genossen. Es ist mir heute alles nebelhaft,
-ich sehe nur zu Tod gehetzte Pferde, rollende Würfel, üppige Gelage,
-Weiberbusen mit Schaumwein getauft, blasse Gesellen im Nachtaumel
-des Katzenjammers. Und nie hätte ich geglaubt, daß die Welt für eine
-Million so arm ist an Genüssen. Das ewige Einerlei des ruhelosen
-Wandelns, des Schnaubens und Schnappens nach Neuem, Pikanten. Die Sinne
-wurden stumpfer, ich verschmachtete fast in der Öde des Reichtums.«
-
-»Haben Sie denn nicht Reisen gemacht, waren Sie nicht auf dem Meere, in
-Ägypten?« so meine Frage.
-
-»Ich war überall, aber nur als Raubtier,« antwortete er, »ich sah
-nicht den Wald, ich sah nur das Reh und den Hirschen. Ich sah nicht
-das Hochgebirge, nur den Adler und den Lämmergeier; ich sah nicht den
-klaren Alpfluß, die hohe See, nur die Fische drinnen, und fangen,
-töten, an mich reißen -- sonst wußte ich von nichts. Ja doch! Eines
-Tages, es war auf dem Wege von Salzburg nach Berchtesgaden, brach
-mir auf der Straße ein Wagenrad, und während des Aufenthaltes beim
-Dorfschmied sah ich, wie das Weib des Schmiedes, das auf dem Acker
-Kartoffeln jätete, zur Jause in der heißen Tageszeit ein Krüglein Wein
-vom Wirtshaus holen ließ. Eben will sie sich d'ranmachen, da kommt
-ein alter Mann des Weges gehumpelt, der setzt sich vor der Schmiede
-auf die Bank, trocknet sich den Schweiß und sagt nichts. Jetzt kommt
-das Weib mit dem Weinkrug, ladet den Alten ein, sich daran zu laben,
-er bedürfe der Labe notwendiger als sie. Da geht mir ein Licht auf:
-Der Wein ist doch ein großer Genuß, wenn man Durst hat, aber das
-Almosengeben muß ein noch größerer sein, sonst würde ihn das Weib nicht
-dem Trunke vorziehen. Den Genuß kann ich mir verschaffen. Ich lasse
-alles Bettelvolk der Gegend zusammenrufen, alte Männer und Weiber,
-Krüppel, Kretins, und sage: Jedes bekommt einen Taler, wenn es über den
-Wassergraben springen mag, in dem der Hammerbach rinnt. Ha, wie die
-Joppen und Röcke fliegen, den meisten glückt der Sprung, etliche fallen
-kreischend in den Bach. Auch diese sollen ihren Taler haben, sage ich,
-wenn sie mir auf den Anger ein Ballett aufführen, während die Kleider
-am Zaun trocknen. Da ist etwas. Ein alter Mann kommt auf mich zu,
-spuckt mir ins Gesicht, dann eilen sie hinweg.«
-
-Ich war aufgestanden.
-
-»Es ist weit mit mir gekommen,« fuhr er fort, »aber niemals hätte
-ich geglaubt, niemals, meine Schande jemandem so ins Gesicht sagen
-zu können. Wenn das nicht die größte Schamlosigkeit ist, so ist es
-Mut, und wahrlich, den hätte ich zu brauchen. -- Nach wenigen Jahren
-war die Million dahin und ich floh vor den Gläubigern. Und nun -- das
-Erschießen! -- Wer eine Million verpuffen will, der soll sich zuvor
-prüfen, ob er nicht zu feig ist für die Konsequenzen; sonst geht er
-einem Leben entgegen, einem verdammten Leben, das ärger ist als der Tod
-und das Fegefeuer.«
-
-Er schwieg, ich ebenfalls, denn ich wußte in der Tat nicht recht,
-was hier zu sagen war. Zu sagen sehr viel, aber wo ein unglückliches
-Menschenherz mit im Spiele ist, da muß man die Worte mit Bedacht
-wiegen. Die Wahrheit und die Vernunft und die Moral sind oft zu
-rücksichtslos; den Sünder richtet man am besten auf, wenn man als
-Sünder zu ihm spricht.
-
-Der Mann war in sich zusammengesunken, als habe ihn der Schlaf
-übermannt. Plötzlich fuhr er empor und starrte mich erschrocken an.
-
-»Habe ich nicht den Hahn eines Revolvers knacken gehört?« fragte er.
-
-»Der Stoppel dieser Feldflasche hat gepafft,« antwortete ich, »wollen
-Sie sich bedienen?«
-
-»Ich kann mich nicht bedienen,« war seine Entgegnung, »wenn ich aber
-einmal fest schlafe und Sie jagen mir die Kugel durch den Kopf, so
-bedienen Sie mich am besten.«
-
-»Sie sind nicht klug!« sagte ich und wahrlich, ich hätte was Klügeres
-sagen können.
-
-»Ein Bettel um die Kugel!« lachte er. »Das Leben verachten und nicht
-den Mut haben, es zu enden! Vom Sonnenlicht übersättigt und vor dem
-Grabe schaudernd! Eine Million verpuffen und sich erschießen! Wie
-leicht ist's gesagt. Ich setze mir das Feuerrohr an den Kopf, zehnmal,
-oh, weit öfter, aber mein Finger, der am Hahn lag, gehorchte mir nicht,
-ich schleuderte die Waffe von mir. Ich hing am Hanf und habe die
-Schlinge gelockert. Ich nahm Gift und flehte den Arzt um Gegengift an.
-Ich sprang ins Wasser. Es wäre gut gewesen, da kommt der Klosterbruder.
-Immer habe ich gehört, von den Pfaffen komme nichts Gutes; nie habe ich
-mich mit ihnen eingelassen und hab' es doch erfahren. So ziehen sie
-mich aus dem See. Nun übe ich mich in Mut und suche meine Schlafstelle
-da drüben an der Seewand, vielleicht stürze ich einmal unbewußt hinab.
--- Des Menschen Leben bläst der leise Windhauch aus. Steht's nicht so
-in einem alten Buche? Oh über die Hypochonder! Wenn sie ahnten, wie
-schwer das Leben abzuschütteln ist! Ausgelebt haben und nicht sterben
-können!«
-
-»Wie alt sind Sie?«
-
-»Achtundzwanzig Jahre.«
-
-»Und wollen ausgelebt haben?« fragte ich. »Freund, Sie mögen den
-Abschaum des Lebens kennen gelernt haben, aber das Leben nicht. Mit
-einer Million kauft man sich kein Leben, noch weniger ein Glück.
-Sie müssen gerungen haben ums tägliche Brot, sie müssen einmal aus
-einer schweren Krankheit genesen sein, Sie müssen Gutes empfangen
-und Gutes gegeben haben, Sie müssen sich ein Haus gebaut haben, und
-einen geliebten Menschen gefunden und einen geliebten Menschen sterben
-gesehen haben, um zu wissen, was Leben ist. Sie haben noch nicht
-gelebt. Auf Ihrem Herzen liegt der Rost der Übersättigung, den müssen
-sie herausbluten, und es wird wieder jung sein. Sie haben bisher nur
-ihre rohesten Sinne gefüttert, den eigentlichen Menschen in sich haben
-Sie wahrscheinlich noch gar nicht entdeckt. Sie haben jene Anlagen noch
-gar nicht entdeckt, deren Betätigung und Befriedigung erst das Glück
-gibt. Das Sehen des Schönen in der Natur, das stille und beständige
-Bedienen der Mitmenschen, das Wiedergenießen ihrer Achtung, das
-Bewußtsein erfüllter Pflicht, das, mein armer Freund, sind weit tiefere
-und feinere Lebensgenüsse als jene tierischen, die Sie mit Ihrer
-unseligen Million erkauft haben.«
-
-Der Mann tat eine Bewegung mit der Hand, als wollte er damit sagen: Das
-gäbe es für ihn nicht.
-
-Ach du arme, zerfressene Seele, wie hat dich der Materialismus
-zugerichtet!
-
-»Sie müssen nicht glauben, daß ich hier bei Ihnen sitze, um mich von
-Ihnen beschulmeistern und bedauern zu lassen!« sagte der Mann, indem er
-aufstand. »Ich habe mit Ihnen nicht angebunden, Sie haben es mit mir
-getan. Gehen Sie hinab und sagen Sie den Pfaffen, sie mögen mich nicht
-erwarten und mit Seelenmessen ließe sich an mir nichts verdienen. Ihr
-seid alle Wichte! Alle! Adieu!«
-
-Nun eilte er davon, zwischen Zirmsträuchern hin und schaute gar nicht
-mehr um. Ich war nicht Samaritan genug, um ihm zu folgen; ich hatte
-nicht das demütige Trostwort gefunden, welches der Sünder zum Sünder
-spricht. Schwer verstimmt stieg ich niederwärts gegen den See.
-
-Das war die erste Begegnung mit diesem Menschen in den Tiroler Bergen.
-Später ergab sich Gelegenheit, mit seinen Schicksalen näher bekannt zu
-werden. Er hieß Friedrich Kürbaum mit Namen und war der einzige Sohn
-eines Prager Bankiers. Mit seinen Studienjahren und seiner Million
-verhielt sich's so, wie er selbst angedeutet hatte. Es wären aus der
-unsauberen Zeit wunderliche Einzelheiten zu erzählen. Es war ein Leben
-ohne Kopf und Herz, es war das Welteinsaugen eines menschgewordenen
-Polypen. Das beste an seiner Million war, daß sie endlich zur Neige
-ging; mit dem Ringen um die Existenz und der Angst vor dem Untergange
-kamen wenigstens menschliche Regungen in seine Brust. Es ging ihm das
-Bewußtsein auf, ein Leben verloren zu haben und das verlorene Leben
-wie ein unerlöstes Gespenst weiterschleppen zu müssen durch alle
-Entbehrungen und Demütigungen hin, und wie sozusagen sein Gewand und
-sein Leib stückweise von der gemarterten Seele abfallen müsse, bevor
-sie ihr Dasein aufgebe.
-
-Mit solchem Jammer trat der durch Überfluß und Übermut entherzte
-Verschwender gleichsam wieder in die Rechte der Menschheit ein.
-
-Lange strich er um im Gebirge; es war, als banne ihn die Größe oder als
-bedürfe er für seine innere Wildheit und Zerrissenheit die Wildheit der
-äußeren Natur. Planlos strich er um. Hier bettelte er um den Tod, dort
-bettelte er um Leben. Es war der allerärmste Bettler, der je in dieser
-unwirtlichen Gegend umhergestiegen.
-
-Einige Tage war es nach unserer Begegnung auf der Zinne der Seewand,
-als Friedrich Kürbaum im Walde zu einem halb verfallenen Holzbaue kam.
-Einst mochten Kohlenbrennerleute darin gewohnt haben, wenigstens war
-vor der Hütte ein runder Platz mit Kohlenlösche, aus der Nesseln und
-anderes Krautwerk wuchsen. -- Wenn er sich in diese Hütte einschlösse,
-die Fenster und Löcher verstopfte, mit Kohlenresten darin ein Feuer
-machte, um daran zu ersticken! -- Mit diesem Gedanken vielleicht stieß
-Kürbaum den Bretterverschlag auf, der die Tür bildete, und trat in
-den Raum. Sofort merkte er, wie sich in einem Winkel der Hütte etwas
-bewegte und eine Stimme war: »Mein Gott hat mich erhört, Friedrich!
-Wie danke ich dir, daß du uns aufgesucht hast!« Dann hörte er nur noch
-Schluchzen.
-
-Als sich seine Augen an die Dunkelheit etwas gewöhnt hatten, sah er im
-Winkel auf Heu ein junges Weib kauern, am Busen ein kleines Kind; Er
-erkannte sie sofort. Vor Jahresfrist auf einer Reise in die Schweiz
-war er ihr das erstemal begegnet in einem Flecken bei Innsbruck. Ein
-frisches, unschuldiges Landmädchen, das war noch etwas Ungewöhnliches
-für ihn. Das Schmuckkästchen half nicht, wie beim Gretchen, der
-Weltling mußte all seine Verstellungskünste aufbieten, um sie zu
-gewinnen. Nach zwei Wochen zog Herr Kürbaum lustig weiter und hatte das
-süße Naturkind auch bald vergessen.
-
-Floriana jedoch hatte auf ihn gewartet, anfangs mit Inbrunst, später
-mit Bangen, endlich in Verzweiflung. Als sie vor ihrem Vater das
-Geständnis tat, wurde er rasend. Das Mädchen floh ins Etschtal, wo
-ein Oheim von ihr lebte, dort fand sie zur Not Unterstand für die
-schwersten Tage, aber des Oheims Weib hielt es der Armen stündlich
-vor, daß sie hier nicht daheim sei, und so nahm sie das Kind, um damit
-wieder ihrem Elternhause zuzuwandern. Sie bettelte sich von Tal zu Tal,
-bis sie vor Erschöpfung endlich nicht mehr weiter konnte und in jener
-Waldhütte liegen blieb.
-
-Das hatte Floriana nun dem Manne erzählt, oft unterbrochen durch ihre
-Schwäche und das Weinen vor Freude, daß er erschienen.
-
-Kürbaum war ratlos, was hier zu tun oder zu sagen sei.
-
-Um einen Schluck Wasser bat sie ihn; er, der einstige Verschwender,
-hatte nun nicht einen Schluck Wasser, um sie zu laben, er war selber
-dem Verschmachten nahe. Da bot sie ihm ein Körbchen mit Heidelbeeren,
-die sie gesammelt hatte.
-
-»Friedrich,« sagte sie dann, »hier ist das Kind, Frieda hab' ich's
-geheißen. Sieh es an. Sieh doch auch mich einmal an. Bin ich denn
-so verdorben, daß du mich nicht mehr erkennen kannst? Das Kind mußt
-du hüten, daß es groß wird und brav. Ich glaube, bei mir ist's zum
-Sterben.« Er wendete sich ab. Sie faltete die Hände: »Friedrich! Auf
-der Welt ist es so schön und bist ja du wieder bei mir! Ich mag nicht
-sterben. Noch so jung und schon auf die Totenbahr.«
-
-Er blieb stumm. Nicht einmal die Kraft der Verstellung hatte er mehr,
-um ihr ein beruhigendes Wort zu sagen.
-
-Das Kind, in Lumpen gehüllt, schlief an der schwerwogenden Brust des
-Weibes.
-
-»Wenn die Türe offen wäre!« sagte Floriana. Er öffnete sie. Das
-Abendrot lag draußen auf den Bäumen.
-
-»Nicht wahr, die Waldluft, die soll ja gesund sein!« sagte sie.
-
-»Gewiß,« versetzte er.
-
-»Meine Eltern laß ich grüßen. Auch den Vater,« fuhr sie wie traumhaft
-fort. »Aber nicht wahr, mein lieber Mann, du machest mich gesund. Du
-bist ja ein großer Herr. Du hast mir Geld gaben wollen. Nichts wünsch'
-ich mir als die liebe Gesundheit. Ich will dir keine Last sein, nur
-leben laß mich. Mein junges Leben, nur das verlang nicht von mir!«
-
-»Das meine gebe ich für dich!« rief er aus. »Nimm es! Nimm es!«
-
-Sie haschte nach seiner Hand: »Du bist gut, Friedrich!« hauchte sie
-und legte ihre Wange zärtlich an seine Hand und streichelte sie, »ich
-hab's ja gewußt, daß du gut bist. Kreuz mußt du mir keines setzen auf
-das Grab. Aufs Kind denkest du ja und mich mußt du vergessen. Es wäre
-kein gutes Gedenken. Du wärest brav geblieben und ich bin dein Unheil
-geworden.« Sie schwieg, hielt ihren rasselnden Atem ein, um zu horchen:
-»Hörst du es? Hörst du es?«
-
-Auch er horchte, nichts war, als der stille Abendfrieden.
-
-»Die Glocken läuten,« sagte sie leise.
-
-Es war keine Kirche weit und breit und die Kapelle, die draußen an der
-Straße stand, hatte keine Glocke.
-
-»Es ist schon die Gebetstunde,« sagte sie müde und legte über dem Kinde
-an der Brust ihre Hände aneinander, »sie läuten zum Englischen Gruß,
-bete ein Vaterunser, Friedrich!«
-
-Er neigte den Kopf, aber er betete das Vaterunser nicht, denn er
-wußte nicht, wie es lautete. Sie betete still und er saß neben ihr
-bewegungslos, wie hingebannt. Im traumhaften Zustand starrte er zur
-Türe hinaus, das Gold der Wipfel begann zu erblassen, die lichten Äste
-und Steine verdämmerten mählich und in dem Schatten sang ein einziger
-Vogel weiche, kurz abgebrochene Töne.
-
-Das Weib war noch immer still und betete.
-
-Herr Kürbaum hatte eine Empfindung wie nie bisher in seinem Leben,
-es war, als ob in seiner Seele etwas zu tauen beginne. Dieses junge
-Weib. Und -- »sie +ihn+ verführt!« Du heilige Büßerin Unschuld! -- Mit
-+diesem+ Weibe leben! Es muß ja groß sein, das Glück zu leben, wenn es
-selbst der Ärmste, Verlassenste nicht lassen will.
-
-Als der Mann sich niederbeugte gegen ihr Angesicht, um zu sehen, ob die
-Betende nicht in den Schlummer gesunken sei, da sah er's.
-
-Er rüttelte sie, er rief sie laut beim Namen. Sie war dahin ...
-
-Da besann er sich nicht lange. Ein Tatentschluß. Vielleicht das
-erstemal im Leben. Er nahm eine Kohlenschaufel, die neben anderen
-verrosteten Geräten in einer Ecke lehnte, und ging, um draußen zwischen
-den Bäumen ein Grab zu graben.
-
-Er grub und schaufelte mit Hast, aber der Moosboden war zähe, die
-Baumwurzeln waren hart und wollten nicht weichen. Erschöpft. Dieser
-Leib, dem er eine Million zum Fraß geworfen, vermochte nicht einmal
-eine Grube zu schaffen für ein armes Wesen, das seinetwegen gestorben
-war. Ohnmächtig an Seele und Leib, und nicht sterben können!
-
-Erschreckt fuhr er auf. In der Hütte begann das Kind zu schreien. Es
-war erwacht, es war ihm nicht behaglich an der toten Brust.
-
-Herr Kürbaum wankte hinein und hob das Kind auf. Die Mutter wollte es
-nicht lassen, ihre Arme schlangen sich starr um den Säugling. Aber als
-er das junge warme Leben nun an seiner Brust hielt, das Kind mit dem
-rosigen Antlitz, da ging eine Flut in sein Herz.
-
- * * * * *
-
-Noch in derselben Nacht ist er mit dem Kinde davongegangen. Ein
-verspäteter Jäger begegnete ihm, dem teilte er mit, daß in der
-Waldhütte ein Toter liege, der zu begraben sei.
-
-Er selber mit dem Kinde fand nach langem Irren Herberge und Atzung in
-einem kleinen Hause, das an einem Steinbruche stand. Dort lebte ein
-betagtes Weib, das kurze Zeit früher ihren Mann und Ernährer durch den
-Tod verloren hatte. Der war Steinschläger und Kalkbrenner gewesen. Bei
-einem Steinsprengen durch Pulver war ihm ein Felsstück an das Haupt
-geflogen.
-
-»Es ist halt so traurig in meinem Hause,« sagte die Witwe.
-
-»So wollt Ihr mir vielleicht das Kind abnehmen?« fragte Kürbaum,
-nachdem er in Kürze die Schicksale desselben mitgeteilt.
-
-»Es wäre recht,« antwortete die Witwe, »aber der Tod hat mir das Tuch
-vom Tisch gezogen.«
-
-»Wenn ich für Euch steinbrechen wollte?« fragte der Mann.
-
-»Das wäre gut, aber das Steinbrechen allein lohnt sich nicht. Mein Mann
-hat auch noch die Kalkbrennerei betrieben. Man verkauft den Kalk jetzt
-gut hinaus nach Zirlschlag.«
-
-»Und wenn auch ich die Kalkbrennerei betriebe? Und den Erwerb brächte
-ich Euch, damit Ihr mir dieses Kind pfleget?«
-
-»Ja, dann sind wir handelseins,« sagte die Alte und machte einen
-Handschlag. »Aber -- mit +dieser+ Hand wollt Ihr Steine brechen?«
-
-Einige Zeit mußte er sich von der alten Witwe pflegen lassen, bis er
-imstande war, sein Vorhaben zu versuchen.
-
-Und dann geschah es, daß ein Mann, der die vornehmste Erziehung
-genossen hatte, der zu Lebzeiten seines Vaters zwölf Jahre lang
-allerlei Wissenschaften betrieben, der hierauf eine Million zu erben
-bekommen, daß dieser Mann bei einem Halbkretin in die Schule gehen
-mußte, um sich und seinem Kinde das Brot zu erwerben.
-
-Der schiefäugige, halbtaube Knecht des Verstorbenen unterwies Herrn
-Kürbaum, wie man den Eisenschlägel handhabt, wie die Steine am
-richtigsten zertrümmert werden, daß sie nicht zu groß und nicht
-zu klein bleiben, wie man sie in Prismen schichtet und mißt und
-verrechnet; unterwies ihn in der Kalkbrennerei, welche Gattung von
-Stein man nimmt, wie man heizt, röstet, löscht usw.
-
-Kürbaum hätte es nicht ausgehalten, seine ganze Natur bäumte sich oft
-auf gegen solche Dinge, aber wenn er das Kind sah, das ihn bisweilen so
-treuherzig munter anblickte, da gewann er innere Kraft, und mit dieser
-stählte sich allmählich auch die äußere. Sein Wille erstarkte und rang
-mit seinen Neigungen, die auch wieder zu erwachen begannen. Ein paarmal
-drohte ihm das Unterliegen. »Nur den tausendsten Teil von dem, was ich
-der Langweile und dem Laster in den Rachen geworfen, und das Kind wäre
-geborgen!«
-
-Nach und nach stellten sich auch Freuden ein. Das Kind lächelte,
-streichelte mit dem Händchen seine bebarteten Backen, faßte den
-Lederschild seiner Mütze und lallte: »--ut!«
-
-Die Pflegemutter verstand: »Hut«, der Vater wußte es besser: »Mut!« Und
-er gewann ihn ganz zu eigen. --
-
-Nach einer Weile vernahmen die Fratres des Klosters zum heiligen Anton
-am See, daß der wunderliche Mensch, der seinerzeit aus dem See gezogen
-worden war, draußen in den Träusundbergen bei einem Steinbruch wacker
-arbeite. Nach näher eingeholten Erkundigungen ließ der Abt an ihn
-folgendes Briefchen schreiben:
-
-»Eine Million verjuxen und sich erschießen! Wie jämmerlich! -- Aber
-eine Million verjuxen, dann Steine schlagen, das ist tapfer! Das
-Kloster braucht gegenwärtig einen Straßenmeister. Wollen Sie die Stelle
-haben, so mögen Sie sich melden.«
-
-So steht es heute. Friedrich Kürbaum ist wohlbestellter Straßenmeister
-und bewohnt mit seinem heranblühenden Töchterl und der alten Witwe das
-im Schweizerstil gebaute kleine Haus, das rechterhand der Straße steht,
-wo sie sich gegen den See hineinbiegt und ins enge Klostertal. Vom
-Fenster aus sieht man die Seewand und die im Hintergrunde aufragenden
-Felsriesen.
-
-Ist das alles? fragt ihr. Und der Mann soll Straßenmeister bleiben?
-
-Ihr winkt mißmutig ab? So stark sei niemand? -- Was wollt ihr denn? Der
-Mann hat trotz aller Schwäche die Hochschule bestanden -- die Schule
-des Elends. Das, was andere suchen und erjagen, hat er hinter sich, die
-Million. Er weiß, wie hohl sie ist, und diese Erfahrung gibt dem nun
-Geläuterten Ruhe und Weisheit für den Genuß des kleinen, innigen Lebens
-in der großen Natur.
-
-
-
-
-Philippus der Hasser.
-
-
-Das war ein Unhold, dieser Philipp in der Lacken, Gott, das war ein
-Unhold!
-
-Er soll kohlschwarzes Haar und feuerroten Bart gehabt haben und dieses
-ungewöhnlichen Aussehens wegen allein schon gefürchtet worden sein.
-Sein Geschlecht war in dem Tale der Friesen, das breit und fruchtbar
-ist, uralt angesessen. Der Name »in der Lacken«, den es trug, stammte
-von seinem Hofe her, der wie eine kleine Ritterburg auf der Insel
-eines großen Teiches stand, damit er geschützt sei gegen die Feinde,
-von denen besonders der Philippus rings umgeben war. Die Leute nannten
-den Teich in verachtender Weise die Lacken, und der Philipp mit seinem
-Anwesen war ihnen wie die Kröte drin, aber das sagten sie nicht laut,
-denn der Mann war seines Reichtums und seiner zahlreichen Untergebenen
-wegen sehr mächtig und sehr böse.
-
-So wie der Philippus das Haar eines Romanen und den Bart eines Germanen
-trug, so ähnlich mochte auch sein Blut mit den Eigenschaften der
-beiden Völker gemischt sein. Manchmal, wenn die guten Seiten mehrerer
-Völker zusammenkommen, gibt es herrliche Menschen; wenn gemischte
-Eigenschaften sich wieder mischen, entstehen unberechenbare Charaktere;
-und wenn die schlimmen Neigungen verschiedener Rassen sich vereinen,
-dann werden Ungeheuer geboren, wie sie aus ungemischtem Blute kaum
-hervorgehen können.
-
-In Philippus hatte sich vereinigt die religiöse Entartung der Romanen
-und der Germanen: die Schwärmerei des Katholizismus und die Grausamkeit
-des Heidentums. Er war, so bildete er sich selbst ein, strenger Christ,
-er betete, er fastete, er hüllte sich an Sonn- und Feiertagen in einen
-grauen Büßermantel, in welchem er sich auf dem Kahne über den Teich
-rudern ließ und in welchem er in der Kirche nächst dem Hochaltare
-auf dem Betstuhle kniete. Er übte die strengste Enthaltsamkeit und
-verlangte solches auch von seinen Untergebenen. Nur eines vergaß der
-fromme Philippus, er vergaß der Liebe. Weil er aber doch ein heißes
-Herz in der Brust hatte, das imstande war, gewaltig zu pochen, so hegte
-und pflegte er statt der Liebe den Haß. Bei einem harten Oheim soll er
-erzogen worden sein und nie einen Hauch der Liebe erfahren haben. Also
-stand er einsam wie ein starrer Halm auf herbstlicher Heide. Selbst die
-äußere Natur haßte er und wollte sich an ihr rächen, wenn es regnete im
-Heuen oder windete in der Kornblütezeit. Öfter als einmal sah man's,
-wie er mit seiner Peitsche wütend in die Luft hineinhieb, daß es pfiff,
-um Wind und Wetter zu züchtigen, und einmal befahl er es sogar seinen
-Knechten, daß sie mit ihren Heugabeln gegen den Regen dreinstechen
-sollten. Sie taten es, kam aber nichts dabei heraus, als daß sie naß
-wurden. Wo es nicht sein Vorteil heischte, mit Menschen zu verkehren,
-da floh er sie. Lebenslustige Männer verabscheute er, liebebedürftige
-Weiber verachtete er, und Kinder waren ihm eine wertlose Sache, über
-die er auf der Gasse hinwegschritt wie über junge Hunde und Kaninchen,
-die man nur nicht zu Tode tritt, weil die Eigentümer darob Lärm
-schlagen würden. Philippus war natürlich Hagestolz geblieben, im ganzen
-aber hatte er sich doch so gehalten, daß männiglich sagen mußte: Er ist
-ein Ehrenmann! Gegen seine Blutsverwandten, gegen jedermann, der ihm
-nichts Übles tat, war er kalt wie ein Stein in der Bergschlucht; wenn
-ihm aber Böses geschah oder wo er es sich nur einbildete, daß jemand
-ihm Böses wolle, da begann es zu glühen und zu kochen in ihm, sein
-Blut schoß zurück in die Brust, daß sein Antlitz ward blaß wie Lehm
-und seine Fingerspitzen kalt wie Eiszapfen. Aber aus seinen kleinen
-Augen zuckte es in grünlichen Strahlen. Und vor einem steinernen
-Christusbilde, das unter der Eiche seines Hofes stand, klammerte er
-die Finger aneinander zu einer Doppelfaust, und flehte mit aller
-Inbrunst des Glaubens um Rache. In dem schönen Tale der Friesen gab
-es Leute, die harmlos sich des Lebens freuten in Spiel und Tanz --
-er haßte sie. In einem Nachbarsdorfe lebte ein alter Mann, von dem
-die Sage ging, daß er der lutherischen Lehre anhänge. Diesen Mann
-kannte Philippus gar nicht persönlich, aber er haßte ihn so sehr,
-daß er nächtelang schlaflos war und darüber nachsann, was er dem
-»Scheusal« Schlimmes zufügen könnte. Am meisten aber haßte er einen
-Karrner. Dieser Karrner war in einem kleinen Eisenwerke desselben Tales
-angestellt, um mit einem Schubkarren Holzkohlen von dem Schoppen in
-die Schmiede zu befördern, wofür er einen Tagelohn erhielt, von dem er
-mit seiner großen Familie sehr kümmerlich lebte. Diesen Menschen haßte
-der Philippus über alle Maßen. Warum? Hätte er sich gefragt, er würde
-nicht Antwort haben geben können, denn der Karrner war ein harmloser,
-sanftmütiger Mensch, der niemandem ein Leides tat. Aber Philippus
-hatte den Drang, seinen allgemeinen Menschengroll auf eine Person
-niederzulegen. Der Karrner war ein armer Mann, noch dazu ein fremder,
-vielleicht sogar ein Andersgläubiger. Er war vor Jahren als Fremdling
-in das Tal gezogen und hatte sich dort eingeheimt. Aber man wußte
-nicht, woher er kam, und weß Abstammung er sei. Der Philippus war eines
-Tages zum Richter und zum Prälaten gegangen und hatte die Ausweisung
-des Karrners begehrt.
-
-»Hat Euch der Mann Unrechts zugefügt?« fragte der Richter.
-
-»Nicht mir allein,« rief der Philippus, »uns allen fügt er
-himmelschreiendes Unrecht zu, denn er ist da, er zehrt von unserem
-Korn, er trinkt von unserem Wasser. Warum soll den Erwerb, Kohlen zu
-führen, nicht einer der Einheimischen haben? Warum ein Fremdling?«
-
-»Was geht das Euch an, Philipp?« fragte der Richter, »wollt Ihr Euch um
-die Karrnerstelle bewerben?«
-
-»Es gibt keine Gerechtigkeit mehr,« knirschte der Philippus, verließ
-mit knarrenden Schritten das Richteramt und begab sich zum Prälaten.
-
-Vor diesem ließ er im Beutel Geld klingen und stellte ihm vor, daß
-der Josue das Verderben der Leute sein würde, wenn man ihn nicht
-fortweise, denn er sei sicherlich kein Christ. Solcher Mensch gebe ein
-arges Beispiel, wie man auch als Unchrist leben könne, ohne vom Blitze
-erschlagen zu werden, und er gebe das noch weit schlimmere Beispiel,
-daß der Mensch sozusagen seine Pflichten erfüllen könne, ohne Christ
-zu sein. Wäre der Josue ein schlechter Hund, ein Räuber und Mörder,
-so könne man ihn ganz gut in der Gegend belassen als Exempel, was ein
-Unchrist ist. Weil er aber zu den sogenannten braven Leuten gehöre,
-eben darum müsse er fort. »Es darf keiner brav sein, der Unchrist ist!«
-schrie Philippus.
-
-Der Prälat lächelte ein wenig. Dann sagte er: »Lieber Philippus! Euer
-Eifer um die Ehre der christlichen Kirche ist ganz löblich, vorerst
-aber wird es nötig sein, daß Ihr selber Christ werdet. Prallet nicht
-auf, mein Freund! Ihr seid vom höllischen Haßteufel besessen, und
-Christus, unser Herr, hat gesagt, liebet euch untereinander, liebet
-auch eure Feinde! Darin unterscheidet sich ja eben unsere Religion von
-den Religionen der Heiden und Juden, daß sie Liebe ist. Darum eben ist
-die christliche Religion göttlich, darum verwandelt sie in ihrer Hand
-den Stein zu Brot und das Brot in den Leib des Herrn, weil sie lautere
-Liebe ist. Darum verwandelt sie den tierischen Menschen zum sittlichen,
-zum hochgesinnten, uneigennützigen, opferfreudigen Kinde Gottes, weil
-sie lautere Liebe ist und Liebe verlangt überall. Viele Tausende von
-Jahren bestand das Menschengeschlecht vor Christus schon; zahllose
-Religionen lebten auf, gingen nieder, in den Menschen war das Gesetz
-des Eigennutzes, des Hasses, der Rache oder des stumpfen Hinsiechens
-an Herz und Geist. Da kam unser himmlischer Christ mit der Liebe. Und
-keine Religion hat die Menschen so hoch gehoben, als die christliche;
-die Milde, das Wohlwollen, der Friede, die Weltfreude auch, und das
-irdische Glück in seiner reinen Form, die ganze menschliche Gesittung,
-die in den Besten der Gegenwart Ausdruck findet, all das ist ein Werk
-des Christentums. Der Christ haßt das Laster, die Verworfenheit als
-den bösen Feind, aber den Menschen als solchen, sei er wer immer, den
-haßt er nie. -- Nein, lieber Philippus, der Josue ist ein fleißiger
-Arbeiter, ein braver Mensch, so viel ich weiß, der niemandem etwas
-Böses tut, den wollen wir nicht verjagen. Wollt Ihr ihm schon zeigen,
-daß der Christ höher stehen kann, als etwa der Heide, so geht hin und
-schenkt ihm einen Beutel mit Geld für seine armen Kinder.«
-
-Sehr erbost verließ der Mann den Priester, die Treppe herab noch
-wiederholt das Wort »Pfaffe!« murmelnd. Wußte er doch, daß in den alten
-Schriften, die er besaß, ganz anderes zu lesen stand. Die Zauberer, die
-Hussiten, die Juden, die Lutherischen verbrannt auf dem Scheiterhaufen!
-Das waren noch schöne, gottwohlgefällige Zeiten.
-
-Unterwegs mußte Philippus an dem Eisenwerke vorbei; auf der Brücke des
-Hammerbaches begegnete er dem Karrner Josue mit der Kohlenladung.
-Mit heftigem Stoße prallte er an ihn, so daß der Karrner über die
-geländerlose Brücke in den Bach stürzte. Dann eilte er leicht wie auf
-Flügeln davon und rieb sich die Hände und ein Wohlgefühl war in ihm,
-wie er es noch nicht oft genossen hatte.
-
-Aber am dritten Tage, als er das Begräbnis des ertrunkenen Josue
-erwartete, ward Philippus zum Richter gerufen und dort stand der
-Karrner lebendig und ganz wieder trocken. Der Josue klagte ihn an.
-Philippus verteidigte sich: Natürlich war es nicht absichtlich,
-sondern ganz zufällig geschehen, daß er auf der Brücke an den Karrner
-gestrichen, der mit seiner ungebührlich breiten Fuhr die ganze Brücke
-eingenommen; der Karrner sei aber ein so maßlos boshafter Mensch,
-daß er absichtlich in das seichte Wasser gesprungen sein müsse, um
-nachträglich zu behaupten, er wäre hinabgestoßen worden. Nicht allein,
-daß er, Philippus, vollkommen frei von Schuld sei, verlange er auch
-eine Züchtigung dieser niederträchtigen Kreatur.
-
-Der Richter war aber von der eigentlichen Gesinnung Philipps so
-überzeugt, daß er ihn auf drei Wochen in den Kerker führen ließ wegen
-mutwilliger Gefährdung des Lebens eines anderen.
-
-Das ist dem Philippus, genannt Philipp in der Lacken, passiert. Nun
-kann man sich denken, daß sein Haß und seine Rachgier im kühlen,
-feuchten Aufbewahrungsorte nicht verkümmerten, und in der Tat, als er
-wieder an das Sonnenlicht kam, war er abgemagert bis zum Gerippe und
-sein langes schwarzes Haar und sein langer roter Bart war wirr und wüst
-und stellenweise schimmelig. Das Fasten und das harte Lager konnten ihn
-nicht so heruntergebracht haben, denn derlei Bußübungen waren ihm nicht
-fremd, aber der Haß! Der Haß, dieses Ungetüm, hatte, als es an fremden
-Körpern nichts zu beißen fand, sich gegen den eigenen gekehrt und in
-ihm unbarmherzig genagt und gewütet. Philippus zog sich zurück auf
-seinen Hof in der Lacken und ließ sich lange nicht mehr sehen. Er las
-in seinen alten Schriften, und weil das »Vaterunser« ihm viel zu matt
-und weich schien, so erfand er sich für seine Person ein eigenes Gebet,
-das er an jedem Morgen und an jedem Abende mit größter Inbrunst sprach.
-Das Gebet war voller Kraft und Glut, es lautete:
-
-»Herrgott, Allmächtiger im Himmel! Strafe die Unchristen und die
-Fremdlinge und die Kinder der Welt und alle meine Widersacher. Strafe
-meine Feinde. Zermalme sie mit Deiner Faust, zertritt sie mit Deinem
-Fuß, daß das Eingeweide fahr' aus ihrem verfluchten Leibe. Ich bete
-Dich an, o heiliger Rächer! Lichter aus reinem Wachse sollen brennen
-vor Deinem Tabernakel! Laß Dein rosenfarbiges Blut nicht umsonst
-geflossen sein für mich, töte meine Feinde! Gib, daß sie erblinden im
-Walde und in den Abgrund stürzen! Sende Deinen Blitz an die Tore ihrer
-Häuser, daß sie den Ausweg nicht finden und im Feuer umkommen! In ihr
-Trinkwasser gieße die Pest! Rufe die Kriegsheere der Erde, daß sie
-metzelnd Dein Reich befreien von dem Unzücht! Herrgott, mich, Deinen
-treuen Diener, lasse nicht zu Schanden werden. Amen.«
-
-Also war die Andacht Philipps, aber es war ihm leichter, nur solange er
-betete; denn es geschah nichts von allem, was er flehte, seine Wut war
-nichts als die Waffe des Ohnmächtigen.
-
-Seine Verwandten, sein Gesinde sah, wie Philippus immer finsterer
-ward, aber sie wagten nichts, um ihn fröhlicher zu machen. Im Hofe auf
-dem Teich hörte man kein Jauchzen und keinen Gesang und kein Lachen.
-Nahe dem Lackenhofe, am Ufer der Insel stand ein alter Eichbaum, der
-weitum den Platz und das Wasser überschattete und eine Dämmerung
-legte auf den Rasen. In dieser Dämmerung stand ein altes Kreuz.
-Dieses Kreuz hatte neun Querbalken, es ragte hoch zum Geäste auf.
-Es war vor Zeiten draußen in dem großen Walde gestanden, der unter
-dem Namen der Kürlingerwald im ganzen Lande berüchtigt ist. Es hatte
-nämlich in ihm vor Jahren eine Räuberbande ihr Unwesen getrieben,
-Reisende ermordet und war oft hervorgebrochen, um Meierhöfe und ganze
-Schlösser auszuplündern. Eines Tages wurde in dem Kürlingerwalde ein
-durchfahrender Hochzeitszug, bestehend aus neun Personen, ermordet.
-Der Räuberhauptmann wollte die Braut entführen, der Bräutigam schoß
-ihn nieder, worauf sich ein Gemetzel entspann, dem der ganze Festzug
-unterlegen war. Zum Gedächtnisse hatte man das neunbalkige Kreuz
-aufgestellt. Später, als der größte Teil des Waldes der Axt zum Opfer
-gefallen war und das hohe Kreuz herren- und schattenlos auf dem Riede
-stand, nahm der Philippus davon Besitz, führte es in seinen Hof,
-stellte es dort auf unter dem Eichbaum und verehrte es ob der blutigen
-Tat, deren Erinnerung daran geknüpft war.
-
-Unweit des Teiches standen mehrere Meierhöfe, die dem Philippus zu
-eigen waren, und zu denen sein Gesinde täglich auf großen flachen
-Kähnen über das Wasser fuhr. Auch Getreide, Heu, Holz und andere Dinge
-wurden mit solchen Kähnen über den Teich in den Wohnsitz geschafft. Der
-Teich hatte dort, wo die Schleuse das Wasser hereinließ, eine lange
-Zunge in das Gelände hin. Als Philippus eines Tages unter dem Eichbaum
-vor dem Kreuze kniete, fiel sein Blick auf diesen Kanal hinaus und
-sah, wie dort zwischen Erlen und Silberweiden zwei Knaben standen und
-mit kurzen Stäben Fische angelten. Dem frommen Manne blieb das Gebet
-im Munde stecken, er erhob sich langsam und strengte seine Augen an,
-daß er die Fischdiebe erkenne. Er erkannte sie, es waren die Söhne
-des Karrners Josue, die er beim Vorübergehen an ihrer Hütte schon oft
-mit den Augen gespießt hatte. Ein heißes Lustgefühl stieg in ihm auf,
-eilig holte er vom Hause einen Feuerhaken und einen Strick, damit
-ging er zum Landungsplatz und ruderte auf einem Kahne hinaus. Aber
-die entgegengesetzte Richtung, er wollte dann hinter den Uferbüschen
-die Knaben anschleichen, sie an sich reißen, binden und in den Hof
-schleppen, um sie zu strafen, das heißt, den Haß zu befriedigen, der
-in ihm gegen den Karrner mit gesteigerter Heftigkeit brannte. Als er
-jedoch an die Stelle kam, waren die Kinder nicht mehr dort. Tiefen
-Mißmutes voll kehrte er zurück auf den Hof und gab seinen Knechten den
-Auftrag, wenn ihnen von den diebischen Karrnerleuten eines unter die
-Hände käme, dasselbe ihm zu überliefern, ob lebendig oder tot, der Lohn
-sei zwölf Silbertaler und ein mit Silber beschlagenes Gebetbuch.
-
-Da war es eines Abends im Erntemonat. Den ganzen Tag über hatten die
-Kähne verkehrt zwischen den Meierhöfen und dem Wohnsitze im Teiche.
-Es gab schwere Garbentrachten und Philippus freute sich. Es war ein
-Hagelwetter niedergegangen in der Gegend, er freute sich, daß der
-Himmel seine Felder verschont hatte, aber noch mehr freute er sich, daß
-er die seiner Nachbarn verheert hatte. Und diesem Freudentag folgte ein
-würdiger Abend. Mit der letzten Garbenfuhr brachten drei Knechte einen
-Mann mit, der auf den Garben ausgestreckt lag und um Erbarmen wimmerte.
-Er war mit Strohwinden an Händen und Füßen gebunden, es war der Karrner
-Josue.
-
-Als Philippus gehört hatte, welch ein werter Gast angefahren gekommen
-wäre, stellte er sich, die Hände in den Taschen des Beinkleides
-und mit ausgestemmten Füßen ans Ufer und sah mit Behagen zu, wie
-die Knechte den Gefangenen zu Häupten und zu Füßen packten, um ihn
-abzuladen. Mit einer Schwenkung des Kopfes deutete er gegen den
-Eichbaum hin, sie taten nach Befehl und vor dem Kreuze warfen sie den
-Karrner zu Boden.
-
-»Herr und Vater!« so begann nun einer der Knechte zu berichten. »Wir
-haben ihn ertappt. Des Meierhofes Haushahn hatte er gestohlen und
-getötet und verzehrt. Wir haben den armen, lieben, schönen Vogel seit
-dem Morgen nicht mehr gesehen. Aber am Nachmittage haben wir Federn
-gefunden hinten im Schachen, und nicht weit davon den Karrner, der eine
-solche Feder auf dem Hute getragen. Er wollte vorüberhuschen, aber
-wir haben ihn abgefangen, er hat geleugnet, aber wir haben ihm nicht
-geglaubt. Wir haben den Dieb und Mörder des unschuldigen Tieres zu dir
-gebracht.«
-
-»Einer bekommt nur vier, weil euer drei sind,« sagte Philippus zu den
-Knechten, »das Gebetbuch sollt ihr abwechselnd benutzen. Bleibt nur
-da. Wir haben heute einen Feierabend. Nachher werden wir Wein trinken.
-Zuerst müssen wir eine Abendandacht halten und dem Herrgott ein Opfer
-darbringen vor dem Kreuze.«
-
-Diese Worte waren in einer so seltsamen Weise gesprochen, daß die
-Leute einander mit Befremdung ins Gesicht schauten. Philippus, ohne
-den Gefesselten, der auf dem Rasen sich wand, zu beachten, kniete hin
-vor das Kreuz, streckte die beiden Arme gegen Himmel und hub an, so zu
-beten: »Gerechter Gott, ich danke Dir, Du hast mich erhört. Du hast
-meinen Feind gelegt in die Gewalt meiner Hände. Dein ist die Rache,
-und nach Deinem Willen will ich meine Feinde lieben. Ich töte ihn
-nicht aus Rache. Ich liebe meinen Feind und werde ihn küssen, ehe er
-geopfert wird. Herrgott! Du bist nicht der Judengott, der das Opfer
-Abrahams verschmäht hat, Du bist der Christengott, der das blutige
-Opfer seines eingeborenen Sohnes angenommen hat zur Versöhnung. Ich bin
-nicht der hoffärtige Pharisäer, der an Deinem Altar steht, ich bin der
-demütige Zöllner, der sein Angesicht verhüllt und betet: Herr, ich habe
-gesündigt. Nimm für alle meine Sünden dieses Opfer und verzeihe mir
-und gib mir ein langes Leben und eine glückselige Sterbestunde und die
-ewige Seligkeit. Amen.«
-
-Mittlerweile war es dämmernd geworden. Am Himmel lag eine rauchbraune
-Wolkenschicht, nur am Gesichtskreise gegen Sonnenuntergang war ein
-glühendroter Streifen schnurgerade hingezogen, wie ein Spalt zwischen
-Wolken und Erde, durch die das Abendrot hereinleuchtete. Vom Hause
-hatte sich bald alles Gesinde versammelt um den Eichbaum und manchem
-begann unheimlich zu werden.
-
-»Mein lieber Mitbruder im Herrn,« so redete Philippus nun den Karrner
-an. »Heute finden wir uns vor einem anderen Richterstuhle, als dazumal.
-Ich hege keinen Groll gegen dich, und fordere dich auf, deine Sünden zu
-bereuen.«
-
-»Herr Philippus, ich weiß nichts von dem Hahn!« entgegnete der Karrner,
-seine Stimme war heiser; »ich habe ihn nicht gestohlen. Ich bin auf
-einem Botengange zum Schmied in Siebenbrücken nur vorbeigegangen an dem
-Meierhofe. Sie haben mir die Federn gezeigt, ich sagte aber, das sind
-keine Hahnenfedern, das sind Geierfedern, wovon ich eine auf den Hut
-gesteckt, und ich weiß nichts vom Hahn!«
-
-Philippus streichelte mit seinen knochigen Händen sich den langen roten
-Bart. Dann sagte er zum Gefangenen: »Du zwingst mich auch noch, daß
-ich dich als Lügner strafe. Du weißt es wohl noch nicht, wie meine
-ehrwürdigen Vorfahren den Lügner gerichtet haben? Du sollst es sogleich
-erfahren. -- Junge!« so wandte er sich an einen halberwachsenen
-Burschen, »gehe in meine Stube und hole die gelbe Tasche heraus.«
-
-Die Verblüffung der Anwesenden wuchs. In früheren Jahren war Philippus
-ein beliebter Metzger gewesen. Hatte es in der Nachbarschaft und selbst
-weiter um im Tal etwas zu schlachten gegeben, so wurde Philippus dazu
-gebeten; dieser Mann warf mit einigen Schlägen jeden Ochsen hin, und
-das Schwein war auf seinen wohlgezielten Stoß augenblicklich tot. Als
-aber Philippus später bei zunehmendem Alter und bei gesteigertem Grolle
-gegen alles anfing, sich an den Qualen der Tiere zu ergötzen, machte
-er die Sache umständlicher und richtete es manchmal so ein, daß das
-Opfer noch zuckte, wenn er ihm die Eingeweide herausriß. Da meinten die
-Leute, er solle daheimbleiben auf seinem Lackenhof, sie wollten ihre
-Metzgerei schon selbst besorgen. Also mußte er sich begnügen mit den
-Freuden, die das Metzgern in seinem eigenen Hause bot. In der gelben
-Ledertasche, um die der Junge jetzt geschickt worden war, befanden sich
-die Schlachtwerkzeuge.
-
-Weil es nun dunkel geworden war, ließ Philippus zwei Fackeln anzünden,
-deren Träger zur rechten und zur linken Seite des Kreuzes stehen
-mußten. Der schwarze Pechrauch qualmte empor. Philippus öffnete die
-Tasche, er tat es langsam, mit feierlicher Gebärde, doch das leise
-Zittern seiner Hand verriet eine innere Leidenschaft. Das erste, was
-er hervorzog, war ein Schlagbeil; dann kam ein Eisenring mit scharfen
-Kanten, hernach ein langes scharfes Messer. Der Gefesselte begann beim
-Anblick dieser Dinge zu beben, die Zuschauer wurden blaß vor Entsetzen.
-In den Mienen des Philippus war ein unheimliches Zucken, in seinen
-grünlichen Äuglein ein grauenhaftes Leuchten. Der Oberknecht flüsterte
-zu seinem Kameraden: »Er ist wahnsinnig geworden!« Zögernd trat der
-Knecht zu Philippus vor, berührte ihn ein wenig am Arm und sagte leise:
-»Herr Vater! Wäre das so gemeint? Peitschen, wenn Ihr wollt, aber so
-nicht. So nicht. Es ist ja nur ein Hahn gewesen, ein altes wertloses
-Tier. Wir führen ihn zum Gericht, wenn Ihr wollt. Dort sollen sie den
-Dieb bestrafen.«
-
-Philippus bäumte sich langsam empor. »Was geht das dich an!« sagte er
-dumpf und rauh. »Richtet ihn auf!«
-
-Nach diesen Worten ergriff er mit beiden Händen das Beil. In demselben
-Augenblicke krähte ein Hahn.
-
-»Das ist er! Er ist es!« rief alles untereinander und deutete auf einen
-Söller hin. »Er ist nicht gestohlen worden, da oben sitzt er!«
-
-»Es muß ein anderer sein!« sagte Philippus.
-
-»Nein, nein, es ist der vom Meierhof. Mit einer Garbenfuhr muß er
-herübergekommen sein auf die Insel. Es ist unser Hahn, wir kennen seine
-Stimme und der Karrner ist unschuldig!«
-
-»Und sterben muß er doch!« sprach Philippus, mit gehobenem Beile dem
-Hingestreckten nahend. Jene drei Knechte, die den Karrner gebracht
-hatten, rissen den Wütenden nach rückwärts. Wütend, rasend wehrte
-er sich vor seinen eigenen Knechten. Es half nichts, sie warfen
-ihn zu Boden und entwanden ihm die Waffe. Der Jungknecht erfaßte
-das Schlachtmesser, schnitt an dem Josue die Strohwinden entzwei,
-führte den also Befreiten eilig zum Ufer hinab, machte den zur Stelle
-stehenden Kahn frei, und nun glitt der Karrner hinaus -- gerettet.
-
-Philippus riß sich mit gewaltigem Grimme von den Armen seiner Knechte
-los und sprang zum Ufer hinab: »Sterben muß er!«
-
-Aufrecht wie er war, lief er ins Wasser hinein, der schwarzen Masse
-des Fahrzeuges nach, das eben vom Ufer abgestoßen hatte. Der Karrner
-sah noch die Gestalt des Verfolgers und in dessen Hand das Blinken
-des Messers, er sah, wie die Gestalt mit jedem Schritte, den sie
-nach vorwärts tat, tiefer ins Wasser sank, bis endlich nur mehr das
-dunkelbemähnte Haupt über demselben war. Aber dieses dunkle Haupt glitt
-heran und rasch heran, so sehr der des Ruderns unkundige Karrner auch
-die Schaufel einsetzte und vorwärts strebte. Er hörte das schnaufende
-Fluchen des Verfolgers, er sah, wie manchmal neben dem Haupt aus dem
-Wasser ein Arm sich hob mit dem Messer. Der Mann schwamm nicht, das
-war zu merken, er hatte noch Grund unter den Füßen. Also floh das
-Fahrzeug vor der schwarzen Kugel, die auf der Oberfläche des Wassers
-nachzurollen schien. Der Karrner dachte an sein Weib, an seine Kinder,
-er rief die Mutter Gottes an um Hilfe in solcher Not, mit aller Macht
-die Fluten schlagend. Und siehe, der dunkle Punkt des Hauptes tauchte
-tiefer und tiefer hinab -- noch ein Sprudeln und Gurgeln des Wassers,
-dann war der Verfolger verschwunden.
-
-Der Karrner erreichte das andere Ufer, sprang aus und lief davon, neu
-dem Leben wieder geschenkt.
-
-Die Nacht währte lange. Im Lackenhof war keine Ruhe. Als es Morgen ward
-und der Hahn krähte, suchten sie nach dem Hausherrn. Man fand ihn nicht
-auf der Insel und nicht drüben im Meierhofe. Die Sonne stand schon
-hoch, als er unten, wo der Teich in einem Bächlein abfloß, ausgestoßen
-wurde. Das lange schwarze Haar voller Schlamm, der lange rote Bart
-voller Schlamm und Schaum, in verglasten Auge keine Glut mehr -- der
-Haß war erloschen mit dem Leben.
-
-Das ist die Geschichte von Philippus dem Hasser, wie sie mir unter den
-anderen höchst unwahrscheinlichen Geschichten auf fremden Straßen der
-wandernden Seele begegnet ist. Warum sie erzählt worden? Aus Vorwitz
-nicht, aus Lust zum Fabulieren nicht. Auf ihrer Stirn deutlich zu lesen
-steht der Grund. Sie ist erzählt worden dem häßlichen Hasse zu Trotz
-und der lieben Liebe zu Liebe.
-
-
-
-
-Das Weihnachtsfeuilleton.
-
-
-»Die alten Germanen feierten zur Wintersonnenwende aus Anlaß der Umkehr
-des feurigen Sonnenrades -- angelsächsisch: ~hveol~, altnordisch:
-~hiol~ oder ~jule~ -- das Julfest, und zwar in der Zeit vom 25.
-Dezember bis zum 6. Jänner, als an welchen Tagen Wuotan und Berchta in
-den nordischen --«
-
-»Was schreiben Sie denn da, Doktor?« unterbrach der Chefredakteur und
-Eigentümer einer Provinzialzeitung seinen jungen Journalisten.
-
-»Nun, das Weihnachts-Feuilleton, welches Sie mir erst gestern auferlegt
-haben, als ob wir nicht den ganzen Dezember über mit Bestimmtheit
-darauf hätten rechnen können, daß sich auch dies Jahr die Weihnachten
-präzise wie immer einstellen würden.«
-
-»Ich rechnete aber auch mit Bestimmtheit darauf, daß irgendein Blatt
-zur Vorfeier einen Artikel bringen würde, den wir hätten benutzen
-können. -- Machen Sie sich übrigens nicht die Mühe, das Ding
-abzuschreiben, geben Sie offen den Band des Konversations-Lexikons mit
-dem Artikel ›Weihnachten‹ in die Druckerei.«
-
-»Gut,« sagte der junge Journalist, schnellte den Band über den
-Bücherhaufen hin und geflissentlich auf die Photographie eines
-reizenden Mädchenkopfes, daß solche den Augen des Alten verborgen sei.
-»Gut, so werde ich einen Aufsatz über Weihnachtsgebräuche in den Alpen
-schreiben, von der Christmette, dem Krippel, den alten Hirtenliedern,
-von den zwölf Nächten, von dem Dreikönigssingen, von dem --«
-
-»Lassen Sie das, es ist leergedroschenes Stroh, es fällt auch nicht ein
-Körnchen mehr heraus,« sagte der Chefredakteur.
-
-»Also Weihnachten in der Großstadt, oder Weihnachten auf dem Meere oder
-in Rom, oder irgendwo, oder Weihnachten der Armen, oder auch Weihnacht
-eines alten Junggesellen, der --«
-
-»Alles abgebraucht, lieber Freund. Sie sind zu den Zeitungsschreibern
-gegangen und haben keine Phantasie,« rief der Chef und ging
-mit verschränkten Armen rasch im Zimmer auf und ab. »Weihnacht
-ist ein Familienfest, da wollen die Leute etwas Gemütliches,
-Idyllisch-Heiteres, Naives haben, oder Rührsames, Erbauliches -- irgend
-ein Festglockenläuten.«
-
-Er blieb plötzlich vor dem jungen Doktor stehen, als ob ihm eine Idee
-gekommen wäre. »Schreiben Sie etwas über Menschenliebe!«
-
-Der andere lachte auf.
-
-»Gibt es denn da etwas zu lachen?«
-
-»Nein, wahrhaftig nicht,« versetzte der Doktor. »Ich werde schreiben.
-Schreiben über die Liebe, die Gottes Sohn auf die Erde gebracht hat
-und die seither unter den Menschen waltet. Nämlich einen ganzen Tag
-im Jahre. Denken Sie sich ein Christfest, das +zwei+ Tage dauern
-würde. Wie fatal! Drei Tage, das wäre schon unmöglich. An die Gaben
-und Liebesbezeigungen des Weihnachtsabends knüpft man rasch die
-Unzufriedenheit, die Mißgunst und Falschheit für die nächsten 364 Tage.«
-
-»Vergessen Sie nicht, daß es auch Schaltjahre gibt,« bemerkte der alte
-Chef launig.
-
-»Mit Ausnahme des einen Tages, des Christtages, wird jedes immerhin
-noch ein sehr gemeines Jahr sein,« gab der Doktor zurück. »Das
-Weihnachtsfest ist der Tag, an dem die Menschheit bei sich selbst
-den Etikettebesuch macht. Das Weihnachtsfest ist der einzige Tag, an
-welchem Geben seliger ist als Nehmen, weil der Geber auf eine größere
-Gegengabe rechnet. Die religiöse Weihe, als den Goldstaub dieses
-Festes, hat eine windige Volksaufklärerei längst weggeblasen -- und so
-ist die moderne Gesellschaft jener unselige Vogel des Märchens, der
-sich mit raublustigem Schnabel das eigene Herz aus dem Busen hackt. Die
-Kinder selbst werden an diesem Tage das erstemal zu Heuchlern und lügen
-einen Glauben an das erscheinende Christkind, »damit es recht viel
-bringe«. Was bleibt an Poesie noch übrig? Der gestohlene Tannenbaum mit
-dem Flitter?«
-
-Der Chef blickte den jungen Mann, der, regungslos im Sessel lehnend,
-halb geschlossenen Auges solche Worte vor sich hingestoßen hatte, mit
-Teilnahme an und sagte: »So habe ich Sie bisher nicht gekannt, Doktor!
-Das ist nicht mehr derselbe Bursche, den ich vor ein paar Jahren bei
-einem Studentenkommers die von lebensfreudigstem Idealismus getragene
-Rede halten hörte!«
-
-»Ach, gehen Sie mir mit diesem Studenten-Idealismus! Lebensfreudig, ja,
-solange es Geld und Bier gibt. Der wahrhaft edle Pathos für Freiheit,
-Brüderlichkeit und Nationalität schrumpft im Kampfe um die persönliche
-Existenz oder im bald sich einstellenden Haschen nach Geld und Würden
-armselig zusammen. Das Ideal von der Freiheit, es ist himmlisch groß
-und soll im Vereine mit der Liebe ja noch die Welt erlösen; aber in
-den Köpfen und Händen unerfahrener, verführter, leidenschaftlicher
-Menschen wird es so leicht zur Empörung gegen Obrigkeit und Gesetz.
-Der Weg der freien Selbstbestimmung ist schmal. Wie edel ist es, sein
-Ich zu kräftigen und zu vervollkommnen, und wie niederträchtig ist
-der Egoismus! Wie groß ist die Vaterlandsliebe und wie gefährlich das
-aufgehetzte Nationalgefühl! Dieses Nationalgefühl gießt Bleikugeln.
-Sonst hieß es: Die Fürsten machen Kriege. Heute macht sie das Volk;
-in den Zeitungen steht's zu lesen, in den Vereinen wird's gelehrt, im
-Parlament wird's besiegelt.«
-
-»Das ist alles wahr,« entgegnete der Chefredakteur, »doch vergessen Sie
-nur auch in langen Winternächten nicht, daß auf unserer Erde die Sonne
-nicht untergeht.«
-
-»Auch die Kirchenglocken,« fuhr der Doktor fort, »versprechen in
-diesen Tagen den Menschen auf Erden Frieden. Am nächsten Tag, als
-am Stephanitag, wissen sie schon anderes, zu Ehren des Erzmärtyrers
-rufen sie die Gläubigen zum unversöhnlichen Kampf gegen alle
-Andersglaubenden.«
-
-»Lieber Freund,« unterbrach der Chef den Sprecher, »Sie sind krank,
-Sie denken krank, Sie sprechen, als ob Sie Hunger hätten. Nur Geduld!
-Abgesehen von dem Weihnachts-Feuilleton, das Sie in solcher Stimmung
-nie werden schreiben können, sind Sie recht verwendbar und habe ich
-auch die Absicht, von Neujahr ab Ihren Gehalt neuerdings zu erhöhen. --«
-
-»Sie würden es nicht tun, wenn Sie unter gegenwärtiger Ablöhnung meiner
-sicher wären.«
-
-Da trat eine Pause ein. Der Doktor schliff mit seinem Fingernagel die
-Federspitze glatt. Der Chef rieb die Augengläser rein, die auf seiner
-Stirne angelaufen waren.
-
-»Sie sind heute herb, lieber Freund,« sagte er endlich. »Sie müssen
-etwas Kratzendes auf der Seele haben. Vielleicht sollten Sie heiraten.«
-
-Der Doktor richtete sich ein wenig auf und blickte den alten Herrn
-verwundert an. Es war eigentlich ein hübscher Kopf, den er hatte,
-dieser Doktor. In seiner Haltung, in seiner losen Haarfrisur, in seinem
-kecken Schnurrbärtchen lag noch etwas Studentisches, aber sein Auge
-war schwermütig. So jung er war, sah er doch schier aus, wie einer
-jener wenigen Zeitungsschreiber, die nicht bloß zu schwätzen, sondern
-auch etwas zu sagen wissen -- und zu sagen haben. Die Zeitung, der er
-gegenwärtig diente, war aber eine von denen, die fortwährend schwätzen,
-damit sie nichts sagen müssen. Darum hatte sie einen großen Leserkreis
-und darum hatte sie ihren Eigentümer zum reichen Manne gemacht.
-
-»Sie haben da eine Frage angeschlagen, die mich interessiert,« sagte
-nun der Doktor. »In der Tat, ich glaube, die Ursache, daß ich kein
-Weihnachts-Feuilleton schreiben kann, ist, weil ich das Weihnachtsfest
-nicht liebe, nicht empfinde -- weil mir dazu das wichtigste Ingrediens
-fehlt -- die Familie!«
-
-»Nun, das ist Ihre Sache,« versetzte der alte Herr ablenkend.
-
-»Die Sache beginnt man gewöhnlich mit einem jungen Mädchen,« sagte der
-Doktor.
-
-»Oder auch einer jungen Witwe,« setzte der Chef bei.
-
-»Angenommen, mit einem jungen Mädchen, das alle Eigenschaften hätte, um
-einen glücklichen Gatten zu machen und Kinder vortrefflich zu erziehen.
-Und dieses Mädchen käme dem hier fraglichen Mann, der zum Behufe des
-Weihnachtsfestes eine Familie zu gründen gedenkt, mit vielem Beifall
-entgegen, aber dieses Mädchen hätte unglückseligerweise einen sehr
-wohlhabenden Vater, der sein Töchterlein begreiflicherweise nur an
-einen wohlhabenden oder sonstwie hochstehenden Werber abtreten möchte,
-da haben Sie einen Konflikt, --«
-
-»Ist nicht originell genug,« unterbrach ihn der Chef. »Ein Feuilleton
-muß drastisch und prickelnd sein, nötigenfalls ein seltsames Geschehnis
-aus dem Leben erzählen, oder feinsinnig psychologische Eigenheiten,
-lächerliche Schwächen, rührende Vorzüge der Menschen wiedergeben.
-Die besten Feuilletons aber sind immer die, in welchen gar kein
-Inhalt ist -- wenn's nur der Leser nicht merkt. Ich will Ihnen
-übrigens einen Gedanken schenken. Sie schreiben daraus ein prächtiges
-Weihnachts-Feuilleton, können es auch ausschmücken nach Belieben, und
-dabei mögen Sie lernen, daß nicht alle Menschen eigennützig sind, wie
-Sie glauben und sagen: man gebe nur gern, damit einem noch mehr gegeben
-werde. -- Als ich vor fünfundzwanzig Jahren geheiratet hatte, war ich
-noch unbemittelt, mußte jeden Groschen ins Geschäft stecken, das damals
-in einer kleinen Schreibrequisitenhandlung bestand. Da konnte ich noch
-nicht viel für das Weihnachtsfest verwenden. Trotzdem stellten wir
-jungen Eheleute in unserer kleinen Wohnung ein Christbäumchen auf, wie
-es zur selben Zeit schon Sitte zu werden begann. Ich freute mich wie
-ein Kind, meine Frau mit einigen Geschenken zu überraschen, während
-sie für mich nichts haben sollte. Ich freute mich auf ihre Freude und
-ihre kleine Verlegenheit. Einige Tage vor dem Feste ging sie still,
-aber in sich aufgeregt im Hause umher, und als der Christbaum brannte,
-und die schönen Sachen vor ihr dalagen, sank sie an der Ecke des
-Zimmers zusammen und begann zu weinen. Das ganze Weihnachtsfest war ihr
-verdorben, +weil sie mich nicht beschenken+ konnte. Und das ist der
-Gedanke, den ich Ihnen zur Verfügung stelle.«
-
-»Ich sehe in dieser Erzählung nur den Egoismus des Mannes, der sich
-selbst den Spaß machen will und an anderen das Bedürfnis zu geben
-ignoriert.« So der Doktor.
-
-»Genau genommen haben Sie recht,« sagte der Chefredakteur. »Doch so
-spitzfindig muß man die Sache nicht nehmen, sonst löst sich das beste
-Herz in lauter Egoismus auf. -- Mein Gedanke, den ich Ihnen geschenkt
-habe, ist übrigens für den Weihnachtstisch zu mager. Sie müssen die
-Frau mindestens einen kleinen Diebstahl begehen lassen an der Kasse des
-Mannes, um ihn zu beschenken.«
-
-»Herr, Ihre eigene Frau!« rief der Doktor.
-
-»Von meiner Frau kann überhaupt nicht die Rede sein. Nehmen sie eine
-Frau Z oder X., nur nicht eine Frau Y., wenn ich bitten darf, denn
-dieser Buchstabe ist im Petit der Druckerei momentan nicht vorhanden.
-Das Diebstählchen sollen Sie aber nicht verschmähen, Sie bringen damit
-Leben und Spannung in die Sache.«
-
-»Herr,« sagte der Doktor, »versuchen wir's, trauen wir unseren Lesern
-einmal eine einfache, edle Empfindung zu. Ich lasse das Weib an der
-Ecke des Zimmers weinen, weil sie ihrem Gatten keine Weihnachtsfreude
-machen konnte. Nichts sonst. -- Das wirkt.«
-
-»Sehen Sie, da haben wir wieder den menschengläubigen Gesellen!«
-sagte der Chef munter. »So geht's mit unseren heutigen Burschen,
-schwarz-pessimistisch im Räsonieren und kindlich-optimistisch im
-innersten Empfinden. Nun, machen Sie's, wie Sie wollen, nur setzen Sie
-mir Ihren Namen dazu. Ihnen verzeiht man mehr als anderen.«
-
-»Es soll ein Feststück werden,« sagte der Doktor mit Lebhaftigkeit.
-»Vor allem ganz klar ist mir schon der Schlußsatz: Glücklich der Mann,
-der ein solches Weib sein Eigen nennt, und dreimal glücklich der,
-welcher einer solchen Mutter Tochter gewinnt!«
-
-»Will mir nicht gefallen. Gefällt mir nicht,« sagte der Chef, indem
-er sich anschickte, in seinen Biberpelz zu kommen. »Anklang an eine
-Liebesgeschichte! Paßt nicht für ein Familien-Feuilleton, das man zum
-Kaffee muß vorlesen können.«
-
-»Herr Chef,« sagte der Doktor und richtete sich endlich einmal von
-seinem Stuhle auf. »Es ist toll, was wir da reden. Ich habe Ihnen was
-anderes zu sagen. Sie halten so große Stücke auf die Uneigennützigkeit
-und Menschenliebe. Nun soll sich's zeigen. Es soll sich zeigen, ob
-ein Mann der guten Durchschnittssorte Geld und Titel wirklich höher
-achtet, als die Neigung und Wahl seiner einzigen Tochter, als das
-redliche Herz eines armen Teufels, der's auch einmal versucht, sein
-Anrecht an diesem schönen Leben zu erobern, der sich ein bescheidenes
-Haus gründen möchte als Zuflucht vor den hohlen Promessen und kompakten
-Torheiten einer zerfahrenen Welt. -- Hier!« Er warf die Bücher auf dem
-Tische auseinander. »Hier unter diesem vergilbten Menschenwitz, unter
-dieser staubigen Weltweisheit ist mein Schatz begraben. Hinweg, ihr
-gelehrten Lexika, hinweg ihr Humboldts und Darwins und auch du, alter
-Grimm -- wisset alles und wisset nicht, was die Liebe ist!« Er hob eine
-Photographie empor: »Kennen Sie das?«
-
-»Wie kommt dies Bild auf Ihren Schreibtisch?« fragte der alte Herr.
-
-Der Doktor legte es wieder hin, stellte sich schier herausfordernd vor
-seinen Chef und sagte leise: »Sie hat mir's selbst gegeben. -- Sie
-schweigen. Sie ahnen als braver Mann, was Sie tun sollen und suchen als
-schwacher Mensch Ausflüchte, es nicht zu tun. Ich weiß, Sie wunderten
-sich, daß Ihr sonst so frisches Töchterl seit einiger Zeit verschlossen
-und traurig ist. Weil es mutlos ist, sie kennt Ihre Absichten mit
-dem alten Hofrat. Ich bin nicht mehr mutlos, seit ich Ihnen offen
-gegenüberstehe -- ein Mann dem Manne -- und mit dem Rechte des Mannes
-von Ihnen meine Braut begehre!«
-
-Der Chef ließ den Pelz von der Achsel wieder auf das Sofa gleiten,
-stützte sich an die Tischecke und fast stöhnend antwortete er: »Doktor!
-Wie Sie mich doch jetzt erschreckt haben!«
-
-Dieser stand da, preßte die linke Faust an die Brust, die rechte Hand
-hielt er offen hin: »Herr! Sie kennen mich seit fünf Jahren, Sie
-wissen, was ich bin und wie ich bin -- geben Sie mir das Mädchen!«
-
-»Sie werden begreifen --« stotterte der alte Herr, und das ist in
-solchem Falle fast allemal eine schlimme Einleitung; doch er sagte nur:
-»Sie werden begreifen, daß ich jetzt -- in diesem Augenblicke -- nicht
-vermag, zu antworten. -- Kommen Sie doch morgen abends zu uns. Um sechs
-Uhr zünden wir den Christbaum an!«
-
-Nach diesen Worten machte er sich eilends davon.
-
-Der Doktor brach schier zusammen an seinem Tische, als wäre ihm weiß
-was Leides widerfahren. Ein Sturm von Küssen ging nieder auf das kleine
-Bild. -- Der Arme hatte schon lange nicht mehr geweint, nicht mehr
-weinen können; er hielt das Weinen nur für ein Vorrecht der Kinder, für
-eine Gnade der Glücklichen. Jetzt war auch er dieser Gnade teilhaft
-geworden. Was ihm das Christkind bescheren wird -- es ist leicht zu
-erraten.
-
-Und als er ruhig geworden war, machte er sich daran und schrieb das
-Weihnachts-Feuilleton über die Menschenliebe.
-
-Um solchen Preis hätte ich's auch getan.
-
-
-
-
-Wie ein steirischer Schullehrer die Schlußvorstellung des Burgtheaters
-besucht hat.
-
-
-Vor Jahren erhielt ich von meinem alten Freunde, dem Schullehrer zu
-Oberschachen, einen Schreibebrief, der sich auf ein öffentliches
-Ereignis in Wien bezog und vielleicht noch immer ein wenig innern
-dürfte.
-
-Der Brief lautet:
-
- »Lieber Freund!
-
- Du wirst Dich wundern, daß ich Deiner Einladung, mit Dir auf
- mehrere Tage ins Unterland zu der Weinlese zu reisen, nicht
- nachgekommen bin. Ich hatte mich wahrlich schon darauf gefreut;
- ein alter geplagter Schulmeister hätte der mehrfachen Labung
- wohl vonnöten gehabt. Aber das Pülverchen, welches ich mir im
- langen Jahr über für die Schulferien zusammengetan, sollte auf
- ganz andere Art verpufft werden. Es geschieht mir eigentlich
- recht, und Torheit muß eine große Sünde sein, weil sie immer
- bestraft wird.
-
- Du weißt, daß schon seit Wochen von der bevorstehenden
- Schließung des alten Burgtheaters in Wien die Rede war. Frau
- Muse muß ja auch einen Ringstraßenpalast haben. Die Schließung
- des alten Burgtheaters hat mir Herzeleid bereitet. O schöne
- Zeit, als mich, den armen Studenten, das Burgtheater zum
- Verschwender meiner irdischen Güter gemacht hatte! Meine
- väterliche Munifizenz hatte mir täglich für das Nachtmahl
- die Mittel auf ein paar Würste ausgeworfen: ich ging stets
- hochvergnügt ohne sie schlafen, um von dem Ersparnis mir am
- Sonntag meinen Galeriestand im Burgtheater zu erwerben. Wenn
- ich mich um zwei Uhr nachmittags am Tor anstellte, so hatte
- ich reichlich vier Stunden Zeit, um, das Buch in der Hand, die
- Schulgegenstände zu lernen oder zu wiederholen, was freilich
- mitten in dem Gedränge, das sich gegen Abend einstellte,
- einer gesteigerten Sammlung des Geistes bedurfte. Endlich
- knarrte das Tor, begann der kurze, aber rasende Wettlauf
- durch die dunklen Gänge, über die winkeligen Treppen; bald
- war ich festständig auf der vierten Galerie, und es begann
- die olympische Seligkeit. Wagner, Löwe, Beckmann, Anschütz,
- Rettich waren da, aber ich sah keinen Schauspieler, ich sah und
- hörte und fühlte nur die Gestalten der Dichter; für Schiller,
- Shakespeare, Calderon, Grillparzer usw. hegte ich eine geradezu
- religiöse Andacht. Diese Burgtheaterbesuche haben mich dazumal
- emporgehoben über meine Bettelstudenten-Existenz, ja mich
- sozusagen in die Region der größten Geister eingeführt. In der
- Welt habe ich's nicht so weit gebracht, als ich es zu bringen
- damals den Anschwung nahm, aber bei den Unsterblichen bin ich
- heute, nach mehr als vierzig Jahren, noch ein wenig heimisch.
-
- Als nun der Tag der Burgtheaterschließung näher und näher
- rückt, werde ich unruhig, und plötzlich ist der Entschluß da:
- Opferst dein für die Ferien bestimmtes Scherflein, reisest
- nach Wien zur letzten Vorstellung, damit du das alte Theater
- noch einmal siehst, welches das Glück und die Liebe deiner
- Jugend war. So bin ich am Donnerstag abends richtig in Wien.
- Mein erster Gang ist in die Vorstadt Landstraße; obzwar die
- alte Frau nicht mehr lebt, bei der ich einst meine Kammer
- gehabt, so wußte ich doch, daß Verwandte von ihr da seien,
- bei denen ich vielleicht ein billiges Nachtquartier erlangen
- konnte. Aber ich finde keine Verwandten, ich finde auch das
- Haus nicht, ich finde die Gasse nicht, und da sehe ich, daß der
- ganze alte Stadtteil dahin ist, und daß auf dem Platz lauter
- Paläste stehen. Anfangs erschrak ich, dann mußte ich lachen
- über mich selbst, der doch so oft von den Veränderungen gelesen
- und gehört, die in Wien vorgehen; weshalb hätte gerade das alte
- Haus in der Marxergasse auf mich warten sollen! Ich bin hierauf
- lange in der Stadt umhergestrichen und habe bei mir überlegt,
- ob ich es mit einem Hotel wagen dürfe oder nicht. Man hört
- halt immer von großer Teuerung, und ich weiß noch nicht, wie
- viel der morgige Tag kosten wird. Auch eine mögliche Erhöhung
- des Theaterkartenpreises dürfte mich nicht unvorbereitet
- finden. Endlich dachte ich, sicher wäre sicher und ging in
- ein Kaffeehaus, da hatte ich Jause, Nachtmahl und vielleicht
- auch Nachtquartier auf einmal. Man liest ja doch, daß in Wien
- Kaffeehäuser die ganze Nacht offen bleiben, also nimmt man
- eine Schale Mokka -- denke ich -- raucht seine Pfeife, liest
- Zeitungen, und so vergeht die Zeit. Vielleicht, daß man sich
- gegen Morgen ein wenig auf die Bank legt, um für den nächsten
- wichtigen Abend frisch und munter zu sein.
-
- Im Kaffeehause an einem Nebentisch höre ich einige Herren über
- die morgige Schlußvorstellung im Burgtheater sprechen. Da meint
- der eine, das Galeriepublikum dürfte sich morgen wohl schon
- zu Mittag anstellen müssen, um hinein zu kommen. Darauf sagte
- ein junger Mann, er habe gehört, daß sich schon im Laufe des
- Vormittags Leute anstellen würden, er selbst habe die Absicht,
- schon um acht Uhr beim Tore zu sein. Einen Tag könne man doch
- wohl opfern für diesen Abend, der nicht mehr wiederkehren
- wird. -- Sehr wahr! nickte mein Kopf, und ich komme dir doch
- zuvor. -- Mehrmals hatte ich schon auf eine der mit rotem
- Sammt überzogenen Bänke hingeschielt, wo ich mich später
- niederzulassen gedachte.
-
- Ungefähr bis ein Uhr mochte ich mich mühsam durchgeraucht,
- durchgelesen und durchgegähnt haben, da kommt der Kellner,
- oder wie sie ihn im Kaffeehause heißen, und bedeutet mir, daß
- das Haus gesperrt würde. »Ich weiß es,« sage ich, »darum bin
- ich eben da und will bei der letzten Vorstellung sein.« Das
- Kaffeehaus würde gesperrt, belehrte der Kellner, es sei die
- Polizeistunde. Mein Ansuchen, ob ich mich -- mit ausgezogenen
- Stiefeln natürlich -- wohl auf eine der Bänke hinlegen dürfte,
- wurde abschlägig beschieden. So zahlte ich meine kleine Sach'
- und ging. Ist ja auch kein Unglück; man nutzt Zeit und Weil,
- geht spazieren, beleuchtet ist's, man sieht immerhin etwas, und
- so wird die Nacht recht gut vergehen.
-
- O Herr und Freund! Die Nacht verging, aber wann! Man weiß es
- erst, wie lange der Mensch schläft, wenn man warten muß, bis
- er wach wird. Um vier Uhr beginnt freilich schon das Knarren
- der Wägen, aber man sieht auch, daß um diese Stunde noch immer
- Leute nach Hause gehen, bei denen die Nacht erst anhebt. In
- der Stadt kehrt man die Kappe nämlich um: für den Tag hat
- man schwere Fenstervorhänge, damit die Sonne nicht herein
- kann, um den Schlaf zu stören; für die Nacht erfindet man das
- elektrische Licht.
-
- Endlich und endlich wird es über den Hausdächern grau. Ich
- kaufe mir in einem Greißlerladen ein paar Knackwürste und ein
- Brotlaibchen und gehe nun damit langsam dem Burgtheater zu.
- Dort herum ist es noch fast ganz so wie einstmals; klein und
- unscheinbar steht es da und duckt sich unter das schützende
- Dach des Kaiserhauses. Ich finde mein Tor und stelle mich an.
- Es schlägt halb sieben. Jetzt wird's licht. Bis es wieder
- finster wird, ist der Einlaß. Ich bin sehr glücklich, nur kam
- mir, als ich so dastand, das Bedauern, daß ich den schwarzen
- Stadtrock angezogen hatte und nicht den Lodenmantel; das gab
- sich aber bald, um acht Uhr waren unser schon so viele, daß
- wir einander anwärmten, denn wir hatten einen geschlossenen
- Körper zu bilden, welchen neu Dazukommende nicht zu sprengen
- vermochten. Anfangs regte sich gegen jeden neu Anstehenden eine
- Art von feindlicher Gesinnung, denn er ist ein Konkurrent und
- wird den Kampf erschweren; allmählich macht man untereinander
- Bekanntschaft und plaudert über mancherlei. Die verschiedenen
- Passanten, die Burgwache, vorüberrollende Hofwägen geben Anlaß
- zu allerlei Unterhaltung. Das Hauptgespräch bildete an diesem
- Tage das Burgtheater. Alte Erinnerungen an seinen großen
- Gründer, den Kaiser Josef, an die Dichter, die in diesem Hause
- vorgeführt wurden, an die genialen Künstler, die da wirkten.
-
- Eine ganze Kulturgeschichte zog vorüber an dem geistigen Auge
- derer, die bei diesem unscheinbaren Tore standen. Und einer tat
- die Bemerkung, es gäbe in der großen Wienerstadt kein Haus,
- von dem so viel und so edler Idealismus ausgegangen sei für
- Stadt und Reich, als von diesen schlichten Mauern. Die Welt
- habe ihr Auge und ihr Herz hierher gewendet, und der Genius der
- Menschheit habe seinen Jüngern hier über ein Jahrhundert lang
- Stelldichein gegeben. -- Ein graubärtiger Alter wies auf den
- Glücksstern, der über dem Hause stets geleuchtet habe. Während
- andere Schauspielhäuser mit prunkendem Hochmut aufgerichtet
- wurden, die Kunst für den Tagesgeschmack herrichteten, um
- damit Geldgeschäfte zu treiben, und so geräuschvoll, wie sie
- entstanden, niedergebrochen waren, bewahrte dieses Haus in
- stiller Weihe seine ewigen Güter, und kein Unheil fand den Mut,
- an seine Pforten zu pochen. Selten endet ein Schauspielhaus
- eines natürlichen Todes; viele dieser Gebäude geben sich so
- leidenschaftlich mit Glanz, Glitzer, Blendwerk und buntem
- Schimmer ab, bis sie selbst endlich aufgehen in einem
- furchtbar herrlichen Feuerwerke. Das Burgtheater hütete seine
- Ampel treu, bis der neue Altar fertig war, auf den es sie
- hinstellen konnte, um dann selbst mit würdevoller Sicherheit
- eines edlen Greises zur Ruhe zu gehen. -- Ein Mensch, welcher
- nur der Hetze wegen dazustehen schien, weil er mit allem, was
- ringsum vorging, seine flachen Späße trieb, erklärte solche
- Bemerkungen für »Burgtheater-Phrasen«, während ich den Männern,
- die so gesprochen, hätte die Hand drücken mögen.
-
- Nachdem zu Mittag die Burgmusik uns die Zeit verkürzt hatte und
- abgezogen war, aß ich mein Mittagsbrot. Gegen Abend wurde mir
- von Stunde zu Stunde wärmer, und ich legte meine Hand an die
- Türschnalle, wendete kein Auge mehr von der Pforte, als müsse
- sie sich jeden Augenblick auftun.
-
- Mittlerweile war die Menge und das Gedränge der Wartenden
- gewaltig geworden, auch Frauen und Kinder darunter, die mit
- lauter Stimme manchmal alle Heiligen anriefen vor Angst,
- erdrückt zu werden. Ich wurde steinfest an das Tor gedrängt.
- Fünf Uhr war schon lange vorbei. -- Diese Stunde war die
- längste; wir nahten der sechsten, da knarrte das Tor und ging
- auf. Ich wurde nachgerade hineingestoßen. Und an der Kasse,
- da habe ich meine Geldbörse nicht! Ich suche im Rocksacke,
- im auswendigen, im inwendigen, im Beinkleid -- ich finde sie
- nicht! Und während ich noch suche und suche, werde ich zur
- Seite gedrängt, und alles, was hinter mir gewesen, rast an mir
- vorüber. Mir war schlecht bis zum Sterben. Nach der Polizei
- wollte ich rufen, aber ich brachte vor Entsetzen kein lautes
- Wort heraus. Nach einer Weile, als ich, den kalten Schweiß auf
- der Stirn, an der Wand lehnte, kam ich endlich so weit zu mir
- selbst, daß ich mit einiger Fassung meine Taschen neuerdings
- durchsuchen konnte, und da steckt die vermaledeite Geldtasche
- wohlverwahrt im Westensack, wo ich aus Besorgnis vor Verlust
- sie freilich selbst hingesteckt hatte. Aber was nutzt's, an der
- Kasse ist keine Karte mehr zu haben. Ich stehe mit gerungenen
- Händen: »Ein Platzel wird doch noch sein im ganzen Haus! Ich
- zahle dafür, was ich habe!« Dieses höllische Achselzucken von
- dem Manne! Ich vergesse es nimmer. Und ein Gefühl war in mir,
- als sei von diesem Augenblicke an mein Leben zwecklos. Wenn
- mir die Geldtasche wenigstens gestohlen worden wäre! Aber zum
- Unglücke auch noch das Bewußtsein der eigenen Dummheit, das war
- das allerschrecklichste.
-
- So stand ich jetzt in der dämmerigen Vorhalle, und drinnen
- spielten sie Goethes »Iphigenie«. Ich legte das Ohr an die
- Wand, ob denn nicht ein einziger Laut zu erhaschen wäre. Ach,
- die Glücklichen, die drinnen sind! Und die reichen Leute, wie
- gut haben sie es! Da fahren sie im letzten Augenblick an,
- setzen sich auf ihre bequemen Sessel, wo man alles aufs beste
- sieht und hört, und keiner denkt an den armen Schulmeister, der
- aus den fernen Bergen hergekommen, um unter Darben und Kümmern
- auch nur das bescheidenste Plätzchen zu erringen, und dem es
- trotzdem mißlungen war. -- Ich muß es wohl sagen, die hellen
- Tränen sind mir übers Gesicht geronnen.
-
- Ich bin aber nicht hinaus, sondern habe gewartet, daß
- vielleicht doch ein Wunder vom Himmel falle und mich
- hineinführe. Aber es fiel keines vom Himmel. Lange betrachtete
- ich die Stücke einer Holzbrüstung, welche die Hineinstürmenden
- zertrümmert hatten. Jetzt kann hier ja alles zertrümmert
- werden, sie brauchen nichts mehr. Diese Trümmer brauchen sie
- auch nicht. Es kam mir der Gedanke, ein Holzstück mitzunehmen,
- als Andenken an das alte Burgtheater. Ich könnte mir daraus
- ja Bilderrahmen oder dergleichen schnitzen. Gedacht, getan;
- als ich jedoch das Holz in der inneren Rocktasche bergen
- will, stehen zwei Wachleute da, um mich festzunehmen. Im
- ersten Augenblicke war ich fast gewillt, die Nacht über unter
- behördlichem Schutze zu bleiben, allein eine Stimme in mir
- sagte: »Nein, Franz, dich einsperren lassen! So darf das
- alte Burgtheater für dich nicht enden.« -- Ich gab daher der
- Wahrheit gemäß an, wer ich bin, weshalb ich hergekommen war
- und warum ich das Stück Holz mit mir nehmen wollte. Hierauf
- besprachen sie sich eine Weile, und ich begann schon zu hoffen,
- die Sache könne eine günstige Wendung nehmen. Aber es kam
- nichts weiter heraus, als daß ich fortgewiesen wurde und das
- Holztrumm mitnehmen durfte.
-
- Also nahm ich Abschied von dem Hause, zu welchem ich auf weitem
- Wege wie auf einer Wallfahrt hergekommen war. Habe Dank, du
- geliebtes Haus! Habe Dank, du geliebtes Haus! Anderes konnte
- ich nicht mehr denken. So taumelte ich auf die Gasse.
-
- Auf dem Kohlmarkt war noch ein Bildergeschäft offen. Um das
- Geld, welches für den Eintritt bestimmt gewesen, kaufte ich mir
- die Porträte von Shakespeare, Schiller und Lessing. Hierauf
- machte ich einen Spaziergang über den hell erleuchteten
- Ring. Als ich an das Gebäude kam, das sie von jetzt an das
- Burgtheater heißen werden, stand ich ein wenig still. Da ragte
- es vor mir, weiß und kalt. Was wird es nützen, wenn auch die
- großen Schauspieler mit den Klassikern hier einziehen, wenn
- die Zuschauer nicht mehr so gläubig sind als einst! Es soll
- herrlich sein in dem neuen Hause. Ich werde diese Pracht wohl
- niemalen sehen; ich bewahre mir nur die Erinnerung an das alte
- Burgtheater, wo die Begeisterung meiner Jugend gewesen.
-
- Auf der Wieden kehrte ich in einem Gasthofe ein; jetzt war
- gar keine Ursache mehr, so ängstlich zu sparen, morgen früh
- geht's heimwärts. Aber als morgen früh kam, war ich ein
- armer Mann geworden. Das Zimmer, dessen Preis im Vorhinein
- vereinbart worden, hätte mich noch nicht ruiniert, allein das
- Service, die Bougie und wie all diese schönen Dinge heißen,
- deren Sonderberechnung man sich in der ehrlichen deutschen
- Sprache nicht zu nennen getraut, haben mich wirtschaftlich
- herabgebracht; endlich das Stubenmädchen, das bei meinem
- Scheiden die hohle Hand herhielt, der Kellner, der die Hand
- herhielt, der Hausknecht, der die Hand herhielt und der
- Portier, der auch die Hand herhielt, haben mich selbst zum
- Bettler gemacht. Kaum konnte ich noch eine Eisenbahnkarte
- bis Mürzzuschlag erschwingen; in Neustadt als Frühstück und
- Mittagsmahl ein Paar Frankfurter gehörten so gut wie das
- Burgtheater bereits der idealen, mir unerreichbaren Welt an.
-
- Mich verdroß es nicht, 's ist einmal so der Welt Lauf. Nur
- gesund nach Hause kommen! Dann lese ich meine Dichter, und
- alles ist gut. Im Mürztale wußte ich einen befreundeten
- Amtsbruder, bei dem ich vorsprechen wollte und der mir schon
- aus der Not helfen würde mit einem Zehrpfennig für den Rest
- meiner Heimreise ~per pedes~. Damit mir aber mein Unstern
- bis zu Ende treu bleibe, mußte der Amtsbruder auf Ferien
- verreist sein. Jetzt war ich glücklich daran, daß ich in einem
- Bauernhause um einen warmen Löffel Suppe bat, der mir auch ohne
- weiteres geschenkt worden ist.
-
- Am vierten Tage meiner Reise, die weniger reich an Vergnügen,
- denn an Erfahrung war, bin ich nach Hause gekommen, um nun den
- übrigen Rest der Ferien in stiller Beschaulichkeit zuzubringen.
-
- So weißt du es, lieber Freund, wie es kam, daß ich mit dir
- nicht ins Weinland fuhr. Mein Mißgeschick habe ich verwunden
- und gestatte dir, daß du mich recht auslachen darfst. Wenn
- du einmal zu mir kommst, will ich dir die schönen Bilder von
- Shakespeare, Schiller und Lessing zeigen, zu denen ich aus
- dem Holze der Brüstung Rahmen geschnitzt habe, damit ich auch
- fürder mich freuen und erbauen kann an unseren Klassikern im
- Rahmen des Burgtheaters.«
-
-
-
-
-Das Bekenntnis eines Verurteilten.
-
-
-Im Staatsgefängnisse zu Sydney saß ein merkwürdiger Mann. Seine
-knochigen, sonnengebräunten Glieder waren nur zum geringsten Teile
-mit Lappen bedeckt. Sein Haupt war wirr umwuchert von Haar und Bart,
-zwischen welchen ein paar scharfe Augen glühten, wie die Lagerfeuer
-von Wilden im Busch. Der Mann war am Murrayflusse mit einer Meute von
-Wilden gefangen worden. Er schien ihr Häuptling gewesen zu sein, so
-wie er an Gestalt und Kraft seine Genossen überragte, einen längeren
-Wurfspieß und ein sorgfältiger geschmücktes Känguruhfell trug, als die
-übrigen. Er war auch der mutigste gewesen; alle anderen stoben vor dem
-ersten Schusse der Engländer auseinander, er trotzte und trachtete
-die Rotte zum Angriff zu führen. Aber diese suchte zu fliehen, was
-ihr mißlang. Der Häuptling wurde niedergeschlagen und gefangen. Er
-stieß brüllende Töne aus und biß wütend mit den Zähnen um sich; später
-jedoch, als er im festen Gewahrsam saß, stellte es sich heraus, daß er
-mit großer Geläufigkeit englisch, deutsch und französisch spreche.
-
-Man vermutete, daß er sich niemals zu Trotze gestellt hätte, sondern
-mit seinen Gefährten geflohen wäre, wenn er nicht gemeint haben würde,
-die Engländer führten mehr Gold als Pulver mit sich. Dann begann er zu
-rasen, sich und das Gold zu verfluchen, und als man d'ran ging, ihm den
-Prozeß zu machen -- denn es hatten sich seltsame Sachen herausgestellt
--- wurde er gefaßter und verlangte einen Priester. Man sandte ihm einen
-Pastor, den schickte er wieder zurück -- er sei ein geborener Irländer,
-also Katholik.
-
-Als der katholische Priester zu ihm in das Gefängnis trat, lag er
-ausgestreckt auf der Erde, verbarg sein Gesicht in das Ziegelpflaster
-und rief: »Kannst du es glauben, du einer von denen, die mich getauft
-haben: ein wildes Tier bin ich geworden!«
-
-Der Priester suchte ihn zu beruhigen, aufzurichten. Der Wilde grinste
-ihm in das Gesicht und schrie: »Stehe mir nicht so würdevoll da. Was,
-wenn +ich+ jetzt du wäre und +du+ das verdammte Menschentier, das ich
-bin?«
-
-»Komme zu Frieden,« sagte der Priester, »ich will die Würde des Dieners
-Gottes gerne ablegen, wenn sie dich blendet, ich will mit dir sein,
-wie ein Mensch mit Menschen. Du bist unglücklich, aber du gehörst zu
-uns. Bist du strafbar, so straft dich das Gesetz, nicht der Mensch,
-der bleibt bei dir und verläßt dich nicht in deiner größten Not und
-nicht in deiner letzten Stunde. Er bittet dich nur eins: Sei auch
-du menschlich und mache dein Herz auf, damit dein Bruder Frieden
-hineinlegen kann.«
-
-»Ich bin braun, nicht wahr?« fragte der Gefangene und wies auf seinen
-halbnackten Körper, »das hat die Sonne getan und der heiße Wind im
-Scrub. Und mein Herz, das du haben willst, ist nicht braun, das ist
-schwarz wie die schwimmende Hölle, die mich hergebracht hat; wer es
-schwarz gemacht, das sollst du hören. -- Ha ha«, lachte er grell. »Es
-soll aber noch einmal rot werden, bevor ich tot bin.«
-
-Der Priester setzte sich auf die steinerne Bank und sagte: »Damit du
-siehst, daß ich dir gut bin und vertraue, so schicke ich den Soldaten
-davon, der zu meinem Schutze dort an der Pforte steht.«
-
-»Das ist mutig, Sir,« versetzte der Gefangene. »Ich habe an den Händen
-keine Ketten und könnte dich erwürgen.«
-
-»Was würde dir das nützen?«
-
-»Was würde es mir schaden?« lachte der Wilde, »um einen mehr, das wiegt
-nicht viel, und es könnte sein, es ginge mir gerade noch nach einem
-katholischen Priester. Doch nein, lass' den Soldaten gehen oder stehen,
-ich pflege nur um Gold zu morden, aus Rache nie.«
-
-»Wie sollte ich, der ich dich heute das erstemal im Leben sehe, ein
-Gegenstand deiner Rache sein können?« fragte der Priester.
-
-»Du hast recht. Du bist als Mensch gekommen und nicht als Geistlicher.
-So kann ich dir nur sagen, daß ein Geistlicher die Kugel geschoben hat,
-die jetzt so grob geschlagen, so grob, daß ich aus Verzweiflung einen
-Schrei tun möchte, der die Welt könnt' erzittern machen. -- Nun, du
-sollst es hören.«
-
-Er erhob sich nicht vom Pflaster, die schweren Verletzungen bei seiner
-Gefangennahme hatten ihn körperlich entkräftet. Er kauerte da und
-redete.
-
-»Ich bin der Sohn eines Schäfers in Irland,« begann er, »meine Eltern
-waren fromme und sogar ehrliche Leute. Auch ich war beides und ich
-hatte einen phantasierenden Sinn, wie ihn die Hirten haben auf ihren
-stillen Weiden; dann war ich ehrgeizig und strebte dem Höchsten zu,
-was ein Hirtenjunge kennt, ich wollte Bischof werden. Von Gold und
-Edelgestein habe ich damals noch nicht viel gewußt, ich wollte nur
-Bischof werden. Der Pfarrer von unserer Gemeinde -- der gute alte
-Mann! -- der riet mir nicht dazu, er meinte, man könne als armer
-Hirte ebensogut selig werden, denn als Erzbischof. Aber mir wäre es
-doch als Erzbischof lieber gewesen. Der Pfarrer nimmt sich meiner an,
-und sein gutes Herz ist mein Unglück geworden. Er fängt an, mich zu
-unterrichten und schickt mich nach Dublin in eine geistliche Anstalt,
-wo ich kostenfrei aufgenommen werde. Ich studiere dort etliche Jahre,
-steige rasch aufwärts, und wenn es in solcher Art fortgegangen wäre,
-so könnte ich heute zum mindesten Erzpropst zu Cork oder Waterford
-sein. Da bringt mir eines Tages einer meiner Studiengenossen ein Werk
-von dem gottlosen Franzosendichter Voltaire. Kennst du den? Ich auch
-nicht, weiß nur, daß er gottlos war. Mein Kollege ermuntert mich, ich
-solle das Buch lesen, aber heimlich, denn es wäre verboten. Verboten?
-Das ist eine Empfehlung. Ich nehme das Buch mit zu Bette, bin aber
-schon bei der zweiten oder dritten Seite eingeschlafen. Am Morgen,
-als der Präfekt kommt, um zu wecken, findet er auf meiner Bettdecke
-den Voltaire. Er konfisziert ihn und konfisziert auch mich -- steckt
-mich auf vierundzwanzig Stunden in das Karzer. Im Karzer habe ich
-genügende Zeit nachzudenken, was denn in jenem Buche enthalten sein
-mochte, daß das Lesen desselben solche Strafen nach sich zieht. Meine
-Neugierde steigt von Stunde zu Stunde, und als ich wieder frei bin, ist
-mein Trachten, mich unbemerkt in die Präfektur zu schleichen und das
-konfiszierte Buch wieder zu erhaschen. Das gelingt mir. Ich verstecke
-mich an einen sicheren Ort, um ungestört der Lektüre nachhängen zu
-können; aber der Teufel hol' mich noch vor dem Denken, wenn ich daraus
-klug geworden bin! Nicht einmal den Titel dieses Buches habe ich mir
-behalten. Was ist das Ende? Ich werde auf meiner Heimlichkeit entdeckt
-und auf der Stelle relegiert. -- So, das war das erste Kapitel.«
-
-Wunderlich war's, wie das der Mensch halb in Grimm und halb in
-Selbstironie erzählte.
-
-»Mein Lebenslauf« so fuhr er dann fort, »ja, das wäre was für einen
-Voltaire oder einen andern Gottlosen -- wie sie sagen, gibt es heute
-deren genug -- zum Erzählen. Hundert Bände, wenn er wollt' -- mein
-Lebenslauf ist ja geschaffen, in Bänden zu sein. Du verstehst mich.
--- Ich habe mich wohl noch einmal an die Direktion des geistlichen
-Institutes gewandt, in Demut bittend um Wiederaufnahme. Vergebens,
-sie wurde mir versagt. Ausgeschlossen und verjagt. -- Nun, jetzt
-bin ich ein freier Mann in der großen Stadt Dublin. Ins Gebirge
-zurückkehren und meinen boshaften Landsleuten sagen: Ich habe wollen
-ein hochwürdiger Herr werden, aber sie haben mich verjagt und jetzt bin
-ich wieder da. -- Nicht um Altengland! So habe ich mich herumgetrieben,
-solange es ging, habe mich als Führer und Lastträger nützlich machen
-wollen, aber es war kein Erwerb. Ich war ein Gassenjunge mit zwanzig
-Jahren, aber viel unbeholfener und blöder als andere meinesgleichen.
-Ich habe den Gedanken gefaßt, in einer andern Stadt Aufnahme zu suchen,
-um meine Studien zu beenden, aber ich stand bereits zu tief, hatte
-nicht mehr den Mut. Ein Kleidungsstück ums andere habe ich verkauft, in
-Branntweinhöhlen habe ich gekartelt, und in einer Nacht hat mich die
-Polizei von der Gasse aufgehoben und in Gewahrsam gebracht. Im Arrest
-macht man interessante Bekanntschaften, nicht wahr? Nun, ich habe von
-ihnen profitiert; ich habe erfahren, wie sich der Taugenichts Geld
-erwirbt und wo die sichersten Spelunken sind. Als sie mich auf meine
-Beteuerung, ein arbeitsames Leben beginnen zu wollen, frei lassen,
-verlege ich mich sofort auf die Bauernfängerei. Dieses Geschäft gelingt
-mir besser als den anderen, denn ich kenne die Bauern. Anfangs treibe
-ich es zahm und begnüge mich mit einem Imbiß, führe sie in der Stadt
-eine Stunde herum an ein kaum fünf Minuten entferntes Ziel, um ein
-größeres Stück Geld verlangen zu können. Endlich gehe ich weiter und
-führe sie in die Spielhöhlen. Ich bin respektabler Falschspieler,
-finde aber meinen Meister und in einer Nacht verspiele ich Leib und
-Leben. Leib und Leben! Wir spielten darum. Ich hatte keinen Heller mehr
-in der Tasche, keinen Knopf mehr am Leib, der mir gehört hätte. »So
-gilt's um deine Haut und was dazu gehört!« sagte mein Gegenspieler.
-»Es gilt,« sagte ich. In einer Minute darauf gehöre ich ihm. »Jetzt
-habe ich das Recht, dich zu erdrosseln,« sagte mein Herr. »Das hast
-du,« antwortete ich. »Das wäre doch ein schlechtes Geschäft,« lachte
-er, »du bist ein schöner, junger Mann und hast ein Gesicht wie ein
-junger Heiliger -- dich verwerte ich besser. Wir reisen nach London,
-dort blüht unser Weizen und sollst nicht allein das Stroh davon haben.
-Zeigst du dich verwendbar, so wird es dein Schade nicht sein.« -- Es
-ist gut, denke ich, in London kann ich vielleicht meine theologischen
-Studien fortsetzen -- daraus siehst du, was ich für ein einfältiger
-Junge bin. Einfältig und verschmitzt! Wir fuhren dann über die See und
-von Liverpool nach London. Dort begann mein Ruhm. Vom Hehlerjungen
-zum Taschendieb, zum Einschleicher und Einbrecher ist für ein Talent
-kein langer Weg, ich übergehe die Heldentaten, sie sind dir und mir
-langweilig, sie sind tausendmal dieselben. Ich stieg auf meiner
-Stufenleiter so hoch, bis ich eines Tages Polizeibeamter der City
-war. In der Tat, ja! Es sind mir -- ich war stets der treue Diener
-meines mächtigen Herrn -- Papiere verschafft worden, mittelst welcher
-ich Priester der heiligen Themis wurde. Gewesene Wilderer sind ja die
-besten Jäger. Du kannst dir denken, welche Vorteile daraus unserer
-Sache erwuchsen. Es waren unser eine wohlorganisierte Bande von
-viertausend Köpfen, die meisten derselben trugen Seidenhüte, viele
-davon wurden von manchem ehrsamen Bürger Londons untertänig gegrüßt.
-Unsere Hauptverbündete war die Themse, sie verbarg unsere Toten. In
-den ersten Jahren, selbstverständlich vor meiner Polizeiperiode, saß
-ich ein paarmal kurze Zeit, später wohnte ich nur mehr als Gentleman,
-bezog ein anständiges Gehalt vom Staate, aber ein dreifach größeres
-von unserer Verbindung. Da kam ein Tag, und es war plötzlich aus. Ein
-Einbruch in den Tower, um eines unserer Häupter aus dem Gefängnis zu
-befreien, mißlang. Nun war es mein Amt, dasselbe auf diplomatischem
-Wege zu befreien; da durchbrach ein vermaledeiter Profoß das Gewebe,
-womit wir die Londoner Polizei so sinnig umsponnen hatten, ich war
-entlarvt und leider auch gleichzeitig gefangen. Ich war gefaßt
-auf zwanzig Jahre Kerker, aber England dachte seinem emeritierten
-Polizeibeamten eine Vergnügungsreise zu. England besitzt in Australien
-eine Sträflingskolonie -- also nach Australien.« -- Nach einer Weile,
-während sich der Erzähler zu sammeln schien und auf ein Kruzifix
-blickte, das an der Mauer hing, sagte er:
-
-»Morgen will Neu-Süd-Wales eine schöne Ausnahme vom britischen Gesetz
-machen und einen henken, weil seine Bande den Reisenden Ludwig
-Leichhardt umgebracht haben soll. Ich sage dir, Priester, ich habe
-dich nicht rufen lassen, daß ich mich vor dir verteidige, aber das
-wiederhole ich dir, wie ich es dem Gerichtshofe wiederholt habe, an dem
-Morde Leichhardt's bin ich so unschuldig, wie der Schächer am Kreuz an
-Christi Tod. Ich will nicht gehenkt sein, das ist etwas für gemeine
-Gäuche. Ich will, daß sie mir den Kopf abschlagen.«
-
-Er schwieg hierauf lange. Der Priester erlaubte ihm, fortzufahren.
-
-»Sehr gern,« versetzte der Gefangene, »wenn ich nur zerknirscht sein
-könnte! Ich fühle in mir nicht genug Reue, mir ist, als hätte es so
-sein müssen und lebe ich wieder, so handle ich vielleicht wieder so.
-Darum muß ich aus der Welt gebracht werden, ich selbst beantrage es.
--- Der Dampfer, auf welchen wir eingeschifft wurden, hieß »Irland«.
-Mir zum Hohne der Name meines Vaterlandes. Wir nannten ihn aber die
-schwimmende Hölle. In Wahrheit, das war er. Unser sind an dreihundert
-gewesen, lauter Verbrecher aus England. Die Aufseher haben uns, um sich
-auf dem Schiffe der Sorglosigkeit hingeben zu können, in den tiefsten
-Unterräumen mit Ketten zusammengeschmiedet. Wir sahen viele Wochen kaum
-einen Sonnenstrahl, unsere halbblinden Rundfenster waren meist unter
-Wasser. Keine Luft und Nahrung. Leider noch zu viel zum Verhungern. O
-Voltaire! Hätte dich im Mutterleib der Blitz erschlagen, ich stünde im
-Dom und trüge prachtvollen Ornat, anstatt in dieser Pestgrube auf dem
-Weltmeere zu verderben. Mir zur Linken der Nachbar wurde typhuskrank
-und starb. Wir verheimlichten den Aufsehern seinen Tod, um seiner
-Portion Nahrung nicht verlustig zu werden, die wir Nächststehenden uns
-als Erbschaft teilten. Aber der Tote, der nicht zu ihren Ohren kam, kam
-zu ihrer Nase und wir wurden auf einige Tage gelüftet. Im Indischen
-Meere ging es ein wenig unstät her und wir wurden durch Stürme südlich,
-ich glaubte gegen die Kerguelen, verschlagen. Das Schiff mußte an
-einer Insel landen, um Wasser zu schöpfen. Hier gelang es dreien von
-uns zu entkommen. Ich war mit ihnen. Es war aber ein böser Gewinn. Wir
-durchirrten die unfruchtbare Steinwüste. Einer von uns, der nach der
-finsteren Hölle das grelle Licht und das heiße Sandwehen nicht ertragen
-konnte, erblindete. Wir hatten Keulen bei uns, um Tiere zu erschlagen
-und von ihrem Fleische zu leben. Aber die Gegend war tot und starr,
-soweit das Auge spähte, der Hunger drohte uns wahnsinnig zu machen, da
-erschlugen wir unsern Blinden ... Nach einigen Tagen, als der Vorrat
-bereits alle oder verdorben war, sann ich nach einer Gelegenheit, auch
-meinen andern Genossen umzubringen und der hat später kein Hehl daraus
-gemacht, daß er einen gleichen Anschlag gegen mich im Schilde geführt.
-Wir trauten einer dem andern nicht; wir hatten in der fürchterlichen
-Wüste niemand, als uns allein, und wir waren unsere gefährlichsten
-Feinde. Endlich wurden wir von unseren Soldaten wieder glücklich
-eingefangen und, beim heiligen Gott, wir setzten uns nicht zur Wehr.
-Wir kamen endlich nach Australien und landeten in Van Diemens-Land --
-wir nannten es das Teufelsland, aber im lustigen Sinne, denn in ihm
-regierte Vater Howe.«
-
-»Howe,« unterbrach ihn der Priester, »so hieß ja der berüchtigte
-Räuberhäuptling in Tasmania.«
-
-»Ganz richtig, Sir, eben derselbe. Ein Landsmann von mir -- hatte
-ähnliche Schicksale und ich war entschlossen, um jeden Preis unter
-seine Fahne zu kommen und, wie er, ein gefürchteter Bandenführer zu
-werden. Aber man war schlau und ahnte, daß Howes Schar auf uns neue
-Einwanderer eine große Anziehungskraft haben dürfte, wir wurden nach
-Neu-Süd-Wales eingeschifft. Und in diesem Lande erging es mir so
-wunderlich, wie sonst nirgends. Wir Sträflinge wurden freigelassen und
-arbeiteten teils an Häfen, Kanälen, Straßen und Eisenbahnbauten und am
-Aufbaue der Stadt Sydney. Ich sah bald ein, hier war die Stufenleiter
-wieder eine andere und ich richtete mich danach. Ich arbeitete und
-heuchelte und war auch fleißig in der Tat und war verwendbar und
-machte mich verläßlich. Nach einem Jahre war ich Arbeitsaufseher, nach
-drei Jahren gaben sie mich und einige andere, die sich brav gehalten,
-frei. Jeder von uns erhielt ein Stück Land mit Schafen und Pferden.
-Ich verstand was davon und der Hirte aus Irland wurde ein Squatter am
-Darlingflusse. Ich baute mir ein Haus auf der Station und baute mir ein
-Haus in der Hauptstadt. Ich war ein reicher und somit ein ehrenwerter
-Mann. Ich lebte auch danach und hatte eine laute Stimme in unserem
-Parlament. Es war gut, ich könnte heute Bürgermeister von Sydney sein;
-mancher der Deportierten hat es hoch gebracht. Vor allem reich sein,
-das ist die Hauptsache. Danach handelte ich und wie ist es geworden? --
-Daß ich heimlich einen schwunghaften Rumschmuggel betrieb -- du weißt,
-daß Rum bei uns verboten war, und daß ich selbst auf meinem Landgut
-eine Branntweinbrennerei besaß -- hätte nicht geschadet, wenn es nur
-nicht an den Tag gekommen wäre. Mir kostete die Sache mehr als die
-Hälfte meines Vermögens und ich mußte trachten, es wieder zu ergänzen.
-Und nun beging ich die größte meiner Taten.«
-
-»So erzähle sie,« sagte der Priester, »aber fasse dich kurz.«
-
-»Kurz? Hast du keine Zeit?« fragte der Gefangene, »du willst dich
-beklagen und +ich+ zähle mein Leben nur mehr nach Stunden.«
-
-»So erzähle, wie du willst, Hauptsache ist hier die Erleichterung
-deines Herzens.«
-
-»Es wird nun vom Gold die Rede sein,« fuhr der Irländer fort, »und
-das ist ein böses Thema. Es war zur Zeit, als Australien auf war, um
-Gold zu graben. Der Squatter wie der Vornehme, der Fischer wie der
-Beamte, alles grub Gold. Alle aus der alten Welt anlangenden Schiffe
-brachten Goldgräber. Viele wurden reich, viele gruben sich das Grab.
-Noch mehr wurden elend. Auch ich habe gegraben, aber die Lohnarbeiter
-haben mich betrogen und für meine Person war mir die Wühlerei nicht
-amüsant genug. Es gibt bessere Mittel, um reich zu werden, als die
-Arbeit der Hand. Die Spekulation, du errätst es ja. Ich sah, wie
-sich die goldsuchenden Menschenmassen immer mehr in das Binnenland
-zogen, während die Lebensmittel, je mehr von der Küste entfernt, je
-kümmerlicher und ungenügender wurden. Ich verkaufte mein Haus in Sydney
-und kaufte ganze Schiffsladungen mit Nahrungsmitteln und schaffte sie
-in Gegenden, in welchen große Goldfunde vorausgesehen werden konnten.
-Aber die Berichte von neuen Goldgruben schwankten hin und her und die
-Goldgräber zogen der Fata Morgana nach, gleichviel, ob sie in den
-wasserlosen Wüsten oder im Scrub verschmachteten. Ein großer Teil
-meiner Waren lag an einem Nebenflusse des Murray und lief Gefahr, zu
-verderben. Diese Waren mußten an Mann gebracht werden. Aber wie? Die
-Gegend war wieder öde geworden, nur die Känguruhs und die Dingohunde
-durchstrichen den Scrub. -- In denselben Tagen war's, daß ein Squatter,
-nennen wir ihn John Peak, von seinem Bruder am Murrumbidschifluß ein
-Schreiben erhielt, daß in seiner Gegend, westlich der Blauen Berge,
-ein unbeschreiblich reiches Goldlager entdeckt worden sei. Ich selbst
-sah den Brief und machte ihn bekannt. Allsogleich große Aufregung in
-den Küstenprovinzen und die Leute eilten herbei, um sich bei John
-Peak des näheren zu unterrichten. Peak kündigte an, daß er gesonnen
-sei, an einem der nächsten Tage früh mit großen Warenladungen von
-Lebensmitteln nach dem Murrumbidschiflusse aufzubrechen, wer wolle, der
-könne sich dem Zuge anschließen. Und siehe, an dem bestimmten Morgen,
-kaum die Elster ihr Lied sang, war eine große Anzahl von Männern mit
-Grabscheit und allerlei Arbeitsgeräte zusammengekommen, um sich dem
-Zuge anzuschließen. Vierzig paar Ochsen waren an schwer beladene Wagen
-gespannt und diesen schwerfälligen Fuhrwerken folgten die Goldgräber,
-junge, kräftige, lebenslustige und arbeitsmutige Leute, heiter und
-hoffend, und so bewegte sich die Karawane den neuen Goldfeldern
-entgegen. Es war im Januar, also mitten im Sommer. Die Gegend war
-heiß und wurde von Stunde zu Stunde öder. Das Gras an der Wurzel war
-zu Heu geworden, die Bäche waren vertrocknet, kaum daß in einzelnen
-schlammigen Sümpfen Menschen und Tiere ihren Durst zur Not löschen
-konnten. Die Blätter der Gummibäume hingen welk herab, gaben aber
-keinen Schatten. -- Ich erzähle dir diesen Zug genau, wie er in meiner
-Erinnerung ist, weil er mir von allen meinen Wegen heute am schwersten
-auf dem Herzen liegt. Der Weg hatte über Gebirgskämme und Steinflächen
-geführt, aus denen wir zwar fortkamen -- ich war stets dabei, das merke
-dir -- die Ochsen dagegen aber harte Mühe hatten, die schweren Wagen
-weiterzubringen. Wir mußten Hand anlegen, jetzt vorwärtsschieben, jetzt
-zurückziehen und dann wiederum die Lasten vor Sturz in die Abgründe
-bewahren. Einige hatten dem Fuhrwerk bereits auch ihre mitgeschleppten
-Habseligkeiten aufgebürdet, wofür sich Mister John Peak wacker bezahlen
-ließ. So hatte die Reise bereits vier Tage gewährt und wir befanden uns
-nun in einer vollständigen Wildnis, wo weit und breit keine Ansiedlung
-war, ein dürrer Boden, den wohl noch niemals die Füße eines Europäers
-betreten hatten.
-
-Der fünfte Tag war ein Sonntag, da wurde Rast gehalten. Es ist aber
-keine Sonntagsruhe gewesen, die Leute waren unzufrieden und drangen
-in John Peak, ihnen doch endlich mitzuteilen, wann diese trostlose
-Gegend ein Ende nehme, wo die Goldfelder wären. John Peak hatte die
-Ungeduldigen zu vertrösten gewußt von Tag zu Tag und jetzt entgegnete
-er unwirsch, ob sie denn glaubten, daß er das Goldland herbeizaubern
-könne? Ob nicht auch er selbst, seine Leute und sein Vieh an dem
-Ungemache der Reise zu leiden hätten, ob er sie denn gebeten habe, mit
-ihm zu kommen, ob es nicht reine Gefälligkeit von ihm gewesen wäre, sie
-mit sich zu führen? Das sprach er vernünftig. Es ließ sich laut nichts
-darauf entgegnen, jedoch hinter seinem Rücken begannen die Männer zu
-murren: »John Peak hat den Weg verloren und will es nicht gestehen.«
-Ob er sich seiner Sache gewiß sei? wurde er befragt. Das wäre er.
-Er solle noch einmal den Brief seines Bruders zeigen. Er zeigte den
-Brief und da stand's: Am Murrumbidschifluß ein unbeschreiblich reiches
-Goldlager gefunden. Der Fluß mußte ja in dieser Gegend sein, nur
-war er unter anderen Schründen, die sich im wüsten Grunde hinzogen,
-schwer zu erkennen, da er ausgetrocknet sein konnte. Sie beruhigten
-sich also wieder. Die Menge der Goldsucher war bereits bis zu tausend
-Köpfen gestiegen. Das Lager wurde nicht abgebrochen. John Peak sandte
-Leute aus, angeblich nach der Besitzung seines Bruders. Mittlerweile
-zehrte die Menge von seinen Vorräten und zahlte ihm hohes Geld. So
-ging ein Tag um den andern hin und nun erhob sich eine Unruhe im
-Lager, die nichts Gutes ahnen ließ. Der Argwohn war da: Die ganze
-Goldgrubengeschichte wäre erfunden. John Peak habe die Leute in die
-Wüste verlockt, um seine Lebensmittel zu enormen Preisen zu verkaufen.
-Und in der Tat, die Lebensmittel wurden von Stunde zu Stunde knapper
-und stiegen im Preise, so daß viele, deren Barschaft zu Ende ging,
-bereits Hunger litten. Einzelne trennten sich von der Menge los und
-irrten in Sand und Scrub umher, in der Hoffnung, auf die geträumten
-Goldfelder zu stoßen. Man soll nichts mehr von ihnen gehört haben.
-
-Im Lager wuchs die Aufregung, es kam zu einer Volksversammlung, in
-welcher die Vermutung des Verrates offen ausgesprochen wurde. Nach
-einer stürmischen Stunde schien es sichergestellt, daß die Menge nur
-in diese Öden geführt worden war, um dem Squatter die bereits im
-Verderben begriffenen Lebensmittel zu konsumieren. Um aber dem Manne
-nicht Unrecht zu tun, sondern vollständige Gewißheit zu erlangen, wurde
-beschlossen, auf Kosten der Versammlung eine Expedition auszuschicken,
-den vorgeschützten Bruder oder die Goldlager zu finden. John Peak
-sollte bis zur Rückkehr der Männer strenge bewacht werden.
-
-Am folgenden Morgen wurde die Expedition, mit Lebensmitteln und guten
-Pferden versehen, abgelassen. Sie durchstrich die rotbraunen Flächen,
-fand weder Vegetation noch Wasser, weder Weg noch Steg, überall nur
-die nackten Granitfelsen, stellenweise knietiefen Sand und wirbelnden
-Staub. Soweit das Auge reichte kein grünes Blatt, kein Grashalm, nach
-allen Seiten hin nichts als grauer Himmel und brauner Sand.
-
-Heiße Winde aus Nordwesten bliesen da und dort ein finsteres Gewölke
-heran, aber es waren nicht die willkommenen Wasserdünste, es war
-glühender Staub. Die Expedition soll viel gelitten haben, stieß aber am
-dritten Tage auf eine kleine Oase, wo sich eine Schafzucht befand. Es
-war die Gegend, wie sie von John Peak als der Wohnort seines Bruders
-verzeichnet worden. Die Männer fanden bei den Hirten freundliche
-Aufnahme; sie zogen ihre Erkundigungen ein und erfuhren erstens, daß
-hier kein Mensch wohne, der einen John Peak zum Bruder habe, und
-erfuhren, daß in dieser Gegend von einem Goldlager weder jemals eine
-Spur, noch eine Rede gewesen sei.
-
-Die Expedition hatte ihren Zweck erreicht und trat die Rückreise an. Um
-der gefürchteten Sandwüste zu entgehen, wollte sie eine andere Richtung
-einschlagen, stieß aber auf grundlosen Morast des Murrumbidschi und auf
-undurchdringlichen Scrub. Von der Expedition erlagen zwei Mann. Auf
-der wieder betretenen Sandwüste stand eine weitere Überraschung bevor.
-Raubvögel umflatterten drei menschliche Leichen, die auf dem Rücken
-lagen und ihr Antlitz gen Himmel gerichtet hatten. Endlich hatte die
-Expedition sich zurückgefunden zu den weißen Zelten und sie erstattete
-Bericht, daß weit und breit kein Bruder des Squatter und keine Spur
-einer Goldmine entdeckt worden sei.
-
-John Peak hatte den Brief seines angeblichen Bruders selbst
-geschrieben, um die Leute in die Wüste zu locken und bei ihnen
-seine Waren abzusetzen -- John Peak wurde in aller Form zum Tode
-verurteilt. --
-
-Der aufgeregten Menge hatte man vor das Zelt, in welchem Peaks
-Warenlager sich befand, ein Faß Rum gerollt, den Boden eingeschlagen
-und alles drängte sich vor, einen Becher des Getränkes zu erlangen.
-Bald war das Faß leer und auch ein zweites, ein drittes, dann wurde mit
-wildem Lärm das Warenlager gestürmt und jeder nahm, was ihm das Nächste
-war. Der eine trug einen Sack Reis fort, der andre einen Sack Zucker,
-der dritte eine Kiste Thee; andere Mehl, Butter, Schinken, Tabak. Jeder
-wollte sich nun entschädigen, und es ging toll zu im Wüstenlager.
-
-Als man sich endlich nach dem Verurteilten umsah, um ihm zur Krone des
-Festes sein Recht anzutun, war der Vogel ausgeflogen. -- Jetzt sahen
-sie den Flüchtling auf raschem Renner über die weite Ebene dahinjagen.«
-
-So der Gefangene.
-
-»Ja,« entgegnete nun der Priester, »ich habe seinerzeit von dieser
-Geschichte vernommen. Aber warum erzählst du nicht von dir?«
-
-»Ja,« sagte der Gefangene: »hast du in John Peak denn nicht +mich+
-erkannt? Nicht wahr, dir graut? Mir auch, mein Herr, mir auch.«
-
-»Nun bist du wohl zu Ende?«
-
-»Fast. Was jetzt noch kommt, ist zahm. Ich floh zu den Wilden. Da ich
-schon früher ihre Sprache erlernt hatte, sie aber in jenem Scrub an mir
-das erstemal einen Weißen sahen und sich vor mir fürchteten, so gab
-ich mich für den Geist ihres Stammvaters aus, der aus der andern Welt
-zu ihnen zurückgekehrt sei, um ihnen zu verkünden, daß ein fremdes,
-furchtbares Volk gegen sie über das Meer heranziehe, welches den Blitz
-des Himmels und den Donner bei sich hätte. Sie haben mir geglaubt,
-haben mich in ihrer Weise angebetet, haben mich in eine große Höhle
-geführt und mir dort ihre Opfergaben zu Füßen gelegt. Merkst du den
-Witz des Schicksals? Nun war ich's, was ich einst auf den Heiden
-Irlands sein wollte: ein Prophet, ein Priester, ein Erzbischof. -- Sie
-brachten mir das beste, was sie hatten, es war für mich kaum genießbar;
-ich sagte, ich sei bei Speise und Trank die Zubereitung der andern Welt
-gewohnt und bereitete sie, wie es die Weißen tun. Ich suchte die Wilden
-für meine Zwecke zu erziehen und galt als ihr Häuptling und Gott,
-gleichwohl manche unter ihnen waren, die mir nicht zu trauen schienen.
-Die Furcht hielt sie im Zaume. Ich suchte sie mit dem Speer, mit dem
-Bumerang, mit der Keule im Kampfe zu üben, um mir ein streitbares Heer
-gegen meine eigene Rasse heranzubilden.
-
-So groß war in mir der Haß geworden. -- Mein Vorhaben, die Wilden zum
-Kriege zu erziehen, war aber nicht durchführbar. Und weißt du, wer mich
-bei meiner Gefangennahme am Murray niedergeschlagen hat? Der Wilden
-einer, mein eigener Waffenträger. Er hätte mich gewiß getötet, wenn ich
-ihm nicht von den Soldaten entrissen worden wäre. -- So bleibt es doch
-dir, mein alter Vaterstamm, anheimgestellt, an mir dein Richteramt zu
-vollführen. Jetzt entweiche ich nicht mehr auf flüchtigem Renner, jetzt
-leugne ich nicht mehr, daß ich schuldig bin, jetzt will ich nur eins, o
-Menschen, nur dieses eine versagt mir nicht!«
-
-»Was ist dein letzter Wunsch?« fragte der Priester.
-
-»Es ist der: Ich will nicht erwürgt werden mit dem Strick, ich möchte
-langsam, +langsam+ sterben +und mein Blut+ geben.«
-
-Am nächsten Morgen, als der rote Schein lag über den Wässern des
-Ostens, wurde der Gefangene aus dem Kerker geholt und in den Hof des
-Gerichtsgebäudes geführt.
-
-Als der Todgeweihte mitten im Hofe den Galgen sah und den Henker
-daneben, stürzte er sich kopfüber auf das Steinpflaster -- und das rote
-Blut entströmte dem zerschmetterten Haupt.
-
-
-
-
-Der verhängnisvolle Vorfall.
-
-
-Über den Hafenplatz in Lissabon eilten schnellen Schrittes zwei junge
-Männer. Es war vor Abgang des Schiffes beinahe eine Stunde Zeit, da
-wollten sie in einem Weinhause noch den Abschied feiern. Die Sachen des
-Abreisenden hatte der Hoteldiener bereits aufs Schiff gebracht, dort
-auch den Fahrschein nach Neuyork gelöst, so konnten die beiden Freunde
-noch ruhig beim Weine sitzen und warten, bis vom Molo herüber, an dem
-mehrere große Dampfer lagen, das Glockensignal erklang.
-
-Der eine der beiden, ein schlanker Bursche mit leichtem Bartanflug und
-einer vernarbten Schramme über der Stirn, war der Elektrotechniker
-Richard Wifart aus Berlin. Er war ein Jahr vorher mehrere Monate lang
-auf einer Geschäftsreise für das Haus Siemens & Halske in Amerika
-gewesen und hatte in Neuyork ein schönes Mädchen kennen gelernt, die
-einzige Tochter eines Rechtsanwaltes. Die jungen Leute hatten sich
-damals unmittelbar vor Wifarts Abreise nach Berlin verlobt und nun war
-er auf der Reise nach Neuyork, um Hochzeit zu halten und seine junge
-Frau nach Europa zu führen. Er war sehr heiter und schaute mit hellen,
-glücklichen Augen in die Zukunft.
-
-Der andere der beiden Freunde war Herbert Franke, ein etwas kleinerer,
-untersetzter junger Mann mit dunkelblondem welligem Haar und einem
-glatten Gesicht, über dessen Wange das schwarze Seidenbändchen
-des »Zwickers« hing. Er besaß in Hamburg ein großes Export- und
-Geldgeschäft und war seit drei Jahren dort glücklich verheiratet.
-Er hatte weiche, fast kindliche Züge und sein blaues Auge hing mit
-Innigkeit an dem Freunde, den ihm schon die nächste Stunde entführen
-sollte.
-
-Die beiden hatten auf der Berliner Technik zusammen studiert und waren
-Freunde geworden, die sich in schwärmerischen Stunden auch +das+
-zugeschworen, daß, wenn einer oder der andere einmal heiraten sollte,
-unfehlbar der andere oder der eine mit bei der Hochzeit sein müsse.
-Richard hatte bei Herberts Hochzeit in Hamburg ohne jede Schwierigkeit
-seinen Schwur einlösen können. Anders war's bei Herbert, der den Freund
-nach Neuyork begleiten müßte, um an dessen Hochzeit teilzunehmen. Er
-würde es mit tausend Freuden getan haben, wenn er als Chef seines
-Hauses nicht gerade um diese Zeit wegen Handelsunternehmungen in
-Europa festgehalten worden wäre. Doch gestatteten es die Verhältnisse,
-den Freund eine Strecke zu begleiten. Denn die Reise ging nicht den
-glatten, geraden Seeweg Bremerhafen-Neuyork, sondern über Frankreich
-und Spanien. In Frankreich hatte Herbert Geschäfte abzuwickeln und
-auch Richard wurde teils durch den Umstand zu diesem Umwege bewogen,
-als seine Firma wegen einer elektrischen Straßenbahn mit Madrid in
-Unterhandlung stand. Anderseits wollte er Verwandte in Granada besuchen.
-
-Die Reise war nicht ohne Widerwärtigkeiten vor sich gegangen. Eine
-Überschwemmung in den Pyrenäen hatte die Eisenbahnverbindungen
-unterbrochen, was jedoch wieder den Vorteil gab, durch eine Wagen- und
-Fußreise die Pyrenäen und einen Teil des nördlichen Spaniens näher
-kennen zu lernen. Das war jetzt alles hinter sich, die Gebirgsreise,
-die Verwandten waren abgetan, das Geschäftliche für Herbert war im
-besten Gang und an diesem Tage Punkt zwölf Uhr sollte in Lissabon das
-Schiff nach Neuyork auslaufen.
-
-Sie saßen nun bei einer Flasche köstlich feurigen Spaniers und rauchten
-Zigaretten. Sie waren in hochgemuter Stimmung, der aber ein Mollton des
-Abschiedes nicht ganz fehlte. Nach dieser gemeinsamen heiteren Reise,
-auf der sie manchmal ernsthafte Gespräche über die Zukunft geführt,
-dann wieder tolle Jugendschnacken getrieben hatten, sollte die nächste
-Stunde jeden allein finden.
-
-Eine solche Trennung im fremden Lande hat etwas Beklemmendes. Richard
-würde in acht Tagen ja drüben bei seiner Braut sein und Herbert nach
-einigen Querzügen durch die romanischen Länder ungefähr um dieselbe
-Zeit in Hamburg. Jeder bei den Seinen, und in wenigen Wochen würden sie
-sich in Hamburg alle zusammenfinden.
-
-Richard erhob sein Glas: »Freund, ich danke dir noch einmal, daß du
-mich bis an dieses Ende der Welt begleitet hast. Kehre mit Glück nach
-deiner geliebten Elbestadt zurück und von heute in zehn Tagen denke,
-daß ich mit meiner Luise am Altare stehe.«
-
-»Und wenn du sie hast, so säume nicht allzulange, sie mir zu zeigen.
-Ich brenne, dein Weib kennen zu lernen und gedenke mich zu rächen für
-die Eifersucht, die du bei meiner Susanna immer wieder in mir erweckt
-hast.«
-
-Sie lachten und stießen die Gläser an.
-
-»Ich hoffe, daß ich rasend eifersüchtig sein werde,« sagte Richard.
-
-»Du hoffest das?«
-
-»Keine Frage. Was wäre das für eine Suppe? Ohne Salz!«
-
-»Das Salz der Ehe -- ja. Aber eine versalzene Suppe -- nein,« sagte
-Herbert und drehte sich eine frische Zigarette.
-
-»Und ich bleibe dabei,« scherzte Richard, »daß wir beide uns die
-ausgiebigste Ursache zur Eifersucht geben, müssen. Wir haben seit acht
-Jahren aneinander die Herzen und Nieren zu genau erforscht, um nicht zu
-wissen --«
-
-»Laß das bloß gut sein, Richard. Wir waren zwei Galgenstricke,
-wenigstens in der Laune, doch als Ehemänner --«
-
-»Komm dort nicht der Hausdiener unseres Hotels?« unterbrach Richard.
-Zwischen den Tischreihen trippelte ein buckliges Männlein heran und
-mit sehr kurzsichtigem Auge guckte er jedem Anwesenden unsicher ins
-Gesicht, bis er unsere Freunde bemerkt hatte. Dann kam er heran und
-sagte in gutgewähltem Portugiesisch, daß er glaube, die Auszeichnung zu
-haben, Herrn Herbert Franke aus Hamburg vor sich zu sehen.
-
-»Suchen Sie +mich+?« fragte Herbert.
-
-»Ich wußte es ja gleich. O, ich erkenne alle meine Herren sofort
-wieder. War schon am Hafen, auf der Brest Da denke ich, die Exzellenzen
-werden im Weinhause sein. Und siehe da!«
-
-»Wünschen Sie etwas?«
-
-»Mit Ihrer gütigen Erlaubnis, eine Depesche ist angekommen.«
-
-Er reichte sie hin, nahm die Bestätigung in Empfang und empfahl sich
-mit graziösen Bücklingen.
-
-»Wenn ein deutscher Tanzmeister so viel Grazie hätte, als ein
-spanischer Stiefelputzer!« lachte ihm Richard nach. -- »Nun, wie stehen
-die Kurse auf der Hamburger Börs'?«
-
-Herbert hatte seinen Prunkzwicker aufgeklemmt, doch der war wieder von
-der Nase gefallen. Er hatte hierauf die Depesche für sich gelesen, und
-Richard sah, daß er unruhig wurde.
-
-»Was ist das?!« sagte Herbert tonlos vor sich hin.
-
-»Etwas Wichtiges?« fragte der Freund.
-
-Der Hamburger hielt mit zitternder Hand das Blatt dem Freunde hin:
-»Herbert Franke aus Hamburg, Hotel Imperatore, Lissabon: Bitte mit
-möglichster Eile nach Hause reisen. Verhängnisvoller Vorfall. Mama.«
-
-»Was ist geschehen?« fragten beide zugleich und erhoben sich von ihren
-Sitzen. Sie starrten sich an, einer bleicher wie der andere.
-
-»Meine Frau!« sagte Herbert. »Meiner Frau ist etwas widerfahren!«
-
-»Ei nein, davon steht doch kein Wort. Diese verdammte Unklarheit der
-Depeschen! Man denkt gleich an das Allerschlimmste. Ein paar Worte
-mehr --«
-
-»O mein Freund, wer weiß, wie schrecklich sie wären, diese paar
-Worte mehr! Gewiß, meiner Susanna ist etwas widerfahren. Dem
-kleinen Siegfried ist etwas zugestoßen. Ich reise sofort. Mit dem
-internationalen Expreßzug.«
-
-»Das geht nicht; denke doch, daß die Verbindungen unterbrochen sind.«
-
-Herbert schlug sich die Faust an die Stirn. Dann las er wieder
-das Telegramm: »Bitte mit möglichster Eile nach Hause zu reisen.
-Verhängnisvoller Vorfall. Mama. -- Warum depeschiert Mama? Warum nicht
-meine Frau?«
-
-»Weil sie im Augenblick nicht zur Stelle war. Hast du doch -- glaube
-ich -- auch in Madrid eine Depesche von Mama erhalten, über etwas
-Geschäftliches. Und nun -- du kennst ja die alten Frauen. Wenn eine
-Spiegelscheibe zerschlagen wird, posaunen sie es in alle Winde; wenn
-ein Schornsteinbrand ist: Verhängnisvoller Vorfall.«
-
-»Laß das, Richard. Du siehst ja, daß ich ruhig bin. Ich muß eben
-nach Hause. Mit dem nächsten Zug.« Er verlangte vom Kellner den
-Eisenbahn-Kurier.
-
-»Das hilft dir nichts,« sagte Richard, »du kannst nicht weiter. Du mußt
-den Seeweg nehmen.«
-
-»Gut, also den Seeweg.«
-
-Herbert sah im Schiffsfahrplan nach, der an der Wand hing. »Eildampfer
-nach Neuyork.«
-
-»Der geht dich nichts an.«
-
-»Eildampfer nach Southampton.«
-
-»Nichts für dich.«
-
-»Dampfer nach Genua.«
-
-»Zu großer Umweg.«
-
-»Eildampfer nach Brest.«
-
-»Das ist der deinige,« sagte Richard. »Von Brest mit Eisenbahn nach
-Hamburg.«
-
-»Nach Brest also. Abfahrt jeden Mittwoch mittags zwölf Uhr. --
-Mittwoch, das ist ja heute!«
-
-»Und zwölf Uhr ist es in zwanzig Minuten. Unsere Schiffe gehen im
-gleichen Augenblicke ab.«
-
-»Das ist ja ausgezeichnet!« rief Herbert. Er lief ins nahegelegene
-Hotel Imperatore, um seine Sachen zu holen, seine Rechnung zu
-begleichen, und eine Viertelstunde später trafen sich die beiden
-Freunde am Molo. In demselben Augenblick schrillten die Schiffsglocken.
-
-»Brest!« rief Herbert zum Gepäckträger, und dieser eilte dem großen
-schwarzen Dampfer zu, der links am Molo lag und schwarze Rauchdrubel
-aus dem Kaminrohre stieß. Gerade gegenüber rechts am Molo lag der
-Dampfer »Neuyork«. Es rasselten schon die Ketten, um die Brücke
-aufzuziehen.
-
-»Leb' wohl, Herbert. Es wird nicht so schlimm sein. Gib mir gute
-Nachricht.«
-
-»Leb' wohl, grüße mir deine Braut.«
-
-»Auf Wiedersehen!«
-
-Ein rascher Händedruck, denn es schrillten die Dampfpfeifen. In großen
-Sprüngen eilte jeder zu seinem Schiffe. Kaum war Herbert, die Hand
-eines Matrosen mußte ihn fassen, auf seinem Dampfer, da rollte es, der
-Koloß zitterte und begann sich sachte zu bewegen.
-
-Sie standen am Bord, jener drüben, dieser hüben, und winkten sich mit
-den Taschentüchern zu. Die letzten Lebewohlrufe haben den gellenden
-Hafenlärm nicht mehr durchdringen können.
-
-Welch plötzliche Wandlung. Wer hätte das vor einer halben Stunde
-gedacht! Herbert schaute auf Lissabon. Je mehr es zurückwich, je
-höher schien es aufzusteigen. Jetzt fiel ihm ein, was er noch alles
-hätte tun sollen. Besonders nach Hamburg depeschieren, daß er auf der
-Heimreise sei. Was hätte er dem Freunde noch alles zu sagen gehabt, dem
-Glücklichen, der jetzt schnurgerade, ohne Aufenthalt und Unterbrechung,
-seiner Braut entgegendampft, während ihm nach umständlicher See- und
-Landfahrt zu Hause ein außerordentliches Unglück erwartet.
-
-Noch in der Bucht waren die beiden Schiffe in einer gewissen Entfernung
-nebeneinander hingefahren und die Freunde hatten mit den weißen
-Fähnchen ihrer Taschentücher ohne Unterlaß sich zugewinkt. Nun die
-hohe See erreicht, sah Herbert, wie der Dampfer »Neuyork« sich immer
-weiter von dem seinen entfernte und wie er als kleiner schwarzer Punkt
-unweit der Küste gegen Norden eingebogen hatte, während sein Schiff
-schnurgeraden Lauf gegen Westen nahm.
-
-Herbert hatte seinen Handkoffer auf dem Deck unter eine Bank geschoben
-und suchte nun den Kapitän auf, um ihm zu sagen, daß er noch keine
-Fahrkarte lösen konnte, weil er sich erst im letzten Augenblick zur
-Reise entschlossen habe. Er wolle eine nach Brest.
-
-Der Kapitän starrte ihn an von oben bis unten. »Sie wollen nach Brest?«
-
-»Nach Brest eine Karte erster Klasse.«
-
-Darauf mit yankeemäßiger Gelassenheit der Kapitän: »Dieses Schiff geht
-nach Neuyork.«
-
-»Was sagen Sie?«
-
-»Dieses Schiff geht nach Neuyork.«
-
-»Um Gottes willen! Aber um Gottes willen!« rief Herbert mit
-wildstoßendem Atem. »Ich bin doch auf dem Dampfer, der nach Brest geht!
-Man hat mir's doch gesagt. Das ist doch der Dampfer Brest.«
-
-»Es ist allerdings der Dampfer Brest, aber er geht nach Neuyork. Der
-nach Brest läuft -- sehen Sie! -- der schwarze Punkt dort an der Küste,
-die alte Neuyork, die geht nach Brest.«
-
-»Aber Gott! Aber mein Gott im Himmel! Ich fahre ja nach Brest! Ich muß
-nach Brest!« schrie Herbert grell auf. »Ich muß -- ich +muß+!«
-
-»Also ein Billett nach Neuyork,« sagte der Kapitän gelassen und nannte
-den Preis.
-
-Herbert stampfte wütend mit den Füßen und verlangte in seinem
-wahnsinnigen Schreck, daß der Dampfer umkehre. Darauf schaute ihn der
-Kapitän mit kühlem Blick neuerdings an und zuckte die Achseln.
-
-Herbert tobte über das Deck hin und fluchte und flehte und bat den
-Kapitän auf den Knien, ihn wenigstens, auf einem der Rettungsbote
-nach Lissabon zurückbringen zu lassen oder irgendwie das bereits
-entschwindende Brester Schiff zur Umkehr, zum Warten zu verständigen.
-
-Der Kapitän zuckte schweigend die Achseln. Endlich gewann der Hamburger
-doch so viel Vernunft, um einzusehen, daß hier alles Rasen nichts
-helfe. Der Dampfer schnitt mit brausender Energie die Wellen des Ozeans
-dem Westen zu. Herbert setzte sich hinter dem Mast auf einen Ballen und
-starrte zu Boden. Die Mitreisenden, die ihn mit Teilnahme beobachteten,
-konnten sehen, wie Tränen über seine Wangen liefen.
-
-Die portugiesische Küste war nur mehr ein ferner blauer Streifen und
-allmählich verschwand sie ganz. So fuhr er nun von Europa davon und
-zwar zu einer Zeit, wo er's am wenigsten durfte, wo er daheim am
-notwendigsten war, wo er von den Seinen zu Hilfe gerufen wurde in
-einer großen Not. -- Daß man einmal so durch die weite leere Luft
-würde telegraphieren können wie heute? Damals gab's keinen Gedanken
-daran. -- Wenn er nur eine Ahnung hätte, was geschehen ist! Ein
-verhängnisvoller Vorfall! War ein Brand ausgebrochen? War Frau Susanna
-erkrankt oder der kleine Siegfried, der erst wenige Wochen zuvor den
-Scharlach überstanden hatte? Oder gar jemand plötzlich gestorben? O
-heiliger Gott, wie das qualvoll ist! Und mit jedem Augenblick entführt
-das Schiff ihn weiter und weiter von seinen Lieben, die in Sehnsucht
-auf ihn warten. -- Sollte bei der Berliner Firma Schwippe & Sohn, bei
-der er stark engagiert war, etwas los sein? Nein, hatte ihm doch sein
-Bureaudirektor Maischuster erst nach Madrid mitgeteilt, daß Ultimo
-die hundertachtzigtausend Mark bar bezahlt worden waren. Oder wäre
-ein Einbruch in die Kasse vorgekommen? Unmöglich, Maischuster ist der
-vorsichtigste Mensch, ist imstande, sein Nachtlager auf der Eisenkasse
-zu nehmen, um sie zu bewachen Ein öffentliches Unglück müßte man ja
-in den Blättern gelesen haben. Also was ist geschehen? -- Ringsum
-war nichts mehr als die grünen Wässer des Atlantischen Ozeans, und
-der Dampfer, der den unglücklichen Namen »Brest« trug, schnitt seine
-schnurgerade Straße nach Westen.
-
-Dann dachte Herbert auch an seinen Freund, der auf der »Neuyork«
-nordwärts der fernen französischen Küste zufuhr, ohne Gepäck,
-vielleicht auch ohne Geld, ins Ungewisse hinein. Wie mochte dem zumute
-sein, der seine Braut wartend weiß in Neuyork, und er kann nicht
-eintreffen zu dem für die Hochzeit bestimmten Tage und kann ihr keine
-Nachricht geben. Sein unglücklicher Freund Herbert, ja der wird dem
-Schiffe entsteigen, mit dem Luise den Bräutigam erwartet, aber sie
-erkennen sich nicht, gehen fremd aneinander vorüber.
-
-Herbert hat nun allerdings in seinem Taschenbuch die Adresse der
-Familie Luisens, und zu ihr soll auch der erste und wohl auch einzige
-Weg sein in Neuyork. Hat er doch Richards Koffer, der auf diesem
-Schiffe ist, dort abzugeben. Und dann mit dem nächsten Schiffe nach
-Hamburg! Aber welche Ewigkeit liegt dazwischen! Der erste Tag wollte
-kein Ende nehmen; wie sollten die neun Tage vergehen, ohne daß er vor
-Ungeduld stirbt? -- Auf ein aus dem Westen entgegenkommendes Schiff
-hatte Herbert noch gerechnet, das ihn aufnehmen und nach Europa bringen
-konnte. Aber außer ein paar kleinen kreuzenden Segelschiffen war kein
-Fahrzeug zu sehen. Am zweiten Tage kam von Norden her ein großer
-englischer Dampfer, ein Ostindienfahrer, dann nichts mehr auf den öden,
-unendlichen Wässern. Kein Schiff, das ihn erlöst und in die Heimat
-gebracht hätte. Nichts und nichts. Er mußte eine Beute der »Brest«
-bleiben, sich in Geduld fassen und tatlos warten auf das, was das
-Schicksal über ihn verhängt haben mochte. So saß er denn auf dem Deck,
-stets allein, und brütete. Mancher der Mitreisenden, es waren auch ein
-paar Deutsche darunter, wollte sich ihm nahen, um ihn zu zerstreuen; er
-ging nicht darauf ein. Er brütete vor sich hin in dem Gedanken: Immer
-weiter fort, immer noch weiter fort! Wäre er auf irgendeiner Stelle der
-Erde festgehalten für die Länge der Zeit! Aber dieses immer noch weiter
-fort, immer noch weiter der Heimat entrückt werden -- es war nicht zu
-ertragen. Es war eine unsägliche Qual. Herbert nahm sich vor, wenn er
-seine Lieben wiedersehen sollte, so wird er sie nicht mehr verlassen,
-nicht auf zwei Tage lang. Aber -- er wird sie ja nicht wiedersehen,
-sicher nicht alle wieder. Tag und Nacht waren seine Gedanken zu
-Hamburg in seinem Hause, er sah nichts als Brandstätten, Totenbahren,
-gesprengte Kassen und fallierte Geschäftsfirmen.
-
-Am fünften, sechsten Tage wurde er etwas gefaßter. Die Nahrung, wovon
-er sonst mit Widerwillen genossen, begann ihm zu munden, der Schlaf
-wurde ruhiger und erquickender. Je mehr man sich der amerikanischen
-Küste näherte, je klarer ward es ihm, daß er dort etwas erfahren müsse.
-Und mit dem ersten Schritt, den er auf das nach Deutschland abgehende
-Schiff setzen wird, ist er soviel als zu Hause, denn jede Sekunde
-bringt ihn dann im Fluge näher der Stelle, wo er aufzurichten und zu
-trösten haben wird. Er ist nun gefaßt, so schlimm kann es unter keinen
-Umständen sein, als er es in der Vorstellung durchlebt hat. Denn er hat
-alle denkbaren Unglücksfälle durchlitten, und in der Tat wird es doch
-nur einer sein. »Verhängnisvoller Vorfall«. Der Ausdruck imponierte
-ihm nicht mehr ganz so. Was ist verhängnisvoll? Alles Mögliche. Alte
-Frauen lieben in Hyperbeln zu sprechen. Vielleicht war es sogar im
-scherzhaften Sinne gemeint, um den Sohn, der sonst mit der Rückreise
-manchmal arg zu säumen pflegte, ein wenig zu peitschen. Vielleicht ist
-bei der ganzen Sache verhängnisvoll nur die Verwechslung der Schiffe
-auf dem Hafen zu Lissabon. Aber -- wer weiß es?! Gott allein, dem er
-nun alles anheimgibt. Ja, das ist der Anker. Dem Allmächtigen will
-er's anheimgeben. -- Ach, wie eine solche Seereise herrlich wäre bei
-ruhigem Gemüte! Und wie peinvoll sie gewesen ist, wie so schrecklich
-nichts vorher in seinem Leben war. Richard, der mag zusehen, wie er
-herüberkommt. Hochzeiten lassen sich verschieben. Wenn sich alles so
-verschieben ließe? -- Ei doch, wir haben den »Verhängnisvollen Vorfall«
-ja Gott anheimgestellt.
-
-Am zehnten Tage um fünf Uhr früh war die Freiheitsgöttin in Sicht, im
-Hafen von Neuyork. In der aufgehenden Sonne glühte sie rot, wie Eisen
-in der Esse. Und dann tauchte die abenteuerlich herrliche Stadt auf. Um
-sieben Uhr betrat Herbert den Boden von Amerika. Da war im Augenblick
-sein Anliegen völlig vergessen, so lebhaft stürmte die neue Welt und
-ihr Treiben auf seine Sinne ein. Er kam sich vor wie ein dreister
-Abenteurer und wollte es sein. Wollte es denn in Gottes Namen einmal
-sein! Er war völlig berauscht. -- Den Koffer seines Freundes bekam er
-nicht ausgefolgt, um ihn an dessen Braut zu überschicken; er wurde
-ins Magazin gestellt, bis der Eigentümer selbst sich um ihn ausweisen
-konnte. Das erste, was Herbert suchte, war eine Auskunftstelle wegen
-Abfahrt der Schiffe und ein Telegraphenamt. Zu seiner größten Freude
-sollte an demselben Tage, abends zehn Uhr, ein deutscher Lloyddampfer
-nach Southampton und Bremen abgehen. So ist er in sechseinhalb Tagen zu
-Hause. -- Und nun wollen wir frühstücken. Er ging in das nahe dem Hafen
-gelegene Hotel »Grodin«. Aber es schwankte noch der Boden unter den
-Füßen, er hatte auf schwankendem Boden das Gehen verlernt. Im großen
-Hotel trat er in eines der Speisenkabinette. Da war's behaglich ruhig;
-ein einziger Herr saß in der Ecke und sprach mit Eifer seinem Imbiß zu.
-Er blickte nicht vom Teller auf, bemerkte den Eintretenden kaum, dieser
-aber tat einen Schrei.
-
-»Maischuster!«
-
-Ja, es war sein Bureaudirektor aus Hamburg. Im ersten Augenblick
-glaubte er, der Direktor sei ihm nachgereist, doch schon im zweiten
-Augenblick glaubte er etwas anderes. Denn Maischuster, als er plötzlich
-vor sich seinen Chef sah, zuckte heftig ein und wechselte die Farbe.
-Dann sprang er auf, raffte vom Nagel Hut und Überrock; Herbert aber
-stand an der Tür, packte den Mann fest am Arm und sagte gedämpft:
-
-»Maischuster, was ist das?«
-
-Der Direktor ergab sich wehrlos, denn er glaubte, Herbert sei aus
-Hamburg nachgereist, um ihn festzunehmen und vor der Tür stünden die
-Häscher, denn durch die Fenster sah man Wachleute.
-
-Herbert hatte den Zusammenhang nun durchschaut. »Sie haben sich etwas
-zuschulden kommen lassen, Maischuster!«
-
-»Da haben Sie's, da haben Sie's! Ich gebe ja alles zurück!« stammelte
-der Bureaudirektor und zog aus dem Westenlatz ein Paket. »Ich hätte es
-ja ohnehin zurückgegeben, ich wollte nur -- -- Lassen Sie mich bloß
-los. Lassen Sie mich los, oder -- --« Er suchte mit einer Hand in
-die Rocktasche zu kommen. Die beiden Männer rangen, stießen Stuhl und
-Tisch um, bis Kellner herbeieilten, Hoteldiener und Wachleute, mittels
-welcher der Defraudant festgenommen und gebunden werden konnte.
-
-Herbert öffnete das wohlverschnürte Paket und fand in Noten und
-Papieren eine Summe von 230000 Mark. -- Und nun wußte er's. Nun glaubte
-er es zu wissen, was die Depesche »Verhängnisvoller Vorfall« bedeutete.
-Sein Herr Maischuster war ihm in Hamburg mit der Kasse durchgegangen.
-Und nun sah er auch, wie es kommen kann, wenn man in eigener Ohnmacht
-sein Anliegen dem Herrgott anheimgibt, der in diesem Falle schon vorher
-für die Sache gesorgt hatte. Herbert mußte in Lissabon das unrichtige
-Schiff besteigen, um in Amerika den Dieb zu erwischen.
-
-Dem Maischuster wurde noch eine Tasche mit Goldstücken und ein Revolver
-abgenommen und dann ist er in behördliches Gewahrsam gebracht worden.
-
-Als Herbert das auf so wunderliche Art wiedergewonnene Vermögen
-wohlverwahrt hatte, ging er daran, das Haus der Braut seines Freundes
-aufzusuchen. -- O wie war das jetzt anders, wie war dieses Neuyork
-jetzt schön! Nur die Betrübnis der Miß Luise fürchtete er noch, wenn
-anstatt des heißerwarteten Bräutigams ein fremder Mensch kommt, um zu
-sagen, der Bräutigam sei auf ein unrechtes Schiff gestiegen und könne
-kaum vor einer Woche eintreffen. Im Wildpark, dem Lärme ein wenig
-entrückt, stand ein stattliches Haus. Hohe Tannen, wie er sie seit
-den Pyrenäen nicht mehr gesehen hatte, überragten mächtig die Giebel
-und auf den Wipfeln sangen zu Hunderten die Vögel. Herbert drückte
-mit Beklemmung am Taster, das Tor öffnete sich und vor ihm stand --
-Richard. Er war eben vor einer Stunde angekommen. Ein amerikanischer
-Eildampfer, mit dem sein nach Brest fahrendes Schiff gekreuzt, hatte
-ihn aufgenommen und hierher gebracht. Laut lachend fielen sich die
-beiden Freunde in die Arme und Herbert erzählte mit kurzen Worten
-lustig, daß er in den wenigen Stunden seines Aufenthaltes in Neuyork
-schon ein großes und gutes Geschäft gemacht habe. Dann, gleich im
-Stiegenhaus, wurde die Braut vorgestellt -- ein frisches, rund- und
-schwarzäugiges Mädchen, das ohne viel Förmlichkeit dem Freunde ihres
-Richard derb die Hand schüttelte.
-
-Gegen Abend desselben Tages kam die erbetene Depesche aus Hamburg
-mit dem Berichte, der verhängnisvolle Vorfall bestehe darin, daß der
-Bureaudirektor eine große Defraudation verübt habe, flüchtig geworden
-sei und bis zur Stunde noch keine Spur von ihm zu entdecken wäre. Dann
-hieß es: »Sonst alles wohl. Deine Susanna.«
-
-»Nun also!« rief Richard. »Das wäre geschlichtet. -- Und nun wirst du
-bei unserer Hochzeit sein!«
-
-»Das versteht sich. Ich eile nur, meiner Familie zu berichten, daß wir
-ihn haben.«
-
-
-
-
-Mein Vetter, der Türke.
-
-
-Am 19. Oktober 1880 erhielt ich aus Teheran, der Hauptstadt Persiens,
-folgendes Telegramm:
-
- »Mein teurer Vetter, ich bin verloren. In Affäre verwickelt,
- die mir den Kopf kostet, wenn Intervention der österreichischen
- Gesandtschaft nicht gelingt. Bis die Post Näheres bringt,
- vielleicht zu spät. Lebe wohl.
-
- Anton.«
-
-Meine Entrüstung darüber, daß Anton, der immer Lustige, um teures Geld
-solche Späße treibt, war nicht gering. Der Scherz kostete mindestens
-fünfzig Franken. War der Junge nicht bei Trost? Sollte er im Lande der
-Sonne doch ein bißchen Sonnenstich bekommen haben?
-
-Nach der Entrüstung kam die Erwägung. Am Ende war doch etwas an der
-Sache. Vielleicht Liebeshändel; bei solchen kann man auch anderswo
-den Kopf verlieren. Aber »den Kopf kosten«, das war etwas spezifisch
-Orientalisches.
-
-Ein Hitzkopf war der Bursche immer gewesen, und bei solchem ist alles
-möglich. Seinen im Mürztale lebenden Verwandten wollte ich einstweilen
-die sonderbare Nachricht geheimhalten. Er war meines Vaters Bruders,
-des Eisenwerksverwalters von Niederaigen jüngster Sohn. Ich hatte ihn
-stets liebgehabt.
-
-Auf den Drähten der englischen Telegraphen-Kompagnie flogen nun in
-wenigen Tagen ein paar Depeschen hin und her. Die Gesandtschaft
-bestätigte alles und drückte den Zweifel aus, ob es gelingen werde, die
-Todesstrafe in lebenslängliche Zwangsarbeit umzuwandeln.
-
-Kaum zwei Jahre waren verflossen, seit mein Vetter Anton Rosegger
-nach seinen vollendeten Studien als Techniker sich einer europäischen
-Auswanderungsgesellschaft nach Persien angeschlossen hatte. Es hieß,
-daß die Eisenbahn vom Schwarzen Meere aus über Persien nach dem Golfe
-zustande kommen würde, und dabei wollte er sein Glück versuchen. Ich
-war anfangs dagegen, weil mir jedes leichtsinnige Auswandern ein
-Greuel ist; da aber trotz seiner ausgezeichneten Talente, besonders im
-Zeichnen und in Metallarbeiten, in der Heimat die Aussichten für ein
-Vorwärtskommen wirklich keine glänzenden waren, der Bursche aber vor
-Gesundheit und Lebensmut nachgerade Funken sprühte, so ließ ich mich
-von dem ausgespielten Gemeinplatz: »Junge Leute müssen in die Welt
-hinaus,« überlisten und erteilte leider meine Sanktion.
-
-Zweimal hatte er seit seiner Abreise geschrieben; das erstemal, daß
-er in den königlichen Münzwerkstätten zu Teheran arbeite, daß seine
-Existenz eine gründlich asiatische, doch aber recht erträgliche sei,
-daß er sich mit den orientalischen Sitten schnell vertraut gemacht
-habe. Und im zweiten Schreiben an mich hieß es, daß ich zusehen möge,
-ob er bei einer dritten Europareise des Schah-in-Schah nicht als
-Großwesir die Majestät begleite! -- Wenn die orientalischen Fürsten
-Hofnarren hielten, dachte ich damals bei mir, dann wäre es schon
-möglich, daß der muntere, zu allerlei Schalkereien aufgelegte Junge
-beim Schah sein Glück machte. Nun, in den Ländern von »Tausend und
-einer Nacht« ist alles möglich -- das Großwesirwerden so gut, wie das
-Geköpftwerden.
-
-Infolge der Gesandtschaftsberichte war ich alsbald entschlossen; was
-blieb auch anderes übrig, hatte ich ihn doch auf dem Gewissen! Ich
-hatte in meinem Leben manche große Reise gemacht, um nichts anderes,
-als um meine Neugierde zu befriedigen; warum sollte ich nun nicht
-nach Persien, um meinen armen Vetter zu retten, oder wenigstens, ihn
-noch einmal zu sehen. Zu Hause schützte ich eine größere Reise in
-die Schweiz und nach Savoyen vor, reiste aber nach Wien, wo Geld und
-Empfehlungsschreiben zu beschaffen waren. Die Briefe und Depeschen
-zwischen Teheran und Österreich hatten die unterschiedlichste Zeit
-gebraucht, das eine Mal drei Wochen, das andere Mal fast genau drei
-Monate; daraus konnte ich auf die Unregelmäßigkeit des Verkehrs
-schließen. Meine Reise ging auf der Eisenbahn damals nur bis Galatz,
-dann auf dem Dampfer ins Schwarze Meer hinaus bis zur kaukasischen
-Hafenstadt Batum und dann, ohne den Elbrus zu besteigen, über das
-Gebirge. Im Hotel zu Tiflis bekam ich einen heftigen Asthmaanfall, der
-mich zwei Tage festhielt. Der Wirt, ein Franzose, ließ mich und meine
-Sachen ins Freie tragen unter ein türkisches Zelt, weil er der Meinung
-war, ein toter Passagier vertreibe zehn lebendige. Der Arzt verschrieb
-mir, alle zwei Stunden einen Tschibuk zu rauchen. Der Tschibuk trieb
-das Asthma von der Brust in den Magen. Vom Schwarzen Meer bis Tiflis
-führte damals schon ein großartiger Eisenbahnbau, hernach ist es mit
-der europäischen Kultur aus; man ist in Asien -- und das besagt alles.
-Die Poesie, mit der wir seit unserem Bibelstudium in der Kindheit das
-Morgenland ausgeschmückt haben, ist in kürzester Zeit aufgelöst. Auf
-Eseln und Kamelen die grundlosen oder steinigen, stets von Wegelagerern
-gefährdeten Steige träge hinziehend, blitzt in der Seele nur selten
-eines jener wunderbaren Bilder auf, wie sie die morgenländischen
-Dichter, diese windigen Fabulierhänse, geschaffen. Ich habe mir's
-überhaupt abgewöhnt, einem Dichter etwas zu glauben.
-
-Meine Spannung richtete sich selbstverständlich nur auf das möglichst
-rasche Weiterkommen meiner aus asiatischen und europäischen Elementen
-zusammengewirbelten Karawane. Auf dem Kamele nicht wie ein Reiter,
-sondern, angeschnallt wie ein Warenballen, kauernd -- anfangs machte es
-mir Spaß; später kam's mir unsäglich langweilig vor, da des Tages oft
-kaum drei Meilen zurückgelegt wurden. Ein die Verhältnisse kennender
-Russe versicherte, die Reise gehe so außerordentlich gut von statten,
-daß man diese Karawane einen Eilzug nennen könne. Also reiste ich
-mit »Eilzug«. Die Ortschaften, die wir passierten, waren über alle
-Vorstellungen armselig, die Herbergen so elend, Essen und Trinken
-so europawidrig, daß ich den Vetter nicht begriff, der sich mit den
-orientalischen Zuständen schon so vertraut gemacht haben wollte. Die
-Strecke von Wien bis Tiflis legte ich in neun Tagen zurück, jene
-um das Dreifache kleinere von Tiflis bis Teheran in dreiundzwanzig
-Tagen. Am 10. Dezember war ich endlich in der persischen Hauptstadt.
-Trostlose Armseligkeit und fabelhafte Pracht ist der erste Eindruck,
-den diese Königsstadt macht. Ein wunderliches Gemisch von morgen-
-und abendländischen Erscheinungen: unter Telegraphenstangen hocken
-zerlumpte Derwische, in französischen Konditoreien kauern schläfrige
-Haschischraucher. Neben modernen Palästen gähnen fensterlose Höhlen,
-aus Stroh und Lehm zusammengebacken, »Bürgershäuser« der Königsstadt.
-Selbst die Stadtmauern, zumeist aus Lehm aufgeführt, sind derart, daß
-bei allfällig geplanter Erstürmung derselben eine Wasserspritze bessere
-Dienste leisten würde als eine Kanone. Eine nähere Beschreibung des
-Lebens und Treibens zu Teheran behalte ich mir für ein anderes Mal
-vor, mein jetziges, wichtiges Ziel war fürs erste die österreichische
-Gesandtschaft.
-
-Das Herz sprang mir bis zum Halse herauf vor Freude, als ich wieder
-die Sprache der Deutschen hörte, nachdem ich mich bisher so kümmerlich
-mit meinem bißchen Französisch und Steirisch durchgeholfen hatte. Wo
-nämlich in Herbergen oder bei Lastträgern mit dem höflichen Französisch
-nichts auszurichten gewesen war, da hub ich mit geballten Fäusten gut
-steirisch zu fluchen an, und das hatte manchmal gar keine üble Wirkung.
-Hier bei der Gesandtschaft umarmte ich den ersten Beamten, der mich auf
-meine Schriftstücke hin deutsch anredete, wie einen alten Freund, und
-die erste Frage war: »Ist's noch früh genug?«
-
-Der Beamte wich mit seinem Blick meinen Augen aus und antwortete, am
-Leben wäre er zwar noch ...
-
-Ob Hoffnung vorhanden?
-
-Ein leichtes Achselzucken. Nun erschien der Herr selbst, den seine
-Unterbeamten Konsul nannten. Ein braunbärtiger Mann mit rotem Fez auf
-dem Haupte, den er beim Gruße nicht lüpfte. Er war, wie ich schon
-wußte, ein geborener Mährer. Er setzte sich auf einen sehr niedrigen
-Schemel, bot mir Platz auf dem Diwan, eine Zigarette und machte mir
-dann Mitteilungen. -- Geschehen sei alles für meinen Verwandten, und
-mehr als was getan worden, könne überhaupt nicht geschehen. Mein
-Vetter sei gefaßt, ich sollte es auch sein; er erwarte mich mit großer
-Sehnsucht, ich würde bald zu ihm geführt werden können, vorderhand
-müsse ich mich etwas erholen von den Reisestrapazen.
-
-Meinen Anzug ordnete ich in dem mir angewiesenen Zimmer des
-Gesandtschaftshotels unter Mithilfe eines braunen Jungen rasch und
-untadelhaft, als sollte ich die Aufwartung bei einem Würdenträger
-machen, anstatt bei einem Todgeweihten im Kerker; ich hielt mich hierin
-an eine orientalische Sitte, auf die mich der Konsul aufmerksam
-gemacht hatte. Das vorgesetzte Mahl mußte mir mein Gastherr mit vieler
-Mühe annötigen, ich war voller Ermattung und Angst. Auch so müde war
-ich, so steif die Beine von dem langen Ritt. Der feurige Perserwein tat
-seine Pflicht, machte mich zuversichtlich und aufgeweckt, um so mehr,
-als auch der Konsul, der mit mir speiste, bisweilen munteren Gesichtes
-mich tröstete. In Asien sei ein zum Tode Verurteilter noch lange nicht
-aufgegeben, Despotenlaunen seien ja bekanntlich unberechenbar.
-
-»Aber, Herr, worin besteht denn eigentlich das Verbrechen meines
-Vetters?« kam ich endlich dazu, zu fragen.
-
-Darauf, meinte der Gesandte, sei nicht so leichthin zu antworten.
-
-»Hat er in Unkenntnis der Zustände eine staatswidrige Handlung
-begangen?«
-
-»Ein politisches Verbrechen, meinen Sie,« sagte der Konsul, »derlei
-gibt es hier nicht, Freund. Aber gegen den Propheten hat er gesündigt,
-gegen die Tafeln des Kalifen. -- Hören Sie denn, wie es sich zugetragen
-hat. Ihr Vetter hatte in der königlichen Münze, wo wir ihn gleich
-anfangs durch einen günstigen Zufall unterbrachten, sich bereits
-eine vorteilhafte Stellung erworben; er befehligte ein paar Dutzend
-Arbeiter, und der Schah hat den fähigen jungen Mann bei mehreren
-Gelegenheiten ausgezeichnet. Besehen Sie sich einmal dieses Geldstück!«
-Er zeigte mir ein neues Goldstück, auf welchem das Bild des Schah in
-feinster Prägung prangte. »Könnte das nicht ebensogut in Paris oder in
-Wien geschlagen worden sein? Das ist ein Werk Ihres Vetters. Er wäre
-heute Oberdirektor der Königlichen Münze, wenn nicht plötzlich der
-Teufel --« er zuckte ab.
-
-»Ich bitte Sie, meine Spannung!«
-
-»... ~recte~ das Weib dazwischen gekommen wäre.«
-
-»Ein Einbruch in den Harem?«
-
-»Mit nichten,« sagte der Konsul. »Ihr Vetter hat weder eine Frau des
-Schah noch die eines anderen Mannes auch nur mit einem Blick entweiht.
-Der junge Meister aus der königlichen Münze war bescheiden genug;
-der Tochter eines teheranischen Lederhändlers schaute er hinter den
-Schleier und erwählte sie. Ich habe sie mit meinen eigenen Augen
-gesehen, und ich sage Ihnen, es gibt nichts Schöneres auf Erden! Mit
-ihrem Vater war sie erst vor kurzem aus Ispahan eingewandert. Nun, die
-Leutchen liebten sich; der Vater drückte erst ein Auge zu, dann auch
-das zweite, und machte sie endlich gar nicht mehr auf, denn er starb
-auf einer Handelsreise nach Armenien an der Pest. Nun waren die jungen
-Leute sich selbst überlassen und wohnten in einem reizenden Häuschen
-des europäischen Quartiers. Die Idylle blieb nicht lange verborgen; von
-Derwischen angeführt, brach in Abwesenheit des Münzmeisters eine Rotte
-in sein Haus, warf ein Tuch über das Haupt des Mädchens, schleppte es
-davon, um es auf öffentlichem Platze hinzurichten.«
-
-»Um des Himmels willen, was erzählen Sie denn da?« rief ich
-aufspringend aus.
-
-»Bleiben Sie sitzen und hören Sie die Tafel des Kalifen: Wenn eine
-Anhängerin der Rechtgläubigen -- des Mohammedanismus -- sich mit
-einem Ungläubigen paart, so soll sie getötet werden. -- Dem ist aber
-vorzubeugen, wenn der Mann sich zum Islam bekennt und sie zu seinem
-rechtmäßigen Weibe macht. Das österreichische Konsulat griff sofort
-ein. Ich begab mich zum trostlosen Münzmeister, um ihn zum formellen
-Bekenntnisse des Islams zu bewegen, traf ihn aber nicht mehr in der
-Werkstätte. Er war zur Moschee geeilt, in der seine Braut gefangen
-gehalten wurde, und schleuderte dort einen Derwisch, der ihm den
-Eintritt verwehren wollte, so heftig an die Marmorbrüstung, daß der
-zusammenstürzte und für alle Zeit auf das Aufstehen verzichtet hat. Die
-fanatische Menge nahm den Gewalttätigen natürlich gefangen, um ihn der
-Tafel des Kalifen zu überliefern, die da spricht: Wer Blut vergießt,
-dessen Blut soll auch vergossen werden. -- Die Gesandtschaft machte
-alle erdenklichen Anstrengungen, ihn zu retten: er selbst gab alle
-Hoffnung auf, nur Muselman wollte er vor seinem Tod noch werden, um die
-Braut zu retten. Damit war's aber zu spät. Die Tafel des Kalifen sagt:
-Ein Ungläubiger, der einen Derwisch erschlägt, kann nimmer des Islams
-sein.«
-
-»Also beide verloren?«
-
-»Ich habe mich an die übrigen europäischen Gesandtschaften gewendet in
-dieser Sache, allein die Tafel des Kalifen sagt: Der Islam steht über
-allen Gesetzen. -- Und doch, Freund, haben wir Unglaubliches erreicht.
-In einer der europäischen Anwandlungen, denen der Schah -- Allah
-segne ihn! -- bisweilen unterworfen ist, hat er seinen Münzmeister
-begnadigt --«
-
-»Begnadigt?!« Ein heißer Freudenschreck.
-
-»-- zu zehnjähriger Zwangsarbeit bei den Straßenbauten im
-Elbrusgebirge.«
-
-Mir fiel auf, daß der Konsul solches mit einer gewissen Trauer sagte.
-Ich wußte noch nicht, was es heißt, zehn Jahre Zwangsarbeit in Persien.
-Keiner überdauert sie, es ist eine langsame Hinrichtung.
-
-»Zugunsten des Mädchens,« fuhr mein Berichterstatter fort, »fand der
-Schah, der sich für den Fall persönlich interessierte, die Deutung
-des Kalifen, nach welcher die Sünderin durch eine Wallfahrt nach der
-heiligen Stadt Kum in der Salzwüste gereinigt werden könne. Sie ist
-aber nicht in die Salzwüste, sondern unter heimlichen Begünstigungen
-ins Elbrusgebirge gezogen, wo der Verurteilte seine Strafe sofort
-angetreten hatte.«
-
-»Ich finde ihn nicht in Teheran?« war meine Frage.
-
-»Sie finden ihn auch im Gebirge nicht,« antwortete der Konsul.
-
-»Sie foltern mich, Herr! Was soll ich denn tun?« rief ich, von meinem
-Diwan aufspringend, denn die Sehnsucht nach meinem unglücklichen
-Verwandten verzehrte mich.
-
-»Sie müssen zum Großwesir gehen,« sagte mein Gastherr mit blinzelnden
-Augen. Da hatte ich genug.
-
-»Den Großwesir bestechen? Ich bin arm.«
-
-»Bringen Sie ihm, was Sie haben, Ihren Mut, Ihre Liebe zum
-Blutsverwandten, vielleicht rührt ihn das. Unser neuer Großwesir ist
-nicht so schlimm wie sein Name. Wäre er vor zwei Monaten schon in
-seiner Würde gestanden, wir hätten das mit Ihrem Vetter nicht erlebt.
-Er kann uns helfen, kommen Sie nur, ich begleite Sie zu ihm.«
-
-Diese plötzliche Zuversicht meines Konsuls richtete mich auf; ich
-fühlte kein steifes Bein mehr, aber auch kein steifes Rückgrat; es soll
-sich ordentlich biegen, wenn's dem Anton gilt. Mein Gastherr klingelte
-seinem Burschen, einem flinken Kaukasier; die Pferde wurden vorgeführt,
-wir ritten zum Großwesir.
-
-Dieser Ritt durch die Stadt hat keine Erinnerung in mir hinterlassen,
-ich habe sicherlich nichts gesehen und nichts gehört, so erfüllt war
-ich von dem Schicksale meines Anton und meiner Mission. An der Pforte
-des Palastes sah ich die ersten Mohren; sie warfen sich auf den Bauch,
-als wir an ihnen vorbei die Treppe hinaufstiegen. Wir gelangten in eine
-dämmernde Halle mit schwarzen Wänden und schneeweißen Marmorsäulen. Das
-ganze Licht dieses Raumes schien von den weißen Säulen auszugehen, ich
-sah kein Fenster. Die folgenden Räume, die wir durchschritten, waren
-noch märchenhafter; aber mich entzückte keine Pracht, mich erschreckte
-sie nur, es war ja doch nichts als das Hohnlachen des Despoten.
-
-Endlich standen wir vor schweren Vorhängen; ein wohliger, betäubender,
-völlig fremdartiger Geruch. Mein Konsul legte mir die Hand auf die
-Achsel: »Nur Fassung!«
-
-»Ich habe Mut,« darauf meine hohlstimmige Antwort.
-
-»Auch für das Schlimmste? Auch für das Beste? Wir sind im Orient!«
-
-Die Vorhänge wallten zurück, mir war ganz traumhaft. Was jetzt geschah
--- man wird mir's nicht glauben können. -- Aus einem Nebengemach
-schritt der Würdenträger, in einem reichverzierten Kaftan, rasch auf
-mich zu und fiel mir lachend um den Hals.
-
-Ich schrak zurück, war starr und glotzte ihn an. -- War er's? War er's
-selber? -- »Das -- das ist zu dumm!« schrie ich entrüstet über diese
-beispiellose Riesenfopperei. -- Der Anton stand vor mir, mein Toni,
-meines Vaters Bruders Sohn!
-
-»Gerettet? Gerettet?« rief ich, »so lass' mich zum Großwesir, daß ich
-ihm danke auf den Knien.«
-
-»Bitte sich nicht zu genieren!« sagte er, trat einen Schritt zurück,
-kreuzte die Arme über der Brust und stand in seinem reichen Gewande mit
-vergoldetem Krummsäbel da wie ein indischer Fürst aus der Phantasie
-Scheherazades.
-
-»Komödiant!« kreischte ich.
-
-»W--a--a--s? Mensch, gib acht, daß ich dich nicht kürzen lasse!«
-
-Der Konsul zog mich beiseite und flüsterte mir mit schrecklich
-gewichtiger Miene zu: »Es ist der Großwesir!«
-
-Auf alle Ausschmückung der Begebenheit verzichte ich. Die Überraschung
-war den Herren zu gut gelungen. Bald darauf saß ich in einem der
-innersten Gemächer ganz blöde da. Der Vetter war hinausgegangen,
-der Konsul redete mir zu, nicht weiteren Zweifel zu setzen in die
-Richtigkeit der Erscheinungen. Er erinnerte an die Tafel des Kalifen,
-wo es heißt:
-
-Die Welt ist wahr, sei es auch du. Und wenn du lügst, dann tue es so
-dick, daß man dir nicht glaubt. -- »Was Sie da sehen, das +werden+ Sie
-aber glauben,« fuhr der Konsul fort. »Denn alles, was ich Ihnen von
-dem Münzmeister, von seiner Braut, von seinem Totschlage, von seiner
-Verurteilung und Begnadigung erzählte, es ist wahr. Erst vor wenigen
-Wochen ist er von der Zwangsarbeitskolonie am Elbrus zurückgekehrt
-nach der Residenz, um seinen hohen Posten anzutreten. Man hat's nach
-Österreich berichtet, aber Sie waren schon abgereist.«
-
-»Das ist alles recht schön,« war mein zögernder Einwand, »wenn ich nur
-auch wüßte, wie der Mensch aus einem Zwangsarbeiter am Elbrus ein --
-ein so großes Tier wird.«
-
-»Oh,« sagte der Konsul, »das ist einfach. Man rettet dem Schah das
-Leben. Der Schah macht nämlich mit mäßigem Gefolge einen Jagdausflug
-ins Gebirge und wird in den Engpässen bei Scheristanak von kaukasischen
-Räubern überfallen. Aus der Nebenschlucht bricht, angeführt von einem
-jungen Münzmeister, die Sträflingskolonie hervor und schlägt die Räuber
-in die Flucht.«
-
-»Herr!« rief ich, »das ist ja ein Märchen! Das ist ein tolles Märchen!«
-
-Er zuckte die Achseln: »Wir sind im Orient! -- Hören Sie weiter. Einige
-Tage vor dem Ereignis im Elbrusgebirge hat gerade der Großwesir aus
-der persischen Königskrone heimlich ein paar Diamanten gebrochen, so
-wie man aus dem Weihnachtskuchen die Rosinen zwickt. Das ist dem Schah
-nicht recht, er läßt den Herrn abtun und setzt an seine Stelle den
-jungen Münzmeister.«
-
-Man hat's seinerzeit ja auch in den Blättern gelesen.
-
-Nun trat seine Exzellenz herein, das schrecklich schöne Gewand hatte
-er abgelegt. Doch sah er mit seinem an beiden Seiten niederhängenden
-Schnurrbart, mit der breiten, maikäferbraunen Leibbinde, in der
-scharlachroten Pumphose und den gelbseidenen Sandalen immer noch
-türkisch genug aus. Sonst war's das breite, wohlgerötete steirische
-Gesicht mit den frischen grauen Augen. Nun ließ sich ja mit ihm reden.
-»Gelt,« sagte er, mich bei der Hand fassend, »du bist nit bös, daß ich
-den Spaß gemacht hab'. Für die ausgestandene Angst müssen wir doch auch
-ein Pläsier haben.« Aber als ich mich höflich nach seiner Frau Gemahlin
-erkundigte, und ob ich ihr vorgestellt werden könne, da kam wieder die
-Tafel des Kalifen Abu Bekr: Wer Begehr nach der Frau seines Gastherrn
-hat, der soll mit dem Tode bestraft werden.
-
-»Sehr gütig, Exzellenz, darf ich noch fragen, wann der nächste Zug nach
-Europa abgeht? Den Karawanenzug meine ich.«
-
-Aber das begann doch immer gemütlicher zu werden, und bald fand ich,
-daß es doch gar nicht so übel ist, Geschwisterkind und Gast des
-Großwesirs von Persien zu sein. Auch dem Schah wurde ich vorgestellt:
-der war sehr leutselig, erkundigte sich nach Wien und den Wienern,
-die er ein paar Jahre vorher besucht hatte, erkundigte sich besonders
-nach der Naschhütte neben dem zweiten Kaffeehaus im Prater, und was die
-Volkssänger Schrammeln machten. Dann schneuzte er sich mit den Fingern
-und trippelte davon.
-
-Noch lieber hätte ich die Gemahlin des jungen Großwesirs, die schöne
-Fatima gesehen. Der Konsul zeigte mir auch die Fenster des Harems.
-Diese waren sehr unzugänglich, und ich erwog, ob es den Herrn Vetter
-arg verdrießen würde, wenn ich es einmal mit dem steirischen Fensterln
-versuchte, in welchem er selbst einst Meister gewesen war. In
-Anbetracht der bekannten asiatischen Sitten habe ich's aber unterlassen.
-
-Nach fünfwöchentlichem Aufenthalt in Teheran ward mir der persische
-Boden endlich heiß unter den Füßen; mit Teppichen, Pelzen, Gewürzen und
-einem krummen Ehrensäbel beschenkt reiste ich ab, vollkommen beruhigt
-über das Befinden meines lieben Vetters Anton.
-
-Das Versprechen hat er mir gegeben, mich gelegentlich daheim zu
-besuchen. Bis dato ist er nicht erschienen. Unser Briefwechsel blieb
-ein lebhafter. Seine Brüder in Steiermark rauchen den feinsten
-türkischen Tabak. Im Jahre 1887 hat er seinen Abschied genommen und
-sich in Unteritalien bei Potenza ein Landgut gekauft. Als ich ihn im
-vorigen Frühjahr einlud, uns doch einmal zu besuchen und zuverläßlich
-auch die Frau Schwägerin Fatime mitzubringen, lehnte er ab und kam
-wieder mit seiner verdammten Tafel des Kalifen.
-
-Ach du mein! Ich achte ja diese Tafeln. Wie schön zum Beispiel ist der
-Satz: Wenn du lügst, dann tue es so dick, daß man dir nicht glaubt.
-
-
-
-
-Reisebilder aus jungen Jahren.
-
-
-
-
-Die sächsische Schweiz.
-
-1870.
-
-
-Wenn es einmal Riesen gegeben hat, -- und daran zweifle ich nicht,
-denn meine Großmutter hat es oft gesagt -- und wenn diese Riesen auch
-geschmackvolle Künstler gewesen sind, dann kann ich mir die Sächsische
-Schweiz erklären.
-
-Da werden sie einmal zueinander gesagt haben: Was doch dieses Land
-an der Elbe so öde und leer ist! Wie nimmt sich dagegen da oben das
-Salzburger Land und die Steiermark und die Schweiz so prächtig aus,
-da stehen neben den grünen Wiesen und den blauen Flüssen und Seen die
-großen Berge mit dunkeln Hochwäldern und grauen Felswänden! -- Wäret
-ihr alle dabei, wenn wir hergingen und uns auch so etwas bauten? Und
-wahrhaftig, sie gingen her, brachen Felsmassen von den südlichen Alpen
-und vom näheren Riesengebirge und schleppten sie hinab an die Elbe und
-legten sie an beiden Ufern derselben übereinander und bauten Wände und
-Türme und nebenhin an den kleineren Bächen bildeten sie Schluchten mit
-Zacken und Hörnern und Höhlen und allerhand sonderbaren Gestalten.
-Dazwischen ließen sie aber tiefe dunkelgrüne Täler frei und neben und
-an und über den Felsen pflanzten sie Laub- und Nadelwälder, und hinter
-denselben, in Schluchten, errichteten sie Wasserfälle und gruben Tiefen
-in die Unterwelt.
-
-Und nun hatten die Riesen an der Elbe eine Gebirgswelt voll Wildpracht,
-wie sie die vielgerühmte Schweiz hat, da oben hinter dem Rhein. Die
-Schweiz ist zwar schön in ihrer Großartigkeit, aber ihre Großartigkeit
-ist gar nicht mehr bequem für den Menschen; die Natur scheint dieses
-Land auch gar nicht für den Menschen gemacht zu haben, sondern für
-sich selbst. Das Bergland an der Elbe aber hatte die Schönheiten der
-Natur mit dem Ebenmaß der Kunst vereinigt; es war eigentlich eine
-ungeheuere Bildhauerarbeit. Und dazu war das Bergland ganz für den
-Menschen zurechtgelegt; es war ein Steingebirge, aber deshalb nicht
-unfruchtbar, es war eine wildromantische Felsenwelt, aber deshalb
-nicht unzugänglich. -- Und eben aus diesen letzten Umständen ist zu
-schließen, daß die Schweiz an der Elbe von kunstfertiger Menschenhand
-der Riesen gebaut worden ist.
-
-Dergleichen Dinge dachte ich mir, als ich durch die Schluchten
-des Meißener Hochlandes schritt. Mein Gott, man denkt denn einmal
-allerhand kindisches Zeug, wenn man so allein und in sich gekehrt
-dahinschlendert. Als mich endlich die gut angelegten Wege auf Anhöhen
-führten, fast ohne daß ich's merkte, und ich plötzlich keine Wildbäche
-und Felswände mehr sah, sondern zwischen sich weithin ziehenden
-Kornfeldern stand, da wurde mein Denken ein anderes -- -- nüchterner
-und vernünftiger.
-
-Dieses Gebirge der Sächsischen Schweiz konnte eigentlich nur durch
-Vertiefungen entstanden sein, das heißt, die Gegend mußte einst eine
-Hochebene oder ein einfaches Hügelland gewesen sein. Da kamen Wässer,
-schwemmten sich Betten, rissen Gräben in das Erdreich, nagten an dem
-Gesteine und höhlten all die Schluchten. Und als das Wasser schon
-längst unten in den Tiefen dahinbrauste, begannen an dem entblößten
-Felsen auch andere Bildhauer zu arbeiten, nämlich die Luft, der Frost
-und die Sonne, und so sind die eigentümlichen Felsbildungen zustande
-gekommen. Zu all dem senkte sich verwitternd fruchtbares Erdreich
-zwischen das Gestein und in seine Risse und Klüfte, und so wuchs in und
-aus denselben überall der kräftige Wald.
-
-Vom Elbetal aus meint man sich in weiß was für einem Hochgebirge zu
-befinden, besteigt man aber eine der nahen, kastellartigen Felswände,
-so steht man erst in gleicher Höhe mit dem übrigen Boden des Meißner
-Hochlandes. Nur wenige Berge, wie z. B. der Große und Kleine
-Winterberg, der Lilienstein, der Königstein, erheben sich über die
-normale Höhe.
-
-Diese hier so überaus seltsame Natur haben die Menschen früh
-aufgefunden, haben auf die Höhen Häuser und in die Täler Städte
-gebaut, haben die Flüsse geregelt, überbrückt, Wege und breite Straßen
-angelegt und dieselben gepflastert und gewahrt; zu den Felsenzinnen
-hinan haben sie Treppen gebaut und oben sichere Geländer und hohe Türme
-hingestellt, und auch bequeme Gasthäuser dazu. Und der Elbe entlang
-haben sie Segel- und Dampfschiffe flott gemacht und feste Straßen und
-Eisenbahnen angelegt, damit nun von Süden und Norden die Menschen
-kommen sollten zu sehen, was da auf diesem Fleck Erde für ein Land und
-Leben ist.
-
-Und sie kommen.
-
-Schon im Frühlingsmonate strömen sie heran aus allen Gegenden, Reiche
-und Arme, Gesunde und Kranke, Herren und Diener; -- und solche, die
-schon gehadert mit dem Leben, weil es ihnen für ihre Millionen keine
-Lust und Zerstreuung mehr bieten wollte, werden in diesem Hochländchen
-wieder für einige Tage munter. Da entfaltet sich denn in den
-Prachtanlagen ein lautes, klingendes Leben, und der Sachse lächelt
-schlau dazu und schlägt reiche Zinsen aus den Felsen seines Berglandes.
-
-Der Sachse ist aber auch ein Mensch, der sich sehen lassen darf vor
-den Fremden aus dem Süd- und aus dem Nordlande. In diesem Hochlande
-wohnt ein gescheites Völklein: gleich auf den ersten Blick merkt
-der Fremde die Kultur; sie drückt sich aus in den freundlichen,
-reinlichen Wohnungen, in der bequemen einfachen Kleidung und in der
-zutraulichem entschiedenen Ausdrucksweise. Kein einziger ist mir auf
-meinen Wanderungen in der Sächsischen Schweiz begegnet, der mir nicht
-zuvorkommend einen »guten Tach« geboten hätte. Und wenn ich um den
-Weg fragte, so wußte man mir denselben stets so einfach und bestimmt
-zu erklären, daß es eine Freude war. Es mochte vielleicht Zufall
-sein, aber auffallend war, daß mir auf dem ganzen Wege kein Bettler
-begegnete, wie sonst in dergleichen Gegenden. Selbst Kinder, die sich
-als Führer anbieten, wissen das ohne alle Zudringlichkeit und doch
-entschieden zu tun. »Herr,« sagen sie nach der Begrüßung, »wollen Sie,
-daß ich Ihnen den Weg und die schönen Punkte zeige und etwas trage, ich
-habe jetzt Zeit und möchte mir gern ein wenig verdienen!« Und wenn man
-den gebotenen Dienst ablehnt, so lüften sie wieder das Käppchen und
-ziehen ihrer Wege.
-
-Die Dorfkirchen sind einfach und meistens evangelisch; die Friedhöfe
-geschmackvoll, stets mit schönen, sinnigen Inschriften, meistens aus
-deutschen Klassikern.
-
-Mir hat's wohlgetan in diesem sächsischen Kleinalpenländlein.
-
-
-
-
-Aus der heiligen Stadt.
-
-1870.
-
-
-In einem Talkessel der Ilm, von hohen Laubwäldern durchzogen, von
-fruchtbaren Kornfeldern und dunkeln Waldbergen umgeben, angesichts
-des sich in Südwesten bläulich hinziehenden Thüringer Waldes
-liegt Deutschlands heilige Totenstadt. Hier haben sie gelebt, die
-Dichterkönige, die Propheten, und hier liegen sie begraben. Weimar ist
-ein deutsches Jerusalem, ein deutsches Mekka geworden.
-
-Gleich wenn man über die Höhen von Apolda hinüber kommt, sieht
-man südlich der Stadt aus einem dunkelgrünen Laubwäldchen eine
-goldigfunkelnde Kuppel emporragen. Das ist die Fürstengruft und dort
-ruhen Schiller und Goethe.
-
-Es war mir feierlich zumute, als ich hinabstieg gegen das ruhige
-Städtchen. Dieses ist durchaus nicht reich an Pracht, aber die Häuser
-stehen schier weihevoll da, auf dem Pflaster hört man kaum einen Wagen
-rasseln, und durch die Gassen wandeln nur wenige Menschen. Es ist als
-ob die Stadt von seiner Glanzperiode zur Zeit Karl Augusts träumte.
-
-Und so lange Weimar steht, wird es träumen von jener Zeit und von den
-großen Männern, die seine Bürger waren.
-
-Heute zeigt es nur mehr die Wohnstätten der Sänger, und der Wanderer
-betritt sie mit Ehrfurcht.
-
-Es war hoher Nachmittag, als ich im Städtchen ankam; ich eilte an
-dem Goethe- und Schiller-Monument am Theaterplatz vorüber, Schillers
-Wohnhaus zu. Bald darauf stand ich[1] im Zimmerchen, wo Schiller
-gearbeitet hatte und gestorben war. Da steht noch der Schreibtisch
-und auf demselben das Tintenfaß; da liegt noch das Buch offen, in dem
-er zuletzt las, und da liegt noch der Brief, den er zuletzt schrieb.
-Der Sessel steht auch noch am Tisch -- man meint, der Professor müsse
-den Augenblick kommen und sich hinsetzen und seinen »Demetrius« fertig
-schreiben.
-
- [1] Durch die Vermittlung des Dichters Julius +Grosse+, der im
- Schillerhause als Präsident des Schillervereines wohnte.
-
-Aber die Schließerin zeigt auf das leere, nur mit grünen und welken
-Kränzen belegte ärmliche Bett im Winkel und sagt leise: »Hier ist er
-gestorben.«
-
-Am Bette steht das Tischchen mit der Schale, aus der er seinen Thee
-trank, und mit dem Medizinfläschchen.
-
-Am Ofen steht ein Saitenkasten, auf welchem eine Gitarre liegt; ich
-hatte es schier nicht unterlassen mögen, eine Saite zu berühren. Doch,
-diese Saiten mögen ruhen und trauern.
-
-Goethes Wohnung ist nicht zugänglich. Seinerzeit ist der Eintritt
-gestattet gewesen; da war einmal, so erzählt man, ein Engländer
-gekommen und der hatte Goethes Feder mitgenommen; seitdem läßt der
-Eigentümer des Hauses keinen Fremden mehr ein.
-
-Herder wohnte im Pfarrhofe, unmittelbar an der Stadtkirche; Wielands
-Haus ist unweit des Theaters. Jedes dieser Häuser ist mit dem Namen des
-betreffenden Dichters bezeichnet.
-
-Ich bin lange vor den Erzbildern der vier Sänger stehen geblieben.
-
-Zur Nachmittagszeit wanderte ich dem Friedhofe zu, obwohl mir gesagt
-worden war, es würde mir kaum möglich sein, in die Gruft zu gelangen.
-
-Der Friedhof zu Weimar ist ein dichter, dunkler Wald von Espen, Linden,
-Eichen und Zypressen, unter welchen die stimmungsvollsten Denkmäler
-stehen.
-
-Mitten im Friedhofe nun steht ein tempelartiges Gebäude mit der
-goldschimmernden Kuppel, und hier ist die Grabstätte des Großherzogs
-Karl August von Weimar und seiner Freunde.
-
-Ich stand eine Zeit lang im Tempel und las die Inschriften der unten
-Ruhenden. Da kam ein Mann, der wohl der Torwart sein mochte und den ich
-fragte, ob er mich nicht in die Gruft führen könne.
-
-»Ist nicht gestattet,« antwortete er kurz.
-
-Da war ich betrübt und sagte leise: »Ich hätte ihre Särge gern gesehen,
-aber ich werde wohl in meinem Leben nicht mehr hierher kommen.«
-
-»Sind wohl aus fernen Landen?« fragte der Mann.
-
-»Aus der Steiermark.«
-
-Auf dieses Wort schlug er mir heiter auf die Achsel: »Da sind wir ja
-schier Landsleute; meine Heimat ist in Ungarn, nahe an der steierischen
-Grenze; bin mehreremale in Steiermark gewesen. Ei schau, aus der
-Steiermark! Sapperlot, das freut mich. Kommen Sie, lieber Herr!«
-
-Mit diesen Worten zog der Mann einen Schlüssel aus der Tasche und
-führte mich in die Gruft.
-
-Links in der Nische stehen zwei Särge aus dunklem Holz, mit
-Lorbeerkränzen geschmückt -- hier ruhen sie.
-
-Am Grabe Jesus Christus hätte ich kaum gerührter und ehrfurchtsvoller
-stehen können, als an dieser Stätte unseres erhabenen Sängerpaares.
-
-All' die andern fürstlichen Särge, die im Hauptschiff des Gewölbes
-der Reihe nach stehen, waren mir gleichgültig, obwohl mein Landsmann
-von der ungarischen Grenze viele Worte aufbot, mein Interesse dafür
-zu erregen. Nur am Sarkophag Karl Augusts war mir, als müßte ich dem
-schlummernden Fürsten meinen Dank sagen, daß er der Freund unserer
-Dichter gewesen ist.
-
-So war mein Wunsch erfüllt und als ich dem Torwart zu Lohn noch erzählt
-hatte, wie es in der Steiermark und an der ungarischen Grenze zugehe,
-verließ ich den Friedhof und wandelte langsam gegen die Stadt.
-
-Am Abend -- dieser war so mild und heiter, und die Türme von Weimar
-funkelten in der untergehenden Sonne -- machte ich einen Spaziergang
-durch das »Hölzchen« und zwar in Begleitung der beiden Dichter, denn
-ich las Schillers »Spaziergang« und Goethes »Elegien«.
-
-
-
-
-Auf dem Turme der Marienkirche zu Stralsund.
-
-1870.
-
-
-Einen der eigentümlichsten Eindrücke auf meiner ersten Reise durch
-Deutschland hat Stralsund auf mich gemacht. Ein stillernstes Denkmal
-aus lebens- und drangvollen Tagen steht sie da, rings von Wasser
-umgürtet -- die zehnthronige Stadt Jaromars.
-
-Jaromar, ein Fürst von Rügen, hat Stralsund im Jahre 1209 gegründet. Da
-kamen die Dänen und Lübecker mit Feuer und Schwert, auf daß die kaum
-dem Meere entstiegene Jungfrau wieder untertauche. Aber bald erhob sie
-sich wieder, schöner als je und vermählte sich mit der deutschen Hansa.
-
-So ging eine lange Zeit hin und Stralsund blühte als Handelsstadt. Da
-kam im Jahre 1628 der Herzog von Friedland. Dieser schwur, die Stadt
-zu erobern, und wäre sie mit Ketten an den Himmel gebunden. Aber nicht
-an den Himmel war sie gebunden mit Ketten, sondern an die Herzen ihrer
-Bürger. Diese erschlugen dem gewaltigen Wallenstein zwölftausend seiner
-besten Streiter vor den Wällen der Stadt, und der Belagerer zog ab.
-
-Im Westfälischen Frieden wurde Stralsund den Schweden abgetreten, aber
-der Große Kurfürst eroberte es wieder für Deutschland zurück.
-
-Von nun ab wurde Stralsund, das seine der Hansazeit entstammende
-Kraft längst aufgezehrt hatte, ein Spielball zwischen Preußen, Dänen,
-Schweden und Franzosen, bis es heute unter dem Schutze Preußens ausruht
-von seiner blutigen Geschichte.
-
-Stralsund mit seinen schmalen, hohen Häusern, zahlreichen Erkern
-und stattlich zugespitzten Giebeln, hat den Charakter einer
-mittelalterlichen Stadt. Die engen, größtenteils gleichlaufenden Gassen
-sind von Kleingewerbe belebt, nur gegen den Hafen hin entfaltet sich
-das rege Leben und Streben des Schiffsvolkes.
-
-Unter den malerischen Gebäuden Stralsunds fällt das eigentümlich
-geformte vieltürmige Rathaus auf, und die Marienkirche.
-
-Von dem hohen Turme der Marienkirche aus, den man (über 368 Stufen)
-fast bis zur Spitze besteigen kann, hat man die entzückendste Aussicht
-über das befestigte Viereck der Stadt, über einen Teil von Mecklenburg,
-der Insel Rügen und den blauen Strela-Sund mit seinen zahlreichen
-Schiffen. Südöstlich schweift der Blick über den Greifswalder Bodden
-und nördlich fernhin über die Fläche des Meeres.
-
-Als ich auf dem Turme war, ging nach einem Gewitter gerade die Sonne
-unter. Die Luft war ungewöhnlich rein, der Himmel zum größten Teile
-klar geworden, nur über Greifswald und die Insel Usedom zogen sich noch
-Regenstreifen, von einem reinen Regenbogen durchwoben. Auf dem Meere,
-gegen Schweden hin, standen am Horizont weiße Punkte -- einsam wallende
-Segelschiffe.
-
-Von Rügen schimmerte das drei Meilen weit entfernte, hochliegende
-Bergen herüber.
-
-Ich konnte mich von diesem Bilde nicht trennen. -- Rügen! du meer- und
-lichtumflossenes Eiland, du sagenreiche Stätte altnordischer Kultur,
-du Wiege deutscher Befreier aus römischer Herrschaft; du einst von
-den Segeln der Hansa umkreister Eichenhain; du ersehntes Ziel der
-Naturforscher, du Waldesruh der Poeten -- ehrwürdige Warte im Norden:
-sei mir gegrüßt!
-
-»Ik wet nich, jez stahn mer schon twe Stunden da!« mahnte der Küster,
-der mich auf den Turm begleitet hatte.
-
-»Steigen Sie in Gottesnamen hinab, ich werd' schon nachkommen,« sagte
-ich.
-
-Darauf meinte er, ich würde allein nicht hinabfinden, eine Zumutung,
-über die ich lachte.
-
-Der Mann bedeutete mir noch, daß ich mich immer an den Handstrick
-rechts halten müsse; den Schlüssel, den er unten stecken lassen wolle,
-möge ich ihm, wenn ich nachkomme, in seine Stube bringen, dann ging
-er. Ich sah noch, wie die Sonnenstrahlen im Meere erloschen, wie dort
-Rügens Hauptstadt noch einmal aufglühte und wie dann stille Dämmerung
-lag über Land und Meer.
-
-Tief unter mir tönte schon die dumpfe Abendglocke der Marienkirche, als
-ich endlich an das Hinabsteigen dachte.
-
-Im Turme war es dunkel; ich hielt mich immer an die Handhabe rechts.
-Ich stieg langsam und vorsichtig abwärts. Auf den steinernen Stufen
-fühlte ich hie und da Schutt, den ich beim Hinansteigen nicht bemerkt
-hatte. Ich hatte stets den Strick in der Hand. Dann und wann rauschte
-es, ich mußte wahrscheinlich Familien von Fledermäusen behelligen.
-Mir wurde fast unheimlich; ich suchte in meinen Taschen nach einem
-Streichhölzchen, fand aber keins und jetzt hatte ich auch den Strick
-verloren. Ich tastete an der rauhen, unübertünchten Mauer umher, aber
-ich fand keinen Strick. Wird sich doch wohl auch ohne einen solchen
-hinabhelfen lassen, dachte ich und kroch über Stufen und Stufen. Die
-Treppe wand sich und ich kam immer mehr in Schutt, und endlich hatte
-ich Mauer und Schutt neben und vor mir und ich konnte nicht mehr
-weiter. Viel Staub hatte ich aufgewirbelt, der legte sich mir jetzt in
-die Augen. Dann und wann flatterte etwas vorüber, etwas, aus welchem
-meine erregte Phantasie machen konnte, was sie wollte. -- Ich war
-schier ratlos, doch entschloß ich mich, wieder emporzusteigen, die
-rechte Treppe zu suchen oder im schlimmsten Falle von der Höhe des
-Turmes um Hilfe zu rufen.
-
-Aber es sollte noch einen schlimmeren Fall geben, den nämlich, daß ich
-auch den Aufgang nicht mehr fand; ich kletterte über Stufen und Schutt
-und Gerölle empor, da stand ich an einer feuchten Wand, konnte nicht
-weiter und mußte wieder umkehren. So kletterte ich eine Zeitlang erregt
-und ruhelos auf und nieder und mir schien, als käme ich immer in andere
-Räume. Hie und da sah ich hoch über mir eine schmale Wandscharte, durch
-die einige matte Strahlen des Abends hereinfielen, sonst war überall
-undurchdringliche Finsternis.
-
-Ich verwünschte meinen Eigensinn, nicht dem Küster gefolgt zu sein --
-aber das Bild war ja so schön gewesen!
-
-Ich ergab mich in das Unvermeidliche; am nächsten Morgen würde sich das
-Weitere ja doch wohl finden.
-
-Ich setzte mich auf einen Stein, schlug meine Wolldecke, die ich immer
-mit mir trug, eng um Achseln und Brust und versuchte einzuschlafen.
-Aber ich war zu erregt. -- So hilflos und verlassen hier, hoch über den
-Menschen! Wenn unten die Uhr schlug, hörte ich kaum die Töne. --
-
-Indes, nach und nach wurde es in mir ruhiger und noch einmal begann
-sich in dieser ~camera obscura~ das abendliche Bild der Aussicht von
-oben zu klären. Ich sah das meer- und lichtumstrahlte Eiland -- ich sah
-Schiffe gleiten mit wehenden Wimpeln über den dunkeln Wassern; -- ich
-sah endlich, wie aus den Fluten Felsen und Triften und Wälder und Auen
-sich erhoben und ich sah Hütten und Herden und heitere Hirten. Ich sah
-lustig jodelnde Sennerinnen und rüstige Gemsjäger. Und unten in den
-stillen Tälern sah ich Dörfer mit Schindeldächern und weißen Wänden,
-und ich sah, wie aus den Schornsteinen blauer Rauch aufstieg -- ich sah
-mein geliebtes Alpenland. -- ... Da schwand das Traumbild und ich war
-wach.
-
-Unweit von mir hörte ich Gepolter und Männerstimmen, Lichtschein fiel
-mir in die Augen.
-
-Das waren der Küster und sein Sohn, die, als der Fremde am späten
-Abend noch immer nicht mit dem Schlüssel von dem Turme zurückgekommen,
-sich mit einer Laterne aufgemacht hatten, um zu sehen, ob ihm in den
-Räumen und Winkeln des alten Turmes doch nicht etwa was zugestoßen sei.
-Ich war bei den durch abgelöstes Mauerwerk halbverschütteten Treppen
-abgeirrt von der Haupttreppe, und war wirklich schon einem Abgrund nahe
-gewesen, der mich zwar mit einemmale um ein Bedeutendes tiefer, aber
-zuletzt wohl gar um sechs Schuh zu tief gebracht hätte.
-
-Wir mußten viele Treppen hinabsteigen und als wir an der Glocke
-vorüberkamen, schlug sie die elfte Stunde.
-
-Den andern Tag im Morgensonnenschein fuhr ich über den Sund und
-wanderte durch die Insel Rügen bis hinan zum Rugard.
-
-Dort stand ich still und blickte rings um mich.
-
-Da sah ich die Hügel von Putbus, die Buchenwälder bei Granitz und
-Stubbenkammer, die Kreidefelsen bei Arkona, die blauen Buchten, das
-Meer ringsum und in der Ferne gegen Westen den Turm der Marienkirche zu
-Stralsund.
-
-
-
-
-Auf dem Rigi.
-
-1870.
-
-
-Wenn man sich von Graz über Stralsund und Amsterdam nach Luzern rädern
-läßt und endlich auf eigene Socken kommt, so sieht man sich nicht erst
-um nach Hotel und Staubbürste, nicht erst nach dem Pfyfferschen Relief,
-nicht nach Thorwaldsens Löwen, nein, man flieht, eilt fort, -- endlich
-auf eigenen Füßen!
-
-Ich lief, kaum ich dem Bahnhofe entsprungen war, über die eingedeckte
-Holzbrücke, und ich lief dem Hafen und dem Ufer des Vierwaldstätter
-Sees entlang gegen Küßnacht. Mir war unsäglich wohl und leicht, ich
-wollte nichts von Menschenwerk und Stadtluft, ich wollte die Natur
-des Hochgebirges, die ich seit der Fahrt über den Semmering schon so
-lange entbehren mußte. Das endlich war wieder die freie frische Luft
-voll Harzduft, voll Waldesrauschen -- mein Element. Ich kam mir vor
-wie getragen, ich berührte die Erde kaum. Wie ein Reh lief ich am See
-entlang; ich war außer mir vor Freude, daß ich wieder in den Bergen
-stand. Was waren das für Berge, was war das für ein Alpenland! Jetzt,
-Du mein Gott, sah ich's erst, ich stand mitten in der Schweiz.
-
-Da lag vor mir der vielarmige See, so ruhig, so dunkelblau, wie das
-Himmelsauge an einem heiteren Herbstabend. Ein einziges Segelschiffchen
-glitt über den Spiegel und es war mir, als trage das einsame
-Segelschiffchen Poesie über den See -- mehr konnte ich nicht erkennen.
-
-Diesseits liegt die grüne Wiese und ein kleines Landhaus mit weiten,
-grün eingerahmten Fenstern und grauen, schuppenartig verkleideten
-Wänden; vor dem Hause sind Lauben und Rebenpflanzungen.
-
-Jenseits des Sees aber, am bläulich schattigen Ufer erhebt sich der
-dunkle Wald und die düstere Felswand, und nun ist geschichtet Felswand
-auf Felswand -- hoch empor hat es sich gebaut und getürmt in allen
-Lagen, in allen Gestalten, und oben an den Hängen und höchsten Hörnern
-kleben Nebelflocken wie weiße Blüten.
-
-Doch siehe, jene Klamm dort, aus welcher der Wassersturz wie ein
-milchweißes Band niedergeht, öffnet uns einen Blick in den Hintergrund.
-
-Aber was drängt sich da für ein wilder, finsterer Geselle vor, uns den
-Blick auf das liebliche Bild abzuschneiden?
-
-Wie ein Verzweifelter steht er da, wüst und zerrissen; ewig starrt er
-nieder in den tiefen See, ob er wogt und flutet, ob er ruhig ist. --
-So stürze dich hinein! -- Nicht doch, wer weiß, welch' Leid in deinem
-Herzen nagt. -- Man erzählt sich wohl was besonderes von dir, du
-finsterer Riese. Da kam der römische Landpfleger Pilatus, und aus Reue,
-daß er den Nazarener zur Hinrichtung verdammt hatte, stürzte er sich
-von dir in diesen See und davon hättest du den Namen.
-
-Links vor mir, hinter dem Seearm, erhebt sich ein grünlich-grauer,
-teilweise felsiger, teilweise bewaldeter Berg, in Form einer
-abgestumpften Pyramide. Dieser Berg ist der Rigi. Auf der höchsten
-Spitze desselben leuchtete ein weißer Punkt, das Hotel Rigi-Kulm. Und
-morgen, wenn die Sonne aufgeht, mußt du dort oben sein, und heute, da
-sie schon beinahe untergeht, bist du weit davon, und hast noch gar
-keine Herberge.
-
-Einladende Höfe genug, einladende Menschen auch, denn die Ufer des
-Vierwaldstätter Sees sind dicht besäet von lebenslustigen Armen und
-Reichen, die in niedlichen Häusern oder stattlichen Villen wohnen. Aber
-ich fühlte ja noch die Flügel an den Fersen, und es lag Küßnacht nicht
-mehr fern. Dieser kleine Ort mit den großen Häusern ist so einladend,
-wie sein Name, es war, als ich ihn erreichte, schon dunkel geworden,
-aber trotzdem ging ich auch hier vorüber. Von Immensee aus, so hieß
-es in meinem Handbuche, ist der Rigi am kürzesten und bequemsten zu
-besteigen; mein Ziel für heute war Immensee.
-
-So ging ich. Vor mir leuchteten Johanniswürmchen, über mir die Sterne.
-Und Grillen hörte ich singen; in Steiermark tun es an so lieblichen
-Abenden auch die Burschen. Kaum eine halbe Stunde hinter Küßnacht kam
-ich zu dem Hohlweg, wo Wilhelm Tell den Schuß nach Geßler getan. Es war
-fast ganz finster, denn die Bäume hingen über mir zusammen. Ich blieb
-stehen, ich dachte an Schillers Dichtung, an die Tradition, an das
-Reichsvogtentum der alten Zeit. Mit tiefem Pathos begann ich endlich zu
-deklamieren: »Durch diese hohle Gasse muß er kommen!«
-
-»Er isch schon da!« rief es plötzlich hinter mir, und zwei Arme legten
-sich um meinen Leib.
-
-Ich war im Moment so erschrocken, daß ein ganzes Planetensystem vor
-meinen Augen funkelte.
-
-»Verflucht!« rief ich, »wer ist da?«
-
-»Stell di nit so närrisch, du Dingli; meinst, wo de gohsch und wo de
-stohsch, sin G'spenster! Luig me an, ob i nit der alt Friedli bi, der
-bsinnig!« Diese Worte sprach ein armseliges Gestaltlein, und dann
-reichte es mir die Hand. Ich nahm sie an.
-
-»Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?« fragte ich.
-
-»Gueten Obe, de Friedli isch's halt; wonn der wilsch und wonn de
-z'friede bisch, so weis' i dir e Hus zum schlofe huit; de Nacht isch
-lang und chüel. Verstöhnt der mi?«
-
-»Angenommen,« sagte ich, »aber führen Sie mich in das nächstbeste
-Gasthaus, je näher am Berge, je besser, ich will mir für morgen den Weg
-auf den Rigi so kurz als möglich machen.«
-
-Dann führte mich das Männchen unter fortwährendem Geplauder. Fast
-possierlich sah es aus; es hatte, wie ich jetzt in der Sternenhelle
-bemerken konnte, einen Höcker, und trippelte damit geschäftig neben mir
-her und machte mich auf jedes Steinchen und auf jede Wurzel, über die
-wir schritten, aufmerksam.
-
-Und bald kamen wir ins »Hus«. Aber das war zu meinem Erstaunen kein
-Gasthaus, sondern ein großer Bauernhof mit vielen Ställen und Scheunen,
-aus denen mehrere Blechschellen, wie sie die Herden haben, ertönten.
-
-Als mich mein Begleiter ins Wohnhaus führte, sagte ein Weib, das an der
-Türe stand, und an dem ich in der Dunkelheit nur bemerken konnte, daß
-es sehr beleibt war: »Je, Friedli, wen bringst denn da?«
-
-»E Büebli, das im Wald isch gsi und ke Hus g'funde het,« antwortete das
-Männlein und rieb sich die Hände.
-
-Jetzt kamen auch noch andere Leute herbei, und sie lachten und endlich
-führten sie mich in eine Stube, die sehr geräumig und reinlich war, und
-in welcher eine Petroleumlampe brannte.
-
-»Entschuldigen Sie, man wird nicht hier bleiben können?« sagte ich.
-
-Da entgegnete mir ein stämmiger Mann, der in Alpentracht war und ein
-Pfeifchen schmauchte: »Gasthaus ist zwar keines bei uns, aber wenn Sie
-nicht gern mehr hinabgehe nach Immensee und weil Sie der Friedli schon
-einmal gebracht hat, so bleibe Sie in Gottesnamen nur da; wenn Sie
-zufriede sein wollen, wir tun Ihnen gut, wie wir's haben.«
-
-Nach diesen Worten zog er über den Tisch, der in einer Ecke der Stube
-stand, ein weißes Tuch, und das Weib, welches früher an der Tür
-gestanden war, brachte Brot, Butter, Honig und eine Schale Milch, und
-dann luden sie mich ein, daß ich mich hinsetze und esse.
-
-Da setzte ich mich zum Tisch und aß.
-
-Das Männlein, das mich gebracht hatte, kauerte in einem Winkel der
-Stube und sah mir wohlgefällig zu, wie ich mir erkleckliche Brotlappen
-herabschnitt, sie auf einer Seite fürsorglich mit Butter, auf der
-anderen minniglich mit Honig bestrich, und meinen Appetit spielen ließ.
-
-»Nun, wie ist denn das?« fragte ich endlich, als der Mund einmal einen
-Augenblick frei war, »der Mann dort hat mich im Hohlweg aufgefangen.
-Ist das ein Fremdenführer?«
-
-»Ei nein,« sagte der Hauswirt fast hochdeutsch, »er ist ein Vetter
-von meinem Weib und da behalten wir ihn so im Hause, trotz der
-Albernheiten, die er tut.« Und mit einem Finger auf die Stirne
-klopfend: »Hat da d'rin lauter Räder, sonst nichts! Ei ja, tun tut er
-niemandem nichts, will allen Leuten, die ihm begegnen, Gefälligkeit
-erweisen. Einem Narren sieht man doch damit gleich.«
-
-»Aber das war nicht dumm, daß er mich da hergeführt hat zu Milch und
-Honig!«
-
-»Gesegn' Gott, wenn's schmeckt!« sagte der Bauer, »sind sicher ein
-Studiosus? -- Ni ja, hab' mir's gleich dacht. Mein Älterer, der
-Medardi, ischt auch Studiosus, unten in Zürich. Sie wollen gewiß
-morgen auf den Berg? Und vor Aufgang noch? Schau', das ist viel!
-Die Sonne, wissen Sie, geht da oben viel früher auf, als anderswo;
-hier unten kommt sie gerade um drei Stunde später. Ja, da möge Sie
-heut' wohl gleich ins Bett gehe. -- Sepheli!« rief er hernach in ein
-Nebenstübchen, »Luig, isch das Bett für den Ma da neumis scho fertig?
-Tausigsappermost, 's isch hochi Zit!«
-
-»Nun,« sagte ich, »so wollen wir heute noch die Rechnung begleichen«.
-
-»Jetzt hören Sie mir auf!« lachte der Mann, »so ein Studiosus da!«
-
-»'s isch fertig, do lit er, wie ne Grof!« hörte ich in einer Kammer
-über uns sagen, und mein Gastherr sprach: »Fertig wär's. Jetzt sag' ich
-Ihnen eine ruhsame Nacht!«
-
-»Gunn der 's Gott der Herr!« schmunzelte mir das alte Männlein aus
-seinem Winkel zu und ich wurde in eine Oberstube zu Bett gebracht.
-
-Das Bett war nicht mit allzufeiner Leinwand überzogen, die Decke etwas
-steif; dennoch aber schlief ich auf meiner ganzen Reise nicht so süß
-als in dieser Bauernstube.
-
-»'s isch Zit, Büebli, 's hat eis gschlage!« rief es plötzlich, und der
-Friedli stand mit einer Talgkerze vor dem Bett und rüttelte an der
-Decke.
-
-Wenn die Zeit des Schlummers des Menschen glücklichste Zeit ist,
-wie Philosophen gesagt haben, warum läßt man sich wecken eines
-Sonnaufganges wegen?
-
-»Bisch sölli müed und schlöfrig gsi? Freili jo, Suntig isch, chumm, 's
-git e gueti Tag!«
-
-Wohlan, wenn es einen guten Tag gibt, da muß man dabei sein. -- Ich
-erhob mich und in wenigen Minuten darauf gingen wir in der kühlen
-Nachtluft durch junges Dickicht hinan. Friedli wies mir den Weg. Es war
-sehr taunaß, über den Zuger See und über das östliche Hügelland gegen
-Zürich hin hatte sich Nebel gelagert. Der Sternenhimmel war rein. Da
-wir auf einem guten Fußweg waren, der nicht leicht zu verfehlen sein
-konnte, sagte ich meinem Begleiter, daß er nun umkehren möge, und ich
-wollte ihm eine Münze in die Hand drücken; er kehrte weder um, noch
-nahm er die Münze. Erst als der Morgenstern aufging, meinte Friedli:
-»'s isch ein anderer da, bin jetzt frei dervo, bhüetis Gott!«
-
-»Leb' wohl, Friedli!« sagte ich und das Wort kam mir aus dem Herzen.
-»Wenn ich einen andern Rückweg einschlage, so dank' ich dir und den
-deinen noch einmal. Leb' wohl, Friedli!«
-
-»Will's Gott, mer werde scho im Himmel wieder z'seme cho!« sagte er und
-ging bergab.
-
-Das war im ersten Schimmer des Morgensternes.
-
-Ich ging aufwärts. Die Luft strich kühler und kühler; über dem
-Hügelland lag ein lichter Streifen, einzelne Vogelstimmen wurden wach.
-
-Der Weg führte durch Wald und Strauch, über Weiden und an Sennhütten
-vorüber, oft über Gerölle und an Felswänden hin.
-
-Nach einer zweistündigen Wanderung war ich am Hotel »Rigistaffel«. Ich
-blieb stehen und blickte abwärts und auswärts. In den Tälern lag noch
-Schatten, der Stern des Vierwaldstätter Sees in tiefer Dämmerung. Die
-Ufer waren mit lichten Punkten von Dörfern und Villen bestreut; Luzern
-lag da wie ein winziges Häuflein weißer Steine.
-
-Eine Stunde später stand ich auf der höchsten Spitze des Rigi,
-am Hotel »Rigi-Kulm«, das mir gestern als kleiner Punkt entgegen
-geleuchtet.
-
-Ich hörte einmal einen Mann, der den Rigi bestiegen hatte, folgende
-Worte sprechen: »Ich weiß nicht, was die Leute an diesem Rigi finden;
-das Hotel ist gar nicht so außerordentlich, ja im Gegenteile, man lebt
-im Tale billiger und besser. Und die Aussicht, du mein Gott, nichts als
-Berge. Und da geht noch ein kalter Wind. Was doch die Leut' an diesem
-Rigi finden!« --
-
-Nach der anstrengenden Partie trank ich im Hotel, in welchem
-sich einige Engländer befanden, ein kleines Schälchen Milch für
-fünfundsiebzig Centimes, dann ging ich wieder in das Freie, wo ein
-kalter Wind zog und ich nichts sah als Berge.
-
-Aber welche Berge!
-
-Die Gletscherwelt der Schweiz, wie sie südwestlich des Rigi in einem
-ungeheueren Halbkreis daliegt. Und dann tauchte im Osten langsam und
-langsam die glühende Riesenscheibe empor und dann entzündete sich das
-Meer der Gletscher und das war ein stilles Glühen und Leuchten hin über
-das ganze wunderbare Hochland!
-
-Acht Tage früher hatte ich das Wogen und Fluten der Meereswellen in
-der Nordsee gesehen und die Sonne ging auf. Und heute aus dieser
-unendlichen Ruhe ging die Sonne auf. --
-
-Als meine Augen getrunken hatten bis zur Berauschung, und als sich mein
-Herz gelabt hatte an der ewigen Schönheit, stieg ich wieder abwärts.
-
-Meine liebenswürdigen Wirtsleute bei Immensee sollte ich nicht mehr
-sehen. Ich ging südlich gegen das Klösterli Maria im Schnee, gar
-einsam und arm im Alpenkare gelegen. Da steht über 4000 Fuß hoch ein
-Wallfahrtskirchlein, und da leben in einem dürftigen Hause drei
-Kapuziner. Sie betreiben eine kleine Milchwirtschaft, und ihr niedriges
-Dach dient armen Wallfahrern und vom Unwetter überraschten Touristen
-zum gastlichen Hospiz.
-
-Von hier aus geht es an Hängen und durch Schluchten steil abwärts gegen
-Arth, ein kleines Dorf, das an der südlichsten Spitze des Zuger Sees
-liegt.
-
-Als ich den See gegen Zug entlang ging, sah ich über dem jenseitigen
-Ufer noch einmal meine gastliche Herberge, den Bauernhof. Das Männlein
-sah ich nicht; bald rollten mich die Räder wieder fort aus dem Lande
-des Friedli.
-
--- Will's Gott, mer werde scho im Himmel wieder z'seme cho!
-
-
-
-
-Aus dem Ungarlande.
-
-1871.
-
-
-Man meint, die Donau müsse nach und nach denn doch etwas von Kultur
-und Sitte aus den deutschen Landen hinabschwemmen. In Städten, wo die
-Dampfschiffe rasten, da sammelt sich's trefflich an und die Hauptstadt
-des Magyarenlandes trägt zum größten Teile deutschen Charakter. Bis
-aber in den Dörfern und auf den Pußten das Gemeinsame aller gebildeten
-Völker auflebt, wird noch viel Wasser die Donau hinabfließen. Das ist
-der selbständige, sich in sich abschließende, der stolze Stamm der
-Magyaren.
-
-Auf meinen Wanderungen in Ungarn kam ich eines schönen Abends in ein
-großes Dorf. Es war so weit in dem Osten, daß die Dämmerung dort um
-eine gute halbe Stunde früher eintritt als in der Steiermark. So lag
-über den endlosen Ebenen hin der aschfarbige Himmel; nur wo die Sonne
-niedergegangen war, zogen sich glühende Streifen und Nadeln hin, so
-innig schloß sich der Himmel an die Ebene und so tief war der Horizont
-hingezogen, daß er zu sehen war wie die Meeresküste, und die lichten
-Wolkenstreifen darin lagen wie Inseln auf der graubläulichen See.
-
-Ein ungarisches Dorf ist wie das andere. Da liegt es auf der Pußta
-und eine sehr breite Straße führt durch. Daß sich auf dieser Straße
-ein Pferd verstaucht oder ein Wagenrad bricht, ist nicht leicht zu
-denken; denn eine dicke Mulde aus dem feinsten braunen Staub ist hier
-ausgebreitet hin und hin, welche zur Regenzeit zum mildesten Teppich
-wird, in dem man sich wie in ein Kissen verbergen kann mit Roß und
-Wagen.
-
-Und im Dorfe stehen Hütten aus Lehm und Stroh an beiden Seiten der
-Straße; die Fensterchen sind so klein, daß kaum ein ungarischer Kopf,
-geschweige ein ungarischer Schnurrbart ordentlich herauslugen kann.
-Vor und hinter den Hütten sind Akazien und Maulbeerbäume gepflanzt,
-welche sich über den fahlen Strohdächern die Arme reichen -- die Sonne
-soll hier gar wüst sein, wenn sie obenan steht. Leblos sind die Gassen
-des Dorfes nicht, es ziehen uns gemütliche Esel, langgehörnte Ochsen,
-gesprächige Gänse, grunzende Schweine überall entgegen. Auf dem großen
-Platze des Dorfes sind umfangreiche Pfützen, zu dünn, um darüber
-hinzuschreiten, zu dick, um darin unterzugehen, ganz gemacht zum Baden
-und Wälzen für Menschen und Tiere. Es ist kaum übertrieben -- man
-kann's ja sehen, wie Kinder und Schweine, erwachsene Weiber und Gänse,
-Männer und Esel in zarter Eintracht in der Dorfpfütze Erfrischung
-genießen.
-
-Ich sah sie noch lange lustwandeln von meiner Wohnung aus, die mir ein
-Mann in dem besten Hause des Ortes besorgt hatte, ich hörte von der
-Rocsma (Schenke) her auch die Tonschläge eines Zimbals -- ich ging
-aber bald zur Ruhe.
-
-In den steirischen Bauerngehöften weckt zum Morgen die Leute der
-Oberknecht, in Ungarn besorgen das die Mücken; sie schreien und poltern
-nicht wie der Oberknecht, sie summen und singen nur so herum, sie
-setzen sich nur so auf die Wangen, auf die Stirne, auf die Nase, und
-beißen und stechen, daß Ballen wachsen wie Schwämme; dann singen sie
-wieder -- im übrigen kann man liegen bleiben und schlafen, so lange man
-will.
-
-Es war Sonntag. Vor den Hütten saßen die männlichen Einwohner in ihren
-weiten Beinkleidern, von denen ich nie ergründen konnte, ob sie Hosen
-oder Kittel seien. Sie aßen Brot und Speck. Dann erhoben sie sich und
-gingen zur Kirche hinan, die auf dem Hügel stand. Die Weiber kamen aus
-den Hütten hervor und gingen auch hinan; sie hatten schmucke Spenser.
-Die Mädchen waren gar in kurzen, schneeweißen Hemdärmeln und in den
-bloßen, sorglich gescheitelten Locken. Die Männer hatten kaum eine
-bessere Kleidung als am Werktage zuvor; viele waren sogar barfuß und
-die Fransen ihrer weißen Beinkleider schwammen in der Mulde.
-
-Als sie hinanstiegen, war ich auch unter ihnen. Da ich von ihren
-Gesprächen nicht viel verstand und mich in dieselben also auch
-nicht mischen konnte, hatte ich Zeit, die Gegend zu betrachten. Das
-Dorf unten war weit gedehnt, es zählte tausend und mehrere hundert
-Einwohner. Draußen, gegen Südwesten lagen die Weinhügel, weiter links
-standen üppige Buchen- und Eichenwälder; -- mein geliebter Baum, die
-Tanne, wächst dort nicht, weit und breit, darum hat die Luft keine
-Würze, sie ist immer süßlich, lau und schal, wie gekocht. Im Osten
-lag Heideland, im Norden zogen sich unabsehbare Getreidefelder hin,
-und weit draußen lag still und ruhig wie die Heide und das Kornland
-der Donaustrom. Hinter demselben sah man wieder die gelben Streifen
-der Felder, die fahlen Flächen der Heide und zuletzt im Äther ein
-mattgraues Band -- die Karpathen. Dann begannen die Wolkengestalten in
-der ungeheuren Himmelsglocke, und diese Wolkengestalten waren mir das
-Schönste zu allen Tageszeiten im Lande der Ungarn.
-
-Die Gemeinde, die mit mir auf den Hügel gestiegen war, und die Kirche,
-die, weiß übertüncht, weit in das Land hinausschaute, war kalvinisch.
-Auf dem Turme prangte kein Kreuz, sondern ein Ding in Gestalt jener
-alten Waffen, die man Morgensterne nannte. Die Fenstergitter bildeten
-Herze, Ringe, doch kein Kreuz. Auf dem Friedhofe hinter der Kirche
-waren viereckige Holzpfähle mit ausgezackten Köpfen als Denkmäler in
-die Erde geschlagen, aber kein einziges Kreuz. Die Kalviner mögen das
-Kreuz nicht leiden; sie wollen nicht erinnert sein an den Schandflecken
-der Menschen, die ihren Heiland zu Dank an das Kreuz geschlagen. Die
-Kalviner wollen auch kein Bild, weder eine Darstellung Gottes noch der
-Menschen; unmittelbar wollen sie mit dem Gegenstand verkehren. Das
-sieht löblich aus; doch wie dadurch der Sinn, die Kunst zuteil kommt,
-denen die Religion und ihr Kult auch eine Pflegestätte sein soll?
-Die Einfachheit der lutherischen Tempel tut wohl, ein kalvinisches
-Gotteshaus aber ist nicht mehr einfach, es ist geradezu trostlos. Da
-ist rein gar nichts als die nackte Mauer und der Fußboden und die
-Decke, die glatte Kanzel, der Opfertisch und einige Stühle. Das alles
-in allem. Dann kommt der Pastor und hält eine Rede, dann singt die
-Gemeinde Psalmen. Wohl recht einfach, aber noch einfacher wäre, wenn
-die Mauern auseinandergefallen und die Menschen Gott anbeteten, frei in
-der allherrlichen Natur des Himmelsgezeltes. Das wäre ein rechtes Bild
-Gottes und doch kein Bild -- ein wahres Gotteshaus.
-
-Der eifrige, eigenstimmige Gesang der »reingläubigen« Kalvinisten hätte
-mich bald zum Lächeln gebracht, aber das wäre gefährlich gewesen. Es
-war ein so sonderbares Gesurre, dann wieder ein so gewaltiges Geschrei;
-und eine einzelne Stimme war in dem Volke, so grell und zackig, und
-diese wollte nirgends recht hineinpassen, und sie ging, alle anderen
-Töne durchschneidend, ihre eigenen Wege. Dabei machten die Leute
-Gesichter, und wie sich der Gesang drehte, so auch ihre Augen und mit
-den Lippen stiegen und fielen auch die Schnurrbärte. Aber die Andacht
-in Ehren, sie wird gut gewesen sein.
-
-Eigentümlich war der Ausgang. Sie sangen noch alle, als sich plötzlich
-die kleinen Mädchen erhoben und singend das Bethaus verließen; diesen
-folgten die erwachsenen Mädchen, wie sie in den Stühlen gesondert
-waren. Dann erhoben sich die Weiber und die alten Mütterchen und
-verließen singend die Kirche. So waren nach und nach alle weiblichen
-Stimmen verstummt und es sangen nur noch die Männer. Nun aber begannen
-sich die Knaben zu entfernen und nach diesen traten die Jünglinge, dann
-die Männer hinaus. Jetzt saßen noch die Greise da und sangen. Dann
-erhoben sich auch diese und gingen, ihnen folgte der Pastor und nun
-saß außer mir nur mehr der alte Chormeister allein in der Kirche und
-sang, bis endlich auch der schwieg und die Kirche verließ. So war der
-Gesang nach und nach abgestorben und es war still und leer im Bethaus.
-Jetzt verließ auch ich meinen Winkel und ging an der Kanzel und an dem
-Opfertisch vorüber in das Freie.
-
-Da war's gar heiß in der Sonne, aber siehe, die Dorfschwemme war in
-der Nähe. Die Leutchen, wie sie aus der Kirche kamen und sich mit
-den Ärmeln den Schweiß wischten, machten nicht viel Aufhebens, sie
-entkleideten sich kurzweg und stiegen in die Pfütze und wuschen sich
-säuberlich und plätscherten. Sonst, glaube ich, heißt es nach der
-gestrengen Satzung Kalvins, daß, wer in der Öffentlichkeit einen solch
-schlüpfrigen Wandel führt, des Landes verwiesen und ausgepeitscht
-werden soll; nein, so pedantisch genau scheinen es die ungarischen
-Kalviner nicht zu nehmen.
-
-Sehr schwer sollen sich übrigens auch die Katholiken der ungarischen
-Dörfer ihre Sache nicht legen. In der Nähe meines kalvinischen Dorfes
-ist ein katholisches, von dem mir ein alter Einwohner desselben
-Folgendes erzählte: Als vor mehreren Jahren im Dorfe der Peterspfennig
-eingeführt wurde, war viel Lärm. Der Pfarrer predigte auf der Kanzel
-von der Not des heiligen Vaters und stellte diese so ergreifend dar,
-daß er dabei in Schluchzen ausbrach. Die Bauern blieben trockenen
-Auges, aber sie starrten so vor sich hin, als ob sie sagen wollten,
-daß es mit dem heiligen Vater nicht so bleiben dürfe, und daß sie sich
-in dieser Sache nicht spotten lassen wollten. Und die Bauern derselben
-Gegend sind wohlhabend. Der Pfarrer ließ mitten in der Kirche eine
-weidlich große Blechbüchse aufstellen und predigte nun jeden Sonntag
-von der Armut des heiligen Vaters. Aber die Blechbüchse war denn
-doch wohl sehr geräumig, denn oft verfügte sich Seine Hochwürden zur
-stillen Nachmittagsstunde in die Kirche und klopfte mit dem umgebogenen
-Zeigefinger an die Büchse -- das gab noch immer einen schauerlichen
-Widerhall. Hierauf ließ der Pfarrer einen Priester aus Gran kommen,
-der eine glänzende Rednergabe besaß und der auf der Kanzel das Elend
-des Papstes und den Hunger, den er leiden muß, so lebhaft darstellte,
-daß die Bauern ordentlich Appetit bekamen und nach der Predigt sogleich
-in die Schenke eilten und ein Bedeutendes an Speck und Schnaps
-verzehrten. Indes der Pfarrer hatte der Sache Genüge getan und konnte
-nun wohl einer bedeutenden Ernte gewiß sein. Freilich wohl gab die
-Büchse noch immer einen hohlen Ton, doch Silberstücke füllen einen
-solchen Bauch nicht so bald. Als nun eine bedeutende Zeit um war, ließ
-der Pfarrer die Sammelkasse öffnen und fand darin -- ja sind denn
-diese Bauern Ludersleute? -- fand zweiundeinenhalben Kreuzer und einen
-Pfeifendeckel. So ist mir wohl von boshaftem Munde erzählt worden, und
-Ähnliches ereignete sich auch in anderen Dörfern Oberungarns.
-
-Nun kehre ich wieder zu meiner Gemeinde zurück. Ich hatte ihr den
-Vormittag des Sonntags gewidmet, desgleichen sollte auch mit dem
-Nachmittag geschehen.
-
-Doch ich verlor sie bald; sie verkrochen sich in ihre Hütten, nur daß
-in der Schwemme noch ein oder der andere Junge plätscherte und daß dann
-und wann ein Mägdlein auf dem Wege in den entlegenen Keller und zurück
-durch die Gassen eilte und im Vorbeieilen den Fuß auch ein wenig in das
-Wasser steckte.
-
-Erst am Abende wurde es rege. Eine Schalmei fing zuerst an, dann
-begannen in der Schenke Pauken und Pfeifen und jetzt kamen sie
-herbei von allen Seiten des Dorfes und hüpften schon unterwegs den
-Nationaltanz.
-
-An Mädchen strömt eine große Auswahl herbei; der Bursche braucht nur
-zu winken, läuft ihm gleich eine zu. Sie legt ihre Hände flach auf
-seine Achseln, er legt die seinen an ihre Hüfte, dann beginnen sie zu
-hüpfen nach rechts und nach links, daß der Schnurrbart wedelt. Das
-Mädchen guckt dabei ein wenig in seine Augen, ein wenig in den Spiegel,
-der über die beschnürten Flügel seines glatten Spensers geht, zwar
-nicht aus Kristall besteht, sondern nur aus dem Glanze des Speckes
-von so manchem Jahre. Gegessen und getrunken, gönn's ihnen Gott,
-wird wohl auch wacker. Dann kommen auf Eselkarren die jungen Leute
-der Nachbardörfer; sind sie auch vormittags geschieden in Bethäusern
-verschiedener Konfessionen, den Nachmittag haben sie gemeinsam; der
-Katholik hopst mit lutherischen Mädchen und schlürft kalvinischen Wein,
-und mitunter verteilt er, weil's denn so brüderlich hergeht, zuzeiten
-katholische Prügel.
-
-An demselben Abend war's lustig zu sehen und zu hören, aber als es
-gegen die elfte Stunde ging, da begann auf dem Kirchturme plötzlich die
-Glocke zu tönen. Ich erschrak; war Feuer im Ort, oder ein Sterbender?
-Kein Unglück treffe das Dorf und lange lebe der Magyare! Aber Ruhe soll
-er machen, heim soll er gehen noch vor Mitternacht, so will's der Herr
-Pastor und darum läßt er die Glocke läuten. Ein praktischer Kalviner
-benützt die Kirchenglocke also auch zur Polizei; das hat Schiller in
-seinem Lied von der Glocke vergessen.
-
-Es wurde wirklich bald ruhig in der Schenke und sie gingen heim.
-Ich sah noch lange durch das offene Fensterchen in die laue Nacht
-hinaus. Ein paar Hunde bellten unten, sonst war es still; mir kam es
-fast unheimlich vor; das nächtliche Glockengeläute hatte mich etwas
-aufgeregt.
-
-Endlich wollte ich das Fenster schließen, da sah ich plötzlich oben an
-der Kirche ein Flämmlein. Es zuckte hin und her, dann verschwand es.
-Oben bei den Toten, was mochte das sein? Wieder sah ich das Flämmlein,
-und jetzt wuchs es an und wuchs gewaltig zu einer hohen, riesigen
-Flamme und die Wände der Kirche waren rot beleuchtet. Denn doch ein
-Brand! Ich wollte Lärm schlagen, da war die Flamme wieder verloschen.
-
-Nun war meine Neugierde wach im höchsten Grade. Was spukt da oben auf
-dem Hügel? Belustigt sich der Totengräber durch Feuerwerke, oder gehört
-das zum kalvinischen Kult? -- Das muß ich doch sehen!
-
-Angezogen, wie ich noch war, nahm ich schnell meinen Stock, verließ
-das Haus und eilte gegen die Kirche hinan, immer das Licht im Auge
-behaltend, das oben abwechselnd wuchs und zusammenzuckte.
-
-Und als ich durch das Tor in den Gottesacker ging, da sah ich's. Ein
-Mann und ein Weib hatten ein totes Ferkel und das hielten sie über ein
-kleines Feuer, um die Haare von der Haut zu sengen. Dieses weltliche
-Geschäft störte die Ruhe der Toten zwar nicht, konnte mich jedoch auch
-nicht recht erbauen.
-
-
-
-
-Zu Mailand auf dem Dome.
-
-1872.
-
-
-+Mailand!+
-
-Den Namen, den das ganze Land verdient, trägt seine schönste Stadt.
-
-Hier reichen sich Nord und Süd, Winter und Sommer die Hände. Mai!
-
-Uns begegnet in Mailand zum erstenmale das laute, geschäftige,
-klingende Treiben des Südländers; der Italiener hingegen nennt Mailand
-die nordische Stadt. An den Süden erinnern uns in Mailand die flachen
-Dächer der Häuser, die Marmorbalkone mit den ausgehängten schmutzigen
-Lappen, die hohen offenen Portale, das schöne Pflaster der Straßen
-mit Fahrbahnen aus Stein, der Reichtum an Palästen und Statuen und
-das mächtig erwachende Leben nach dem Ave-Maria-Läuten. An den Süden
-erinnert uns der helle aber weiche Gesang, der auf den Gassen und
-aus allen Häusern quillt, das eintönige Geschrei der Ausrufer, das
-Besetztsein aller öffentlichen Plätze mit Verkäufern und Ciceroni, die
-reichen, großen Kirchen, der bräunliche Teint der Männer, das glänzend
-schwarze Haar und das dunkle, gefährliche Auge der Frauen, das zur
-Vorsicht wohl häufig verhüllt ist mit einem zierlichen Schleier.
-
-Der aus Süden Kommende aber wird wegen des mäßigen Klimas, des frischen
-Wassers, des Fleißes der Bewohner usw. in Mailand allerdings die Stadt
-des Nordens erblicken.
-
-Und mitten in dieser stolzen Stadt mit dem Janusgesichte gegen Süd und
-Nord, steht eine Krone von Elfenbein, nein, eine Marmorkrone, wie keine
-Dichterphantasie je eine so wunderbare geflochten hat.
-
-Der Dom von Mailand!
-
-Der Italiener nennt ihn ein Marmorgebirge aus dem Norden, und
-vielleicht mit mehr Recht, als es scheint; waren die Baumeister doch
-nachweislich Deutsche. (Der Bau der wunderbaren Kuppel soll von
-Johannes von Graz herrühren!) Ferner ist es die gotische Bauart, sind
-es die hundert und hundert weithin leuchtenden Zacken, die an die
-nordischen Bergzacken gemahnen.
-
-So haben die Menschen hier im Angesichte der Alpen einen Tempel gebaut,
-in dem sich die Erhabenheit der Berge spiegeln soll -- ein Gebirge aus
-Menschenhand und nach den Gesetzen der Kunst, wie es dem klassischen
-Italien geziemt.
-
-Eine Beschreibung des eigenartigen Baues will ich nicht liefern --
-er ist ja so sehr bekannt und in das Gemüt der Völker aufgenommen
-worden, wie ein liebes Zaubermärchen von der Großmutter. Der Bauer in
-Steiermark sagt, daß in der Stadt Mailand eine Kirche sei, die so viele
-Türme habe, wie das Jahr Tage, auf jedem Turme stehe der Heilige des
-Tages und so prange der ganze Heiligenkalender in Stein gehauen auf dem
-Dome zu Mailand.
-
-Das ist ein großes, einheitliches Bild, aber es ist zu klein. Der
-Türmchen sind weit mehr, als obige Zahl angibt und die Statuen an
-denselben und an den Wänden zählen über zweitausend. Es ist des
-Märchens versteinerter Wald und der Beschauer erstarrt schier selbst
-zu Stein, wenn er vor dem Riesenbaue steht oder gar oben auf seinen
-lichten Zinnen. Weiß und leuchtend erhebt sich der Tempel über den
-Gebäuden der Stadt in die Himmelsbläue empor; gespensterhaft bleich,
-schier wie ein ätherisches Nebelgewebe, steht er des Nachts im
-Mondenscheine.
-
-Nein, ich will den Leser nicht nachtwandeln lassen um den Dom, ich will
-ihn nicht einmal einführen in seine düsteren Hallen -- dazu findet sich
-gelegentlich sicher ein besserer Führer -- emporsteigen wollen wir zu
-jenen Höhen, nach der so viele zackige Spitzen weisen.
-
-Den 26. August 1872 zur Morgenstunde war's, da ich den Dom bestieg.
-Zuerst geht es eine dunkle, aber sichere Stiege über hundert Stufen
-hinan, der dürstende Blick gefangen zwischen den Quadermauern. Endlich
-aber lichtet es sich, wie sich an hohen Bergen der Wald lichtet,
-wenn man über seine Region hinauskommt. Dem Besteiger des Mailänder
-Domes ist, auf der ersten Zinne angekommen, gerade so zumute, wie
-dem Alpenwanderer, der, aus dem Walde hervorgetreten, die mächtige
-Bergkuppe übersieht, die er noch zu besteigen hat. Aber er ist über
-die Giebel der Häuser hinaus, er macht einen Rundgang um den Bau und
-sieht auf die Hüte hinab, die tief unten an dem Domplatze geschäftig
-herumgleiten. Dann beginnt er auf freien, lichten Marmortreppen wieder
-emporzusteigen zwischen dem Gestämm der Türme und den versteinerten
-Heiligen. Viele derselben haben, einverstanden mit dem Geiste der neuen
-Zeit, Blitzableiter an der Seite; selbst die Madonna auf der Spitze des
-höchsten Turmes hatte an meinem Tage die wehende Trikolore aufgezogen,
-um trotz des recht unangenehmen Konfliktes zwischen der Regierung und
-dem Vatikan, dem König Victor Emanuel, der eben in Mailand war, ihre
-Huldigung darzubringen.
-
-Auf der zweiten Zinne angelangt, machte ich wieder einen Rundgang und
-sah nun, wie bedeutend die Stadt niedergesunken war und wie sich die
-Ebene Lombardiens und die fernen Berge zu heben begannen. Dann wieder
-empor zwischen den Zacken und Klippen, ich glaubte schon Alpenluft zu
-fühlen und sah mich nach Gemsen um. Nein, die gibt es wohl nicht auf
-dem Dome zu Mailand, statt deren sah ich auf den glatten Marmorplatten
-des Kirchendaches einen jungen Priester herumwandeln, der ein schönes
-Mädchen am Arme führte. Ihr graziöses Dahinhüpfen erinnerte an Gemsen;
-endlich aber ließ sich das Pärchen nieder auf der Plattform und
-nahm ungezwungen, wie man nur auf der Alpenhöhe sein kann, zusammen
-ein Frühstück ein. Er schob dem Mädchen gute Bissen zu, -- und das
-Kirchendach brach darob nicht zusammen.
-
-Nun aber steht auf dem gotischen Tempel noch ein zweiter gotischer
-Tempel: die ungeheure Kuppel des Domes in einem neuen, reichen Kranze
-von Marmorgebilden, die sich mit ihrer höchsten Spitze 340 Fuß über den
-Erdboden erhebt. In einem Seitenbaue geht die Treppe hinan bis zu dem
-schlanken Turme, dessen gewundene Stiege ja bis in den Himmel hinauf zu
-entführen scheint.
-
-Da liegt die große Stadt -- die höchsten Türme sind tief unten --
-im Morgensonnenglanze. Hier, noch im Schatten, an den Fuß des Domes
-sich schmiegend, steht das königliche Schloß; dort zwischen den
-Ziegeldächern der kleine, bläulich glitzernde See ist das Glasdach des
-neuen, prächtigen Bazars, den Victor Emanuel den Mailändern im Jahre
-1859 zum Angebinde gemacht hat; weiterhin die schöne Kuppel der Kirche
-St. Maria della Grazie weist die Stätte des weltberühmten »Abendmahles«
-von Leonardo da Vinci und noch weiter hin ragt der Siegesbogen, die
-Porta del Sempione. Unser Blick gleitet über die hunderttürmige Stadt
-hinweg und hinaus auf die mit weißen Punkten besäete Ebene, die
-südlich von den blauen Apenninen, nördlich und westlich aber in einem
-ungeheuren Halbkreise von den Alpen begrenzt wird.
-
-Die erhabenen Hochwarten der Alpen sind nahegekommen, um sich den
-wunderbaren Bau, das Spiegelbild ihrer Gletscher anzusehen. Dort im
-fernsten Westen der Monte Viso; man sieht durch die Duftbläue von ihm
-nichts sonst, als ein dreieckiges rötlichweißes Täfelchen. Ein wenig
-nördlicher die sägige Schneide des in Eisen gelegten Riesen Montcenis.
-Dann der leuchtende Zahn des Montblanc und die Zacken vom St. Bernhard
-und Matterhorn. Weiter im Vordergrunde aber ragt die gewaltige
-Gletscherkuppe des Monte Rosa, hoch emporhaltend ihren Silberschild,
-durch den sie den fernen Meeren die Wunder und Herrlichkeiten der Alpen
-kündet. Und nun geht's Kanten an Kanten bis nördlich zur Jungfrau,
-alle gehüllt in ihre ewigen Eismäntel, nur ein klein wenig gerötet
-vor stiller Freude über das schöne sonnige Italien, das sich da
-unten ausbreitet. -- Dann kommt das Finsteraarhorn, St. Gotthard, der
-Ortler usw. bis hin gegen das Adriatische Meer, aus dem die Sonne
-emporgestiegen ist, deren feuchte Lichtschleier niederwallen und die
-östliche Aussicht verdecken.
-
-Und über dieses Bild wölbt sich ein Himmel, nicht mehr lichtblau, wie
-das Auge der Germanen, sondern scharf und dunkel, wie der glühendste
-Blick der Italienerin. Ich sah auf diesem Azurgrunde ein Sternchen
-flimmern am heitern Morgen und ich sah und ich empfand, was das heißt:
-ein italischer Himmel.
-
-
-
-
-Von der Kirche des heiligen Petrus.
-
-1872.
-
-
-Von der Peterskirche zu Rom wird erzählt in der Stube. Da läßt die Magd
-ihr Spinnrad stehen, da lehnt der Knecht sein Spanscheit hin -- da
-horchen sie alle auf.
-
-Ja, die Peterskirche! Schon der Platz davor ist so groß, daß zwei
-Kriegsheere nebeneinander Raum haben. Da sind zwei Springbrunnen, in
-denen allweg' drei Regenbogen stehen, schier Tag und Nacht; wenn diese
-Regenbogen einmal verlöschen, dann kommt das jüngste Gericht. Einer,
-sagen sie, ist schon verloschen. Und mitten auf dem Platz ist eine
-hochmächtige Säule, die gibt am Sonnwendtag zwölf Uhr mittags nicht so
-viel Schatten, daß eins eine Stecknadel in denselben könnt' legen. Das
-ist, weil die Sonnen kerzeng'rad obenauf -- weil die Säulen just mitten
-auf der Welt steht. Nachher ist eine Marmelstiege hinauf zur Kirche,
-die neunundneunzig Stufen zählt, und deren Stufen so breit sind, daß
-Roß und Wagen darauf kann fahren, -- und so lang, daß, steht an einem
-Ende der Jäger, am andern der Hirsch, beide voneinander nichts wissen.
--- Und die Kirche selber ist aus weißem Marmelstein gebaut, und so
-groß, daß, wenn neun Priester gleichzeitig in ihr predigen, einer
-den andern nicht hört. Die Kuppel ist so hoch, daß eins von ihr aus
-nach -- Rom kann sehen? -- nein, nach Jerusalem hinein kann schauen.
-Und der goldene Knopf auf der Kuppel ist so breit, daß darauf sieben
-Hochzeitspaare können tanzen!
-
-So wunderbar ist gewiß noch kein Bau erdacht worden auf Erden, als sich
-die im steirischen Dorf ihre Peterskirche haben erbaut. Es ist nur
-gut, daß in ihren Hecken kein Wanderstab wächst, der sie nach Rom tät'
-führen, und daß sie keine Stiefel haben, die oben auf der »Romstraße«
-verstünden zu wandern -- sie würden ja so enttäuscht sein.
-
-Bin ich's schier selbst ein wenig gewesen, obwohl sich mein obiges
-Phantasiegebilde aufgelöst, als ich aus dem Märchenleben heraus und
-zur ernüchternden Einsicht kam, wie viel -- wie wenig die Menschen im
-Verhältnisse zur Größe ihrer Phantasie zu leisten vermögen.
-
-Freilich habe ich die Peterskirche in den sechs Stunden, die ich ihr
-widmen konnte, gleichsam nur durch das Schlüsselloch von Alessio
-gesehen. Indes, wenn nach der Berechnung eines weisen Mönchs
-neunundneunzigtausend Engel Platz auf einer Nadelspitze haben, so wird
-der goldene Knauf der Kuppel von Sankt Peter auch ein entsprechender
-Tanzboden sein für die sieben bäuerlichen Hochzeitspaare, ohne daß just
-wegen Raummangels gerauft werden müßte.
-
-Es war am Morgen des 6. September 1872. Ich kam durch das dunkle,
-schmutzige Gassengewirre zur Engelsbrücke.
-
-Ich schlich an der finsteren Engelsburg vorbei; eine Teufelsburg kann
-nicht finsterer aussehen, man betrachte nur! Eine trotzige Runde, einst
-eine Totenstätte, dient sie jetzt zum Gefängnisse für Lebendige, »treu
-beschützt von den Engeln«.
-
-Ich ging durch die lange, staubige Borgo Nuovo; diese endet plötzlich
-und siehe, ich stehe auf dem berühmtesten Platz der Erde -- auf der
-Piazza di San Pietro. Da ist ein Feld mit Quadern bepflastert, da
-sind zwei weißschäumende Springbrunnen, Silberpaletten, auf denen
-die Sonnenstrahlen just ihre Farben mengen zu einem Regenbogen. Und
-mitten steht der hohe Obelisk mit heidnischen Hieroglyphen und dem
-eisernen Kreuze auf der Spitze. In diesem eisernen Kreuze soll ein
-Stück des wahrhaftigen Golgathakreuzes stecken. -- Dann die prächtigen
-Kolonnaden, die zwei ausgebreiteten Arme des Vatikans, mit denen er den
-Platz umschließt -- die ganze Welt umschließen möchte.
-
-Und im Hintergrunde, sanft erhöht über marmornen Stufen, steht breit
-und behäbig und stolz der rötlich schimmernde Quadernbau -- der größte
-Tempel der Welt, der Dom des heiligen Petrus. -- Von der Kuppel sieht
-man nur die dunkle Dachrundung und die Laterne über den Vorderbau
-herüberragen.
-
-Eine Glocke dröhnte schwer, dumpf, zur siebenten Stunde. Ich tat
-einen Blick nach dem über den Säulengang aufragenden Vatikan, einen
-Blick nach den riesigen Statuen der Apostel Petrus und Paulus, die
-an den beiden Seiten der Freitreppe stehen, und stieg hinan zu den
-Säulen der Fassade -- zur Pforte. Die Vorhalle ist so groß, daß ein
-paar Dorfkirchen mit Turm und Sakristei leicht darin Platz haben. Ich
-schritt durch das Portal, schob einen der schweren Ledervorhänge bei
-Seite und stand nun in dem Raum der Kirche. Da war nicht die ernste
-Dämmerung eines gotischen Baues, da war die lichte Heiterkeit des
-romanischen Stiles -- alles, vom Fußboden bis zu den Höhen der Kuppel
-prangend in reichster Gold-, Marmor-Mosaikverzierung. Aber die Größe
-der Kirche überraschte mich nicht. Die riesigen Säulen, Fenster,
-Statuen und Bilder, dem Verhältnisse des Baues entsprechend, waren mir
-täuschende Maßstäbe; ich mußte mir sagen, die Kirche hat nicht mehr
-der Pfeiler, Fenster, Altäre, Kapellen als andere große Kirchen, die
-ich bereits gesehen. Anders aber, als ich meinen Blick niedergleiten
-ließ von den Höhen der Gesimse auf die Menschlein, die herunten auf der
-Bodenfläche herumglitten!
-
-Trotzdem belächle ich, was der Cicerone sagt: Das königliche Schloß
-zu Berlin und die Stefanskirche samt dem Turme zu Wien haben bequem
-nebeneinander in der Peterskirche und Kuppel Platz.
-
-Ich begann meinen Rundgang. Ich kam zu der uralten Bronzestatue des
-heiligen Petrus, an deren rechtem Fuß die Gläubigen die Zehen weggeküßt
-haben, bis auf ein paar Stümpfchen. Ich kam zu den Nischen, wo die
-katholischen Schatzkästen stehen, darin der Kopf des heiligen Andreas,
-das Schweißtuch der heiligen Veronika, ein Splitter des Kreuzes Christi
-und die Lanze, welche Christum die Seitenwunde stach. Diese Reliquien
-werden an Festtagen von den hohen Loggien herab dem Volke gezeigt;
-näher besehen dürfen sie nur Priester. -- Ich kam zu der Säule, an
-welche sich Jesus im Tempel Salomons gelehnt hatte. Die Peitsche sah
-ich nicht, mit der er die Krämer hinausgetrieben. -- Ich kam zu der
-Kathedra, zum päpstlichen Thron, den vier heilige Kirchenlehrer mit
-den Händen spielend schaukeln. -- Ich kam an Grabmäler der Päpste, an
-Statuen und Mosaikbilder, und ich kam endlich zum Hauptaltare in der
-Mitte der Kirche, zu dem Allerheiligsten der katholischen Christenheit
--- zu der Grabstätte des Apostels Petrus. Zwei Marmortreppen führen
-hinter dem Hochaltare hinab zu dem Grabe des großen Apostels. Ein
-Baldachin aus Erz schützt vor dem hellen Lichtstrom, der hoch oben
-durch die Kuppel hereinbricht, aber ein Kranz von zahllosen Lampen
-brennt um diese Stätte Tag und Nacht, die Nische und das Grab mit dem
-goldenen Gitter geheimnisvoll beleuchtend.
-
-Hier stand ich still und sagte mir, daß ich zu spät gekommen.
-
-Wie oft in meiner Kindheit, als ich in dem Dorfkirchlein kniete
-oder im Walde saß, erfaßte mich die Sehnsucht nach der Hauptkirche
-der Christenheit, nach dem Dome meines Namenspatrons. Wenn in der
-Christnacht das Turmglöckel klang, weit in den Wald hinein, so war mein
-Gedanke in Rom bei dem hochfeierlich glanzvollen Weihnachtsfeste in der
-Peterskirche. Wenn am Ostersonntagsmorgen die Pöller knallten und die
-Sonne ausging, so weckte mich meine Mutter aus dem Schlafe:
-
-»Bub', jetzt steht der Papst auf der Peterskirchen und gibt seinen
-Segen der ganzen Welt; jetzt steh' aber geschwind auf, sonst frißt
-deinen Teil die Katz'!«
-
-Ich sprang auf und hüpfte noch im Hemdchen hinaus unter den freien
-Himmel und meinte, ich müßte den Segen fliegen sehen in der klaren
-Luft. Aber so, wie ich Tags zuvor die Glocken nicht sah, als sie
-nach den Chartagen von Rom zurückkamen, so sah ich auch heute den
-Segen nicht. -- Und am Pfingstfeste war ich im Geiste wieder in der
-Peterskirche und zählte die feurigen Zungen, die vom heiligen Geist auf
-die Kardinäle niederträufelten. Ich war ein guter Katholik, und lange
-schon erwachsen, habe ich noch Peterspfennige gegeben von Herzen gern.
--- Und heute -- kann ich an dieser Stätte nicht beten ...
-
-Auf einer Marmortafel an der Wand prangen die Namen der Bischöfe und
-Kardinäle, die im Konzil 1870 für die Unfehlbarkeit gestimmt hatten.
-
-Aus einer Seitenkapelle erscholl der Chorgesang einer Priesterschar.
-Ich trat hin, um zu sehen; es waren Domherren in Purpur; nur wenige,
-die jüngeren, blickten mit gefalteten Händen inbrünstig auf zu dem
-Bilde der gekrönten Himmelskönigin mit dem Kinde; die anderen ließen
-ihre Hände und Augen und wohl auch die Gedanken herumschweifen, wo sie
-wollten. Andere, vielleicht fremde Priester, aus weiten Landen kommend,
-durchschreiten feierlich die Kirche und knien andächtig hin vor den
-Lichterkranz des Hauptaltars und -- weinen.
-
-Und wieder andere -- wohl Laien im Chorrock -- huschen geschäftig hin
-und her, lächelnd sich jedem untertänig als Cicerone anbietend, gar
-zuweilen mit einer Opferbüchse schellend, die sie unter dem Rocke
-verborgen halten. Das sind die Hausfliegen der Peterskirche.
-
-Über all' den Zeremonien und Gegenständen der Weihe, der Kunst, über
-all' den Menschen, die gekommen sind aus fernen Landen, um die hier
-bewahrten Schätze und Herrlichkeiten und Gnadenquellen zu schauen und
-zu genießen, waltet in der Kirche ein ewiger Werktag. In Seitenkapellen
-arbeiten Steinmetze, an Altären klettern abstaubende und dekorierende
-Diener herum, auf Gerüsten hämmern Maurer und Zimmerleute, in Nischen
-und Winkeln klopft und scharrt der Schlosser. Es wird ewig gebaut und
-ausgebessert, es herrscht ein ewiger Stoffwechsel an dem Baue, sowie
-überall auch in der Natur.
-
-Die Gerüste für Reparaturen stehen auf Rädern, daß sie bequem von einer
-Stelle zur andern geschoben werden können. Auch zur Fortschaffung
-des Kehrichts sind eigene Wägelchen; der Bauer wird ungläubig den
-Kopf schütteln, wenn ich ihm sage: In der Peterskirche fahren die
-Mistkarren herum, wie auf deinem Rübenacker.
-
-Und trotz all' diesen verschiedenen Dingen herrscht eine gewisse Ruhe
-in den Räumen und fortan künden es die riesigen Buchstaben oben rings
-der Kuppel: ~Tu es Petrus etc.~
-
-Wer die Größe des Baues noch nicht glaubt, der steige auf das Dach und
-wandle zwischen den Tonnengewölben und Giebeldächern und den sechs
-Kuppeln und den Laternen, wie in einer Stadt von Kirchen und Plätzen
-mit Springbrunnen sogar -- und besteige den gewaltigen Koloß der großen
-Kuppel und halte Aussicht von der Laterne über Rom, in das Sabiner und
-Albaner Gebirge, in die Abruzzen und auf das Mittelländische Meer. Und
-mag er gar hinaufklettern bis zum »goldenen Knopf«, so wird er sich
-sagen: »Tanzen? Sieben Hochzeitspaare?« --
-
-Dann aber, Freund, wenn du herabsteigst, durchwandere nochmals die
-Kirche und labe dich an der Schönheit, Erhabenheit, ehe du von dannen
-ziehst. Du magst durch alle Länder der Erde reisen, alle großen Städte
-durchforschen, einen solchen Tempel wirst du nimmer finden. Hier, in
-dem Dome und im Vatikan hast du der Baumeister und Bildner größte Werke
-gesehen; hier bist du auf der Höhe und an der Grenze der menschlichen
-Kunst. Höher kann die Flamme des Genius nicht mehr lodern -- der Atem
-Gottes bläst sie aus.
-
-Einen Monat später war ich wieder in meiner kleinen, stillen Dorfkirche
-und fühlte die Nähe des Herrn.
-
-
-
-
-In den Ruinen von Pompeji.
-
-1872.
-
-
-Eine große Vorwelt ist versunken -- hat nichts zurückgelassen, als
-hier ein Marmorstück, dort ein Erzgebilde, anderswo ein eingegrabenes
-Zeichen, das wir nicht verstehen können. Und die Tradition, entstellt,
-durch die Phantasie verzerrt, lautet weiß Gott, wie anders als die
-Wahrheit! -- Wie's immer sei, viel zu wenig Buchstaben für uns, als
-daß wir lesen könnten. Wir kennen das öffentliche Leben der Römer, wir
-kennen ihre Verfassung, ihre Gesetzgebung, ihre Kriege. Wir fanden hie
-und da eine Spur ihrer Priester, ein Lied, ein Buch ihrer Dichter.
-Das ist schier alles. Es war eine Zeit, die verständnislos wie eine
-Stubenmagd mit dem Besen alles wegfegte und verwischte, was dargestellt
-war.
-
-Zum Glück nahm sich die Mutter Erde an und verbarg vor der Vernichterin
-ein Stück Altertum in ihren Schoß, um es uns, der forschenden Nachwelt,
-aufzubewahren.
-
-Pompeji und Herkulanum -- ich wüßte nicht, daß sie die latinischen
-Sodom und Gomorrha waren -- und doch kam Feuer und Schwefel von oben.
-
-Eine andere Absicht mußte es sein, als nach Christi Geburt 79 die
-Gewalten des Vesuv zu wüten begannen, die Lava wild qualmend bei Tag
-und hell erglühend in den Nächten niederströmte zu den Wohnungen der
-Menschen, und der Aschenregen und der Bimssteinschauer die Städte
-begrub.
-
-Damals lag Pompeji hart am Meere, das seitdem zurückgewichen ist; es
-mag ein wesentlicher Stapelplatz für die weiter einwärts gelegenen
-Ortschaften gewesen sein. Sechzehn Jahre vor der Verschüttung ist die
-Stadt durch ein Erdbeben halb zerstört worden. Die damaligen Christen
-glaubten, diese Zerstörungen seien eine Strafe des Himmels gewesen für
-die Christenverfolgungen, die unter den damaligen römischen Kaisern
-stattgefunden hatten, und für den Martertod der zu Rom hingerichteten
-Apostel Petrus und Paulus.
-
-Authentische Aufzeichnungen des schrecklichen Vesuvausbruches im Jahre
-79 liegen nicht vor. Das Unheil war eben begraben in sich selbst --
-und die Lavamassen lagen starr und verschwiegen über der Todesstätte.
-Pompeji mochte an Ausdehnung die Größe der Stadt Linz gehabt haben;
-Einwohner werden weniger gewesen sein, da die Bauten bei weitem nicht
-so groß waren, als das in den heutigen Städten der Fall ist.
-
-Vielleicht stand auf dem ungeheueren Grabe noch lange Jahre hindurch
-da und dort ein Turm, eine Zinne hervor, wer kümmerte sich darum?
-Der Landmann baute seine Felder und Weingärten darüber; Feigen und
-Maulbeerbäume und Pinien und der ganze Wald des Südens wuchs darauf,
-und Landhäuser und Dörfer wurden, und der Vesuv schlummerte, und der
-kantige Gebirgswall von Sorento bis Palma hielt Wache und schloß es
-ein, das schöne, stille, fruchtbare Tal, und der klare Sarno rieselte
-dahin und ins Meer, Jahrhunderte und Jahrhunderte lang -- und Pompeji
-und Herkulanum waren vergessen.
-
-Siebzehnhundert Jahre zogen dahin, bis das forschende Geschlecht
-herankam aus dem Norden; da enthüllte die Mutter Erde ihren verwahrten
-Schatz und zeigte der neuen Zeit die alten Römer, nicht wie sie
-herrschten auf dem Tribunal, nicht wie sie rangen auf dem Felde oder
-in der Arena, sondern wie sie lebten in ihrem Hause, in der Familie.
-Das war ein ganz neues Blatt in der römischen Geschichte und vielleicht
-wichtiger, wie manch' anderes.
-
-Im Jahre 1748 ließ Karl III. von Neapel auf den ungeheuren Aschenhügeln
-Pompejis den ersten Spatenstich tun, doch erst in neuester Zeit haben
-die Ausgrabungen einen solchen Fortgang genommen, daß heute das reinste
-und klarste Bild der Stadt -- getreu bis auf das Nachtlämplein und
-das Stückchen Mosaik -- bis auf die Knochen der Bewohner -- vor uns
-daliegt. Die begrabene Stadt starrt uns an, wie ein unerlöstes Gerippe,
-das nicht zerfallen darf, weil es Zeugnis geben muß.
-
-Der Weg von Neapel, zwischen den sonnigen Fluten des Meeres und den
-unterirdischen Gluten des Vesuv hin, bereitet würdig auf Großes vor.
-Er führt über Lava und Ruinen: aber mitten in den Ruinen prangen
-Gärten. Und da stehen zwischen dem schwarzgrauen Gemäuer Brunnen, an
-denen Esel Wasser emportreiben, und Weinlauben, unter welchen Hüter
-und Eseltreiber und Ciceroni auf dem Rücken liegen und auf die Feigen
-und Trauben warten, die ihnen ja, wenn heute nicht, so morgen in
-den Mund fallen müssen. Wir gehen über Herkulanum, aber diese Stadt
-ist nicht ausgegraben, doch sind neue, blühende Ortschaften aus ihr
-hervorgewachsen. Zwischen den Ruinen selbst prangt die in Italien
-allgegenwärtige Gartenkultur, und da stehen Villen; und manches Haus
-ist aus Lava gebaut, mit Lava gedeckt, aber trotzig bleibt es stehen,
-bis etwa eines Tages neues Baumaterial von den Höhen des unheimlichen
-Berges niederschießt.
-
-Der Weg verläßt das Meer, biegt links in das Tal, wohl ein wenig
-abseits von dem ewig drohenden Vesuv. Man sieht es aber dem stillen,
-wie träumenden Gesellen nicht an, daß er die Hölle im Herzen trägt,
-daß er imstande ist, das halbe Tyrrhenische Meer zu beleuchten und das
-ganze südliche Italien mit Asche zu bestreuen. Aber die Menschlein
-sind zutraulich und streicheln den schlummernden Löwen und krabbeln an
-ihm hinauf mit ihren Häusern und Gärten. Und plötzlich wird er wach.
-
-Hier, von Pompeji ein Erdwall, durch den eine gewölbte Pforte führt.
-Wie durch ein Friedhofstor gehen wir hinein und stehen in der zugrunde
-gegangenen Stadt.
-
-Neapel und Pompeji. Dort das tolle, übermütige rasende Leben, die alles
-bewegenden Leidenschaftskämpfe von vierhunderttausend Menschen; hier --
-alles vorüber. Die Geschichte dieser Stätte ist erfüllt -- tretet leise
-auf die Steinplatten, störet den Frieden der Ewigkeit nicht!
-
-An dem, was in Pompejis Ruinen am bedeutendsten scheint, am Forum,
-an den Tempeln, an den Theatern, ging ich nach kurzer Besichtigung
-vorüber. Ich wandelte durch die geraden Gassen, deren mächtige,
-unregelmäßige Pflasterblöcke aus Lava noch die Furchen der Räder
-zeigen, und ich ging in die Häuser, die sich nicht auszeichneten, wo
-aber die Menschen gelebt, geliebt, gehaßt haben, gestorben sind. Auf
-Wandgemälden ließ ich meine Augen gern ruhen, die voreinstigen Bewohner
-taten's ja wohl auch -- es waren hier schöne Gestalten dargestellt auf
-dunkelrotem Grunde; und ich fragte die Mosaikkörnchen auf den Fußböden,
-ob sie nicht Kunde wüßten von Haus und Heim des alten Geschlechtes.
-Aber Kunde hiervon geben nur Inschriften, Statuen, Hausgeräte,
-Schmuckgegenstände, Särge usw. im Museum zu Neapel. Diese Räume sind
-leer; all' das Wiedergefundene ist im Museum aufbewahrt; schier ganz
-Pompeji ist uns wieder geworden; den Sarg und die Vasen und den
-Todesschmuck hat das Grab gegeben, nur den Menschen nicht. Was wir hier
-sehen, ausgegrabene Buchstaben sind es nur eines versunkenen Blattes
-der Weltgeschichte, aber sie sind nicht blutbefleckt, wie die Ruinen
-der Kaiserpaläste in Rom -- ein stilles Willkommen rufen sie uns zu
-und laden uns ein in das Haus des römischen Bürgers.
-
-Die Häuser sind niedrig und dachlos, aber die Mauern sind noch gut
-erhalten oder ausgebessert. Hie und da führen enge Steintreppen empor
-zu dem Dachraum. Spuren von Feuerherden, Bettstätten, Hausaltären
-finden sich, noch mit Götterbildern versehen, aber viel häufiger die
-Vertiefungen der Bäder mit Säulengängen ringsherum. Das Bad ist den
-Römern der Mittelpunkt der Genüsse gewesen. Die engen, niedrigen Türen
-haben bequeme Antrittssteine und sind noch mit Holzpfosten eingelegt.
-Sehr spärlich sind die Fenster, sie gehen in den Hofraum; und es muß,
-wenn der Hausvater so bei den Seinen saß (das scheint aber nicht
-gar oft geschehen zu sein), sicherlich die heilige Vestaflamme, das
-Herdfeuer, allein gewesen sein, welches den Raum erhellt hat.
-
-Wenn auch die malerische Ausschmückung der Wände, der bunte
-Stucküberzug der Säulen, die Muschelmosaik der Altäre, Bäder und
-Fußböden überall mannigfaltig ist, so sind doch, außer den öffentlichen
-Gebäuden, die Häuser und inneren Räume ziemlich einförmig. Sollten
-sie nach tausend Jahren etwa Neapel einmal aus der Asche des Vesuv
-hervorgraben, so wird es hierin weit mehr zu staunen geben.
-
-Die Verschüttung Pompejis kann nicht plötzlich vor sich gegangen sein,
-sie mag stunden-, ja tagelang gedauert haben, und doch hat man in den
-Ruinen Hunderte von Leichen gefunden. Sie wollten sich nicht trennen
-von ihren Wohnstätten, oder waren krank, bresthaft, gefangen und wurden
-vergessen, oder sie haben in Rauch und Staub den Ausweg nicht gefunden
-und sind erstickt. Erwürgt und verscharrt von der Natur werden sie nach
-langer Grabesruh' zum Tageslicht erhoben. -- Wie ehedem leuchtet wieder
-die Sonne, wogt das Meer, droht der Vesuv. Es ist dieselbe Welt wie
-einst -- die Natur ist nicht älter geworden; Millionen sind geboren,
-gestorben -- aber das Menschengeschlecht ist noch jung und bereitet
-sich vor für künftige Jahrtausende.
-
-Ein kleines Mädchen, wahrscheinlich das Kind eines Aufsehers, spielte
-in einem dieser stillen Hofräume mit bunten Steinchen. Es baute sich
-damit eine Pyramide und klatschte in die Händchen, als sie fertig war.
-Die Abendsonne fiel schief in das Gemäuer, färbte die Wände und Säulen
-rot, färbte des Kindes Antlitz rot und die Äuglein glühten in Freude.
-Da dachte ich: Schicksal, du hast hier Menschen und Menschenwerke
-vernichtet, das war unsäglich Jammer und Not. Gut denn, es ist vorüber,
-aber warum fängst du mit diesem Kinde von Neuem wieder an?
-
-Über das Gemäuer sah ich den bläulichen Vesuv ragen; violett war er in
-dem Abendsonnenäther, als es in den Ruinen schon zu dunkeln begann. Ein
-braunes, leichtes Bändchen schwebte über dem Kegel, und löste sich auf
-in den Lüften, und zog immer wieder nach, so sanft und mild, wie zur
-Winterszeit ein Hauch aus warmer Brust.
-
-Der Abend lag über der zerstörten Stadt, der Halbmond hing darüber. Ich
-war allein in den weitläufigen Ruinen. Einen Hügel stieg ich hinan,
-der noch große Teile Pompejis birgt und da lag ich stundenlang auf
-einem Stein und träumte. Jeremias sang Klagelieder auf den Trümmern
-Jerusalems. Was sollte ich klagen? Lieber fragen. -- Mir war Welt und
-Menschheit wie ein Fragezeichen.
-
-Es war eine stille, milde Nacht; nur von dem Meeresufer wehte das
-Anprallen der Wellen an das Gestein leise herüber. Die Wölklein über
-dem Kegel des dunklen Vesuv waren ein wenig gerötet. Das Tal schwieg;
-in dem Gemäuer löste sich zuweilen ein Steinchen und bröckelte
-nieder ...
-
-So weit ist meine Wanderschaft gegangen, daß ich zu einer Stadt
-gekommen bin, auf deren Hauptstraßen bestaubte Gräser wuchern, und über
-deren Forum das Eidechschen schleicht. --
-
-Und als der Wanderer diese seltsame Stätte, dieses stumme, eherne
-Traumbild gesehen, da lenkte er seine Schritte wieder der nordischen
-Heimat zu.
-
-Der Mond sank nieder zum Meere und zog einen glänzenden Streifen über
-das Gewässer gegen das Auge. Noch einmal warf er seinen erblassenden
-Strahl auf die bleichen Felsen von Sorrent, auf den finsteren Vesuv,
-auf die Ruinenstadt. Dann spielte er mit den zitternden Wellen des
-Meeres und stand auf der Linie des Horizontes wie ein goldenes
-Schifflein.
-
-Da -- ehe der Halbmond noch versank in dem Gewässer, -- war ein
-schwarzes Täfelchen in ihm. Es war wohl das Segel eines fernen Schiffes.
-
-Endlich versank die Leuchte langsam -- nur noch ein Spitzchen, nur noch
-ein Sternchen blieb zurück, dann verlosch auch dieses in den Fluten.
-
-Das Segelschiff aber trieb -- Gott schütze seinen Lauf! -- in tiefer
-Nacht auf weiten Wassern, und Friede war über den Ruinen.
-
-
-
-
-Auf den Wassern.
-
-
-I.
-
-Da ich noch Kind gewesen, war es unser rieselnder Hausbrunnen, dem
-ich mein Fingerlein hinhalten mußte, daß es naß werde. Da ich ein
-Knabe gewesen, war es das klare Bächlein, in das ich mein kleines
-Flügelrädchen hineinbaute und aus dem ich die Forelle zog, um sie
-wieder hineingleiten zu lassen. Da ich ein wandernder Junge gewesen,
-bin ich am Bächlein entlang gezogen, bis es ein Bach ward, und dem
-Bache, bis er zum Flusse wuchs; und ins Himmelsgewölbe schaute ich
-hin, dort wo es in sonnigem Äther niederging über die Ebene, und
-dachte: Jene Lüfte, jene fernen Wölklein stehen über dem Donaustrom.
--- Über hohe Stege, über lange Brücken zu gehen, rauschende Wehren,
-brausende Wasserfälle mit ihrem weißen Schäumen und ihrem Wasserstaub
-zu sehen, welch eine Lust! Da lag der Fluß glatt wie ein See, dunkel
-zwischen Weiden auf der Ebene hin und hin; dort rieselte er in
-kräuselnden Wellen leicht am Sande des Ufers spielend oder wallte über
-schwarzgrünen Tiefen still und wuchtig dahin. Und wieder in Engtälern
-zwang er sich brausend und gischtend zwischen Wänden und Felsblöcken
-fort. Damals fiel es mir auf, daß ein rasch fallender Fluß weniger
-wasserreich erscheint, als ein still dahinfließender von der gleichen
-Größe.
-
-Dann die Seen im Gebirge mit ihrem Wogenschlag am Ufer, mit ihren
-sagenreichen Tiefen und mit ihren Fahrzeugen! Als ich auf solchem See
-das erste Segelschifflein sah, wunderte ich mich überaus, daß solche
-Dinge, wie man sie nur in Bildern so oft gesehen, tatsächlich in der
-Welt vorkämen und daß ich vor einem derselben stand.
-
-Meine Lebenssonne stieg schon empor gegen den heißen Zenit, ich
-hatte schon Stürme erfahren, äußere und innere, ich war schon Sünder
-und Büßer gewesen -- als ich zum erstenmal das Meer sah. Es war das
-adriatische. Ich fühlte mich im ersten Augenblick schier ein wenig
-enttäuscht, so wie es mir stets bei allem Großen ergangen ist, zu
-welchem eine ausschweifende Phantasie im vornherein die Vorstellung
-gefälscht hatte. Zum zweitenmal sah ich das Meer in der ernsten,
-düster bewegten Ostsee. Es war eine grollende Ödnis über derselben,
-eine nordische Ossianstimmung. Zum drittenmal sah ich das Meer in der
-Nordsee. Dort nahm ich es mit ihm auf. Es trug mich hinaus, daß ich
-kein Land mehr sah und kein Schiff außer dem meinen, nichts als das
-hohe wogende grüne Meer unter unendlichem Himmel. Es ist ein Vorwitz,
-dachte ich mir damals, daß der Mensch mit seiner zuckenden Nußschale
-sich dieser unermeßlichen Gewalt hingibt. Es waren drei große Tage
-und Nächte für mich, so auf dem leibhaftigen Tode dahinzugleiten und
-ich fühlte, wie es doch lächerlich ist, ein Menschlein zu sein und zu
-wähnen, daß man die Welt beherrsche. Aber der Menschlein Mut rührt die
-Götter oder macht ihnen Spaß, und +freiwillig+ gibt die See das Schiff
-zurück.
-
-Zum viertenmal sah ich das Meer im sonnigen Süden von Genua und in
-Neapel. Das mittelländische, es ist das freundlichste, auf dem noch der
-Hauch der klassischen Schönheit zu schweben scheint.
-
-Seither hat mich die Sehnsucht nach dem Meere nicht mehr verlassen; ja
-in dem Maße, als mir das Geschick die Hochgebirgswelt versagt, steigert
-sich mein Hang zum Meere. Andere wallfahrten nach den Gletschern des
-Glockners, ich zur Küste von Miramare.
-
-Schon die Fahrt dahin macht Stimmung. Da löst man sich mählich los von
-den grünen Bergen der Steiermark; es kommt die unterländische Ebene
-mit ihren saftigen Wiesen, in der Ferne Weinberge. Durch ein fast
-wildes, schattenreiches Gebirge fährt man ins Land der Krainer; wir
-gleiten über die Laibacher Ebene, in welche die weißen Steiner Alpen
-herableuchten. Dann kommt der Karst. Eine Mondlandschaft mit Schründen,
-kahlen Bergen und kraterartigen Vertiefungen. Diese Vertiefungen
-entstanden, als die Oberfläche hinabsank in die Höhlen. Keine
-geschlossenen Felsen hier, sondern eine endlose Wüste von losen, grauen
-Steinen, jeder malerisch für sich, jeder im Mondscheine wie beschneit
-erglänzend zwischen scharfen Schatten. Die Bora hat sie blosgewühlt und
-den Erdstaub dahingeweht. Hunderte von Äckerlein, Wieslein und kleinen
-Weiden sind mit hohen Steinmauern eingerandet, zu sehen wie Kirchhöfe
-in armen Heidedörfern. Dort und da ein Strauch, eine verkümmerte Eiche.
-In den Mulden und Schluchten stehen kleine Dörfer nach italienischer
-Bauart, mitten in Weinreben, und darüberhin ziehen sich streckenweise
-die hölzernen Schutzwände der Eisenbahn gegen Schneewehen. Der Süden
-und der Norden streiten hier auf dem Karst um die Herrschaft. Der
-Süden ist zurückgedrängt worden vielleicht zur Zeit, als die Veneter
-in dieser Gegend die Piloten holten zu ihrer Wasserstadt. In neuer
-Zeit scheint der Norden wieder weichen zu müssen; denn man ist daran,
-den Karst aufzuforsten, wovon schon heute stellenweise so erfreuliche
-Anfänge zu sehen sind, daß Triestiner behaupten, man merke bereits die
-Zähmung der Bora.
-
-Auf dem ganzen Karst hat der Reisende das Gefühl, als ob ihn die
-Eisenbahn über das ungeheure Plateau eines hohen Gebirges dahintrage.
-Bei Nabresina erreicht die Steinwüste den höchsten Grad, da biegt sich
-die Bahn nach links, geht durch einen Felseinschnitt, wie es deren
-auf der Strecke zahlreiche gibt, und der Blick des Reisenden fliegt
-plötzlich wie befreit hinaus in eine unabsehbare graue Ebene, dort
-und da der lichte Punkt eines Gebäudes. Das adriatische Meer. So nahe
-ist es da, daß man meint, es mit einem Steinwurf erreichen zu können.
-Aber es ist tiefer unten, als es scheint, so tief, daß es uns auch in
-bewegtem Zustande wie eine glatte ruhige Fläche daliegt. Die lichten
-Punkte in der Ferne sind freilich Gebäude, aber schwimmende.
-
-Der Gegensatz, aus der Steinstarrnis so jäh vor die weichen, ewig
-lebendigen Wässer versetzt zu sein, wirkt, und den möchte ich kennen,
-der, zum erstenmal das Meer sehend, in diesem Augenblick nicht eine
-Aufwallung seines Wesens verspürte, nicht ein Feuchtes in seinem Auge
--- die Träne am Meere.
-
-Miramare heißt das Schloß, das dort unten aus der Landzunge scharf
-am Rande steht, mit seinen weißen Zinnen einsam und melancholisch
-hinausschaut auf das Meer. -- Miramare heißt es. Den Namen hat ihm der
-gegeben, um den es trauern wird, bis dereinst der letzte Stein auf ihm
-niedersinkt in die Flut. --
-
-Links von diesem Bilde, im Hintergrunde, wo sich das Meer einbuchtet,
-liegt im stattlichen Halbkreise das stolze Triest.
-
-Aus dem Bahnhofe von Triest tretend, steht man am Hafen. Fast
-erschrickt die Landratte vor den Ungeheuern der Dreimaster, die mit
-ihren turmhohen Stämmen und gekreuzten Takelwerken geisterhaft vor
-ihr stehen. Vielleicht ist sie eine mathematiklustige Natur und will
-die Dampfer und Segelschiffe alle zählen, die bis zum Leuchtturme
-hin im Hafen liegen. Ja, die Landratte wird dieses Unternehmens bald
-müde sein. Das ganze buntbewegte, laute Hafenleben stockitalienischen
-Charakters betäubt sie. -- Plötzlich versetzt in eine neue Welt! Da
-verliert mancher den Kopf, mancher nur den Hut, den ihm die Borina
-tückisch vom Haupte reißt und ins Meer hinauswirft. Schon gleitet ein
-Nachen hin, sich gelenkig windend zwischen Kähnen, Ankerfesten, unter
-den schwarzen Bäuchen der großen Schiffe am Molo und bald überreicht
-der Matrose, heitere Worte hell in welscher Sprache rufend, den Hut,
-ewig höflich und ewig unzufrieden mit der Gabe, die man ihm reicht. Den
-Hut setzt man auf und denkt: er wird schon wieder trocken. Trocken wird
-er und hat eine graue Kruste -- vom Salz des Meeres. Das alles macht
-der Landratte unendlich viel Spaß.
-
-Ganz eigentümlich angenehm berührt mich am Meeresstrande allemal der
-Gedanke, daß man hier im Vorhofe aller Weltteile sei, gleichsam in der
-Vorhalle zu Alexandrien, Neuyork, San Franzisko, Kalkutta. Schon im
-Hochgebirge streift sich der kleine persönliche Egoismus ab; auf dem
-Meere löst sich auch der große, nationale auf -- das Herz weitet sich
-kosmopolitisch, befreit sich.
-
-Darum hat sich der russische Kriegsdampfer so patzig ausgenommen, der
-an jenem Tage, als ich in Triest war, mit Kanonengebumme in den Hafen
-einlief. Solcher Seevagabunden schürfeln viele auf dem Mittelmeere
-herum, auch Haifische, wovon vor wenigen Jahren einer nach Triest kam
-und jenem im Meere badenden Mann den Fuß wegbiß. Der Angefallene wurde
-vor dem Ungeheuer noch gerettet, verfiel aber vor Schreck und Grausen
-in einen Starrkrampf, an dem er nach wenigen Stunden gestorben ist.
-
-Ich pachtete mir einen kleinen Segler und zwei Matrosen und gebärdete
-mich wie ein Schiffskapitän, der eine Reise um die Welt unternimmt.
-Dabei Erinnerung an meine Heldentat im Meerbusen von Sorrent. Als
-mich dort vor Jahren mein Jollenführer aufs hohe Meer hinausgerudert
-hatte, begehrte er das Dreifache der von uns früher genau und fest
-vereinbarten Löhnung. Da ich nicht darauf einging, drohte er, mich
-nimmer ans Ufer führen zu wollen. Ich konnte mich mit dem Manne auf
-italienisch nicht anders verständigen, als daß ich zornig den Arm
-erhob und mit einem echt steierischen: »Himmelsaggra, Kerl, ih hau
-dir ani aba!« mir mein gutes Recht verschaffte. Ja, ja, wer steirisch
-spricht! ... »Hau dir ani aba!« ist Volapük. Mit der richtigen Gebärde
-allgemein verständlich.
-
-Meine Herren Matrosen hier in Triest aber kreuzten im Hafen, über
-dessen Spiegel der Wind dort und da kräuselnden Schaum aufhobelte.
-Sie waren nicht hinauszubringen auf die hohe See, auf der die weißen
-Gischten sprangen. Sie könnten der heftigen Bora wegen nicht mehr
-zurück. -- Wer sagt, daß ich zurück will? Ihr bekommt für die Stunde
-einen Gulden, ob wir nun nach Miramare segeln oder nach Sidney. --
-Hierauf ging's hinaus. Der Wind pfiff im Segel und die dunkelgrünen
-Wasser wogten in bauchigen Wellen und scharfen Kämmen und gebärdeten
-sich wütend gegen unser armes Schifflein, dessen Bord zu einer Seite
-schier unter Wasser tauchen wollte, so sehr wir die entgegengesetzte
-Seite mit unserem irdischen Gewichte zu beschweren suchten. Die
-Matrosen waren stets mit ihren Ruderstangen, mit den Segeltauen
-beschäftigt und hereinspritzender Gischt und Schweiß rann ihnen vom
-braunen Gesicht. Mitunter stießen sie einen Ruf aus, der im Brausen
-nicht gehört wurde. Ich stemmte mich mit den Füßen stramm gegen die
-tiefgehende Wand und schaute hinaus. Eine anspringende Welle schlug mir
-die Brille von der Nase, was auch ganz gut war, denn sie war schon sehr
-stark mit Salzkrusten belegt, daß ich damit nichts mehr gesehen hatte.
-
-Der Karst lag bereits in grauer Ferne, durch welche Triest in
-unbestimmten Umrissen, wie ein gelblichweißer Steinhaufen, schimmerte.
-Vor mir lag die ungeheure Anhöhe des Meeres. Es zeigt sich nicht wie
-eine ebene Fläche, sondern wie eine schwellende Höhung, üppig und
-fessellos, als überflute es sich selbst immer und überall. Auf Landseen
-frägt man sich manchmal nach der Tiefe oder Untiefe des Grundes. Auf
-dem Meere denkt man nicht mehr daran, denkt nicht an Berg und Tal da
-unten, nicht an das Gold, nicht an die Schiffstrümmer und Gebeine, die
-unten ruhen mögen, denkt auch nicht an die Ungeheuer des Tierreiches,
-die im Innern des Gewässers herrschen. So ganz nehmen die Erscheinungen
-der Oberfläche den Neuling gefangen.
-
-Es gibt wahrscheinlich Leute, die sich das Meer unter dem sonnigen
-Tage licht und glitzernd denken als durchsichtiges Wasser, spiegelnd
-wie Kristall, blendend für das Auge und am Horizont mit dem Himmel
-allmählich sich verwebend, wie der ferne Gesichtskreis in einer
-Landschaft. Das Meer ist anders. Es ist dunkel und glanzlos, in
-einem tiefgesättigten Grau, Blau oder Grün, auf welchem sich die
-weißen Schaumfetzen schuppenartig und zuckend abheben. Die auch bei
-stürmischer See schnurgerade und ruhige Linie des Horizontes ist
-scharf geschnitten, unten das dunkle Gewässer, oben der lichte Himmel.
-Unbegrenzt und doch die Grenze scharf vor dem Auge. Dieses ungeübte
-Auge weiß auf dem hohen Meere aber nicht, ist die Gesichtsgrenze wenige
-Stunden oder viele Meilen weit entfernt, es ist immer, als ob eine nahe
-Wasserhöhe die natürliche Sehweite einengte. Erst wenn in der Kimmung
-ein Schiff auftaucht, gewinnt man einen Maßstab für die weite Fläche,
-die man überblickt. Wenn etwa zur Mittagszeit draußen auf der Schneide
-ein kleiner Punkt erscheint, so hat man am Nachmittag wohl allmählich
-die Gestalt eines Segelschiffes vor sich, aber erst am Abend steht es
-uns so nahe gegenüber, daß man die Einzelheiten seines vielgliederigen
-Takelwerkes erkennen kann. Ein andermal vermeint man das schimmernde
-Segel eines Fischerkahnes zu sehen, aber plötzlich fliegt es in die
-Lüfte auf, eine Seemöve ist's, wie diese Vögel ja des Menschen treue
-Begleiter sind auf den Wassern, weil von den Ablagerungen der Schiffe
-oder von der Beute derselben manches für sie ausfällt.
-
-Wunder nimmt die ewige Reinheit des Meeres. Was fließt nicht alles
-da zusammen, welche Abfälle von den großen schmutzigen Seestädten,
-von den tausenderlei Fahrzeugen, welch ein Wust von Dingen, die weder
-untergehen, noch sich auflösen können, wird ins Meer geworfen. Nichts
-von all dem ist zu sehen, selbst in den Häfen nicht. Seit vielen
-tausend Jahren gleitet die schmutzige Geschichte der Menschheit
-millionenfach über die Meere -- sie müßten Jauche geworden sein. -- Das
-Meer ist rein wie am Tage der Schöpfung. Dieselbe, ewig menschliche
-Spur verzehrende, reinigende Kraft wie im Walde, wie in der Luft, ist
-auch im Meere. Nichts, gar nichts haben die Geschlechter, die Völker
-dem Meere anhaben können, es ist heute, wie es vor dem Menschen war.
-
-Der Sonnenstern vermag tagsüber das Meer nicht zu durchdringen, es
-bleibt selbst unter heiterem Himmel immer eine gewisse Dämmerung
-darüber ausgegossen. Erst mit dem Untergange der Sonne zeigt sich ein
-helleres Licht und Farbenspiel. Die Sonne wird röter, je tiefer sie
-sinkt, und fast am Rande des Meeres angelangt, ist ihre untere Hälfte
-matt und dunkelglühend, während die obere noch heller leuchtet. Dadurch
-erscheint die Scheibe wie eine von oben her beleuchtete Kugel. Dieser
-glühende Ballen taucht nun in weit größerer Gestalt, als er je am
-Zenite gestanden, ins Meer; es ist einem, als müsse man das Zischen
-hören, wenn die Sonne hineinsinkt. Das Meer, in welches sie taucht, ist
-schwarz wie Tinte, es widerspiegelt nichts, nur die Wellen, die unser
-Schiff umgeben, haben einen flüchtigen Perlmutterglanz. Noch sieht man
-der Sonnenscheibe Hälfte, sie ist glanzlos, als sauge sie sich bereits
-an Wasser voll. Endlich ist nur mehr der oberste Rand da -- man könnte
-meinen, am Horizont stehe ein brennendes Schiff; der letzte lodernde
-Punkt verzuckt -- dann ist alles verloschen. Auf den Gewässern ist es
-ruhiger geworden, keine Bora mehr, kaum eine leichte Brise, das Wogen
-der Wellen ist ein Wiegen geworden. --
-
-Kehren wir um. Die Sterne des Himmels müssen den Weg weisen, bis das
-drehbare Licht des Triester Leuchtturmes uns begrüßt. Allmählich
-taucht auch das Geflimmer der Stadt auf, die Signallichter der Masten
-und endlich sehen wir die zickzackigen Streifen der sich im Wasser
-spiegelnden Laternen des Molo.
-
-Das kleine geschäftige Treiben der Menschen ist sehr possierlich nach
-einem solchen Versunkensein in der großen Natur. Und noch possierlicher
-ist es, daß man sich alsbald auch selber wieder hineinmischt, mit einer
-Wichtigtuerei, als hänge das Heil der Welt ab von unserem alltäglichen
-Hasten. Unser eigenes hängt freilich ab von diesem Kampf ums Dasein;
-wenn das Dasein doch nur mehr solche Momente hätte, als ich erlebt da
-draußen auf See in der sanften Gewalt Gottes.
-
-
-II.
-
-Abbazia! Schon das Wort klingt wie der Gesang eines tropischen Vogels.
-Wo liegt dieses Abbazia?
-
-Dem Wiener ist es spielend leicht zu erreichen, er schläft sich
-einfach hinüber. An einem Spätabende läßt er sich auf dem Südbahnhof
-ein Eisenbahngelaß aufsperren, zieht die Fenstervorhänge zu, macht sich
-bequem, raucht noch ein paar Zigarren, legt sich dann hin und --
-
-Nach einiger Zeit wird er wach, reibt den letzten Rest Duseligkeit aus
-den Augen, streckt sich und sagt: »Ah, das war ein köstlicher Schlaf!
--- Wo sind wir denn schon?« Er zieht die Vorhänge auf: Ah!
-
-Hesperien im Morgensonnenschein!
-
-Der Eisenbahnzug steht hoch an einem Ausläufer des Karst in der Station
-Mattuglie. Steil und größtenteils kahl stürzen die kalkfelsigen Berge
-ab und unten liegt blauend das Meer.
-
-Es ist die Bucht von Fiume, die allerdings viele Ähnlichkeit mit einem
-Binnensee hat, weil sie in der Ferne von mehreren langgestreckten
-bergigen Inseln begrenzt wird. Nur rechts, am istrianischen Strande
-entlang, öffnet sich eine Straße hinaus auf die freie hohe See.
-Das ganze Bild ist ein südliches und erinnert an italienische und
-spanische Küsten; Liebhaber des Orients mögen sich auch an die Buchten
-Griechenlands, an den Strand von Palästina, an den Fuß des Libanons
-versetzt fühlen. Die Höhen des Karstes und der kroatischen Alpen,
-frei vom Meeresspiegel aufspringend, geben sich gar stolz und ihre
-Schneegipfel schauen neugierig herab auf die immergrünen Lorbeer- und
-Palmenhaine an der Küste.
-
-Dem Ankömmling wird gesagt, er habe von der Station Mattuglie aus mit
-Wagen nach Abbazia vierzig Minuten zu fahren, und auch nicht länger
-zu gehen. Bei der klaren kühlen Witterung wählt er das letztere. Mit
-jedem Schritte, den er abwärts tut, steigert sich die Wärme der
-Luft. Seine Umgebung sind graue, aus der Erde quellende Felsblöcke,
-Steinfletze und dazwischen dort und da eine ärmliche Hütte aus
-Quadern, Gärtlein mit Ölbäumen und Weinreben, und kleinen Wiesen, die
-terrassenartig mit Rohsteinwällen oder festen Mauern eingefaßt sind.
-So ähnelt mancher Gemüsegarten einem Gebäude, manche Ziegenweide einer
-Festung. Da ist der Schafstall und die Hütte des Hirten massiv, wie
-für die Weltgeschichte gemacht; und wenn das Schaf vom Steuereinzieher
-davongetrieben wird und der Hirte auswandert und das Strohdach
-einbricht, so stehen die Steinmauern so gut ihr Jahrhundert noch, als
-bei uns daheim die Ruinen der Ritterburgen. In der Gegend sieht man
-wohl Häuserruinen stehen; die Zeit hat hier ein armes Volk erdrückt.
-Die neuesten Tage bauen an diesen Küsten Palast um Palast, aber
-nicht für die Einheimischen, sondern für die Fremden, die in ihren
-großen Städten müde geworden sind und sich hier am Meeresodem wieder
-erfrischen wollen.
-
-Zu Füßen des Wanderers liegt nun hart am Meere der Flecken Voloska.
-Slawisches und romanisches Wesen ist hier gemischt, ersteres wiegt
-an Ausdehnung und Zahl vor, letzteres drückt aber der Gegend den
-Charakter auf. (Zu erinnern, daß diese Aufsätze in den Achtzigerjahren
-geschrieben worden sind.) Von Voloska aus links führt eine Kunststraße
-nach dem nahen Fiume, rechts am Meere hin geht's nach Abazzia. Der
-Weg ist kurz, bald stehen wir im Kurorte. Die im Hintergrunde sich
-steil erhebenden Berge -- mit der Spitze des 1400 Meter aufsteigenden
-Monte Maggiore -- sind unwirtlich und stellenweise armselig bestanden
-mit Laubholz; sie lassen am Strande nur einen kümmerlichen Raum
-für Menschen. Dieser Raum ist von einem immergrünen Wald von
-Lorbeerbäumen, Palmen, Zedern und Sebengewächsen bestanden. Dem
-entsprechend ist die Blumenwelt. Fast betäubt den Fremden anfangs
-die weiche Luft und der üppige Duft. Es ist, als ob man in einem
-ungeheuren Gewächshaus stünde, von dem für den Augenblick die Glaswände
-und das Dach weggenommen worden. Und in diesen Wald hinein bauten
-sie den Kurort Abbazia. Tiefschattige Haine, bunte Rasenplätze,
-glatte Kieswege, wildes Gefelse und Ruinen von Bauernhütten wechseln
-zwischen den Häusern; so sinkt die Fläche sanft zum Meere hin, wo
-wildzerklüftete braune Steinwuchten und Klippen gegen die andonnernden
-Wogen ihre Vormachst halten. Es ist wohl nicht zweifelhaft, wer am Ende
-siegen wird, das weiche Wasser oder das harte Gestein. Dieses verliert
-bei jedem Wellenschlag Atome, das Wasser zergischtet jede Sekunde und
-ist doch ewig gesund. Aber bis der Strand dahingewaschen sein wird,
-dazu hat's noch lange Zeit; da mag früher wohl ein großer weltberühmter
-Kurort hier florieren und wieder aus der Mode kommen und verfallen, wie
-die Wohnungen der früheren Ansiedler verfallen sind.
-
-Man setzt sich hin und kann stundenlang dem Spiele des Wassers zusehen.
-Gerne treibt es -- und das ist bei gewöhnlicher Lebhaftigkeit sein
-Gebaren -- in langgezogenen Wellen, wovon eine von der anderen etwa
-zehn bis fünfzehn Meter entfernt ist, heran. Solch eine Welle macht
-einen hohen glatten Rücken, durch den das Licht schimmert und sie wie
-grünliches Eis erscheinen läßt. Nahe dem Strande begegnet ihr aber
-eine von den Steinen zurückgeworfene Welle, über diese hinwegspringend
-bricht sie sich in Gischt, fährt an den Strand, wo sie unbändig
-emporwallt oder weiß aufspritzt, um dann wie ihre Vorfahren und
-ihre Nachkommen zurückzusinken. An mehreren Punkten, besonders am
-sogenannten Teufelsbrunnen sichtbar, rinnt das Meerwasser in mächtigen
-Strömen durch Höhlungen in den Berg hinein, um an anderer Stelle wieder
-hervorzubrechen. Dort und da gibt es badeschwammartig durchlöcherte
-Steine, durch die das Wasser gurgelt und drängt, um auf der anderen
-Seite stoßweise hervorzuspringen. Die Färbung des Meeres ist von
-höchster Mannigfaltigkeit, hier kommt noch dazu die Schattierung von
-den Inseln Veglia und Cherso, deren Berge besonders in den späten
-Nachmittagsstunden in sanftem Veilchenblau herüberlachen. Freundlich
-schimmert Fiume und Porto Re am Fuße des kroatischen Gebirges und im
-südlichen Hintergrunde steigen die hohen weißen Bergzüge Dalmatiens
-hoch in den Himmel empor. Mir fällt ein, der Blick auf dem Bodensee
-gegen die Gletscher der Schweiz hin. Die Schönheit der See und die
-Herrlichkeit der Alpen im Bilde vereinigt!
-
-Als drüben an der Riviera vor einiger Zeit das Erdbeben gewütet hatte,
-kamen Flüchtlinge herüber nach Abbazia, das sich patriotischerweise
-anschickt, die österreichische Riviera zu werden. Und man hat gefunden,
-daß die Naturschönheit hüben jener von drüben nicht bloß in nichts
-nachgibt, sondern sie sogar übertrifft.
-
-Dieses Asyl am Quarnero hat für uns seinen besonderen Wert. Wer den
-nordischen Winter nicht liebt oder ihn der Gesundheit wegen fliehen
-muß, und doch nicht ins ferne Ausland will, der schlafe sich also in
-einer schönen Nacht hinab nach Abbazia. Im milden Hauche des grünen
-Lorbeerhaines und im Angesichte des sommerlich sonnigen Meeres kann er
-dort Christfest halten.
-
-
-III.
-
-Da sitze ich auf dem luftigen Balkone des stattlichen Hospizes
-Quisisana und treibe wieder Meerstudien. Der Palast steht in dem
-immergrünen Walde, mit dessem Laube man die Unsterblichen ehrt. Zu
-meinen Füßen ruht der Kurort und darüber hinaus dehnt sich das Meer.
-
-Ich liebe das Meer. Daß ich meinen Leib entkleide und in die laue
-salzige Flut steige, ist recht gut, aber besser noch ist das andere:
-ich bade im Meer mein Herz.
-
-Dann sinne ich nach über die Natur des Gewässers. Die Ostsee z. B.
-hat in den Sommermonaten eine Wärme von 16--17 Graden Celsius, das
-Mittelmeer von 22 bis 27 Graden, das Rote Meer, welches zwischen
-heißen Wüstenländern liegt, hat sogar eine Wärme von 34 Graden, also
-um etliche Grade wärmer, als ein gewöhnliches warmes Bad ist. Ebenso
-verschieden ist der Salzgehalt der Teile des Weltmeeres. Die Ostsee hat
-etwa ein viertel Prozent Kochsalz, während das Tote Meer zwanzigeinhalb
-Prozent mißt. (Vielleicht kommt das von der Salzsäule, in die Frau Lot
-bekanntlich in der Gegend dieses Meeres verwandelt worden ist, meinte
-einer, der alles Salzbittere den Frauen zuschreibt.) Das Tote Meer, das
-merkwürdigste Binnenmeer der Erde, hat auch ein so großes spezifisches
-Gewicht, daß der Mensch darauf schwimmt wie ein Kork und bei dem besten
-Willen nicht untergehen kann. Es ist das einzige Meer, welches fast
-absolut klar ist und die Sonnenstrahlen wohl viel tiefer in sich läßt,
-als der Ozean, in den das Licht nur neunzig Meter eindringt. Tiefer
-unten herrscht absolute Finsternis.
-
-Überaus unterschiedlich ist das Auftreten der Ebbe und Flut; in der
-Ostsee ist sie kaum zu merken, in unserem Mittelmeere unbedeutend,
-hingegen kommt der tägliche Wechsel des Steigens und Fallens in den
-südlichen Meeren in großem Maße vor. Die Tagesflut hat ihre Ursache
-wohl in der Ausdehnbarkeit durch die Wärme?
-
-Die hervorragendste gute Eigenschaft der See, das Heilsamste, was die
-See für uns hat, ist die Seeluft. Sie wirkt mehr als die See-, Sand-
-und Schlammbäder, und zwar durch ihre Reinheit, ihre laue Feuchtigkeit,
-ihren Salzgehalt. Aber sie muß von der See herkommen, nicht vom Lande.
-Etliche Chemiker, die bekanntlich alles wissen und auch den Homunkel
-gemacht haben, behaupten auf Grund ihrer sehr wissenschaftlichen
-Untersuchungen, daß in der Seeluft keine Salzteile vorkämen. Der
-simpelste Fischer oder Matrose, ja sogar der am Strande wandelnde
-Landbewohner weiß das freilich anders, ja selbst auch, ohne mit dem
-Wasser geradezu in Berührung zu kommen -- weil seine Lippen einen
-salzigen Geschmack annehmen, in seinen Haaren sich Salzkristallchen
-bilden. In Helgoland kann man es häufig bemerken, daß bei starken
-Seewinden die Fenstergläser der höher gelegenen Häuser sich mit feinen
-Salzkrusten überziehen.
-
-Der eigenartige Geruch der Seeluft, den manche als heilsam für den
-Magen bezeichnen, soll von den faulenden oder verwesenden Stoffen aus
-dem Tier- und Pflanzenreiche kommen, die das Wasser mit sich führt. Ob
-solche für den, der sie einatmet, heilsam sind, das kann bejaht, aber
-auch verneint werden, wie überhaupt alle Kultur- und Medizinmittel
-von den einen bejaht, von den anderen verneint zu werden pflegen. Was
-existiert denn überhaupt auf Erden, über das alle Leute der gleichen
-Meinung wären? Die Wissenschaftler unter sich sind es so wenig als die
-Laien.
-
-Ein Mensch, wird versichert, trinke täglich 10000 Liter Luft, da
-kommen Teile, mit welchen sie etwa verunreinigt ist, schon in Betracht.
-Wohltätig ist der Aufenthalt an der Küste, wohltätiger ist er auf
-einer Insel, am wohltätigsten auf hohem Meere, auf dem die Luft fast
-vollkommen rein ist. Es wird eine Zeit der schwimmenden Kurorte
-kommen. Man wird Schiffe einrichten, die den Zweck haben, mit ihren
-heilbedürftigen Insassen sich immer auf der See umherzutreiben.
-
-Nie und nirgends ist das Klima so gleichmäßig, als auf oder an dem
-Meere, dort gibt es kühle Sommer und laue Winter. Wer sollte es denn
-glauben, daß im nordischen Helgoland im Freien die Feige reift und die
-Rose noch im Dezember blüht! Je glatter eine Fläche, je gleichmäßiger
-die Temperatur, das gilt ja auch vom Lande. Je gegliederter ein Land
-ist, je mehr Höhen und Tiefen es hat, je ungleichartiger im Winter und
-Sommer, bei Tag und Nacht ist seine Luftwärme; ins Herz hinein tut es
-mir weh, von euch, ihr lieben Alpen, sagen zu müssen, für Leute, die
-eine schwache Brust haben, seid ihr kein guter Freund! Oder man müßte
-immer auf euren höchsten Gipfeln leben, wo die Luft und Wärme auch eine
-gleichmäßigere ist als in den Tälern.
-
-Nicht bloß die Engbrüstigen sollten ans Meer und aufs Meer, sondern
-auch die Engherzigen. Der Egoist, der Habsüchtige, der Hoffärtige, sie
-sollten einmal etliche Monate lang auf dem Ozean fahren, wo alles Größe
-und Ewigkeit ist, wo es nichts gibt, nach dem die Hand des Menschen
-begehrend sich ausstrecken kann, wo nichts sich ihm unterwirft, wo
-die Elemente, wie sie eben in Laune sind, das menschliche Fahrzeug
-als Spielzeug gebrauchen. Da ist's nichts mit der Übervorteilung
-anderer, und die ganze Selbstsucht geht lediglich darauf hinaus,
-doch nur mit heiler Haut wieder ans Trockene zu kommen. Ein kleines
-Schiffsbrüchlein soll für verknöcherte Herzen ein besonders heilsames
-Seebad sein; nicht bloß, daß man dabei beten lernt, man lernt, sagen
-sie, auch das Leben, bescheiden und dankbar sein für jeden Atemzug und
-Achtung haben vor den Mitmenschen. Natürlich rechtzeitige Rettung,
-und wäre es auch nur durch bewußten Balken auf eine wüste Insel.
-Robinson wäre daheim auf dem festen Lande ein Taugenichts geworden, die
-Einsamkeit auf seiner Insel im Weltmeere hat ihn zu einem ganzen Manne
-gemacht.
-
-
-IV.
-
-Den Kummer nenne ich dir nicht, aber du kennst ihn. Wenn du es mit
-dem Leben, mit der Welt, mit dir selbst einmal heftig zu tun gehabt
-hast, so kennst du ihn ganz gewiß; er ist so schwer, er scheint so
-unerträglich, daß dich nichts erquicken kann, als der eine Gedanke:
-Sterben. Es ist nicht Sentimentalität, es ist kein eingebildetes Weh,
-es hat Grund und Folge, es hat Gestalt, und alles, was du um dich
-siehst, in dir fühlst, ist namenloses Elend. Ich nenne das Leid nicht,
-es hat einen abscheulichen Namen.
-
-In fieberhaften Träumen der Mitternacht rief eine Stimme: »Geh' ans
-Meer!« -- Ich schrak empor. Wer ist da? Wer ruft? War das nicht die
-traute Stimme eines längst und auf ewig verstummten Mundes? -- Ja, miß
-dein Leid an der Größe und Tiefe des Ozeans. Ohne Gebimmel und Geserres
-schlafen gehen ... Um Mitternacht stand ich auf und eine Stunde später
-saß ich im Kurierzuge nach Abbazia.
-
-Als ich über den Karst fuhr, röteten sich die Steine, und bei Mattuglie
-tief unten lag das Meer im Sonnenlichte. Ich stieg hinab, wie man
-hinabsteigt von den felsigen Höhen Palästinas gegen das mittelländische
-Meer. Dann ging ich dem Strande entlang; die weiten Wasser waren
-stille, als hielten sie ein, daß der Geist Gottes sie küsse; und doch
-schlugen die Wellen ans Ufer, als wollten sie heraussteigen; aber
-ohnmächtig rieselten sie wieder zurück in ihr dunkelgrünes Bett. Das
-ist viel zu zahm. Das Meer in meinem Herzen, das brandet anders!
-Jetzt hüllen mich die Ölbäume in ihre Schatten, jetzt fächeln mir die
-Lorbeerzweige um die Stirne. O nein, Ruhm und Preis ist es ja nicht,
-nach dem ich dürste. Nach Frieden des Herzens schrei' ich auf. --
-Orangen-, Pfirsich- und Feigenbäume halten ihre üppigen Früchte mir
-entgegen. O nein, Weltgenuß ist es nicht, nach dem ich lechze. Nach
-Frieden des Herzens weine ich. Herrliche Paläste winken mir zu im
-Lorbeerhaine, Prunk und Pracht, schöne Frauen, liebliche Musik! Als
-ob das Feinste der feinen Welt sich hier versammelt hätte, um mich zu
-grüßen, um mich zu trösten. Das ist es aber nicht, warum ich gekommen
-bin. Nach zwei Richtungen steht mir die Flucht offen, hinauf in die
-Felsen des Karstes, hinab ...
-
-Endlich kehrte ich doch bei lieben Menschen ein, müde und abgehärmt
-sank ich auf ein Ruhebett. An vierundzwanzig Stunden mochten verflossen
-sein, seit die Stimme mich aufgeweckt, und jetzt weckte mich eine
-andere. Es donnerte ums Haus, daß die Wände bebten. Ich stand auf,
-öffnete ein Fenster, da wehte es herein wie feuchter salziger Hauch,
-und ein grauses Rollen und Krachen erfüllte die Luft.
-
-Was das wäre? fragte ich einen auf der Gasse Wandelnden. »Das Meer«,
-antwortete er schreiend und ging vorüber. Ich stieg hinab an das Ufer
-und mußte jauchzen, so leicht war mir plötzlich. Das Meer war rasend
-geworden. In langgestreckten, hohen Wellen, in lebendigen Bergen wogte
-es heran, schlug schwer und wild an die Klippen des Strandes und die
-Wasser sprangen, aufwärts gießend, weit herein ins Land. Kein Lüftchen
-aber regte sich, holder Vollmond stand am Himmel und sein Licht war
-lauterer Frieden. Was ist dir, Meer? Wer hat dich so wütend gemacht?
-Du bist ja entzückend zornig. Ich habe kein Lied gefunden für mein
-Herzweh, nun singst +du+ es, du gewaltige Harfe Gottes! -- Auf hoher
-See draußen weiße Bänder, Zacken und Spitzen, ein zarter Nebelstaub
-darüber, und heran, immer noch wilder, rasender, wahnwitziger, als
-wollte das Meer emporklettern an die Hänge des Karstes.
-
-Was bedeutet das Wüten in dieser friedlichen Nacht? Draußen auf hoher
-See wühlt das Gespenst, welches das Meer heran hetzt. Es ist der
-Scirocco. Am Strande ist er selten wahrzunehmen, aber draußen bohrt
-er seine Rüssel ein, schreckt die Wasser auf und jagt sie pfeifend,
-sausend in alle Welt. Die verlästerte Bora ist ein harmloses Kind
-dagegen, sie schlägt zwar Fenster ein, deckt Häuser ab, schleudert
-kräftige Männer zu Boden und wirft Eisenbahnzüge um; aber das Meer
-bringt sie nur in schönes Kräuseln -- nichts weiter.
-
-Betäubt von dem ununterbrochenen Brausen, Donnern und dem zischenden
-Aufflammen der weißen Gischten stand ich da. -- Der Scirocco, und das
-ist alles? Darum der ungeheure Sturm, weil ein bißchen Scirocco weht
-draußen auf hoher See? Am Ende ist auch in meine Seele ein bißchen
-Scirocco gefahren, und nichts weiter? -- Wohlan, Freund, weil wir denn
-einmal dran sind, ich nenne dir den Kummer, das Herzweh, das namenlose
-Elend, das kaum zu ertragen ist. +Nervosität+ heißen sie das Ungeheuer,
-und wenn Scirocco geht -- nun du weißt es ja.
-
-Am nächsten Morgen war der Himmel grau und schwer, wie ein Meer von
-Blei. Regen, unendlicher Regen rieselte nieder, und die Wolken hingen
-hinein ins Meer, und die Delphine selbst, die manchmal ihre Häupter
-aus den Wellen reckten, wollten Regenschirme aufspannen, oder rasch
-zurücktauchen in die See, damit sie nicht nasser als naß würden. --
-Wenn bei Sonnenschein meine Stimmung schon so trübe war, wie erst
-mußte sie bei so düsterer Witterung trostlos sein! Glaubt ihr? Wenn
-der Teufel einmal los ist, so reißt er nicht mehr an der Kette. Ich
-fühlte mich urgesund und munter wie ein Fisch, wußte nichts von Kummer
-und Herzweh und konnte gar nicht begreifen, wie ein Mensch verzagt und
-traurig sein könne.
-
-Nun tagelang Regen. Das Meer ist spiegelglatt, aber weit hinaus gefärbt
-von den lehmfarbigen Gießen des Süßwassers. Und doch sah man kaum einen
-Gießbach herabkommen von den Bergen. Hingegen quirlten am Strande und
-noch weiter draußen im Meere die weißgelblichen Landquellen auf. Denn
-das Karstgebirge ist inwendig zerfressen, voller Höhlen, Löcher und
-Kanäle, ist wie ein versteinerter Badeschwamm; alles Regenwasser saugt
-es in sich auf, um es unten in oft üppigen Quellen wieder auszuspeien.
-
-An einem der nächsten Tage bin ich unter Regen und Sturm hinangestiegen
-zum hohen Monte Maggiore, wo es im Nebel Schneegestöber gab. Wenn der
-Wind die Wolken zerriß, ward der Blick frei auf das ungeheure Firmament
-hinaus, das +unten+ lag und mit weißen Sternchen und dunklen Punkten
-bestreut war, so als ob Tauben und Adler in der Ferne schwebten.
-Das war das Adriatische Meer mit seinen Dampf-, Segelschiffen und
-Fischerbarken. Im ganzen macht das Meer, vom Berge aus gesehen, nicht
-den Eindruck wie vom Strande, denn es liegt leblos und still da, man
-sieht keine Bewegung, man hört kein Brausen, es ist fast langweilig
-wie ewig wolkenloser Himmel. -- Nach Norden hin sah ich zwischen
-Wolkenspalten die Wüsten des Karstes. Ein Steinwall hinter dem andern
-und die Hochkämme voll Schnee. Alpen und Ozean! Und inmitten steht das
-winzige Menschlein, ein mikroskopisches Insektchen, und wähnt Leid zu
-haben, das härter wäre als alle Felswuchten des Karstes, und tiefer
-als die Tiefe des Meeres. Wo ist es aber jetzt? Wo ist denn dieses
-Leid hingeraten? Hat niemand ein namenloses Herzweh gesehen? Ich zahle
-Finderlohn. Hat es der Sturm verweht? Haben es die Fluten davongespült?
--- Hei, wie jetzt die Bora pfeift und kracht hernieder von den Höhen!
-In den Lüften saust fliegender Sand, die Eichen, welche zwischen
-den braunen Steinblöcken stehen, beugen sich winselnd. Ich werde
-hinabgeschoben, gestoßen in einen der zahlreichen Trichter, wo grüne
-Wieslein sind und Maulbeersträucher und Löcher in den Berg hinein.
-Hier ist's ruhig, nur oben noch die Fanfaren der Bora, die den Sieg
-davongetragen hat gegen den tückischen dämonischen Scirocco. -- Nein,
-ich will nicht bleiben in dieser Grube, will wieder hinauf zur Zinne,
-Leib und Seele einmal so recht durchfegen lassen von dem nordischen
-Luftbesen -- ah, das ist herrlich, das tut wohl! Herrgott im Himmel,
-wie wohl tut der Sturm!
-
-Nach diesen wilden Tagen kam Frieden und Sonnenschein. Ich blieb
-tagelang am Strande von Abbazia. Am Strande saß ich, versunken in
-Gedanken an große Zeiten, an große Menschen. Oder ich ruhte in einem
-Kahne und ließ mich hinausschaukeln auf die See, noch zurückblickend
-auf die lorbeerbekränzte Landschaft. Allmählich sanken die Berge in
-sich zusammen und verschwanden.
-
-Und rings um mich nichts als die ewigen Wasser. Da habe ich gedacht:
-Also ist der Bann gelöst. Bleibe ich hier im Sonnenlichte, so ist's
-recht, sinke ich in die Dämmerungen des Abgrundes, so ist's auch
-recht. All das, was wir Menschen Glück, Unheil, Gut, Elend nennen,
-bedeutet nichts. Irdisch Tand ist eine Handvoll Sand. Irdisch Weh ist
-Maienschnee. Es bedeutet nichts. Ich bin ein großes, unsterbliches
-Wesen, die Felsgebirge sind meine Knochen, das Weltmeer ist mein Blut,
-die Stürme sind mein Atem. --
-
-
-V.
-
-Es ist ausgemacht, die Welt wird zu klein. So furchtbar hat die
-Statistik noch nie gesprochen, als bei der letzten Volkszählung. Im
-neunzehnten Jahrhundert hat die Bewohnerzahl Europas sich verdoppelt.
-Die Zeitungen verbuchen es mit Jubel -- je mehr Leute, je mehr
-Abonnenten! Aber daß sie sich etwa einander ausfressen könnten? Und es
-geschieht, sie fressen sich auf, zuerst die Zeitungen einander und dann
-die Abonnenten. Wenn sie es nicht vorziehen, Kolonien gattern zu gehen.
-Wer sich einmal zurückziehen wollte, um bei sich selber zu sein! Wohin
-denn? Wo es wohnbar ist, gibt es schon überall Leute, hie und da sogar
-Menschen.
-
-Möchte wissen, wie oft ich schon gefragt worden bin, ob es denn nicht
-um Gotteswillen irgendwo einen Weltwinkel gäbe, wo man mit der wilden
-Natur allein bei sich selbst sein kann? Unter den Fragestellern war
-auch ein Millionär und dem ward Rat. Gehe hin und baue dir ein Schiff.
-Nimm, was dir lieb ist mit hinein und fahre aufs Meer. Das Meer ist
-noch unbevölkert und dein Eigentum, wohin du kommst -- wo es am größten
-und weitesten ist, wird dir kein feindlicher Ellbogen begegnen.
-
-Und wer sich kein Schiff bauen kann, der mache es wie ich. Immer
-wieder, wenn mir das Land zu enge wird und die Erde zu hart, gleite ich
-hinab zur Adria und fahre hinaus in die feuchten, sonnigen Einöden.
-Das Land ist hart, das Meer ist weich. Dorthin verfolgen sie mich
-nicht, die unbarmherzigen Quäler, die törichten Handschriftensammler
-und Poetenwinkler, und die anderen, die anderen, wovon mir jeder für
-sich lieb ist, die aber schrecklich sind, wenn sie sich Tag für Tag an
-die Türklinke reihen, um sich vom armen Poeten schließlich doch nichts
-zu holen als -- Enttäuschung. -- Die Scholle lädt überall, wo man auf
-sie tritt, ein zum Arbeiten, sie strotzt von Schätzen, aber ungebeten,
-ungeliebt will sie nichts geben. So weckt sie im Menschen die Gier nach
-Dingen, die im Grunde nichts bedeuten. Reichtum, Glanz, Ehre, Ruhm, die
-nur in der Gesellschaft zweifelhaften Wert haben, für den Einsiedler
-aber belanglos sind. Tückisch lockt der schätzebergende Erdboden zu
-sich hin, und wenn der Mensch ihn nicht versteht oder mißbraucht,
-verletzt er sich daran zu Tode.
-
-Die Scholle ist hart, das Meer ist weich.
-
-Das Meer weckt im Menschen keine Leidenschaften, es wiegt ihn im
-süßen Nichtstun seine ewig lebendige Größe zeigt ihm lachend oder
-drohend, wie klein er ist und dieweilen der Mensch sich doch immer
-mit dem Großen messen will, wird er selber größer. Ich fange keine
-Seeungeheuer, lege keine Kabel, versuche nicht den drahtlosen
-Telegraphen, tauche nicht in den Meeresgrund, liefere keine
-Seeschlachten und denke, das wird man mir ohne weitere Beweise glauben
--- und doch fühle ich mich auf dem Meere fast ein wenig wesentlicher,
-als auf dem Lande. Dort auf der Welle bin ich nichts sonst als Mensch
-und das ist, ernsthaft gesprochen, doch etwas mehr als Hofrat oder
-General oder Kardinal. Mensch sein ist etwas Ungeheuerliches. Nie sieht
-man sich so riesengroß, so mächtig, so ewig, als wenn man nichts ist
-und nichts tut als Mensch sein. Als sich einmal so recht gründlich an
-sich selbst zu erinnern.
-
-Und darum gleite ich so gerne hinab zur Adria und hinein in ein
-Lloydschiff. Ob es nun nach Venedig geht, dem vergessenen Wunder der
-Romantik, oder nach Pola, der Rüststätte künftiger Marinenherrlichkeit
-(für den Kriegsfall sind wir immer optimistisch, denn man kann ja
-gleich bis Lissa fahren). Oder ob mein Kiel nach dem sich immer
-amüsierenden Abbazia sticht, wohin außerhalb der Backhendelzeit die
-Wiener Karten spielen gehen; oder nach Fiume, der ungemütlichen
-ungarischen Antwort auf die Triesterfrage. Oder nach dem schlummernden
-Eilande Lussin, oder nach dem altimperatoristischen Spalato, oder nach
-dem halb morgenländischen Ragusa, oder nach dem wilden Cattaro am
-Saume der Schwarzen Berge -- oder wohin sonst an den istrischen und
-dalmatinischen Küsten, immer sind wir versucht auszurufen: Nicht bloß
-die Scholle, auch die Welle gibt Schätze.
-
-Die hundert Schiffe des Lloyd bieten eine große Auswahl schwimmender
-Burgen, in denen man sich heimisch fühlen kann. Schon das Schiff als
-solches ist dem Landwurm ein Ereignis. Die Bauart der Schiffe und
-die innere Einrichtung ist gar verschiedenartig und jedes hat seine
-besondere Eigenart. Um just von den Lloydschiffen zu sprechen, an
-leidlicher Reinlichkeit sind sich fast alle gleich und daß man nirgends
-köstlicher zu Mittag speist als auf dem Österreichischen Lloyd, das ist
-bekannt. Die zumeist italienisch sprechende Bemannung und Bedienung
-ist stets höflich und die Offiziere trachten den Reisenden die Fahrt
-angenehm zu machen. Nun also, und das ist hier die ganze Menschheit.
--- Und die See! Auf manchem Meere habe ich's erlebt, daß Reisende über
-Bord gebeugt, meinen Spruch ins Gegenteil seufzten: Das Land sei gut,
-das Meer sei hart! Auf der Adria habe ich selten einen bedenklichen
-Fall von Seekrankheit gesehen. Es pflegt sonst von dieser Sache zu
-viel gesprochen zu werden, manch ängstliche Dame wartet gewissermaßen
-schon darauf und der erste Gedanke, wenn sie den Fuß aufs Schiff
-setzt, ist: ach, ich werde gewiß seekrank werden! Man ist nachgerade
-enttäuscht, wenn es ruhig und glatt dahinzieht an den malerischen
-Küsten und wenn man bei der gedeckten Tafel Teller und Gläser ohne
-jede Schutzvorrichtung dastehen sieht, wie auf jedem andern Tisch.
-Aber der Quarnero! Der schlimme Quarnero, wo die Wasserströmung des
-Golfes von Fiume ihr Wesen hat, wo man nach allen Seiten nur mehr das
-hohe Meer sieht, das tintenblaue, mit seinen ungeberdigen Wellen, mit
-seinem Dröhnen und Gischten, so daß der entsetzte Neuling glaubt, er
-sei mitten im grausen Sturm! Die meisten Reisenden freuen sich aber
-gerade auf den Quarnero, weil dieser Strich zu den schönsten Partien
-der österreichischen Adria gehört. Leben und Kraft des Wassers und des
-Dampfers. Da steige ich gerne an die letzte Spitze des Schiffes hinaus,
-wo es langsames und redliches Aufundniederschaukeln gibt, während
-die Bewegungen in der Mitte des Fahrzeuges unsicherer und tückischer
-die Nerven antasten. Übermütige Reisende halten was darauf, von den
-aufspringenden Gischten manchmal ein bißchen angegossen zu werden. Aber
-das Deck ist hoch und lange nicht bei jeder Fahrt gelingt die Taufe. --
-Bei der prächtigen Meerschau auf so zahmem Rosse reitend, wundert man
-sich völlig, daß die Vergnügungsfahrten auf der Adria nicht noch mehr
-Mode geworden sind.
-
-Eine meiner letzten Lloydfahrten ging nach der istrischen Insel Lussin.
-Hat man hinter Pola den Leuchtturm des Kap zurückgelegt, um der hohen
-See sich endlich zu erfreuen, taucht fern im Südosten ein länglich
-gestreckter Berg auf, der Ossero. Ganz pyramidal steht er da. Aber die
-Sohle unserer steirischen Alpentäler ist häufig höher, als die 588
-Meter hohe Spitze dieses Berges. Er tut was er kann, um sich Respekt
-zu verschaffen; pathetisch legt er die Falten seiner Felswände und
-nicht selten trägt seine Spitze eine Wolkenhaube, auch wenn sonst,
-soweit das Auge reicht, der Himmel blaut. Den Ossero-Touristen wird
-geraten, sich mit festen Schuhen zu versehen; dann aber, wenn sie ein
-gutes Auge oder Fernglas mithaben, können sie im Westen das »unendliche
-Meer« Lügen strafen und die italienische Küste schauen. An drei Stunden
-brauchte der geschwinde Dampfer, um den Ossero endlich zur linken Seite
-zu haben. Auch zur rechten tauchen Inseln auf, unter denen bald ein
-steil aus dem Meere springendes felsiges Eiland ausfällt, erinnernd
-an Helgoland. Es ist Sansego, die antike Weinquelle am Quarnero. Dann
-geht's in die Bucht von Lussinpiccolo. Mit orientalischer Verve steigt
-die Stadt den halbkesselförmigen Berg hinan, so daß die Fenster jedes
-rückwärtigen Hauses über der Achsel des vorderen herabschauen auf den
-Hafen, um den die Riva sich hufeisenförmig zieht. Die halbe Bevölkerung
-ist lärmend, als gäbe es eine Feuersbrunst, am Landungsplatze
-versammelt, um bei Ankunft eines Schiffes als Packträger oder Ciceroni
-ein paar Soldi zu verdienen. So gleichmütig sie den ganzen Tag den
-lieben Gott einen guten Mann sein lassen, so energisch regt sich ihre
-Erwerbslust, wenn die geldgespickten »Tedesci« kommen.
-
-Die Zeiten sind vorüber, da in dieser Stadt der Schiffbau in Blüte
-gewesen; anderswo können sie das jetzt besser und so ziehen die
-Lussiner auf fremden Meeren oder liegen daheim auf ihren Steinfliesen,
-sich damit begnügend, daß sie leben. In ganz Lussinpiccolo, es zählt
-bei fünftausend Einwohnern, hört man kein Wagenrad rollen; ein
-einziges Pferd, so geht die Sage, existiere in dieser Stadt, und
-dieses soll ein Maulesel sein. Der Herr, der die Vögel nährt und
-die Blumen kleidet, hat hier also ziemlich viel zu tun; er jagt den
-Einwohnern die Fische in die Buchten, eine unglaubliche Anzahl von
-Arten, er jagt sie ihnen in die Netze, an die Angeln, wonach sie bloß
-anzuziehen brauchen; er überspinnt den Steinhaufen, Lussin genannt,
-ganz wunderbar mit Ölbäumen, Orangen-, Mandarinen- und Zitronenbäumen,
-mit Feigen- und Dattelbäumen und mit Weinreben, er ziert ihn mit
-Kiefern und fabelhaften Kakteen und sonstigen Spielarten der Tropen.
-Allerdings, umsonst hat der Mensch auch das nicht, jede Parzelle der
-fruchtbaren roten Erde mußte den Steinen abgerungen werden, den grauen
-Blöcken klein und groß, wie sie überall und überall aus dem Boden
-hervorquellen, genau so wie im Kar des Hochgebirges. In hohen rohen
-Mauern und Wällen sind diese Steine, mit denen man nicht weiß wohin,
-aufgeschichtet an jedem Wege, um jedes Gärtlein, um jeden Pfränger,
-in dem eine elegische Ziege oder ein einsames Schaf steht. Dazwischen
-stets von dem mattgrünen Ölbaum bestanden geschlossene Felsen. Mancher
-Felsriff ist so alpin, daß man jeden Augenblick glaubt, eine Gemse
-herüberlauern zu sehen. Aber wunderbar, was am Strande das Wasser macht
-aus diesen Steinen! Diese Zacken und Runsen, die phantastischesten
-Aushöhlungen im großen und kleinen! Und die Welt der Tiere, die in
-solchen Löchern und Spalten und in den grünlichen Untiefen hausen!
-
-Lussin bietet drei grundverschiedene Seebilder. Nach Norden hin den
-Hafen und die Bucht, scheinbar ein abgeschlossener Landsee, ringsum mit
-hügeligem, größtenteils kahlem Karstgebiete umgeben. In der Ferne ein
-paar höhere Berge, so der Monte Asino mit seiner alten Festung und das
-herüberragende Haupt des Ossero. Im Jahre 1859 war diese Bucht voll
-italienischer und französischer Kriegsschiffe, die sich hier versammelt
-und organisiert hatten, um Venedig zu erobern. Österreich aber steife
-sich darauf, zu siegen und Venedig freiwillig abzutreten. Großmütiger
-kann man schon nicht mehr sein.
-
-Und welch ein anderes Bild gegen Osten hin, wenn man vom Hafen
-zwischen den Steinwällen an fünfzig Meter hinaufsteigt. Die Fläche
-des Quarnerolo. Zu Füßen der buchtenreiche Strand mit Lussingrande,
-St. Martino, und links hin die niedrigen Ausläufer der Insel Cerso.
-Aber, was steht dort fern über dem Meere aufgebaut? Ist es eine lang
-hingezogene graue Wolkenwand mit Sonnenstreifen und weißen Rändern?
-Nein, es sind die Berge von Dalmatien, es ist der Velebit mit seinen
-Schneefeldern.
-
-Und wieder grundverschieden das Bild nach Westen hin. Die kleine Bucht
-Cicale im Westen der Insel, an zwanzig Minuten von Lussinpiccolo
-entfernt, ist der beliebteste Ausflugsort der Kurgäste. Dort beginnen
-wieder die Einsamkeiten der hohen See. Selten ein roter oder weißer
-Segler, noch seltener ein Dampfer. Immer und immer gleiten die
-blaugrünen Wellen heran, immer dem Strande zu, so daß ein einfältiger
-Landmensch wohl fragen möchte, wie denn das kommt, daß das Wasser dort
-draußen nicht weniger und hier am Gestade nicht mehr wird. Ob das
-Heranfließen nur scheinbar ist, ob trotz alles Hin- und Herwogens die
-Wassermassen nicht doch an der gleichen Stelle bleiben? Es scheint,
-daß auch ich die närrische Frage gestellt, denn urplötzlich hatte ich
-an mir den Beweis, daß die Wasser laufen und springen, eine Gischtwelle
-warf sich über die Strandfelsen zu mir heraus und übergoß mich pudelnaß
-von oben bis unten. So -- nun gehe hin und erörtere es mit deinen
-Lesern, ob die Wasser an der gleichen Stelle hocken bleiben.
-
-Das Meer hat Humor, es blinzelt, es lacht, schupft dich von einem
-Rücken auf den andern und scheinest du zu sinken, so fängt es dich
-doch allemal wieder auf in den weichen Schoß. Im stürmischen Zustande
-ist es weit harmloser, als es sich stellt, im stillen aber tückisch.
-Wenn man dem Segler ruhige See wünscht, so wird er grob. Weit draußen
-auf der glatten Wassertafel müßte er verhungern. Sein bester Freund
-ist der Wind. Und auch der unsere: Die glatte Fläche, die keine Narbe
-hat und keine Farbe, die so leb- und streblos hinliegt und sich am
-Gesichtskreis vom Himmel nicht unterscheidet -- das ist die große
-wässerige Langweile. Auf jener Fahrt nach Sansego wäre sie unfehlbar
-eingetreten, wenn einige Jahrhunderte früher an der südlichsten Spitze
-von Lussin nicht Seeräuber gehaust hätten. Diese Seeräuber rief nun
-mein Gondelführer zu Hilfe, um die Langweile der stillen See zu
-verscheuchen. Er erzählte, wie die Wackeren immer ausgezogen seien
-nach Kauffahrern und nach den blühenden Städten des Mittelmeeres, um
-etwas zu erobern. Zu rauben, sagte man unhöflich genug, und Piraten
-nannte man zeitweise solche Männer, die in Schulbüchern manchmal auch
-Kriegshelden heißen. Nun, und einmal hatten die Herren Seeräuber
-von Lussin gehört, daß in der wundervollen Stadt Venedig eine
-Massenhochzeit stattfinde, dieweilen eine größere Anzahl Patriziersöhne
-sich junge Weiber erkieseten. Solches Gerücht machte unsere Seeräuber
-leckerig und sie zogen mit Wehr und Waffen gen Venedig, um den
-Hochzeitszug zu überfallen und die schönen Bräute zu erobern. Das
-galante Unternehmen fiel aber unglücklich aus, denn das Lagunenvolk
-wehrte sich mannhaft und nahm die Seehelden gefangen. Dann kam das
-Strafgericht der Dogen, das von beispielloser Grausamkeit war. Zur
-Abschreckung für alle Zeiten! Die Seeräuber, so die jungen Bräute
-rauben wollten, wurden verurteilt, die -- Schwiegermütter zu heiraten,
-mit der Verschärfung, dieselben in ihr fernes Felsenschloß auf Lussin
-zu entführen. -- Für mich gab der Gondeliere dieser Geschichte noch
-eine andere Pointe. Er hielt, als wir in Sansego landeten, die Hand
-auf. Ich gab und war bloß froh, daß der Mann kein Seeräuber war, und
-froh, daß ich keiner gewesen bin in jenen Zeiten des venezianischen
-Strafgerichts.
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Seite
-
- Verhandlung zwischen Autor und Verleger 5
-
- Der Gutsherr auf Zurkow 14
-
- Das Mündel-Kindel 37
-
- Der Mädeljäger 52
-
- Lieb' läßt sich nicht lumpen 88
-
- Aus dem Tagebuch einer Ehefrau 104
-
- Die Kokette 120
-
- Ein Jünger Darwins 131
-
- Ehre 147
-
- Die Vierzehnte 160
-
- Der Taubstumme 167
-
- Hauptmann Fortner und seine Frau 176
-
- Scheintod 197
-
- In der Einsam 207
-
- Der Kammerdiener 218
-
- Der Millionär 228
-
- Philippus der Hasser 251
-
- Das Weihnachtsfeuilleton 266
-
- Wie ein steirischer Schullehrer die Schlußvorstellung
- des Burgtheaters besucht 275
-
- Das Bekenntnis eines Verurteilten 285
-
- Der verhängnisvolle Vorfall 302
-
- Mein Vetter, der Türke 317
-
- Reisebilder aus jungen Jahren 330
-
- Die sächsische Schweiz 330
-
- Aus der heiligen Stadt 334
-
- Auf dem Turme der Marienkirche zu Stralsund 337
-
- Auf dem Rigi 342
-
- Aus dem Ungarlande 350
-
- Zu Mailand auf dem Dome 358
-
- Von der Kirche des heiligen Petrus 363
-
- In den Ruinen von Pompeji 370
-
- Auf den Wassern 376
-
-
-
-
- * * * * * *
-
-
-
-
-Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
- Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
- Korrekturen:
-
- S. 49: wäre → wäre es
- dann {wäre es} schwer, es wieder fortzubringen
-
- S. 78: heißen → geheißen
- hatte der Fürst die Herrschaften willkommen {geheißen}
-
- S. 171; aus → auf
- zu essen verschaffen, aber er sprang selbst {auf}
-
- S. 311: mußte → müßte
- Ein öffentliches Unglück {müßte} man ja in den Blättern
-
-
-
-***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FREMDE STRAßEN***
-
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