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-The Project Gutenberg eBook, Fremde Straßen, by Peter Rosegger
-
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-
-Title: Fremde Straßen
-
-
-Author: Peter Rosegger
-
-
-
-Release Date: April 24, 2017 [eBook #54597]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-
-***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FREMDE STRAßEN***
-
-
-E-text prepared by the Online Distributed Proofreading Team
-(http://www.pgdp.net)
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter
- Text ist +so ausgezeichnet+. Im Original in Antiqua gesetzter
- Text ist ~so markiert~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
-
-FREMDE STRAßEN
-
-Von
-
-PETER ROSEGGER
-
-Elftes bis fünfzehntes Tausend
-
-
-[Illustration]
-
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-
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-
-1922
-Verlag von L. Staackmann in Leipzig
-
-Alle Rechte vorbehalten
-
-Druck von C. Grumbach in Leipzig
-
-
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-
-Verhandlung zwischen Autor und Verleger.
-
-1884.
-
- Als Vorwort zum »Geschichtenbuch des Wanderers«.
-
-
-+Der Verleger+: Zeit ist Geld. Also zur Sache: Ich wünsche ein neues
-Buch von Ihnen.
-
-+Der Autor+: Sie sind ein kühner Mann. Haben Sie doch schon fast
-anderthalb Dutzend Bände von mir!
-
-+V.+ Machen Sie die genannte Zahl voll.
-
-+A.+ Ich würde an Ihrer Stelle die Verlagswerke nicht zählen, sondern
-wägen.
-
-+V.+ Das überlasse ich dem Makulaturkäufer. Doch einstweilen ist man
-gewohnt, unter dem Christbaum einen neuen Band vom Waldpoeten zu finden.
-
-+A.+ Man vergißt über die Waldbücher den Wald.
-
-+V.+ Wir brauchen keinen Wald. Wenn alles Holz vertan ist, brennen wir
-Bücher.
-
-+A.+ Wissen Sie, warum den Faust der Teufel geholt hat? Weil er den
-Bücherdruck erfunden. -- Soll ich denn so viel schreiben, daß man mich
-auf meinen Schriften verbrennen kann?
-
-+V.+ Machen Sie sich nichts draus. Der Karthager Clitomachus schrieb
-über vierhundert Bücher, Chrysippus an siebenhundert, Didymus gar
-viertausend. Keiner ward verbrannt.
-
-+A.+ Weil sie keiner drucken ließ.
-
-+V.+ Luther ließ 1136 Schriften und Broschüren drucken.
-
-+A.+ Die Tinte eines +solchen+ Mannes ist, wie der Koran sagt, wertvoll
-gleich dem Blute des Märtyrers. Wenn wir anderen dem Beispiele folgen
-wollten, müßte unsere Erdoberfläche in kurzer Zeit ein Bücherbrett
-werden.
-
-+V.+ Sie übertreiben. Ein moderner Schriftsteller schreibt sein ganzes
-Leben lang nicht mehr, als was ein Esel ihm nachzuschleppen vermag.
-
-+A.+ Aber bedenken Sie, daß kein Esel groß genug ist, um mit einem
-deutschen Dichter zu gehen. -- Des bin ich zwar überzeugt, wenn aller
-Spreu von der Weltliteratur aller Zeiten ausgeschieden wäre, so trüge
-sie ein Esel leicht auf seinem Rücken, und zwar auf einmal.
-
-+V.+ Sie wären frivol genug, sich über den Untergang der
-Alexandrinischen Bibliothek zu freuen?
-
-+A.+ Bedauern können den Verlust fremder Gedanken nur die, so keine
-eigenen haben. Hingegen vergleiche ich Schriftstehler, welche aus
-fremden Büchern eigene schreiben, mit jener Katze, die ein Pfund Butter
-fraß und doch nur dreiviertel Pfund wog.
-
-+V.+ Herr, Ihre Bemerkungen mögen am Ende auch kein eigenes Fett sein.
-
-+A.+ Vielleicht spare ich mir selbes auf das Werk, das Sie haben wollen.
-
-+V.+ Sie schreiben doch jeden Tag!
-
-+A.+ Briefe.
-
-+V.+ Wohl doch nicht lauter --
-
-+A.+ Nein, nicht lauter Besänftigungsbriefe an die Gläubiger, sondern
-auch Artigkeitsschreiben an gute Leute, die in Zuschriften meine
-Bücher loben und um Freiexemplare bitten; tiefsinnige Sprüche für
-Autographensammler, Gedichte für Anthologien und Wohltätigkeitsalbums.
-Ferner Antworten auf briefliche Anfragen wißbegieriger Leser, in
-welchem Bergwinkel der »Waldschulmeister« spielte, wann und wo sich die
-Geschichte des »Gottsucher« zugetragen habe, wo man die »Dorfsünden«
-zu kaufen und den »Heimgarten« zu schenken kriege? -- So vergeht der
-Vormittag.
-
-+V.+ Und nachmittags?
-
-+A.+ Macht man sich über die historischen Dramen hoffnungsvoller
-Gymnasiasten, über die lyrischen Gedichte feinbesaiteter
-Ladenschwengel, über die Novellen und Romane höher gebildeter Töchter
-usw., die mit dem Ersuchen geschickt worden sind, darüber ein »wenn
-auch noch so strenges Urteil« zu fällen und sie einer Zeitungsredaktion
-oder einem Verleger zu rekommandieren. So vergeht der Tag.
-
-+V.+ Um Gotteswillen, wann dichten Sie denn Ihre Novellen und Skizzen,
-denen man in den Blättern begegnet?
-
-+A.+ Beim An- und Auskleiden, auf der Eisenbahn, wenn ich Besuch habe
-oder öffentlichen Vorlesungen über Kunst und Literatur beiwohne, bei
-welchen man ungestört seinen eigenen Gedanken nachhängen kann.
-
-+V.+ Gut. Und von diesen Dorfgeschichten, Waldnovellen,
-Volksschilderungen und dergleichen wollen wir wieder eine neue Sammlung
-flott machen.
-
-+A.+ Denken Sie an die Kritiker! Immer wieder Bauern und nichts als
-Bauern! Geben Sie acht, den Herren reißt endlich die Geduld!
-
-+V.+ So schreiben Sie einmal aus der Gesellschaft, aus der großen Welt.
-
-+A.+ Wollen Sie mich zugrunde richten? Wissen Sie nicht, daß man mir
-meine Dorfgeschichten nur verzeiht, weil es keine Stadtgeschichten
-sind? Wissen Sie nicht, daß die Rezensenten unruhig werden, so oft
-man einen Bauernburschen zu den Soldaten nimmt, oder ein hoffärtiges
-Dienstmädel aus einer Dorfgeschichte weg in die Stadt läuft -- weil
-sie fürchten, daß der Autor diesen Leutchen nun geistig nicht mehr zu
-folgen vermöge!
-
-+V.+ Seit wann denken denn Sie an die Rezensenten, anstatt an das, was
-in Ihnen keimt und reift und gedichtet sein will? Hat die Gesellschaft,
-die Welt, in der Sie nun doch schon seit zwanzig Jahren leben, Sie
-denn niemals angeregt? Vermag denn das Kulturleben und seine alles
-mit sich fortreißende Gewalt, sein Tausenderlei von Gestalten, Ideen,
-Bestrebungen, Verirrungen Sie nicht zu begeistern, zu interessieren,
-aufzuregen, Ihre dichterische Kraft herauszufordern?
-
-+A.+ Gewiß.
-
-+V.+ Nun also! Warum schreiben Sie nicht auch Weltgeschichten, wie Sie
-Waldgeschichten schreiben?
-
-+A.+ Sie haben wirklich recht. Ich erinnere mich, daß selbst die
-fruchtbarste Scholle einmal brach liegen will. Oder was anderes
-hervorbringen möchte. -- Auf meines Vaters Acker wollte nicht +jedes+
-Jahr Korn wachsen. So bauten wir auch manchmal Hafer drauf an, dann
-Kraut, Rüben, Flachs; oder ließen wildes Gras wachsen auf dem Acker.
-Nach all dem wuchs wieder schönes Korn. Eine solche Wechselwirtschaft
-ist endlich auch auf dem Dichterfeld nötig. Anstatt Waldgeschichten
-sollen Sie einen Band Weltgeschichten haben. Oder auch solche, die
-nicht äußerlich erlebt, vielmehr innerlich geschaut sind. Sie verstehen
-schon: Ich werde Ihnen ein Buch geben, das ich nicht hätte schreiben
-sollen. Von der Kritik mir untersagte Gebiete. Fremde Straßen mit
-der Aufschrift: Für Bauerndichter verbotener Weg. Trotzdem werde
-ich auf solchen Straßen einmal marschieren -- weil es mich freut,
-wie den Burschen die Wanderschaft. -- Bin ich doch wirklich schon
-viel herumgekommen, in der Gesellschaft unten und oben, in der Welt
-hier und dort, nicht allein von Tal zu Berg und von Land zur See,
-ich bin -- auf den Beinen des ewigen Juden -- durch die Geschichte
-geschritten von Epoche zu Epoche, bin gewandert vom Bauer bis zum
-Fürsten und wieder zurück bis zum Zigeuner. Ich habe nicht allein in
-der Werkstatt angehalten und in der Stube des Bürgers, sondern auch
-beim Lehrer und Gelehrten, beim Künstler und Soldaten, beim Geistlichen
-und Aristokraten. Ich habe erfahren, gelernt und gelesen, wie andere.
-Manches hat mich gefördert, vieles hat mir mißfallen. Daß ein freies
-Auge in Dorf und Wald klarer und richtiger sieht, als durch die
-Stadtbrille, ist natürlich. Aber die Freude, der Schmerz, der Spott und
-der Zorn über das, was ich auf meinen Wanderungen gesehen, schrie nicht
-minder laut nach Gestaltung, als die Eindrücke des Landlebens in meiner
-Heimat. Ich habe vieles davon aufgeschrieben.
-
-+V.+ Wo sind diese Manuskripte?
-
-+A.+ In meinem Kasten, mit sieben Schlössern verschlossen.
-
-+V.+ Und die Schlüssel?
-
-+A.+ Ins Wasser geworfen.
-
-+V.+ Ich habe einen Krebs gekauft, der Schlüssel in der Schere trug.
-Also können wir die Sachen drucken?
-
-+A.+ Sind Sie denn ein Freund von Krebsen, Herr Verleger?
-
-+V.+ Nur von denen aus dem Tierreich.
-
-+A.+ Und sind Sie sicher, daß Ihnen meine Schriften aus fremden Straßen
-nicht zurückgehen werden? Ich habe Sie bisher für einen klugen Mann
-gehalten.
-
-+V.+ Sehr schmeichelhaft. Ein kluger Mann macht zuweilen ein
-Experiment. Fremde Straßen. Romantische, naturalistische, moderne --
-pikant?
-
-+A.+ Werter und Verehrter, ich will Ihnen was sagen. Diese Straßen- und
-Weltgeschichten kamen ebenso tief aus mir hervor, als die Dorfbücher;
-es mag mancher Tropfen Galle und Schalkheit daran sein, aber sicherlich
-auch Herzblut. Das Herzblut den Menschen, die Galle den Spitzbuben und
-Toren.
-
-Zudem muß sich doch eine übermütige Phantasie einmal ein bißchen
-aushüpfen können auf freier Straße.
-
-+V.+ So gefallen Sie mir. Daß Sie endlich doch einmal auch den Gegnern
-der Dorf- und Waldgeschichten eine Freude machen.
-
-+A.+ Ah, Sie meinen die literarischen Bauernfresser.
-
-+V.+ Wissen Sie, was vor kurzem so einer geschrieben hat? »Der
-Realismus in der Literatur«, schrieb der Gelehrte, »wird nachgerade
-unerträglich! Besonders das Dorfgeschichtenunwesen! Was fängt der echte
-Dichter mit dem Bauern an? Dieser bietet viel zu wenig psychologische
-Probleme dar, er hat keine Berührungspunkte mit der Welt, sein Horizont
-ist zu klein. Höchstens ist der Bauer in der Poesie als komisches
-Element zu gebrauchen, etwa für Posse und Schwank.«
-
-+A.+ Schön. Somit sind gleichzeitig große soziale, volkswirtschaftliche
-Fragen gelöst. Der Bauer ist nicht ernst zu nehmen. Er läuft in der
-Welt nur so nebenher und schlägt seine Purzelbäume.
-
-+V.+ Nun, was sagen Sie dazu?
-
-+A.+ (Ironisch.) Daß uns die Sozialisten, Naturforscher, Psychologen,
-Ethnographen, Literarhistoriker usw. hinters Licht geführt haben.
-Da faselten sie, daß die ganze Sippe der Bauer ernähren müsse, und
-größtenteils auch beschützen. Nach Darwin sollen die Menschen sogar
-vom Bauern abstammen. Sozialisten behaupteten, die Poesie kenne weder
-politische Grenzen noch Standesunterschiede, ihr Reich sei in allen
-Menschenherzen. Ethnographen und Psychologen wollen gefunden haben,
-daß der Landmann in bezug auf die Kraft seines Sinnenlebens, in bezug
-auf den Schwung seiner Weltanschauung, in bezug auf die Gewalt seiner
-Phantasie mit dem Städter sich messen könne. Die Literarhistoriker
-haben die ältesten und unsterblichsten Denkmäler der Poesie angeblich
-dort entdeckt, wo das Volk in der Werkstatt wohnt und in der Hütte:
-Das Volksmärchen, das Volkslied. Wie schwer hierin selbst große Poeten
-irren können, beweist, daß Goethe seine lieblichste, Schiller seine
-herrlichste Dichtung bei den Bauern spielen ließ. -- Nun wissen wir
-es besser, der Bankier auf der Börse, der Hausherrnsohn am Billard
-oder an der Kredenz der Kassierin, der gelehrte Stubenhocker, die
-Ehebrecherin im Salon, die Theaterdame usw., das sind poesiefähige
-Leute. Aber Andreas Hofer ist es nicht. Die frischen Burschen und
-Dirnen, die sich vor lauter Lebensfreude kein Ende wissen; der Bauer
-mit den eisenstarren Rechtsbegriffen ist nicht poesiefähig. Der
-äußerlich wilde, innerlich gemütstiefe Waldmensch; der als Soldat in
-der Fremde vor Heimweh vergehende Alpenjunge; die bis in ihr hohes
-Alter zum Vorteile anderer ununterbrochen arbeitende und geplagte,
-aber innerlich zufriedene und humorvolle Magd ist nicht poesiefähig.
-Der arme Dorfpfarrer, der bescheidene Schulmeister, die der Menschheit
-höchste Güter für ihre Gemeinde hüten und austeilen, haben mit Poesie
-nichts zu schaffen. Die ländliche Liebe ist nicht poetisch, »weil ihr
-Horizont zu klein ist«. Des Landvolkes Vereinigung mit der Natur,
-sein stilles Walten in derselben, sein Leben und Beben unter ihren
-Gewalten ist nichts; sein Glauben, Zweifeln und Wiederaufrichten
-in der Religion, der rasende Aufschrei des Verzweifelnden in
-Waldesnacht ist nichts, »weil die psychologischen Probleme fehlen«.
-Die Dorfgeschichte und was wir alles in diesen Sack stecken, hat also
-nur einigen ethnographischen, vielleicht bloß zoologischen Wert. --
-Und die unzähligen hervorragenden Männer, die aus dem Bauernstande
-hervorgewachsen und in der Weltgeschichte glänzend verzeichnet sind?
-Wir ignorieren sie. Und daß es keine Berührungspunkte zwischen Bauer
-und Welt gebe, behaupten wir. Und von den modernen Erscheinungen
-und Bindemitteln, als der allgemeinen Wehrpflicht, der bäuerlichen
-Neigung zur Stadt, zum Studieren, von den zahllosen Autodidakten, dem
-Eisenbahnwesen, der Tourist, den Sommerfrischen, haben wir -- die
-literarischen Bauernfresser -- noch nichts gehört. -- Wir sitzen noch
-auf dem alten Schimmel, den die Literaturprofessoren geritten zur Zeit,
-als der Ritter und die Köhlerin, die Räubermühle, die Zauberliese
-usw. die Literatur bevölkerten. Wir wissen nichts davon, daß dem
-modernen Erzähler für den Salonroman wie für die Dorfgeschichte der
-gleiche Grundsatz gilt, daß nicht das Häufen packender Tatsachen,
-effektvoller Ereignisse die Hauptsache sei, sondern die Darstellung der
-seelischen Zustände, deren Entwicklung aus innerer Notwendigkeit, das
-organische Heranwachsen der Geschehnisse, des Segens, der Schuld und
-des Unheils aus der Artung der handelnden Personen. -- Und indem wir
-also die moderne Dorfnovelle nach jener Schablone abtun wollen, die
-einst für die Räuber- und Zufallsgeschichten geschnitten worden ist --
-sind wir vergleichbar jenem Märchenmann, der -- aus hundertjährigem
-Schlafe plötzlich auffahrend -- nach seinem Zopfe greift und nun
-mit Verwunderung inne werden muß, daß ihm mittlerweile alle Haare
-ausgegangen sind.
-
-+V.+ Nur hat solcher Märchenmann den Vorteil, daß man ihn nicht beim
-Schopf nehmen kann. --
-
-+A.+ Weil er keinen hat.
-
-+V.+ Also was geht aus dem Gesagten hervor? Daß Sie den
-Bauerngeschichtengegnern wirklich einmal eine Freude machen und ihnen
-zeigen sollen, um wieviel die Novellen aus der größeren Welt besser
-sind.
-
-+A.+ Wie schlau Sie sind, Herr Verleger! Sie meinen, den Leuten würden
-meine +Waldgeschichten+ wieder besser schmecken, sobald sie erst meine
-Weltgeschichten kennen gelernt haben. Das ist ein Standpunkt. -- Gut,
-wagen wir's. Und das Buch nennen wir: »Fremde Straßen.«
-
-
-
-
-Der Gutsherr auf Zurkow.
-
-
-Es war das reizendste Erkerzimmer, das ich je bewohnt habe. -- Es
-war mit mattfarbigem Samte tapeziert, mit meisterhaften Jagd- und
-Genrebildern geschmückt, mit echt orientalischen Teppichen belegt, mit
-kunstvoll geschnitzten Eichenholzmöbeln bestanden und es hatte an der
-Wand einen elfenbeinernen Telegraphentaster, der nach der Versicherung
-des Hausherrn bereit war, neu auftauchende Wünsche des Gastes promptest
-zu erfüllen. Und das war noch das wenigste, derlei besitzt in
-irgendwelcher Stadt jeder reiche Schlucker.
-
-Aber zwei Fenster waren da, deren Spiegelscheiben so hell und rein
-waren, daß man meinte, sie stünden offen und die reine Nordlandsluft
-wehe aus und ein. Das eine Fenster zeigte die hellgrünen Buchen-
-und Eichenwälder von Jasmund und die weißen Strandfelsen von
-Stubbenkammer, das andere die blaue Bandlinie des Meeres. Die
-sinkende Nachmittagssonne legte Gold auf die Wälder, Silber auf die
-Kreidefelsen, und ein Segelschiff am Horizont leuchtete wie ein
-aufsteigendes Sternlein.
-
-Ich hatte an jenem Tage zum ersten Male das Meer gesehen. Ich war erst
-vor zwei Stunden von der Reise gekommen, die von Wien bis Rügen zwei
-Tage und Nächte ununterbrochen gedauert hatte. Die Neugierde, den alten
-Freund zu sehen und wie sich der einstige arme Zimmermalerjunge als
-Gutsbesitzer ausnehme, hatte mir weder ein Interesse an den malerischen
-Elbeufern der sächsischen Schweiz, noch an der stolzen Kaiserstadt
-Berlin aufkommen lassen. In Stralsund hatte er mich erwartet -- es war
-sonst noch der alte Bursche; aber Welt hatte er nun stellenweise, als
-wäre er geborner Adelsherr auf diesem zauberhaften »Edelsitz« Zurkow.
-In drei Stunden hatten wir mit den feurigsten Hengsten, die mich je
-durch die Luft gerissen, die ganze Insel Rügen von Westen nach Osten
-durchschnitten.
-
-Auf Zurkow angelangt, erwartete uns ein Mahl, welches zwei
-weißbehandschuhte Diener servierten, die so stumm waren, wie der
-Fisch im Wasser. Mein Gastherr wußte auch nicht gleich, wo und wie
-er das vor sechs Jahren durch eine plötzliche Studienreise nach
-Italien unterbrochene Gespräch wieder anknüpfen sollte und glaubte es
-am schicklichsten damit zu tun, daß er die Abwesenheit seiner Frau
-entschuldigte, die einer unaufschiebbaren Familienangelegenheit wegen
-nach Putbus gefahren sei.
-
-Und ich? Fürwahr, mit einem Millionenmann, den man in der Künstlerbluse
-eines Wandmalers so oft gesehen und so liebgewonnen hat, spricht
-sich's etwas unglatt. Ich konnte nicht leugnen, daß alles sehr gütig
-und wohlgemeint war, was mir in diesem Hause zu widerfahren begann,
-und doch blickte ich immer wieder mit verstohlenem Mißtrauen auf den
-Gastherrn hin, ob er's denn wirklich sei, der gute Wendel Blees. Daß
-er's +gewesen+ war, konnte man hie und da noch spüren, aber ob er's
-+noch+ sei, das schien mir in der Tat zweifelhaft. Ein hübscher Junge
-war er immer gewesen, aber sein Schnurrbärtchen war nun entschiedener,
-seine Gesichtszüge ausdrucksvoller und vornehm blaß, sein Mund
-höflicher und sein braunes Auge lebhafter geworden. Daß er seine
-Absicht, Künstler zu werden, nicht bewerkstelligt hatte, war aus seinem
-Wesen unschwer zu ersehen. Nirgends der schöpferische, idealbeschwingte
-Geist; überall der formenängstliche reiche Mann. An dem überladenen
-Aufputz der Tafel, an der Auswahl der ziemlich auffallenden
-Leckerbissen und an der etwas klobigen Art, womit er die Dienerschaft
-behandelte, war zu erkennen, daß er in diesen Verhältnissen nicht immer
-heimisch gewesen und das rechte Maß nicht ganz leicht zu treffen wisse.
-
-Nachdem ich meine Reiseerlebnisse kurz angedeutet und meinem Freunde
-über das allgemeine Befinden die geziemende Mitteilung gemacht hatte,
-schloß Wendel, daß ich von der Reise ermüdet sein würde und wies mir
-mein Zimmer an, »um mich auszuruhen«.
-
-Ich hatte nun unersättlich zu den Fenstern hinausgeschaut in die mir so
-seltsame, zauberhaft schöne Gegend. Ich hatte eine der vortrefflichen
-Zigarren angebrannt und mich auf das Ruhebett hingestreckt und den
-mich umgebenden Luxus betrachtet und in die stille leere Luft hinein
-gefragt: Wendel Blees, du leichtsinnig Wienerkind, wie kommst du zu
-diesem Herrensitz im Inselreiche der Hünen?
-
-Es war damals kaum neun Jahre her, seit ein aufgeschossenes Bürschchen
-ziemlich selbstsicher in meine Arbeitsstube getreten war, meine
-Bilder scharf angeblickt und mich gebeten hatte, daß ich ihn in
-seiner Absicht unterstützen möge, er wolle Maler werden. Wer er wäre?
-fragte ich. »Nichts,« war seine Antwort, »ich bin ein Waisenkind,
-das ein entfernter Verwandter aufgezogen und dann im städtischen
-Rechnungsamte untergebracht hat, wo ich Ziffern zeichnen soll. Das ist
-aber nichts, ich bin durchgegangen, denn ich will Maler werden.« Ob er
-mir Proben von seinem Talente zeigen könne? Da hatte er schon mehrere
-Papierblätter aus der Tasche gezogen; dieselben enthielten Zeichnungen
-aus dem Schönbrunner Tiergarten, aus dem Militärleben und eine Auffahrt
-bei Hofe; manches war mit ziemlich grellen Farben bemalt. Nachdem ich
-diese Bilder besehen hatte, gestand ich dem jungen Mann, daß ich aus
-diesen Proben nichts zu erkennen vermöge und ihm doch rate, sich einem
-Beruf zuzuwenden, der weniger trügerisch sei, als das Künstlertum. Er
-verwies auf Maler, die so klein wie er angefangen, es aber zum Ruhm
-gebracht hätten. Ich blieb bei meiner Ansicht, lud ihn jedoch ein,
-wenn er in seinen freien Stunden neue Bilder versuchen sollte, mir sie
-seinerzeit wieder zu bringen. Das war das erste Begegnen mit Wendelin
-Blees. Wir sahen uns von diesem Tage an oft. Obwohl ich gar nichts für
-ihn zu tun vermochte, schloß er sich an mich. Da er bei einem Maler
-nicht unterkommen konnte, so ging er zu einem Anstreicher in die Lehre,
-denn die Farbe hatte ihm's angetan. Die freien Stunden, die er hatte,
-war er bei mir, sah meinen Arbeiten zu und übte sich selbst. Er eignete
-sich eine gewisse Technik an, aber es war kein Schwung da, keine
-Originalität -- kurz kein Talent.
-
-Ich sagte es ihm, er glaubte mir nicht.
-
-Indes gewann ich ihn lieb, anfangs seines Schwärmens für die Kunst
-wegen, später, weil er ein offener, herzens- und geistesfrischer,
-fröhlicher Junge war. Schrullen hatte er freilich, oft so wunderliche
-Schrullen, daß ich mir dachte: das wächst sich zu einem Narren oder
-doch zu einem großen Manne aus. Er war um ein Bedeutendes jünger
-als ich, aber wir wurden Freunde. Er hatte eigentlich keine Bildung
-genossen, aber er hatte liebenswürdige Naturanlagen, und wenn in seinem
-Wesen auch ein gewisser Trotz lag, so diente derselbe mehr zur Stählung
-seines Charakters, als um anderen Menschen unangenehm zu sein. Es
-hat sich manch strenge geschulter Mann als mein Freund bekannt, der
-mir nicht so viel war als der kleine Wendel. Er hat während unseres
-zweijährigen Beisammenseins nur eine einzige Dummheit gemacht. Auf
-mehreren Ausstellungen erregte ein Bild von mir besonderes Aufsehen.
-Als Folge des Beifalls erwuchsen -- wie das immer so geht -- auch die
-Widersacher. Einen solchen Widersacher, es war ein Zeitungsrezensent,
-forderte der kleine Wendel meines Bildes wegen zum Duell. Der Rezensent
-machte ihn abtreten und lachte ihn aus. Nun kam er wütend zu mir und
-ich lachte ihn auch aus.
-
-Seinem Meister, dem Anstreicher und Zimmermaler, war er ein fleißiger
-Gehilfe, aber niemand als ich wußte, mit welchem Widerwillen er das
-Handwerk betrieb. Und eines Tages trat er aufgeregter als sonst in
-meine Stube und sagte, daß er nun komme, um von mir Abschied zu nehmen.
-Er habe sich so viel erspart, daß er nach Italien gehen könne, um an
-den berühmten alten Meistern groß zu werden.
-
-Ich fragte, ob er wohl ermesse, was er gesagt habe. Er antwortete,
-daß ich noch von ihm hören würde und daß er auch als Künstler meine
-Freundschaft, die ihm das Teuerste auf der Welt sei, behalten wolle.
-Ich suchte ihm in der Eile ein paar Empfehlungsschreiben aufzudrängen,
-dann ging er. Ging ohne Geld -- denn sein Erspartes half ihm kaum bis
-über die Grenze -- ohne Kenntnisse, ohne Freunde und ohne Plan nach
-Italien.
-
-Von dem Tage seiner Abreise an war er verschollen. Und war's jahrelang,
-so daß mein Gedenken an ihn voll Wehmut wurde, wie man eines Toten
-gedenkt. Mein Leben ging in der Stille fort, aber jedes Jahr machte
-mich um mehrere Jahre älter, weil mit dem Wachsen meiner Einsicht
-mich meine künstlerischen Erfolge, so lärmend sie auch sein mochten,
-immer weniger und weniger befriedigen wollten. Die Ehre, welche mir
-die durch Effekt leicht zu bestechende Menge zollte, vermochte meinen
-inneren Unmut nicht aufzuwiegen und so zog ich mich sachte zurück in
-die Beschaulichkeit, lebte der Natur und machte Reisen von Galerie zu
-Galerie, um das an anderen mit Ehrfurcht zu bewundern, was mir selbst
-nicht gelingen wollte. Von Wendel fand ich auch nicht die leiseste
-Spur. Da erhielt ich eines Tages in Wien das folgende Schreiben:
-
- »Geschätzter Freund!
-
- Für den Fall Du einmal Lust nach malerischen Landschaften hast,
- so reise nach der Insel Rügen. Und wenn Du dort sein wirst, so
- versäume ja nicht, nach dem Landgute Zurkow zu fragen, denn der
- Besitzer ist ein alter Freund von Dir, der Dich bittet, es Dir
- bei ihm recht wohlergehen zu lassen. Er hofft, daß Du seiner
- nicht vergessen haben wirst und freut sich sehr, Dich nach
- sechs Jahren endlich wieder zu sehen. Es ist Dein alter
-
- Wendelin Blees.«
-
-Die Schrift war glatter geworden als sie einst gewesen, aber es war die
-seine. Mein Erstaunen war fast grenzenlos. Zur alten Neigung kam nun
-auch die Neugierde. Leicht locker gemacht war ich überhaupt und schon
-an einem der nächsten Tage saß ich auf der Nordbahn.
-
-Von Anklam bis Stralsund hatte ich Gelegenheit, mich bei einem
-Reisenden, der aus Bergen, dem Hauptorte der Insel Rügen, war,
-nach dem Landgute Zurkow und seinem Besitzer zu erkundigen. Da
-erfuhr ich, daß Zurkow zwar kein Edelsitz sei, wohl aber eines
-der schönsten und reichsten Güter der Insel. Es wäre ein Edelsitz
-gewesen, aber der letzte Edelmann hätte ihn am Spieltisch eines
-rheinischen Bades verloren und sich flink darauf erschossen. Hierauf
-sei ein holländischer Kaufmann gekommen, Marketze geheißen, der
-habe das zerfahrene Zurkow gekauft und in einen Stand gesetzt, wie
-es seit Menschengedenken nicht erhört worden. Der Landbau und die
-Waldwirtschaft, die Jagd und die Fischerei blühten nun. Auch habe
-der Eigentümer von Zurkow Bergwerke in England besessen und Schiffe,
-die zwischen Stettin und Kopenhagen verkehrten. Und das Schloß habe
-er herstellen und einrichten lassen, daß es nun einer königlichen
-Residenz ähnlich sehe. Das habe ihm aber alles nichts geholfen; mit
-seinem Sohne sei er unglücklich gewesen und so sei er, nachdem das
-Gut so fürtrefflich hergestellt war, aus Gram gestorben. Es sei aber
-ein junger Mensch aus dem Süden gekommen, ganz fremd, der sitze nun
-auf Zurkow und sei gut für drei Millionen Taler. Man erzähle sich von
-dieser Familie mancherlei, aber da nichts Bestimmtes zu sagen sei, so
-tue man am besten, zu schweigen.
-
-So war ich vorbereitet worden und so lag ich nun auf dem Ruhebette des
-Schlosses Zurkow -- ich konnte nicht sagen, daß mir gerade wohl zu Mute
-war.
-
-Endlich dämmerte es, und als ich wieder zum Fenster hinausblickte,
-war das Meer nicht blau, sondern lichtgrau und in seinem
-Quecksilberschimmer am Horizonte scharf abgeschnitten von der
-aufsteigenden Nacht. Das Schiff, welches früher fern wie ein Sternchen
-gefunkelt, war näher gekommen, es war das einzige Fahrzeug auf der
-dunkelnden Fläche. Auf den Felsen von Stubbenkammer glühte der
-Widerschein des Abendrotes und sie spiegelten sich im Meere wie blutige
-Schatten.
-
-Als ich träumend so zum Fenster hinausgeschaut, legte sich sachte eine
-Hand auf meine Achsel. Wendel stand hinter mir.
-
-»Wenn du ausgeruht hast,« sagte er, »so lade ich dich ein, mit mir zum
-Abendbrot zu kommen.«
-
-»Hier hast du eine merkwürdige Welt um dich,« lautete meine Entgegnung,
-»ich habe diesen stillen, meerumschlungenen Hain als Knabe im Traume
-gesehen, zur Zeit, da wir die nordische Mythologie studierten.«
-
-»So ist es,« antwortete er rasch, »so ist es, Mythologie! Darum kann
-dieser Ort so anheimelnd und so schrecklich sein.«
-
-»So schrecklich?«
-
-Jetzt faßte mich Wendel an meinen beiden Händen und sagte: »Geliebter
-Freund, ich danke dir tausend-, vieltausendmal, daß du zu mir gekommen
-bist.«
-
-Seine Stimme war so bewegt, daß es mir durch Mark und Bein ging.
-
-Die Kruste war nun gebrochen, bei ihm, bei mir. Arm in Arm gingen wir
-auf das Zimmer, in dem unser Abendtisch gedeckt war. Es war ein anderes
-als jenes, in welchem wir das Mittagsmahl genommen hatten, es war viel
-einfacher und viel heimlicher. An der Wand fiel mir ein technisch mit
-Meisterschaft gemachtes Ölporträt meines Gastherrn auf. Wir saßen uns
-bei etwas gedämpftem Lampenlichte an einem kleinen Tisch gegenüber;
-sonst war niemand da, und der Mann, der uns bediente, erschien nur,
-wenn er mit dem Glöcklein gerufen wurde. Die Speisen waren nach Wiener
-Art zubereitet, und anstatt des aufgeblasenen Champagners stand eine
-Flasche jenes ehrlichen, männlich herben Rotweines da, wie er in den
-gottgesegneten Talungen der tirolischen Etsch wächst und wie ich ihn in
-Gemeinschaft mit Wendel einst so gerne getrunken hatte.
-
-»Nun haben wir uns wieder,« sagte mein Freund und schaute mir mit
-feuchtem Auge ins Gesicht.
-
-»Ich kann mich immer noch kaum fassen vor Verwunderung, dich so
-wiederzufinden,« bemerkte ich.
-
-»Mir erging es nicht anders,« sagte er, »aber ich bin in den letzten
-Stunden, während du dich von den Reisestrapazen ein wenig erholtest,
-nicht müßig gewesen. Ich habe nach der Art gesucht, die uns wieder
-zusammenbringen soll, wie wir dazumal beisammen gewesen sind. Offen
-herausgesagt: mit den ersten Stunden unseres Wiedersehens war ich nicht
-zufrieden.«
-
-»Ich auch nicht. Aber nun sage mir endlich, Wendel, was um alles in der
-Welt ist mit dir vorgegangen?«
-
-»Du siehst es,« antwortete er mit einer wehmütigen Miene, »ein reicher
-Mann bin ich geworden.«
-
-»Das passiert manchem, und geht es gewöhnlich mit so natürlichen Dingen
-zu, daß man weiter gar nicht darüber spricht. Aber bei dir ist's ein
-anderes. Du warst stets unpraktisch, hast weder Schick gehabt zum Spiel
-noch zum Spekulieren, hast, so viel ich weiß, weder ein Los besessen
-noch einen reichen Onkel. Du hast auch meines Wissens nie ein Interesse
-gehabt an Geld und Herrlichkeit -- Künstler werden wolltest du, diesen
-Weg sah ich dich von mir fortziehen, nun finde ich einen Millionär. Das
-geht nicht mit rechten Dingen zu, mein Freund!«
-
-»Du hast eine naheliegende Eventualität nicht erwähnt.«
-
-»Ich weiß es, die reiche Heirat. Doch der Gedanke ist mir zu trivial.«
-
-»So dekoriere ihn mit der Liebe.«
-
-»Wirklich! Nun, die Liebe rentiert eine reiche Heirat immerhin.«
-
-»Und meinst du, daß eine reiche Heirat nicht auch die Liebe rentieren
-könnte?«
-
-Der Ton und Blick, mit dem diese Worte gesprochen wurden, war
-verblüffend. Ich schwieg.
-
-»Du hattest damals recht,« fuhr er fort, »ich bin kein Künstler
-geworden.«
-
-»Aber du bist Mann geworden, das ist mehr.«
-
-»Es mag mehr sein, aber es ist nicht so schön. Freund, wann war ich
-glücklicher als damals, als ich mich wie ein Bettelvagabund durch
-die Alpenländer nach Italien schlug! Ich war fest überzeugt, daß
-meine Rückkehr ein Triumphzug sein würde und daß die abenteuerliche
-Wanderschaft des Zimmermalers einst ein prächtiges Kapitel in der
-Biographie des berühmten Künstlers geben müsse. Ein junger Idealist,
-und wäre es auch nur ein eitler Tropf, nimmt im Reigen irdischer
-Seligkeit den ersten Platz ein. Ich habe diesen Platz bald verloren.
-In Mailand auf einer Wand sah ich das Abendmahl -- ein Triumph der
-Zimmermalerei,« setzte Wendel lächelnd hinzu. »Ich griff dort aus Not
-wieder nach dem alten Gewerbe. Ein Zufall verschlug mich mit einem
-Arbeitgeber nach Genua und vor dem barocken Denkmale des Kolumbus
-kam mir der Gedanke, ob ich mich nicht etwa der Bildhauerei zuwenden
-sollte. Auf jeden Fall wollte ich von hier aus zur See nach Rom gehen,
-dort weht alte, echte Künstlerluft, die wollte ich erst atmen, das
-weitere konnte nicht fehlen. Da trat ich eines Tages in ein Gasthaus
-der ~Via nuova~. Das, Freund, war der erste Schritt nach dem Herrengute
-Zurkow auf Rügen.«
-
-»Im Gasthause lerntest du sie kennen, nicht wahr?«
-
-»Wen?«
-
-»Die schöne Maid, die mit dem Vater auf Reisen war und die hernach
-deine Frau wurde.«
-
-»Du dichtest,« sagte Wendel Blees, »aber du dichtest banal. Du mußt
-schon tiefer ins Unglaubliche.«
-
-»Ich bitte dich, erzähle!«
-
-»So werde ich rasch und kurz erzählen. -- In einer Weinlaube des
-Gasthausgartens setzte ich mich ermüdet hin und musterte die
-Speisekarte. Ich suchte nicht nach dem feinsten Braten, sondern in der
-Preisrubrik nach der kleinsten Ziffer -- nun, das kannst du dir ja
-denken. Es war für die Italiener noch nicht die Zeit des Mittags, so
-war der Garten fast leer, nur hinter einem Zitronenbaum saß ein Herr
-mit weißem Backenbart und schaute zwischen den grünen Blättern zu mir
-herüber.
-
-Lange so, und immer wieder. Endlich schob er seinen Teller beiseite und
-blickte noch schärfer auf mich her. Dann stand er auf, kam an meinen
-Tisch und drückte mir die Hand. Er tat es, ohne ein Wort zu sagen,
-dann trat er wieder an seinen Tisch zurück und brütete vor sich hin.
-Hernach zog er aus seinem Ledertäschchen eine Photographie und sah sie
-an und schaute auf mich -- und stützte sein Haupt traurig auf die Hand.
-Jetzt mußte auch ich immer wieder auf ihn hinblicken und wurde dabei
-unruhig; ich bildete mir ein, das wäre ein großer Künstler und habe an
-mir vielleicht das Genie entdeckt; du siehst, ich hatte nicht mehr weit
-zum letzten Ziele manchen Künstlers -- zum Narrenhaus. Es gehörte ein
-Wunder dazu, um mich davon zu retten -- und das Wunder geschah.«
-
-»Als ich,« fuhr mein Freund Wendel fort, »mich zur Not gesättigt hatte,
-erhob ich mich, um meine nebelhaften Wege weiter zu wandeln. Da sprang
-der Mann am Zitronenbaume auf, hielt mich zurück, er wolle wissen, wer
-ich wäre.«
-
-»Also ein Polizeiorgan!« rief ich aus.
-
-»Mein Bester,« sagte Wendel, »ich sage dir noch einmal, wenn du in
-meiner Geschichte die Wahrheit erraten willst, so mußt du dich gerade
-an die größten Unwahrscheinlichkeiten halten. Der Mann hörte meine
-Geschichte, kaufte mir neue Kleider und ich war tagelang sein Gast.
-Er war liebevoll und fast zärtlich mit mir, und er war doch nur ein
-Fremder. Mehrmals sah ich ihn weinen. Er lud mich ein, mit nach Rügen
-zu kommen, wo er ein Gut habe, er wolle für mein Fortkommen sorgen
-helfen.«
-
-»Er hatte dich so plötzlich liebgewonnen?«
-
-»Und weißt du, warum? Weil ich große Ähnlichkeit mit seinem
-verstorbenen Sohne hätte.«
-
-»Du gingst mit ihm?«
-
-»Natürlich, ich ging nicht mit ihm, ich ging nach Rom. Und als ich
-dort meine Künstlergelüste gründlich ausgehungert hatte, und in dem
-Gemäuer des Kolosseums bei den Fledermäusen mein Nachtlager hielt,
-fiel mir wieder die Einladung des greisen Mannes ein. Ich schrieb ihm,
-daß ich nun kommen wolle und ob er für mich einen Erwerb hätte; wäre
-es was immer, nur ein ehrlich Brot. Er schickte mir Geld, ich reiste
-auf dem kürzesten Wege nach Rügen. Als ich nach Zurkow kam -- auf
-dieses schöne, reiche Zurkow, ja -- da hat er mich wie einen lieben
-Anverwandten empfangen, hat seine Tochter gerufen, mich ihr vorgestellt
-und ausgerufen: Nun Freda, ist er's nicht? -- Ja, sagte Freda, und doch
-wieder nein, Albin war nicht so schlank. -- Aber er hatte dasselbe
-nußbraune Haar, das ihm geradeso in die Stirn stand, denselben Mund,
-das ganze Gesicht; schau' sein Aug' an, Freda, schau' sein Aug' an! O
-Gott, mein Albin! -- Er hat geweint, sie hat ihn mit Mühe beruhigt --«
-
-»Und dein Auge?«
-
-»Das hat sie angeschaut.«
-
-»Dann verliebt?«
-
-»O nein,« antwortete mein Freund Wendel, »so schnell ging das nicht.
-Wir mußten uns erst aneinander gewöhnen. Der Alte gab uns zu schaffen,
-der wollte -- höre es! -- er wollte uns schon in den nächsten Wochen
-zusammenhaben. Er war durch den plötzlichen Verlust seines Sohnes
-verwirrt, beinahe schwachsinnig geworden.«
-
-Wendel führte mich dann zum Fenster: »Du siehst dort die weißen Felsen?«
-
-Ich sah sie in des Mondenscheines nebelhafter Blässe schroff aus dem
-Meere aufragen.
-
-»Von jenem Felsen,« fuhr mein Freund fort, »ist Albin Marketze,
-der einzige Sohn des reichen Mannes, in seinem dreiundzwanzigsten
-Lebensjahre auf einer geologischen Exkursion, bei der er sich zu
-tollkühn an die Hänge hinauswagte, in das Meer gestürzt und zugrunde
-gegangen. Der Vater war trostlos, seine Tochter, nun sein einziges
-Kind, suchte ihn umsonst zu zerstreuen, er gab sie zu Verwandten nach
-Putbus, überließ das Gut einem Verwalter und ließ sich von seinem
-Grame ziellos in der Welt herumtreiben. So war er auch nach Genua
-gekommen, wo wir uns also begegnet waren. Ich kann ihm die Liebe, die
-er mir schenkte, nimmer vergelten, der kranke Greis sah in mir seinen
-verstorbenen Sohn. -- Hast du dieses Bild schon betrachtet?« Wendel
-wies auf das Ölgemälde an der Wand.
-
-»Das scheint ein gewandter Künstler geschaffen zu haben,« bemerkte ich,
-»es ist Individualität in dem Bilde und doch stört mich etwas in den
-Zügen. Durch die wohlbekannte Form schaut mich eine fremde Psyche an.«
-
-»Im ganzen leugnest also auch du die Ähnlichkeit nicht. Und siehe, das
-ist das Porträt des verunglückten Albin.«
-
-Das fand ich denn doch merkwürdig und nun fing ich an, das besondere
-Interesse des alten Marketze für Wendel zu begreifen.
-
-»Da mir,« fuhr mein Freund fort, »die Lust, Maler zu werden,
-begreiflicherweise vergangen war, wenigstens einstweilen vergangen, so
-fügte ich mich gerne den fürsorglichen Wünschen meines Gönners, ich gab
-mich, anfangs gleichgültig, später mit Interesse, der Landwirtschaft
-hin und machte in derselben Fortschritte. Außerdem geschah manches zur
-Vermehrung meiner sonstigen Kenntnisse, damit wuchs auch -- möchte
-ich sagen -- mein Herz und ich schloß mich warm und dankbar meinem
-Wohltäter an. Ich war kaum drei Jahre auf Zurkow, als mir Marketze
-eines Tages zu verstehen gab, daß es ihm lieb wäre, wenn noch vor
-seinem Tode meine Verbindung mit seiner Tochter zustande käme. Freda
-war um einige Monate älter als ich, sie war mir nicht unangenehm
-gewesen. Es hatten sich, wie leicht erklärlich, reiche Bewerber
-eingefunden, allein --«
-
-»Sie hat den frischen guten Jungen vorgezogen,« unterbrach ich in
-meiner vorwitzigen Ungeduld, »reich war sie selbst, gesellschaftliche
-Rücksichten war sie nicht schuldig, so nahm sie sich einen Herzensmann.
-Ich habe mir oft gedacht, Wendel, daß in dir Trotz und Geschmeidigkeit,
-Männlichkeit und Weichlichkeit geradeso gemischt sind, wie es die
-Weiber gerne haben.«
-
-»Genug. Als der Vater starb, waren wir ein Ehepaar und ich habe mich
-wohl oder übel mit meiner neuen Würde und Herrlichkeit abfinden müssen.«
-
-»Aufrichtig gesagt, hoffe ich, daß dir die Kunst, ein reicher und
-glücklicher Mann zu sein, besser gelingen wird, als dir jemals ein
-gutes Gemälde gelungen wäre.«
-
-Eine Weile nach dieser Bemerkung antwortete Wendel: »Es gehört zum
-einen wie zum andern ein großes Talent. Wenn sich der reiche Mann in
-seine Lage nicht zu schicken weiß, so ist er ein +armer+ Mann.«
-
-Derlei besprachen wir, da begann allmählich das Gespräch zu stocken.
-Wir machten noch manchen stillen Schluck aus unseren Gläsern, dann
-wünschten wir uns in freundlicher Höflichkeit gute Ruhe, und ich wurde
-hierauf in mein Zimmer geführt.
-
-Ich stand noch lange am Fenster und blickte in die Nacht hinaus. Auf
-dem Meere lag der Schimmer des Mondes und die zackigen Kreidefelsen von
-Stubbenkammer standen wie Gespenster da. Jetzt legte sich auf meine
-Schulter wieder die Hand. Wendel stand neben mir und war bleich und
-verstört, wie ein Nachtwandler.
-
-»Verzeihe mir, mein Freund, daß ich deine Ruhe störe,« sagte er mit
-unsicherer Stimme, »ich wollte dich heute noch fragen, wann du von hier
-abreisest?«
-
-Mit Befremden entgegnete ich: »Wann ich abreise? Ich glaube, du
-könntest es ebensogut erfahren, wenn du mich gefragt hättest, wie lange
-ich denn zu bleiben gedächte. Du weißt, daß ich auf deine Einladung aus
-Wien komme, um dich zu besuchen.«
-
-»Ich danke dir, daß du gekommen bist!« stieß er hervor, »aber ich
-verreise morgen und wünsche in deiner Gesellschaft zu reisen.«
-
-Ich starrte ihn an.
-
-»Du hältst mich für verrückt,« sagte er.
-
-»Allerdings --«
-
-»So muß ich dir's denn gestehen, Freund,« er verdeckte mit krampfiger
-Hand sein Gesicht, »ich bin sehr unglücklich. Ich ertrage es nicht
-mehr länger, ich will fliehen, ich will nach Wien zurück. Mein Weib
-und ich, wir lieben uns nicht. Sie behandelt mich mit Hochmut, sie
-hat ihre Freunde, mit denen sie sich herumtreibt, fischt und jagt;
-ihrem Reitpferde schenkt sie mehr Aufmerksamkeit als mir. Von einem
-Familienleben ist in diesem Hause nicht der Schatten, entweder sie
-zieht ihre junkerlich faden oder aufgeblasenen Sportgenossen herbei
-und gibt laute Feste, wobei ich offen oder verstohlen die Zielscheibe
-ihrer Launen bin, oder sie reitet davon und läßt mich allein in diesem
-Schlosse, das mir unheimlich geworden ist wie eine Gruft. Ich hätte
-mit ihr für mein Leben gern einmal eine Reise nach Österreich gemacht;
-sie schlug mir's ab, ich möge allein reisen, wenn es mir auf Zurkow
-nicht behage, sie sei keine Freundin der vielgerühmten österreichischen
-Gemütlichkeit. Das einzige Glück ist, daß ich sie nicht liebe, denn
-sonst müßte ich mich von jenem Felsen dort, der die erste Ursache
-meiner Leiden ist ... Kurz, ich habe nichts und will nichts, ich bin
-frei, ich verlasse Zurkow noch in den nächsten vierundzwanzig Stunden,
-arm wie ich gekommen bin. Ich gehe mit dir nach Wien.«
-
-»Du mußt deine Aufregung vorübergehen lassen, armer Freund,« sagte ich,
-»wenn du ruhig geworden sein wirst, wollen wir es überlegen.«
-
-»Diese Zeremonie ist nicht mehr nötig. Ich habe es längst überlegt und
-heute mich entschlossen. Ich habe sie von deiner Ankunft unterrichtet
-und sie gebeten, daß sie zu Hause bleibe, um dich zu empfangen: sie
-weiß, daß du mein liebster Freund bist, der aus der Ferne zu mir kommt,
-und sie konnte das Haus verlassen, und sie konnte mir das lieblose Wort
-sagen.«
-
-»Welches Wort?«
-
-»Wen ich eingeladen, den möge auch ich bewirten, sie könne sich denken,
-wie mein bester Freund aus der Zeit der Farbenkleckserei aussehe, sie
-sei auf derlei vagabundierendes Künstlervolk nicht neugierig. Tiefer
-hätte sie mich nicht mehr verletzen können. Ich trenne mich von ihr.«
-
-»Ich danke dir,« sagte ich, »also mich willst du zur Ursache eines
-unsinnigen Schrittes machen! Dann empfehle ich mich.«
-
-»Bleib', Hans!« schrie er auf und packte mich an beiden Armen, »von
-dir ist keine Rede. Es handelt sich um mich! Mir hat sie den Schlag
-versetzt, sonst wollte sie nichts, als mich, mich beleidigen, aber
-das wollte sie. Meiner überdrüssig ist sie, den Bruch wünscht sie zu
-vollziehen. Der Wunsch kann erfüllt werden.«
-
-Der Mann schoß wildsprühende Blicke um sich, er knirschte mit den
-Zähnen.
-
-»Du hassest sie also?« war meine Frage.
-
-Hierauf antwortete Wendel: »Wenn ich sie haßte, so würde ich ihr diesen
-Wunsch nicht erfüllen, ich würde Herr auf Zurkow bleiben und das
-Leben des Reichen genießen und ihr im Wege stehen und mich an ihrem
-ohnmächtigen Ärger belustigen. Nein, ich hasse sie nicht. Von jetzt ab
--- sie ist mir gleichgültig.«
-
-»Gleichgültig? Deine Aufregung straft dich Lügen.«
-
-»Bin ich aufgeregt? Dann bin ich's nicht ihretwegen, sondern
-meinetwegen. Mein Unglück, ich schleudere es von mir, ich nehme wieder
-die Armut und Nichtigkeit auf mich. Seit ich dich sehe, mein Freund,
-habe ich wieder Mut, ich gehe mit dir nach Wien!«
-
-Das kam mir nun alles verworren vor; da fragte er mich: »Könntest du
-an meiner Stelle bleiben? Es mögen Gesetze und Sitten hundertmal für
-dich sprechen, wenn die Tatsache zeigt, daß du überflüssig bist, so
-wirst du verzichten und lieber mit Stolz und Ehren wieder der arme
-Anstreichergeselle sein, als auf Zurkow ein -- was weiß ich! Es war ja
-nichts, ein toller Traum, nichts als ein Roman, aber ein Roman ohne
-Liebe. Eine fixe Idee, geschmeichelte Eitelkeit und der Kitzel, reich
-zu sein, waren die Helden! Könntest du mich denn achten, wenn ich so
-noch hier sitzen bliebe?«
-
-»Ich gebe keine Antwort, solange ich nicht deine Frau gesehen habe.«
-
-»Die wirst du nicht sehen,« sagte Wendel Blees, »wie ich sie kenne,
-kehrt sie erst zurück, wenn sie die Gewißheit hat, daß du nicht mehr im
-Hause bist.«
-
-»Dann erlaube mir, daß ich jetzt einige Stunden ruhe. Bevor die Sonne
-aufgeht, werde ich dieses Haus verlassen.«
-
-»Tue so, mein Freund, und schlafe wohl.«
-
-Rasch hatte sich mein Gastherr nun entfernt. Unsere Unterredung
-hatte einen fast trotzigen Charakter gehabt. Ich schlief schlecht in
-derselben Nacht. Reue, daß ich hierher gekommen, Mitleid mit dem armen
-Wendel, Ratlosigkeit, was nun anzufangen, peinigten mich. Es kam mir
-der Gedanke, Frau Freda aufzusuchen und den Vermittler zu spielen;
-diesen Gedanken schleuderte ich rasch von mir -- zwischen Eheleute
-dränge sich kein Dritter, am wenigsten ein Fremder. Er würde es unter
-allen Umständen schlechter machen. Als der erste Schimmer des Morgens
-aus dem Meere stieg, war ich entschlossen. Ich packte hastig meine
-Sachen zusammen, schrieb auf ein Blättchen Papier die Worte:
-
- »Wendel, ich bin aus der Ferne gekommen, um Dir auf dieses
- Stück Papier das Wort zu schreiben: +Sei ein Mann!+ Lebe wohl.
-
- Dein treuer Hans.«
-
-Als ich durch den Hof eilen wollte, fuhren zwei große Hunde auf und
-ließen mich nicht weiter. Ich mußte umkehren in mein Zimmer, warf mein
-kleines Gepäck zum Fenster hinaus und kletterte selbst nach in den
-Garten. Das Schloß und das naheliegende Gehöfte lagen noch in Ruhe da;
-ich huschte durch Gestrüppe und bog erst eine Strecke weiter hin zum
-Wege.
-
-Ich war auf demselben etwa dreihundert Schritte gegangen, als von einer
-Eichengruppe ein Mann auf mich zusprang und mich mit dem Worte: »Da
-bist du ja schon!« an der Hand faßte.
-
-Wendel war's, der Herr auf Zurkow: und doch nicht mehr Herr auf Zurkow,
-in dem Kleide eines fahrenden Gesellen stand er da.
-
-»So, Kamerad,« sagte er, »nun wollen wir einmal mitsammen wandern.«
-
-Dagegen ließ sich nun nichts einwenden. Wir trabten wortkarg
-nebeneinander her. Als wir eine Stunde gegangen waren, machte mein
-Begleiter plötzlich einen Juchschrei, wie er so frisch und laut auf
-Rügen vorher wohl kaum erklungen sein mochte.
-
-»Sieh da, dieser Stein ist mir noch auf dem Herzen gelegen,« sagte er
-hernach und deutete auf einen bemoosten Grenzstein, »hier endet das Gut
-Zurkow, hier beginnt die weite Welt. Freund, nun bin ich wieder dein!«
-
-Da dachte ich: Wenn ich nur wüßte, was ich mit dir anfangen soll!
-
-So begann die Wanderschaft. Den Sund übersetzten wir auf einer abseits
-gelegenen Fischerbarke, Stralsund umgingen wir, weil Wendel sich vor
-dem Erkanntwerden fürchtete. Und dann wollte er zu Fuß nach Wien
-reisen. Er hatte von dem Schlosse ja nichts mit sich genommen, als
-was er einst dahin mitgebracht hatte, ein abgeschabtes Ledertäschchen
-und einen Hagenstock. Ich hatte viele Mühe, um ihm die Eisenbahnfahrt
-aufzuzwingen. Endlich, als es ins Österreich hereinging, fanden wir uns
-und waren harmlos heiter, wie einst; ich suchte seine Verhältnisse mit
-Ruhe und Erwägung zu besprechen, allein er war dazu viel zu nervös
-aufgeregt: bei ihm ging alles im Überschwunge und sein ganzes Wesen
-wurde mit fortgerissen.
-
-Als er die alte Kaiserstadt sah, war er überglücklich. So saßen wir nun
-endlich wieder in meiner Stube, wo wir vor Jahren oft froh beisammen
-gesessen und ich fragte ihn: »Wenn du jetzt zurückdenkst auf Zurkow,
-wie ist dir zu Mute?«
-
-»Unsäglich wohl!« rief er, »hast du einen zweiten Freund, Hans, der
-imstande ist, ein Herrenschloß und ein reiches Weib von sich zu
-schleudern, wie eine faule Birne?«
-
-»Du bist der einzige,« sagte ich, »und nun suche ich mir noch einen,
-der imstande ist, ein Herrenschloß und ein reiches Weib zu beherrschen.«
-
-»Da wird sie zurückgekehrt sein auf Zurkow,« sagte Wendel, »ausgerüstet
-mit neuen Mitteln mich zu demütigen, und wird selbst die größte
-Demütigung erlebt haben, die ein reiches Weib erleben kann: von dem
-Bettler abgelehnt zu sein.«
-
-Schon am nächsten Tag war Wendel Blees so glücklich, in einem Vororte
-Wiens als Zimmermaler Beschäftigung zu finden. Er besuchte mich
-häufig, aber für meine Bilder und ästhetischen Studien hatte er kein
-Interesse mehr, er saß zumeist still da und blickte zum Fenster hinaus
-auf die alten Ulmen und Eichen eines verwahrlosten Parkes. Von seinem
-abenteuerlichen Gutsherrnleben sprachen wir nicht mehr; ich aber dachte
-daran und mir kam die ganze Geschichte noch wunderlicher vor.
-
-Ich wußte nur, daß er seiner Gattin nicht schrieb und ihr absichtlich
-seinen Aufenthaltsort verheimlichte. Um so eifriger las er ein
-pommersches Wochenblatt und in demselben einmal eine Feilbietung des
-Gutes Zurkow auf Rügen. Er zeigte mir mit dem Finger die Stelle; wir
-haben nicht ein Wort darüber gesprochen.
-
-Mittlerweile bemerkte ich, daß die Farben -- die grünen sollen
-besonders schädlich sein -- dem Wendel Blees nicht mehr so wohl bekamen
-als einst, er wurde bleich und bekam eingefallene Wangen. Seine Besuche
-bei mir verminderten sich, er strich in seinen freien Stunden allein
-umher in den Vorstädten oder er saß in seiner Dachkammer und brütete
-vor sich hin. Als ich von einer größeren Reise zurückgekehrt war,
-gedachte ich wieder einmal seiner und suchte ihn auf. Ich fand ihn
-auf dem Fußboden kauernd, wo er eben ein paar Patronen (Formen für
-Zimmermalerei) aneinanderzuheften vorhaben mochte, aus Erschöpfung aber
-rasten mußte. Ich erschrak vor der herabgekommenen krankhaften Gestalt,
-vor dem stieren Blick, der mich völlig unheimlich anglotzte.
-
-»Bist du krank, Wendel?« fragte ich.
-
-»Was habt Ihr denn mit mir?« fuhr er jetzt auf, »warum soll ich krank
-sein?« Dann setzte er wehmütig und sanft bei: »So hast du doch nicht
-ganz meiner vergessen. Du kannst mir aber nicht helfen.«
-
-»Willst du nicht bisweilen mit mir einen kleinen Spaziergang machen?
-Das zerstreut und erfrischt.«
-
-»Wenn du recht langsam gehen willst,« meinte er, »ich war schon lange
-nicht mehr auf der Gasse und habe das Gehen verlernt.«
-
-Als ich von ihm fortging, hastete mir die alte Frau, die ihn pflegte,
-zur Türe nach und fragte: »Wie lang' kann er's denn noch machen, Herr
-Doktor?«
-
-Es waren freundliche Spätherbsttage. -- Ich führte den armen Wendel
-mehrmals auf den Ring; er sprach wenig, nur einmal, als er stehen blieb
-und sich an mich stützte, sagte er, mit großen Augen hinschauend: »Es
-ist eine herrliche Stadt!« Dann saßen wir auf einer stillen Bank des
-Stadtparkes und er schaute die gilbenden Blätter an, wovon eins ums
-andere langsam zu Boden sank.
-
-Da war's eines Tages, als wir über den Schwarzenbergplatz schritten,
-daß mein Begleiter plötzlich einen Schrei ausstieß. Ein Fiaker rollte
-vorüber, in welchem eine schwarzgekleidete Dame saß. Wendel riß sich
-von mir los und mit ausgestreckten Armen lief er dem Wagen nach. Ich
-suchte ihn zurückzuhalten, aber er eilte, als wären seine Arme Flügel,
-er verfolgte den Wagen bis zur Brücke, dort stürzte er zusammen.
-
-Allsogleich waren wir von einem Menschenhaufen umringt. Wir hoben ihn
-auf. Seinem Mund entströmte Blut; er schlug die Augen weit auf und
-stierte um sich und murmelte: »Sie ist fort.«
-
-»Wen meinst du, Wendelin?«
-
-»Freda!« hauchte er matt.
-
-Man trug ihn in einem geschlossenen Lederkasten ins nächste Lazarett;
-als sie ihn in der Halle niederließen und ich die Klappe öffnete, um zu
-fragen, wie er sich befinde, da waren die Lippen für immer verstummt.
-
- * * * * *
-
-Man erinnert sich vielleicht noch an eine Zeitungsnotiz, daß an
-jenem Oktobertage ein Mann einem Fiaker nachgelaufen, auf der
-Schwarzenbergbrücke mit dem Rufe: »Freda!« zusammengebrochen und bald
-darauf verschieden sei.
-
-Aber man weiß wohl nicht, daß diese Notiz einen seltsamen Besuch in der
-Leichenhalle zur Folge gehabt hat. Eine fremde Dame fand sich ein,
-bat sich die Leiche des Zimmermalers Wendelin Blees aus, bekränzte sie
-mit Eichenlaub, überführte sie auf einen still und lieblich gelegenen
-Friedhof des Wienerwaldes und begrub sie in einem eigenen Grabe.
-
-Auf dem Steine steht das Wort, das einzige Wort: »Verzeihe!«
-
-
-
-
-Das Mündel-Kindel.
-
-
-Im Garten des Gasthauses zum »Roten Herzen«, an einem Ecktische saß
-ein junger Mann. Er war der einzige Gast, die Mittagsleute hatten sich
-schon verzogen und die Nachmittagszecher waren noch nicht angerückt.
-Die jungen Wildkastanien gaben wenig Schatten, auf den runden Tischen
-mit den unordentlich verschobenen Tischtüchern, an denen hie und da
-Spuren der Bratensauce sichtbar waren, lag die grelle Aprilsonne.
-Drinnen in einem Winkel der Gaststube kauerte der Kellner, der
-einen Teil des Schlafes, den in der Vornacht anhaltende Trinker ihm
-gestohlen, einzubringen hatte. Der junge Gast, auf dessen blassem
-Gesicht schwarze Augenbrauen und ein schwarzes dünnes Schnurrbärtchen
-lagen, stützte sein Haupt auf den Ellbogen, so daß der gesprenkelte
-Strohhut auf dem Ohre lag. Er hatte vor sich ein volles Glas Bier
-stehen, in dem der weiße Schaum bereits zerronnen war. Er blickte
-hinaus auf die Kastanienallee, in der gelangweilte Spaziergänger hin
-und her siffelten oder auf den Bänken saßen. Am Alleedamme balgten ein
-paar Gassenjungen, die grüne Gesichter und dunkle Ringe um die Augen
-hatten und die paar Lumpen, die sie an den mageren und schmutzigen
-Gliedern trugen, sich gegenseitig vollends herabzureißen suchten. --
-Aus dem Sinnen über die Zukunft solcher verwahrloster Kinder wurde der
-junge Mann geweckt durch einen rasch in den Garten tretenden zweiten,
-der Überrock und Stock auf einen Sessel warf und sich bei dem Freunde
-entschuldigte, daß er ihn hatte warten lassen. Mit beiden Händen seinen
-braunen Vollbart streichend, setzte er sich an den Tisch, rief nach
-einem Glas Bier und auch der erstere ließ sein abgestandenes Glas gegen
-ein frisches umtauschen.
-
-»Ich hatte zum Schluß noch eine Überstunde mit drei Prozessen,«
-erzählte der Ankömmling. »Eine Ehrenbeleidigung und zwei
-Paternitätsklagen.«
-
-»Paternitätsklagen?« fragte der junge Mann und hob jetzt seinen Kopf in
-die Höhe. »Das ist interessant.«
-
-»Ach, was verstehst du davon,« lachte der Bezirksrichter.
-
-»Aber anhören kann man's doch.«
-
-»Im Vertrauen gesagt, Alfons, du siehst mir seit einiger Zeit gar
-nicht danach aus, als ob dir mit Widerlichkeiten gedient wäre. Nein,
-für Kopfhänger sind Gerichtsangelegenheiten nicht die richtige
-Unterhaltung. Heil dir!«
-
-Er hob sein Glas zum Anstoßen, Alfons tat ihm verdrossen Bescheid und
-goß dann sein Bier auf einem Zug hinunter, während der Richter sich mit
-einem Halben genug tat, den er mit Behagen vollführte, um dann seinen
-etwas genetzten Bart wieder in Ordnung zu bringen.
-
-»Sage mir, Freund, was fehlt dir? Hast du deine Lustigkeit in den
-Taschen des Winterrocks gelassen? Gibt dir das Staatsexamen so viel
-zu schaffen oder hat dir dein Alter die Rationen beschnitten? Andere
-Mißgeschicke kann ich mir bei einem Studiosus nicht denken.«
-
-»Nicht?«
-
-»Oder unglückliche Liebe? Doch dazu hast du, so viel ich weiß, nie
-Talent gehabt.«
-
-»Nein, dazu habe ich nie Talent gehabt,« sagte Alfons gelassen nach und
-schob auf dem Tisch das Salzgefäß beiseite, obschon es ihm nicht im
-Wege gewesen war. Und rief nach Bier. Aber als der Kellner um das Glas
-kam, wehrte er ab: »Ich danke. Ich trinke nicht mehr.«
-
-Mit einiger Befremdung betrachtete nun der Bezirksrichter seinen Freund
-daraufhin, ob er nicht etwa krank sei. Der andere hielt das nun nicht
-mehr lange aus. Diese Gelegenheit war ihm ja erwünscht. Für die Länge
-ist solch ein Anliegen nicht zu ertragen, ohne es mitteilen zu können.
-Und wem sollte er es mitteilen, als diesem Manne, der, um etliche Jahre
-älter, entfernt mit ihm verwandt und seit Kindheit vertraut, sich stets
-als verläßlicher und verschwiegener Freund erwiesen hatte.
-
-»Gustav,« sagte er plötzlich und rückte seinen Sessel. »Ich möchte dir
-etwas sagen. Vielleicht kannst du mir einen Rat geben. Aber sitzen
-bleiben möchte ich nicht hier. Machen wir einen Spaziergang.«
-
-Sie legten ihre Münzen hin und gingen. Durch die Allee hinaus schwieg
-Alfons, erst als sie in den Eichenwald kamen, wo der Kiesweg mit dem
-Schatten der treibenden Baumzweige besprenkelt war, bückte er sich nach
-einem Steinchen, warf es wieder fort und sagte: »Denke dir, Gustav, ich
-habe Malheur gehabt. Mit der kleinen Blonden.«
-
-»Mit der Strohhutmamsell? Aber das ist doch wohl ~tempi passati~. Du
-hast mir ja schon lange nichts mehr von ihr erzählt.«
-
-»Nun eben dann hättest du dir's denken können. Sie ist tot und -- das
-Kind lebt.«
-
-Da blieb der Richter stehen, kehrte sich dem Freunde zu und sagte leise
-und gedehnt: »Na, hörst du!« --
-
-Alfons schaute ihn unsicher an. »Dein Richterantlitz magst du nur
-abseits lassen. Das kann ich jetzt nicht brauchen. Ich bin schwer
-abgestraft. So teuer ist dir das sicher nie zu stehen gekommen. Sie
-starb in der Klinik. Das Kleine -- heute sechs Tage alt -- ist im
-Findelhaus.«
-
-»Nun also!« rief der Richter, aber Alfons fand den Ruf nicht ganz
-harmlos. »Entweder,« sagte er, »glaubst du, ich gebe mich mit dem
-Findelhaus zufrieden, oder --. Sei versichert, daß mir die Sache
-verteufelt nahegeht. Soll es nun ins Waisenhaus? Oder in eine andere
-Anstalt? Ich höre, man bringt so einen Wurm nirgends unter. Dann geben
-sie ihn aufs Land hinaus. Wo sie Engerl machen.«
-
-»Aber, das wirst du doch nicht zulassen!«
-
-»Ja, glaubst du denn, ich werde mich nennen und bekennen?«
-
-»Mein lieber Alfons, das wirst du allerdings müssen.«
-
-»Du kennst doch meinen Alten. Der würde mich enterben. Was sage ich,
-enterben. Ermorden! Wenigstens träfe ihn der Schlag.«
-
-»Dein Vater mag zwar ein bißchen so etwas sein, wie ein Moralphilister.
--- Du verzeihst schon. Aber ich halte ihn auch für einen anständigen
-Mann -- du verzeihst abermals. Das Kind seines Sohnes wird er nicht
-verderben lassen. Ist es ein Knabe?«
-
-»Natürlich! Aber daß ich den Alten in die Geschichte einweihe, das ist
-ganz ausgeschlossen. Wenn ich nur Geld hätte, dann ließe sich's leicht
-machen.«
-
-»Setzt er dir immer noch bloß zwanzig Kronen aus, monatlich?«
-
-»Könnte ich mir ein Automobil halten oder wenigstens ein Reitpferd,
-wie andere unserer Sippe, ich hätte mich nie nach dieser Richtung hin
-so weit verloren. Ich habe schon gedacht, ob ich jetzt nicht die Reise
-nach England machen sollte, wie es mein Alter wünscht. Natürlich hielte
-ich mich die Zeit über bei einem guten Freunde verborgen und mit dem
-Gelde wäre das Kind für eine Weile versorgt. Was meinst du?«
-
-Als die beiden Männer langsam weiter gingen, sagte der Richter in einem
-etwas singenden Tone: »Ja, ja. So machen sie's alle. Fast alle. Ist
-die eine Dummheit vollbracht, dann machen sie die zweite. Aber es ist
-ja gar nicht nötig, Alfons, daß du deines Kindes wegen ein Schwindler
-wirst. Es wird auch so gedeihen. Hat es schon einen Vormund?«
-
-»Was weiß ich. Wenn's erst auf so einen Vormund ankommt -- das sind mir
-auch die rechten. Die Waisen, die da auf dem Lande draußen verlausen
-und versumpern und endlich Trottel oder Lumpen werden -- alle haben
-ihre Vormünder. Du siehst, daß ich mich schon unterrichtet habe.«
-
-»Also deinem Vater willst du nichts sagen?«
-
-»Nein. Es würde das ganze Familienglück -- was man so nennt --
-zerstören. Am meisten würde Mama darunter zu leiden haben. Nein, daheim
-in der guten Stube breite ich meine Sache nicht aus. Niemals.«
-
-»Lieber verleugnest du das arme Kind, lässest es verderben, zum Trottel
-oder Spitzbuben werden. Na, ich dank' schön.«
-
-Da faßte Alfons den Freund am Arm und sprach: »Ich habe dir nicht
-vertraut, damit du mich rasend machen sollst. Wenn du keinen Rat weißt
--- ich habe dich ja nicht verpflichtet dazu.«
-
-»Fonserl! Fonserl! Nachdem, wie du jetzt geneigt bist, anderen Unrecht
-zu tun, sehe ich klar, daß du dich in Unrecht fühlst. Und das freut
-mich. Das Unrecht kommt von deinem Kummer und der Kummer kommt von der
-Liebe. Du liebst deinen Knaben.«
-
-»Aber ja!« brauste Alfons auf, zornig erregt darüber, daß ihm eine
-fremde Hand so tief in den verstecktesten Herzwinkel griff. Die andere
-Liebe hatte er dem Freunde gern verraten, +dieser+ hatte er sich
-geschämt Sie war zu zart und wundersam, er war ihrer zu ungewohnt.
-Dieses so sanft und so unwiderstehlich hinneigende wehe Gefühl, dieses
-Lustgefühl, dieses Angstgefühl -- dieses abgrundtiefe Erbarmen --
-wenn das Vaterliebe war! -- Dann erzählte er, wie er durch mancherlei
-Liste ins Findelhaus gekommen war und das Kind gesehen hatte. Für eine
-Verwandte in der Provinz sollte er ein kleines Kind aussuchen, eine
-lächerlichere Lüge fiel ihm nicht ein, doch sie war gut genug, um ihn
-vor das Bettchen zu bringen, über dem auf der Tafel der Name Richard
-Fachler und eine Nummer stand. Das war auch alles, was sein Kind besaß,
-und er -- der junge Vater -- sollte einmal drei Stadthäuser erben.
-Und konnte ihm nichts davon geben. So klein lag es da und sein rotes
-Köpfchen war kaum größer wie ein Apfel. Den Mund und das Näschen hatte
-es, so deuchte ihm, von seiner Mutter, dem guten armen Mädel, das sie
-am selben Tage in die Leichenkammer getragen. Die Augen des Kindes
-hatte er nicht gesehen, es schlief, es versäumte den Augenblick, da
-sein Vater vor ihm stand, das erste- und vielleicht das letztemal.
-
-»Und seither,« sagte Alfons, »wohin ich blicke, überall dieses
-Kindergesicht. Vorhin im Gastgarten sah ich Gassenjungen, verkommene
-Rangen, und einer hatte das Gesicht Richards, der Teufel hol's, und war
-doch eine Fratze! -- Freund, ich glaube, ich bin hysterisch.«
-
-»Weißt du, was man draußen im Volke sagt?« sprach nun der Richter.
-»Wenn von den Eltern eines stirbt, erbt der andere Teil die Liebe
-desselben zum Kind, so daß er eine doppelte Liebe hat, die des Vaters
-und die der Mutter. Wörtlich weiß ich nicht, wie es lautet, ein Spruch
-ist's.«
-
-»Ja mein Gott, was finge denn ich mit dieser doppelten Liebe an! Und
-kein Kind dazu. Nein doch, auf einmal so ein kleines, kreischendes Kind
-haben, und doch wieder keines haben -- etwas Komischeres gibt's nicht
-mehr.« So der junge Mann, und dabei mußte er sich heftig schneuzen.
-
-»Regnet's denn?« rief plötzlich der Richter; zwischen den Ästen der
-Eichen klatschten einige Tropfen nieder. »Es muß wohl, denn ich habe
-den neuen Überzieher an und keinen Schirm bei mir. Da regnet's immer.
--- Schon wieder vorüber. Aprilwetter. -- Ja, Freund, du hast mich
-zwar nicht um Rat gefragt in deiner Angelegenheit. Es gibt eigentlich
-weiter auch keinen. Aber ich biege das Dokument ein. Das heißt, es wird
-berücksichtigt. Es ist ja nicht ganz unmöglich, daß sich etwas machen
-läßt.«
-
-Solches ist besprochen worden auf jenem Spaziergange. Am Abende, als
-die Freunde auseinandergingen, schlenderte Alfons noch eine Weile durch
-die Stadt, es tat ihm aber das elektrische Licht weh und er suchte die
-Gassen, wo nur noch einige der alten, trüben Gaslaternen brannten. Er
-kam auch zu dem Gebäude der Findelanstalt, ging einen recht langsamen
-Schritt und kam endlich doch vorüber. Nach dem Friedhofe führte diese
-schmale, winklige Gasse hinaus. Aber er sagte sich: Nicht sentimental
-sein! Wenn du was Warmes übrig hast, so gib es Lebenden. Er kehrte um
-und kam wieder am Findelhause vorüber. Es war schon spät in der Nacht.
-
- * * * * *
-
-Am Stadtplatz, links von der Rathausecke mit dem sechseckigen Turm,
-standen in geschlossener Reihe die Häuser des Kaufmannes Marand. Das
-letzte derselben, das Eckhaus an der Bürgerstraße, trug das Schild
-»zu den drei Schaufeln«. Es war vom Erdgeschoß bis zum dritten Stock
-mit Waren aller Art angestapelt; die Treppen, Hofsöller und Hallen
-surrten den ganzen Tag wie ein Bienenschwarm von Kauflustigen, die von
-zahlreichen Kommis und Handlangern bedient wurden. Durch das Gedränge
-schritt manchmal, die Hände am Rücken, ein alter stattlicher Herr, mit
-weißem, halbkurzgeschnittenem Haar und grauem Spitzbart. Er machte
-vornehmeren Kunden die Honneurs, wer ihn aber nach einer Ware oder
-deren Preis fragte, den wies er mit einer leichten Handbewegung an
-die Bedienenden. Das war Herr Josef Marand, der Chef des Hauses. Im
-vierten Stock hatte er eine geräumige Wohnung für sich, sein kleines
-Frauchen und seinen einzigen Sohn Alfons. So lebhaft es in den unteren
-Stockwerken herging, so still war es im obersten. Der Sohn, ein
-~studiosus juris~ war selten zu Hause, und wenn doch, so war er in
-neuester Zeit schweigsam und schwermütiger Stimmung. Die Mutter suchte
-ihm seine Lieblingsspeisen aufzudrängen, durchwärmte übermäßig sein
-Zimmer, wollte mehrmals schon den Arzt rufen, denn sie war überzeugt,
-daß eine innere Krankheit in ihm nage. Sein Vater war der Meinung,
-Alfons arbeite zu wenig und der Müßiggang mache mißlaunig.
-
-Nun wurde der alte Herr selbst, obschon er stets tüchtig arbeitete,
-eines Tages in eine große Mißlaune versetzt. Kam er zum Mittagsmahl mit
-zorngeröteten Wangen, einen grauen Papierbogen in der Hand. »Da haben
-wir's!« polterte er auf seine erschrockene Frau los. »Diese Lumpen!
-Da setzen sie Kinder auf die Welt und lassen andere dafür sorgen. Sie
-können mich zwingen, sagt mein Rechtsanwalt, und ich sage, sie können
-mich +nicht+ zwingen. Geht das Bezirksgericht kurzer Hand her und
-kommandiert mich zum Vormund eines Findelkindes. Oder so etwas. Den
-Herrn Papa kennt man nicht, natürlich, und die Mutter stirbt bei der
-Geburt. Diese Gewissenlosigkeit! Und jetzt drängen sie mir den Balg
-auf, es ist ja zum Totlachen! Aber ich rekurriere! Zwingen! Ich glaube
-nicht, daß man zu so etwas gezwungen werden kann. Das ist doch eine
-Gewissenssache, und zu einer solchen kann kein Mensch gezwungen werden.
-Nein, was sie einem bei +uns+ alles aufmutzen wollen!«
-
-Seine Frau war bald beruhigt und meinte, das Unglück sei ja nicht so
-groß. Er hätte doch öfter schon Vormundstelle vertreten und wisse, daß
-außer ein bißchen Überwachung des Mündels nichts verlangt werde.
-
-»Nichts verlangt, nichts verlangt? Schon morgen bin ich zu Gericht
-beschieden zur Pflichtgelobung, um neun Uhr. Gerade diese fatale
-Stunde, wo die erste Post abzufertigen ist. Und so geht's hernach fort
-mit den Laufereien, einmal zum Gericht, dann zum Kind, dann in den
-Stadtrat, dann zum Vater --«
-
-»Aber wenn man den Vater gar nicht weiß,« lachte die kleine muntere
-Frau.
-
-»Eben, der Vormund soll ihn suchen, das gehört zu seinen ersten
-Pflichten. Und wenn man so 'nen Kerl dann noch bei den Ohren nehmen
-dürfte! Hat der Vormund Rechte? niemals, nur Pflichten -- ich pfeife
-darauf.«
-
-Alfons saß bereits bei seinem Suppenteller und löffelte tüchtig
-darauflos.
-
-»Du ißt schon wieder zu heiß, Kind!« verwies ihm die Mutter, denn er
-war rot im Gesicht bis hinter die Ohren. Während des Essens stellte er
-sich dann gelangweilt, lugte aber doch heimlich auf das Dekret, das der
-Alte neben sich auf die Kommode geworfen hatte. Der Name interessierte
-ihn ein bißchen. -- Es war richtig. Richard Fachler. Sein Vater war
-Vormund des Enkels geworden.
-
-An einem der nächsten Tage begegnete Alfons seinem Freunde Gustav
-auf der Promenade. Ganz flüchtig, denn beide gingen in Gesellschaft.
-»Zufrieden?« rief ihm der Bezirksrichter zu.
-
-Nun kam die Notwendigkeit heran, daß Marand im Findelhaus sich nach
-dem Kind erkundigte. Die Besuchsstunde traf sich gerade mit einer
-Handelskammersitzung, er hatte also nicht Zeit und schickte seine
-Frau. Die kam ganz erregt nach Hause. Ein so herziges Kind habe sie
-noch ihr Lebtag nicht gesehen. Dann begann sie, es zu beschreiben,
-während der Alte mit finsterem Gesicht den Kurszettel durchsah und
-Alfons mit der Seidenbürste seinen Zylinder glättete. So ordentlich
-hatte er den Hut noch nie gebürstet; so lange die Mutter redete stand
-er am Fenster und bürstete den Hut. Sie hatte auch die Papiere der
-Kindesmutter mitgebracht, derer bemächtigte sich sofort der Student, um
-seinem vielbeschäftigten Vater die Durchsicht zu ersparen. Außer den
-gewöhnlichen Dokumenten war ein zierliches Notizbüchlein da, das er
-unterschlug und aus dem er später ein paar Blätter entfernte.
-
-In der nächsten Woche wurde Marand -- und zwar zu sehr ungelegener
-Stunde, er hatte notwendig im Warenmagazine zu tun gehabt -- zu
-Gerichte beschieden, um seine Unterschrift zur Verfolgung und
-Habhaftmachung des Kindesvaters zu leisten. Er tat ein übriges und
-bestimmte für die Auffindung dieses »Strolches« ein Prämium von fünf
-Dukaten. Mittlerweile kündigte das Findelhaus dem Kinde den Aufenthalt,
-es sei eigentlich kein Findelkind, weil ja die Mutter bekannt war, es
-gehöre in ein Kinderasyl. Da gab es nun neuerliche Laufereien zu den
-Behörden, zu allerlei Anstalten und Persönlichkeiten und der Arzt
-verlangte, das Kind müsse eine Amme haben, es sei schwächlicher Natur
-und könne nur durch besondere Sorgfalt am Leben erhalten werden. Unter
-solchen Plagen nahm Marand eines Abends, als er mit seiner kleinen
-Familie beim Tee saß und eine vorzügliche Havanna rauchte, Anlaß, über
-die Folgen eines Fehltrittes zu sprechen und ganz ausdrücklich seinen
-Sohn davor zu warnen. »Wenn du einmal so was anstelltest, Alfons! Ich
-weiß nicht! Ich möcht's nicht erleben! Merk' dir's!« -- Darob war die
-Mutter etwas ungehalten und meinte, das sei wirklich ganz überflüssig,
-vor Alfons solche Sachen zu besprechen; wenn sie sonst keine Sorgen
-hätte; diese, daß ihr Sohn in fraglicher Beziehung etwa nicht
-musterhaft sei, wolle sie leicht ertragen. Man müsse ihn nur nicht mit
-der Nase daraufstoßen.
-
-Am nächsten Morgen, als Alfons auf die Universität ging, begegnete
-ihm auf der Treppe ein Weib vom Lande. Es hatte einen großen Handkorb
-bei sich, das runzelige Gesicht, das nur teilweise aus dem wulstigen
-Kopftuche hervorguckte, war über der Nase mit einem Leinwandpflaster
-bedeckt. Zu ihren Füßen heulte plötzlich ein braunes Dachshündchen
-auf, dem sie auf die Pfote getreten. »Luder, verdammtes!« kreischte
-die Alte und stach mit ihrem roten Regenschirm nach dem Tiere. Und
-dann erkundigte sie sich mit einer dünnen singenden Stimme, die aus
-zahnlosem Munde kam, ob in dem Hause der Kaufmann Marand wohne. Sie
-habe gehört, er sei der Vormund eines Findelkindes und da sie gerade
-beim Arzt in der Stadt zu tun gehabt habe, so wolle sie gleich ein
-kleines Kind mit nach Hause nehmen und da möchte sie halt anfragen, was
-dafür bezahlt würde.
-
-Alfons antwortete, der Mann wohne allerdings im Hause, aber er würde
-sie, wenn sie in dieser Sache vorspreche, unfehlbar über die Stiege
-herabwerfen. Darob ist die Alte umgekehrt und Alfons hat auf seinem Weg
-in die Vorlesung und während derselben den Gedanken weitergesponnen,
-wie, wenn der kleine Richard diese Hexe zur Nähr- und Pflegemutter
-bekäme?
-
-Bei einem Vorspruch im Findelhaus, um für das Kind die Bleibefrist
-zu verlängern, fand der alte Herr sich doch genötigt, sein Mündel
-anzusehen. Und als er nach Hause kam, war er unwirsch und über sein
-Journal gebeugt rief er aus: »Der arme Wurm kann ja schließlich nichts
-dafür. Es ist ein armer Wurm. Anders kann man's nicht sagen.« -- Und
-abends beim Tee lauerte er die Stimmung seines Frauchens ab. Sie hatte
-viele gute Tage und er wollte nicht gerade einen der wenigen schlechten
-erwischen.
-
-»Die Sache bin ich satt,« polterte er plötzlich hervor. »Ein Gelaufe
-hin und her, schon wochenlang. Eine Behörde schiebt's auf die andere,
-niemand will sich annehmen ums arme Wesen. Wenn ich -- wie es beinahe
-aussieht, das Findelhaus bezahlen soll und die Amme verlohnen und fürs
-weitere Fortkommen sorgen -- ja zum Satan, da ist's einfacher, man
-nimmt das Kind ins Haus -- --.«
-
-Und nun forschte er, was sie dazu für ein Gesicht zog. Sie zog aber
-gar keins, sondern behielt ihr natürliches bei, das gute freundliche,
-feinrunzlige Gesicht. Hingegen hatte Alfons, der gerade eine Zigarette
-zu drehen im Begriffe war, mit einer plumpen Armbewegung die
-Tabakschachtel über den Tischrand hinabgestoßen, nun konnte er sich den
-feinen Türkischen auf dem persischen Teppich zusammenfegen.
-
-»Im Gartenzimmer,« setzte der alte Herr bei, »würde es wenig
-genieren. Natürlich eine Amme dazu, und die Sache hat sich gehoben.
-Selbstverständlich nur für die erste Zeit, bis das Geschöpf etwas
-kräftiger ist und ohne Bedenken aufs Land gebracht werden kann.«
-
-Die Frau war über diesen Vorschlag verwundert. Instinktiv regt es eine
-Frau auf, wenn der Mann plötzlich ein fremdes Kind unsicherer Herkunft
-ins Haus nehmen will.
-
-»Was meint Ihr?« fragte er.
-
-»Mich geniert's nicht,« antwortete Alfons mit gleichgültiger Miene.
-
-Die Mutter meinte, das müßte erst gut überlegt werden. Hätte man so
-etwas einmal im Hause, dann wäre es schwer, es wieder fortzubringen.
-Es müsse extra dafür eine Magd gehalten werden und allerlei sonst.
-Die Männer hätten keine Ahnung, was das heißt, ein kleines Kind im
-Hause haben. Aber sie seien nachher doch die ersten, die sich über das
-Kindergeschrei beklagen.
-
-»Mich geniert's gar nicht,« versicherte Alfons noch einmal.
-
-»Ich glaube endlich auch dem Vater auf der Spur zu sein,« sagte der
-Alte. »Heißt das, positive Anhaltspunkte sind noch keine vorhanden,
-aber mancherlei stimmt auffallend. Ihr erinnert euch noch an den Kommis
-Steiner, den ich vor zwei Jahren entlassen mußte. Der soll in dem Hause
-des Strohhuthändlers Goll gewohnt haben. Beim Goll im Hause, dort ist
-ja auch die Kindsmutter gewesen.«
-
-Das Tabakzusammenfegen auf dem Teppich erlitt eine Unterbrechung.
-Alfons war für zwei Augenblicke erstarrt.
-
-»Der Steiner, meinst du?« fragte die Frau. »Wenn ich nicht irre, ist
-der damals ja nach Triest übersiedelt.«
-
-»Ei richtig, Frau, du hast recht. Man hörte sogar, daß er nach
-Südafrika ausgewandert sei, ich erinnere mich. Also der nicht.
-Dann ist's aber jedenfalls ein anderer. Ich werde ihm schon noch
-draufkommen.«
-
-Die Tabaksammlung ging wieder ruhig vonstatten.
-
-»Natürlich, in dieser Angelegenheit kommt's auf die Hausfrau an,« sagte
-der Kaufmann. »Wenn es dir nicht recht ist, dann nicht.«
-
-»Mein Gott, recht ist -- recht ist!« entgegnete sie gutmütig greinend.
-»Wenn ein gutes Werk geschieht, das muß einem wohl immer recht sein.«
-
-Da klatschte Alfons die Hände zusammen und rief in aller Lustigkeit
-aus: »Die Mama! Jetzt hat sie ein kleines Kind bekommen!« Und schon
-lange nicht mehr, wenn er des Abends auf sein Zimmer ging, klang's so
-warm und froh wie heute: »Gute Nacht, Vater! Gute Nacht, Mutter!«
-
- * * * * *
-
-Nun war der kleine Richard im Hause Marands. Anfangs gab es
-Unebenheiten im Haushalte. Ein Kind, und es mag noch so klein sein,
-beherrscht das Haus. Aber sie ertrugen es. Hatten sie sich's doch
-selbst eingebrockt. Der Vater hatte es im Hause haben wollen, die
-Mutter hatte ja gesagt. Alle vormundlichen Laufereien des beschäftigten
-Kaufmannes hatten ein Ende, das Gericht sagte nichts weiter, denn es
-wußte die Waise in guter Hut. Alfons war jetzt fast immer zu Hause, er
-brachte manche Stunde im Gartenzimmer zu und spielte mit dem Knaben,
-der von Woche zu Woche prächtiger gedieh und ein sehr schönes Kind war.
-Und selbst zur Zeit, wenn andere Studenten in der Kneipe saßen, blieb
-Alfons daheim und spielte mit dem Kind.
-
-Nach ein paar Jahren war der Knabe ein gesundes, kräftiges Menschlein
-geworden. Ein lieber kleiner Kerl. Das Haar war nachgedunkelt, die
-langen Augenwimpern und Brauen waren pechschwarz und die großen
-runden Augen schauten frisch und kindlich in die gute Welt hinaus,
-die liebevoll um ihn aufgerichtet worden war. Nun bekam er die erste
-Hose und das übrige dazu -- einen »Matrosenanzug« mit den flotten
-Schulterklappen und den goldenen Ankern daran, und das Käppchen, wie es
-ähnlich einst auch Alfons gehabt.
-
-Zur Zeit fiel Josef Marands sechzigster Geburtstag.
-
-Am Vorabende lud der Jubilar seine Frau und seinen Sohn zu einer
-Besprechung ein.
-
-»Ich hätte einen Wunsch,« sagte er, »aber ich fürchte, ihr werdet
-nicht damit einverstanden sein. Besonders du nicht, Alfons: Denn für
-dich bedeutet es eine Einbuße. Übrigens -- du könntest ja auch fünf
-Geschwister haben, oder acht, oder mehr. Einen Bruder verträgst du
-spielend.«
-
-Jetzt hob die Frau ihre Hand und wollte ihm den Mund zuhalten.
-
-»Lasset mich bloß ausreden,« sagte er ernsthaft. -- -- »Wenn wir den
-Richard ganz adoptieren wollten? Was denket ihr?«
-
-Nun konnte Alfons sich nicht mehr halten. Laut lachend fiel er dem
-Alten um den Hals und umarmte die Mutter und küßte sie und lachte und
-rief endlich aus: »Papa! Mama! also ihr wisset alles? Ihr wisset alles?«
-
-Sie stutzten und schauten ihn an. Nichts wußten sie. Aber als jetzt
-der kleine Richard zur Tür hereinhüpfte, im neuen Kleidchen und hell
-lachend auf Mama zu, kreischte das Kaufmannsfrauchen auf: »Marand,
-Josef! Das ist ja der Fonserl!«
-
-Da wußten sie alles.
-
-
-
-
-Der Mädeljäger.
-
-
-Am oberen Rande des Tales, wo es sich einengt in eine Felsenschlucht,
-aus der ein grünlicher Gebirgsbach hervorbraust, steht Schreckenburg.
-Es ist eigentlich keine Stadt und eigentlich kein Dorf, es ist eben
-ein »größerer Ort«. Die Einwohner treiben Gewerbe und Landwirtschaft,
-scheiden sich aber durchaus nicht etwa in Bürger und Bauern. Vater und
-Kinder, Hausherren und Knechte, Meister und Gesellen, darin liegt der
-Ständeunterschied von Schreckenburg. Wohl haben sie einen Fürsten,
-aber auch der hohe Herr ist nichts anderes als Vater. Die Herren von
-Schreckenburg sind ein altes Geschlecht, schon zur Zeit der Kreuzzüge,
-heißt es, wäre ihre Burg, deren rauchgrauer Ruinenzahn dort an der
-Felswand klebt, der Schrecken des fahrenden Volkes gewesen. Wenn man
-der Historia glauben darf, und man soll es sogar, so haben es die
-Schreckenburger seit jenen alten Zeiten verstanden, sich Achtung zu
-verschaffen in der Welt. Große Reiche sind entstanden und gestürzt
-worden, das Erzfürstentum Schreckenburg stand und blieb stehen im
-schönen Gebirgstal an der Luser. Der letzte Vorfahre des zur Zeit
-dieser Geschichte regierenden Fürsten hatte noch hundertundzehn
-Söldlinge gehabt, und ist von den Millionenheeren der Erde nicht
-angegriffen worden. Unser Fürst Othmar III. befehligt zur Zeit der
-Not ein Heer von zweiunddreißig Mann, davon vier zu Pferde! Aber die
-Zeit der Not kommt nicht, die sonst so kriegslustige Welt hält sich
-in respektvoller Entfernung vor dem Erzfürstentum Schreckenburg. Die
-Armee ist fast ständig beurlaubt bis auf sechs Mann, wovon einer den
-Nachtwächterdienst besorgt. Einmal wurde in einem Winkel dieses
-Reiches ein unpassender Witz gemacht, Othmar III. rekrutiere lieber
-Mädeln als Burschen, und den Ausspruch hat der Fürst nicht als
-Majestätsbeleidigung ahnden lassen. Die guten Leute von Schreckenburg
-lasen auch manchmal eine Zeitung, in der des Wunderbaren und Nützlichen
-viel berichtet wurde. Also erfuhren sie, daß in anderen Ländern die
-Staatsbürgersteuer eingeführt sein soll. So begab sich eines Tages eine
-Abordnung zum Fürsten und bat um die Gnade, daß auch im Erzfürstentum
-die Staatsbürgersteuer eingeführt werden möchte, maßen doch auch die
-Schreckenburger treue Staatsbürger wären und seit jeher bereit, für
-ihren durchlauchtigsten Herrn Blut und Leben zu opfern. Es fange das
-Gewerbe an, einigermaßen darniederzuliegen, weil in der Welt zu viel
-Fabriken gebaut würden, es sinke von Jahr zu Jahr der Viehpreis, weil
-jedes Land schon mehr und mehr sein eigenes Vieh hätte, kurz, es
-verschlechterten sich die Zeiten, und darum bäten sie untertänigst um
-die Einführung der Steuer. Der Fürst soll sie darauf in sehr gütiger
-Weise aufgeklärt haben, daß sich die Bittsteller in einem Irrtum
-befänden, wenn sie etwa glauben sollten, die Staatsbürgersteuer würde
-in anderen Ländern vom Fürsten geleistet an seine braven Untertanen;
-gerade das Gegenteil wäre der Fall, die Staatsbürger hätten die Steuer
-dem Fürsten und dem Staate zu leisten. Ob solcher Aufklärung waren
-die Abgeordneten sehr gedrückt, allein Othmar der Gütige legte dem
-Sprecher die Hand auf die Achsel und versicherte, für das Wohl seines
-Reiches auch fernerhin das möglichste zu tun, besonders im Straßenbau
-und in der Flußregulierung, auch trage er sich mit der Absicht, in
-Schreckenburg ein neues Universitätsgebäude errichten zu lassen.
-Darob waren die Abgeordneten sehr zufrieden, obschon sie wußten,
-daß die Universität nicht allzu ernst gemeint war. Der Fürst liebte
-es, in launigen Stunden das allerdings schon gebrechliche Volks- und
-Gewerbeschulgebäude zu Schreckenburg die Universität zu nennen. Wer
-wirklich in einer Hochschule die derbe körperliche Arbeit für eine
-spitzfindige Geistestätigkeit umtauschen wollte, der mußte ins Ausland
-gehen.
-
-Eines Brückenbaues wegen hatte der Schreckenburger nicht unbedrohlichen
-Konflikt mit einem nachbarlichen Herzog. Der hatte ein großes Reich
-und viele Mannen, war aber nicht zu bewegen, sich mitzubeteiligen am
-Bau einer Grenzbrücke über die Luser. Für das Fürstentum war diese
-Brücke schier die einzige Verbindung mit der weiten Welt. Der Herzog
-aber sagte, er habe in Schreckenburg nichts zu suchen und brauche keine
-Brücke hinüber. Das war der Kriegsfall. Othmar bot seinen Heerbann auf
-und zog auf Umwegen, da die neue Brücke eben noch nicht gebaut war, gen
-die herzogliche Residenz, um sie zu belagern. Als die zweiunddreißig
-Mann mit ihren Spießen sich dräuend vor dem Tore aufgestellt hatten,
-schickte der Herzog einen Gesandten herab. Das war ein Edelknabe, und
-der lud im Namen seines Herrn den Feind samt und sonders auf einen
-Löffel Suppe ein. Durch das geöffnete Tor konnte man in das Innere des
-großen Platzes schauen, der mit wohlausgerüsteten Kriegern versehen
-war, an der Zahl vielfach den Belagerern überlegen und versorgt mit
-allen schrecklichen Pulverwaffen der Neuzeit. Fürst Othmar soll
-hieraus »Kehrt euch!« kommandiert haben und an der Spitze seiner
-Armee friedlich heimwärts gezogen sein. Aus Anlaß dieses glücklichen
-Feldzuges, aus welchem alle Mann frisch und munter heimgekehrt waren,
-haben die dankbaren Schreckenburger ihrem klugen Feldherrn ein Denkmal
-aus Erz errichtet. Es ragt mitten auf dem Marktplatz empor und zeigt
-den Fürsten auf dem Pferde, angetan mit allem Ehrenschmucke seiner
-Erzherrlichkeit, in welcher der schlichte Herr sonst gar nicht mehr zu
-sehen war.
-
-Othmar der Gütige war in seiner Jugend viel auf Reisen gewesen, in
-allen Weltteilen, und stets bei Königen und Kaisern zu Tische geladen,
-was die Schreckenburger mit besonderem Stolze erfüllte. Auch ging
-im Reiche die erhebende Mär um, daß der durchlauchtigste Herr von
-Schreckenburg mit allen Potentaten der Welt brüderlich auf du und du
-stehe.
-
-Um so einfacher gab der Fürst sich zu Hause.
-
-Sein Schloß, welches außerhalb des Ortes auf einer Anhöhe stand, hätte
-jeder Fremde für ein stattliches Gutsgehöfte gehalten, wenn nicht
-über dem Tore das Wappen der Schreckenburger, ein dreiköpfiger Adler,
-angebracht gewesen wäre. Es war teils aus Stein, teils aus Holz gebaut,
-hatte einen halb um das Gebäude herumlaufenden Söller, helle viereckige
-Fenster, etwa dreißig an der Zahl, und über dem flachen Schindeldach
-ein zierliches Türmchen für ein Glöcklein, das den Nimbus einer
-Sturmglocke trug, tatsächlich aber nur zu den Tageszeiten geläutet
-wurde. Ein Gehöfte mit Viehstand und Scheunen lag hinter dem Wohnhause
-in behäbiger Breite da, belebt mit zahlreichem regsamen Gesinde.
-
-Der Haushalt des Fürsten war der eines wohlhabenden Gutsbesitzers und
-bestand aus sieben Personen, den Hausknecht mit eingerechnet, der, wenn
-es Gäste gab, im verbrämten Wolfspelz mit Stab und Reichsapfel am Tore
-zu stehen hatte.
-
-Der Fürst war ein Mann in jenen Jahren, da das Haupthaar voran zu
-schüttern und hinten zu grauen beginnt. Er war stets glatt rasiert
-und trug eine goldene Brille. Er ging in grauem oder, wenn es Sonntag
-war, in schwarzem Tuchanzuge herum und war mit Ausnahme des Propstes
-und des Reichshauptmannes der einzige im Reiche, der gewichste Stiefel
-trug. Wenn er zu Fuß durch das Fürstentum wandelte, lief alles, jung
-und alt, auf ihn zu und küßte ihm die Hand. Wenn er zu Pferde langsam
-dahintrabte, da wurden die Gesichter der guten Schreckenburger ganz
-leuchtend vor Stolz, denn jetzt war er der, so auf dem Marktplatze
-stand in Erz für alle Zeiten. In Wahrheit schaute der Fürst aber auf
-dem Pferde aus wie ein freundlicher Landarzt, der zu einem Kranken
-reitet. Beweibet war Erzfürst Othmar III. nicht, noch immer nicht,
-obwohl er gegen Frauen, und selbst wenn sie dem kleinen Gewerbestand
-angehörten, eine gewisse ritterliche Ehrerbietigkeit beobachtete.
-Die Ehrerbietigkeit ließen sich die Eheherren und Liebhaber der
-Schreckenburger Schönen noch leidlich gefallen, wenn der Fürst aber
-artig wurde und den Weibchen die Wange kneipte, da empfanden sie so
-etwas wie die Jakobiner zu Paris vor hundert Jahren. Doch muß gesagt
-werden, daß der Fürst es sich stets angelegen sein ließ, seinen
-Untertanen ein würdiges Vorbild von Rechtschaffenheit abzugeben. Für
-einen Seelenkenner wäre es vielleicht nicht unschwer zu merken gewesen,
-daß Fürst Othmar die Vereinsamung bereits zu fühlen begann. Nicht
-so sehr die Vereinsamung auf dem Throne, denn die ist der Gekrönte
-gewohnt, als vielmehr die Vereinsamung im Gemache und des nahenden
-Alters.
-
-Eines Tages war er unten im Tale in ein altes Bauernhaus getreten, um
-mit dem Nachbar eine wirtschaftliche Angelegenheit zu besprechen. Da
-fielen ihm die stattlichen Kästen und Truhen auf, die in der Stube
-standen. Sie gefielen ihm, sie würden seinem Hause, das seit den
-zerstörenden Bauernkriegen nicht an Überfülle von Prunkgegenständen
-litt, ein freundlicher Schmuck sein. Er fragte den Bauern, ob er ihm
-diese schöngebauten, festgefügten und kunstvoll geschnitzten Kästen
-nicht verkaufen wolle?
-
-»Ah nein, gnädiger Herr,« antwortete der alte Landmann, »die Kästen da
-geben wir nicht her, sie sollen schon im Haus bleiben für unsere Kinder
-und Kindeskinder.«
-
-»Diese können sich ja wieder welche machen lassen,« meinte der Fürst.
-
-Der Bauer schüttelte den Kopf, das würde nicht gut gehen. Die jungen
-Zimmerleute nennten sich zwar jetzt fürnehm Meistertischler, brächten
-so was aber nicht mehr zuwege; sie hätten keine Geduld dazu und auch
-nicht den Schick. Bei denen müsse ein Kasten in acht Tagen fertig sein,
-gleich aus jungem Holz, wie es der Förster vom Wald verkauft. »Nachher
-kreistet's und kracht's, nach einem Jahr kann man die Finger in die
-Fugen und Sprünge stecken, die Kastenwand kriegt einen Buckel wie das
-Kameltier oder eine Mulde wie die Fleischhackerschüssel. Ah nein, die
-alten Kästen geben wir nicht her.«
-
-Der Fürst hat auf solchen Bescheid seines Untertans zu Boden gestarrt
-und vielleicht sogar mit einer gewissen Wehmut der guten alten Zeit
-gedacht, da man so schöne Tischlerarbeit machte, und da man solch
-schöne Tischlerarbeit den Untertanen gelassen wegnehmen konnte.
-
-Als hierauf die Hausmutter in die Stube trat, um mit Weißbrot und
-gelber Butter den Landesvater zu ehren, sagte zu ihr der Bauer: »Das
-ist mir rechtschaffen zuwider, Brigitta. Unser Herr hat Gefallen an
-diesen Kästen, und wir mögen sie nicht weggeben.«
-
-Die Hausmutter sprach: »Da wird leicht geholfen sein. Diese Kästen
-hat der Zimmermann Reimar gemacht vor dreißig Jahren, wie wir zusammen
-geheiratet haben, und der Reimar lebt noch. -- Gnädiger Herr, bitt' gar
-schön, ein Stückel Brot und ein Batzel Butter nicht zu verschmähen.«
-
-Der Fürst setzte sich an den Tisch und griff zu. Dieweilen wurde nach
-dem Zimmermann Reimar geschickt. Der hatte einen krummen Fuß, kam am
-Abend in den Fürstenhof und blieb dort. Er ist dort geblieben etliche
-Jahre lang. Er hat zeitweilig einen Gesellen mitbeschäftigt, die
-längste Weile aber allein gearbeitet, er hat dem Landesfürsten das
-Haus eingerichtet. Die drei großen Stuben waren schon von alters her
-mit gutem Holz und schlichtem Schnitzwerk ausgetäfelt und geziert,
-so wollte der Fürst noch ein Nebengemach traulich einrichten lassen
-mit Täfelung, Truhen und Kästen und einem geräumigen Himmelbette.
-Da hatte also der alte Reimar zu schaffen. Er ließ sich gute Weile
-dabei und baute. Er baute ein Wandgesimse, eine Gerätetruhe, zwei
-breite Gewandkästen, eine Ofenbank, einen Uhrkasten und endlich das
-stattliche Himmelbett mit dem Hute darüber, dessen jede Ecke versehen
-wurde mit dem Ornamente des dreiköpfigen Adlers. Er arbeitete ohne
-Vorbild und Pläne, die Zeichnungen machte er gleich mit Zimmerfarbe und
-Reißblei aufs Bau- oder Schnitzholz. Und dieses Holz war an zwanzig
-Jahre unter dem Dachvorsprung einer Scheune, hoch an der luftigen Wand
-gelegen, um gehörig austrocknen zu können. Der alte Reimar hatte ein
-Sprichwort: Der Bräutigam soll seine Braut und der Zimmermann sein
-Holz sieben Jahre lang kennen, bevor er anhebt. An grünem Holz tat er
-nicht einen Handgriff. Mit dem Hammer schlug er an den Block: Klingt's
-gut, so wollen wir in Gottes Namen anfangen! Die größte Stube des
-Hauses hatte er sich zur Werkstatt erkoren, da hobelte er, schnitt
-und schnitzte. Häufig saß der Fürst da und schaute dem weißhaarigen
-Meister in Hemdärmeln und mit dem Lederschurz bei der Arbeit zu. Die
-ging wie ein langsames Uhrwerk, aber jeder Handgriff hatte einen Zweck
-und eine Folge. Dabei war der Mann so behaglich und heiter, sagte
-manchmal ein spaßhaftes Wort, während sein altes Auge an der Arbeit
-haftete. Dem Fürsten tat der Anblick wohl, wie da ein kleiner Mann aus
-dem Volke seine Seele gleichsam in ein Kunstwerk umgestaltete, in dem
-sie fortleben wird, vielleicht länger als die Geschlechter, die an dem
-Werke mit Bewunderung und Liebe vorübergehen. Mehrmals geschah es,
-daß der Fürst sich sogar an den Tisch setzte, wo der Reimar sein Mahl
-einnahm. Denn mit dem Gesinde aß nur der Geselle, der Meister zog es
-vor, allein zu sein und machte auch mit dem Herrn nicht allzu viele
-Höflichkeiten. Wenn der Fürst das Butzenscheibenfenster des Erkers
-öffnete, so überblickte er sein Reich; der Zimmermann hätte das von
-sich nicht sagen können, er hatte sein Lebtag auch in anderen Tälern,
-selbst drüben im Herzogtume Häuser gebaut. Fürsten +kann+ es geben,
-Zimmerleute +muß+ es geben. Also fühlte er sich in dieser Burg nicht
-besonders untertänig.
-
-Eines Tages kam der Fischerjunge Winard ins Haus und brachte auf dem
-Rücken eine Fischlagel mit, in der Wasser schwupperte. Er grüßte in der
-Stube ehrerbietig den Meister Reimar und fragte dem gnädigen Herrn nach.
-
-Der alte Diener war vorhanden und berichtete, Seine Durchlaucht könnten
-jetzt nicht gestört werden, sie wären just beim Regieren.
-
-»Wenn's nichts anders ist, so soll er nur herauskommen,« sagte der
-kühnliche Bursche, »ich muß wissen, ob der gnädige Herr die Forellen
-selber haben will, oder ob ich damit um ein Häusel weiter gehen soll.
-Heute ist Freitag, und morgen bringe ich sie nicht mehr an.«
-
-Der Diener ging hinein, um das zu melden, da entschuldigte sich
-der Fürst artig vor seinem Ministerium, das aus dem Propste, dem
-Kreishauptmanne und dem Meister Grobschmied bestand, ging hinaus und
-ließ sich die Fische zeigen. Es waren stattliche Tiere und glitten
-munter in ihrem nassen Gemach auf und nieder.
-
-»Sind sie nicht zu jung?«
-
-»Ich bin zwanzig, gnädiger Herr,« antwortete der hübsche Bursche.
-
-»Die Forellen meine ich.«
-
-»Ah so. Na, die werden nicht mehr besser.«
-
-»Gut, lasse sie da.«
-
-Am Abend desselben Tages war kein Gast vorhanden, und der Erzfürst saß
-bei den blaugesottenen Forellen allein. Er rief den Zimmermann, ob er
-Forellen liebe?
-
-Aber der Meister lag schon in seinem Bett und seufzte. In letzter
-Zeit litt er an der Gicht. So saß Seine Durchlaucht einsam da. Der
-Kammerdiener war brummig. Wenn die Tiere wenigstens lebendig gewesen
-wären. Aber sie lagen feierlich auf dem Silberteller, sie waren so
-sinnig mit einem grünen Kranz von Krautwerk umgeben, wie sich selbst
-ein Erzfürst keine schönere Aufbahrung wünschen könnte. -- Der Fürst
-fand am Essen kein Vergnügen, er stand vom Tische auf, faßte den
-silbernen Armleuchter und stellte sich damit vor den Spiegel. Seit
-einiger Zeit hatte er sich den Schnurrbart wachsen lassen, der war
-durchaus noch nicht grau, sondern hübsch nußbraun, wie der Meister
-Reimar die Kästen streicht. Aber was anfangen? In der Jugend hatte er
-wohl gelernt, wie man Weiber gewinnt, doch wie man um ein Weib freit,
-das schien ihm eine verdammt heikle Aufgabe. In solchem Falle kann
-der Herrscher nicht einmal seine Geheimräte zu Rate ziehen. Das kommt
-nun davon, daß er mit den Nachbarspotentaten den Verkehr so völlig
-vernachlässigt hat. Übrigens hatte der Fürst auf seinen Weltreisen
-Reiche kennen gelernt, deren mächtige Herrscher sich in der Wahl einer
-Ehefrau durchaus nicht einschränken lassen. Bei uns ist dem Prinzen
-eine Prinzessin vorgeschrieben. Zwei Gekrönte auf +einem+ Thron, ist
-das aristokratisch?
-
-Am nächsten Tage trat der Fürst gelegentlich in die Tischlerwerkstatt,
-um der Arbeit des Alten zuzusehen, der nur das Zimmerhandwerk gelernt
-hatte und nun die edelsten Tischlerarbeiten schuf. Meister Reimar lag
-aber im Bette, und ein Mädchen war da, das ihn pflegte. Das machte sich
-gar nichts draus, als der gnädige Herr eintrat, sondern beschäftigte
-sich eifrig damit, dem Alten warme Tücher um die Beine zu winden und
-ihm die Kissen zurecht zu legen. Dieses Mädchen hatte ein Haar wie
-Seide. Wie Naturseide, so lichtgelb und zart. Das waren gar keine
-Haarfäden mehr, das war purer Flaum; so wallte es hinter den rundlichen
-Achseln hinab, und in der Mitte war es lose zusammengehalten mit
-einem blauen Bändchen. Der Fürst ging hinaus in seinen Tiergarten,
-dort hatte er etliche Hirsche und Rehe drinnen und in einem hohen
-Drahtgeflechte zwei Fasanen. Die Hirsche waren noch nicht zahm, flohen
-mit hochgetragenem Gestämme ins Dickicht. Ein klaräugiges Rehlein blieb
-vor dem hohen Besuche stehen, ohne irgendein Zeichen von Angst oder
-Ehrfurcht. Der Fürst legte gesalzenes Brot in die hohle Hand und hielt
-es ihm vor. Das Reh schnupperte hin, fraß es aber nicht. Da trat ein
-junger Mensch hinzu und sagte: »Wetten wir was, gnädiger Herr, von mir
-nimmt es das Brot!«
-
-»Kümmere dich um deine Forellen!« sprach der Herr und wandte sich ab,
-denn der dreiste Ton des Burschen war ihm zuwider. Diesen Fischerjungen
-muß man unter die Soldaten stecken, daß er Manier lerne. --
-
-»Na, Alter, klappt's heute mit den Beinen?« fragte Seine Durchlaucht an
-einem nächsten Tage, als Meister Reimar wieder bei der Arbeit war.
-
-»Schön Dank, gnädiger Herr, es tut's wieder.«
-
-»Das Alter zwickt wohl schon ein bißchen?«
-
-»Ah, des Alters wegen möcht's schon noch passieren.«
-
-»Wie alt seid Ihr denn, Reimar?«
-
-»Zu Martini achtundsiebzig.«
-
-»Allen Respekt. Ich meine für das, was Ihr noch leistet.«
-
-»Solang' mich die Augen nicht verlassen ...«
-
-»Saget, Meister, wer war denn das junge Frauenzimmer, das Euch so
-sorgfältig gepflegt hat vor etlichen Tagen?«
-
-»Die Hedwig meinen der gnädige Herr. Muß wohl recht um Verzeihung
-bitten. Mir hätte schon auch im Haus keine Wartung gefehlt, aber wenn
-ein Kind einem zugeht, das kann man nicht wehren, muß einen noch
-freuen.«
-
-»Es war doch kein Kind mehr,« sagte der Fürst. »Mag wohl schon an
-siebzehnmal über Silvester gesprungen sein.«
-
-»Es ist so, gnädiger Herr, meine Enkelin lauft schon im achtzehnten um.«
-
-»Euere Enkelin? Sagtet Ihr nicht letzthin, daß Ihr ein alter
-Junggeselle wäret?« fragte der Fürst.
-
-»Wie man halt eben so sagt,« antwortete der Zimmermann, »ist nur damit
-gemeint, daß ich nie verheiratet gewesen bin.«
-
-»Und eine Enkelin, sagt Ihr?«
-
-»Ja mein!« rief der Alte aus, dieweilen er mit dem Reifmesser an einem
-dreiköpfigen Adler herumschnitzte, »in dieser Sache hat sich der Mensch
-nicht zu beklagen, da ist alleweil Segen Gottes genug vorhanden.«
-
-»Ist sie ein Tochterkind?«
-
-»Ein Sohnkind, gnädiger Herr. Aber ehelicherweis. Mein Sohn ist braver
-gewesen wie ich.«
-
-Der Fürst wandelte hernach in der Pappelallee auf und ab, die Hände
-am Rücken, das Haupt gesenkt. Seine verflogene Jugend hatte ihm kein
-solches Glück aufbewahrt. Wenn er einmal an der Gicht darniederliegt,
-wird ihm keine Enkelin warme Tücher um die Beine winden.
-
-Von dieser Zeit an forschte Othmar III., wann der Zimmermann Reimar
-denn wieder einmal an der Gicht darniederliegen würde. Der ließ darauf
-warten. Hingegen kam eine sehr schöne Fronleichnamsprozession. An
-diesem Tage pflegte zu Schreckenburg aller Pomp entfaltet zu werden,
-den der Ort aufbrachte. In früherer Zeit war auch der Hofstaat
-ausgerückt, der Erzfürst in seiner vollsten Würde, Prinzen und
-Prinzessinnen, Edelknaben und Zofen, da strahlten an den Mänteln
-und Roben die Goldspangen, an den Diademen die Diamanten. Das war
-längst nicht mehr. Zur Zeit des schlichten Volksfürsten Othmar III.
-gab es derlei nicht zu sehen. In seinem schwarzen bürgerlichen
-Gewande, begleitet von den Spitzen der Behörden, ging er hinter dem
-Baldachin einher, sein entblößtes Haupt blinkte diesmal in der Sonne
-silberiger als je. Seine Andacht war an diesem Fronleichnamsfeste
-keine gewöhnliche. Vor der Priesterschaft wallten in langen weißen
-Gewändern vier Kranzjungfrauen dahin, die auf rotseidenen Kissen die
-Marterwerkzeuge Christi trugen. Diese Jungfrauen waren alle schön und
-blühend wie der Mai, aber eine davon war anders als die übrigen. Sie
-überragte die anderen um eine halbe Kopflänge, ihr Haar wallte wie
-eine lichte Seidenwelle über den Nacken hinab. Ihre Wangen waren wie
-die Blüte des Apfelbaums, ihr Haupt senkte sie nicht, wie die drei
-Genossinnen taten, zu Boden, aufrecht trug sie es, und ihr großes
-Auge mit dem feuchten Glanze schaute vor sich hin gegen die Berge,
-auf welchen der Himmel ruhte. Würdevoll wie eine Königin. Sie trug
-auf ihrem Kissen die Dornenkrone des Heilandes. Das ist die Krone des
-Volkes. Hat der Erzfürst eine bessere?
-
-»Das Adlerschnitzen geht Euch gut von der Hand,« sagte am nächsten Tage
-der Fürst zum Zimmermann. Dieser hatte gerade wieder den dreiköpfigen
-in der Arbeit für das Himmelbett.
-
-»Na, wohl doch nicht, gnädiger Herr. Das ist ein vertracktes Vieh. Da
-könnt's wohl auch passieren, daß man das Tier gar nicht erkennt, wie es
-dem alten Herzog drüben ergangen ist mit seinem zweiköpfigen. Dem hat
-sein Jäger einmal vom Hochgebirg einen Adler heimgebracht. So, das soll
-ein Adler sein? ruft der Herzog dem Jäger zu, du mit deinem Jägerlatein
-bleibe mir vom Leib! Glaubst du, ich kenne den Adler nicht? Ein Adler
-hat +zwei+ Köpfe.«
-
-»Und unserer hat drei,« lachte der Fürst, belustigt von dem
-Spottgeschichtchen, das man über seinen Nachbar erzählte. Dann sprang
-er über: »Was meint Ihr, Meister, sollten die hohen Herrschaften aus
-ihren Wappen nicht einmal das Tier herausnehmen und den Menschen
-hineingeben?«
-
-»Oho, den brächte unsereiner noch weniger zuweg. Der Mensch, heißt es,
-soll in der Kunst das allerschwerste sein.«
-
-»Es müßte ja gerade kein geschnitzter sein? Vielmehr ein lebendiger,
-wie ihn Gott erschaffen hat! Was meint Ihr dazu?«
-
-»He he,« lachte der Alte, wie auf einen Spaß.
-
-Der Fürst rückte dem Zimmermann näher und setzte sich auf das
-Hinterteil der Schnitzbank. Plötzlich sagte er: »Meister Reimar, machet
-Feierabend für heute. Wir wollen einmal eins plaudern mitsammen.«
-
-Der Alte hing das Schnitzmesser an die Wand, befreite das dreiköpfige
-Ungeheuer aus der Zwänge und dachte: Wohl eine rechte Freud', so was.
-Wie unser gnädiger Herr gemein ist! In seiner Weise wollte er damit der
-Leutseligkeit des Fürsten ein Lob zudenken.
-
-»Wird Euch Eure Enkelin nicht bald wieder einmal besuchen? Wo wohnt sie
-denn? Nehmet sie doch ganz zu Euch, Vater Reimar, in diesem Hause ist
-Platz genug.«
-
-Der Antrag rührte den Alten fast zu Tränen.
-
-Eine Woche später war der Fürst bereits in der Lage, heimlich seine
-Studien zu machen an dem schönen heiteren Mädchen, das in dem Schlosse
-herumwirtschaftete, so geschickt, harmlos und fein, als wäre es darin
-geboren worden. Nach wenigen Tagen beherrschte es in Form einer
-fröhlichen Dienstfertigkeit die Beschließerin und die alte Kochfrau,
-ohne daß diese es merkten. Sie war die Unbefangenheit selber, auch dem
-Fürsten gegenüber. Dieser ging scharf drein, denn viel überflüssige
-Zeit war nicht mehr vorhanden. Eines Tages befahl er, das Frühstück
-solle ihm die Hedwig auf das Zimmer bringen. Und diese lud er ein:
-»Willst du nicht auch eine Tasse mit mir trinken?«
-
-»O Gott!« lachte das Mädel auf, »wann hab' ich heut' schon
-gefrühstückt! Das ist schon lang geschehen.«
-
-»So bist du am Ende wieder hungerig?«
-
-»Das tät' sich doch nicht schicken,« antwortete sie. »Wenn dem
-gnädigen Herrn schon allein die Zeit lang wird beim Frühstück, so
-soll er halt eine gnädige Frau dazu nehmen.« Das sagte sie munter und
-harmlos hin. Der Fürst aber stand auf und trat rasch auf sie zu. So
-rasch, daß sie erschrocken einen Schritt zurückwich. »Hedwig!« sagte er
-leise, und sonst nichts -- kein Wort. Sie verließ schnell das Zimmer.
-
-Der Kammerdiener des Fürsten bat noch an demselben Tage um seinen
-Abschied. Wenn ihm gar schon eine Bauerndrulle vorgezogen werde zur
-Bedienung! Man hätte es ihm gar so deutlich nicht zu machen gebraucht,
-auch etwas weniger deutlich hätte er verstanden, daß er überflüssig
-geworden sei ... Laut grölend wandte er sich gegen die Wand.
-
-»Franz,« sprach der Fürst zu ihm mit gütiger Stimme, »Franz, du bist
-ein altes Schaf.« Das alte Schaf hat den Abschied nicht erhalten. --
-
-»Herr Reimar! Herr Hoftischlermeister!« rief es eines Tages hinter
-ihm, als der Zimmermann zur Dämmerstunde durch den ruhsamen Park ging
-und sein Abendgebet verrichtete. Und als er sich umwandte, sah er, wie
-ein junger Mann auf ihn zueilte. Es war aber der Fürst, der so flinke
-Schritte machte und so frisch aufgelegt war.
-
-»Herr Tischlermeister!« fuhr der nahekommende Herr fort, »wollt Ihr ein
-schönes Märchen hören? Es ist sehr alt, vielleicht kennt Ihr es schon
-von der Mutter her.«
-
-Der Zimmermann blieb ehrerbietig stehen und horchte.
-
-»Es war einmal ein König,« begann der Fürst, den Alten am Arm nehmend
-und mit ihm zwischen den Ahornen dahinschreitend, »dieser König war
-sehr mächtig und hatte viele Städte voll von Untertanen. Er aber wohnte
-in einem großen Schlosse und war einsam. Wisset Ihr, was das ist:
-Einsamkeit?«
-
-»Ich kann mir's denken,« sagte der Zimmermann, »das ist Langeweile. Ich
-hab' sie weiter nie gehabt.«
-
-»Aber der König hat sie gehabt, Reimar! Als er jedoch ans Freien
-dachte, da fiel ihm das Rätsel ein. Kennt Ihr es? Was ist das, Meister:
-Gott sieht's nie, der König selten, der Bauer alle Tag?«
-
-»Hoho, das wird wohl seinesgleichen sein!« entgegnete der Zimmermann.
-
-»Seinesgleichen, gut. Also sah der König sehr selten seinesgleichen
-und unter den wenigen Prinzessinnen gefiel ihm keine. Er trug sich in
-ganz eigentümlichen Meinungen über das Weib. Er wollte eine Besondere
-haben. Die Richtige ist nicht gleich die Erstbeste von seinesgleichen.
-Er wollte eine große Auswahl haben, um seine Einzige sicher zu finden.
-Er dachte an denjenigen, der seinesgleichen alle Tage sieht.«
-
-»So hätte er sich ein feines Bauernmädel aussuchen sollen,« meinte der
-Zimmermann.
-
-Der Fürst blieb plötzlich stehen, kneipte den Alten am Arm und sagte:
-»Das hat er getan.«
-
-Der Zimmermann zog's ins Bedenkliche und sprach: »Wenn das Bauernmädel
-klug ist? Ich wollt' mich doch erst besinnen, ob ich einem König die
-Hand geben möchte.«
-
-»Wisset Ihr,« sagte der Fürst, »der Mensch hat zwei Hände. Auch der
-König. Geht eine Verbindung zur rechten Hand nicht, so geht sie
-vielleicht zur linken. Meinet Ihr nicht auch so?«
-
-»Hab' es wohl einmal gehört,« meinte nun der Alte. »Zur linken Hand.
-Verstehe aber den Unterschied nicht.«
-
-»Ich auch nicht, Meister. Aber wir drehen uns um die Sonne und wissen
-nicht warum. So drehen wir uns um Sitten, für den einen haben sie Sinn,
-für den anderen nicht. Tatsache ist, daß der Fürst ein Kind aus dem
-Volke freien will ...«
-
-Der Zimmermann schwieg. Es wurde ihm unheimlich. -- Diese hohen Herren!
-Sie mögen sonst noch so brav sein, in dem einen Punkt denken sie
-leichter, als andere Leute! -- An seine Hedwig dachte der Alte, da
-wurde ihm heiß in der Brust. Am Ende ist's doch gefehlt, daß sie im
-Schlosse wohnt. Sie ist ein heiteres dummes Ding und weiß nichts. Man
-muß sie heim zum Vater schicken. --
-
-Der Fürst nahm sich jeden Morgen vor, an diesem Tage mit Hedwig ein
-entscheidendes Wort zu sprechen. Aber zum Teufel, das war schwerer,
-als er es sich gedacht hatte. Auf dem Wege des Scherzes hatte er's
-schon versucht, dabei kam er nicht weit, das Mädel wußte sehr klug zu
-parieren. Ob sie nicht eine Erzfürstin sein möchte? war eines Tages,
-als sie mit dem Wedel die Ahnenbilder abstaubte, seine Frage.
-
-»Das wär' mir nicht zuwider,« antwortete sie, »da wollt' ich mir
-gleich einen schönen Erzfürsten nehmen.« Dabei versetzte sie einem
-graubärtigen Ahnen mit dem Wedel eins ins Gesicht. -- Und der hohe Herr
-verschob es klüglich, mit ihr zu sprechen. Eines Morgens war sie fort.
-Sie hätte heim müssen ins Elternhäuschen, um die Ziegen auf die Weide
-zu führen. Die Ziegen!
-
-Mit finsterer Stirn trat der Fürst in die Werkstatt. Der alte Reimar
-war just daran, das Himmelbett zu streichen.
-
-»Wieder braun und wieder braun!« rief der Fürst. »Muß denn alles dunkel
-sein? Das Bett will ich blau haben, himmelblau. Warum fragt Ihr mich
-nicht, wie ich's haben will, wenn Euch der gute Geschmack fehlt? Oder
-traut Ihr dem meinen nicht? Mißtrauen! Ich glaube fast, man mißtraut
-mir. Das möchte ich erst sehen, nach wessen Willen es zu gehen hat in
-meinem Hause, in meinem Staate!«
-
-Verblüfft schaute der Zimmermann drein, dann antwortete er: »Nach dem
-meinen nicht. Ich hab's auch nur aus Gefälligkeit getan.« Legte den
-Pinsel weg und packte sein Werkzeug zusammen. -- An der einen Seite ist
-das Himmelbett braun gestrichen, an der anderen Seite lacht uns noch
-heute das nackte Holz an, erzählend vom beleidigten Handwerksmann, der
-dem Fürsten plötzlich die Arbeit aufgesagt hat. Und da soll noch einer
-behaupten, dieses Schreckenburg wäre kein moderner Staat!
-
-Dem Erzfürsten tat es heimlich weh, den Meister beleidigt zu haben,
-aber er holte ihn nicht zurück. Ein Fürstenwort ist nicht von heut'
-auf morgen. Doch ging er von dieser Zeit an häufiger auf die Jagd. Er
-ging über die Felder des Landmannes und schoß Haselhühner, er ging
-an den Fluß und fischte Forellen, er ging auf den Almweiden hin, wo
-die Rinderhirten und Ziegenhirtinnen sind, und schoß nichts. Da war
-es einmal am Wasser, daß der Fischerjunge Winard, der ihm die Lagel
-nachtrug, seine Schafpelzmütze abzog, die der Bursche auch im Sommer
-trug und jetzt zwischen den Händen knüllte, und daß er gar untertänig
-zum Fürsten die Worte sprach: »Gnädigster Herr! Ich bitt' schön, ich
-hätt' halt schon lang ein Anliegen!«
-
-»Was ist's, mein Sohn, was fehlt dir?« munterte ihn der Fürst
-freundlich auf. Er war ja selber kein Freund von Förmlichkeiten, und
-es war wahrlich nicht das erste Mal, daß er seinen Untertanen, wie er
-sie immer noch zu nennen pflegte, unter Gottes freiem Himmel Audienz
-erteilte.
-
-»Getrau' mir's halt frei nicht zu sagen. Es ist was recht Wichtiges
-...« So stotterte der Bursche.
-
-»Du weißt, was in meiner Macht steht ...«
-
-»In -- des gnädigen Herrn Macht tät's wohl stehen.«
-
-Jetzt blickte ihn der Fürst prüfend an. Er kannte den hübschen und
-klugen Jungen schon seit länger. Manchmal auch war er ihm schon zu keck
-gewesen. »Ist dir etwa deine Stelle nicht mehr gut genug? Ist dir der
-Sold zu gering?«
-
-Der Bursche wurde tiefrot im Gesicht und murmelte kaum verständlich:
-»So bin ich nicht, daß ich Geldes wegen meinen Herrn auf der freien
-Weide anginge ...«
-
-»Dann ist's ...« der Herr griff ihm ans Kinn und hob ihm das Haupt:
-»Schaue mich an, Knabe! Ist's die Liebe?«
-
-Neigte der Junge heftig den Kopf: Ja, das wär's, die Liebe.
-
-»Und dein Schatz will dich nicht? Ja, siehst du, das geht manchem so.«
-
-»Wollen tät' sie mich sonst schon,« gestand der Bursche, »aber 's hat
-ihr wer was in den Kopf gesetzt. Sie kunnt eine bessere Partie machen,
-sagt sie.«
-
-»Ich will dir etwas sagen, Junge. Den Nebenbuhler mußt du ausstechen.«
-
-Halb abgewendet antwortete der Bursche: »Er ist halt viel stärker als
-ich. Zwar das nicht, stärker nicht -- aber angesehener.«
-
-»Wohl ein Bauer?«
-
-»Das nicht.«
-
-»Gar ein Bürger?«
-
-»Wohl ein wenig mehr.«
-
-»Was tausend! Ein Gutsbesitzer?«
-
-»Und noch etwas dazu, gnädigster Herr.«
-
-»Zum Rätselraten sind wir beide nicht beisammen, mein Junge!« sagte der
-Fürst etwas ernster.
-
-»Ich glaub's auch gar nicht,« sprach der Bursche dreister. »Es geht nur
-so ein Gerede. Und die Leut' sind ganz wild darüber. Sie sagen, dafür
-tät' ein braves Bauernmadel zu gut sein. Aber die Weibsbilder setzen
-sich's gleich in den Kopf und glauben die größte Dummheit. -- Der
-gnädigste Herr wollt' sie haben, sagen sie ...«
-
-Das war jetzt für den Erzfürsten keine Kleinigkeit. In solcher Lage war
-er nie gewesen und von seinen Berufsgenossen auch kaum jemals einer.
-Darauf ist keine Hofetikette eingerichtet. In zorniger Erregung wählte
-er den kürzesten Weg und sprach sehr langsam und nachdrücklich: »Was
-sagst du? Diese Dreistigkeit geht doch über alle Begriffe! Ich rate dir
-...!« Mit dem Finger wies er in die Ferne.
-
-Jetzt ereignete es sich aber, daß der Bursche kerzengerade vor ihm
-stehen blieb, daß er mit den blonden Wimpern zuckte und trutzig das
-Wort sagte: »So ist es doch wahr ...«
-
-Der Fürst ging mit raschen Schritten dahin, der Bursche eilte ihm nach,
-glühend und bebend vor Aufregung rief er gellend: »Nachher setzt's
-was, gnädiger Herr! Die Hedwig laß ich nimmer, und wenn's meinen Kopf
-kostet.«
-
-Der Herr wandte sich noch einmal um und schaute sich das im
-Liebeswahnsinn brennende Menschenkind an.
-
-»Wer mir das Mädel untreu macht,« rief der Bursch, die Fäuste ballte
-er, »da setzt's was! Ich bin auch nicht allein. Ich hab' Kameraden!«
-
-Warf die Fischlagel zu Boden und sprang durch das Strauchwerk davon.
-
--- Erzfürst Othmar! Klang das nicht wie eine Kriegserklärung?
-
-Noch an demselben Tage, als die unerhörte Drohung gefallen war unten
-am Wasser, beschied der Fürst den Forst-, Jagd- und Fischermeister
-Jonathan zu sich und sprach mit diesem seinem Agrikulturminister
-längere Zeit. Er befragte ihn über die allgemeine Aufführung des
-Fischerjungen Winard.
-
-»Keine Klage,« antwortete der Forstmeister. »Soweit brav, aber ein
-Hitzkopf. Vor etlichen Wochen drei Tage lang im Kotter gebrummt.
-Raufhändel, Liebesgeschichten.«
-
-»Man nehme ihn zu den Soldaten.«
-
-»Schwerer Ersatz, gnädiger Herr!«
-
-»Man nehme ihn zu den Soldaten!« sagte der Fürst.
-
-Als der Forstmeister es dem Fischerjungen hinterbringen wollte, daß er
-durch allerhöchste Gnade in die Armee aufgenommen werde, war der Winard
-nicht mehr da. Die Vermutung lag nahe, daß er ins Ausland geflohen sei,
-denn er hatte ein Handbündel mitgenommen.
-
-Wenige Tage nachher brachte die Post dem Fürsten ein kunstvoll und doch
-unbehilflich gefaltetes Brieflein. Das war vom Fischerjungen, dem das
-Schreiben nicht arg vonstatten ging. Der ließ sich vernehmen wörtlich
-wie folgt:
-
- »Eier gnaden, gnädigster First und durchlauchdicker
- Herr!
-
- Mus woll tausendmal um verzeihin biten wegen letztmal aber i
- kan nit anderst und vonwegen dem Mädel kunt i schlecht wern.
- Ich bit Ihnen, se kriegn bessere, lassens mir de, i bit Ihna
- kniefellig, sunst weis nit, was gschicht. Da thät ma wull all
- zamhalden, wann unsri Madln, die Bauern Madeln nit mehr sicher
- gangeten. Schreims mir nur bar zeillen das i mich verlassen
- kann und mich wieder aufzeign kann und wil mein Dienst fleißi
- verichten. Gnedigster Herr unterdeniger Diner
-
- Winard Oberlimer.«
-
-Der Winard Oberlimer wartete nun auf das Antwortschreiben des Fürsten.
-Er wußte wohl, daß hohe Herren sich nicht so leicht herbeilassen, mit
-Arbeitsleuten Briefe zu wechseln, aber in einem so wichtigen Falle,
-dachte er, würde der gnädige Herr doch eine Ausnahme machen. Er wartete
-Tage und Tage, er konnte nicht mehr essen, nicht mehr schlafen. Wo
-er wartete, das wissen wir nicht, denn er hatte vergessen, in dem
-Briefe seinen Aufenthaltsort anzugeben. Auch der seidenhaarigen Hedwig
-hatte er geschrieben und ihr Vorwürfe gemacht darüber, weil sie,
-»die spottschlechte Person, sein glihend Hertz um eitel guld und ehr
-verkaufft« hätte. Die Hedwig wußte sein Versteck und antwortete ihm das
-Folgende:
-
- »Mein Lebtag wär's mir nit eingefallen, das von wegen dem
- Fürsten, wie du meinst. Wenn ich dich auch einmal mit ihm
- gereizt hab. Aber dein Schimpf- und Spottbrief auf mich zeigt
- nit von deiner grossen Lieb und jetzt thu ichs. Nit wegen eitel
- Guld und Ehr, wie du schreibst, sondern weil mir ein guter
- freundlicher Mensch lieber ist, wie ein Zornnickel. Deine Wäsch
- hab ich dir aufs letztemal gewaschen und geflickt und kannst
- sie abholen lassen. Mit Achtung
-
- Hedwig Sommerauer.«
-
-Nun war Feuer auf dem Dache. Beim Straßenwirt an der Brücke kamen an
-Sonntagen die Burschen des Tales gern zusammen. Jetzt war der Winard
-unter ihnen und warb Streiter. Um das Gerücht wußte jeder schon, so
-brauchte er ihnen nur den Brief der Hedwig vorzulesen, als Beweis wie
-es stand.
-
-»Kameraden!« rief er, »verlaßt's mich jetzt nit! Ihr wisset, wie
-wir uns gern gehabt haben, dieses Madel und ich. Und jetzt soll sie
-verdorben werden? Heiraten! Der Herr so eine von niedrigem Stamm?
-Wer's glaubt, ich nit. Und was mir geschieht, kann jedem geschehen.
-Einer allein kann nichts machen, der wird eingekottert. Zusammhalten!
-Verlaßt's mich nit, Kameraden!«
-
-Etliche gaben zu bedenken, daß es eine gewagte Sache sei. Andere
-überstimmten sie: »Untertanenpflicht und Treu haben wir allzeit
-gehalten. Und wenn uns der Fürst Othmar jetzt ruft: In den Krieg für
-euer Land, für euern Herrn! so wird nicht einer das Hundsfott sein und
-sich drücken. Aber wir leben nicht mehr in der alten Zeit, Gott sei
-Dank, wir haben die Freiheit! Wenn's um unsern Schatz geht, da halten
-wir zusammen, gegen wen der will! Wir verlassen dich nicht, Winard!«
-
-Der Nachtwächter im Ofenwinkel war schon lange unruhig gewesen, jetzt
-stand er auf, rüttelte am Ofengeländer, daß es klirrte und rief: »In
-diesem Tone kann ich nicht weiterreden lassen. Zerstreut euch!«
-
-Brüllendes Gelächter. Sie zerstreuten sich nicht, sie bestellten
-frischen Trunk. Nur einer ging fort, ein einziger, und das war der
-Nachtwächter. --
-
-Sachte entfalteten sich trübe Aussichten im Staate Schreckenburg.
-Die Leute waren ernster, mürrischer. Die Kirchen blieben leerer als
-sonst, die Wirtshäuser waren voll. Die Leute sangen nicht mehr ihre
-heiteren Lieder, sie steckten die Köpfe zusammen. Der Fürst bot den
-Heerbann auf. Nach wenigen Tagen teilte ihm der Kriegsminister, der
-in gewöhnlichen Zeitläuften das Grobschmiedgewerbe betrieb, mit
-bekümmerter Miene mit, daß im Reiche nicht alles so sei, wie es sein
-sollte.
-
-»Ist dieser Winard Oberlimer eingezogen?« fragte der Fürst.
-
-»Leider nein, gnädigster Herr. Der hat unten im Straßenwirtshaus
-an der Brücke ein förmliches Lager aufgeschlagen. Er hat Genossen.
-Sie haben den Verkehr mit den Nachbarsländern abgeschnitten, fangen
-die hereingehenden Waren ab, das Korn, den Wein. Unsere Holz- und
-Viehausfuhr ist gehemmt. Seit gestern ist auch die Post ausgeblieben.«
-
-Nun verlor der Fürst die Ruhe. »Sofort die Truppen zusammenziehen und
-die Wegelagerer aufheben.« Nach etlichen raschen Schritten über die
-Dielen hin riß er den Kopf heftig empor und rief: »Die Rädelsführer
-standrechtlich erschießen!«
-
-»Durchlauchtigster Herr,« sagte der Kriegsminister. »Schon vor drei
-Tagen sind die Reichstruppen einberufen worden. Aber -- es kommt
-niemand.«
-
-»Wie?« Der Fürst war starr vor Entsetzen.
-
-»Das Mannsvolk scheint sich alles beim Straßenwirt versammelt zu haben.«
-
-»Verschwörung? Revolte?« --
-
-Um diese Zeit war es, daß der König eines großen Nachbarreiches von
-dem Hochgebirge herabkam. Er war nach einer Reise aus den südlichen
-Gegenden heraufgekommen, hatte eine Gemsenjagd gehalten, dann einen
-hochgelegenen Luftkurort besucht, um seine dort weilende Schwester,
-die Prinzessin Aglaia, abzuholen und nach Hause zu begleiten. Der
-König hatte »seinen lieben Vetter«, Othmar III., benachrichtigen
-lassen, daß er in zwei Tagen durch Schreckenburg reisen werde. Da
-hieß es nun einmal, sich in den Hofstaat werfen! Die Reichstruhe
-wurde aufgemacht, und bald stand der Erzfürst da in seiner vollen
-angestammten Herrlichkeit. Die taffetnen Strümpfe hatten ein paar
-kleine Schabenschäden, hingegen prangten die Silberschnallen der
-Bandschuhe in untadelhaftem Glanze. Der seidene Rock hatte die Meinung
-grün zu sein, schillerte aber stellenweise mehr ins Gelbliche, als es
-bei einem charakterfesten Tuche unbedenklich ist. Die Lendenschärpe,
-die breite rotflammende Schleife über der Brust, die funkelnden Sterne
-und Kreuze schlichteten alles reichlich. Der goldene Kragen war
-allerdings etwas zu wulstig, um dem an Freiheit gewöhnten Herrn die
-Kopfbewegung uneingeschränkt zu gestatten. Auf dem stahlblinkenden
-Reichshelm prangte der dreiköpfige Adler und legte seine goldenen
-Flügel schwer zu beiden Seiten herab über die Ohren. Das Schwert war
-für Riesen geschmiedet worden und schleifte einigermaßen widerspenstig
-um die Ecke, wenn der Fürst eine Bewegung nach rechts oder links zu
-machen hatte. Die Quaste des Griffes baumelte unten bei den Knien
-aufsichtslos herum. -- Das Ganze war ziemlich überwältigend. Bettelhaft
-vor seinem königlichen Vetter zu stehen, das war des Fürsten Sorge
-nicht. Etwas ganz anderes trübte seinen Sinn. Bereits hatte er
-seine verfügbaren sechs Getreuen hinabgeschickt zum Straßenwirt mit
-dem Befehl, die Brücke freizugeben für allerhöchste Herrschaften,
-die an diesem Nachmittage durchreisen würden. Die Antwort, die sie
-zurückbrachten, war dem Fürsten nicht vermeldbar. Sie war nicht
-hoffähig. Der Herr war außer sich. Das wäre doch eine Blamage, wenn der
-Erzfürst Othmar Seine Majestät mit einem Bürgerkriege begrüßen müßte!
-Sofort eine zweite Abordnung zum Brückenwirt: Was denn eigentlich der
-Herren Begehr sei! -- Die Antwort, das wisse Seine Durchlaucht recht
-wohl. -- In Wahrheit war es dem Fürsten nicht ganz klar. Da er wußte,
-daß der Fischerjunge Winard dabei eine Rolle spielte, so konnte er
-sich's nur halb und halb denken. Es mag ja unsinnig sein, das mit dem
-Mädel -- so dachte er sich zu -- es mag ja Dummheit eines besonders
-entwickelten Johannestriebs sein, gut, der Mensch bleibt immer ein Tor,
-und der Esel hat die Farbe des Alters. Allein sich einen politischen
-Zwang antun lassen und am Ende gar um Verzeihung bitten, daß er ein
-hübsches Mädel gerne anschaue? So weit wird's wohl noch lange nicht
-gekommen sein. Zwar kracht die Welt! Kracht in allen Ecken und Enden!
-Es ist das undenkbarste schon geschehen. Nicht jeder, der versammelt
-bei den Vätern ist, ging auf gewöhnlichem Wege heim. -- Er besichtigte
-seinen Thron, der im Saale stand. Ein schlichter Lehnsessel, mit rotem
-Leder ausgepolstert, mit silbernen Nieten verziert. -- Das Holz war
-alt, aber kaum ein halbes Dutzend Wurmstichlein, die es aufwies. Die
-Ahnen waren darauf gesessen! Und nun sollte etwa so einer, wie der
-Fischerjunge? Die seinige auf dem Schoß? Denn für zwei nebeneinander
-hat der Sessel, genau besehen, nicht Raum. -- Na, es wird sich ja
-noch schlichten lassen. Übermütige Bauernlümmel, nichts anderes. Ein
-gewöhnlicher Raufhandel um ein Weibsbild, und die verrückten Burschen
-vergessen, mit wem sie's zu tun haben. -- Es wird sich alles ordnen,
-bis wir klar sehen. Nur die hohen Herrschaften dürfen nichts erfahren,
-denn die Geschichte ist zu dumm! Das beste wird diesmal sein, was auch
-sonst sehr oft das beste ist -- aus der Not eine Tugend zu machen. Das
-Schloß ist zwar nicht danach angetan, aber Gastfreundschaft ist stets
-eine Tugend gewesen.
-
-Es naheten die königlichen Gäste. Eine Anzahl Staubwedel war tätig
-im Fürstenhause einen halben Tag lang. Die Beschließerin warf einen
-schwellenden Sack mit Eiderdunen ins noch unfertige Himmelbett.
-Etliche Schuljungen, vom Oberlehrer gewissenhaft ausgesucht, wurden
-in weiches buntes Pagengewand gesteckt. Bei dieser Auszeichnung kam's
-nicht darauf an, welche die bravsten waren, sondern welche schlank
-und frisch dastanden. Sechs Mann martialisch mit Helm und Lanzen
-bewaffnet, umgaben die Räte des Reiches, und mit solchem Hofstaate zog
-der Fürst den Reisenden entgegen. Er selbst ritt auf einem klobigen
-Rappen. Oberhalb des Ortes, am Eingange der Bergschlucht, begegneten
-sie sich. Zwei einzige Wägen kamen gerollt, im ersten saß der König
-und die Prinzessin. Der König sah mit seinem weißen Vollbart und im
-grauen Lodengewand aus wie ein Jäger. Die Prinzessin saß ebenso einfach
-da; sie hatte weder die Blüte der Jugend an sich, noch den Reif des
-Alters, ein Alpenrosenstrauß war ihr einziger Schmuck. Mit ruhiger
-Freundlichkeit reichte sie dem vorsichtig vom Rosse gestiegenen Fürsten
-die Hand, die er küßte. Das umstehende Volk freute sich des Anblicks
-und war stolz auf die ritterliche Erscheinung seines Fürsten, den es
-noch nie in diesem unerhörten Glanz gesehen hatte. »Ja, unser gnädiger
-Herr!« sagten sie, »da sieht man, wie armselig so ein König dasteht vor
-einem Erzfürsten von Schreckenburg! Das ist ein prachtvoller Herr!«
-Ein behendiger Alter schlug mit den Armen um sich und flüsterte in die
-Leute hinein: »Die unten an der Brücken! Wenn sie ihn jetzt so sehen
-könnten! Denen möcht' die Kurasch schon vergehen!«
-
-Mittlerweile hatte der Fürst die Herrschaften willkommen geheißen und
-sie eingeladen auf sein Schloß, zur Rast auf einige Tage.
-
-»Freund, das geht nicht!« antwortete Seine Majestät. »In zwei Tagen
-ist die Eröffnung unseres Reichstages, da müssen wir zu Hause sein.«
-
-»Dann verhüte der Himmel Achsenbruch, Überschwemmung und
-Brückeneinsturz!« sagte der Fürst.
-
-»Hoffentlich!« lächelte die Prinzessin, »wir haben ja das schönste
-Wetter.«
-
-»Gewiß, Hoheit, gewiß! Sehr schönes Wetter. Es wird auch anhalten.
-Und doch ist soeben die Nachricht eingetroffen, daß unten an der
-Luserbrücke der Verkehr unterbrochen sei,« sagte der Fürst beklommenen
-Atems und setzte gar ritterlich bei: »Ich bin im Augenblicke ja selber
-noch nicht genau unterrichtet. Sollte es sich aber bewahrheiten,
-dann wäre der einsame Herrscher auf Schreckenburgs Thron dem Zufalle
-außerordentlich verpflichtet!« daß er ihm so liebe Gäste in den Schoß
-werfe -- konnte dazugedacht werden.
-
-Der König tat die Bemerkung, daß er schon unterwegs Andeutungen
-vernommen hätte, als wäre an der Luserbrücke etwas nicht richtig. So
-als ob sich dort allerlei Gesindel zusammenrotte.
-
-»Arbeiter werden es sein, Majestät, um die Passage freizumachen,« fiel
-der Fürst ein.
-
-»Jedenfalls werden wir des Herrn Vetters liebenswürdige Einladung
-annehmen,« entschied die Prinzessin, »denn über eine schadhafte Brücke
-fahre ich nicht, niemals!«
-
-Hierauf lenkten sie rechts ein, der Fürst ritt voraus, die Wägen fuhren
-langsam hintendrein und das Gefolge kam zu Fuße nach. --
-
-Mittlerweile war ins Kriegslager beim Straßenwirt die richtige
-Begeisterung gekommen. Man hatte für den Krieg auch schon einen Namen.
-Mädeljäger-Krieg! Ging er doch gegen den Mädeljäger. Und jetzt erst
-kamen sie herfür von den Bergen und aus den Gräben, und wie das Feuer
-seinen Wind erzeugt, so schafft sich ein Aufstand rasch den nötigen
-Schwung. Früher hatte man nie viel davon gehört, und jetzt wußte
-jeder zu sagen vom gefährlichen Mädeljäger, von bedrohten Weibern und
-eroberten Schönen. Da reckten sich die Speere hoch in die Luft gleich
-Schwurfingern, daß die Stunde der Vergeltung gekommen sei! In äußerste
-Erregung geriet der Fischer Winard, denn jemand hatte erzählt, daß man
-in der Nacht den Zimmermann Reimar mit seiner Enkelin Hedwig begegnet
-habe -- in heimlicher Eile durch den Wald, wahrscheinlich gegen das
-Schloß hin. Jetzt war's helle, der alte Kuppler führte sie dem Wüstling
-zu. Darum also die ganze Tischlerei im Fürstenhause! -- Der Winard
-brachte stockend kaum die Worte hervor: »Kameraden! Werden wir halt
-heut' bei der Nacht das Schloß stürmen.«
-
-Jeder Bursch, der ein Liebchen hatte, jeder Ehemann, der ein junges
-Weib besaß, fühlte sich eins mit dem Fischerjungen. Es war die große,
-gemeinsame Sache. --
-
-Mit stillem Wohlgefallen blickte der König zum Fenster des
-Fürstenschlosses hinaus, mit lautem Jubel die Prinzessin. War Seine
-Majestät gleichwohl schon ein wenig gelangweilt gewesen auf diesem gar
-so schlichten, stillen Landsitz, Ihrer Hoheit, seiner Frau Schwester,
-gefiel es gar wohl. Das war nicht Palast und nicht Hütte, das war ein
-trauliches Haus. Und der Fürst! Er war nicht Knabe und nicht Greis, er
-war ein stattlicher Mann von angenehmstem Wesen. Ihre Hoheit war in
-einer sehr getragenen Stimmung, es war nicht Lust und es war nicht Weh,
-es war so etwas ganz Besonderes. Und als nun zur abendlichen Stunde die
-Hunderte von Fackeln heranloderten über die Matten, lärmend, knallend
-und jauchzend, da waren die Hoheiten nachgerade sehr gerührt über die
-Ovation, die ihnen hier von der schlichten Landbevölkerung gebracht
-werde. Der Fürst lud die Gäste zwar ein, rasch in das Hofzimmer zu
-kommen, wo das Abendmahl gedeckt sei. Es wäre besser, sich von den
-Fenstern zu entfernen, die guten Leute hätten in solchen Dingen
-kein Maß und Ziel, sie wären manchmal ein wenig zu unbefangen für
-ein Damenohr, er würde dann selber zu ihnen hinausgehen. Kaum er es
-gesagt hatte, war draußen ein schmetterndes Krachen, das geschlossene
-Einfahrtstor sprang in Trümmer, eingerannt mit einem wuchtigen
-Baumstamm.
-
-»Ein Überfall?« rief der König.
-
-»Es ist ein Überfall!« sagte der Fürst, »wenn's +mir+ gilt, gut!« Er
-eilte zur Tür. Die Prinzessin stürzte ihm nach, fiel ihm in den Arm und
-kreischte in höchster Angst: »Othmar! Bleibt! Verlaßt mich nicht!«
-
-»Ein Weibsbild ist drinnen!« schrie draußen vom Lindenbaum her eine
-Stimme.
-
-»Sie ist drinnen!« erscholl es im Menschenhaufen, der wie Wildwasser in
-den Hof flutete.
-
-»Tun müßt's ihr nichts, ich bitt' euch!« lautete der Befehl des
-Fischerjungen.
-
-»Umbringen niemanden!« schrie es von mehreren Seiten, »lebendiger ist
-der Vogel mehr wert als wie toter! Aber in den Käfig mit ihm! Für
-Hühnervolk ist ein einköpfiger Geier schon gefährlich, wie erst ein
-dreiköpfiger!«
-
-Das Haustor hielt dem ersten Ansturme stand. Da wurden schon Leitern
-herbeigeschleppt, um zu den Fenstern hineinzusteigen. Roter Rauch
-wirbelte von den brüllenden Lunten empor an die Wände und übers
-Dachwerk. Zwei Männer taten einen großen Sack auseinander, um den
-Mädeljäger, wenn sie ihn gefangen hätten, hineinzustecken. Der Winard
-hatte aus dem Schuppen einen herrschaftlichen Kobelwagen hervorziehen
-lassen. Da hinein, wenn wir sie herunter haben! Mit zwei fürstlichen
-Rößlein will er die böse Hedwig in seine Hütte führen. Das Gejohle
-rings ums Schloß war so wüste, daß der alte Kammerdiener auf dem
-Söller vergeblich rief, wen's denn anginge? Den guten Fürsten oder die
-Majestäten, oder ihn selber? Wenn ihn selber, er trage sein altes Haupt
-willig herab.
-
-»Feuer ins Dach!« Dieser Ruf war lauter als das Jammern des Alten.
-Etliche Männer hieben mit Äxten den Brunnenständer um und rollten
-den Trog über, daß das Wasser, anstatt Feuer zu löschen, auf dem
-Sande dahin sickerte. Ein Doppelfenster flog auf, so heftig, daß es
-schrillte. Es war oben im Zimmer des Fürsten. Er selbst stand am
-Fenster, rot beleuchtet von dem Fackelschein. Er wollte sprechen, das
-wurde bemerkt und dumpfer ward der Lärm. Der Fürst bog sich heraus,
-er hatte wieder seinen schwarzen Rock an. »Liebe Leute!« rief er. Das
-Gewoge wollte sich nicht legen, die Speere schlugen klirrend aneinander.
-
-»Mein vielgeliebtes Volk!« rief er lauter, da wurde es still.
-
-Der Fürst begann mit bewegter Stimme zu sprechen: »Ich bin erschüttert
-von der Kundgebung, ich bin hocherfreut von dem neuen Beweise euerer
-Liebe und Anhänglichkeit, mit der ihr mir ergeben seid. Es ist das
-größte Glück eines Fürsten, seine väterliche Huld vom Volke so
-gewürdigt zu sehen. Treu' um Treue! Und sinniger hättet ihr diese
-großartige Huldigung nicht anbringen können, als heute, an diesem
-Abende, an dem ich nebst dem Fürstenglücke auch das menschliche
-Herzensglück gefunden habe. Und schöner glaube ich diesen Beweis euerer
-Liebe nicht ehren zu können, als wenn ich euch jetzt euere künftige
-Herrscherin vorstelle ...«
-
-»Hört ihr's?« unterbrachen sie ihn.
-
-Der Fürst wendete sich zur Seite, da stand neben ihm ein Weib.
-
-»Die Hedwig?«
-
-»Ist sie's?«
-
-»Nicht ist sie's. Eine andere, eine Fremde! Seht doch!«
-
-Der Fürst erhob seine Stimme hoch und rief: »Das ist meine Braut, Ihre
-königliche Hoheit, die Prinzessin Aglaia von Bramburg!« --
-
-Kein Schuß ist gefallen, kein Tropfen Blut vergossen worden in diesem
-Bürgerkriege. Das Volk hatte sich verloren in die Wirtshäuser des
-Reiches. Hatten die Leute zuerst gleichwohl nicht gewußt, wie ihnen
-geschah, so schlug der finstere Trotz doch bald in helle Fröhlichkeit
-um. Sie hatten ja einen so schlauen Herrn und jetzt auch eine so
-königliche Herrin, bei der, wenn die Blütezeit auch schon vorüber, doch
-noch immer nicht Matthäi am letzten war! Wer soll da nicht als warmer
-Patriot eins trinken über den Durst? -- Als der nächste Morgen tagte,
-gab es um das Schloß nur zertretenen Rasen mit schwarzen Fackelabfällen
-und manchen Balkensplitter. Darüberhin schritt munter das bräutliche
-Paar.
-
-»Das ist schnell gegangen, du mein Herz!« lispelte der Fürst und
-legte die zarte Hand der Braut zwischen die seinen. »Gestern um diese
-Morgenstunde haben wir einander noch nicht persönlich gekannt -- und
-heute --!«
-
-»O, mein Lieber, ich habe dich immer gekannt!« rief sie hochbeseelt,
-»ich habe deiner immer gedacht, mein Herz hat dich immer gesehen, dich,
-wie du bist, da ich längst noch nicht wußte, daß es einen Fürsten
-Othmar gibt. Ich wäre achtzig Jahre alt geworden, ohne einen anderen
-Mann zu sehen als dich. Und du?«
-
-Da er nicht ganz befriedigende Antwort wußte, so entgegnete er bloß:
-»Meine Empfindung läßt sich gar nicht schildern.« --
-
-Ungut war es dem Fischerjungen Winard. Daß er seine Hedwig nicht
-mit fürstlichen Rössern in sein Haus führen konnte, das wurmte ihn
-kläglich. Und doch war er froh, sie im Schlosse nicht gefunden zu
-haben. Wo aber war sie denn? Zu Hause bei ihrer Mutter nicht, davon
-hatte er sich noch in derselben Nacht überzeugt. Einem Almhirten
-begegnete er, der wußte zu sagen, daß er hinten im Hochgebirge dem
-krummen Zimmermann mit einem jungen Frauenzimmer begegnet wäre. Gegen
-das Welsche hinüber hätten sie die Richtung genommen. -- So sauber!
-Jetzt konnte der Fischerjunge auch dem Welschland den Krieg erklären.
-
-Übrigens kam dieser neue Feldzug dem Burschen nicht ungelegen, daheim
-drohte ihm ja ein Hochverratsprozeß und drüben am Waldrande stand
-aus alten Zeiten her noch immer so etwas, wie ein aufrecht ragender
-Holzblock mit einem Querbalken. Allein mit leeren Taschen reist ein
-Schreckenburger nicht ins Ausland. Die halbe Arche Noahs plünderte
-er und machte sich damit auf den Weg gen Welschland. Am ersten Abend
-sprach er unterwegs in einer Sennhütte zu. Anfangs unterhielt er die
-Sennin mit einem behendigen Eichkätzchen, das an der Angelschnur
-hängend munter über Winards Achseln und Haupt spazieren sprang und sich
-dann wieder neckisch in den Rocksack versteckte. Dieses possierlichen
-Anblickes wegen tischte die Sennin eine Schüssel Milch auf. Dann langte
-der Bursch aus der Hosentasche ein kleines Schildkrötlein hervor und
-ließ es über den Tisch krauchen. Die Sennin war voll Entsetzen über das
-Tier, das sein dreieckiges Köpflein immer weiter vorstreckte gegen sie
-hin; aber aus Achtung für den jungen Fremdling, der solche Ungeheuer
-mit sich führte, buk sie ihm auch noch einen Eierkuchen. Nachdem dieser
-mit Wohlbehagen verzehrt worden war, gestand er der Sennin, noch
-etwas bei sich zu haben. Er griff in den zweiten Hosensack und zog
-ein feines Garnnetz hervor, in dem sich eine graue Schlange ringelte.
-»Darf ich sie auslassen?« fragte der Winard, die Sennin kreischte vor
-Grausen, da sagte er: »Ach, das Tierlein tut ja nichts, es ist bloß
-eine junge Viper.« Die Sennin hatte sich ihr Lebtag mehr mit Kühen und
-Schweinen abgegeben, als mit Blindschleichen, und so glaubte sie es ihm
-getreulich und brachte dem tapferen Tierbändiger zum Nachtisch noch
-Weißbrot und ein Töpflein mit goldigem Honig. Erst am nächsten Morgen
-fragte er, ob sie nicht einen alten krummen Mann mit einem jungen Mädel
-hätte des Weges gehen sehen. Ja, so ein Paar wäre vor etlichen Tagen
-vorbeigezogen gegen das mittägige Land hin.
-
-Während der Nacht hatte das Eichkätzchen die Schlange totgebissen.
-So warf der Bursche auch die Schildkröte ins Heu, und leichten Mutes
-zog er weiter gen Welschland. Am zweiten Tage sprach er in einer
-Kohlenbrennerhütte zu, fing dort Fische aus dem Bach und ließ sie von
-der Köhlerin braten. Dann lud er das schwarzäugige Weib artig zum
-Schmause ein. Am nächsten Tage wußte die Köhlerin ihm zu berichten, der
-krumme Alte mit dem jungen Mädel sei erst gestern gesehen worden und
-sitze unten in der Ölmühle. Die Ölmühle stand am Flüßlein Esonto, und
-dort fand er den krummen Alten und das junge Mädel. Nur war es nicht
-der Zimmermann Reimar und seine Enkelin Hedwig, sondern ein welscher
-Scherenschleifer mit seinem Kinde.
-
-Der Winard gehörte zu jenen Trotzköpfen, die nie einen ihrer Irrtümer
-eingestehen und nie umkehren wollen. Diesmal aber war die Überzeugung,
-daß er auf dem Irrwege ging, zu schlagend; doch zur Umkehr konnte er
-sich noch immer nicht entschließen; er ging eine Weile, das Gesicht
-noch gen Welschland wendend, rückwärts wie ein Krebs, bis er über einen
-Maulbeerstrunk stolpernd auf den Rücken fiel. Ein paar Tage später war
-er doch wieder im Gebirge, und da hörte er plötzlich von einem Hirten
-das Wort ausrufen: »Hau, da ist er ja wieder, der Mädeljäger!«
-
-Der Mädeljäger! War das nicht der Fürst? War nicht der Fürst so genannt
-worden? Wahrhaftig -- dachte sich der Bursche -- das stimmt auch bei
-mir! Bei mir vielleicht ganz besonders, wie ich ihr nachjage seit einer
-Woche! Ihr und so weiter. -- Jetzt fing er sachte an, sich zu schämen.
-Wieder den Weg hatte er verloren in der Waldwildnis, mißmutig bei einer
-Pechbrennerklause kehrte er zu, einen Löffel warmer Suppe erbittend.
-In der Klause saß der alte Reimar und zimmerte an einer Wiege. Diese
-Wiege, so klein sie war, brachte den Winard schier aus der Fassung. »Wo
-ist die Hedwig?« schnob er.
-
-Der Alte ließ seine Hand mit dem Schnitzger auf dem Knie ruhen und
-antwortete: »Winard, das sag' ich dir nicht. Ihr habt gerauft um sie,
-so sollt ihr sie keiner kriegen. Ich hab' das Mädel gut versteckt, du
-findest es nicht. Der gnädige Herr auch nicht.«
-
-»Der hat schon eine andere. Der heiratet eine alte Prinzessin. Und ich
-muß die Hedwig haben!«
-
-»+Mußt+ sie haben? Na, dann ist's was anderes. -- Mädel!« rief
-er durchs Fenster in den Wald hinaus. Sie war gerade bei den
-Pechersleuten unter dem Baume. Blieb aber nicht kleben an dem
-Baumstamm, der von Holz war, sprang dem Burschen an den Hals, der von
-Fleisch und Blut war.
-
-Jetzt ist die Geschichte aus. -- Wie? Die Wiege geht euch noch im Kopfe
-um? Fürs Pecherpaar hatte er sie gezimmert. -- Aber sollen sie denn
-hocken bleiben beim Pecherpaar in der Waldhütte? Am Tage, als Erzfürst
-Othmar der Gütige mit seiner geliebten Braut Hochzeit hielt, erging
-eine allgemeine Amnestie für politische Verbrecher. Es war nur einer
-vorhanden, und so wurde der Fischerjunge Winard jubelnd begrüßt, als er
-mit seiner Hedwig zurückkehrte ins heimatliche Fürstentum.
-
-
-
-
-Lieb' läßt sich nicht lumpen.
-
-
-Auf dem vornehmen Ozeandampfer »Poseidon« befanden sich zwei
-Auswanderer, welche die Aufmerksamkeit der übrigen Reisenden erregten.
-Eine anmutige, etwa vierunddreißigjährige Frau und ein schöner junger
-Mensch. Ein Ehepaar oder Geschwister konnten sie kaum sein, dafür
-war das dunkle Auge, mit welchem die Frau manchmal auf ihn blickte,
-viel zu unstet, zu gewitterhaft, und dafür war das Wesen des jungen
-Mannes manchmal zu befangen, manchmal zu kühn sich gebärdend -- ein
-zu seltsames Gemisch von Schüchternheit und Trotz. Als der »Poseidon«
-von der deutschen Küste gegen den Westen abgedampft war, hatte die
-Frau heftig geweint, hatte der Jüngling seine Hand auf ihre Schulter
-gelegt, bis sie plötzlich ihre beiden Arme um seinen Nacken schlang
-und ihn küßte. -- Hatten diese beiden freiwillig der Heimat entsagt?
-Waren sie aus zwingenden Gründen ausgezogen? Oder hatten sie sich
-sonstwie verfahren in der Alten Welt und steuerten nun der Neuen zu,
-um in ihr einen frischen Lebenslauf zu versuchen? -- Also fragten die
-Mitreisenden sich. Doch das Paar tat nichts, zeigte nichts, was Antwort
-geben konnte.
-
-Eine solche Ausfahrt hatte Frau Johanna von Martenstein wohl kaum
-gedacht an jenem Tage, als sie mit zwei Rappen vom Kirchhofe
-zurückfuhr -- eine Witwe von einundzwanzig Lenzen. Damals war ihr
-sonst lebensfreudiges Herz zugedeckt mit so schwerem Leide, daß ihr
-die ganze Welt wie ein Totenhaus erschien, in dessen Gewölbe die Sonne
-als trübe Ampel hing. Damals war ihr unmöglich zu denken, daß in ihrer
-schmerzerfüllten Brust jemals noch ein irdisches Begehren wach werden
-könnte. Von Natur religiösen Gemütes und religiös erzogen, hatte sie
-sich damals vorgenommen, den Mitmenschen von nun an lauter Gutes zu
-erweisen, zuvörderst Gutes solcher Art, daß es ihnen nicht so sehr für
-diese, als vielmehr für jene Welt zunutze kommen konnte. Und sie hatte
-sich vorgenommen, ganz nur noch dem Ewigen zu leben, von Stufe zu Stufe
-emporzusteigen in jenes Reich, in welchem dem so früh Verlorenen sie
-wieder zu begegnen hoffte.
-
-Denn wie namenlos nichtig ist ein Leben, wo selbst die Glücklichsten
-ungeheurem Leide zur Beute werden müssen! War Johanna von Martenstein,
-das blendend schöne, heitere Fräulein, auf dem reichen Wohnsitze
-ihrer Väter nicht beneidenswert gewesen? War ihre Liebe zu Oswald von
-Siegenberg, dem herrlichen Manne, nicht so, daß sie selbst manchmal
-schauerte vor der Gewalt dieser Seligkeit? Ein Jahr währte es, ein
-ganzes Jahr und drei Tage -- nicht länger. Im fröhlichen Treiben eines
-Schützenfestes ward er durch ein zufällig sich entladendes Schießgewehr
-getötet. O gleißendes Geschick mit deinem »Zufällig!« Da doch das
-darauf Kommende so folgerichtig ist, berechnet auf ein einsames
-Menschendasein voll grenzenloser Trauer!
-
-An jenem Tage, als Frau Johanna vom Kirchhofe heimfuhr gegen ihr
-Bergschloß, scheuten im Dorfe vor einem Dörcherkarren die Pferde und
-traten eines der halbnackt umherlaufenden Kinder zu Boden. Als das
-Gespann wieder stillstand, ließ Frau Johanna das verletzte Knäblein zu
-sich in den Wagen heben und bei den Dörcherleuten nachfragen, ob es
-ihnen gehöre, und was sie in diesem Falle verlangten an Vergütung.
-
-Das Haupt der fahrenden Bettlerfamilie, ein von Branntwein riechender
-Mann, kroch aus dem Blachenkobel hervor und erklärte rülpsend, an
-Vergütung erbäten sie drei Silbergulden oder fünf, oder so viel, als
-der gute Wille wäre; den Jungen aber möge die hohe Frau nur behalten,
-sie hätten noch genug solchen Gezüchtes.
-
-Frau von Martenstein sah in dieser Begegnung einen Wink des Himmels,
-den Knaben zu sich zu nehmen, ihn aus Liebe zu ihrem Gatten zu pflegen,
-gottselig zu erziehen, ihn gleichsam als Seelenopfer zu bestimmen für
-den Frieden des so plötzlich Verblichenen. Sie zahlte also an die
-Dörcherfamilie der Silbergulden zehnmal fünf, mit der Bedingung aber,
-daß dieselbe an den Knaben keinerlei Ansprüche mehr mache, ganz als
-wäre er gestorben und begraben. Bei solchem Handel hatten beide Teile
-gewonnen. Die Bettlerleute waren ein lästiges Kind los, und wer einen
-Blick in das Nest unter der Karrenblache getan hätte, der würde gesehen
-haben, daß vielfacher Ersatz vorhanden war. Das Lebendigbegrabenwerden
-eines solchen Würmleins im vornehmen Herrschaftswagen konnte der
-sonnengebräunten Mutter also nicht viele Tränen entlocken. Frau Johanna
-vergaß ob des hübschen Knaben, der nach Stillung des Blutes und nach
-einigem Wimmern neben ihr auf blauem Samtkissen schlummerte, ein wenig
-ihres Geschickes, und sie nahm sich zu solcher Stunde heilig vor, aus
-diesem armen Kinde eine Ehre Gottes zu machen.
-
-Am allermeisten gewann bei dem Geschäfte der kleine Konrad selbst,
-der das fahrende Dörcherdach vertauschte um eine feste Ritterburg,
-deren Ahnenreihe sich sachte ausgemündet hatte in das rote Meer des
-bürgerlichen Geblütes, also daß der Stromerknabe kein allzu fremder
-Eindringling war auf dem vieltürmigen Schlosse. Der herbeigerufene
-Arzt hatte die Verletzung am Arme als eine unbedeutende bezeichnet,
-und so geschah es, daß der Knabe Konrad unter gutem Zeichen einzog
-durch das hohe Tor, aus welchem sie drei Stunden früher den toten Herrn
-davongetragen hatten.
-
-Frau Johanna von Martenstein legte ihr Trauergewand nicht mehr ab. Wie
-es unter diesem schwarzen Winter dem jungen Herzen gehen wird, das muß
-die Folge zeigen.
-
-Der Knabe hatte in einem rückseitigen Teile des Schlosses sein Stübchen
-und seine Wärterin bekommen, und wurde vorbereitet für die Schule, zu
-der er denn auch bald hinabtrippelte in das Dorf. Täglich ein paarmal
-sah ihn die Frau, sie gewöhnte sich an den aufgeweckten Burschen, er
-speiste mit ihr an demselben Tische, und damit sie ihn persönlich
-überwachen konnte, ließ sie ihm in ihrer Nachbarschaft ein Zimmerchen
-herrichten, in dem er spielen und lernen konnte. Die Schule war mit
-ihm zufrieden, und als sie im Dorfe nach vier Jahren zurückgelegt
-war, sprach Frau von Martenstein eines Tages bei dem alten Pfarrer
-des Sprengels vor, teilte ihm ihre Absicht mit, den Jungen in das
-lateinische Studium einführen und zum Priester ausbilden zu lassen. Der
-Pfarrer lobte diese Absicht, bestärkte sie in derselben und versprach,
-die nötigen Schritte einleiten zu wollen. Also geschah es, daß Konrad
-nach fünfjähriger Schloßherrlichkeit in ein bischöfliches Seminar kam
-und dort anfing, alle Wissenschaften zu betreiben, allen Betrachtungen
-zu obliegen, die den menschlichen Geist allmählich in Gegensatz bringen
-zu den irdischen Sinnen, die ihn entweder sachte und ruhig, oder unter
-Krämpfen ablösen von dem Weltlichen und ihn ganz in den Bereich des
-Gedanklichen und Übersinnlichen hinüberspielen. Daß heranwachsende
-Knaben während und trotz solcher Studien naturgemäß so recht in das
-blühende, gährende Leben hineinranken, wird nicht beachtet.
-
-Wenn Konrad zu den Vakanzen heimkam, ward es allemal lebendiger und
-frischer auf Martenstein, und die junge Frau im schwarzen Gewand hatte
-manche Freude. Sie nahm sich stets vor, strenge zu sein gegen den
-munteren Knaben. Aber wenn Konrad in dem großen verwilderten Baumgarten
-auf die lustigste Weise umherregierte, die Wildtauben jagte, aus dem
-Bache Forellen fing, auf den Bäumen mit Eichhörnchen um die Wette
-kletterte und anstatt eines vollbrachten Lateinpensums lebendige
-Vögel, die er selbst gefangen, herbei brachte, da beobachtete sie ihn
-oft heimlich mit Vergnügen und vergaß der Strenge. Und wenn er im
-großen Teiche schwamm und oft minutenlang unter den Wellen blieb, da
-bangte ihr um ihn, bis sein Haupt wieder frank und frei aus dem Wasser
-hervorstand. Sie faltete die Hände über ihrem Schoß und dachte: Es wird
-ein schöner Bräutigam der heiligen Kirche!
-
-Wenn er endlich wieder fortgezogen war in die ferne Stadt, da empfand
-Frau Johanna ihre Einsamkeit doppelt, und sie zählte die Monate, die
-Wochen, die Tage, die Stunden endlich, bis er wiederkehrte. Aber ganz
-so, wie er fortgezogen, kam Konrad nie zurück; war es, daß er schlanker
-geworden, war es, daß seine Knabenstimme einen tieferen Ton angenommen,
-war es, daß an der Oberlippe und unter den Ohrläppchen junger
-Bartanflug schattete, war es, daß sein Wesen ebenmäßiger, ernster
-erschien -- mit jedem Jahre kam er anders heim, als er fortgezogen.
-
-Und eines Morgens, als Konrad in die Laube trat, wo sie zu frühstücken
-pflegten, und ihr den Morgenkuß darbrachte, zuerst auf die Hand und
-dann auf den Mund, fiel dieser Kuß so aus, daß Frau Johanna zuerst
-betroffen zu ihm aufblickte und dann mit kühlen Worten befahl: diese
-Formalitäten hätten von nun an aufzuhören, er möge seiner Ehrerbietung
-für sie stets nur in strenger Pflichterfüllung Ausdruck verleihen.
-
-Konrad errötete, dann setzte er sich ihr gegenüber und nahm schweigend
-sein Morgenbrot ein. Er konnte freilich nichts dafür, daß aus dem
-Knaben ein Jüngling geworden war, und daß die Dankbarkeit, die er
-für seine Gönnerin empfand, in Zuneigung sich verwandelt hatte. Der
-Schloßfrau war nicht wohl zumute, sie sah plötzlich, daß ein Gefühl,
-welches ihr bisher die einzige Labe ihres freudlosen Lebens gewesen,
-zur Gefahr sich steigerte. Noch an demselben Tage mußte Konrad
-übersiedeln in den entlegensten Trakt des Schlosses, wo ihm zwei Zimmer
-auf das sorgfältigste eingerichtet wurden. Damit gab Frau Johanna sich
-aber nicht zufrieden, denn sie sah, daß er sich beengt und befangen
-fühlte. Um den Rest der Vakanzen -- es waren die letzten vor der
-Priesterweihe -- dem jungen Manne nicht gar zu verkümmern, unternahm
-sie eine Reise nach einem entfernten Wallfahrtsorte, bei deren Rückkehr
-sie den Studenten nicht mehr auf dem Schlosse zu treffen hoffte. Aber
-was sie hoffte, das fürchtete sie, und was sie fürchtete, traf ein.
-Konrad war bereits abgereist in das geistliche Institut und hatte ein
-Schreiben zurückgelassen, in dem er dankte für alle Wohltaten, in dem
-er versprach, täglich, so lange er lebe, am Altare für sie zu beten,
-und in dem er von ihr Abschied nahm. Daß die Zeilen nur geschrieben
-worden waren, um alles zu verschweigen, zu verhüllen, was in dem
-leidenschaftlichen Herzen des jungen Mannes vorging -- Frau Johanna
-müßte kein Frauengemüt gehabt haben, um es nicht ein wenig zu ahnen.
-
-Das Herz der Schloßfrau Johanna war nun erwacht. Zornig schrieb sie
-an den Jüngling, er sei undankbar, daß er solchergestalt fortlaufen
-könne. Und in einem fast heftigen Schreiben an das Institut verlangte
-sie den Theologen. Er eigne sich nicht zum Priester, er habe aus
-eigenem Antriebe diesen Stand nicht gewählt, habe nur aus Pflichtgefühl
-die ihm unbesonnen vorgeschlagene Laufbahn betreten, auf der er bald
-pflichtvergessen und unglücklich werden müßte. Sie rufe ihn daher
-zurück und wolle ihn für einen praktischen Beruf ausbilden lassen. --
-Als die Briefe abgesandt waren, erschrak sie. Was soll das werden?
-Wohin soll das führen? fragte sie sich selbst. Gib Gott, was Gottes
-ist! -- Das Institut antwortete nicht anders, als daß der Tag bekannt
-gegeben ward, an dem Konrad seine erste Messe lesen werde. Frau
-Johanna atmete fast auf nach schwülem Drucke. In einem Gebete hatte
-sie des Himmels Beistand angerufen gegen die Macht der Versuchung,
-und es gelang ihr, ein Bruchstück ihrer Standhaftigkeit wieder
-zurückzuerobern. -- Es ist vorbei, also beredete sie sich selbst, die
-Zeit meiner Liebe liegt weit hinter mir. Ich habe nur noch einen Weg:
-dem Himmel zu.
-
-Die erste Messe sollte Konrad in der Dorfkirche lesen, zu der
-Martenstein eingepfarrt war. Zu diesem Festtage rüstete sich die ganze
-Gegend, das Dorf und auch das Schloß. Doch hatte Frau Johanna den
-alten Dorfpfarrer ersucht, daß Konrad während seiner Anwesenheit im
-Pfarrhofe wohnen dürfe. Diesen Wunsch hörte der alte Herr mit einigem
-Befremden, sagte ihn aber gerne zu. Am Vorabende des Festes erschien
-Konrad. Er war im Gewande des Priesters, allein in dem schwarzen Talare
-war sein schönes Angesicht noch blasser, sein Auge noch tauiger, neben
-der Tonsur kräuselte sein braunes Haar noch reicher und lockender.
-Als er hörte, daß seine Wohnung im Pfarrhofe war, stutzte er. Noch am
-dunkelnden Abende ging er zum Schlosse hinauf und fand Frau Johanna im
-Baumgarten einsam an einem Tische sitzend, in ihrer Hand einen frisch
-geflochtenen Kranz aus weißen Rosen.
-
-»Mutter,« sagte er, ohne anders zu grüßen, »ich muß dich schwer
-beleidigt haben, daß du mich verstoßen hast!« Er ließ sich vor ihr auf
-die Knie, und sein Körper bebte.
-
-»Konrad!« rief sie, der Schrei war gellend, sie beugte sich, suchte
-ihn aufzurichten. Er haschte nach ihrer Hand und drückte die heftig an
-seinen Mund.
-
-»Kind!« sagte sie und entzog ihm die Hand rasch, fast zornig. »Du
-bist ja mein Kind!« hauchte sie, riß ihn mit beiden Armen an sich,
-bedeckte seine Stirn, seine Augen, seinen Mund mit Küssen. -- Frau von
-Martenstein! -- Frau Johanna von Martenstein! Küßt so eine Mutter?
-Jawohl, er war festgeschmiegt an das schöne Weib, wie der Säugling
-sich festschmiegt an die Mutterbrust ... Aus dem Tale klangen die
-Kirchenglocken, da tauchte Frau Johanna ihn mit beiden Armen von sich,
-und ehrfurchtgebietend wie eine Siegerin schritt sie dahin unter den
-Bäumen. In der darauffolgenden Nacht schloß sie kein Auge. Sie wimmerte
-unter der Last des einsamen, freudlosen Lebens, sie wollte beten um
-Kraft, um Entsagung, aber ihr Gebet rief: Lieben oder sterben!
-
-Am nächsten Tage, als Konrad, angetan mit prunkendem Ornat, am
-reichgeschmückten Altare stand, auf dem Haupte eine Krone aus Rosen,
-umgeben, bedient von einer Priesterschaar, umklungen, umjubelt von
-Musik, wie ein Heiliger verehrt von der versammelten Menschenmenge, da
-saß Frau Johanna in ihrem Kirchenstuhl, und geruhigt dankte sie Gott,
-daß +rein+ das Opfer am Altare stand. Konrad war anzusehen wie eine
-aufrechtstehende Leiche, so fahl war sein Angesicht, so seelenlos seine
-Bewegung, so erloschen sein Auge.
-
-Bei der Abreise Konrad's war Frau von Martenstein gefaßt, beinahe
-heiter. Seine Züge blieben blaß und kalt, als wären sie zu Marmor
-geworden seit zwei Tagen. Kein heller Blick, kein warmes Wort mehr,
-ernst und still fuhr er davon und der Stadt zu, in der das Priesterhaus
-stand.
-
-Frau Johanna hatte sich sehr getäuscht mit ihrer Siegesfreudigkeit. Als
-alles vorüber war, und wieder der Alltag herrschte auf Martenstein,
-als sie sich vorstellte, daß das nun in unabsehbaren Zeiten so bleiben
-müsse, daß nie mehr ein lieber Mensch das Schloß, den Baumgarten
-beleben würde, da krampfte es in ihrem Herzen wie höllische Pein.
-Und in den Nächten kam es über sie wie Anklage, wie Vorwurf --
-Gewissensqual. Mit welchem Rechte hatte sie den Knaben aus der Armut
-gerissen, um ihn ins Elend eines Standes zu verbannen, zu dem er nicht
-geboren ist, wo er kein Glück finden kann? Das fahrende Leben von
-handwerkenden, bettelnden Dörchersleuten, ist es nicht besser als ein
-Lebendigbegrabensein in der Soutane? Wie liebesdurstig er ist! Etwas,
-das nicht ihr Eigentum war, hat sie sich angeeignet, um es dem Vorteil
-ihres Seelenfriedens zu opfern. Und nun muß sie etwas, das ihr Eigentum
-ist, hingeben und hinwelken sehen. Ihren Bräutigam hat sie der Kirche
-überantwortet, einer Braut, die den Gespons zur himmlichen Seligkeit
-erhebt oder schon auf Erden verdammt macht. -- So deutlich hatte Frau
-Johanna noch nie gesehen, als jetzt, da es zu spät war.
-
-Zu spät? Wann ist's zu spät? Er lebt noch, sie kann ihren Irrtum noch
-gutmachen, ihm noch Genugtuung geben ... Das wäre die Stimme des
-Gewissens, meinte sie; es war aber die Stimme der Leidenschaft. Wie man
-auch tüfteln und deuteln mag, das Herz will seine Rechte, und Lieb'
-läßt sich nicht lumpen.
-
-Und eines Tages besuchte Frau von Martenstein wieder einmal den alten
-Pfarrer ihres Ortes, um ihn zu fragen, ob das landwirtschaftliche
-Erträgnis des Jahres auf seinen Feldern wohl für die Bedürfnisse
-reiche, oder ob sie ihm mit etwas beispringen dürfe. Der Greis dankte,
-was er habe, das genüge reichlich für seinen Bedarf. Hierauf brachte
-die Schloßfrau folgendes vor: Sie werde von Tag zu Tag älter, es falle
-ihr manchmal beschwerlich, zur Pfarrkirche herabzusteigen, besonders
-zur Winterszeit. Also beabsichtige sie, die alte Schloßkapelle wieder
-instand setzen zu lassen; der Altarstein besitze urkundlich ohnehin die
-vorgeschriebenen Weihen, und so wolle sie täglich die heilige Messe im
-Schlosse lesen lassen.
-
-»Wie alt seid Ihr denn?« fragte hierauf der Pfarrer.
-
-»Wohl schon ziemlich in den Dreißigern,« antwortete Frau Johanna.
-
-»Und weil Ihr, die ziemlich in den Dreißigern stehende Frau, nicht
-herabgehen könnet zur Pfarrkirche, soll ich, der ziemlich in den
-Achtzigern stehende Mann, täglich zu Euch hinaufsteigen, um die Messe
-zu lesen?« fragte der Greis.
-
-»Das könnte kein Christenmensch begehren,« antwortete die Frau
-von Martenstein, »natürlich muß ich mir selbst einen Schloßkaplan
-halten. Und in dieser Angelegenheit wollte ich um Eurer Hochwürden
-Vermittelung gebeten haben. Ich dachte nämlich an Konrad, der, soviel
-ich weiß, noch keinen Seelsorgerposten hat, und der mit mir ohnehin in
-verwandtschaftlichem Verhältnisse steht.«
-
-Auf solche Eröffnung versetzte der Pfarrer: »Frau, warum habt Ihr es
-nicht früher gesagt, daß Ihr mit dem jungen Manne zusammenleben wollet?
-Jetzt ist es zu spät, er hat die Weihen des katholischen Priesters, und
-Ihr wisset, was das heißt.«
-
-Frau Johanna stutzte, als sie ihre Gedanken so derb erraten sah;
-zwar stellte sie sich anfangs höchst überrascht wegen solcher »die
-gute Absicht gröblich mißkennender Deutung«, machte eine schlaue
-Schwenkung und sagte, es müsse ja nicht gerade Konrad sein, er sei ihr
-nur eingefallen, sie wolle sich für einen älteren Herrn entscheiden,
-damit böse Zungen kein Ärgernis fänden. Allein den alten Herzenskenner
-täuschte sie nicht. Es war ihm ja schon früher die Neigung nicht ganz
-verborgen geblieben, die in dem jungen Priester für seine Gönnerin
-keimte; und gerade seine plötzliche Kälte und Versunkenheit machte
-ihn nachdenklich. Der alte Pfarrer, in der Absicht, Schlimmes zu
-verhüten, schrieb an das Konsistorium und sprach diesem die Meinung
-aus, daß es bei dem schwärmerischen Temperamente Konrad's, bei seiner
-weltmännischen Befähigung und der unternehmenden Tätigkeit desselben
-geraten sein dürfte, den jungen Priester nicht in eine ruhige Seelsorge
-seiner Heimatsgegend zu setzen, sondern diese schätzbaren Eigenschaften
-vielmehr auszunützen etwa für Bekehrungsmissionen in anderen Ländern.
-Mehr sagte der Alte nicht, das Konsistorium verstand ihn vollkommen.
-
-Mittlerweile hatte Frau Johanna auf Mittel und Wege gesonnen, Konrad
-wenigstens als Leutepriester auf eine der Pfarreien zu bekommen, über
-welche sie vermöge alter Schloßrechte das Patronat innehatte. Es war
-ihr unmöglich zu denken, daß sie fürder diesem Menschen fern sein
-sollte. In einer Nacht träumte ihr, daß eine Stimme rief: Johanna, wozu
-verlangst du dir den jungen Priester? Zum Beichten oder zum Sündigen?
--- Noch im Halbschlaf rief sie laut: Er ist mein Herzensfreund!
-
-Also waren seit dem Fest der ersten Messe an sechs Monate verflossen,
-da erhielt Frau Johanna ein Schreiben folgenden Inhaltes:
-
- »Teure Mutter!
-
- Im Rate der göttlichen Vorsehung ist es bestimmt, daß Menschen,
- die sich allzulieb haben, weit auseinander müssen. Du kannst
- Dich verstellen, wie Du willst, ich weiß, daß Du mich liebst.
- Aber wir sehen uns nicht mehr auf dieser Welt. Über mich ist
- beschlossen worden, daß ich nach Ostindien reisen muß als
- Missionär. Heiden bekehren, ohne selbst bekehrt zu sein. Ich
- bin kein Mensch mehr, sondern ein willenloses Werkzeug, es ist
- alles aus, in zwei Tagen reisen wir, unser sieben, mit dem
- Orientzuge ab. Anders hätte es kommen können. Wie gut Du es
- mit mir gemeint hast! Habe Dank, Du in Ewigkeit meine Lieb'
- und Pein. Gedenke, dieses Leben ist bald vorbei. Vielleicht in
- jenem.
-
- Konrad.«
-
-Als Frau Johanna den Brief gelesen hatte, war ihr gar nicht so zumute,
-als müsse sie verzweifeln oder verzichten. Im Gegenteil, sie fühlte
-plötzlich eine bisher ungekannte Kraft und Kampflust in sich. Der
-Brief war voll blutigen Schmerzes und voll herber Vorwürfe. »Ich bin
-kein Mensch mehr!« Wer hat sein Menschentum ihm genommen, wer muß es
-ihm wieder geben? -- Durch des Weibes Gehirn wogten frische Pläne. --
-Abreise in zwei Tagen mit dem Orientzuge! Alle Dazwischenkunft in der
-Stadt ist zu spät. Doch zieht die Eisenbahn nicht über die Heiden?
-nicht durch die Dohlenschluchten, welche nur wenige Meilen von
-Martenstein entfernt sind? Die Station Dohlau liegt in wüster, einsamer
-Gegend, muß dort nicht jeder Zug stehenbleiben, um Wasser zu schöpfen?
--- Die Frau war entschlossen.
-
-Konrad's Gemüt glich am Tage der Abreise einem ausgebrannten Vulkan. O,
-wie hatte es getobt, geloht! -- jetzt war es still. Man sagte ihm, er
-gehe in einen fremden Weltteil, und willenlos gab er sich drein. Von
-seinen Genossen waren mehrere voll heller Verzückung, sprachen von den
-Flammenzungen des göttlichen Geistes, mit denen sie die Ungläubigen
-bekehren würden. Fast frevelhaft hochgemut verließen sie die Heimat.
-Konrad saß einsam an einem Fenster des bereits hinrollenden Zuges und
-war vertieft in sein Brevier. Aber an das Gebet dachte er nicht, an
-nichts dachte er, der Stumpfsinn des Wehrlosen war über ihn gekommen,
-der Stumpfsinn des Gefesselten. Manchmal blickte er müde hinaus auf die
-Landschaft, und wie Wälder und Wiesen, Berge und Täler versanken von
-diesem schönen Lande. Es dämmerte der Abend; wenn neuer Tag erwacht,
-wird Fremde um ihn sein. Ihm gleichgültig, sein Herz ist ohnmächtig
-geworden. -- Der Zug rollte über Heiden, rollte in einer Felswildnis,
-durch eine Waldschlucht. Nun stand er still. Auf dem Bahnhof brannten
-zuckend ein paar Laternen, gepeitscht vom Sturmwind. Niemand stieg aus,
-niemand ein, an der Maschine rauschte das Wasser. Plötzlich schreckte
-Konrad auf, er hatte draußen seinen Namen rufen gehört. Dort an der
-Wand stand eine schwarze Gestalt, die rief laut, wenn in dem Zuge ein
-hochwürdiger Herr namens Konrad sei, so möge er auf einen Augenblick
-ins Freie kommen.
-
-Fast unwillkürlich erhob sich der Genannte und stieg aus. Die schwarze
-Gestalt faßte ihn an der Hand, zerrte ihn heftig in den Hintergrund
-durch das Tor, stieß ihn in einen bereitstehenden Wagen, die Tür schlug
-zu, und die Rosse trabten dahin durch Nacht und Wind.
-
-Als Konrad zu sich kam, merkte er wohl, daß er an Seite der Frau
-Johanna von Martenstein saß.
-
-»Schon das zweitemal,« sagte diese, »führe ich dich so im Wagen heim.«
-
-»Ich bin verloren,« hauchte Konrad.
-
-Von den Füßen der Pferde sprühten Funken, aus den Nüstern der Pferde
-stoben Flammen, fast so war es bei den grelleuchtenden Blitzen zu sehen.
-
-»Wir fahren in die Hölle!« stöhnte Konrad.
-
-»Drein gesaust, Kutscher!« rief Frau Johanna, ihre Arme ungeduldig in
-die Luft hinausstoßend: da flogen die Felsen, die Bäume, die fahlen
-Strünke vorüber wie Nebelgebilde im Sturm. Aufrecht stand der Kutscher
-und stach mit den Augen auf den wilden Pfad hin. Ein blendender Blitz,
-ein Knall, daß die Grundfesten bebten, da sprang von einem Steine
-geschnellt der Wagen empor, der Kutscher war hingeschleudert, und die
-Pferde rasten entfesselt dahin.
-
-»Sterben!« sagte Konrad.
-
-»Leben!« rief Frau Johanna, aber das wüste Gefährte toste leitlos,
-weglos hin und einem Abgrunde zu, in dessen Tiefe gelbe Nebel wallten.
-Bei dem roten Scheine einer in den Himmel emporwabernden Fichte sahen
-sie das Verderben, dem sie nahten.
-
-»Sterben!« wimmerte jetzt Frau Johanna.
-
-»Leben!« schrie der Jüngling, sprang jäh auf den Bock, erfaßte den
-Leitriemen und riß mit übermenschlicher Kraft die Rosse zurück. Diese
-standen.
-
-Mit einem Tone, in welchem Entzücken und Ehrfurcht lag, sagte Frau
-Johanna zu Konrad: »Mich gereut es nicht, daß ich dich hole, du bist
-ein Mann.«
-
-Endlich kam der Kutscher nachgehinkt, um seinen Platz wieder zu
-besteigen. Vom Himmel goß unendlicher Regen.
-
-Zur Stunde des Morgengrauens, als der Wagen in den Burghof von
-Martenstein gerollt war, als Konrad in seinem wohlbekannten, trauten
-Zimmer saß, belehrte ihn die glutvolle Umarmung der Schloßfrau, welch
-eine Wendung sein Leben genommen hatte. Und nun zeigte es sich auch,
-daß dieser junge Mensch nichts weniger war als ein ausgebrannter Vulkan.
-
-Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Frau Johanna von Martenstein
-in ihre Gemächer wankte, dort in die Kissen sank und weinte. -- Also
-mußte es geschehen! Seit Jahren hatte es in ihr gerufen: Laß ihn nicht
-von dir! Und seit Jahren hatte sie die Frömmigkeit gemahnt: Weihe ihn
-dem Herrn! Sie hatte sich beherrscht, hatte ihn hingegeben. Und nun,
-als er dem Herrn geweiht war, raubte sie ihn aus seinem Tempel. Was
-einst ein Vergehen gewesen wäre, das hatte sie reifen lassen zur Sünde.
--- Was soll jetzt werden? Wird dieser Frevel Gottes Gnade finden?
-Vielleicht. Nie aber die der Kirche, nie die der Gesellschaft.
-
-Zur späten Stunde desselben Tages trat Frau Johanna von Martenstein
-vor den jungen Mann und sagte: »Konrad, wir haben unser Geschick
-beschlossen und den Schlüssel ins Meer geworfen. -- Vor einiger Zeit
-hat jemand angefragt, ob Martenstein verkäuflich sei. Wohl, ich
-verkaufe alles, hier ist nicht mehr unseres Bleibens. Du solltest nach
-dem Osten, nun gehe mit mir nach dem Westen. In einer vorurteilsloseren
-Welt wollen wir unser Haus gründen. Ist es dir also recht?«
-
-»Wie kannst du fragen?« versetzte Konrad.
-
-»Weil du nun der Herr bist,« antwortete sie.
-
-Er sagte nichts mehr, um so mehr sprach sein erwachter Blick. Ein
-ernster Stolz, eine frisch auflodernde Daseinslust war in dem Wesen
-des jungen Mannes, dem die Frau in der Vollreife des Lebens sich gern
-unterwarf für alle ihre Zukunft.
-
-Wenige Wochen später befand das Paar sich auf dem großen Ozeandampfer
-»Poseidon«.
-
-
-
-
-Aus dem Tagebuch einer Ehefrau.
-
-
- Graz, am 7. April 18**
-
-Ich heirate ihn. Meiner Mama zu Trotz heirate ich ihn. Cousin Karl
-lacht mich aus und Mama sagt, am Ende nähme mich auch der nicht, ich
-bekäme gar keinen. Karl sagt, ich bekäme jeden. Mama ärgert sich, daß
-er Professor der Philosophie ist, ja sogar -- wenn er seinen Titel
-zeigen wollte, aber er will das nicht -- Ritter von! Das macht alle
-ihre Prophezeiungen von meiner Taugenichtsigkeit zuschanden und ich
-will in der schönen Villa am Rosenberge die Hausfrau sein.
-
-Er ist genau zweimal so alt als Karl, ich habe ihn auch zweimal so
-lieb. Lieben muß eine brave Frau ihren Mann, das weiß ich schon, und
-ich will eine brave Frau werden, gerade der Stiefmutter zu Trotz, weil
-sie immer sagt, sie beweine den Mann, der mich nimmt.
-
-Sie mag's tun und er soll sie belachen, das will ich.
-
-
- 10. April.
-
-Heute war die Verlobung. Mama hat wirklich dabei geweint, aber vor
-Freuden und über mein Glück, wie sie laut sagte. Es ist auch eins. Ich
-weiß gar nicht wie mir ist, so als ob ich in den Lüften schwebte, und
-alles beweist mir Ehrerbietung, und die ganze Welt, so ist mir, wendet
-sich ringsum auf mich her und alle Bäume, alle Sträucher, an denen wir
-beim Nachhausegehen vorbeikamen, flüsterten einander zu: Sie ist Braut.
-
-Ich werde es aber nicht lange sein. Mama behauptet, ich zähle im
-Traume schon die Tage, bis ich einen Mann hätte. Mein Onkel sagte mir
-scherzend: »Bleibe so lange Braut als möglich, heirate sobald als
-möglich. Der Ehestand ist am schönsten von vorne, der Brautstand von
-hinten.« -- So etwas Unverständiges kann nur der gute Onkel sagen.
-
-Gottlob, daß ich Braut bin!
-
-
- 30. April.
-
-Gestern war's. Aber gestern war ich unfähig, auch nur ein Wort zu
-schreiben.
-
-Heute will ich's denn, ich kann das Geheimnis nicht in mir
-verschließen, ich kann nicht. Das Papier will ich ja dann verbrennen.
-
-Mein Bräutigam richtet die Villa neu ein, ich hörte, daß er in meinem
-künftigen Boudoir ein Fenster ausbrechen lasse gegen Mariatrost hin,
-weil er weiß, daß mir dieser Blick so lieb ist. Ich bin mit Mama und
-dem Cousin Karl sehr oft in Mariatrost gewesen; aber wenn ich vom Walde
-auf das weiße Haus am Rosenberg herübergeblickt hatte, wie hätte ich
-denken können, daß es einmal mein sein sollte!
-
-Ich war begierig, die neue Wohnung zu sehen und wollte gestern meinen
-Bräutigam überraschen. Er war aber nicht zu Hause, er hatte Vorlesung
-auf der Universität. Ich fand die weißbeklecksten Maurer, die dummen
-Tapezierer, die auf ihren Leitern standen und nicht einmal grüßten.
-Ich wünschte, daß es heimlicher würde in diesem Hause und verließ es
-bald. In der Panoramagasse begegnete mir der Cousin. Ganz zufällig war
-er spazieren gegangen gegen Mariagrün hin und lud mich ein, ihn zu
-begleiten. Ich ging gerne mit ihm, aber er war sehr langweilig, riß im
-Vorbeigehen Blätter von den Bäumen und warf sie wieder weg.
-
-Als wir zum Kirchlein kamen, war mir weich zumute und ich sagte, wir
-wollten doch hineingehen und die Mutter Maria grüßen.
-
-Karl antwortete, er habe sie schon oft gegrüßt, sie hätte ihm aber
-niemals gedankt. Er sei arm, verlassen, von niemandem geliebt. Ich bat
-ihn, daß er nicht so reden möge, und vielleicht, daß ihm die Mutter
-Maria heute danke. Ich sagte das, weil er mir leid tat und weil ich
-einen Spaß machen wollte und endlich auch, weil ich wirklich immer ein
-großes Vertrauen hatte zu Mariagrün.
-
-Wir gingen aber an der Kirche vorüber und durch den Wald hinauf. Er
-wollte noch nicht sprechen und als ich ihn von der Seite heimlich
-anblicke, sehe ich, daß sein Auge voll Wasser steht. Mir wollte das
-Erbarmen mein Herz zerdrücken. Ich ärgerte mich, daß mir gar kein Wort
-einfiel, ihn zu trösten. Wenn er nur zu Hause bei uns wäre, dachte ich,
-unter Leuten macht er ja seine lustigen Glossen, daß alles lacht.
-
-Da ist es plötzlich. Er reißt mich an sich und küßt mich so heftig, daß
-ich vor Schreck ohnmächtig werden mußte ...
-
-Wir sind spät nach Hause gegangen.
-
-Jedes allein.
-
-
- 30. Juni.
-
-Die Hochzeit ist vorüber; sie war in der Domkirche, einfach und
-würdig. Ich hätte aber vermutet, es würden mehr Leute in der Kirche
-anwesend sein. Mir sei beim Heiraten alles Aufsehen zuwider, hatte ich
-gesagt, aber geheim wäre mir doch um Zuschauer zu tun gewesen. Mama
-war zärtlich mit mir, wie vorher noch nie; ich hätte mir nicht träumen
-lassen, daß mir der Abschied von ihr so schmerzlich fallen würde.
-
-Als mich mein Mann -- ach, mein Mann! -- durch unsere neue Wohnung
-führte, war mir sehr bange und wußte ich nicht, was ich sagen sollte,
-um meine Beklemmung zu erleichtern. Ich hatte einen unverstehbaren
-Drang, als müßte ich etwas sagen, was mir oder ihm weh täte. So sagte
-ich, daß ich nur eines fürchte in diesem Haus: Die Gegenwart seiner
-verstorbenen Frau. Ich sei maßlos eifersüchtig.
-
-Er lächelte und meinte, besser, die zwanzigjährige Frau sei es, als
-der vierundvierzigjährige Mann habe Anlaß dazu. Dann gab er mir den
-Schlüssel zu einem kleinen Zimmer und sagte, das Zimmer sollte mein
-Brautgeschenk sein, +mein+ ganz allein, er wolle es nimmer betreten und
-nicht mehr wissen, daß es auf der Welt sei.
-
-Während er mit dem Hausmeister sprach über das, was bei unserer
-Abwesenheit zu geschehen hat, öffnete ich das Zimmer, denn ich war sehr
-begierig auf die Brautgabe. Im Zimmer befanden sich alle Gegenstände
-von der ersten Frau, von ihrem Ölbilde an bis zum Hochzeitsschmuck, ihr
-Schreibtisch, ihre Kleider, ihr Toilettenkasten, die kleine Wiege mit
-dem blauseidenen Vorhang, die nicht verwendet worden ist. -- Das alles!
-Und es war mein Eigentum, ich konnte es vernichten.
-
-Als mein Mann zu mir zurückkam, fragte er in seiner gütigen Weise,
-warum ich weine?
-
-»Wie lange ist es, daß sie nicht mehr lebt?« so mußte ich fragen.
-
-Ich hätte fast gewünscht, daß er entgegenfragen möchte, von wem ich
-spreche, aber er sagte nur: »Seit du lebst, Juliana, ist sie nicht. Du
-wirst gesehen haben, wie alles schon verblaßt ist. Dein Geburtsjahr ist
-ihr Sterbejahr gewesen.«
-
-Nun sitze ich im Zimmer des Hotels. Mein Mann erkundigt sich beim
-Portier nach dem morgigen Wagen auf den Bahnhof. Ich solle mich um gar
-nichts kümmern, ich soll nur die schöne Welt genießen.
-
-Wenn nur schon morgen wäre!
-
-
- 16. Juli.
-
-Wir sind von der Hochzeitsreise zurückgekehrt. Es waren herrliche Tage.
-Ich habe mich während derselben in meinen Mann verliebt. Das ist ein
-goldener Mann und kann scherzen wie ein zwanzigjähriger Student.
-
-»Ei geh', Ludwig!« verwies ich ihn einmal neckend, »ein Professor der
-Philosophie und so übermütig!«
-
-Was ich mir unter Philosophie denn eigentlich vorstellte, war seine
-Frage, wenn nicht die Lehre vom heiteren Genuß der lieben Welt?
-
-Ich könnte damit einverstanden sein -- aber für mein Unglück gibt es
-keine Philosophie.
-
-
- 1. August.
-
-Keine Fürstin kann's so haben als ich. Draußen die paradiesische
-Landschaft mit der schönen Stadt im Tale. Im Hause die frohe Umgebung,
-in meinem Gemach der stille Frieden -- in mir die Pein.
-
-Wie Wochen sind mir die Stunden, da Ludwig nicht bei mir ist, und wie
-zittere ich, wenn er bei mir ist! Er ist jetzt in den Ferien Bauer,
-Gärtner und Jäger und immer munter, immer gut und liebevoll. Gar nie
-tritt er ins Zimmer, ohne mir eine Blume, eine Knospe mitzubringen, er
-ziert damit mein Haar, meinen Busen, tritt dann zwei Schritte zurück
-und schaut fröhlich her, wie es mir passe. Gestern abends, da wir
-beisammen im Garten standen vor einem Strauche junger Herbstrosen, nahm
-er mich an beiden Händen, schaute mir mit feuchtem, leuchtendem Auge
-ins Gesicht und sagte: »Juliana, ich danke dir! Ich danke dir, daß du
-mein bist!«
-
-Einen Stich gab's mir im Herzen, ich wankte ins Haus.
-
-Ich liebe ihn! Ich liebe ihn so heiß, daß ich den Frevel nicht
-begreifen kann, wie ich einst sagte: bloß Mama zum Trotz.
-
-
- 4. August.
-
-Es wird nicht anders. Es ist fürchterlich!
-
-
- 11. September.
-
-Heute ging Karl vorbei und blickte zu meinem Fenster herauf. Kaum
-konnte ich mich noch verbergen, daß er mich nicht sah. Ich weiß nicht,
-was größer ist, mein Haß gegen ihn oder meine Verachtung gegen mich.
-
-
- 30. September.
-
-Heute fand Ludwig, daß die Haustreppe für mich zu steil sei und will
-sie flacher legen lassen. Ich beschwor ihn, daß es nicht der Fall ist.
-Zum mindesten belegt er sie mit Teppichen, daß es meine Füße recht
-sanft haben sollen.
-
-Wie er strahlt vor Glück, wenn er mir etwas Liebes erweisen kann! Mein
-ganzer Tag, meine ganze Existenz ist lautere Liebe von ihm.
-
-Mama kommt mit ihren Ratschlägen, die mir zuwider sind, ich will nur
-ihn hören -- und daß ich's tue, zu tun vermag, ist eine Schmach für
-mich.
-
-Ihm gesteh --? Es ist unmöglich! Unmöglich!
-
-
- 9. Oktober.
-
-Seine Studenten lieben ihn auch. Sie haben ihm gestern zu seinem
-Geburtstage einen Fackelzug gebracht.
-
-»Der gilt dir!« jubelte er mir heimlich zu, »es ist ja der erste, den
-sie mir bringen.«
-
-Zum Fenster rief er hinab: »Ihr jungen Freunde! Mein Leben ist licht
-geworden. Opfert den Göttern, daß ich demütig bleibe!«
-
-»Ludwig,« sagte ich später zu ihm, da wir allein waren, »Philosophen
-pflegen sonst dem Glücke nicht sehr zu trauen. Ich kann nicht so
-zuversichtlich sein.«
-
-Nach einer Weile habe ich beigesetzt: »Du hast nur einen einzigen
-Fehler, lieber Mann. Daß du so gar nicht eifersüchtig bist.«
-
-»Diese Bemerkung,« sagte er darauf, »beweist, daß ich ganz recht habe,
-es nicht zu sein.«
-
-Ich las einmal, daß es Frauen gibt, die ihre Männer nicht allein
-mit Eifersucht quälen, nicht allein hintergehen, sondern sie auch
-eifersüchtig haben wollen. Bei Gott, von diesen bin ich doch keine. Wie
-könnte ich glücklich sein, über sein Vertrauen!
-
-
- 12. Oktober.
-
-Heute sind wir in die Stadt gezogen. Ich sehe von meinen Fenstern aus
-die schönen Alleen des Glacis und den Schloßberg. Die herbstlichen
-Schattierungen der Bäume sind gar zu schön. Seit ich diesen Mann habe
-und seinen Gesprächen lauschen kann, gehen mir erst die Augen auf für
-allerlei, das mir sonst gleichgültig gewesen ist. Wie könnte ich es
-genießen!
-
-Er hat mit dem Inspektor des Hauses einen förmlichen Pakt geschlossen,
-daß der Mann jeden Lärm möglichst hintanhalte und wie ein Engel mit
-flammendem Schwerte unser Paradies bewache. Und doch ahnt er es nicht,
-wie nahe die Zeit ist.
-
-Hat er jemals so viel an seine erste Frau denken können, als ich es
-tue? Alle Sachen von ihr, alle Erinnerungen an sie habe ich in das
-Stadthaus mitgenommen, hier damit ein Zimmer eingerichtet, das wie
-meine Hauskapelle ist. Wenn mir gar zu schwer wird um's Herz und
-ich trotz des geliebtesten Menschen, der mit mir lebt, nicht weiß,
-wem ich meine Angst und Not klagen soll, gehe ich in das Zimmer der
-Verstorbenen und weine mich aus.
-
-Und bete, sie möchte mich dahin rufen, wie sie dahin gerufen worden
-ist. Sie hat die Wiege bereitet, die Linnen gestickt mit Freuden -- sie
-hätte gerne gelebt mit diesem Mann.
-
-Ich kann nichts bereiten und Ludwig wird sich darüber wundern. Ich kann
-nicht, ich habe es versucht -- es ist, als stickte und webte ich an der
-Sünde weiter.
-
-Darf ich denn wünschen, daß es aus werde mit mir, da ich doch weiß, es
-könnte ihn nichts so hart treffen auf Erden?
-
-Ach, wenn ich ihn nicht so sehr liebte! Wenn er nur nicht so unsäglich
-gut wäre!
-
-
- 25. Dezember.
-
-Das war ein trauriger Christabend.
-
-Ludwig überschüttete mich mit Gaben, mich und das Kind, als ob es schon
-da wäre und spielen und jubeln könne. Und er saß in der dunklen Ecke
-des Zimmers und sagte kein Wort, sondern verdeckte sein Gesicht mit
-den Händen. Ich wußte nicht, was es war, und der Christbaum gab einen
-Schein, wie die Lichter an einer Bahre.
-
-Ich wagte nicht, ihn zu fragen nach seinem plötzlichen Kummer, denn ich
-glaubte, daß er nun alles wisse. Aber es war doch was anderes, denn
-endlich stand er auf, trat zu mir heran, die ich allein am Tische des
-Baumes gesessen war, und küßte mich so herzlich und treu, daß es nicht
-zu beschreiben ist.
-
-
- 28. Dezember.
-
-Er ist nicht, wie er sonst war.
-
-Er ist liebreich und gütig gegen mich wie immer, aber er ist nicht so
-heiter. Er ist zerstreut, ist viel an seinem Arbeitstische, arbeitet
-aber nicht, sondern schaut mit aufgestütztem Haupte nur so vor sich hin.
-
-Er muß einen Kummer haben. Hundertmal wollte ich ihn schon fragen, was
-es sei, aber ich kann nicht, ich vermag's nicht, ich weiß nicht warum.
-Wüßte er etwas, wie könnte er so herzlich mit mir sein, es wäre ja
-nicht möglich.
-
-
- 30. Dezember.
-
-Er ahnt doch etwas. Heute sprach er davon, daß es Zeit sein dürfte, das
-Wochenzimmer zu bereiten.
-
-
- 1. Januar 18**
-
-Er ahnt nichts. Wir haben in der Nacht die zwölfte Stunde wachend
-erwartet.
-
-»Ich segne dich, du vergangenes Jahr,« sagte er, »du hast mir mein
-Menschentum verzweifacht. Und ich segne dich, du kommendes Jahr, du
-wirst es verdreifachen.«
-
-Er ist wieder heiter und voll Zuversicht.
-
-
- 5. Januar.
-
-Ich wüßte keine andere Pein, die so höllisch sein könnte, als die
-meinige ist. Den Menschen, den man über alles liebt, dem man alles
-verdankt, ohne den man nicht mehr leben könnte, mit jedem Tage
-neuerdings täuschen und betrügen zu müssen.
-
-Ihm gestehen? Nein, nein, eher soll er mich im Sarge sehen.
-
-O unseliges Kind! Wie ich dich hasse, jetzt schon. Das einzige, was die
-Mutterliebe für dich tun kann, daß sie betet, du mögest das Tageslicht
-nimmer erblicken. Erscheinst du mir tot, ach, wie werde ich dich lieben
-und dankbar küssen und jubelnd begraben! O, Mutter Maria, ich rufe dich
-an! Mein Herz ist zum Zerspringen so schwer. Wenn ich dieses Büchlein
-nicht hätte! Alles in mich könnte ich nicht verschließen.
-
-
- 13. Januar.
-
-Der Gedanke verläßt mich nicht, o Gott! Es wäre ja zu unser aller
-Besten. Mein Fehltritt gebüßt, kein fremdes Wesen zwischen uns. In der
-Ehe Harmonie und Frieden nach Gottes Willen. Wie kann etwas, das so zum
-Guten führt, ein Verbrechen sein?
-
-Wenn ich nur mit ihm darüber sprechen könnte, wie über ein Fremdes, so
-daß ich seine Meinung wüßte für solchen Fall. Einmal hat er gesagt: Den
-Gott am meisten liebet, den nimmt er als Kind zu sich.
-
-
- 17. Januar.
-
-So bin ich vor mir selbst nicht mehr sicher. Heute morgens fragte mich
-Ludwig, woher ich denn plötzlich das Tigerherz genommen? Ich hätte in
-der Nacht vom Erwürgen gesprochen.
-
-Er mußte merken, wie ich erschrak, denn er sagte sogleich: »Wenn die
-Frauen so schlimm wären, als ihre Träume -- besonders in solcher Zeit!
-Der Traum ist das Ventil, durch das sich die Laster der tugendhaften
-Frau austoben.«
-
-Gott wolle, es wäre so!
-
-
- 25. Januar.
-
-Es ist merkwürdig, wie ich seine erste Frau, die ich anfangs als meine
-größte Feindin betrachtet habe, nun ganz zu meiner Vertrauten mache.
-Wie sehr sie ihn geliebt hat, er spricht auch nicht ein Wort darüber,
-aber tausend Spuren geben davon noch Zeugnis.
-
-O weise mich, seliger Geist, wie ich dich ihm würdig ersetzen kann!
-
-
- 10. Februar.
-
-Heute bin ich das erstemal aus dem Bette. Im Nebenzimmer schläft es.
-
-Ludwig war über die Frühgeburt nicht besonders überrascht. Es ist auch
-gar zu klein.
-
-Wenn er vom Kollegium nach Hause kommt, setzt er sich an's Bettlein und
-schaut es an. Ich habe immer gehört, es spreche das Blut, das muß doch
-nicht so sein. Er liebt es.
-
-Wenn ich jetzt denke an meine Gedanken! Solches nur denken zu können!
-
-Das Kind ist so arm, daß ich weinen muß, sooft ich es anblicke. Ich
-soll ruhen und schlafen, ich kann nicht, ich denke an das Kind immer
-und immer. Liebe ich es? Das wäre Untreue gegen den, der mir in meinen
-schweren Stunden wieder bewiesen hat, daß er mir alles ist, daß ich ihm
-alles bin. Er weinte und lachte, als es geboren war.
-
--- -- Sieben Monate! Wäre das nicht möglich? Wenn der Junimond nicht
-ausgeblieben wäre!
-
-Er kommt.
-
-
- 12. Februar.
-
-Und so soll es nun fortgehen? Das Geheimnis soll bleiben und ich soll
-ihn betrügen bis ans Lebensende?
-
-Das sei nicht. Das sei nimmer.
-
-Gut kann es sich nicht lösen -- aber es löst sich, ich weiß einen
-Ausweg. Da das Kind nicht hier bleiben darf und ich ohne es nicht sein
-kann, so muß ich mit ihm fort. Nach Wien, zur Schwester meiner Mutter.
-Von der Ferne werde ich ihm alles schreiben und die Form finden,
-die ihm am wenigsten weh tut. Ludwig ist nicht allein im Hörsaal
-Philosoph, er wird sich zurechtfinden. Hat er den Verlust des +treuen+
-Weibes ertragen können, so wird ihn der des falschen nicht zu Boden
-drücken. Habe ich sein Andenken an die erste Frau unterbrochen, so wird
-es nach meiner Flucht -- es soll nichts von mir zurückbleiben -- wieder
-erwachen und er wird nicht verlassen sein.
-
-
- 20. Februar.
-
-Ein Schreiben wollt' ich ihm zurücklassen, daß ich ihn bis zu meinem
-Tode lieben werde, daß ich von ihm gehe, weil ich seiner nicht wert
-wäre.
-
-Ich darf es nicht, ich darf diesen Brief, in den ich mein Leid gelegt
-habe, nicht an ihn gelangen lassen, das würde den Schmerz nur steigern.
-Ich will ohne alles, so wie eine Undankbare, eine Unwürdige geht, so
-will ich davongehen.
-
-Seine Verachtung gegen mich soll ihn retten und mich strafen, wie ich
-es verdiene. O mein Gott!
-
-
- 3. März.
-
-Ludwig ist mit einer kleinen Gesellschaft von Historikern auf einige
-Tage nach Cilli und Pettau gegangen, um dortige Römerdenkmale zu
-besichtigen.
-
-Er war sehr munter und sagte zu mir beim Abschied, ich sollte ihm nur
-recht den kleinen Ludwig hüten.
-
-Ich will nicht d'ran denken, will stark bleiben, ich habe viel zu
-vollbringen.
-
-Bei dem Packen sehe ich erst, wie wenig ich in dieses Haus gebracht
-habe, und wie viel von ihm empfangen.
-
-Der Dienerschaft sage ich, es sei verabredet, daß ich der
-Luftveränderung wegen auf einige Wochen nach Wien gehen werde.
-
-Also heute nachmittags vier Uhr in Gottesnamen!
-
-
- 6. März.
-
-Nun ist es so gekommen!
-
-Ich zittere jetzt noch, da ich es schreibe. Wozu schreibe ich es nur,
-ich sage ihm ja alles und darf es sagen, o Glück!
-
-Ich habe ihn geliebt, jetzt bete ich ihn an und den Nachkommen schreibe
-ich es entgegen: er ist anbetungswürdig!
-
-Jetzt weiß ich erst, was das ist: ein Mensch! Er hätte mich göttlicher
-nicht strafen, herrlicher nicht demütigen können und erheben zugleich,
-als er es getan hat. --
-
-Das Kind dicht eingehüllt am Arm, so floh ich wie eine Diebin. Der
-Wagen stand vor dem Tore; über die Aufregung vergaß ich des Schmerzes,
-der mich schrecklich gequält hatte die Nacht und den ganzen Tag
-hindurch.
-
-Am Tore steht Ludwig und fragt den Kutscher, wer wegfahre. Dieser
-deutet auf mich, die ich hastig aus dem Hause trete.
-
-»Was ist das, Juliana?« ruft Ludwig.
-
-Mir ist zum Zusammenbrechen, er stützt mich und bringt mich und das
-Kind zurück in die Wohnung.
-
-»Du wolltest -- mir entgegenfahren, mein Herz?« fragte er, »konntest es
-nicht wissen, daß wir die Reise um einen Tag abgekürzt haben.«
-
-»Ludwig,« sprach ich und mir wollte der Atem versagen, »laß mich
-rasten, mir ist schlimm zum Sterben. Es wird bald besser sein. Ich will
-dir dann was sagen.«
-
-Er führte mich voll zärtlicher Sorgfalt auf mein Zimmer und schloß die
-Tür ab.
-
-»Daran tust du wohl, Ludwig,« sagte ich, dann fiel ich vor ihm auf die
-Knie.
-
-Ich habe ihm alles gesagt -- alles.
-
-Er hörte es. Sein Blick war traurig, aber blieb liebevoll. Er hob mich
-auf und setzte sich neben mich, er war blaß, und seine Hand, mit der er
-die meinige hielt, zitterte.
-
-»Juliana,« sagte er, »diese Stunde mußte kommen, ich habe sie ersehnt,
-ich habe sie gefürchtet. Gerne möchte ich dir die Qual mildern,
-vielleicht dadurch, daß ich dir sage: Ich wußte es schon, wußte es seit
-dem Christabend.«
-
-So viel sprach er, dann stand er auf und ging einige Male das Zimmer
-auf und ab. Hierauf setzte er sich wieder und sagte: »Ich fand an
-jenem Tage auf deinem Arbeitstischchen das kleine Notizbuch liegen; es
-hätte meinetwegen immer dort liegen können, ich sah es nur diesmal,
-da ich etwas suchte, um dir ein kleines Gedicht einzuschmuggeln,
-einen Gruß dem Nahenden, der uns das nächstjährige Christfest feiern
-helfen soll. Ich pflege nicht indiskret zu sein, aber als ich das
-Büchlein aufschlug, sprang mir ein Wort in's Auge, das mir sofort deine
-nächtlichen Träume und Ausrufe in Erinnerung brachte. Ich mußte lesen,
-denn es war ein Sturm in mir, den ich beschwören wollte mit deinen
-Aufzeichnungen. Aber kein Wort gab mir den Frieden zurück und ich las
-alles.«
-
-»Und hast uns nicht verstoßen und hast uns lieben können!« rief ich aus.
-
-»Die Ehebrecherin hätte ich verstoßen,« sagte er ruhig, »Dein Fehltritt
-war vor dem Tage, da wir uns die Treue geschworen. Ich entschuldige
-nichts, denn daß es eine große Schuld war, beweist das Leid, welches
-sie in dein Herz warf.«
-
-»Und das Kind?«
-
-»Ist unser. Ich gestehe dir wohl, es war eine schwere Betrübnis in mir,
-da mich die Tatsache so plötzlich überrascht hatte; aber als ich des
-Gemeinen Herr wurde und die Wahrheit fand, da war ich zufrieden. Es
-ist mein Kind, wie es das deine ist, denn in unseren Armen ruht es,
-durch unsere Fürsorge wird es gedeihen, durch unser Herz wird das seine
-genährt und erweckt, durch unser Vorbild wird es uns ähnlich an Seele
-und Leib. Es wird uns und nur uns lieben und nichts anderes wissen.
-Nicht +der+ Augenblick ist mir der höchste, welcher der niedrigste
-ist und mir möglicherweise vom Kind einst zum Vorwurf gemacht werden
-kann. Nicht wer das Menschenkind erzeugt, ist sein Vater, sondern wer
-es erzieht. Diesem nur hat es zu danken, denn dieser machte es zum
-Menschen, diesen nur kann es lieben. Kein tierisches Band ist es, das
-mich an unsern Ludwig fesselt, ethische, menschliche Beziehungen sind
-es, und wenn der Himmel den lieben Kleinen beschützt, so wirst du
-sehen, daß keines andern, daß +mein+ Wesen verjüngt aus ihm hervorgeht.
-Auch uns verknüpfen dann unlösliche Bande der Natur, aber solche
-besserer Art, und der nur kann mir mein Anrecht streitig machen, der
-mir beweist, daß je ein leiblicher Vater sein Kind so teuer erkauft
-hat, als ich das meine.«
-
-In diesem Sinne hat er gesprochen. Ich wimmerte zu seinen Füßen, dann
-an seiner Brust.
-
-»Jedoch ein ernstes Wort,« so fuhr er fort, »habe ich mit dir zu
-sprechen, Juliana, deiner geplanten Flucht wegen. Ich erwäge die
-Gründe, die dich dazu bewogen haben, sie mögen gewichtig sein oder dir
-so geschienen haben. Aber ich hätte von dir so viele Kenntnis meines
-Wesens und Charakters erwartet, durch die du wissen solltest, daß unter
-allen Umständen ein vertrauensvolles Bekenntnis das Beste gewesen
-wäre. Ich habe dieses Bekenntnis von dir fast bestimmt noch vor der
-Geburt des Kindes erwartet; es hätte dir Beruhigung und Mut gebracht,
-es hätte dich meinem Herzen womöglich noch näher gebracht, schon durch
-das Mitleid mit der Reuigen und durch den Vorteil, verzeihen zu können.
-Wie, wenn du in den Wochen hättest sterben müssen, gepeinigt von dem
-Gewissen, und ohne von mir den Beweis der +wahren+ Liebe, den ich heute
-erbringen kann, hören zu können! Das alles war nicht, aber verlassen
-wolltest du mich heimlich, uns drei in ein Elend stürzen, wie ein
-größeres kaum zu denken ist. Diese Untreue, meine Juliana, ist mir noch
-schmerzlicher, als die erste es war ...«
-
-An all das kann ich mich noch erinnern, daß er's gesagt hatte, dann
-weiß ich nicht mehr, was mit mir geschah. Als ich wieder zu mir kam,
-lag ich auf meinem Bette, der Arzt stand neben mir und zu meinen
-Häupten Ludwig, der mir mit einem kühlen Tuch die Stirne trocknete.
-
-Ich legte den Arm um seinen Nacken, und sein liebes Haupt beugte sich
-nieder auf mein Gesicht, und auf meine Stirne fiel eine warme Träne ...
-
- * * * * *
-
-Als ein letztes Siegel der Reue und der Treue, ja sozusagen als eine
-Votivtafel zur Danksagung für ein so seltsamerweise gefundenes Eheglück
-fühlte sich die Frau Professorin veranlaßt, diese Tagebuchblätter --
-mit Hinweglassung der persönlichen Merkmale und Erkennungszeichen -- zu
-veröffentlichen.
-
-Ich, der ich dieses zu vermitteln übernahm, habe nur zwei Bedenken: als
-erstes, ob die Skrupel der Frau, als zweites, ob die Philosophie des
-Mannes wohl das richtige Verständnis finden werden?
-
-
-
-
-Die Kokette.
-
-
-Du sprichst von koketten Frauen, junger Freund, wie ein Blinder von der
-Farbe. Kokett nennst du es, wenn eine Dame durch auffallende Farben,
-Bewegungen, Blicke die Augen der Männer auf sich zu lenken sucht.
-Kokett nennst du sie, wenn sie sich ein wenig vordrängt und ein wenig
-versteckt, wenn sie ein wenig dreist ist und ein wenig erröten kann,
-wenn sie ein wenig anzieht und ein wenig abstößt und so die Herzen
-der Männer bearbeitet, bis sie Feuer geben, und wenn der Mann für sie
-lichterloh entbrennt, sie geneigt ist, die Glut regelrecht zu dämpfen.
-Das ist ja alles nett und kokett und verläuft auf das Anmutigste.
-
-Ich kenne eine andere Koketterie, mein Junge, und will dir erzählen;
-willst du keine Lehre daraus ziehen, so magst du dich wenigstens für
-klüger halten, als ich war -- und das wird dir sicherlich ein großes
-Vergnügen sein.
-
-Ich habe dir schon einmal gesagt, daß ich mich als Student eine
-Zeitlang mit Unterrichtgeben in der Stenographie fortgeholfen hätte.
-Also gewann ich auch durch Vermittlung eines Bekannten wöchentlich zwei
-Stunden bei einer Dame Stachari. Es war eine blasse, schwarzhaarige und
-großäugige Dame, die stets in schwarzem Seidenanzuge war und am Busen
-eine Kamelie oder eine rote Rose stecken hatte. Sie konnte nicht älter
-als vierundzwanzig Jahre sein, ich wußte nicht, ob sie vermählt war
-oder ledig; das alte Stubenmädchen erwähnte mehrmals des »Herrn«, den
-ich aber nie zu Gesichte bekam. Die Wohnung bestand aus drei Zimmern,
-die sehr luxuriös eingerichtet waren. Zumeist herrschte in ihnen ein
-künstlich hergestelltes Dunkel und ein betäubender Blumenduft. Die
-Blumen und ihr Duft, so behauptete sie, seien ihr Licht, ihre Luft,
-ihre Nahrung, ihre Liebe, ihr Traum, ihre Seligkeit. Was den Männern
-der Wein, der Tabak, das Opium sei, das wäre ihr die Blume; was den
-Männern das Spiel, die Gefahr, das Weib sei, das wäre ihr die Blume.
-Die Blume sei das einzige Wesen auf der Erde, von dem sie nichts
-Schlimmes erfahren, nicht enttäuscht worden wäre.
-
-Nun hätte ich für mein Leben gern gewußt, was die junge Dame schon für
-Schicksale gehabt und worin die Enttäuschungen bestanden; natürlich
-wagte ich nicht zu fragen und sie berührte ihre Vergangenheit, ihre
-persönlichen Verhältnisse mit keiner Silbe.
-
-Nachmittags von fünf bis sechs Uhr hatten wir den stenographischen
-Unterricht; ich wußte aber nicht, zu welchem Zwecke sie die
-Schnellschreibekunst erlernen wollte, einmal nur äußerte sie, solche
-mache ihr Spaß und sei ein netter Zeitvertreib, während ich immer der
-Meinung gewesen, die Stenographie sei Zeitersparnis. Indes ging ihr
-die Sache doch nicht recht von der Hand; mehrmals legte sie schon in
-der ersten Hälfte der Stunde den Stift weg, lehnte sich in den Sessel
-zurück und machte den Vorschlag, lieber ein bißchen zu plaudern. Nun
-wußte ich über nichts eigentlich zu plaudern, als über Gabelsberger,
-denn ich war ein ganz unerfahrener Mensch, der bisher in Gesellschaft
-sich stets bescheidener Schweigsamkeit beflissen hatte. In erster Zeit
-hatte mich sogar die Ansprache verlegen gemacht: ich nannte sie gnädige
-Frau, sie widersprach nicht, doch ahnte ich bald die Unschicklichkeit
-dieser würdigen Ansprache, denn die Dame kam mir manchmal sehr jung
-vor und ich nannte sie endlich »mein Fräulein«. Manchmal schlug sie
-Heines Buch der Lieder auf, fragte mich, welche Gedichte mir am besten
-gefielen und las wohl selbst eines oder das andere, wobei sie manchmal
-seufzte und schwermütig ward.
-
-Als es in den Spätherbst hineinging, wollte uns der Tag nicht
-mehr leuchten zu unserem Schreibunterrichte, da wurde die Lampe
-angezündet, die einen roten Schirm aus Seidenpapier hatte, so daß die
-Schreibeblätter und die Hände und die Wangen einen rosenglühenden
-Schein gaben. Manchmal zitterte im Schreiben ihre Hand ein wenig und
-sie bat mich, daß ich sie führe, was aber durchaus nicht nach der
-Schnellschreiberegel ist. -- Zwei Minuten nach Ablauf der Stunde
-pflegte ich aufzustehen, mich vor meiner Schülerin zu verneigen und
-davonzugehen. Bei solchem Fortgehen kam ich mir sehr einfältig vor
-und ich ärgerte mich nachher, daß ich nicht artiger gewesen war gegen
-das liebenswürdige Fräulein. Das böse Gewissen ließ mich deswegen oft
-halbe Nächte lang nicht schlafen und ich nahm mir fest vor, das nächste
-Mal sachgemäßer zu handeln. Als ich jedoch das nächste Mal wieder
-neben ihr saß, wieder die stille Lampe brannte, wieder ein Heinesches
-Gedicht gehaucht wurde, war ich eben gerade wieder so blöde, sehnte
-mir insgeheim den Verlauf der Stunde herbei und als sie vorüber war,
-zögerte es doch in mir, ob ich schon gehen oder meine Schülerin noch
-ein bißchen nachsitzen lassen solle.
-
-Eines Abends im Dezember machte mir das Fräulein die etwas
-überraschende Mitteilung, daß sie auf unbestimmte Zeit verreisen werde
-und daher den stenographischen Unterricht leider unterbrechen müsse.
-Sie händigte mir die Hälfte des ausbedungenen Honorars ein, die andere
-Hälfte stellte sie mir in Aussicht nach ihrer Rückkehr. Beim Abschiede
-teilte sie mir errötend mit, daß sie sich von mir eine Gunst ausbitten
-wolle -- ein Andenken von mir -- eine ganz kleine Haarlocke.
-
-Was sie an einer Haarlocke habe? fragte ich, die Sache ins Scherzhafte
-ziehend, denn ich mußte mein heftig pochendes Herz verdecken. Sie
-antwortete, das wisse sie schon und schnitt mir unter unsagbar zarten
-Berührungen vom Nacken links ein Löcklein ab. Nun wären wir gottlob im
-richtigen Geleise! dachte ich, tat nichts dafür und nichts dagegen,
-wartend, daß das Glück mir in den Schoß falle. Das Fräulein stand eine
-Weile sinnend, endlich flüsterte sie: »Also denn -- es ist bestimmt, in
-Gottes Rat!« damit steckte sie mir ein halbaufgeblühtes Rosenknösplein
-in das Knopfloch. Ich drückte ihr die Hand, wünschte eine glückliche
-Reise und Wiederkehr und taumelte zur Tür hinaus.
-
-Die qualvolle Zeit, die nun für mich kam, ist nicht nachzuempfinden Ich
-fühlte mich ganz und gar verwaist, mir war, als hätte ich die einzige
-Schwester -- he, bloß eine Schwester? -- verloren. Täglich mehrmals
-ging ich durch die Gasse und schaute hinauf zu ihren Fenstern, die mit
-Holzbalken verschlossen waren wie mitten im Sommer. Um Neujahr waren
-die Fenster plötzlich wieder offen, ich erschrak wonnig. Aber es waren
-nicht mehr die dunkelroten Gardinen, es waren weiße Spitzenvorhänge,
-zwischen denselben schaute ein alter schmauchender Weißkopf hervor.
-
-Also dahin für immer!
-
-Die Rosenknospe hielt ich wie ein Heiligtum und legte sie gepreßt in
-das Etui, in welchem das Bild meiner verstorbenen Mutter war. Von ihr
-hatte ich kein Bildnis, um so lebhafter baute und malte die Phantasie
-an ihrer Gestalt, bis sie die Schönste, die Begehrenswerteste war, die
-je auf Erden gelebt. Hören ließ sie aber nichts von sich und ich wußte
-nicht, sollte ich meine Gedanken und Sehnsucht nach Osten aussenden
-oder nach Westen, um sie zu finden.
-
-Übrigens schleifte mich das Leben fort über Kummer und Freude, über
-Hoffnung und Enttäuschung; mir blieb dabei nur der Vorteil, daß ich
-älter und reifer wurde. Nach einem halben Jahre war die verreiste
-Schülerin glücklich verwunden und nach einem Jahre vergessen.
-
-Frauen aber vergessen nicht so leicht. Als ich im zweiten Jahre auf
-der Universität war, erhielt ich eines Tages ein Paket zugeschickt.
-Kein Brief und kein Name war dabei. Das Paket kam aus einem böhmischen
-Orte, dessen Namen ich nicht zu enträtseln vermochte. Es bestand aus
-einem Buche mit folgendem Titel: »Die Schule der Liebe. Ein Unterricht
-für junge Männer und Frauen.« Ein Verlagsort war nicht angegeben,
-hingegen stand an der Stelle desselben mit Bleistift geschrieben: »Dem
-unvergeßlichen Lehrer die dankbare Schülerin J. St.«
-
-Anfangs stutzte ich. Wo und wann hätte ich in der Liebe Unterricht
-erteilt! Endlich verfiel ich doch auf die Stenographenstunden mit
-Fräulein Stachari. Dieses schöne Buch sollte wohl der Rest des Honorars
-sein. Jedenfalls habe ich mehr aus ihm gelernt, als das Fräulein aus
-meinem Schnellschreibeunterricht. Als diese gedruckte Schule der Liebe
-durchgemacht war, kam es mir unbegreiflich vor, daß irgend ein Mensch
-blöde sein könne. Lebhafter stieg die Erinnerung an die junge schwarze
-Dame in mir auf, aber nun in ganz neuer Beleuchtung; ich durchsuchte
-alle Ecken und Ränder des Buches, jedes Blatt, um etwa ganz klein,
-vielleicht gar in stenographischer Schrift geschrieben, ihre Adresse
-zu entdecken. Vergeblich. Sie blieb mir unerreichbar und fern in
-Dunkel gehüllt. Freilich fehlte es nun nicht mehr an anderweitigen
-Zerstreuungen, doch tat es mir leid, wenn ich an das Fräulein Stachari
-dachte.
-
-Endlich nahm mein Leben eine andere Richtung. Die Studien
-waren vollendet, ich gewann an der Universität zu G. eine
-Privatdozentenstelle. Ich fühlte mich ruhiger und ernster werden
-und begann mit tieferen Absichten nach dem schönen Geschlechte
-auszublicken. Eine Advokatentochter war, mit der ich Verkehr anzubahnen
-suchte. Zur selben Zeit erhielt ich den Brief, welchen ich noch in der
-Tasche trage.
-
- Prag, am 20. Juni 1884.
-
- »Verehrter Professor!
-
- Wohl kaum darf ich hoffen, daß Sie sich noch erinnern an
- eine unaufmerksame und störrische Schülerin, welcher Sie
- stenographischen Unterricht erteilten. Wie saßen wir doch
- so fromm und dumm beisammen! Ach, lange, lange ist es her!
- Die Stenographie habe ich gottlob vollständig vergessen,
- wozu auch hätten wir Frauen den Mund und manchmal sogar
- einen frisch roten, wenn wir uns nur aufs Schreiben verlegen
- wollten! Weniger habe ich des jungen Lehrers vergessen, der
- war stramm wie ein Leutnant und schüchtern wie ein Mädchen in
- der Fibelklasse. Heute wird wohl das eine noch zutreffen, aber
- das andere sicherlich nicht mehr. Möglicherweise hat sich auch
- bei der kleinen Schülerin seither einiges geändert, denn sie
- lebt in den Jahren, die wie Champagner prickeln. Keine Wirtin,
- die aller Welt aufwartet mit dem Stengelglase, die aber gern
- ihrem ehemaligen Lehrer den Labetrunk reichen möchte, falls er
- ihn von ihrer Hand nähme. Das Leben ist, ach, so flüchtig, und
- manche Frucht, die in kindischen Jahren sehnsuchtsvoll gesäet
- worden, reift so spät! Aber nicht zu spät.
-
- Ist Ihnen nie gesagt worden, daß ein junger Professor Reisen
- machen, die Welt genießen und auch Prag sehen müsse? Ach, so
- halten Sie sich doch daran! und das Wichtigste ist, daß Sie in
- Prag sich nach Ihrer Schülerin umsehen und mit ihr einen ganzen
- Abend lang von alten schönen Zeiten plaudern! Ach, wie wird
- das hübsch sein! Sie dürfen mit Ihrem Besuche aber durchaus
- nicht so lange warten, bis Sie ehrwürdig werden. Und damit
- nicht noch mit dem törichten Schreiben soviel Zeit vergeht,
- schließe ich rasch; das Weitere ist Ihre Sache.
-
- Ihre
-
- Josefine Stachari.«
-
-Noch ist die genaue Adresse angegeben.
-
-Jetzt war mir etwas eigentümlich zumute. Das ganze nun zur Leidenschaft
-gesteigerte Fühlen für die geheimnisvolle und doch so offenherzige
-Dame ward in mir wach. Ich setzte mich hin, schrieb einen Brief, in
-dem ich mit heftigen Ausdrücken der Ungeduld mein Kommen anzeigte.
-Der Brief selbst war eine so ungestüme Umarmung, daß ich ihn nach der
-zweiten Durchsicht zerriß. Der Weg von G. bis Prag ist kein Spaziergang
-zu einem Stelldichein, aber hatte ich nicht schon seit langem im
-Sinn, nach dem schönen Dresden, nach dem großen Berlin zu reisen?
-Dabei ließe sich Prag ja sehr leicht machen. Ich bekämpfte jetzt mein
-Temperament und schrieb der Dame mit einer den Zuständen durchaus nicht
-entsprechenden Ruhe, daß ich vorhätte, demnächst auf einer größeren
-Reise Prag zu berühren, bei welcher Gelegenheit ich nicht verfehlen
-würde, sie aufzusuchen.
-
-Wenige Tage später war von ihr der zweite Brief da:
-
- »Liebster Herr Professor!
-
- Diese Aufregung! Diese Freude! Diese Angst! Ich kann mich
- kaum fassen, ich kann es nicht glauben, daß es sein soll, Sie
- hier zu sehen. Es wäre zu herrlich! Ich habe Ihnen so viel
- mitzuteilen, anzuvertrauen; aber Sie müssen mir versprechen,
- ritterlich zu sein gegen ein hilfloses Weib, dessen
- verzagendes, seliges Herz Ihnen entgegenschlägt. Ach wie lange
- war die Zeit, wie einsam war mir oft unter meinen Blumen! Ihr
- Schreiben hat mich über alle Maßen glücklich gemacht, haben Sie
- Dank! Und kommen Sie rasch, setzen Sie sich auf den nächsten
- Zug, fahren Sie Tag und Nacht, ich vergehe vor Ungeduld, Ihnen
- mein Glück an den Busen zu legen. Sagte mir meine Ahnung doch
- schon lange, daß ich mich an Ihnen nicht täusche, daß Sie nicht
- täuschen können, mein teurer, mein lieber Freund. Nur müssen
- Sie nichts Arges von mir denken über meinen unbändigen Freimut,
- ich bin ein Weib. Die Stunde, wann Sie mich finden, kennen Sie,
- es ist unsere Stenographenstunde wie vor fünf Jahren. Fünf
- Jahre jünger bin ich geworden durch Ihren Brief, haben Sie
- nochmals Dank und eilen, eilen Sie zu Ihrer Freundin
-
- Josefine Stachari.«
-
-Für eine Portion war das genug. Mir wurde fast unheimlich. Für ein
-nettes Abenteuer baute sich die Sache fast zu groß auf, das läßt sich
-nicht so leicht abhaken, wie es angehakt ist. Das war nun doch einmal
-ein Weib, wie ich im müßigen Ideale mir es oft gedacht hatte, ein in
-heiliger Leidenschaft lohendes, alle Konvenienzen kühn verachtendes,
-heldenhaft liebendes Weib. Daß mittlerweile in meiner Erinnerung auch
-ihr Bild wundersam reizend und schön geworden war, habe ich dir ja
-schon gesagt.
-
-In den ersten Tagen der Ferien packte ich meinen Koffer und reiste
-Tag und Nacht der alten Königsstadt Prag zu. Es war mir zumute wie
-auf einer Brautfahrt. Es war doch zu rührend, wie sie meiner gedacht,
-wie sie auf mich gewartet hatte, bis ich in der Lage war, ein Weib
-heimzuführen. Und selbst, daß sie von mir fortgezogen, war das Werk
-einer großen Seele. Sie wollte uns gegenseitig die Reinheit hüten, sie
-wollte mich frei lassen, frei leben und frei wählen.
-
-Unsere Stenographenstunde war nachmittags von fünf bis sechs Uhr
-gewesen. Zu Prag ins Hotel gekommen, war mein erstes, durch einen Boten
-ihr meine Ankunft anzuzeigen, und daß ich mich an demselben Tag um fünf
-Uhr bei ihr einfinden würde. Hierauf reinigte ich mich sorgfältig von
-dem Staube der Reise, nahm ein Mahl zu mir und bereitete mich vor auf
-den Besuch.
-
-Punkt fünf Uhr schellte ich an der Tür ihrer Wohnung. Ein schmuckes
-Stubenmädchen erschien, um zu öffnen, fragte leise, ob ich der Herr
-aus G. sei und führte mich dann in ein dunkelgehaltenes Gemach. Es war
-fast üppig eingerichtet und die Blumen und Rosen schienen mir noch
-prangender zu blühen und noch betäubender zu duften, als vor Jahren.
-Da glitt sie auch schon auf mich zu, in weißem Hauskleide war sie,
-sank mir an die Brust und flüsterte: »Sie sind's! Gott, wie mir das
-Herz pocht!« Dann schluchzte sie und wir saßen auf einem Sofa. Obzwar
-wenig Licht fiel auf ihr Antlitz, so sah ich doch, daß dasselbe etwas
-rundlicher geworden war, und ihre Wangen schienen mir noch blasser
-und ihre Augenwimpern noch schwärzer und ihr Mund noch röter als vor
-Jahren. Und weil durch die leidenschaftliche Begrüßungsszene auch
-ihre schwarzen, seidenweichen Haare locker geworden waren und nun
-niederrollten auf ihre wogende Brust, so war sie unbeschreiblich schön.
-Vor den schweren Fenstergardinen stand ein rundes Tischchen, an das mit
-einem Kettlein ein Papagei gefesselt saß, der fortwährend krächzte.
-
-»Ach!« flüsterte sie, »der Vogel freut sich auch, daß Sie gekommen
-sind. Und Sie sind so stattlich und schön geworden, oh, ich bin
-wahnsinnig vor Glück!« Dabei nahm sie meine Hände und preßte sie heftig.
-
-»Ach, Freund!« hauchte sie, »Sie bringen mir die schönen Tage der
-ersten Jugend zurück!« Und da ich kaum eines Wortes mächtig war, so
-fuhr sie mit unendlichem Reize fort zu plaudern von vergangenen Zeiten,
-von dem Leben in G., von ihrer Kindheit, die herbe gewesen, von dem
-Glücke, das nun gekommen. Ich merkte nicht auf das, was sie sprach, ich
-hörte nur ihrer Stimme süßen Klang, ich fühlte nur den Atemhauch aus
-ihrem Munde -- mir verging das Denken und urplötzlich rissen meine Arme
-sie wild an mich, um sie zu küssen ... In demselben Augenblicke fuhr
-sie kreischend auf und stieß mich heftig zurück.
-
-»Mein Herr!« rief sie mit vor Zorn fast erstickter Stimme, »das ist
-abscheulich!« dann stürzte sie zur Glocke mit dem Ruf: »Mein Gemahl!
-Mein Gemahl!«
-
-Da trat aus dem Nebenzimmer ein schlanker, hagerer, brauner Mann im
-feinsten Salonanzuge.
-
-»Gott, o Gott!« schluchzte das Weib und preßte ihre Hände ins Gesicht:
-»Diese abscheuliche Frechheit! Züchtigen Sie ihn! Meine Freundschaft
-so zu mißbrauchen! Eine harmlose Plauderstunde über vergangene Zeiten!
-Von meinem Glück wollte ich ihm erzählen! Und er schändet's, der
-wahnsinnige Bube! -- O Gott, meine Nerven ...!«
-
-Der braune »Gemahl« stand immer noch an der Tür und drehte seinen
-langen Schnurrbart. Ich hatte mich von meiner Überraschung eher
-erholt, als es mir heute selbst erklärlich ist. Ich war ausgestanden
-und wartete einstweilen darauf, was der Gemahl sagen würde. Da dieser
-weder einen Revolver noch einen Dolch ergriff, sondern sich nur an mir
-und seiner rasenden Frau ergötzte und verschmitzt schmunzelte, so trat
-ich einen Schritt an ihn und sagte: »Es ist kein übles Abenteuer. Wem
-gehört sie aber nun! Sie, mein Herr, werden Gemahl genannt, und ich
-werde durch glühende Liebesbriefe aus dem fernen G. herbeigeholt!«
-
-»Hat Alte wieder Dummheit gemacht!« schnarrte der braune Mann mit
-fremdartiger Betonung, dann zog er sich wieder in sein Zimmer zurück
-und lehnte die Tür zu.
-
-Eine kochende Hölle im Herzen, starrte ich das Weib an. Sie sank
-mit vollendetem Faltenwurf ihres Kleides zu meinen Füßen nieder und
-schluchzte: »Ach, verzeihen Sie mir! teurer Freund! Ich bin namenlos
-unglücklich!«
-
-Mit der Fußspitze schob ich sie von mir. Ohne ein Wort zu verlieren,
-ging ich zur Tür hinaus. --
-
-Seither -- so dünkt mich fast -- bin ich wesentlich klüger. Wenigstens
-kann ich dir Unterricht erteilen über den Begriff: Kokette, den du
-etwas flüchtig zu überspringen pflegst.
-
-
-
-
-Ein Jünger Darwins.
-
-
-Es möge sich unter dem Begriffe »Gott« jeder das Seine denken; wie man
-ihn verliert und wie man ihn findet, ich bin davon ein Beispiel aus
-vielen. Ich werde nicht philosophieren -- die Sache geht mir zu sehr
-an's Herz.
-
-Ich bin der Sohn eines niederösterreichischen Landwirtes. Nach einigen
-absolvierten Gymnasialklassen in Wiener-Neustadt kam ich auf die land-
-und forstwirtschaftliche Anstalt in Hermsdorf. Von Haus aus hatte
-ich eine sehr religiöse Erziehung genossen, wozu auch noch meine
-empfindsame Gemütsart kam. Daß mir bei jedem Abschiede meine Eltern
-gute Lehren gaben, brav zu bleiben und auf Gott nicht zu vergessen,
-bin ich jedoch nach und nach so gewohnt geworden, daß es gar keinen
-Eindruck auf mich mehr machte. Ich fand es im Grunde ja doch so
-selbstverständlich, für was hielten sie mich denn, wenn sie mir
-zutrauen konnten, unbrav zu werden und Gott zu vergessen!
-
-Einen ganz anderen Eindruck hingegen machten eines Tages, als ich
-wieder ins Institut abreiste, auf mich die Worte unseres alten
-Pfarrers, der in der Volksschule mein Katechet und Beichtvater gewesen
-und dem ich als Knabe in der Dorfkirche ministriert hatte. Der saß in
-einem Ledersessel und zog mich neben sich nieder auf einen Stuhl und
-hielt mich an der Hand -- die seine war völlig kühl -- und sagte zu
-mir ungefähr folgendes: »Mein Sohn, so oft du fortgehst, befällt mich
-eine Bangigkeit. Wenn ich dir ins Auge schaue, da ist so viel Vertrauen
-d'rin. Du gehst munter in die Welt, es ist schön draußen, du wirst
-vieles Gute lernen, sie wird dir allerlei große Aufgaben stellen und
-allerlei Vergnügungen anbieten -- und eines Tages wirst du gewahr
-werden, daß du den kindlichen Glauben an Gott nicht mehr hast.«
-
-So sagte er, ich wurde hierauf fast erbost und rief: »Niemals, Herr
-Pfarrer, ich lasse mich nicht verführen, und meine Religion lasse ich
-mir nicht rauben, so wahr --«
-
-Ich hob den rechten Arm, er drückte mir ihn sanft zurück und sagte: »So
-behüte dich Gott!«
-
-Dann ging ich hin und war ganz glücklich im Bewußtsein meiner
-Frömmigkeit und meiner Festigkeit, und schaute in die besonnte
-Landschaft hinaus, wo alles so lebendig und freudenvoll war im Blühen,
-Glänzen und Jubilieren, und ich erinnerte mich auf jener Wanderschaft
-an den Ausspruch: Die Welt ist ein Transparent Gottes.
-
-Zu jener Zeit war ich siebzehn Jahre alt. Ich hatte den Ruf eines
-gesitteten, fleißigen Schülers; die Kollegen und die Lehrer und die
-Bücher und vielerlei Welt waren um mich, viele Freunde hatte ich, und
-ein paar kleine, kindische Feinde, aber niemand und nichts machte den
-geringsten Versuch, mich vom Glauben abwendig zu machen. Im Gegenteile,
-weil ich strebsam und ordentlich und stets munter war, so wurde ich
-anderen als Beispiel aufgestellt. Wenn ich dann allein war in meinem
-Zimmer, spät abends vor dem Einschlafen oder an hohen Festtagen,
-gedachte ich Gottes und meiner Eltern mit dem gleichen Herzen.
-
-In den Studien stieg ich auf: Geographie, Astronomie, Zoologie,
-Botanik, Mineralogie. Hatte mir doch mein alter Pfarrer gesagt, das
-Studium der Schöpfung Gottes sei auch ein frommes Werk. In freien
-Stunden gab ich mich gerne mit Dichtern ab, mit den besten, die wir
-haben: mit Klopstock, Körner, Herder, Schiller, Lessing, Goethe. Wohl
-sah ich manches in verschiedenen Zeiten mit verschiedenen Augen an.
-So hatte Faust für mich nicht weniger als drei Stücke. Als ich ihn das
-erstemal las, ergötzte mich darin der Spuk und der possierliche Teufel,
-der schließlich den Doktor in die Hölle holt; bei einem späteren
-zweiten Lesen interessierte mich vor allem die Liebesgeschichte mit
-Gretchen. Das drittemal -- da war ich schon weit -- sah ich nichts als
-den Philosophen Faust. In der Naturgeschichte weiß ich nicht, wann ich
-das Brücklein übersprang von den alten Gelehrten zu den modernen. Es
-ist ja eigentlich keine scharfe Grenze. So geht es sachte hin, es ist
-manches fremd. Der Katechet und der Lehrer der Naturgeschichte hatten
-keine Berührungspunkte mehr, das fiel mir anfangs gar nicht auf.
-
-Einmal, als ich zu Hause auf Ferien war, kam der alte Pfarrer
-auf Besuch und blätterte ein wenig in meinen Lehrbüchern. Sagte
-aber kein Wort, sondern war herzlich wie immer. Nicht mehr war
-es der Pflichteifer, der mich zum fach- und naturgeschichtlichen
-Studium trieb, sondern das wirkliche Interesse an ihm; ich las alle
-einschlägigen Werke, die ich bekommen konnte, selbst wenn sie weit über
-das Ziel unserer Fachstudien hinausgingen. Endlich bei einem lebhaften
-Gespräch mit einem Kollegen über Abstammung und Vererbung im Tierreiche
-sah ich's, wo ich war. Ich war mitten im Darwin.
-
-Jetzt wissen sie vieles von mir, was ich damals noch selbst nicht
-wußte. Also gut, Tiere und Pflanzen stammen aus ganz wenig Urformen
-her, vielleicht aus nur einer Urzelle! Und die Wesen züchten und
-entwickeln sich im Kampfe um's Dasein. Das ist was neues, aber
-es leuchtet ein. Doch das höchstentwickelte Tier, bei dem knüpft
-ja der Mensch an! Und die ganze Organisation des letzteren zeigt
-unwiderleglich, daß der Mensch in vielen tausenden von Jahren aus
-dem Tierreiche herausgewachsen ist. So erzählte man mir Dinge, die
-nicht waren?! -- Die neue Lehre dehnt sich mit ihren Grundsätzen durch
-unendliche Zeiten und Räume. Und nirgends von Gott die Rede? Nirgends
-eine Spur von ihm? Was ist das? -- In meiner Bedrängnis schrieb ich
-dem alten Pfarrer, ich sei in eine große Verwirrung geraten, die
-Naturgeschichte stimme mit der Bibel nicht und im Weltall wäre mir Gott
-abhanden gekommen.
-
-Der gute alte Mann tat ganz harmlos und schrieb zurück, meine
-Beängstigung sei einerseits ein Beweis von der tiefen Religiosität
-meines Gemütes, andererseits aber eine Mahnung, wie sehr ich in
-diesen Dingen auf der Hut sein müsse. Mein Zweifel -- wenn er die
-augenblickliche Stimmung so nennen wolle -- sei übrigens ganz grundlos.
-Daß man die Bibel nicht wörtlich, sondern gleichnisweise zu nehmen
-habe, sei oft genug gesagt worden, und so stimme sie, deuche ihm,
-wirklich mit dem von mir angeführten Systeme. Wissenschaftliche
-Forschungen könnten sich weit ausdehnen, aber endlich seien sie doch
-nur etwas Menschliches, also Unvollkommenes und Begrenztes. Und
-außerhalb dieses menschlichen Spielraumes -- der im Vergleiche zur
-Unendlichkeit doch ganz armselig wäre -- hätte Gott Raum genug, wenn es
-die Herren Gelehrten schon nicht zugeben wollten, daß er in der Seele
-seiner Geschöpfe sei.
-
-Auf diesem Karren schleifte ich meine Religiosität noch eine Weile
-fort. Doch als es immer weiter in die Erkenntnis und immer tiefer in's
-Leben hineinging, sah ich endlich ein, es wäre umsonst. Der kindliche
-Glaube war nicht mehr zu halten. Der Gott, der sich denken ließ, war
-nicht der Gott meiner Väter.
-
-Ich dachte viel an das Oberhaupt der neuen Schule. Alt-England ist
-ein gut katholisches Land, Darwin's Familie hat einen hochgeachteten
-Namen, der Gelehrte selbst ist ein makelloser Charakter, von dessen
-Seelenadel so manches erzählt wird. Wie kann es möglich sein, daß solch
-ein Mann eine Lehre ausbildet, die von keinem Gott weiß! -- Das kann
-nicht möglich sein.
-
-In einem persönlichen Gespräche mit dem alten Pfarrer teilte mir dieser
-zu meinem Troste mit, daß er vernommen habe, Darwin sei ein guter
-katholischer Christ, seine Lehre werde nur schlecht verstanden und
-falsch ausgelegt. Für den Augenblick leuchtete mir das wieder ein. --
-
-Meine Fachstudien waren beendet. Ich kam auf ein großes Gut in Mähren
-als Praktikant. Das war im Jahre 1880. Kurze Zeit darauf starb meine
-Mutter. Noch sterbend hatte sie gesagt, sie lasse mich, den fernen
-Sohn, grüßen und bei Gott im Himmel wollten wir uns alle wieder
-zusammenbestellen.
-
-Was nun in mir für ein Leid anhub! Meinem priesterlichen Freunde klagte
-ich alles. Er war erschüttert und wußte mir nichts mehr zu sagen, als
-ich solle beten und arbeiten.
-
-Arbeiten, ja, Tag und Nacht, bis zur Erschöpfung. Draußen auf den
-Feldern und in den Wäldern ging ich umher, solange ein Licht am Himmel,
-und legte selbst Hand an den Pflug, an das Schnittscheit, und in halben
-Nächten saß ich bei meinen Rechnungen und theoretischen Ausarbeitungen.
-Aber beten? Gebete sagen kann man, wann man will, aber beten nicht. O
-Mutter, Mutter, daß du mir auf ewig solltest genommen sein!
-
-Und in einer solchen Nacht, da draußen ein leiser Nachtwind rieselte
-in der Linde, und im Hause alle so ruhig und süß schliefen, als wäre
-Himmel und Erde für sie eine sanft schaukelnde Wiege -- da kam mir
-plötzlich der Gedanke: Bei Bibel und Priestern klopfe ich vergebens
-an. Nur der mir den Glauben geraubt hat, kann mir ihn wieder
-zurückgeben.
-
-Ich zündete das ausgelöschte Licht wieder an und schrieb an Charles
-Darwin zu Down in England.
-
-Ich stellte ihm meine Bedrängnis vor und bat ihn um Aufklärung, was er
-von Gott halte, was. er von der Unsterblichkeit der menschlichen Seele
-denke? -- Den Brief sandte ich am nächsten Tage ab. Zwei Wochen darauf
-hatte ich Antwort, die aber so kalligraphisch geschrieben war, daß
-ich die Handschrift des großen Gelehrten darin nicht vermuten konnte.
-Darwin entschuldigte sich durch eine zweite Person mit seinem Alter,
-mit seiner Kränklichkeit, mit der Bürde seiner wissenschaftlichen
-Arbeiten; er sei außerstande, die schwierige Frage zu beantworten.
-
-Also, er läßt mich sitzen. Er hat mich beraubt um meine Labnis und läßt
-mich in der Wüste verschmachten. Er hat seine Weltberühmtheit -- die
-tausend Herzen, die da brechen, kümmern ihn weiter nicht.
-
-Als ich jedoch -- denn das war mir wie angetan -- wieder in den
-Schriften des Forschers las, stellte ich mir die Frage: Ist es bei ihm
-die Lockung des Ruhmes? Soll es nicht vielmehr -- so wie ja auch bei
-mir -- der Drang nach Wahrheit sein? Und wie wäre es möglich, daß ein
-Forschergeist so groß und so tief sein kann, wenn nicht Gott mit ihm
-ist? Und war in seinem Schreiben nicht von einer +schwierigen+ Frage
-die Rede? Er müsse über diesen Punkt also doch was zu sagen haben und
-sehr viel, wenn es sich in einem gewöhnlichen Briefe nicht beantworten
-ließe. -- Es mag seine Kränklichkeit noch so groß sein, wenn es ein
-Seelenheil gilt, da muß er die Frage beantworten und sollte es ein Buch
-werden.
-
-So habe ich dem Gelehrten noch einmal geschrieben, habe ihm
-vorgestellt, daß mein Heil von seiner Antwort abhänge, daß er es seinem
-Jünger schuldig sei, das Gewissen zu beruhigen, daß der Forscher,
-nachdem er so viel gesagt, nicht zurückschrecken dürfe davor, das
-letzte Wort auszusprechen, daß ich dieses letzte Wort für eine
-Offenbarung halten wollte, und daß es, fiele es aus, wie immer, mich
-aus der peinigenden Ungewißheit reißen und beruhigen würde. Ich bat
-inständig, wie der Verschmachtende um einen Trunk Wasser bittet, mir
-wie ein sterblicher Mensch dem sterblichen Menschen offen und treu
-anzuvertrauen, was er von Christus und seinen Offenbarungen, und also
-auch von der Unsterblichkeit der Seele halte.
-
-Am elften Tage nach der Absendung dieses meines zweiten Briefes kam ein
-Schreiben, dessen Schriftzüge und Namensunterschrift als die des großen
-Forschers erkannt werden. Das Schreiben lautet:
-
- »Down, 5. November 1880.
-
- Lieber Herr!
-
- Ich bin sehr beschäftigt, ein alter Mann und von schlechter
- Gesundheit, und ich kann nicht Zeit gewinnen, Ihre Frage
- vollständig zu beantworten, vorausgesetzt, daß sie überhaupt
- beantwortet werden kann. Wissenschaft hat mit Christus
- nichts zu tun, ausgenommen insoferne, als die Gewöhnung an
- wissenschaftliche Forschung einen Mann vorsichtig macht,
- Beweise anzuerkennen. Was mich selbst betrifft, so glaube ich
- nicht, daß jemals irgend eine Offenbarung stattgefunden hat. In
- Betreff aber eines zukünftigen Lebens muß jedermann für sich
- selbst die Entscheidung treffen zwischen widersprechenden,
- unbestimmten Wahrscheinlichkeiten.
-
- Ihr Wohlergehen wünschend, bleibe ich, lieber Herr,
- Ihr hochachtungsvoller Charles Darwin.«
-
-Seine Meinung hatte ich nun. Was half sie mir? Sie setzte seinen Werken
-die Krone auf. Er war gottlos.
-
-Was wäre schließlich aber daran gelegen? Hätte ich mich von ihm nur
-freimachen können. Das konnte ich nicht. Seine Lehre hielt mich
-gefesselt, wie eine geschehene unerbittliche Tatsache. Ich versuchte
-mich mit Studium wieder auszugleichen, ging sogar auf eine berühmte
-deutsche Universität, um zu sehen, wie andere mit der Sache fertig
-werden. Ich hielt es aber nicht lange aus, kehrte zurück und suchte
-in meiner unerleuchteten Trostlosigkeit einen andern Weg. Das
-Gegengewicht, das mich bisher vor dem Niedersinken zur Erde bewahrt
-hatte, war verloren, ich war ein Leib ohne Seele. Nun kamen schon die
-Stunden, in denen ich solche Menschen beneidete, die imstande sind,
-des Nächsten Glück spielend zu ihrem eigenen Vorteile auszunützen. Das
-eben sind ja die wohlorganisierten Menschen, die den Kampf ums Dasein
-siegreich bestehen und in ihrer Gattung den Egoismus zu immer größerer
-Vollkommenheit ausbilden.
-
-Ich trachtete zwischen meinem Wissen und Leben eine Harmonie
-herzustellen, nämlich indifferent in moralischen Dingen, also schlecht
-zu werden. Aber hierin hatte der Alte ja auch wieder recht: du kannst
-nicht besser und nicht schlechter sein als du bist.
-
-Statt schlecht zu werden, wurde ich krank. Ich vermochte in eine Welt,
-in der nichts dahintersteckt, keinen Wert zu legen. Wo andere sich
-balgen um die Früchte des Augenblickes, dort wurde ich gleichgültig
-gegen alle Genüsse, deren letztes Ziel die Enttäuschung ist. Die
-Nervenspannungen wurden lax, ich begann abzuwelken. Weil just der
-Winter war, so sagten gutmütige Menschen, das Frühjahr würde mir
-Besserung bringen. Andere flüsterten -- und die hörte ich am liebsten
--- bis die Bäume ausschlügen, würde ich's überstanden haben.
-
-Es kam das Frühjahr. Und zwar nicht an einem Tage, aber in einer und
-derselben Woche starb in meiner Heimat der alte Pfarrer und zu Down bei
-Kent in England Charles Darwin. Ich lebte weiter. Meine Phantasie wurde
-noch einmal tätig, ich stellte mir vor, wenn sich der alte Gentleman
-doch geirrt hätte und wenn die beiden Hingeschiedenen in der Ewigkeit
-sich begegneten, was sie wohl sagen würden zueinander?
-
-Mein Zustand verbesserte sich nicht, ich fühlte wirklich, daß ich keine
-Seele mehr hatte, nur mitunter Nervenstimmungen, die mir wehe taten.
-Wer mich sah, der gab mir einen guten Rat, um gesund zu werden, und
-einer meiner ehemaligen Kollegen riet mir geradezu -- und pries es als
-das sicherste Mittel meiner Rettung -- ich sollte mich verlieben. Das
-Weib würde mich schon wieder Gott erkennen lernen. Einstweilen sollte
-ich ins Gebirge gehen, um in der reinen kräftigen Luft körperlich zu
-erstarken.
-
-Den letzteren Vorschlag, den auch mein Vater, ein geborener Tiroler,
-sehr unterstützte, befolgte ich in der Tat, ich zog in's Pustertal und
-habe dort den Sommer zugebracht. An flache Gegenden gewohnt, fühlte
-ich mich anfangs im engen Gesichtskreise zwischen hohen Bergen noch
-mehr gedrückt, hingegen taten mir die Menschen wohl. Zuerst überkam
-mich freilich eine unbeschreibliche Wehmut, als ich bei ihnen die liebe
-Gottesgläubigkeit und die Harmonie des Gemütes wiederfand, die mir
-verloren gegangen war, aber allmählich bekam ich Anwandlungen, daß ich
-das Glück meiner Person überhaupt nicht mehr als Hauptsache in Betracht
-zog, sondern leidlich zufrieden war, wenn ich's an anderen sah.
-
-Als die kalte, regnerische Zeit des Septembers kam, wurde mir übler und
-ich trachtete milderen Gegenden zu. Da vollzog sich außer und in mir
-ein Ereignis.
-
-Vom Gebirge kommend harrte ich bei einem Bahnhof des Etschtals auf den
-Zug, der mich nach Italien bringen sollte. Als der Zug im Bahnhofe
-stillstand, wurden alle Passagiere aufgefordert, auszusteigen, der Zug
-könne nicht abgelassen werden, da südlich von Trient das Hochwasser
-einen Damm zerstört habe. Wie lange Verspätung? fragte man. Der Verkehr
-nach dem Süden überhaupt eingestellt! war der Bescheid.
-
-So wollte ich nach Norden, der Heimat zufahren, was konnte ich dabei
-verlieren? Der Zug gegen Innsbruck wurde abgelassen. Er war groß
-und sehr überfüllt. Alle Fenster waren besetzt, denn da konnte man
-interessante Dinge sehen. Der Regen floß in Strömen und immer von
-neuem sank schweres, finsteres Gewölke an den Berghängen nieder,
-wallte, braute und staute sich in den Kesseln, als wollte es die
-Felsen sprengen. Jede Wand hatte ihre weißen Adern, die hundertfältig
-niedergingen. Das waren die Wasserfälle. Hier sprangen sie in Bogen,
-dort in breiten Bändern, dort in dünnen Schleiern. Aus den Schluchten
-donnerten braune Fluten, die dort und da mit beängstigender Gewalt
-an den Bahnkörper schlugen. Der Fluß war an den meisten Stellen
-ausgetreten, die Talsohle glich streckenweise einem trüben See, aus
-welchem Bäume, Hügel, einzelne Gebäude, Zäune und Wegsäulen ragten.
-Hier stand das Wasser ruhig, dort schoß es in breiten, verzweigten
-Adern heftig dahin. Mitten durch führte unser Bahndamm, auf welchem der
-Zug langsam und heftig pustend dahinfuhr. Ich war gegen meine Reise
-gleichgültig gewesen, aber je zweifelhafter nun das Weiterkommen wurde,
-je lebhafter wünschte ich es.
-
-Bei einer nächsten Station gewannen wir die tröstliche Versicherung,
-daß die oberen Gegenden weniger gelitten hätten und die Bahn fast
-durchwegs unbeschädigt sei. Wir kamen glücklich ins Pustertal, doch
-hier wurde es grauenhafter und endlich waren wir glücklich an einem
-Punkte, wo wir nicht vorwärts und nicht mehr rückwärts konnten. Vor uns
-hatte die rasende Rienz den Bahnkörper durchbrochen und die Schienen
-standen wie eine Riesengabel in die Luft hinaus. Hinter uns sahen wir
-eine Brücke niederbrechen. Ein mächtiger Fichtenstamm samt Astwerk und
-Wurzel mit Erdballen hatte sich herangewälzt und schmiegte sich an
-einen der Brückenpfeiler fest. Alsbald staute sich weiteres Gestämme,
-das empörte die Wasser, die heute keinen Widerstand kannten, und einer
-der Pfeiler begann zu krachen, das hielt noch ein paar Minuten stand,
-endlich aber wankte alles und brach Joch um Joch langsam nieder.
-
-Der Zug stand. »Wir haben Rasttag,« rief einer der Schaffner. Zur einen
-Seite hatten wir die Berglehne, zur andern die überflutete Talschlucht.
-Wir konnten einige Männer beobachten, Touristen mochten es sein, die
-jenseits am Felshange hinkletterten, weil die Straße unter Wasser
-war. Wir mußten, ob jammernd, lachend oder fluchend, unsere Behausung
-endlich auch verlassen und in Wind und Regen unser Fortkommen suchen.
-Der leere Zug schob sich langsam zurück auf eine gesichertere Stelle.
-Ich kroch den Berg hinan, und insoferne der Nebel Ausblick gestattete,
-sah ich neue und grauenhafte Verwüstungen. Da unten war ein Seitental,
-in welchem gerade ein Haus zusammenfiel. Aus dem Trümmerhaufen stob
-zuerst Rauch, es schien sich ein Feuer zu entwickeln, welches aber
-gar bald gedämpft war, weil alles ins Wasser niedersank und sich auf
-demselben fast sanft auseinanderlegte. Am Ufer schossen Menschen hin
-und her, schlugen die Hände zusammen, hantierten planlos mit langen
-Stangen herum, und ein Weib wollte ins Wasser springen, um eine
-ertrinkende Ziege zu retten, wurde aber noch rechtzeitig zurückgehalten.
-
-Ich trieb mich einen Tag lang herum, immer von Wasser und Erdbrüchen
-verhindert und abgelenkt und selbst am Leben bedroht. Ich hatte damals
-begreiflicherweise keinen Sinn für die Großartigkeit der Natur, die
-mich Würmchen mit ihren ungeheuren Gewalten umgab. Heute weiß ich, daß
-mir eine solche Größe in diesem Leben wohl kaum mehr begegnen wird.
-Endlich kam ich zu einem Hofe, der auf festem Grunde einer Höhung
-stand. Aber er war angepfropft von Leuten, die im Tale ihr Haus und
-Habe verloren hatten. Das war ein Weinen und Klagen! Die einen kauerten
-halbnackt in den Winkeln, daß ihre Kleider trocknen mochten; die
-anderen verschlangen in Heißhunger Nahrung, die ihnen die gastlichen
-Bewohner reichen konnten. Aber die Bäuerin sagte: »Helf Gott, wir
-werden bald selber nichts mehr haben!«
-
-Hier konnte ich also nicht bleiben.
-
-Nach einer schlechten Nacht, die ich in einem Heustadl zubrachte und in
-der ich inne wurde, was eine gute Nacht wert ist, kam ich wieder zum
-See der Rienz hinaus; man konnte nicht mehr sagen: Tal, denn es war ein
-See, der heute, da ich dieses schreibe, noch nicht abgelaufen ist und
-vielleicht gar nicht ganz ablaufen kann, weil Lawinen die Schluchtpässe
-verlegt haben. Mitten im See, aus dem die Dächer von Hütten, Mühlen und
-Holzsägen ragten, wovon eins ums andere verschwand, mitten in diesem
-weiten Gewässer auf einer schmalen, langgestreckten Insel sah ich ihrer
-sechs oder acht Männer, die mit verzweiflungsvollen Gebärden um Hilfe
-riefen. Ich fand nach langem Suchen Leute zusammen, die mit einem
-kleinen Floße jene Männer retteten. Sie hatten einen Tag früher den
-Flußdamm verteidigt und waren dabei, weil weiter oben eine Wehre brach,
-plötzlich vom Wasser eingeschlossen worden. Eine furchtbare Nacht
-hatten sie verlebt auf dem schmalen Damm, von welchem Stück für Stück
-weggeschwemmt wurde. Zwei weitere Genossen, die bei ihnen gewesen,
-hatten sich in der Finsternis der Sturmnacht von ihrer Seite verloren,
-waren zugrunde gegangen, ohne daß es von den übrigen bemerkt worden.
-
-Nun erfuhr ich auch, daß diese Gegenden von aller Welt abgeschnitten
-waren. Alle Täler bis hinaus nach Lienz, bis Defereggen und
-Oberdrauburg wären verheert. Aus dem Eisacktale brachte einer, der
-auf Umwegen übers Gebirge kam, Nachricht von den schrecklichen
-Verwüstungen, die dort und südlicher im Etschtale bei Bozen, Trient
-und in der Meraner Gegend angerichtet seien. Und alle Straßen und
-Eisenbahnen vernichtet, alle Telegraphenleitungen zerrissen. Ganze
-Dörfer und Städte überschwemmt, zum Teile eingestürzt, fortgerissen.
-Wie viele Menschen schon ums Leben gekommen und bei dem fortwährenden
-Steigen der Wasser noch ums Leben kommen würden, das sei nicht
-annähernd zu sagen. Aus manchen Engtälern sei gar keine Nachricht
-gekommen, aber das Wasser hätte unerhörte Massen von Getrümmer
-hervorgeschwemmt. Wie es den Leuten ergehe, das wisse Gott. Man
-begreife nicht, woher all das Wasser kommen könne, die Regenfluten
-allein könnten es nicht ausmachen. Allerdings gehe ein Wind, als wären
-die Dolomiten lauter heiße Öfen, der schmelze Schnee und Eis auf den
-Gebirgen. Aber es scheine, als sei in den Tauern und in den weißen
-Bergen (Dolomiten) und in den Trientiner Alpen und im Ortlergebirge und
-überall die Flut aus der Erde hervorgebrochen, wie es bei der Sintflut
-gewesen, und es sei nicht abzusehen, was daraus noch werden solle!
-
-Während die Leute zusammenstanden, um diese Posten zu hören, läuteten
-sie in den Nachbardörfern, die teils im See standen, fortweg Sturm, und
-es vergrößerte sich auch für diesen Ort, der hart am Berghange lag, die
-Gefahr. Man räumte die Häuser aus, aber jetzt kam die Dorfgasse herauf
-das braunrote Wasser gewallt. »Das Wasser rinnt aufwärts!« riefen die
-Kopflosesten, »da ist alles aus.«
-
-Aus den Häuserräumen hörte man das Quirln und Gurgeln des Wassers, das
-Niederbröckeln von Mauerwerk; dann wieder ein Knattern und Schmettern
-einstürzender Wände und Dächer. Bei den Häusern schrien die Leute, auf
-den Anhöhen röhrten und blökten die Haustiere, und über alles hin war
-das dumpfe Tosen.
-
-Ein Weib kam durchs Wasser gesprungen: das Spital sei hin, die Kranken
-müßten ertrinken, wenn man ihnen nicht zu Hilfe käme. Jetzt fiel es mir
-ein: da könntest du ja helfen! Wir trugen die Kranken in die Kirche
-hinauf, die höher stand. Aber auch einen Toten schleppten sie jetzt
-herbei, einen jungen Burschen, der seine mühselige Großmutter aus
-der überschwemmten Kammer gerettet und dabei den Tod gefunden hatte.
-Die Gerettete war ohnmächtig, die übrigen Mitglieder der Familie
-erhoben ein lautes Klagen. Da trat ein alter Mann zur Gruppe und
-rief: »Was beweint ihr den da! Der ist der Glückliche. Wir sind die
-Unglücklichen!« Wer einen Blick in die Gegend hinaus tat, der konnte
-wohl verstehen, wie's gemeint war.
-
-Der Himmel war finstergrau, aber die Berge standen jetzt rein bis zu
-ihren weißen Gipfeln. Im dunkelbraunen See spiegelte sich ihr Bild. Von
-den entwaldeten Lehnen gingen ununterbrochene Erdlawinen nieder, als
-wäre »die Erde rinnend geworden«, wie sich einer ausdrückte.
-
-Kaum hatten sie den Ertrunkenen in die Totenkammer gelegt, erscholl
--- so gut es durch das Tosen der Wasser hörbar war -- neues
-Jammergeschrei. Ein Kind hatten die Wellen fortgerissen, die Mutter
-desselben lief mit herzbrechenden Hilferufen hin und her, keiner wollte
-sich ins wallende Wasser wagen, und das Leiblein wogte schon dem
-reißenden Hauptstrome zu.
-
-Jetzt kam's über mich. Kannst du schwimmen? rief ich mir selber zu,
-nicht? So lern's! -- Und stürzte mich in's Wasser. -- Als ich wieder zu
-mir kam, lag ich auf einer steinernen Treppe, und um mich waren Leute
-und vor mir kniete ein Weib und beschwor mit gerungenen Händen, unter
-Tränen schreiend, alles Glück des Himmels auf mich herab. Andere Weiber
-beschäftigten sich mit dem geretteten Kinde, einem Mädchen von fünf bis
-sechs Jahren. Und während auf das unselige Dorf immer neue Wassermassen
-anbrausten von allen Seiten, und die Leute in heller Verzweiflung um
-ihre Existenz rangen, war ein überglückliches Wesen da, dem seine ganze
-kleine Habe zugrunde gegangen, das als Bettlerin saß an den Stufen des
-Kirchentores und das nimmer satt werden konnte, sein wiedergefundenes
-Kind jubelnd zu herzen und zu küssen.
-
-»Das ist er!« schrie sie und zeigte auf mich, »o, schaue ihn an!«
-
-Und der Blick, den das kleine Mädchen auf mich geworfen, ist mir tief
-gegangen.
-
-Ich habe es dann nicht mehr gesehen. Ich trug noch mein Weniges zu den
-Schutz- und Rettungsarbeiten bei, bis am dritten Tage das Wasser zu
-fallen begann, und wir alle erschöpft zur Rast sanken. --
-
-Später habe ich nach Tagen mühevollen Wanderns in Kärnten den Punkt
-erreicht, wo das Eisenbahngelaß die versprengten und verschlagenen
-Reisenden und Touristen wieder in Empfang nehmen konnte.
-
-Und als ich glücklich daheim in meinem Hügellande saß, da machte ich
-die Wahrnehmung, daß ich nicht mehr krank war. Nicht mehr krank und
-nicht mehr schwermütig, sondern so jung und munter, als ich's einst
-gewesen.
-
-Jetzt prüfte ich mich, was denn die furchtbare Leere, die Darwin in
-mein Gemüt gerissen, wieder ausgefüllt haben möchte. Ich fand's nicht,
-so sehr ich nachdachte. Vielleicht daß das große Unglück, welches ich
-miterlebte, mich wieder ins Gleichgewicht gebracht, wie es ja bisweilen
-geschehen soll, daß Pessimisten und Verzweifler gerade durch eine
-schwere Gefahr und Not wieder zur Achtung des Lebens bekehrt werden.
-Aber wenn ich mitunter so vor mich hinträumte, da sah ich in der
-Dämmerung meines Herzens, wo einst das »ewige Licht« wie vor dem Altare
-gebrannt hatte, zwei Sternlein schimmern -- und das waren die Augen des
-geretteten Kindes.
-
-
-
-
-Ehre.
-
-
-»Herr Kreisrichter, ich bitte auf ein Wort!«
-
-»Nun, nun, lieber Herr Seelader, was bringen Sie mir denn noch so spät?«
-
-»Auf ein Wort!«
-
-»Und so aufgeregt?«
-
-»Es ist etwas Wichtiges. Sie werden erstaunen, Herr Kreisrichter. Ich
-muß bitten, daß Sie mich festnehmen lassen!«
-
-»Aber, Seelader! Solche Späße!«
-
-»Es ist kein Spaß. Bei Gott nicht. Sie müssen mich einsperren.
-Sogleich! Ich habe einen Freund ermordet. Den Johann Hallsteiner. Den
-Sohn der alten Hallsteiner, die heute gestorben ist.«
-
-»Was? den Johann Hallsteiner haben Sie ermordet? Aber lieber Freund,
-was fehlt Ihnen denn? Der Johann Hallsteiner ist ja schon seit Jahren
-tot.«
-
-»Ich habe ihn erschossen. Ich werde alles beweisen. Ich zeige es jetzt
-an. Es ist die Zeit gekommen. Herr Richter, Sie haben einen Schuldigen
-vor sich!«
-
-Nun war der Kreisrichter in der Tat erschrocken, denn der junge Mann
-sah in diesem Augenblicke wirklich aus wie ein Mörder. Ganz verstört,
-blaß, wirr. Der Richter klingelte und befahl dem eintretenden Diener:
-»Schnell zum Doktor Grohbach. Er soll sofort kommen!«
-
-»O nein, Herr Richter,« sagte Seelader, »krank bin ich nicht. Ich bin
-ja ruhig, sehen Sie mich nur an, es ist die Wahrheit, was ich sage.«
-
-»So kommen Sie,« sprach der Kreisrichter freundlich und suchte den
-jungen Mann am Arm zu nehmen. »Ich werde Sie in Ihre Wohnung begleiten.«
-
-»Sie sind immer gut gewesen gegen mich und sind es auch jetzt,« sagte
-Seelader. »Aber es ist anders geworden. Ich darf nichts mehr annehmen.
-Ich werde diese Nacht noch in meinem Zimmer zubringen, wenn Sie mich
-nicht in den Arrest tun wollen, morgen jedoch zum Landesgericht gehen.
-Der Verantwortung wegen sollten Sie mich aber sogleich da behalten. Es
-wäre besser, Herr Kreisrichter!«
-
-Unter warmem Zureden brachte dieser den jungen, aufgeregten Menschen
-in sein Dachzimmerchen, empfahl ihn angelegentlich der Mietfrau und
-schickte den Arzt.
-
-Dann eilte er nach Hause.
-
-»Denkt euch, Kinder!« sagte der Kreisrichter bei dem Abendessen zu
-seiner Familie, »mein Amtsschreiber, der Seelader, ist erkrankt.«
-
-Die älteste Tochter, Fräulein Ludmilla, horchte auf.
-
-»Und das schwer, unheimlich erkrankt,« fuhr der Richter fort. »Ein
-Gehirnleiden. Ich muß nur erst zu Doktor Grohbach schicken, was er
-an ihm gefunden hat. Kommt der Arme heute abends -- eben erst vorhin
--- zu mir und bittet mich in höchst aufgeregter Weise, ich solle ihn
-festnehmen lassen, er habe seinen Freund Hallsteiner erschossen.«
-
-Fräulein Ludmilla legte Messer und Gabel weg.
-
-Die Frau Richterin sagte: »Du scherzest doch, Mann!«
-
-»Ich weiß wohl, daß der Selbstmord seines Freundes ihm nahegegangen ist
-damals,« sagte der Richter, »aber nach Jahren -- es mag ja fünf oder
-sechs Jahre seit jener Geschichte mit dem Hallsteiner her sein -- könne
-doch, meint man, aus diesem Grunde eine Gehirnstörung nicht mehr zum
-Ausbruche kommen. -- Wie war das nur gleich, damals?«
-
-»Der Postbeamte Johann Hallsteiner,« sagte nun die Frau, »hatte --
-so viel ich mich erinnern kann -- sich eine Veruntreuung zu Schulden
-kommen lassen und in dem Augenblick, als man ihn festnehmen wollte,
-sich eine Kugel durch den Kopf gejagt.«
-
-»Richtig, und ich entsinne mich, wie sein Freund Seelader, der war
-damals noch Student, am Grabe des Verscharrten einen lauten Schwur
-getan haben soll, die Ehre des Freundes zu retten, seinen Tod zu
-sühnen, oder so etwas.«
-
-»Dann hast du ihm doch zur kleinen Stelle verholfen, die er heute noch
-einnimmt.«
-
-»Er wird demnächst avancieren. Einen fleißigeren und gewissenhafteren
-Schreiber habe ich nie gehabt. Dazu ein stiller, eingezogener Mensch,
-bescheiden und liebenswürdig --«
-
-Fräulein Ludmillas Wangen blühten wie Rosen im Mai.
-
-»Als Student soll er's ja flott getrieben haben, bis die kleine
-Erbschaft seiner Eltern dahin war,« bemerkte die Frau Kreisrichterin.
-»Man glaubt nicht, wie vorteilhaft ein Mensch sich ändern kann, wenn er
-in das Geleise der Arbeit kommt. Und rührend war es, wie er die armen
-Eltern seines unglücklichen Freundes unterstützte, sich selbst alles
-versagte, um von seinem geringen Gehalte die siechen, verlassenen alten
-Menschen zu versorgen. Als vor einigen Monaten der alte Hallsteiner
-starb und heute die Frau, habe ich mir gedacht: Jetzt wird der gute
-Seelader auch aufatmen können und sein Gehalt für sich selber anwenden.«
-
-»Es muß ihn doch der Tod der alten Frau so sehr erschüttert haben,«
-meinte der Kreisrichter.
-
-»Wahrlich, ein leiblicher Sohn kann nicht besser gegen seine Eltern
-sein, als der Amtsschreiber es gegen die alten Hallsteiner-Leute
-gewesen,« sagte die Frau des Kreisrichters. »Nur fällt mir jetzt ein
-Wort auf, das er vor einigen Tagen, als er bei uns speiste, gesagt hat.
-Als er hörte, daß das Befinden der Frau Hallsteiner sich verschlimmert
-hatte, sprach er plötzlich: Mir scheint, nun werde ich bald Feierabend
-bekommen.«
-
-»Am Ende ist doch etwas dahinter,« meinte der Richter und begann,
-dieweilen er seine Pfeife stopfte und in Brand steckte, über mancherlei
-nachzusinnen.
-
-Und also hatten sie zusammen sich über den jungen Mann unterhalten,
-der sich als Mörder gestellt hatte. Fräulein Ludmilla war völlig still
-dagesessen. Sie hatte sich in ihre Häkelarbeit vertieft. Auf einmal
-stand sie auf und ging rasch zur Tür hinaus.
-
-Die Frau seufzte. Der Richter sagte: »Morgen früh sogleich will ich die
-Geschichte untersuchen. Am Ende ist doch etwas daran.«
-
- * * * * *
-
-Die Nacht war schlaflos vergangen. Max Seelader hatte sich samt seinen
-Kleidern ins Bett gelegt. Seine paar Sachen hatte er schon gestern
-in einen Sack getan und sie nicht mehr ausgepackt. Nur eine kleine
-Photographie war aus der Tasche hervorgeholt und auf das Tischchen
-neben seinem Lager gestellt worden. Ein Mädchenkopf, das Original haben
-wir schon gesehen.
-
-Zur Stunde, als der Kreisrichter im Amte zu erscheinen pflegte,
-ging der junge Mann hin zu ihm und sagte: »Da Sie mir mein Recht
-vorenthalten wollen, so reise ich jetzt zum Landesgericht, das ich um
-Strafe bitte. Teurer Herr! Vor Ihre Familie darf ich nicht mehr treten.
-Ich danke allen für alles Gute, ich sage Ihnen Lebewohl. Verzeihen --«
-
-Er stockte.
-
-»Jetzt lasse ich Sie aber nicht fort, lieber Seelader,« sprach der
-Richter, »daß bei Ihnen etwas nicht richtig ist, sehe ich nun. Setzen
-Sie sich zu mir und erzählen Sie mir ruhig das Anliegen, welches Sie
-drückt.«
-
-»Ich danke Ihnen. Aber Beichte und Freundeszuspruch können mir nicht
-viel nützen. Es wird besser sein, wenn auch Ihre Herren Adjunkten
-anwesend sind. Und der Arzt, damit sichergestellt wird, daß ich nicht
-geisteskrank bin.«
-
-»Sie wollen also ein förmliches Verhör. Gut, es soll geschehen.«
-
-Nach wenigen Minuten stand der junge Mann vor dem Gerichte, und nach
-einigen einleitenden Vorfragen begann er also zu sprechen:
-
-»Meine Eltern waren Gewerbsleute in N., sie wollten, nachdem ich das
-Gymnasium absolviert, auch mich für ihren Stand abrichten. Als sie
-starben, war ich frei und benutzte die Erbschaft, um in die Stadt zu
-gehen und zu studieren. Nicht so sehr wissensdurstig war ich, aber
-nach dem lustigen, ungebundenen Studentenleben plangte es mir. Und ein
-solches habe ich geführt, fünf Jahre lang. Die Kommerse, die Kneipen,
-die Mensuren und dergleichen machten mir viel Spaß, ja nahmen mein
-Wesen in Anspruch. Für einen wirklichen Gewinn hielt ich das Bewußtsein
-und das Hochhalten der Ehre, wie solches außer bei den Soldaten und
-Studenten in keinem Stande eigentlich entschieden und leidenschaftlich
-genug gepflegt wird. Ich will mich weiter darüber nicht auslassen,
-ich habe nur oft gesagt: es ist etwas Schönes, wenn ein junger Mensch
-seine Ehre höher wertet, als alles auf der Welt. Schon im zweiten
-Jahre meiner Studentenschaft hatte ich einen Kollegen aus der hiesigen
-Stadt kennen und achten gelernt, und bald entwickelte sich zwischen
-uns eine innige Freundschaft. Er war der Sohn armer Eltern, mußte
-freilich mehr ans Lernen denken, als ans Burschenleben, und einer
-Stellung zutrachten, in der er sich und seine Eltern ernähren konnte.
-Das hinderte den wackeren Johannes nicht, die Studentenideale zu hegen
-und zu pflegen, und besonders die Burschenehre ging ihm über alles.
-Auf mehreren Mensuren bewies er seinen Mut, und in einem Duelle trat
-er für die beleidigte Ehre eines Freundes ein. Dieser Freund war ich.
-Es handelte sich um nichts weiter, als um einen boshaften Spott,
-den ein mir mißgesinnter Bursche in meiner Abwesenheit mir angetan.
-Johannes forderte ihn auf Pistolen. Am zerrissenen Kinnbacken trug er
-zeitlebens ein Merkmal seiner tapferen Freundschaft. Natürlich schloß
-uns dieser Handel noch enger und unzertrennlicher aneinander und ich
-schwor ihm, über seine Ehre ebenso zu wachen, als er über die meinige
-gewacht und als ich über meine eigene wachen kann. Und sollten wir vom
-Schicksal einmal voneinander getrennt werden, und sollten wir in was
-immer für eine Lage versetzt werden, unsere gegenseitige Ehre wollten
-wir behüten wie unser Leben, ja unendlichmal mutiger und glühender,
-als unser Leben. -- Was sonst an Studentenangelegenheiten, Ehrensachen
-und Freundschaftsbeweisen war, kann übergangen werden. Ich weiß, was
-hier zu erzählen ist. Johannes hatte seine Studien vollendet und
-erhielt eine Anstellung als Postbeamter. Trotzdem brach er nicht mit
-den lustigen Kreisen, in denen er sich früher bewegte, ja, er erschloß
-sich noch neue. Man hielt ihn auch fest in denselben, denn er war ein
-heiterer, angenehmer Gesellschafter, und nach den langweiligen und
-verantwortlichen Stunden in der Amtsstube hatte er Zerstreuung nötiger
-als je. Es gab kleine Gelage mit Minnescherzen, mit Glücksspiel und
-anderen Lustbarkeiten. Wir bewohnten zusammen ein Zimmer und es fiel
-mir auf, daß er häufig in später Nacht nach Hause kam. Einmal habe ich
-ihm etwas darüber gesagt, er antwortete, daß weder seine Berufs- noch
-seine Kindespflichten darunter Schaden litten, wie ich auch tatsächlich
-nie eine Klage über ihn hörte und wie ich auch wußte, daß seine
-mühseligen Eltern, die damals auf dem Lande lebten, in ihrem Johannes
-den Ernährer und Beschützer anbeteten. Also ging es eine Weile, und
-plötzlich war das Verhängnis da.«
-
-Seelader unterbrach sich und trocknete mit dem Taschentuche seine Stirn.
-
-Nach einer Weile sagte der Richter: »Nun, erzählen Sie weiter.«
-
-»Schon seit einiger Zeit hatte ich bemerkt,« so fuhr der junge
-Mann fort zu sprechen, »daß mein Freund Johannes einen kleinen,
-scharfgeladenen Revolver bei sich trug. -- Wozu denn so etwas? fragte
-ich ihn einmal. -- Man kann nicht wissen, antwortete er, ob man nicht
-plötzlich in die Lage kommt, seine Ehre zu retten. -- Das war mir
-dunkel. Ich hielt es im Scherze gesprochen und dachte: er hat amtlich
-mit Geldsachen zu tun, es kann ja eine Waffe vorgeschrieben sein. Im
-ganzen gefiel mir aber an Johannes etwas nicht mehr so recht, und ich
-konnte mir doch keine Rechenschaft darüber geben, was eigentlich an ihm
-unangenehm, oder vielmehr unheimlich war. Bei allen, die ihn kannten,
-stand er in hoher Achtung und von jedem, der mit ihm umging, ward er
-geschätzt als guter Kamerad. -- Und nun kam diese Nacht.«
-
-»Wünschen Sie vielleicht ein Glas Wasser?« unterbrach einer der
-Adjunkten den Erzähler, weil dieser erregt zu sein schien.
-
-»Ich weiß wohl, was ich tue,« fuhr Seelader fort. »Mit dem, was ich
-jetzt zu bekennen habe, vernichte ich mich. Und das will ich auch,
-darum stehe ich da. -- Sie sehen, ich bin nicht aufgeregt, bin meiner
-Sinne vollkommen mächtig, und es wird sich leicht weisen, daß jedes
-Wort, was ich spreche, richtig ist. So etwas merkt man sich ganz
-genau. -- Es war in der Nacht vom elften bis zwölften Februar 1885.
-Johannes war wieder spät nach Hause gekommen und schlief sehr fest.
-Ich schlief nicht so fest und hörte es sogleich, wie jemand an unsere
-Tür klopfte. Da es wiederholt pochte, so stand ich auf, nachzusehen,
-was es gäbe. Vor der Tür stand der Hausherr in flüchtig übergeworfenem
-Mantel und teilte mir flüsternd mit, daß er Auftrag habe, den Herrn
-Johannes Hallsteiner zu wecken. Es scheine etwas Besonderes dran zu
-sein, im Vorsaal sei ein Gerichtsbeamter und auf der Treppe stünden
-zwei Gendarmen. -- Fast zu Tode erschrak ich und dann dachte ich:
-Was erschrickst du denn? Ein Irrtum liegt vor, den wollen wir gleich
-aufklären. Doch als ich draußen mit dem Gerichtsbeamten redete und
-den Verhaftsbefehl sah, gab's keine Ausflucht mehr und ich machte
-mich erbötig, den Gesuchten zu wecken und vorzubereiten, ohne daß mir
-auch nur eine Ahnung dämmerte, um was es sich handeln könne. Ihn im
-Schlafe überfallen, das würden sie doch nicht wollen. Als der Beamte
-vom Hausherrn sich die Versicherung geben ließ, daß die Fenster
-unseres Zimmers vergittert wären und auch sonst eine Möglichkeit des
-Entkommens nicht denkbar sei, durfte ich ins Zimmer zurücktreten. Die
-Türe hinter mir legte ich ins Schloß, zündete Licht an und weckte den
-Freund. -- Johannes, sagte ich, du sollst aufstehen, es fragt jemand
-nach dir. Er war sonst keiner von denen, die sich schnell aus dem
-Schlafe aufzuraffen vermögen, aber jetzt schießt er empor, und wie
-ich ihm die Art des nächtlichen Besuches andeute, wird er blaß. --
-Johannes, um des Himmels willen, was ist das? frage ich. -- Du siehst
-es ja, antwortet er ganz heiser. Hierauf stürzt er in den Winkel hinter
-meinen Schrank, reißt etwas aus der Tasche seines Rockes, kauert sich
-nieder, wimmert, wehrt mit der Hand mich, den Hinzueilenden, ab und
-schleudert endlich den Revolver von sich. Ich hebe die Waffe auf und
-sage heftig: Was hast du getan? -- Er fällt mir um den Hals: Hilf mir,
-Freund, es ist alles aus. Schulden, Spielschulden. Meine Ehre! Die Ehre
-mußte ich retten. Geld unterschlagen. -- Ohnmächtig muß ich geworden
-sein in dem Augenblicke, denn als ich mich finde, ist er angezogen
-und macht sich bereit. An der Tür pocht es ungeduldig. -- Noch einen
-Augenblick, bitte ich! ist mein Ruf, dann zum Freunde: Johannes, so
-gehst du nicht fort. In dieser Begleitung nicht! -- Dann rette mich,
-sagt er und blickt hilfesuchend um sich. -- Du hast in deinem Amte
-Geld veruntreut? sage ich und es kocht in mir, wild, rasend wild ein
-unbeschreiblicher Aufruhr, da, +das ist deine Rettung+! und drücke
-ihm den Revolver in die Hand. Er schaudert zurück und lacht hohl auf:
-das habe ich ja auch so gemeint. Seit einem Jahre trage ich ihn bei
-mir in der Tasche. Wenn's zum äußersten kommt, einen Fingerdruck. Und
-jetzt, +jetzt fehlt mir der Mut+! O, zertritt mich, die feige Bestie,
-speie mich an! Auf den Schuß habe ich gerechnet, für den schlimmsten
-Fall, mitten in Lust und Freuden habe ich auf den Schuß gerechnet,
-und jetzt fehlt mir dazu der Mut! hast du ein solches Scheusal schon
-gesehen? -- Als er so ruft, mir geht's durch alle Glieder. Schreck,
-Zorn, Mitleid gräbt in mir. Ich presse seine Faust zusammen, daß ihm
-die Waffe nicht entfallen kann. Bebend an allen Gliedern, schluchzend
-bitte ich ihn: Freund, geliebter, einziger Freund, verlasse dich
-selber nicht zu dieser Stunde. Sühne deine Schuld, rette deine Ehre,
-ich beschwöre dich! Du kannst nicht mehr weiterleben, du +kannst+
-nicht, Johannes, du bist ehrlos, verloren! Rette dich! Nur einen Funken
-Wille, nur einen Funken! Schließe die Augen, denke nichts, denke, es
-ist ein Traum, drücke los! Du mußt, Johannes, du +mußt+! -- Ich kann
-nicht! stöhnt er. O Gott, ich kann nicht, ich kann nicht! -- Draußen
-machen sie bereits Anstalt die Tür einzubrechen. Mein einziger, mein
-liebster Mensch! flehe ich, bei allem, was uns heilig war auf dieser
-Welt, laß dich nicht forttreiben wie einen gemeinen Dieb. Mach ein
-Ende! Ich zwinge dich! -- Er will den Revolver auf den Boden fallen
-lassen, ich drücke ihn zurück in seine Hand, will die Mündung gegen
-ihn wenden, seinen Finger krümmen auf den Hahn -- wir ringen, die Tür
-kracht unter dem Zwängeisen. Wir ringen heiß, da knallt der Schuß, und
-Johannes sinkt zu Boden. -- Die Ehre ist gerettet! Ich habe mein Wort
-gehalten! denn ich -- ich habe losgedrückt! Ich habe ihn erschossen.
-Die Kugel drang unter dem Kiefer hinein nahe an der Narbe, die er bei
-jenem Duell meinetwegen davongetragen. Kaum es geschehen ist, stürzen
-sie zur zertrümmerten Tür herein. -- Zu spät, sage ich, er hat sich
-erschossen! Ich habe vergebens mit ihm gerungen um den Revolver. --
-Dann haben sie ihn in die Totenkammer getragen. -- Und ich, wie ich
-allein bin und vor mir die Blutlache sehe, da schreit es in mir: Was
-hast du getan? der Ehre wegen ein Mörder, ein Lügner geworden! Welcher
-Ehre wegen! Sage, verdammter Wicht, was entehrt denn? Entehrt das
-Stehlen anvertrauter Gelder, oder entehrt erst der Gendarm? Nicht was
-dein Gewissen sagt, ist dir die Hauptsache, sondern was die Leute
-sagen! Von solcher Art ist die »Ehre«, der du bisher alles geopfert
-hast, deine Zeit, dein Studium, deine Begeisterung, deinen Freund,
-deine Seele. -- Also rief es in mir, aber dieser Ehrbegriff, dieser
-verfluchte Ehrgeiz war noch nicht tot in mir, er rang mit meinem
-Gewissen, wie ich vorher mit dem Freunde gerungen. Du mußt dich als
-seinen Mörder nennen und deine Strafe leiden, mahnte das Gewissen. --
-O Schande! Schande! rief der Ehrgeiz, ein Meuchelmörder, ein Lügner,
-ein Schurke zu sein! -- Höllische Pein litt ich in jenen Tagen. Dann
-ward mein Freund von Professoren zerschnitten, daß sie die Ursache
-seiner Tat fänden. In einer Anwandlung von Geistesverwirrung, sagten
-sie. Dann ward mein Freund hinausgetragen hinter das Lazarett und unter
-der Mauer eingescharrt. Als ich seine alten, nun ganz verlassenen
-Eltern sah, und wie die Mutter an seiner Grube zusammensank und sein
-Vater an der Krücke und mit weißem Haar fast stumpfsinnig auf den Sarg
-starrte, da wußte ich, was zu tun war. Ein Ausgleich wurde geschlossen
-zwischen meinem Ehrbegriff und meinem Gewissen. Zur Stunde faßte ich
-den Entschluß, mich nicht anzuzeigen, sondern mein Leben und Streben
-denen zu widmen, welchen ich den Sohn geraubt habe. Und erst wenn sie
-gestorben sein werden und meiner nicht mehr bedürfen, dann will ich
-hingehen und mich dem Gerichte stellen. Also schwur ich es, und das
-auszuführen war nun meine Ehrensache. Es ist das eine andere Ehre
-und ein anderer Ehrgeiz, mein Gewissen ist damit einverstanden. Mein
-kleines Vermögen war erschöpft, den letzten Rest schickte ich den
-Eltern meines Freundes. Ohne mein Studium vollendet zu haben, trachtete
-ich nach einer Stellung, um Brot zu erwerben. Endlich bekam ich die
-Schreiberstelle hier beim Kreisgerichtsamte, und da ich nebenbei
-in freien Stunden jüngeren Schülern Unterricht gab, so ward es mir
-möglich, außer für meine persönlichen Bedürfnisse, für das Greisenpaar
-zu sorgen. Unerträglich war es mir, wenn ich gelobt wurde deswegen, daß
-meine Treue zum unglücklichen Freunde so groß wäre. Es war, als ob man
-einen am Galgen Baumelnden lobte, daß er es so hoch gebracht habe. --
-Seine Eltern selbst lebten stumpfsinnig und freudlos dahin und nahmen
-das, was ich ihnen geben konnte, als das, was es ja auch ist, als etwas
-Selbstverständliches. Mein Gewissen war nie zur Ruhe gekommen, und nur
-wenn ich darbte, um den alten Leuten um so mehr schicken zu können,
-wurde es für den Augenblick milder gestimmt. Trost gab mir der Himmel
-auch an guten Menschen, die er mich finden ließ, und es waren Anzeichen
-vorhanden, daß ich einmal glücklich, sehr glücklich werden könnte. Aber
-ich durfte das Glück nicht annehmen. Es war Ehrensache, ich durfte es
-nicht annehmen. So unausstehlich, so häßlich war ich mir geworden, daß
-ich fast mit Lust und Gier die Buße trug, um mich einst selbst wieder
-achten zu können. Nach fremder Achtung, nach fremder Leute Meinung über
-mich hörte ich nicht mehr aus, für solche Ehre bin ich unempfindlich
-geworden. -- Das alles sage ich zu meiner Verteidigung, damit man sehe,
-wie es mir Ernst war. -- Nun sind die zwei alten Leute gestorben. Ich
-habe keine Verpflichtung mehr. Und nun ist es an der Zeit, meine Tat
-einzubekennen und mich dem Urteile der Gerechtigkeit zu übergeben.«
-
-Max Seelader schwieg.
-
-Die Richter blickten einander an. Ein solcher Fall war ihnen noch nicht
-vorgekommen. Zum Glücke brauchten sie darüber nicht abzuurteilen.
-Feucht waren des Kreisrichters Augen, als er aufstand, dem jungen,
-jetzt auf seinem Platze schier zusammengeknickten Menschen die Hand auf
-die Achsel legte und sprach: »Haben Sie noch etwas zu bestellen, so
-tun Sie es. Ich will dann mit Ihnen zum Landesgerichte fahren. Ihre
-Geschichte gehört vor die Geschwornen.«
-
- * * * * *
-
-Über Max Seelader findet demnächst im Landesgerichte die
-Hauptverhandlung statt. Lieber Leser, solltest du dabei einer der
-Geschworenen sein -- welches Urteil würdest du fällen?
-
-
-
-
-Die Vierzehnte.
-
-
-Am Freitag bin ich also nicht abgereist zum Karneval in die Stadt.
-
-»Reise Samstag früh,« hatte meine Mutter vorgeschlagen, und so reiste
-ich Samstag früh. Ich bin nicht abergläubisch, aber wenn man bei
-Unglücksfällen nachdenkt: fast allemal sind Vorzeichen nachzuweisen,
-die mit den Ursachen in geheimnisvollem Zusammenhange stehen.
-
-Ich reiste Samstag früh und war zu Mittag in der Stadt. Daß ich im
-Gedränge des Bahnhofes mit dem Rockknopf an der weißen Schnur eines
-~pompe funèbre~-Mannes hängen blieb, war mir für den Augenblick
-ärgerlich. Was hat dieser Mensch auf dem Bahnhofe zu tun? Ein Bahnhof
-ist keine Leichenhalle, außer, wenn mit dem Zuge ein Toter ankommt,
-was, wie ich später erfuhr, damals allerdings der Fall gewesen. Ich war
-mit einem Toten auf den Karneval gereist! Ich bin nicht abergläubisch,
-aber den Knopf trennte ich mir selbstverständlich sofort vom Tuche.
-
-Im Hotel nahm ich zwei gassenseitige fein möblierte Zimmer; es ist zwar
-auf eine besondere Häuslichkeit nicht zu rechnen, wenn man Welt sehen
-will, aber wohnen will man doch auch. Man erhält Besuche, und selbst
-wenn's nur für den Friseur wäre -- stets das Dekorum, sage ich, gegen
-jedermann das Dekorum.
-
-In bezug auf Salonanzüge, die ich mir sofort verschaffen mußte, wies
-man mich in das große Kleidermagazin »zum Uhu«. Ein Ballkleidermagazin
-»zum Uhu!« Ich bitte Sie! Abergläubische Leute müßte das Schild
-schon in vorhinein zurückschrecken; ich ärgerte mich bloß über die
-Geschmacklosigkeit und wählte ein anderes Geschäft.
-
-Theater, Museen, Konzerte -- Fastenkost, nichts als Fastenkost.
-Tanzen, springen, rasen, leben! Die Leute sind sozusagen lebendig und
-wissen doch nicht, was leben heißt. Mit den Elitebällen wollte ich den
-Anfang machen, abwärts geht's leicht und nach der Mahlzeit, bildlich
-gesprochen, wo man etwas pikanten Käse liebt, nehme ich noch etwas
-»Orpheum« oder »Elysium« usw.
-
-Am zweiten Tage erhielt ich Einladung in ein bekanntes Haus zum Diner.
-Ich bin im ganzen nicht für häusliche Zirkel hierhergekommen, derlei
-kultiviert man auf dem Lande zur Genüge. Doch, einmal kann man ja
-annehmen.
-
-In der Familie waren -- wie ich wußte -- ein paar hübsche Kinder von
-achtzehn aufwärts. Vortrefflich, das weiht in die Gesellschaft, in
-die Verhältnisse des diesjährigen Faschings ein. Man lernt das Feld
-kennen, auf dem man siegen will und wird. Ich dekorierte mich mit einer
-Rosenknospe, die ich ins Knopfloch steckte, und begab mich ins Haus, in
-das ich geladen war. Am Eingangstore begegnete mir eine alte Frau. Man
-braucht nicht abergläubisch zu sein, um von einer solchen Begegnung an
-der Stufe eines Hauses, in dem man sich unterhalten will, unangenehm
-berührt zu werden. Ich kehrte um, fuhr noch ein paar Straßen auf und
-ab, um dann das zweitemal ins Haus zu treten.
-
-Der Empfang war überaus herzlich. Vor allem überraschte mich die
-Wohnung. Man hat auf seinem Landgut auch Komfort, aber +diese+
-Eleganz -- ich war überrascht! Die Gesellschaft war nicht groß, aber
-glänzend, blendend -- reizende Mädchen darunter. Man ist nicht blöde;
-das Buch vom »guten Ton in der Gesellschaft« hat man im Kopf, man
-ist sattelfest in der Kunst des Tanzmeisters, in der Konversation,
-im Courmachen, kurz in allen ritterlichen Fertigkeiten eines Löwen.
-Man geht zu Tische; mir schneit der Zufall, nein, mein Glück, eine
-junge, entzückende Dame an den Arm, die ich an ihren Sitzplatz führe.
-Die alten Bekannten waren alsbald vertraulich; die sich bisher fremd
-gewesen, verstanden sich und es entwickelte sich jene ungebundene
-Munterkeit, die eine Gabe des Himmels ist, eine seltene Gabe, die
-keiner dem andern spenden kann, wenn sie nicht von selbst kommt. In
-feinen Kreisen kommt sie von selbst. Es ist doch ein anderes Leben
-in der Stadt als auf dem Dorfe. Alles so gebildet, so aufmerksam, so
-geistvoll! Es geht nichts über die Stadt.
-
-Als wir im besten Schnabulieren waren -- ich zertrennte just ein Stück
-Filet du Boeuf und sann mir dabei Artigkeiten aus, die ich meinen
-Beisitzerinnen sagen wollte -- sprang die Hausfrau von ihrem Sitze auf
-und ihr Blick irrte schreckerfüllt über die Tischgesellschaft hin.
-
-»Was ist?« war meine Frage an die Nachbarin. Man wird unruhig, auf
-allen Gesichtern Bestürzung. »Was ist geschehen?« fragte ich.
-
-»Dreizehn!« hörte ich murmeln. »Dreizehn Personen an der Tafel!«
-
-Alles sprang auf, aber die Hausfrau bat, daß man sich beruhige und
-vorläufig wieder an die Plätze begebe, damit das Unglaubliche nochmals
-untersucht werden könne.
-
-Wir setzten uns wie auf glühende Kohlen. Die Dame des Hauses, die mir
-zur Linken saß, zählte von sich aus links hin die Anwesenden -- es
-waren genau dreizehn -- und ich war der dreizehnte.
-
-Ein frivoler Patron war da, der meinte ganz unverfroren, er halte die
-Zahl dreizehn bei Tische nur in dem einen Falle für fatal, wenn bloß
-für zwölf gekocht worden. Eine solche Bemerkung unter Gebildeten
-verdient, daß sie einfach ignoriert werde -- und das wurde sie.
-
-Hingegen rief die Hausfrau: »Unbegreiflich, es ist doch für fünfzehn
-gedeckt!«
-
-Jetzt zählte meine schöne Nachbarin zur Rechten, indem sie von sich aus
-nach rechts hin vorging, es waren ganz genau dreizehn, und ich war der
-dreizehnte.
-
-Was war zu tun?
-
-Am ganzen Leibe zitternd, erbot ich mich, an einem Extratischchen Platz
-nehmen zu wollen.
-
-»Na, das fehlte noch!« rief man.
-
-Allsogleich wurde ein Diener zu einer Frau Müller, Apothekerswitwe im
-dritten Stock, geschickt:
-
-Ob Frau von Müller nicht das Vergnügen machen wolle, heute bei uns zu
-speisen, dann möchte sie aber die Güte haben, sofort.
-
-Der Bote kam zurück: Frau Müller wisse nicht wie sie zur Ehre käme, sie
-danke verbindlichst, aber es sei ihr momentan ganz unmöglich.
-
-»Das ist noch ein Glück,« bemerkte eine Tochter des Hauses, »eine
-Apothekerin! Mama weiß nicht, wo sie den Kopf hat.«
-
-»In der Tat,« sagte die Hausfrau, »es gibt Augenblicke im Leben, wo man
-trotz allem die Geistesgegenwart verlieren kann. Johann, gehen Sie ins
-Kinderzimmer, ich lasse Fräulein Antonia ersuchen, sie möchte mit uns
-speisen, aber sogleich!«
-
-Nach wenigen Augenblicken trat Fräulein Antonia ein, ohne Festkleid,
-ohne Schmuck, ein junges, einfaches Wesen, das geräuschlos am untersten
-Ende der Tafel Platz nahm. Man beachtete sie nicht weiter und das
-Mahl nahm seinen Fortgang. Da die natürliche Heiterkeit jedoch einmal
-gestört war, so mußte die gemachte dran, ist für den Notbedarf auch
-nicht übel, weil man sie in der Stadt ganz leidlich zu imitieren
-weiß. Ich konnte mich aus einer gewissen Beklommenheit gar nicht mehr
-herausarbeiten. Die Anzeichen für meinen Karneval spielten sich nicht
-gut. Ich war mit meinem jungen Leben in die Stadtluft gesprungen, um
--- der dreizehnte zu sein. -- Wenn man nachdenkt, es trifft immer
-zu -- der dreizehnte an einer Tafel stirbt. Man braucht darum nicht
-abergläubisch zu sein. -- Doch es ist ja vorbei, bei Tische sitzen
-vierzehn. Ich schaute verstohlen zwischen Weinflaschen, kunstreichen
-Blumenvasen und silbernen Obst- und Backwerkaufsätzen hin gegen das
-Fräulein Antonia, das fast hilflos und unbemerkt unter den lauten,
-rede- und eßgewandten Herrschaften dasaß.
-
-»In der Not frißt der Teufel Fliegen,« flüsterte meine stets
-geistreiche Nachbarin zur Rechten.
-
-»Übrigens,« setzte die Hausfrau bei, um ihre Maßregel doch auch noch
-zu entschuldigen, »es ist ein braves, anständiges Mädchen, das ich
-erst vor wenigen Monaten vom Lande bezog. Die Tochter eines kleineren
-Beamten, die mir für meine jüngste Zucht empfohlen worden ist. Es fehlt
-ihr noch Schick, wie Sie sehen, aber mein Gott, man muß noch froh sein,
-heutzutage eine ehrliche und verläßliche Person zu bekommen.«
-
-Wie ich aber so hinschaute auf das Mädchen, das mit dem glattgekämmten
-braunen Haar still und bescheiden zwischen den in aller Buntheit und
-mit allem Raffinement aufgeputzten Frauen dasaß, ohne Befangenheit und
-Geziertheit die Gabel handhabend und bisweilen mit ihrem großen Auge
-ruhig und mild aufschaute, da kam mir der vertrackte Gedanke: das wäre
-mir die liebste von allen.
-
-Man braucht darum nicht abergläubisch zu sein.
-
-Bei dem Aufruhr, den der Champagner verursachte, wollte das Mädchen
-heimlich sich davonmachen. Ich merkte es und säumte nicht, mit meinem
-Glase zu ihr zu treten und mit ihr anzustoßen.
-
-»Gegen die Lebensretterin muß man stets galant sein,« hörte ich hinter
-mir sagen; das verletzte mich, ich weiß nicht warum. Ich stieß mit dem
-Mädchen doppelt herzlich an und schaute ihr ins Auge.
-
-Dann entschwand sie. --
-
-An den verschiedenen Vorzeichen war aber doch was. Mir war der Fasching
-verdorben. Ich war überall dabei, man kann sagen, ich machte Glück
--- aber mir fehlte das Animo. Es war verrückt, ich dachte an die
-vierzehnte. Sie war nirgends dabei, aber sie saß in meiner Seele,
-geradeso hold und bescheiden, wie sie dort bei Tische gesessen. Das hat
-man davon.
-
-»Bist du in einem Hause zur Mahlzeit geladen worden, so mache einige
-Tage nach derselben in dem betreffenden Hause eine Visite, gemeinhin
-die Verdauungsvisite genannt,« so heißt es im »Buch vom guten Ton«.
-Mir wäre es lieb gewesen, wenn der gute Ton zehn solche Visiten
-verlangt hätte. Übrigens war ich in der Familie auch ohne Vorschrift
-willkommen und die Töchter wurden von Tag zu Tag liebenswürdiger. Aber
-das meinte ich nicht. Durch ihre Vermittlung wurde ich zu Hausbällen
-geladen, wo sie vortanzten und wo sie mich bei den Damenwahlen höchlich
-auszeichneten. Aber das meinte ich nicht. Endlich luden sie mich
-nochmals zum Speisen; ach, wie hätte ich gewünscht, daß wir wieder
-dreizehn zu Tische säßen! Doch es waren unser bloß fünf Personen. --
-»Der engste Familienkreis,« wie die Hausfrau so anmutend sagte. Aber
-das meinte ich nicht.
-
-Ich machte die unmaßgebliche Bemerkung, daß in den Familienkreis doch
-auch die kleineren Kinder gehörten. Die Töchter erröteten über diese
-Bemerkung. Aber das meinte ich nicht.
-
-Bei der nächsten Visite verfehlte ich beim Fortgehen in meiner
-Gedankenlosigkeit die richtige Tür und stand plötzlich im Kindszimmer.
-Mitten unter den fröhlichen Kleinen -- fröhlich mit ihnen -- saß meine
-Vierzehnte.
-
-Ein halbes Jahr später habe ich sie aus demselben Gemache geführt. Ein
-weißer Schleier umrahmte ihr liebes Angesicht, ein Myrtenzweig lag auf
-ihrem Haar.
-
- * * * * *
-
-Diese Zeilen schreibe ich heute -- am Vorabende unseres silbernen
-Hochzeitstages. Tag für Tag sitzen wir zu +dreizehn+ an unserem Tisch:
-Sie, ich und die elf Kinder. Man braucht darum nicht abergläubisch zu
-sein: aber welch ein Glück, so zu seinen dreizehn mitsammen zu speisen!
-
-
-
-
-Der Taubstumme.
-
-
-Das war an einem Wintertage. Ich fuhr von der Hauptstadt mit dem
-Eilzuge in eine Provinzstadt hinaus. Es war eine sechs Stunden lange,
-öde Fahrt. Die dicht beeisten Fensterscheiben vermeinten weiß was zu
-verhüllen, und wenn man sich an denselben ein Flecklein freihauchte
-oder freikratzte, so sah man draußen den Nebel und die bereiften
-Telegraphenstangen -- sonst auch nichts. Ich saß im Nichtraucherabteil
-zu vieren und, theoretisch genommen, hätte es recht ergötzlich sein
-können, denn es waren unser zwei Herren und zwei Damen. Aber du lieber
-Gott, die Damen vertreten zusammen ein volles Jahrhundert und der Herr
-kauerte tief in seinen Pelz vergraben und gab kaum ein Lebenszeichen
-von sich.
-
-Schon als ich beim Einsteigen zufällig auf die Stiefelspitze des
-männlichen Gegenübers getreten war, benützte ich das sittige:
-Pardon! um gleich mit ein paar anzüglichen Bemerkungen über das
-Zusammenpferchen und die Unbehaglichkeit des Reisens im Winter ein
-Gespräch anzuknüpfen. Der Mann schaute mich mit seinen großen Augen
-betrübt an und hüllte sich schweigend in seinen Pelz.
-
-Hingegen griff das Jahrhundert, welches auch schon fest saß, die
-Leine auf und gab der Mutmaßung lebhaften Ausdruck, daß Nebenabteile
-sicherlich ganz leer sein würden, daß aber die Herren Kondukteurs die
-nicht sehr löbliche Gepflogenheit hätten, dieselben usw. Es herrscheten
-hier überhaupt Unzukömmlichkeiten, die man auf ausländischen Bahnen
-nicht usw. -- Und wie eben die Unterhaltung im Gelaß ähnlicherweise
-angeht.
-
-Bei der Kartenvisitation fragte der Schaffner, ob wir in N. ~table
-d'hôte~ zu speisen wünschten. Ich und ein halbes Jahrhundert bejahten
-sofort, das andere halbe war stark unentschieden und entschloß sich
-endlich für die Karte. Mein Gegenüber, der apathische Mann im Pelz,
-schaute den Schaffner jetzt fragend an, mit einem gewissen ängstlichen
-Blick -- ob hier etwas nicht in Ordnung sei, oder was der Mann wolle?
-
-Dieser deutete uns noch durch ein Zeichen mit der Hand an, daß mit dem
-Herrn im Pelze etwas nicht richtig sei -- und schloß dann das Abteil.
-
-»Man tut doch immerhin am besten, ~table d'hôte~ zu speisen,«
-bemerkte ich hernach, um mit dem Herrn anzubinden, »man wird dabei
-am raschesten bedient und das Speisen ~à la carte~ bedeutet doch
-nur ein Gabelfrühstück im Vergleich mit dem in der Regel guten und
-verhältnismäßig reichhaltigen Mahle; die Preise unterscheiden sich
-nicht wesentlich.« Als mein Gegenüber sah, daß ich zu ihm spreche,
-deutete es durch eine klar zu verstehende Gebärde und durch einen
-gröhlenden Ton an, daß es nicht höre und auch nicht den Gebrauch der
-Sprache habe, und mummte sich -- da es in der Tat recht frostig war --
-noch tiefer in seinen Pelz.
-
-»Also taubstumm!« murmelte ich.
-
-»Ach, der Arme!« -- »Ach, der gute, arme Mann!« hauchten die beiden
-Frauen und schenkten ihm einen Blick, der überreich war an Teilnahme
-und Wärme.
-
-Der Bedauernswürdige war ein noch jugendlicher hübscher Kopf mit
-schwarzem Schnurrbärtchen und blassen Wangen, eine jener interessanten
-Typen, in denen sich Schönheit und Schmerz so rührend vermählt hat.
-Meist schloß er die Augen, und dann war es freilich nur mehr der
-Tastsinn allein, durch welchen er mit der Außenwelt zusammenhing. Aber
-er tastete nicht.
-
-»Ein so hübscher, feiner Kopf!« meinte die eine der Frauen.
-
-»Und reist allein!«
-
-»Wie weit er wohl reisen mag?«
-
-»Nach G., soviel ich früher an seinem Billett sah.«
-
-»Für den Notfall kann ich ihm auf dem dortigen Bahnhofe behilflich
-sein,« war meine Bemerkung, »denn auch ich fahre bis G.«
-
-Nun war ein reeller Gesprächstoff gegeben. Wir besprachen das traurige
-Geschick der Taubstummen und ich kam mit dem Jahrhundert bald darüber
-in Zwiespalt, was vorzuziehen sei, taubstumm oder blind sein. Ich
-entschied mich gewiß ganz unbedacht für das Taubstumme, denn das
-Gesicht geht mir über alles. Meine Seele sitzt im Auge, mir liegt die
-Schönheit der Welt im Lichte, in der Farbe. Des Menschen Wort ist
-mir entbehrlich, genug, wenn ich seinen Blick sehe. Was ich zu sagen
-habe, ist wenig; auch ist mein Wort als das des Fremden den meisten
-gleichgültig, jeder hört sich selbst am liebsten. Und was durch
-mein Auge einzieht, das bringt genug Stoff für ein reiches, inneres
-Leben und ich bleibe gesammelt, bleibe Eins mit mir. Zum Auge kann
-viel weniger Jammer eingehen als zum Ohre, und mit dem Auge kann ich
-viel weniger Unrecht tun als mit der Zunge. So bleibt der Taubstumme
-glücklicher und besser, als etwa der Blinde.
-
-»Aber bedenken Sie doch, bester Herr!« so drang jetzt das ganze
-Jahrhundert auf mich ein und führte gegen meine Ansicht die
-gewichtigsten Gründe ins Treffen. Durch das Gehör komme alle Lehre
-und Erziehung in den Menschen, und so wie sich ohne Gehör die Sprache
-nicht bilden könne, so blieben auch alle anderen Sinne zurück und man
-werde nicht sagen können, daß der Taubstumme um so besser sehe, während
-man vom Blinden wisse, daß er in der Regel ein schärferes Gehörorgan
-und einen ausgebildeteren Tastsinn habe, als der Sehende. Der Blinde
-führe ein reicheres und schöneres Geistesleben, während der Taubstumme
-zumeist stumpfsinnig, verschlagen, mißtrauisch und unzufrieden sei.
-
-Ich bekam nachgerade Respekt vor den beiden Frauen. »Und bedenken Sie,«
-fuhr die eine fort, »von der Musik, die den höchsten Rang in der Kunst
-einnimmt, die bildend und veredelnd bis in die Seele dringt, von der
-Musik gar nichts zu haben!«
-
-»Ein ganzes langes Leben ohne Vogelsang!« gab die andere zu bedenken.
-
-»Ein Leben ohne Strauß!« rief die eine.
-
-»Singt der Strauß?« fragte die andere.
-
-»Nein, aber er geigt.«
-
-»Ah so, der Wiener Strauß.«
-
-»Und was in der Menschenkehle steckt!« rief die eine. »Ach: wenn ich
-daran denke! Gestern war ich in der Oper, in Lohengrin.«
-
-»Wildmann soll wunderbar gesungen haben.«
-
-»Unvergleichlich! Unvergleichlich! sage ich. Bei dem überfülltem Hause
-war es mir mit Mühe und Protektion gelungen, einen Galeriesitz zu
-gewinnen, von dem aus ich kaum auf die Bühne sehen konnte. Ich war
-trotzdem glücklich, und bei diesem Gesang, ich gestehe es, daß ich ein
-wahres Gebet tat: O Gott, ich danke dir für seine Stimme, ich danke dir
-für mein Ohr!«
-
-Mit heller Begeisterung sprach sie's; dem Taubstummen mußten unsere
-lebhaften Mienen auffallen, er schaute der Dame, ich möchte sagen,
-wortdurstig auf den Mund, als hätte er's denken können: Ich verlangte
-Opern nicht, wenn ich nur die Worte der Menschen hören könnte! --
-
-Ein seltsames Mitleid erfaßte mich für den armen Mann und die Dame
-setzte bei:
-
-»Wie das traurig ist! Sterben zu müssen, ohne Wagner gehört zu
-haben!« --
-
-In N. angelangt, wollte ich meinem stummen Nachbar etwas zu essen
-verschaffen, aber er sprang selbst auf, nahm am Schänktisch Schinken
-und Bier, warf dafür den Betrag hin, setzte sich wieder ins Abteil und
-vermummte sich in den Pelz.
-
-»Er weiß sich doch zu helfen,« sagte eine der Frauen.
-
-»In den Taubstummen-Instituten genießen solche Leute heutzutage ja eine
-beinahe vollkommene Ausbildung.«
-
-Und sie hielten der Humanität ihres Jahrhunderts eine gebührende
-Lobrede.
-
-»Ein wunderschöner Mensch!« hauchte eine der Frauen, in das Anschauen
-des Unglücklichen versunken.
-
-Dann war davon die Rede, ob er etwa gar verheiratet sei, oder ob
-Taubstumme überhaupt heiraten dürften; ein gesundes Mädchen; ob sich
-der Zustand auch auf die Kinder fortpflanze.
-
-»Bleiben natürlich nur auf +einem+ Ohre taub,« war eine Ansicht.
-
-»Und stumm nur die Knaben,« gab ich zu, »bei Frauen ist überhaupt
-dieser Mangel schwer zu denken.«
-
-So spielte sich das Gespräch, dann kam anderes dazwischen, auch jene
-Müdigkeit, der bei längerer Fahrt jeder Reisende, er mag anfangs auch
-noch so frisch gewesen sein, anheimfällt. Schien es doch, als hätte uns
-der Taubstumme angesteckt, bis wir endlich um die Abenddämmerung in den
-Bahnhof von G. einfuhren.
-
-Das Jahrhundert reiste, nachdem ich mich recht artig von ihm
-verabschiedet hatte, weiter; ich suchte dem aussteigenden Taubstummen
-behilflich zu sein, dieser war dann in der Menschenmenge rasch
-verschwunden.
-
-Ich hielt mich in G. mehrere Tage auf, doch bekam ich den Reisegenossen
-nicht mehr zu sehen und ich vergaß auch bald der kleinen Gesellschaft
-im Gelaß. Dachte selbst nicht an die schönen Aussprüche der einen Dame
-über den Sinn des Gehörs und über die Musik, als ich eines Abends ins
-Theater zur Oper »Aïda« ging. Diese meine Lieblingsoper hatte ich schon
-in verschiedenen Ländern gehört, wozu ich noch bemerken will, daß mich
-gerade die italienische Aufführung im Vaterlande des Komponisten am
-wenigsten befriedigte. Diese überaus ergreifende und originelle Musik
-wollte mir in dem hüpfenden Tempo des Welschen nicht behagen; selbst
-Meister Verdi soll sie erst in der getragenen Weise der Deutschen recht
-liebgewonnen haben.
-
-Als weiteres Motiv meines Theaterbesuches war der Opernsänger Wildmann,
-der eben in G. gastierte. Ich hatte meinen Platz im zweiten Parterre,
-und als der Vorhang aufging, war ich sowohl von der geschmackvollen
-Ausstattung als auch von der guten Besetzung der Oper an dieser
-Provinzialbühne angenehm überrascht. Wildmann als Radames wurde mit
-einem wahren Beifallssturme begrüßt und als ich -- es war das erstemal
--- seinen in der Tat herrlichen Tenor hörte, mußte ich des wunderlichen
-Ausspruches gedenken: O Gott, ich danke dir für mein Ohr! -- Doch, die
-Züge des Sängers! Die ganze Gestalt -- wo war ich der schon begegnet?
-Ich wurde unruhig, ich bohrte meine Augen mit aller Anstrengung in das
-Opernglas, und im ersten Zwischenakte tauschte ich meinen Platz für
-einen des ersten Parterres um, daß ich noch besser sehen könne.
-
-Hier sah ich's denn auch noch besser. Und sah es: der berühmte
-Opernsänger Wildmann war niemand anderer, als mein Taubstummer vom
-Eisenbahnzug.
-
-War's möglich? Das weiß ich nicht, aber es war. Auf der Bühne geht ja
-oft genug das Unmöglichste vor -- doch was sollte einer gerade mit
-dieser Maske bezwecken? Sonnenklar war's mir bald: nicht hier, nein,
-dort im Gelaß hatte er Komödie gespielt. Doch warum? Für den Kunstgenuß
-war mir der Abend verdorben. Wildmann sang hinreißend, und er riß das
-Publikum zum rasenden Beifall hin -- aber mich wurmte der Taubstumme.
-Dieser Taubstumme, der das feinste Gehör hatte im ganzen Reiche, und
-die herrlichste Stimme!
-
-Kaum daß das Sterbelied der Eingemauerten verklungen war, eilte ich auf
-die Bühne, ich mußte den Mann sprechen, ich mußte ihn sprechen hören
-zu mir, mir gegenüber in nächster Nähe. Ich mußte ihm meine Freude
-zujubeln darüber, daß er nicht taubstumm war.
-
-Der Regisseur sagte mir, Herrn Wildmann würde ich nach dem Theater
-im »Hotel Dachstein« finden. Ich ging ins genannte Hotel, in dessen
-Silbersalon die Künstler, Schriftsteller und anderen Schöngeister
-von G. sich einzufinden pflegen. Da saß nun auch bald inmitten einer
-munteren Gesellschaft mein Opernsänger und war der munterste von allen.
-
-Ich saß abseits an einem Tische und beobachtete mir das laute, lustige
-Treiben des Theatervölkleins, in welchem jeder und jede so voll
-Geisteselektrizität war, daß während des Klapperns mit Messer und
-Gabel, während des Gläseranstoßens mit schäumendem Weine die Funken des
-Witzes wie lebhaftes Kleingewehrfeuer hin und wieder über den Tisch
-sprangen.
-
-Endlich -- als sich die Gesellschaft im Saale ein wenig zu lichten
-begann und auch von den Theaterleuten sich einige verabschiedet hatten
--- stand ich auf, trat zum Künstlertisch, nannte meinen Namen und bat
-in höflicher Weise, ob ich es wohl wagen dürfe, mich für den Rest des
-Abends dem glänzenden Kreise einzureihen, wie ein Glaskrystall unter
-Diamanten.
-
-Ich sei willkommen, sagten einige ziemlich gelassen und rückten mit
-den Stühlen. Herr Wildmann aber rief: »Der Tausend, das ist ja mein
-Reisegefährte!«
-
-»So ist es,« sagte ich mich verneigend.
-
-»Dann habe ich mich gefaßt zu machen auf einen Angriff,« lachte der
-Sänger.
-
-»Allerdings beabsichtige ich etwas, was mir damals nicht gelungen ist,
-nämlich Sie zur Rede zu stellen. Es freut mich, Herr, es freut mich
-sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen, und ich bewundere den ausgemachten
-Schauspieler, der in Ihnen steckt.«
-
-»Ja,« sagte Herr Wildmann lustig, »man verlangt von den Opernsängern
-eben, daß sie auch ein wenig Schauspieler seien.«
-
-»Diese Verstellung! Dieser betrübte Blick zum Beispiel, als ich damals
-ins Abteil stieg!«
-
-»Erklärlich auch ohne Verstellung. Sie sind mir nämlich auf das
-Hühnerauge getreten.«
-
-Die Gesellschaft war aufmerksam geworden und wußte bald, um was es sich
-handle, und sie lachte.
-
-»Wir haben Sie in der Tat für einen Taubstummen gehalten,« sagte ich.
-
-»Ich weiß es,« lachte der Opernsänger, »ist aber Ihre Schuld, oder
-hätte ich Ihnen gesagt, daß ich's bin! Übrigens -- Prosit!« Er schob
-mir ein perlendes Stengelglas zu: »Prosit!«
-
-»Übrigens,« fuhr er dann fort, »daß ich nicht allein +spreche+,
-sondern daß ich Ihnen auch Wahrheit sage! Ich habe es auf meinen
-häufigen Eisenbahnfahrten darauf abgesehen, für taubstumm gehalten zu
-werden. Erkennt man mich nicht und gelingt es mir, die Mitreisenden zu
-täuschen, so erwachsen mir aus meiner taubstummen Rolle unschätzbare
-Vorteile. Erstens schone ich meine Stimme, die unter dem steten
-Gepolter des Zuges nicht gewinnen würde, zweitens vernehme ich manches
-lehrreiche Gespräch, das man sonst in seinem Leben nicht wieder zu
-hören bekäme, köstliche Bemerkungen über die gehörlose Person, mitunter
-auch die freimütigsten Urteile über Theater und Oper und über den
-Sänger Wildmann, wie das eben auch bei unserer gemeinsamen Fahrt der
-Fall war. Allerdings kann man dabei auch Dinge zu hören bekommen, bei
-denen man nur herzlich bedauert, nicht wirklich taubstumm zu sein.
-Ich schmeichle mir, einige Menschenkenntnis zu besitzen, die mir
-wahrscheinlich länger treu bleiben wird als meine Stimme und aus der
-ich noch einmal Kapital zu schlagen gedenke. Wem verdanke ich sie? Den
-Stunden, da ich schwieg und scheinbar nicht hörte.«
-
-»Vielleicht werde ich es Ihnen nachmachen,« war meine Bemerkung.
-
-»Sie sind auch Künstler,« sagte er, »versuchen Sie's. Wohl dürften Sie
-ruhig bleiben, wenn man Ihre Bilder lästert; aber wenn man dieselben
-mit Enthusiasmus preist, und es kommt kein Glanz in Ihr Auge, dann erst
-sind Sie Meister der Verstellungskunst. Versuchen Sie's, es ist nicht
-leicht.« -- --
-
-Der Sänger und der Maler wurden an demselben Abende Freunde zu einander
-und verlebten mitsammen noch eine köstlich heitere Stunde, bis es
-ersterer endlich an der Zeit fand, die Kammer zu suchen und sieben
-Stunden lang wirklich taubstumm zu sein.
-
-
-
-
-Hauptmann Fortner und seine Frau.
-
-
-Hauptmann Fortner besaß so ziemlich alles, was Glück genannt wird unter
-den Menschen. Er hatte -- und das sage ich voraus -- ein lebensfrohes
-und naturfreudiges Herz. Sein Name war umleuchtet vom Glanze einer
-Heldentat. Er erfreute sich an einem schönen Weibe, an einem frischen,
-aufgeweckten Kinde. Nur eine Kleinigkeit fehlte ihm, die aber nötig
-ist, um dem Leben so recht nachlaufen zu können: anstatt des rechten
-bluteigenen Beines hatte er einen hölzernen Stelzfuß. Freilich war er
-auf dieses Stück Birkenholz stolzer als auf alle seine übrigen Glieder
-zusammen. Bei der Erstürmung von Serajewo hatte er den Fuß verloren und
-den Heldenglanz gewonnen. Aber dieses empfindungslose Stück Birkenholz
-schmerzte ihn mehr als alle übrigen Glieder zusammen, und es waren
-doch etliche darunter, die häufig durchzuckt wurden von rheumatischer
-Erinnerung an Bosnien. Das hölzerne Bein hatte ihn verdammt zum
-Ruhestand in jungen Jahren, die härteste Verdammnis, welche ein
-Soldatenherz zu treffen vermag.
-
-Doch mochte Hauptmann Fortner deswegen mit dem Schicksale nicht
-viel hadern. Er hatte sein Opfer redlich gebracht, und sein im
-Grunde weiches, friedliebendes Gemüt bequemte sich zum beschaulichen
-Pensionistenleben. Die Winterszeit in der Stadt war gerade nicht nach
-seinem Sinne. Er ging zwar auf Stelzfuß und Krücke wacker spazieren --
-denn Stubenhocken, das war seine Sache nicht -- aber die mitleidigen
-Blicke waren ihm zuwider, und er ließ seinen Schnurrbart so martialisch
-auswachsen und schaute so scharf und finster drein, daß seine
-kampflustige Miene die mitleidigen Herzen zurückschreckte. Anders
-war es im Sommer, wo er mit seiner kleinen Familie auf einem Dorfe
-zu wohnen pflegte, in einem weiten Talkessel, der mit schönen Bergen
-und dunkelnden Wäldern umgeben war. Da konnte er sich erfreuen an den
-Verrichtungen fleißiger Arbeiter, denen er oft stundenlang vergnüglich
-zusah, konnte sich ergötzen an der landschaftlichen Natur, zu der er
-Jahr für Jahr größere Neigung empfand.
-
-Seine Frau Emma harmonierte in all diesen Dingen lange Zeit ganz
-mit ihm, nur daß ihre gesunden Glieder noch weiter ausholen wollten
-und konnten. An den zahmen Spaziergängen durch Wald und Wiese fand
-sie nicht Genügen; mit zweien ihrer Brüder hatte sie einst eine
-Hochgebirgswander gemacht, und die ging ihr nicht mehr aus dem Sinn.
-Da sie ihren Knaben in der Pflege einer verläßlichen Kindsfrau wußte,
-so versäumte sie keine Gelegenheit, um sich Gruppen anzuschließen,
-die auf einen oder den anderen Berg stiegen, wie solche sich im
-Hintergrunde des grünen Gaues gewaltig erhoben. Sie sei verliebt in
-die hohen Berge! so sagte sie selbst, weil eine Frau alles, was ihr
-gefällt, mit der Liebe zusammenspannt. Der Hauptmann schaute manchmal
-der wohlausgerüsteten munteren Gesellschaft ein wenig betrübt nach. Das
-Herz tat ihm weh darob, daß er keinen der ins Land hinausleuchtenden
-Alpengipfel mehr erreichen konnte, und es tat ihm weh, daß -- doch
-genug der Wehmut für einen Soldaten! Sie ist tapfer und kommt ihm
-wohlbehalten wieder zurück.
-
-Also geschah es eines Tages, daß ein Bruder von Frau Emma, der
-Reserveleutnant war, einige junge Leute mitbrachte aus der Stadt in das
-Dorf; unternehmungslustige Studenten. Sie wurden natürlich dem Herrn
-Hauptmann Fortner und seiner jugendlichen Frau Gemahlin vorgestellt
-und von diesen eingeladen zum Kaffee. Bei dem Kaffee entstand der
-Plan zu einer Besteigung des Hochschwab. Allgemeiner Jubel; nur der
-Hauptmann schwieg und dachte: Mußt dich eben begnügen damit, andere in
-Bergeslust zu wissen. Am Abende desselben Tages, während seine Frau ihm
-wie gewöhnlich das Rauchzeug zurecht tat, stülpte sie ihren weichen
-Arm ganz leicht auf seine Schulter: »Nicht wahr, lieber Mann, du hast
-nichts dagegen, wenn ich morgen mit von der Partie bin?«
-
-»Wohin?« fragte er rasch.
-
-»Die auf den Hochschwab geht. Gelt, dir ist es recht?«
-
-Der Hauptmann stopfte seine Pfeife und sagte nichts. Ihm war zumute,
-als ob ihm jetzt etwas sehr Unangenehmes passiert wäre, und er konnte
-oder mochte sich doch keine Erklärung geben, weshalb er seine Frau
-nicht mit der Partie wissen wollte. Sie hat ja recht, hat zwei gesunde
-Füße und die Berge sind ihre Freude. Warum nicht? Der kleine Fritz zu
-Hause ist geborgen und versorgt. Allein ...
-
-»Wirst du dich denn auch unterhalten mit den weltfremden Leuten?«
-fragte er sie fast zärtlich.
-
-»Die werden mich wenig kümmern,« antwortete die Frau, »ich gehe nur mit
-meinem Bruder Hans. Und am Abende, sagen sie, können wir wieder zurück
-sein.«
-
-»Es wird etwas spät werden,« bemerkte der Hauptmann kleinlaut. Weil sie
-betrübt war, daß er keine bestimmte Antwort gab, sagte er endlich: »Ja,
-ja, Weibchen, wenn es dir Vergnügen macht, gehe nur.«
-
-Am nächsten Morgen wollte er ihr noch Verhaltungsmaßregeln sagen,
-denn für den Hochschwab kam sie ihm etwas zart und unerfahren vor.
-Doch als er aufwachte, war sie längst schon fort und ihr leeres Bett
-hatte nur die herzige Unordnung der verschobenen Decken und Kissen,
-in welchen stellenweise noch der Eindruck ihres Körpers zu sehen war.
-Schon um drei Uhr morgens, so erzählte die Kindsfrau, wären die jungen
-Herren draußen gewesen, aber bevor sie noch am Fenster klopften, sei
-die gnädige Frau flink und leise aus dem Bette gesprungen und kurze
-Zeit darauf schon vollkommen marschfertig mit ihnen gegangen. Im
-Wirtshause wäre Tee gekocht worden und dann habe man die Gesellschaft
-vom Waldschachen her, wo sie angestiegen, noch munter lachen gehört. Es
-müßten lustige Leute dabei sein, und über Studenten stehe einmal nichts
-auf.
-
-Als einst bei Serajewo der Arzt dem Hauptmann Fortner mitgeteilt,
-daß er sich für alle Zukunft mit einem einzigen Beine werde behelfen
-müssen, war ihm ein wenig weh geworden ums Herz. Aber so nicht wie
-jetzt, so weh nicht wie jetzt. Der Zeiger der Uhr stand auf sechs, noch
-fünfzehn Stunden oder länger, bis sie wieder da sein wird. Mißmutig
-suchte er sein Holzbein anzuschnallen, es wollte nicht recht gehen, die
-Kindsfrau machte sich erbötig, ihm dabei zu helfen, er wies sie fast
-unwirsch zurück zum Knaben und bediente sich zur Not allein.
-
-Im Laufe desselben Vormittags, als der Hauptmann unter der Linde saß,
-kam der Fleischerknecht mit dem großen Hunde des Weges; ein Kalb wurde
-herangezerrt und gehetzt. Der Hund sprang hinten drein, bald links,
-bald rechts, bellte heftig und tat, als ob er dem Kalb in die Beine
-schnappen wollte, so oft es sich weigerte zu gehen.
-
-»Mylord, setz ab!« rief der Bursche dem Treibhund zu; da stellte
-dieser augenblicklich seine Arbeit ein und der Fleischer band den
-lockergewordenen Strick sorgfältig um den Hals des Tieres.
-
-»Die Schwabengeher werden schon hoch oben sein!« rief er so nebenbei
-dem Hauptmann zu.
-
-»Hast du sie gesehen?«
-
-»Bei der zweiten Fölzbrücke sind sie mir begegnet,« berichtete der
-Bursche, »sind ihrer aber nicht mehr alle. Der Herr Leutnant hat in der
-Hütte zurückbleiben müssen.«
-
-»Mein Schwager?«
-
-»Hat sich beim Zaunstiegel den Fuß so stark verstaucht, daß es aus war.«
-
-»Ist doch meine Frau bei ihm geblieben?« fragte der Hauptmann.
-
-»Die Geißer-Gretel gibt ihm Umschläge.«
-
-»Und meine Frau?«
-
-»Sie werden jetzt schon hoch oben sein. -- Na, vorwärts. Pack an,
-Mylord!«
-
-Unter Gekläffe trappelte es weiter, und der Hauptmann blieb an der
-Linde zurück. Aber er war aufgestanden. Vor allem ließ er einen Wagen
-einspannen und fuhr zur Hütte in der Fölz. Dem Herrn Leutnant ging's
-nicht am schlimmsten, er war schon wieder davon, aber nicht auf den
-Hochschwab, sondern, wie ein Halter schmunzelnd dartat, in die untere
-Fölzsteinalm, wo die kraushaarige Geißer-Gretel ihre Ziegen hütete.
-
-Im Herzen des Hauptmanns wütete ein heißer Zorn. Er machte allen
-Ernstes den Versuch, das Gebirge hinanzuklettern, es ging nicht. Er
-fuhr zurück ins breite Tal, und auf einer Anhöhe stieg er aus und
-starrte hin in die Wände. Die Wände waren hoch und ätherblau, die
-Spitze des Gebirges, die weit dahinter lag, war nicht einmal seinem
-Auge erreichbar. Wenn er an die Beschwerden dachte, die von den
-Touristen etwa zu überwinden waren, als hartes Klettern, Sonnenbrand,
-Durst, Sturm, Frost, Erschöpfung, da wurde ihm leicht und tröstlich;
-wenn er sich aber vorstellte, wie sie auf grünen Matten rasteten,
-oder in Felsnischen saßen, aßen, tranken, scherzten, da wollte er
-vergehen vor Qual. Am Nachmittage suchte er bei seinem Kinde Linderung
-des Gemütszustandes. Der Knabe war im dritten Lebensjahre und trieb
-allerlei Ergötzlichkeit mit seinen hölzernen, rot angestrichenen
-Türken, mit seinen kleinen Zehen, mit des Vaters Schnurrbart und Nase,
-der Vater scherzte überlaut mit dem Kinde, blickte dabei immerfort auf
-die Uhr, die es heute so gar nicht vorwärts brachte.
-
-»Papa!« sagte der Kleine plötzlich, »werden die Studenten Mama wieder
-zurückbringen?«
-
-Gegend Abend stand er immer nur am Fenster. So oft er auf der Gasse
-Schritte oder einen Wagen hörte, steigerte sich seine Spannung. Zum
-Nachtmahl bestellte er ihr Lieblingsgericht, Forellen mit Artischocken.
-Es ward neun Uhr, es ward zehn Uhr, sie kam nicht. Die Nacht war
-finster und schwül, manchmal leuchtete ein matter Blitzschein auf. Der
-Hauptmann legte sich zu Bette, aber als der Tag anbrach, hatte er noch
-kein Auge geschlossen. Am Vormittage stellte sich sein Schwager Hans
-ein, der sehr aufgeweckt war und versicherte, daß sein Fehltritt über
-die Zaunstiegel sich schon wieder bekehrt habe.
-
-»Zum Teufel, wer kümmert sich um deinen Fehltritt!« rief der Hauptmann,
-»wo meine Frau ist, will ich wissen.«
-
-»Sind sie noch nicht da?« fragte der Leutnant überrascht. »Also müssen
-sie in den Fölzerhütten übernachtet haben.«
-
-»Mensch!« sagte der Hauptmann und umklammerte mit ehernen Fingern den
-Arm des Schwagers, »Mensch, hast du denn wirklich keinen Hauch einer
-Ahnung von dem, was Frauenehre ist!«
-
-»Mit solchen Begriffen, lieber Freund, plagt sie sich selber nicht,«
-antwortete Schwager Hans. »Bei Hirtinnen nimmt man's nicht so genau.«
-
-»Und was man so Ritterlichkeit nennt unter Brüdern,« sagte der
-Hauptmann mit niedergedämpfter Wut. »Du hast dich zum Begleiter meiner
-Frau, deiner Schwester, gemacht und hast sie fremden jungen Männern
-überantwortet. Die einzige Dame mit Studenten auf einer Bergpartie, in
-Alpenhütten ... Man muß Sägespäne im Kopfe haben ...«
-
-»Na, erlaube mir!« fuhr der Leutnant auf, »in diesem Tone lasse ich von
-meiner Schwester nicht sprechen!«
-
-»Den Spieß umkehren! Auch gut!« rief der Hauptmann seiner nicht mehr
-mächtig. »Kuppler!«
-
-Der Leutnant schoß auf dieses Wort wie von einer Feder geschleudert in
-die Luft. In demselben Augenblicke erhoben sich vor dem Hause fröhliche
-Stimmen. Die Touristen waren da. Keine allzugroße Müdigkeit sah man
-ihnen an, sie waren fröhlich und die junge Frau Hauptmännin war trotz
-der Schäden, die sie an ihrer Kleidung trug, lustig bis an die Grenze
-der Ausgelassenheit. Die jungen Herren verabschiedeten sich vor der
-Tür von der Frau, die sie noch an ein Versprechen erinnerte, bei einer
-nächsten Partie wieder ihre Kameraden zu sein.
-
-Warum gehen sie heute nicht ins Haus, die jungen Herren? Warum treten
-sie ihm heute nicht unter die Augen?
-
-Hauptmann Fortner hatte sich zurückgezogen auf seine Stube, er hätte es
-gerne gesehen, wie sich seine Frau beim Wiedersehen des Kindes benahm,
-er hätte gerne erfahren, ob sie nicht Ungeduld habe, den Gatten zu
-begrüßen. Sie kam aber nicht, sie zog in ihrem Gemache das zerfahrene
-Gewand aus, sie zog einen Sonntagsstaat an und machte sorgfältig Putz.
-Endlich hielt er es nicht mehr aus, er trat bei ihr ein und fragte
-kurz: »Was wird denn heute noch sein?«
-
-»Warum?« fragte sie, wie über seine Frage befremdet.
-
-»Bekommen wir Besuch, oder machst du welchen?«
-
-»Ah, du meinst, weil ich ein frisches Kleid angezogen habe? Mein Gott,
-soll ich nicht mehr ein anständiges Gewand am Leibe tragen?«
-
-Trotzig? Wie? Auch die dreht den Spieß um, dachte der Hauptmann, aber
-das wird mich nicht irremachen.
-
-»Emma,« sagte er mit Aufwand aller Fassung, »du scheinst von mir
-Vorwürfe zu befürchten, weil du mir mit den deinen zuvorkommen willst.«
-
-Alsogleich richtete sie sich auf und fragte: »Wieso?«
-
-»Sei ganz unbesorgt,« entgegnete er, »Vorwürfe werde ich dir nicht
-machen. Aber das wirst du dir merken: heute bist du das letztemal mit
-fremden Leuten auf einer Landpartie gewesen.«
-
-Sie blickte ihn betroffen an.
-
-»Außer in meiner Gesellschaft wirst du keinen Fuß mehr in die Welt
-setzen.«
-
-»Deine Gefangene also,« entgegnete sie. »Es ist wohl ein Verbrechen,
-auf den Berg zu steigen. Es geht zwar alles hinauf, nur die Philister
-nicht. Und die Krüppel nicht. Ich will mein junges Leben --«
-
-»Kein Wort mehr! -- Du hast weder Takt noch --« Er sprach das Wort
-nicht aus.
-
-Sie war still. Mit einer Handarbeit machte sie sich zu schaffen.
-
-»Ich werde keine Landpartie mehr machen,« schluchzte sie in ihr
-Spitzentuch hinein. »Ich will vergessen, was das ist, auf einem Berg
-zu sein. Ich werde zu Hause bleiben. Das werde ich tun, ich verspreche
-es.« Und sie weinte kläglich.
-
-Er verließ ihr Zimmer, denn lange wäre es ihm nicht möglich gewesen,
-fest zu bleiben. --
-
-Seit diesem Tage war es schon eine Weile her. Der Schwager Hans hatte
-anfangs fast Duellgedanken gehegt, sich endlich aber dafür entschieden,
-nicht mehr in das Haus des Hauptmanns zu gehen, solange dieser ihn
-nicht ausdrücklich zu sich bitte. Der Hauptmann bat ihn aber nicht
-zu sich. Sein Verhältnis zur Frau war äußerlich wie früher. Von der
-Alpenpartie war nicht ein Sterbenswörtchen mehr gesprochen worden.
-Nur der Kindsfrau war eines Tages eine anzügliche Bemerkung über
-die schönen Studenten entschlüpft, das kostete ihr den Dienst. Der
-Hauptmann zahlte ihr auf der Stelle den Monatslohn aus und sie war
-entlassen. Frau Emma war seit jenem Tage in der Tat nicht hundert
-Schritte vom Hause fortgegangen. Sie saß immer, auch beim schönsten
-Sommersonnenschein, in ihrem Zimmer oder im Hofraum neben dem
-Hühnerstall und stickte altdeutsche Zieraten in Tisch- oder Bettwäsche.
-
-Anders der Hauptmann. Ob heller Sonnenschein den weiten Talkessel
-füllte bis zum Überschäumen, oder ob schwere Wolken über dem Tale
-lagen, wie ein eherner Deckel mit Arabesken, den Hauptmann zog's
-hinaus. Mit mühseligem Schritte ging's voran, aber sein Antlitz war
-erfüllt von Naturfreude, und sein Auge war offen für alle Vorgänge
-in Flur und Wald und Wasser und Stein und am hohen Himmel. Dann saß
-er am Feldrain und blickte hinaus in das Bergrund, dessen Linien mit
-einem Ätherhauche sanft verschleiert waren, so daß die Felshäupter
-und Almkuppen doppelt weit entfernt und doppelt hoch erschienen.
-Und der Grund des Tales lag da wie ein Schachbrett mit den durch
-graue Holzzäune geteilten Quadratchen seiner grasgrünen Wiesen und
-strohgelben Felder; darauf die Figuren der Höfe und Baumgruppen und
-der alten Burg, die auf einem Felskopfe stand. In der Sohle Tiefe lag
-eine weiße, stellenweise breit auseinanderquellende Sandriesel, in der
-sich jetzt ein winziges Bächlein schlängelte, fast verschmachtend wie
-eine Forelle auf dem Trockenen. Der Hauptmann freute sich an all der
-Augenweide, aber in seine Freude klang leise, ganz leise ein Glöcklein
-des Schmerzes. -- Dann humpelte er durch das feuchte Dunkel des Waldes,
-wo der Hauch der Germen und der Genzianen und der Zyklamen war. Was das
-Herz frisch wurde mitten in diesem ungeheuren Neste des Lebens! Doch,
-das Glöcklein in ihm klang fort, leise, aber immer und immer. -- Wäre
-ich nicht allein! so quoll es einmal hervor zwischen seinen Lippen,
-denn im Grunde erträgt ein reges Herz die Freude nicht weniger schwer
-allein, als das Leid. Und die Natur, wenn sie in ihrer allebendigen
-Stille unter uns, über uns daliegt, um uns webt und leuchtet, eine
-ewige Harmonie der Kräfte auf der Wage unendlicher Räume, nur zum
-kleinsten Teil wahrgenommen, erfaßt von unseren Sinnen -- sie wirkt
-schier beklemmend auf die Seele. Unsere Glücksahnung und Wohlempfindung
-darüber, daß wir ein Teilchen dieser vollkommenen, unzerstörbaren,
-unendlichen Größe sind, wird getrübt durch das Bewußtsein, daß es
-unmöglich ist, das Ganze, zu dem wir gehören, zu überschauen und zu
-begreifen. Uns beginnt zu bangen vor den allewigen Gewalten, so sehr
-ihre Erscheinungen unsere Sinne auch entzücken mögen, und wir fliehen
-zu geliebten Menschen, bergen unser zitterndes Herz an einer fühlenden
-Brust.
-
-Etwas unstet stolperte unser Hauptmann dahin, wenn solche Gedanken
-und Empfindungen ihn bewegten. Da war es auch, daß er am See stand.
-Er setzte sich auf einen stumpfkantigen Stein, der von der Felswand
-niedergebrochen war und schaute hin auf die glatte Tafel, die
-mittendurch einen Sprung hatte, der eine Teil war der tiefschwarze
-Spiegel des Fichtenwaldes, der andere des lichten Himmels. Wie
-freundlich und wie kurz ist der Weg zu allen diesen Schönheiten, und
-wie leicht ist er zu gehen; ein wahrer Genuß für den, der gesunde
-Füße hat. Und doch ist niemand da, und die Bäume und die Steine und
-die rieselnden Ufer sind einsam, und der Mensch, der hier sitzt und
-hinausschaut ... Muß man denn immer voller Mühe und Gefahr und anderen
-Args hoch hinaufsteigen ins tote Gestein? Ist die Schönheit denn nicht
-am schönsten, wenn man mitten in ihrem urheiligen Wehen und Weben
-steht? -- Sie weiß es nur nicht, wie leicht sie das alles haben könnte,
-und sie sitzt zwischen Mauern wie eine Gefangene.
-
-Eines Tages hielt er es nicht mehr aus. Mitten aus der
-stimmungsvollsten Landschaft ging er fast zornig fort und nach Hause.
-Seine Frau saß im Hofe, neben der Scheunenstiege auf einem Sockel und
-stickte. Nach drei Seiten waren die Mauern, an deren Ecken Strohhalme
-wirr niederhingen und Spinnenweben klebten. Die vierte Seite war von
-einem Holztore geschlossen, über das ein Stückchen Himmel hereinblaute.
-Emma wollte nicht einmal dieses kümmerliche Stück Ätherblau sehen, sie
-schaute auf ihre Arbeit und stickte. Die Magd fegte mit einem Besen
-den Hof aus, der Staub umwirbelte die Frauengestalt; sie hüstelte und
-kehrte sich nicht daran. Also trat der Hauptmann an sie heran und sagte
-mit freundlicher Stimme: »Emma, heute sollten wir doch zusammen einen
-kleinen Spaziergang unternehmen. Es ist zu himmlisch draußen. Komm!«
-
-Sie bückte sich nach einer Nabel, die aber gar nicht hinabgefallen war,
-und antwortete ganz leichthin: »Nein, ich bleibe zu Hause.«
-
-Er schwieg und ging allein wieder hinaus. Am nächsten Tage nahm er
-seinen Knaben mit, der aber hockte mitten auf der sonnigen Straße hin
-und beschäftigte sich mit Steinchen und Käfern und der Hauptmann blieb
-doch allein mit seiner Freude an der großen landschaftlichen Natur und
-mit seinem Drange, sie mit einem lieben Menschen teilen zu können. --
-
-So war es in diesem Sommer und so war es im nächsten Sommer. Der
-Hauptmann ging allein und mühselig in der Gegend umher und Frau Emma
-saß daheim in den engen Mauern ihres Hauses. Sie sagte kein Wort davon,
-daß sie auch einmal hinaus möchte. In unbewachten Stunden aber war
-zum Fenster hinaus ihr Auge sehnsuchtsvoll gerichtet nach den Zinnen
-des Hochschwab, die über den Waldungen niederleuchteten. Da trat der
-Hauptmann wieder einmal zu ihr hin und sagte: »Liebes Kind, wenn du
-wüßtest, wie schön es ist da draußen auf dem Feldpfade, da drüben im
-Walde, am See!«
-
-»Ja, ich kann mir's denken,« sagte sie und stickte.
-
-»Auch dieser Sommer wird bald dahin sein,« fuhr er fort, »und du hast
-wieder nichts gehabt vom Landleben.«
-
-»Ich bin ganz zufrieden hier im Hause,« war ihre Antwort.
-
-»Aber es wäre so nett, wenn wir säßen da oben unter dem Ahorn und ins
-weite Tal hinausschauten und plauderten, und Fritz spielte neben uns im
-Grase oder sammelte Beeren.«
-
-»Nimm ihn nur mit,« sagte sie, ohne aufzublicken. »Ich warte, bis er so
-groß ist, daß man mit ihm Alpenpartien machen kann.«
-
-»Muß es denn gerade eine Alpenpartie sein?« fragte er, sogleich
-ärgerlich.
-
-»Das muß es nicht,« sprach sie, »darum sage ich ja, daß ich zu Hause
-bleibe.«
-
-Also ging er wieder allein davon. Dieser Sommer war besonders einladend
-zu Spaziergängen. Die morgendlichen Wiesen voll Taues, die mittägigen
-Wälder voll Blumenduftes und Schmetterlingsgegaukel, die abendlichen
-Schluchten voller Lichtspiele. Und die Vollmondnächte mit ihrem
-stillen, fast überirdischen Zauber -- dem einsamen Menschen wurde immer
-nur weh' im Herzen. Blumen pflückte er, Waldfrüchte sammelte er und
-brachte sie heim seinem Weibe.
-
-»Ah, wie hübsch!« sagte sie, »danke dir!« legte den Strauß neben sich
-hin und stickte.
-
-Einmal brachte er sie bis zum Baumgarten. Sie saß unter einem Apfelbaum
-und arbeitete. Manchen kurzen Blick tat sie hinaus zwischen den
-schlanken Stämmen und dem luftigen Laub in die freie, mit silberigem
-Duft gesättigte Gegend, er merkte ihr an, wie wohl ihr war und sein
-Entzücken darüber, er vermochte es nicht zurückzuhalten.
-
-Da sagte Frau Emma plötzlich: »Ich glaube es wird kühl,« raffte ihre
-Sachen zusammen und ging hinab zum Hause.
-
-So war es Sommer für Sommer. Frau Emma saß in ihrem Zimmer oder im
-Hofe, der Hauptmann strich mit seinem Stelzfuße über die Matten, über
-sonniges Heideland, in schattenfrische Gründe. Fritz wuchs heran, ward
-ein aufgeweckter Junge, blieb aber, wenn er auf den Schulferien zu
-Hause war, weder bei der stickenden Mutter in der Stube, noch ging er
-mit dem beschaulichen Vater. Er suchte Kameraden, mit denen er auf die
-Bäume kletterte, auf hohen Stelzen gehen, in den Bächen Krebse fangen
-und andere Knabenlust hegen konnte.
-
-Zehn Jahre war er alt, als eines Tages seine Mutter zu ihm sagte: »Daß
-du doch den ganzen Tag herumlaufen kannst! Wirst du denn nicht müde?«
-
-Der Junge blickte sie verwundert an; müde sein, er wußte nicht, was das
-wäre. Noch am Abende wollte er nicht ins Bett, aber als er endlich drin
-lag, schlief er auch schon.
-
-»Wenn du gar nicht müde wirst, so kannst ja mit mir einmal auf den
-Hochschwab gehen!« sagte die Mutter.
-
-Da jubelte Fritz auf, klatschte in die Hände, hüpfte vor Freude auf
-einem einzigen Fuß herum und jauchzte: »Auf den Hochschwab! Auf den
-Hochschwab!«
-
-Darüber freute sich nun auch der Hauptmann. Zwar äußerte er anfangs
-einiges Bedenken, das aber gründlich niedergeschlagen wurde. Sie würden
-sich einen Führer nehmen, wenn es sein müsse, übrigens wisse sie --
-Frau Emma -- auf den Bergen wohl Bescheid. Die Vorstellung, daß seine
-zwei liebsten Menschen den großartigen Naturgenuß haben würden und er
-selbst sozusagen durch die Augen seines Weibes und seines Kindes die
-Welt wieder einmal vom hohen Berge aus anschauen könne, trug in dem
-Hauptmann den Sieg davon. Er versorgte sie mit allem Notwendigen und
-ließ sie gehen.
-
-Und in einer kalten Tagesfrühe, als der Morgenstern aufstieg über den
-Bergen des Mürztales, verließen Mutter und Sohn das Haus. Ein Träger
-ging mit ihnen, der jedoch nach einigen Stunden überflüssig wurde,
-denn als sie auf den Höhen waren, hatten sie den Mundvorrat zum Teile
-aufgezehrt und die Überkleider angezogen. Was gab es da noch viel zu
-tragen! Die Frau nahm die Ledertasche an sich und schickte den Träger
-zurück.
-
-Hauptmann Fortner saß wieder auf seiner kleinen Anhöhe, blickte zum
-Hochschwab empor wie einst, und dachte seinem Weibe nach wie einst.
-Aber heute nicht mit Trauer, sondern mit frohem Stolze. War doch er
-selbst bei ihr in seinem frischen, tapferen Söhnlein; an Seite dieses
-Ritters wußte er sie gerne. Und auf den Träger und Führer konnte man
-sich wohl auch verlassen. Also saß er da den lieben langen Tag über
-und genoß die Alpenherrlichkeit, als wäre er oben mit seinen lieben
-zwei Menschen. Am Abende wollte er ihnen dann entgegenfahren durch das
-Hochtal, denn die Rückkehr war noch für denselben Tag bestimmt. Aber
-am Mittage kam der Führer zurück und berichtete, sie wären allein oben
-und hätten ihn zurückgejagt. Für das erste kam jetzt ein Donnerwetter
-über den Mann, der seine ihm Anvertrauten verlassen hatte; dieser
-aber entgegnete, er hätte gemeint, den Weibern müsse man ihren Willen
-lassen. Und sie würden ja gar nicht auf die Spitze des Schwab wollen,
-sondern sich wahrscheinlich auf die grüne Alm hingelegt haben. Auch
-habe er andere junge Leute oben gesehen, die Kohlröslein und Edelweiß
-gesucht. Gegen Abend würden alle wohlbehalten wieder herabkommen. --
-Für das zweite ließ der Hauptmann sofort einspannen und fuhr durch das
-Hochtal hinauf, soweit der Weg fahrbar war. Als dieser in einer breiten
-Sandhalde sich verlor, stieg der Hauptmann, aus und wollte es mit der
-Krücke versuchen, emporzusteigen. Da kamen sie herab. Einige Knaben
-waren es, Hirten und Bauernjungen, und mit ihnen auch der Fritz.
-
-»Seid ihr da?« rief ihnen der Hauptmann entgegen.
-
-»Ich will nicht fahren, Papa!« schrie Fritz, »wir wollen zu Fuß gehen
-und Krebse fangen. Ich bin gar nicht müde.«
-
-»Wo ist die Mutter?« fragte er.
-
-Da stutzte der Junge.
-
-»Mama wird ja voraus sein,« sagte Fritz. »Der,« er deutete auf einen
-anderen Knaben, »der hat gesagt, daß sie voraus ist.«
-
-Hierauf erzählte Fritz: Als sie oben an den Felsen gewesen, habe er
-die Knaben gesehen, die im Gewände Blumen gesucht hätten. Er habe sie
-gekannt und sei zu ihnen hingelaufen, und sie hätten einen Hut voll
-schöner Rosen gefunden. Dann sei ein anderer Bub gekommen und habe
-gesagt, Mama wäre wohl schon hinabgestiegen, und dann wären sie auch
-eilends hinabgegangen. -- So war der Junge nun da und die Mutter nicht
-mit ihm. Dem Hauptmann ging es kalt wie Stahl ins Leben. Da er gesehen,
-daß es für ihn unmöglich war, hinanzuklettern, fuhr er eilends zurück
-ins Tal und bot Leute auf, sein Weib zu suchen. Am späten Abend stiegen
-sie an, aber am nächsten Morgen waren sie noch nicht zurück. Fritz
-schlief in derselben Nacht so fest und süß, daß in dem verzweifelten
-Vater ein Haßgefühl erwachte gegen sein eigen Kind, das so sorglos und
-leichtsinnig sein konnte, die Mutter auf wildem Berg zu verlassen und
-dann daheim im Federbette gottlos ruhig zu schlafen.
-
-Am nächsten Mittag war noch niemand zurück. Am darauffolgenden Abende
-kam einer der suchenden Männer, um zu fragen, ob sie nicht etwa doch
-schon zu Hause sei.
-
-»Unseliges Kind!« rief der Hauptmann, den Knaben rüttelnd, er wollte
-ihn würgen und küssen zugleich. -- Unseliger Mann! so widerhallte
-es dumpf in ihm. -- Denn die Ahnung war zur Vermutung, diese zur
-Wahrscheinlichkeit, diese zur Gewißheit geworden: Sein Weib war
-geflohen, entführt. Alles war angespielt gewesen, sie hatte den
-arglosen Knaben im Gebirge wohl fortgeschickt, war von dem Buhlen
-sicher schon erwartet worden unter den Wänden, war mit ihm jenseits in
-die Gegend der Salza davongeeilt, nach dem Österreicherland, in die
-weite Welt. Also endet's mit dieser Ehe ...
-
-Herr Hauptmann, wir bitten um Urlaub. Bevor wir das Schlimmste
-annehmen, wollen wir uns doch selbst auf die Suche machen nach der Frau.
-
-Als Frau Emma den Träger zurückgeschickt hatte, stieg sie mit dem
-Knaben munter die Matten an. Sie hatte Mühe, Fritz vorwärts zu
-bringen, an jeder Blume, an jedem Käfer blieb er hängen. Nur das, was
-greifbar, faßbar, fangbar und tragbar war, machte dem Knaben Lust,
-alles andere war für ihn nicht da. Endlich kamen sie in das Gebiet
-der Steine. In wuchtigen Blöcken, in sandigem Schutt, in starrenden
-Wänden waren sie da. Ringsum steile, zerrissene Felsen. Sie waren in
-ein Kar hinaufgegangen und in einen Hochkessel hineingekommen, wo kein
-Halm und kein Zirm mehr stand -- alles kahl und starr. Sie kehrten
-um, bogen um eine Wandrippe, und da war es, daß Fritz die Knaben sah
-drüben am grasigen Hang zwischen Zirmbüschen und grauen Steinen.
-»Gemsen! Gemsen!« hatten sie geschrien, da begann Fritz zu laufen und
-zu klettern und in wenigen Minuten war er bei den Knaben. Die Mutter
-freute sich anfangs, daß er Genossen gefunden, sie setzte sich auf
-einen Stein um zu warten, bis sie herüberkämen vom Hang. Dann wollte
-sie sich mit ihrem Jungen auf den weiteren Anstieg machen. Sie kamen
-aber nicht, und als die Frau endlich aufstand, um über den Zirmbusch
-hinüberzuschauen, waren sie nicht mehr zu sehen.
-
-Nun begann sie zu rufen nach dem Fritz. Die Rufe schlugen an die
-Felsen. Der Knabe kam nicht und war nicht zu sehen und nicht zu hören.
-Jetzt begann ihr plötzlich bange zu werden. Sie hub an, zwischen dem
-Gezirm hinzuhuschen, mit Händen und Füßen über Felsklötze zu klettern,
-in großen Sprüngen von Stein zu Stein zu setzen. Sie kam an den grünen
-Hang, wo früher die Knaben zu sehen gewesen, sie sah und hörte keinen.
-Sie blickte in die Tiefe, wo es wie ein dunkelgrüner See lag, es war
-ein Zirmschachen; nirgends ein Mensch. Sie kletterte anwärts in einer
-steinernen Runse, wohin konnten sie anders sein, als da hinauf, denn
-an beiden Seiten waren die Wände. Sie kam in eine Wandfalte hinein,
-in der Schutt und Schnee lag: auf dem Schnee war keine Spur eines
-Menschenfußes. Jetzt suchte sie zu einem Felsrücken hinanzuklettern,
-um weiteren Blick zu gewinnen. Aber als sie auf dem Grate stand, war
-vor ihr ein zweites Grat, das noch schärfer hervorsprang und ihr also
-wieder die Aussicht deckte. Sie kroch über die breite steile Runse auf
-allen Vieren quer hinüber, sie arbeitete sich empor an den starren
-Felsrücken. Der Blick war jetzt frei in ein tiefes Felsental, an beiden
-Seiten finster ansteigendes Gewände, auf den Zinnen Nebel, in den
-Tiefen Schatten. Hart vor den Füßen der Frau ein schwindelerregender
-Abgrund. Und von ihrem Fritz keine Spur. Schon bluteten ihr Hände, Füße
-und Knie, aber keine Müdigkeit. Sie wollte den Weg, den sie gekommen
-zurückeilen, verlor aber die Richtung. Sie kam an eine Stelle, wo noch
-ein kleiner Vorsprung war, dann aber der Grund, auf den man einen Fuß
-stellen konnte, jäh aufhörte. Sie wollte zurück, sah aber, daß sie aus
-einem Abgrund heraufgeklettert, an dem der Rückweg unmöglich war. Nun,
-da stand sie oben. Wie in der Kirche ein Heiliger an der Wand, so stand
-sie da oben, konnte nicht weiter. Alle Glieder zitterten ihr, auf der
-Stirn kalter Schweiß, blaue Flammen, rote Funken vor den Augen, sie
-sank hin aufs scharfe Gestein.
-
-Als Frau Emma wieder wach wurde, wußte sie nicht, wo sie war, glaubte
-zu träumen, griff mit der Hand nach links, nach rechts, um ihr
-Bettgewand zu tasten. Kaltes feuchtes Gestein. Jetzt besann sie
-sich mit heißem Schreck ihrer Lage. Ringsum Nacht, am Himmel Sterne.
-»Fritz!« schrie sie gellend. Er war nicht da. Sie sprang auf, um trotz
-der Dunkelheit hinabzusteigen, sie glitt aus und rasch ging's in die
-Tiefe.
-
-Als sie das zweitemal erwachte, loderte vor ihr ein Feuerbrand. Die
-Sonne war emporgestiegen, Frau Emma lag in einem Zirmstrauch, halb
-noch getragen von den buschigen Armen. Allmählich kam sie zu sich. Da
-sah sie, es war alles verloren. Denn hier, wo sie lag, war seit der
-Weltschöpfung kein menschlicher Fuß noch gestanden, es konnte an den
-senkrechten Wänden keiner heran und keiner davon. Wie das hier alles
-hübsch beisammen ist: zu Füßen das Grab für den Leib, zu Häupten der
-Himmel für die Seele. Grausig schön standen die hohen Felsen ringsum
-in Morgenglut und grausig einsam! -- Und dort draußen, weit hinter den
-kahlen, niedrigen Riffen blaut das Waldland. Sanft und weich wie eine
-Wiege liegt der Talkessel zwischen zahmen, waldigen Bergen. Frau Emma
-hatte ihre Taschen ausgesucht nach Brotkrumen, denn der Mundvorrat
-war unterwegs geblieben. Dann blickte sie empor die senkrechte Wand
-über ihrem Haupte, ob nicht ein Striemlein Wassers herabrinne. Wie war
-alles dürr! Sie wußte wohl, dieser lechzende, klebende Gaumen mit dem
-widerlich bitteren Geschmack war der Anfang vom Sterben. -- O lieb
-Gelände dort draußen mit den Auen, mit deinen heimlichen Wäldern!
-Voller Leben! Voller Leben! Und ich konnte dich verschmähen, du
-heiteres Paradies! -- Mein Mann! Wie hat er unzähligemale meine Hand
-gefaßt! Jetzt kann ich diese treue Hand nicht mehr erreichen! Allein
-ließ ich ihn wandeln zwischen Blumen und frischen Wäldern hin und mein
-Sinn war steinernes Hochgebirge. Jetzt bin ich in dir, du furchtbare
-tödliche Welt. Dort unten war Liebe, Freude, Glück in hundertfachen
-Formen, ich habe alles versäumt. Verliebt in das Hochgebirge! Habe ich
-nicht einmal damit geprahlt? Nun vergehe ich in dir. Mein Mann, mein
-Kind, mein junges Leben! -- In solch herzversengenden Gedanken verging
-Stunde um Stunde. Und als die Sonne hoch über den starren Zinnen stand,
-und der Fels glühte und das verlassene Menschenherz im Verschmachten
-war, da lebte das Auge noch einmal auf. Sind dort unten im Kar nicht
-schwarze Punkte, die sich bewegen? Das bereits entfliehende Leben,
-stürmisch drängt es wieder zurück ins Menschenwesen. Als ob nie eine
-Müdigkeit, nie ein Verschmachten gewesen wäre, so erhebt sich das Weib
-über dem Zirm und winkt mit dem weißen Tuche und ruft: »Hier! Hier!
-Ferdinand!« Nicht mehr das Kind ruft sie, den Mann ruft sie, denn all
-ihr Fühlen und Sehnen und Lieben ist zurückgekehrt zu ihm. Und ihre
-einzige, alleinzige Erquickung zu dieser Stunde das Bewußtsein, daß sie
-ihn nie betrogen.
-
-Was Menschen vermögen, wenn es gilt, einen der Ihren zu retten! Koste
-es was es wolle, und wäre es ein Fürstentum. Und Wunder wirkt das
-Gefühl der Zusammengehörigkeit, es überwindet die äußere starre,
-herzlose Natur. -- Schon zu dämmern begann es, als die Stricke
-geschleudert wurden von Fels zu Fels, von Kante zu Kante heran bis zum
-Zirmstrauch, zur Felsenbrust, um ihr dieses verzagende Menschenleben
-noch abzuringen. Bei Fackelschein wurde sie hinabgetragen und um
-Mitternacht lag sie auf dem taufeuchten Rasen der Matte und schlief.
-Und als wieder der Morgen dämmerte, lag sich das Ehepaar unter
-krampfhaftem Schluchzen in den Armen und daneben in seinem Bettchen
-schlief göttlich leichtsinnig der blühende Knabe.
-
-Also ist es geschehen und also hat Frau Emma erfahren, daß die
-Waldberge besser und schöner sind, als die Felsen, und daß der Mann
-verläßlicher ist als das Kind. Und dem Hauptmann ist es eingefallen,
-daß es vielleicht nicht allemal gut ist für den Ehegatten, gleich das
-Schlimmste zu befürchten, wenn die Frau aus seinem Bereiche tritt.
-
-Frau Emma ist nicht mehr auf den Hochschwab gegangen, weder mit
-Studenten, noch mit ihrem Knaben. Sie ist an heiteren Sommertagen auch
-nicht mehr in ihrem Zimmer gesessen oder im staubigen Hofraum. Arm
-in Arm mit ihrem Manne, und gleichsam seine Krücke, ist sie gegangen
-über die blumigen Auen, durch die grünen Wälder und entlang am stillen
-blauen See. Ein Glück ist gekommen über beide, von dem sie in langen
-Jahren keine Ahnung gehabt. Wenn sie im Tale so dahinwandelten,
-mußte Frau Emma nur eins vermeiden -- den Blick auf das Gebirge des
-Hochschwab. Denn wenn sie hinter den Waldkuppen die kahlen Felsriesen
-aufragen sah, da wurde ihr übel.
-
-
-
-
-Scheintod.
-
-
-Bis zum Jahre 1869 lebte ich in der Residenz, wo ich an der technischen
-Hochschule als Assistent im physikalischen Kabinett und später als
-Professor tätig war. Im Jahre 1869 wurde ich zum Bürgerschuldirektor
-im Landstädtchen B. ernannt. Im Vorfrühling des besagten Jahres
-übersiedelte ich mit meiner Familie an den neuen Bestimmungsort. Meine
-Familie bestand aus der Gattin, mit der ich im neunten Jahre vermählt
-war, ferner aus zwei Kindern, einem Knaben von sieben und einem Mädchen
-von sechs Jahren. In B. bezogen wir eine geräumige und freundliche
-Wohnung und richteten uns fröhlich ein. Ich hatte mir in der Residenz
-die nötigen physikalischen und chemischen Instrumente nebst einer
-kleinen Sammlung von Mineralien, Schmetterlingen, Käfern und ähnlichen
-Dingen erworben, wie sie jeder Schulmann besitzen soll. Ich stellte
-diese Gegenstände in meinem geräumigen Arbeitszimmer auf; meine Gattin
-schmückte die Fenster mit ihrem kleinen Herbarium und freute sich der
-reinen Sonnenstrahlen, die hier nicht mehr von großstädtischem Staub
-und Nebel zurückgehalten wurden, sondern hell und lieblich auf die
-zarten Pflanzen und jungen Bäume fielen.
-
-Die Kinder ergötzten sich an dem Vogelgezwitscher vor den Fenstern,
-hüpften um die Mutter, wenn sie emsig die neuen Verhältnisse ordnete,
-sprangen in meinem Arbeitszimmer herum, waren stets geschäftig und
-gelehrsam, und der Knabe versuchte manches Instrument, das ich in den
-Stand setzte und einübte, auch zu handhaben, und zu seinem Jubel häufig
-mit Erfolg.
-
-Am glücklichsten waren die Kinder, wenn wir die Elektrisiermaschine
-spielen ließen, deren Strom uns durchzuckte und die Haare gegen Berg
-trieb. Bald verstand es der Kleine, selbst die Batterie vorzubereiten
-und das Experiment auszuführen.
-
-So waren wir alle recht heiter und ich ahnte nicht, welche Schrecken
-und welcher Jammer in diesem Hause sobald über mich kommen sollten.
-
-Meine Gattin, von Natur aus etwas schwächlich und nervös, zuvor kaum
-einmal aus der gewohnten Atmosphäre der Großstadt gekommen, fühlte sich
-z. B. gleich in der ersten Zeit, wahrscheinlich infolge der schärferen
-Luft und der häufig wechselnden Temperatur, angegriffen. Sie achtete
-es nicht, bestellte, als der Schnee geschmolzen war, den kleinen
-erworbenen Garten -- glücklich darüber, ihren Lieblingswunsch erfüllt
-zu sehen und endlich einmal einen Hausgarten zu besitzen. Wie kurz war
-ihre Freude! -- Am 18. März fiel sie plötzlich ein heftiges Fieber an,
-am 19. konnte sie das Bett nicht mehr verlassen. In der ersten Zeit
-ihrer Krankheit lag sie in steter Fieberhitze und zweimal in Delirium;
-in der letzten Zeit war sie ruhiger, weil erschöpft, und oft lag sie
-stundenlang in einem ohnmachtähnlichen Zustande. Von den beiden Ärzten
-des Städtchens war fast immer einer am Bette der Kranken; am sechsten
-Tage der Krankheit, als eine Art Krisis eingetreten zu sein schien,
-telegraphierte ich an einen der berühmtesten Ärzte der Residenz,
-Professor R. Dieser langte noch an demselben Tage ein; ein Konsilium
-wurde abgehalten und als Resultat desselben mir bedeutet, daß ich mich
-wohl für alle Fälle gefaßt machen müsse.
-
-Professor R. reiste wieder ab, nachdem er der Patientin ein
-hoffnungsreiches und mir ein trostloses Wort zugeflüstert hatte. Ich
-kam nicht vom Bette der Gattin; sie schlummerte zumeist, nur manchmal
-schlug sie die Augen plötzlich wie erschreckt auf, blickte hastig um
-sich, sah mich dann betrübt an, oder tat mir wohl auch den Gefallen,
-ein wenig zu lächeln. Sie sagte mitunter einige Worte, die ganz
-deutlich und verständig waren, und verfiel dann bald wieder in den
-Schlummer. Ihre Gesichtsfarbe war sehr blaß geworden, nur bisweilen
-waren rote Flecken auf ihre Wangen, auf ihre Stirn gehaucht. Der Puls
-war auf 134 und 140 Schläge in der Minute.
-
-Die Kinder waren vom Krankenzimmer abgesondert; die Kranke fragte
-mehrmals nach ihnen, ich gab ihr die besten Auskünfte über das
-Wohlbefinden der Kleinen, und so beruhigte sie sich stets.
-
-Am 26. März in der Morgenstunde war's, als sie mit größerer
-Entschiedenheit als sonst nach den Kleinen verlangte. Wir sagten, sie
-schliefen noch.
-
-»So weckt sie auf!« sagte sie mit heller Stimme, »ich muß sterben und
-will noch einmal meine Kinder sehen!«
-
-Mir fuhr das Wort wie ein Messer durch's Herz.
-
-Die Wärterin brachte die Kinder herein.
-
-»O, kommt, ihr armen Wesen!« rief ihnen die Mutter halb aufgerichtet
-mit ausgestreckten Armen entgegen, »ihr habt keine Mutter, ihr lieben
-Kinder, ihr lieben Kinder!« Sie herzte und küßte den Knaben, das
-Mädchen und wieder den Knaben, und ein Tränenstrom ergoß sich über die
-Wangen.
-
-Die Wärterin wollte die Kleinen wieder entfernen, allein die Kranke
-wehrte sich dagegen, preßte das Mädchen an ihren Mund, den Knaben an
-ihr Herz; mit sanfter Gewalt wollte man ihr sie entreißen, da rief sie
-laut: »Ich lass' sie nicht, ich lass' sie nicht von mir! -- Jesus,
-Maria und Josef!« Mit diesem Schrei sank sie zurück auf die Kissen.
-
-Wir stürzten um sie zusammen, sie war regungslos, ihr Auge war starr.
-Die Pflegerin wollte ihr einen Taschenspiegel an den Mund halten,
-wahrscheinlich, um die Atemlosigkeit zu bezeugen. Ich erinnere mich nur
-noch, daß ich ihr den Spiegel aus der Hand schlug -- weiter weiß ich
-nicht mehr, was in jener Stunde vorgegangen ist. --
-
-Als ich wieder erwachte, saß ich im Lehnstuhl eines anderen Zimmers;
-der Doktor stand neben mir und aus meinem entblößten Arm rieselte ein
-Blutquell ins Becken.
-
-Der Aderlaß soll nötig gewesen sein. Bald besann ich mich auf alles,
-was geschehen war, und verlangte nach meiner Frau. Sie hielten mich
-zurück, versuchten mich zu trösten und vorzubereiten.
-
-»Lasset das,« sagte ich, »ich weiß ja, daß sie tot ist. Ich will auch
-jetzt nicht zur ihr; lasset mich allein oder bringt die Kinder zu mir.«
-
-Sie ließen die Kinder herein. Diese erzählten mir sogleich mit
-aufgeweckten Mienen, daß in meinem Arbeitszimmer Leute beschäftigt
-seien, die Wände und die Kästen und die schönen Instrumente mit
-schwarzen Tüchern zu verhängen. -- Von meinem Arbeitszimmer ging die
-Tür in den Vorsaal, darum hatten sie es zur Aufbahrung der Toten
-gewählt.
-
-Ein paar Freunde suchten mich zu einem Spaziergange in den Frühlingstag
-zu bewegen. Ich fühlte das Bedürfnis, die Tote zu sehen und an ihrer
-Bahre zu beten. Eben als ich eintrat, hatte sie der Totenbeschauer
-verlassen; noch war die Leinwand zurückgeschlagen von ihrem Haupte.
-Ich meinte, sie schlafe, ich wollte anfangs nicht glauben, daß sie tot
-sei. Zubald nur sah ich die bläuliche Blässe ihrer Lippen, das starre,
-gebrochene Auge zwischen den halbgeschlossenen Lidern; ich befühlte
-ihre kalten, erstarrten, fast bleifarbigen Hände.
-
-Ich wankte aus dem Zimmer, aus dem Hause, ging hinaus vor die Stadt und
-wandelte in halbbetäubtem Zustande. Spät gedachte ich meiner Kinder und
-eilte meiner Wohnung zu. Die Kinder waren bereits zur Ruhe gebracht;
-sie waren ja so früh geweckt worden. Dann waren sie an diesem Tage auch
-viel im Freien und im Hause selbst herumgesprungen und hatten sich
-manches Gegenstandes zum Spiele bemächtigt, der ihnen sonst versagt
-gewesen war. Sie hatten keine eigentliche Aufsicht, waren sich selbst
-überlassen, und so war dieser Tag ganz nach ihrem Geschmacke. Zwar
-soll das Mädchen dem Brüderchen wohl einmal den Vorschlag gemacht
-haben, in das schwarze Zimmer zu gehen und die Mutter zu wecken. Der
-Knabe mochte den Vorschlag auch ausführen haben wollen, verweilte
-jedoch am Mineralkästchen, an dem er das Tuch zurückzog und die
-Steinchen auseinanderlegte. Gerade wollte sich der Kleine auch an den
-elektrischen Apparat machen, um Funken zu erzeugen, wie er das wohl von
-mir oft gesehen hatte -- als er aus dem Bahrzimmer entfernt wurde.
-
-Mir hat man das erst später erzählt, weil es für sich doch nicht
-wichtig schien.
-
-Am andern Morgen war mein erster Gang wieder zur Bahre. Die Blumen, die
-man in das Zimmer gestellt hatte, dufteten stark, die Lichter brannten
-still -- an der Toten war keine Veränderung eingetreten; genau so, wie
-gestern, war sie auch heute zu sehen; die Zeichen der Verwesung hatten
-sich noch nicht eingestellt. Ich küßte ihre Stirn, dann kniete ich
-nieder und zog -- wie es Sitte ist -- ihr den Brautring vom Finger. Als
-das geschehen war, tauchte ich die kalte Hand wieder über ihre Brust
-hin, auf der ein Kruzifix lag -- dann ging ich davon und mich in das
-Unvermeidliche fügend, suchte ich so viel Ruhe und Kraft zu gewinnen,
-um das Begräbnis anzuordnen. Sie hätten es auch ohne mich gemacht. Auf
-dem Friedhofe war bereits das Grab fertig; der Schreiner zimmerte am
-Sarge; der Singverein hielt die Probe der Trauerlieder ab und mehrere
-Frauen des Städtchens sandten Kränze.
-
-Ich kehrte wieder zu meinem Hause zurück. Auf dem Betschemel vor der
-Bahr kniete mancher Fremde, dem es wohl im Gesichte zu lesen war, daß
-ihn nicht sowohl Teilnahme als vielmehr Neugierde hergeführt hatte.
-Dann kamen andere, beteten, flüsterten oder fuhren sich mit dem
-Sacktuch über die Augen, besprengten die Leiche mit geweihtem Wasser
-und gingen wieder davon. Zuweilen war gar niemand zugegen, und aus der
-geöffneten Tür starrte das Totenbild in den öden Vorsaal.
-
-Ich ging auch davon. Ich mied die Menschen und ging gegen den Wald und
-dorthin, wo der Fluß über eine Wehr stürzte. Das Rauschen des Wassers
-tat mir wohl. Ich lag stundenlang am Ufer. Dann fielen mir wieder meine
-armen Kinder ein, die verlassen waren unter fremden Leuten in jenem
-Hause, in dem die tote Mutter lag.
-
-Ich eilte heimwärts. Ich eilte über die Treppen zu meiner Wohnung
-hinan. Kein Mensch war da; selbst die Magd war ausgegangen, um irgend
-etwas zu holen. Es wären -- dachte ich -- wohl auch die Kinder mit
-ihr. Ich nahte der offenen Tür, die zur Bahre führte, und sah es
-bald, da drinnen war Unordnung angerichtet. Von der einen Wand, wo
-in den Kästen die physikalischen Apparate standen, war der schwarze
-Tuchverschlag herabgerissen. Einer der Kästen war geöffnet und die
-Elektrisiermaschine stand auf dem Fußboden. Das Mädchen hockte dabei
-und blickte besorgt auf seine Fingerchen. Der Knabe war zur Leiche
-emporgeklettert und kicherte. Und was ich nun sah, das ist über alle
-Beschreibung grauenhaft. Die Gesichtszüge der Toten zuckten und
-verzerrten sich, sie schlug die Augen auf und ihre Lippen bebten wie im
-Krampfe.
-
-Ich glaube, daß ich im ersten Momente, da ich diese Erscheinung sah,
-über die Treppe hinabgestürzt bin und nach Hilfe gerufen habe. Sofort
-aber kam mir der Gedanke, sie ist wieder erwacht. Ich eilte in das
-Zimmer zurück. Das Mädchen auf dem Boden hielt die Maschine in Bewegung
-und ich sah, wie von dieser die Drähte um die Hand der Toten gewunden
-waren. Ich hörte das Knistern des elektrischen Stromes; der Knabe
-lachte laut, als das Antlitz und endlich auch das Haupt der Mutter sich
-mehr und mehr bewegte.
-
-Mein erstes war, daß ich die Bahrleuchter umstürzte, der Aufgebahrten
-das Kruzifix von der Brust entfernte; dann riß ich sie empor, daß ihr
-Haupt an meinem Busen zu lehnen kam. Jetzt eilten schon Leute herbei,
-die vor Entsetzen aufschrien, mich für wahnsinnig hielten, bis sie an
-der Totgeglaubten die Lebenszeichen sahen.
-
-Was nun folgte, weiß ich nicht; was in mir vorging, kann ich nicht
-erzählen; fast war mir wirklich zumute, alles sei Blendwerk und ich
-wäre in die Nacht des Wahnsinns gefallen.
-
-Als die Wiedererwachte dann in ihr, oder vielmehr in mein Bett gebracht
-war, da man das ihre schon zerstört hatte, brachte mir ein Amtsbote ein
-gefaltetes Stück Papier. Es kam aus der Sanitätskanzlei. Es war der
-Totenschein meiner Gattin.
-
-Die Kinder hatten ihre scheintote Mutter durch den elektrischen Strom
-zum Leben erweckt. Sie wurden nun ins Verhör genommen. Unbeaufsichtigt,
-wie sie waren, hatten sie sich in das Bahrzimmer begeben, hatten,
-unbekümmert um die Leiche, die Instrumente hervorgeholt, von welchen
-sie gestern verscheucht worden waren, und gedachten heute besonders am
-elektrischen Apparat, der stets der Gegenstand ihrer Wünsche gewesen
-war, ihr Mütchen zu kühlen. Sie wußten das Ding nach dem, was sie von
-mir gesehen haben mochten, trefflich in den Stand zu setzen. Anfangs
-mußte das Mädchen die springenden Funken aushalten, und tat es so
-lange, bis ihm die Fingerchen verbrannt waren. Hierauf belud sich
-der Knabe selber so lange, bis ihm alle Haare zu Berge stiegen. Und
-schließlich kam den Kindern der Einfall, die schlafende Mutter zu
-elektrisieren.
-
-Noch vor Mitternacht dieses merkwürdigsten Tages meines Lebens war
-nach vielen entsprechenden Mitteln und Maßregeln die Wiedererstandene
-zu ihrem vollen Bewußtsein gekommen. Ihre Hände waren wieder weich,
-ihr Auge war wieder lebendig und klar, doch blickte sie verwirrt.
-Ich hätte ihr mögen an die Brust sinken und ihr die Wucht, welche in
-meinem Gemüte lag, ausschütten; die Ärzte aber beschworen mich, jede
-Aufregung zu vermeiden und es in allem ganz so zu halten, wie mit einem
-gewöhnlichen Kranken.
-
-Nach Mitternacht verfiel sie in einen ruhigen Schlaf, aus dem sie gegen
-Morgen wieder erwachte. Sie suchte mit den Augen mich, wendete sich ein
-wenig zu mir und sagte: »Mein Freund, jetzt ist doch alles gut. Aber
-das ist ein schwerer Traum gewesen; -- den möchte ich nicht ein zweites
-Mal träumen!« Und hierauf erzählte sie, es sei ihr gewesen, als läge
-sie auf der Bahre -- viele Stunden lang. Man habe Anstalten getroffen,
-sie zu begraben, man habe schon den Sarg in das große Zimmer getragen;
-sie habe die Lichter der Bahre gesehen, habe jedes Geräusch, jedes
-Wort, das in der Nähe gesprochen wurde, ganz genau gehört, sei
-aber nicht imstande gewesen, einen Laut oder auch nur das mindeste
-Lebenszeichen von sich zu geben. Sie habe schon das gräßliche Geschick,
-lebendig begraben zu werden, vor Augen gehabt. Am schrecklichsten
-sei ihr das herzerschütternde Weinen ihres Gatten gewesen, der ihr
-schließlich den Ehering vom Finger gezogen habe. -- Als sie dieses
-erzählte, hob sie ihre Hand gegen das Auge und stieß den Schrei aus:
-»Wo ist der Ring? Mein Gott, wo ist der Ring!«
-
-Wir selbst alle im tiefsten Herzen erschüttert, suchten sie zu
-beruhigen, ihre Hand wäre in der Krankheit abgemagert, der Ring müsse
-zufällig vom Finger geglitten sein und würde sich leicht finden.
-
-»O, nein, nein!« rief sie, »das ist kein Traum gewesen! Ich bin auf der
-Bahre gelegen!« Und sie verbarg ihr Gesicht mit den Händen und verfiel
-in ein solches Zittern und Beben, daß ihr ganzer Körper sich schüttelte
-und wir sie mit kräftigen Armen im Bette niederhalten mußten.
-
-Die fürchterliche Aufregung, in der sie weinte, um Hilfe rief, mit
-Gewalt von dem Lager wollte und laut betete, dauerte etwa eine Stunde
-lang. Dann trat plötzlich die Abspannung ein.
-
-Noch an demselben Tage, fast genau vierundzwanzig Stunden nach ihrem
-Erwachen aus dem Scheintode, ist sie gestorben.
-
-Wieder versuchten wir den elektrischen Strom, aber vergebens. Die
-Geheimnisse der Natur sind unerforschlich; ich veranlaßte, daß noch
-einmal die Kinder den elektrischen Strom sammelten und leiteten --
-vergebens; die Schläferin wachte nicht wieder auf. Wir legten sie nicht
-mehr auf die Bahre, wir ließen sie auf dem Sterbebette ruhen, bis sich
--- und das dauerte nicht lange -- die ersten Symptome der Verwesung
-einstellten.
-
-Dann war das Begräbnis.
-
-Nicht in jenes Grab ließ ich sie senken, das bestimmt gewesen war, die
-Scheintote aufzunehmen. Eine neue Stätte wurde ihr bereitet.
-
-Möge sie im Frieden ruhen!
-
-
-
-
-In der Einsam.
-
-
- »Liebe Schwester!
-
- Weil Du seit unserem Abschied, und das ist rund ein Jahr her,
- keine Nachricht von mir bekommen hast, so wirst Du wohl denken,
- daß ich nicht mehr am Leben bin. Und möchtest leicht recht
- haben. Wunder wäre es keins. Wenn ich Dir nur gefolgt hätt',
- wie Du abgeraten hast, jetzt weiß ich erst, was ich trotz allem
- Unglück gehabt hab daheim. Zur selben Zeit hab ich's alleweil
- nur besser haben wollen, jetzt möcht ich gar nichts mehr, wie
- sterben, und wie damals so kann ich auch jetzt meinen Wunsch
- nicht erreichen. Bei mir heißt's einzig nur warten und leiden,
- ewig wird's wohl nicht dauern und wenn's einen Himmel gibt, und
- ich komm einmal hinein, so verlang ich mir nicht mehr, als wie
- meine Heimat und meine Leut.
-
- Das Land wo ich jetzt bin, heißt Brasilien und ein Vergleich
- mit daheim ist wohl keiner zu machen. Ich mag gar nicht anheben
- zu erzählen, wie anders es da ist. Ich tu in einer Sumpfgegend
- Wassergräben graben seit einem halben Jahr und verdiene mir
- dabei mehr Geld, als ich brauch, weil die Arbeit mein Liebstes
- ist, daß ich nicht verzage, und nach Unterhaltung und Vergnügen
- frag ich nimmer. Denk' Dir, meine gute Schwester, ich bin
- allein. Meine liebe kleine Angerl ist nimmer bei mir und das
- muß ich Dir erzählen, weil's mir noch immer 's Herz abdrucken
- will. Ich schreib mich hart, aber wenn ich noch lange warten
- tu, so kann ich gar nicht mehr, weil man hier die deutsche
- Sprache vergißt. Lernt dafür auch keine andere, wenn man mit
- keinem Menschen umgeht, wie sie da -- aber nit von der besseren
- Gattung -- aus allen Ländern zusammenkommen.
-
- Aber das ist alles nichts. Das trifft andere auch so. Ich hab
- mein eigenes Unglück, das für einen einzigen Menschen zu schwer
- ist. Und doch hab ich schon tausendmal Gott gedankt, daß mein
- Weib das nimmer erlebt hat. Freilich, wenn sie noch tät leben,
- kunnt vieles anders sein, kunnten vielleicht gar noch in der
- Heimat sein, allzwei mit dem Kind. Das weißt ja alles, nur von
- unserem armen kleinen lieben Dirndel weißt Du's nicht.
-
- Ist es nicht gerade an ihrem achten Geburtstag gewesen, wie
- wir von Triest abgereist sind? Du hättest sehen sollen, wie
- sie in ihrem blauen Kattunröckel gehüpft ist und die Handeln
- zusammengepatscht hat vor Freud: Nach Amerika! nach Amerika!
- Wie sie in allem ihrer Mutter ähnlich gewesen ist, so hab ich
- ja immer gesagt, die wachst auf zu meinem Trost und ist's auch
- im fremden Land: wo dieses Kind bei mir ist, da bin ich daheim.
- Also unterwegs. Viele haben die Seekrankheit bekommen, die
- kleine Angerl immer pumperlgesund und voller Faxen, daß oft
- ein Schock Matrosen umhergestanden ist auf dem Zwischendeck
- und sich mit dem lustigen Kind unterhalten. Ernsthaft ist sie
- nur worden am Abend, eh wir auf unseren Bündeln eingeschlafen
- sind und sie ihr Gebet für die Mutter gebetet hat. Einmal,
- wie ich drei Tage lang im Fieber bin gelegen, ist sie nit von
- mir gewichen, hat mir alles so gut und so gescheit zugetragen
- und versorgt wie eine Große -- ganz wie ihre Mutter, wenn ich
- krank gewesen bin -- und hat mich mit ihrem lieben Plaudern
- aufgeheitert und hat mir das Haar gekämmt mit den zarten
- Fingerln und hat immer einmal ein schnelles Küssel getan auf
- meine Stirn. Oft sind die Offiziere stehen geblieben und haben
- uns betrachtet, und die kleine Angerl ist so der Liebling
- geworden von allen, daß uns eine eigene Kammer angewiesen
- worden ist, obschon ich nur fürs Zwischendeck gezahlt gehabt
- hab.
-
- Aber für so ein rühriges Wesen, wie ein gesundes
- achtjähriges Kind, ist ein Schiff viel zu klein; auf die
- Leitern aus Strickwerk, wie es überall ausgespannt, ist sie
- hinaufgeklettert, bin oft in Ängsten gewesen, es kunnt ihr
- was geschehen; die Matrosen haben gelacht über den »kleinen
- tapferen Kerl«, und schad, daß es kein Bub wär. So sind wir
- schon vier Wochen auf dem Wasser gewesen, nichts als Wasser
- und nichts als Wasser. Immer einmal in weiter Fern ein
- Schiff, wunderselten der Streifen einer Insel, der aber bald
- wieder vergangen ist. Die Stürme, die ich, wie Du weißt, so
- gefürchtet, sind nicht arg gewesen, und mein kleins Mädel hat
- immer hell gejauchzt, wenn sie Papierballen ins Meer geworfen
- hat, die nachher aus den Wellen lustig auf und nieder gewuppt
- sind. Oder hat sich gefreut über die Seemöven, die unserem
- Schiff nachgeflogen, oder über die Delphine und andere Tiere,
- die aus dem Wasser aufschnellen. Aber endlich, wenn alles ruhig
- ist gewesen und immer das gleiche, immer das gleiche, da hat
- das Mädel doch angefangen zu fragen: Vater, wann kommen wir
- denn nach Amerika?
-
- Und da ist's gewesen, daß am Segelmast ein schweres Tau
- gespannt wird. Es dröhnt und summt, so scharf wird es gespannt.
- Da reißt es entzwei, schnellt auf das Deck nieder und trifft
- mein kleines Dirndel am Kopf. Das tut einen kurzen Schrei,
- taumelt hin, zu Boden -- und vorbei ist's gewesen. Ich
- versteh's nit, wie ich das heut so ruhig ausschreiben kann.
-
- Meine liebe Schwester! Unsere kleine Angerl hat's getroffen.
- Alles ist zusammengelaufen und der Schiffsarzt hat zwei Stunden
- lang gearbeitet. Es ist umsonst gewesen. Wie ein weißes Engerl
- ist sie dagelegen auf einem großen Bündel Garn, weiß bis in
- den Mund hinein zu den weißen Zähnlein und die Augen halb
- geschlossen und nichts mehr zu ihrem Vater, kein Hauch und kein
- Blick. Kühl und immer kälter ist ihr Handerl geworden in der
- meinen, bis sie mich endlich haben weggebracht -- weiß nit, was
- dann gewesen ist.
-
- So viel weiß ich wohl, daß ich noch einmal gestanden bin
- unter dem Mast und hingeschaut hab auf das gerissene Tau, das
- mein Dirndel erschlagen hat und jetzt wie eine tote Schlange
- dagelegen ist. Und hab umhergeschaut, auch auf die Garnbündel
- hin -- und ist nit mehr dagewesen. Ins Meer habt ihr mir's
- geworfen! soll ich geschrien haben und nachspringen wollen über
- Bord. Sie haben mich gehalten und gesagt, mein Kind tät in der
- Kabine liegen. Und ist's gelegen auf seinem Bett, und kalt und
- das liebe Gesichtl ist schon fremd gewesen. Da hab ich wohl
- dran glauben müssen.
-
- Und immer sind Leut um mich gestanden und all auf dem großen
- Auswandererschiff haben mich gekannt und untereinander gesagt:
- Das ist der Vater von dem erschlagenen Kind.
-
- Sonst ist es Brauch auf den Schiffen, daß man die Toten ins
- Meer senkt, weil wir aber nicht gar weit von einer Insel
- gewesen sind, hat der Kapitän angeordnet, daß dort mein
- Dirndel sollt begraben werden. Auf einem Boot sind wir ans
- Land gefahren, unser drei Mann mit der Angerl. Eingewickelt in
- Segeltuch ist es gewesen und mit einem weißen Band umbunden,
- und vorn an der Brust ein hölzernes Kreuzl geheftet, das eine
- Auswandererfrau gespendet hat. So auf die fremde Insel. Es ist
- eine kleine unbewohnte Insel gewesen und aus dem Sand stehen
- ganz weiße Felszacken auf, die wir aus der Ferne für Segel
- gehalten haben, aber es sind turmhohe Steinriffe wie in unseren
- Alpen. Und hab ich auf der Insel eine Grabstatt gesucht für
- mein Dirndl. Am Ufer ist Sand -- da nicht. Weiter hinten sind
- die Bäume und Sträucher, die in diesen Gegenden wachsen, auch
- schöne wilde Rosen -- hab ich schon wollen den Spaten einhauen,
- und ringelt sich eine zischende Schlange an den Stiel, und hab
- ich mir gedacht, da nicht. Vor den Schlangen hat sie immer so
- arg Entsetzen gehabt. Bin ich weiter gegangen auf der Insel,
- über Sand und Muschelboden und Steine und über das Geschlinge
- der Pflanzen. Wilde Vögel hab ich pfeifen und andere Tiere
- schreien gehört, oft ganz in der Nähe gröhlen wie Schweine,
- aber keines gesehen. Und dieweilen die zwei Kameraden bei der
- Angerl Wacht gehalten, bin ich die Felsen hinaufgestiegen und
- hab gesucht nach einem Platzl, wo wir rasten könnten. Zwischen
- drei oder vier Steinzinken ist so eine enge Stelle und da hab
- ich angefangen zu graben in dem verwitterten Gestein. Ist einer
- von den zweien heraufgekommen, hat mir wollen helfen. Nein,
- laßt mich, ich mach das allein. Ganz warm und heil ist mir
- worden bei dieser Arbeit, seit mein Weib in der Ewigkeit ist,
- hab ich ja das Bettherrichten besorgt. Immer einmal hab ich
- mich aufgerichtet, meine Ellbogen an den Spatenstiel gestützt,
- hinausgeschaut auf das weite Meer und gedacht: Ist doch das
- ein seltsames Geschäft, auf einer fremden Insel im Meer sein
- Kind eingraben! -- Gegen Abend ist es fertig gewesen; schön
- ist das Ding nicht worden, aber tief. Sie haben das Angerl
- hinausgetragen und hinabgelegt und hab ich ihnen die Schaufel
- aus der Hand genommen: zudecken wollt ich schon selber. Sie
- möchten zurückgehen auf das Schiff und ich tät mich bei ihnen
- und allen tausendmal bedanken für die christliche Lieb. Zum
- Angerl hab ich keinen Abschied hinabgerufen, weil ich mich
- daneben wollt niedersetzen auf einen Stein und sitzen bleiben,
- so lang es Gottes Willen ist. Die zwei Kameraden sind aber
- nicht von mir gegangen und ich sollt schnell machen, weil
- das Schiff wollt weiterfahren. Auf mich braucht ihr nicht zu
- warten, mein Verbleiben ist hier. Sie haben mir noch Zeit
- gelassen, haben ein paar Vaterunser gebetet, haben mich nachher
- an den Armen genommen, einer links und einer rechts, und
- haben mich fortgeschleppt von meinem kleine Dirndel. Das ist
- in der Einsam zurückgeblieben. Am Strand hab ich noch einmal
- umgeschaut auf die weißen Felszacken; vom Schiff aus hab ich
- noch einmal zurückgeschaut auf die Felsen, wo mein Kind ruht
- ganz allein zwischen den Steinen und wilden Tieren und wie
- es der Vater, mit dem es so freudig ist ausgezogen, treulos
- verlassen hat -- allein auf dem Weltmeer.
-
- So, meine Schwester, hab ich's müssen erleben. Du bist ja
- selbst Mutter, denk, es wäre Dein Kind. Denk's nit, Schwester,
- es ist wie sieben Messer in der Brust. Zehnmal habe ich mich
- hingesetzt, um Dir's zu schreiben, aber vor lauter Jammer nit
- können. Jetzt klage ich nicht mehr, jetzt, wenn der Feiertag
- kommt, setze ich mich auf einer Berghöhe nieder und schau
- hinaus aufs Meer, nach der Gegend, wo jene Insel liegt. Santa
- Maria haben sie die Matrosen geheißen, aber Du findest sie auf
- keiner Karte, sie ist zu klein. Und ich kann sie von meinem
- Berg aus nimmer und nimmer sehen, sie liegt viel hundert Meilen
- weit im Meer.
-
- Von der Zeit nach dem Unglück weiß ich nicht viel zu sagen. Auf
- dem Schiff bin ich krank geworden, nach Wochen ins Südamerika
- gekommen. In der großen Stadt Rio de Janeiro, im Spital bin
- ich achtzehn Wochen krank gelegen. Ein deutscher Kaufmann hat
- sich um mich angenommen, bin nachher auf seiner Schiffsreede in
- Arbeit gewesen, bis ich mit einem Kameraden aus Böhmen in die
- Teichgräberei gekommen bin, wo jetzt mein Aufenthalt ist. Meine
- Adresse ist zu machen an den Herrn Wilhelm Klinde, Kaufherr in
- Rio de Janeiro, von dort bekomm ich den Brief schon, aber weiß
- nicht, wie lang's mit mir so fortgeht. Ich hab halt vor, bei
- einer guten Gelegenheit nach Santa Maria zu reisen, aber es
- ist kein Schiff, das dahin geht und wenn eins nicht zufällig
- dahin kommt, wie damals unser Auswandererschiff, so tun sie's
- überhaupt nicht. Also schläft unser Angerl dort verlassen und
- wenn es am Jüngsten Tag aufsteht, wird es wohl verwundert um
- sich schauen, daß es allein ist. Mein Gott, solche Gedanken
- sind hart. Vor etlichen Tagen sind es zweihundert Meter Länge
- gewesen, was ich gegraben hab. Ist mein Führnehmen gewesen,
- ich rast mich paar Tage aus. Aber es hat nicht sein können, so
- hab ich alleweil ihre Stimme gehört: Vater, Vater! Kommst denn
- gar nimmer zu mir, laßt mich ganz allein! Daß ich wieder zum
- Arbeiten hab müssen anheben, wenn ich nicht verrückt werden
- will. Denk mir oft, 's Beste wäre, so lange und ohne Aufhören
- arbeiten, bis du hinfallst und nichts mehr weißt von der ganzen
- Welt. Im Himmel wirst sie wohl finden. Aber, liebe Schwester,
- ich bin halt nicht genug Christ, und kann's nimmer aus dem Kopf
- bringen, daß das Angerl auf der Insel liegt mit Leib und Seel
- und auf den Vater wartet. Und tausendmal bereue ich, daß ich
- meines Kindes Grab verlassen hab.
-
- Jetzt hab ich Dir mein Kreuz geschrieben, helfen kann mir wohl
- niemand. In andern Stücken geht's mir nit schlecht, aber das
- ist alles nichts. Mein einziger Trost, daß alles einmal ein
- Ende nimmt. Ich schließe mein Schreiben und sage: Gott zum
- Gruß, liebe Schwester. Ich wünsche, daß es Dir gut soll gehen
- in der lieben Heimat.
-
- Dein getreuer Bruder
-
- Mathias.«
-
-So lautet der Brief, der vor etwa drei Jahren eingelangt ist an die
-Frau Johanna Loregger, Beamtensfrau im großen Eisenwerke Donawitz bei
-Leoben. Was hat Frau Johanna bitterlich geweint um den armen Bruder
-und das liebe kleine Angerl. Dann schrieb sie ihm einen Brief, daß
-er heimkommen möchte. Im Eisenwerk fände er Arbeit gegen guten Lohn,
-und sie, die Schwester, wolle ihm sein Kreuz tragen helfen. Da auf
-diesen Brief keine Antwort kam, so schrieb sie ihm nach einem Jahre das
-zweitemal und schickte ihm Reisegeld. Dasselbe kam nach fünf Monaten
-zurück, mit dem Bescheid, daß Adressat nicht auffindbar sei.
-
-Da ließ Frau Johanna eine Messe lesen für seine arme Seele. Aber es war
-nicht das Ende, plötzlich kam von Bruder Mathias wieder ein Brief. Gut
-sah er nicht aus, dieser Brief. Er bestand aus verschiedenen zufälligen
-Papierstücken, wie man sie findet, oder lange im Sack umherträgt. Mit
-schlechtem Bleistift waren sie beschrieben und dann in einen gelben
-halbsteifen Bogen eingeschlagen und mit einem schwarzen Bindfaden
-zusammengebunden. Eine Freimarke trug der Brief nicht, hingegen eine
-Menge Poststempel, weil der Name Steiermark zu unleserlich geschrieben
-war.
-
-Und dieser Brief hat folgenden Wortlaut:
-
- »Auf Santa Maria.
-
- Eh' das Schiff abgeht, Schwester, will ich Dir noch paar Zeilen
- schreiben. Werden wohl die letzten sein auf dieser Welt,
- wollen uns nichts draus machen. Meinen Brief vorigen Jahres
- wirst Du erhalten haben, wo ich Dir geschrieben, daß mir unser
- Angerl auf der Reise verunglückt ist. Jetzt ist mein Wunsch
- erfüllt. Ich bin bei meinem Dirndl. Mit dem Geld, was ich mir
- hab' verdient in Brasilien, hab ich ein Boot mit sechs Matrosen
- aufgenommen und sind zweiundzwanzig Tag gefahren. Gemeint hab
- ich schon, sie wär nimmer zu finden, die liebe Insel Santa
- Maria. Und weil auch schlechte Fahrt, so wollten die Matrosen
- umkehren. Bin ich grob worden und sie müßten ihr Wort halten,
- da haben sie mich ins Meer werfen wollen. Ich bitt noch um
- Geduld für drei Tag. Es ist so um Weihnachten gewesen, aber
- die Tage sind hier ganz anders und zum Christabend wollt' ich
- bei meinem Kind sein. Und schau, dasmal hat mich Gott nit
- verlassen, endlich sind die weißen Felsen aufgetaucht an der
- Kimmung. Wie wenn ich auf die Heimatserden tät treten, so
- ist mir gewesen, wie ich auf den Sand gestiegen bin. Meine
- mancherlei Sachen auf dem Rücken, habe ich die Matrosen
- abgelohnt und gesagt, sie möchten zurückfahren, oder hin, wohin
- sie wollten, um mich hätten sie sich nimmer zu kümmern.
-
- Liebe Schwester, und dann bin ich landwärts gegangen über Sand
- und Muscheln und über die Schlinggewächse hin den weißen Felsen
- zu. Ich glaub, seit wir dazumal fort sind, ist kein Mensch
- hier gewesen. Kein Menschenfuß, nur wilder Tiere Spur. Wie
- dazumal, als ich sie allein gelassen, so still und ewig weit
- ist der blaue Himmel. Ich steig schnell zwischen den Zacken
- hinauf, als ob ich noch kommen müßt, eh sie aufwacht. Kann Dir
- nit sagen, Schwester, wie glückselig mir ums Herz ist gewesen.
- Jetzt komm ich zum Platzl hinauf und jetzt sitzt auf dem Grab
- ein Tiger. Ein großer wilder, gefleckter Tiger sitzt auf dem
- Grab meiner Angerl. Zuerst hat er den Kopf hingelegt gehabt
- auf dem Boden, wie er mich wahrnimmt, hebt er ihn und glotzt
- mich schreckbar an und setzt langsam die Tatze vor, als wollt
- er aufspringen und mich zerreißen. Meine Pistole hab ich im
- Bündel und kann sie nicht lösen; ist auch zu wenig für ein
- solches Tier. Ein Glück, daß das Boot noch nicht fort ist,
- so lauf ich hinab und sie möchten kommen und das wilde Tier
- umbringen. Alsdann sind sie hinauf, der Tiger ist immer noch
- gelegen auf dem Grab und einer hat den Revolver auf ihn dreimal
- abgeschossen. Das Tier ist aufgesprungen, ein paarmal um die
- Felszacke herumgeschlichen und dann jäh auf den Matrosen her.
- Der wäre verloren gewesen, wenn nicht der zweite und der dritte
- zuspringen und mit dem Tiger schaudervoll ringen tät, daß ich
- gemeint, nimmer könnten wir uns erwehren. Selber über und über
- blutend, haben sie ihn mit Messern endlich tot gestochen.
- Ist gelegen auf dem steinigen Grab, die Steine ganz rot, und
- hat seine Tatze hingelegt, als wollte er im Tod noch was
- beschützen. Und ist's mir zu Sinn gekommen: Jetzt hast du ihren
- getreuen Hüter umbringen lassen. Und hab ich ein grenzenloses
- Herzleid gehabt, daß dieses Tier wegen seiner getreuen Wacht
- hat sterben müssen. Unten im Sand wird es begraben, während ich
- an seiner Stell auf dem Grab Dir diese Zeilen schreibe. Die
- Matrosen werden den Brief mitnehmen und ich werd mich häuslich
- einrichten auf dieser Insel bei meinem lieben Dirndel. Mir
- ist so absonderlich, weiß nicht wie. Die Sachen, die ich mit
- hab, werden eine Weil reichen, nachher will ich auf der Insel
- Früchte suchen und Fische fangen und wie der Robinson, weißt
- Du, von dem wir als Kinder das Buch gelesen haben, hausen, so
- lang es Gott gefällt. Wie gut werd ich schon in der heutigen
- Nacht schlafen bei ihrem Bett und auf einmal wird sie das
- Handerl ausstrecken, mir um den Hals legen und sagen: Vater,
- Vater! bist doch gekommen zu deinem Dirndel.
-
- Leb' wohl, liebe Schwester, und wenn Du einmal auf den Kirchhof
- gehst, wo mein Weib ruht -- wir lassen sie grüßen.
-
- Mathias.«
-
-
-
-
-Der Kammerdiener.
-
-
-Der junge Mensch war allenthalben bekannt, hier und dort. Daß man
-ihn aber auch irgendwo +kennen+ gelernt hätte, dazu blieb er nicht
-lange genug auf einem Flecke. Er war hüben und er war drüben, und
-immer hatte er ein schwarzes Tuchgewand an und über der Weste eine
-goldene Uhrkette hängen, die mitunter ziemlich locker wog, es war eben
-nicht stets dieselbe. Die Hemdkrägen waren nicht immer so weiß, als
-sie zum schwarzen Anzuge gut gestanden wären, so daß es schien, der
-junge Mann wechsle öfter die Uhrketten, denn die Wäsche. Wohl trug er
-gerne gestreifte Hemden, denn wenn der Schmutz hübsch in Reihen und
-Quadrätchen eingeteilt ist, so hat er auf das Auge doch immerhin eine
-freundlichere Wirkung. Die Hauptaufmerksamkeit wendete der junge Mann
-wohl seinem Haar zu, das war von Natur fast pechschwarz und immer so
-fein gefettet und geglättet, daß es den Weibern als Toilettespiegel
-hätte dienen können.
-
-Seine Eltern waren unbekannt; er selber soll, aus einem Dorfe an
-der galizischen Grenze stammend, sich in einem Erziehungsinstitute
-befunden haben, wo es ihm aber nicht gefiel, denn er floh daraus. Es
-war jemand, der braverweise die Christenpflicht vorschützte, um dem
-Drange seines Herzens genüge zu tun und den jungen Menschen nicht
-versinken zu lassen. So wurde Julian wieder eingefangen und in ein
-anderes Institut getan. Dort hatte man ihm das Entfliehen so gottlos
-schwer gemacht, daß er es vorzog, die Sache so einzurichten, daß sie
-ihn selber fortjagten. Er kam in die Gegend, wo die Sommerresidenz des
-Grafen Borgstam stand; der Graf war ein alter Sonderling, ein morscher
-Rest des alten Adelsgeschlechtes gleichen Namens, der fast einsam dasaß
-inmitten seiner ausgebreiteten Güter. Er interessierte sich für den
-hübschen, intelligenten Burschen, stattete ihn aus und half ihm in ein
-Militärinstitut. Das fand Julian nicht wohlgetan und eine Weile später
-sah man ihn mit einer Schauspielertruppe durch das Land ziehen. Da war
-er schon zwanzig Jahre alt; aber bald bekam er den Komödiantenteint im
-hohen Grade. Seine Wangen fielen ein, seine Gesichtsfarbe wurde fahl,
-fast grünlich-grau, seine Augen brannten scharfzackig. Seine schlanke
-Gestalt war zweifach geknickt, einmal in den Knien und einmal am
-Nacken. Der schwarze Anzug wurde nicht mehr gebürstet.
-
-Graf Borgstam, der sich nun einmal diesem Menschen zugewandt hatte,
-wollte ihn nicht aus den Augen lassen. Ein so wohlgebildeter
-und wohlgearteter junger Mann! Er nahm den Julian zu sich als
-Kammerdiener. Der Graf war betagt und durch mancherlei Mesalliancen und
-abenteuerliche Lebensperioden hindurch glücklich dort angekommen, wo
-man müde und einsam dasteht. Diese Einsamkeit war um so unheimlicher,
-je größer sein Reichtum und je mehr der Wohldiener ihn schmeichelnd
-umkrochen. Doch sammelt sich immer noch ein Restchen Weichmut und
-Wärme in einem alten Herzen, wenn es scheinbar auch schon ausgebrannt
-ist, und dieses Restchen kam dem neuen Kammerdiener nicht schlecht
-zu statten. Julian erholte sich bald, seine Wangen blühten und
-sein Rückgrat strebte wieder der aufrechten Richtung zu. Bei der
-freundlichen Behandlung, die er im Schlosse genoß, kamen auch seine
-geistigen Anlagen rasch zum Vorschein. Die Lust zum Vagabundieren
-war weg und obgleich in eine gewisse Disziplin gesteckt -- denn der
-Graf war sein alter Soldat -- heimte sich Julian rasch ein, zeigte
-Anhänglichkeit zu seinem Herrn und nach zwei Jahren war er mehr oder
-weniger der Vertraute des Grafen, und der Kammerdiener bekam selbst
-wieder einen Diener zugeteilt.
-
-Den Winter verlebte der Graf in der Hauptstadt, wo er eines der
-vornehmsten Palais besaß, das aber in seinen größten Teilen unbewohnt
-blieb, weil der Herr nur einen kleinen Hausstaat zu führen pflegte
-und es auch sein alter Adel und dessen Verhältnisse verlangten, daß
-das Gebäude nicht praktisch verwertet werde, sondern mitten in der
-lebenslustigen Stadt still und ernst wie in ein düster-gewaltiges
-Monument, an das alte Herrengeschlecht erinnernd, dastehe.
-
-Julian war also des Grafen rechte Hand geworden, so daß diesem der
-übrige Haustroß mehr oder minder überflüssig erschien und er sich von
-demselben räumlich abzusondern liebte. Der Graf pflegte allabendlich
-einen alten General bei sich zu sehen, mit dem er ein Tarockspielchen
-machte und ein paar Flaschen Wein ausstach. Vor Mitternacht wurde dem
-Gaste aus dem Hause geleuchtet und der Graf stieg bisweilen schon
-etwas schlaftrunken zu seinem Schlafzimmer empor. Julian verschloß
-alle Fenster und Türen der Vorgemächer, hatte noch die Aufgabe, dem
-Herrn im Entkleiden zu helfen, ihm irgendein Buch auf den Nachttisch zu
-legen zur Lektüre, damit sich's leichter einschläft, und sich dann im
-Vorzimmer selbst zu Bette zu legen.
-
-Da war es eines Tages, daß, als der Graf schon im Bette lag und just
-das Buch weglegen wollte, Julian ins Gemach trat.
-
-»Was willst du?« fragte der Graf.
-
-»Euer Gnaden das Licht auslöschen,« war die Antwort; da stand er schon
-am Bette und in seiner Faust hielt er den Griff eines scharfblinkenden
-Hirschfängers.
-
-Der Graf richtete sich rasch empor, der Kammerdiener griff ihm an die
-Gurgel und preßte ihn auf das Kissen zurück.
-
-»Sie wissen, Herr, um was es sich handelt,« sagte Julian ganz leise,
-indem er Sorge trug, daß die Spitze des Messers dem vor Schreck
-stöhnenden alten Manne vors Auge kam. »Erschrecken Sie aber nicht so
-sehr, Sie werden ihr Leben mit einem einzigen Worte retten. Sie waren
-mir stets ein guter Herr und ich bitte Sie inständigst, ja nicht den
-mindesten Schrei zu versuchen. In der Notwehr bin ich alles imstande.«
-
-Tiefe bodenlose Frechheit des Anfallenden gab dem Grafen das Bewußtsein
-der Ruhe wieder. Er wehrte sich nicht, er starrte dem Burschen nur
-wunderlich ins rollende Auge.
-
-»Was -- bedeutet denn das, Julian?« fragte er.
-
-»Sagen Sie mir nun einmal ganz ruhig, wo Sie die Schlüssel zur
-Geldkasse haben.«
-
-»Laß mich los, Unglücklicher!«
-
-»Herr, wenn Sie lärmen wollen!« Der Bursche machte die Miene des
-Zustoßens.
-
-»Ich meine nur,« fuhr der Graf fort, »wenn du mich nicht losläßt, so
-kann ich nicht zu Worte kommen. Daß ich nicht Lärm schlage, magst du
-glauben, dafür ist mir mein Leben zu lieb, und du würdest zehnmal
-durchs Fenster entspringen können, bevor man zu Hilfe käme. Ich sehe
-deinen Vorteil recht gut ein.«
-
-»So werden Sie mir die Kasse öffnen.«
-
-Der Graf hatte sich nun vollends gesammelt. »Julian,« sagte er mit
-einem Humor, den man dem alten Herrn für eine solche Situation nicht
-zugetraut hätte, »da du dich so gut sichergestellt und auch, wie ich
-nun sehe, die Pistolen entfernt hast und selbst die Klingelschnur
-durchgeschnitten, da wir uns recht still verhalten und es noch viele
-Stunden dauert, bis im Hause der Erste aufwacht, so können wir die
-Sache ganz bequem machen und alles miteinander wohl überlegen, denn du
-mußt zugeben, daß es etwas Wichtiges ist, was du vorhast. Ich versuche
-nicht, dir davon abzuraten, aber ich gebe dir zu bedenken, ob dein
-Weg bis nach Amerika, -- und einen andern kannst du wohl nicht wählen
--- auch vorbereitet genug ist, daß du ihn von diesem Fenster aus
-schnurgerade nehmen kannst!«
-
-»Das ist meine Sache, nur habe ich keine Zeit zu verlieren. Also!«
-
-»Ach ja, die Schlüssel! Aber ich fürchte, daß, wenn du die Kasse
-geräumt haben wirst, dir doch nichts anderes übrig bleibt, als mich
-tot zu machen. Und insoferne ich väterlich für deine Zukunft besorgt
-bin, sage ich dir: du könntest gar nichts Schlimmeres tun, als mich zu
-ermorden!«
-
-»Sie höhnen mich!« knirschte der Kammerdiener, der als Angreifer nun
-weit erregter war, als der Angegriffene.
-
-»Stoß zu!« sagte der Graf, immer noch ruhig auf seinem Bette liegend,
-»stoß zu, wenn du's gratis tun willst!«
-
-Das wollte der Bursche allerdings nicht, und fast irre gemacht durch
-das Verhalten des Grafen, verlangte er in bittendem Tone die Schlüssel
-zur Kasse.
-
-»Julian!« sagte der Graf und wollte den Burschen an der Hand fassen,
-während der aber durchaus nicht gesonnen war, von seiner wehrhaften
-Stellung auch nur den geringsten Vorteil aufzugeben.
-
-»Du hast recht, Julian,« fuhr der Graf fort, »ich gestatte dir, daß
-du mich fesselst, aber den Mund laß mir frei, ich habe dir einiges
-zu sagen, was für dich nicht unwesentlich ist. -- Dort in der Ecke
-steht die Kasse, die Schlüssel kann ich dir auch angeben, ja selbst
-die geheimen Kunstgriffe, ohne welche das Ding nicht zu öffnen ist,
-möchte ich dich lehren, allein du würdest über den Inhalt des Schrankes
-enttäuscht sein. Zumeist sind es Papiere, mit denen ein Flüchtling
-nichts anzufangen weiß, das vorhandene Bargeld dürfte dich zur Not
-nach Neuyork bringen, aber nicht weiter. Und in diesem Lande wird nach
-meinem Tode das Gericht ein Testament öffnen, das schon seit sechs oder
-sieben Monaten geschrieben ist und in welchem der unglückliche Graf
-Borgstam, als der letzte, seinen Kammerdiener Julian Zellenbach zum
-Universalerben einsetzt. Ein Duplikat des Testamentes wirst du in der
-Kasse finden.«
-
-»Wir werden uns überzeugen.«
-
-»Gut, Junge. Aber was nützt das? Ich sehe es ein, du meinst, du
-könntest jetzt nicht mehr zurück.«
-
-»Sie sehen es selbst ein, Herr Graf.«
-
-»Vielleicht aber doch, wenn wir die Sache erörtern. Denn es wäre
-jammerschade, wenn du über die Flucht wegen der Kleinigkeit die dir
-einst rechtmäßig zufallenden Güter im Stiche lassen müßtest.«
-
-»So töricht bin ich nicht, daß ich mich durch solche Märchen hinhalten
-lasse,« sagte der Kammerdiener in verschmitztem Tone.
-
-»Es tut mir leid,« fuhr der Graf fort, indem er sich unter dem
-drohenden Messer nun einmal ein wenig zurecht rückte, »ich würde
-dich gerne von der Richtigkeit meiner Worte überzeugen, aber du bist
-ein toller Junge und stoßest aus Angst schließlich doch noch deinen
-leiblichen Vater nieder.«
-
-Das Bekenntnis war heraus, allein es wurde darum die Unterhaltung nicht
-wesentlich gemütlicher.
-
-»Ich habe mancherlei an dir erlebt, mein Sohn,« fuhr der Graf fort,
-»und ich habe dir außerdem noch mancherlei zugetraut; allein ein
-Raubmörder, das berührt mich unangenehm. Man kann Leute töten und Güter
-konfiszieren, so viel man will, aber auf ritterliche Weise, wie wir's
-getan haben. -- Doch dir mangelte die standesgemäße Erziehung und ich
-habe dich leider aus den Augen gelassen und jahrelang aus den Augen
-verloren; was ich konnte, habe ich dann ohnehin getan.«
-
-Nun war denn doch der scharfe Hirschfänger in der Faust des
-Kammerdieners etwas locker geworden. Er trat einen Schritt vom Bette
-zurück und sagte mit heiserer Stimme: »Erheben Sie sich und zeigen Sie
-mir das Dokument, denn Sie werden begreifen, daß ich mich sichern muß.«
-
-»Daran tust du wohl. Nur möchte ich wissen,« sagte der Graf und machte
-Anstalten, aufzustehen, »ob dir niemals eine Ahnung gekommen ist von
-unserer -- Zusammengehörigkeit?«
-
-»Mag sein,« antwortete der Bursche, »momentan handelt es sich aber
-darum, daß ich mich assekuriere. Hierher, wo ich Sie jetzt habe, dürfte
-ich Sie sobald nicht mehr kriegen.«
-
-»Das Vernünftigste ist, du gehst zu Bette,« so nun der väterliche
-Rat, »und keine Seele soll wissen, was in dieser Nacht zwischen uns
-vorgefallen.«
-
-»Aber Sie werden umso sicherer daran denken, mein Herr, und werden mich
-enterben oder mich aus dem Wege schaffen, auf welchem ich Ihnen nun
-unbequem sein muß.«
-
-»Ich sehe, daß du klug bist, mein Sohn. Doch dürftest du beruhigt sein,
-wenn ich dir meine, deine Geschichte, insoferne du sie nicht kennst,
-mitteile.«
-
-»Die kümmert mich nicht und möchte für mich dabei kaum mehr Ehre
-herauskommen, als für Sie. Was? Sie haben ein schönes, armes Weib ins
-Unglück gebracht, damit wird's beginnen.«
-
-»Ich habe sie versorgt.«
-
-»Sie ist verachtet worden und zugrunde gegangen.«
-
-»Weißt du's?«
-
-»Das ist leicht wissen, weil es der gewöhnliche Gang ist. Und die
-Leichtsinnigsten kommen immer noch am billigsten.«
-
-»Auch du wirst dich nicht zu beklagen haben.«
-
-»O klagen, Papa! Lieber nehm' ich mir meinen Teil und schweige.«
-
-»Schweigen, das glaube ich.«
-
-»Ich könnte ja in der Tat eine Rührszene aufführen,« meinte nun der
-junge Mann, »und ausrufen: Tausendmal besser für mich, ein Bauer hätte
-mich auferzogen, als daß ich hin- und hergeworfen worden bin zwischen
-Dorf und Stadt, zwischen Schule und Kaserne, einmal Geld im Überfluß,
-einmal gar keins, verkommen, verdorben -- verdorben!«
-
-»Vergißt es wohl nicht, daß ich dich in mein Haus nahm und hielt wie
-ein liebes Kind?«
-
-»Warum haben Sie das nicht getan, so lange es noch früh genug gewesen?
-Sie haben mich verhehlt. Sie hätten Ihr eigen Herz und Gewissen bis
-an's Lebensende betrügen können, weil es das Dekorum verlangt. --
-Ha, so könnte ich Komödie spielen, wenn mir die ganze Teufelei nicht
-verflucht gleichgültig wäre. Nur wollen Sie keine kindliche Liebe, oder
-wie das Zeug heißt, von mir verlangen!«
-
-»Ich verlange gar nichts von dir, mein Junge, als Klugheit,« unterbrach
-ihn der Graf, »aber du wirst dieselbe auch an mir erklärlich finden.
-Wir befinden uns jetzt beide in einer schlimmen Situation. Öffne ich
-dir die Kasse, um die Urkunde zu zeigen, so wirst du fürchten, ich
-könnte nach solchem Zwischenfall das Testament gelegentlich widerrufen
-und wirst das mit geeigneten Mitteln beizeiten zu verhindern suchen.
-Öffne ich nicht, so ist deine Sache unsicher, ja verloren.«
-
-»Und Sie werden die Notwendigkeit begreifen, daß ich für meine
-persönliche Sicherheit sorge und zwar radikal ...« So der Kammerdiener.
-
-Mittlerweile hatte sich der Graf ins Nachtkleid gehüllt, an der
-Wand umhergetastet, um scheinbar nach den Schlüsseln zu suchen. Der
-Kammerdiener folgte jeder seiner Bewegungen und dabei war er doch
-ratlos und wußte nicht, was er unter sotanen Verhältnissen zu tun
-hatte. Sie waren gegenseitig gebunden, wo sich's um Konvenienz, Dekorum
-und materiellen Vorteil handelte, aber nicht gebunden, wenn es auf
-Leben und Sicherheit ankam. Der Augenblick war kritisch und Julian
-umklammerte wieder fest und entschlossen die Mordwaffe.
-
-Da pochte es draußen an eine Tür.
-
-»+Auftreten die Tür! Rasch herein!+« rief der Graf mit voller Stimme.
-Da krachte das Getäfel. Julian brach ein, die Waffe entsank seiner
-Hand. Das vom Grafen durch einen heimlichen Druck an der Wand gerufene
-Gesinde stürzte herein, der Portier voraus.
-
-»Kommt uns zu Hilfe,« sagte der Graf, »dem Julian ist schlecht
-geworden. Bringt ihn in's Krankenzimmer, schafft ihm Beistand, und es
-sollen die Nacht über Leute bei ihm sein.«
-
-Den Hirschfänger hatte er, während er den Befehl gab, mit dem Fuße
-unter das Bett geschnellt. Der auf ein Fauteuil gesunkene Kammerdiener
-ließ sich hinaustragen und der Graf schloß die Tür und war nun allein
-in seinem Gemache.
-
-Am nächsten Morgen war der Kammerdiener, um frische Luft zu schöpfen,
-ins Freie gegangen und -- nicht mehr zurückgekommen. »Julian hat
-recht,« meinte der Graf, »seine Gesundheit ist angegriffen, er sucht
-ein südliches Klima auf.«
-
-
-
-
-Der Millionär.
-
-
-Das war vor dem Klosterkeller am See. Draußen glitzerte das
-Gewässer, jenseits desselben baute sich das Hochgebirge mit den
-Gletscherschildern, und an meinem Brettertisch, in der grünen Nacht der
-Lindenschatten, funkelte im Glas der goldene Wein doppelt freundlich.
-Wahrlich, die Klöster brauchen nicht zu fürchten, von der Erde vertilgt
-zu werden, solange sie gute Weine geben. Und die Juden werden niemals
-zur Herrschaft der Herzen gelangen, so lange jüdische Weinagenten uns
-mit jenem Gesüff verfolgen, wie man es in allen Schenken der Straße zu
-finden, zu trinken und zu verfluchen pflegt.
-
-Der Klosterwein hat schon manchen zur katholischen Religion bekehrt,
-und ich selbst schwor zu jener Stunde im Klosterpark, daß in einem
-solchen Weine die Wahrheit liegen müsse. Auch das Bauernvolk war
-sicherlich derselben Meinung, das an den übrigen Brettertischen unter
-den Linden herumsaß, Wein trank, kecke Gespräche führte und Lieder sang.
-
-Auf einmal unterbrach einer der Burschen sein Lied, stieß die Nachbarn
-mit dem Ellbogen und sagte: »Schaut, dort geht er! Dort drüben geht er
-wieder!«
-
-Die Augen wendeten sich gegen eine Landzunge hinaus, an deren Strand
-ein schwarzgekleideter Mann hinschritt. Er trug, soviel man von der
-Ferne ersehen konnte -- enge Beinkleider und ein kurzes schwarzes Wams.
-Und da er den Stock so an die linke Seite preßte wie einen Degen,
-gemahnte er fast an den Faust, wenn er im dunklen Samte neben Mephisto
-dahinschreitet. Über die Schulter hatte unser Wandler am Gestade ein
-graues Reisetuch geworfen, wie es so die Engländer ins Land gebracht
-haben. Und auf dieser Gestalt saß ein roter Punkt. Das war der rot
-bebartete und rot behaarte Kopf, der keine Bedeckung trug.
-
-Ganz hart am Wasser ging der Mann hin, blieb mitunter stehen, als ob er
-in den See starrte, und schritt dann zögernd fürbaß.
-
-»Er will schon wieder!« rief die Kellnerin.
-
-»Und getraut sich nicht!« lachte einer der Bauern.
-
-»Gebt acht, vielleicht springt er doch hinein!« sagte ein dritter.
-
-»Man soll ihm einen Krug Wein schicken, vielleicht bringt ihn das auf
-andere Gedanken,« rief ein vierter.
-
-»Steht sein gestriger noch auf der Tafel,« sagte die Kellnerin.
-
-»Seinen heutigen schreib auf die meine,« sagte einer der Zecher.
-
-»Ist gehupft wie gesprungen,« lachte die Kellnerin, »du zahlst auch
-nicht.«
-
-»Ich zahl' wie die Klosterbrüder zahlen: Gott vergelt's! Im nächsten
-Jahr soll er wieder gedeihen.« So keck redete der Zecher d'rein.
-Hierauf schossen sie zusammen, die Bauern und Hirten und Waldleute, die
-an den Tischen saßen. Der Krug Wein wurde dem Schwarzen nachgeschickt,
-kam aber wieder zurück, der Wandler am Gestade war nicht mehr zu finden.
-
-Als sich die bäuerlichen Gäste verlaufen hatten, fragte ich die
-Kellnerin, was es mit jenem Manne denn für eine Sache sei?
-
-»Eine traurige,« antwortete die Kellnerin und griff an die Stirne: »Er
-muß +da+ nicht recht sein. Er steigt schon etliche Tage in der Gegend
-um, sagt, er will sich umbringen und hat die Courage nicht dazu. Einmal
-ist er schon in den See gesprungen, muß ihm aber zu naß gewesen sein,
-weil er sich wieder herausgearbeitet hat. -- Da kommt der Pater Anton,
-der weiß mehr von ihm. Küss' die Hand, Hochwürden. Gleich bring' ich's.«
-
-So die Kellnerin und lief davon, um dem Ankömmling den gewohnten
-Trunk zu holen. Der Pater in schwarzem Talar, um die Mitte einen
-weißen Strick, setzte sich zu mir, gab einen freundlichen Gruß und
-schaute mich mit seinem runden Gesichte gemütlich an. Wir waren uns
-also schon verknüpft; ich wollte etwas von dem rätselhaften Manne
-wissen und der Pater wußte etwas von ihm. So war bald angehakt und
-der Priester erzählte mir. Etwa eine Woche zuvor sei weiterhin an der
-Felswand ein fremder Mann aus dem See gezogen worden, nachdem ihn der
-Fischer um Hilfe rufen gehört. Dann habe der Gerettete dem Retter
-heftige Vorwürfe gemacht, daß er ihn nicht habe ertrinken lassen,
-sei ihm ausgerissen, wieder ans Wasser gelaufen, dort aber am Ufer
-zusammengebrochen. Hierauf habe man den Armen ins Kloster gebracht,
-dort geatzt und mit Kleidern versehen, denn seine Gewandung sei nur
-mehr in schmutzigen Fetzen am Leibe gehangen. Im Alter wäre er noch
-kaum über dreißig Jahre, wer oder was er sonst sei, das wäre nicht aus
-ihm hervorzubringen, allem Anscheine nach ein Mensch aus gutem, reichem
-Hause, aber einer Irrenanstalt entsprungen. Bei einem Mahle, an dem
-er im Kloster teilgenommen, habe er sich als Feinschmecker erwiesen.
-Sein Benehmen sei ein merkwürdiges Gemisch von Höflichkeit und Trotz,
-manchmal flackere etwas, wie übermütige Lust in ihm auf, dann sei er
-wieder tief niedergeschlagen, starre oft bewegungslos lange Stunden
-in Abgründe, in das Wasser, sitze mitunter in der Tischlerwerkstatt
-und starre die Werkzeuge an. Einen Revolver habe er anfangs bei sich
-getragen, der sei ihm abgenommen worden. Dann wandle er traumhaft
-umher, man sehe ihn drüben an der steilen Wand, man sehe ihn oben
-auf den Höhen, man sehe ihn draußen bei den Klostermühlen und am
-Wasserfalle und an der Brettersäge, wo er seine Augen in das Getriebe
-vertiefe. Dann wieder laufe er in das Dickicht oder werfe sich auf
-den Erdboden und klammere sich mit krampfhaften Fingern an den Rasen.
-Man sei ihm mit der Religion gekommen, dabei wäre er bewegungslos wie
-ein Taubstummer geblieben; aber einmal habe er auf den Feldern einem
-pflügenden Bauer zugeschaut und habe dabei angefangen, herzbrechend
-zu schluchzen und habe sich in die frische Furche gelegt und habe
-sein Gesicht in die Erde gepreßt, daß der Bauer gar nicht gewußt,
-was er sich davon denken solle. Einmal am Abend habe er sich bei den
-Klosterbrüdern bedankt für die Herberge und Gastfreundschaft und
-gesagt: Morgen, wenn die Sonne aufgeht, bin ich nimmer. Aber als die
-Sonne ausging, war er doch noch und schlich von den Leuten abseits;
-da habe man gesehen, wie er sich mit einem Stein an den Kopf schlug,
-daß helles Blut niederrann über das Gesicht; dann wimmere er, und
-endlich, wenn er etwas zu essen bekäme, zeige er wieder guten Appetit.
-Der Abt sage nun, länger sehe er dem Manne nicht mehr zu, er lasse ihn
-abliefern in die nächste Irrenanstalt.
-
-Derlei hatte mir Pater Anton mitgeteilt, und dabei war es in mir
-unruhig geworden.
-
-»Die Leute sagen,« setzte der Pater bei und trank aus seinem Krug, »die
-Leute sagen, es sei der leibhaftige ewige Jude.«
-
-»Mag wohl sein, zum mindesten ein Stück von ihm.« -- Bald nachher nahm
-ich Abschied vom Kloster und zog meiner Wege.
-
-Ich strich bergauf und talab im Gebirge umher und dachte unterwegs
-viel an den sonderbaren Mann und hoffte ihm sogar zu begegnen. Das
-geschah aber nicht, und so wendete sich mein Herz von dem Grauen einer
-umnachteten Seele wieder der lichten Herrlichkeit der Hochgebirgswelt
-zu.
-
-Sonst pflegte man die Klöster in gesegnete Gegenden der Hügelgelände
-hinzubauen; aber der Erbauer dieser Pfaffei hatte das unwirtliche
-Hochgebirge vorgezogen. Die Liebe zu solchen wilden Gegenden konnte
-zu jener Zeit der Klostergründungen nicht Ursache gewesen sein,
-denn diese Liebe war in alten Zeiten nicht so in den Menschen wie
-heute. Eher war es der Schutz, den die wilden Berge vor feindlichen
-Einfällen gewährten, in Hinsicht darauf diese Stätte gewählt worden.
-Oder die Sache fing etwa mit einer Einsiedelei an, oder einem
-Jagdschlößchen, das die Priester eines fernen Klosters hier erbaut
-hatten; zum Jagdschlößchen kam eine Kirche, zu dieser kamen Andächtige,
-es huben Wunder an zu geschehen, der Wallfahrer wurden von Jahr zu
-Jahr mehr, die Kirche wurde vergrößert, ständige Priester mußten
-sich niederlassen, und es erwuchs ein Kloster, das von dem, was
-die Gläubigen herbeitrugen und was das ferne Mutterkloster abwarf,
-reichlich gedieh.
-
-Und so konnte die Abtei des heiligen Antonius ganz behaglich daliegen
-zwischen den Wänden. Sie lag -- von oben herab gesehen -- mit ihren
-weißen vielfensterigen Mauern, mit ihren zwei roten Kuppeltürmen, mit
-den Wirtschaftsgebäuden und Baumgärten reizend am Gestade des Alpsees,
-und hinter ihr war ein kleiner fast ebener Boden von grünen Matten
-und Fichtenwäldern. In Urzeiten mochte auch diesen von schroffen
-Felswänden eingeengten Boden der See bedeckt haben; heute ist er wie
-ein lieblicher Garten, an zwei Seiten bestanden von der Schutzmauer.
-Diese Schutzmauer ist mehr als fünftausend Fuß hoch, und im Winter hat
-das Kloster neun Wochen lang keinen Sonnenstrahl. Stellenweise steigt
-der blauende Wald streckenweit hinan in das steile Gebirge, am See hin
-ragen die Wände fast senkrecht empor. Oben sind sie scharf abgebrochen,
-und wie sich dort das Gebirge zurückzieht und im Hintergrunde zu neuen
-Massen großartig aufbaut, das kann man vom Tale aus nicht sehen.
-
-Wer jedoch oben steht auf einer der Kanten des Vorgewändes, dem
-schwindelt einerseits vor der Tiefe unter sich, in welcher der See
-wie eine braune, ins Gebirge eingezackte Spiegeltafel daliegt und
-daneben im dunklen Grün die lichten Würfelchen des Klostergebäudes
--- und andererseits vor der Höhe über sich, in welcher die grauen
-zerklüfteten Bergwuchten stehen, von deren Häuptern und Hochmulden
-der versteinerte Schnee niederleuchtet. Diese Felsmassen setzen sich
-nicht zusammen aus einzelnen Stücken und Schichten, sie haben nicht die
-Art des Zersprungenen, Zerbröckelnden; in geraden und glatten Linien
-gezeichnet, so stehen die ehernen quadratischen Blöcke da, mancher im
-Durchmesser von mehreren tausend Fuß; so liegen ihrer zwei und drei
-oder noch mehr übereinander und die obersten Zinnen überragen die
-Gebirgswelt und schauen in ihren äthergrauen Flächen weit hinaus in die
-Lande.
-
-Das Gewände jenseits des Sees hat mehr den Charakter des Unregelmäßigen
-und Plumpen, es baut sich in Kegeln aus, von deren Schründen
-gelblichweiße Schutthalden niedergehen und sich zwischen grünen Wäldern
-und grauen Klötzen ausböschen in den See. Selten ist das Bild ganz
-rein, entweder die Gipfel stechen in die Wolken hinein, oder es liegt
-der Nebel in den Tiefen und die Berge steigen scheinbar, jeder für
-sich, wie aus einem grauen Meere auf. Oder es schwimmen in der feuchten
-Luft die Nebelfetzen in halber Höhe hin, hängen wie Wetterfahnen an den
-Wänden oder dampfen im Morgensonnenschein aus den Steinhäuptern hervor
-und lösen sich in Äther.
-
-Scheinbar hat der Beschauer die Felswände sich ganz nahe gegenüber,
-aber wenn er nach Gemsen ausschaut, so sieht er dunkle kleine Punkte,
-wie Steinflöhe -- das sind freilich die Gemsen, aber sie zeigen nur,
-wie groß der Abstand, wie riesig die Verhältnisse sind, in welchen sich
-der Beschauer selber wie ein nichtiger Steinfloh vorkommen muß.
-
-Auf solchem Standpunkt wird der Wert des menschlichen Lebens stark
-verschoben, entweder es verliert gegenüber diesen ungeheuren
-Naturgewalten alle Bedeutung, oder es stellt sich als Erkenner und
-Genießer der Natur hoch über sie und ermißt an der seelenlosen
-Außenwelt seine göttliche Überlegenheit.
-
-Als ich in solchen Gedanken dahinging hoch am Grate des Gewändes, das
-senkrecht in den See hinabtauchte, sah ich plötzlich unter mir auf
-einem schmalen Felsvorsprung einen Menschen liegen. Er lag in seiner
-schwarzen Kleidung ausgestreckt auf dem Rücken wie eine Leiche und ich
-wähnte auch anfangs, es wäre der nun tote Fremdling, den ich ein paar
-Tage früher unten am See gesehen. Es war aber der lebendige, wie mich
-eine Bewegung desselben belehrte. Es war eine Bewegung mit dem Arm,
-wie bei dem Erwachen aus einem traumschweren Schlaf. Ich erschrak vor
-dieser Bewegung mehr, als früher vor dem leblosen Bilde, eine einzige
-Wendung des Körpers, und er mußte in die Tiefe stürzen.
-
-Diese Bewegung wurde vermieden, der Mann richtete sich sorgfältig empor
-und kletterte mit Geschick, aber auch mit Zittern und Zagen einem
-Gemssteige entlang quer heran zur Zinne. Mit einem Sprunge stand er auf
-der flachen weiten Matte und atmete auf. Dann blickte er wirr um sich
-und wollte davoneilen.
-
-Ich trat rasch zu ihm und redete ihn an: »Sie können vom Glücke sagen,
-daß Sie heil heraufgekommen sind!«
-
-»Jawohl,« antwortete er gedämpft und säumig, »ich kann vom Glücke
-sagen. Ich kann vom Glücke sagen!«
-
-»Wollen Sie nicht mit mir kommen, lieber Herr,« lud ich ihn ein, »unten
-im Kloster erwartet man Sie.«
-
-»Wer erwartet mich?« schnauzte er auf, »mich hat niemand zu erwarten,
-verstehen Sie? Die Pfaffen sollen mir meinen Revolver wiedergeben.«
-
-»Das sollen sie auch,« sagte ich, »wer im Gebirge reist, muß eine
-Schußwaffe haben. Sehen Sie, ich habe auch so etwas.«
-
-Damit zog ich mein Terzerol aus der Tasche, er blickte es mit gierigen
-Augen an und fragte, ob es geladen sei?
-
-»Dreifach. Ich pflege es im Gewände loszubrennen, ich ergötze mich am
-Echo.«
-
-Hierauf ging er mit mir und wies mehrere Stellen, die ein vielfaches
-Echo hatten. Dabei merkte ich, daß er mit der Gegend einigermaßen
-bekannt war und es war überhaupt vernünftig und unauffallend, was
-er sprach, und stand es zu seinem verwahrlosten Wesen, zu seinem
-verstörten Gesicht im Widerspruch. Das lange rote Haar und der volle
-Bart, der das blasse eingefallene Gesicht wie eine Wildnis umwucherte,
-war verworren und es klebten Baumnadeln und Sandkörner daran.
-
-Da er keinen Hut hatte, so fragte ich ihn, ob selbiger denn vom Winde
-entführt worden wäre?
-
-»Ha, ha,« lachte er, »alles frägt nach dem Hute, als ob der Hut das
-wichtigste wäre an einem Menschen. Ja, es ist mir einmal einer auf dem
-Kopf gesessen. Vielleicht schwimmt er unten im See, wenn Sie ihn haben
-wollen.«
-
-»Mir geht's nicht um den Hut,« war meine Entgegnung, »aber wenn ich
-Sie nach Ihrem Kopf gefragt hätte, wer weiß es, ob Sie mir Bescheid
-gegeben!«
-
-Auf das antwortete er nichts, sondern ging still vor mir her, der Steig
-zwischen dem Gestein und Gezirme war sehr schmal. Plötzlich -- wir
-waren so weit in das Hochplateau hineingekommen, daß man nicht mehr zum
-See und zum Kloster hinabsehen konnte -- blieb mein Begleiter stehen,
-kehrte sich um gegen mich und sagte: »Wenn Sie klug wären, hätten Sie
-mich jetzt von hinten niederschießen müssen.«
-
-»So? Sie halten mich für einen Banditen?«
-
-»Ei, was Sie denken!« rief er und legte seine Hand wie besänftigend
-auf meinen Arm. »Sie sind ein braver Mann und gerade darum sollten
-Sie an mir ein gutes Werk tun. Ich bin ein Tor, ich bin dem Wahnsinn
-nahe, aber ich weiß noch ganz genau, was ich will und habe das Endziel
-meines Lebens nicht aus den Augen verloren. Leider Gottes, es geht mir
-nach dem Worte der Schrift: Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist
-schwach.«
-
-Er setzte sich auf einen breiten Stein, der schief aus der Erde
-hervorragte. Ich setzte mich ihm gegenüber auf einen zweiten Stein und
-bot dem Gefährten meine Feldflasche an.
-
-Er tat daraus einen durstigen Zug und der Klosterwein brachte seine
-Mitteilsamkeit in ganz ungeahnter Weise zum Rieseln. Nachdem er
-mehrmals getrunken, sagte er: »So ist das jetzt schon der dritte Monat,
-seit ich Almosen nehme. Wer hätte sich das je gedacht, daß die Liebe
-zum elenden Leben stärker sein soll als der Stolz des Millionärs, als
-die Weltverachtung eines alten Lumpen! Wer hätte sich das gedacht! Aber
-ich sage es: das ist noch das Erbärmlichste unter allem Erbärmlichen
-am Menschen, daß er feig ist -- eine feige Bestie. -- Also im Kloster
-erwartet man mich!«
-
-»Und spricht von Ihnen,« setzte ich bei, »und ich muß gestehen, daß
-auch ich seit ein paar Tagen oft an Sie denke.«
-
-»Sie denken an mich. Das ist schön.«
-
-»Nach dem, was man von Ihnen erzählt, vermute ich, daß Ihnen die Leute
-übel mitgespielt haben.«
-
-»Die Leute, meinen Sie! Wenn das wäre, so könnte ich mich rächen!«
-rief der rätselhafte Mann lebhaft und wühlte mit den Fingern in seinem
-Vollbart, was er allemal tat, so oft er in Erregung kam; »leider bin
-ich es selber, der mir schlimm mitgespielt hat und den ich nun mit dem
-Tode bestrafen soll, weil er einen Menschen zugrunde gerichtet hat --
-sich selber.«
-
-»Daß Sie der guten Gesellschaft angehören, ist mir kein Zweifel,« sagte
-ich.
-
-»Der guten Gesellschaft!« lachte er auf.
-
-»Ihrer Aussprache nach sind Sie ein Wiener.«
-
-»Nur ein halber. Ein geborener Prager, studierte in Berlin. Als mein
-Vater starb, war ich dreiundzwanzig Jahre alt und Erbe einer Million.
-Allsogleich hub ich ein standesgemäßes Leben an, machte Streiche, ward
-relegiert und ging nach Wien. In Wien lebt sich's flotter, das Studium
-gab ich auf, nachdem ich zweimal gefallen war. Ich fand Genossen, die
-hatten einen guten Grundsatz, der gefiel mir: Die Million verjuxen und
-sich dann erschießen!«
-
-Mit zynischer Gebärde wühlte er wieder in seinem Bart, als wäre ihm das
-eine wie das andere zur Lust, schlenkerte die Arme aus, schnalzte mit
-den Fingern und wieherte: »Die Million verjuxen und sich erschießen!«
-
-»Hoffentlich,« so warf ich im Scherze ein, »waren Sie wie die liebe
-Jugend, diese ist leichtsinnig und pflegt ihren Grundsätzen nicht treu
-zu bleiben.«
-
-»Den ersten Teil meines Grundsatzes habe ich auf das Gewissenhafteste
-befolgt,« versicherte er. »Ich habe jeden Tag meinen Tausender in die
-Welt geworfen, habe Lakaien, Pferde, Freunde, Freundinnen gehabt, habe
-alles versucht, was sie Genuß heißen; ein dreijähriger Hexensabbat
-war's, teils in Wien, teils in Petersburg, teils in Baden-Baden und
-Homburg. Oh, wenn ich ein Tagebuch geschrieben hätte! Es war anfangs
-ganz ergötzlich, aber eher als man denken kann, eine Last, ein Ekel zum
-Erbrechen. Das Geld mußte fliegen Tag für Tag, die Langweile tat sich
-auf wie ein Abgrund, ich schleuderte Unsummen hinein, manche Stunde
-fraß das Jahreseinkommen eines Ministers, und die Langweile war nicht
-zu töten. Es gibt nichts, woran ich mich nicht übersättigt hätte, noch
-bevor ich es eigentlich genossen. Es ist mir heute alles nebelhaft,
-ich sehe nur zu Tod gehetzte Pferde, rollende Würfel, üppige Gelage,
-Weiberbusen mit Schaumwein getauft, blasse Gesellen im Nachtaumel
-des Katzenjammers. Und nie hätte ich geglaubt, daß die Welt für eine
-Million so arm ist an Genüssen. Das ewige Einerlei des ruhelosen
-Wandelns, des Schnaubens und Schnappens nach Neuem, Pikanten. Die Sinne
-wurden stumpfer, ich verschmachtete fast in der Öde des Reichtums.«
-
-»Haben Sie denn nicht Reisen gemacht, waren Sie nicht auf dem Meere, in
-Ägypten?« so meine Frage.
-
-»Ich war überall, aber nur als Raubtier,« antwortete er, »ich sah
-nicht den Wald, ich sah nur das Reh und den Hirschen. Ich sah nicht
-das Hochgebirge, nur den Adler und den Lämmergeier; ich sah nicht den
-klaren Alpfluß, die hohe See, nur die Fische drinnen, und fangen,
-töten, an mich reißen -- sonst wußte ich von nichts. Ja doch! Eines
-Tages, es war auf dem Wege von Salzburg nach Berchtesgaden, brach
-mir auf der Straße ein Wagenrad, und während des Aufenthaltes beim
-Dorfschmied sah ich, wie das Weib des Schmiedes, das auf dem Acker
-Kartoffeln jätete, zur Jause in der heißen Tageszeit ein Krüglein Wein
-vom Wirtshaus holen ließ. Eben will sie sich d'ranmachen, da kommt
-ein alter Mann des Weges gehumpelt, der setzt sich vor der Schmiede
-auf die Bank, trocknet sich den Schweiß und sagt nichts. Jetzt kommt
-das Weib mit dem Weinkrug, ladet den Alten ein, sich daran zu laben,
-er bedürfe der Labe notwendiger als sie. Da geht mir ein Licht auf:
-Der Wein ist doch ein großer Genuß, wenn man Durst hat, aber das
-Almosengeben muß ein noch größerer sein, sonst würde ihn das Weib nicht
-dem Trunke vorziehen. Den Genuß kann ich mir verschaffen. Ich lasse
-alles Bettelvolk der Gegend zusammenrufen, alte Männer und Weiber,
-Krüppel, Kretins, und sage: Jedes bekommt einen Taler, wenn es über den
-Wassergraben springen mag, in dem der Hammerbach rinnt. Ha, wie die
-Joppen und Röcke fliegen, den meisten glückt der Sprung, etliche fallen
-kreischend in den Bach. Auch diese sollen ihren Taler haben, sage ich,
-wenn sie mir auf den Anger ein Ballett aufführen, während die Kleider
-am Zaun trocknen. Da ist etwas. Ein alter Mann kommt auf mich zu,
-spuckt mir ins Gesicht, dann eilen sie hinweg.«
-
-Ich war aufgestanden.
-
-»Es ist weit mit mir gekommen,« fuhr er fort, »aber niemals hätte
-ich geglaubt, niemals, meine Schande jemandem so ins Gesicht sagen
-zu können. Wenn das nicht die größte Schamlosigkeit ist, so ist es
-Mut, und wahrlich, den hätte ich zu brauchen. -- Nach wenigen Jahren
-war die Million dahin und ich floh vor den Gläubigern. Und nun -- das
-Erschießen! -- Wer eine Million verpuffen will, der soll sich zuvor
-prüfen, ob er nicht zu feig ist für die Konsequenzen; sonst geht er
-einem Leben entgegen, einem verdammten Leben, das ärger ist als der Tod
-und das Fegefeuer.«
-
-Er schwieg, ich ebenfalls, denn ich wußte in der Tat nicht recht,
-was hier zu sagen war. Zu sagen sehr viel, aber wo ein unglückliches
-Menschenherz mit im Spiele ist, da muß man die Worte mit Bedacht
-wiegen. Die Wahrheit und die Vernunft und die Moral sind oft zu
-rücksichtslos; den Sünder richtet man am besten auf, wenn man als
-Sünder zu ihm spricht.
-
-Der Mann war in sich zusammengesunken, als habe ihn der Schlaf
-übermannt. Plötzlich fuhr er empor und starrte mich erschrocken an.
-
-»Habe ich nicht den Hahn eines Revolvers knacken gehört?« fragte er.
-
-»Der Stoppel dieser Feldflasche hat gepafft,« antwortete ich, »wollen
-Sie sich bedienen?«
-
-»Ich kann mich nicht bedienen,« war seine Entgegnung, »wenn ich aber
-einmal fest schlafe und Sie jagen mir die Kugel durch den Kopf, so
-bedienen Sie mich am besten.«
-
-»Sie sind nicht klug!« sagte ich und wahrlich, ich hätte was Klügeres
-sagen können.
-
-»Ein Bettel um die Kugel!« lachte er. »Das Leben verachten und nicht
-den Mut haben, es zu enden! Vom Sonnenlicht übersättigt und vor dem
-Grabe schaudernd! Eine Million verpuffen und sich erschießen! Wie
-leicht ist's gesagt. Ich setze mir das Feuerrohr an den Kopf, zehnmal,
-oh, weit öfter, aber mein Finger, der am Hahn lag, gehorchte mir nicht,
-ich schleuderte die Waffe von mir. Ich hing am Hanf und habe die
-Schlinge gelockert. Ich nahm Gift und flehte den Arzt um Gegengift an.
-Ich sprang ins Wasser. Es wäre gut gewesen, da kommt der Klosterbruder.
-Immer habe ich gehört, von den Pfaffen komme nichts Gutes; nie habe ich
-mich mit ihnen eingelassen und hab' es doch erfahren. So ziehen sie
-mich aus dem See. Nun übe ich mich in Mut und suche meine Schlafstelle
-da drüben an der Seewand, vielleicht stürze ich einmal unbewußt hinab.
--- Des Menschen Leben bläst der leise Windhauch aus. Steht's nicht so
-in einem alten Buche? Oh über die Hypochonder! Wenn sie ahnten, wie
-schwer das Leben abzuschütteln ist! Ausgelebt haben und nicht sterben
-können!«
-
-»Wie alt sind Sie?«
-
-»Achtundzwanzig Jahre.«
-
-»Und wollen ausgelebt haben?« fragte ich. »Freund, Sie mögen den
-Abschaum des Lebens kennen gelernt haben, aber das Leben nicht. Mit
-einer Million kauft man sich kein Leben, noch weniger ein Glück.
-Sie müssen gerungen haben ums tägliche Brot, sie müssen einmal aus
-einer schweren Krankheit genesen sein, Sie müssen Gutes empfangen
-und Gutes gegeben haben, Sie müssen sich ein Haus gebaut haben, und
-einen geliebten Menschen gefunden und einen geliebten Menschen sterben
-gesehen haben, um zu wissen, was Leben ist. Sie haben noch nicht
-gelebt. Auf Ihrem Herzen liegt der Rost der Übersättigung, den müssen
-sie herausbluten, und es wird wieder jung sein. Sie haben bisher nur
-ihre rohesten Sinne gefüttert, den eigentlichen Menschen in sich haben
-Sie wahrscheinlich noch gar nicht entdeckt. Sie haben jene Anlagen noch
-gar nicht entdeckt, deren Betätigung und Befriedigung erst das Glück
-gibt. Das Sehen des Schönen in der Natur, das stille und beständige
-Bedienen der Mitmenschen, das Wiedergenießen ihrer Achtung, das
-Bewußtsein erfüllter Pflicht, das, mein armer Freund, sind weit tiefere
-und feinere Lebensgenüsse als jene tierischen, die Sie mit Ihrer
-unseligen Million erkauft haben.«
-
-Der Mann tat eine Bewegung mit der Hand, als wollte er damit sagen: Das
-gäbe es für ihn nicht.
-
-Ach du arme, zerfressene Seele, wie hat dich der Materialismus
-zugerichtet!
-
-»Sie müssen nicht glauben, daß ich hier bei Ihnen sitze, um mich von
-Ihnen beschulmeistern und bedauern zu lassen!« sagte der Mann, indem er
-aufstand. »Ich habe mit Ihnen nicht angebunden, Sie haben es mit mir
-getan. Gehen Sie hinab und sagen Sie den Pfaffen, sie mögen mich nicht
-erwarten und mit Seelenmessen ließe sich an mir nichts verdienen. Ihr
-seid alle Wichte! Alle! Adieu!«
-
-Nun eilte er davon, zwischen Zirmsträuchern hin und schaute gar nicht
-mehr um. Ich war nicht Samaritan genug, um ihm zu folgen; ich hatte
-nicht das demütige Trostwort gefunden, welches der Sünder zum Sünder
-spricht. Schwer verstimmt stieg ich niederwärts gegen den See.
-
-Das war die erste Begegnung mit diesem Menschen in den Tiroler Bergen.
-Später ergab sich Gelegenheit, mit seinen Schicksalen näher bekannt zu
-werden. Er hieß Friedrich Kürbaum mit Namen und war der einzige Sohn
-eines Prager Bankiers. Mit seinen Studienjahren und seiner Million
-verhielt sich's so, wie er selbst angedeutet hatte. Es wären aus der
-unsauberen Zeit wunderliche Einzelheiten zu erzählen. Es war ein Leben
-ohne Kopf und Herz, es war das Welteinsaugen eines menschgewordenen
-Polypen. Das beste an seiner Million war, daß sie endlich zur Neige
-ging; mit dem Ringen um die Existenz und der Angst vor dem Untergange
-kamen wenigstens menschliche Regungen in seine Brust. Es ging ihm das
-Bewußtsein auf, ein Leben verloren zu haben und das verlorene Leben
-wie ein unerlöstes Gespenst weiterschleppen zu müssen durch alle
-Entbehrungen und Demütigungen hin, und wie sozusagen sein Gewand und
-sein Leib stückweise von der gemarterten Seele abfallen müsse, bevor
-sie ihr Dasein aufgebe.
-
-Mit solchem Jammer trat der durch Überfluß und Übermut entherzte
-Verschwender gleichsam wieder in die Rechte der Menschheit ein.
-
-Lange strich er um im Gebirge; es war, als banne ihn die Größe oder als
-bedürfe er für seine innere Wildheit und Zerrissenheit die Wildheit der
-äußeren Natur. Planlos strich er um. Hier bettelte er um den Tod, dort
-bettelte er um Leben. Es war der allerärmste Bettler, der je in dieser
-unwirtlichen Gegend umhergestiegen.
-
-Einige Tage war es nach unserer Begegnung auf der Zinne der Seewand,
-als Friedrich Kürbaum im Walde zu einem halb verfallenen Holzbaue kam.
-Einst mochten Kohlenbrennerleute darin gewohnt haben, wenigstens war
-vor der Hütte ein runder Platz mit Kohlenlösche, aus der Nesseln und
-anderes Krautwerk wuchsen. -- Wenn er sich in diese Hütte einschlösse,
-die Fenster und Löcher verstopfte, mit Kohlenresten darin ein Feuer
-machte, um daran zu ersticken! -- Mit diesem Gedanken vielleicht stieß
-Kürbaum den Bretterverschlag auf, der die Tür bildete, und trat in
-den Raum. Sofort merkte er, wie sich in einem Winkel der Hütte etwas
-bewegte und eine Stimme war: »Mein Gott hat mich erhört, Friedrich!
-Wie danke ich dir, daß du uns aufgesucht hast!« Dann hörte er nur noch
-Schluchzen.
-
-Als sich seine Augen an die Dunkelheit etwas gewöhnt hatten, sah er im
-Winkel auf Heu ein junges Weib kauern, am Busen ein kleines Kind; Er
-erkannte sie sofort. Vor Jahresfrist auf einer Reise in die Schweiz
-war er ihr das erstemal begegnet in einem Flecken bei Innsbruck. Ein
-frisches, unschuldiges Landmädchen, das war noch etwas Ungewöhnliches
-für ihn. Das Schmuckkästchen half nicht, wie beim Gretchen, der
-Weltling mußte all seine Verstellungskünste aufbieten, um sie zu
-gewinnen. Nach zwei Wochen zog Herr Kürbaum lustig weiter und hatte das
-süße Naturkind auch bald vergessen.
-
-Floriana jedoch hatte auf ihn gewartet, anfangs mit Inbrunst, später
-mit Bangen, endlich in Verzweiflung. Als sie vor ihrem Vater das
-Geständnis tat, wurde er rasend. Das Mädchen floh ins Etschtal, wo
-ein Oheim von ihr lebte, dort fand sie zur Not Unterstand für die
-schwersten Tage, aber des Oheims Weib hielt es der Armen stündlich
-vor, daß sie hier nicht daheim sei, und so nahm sie das Kind, um damit
-wieder ihrem Elternhause zuzuwandern. Sie bettelte sich von Tal zu Tal,
-bis sie vor Erschöpfung endlich nicht mehr weiter konnte und in jener
-Waldhütte liegen blieb.
-
-Das hatte Floriana nun dem Manne erzählt, oft unterbrochen durch ihre
-Schwäche und das Weinen vor Freude, daß er erschienen.
-
-Kürbaum war ratlos, was hier zu tun oder zu sagen sei.
-
-Um einen Schluck Wasser bat sie ihn; er, der einstige Verschwender,
-hatte nun nicht einen Schluck Wasser, um sie zu laben, er war selber
-dem Verschmachten nahe. Da bot sie ihm ein Körbchen mit Heidelbeeren,
-die sie gesammelt hatte.
-
-»Friedrich,« sagte sie dann, »hier ist das Kind, Frieda hab' ich's
-geheißen. Sieh es an. Sieh doch auch mich einmal an. Bin ich denn
-so verdorben, daß du mich nicht mehr erkennen kannst? Das Kind mußt
-du hüten, daß es groß wird und brav. Ich glaube, bei mir ist's zum
-Sterben.« Er wendete sich ab. Sie faltete die Hände: »Friedrich! Auf
-der Welt ist es so schön und bist ja du wieder bei mir! Ich mag nicht
-sterben. Noch so jung und schon auf die Totenbahr.«
-
-Er blieb stumm. Nicht einmal die Kraft der Verstellung hatte er mehr,
-um ihr ein beruhigendes Wort zu sagen.
-
-Das Kind, in Lumpen gehüllt, schlief an der schwerwogenden Brust des
-Weibes.
-
-»Wenn die Türe offen wäre!« sagte Floriana. Er öffnete sie. Das
-Abendrot lag draußen auf den Bäumen.
-
-»Nicht wahr, die Waldluft, die soll ja gesund sein!« sagte sie.
-
-»Gewiß,« versetzte er.
-
-»Meine Eltern laß ich grüßen. Auch den Vater,« fuhr sie wie traumhaft
-fort. »Aber nicht wahr, mein lieber Mann, du machest mich gesund. Du
-bist ja ein großer Herr. Du hast mir Geld gaben wollen. Nichts wünsch'
-ich mir als die liebe Gesundheit. Ich will dir keine Last sein, nur
-leben laß mich. Mein junges Leben, nur das verlang nicht von mir!«
-
-»Das meine gebe ich für dich!« rief er aus. »Nimm es! Nimm es!«
-
-Sie haschte nach seiner Hand: »Du bist gut, Friedrich!« hauchte sie
-und legte ihre Wange zärtlich an seine Hand und streichelte sie, »ich
-hab's ja gewußt, daß du gut bist. Kreuz mußt du mir keines setzen auf
-das Grab. Aufs Kind denkest du ja und mich mußt du vergessen. Es wäre
-kein gutes Gedenken. Du wärest brav geblieben und ich bin dein Unheil
-geworden.« Sie schwieg, hielt ihren rasselnden Atem ein, um zu horchen:
-»Hörst du es? Hörst du es?«
-
-Auch er horchte, nichts war, als der stille Abendfrieden.
-
-»Die Glocken läuten,« sagte sie leise.
-
-Es war keine Kirche weit und breit und die Kapelle, die draußen an der
-Straße stand, hatte keine Glocke.
-
-»Es ist schon die Gebetstunde,« sagte sie müde und legte über dem Kinde
-an der Brust ihre Hände aneinander, »sie läuten zum Englischen Gruß,
-bete ein Vaterunser, Friedrich!«
-
-Er neigte den Kopf, aber er betete das Vaterunser nicht, denn er
-wußte nicht, wie es lautete. Sie betete still und er saß neben ihr
-bewegungslos, wie hingebannt. Im traumhaften Zustand starrte er zur
-Türe hinaus, das Gold der Wipfel begann zu erblassen, die lichten Äste
-und Steine verdämmerten mählich und in dem Schatten sang ein einziger
-Vogel weiche, kurz abgebrochene Töne.
-
-Das Weib war noch immer still und betete.
-
-Herr Kürbaum hatte eine Empfindung wie nie bisher in seinem Leben,
-es war, als ob in seiner Seele etwas zu tauen beginne. Dieses junge
-Weib. Und -- »sie +ihn+ verführt!« Du heilige Büßerin Unschuld! -- Mit
-+diesem+ Weibe leben! Es muß ja groß sein, das Glück zu leben, wenn es
-selbst der Ärmste, Verlassenste nicht lassen will.
-
-Als der Mann sich niederbeugte gegen ihr Angesicht, um zu sehen, ob die
-Betende nicht in den Schlummer gesunken sei, da sah er's.
-
-Er rüttelte sie, er rief sie laut beim Namen. Sie war dahin ...
-
-Da besann er sich nicht lange. Ein Tatentschluß. Vielleicht das
-erstemal im Leben. Er nahm eine Kohlenschaufel, die neben anderen
-verrosteten Geräten in einer Ecke lehnte, und ging, um draußen zwischen
-den Bäumen ein Grab zu graben.
-
-Er grub und schaufelte mit Hast, aber der Moosboden war zähe, die
-Baumwurzeln waren hart und wollten nicht weichen. Erschöpft. Dieser
-Leib, dem er eine Million zum Fraß geworfen, vermochte nicht einmal
-eine Grube zu schaffen für ein armes Wesen, das seinetwegen gestorben
-war. Ohnmächtig an Seele und Leib, und nicht sterben können!
-
-Erschreckt fuhr er auf. In der Hütte begann das Kind zu schreien. Es
-war erwacht, es war ihm nicht behaglich an der toten Brust.
-
-Herr Kürbaum wankte hinein und hob das Kind auf. Die Mutter wollte es
-nicht lassen, ihre Arme schlangen sich starr um den Säugling. Aber als
-er das junge warme Leben nun an seiner Brust hielt, das Kind mit dem
-rosigen Antlitz, da ging eine Flut in sein Herz.
-
- * * * * *
-
-Noch in derselben Nacht ist er mit dem Kinde davongegangen. Ein
-verspäteter Jäger begegnete ihm, dem teilte er mit, daß in der
-Waldhütte ein Toter liege, der zu begraben sei.
-
-Er selber mit dem Kinde fand nach langem Irren Herberge und Atzung in
-einem kleinen Hause, das an einem Steinbruche stand. Dort lebte ein
-betagtes Weib, das kurze Zeit früher ihren Mann und Ernährer durch den
-Tod verloren hatte. Der war Steinschläger und Kalkbrenner gewesen. Bei
-einem Steinsprengen durch Pulver war ihm ein Felsstück an das Haupt
-geflogen.
-
-»Es ist halt so traurig in meinem Hause,« sagte die Witwe.
-
-»So wollt Ihr mir vielleicht das Kind abnehmen?« fragte Kürbaum,
-nachdem er in Kürze die Schicksale desselben mitgeteilt.
-
-»Es wäre recht,« antwortete die Witwe, »aber der Tod hat mir das Tuch
-vom Tisch gezogen.«
-
-»Wenn ich für Euch steinbrechen wollte?« fragte der Mann.
-
-»Das wäre gut, aber das Steinbrechen allein lohnt sich nicht. Mein Mann
-hat auch noch die Kalkbrennerei betrieben. Man verkauft den Kalk jetzt
-gut hinaus nach Zirlschlag.«
-
-»Und wenn auch ich die Kalkbrennerei betriebe? Und den Erwerb brächte
-ich Euch, damit Ihr mir dieses Kind pfleget?«
-
-»Ja, dann sind wir handelseins,« sagte die Alte und machte einen
-Handschlag. »Aber -- mit +dieser+ Hand wollt Ihr Steine brechen?«
-
-Einige Zeit mußte er sich von der alten Witwe pflegen lassen, bis er
-imstande war, sein Vorhaben zu versuchen.
-
-Und dann geschah es, daß ein Mann, der die vornehmste Erziehung
-genossen hatte, der zu Lebzeiten seines Vaters zwölf Jahre lang
-allerlei Wissenschaften betrieben, der hierauf eine Million zu erben
-bekommen, daß dieser Mann bei einem Halbkretin in die Schule gehen
-mußte, um sich und seinem Kinde das Brot zu erwerben.
-
-Der schiefäugige, halbtaube Knecht des Verstorbenen unterwies Herrn
-Kürbaum, wie man den Eisenschlägel handhabt, wie die Steine am
-richtigsten zertrümmert werden, daß sie nicht zu groß und nicht
-zu klein bleiben, wie man sie in Prismen schichtet und mißt und
-verrechnet; unterwies ihn in der Kalkbrennerei, welche Gattung von
-Stein man nimmt, wie man heizt, röstet, löscht usw.
-
-Kürbaum hätte es nicht ausgehalten, seine ganze Natur bäumte sich oft
-auf gegen solche Dinge, aber wenn er das Kind sah, das ihn bisweilen so
-treuherzig munter anblickte, da gewann er innere Kraft, und mit dieser
-stählte sich allmählich auch die äußere. Sein Wille erstarkte und rang
-mit seinen Neigungen, die auch wieder zu erwachen begannen. Ein paarmal
-drohte ihm das Unterliegen. »Nur den tausendsten Teil von dem, was ich
-der Langweile und dem Laster in den Rachen geworfen, und das Kind wäre
-geborgen!«
-
-Nach und nach stellten sich auch Freuden ein. Das Kind lächelte,
-streichelte mit dem Händchen seine bebarteten Backen, faßte den
-Lederschild seiner Mütze und lallte: »--ut!«
-
-Die Pflegemutter verstand: »Hut«, der Vater wußte es besser: »Mut!« Und
-er gewann ihn ganz zu eigen. --
-
-Nach einer Weile vernahmen die Fratres des Klosters zum heiligen Anton
-am See, daß der wunderliche Mensch, der seinerzeit aus dem See gezogen
-worden war, draußen in den Träusundbergen bei einem Steinbruch wacker
-arbeite. Nach näher eingeholten Erkundigungen ließ der Abt an ihn
-folgendes Briefchen schreiben:
-
-»Eine Million verjuxen und sich erschießen! Wie jämmerlich! -- Aber
-eine Million verjuxen, dann Steine schlagen, das ist tapfer! Das
-Kloster braucht gegenwärtig einen Straßenmeister. Wollen Sie die Stelle
-haben, so mögen Sie sich melden.«
-
-So steht es heute. Friedrich Kürbaum ist wohlbestellter Straßenmeister
-und bewohnt mit seinem heranblühenden Töchterl und der alten Witwe das
-im Schweizerstil gebaute kleine Haus, das rechterhand der Straße steht,
-wo sie sich gegen den See hineinbiegt und ins enge Klostertal. Vom
-Fenster aus sieht man die Seewand und die im Hintergrunde aufragenden
-Felsriesen.
-
-Ist das alles? fragt ihr. Und der Mann soll Straßenmeister bleiben?
-
-Ihr winkt mißmutig ab? So stark sei niemand? -- Was wollt ihr denn? Der
-Mann hat trotz aller Schwäche die Hochschule bestanden -- die Schule
-des Elends. Das, was andere suchen und erjagen, hat er hinter sich, die
-Million. Er weiß, wie hohl sie ist, und diese Erfahrung gibt dem nun
-Geläuterten Ruhe und Weisheit für den Genuß des kleinen, innigen Lebens
-in der großen Natur.
-
-
-
-
-Philippus der Hasser.
-
-
-Das war ein Unhold, dieser Philipp in der Lacken, Gott, das war ein
-Unhold!
-
-Er soll kohlschwarzes Haar und feuerroten Bart gehabt haben und dieses
-ungewöhnlichen Aussehens wegen allein schon gefürchtet worden sein.
-Sein Geschlecht war in dem Tale der Friesen, das breit und fruchtbar
-ist, uralt angesessen. Der Name »in der Lacken«, den es trug, stammte
-von seinem Hofe her, der wie eine kleine Ritterburg auf der Insel
-eines großen Teiches stand, damit er geschützt sei gegen die Feinde,
-von denen besonders der Philippus rings umgeben war. Die Leute nannten
-den Teich in verachtender Weise die Lacken, und der Philipp mit seinem
-Anwesen war ihnen wie die Kröte drin, aber das sagten sie nicht laut,
-denn der Mann war seines Reichtums und seiner zahlreichen Untergebenen
-wegen sehr mächtig und sehr böse.
-
-So wie der Philippus das Haar eines Romanen und den Bart eines Germanen
-trug, so ähnlich mochte auch sein Blut mit den Eigenschaften der
-beiden Völker gemischt sein. Manchmal, wenn die guten Seiten mehrerer
-Völker zusammenkommen, gibt es herrliche Menschen; wenn gemischte
-Eigenschaften sich wieder mischen, entstehen unberechenbare Charaktere;
-und wenn die schlimmen Neigungen verschiedener Rassen sich vereinen,
-dann werden Ungeheuer geboren, wie sie aus ungemischtem Blute kaum
-hervorgehen können.
-
-In Philippus hatte sich vereinigt die religiöse Entartung der Romanen
-und der Germanen: die Schwärmerei des Katholizismus und die Grausamkeit
-des Heidentums. Er war, so bildete er sich selbst ein, strenger Christ,
-er betete, er fastete, er hüllte sich an Sonn- und Feiertagen in einen
-grauen Büßermantel, in welchem er sich auf dem Kahne über den Teich
-rudern ließ und in welchem er in der Kirche nächst dem Hochaltare
-auf dem Betstuhle kniete. Er übte die strengste Enthaltsamkeit und
-verlangte solches auch von seinen Untergebenen. Nur eines vergaß der
-fromme Philippus, er vergaß der Liebe. Weil er aber doch ein heißes
-Herz in der Brust hatte, das imstande war, gewaltig zu pochen, so hegte
-und pflegte er statt der Liebe den Haß. Bei einem harten Oheim soll er
-erzogen worden sein und nie einen Hauch der Liebe erfahren haben. Also
-stand er einsam wie ein starrer Halm auf herbstlicher Heide. Selbst die
-äußere Natur haßte er und wollte sich an ihr rächen, wenn es regnete im
-Heuen oder windete in der Kornblütezeit. Öfter als einmal sah man's,
-wie er mit seiner Peitsche wütend in die Luft hineinhieb, daß es pfiff,
-um Wind und Wetter zu züchtigen, und einmal befahl er es sogar seinen
-Knechten, daß sie mit ihren Heugabeln gegen den Regen dreinstechen
-sollten. Sie taten es, kam aber nichts dabei heraus, als daß sie naß
-wurden. Wo es nicht sein Vorteil heischte, mit Menschen zu verkehren,
-da floh er sie. Lebenslustige Männer verabscheute er, liebebedürftige
-Weiber verachtete er, und Kinder waren ihm eine wertlose Sache, über
-die er auf der Gasse hinwegschritt wie über junge Hunde und Kaninchen,
-die man nur nicht zu Tode tritt, weil die Eigentümer darob Lärm
-schlagen würden. Philippus war natürlich Hagestolz geblieben, im ganzen
-aber hatte er sich doch so gehalten, daß männiglich sagen mußte: Er ist
-ein Ehrenmann! Gegen seine Blutsverwandten, gegen jedermann, der ihm
-nichts Übles tat, war er kalt wie ein Stein in der Bergschlucht; wenn
-ihm aber Böses geschah oder wo er es sich nur einbildete, daß jemand
-ihm Böses wolle, da begann es zu glühen und zu kochen in ihm, sein
-Blut schoß zurück in die Brust, daß sein Antlitz ward blaß wie Lehm
-und seine Fingerspitzen kalt wie Eiszapfen. Aber aus seinen kleinen
-Augen zuckte es in grünlichen Strahlen. Und vor einem steinernen
-Christusbilde, das unter der Eiche seines Hofes stand, klammerte er
-die Finger aneinander zu einer Doppelfaust, und flehte mit aller
-Inbrunst des Glaubens um Rache. In dem schönen Tale der Friesen gab
-es Leute, die harmlos sich des Lebens freuten in Spiel und Tanz --
-er haßte sie. In einem Nachbarsdorfe lebte ein alter Mann, von dem
-die Sage ging, daß er der lutherischen Lehre anhänge. Diesen Mann
-kannte Philippus gar nicht persönlich, aber er haßte ihn so sehr,
-daß er nächtelang schlaflos war und darüber nachsann, was er dem
-»Scheusal« Schlimmes zufügen könnte. Am meisten aber haßte er einen
-Karrner. Dieser Karrner war in einem kleinen Eisenwerke desselben Tales
-angestellt, um mit einem Schubkarren Holzkohlen von dem Schoppen in
-die Schmiede zu befördern, wofür er einen Tagelohn erhielt, von dem er
-mit seiner großen Familie sehr kümmerlich lebte. Diesen Menschen haßte
-der Philippus über alle Maßen. Warum? Hätte er sich gefragt, er würde
-nicht Antwort haben geben können, denn der Karrner war ein harmloser,
-sanftmütiger Mensch, der niemandem ein Leides tat. Aber Philippus
-hatte den Drang, seinen allgemeinen Menschengroll auf eine Person
-niederzulegen. Der Karrner war ein armer Mann, noch dazu ein fremder,
-vielleicht sogar ein Andersgläubiger. Er war vor Jahren als Fremdling
-in das Tal gezogen und hatte sich dort eingeheimt. Aber man wußte
-nicht, woher er kam, und weß Abstammung er sei. Der Philippus war eines
-Tages zum Richter und zum Prälaten gegangen und hatte die Ausweisung
-des Karrners begehrt.
-
-»Hat Euch der Mann Unrechts zugefügt?« fragte der Richter.
-
-»Nicht mir allein,« rief der Philippus, »uns allen fügt er
-himmelschreiendes Unrecht zu, denn er ist da, er zehrt von unserem
-Korn, er trinkt von unserem Wasser. Warum soll den Erwerb, Kohlen zu
-führen, nicht einer der Einheimischen haben? Warum ein Fremdling?«
-
-»Was geht das Euch an, Philipp?« fragte der Richter, »wollt Ihr Euch um
-die Karrnerstelle bewerben?«
-
-»Es gibt keine Gerechtigkeit mehr,« knirschte der Philippus, verließ
-mit knarrenden Schritten das Richteramt und begab sich zum Prälaten.
-
-Vor diesem ließ er im Beutel Geld klingen und stellte ihm vor, daß
-der Josue das Verderben der Leute sein würde, wenn man ihn nicht
-fortweise, denn er sei sicherlich kein Christ. Solcher Mensch gebe ein
-arges Beispiel, wie man auch als Unchrist leben könne, ohne vom Blitze
-erschlagen zu werden, und er gebe das noch weit schlimmere Beispiel,
-daß der Mensch sozusagen seine Pflichten erfüllen könne, ohne Christ
-zu sein. Wäre der Josue ein schlechter Hund, ein Räuber und Mörder,
-so könne man ihn ganz gut in der Gegend belassen als Exempel, was ein
-Unchrist ist. Weil er aber zu den sogenannten braven Leuten gehöre,
-eben darum müsse er fort. »Es darf keiner brav sein, der Unchrist ist!«
-schrie Philippus.
-
-Der Prälat lächelte ein wenig. Dann sagte er: »Lieber Philippus! Euer
-Eifer um die Ehre der christlichen Kirche ist ganz löblich, vorerst
-aber wird es nötig sein, daß Ihr selber Christ werdet. Prallet nicht
-auf, mein Freund! Ihr seid vom höllischen Haßteufel besessen, und
-Christus, unser Herr, hat gesagt, liebet euch untereinander, liebet
-auch eure Feinde! Darin unterscheidet sich ja eben unsere Religion von
-den Religionen der Heiden und Juden, daß sie Liebe ist. Darum eben ist
-die christliche Religion göttlich, darum verwandelt sie in ihrer Hand
-den Stein zu Brot und das Brot in den Leib des Herrn, weil sie lautere
-Liebe ist. Darum verwandelt sie den tierischen Menschen zum sittlichen,
-zum hochgesinnten, uneigennützigen, opferfreudigen Kinde Gottes, weil
-sie lautere Liebe ist und Liebe verlangt überall. Viele Tausende von
-Jahren bestand das Menschengeschlecht vor Christus schon; zahllose
-Religionen lebten auf, gingen nieder, in den Menschen war das Gesetz
-des Eigennutzes, des Hasses, der Rache oder des stumpfen Hinsiechens
-an Herz und Geist. Da kam unser himmlischer Christ mit der Liebe. Und
-keine Religion hat die Menschen so hoch gehoben, als die christliche;
-die Milde, das Wohlwollen, der Friede, die Weltfreude auch, und das
-irdische Glück in seiner reinen Form, die ganze menschliche Gesittung,
-die in den Besten der Gegenwart Ausdruck findet, all das ist ein Werk
-des Christentums. Der Christ haßt das Laster, die Verworfenheit als
-den bösen Feind, aber den Menschen als solchen, sei er wer immer, den
-haßt er nie. -- Nein, lieber Philippus, der Josue ist ein fleißiger
-Arbeiter, ein braver Mensch, so viel ich weiß, der niemandem etwas
-Böses tut, den wollen wir nicht verjagen. Wollt Ihr ihm schon zeigen,
-daß der Christ höher stehen kann, als etwa der Heide, so geht hin und
-schenkt ihm einen Beutel mit Geld für seine armen Kinder.«
-
-Sehr erbost verließ der Mann den Priester, die Treppe herab noch
-wiederholt das Wort »Pfaffe!« murmelnd. Wußte er doch, daß in den alten
-Schriften, die er besaß, ganz anderes zu lesen stand. Die Zauberer, die
-Hussiten, die Juden, die Lutherischen verbrannt auf dem Scheiterhaufen!
-Das waren noch schöne, gottwohlgefällige Zeiten.
-
-Unterwegs mußte Philippus an dem Eisenwerke vorbei; auf der Brücke des
-Hammerbaches begegnete er dem Karrner Josue mit der Kohlenladung.
-Mit heftigem Stoße prallte er an ihn, so daß der Karrner über die
-geländerlose Brücke in den Bach stürzte. Dann eilte er leicht wie auf
-Flügeln davon und rieb sich die Hände und ein Wohlgefühl war in ihm,
-wie er es noch nicht oft genossen hatte.
-
-Aber am dritten Tage, als er das Begräbnis des ertrunkenen Josue
-erwartete, ward Philippus zum Richter gerufen und dort stand der
-Karrner lebendig und ganz wieder trocken. Der Josue klagte ihn an.
-Philippus verteidigte sich: Natürlich war es nicht absichtlich,
-sondern ganz zufällig geschehen, daß er auf der Brücke an den Karrner
-gestrichen, der mit seiner ungebührlich breiten Fuhr die ganze Brücke
-eingenommen; der Karrner sei aber ein so maßlos boshafter Mensch,
-daß er absichtlich in das seichte Wasser gesprungen sein müsse, um
-nachträglich zu behaupten, er wäre hinabgestoßen worden. Nicht allein,
-daß er, Philippus, vollkommen frei von Schuld sei, verlange er auch
-eine Züchtigung dieser niederträchtigen Kreatur.
-
-Der Richter war aber von der eigentlichen Gesinnung Philipps so
-überzeugt, daß er ihn auf drei Wochen in den Kerker führen ließ wegen
-mutwilliger Gefährdung des Lebens eines anderen.
-
-Das ist dem Philippus, genannt Philipp in der Lacken, passiert. Nun
-kann man sich denken, daß sein Haß und seine Rachgier im kühlen,
-feuchten Aufbewahrungsorte nicht verkümmerten, und in der Tat, als er
-wieder an das Sonnenlicht kam, war er abgemagert bis zum Gerippe und
-sein langes schwarzes Haar und sein langer roter Bart war wirr und wüst
-und stellenweise schimmelig. Das Fasten und das harte Lager konnten ihn
-nicht so heruntergebracht haben, denn derlei Bußübungen waren ihm nicht
-fremd, aber der Haß! Der Haß, dieses Ungetüm, hatte, als es an fremden
-Körpern nichts zu beißen fand, sich gegen den eigenen gekehrt und in
-ihm unbarmherzig genagt und gewütet. Philippus zog sich zurück auf
-seinen Hof in der Lacken und ließ sich lange nicht mehr sehen. Er las
-in seinen alten Schriften, und weil das »Vaterunser« ihm viel zu matt
-und weich schien, so erfand er sich für seine Person ein eigenes Gebet,
-das er an jedem Morgen und an jedem Abende mit größter Inbrunst sprach.
-Das Gebet war voller Kraft und Glut, es lautete:
-
-»Herrgott, Allmächtiger im Himmel! Strafe die Unchristen und die
-Fremdlinge und die Kinder der Welt und alle meine Widersacher. Strafe
-meine Feinde. Zermalme sie mit Deiner Faust, zertritt sie mit Deinem
-Fuß, daß das Eingeweide fahr' aus ihrem verfluchten Leibe. Ich bete
-Dich an, o heiliger Rächer! Lichter aus reinem Wachse sollen brennen
-vor Deinem Tabernakel! Laß Dein rosenfarbiges Blut nicht umsonst
-geflossen sein für mich, töte meine Feinde! Gib, daß sie erblinden im
-Walde und in den Abgrund stürzen! Sende Deinen Blitz an die Tore ihrer
-Häuser, daß sie den Ausweg nicht finden und im Feuer umkommen! In ihr
-Trinkwasser gieße die Pest! Rufe die Kriegsheere der Erde, daß sie
-metzelnd Dein Reich befreien von dem Unzücht! Herrgott, mich, Deinen
-treuen Diener, lasse nicht zu Schanden werden. Amen.«
-
-Also war die Andacht Philipps, aber es war ihm leichter, nur solange er
-betete; denn es geschah nichts von allem, was er flehte, seine Wut war
-nichts als die Waffe des Ohnmächtigen.
-
-Seine Verwandten, sein Gesinde sah, wie Philippus immer finsterer
-ward, aber sie wagten nichts, um ihn fröhlicher zu machen. Im Hofe auf
-dem Teich hörte man kein Jauchzen und keinen Gesang und kein Lachen.
-Nahe dem Lackenhofe, am Ufer der Insel stand ein alter Eichbaum, der
-weitum den Platz und das Wasser überschattete und eine Dämmerung
-legte auf den Rasen. In dieser Dämmerung stand ein altes Kreuz.
-Dieses Kreuz hatte neun Querbalken, es ragte hoch zum Geäste auf.
-Es war vor Zeiten draußen in dem großen Walde gestanden, der unter
-dem Namen der Kürlingerwald im ganzen Lande berüchtigt ist. Es hatte
-nämlich in ihm vor Jahren eine Räuberbande ihr Unwesen getrieben,
-Reisende ermordet und war oft hervorgebrochen, um Meierhöfe und ganze
-Schlösser auszuplündern. Eines Tages wurde in dem Kürlingerwalde ein
-durchfahrender Hochzeitszug, bestehend aus neun Personen, ermordet.
-Der Räuberhauptmann wollte die Braut entführen, der Bräutigam schoß
-ihn nieder, worauf sich ein Gemetzel entspann, dem der ganze Festzug
-unterlegen war. Zum Gedächtnisse hatte man das neunbalkige Kreuz
-aufgestellt. Später, als der größte Teil des Waldes der Axt zum Opfer
-gefallen war und das hohe Kreuz herren- und schattenlos auf dem Riede
-stand, nahm der Philippus davon Besitz, führte es in seinen Hof,
-stellte es dort auf unter dem Eichbaum und verehrte es ob der blutigen
-Tat, deren Erinnerung daran geknüpft war.
-
-Unweit des Teiches standen mehrere Meierhöfe, die dem Philippus zu
-eigen waren, und zu denen sein Gesinde täglich auf großen flachen
-Kähnen über das Wasser fuhr. Auch Getreide, Heu, Holz und andere Dinge
-wurden mit solchen Kähnen über den Teich in den Wohnsitz geschafft. Der
-Teich hatte dort, wo die Schleuse das Wasser hereinließ, eine lange
-Zunge in das Gelände hin. Als Philippus eines Tages unter dem Eichbaum
-vor dem Kreuze kniete, fiel sein Blick auf diesen Kanal hinaus und
-sah, wie dort zwischen Erlen und Silberweiden zwei Knaben standen und
-mit kurzen Stäben Fische angelten. Dem frommen Manne blieb das Gebet
-im Munde stecken, er erhob sich langsam und strengte seine Augen an,
-daß er die Fischdiebe erkenne. Er erkannte sie, es waren die Söhne
-des Karrners Josue, die er beim Vorübergehen an ihrer Hütte schon oft
-mit den Augen gespießt hatte. Ein heißes Lustgefühl stieg in ihm auf,
-eilig holte er vom Hause einen Feuerhaken und einen Strick, damit
-ging er zum Landungsplatz und ruderte auf einem Kahne hinaus. Aber
-die entgegengesetzte Richtung, er wollte dann hinter den Uferbüschen
-die Knaben anschleichen, sie an sich reißen, binden und in den Hof
-schleppen, um sie zu strafen, das heißt, den Haß zu befriedigen, der
-in ihm gegen den Karrner mit gesteigerter Heftigkeit brannte. Als er
-jedoch an die Stelle kam, waren die Kinder nicht mehr dort. Tiefen
-Mißmutes voll kehrte er zurück auf den Hof und gab seinen Knechten den
-Auftrag, wenn ihnen von den diebischen Karrnerleuten eines unter die
-Hände käme, dasselbe ihm zu überliefern, ob lebendig oder tot, der Lohn
-sei zwölf Silbertaler und ein mit Silber beschlagenes Gebetbuch.
-
-Da war es eines Abends im Erntemonat. Den ganzen Tag über hatten die
-Kähne verkehrt zwischen den Meierhöfen und dem Wohnsitze im Teiche.
-Es gab schwere Garbentrachten und Philippus freute sich. Es war ein
-Hagelwetter niedergegangen in der Gegend, er freute sich, daß der
-Himmel seine Felder verschont hatte, aber noch mehr freute er sich, daß
-er die seiner Nachbarn verheert hatte. Und diesem Freudentag folgte ein
-würdiger Abend. Mit der letzten Garbenfuhr brachten drei Knechte einen
-Mann mit, der auf den Garben ausgestreckt lag und um Erbarmen wimmerte.
-Er war mit Strohwinden an Händen und Füßen gebunden, es war der Karrner
-Josue.
-
-Als Philippus gehört hatte, welch ein werter Gast angefahren gekommen
-wäre, stellte er sich, die Hände in den Taschen des Beinkleides
-und mit ausgestemmten Füßen ans Ufer und sah mit Behagen zu, wie
-die Knechte den Gefangenen zu Häupten und zu Füßen packten, um ihn
-abzuladen. Mit einer Schwenkung des Kopfes deutete er gegen den
-Eichbaum hin, sie taten nach Befehl und vor dem Kreuze warfen sie den
-Karrner zu Boden.
-
-»Herr und Vater!« so begann nun einer der Knechte zu berichten. »Wir
-haben ihn ertappt. Des Meierhofes Haushahn hatte er gestohlen und
-getötet und verzehrt. Wir haben den armen, lieben, schönen Vogel seit
-dem Morgen nicht mehr gesehen. Aber am Nachmittage haben wir Federn
-gefunden hinten im Schachen, und nicht weit davon den Karrner, der eine
-solche Feder auf dem Hute getragen. Er wollte vorüberhuschen, aber
-wir haben ihn abgefangen, er hat geleugnet, aber wir haben ihm nicht
-geglaubt. Wir haben den Dieb und Mörder des unschuldigen Tieres zu dir
-gebracht.«
-
-»Einer bekommt nur vier, weil euer drei sind,« sagte Philippus zu den
-Knechten, »das Gebetbuch sollt ihr abwechselnd benutzen. Bleibt nur
-da. Wir haben heute einen Feierabend. Nachher werden wir Wein trinken.
-Zuerst müssen wir eine Abendandacht halten und dem Herrgott ein Opfer
-darbringen vor dem Kreuze.«
-
-Diese Worte waren in einer so seltsamen Weise gesprochen, daß die
-Leute einander mit Befremdung ins Gesicht schauten. Philippus, ohne
-den Gefesselten, der auf dem Rasen sich wand, zu beachten, kniete hin
-vor das Kreuz, streckte die beiden Arme gegen Himmel und hub an, so zu
-beten: »Gerechter Gott, ich danke Dir, Du hast mich erhört. Du hast
-meinen Feind gelegt in die Gewalt meiner Hände. Dein ist die Rache,
-und nach Deinem Willen will ich meine Feinde lieben. Ich töte ihn
-nicht aus Rache. Ich liebe meinen Feind und werde ihn küssen, ehe er
-geopfert wird. Herrgott! Du bist nicht der Judengott, der das Opfer
-Abrahams verschmäht hat, Du bist der Christengott, der das blutige
-Opfer seines eingeborenen Sohnes angenommen hat zur Versöhnung. Ich bin
-nicht der hoffärtige Pharisäer, der an Deinem Altar steht, ich bin der
-demütige Zöllner, der sein Angesicht verhüllt und betet: Herr, ich habe
-gesündigt. Nimm für alle meine Sünden dieses Opfer und verzeihe mir
-und gib mir ein langes Leben und eine glückselige Sterbestunde und die
-ewige Seligkeit. Amen.«
-
-Mittlerweile war es dämmernd geworden. Am Himmel lag eine rauchbraune
-Wolkenschicht, nur am Gesichtskreise gegen Sonnenuntergang war ein
-glühendroter Streifen schnurgerade hingezogen, wie ein Spalt zwischen
-Wolken und Erde, durch die das Abendrot hereinleuchtete. Vom Hause
-hatte sich bald alles Gesinde versammelt um den Eichbaum und manchem
-begann unheimlich zu werden.
-
-»Mein lieber Mitbruder im Herrn,« so redete Philippus nun den Karrner
-an. »Heute finden wir uns vor einem anderen Richterstuhle, als dazumal.
-Ich hege keinen Groll gegen dich, und fordere dich auf, deine Sünden zu
-bereuen.«
-
-»Herr Philippus, ich weiß nichts von dem Hahn!« entgegnete der Karrner,
-seine Stimme war heiser; »ich habe ihn nicht gestohlen. Ich bin auf
-einem Botengange zum Schmied in Siebenbrücken nur vorbeigegangen an dem
-Meierhofe. Sie haben mir die Federn gezeigt, ich sagte aber, das sind
-keine Hahnenfedern, das sind Geierfedern, wovon ich eine auf den Hut
-gesteckt, und ich weiß nichts vom Hahn!«
-
-Philippus streichelte mit seinen knochigen Händen sich den langen roten
-Bart. Dann sagte er zum Gefangenen: »Du zwingst mich auch noch, daß
-ich dich als Lügner strafe. Du weißt es wohl noch nicht, wie meine
-ehrwürdigen Vorfahren den Lügner gerichtet haben? Du sollst es sogleich
-erfahren. -- Junge!« so wandte er sich an einen halberwachsenen
-Burschen, »gehe in meine Stube und hole die gelbe Tasche heraus.«
-
-Die Verblüffung der Anwesenden wuchs. In früheren Jahren war Philippus
-ein beliebter Metzger gewesen. Hatte es in der Nachbarschaft und selbst
-weiter um im Tal etwas zu schlachten gegeben, so wurde Philippus dazu
-gebeten; dieser Mann warf mit einigen Schlägen jeden Ochsen hin, und
-das Schwein war auf seinen wohlgezielten Stoß augenblicklich tot. Als
-aber Philippus später bei zunehmendem Alter und bei gesteigertem Grolle
-gegen alles anfing, sich an den Qualen der Tiere zu ergötzen, machte
-er die Sache umständlicher und richtete es manchmal so ein, daß das
-Opfer noch zuckte, wenn er ihm die Eingeweide herausriß. Da meinten die
-Leute, er solle daheimbleiben auf seinem Lackenhof, sie wollten ihre
-Metzgerei schon selbst besorgen. Also mußte er sich begnügen mit den
-Freuden, die das Metzgern in seinem eigenen Hause bot. In der gelben
-Ledertasche, um die der Junge jetzt geschickt worden war, befanden sich
-die Schlachtwerkzeuge.
-
-Weil es nun dunkel geworden war, ließ Philippus zwei Fackeln anzünden,
-deren Träger zur rechten und zur linken Seite des Kreuzes stehen
-mußten. Der schwarze Pechrauch qualmte empor. Philippus öffnete die
-Tasche, er tat es langsam, mit feierlicher Gebärde, doch das leise
-Zittern seiner Hand verriet eine innere Leidenschaft. Das erste, was
-er hervorzog, war ein Schlagbeil; dann kam ein Eisenring mit scharfen
-Kanten, hernach ein langes scharfes Messer. Der Gefesselte begann beim
-Anblick dieser Dinge zu beben, die Zuschauer wurden blaß vor Entsetzen.
-In den Mienen des Philippus war ein unheimliches Zucken, in seinen
-grünlichen Äuglein ein grauenhaftes Leuchten. Der Oberknecht flüsterte
-zu seinem Kameraden: »Er ist wahnsinnig geworden!« Zögernd trat der
-Knecht zu Philippus vor, berührte ihn ein wenig am Arm und sagte leise:
-»Herr Vater! Wäre das so gemeint? Peitschen, wenn Ihr wollt, aber so
-nicht. So nicht. Es ist ja nur ein Hahn gewesen, ein altes wertloses
-Tier. Wir führen ihn zum Gericht, wenn Ihr wollt. Dort sollen sie den
-Dieb bestrafen.«
-
-Philippus bäumte sich langsam empor. »Was geht das dich an!« sagte er
-dumpf und rauh. »Richtet ihn auf!«
-
-Nach diesen Worten ergriff er mit beiden Händen das Beil. In demselben
-Augenblicke krähte ein Hahn.
-
-»Das ist er! Er ist es!« rief alles untereinander und deutete auf einen
-Söller hin. »Er ist nicht gestohlen worden, da oben sitzt er!«
-
-»Es muß ein anderer sein!« sagte Philippus.
-
-»Nein, nein, es ist der vom Meierhof. Mit einer Garbenfuhr muß er
-herübergekommen sein auf die Insel. Es ist unser Hahn, wir kennen seine
-Stimme und der Karrner ist unschuldig!«
-
-»Und sterben muß er doch!« sprach Philippus, mit gehobenem Beile dem
-Hingestreckten nahend. Jene drei Knechte, die den Karrner gebracht
-hatten, rissen den Wütenden nach rückwärts. Wütend, rasend wehrte
-er sich vor seinen eigenen Knechten. Es half nichts, sie warfen
-ihn zu Boden und entwanden ihm die Waffe. Der Jungknecht erfaßte
-das Schlachtmesser, schnitt an dem Josue die Strohwinden entzwei,
-führte den also Befreiten eilig zum Ufer hinab, machte den zur Stelle
-stehenden Kahn frei, und nun glitt der Karrner hinaus -- gerettet.
-
-Philippus riß sich mit gewaltigem Grimme von den Armen seiner Knechte
-los und sprang zum Ufer hinab: »Sterben muß er!«
-
-Aufrecht wie er war, lief er ins Wasser hinein, der schwarzen Masse
-des Fahrzeuges nach, das eben vom Ufer abgestoßen hatte. Der Karrner
-sah noch die Gestalt des Verfolgers und in dessen Hand das Blinken
-des Messers, er sah, wie die Gestalt mit jedem Schritte, den sie
-nach vorwärts tat, tiefer ins Wasser sank, bis endlich nur mehr das
-dunkelbemähnte Haupt über demselben war. Aber dieses dunkle Haupt glitt
-heran und rasch heran, so sehr der des Ruderns unkundige Karrner auch
-die Schaufel einsetzte und vorwärts strebte. Er hörte das schnaufende
-Fluchen des Verfolgers, er sah, wie manchmal neben dem Haupt aus dem
-Wasser ein Arm sich hob mit dem Messer. Der Mann schwamm nicht, das
-war zu merken, er hatte noch Grund unter den Füßen. Also floh das
-Fahrzeug vor der schwarzen Kugel, die auf der Oberfläche des Wassers
-nachzurollen schien. Der Karrner dachte an sein Weib, an seine Kinder,
-er rief die Mutter Gottes an um Hilfe in solcher Not, mit aller Macht
-die Fluten schlagend. Und siehe, der dunkle Punkt des Hauptes tauchte
-tiefer und tiefer hinab -- noch ein Sprudeln und Gurgeln des Wassers,
-dann war der Verfolger verschwunden.
-
-Der Karrner erreichte das andere Ufer, sprang aus und lief davon, neu
-dem Leben wieder geschenkt.
-
-Die Nacht währte lange. Im Lackenhof war keine Ruhe. Als es Morgen ward
-und der Hahn krähte, suchten sie nach dem Hausherrn. Man fand ihn nicht
-auf der Insel und nicht drüben im Meierhofe. Die Sonne stand schon
-hoch, als er unten, wo der Teich in einem Bächlein abfloß, ausgestoßen
-wurde. Das lange schwarze Haar voller Schlamm, der lange rote Bart
-voller Schlamm und Schaum, in verglasten Auge keine Glut mehr -- der
-Haß war erloschen mit dem Leben.
-
-Das ist die Geschichte von Philippus dem Hasser, wie sie mir unter den
-anderen höchst unwahrscheinlichen Geschichten auf fremden Straßen der
-wandernden Seele begegnet ist. Warum sie erzählt worden? Aus Vorwitz
-nicht, aus Lust zum Fabulieren nicht. Auf ihrer Stirn deutlich zu lesen
-steht der Grund. Sie ist erzählt worden dem häßlichen Hasse zu Trotz
-und der lieben Liebe zu Liebe.
-
-
-
-
-Das Weihnachtsfeuilleton.
-
-
-»Die alten Germanen feierten zur Wintersonnenwende aus Anlaß der Umkehr
-des feurigen Sonnenrades -- angelsächsisch: ~hveol~, altnordisch:
-~hiol~ oder ~jule~ -- das Julfest, und zwar in der Zeit vom 25.
-Dezember bis zum 6. Jänner, als an welchen Tagen Wuotan und Berchta in
-den nordischen --«
-
-»Was schreiben Sie denn da, Doktor?« unterbrach der Chefredakteur und
-Eigentümer einer Provinzialzeitung seinen jungen Journalisten.
-
-»Nun, das Weihnachts-Feuilleton, welches Sie mir erst gestern auferlegt
-haben, als ob wir nicht den ganzen Dezember über mit Bestimmtheit
-darauf hätten rechnen können, daß sich auch dies Jahr die Weihnachten
-präzise wie immer einstellen würden.«
-
-»Ich rechnete aber auch mit Bestimmtheit darauf, daß irgendein Blatt
-zur Vorfeier einen Artikel bringen würde, den wir hätten benutzen
-können. -- Machen Sie sich übrigens nicht die Mühe, das Ding
-abzuschreiben, geben Sie offen den Band des Konversations-Lexikons mit
-dem Artikel ›Weihnachten‹ in die Druckerei.«
-
-»Gut,« sagte der junge Journalist, schnellte den Band über den
-Bücherhaufen hin und geflissentlich auf die Photographie eines
-reizenden Mädchenkopfes, daß solche den Augen des Alten verborgen sei.
-»Gut, so werde ich einen Aufsatz über Weihnachtsgebräuche in den Alpen
-schreiben, von der Christmette, dem Krippel, den alten Hirtenliedern,
-von den zwölf Nächten, von dem Dreikönigssingen, von dem --«
-
-»Lassen Sie das, es ist leergedroschenes Stroh, es fällt auch nicht ein
-Körnchen mehr heraus,« sagte der Chefredakteur.
-
-»Also Weihnachten in der Großstadt, oder Weihnachten auf dem Meere oder
-in Rom, oder irgendwo, oder Weihnachten der Armen, oder auch Weihnacht
-eines alten Junggesellen, der --«
-
-»Alles abgebraucht, lieber Freund. Sie sind zu den Zeitungsschreibern
-gegangen und haben keine Phantasie,« rief der Chef und ging
-mit verschränkten Armen rasch im Zimmer auf und ab. »Weihnacht
-ist ein Familienfest, da wollen die Leute etwas Gemütliches,
-Idyllisch-Heiteres, Naives haben, oder Rührsames, Erbauliches -- irgend
-ein Festglockenläuten.«
-
-Er blieb plötzlich vor dem jungen Doktor stehen, als ob ihm eine Idee
-gekommen wäre. »Schreiben Sie etwas über Menschenliebe!«
-
-Der andere lachte auf.
-
-»Gibt es denn da etwas zu lachen?«
-
-»Nein, wahrhaftig nicht,« versetzte der Doktor. »Ich werde schreiben.
-Schreiben über die Liebe, die Gottes Sohn auf die Erde gebracht hat
-und die seither unter den Menschen waltet. Nämlich einen ganzen Tag
-im Jahre. Denken Sie sich ein Christfest, das +zwei+ Tage dauern
-würde. Wie fatal! Drei Tage, das wäre schon unmöglich. An die Gaben
-und Liebesbezeigungen des Weihnachtsabends knüpft man rasch die
-Unzufriedenheit, die Mißgunst und Falschheit für die nächsten 364 Tage.«
-
-»Vergessen Sie nicht, daß es auch Schaltjahre gibt,« bemerkte der alte
-Chef launig.
-
-»Mit Ausnahme des einen Tages, des Christtages, wird jedes immerhin
-noch ein sehr gemeines Jahr sein,« gab der Doktor zurück. »Das
-Weihnachtsfest ist der Tag, an dem die Menschheit bei sich selbst
-den Etikettebesuch macht. Das Weihnachtsfest ist der einzige Tag, an
-welchem Geben seliger ist als Nehmen, weil der Geber auf eine größere
-Gegengabe rechnet. Die religiöse Weihe, als den Goldstaub dieses
-Festes, hat eine windige Volksaufklärerei längst weggeblasen -- und so
-ist die moderne Gesellschaft jener unselige Vogel des Märchens, der
-sich mit raublustigem Schnabel das eigene Herz aus dem Busen hackt. Die
-Kinder selbst werden an diesem Tage das erstemal zu Heuchlern und lügen
-einen Glauben an das erscheinende Christkind, »damit es recht viel
-bringe«. Was bleibt an Poesie noch übrig? Der gestohlene Tannenbaum mit
-dem Flitter?«
-
-Der Chef blickte den jungen Mann, der, regungslos im Sessel lehnend,
-halb geschlossenen Auges solche Worte vor sich hingestoßen hatte, mit
-Teilnahme an und sagte: »So habe ich Sie bisher nicht gekannt, Doktor!
-Das ist nicht mehr derselbe Bursche, den ich vor ein paar Jahren bei
-einem Studentenkommers die von lebensfreudigstem Idealismus getragene
-Rede halten hörte!«
-
-»Ach, gehen Sie mir mit diesem Studenten-Idealismus! Lebensfreudig, ja,
-solange es Geld und Bier gibt. Der wahrhaft edle Pathos für Freiheit,
-Brüderlichkeit und Nationalität schrumpft im Kampfe um die persönliche
-Existenz oder im bald sich einstellenden Haschen nach Geld und Würden
-armselig zusammen. Das Ideal von der Freiheit, es ist himmlisch groß
-und soll im Vereine mit der Liebe ja noch die Welt erlösen; aber in
-den Köpfen und Händen unerfahrener, verführter, leidenschaftlicher
-Menschen wird es so leicht zur Empörung gegen Obrigkeit und Gesetz.
-Der Weg der freien Selbstbestimmung ist schmal. Wie edel ist es, sein
-Ich zu kräftigen und zu vervollkommnen, und wie niederträchtig ist
-der Egoismus! Wie groß ist die Vaterlandsliebe und wie gefährlich das
-aufgehetzte Nationalgefühl! Dieses Nationalgefühl gießt Bleikugeln.
-Sonst hieß es: Die Fürsten machen Kriege. Heute macht sie das Volk;
-in den Zeitungen steht's zu lesen, in den Vereinen wird's gelehrt, im
-Parlament wird's besiegelt.«
-
-»Das ist alles wahr,« entgegnete der Chefredakteur, »doch vergessen Sie
-nur auch in langen Winternächten nicht, daß auf unserer Erde die Sonne
-nicht untergeht.«
-
-»Auch die Kirchenglocken,« fuhr der Doktor fort, »versprechen in
-diesen Tagen den Menschen auf Erden Frieden. Am nächsten Tag, als
-am Stephanitag, wissen sie schon anderes, zu Ehren des Erzmärtyrers
-rufen sie die Gläubigen zum unversöhnlichen Kampf gegen alle
-Andersglaubenden.«
-
-»Lieber Freund,« unterbrach der Chef den Sprecher, »Sie sind krank,
-Sie denken krank, Sie sprechen, als ob Sie Hunger hätten. Nur Geduld!
-Abgesehen von dem Weihnachts-Feuilleton, das Sie in solcher Stimmung
-nie werden schreiben können, sind Sie recht verwendbar und habe ich
-auch die Absicht, von Neujahr ab Ihren Gehalt neuerdings zu erhöhen. --«
-
-»Sie würden es nicht tun, wenn Sie unter gegenwärtiger Ablöhnung meiner
-sicher wären.«
-
-Da trat eine Pause ein. Der Doktor schliff mit seinem Fingernagel die
-Federspitze glatt. Der Chef rieb die Augengläser rein, die auf seiner
-Stirne angelaufen waren.
-
-»Sie sind heute herb, lieber Freund,« sagte er endlich. »Sie müssen
-etwas Kratzendes auf der Seele haben. Vielleicht sollten Sie heiraten.«
-
-Der Doktor richtete sich ein wenig auf und blickte den alten Herrn
-verwundert an. Es war eigentlich ein hübscher Kopf, den er hatte,
-dieser Doktor. In seiner Haltung, in seiner losen Haarfrisur, in seinem
-kecken Schnurrbärtchen lag noch etwas Studentisches, aber sein Auge
-war schwermütig. So jung er war, sah er doch schier aus, wie einer
-jener wenigen Zeitungsschreiber, die nicht bloß zu schwätzen, sondern
-auch etwas zu sagen wissen -- und zu sagen haben. Die Zeitung, der er
-gegenwärtig diente, war aber eine von denen, die fortwährend schwätzen,
-damit sie nichts sagen müssen. Darum hatte sie einen großen Leserkreis
-und darum hatte sie ihren Eigentümer zum reichen Manne gemacht.
-
-»Sie haben da eine Frage angeschlagen, die mich interessiert,« sagte
-nun der Doktor. »In der Tat, ich glaube, die Ursache, daß ich kein
-Weihnachts-Feuilleton schreiben kann, ist, weil ich das Weihnachtsfest
-nicht liebe, nicht empfinde -- weil mir dazu das wichtigste Ingrediens
-fehlt -- die Familie!«
-
-»Nun, das ist Ihre Sache,« versetzte der alte Herr ablenkend.
-
-»Die Sache beginnt man gewöhnlich mit einem jungen Mädchen,« sagte der
-Doktor.
-
-»Oder auch einer jungen Witwe,« setzte der Chef bei.
-
-»Angenommen, mit einem jungen Mädchen, das alle Eigenschaften hätte, um
-einen glücklichen Gatten zu machen und Kinder vortrefflich zu erziehen.
-Und dieses Mädchen käme dem hier fraglichen Mann, der zum Behufe des
-Weihnachtsfestes eine Familie zu gründen gedenkt, mit vielem Beifall
-entgegen, aber dieses Mädchen hätte unglückseligerweise einen sehr
-wohlhabenden Vater, der sein Töchterlein begreiflicherweise nur an
-einen wohlhabenden oder sonstwie hochstehenden Werber abtreten möchte,
-da haben Sie einen Konflikt, --«
-
-»Ist nicht originell genug,« unterbrach ihn der Chef. »Ein Feuilleton
-muß drastisch und prickelnd sein, nötigenfalls ein seltsames Geschehnis
-aus dem Leben erzählen, oder feinsinnig psychologische Eigenheiten,
-lächerliche Schwächen, rührende Vorzüge der Menschen wiedergeben.
-Die besten Feuilletons aber sind immer die, in welchen gar kein
-Inhalt ist -- wenn's nur der Leser nicht merkt. Ich will Ihnen
-übrigens einen Gedanken schenken. Sie schreiben daraus ein prächtiges
-Weihnachts-Feuilleton, können es auch ausschmücken nach Belieben, und
-dabei mögen Sie lernen, daß nicht alle Menschen eigennützig sind, wie
-Sie glauben und sagen: man gebe nur gern, damit einem noch mehr gegeben
-werde. -- Als ich vor fünfundzwanzig Jahren geheiratet hatte, war ich
-noch unbemittelt, mußte jeden Groschen ins Geschäft stecken, das damals
-in einer kleinen Schreibrequisitenhandlung bestand. Da konnte ich noch
-nicht viel für das Weihnachtsfest verwenden. Trotzdem stellten wir
-jungen Eheleute in unserer kleinen Wohnung ein Christbäumchen auf, wie
-es zur selben Zeit schon Sitte zu werden begann. Ich freute mich wie
-ein Kind, meine Frau mit einigen Geschenken zu überraschen, während
-sie für mich nichts haben sollte. Ich freute mich auf ihre Freude und
-ihre kleine Verlegenheit. Einige Tage vor dem Feste ging sie still,
-aber in sich aufgeregt im Hause umher, und als der Christbaum brannte,
-und die schönen Sachen vor ihr dalagen, sank sie an der Ecke des
-Zimmers zusammen und begann zu weinen. Das ganze Weihnachtsfest war ihr
-verdorben, +weil sie mich nicht beschenken+ konnte. Und das ist der
-Gedanke, den ich Ihnen zur Verfügung stelle.«
-
-»Ich sehe in dieser Erzählung nur den Egoismus des Mannes, der sich
-selbst den Spaß machen will und an anderen das Bedürfnis zu geben
-ignoriert.« So der Doktor.
-
-»Genau genommen haben Sie recht,« sagte der Chefredakteur. »Doch so
-spitzfindig muß man die Sache nicht nehmen, sonst löst sich das beste
-Herz in lauter Egoismus auf. -- Mein Gedanke, den ich Ihnen geschenkt
-habe, ist übrigens für den Weihnachtstisch zu mager. Sie müssen die
-Frau mindestens einen kleinen Diebstahl begehen lassen an der Kasse des
-Mannes, um ihn zu beschenken.«
-
-»Herr, Ihre eigene Frau!« rief der Doktor.
-
-»Von meiner Frau kann überhaupt nicht die Rede sein. Nehmen sie eine
-Frau Z oder X., nur nicht eine Frau Y., wenn ich bitten darf, denn
-dieser Buchstabe ist im Petit der Druckerei momentan nicht vorhanden.
-Das Diebstählchen sollen Sie aber nicht verschmähen, Sie bringen damit
-Leben und Spannung in die Sache.«
-
-»Herr,« sagte der Doktor, »versuchen wir's, trauen wir unseren Lesern
-einmal eine einfache, edle Empfindung zu. Ich lasse das Weib an der
-Ecke des Zimmers weinen, weil sie ihrem Gatten keine Weihnachtsfreude
-machen konnte. Nichts sonst. -- Das wirkt.«
-
-»Sehen Sie, da haben wir wieder den menschengläubigen Gesellen!«
-sagte der Chef munter. »So geht's mit unseren heutigen Burschen,
-schwarz-pessimistisch im Räsonieren und kindlich-optimistisch im
-innersten Empfinden. Nun, machen Sie's, wie Sie wollen, nur setzen Sie
-mir Ihren Namen dazu. Ihnen verzeiht man mehr als anderen.«
-
-»Es soll ein Feststück werden,« sagte der Doktor mit Lebhaftigkeit.
-»Vor allem ganz klar ist mir schon der Schlußsatz: Glücklich der Mann,
-der ein solches Weib sein Eigen nennt, und dreimal glücklich der,
-welcher einer solchen Mutter Tochter gewinnt!«
-
-»Will mir nicht gefallen. Gefällt mir nicht,« sagte der Chef, indem
-er sich anschickte, in seinen Biberpelz zu kommen. »Anklang an eine
-Liebesgeschichte! Paßt nicht für ein Familien-Feuilleton, das man zum
-Kaffee muß vorlesen können.«
-
-»Herr Chef,« sagte der Doktor und richtete sich endlich einmal von
-seinem Stuhle auf. »Es ist toll, was wir da reden. Ich habe Ihnen was
-anderes zu sagen. Sie halten so große Stücke auf die Uneigennützigkeit
-und Menschenliebe. Nun soll sich's zeigen. Es soll sich zeigen, ob
-ein Mann der guten Durchschnittssorte Geld und Titel wirklich höher
-achtet, als die Neigung und Wahl seiner einzigen Tochter, als das
-redliche Herz eines armen Teufels, der's auch einmal versucht, sein
-Anrecht an diesem schönen Leben zu erobern, der sich ein bescheidenes
-Haus gründen möchte als Zuflucht vor den hohlen Promessen und kompakten
-Torheiten einer zerfahrenen Welt. -- Hier!« Er warf die Bücher auf dem
-Tische auseinander. »Hier unter diesem vergilbten Menschenwitz, unter
-dieser staubigen Weltweisheit ist mein Schatz begraben. Hinweg, ihr
-gelehrten Lexika, hinweg ihr Humboldts und Darwins und auch du, alter
-Grimm -- wisset alles und wisset nicht, was die Liebe ist!« Er hob eine
-Photographie empor: »Kennen Sie das?«
-
-»Wie kommt dies Bild auf Ihren Schreibtisch?« fragte der alte Herr.
-
-Der Doktor legte es wieder hin, stellte sich schier herausfordernd vor
-seinen Chef und sagte leise: »Sie hat mir's selbst gegeben. -- Sie
-schweigen. Sie ahnen als braver Mann, was Sie tun sollen und suchen als
-schwacher Mensch Ausflüchte, es nicht zu tun. Ich weiß, Sie wunderten
-sich, daß Ihr sonst so frisches Töchterl seit einiger Zeit verschlossen
-und traurig ist. Weil es mutlos ist, sie kennt Ihre Absichten mit
-dem alten Hofrat. Ich bin nicht mehr mutlos, seit ich Ihnen offen
-gegenüberstehe -- ein Mann dem Manne -- und mit dem Rechte des Mannes
-von Ihnen meine Braut begehre!«
-
-Der Chef ließ den Pelz von der Achsel wieder auf das Sofa gleiten,
-stützte sich an die Tischecke und fast stöhnend antwortete er: »Doktor!
-Wie Sie mich doch jetzt erschreckt haben!«
-
-Dieser stand da, preßte die linke Faust an die Brust, die rechte Hand
-hielt er offen hin: »Herr! Sie kennen mich seit fünf Jahren, Sie
-wissen, was ich bin und wie ich bin -- geben Sie mir das Mädchen!«
-
-»Sie werden begreifen --« stotterte der alte Herr, und das ist in
-solchem Falle fast allemal eine schlimme Einleitung; doch er sagte nur:
-»Sie werden begreifen, daß ich jetzt -- in diesem Augenblicke -- nicht
-vermag, zu antworten. -- Kommen Sie doch morgen abends zu uns. Um sechs
-Uhr zünden wir den Christbaum an!«
-
-Nach diesen Worten machte er sich eilends davon.
-
-Der Doktor brach schier zusammen an seinem Tische, als wäre ihm weiß
-was Leides widerfahren. Ein Sturm von Küssen ging nieder auf das kleine
-Bild. -- Der Arme hatte schon lange nicht mehr geweint, nicht mehr
-weinen können; er hielt das Weinen nur für ein Vorrecht der Kinder, für
-eine Gnade der Glücklichen. Jetzt war auch er dieser Gnade teilhaft
-geworden. Was ihm das Christkind bescheren wird -- es ist leicht zu
-erraten.
-
-Und als er ruhig geworden war, machte er sich daran und schrieb das
-Weihnachts-Feuilleton über die Menschenliebe.
-
-Um solchen Preis hätte ich's auch getan.
-
-
-
-
-Wie ein steirischer Schullehrer die Schlußvorstellung des Burgtheaters
-besucht hat.
-
-
-Vor Jahren erhielt ich von meinem alten Freunde, dem Schullehrer zu
-Oberschachen, einen Schreibebrief, der sich auf ein öffentliches
-Ereignis in Wien bezog und vielleicht noch immer ein wenig innern
-dürfte.
-
-Der Brief lautet:
-
- »Lieber Freund!
-
- Du wirst Dich wundern, daß ich Deiner Einladung, mit Dir auf
- mehrere Tage ins Unterland zu der Weinlese zu reisen, nicht
- nachgekommen bin. Ich hatte mich wahrlich schon darauf gefreut;
- ein alter geplagter Schulmeister hätte der mehrfachen Labung
- wohl vonnöten gehabt. Aber das Pülverchen, welches ich mir im
- langen Jahr über für die Schulferien zusammengetan, sollte auf
- ganz andere Art verpufft werden. Es geschieht mir eigentlich
- recht, und Torheit muß eine große Sünde sein, weil sie immer
- bestraft wird.
-
- Du weißt, daß schon seit Wochen von der bevorstehenden
- Schließung des alten Burgtheaters in Wien die Rede war. Frau
- Muse muß ja auch einen Ringstraßenpalast haben. Die Schließung
- des alten Burgtheaters hat mir Herzeleid bereitet. O schöne
- Zeit, als mich, den armen Studenten, das Burgtheater zum
- Verschwender meiner irdischen Güter gemacht hatte! Meine
- väterliche Munifizenz hatte mir täglich für das Nachtmahl
- die Mittel auf ein paar Würste ausgeworfen: ich ging stets
- hochvergnügt ohne sie schlafen, um von dem Ersparnis mir am
- Sonntag meinen Galeriestand im Burgtheater zu erwerben. Wenn
- ich mich um zwei Uhr nachmittags am Tor anstellte, so hatte
- ich reichlich vier Stunden Zeit, um, das Buch in der Hand, die
- Schulgegenstände zu lernen oder zu wiederholen, was freilich
- mitten in dem Gedränge, das sich gegen Abend einstellte,
- einer gesteigerten Sammlung des Geistes bedurfte. Endlich
- knarrte das Tor, begann der kurze, aber rasende Wettlauf
- durch die dunklen Gänge, über die winkeligen Treppen; bald
- war ich festständig auf der vierten Galerie, und es begann
- die olympische Seligkeit. Wagner, Löwe, Beckmann, Anschütz,
- Rettich waren da, aber ich sah keinen Schauspieler, ich sah und
- hörte und fühlte nur die Gestalten der Dichter; für Schiller,
- Shakespeare, Calderon, Grillparzer usw. hegte ich eine geradezu
- religiöse Andacht. Diese Burgtheaterbesuche haben mich dazumal
- emporgehoben über meine Bettelstudenten-Existenz, ja mich
- sozusagen in die Region der größten Geister eingeführt. In der
- Welt habe ich's nicht so weit gebracht, als ich es zu bringen
- damals den Anschwung nahm, aber bei den Unsterblichen bin ich
- heute, nach mehr als vierzig Jahren, noch ein wenig heimisch.
-
- Als nun der Tag der Burgtheaterschließung näher und näher
- rückt, werde ich unruhig, und plötzlich ist der Entschluß da:
- Opferst dein für die Ferien bestimmtes Scherflein, reisest
- nach Wien zur letzten Vorstellung, damit du das alte Theater
- noch einmal siehst, welches das Glück und die Liebe deiner
- Jugend war. So bin ich am Donnerstag abends richtig in Wien.
- Mein erster Gang ist in die Vorstadt Landstraße; obzwar die
- alte Frau nicht mehr lebt, bei der ich einst meine Kammer
- gehabt, so wußte ich doch, daß Verwandte von ihr da seien,
- bei denen ich vielleicht ein billiges Nachtquartier erlangen
- konnte. Aber ich finde keine Verwandten, ich finde auch das
- Haus nicht, ich finde die Gasse nicht, und da sehe ich, daß der
- ganze alte Stadtteil dahin ist, und daß auf dem Platz lauter
- Paläste stehen. Anfangs erschrak ich, dann mußte ich lachen
- über mich selbst, der doch so oft von den Veränderungen gelesen
- und gehört, die in Wien vorgehen; weshalb hätte gerade das alte
- Haus in der Marxergasse auf mich warten sollen! Ich bin hierauf
- lange in der Stadt umhergestrichen und habe bei mir überlegt,
- ob ich es mit einem Hotel wagen dürfe oder nicht. Man hört
- halt immer von großer Teuerung, und ich weiß noch nicht, wie
- viel der morgige Tag kosten wird. Auch eine mögliche Erhöhung
- des Theaterkartenpreises dürfte mich nicht unvorbereitet
- finden. Endlich dachte ich, sicher wäre sicher und ging in
- ein Kaffeehaus, da hatte ich Jause, Nachtmahl und vielleicht
- auch Nachtquartier auf einmal. Man liest ja doch, daß in Wien
- Kaffeehäuser die ganze Nacht offen bleiben, also nimmt man
- eine Schale Mokka -- denke ich -- raucht seine Pfeife, liest
- Zeitungen, und so vergeht die Zeit. Vielleicht, daß man sich
- gegen Morgen ein wenig auf die Bank legt, um für den nächsten
- wichtigen Abend frisch und munter zu sein.
-
- Im Kaffeehause an einem Nebentisch höre ich einige Herren über
- die morgige Schlußvorstellung im Burgtheater sprechen. Da meint
- der eine, das Galeriepublikum dürfte sich morgen wohl schon
- zu Mittag anstellen müssen, um hinein zu kommen. Darauf sagte
- ein junger Mann, er habe gehört, daß sich schon im Laufe des
- Vormittags Leute anstellen würden, er selbst habe die Absicht,
- schon um acht Uhr beim Tore zu sein. Einen Tag könne man doch
- wohl opfern für diesen Abend, der nicht mehr wiederkehren
- wird. -- Sehr wahr! nickte mein Kopf, und ich komme dir doch
- zuvor. -- Mehrmals hatte ich schon auf eine der mit rotem
- Sammt überzogenen Bänke hingeschielt, wo ich mich später
- niederzulassen gedachte.
-
- Ungefähr bis ein Uhr mochte ich mich mühsam durchgeraucht,
- durchgelesen und durchgegähnt haben, da kommt der Kellner,
- oder wie sie ihn im Kaffeehause heißen, und bedeutet mir, daß
- das Haus gesperrt würde. »Ich weiß es,« sage ich, »darum bin
- ich eben da und will bei der letzten Vorstellung sein.« Das
- Kaffeehaus würde gesperrt, belehrte der Kellner, es sei die
- Polizeistunde. Mein Ansuchen, ob ich mich -- mit ausgezogenen
- Stiefeln natürlich -- wohl auf eine der Bänke hinlegen dürfte,
- wurde abschlägig beschieden. So zahlte ich meine kleine Sach'
- und ging. Ist ja auch kein Unglück; man nutzt Zeit und Weil,
- geht spazieren, beleuchtet ist's, man sieht immerhin etwas, und
- so wird die Nacht recht gut vergehen.
-
- O Herr und Freund! Die Nacht verging, aber wann! Man weiß es
- erst, wie lange der Mensch schläft, wenn man warten muß, bis
- er wach wird. Um vier Uhr beginnt freilich schon das Knarren
- der Wägen, aber man sieht auch, daß um diese Stunde noch immer
- Leute nach Hause gehen, bei denen die Nacht erst anhebt. In
- der Stadt kehrt man die Kappe nämlich um: für den Tag hat
- man schwere Fenstervorhänge, damit die Sonne nicht herein
- kann, um den Schlaf zu stören; für die Nacht erfindet man das
- elektrische Licht.
-
- Endlich und endlich wird es über den Hausdächern grau. Ich
- kaufe mir in einem Greißlerladen ein paar Knackwürste und ein
- Brotlaibchen und gehe nun damit langsam dem Burgtheater zu.
- Dort herum ist es noch fast ganz so wie einstmals; klein und
- unscheinbar steht es da und duckt sich unter das schützende
- Dach des Kaiserhauses. Ich finde mein Tor und stelle mich an.
- Es schlägt halb sieben. Jetzt wird's licht. Bis es wieder
- finster wird, ist der Einlaß. Ich bin sehr glücklich, nur kam
- mir, als ich so dastand, das Bedauern, daß ich den schwarzen
- Stadtrock angezogen hatte und nicht den Lodenmantel; das gab
- sich aber bald, um acht Uhr waren unser schon so viele, daß
- wir einander anwärmten, denn wir hatten einen geschlossenen
- Körper zu bilden, welchen neu Dazukommende nicht zu sprengen
- vermochten. Anfangs regte sich gegen jeden neu Anstehenden eine
- Art von feindlicher Gesinnung, denn er ist ein Konkurrent und
- wird den Kampf erschweren; allmählich macht man untereinander
- Bekanntschaft und plaudert über mancherlei. Die verschiedenen
- Passanten, die Burgwache, vorüberrollende Hofwägen geben Anlaß
- zu allerlei Unterhaltung. Das Hauptgespräch bildete an diesem
- Tage das Burgtheater. Alte Erinnerungen an seinen großen
- Gründer, den Kaiser Josef, an die Dichter, die in diesem Hause
- vorgeführt wurden, an die genialen Künstler, die da wirkten.
-
- Eine ganze Kulturgeschichte zog vorüber an dem geistigen Auge
- derer, die bei diesem unscheinbaren Tore standen. Und einer tat
- die Bemerkung, es gäbe in der großen Wienerstadt kein Haus,
- von dem so viel und so edler Idealismus ausgegangen sei für
- Stadt und Reich, als von diesen schlichten Mauern. Die Welt
- habe ihr Auge und ihr Herz hierher gewendet, und der Genius der
- Menschheit habe seinen Jüngern hier über ein Jahrhundert lang
- Stelldichein gegeben. -- Ein graubärtiger Alter wies auf den
- Glücksstern, der über dem Hause stets geleuchtet habe. Während
- andere Schauspielhäuser mit prunkendem Hochmut aufgerichtet
- wurden, die Kunst für den Tagesgeschmack herrichteten, um
- damit Geldgeschäfte zu treiben, und so geräuschvoll, wie sie
- entstanden, niedergebrochen waren, bewahrte dieses Haus in
- stiller Weihe seine ewigen Güter, und kein Unheil fand den Mut,
- an seine Pforten zu pochen. Selten endet ein Schauspielhaus
- eines natürlichen Todes; viele dieser Gebäude geben sich so
- leidenschaftlich mit Glanz, Glitzer, Blendwerk und buntem
- Schimmer ab, bis sie selbst endlich aufgehen in einem
- furchtbar herrlichen Feuerwerke. Das Burgtheater hütete seine
- Ampel treu, bis der neue Altar fertig war, auf den es sie
- hinstellen konnte, um dann selbst mit würdevoller Sicherheit
- eines edlen Greises zur Ruhe zu gehen. -- Ein Mensch, welcher
- nur der Hetze wegen dazustehen schien, weil er mit allem, was
- ringsum vorging, seine flachen Späße trieb, erklärte solche
- Bemerkungen für »Burgtheater-Phrasen«, während ich den Männern,
- die so gesprochen, hätte die Hand drücken mögen.
-
- Nachdem zu Mittag die Burgmusik uns die Zeit verkürzt hatte und
- abgezogen war, aß ich mein Mittagsbrot. Gegen Abend wurde mir
- von Stunde zu Stunde wärmer, und ich legte meine Hand an die
- Türschnalle, wendete kein Auge mehr von der Pforte, als müsse
- sie sich jeden Augenblick auftun.
-
- Mittlerweile war die Menge und das Gedränge der Wartenden
- gewaltig geworden, auch Frauen und Kinder darunter, die mit
- lauter Stimme manchmal alle Heiligen anriefen vor Angst,
- erdrückt zu werden. Ich wurde steinfest an das Tor gedrängt.
- Fünf Uhr war schon lange vorbei. -- Diese Stunde war die
- längste; wir nahten der sechsten, da knarrte das Tor und ging
- auf. Ich wurde nachgerade hineingestoßen. Und an der Kasse,
- da habe ich meine Geldbörse nicht! Ich suche im Rocksacke,
- im auswendigen, im inwendigen, im Beinkleid -- ich finde sie
- nicht! Und während ich noch suche und suche, werde ich zur
- Seite gedrängt, und alles, was hinter mir gewesen, rast an mir
- vorüber. Mir war schlecht bis zum Sterben. Nach der Polizei
- wollte ich rufen, aber ich brachte vor Entsetzen kein lautes
- Wort heraus. Nach einer Weile, als ich, den kalten Schweiß auf
- der Stirn, an der Wand lehnte, kam ich endlich so weit zu mir
- selbst, daß ich mit einiger Fassung meine Taschen neuerdings
- durchsuchen konnte, und da steckt die vermaledeite Geldtasche
- wohlverwahrt im Westensack, wo ich aus Besorgnis vor Verlust
- sie freilich selbst hingesteckt hatte. Aber was nutzt's, an der
- Kasse ist keine Karte mehr zu haben. Ich stehe mit gerungenen
- Händen: »Ein Platzel wird doch noch sein im ganzen Haus! Ich
- zahle dafür, was ich habe!« Dieses höllische Achselzucken von
- dem Manne! Ich vergesse es nimmer. Und ein Gefühl war in mir,
- als sei von diesem Augenblicke an mein Leben zwecklos. Wenn
- mir die Geldtasche wenigstens gestohlen worden wäre! Aber zum
- Unglücke auch noch das Bewußtsein der eigenen Dummheit, das war
- das allerschrecklichste.
-
- So stand ich jetzt in der dämmerigen Vorhalle, und drinnen
- spielten sie Goethes »Iphigenie«. Ich legte das Ohr an die
- Wand, ob denn nicht ein einziger Laut zu erhaschen wäre. Ach,
- die Glücklichen, die drinnen sind! Und die reichen Leute, wie
- gut haben sie es! Da fahren sie im letzten Augenblick an,
- setzen sich auf ihre bequemen Sessel, wo man alles aufs beste
- sieht und hört, und keiner denkt an den armen Schulmeister, der
- aus den fernen Bergen hergekommen, um unter Darben und Kümmern
- auch nur das bescheidenste Plätzchen zu erringen, und dem es
- trotzdem mißlungen war. -- Ich muß es wohl sagen, die hellen
- Tränen sind mir übers Gesicht geronnen.
-
- Ich bin aber nicht hinaus, sondern habe gewartet, daß
- vielleicht doch ein Wunder vom Himmel falle und mich
- hineinführe. Aber es fiel keines vom Himmel. Lange betrachtete
- ich die Stücke einer Holzbrüstung, welche die Hineinstürmenden
- zertrümmert hatten. Jetzt kann hier ja alles zertrümmert
- werden, sie brauchen nichts mehr. Diese Trümmer brauchen sie
- auch nicht. Es kam mir der Gedanke, ein Holzstück mitzunehmen,
- als Andenken an das alte Burgtheater. Ich könnte mir daraus
- ja Bilderrahmen oder dergleichen schnitzen. Gedacht, getan;
- als ich jedoch das Holz in der inneren Rocktasche bergen
- will, stehen zwei Wachleute da, um mich festzunehmen. Im
- ersten Augenblicke war ich fast gewillt, die Nacht über unter
- behördlichem Schutze zu bleiben, allein eine Stimme in mir
- sagte: »Nein, Franz, dich einsperren lassen! So darf das
- alte Burgtheater für dich nicht enden.« -- Ich gab daher der
- Wahrheit gemäß an, wer ich bin, weshalb ich hergekommen war
- und warum ich das Stück Holz mit mir nehmen wollte. Hierauf
- besprachen sie sich eine Weile, und ich begann schon zu hoffen,
- die Sache könne eine günstige Wendung nehmen. Aber es kam
- nichts weiter heraus, als daß ich fortgewiesen wurde und das
- Holztrumm mitnehmen durfte.
-
- Also nahm ich Abschied von dem Hause, zu welchem ich auf weitem
- Wege wie auf einer Wallfahrt hergekommen war. Habe Dank, du
- geliebtes Haus! Habe Dank, du geliebtes Haus! Anderes konnte
- ich nicht mehr denken. So taumelte ich auf die Gasse.
-
- Auf dem Kohlmarkt war noch ein Bildergeschäft offen. Um das
- Geld, welches für den Eintritt bestimmt gewesen, kaufte ich mir
- die Porträte von Shakespeare, Schiller und Lessing. Hierauf
- machte ich einen Spaziergang über den hell erleuchteten
- Ring. Als ich an das Gebäude kam, das sie von jetzt an das
- Burgtheater heißen werden, stand ich ein wenig still. Da ragte
- es vor mir, weiß und kalt. Was wird es nützen, wenn auch die
- großen Schauspieler mit den Klassikern hier einziehen, wenn
- die Zuschauer nicht mehr so gläubig sind als einst! Es soll
- herrlich sein in dem neuen Hause. Ich werde diese Pracht wohl
- niemalen sehen; ich bewahre mir nur die Erinnerung an das alte
- Burgtheater, wo die Begeisterung meiner Jugend gewesen.
-
- Auf der Wieden kehrte ich in einem Gasthofe ein; jetzt war
- gar keine Ursache mehr, so ängstlich zu sparen, morgen früh
- geht's heimwärts. Aber als morgen früh kam, war ich ein
- armer Mann geworden. Das Zimmer, dessen Preis im Vorhinein
- vereinbart worden, hätte mich noch nicht ruiniert, allein das
- Service, die Bougie und wie all diese schönen Dinge heißen,
- deren Sonderberechnung man sich in der ehrlichen deutschen
- Sprache nicht zu nennen getraut, haben mich wirtschaftlich
- herabgebracht; endlich das Stubenmädchen, das bei meinem
- Scheiden die hohle Hand herhielt, der Kellner, der die Hand
- herhielt, der Hausknecht, der die Hand herhielt und der
- Portier, der auch die Hand herhielt, haben mich selbst zum
- Bettler gemacht. Kaum konnte ich noch eine Eisenbahnkarte
- bis Mürzzuschlag erschwingen; in Neustadt als Frühstück und
- Mittagsmahl ein Paar Frankfurter gehörten so gut wie das
- Burgtheater bereits der idealen, mir unerreichbaren Welt an.
-
- Mich verdroß es nicht, 's ist einmal so der Welt Lauf. Nur
- gesund nach Hause kommen! Dann lese ich meine Dichter, und
- alles ist gut. Im Mürztale wußte ich einen befreundeten
- Amtsbruder, bei dem ich vorsprechen wollte und der mir schon
- aus der Not helfen würde mit einem Zehrpfennig für den Rest
- meiner Heimreise ~per pedes~. Damit mir aber mein Unstern
- bis zu Ende treu bleibe, mußte der Amtsbruder auf Ferien
- verreist sein. Jetzt war ich glücklich daran, daß ich in einem
- Bauernhause um einen warmen Löffel Suppe bat, der mir auch ohne
- weiteres geschenkt worden ist.
-
- Am vierten Tage meiner Reise, die weniger reich an Vergnügen,
- denn an Erfahrung war, bin ich nach Hause gekommen, um nun den
- übrigen Rest der Ferien in stiller Beschaulichkeit zuzubringen.
-
- So weißt du es, lieber Freund, wie es kam, daß ich mit dir
- nicht ins Weinland fuhr. Mein Mißgeschick habe ich verwunden
- und gestatte dir, daß du mich recht auslachen darfst. Wenn
- du einmal zu mir kommst, will ich dir die schönen Bilder von
- Shakespeare, Schiller und Lessing zeigen, zu denen ich aus
- dem Holze der Brüstung Rahmen geschnitzt habe, damit ich auch
- fürder mich freuen und erbauen kann an unseren Klassikern im
- Rahmen des Burgtheaters.«
-
-
-
-
-Das Bekenntnis eines Verurteilten.
-
-
-Im Staatsgefängnisse zu Sydney saß ein merkwürdiger Mann. Seine
-knochigen, sonnengebräunten Glieder waren nur zum geringsten Teile
-mit Lappen bedeckt. Sein Haupt war wirr umwuchert von Haar und Bart,
-zwischen welchen ein paar scharfe Augen glühten, wie die Lagerfeuer
-von Wilden im Busch. Der Mann war am Murrayflusse mit einer Meute von
-Wilden gefangen worden. Er schien ihr Häuptling gewesen zu sein, so
-wie er an Gestalt und Kraft seine Genossen überragte, einen längeren
-Wurfspieß und ein sorgfältiger geschmücktes Känguruhfell trug, als die
-übrigen. Er war auch der mutigste gewesen; alle anderen stoben vor dem
-ersten Schusse der Engländer auseinander, er trotzte und trachtete
-die Rotte zum Angriff zu führen. Aber diese suchte zu fliehen, was
-ihr mißlang. Der Häuptling wurde niedergeschlagen und gefangen. Er
-stieß brüllende Töne aus und biß wütend mit den Zähnen um sich; später
-jedoch, als er im festen Gewahrsam saß, stellte es sich heraus, daß er
-mit großer Geläufigkeit englisch, deutsch und französisch spreche.
-
-Man vermutete, daß er sich niemals zu Trotze gestellt hätte, sondern
-mit seinen Gefährten geflohen wäre, wenn er nicht gemeint haben würde,
-die Engländer führten mehr Gold als Pulver mit sich. Dann begann er zu
-rasen, sich und das Gold zu verfluchen, und als man d'ran ging, ihm den
-Prozeß zu machen -- denn es hatten sich seltsame Sachen herausgestellt
--- wurde er gefaßter und verlangte einen Priester. Man sandte ihm einen
-Pastor, den schickte er wieder zurück -- er sei ein geborener Irländer,
-also Katholik.
-
-Als der katholische Priester zu ihm in das Gefängnis trat, lag er
-ausgestreckt auf der Erde, verbarg sein Gesicht in das Ziegelpflaster
-und rief: »Kannst du es glauben, du einer von denen, die mich getauft
-haben: ein wildes Tier bin ich geworden!«
-
-Der Priester suchte ihn zu beruhigen, aufzurichten. Der Wilde grinste
-ihm in das Gesicht und schrie: »Stehe mir nicht so würdevoll da. Was,
-wenn +ich+ jetzt du wäre und +du+ das verdammte Menschentier, das ich
-bin?«
-
-»Komme zu Frieden,« sagte der Priester, »ich will die Würde des Dieners
-Gottes gerne ablegen, wenn sie dich blendet, ich will mit dir sein,
-wie ein Mensch mit Menschen. Du bist unglücklich, aber du gehörst zu
-uns. Bist du strafbar, so straft dich das Gesetz, nicht der Mensch,
-der bleibt bei dir und verläßt dich nicht in deiner größten Not und
-nicht in deiner letzten Stunde. Er bittet dich nur eins: Sei auch
-du menschlich und mache dein Herz auf, damit dein Bruder Frieden
-hineinlegen kann.«
-
-»Ich bin braun, nicht wahr?« fragte der Gefangene und wies auf seinen
-halbnackten Körper, »das hat die Sonne getan und der heiße Wind im
-Scrub. Und mein Herz, das du haben willst, ist nicht braun, das ist
-schwarz wie die schwimmende Hölle, die mich hergebracht hat; wer es
-schwarz gemacht, das sollst du hören. -- Ha ha«, lachte er grell. »Es
-soll aber noch einmal rot werden, bevor ich tot bin.«
-
-Der Priester setzte sich auf die steinerne Bank und sagte: »Damit du
-siehst, daß ich dir gut bin und vertraue, so schicke ich den Soldaten
-davon, der zu meinem Schutze dort an der Pforte steht.«
-
-»Das ist mutig, Sir,« versetzte der Gefangene. »Ich habe an den Händen
-keine Ketten und könnte dich erwürgen.«
-
-»Was würde dir das nützen?«
-
-»Was würde es mir schaden?« lachte der Wilde, »um einen mehr, das wiegt
-nicht viel, und es könnte sein, es ginge mir gerade noch nach einem
-katholischen Priester. Doch nein, lass' den Soldaten gehen oder stehen,
-ich pflege nur um Gold zu morden, aus Rache nie.«
-
-»Wie sollte ich, der ich dich heute das erstemal im Leben sehe, ein
-Gegenstand deiner Rache sein können?« fragte der Priester.
-
-»Du hast recht. Du bist als Mensch gekommen und nicht als Geistlicher.
-So kann ich dir nur sagen, daß ein Geistlicher die Kugel geschoben hat,
-die jetzt so grob geschlagen, so grob, daß ich aus Verzweiflung einen
-Schrei tun möchte, der die Welt könnt' erzittern machen. -- Nun, du
-sollst es hören.«
-
-Er erhob sich nicht vom Pflaster, die schweren Verletzungen bei seiner
-Gefangennahme hatten ihn körperlich entkräftet. Er kauerte da und
-redete.
-
-»Ich bin der Sohn eines Schäfers in Irland,« begann er, »meine Eltern
-waren fromme und sogar ehrliche Leute. Auch ich war beides und ich
-hatte einen phantasierenden Sinn, wie ihn die Hirten haben auf ihren
-stillen Weiden; dann war ich ehrgeizig und strebte dem Höchsten zu,
-was ein Hirtenjunge kennt, ich wollte Bischof werden. Von Gold und
-Edelgestein habe ich damals noch nicht viel gewußt, ich wollte nur
-Bischof werden. Der Pfarrer von unserer Gemeinde -- der gute alte
-Mann! -- der riet mir nicht dazu, er meinte, man könne als armer
-Hirte ebensogut selig werden, denn als Erzbischof. Aber mir wäre es
-doch als Erzbischof lieber gewesen. Der Pfarrer nimmt sich meiner an,
-und sein gutes Herz ist mein Unglück geworden. Er fängt an, mich zu
-unterrichten und schickt mich nach Dublin in eine geistliche Anstalt,
-wo ich kostenfrei aufgenommen werde. Ich studiere dort etliche Jahre,
-steige rasch aufwärts, und wenn es in solcher Art fortgegangen wäre,
-so könnte ich heute zum mindesten Erzpropst zu Cork oder Waterford
-sein. Da bringt mir eines Tages einer meiner Studiengenossen ein Werk
-von dem gottlosen Franzosendichter Voltaire. Kennst du den? Ich auch
-nicht, weiß nur, daß er gottlos war. Mein Kollege ermuntert mich, ich
-solle das Buch lesen, aber heimlich, denn es wäre verboten. Verboten?
-Das ist eine Empfehlung. Ich nehme das Buch mit zu Bette, bin aber
-schon bei der zweiten oder dritten Seite eingeschlafen. Am Morgen,
-als der Präfekt kommt, um zu wecken, findet er auf meiner Bettdecke
-den Voltaire. Er konfisziert ihn und konfisziert auch mich -- steckt
-mich auf vierundzwanzig Stunden in das Karzer. Im Karzer habe ich
-genügende Zeit nachzudenken, was denn in jenem Buche enthalten sein
-mochte, daß das Lesen desselben solche Strafen nach sich zieht. Meine
-Neugierde steigt von Stunde zu Stunde, und als ich wieder frei bin, ist
-mein Trachten, mich unbemerkt in die Präfektur zu schleichen und das
-konfiszierte Buch wieder zu erhaschen. Das gelingt mir. Ich verstecke
-mich an einen sicheren Ort, um ungestört der Lektüre nachhängen zu
-können; aber der Teufel hol' mich noch vor dem Denken, wenn ich daraus
-klug geworden bin! Nicht einmal den Titel dieses Buches habe ich mir
-behalten. Was ist das Ende? Ich werde auf meiner Heimlichkeit entdeckt
-und auf der Stelle relegiert. -- So, das war das erste Kapitel.«
-
-Wunderlich war's, wie das der Mensch halb in Grimm und halb in
-Selbstironie erzählte.
-
-»Mein Lebenslauf« so fuhr er dann fort, »ja, das wäre was für einen
-Voltaire oder einen andern Gottlosen -- wie sie sagen, gibt es heute
-deren genug -- zum Erzählen. Hundert Bände, wenn er wollt' -- mein
-Lebenslauf ist ja geschaffen, in Bänden zu sein. Du verstehst mich.
--- Ich habe mich wohl noch einmal an die Direktion des geistlichen
-Institutes gewandt, in Demut bittend um Wiederaufnahme. Vergebens,
-sie wurde mir versagt. Ausgeschlossen und verjagt. -- Nun, jetzt
-bin ich ein freier Mann in der großen Stadt Dublin. Ins Gebirge
-zurückkehren und meinen boshaften Landsleuten sagen: Ich habe wollen
-ein hochwürdiger Herr werden, aber sie haben mich verjagt und jetzt bin
-ich wieder da. -- Nicht um Altengland! So habe ich mich herumgetrieben,
-solange es ging, habe mich als Führer und Lastträger nützlich machen
-wollen, aber es war kein Erwerb. Ich war ein Gassenjunge mit zwanzig
-Jahren, aber viel unbeholfener und blöder als andere meinesgleichen.
-Ich habe den Gedanken gefaßt, in einer andern Stadt Aufnahme zu suchen,
-um meine Studien zu beenden, aber ich stand bereits zu tief, hatte
-nicht mehr den Mut. Ein Kleidungsstück ums andere habe ich verkauft, in
-Branntweinhöhlen habe ich gekartelt, und in einer Nacht hat mich die
-Polizei von der Gasse aufgehoben und in Gewahrsam gebracht. Im Arrest
-macht man interessante Bekanntschaften, nicht wahr? Nun, ich habe von
-ihnen profitiert; ich habe erfahren, wie sich der Taugenichts Geld
-erwirbt und wo die sichersten Spelunken sind. Als sie mich auf meine
-Beteuerung, ein arbeitsames Leben beginnen zu wollen, frei lassen,
-verlege ich mich sofort auf die Bauernfängerei. Dieses Geschäft gelingt
-mir besser als den anderen, denn ich kenne die Bauern. Anfangs treibe
-ich es zahm und begnüge mich mit einem Imbiß, führe sie in der Stadt
-eine Stunde herum an ein kaum fünf Minuten entferntes Ziel, um ein
-größeres Stück Geld verlangen zu können. Endlich gehe ich weiter und
-führe sie in die Spielhöhlen. Ich bin respektabler Falschspieler,
-finde aber meinen Meister und in einer Nacht verspiele ich Leib und
-Leben. Leib und Leben! Wir spielten darum. Ich hatte keinen Heller mehr
-in der Tasche, keinen Knopf mehr am Leib, der mir gehört hätte. »So
-gilt's um deine Haut und was dazu gehört!« sagte mein Gegenspieler.
-»Es gilt,« sagte ich. In einer Minute darauf gehöre ich ihm. »Jetzt
-habe ich das Recht, dich zu erdrosseln,« sagte mein Herr. »Das hast
-du,« antwortete ich. »Das wäre doch ein schlechtes Geschäft,« lachte
-er, »du bist ein schöner, junger Mann und hast ein Gesicht wie ein
-junger Heiliger -- dich verwerte ich besser. Wir reisen nach London,
-dort blüht unser Weizen und sollst nicht allein das Stroh davon haben.
-Zeigst du dich verwendbar, so wird es dein Schade nicht sein.« -- Es
-ist gut, denke ich, in London kann ich vielleicht meine theologischen
-Studien fortsetzen -- daraus siehst du, was ich für ein einfältiger
-Junge bin. Einfältig und verschmitzt! Wir fuhren dann über die See und
-von Liverpool nach London. Dort begann mein Ruhm. Vom Hehlerjungen
-zum Taschendieb, zum Einschleicher und Einbrecher ist für ein Talent
-kein langer Weg, ich übergehe die Heldentaten, sie sind dir und mir
-langweilig, sie sind tausendmal dieselben. Ich stieg auf meiner
-Stufenleiter so hoch, bis ich eines Tages Polizeibeamter der City
-war. In der Tat, ja! Es sind mir -- ich war stets der treue Diener
-meines mächtigen Herrn -- Papiere verschafft worden, mittelst welcher
-ich Priester der heiligen Themis wurde. Gewesene Wilderer sind ja die
-besten Jäger. Du kannst dir denken, welche Vorteile daraus unserer
-Sache erwuchsen. Es waren unser eine wohlorganisierte Bande von
-viertausend Köpfen, die meisten derselben trugen Seidenhüte, viele
-davon wurden von manchem ehrsamen Bürger Londons untertänig gegrüßt.
-Unsere Hauptverbündete war die Themse, sie verbarg unsere Toten. In
-den ersten Jahren, selbstverständlich vor meiner Polizeiperiode, saß
-ich ein paarmal kurze Zeit, später wohnte ich nur mehr als Gentleman,
-bezog ein anständiges Gehalt vom Staate, aber ein dreifach größeres
-von unserer Verbindung. Da kam ein Tag, und es war plötzlich aus. Ein
-Einbruch in den Tower, um eines unserer Häupter aus dem Gefängnis zu
-befreien, mißlang. Nun war es mein Amt, dasselbe auf diplomatischem
-Wege zu befreien; da durchbrach ein vermaledeiter Profoß das Gewebe,
-womit wir die Londoner Polizei so sinnig umsponnen hatten, ich war
-entlarvt und leider auch gleichzeitig gefangen. Ich war gefaßt
-auf zwanzig Jahre Kerker, aber England dachte seinem emeritierten
-Polizeibeamten eine Vergnügungsreise zu. England besitzt in Australien
-eine Sträflingskolonie -- also nach Australien.« -- Nach einer Weile,
-während sich der Erzähler zu sammeln schien und auf ein Kruzifix
-blickte, das an der Mauer hing, sagte er:
-
-»Morgen will Neu-Süd-Wales eine schöne Ausnahme vom britischen Gesetz
-machen und einen henken, weil seine Bande den Reisenden Ludwig
-Leichhardt umgebracht haben soll. Ich sage dir, Priester, ich habe
-dich nicht rufen lassen, daß ich mich vor dir verteidige, aber das
-wiederhole ich dir, wie ich es dem Gerichtshofe wiederholt habe, an dem
-Morde Leichhardt's bin ich so unschuldig, wie der Schächer am Kreuz an
-Christi Tod. Ich will nicht gehenkt sein, das ist etwas für gemeine
-Gäuche. Ich will, daß sie mir den Kopf abschlagen.«
-
-Er schwieg hierauf lange. Der Priester erlaubte ihm, fortzufahren.
-
-»Sehr gern,« versetzte der Gefangene, »wenn ich nur zerknirscht sein
-könnte! Ich fühle in mir nicht genug Reue, mir ist, als hätte es so
-sein müssen und lebe ich wieder, so handle ich vielleicht wieder so.
-Darum muß ich aus der Welt gebracht werden, ich selbst beantrage es.
--- Der Dampfer, auf welchen wir eingeschifft wurden, hieß »Irland«.
-Mir zum Hohne der Name meines Vaterlandes. Wir nannten ihn aber die
-schwimmende Hölle. In Wahrheit, das war er. Unser sind an dreihundert
-gewesen, lauter Verbrecher aus England. Die Aufseher haben uns, um sich
-auf dem Schiffe der Sorglosigkeit hingeben zu können, in den tiefsten
-Unterräumen mit Ketten zusammengeschmiedet. Wir sahen viele Wochen kaum
-einen Sonnenstrahl, unsere halbblinden Rundfenster waren meist unter
-Wasser. Keine Luft und Nahrung. Leider noch zu viel zum Verhungern. O
-Voltaire! Hätte dich im Mutterleib der Blitz erschlagen, ich stünde im
-Dom und trüge prachtvollen Ornat, anstatt in dieser Pestgrube auf dem
-Weltmeere zu verderben. Mir zur Linken der Nachbar wurde typhuskrank
-und starb. Wir verheimlichten den Aufsehern seinen Tod, um seiner
-Portion Nahrung nicht verlustig zu werden, die wir Nächststehenden uns
-als Erbschaft teilten. Aber der Tote, der nicht zu ihren Ohren kam, kam
-zu ihrer Nase und wir wurden auf einige Tage gelüftet. Im Indischen
-Meere ging es ein wenig unstät her und wir wurden durch Stürme südlich,
-ich glaubte gegen die Kerguelen, verschlagen. Das Schiff mußte an
-einer Insel landen, um Wasser zu schöpfen. Hier gelang es dreien von
-uns zu entkommen. Ich war mit ihnen. Es war aber ein böser Gewinn. Wir
-durchirrten die unfruchtbare Steinwüste. Einer von uns, der nach der
-finsteren Hölle das grelle Licht und das heiße Sandwehen nicht ertragen
-konnte, erblindete. Wir hatten Keulen bei uns, um Tiere zu erschlagen
-und von ihrem Fleische zu leben. Aber die Gegend war tot und starr,
-soweit das Auge spähte, der Hunger drohte uns wahnsinnig zu machen, da
-erschlugen wir unsern Blinden ... Nach einigen Tagen, als der Vorrat
-bereits alle oder verdorben war, sann ich nach einer Gelegenheit, auch
-meinen andern Genossen umzubringen und der hat später kein Hehl daraus
-gemacht, daß er einen gleichen Anschlag gegen mich im Schilde geführt.
-Wir trauten einer dem andern nicht; wir hatten in der fürchterlichen
-Wüste niemand, als uns allein, und wir waren unsere gefährlichsten
-Feinde. Endlich wurden wir von unseren Soldaten wieder glücklich
-eingefangen und, beim heiligen Gott, wir setzten uns nicht zur Wehr.
-Wir kamen endlich nach Australien und landeten in Van Diemens-Land --
-wir nannten es das Teufelsland, aber im lustigen Sinne, denn in ihm
-regierte Vater Howe.«
-
-»Howe,« unterbrach ihn der Priester, »so hieß ja der berüchtigte
-Räuberhäuptling in Tasmania.«
-
-»Ganz richtig, Sir, eben derselbe. Ein Landsmann von mir -- hatte
-ähnliche Schicksale und ich war entschlossen, um jeden Preis unter
-seine Fahne zu kommen und, wie er, ein gefürchteter Bandenführer zu
-werden. Aber man war schlau und ahnte, daß Howes Schar auf uns neue
-Einwanderer eine große Anziehungskraft haben dürfte, wir wurden nach
-Neu-Süd-Wales eingeschifft. Und in diesem Lande erging es mir so
-wunderlich, wie sonst nirgends. Wir Sträflinge wurden freigelassen und
-arbeiteten teils an Häfen, Kanälen, Straßen und Eisenbahnbauten und am
-Aufbaue der Stadt Sydney. Ich sah bald ein, hier war die Stufenleiter
-wieder eine andere und ich richtete mich danach. Ich arbeitete und
-heuchelte und war auch fleißig in der Tat und war verwendbar und
-machte mich verläßlich. Nach einem Jahre war ich Arbeitsaufseher, nach
-drei Jahren gaben sie mich und einige andere, die sich brav gehalten,
-frei. Jeder von uns erhielt ein Stück Land mit Schafen und Pferden.
-Ich verstand was davon und der Hirte aus Irland wurde ein Squatter am
-Darlingflusse. Ich baute mir ein Haus auf der Station und baute mir ein
-Haus in der Hauptstadt. Ich war ein reicher und somit ein ehrenwerter
-Mann. Ich lebte auch danach und hatte eine laute Stimme in unserem
-Parlament. Es war gut, ich könnte heute Bürgermeister von Sydney sein;
-mancher der Deportierten hat es hoch gebracht. Vor allem reich sein,
-das ist die Hauptsache. Danach handelte ich und wie ist es geworden? --
-Daß ich heimlich einen schwunghaften Rumschmuggel betrieb -- du weißt,
-daß Rum bei uns verboten war, und daß ich selbst auf meinem Landgut
-eine Branntweinbrennerei besaß -- hätte nicht geschadet, wenn es nur
-nicht an den Tag gekommen wäre. Mir kostete die Sache mehr als die
-Hälfte meines Vermögens und ich mußte trachten, es wieder zu ergänzen.
-Und nun beging ich die größte meiner Taten.«
-
-»So erzähle sie,« sagte der Priester, »aber fasse dich kurz.«
-
-»Kurz? Hast du keine Zeit?« fragte der Gefangene, »du willst dich
-beklagen und +ich+ zähle mein Leben nur mehr nach Stunden.«
-
-»So erzähle, wie du willst, Hauptsache ist hier die Erleichterung
-deines Herzens.«
-
-»Es wird nun vom Gold die Rede sein,« fuhr der Irländer fort, »und
-das ist ein böses Thema. Es war zur Zeit, als Australien auf war, um
-Gold zu graben. Der Squatter wie der Vornehme, der Fischer wie der
-Beamte, alles grub Gold. Alle aus der alten Welt anlangenden Schiffe
-brachten Goldgräber. Viele wurden reich, viele gruben sich das Grab.
-Noch mehr wurden elend. Auch ich habe gegraben, aber die Lohnarbeiter
-haben mich betrogen und für meine Person war mir die Wühlerei nicht
-amüsant genug. Es gibt bessere Mittel, um reich zu werden, als die
-Arbeit der Hand. Die Spekulation, du errätst es ja. Ich sah, wie
-sich die goldsuchenden Menschenmassen immer mehr in das Binnenland
-zogen, während die Lebensmittel, je mehr von der Küste entfernt, je
-kümmerlicher und ungenügender wurden. Ich verkaufte mein Haus in Sydney
-und kaufte ganze Schiffsladungen mit Nahrungsmitteln und schaffte sie
-in Gegenden, in welchen große Goldfunde vorausgesehen werden konnten.
-Aber die Berichte von neuen Goldgruben schwankten hin und her und die
-Goldgräber zogen der Fata Morgana nach, gleichviel, ob sie in den
-wasserlosen Wüsten oder im Scrub verschmachteten. Ein großer Teil
-meiner Waren lag an einem Nebenflusse des Murray und lief Gefahr, zu
-verderben. Diese Waren mußten an Mann gebracht werden. Aber wie? Die
-Gegend war wieder öde geworden, nur die Känguruhs und die Dingohunde
-durchstrichen den Scrub. -- In denselben Tagen war's, daß ein Squatter,
-nennen wir ihn John Peak, von seinem Bruder am Murrumbidschifluß ein
-Schreiben erhielt, daß in seiner Gegend, westlich der Blauen Berge,
-ein unbeschreiblich reiches Goldlager entdeckt worden sei. Ich selbst
-sah den Brief und machte ihn bekannt. Allsogleich große Aufregung in
-den Küstenprovinzen und die Leute eilten herbei, um sich bei John
-Peak des näheren zu unterrichten. Peak kündigte an, daß er gesonnen
-sei, an einem der nächsten Tage früh mit großen Warenladungen von
-Lebensmitteln nach dem Murrumbidschiflusse aufzubrechen, wer wolle, der
-könne sich dem Zuge anschließen. Und siehe, an dem bestimmten Morgen,
-kaum die Elster ihr Lied sang, war eine große Anzahl von Männern mit
-Grabscheit und allerlei Arbeitsgeräte zusammengekommen, um sich dem
-Zuge anzuschließen. Vierzig paar Ochsen waren an schwer beladene Wagen
-gespannt und diesen schwerfälligen Fuhrwerken folgten die Goldgräber,
-junge, kräftige, lebenslustige und arbeitsmutige Leute, heiter und
-hoffend, und so bewegte sich die Karawane den neuen Goldfeldern
-entgegen. Es war im Januar, also mitten im Sommer. Die Gegend war
-heiß und wurde von Stunde zu Stunde öder. Das Gras an der Wurzel war
-zu Heu geworden, die Bäche waren vertrocknet, kaum daß in einzelnen
-schlammigen Sümpfen Menschen und Tiere ihren Durst zur Not löschen
-konnten. Die Blätter der Gummibäume hingen welk herab, gaben aber
-keinen Schatten. -- Ich erzähle dir diesen Zug genau, wie er in meiner
-Erinnerung ist, weil er mir von allen meinen Wegen heute am schwersten
-auf dem Herzen liegt. Der Weg hatte über Gebirgskämme und Steinflächen
-geführt, aus denen wir zwar fortkamen -- ich war stets dabei, das merke
-dir -- die Ochsen dagegen aber harte Mühe hatten, die schweren Wagen
-weiterzubringen. Wir mußten Hand anlegen, jetzt vorwärtsschieben, jetzt
-zurückziehen und dann wiederum die Lasten vor Sturz in die Abgründe
-bewahren. Einige hatten dem Fuhrwerk bereits auch ihre mitgeschleppten
-Habseligkeiten aufgebürdet, wofür sich Mister John Peak wacker bezahlen
-ließ. So hatte die Reise bereits vier Tage gewährt und wir befanden uns
-nun in einer vollständigen Wildnis, wo weit und breit keine Ansiedlung
-war, ein dürrer Boden, den wohl noch niemals die Füße eines Europäers
-betreten hatten.
-
-Der fünfte Tag war ein Sonntag, da wurde Rast gehalten. Es ist aber
-keine Sonntagsruhe gewesen, die Leute waren unzufrieden und drangen
-in John Peak, ihnen doch endlich mitzuteilen, wann diese trostlose
-Gegend ein Ende nehme, wo die Goldfelder wären. John Peak hatte die
-Ungeduldigen zu vertrösten gewußt von Tag zu Tag und jetzt entgegnete
-er unwirsch, ob sie denn glaubten, daß er das Goldland herbeizaubern
-könne? Ob nicht auch er selbst, seine Leute und sein Vieh an dem
-Ungemache der Reise zu leiden hätten, ob er sie denn gebeten habe, mit
-ihm zu kommen, ob es nicht reine Gefälligkeit von ihm gewesen wäre, sie
-mit sich zu führen? Das sprach er vernünftig. Es ließ sich laut nichts
-darauf entgegnen, jedoch hinter seinem Rücken begannen die Männer zu
-murren: »John Peak hat den Weg verloren und will es nicht gestehen.«
-Ob er sich seiner Sache gewiß sei? wurde er befragt. Das wäre er.
-Er solle noch einmal den Brief seines Bruders zeigen. Er zeigte den
-Brief und da stand's: Am Murrumbidschifluß ein unbeschreiblich reiches
-Goldlager gefunden. Der Fluß mußte ja in dieser Gegend sein, nur
-war er unter anderen Schründen, die sich im wüsten Grunde hinzogen,
-schwer zu erkennen, da er ausgetrocknet sein konnte. Sie beruhigten
-sich also wieder. Die Menge der Goldsucher war bereits bis zu tausend
-Köpfen gestiegen. Das Lager wurde nicht abgebrochen. John Peak sandte
-Leute aus, angeblich nach der Besitzung seines Bruders. Mittlerweile
-zehrte die Menge von seinen Vorräten und zahlte ihm hohes Geld. So
-ging ein Tag um den andern hin und nun erhob sich eine Unruhe im
-Lager, die nichts Gutes ahnen ließ. Der Argwohn war da: Die ganze
-Goldgrubengeschichte wäre erfunden. John Peak habe die Leute in die
-Wüste verlockt, um seine Lebensmittel zu enormen Preisen zu verkaufen.
-Und in der Tat, die Lebensmittel wurden von Stunde zu Stunde knapper
-und stiegen im Preise, so daß viele, deren Barschaft zu Ende ging,
-bereits Hunger litten. Einzelne trennten sich von der Menge los und
-irrten in Sand und Scrub umher, in der Hoffnung, auf die geträumten
-Goldfelder zu stoßen. Man soll nichts mehr von ihnen gehört haben.
-
-Im Lager wuchs die Aufregung, es kam zu einer Volksversammlung, in
-welcher die Vermutung des Verrates offen ausgesprochen wurde. Nach
-einer stürmischen Stunde schien es sichergestellt, daß die Menge nur
-in diese Öden geführt worden war, um dem Squatter die bereits im
-Verderben begriffenen Lebensmittel zu konsumieren. Um aber dem Manne
-nicht Unrecht zu tun, sondern vollständige Gewißheit zu erlangen, wurde
-beschlossen, auf Kosten der Versammlung eine Expedition auszuschicken,
-den vorgeschützten Bruder oder die Goldlager zu finden. John Peak
-sollte bis zur Rückkehr der Männer strenge bewacht werden.
-
-Am folgenden Morgen wurde die Expedition, mit Lebensmitteln und guten
-Pferden versehen, abgelassen. Sie durchstrich die rotbraunen Flächen,
-fand weder Vegetation noch Wasser, weder Weg noch Steg, überall nur
-die nackten Granitfelsen, stellenweise knietiefen Sand und wirbelnden
-Staub. Soweit das Auge reichte kein grünes Blatt, kein Grashalm, nach
-allen Seiten hin nichts als grauer Himmel und brauner Sand.
-
-Heiße Winde aus Nordwesten bliesen da und dort ein finsteres Gewölke
-heran, aber es waren nicht die willkommenen Wasserdünste, es war
-glühender Staub. Die Expedition soll viel gelitten haben, stieß aber am
-dritten Tage auf eine kleine Oase, wo sich eine Schafzucht befand. Es
-war die Gegend, wie sie von John Peak als der Wohnort seines Bruders
-verzeichnet worden. Die Männer fanden bei den Hirten freundliche
-Aufnahme; sie zogen ihre Erkundigungen ein und erfuhren erstens, daß
-hier kein Mensch wohne, der einen John Peak zum Bruder habe, und
-erfuhren, daß in dieser Gegend von einem Goldlager weder jemals eine
-Spur, noch eine Rede gewesen sei.
-
-Die Expedition hatte ihren Zweck erreicht und trat die Rückreise an. Um
-der gefürchteten Sandwüste zu entgehen, wollte sie eine andere Richtung
-einschlagen, stieß aber auf grundlosen Morast des Murrumbidschi und auf
-undurchdringlichen Scrub. Von der Expedition erlagen zwei Mann. Auf
-der wieder betretenen Sandwüste stand eine weitere Überraschung bevor.
-Raubvögel umflatterten drei menschliche Leichen, die auf dem Rücken
-lagen und ihr Antlitz gen Himmel gerichtet hatten. Endlich hatte die
-Expedition sich zurückgefunden zu den weißen Zelten und sie erstattete
-Bericht, daß weit und breit kein Bruder des Squatter und keine Spur
-einer Goldmine entdeckt worden sei.
-
-John Peak hatte den Brief seines angeblichen Bruders selbst
-geschrieben, um die Leute in die Wüste zu locken und bei ihnen
-seine Waren abzusetzen -- John Peak wurde in aller Form zum Tode
-verurteilt. --
-
-Der aufgeregten Menge hatte man vor das Zelt, in welchem Peaks
-Warenlager sich befand, ein Faß Rum gerollt, den Boden eingeschlagen
-und alles drängte sich vor, einen Becher des Getränkes zu erlangen.
-Bald war das Faß leer und auch ein zweites, ein drittes, dann wurde mit
-wildem Lärm das Warenlager gestürmt und jeder nahm, was ihm das Nächste
-war. Der eine trug einen Sack Reis fort, der andre einen Sack Zucker,
-der dritte eine Kiste Thee; andere Mehl, Butter, Schinken, Tabak. Jeder
-wollte sich nun entschädigen, und es ging toll zu im Wüstenlager.
-
-Als man sich endlich nach dem Verurteilten umsah, um ihm zur Krone des
-Festes sein Recht anzutun, war der Vogel ausgeflogen. -- Jetzt sahen
-sie den Flüchtling auf raschem Renner über die weite Ebene dahinjagen.«
-
-So der Gefangene.
-
-»Ja,« entgegnete nun der Priester, »ich habe seinerzeit von dieser
-Geschichte vernommen. Aber warum erzählst du nicht von dir?«
-
-»Ja,« sagte der Gefangene: »hast du in John Peak denn nicht +mich+
-erkannt? Nicht wahr, dir graut? Mir auch, mein Herr, mir auch.«
-
-»Nun bist du wohl zu Ende?«
-
-»Fast. Was jetzt noch kommt, ist zahm. Ich floh zu den Wilden. Da ich
-schon früher ihre Sprache erlernt hatte, sie aber in jenem Scrub an mir
-das erstemal einen Weißen sahen und sich vor mir fürchteten, so gab
-ich mich für den Geist ihres Stammvaters aus, der aus der andern Welt
-zu ihnen zurückgekehrt sei, um ihnen zu verkünden, daß ein fremdes,
-furchtbares Volk gegen sie über das Meer heranziehe, welches den Blitz
-des Himmels und den Donner bei sich hätte. Sie haben mir geglaubt,
-haben mich in ihrer Weise angebetet, haben mich in eine große Höhle
-geführt und mir dort ihre Opfergaben zu Füßen gelegt. Merkst du den
-Witz des Schicksals? Nun war ich's, was ich einst auf den Heiden
-Irlands sein wollte: ein Prophet, ein Priester, ein Erzbischof. -- Sie
-brachten mir das beste, was sie hatten, es war für mich kaum genießbar;
-ich sagte, ich sei bei Speise und Trank die Zubereitung der andern Welt
-gewohnt und bereitete sie, wie es die Weißen tun. Ich suchte die Wilden
-für meine Zwecke zu erziehen und galt als ihr Häuptling und Gott,
-gleichwohl manche unter ihnen waren, die mir nicht zu trauen schienen.
-Die Furcht hielt sie im Zaume. Ich suchte sie mit dem Speer, mit dem
-Bumerang, mit der Keule im Kampfe zu üben, um mir ein streitbares Heer
-gegen meine eigene Rasse heranzubilden.
-
-So groß war in mir der Haß geworden. -- Mein Vorhaben, die Wilden zum
-Kriege zu erziehen, war aber nicht durchführbar. Und weißt du, wer mich
-bei meiner Gefangennahme am Murray niedergeschlagen hat? Der Wilden
-einer, mein eigener Waffenträger. Er hätte mich gewiß getötet, wenn ich
-ihm nicht von den Soldaten entrissen worden wäre. -- So bleibt es doch
-dir, mein alter Vaterstamm, anheimgestellt, an mir dein Richteramt zu
-vollführen. Jetzt entweiche ich nicht mehr auf flüchtigem Renner, jetzt
-leugne ich nicht mehr, daß ich schuldig bin, jetzt will ich nur eins, o
-Menschen, nur dieses eine versagt mir nicht!«
-
-»Was ist dein letzter Wunsch?« fragte der Priester.
-
-»Es ist der: Ich will nicht erwürgt werden mit dem Strick, ich möchte
-langsam, +langsam+ sterben +und mein Blut+ geben.«
-
-Am nächsten Morgen, als der rote Schein lag über den Wässern des
-Ostens, wurde der Gefangene aus dem Kerker geholt und in den Hof des
-Gerichtsgebäudes geführt.
-
-Als der Todgeweihte mitten im Hofe den Galgen sah und den Henker
-daneben, stürzte er sich kopfüber auf das Steinpflaster -- und das rote
-Blut entströmte dem zerschmetterten Haupt.
-
-
-
-
-Der verhängnisvolle Vorfall.
-
-
-Über den Hafenplatz in Lissabon eilten schnellen Schrittes zwei junge
-Männer. Es war vor Abgang des Schiffes beinahe eine Stunde Zeit, da
-wollten sie in einem Weinhause noch den Abschied feiern. Die Sachen des
-Abreisenden hatte der Hoteldiener bereits aufs Schiff gebracht, dort
-auch den Fahrschein nach Neuyork gelöst, so konnten die beiden Freunde
-noch ruhig beim Weine sitzen und warten, bis vom Molo herüber, an dem
-mehrere große Dampfer lagen, das Glockensignal erklang.
-
-Der eine der beiden, ein schlanker Bursche mit leichtem Bartanflug und
-einer vernarbten Schramme über der Stirn, war der Elektrotechniker
-Richard Wifart aus Berlin. Er war ein Jahr vorher mehrere Monate lang
-auf einer Geschäftsreise für das Haus Siemens & Halske in Amerika
-gewesen und hatte in Neuyork ein schönes Mädchen kennen gelernt, die
-einzige Tochter eines Rechtsanwaltes. Die jungen Leute hatten sich
-damals unmittelbar vor Wifarts Abreise nach Berlin verlobt und nun war
-er auf der Reise nach Neuyork, um Hochzeit zu halten und seine junge
-Frau nach Europa zu führen. Er war sehr heiter und schaute mit hellen,
-glücklichen Augen in die Zukunft.
-
-Der andere der beiden Freunde war Herbert Franke, ein etwas kleinerer,
-untersetzter junger Mann mit dunkelblondem welligem Haar und einem
-glatten Gesicht, über dessen Wange das schwarze Seidenbändchen
-des »Zwickers« hing. Er besaß in Hamburg ein großes Export- und
-Geldgeschäft und war seit drei Jahren dort glücklich verheiratet.
-Er hatte weiche, fast kindliche Züge und sein blaues Auge hing mit
-Innigkeit an dem Freunde, den ihm schon die nächste Stunde entführen
-sollte.
-
-Die beiden hatten auf der Berliner Technik zusammen studiert und waren
-Freunde geworden, die sich in schwärmerischen Stunden auch +das+
-zugeschworen, daß, wenn einer oder der andere einmal heiraten sollte,
-unfehlbar der andere oder der eine mit bei der Hochzeit sein müsse.
-Richard hatte bei Herberts Hochzeit in Hamburg ohne jede Schwierigkeit
-seinen Schwur einlösen können. Anders war's bei Herbert, der den Freund
-nach Neuyork begleiten müßte, um an dessen Hochzeit teilzunehmen. Er
-würde es mit tausend Freuden getan haben, wenn er als Chef seines
-Hauses nicht gerade um diese Zeit wegen Handelsunternehmungen in
-Europa festgehalten worden wäre. Doch gestatteten es die Verhältnisse,
-den Freund eine Strecke zu begleiten. Denn die Reise ging nicht den
-glatten, geraden Seeweg Bremerhafen-Neuyork, sondern über Frankreich
-und Spanien. In Frankreich hatte Herbert Geschäfte abzuwickeln und
-auch Richard wurde teils durch den Umstand zu diesem Umwege bewogen,
-als seine Firma wegen einer elektrischen Straßenbahn mit Madrid in
-Unterhandlung stand. Anderseits wollte er Verwandte in Granada besuchen.
-
-Die Reise war nicht ohne Widerwärtigkeiten vor sich gegangen. Eine
-Überschwemmung in den Pyrenäen hatte die Eisenbahnverbindungen
-unterbrochen, was jedoch wieder den Vorteil gab, durch eine Wagen- und
-Fußreise die Pyrenäen und einen Teil des nördlichen Spaniens näher
-kennen zu lernen. Das war jetzt alles hinter sich, die Gebirgsreise,
-die Verwandten waren abgetan, das Geschäftliche für Herbert war im
-besten Gang und an diesem Tage Punkt zwölf Uhr sollte in Lissabon das
-Schiff nach Neuyork auslaufen.
-
-Sie saßen nun bei einer Flasche köstlich feurigen Spaniers und rauchten
-Zigaretten. Sie waren in hochgemuter Stimmung, der aber ein Mollton des
-Abschiedes nicht ganz fehlte. Nach dieser gemeinsamen heiteren Reise,
-auf der sie manchmal ernsthafte Gespräche über die Zukunft geführt,
-dann wieder tolle Jugendschnacken getrieben hatten, sollte die nächste
-Stunde jeden allein finden.
-
-Eine solche Trennung im fremden Lande hat etwas Beklemmendes. Richard
-würde in acht Tagen ja drüben bei seiner Braut sein und Herbert nach
-einigen Querzügen durch die romanischen Länder ungefähr um dieselbe
-Zeit in Hamburg. Jeder bei den Seinen, und in wenigen Wochen würden sie
-sich in Hamburg alle zusammenfinden.
-
-Richard erhob sein Glas: »Freund, ich danke dir noch einmal, daß du
-mich bis an dieses Ende der Welt begleitet hast. Kehre mit Glück nach
-deiner geliebten Elbestadt zurück und von heute in zehn Tagen denke,
-daß ich mit meiner Luise am Altare stehe.«
-
-»Und wenn du sie hast, so säume nicht allzulange, sie mir zu zeigen.
-Ich brenne, dein Weib kennen zu lernen und gedenke mich zu rächen für
-die Eifersucht, die du bei meiner Susanna immer wieder in mir erweckt
-hast.«
-
-Sie lachten und stießen die Gläser an.
-
-»Ich hoffe, daß ich rasend eifersüchtig sein werde,« sagte Richard.
-
-»Du hoffest das?«
-
-»Keine Frage. Was wäre das für eine Suppe? Ohne Salz!«
-
-»Das Salz der Ehe -- ja. Aber eine versalzene Suppe -- nein,« sagte
-Herbert und drehte sich eine frische Zigarette.
-
-»Und ich bleibe dabei,« scherzte Richard, »daß wir beide uns die
-ausgiebigste Ursache zur Eifersucht geben, müssen. Wir haben seit acht
-Jahren aneinander die Herzen und Nieren zu genau erforscht, um nicht zu
-wissen --«
-
-»Laß das bloß gut sein, Richard. Wir waren zwei Galgenstricke,
-wenigstens in der Laune, doch als Ehemänner --«
-
-»Komm dort nicht der Hausdiener unseres Hotels?« unterbrach Richard.
-Zwischen den Tischreihen trippelte ein buckliges Männlein heran und
-mit sehr kurzsichtigem Auge guckte er jedem Anwesenden unsicher ins
-Gesicht, bis er unsere Freunde bemerkt hatte. Dann kam er heran und
-sagte in gutgewähltem Portugiesisch, daß er glaube, die Auszeichnung zu
-haben, Herrn Herbert Franke aus Hamburg vor sich zu sehen.
-
-»Suchen Sie +mich+?« fragte Herbert.
-
-»Ich wußte es ja gleich. O, ich erkenne alle meine Herren sofort
-wieder. War schon am Hafen, auf der Brest Da denke ich, die Exzellenzen
-werden im Weinhause sein. Und siehe da!«
-
-»Wünschen Sie etwas?«
-
-»Mit Ihrer gütigen Erlaubnis, eine Depesche ist angekommen.«
-
-Er reichte sie hin, nahm die Bestätigung in Empfang und empfahl sich
-mit graziösen Bücklingen.
-
-»Wenn ein deutscher Tanzmeister so viel Grazie hätte, als ein
-spanischer Stiefelputzer!« lachte ihm Richard nach. -- »Nun, wie stehen
-die Kurse auf der Hamburger Börs'?«
-
-Herbert hatte seinen Prunkzwicker aufgeklemmt, doch der war wieder von
-der Nase gefallen. Er hatte hierauf die Depesche für sich gelesen, und
-Richard sah, daß er unruhig wurde.
-
-»Was ist das?!« sagte Herbert tonlos vor sich hin.
-
-»Etwas Wichtiges?« fragte der Freund.
-
-Der Hamburger hielt mit zitternder Hand das Blatt dem Freunde hin:
-»Herbert Franke aus Hamburg, Hotel Imperatore, Lissabon: Bitte mit
-möglichster Eile nach Hause reisen. Verhängnisvoller Vorfall. Mama.«
-
-»Was ist geschehen?« fragten beide zugleich und erhoben sich von ihren
-Sitzen. Sie starrten sich an, einer bleicher wie der andere.
-
-»Meine Frau!« sagte Herbert. »Meiner Frau ist etwas widerfahren!«
-
-»Ei nein, davon steht doch kein Wort. Diese verdammte Unklarheit der
-Depeschen! Man denkt gleich an das Allerschlimmste. Ein paar Worte
-mehr --«
-
-»O mein Freund, wer weiß, wie schrecklich sie wären, diese paar
-Worte mehr! Gewiß, meiner Susanna ist etwas widerfahren. Dem
-kleinen Siegfried ist etwas zugestoßen. Ich reise sofort. Mit dem
-internationalen Expreßzug.«
-
-»Das geht nicht; denke doch, daß die Verbindungen unterbrochen sind.«
-
-Herbert schlug sich die Faust an die Stirn. Dann las er wieder
-das Telegramm: »Bitte mit möglichster Eile nach Hause zu reisen.
-Verhängnisvoller Vorfall. Mama. -- Warum depeschiert Mama? Warum nicht
-meine Frau?«
-
-»Weil sie im Augenblick nicht zur Stelle war. Hast du doch -- glaube
-ich -- auch in Madrid eine Depesche von Mama erhalten, über etwas
-Geschäftliches. Und nun -- du kennst ja die alten Frauen. Wenn eine
-Spiegelscheibe zerschlagen wird, posaunen sie es in alle Winde; wenn
-ein Schornsteinbrand ist: Verhängnisvoller Vorfall.«
-
-»Laß das, Richard. Du siehst ja, daß ich ruhig bin. Ich muß eben
-nach Hause. Mit dem nächsten Zug.« Er verlangte vom Kellner den
-Eisenbahn-Kurier.
-
-»Das hilft dir nichts,« sagte Richard, »du kannst nicht weiter. Du mußt
-den Seeweg nehmen.«
-
-»Gut, also den Seeweg.«
-
-Herbert sah im Schiffsfahrplan nach, der an der Wand hing. »Eildampfer
-nach Neuyork.«
-
-»Der geht dich nichts an.«
-
-»Eildampfer nach Southampton.«
-
-»Nichts für dich.«
-
-»Dampfer nach Genua.«
-
-»Zu großer Umweg.«
-
-»Eildampfer nach Brest.«
-
-»Das ist der deinige,« sagte Richard. »Von Brest mit Eisenbahn nach
-Hamburg.«
-
-»Nach Brest also. Abfahrt jeden Mittwoch mittags zwölf Uhr. --
-Mittwoch, das ist ja heute!«
-
-»Und zwölf Uhr ist es in zwanzig Minuten. Unsere Schiffe gehen im
-gleichen Augenblicke ab.«
-
-»Das ist ja ausgezeichnet!« rief Herbert. Er lief ins nahegelegene
-Hotel Imperatore, um seine Sachen zu holen, seine Rechnung zu
-begleichen, und eine Viertelstunde später trafen sich die beiden
-Freunde am Molo. In demselben Augenblick schrillten die Schiffsglocken.
-
-»Brest!« rief Herbert zum Gepäckträger, und dieser eilte dem großen
-schwarzen Dampfer zu, der links am Molo lag und schwarze Rauchdrubel
-aus dem Kaminrohre stieß. Gerade gegenüber rechts am Molo lag der
-Dampfer »Neuyork«. Es rasselten schon die Ketten, um die Brücke
-aufzuziehen.
-
-»Leb' wohl, Herbert. Es wird nicht so schlimm sein. Gib mir gute
-Nachricht.«
-
-»Leb' wohl, grüße mir deine Braut.«
-
-»Auf Wiedersehen!«
-
-Ein rascher Händedruck, denn es schrillten die Dampfpfeifen. In großen
-Sprüngen eilte jeder zu seinem Schiffe. Kaum war Herbert, die Hand
-eines Matrosen mußte ihn fassen, auf seinem Dampfer, da rollte es, der
-Koloß zitterte und begann sich sachte zu bewegen.
-
-Sie standen am Bord, jener drüben, dieser hüben, und winkten sich mit
-den Taschentüchern zu. Die letzten Lebewohlrufe haben den gellenden
-Hafenlärm nicht mehr durchdringen können.
-
-Welch plötzliche Wandlung. Wer hätte das vor einer halben Stunde
-gedacht! Herbert schaute auf Lissabon. Je mehr es zurückwich, je
-höher schien es aufzusteigen. Jetzt fiel ihm ein, was er noch alles
-hätte tun sollen. Besonders nach Hamburg depeschieren, daß er auf der
-Heimreise sei. Was hätte er dem Freunde noch alles zu sagen gehabt, dem
-Glücklichen, der jetzt schnurgerade, ohne Aufenthalt und Unterbrechung,
-seiner Braut entgegendampft, während ihm nach umständlicher See- und
-Landfahrt zu Hause ein außerordentliches Unglück erwartet.
-
-Noch in der Bucht waren die beiden Schiffe in einer gewissen Entfernung
-nebeneinander hingefahren und die Freunde hatten mit den weißen
-Fähnchen ihrer Taschentücher ohne Unterlaß sich zugewinkt. Nun die
-hohe See erreicht, sah Herbert, wie der Dampfer »Neuyork« sich immer
-weiter von dem seinen entfernte und wie er als kleiner schwarzer Punkt
-unweit der Küste gegen Norden eingebogen hatte, während sein Schiff
-schnurgeraden Lauf gegen Westen nahm.
-
-Herbert hatte seinen Handkoffer auf dem Deck unter eine Bank geschoben
-und suchte nun den Kapitän auf, um ihm zu sagen, daß er noch keine
-Fahrkarte lösen konnte, weil er sich erst im letzten Augenblick zur
-Reise entschlossen habe. Er wolle eine nach Brest.
-
-Der Kapitän starrte ihn an von oben bis unten. »Sie wollen nach Brest?«
-
-»Nach Brest eine Karte erster Klasse.«
-
-Darauf mit yankeemäßiger Gelassenheit der Kapitän: »Dieses Schiff geht
-nach Neuyork.«
-
-»Was sagen Sie?«
-
-»Dieses Schiff geht nach Neuyork.«
-
-»Um Gottes willen! Aber um Gottes willen!« rief Herbert mit
-wildstoßendem Atem. »Ich bin doch auf dem Dampfer, der nach Brest geht!
-Man hat mir's doch gesagt. Das ist doch der Dampfer Brest.«
-
-»Es ist allerdings der Dampfer Brest, aber er geht nach Neuyork. Der
-nach Brest läuft -- sehen Sie! -- der schwarze Punkt dort an der Küste,
-die alte Neuyork, die geht nach Brest.«
-
-»Aber Gott! Aber mein Gott im Himmel! Ich fahre ja nach Brest! Ich muß
-nach Brest!« schrie Herbert grell auf. »Ich muß -- ich +muß+!«
-
-»Also ein Billett nach Neuyork,« sagte der Kapitän gelassen und nannte
-den Preis.
-
-Herbert stampfte wütend mit den Füßen und verlangte in seinem
-wahnsinnigen Schreck, daß der Dampfer umkehre. Darauf schaute ihn der
-Kapitän mit kühlem Blick neuerdings an und zuckte die Achseln.
-
-Herbert tobte über das Deck hin und fluchte und flehte und bat den
-Kapitän auf den Knien, ihn wenigstens, auf einem der Rettungsbote
-nach Lissabon zurückbringen zu lassen oder irgendwie das bereits
-entschwindende Brester Schiff zur Umkehr, zum Warten zu verständigen.
-
-Der Kapitän zuckte schweigend die Achseln. Endlich gewann der Hamburger
-doch so viel Vernunft, um einzusehen, daß hier alles Rasen nichts
-helfe. Der Dampfer schnitt mit brausender Energie die Wellen des Ozeans
-dem Westen zu. Herbert setzte sich hinter dem Mast auf einen Ballen und
-starrte zu Boden. Die Mitreisenden, die ihn mit Teilnahme beobachteten,
-konnten sehen, wie Tränen über seine Wangen liefen.
-
-Die portugiesische Küste war nur mehr ein ferner blauer Streifen und
-allmählich verschwand sie ganz. So fuhr er nun von Europa davon und
-zwar zu einer Zeit, wo er's am wenigsten durfte, wo er daheim am
-notwendigsten war, wo er von den Seinen zu Hilfe gerufen wurde in
-einer großen Not. -- Daß man einmal so durch die weite leere Luft
-würde telegraphieren können wie heute? Damals gab's keinen Gedanken
-daran. -- Wenn er nur eine Ahnung hätte, was geschehen ist! Ein
-verhängnisvoller Vorfall! War ein Brand ausgebrochen? War Frau Susanna
-erkrankt oder der kleine Siegfried, der erst wenige Wochen zuvor den
-Scharlach überstanden hatte? Oder gar jemand plötzlich gestorben? O
-heiliger Gott, wie das qualvoll ist! Und mit jedem Augenblick entführt
-das Schiff ihn weiter und weiter von seinen Lieben, die in Sehnsucht
-auf ihn warten. -- Sollte bei der Berliner Firma Schwippe & Sohn, bei
-der er stark engagiert war, etwas los sein? Nein, hatte ihm doch sein
-Bureaudirektor Maischuster erst nach Madrid mitgeteilt, daß Ultimo
-die hundertachtzigtausend Mark bar bezahlt worden waren. Oder wäre
-ein Einbruch in die Kasse vorgekommen? Unmöglich, Maischuster ist der
-vorsichtigste Mensch, ist imstande, sein Nachtlager auf der Eisenkasse
-zu nehmen, um sie zu bewachen Ein öffentliches Unglück müßte man ja
-in den Blättern gelesen haben. Also was ist geschehen? -- Ringsum
-war nichts mehr als die grünen Wässer des Atlantischen Ozeans, und
-der Dampfer, der den unglücklichen Namen »Brest« trug, schnitt seine
-schnurgerade Straße nach Westen.
-
-Dann dachte Herbert auch an seinen Freund, der auf der »Neuyork«
-nordwärts der fernen französischen Küste zufuhr, ohne Gepäck,
-vielleicht auch ohne Geld, ins Ungewisse hinein. Wie mochte dem zumute
-sein, der seine Braut wartend weiß in Neuyork, und er kann nicht
-eintreffen zu dem für die Hochzeit bestimmten Tage und kann ihr keine
-Nachricht geben. Sein unglücklicher Freund Herbert, ja der wird dem
-Schiffe entsteigen, mit dem Luise den Bräutigam erwartet, aber sie
-erkennen sich nicht, gehen fremd aneinander vorüber.
-
-Herbert hat nun allerdings in seinem Taschenbuch die Adresse der
-Familie Luisens, und zu ihr soll auch der erste und wohl auch einzige
-Weg sein in Neuyork. Hat er doch Richards Koffer, der auf diesem
-Schiffe ist, dort abzugeben. Und dann mit dem nächsten Schiffe nach
-Hamburg! Aber welche Ewigkeit liegt dazwischen! Der erste Tag wollte
-kein Ende nehmen; wie sollten die neun Tage vergehen, ohne daß er vor
-Ungeduld stirbt? -- Auf ein aus dem Westen entgegenkommendes Schiff
-hatte Herbert noch gerechnet, das ihn aufnehmen und nach Europa bringen
-konnte. Aber außer ein paar kleinen kreuzenden Segelschiffen war kein
-Fahrzeug zu sehen. Am zweiten Tage kam von Norden her ein großer
-englischer Dampfer, ein Ostindienfahrer, dann nichts mehr auf den öden,
-unendlichen Wässern. Kein Schiff, das ihn erlöst und in die Heimat
-gebracht hätte. Nichts und nichts. Er mußte eine Beute der »Brest«
-bleiben, sich in Geduld fassen und tatlos warten auf das, was das
-Schicksal über ihn verhängt haben mochte. So saß er denn auf dem Deck,
-stets allein, und brütete. Mancher der Mitreisenden, es waren auch ein
-paar Deutsche darunter, wollte sich ihm nahen, um ihn zu zerstreuen; er
-ging nicht darauf ein. Er brütete vor sich hin in dem Gedanken: Immer
-weiter fort, immer noch weiter fort! Wäre er auf irgendeiner Stelle der
-Erde festgehalten für die Länge der Zeit! Aber dieses immer noch weiter
-fort, immer noch weiter der Heimat entrückt werden -- es war nicht zu
-ertragen. Es war eine unsägliche Qual. Herbert nahm sich vor, wenn er
-seine Lieben wiedersehen sollte, so wird er sie nicht mehr verlassen,
-nicht auf zwei Tage lang. Aber -- er wird sie ja nicht wiedersehen,
-sicher nicht alle wieder. Tag und Nacht waren seine Gedanken zu
-Hamburg in seinem Hause, er sah nichts als Brandstätten, Totenbahren,
-gesprengte Kassen und fallierte Geschäftsfirmen.
-
-Am fünften, sechsten Tage wurde er etwas gefaßter. Die Nahrung, wovon
-er sonst mit Widerwillen genossen, begann ihm zu munden, der Schlaf
-wurde ruhiger und erquickender. Je mehr man sich der amerikanischen
-Küste näherte, je klarer ward es ihm, daß er dort etwas erfahren müsse.
-Und mit dem ersten Schritt, den er auf das nach Deutschland abgehende
-Schiff setzen wird, ist er soviel als zu Hause, denn jede Sekunde
-bringt ihn dann im Fluge näher der Stelle, wo er aufzurichten und zu
-trösten haben wird. Er ist nun gefaßt, so schlimm kann es unter keinen
-Umständen sein, als er es in der Vorstellung durchlebt hat. Denn er hat
-alle denkbaren Unglücksfälle durchlitten, und in der Tat wird es doch
-nur einer sein. »Verhängnisvoller Vorfall«. Der Ausdruck imponierte
-ihm nicht mehr ganz so. Was ist verhängnisvoll? Alles Mögliche. Alte
-Frauen lieben in Hyperbeln zu sprechen. Vielleicht war es sogar im
-scherzhaften Sinne gemeint, um den Sohn, der sonst mit der Rückreise
-manchmal arg zu säumen pflegte, ein wenig zu peitschen. Vielleicht ist
-bei der ganzen Sache verhängnisvoll nur die Verwechslung der Schiffe
-auf dem Hafen zu Lissabon. Aber -- wer weiß es?! Gott allein, dem er
-nun alles anheimgibt. Ja, das ist der Anker. Dem Allmächtigen will
-er's anheimgeben. -- Ach, wie eine solche Seereise herrlich wäre bei
-ruhigem Gemüte! Und wie peinvoll sie gewesen ist, wie so schrecklich
-nichts vorher in seinem Leben war. Richard, der mag zusehen, wie er
-herüberkommt. Hochzeiten lassen sich verschieben. Wenn sich alles so
-verschieben ließe? -- Ei doch, wir haben den »Verhängnisvollen Vorfall«
-ja Gott anheimgestellt.
-
-Am zehnten Tage um fünf Uhr früh war die Freiheitsgöttin in Sicht, im
-Hafen von Neuyork. In der aufgehenden Sonne glühte sie rot, wie Eisen
-in der Esse. Und dann tauchte die abenteuerlich herrliche Stadt auf. Um
-sieben Uhr betrat Herbert den Boden von Amerika. Da war im Augenblick
-sein Anliegen völlig vergessen, so lebhaft stürmte die neue Welt und
-ihr Treiben auf seine Sinne ein. Er kam sich vor wie ein dreister
-Abenteurer und wollte es sein. Wollte es denn in Gottes Namen einmal
-sein! Er war völlig berauscht. -- Den Koffer seines Freundes bekam er
-nicht ausgefolgt, um ihn an dessen Braut zu überschicken; er wurde
-ins Magazin gestellt, bis der Eigentümer selbst sich um ihn ausweisen
-konnte. Das erste, was Herbert suchte, war eine Auskunftstelle wegen
-Abfahrt der Schiffe und ein Telegraphenamt. Zu seiner größten Freude
-sollte an demselben Tage, abends zehn Uhr, ein deutscher Lloyddampfer
-nach Southampton und Bremen abgehen. So ist er in sechseinhalb Tagen zu
-Hause. -- Und nun wollen wir frühstücken. Er ging in das nahe dem Hafen
-gelegene Hotel »Grodin«. Aber es schwankte noch der Boden unter den
-Füßen, er hatte auf schwankendem Boden das Gehen verlernt. Im großen
-Hotel trat er in eines der Speisenkabinette. Da war's behaglich ruhig;
-ein einziger Herr saß in der Ecke und sprach mit Eifer seinem Imbiß zu.
-Er blickte nicht vom Teller auf, bemerkte den Eintretenden kaum, dieser
-aber tat einen Schrei.
-
-»Maischuster!«
-
-Ja, es war sein Bureaudirektor aus Hamburg. Im ersten Augenblick
-glaubte er, der Direktor sei ihm nachgereist, doch schon im zweiten
-Augenblick glaubte er etwas anderes. Denn Maischuster, als er plötzlich
-vor sich seinen Chef sah, zuckte heftig ein und wechselte die Farbe.
-Dann sprang er auf, raffte vom Nagel Hut und Überrock; Herbert aber
-stand an der Tür, packte den Mann fest am Arm und sagte gedämpft:
-
-»Maischuster, was ist das?«
-
-Der Direktor ergab sich wehrlos, denn er glaubte, Herbert sei aus
-Hamburg nachgereist, um ihn festzunehmen und vor der Tür stünden die
-Häscher, denn durch die Fenster sah man Wachleute.
-
-Herbert hatte den Zusammenhang nun durchschaut. »Sie haben sich etwas
-zuschulden kommen lassen, Maischuster!«
-
-»Da haben Sie's, da haben Sie's! Ich gebe ja alles zurück!« stammelte
-der Bureaudirektor und zog aus dem Westenlatz ein Paket. »Ich hätte es
-ja ohnehin zurückgegeben, ich wollte nur -- -- Lassen Sie mich bloß
-los. Lassen Sie mich los, oder -- --« Er suchte mit einer Hand in
-die Rocktasche zu kommen. Die beiden Männer rangen, stießen Stuhl und
-Tisch um, bis Kellner herbeieilten, Hoteldiener und Wachleute, mittels
-welcher der Defraudant festgenommen und gebunden werden konnte.
-
-Herbert öffnete das wohlverschnürte Paket und fand in Noten und
-Papieren eine Summe von 230000 Mark. -- Und nun wußte er's. Nun glaubte
-er es zu wissen, was die Depesche »Verhängnisvoller Vorfall« bedeutete.
-Sein Herr Maischuster war ihm in Hamburg mit der Kasse durchgegangen.
-Und nun sah er auch, wie es kommen kann, wenn man in eigener Ohnmacht
-sein Anliegen dem Herrgott anheimgibt, der in diesem Falle schon vorher
-für die Sache gesorgt hatte. Herbert mußte in Lissabon das unrichtige
-Schiff besteigen, um in Amerika den Dieb zu erwischen.
-
-Dem Maischuster wurde noch eine Tasche mit Goldstücken und ein Revolver
-abgenommen und dann ist er in behördliches Gewahrsam gebracht worden.
-
-Als Herbert das auf so wunderliche Art wiedergewonnene Vermögen
-wohlverwahrt hatte, ging er daran, das Haus der Braut seines Freundes
-aufzusuchen. -- O wie war das jetzt anders, wie war dieses Neuyork
-jetzt schön! Nur die Betrübnis der Miß Luise fürchtete er noch, wenn
-anstatt des heißerwarteten Bräutigams ein fremder Mensch kommt, um zu
-sagen, der Bräutigam sei auf ein unrechtes Schiff gestiegen und könne
-kaum vor einer Woche eintreffen. Im Wildpark, dem Lärme ein wenig
-entrückt, stand ein stattliches Haus. Hohe Tannen, wie er sie seit
-den Pyrenäen nicht mehr gesehen hatte, überragten mächtig die Giebel
-und auf den Wipfeln sangen zu Hunderten die Vögel. Herbert drückte
-mit Beklemmung am Taster, das Tor öffnete sich und vor ihm stand --
-Richard. Er war eben vor einer Stunde angekommen. Ein amerikanischer
-Eildampfer, mit dem sein nach Brest fahrendes Schiff gekreuzt, hatte
-ihn aufgenommen und hierher gebracht. Laut lachend fielen sich die
-beiden Freunde in die Arme und Herbert erzählte mit kurzen Worten
-lustig, daß er in den wenigen Stunden seines Aufenthaltes in Neuyork
-schon ein großes und gutes Geschäft gemacht habe. Dann, gleich im
-Stiegenhaus, wurde die Braut vorgestellt -- ein frisches, rund- und
-schwarzäugiges Mädchen, das ohne viel Förmlichkeit dem Freunde ihres
-Richard derb die Hand schüttelte.
-
-Gegen Abend desselben Tages kam die erbetene Depesche aus Hamburg
-mit dem Berichte, der verhängnisvolle Vorfall bestehe darin, daß der
-Bureaudirektor eine große Defraudation verübt habe, flüchtig geworden
-sei und bis zur Stunde noch keine Spur von ihm zu entdecken wäre. Dann
-hieß es: »Sonst alles wohl. Deine Susanna.«
-
-»Nun also!« rief Richard. »Das wäre geschlichtet. -- Und nun wirst du
-bei unserer Hochzeit sein!«
-
-»Das versteht sich. Ich eile nur, meiner Familie zu berichten, daß wir
-ihn haben.«
-
-
-
-
-Mein Vetter, der Türke.
-
-
-Am 19. Oktober 1880 erhielt ich aus Teheran, der Hauptstadt Persiens,
-folgendes Telegramm:
-
- »Mein teurer Vetter, ich bin verloren. In Affäre verwickelt,
- die mir den Kopf kostet, wenn Intervention der österreichischen
- Gesandtschaft nicht gelingt. Bis die Post Näheres bringt,
- vielleicht zu spät. Lebe wohl.
-
- Anton.«
-
-Meine Entrüstung darüber, daß Anton, der immer Lustige, um teures Geld
-solche Späße treibt, war nicht gering. Der Scherz kostete mindestens
-fünfzig Franken. War der Junge nicht bei Trost? Sollte er im Lande der
-Sonne doch ein bißchen Sonnenstich bekommen haben?
-
-Nach der Entrüstung kam die Erwägung. Am Ende war doch etwas an der
-Sache. Vielleicht Liebeshändel; bei solchen kann man auch anderswo
-den Kopf verlieren. Aber »den Kopf kosten«, das war etwas spezifisch
-Orientalisches.
-
-Ein Hitzkopf war der Bursche immer gewesen, und bei solchem ist alles
-möglich. Seinen im Mürztale lebenden Verwandten wollte ich einstweilen
-die sonderbare Nachricht geheimhalten. Er war meines Vaters Bruders,
-des Eisenwerksverwalters von Niederaigen jüngster Sohn. Ich hatte ihn
-stets liebgehabt.
-
-Auf den Drähten der englischen Telegraphen-Kompagnie flogen nun in
-wenigen Tagen ein paar Depeschen hin und her. Die Gesandtschaft
-bestätigte alles und drückte den Zweifel aus, ob es gelingen werde, die
-Todesstrafe in lebenslängliche Zwangsarbeit umzuwandeln.
-
-Kaum zwei Jahre waren verflossen, seit mein Vetter Anton Rosegger
-nach seinen vollendeten Studien als Techniker sich einer europäischen
-Auswanderungsgesellschaft nach Persien angeschlossen hatte. Es hieß,
-daß die Eisenbahn vom Schwarzen Meere aus über Persien nach dem Golfe
-zustande kommen würde, und dabei wollte er sein Glück versuchen. Ich
-war anfangs dagegen, weil mir jedes leichtsinnige Auswandern ein
-Greuel ist; da aber trotz seiner ausgezeichneten Talente, besonders im
-Zeichnen und in Metallarbeiten, in der Heimat die Aussichten für ein
-Vorwärtskommen wirklich keine glänzenden waren, der Bursche aber vor
-Gesundheit und Lebensmut nachgerade Funken sprühte, so ließ ich mich
-von dem ausgespielten Gemeinplatz: »Junge Leute müssen in die Welt
-hinaus,« überlisten und erteilte leider meine Sanktion.
-
-Zweimal hatte er seit seiner Abreise geschrieben; das erstemal, daß
-er in den königlichen Münzwerkstätten zu Teheran arbeite, daß seine
-Existenz eine gründlich asiatische, doch aber recht erträgliche sei,
-daß er sich mit den orientalischen Sitten schnell vertraut gemacht
-habe. Und im zweiten Schreiben an mich hieß es, daß ich zusehen möge,
-ob er bei einer dritten Europareise des Schah-in-Schah nicht als
-Großwesir die Majestät begleite! -- Wenn die orientalischen Fürsten
-Hofnarren hielten, dachte ich damals bei mir, dann wäre es schon
-möglich, daß der muntere, zu allerlei Schalkereien aufgelegte Junge
-beim Schah sein Glück machte. Nun, in den Ländern von »Tausend und
-einer Nacht« ist alles möglich -- das Großwesirwerden so gut, wie das
-Geköpftwerden.
-
-Infolge der Gesandtschaftsberichte war ich alsbald entschlossen; was
-blieb auch anderes übrig, hatte ich ihn doch auf dem Gewissen! Ich
-hatte in meinem Leben manche große Reise gemacht, um nichts anderes,
-als um meine Neugierde zu befriedigen; warum sollte ich nun nicht
-nach Persien, um meinen armen Vetter zu retten, oder wenigstens, ihn
-noch einmal zu sehen. Zu Hause schützte ich eine größere Reise in
-die Schweiz und nach Savoyen vor, reiste aber nach Wien, wo Geld und
-Empfehlungsschreiben zu beschaffen waren. Die Briefe und Depeschen
-zwischen Teheran und Österreich hatten die unterschiedlichste Zeit
-gebraucht, das eine Mal drei Wochen, das andere Mal fast genau drei
-Monate; daraus konnte ich auf die Unregelmäßigkeit des Verkehrs
-schließen. Meine Reise ging auf der Eisenbahn damals nur bis Galatz,
-dann auf dem Dampfer ins Schwarze Meer hinaus bis zur kaukasischen
-Hafenstadt Batum und dann, ohne den Elbrus zu besteigen, über das
-Gebirge. Im Hotel zu Tiflis bekam ich einen heftigen Asthmaanfall, der
-mich zwei Tage festhielt. Der Wirt, ein Franzose, ließ mich und meine
-Sachen ins Freie tragen unter ein türkisches Zelt, weil er der Meinung
-war, ein toter Passagier vertreibe zehn lebendige. Der Arzt verschrieb
-mir, alle zwei Stunden einen Tschibuk zu rauchen. Der Tschibuk trieb
-das Asthma von der Brust in den Magen. Vom Schwarzen Meer bis Tiflis
-führte damals schon ein großartiger Eisenbahnbau, hernach ist es mit
-der europäischen Kultur aus; man ist in Asien -- und das besagt alles.
-Die Poesie, mit der wir seit unserem Bibelstudium in der Kindheit das
-Morgenland ausgeschmückt haben, ist in kürzester Zeit aufgelöst. Auf
-Eseln und Kamelen die grundlosen oder steinigen, stets von Wegelagerern
-gefährdeten Steige träge hinziehend, blitzt in der Seele nur selten
-eines jener wunderbaren Bilder auf, wie sie die morgenländischen
-Dichter, diese windigen Fabulierhänse, geschaffen. Ich habe mir's
-überhaupt abgewöhnt, einem Dichter etwas zu glauben.
-
-Meine Spannung richtete sich selbstverständlich nur auf das möglichst
-rasche Weiterkommen meiner aus asiatischen und europäischen Elementen
-zusammengewirbelten Karawane. Auf dem Kamele nicht wie ein Reiter,
-sondern, angeschnallt wie ein Warenballen, kauernd -- anfangs machte es
-mir Spaß; später kam's mir unsäglich langweilig vor, da des Tages oft
-kaum drei Meilen zurückgelegt wurden. Ein die Verhältnisse kennender
-Russe versicherte, die Reise gehe so außerordentlich gut von statten,
-daß man diese Karawane einen Eilzug nennen könne. Also reiste ich
-mit »Eilzug«. Die Ortschaften, die wir passierten, waren über alle
-Vorstellungen armselig, die Herbergen so elend, Essen und Trinken
-so europawidrig, daß ich den Vetter nicht begriff, der sich mit den
-orientalischen Zuständen schon so vertraut gemacht haben wollte. Die
-Strecke von Wien bis Tiflis legte ich in neun Tagen zurück, jene
-um das Dreifache kleinere von Tiflis bis Teheran in dreiundzwanzig
-Tagen. Am 10. Dezember war ich endlich in der persischen Hauptstadt.
-Trostlose Armseligkeit und fabelhafte Pracht ist der erste Eindruck,
-den diese Königsstadt macht. Ein wunderliches Gemisch von morgen-
-und abendländischen Erscheinungen: unter Telegraphenstangen hocken
-zerlumpte Derwische, in französischen Konditoreien kauern schläfrige
-Haschischraucher. Neben modernen Palästen gähnen fensterlose Höhlen,
-aus Stroh und Lehm zusammengebacken, »Bürgershäuser« der Königsstadt.
-Selbst die Stadtmauern, zumeist aus Lehm aufgeführt, sind derart, daß
-bei allfällig geplanter Erstürmung derselben eine Wasserspritze bessere
-Dienste leisten würde als eine Kanone. Eine nähere Beschreibung des
-Lebens und Treibens zu Teheran behalte ich mir für ein anderes Mal
-vor, mein jetziges, wichtiges Ziel war fürs erste die österreichische
-Gesandtschaft.
-
-Das Herz sprang mir bis zum Halse herauf vor Freude, als ich wieder
-die Sprache der Deutschen hörte, nachdem ich mich bisher so kümmerlich
-mit meinem bißchen Französisch und Steirisch durchgeholfen hatte. Wo
-nämlich in Herbergen oder bei Lastträgern mit dem höflichen Französisch
-nichts auszurichten gewesen war, da hub ich mit geballten Fäusten gut
-steirisch zu fluchen an, und das hatte manchmal gar keine üble Wirkung.
-Hier bei der Gesandtschaft umarmte ich den ersten Beamten, der mich auf
-meine Schriftstücke hin deutsch anredete, wie einen alten Freund, und
-die erste Frage war: »Ist's noch früh genug?«
-
-Der Beamte wich mit seinem Blick meinen Augen aus und antwortete, am
-Leben wäre er zwar noch ...
-
-Ob Hoffnung vorhanden?
-
-Ein leichtes Achselzucken. Nun erschien der Herr selbst, den seine
-Unterbeamten Konsul nannten. Ein braunbärtiger Mann mit rotem Fez auf
-dem Haupte, den er beim Gruße nicht lüpfte. Er war, wie ich schon
-wußte, ein geborener Mährer. Er setzte sich auf einen sehr niedrigen
-Schemel, bot mir Platz auf dem Diwan, eine Zigarette und machte mir
-dann Mitteilungen. -- Geschehen sei alles für meinen Verwandten, und
-mehr als was getan worden, könne überhaupt nicht geschehen. Mein
-Vetter sei gefaßt, ich sollte es auch sein; er erwarte mich mit großer
-Sehnsucht, ich würde bald zu ihm geführt werden können, vorderhand
-müsse ich mich etwas erholen von den Reisestrapazen.
-
-Meinen Anzug ordnete ich in dem mir angewiesenen Zimmer des
-Gesandtschaftshotels unter Mithilfe eines braunen Jungen rasch und
-untadelhaft, als sollte ich die Aufwartung bei einem Würdenträger
-machen, anstatt bei einem Todgeweihten im Kerker; ich hielt mich hierin
-an eine orientalische Sitte, auf die mich der Konsul aufmerksam
-gemacht hatte. Das vorgesetzte Mahl mußte mir mein Gastherr mit vieler
-Mühe annötigen, ich war voller Ermattung und Angst. Auch so müde war
-ich, so steif die Beine von dem langen Ritt. Der feurige Perserwein tat
-seine Pflicht, machte mich zuversichtlich und aufgeweckt, um so mehr,
-als auch der Konsul, der mit mir speiste, bisweilen munteren Gesichtes
-mich tröstete. In Asien sei ein zum Tode Verurteilter noch lange nicht
-aufgegeben, Despotenlaunen seien ja bekanntlich unberechenbar.
-
-»Aber, Herr, worin besteht denn eigentlich das Verbrechen meines
-Vetters?« kam ich endlich dazu, zu fragen.
-
-Darauf, meinte der Gesandte, sei nicht so leichthin zu antworten.
-
-»Hat er in Unkenntnis der Zustände eine staatswidrige Handlung
-begangen?«
-
-»Ein politisches Verbrechen, meinen Sie,« sagte der Konsul, »derlei
-gibt es hier nicht, Freund. Aber gegen den Propheten hat er gesündigt,
-gegen die Tafeln des Kalifen. -- Hören Sie denn, wie es sich zugetragen
-hat. Ihr Vetter hatte in der königlichen Münze, wo wir ihn gleich
-anfangs durch einen günstigen Zufall unterbrachten, sich bereits
-eine vorteilhafte Stellung erworben; er befehligte ein paar Dutzend
-Arbeiter, und der Schah hat den fähigen jungen Mann bei mehreren
-Gelegenheiten ausgezeichnet. Besehen Sie sich einmal dieses Geldstück!«
-Er zeigte mir ein neues Goldstück, auf welchem das Bild des Schah in
-feinster Prägung prangte. »Könnte das nicht ebensogut in Paris oder in
-Wien geschlagen worden sein? Das ist ein Werk Ihres Vetters. Er wäre
-heute Oberdirektor der Königlichen Münze, wenn nicht plötzlich der
-Teufel --« er zuckte ab.
-
-»Ich bitte Sie, meine Spannung!«
-
-»... ~recte~ das Weib dazwischen gekommen wäre.«
-
-»Ein Einbruch in den Harem?«
-
-»Mit nichten,« sagte der Konsul. »Ihr Vetter hat weder eine Frau des
-Schah noch die eines anderen Mannes auch nur mit einem Blick entweiht.
-Der junge Meister aus der königlichen Münze war bescheiden genug;
-der Tochter eines teheranischen Lederhändlers schaute er hinter den
-Schleier und erwählte sie. Ich habe sie mit meinen eigenen Augen
-gesehen, und ich sage Ihnen, es gibt nichts Schöneres auf Erden! Mit
-ihrem Vater war sie erst vor kurzem aus Ispahan eingewandert. Nun, die
-Leutchen liebten sich; der Vater drückte erst ein Auge zu, dann auch
-das zweite, und machte sie endlich gar nicht mehr auf, denn er starb
-auf einer Handelsreise nach Armenien an der Pest. Nun waren die jungen
-Leute sich selbst überlassen und wohnten in einem reizenden Häuschen
-des europäischen Quartiers. Die Idylle blieb nicht lange verborgen; von
-Derwischen angeführt, brach in Abwesenheit des Münzmeisters eine Rotte
-in sein Haus, warf ein Tuch über das Haupt des Mädchens, schleppte es
-davon, um es auf öffentlichem Platze hinzurichten.«
-
-»Um des Himmels willen, was erzählen Sie denn da?« rief ich
-aufspringend aus.
-
-»Bleiben Sie sitzen und hören Sie die Tafel des Kalifen: Wenn eine
-Anhängerin der Rechtgläubigen -- des Mohammedanismus -- sich mit
-einem Ungläubigen paart, so soll sie getötet werden. -- Dem ist aber
-vorzubeugen, wenn der Mann sich zum Islam bekennt und sie zu seinem
-rechtmäßigen Weibe macht. Das österreichische Konsulat griff sofort
-ein. Ich begab mich zum trostlosen Münzmeister, um ihn zum formellen
-Bekenntnisse des Islams zu bewegen, traf ihn aber nicht mehr in der
-Werkstätte. Er war zur Moschee geeilt, in der seine Braut gefangen
-gehalten wurde, und schleuderte dort einen Derwisch, der ihm den
-Eintritt verwehren wollte, so heftig an die Marmorbrüstung, daß der
-zusammenstürzte und für alle Zeit auf das Aufstehen verzichtet hat. Die
-fanatische Menge nahm den Gewalttätigen natürlich gefangen, um ihn der
-Tafel des Kalifen zu überliefern, die da spricht: Wer Blut vergießt,
-dessen Blut soll auch vergossen werden. -- Die Gesandtschaft machte
-alle erdenklichen Anstrengungen, ihn zu retten: er selbst gab alle
-Hoffnung auf, nur Muselman wollte er vor seinem Tod noch werden, um die
-Braut zu retten. Damit war's aber zu spät. Die Tafel des Kalifen sagt:
-Ein Ungläubiger, der einen Derwisch erschlägt, kann nimmer des Islams
-sein.«
-
-»Also beide verloren?«
-
-»Ich habe mich an die übrigen europäischen Gesandtschaften gewendet in
-dieser Sache, allein die Tafel des Kalifen sagt: Der Islam steht über
-allen Gesetzen. -- Und doch, Freund, haben wir Unglaubliches erreicht.
-In einer der europäischen Anwandlungen, denen der Schah -- Allah
-segne ihn! -- bisweilen unterworfen ist, hat er seinen Münzmeister
-begnadigt --«
-
-»Begnadigt?!« Ein heißer Freudenschreck.
-
-»-- zu zehnjähriger Zwangsarbeit bei den Straßenbauten im
-Elbrusgebirge.«
-
-Mir fiel auf, daß der Konsul solches mit einer gewissen Trauer sagte.
-Ich wußte noch nicht, was es heißt, zehn Jahre Zwangsarbeit in Persien.
-Keiner überdauert sie, es ist eine langsame Hinrichtung.
-
-»Zugunsten des Mädchens,« fuhr mein Berichterstatter fort, »fand der
-Schah, der sich für den Fall persönlich interessierte, die Deutung
-des Kalifen, nach welcher die Sünderin durch eine Wallfahrt nach der
-heiligen Stadt Kum in der Salzwüste gereinigt werden könne. Sie ist
-aber nicht in die Salzwüste, sondern unter heimlichen Begünstigungen
-ins Elbrusgebirge gezogen, wo der Verurteilte seine Strafe sofort
-angetreten hatte.«
-
-»Ich finde ihn nicht in Teheran?« war meine Frage.
-
-»Sie finden ihn auch im Gebirge nicht,« antwortete der Konsul.
-
-»Sie foltern mich, Herr! Was soll ich denn tun?« rief ich, von meinem
-Diwan aufspringend, denn die Sehnsucht nach meinem unglücklichen
-Verwandten verzehrte mich.
-
-»Sie müssen zum Großwesir gehen,« sagte mein Gastherr mit blinzelnden
-Augen. Da hatte ich genug.
-
-»Den Großwesir bestechen? Ich bin arm.«
-
-»Bringen Sie ihm, was Sie haben, Ihren Mut, Ihre Liebe zum
-Blutsverwandten, vielleicht rührt ihn das. Unser neuer Großwesir ist
-nicht so schlimm wie sein Name. Wäre er vor zwei Monaten schon in
-seiner Würde gestanden, wir hätten das mit Ihrem Vetter nicht erlebt.
-Er kann uns helfen, kommen Sie nur, ich begleite Sie zu ihm.«
-
-Diese plötzliche Zuversicht meines Konsuls richtete mich auf; ich
-fühlte kein steifes Bein mehr, aber auch kein steifes Rückgrat; es soll
-sich ordentlich biegen, wenn's dem Anton gilt. Mein Gastherr klingelte
-seinem Burschen, einem flinken Kaukasier; die Pferde wurden vorgeführt,
-wir ritten zum Großwesir.
-
-Dieser Ritt durch die Stadt hat keine Erinnerung in mir hinterlassen,
-ich habe sicherlich nichts gesehen und nichts gehört, so erfüllt war
-ich von dem Schicksale meines Anton und meiner Mission. An der Pforte
-des Palastes sah ich die ersten Mohren; sie warfen sich auf den Bauch,
-als wir an ihnen vorbei die Treppe hinaufstiegen. Wir gelangten in eine
-dämmernde Halle mit schwarzen Wänden und schneeweißen Marmorsäulen. Das
-ganze Licht dieses Raumes schien von den weißen Säulen auszugehen, ich
-sah kein Fenster. Die folgenden Räume, die wir durchschritten, waren
-noch märchenhafter; aber mich entzückte keine Pracht, mich erschreckte
-sie nur, es war ja doch nichts als das Hohnlachen des Despoten.
-
-Endlich standen wir vor schweren Vorhängen; ein wohliger, betäubender,
-völlig fremdartiger Geruch. Mein Konsul legte mir die Hand auf die
-Achsel: »Nur Fassung!«
-
-»Ich habe Mut,« darauf meine hohlstimmige Antwort.
-
-»Auch für das Schlimmste? Auch für das Beste? Wir sind im Orient!«
-
-Die Vorhänge wallten zurück, mir war ganz traumhaft. Was jetzt geschah
--- man wird mir's nicht glauben können. -- Aus einem Nebengemach
-schritt der Würdenträger, in einem reichverzierten Kaftan, rasch auf
-mich zu und fiel mir lachend um den Hals.
-
-Ich schrak zurück, war starr und glotzte ihn an. -- War er's? War er's
-selber? -- »Das -- das ist zu dumm!« schrie ich entrüstet über diese
-beispiellose Riesenfopperei. -- Der Anton stand vor mir, mein Toni,
-meines Vaters Bruders Sohn!
-
-»Gerettet? Gerettet?« rief ich, »so lass' mich zum Großwesir, daß ich
-ihm danke auf den Knien.«
-
-»Bitte sich nicht zu genieren!« sagte er, trat einen Schritt zurück,
-kreuzte die Arme über der Brust und stand in seinem reichen Gewande mit
-vergoldetem Krummsäbel da wie ein indischer Fürst aus der Phantasie
-Scheherazades.
-
-»Komödiant!« kreischte ich.
-
-»W--a--a--s? Mensch, gib acht, daß ich dich nicht kürzen lasse!«
-
-Der Konsul zog mich beiseite und flüsterte mir mit schrecklich
-gewichtiger Miene zu: »Es ist der Großwesir!«
-
-Auf alle Ausschmückung der Begebenheit verzichte ich. Die Überraschung
-war den Herren zu gut gelungen. Bald darauf saß ich in einem der
-innersten Gemächer ganz blöde da. Der Vetter war hinausgegangen,
-der Konsul redete mir zu, nicht weiteren Zweifel zu setzen in die
-Richtigkeit der Erscheinungen. Er erinnerte an die Tafel des Kalifen,
-wo es heißt:
-
-Die Welt ist wahr, sei es auch du. Und wenn du lügst, dann tue es so
-dick, daß man dir nicht glaubt. -- »Was Sie da sehen, das +werden+ Sie
-aber glauben,« fuhr der Konsul fort. »Denn alles, was ich Ihnen von
-dem Münzmeister, von seiner Braut, von seinem Totschlage, von seiner
-Verurteilung und Begnadigung erzählte, es ist wahr. Erst vor wenigen
-Wochen ist er von der Zwangsarbeitskolonie am Elbrus zurückgekehrt
-nach der Residenz, um seinen hohen Posten anzutreten. Man hat's nach
-Österreich berichtet, aber Sie waren schon abgereist.«
-
-»Das ist alles recht schön,« war mein zögernder Einwand, »wenn ich nur
-auch wüßte, wie der Mensch aus einem Zwangsarbeiter am Elbrus ein --
-ein so großes Tier wird.«
-
-»Oh,« sagte der Konsul, »das ist einfach. Man rettet dem Schah das
-Leben. Der Schah macht nämlich mit mäßigem Gefolge einen Jagdausflug
-ins Gebirge und wird in den Engpässen bei Scheristanak von kaukasischen
-Räubern überfallen. Aus der Nebenschlucht bricht, angeführt von einem
-jungen Münzmeister, die Sträflingskolonie hervor und schlägt die Räuber
-in die Flucht.«
-
-»Herr!« rief ich, »das ist ja ein Märchen! Das ist ein tolles Märchen!«
-
-Er zuckte die Achseln: »Wir sind im Orient! -- Hören Sie weiter. Einige
-Tage vor dem Ereignis im Elbrusgebirge hat gerade der Großwesir aus
-der persischen Königskrone heimlich ein paar Diamanten gebrochen, so
-wie man aus dem Weihnachtskuchen die Rosinen zwickt. Das ist dem Schah
-nicht recht, er läßt den Herrn abtun und setzt an seine Stelle den
-jungen Münzmeister.«
-
-Man hat's seinerzeit ja auch in den Blättern gelesen.
-
-Nun trat seine Exzellenz herein, das schrecklich schöne Gewand hatte
-er abgelegt. Doch sah er mit seinem an beiden Seiten niederhängenden
-Schnurrbart, mit der breiten, maikäferbraunen Leibbinde, in der
-scharlachroten Pumphose und den gelbseidenen Sandalen immer noch
-türkisch genug aus. Sonst war's das breite, wohlgerötete steirische
-Gesicht mit den frischen grauen Augen. Nun ließ sich ja mit ihm reden.
-»Gelt,« sagte er, mich bei der Hand fassend, »du bist nit bös, daß ich
-den Spaß gemacht hab'. Für die ausgestandene Angst müssen wir doch auch
-ein Pläsier haben.« Aber als ich mich höflich nach seiner Frau Gemahlin
-erkundigte, und ob ich ihr vorgestellt werden könne, da kam wieder die
-Tafel des Kalifen Abu Bekr: Wer Begehr nach der Frau seines Gastherrn
-hat, der soll mit dem Tode bestraft werden.
-
-»Sehr gütig, Exzellenz, darf ich noch fragen, wann der nächste Zug nach
-Europa abgeht? Den Karawanenzug meine ich.«
-
-Aber das begann doch immer gemütlicher zu werden, und bald fand ich,
-daß es doch gar nicht so übel ist, Geschwisterkind und Gast des
-Großwesirs von Persien zu sein. Auch dem Schah wurde ich vorgestellt:
-der war sehr leutselig, erkundigte sich nach Wien und den Wienern,
-die er ein paar Jahre vorher besucht hatte, erkundigte sich besonders
-nach der Naschhütte neben dem zweiten Kaffeehaus im Prater, und was die
-Volkssänger Schrammeln machten. Dann schneuzte er sich mit den Fingern
-und trippelte davon.
-
-Noch lieber hätte ich die Gemahlin des jungen Großwesirs, die schöne
-Fatima gesehen. Der Konsul zeigte mir auch die Fenster des Harems.
-Diese waren sehr unzugänglich, und ich erwog, ob es den Herrn Vetter
-arg verdrießen würde, wenn ich es einmal mit dem steirischen Fensterln
-versuchte, in welchem er selbst einst Meister gewesen war. In
-Anbetracht der bekannten asiatischen Sitten habe ich's aber unterlassen.
-
-Nach fünfwöchentlichem Aufenthalt in Teheran ward mir der persische
-Boden endlich heiß unter den Füßen; mit Teppichen, Pelzen, Gewürzen und
-einem krummen Ehrensäbel beschenkt reiste ich ab, vollkommen beruhigt
-über das Befinden meines lieben Vetters Anton.
-
-Das Versprechen hat er mir gegeben, mich gelegentlich daheim zu
-besuchen. Bis dato ist er nicht erschienen. Unser Briefwechsel blieb
-ein lebhafter. Seine Brüder in Steiermark rauchen den feinsten
-türkischen Tabak. Im Jahre 1887 hat er seinen Abschied genommen und
-sich in Unteritalien bei Potenza ein Landgut gekauft. Als ich ihn im
-vorigen Frühjahr einlud, uns doch einmal zu besuchen und zuverläßlich
-auch die Frau Schwägerin Fatime mitzubringen, lehnte er ab und kam
-wieder mit seiner verdammten Tafel des Kalifen.
-
-Ach du mein! Ich achte ja diese Tafeln. Wie schön zum Beispiel ist der
-Satz: Wenn du lügst, dann tue es so dick, daß man dir nicht glaubt.
-
-
-
-
-Reisebilder aus jungen Jahren.
-
-
-
-
-Die sächsische Schweiz.
-
-1870.
-
-
-Wenn es einmal Riesen gegeben hat, -- und daran zweifle ich nicht,
-denn meine Großmutter hat es oft gesagt -- und wenn diese Riesen auch
-geschmackvolle Künstler gewesen sind, dann kann ich mir die Sächsische
-Schweiz erklären.
-
-Da werden sie einmal zueinander gesagt haben: Was doch dieses Land
-an der Elbe so öde und leer ist! Wie nimmt sich dagegen da oben das
-Salzburger Land und die Steiermark und die Schweiz so prächtig aus,
-da stehen neben den grünen Wiesen und den blauen Flüssen und Seen die
-großen Berge mit dunkeln Hochwäldern und grauen Felswänden! -- Wäret
-ihr alle dabei, wenn wir hergingen und uns auch so etwas bauten? Und
-wahrhaftig, sie gingen her, brachen Felsmassen von den südlichen Alpen
-und vom näheren Riesengebirge und schleppten sie hinab an die Elbe und
-legten sie an beiden Ufern derselben übereinander und bauten Wände und
-Türme und nebenhin an den kleineren Bächen bildeten sie Schluchten mit
-Zacken und Hörnern und Höhlen und allerhand sonderbaren Gestalten.
-Dazwischen ließen sie aber tiefe dunkelgrüne Täler frei und neben und
-an und über den Felsen pflanzten sie Laub- und Nadelwälder, und hinter
-denselben, in Schluchten, errichteten sie Wasserfälle und gruben Tiefen
-in die Unterwelt.
-
-Und nun hatten die Riesen an der Elbe eine Gebirgswelt voll Wildpracht,
-wie sie die vielgerühmte Schweiz hat, da oben hinter dem Rhein. Die
-Schweiz ist zwar schön in ihrer Großartigkeit, aber ihre Großartigkeit
-ist gar nicht mehr bequem für den Menschen; die Natur scheint dieses
-Land auch gar nicht für den Menschen gemacht zu haben, sondern für
-sich selbst. Das Bergland an der Elbe aber hatte die Schönheiten der
-Natur mit dem Ebenmaß der Kunst vereinigt; es war eigentlich eine
-ungeheuere Bildhauerarbeit. Und dazu war das Bergland ganz für den
-Menschen zurechtgelegt; es war ein Steingebirge, aber deshalb nicht
-unfruchtbar, es war eine wildromantische Felsenwelt, aber deshalb
-nicht unzugänglich. -- Und eben aus diesen letzten Umständen ist zu
-schließen, daß die Schweiz an der Elbe von kunstfertiger Menschenhand
-der Riesen gebaut worden ist.
-
-Dergleichen Dinge dachte ich mir, als ich durch die Schluchten
-des Meißener Hochlandes schritt. Mein Gott, man denkt denn einmal
-allerhand kindisches Zeug, wenn man so allein und in sich gekehrt
-dahinschlendert. Als mich endlich die gut angelegten Wege auf Anhöhen
-führten, fast ohne daß ich's merkte, und ich plötzlich keine Wildbäche
-und Felswände mehr sah, sondern zwischen sich weithin ziehenden
-Kornfeldern stand, da wurde mein Denken ein anderes -- -- nüchterner
-und vernünftiger.
-
-Dieses Gebirge der Sächsischen Schweiz konnte eigentlich nur durch
-Vertiefungen entstanden sein, das heißt, die Gegend mußte einst eine
-Hochebene oder ein einfaches Hügelland gewesen sein. Da kamen Wässer,
-schwemmten sich Betten, rissen Gräben in das Erdreich, nagten an dem
-Gesteine und höhlten all die Schluchten. Und als das Wasser schon
-längst unten in den Tiefen dahinbrauste, begannen an dem entblößten
-Felsen auch andere Bildhauer zu arbeiten, nämlich die Luft, der Frost
-und die Sonne, und so sind die eigentümlichen Felsbildungen zustande
-gekommen. Zu all dem senkte sich verwitternd fruchtbares Erdreich
-zwischen das Gestein und in seine Risse und Klüfte, und so wuchs in und
-aus denselben überall der kräftige Wald.
-
-Vom Elbetal aus meint man sich in weiß was für einem Hochgebirge zu
-befinden, besteigt man aber eine der nahen, kastellartigen Felswände,
-so steht man erst in gleicher Höhe mit dem übrigen Boden des Meißner
-Hochlandes. Nur wenige Berge, wie z. B. der Große und Kleine
-Winterberg, der Lilienstein, der Königstein, erheben sich über die
-normale Höhe.
-
-Diese hier so überaus seltsame Natur haben die Menschen früh
-aufgefunden, haben auf die Höhen Häuser und in die Täler Städte
-gebaut, haben die Flüsse geregelt, überbrückt, Wege und breite Straßen
-angelegt und dieselben gepflastert und gewahrt; zu den Felsenzinnen
-hinan haben sie Treppen gebaut und oben sichere Geländer und hohe Türme
-hingestellt, und auch bequeme Gasthäuser dazu. Und der Elbe entlang
-haben sie Segel- und Dampfschiffe flott gemacht und feste Straßen und
-Eisenbahnen angelegt, damit nun von Süden und Norden die Menschen
-kommen sollten zu sehen, was da auf diesem Fleck Erde für ein Land und
-Leben ist.
-
-Und sie kommen.
-
-Schon im Frühlingsmonate strömen sie heran aus allen Gegenden, Reiche
-und Arme, Gesunde und Kranke, Herren und Diener; -- und solche, die
-schon gehadert mit dem Leben, weil es ihnen für ihre Millionen keine
-Lust und Zerstreuung mehr bieten wollte, werden in diesem Hochländchen
-wieder für einige Tage munter. Da entfaltet sich denn in den
-Prachtanlagen ein lautes, klingendes Leben, und der Sachse lächelt
-schlau dazu und schlägt reiche Zinsen aus den Felsen seines Berglandes.
-
-Der Sachse ist aber auch ein Mensch, der sich sehen lassen darf vor
-den Fremden aus dem Süd- und aus dem Nordlande. In diesem Hochlande
-wohnt ein gescheites Völklein: gleich auf den ersten Blick merkt
-der Fremde die Kultur; sie drückt sich aus in den freundlichen,
-reinlichen Wohnungen, in der bequemen einfachen Kleidung und in der
-zutraulichem entschiedenen Ausdrucksweise. Kein einziger ist mir auf
-meinen Wanderungen in der Sächsischen Schweiz begegnet, der mir nicht
-zuvorkommend einen »guten Tach« geboten hätte. Und wenn ich um den
-Weg fragte, so wußte man mir denselben stets so einfach und bestimmt
-zu erklären, daß es eine Freude war. Es mochte vielleicht Zufall
-sein, aber auffallend war, daß mir auf dem ganzen Wege kein Bettler
-begegnete, wie sonst in dergleichen Gegenden. Selbst Kinder, die sich
-als Führer anbieten, wissen das ohne alle Zudringlichkeit und doch
-entschieden zu tun. »Herr,« sagen sie nach der Begrüßung, »wollen Sie,
-daß ich Ihnen den Weg und die schönen Punkte zeige und etwas trage, ich
-habe jetzt Zeit und möchte mir gern ein wenig verdienen!« Und wenn man
-den gebotenen Dienst ablehnt, so lüften sie wieder das Käppchen und
-ziehen ihrer Wege.
-
-Die Dorfkirchen sind einfach und meistens evangelisch; die Friedhöfe
-geschmackvoll, stets mit schönen, sinnigen Inschriften, meistens aus
-deutschen Klassikern.
-
-Mir hat's wohlgetan in diesem sächsischen Kleinalpenländlein.
-
-
-
-
-Aus der heiligen Stadt.
-
-1870.
-
-
-In einem Talkessel der Ilm, von hohen Laubwäldern durchzogen, von
-fruchtbaren Kornfeldern und dunkeln Waldbergen umgeben, angesichts
-des sich in Südwesten bläulich hinziehenden Thüringer Waldes
-liegt Deutschlands heilige Totenstadt. Hier haben sie gelebt, die
-Dichterkönige, die Propheten, und hier liegen sie begraben. Weimar ist
-ein deutsches Jerusalem, ein deutsches Mekka geworden.
-
-Gleich wenn man über die Höhen von Apolda hinüber kommt, sieht
-man südlich der Stadt aus einem dunkelgrünen Laubwäldchen eine
-goldigfunkelnde Kuppel emporragen. Das ist die Fürstengruft und dort
-ruhen Schiller und Goethe.
-
-Es war mir feierlich zumute, als ich hinabstieg gegen das ruhige
-Städtchen. Dieses ist durchaus nicht reich an Pracht, aber die Häuser
-stehen schier weihevoll da, auf dem Pflaster hört man kaum einen Wagen
-rasseln, und durch die Gassen wandeln nur wenige Menschen. Es ist als
-ob die Stadt von seiner Glanzperiode zur Zeit Karl Augusts träumte.
-
-Und so lange Weimar steht, wird es träumen von jener Zeit und von den
-großen Männern, die seine Bürger waren.
-
-Heute zeigt es nur mehr die Wohnstätten der Sänger, und der Wanderer
-betritt sie mit Ehrfurcht.
-
-Es war hoher Nachmittag, als ich im Städtchen ankam; ich eilte an
-dem Goethe- und Schiller-Monument am Theaterplatz vorüber, Schillers
-Wohnhaus zu. Bald darauf stand ich[1] im Zimmerchen, wo Schiller
-gearbeitet hatte und gestorben war. Da steht noch der Schreibtisch
-und auf demselben das Tintenfaß; da liegt noch das Buch offen, in dem
-er zuletzt las, und da liegt noch der Brief, den er zuletzt schrieb.
-Der Sessel steht auch noch am Tisch -- man meint, der Professor müsse
-den Augenblick kommen und sich hinsetzen und seinen »Demetrius« fertig
-schreiben.
-
- [1] Durch die Vermittlung des Dichters Julius +Grosse+, der im
- Schillerhause als Präsident des Schillervereines wohnte.
-
-Aber die Schließerin zeigt auf das leere, nur mit grünen und welken
-Kränzen belegte ärmliche Bett im Winkel und sagt leise: »Hier ist er
-gestorben.«
-
-Am Bette steht das Tischchen mit der Schale, aus der er seinen Thee
-trank, und mit dem Medizinfläschchen.
-
-Am Ofen steht ein Saitenkasten, auf welchem eine Gitarre liegt; ich
-hatte es schier nicht unterlassen mögen, eine Saite zu berühren. Doch,
-diese Saiten mögen ruhen und trauern.
-
-Goethes Wohnung ist nicht zugänglich. Seinerzeit ist der Eintritt
-gestattet gewesen; da war einmal, so erzählt man, ein Engländer
-gekommen und der hatte Goethes Feder mitgenommen; seitdem läßt der
-Eigentümer des Hauses keinen Fremden mehr ein.
-
-Herder wohnte im Pfarrhofe, unmittelbar an der Stadtkirche; Wielands
-Haus ist unweit des Theaters. Jedes dieser Häuser ist mit dem Namen des
-betreffenden Dichters bezeichnet.
-
-Ich bin lange vor den Erzbildern der vier Sänger stehen geblieben.
-
-Zur Nachmittagszeit wanderte ich dem Friedhofe zu, obwohl mir gesagt
-worden war, es würde mir kaum möglich sein, in die Gruft zu gelangen.
-
-Der Friedhof zu Weimar ist ein dichter, dunkler Wald von Espen, Linden,
-Eichen und Zypressen, unter welchen die stimmungsvollsten Denkmäler
-stehen.
-
-Mitten im Friedhofe nun steht ein tempelartiges Gebäude mit der
-goldschimmernden Kuppel, und hier ist die Grabstätte des Großherzogs
-Karl August von Weimar und seiner Freunde.
-
-Ich stand eine Zeit lang im Tempel und las die Inschriften der unten
-Ruhenden. Da kam ein Mann, der wohl der Torwart sein mochte und den ich
-fragte, ob er mich nicht in die Gruft führen könne.
-
-»Ist nicht gestattet,« antwortete er kurz.
-
-Da war ich betrübt und sagte leise: »Ich hätte ihre Särge gern gesehen,
-aber ich werde wohl in meinem Leben nicht mehr hierher kommen.«
-
-»Sind wohl aus fernen Landen?« fragte der Mann.
-
-»Aus der Steiermark.«
-
-Auf dieses Wort schlug er mir heiter auf die Achsel: »Da sind wir ja
-schier Landsleute; meine Heimat ist in Ungarn, nahe an der steierischen
-Grenze; bin mehreremale in Steiermark gewesen. Ei schau, aus der
-Steiermark! Sapperlot, das freut mich. Kommen Sie, lieber Herr!«
-
-Mit diesen Worten zog der Mann einen Schlüssel aus der Tasche und
-führte mich in die Gruft.
-
-Links in der Nische stehen zwei Särge aus dunklem Holz, mit
-Lorbeerkränzen geschmückt -- hier ruhen sie.
-
-Am Grabe Jesus Christus hätte ich kaum gerührter und ehrfurchtsvoller
-stehen können, als an dieser Stätte unseres erhabenen Sängerpaares.
-
-All' die andern fürstlichen Särge, die im Hauptschiff des Gewölbes
-der Reihe nach stehen, waren mir gleichgültig, obwohl mein Landsmann
-von der ungarischen Grenze viele Worte aufbot, mein Interesse dafür
-zu erregen. Nur am Sarkophag Karl Augusts war mir, als müßte ich dem
-schlummernden Fürsten meinen Dank sagen, daß er der Freund unserer
-Dichter gewesen ist.
-
-So war mein Wunsch erfüllt und als ich dem Torwart zu Lohn noch erzählt
-hatte, wie es in der Steiermark und an der ungarischen Grenze zugehe,
-verließ ich den Friedhof und wandelte langsam gegen die Stadt.
-
-Am Abend -- dieser war so mild und heiter, und die Türme von Weimar
-funkelten in der untergehenden Sonne -- machte ich einen Spaziergang
-durch das »Hölzchen« und zwar in Begleitung der beiden Dichter, denn
-ich las Schillers »Spaziergang« und Goethes »Elegien«.
-
-
-
-
-Auf dem Turme der Marienkirche zu Stralsund.
-
-1870.
-
-
-Einen der eigentümlichsten Eindrücke auf meiner ersten Reise durch
-Deutschland hat Stralsund auf mich gemacht. Ein stillernstes Denkmal
-aus lebens- und drangvollen Tagen steht sie da, rings von Wasser
-umgürtet -- die zehnthronige Stadt Jaromars.
-
-Jaromar, ein Fürst von Rügen, hat Stralsund im Jahre 1209 gegründet. Da
-kamen die Dänen und Lübecker mit Feuer und Schwert, auf daß die kaum
-dem Meere entstiegene Jungfrau wieder untertauche. Aber bald erhob sie
-sich wieder, schöner als je und vermählte sich mit der deutschen Hansa.
-
-So ging eine lange Zeit hin und Stralsund blühte als Handelsstadt. Da
-kam im Jahre 1628 der Herzog von Friedland. Dieser schwur, die Stadt
-zu erobern, und wäre sie mit Ketten an den Himmel gebunden. Aber nicht
-an den Himmel war sie gebunden mit Ketten, sondern an die Herzen ihrer
-Bürger. Diese erschlugen dem gewaltigen Wallenstein zwölftausend seiner
-besten Streiter vor den Wällen der Stadt, und der Belagerer zog ab.
-
-Im Westfälischen Frieden wurde Stralsund den Schweden abgetreten, aber
-der Große Kurfürst eroberte es wieder für Deutschland zurück.
-
-Von nun ab wurde Stralsund, das seine der Hansazeit entstammende
-Kraft längst aufgezehrt hatte, ein Spielball zwischen Preußen, Dänen,
-Schweden und Franzosen, bis es heute unter dem Schutze Preußens ausruht
-von seiner blutigen Geschichte.
-
-Stralsund mit seinen schmalen, hohen Häusern, zahlreichen Erkern
-und stattlich zugespitzten Giebeln, hat den Charakter einer
-mittelalterlichen Stadt. Die engen, größtenteils gleichlaufenden Gassen
-sind von Kleingewerbe belebt, nur gegen den Hafen hin entfaltet sich
-das rege Leben und Streben des Schiffsvolkes.
-
-Unter den malerischen Gebäuden Stralsunds fällt das eigentümlich
-geformte vieltürmige Rathaus auf, und die Marienkirche.
-
-Von dem hohen Turme der Marienkirche aus, den man (über 368 Stufen)
-fast bis zur Spitze besteigen kann, hat man die entzückendste Aussicht
-über das befestigte Viereck der Stadt, über einen Teil von Mecklenburg,
-der Insel Rügen und den blauen Strela-Sund mit seinen zahlreichen
-Schiffen. Südöstlich schweift der Blick über den Greifswalder Bodden
-und nördlich fernhin über die Fläche des Meeres.
-
-Als ich auf dem Turme war, ging nach einem Gewitter gerade die Sonne
-unter. Die Luft war ungewöhnlich rein, der Himmel zum größten Teile
-klar geworden, nur über Greifswald und die Insel Usedom zogen sich noch
-Regenstreifen, von einem reinen Regenbogen durchwoben. Auf dem Meere,
-gegen Schweden hin, standen am Horizont weiße Punkte -- einsam wallende
-Segelschiffe.
-
-Von Rügen schimmerte das drei Meilen weit entfernte, hochliegende
-Bergen herüber.
-
-Ich konnte mich von diesem Bilde nicht trennen. -- Rügen! du meer- und
-lichtumflossenes Eiland, du sagenreiche Stätte altnordischer Kultur,
-du Wiege deutscher Befreier aus römischer Herrschaft; du einst von
-den Segeln der Hansa umkreister Eichenhain; du ersehntes Ziel der
-Naturforscher, du Waldesruh der Poeten -- ehrwürdige Warte im Norden:
-sei mir gegrüßt!
-
-»Ik wet nich, jez stahn mer schon twe Stunden da!« mahnte der Küster,
-der mich auf den Turm begleitet hatte.
-
-»Steigen Sie in Gottesnamen hinab, ich werd' schon nachkommen,« sagte
-ich.
-
-Darauf meinte er, ich würde allein nicht hinabfinden, eine Zumutung,
-über die ich lachte.
-
-Der Mann bedeutete mir noch, daß ich mich immer an den Handstrick
-rechts halten müsse; den Schlüssel, den er unten stecken lassen wolle,
-möge ich ihm, wenn ich nachkomme, in seine Stube bringen, dann ging
-er. Ich sah noch, wie die Sonnenstrahlen im Meere erloschen, wie dort
-Rügens Hauptstadt noch einmal aufglühte und wie dann stille Dämmerung
-lag über Land und Meer.
-
-Tief unter mir tönte schon die dumpfe Abendglocke der Marienkirche, als
-ich endlich an das Hinabsteigen dachte.
-
-Im Turme war es dunkel; ich hielt mich immer an die Handhabe rechts.
-Ich stieg langsam und vorsichtig abwärts. Auf den steinernen Stufen
-fühlte ich hie und da Schutt, den ich beim Hinansteigen nicht bemerkt
-hatte. Ich hatte stets den Strick in der Hand. Dann und wann rauschte
-es, ich mußte wahrscheinlich Familien von Fledermäusen behelligen.
-Mir wurde fast unheimlich; ich suchte in meinen Taschen nach einem
-Streichhölzchen, fand aber keins und jetzt hatte ich auch den Strick
-verloren. Ich tastete an der rauhen, unübertünchten Mauer umher, aber
-ich fand keinen Strick. Wird sich doch wohl auch ohne einen solchen
-hinabhelfen lassen, dachte ich und kroch über Stufen und Stufen. Die
-Treppe wand sich und ich kam immer mehr in Schutt, und endlich hatte
-ich Mauer und Schutt neben und vor mir und ich konnte nicht mehr
-weiter. Viel Staub hatte ich aufgewirbelt, der legte sich mir jetzt in
-die Augen. Dann und wann flatterte etwas vorüber, etwas, aus welchem
-meine erregte Phantasie machen konnte, was sie wollte. -- Ich war
-schier ratlos, doch entschloß ich mich, wieder emporzusteigen, die
-rechte Treppe zu suchen oder im schlimmsten Falle von der Höhe des
-Turmes um Hilfe zu rufen.
-
-Aber es sollte noch einen schlimmeren Fall geben, den nämlich, daß ich
-auch den Aufgang nicht mehr fand; ich kletterte über Stufen und Schutt
-und Gerölle empor, da stand ich an einer feuchten Wand, konnte nicht
-weiter und mußte wieder umkehren. So kletterte ich eine Zeitlang erregt
-und ruhelos auf und nieder und mir schien, als käme ich immer in andere
-Räume. Hie und da sah ich hoch über mir eine schmale Wandscharte, durch
-die einige matte Strahlen des Abends hereinfielen, sonst war überall
-undurchdringliche Finsternis.
-
-Ich verwünschte meinen Eigensinn, nicht dem Küster gefolgt zu sein --
-aber das Bild war ja so schön gewesen!
-
-Ich ergab mich in das Unvermeidliche; am nächsten Morgen würde sich das
-Weitere ja doch wohl finden.
-
-Ich setzte mich auf einen Stein, schlug meine Wolldecke, die ich immer
-mit mir trug, eng um Achseln und Brust und versuchte einzuschlafen.
-Aber ich war zu erregt. -- So hilflos und verlassen hier, hoch über den
-Menschen! Wenn unten die Uhr schlug, hörte ich kaum die Töne. --
-
-Indes, nach und nach wurde es in mir ruhiger und noch einmal begann
-sich in dieser ~camera obscura~ das abendliche Bild der Aussicht von
-oben zu klären. Ich sah das meer- und lichtumstrahlte Eiland -- ich sah
-Schiffe gleiten mit wehenden Wimpeln über den dunkeln Wassern; -- ich
-sah endlich, wie aus den Fluten Felsen und Triften und Wälder und Auen
-sich erhoben und ich sah Hütten und Herden und heitere Hirten. Ich sah
-lustig jodelnde Sennerinnen und rüstige Gemsjäger. Und unten in den
-stillen Tälern sah ich Dörfer mit Schindeldächern und weißen Wänden,
-und ich sah, wie aus den Schornsteinen blauer Rauch aufstieg -- ich sah
-mein geliebtes Alpenland. -- ... Da schwand das Traumbild und ich war
-wach.
-
-Unweit von mir hörte ich Gepolter und Männerstimmen, Lichtschein fiel
-mir in die Augen.
-
-Das waren der Küster und sein Sohn, die, als der Fremde am späten
-Abend noch immer nicht mit dem Schlüssel von dem Turme zurückgekommen,
-sich mit einer Laterne aufgemacht hatten, um zu sehen, ob ihm in den
-Räumen und Winkeln des alten Turmes doch nicht etwa was zugestoßen sei.
-Ich war bei den durch abgelöstes Mauerwerk halbverschütteten Treppen
-abgeirrt von der Haupttreppe, und war wirklich schon einem Abgrund nahe
-gewesen, der mich zwar mit einemmale um ein Bedeutendes tiefer, aber
-zuletzt wohl gar um sechs Schuh zu tief gebracht hätte.
-
-Wir mußten viele Treppen hinabsteigen und als wir an der Glocke
-vorüberkamen, schlug sie die elfte Stunde.
-
-Den andern Tag im Morgensonnenschein fuhr ich über den Sund und
-wanderte durch die Insel Rügen bis hinan zum Rugard.
-
-Dort stand ich still und blickte rings um mich.
-
-Da sah ich die Hügel von Putbus, die Buchenwälder bei Granitz und
-Stubbenkammer, die Kreidefelsen bei Arkona, die blauen Buchten, das
-Meer ringsum und in der Ferne gegen Westen den Turm der Marienkirche zu
-Stralsund.
-
-
-
-
-Auf dem Rigi.
-
-1870.
-
-
-Wenn man sich von Graz über Stralsund und Amsterdam nach Luzern rädern
-läßt und endlich auf eigene Socken kommt, so sieht man sich nicht erst
-um nach Hotel und Staubbürste, nicht erst nach dem Pfyfferschen Relief,
-nicht nach Thorwaldsens Löwen, nein, man flieht, eilt fort, -- endlich
-auf eigenen Füßen!
-
-Ich lief, kaum ich dem Bahnhofe entsprungen war, über die eingedeckte
-Holzbrücke, und ich lief dem Hafen und dem Ufer des Vierwaldstätter
-Sees entlang gegen Küßnacht. Mir war unsäglich wohl und leicht, ich
-wollte nichts von Menschenwerk und Stadtluft, ich wollte die Natur
-des Hochgebirges, die ich seit der Fahrt über den Semmering schon so
-lange entbehren mußte. Das endlich war wieder die freie frische Luft
-voll Harzduft, voll Waldesrauschen -- mein Element. Ich kam mir vor
-wie getragen, ich berührte die Erde kaum. Wie ein Reh lief ich am See
-entlang; ich war außer mir vor Freude, daß ich wieder in den Bergen
-stand. Was waren das für Berge, was war das für ein Alpenland! Jetzt,
-Du mein Gott, sah ich's erst, ich stand mitten in der Schweiz.
-
-Da lag vor mir der vielarmige See, so ruhig, so dunkelblau, wie das
-Himmelsauge an einem heiteren Herbstabend. Ein einziges Segelschiffchen
-glitt über den Spiegel und es war mir, als trage das einsame
-Segelschiffchen Poesie über den See -- mehr konnte ich nicht erkennen.
-
-Diesseits liegt die grüne Wiese und ein kleines Landhaus mit weiten,
-grün eingerahmten Fenstern und grauen, schuppenartig verkleideten
-Wänden; vor dem Hause sind Lauben und Rebenpflanzungen.
-
-Jenseits des Sees aber, am bläulich schattigen Ufer erhebt sich der
-dunkle Wald und die düstere Felswand, und nun ist geschichtet Felswand
-auf Felswand -- hoch empor hat es sich gebaut und getürmt in allen
-Lagen, in allen Gestalten, und oben an den Hängen und höchsten Hörnern
-kleben Nebelflocken wie weiße Blüten.
-
-Doch siehe, jene Klamm dort, aus welcher der Wassersturz wie ein
-milchweißes Band niedergeht, öffnet uns einen Blick in den Hintergrund.
-
-Aber was drängt sich da für ein wilder, finsterer Geselle vor, uns den
-Blick auf das liebliche Bild abzuschneiden?
-
-Wie ein Verzweifelter steht er da, wüst und zerrissen; ewig starrt er
-nieder in den tiefen See, ob er wogt und flutet, ob er ruhig ist. --
-So stürze dich hinein! -- Nicht doch, wer weiß, welch' Leid in deinem
-Herzen nagt. -- Man erzählt sich wohl was besonderes von dir, du
-finsterer Riese. Da kam der römische Landpfleger Pilatus, und aus Reue,
-daß er den Nazarener zur Hinrichtung verdammt hatte, stürzte er sich
-von dir in diesen See und davon hättest du den Namen.
-
-Links vor mir, hinter dem Seearm, erhebt sich ein grünlich-grauer,
-teilweise felsiger, teilweise bewaldeter Berg, in Form einer
-abgestumpften Pyramide. Dieser Berg ist der Rigi. Auf der höchsten
-Spitze desselben leuchtete ein weißer Punkt, das Hotel Rigi-Kulm. Und
-morgen, wenn die Sonne aufgeht, mußt du dort oben sein, und heute, da
-sie schon beinahe untergeht, bist du weit davon, und hast noch gar
-keine Herberge.
-
-Einladende Höfe genug, einladende Menschen auch, denn die Ufer des
-Vierwaldstätter Sees sind dicht besäet von lebenslustigen Armen und
-Reichen, die in niedlichen Häusern oder stattlichen Villen wohnen. Aber
-ich fühlte ja noch die Flügel an den Fersen, und es lag Küßnacht nicht
-mehr fern. Dieser kleine Ort mit den großen Häusern ist so einladend,
-wie sein Name, es war, als ich ihn erreichte, schon dunkel geworden,
-aber trotzdem ging ich auch hier vorüber. Von Immensee aus, so hieß
-es in meinem Handbuche, ist der Rigi am kürzesten und bequemsten zu
-besteigen; mein Ziel für heute war Immensee.
-
-So ging ich. Vor mir leuchteten Johanniswürmchen, über mir die Sterne.
-Und Grillen hörte ich singen; in Steiermark tun es an so lieblichen
-Abenden auch die Burschen. Kaum eine halbe Stunde hinter Küßnacht kam
-ich zu dem Hohlweg, wo Wilhelm Tell den Schuß nach Geßler getan. Es war
-fast ganz finster, denn die Bäume hingen über mir zusammen. Ich blieb
-stehen, ich dachte an Schillers Dichtung, an die Tradition, an das
-Reichsvogtentum der alten Zeit. Mit tiefem Pathos begann ich endlich zu
-deklamieren: »Durch diese hohle Gasse muß er kommen!«
-
-»Er isch schon da!« rief es plötzlich hinter mir, und zwei Arme legten
-sich um meinen Leib.
-
-Ich war im Moment so erschrocken, daß ein ganzes Planetensystem vor
-meinen Augen funkelte.
-
-»Verflucht!« rief ich, »wer ist da?«
-
-»Stell di nit so närrisch, du Dingli; meinst, wo de gohsch und wo de
-stohsch, sin G'spenster! Luig me an, ob i nit der alt Friedli bi, der
-bsinnig!« Diese Worte sprach ein armseliges Gestaltlein, und dann
-reichte es mir die Hand. Ich nahm sie an.
-
-»Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?« fragte ich.
-
-»Gueten Obe, de Friedli isch's halt; wonn der wilsch und wonn de
-z'friede bisch, so weis' i dir e Hus zum schlofe huit; de Nacht isch
-lang und chüel. Verstöhnt der mi?«
-
-»Angenommen,« sagte ich, »aber führen Sie mich in das nächstbeste
-Gasthaus, je näher am Berge, je besser, ich will mir für morgen den Weg
-auf den Rigi so kurz als möglich machen.«
-
-Dann führte mich das Männchen unter fortwährendem Geplauder. Fast
-possierlich sah es aus; es hatte, wie ich jetzt in der Sternenhelle
-bemerken konnte, einen Höcker, und trippelte damit geschäftig neben mir
-her und machte mich auf jedes Steinchen und auf jede Wurzel, über die
-wir schritten, aufmerksam.
-
-Und bald kamen wir ins »Hus«. Aber das war zu meinem Erstaunen kein
-Gasthaus, sondern ein großer Bauernhof mit vielen Ställen und Scheunen,
-aus denen mehrere Blechschellen, wie sie die Herden haben, ertönten.
-
-Als mich mein Begleiter ins Wohnhaus führte, sagte ein Weib, das an der
-Türe stand, und an dem ich in der Dunkelheit nur bemerken konnte, daß
-es sehr beleibt war: »Je, Friedli, wen bringst denn da?«
-
-»E Büebli, das im Wald isch gsi und ke Hus g'funde het,« antwortete das
-Männlein und rieb sich die Hände.
-
-Jetzt kamen auch noch andere Leute herbei, und sie lachten und endlich
-führten sie mich in eine Stube, die sehr geräumig und reinlich war, und
-in welcher eine Petroleumlampe brannte.
-
-»Entschuldigen Sie, man wird nicht hier bleiben können?« sagte ich.
-
-Da entgegnete mir ein stämmiger Mann, der in Alpentracht war und ein
-Pfeifchen schmauchte: »Gasthaus ist zwar keines bei uns, aber wenn Sie
-nicht gern mehr hinabgehe nach Immensee und weil Sie der Friedli schon
-einmal gebracht hat, so bleibe Sie in Gottesnamen nur da; wenn Sie
-zufriede sein wollen, wir tun Ihnen gut, wie wir's haben.«
-
-Nach diesen Worten zog er über den Tisch, der in einer Ecke der Stube
-stand, ein weißes Tuch, und das Weib, welches früher an der Tür
-gestanden war, brachte Brot, Butter, Honig und eine Schale Milch, und
-dann luden sie mich ein, daß ich mich hinsetze und esse.
-
-Da setzte ich mich zum Tisch und aß.
-
-Das Männlein, das mich gebracht hatte, kauerte in einem Winkel der
-Stube und sah mir wohlgefällig zu, wie ich mir erkleckliche Brotlappen
-herabschnitt, sie auf einer Seite fürsorglich mit Butter, auf der
-anderen minniglich mit Honig bestrich, und meinen Appetit spielen ließ.
-
-»Nun, wie ist denn das?« fragte ich endlich, als der Mund einmal einen
-Augenblick frei war, »der Mann dort hat mich im Hohlweg aufgefangen.
-Ist das ein Fremdenführer?«
-
-»Ei nein,« sagte der Hauswirt fast hochdeutsch, »er ist ein Vetter
-von meinem Weib und da behalten wir ihn so im Hause, trotz der
-Albernheiten, die er tut.« Und mit einem Finger auf die Stirne
-klopfend: »Hat da d'rin lauter Räder, sonst nichts! Ei ja, tun tut er
-niemandem nichts, will allen Leuten, die ihm begegnen, Gefälligkeit
-erweisen. Einem Narren sieht man doch damit gleich.«
-
-»Aber das war nicht dumm, daß er mich da hergeführt hat zu Milch und
-Honig!«
-
-»Gesegn' Gott, wenn's schmeckt!« sagte der Bauer, »sind sicher ein
-Studiosus? -- Ni ja, hab' mir's gleich dacht. Mein Älterer, der
-Medardi, ischt auch Studiosus, unten in Zürich. Sie wollen gewiß
-morgen auf den Berg? Und vor Aufgang noch? Schau', das ist viel!
-Die Sonne, wissen Sie, geht da oben viel früher auf, als anderswo;
-hier unten kommt sie gerade um drei Stunde später. Ja, da möge Sie
-heut' wohl gleich ins Bett gehe. -- Sepheli!« rief er hernach in ein
-Nebenstübchen, »Luig, isch das Bett für den Ma da neumis scho fertig?
-Tausigsappermost, 's isch hochi Zit!«
-
-»Nun,« sagte ich, »so wollen wir heute noch die Rechnung begleichen«.
-
-»Jetzt hören Sie mir auf!« lachte der Mann, »so ein Studiosus da!«
-
-»'s isch fertig, do lit er, wie ne Grof!« hörte ich in einer Kammer
-über uns sagen, und mein Gastherr sprach: »Fertig wär's. Jetzt sag' ich
-Ihnen eine ruhsame Nacht!«
-
-»Gunn der 's Gott der Herr!« schmunzelte mir das alte Männlein aus
-seinem Winkel zu und ich wurde in eine Oberstube zu Bett gebracht.
-
-Das Bett war nicht mit allzufeiner Leinwand überzogen, die Decke etwas
-steif; dennoch aber schlief ich auf meiner ganzen Reise nicht so süß
-als in dieser Bauernstube.
-
-»'s isch Zit, Büebli, 's hat eis gschlage!« rief es plötzlich, und der
-Friedli stand mit einer Talgkerze vor dem Bett und rüttelte an der
-Decke.
-
-Wenn die Zeit des Schlummers des Menschen glücklichste Zeit ist,
-wie Philosophen gesagt haben, warum läßt man sich wecken eines
-Sonnaufganges wegen?
-
-»Bisch sölli müed und schlöfrig gsi? Freili jo, Suntig isch, chumm, 's
-git e gueti Tag!«
-
-Wohlan, wenn es einen guten Tag gibt, da muß man dabei sein. -- Ich
-erhob mich und in wenigen Minuten darauf gingen wir in der kühlen
-Nachtluft durch junges Dickicht hinan. Friedli wies mir den Weg. Es war
-sehr taunaß, über den Zuger See und über das östliche Hügelland gegen
-Zürich hin hatte sich Nebel gelagert. Der Sternenhimmel war rein. Da
-wir auf einem guten Fußweg waren, der nicht leicht zu verfehlen sein
-konnte, sagte ich meinem Begleiter, daß er nun umkehren möge, und ich
-wollte ihm eine Münze in die Hand drücken; er kehrte weder um, noch
-nahm er die Münze. Erst als der Morgenstern aufging, meinte Friedli:
-»'s isch ein anderer da, bin jetzt frei dervo, bhüetis Gott!«
-
-»Leb' wohl, Friedli!« sagte ich und das Wort kam mir aus dem Herzen.
-»Wenn ich einen andern Rückweg einschlage, so dank' ich dir und den
-deinen noch einmal. Leb' wohl, Friedli!«
-
-»Will's Gott, mer werde scho im Himmel wieder z'seme cho!« sagte er und
-ging bergab.
-
-Das war im ersten Schimmer des Morgensternes.
-
-Ich ging aufwärts. Die Luft strich kühler und kühler; über dem
-Hügelland lag ein lichter Streifen, einzelne Vogelstimmen wurden wach.
-
-Der Weg führte durch Wald und Strauch, über Weiden und an Sennhütten
-vorüber, oft über Gerölle und an Felswänden hin.
-
-Nach einer zweistündigen Wanderung war ich am Hotel »Rigistaffel«. Ich
-blieb stehen und blickte abwärts und auswärts. In den Tälern lag noch
-Schatten, der Stern des Vierwaldstätter Sees in tiefer Dämmerung. Die
-Ufer waren mit lichten Punkten von Dörfern und Villen bestreut; Luzern
-lag da wie ein winziges Häuflein weißer Steine.
-
-Eine Stunde später stand ich auf der höchsten Spitze des Rigi,
-am Hotel »Rigi-Kulm«, das mir gestern als kleiner Punkt entgegen
-geleuchtet.
-
-Ich hörte einmal einen Mann, der den Rigi bestiegen hatte, folgende
-Worte sprechen: »Ich weiß nicht, was die Leute an diesem Rigi finden;
-das Hotel ist gar nicht so außerordentlich, ja im Gegenteile, man lebt
-im Tale billiger und besser. Und die Aussicht, du mein Gott, nichts als
-Berge. Und da geht noch ein kalter Wind. Was doch die Leut' an diesem
-Rigi finden!« --
-
-Nach der anstrengenden Partie trank ich im Hotel, in welchem
-sich einige Engländer befanden, ein kleines Schälchen Milch für
-fünfundsiebzig Centimes, dann ging ich wieder in das Freie, wo ein
-kalter Wind zog und ich nichts sah als Berge.
-
-Aber welche Berge!
-
-Die Gletscherwelt der Schweiz, wie sie südwestlich des Rigi in einem
-ungeheueren Halbkreis daliegt. Und dann tauchte im Osten langsam und
-langsam die glühende Riesenscheibe empor und dann entzündete sich das
-Meer der Gletscher und das war ein stilles Glühen und Leuchten hin über
-das ganze wunderbare Hochland!
-
-Acht Tage früher hatte ich das Wogen und Fluten der Meereswellen in
-der Nordsee gesehen und die Sonne ging auf. Und heute aus dieser
-unendlichen Ruhe ging die Sonne auf. --
-
-Als meine Augen getrunken hatten bis zur Berauschung, und als sich mein
-Herz gelabt hatte an der ewigen Schönheit, stieg ich wieder abwärts.
-
-Meine liebenswürdigen Wirtsleute bei Immensee sollte ich nicht mehr
-sehen. Ich ging südlich gegen das Klösterli Maria im Schnee, gar
-einsam und arm im Alpenkare gelegen. Da steht über 4000 Fuß hoch ein
-Wallfahrtskirchlein, und da leben in einem dürftigen Hause drei
-Kapuziner. Sie betreiben eine kleine Milchwirtschaft, und ihr niedriges
-Dach dient armen Wallfahrern und vom Unwetter überraschten Touristen
-zum gastlichen Hospiz.
-
-Von hier aus geht es an Hängen und durch Schluchten steil abwärts gegen
-Arth, ein kleines Dorf, das an der südlichsten Spitze des Zuger Sees
-liegt.
-
-Als ich den See gegen Zug entlang ging, sah ich über dem jenseitigen
-Ufer noch einmal meine gastliche Herberge, den Bauernhof. Das Männlein
-sah ich nicht; bald rollten mich die Räder wieder fort aus dem Lande
-des Friedli.
-
--- Will's Gott, mer werde scho im Himmel wieder z'seme cho!
-
-
-
-
-Aus dem Ungarlande.
-
-1871.
-
-
-Man meint, die Donau müsse nach und nach denn doch etwas von Kultur
-und Sitte aus den deutschen Landen hinabschwemmen. In Städten, wo die
-Dampfschiffe rasten, da sammelt sich's trefflich an und die Hauptstadt
-des Magyarenlandes trägt zum größten Teile deutschen Charakter. Bis
-aber in den Dörfern und auf den Pußten das Gemeinsame aller gebildeten
-Völker auflebt, wird noch viel Wasser die Donau hinabfließen. Das ist
-der selbständige, sich in sich abschließende, der stolze Stamm der
-Magyaren.
-
-Auf meinen Wanderungen in Ungarn kam ich eines schönen Abends in ein
-großes Dorf. Es war so weit in dem Osten, daß die Dämmerung dort um
-eine gute halbe Stunde früher eintritt als in der Steiermark. So lag
-über den endlosen Ebenen hin der aschfarbige Himmel; nur wo die Sonne
-niedergegangen war, zogen sich glühende Streifen und Nadeln hin, so
-innig schloß sich der Himmel an die Ebene und so tief war der Horizont
-hingezogen, daß er zu sehen war wie die Meeresküste, und die lichten
-Wolkenstreifen darin lagen wie Inseln auf der graubläulichen See.
-
-Ein ungarisches Dorf ist wie das andere. Da liegt es auf der Pußta
-und eine sehr breite Straße führt durch. Daß sich auf dieser Straße
-ein Pferd verstaucht oder ein Wagenrad bricht, ist nicht leicht zu
-denken; denn eine dicke Mulde aus dem feinsten braunen Staub ist hier
-ausgebreitet hin und hin, welche zur Regenzeit zum mildesten Teppich
-wird, in dem man sich wie in ein Kissen verbergen kann mit Roß und
-Wagen.
-
-Und im Dorfe stehen Hütten aus Lehm und Stroh an beiden Seiten der
-Straße; die Fensterchen sind so klein, daß kaum ein ungarischer Kopf,
-geschweige ein ungarischer Schnurrbart ordentlich herauslugen kann.
-Vor und hinter den Hütten sind Akazien und Maulbeerbäume gepflanzt,
-welche sich über den fahlen Strohdächern die Arme reichen -- die Sonne
-soll hier gar wüst sein, wenn sie obenan steht. Leblos sind die Gassen
-des Dorfes nicht, es ziehen uns gemütliche Esel, langgehörnte Ochsen,
-gesprächige Gänse, grunzende Schweine überall entgegen. Auf dem großen
-Platze des Dorfes sind umfangreiche Pfützen, zu dünn, um darüber
-hinzuschreiten, zu dick, um darin unterzugehen, ganz gemacht zum Baden
-und Wälzen für Menschen und Tiere. Es ist kaum übertrieben -- man
-kann's ja sehen, wie Kinder und Schweine, erwachsene Weiber und Gänse,
-Männer und Esel in zarter Eintracht in der Dorfpfütze Erfrischung
-genießen.
-
-Ich sah sie noch lange lustwandeln von meiner Wohnung aus, die mir ein
-Mann in dem besten Hause des Ortes besorgt hatte, ich hörte von der
-Rocsma (Schenke) her auch die Tonschläge eines Zimbals -- ich ging
-aber bald zur Ruhe.
-
-In den steirischen Bauerngehöften weckt zum Morgen die Leute der
-Oberknecht, in Ungarn besorgen das die Mücken; sie schreien und poltern
-nicht wie der Oberknecht, sie summen und singen nur so herum, sie
-setzen sich nur so auf die Wangen, auf die Stirne, auf die Nase, und
-beißen und stechen, daß Ballen wachsen wie Schwämme; dann singen sie
-wieder -- im übrigen kann man liegen bleiben und schlafen, so lange man
-will.
-
-Es war Sonntag. Vor den Hütten saßen die männlichen Einwohner in ihren
-weiten Beinkleidern, von denen ich nie ergründen konnte, ob sie Hosen
-oder Kittel seien. Sie aßen Brot und Speck. Dann erhoben sie sich und
-gingen zur Kirche hinan, die auf dem Hügel stand. Die Weiber kamen aus
-den Hütten hervor und gingen auch hinan; sie hatten schmucke Spenser.
-Die Mädchen waren gar in kurzen, schneeweißen Hemdärmeln und in den
-bloßen, sorglich gescheitelten Locken. Die Männer hatten kaum eine
-bessere Kleidung als am Werktage zuvor; viele waren sogar barfuß und
-die Fransen ihrer weißen Beinkleider schwammen in der Mulde.
-
-Als sie hinanstiegen, war ich auch unter ihnen. Da ich von ihren
-Gesprächen nicht viel verstand und mich in dieselben also auch
-nicht mischen konnte, hatte ich Zeit, die Gegend zu betrachten. Das
-Dorf unten war weit gedehnt, es zählte tausend und mehrere hundert
-Einwohner. Draußen, gegen Südwesten lagen die Weinhügel, weiter links
-standen üppige Buchen- und Eichenwälder; -- mein geliebter Baum, die
-Tanne, wächst dort nicht, weit und breit, darum hat die Luft keine
-Würze, sie ist immer süßlich, lau und schal, wie gekocht. Im Osten
-lag Heideland, im Norden zogen sich unabsehbare Getreidefelder hin,
-und weit draußen lag still und ruhig wie die Heide und das Kornland
-der Donaustrom. Hinter demselben sah man wieder die gelben Streifen
-der Felder, die fahlen Flächen der Heide und zuletzt im Äther ein
-mattgraues Band -- die Karpathen. Dann begannen die Wolkengestalten in
-der ungeheuren Himmelsglocke, und diese Wolkengestalten waren mir das
-Schönste zu allen Tageszeiten im Lande der Ungarn.
-
-Die Gemeinde, die mit mir auf den Hügel gestiegen war, und die Kirche,
-die, weiß übertüncht, weit in das Land hinausschaute, war kalvinisch.
-Auf dem Turme prangte kein Kreuz, sondern ein Ding in Gestalt jener
-alten Waffen, die man Morgensterne nannte. Die Fenstergitter bildeten
-Herze, Ringe, doch kein Kreuz. Auf dem Friedhofe hinter der Kirche
-waren viereckige Holzpfähle mit ausgezackten Köpfen als Denkmäler in
-die Erde geschlagen, aber kein einziges Kreuz. Die Kalviner mögen das
-Kreuz nicht leiden; sie wollen nicht erinnert sein an den Schandflecken
-der Menschen, die ihren Heiland zu Dank an das Kreuz geschlagen. Die
-Kalviner wollen auch kein Bild, weder eine Darstellung Gottes noch der
-Menschen; unmittelbar wollen sie mit dem Gegenstand verkehren. Das
-sieht löblich aus; doch wie dadurch der Sinn, die Kunst zuteil kommt,
-denen die Religion und ihr Kult auch eine Pflegestätte sein soll?
-Die Einfachheit der lutherischen Tempel tut wohl, ein kalvinisches
-Gotteshaus aber ist nicht mehr einfach, es ist geradezu trostlos. Da
-ist rein gar nichts als die nackte Mauer und der Fußboden und die
-Decke, die glatte Kanzel, der Opfertisch und einige Stühle. Das alles
-in allem. Dann kommt der Pastor und hält eine Rede, dann singt die
-Gemeinde Psalmen. Wohl recht einfach, aber noch einfacher wäre, wenn
-die Mauern auseinandergefallen und die Menschen Gott anbeteten, frei in
-der allherrlichen Natur des Himmelsgezeltes. Das wäre ein rechtes Bild
-Gottes und doch kein Bild -- ein wahres Gotteshaus.
-
-Der eifrige, eigenstimmige Gesang der »reingläubigen« Kalvinisten hätte
-mich bald zum Lächeln gebracht, aber das wäre gefährlich gewesen. Es
-war ein so sonderbares Gesurre, dann wieder ein so gewaltiges Geschrei;
-und eine einzelne Stimme war in dem Volke, so grell und zackig, und
-diese wollte nirgends recht hineinpassen, und sie ging, alle anderen
-Töne durchschneidend, ihre eigenen Wege. Dabei machten die Leute
-Gesichter, und wie sich der Gesang drehte, so auch ihre Augen und mit
-den Lippen stiegen und fielen auch die Schnurrbärte. Aber die Andacht
-in Ehren, sie wird gut gewesen sein.
-
-Eigentümlich war der Ausgang. Sie sangen noch alle, als sich plötzlich
-die kleinen Mädchen erhoben und singend das Bethaus verließen; diesen
-folgten die erwachsenen Mädchen, wie sie in den Stühlen gesondert
-waren. Dann erhoben sich die Weiber und die alten Mütterchen und
-verließen singend die Kirche. So waren nach und nach alle weiblichen
-Stimmen verstummt und es sangen nur noch die Männer. Nun aber begannen
-sich die Knaben zu entfernen und nach diesen traten die Jünglinge, dann
-die Männer hinaus. Jetzt saßen noch die Greise da und sangen. Dann
-erhoben sich auch diese und gingen, ihnen folgte der Pastor und nun
-saß außer mir nur mehr der alte Chormeister allein in der Kirche und
-sang, bis endlich auch der schwieg und die Kirche verließ. So war der
-Gesang nach und nach abgestorben und es war still und leer im Bethaus.
-Jetzt verließ auch ich meinen Winkel und ging an der Kanzel und an dem
-Opfertisch vorüber in das Freie.
-
-Da war's gar heiß in der Sonne, aber siehe, die Dorfschwemme war in
-der Nähe. Die Leutchen, wie sie aus der Kirche kamen und sich mit
-den Ärmeln den Schweiß wischten, machten nicht viel Aufhebens, sie
-entkleideten sich kurzweg und stiegen in die Pfütze und wuschen sich
-säuberlich und plätscherten. Sonst, glaube ich, heißt es nach der
-gestrengen Satzung Kalvins, daß, wer in der Öffentlichkeit einen solch
-schlüpfrigen Wandel führt, des Landes verwiesen und ausgepeitscht
-werden soll; nein, so pedantisch genau scheinen es die ungarischen
-Kalviner nicht zu nehmen.
-
-Sehr schwer sollen sich übrigens auch die Katholiken der ungarischen
-Dörfer ihre Sache nicht legen. In der Nähe meines kalvinischen Dorfes
-ist ein katholisches, von dem mir ein alter Einwohner desselben
-Folgendes erzählte: Als vor mehreren Jahren im Dorfe der Peterspfennig
-eingeführt wurde, war viel Lärm. Der Pfarrer predigte auf der Kanzel
-von der Not des heiligen Vaters und stellte diese so ergreifend dar,
-daß er dabei in Schluchzen ausbrach. Die Bauern blieben trockenen
-Auges, aber sie starrten so vor sich hin, als ob sie sagen wollten,
-daß es mit dem heiligen Vater nicht so bleiben dürfe, und daß sie sich
-in dieser Sache nicht spotten lassen wollten. Und die Bauern derselben
-Gegend sind wohlhabend. Der Pfarrer ließ mitten in der Kirche eine
-weidlich große Blechbüchse aufstellen und predigte nun jeden Sonntag
-von der Armut des heiligen Vaters. Aber die Blechbüchse war denn
-doch wohl sehr geräumig, denn oft verfügte sich Seine Hochwürden zur
-stillen Nachmittagsstunde in die Kirche und klopfte mit dem umgebogenen
-Zeigefinger an die Büchse -- das gab noch immer einen schauerlichen
-Widerhall. Hierauf ließ der Pfarrer einen Priester aus Gran kommen,
-der eine glänzende Rednergabe besaß und der auf der Kanzel das Elend
-des Papstes und den Hunger, den er leiden muß, so lebhaft darstellte,
-daß die Bauern ordentlich Appetit bekamen und nach der Predigt sogleich
-in die Schenke eilten und ein Bedeutendes an Speck und Schnaps
-verzehrten. Indes der Pfarrer hatte der Sache Genüge getan und konnte
-nun wohl einer bedeutenden Ernte gewiß sein. Freilich wohl gab die
-Büchse noch immer einen hohlen Ton, doch Silberstücke füllen einen
-solchen Bauch nicht so bald. Als nun eine bedeutende Zeit um war, ließ
-der Pfarrer die Sammelkasse öffnen und fand darin -- ja sind denn
-diese Bauern Ludersleute? -- fand zweiundeinenhalben Kreuzer und einen
-Pfeifendeckel. So ist mir wohl von boshaftem Munde erzählt worden, und
-Ähnliches ereignete sich auch in anderen Dörfern Oberungarns.
-
-Nun kehre ich wieder zu meiner Gemeinde zurück. Ich hatte ihr den
-Vormittag des Sonntags gewidmet, desgleichen sollte auch mit dem
-Nachmittag geschehen.
-
-Doch ich verlor sie bald; sie verkrochen sich in ihre Hütten, nur daß
-in der Schwemme noch ein oder der andere Junge plätscherte und daß dann
-und wann ein Mägdlein auf dem Wege in den entlegenen Keller und zurück
-durch die Gassen eilte und im Vorbeieilen den Fuß auch ein wenig in das
-Wasser steckte.
-
-Erst am Abende wurde es rege. Eine Schalmei fing zuerst an, dann
-begannen in der Schenke Pauken und Pfeifen und jetzt kamen sie
-herbei von allen Seiten des Dorfes und hüpften schon unterwegs den
-Nationaltanz.
-
-An Mädchen strömt eine große Auswahl herbei; der Bursche braucht nur
-zu winken, läuft ihm gleich eine zu. Sie legt ihre Hände flach auf
-seine Achseln, er legt die seinen an ihre Hüfte, dann beginnen sie zu
-hüpfen nach rechts und nach links, daß der Schnurrbart wedelt. Das
-Mädchen guckt dabei ein wenig in seine Augen, ein wenig in den Spiegel,
-der über die beschnürten Flügel seines glatten Spensers geht, zwar
-nicht aus Kristall besteht, sondern nur aus dem Glanze des Speckes
-von so manchem Jahre. Gegessen und getrunken, gönn's ihnen Gott,
-wird wohl auch wacker. Dann kommen auf Eselkarren die jungen Leute
-der Nachbardörfer; sind sie auch vormittags geschieden in Bethäusern
-verschiedener Konfessionen, den Nachmittag haben sie gemeinsam; der
-Katholik hopst mit lutherischen Mädchen und schlürft kalvinischen Wein,
-und mitunter verteilt er, weil's denn so brüderlich hergeht, zuzeiten
-katholische Prügel.
-
-An demselben Abend war's lustig zu sehen und zu hören, aber als es
-gegen die elfte Stunde ging, da begann auf dem Kirchturme plötzlich die
-Glocke zu tönen. Ich erschrak; war Feuer im Ort, oder ein Sterbender?
-Kein Unglück treffe das Dorf und lange lebe der Magyare! Aber Ruhe soll
-er machen, heim soll er gehen noch vor Mitternacht, so will's der Herr
-Pastor und darum läßt er die Glocke läuten. Ein praktischer Kalviner
-benützt die Kirchenglocke also auch zur Polizei; das hat Schiller in
-seinem Lied von der Glocke vergessen.
-
-Es wurde wirklich bald ruhig in der Schenke und sie gingen heim.
-Ich sah noch lange durch das offene Fensterchen in die laue Nacht
-hinaus. Ein paar Hunde bellten unten, sonst war es still; mir kam es
-fast unheimlich vor; das nächtliche Glockengeläute hatte mich etwas
-aufgeregt.
-
-Endlich wollte ich das Fenster schließen, da sah ich plötzlich oben an
-der Kirche ein Flämmlein. Es zuckte hin und her, dann verschwand es.
-Oben bei den Toten, was mochte das sein? Wieder sah ich das Flämmlein,
-und jetzt wuchs es an und wuchs gewaltig zu einer hohen, riesigen
-Flamme und die Wände der Kirche waren rot beleuchtet. Denn doch ein
-Brand! Ich wollte Lärm schlagen, da war die Flamme wieder verloschen.
-
-Nun war meine Neugierde wach im höchsten Grade. Was spukt da oben auf
-dem Hügel? Belustigt sich der Totengräber durch Feuerwerke, oder gehört
-das zum kalvinischen Kult? -- Das muß ich doch sehen!
-
-Angezogen, wie ich noch war, nahm ich schnell meinen Stock, verließ
-das Haus und eilte gegen die Kirche hinan, immer das Licht im Auge
-behaltend, das oben abwechselnd wuchs und zusammenzuckte.
-
-Und als ich durch das Tor in den Gottesacker ging, da sah ich's. Ein
-Mann und ein Weib hatten ein totes Ferkel und das hielten sie über ein
-kleines Feuer, um die Haare von der Haut zu sengen. Dieses weltliche
-Geschäft störte die Ruhe der Toten zwar nicht, konnte mich jedoch auch
-nicht recht erbauen.
-
-
-
-
-Zu Mailand auf dem Dome.
-
-1872.
-
-
-+Mailand!+
-
-Den Namen, den das ganze Land verdient, trägt seine schönste Stadt.
-
-Hier reichen sich Nord und Süd, Winter und Sommer die Hände. Mai!
-
-Uns begegnet in Mailand zum erstenmale das laute, geschäftige,
-klingende Treiben des Südländers; der Italiener hingegen nennt Mailand
-die nordische Stadt. An den Süden erinnern uns in Mailand die flachen
-Dächer der Häuser, die Marmorbalkone mit den ausgehängten schmutzigen
-Lappen, die hohen offenen Portale, das schöne Pflaster der Straßen
-mit Fahrbahnen aus Stein, der Reichtum an Palästen und Statuen und
-das mächtig erwachende Leben nach dem Ave-Maria-Läuten. An den Süden
-erinnert uns der helle aber weiche Gesang, der auf den Gassen und
-aus allen Häusern quillt, das eintönige Geschrei der Ausrufer, das
-Besetztsein aller öffentlichen Plätze mit Verkäufern und Ciceroni, die
-reichen, großen Kirchen, der bräunliche Teint der Männer, das glänzend
-schwarze Haar und das dunkle, gefährliche Auge der Frauen, das zur
-Vorsicht wohl häufig verhüllt ist mit einem zierlichen Schleier.
-
-Der aus Süden Kommende aber wird wegen des mäßigen Klimas, des frischen
-Wassers, des Fleißes der Bewohner usw. in Mailand allerdings die Stadt
-des Nordens erblicken.
-
-Und mitten in dieser stolzen Stadt mit dem Janusgesichte gegen Süd und
-Nord, steht eine Krone von Elfenbein, nein, eine Marmorkrone, wie keine
-Dichterphantasie je eine so wunderbare geflochten hat.
-
-Der Dom von Mailand!
-
-Der Italiener nennt ihn ein Marmorgebirge aus dem Norden, und
-vielleicht mit mehr Recht, als es scheint; waren die Baumeister doch
-nachweislich Deutsche. (Der Bau der wunderbaren Kuppel soll von
-Johannes von Graz herrühren!) Ferner ist es die gotische Bauart, sind
-es die hundert und hundert weithin leuchtenden Zacken, die an die
-nordischen Bergzacken gemahnen.
-
-So haben die Menschen hier im Angesichte der Alpen einen Tempel gebaut,
-in dem sich die Erhabenheit der Berge spiegeln soll -- ein Gebirge aus
-Menschenhand und nach den Gesetzen der Kunst, wie es dem klassischen
-Italien geziemt.
-
-Eine Beschreibung des eigenartigen Baues will ich nicht liefern --
-er ist ja so sehr bekannt und in das Gemüt der Völker aufgenommen
-worden, wie ein liebes Zaubermärchen von der Großmutter. Der Bauer in
-Steiermark sagt, daß in der Stadt Mailand eine Kirche sei, die so viele
-Türme habe, wie das Jahr Tage, auf jedem Turme stehe der Heilige des
-Tages und so prange der ganze Heiligenkalender in Stein gehauen auf dem
-Dome zu Mailand.
-
-Das ist ein großes, einheitliches Bild, aber es ist zu klein. Der
-Türmchen sind weit mehr, als obige Zahl angibt und die Statuen an
-denselben und an den Wänden zählen über zweitausend. Es ist des
-Märchens versteinerter Wald und der Beschauer erstarrt schier selbst
-zu Stein, wenn er vor dem Riesenbaue steht oder gar oben auf seinen
-lichten Zinnen. Weiß und leuchtend erhebt sich der Tempel über den
-Gebäuden der Stadt in die Himmelsbläue empor; gespensterhaft bleich,
-schier wie ein ätherisches Nebelgewebe, steht er des Nachts im
-Mondenscheine.
-
-Nein, ich will den Leser nicht nachtwandeln lassen um den Dom, ich will
-ihn nicht einmal einführen in seine düsteren Hallen -- dazu findet sich
-gelegentlich sicher ein besserer Führer -- emporsteigen wollen wir zu
-jenen Höhen, nach der so viele zackige Spitzen weisen.
-
-Den 26. August 1872 zur Morgenstunde war's, da ich den Dom bestieg.
-Zuerst geht es eine dunkle, aber sichere Stiege über hundert Stufen
-hinan, der dürstende Blick gefangen zwischen den Quadermauern. Endlich
-aber lichtet es sich, wie sich an hohen Bergen der Wald lichtet,
-wenn man über seine Region hinauskommt. Dem Besteiger des Mailänder
-Domes ist, auf der ersten Zinne angekommen, gerade so zumute, wie
-dem Alpenwanderer, der, aus dem Walde hervorgetreten, die mächtige
-Bergkuppe übersieht, die er noch zu besteigen hat. Aber er ist über
-die Giebel der Häuser hinaus, er macht einen Rundgang um den Bau und
-sieht auf die Hüte hinab, die tief unten an dem Domplatze geschäftig
-herumgleiten. Dann beginnt er auf freien, lichten Marmortreppen wieder
-emporzusteigen zwischen dem Gestämm der Türme und den versteinerten
-Heiligen. Viele derselben haben, einverstanden mit dem Geiste der neuen
-Zeit, Blitzableiter an der Seite; selbst die Madonna auf der Spitze des
-höchsten Turmes hatte an meinem Tage die wehende Trikolore aufgezogen,
-um trotz des recht unangenehmen Konfliktes zwischen der Regierung und
-dem Vatikan, dem König Victor Emanuel, der eben in Mailand war, ihre
-Huldigung darzubringen.
-
-Auf der zweiten Zinne angelangt, machte ich wieder einen Rundgang und
-sah nun, wie bedeutend die Stadt niedergesunken war und wie sich die
-Ebene Lombardiens und die fernen Berge zu heben begannen. Dann wieder
-empor zwischen den Zacken und Klippen, ich glaubte schon Alpenluft zu
-fühlen und sah mich nach Gemsen um. Nein, die gibt es wohl nicht auf
-dem Dome zu Mailand, statt deren sah ich auf den glatten Marmorplatten
-des Kirchendaches einen jungen Priester herumwandeln, der ein schönes
-Mädchen am Arme führte. Ihr graziöses Dahinhüpfen erinnerte an Gemsen;
-endlich aber ließ sich das Pärchen nieder auf der Plattform und
-nahm ungezwungen, wie man nur auf der Alpenhöhe sein kann, zusammen
-ein Frühstück ein. Er schob dem Mädchen gute Bissen zu, -- und das
-Kirchendach brach darob nicht zusammen.
-
-Nun aber steht auf dem gotischen Tempel noch ein zweiter gotischer
-Tempel: die ungeheure Kuppel des Domes in einem neuen, reichen Kranze
-von Marmorgebilden, die sich mit ihrer höchsten Spitze 340 Fuß über den
-Erdboden erhebt. In einem Seitenbaue geht die Treppe hinan bis zu dem
-schlanken Turme, dessen gewundene Stiege ja bis in den Himmel hinauf zu
-entführen scheint.
-
-Da liegt die große Stadt -- die höchsten Türme sind tief unten --
-im Morgensonnenglanze. Hier, noch im Schatten, an den Fuß des Domes
-sich schmiegend, steht das königliche Schloß; dort zwischen den
-Ziegeldächern der kleine, bläulich glitzernde See ist das Glasdach des
-neuen, prächtigen Bazars, den Victor Emanuel den Mailändern im Jahre
-1859 zum Angebinde gemacht hat; weiterhin die schöne Kuppel der Kirche
-St. Maria della Grazie weist die Stätte des weltberühmten »Abendmahles«
-von Leonardo da Vinci und noch weiter hin ragt der Siegesbogen, die
-Porta del Sempione. Unser Blick gleitet über die hunderttürmige Stadt
-hinweg und hinaus auf die mit weißen Punkten besäete Ebene, die
-südlich von den blauen Apenninen, nördlich und westlich aber in einem
-ungeheuren Halbkreise von den Alpen begrenzt wird.
-
-Die erhabenen Hochwarten der Alpen sind nahegekommen, um sich den
-wunderbaren Bau, das Spiegelbild ihrer Gletscher anzusehen. Dort im
-fernsten Westen der Monte Viso; man sieht durch die Duftbläue von ihm
-nichts sonst, als ein dreieckiges rötlichweißes Täfelchen. Ein wenig
-nördlicher die sägige Schneide des in Eisen gelegten Riesen Montcenis.
-Dann der leuchtende Zahn des Montblanc und die Zacken vom St. Bernhard
-und Matterhorn. Weiter im Vordergrunde aber ragt die gewaltige
-Gletscherkuppe des Monte Rosa, hoch emporhaltend ihren Silberschild,
-durch den sie den fernen Meeren die Wunder und Herrlichkeiten der Alpen
-kündet. Und nun geht's Kanten an Kanten bis nördlich zur Jungfrau,
-alle gehüllt in ihre ewigen Eismäntel, nur ein klein wenig gerötet
-vor stiller Freude über das schöne sonnige Italien, das sich da
-unten ausbreitet. -- Dann kommt das Finsteraarhorn, St. Gotthard, der
-Ortler usw. bis hin gegen das Adriatische Meer, aus dem die Sonne
-emporgestiegen ist, deren feuchte Lichtschleier niederwallen und die
-östliche Aussicht verdecken.
-
-Und über dieses Bild wölbt sich ein Himmel, nicht mehr lichtblau, wie
-das Auge der Germanen, sondern scharf und dunkel, wie der glühendste
-Blick der Italienerin. Ich sah auf diesem Azurgrunde ein Sternchen
-flimmern am heitern Morgen und ich sah und ich empfand, was das heißt:
-ein italischer Himmel.
-
-
-
-
-Von der Kirche des heiligen Petrus.
-
-1872.
-
-
-Von der Peterskirche zu Rom wird erzählt in der Stube. Da läßt die Magd
-ihr Spinnrad stehen, da lehnt der Knecht sein Spanscheit hin -- da
-horchen sie alle auf.
-
-Ja, die Peterskirche! Schon der Platz davor ist so groß, daß zwei
-Kriegsheere nebeneinander Raum haben. Da sind zwei Springbrunnen, in
-denen allweg' drei Regenbogen stehen, schier Tag und Nacht; wenn diese
-Regenbogen einmal verlöschen, dann kommt das jüngste Gericht. Einer,
-sagen sie, ist schon verloschen. Und mitten auf dem Platz ist eine
-hochmächtige Säule, die gibt am Sonnwendtag zwölf Uhr mittags nicht so
-viel Schatten, daß eins eine Stecknadel in denselben könnt' legen. Das
-ist, weil die Sonnen kerzeng'rad obenauf -- weil die Säulen just mitten
-auf der Welt steht. Nachher ist eine Marmelstiege hinauf zur Kirche,
-die neunundneunzig Stufen zählt, und deren Stufen so breit sind, daß
-Roß und Wagen darauf kann fahren, -- und so lang, daß, steht an einem
-Ende der Jäger, am andern der Hirsch, beide voneinander nichts wissen.
--- Und die Kirche selber ist aus weißem Marmelstein gebaut, und so
-groß, daß, wenn neun Priester gleichzeitig in ihr predigen, einer
-den andern nicht hört. Die Kuppel ist so hoch, daß eins von ihr aus
-nach -- Rom kann sehen? -- nein, nach Jerusalem hinein kann schauen.
-Und der goldene Knopf auf der Kuppel ist so breit, daß darauf sieben
-Hochzeitspaare können tanzen!
-
-So wunderbar ist gewiß noch kein Bau erdacht worden auf Erden, als sich
-die im steirischen Dorf ihre Peterskirche haben erbaut. Es ist nur
-gut, daß in ihren Hecken kein Wanderstab wächst, der sie nach Rom tät'
-führen, und daß sie keine Stiefel haben, die oben auf der »Romstraße«
-verstünden zu wandern -- sie würden ja so enttäuscht sein.
-
-Bin ich's schier selbst ein wenig gewesen, obwohl sich mein obiges
-Phantasiegebilde aufgelöst, als ich aus dem Märchenleben heraus und
-zur ernüchternden Einsicht kam, wie viel -- wie wenig die Menschen im
-Verhältnisse zur Größe ihrer Phantasie zu leisten vermögen.
-
-Freilich habe ich die Peterskirche in den sechs Stunden, die ich ihr
-widmen konnte, gleichsam nur durch das Schlüsselloch von Alessio
-gesehen. Indes, wenn nach der Berechnung eines weisen Mönchs
-neunundneunzigtausend Engel Platz auf einer Nadelspitze haben, so wird
-der goldene Knauf der Kuppel von Sankt Peter auch ein entsprechender
-Tanzboden sein für die sieben bäuerlichen Hochzeitspaare, ohne daß just
-wegen Raummangels gerauft werden müßte.
-
-Es war am Morgen des 6. September 1872. Ich kam durch das dunkle,
-schmutzige Gassengewirre zur Engelsbrücke.
-
-Ich schlich an der finsteren Engelsburg vorbei; eine Teufelsburg kann
-nicht finsterer aussehen, man betrachte nur! Eine trotzige Runde, einst
-eine Totenstätte, dient sie jetzt zum Gefängnisse für Lebendige, »treu
-beschützt von den Engeln«.
-
-Ich ging durch die lange, staubige Borgo Nuovo; diese endet plötzlich
-und siehe, ich stehe auf dem berühmtesten Platz der Erde -- auf der
-Piazza di San Pietro. Da ist ein Feld mit Quadern bepflastert, da
-sind zwei weißschäumende Springbrunnen, Silberpaletten, auf denen
-die Sonnenstrahlen just ihre Farben mengen zu einem Regenbogen. Und
-mitten steht der hohe Obelisk mit heidnischen Hieroglyphen und dem
-eisernen Kreuze auf der Spitze. In diesem eisernen Kreuze soll ein
-Stück des wahrhaftigen Golgathakreuzes stecken. -- Dann die prächtigen
-Kolonnaden, die zwei ausgebreiteten Arme des Vatikans, mit denen er den
-Platz umschließt -- die ganze Welt umschließen möchte.
-
-Und im Hintergrunde, sanft erhöht über marmornen Stufen, steht breit
-und behäbig und stolz der rötlich schimmernde Quadernbau -- der größte
-Tempel der Welt, der Dom des heiligen Petrus. -- Von der Kuppel sieht
-man nur die dunkle Dachrundung und die Laterne über den Vorderbau
-herüberragen.
-
-Eine Glocke dröhnte schwer, dumpf, zur siebenten Stunde. Ich tat
-einen Blick nach dem über den Säulengang aufragenden Vatikan, einen
-Blick nach den riesigen Statuen der Apostel Petrus und Paulus, die
-an den beiden Seiten der Freitreppe stehen, und stieg hinan zu den
-Säulen der Fassade -- zur Pforte. Die Vorhalle ist so groß, daß ein
-paar Dorfkirchen mit Turm und Sakristei leicht darin Platz haben. Ich
-schritt durch das Portal, schob einen der schweren Ledervorhänge bei
-Seite und stand nun in dem Raum der Kirche. Da war nicht die ernste
-Dämmerung eines gotischen Baues, da war die lichte Heiterkeit des
-romanischen Stiles -- alles, vom Fußboden bis zu den Höhen der Kuppel
-prangend in reichster Gold-, Marmor-Mosaikverzierung. Aber die Größe
-der Kirche überraschte mich nicht. Die riesigen Säulen, Fenster,
-Statuen und Bilder, dem Verhältnisse des Baues entsprechend, waren mir
-täuschende Maßstäbe; ich mußte mir sagen, die Kirche hat nicht mehr
-der Pfeiler, Fenster, Altäre, Kapellen als andere große Kirchen, die
-ich bereits gesehen. Anders aber, als ich meinen Blick niedergleiten
-ließ von den Höhen der Gesimse auf die Menschlein, die herunten auf der
-Bodenfläche herumglitten!
-
-Trotzdem belächle ich, was der Cicerone sagt: Das königliche Schloß
-zu Berlin und die Stefanskirche samt dem Turme zu Wien haben bequem
-nebeneinander in der Peterskirche und Kuppel Platz.
-
-Ich begann meinen Rundgang. Ich kam zu der uralten Bronzestatue des
-heiligen Petrus, an deren rechtem Fuß die Gläubigen die Zehen weggeküßt
-haben, bis auf ein paar Stümpfchen. Ich kam zu den Nischen, wo die
-katholischen Schatzkästen stehen, darin der Kopf des heiligen Andreas,
-das Schweißtuch der heiligen Veronika, ein Splitter des Kreuzes Christi
-und die Lanze, welche Christum die Seitenwunde stach. Diese Reliquien
-werden an Festtagen von den hohen Loggien herab dem Volke gezeigt;
-näher besehen dürfen sie nur Priester. -- Ich kam zu der Säule, an
-welche sich Jesus im Tempel Salomons gelehnt hatte. Die Peitsche sah
-ich nicht, mit der er die Krämer hinausgetrieben. -- Ich kam zu der
-Kathedra, zum päpstlichen Thron, den vier heilige Kirchenlehrer mit
-den Händen spielend schaukeln. -- Ich kam an Grabmäler der Päpste, an
-Statuen und Mosaikbilder, und ich kam endlich zum Hauptaltare in der
-Mitte der Kirche, zu dem Allerheiligsten der katholischen Christenheit
--- zu der Grabstätte des Apostels Petrus. Zwei Marmortreppen führen
-hinter dem Hochaltare hinab zu dem Grabe des großen Apostels. Ein
-Baldachin aus Erz schützt vor dem hellen Lichtstrom, der hoch oben
-durch die Kuppel hereinbricht, aber ein Kranz von zahllosen Lampen
-brennt um diese Stätte Tag und Nacht, die Nische und das Grab mit dem
-goldenen Gitter geheimnisvoll beleuchtend.
-
-Hier stand ich still und sagte mir, daß ich zu spät gekommen.
-
-Wie oft in meiner Kindheit, als ich in dem Dorfkirchlein kniete
-oder im Walde saß, erfaßte mich die Sehnsucht nach der Hauptkirche
-der Christenheit, nach dem Dome meines Namenspatrons. Wenn in der
-Christnacht das Turmglöckel klang, weit in den Wald hinein, so war mein
-Gedanke in Rom bei dem hochfeierlich glanzvollen Weihnachtsfeste in der
-Peterskirche. Wenn am Ostersonntagsmorgen die Pöller knallten und die
-Sonne ausging, so weckte mich meine Mutter aus dem Schlafe:
-
-»Bub', jetzt steht der Papst auf der Peterskirchen und gibt seinen
-Segen der ganzen Welt; jetzt steh' aber geschwind auf, sonst frißt
-deinen Teil die Katz'!«
-
-Ich sprang auf und hüpfte noch im Hemdchen hinaus unter den freien
-Himmel und meinte, ich müßte den Segen fliegen sehen in der klaren
-Luft. Aber so, wie ich Tags zuvor die Glocken nicht sah, als sie
-nach den Chartagen von Rom zurückkamen, so sah ich auch heute den
-Segen nicht. -- Und am Pfingstfeste war ich im Geiste wieder in der
-Peterskirche und zählte die feurigen Zungen, die vom heiligen Geist auf
-die Kardinäle niederträufelten. Ich war ein guter Katholik, und lange
-schon erwachsen, habe ich noch Peterspfennige gegeben von Herzen gern.
--- Und heute -- kann ich an dieser Stätte nicht beten ...
-
-Auf einer Marmortafel an der Wand prangen die Namen der Bischöfe und
-Kardinäle, die im Konzil 1870 für die Unfehlbarkeit gestimmt hatten.
-
-Aus einer Seitenkapelle erscholl der Chorgesang einer Priesterschar.
-Ich trat hin, um zu sehen; es waren Domherren in Purpur; nur wenige,
-die jüngeren, blickten mit gefalteten Händen inbrünstig auf zu dem
-Bilde der gekrönten Himmelskönigin mit dem Kinde; die anderen ließen
-ihre Hände und Augen und wohl auch die Gedanken herumschweifen, wo sie
-wollten. Andere, vielleicht fremde Priester, aus weiten Landen kommend,
-durchschreiten feierlich die Kirche und knien andächtig hin vor den
-Lichterkranz des Hauptaltars und -- weinen.
-
-Und wieder andere -- wohl Laien im Chorrock -- huschen geschäftig hin
-und her, lächelnd sich jedem untertänig als Cicerone anbietend, gar
-zuweilen mit einer Opferbüchse schellend, die sie unter dem Rocke
-verborgen halten. Das sind die Hausfliegen der Peterskirche.
-
-Über all' den Zeremonien und Gegenständen der Weihe, der Kunst, über
-all' den Menschen, die gekommen sind aus fernen Landen, um die hier
-bewahrten Schätze und Herrlichkeiten und Gnadenquellen zu schauen und
-zu genießen, waltet in der Kirche ein ewiger Werktag. In Seitenkapellen
-arbeiten Steinmetze, an Altären klettern abstaubende und dekorierende
-Diener herum, auf Gerüsten hämmern Maurer und Zimmerleute, in Nischen
-und Winkeln klopft und scharrt der Schlosser. Es wird ewig gebaut und
-ausgebessert, es herrscht ein ewiger Stoffwechsel an dem Baue, sowie
-überall auch in der Natur.
-
-Die Gerüste für Reparaturen stehen auf Rädern, daß sie bequem von einer
-Stelle zur andern geschoben werden können. Auch zur Fortschaffung
-des Kehrichts sind eigene Wägelchen; der Bauer wird ungläubig den
-Kopf schütteln, wenn ich ihm sage: In der Peterskirche fahren die
-Mistkarren herum, wie auf deinem Rübenacker.
-
-Und trotz all' diesen verschiedenen Dingen herrscht eine gewisse Ruhe
-in den Räumen und fortan künden es die riesigen Buchstaben oben rings
-der Kuppel: ~Tu es Petrus etc.~
-
-Wer die Größe des Baues noch nicht glaubt, der steige auf das Dach und
-wandle zwischen den Tonnengewölben und Giebeldächern und den sechs
-Kuppeln und den Laternen, wie in einer Stadt von Kirchen und Plätzen
-mit Springbrunnen sogar -- und besteige den gewaltigen Koloß der großen
-Kuppel und halte Aussicht von der Laterne über Rom, in das Sabiner und
-Albaner Gebirge, in die Abruzzen und auf das Mittelländische Meer. Und
-mag er gar hinaufklettern bis zum »goldenen Knopf«, so wird er sich
-sagen: »Tanzen? Sieben Hochzeitspaare?« --
-
-Dann aber, Freund, wenn du herabsteigst, durchwandere nochmals die
-Kirche und labe dich an der Schönheit, Erhabenheit, ehe du von dannen
-ziehst. Du magst durch alle Länder der Erde reisen, alle großen Städte
-durchforschen, einen solchen Tempel wirst du nimmer finden. Hier, in
-dem Dome und im Vatikan hast du der Baumeister und Bildner größte Werke
-gesehen; hier bist du auf der Höhe und an der Grenze der menschlichen
-Kunst. Höher kann die Flamme des Genius nicht mehr lodern -- der Atem
-Gottes bläst sie aus.
-
-Einen Monat später war ich wieder in meiner kleinen, stillen Dorfkirche
-und fühlte die Nähe des Herrn.
-
-
-
-
-In den Ruinen von Pompeji.
-
-1872.
-
-
-Eine große Vorwelt ist versunken -- hat nichts zurückgelassen, als
-hier ein Marmorstück, dort ein Erzgebilde, anderswo ein eingegrabenes
-Zeichen, das wir nicht verstehen können. Und die Tradition, entstellt,
-durch die Phantasie verzerrt, lautet weiß Gott, wie anders als die
-Wahrheit! -- Wie's immer sei, viel zu wenig Buchstaben für uns, als
-daß wir lesen könnten. Wir kennen das öffentliche Leben der Römer, wir
-kennen ihre Verfassung, ihre Gesetzgebung, ihre Kriege. Wir fanden hie
-und da eine Spur ihrer Priester, ein Lied, ein Buch ihrer Dichter.
-Das ist schier alles. Es war eine Zeit, die verständnislos wie eine
-Stubenmagd mit dem Besen alles wegfegte und verwischte, was dargestellt
-war.
-
-Zum Glück nahm sich die Mutter Erde an und verbarg vor der Vernichterin
-ein Stück Altertum in ihren Schoß, um es uns, der forschenden Nachwelt,
-aufzubewahren.
-
-Pompeji und Herkulanum -- ich wüßte nicht, daß sie die latinischen
-Sodom und Gomorrha waren -- und doch kam Feuer und Schwefel von oben.
-
-Eine andere Absicht mußte es sein, als nach Christi Geburt 79 die
-Gewalten des Vesuv zu wüten begannen, die Lava wild qualmend bei Tag
-und hell erglühend in den Nächten niederströmte zu den Wohnungen der
-Menschen, und der Aschenregen und der Bimssteinschauer die Städte
-begrub.
-
-Damals lag Pompeji hart am Meere, das seitdem zurückgewichen ist; es
-mag ein wesentlicher Stapelplatz für die weiter einwärts gelegenen
-Ortschaften gewesen sein. Sechzehn Jahre vor der Verschüttung ist die
-Stadt durch ein Erdbeben halb zerstört worden. Die damaligen Christen
-glaubten, diese Zerstörungen seien eine Strafe des Himmels gewesen für
-die Christenverfolgungen, die unter den damaligen römischen Kaisern
-stattgefunden hatten, und für den Martertod der zu Rom hingerichteten
-Apostel Petrus und Paulus.
-
-Authentische Aufzeichnungen des schrecklichen Vesuvausbruches im Jahre
-79 liegen nicht vor. Das Unheil war eben begraben in sich selbst --
-und die Lavamassen lagen starr und verschwiegen über der Todesstätte.
-Pompeji mochte an Ausdehnung die Größe der Stadt Linz gehabt haben;
-Einwohner werden weniger gewesen sein, da die Bauten bei weitem nicht
-so groß waren, als das in den heutigen Städten der Fall ist.
-
-Vielleicht stand auf dem ungeheueren Grabe noch lange Jahre hindurch
-da und dort ein Turm, eine Zinne hervor, wer kümmerte sich darum?
-Der Landmann baute seine Felder und Weingärten darüber; Feigen und
-Maulbeerbäume und Pinien und der ganze Wald des Südens wuchs darauf,
-und Landhäuser und Dörfer wurden, und der Vesuv schlummerte, und der
-kantige Gebirgswall von Sorento bis Palma hielt Wache und schloß es
-ein, das schöne, stille, fruchtbare Tal, und der klare Sarno rieselte
-dahin und ins Meer, Jahrhunderte und Jahrhunderte lang -- und Pompeji
-und Herkulanum waren vergessen.
-
-Siebzehnhundert Jahre zogen dahin, bis das forschende Geschlecht
-herankam aus dem Norden; da enthüllte die Mutter Erde ihren verwahrten
-Schatz und zeigte der neuen Zeit die alten Römer, nicht wie sie
-herrschten auf dem Tribunal, nicht wie sie rangen auf dem Felde oder
-in der Arena, sondern wie sie lebten in ihrem Hause, in der Familie.
-Das war ein ganz neues Blatt in der römischen Geschichte und vielleicht
-wichtiger, wie manch' anderes.
-
-Im Jahre 1748 ließ Karl III. von Neapel auf den ungeheuren Aschenhügeln
-Pompejis den ersten Spatenstich tun, doch erst in neuester Zeit haben
-die Ausgrabungen einen solchen Fortgang genommen, daß heute das reinste
-und klarste Bild der Stadt -- getreu bis auf das Nachtlämplein und
-das Stückchen Mosaik -- bis auf die Knochen der Bewohner -- vor uns
-daliegt. Die begrabene Stadt starrt uns an, wie ein unerlöstes Gerippe,
-das nicht zerfallen darf, weil es Zeugnis geben muß.
-
-Der Weg von Neapel, zwischen den sonnigen Fluten des Meeres und den
-unterirdischen Gluten des Vesuv hin, bereitet würdig auf Großes vor.
-Er führt über Lava und Ruinen: aber mitten in den Ruinen prangen
-Gärten. Und da stehen zwischen dem schwarzgrauen Gemäuer Brunnen, an
-denen Esel Wasser emportreiben, und Weinlauben, unter welchen Hüter
-und Eseltreiber und Ciceroni auf dem Rücken liegen und auf die Feigen
-und Trauben warten, die ihnen ja, wenn heute nicht, so morgen in
-den Mund fallen müssen. Wir gehen über Herkulanum, aber diese Stadt
-ist nicht ausgegraben, doch sind neue, blühende Ortschaften aus ihr
-hervorgewachsen. Zwischen den Ruinen selbst prangt die in Italien
-allgegenwärtige Gartenkultur, und da stehen Villen; und manches Haus
-ist aus Lava gebaut, mit Lava gedeckt, aber trotzig bleibt es stehen,
-bis etwa eines Tages neues Baumaterial von den Höhen des unheimlichen
-Berges niederschießt.
-
-Der Weg verläßt das Meer, biegt links in das Tal, wohl ein wenig
-abseits von dem ewig drohenden Vesuv. Man sieht es aber dem stillen,
-wie träumenden Gesellen nicht an, daß er die Hölle im Herzen trägt,
-daß er imstande ist, das halbe Tyrrhenische Meer zu beleuchten und das
-ganze südliche Italien mit Asche zu bestreuen. Aber die Menschlein
-sind zutraulich und streicheln den schlummernden Löwen und krabbeln an
-ihm hinauf mit ihren Häusern und Gärten. Und plötzlich wird er wach.
-
-Hier, von Pompeji ein Erdwall, durch den eine gewölbte Pforte führt.
-Wie durch ein Friedhofstor gehen wir hinein und stehen in der zugrunde
-gegangenen Stadt.
-
-Neapel und Pompeji. Dort das tolle, übermütige rasende Leben, die alles
-bewegenden Leidenschaftskämpfe von vierhunderttausend Menschen; hier --
-alles vorüber. Die Geschichte dieser Stätte ist erfüllt -- tretet leise
-auf die Steinplatten, störet den Frieden der Ewigkeit nicht!
-
-An dem, was in Pompejis Ruinen am bedeutendsten scheint, am Forum,
-an den Tempeln, an den Theatern, ging ich nach kurzer Besichtigung
-vorüber. Ich wandelte durch die geraden Gassen, deren mächtige,
-unregelmäßige Pflasterblöcke aus Lava noch die Furchen der Räder
-zeigen, und ich ging in die Häuser, die sich nicht auszeichneten, wo
-aber die Menschen gelebt, geliebt, gehaßt haben, gestorben sind. Auf
-Wandgemälden ließ ich meine Augen gern ruhen, die voreinstigen Bewohner
-taten's ja wohl auch -- es waren hier schöne Gestalten dargestellt auf
-dunkelrotem Grunde; und ich fragte die Mosaikkörnchen auf den Fußböden,
-ob sie nicht Kunde wüßten von Haus und Heim des alten Geschlechtes.
-Aber Kunde hiervon geben nur Inschriften, Statuen, Hausgeräte,
-Schmuckgegenstände, Särge usw. im Museum zu Neapel. Diese Räume sind
-leer; all' das Wiedergefundene ist im Museum aufbewahrt; schier ganz
-Pompeji ist uns wieder geworden; den Sarg und die Vasen und den
-Todesschmuck hat das Grab gegeben, nur den Menschen nicht. Was wir hier
-sehen, ausgegrabene Buchstaben sind es nur eines versunkenen Blattes
-der Weltgeschichte, aber sie sind nicht blutbefleckt, wie die Ruinen
-der Kaiserpaläste in Rom -- ein stilles Willkommen rufen sie uns zu
-und laden uns ein in das Haus des römischen Bürgers.
-
-Die Häuser sind niedrig und dachlos, aber die Mauern sind noch gut
-erhalten oder ausgebessert. Hie und da führen enge Steintreppen empor
-zu dem Dachraum. Spuren von Feuerherden, Bettstätten, Hausaltären
-finden sich, noch mit Götterbildern versehen, aber viel häufiger die
-Vertiefungen der Bäder mit Säulengängen ringsherum. Das Bad ist den
-Römern der Mittelpunkt der Genüsse gewesen. Die engen, niedrigen Türen
-haben bequeme Antrittssteine und sind noch mit Holzpfosten eingelegt.
-Sehr spärlich sind die Fenster, sie gehen in den Hofraum; und es muß,
-wenn der Hausvater so bei den Seinen saß (das scheint aber nicht
-gar oft geschehen zu sein), sicherlich die heilige Vestaflamme, das
-Herdfeuer, allein gewesen sein, welches den Raum erhellt hat.
-
-Wenn auch die malerische Ausschmückung der Wände, der bunte
-Stucküberzug der Säulen, die Muschelmosaik der Altäre, Bäder und
-Fußböden überall mannigfaltig ist, so sind doch, außer den öffentlichen
-Gebäuden, die Häuser und inneren Räume ziemlich einförmig. Sollten
-sie nach tausend Jahren etwa Neapel einmal aus der Asche des Vesuv
-hervorgraben, so wird es hierin weit mehr zu staunen geben.
-
-Die Verschüttung Pompejis kann nicht plötzlich vor sich gegangen sein,
-sie mag stunden-, ja tagelang gedauert haben, und doch hat man in den
-Ruinen Hunderte von Leichen gefunden. Sie wollten sich nicht trennen
-von ihren Wohnstätten, oder waren krank, bresthaft, gefangen und wurden
-vergessen, oder sie haben in Rauch und Staub den Ausweg nicht gefunden
-und sind erstickt. Erwürgt und verscharrt von der Natur werden sie nach
-langer Grabesruh' zum Tageslicht erhoben. -- Wie ehedem leuchtet wieder
-die Sonne, wogt das Meer, droht der Vesuv. Es ist dieselbe Welt wie
-einst -- die Natur ist nicht älter geworden; Millionen sind geboren,
-gestorben -- aber das Menschengeschlecht ist noch jung und bereitet
-sich vor für künftige Jahrtausende.
-
-Ein kleines Mädchen, wahrscheinlich das Kind eines Aufsehers, spielte
-in einem dieser stillen Hofräume mit bunten Steinchen. Es baute sich
-damit eine Pyramide und klatschte in die Händchen, als sie fertig war.
-Die Abendsonne fiel schief in das Gemäuer, färbte die Wände und Säulen
-rot, färbte des Kindes Antlitz rot und die Äuglein glühten in Freude.
-Da dachte ich: Schicksal, du hast hier Menschen und Menschenwerke
-vernichtet, das war unsäglich Jammer und Not. Gut denn, es ist vorüber,
-aber warum fängst du mit diesem Kinde von Neuem wieder an?
-
-Über das Gemäuer sah ich den bläulichen Vesuv ragen; violett war er in
-dem Abendsonnenäther, als es in den Ruinen schon zu dunkeln begann. Ein
-braunes, leichtes Bändchen schwebte über dem Kegel, und löste sich auf
-in den Lüften, und zog immer wieder nach, so sanft und mild, wie zur
-Winterszeit ein Hauch aus warmer Brust.
-
-Der Abend lag über der zerstörten Stadt, der Halbmond hing darüber. Ich
-war allein in den weitläufigen Ruinen. Einen Hügel stieg ich hinan,
-der noch große Teile Pompejis birgt und da lag ich stundenlang auf
-einem Stein und träumte. Jeremias sang Klagelieder auf den Trümmern
-Jerusalems. Was sollte ich klagen? Lieber fragen. -- Mir war Welt und
-Menschheit wie ein Fragezeichen.
-
-Es war eine stille, milde Nacht; nur von dem Meeresufer wehte das
-Anprallen der Wellen an das Gestein leise herüber. Die Wölklein über
-dem Kegel des dunklen Vesuv waren ein wenig gerötet. Das Tal schwieg;
-in dem Gemäuer löste sich zuweilen ein Steinchen und bröckelte
-nieder ...
-
-So weit ist meine Wanderschaft gegangen, daß ich zu einer Stadt
-gekommen bin, auf deren Hauptstraßen bestaubte Gräser wuchern, und über
-deren Forum das Eidechschen schleicht. --
-
-Und als der Wanderer diese seltsame Stätte, dieses stumme, eherne
-Traumbild gesehen, da lenkte er seine Schritte wieder der nordischen
-Heimat zu.
-
-Der Mond sank nieder zum Meere und zog einen glänzenden Streifen über
-das Gewässer gegen das Auge. Noch einmal warf er seinen erblassenden
-Strahl auf die bleichen Felsen von Sorrent, auf den finsteren Vesuv,
-auf die Ruinenstadt. Dann spielte er mit den zitternden Wellen des
-Meeres und stand auf der Linie des Horizontes wie ein goldenes
-Schifflein.
-
-Da -- ehe der Halbmond noch versank in dem Gewässer, -- war ein
-schwarzes Täfelchen in ihm. Es war wohl das Segel eines fernen Schiffes.
-
-Endlich versank die Leuchte langsam -- nur noch ein Spitzchen, nur noch
-ein Sternchen blieb zurück, dann verlosch auch dieses in den Fluten.
-
-Das Segelschiff aber trieb -- Gott schütze seinen Lauf! -- in tiefer
-Nacht auf weiten Wassern, und Friede war über den Ruinen.
-
-
-
-
-Auf den Wassern.
-
-
-I.
-
-Da ich noch Kind gewesen, war es unser rieselnder Hausbrunnen, dem
-ich mein Fingerlein hinhalten mußte, daß es naß werde. Da ich ein
-Knabe gewesen, war es das klare Bächlein, in das ich mein kleines
-Flügelrädchen hineinbaute und aus dem ich die Forelle zog, um sie
-wieder hineingleiten zu lassen. Da ich ein wandernder Junge gewesen,
-bin ich am Bächlein entlang gezogen, bis es ein Bach ward, und dem
-Bache, bis er zum Flusse wuchs; und ins Himmelsgewölbe schaute ich
-hin, dort wo es in sonnigem Äther niederging über die Ebene, und
-dachte: Jene Lüfte, jene fernen Wölklein stehen über dem Donaustrom.
--- Über hohe Stege, über lange Brücken zu gehen, rauschende Wehren,
-brausende Wasserfälle mit ihrem weißen Schäumen und ihrem Wasserstaub
-zu sehen, welch eine Lust! Da lag der Fluß glatt wie ein See, dunkel
-zwischen Weiden auf der Ebene hin und hin; dort rieselte er in
-kräuselnden Wellen leicht am Sande des Ufers spielend oder wallte über
-schwarzgrünen Tiefen still und wuchtig dahin. Und wieder in Engtälern
-zwang er sich brausend und gischtend zwischen Wänden und Felsblöcken
-fort. Damals fiel es mir auf, daß ein rasch fallender Fluß weniger
-wasserreich erscheint, als ein still dahinfließender von der gleichen
-Größe.
-
-Dann die Seen im Gebirge mit ihrem Wogenschlag am Ufer, mit ihren
-sagenreichen Tiefen und mit ihren Fahrzeugen! Als ich auf solchem See
-das erste Segelschifflein sah, wunderte ich mich überaus, daß solche
-Dinge, wie man sie nur in Bildern so oft gesehen, tatsächlich in der
-Welt vorkämen und daß ich vor einem derselben stand.
-
-Meine Lebenssonne stieg schon empor gegen den heißen Zenit, ich
-hatte schon Stürme erfahren, äußere und innere, ich war schon Sünder
-und Büßer gewesen -- als ich zum erstenmal das Meer sah. Es war das
-adriatische. Ich fühlte mich im ersten Augenblick schier ein wenig
-enttäuscht, so wie es mir stets bei allem Großen ergangen ist, zu
-welchem eine ausschweifende Phantasie im vornherein die Vorstellung
-gefälscht hatte. Zum zweitenmal sah ich das Meer in der ernsten,
-düster bewegten Ostsee. Es war eine grollende Ödnis über derselben,
-eine nordische Ossianstimmung. Zum drittenmal sah ich das Meer in der
-Nordsee. Dort nahm ich es mit ihm auf. Es trug mich hinaus, daß ich
-kein Land mehr sah und kein Schiff außer dem meinen, nichts als das
-hohe wogende grüne Meer unter unendlichem Himmel. Es ist ein Vorwitz,
-dachte ich mir damals, daß der Mensch mit seiner zuckenden Nußschale
-sich dieser unermeßlichen Gewalt hingibt. Es waren drei große Tage
-und Nächte für mich, so auf dem leibhaftigen Tode dahinzugleiten und
-ich fühlte, wie es doch lächerlich ist, ein Menschlein zu sein und zu
-wähnen, daß man die Welt beherrsche. Aber der Menschlein Mut rührt die
-Götter oder macht ihnen Spaß, und +freiwillig+ gibt die See das Schiff
-zurück.
-
-Zum viertenmal sah ich das Meer im sonnigen Süden von Genua und in
-Neapel. Das mittelländische, es ist das freundlichste, auf dem noch der
-Hauch der klassischen Schönheit zu schweben scheint.
-
-Seither hat mich die Sehnsucht nach dem Meere nicht mehr verlassen; ja
-in dem Maße, als mir das Geschick die Hochgebirgswelt versagt, steigert
-sich mein Hang zum Meere. Andere wallfahrten nach den Gletschern des
-Glockners, ich zur Küste von Miramare.
-
-Schon die Fahrt dahin macht Stimmung. Da löst man sich mählich los von
-den grünen Bergen der Steiermark; es kommt die unterländische Ebene
-mit ihren saftigen Wiesen, in der Ferne Weinberge. Durch ein fast
-wildes, schattenreiches Gebirge fährt man ins Land der Krainer; wir
-gleiten über die Laibacher Ebene, in welche die weißen Steiner Alpen
-herableuchten. Dann kommt der Karst. Eine Mondlandschaft mit Schründen,
-kahlen Bergen und kraterartigen Vertiefungen. Diese Vertiefungen
-entstanden, als die Oberfläche hinabsank in die Höhlen. Keine
-geschlossenen Felsen hier, sondern eine endlose Wüste von losen, grauen
-Steinen, jeder malerisch für sich, jeder im Mondscheine wie beschneit
-erglänzend zwischen scharfen Schatten. Die Bora hat sie blosgewühlt und
-den Erdstaub dahingeweht. Hunderte von Äckerlein, Wieslein und kleinen
-Weiden sind mit hohen Steinmauern eingerandet, zu sehen wie Kirchhöfe
-in armen Heidedörfern. Dort und da ein Strauch, eine verkümmerte Eiche.
-In den Mulden und Schluchten stehen kleine Dörfer nach italienischer
-Bauart, mitten in Weinreben, und darüberhin ziehen sich streckenweise
-die hölzernen Schutzwände der Eisenbahn gegen Schneewehen. Der Süden
-und der Norden streiten hier auf dem Karst um die Herrschaft. Der
-Süden ist zurückgedrängt worden vielleicht zur Zeit, als die Veneter
-in dieser Gegend die Piloten holten zu ihrer Wasserstadt. In neuer
-Zeit scheint der Norden wieder weichen zu müssen; denn man ist daran,
-den Karst aufzuforsten, wovon schon heute stellenweise so erfreuliche
-Anfänge zu sehen sind, daß Triestiner behaupten, man merke bereits die
-Zähmung der Bora.
-
-Auf dem ganzen Karst hat der Reisende das Gefühl, als ob ihn die
-Eisenbahn über das ungeheure Plateau eines hohen Gebirges dahintrage.
-Bei Nabresina erreicht die Steinwüste den höchsten Grad, da biegt sich
-die Bahn nach links, geht durch einen Felseinschnitt, wie es deren
-auf der Strecke zahlreiche gibt, und der Blick des Reisenden fliegt
-plötzlich wie befreit hinaus in eine unabsehbare graue Ebene, dort
-und da der lichte Punkt eines Gebäudes. Das adriatische Meer. So nahe
-ist es da, daß man meint, es mit einem Steinwurf erreichen zu können.
-Aber es ist tiefer unten, als es scheint, so tief, daß es uns auch in
-bewegtem Zustande wie eine glatte ruhige Fläche daliegt. Die lichten
-Punkte in der Ferne sind freilich Gebäude, aber schwimmende.
-
-Der Gegensatz, aus der Steinstarrnis so jäh vor die weichen, ewig
-lebendigen Wässer versetzt zu sein, wirkt, und den möchte ich kennen,
-der, zum erstenmal das Meer sehend, in diesem Augenblick nicht eine
-Aufwallung seines Wesens verspürte, nicht ein Feuchtes in seinem Auge
--- die Träne am Meere.
-
-Miramare heißt das Schloß, das dort unten aus der Landzunge scharf
-am Rande steht, mit seinen weißen Zinnen einsam und melancholisch
-hinausschaut auf das Meer. -- Miramare heißt es. Den Namen hat ihm der
-gegeben, um den es trauern wird, bis dereinst der letzte Stein auf ihm
-niedersinkt in die Flut. --
-
-Links von diesem Bilde, im Hintergrunde, wo sich das Meer einbuchtet,
-liegt im stattlichen Halbkreise das stolze Triest.
-
-Aus dem Bahnhofe von Triest tretend, steht man am Hafen. Fast
-erschrickt die Landratte vor den Ungeheuern der Dreimaster, die mit
-ihren turmhohen Stämmen und gekreuzten Takelwerken geisterhaft vor
-ihr stehen. Vielleicht ist sie eine mathematiklustige Natur und will
-die Dampfer und Segelschiffe alle zählen, die bis zum Leuchtturme
-hin im Hafen liegen. Ja, die Landratte wird dieses Unternehmens bald
-müde sein. Das ganze buntbewegte, laute Hafenleben stockitalienischen
-Charakters betäubt sie. -- Plötzlich versetzt in eine neue Welt! Da
-verliert mancher den Kopf, mancher nur den Hut, den ihm die Borina
-tückisch vom Haupte reißt und ins Meer hinauswirft. Schon gleitet ein
-Nachen hin, sich gelenkig windend zwischen Kähnen, Ankerfesten, unter
-den schwarzen Bäuchen der großen Schiffe am Molo und bald überreicht
-der Matrose, heitere Worte hell in welscher Sprache rufend, den Hut,
-ewig höflich und ewig unzufrieden mit der Gabe, die man ihm reicht. Den
-Hut setzt man auf und denkt: er wird schon wieder trocken. Trocken wird
-er und hat eine graue Kruste -- vom Salz des Meeres. Das alles macht
-der Landratte unendlich viel Spaß.
-
-Ganz eigentümlich angenehm berührt mich am Meeresstrande allemal der
-Gedanke, daß man hier im Vorhofe aller Weltteile sei, gleichsam in der
-Vorhalle zu Alexandrien, Neuyork, San Franzisko, Kalkutta. Schon im
-Hochgebirge streift sich der kleine persönliche Egoismus ab; auf dem
-Meere löst sich auch der große, nationale auf -- das Herz weitet sich
-kosmopolitisch, befreit sich.
-
-Darum hat sich der russische Kriegsdampfer so patzig ausgenommen, der
-an jenem Tage, als ich in Triest war, mit Kanonengebumme in den Hafen
-einlief. Solcher Seevagabunden schürfeln viele auf dem Mittelmeere
-herum, auch Haifische, wovon vor wenigen Jahren einer nach Triest kam
-und jenem im Meere badenden Mann den Fuß wegbiß. Der Angefallene wurde
-vor dem Ungeheuer noch gerettet, verfiel aber vor Schreck und Grausen
-in einen Starrkrampf, an dem er nach wenigen Stunden gestorben ist.
-
-Ich pachtete mir einen kleinen Segler und zwei Matrosen und gebärdete
-mich wie ein Schiffskapitän, der eine Reise um die Welt unternimmt.
-Dabei Erinnerung an meine Heldentat im Meerbusen von Sorrent. Als
-mich dort vor Jahren mein Jollenführer aufs hohe Meer hinausgerudert
-hatte, begehrte er das Dreifache der von uns früher genau und fest
-vereinbarten Löhnung. Da ich nicht darauf einging, drohte er, mich
-nimmer ans Ufer führen zu wollen. Ich konnte mich mit dem Manne auf
-italienisch nicht anders verständigen, als daß ich zornig den Arm
-erhob und mit einem echt steierischen: »Himmelsaggra, Kerl, ih hau
-dir ani aba!« mir mein gutes Recht verschaffte. Ja, ja, wer steirisch
-spricht! ... »Hau dir ani aba!« ist Volapük. Mit der richtigen Gebärde
-allgemein verständlich.
-
-Meine Herren Matrosen hier in Triest aber kreuzten im Hafen, über
-dessen Spiegel der Wind dort und da kräuselnden Schaum aufhobelte.
-Sie waren nicht hinauszubringen auf die hohe See, auf der die weißen
-Gischten sprangen. Sie könnten der heftigen Bora wegen nicht mehr
-zurück. -- Wer sagt, daß ich zurück will? Ihr bekommt für die Stunde
-einen Gulden, ob wir nun nach Miramare segeln oder nach Sidney. --
-Hierauf ging's hinaus. Der Wind pfiff im Segel und die dunkelgrünen
-Wasser wogten in bauchigen Wellen und scharfen Kämmen und gebärdeten
-sich wütend gegen unser armes Schifflein, dessen Bord zu einer Seite
-schier unter Wasser tauchen wollte, so sehr wir die entgegengesetzte
-Seite mit unserem irdischen Gewichte zu beschweren suchten. Die
-Matrosen waren stets mit ihren Ruderstangen, mit den Segeltauen
-beschäftigt und hereinspritzender Gischt und Schweiß rann ihnen vom
-braunen Gesicht. Mitunter stießen sie einen Ruf aus, der im Brausen
-nicht gehört wurde. Ich stemmte mich mit den Füßen stramm gegen die
-tiefgehende Wand und schaute hinaus. Eine anspringende Welle schlug mir
-die Brille von der Nase, was auch ganz gut war, denn sie war schon sehr
-stark mit Salzkrusten belegt, daß ich damit nichts mehr gesehen hatte.
-
-Der Karst lag bereits in grauer Ferne, durch welche Triest in
-unbestimmten Umrissen, wie ein gelblichweißer Steinhaufen, schimmerte.
-Vor mir lag die ungeheure Anhöhe des Meeres. Es zeigt sich nicht wie
-eine ebene Fläche, sondern wie eine schwellende Höhung, üppig und
-fessellos, als überflute es sich selbst immer und überall. Auf Landseen
-frägt man sich manchmal nach der Tiefe oder Untiefe des Grundes. Auf
-dem Meere denkt man nicht mehr daran, denkt nicht an Berg und Tal da
-unten, nicht an das Gold, nicht an die Schiffstrümmer und Gebeine, die
-unten ruhen mögen, denkt auch nicht an die Ungeheuer des Tierreiches,
-die im Innern des Gewässers herrschen. So ganz nehmen die Erscheinungen
-der Oberfläche den Neuling gefangen.
-
-Es gibt wahrscheinlich Leute, die sich das Meer unter dem sonnigen
-Tage licht und glitzernd denken als durchsichtiges Wasser, spiegelnd
-wie Kristall, blendend für das Auge und am Horizont mit dem Himmel
-allmählich sich verwebend, wie der ferne Gesichtskreis in einer
-Landschaft. Das Meer ist anders. Es ist dunkel und glanzlos, in
-einem tiefgesättigten Grau, Blau oder Grün, auf welchem sich die
-weißen Schaumfetzen schuppenartig und zuckend abheben. Die auch bei
-stürmischer See schnurgerade und ruhige Linie des Horizontes ist
-scharf geschnitten, unten das dunkle Gewässer, oben der lichte Himmel.
-Unbegrenzt und doch die Grenze scharf vor dem Auge. Dieses ungeübte
-Auge weiß auf dem hohen Meere aber nicht, ist die Gesichtsgrenze wenige
-Stunden oder viele Meilen weit entfernt, es ist immer, als ob eine nahe
-Wasserhöhe die natürliche Sehweite einengte. Erst wenn in der Kimmung
-ein Schiff auftaucht, gewinnt man einen Maßstab für die weite Fläche,
-die man überblickt. Wenn etwa zur Mittagszeit draußen auf der Schneide
-ein kleiner Punkt erscheint, so hat man am Nachmittag wohl allmählich
-die Gestalt eines Segelschiffes vor sich, aber erst am Abend steht es
-uns so nahe gegenüber, daß man die Einzelheiten seines vielgliederigen
-Takelwerkes erkennen kann. Ein andermal vermeint man das schimmernde
-Segel eines Fischerkahnes zu sehen, aber plötzlich fliegt es in die
-Lüfte auf, eine Seemöve ist's, wie diese Vögel ja des Menschen treue
-Begleiter sind auf den Wassern, weil von den Ablagerungen der Schiffe
-oder von der Beute derselben manches für sie ausfällt.
-
-Wunder nimmt die ewige Reinheit des Meeres. Was fließt nicht alles
-da zusammen, welche Abfälle von den großen schmutzigen Seestädten,
-von den tausenderlei Fahrzeugen, welch ein Wust von Dingen, die weder
-untergehen, noch sich auflösen können, wird ins Meer geworfen. Nichts
-von all dem ist zu sehen, selbst in den Häfen nicht. Seit vielen
-tausend Jahren gleitet die schmutzige Geschichte der Menschheit
-millionenfach über die Meere -- sie müßten Jauche geworden sein. -- Das
-Meer ist rein wie am Tage der Schöpfung. Dieselbe, ewig menschliche
-Spur verzehrende, reinigende Kraft wie im Walde, wie in der Luft, ist
-auch im Meere. Nichts, gar nichts haben die Geschlechter, die Völker
-dem Meere anhaben können, es ist heute, wie es vor dem Menschen war.
-
-Der Sonnenstern vermag tagsüber das Meer nicht zu durchdringen, es
-bleibt selbst unter heiterem Himmel immer eine gewisse Dämmerung
-darüber ausgegossen. Erst mit dem Untergange der Sonne zeigt sich ein
-helleres Licht und Farbenspiel. Die Sonne wird röter, je tiefer sie
-sinkt, und fast am Rande des Meeres angelangt, ist ihre untere Hälfte
-matt und dunkelglühend, während die obere noch heller leuchtet. Dadurch
-erscheint die Scheibe wie eine von oben her beleuchtete Kugel. Dieser
-glühende Ballen taucht nun in weit größerer Gestalt, als er je am
-Zenite gestanden, ins Meer; es ist einem, als müsse man das Zischen
-hören, wenn die Sonne hineinsinkt. Das Meer, in welches sie taucht, ist
-schwarz wie Tinte, es widerspiegelt nichts, nur die Wellen, die unser
-Schiff umgeben, haben einen flüchtigen Perlmutterglanz. Noch sieht man
-der Sonnenscheibe Hälfte, sie ist glanzlos, als sauge sie sich bereits
-an Wasser voll. Endlich ist nur mehr der oberste Rand da -- man könnte
-meinen, am Horizont stehe ein brennendes Schiff; der letzte lodernde
-Punkt verzuckt -- dann ist alles verloschen. Auf den Gewässern ist es
-ruhiger geworden, keine Bora mehr, kaum eine leichte Brise, das Wogen
-der Wellen ist ein Wiegen geworden. --
-
-Kehren wir um. Die Sterne des Himmels müssen den Weg weisen, bis das
-drehbare Licht des Triester Leuchtturmes uns begrüßt. Allmählich
-taucht auch das Geflimmer der Stadt auf, die Signallichter der Masten
-und endlich sehen wir die zickzackigen Streifen der sich im Wasser
-spiegelnden Laternen des Molo.
-
-Das kleine geschäftige Treiben der Menschen ist sehr possierlich nach
-einem solchen Versunkensein in der großen Natur. Und noch possierlicher
-ist es, daß man sich alsbald auch selber wieder hineinmischt, mit einer
-Wichtigtuerei, als hänge das Heil der Welt ab von unserem alltäglichen
-Hasten. Unser eigenes hängt freilich ab von diesem Kampf ums Dasein;
-wenn das Dasein doch nur mehr solche Momente hätte, als ich erlebt da
-draußen auf See in der sanften Gewalt Gottes.
-
-
-II.
-
-Abbazia! Schon das Wort klingt wie der Gesang eines tropischen Vogels.
-Wo liegt dieses Abbazia?
-
-Dem Wiener ist es spielend leicht zu erreichen, er schläft sich
-einfach hinüber. An einem Spätabende läßt er sich auf dem Südbahnhof
-ein Eisenbahngelaß aufsperren, zieht die Fenstervorhänge zu, macht sich
-bequem, raucht noch ein paar Zigarren, legt sich dann hin und --
-
-Nach einiger Zeit wird er wach, reibt den letzten Rest Duseligkeit aus
-den Augen, streckt sich und sagt: »Ah, das war ein köstlicher Schlaf!
--- Wo sind wir denn schon?« Er zieht die Vorhänge auf: Ah!
-
-Hesperien im Morgensonnenschein!
-
-Der Eisenbahnzug steht hoch an einem Ausläufer des Karst in der Station
-Mattuglie. Steil und größtenteils kahl stürzen die kalkfelsigen Berge
-ab und unten liegt blauend das Meer.
-
-Es ist die Bucht von Fiume, die allerdings viele Ähnlichkeit mit einem
-Binnensee hat, weil sie in der Ferne von mehreren langgestreckten
-bergigen Inseln begrenzt wird. Nur rechts, am istrianischen Strande
-entlang, öffnet sich eine Straße hinaus auf die freie hohe See.
-Das ganze Bild ist ein südliches und erinnert an italienische und
-spanische Küsten; Liebhaber des Orients mögen sich auch an die Buchten
-Griechenlands, an den Strand von Palästina, an den Fuß des Libanons
-versetzt fühlen. Die Höhen des Karstes und der kroatischen Alpen,
-frei vom Meeresspiegel aufspringend, geben sich gar stolz und ihre
-Schneegipfel schauen neugierig herab auf die immergrünen Lorbeer- und
-Palmenhaine an der Küste.
-
-Dem Ankömmling wird gesagt, er habe von der Station Mattuglie aus mit
-Wagen nach Abbazia vierzig Minuten zu fahren, und auch nicht länger
-zu gehen. Bei der klaren kühlen Witterung wählt er das letztere. Mit
-jedem Schritte, den er abwärts tut, steigert sich die Wärme der
-Luft. Seine Umgebung sind graue, aus der Erde quellende Felsblöcke,
-Steinfletze und dazwischen dort und da eine ärmliche Hütte aus
-Quadern, Gärtlein mit Ölbäumen und Weinreben, und kleinen Wiesen, die
-terrassenartig mit Rohsteinwällen oder festen Mauern eingefaßt sind.
-So ähnelt mancher Gemüsegarten einem Gebäude, manche Ziegenweide einer
-Festung. Da ist der Schafstall und die Hütte des Hirten massiv, wie
-für die Weltgeschichte gemacht; und wenn das Schaf vom Steuereinzieher
-davongetrieben wird und der Hirte auswandert und das Strohdach
-einbricht, so stehen die Steinmauern so gut ihr Jahrhundert noch, als
-bei uns daheim die Ruinen der Ritterburgen. In der Gegend sieht man
-wohl Häuserruinen stehen; die Zeit hat hier ein armes Volk erdrückt.
-Die neuesten Tage bauen an diesen Küsten Palast um Palast, aber
-nicht für die Einheimischen, sondern für die Fremden, die in ihren
-großen Städten müde geworden sind und sich hier am Meeresodem wieder
-erfrischen wollen.
-
-Zu Füßen des Wanderers liegt nun hart am Meere der Flecken Voloska.
-Slawisches und romanisches Wesen ist hier gemischt, ersteres wiegt
-an Ausdehnung und Zahl vor, letzteres drückt aber der Gegend den
-Charakter auf. (Zu erinnern, daß diese Aufsätze in den Achtzigerjahren
-geschrieben worden sind.) Von Voloska aus links führt eine Kunststraße
-nach dem nahen Fiume, rechts am Meere hin geht's nach Abazzia. Der
-Weg ist kurz, bald stehen wir im Kurorte. Die im Hintergrunde sich
-steil erhebenden Berge -- mit der Spitze des 1400 Meter aufsteigenden
-Monte Maggiore -- sind unwirtlich und stellenweise armselig bestanden
-mit Laubholz; sie lassen am Strande nur einen kümmerlichen Raum
-für Menschen. Dieser Raum ist von einem immergrünen Wald von
-Lorbeerbäumen, Palmen, Zedern und Sebengewächsen bestanden. Dem
-entsprechend ist die Blumenwelt. Fast betäubt den Fremden anfangs
-die weiche Luft und der üppige Duft. Es ist, als ob man in einem
-ungeheuren Gewächshaus stünde, von dem für den Augenblick die Glaswände
-und das Dach weggenommen worden. Und in diesen Wald hinein bauten
-sie den Kurort Abbazia. Tiefschattige Haine, bunte Rasenplätze,
-glatte Kieswege, wildes Gefelse und Ruinen von Bauernhütten wechseln
-zwischen den Häusern; so sinkt die Fläche sanft zum Meere hin, wo
-wildzerklüftete braune Steinwuchten und Klippen gegen die andonnernden
-Wogen ihre Vormachst halten. Es ist wohl nicht zweifelhaft, wer am Ende
-siegen wird, das weiche Wasser oder das harte Gestein. Dieses verliert
-bei jedem Wellenschlag Atome, das Wasser zergischtet jede Sekunde und
-ist doch ewig gesund. Aber bis der Strand dahingewaschen sein wird,
-dazu hat's noch lange Zeit; da mag früher wohl ein großer weltberühmter
-Kurort hier florieren und wieder aus der Mode kommen und verfallen, wie
-die Wohnungen der früheren Ansiedler verfallen sind.
-
-Man setzt sich hin und kann stundenlang dem Spiele des Wassers zusehen.
-Gerne treibt es -- und das ist bei gewöhnlicher Lebhaftigkeit sein
-Gebaren -- in langgezogenen Wellen, wovon eine von der anderen etwa
-zehn bis fünfzehn Meter entfernt ist, heran. Solch eine Welle macht
-einen hohen glatten Rücken, durch den das Licht schimmert und sie wie
-grünliches Eis erscheinen läßt. Nahe dem Strande begegnet ihr aber
-eine von den Steinen zurückgeworfene Welle, über diese hinwegspringend
-bricht sie sich in Gischt, fährt an den Strand, wo sie unbändig
-emporwallt oder weiß aufspritzt, um dann wie ihre Vorfahren und
-ihre Nachkommen zurückzusinken. An mehreren Punkten, besonders am
-sogenannten Teufelsbrunnen sichtbar, rinnt das Meerwasser in mächtigen
-Strömen durch Höhlungen in den Berg hinein, um an anderer Stelle wieder
-hervorzubrechen. Dort und da gibt es badeschwammartig durchlöcherte
-Steine, durch die das Wasser gurgelt und drängt, um auf der anderen
-Seite stoßweise hervorzuspringen. Die Färbung des Meeres ist von
-höchster Mannigfaltigkeit, hier kommt noch dazu die Schattierung von
-den Inseln Veglia und Cherso, deren Berge besonders in den späten
-Nachmittagsstunden in sanftem Veilchenblau herüberlachen. Freundlich
-schimmert Fiume und Porto Re am Fuße des kroatischen Gebirges und im
-südlichen Hintergrunde steigen die hohen weißen Bergzüge Dalmatiens
-hoch in den Himmel empor. Mir fällt ein, der Blick auf dem Bodensee
-gegen die Gletscher der Schweiz hin. Die Schönheit der See und die
-Herrlichkeit der Alpen im Bilde vereinigt!
-
-Als drüben an der Riviera vor einiger Zeit das Erdbeben gewütet hatte,
-kamen Flüchtlinge herüber nach Abbazia, das sich patriotischerweise
-anschickt, die österreichische Riviera zu werden. Und man hat gefunden,
-daß die Naturschönheit hüben jener von drüben nicht bloß in nichts
-nachgibt, sondern sie sogar übertrifft.
-
-Dieses Asyl am Quarnero hat für uns seinen besonderen Wert. Wer den
-nordischen Winter nicht liebt oder ihn der Gesundheit wegen fliehen
-muß, und doch nicht ins ferne Ausland will, der schlafe sich also in
-einer schönen Nacht hinab nach Abbazia. Im milden Hauche des grünen
-Lorbeerhaines und im Angesichte des sommerlich sonnigen Meeres kann er
-dort Christfest halten.
-
-
-III.
-
-Da sitze ich auf dem luftigen Balkone des stattlichen Hospizes
-Quisisana und treibe wieder Meerstudien. Der Palast steht in dem
-immergrünen Walde, mit dessem Laube man die Unsterblichen ehrt. Zu
-meinen Füßen ruht der Kurort und darüber hinaus dehnt sich das Meer.
-
-Ich liebe das Meer. Daß ich meinen Leib entkleide und in die laue
-salzige Flut steige, ist recht gut, aber besser noch ist das andere:
-ich bade im Meer mein Herz.
-
-Dann sinne ich nach über die Natur des Gewässers. Die Ostsee z. B.
-hat in den Sommermonaten eine Wärme von 16--17 Graden Celsius, das
-Mittelmeer von 22 bis 27 Graden, das Rote Meer, welches zwischen
-heißen Wüstenländern liegt, hat sogar eine Wärme von 34 Graden, also
-um etliche Grade wärmer, als ein gewöhnliches warmes Bad ist. Ebenso
-verschieden ist der Salzgehalt der Teile des Weltmeeres. Die Ostsee hat
-etwa ein viertel Prozent Kochsalz, während das Tote Meer zwanzigeinhalb
-Prozent mißt. (Vielleicht kommt das von der Salzsäule, in die Frau Lot
-bekanntlich in der Gegend dieses Meeres verwandelt worden ist, meinte
-einer, der alles Salzbittere den Frauen zuschreibt.) Das Tote Meer, das
-merkwürdigste Binnenmeer der Erde, hat auch ein so großes spezifisches
-Gewicht, daß der Mensch darauf schwimmt wie ein Kork und bei dem besten
-Willen nicht untergehen kann. Es ist das einzige Meer, welches fast
-absolut klar ist und die Sonnenstrahlen wohl viel tiefer in sich läßt,
-als der Ozean, in den das Licht nur neunzig Meter eindringt. Tiefer
-unten herrscht absolute Finsternis.
-
-Überaus unterschiedlich ist das Auftreten der Ebbe und Flut; in der
-Ostsee ist sie kaum zu merken, in unserem Mittelmeere unbedeutend,
-hingegen kommt der tägliche Wechsel des Steigens und Fallens in den
-südlichen Meeren in großem Maße vor. Die Tagesflut hat ihre Ursache
-wohl in der Ausdehnbarkeit durch die Wärme?
-
-Die hervorragendste gute Eigenschaft der See, das Heilsamste, was die
-See für uns hat, ist die Seeluft. Sie wirkt mehr als die See-, Sand-
-und Schlammbäder, und zwar durch ihre Reinheit, ihre laue Feuchtigkeit,
-ihren Salzgehalt. Aber sie muß von der See herkommen, nicht vom Lande.
-Etliche Chemiker, die bekanntlich alles wissen und auch den Homunkel
-gemacht haben, behaupten auf Grund ihrer sehr wissenschaftlichen
-Untersuchungen, daß in der Seeluft keine Salzteile vorkämen. Der
-simpelste Fischer oder Matrose, ja sogar der am Strande wandelnde
-Landbewohner weiß das freilich anders, ja selbst auch, ohne mit dem
-Wasser geradezu in Berührung zu kommen -- weil seine Lippen einen
-salzigen Geschmack annehmen, in seinen Haaren sich Salzkristallchen
-bilden. In Helgoland kann man es häufig bemerken, daß bei starken
-Seewinden die Fenstergläser der höher gelegenen Häuser sich mit feinen
-Salzkrusten überziehen.
-
-Der eigenartige Geruch der Seeluft, den manche als heilsam für den
-Magen bezeichnen, soll von den faulenden oder verwesenden Stoffen aus
-dem Tier- und Pflanzenreiche kommen, die das Wasser mit sich führt. Ob
-solche für den, der sie einatmet, heilsam sind, das kann bejaht, aber
-auch verneint werden, wie überhaupt alle Kultur- und Medizinmittel
-von den einen bejaht, von den anderen verneint zu werden pflegen. Was
-existiert denn überhaupt auf Erden, über das alle Leute der gleichen
-Meinung wären? Die Wissenschaftler unter sich sind es so wenig als die
-Laien.
-
-Ein Mensch, wird versichert, trinke täglich 10000 Liter Luft, da
-kommen Teile, mit welchen sie etwa verunreinigt ist, schon in Betracht.
-Wohltätig ist der Aufenthalt an der Küste, wohltätiger ist er auf
-einer Insel, am wohltätigsten auf hohem Meere, auf dem die Luft fast
-vollkommen rein ist. Es wird eine Zeit der schwimmenden Kurorte
-kommen. Man wird Schiffe einrichten, die den Zweck haben, mit ihren
-heilbedürftigen Insassen sich immer auf der See umherzutreiben.
-
-Nie und nirgends ist das Klima so gleichmäßig, als auf oder an dem
-Meere, dort gibt es kühle Sommer und laue Winter. Wer sollte es denn
-glauben, daß im nordischen Helgoland im Freien die Feige reift und die
-Rose noch im Dezember blüht! Je glatter eine Fläche, je gleichmäßiger
-die Temperatur, das gilt ja auch vom Lande. Je gegliederter ein Land
-ist, je mehr Höhen und Tiefen es hat, je ungleichartiger im Winter und
-Sommer, bei Tag und Nacht ist seine Luftwärme; ins Herz hinein tut es
-mir weh, von euch, ihr lieben Alpen, sagen zu müssen, für Leute, die
-eine schwache Brust haben, seid ihr kein guter Freund! Oder man müßte
-immer auf euren höchsten Gipfeln leben, wo die Luft und Wärme auch eine
-gleichmäßigere ist als in den Tälern.
-
-Nicht bloß die Engbrüstigen sollten ans Meer und aufs Meer, sondern
-auch die Engherzigen. Der Egoist, der Habsüchtige, der Hoffärtige, sie
-sollten einmal etliche Monate lang auf dem Ozean fahren, wo alles Größe
-und Ewigkeit ist, wo es nichts gibt, nach dem die Hand des Menschen
-begehrend sich ausstrecken kann, wo nichts sich ihm unterwirft, wo
-die Elemente, wie sie eben in Laune sind, das menschliche Fahrzeug
-als Spielzeug gebrauchen. Da ist's nichts mit der Übervorteilung
-anderer, und die ganze Selbstsucht geht lediglich darauf hinaus,
-doch nur mit heiler Haut wieder ans Trockene zu kommen. Ein kleines
-Schiffsbrüchlein soll für verknöcherte Herzen ein besonders heilsames
-Seebad sein; nicht bloß, daß man dabei beten lernt, man lernt, sagen
-sie, auch das Leben, bescheiden und dankbar sein für jeden Atemzug und
-Achtung haben vor den Mitmenschen. Natürlich rechtzeitige Rettung,
-und wäre es auch nur durch bewußten Balken auf eine wüste Insel.
-Robinson wäre daheim auf dem festen Lande ein Taugenichts geworden, die
-Einsamkeit auf seiner Insel im Weltmeere hat ihn zu einem ganzen Manne
-gemacht.
-
-
-IV.
-
-Den Kummer nenne ich dir nicht, aber du kennst ihn. Wenn du es mit
-dem Leben, mit der Welt, mit dir selbst einmal heftig zu tun gehabt
-hast, so kennst du ihn ganz gewiß; er ist so schwer, er scheint so
-unerträglich, daß dich nichts erquicken kann, als der eine Gedanke:
-Sterben. Es ist nicht Sentimentalität, es ist kein eingebildetes Weh,
-es hat Grund und Folge, es hat Gestalt, und alles, was du um dich
-siehst, in dir fühlst, ist namenloses Elend. Ich nenne das Leid nicht,
-es hat einen abscheulichen Namen.
-
-In fieberhaften Träumen der Mitternacht rief eine Stimme: »Geh' ans
-Meer!« -- Ich schrak empor. Wer ist da? Wer ruft? War das nicht die
-traute Stimme eines längst und auf ewig verstummten Mundes? -- Ja, miß
-dein Leid an der Größe und Tiefe des Ozeans. Ohne Gebimmel und Geserres
-schlafen gehen ... Um Mitternacht stand ich auf und eine Stunde später
-saß ich im Kurierzuge nach Abbazia.
-
-Als ich über den Karst fuhr, röteten sich die Steine, und bei Mattuglie
-tief unten lag das Meer im Sonnenlichte. Ich stieg hinab, wie man
-hinabsteigt von den felsigen Höhen Palästinas gegen das mittelländische
-Meer. Dann ging ich dem Strande entlang; die weiten Wasser waren
-stille, als hielten sie ein, daß der Geist Gottes sie küsse; und doch
-schlugen die Wellen ans Ufer, als wollten sie heraussteigen; aber
-ohnmächtig rieselten sie wieder zurück in ihr dunkelgrünes Bett. Das
-ist viel zu zahm. Das Meer in meinem Herzen, das brandet anders!
-Jetzt hüllen mich die Ölbäume in ihre Schatten, jetzt fächeln mir die
-Lorbeerzweige um die Stirne. O nein, Ruhm und Preis ist es ja nicht,
-nach dem ich dürste. Nach Frieden des Herzens schrei' ich auf. --
-Orangen-, Pfirsich- und Feigenbäume halten ihre üppigen Früchte mir
-entgegen. O nein, Weltgenuß ist es nicht, nach dem ich lechze. Nach
-Frieden des Herzens weine ich. Herrliche Paläste winken mir zu im
-Lorbeerhaine, Prunk und Pracht, schöne Frauen, liebliche Musik! Als
-ob das Feinste der feinen Welt sich hier versammelt hätte, um mich zu
-grüßen, um mich zu trösten. Das ist es aber nicht, warum ich gekommen
-bin. Nach zwei Richtungen steht mir die Flucht offen, hinauf in die
-Felsen des Karstes, hinab ...
-
-Endlich kehrte ich doch bei lieben Menschen ein, müde und abgehärmt
-sank ich auf ein Ruhebett. An vierundzwanzig Stunden mochten verflossen
-sein, seit die Stimme mich aufgeweckt, und jetzt weckte mich eine
-andere. Es donnerte ums Haus, daß die Wände bebten. Ich stand auf,
-öffnete ein Fenster, da wehte es herein wie feuchter salziger Hauch,
-und ein grauses Rollen und Krachen erfüllte die Luft.
-
-Was das wäre? fragte ich einen auf der Gasse Wandelnden. »Das Meer«,
-antwortete er schreiend und ging vorüber. Ich stieg hinab an das Ufer
-und mußte jauchzen, so leicht war mir plötzlich. Das Meer war rasend
-geworden. In langgestreckten, hohen Wellen, in lebendigen Bergen wogte
-es heran, schlug schwer und wild an die Klippen des Strandes und die
-Wasser sprangen, aufwärts gießend, weit herein ins Land. Kein Lüftchen
-aber regte sich, holder Vollmond stand am Himmel und sein Licht war
-lauterer Frieden. Was ist dir, Meer? Wer hat dich so wütend gemacht?
-Du bist ja entzückend zornig. Ich habe kein Lied gefunden für mein
-Herzweh, nun singst +du+ es, du gewaltige Harfe Gottes! -- Auf hoher
-See draußen weiße Bänder, Zacken und Spitzen, ein zarter Nebelstaub
-darüber, und heran, immer noch wilder, rasender, wahnwitziger, als
-wollte das Meer emporklettern an die Hänge des Karstes.
-
-Was bedeutet das Wüten in dieser friedlichen Nacht? Draußen auf hoher
-See wühlt das Gespenst, welches das Meer heran hetzt. Es ist der
-Scirocco. Am Strande ist er selten wahrzunehmen, aber draußen bohrt
-er seine Rüssel ein, schreckt die Wasser auf und jagt sie pfeifend,
-sausend in alle Welt. Die verlästerte Bora ist ein harmloses Kind
-dagegen, sie schlägt zwar Fenster ein, deckt Häuser ab, schleudert
-kräftige Männer zu Boden und wirft Eisenbahnzüge um; aber das Meer
-bringt sie nur in schönes Kräuseln -- nichts weiter.
-
-Betäubt von dem ununterbrochenen Brausen, Donnern und dem zischenden
-Aufflammen der weißen Gischten stand ich da. -- Der Scirocco, und das
-ist alles? Darum der ungeheure Sturm, weil ein bißchen Scirocco weht
-draußen auf hoher See? Am Ende ist auch in meine Seele ein bißchen
-Scirocco gefahren, und nichts weiter? -- Wohlan, Freund, weil wir denn
-einmal dran sind, ich nenne dir den Kummer, das Herzweh, das namenlose
-Elend, das kaum zu ertragen ist. +Nervosität+ heißen sie das Ungeheuer,
-und wenn Scirocco geht -- nun du weißt es ja.
-
-Am nächsten Morgen war der Himmel grau und schwer, wie ein Meer von
-Blei. Regen, unendlicher Regen rieselte nieder, und die Wolken hingen
-hinein ins Meer, und die Delphine selbst, die manchmal ihre Häupter
-aus den Wellen reckten, wollten Regenschirme aufspannen, oder rasch
-zurücktauchen in die See, damit sie nicht nasser als naß würden. --
-Wenn bei Sonnenschein meine Stimmung schon so trübe war, wie erst
-mußte sie bei so düsterer Witterung trostlos sein! Glaubt ihr? Wenn
-der Teufel einmal los ist, so reißt er nicht mehr an der Kette. Ich
-fühlte mich urgesund und munter wie ein Fisch, wußte nichts von Kummer
-und Herzweh und konnte gar nicht begreifen, wie ein Mensch verzagt und
-traurig sein könne.
-
-Nun tagelang Regen. Das Meer ist spiegelglatt, aber weit hinaus gefärbt
-von den lehmfarbigen Gießen des Süßwassers. Und doch sah man kaum einen
-Gießbach herabkommen von den Bergen. Hingegen quirlten am Strande und
-noch weiter draußen im Meere die weißgelblichen Landquellen auf. Denn
-das Karstgebirge ist inwendig zerfressen, voller Höhlen, Löcher und
-Kanäle, ist wie ein versteinerter Badeschwamm; alles Regenwasser saugt
-es in sich auf, um es unten in oft üppigen Quellen wieder auszuspeien.
-
-An einem der nächsten Tage bin ich unter Regen und Sturm hinangestiegen
-zum hohen Monte Maggiore, wo es im Nebel Schneegestöber gab. Wenn der
-Wind die Wolken zerriß, ward der Blick frei auf das ungeheure Firmament
-hinaus, das +unten+ lag und mit weißen Sternchen und dunklen Punkten
-bestreut war, so als ob Tauben und Adler in der Ferne schwebten.
-Das war das Adriatische Meer mit seinen Dampf-, Segelschiffen und
-Fischerbarken. Im ganzen macht das Meer, vom Berge aus gesehen, nicht
-den Eindruck wie vom Strande, denn es liegt leblos und still da, man
-sieht keine Bewegung, man hört kein Brausen, es ist fast langweilig
-wie ewig wolkenloser Himmel. -- Nach Norden hin sah ich zwischen
-Wolkenspalten die Wüsten des Karstes. Ein Steinwall hinter dem andern
-und die Hochkämme voll Schnee. Alpen und Ozean! Und inmitten steht das
-winzige Menschlein, ein mikroskopisches Insektchen, und wähnt Leid zu
-haben, das härter wäre als alle Felswuchten des Karstes, und tiefer
-als die Tiefe des Meeres. Wo ist es aber jetzt? Wo ist denn dieses
-Leid hingeraten? Hat niemand ein namenloses Herzweh gesehen? Ich zahle
-Finderlohn. Hat es der Sturm verweht? Haben es die Fluten davongespült?
--- Hei, wie jetzt die Bora pfeift und kracht hernieder von den Höhen!
-In den Lüften saust fliegender Sand, die Eichen, welche zwischen
-den braunen Steinblöcken stehen, beugen sich winselnd. Ich werde
-hinabgeschoben, gestoßen in einen der zahlreichen Trichter, wo grüne
-Wieslein sind und Maulbeersträucher und Löcher in den Berg hinein.
-Hier ist's ruhig, nur oben noch die Fanfaren der Bora, die den Sieg
-davongetragen hat gegen den tückischen dämonischen Scirocco. -- Nein,
-ich will nicht bleiben in dieser Grube, will wieder hinauf zur Zinne,
-Leib und Seele einmal so recht durchfegen lassen von dem nordischen
-Luftbesen -- ah, das ist herrlich, das tut wohl! Herrgott im Himmel,
-wie wohl tut der Sturm!
-
-Nach diesen wilden Tagen kam Frieden und Sonnenschein. Ich blieb
-tagelang am Strande von Abbazia. Am Strande saß ich, versunken in
-Gedanken an große Zeiten, an große Menschen. Oder ich ruhte in einem
-Kahne und ließ mich hinausschaukeln auf die See, noch zurückblickend
-auf die lorbeerbekränzte Landschaft. Allmählich sanken die Berge in
-sich zusammen und verschwanden.
-
-Und rings um mich nichts als die ewigen Wasser. Da habe ich gedacht:
-Also ist der Bann gelöst. Bleibe ich hier im Sonnenlichte, so ist's
-recht, sinke ich in die Dämmerungen des Abgrundes, so ist's auch
-recht. All das, was wir Menschen Glück, Unheil, Gut, Elend nennen,
-bedeutet nichts. Irdisch Tand ist eine Handvoll Sand. Irdisch Weh ist
-Maienschnee. Es bedeutet nichts. Ich bin ein großes, unsterbliches
-Wesen, die Felsgebirge sind meine Knochen, das Weltmeer ist mein Blut,
-die Stürme sind mein Atem. --
-
-
-V.
-
-Es ist ausgemacht, die Welt wird zu klein. So furchtbar hat die
-Statistik noch nie gesprochen, als bei der letzten Volkszählung. Im
-neunzehnten Jahrhundert hat die Bewohnerzahl Europas sich verdoppelt.
-Die Zeitungen verbuchen es mit Jubel -- je mehr Leute, je mehr
-Abonnenten! Aber daß sie sich etwa einander ausfressen könnten? Und es
-geschieht, sie fressen sich auf, zuerst die Zeitungen einander und dann
-die Abonnenten. Wenn sie es nicht vorziehen, Kolonien gattern zu gehen.
-Wer sich einmal zurückziehen wollte, um bei sich selber zu sein! Wohin
-denn? Wo es wohnbar ist, gibt es schon überall Leute, hie und da sogar
-Menschen.
-
-Möchte wissen, wie oft ich schon gefragt worden bin, ob es denn nicht
-um Gotteswillen irgendwo einen Weltwinkel gäbe, wo man mit der wilden
-Natur allein bei sich selbst sein kann? Unter den Fragestellern war
-auch ein Millionär und dem ward Rat. Gehe hin und baue dir ein Schiff.
-Nimm, was dir lieb ist mit hinein und fahre aufs Meer. Das Meer ist
-noch unbevölkert und dein Eigentum, wohin du kommst -- wo es am größten
-und weitesten ist, wird dir kein feindlicher Ellbogen begegnen.
-
-Und wer sich kein Schiff bauen kann, der mache es wie ich. Immer
-wieder, wenn mir das Land zu enge wird und die Erde zu hart, gleite ich
-hinab zur Adria und fahre hinaus in die feuchten, sonnigen Einöden.
-Das Land ist hart, das Meer ist weich. Dorthin verfolgen sie mich
-nicht, die unbarmherzigen Quäler, die törichten Handschriftensammler
-und Poetenwinkler, und die anderen, die anderen, wovon mir jeder für
-sich lieb ist, die aber schrecklich sind, wenn sie sich Tag für Tag an
-die Türklinke reihen, um sich vom armen Poeten schließlich doch nichts
-zu holen als -- Enttäuschung. -- Die Scholle lädt überall, wo man auf
-sie tritt, ein zum Arbeiten, sie strotzt von Schätzen, aber ungebeten,
-ungeliebt will sie nichts geben. So weckt sie im Menschen die Gier nach
-Dingen, die im Grunde nichts bedeuten. Reichtum, Glanz, Ehre, Ruhm, die
-nur in der Gesellschaft zweifelhaften Wert haben, für den Einsiedler
-aber belanglos sind. Tückisch lockt der schätzebergende Erdboden zu
-sich hin, und wenn der Mensch ihn nicht versteht oder mißbraucht,
-verletzt er sich daran zu Tode.
-
-Die Scholle ist hart, das Meer ist weich.
-
-Das Meer weckt im Menschen keine Leidenschaften, es wiegt ihn im
-süßen Nichtstun seine ewig lebendige Größe zeigt ihm lachend oder
-drohend, wie klein er ist und dieweilen der Mensch sich doch immer
-mit dem Großen messen will, wird er selber größer. Ich fange keine
-Seeungeheuer, lege keine Kabel, versuche nicht den drahtlosen
-Telegraphen, tauche nicht in den Meeresgrund, liefere keine
-Seeschlachten und denke, das wird man mir ohne weitere Beweise glauben
--- und doch fühle ich mich auf dem Meere fast ein wenig wesentlicher,
-als auf dem Lande. Dort auf der Welle bin ich nichts sonst als Mensch
-und das ist, ernsthaft gesprochen, doch etwas mehr als Hofrat oder
-General oder Kardinal. Mensch sein ist etwas Ungeheuerliches. Nie sieht
-man sich so riesengroß, so mächtig, so ewig, als wenn man nichts ist
-und nichts tut als Mensch sein. Als sich einmal so recht gründlich an
-sich selbst zu erinnern.
-
-Und darum gleite ich so gerne hinab zur Adria und hinein in ein
-Lloydschiff. Ob es nun nach Venedig geht, dem vergessenen Wunder der
-Romantik, oder nach Pola, der Rüststätte künftiger Marinenherrlichkeit
-(für den Kriegsfall sind wir immer optimistisch, denn man kann ja
-gleich bis Lissa fahren). Oder ob mein Kiel nach dem sich immer
-amüsierenden Abbazia sticht, wohin außerhalb der Backhendelzeit die
-Wiener Karten spielen gehen; oder nach Fiume, der ungemütlichen
-ungarischen Antwort auf die Triesterfrage. Oder nach dem schlummernden
-Eilande Lussin, oder nach dem altimperatoristischen Spalato, oder nach
-dem halb morgenländischen Ragusa, oder nach dem wilden Cattaro am
-Saume der Schwarzen Berge -- oder wohin sonst an den istrischen und
-dalmatinischen Küsten, immer sind wir versucht auszurufen: Nicht bloß
-die Scholle, auch die Welle gibt Schätze.
-
-Die hundert Schiffe des Lloyd bieten eine große Auswahl schwimmender
-Burgen, in denen man sich heimisch fühlen kann. Schon das Schiff als
-solches ist dem Landwurm ein Ereignis. Die Bauart der Schiffe und
-die innere Einrichtung ist gar verschiedenartig und jedes hat seine
-besondere Eigenart. Um just von den Lloydschiffen zu sprechen, an
-leidlicher Reinlichkeit sind sich fast alle gleich und daß man nirgends
-köstlicher zu Mittag speist als auf dem Österreichischen Lloyd, das ist
-bekannt. Die zumeist italienisch sprechende Bemannung und Bedienung
-ist stets höflich und die Offiziere trachten den Reisenden die Fahrt
-angenehm zu machen. Nun also, und das ist hier die ganze Menschheit.
--- Und die See! Auf manchem Meere habe ich's erlebt, daß Reisende über
-Bord gebeugt, meinen Spruch ins Gegenteil seufzten: Das Land sei gut,
-das Meer sei hart! Auf der Adria habe ich selten einen bedenklichen
-Fall von Seekrankheit gesehen. Es pflegt sonst von dieser Sache zu
-viel gesprochen zu werden, manch ängstliche Dame wartet gewissermaßen
-schon darauf und der erste Gedanke, wenn sie den Fuß aufs Schiff
-setzt, ist: ach, ich werde gewiß seekrank werden! Man ist nachgerade
-enttäuscht, wenn es ruhig und glatt dahinzieht an den malerischen
-Küsten und wenn man bei der gedeckten Tafel Teller und Gläser ohne
-jede Schutzvorrichtung dastehen sieht, wie auf jedem andern Tisch.
-Aber der Quarnero! Der schlimme Quarnero, wo die Wasserströmung des
-Golfes von Fiume ihr Wesen hat, wo man nach allen Seiten nur mehr das
-hohe Meer sieht, das tintenblaue, mit seinen ungeberdigen Wellen, mit
-seinem Dröhnen und Gischten, so daß der entsetzte Neuling glaubt, er
-sei mitten im grausen Sturm! Die meisten Reisenden freuen sich aber
-gerade auf den Quarnero, weil dieser Strich zu den schönsten Partien
-der österreichischen Adria gehört. Leben und Kraft des Wassers und des
-Dampfers. Da steige ich gerne an die letzte Spitze des Schiffes hinaus,
-wo es langsames und redliches Aufundniederschaukeln gibt, während
-die Bewegungen in der Mitte des Fahrzeuges unsicherer und tückischer
-die Nerven antasten. Übermütige Reisende halten was darauf, von den
-aufspringenden Gischten manchmal ein bißchen angegossen zu werden. Aber
-das Deck ist hoch und lange nicht bei jeder Fahrt gelingt die Taufe. --
-Bei der prächtigen Meerschau auf so zahmem Rosse reitend, wundert man
-sich völlig, daß die Vergnügungsfahrten auf der Adria nicht noch mehr
-Mode geworden sind.
-
-Eine meiner letzten Lloydfahrten ging nach der istrischen Insel Lussin.
-Hat man hinter Pola den Leuchtturm des Kap zurückgelegt, um der hohen
-See sich endlich zu erfreuen, taucht fern im Südosten ein länglich
-gestreckter Berg auf, der Ossero. Ganz pyramidal steht er da. Aber die
-Sohle unserer steirischen Alpentäler ist häufig höher, als die 588
-Meter hohe Spitze dieses Berges. Er tut was er kann, um sich Respekt
-zu verschaffen; pathetisch legt er die Falten seiner Felswände und
-nicht selten trägt seine Spitze eine Wolkenhaube, auch wenn sonst,
-soweit das Auge reicht, der Himmel blaut. Den Ossero-Touristen wird
-geraten, sich mit festen Schuhen zu versehen; dann aber, wenn sie ein
-gutes Auge oder Fernglas mithaben, können sie im Westen das »unendliche
-Meer« Lügen strafen und die italienische Küste schauen. An drei Stunden
-brauchte der geschwinde Dampfer, um den Ossero endlich zur linken Seite
-zu haben. Auch zur rechten tauchen Inseln auf, unter denen bald ein
-steil aus dem Meere springendes felsiges Eiland ausfällt, erinnernd
-an Helgoland. Es ist Sansego, die antike Weinquelle am Quarnero. Dann
-geht's in die Bucht von Lussinpiccolo. Mit orientalischer Verve steigt
-die Stadt den halbkesselförmigen Berg hinan, so daß die Fenster jedes
-rückwärtigen Hauses über der Achsel des vorderen herabschauen auf den
-Hafen, um den die Riva sich hufeisenförmig zieht. Die halbe Bevölkerung
-ist lärmend, als gäbe es eine Feuersbrunst, am Landungsplatze
-versammelt, um bei Ankunft eines Schiffes als Packträger oder Ciceroni
-ein paar Soldi zu verdienen. So gleichmütig sie den ganzen Tag den
-lieben Gott einen guten Mann sein lassen, so energisch regt sich ihre
-Erwerbslust, wenn die geldgespickten »Tedesci« kommen.
-
-Die Zeiten sind vorüber, da in dieser Stadt der Schiffbau in Blüte
-gewesen; anderswo können sie das jetzt besser und so ziehen die
-Lussiner auf fremden Meeren oder liegen daheim auf ihren Steinfliesen,
-sich damit begnügend, daß sie leben. In ganz Lussinpiccolo, es zählt
-bei fünftausend Einwohnern, hört man kein Wagenrad rollen; ein
-einziges Pferd, so geht die Sage, existiere in dieser Stadt, und
-dieses soll ein Maulesel sein. Der Herr, der die Vögel nährt und
-die Blumen kleidet, hat hier also ziemlich viel zu tun; er jagt den
-Einwohnern die Fische in die Buchten, eine unglaubliche Anzahl von
-Arten, er jagt sie ihnen in die Netze, an die Angeln, wonach sie bloß
-anzuziehen brauchen; er überspinnt den Steinhaufen, Lussin genannt,
-ganz wunderbar mit Ölbäumen, Orangen-, Mandarinen- und Zitronenbäumen,
-mit Feigen- und Dattelbäumen und mit Weinreben, er ziert ihn mit
-Kiefern und fabelhaften Kakteen und sonstigen Spielarten der Tropen.
-Allerdings, umsonst hat der Mensch auch das nicht, jede Parzelle der
-fruchtbaren roten Erde mußte den Steinen abgerungen werden, den grauen
-Blöcken klein und groß, wie sie überall und überall aus dem Boden
-hervorquellen, genau so wie im Kar des Hochgebirges. In hohen rohen
-Mauern und Wällen sind diese Steine, mit denen man nicht weiß wohin,
-aufgeschichtet an jedem Wege, um jedes Gärtlein, um jeden Pfränger,
-in dem eine elegische Ziege oder ein einsames Schaf steht. Dazwischen
-stets von dem mattgrünen Ölbaum bestanden geschlossene Felsen. Mancher
-Felsriff ist so alpin, daß man jeden Augenblick glaubt, eine Gemse
-herüberlauern zu sehen. Aber wunderbar, was am Strande das Wasser macht
-aus diesen Steinen! Diese Zacken und Runsen, die phantastischesten
-Aushöhlungen im großen und kleinen! Und die Welt der Tiere, die in
-solchen Löchern und Spalten und in den grünlichen Untiefen hausen!
-
-Lussin bietet drei grundverschiedene Seebilder. Nach Norden hin den
-Hafen und die Bucht, scheinbar ein abgeschlossener Landsee, ringsum mit
-hügeligem, größtenteils kahlem Karstgebiete umgeben. In der Ferne ein
-paar höhere Berge, so der Monte Asino mit seiner alten Festung und das
-herüberragende Haupt des Ossero. Im Jahre 1859 war diese Bucht voll
-italienischer und französischer Kriegsschiffe, die sich hier versammelt
-und organisiert hatten, um Venedig zu erobern. Österreich aber steife
-sich darauf, zu siegen und Venedig freiwillig abzutreten. Großmütiger
-kann man schon nicht mehr sein.
-
-Und welch ein anderes Bild gegen Osten hin, wenn man vom Hafen
-zwischen den Steinwällen an fünfzig Meter hinaufsteigt. Die Fläche
-des Quarnerolo. Zu Füßen der buchtenreiche Strand mit Lussingrande,
-St. Martino, und links hin die niedrigen Ausläufer der Insel Cerso.
-Aber, was steht dort fern über dem Meere aufgebaut? Ist es eine lang
-hingezogene graue Wolkenwand mit Sonnenstreifen und weißen Rändern?
-Nein, es sind die Berge von Dalmatien, es ist der Velebit mit seinen
-Schneefeldern.
-
-Und wieder grundverschieden das Bild nach Westen hin. Die kleine Bucht
-Cicale im Westen der Insel, an zwanzig Minuten von Lussinpiccolo
-entfernt, ist der beliebteste Ausflugsort der Kurgäste. Dort beginnen
-wieder die Einsamkeiten der hohen See. Selten ein roter oder weißer
-Segler, noch seltener ein Dampfer. Immer und immer gleiten die
-blaugrünen Wellen heran, immer dem Strande zu, so daß ein einfältiger
-Landmensch wohl fragen möchte, wie denn das kommt, daß das Wasser dort
-draußen nicht weniger und hier am Gestade nicht mehr wird. Ob das
-Heranfließen nur scheinbar ist, ob trotz alles Hin- und Herwogens die
-Wassermassen nicht doch an der gleichen Stelle bleiben? Es scheint,
-daß auch ich die närrische Frage gestellt, denn urplötzlich hatte ich
-an mir den Beweis, daß die Wasser laufen und springen, eine Gischtwelle
-warf sich über die Strandfelsen zu mir heraus und übergoß mich pudelnaß
-von oben bis unten. So -- nun gehe hin und erörtere es mit deinen
-Lesern, ob die Wasser an der gleichen Stelle hocken bleiben.
-
-Das Meer hat Humor, es blinzelt, es lacht, schupft dich von einem
-Rücken auf den andern und scheinest du zu sinken, so fängt es dich
-doch allemal wieder auf in den weichen Schoß. Im stürmischen Zustande
-ist es weit harmloser, als es sich stellt, im stillen aber tückisch.
-Wenn man dem Segler ruhige See wünscht, so wird er grob. Weit draußen
-auf der glatten Wassertafel müßte er verhungern. Sein bester Freund
-ist der Wind. Und auch der unsere: Die glatte Fläche, die keine Narbe
-hat und keine Farbe, die so leb- und streblos hinliegt und sich am
-Gesichtskreis vom Himmel nicht unterscheidet -- das ist die große
-wässerige Langweile. Auf jener Fahrt nach Sansego wäre sie unfehlbar
-eingetreten, wenn einige Jahrhunderte früher an der südlichsten Spitze
-von Lussin nicht Seeräuber gehaust hätten. Diese Seeräuber rief nun
-mein Gondelführer zu Hilfe, um die Langweile der stillen See zu
-verscheuchen. Er erzählte, wie die Wackeren immer ausgezogen seien
-nach Kauffahrern und nach den blühenden Städten des Mittelmeeres, um
-etwas zu erobern. Zu rauben, sagte man unhöflich genug, und Piraten
-nannte man zeitweise solche Männer, die in Schulbüchern manchmal auch
-Kriegshelden heißen. Nun, und einmal hatten die Herren Seeräuber
-von Lussin gehört, daß in der wundervollen Stadt Venedig eine
-Massenhochzeit stattfinde, dieweilen eine größere Anzahl Patriziersöhne
-sich junge Weiber erkieseten. Solches Gerücht machte unsere Seeräuber
-leckerig und sie zogen mit Wehr und Waffen gen Venedig, um den
-Hochzeitszug zu überfallen und die schönen Bräute zu erobern. Das
-galante Unternehmen fiel aber unglücklich aus, denn das Lagunenvolk
-wehrte sich mannhaft und nahm die Seehelden gefangen. Dann kam das
-Strafgericht der Dogen, das von beispielloser Grausamkeit war. Zur
-Abschreckung für alle Zeiten! Die Seeräuber, so die jungen Bräute
-rauben wollten, wurden verurteilt, die -- Schwiegermütter zu heiraten,
-mit der Verschärfung, dieselben in ihr fernes Felsenschloß auf Lussin
-zu entführen. -- Für mich gab der Gondeliere dieser Geschichte noch
-eine andere Pointe. Er hielt, als wir in Sansego landeten, die Hand
-auf. Ich gab und war bloß froh, daß der Mann kein Seeräuber war, und
-froh, daß ich keiner gewesen bin in jenen Zeiten des venezianischen
-Strafgerichts.
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Seite
-
- Verhandlung zwischen Autor und Verleger 5
-
- Der Gutsherr auf Zurkow 14
-
- Das Mündel-Kindel 37
-
- Der Mädeljäger 52
-
- Lieb' läßt sich nicht lumpen 88
-
- Aus dem Tagebuch einer Ehefrau 104
-
- Die Kokette 120
-
- Ein Jünger Darwins 131
-
- Ehre 147
-
- Die Vierzehnte 160
-
- Der Taubstumme 167
-
- Hauptmann Fortner und seine Frau 176
-
- Scheintod 197
-
- In der Einsam 207
-
- Der Kammerdiener 218
-
- Der Millionär 228
-
- Philippus der Hasser 251
-
- Das Weihnachtsfeuilleton 266
-
- Wie ein steirischer Schullehrer die Schlußvorstellung
- des Burgtheaters besucht 275
-
- Das Bekenntnis eines Verurteilten 285
-
- Der verhängnisvolle Vorfall 302
-
- Mein Vetter, der Türke 317
-
- Reisebilder aus jungen Jahren 330
-
- Die sächsische Schweiz 330
-
- Aus der heiligen Stadt 334
-
- Auf dem Turme der Marienkirche zu Stralsund 337
-
- Auf dem Rigi 342
-
- Aus dem Ungarlande 350
-
- Zu Mailand auf dem Dome 358
-
- Von der Kirche des heiligen Petrus 363
-
- In den Ruinen von Pompeji 370
-
- Auf den Wassern 376
-
-
-
-
- * * * * * *
-
-
-
-
-Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
- Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
- Korrekturen:
-
- S. 49: wäre → wäre es
- dann {wäre es} schwer, es wieder fortzubringen
-
- S. 78: heißen → geheißen
- hatte der Fürst die Herrschaften willkommen {geheißen}
-
- S. 171; aus → auf
- zu essen verschaffen, aber er sprang selbst {auf}
-
- S. 311: mußte → müßte
- Ein öffentliches Unglück {müßte} man ja in den Blättern
-
-
-
-***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FREMDE STRAßEN***
-
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Fremde Straßen, by Peter Rosegger</title>
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-<body>
-<h1>The Project Gutenberg eBook, Fremde Straßen, by Peter Rosegger</h1>
-<p>This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States
-and most other parts of the world at no cost and with almost no
-restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
-under the terms of the Project Gutenberg License included with this
-eBook or online at <a
-href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you are not
-located in the United States, you'll have to check the laws of the
-country where you are located before using this ebook.</p>
-<p>Title: Fremde Straßen</p>
-<p>Author: Peter Rosegger</p>
-<p>Release Date: April 24, 2017 [eBook #54597]</p>
-<p>Language: German</p>
-<p>Character set encoding: UTF-8</p>
-<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FREMDE STRAßEN***</p>
-<p>&nbsp;</p>
-<h3>E-text prepared by<br />
- the Online Distributed Proofreading Team<br />
- (http://www.pgdp.net)</h3>
-<p>&nbsp;</p>
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist
-<em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
-<em class="antiqua">so markiert</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am
-<a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-<hr class="full" />
-<p>&nbsp;</p>
-<p>&nbsp;</p>
-<p>&nbsp;</p>
-
-<div class="chapter">
-<h1>Fremde Straßen</h1>
-
-<p class="center">Von</p>
-
-<p class="h2">Peter Rosegger</p>
-
-<p class="center">Elftes bis fünfzehntes Tausend</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/signet.png" alt="Signet" />
-</div>
-
-<p class="center">1922<br />
-Verlag von L. Staackmann in Leipzig</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">Alle Rechte vorbehalten</p>
-
-<p class="center p2">Druck von C. Grumbach in Leipzig</p>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span></p>
-
-<h2><a id="Verhandlung_zwischen_Autor_und_Verleger">Verhandlung zwischen Autor und Verleger.</a></h2>
-
-<p class="h2desc">1884.<br />
-Als Vorwort zum »Geschichtenbuch des Wanderers«.</p>
-</div>
-
-<p class="drop"><em class="gesperrt">Der Verleger</em>: Zeit ist Geld. Also zur Sache: Ich
-wünsche ein neues Buch von Ihnen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Der Autor</em>: Sie sind ein kühner Mann. Haben Sie
-doch schon fast anderthalb Dutzend Bände von mir!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">V.</em> Machen Sie die genannte Zahl voll.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">A.</em> Ich würde an Ihrer Stelle die Verlagswerke nicht
-zählen, sondern wägen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">V.</em> Das überlasse ich dem Makulaturkäufer. Doch einstweilen
-ist man gewohnt, unter dem Christbaum einen neuen
-Band vom Waldpoeten zu finden.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">A.</em> Man vergißt über die Waldbücher den Wald.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">V.</em> Wir brauchen keinen Wald. Wenn alles Holz vertan
-ist, brennen wir Bücher.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">A.</em> Wissen Sie, warum den Faust der Teufel geholt hat?
-Weil er den Bücherdruck erfunden. &ndash; Soll ich denn so viel
-schreiben, daß man mich auf meinen Schriften verbrennen
-kann?</p>
-
-<p><em class="gesperrt">V.</em> Machen Sie sich nichts draus. Der Karthager Clitomachus
-schrieb über vierhundert Bücher, Chrysippus an
-siebenhundert, Didymus gar viertausend. Keiner ward verbrannt.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">A.</em> Weil sie keiner drucken ließ.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">V.</em> Luther ließ 1136 Schriften und Broschüren drucken.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">A.</em> Die Tinte eines <em class="gesperrt">solchen</em> Mannes ist, wie der Koran
-sagt, wertvoll gleich dem Blute des Märtyrers. Wenn wir
-anderen dem Beispiele folgen wollten, müßte unsere Erdoberfläche
-in kurzer Zeit ein Bücherbrett werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">V.</em> Sie übertreiben. Ein moderner Schriftsteller schreibt
-sein ganzes Leben lang nicht mehr, als was ein Esel ihm
-nachzuschleppen vermag.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">A.</em> Aber bedenken Sie, daß kein Esel groß genug ist,
-um mit einem deutschen Dichter zu gehen. &ndash; Des bin ich
-zwar überzeugt, wenn aller Spreu von der Weltliteratur
-aller Zeiten ausgeschieden wäre, so trüge sie ein Esel leicht
-auf seinem Rücken, und zwar auf einmal.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">V.</em> Sie wären frivol genug, sich über den Untergang
-der Alexandrinischen Bibliothek zu freuen?</p>
-
-<p><em class="gesperrt">A.</em> Bedauern können den Verlust fremder Gedanken nur
-die, so keine eigenen haben. Hingegen vergleiche ich Schriftstehler,
-welche aus fremden Büchern eigene schreiben, mit
-jener Katze, die ein Pfund Butter fraß und doch nur dreiviertel
-Pfund wog.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">V.</em> Herr, Ihre Bemerkungen mögen am Ende auch
-kein eigenes Fett sein.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">A.</em> Vielleicht spare ich mir selbes auf das Werk, das
-Sie haben wollen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">V.</em> Sie schreiben doch jeden Tag!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">A.</em> Briefe.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">V.</em> Wohl doch nicht lauter&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><em class="gesperrt">A.</em> Nein, nicht lauter Besänftigungsbriefe an die Gläubiger,
-sondern auch Artigkeitsschreiben an gute Leute, die
-in Zuschriften meine Bücher loben und um Freiexemplare
-bitten; tiefsinnige Sprüche für Autographensammler, Gedichte
-für Anthologien und Wohltätigkeitsalbums. Ferner Antworten
-auf briefliche Anfragen wißbegieriger Leser, in welchem
-Bergwinkel der »Waldschulmeister« spielte, wann und
-wo sich die Geschichte des »Gottsucher« zugetragen habe,
-wo man die »Dorfsünden« zu kaufen und den »Heimgarten«
-zu schenken kriege? &ndash; So vergeht der Vormittag.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">V.</em> Und nachmittags?</p>
-
-<p><em class="gesperrt">A.</em> Macht man sich über die historischen Dramen hoffnungsvoller
-Gymnasiasten, über die lyrischen Gedichte feinbesaiteter
-Ladenschwengel, über die Novellen und Romane
-höher gebildeter Töchter usw., die mit dem Ersuchen geschickt
-worden sind, darüber ein »wenn auch noch so strenges
-Urteil« zu fällen und sie einer Zeitungsredaktion oder einem
-Verleger zu rekommandieren. So vergeht der Tag.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">V.</em> Um Gotteswillen, wann dichten Sie denn Ihre
-Novellen und Skizzen, denen man in den Blättern begegnet?</p>
-
-<p><em class="gesperrt">A.</em> Beim An- und Auskleiden, auf der Eisenbahn, wenn
-ich Besuch habe oder öffentlichen Vorlesungen über Kunst
-und Literatur beiwohne, bei welchen man ungestört seinen
-eigenen Gedanken nachhängen kann.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">V.</em> Gut. Und von diesen Dorfgeschichten, Waldnovellen,
-Volksschilderungen und dergleichen wollen wir wieder eine
-neue Sammlung flott machen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">A.</em> Denken Sie an die Kritiker! Immer wieder Bauern
-und nichts als Bauern! Geben Sie acht, den Herren reißt
-endlich die Geduld!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">V.</em> So schreiben Sie einmal aus der Gesellschaft, aus
-der großen Welt.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">A.</em> Wollen Sie mich zugrunde richten? Wissen Sie
-nicht, daß man mir meine Dorfgeschichten nur verzeiht,
-weil es keine Stadtgeschichten sind? Wissen Sie nicht, daß
-die Rezensenten unruhig werden, so oft man einen Bauernburschen
-zu den Soldaten nimmt, oder ein hoffärtiges Dienstmädel
-aus einer Dorfgeschichte weg in die Stadt läuft &ndash;
-weil sie fürchten, daß der Autor diesen Leutchen nun geistig
-nicht mehr zu folgen vermöge!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">V.</em> Seit wann denken denn Sie an die Rezensenten,<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span>
-anstatt an das, was in Ihnen keimt und reift und gedichtet
-sein will? Hat die Gesellschaft, die Welt, in der Sie nun
-doch schon seit zwanzig Jahren leben, Sie denn niemals
-angeregt? Vermag denn das Kulturleben und seine alles
-mit sich fortreißende Gewalt, sein Tausenderlei von Gestalten,
-Ideen, Bestrebungen, Verirrungen Sie nicht zu begeistern,
-zu interessieren, aufzuregen, Ihre dichterische Kraft
-herauszufordern?</p>
-
-<p><em class="gesperrt">A.</em> Gewiß.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">V.</em> Nun also! Warum schreiben Sie nicht auch Weltgeschichten,
-wie Sie Waldgeschichten schreiben?</p>
-
-<p><em class="gesperrt">A.</em> Sie haben wirklich recht. Ich erinnere mich, daß
-selbst die fruchtbarste Scholle einmal brach liegen will. Oder
-was anderes hervorbringen möchte. &ndash; Auf meines Vaters
-Acker wollte nicht <em class="gesperrt">jedes</em> Jahr Korn wachsen. So bauten
-wir auch manchmal Hafer drauf an, dann Kraut, Rüben,
-Flachs; oder ließen wildes Gras wachsen auf dem Acker.
-Nach all dem wuchs wieder schönes Korn. Eine solche
-Wechselwirtschaft ist endlich auch auf dem Dichterfeld nötig.
-Anstatt Waldgeschichten sollen Sie einen Band Weltgeschichten
-haben. Oder auch solche, die nicht äußerlich erlebt, vielmehr
-innerlich geschaut sind. Sie verstehen schon: Ich werde
-Ihnen ein Buch geben, das ich nicht hätte schreiben sollen.
-Von der Kritik mir untersagte Gebiete. Fremde Straßen
-mit der Aufschrift: Für Bauerndichter verbotener Weg.
-Trotzdem werde ich auf solchen Straßen einmal marschieren
-&ndash; weil es mich freut, wie den Burschen die Wanderschaft. &ndash;
-Bin ich doch wirklich schon viel herumgekommen, in der
-Gesellschaft unten und oben, in der Welt hier und dort,
-nicht allein von Tal zu Berg und von Land zur See, ich bin
-&ndash; auf den Beinen des ewigen Juden &ndash; durch die Geschichte
-geschritten von Epoche zu Epoche, bin gewandert vom Bauer<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span>
-bis zum Fürsten und wieder zurück bis zum Zigeuner. Ich
-habe nicht allein in der Werkstatt angehalten und in der
-Stube des Bürgers, sondern auch beim Lehrer und Gelehrten,
-beim Künstler und Soldaten, beim Geistlichen und
-Aristokraten. Ich habe erfahren, gelernt und gelesen, wie
-andere. Manches hat mich gefördert, vieles hat mir mißfallen.
-Daß ein freies Auge in Dorf und Wald klarer und
-richtiger sieht, als durch die Stadtbrille, ist natürlich. Aber
-die Freude, der Schmerz, der Spott und der Zorn über
-das, was ich auf meinen Wanderungen gesehen, schrie nicht
-minder laut nach Gestaltung, als die Eindrücke des Landlebens
-in meiner Heimat. Ich habe vieles davon aufgeschrieben.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">V.</em> Wo sind diese Manuskripte?</p>
-
-<p><em class="gesperrt">A.</em> In meinem Kasten, mit sieben Schlössern verschlossen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">V.</em> Und die Schlüssel?</p>
-
-<p><em class="gesperrt">A.</em> Ins Wasser geworfen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">V.</em> Ich habe einen Krebs gekauft, der Schlüssel in der
-Schere trug. Also können wir die Sachen drucken?</p>
-
-<p><em class="gesperrt">A.</em> Sind Sie denn ein Freund von Krebsen, Herr
-Verleger?</p>
-
-<p><em class="gesperrt">V.</em> Nur von denen aus dem Tierreich.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">A.</em> Und sind Sie sicher, daß Ihnen meine Schriften aus
-fremden Straßen nicht zurückgehen werden? Ich habe Sie
-bisher für einen klugen Mann gehalten.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">V.</em> Sehr schmeichelhaft. Ein kluger Mann macht zuweilen
-ein Experiment. Fremde Straßen. Romantische,
-naturalistische, moderne &ndash; pikant?</p>
-
-<p><em class="gesperrt">A.</em> Werter und Verehrter, ich will Ihnen was sagen.
-Diese Straßen- und Weltgeschichten kamen ebenso tief aus<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span>
-mir hervor, als die Dorfbücher; es mag mancher Tropfen
-Galle und Schalkheit daran sein, aber sicherlich auch Herzblut.
-Das Herzblut den Menschen, die Galle den Spitzbuben und
-Toren.</p>
-
-<p>Zudem muß sich doch eine übermütige Phantasie einmal
-ein bißchen aushüpfen können auf freier Straße.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">V.</em> So gefallen Sie mir. Daß Sie endlich doch einmal
-auch den Gegnern der Dorf- und Waldgeschichten eine Freude
-machen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">A.</em> Ah, Sie meinen die literarischen Bauernfresser.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">V.</em> Wissen Sie, was vor kurzem so einer geschrieben
-hat? »Der Realismus in der Literatur«, schrieb der Gelehrte,
-»wird nachgerade unerträglich! Besonders das Dorfgeschichtenunwesen!
-Was fängt der echte Dichter mit dem
-Bauern an? Dieser bietet viel zu wenig psychologische
-Probleme dar, er hat keine Berührungspunkte mit der Welt,
-sein Horizont ist zu klein. Höchstens ist der Bauer in der
-Poesie als komisches Element zu gebrauchen, etwa für Posse
-und Schwank.«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">A.</em> Schön. Somit sind gleichzeitig große soziale, volkswirtschaftliche
-Fragen gelöst. Der Bauer ist nicht ernst zu
-nehmen. Er läuft in der Welt nur so nebenher und schlägt
-seine Purzelbäume.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">V.</em> Nun, was sagen Sie dazu?</p>
-
-<p><em class="gesperrt">A.</em> (Ironisch.) Daß uns die Sozialisten, Naturforscher,
-Psychologen, Ethnographen, Literarhistoriker usw. hinters
-Licht geführt haben. Da faselten sie, daß die ganze Sippe
-der Bauer ernähren müsse, und größtenteils auch beschützen.
-Nach Darwin sollen die Menschen sogar vom Bauern abstammen.
-Sozialisten behaupteten, die Poesie kenne weder
-politische Grenzen noch Standesunterschiede, ihr Reich sei
-in allen Menschenherzen. Ethnographen und Psychologen<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span>
-wollen gefunden haben, daß der Landmann in bezug auf
-die Kraft seines Sinnenlebens, in bezug auf den Schwung
-seiner Weltanschauung, in bezug auf die Gewalt seiner
-Phantasie mit dem Städter sich messen könne. Die Literarhistoriker
-haben die ältesten und unsterblichsten Denkmäler
-der Poesie angeblich dort entdeckt, wo das Volk in der Werkstatt
-wohnt und in der Hütte: Das Volksmärchen, das
-Volkslied. Wie schwer hierin selbst große Poeten irren
-können, beweist, daß Goethe seine lieblichste, Schiller seine
-herrlichste Dichtung bei den Bauern spielen ließ. &ndash; Nun
-wissen wir es besser, der Bankier auf der Börse, der Hausherrnsohn
-am Billard oder an der Kredenz der Kassierin,
-der gelehrte Stubenhocker, die Ehebrecherin im Salon, die
-Theaterdame usw., das sind poesiefähige Leute. Aber Andreas
-Hofer ist es nicht. Die frischen Burschen und Dirnen,
-die sich vor lauter Lebensfreude kein Ende wissen; der Bauer
-mit den eisenstarren Rechtsbegriffen ist nicht poesiefähig.
-Der äußerlich wilde, innerlich gemütstiefe Waldmensch; der
-als Soldat in der Fremde vor Heimweh vergehende Alpenjunge;
-die bis in ihr hohes Alter zum Vorteile anderer ununterbrochen
-arbeitende und geplagte, aber innerlich zufriedene
-und humorvolle Magd ist nicht poesiefähig. Der
-arme Dorfpfarrer, der bescheidene Schulmeister, die der
-Menschheit höchste Güter für ihre Gemeinde hüten und austeilen,
-haben mit Poesie nichts zu schaffen. Die ländliche
-Liebe ist nicht poetisch, »weil ihr Horizont zu klein ist«. Des
-Landvolkes Vereinigung mit der Natur, sein stilles Walten
-in derselben, sein Leben und Beben unter ihren Gewalten ist
-nichts; sein Glauben, Zweifeln und Wiederaufrichten in der
-Religion, der rasende Aufschrei des Verzweifelnden in Waldesnacht
-ist nichts, »weil die psychologischen Probleme fehlen«.
-Die Dorfgeschichte und was wir alles in diesen Sack stecken,<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span>
-hat also nur einigen ethnographischen, vielleicht bloß zoologischen
-Wert. &ndash; Und die unzähligen hervorragenden Männer,
-die aus dem Bauernstande hervorgewachsen und in der
-Weltgeschichte glänzend verzeichnet sind? Wir ignorieren
-sie. Und daß es keine Berührungspunkte zwischen Bauer
-und Welt gebe, behaupten wir. Und von den modernen
-Erscheinungen und Bindemitteln, als der allgemeinen Wehrpflicht,
-der bäuerlichen Neigung zur Stadt, zum Studieren,
-von den zahllosen Autodidakten, dem Eisenbahnwesen, der
-Tourist, den Sommerfrischen, haben wir &ndash; die literarischen
-Bauernfresser &ndash; noch nichts gehört. &ndash; Wir sitzen
-noch auf dem alten Schimmel, den die Literaturprofessoren
-geritten zur Zeit, als der Ritter und die Köhlerin, die
-Räubermühle, die Zauberliese usw. die Literatur bevölkerten.
-Wir wissen nichts davon, daß dem modernen Erzähler für
-den Salonroman wie für die Dorfgeschichte der gleiche Grundsatz
-gilt, daß nicht das Häufen packender Tatsachen, effektvoller
-Ereignisse die Hauptsache sei, sondern die Darstellung
-der seelischen Zustände, deren Entwicklung aus innerer
-Notwendigkeit, das organische Heranwachsen der Geschehnisse,
-des Segens, der Schuld und des Unheils aus der
-Artung der handelnden Personen. &ndash; Und indem wir also
-die moderne Dorfnovelle nach jener Schablone abtun wollen,
-die einst für die Räuber- und Zufallsgeschichten geschnitten
-worden ist &ndash; sind wir vergleichbar jenem Märchenmann,
-der &ndash; aus hundertjährigem Schlafe plötzlich auffahrend &ndash;
-nach seinem Zopfe greift und nun mit Verwunderung inne
-werden muß, daß ihm mittlerweile alle Haare ausgegangen
-sind.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">V.</em> Nur hat solcher Märchenmann den Vorteil, daß
-man ihn nicht beim Schopf nehmen kann.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><em class="gesperrt">A.</em> Weil er keinen hat.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">V.</em> Also was geht aus dem Gesagten hervor? Daß
-Sie den Bauerngeschichtengegnern wirklich einmal eine Freude
-machen und ihnen zeigen sollen, um wieviel die Novellen
-aus der größeren Welt besser sind.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">A.</em> Wie schlau Sie sind, Herr Verleger! Sie meinen,
-den Leuten würden meine <em class="gesperrt">Waldgeschichten</em> wieder besser
-schmecken, sobald sie erst meine Weltgeschichten kennen gelernt
-haben. Das ist ein Standpunkt. &ndash; Gut, wagen wir's.
-Und das Buch nennen wir: »Fremde Straßen.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_Gutsherr_auf_Zurkow">Der Gutsherr auf Zurkow.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Es war das reizendste Erkerzimmer, das ich je bewohnt
-habe. &ndash; Es war mit mattfarbigem Samte tapeziert,
-mit meisterhaften Jagd- und Genrebildern geschmückt, mit
-echt orientalischen Teppichen belegt, mit kunstvoll geschnitzten
-Eichenholzmöbeln bestanden und es hatte an der Wand einen
-elfenbeinernen Telegraphentaster, der nach der Versicherung
-des Hausherrn bereit war, neu auftauchende Wünsche des
-Gastes promptest zu erfüllen. Und das war noch das wenigste,
-derlei besitzt in irgendwelcher Stadt jeder reiche
-Schlucker.</p>
-
-<p>Aber zwei Fenster waren da, deren Spiegelscheiben so
-hell und rein waren, daß man meinte, sie stünden offen
-und die reine Nordlandsluft wehe aus und ein. Das eine
-Fenster zeigte die hellgrünen Buchen- und Eichenwälder
-von Jasmund und die weißen Strandfelsen von Stubbenkammer,
-das andere die blaue Bandlinie des Meeres. Die
-sinkende Nachmittagssonne legte Gold auf die Wälder, Silber
-auf die Kreidefelsen, und ein Segelschiff am Horizont leuchtete
-wie ein aufsteigendes Sternlein.</p>
-
-<p>Ich hatte an jenem Tage zum ersten Male das Meer
-gesehen. Ich war erst vor zwei Stunden von der Reise
-gekommen, die von Wien bis Rügen zwei Tage und Nächte
-ununterbrochen gedauert hatte. Die Neugierde, den alten
-Freund zu sehen und wie sich der einstige arme Zimmermalerjunge
-als Gutsbesitzer ausnehme, hatte mir weder
-ein Interesse an den malerischen Elbeufern der sächsischen
-Schweiz, noch an der stolzen Kaiserstadt Berlin aufkommen
-lassen. In Stralsund hatte er mich erwartet &ndash; es war<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span>
-sonst noch der alte Bursche; aber Welt hatte er nun stellenweise,
-als wäre er geborner Adelsherr auf diesem zauberhaften
-»Edelsitz« Zurkow. In drei Stunden hatten wir mit
-den feurigsten Hengsten, die mich je durch die Luft gerissen,
-die ganze Insel Rügen von Westen nach Osten durchschnitten.</p>
-
-<p>Auf Zurkow angelangt, erwartete uns ein Mahl, welches
-zwei weißbehandschuhte Diener servierten, die so stumm
-waren, wie der Fisch im Wasser. Mein Gastherr wußte
-auch nicht gleich, wo und wie er das vor sechs Jahren
-durch eine plötzliche Studienreise nach Italien unterbrochene
-Gespräch wieder anknüpfen sollte und glaubte es am schicklichsten
-damit zu tun, daß er die Abwesenheit seiner Frau
-entschuldigte, die einer unaufschiebbaren Familienangelegenheit
-wegen nach Putbus gefahren sei.</p>
-
-<p>Und ich? Fürwahr, mit einem Millionenmann, den
-man in der Künstlerbluse eines Wandmalers so oft gesehen
-und so liebgewonnen hat, spricht sich's etwas unglatt.
-Ich konnte nicht leugnen, daß alles sehr gütig und wohlgemeint
-war, was mir in diesem Hause zu widerfahren begann,
-und doch blickte ich immer wieder mit verstohlenem
-Mißtrauen auf den Gastherrn hin, ob er's denn wirklich
-sei, der gute Wendel Blees. Daß er's <em class="gesperrt">gewesen</em> war,
-konnte man hie und da noch spüren, aber ob er's <em class="gesperrt">noch</em> sei,
-das schien mir in der Tat zweifelhaft. Ein hübscher Junge
-war er immer gewesen, aber sein Schnurrbärtchen war nun
-entschiedener, seine Gesichtszüge ausdrucksvoller und vornehm
-blaß, sein Mund höflicher und sein braunes Auge
-lebhafter geworden. Daß er seine Absicht, Künstler zu
-werden, nicht bewerkstelligt hatte, war aus seinem Wesen
-unschwer zu ersehen. Nirgends der schöpferische, idealbeschwingte
-Geist; überall der formenängstliche reiche Mann.<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span>
-An dem überladenen Aufputz der Tafel, an der Auswahl
-der ziemlich auffallenden Leckerbissen und an der etwas
-klobigen Art, womit er die Dienerschaft behandelte, war zu
-erkennen, daß er in diesen Verhältnissen nicht immer heimisch
-gewesen und das rechte Maß nicht ganz leicht zu treffen
-wisse.</p>
-
-<p>Nachdem ich meine Reiseerlebnisse kurz angedeutet und
-meinem Freunde über das allgemeine Befinden die geziemende
-Mitteilung gemacht hatte, schloß Wendel, daß ich
-von der Reise ermüdet sein würde und wies mir mein
-Zimmer an, »um mich auszuruhen«.</p>
-
-<p>Ich hatte nun unersättlich zu den Fenstern hinausgeschaut
-in die mir so seltsame, zauberhaft schöne Gegend.
-Ich hatte eine der vortrefflichen Zigarren angebrannt und
-mich auf das Ruhebett hingestreckt und den mich umgebenden
-Luxus betrachtet und in die stille leere Luft hinein
-gefragt: Wendel Blees, du leichtsinnig Wienerkind, wie
-kommst du zu diesem Herrensitz im Inselreiche der Hünen?</p>
-
-<p>Es war damals kaum neun Jahre her, seit ein aufgeschossenes
-Bürschchen ziemlich selbstsicher in meine Arbeitsstube
-getreten war, meine Bilder scharf angeblickt und mich
-gebeten hatte, daß ich ihn in seiner Absicht unterstützen
-möge, er wolle Maler werden. Wer er wäre? fragte ich.
-»Nichts,« war seine Antwort, »ich bin ein Waisenkind, das
-ein entfernter Verwandter aufgezogen und dann im städtischen
-Rechnungsamte untergebracht hat, wo ich Ziffern
-zeichnen soll. Das ist aber nichts, ich bin durchgegangen,
-denn ich will Maler werden.« Ob er mir Proben von
-seinem Talente zeigen könne? Da hatte er schon mehrere
-Papierblätter aus der Tasche gezogen; dieselben enthielten
-Zeichnungen aus dem Schönbrunner Tiergarten, aus dem
-Militärleben und eine Auffahrt bei Hofe; manches war<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span>
-mit ziemlich grellen Farben bemalt. Nachdem ich diese
-Bilder besehen hatte, gestand ich dem jungen Mann, daß
-ich aus diesen Proben nichts zu erkennen vermöge und ihm
-doch rate, sich einem Beruf zuzuwenden, der weniger trügerisch
-sei, als das Künstlertum. Er verwies auf Maler,
-die so klein wie er angefangen, es aber zum Ruhm gebracht
-hätten. Ich blieb bei meiner Ansicht, lud ihn jedoch ein,
-wenn er in seinen freien Stunden neue Bilder versuchen
-sollte, mir sie seinerzeit wieder zu bringen. Das war das
-erste Begegnen mit Wendelin Blees. Wir sahen uns von
-diesem Tage an oft. Obwohl ich gar nichts für ihn zu tun
-vermochte, schloß er sich an mich. Da er bei einem Maler
-nicht unterkommen konnte, so ging er zu einem Anstreicher
-in die Lehre, denn die Farbe hatte ihm's angetan. Die freien
-Stunden, die er hatte, war er bei mir, sah meinen Arbeiten
-zu und übte sich selbst. Er eignete sich eine gewisse Technik
-an, aber es war kein Schwung da, keine Originalität &ndash;
-kurz kein Talent.</p>
-
-<p>Ich sagte es ihm, er glaubte mir nicht.</p>
-
-<p>Indes gewann ich ihn lieb, anfangs seines Schwärmens
-für die Kunst wegen, später, weil er ein offener,
-herzens- und geistesfrischer, fröhlicher Junge war. Schrullen
-hatte er freilich, oft so wunderliche Schrullen, daß ich
-mir dachte: das wächst sich zu einem Narren oder doch zu
-einem großen Manne aus. Er war um ein Bedeutendes
-jünger als ich, aber wir wurden Freunde. Er hatte eigentlich
-keine Bildung genossen, aber er hatte liebenswürdige
-Naturanlagen, und wenn in seinem Wesen auch ein gewisser
-Trotz lag, so diente derselbe mehr zur Stählung seines
-Charakters, als um anderen Menschen unangenehm zu sein.
-Es hat sich manch strenge geschulter Mann als mein Freund
-bekannt, der mir nicht so viel war als der kleine Wendel.<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span>
-Er hat während unseres zweijährigen Beisammenseins nur
-eine einzige Dummheit gemacht. Auf mehreren Ausstellungen
-erregte ein Bild von mir besonderes Aufsehen. Als Folge
-des Beifalls erwuchsen &ndash; wie das immer so geht &ndash; auch
-die Widersacher. Einen solchen Widersacher, es war ein
-Zeitungsrezensent, forderte der kleine Wendel meines Bildes
-wegen zum Duell. Der Rezensent machte ihn abtreten
-und lachte ihn aus. Nun kam er wütend zu mir und ich
-lachte ihn auch aus.</p>
-
-<p>Seinem Meister, dem Anstreicher und Zimmermaler,
-war er ein fleißiger Gehilfe, aber niemand als ich wußte,
-mit welchem Widerwillen er das Handwerk betrieb. Und
-eines Tages trat er aufgeregter als sonst in meine Stube
-und sagte, daß er nun komme, um von mir Abschied zu
-nehmen. Er habe sich so viel erspart, daß er nach Italien
-gehen könne, um an den berühmten alten Meistern groß
-zu werden.</p>
-
-<p>Ich fragte, ob er wohl ermesse, was er gesagt habe. Er
-antwortete, daß ich noch von ihm hören würde und daß er
-auch als Künstler meine Freundschaft, die ihm das Teuerste
-auf der Welt sei, behalten wolle. Ich suchte ihm in der
-Eile ein paar Empfehlungsschreiben aufzudrängen, dann
-ging er. Ging ohne Geld &ndash; denn sein Erspartes half ihm
-kaum bis über die Grenze &ndash; ohne Kenntnisse, ohne Freunde
-und ohne Plan nach Italien.</p>
-
-<p>Von dem Tage seiner Abreise an war er verschollen.
-Und war's jahrelang, so daß mein Gedenken an ihn voll
-Wehmut wurde, wie man eines Toten gedenkt. Mein Leben
-ging in der Stille fort, aber jedes Jahr machte mich um
-mehrere Jahre älter, weil mit dem Wachsen meiner Einsicht
-mich meine künstlerischen Erfolge, so lärmend sie auch
-sein mochten, immer weniger und weniger befriedigen wollten.<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span>
-Die Ehre, welche mir die durch Effekt leicht zu bestechende
-Menge zollte, vermochte meinen inneren Unmut
-nicht aufzuwiegen und so zog ich mich sachte zurück in die
-Beschaulichkeit, lebte der Natur und machte Reisen von
-Galerie zu Galerie, um das an anderen mit Ehrfurcht zu
-bewundern, was mir selbst nicht gelingen wollte. Von Wendel
-fand ich auch nicht die leiseste Spur. Da erhielt ich eines
-Tages in Wien das folgende Schreiben:</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="center">
-»Geschätzter Freund!
-</p>
-
-<p>Für den Fall Du einmal Lust nach malerischen
-Landschaften hast, so reise nach der Insel Rügen. Und
-wenn Du dort sein wirst, so versäume ja nicht, nach dem
-Landgute Zurkow zu fragen, denn der Besitzer ist ein
-alter Freund von Dir, der Dich bittet, es Dir bei ihm
-recht wohlergehen zu lassen. Er hofft, daß Du seiner
-nicht vergessen haben wirst und freut sich sehr, Dich nach
-sechs Jahren endlich wieder zu sehen. Es ist Dein alter</p>
-
-<p class="right">
-Wendelin Blees.«
-</p></div>
-
-<p>Die Schrift war glatter geworden als sie einst gewesen,
-aber es war die seine. Mein Erstaunen war fast grenzenlos.
-Zur alten Neigung kam nun auch die Neugierde. Leicht
-locker gemacht war ich überhaupt und schon an einem der
-nächsten Tage saß ich auf der Nordbahn.</p>
-
-<p>Von Anklam bis Stralsund hatte ich Gelegenheit, mich
-bei einem Reisenden, der aus Bergen, dem Hauptorte der
-Insel Rügen, war, nach dem Landgute Zurkow und seinem
-Besitzer zu erkundigen. Da erfuhr ich, daß Zurkow zwar
-kein Edelsitz sei, wohl aber eines der schönsten und reichsten
-Güter der Insel. Es wäre ein Edelsitz gewesen, aber der
-letzte Edelmann hätte ihn am Spieltisch eines rheinischen
-Bades verloren und sich flink darauf erschossen. Hierauf sei<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span>
-ein holländischer Kaufmann gekommen, Marketze geheißen,
-der habe das zerfahrene Zurkow gekauft und in einen Stand
-gesetzt, wie es seit Menschengedenken nicht erhört worden.
-Der Landbau und die Waldwirtschaft, die Jagd und die
-Fischerei blühten nun. Auch habe der Eigentümer von
-Zurkow Bergwerke in England besessen und Schiffe, die
-zwischen Stettin und Kopenhagen verkehrten. Und das
-Schloß habe er herstellen und einrichten lassen, daß es nun
-einer königlichen Residenz ähnlich sehe. Das habe ihm aber
-alles nichts geholfen; mit seinem Sohne sei er unglücklich
-gewesen und so sei er, nachdem das Gut so fürtrefflich hergestellt
-war, aus Gram gestorben. Es sei aber ein junger
-Mensch aus dem Süden gekommen, ganz fremd, der sitze
-nun auf Zurkow und sei gut für drei Millionen Taler.
-Man erzähle sich von dieser Familie mancherlei, aber da
-nichts Bestimmtes zu sagen sei, so tue man am besten,
-zu schweigen.</p>
-
-<p>So war ich vorbereitet worden und so lag ich nun auf
-dem Ruhebette des Schlosses Zurkow &ndash; ich konnte nicht
-sagen, daß mir gerade wohl zu Mute war.</p>
-
-<p>Endlich dämmerte es, und als ich wieder zum Fenster
-hinausblickte, war das Meer nicht blau, sondern lichtgrau
-und in seinem Quecksilberschimmer am Horizonte scharf abgeschnitten
-von der aufsteigenden Nacht. Das Schiff, welches
-früher fern wie ein Sternchen gefunkelt, war näher gekommen,
-es war das einzige Fahrzeug auf der dunkelnden
-Fläche. Auf den Felsen von Stubbenkammer glühte der
-Widerschein des Abendrotes und sie spiegelten sich im Meere
-wie blutige Schatten.</p>
-
-<p>Als ich träumend so zum Fenster hinausgeschaut, legte
-sich sachte eine Hand auf meine Achsel. Wendel stand
-hinter mir.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span></p>
-
-<p>»Wenn du ausgeruht hast,« sagte er, »so lade ich dich
-ein, mit mir zum Abendbrot zu kommen.«</p>
-
-<p>»Hier hast du eine merkwürdige Welt um dich,« lautete
-meine Entgegnung, »ich habe diesen stillen, meerumschlungenen
-Hain als Knabe im Traume gesehen, zur Zeit, da wir
-die nordische Mythologie studierten.«</p>
-
-<p>»So ist es,« antwortete er rasch, »so ist es, Mythologie!
-Darum kann dieser Ort so anheimelnd und so schrecklich
-sein.«</p>
-
-<p>»So schrecklich?«</p>
-
-<p>Jetzt faßte mich Wendel an meinen beiden Händen
-und sagte: »Geliebter Freund, ich danke dir tausend-, vieltausendmal,
-daß du zu mir gekommen bist.«</p>
-
-<p>Seine Stimme war so bewegt, daß es mir durch Mark
-und Bein ging.</p>
-
-<p>Die Kruste war nun gebrochen, bei ihm, bei mir. Arm
-in Arm gingen wir auf das Zimmer, in dem unser Abendtisch
-gedeckt war. Es war ein anderes als jenes, in welchem
-wir das Mittagsmahl genommen hatten, es war viel einfacher
-und viel heimlicher. An der Wand fiel mir ein technisch
-mit Meisterschaft gemachtes Ölporträt meines Gastherrn
-auf. Wir saßen uns bei etwas gedämpftem Lampenlichte
-an einem kleinen Tisch gegenüber; sonst war niemand
-da, und der Mann, der uns bediente, erschien nur, wenn
-er mit dem Glöcklein gerufen wurde. Die Speisen waren
-nach Wiener Art zubereitet, und anstatt des aufgeblasenen
-Champagners stand eine Flasche jenes ehrlichen, männlich
-herben Rotweines da, wie er in den gottgesegneten Talungen
-der tirolischen Etsch wächst und wie ich ihn in Gemeinschaft
-mit Wendel einst so gerne getrunken hatte.</p>
-
-<p>»Nun haben wir uns wieder,« sagte mein Freund
-und schaute mir mit feuchtem Auge ins Gesicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span></p>
-
-<p>»Ich kann mich immer noch kaum fassen vor Verwunderung,
-dich so wiederzufinden,« bemerkte ich.</p>
-
-<p>»Mir erging es nicht anders,« sagte er, »aber ich bin
-in den letzten Stunden, während du dich von den Reisestrapazen
-ein wenig erholtest, nicht müßig gewesen. Ich
-habe nach der Art gesucht, die uns wieder zusammenbringen
-soll, wie wir dazumal beisammen gewesen sind. Offen
-herausgesagt: mit den ersten Stunden unseres Wiedersehens
-war ich nicht zufrieden.«</p>
-
-<p>»Ich auch nicht. Aber nun sage mir endlich, Wendel,
-was um alles in der Welt ist mit dir vorgegangen?«</p>
-
-<p>»Du siehst es,« antwortete er mit einer wehmütigen
-Miene, »ein reicher Mann bin ich geworden.«</p>
-
-<p>»Das passiert manchem, und geht es gewöhnlich mit
-so natürlichen Dingen zu, daß man weiter gar nicht darüber
-spricht. Aber bei dir ist's ein anderes. Du warst stets unpraktisch,
-hast weder Schick gehabt zum Spiel noch zum
-Spekulieren, hast, so viel ich weiß, weder ein Los besessen
-noch einen reichen Onkel. Du hast auch meines Wissens
-nie ein Interesse gehabt an Geld und Herrlichkeit &ndash; Künstler
-werden wolltest du, diesen Weg sah ich dich von mir
-fortziehen, nun finde ich einen Millionär. Das geht nicht
-mit rechten Dingen zu, mein Freund!«</p>
-
-<p>»Du hast eine naheliegende Eventualität nicht erwähnt.«</p>
-
-<p>»Ich weiß es, die reiche Heirat. Doch der Gedanke ist
-mir zu trivial.«</p>
-
-<p>»So dekoriere ihn mit der Liebe.«</p>
-
-<p>»Wirklich! Nun, die Liebe rentiert eine reiche Heirat
-immerhin.«</p>
-
-<p>»Und meinst du, daß eine reiche Heirat nicht auch die
-Liebe rentieren könnte?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span></p>
-
-<p>Der Ton und Blick, mit dem diese Worte gesprochen
-wurden, war verblüffend. Ich schwieg.</p>
-
-<p>»Du hattest damals recht,« fuhr er fort, »ich bin kein
-Künstler geworden.«</p>
-
-<p>»Aber du bist Mann geworden, das ist mehr.«</p>
-
-<p>»Es mag mehr sein, aber es ist nicht so schön. Freund,
-wann war ich glücklicher als damals, als ich mich wie ein
-Bettelvagabund durch die Alpenländer nach Italien schlug!
-Ich war fest überzeugt, daß meine Rückkehr ein Triumphzug
-sein würde und daß die abenteuerliche Wanderschaft des
-Zimmermalers einst ein prächtiges Kapitel in der Biographie
-des berühmten Künstlers geben müsse. Ein junger Idealist,
-und wäre es auch nur ein eitler Tropf, nimmt im Reigen
-irdischer Seligkeit den ersten Platz ein. Ich habe diesen
-Platz bald verloren. In Mailand auf einer Wand sah
-ich das Abendmahl &ndash; ein Triumph der Zimmermalerei,«
-setzte Wendel lächelnd hinzu. »Ich griff dort aus Not
-wieder nach dem alten Gewerbe. Ein Zufall verschlug mich
-mit einem Arbeitgeber nach Genua und vor dem barocken
-Denkmale des Kolumbus kam mir der Gedanke, ob ich mich
-nicht etwa der Bildhauerei zuwenden sollte. Auf jeden Fall
-wollte ich von hier aus zur See nach Rom gehen, dort
-weht alte, echte Künstlerluft, die wollte ich erst atmen, das
-weitere konnte nicht fehlen. Da trat ich eines Tages in ein
-Gasthaus der <em class="antiqua">Via nuova</em>. Das, Freund, war der erste Schritt
-nach dem Herrengute Zurkow auf Rügen.«</p>
-
-<p>»Im Gasthause lerntest du sie kennen, nicht wahr?«</p>
-
-<p>»Wen?«</p>
-
-<p>»Die schöne Maid, die mit dem Vater auf Reisen war
-und die hernach deine Frau wurde.«</p>
-
-<p>»Du dichtest,« sagte Wendel Blees, »aber du dichtest
-banal. Du mußt schon tiefer ins Unglaubliche.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span></p>
-
-<p>»Ich bitte dich, erzähle!«</p>
-
-<p>»So werde ich rasch und kurz erzählen. &ndash; In einer
-Weinlaube des Gasthausgartens setzte ich mich ermüdet hin
-und musterte die Speisekarte. Ich suchte nicht nach dem
-feinsten Braten, sondern in der Preisrubrik nach der kleinsten
-Ziffer &ndash; nun, das kannst du dir ja denken. Es war für
-die Italiener noch nicht die Zeit des Mittags, so war der
-Garten fast leer, nur hinter einem Zitronenbaum saß ein
-Herr mit weißem Backenbart und schaute zwischen den
-grünen Blättern zu mir herüber.</p>
-
-<p>Lange so, und immer wieder. Endlich schob er seinen
-Teller beiseite und blickte noch schärfer auf mich her. Dann
-stand er auf, kam an meinen Tisch und drückte mir die
-Hand. Er tat es, ohne ein Wort zu sagen, dann trat er
-wieder an seinen Tisch zurück und brütete vor sich hin.
-Hernach zog er aus seinem Ledertäschchen eine Photographie
-und sah sie an und schaute auf mich &ndash; und stützte sein Haupt
-traurig auf die Hand. Jetzt mußte auch ich immer wieder
-auf ihn hinblicken und wurde dabei unruhig; ich bildete mir
-ein, das wäre ein großer Künstler und habe an mir vielleicht
-das Genie entdeckt; du siehst, ich hatte nicht mehr weit
-zum letzten Ziele manchen Künstlers &ndash; zum Narrenhaus.
-Es gehörte ein Wunder dazu, um mich davon zu retten &ndash;
-und das Wunder geschah.«</p>
-
-<p>»Als ich,« fuhr mein Freund Wendel fort, »mich zur
-Not gesättigt hatte, erhob ich mich, um meine nebelhaften
-Wege weiter zu wandeln. Da sprang der Mann am Zitronenbaume
-auf, hielt mich zurück, er wolle wissen, wer ich
-wäre.«</p>
-
-<p>»Also ein Polizeiorgan!« rief ich aus.</p>
-
-<p>»Mein Bester,« sagte Wendel, »ich sage dir noch einmal,
-wenn du in meiner Geschichte die Wahrheit erraten<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span>
-willst, so mußt du dich gerade an die größten Unwahrscheinlichkeiten
-halten. Der Mann hörte meine Geschichte,
-kaufte mir neue Kleider und ich war tagelang sein Gast.
-Er war liebevoll und fast zärtlich mit mir, und er war doch
-nur ein Fremder. Mehrmals sah ich ihn weinen. Er lud
-mich ein, mit nach Rügen zu kommen, wo er ein Gut habe,
-er wolle für mein Fortkommen sorgen helfen.«</p>
-
-<p>»Er hatte dich so plötzlich liebgewonnen?«</p>
-
-<p>»Und weißt du, warum? Weil ich große Ähnlichkeit
-mit seinem verstorbenen Sohne hätte.«</p>
-
-<p>»Du gingst mit ihm?«</p>
-
-<p>»Natürlich, ich ging nicht mit ihm, ich ging nach Rom.
-Und als ich dort meine Künstlergelüste gründlich ausgehungert
-hatte, und in dem Gemäuer des Kolosseums bei den
-Fledermäusen mein Nachtlager hielt, fiel mir wieder die
-Einladung des greisen Mannes ein. Ich schrieb ihm, daß
-ich nun kommen wolle und ob er für mich einen Erwerb
-hätte; wäre es was immer, nur ein ehrlich Brot. Er schickte
-mir Geld, ich reiste auf dem kürzesten Wege nach Rügen.
-Als ich nach Zurkow kam &ndash; auf dieses schöne, reiche Zurkow,
-ja &ndash; da hat er mich wie einen lieben Anverwandten empfangen,
-hat seine Tochter gerufen, mich ihr vorgestellt und
-ausgerufen: Nun Freda, ist er's nicht? &ndash; Ja, sagte Freda,
-und doch wieder nein, Albin war nicht so schlank. &ndash; Aber
-er hatte dasselbe nußbraune Haar, das ihm geradeso in die
-Stirn stand, denselben Mund, das ganze Gesicht; schau'
-sein Aug' an, Freda, schau' sein Aug' an! O Gott, mein
-Albin! &ndash; Er hat geweint, sie hat ihn mit Mühe beruhigt&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Und dein Auge?«</p>
-
-<p>»Das hat sie angeschaut.«</p>
-
-<p>»Dann verliebt?«</p>
-
-<p>»O nein,« antwortete mein Freund Wendel, »so schnell<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span>
-ging das nicht. Wir mußten uns erst aneinander gewöhnen.
-Der Alte gab uns zu schaffen, der wollte &ndash; höre es! &ndash; er
-wollte uns schon in den nächsten Wochen zusammenhaben.
-Er war durch den plötzlichen Verlust seines Sohnes verwirrt,
-beinahe schwachsinnig geworden.«</p>
-
-<p>Wendel führte mich dann zum Fenster: »Du siehst
-dort die weißen Felsen?«</p>
-
-<p>Ich sah sie in des Mondenscheines nebelhafter Blässe
-schroff aus dem Meere aufragen.</p>
-
-<p>»Von jenem Felsen,« fuhr mein Freund fort, »ist Albin
-Marketze, der einzige Sohn des reichen Mannes, in seinem
-dreiundzwanzigsten Lebensjahre auf einer geologischen Exkursion,
-bei der er sich zu tollkühn an die Hänge hinauswagte,
-in das Meer gestürzt und zugrunde gegangen. Der
-Vater war trostlos, seine Tochter, nun sein einziges Kind,
-suchte ihn umsonst zu zerstreuen, er gab sie zu Verwandten
-nach Putbus, überließ das Gut einem Verwalter und ließ
-sich von seinem Grame ziellos in der Welt herumtreiben.
-So war er auch nach Genua gekommen, wo wir uns also
-begegnet waren. Ich kann ihm die Liebe, die er mir schenkte,
-nimmer vergelten, der kranke Greis sah in mir seinen verstorbenen
-Sohn. &ndash; Hast du dieses Bild schon betrachtet?«
-Wendel wies auf das Ölgemälde an der Wand.</p>
-
-<p>»Das scheint ein gewandter Künstler geschaffen zu
-haben,« bemerkte ich, »es ist Individualität in dem Bilde
-und doch stört mich etwas in den Zügen. Durch die wohlbekannte
-Form schaut mich eine fremde Psyche an.«</p>
-
-<p>»Im ganzen leugnest also auch du die Ähnlichkeit nicht.
-Und siehe, das ist das Porträt des verunglückten Albin.«</p>
-
-<p>Das fand ich denn doch merkwürdig und nun fing ich
-an, das besondere Interesse des alten Marketze für Wendel
-zu begreifen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span></p>
-
-<p>»Da mir,« fuhr mein Freund fort, »die Lust, Maler
-zu werden, begreiflicherweise vergangen war, wenigstens einstweilen
-vergangen, so fügte ich mich gerne den fürsorglichen
-Wünschen meines Gönners, ich gab mich, anfangs gleichgültig,
-später mit Interesse, der Landwirtschaft hin und
-machte in derselben Fortschritte. Außerdem geschah manches
-zur Vermehrung meiner sonstigen Kenntnisse, damit wuchs
-auch &ndash; möchte ich sagen &ndash; mein Herz und ich schloß mich
-warm und dankbar meinem Wohltäter an. Ich war kaum
-drei Jahre auf Zurkow, als mir Marketze eines Tages zu
-verstehen gab, daß es ihm lieb wäre, wenn noch vor seinem
-Tode meine Verbindung mit seiner Tochter zustande käme.
-Freda war um einige Monate älter als ich, sie war mir
-nicht unangenehm gewesen. Es hatten sich, wie leicht erklärlich,
-reiche Bewerber eingefunden, allein&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Sie hat den frischen guten Jungen vorgezogen,«
-unterbrach ich in meiner vorwitzigen Ungeduld, »reich war
-sie selbst, gesellschaftliche Rücksichten war sie nicht schuldig,
-so nahm sie sich einen Herzensmann. Ich habe mir oft
-gedacht, Wendel, daß in dir Trotz und Geschmeidigkeit,
-Männlichkeit und Weichlichkeit geradeso gemischt sind, wie
-es die Weiber gerne haben.«</p>
-
-<p>»Genug. Als der Vater starb, waren wir ein Ehepaar
-und ich habe mich wohl oder übel mit meiner neuen
-Würde und Herrlichkeit abfinden müssen.«</p>
-
-<p>»Aufrichtig gesagt, hoffe ich, daß dir die Kunst, ein
-reicher und glücklicher Mann zu sein, besser gelingen wird,
-als dir jemals ein gutes Gemälde gelungen wäre.«</p>
-
-<p>Eine Weile nach dieser Bemerkung antwortete Wendel:
-»Es gehört zum einen wie zum andern ein großes Talent.
-Wenn sich der reiche Mann in seine Lage nicht zu schicken
-weiß, so ist er ein <em class="gesperrt">armer</em> Mann.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span></p>
-
-<p>Derlei besprachen wir, da begann allmählich das Gespräch
-zu stocken. Wir machten noch manchen stillen Schluck
-aus unseren Gläsern, dann wünschten wir uns in freundlicher
-Höflichkeit gute Ruhe, und ich wurde hierauf in mein
-Zimmer geführt.</p>
-
-<p>Ich stand noch lange am Fenster und blickte in die
-Nacht hinaus. Auf dem Meere lag der Schimmer des Mondes
-und die zackigen Kreidefelsen von Stubbenkammer standen
-wie Gespenster da. Jetzt legte sich auf meine Schulter
-wieder die Hand. Wendel stand neben mir und war bleich
-und verstört, wie ein Nachtwandler.</p>
-
-<p>»Verzeihe mir, mein Freund, daß ich deine Ruhe
-störe,« sagte er mit unsicherer Stimme, »ich wollte dich heute
-noch fragen, wann du von hier abreisest?«</p>
-
-<p>Mit Befremden entgegnete ich: »Wann ich abreise?
-Ich glaube, du könntest es ebensogut erfahren, wenn du mich
-gefragt hättest, wie lange ich denn zu bleiben gedächte. Du
-weißt, daß ich auf deine Einladung aus Wien komme, um
-dich zu besuchen.«</p>
-
-<p>»Ich danke dir, daß du gekommen bist!« stieß er
-hervor, »aber ich verreise morgen und wünsche in deiner
-Gesellschaft zu reisen.«</p>
-
-<p>Ich starrte ihn an.</p>
-
-<p>»Du hältst mich für verrückt,« sagte er.</p>
-
-<p>»Allerdings&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»So muß ich dir's denn gestehen, Freund,« er verdeckte
-mit krampfiger Hand sein Gesicht, »ich bin sehr unglücklich.
-Ich ertrage es nicht mehr länger, ich will fliehen, ich will
-nach Wien zurück. Mein Weib und ich, wir lieben uns nicht.
-Sie behandelt mich mit Hochmut, sie hat ihre Freunde, mit
-denen sie sich herumtreibt, fischt und jagt; ihrem Reitpferde
-schenkt sie mehr Aufmerksamkeit als mir. Von einem Familienleben<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span>
-ist in diesem Hause nicht der Schatten, entweder
-sie zieht ihre junkerlich faden oder aufgeblasenen Sportgenossen
-herbei und gibt laute Feste, wobei ich offen oder verstohlen
-die Zielscheibe ihrer Launen bin, oder sie reitet
-davon und läßt mich allein in diesem Schlosse, das mir
-unheimlich geworden ist wie eine Gruft. Ich hätte mit ihr
-für mein Leben gern einmal eine Reise nach Österreich gemacht;
-sie schlug mir's ab, ich möge allein reisen, wenn es
-mir auf Zurkow nicht behage, sie sei keine Freundin der
-vielgerühmten österreichischen Gemütlichkeit. Das einzige
-Glück ist, daß ich sie nicht liebe, denn sonst müßte ich mich
-von jenem Felsen dort, der die erste Ursache meiner Leiden
-ist … Kurz, ich habe nichts und will nichts, ich bin
-frei, ich verlasse Zurkow noch in den nächsten vierundzwanzig
-Stunden, arm wie ich gekommen bin. Ich gehe
-mit dir nach Wien.«</p>
-
-<p>»Du mußt deine Aufregung vorübergehen lassen, armer
-Freund,« sagte ich, »wenn du ruhig geworden sein wirst,
-wollen wir es überlegen.«</p>
-
-<p>»Diese Zeremonie ist nicht mehr nötig. Ich habe es
-längst überlegt und heute mich entschlossen. Ich habe sie
-von deiner Ankunft unterrichtet und sie gebeten, daß sie zu
-Hause bleibe, um dich zu empfangen: sie weiß, daß du mein
-liebster Freund bist, der aus der Ferne zu mir kommt, und
-sie konnte das Haus verlassen, und sie konnte mir das lieblose
-Wort sagen.«</p>
-
-<p>»Welches Wort?«</p>
-
-<p>»Wen ich eingeladen, den möge auch ich bewirten, sie
-könne sich denken, wie mein bester Freund aus der Zeit
-der Farbenkleckserei aussehe, sie sei auf derlei vagabundierendes
-Künstlervolk nicht neugierig. Tiefer hätte sie mich
-nicht mehr verletzen können. Ich trenne mich von ihr.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span></p>
-
-<p>»Ich danke dir,« sagte ich, »also mich willst du zur
-Ursache eines unsinnigen Schrittes machen! Dann empfehle
-ich mich.«</p>
-
-<p>»Bleib', Hans!« schrie er auf und packte mich an beiden
-Armen, »von dir ist keine Rede. Es handelt sich um mich!
-Mir hat sie den Schlag versetzt, sonst wollte sie nichts, als
-mich, mich beleidigen, aber das wollte sie. Meiner überdrüssig
-ist sie, den Bruch wünscht sie zu vollziehen. Der
-Wunsch kann erfüllt werden.«</p>
-
-<p>Der Mann schoß wildsprühende Blicke um sich, er
-knirschte mit den Zähnen.</p>
-
-<p>»Du hassest sie also?« war meine Frage.</p>
-
-<p>Hierauf antwortete Wendel: »Wenn ich sie haßte, so
-würde ich ihr diesen Wunsch nicht erfüllen, ich würde Herr
-auf Zurkow bleiben und das Leben des Reichen genießen
-und ihr im Wege stehen und mich an ihrem ohnmächtigen
-Ärger belustigen. Nein, ich hasse sie nicht. Von jetzt ab &ndash;
-sie ist mir gleichgültig.«</p>
-
-<p>»Gleichgültig? Deine Aufregung straft dich Lügen.«</p>
-
-<p>»Bin ich aufgeregt? Dann bin ich's nicht ihretwegen,
-sondern meinetwegen. Mein Unglück, ich schleudere es von
-mir, ich nehme wieder die Armut und Nichtigkeit auf mich.
-Seit ich dich sehe, mein Freund, habe ich wieder Mut, ich
-gehe mit dir nach Wien!«</p>
-
-<p>Das kam mir nun alles verworren vor; da fragte er
-mich: »Könntest du an meiner Stelle bleiben? Es mögen
-Gesetze und Sitten hundertmal für dich sprechen, wenn die
-Tatsache zeigt, daß du überflüssig bist, so wirst du verzichten
-und lieber mit Stolz und Ehren wieder der arme Anstreichergeselle
-sein, als auf Zurkow ein &ndash; was weiß ich! Es war
-ja nichts, ein toller Traum, nichts als ein Roman, aber ein
-Roman ohne Liebe. Eine fixe Idee, geschmeichelte Eitelkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span>
-und der Kitzel, reich zu sein, waren die Helden! Könntest
-du mich denn achten, wenn ich so noch hier sitzen bliebe?«</p>
-
-<p>»Ich gebe keine Antwort, solange ich nicht deine Frau
-gesehen habe.«</p>
-
-<p>»Die wirst du nicht sehen,« sagte Wendel Blees, »wie
-ich sie kenne, kehrt sie erst zurück, wenn sie die Gewißheit
-hat, daß du nicht mehr im Hause bist.«</p>
-
-<p>»Dann erlaube mir, daß ich jetzt einige Stunden ruhe.
-Bevor die Sonne aufgeht, werde ich dieses Haus verlassen.«</p>
-
-<p>»Tue so, mein Freund, und schlafe wohl.«</p>
-
-<p>Rasch hatte sich mein Gastherr nun entfernt. Unsere
-Unterredung hatte einen fast trotzigen Charakter gehabt. Ich
-schlief schlecht in derselben Nacht. Reue, daß ich hierher
-gekommen, Mitleid mit dem armen Wendel, Ratlosigkeit,
-was nun anzufangen, peinigten mich. Es kam mir der
-Gedanke, Frau Freda aufzusuchen und den Vermittler zu
-spielen; diesen Gedanken schleuderte ich rasch von mir &ndash;
-zwischen Eheleute dränge sich kein Dritter, am wenigsten
-ein Fremder. Er würde es unter allen Umständen schlechter
-machen. Als der erste Schimmer des Morgens aus dem
-Meere stieg, war ich entschlossen. Ich packte hastig meine Sachen
-zusammen, schrieb auf ein Blättchen Papier die Worte:</p>
-
-<div class="letter">
-
-<p>»Wendel, ich bin aus der Ferne gekommen, um Dir auf
-dieses Stück Papier das Wort zu schreiben: <em class="gesperrt">Sei ein Mann!</em>
-Lebe wohl.</p>
-
-<p class="right">
-Dein treuer Hans.«
-</p></div>
-
-<p>Als ich durch den Hof eilen wollte, fuhren zwei große
-Hunde auf und ließen mich nicht weiter. Ich mußte umkehren
-in mein Zimmer, warf mein kleines Gepäck zum
-Fenster hinaus und kletterte selbst nach in den Garten. Das
-Schloß und das naheliegende Gehöfte lagen noch in Ruhe
-da; ich huschte durch Gestrüppe und bog erst eine Strecke
-weiter hin zum Wege.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span></p>
-
-<p>Ich war auf demselben etwa dreihundert Schritte gegangen,
-als von einer Eichengruppe ein Mann auf mich
-zusprang und mich mit dem Worte: »Da bist du ja schon!«
-an der Hand faßte.</p>
-
-<p>Wendel war's, der Herr auf Zurkow: und doch nicht
-mehr Herr auf Zurkow, in dem Kleide eines fahrenden
-Gesellen stand er da.</p>
-
-<p>»So, Kamerad,« sagte er, »nun wollen wir einmal
-mitsammen wandern.«</p>
-
-<p>Dagegen ließ sich nun nichts einwenden. Wir trabten
-wortkarg nebeneinander her. Als wir eine Stunde gegangen
-waren, machte mein Begleiter plötzlich einen Juchschrei, wie
-er so frisch und laut auf Rügen vorher wohl kaum erklungen
-sein mochte.</p>
-
-<p>»Sieh da, dieser Stein ist mir noch auf dem Herzen
-gelegen,« sagte er hernach und deutete auf einen bemoosten
-Grenzstein, »hier endet das Gut Zurkow, hier beginnt die
-weite Welt. Freund, nun bin ich wieder dein!«</p>
-
-<p>Da dachte ich: Wenn ich nur wüßte, was ich mit dir
-anfangen soll!</p>
-
-<p>So begann die Wanderschaft. Den Sund übersetzten
-wir auf einer abseits gelegenen Fischerbarke, Stralsund umgingen
-wir, weil Wendel sich vor dem Erkanntwerden fürchtete.
-Und dann wollte er zu Fuß nach Wien reisen. Er
-hatte von dem Schlosse ja nichts mit sich genommen, als
-was er einst dahin mitgebracht hatte, ein abgeschabtes Ledertäschchen
-und einen Hagenstock. Ich hatte viele Mühe, um
-ihm die Eisenbahnfahrt aufzuzwingen. Endlich, als es ins
-Österreich hereinging, fanden wir uns und waren harmlos
-heiter, wie einst; ich suchte seine Verhältnisse mit Ruhe und
-Erwägung zu besprechen, allein er war dazu viel zu nervös<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span>
-aufgeregt: bei ihm ging alles im Überschwunge und sein
-ganzes Wesen wurde mit fortgerissen.</p>
-
-<p>Als er die alte Kaiserstadt sah, war er überglücklich.
-So saßen wir nun endlich wieder in meiner Stube, wo
-wir vor Jahren oft froh beisammen gesessen und ich fragte
-ihn: »Wenn du jetzt zurückdenkst auf Zurkow, wie ist dir
-zu Mute?«</p>
-
-<p>»Unsäglich wohl!« rief er, »hast du einen zweiten
-Freund, Hans, der imstande ist, ein Herrenschloß und ein
-reiches Weib von sich zu schleudern, wie eine faule
-Birne?«</p>
-
-<p>»Du bist der einzige,« sagte ich, »und nun suche ich
-mir noch einen, der imstande ist, ein Herrenschloß und ein
-reiches Weib zu beherrschen.«</p>
-
-<p>»Da wird sie zurückgekehrt sein auf Zurkow,« sagte
-Wendel, »ausgerüstet mit neuen Mitteln mich zu demütigen,
-und wird selbst die größte Demütigung erlebt haben, die
-ein reiches Weib erleben kann: von dem Bettler abgelehnt
-zu sein.«</p>
-
-<p>Schon am nächsten Tag war Wendel Blees so glücklich,
-in einem Vororte Wiens als Zimmermaler Beschäftigung
-zu finden. Er besuchte mich häufig, aber für meine Bilder
-und ästhetischen Studien hatte er kein Interesse mehr, er
-saß zumeist still da und blickte zum Fenster hinaus auf die
-alten Ulmen und Eichen eines verwahrlosten Parkes. Von
-seinem abenteuerlichen Gutsherrnleben sprachen wir nicht
-mehr; ich aber dachte daran und mir kam die ganze Geschichte
-noch wunderlicher vor.</p>
-
-<p>Ich wußte nur, daß er seiner Gattin nicht schrieb und
-ihr absichtlich seinen Aufenthaltsort verheimlichte. Um so
-eifriger las er ein pommersches Wochenblatt und in
-demselben einmal eine Feilbietung des Gutes Zurkow auf<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span>
-Rügen. Er zeigte mir mit dem Finger die Stelle; wir haben
-nicht ein Wort darüber gesprochen.</p>
-
-<p>Mittlerweile bemerkte ich, daß die Farben &ndash; die grünen
-sollen besonders schädlich sein &ndash; dem Wendel Blees nicht
-mehr so wohl bekamen als einst, er wurde bleich und bekam
-eingefallene Wangen. Seine Besuche bei mir verminderten
-sich, er strich in seinen freien Stunden allein
-umher in den Vorstädten oder er saß in seiner Dachkammer
-und brütete vor sich hin. Als ich von einer größeren Reise
-zurückgekehrt war, gedachte ich wieder einmal seiner und
-suchte ihn auf. Ich fand ihn auf dem Fußboden kauernd,
-wo er eben ein paar Patronen (Formen für Zimmermalerei)
-aneinanderzuheften vorhaben mochte, aus Erschöpfung aber
-rasten mußte. Ich erschrak vor der herabgekommenen krankhaften
-Gestalt, vor dem stieren Blick, der mich völlig unheimlich
-anglotzte.</p>
-
-<p>»Bist du krank, Wendel?« fragte ich.</p>
-
-<p>»Was habt Ihr denn mit mir?« fuhr er jetzt auf,
-»warum soll ich krank sein?« Dann setzte er wehmütig und
-sanft bei: »So hast du doch nicht ganz meiner vergessen.
-Du kannst mir aber nicht helfen.«</p>
-
-<p>»Willst du nicht bisweilen mit mir einen kleinen
-Spaziergang machen? Das zerstreut und erfrischt.«</p>
-
-<p>»Wenn du recht langsam gehen willst,« meinte er, »ich
-war schon lange nicht mehr auf der Gasse und habe das
-Gehen verlernt.«</p>
-
-<p>Als ich von ihm fortging, hastete mir die alte Frau,
-die ihn pflegte, zur Türe nach und fragte: »Wie lang' kann
-er's denn noch machen, Herr Doktor?«</p>
-
-<p>Es waren freundliche Spätherbsttage. &ndash; Ich führte den
-armen Wendel mehrmals auf den Ring; er sprach wenig,
-nur einmal, als er stehen blieb und sich an mich stützte,<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span>
-sagte er, mit großen Augen hinschauend: »Es ist eine herrliche
-Stadt!« Dann saßen wir auf einer stillen Bank des
-Stadtparkes und er schaute die gilbenden Blätter an, wovon
-eins ums andere langsam zu Boden sank.</p>
-
-<p>Da war's eines Tages, als wir über den Schwarzenbergplatz
-schritten, daß mein Begleiter plötzlich einen Schrei
-ausstieß. Ein Fiaker rollte vorüber, in welchem eine schwarzgekleidete
-Dame saß. Wendel riß sich von mir los und mit
-ausgestreckten Armen lief er dem Wagen nach. Ich suchte
-ihn zurückzuhalten, aber er eilte, als wären seine Arme
-Flügel, er verfolgte den Wagen bis zur Brücke, dort stürzte
-er zusammen.</p>
-
-<p>Allsogleich waren wir von einem Menschenhaufen umringt.
-Wir hoben ihn auf. Seinem Mund entströmte Blut;
-er schlug die Augen weit auf und stierte um sich und murmelte:
-»Sie ist fort.«</p>
-
-<p>»Wen meinst du, Wendelin?«</p>
-
-<p>»Freda!« hauchte er matt.</p>
-
-<p>Man trug ihn in einem geschlossenen Lederkasten ins
-nächste Lazarett; als sie ihn in der Halle niederließen und
-ich die Klappe öffnete, um zu fragen, wie er sich befinde,
-da waren die Lippen für immer verstummt.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Man erinnert sich vielleicht noch an eine Zeitungsnotiz,
-daß an jenem Oktobertage ein Mann einem Fiaker nachgelaufen,
-auf der Schwarzenbergbrücke mit dem Rufe:
-»Freda!« zusammengebrochen und bald darauf verschieden sei.</p>
-
-<p>Aber man weiß wohl nicht, daß diese Notiz einen seltsamen
-Besuch in der Leichenhalle zur Folge gehabt hat.<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span>
-Eine fremde Dame fand sich ein, bat sich die Leiche des
-Zimmermalers Wendelin Blees aus, bekränzte sie mit Eichenlaub,
-überführte sie auf einen still und lieblich gelegenen
-Friedhof des Wienerwaldes und begrub sie in einem eigenen
-Grabe.</p>
-
-<p>Auf dem Steine steht das Wort, das einzige Wort:
-»Verzeihe!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span></p>
-
-<h2 id="Das_Muendel-Kindel">Das Mündel-Kindel.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Im Garten des Gasthauses zum »Roten Herzen«, an
-einem Ecktische saß ein junger Mann. Er war der
-einzige Gast, die Mittagsleute hatten sich schon verzogen
-und die Nachmittagszecher waren noch nicht angerückt. Die
-jungen Wildkastanien gaben wenig Schatten, auf den runden
-Tischen mit den unordentlich verschobenen Tischtüchern, an
-denen hie und da Spuren der Bratensauce sichtbar waren,
-lag die grelle Aprilsonne. Drinnen in einem Winkel der
-Gaststube kauerte der Kellner, der einen Teil des Schlafes,
-den in der Vornacht anhaltende Trinker ihm gestohlen, einzubringen
-hatte. Der junge Gast, auf dessen blassem Gesicht
-schwarze Augenbrauen und ein schwarzes dünnes Schnurrbärtchen
-lagen, stützte sein Haupt auf den Ellbogen, so daß
-der gesprenkelte Strohhut auf dem Ohre lag. Er hatte
-vor sich ein volles Glas Bier stehen, in dem der weiße
-Schaum bereits zerronnen war. Er blickte hinaus auf die
-Kastanienallee, in der gelangweilte Spaziergänger hin und
-her siffelten oder auf den Bänken saßen. Am Alleedamme
-balgten ein paar Gassenjungen, die grüne Gesichter und
-dunkle Ringe um die Augen hatten und die paar Lumpen,
-die sie an den mageren und schmutzigen Gliedern trugen,
-sich gegenseitig vollends herabzureißen suchten. &ndash; Aus dem
-Sinnen über die Zukunft solcher verwahrloster Kinder wurde
-der junge Mann geweckt durch einen rasch in den Garten
-tretenden zweiten, der Überrock und Stock auf einen Sessel
-warf und sich bei dem Freunde entschuldigte, daß er ihn
-hatte warten lassen. Mit beiden Händen seinen braunen
-Vollbart streichend, setzte er sich an den Tisch, rief nach<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span>
-einem Glas Bier und auch der erstere ließ sein abgestandenes
-Glas gegen ein frisches umtauschen.</p>
-
-<p>»Ich hatte zum Schluß noch eine Überstunde mit drei
-Prozessen,« erzählte der Ankömmling. »Eine Ehrenbeleidigung
-und zwei Paternitätsklagen.«</p>
-
-<p>»Paternitätsklagen?« fragte der junge Mann und hob
-jetzt seinen Kopf in die Höhe. »Das ist interessant.«</p>
-
-<p>»Ach, was verstehst du davon,« lachte der Bezirksrichter.</p>
-
-<p>»Aber anhören kann man's doch.«</p>
-
-<p>»Im Vertrauen gesagt, Alfons, du siehst mir seit
-einiger Zeit gar nicht danach aus, als ob dir mit Widerlichkeiten
-gedient wäre. Nein, für Kopfhänger sind Gerichtsangelegenheiten
-nicht die richtige Unterhaltung. Heil dir!«</p>
-
-<p>Er hob sein Glas zum Anstoßen, Alfons tat ihm verdrossen
-Bescheid und goß dann sein Bier auf einem Zug
-hinunter, während der Richter sich mit einem Halben genug
-tat, den er mit Behagen vollführte, um dann seinen etwas
-genetzten Bart wieder in Ordnung zu bringen.</p>
-
-<p>»Sage mir, Freund, was fehlt dir? Hast du deine
-Lustigkeit in den Taschen des Winterrocks gelassen? Gibt
-dir das Staatsexamen so viel zu schaffen oder hat dir dein
-Alter die Rationen beschnitten? Andere Mißgeschicke kann
-ich mir bei einem Studiosus nicht denken.«</p>
-
-<p>»Nicht?«</p>
-
-<p>»Oder unglückliche Liebe? Doch dazu hast du, so viel
-ich weiß, nie Talent gehabt.«</p>
-
-<p>»Nein, dazu habe ich nie Talent gehabt,« sagte Alfons
-gelassen nach und schob auf dem Tisch das Salzgefäß beiseite,
-obschon es ihm nicht im Wege gewesen war. Und
-rief nach Bier. Aber als der Kellner um das Glas kam,
-wehrte er ab: »Ich danke. Ich trinke nicht mehr.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span></p>
-
-<p>Mit einiger Befremdung betrachtete nun der Bezirksrichter
-seinen Freund daraufhin, ob er nicht etwa krank
-sei. Der andere hielt das nun nicht mehr lange aus. Diese
-Gelegenheit war ihm ja erwünscht. Für die Länge ist solch
-ein Anliegen nicht zu ertragen, ohne es mitteilen zu können.
-Und wem sollte er es mitteilen, als diesem Manne, der,
-um etliche Jahre älter, entfernt mit ihm verwandt und seit
-Kindheit vertraut, sich stets als verläßlicher und verschwiegener
-Freund erwiesen hatte.</p>
-
-<p>»Gustav,« sagte er plötzlich und rückte seinen Sessel.
-»Ich möchte dir etwas sagen. Vielleicht kannst du mir
-einen Rat geben. Aber sitzen bleiben möchte ich nicht hier.
-Machen wir einen Spaziergang.«</p>
-
-<p>Sie legten ihre Münzen hin und gingen. Durch die
-Allee hinaus schwieg Alfons, erst als sie in den Eichenwald
-kamen, wo der Kiesweg mit dem Schatten der treibenden
-Baumzweige besprenkelt war, bückte er sich nach einem
-Steinchen, warf es wieder fort und sagte: »Denke dir, Gustav,
-ich habe Malheur gehabt. Mit der kleinen Blonden.«</p>
-
-<p>»Mit der Strohhutmamsell? Aber das ist doch wohl
-<em class="antiqua">tempi passati</em>. Du hast mir ja schon lange nichts mehr von
-ihr erzählt.«</p>
-
-<p>»Nun eben dann hättest du dir's denken können. Sie
-ist tot und &ndash; das Kind lebt.«</p>
-
-<p>Da blieb der Richter stehen, kehrte sich dem Freunde
-zu und sagte leise und gedehnt: »Na, hörst du!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Alfons schaute ihn unsicher an. »Dein Richterantlitz
-magst du nur abseits lassen. Das kann ich jetzt nicht brauchen.
-Ich bin schwer abgestraft. So teuer ist dir das sicher nie
-zu stehen gekommen. Sie starb in der Klinik. Das Kleine
-&ndash; heute sechs Tage alt &ndash; ist im Findelhaus.«</p>
-
-<p>»Nun also!« rief der Richter, aber Alfons fand den<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span>
-Ruf nicht ganz harmlos. »Entweder,« sagte er, »glaubst
-du, ich gebe mich mit dem Findelhaus zufrieden, oder &ndash;.
-Sei versichert, daß mir die Sache verteufelt nahegeht.
-Soll es nun ins Waisenhaus? Oder in eine andere Anstalt?
-Ich höre, man bringt so einen Wurm nirgends unter.
-Dann geben sie ihn aufs Land hinaus. Wo sie Engerl
-machen.«</p>
-
-<p>»Aber, das wirst du doch nicht zulassen!«</p>
-
-<p>»Ja, glaubst du denn, ich werde mich nennen und
-bekennen?«</p>
-
-<p>»Mein lieber Alfons, das wirst du allerdings müssen.«</p>
-
-<p>»Du kennst doch meinen Alten. Der würde mich enterben.
-Was sage ich, enterben. Ermorden! Wenigstens
-träfe ihn der Schlag.«</p>
-
-<p>»Dein Vater mag zwar ein bißchen so etwas sein,
-wie ein Moralphilister. &ndash; Du verzeihst schon. Aber ich
-halte ihn auch für einen anständigen Mann &ndash; du verzeihst
-abermals. Das Kind seines Sohnes wird er nicht verderben
-lassen. Ist es ein Knabe?«</p>
-
-<p>»Natürlich! Aber daß ich den Alten in die Geschichte
-einweihe, das ist ganz ausgeschlossen. Wenn ich nur Geld
-hätte, dann ließe sich's leicht machen.«</p>
-
-<p>»Setzt er dir immer noch bloß zwanzig Kronen aus,
-monatlich?«</p>
-
-<p>»Könnte ich mir ein Automobil halten oder wenigstens
-ein Reitpferd, wie andere unserer Sippe, ich hätte mich
-nie nach dieser Richtung hin so weit verloren. Ich habe
-schon gedacht, ob ich jetzt nicht die Reise nach England
-machen sollte, wie es mein Alter wünscht. Natürlich hielte
-ich mich die Zeit über bei einem guten Freunde verborgen
-und mit dem Gelde wäre das Kind für eine Weile versorgt.
-Was meinst du?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span></p>
-
-<p>Als die beiden Männer langsam weiter gingen, sagte
-der Richter in einem etwas singenden Tone: »Ja, ja. So
-machen sie's alle. Fast alle. Ist die eine Dummheit vollbracht,
-dann machen sie die zweite. Aber es ist ja gar nicht
-nötig, Alfons, daß du deines Kindes wegen ein Schwindler
-wirst. Es wird auch so gedeihen. Hat es schon einen
-Vormund?«</p>
-
-<p>»Was weiß ich. Wenn's erst auf so einen Vormund
-ankommt &ndash; das sind mir auch die rechten. Die Waisen,
-die da auf dem Lande draußen verlausen und versumpern
-und endlich Trottel oder Lumpen werden &ndash; alle haben
-ihre Vormünder. Du siehst, daß ich mich schon unterrichtet
-habe.«</p>
-
-<p>»Also deinem Vater willst du nichts sagen?«</p>
-
-<p>»Nein. Es würde das ganze Familienglück &ndash; was
-man so nennt &ndash; zerstören. Am meisten würde Mama
-darunter zu leiden haben. Nein, daheim in der guten Stube
-breite ich meine Sache nicht aus. Niemals.«</p>
-
-<p>»Lieber verleugnest du das arme Kind, lässest es verderben,
-zum Trottel oder Spitzbuben werden. Na, ich
-dank' schön.«</p>
-
-<p>Da faßte Alfons den Freund am Arm und sprach:
-»Ich habe dir nicht vertraut, damit du mich rasend machen
-sollst. Wenn du keinen Rat weißt &ndash; ich habe dich ja nicht
-verpflichtet dazu.«</p>
-
-<p>»Fonserl! Fonserl! Nachdem, wie du jetzt geneigt
-bist, anderen Unrecht zu tun, sehe ich klar, daß du dich in
-Unrecht fühlst. Und das freut mich. Das Unrecht kommt von
-deinem Kummer und der Kummer kommt von der Liebe.
-Du liebst deinen Knaben.«</p>
-
-<p>»Aber ja!« brauste Alfons auf, zornig erregt darüber,
-daß ihm eine fremde Hand so tief in den verstecktesten Herzwinkel<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span>
-griff. Die andere Liebe hatte er dem Freunde gern
-verraten, <em class="gesperrt">dieser</em> hatte er sich geschämt Sie war zu zart
-und wundersam, er war ihrer zu ungewohnt. Dieses so sanft
-und so unwiderstehlich hinneigende wehe Gefühl, dieses Lustgefühl,
-dieses Angstgefühl &ndash; dieses abgrundtiefe Erbarmen
-&ndash; wenn das Vaterliebe war! &ndash; Dann erzählte er, wie
-er durch mancherlei Liste ins Findelhaus gekommen war
-und das Kind gesehen hatte. Für eine Verwandte in der
-Provinz sollte er ein kleines Kind aussuchen, eine lächerlichere
-Lüge fiel ihm nicht ein, doch sie war gut genug,
-um ihn vor das Bettchen zu bringen, über dem auf der
-Tafel der Name Richard Fachler und eine Nummer stand.
-Das war auch alles, was sein Kind besaß, und er &ndash; der
-junge Vater &ndash; sollte einmal drei Stadthäuser erben. Und
-konnte ihm nichts davon geben. So klein lag es da und
-sein rotes Köpfchen war kaum größer wie ein Apfel. Den
-Mund und das Näschen hatte es, so deuchte ihm, von seiner
-Mutter, dem guten armen Mädel, das sie am selben Tage
-in die Leichenkammer getragen. Die Augen des Kindes
-hatte er nicht gesehen, es schlief, es versäumte den Augenblick,
-da sein Vater vor ihm stand, das erste- und vielleicht
-das letztemal.</p>
-
-<p>»Und seither,« sagte Alfons, »wohin ich blicke, überall
-dieses Kindergesicht. Vorhin im Gastgarten sah ich Gassenjungen,
-verkommene Rangen, und einer hatte das Gesicht
-Richards, der Teufel hol's, und war doch eine Fratze! &ndash;
-Freund, ich glaube, ich bin hysterisch.«</p>
-
-<p>»Weißt du, was man draußen im Volke sagt?« sprach
-nun der Richter. »Wenn von den Eltern eines stirbt, erbt
-der andere Teil die Liebe desselben zum Kind, so daß er
-eine doppelte Liebe hat, die des Vaters und die der Mutter.
-Wörtlich weiß ich nicht, wie es lautet, ein Spruch ist's.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span></p>
-
-<p>»Ja mein Gott, was finge denn ich mit dieser doppelten
-Liebe an! Und kein Kind dazu. Nein doch, auf einmal
-so ein kleines, kreischendes Kind haben, und doch wieder
-keines haben &ndash; etwas Komischeres gibt's nicht mehr.« So
-der junge Mann, und dabei mußte er sich heftig schneuzen.</p>
-
-<p>»Regnet's denn?« rief plötzlich der Richter; zwischen
-den Ästen der Eichen klatschten einige Tropfen nieder. »Es
-muß wohl, denn ich habe den neuen Überzieher an und
-keinen Schirm bei mir. Da regnet's immer. &ndash; Schon wieder
-vorüber. Aprilwetter. &ndash; Ja, Freund, du hast mich zwar
-nicht um Rat gefragt in deiner Angelegenheit. Es gibt
-eigentlich weiter auch keinen. Aber ich biege das Dokument
-ein. Das heißt, es wird berücksichtigt. Es ist ja nicht ganz
-unmöglich, daß sich etwas machen läßt.«</p>
-
-<p>Solches ist besprochen worden auf jenem Spaziergange.
-Am Abende, als die Freunde auseinandergingen, schlenderte
-Alfons noch eine Weile durch die Stadt, es tat ihm aber
-das elektrische Licht weh und er suchte die Gassen, wo nur
-noch einige der alten, trüben Gaslaternen brannten. Er
-kam auch zu dem Gebäude der Findelanstalt, ging einen
-recht langsamen Schritt und kam endlich doch vorüber. Nach
-dem Friedhofe führte diese schmale, winklige Gasse hinaus.
-Aber er sagte sich: Nicht sentimental sein! Wenn du was
-Warmes übrig hast, so gib es Lebenden. Er kehrte um und
-kam wieder am Findelhause vorüber. Es war schon spät
-in der Nacht.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Am Stadtplatz, links von der Rathausecke mit dem
-sechseckigen Turm, standen in geschlossener Reihe die Häuser
-des Kaufmannes Marand. Das letzte derselben, das Eckhaus
-an der Bürgerstraße, trug das Schild »zu den drei<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span>
-Schaufeln«. Es war vom Erdgeschoß bis zum dritten Stock
-mit Waren aller Art angestapelt; die Treppen, Hofsöller
-und Hallen surrten den ganzen Tag wie ein Bienenschwarm
-von Kauflustigen, die von zahlreichen Kommis und Handlangern
-bedient wurden. Durch das Gedränge schritt manchmal,
-die Hände am Rücken, ein alter stattlicher Herr, mit
-weißem, halbkurzgeschnittenem Haar und grauem Spitzbart.
-Er machte vornehmeren Kunden die Honneurs, wer ihn
-aber nach einer Ware oder deren Preis fragte, den wies
-er mit einer leichten Handbewegung an die Bedienenden.
-Das war Herr Josef Marand, der Chef des Hauses. Im
-vierten Stock hatte er eine geräumige Wohnung für sich,
-sein kleines Frauchen und seinen einzigen Sohn Alfons.
-So lebhaft es in den unteren Stockwerken herging, so still
-war es im obersten. Der Sohn, ein <em class="antiqua">studiosus juris</em> war
-selten zu Hause, und wenn doch, so war er in neuester Zeit
-schweigsam und schwermütiger Stimmung. Die Mutter suchte
-ihm seine Lieblingsspeisen aufzudrängen, durchwärmte übermäßig
-sein Zimmer, wollte mehrmals schon den Arzt rufen,
-denn sie war überzeugt, daß eine innere Krankheit in ihm
-nage. Sein Vater war der Meinung, Alfons arbeite zu
-wenig und der Müßiggang mache mißlaunig.</p>
-
-<p>Nun wurde der alte Herr selbst, obschon er stets tüchtig
-arbeitete, eines Tages in eine große Mißlaune versetzt.
-Kam er zum Mittagsmahl mit zorngeröteten Wangen, einen
-grauen Papierbogen in der Hand. »Da haben wir's!«
-polterte er auf seine erschrockene Frau los. »Diese Lumpen!
-Da setzen sie Kinder auf die Welt und lassen andere dafür
-sorgen. Sie können mich zwingen, sagt mein Rechtsanwalt,
-und ich sage, sie können mich <em class="gesperrt">nicht</em> zwingen. Geht das
-Bezirksgericht kurzer Hand her und kommandiert mich zum
-Vormund eines Findelkindes. Oder so etwas. Den Herrn<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span>
-Papa kennt man nicht, natürlich, und die Mutter stirbt
-bei der Geburt. Diese Gewissenlosigkeit! Und jetzt drängen
-sie mir den Balg auf, es ist ja zum Totlachen! Aber ich
-rekurriere! Zwingen! Ich glaube nicht, daß man zu so
-etwas gezwungen werden kann. Das ist doch eine Gewissenssache,
-und zu einer solchen kann kein Mensch gezwungen
-werden. Nein, was sie einem bei <em class="gesperrt">uns</em> alles aufmutzen
-wollen!«</p>
-
-<p>Seine Frau war bald beruhigt und meinte, das Unglück
-sei ja nicht so groß. Er hätte doch öfter schon Vormundstelle
-vertreten und wisse, daß außer ein bißchen Überwachung
-des Mündels nichts verlangt werde.</p>
-
-<p>»Nichts verlangt, nichts verlangt? Schon morgen bin
-ich zu Gericht beschieden zur Pflichtgelobung, um neun Uhr.
-Gerade diese fatale Stunde, wo die erste Post abzufertigen
-ist. Und so geht's hernach fort mit den Laufereien, einmal
-zum Gericht, dann zum Kind, dann in den Stadtrat, dann
-zum Vater&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Aber wenn man den Vater gar nicht weiß,« lachte
-die kleine muntere Frau.</p>
-
-<p>»Eben, der Vormund soll ihn suchen, das gehört zu
-seinen ersten Pflichten. Und wenn man so 'nen Kerl dann
-noch bei den Ohren nehmen dürfte! Hat der Vormund
-Rechte? niemals, nur Pflichten &ndash; ich pfeife darauf.«</p>
-
-<p>Alfons saß bereits bei seinem Suppenteller und löffelte
-tüchtig darauflos.</p>
-
-<p>»Du ißt schon wieder zu heiß, Kind!« verwies ihm
-die Mutter, denn er war rot im Gesicht bis hinter die
-Ohren. Während des Essens stellte er sich dann gelangweilt,
-lugte aber doch heimlich auf das Dekret, das der Alte
-neben sich auf die Kommode geworfen hatte. Der Name
-interessierte ihn ein bißchen. &ndash; Es war richtig. Richard<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span>
-Fachler. Sein Vater war Vormund des Enkels geworden.</p>
-
-<p>An einem der nächsten Tage begegnete Alfons seinem
-Freunde Gustav auf der Promenade. Ganz flüchtig, denn
-beide gingen in Gesellschaft. »Zufrieden?« rief ihm der
-Bezirksrichter zu.</p>
-
-<p>Nun kam die Notwendigkeit heran, daß Marand im
-Findelhaus sich nach dem Kind erkundigte. Die Besuchsstunde
-traf sich gerade mit einer Handelskammersitzung, er
-hatte also nicht Zeit und schickte seine Frau. Die kam ganz
-erregt nach Hause. Ein so herziges Kind habe sie noch ihr
-Lebtag nicht gesehen. Dann begann sie, es zu beschreiben,
-während der Alte mit finsterem Gesicht den Kurszettel durchsah
-und Alfons mit der Seidenbürste seinen Zylinder glättete.
-So ordentlich hatte er den Hut noch nie gebürstet; so lange
-die Mutter redete stand er am Fenster und bürstete den Hut.
-Sie hatte auch die Papiere der Kindesmutter mitgebracht,
-derer bemächtigte sich sofort der Student, um seinem vielbeschäftigten
-Vater die Durchsicht zu ersparen. Außer den
-gewöhnlichen Dokumenten war ein zierliches Notizbüchlein
-da, das er unterschlug und aus dem er später ein paar
-Blätter entfernte.</p>
-
-<p>In der nächsten Woche wurde Marand &ndash; und zwar
-zu sehr ungelegener Stunde, er hatte notwendig im Warenmagazine
-zu tun gehabt &ndash; zu Gerichte beschieden, um seine
-Unterschrift zur Verfolgung und Habhaftmachung des Kindesvaters
-zu leisten. Er tat ein übriges und bestimmte für
-die Auffindung dieses »Strolches« ein Prämium von fünf
-Dukaten. Mittlerweile kündigte das Findelhaus dem Kinde
-den Aufenthalt, es sei eigentlich kein Findelkind, weil ja
-die Mutter bekannt war, es gehöre in ein Kinderasyl. Da
-gab es nun neuerliche Laufereien zu den Behörden, zu<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span>
-allerlei Anstalten und Persönlichkeiten und der Arzt verlangte,
-das Kind müsse eine Amme haben, es sei schwächlicher
-Natur und könne nur durch besondere Sorgfalt am
-Leben erhalten werden. Unter solchen Plagen nahm Marand
-eines Abends, als er mit seiner kleinen Familie beim Tee
-saß und eine vorzügliche Havanna rauchte, Anlaß, über
-die Folgen eines Fehltrittes zu sprechen und ganz ausdrücklich
-seinen Sohn davor zu warnen. »Wenn du einmal so
-was anstelltest, Alfons! Ich weiß nicht! Ich möcht's nicht
-erleben! Merk' dir's!« &ndash; Darob war die Mutter etwas
-ungehalten und meinte, das sei wirklich ganz überflüssig,
-vor Alfons solche Sachen zu besprechen; wenn sie sonst
-keine Sorgen hätte; diese, daß ihr Sohn in fraglicher Beziehung
-etwa nicht musterhaft sei, wolle sie leicht ertragen.
-Man müsse ihn nur nicht mit der Nase daraufstoßen.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen, als Alfons auf die Universität
-ging, begegnete ihm auf der Treppe ein Weib vom Lande.
-Es hatte einen großen Handkorb bei sich, das runzelige Gesicht,
-das nur teilweise aus dem wulstigen Kopftuche hervorguckte,
-war über der Nase mit einem Leinwandpflaster bedeckt.
-Zu ihren Füßen heulte plötzlich ein braunes Dachshündchen
-auf, dem sie auf die Pfote getreten. »Luder, verdammtes!«
-kreischte die Alte und stach mit ihrem roten
-Regenschirm nach dem Tiere. Und dann erkundigte sie sich
-mit einer dünnen singenden Stimme, die aus zahnlosem
-Munde kam, ob in dem Hause der Kaufmann Marand
-wohne. Sie habe gehört, er sei der Vormund eines Findelkindes
-und da sie gerade beim Arzt in der Stadt zu tun
-gehabt habe, so wolle sie gleich ein kleines Kind mit nach
-Hause nehmen und da möchte sie halt anfragen, was dafür
-bezahlt würde.</p>
-
-<p>Alfons antwortete, der Mann wohne allerdings im<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span>
-Hause, aber er würde sie, wenn sie in dieser Sache vorspreche,
-unfehlbar über die Stiege herabwerfen. Darob ist
-die Alte umgekehrt und Alfons hat auf seinem Weg in die
-Vorlesung und während derselben den Gedanken weitergesponnen,
-wie, wenn der kleine Richard diese Hexe zur Nähr-
-und Pflegemutter bekäme?</p>
-
-<p>Bei einem Vorspruch im Findelhaus, um für das Kind
-die Bleibefrist zu verlängern, fand der alte Herr sich doch
-genötigt, sein Mündel anzusehen. Und als er nach Hause
-kam, war er unwirsch und über sein Journal gebeugt rief
-er aus: »Der arme Wurm kann ja schließlich nichts dafür.
-Es ist ein armer Wurm. Anders kann man's nicht sagen.«
-&ndash; Und abends beim Tee lauerte er die Stimmung seines
-Frauchens ab. Sie hatte viele gute Tage und er wollte
-nicht gerade einen der wenigen schlechten erwischen.</p>
-
-<p>»Die Sache bin ich satt,« polterte er plötzlich hervor.
-»Ein Gelaufe hin und her, schon wochenlang. Eine Behörde
-schiebt's auf die andere, niemand will sich annehmen
-ums arme Wesen. Wenn ich &ndash; wie es beinahe aussieht,
-das Findelhaus bezahlen soll und die Amme verlohnen und
-fürs weitere Fortkommen sorgen &ndash; ja zum Satan, da ist's
-einfacher, man nimmt das Kind ins Haus&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;.«</p>
-
-<p>Und nun forschte er, was sie dazu für ein Gesicht zog.
-Sie zog aber gar keins, sondern behielt ihr natürliches bei,
-das gute freundliche, feinrunzlige Gesicht. Hingegen hatte
-Alfons, der gerade eine Zigarette zu drehen im Begriffe war,
-mit einer plumpen Armbewegung die Tabakschachtel über
-den Tischrand hinabgestoßen, nun konnte er sich den feinen
-Türkischen auf dem persischen Teppich zusammenfegen.</p>
-
-<p>»Im Gartenzimmer,« setzte der alte Herr bei, »würde
-es wenig genieren. Natürlich eine Amme dazu, und die
-Sache hat sich gehoben. Selbstverständlich nur für die erste<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span>
-Zeit, bis das Geschöpf etwas kräftiger ist und ohne Bedenken
-aufs Land gebracht werden kann.«</p>
-
-<p>Die Frau war über diesen Vorschlag verwundert. Instinktiv
-regt es eine Frau auf, wenn der Mann plötzlich ein
-fremdes Kind unsicherer Herkunft ins Haus nehmen will.</p>
-
-<p>»Was meint Ihr?« fragte er.</p>
-
-<p>»Mich geniert's nicht,« antwortete Alfons mit gleichgültiger
-Miene.</p>
-
-<p>Die Mutter meinte, das müßte erst gut überlegt werden.
-Hätte man so etwas einmal im Hause, dann <span id="corr049">wäre es</span> schwer,
-es wieder fortzubringen. Es müsse extra dafür eine Magd
-gehalten werden und allerlei sonst. Die Männer hätten
-keine Ahnung, was das heißt, ein kleines Kind im Hause
-haben. Aber sie seien nachher doch die ersten, die sich über
-das Kindergeschrei beklagen.</p>
-
-<p>»Mich geniert's gar nicht,« versicherte Alfons noch
-einmal.</p>
-
-<p>»Ich glaube endlich auch dem Vater auf der Spur zu
-sein,« sagte der Alte. »Heißt das, positive Anhaltspunkte
-sind noch keine vorhanden, aber mancherlei stimmt auffallend.
-Ihr erinnert euch noch an den Kommis Steiner,
-den ich vor zwei Jahren entlassen mußte. Der soll in dem
-Hause des Strohhuthändlers Goll gewohnt haben. Beim
-Goll im Hause, dort ist ja auch die Kindsmutter gewesen.«</p>
-
-<p>Das Tabakzusammenfegen auf dem Teppich erlitt eine
-Unterbrechung. Alfons war für zwei Augenblicke erstarrt.</p>
-
-<p>»Der Steiner, meinst du?« fragte die Frau. »Wenn
-ich nicht irre, ist der damals ja nach Triest übersiedelt.«</p>
-
-<p>»Ei richtig, Frau, du hast recht. Man hörte sogar,
-daß er nach Südafrika ausgewandert sei, ich erinnere mich.
-Also der nicht. Dann ist's aber jedenfalls ein anderer. Ich
-werde ihm schon noch draufkommen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span></p>
-
-<p>Die Tabaksammlung ging wieder ruhig vonstatten.</p>
-
-<p>»Natürlich, in dieser Angelegenheit kommt's auf die
-Hausfrau an,« sagte der Kaufmann. »Wenn es dir nicht
-recht ist, dann nicht.«</p>
-
-<p>»Mein Gott, recht ist &ndash; recht ist!« entgegnete sie
-gutmütig greinend. »Wenn ein gutes Werk geschieht, das
-muß einem wohl immer recht sein.«</p>
-
-<p>Da klatschte Alfons die Hände zusammen und rief in
-aller Lustigkeit aus: »Die Mama! Jetzt hat sie ein kleines
-Kind bekommen!« Und schon lange nicht mehr, wenn er
-des Abends auf sein Zimmer ging, klang's so warm und
-froh wie heute: »Gute Nacht, Vater! Gute Nacht, Mutter!«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Nun war der kleine Richard im Hause Marands. Anfangs
-gab es Unebenheiten im Haushalte. Ein Kind, und
-es mag noch so klein sein, beherrscht das Haus. Aber sie
-ertrugen es. Hatten sie sich's doch selbst eingebrockt. Der
-Vater hatte es im Hause haben wollen, die Mutter hatte ja
-gesagt. Alle vormundlichen Laufereien des beschäftigten
-Kaufmannes hatten ein Ende, das Gericht sagte nichts
-weiter, denn es wußte die Waise in guter Hut. Alfons war
-jetzt fast immer zu Hause, er brachte manche Stunde im
-Gartenzimmer zu und spielte mit dem Knaben, der von
-Woche zu Woche prächtiger gedieh und ein sehr schönes Kind
-war. Und selbst zur Zeit, wenn andere Studenten in der
-Kneipe saßen, blieb Alfons daheim und spielte mit dem Kind.</p>
-
-<p>Nach ein paar Jahren war der Knabe ein gesundes,
-kräftiges Menschlein geworden. Ein lieber kleiner Kerl.
-Das Haar war nachgedunkelt, die langen Augenwimpern
-und Brauen waren pechschwarz und die großen runden
-Augen schauten frisch und kindlich in die gute Welt hinaus,<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span>
-die liebevoll um ihn aufgerichtet worden war. Nun bekam
-er die erste Hose und das übrige dazu &ndash; einen »Matrosenanzug«
-mit den flotten Schulterklappen und den goldenen
-Ankern daran, und das Käppchen, wie es ähnlich einst
-auch Alfons gehabt.</p>
-
-<p>Zur Zeit fiel Josef Marands sechzigster Geburtstag.</p>
-
-<p>Am Vorabende lud der Jubilar seine Frau und seinen
-Sohn zu einer Besprechung ein.</p>
-
-<p>»Ich hätte einen Wunsch,« sagte er, »aber ich fürchte,
-ihr werdet nicht damit einverstanden sein. Besonders du
-nicht, Alfons: Denn für dich bedeutet es eine Einbuße.
-Übrigens &ndash; du könntest ja auch fünf Geschwister haben, oder
-acht, oder mehr. Einen Bruder verträgst du spielend.«</p>
-
-<p>Jetzt hob die Frau ihre Hand und wollte ihm den
-Mund zuhalten.</p>
-
-<p>»Lasset mich bloß ausreden,« sagte er ernsthaft. &ndash;&nbsp;&ndash;
-»Wenn wir den Richard ganz adoptieren wollten? Was
-denket ihr?«</p>
-
-<p>Nun konnte Alfons sich nicht mehr halten. Laut lachend
-fiel er dem Alten um den Hals und umarmte die Mutter
-und küßte sie und lachte und rief endlich aus: »Papa! Mama!
-also ihr wisset alles? Ihr wisset alles?«</p>
-
-<p>Sie stutzten und schauten ihn an. Nichts wußten sie.
-Aber als jetzt der kleine Richard zur Tür hereinhüpfte, im
-neuen Kleidchen und hell lachend auf Mama zu, kreischte
-das Kaufmannsfrauchen auf: »Marand, Josef! Das ist ja
-der Fonserl!«</p>
-
-<p>Da wußten sie alles.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_Maedeljaeger">Der Mädeljäger.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Am oberen Rande des Tales, wo es sich einengt in
-eine Felsenschlucht, aus der ein grünlicher Gebirgsbach
-hervorbraust, steht Schreckenburg. Es ist eigentlich
-keine Stadt und eigentlich kein Dorf, es ist eben ein »größerer
-Ort«. Die Einwohner treiben Gewerbe und Landwirtschaft,
-scheiden sich aber durchaus nicht etwa in Bürger und Bauern.
-Vater und Kinder, Hausherren und Knechte, Meister und
-Gesellen, darin liegt der Ständeunterschied von Schreckenburg.
-Wohl haben sie einen Fürsten, aber auch der hohe
-Herr ist nichts anderes als Vater. Die Herren von Schreckenburg
-sind ein altes Geschlecht, schon zur Zeit der Kreuzzüge,
-heißt es, wäre ihre Burg, deren rauchgrauer Ruinenzahn
-dort an der Felswand klebt, der Schrecken des fahrenden
-Volkes gewesen. Wenn man der Historia glauben darf, und
-man soll es sogar, so haben es die Schreckenburger seit
-jenen alten Zeiten verstanden, sich Achtung zu verschaffen in
-der Welt. Große Reiche sind entstanden und gestürzt worden,
-das Erzfürstentum Schreckenburg stand und blieb stehen im
-schönen Gebirgstal an der Luser. Der letzte Vorfahre des
-zur Zeit dieser Geschichte regierenden Fürsten hatte noch
-hundertundzehn Söldlinge gehabt, und ist von den Millionenheeren
-der Erde nicht angegriffen worden. Unser Fürst
-Othmar III. befehligt zur Zeit der Not ein Heer von zweiunddreißig
-Mann, davon vier zu Pferde! Aber die Zeit
-der Not kommt nicht, die sonst so kriegslustige Welt hält
-sich in respektvoller Entfernung vor dem Erzfürstentum
-Schreckenburg. Die Armee ist fast ständig beurlaubt bis
-auf sechs Mann, wovon einer den Nachtwächterdienst besorgt.<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span>
-Einmal wurde in einem Winkel dieses Reiches ein
-unpassender Witz gemacht, Othmar III. rekrutiere lieber
-Mädeln als Burschen, und den Ausspruch hat der Fürst
-nicht als Majestätsbeleidigung ahnden lassen. Die guten
-Leute von Schreckenburg lasen auch manchmal eine Zeitung,
-in der des Wunderbaren und Nützlichen viel berichtet wurde.
-Also erfuhren sie, daß in anderen Ländern die Staatsbürgersteuer
-eingeführt sein soll. So begab sich eines Tages
-eine Abordnung zum Fürsten und bat um die Gnade, daß
-auch im Erzfürstentum die Staatsbürgersteuer eingeführt
-werden möchte, maßen doch auch die Schreckenburger treue
-Staatsbürger wären und seit jeher bereit, für ihren durchlauchtigsten
-Herrn Blut und Leben zu opfern. Es fange
-das Gewerbe an, einigermaßen darniederzuliegen, weil in
-der Welt zu viel Fabriken gebaut würden, es sinke von Jahr
-zu Jahr der Viehpreis, weil jedes Land schon mehr und
-mehr sein eigenes Vieh hätte, kurz, es verschlechterten sich
-die Zeiten, und darum bäten sie untertänigst um die Einführung
-der Steuer. Der Fürst soll sie darauf in sehr gütiger
-Weise aufgeklärt haben, daß sich die Bittsteller in einem
-Irrtum befänden, wenn sie etwa glauben sollten, die Staatsbürgersteuer
-würde in anderen Ländern vom Fürsten geleistet
-an seine braven Untertanen; gerade das Gegenteil
-wäre der Fall, die Staatsbürger hätten die Steuer dem
-Fürsten und dem Staate zu leisten. Ob solcher Aufklärung
-waren die Abgeordneten sehr gedrückt, allein Othmar der
-Gütige legte dem Sprecher die Hand auf die Achsel und
-versicherte, für das Wohl seines Reiches auch fernerhin das
-möglichste zu tun, besonders im Straßenbau und in der
-Flußregulierung, auch trage er sich mit der Absicht, in
-Schreckenburg ein neues Universitätsgebäude errichten zu
-lassen. Darob waren die Abgeordneten sehr zufrieden, obschon<span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span>
-sie wußten, daß die Universität nicht allzu ernst gemeint
-war. Der Fürst liebte es, in launigen Stunden das
-allerdings schon gebrechliche Volks- und Gewerbeschulgebäude
-zu Schreckenburg die Universität zu nennen. Wer
-wirklich in einer Hochschule die derbe körperliche Arbeit für
-eine spitzfindige Geistestätigkeit umtauschen wollte, der mußte
-ins Ausland gehen.</p>
-
-<p>Eines Brückenbaues wegen hatte der Schreckenburger
-nicht unbedrohlichen Konflikt mit einem nachbarlichen Herzog.
-Der hatte ein großes Reich und viele Mannen, war aber
-nicht zu bewegen, sich mitzubeteiligen am Bau einer Grenzbrücke
-über die Luser. Für das Fürstentum war diese Brücke
-schier die einzige Verbindung mit der weiten Welt. Der
-Herzog aber sagte, er habe in Schreckenburg nichts zu suchen
-und brauche keine Brücke hinüber. Das war der Kriegsfall.
-Othmar bot seinen Heerbann auf und zog auf Umwegen, da
-die neue Brücke eben noch nicht gebaut war, gen die herzogliche
-Residenz, um sie zu belagern. Als die zweiunddreißig
-Mann mit ihren Spießen sich dräuend vor dem Tore aufgestellt
-hatten, schickte der Herzog einen Gesandten herab.
-Das war ein Edelknabe, und der lud im Namen seines
-Herrn den Feind samt und sonders auf einen Löffel Suppe
-ein. Durch das geöffnete Tor konnte man in das Innere
-des großen Platzes schauen, der mit wohlausgerüsteten Kriegern
-versehen war, an der Zahl vielfach den Belagerern überlegen
-und versorgt mit allen schrecklichen Pulverwaffen der
-Neuzeit. Fürst Othmar soll hieraus »Kehrt euch!« kommandiert
-haben und an der Spitze seiner Armee friedlich heimwärts
-gezogen sein. Aus Anlaß dieses glücklichen Feldzuges,
-aus welchem alle Mann frisch und munter heimgekehrt waren,
-haben die dankbaren Schreckenburger ihrem klugen Feldherrn
-ein Denkmal aus Erz errichtet. Es ragt mitten auf<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span>
-dem Marktplatz empor und zeigt den Fürsten auf dem
-Pferde, angetan mit allem Ehrenschmucke seiner Erzherrlichkeit,
-in welcher der schlichte Herr sonst gar nicht mehr
-zu sehen war.</p>
-
-<p>Othmar der Gütige war in seiner Jugend viel auf
-Reisen gewesen, in allen Weltteilen, und stets bei Königen
-und Kaisern zu Tische geladen, was die Schreckenburger mit
-besonderem Stolze erfüllte. Auch ging im Reiche die erhebende
-Mär um, daß der durchlauchtigste Herr von Schreckenburg
-mit allen Potentaten der Welt brüderlich auf du und
-du stehe.</p>
-
-<p>Um so einfacher gab der Fürst sich zu Hause.</p>
-
-<p>Sein Schloß, welches außerhalb des Ortes auf einer
-Anhöhe stand, hätte jeder Fremde für ein stattliches Gutsgehöfte
-gehalten, wenn nicht über dem Tore das Wappen
-der Schreckenburger, ein dreiköpfiger Adler, angebracht gewesen
-wäre. Es war teils aus Stein, teils aus Holz gebaut,
-hatte einen halb um das Gebäude herumlaufenden Söller,
-helle viereckige Fenster, etwa dreißig an der Zahl, und über
-dem flachen Schindeldach ein zierliches Türmchen für ein
-Glöcklein, das den Nimbus einer Sturmglocke trug, tatsächlich
-aber nur zu den Tageszeiten geläutet wurde. Ein
-Gehöfte mit Viehstand und Scheunen lag hinter dem Wohnhause
-in behäbiger Breite da, belebt mit zahlreichem regsamen
-Gesinde.</p>
-
-<p>Der Haushalt des Fürsten war der eines wohlhabenden
-Gutsbesitzers und bestand aus sieben Personen,
-den Hausknecht mit eingerechnet, der, wenn es Gäste gab,
-im verbrämten Wolfspelz mit Stab und Reichsapfel am
-Tore zu stehen hatte.</p>
-
-<p>Der Fürst war ein Mann in jenen Jahren, da das
-Haupthaar voran zu schüttern und hinten zu grauen beginnt.<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span>
-Er war stets glatt rasiert und trug eine goldene
-Brille. Er ging in grauem oder, wenn es Sonntag war,
-in schwarzem Tuchanzuge herum und war mit Ausnahme
-des Propstes und des Reichshauptmannes der einzige im
-Reiche, der gewichste Stiefel trug. Wenn er zu Fuß durch
-das Fürstentum wandelte, lief alles, jung und alt, auf ihn
-zu und küßte ihm die Hand. Wenn er zu Pferde langsam
-dahintrabte, da wurden die Gesichter der guten Schreckenburger
-ganz leuchtend vor Stolz, denn jetzt war er der,
-so auf dem Marktplatze stand in Erz für alle Zeiten. In
-Wahrheit schaute der Fürst aber auf dem Pferde aus wie
-ein freundlicher Landarzt, der zu einem Kranken reitet.
-Beweibet war Erzfürst Othmar III. nicht, noch immer nicht,
-obwohl er gegen Frauen, und selbst wenn sie dem kleinen
-Gewerbestand angehörten, eine gewisse ritterliche Ehrerbietigkeit
-beobachtete. Die Ehrerbietigkeit ließen sich die Eheherren
-und Liebhaber der Schreckenburger Schönen noch leidlich
-gefallen, wenn der Fürst aber artig wurde und den Weibchen
-die Wange kneipte, da empfanden sie so etwas wie die
-Jakobiner zu Paris vor hundert Jahren. Doch muß gesagt
-werden, daß der Fürst es sich stets angelegen sein ließ,
-seinen Untertanen ein würdiges Vorbild von Rechtschaffenheit
-abzugeben. Für einen Seelenkenner wäre es vielleicht
-nicht unschwer zu merken gewesen, daß Fürst Othmar die
-Vereinsamung bereits zu fühlen begann. Nicht so sehr die
-Vereinsamung auf dem Throne, denn die ist der Gekrönte
-gewohnt, als vielmehr die Vereinsamung im Gemache und
-des nahenden Alters.</p>
-
-<p>Eines Tages war er unten im Tale in ein altes
-Bauernhaus getreten, um mit dem Nachbar eine wirtschaftliche
-Angelegenheit zu besprechen. Da fielen ihm die stattlichen
-Kästen und Truhen auf, die in der Stube standen.<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span>
-Sie gefielen ihm, sie würden seinem Hause, das seit den
-zerstörenden Bauernkriegen nicht an Überfülle von Prunkgegenständen
-litt, ein freundlicher Schmuck sein. Er fragte
-den Bauern, ob er ihm diese schöngebauten, festgefügten und
-kunstvoll geschnitzten Kästen nicht verkaufen wolle?</p>
-
-<p>»Ah nein, gnädiger Herr,« antwortete der alte Landmann,
-»die Kästen da geben wir nicht her, sie sollen schon
-im Haus bleiben für unsere Kinder und Kindeskinder.«</p>
-
-<p>»Diese können sich ja wieder welche machen lassen,«
-meinte der Fürst.</p>
-
-<p>Der Bauer schüttelte den Kopf, das würde nicht gut
-gehen. Die jungen Zimmerleute nennten sich zwar jetzt
-fürnehm Meistertischler, brächten so was aber nicht mehr
-zuwege; sie hätten keine Geduld dazu und auch nicht den
-Schick. Bei denen müsse ein Kasten in acht Tagen fertig
-sein, gleich aus jungem Holz, wie es der Förster vom
-Wald verkauft. »Nachher kreistet's und kracht's, nach einem
-Jahr kann man die Finger in die Fugen und Sprünge
-stecken, die Kastenwand kriegt einen Buckel wie das Kameltier
-oder eine Mulde wie die Fleischhackerschüssel. Ah nein,
-die alten Kästen geben wir nicht her.«</p>
-
-<p>Der Fürst hat auf solchen Bescheid seines Untertans
-zu Boden gestarrt und vielleicht sogar mit einer gewissen
-Wehmut der guten alten Zeit gedacht, da man so schöne
-Tischlerarbeit machte, und da man solch schöne Tischlerarbeit
-den Untertanen gelassen wegnehmen konnte.</p>
-
-<p>Als hierauf die Hausmutter in die Stube trat, um
-mit Weißbrot und gelber Butter den Landesvater zu ehren,
-sagte zu ihr der Bauer: »Das ist mir rechtschaffen zuwider,
-Brigitta. Unser Herr hat Gefallen an diesen Kästen, und
-wir mögen sie nicht weggeben.«</p>
-
-<p>Die Hausmutter sprach: »Da wird leicht geholfen sein.<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span>
-Diese Kästen hat der Zimmermann Reimar gemacht vor
-dreißig Jahren, wie wir zusammen geheiratet haben, und
-der Reimar lebt noch. &ndash; Gnädiger Herr, bitt' gar schön,
-ein Stückel Brot und ein Batzel Butter nicht zu verschmähen.«</p>
-
-<p>Der Fürst setzte sich an den Tisch und griff zu. Dieweilen
-wurde nach dem Zimmermann Reimar geschickt.
-Der hatte einen krummen Fuß, kam am Abend in den
-Fürstenhof und blieb dort. Er ist dort geblieben etliche
-Jahre lang. Er hat zeitweilig einen Gesellen mitbeschäftigt,
-die längste Weile aber allein gearbeitet, er hat dem Landesfürsten
-das Haus eingerichtet. Die drei großen Stuben
-waren schon von alters her mit gutem Holz und schlichtem
-Schnitzwerk ausgetäfelt und geziert, so wollte der Fürst
-noch ein Nebengemach traulich einrichten lassen mit Täfelung,
-Truhen und Kästen und einem geräumigen Himmelbette.
-Da hatte also der alte Reimar zu schaffen. Er
-ließ sich gute Weile dabei und baute. Er baute ein Wandgesimse,
-eine Gerätetruhe, zwei breite Gewandkästen, eine
-Ofenbank, einen Uhrkasten und endlich das stattliche Himmelbett
-mit dem Hute darüber, dessen jede Ecke versehen wurde
-mit dem Ornamente des dreiköpfigen Adlers. Er arbeitete
-ohne Vorbild und Pläne, die Zeichnungen machte er gleich
-mit Zimmerfarbe und Reißblei aufs Bau- oder Schnitzholz.
-Und dieses Holz war an zwanzig Jahre unter dem Dachvorsprung
-einer Scheune, hoch an der luftigen Wand gelegen,
-um gehörig austrocknen zu können. Der alte Reimar
-hatte ein Sprichwort: Der Bräutigam soll seine Braut und
-der Zimmermann sein Holz sieben Jahre lang kennen,
-bevor er anhebt. An grünem Holz tat er nicht einen Handgriff.
-Mit dem Hammer schlug er an den Block: Klingt's
-gut, so wollen wir in Gottes Namen anfangen! Die größte
-Stube des Hauses hatte er sich zur Werkstatt erkoren, da<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span>
-hobelte er, schnitt und schnitzte. Häufig saß der Fürst da
-und schaute dem weißhaarigen Meister in Hemdärmeln und
-mit dem Lederschurz bei der Arbeit zu. Die ging wie ein
-langsames Uhrwerk, aber jeder Handgriff hatte einen Zweck
-und eine Folge. Dabei war der Mann so behaglich und
-heiter, sagte manchmal ein spaßhaftes Wort, während sein
-altes Auge an der Arbeit haftete. Dem Fürsten tat der
-Anblick wohl, wie da ein kleiner Mann aus dem Volke seine
-Seele gleichsam in ein Kunstwerk umgestaltete, in dem sie
-fortleben wird, vielleicht länger als die Geschlechter, die an
-dem Werke mit Bewunderung und Liebe vorübergehen.
-Mehrmals geschah es, daß der Fürst sich sogar an den Tisch
-setzte, wo der Reimar sein Mahl einnahm. Denn mit
-dem Gesinde aß nur der Geselle, der Meister zog es vor,
-allein zu sein und machte auch mit dem Herrn nicht allzu
-viele Höflichkeiten. Wenn der Fürst das Butzenscheibenfenster
-des Erkers öffnete, so überblickte er sein Reich; der
-Zimmermann hätte das von sich nicht sagen können, er hatte
-sein Lebtag auch in anderen Tälern, selbst drüben im Herzogtume
-Häuser gebaut. Fürsten <em class="gesperrt">kann</em> es geben, Zimmerleute
-<em class="gesperrt">muß</em> es geben. Also fühlte er sich in dieser Burg nicht besonders
-untertänig.</p>
-
-<p>Eines Tages kam der Fischerjunge Winard ins Haus
-und brachte auf dem Rücken eine Fischlagel mit, in der
-Wasser schwupperte. Er grüßte in der Stube ehrerbietig
-den Meister Reimar und fragte dem gnädigen Herrn nach.</p>
-
-<p>Der alte Diener war vorhanden und berichtete, Seine
-Durchlaucht könnten jetzt nicht gestört werden, sie wären
-just beim Regieren.</p>
-
-<p>»Wenn's nichts anders ist, so soll er nur herauskommen,«
-sagte der kühnliche Bursche, »ich muß wissen, ob
-der gnädige Herr die Forellen selber haben will, oder ob<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span>
-ich damit um ein Häusel weiter gehen soll. Heute ist Freitag,
-und morgen bringe ich sie nicht mehr an.«</p>
-
-<p>Der Diener ging hinein, um das zu melden, da entschuldigte
-sich der Fürst artig vor seinem Ministerium, das
-aus dem Propste, dem Kreishauptmanne und dem Meister
-Grobschmied bestand, ging hinaus und ließ sich die Fische
-zeigen. Es waren stattliche Tiere und glitten munter in
-ihrem nassen Gemach auf und nieder.</p>
-
-<p>»Sind sie nicht zu jung?«</p>
-
-<p>»Ich bin zwanzig, gnädiger Herr,« antwortete der
-hübsche Bursche.</p>
-
-<p>»Die Forellen meine ich.«</p>
-
-<p>»Ah so. Na, die werden nicht mehr besser.«</p>
-
-<p>»Gut, lasse sie da.«</p>
-
-<p>Am Abend desselben Tages war kein Gast vorhanden,
-und der Erzfürst saß bei den blaugesottenen Forellen allein.
-Er rief den Zimmermann, ob er Forellen liebe?</p>
-
-<p>Aber der Meister lag schon in seinem Bett und seufzte.
-In letzter Zeit litt er an der Gicht. So saß Seine Durchlaucht
-einsam da. Der Kammerdiener war brummig. Wenn
-die Tiere wenigstens lebendig gewesen wären. Aber sie
-lagen feierlich auf dem Silberteller, sie waren so sinnig
-mit einem grünen Kranz von Krautwerk umgeben, wie sich
-selbst ein Erzfürst keine schönere Aufbahrung wünschen könnte.
-&ndash; Der Fürst fand am Essen kein Vergnügen, er stand vom
-Tische auf, faßte den silbernen Armleuchter und stellte sich
-damit vor den Spiegel. Seit einiger Zeit hatte er sich den
-Schnurrbart wachsen lassen, der war durchaus noch nicht
-grau, sondern hübsch nußbraun, wie der Meister Reimar
-die Kästen streicht. Aber was anfangen? In der Jugend
-hatte er wohl gelernt, wie man Weiber gewinnt, doch wie
-man um ein Weib freit, das schien ihm eine verdammt<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span>
-heikle Aufgabe. In solchem Falle kann der Herrscher nicht
-einmal seine Geheimräte zu Rate ziehen. Das kommt nun
-davon, daß er mit den Nachbarspotentaten den Verkehr so
-völlig vernachlässigt hat. Übrigens hatte der Fürst auf seinen
-Weltreisen Reiche kennen gelernt, deren mächtige Herrscher
-sich in der Wahl einer Ehefrau durchaus nicht einschränken
-lassen. Bei uns ist dem Prinzen eine Prinzessin vorgeschrieben.
-Zwei Gekrönte auf <em class="gesperrt">einem</em> Thron, ist das aristokratisch?</p>
-
-<p>Am nächsten Tage trat der Fürst gelegentlich in die
-Tischlerwerkstatt, um der Arbeit des Alten zuzusehen, der
-nur das Zimmerhandwerk gelernt hatte und nun die edelsten
-Tischlerarbeiten schuf. Meister Reimar lag aber im Bette,
-und ein Mädchen war da, das ihn pflegte. Das machte
-sich gar nichts draus, als der gnädige Herr eintrat, sondern
-beschäftigte sich eifrig damit, dem Alten warme Tücher um
-die Beine zu winden und ihm die Kissen zurecht zu legen.
-Dieses Mädchen hatte ein Haar wie Seide. Wie Naturseide,
-so lichtgelb und zart. Das waren gar keine Haarfäden mehr,
-das war purer Flaum; so wallte es hinter den rundlichen
-Achseln hinab, und in der Mitte war es lose zusammengehalten
-mit einem blauen Bändchen. Der Fürst ging hinaus
-in seinen Tiergarten, dort hatte er etliche Hirsche und Rehe
-drinnen und in einem hohen Drahtgeflechte zwei Fasanen.
-Die Hirsche waren noch nicht zahm, flohen mit hochgetragenem
-Gestämme ins Dickicht. Ein klaräugiges Rehlein blieb
-vor dem hohen Besuche stehen, ohne irgendein Zeichen von
-Angst oder Ehrfurcht. Der Fürst legte gesalzenes Brot in
-die hohle Hand und hielt es ihm vor. Das Reh schnupperte
-hin, fraß es aber nicht. Da trat ein junger Mensch hinzu
-und sagte: »Wetten wir was, gnädiger Herr, von mir
-nimmt es das Brot!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span></p>
-
-<p>»Kümmere dich um deine Forellen!« sprach der Herr
-und wandte sich ab, denn der dreiste Ton des Burschen
-war ihm zuwider. Diesen Fischerjungen muß man unter
-die Soldaten stecken, daß er Manier lerne.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Na, Alter, klappt's heute mit den Beinen?« fragte
-Seine Durchlaucht an einem nächsten Tage, als Meister
-Reimar wieder bei der Arbeit war.</p>
-
-<p>»Schön Dank, gnädiger Herr, es tut's wieder.«</p>
-
-<p>»Das Alter zwickt wohl schon ein bißchen?«</p>
-
-<p>»Ah, des Alters wegen möcht's schon noch passieren.«</p>
-
-<p>»Wie alt seid Ihr denn, Reimar?«</p>
-
-<p>»Zu Martini achtundsiebzig.«</p>
-
-<p>»Allen Respekt. Ich meine für das, was Ihr noch
-leistet.«</p>
-
-<p>»Solang' mich die Augen nicht verlassen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Saget, Meister, wer war denn das junge Frauenzimmer,
-das Euch so sorgfältig gepflegt hat vor etlichen
-Tagen?«</p>
-
-<p>»Die Hedwig meinen der gnädige Herr. Muß wohl
-recht um Verzeihung bitten. Mir hätte schon auch im Haus
-keine Wartung gefehlt, aber wenn ein Kind einem zugeht,
-das kann man nicht wehren, muß einen noch freuen.«</p>
-
-<p>»Es war doch kein Kind mehr,« sagte der Fürst. »Mag
-wohl schon an siebzehnmal über Silvester gesprungen sein.«</p>
-
-<p>»Es ist so, gnädiger Herr, meine Enkelin lauft schon
-im achtzehnten um.«</p>
-
-<p>»Euere Enkelin? Sagtet Ihr nicht letzthin, daß Ihr
-ein alter Junggeselle wäret?« fragte der Fürst.</p>
-
-<p>»Wie man halt eben so sagt,« antwortete der Zimmermann,
-»ist nur damit gemeint, daß ich nie verheiratet gewesen
-bin.«</p>
-
-<p>»Und eine Enkelin, sagt Ihr?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span></p>
-
-<p>»Ja mein!« rief der Alte aus, dieweilen er mit dem
-Reifmesser an einem dreiköpfigen Adler herumschnitzte, »in
-dieser Sache hat sich der Mensch nicht zu beklagen, da ist
-alleweil Segen Gottes genug vorhanden.«</p>
-
-<p>»Ist sie ein Tochterkind?«</p>
-
-<p>»Ein Sohnkind, gnädiger Herr. Aber ehelicherweis.
-Mein Sohn ist braver gewesen wie ich.«</p>
-
-<p>Der Fürst wandelte hernach in der Pappelallee auf
-und ab, die Hände am Rücken, das Haupt gesenkt. Seine
-verflogene Jugend hatte ihm kein solches Glück aufbewahrt.
-Wenn er einmal an der Gicht darniederliegt, wird ihm keine
-Enkelin warme Tücher um die Beine winden.</p>
-
-<p>Von dieser Zeit an forschte Othmar III., wann der
-Zimmermann Reimar denn wieder einmal an der Gicht
-darniederliegen würde. Der ließ darauf warten. Hingegen
-kam eine sehr schöne Fronleichnamsprozession. An diesem
-Tage pflegte zu Schreckenburg aller Pomp entfaltet zu
-werden, den der Ort aufbrachte. In früherer Zeit war auch
-der Hofstaat ausgerückt, der Erzfürst in seiner vollsten Würde,
-Prinzen und Prinzessinnen, Edelknaben und Zofen, da
-strahlten an den Mänteln und Roben die Goldspangen,
-an den Diademen die Diamanten. Das war längst nicht
-mehr. Zur Zeit des schlichten Volksfürsten Othmar III. gab
-es derlei nicht zu sehen. In seinem schwarzen bürgerlichen
-Gewande, begleitet von den Spitzen der Behörden, ging er
-hinter dem Baldachin einher, sein entblößtes Haupt blinkte
-diesmal in der Sonne silberiger als je. Seine Andacht war
-an diesem Fronleichnamsfeste keine gewöhnliche. Vor der
-Priesterschaft wallten in langen weißen Gewändern vier
-Kranzjungfrauen dahin, die auf rotseidenen Kissen die Marterwerkzeuge
-Christi trugen. Diese Jungfrauen waren alle
-schön und blühend wie der Mai, aber eine davon war anders<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span>
-als die übrigen. Sie überragte die anderen um eine halbe
-Kopflänge, ihr Haar wallte wie eine lichte Seidenwelle über
-den Nacken hinab. Ihre Wangen waren wie die Blüte des
-Apfelbaums, ihr Haupt senkte sie nicht, wie die drei Genossinnen
-taten, zu Boden, aufrecht trug sie es, und ihr
-großes Auge mit dem feuchten Glanze schaute vor sich hin
-gegen die Berge, auf welchen der Himmel ruhte. Würdevoll
-wie eine Königin. Sie trug auf ihrem Kissen die Dornenkrone
-des Heilandes. Das ist die Krone des Volkes. Hat
-der Erzfürst eine bessere?</p>
-
-<p>»Das Adlerschnitzen geht Euch gut von der Hand,«
-sagte am nächsten Tage der Fürst zum Zimmermann. Dieser
-hatte gerade wieder den dreiköpfigen in der Arbeit für das
-Himmelbett.</p>
-
-<p>»Na, wohl doch nicht, gnädiger Herr. Das ist ein vertracktes
-Vieh. Da könnt's wohl auch passieren, daß man
-das Tier gar nicht erkennt, wie es dem alten Herzog drüben
-ergangen ist mit seinem zweiköpfigen. Dem hat sein Jäger
-einmal vom Hochgebirg einen Adler heimgebracht. So, das
-soll ein Adler sein? ruft der Herzog dem Jäger zu, du mit
-deinem Jägerlatein bleibe mir vom Leib! Glaubst du, ich
-kenne den Adler nicht? Ein Adler hat <em class="gesperrt">zwei</em> Köpfe.«</p>
-
-<p>»Und unserer hat drei,« lachte der Fürst, belustigt von
-dem Spottgeschichtchen, das man über seinen Nachbar erzählte.
-Dann sprang er über: »Was meint Ihr, Meister,
-sollten die hohen Herrschaften aus ihren Wappen nicht einmal
-das Tier herausnehmen und den Menschen hineingeben?«</p>
-
-<p>»Oho, den brächte unsereiner noch weniger zuweg.
-Der Mensch, heißt es, soll in der Kunst das allerschwerste
-sein.«</p>
-
-<p>»Es müßte ja gerade kein geschnitzter sein? Vielmehr<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span>
-ein lebendiger, wie ihn Gott erschaffen hat! Was meint
-Ihr dazu?«</p>
-
-<p>»He he,« lachte der Alte, wie auf einen Spaß.</p>
-
-<p>Der Fürst rückte dem Zimmermann näher und setzte
-sich auf das Hinterteil der Schnitzbank. Plötzlich sagte er:
-»Meister Reimar, machet Feierabend für heute. Wir wollen
-einmal eins plaudern mitsammen.«</p>
-
-<p>Der Alte hing das Schnitzmesser an die Wand, befreite
-das dreiköpfige Ungeheuer aus der Zwänge und dachte:
-Wohl eine rechte Freud', so was. Wie unser gnädiger Herr
-gemein ist! In seiner Weise wollte er damit der Leutseligkeit
-des Fürsten ein Lob zudenken.</p>
-
-<p>»Wird Euch Eure Enkelin nicht bald wieder einmal
-besuchen? Wo wohnt sie denn? Nehmet sie doch ganz zu
-Euch, Vater Reimar, in diesem Hause ist Platz genug.«</p>
-
-<p>Der Antrag rührte den Alten fast zu Tränen.</p>
-
-<p>Eine Woche später war der Fürst bereits in der Lage,
-heimlich seine Studien zu machen an dem schönen heiteren
-Mädchen, das in dem Schlosse herumwirtschaftete, so geschickt,
-harmlos und fein, als wäre es darin geboren worden. Nach
-wenigen Tagen beherrschte es in Form einer fröhlichen
-Dienstfertigkeit die Beschließerin und die alte Kochfrau,
-ohne daß diese es merkten. Sie war die Unbefangenheit
-selber, auch dem Fürsten gegenüber. Dieser ging scharf
-drein, denn viel überflüssige Zeit war nicht mehr vorhanden.
-Eines Tages befahl er, das Frühstück solle ihm
-die Hedwig auf das Zimmer bringen. Und diese lud er
-ein: »Willst du nicht auch eine Tasse mit mir trinken?«</p>
-
-<p>»O Gott!« lachte das Mädel auf, »wann hab' ich heut'
-schon gefrühstückt! Das ist schon lang geschehen.«</p>
-
-<p>»So bist du am Ende wieder hungerig?«</p>
-
-<p>»Das tät' sich doch nicht schicken,« antwortete sie.<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span>
-»Wenn dem gnädigen Herrn schon allein die Zeit lang
-wird beim Frühstück, so soll er halt eine gnädige Frau
-dazu nehmen.« Das sagte sie munter und harmlos hin.
-Der Fürst aber stand auf und trat rasch auf sie zu. So
-rasch, daß sie erschrocken einen Schritt zurückwich. »Hedwig!«
-sagte er leise, und sonst nichts &ndash; kein Wort. Sie verließ
-schnell das Zimmer.</p>
-
-<p>Der Kammerdiener des Fürsten bat noch an demselben
-Tage um seinen Abschied. Wenn ihm gar schon eine Bauerndrulle
-vorgezogen werde zur Bedienung! Man hätte es ihm
-gar so deutlich nicht zu machen gebraucht, auch etwas weniger
-deutlich hätte er verstanden, daß er überflüssig geworden
-sei … Laut grölend wandte er sich gegen die Wand.</p>
-
-<p>»Franz,« sprach der Fürst zu ihm mit gütiger Stimme,
-»Franz, du bist ein altes Schaf.« Das alte Schaf hat den
-Abschied nicht erhalten.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Herr Reimar! Herr Hoftischlermeister!« rief es eines
-Tages hinter ihm, als der Zimmermann zur Dämmerstunde
-durch den ruhsamen Park ging und sein Abendgebet verrichtete.
-Und als er sich umwandte, sah er, wie ein junger
-Mann auf ihn zueilte. Es war aber der Fürst, der so flinke
-Schritte machte und so frisch aufgelegt war.</p>
-
-<p>»Herr Tischlermeister!« fuhr der nahekommende Herr
-fort, »wollt Ihr ein schönes Märchen hören? Es ist sehr
-alt, vielleicht kennt Ihr es schon von der Mutter her.«</p>
-
-<p>Der Zimmermann blieb ehrerbietig stehen und horchte.</p>
-
-<p>»Es war einmal ein König,« begann der Fürst, den
-Alten am Arm nehmend und mit ihm zwischen den Ahornen
-dahinschreitend, »dieser König war sehr mächtig und hatte
-viele Städte voll von Untertanen. Er aber wohnte in einem
-großen Schlosse und war einsam. Wisset Ihr, was das ist:
-Einsamkeit?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span></p>
-
-<p>»Ich kann mir's denken,« sagte der Zimmermann,
-»das ist Langeweile. Ich hab' sie weiter nie gehabt.«</p>
-
-<p>»Aber der König hat sie gehabt, Reimar! Als er jedoch
-ans Freien dachte, da fiel ihm das Rätsel ein. Kennt
-Ihr es? Was ist das, Meister: Gott sieht's nie, der König
-selten, der Bauer alle Tag?«</p>
-
-<p>»Hoho, das wird wohl seinesgleichen sein!« entgegnete
-der Zimmermann.</p>
-
-<p>»Seinesgleichen, gut. Also sah der König sehr selten
-seinesgleichen und unter den wenigen Prinzessinnen gefiel
-ihm keine. Er trug sich in ganz eigentümlichen Meinungen
-über das Weib. Er wollte eine Besondere haben. Die
-Richtige ist nicht gleich die Erstbeste von seinesgleichen. Er
-wollte eine große Auswahl haben, um seine Einzige sicher
-zu finden. Er dachte an denjenigen, der seinesgleichen alle
-Tage sieht.«</p>
-
-<p>»So hätte er sich ein feines Bauernmädel aussuchen
-sollen,« meinte der Zimmermann.</p>
-
-<p>Der Fürst blieb plötzlich stehen, kneipte den Alten am
-Arm und sagte: »Das hat er getan.«</p>
-
-<p>Der Zimmermann zog's ins Bedenkliche und sprach:
-»Wenn das Bauernmädel klug ist? Ich wollt' mich doch
-erst besinnen, ob ich einem König die Hand geben möchte.«</p>
-
-<p>»Wisset Ihr,« sagte der Fürst, »der Mensch hat zwei
-Hände. Auch der König. Geht eine Verbindung zur rechten
-Hand nicht, so geht sie vielleicht zur linken. Meinet Ihr
-nicht auch so?«</p>
-
-<p>»Hab' es wohl einmal gehört,« meinte nun der Alte.
-»Zur linken Hand. Verstehe aber den Unterschied nicht.«</p>
-
-<p>»Ich auch nicht, Meister. Aber wir drehen uns um
-die Sonne und wissen nicht warum. So drehen wir uns
-um Sitten, für den einen haben sie Sinn, für den anderen<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span>
-nicht. Tatsache ist, daß der Fürst ein Kind aus dem Volke
-freien will&nbsp;…«</p>
-
-<p>Der Zimmermann schwieg. Es wurde ihm unheimlich.
-&ndash; Diese hohen Herren! Sie mögen sonst noch so brav sein,
-in dem einen Punkt denken sie leichter, als andere Leute!
-&ndash; An seine Hedwig dachte der Alte, da wurde ihm heiß in
-der Brust. Am Ende ist's doch gefehlt, daß sie im Schlosse
-wohnt. Sie ist ein heiteres dummes Ding und weiß nichts.
-Man muß sie heim zum Vater schicken.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Fürst nahm sich jeden Morgen vor, an diesem
-Tage mit Hedwig ein entscheidendes Wort zu sprechen.
-Aber zum Teufel, das war schwerer, als er es sich gedacht
-hatte. Auf dem Wege des Scherzes hatte er's schon versucht,
-dabei kam er nicht weit, das Mädel wußte sehr klug
-zu parieren. Ob sie nicht eine Erzfürstin sein möchte? war
-eines Tages, als sie mit dem Wedel die Ahnenbilder abstaubte,
-seine Frage.</p>
-
-<p>»Das wär' mir nicht zuwider,« antwortete sie, »da
-wollt' ich mir gleich einen schönen Erzfürsten nehmen.«
-Dabei versetzte sie einem graubärtigen Ahnen mit dem
-Wedel eins ins Gesicht. &ndash; Und der hohe Herr verschob es
-klüglich, mit ihr zu sprechen. Eines Morgens war sie fort.
-Sie hätte heim müssen ins Elternhäuschen, um die Ziegen
-auf die Weide zu führen. Die Ziegen!</p>
-
-<p>Mit finsterer Stirn trat der Fürst in die Werkstatt.
-Der alte Reimar war just daran, das Himmelbett zu streichen.</p>
-
-<p>»Wieder braun und wieder braun!« rief der Fürst.
-»Muß denn alles dunkel sein? Das Bett will ich blau
-haben, himmelblau. Warum fragt Ihr mich nicht, wie ich's
-haben will, wenn Euch der gute Geschmack fehlt? Oder
-traut Ihr dem meinen nicht? Mißtrauen! Ich glaube fast,
-man mißtraut mir. Das möchte ich erst sehen, nach wessen<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span>
-Willen es zu gehen hat in meinem Hause, in meinem
-Staate!«</p>
-
-<p>Verblüfft schaute der Zimmermann drein, dann antwortete
-er: »Nach dem meinen nicht. Ich hab's auch nur
-aus Gefälligkeit getan.« Legte den Pinsel weg und packte
-sein Werkzeug zusammen. &ndash; An der einen Seite ist das
-Himmelbett braun gestrichen, an der anderen Seite lacht
-uns noch heute das nackte Holz an, erzählend vom beleidigten
-Handwerksmann, der dem Fürsten plötzlich die
-Arbeit aufgesagt hat. Und da soll noch einer behaupten,
-dieses Schreckenburg wäre kein moderner Staat!</p>
-
-<p>Dem Erzfürsten tat es heimlich weh, den Meister beleidigt
-zu haben, aber er holte ihn nicht zurück. Ein Fürstenwort
-ist nicht von heut' auf morgen. Doch ging er von
-dieser Zeit an häufiger auf die Jagd. Er ging über die
-Felder des Landmannes und schoß Haselhühner, er ging
-an den Fluß und fischte Forellen, er ging auf den Almweiden
-hin, wo die Rinderhirten und Ziegenhirtinnen sind,
-und schoß nichts. Da war es einmal am Wasser, daß der
-Fischerjunge Winard, der ihm die Lagel nachtrug, seine
-Schafpelzmütze abzog, die der Bursche auch im Sommer
-trug und jetzt zwischen den Händen knüllte, und daß er
-gar untertänig zum Fürsten die Worte sprach: »Gnädigster
-Herr! Ich bitt' schön, ich hätt' halt schon lang ein Anliegen!«</p>
-
-<p>»Was ist's, mein Sohn, was fehlt dir?« munterte ihn
-der Fürst freundlich auf. Er war ja selber kein Freund von
-Förmlichkeiten, und es war wahrlich nicht das erste Mal,
-daß er seinen Untertanen, wie er sie immer noch zu nennen
-pflegte, unter Gottes freiem Himmel Audienz erteilte.</p>
-
-<p>»Getrau' mir's halt frei nicht zu sagen. Es ist was
-recht Wichtiges …« So stotterte der Bursche.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span></p>
-
-<p>»Du weißt, was in meiner Macht steht&nbsp;…«</p>
-
-<p>»In &ndash; des gnädigen Herrn Macht tät's wohl stehen.«</p>
-
-<p>Jetzt blickte ihn der Fürst prüfend an. Er kannte den
-hübschen und klugen Jungen schon seit länger. Manchmal
-auch war er ihm schon zu keck gewesen. »Ist dir
-etwa deine Stelle nicht mehr gut genug? Ist dir der Sold
-zu gering?«</p>
-
-<p>Der Bursche wurde tiefrot im Gesicht und murmelte
-kaum verständlich: »So bin ich nicht, daß ich Geldes wegen
-meinen Herrn auf der freien Weide anginge&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Dann ist's …« der Herr griff ihm ans Kinn und
-hob ihm das Haupt: »Schaue mich an, Knabe! Ist's die
-Liebe?«</p>
-
-<p>Neigte der Junge heftig den Kopf: Ja, das wär's,
-die Liebe.</p>
-
-<p>»Und dein Schatz will dich nicht? Ja, siehst du, das
-geht manchem so.«</p>
-
-<p>»Wollen tät' sie mich sonst schon,« gestand der Bursche,
-»aber 's hat ihr wer was in den Kopf gesetzt. Sie kunnt
-eine bessere Partie machen, sagt sie.«</p>
-
-<p>»Ich will dir etwas sagen, Junge. Den Nebenbuhler
-mußt du ausstechen.«</p>
-
-<p>Halb abgewendet antwortete der Bursche: »Er ist halt
-viel stärker als ich. Zwar das nicht, stärker nicht &ndash; aber
-angesehener.«</p>
-
-<p>»Wohl ein Bauer?«</p>
-
-<p>»Das nicht.«</p>
-
-<p>»Gar ein Bürger?«</p>
-
-<p>»Wohl ein wenig mehr.«</p>
-
-<p>»Was tausend! Ein Gutsbesitzer?«</p>
-
-<p>»Und noch etwas dazu, gnädigster Herr.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span></p>
-
-<p>»Zum Rätselraten sind wir beide nicht beisammen,
-mein Junge!« sagte der Fürst etwas ernster.</p>
-
-<p>»Ich glaub's auch gar nicht,« sprach der Bursche dreister.
-»Es geht nur so ein Gerede. Und die Leut' sind ganz wild
-darüber. Sie sagen, dafür tät' ein braves Bauernmadel
-zu gut sein. Aber die Weibsbilder setzen sich's gleich in den
-Kopf und glauben die größte Dummheit. &ndash; Der gnädigste
-Herr wollt' sie haben, sagen sie&nbsp;…«</p>
-
-<p>Das war jetzt für den Erzfürsten keine Kleinigkeit. In
-solcher Lage war er nie gewesen und von seinen Berufsgenossen
-auch kaum jemals einer. Darauf ist keine Hofetikette
-eingerichtet. In zorniger Erregung wählte er den
-kürzesten Weg und sprach sehr langsam und nachdrücklich:
-»Was sagst du? Diese Dreistigkeit geht doch über alle Begriffe!
-Ich rate dir …!« Mit dem Finger wies er
-in die Ferne.</p>
-
-<p>Jetzt ereignete es sich aber, daß der Bursche kerzengerade
-vor ihm stehen blieb, daß er mit den blonden Wimpern
-zuckte und trutzig das Wort sagte: »So ist es doch
-wahr&nbsp;…«</p>
-
-<p>Der Fürst ging mit raschen Schritten dahin, der Bursche
-eilte ihm nach, glühend und bebend vor Aufregung rief er
-gellend: »Nachher setzt's was, gnädiger Herr! Die Hedwig
-laß ich nimmer, und wenn's meinen Kopf kostet.«</p>
-
-<p>Der Herr wandte sich noch einmal um und schaute sich
-das im Liebeswahnsinn brennende Menschenkind an.</p>
-
-<p>»Wer mir das Mädel untreu macht,« rief der Bursch,
-die Fäuste ballte er, »da setzt's was! Ich bin auch nicht
-allein. Ich hab' Kameraden!«</p>
-
-<p>Warf die Fischlagel zu Boden und sprang durch das
-Strauchwerk davon.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span></p>
-
-<p>&ndash;&nbsp;Erzfürst Othmar! Klang das nicht wie eine Kriegserklärung?</p>
-
-<p>Noch an demselben Tage, als die unerhörte Drohung
-gefallen war unten am Wasser, beschied der Fürst den
-Forst-, Jagd- und Fischermeister Jonathan zu sich und sprach
-mit diesem seinem Agrikulturminister längere Zeit. Er
-befragte ihn über die allgemeine Aufführung des Fischerjungen
-Winard.</p>
-
-<p>»Keine Klage,« antwortete der Forstmeister. »Soweit
-brav, aber ein Hitzkopf. Vor etlichen Wochen drei Tage
-lang im Kotter gebrummt. Raufhändel, Liebesgeschichten.«</p>
-
-<p>»Man nehme ihn zu den Soldaten.«</p>
-
-<p>»Schwerer Ersatz, gnädiger Herr!«</p>
-
-<p>»Man nehme ihn zu den Soldaten!« sagte der Fürst.</p>
-
-<p>Als der Forstmeister es dem Fischerjungen hinterbringen
-wollte, daß er durch allerhöchste Gnade in die Armee aufgenommen
-werde, war der Winard nicht mehr da. Die Vermutung
-lag nahe, daß er ins Ausland geflohen sei, denn
-er hatte ein Handbündel mitgenommen.</p>
-
-<p>Wenige Tage nachher brachte die Post dem Fürsten
-ein kunstvoll und doch unbehilflich gefaltetes Brieflein. Das
-war vom Fischerjungen, dem das Schreiben nicht arg vonstatten
-ging. Der ließ sich vernehmen wörtlich wie folgt:</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="center">
-»Eier gnaden, gnädigster First und durchlauchdicker
-Herr!
-</p>
-
-<p>Mus woll tausendmal um verzeihin biten wegen
-letztmal aber i kan nit anderst und vonwegen dem Mädel
-kunt i schlecht wern. Ich bit Ihnen, se kriegn bessere,
-lassens mir de, i bit Ihna kniefellig, sunst weis nit, was
-gschicht. Da thät ma wull all zamhalden, wann unsri
-Madln, die Bauern Madeln nit mehr sicher gangeten.<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span>
-Schreims mir nur bar zeillen das i mich verlassen kann
-und mich wieder aufzeign kann und wil mein Dienst
-fleißi verichten. Gnedigster Herr unterdeniger Diner</p>
-
-<p class="right">
-Winard Oberlimer.«
-</p></div>
-
-<p>Der Winard Oberlimer wartete nun auf das Antwortschreiben
-des Fürsten. Er wußte wohl, daß hohe Herren
-sich nicht so leicht herbeilassen, mit Arbeitsleuten Briefe
-zu wechseln, aber in einem so wichtigen Falle, dachte er,
-würde der gnädige Herr doch eine Ausnahme machen. Er
-wartete Tage und Tage, er konnte nicht mehr essen, nicht
-mehr schlafen. Wo er wartete, das wissen wir nicht, denn
-er hatte vergessen, in dem Briefe seinen Aufenthaltsort anzugeben.
-Auch der seidenhaarigen Hedwig hatte er geschrieben
-und ihr Vorwürfe gemacht darüber, weil sie, »die spottschlechte
-Person, sein glihend Hertz um eitel guld und ehr
-verkaufft« hätte. Die Hedwig wußte sein Versteck und antwortete
-ihm das Folgende:</p>
-
-<div class="letter">
-
-<p>»Mein Lebtag wär's mir nit eingefallen, das von
-wegen dem Fürsten, wie du meinst. Wenn ich dich auch
-einmal mit ihm gereizt hab. Aber dein Schimpf- und
-Spottbrief auf mich zeigt nit von deiner grossen Lieb
-und jetzt thu ichs. Nit wegen eitel Guld und Ehr, wie
-du schreibst, sondern weil mir ein guter freundlicher
-Mensch lieber ist, wie ein Zornnickel. Deine Wäsch hab
-ich dir aufs letztemal gewaschen und geflickt und kannst
-sie abholen lassen. Mit Achtung</p>
-
-<p class="right">
-Hedwig Sommerauer.«
-</p></div>
-
-<p>Nun war Feuer auf dem Dache. Beim Straßenwirt
-an der Brücke kamen an Sonntagen die Burschen des Tales
-gern zusammen. Jetzt war der Winard unter ihnen und
-warb Streiter. Um das Gerücht wußte jeder schon, so<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span>
-brauchte er ihnen nur den Brief der Hedwig vorzulesen,
-als Beweis wie es stand.</p>
-
-<p>»Kameraden!« rief er, »verlaßt's mich jetzt nit! Ihr
-wisset, wie wir uns gern gehabt haben, dieses Madel und
-ich. Und jetzt soll sie verdorben werden? Heiraten! Der
-Herr so eine von niedrigem Stamm? Wer's glaubt, ich
-nit. Und was mir geschieht, kann jedem geschehen. Einer
-allein kann nichts machen, der wird eingekottert. Zusammhalten!
-Verlaßt's mich nit, Kameraden!«</p>
-
-<p>Etliche gaben zu bedenken, daß es eine gewagte Sache
-sei. Andere überstimmten sie: »Untertanenpflicht und Treu
-haben wir allzeit gehalten. Und wenn uns der Fürst Othmar
-jetzt ruft: In den Krieg für euer Land, für euern Herrn!
-so wird nicht einer das Hundsfott sein und sich drücken.
-Aber wir leben nicht mehr in der alten Zeit, Gott sei
-Dank, wir haben die Freiheit! Wenn's um unsern Schatz
-geht, da halten wir zusammen, gegen wen der will! Wir
-verlassen dich nicht, Winard!«</p>
-
-<p>Der Nachtwächter im Ofenwinkel war schon lange unruhig
-gewesen, jetzt stand er auf, rüttelte am Ofengeländer,
-daß es klirrte und rief: »In diesem Tone kann ich nicht
-weiterreden lassen. Zerstreut euch!«</p>
-
-<p>Brüllendes Gelächter. Sie zerstreuten sich nicht, sie
-bestellten frischen Trunk. Nur einer ging fort, ein einziger,
-und das war der Nachtwächter.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sachte entfalteten sich trübe Aussichten im Staate
-Schreckenburg. Die Leute waren ernster, mürrischer. Die
-Kirchen blieben leerer als sonst, die Wirtshäuser waren voll.
-Die Leute sangen nicht mehr ihre heiteren Lieder, sie steckten
-die Köpfe zusammen. Der Fürst bot den Heerbann auf.
-Nach wenigen Tagen teilte ihm der Kriegsminister, der in
-gewöhnlichen Zeitläuften das Grobschmiedgewerbe betrieb,<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span>
-mit bekümmerter Miene mit, daß im Reiche nicht alles so
-sei, wie es sein sollte.</p>
-
-<p>»Ist dieser Winard Oberlimer eingezogen?« fragte
-der Fürst.</p>
-
-<p>»Leider nein, gnädigster Herr. Der hat unten im
-Straßenwirtshaus an der Brücke ein förmliches Lager aufgeschlagen.
-Er hat Genossen. Sie haben den Verkehr mit
-den Nachbarsländern abgeschnitten, fangen die hereingehenden
-Waren ab, das Korn, den Wein. Unsere Holz- und
-Viehausfuhr ist gehemmt. Seit gestern ist auch die Post
-ausgeblieben.«</p>
-
-<p>Nun verlor der Fürst die Ruhe. »Sofort die Truppen
-zusammenziehen und die Wegelagerer aufheben.« Nach
-etlichen raschen Schritten über die Dielen hin riß er den
-Kopf heftig empor und rief: »Die Rädelsführer standrechtlich
-erschießen!«</p>
-
-<p>»Durchlauchtigster Herr,« sagte der Kriegsminister.
-»Schon vor drei Tagen sind die Reichstruppen einberufen
-worden. Aber &ndash; es kommt niemand.«</p>
-
-<p>»Wie?« Der Fürst war starr vor Entsetzen.</p>
-
-<p>»Das Mannsvolk scheint sich alles beim Straßenwirt
-versammelt zu haben.«</p>
-
-<p>»Verschwörung? Revolte?«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Um diese Zeit war es, daß der König eines großen
-Nachbarreiches von dem Hochgebirge herabkam. Er war
-nach einer Reise aus den südlichen Gegenden heraufgekommen,
-hatte eine Gemsenjagd gehalten, dann einen
-hochgelegenen Luftkurort besucht, um seine dort weilende
-Schwester, die Prinzessin Aglaia, abzuholen und nach Hause
-zu begleiten. Der König hatte »seinen lieben Vetter«,
-Othmar III., benachrichtigen lassen, daß er in zwei Tagen<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span>
-durch Schreckenburg reisen werde. Da hieß es nun einmal,
-sich in den Hofstaat werfen! Die Reichstruhe wurde aufgemacht,
-und bald stand der Erzfürst da in seiner vollen
-angestammten Herrlichkeit. Die taffetnen Strümpfe hatten
-ein paar kleine Schabenschäden, hingegen prangten die Silberschnallen
-der Bandschuhe in untadelhaftem Glanze. Der
-seidene Rock hatte die Meinung grün zu sein, schillerte
-aber stellenweise mehr ins Gelbliche, als es bei einem charakterfesten
-Tuche unbedenklich ist. Die Lendenschärpe, die
-breite rotflammende Schleife über der Brust, die funkelnden
-Sterne und Kreuze schlichteten alles reichlich. Der goldene
-Kragen war allerdings etwas zu wulstig, um dem an
-Freiheit gewöhnten Herrn die Kopfbewegung uneingeschränkt
-zu gestatten. Auf dem stahlblinkenden Reichshelm prangte
-der dreiköpfige Adler und legte seine goldenen Flügel schwer
-zu beiden Seiten herab über die Ohren. Das Schwert war
-für Riesen geschmiedet worden und schleifte einigermaßen
-widerspenstig um die Ecke, wenn der Fürst eine Bewegung
-nach rechts oder links zu machen hatte. Die Quaste des
-Griffes baumelte unten bei den Knien aufsichtslos herum.
-&ndash; Das Ganze war ziemlich überwältigend. Bettelhaft vor
-seinem königlichen Vetter zu stehen, das war des Fürsten
-Sorge nicht. Etwas ganz anderes trübte seinen Sinn. Bereits
-hatte er seine verfügbaren sechs Getreuen hinabgeschickt
-zum Straßenwirt mit dem Befehl, die Brücke freizugeben
-für allerhöchste Herrschaften, die an diesem Nachmittage
-durchreisen würden. Die Antwort, die sie zurückbrachten,
-war dem Fürsten nicht vermeldbar. Sie war nicht hoffähig.
-Der Herr war außer sich. Das wäre doch eine Blamage,
-wenn der Erzfürst Othmar Seine Majestät mit einem Bürgerkriege
-begrüßen müßte! Sofort eine zweite Abordnung zum
-Brückenwirt: Was denn eigentlich der Herren Begehr sei!<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span>
-&ndash; Die Antwort, das wisse Seine Durchlaucht recht wohl. &ndash;
-In Wahrheit war es dem Fürsten nicht ganz klar. Da er
-wußte, daß der Fischerjunge Winard dabei eine Rolle spielte,
-so konnte er sich's nur halb und halb denken. Es mag ja
-unsinnig sein, das mit dem Mädel &ndash; so dachte er sich zu
-&ndash; es mag ja Dummheit eines besonders entwickelten Johannestriebs
-sein, gut, der Mensch bleibt immer ein Tor,
-und der Esel hat die Farbe des Alters. Allein sich einen
-politischen Zwang antun lassen und am Ende gar um Verzeihung
-bitten, daß er ein hübsches Mädel gerne anschaue?
-So weit wird's wohl noch lange nicht gekommen sein. Zwar
-kracht die Welt! Kracht in allen Ecken und Enden! Es
-ist das undenkbarste schon geschehen. Nicht jeder, der versammelt
-bei den Vätern ist, ging auf gewöhnlichem Wege
-heim. &ndash; Er besichtigte seinen Thron, der im Saale stand.
-Ein schlichter Lehnsessel, mit rotem Leder ausgepolstert, mit
-silbernen Nieten verziert. &ndash; Das Holz war alt, aber kaum
-ein halbes Dutzend Wurmstichlein, die es aufwies. Die
-Ahnen waren darauf gesessen! Und nun sollte etwa so
-einer, wie der Fischerjunge? Die seinige auf dem Schoß?
-Denn für zwei nebeneinander hat der Sessel, genau besehen,
-nicht Raum. &ndash; Na, es wird sich ja noch schlichten lassen.
-Übermütige Bauernlümmel, nichts anderes. Ein gewöhnlicher
-Raufhandel um ein Weibsbild, und die verrückten
-Burschen vergessen, mit wem sie's zu tun haben. &ndash; Es
-wird sich alles ordnen, bis wir klar sehen. Nur die hohen
-Herrschaften dürfen nichts erfahren, denn die Geschichte ist
-zu dumm! Das beste wird diesmal sein, was auch sonst sehr
-oft das beste ist &ndash; aus der Not eine Tugend zu machen.
-Das Schloß ist zwar nicht danach angetan, aber Gastfreundschaft
-ist stets eine Tugend gewesen.</p>
-
-<p>Es naheten die königlichen Gäste. Eine Anzahl Staubwedel<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span>
-war tätig im Fürstenhause einen halben Tag lang.
-Die Beschließerin warf einen schwellenden Sack mit Eiderdunen
-ins noch unfertige Himmelbett. Etliche Schuljungen,
-vom Oberlehrer gewissenhaft ausgesucht, wurden in weiches
-buntes Pagengewand gesteckt. Bei dieser Auszeichnung kam's
-nicht darauf an, welche die bravsten waren, sondern welche
-schlank und frisch dastanden. Sechs Mann martialisch mit
-Helm und Lanzen bewaffnet, umgaben die Räte des Reiches,
-und mit solchem Hofstaate zog der Fürst den Reisenden
-entgegen. Er selbst ritt auf einem klobigen Rappen. Oberhalb
-des Ortes, am Eingange der Bergschlucht, begegneten
-sie sich. Zwei einzige Wägen kamen gerollt, im ersten saß
-der König und die Prinzessin. Der König sah mit seinem
-weißen Vollbart und im grauen Lodengewand aus wie ein
-Jäger. Die Prinzessin saß ebenso einfach da; sie hatte
-weder die Blüte der Jugend an sich, noch den Reif des
-Alters, ein Alpenrosenstrauß war ihr einziger Schmuck. Mit
-ruhiger Freundlichkeit reichte sie dem vorsichtig vom Rosse
-gestiegenen Fürsten die Hand, die er küßte. Das umstehende
-Volk freute sich des Anblicks und war stolz auf die ritterliche
-Erscheinung seines Fürsten, den es noch nie in diesem
-unerhörten Glanz gesehen hatte. »Ja, unser gnädiger
-Herr!« sagten sie, »da sieht man, wie armselig so ein König
-dasteht vor einem Erzfürsten von Schreckenburg! Das ist
-ein prachtvoller Herr!« Ein behendiger Alter schlug mit
-den Armen um sich und flüsterte in die Leute hinein: »Die
-unten an der Brücken! Wenn sie ihn jetzt so sehen könnten!
-Denen möcht' die Kurasch schon vergehen!«</p>
-
-<p>Mittlerweile hatte der Fürst die Herrschaften willkommen
-<span id="corr078">geheißen</span> und sie eingeladen auf sein Schloß, zur
-Rast auf einige Tage.</p>
-
-<p>»Freund, das geht nicht!« antwortete Seine Majestät.<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span>
-»In zwei Tagen ist die Eröffnung unseres Reichstages, da
-müssen wir zu Hause sein.«</p>
-
-<p>»Dann verhüte der Himmel Achsenbruch, Überschwemmung
-und Brückeneinsturz!« sagte der Fürst.</p>
-
-<p>»Hoffentlich!« lächelte die Prinzessin, »wir haben ja
-das schönste Wetter.«</p>
-
-<p>»Gewiß, Hoheit, gewiß! Sehr schönes Wetter. Es
-wird auch anhalten. Und doch ist soeben die Nachricht eingetroffen,
-daß unten an der Luserbrücke der Verkehr unterbrochen
-sei,« sagte der Fürst beklommenen Atems und setzte
-gar ritterlich bei: »Ich bin im Augenblicke ja selber noch
-nicht genau unterrichtet. Sollte es sich aber bewahrheiten,
-dann wäre der einsame Herrscher auf Schreckenburgs Thron
-dem Zufalle außerordentlich verpflichtet!« daß er ihm so
-liebe Gäste in den Schoß werfe &ndash; konnte dazugedacht
-werden.</p>
-
-<p>Der König tat die Bemerkung, daß er schon unterwegs
-Andeutungen vernommen hätte, als wäre an der
-Luserbrücke etwas nicht richtig. So als ob sich dort allerlei
-Gesindel zusammenrotte.</p>
-
-<p>»Arbeiter werden es sein, Majestät, um die Passage
-freizumachen,« fiel der Fürst ein.</p>
-
-<p>»Jedenfalls werden wir des Herrn Vetters liebenswürdige
-Einladung annehmen,« entschied die Prinzessin,
-»denn über eine schadhafte Brücke fahre ich nicht, niemals!«</p>
-
-<p>Hierauf lenkten sie rechts ein, der Fürst ritt voraus,
-die Wägen fuhren langsam hintendrein und das Gefolge
-kam zu Fuße nach.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Mittlerweile war ins Kriegslager beim Straßenwirt
-die richtige Begeisterung gekommen. Man hatte für den
-Krieg auch schon einen Namen. Mädeljäger-Krieg! Ging
-er doch gegen den Mädeljäger. Und jetzt erst kamen sie<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span>
-herfür von den Bergen und aus den Gräben, und wie
-das Feuer seinen Wind erzeugt, so schafft sich ein Aufstand
-rasch den nötigen Schwung. Früher hatte man nie viel
-davon gehört, und jetzt wußte jeder zu sagen vom gefährlichen
-Mädeljäger, von bedrohten Weibern und eroberten
-Schönen. Da reckten sich die Speere hoch in die Luft gleich
-Schwurfingern, daß die Stunde der Vergeltung gekommen
-sei! In äußerste Erregung geriet der Fischer Winard, denn
-jemand hatte erzählt, daß man in der Nacht den Zimmermann
-Reimar mit seiner Enkelin Hedwig begegnet habe
-&ndash; in heimlicher Eile durch den Wald, wahrscheinlich gegen
-das Schloß hin. Jetzt war's helle, der alte Kuppler führte
-sie dem Wüstling zu. Darum also die ganze Tischlerei im
-Fürstenhause! &ndash; Der Winard brachte stockend kaum die
-Worte hervor: »Kameraden! Werden wir halt heut' bei der
-Nacht das Schloß stürmen.«</p>
-
-<p>Jeder Bursch, der ein Liebchen hatte, jeder Ehemann,
-der ein junges Weib besaß, fühlte sich eins mit dem Fischerjungen.
-Es war die große, gemeinsame Sache.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Mit stillem Wohlgefallen blickte der König zum Fenster
-des Fürstenschlosses hinaus, mit lautem Jubel die Prinzessin.
-War Seine Majestät gleichwohl schon ein wenig gelangweilt
-gewesen auf diesem gar so schlichten, stillen Landsitz,
-Ihrer Hoheit, seiner Frau Schwester, gefiel es gar wohl.
-Das war nicht Palast und nicht Hütte, das war ein trauliches
-Haus. Und der Fürst! Er war nicht Knabe und
-nicht Greis, er war ein stattlicher Mann von angenehmstem
-Wesen. Ihre Hoheit war in einer sehr getragenen Stimmung,
-es war nicht Lust und es war nicht Weh, es war
-so etwas ganz Besonderes. Und als nun zur abendlichen
-Stunde die Hunderte von Fackeln heranloderten über die
-Matten, lärmend, knallend und jauchzend, da waren die<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span>
-Hoheiten nachgerade sehr gerührt über die Ovation, die
-ihnen hier von der schlichten Landbevölkerung gebracht werde.
-Der Fürst lud die Gäste zwar ein, rasch in das Hofzimmer
-zu kommen, wo das Abendmahl gedeckt sei. Es wäre besser,
-sich von den Fenstern zu entfernen, die guten Leute hätten
-in solchen Dingen kein Maß und Ziel, sie wären manchmal
-ein wenig zu unbefangen für ein Damenohr, er würde dann
-selber zu ihnen hinausgehen. Kaum er es gesagt hatte, war
-draußen ein schmetterndes Krachen, das geschlossene Einfahrtstor
-sprang in Trümmer, eingerannt mit einem wuchtigen
-Baumstamm.</p>
-
-<p>»Ein Überfall?« rief der König.</p>
-
-<p>»Es ist ein Überfall!« sagte der Fürst, »wenn's <em class="gesperrt">mir</em>
-gilt, gut!« Er eilte zur Tür. Die Prinzessin stürzte ihm
-nach, fiel ihm in den Arm und kreischte in höchster Angst:
-»Othmar! Bleibt! Verlaßt mich nicht!«</p>
-
-<p>»Ein Weibsbild ist drinnen!« schrie draußen vom
-Lindenbaum her eine Stimme.</p>
-
-<p>»Sie ist drinnen!« erscholl es im Menschenhaufen,
-der wie Wildwasser in den Hof flutete.</p>
-
-<p>»Tun müßt's ihr nichts, ich bitt' euch!« lautete der
-Befehl des Fischerjungen.</p>
-
-<p>»Umbringen niemanden!« schrie es von mehreren
-Seiten, »lebendiger ist der Vogel mehr wert als wie toter!
-Aber in den Käfig mit ihm! Für Hühnervolk ist ein einköpfiger
-Geier schon gefährlich, wie erst ein dreiköpfiger!«</p>
-
-<p>Das Haustor hielt dem ersten Ansturme stand. Da
-wurden schon Leitern herbeigeschleppt, um zu den Fenstern
-hineinzusteigen. Roter Rauch wirbelte von den brüllenden
-Lunten empor an die Wände und übers Dachwerk. Zwei
-Männer taten einen großen Sack auseinander, um den Mädeljäger,
-wenn sie ihn gefangen hätten, hineinzustecken. Der<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span>
-Winard hatte aus dem Schuppen einen herrschaftlichen Kobelwagen
-hervorziehen lassen. Da hinein, wenn wir sie herunter
-haben! Mit zwei fürstlichen Rößlein will er die böse Hedwig
-in seine Hütte führen. Das Gejohle rings ums Schloß war
-so wüste, daß der alte Kammerdiener auf dem Söller vergeblich
-rief, wen's denn anginge? Den guten Fürsten oder
-die Majestäten, oder ihn selber? Wenn ihn selber, er trage
-sein altes Haupt willig herab.</p>
-
-<p>»Feuer ins Dach!« Dieser Ruf war lauter als das
-Jammern des Alten. Etliche Männer hieben mit Äxten
-den Brunnenständer um und rollten den Trog über, daß
-das Wasser, anstatt Feuer zu löschen, auf dem Sande
-dahin sickerte. Ein Doppelfenster flog auf, so heftig, daß
-es schrillte. Es war oben im Zimmer des Fürsten. Er
-selbst stand am Fenster, rot beleuchtet von dem Fackelschein.
-Er wollte sprechen, das wurde bemerkt und dumpfer ward
-der Lärm. Der Fürst bog sich heraus, er hatte wieder
-seinen schwarzen Rock an. »Liebe Leute!« rief er. Das
-Gewoge wollte sich nicht legen, die Speere schlugen klirrend
-aneinander.</p>
-
-<p>»Mein vielgeliebtes Volk!« rief er lauter, da wurde
-es still.</p>
-
-<p>Der Fürst begann mit bewegter Stimme zu sprechen:
-»Ich bin erschüttert von der Kundgebung, ich bin hocherfreut
-von dem neuen Beweise euerer Liebe und Anhänglichkeit,
-mit der ihr mir ergeben seid. Es ist das größte
-Glück eines Fürsten, seine väterliche Huld vom Volke so
-gewürdigt zu sehen. Treu' um Treue! Und sinniger hättet
-ihr diese großartige Huldigung nicht anbringen können,
-als heute, an diesem Abende, an dem ich nebst dem Fürstenglücke
-auch das menschliche Herzensglück gefunden habe.
-Und schöner glaube ich diesen Beweis euerer Liebe nicht ehren<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span>
-zu können, als wenn ich euch jetzt euere künftige Herrscherin
-vorstelle&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Hört ihr's?« unterbrachen sie ihn.</p>
-
-<p>Der Fürst wendete sich zur Seite, da stand neben ihm
-ein Weib.</p>
-
-<p>»Die Hedwig?«</p>
-
-<p>»Ist sie's?«</p>
-
-<p>»Nicht ist sie's. Eine andere, eine Fremde! Seht doch!«</p>
-
-<p>Der Fürst erhob seine Stimme hoch und rief: »Das
-ist meine Braut, Ihre königliche Hoheit, die Prinzessin
-Aglaia von Bramburg!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Kein Schuß ist gefallen, kein Tropfen Blut vergossen
-worden in diesem Bürgerkriege. Das Volk hatte sich verloren
-in die Wirtshäuser des Reiches. Hatten die Leute
-zuerst gleichwohl nicht gewußt, wie ihnen geschah, so schlug
-der finstere Trotz doch bald in helle Fröhlichkeit um. Sie
-hatten ja einen so schlauen Herrn und jetzt auch eine so
-königliche Herrin, bei der, wenn die Blütezeit auch schon
-vorüber, doch noch immer nicht Matthäi am letzten war!
-Wer soll da nicht als warmer Patriot eins trinken über den
-Durst? &ndash; Als der nächste Morgen tagte, gab es um das
-Schloß nur zertretenen Rasen mit schwarzen Fackelabfällen
-und manchen Balkensplitter. Darüberhin schritt munter das
-bräutliche Paar.</p>
-
-<p>»Das ist schnell gegangen, du mein Herz!« lispelte
-der Fürst und legte die zarte Hand der Braut zwischen
-die seinen. »Gestern um diese Morgenstunde haben wir
-einander noch nicht persönlich gekannt &ndash; und heute&nbsp;&ndash;!«</p>
-
-<p>»O, mein Lieber, ich habe dich immer gekannt!« rief
-sie hochbeseelt, »ich habe deiner immer gedacht, mein Herz
-hat dich immer gesehen, dich, wie du bist, da ich längst noch<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span>
-nicht wußte, daß es einen Fürsten Othmar gibt. Ich wäre
-achtzig Jahre alt geworden, ohne einen anderen Mann zu
-sehen als dich. Und du?«</p>
-
-<p>Da er nicht ganz befriedigende Antwort wußte, so entgegnete
-er bloß: »Meine Empfindung läßt sich gar nicht
-schildern.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ungut war es dem Fischerjungen Winard. Daß er
-seine Hedwig nicht mit fürstlichen Rössern in sein Haus
-führen konnte, das wurmte ihn kläglich. Und doch war
-er froh, sie im Schlosse nicht gefunden zu haben. Wo aber
-war sie denn? Zu Hause bei ihrer Mutter nicht, davon
-hatte er sich noch in derselben Nacht überzeugt. Einem
-Almhirten begegnete er, der wußte zu sagen, daß er hinten
-im Hochgebirge dem krummen Zimmermann mit einem
-jungen Frauenzimmer begegnet wäre. Gegen das Welsche
-hinüber hätten sie die Richtung genommen. &ndash; So sauber!
-Jetzt konnte der Fischerjunge auch dem Welschland den
-Krieg erklären.</p>
-
-<p>Übrigens kam dieser neue Feldzug dem Burschen nicht
-ungelegen, daheim drohte ihm ja ein Hochverratsprozeß und
-drüben am Waldrande stand aus alten Zeiten her noch
-immer so etwas, wie ein aufrecht ragender Holzblock mit
-einem Querbalken. Allein mit leeren Taschen reist ein
-Schreckenburger nicht ins Ausland. Die halbe Arche Noahs
-plünderte er und machte sich damit auf den Weg gen Welschland.
-Am ersten Abend sprach er unterwegs in einer Sennhütte
-zu. Anfangs unterhielt er die Sennin mit einem
-behendigen Eichkätzchen, das an der Angelschnur hängend
-munter über Winards Achseln und Haupt spazieren sprang
-und sich dann wieder neckisch in den Rocksack versteckte.
-Dieses possierlichen Anblickes wegen tischte die Sennin eine
-Schüssel Milch auf. Dann langte der Bursch aus der Hosentasche<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span>
-ein kleines Schildkrötlein hervor und ließ es über den
-Tisch krauchen. Die Sennin war voll Entsetzen über das
-Tier, das sein dreieckiges Köpflein immer weiter vorstreckte
-gegen sie hin; aber aus Achtung für den jungen Fremdling,
-der solche Ungeheuer mit sich führte, buk sie ihm auch noch
-einen Eierkuchen. Nachdem dieser mit Wohlbehagen verzehrt
-worden war, gestand er der Sennin, noch etwas bei
-sich zu haben. Er griff in den zweiten Hosensack und zog
-ein feines Garnnetz hervor, in dem sich eine graue Schlange
-ringelte. »Darf ich sie auslassen?« fragte der Winard, die
-Sennin kreischte vor Grausen, da sagte er: »Ach, das Tierlein
-tut ja nichts, es ist bloß eine junge Viper.« Die Sennin
-hatte sich ihr Lebtag mehr mit Kühen und Schweinen abgegeben,
-als mit Blindschleichen, und so glaubte sie es ihm
-getreulich und brachte dem tapferen Tierbändiger zum Nachtisch
-noch Weißbrot und ein Töpflein mit goldigem Honig.
-Erst am nächsten Morgen fragte er, ob sie nicht einen alten
-krummen Mann mit einem jungen Mädel hätte des Weges
-gehen sehen. Ja, so ein Paar wäre vor etlichen Tagen
-vorbeigezogen gegen das mittägige Land hin.</p>
-
-<p>Während der Nacht hatte das Eichkätzchen die Schlange
-totgebissen. So warf der Bursche auch die Schildkröte ins
-Heu, und leichten Mutes zog er weiter gen Welschland.
-Am zweiten Tage sprach er in einer Kohlenbrennerhütte
-zu, fing dort Fische aus dem Bach und ließ sie von der
-Köhlerin braten. Dann lud er das schwarzäugige Weib
-artig zum Schmause ein. Am nächsten Tage wußte die
-Köhlerin ihm zu berichten, der krumme Alte mit dem jungen
-Mädel sei erst gestern gesehen worden und sitze unten in
-der Ölmühle. Die Ölmühle stand am Flüßlein Esonto, und
-dort fand er den krummen Alten und das junge Mädel.
-Nur war es nicht der Zimmermann Reimar und seine<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span>
-Enkelin Hedwig, sondern ein welscher Scherenschleifer mit
-seinem Kinde.</p>
-
-<p>Der Winard gehörte zu jenen Trotzköpfen, die nie
-einen ihrer Irrtümer eingestehen und nie umkehren wollen.
-Diesmal aber war die Überzeugung, daß er auf dem Irrwege
-ging, zu schlagend; doch zur Umkehr konnte er sich noch
-immer nicht entschließen; er ging eine Weile, das Gesicht
-noch gen Welschland wendend, rückwärts wie ein Krebs,
-bis er über einen Maulbeerstrunk stolpernd auf den Rücken
-fiel. Ein paar Tage später war er doch wieder im Gebirge,
-und da hörte er plötzlich von einem Hirten das Wort ausrufen:
-»Hau, da ist er ja wieder, der Mädeljäger!«</p>
-
-<p>Der Mädeljäger! War das nicht der Fürst? War
-nicht der Fürst so genannt worden? Wahrhaftig &ndash; dachte
-sich der Bursche &ndash; das stimmt auch bei mir! Bei mir
-vielleicht ganz besonders, wie ich ihr nachjage seit einer
-Woche! Ihr und so weiter. &ndash; Jetzt fing er sachte an, sich
-zu schämen. Wieder den Weg hatte er verloren in der Waldwildnis,
-mißmutig bei einer Pechbrennerklause kehrte er zu,
-einen Löffel warmer Suppe erbittend. In der Klause saß
-der alte Reimar und zimmerte an einer Wiege. Diese Wiege,
-so klein sie war, brachte den Winard schier aus der Fassung.
-»Wo ist die Hedwig?« schnob er.</p>
-
-<p>Der Alte ließ seine Hand mit dem Schnitzger auf dem
-Knie ruhen und antwortete: »Winard, das sag' ich dir nicht.
-Ihr habt gerauft um sie, so sollt ihr sie keiner kriegen. Ich
-hab' das Mädel gut versteckt, du findest es nicht. Der
-gnädige Herr auch nicht.«</p>
-
-<p>»Der hat schon eine andere. Der heiratet eine alte
-Prinzessin. Und ich muß die Hedwig haben!«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Mußt</em> sie haben? Na, dann ist's was anderes. &ndash;
-Mädel!« rief er durchs Fenster in den Wald hinaus. Sie<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span>
-war gerade bei den Pechersleuten unter dem Baume. Blieb
-aber nicht kleben an dem Baumstamm, der von Holz war,
-sprang dem Burschen an den Hals, der von Fleisch und
-Blut war.</p>
-
-<p>Jetzt ist die Geschichte aus. &ndash; Wie? Die Wiege geht
-euch noch im Kopfe um? Fürs Pecherpaar hatte er sie gezimmert.
-&ndash; Aber sollen sie denn hocken bleiben beim Pecherpaar
-in der Waldhütte? Am Tage, als Erzfürst Othmar
-der Gütige mit seiner geliebten Braut Hochzeit hielt, erging
-eine allgemeine Amnestie für politische Verbrecher. Es war
-nur einer vorhanden, und so wurde der Fischerjunge Winard
-jubelnd begrüßt, als er mit seiner Hedwig zurückkehrte ins
-heimatliche Fürstentum.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span></p>
-
-<h2 id="Lieb_laesst_sich_nicht_lumpen">Lieb' läßt sich nicht lumpen.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Auf dem vornehmen Ozeandampfer »Poseidon« befanden
-sich zwei Auswanderer, welche die Aufmerksamkeit
-der übrigen Reisenden erregten. Eine anmutige,
-etwa vierunddreißigjährige Frau und ein schöner
-junger Mensch. Ein Ehepaar oder Geschwister konnten
-sie kaum sein, dafür war das dunkle Auge, mit welchem
-die Frau manchmal auf ihn blickte, viel zu unstet, zu gewitterhaft,
-und dafür war das Wesen des jungen Mannes
-manchmal zu befangen, manchmal zu kühn sich gebärdend
-&ndash; ein zu seltsames Gemisch von Schüchternheit und Trotz.
-Als der »Poseidon« von der deutschen Küste gegen den
-Westen abgedampft war, hatte die Frau heftig geweint, hatte
-der Jüngling seine Hand auf ihre Schulter gelegt, bis sie
-plötzlich ihre beiden Arme um seinen Nacken schlang und
-ihn küßte. &ndash; Hatten diese beiden freiwillig der Heimat entsagt?
-Waren sie aus zwingenden Gründen ausgezogen?
-Oder hatten sie sich sonstwie verfahren in der Alten Welt
-und steuerten nun der Neuen zu, um in ihr einen frischen
-Lebenslauf zu versuchen? &ndash; Also fragten die Mitreisenden
-sich. Doch das Paar tat nichts, zeigte nichts, was Antwort
-geben konnte.</p>
-
-<p>Eine solche Ausfahrt hatte Frau Johanna von Martenstein
-wohl kaum gedacht an jenem Tage, als sie mit
-zwei Rappen vom Kirchhofe zurückfuhr &ndash; eine Witwe von
-einundzwanzig Lenzen. Damals war ihr sonst lebensfreudiges
-Herz zugedeckt mit so schwerem Leide, daß ihr
-die ganze Welt wie ein Totenhaus erschien, in dessen Gewölbe
-die Sonne als trübe Ampel hing. Damals war ihr
-unmöglich zu denken, daß in ihrer schmerzerfüllten Brust<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span>
-jemals noch ein irdisches Begehren wach werden könnte.
-Von Natur religiösen Gemütes und religiös erzogen, hatte
-sie sich damals vorgenommen, den Mitmenschen von nun
-an lauter Gutes zu erweisen, zuvörderst Gutes solcher Art,
-daß es ihnen nicht so sehr für diese, als vielmehr für jene
-Welt zunutze kommen konnte. Und sie hatte sich vorgenommen,
-ganz nur noch dem Ewigen zu leben, von Stufe
-zu Stufe emporzusteigen in jenes Reich, in welchem dem
-so früh Verlorenen sie wieder zu begegnen hoffte.</p>
-
-<p>Denn wie namenlos nichtig ist ein Leben, wo selbst
-die Glücklichsten ungeheurem Leide zur Beute werden müssen!
-War Johanna von Martenstein, das blendend
-schöne, heitere Fräulein, auf dem reichen Wohnsitze ihrer
-Väter nicht beneidenswert gewesen? War ihre Liebe zu
-Oswald von Siegenberg, dem herrlichen Manne, nicht so,
-daß sie selbst manchmal schauerte vor der Gewalt dieser
-Seligkeit? Ein Jahr währte es, ein ganzes Jahr und
-drei Tage &ndash; nicht länger. Im fröhlichen Treiben eines
-Schützenfestes ward er durch ein zufällig sich entladendes
-Schießgewehr getötet. O gleißendes Geschick mit deinem
-»Zufällig!« Da doch das darauf Kommende so folgerichtig
-ist, berechnet auf ein einsames Menschendasein voll grenzenloser
-Trauer!</p>
-
-<p>An jenem Tage, als Frau Johanna vom Kirchhofe
-heimfuhr gegen ihr Bergschloß, scheuten im Dorfe vor
-einem Dörcherkarren die Pferde und traten eines der halbnackt
-umherlaufenden Kinder zu Boden. Als das Gespann
-wieder stillstand, ließ Frau Johanna das verletzte Knäblein
-zu sich in den Wagen heben und bei den Dörcherleuten
-nachfragen, ob es ihnen gehöre, und was sie in diesem
-Falle verlangten an Vergütung.</p>
-
-<p>Das Haupt der fahrenden Bettlerfamilie, ein von<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span>
-Branntwein riechender Mann, kroch aus dem Blachenkobel
-hervor und erklärte rülpsend, an Vergütung erbäten sie
-drei Silbergulden oder fünf, oder so viel, als der gute
-Wille wäre; den Jungen aber möge die hohe Frau nur
-behalten, sie hätten noch genug solchen Gezüchtes.</p>
-
-<p>Frau von Martenstein sah in dieser Begegnung einen
-Wink des Himmels, den Knaben zu sich zu nehmen, ihn
-aus Liebe zu ihrem Gatten zu pflegen, gottselig zu erziehen,
-ihn gleichsam als Seelenopfer zu bestimmen für
-den Frieden des so plötzlich Verblichenen. Sie zahlte also
-an die Dörcherfamilie der Silbergulden zehnmal fünf, mit
-der Bedingung aber, daß dieselbe an den Knaben keinerlei
-Ansprüche mehr mache, ganz als wäre er gestorben und
-begraben. Bei solchem Handel hatten beide Teile gewonnen.
-Die Bettlerleute waren ein lästiges Kind los, und wer einen
-Blick in das Nest unter der Karrenblache getan hätte, der
-würde gesehen haben, daß vielfacher Ersatz vorhanden war.
-Das Lebendigbegrabenwerden eines solchen Würmleins im
-vornehmen Herrschaftswagen konnte der sonnengebräunten
-Mutter also nicht viele Tränen entlocken. Frau Johanna
-vergaß ob des hübschen Knaben, der nach Stillung des
-Blutes und nach einigem Wimmern neben ihr auf blauem
-Samtkissen schlummerte, ein wenig ihres Geschickes, und
-sie nahm sich zu solcher Stunde heilig vor, aus diesem armen
-Kinde eine Ehre Gottes zu machen.</p>
-
-<p>Am allermeisten gewann bei dem Geschäfte der kleine
-Konrad selbst, der das fahrende Dörcherdach vertauschte
-um eine feste Ritterburg, deren Ahnenreihe sich sachte ausgemündet
-hatte in das rote Meer des bürgerlichen Geblütes,
-also daß der Stromerknabe kein allzu fremder Eindringling
-war auf dem vieltürmigen Schlosse. Der herbeigerufene
-Arzt hatte die Verletzung am Arme als eine unbedeutende<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span>
-bezeichnet, und so geschah es, daß der Knabe Konrad unter
-gutem Zeichen einzog durch das hohe Tor, aus welchem sie
-drei Stunden früher den toten Herrn davongetragen hatten.</p>
-
-<p>Frau Johanna von Martenstein legte ihr Trauergewand
-nicht mehr ab. Wie es unter diesem schwarzen Winter
-dem jungen Herzen gehen wird, das muß die Folge zeigen.</p>
-
-<p>Der Knabe hatte in einem rückseitigen Teile des Schlosses
-sein Stübchen und seine Wärterin bekommen, und wurde
-vorbereitet für die Schule, zu der er denn auch bald hinabtrippelte
-in das Dorf. Täglich ein paarmal sah ihn die
-Frau, sie gewöhnte sich an den aufgeweckten Burschen, er
-speiste mit ihr an demselben Tische, und damit sie ihn persönlich
-überwachen konnte, ließ sie ihm in ihrer Nachbarschaft
-ein Zimmerchen herrichten, in dem er spielen und lernen
-konnte. Die Schule war mit ihm zufrieden, und als sie im
-Dorfe nach vier Jahren zurückgelegt war, sprach Frau
-von Martenstein eines Tages bei dem alten Pfarrer des
-Sprengels vor, teilte ihm ihre Absicht mit, den Jungen in
-das lateinische Studium einführen und zum Priester ausbilden
-zu lassen. Der Pfarrer lobte diese Absicht, bestärkte
-sie in derselben und versprach, die nötigen Schritte einleiten
-zu wollen. Also geschah es, daß Konrad nach fünfjähriger
-Schloßherrlichkeit in ein bischöfliches Seminar kam und
-dort anfing, alle Wissenschaften zu betreiben, allen Betrachtungen
-zu obliegen, die den menschlichen Geist allmählich in
-Gegensatz bringen zu den irdischen Sinnen, die ihn entweder
-sachte und ruhig, oder unter Krämpfen ablösen von dem
-Weltlichen und ihn ganz in den Bereich des Gedanklichen
-und Übersinnlichen hinüberspielen. Daß heranwachsende
-Knaben während und trotz solcher Studien naturgemäß so
-recht in das blühende, gährende Leben hineinranken, wird
-nicht beachtet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span></p>
-
-<p>Wenn Konrad zu den Vakanzen heimkam, ward es
-allemal lebendiger und frischer auf Martenstein, und die
-junge Frau im schwarzen Gewand hatte manche Freude.
-Sie nahm sich stets vor, strenge zu sein gegen den munteren
-Knaben. Aber wenn Konrad in dem großen verwilderten
-Baumgarten auf die lustigste Weise umherregierte, die
-Wildtauben jagte, aus dem Bache Forellen fing, auf den
-Bäumen mit Eichhörnchen um die Wette kletterte und anstatt
-eines vollbrachten Lateinpensums lebendige Vögel,
-die er selbst gefangen, herbei brachte, da beobachtete sie
-ihn oft heimlich mit Vergnügen und vergaß der Strenge.
-Und wenn er im großen Teiche schwamm und oft minutenlang
-unter den Wellen blieb, da bangte ihr um ihn, bis
-sein Haupt wieder frank und frei aus dem Wasser hervorstand.
-Sie faltete die Hände über ihrem Schoß und dachte:
-Es wird ein schöner Bräutigam der heiligen Kirche!</p>
-
-<p>Wenn er endlich wieder fortgezogen war in die ferne
-Stadt, da empfand Frau Johanna ihre Einsamkeit doppelt,
-und sie zählte die Monate, die Wochen, die Tage, die
-Stunden endlich, bis er wiederkehrte. Aber ganz so, wie er
-fortgezogen, kam Konrad nie zurück; war es, daß er
-schlanker geworden, war es, daß seine Knabenstimme einen
-tieferen Ton angenommen, war es, daß an der Oberlippe
-und unter den Ohrläppchen junger Bartanflug schattete,
-war es, daß sein Wesen ebenmäßiger, ernster erschien &ndash;
-mit jedem Jahre kam er anders heim, als er fortgezogen.</p>
-
-<p>Und eines Morgens, als Konrad in die Laube trat,
-wo sie zu frühstücken pflegten, und ihr den Morgenkuß
-darbrachte, zuerst auf die Hand und dann auf den Mund,
-fiel dieser Kuß so aus, daß Frau Johanna zuerst betroffen
-zu ihm aufblickte und dann mit kühlen Worten befahl:<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span>
-diese Formalitäten hätten von nun an aufzuhören, er
-möge seiner Ehrerbietung für sie stets nur in strenger
-Pflichterfüllung Ausdruck verleihen.</p>
-
-<p>Konrad errötete, dann setzte er sich ihr gegenüber und
-nahm schweigend sein Morgenbrot ein. Er konnte freilich
-nichts dafür, daß aus dem Knaben ein Jüngling geworden
-war, und daß die Dankbarkeit, die er für seine Gönnerin
-empfand, in Zuneigung sich verwandelt hatte. Der Schloßfrau
-war nicht wohl zumute, sie sah plötzlich, daß ein
-Gefühl, welches ihr bisher die einzige Labe ihres freudlosen
-Lebens gewesen, zur Gefahr sich steigerte. Noch an
-demselben Tage mußte Konrad übersiedeln in den entlegensten
-Trakt des Schlosses, wo ihm zwei Zimmer auf das
-sorgfältigste eingerichtet wurden. Damit gab Frau Johanna
-sich aber nicht zufrieden, denn sie sah, daß er sich beengt
-und befangen fühlte. Um den Rest der Vakanzen &ndash; es
-waren die letzten vor der Priesterweihe &ndash; dem jungen
-Manne nicht gar zu verkümmern, unternahm sie eine Reise
-nach einem entfernten Wallfahrtsorte, bei deren Rückkehr
-sie den Studenten nicht mehr auf dem Schlosse zu treffen
-hoffte. Aber was sie hoffte, das fürchtete sie, und was
-sie fürchtete, traf ein. Konrad war bereits abgereist in
-das geistliche Institut und hatte ein Schreiben zurückgelassen,
-in dem er dankte für alle Wohltaten, in dem er
-versprach, täglich, so lange er lebe, am Altare für sie zu
-beten, und in dem er von ihr Abschied nahm. Daß die
-Zeilen nur geschrieben worden waren, um alles zu verschweigen,
-zu verhüllen, was in dem leidenschaftlichen
-Herzen des jungen Mannes vorging &ndash; Frau Johanna
-müßte kein Frauengemüt gehabt haben, um es nicht ein wenig
-zu ahnen.</p>
-
-<p>Das Herz der Schloßfrau Johanna war nun erwacht.<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span>
-Zornig schrieb sie an den Jüngling, er sei undankbar, daß
-er solchergestalt fortlaufen könne. Und in einem fast heftigen
-Schreiben an das Institut verlangte sie den Theologen.
-Er eigne sich nicht zum Priester, er habe aus eigenem
-Antriebe diesen Stand nicht gewählt, habe nur aus Pflichtgefühl
-die ihm unbesonnen vorgeschlagene Laufbahn betreten,
-auf der er bald pflichtvergessen und unglücklich
-werden müßte. Sie rufe ihn daher zurück und wolle ihn
-für einen praktischen Beruf ausbilden lassen. &ndash; Als die
-Briefe abgesandt waren, erschrak sie. Was soll das werden?
-Wohin soll das führen? fragte sie sich selbst. Gib Gott,
-was Gottes ist! &ndash; Das Institut antwortete nicht anders,
-als daß der Tag bekannt gegeben ward, an dem Konrad
-seine erste Messe lesen werde. Frau Johanna atmete
-fast auf nach schwülem Drucke. In einem Gebete hatte
-sie des Himmels Beistand angerufen gegen die Macht
-der Versuchung, und es gelang ihr, ein Bruchstück ihrer
-Standhaftigkeit wieder zurückzuerobern. &ndash; Es ist vorbei,
-also beredete sie sich selbst, die Zeit meiner Liebe liegt
-weit hinter mir. Ich habe nur noch einen Weg: dem
-Himmel zu.</p>
-
-<p>Die erste Messe sollte Konrad in der Dorfkirche lesen,
-zu der Martenstein eingepfarrt war. Zu diesem Festtage
-rüstete sich die ganze Gegend, das Dorf und auch
-das Schloß. Doch hatte Frau Johanna den alten Dorfpfarrer
-ersucht, daß Konrad während seiner Anwesenheit
-im Pfarrhofe wohnen dürfe. Diesen Wunsch hörte der
-alte Herr mit einigem Befremden, sagte ihn aber gerne
-zu. Am Vorabende des Festes erschien Konrad. Er war
-im Gewande des Priesters, allein in dem schwarzen Talare
-war sein schönes Angesicht noch blasser, sein Auge noch
-tauiger, neben der Tonsur kräuselte sein braunes Haar<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span>
-noch reicher und lockender. Als er hörte, daß seine Wohnung
-im Pfarrhofe war, stutzte er. Noch am dunkelnden
-Abende ging er zum Schlosse hinauf und fand Frau Johanna
-im Baumgarten einsam an einem Tische sitzend,
-in ihrer Hand einen frisch geflochtenen Kranz aus weißen
-Rosen.</p>
-
-<p>»Mutter,« sagte er, ohne anders zu grüßen, »ich
-muß dich schwer beleidigt haben, daß du mich verstoßen
-hast!« Er ließ sich vor ihr auf die Knie, und sein Körper
-bebte.</p>
-
-<p>»Konrad!« rief sie, der Schrei war gellend, sie beugte
-sich, suchte ihn aufzurichten. Er haschte nach ihrer Hand
-und drückte die heftig an seinen Mund.</p>
-
-<p>»Kind!« sagte sie und entzog ihm die Hand rasch,
-fast zornig. »Du bist ja mein Kind!« hauchte sie, riß ihn
-mit beiden Armen an sich, bedeckte seine Stirn, seine Augen,
-seinen Mund mit Küssen. &ndash; Frau von Martenstein! &ndash;
-Frau Johanna von Martenstein! Küßt so eine Mutter?
-Jawohl, er war festgeschmiegt an das schöne Weib, wie
-der Säugling sich festschmiegt an die Mutterbrust …
-Aus dem Tale klangen die Kirchenglocken, da tauchte Frau
-Johanna ihn mit beiden Armen von sich, und ehrfurchtgebietend
-wie eine Siegerin schritt sie dahin unter den
-Bäumen. In der darauffolgenden Nacht schloß sie kein
-Auge. Sie wimmerte unter der Last des einsamen, freudlosen
-Lebens, sie wollte beten um Kraft, um Entsagung,
-aber ihr Gebet rief: Lieben oder sterben!</p>
-
-<p>Am nächsten Tage, als Konrad, angetan mit prunkendem
-Ornat, am reichgeschmückten Altare stand, auf dem
-Haupte eine Krone aus Rosen, umgeben, bedient von einer
-Priesterschaar, umklungen, umjubelt von Musik, wie ein
-Heiliger verehrt von der versammelten Menschenmenge, da<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span>
-saß Frau Johanna in ihrem Kirchenstuhl, und geruhigt
-dankte sie Gott, daß <em class="gesperrt">rein</em> das Opfer am Altare stand.
-Konrad war anzusehen wie eine aufrechtstehende Leiche, so
-fahl war sein Angesicht, so seelenlos seine Bewegung, so
-erloschen sein Auge.</p>
-
-<p>Bei der Abreise Konrad's war Frau von Martenstein
-gefaßt, beinahe heiter. Seine Züge blieben blaß und kalt,
-als wären sie zu Marmor geworden seit zwei Tagen.
-Kein heller Blick, kein warmes Wort mehr, ernst und
-still fuhr er davon und der Stadt zu, in der das Priesterhaus
-stand.</p>
-
-<p>Frau Johanna hatte sich sehr getäuscht mit ihrer
-Siegesfreudigkeit. Als alles vorüber war, und wieder der
-Alltag herrschte auf Martenstein, als sie sich vorstellte,
-daß das nun in unabsehbaren Zeiten so bleiben müsse, daß
-nie mehr ein lieber Mensch das Schloß, den Baumgarten
-beleben würde, da krampfte es in ihrem Herzen wie höllische
-Pein. Und in den Nächten kam es über sie wie Anklage,
-wie Vorwurf &ndash; Gewissensqual. Mit welchem Rechte hatte
-sie den Knaben aus der Armut gerissen, um ihn ins
-Elend eines Standes zu verbannen, zu dem er nicht geboren
-ist, wo er kein Glück finden kann? Das fahrende Leben
-von handwerkenden, bettelnden Dörchersleuten, ist es nicht
-besser als ein Lebendigbegrabensein in der Soutane? Wie
-liebesdurstig er ist! Etwas, das nicht ihr Eigentum war,
-hat sie sich angeeignet, um es dem Vorteil ihres Seelenfriedens
-zu opfern. Und nun muß sie etwas, das ihr Eigentum
-ist, hingeben und hinwelken sehen. Ihren Bräutigam
-hat sie der Kirche überantwortet, einer Braut, die
-den Gespons zur himmlichen Seligkeit erhebt oder schon
-auf Erden verdammt macht. &ndash; So deutlich hatte Frau Johanna
-noch nie gesehen, als jetzt, da es zu spät war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span></p>
-
-<p>Zu spät? Wann ist's zu spät? Er lebt noch, sie kann
-ihren Irrtum noch gutmachen, ihm noch Genugtuung
-geben … Das wäre die Stimme des Gewissens, meinte
-sie; es war aber die Stimme der Leidenschaft. Wie man
-auch tüfteln und deuteln mag, das Herz will seine Rechte,
-und Lieb' läßt sich nicht lumpen.</p>
-
-<p>Und eines Tages besuchte Frau von Martenstein wieder
-einmal den alten Pfarrer ihres Ortes, um ihn zu fragen,
-ob das landwirtschaftliche Erträgnis des Jahres auf seinen
-Feldern wohl für die Bedürfnisse reiche, oder ob sie ihm
-mit etwas beispringen dürfe. Der Greis dankte, was er
-habe, das genüge reichlich für seinen Bedarf. Hierauf
-brachte die Schloßfrau folgendes vor: Sie werde von Tag
-zu Tag älter, es falle ihr manchmal beschwerlich, zur
-Pfarrkirche herabzusteigen, besonders zur Winterszeit. Also
-beabsichtige sie, die alte Schloßkapelle wieder instand
-setzen zu lassen; der Altarstein besitze urkundlich ohnehin
-die vorgeschriebenen Weihen, und so wolle sie täglich die
-heilige Messe im Schlosse lesen lassen.</p>
-
-<p>»Wie alt seid Ihr denn?« fragte hierauf der Pfarrer.</p>
-
-<p>»Wohl schon ziemlich in den Dreißigern,« antwortete
-Frau Johanna.</p>
-
-<p>»Und weil Ihr, die ziemlich in den Dreißigern stehende
-Frau, nicht herabgehen könnet zur Pfarrkirche, soll ich,
-der ziemlich in den Achtzigern stehende Mann, täglich zu
-Euch hinaufsteigen, um die Messe zu lesen?« fragte der
-Greis.</p>
-
-<p>»Das könnte kein Christenmensch begehren,« antwortete
-die Frau von Martenstein, »natürlich muß ich mir selbst
-einen Schloßkaplan halten. Und in dieser Angelegenheit
-wollte ich um Eurer Hochwürden Vermittelung gebeten
-haben. Ich dachte nämlich an Konrad, der, soviel ich<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span>
-weiß, noch keinen Seelsorgerposten hat, und der mit mir
-ohnehin in verwandtschaftlichem Verhältnisse steht.«</p>
-
-<p>Auf solche Eröffnung versetzte der Pfarrer: »Frau,
-warum habt Ihr es nicht früher gesagt, daß Ihr mit dem
-jungen Manne zusammenleben wollet? Jetzt ist es zu spät,
-er hat die Weihen des katholischen Priesters, und Ihr
-wisset, was das heißt.«</p>
-
-<p>Frau Johanna stutzte, als sie ihre Gedanken so derb
-erraten sah; zwar stellte sie sich anfangs höchst überrascht
-wegen solcher »die gute Absicht gröblich mißkennender Deutung«,
-machte eine schlaue Schwenkung und sagte, es müsse
-ja nicht gerade Konrad sein, er sei ihr nur eingefallen, sie
-wolle sich für einen älteren Herrn entscheiden, damit böse
-Zungen kein Ärgernis fänden. Allein den alten Herzenskenner
-täuschte sie nicht. Es war ihm ja schon früher die
-Neigung nicht ganz verborgen geblieben, die in dem jungen
-Priester für seine Gönnerin keimte; und gerade seine plötzliche
-Kälte und Versunkenheit machte ihn nachdenklich. Der
-alte Pfarrer, in der Absicht, Schlimmes zu verhüten, schrieb
-an das Konsistorium und sprach diesem die Meinung aus,
-daß es bei dem schwärmerischen Temperamente Konrad's,
-bei seiner weltmännischen Befähigung und der unternehmenden
-Tätigkeit desselben geraten sein dürfte, den jungen Priester
-nicht in eine ruhige Seelsorge seiner Heimatsgegend zu setzen,
-sondern diese schätzbaren Eigenschaften vielmehr auszunützen
-etwa für Bekehrungsmissionen in anderen Ländern. Mehr
-sagte der Alte nicht, das Konsistorium verstand ihn vollkommen.</p>
-
-<p>Mittlerweile hatte Frau Johanna auf Mittel und
-Wege gesonnen, Konrad wenigstens als Leutepriester auf
-eine der Pfarreien zu bekommen, über welche sie vermöge
-alter Schloßrechte das Patronat innehatte. Es war ihr
-unmöglich zu denken, daß sie fürder diesem Menschen fern<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span>
-sein sollte. In einer Nacht träumte ihr, daß eine Stimme
-rief: Johanna, wozu verlangst du dir den jungen Priester?
-Zum Beichten oder zum Sündigen? &ndash; Noch im Halbschlaf
-rief sie laut: Er ist mein Herzensfreund!</p>
-
-<p>Also waren seit dem Fest der ersten Messe an sechs
-Monate verflossen, da erhielt Frau Johanna ein Schreiben
-folgenden Inhaltes:</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="center">
-»Teure Mutter!
-</p>
-
-<p>Im Rate der göttlichen Vorsehung ist es bestimmt,
-daß Menschen, die sich allzulieb haben, weit auseinander
-müssen. Du kannst Dich verstellen, wie Du willst, ich
-weiß, daß Du mich liebst. Aber wir sehen uns nicht mehr
-auf dieser Welt. Über mich ist beschlossen worden, daß
-ich nach Ostindien reisen muß als Missionär. Heiden
-bekehren, ohne selbst bekehrt zu sein. Ich bin kein Mensch
-mehr, sondern ein willenloses Werkzeug, es ist alles aus,
-in zwei Tagen reisen wir, unser sieben, mit dem Orientzuge
-ab. Anders hätte es kommen können. Wie gut Du es mit
-mir gemeint hast! Habe Dank, Du in Ewigkeit meine Lieb'
-und Pein. Gedenke, dieses Leben ist bald vorbei. Vielleicht
-in jenem.</p>
-
-<p class="right">
-Konrad.«
-</p></div>
-
-<p>Als Frau Johanna den Brief gelesen hatte, war ihr
-gar nicht so zumute, als müsse sie verzweifeln oder verzichten.
-Im Gegenteil, sie fühlte plötzlich eine bisher ungekannte
-Kraft und Kampflust in sich. Der Brief war voll blutigen
-Schmerzes und voll herber Vorwürfe. »Ich bin kein Mensch
-mehr!« Wer hat sein Menschentum ihm genommen, wer muß
-es ihm wieder geben? &ndash; Durch des Weibes Gehirn wogten
-frische Pläne. &ndash; Abreise in zwei Tagen mit dem Orientzuge!
-Alle Dazwischenkunft in der Stadt ist zu spät. Doch
-zieht die Eisenbahn nicht über die Heiden? nicht durch die<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span>
-Dohlenschluchten, welche nur wenige Meilen von Martenstein
-entfernt sind? Die Station Dohlau liegt in wüster,
-einsamer Gegend, muß dort nicht jeder Zug stehenbleiben,
-um Wasser zu schöpfen? &ndash; Die Frau war entschlossen.</p>
-
-<p>Konrad's Gemüt glich am Tage der Abreise einem
-ausgebrannten Vulkan. O, wie hatte es getobt, geloht! &ndash;
-jetzt war es still. Man sagte ihm, er gehe in einen fremden
-Weltteil, und willenlos gab er sich drein. Von seinen Genossen
-waren mehrere voll heller Verzückung, sprachen von den
-Flammenzungen des göttlichen Geistes, mit denen sie die
-Ungläubigen bekehren würden. Fast frevelhaft hochgemut
-verließen sie die Heimat. Konrad saß einsam an einem
-Fenster des bereits hinrollenden Zuges und war vertieft in
-sein Brevier. Aber an das Gebet dachte er nicht, an nichts
-dachte er, der Stumpfsinn des Wehrlosen war über ihn gekommen,
-der Stumpfsinn des Gefesselten. Manchmal blickte
-er müde hinaus auf die Landschaft, und wie Wälder und
-Wiesen, Berge und Täler versanken von diesem schönen
-Lande. Es dämmerte der Abend; wenn neuer Tag erwacht,
-wird Fremde um ihn sein. Ihm gleichgültig, sein Herz ist
-ohnmächtig geworden. &ndash; Der Zug rollte über Heiden,
-rollte in einer Felswildnis, durch eine Waldschlucht. Nun
-stand er still. Auf dem Bahnhof brannten zuckend ein paar
-Laternen, gepeitscht vom Sturmwind. Niemand stieg aus,
-niemand ein, an der Maschine rauschte das Wasser. Plötzlich
-schreckte Konrad auf, er hatte draußen seinen Namen
-rufen gehört. Dort an der Wand stand eine schwarze Gestalt,
-die rief laut, wenn in dem Zuge ein hochwürdiger Herr
-namens Konrad sei, so möge er auf einen Augenblick ins
-Freie kommen.</p>
-
-<p>Fast unwillkürlich erhob sich der Genannte und stieg
-aus. Die schwarze Gestalt faßte ihn an der Hand, zerrte<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span>
-ihn heftig in den Hintergrund durch das Tor, stieß ihn in
-einen bereitstehenden Wagen, die Tür schlug zu, und die
-Rosse trabten dahin durch Nacht und Wind.</p>
-
-<p>Als Konrad zu sich kam, merkte er wohl, daß er an
-Seite der Frau Johanna von Martenstein saß.</p>
-
-<p>»Schon das zweitemal,« sagte diese, »führe ich dich
-so im Wagen heim.«</p>
-
-<p>»Ich bin verloren,« hauchte Konrad.</p>
-
-<p>Von den Füßen der Pferde sprühten Funken, aus den
-Nüstern der Pferde stoben Flammen, fast so war es bei den
-grelleuchtenden Blitzen zu sehen.</p>
-
-<p>»Wir fahren in die Hölle!« stöhnte Konrad.</p>
-
-<p>»Drein gesaust, Kutscher!« rief Frau Johanna, ihre
-Arme ungeduldig in die Luft hinausstoßend: da flogen die
-Felsen, die Bäume, die fahlen Strünke vorüber wie Nebelgebilde
-im Sturm. Aufrecht stand der Kutscher und stach mit
-den Augen auf den wilden Pfad hin. Ein blendender
-Blitz, ein Knall, daß die Grundfesten bebten, da sprang
-von einem Steine geschnellt der Wagen empor, der Kutscher
-war hingeschleudert, und die Pferde rasten entfesselt dahin.</p>
-
-<p>»Sterben!« sagte Konrad.</p>
-
-<p>»Leben!« rief Frau Johanna, aber das wüste Gefährte
-toste leitlos, weglos hin und einem Abgrunde zu, in dessen
-Tiefe gelbe Nebel wallten. Bei dem roten Scheine einer in
-den Himmel emporwabernden Fichte sahen sie das Verderben,
-dem sie nahten.</p>
-
-<p>»Sterben!« wimmerte jetzt Frau Johanna.</p>
-
-<p>»Leben!« schrie der Jüngling, sprang jäh auf den
-Bock, erfaßte den Leitriemen und riß mit übermenschlicher
-Kraft die Rosse zurück. Diese standen.</p>
-
-<p>Mit einem Tone, in welchem Entzücken und Ehrfurcht<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span>
-lag, sagte Frau Johanna zu Konrad: »Mich gereut es nicht,
-daß ich dich hole, du bist ein Mann.«</p>
-
-<p>Endlich kam der Kutscher nachgehinkt, um seinen Platz
-wieder zu besteigen. Vom Himmel goß unendlicher Regen.</p>
-
-<p>Zur Stunde des Morgengrauens, als der Wagen in
-den Burghof von Martenstein gerollt war, als Konrad in
-seinem wohlbekannten, trauten Zimmer saß, belehrte ihn die
-glutvolle Umarmung der Schloßfrau, welch eine Wendung
-sein Leben genommen hatte. Und nun zeigte es sich auch,
-daß dieser junge Mensch nichts weniger war als ein ausgebrannter
-Vulkan.</p>
-
-<p>Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Frau
-Johanna von Martenstein in ihre Gemächer wankte, dort
-in die Kissen sank und weinte. &ndash; Also mußte es geschehen!
-Seit Jahren hatte es in ihr gerufen: Laß ihn nicht von
-dir! Und seit Jahren hatte sie die Frömmigkeit gemahnt:
-Weihe ihn dem Herrn! Sie hatte sich beherrscht, hatte ihn
-hingegeben. Und nun, als er dem Herrn geweiht war, raubte
-sie ihn aus seinem Tempel. Was einst ein Vergehen gewesen
-wäre, das hatte sie reifen lassen zur Sünde. &ndash; Was
-soll jetzt werden? Wird dieser Frevel Gottes Gnade finden?
-Vielleicht. Nie aber die der Kirche, nie die der Gesellschaft.</p>
-
-<p>Zur späten Stunde desselben Tages trat Frau Johanna
-von Martenstein vor den jungen Mann und sagte:
-»Konrad, wir haben unser Geschick beschlossen und den
-Schlüssel ins Meer geworfen. &ndash; Vor einiger Zeit hat
-jemand angefragt, ob Martenstein verkäuflich sei. Wohl,
-ich verkaufe alles, hier ist nicht mehr unseres Bleibens.
-Du solltest nach dem Osten, nun gehe mit mir nach dem
-Westen. In einer vorurteilsloseren Welt wollen wir unser
-Haus gründen. Ist es dir also recht?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span></p>
-
-<p>»Wie kannst du fragen?« versetzte Konrad.</p>
-
-<p>»Weil du nun der Herr bist,« antwortete sie.</p>
-
-<p>Er sagte nichts mehr, um so mehr sprach sein erwachter
-Blick. Ein ernster Stolz, eine frisch auflodernde Daseinslust
-war in dem Wesen des jungen Mannes, dem die Frau in
-der Vollreife des Lebens sich gern unterwarf für alle ihre
-Zukunft.</p>
-
-<p>Wenige Wochen später befand das Paar sich auf dem
-großen Ozeandampfer »Poseidon«.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span></p>
-
-<h2 id="Aus_dem_Tagebuch_einer_Ehefrau">Aus dem Tagebuch einer Ehefrau.</h2>
-</div>
-
-<p class="date">
-Graz, am 7. April 18**
-</p>
-
-<p class="drop">Ich heirate ihn. Meiner Mama zu Trotz heirate ich
-ihn. Cousin Karl lacht mich aus und Mama sagt,
-am Ende nähme mich auch der nicht, ich bekäme gar keinen.
-Karl sagt, ich bekäme jeden. Mama ärgert sich, daß er Professor
-der Philosophie ist, ja sogar &ndash; wenn er seinen Titel
-zeigen wollte, aber er will das nicht &ndash; Ritter von! Das
-macht alle ihre Prophezeiungen von meiner Taugenichtsigkeit
-zuschanden und ich will in der schönen Villa am Rosenberge
-die Hausfrau sein.</p>
-
-<p>Er ist genau zweimal so alt als Karl, ich habe ihn
-auch zweimal so lieb. Lieben muß eine brave Frau ihren
-Mann, das weiß ich schon, und ich will eine brave Frau
-werden, gerade der Stiefmutter zu Trotz, weil sie immer
-sagt, sie beweine den Mann, der mich nimmt.</p>
-
-<p>Sie mag's tun und er soll sie belachen, das will ich.</p>
-
-<p class="date">
-10. April.
-</p>
-
-<p>Heute war die Verlobung. Mama hat wirklich dabei
-geweint, aber vor Freuden und über mein Glück, wie sie
-laut sagte. Es ist auch eins. Ich weiß gar nicht wie mir
-ist, so als ob ich in den Lüften schwebte, und alles beweist
-mir Ehrerbietung, und die ganze Welt, so ist mir, wendet
-sich ringsum auf mich her und alle Bäume, alle Sträucher,
-an denen wir beim Nachhausegehen vorbeikamen, flüsterten
-einander zu: Sie ist Braut.</p>
-
-<p>Ich werde es aber nicht lange sein. Mama behauptet,
-ich zähle im Traume schon die Tage, bis ich einen Mann
-hätte. Mein Onkel sagte mir scherzend: »Bleibe so lange<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span>
-Braut als möglich, heirate sobald als möglich. Der Ehestand
-ist am schönsten von vorne, der Brautstand von hinten.« &ndash;
-So etwas Unverständiges kann nur der gute Onkel sagen.</p>
-
-<p>Gottlob, daß ich Braut bin!</p>
-
-<p class="date">
-30. April.
-</p>
-
-<p>Gestern war's. Aber gestern war ich unfähig, auch nur
-ein Wort zu schreiben.</p>
-
-<p>Heute will ich's denn, ich kann das Geheimnis nicht in
-mir verschließen, ich kann nicht. Das Papier will ich ja
-dann verbrennen.</p>
-
-<p>Mein Bräutigam richtet die Villa neu ein, ich hörte,
-daß er in meinem künftigen Boudoir ein Fenster ausbrechen
-lasse gegen Mariatrost hin, weil er weiß, daß mir dieser
-Blick so lieb ist. Ich bin mit Mama und dem Cousin Karl
-sehr oft in Mariatrost gewesen; aber wenn ich vom Walde
-auf das weiße Haus am Rosenberg herübergeblickt hatte, wie
-hätte ich denken können, daß es einmal mein sein sollte!</p>
-
-<p>Ich war begierig, die neue Wohnung zu sehen und wollte
-gestern meinen Bräutigam überraschen. Er war aber nicht
-zu Hause, er hatte Vorlesung auf der Universität. Ich fand
-die weißbeklecksten Maurer, die dummen Tapezierer, die auf
-ihren Leitern standen und nicht einmal grüßten. Ich
-wünschte, daß es heimlicher würde in diesem Hause und verließ
-es bald. In der Panoramagasse begegnete mir der
-Cousin. Ganz zufällig war er spazieren gegangen gegen
-Mariagrün hin und lud mich ein, ihn zu begleiten. Ich
-ging gerne mit ihm, aber er war sehr langweilig, riß im
-Vorbeigehen Blätter von den Bäumen und warf sie wieder
-weg.</p>
-
-<p>Als wir zum Kirchlein kamen, war mir weich zumute
-und ich sagte, wir wollten doch hineingehen und die
-Mutter Maria grüßen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span></p>
-
-<p>Karl antwortete, er habe sie schon oft gegrüßt, sie
-hätte ihm aber niemals gedankt. Er sei arm, verlassen, von
-niemandem geliebt. Ich bat ihn, daß er nicht so reden
-möge, und vielleicht, daß ihm die Mutter Maria heute
-danke. Ich sagte das, weil er mir leid tat und weil ich einen
-Spaß machen wollte und endlich auch, weil ich wirklich
-immer ein großes Vertrauen hatte zu Mariagrün.</p>
-
-<p>Wir gingen aber an der Kirche vorüber und durch den
-Wald hinauf. Er wollte noch nicht sprechen und als ich ihn
-von der Seite heimlich anblicke, sehe ich, daß sein Auge
-voll Wasser steht. Mir wollte das Erbarmen mein Herz
-zerdrücken. Ich ärgerte mich, daß mir gar kein Wort einfiel,
-ihn zu trösten. Wenn er nur zu Hause bei uns wäre,
-dachte ich, unter Leuten macht er ja seine lustigen Glossen,
-daß alles lacht.</p>
-
-<p>Da ist es plötzlich. Er reißt mich an sich und küßt
-mich so heftig, daß ich vor Schreck ohnmächtig werden
-mußte&nbsp;…</p>
-
-<p>Wir sind spät nach Hause gegangen.</p>
-
-<p>Jedes allein.</p>
-
-<p class="date">
-30. Juni.
-</p>
-
-<p>Die Hochzeit ist vorüber; sie war in der Domkirche,
-einfach und würdig. Ich hätte aber vermutet, es würden
-mehr Leute in der Kirche anwesend sein. Mir sei beim
-Heiraten alles Aufsehen zuwider, hatte ich gesagt, aber geheim
-wäre mir doch um Zuschauer zu tun gewesen. Mama
-war zärtlich mit mir, wie vorher noch nie; ich hätte mir
-nicht träumen lassen, daß mir der Abschied von ihr so
-schmerzlich fallen würde.</p>
-
-<p>Als mich mein Mann &ndash; ach, mein Mann! &ndash; durch
-unsere neue Wohnung führte, war mir sehr bange und wußte
-ich nicht, was ich sagen sollte, um meine Beklemmung zu<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span>
-erleichtern. Ich hatte einen unverstehbaren Drang, als
-müßte ich etwas sagen, was mir oder ihm weh täte. So
-sagte ich, daß ich nur eines fürchte in diesem Haus: Die
-Gegenwart seiner verstorbenen Frau. Ich sei maßlos
-eifersüchtig.</p>
-
-<p>Er lächelte und meinte, besser, die zwanzigjährige Frau
-sei es, als der vierundvierzigjährige Mann habe Anlaß
-dazu. Dann gab er mir den Schlüssel zu einem kleinen
-Zimmer und sagte, das Zimmer sollte mein Brautgeschenk
-sein, <em class="gesperrt">mein</em> ganz allein, er wolle es nimmer betreten und
-nicht mehr wissen, daß es auf der Welt sei.</p>
-
-<p>Während er mit dem Hausmeister sprach über das,
-was bei unserer Abwesenheit zu geschehen hat, öffnete ich das
-Zimmer, denn ich war sehr begierig auf die Brautgabe.
-Im Zimmer befanden sich alle Gegenstände von der ersten
-Frau, von ihrem Ölbilde an bis zum Hochzeitsschmuck, ihr
-Schreibtisch, ihre Kleider, ihr Toilettenkasten, die kleine Wiege
-mit dem blauseidenen Vorhang, die nicht verwendet worden
-ist. &ndash; Das alles! Und es war mein Eigentum, ich konnte
-es vernichten.</p>
-
-<p>Als mein Mann zu mir zurückkam, fragte er in seiner
-gütigen Weise, warum ich weine?</p>
-
-<p>»Wie lange ist es, daß sie nicht mehr lebt?« so mußte
-ich fragen.</p>
-
-<p>Ich hätte fast gewünscht, daß er entgegenfragen möchte,
-von wem ich spreche, aber er sagte nur: »Seit du lebst,
-Juliana, ist sie nicht. Du wirst gesehen haben, wie alles
-schon verblaßt ist. Dein Geburtsjahr ist ihr Sterbejahr
-gewesen.«</p>
-
-<p>Nun sitze ich im Zimmer des Hotels. Mein Mann
-erkundigt sich beim Portier nach dem morgigen Wagen auf<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span>
-den Bahnhof. Ich solle mich um gar nichts kümmern, ich
-soll nur die schöne Welt genießen.</p>
-
-<p>Wenn nur schon morgen wäre!</p>
-
-<p class="date">
-16. Juli.
-</p>
-
-<p>Wir sind von der Hochzeitsreise zurückgekehrt. Es
-waren herrliche Tage. Ich habe mich während derselben
-in meinen Mann verliebt. Das ist ein goldener Mann und
-kann scherzen wie ein zwanzigjähriger Student.</p>
-
-<p>»Ei geh', Ludwig!« verwies ich ihn einmal neckend,
-»ein Professor der Philosophie und so übermütig!«</p>
-
-<p>Was ich mir unter Philosophie denn eigentlich vorstellte,
-war seine Frage, wenn nicht die Lehre vom heiteren
-Genuß der lieben Welt?</p>
-
-<p>Ich könnte damit einverstanden sein &ndash; aber für mein
-Unglück gibt es keine Philosophie.</p>
-
-<p class="date">
-1. August.
-</p>
-
-<p>Keine Fürstin kann's so haben als ich. Draußen
-die paradiesische Landschaft mit der schönen Stadt im Tale.
-Im Hause die frohe Umgebung, in meinem Gemach der stille
-Frieden &ndash; in mir die Pein.</p>
-
-<p>Wie Wochen sind mir die Stunden, da Ludwig nicht
-bei mir ist, und wie zittere ich, wenn er bei mir ist! Er
-ist jetzt in den Ferien Bauer, Gärtner und Jäger und immer
-munter, immer gut und liebevoll. Gar nie tritt er ins
-Zimmer, ohne mir eine Blume, eine Knospe mitzubringen,
-er ziert damit mein Haar, meinen Busen, tritt dann zwei
-Schritte zurück und schaut fröhlich her, wie es mir passe.
-Gestern abends, da wir beisammen im Garten standen vor
-einem Strauche junger Herbstrosen, nahm er mich an beiden
-Händen, schaute mir mit feuchtem, leuchtendem Auge ins
-Gesicht und sagte: »Juliana, ich danke dir! Ich danke dir,
-daß du mein bist!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span></p>
-
-<p>Einen Stich gab's mir im Herzen, ich wankte ins
-Haus.</p>
-
-<p>Ich liebe ihn! Ich liebe ihn so heiß, daß ich den Frevel
-nicht begreifen kann, wie ich einst sagte: bloß Mama zum
-Trotz.</p>
-
-<p class="date">
-4. August.
-</p>
-
-<p>Es wird nicht anders. Es ist fürchterlich!</p>
-
-<p class="date">
-11. September.
-</p>
-
-<p>Heute ging Karl vorbei und blickte zu meinem Fenster
-herauf. Kaum konnte ich mich noch verbergen, daß er mich
-nicht sah. Ich weiß nicht, was größer ist, mein Haß gegen
-ihn oder meine Verachtung gegen mich.</p>
-
-<p class="date">
-30. September.
-</p>
-
-<p>Heute fand Ludwig, daß die Haustreppe für mich zu
-steil sei und will sie flacher legen lassen. Ich beschwor ihn,
-daß es nicht der Fall ist. Zum mindesten belegt er sie mit
-Teppichen, daß es meine Füße recht sanft haben sollen.</p>
-
-<p>Wie er strahlt vor Glück, wenn er mir etwas Liebes
-erweisen kann! Mein ganzer Tag, meine ganze Existenz ist
-lautere Liebe von ihm.</p>
-
-<p>Mama kommt mit ihren Ratschlägen, die mir zuwider
-sind, ich will nur ihn hören &ndash; und daß ich's tue, zu tun
-vermag, ist eine Schmach für mich.</p>
-
-<p>Ihm gesteh&nbsp;&ndash;? Es ist unmöglich! Unmöglich!</p>
-
-<p class="date">
-9. Oktober.
-</p>
-
-<p>Seine Studenten lieben ihn auch. Sie haben ihm gestern
-zu seinem Geburtstage einen Fackelzug gebracht.</p>
-
-<p>»Der gilt dir!« jubelte er mir heimlich zu, »es ist ja
-der erste, den sie mir bringen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span></p>
-
-<p>Zum Fenster rief er hinab: »Ihr jungen Freunde!
-Mein Leben ist licht geworden. Opfert den Göttern, daß
-ich demütig bleibe!«</p>
-
-<p>»Ludwig,« sagte ich später zu ihm, da wir allein waren,
-»Philosophen pflegen sonst dem Glücke nicht sehr zu trauen.
-Ich kann nicht so zuversichtlich sein.«</p>
-
-<p>Nach einer Weile habe ich beigesetzt: »Du hast nur
-einen einzigen Fehler, lieber Mann. Daß du so gar nicht
-eifersüchtig bist.«</p>
-
-<p>»Diese Bemerkung,« sagte er darauf, »beweist, daß ich
-ganz recht habe, es nicht zu sein.«</p>
-
-<p>Ich las einmal, daß es Frauen gibt, die ihre Männer
-nicht allein mit Eifersucht quälen, nicht allein hintergehen,
-sondern sie auch eifersüchtig haben wollen. Bei Gott, von
-diesen bin ich doch keine. Wie könnte ich glücklich sein, über
-sein Vertrauen!</p>
-
-<p class="date">
-12. Oktober.
-</p>
-
-<p>Heute sind wir in die Stadt gezogen. Ich sehe von
-meinen Fenstern aus die schönen Alleen des Glacis und den
-Schloßberg. Die herbstlichen Schattierungen der Bäume sind
-gar zu schön. Seit ich diesen Mann habe und seinen Gesprächen
-lauschen kann, gehen mir erst die Augen auf für
-allerlei, das mir sonst gleichgültig gewesen ist. Wie könnte
-ich es genießen!</p>
-
-<p>Er hat mit dem Inspektor des Hauses einen förmlichen
-Pakt geschlossen, daß der Mann jeden Lärm möglichst hintanhalte
-und wie ein Engel mit flammendem Schwerte unser
-Paradies bewache. Und doch ahnt er es nicht, wie nahe die
-Zeit ist.</p>
-
-<p>Hat er jemals so viel an seine erste Frau denken können,
-als ich es tue? Alle Sachen von ihr, alle Erinnerungen an
-sie habe ich in das Stadthaus mitgenommen, hier damit ein<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span>
-Zimmer eingerichtet, das wie meine Hauskapelle ist. Wenn
-mir gar zu schwer wird um's Herz und ich trotz des
-geliebtesten Menschen, der mit mir lebt, nicht weiß, wem ich
-meine Angst und Not klagen soll, gehe ich in das Zimmer
-der Verstorbenen und weine mich aus.</p>
-
-<p>Und bete, sie möchte mich dahin rufen, wie sie dahin
-gerufen worden ist. Sie hat die Wiege bereitet, die Linnen
-gestickt mit Freuden &ndash; sie hätte gerne gelebt mit diesem
-Mann.</p>
-
-<p>Ich kann nichts bereiten und Ludwig wird sich darüber
-wundern. Ich kann nicht, ich habe es versucht &ndash; es ist, als
-stickte und webte ich an der Sünde weiter.</p>
-
-<p>Darf ich denn wünschen, daß es aus werde mit mir, da
-ich doch weiß, es könnte ihn nichts so hart treffen auf Erden?</p>
-
-<p>Ach, wenn ich ihn nicht so sehr liebte! Wenn er nur
-nicht so unsäglich gut wäre!</p>
-
-<p class="date">
-25. Dezember.
-</p>
-
-<p>Das war ein trauriger Christabend.</p>
-
-<p>Ludwig überschüttete mich mit Gaben, mich und das
-Kind, als ob es schon da wäre und spielen und jubeln könne.
-Und er saß in der dunklen Ecke des Zimmers und sagte kein
-Wort, sondern verdeckte sein Gesicht mit den Händen. Ich
-wußte nicht, was es war, und der Christbaum gab einen
-Schein, wie die Lichter an einer Bahre.</p>
-
-<p>Ich wagte nicht, ihn zu fragen nach seinem plötzlichen
-Kummer, denn ich glaubte, daß er nun alles wisse. Aber es
-war doch was anderes, denn endlich stand er auf, trat zu
-mir heran, die ich allein am Tische des Baumes gesessen war,
-und küßte mich so herzlich und treu, daß es nicht zu beschreiben
-ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span></p>
-
-<p class="date">
-28. Dezember.
-</p>
-
-<p>Er ist nicht, wie er sonst war.</p>
-
-<p>Er ist liebreich und gütig gegen mich wie immer, aber
-er ist nicht so heiter. Er ist zerstreut, ist viel an seinem
-Arbeitstische, arbeitet aber nicht, sondern schaut mit aufgestütztem
-Haupte nur so vor sich hin.</p>
-
-<p>Er muß einen Kummer haben. Hundertmal wollte
-ich ihn schon fragen, was es sei, aber ich kann nicht, ich
-vermag's nicht, ich weiß nicht warum. Wüßte er etwas,
-wie könnte er so herzlich mit mir sein, es wäre ja nicht
-möglich.</p>
-
-<p class="date">
-30. Dezember.
-</p>
-
-<p>Er ahnt doch etwas. Heute sprach er davon, daß es
-Zeit sein dürfte, das Wochenzimmer zu bereiten.</p>
-
-<p class="date">
-1. Januar 18**
-</p>
-
-<p>Er ahnt nichts. Wir haben in der Nacht die zwölfte
-Stunde wachend erwartet.</p>
-
-<p>»Ich segne dich, du vergangenes Jahr,« sagte er, »du
-hast mir mein Menschentum verzweifacht. Und ich segne
-dich, du kommendes Jahr, du wirst es verdreifachen.«</p>
-
-<p>Er ist wieder heiter und voll Zuversicht.</p>
-
-<p class="date">
-5. Januar.
-</p>
-
-<p>Ich wüßte keine andere Pein, die so höllisch sein könnte,
-als die meinige ist. Den Menschen, den man über alles liebt,
-dem man alles verdankt, ohne den man nicht mehr leben
-könnte, mit jedem Tage neuerdings täuschen und betrügen
-zu müssen.</p>
-
-<p>Ihm gestehen? Nein, nein, eher soll er mich im Sarge
-sehen.</p>
-
-<p>O unseliges Kind! Wie ich dich hasse, jetzt schon. Das
-einzige, was die Mutterliebe für dich tun kann, daß sie<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span>
-betet, du mögest das Tageslicht nimmer erblicken. Erscheinst
-du mir tot, ach, wie werde ich dich lieben und dankbar
-küssen und jubelnd begraben! O, Mutter Maria, ich rufe
-dich an! Mein Herz ist zum Zerspringen so schwer. Wenn
-ich dieses Büchlein nicht hätte! Alles in mich könnte ich nicht
-verschließen.</p>
-
-<p class="date">
-13. Januar.
-</p>
-
-<p>Der Gedanke verläßt mich nicht, o Gott! Es wäre ja
-zu unser aller Besten. Mein Fehltritt gebüßt, kein fremdes
-Wesen zwischen uns. In der Ehe Harmonie und Frieden
-nach Gottes Willen. Wie kann etwas, das so zum Guten
-führt, ein Verbrechen sein?</p>
-
-<p>Wenn ich nur mit ihm darüber sprechen könnte, wie
-über ein Fremdes, so daß ich seine Meinung wüßte für
-solchen Fall. Einmal hat er gesagt: Den Gott am meisten
-liebet, den nimmt er als Kind zu sich.</p>
-
-<p class="date">
-17. Januar.
-</p>
-
-<p>So bin ich vor mir selbst nicht mehr sicher. Heute
-morgens fragte mich Ludwig, woher ich denn plötzlich das
-Tigerherz genommen? Ich hätte in der Nacht vom Erwürgen
-gesprochen.</p>
-
-<p>Er mußte merken, wie ich erschrak, denn er sagte sogleich:
-»Wenn die Frauen so schlimm wären, als ihre
-Träume &ndash; besonders in solcher Zeit! Der Traum ist das
-Ventil, durch das sich die Laster der tugendhaften Frau
-austoben.«</p>
-
-<p>Gott wolle, es wäre so!</p>
-
-<p class="date">
-25. Januar.
-</p>
-
-<p>Es ist merkwürdig, wie ich seine erste Frau, die ich anfangs
-als meine größte Feindin betrachtet habe, nun ganz
-zu meiner Vertrauten mache. Wie sehr sie ihn geliebt hat,<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span>
-er spricht auch nicht ein Wort darüber, aber tausend Spuren
-geben davon noch Zeugnis.</p>
-
-<p>O weise mich, seliger Geist, wie ich dich ihm würdig
-ersetzen kann!</p>
-
-<p class="date">
-10. Februar.
-</p>
-
-<p>Heute bin ich das erstemal aus dem Bette. Im Nebenzimmer
-schläft es.</p>
-
-<p>Ludwig war über die Frühgeburt nicht besonders überrascht.
-Es ist auch gar zu klein.</p>
-
-<p>Wenn er vom Kollegium nach Hause kommt, setzt er
-sich an's Bettlein und schaut es an. Ich habe immer gehört,
-es spreche das Blut, das muß doch nicht so sein. Er liebt es.</p>
-
-<p>Wenn ich jetzt denke an meine Gedanken! Solches nur
-denken zu können!</p>
-
-<p>Das Kind ist so arm, daß ich weinen muß, sooft ich
-es anblicke. Ich soll ruhen und schlafen, ich kann nicht, ich
-denke an das Kind immer und immer. Liebe ich es?
-Das wäre Untreue gegen den, der mir in meinen schweren
-Stunden wieder bewiesen hat, daß er mir alles ist, daß ich
-ihm alles bin. Er weinte und lachte, als es geboren war.</p>
-
-<p>&ndash;&nbsp;&ndash; Sieben Monate! Wäre das nicht möglich?
-Wenn der Junimond nicht ausgeblieben wäre!</p>
-
-<p>Er kommt.</p>
-
-<p class="date">
-12. Februar.
-</p>
-
-<p>Und so soll es nun fortgehen? Das Geheimnis soll
-bleiben und ich soll ihn betrügen bis ans Lebensende?</p>
-
-<p>Das sei nicht. Das sei nimmer.</p>
-
-<p>Gut kann es sich nicht lösen &ndash; aber es löst sich, ich
-weiß einen Ausweg. Da das Kind nicht hier bleiben darf
-und ich ohne es nicht sein kann, so muß ich mit ihm fort.
-Nach Wien, zur Schwester meiner Mutter. Von der Ferne
-werde ich ihm alles schreiben und die Form finden, die ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span>
-am wenigsten weh tut. Ludwig ist nicht allein im Hörsaal
-Philosoph, er wird sich zurechtfinden. Hat er den Verlust
-des <em class="gesperrt">treuen</em> Weibes ertragen können, so wird ihn der des
-falschen nicht zu Boden drücken. Habe ich sein Andenken
-an die erste Frau unterbrochen, so wird es nach meiner
-Flucht &ndash; es soll nichts von mir zurückbleiben &ndash; wieder erwachen
-und er wird nicht verlassen sein.</p>
-
-<p class="date">
-20. Februar.
-</p>
-
-<p>Ein Schreiben wollt' ich ihm zurücklassen, daß ich ihn
-bis zu meinem Tode lieben werde, daß ich von ihm gehe,
-weil ich seiner nicht wert wäre.</p>
-
-<p>Ich darf es nicht, ich darf diesen Brief, in den ich mein
-Leid gelegt habe, nicht an ihn gelangen lassen, das würde
-den Schmerz nur steigern. Ich will ohne alles, so wie eine
-Undankbare, eine Unwürdige geht, so will ich davongehen.</p>
-
-<p>Seine Verachtung gegen mich soll ihn retten und mich
-strafen, wie ich es verdiene. O mein Gott!</p>
-
-<p class="date">
-3. März.
-</p>
-
-<p>Ludwig ist mit einer kleinen Gesellschaft von Historikern
-auf einige Tage nach Cilli und Pettau gegangen, um dortige
-Römerdenkmale zu besichtigen.</p>
-
-<p>Er war sehr munter und sagte zu mir beim Abschied,
-ich sollte ihm nur recht den kleinen Ludwig hüten.</p>
-
-<p>Ich will nicht d'ran denken, will stark bleiben, ich habe
-viel zu vollbringen.</p>
-
-<p>Bei dem Packen sehe ich erst, wie wenig ich in dieses
-Haus gebracht habe, und wie viel von ihm empfangen.</p>
-
-<p>Der Dienerschaft sage ich, es sei verabredet, daß ich der
-Luftveränderung wegen auf einige Wochen nach Wien gehen
-werde.</p>
-
-<p>Also heute nachmittags vier Uhr in Gottesnamen!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span></p>
-
-<p class="date">
-6. März.
-</p>
-
-<p>Nun ist es so gekommen!</p>
-
-<p>Ich zittere jetzt noch, da ich es schreibe. Wozu schreibe
-ich es nur, ich sage ihm ja alles und darf es sagen, o Glück!</p>
-
-<p>Ich habe ihn geliebt, jetzt bete ich ihn an und den Nachkommen
-schreibe ich es entgegen: er ist anbetungswürdig!</p>
-
-<p>Jetzt weiß ich erst, was das ist: ein Mensch! Er hätte
-mich göttlicher nicht strafen, herrlicher nicht demütigen können
-und erheben zugleich, als er es getan hat.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Das Kind dicht eingehüllt am Arm, so floh ich wie eine
-Diebin. Der Wagen stand vor dem Tore; über die Aufregung
-vergaß ich des Schmerzes, der mich schrecklich gequält
-hatte die Nacht und den ganzen Tag hindurch.</p>
-
-<p>Am Tore steht Ludwig und fragt den Kutscher, wer
-wegfahre. Dieser deutet auf mich, die ich hastig aus dem
-Hause trete.</p>
-
-<p>»Was ist das, Juliana?« ruft Ludwig.</p>
-
-<p>Mir ist zum Zusammenbrechen, er stützt mich und bringt
-mich und das Kind zurück in die Wohnung.</p>
-
-<p>»Du wolltest &ndash; mir entgegenfahren, mein Herz?«
-fragte er, »konntest es nicht wissen, daß wir die Reise um
-einen Tag abgekürzt haben.«</p>
-
-<p>»Ludwig,« sprach ich und mir wollte der Atem versagen,
-»laß mich rasten, mir ist schlimm zum Sterben. Es
-wird bald besser sein. Ich will dir dann was sagen.«</p>
-
-<p>Er führte mich voll zärtlicher Sorgfalt auf mein Zimmer
-und schloß die Tür ab.</p>
-
-<p>»Daran tust du wohl, Ludwig,« sagte ich, dann fiel
-ich vor ihm auf die Knie.</p>
-
-<p>Ich habe ihm alles gesagt &ndash; alles.</p>
-
-<p>Er hörte es. Sein Blick war traurig, aber blieb liebevoll.<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span>
-Er hob mich auf und setzte sich neben mich, er war
-blaß, und seine Hand, mit der er die meinige hielt, zitterte.</p>
-
-<p>»Juliana,« sagte er, »diese Stunde mußte kommen, ich
-habe sie ersehnt, ich habe sie gefürchtet. Gerne möchte ich dir
-die Qual mildern, vielleicht dadurch, daß ich dir sage:
-Ich wußte es schon, wußte es seit dem Christabend.«</p>
-
-<p>So viel sprach er, dann stand er auf und ging einige
-Male das Zimmer auf und ab. Hierauf setzte er sich wieder
-und sagte: »Ich fand an jenem Tage auf deinem Arbeitstischchen
-das kleine Notizbuch liegen; es hätte meinetwegen
-immer dort liegen können, ich sah es nur diesmal, da ich
-etwas suchte, um dir ein kleines Gedicht einzuschmuggeln,
-einen Gruß dem Nahenden, der uns das nächstjährige Christfest
-feiern helfen soll. Ich pflege nicht indiskret zu sein, aber
-als ich das Büchlein aufschlug, sprang mir ein Wort in's
-Auge, das mir sofort deine nächtlichen Träume und Ausrufe
-in Erinnerung brachte. Ich mußte lesen, denn es war ein
-Sturm in mir, den ich beschwören wollte mit deinen Aufzeichnungen.
-Aber kein Wort gab mir den Frieden zurück
-und ich las alles.«</p>
-
-<p>»Und hast uns nicht verstoßen und hast uns lieben
-können!« rief ich aus.</p>
-
-<p>»Die Ehebrecherin hätte ich verstoßen,« sagte er ruhig,
-»Dein Fehltritt war vor dem Tage, da wir uns die Treue
-geschworen. Ich entschuldige nichts, denn daß es eine große
-Schuld war, beweist das Leid, welches sie in dein Herz warf.«</p>
-
-<p>»Und das Kind?«</p>
-
-<p>»Ist unser. Ich gestehe dir wohl, es war eine schwere
-Betrübnis in mir, da mich die Tatsache so plötzlich überrascht
-hatte; aber als ich des Gemeinen Herr wurde und die
-Wahrheit fand, da war ich zufrieden. Es ist mein Kind,
-wie es das deine ist, denn in unseren Armen ruht es,<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span>
-durch unsere Fürsorge wird es gedeihen, durch unser Herz
-wird das seine genährt und erweckt, durch unser Vorbild
-wird es uns ähnlich an Seele und Leib. Es wird uns und
-nur uns lieben und nichts anderes wissen. Nicht <em class="gesperrt">der</em>
-Augenblick ist mir der höchste, welcher der niedrigste ist und
-mir möglicherweise vom Kind einst zum Vorwurf gemacht
-werden kann. Nicht wer das Menschenkind erzeugt, ist sein
-Vater, sondern wer es erzieht. Diesem nur hat es zu danken,
-denn dieser machte es zum Menschen, diesen nur kann es lieben.
-Kein tierisches Band ist es, das mich an unsern Ludwig
-fesselt, ethische, menschliche Beziehungen sind es, und wenn
-der Himmel den lieben Kleinen beschützt, so wirst du sehen,
-daß keines andern, daß <em class="gesperrt">mein</em> Wesen verjüngt aus ihm hervorgeht.
-Auch uns verknüpfen dann unlösliche Bande der
-Natur, aber solche besserer Art, und der nur kann mir mein
-Anrecht streitig machen, der mir beweist, daß je ein leiblicher
-Vater sein Kind so teuer erkauft hat, als ich das meine.«</p>
-
-<p>In diesem Sinne hat er gesprochen. Ich wimmerte
-zu seinen Füßen, dann an seiner Brust.</p>
-
-<p>»Jedoch ein ernstes Wort,« so fuhr er fort, »habe ich
-mit dir zu sprechen, Juliana, deiner geplanten Flucht wegen.
-Ich erwäge die Gründe, die dich dazu bewogen haben, sie
-mögen gewichtig sein oder dir so geschienen haben. Aber
-ich hätte von dir so viele Kenntnis meines Wesens und
-Charakters erwartet, durch die du wissen solltest, daß unter
-allen Umständen ein vertrauensvolles Bekenntnis das Beste
-gewesen wäre. Ich habe dieses Bekenntnis von dir fast bestimmt
-noch vor der Geburt des Kindes erwartet; es hätte
-dir Beruhigung und Mut gebracht, es hätte dich meinem
-Herzen womöglich noch näher gebracht, schon durch das Mitleid
-mit der Reuigen und durch den Vorteil, verzeihen zu
-können. Wie, wenn du in den Wochen hättest sterben müssen,<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span>
-gepeinigt von dem Gewissen, und ohne von mir den Beweis
-der <em class="gesperrt">wahren</em> Liebe, den ich heute erbringen kann, hören zu
-können! Das alles war nicht, aber verlassen wolltest du
-mich heimlich, uns drei in ein Elend stürzen, wie ein größeres
-kaum zu denken ist. Diese Untreue, meine Juliana, ist mir
-noch schmerzlicher, als die erste es war&nbsp;…«</p>
-
-<p>An all das kann ich mich noch erinnern, daß er's gesagt
-hatte, dann weiß ich nicht mehr, was mit mir geschah. Als
-ich wieder zu mir kam, lag ich auf meinem Bette, der Arzt
-stand neben mir und zu meinen Häupten Ludwig, der mir
-mit einem kühlen Tuch die Stirne trocknete.</p>
-
-<p>Ich legte den Arm um seinen Nacken, und sein liebes
-Haupt beugte sich nieder auf mein Gesicht, und auf meine
-Stirne fiel eine warme Träne&nbsp;…</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Als ein letztes Siegel der Reue und der Treue, ja sozusagen
-als eine Votivtafel zur Danksagung für ein so
-seltsamerweise gefundenes Eheglück fühlte sich die Frau
-Professorin veranlaßt, diese Tagebuchblätter &ndash; mit Hinweglassung
-der persönlichen Merkmale und Erkennungszeichen
-&ndash; zu veröffentlichen.</p>
-
-<p>Ich, der ich dieses zu vermitteln übernahm, habe nur
-zwei Bedenken: als erstes, ob die Skrupel der Frau, als
-zweites, ob die Philosophie des Mannes wohl das richtige
-Verständnis finden werden?</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Kokette">Die Kokette.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Du sprichst von koketten Frauen, junger Freund, wie
-ein Blinder von der Farbe. Kokett nennst du es,
-wenn eine Dame durch auffallende Farben, Bewegungen,
-Blicke die Augen der Männer auf sich zu lenken sucht.
-Kokett nennst du sie, wenn sie sich ein wenig vordrängt und
-ein wenig versteckt, wenn sie ein wenig dreist ist und ein
-wenig erröten kann, wenn sie ein wenig anzieht und ein
-wenig abstößt und so die Herzen der Männer bearbeitet, bis
-sie Feuer geben, und wenn der Mann für sie lichterloh entbrennt,
-sie geneigt ist, die Glut regelrecht zu dämpfen. Das
-ist ja alles nett und kokett und verläuft auf das Anmutigste.</p>
-
-<p>Ich kenne eine andere Koketterie, mein Junge, und
-will dir erzählen; willst du keine Lehre daraus ziehen, so
-magst du dich wenigstens für klüger halten, als ich war &ndash;
-und das wird dir sicherlich ein großes Vergnügen sein.</p>
-
-<p>Ich habe dir schon einmal gesagt, daß ich mich als
-Student eine Zeitlang mit Unterrichtgeben in der Stenographie
-fortgeholfen hätte. Also gewann ich auch durch
-Vermittlung eines Bekannten wöchentlich zwei Stunden bei
-einer Dame Stachari. Es war eine blasse, schwarzhaarige
-und großäugige Dame, die stets in schwarzem Seidenanzuge
-war und am Busen eine Kamelie oder eine rote Rose
-stecken hatte. Sie konnte nicht älter als vierundzwanzig
-Jahre sein, ich wußte nicht, ob sie vermählt war oder ledig;
-das alte Stubenmädchen erwähnte mehrmals des »Herrn«,
-den ich aber nie zu Gesichte bekam. Die Wohnung bestand
-aus drei Zimmern, die sehr luxuriös eingerichtet waren.
-Zumeist herrschte in ihnen ein künstlich hergestelltes Dunkel<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span>
-und ein betäubender Blumenduft. Die Blumen und ihr
-Duft, so behauptete sie, seien ihr Licht, ihre Luft, ihre Nahrung,
-ihre Liebe, ihr Traum, ihre Seligkeit. Was den
-Männern der Wein, der Tabak, das Opium sei, das wäre
-ihr die Blume; was den Männern das Spiel, die Gefahr,
-das Weib sei, das wäre ihr die Blume. Die Blume sei das
-einzige Wesen auf der Erde, von dem sie nichts Schlimmes
-erfahren, nicht enttäuscht worden wäre.</p>
-
-<p>Nun hätte ich für mein Leben gern gewußt, was die
-junge Dame schon für Schicksale gehabt und worin die Enttäuschungen
-bestanden; natürlich wagte ich nicht zu fragen
-und sie berührte ihre Vergangenheit, ihre persönlichen Verhältnisse
-mit keiner Silbe.</p>
-
-<p>Nachmittags von fünf bis sechs Uhr hatten wir den
-stenographischen Unterricht; ich wußte aber nicht, zu welchem
-Zwecke sie die Schnellschreibekunst erlernen wollte, einmal
-nur äußerte sie, solche mache ihr Spaß und sei ein netter
-Zeitvertreib, während ich immer der Meinung gewesen, die
-Stenographie sei Zeitersparnis. Indes ging ihr die Sache
-doch nicht recht von der Hand; mehrmals legte sie schon in
-der ersten Hälfte der Stunde den Stift weg, lehnte sich in
-den Sessel zurück und machte den Vorschlag, lieber ein
-bißchen zu plaudern. Nun wußte ich über nichts eigentlich
-zu plaudern, als über Gabelsberger, denn ich war ein ganz
-unerfahrener Mensch, der bisher in Gesellschaft sich stets
-bescheidener Schweigsamkeit beflissen hatte. In erster Zeit
-hatte mich sogar die Ansprache verlegen gemacht: ich nannte
-sie gnädige Frau, sie widersprach nicht, doch ahnte ich bald
-die Unschicklichkeit dieser würdigen Ansprache, denn die
-Dame kam mir manchmal sehr jung vor und ich nannte
-sie endlich »mein Fräulein«. Manchmal schlug sie Heines
-Buch der Lieder auf, fragte mich, welche Gedichte mir am<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span>
-besten gefielen und las wohl selbst eines oder das andere,
-wobei sie manchmal seufzte und schwermütig ward.</p>
-
-<p>Als es in den Spätherbst hineinging, wollte uns
-der Tag nicht mehr leuchten zu unserem Schreibunterrichte,
-da wurde die Lampe angezündet, die einen roten Schirm
-aus Seidenpapier hatte, so daß die Schreibeblätter und die
-Hände und die Wangen einen rosenglühenden Schein gaben.
-Manchmal zitterte im Schreiben ihre Hand ein wenig und sie
-bat mich, daß ich sie führe, was aber durchaus nicht nach
-der Schnellschreiberegel ist. &ndash; Zwei Minuten nach Ablauf
-der Stunde pflegte ich aufzustehen, mich vor meiner Schülerin
-zu verneigen und davonzugehen. Bei solchem Fortgehen
-kam ich mir sehr einfältig vor und ich ärgerte mich nachher,
-daß ich nicht artiger gewesen war gegen das liebenswürdige
-Fräulein. Das böse Gewissen ließ mich deswegen oft halbe
-Nächte lang nicht schlafen und ich nahm mir fest vor, das
-nächste Mal sachgemäßer zu handeln. Als ich jedoch das
-nächste Mal wieder neben ihr saß, wieder die stille Lampe
-brannte, wieder ein Heinesches Gedicht gehaucht wurde,
-war ich eben gerade wieder so blöde, sehnte mir insgeheim
-den Verlauf der Stunde herbei und als sie vorüber war,
-zögerte es doch in mir, ob ich schon gehen oder meine
-Schülerin noch ein bißchen nachsitzen lassen solle.</p>
-
-<p>Eines Abends im Dezember machte mir das Fräulein
-die etwas überraschende Mitteilung, daß sie auf unbestimmte
-Zeit verreisen werde und daher den stenographischen
-Unterricht leider unterbrechen müsse. Sie händigte mir die
-Hälfte des ausbedungenen Honorars ein, die andere Hälfte
-stellte sie mir in Aussicht nach ihrer Rückkehr. Beim Abschiede
-teilte sie mir errötend mit, daß sie sich von mir
-eine Gunst ausbitten wolle &ndash; ein Andenken von mir &ndash;
-eine ganz kleine Haarlocke.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span></p>
-
-<p>Was sie an einer Haarlocke habe? fragte ich, die Sache
-ins Scherzhafte ziehend, denn ich mußte mein heftig pochendes
-Herz verdecken. Sie antwortete, das wisse sie schon und
-schnitt mir unter unsagbar zarten Berührungen vom Nacken
-links ein Löcklein ab. Nun wären wir gottlob im richtigen
-Geleise! dachte ich, tat nichts dafür und nichts dagegen,
-wartend, daß das Glück mir in den Schoß falle. Das
-Fräulein stand eine Weile sinnend, endlich flüsterte sie:
-»Also denn &ndash; es ist bestimmt, in Gottes Rat!« damit
-steckte sie mir ein halbaufgeblühtes Rosenknösplein in das
-Knopfloch. Ich drückte ihr die Hand, wünschte eine glückliche
-Reise und Wiederkehr und taumelte zur Tür hinaus.</p>
-
-<p>Die qualvolle Zeit, die nun für mich kam, ist nicht
-nachzuempfinden Ich fühlte mich ganz und gar verwaist,
-mir war, als hätte ich die einzige Schwester &ndash; he, bloß
-eine Schwester? &ndash; verloren. Täglich mehrmals ging ich
-durch die Gasse und schaute hinauf zu ihren Fenstern, die
-mit Holzbalken verschlossen waren wie mitten im Sommer.
-Um Neujahr waren die Fenster plötzlich wieder offen, ich
-erschrak wonnig. Aber es waren nicht mehr die dunkelroten
-Gardinen, es waren weiße Spitzenvorhänge, zwischen denselben
-schaute ein alter schmauchender Weißkopf hervor.</p>
-
-<p>Also dahin für immer!</p>
-
-<p>Die Rosenknospe hielt ich wie ein Heiligtum und
-legte sie gepreßt in das Etui, in welchem das Bild meiner
-verstorbenen Mutter war. Von ihr hatte ich kein Bildnis,
-um so lebhafter baute und malte die Phantasie an ihrer Gestalt,
-bis sie die Schönste, die Begehrenswerteste war, die
-je auf Erden gelebt. Hören ließ sie aber nichts von sich und
-ich wußte nicht, sollte ich meine Gedanken und Sehnsucht
-nach Osten aussenden oder nach Westen, um sie zu finden.</p>
-
-<p>Übrigens schleifte mich das Leben fort über Kummer<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span>
-und Freude, über Hoffnung und Enttäuschung; mir blieb
-dabei nur der Vorteil, daß ich älter und reifer wurde.
-Nach einem halben Jahre war die verreiste Schülerin glücklich
-verwunden und nach einem Jahre vergessen.</p>
-
-<p>Frauen aber vergessen nicht so leicht. Als ich im
-zweiten Jahre auf der Universität war, erhielt ich eines
-Tages ein Paket zugeschickt. Kein Brief und kein Name war
-dabei. Das Paket kam aus einem böhmischen Orte, dessen
-Namen ich nicht zu enträtseln vermochte. Es bestand aus
-einem Buche mit folgendem Titel: »Die Schule der Liebe.
-Ein Unterricht für junge Männer und Frauen.« Ein Verlagsort
-war nicht angegeben, hingegen stand an der Stelle
-desselben mit Bleistift geschrieben: »Dem unvergeßlichen
-Lehrer die dankbare Schülerin J. St.«</p>
-
-<p>Anfangs stutzte ich. Wo und wann hätte ich in der
-Liebe Unterricht erteilt! Endlich verfiel ich doch auf die
-Stenographenstunden mit Fräulein Stachari. Dieses schöne
-Buch sollte wohl der Rest des Honorars sein. Jedenfalls
-habe ich mehr aus ihm gelernt, als das Fräulein aus meinem
-Schnellschreibeunterricht. Als diese gedruckte Schule der
-Liebe durchgemacht war, kam es mir unbegreiflich vor,
-daß irgend ein Mensch blöde sein könne. Lebhafter stieg
-die Erinnerung an die junge schwarze Dame in mir auf,
-aber nun in ganz neuer Beleuchtung; ich durchsuchte alle
-Ecken und Ränder des Buches, jedes Blatt, um etwa ganz
-klein, vielleicht gar in stenographischer Schrift geschrieben,
-ihre Adresse zu entdecken. Vergeblich. Sie blieb mir unerreichbar
-und fern in Dunkel gehüllt. Freilich fehlte es nun
-nicht mehr an anderweitigen Zerstreuungen, doch tat es mir
-leid, wenn ich an das Fräulein Stachari dachte.</p>
-
-<p>Endlich nahm mein Leben eine andere Richtung. Die
-Studien waren vollendet, ich gewann an der Universität<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span>
-zu G. eine Privatdozentenstelle. Ich fühlte mich ruhiger und
-ernster werden und begann mit tieferen Absichten nach dem
-schönen Geschlechte auszublicken. Eine Advokatentochter war,
-mit der ich Verkehr anzubahnen suchte. Zur selben Zeit
-erhielt ich den Brief, welchen ich noch in der Tasche trage.</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="right">
-Prag, am 20. Juni 1884.</p>
-<p class="center">
-»Verehrter Professor!
-</p>
-
-<p>Wohl kaum darf ich hoffen, daß Sie sich noch erinnern
-an eine unaufmerksame und störrische Schülerin, welcher
-Sie stenographischen Unterricht erteilten. Wie saßen wir
-doch so fromm und dumm beisammen! Ach, lange, lange
-ist es her! Die Stenographie habe ich gottlob vollständig
-vergessen, wozu auch hätten wir Frauen den Mund und
-manchmal sogar einen frisch roten, wenn wir uns nur
-aufs Schreiben verlegen wollten! Weniger habe ich des
-jungen Lehrers vergessen, der war stramm wie ein Leutnant
-und schüchtern wie ein Mädchen in der Fibelklasse.
-Heute wird wohl das eine noch zutreffen, aber das andere
-sicherlich nicht mehr. Möglicherweise hat sich auch bei der
-kleinen Schülerin seither einiges geändert, denn sie lebt in
-den Jahren, die wie Champagner prickeln. Keine Wirtin,
-die aller Welt aufwartet mit dem Stengelglase, die aber
-gern ihrem ehemaligen Lehrer den Labetrunk reichen möchte,
-falls er ihn von ihrer Hand nähme. Das Leben ist, ach,
-so flüchtig, und manche Frucht, die in kindischen Jahren
-sehnsuchtsvoll gesäet worden, reift so spät! Aber nicht zu
-spät.</p>
-
-<p>Ist Ihnen nie gesagt worden, daß ein junger Professor
-Reisen machen, die Welt genießen und auch Prag sehen
-müsse? Ach, so halten Sie sich doch daran! und das Wichtigste
-ist, daß Sie in Prag sich nach Ihrer Schülerin umsehen
-und mit ihr einen ganzen Abend lang von alten<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span>
-schönen Zeiten plaudern! Ach, wie wird das hübsch sein! Sie
-dürfen mit Ihrem Besuche aber durchaus nicht so lange
-warten, bis Sie ehrwürdig werden. Und damit nicht noch
-mit dem törichten Schreiben soviel Zeit vergeht, schließe ich
-rasch; das Weitere ist Ihre Sache.</p>
-
-<p class="center">
-Ihre</p>
-<p class="right">
-Josefine Stachari.«
-</p></div>
-
-<p>Noch ist die genaue Adresse angegeben.</p>
-
-<p>Jetzt war mir etwas eigentümlich zumute. Das
-ganze nun zur Leidenschaft gesteigerte Fühlen für die geheimnisvolle
-und doch so offenherzige Dame ward in mir
-wach. Ich setzte mich hin, schrieb einen Brief, in dem ich
-mit heftigen Ausdrücken der Ungeduld mein Kommen anzeigte.
-Der Brief selbst war eine so ungestüme Umarmung,
-daß ich ihn nach der zweiten Durchsicht zerriß. Der Weg
-von G. bis Prag ist kein Spaziergang zu einem Stelldichein,
-aber hatte ich nicht schon seit langem im Sinn, nach
-dem schönen Dresden, nach dem großen Berlin zu reisen?
-Dabei ließe sich Prag ja sehr leicht machen. Ich bekämpfte
-jetzt mein Temperament und schrieb der Dame mit einer den
-Zuständen durchaus nicht entsprechenden Ruhe, daß ich vorhätte,
-demnächst auf einer größeren Reise Prag zu berühren,
-bei welcher Gelegenheit ich nicht verfehlen würde, sie aufzusuchen.</p>
-
-<p>Wenige Tage später war von ihr der zweite Brief da:</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="center">
-»Liebster Herr Professor!
-</p>
-
-<p>Diese Aufregung! Diese Freude! Diese Angst! Ich
-kann mich kaum fassen, ich kann es nicht glauben, daß
-es sein soll, Sie hier zu sehen. Es wäre zu herrlich! Ich
-habe Ihnen so viel mitzuteilen, anzuvertrauen; aber Sie
-müssen mir versprechen, ritterlich zu sein gegen ein hilfloses<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span>
-Weib, dessen verzagendes, seliges Herz Ihnen entgegenschlägt.
-Ach wie lange war die Zeit, wie einsam war
-mir oft unter meinen Blumen! Ihr Schreiben hat mich
-über alle Maßen glücklich gemacht, haben Sie Dank! Und
-kommen Sie rasch, setzen Sie sich auf den nächsten Zug,
-fahren Sie Tag und Nacht, ich vergehe vor Ungeduld,
-Ihnen mein Glück an den Busen zu legen. Sagte mir
-meine Ahnung doch schon lange, daß ich mich an Ihnen
-nicht täusche, daß Sie nicht täuschen können, mein teurer,
-mein lieber Freund. Nur müssen Sie nichts Arges von
-mir denken über meinen unbändigen Freimut, ich bin ein
-Weib. Die Stunde, wann Sie mich finden, kennen Sie, es
-ist unsere Stenographenstunde wie vor fünf Jahren. Fünf
-Jahre jünger bin ich geworden durch Ihren Brief, haben
-Sie nochmals Dank und eilen, eilen Sie zu Ihrer Freundin</p>
-
-<p class="right">
-Josefine Stachari.«
-</p></div>
-
-<p>Für eine Portion war das genug. Mir wurde fast
-unheimlich. Für ein nettes Abenteuer baute sich die Sache
-fast zu groß auf, das läßt sich nicht so leicht abhaken, wie
-es angehakt ist. Das war nun doch einmal ein Weib, wie
-ich im müßigen Ideale mir es oft gedacht hatte, ein in
-heiliger Leidenschaft lohendes, alle Konvenienzen kühn verachtendes,
-heldenhaft liebendes Weib. Daß mittlerweile in
-meiner Erinnerung auch ihr Bild wundersam reizend und
-schön geworden war, habe ich dir ja schon gesagt.</p>
-
-<p>In den ersten Tagen der Ferien packte ich meinen
-Koffer und reiste Tag und Nacht der alten Königsstadt
-Prag zu. Es war mir zumute wie auf einer Brautfahrt.
-Es war doch zu rührend, wie sie meiner gedacht, wie sie
-auf mich gewartet hatte, bis ich in der Lage war, ein Weib
-heimzuführen. Und selbst, daß sie von mir fortgezogen, war<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span>
-das Werk einer großen Seele. Sie wollte uns gegenseitig
-die Reinheit hüten, sie wollte mich frei lassen, frei leben
-und frei wählen.</p>
-
-<p>Unsere Stenographenstunde war nachmittags von fünf
-bis sechs Uhr gewesen. Zu Prag ins Hotel gekommen, war
-mein erstes, durch einen Boten ihr meine Ankunft anzuzeigen,
-und daß ich mich an demselben Tag um fünf Uhr
-bei ihr einfinden würde. Hierauf reinigte ich mich sorgfältig
-von dem Staube der Reise, nahm ein Mahl zu mir
-und bereitete mich vor auf den Besuch.</p>
-
-<p>Punkt fünf Uhr schellte ich an der Tür ihrer Wohnung.
-Ein schmuckes Stubenmädchen erschien, um zu öffnen, fragte
-leise, ob ich der Herr aus G. sei und führte mich dann
-in ein dunkelgehaltenes Gemach. Es war fast üppig eingerichtet
-und die Blumen und Rosen schienen mir noch prangender
-zu blühen und noch betäubender zu duften, als vor
-Jahren. Da glitt sie auch schon auf mich zu, in weißem
-Hauskleide war sie, sank mir an die Brust und flüsterte:
-»Sie sind's! Gott, wie mir das Herz pocht!« Dann
-schluchzte sie und wir saßen auf einem Sofa. Obzwar
-wenig Licht fiel auf ihr Antlitz, so sah ich doch, daß dasselbe
-etwas rundlicher geworden war, und ihre Wangen schienen
-mir noch blasser und ihre Augenwimpern noch schwärzer
-und ihr Mund noch röter als vor Jahren. Und weil durch
-die leidenschaftliche Begrüßungsszene auch ihre schwarzen,
-seidenweichen Haare locker geworden waren und nun niederrollten
-auf ihre wogende Brust, so war sie unbeschreiblich
-schön. Vor den schweren Fenstergardinen stand ein rundes
-Tischchen, an das mit einem Kettlein ein Papagei gefesselt
-saß, der fortwährend krächzte.</p>
-
-<p>»Ach!« flüsterte sie, »der Vogel freut sich auch, daß
-Sie gekommen sind. Und Sie sind so stattlich und schön geworden,<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span>
-oh, ich bin wahnsinnig vor Glück!« Dabei nahm
-sie meine Hände und preßte sie heftig.</p>
-
-<p>»Ach, Freund!« hauchte sie, »Sie bringen mir die
-schönen Tage der ersten Jugend zurück!« Und da ich kaum
-eines Wortes mächtig war, so fuhr sie mit unendlichem
-Reize fort zu plaudern von vergangenen Zeiten, von dem
-Leben in G., von ihrer Kindheit, die herbe gewesen, von
-dem Glücke, das nun gekommen. Ich merkte nicht auf das,
-was sie sprach, ich hörte nur ihrer Stimme süßen Klang,
-ich fühlte nur den Atemhauch aus ihrem Munde &ndash; mir
-verging das Denken und urplötzlich rissen meine Arme sie
-wild an mich, um sie zu küssen … In demselben Augenblicke
-fuhr sie kreischend auf und stieß mich heftig zurück.</p>
-
-<p>»Mein Herr!« rief sie mit vor Zorn fast erstickter
-Stimme, »das ist abscheulich!« dann stürzte sie zur Glocke
-mit dem Ruf: »Mein Gemahl! Mein Gemahl!«</p>
-
-<p>Da trat aus dem Nebenzimmer ein schlanker, hagerer,
-brauner Mann im feinsten Salonanzuge.</p>
-
-<p>»Gott, o Gott!« schluchzte das Weib und preßte ihre
-Hände ins Gesicht: »Diese abscheuliche Frechheit! Züchtigen
-Sie ihn! Meine Freundschaft so zu mißbrauchen! Eine
-harmlose Plauderstunde über vergangene Zeiten! Von
-meinem Glück wollte ich ihm erzählen! Und er schändet's, der
-wahnsinnige Bube! &ndash; O Gott, meine Nerven&nbsp;…!«</p>
-
-<p>Der braune »Gemahl« stand immer noch an der Tür
-und drehte seinen langen Schnurrbart. Ich hatte mich von
-meiner Überraschung eher erholt, als es mir heute selbst
-erklärlich ist. Ich war ausgestanden und wartete einstweilen
-darauf, was der Gemahl sagen würde. Da dieser weder einen
-Revolver noch einen Dolch ergriff, sondern sich nur an mir
-und seiner rasenden Frau ergötzte und verschmitzt schmunzelte,
-so trat ich einen Schritt an ihn und sagte: »Es ist kein<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span>
-übles Abenteuer. Wem gehört sie aber nun! Sie, mein
-Herr, werden Gemahl genannt, und ich werde durch glühende
-Liebesbriefe aus dem fernen G. herbeigeholt!«</p>
-
-<p>»Hat Alte wieder Dummheit gemacht!« schnarrte der
-braune Mann mit fremdartiger Betonung, dann zog er sich
-wieder in sein Zimmer zurück und lehnte die Tür zu.</p>
-
-<p>Eine kochende Hölle im Herzen, starrte ich das Weib
-an. Sie sank mit vollendetem Faltenwurf ihres Kleides
-zu meinen Füßen nieder und schluchzte: »Ach, verzeihen
-Sie mir! teurer Freund! Ich bin namenlos unglücklich!«</p>
-
-<p>Mit der Fußspitze schob ich sie von mir. Ohne ein
-Wort zu verlieren, ging ich zur Tür hinaus.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Seither &ndash; so dünkt mich fast &ndash; bin ich wesentlich
-klüger. Wenigstens kann ich dir Unterricht erteilen über
-den Begriff: Kokette, den du etwas flüchtig zu überspringen
-pflegst.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span></p>
-
-<h2 id="Ein_Juenger_Darwins">Ein Jünger Darwins.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Es möge sich unter dem Begriffe »Gott« jeder das
-Seine denken; wie man ihn verliert und wie man ihn
-findet, ich bin davon ein Beispiel aus vielen. Ich werde
-nicht philosophieren &ndash; die Sache geht mir zu sehr an's Herz.</p>
-
-<p>Ich bin der Sohn eines niederösterreichischen Landwirtes.
-Nach einigen absolvierten Gymnasialklassen in
-Wiener-Neustadt kam ich auf die land- und forstwirtschaftliche
-Anstalt in Hermsdorf. Von Haus aus hatte ich eine sehr
-religiöse Erziehung genossen, wozu auch noch meine empfindsame
-Gemütsart kam. Daß mir bei jedem Abschiede meine
-Eltern gute Lehren gaben, brav zu bleiben und auf Gott nicht
-zu vergessen, bin ich jedoch nach und nach so gewohnt geworden,
-daß es gar keinen Eindruck auf mich mehr machte.
-Ich fand es im Grunde ja doch so selbstverständlich, für
-was hielten sie mich denn, wenn sie mir zutrauen konnten,
-unbrav zu werden und Gott zu vergessen!</p>
-
-<p>Einen ganz anderen Eindruck hingegen machten eines
-Tages, als ich wieder ins Institut abreiste, auf mich die
-Worte unseres alten Pfarrers, der in der Volksschule mein
-Katechet und Beichtvater gewesen und dem ich als Knabe in
-der Dorfkirche ministriert hatte. Der saß in einem Ledersessel
-und zog mich neben sich nieder auf einen Stuhl und hielt
-mich an der Hand &ndash; die seine war völlig kühl &ndash; und sagte
-zu mir ungefähr folgendes: »Mein Sohn, so oft du fortgehst,
-befällt mich eine Bangigkeit. Wenn ich dir ins Auge
-schaue, da ist so viel Vertrauen d'rin. Du gehst munter in
-die Welt, es ist schön draußen, du wirst vieles Gute lernen,
-sie wird dir allerlei große Aufgaben stellen und allerlei Vergnügungen<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span>
-anbieten &ndash; und eines Tages wirst du gewahr
-werden, daß du den kindlichen Glauben an Gott nicht
-mehr hast.«</p>
-
-<p>So sagte er, ich wurde hierauf fast erbost und rief:
-»Niemals, Herr Pfarrer, ich lasse mich nicht verführen, und
-meine Religion lasse ich mir nicht rauben, so wahr&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Ich hob den rechten Arm, er drückte mir ihn sanft zurück
-und sagte: »So behüte dich Gott!«</p>
-
-<p>Dann ging ich hin und war ganz glücklich im Bewußtsein
-meiner Frömmigkeit und meiner Festigkeit, und schaute in die
-besonnte Landschaft hinaus, wo alles so lebendig und freudenvoll
-war im Blühen, Glänzen und Jubilieren, und ich erinnerte
-mich auf jener Wanderschaft an den Ausspruch: Die
-Welt ist ein Transparent Gottes.</p>
-
-<p>Zu jener Zeit war ich siebzehn Jahre alt. Ich hatte den
-Ruf eines gesitteten, fleißigen Schülers; die Kollegen und
-die Lehrer und die Bücher und vielerlei Welt waren um mich,
-viele Freunde hatte ich, und ein paar kleine, kindische Feinde,
-aber niemand und nichts machte den geringsten Versuch, mich
-vom Glauben abwendig zu machen. Im Gegenteile, weil
-ich strebsam und ordentlich und stets munter war, so wurde
-ich anderen als Beispiel aufgestellt. Wenn ich dann allein
-war in meinem Zimmer, spät abends vor dem Einschlafen
-oder an hohen Festtagen, gedachte ich Gottes und meiner
-Eltern mit dem gleichen Herzen.</p>
-
-<p>In den Studien stieg ich auf: Geographie, Astronomie,
-Zoologie, Botanik, Mineralogie. Hatte mir doch mein alter
-Pfarrer gesagt, das Studium der Schöpfung Gottes sei
-auch ein frommes Werk. In freien Stunden gab ich mich
-gerne mit Dichtern ab, mit den besten, die wir haben: mit
-Klopstock, Körner, Herder, Schiller, Lessing, Goethe. Wohl
-sah ich manches in verschiedenen Zeiten mit verschiedenen<span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span>
-Augen an. So hatte Faust für mich nicht weniger als drei
-Stücke. Als ich ihn das erstemal las, ergötzte mich darin der
-Spuk und der possierliche Teufel, der schließlich den Doktor
-in die Hölle holt; bei einem späteren zweiten Lesen interessierte
-mich vor allem die Liebesgeschichte mit Gretchen. Das drittemal
-&ndash; da war ich schon weit &ndash; sah ich nichts als den Philosophen
-Faust. In der Naturgeschichte weiß ich nicht, wann
-ich das Brücklein übersprang von den alten Gelehrten zu
-den modernen. Es ist ja eigentlich keine scharfe Grenze.
-So geht es sachte hin, es ist manches fremd. Der Katechet
-und der Lehrer der Naturgeschichte hatten keine Berührungspunkte
-mehr, das fiel mir anfangs gar nicht auf.</p>
-
-<p>Einmal, als ich zu Hause auf Ferien war, kam der alte
-Pfarrer auf Besuch und blätterte ein wenig in meinen Lehrbüchern.
-Sagte aber kein Wort, sondern war herzlich wie
-immer. Nicht mehr war es der Pflichteifer, der mich zum
-fach- und naturgeschichtlichen Studium trieb, sondern das
-wirkliche Interesse an ihm; ich las alle einschlägigen Werke,
-die ich bekommen konnte, selbst wenn sie weit über das Ziel
-unserer Fachstudien hinausgingen. Endlich bei einem lebhaften
-Gespräch mit einem Kollegen über Abstammung und
-Vererbung im Tierreiche sah ich's, wo ich war. Ich war
-mitten im Darwin.</p>
-
-<p>Jetzt wissen sie vieles von mir, was ich damals noch
-selbst nicht wußte. Also gut, Tiere und Pflanzen stammen aus
-ganz wenig Urformen her, vielleicht aus nur einer Urzelle!
-Und die Wesen züchten und entwickeln sich im Kampfe um's
-Dasein. Das ist was neues, aber es leuchtet ein. Doch das
-höchstentwickelte Tier, bei dem knüpft ja der Mensch an! Und
-die ganze Organisation des letzteren zeigt unwiderleglich,
-daß der Mensch in vielen tausenden von Jahren aus dem
-Tierreiche herausgewachsen ist. So erzählte man mir Dinge,<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span>
-die nicht waren?! &ndash; Die neue Lehre dehnt sich mit ihren
-Grundsätzen durch unendliche Zeiten und Räume. Und
-nirgends von Gott die Rede? Nirgends eine Spur von ihm?
-Was ist das? &ndash; In meiner Bedrängnis schrieb ich dem alten
-Pfarrer, ich sei in eine große Verwirrung geraten, die Naturgeschichte
-stimme mit der Bibel nicht und im Weltall wäre
-mir Gott abhanden gekommen.</p>
-
-<p>Der gute alte Mann tat ganz harmlos und schrieb
-zurück, meine Beängstigung sei einerseits ein Beweis von der
-tiefen Religiosität meines Gemütes, andererseits aber eine
-Mahnung, wie sehr ich in diesen Dingen auf der Hut sein
-müsse. Mein Zweifel &ndash; wenn er die augenblickliche Stimmung
-so nennen wolle &ndash; sei übrigens ganz grundlos. Daß
-man die Bibel nicht wörtlich, sondern gleichnisweise zu
-nehmen habe, sei oft genug gesagt worden, und so stimme sie,
-deuche ihm, wirklich mit dem von mir angeführten Systeme.
-Wissenschaftliche Forschungen könnten sich weit ausdehnen,
-aber endlich seien sie doch nur etwas Menschliches, also Unvollkommenes
-und Begrenztes. Und außerhalb dieses menschlichen
-Spielraumes &ndash; der im Vergleiche zur Unendlichkeit
-doch ganz armselig wäre &ndash; hätte Gott Raum genug,
-wenn es die Herren Gelehrten schon nicht zugeben wollten,
-daß er in der Seele seiner Geschöpfe sei.</p>
-
-<p>Auf diesem Karren schleifte ich meine Religiosität noch
-eine Weile fort. Doch als es immer weiter in die Erkenntnis
-und immer tiefer in's Leben hineinging, sah ich endlich ein,
-es wäre umsonst. Der kindliche Glaube war nicht mehr zu
-halten. Der Gott, der sich denken ließ, war nicht der Gott
-meiner Väter.</p>
-
-<p>Ich dachte viel an das Oberhaupt der neuen Schule.
-Alt-England ist ein gut katholisches Land, Darwin's Familie
-hat einen hochgeachteten Namen, der Gelehrte selbst<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span>
-ist ein makelloser Charakter, von dessen Seelenadel so
-manches erzählt wird. Wie kann es möglich sein, daß solch
-ein Mann eine Lehre ausbildet, die von keinem Gott weiß! &ndash;
-Das kann nicht möglich sein.</p>
-
-<p>In einem persönlichen Gespräche mit dem alten Pfarrer
-teilte mir dieser zu meinem Troste mit, daß er vernommen
-habe, Darwin sei ein guter katholischer Christ, seine Lehre
-werde nur schlecht verstanden und falsch ausgelegt. Für
-den Augenblick leuchtete mir das wieder ein.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Meine Fachstudien waren beendet. Ich kam auf ein
-großes Gut in Mähren als Praktikant. Das war im Jahre
-1880. Kurze Zeit darauf starb meine Mutter. Noch sterbend
-hatte sie gesagt, sie lasse mich, den fernen Sohn, grüßen
-und bei Gott im Himmel wollten wir uns alle wieder zusammenbestellen.</p>
-
-<p>Was nun in mir für ein Leid anhub! Meinem priesterlichen
-Freunde klagte ich alles. Er war erschüttert und
-wußte mir nichts mehr zu sagen, als ich solle beten und
-arbeiten.</p>
-
-<p>Arbeiten, ja, Tag und Nacht, bis zur Erschöpfung.
-Draußen auf den Feldern und in den Wäldern ging ich
-umher, solange ein Licht am Himmel, und legte selbst Hand
-an den Pflug, an das Schnittscheit, und in halben Nächten
-saß ich bei meinen Rechnungen und theoretischen Ausarbeitungen.
-Aber beten? Gebete sagen kann man, wann man
-will, aber beten nicht. O Mutter, Mutter, daß du mir auf
-ewig solltest genommen sein!</p>
-
-<p>Und in einer solchen Nacht, da draußen ein leiser
-Nachtwind rieselte in der Linde, und im Hause alle so ruhig
-und süß schliefen, als wäre Himmel und Erde für sie eine
-sanft schaukelnde Wiege &ndash; da kam mir plötzlich der Gedanke:
-Bei Bibel und Priestern klopfe ich vergebens an.<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span>
-Nur der mir den Glauben geraubt hat, kann mir ihn wieder
-zurückgeben.</p>
-
-<p>Ich zündete das ausgelöschte Licht wieder an und schrieb
-an Charles Darwin zu Down in England.</p>
-
-<p>Ich stellte ihm meine Bedrängnis vor und bat ihn um
-Aufklärung, was er von Gott halte, was. er von der Unsterblichkeit
-der menschlichen Seele denke? &ndash; Den Brief
-sandte ich am nächsten Tage ab. Zwei Wochen darauf hatte
-ich Antwort, die aber so kalligraphisch geschrieben war, daß
-ich die Handschrift des großen Gelehrten darin nicht vermuten
-konnte. Darwin entschuldigte sich durch eine zweite
-Person mit seinem Alter, mit seiner Kränklichkeit, mit der
-Bürde seiner wissenschaftlichen Arbeiten; er sei außerstande,
-die schwierige Frage zu beantworten.</p>
-
-<p>Also, er läßt mich sitzen. Er hat mich beraubt um meine
-Labnis und läßt mich in der Wüste verschmachten. Er hat
-seine Weltberühmtheit &ndash; die tausend Herzen, die da brechen,
-kümmern ihn weiter nicht.</p>
-
-<p>Als ich jedoch &ndash; denn das war mir wie angetan &ndash;
-wieder in den Schriften des Forschers las, stellte ich mir die
-Frage: Ist es bei ihm die Lockung des Ruhmes? Soll es
-nicht vielmehr &ndash; so wie ja auch bei mir &ndash; der Drang
-nach Wahrheit sein? Und wie wäre es möglich, daß ein
-Forschergeist so groß und so tief sein kann, wenn nicht Gott
-mit ihm ist? Und war in seinem Schreiben nicht von einer
-<em class="gesperrt">schwierigen</em> Frage die Rede? Er müsse über diesen Punkt
-also doch was zu sagen haben und sehr viel, wenn es sich
-in einem gewöhnlichen Briefe nicht beantworten ließe. &ndash;
-Es mag seine Kränklichkeit noch so groß sein, wenn es ein
-Seelenheil gilt, da muß er die Frage beantworten und sollte
-es ein Buch werden.</p>
-
-<p>So habe ich dem Gelehrten noch einmal geschrieben, habe<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span>
-ihm vorgestellt, daß mein Heil von seiner Antwort abhänge,
-daß er es seinem Jünger schuldig sei, das Gewissen zu beruhigen,
-daß der Forscher, nachdem er so viel gesagt, nicht
-zurückschrecken dürfe davor, das letzte Wort auszusprechen,
-daß ich dieses letzte Wort für eine Offenbarung halten
-wollte, und daß es, fiele es aus, wie immer, mich aus der
-peinigenden Ungewißheit reißen und beruhigen würde. Ich
-bat inständig, wie der Verschmachtende um einen Trunk Wasser
-bittet, mir wie ein sterblicher Mensch dem sterblichen Menschen
-offen und treu anzuvertrauen, was er von Christus
-und seinen Offenbarungen, und also auch von der Unsterblichkeit
-der Seele halte.</p>
-
-<p>Am elften Tage nach der Absendung dieses meines
-zweiten Briefes kam ein Schreiben, dessen Schriftzüge und
-Namensunterschrift als die des großen Forschers erkannt
-werden. Das Schreiben lautet:</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="right">
-»Down, 5. November 1880.</p>
-<p class="center">
-Lieber Herr!
-</p>
-
-<p>Ich bin sehr beschäftigt, ein alter Mann und von
-schlechter Gesundheit, und ich kann nicht Zeit gewinnen,
-Ihre Frage vollständig zu beantworten, vorausgesetzt, daß
-sie überhaupt beantwortet werden kann. Wissenschaft hat
-mit Christus nichts zu tun, ausgenommen insoferne, als die
-Gewöhnung an wissenschaftliche Forschung einen Mann
-vorsichtig macht, Beweise anzuerkennen. Was mich selbst
-betrifft, so glaube ich nicht, daß jemals irgend eine Offenbarung
-stattgefunden hat. In Betreff aber eines zukünftigen
-Lebens muß jedermann für sich selbst die Entscheidung
-treffen zwischen widersprechenden, unbestimmten
-Wahrscheinlichkeiten.</p>
-
-<p class="center">
-Ihr Wohlergehen wünschend, bleibe ich, lieber Herr,<br />
-Ihr hochachtungsvoller Charles Darwin.«
-</p></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span></p>
-
-<p>Seine Meinung hatte ich nun. Was half sie mir? Sie
-setzte seinen Werken die Krone auf. Er war gottlos.</p>
-
-<p>Was wäre schließlich aber daran gelegen? Hätte ich mich
-von ihm nur freimachen können. Das konnte ich nicht. Seine
-Lehre hielt mich gefesselt, wie eine geschehene unerbittliche
-Tatsache. Ich versuchte mich mit Studium wieder auszugleichen,
-ging sogar auf eine berühmte deutsche Universität,
-um zu sehen, wie andere mit der Sache fertig werden. Ich
-hielt es aber nicht lange aus, kehrte zurück und suchte in
-meiner unerleuchteten Trostlosigkeit einen andern Weg. Das
-Gegengewicht, das mich bisher vor dem Niedersinken zur
-Erde bewahrt hatte, war verloren, ich war ein Leib ohne
-Seele. Nun kamen schon die Stunden, in denen ich solche
-Menschen beneidete, die imstande sind, des Nächsten Glück
-spielend zu ihrem eigenen Vorteile auszunützen. Das
-eben sind ja die wohlorganisierten Menschen, die den
-Kampf ums Dasein siegreich bestehen und in ihrer Gattung
-den Egoismus zu immer größerer Vollkommenheit ausbilden.</p>
-
-<p>Ich trachtete zwischen meinem Wissen und Leben eine
-Harmonie herzustellen, nämlich indifferent in moralischen
-Dingen, also schlecht zu werden. Aber hierin hatte der Alte
-ja auch wieder recht: du kannst nicht besser und nicht schlechter
-sein als du bist.</p>
-
-<p>Statt schlecht zu werden, wurde ich krank. Ich vermochte
-in eine Welt, in der nichts dahintersteckt, keinen Wert zu
-legen. Wo andere sich balgen um die Früchte des Augenblickes,
-dort wurde ich gleichgültig gegen alle Genüsse, deren
-letztes Ziel die Enttäuschung ist. Die Nervenspannungen
-wurden lax, ich begann abzuwelken. Weil just der Winter
-war, so sagten gutmütige Menschen, das Frühjahr würde mir
-Besserung bringen. Andere flüsterten &ndash; und die hörte ich am<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span>
-liebsten &ndash; bis die Bäume ausschlügen, würde ich's überstanden
-haben.</p>
-
-<p>Es kam das Frühjahr. Und zwar nicht an einem Tage,
-aber in einer und derselben Woche starb in meiner Heimat
-der alte Pfarrer und zu Down bei Kent in England Charles
-Darwin. Ich lebte weiter. Meine Phantasie wurde noch
-einmal tätig, ich stellte mir vor, wenn sich der alte Gentleman
-doch geirrt hätte und wenn die beiden Hingeschiedenen
-in der Ewigkeit sich begegneten, was sie wohl sagen würden
-zueinander?</p>
-
-<p>Mein Zustand verbesserte sich nicht, ich fühlte wirklich,
-daß ich keine Seele mehr hatte, nur mitunter Nervenstimmungen,
-die mir wehe taten. Wer mich sah, der gab mir
-einen guten Rat, um gesund zu werden, und einer meiner
-ehemaligen Kollegen riet mir geradezu &ndash; und pries es als
-das sicherste Mittel meiner Rettung &ndash; ich sollte mich verlieben.
-Das Weib würde mich schon wieder Gott erkennen
-lernen. Einstweilen sollte ich ins Gebirge gehen, um in der
-reinen kräftigen Luft körperlich zu erstarken.</p>
-
-<p>Den letzteren Vorschlag, den auch mein Vater, ein geborener
-Tiroler, sehr unterstützte, befolgte ich in der Tat, ich
-zog in's Pustertal und habe dort den Sommer zugebracht.
-An flache Gegenden gewohnt, fühlte ich mich anfangs im
-engen Gesichtskreise zwischen hohen Bergen noch mehr gedrückt,
-hingegen taten mir die Menschen wohl. Zuerst überkam
-mich freilich eine unbeschreibliche Wehmut, als ich bei
-ihnen die liebe Gottesgläubigkeit und die Harmonie des
-Gemütes wiederfand, die mir verloren gegangen war, aber
-allmählich bekam ich Anwandlungen, daß ich das Glück
-meiner Person überhaupt nicht mehr als Hauptsache in
-Betracht zog, sondern leidlich zufrieden war, wenn ich's
-an anderen sah.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span></p>
-
-<p>Als die kalte, regnerische Zeit des Septembers kam,
-wurde mir übler und ich trachtete milderen Gegenden zu.
-Da vollzog sich außer und in mir ein Ereignis.</p>
-
-<p>Vom Gebirge kommend harrte ich bei einem Bahnhof des
-Etschtals auf den Zug, der mich nach Italien bringen sollte.
-Als der Zug im Bahnhofe stillstand, wurden alle Passagiere
-aufgefordert, auszusteigen, der Zug könne nicht abgelassen
-werden, da südlich von Trient das Hochwasser einen Damm
-zerstört habe. Wie lange Verspätung? fragte man. Der
-Verkehr nach dem Süden überhaupt eingestellt! war der
-Bescheid.</p>
-
-<p>So wollte ich nach Norden, der Heimat zufahren, was
-konnte ich dabei verlieren? Der Zug gegen Innsbruck wurde
-abgelassen. Er war groß und sehr überfüllt. Alle Fenster
-waren besetzt, denn da konnte man interessante Dinge sehen.
-Der Regen floß in Strömen und immer von neuem sank
-schweres, finsteres Gewölke an den Berghängen nieder,
-wallte, braute und staute sich in den Kesseln, als wollte es die
-Felsen sprengen. Jede Wand hatte ihre weißen Adern, die
-hundertfältig niedergingen. Das waren die Wasserfälle. Hier
-sprangen sie in Bogen, dort in breiten Bändern, dort in
-dünnen Schleiern. Aus den Schluchten donnerten braune
-Fluten, die dort und da mit beängstigender Gewalt an den
-Bahnkörper schlugen. Der Fluß war an den meisten Stellen
-ausgetreten, die Talsohle glich streckenweise einem trüben See,
-aus welchem Bäume, Hügel, einzelne Gebäude, Zäune und
-Wegsäulen ragten. Hier stand das Wasser ruhig, dort schoß
-es in breiten, verzweigten Adern heftig dahin. Mitten durch
-führte unser Bahndamm, auf welchem der Zug langsam und
-heftig pustend dahinfuhr. Ich war gegen meine Reise gleichgültig
-gewesen, aber je zweifelhafter nun das Weiterkommen
-wurde, je lebhafter wünschte ich es.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span></p>
-
-<p>Bei einer nächsten Station gewannen wir die tröstliche
-Versicherung, daß die oberen Gegenden weniger gelitten
-hätten und die Bahn fast durchwegs unbeschädigt sei. Wir
-kamen glücklich ins Pustertal, doch hier wurde es grauenhafter
-und endlich waren wir glücklich an einem Punkte, wo wir nicht
-vorwärts und nicht mehr rückwärts konnten. Vor uns hatte
-die rasende Rienz den Bahnkörper durchbrochen und die
-Schienen standen wie eine Riesengabel in die Luft hinaus.
-Hinter uns sahen wir eine Brücke niederbrechen. Ein
-mächtiger Fichtenstamm samt Astwerk und Wurzel mit
-Erdballen hatte sich herangewälzt und schmiegte sich an einen
-der Brückenpfeiler fest. Alsbald staute sich weiteres Gestämme,
-das empörte die Wasser, die heute keinen Widerstand kannten,
-und einer der Pfeiler begann zu krachen, das hielt noch ein
-paar Minuten stand, endlich aber wankte alles und brach Joch
-um Joch langsam nieder.</p>
-
-<p>Der Zug stand. »Wir haben Rasttag,« rief einer der
-Schaffner. Zur einen Seite hatten wir die Berglehne, zur
-andern die überflutete Talschlucht. Wir konnten einige
-Männer beobachten, Touristen mochten es sein, die jenseits
-am Felshange hinkletterten, weil die Straße unter Wasser war.
-Wir mußten, ob jammernd, lachend oder fluchend, unsere
-Behausung endlich auch verlassen und in Wind und Regen
-unser Fortkommen suchen. Der leere Zug schob sich langsam
-zurück auf eine gesichertere Stelle. Ich kroch den Berg
-hinan, und insoferne der Nebel Ausblick gestattete, sah ich
-neue und grauenhafte Verwüstungen. Da unten war ein
-Seitental, in welchem gerade ein Haus zusammenfiel. Aus
-dem Trümmerhaufen stob zuerst Rauch, es schien sich ein
-Feuer zu entwickeln, welches aber gar bald gedämpft war,
-weil alles ins Wasser niedersank und sich auf demselben
-fast sanft auseinanderlegte. Am Ufer schossen Menschen hin<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span>
-und her, schlugen die Hände zusammen, hantierten planlos
-mit langen Stangen herum, und ein Weib wollte ins Wasser
-springen, um eine ertrinkende Ziege zu retten, wurde aber
-noch rechtzeitig zurückgehalten.</p>
-
-<p>Ich trieb mich einen Tag lang herum, immer von Wasser
-und Erdbrüchen verhindert und abgelenkt und selbst am
-Leben bedroht. Ich hatte damals begreiflicherweise keinen
-Sinn für die Großartigkeit der Natur, die mich Würmchen
-mit ihren ungeheuren Gewalten umgab. Heute weiß ich,
-daß mir eine solche Größe in diesem Leben wohl kaum mehr
-begegnen wird. Endlich kam ich zu einem Hofe, der auf
-festem Grunde einer Höhung stand. Aber er war angepfropft
-von Leuten, die im Tale ihr Haus und Habe verloren
-hatten. Das war ein Weinen und Klagen! Die einen
-kauerten halbnackt in den Winkeln, daß ihre Kleider trocknen
-mochten; die anderen verschlangen in Heißhunger Nahrung,
-die ihnen die gastlichen Bewohner reichen konnten.
-Aber die Bäuerin sagte: »Helf Gott, wir werden bald selber
-nichts mehr haben!«</p>
-
-<p>Hier konnte ich also nicht bleiben.</p>
-
-<p>Nach einer schlechten Nacht, die ich in einem Heustadl
-zubrachte und in der ich inne wurde, was eine gute Nacht wert
-ist, kam ich wieder zum See der Rienz hinaus; man konnte
-nicht mehr sagen: Tal, denn es war ein See, der heute,
-da ich dieses schreibe, noch nicht abgelaufen ist und vielleicht
-gar nicht ganz ablaufen kann, weil Lawinen die Schluchtpässe
-verlegt haben. Mitten im See, aus dem die Dächer von
-Hütten, Mühlen und Holzsägen ragten, wovon eins ums
-andere verschwand, mitten in diesem weiten Gewässer auf
-einer schmalen, langgestreckten Insel sah ich ihrer sechs oder
-acht Männer, die mit verzweiflungsvollen Gebärden um
-Hilfe riefen. Ich fand nach langem Suchen Leute zusammen,<span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span>
-die mit einem kleinen Floße jene Männer retteten. Sie
-hatten einen Tag früher den Flußdamm verteidigt und
-waren dabei, weil weiter oben eine Wehre brach, plötzlich
-vom Wasser eingeschlossen worden. Eine furchtbare Nacht
-hatten sie verlebt auf dem schmalen Damm, von welchem
-Stück für Stück weggeschwemmt wurde. Zwei weitere
-Genossen, die bei ihnen gewesen, hatten sich in der
-Finsternis der Sturmnacht von ihrer Seite verloren, waren
-zugrunde gegangen, ohne daß es von den übrigen bemerkt
-worden.</p>
-
-<p>Nun erfuhr ich auch, daß diese Gegenden von aller Welt
-abgeschnitten waren. Alle Täler bis hinaus nach Lienz, bis
-Defereggen und Oberdrauburg wären verheert. Aus dem
-Eisacktale brachte einer, der auf Umwegen übers Gebirge
-kam, Nachricht von den schrecklichen Verwüstungen, die dort
-und südlicher im Etschtale bei Bozen, Trient und in der
-Meraner Gegend angerichtet seien. Und alle Straßen und
-Eisenbahnen vernichtet, alle Telegraphenleitungen zerrissen.
-Ganze Dörfer und Städte überschwemmt, zum Teile eingestürzt,
-fortgerissen. Wie viele Menschen schon ums Leben gekommen
-und bei dem fortwährenden Steigen der Wasser noch
-ums Leben kommen würden, das sei nicht annähernd zu
-sagen. Aus manchen Engtälern sei gar keine Nachricht gekommen,
-aber das Wasser hätte unerhörte Massen von Getrümmer
-hervorgeschwemmt. Wie es den Leuten ergehe, das
-wisse Gott. Man begreife nicht, woher all das Wasser kommen
-könne, die Regenfluten allein könnten es nicht ausmachen.
-Allerdings gehe ein Wind, als wären die Dolomiten
-lauter heiße Öfen, der schmelze Schnee und Eis auf den Gebirgen.
-Aber es scheine, als sei in den Tauern und in den
-weißen Bergen (Dolomiten) und in den Trientiner Alpen und
-im Ortlergebirge und überall die Flut aus der Erde hervorgebrochen,<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span>
-wie es bei der Sintflut gewesen, und es sei nicht
-abzusehen, was daraus noch werden solle!</p>
-
-<p>Während die Leute zusammenstanden, um diese Posten
-zu hören, läuteten sie in den Nachbardörfern, die teils im
-See standen, fortweg Sturm, und es vergrößerte sich auch
-für diesen Ort, der hart am Berghange lag, die Gefahr.
-Man räumte die Häuser aus, aber jetzt kam die Dorfgasse
-herauf das braunrote Wasser gewallt. »Das Wasser
-rinnt aufwärts!« riefen die Kopflosesten, »da ist alles
-aus.«</p>
-
-<p>Aus den Häuserräumen hörte man das Quirln und
-Gurgeln des Wassers, das Niederbröckeln von Mauerwerk;
-dann wieder ein Knattern und Schmettern einstürzender
-Wände und Dächer. Bei den Häusern schrien die Leute, auf
-den Anhöhen röhrten und blökten die Haustiere, und über
-alles hin war das dumpfe Tosen.</p>
-
-<p>Ein Weib kam durchs Wasser gesprungen: das Spital
-sei hin, die Kranken müßten ertrinken, wenn man ihnen nicht
-zu Hilfe käme. Jetzt fiel es mir ein: da könntest du ja
-helfen! Wir trugen die Kranken in die Kirche hinauf, die
-höher stand. Aber auch einen Toten schleppten sie jetzt herbei,
-einen jungen Burschen, der seine mühselige Großmutter
-aus der überschwemmten Kammer gerettet und dabei den
-Tod gefunden hatte. Die Gerettete war ohnmächtig, die
-übrigen Mitglieder der Familie erhoben ein lautes Klagen.
-Da trat ein alter Mann zur Gruppe und rief: »Was beweint
-ihr den da! Der ist der Glückliche. Wir sind die
-Unglücklichen!« Wer einen Blick in die Gegend hinaus tat,
-der konnte wohl verstehen, wie's gemeint war.</p>
-
-<p>Der Himmel war finstergrau, aber die Berge standen
-jetzt rein bis zu ihren weißen Gipfeln. Im dunkelbraunen
-See spiegelte sich ihr Bild. Von den entwaldeten Lehnen<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span>
-gingen ununterbrochene Erdlawinen nieder, als wäre »die
-Erde rinnend geworden«, wie sich einer ausdrückte.</p>
-
-<p>Kaum hatten sie den Ertrunkenen in die Totenkammer
-gelegt, erscholl &ndash; so gut es durch das Tosen der Wasser
-hörbar war &ndash; neues Jammergeschrei. Ein Kind hatten die
-Wellen fortgerissen, die Mutter desselben lief mit herzbrechenden
-Hilferufen hin und her, keiner wollte sich ins
-wallende Wasser wagen, und das Leiblein wogte schon dem
-reißenden Hauptstrome zu.</p>
-
-<p>Jetzt kam's über mich. Kannst du schwimmen? rief ich
-mir selber zu, nicht? So lern's! &ndash; Und stürzte mich in's
-Wasser. &ndash; Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf einer
-steinernen Treppe, und um mich waren Leute und vor mir
-kniete ein Weib und beschwor mit gerungenen Händen, unter
-Tränen schreiend, alles Glück des Himmels auf mich herab.
-Andere Weiber beschäftigten sich mit dem geretteten Kinde,
-einem Mädchen von fünf bis sechs Jahren. Und während
-auf das unselige Dorf immer neue Wassermassen anbrausten
-von allen Seiten, und die Leute in heller Verzweiflung um
-ihre Existenz rangen, war ein überglückliches Wesen da, dem
-seine ganze kleine Habe zugrunde gegangen, das als Bettlerin
-saß an den Stufen des Kirchentores und das nimmer
-satt werden konnte, sein wiedergefundenes Kind jubelnd zu
-herzen und zu küssen.</p>
-
-<p>»Das ist er!« schrie sie und zeigte auf mich, »o, schaue
-ihn an!«</p>
-
-<p>Und der Blick, den das kleine Mädchen auf mich geworfen,
-ist mir tief gegangen.</p>
-
-<p>Ich habe es dann nicht mehr gesehen. Ich trug noch
-mein Weniges zu den Schutz- und Rettungsarbeiten bei,
-bis am dritten Tage das Wasser zu fallen begann, und wir
-alle erschöpft zur Rast sanken.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span></p>
-
-<p>Später habe ich nach Tagen mühevollen Wanderns in
-Kärnten den Punkt erreicht, wo das Eisenbahngelaß die versprengten
-und verschlagenen Reisenden und Touristen wieder
-in Empfang nehmen konnte.</p>
-
-<p>Und als ich glücklich daheim in meinem Hügellande saß,
-da machte ich die Wahrnehmung, daß ich nicht mehr krank
-war. Nicht mehr krank und nicht mehr schwermütig, sondern
-so jung und munter, als ich's einst gewesen.</p>
-
-<p>Jetzt prüfte ich mich, was denn die furchtbare Leere,
-die Darwin in mein Gemüt gerissen, wieder ausgefüllt
-haben möchte. Ich fand's nicht, so sehr ich nachdachte. Vielleicht
-daß das große Unglück, welches ich miterlebte, mich
-wieder ins Gleichgewicht gebracht, wie es ja bisweilen geschehen
-soll, daß Pessimisten und Verzweifler gerade durch eine
-schwere Gefahr und Not wieder zur Achtung des Lebens
-bekehrt werden. Aber wenn ich mitunter so vor mich hinträumte,
-da sah ich in der Dämmerung meines Herzens,
-wo einst das »ewige Licht« wie vor dem Altare gebrannt
-hatte, zwei Sternlein schimmern &ndash; und das waren die Augen
-des geretteten Kindes.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span></p>
-
-<h2 id="Ehre">Ehre.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">»Herr Kreisrichter, ich bitte auf ein Wort!«</p>
-
-<p>»Nun, nun, lieber Herr Seelader, was bringen
-Sie mir denn noch so spät?«</p>
-
-<p>»Auf ein Wort!«</p>
-
-<p>»Und so aufgeregt?«</p>
-
-<p>»Es ist etwas Wichtiges. Sie werden erstaunen, Herr
-Kreisrichter. Ich muß bitten, daß Sie mich festnehmen
-lassen!«</p>
-
-<p>»Aber, Seelader! Solche Späße!«</p>
-
-<p>»Es ist kein Spaß. Bei Gott nicht. Sie müssen mich
-einsperren. Sogleich! Ich habe einen Freund ermordet.
-Den Johann Hallsteiner. Den Sohn der alten Hallsteiner,
-die heute gestorben ist.«</p>
-
-<p>»Was? den Johann Hallsteiner haben Sie ermordet?
-Aber lieber Freund, was fehlt Ihnen denn? Der Johann
-Hallsteiner ist ja schon seit Jahren tot.«</p>
-
-<p>»Ich habe ihn erschossen. Ich werde alles beweisen.
-Ich zeige es jetzt an. Es ist die Zeit gekommen. Herr
-Richter, Sie haben einen Schuldigen vor sich!«</p>
-
-<p>Nun war der Kreisrichter in der Tat erschrocken, denn
-der junge Mann sah in diesem Augenblicke wirklich aus wie
-ein Mörder. Ganz verstört, blaß, wirr. Der Richter klingelte
-und befahl dem eintretenden Diener: »Schnell zum Doktor
-Grohbach. Er soll sofort kommen!«</p>
-
-<p>»O nein, Herr Richter,« sagte Seelader, »krank bin
-ich nicht. Ich bin ja ruhig, sehen Sie mich nur an, es ist
-die Wahrheit, was ich sage.«</p>
-
-<p>»So kommen Sie,« sprach der Kreisrichter freundlich<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span>
-und suchte den jungen Mann am Arm zu nehmen. »Ich
-werde Sie in Ihre Wohnung begleiten.«</p>
-
-<p>»Sie sind immer gut gewesen gegen mich und sind
-es auch jetzt,« sagte Seelader. »Aber es ist anders geworden.
-Ich darf nichts mehr annehmen. Ich werde diese Nacht noch
-in meinem Zimmer zubringen, wenn Sie mich nicht in den
-Arrest tun wollen, morgen jedoch zum Landesgericht gehen.
-Der Verantwortung wegen sollten Sie mich aber sogleich da
-behalten. Es wäre besser, Herr Kreisrichter!«</p>
-
-<p>Unter warmem Zureden brachte dieser den jungen, aufgeregten
-Menschen in sein Dachzimmerchen, empfahl ihn
-angelegentlich der Mietfrau und schickte den Arzt.</p>
-
-<p>Dann eilte er nach Hause.</p>
-
-<p>»Denkt euch, Kinder!« sagte der Kreisrichter bei dem
-Abendessen zu seiner Familie, »mein Amtsschreiber, der
-Seelader, ist erkrankt.«</p>
-
-<p>Die älteste Tochter, Fräulein Ludmilla, horchte auf.</p>
-
-<p>»Und das schwer, unheimlich erkrankt,« fuhr der Richter
-fort. »Ein Gehirnleiden. Ich muß nur erst zu Doktor
-Grohbach schicken, was er an ihm gefunden hat. Kommt
-der Arme heute abends &ndash; eben erst vorhin &ndash; zu mir und
-bittet mich in höchst aufgeregter Weise, ich solle ihn festnehmen
-lassen, er habe seinen Freund Hallsteiner erschossen.«</p>
-
-<p>Fräulein Ludmilla legte Messer und Gabel weg.</p>
-
-<p>Die Frau Richterin sagte: »Du scherzest doch, Mann!«</p>
-
-<p>»Ich weiß wohl, daß der Selbstmord seines Freundes
-ihm nahegegangen ist damals,« sagte der Richter, »aber nach
-Jahren &ndash; es mag ja fünf oder sechs Jahre seit jener Geschichte
-mit dem Hallsteiner her sein &ndash; könne doch, meint
-man, aus diesem Grunde eine Gehirnstörung nicht mehr
-zum Ausbruche kommen. &ndash; Wie war das nur gleich,
-damals?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span></p>
-
-<p>»Der Postbeamte Johann Hallsteiner,« sagte nun die
-Frau, »hatte &ndash; so viel ich mich erinnern kann &ndash; sich eine
-Veruntreuung zu Schulden kommen lassen und in dem
-Augenblick, als man ihn festnehmen wollte, sich eine Kugel
-durch den Kopf gejagt.«</p>
-
-<p>»Richtig, und ich entsinne mich, wie sein Freund Seelader,
-der war damals noch Student, am Grabe des Verscharrten
-einen lauten Schwur getan haben soll, die Ehre
-des Freundes zu retten, seinen Tod zu sühnen, oder so
-etwas.«</p>
-
-<p>»Dann hast du ihm doch zur kleinen Stelle verholfen,
-die er heute noch einnimmt.«</p>
-
-<p>»Er wird demnächst avancieren. Einen fleißigeren und
-gewissenhafteren Schreiber habe ich nie gehabt. Dazu ein
-stiller, eingezogener Mensch, bescheiden und liebenswürdig&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Fräulein Ludmillas Wangen blühten wie Rosen im Mai.</p>
-
-<p>»Als Student soll er's ja flott getrieben haben, bis
-die kleine Erbschaft seiner Eltern dahin war,« bemerkte die
-Frau Kreisrichterin. »Man glaubt nicht, wie vorteilhaft
-ein Mensch sich ändern kann, wenn er in das Geleise der
-Arbeit kommt. Und rührend war es, wie er die armen
-Eltern seines unglücklichen Freundes unterstützte, sich selbst
-alles versagte, um von seinem geringen Gehalte die siechen,
-verlassenen alten Menschen zu versorgen. Als vor einigen
-Monaten der alte Hallsteiner starb und heute die Frau,
-habe ich mir gedacht: Jetzt wird der gute Seelader auch aufatmen
-können und sein Gehalt für sich selber anwenden.«</p>
-
-<p>»Es muß ihn doch der Tod der alten Frau so sehr erschüttert
-haben,« meinte der Kreisrichter.</p>
-
-<p>»Wahrlich, ein leiblicher Sohn kann nicht besser gegen
-seine Eltern sein, als der Amtsschreiber es gegen die
-alten Hallsteiner-Leute gewesen,« sagte die Frau des Kreisrichters.<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span>
-»Nur fällt mir jetzt ein Wort auf, das er vor
-einigen Tagen, als er bei uns speiste, gesagt hat. Als er
-hörte, daß das Befinden der Frau Hallsteiner sich verschlimmert
-hatte, sprach er plötzlich: Mir scheint, nun werde
-ich bald Feierabend bekommen.«</p>
-
-<p>»Am Ende ist doch etwas dahinter,« meinte der Richter
-und begann, dieweilen er seine Pfeife stopfte und in Brand
-steckte, über mancherlei nachzusinnen.</p>
-
-<p>Und also hatten sie zusammen sich über den jungen
-Mann unterhalten, der sich als Mörder gestellt hatte. Fräulein
-Ludmilla war völlig still dagesessen. Sie hatte sich in
-ihre Häkelarbeit vertieft. Auf einmal stand sie auf und ging
-rasch zur Tür hinaus.</p>
-
-<p>Die Frau seufzte. Der Richter sagte: »Morgen früh
-sogleich will ich die Geschichte untersuchen. Am Ende ist
-doch etwas daran.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die Nacht war schlaflos vergangen. Max Seelader
-hatte sich samt seinen Kleidern ins Bett gelegt. Seine paar
-Sachen hatte er schon gestern in einen Sack getan und sie
-nicht mehr ausgepackt. Nur eine kleine Photographie war
-aus der Tasche hervorgeholt und auf das Tischchen neben
-seinem Lager gestellt worden. Ein Mädchenkopf, das Original
-haben wir schon gesehen.</p>
-
-<p>Zur Stunde, als der Kreisrichter im Amte zu erscheinen
-pflegte, ging der junge Mann hin zu ihm und
-sagte: »Da Sie mir mein Recht vorenthalten wollen, so
-reise ich jetzt zum Landesgericht, das ich um Strafe bitte.
-Teurer Herr! Vor Ihre Familie darf ich nicht mehr treten.
-Ich danke allen für alles Gute, ich sage Ihnen Lebewohl.
-Verzeihen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span></p>
-
-<p>Er stockte.</p>
-
-<p>»Jetzt lasse ich Sie aber nicht fort, lieber Seelader,«
-sprach der Richter, »daß bei Ihnen etwas nicht richtig ist,
-sehe ich nun. Setzen Sie sich zu mir und erzählen Sie mir
-ruhig das Anliegen, welches Sie drückt.«</p>
-
-<p>»Ich danke Ihnen. Aber Beichte und Freundeszuspruch
-können mir nicht viel nützen. Es wird besser sein, wenn
-auch Ihre Herren Adjunkten anwesend sind. Und der Arzt,
-damit sichergestellt wird, daß ich nicht geisteskrank bin.«</p>
-
-<p>»Sie wollen also ein förmliches Verhör. Gut, es soll
-geschehen.«</p>
-
-<p>Nach wenigen Minuten stand der junge Mann vor dem
-Gerichte, und nach einigen einleitenden Vorfragen begann er
-also zu sprechen:</p>
-
-<p>»Meine Eltern waren Gewerbsleute in N., sie wollten,
-nachdem ich das Gymnasium absolviert, auch mich für ihren
-Stand abrichten. Als sie starben, war ich frei und benutzte
-die Erbschaft, um in die Stadt zu gehen und zu studieren.
-Nicht so sehr wissensdurstig war ich, aber nach dem lustigen,
-ungebundenen Studentenleben plangte es mir. Und ein
-solches habe ich geführt, fünf Jahre lang. Die Kommerse,
-die Kneipen, die Mensuren und dergleichen machten mir
-viel Spaß, ja nahmen mein Wesen in Anspruch. Für einen
-wirklichen Gewinn hielt ich das Bewußtsein und das Hochhalten
-der Ehre, wie solches außer bei den Soldaten und
-Studenten in keinem Stande eigentlich entschieden und
-leidenschaftlich genug gepflegt wird. Ich will mich weiter
-darüber nicht auslassen, ich habe nur oft gesagt: es ist etwas
-Schönes, wenn ein junger Mensch seine Ehre höher wertet,
-als alles auf der Welt. Schon im zweiten Jahre meiner
-Studentenschaft hatte ich einen Kollegen aus der hiesigen
-Stadt kennen und achten gelernt, und bald entwickelte sich<span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span>
-zwischen uns eine innige Freundschaft. Er war der Sohn
-armer Eltern, mußte freilich mehr ans Lernen denken, als
-ans Burschenleben, und einer Stellung zutrachten, in der
-er sich und seine Eltern ernähren konnte. Das hinderte den
-wackeren Johannes nicht, die Studentenideale zu hegen und
-zu pflegen, und besonders die Burschenehre ging ihm über
-alles. Auf mehreren Mensuren bewies er seinen Mut, und
-in einem Duelle trat er für die beleidigte Ehre eines Freundes
-ein. Dieser Freund war ich. Es handelte sich um nichts
-weiter, als um einen boshaften Spott, den ein mir mißgesinnter
-Bursche in meiner Abwesenheit mir angetan. Johannes
-forderte ihn auf Pistolen. Am zerrissenen Kinnbacken
-trug er zeitlebens ein Merkmal seiner tapferen Freundschaft.
-Natürlich schloß uns dieser Handel noch enger und unzertrennlicher
-aneinander und ich schwor ihm, über seine Ehre
-ebenso zu wachen, als er über die meinige gewacht und als
-ich über meine eigene wachen kann. Und sollten wir vom
-Schicksal einmal voneinander getrennt werden, und sollten
-wir in was immer für eine Lage versetzt werden, unsere
-gegenseitige Ehre wollten wir behüten wie unser Leben, ja
-unendlichmal mutiger und glühender, als unser Leben. &ndash;
-Was sonst an Studentenangelegenheiten, Ehrensachen und
-Freundschaftsbeweisen war, kann übergangen werden. Ich
-weiß, was hier zu erzählen ist. Johannes hatte seine Studien
-vollendet und erhielt eine Anstellung als Postbeamter. Trotzdem
-brach er nicht mit den lustigen Kreisen, in denen er sich
-früher bewegte, ja, er erschloß sich noch neue. Man hielt
-ihn auch fest in denselben, denn er war ein heiterer, angenehmer
-Gesellschafter, und nach den langweiligen und
-verantwortlichen Stunden in der Amtsstube hatte er Zerstreuung
-nötiger als je. Es gab kleine Gelage mit Minnescherzen,
-mit Glücksspiel und anderen Lustbarkeiten. Wir<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span>
-bewohnten zusammen ein Zimmer und es fiel mir auf, daß
-er häufig in später Nacht nach Hause kam. Einmal habe
-ich ihm etwas darüber gesagt, er antwortete, daß weder
-seine Berufs- noch seine Kindespflichten darunter Schaden
-litten, wie ich auch tatsächlich nie eine Klage über ihn hörte
-und wie ich auch wußte, daß seine mühseligen Eltern, die
-damals auf dem Lande lebten, in ihrem Johannes den Ernährer
-und Beschützer anbeteten. Also ging es eine Weile,
-und plötzlich war das Verhängnis da.«</p>
-
-<p>Seelader unterbrach sich und trocknete mit dem Taschentuche
-seine Stirn.</p>
-
-<p>Nach einer Weile sagte der Richter: »Nun, erzählen
-Sie weiter.«</p>
-
-<p>»Schon seit einiger Zeit hatte ich bemerkt,« so fuhr
-der junge Mann fort zu sprechen, »daß mein Freund
-Johannes einen kleinen, scharfgeladenen Revolver bei sich
-trug. &ndash; Wozu denn so etwas? fragte ich ihn einmal. &ndash;
-Man kann nicht wissen, antwortete er, ob man nicht plötzlich
-in die Lage kommt, seine Ehre zu retten. &ndash; Das war
-mir dunkel. Ich hielt es im Scherze gesprochen und dachte:
-er hat amtlich mit Geldsachen zu tun, es kann ja eine Waffe
-vorgeschrieben sein. Im ganzen gefiel mir aber an Johannes
-etwas nicht mehr so recht, und ich konnte mir doch keine
-Rechenschaft darüber geben, was eigentlich an ihm unangenehm,
-oder vielmehr unheimlich war. Bei allen, die ihn
-kannten, stand er in hoher Achtung und von jedem, der mit
-ihm umging, ward er geschätzt als guter Kamerad. &ndash; Und
-nun kam diese Nacht.«</p>
-
-<p>»Wünschen Sie vielleicht ein Glas Wasser?« unterbrach
-einer der Adjunkten den Erzähler, weil dieser erregt
-zu sein schien.</p>
-
-<p>»Ich weiß wohl, was ich tue,« fuhr Seelader fort.<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span>
-»Mit dem, was ich jetzt zu bekennen habe, vernichte ich mich.
-Und das will ich auch, darum stehe ich da. &ndash; Sie sehen,
-ich bin nicht aufgeregt, bin meiner Sinne vollkommen
-mächtig, und es wird sich leicht weisen, daß jedes Wort,
-was ich spreche, richtig ist. So etwas merkt man sich ganz
-genau. &ndash; Es war in der Nacht vom elften bis zwölften
-Februar 1885. Johannes war wieder spät nach Hause gekommen
-und schlief sehr fest. Ich schlief nicht so fest und
-hörte es sogleich, wie jemand an unsere Tür klopfte. Da
-es wiederholt pochte, so stand ich auf, nachzusehen, was es
-gäbe. Vor der Tür stand der Hausherr in flüchtig übergeworfenem
-Mantel und teilte mir flüsternd mit, daß er
-Auftrag habe, den Herrn Johannes Hallsteiner zu wecken.
-Es scheine etwas Besonderes dran zu sein, im Vorsaal sei
-ein Gerichtsbeamter und auf der Treppe stünden zwei Gendarmen.
-&ndash; Fast zu Tode erschrak ich und dann dachte ich:
-Was erschrickst du denn? Ein Irrtum liegt vor, den wollen
-wir gleich aufklären. Doch als ich draußen mit dem Gerichtsbeamten
-redete und den Verhaftsbefehl sah, gab's keine
-Ausflucht mehr und ich machte mich erbötig, den Gesuchten
-zu wecken und vorzubereiten, ohne daß mir auch nur eine
-Ahnung dämmerte, um was es sich handeln könne. Ihn im
-Schlafe überfallen, das würden sie doch nicht wollen. Als
-der Beamte vom Hausherrn sich die Versicherung geben
-ließ, daß die Fenster unseres Zimmers vergittert wären und
-auch sonst eine Möglichkeit des Entkommens nicht denkbar
-sei, durfte ich ins Zimmer zurücktreten. Die Türe hinter
-mir legte ich ins Schloß, zündete Licht an und weckte den
-Freund. &ndash; Johannes, sagte ich, du sollst aufstehen, es fragt
-jemand nach dir. Er war sonst keiner von denen, die sich
-schnell aus dem Schlafe aufzuraffen vermögen, aber jetzt
-schießt er empor, und wie ich ihm die Art des nächtlichen<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span>
-Besuches andeute, wird er blaß. &ndash; Johannes, um des Himmels
-willen, was ist das? frage ich. &ndash; Du siehst es ja,
-antwortet er ganz heiser. Hierauf stürzt er in den Winkel
-hinter meinen Schrank, reißt etwas aus der Tasche seines
-Rockes, kauert sich nieder, wimmert, wehrt mit der Hand
-mich, den Hinzueilenden, ab und schleudert endlich den Revolver
-von sich. Ich hebe die Waffe auf und sage heftig:
-Was hast du getan? &ndash; Er fällt mir um den Hals: Hilf
-mir, Freund, es ist alles aus. Schulden, Spielschulden.
-Meine Ehre! Die Ehre mußte ich retten. Geld unterschlagen.
-&ndash; Ohnmächtig muß ich geworden sein in dem Augenblicke,
-denn als ich mich finde, ist er angezogen und macht sich
-bereit. An der Tür pocht es ungeduldig. &ndash; Noch einen
-Augenblick, bitte ich! ist mein Ruf, dann zum Freunde:
-Johannes, so gehst du nicht fort. In dieser Begleitung
-nicht! &ndash; Dann rette mich, sagt er und blickt hilfesuchend
-um sich. &ndash; Du hast in deinem Amte Geld veruntreut?
-sage ich und es kocht in mir, wild, rasend wild ein unbeschreiblicher
-Aufruhr, da, <em class="gesperrt">das ist deine Rettung</em>! und
-drücke ihm den Revolver in die Hand. Er schaudert zurück
-und lacht hohl auf: das habe ich ja auch so gemeint. Seit
-einem Jahre trage ich ihn bei mir in der Tasche. Wenn's
-zum äußersten kommt, einen Fingerdruck. Und jetzt, <em class="gesperrt">jetzt
-fehlt mir der Mut</em>! O, zertritt mich, die feige Bestie,
-speie mich an! Auf den Schuß habe ich gerechnet, für den
-schlimmsten Fall, mitten in Lust und Freuden habe ich auf
-den Schuß gerechnet, und jetzt fehlt mir dazu der Mut! hast
-du ein solches Scheusal schon gesehen? &ndash; Als er so ruft,
-mir geht's durch alle Glieder. Schreck, Zorn, Mitleid gräbt
-in mir. Ich presse seine Faust zusammen, daß ihm die
-Waffe nicht entfallen kann. Bebend an allen Gliedern,
-schluchzend bitte ich ihn: Freund, geliebter, einziger Freund,<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span>
-verlasse dich selber nicht zu dieser Stunde. Sühne deine
-Schuld, rette deine Ehre, ich beschwöre dich! Du kannst nicht
-mehr weiterleben, du <em class="gesperrt">kannst</em> nicht, Johannes, du bist ehrlos,
-verloren! Rette dich! Nur einen Funken Wille, nur einen
-Funken! Schließe die Augen, denke nichts, denke, es ist ein
-Traum, drücke los! Du mußt, Johannes, du <em class="gesperrt">mußt</em>! &ndash; Ich
-kann nicht! stöhnt er. O Gott, ich kann nicht, ich kann nicht!
-&ndash; Draußen machen sie bereits Anstalt die Tür einzubrechen.
-Mein einziger, mein liebster Mensch! flehe ich, bei allem, was
-uns heilig war auf dieser Welt, laß dich nicht forttreiben wie
-einen gemeinen Dieb. Mach ein Ende! Ich zwinge dich!
-&ndash; Er will den Revolver auf den Boden fallen lassen, ich
-drücke ihn zurück in seine Hand, will die Mündung gegen
-ihn wenden, seinen Finger krümmen auf den Hahn &ndash; wir
-ringen, die Tür kracht unter dem Zwängeisen. Wir ringen
-heiß, da knallt der Schuß, und Johannes sinkt zu Boden.
-&ndash; Die Ehre ist gerettet! Ich habe mein Wort gehalten!
-denn ich &ndash; ich habe losgedrückt! Ich habe ihn erschossen.
-Die Kugel drang unter dem Kiefer hinein nahe an der
-Narbe, die er bei jenem Duell meinetwegen davongetragen.
-Kaum es geschehen ist, stürzen sie zur zertrümmerten Tür
-herein. &ndash; Zu spät, sage ich, er hat sich erschossen! Ich habe
-vergebens mit ihm gerungen um den Revolver. &ndash; Dann
-haben sie ihn in die Totenkammer getragen. &ndash; Und ich,
-wie ich allein bin und vor mir die Blutlache sehe, da schreit
-es in mir: Was hast du getan? der Ehre wegen ein Mörder,
-ein Lügner geworden! Welcher Ehre wegen! Sage, verdammter
-Wicht, was entehrt denn? Entehrt das Stehlen
-anvertrauter Gelder, oder entehrt erst der Gendarm? Nicht
-was dein Gewissen sagt, ist dir die Hauptsache, sondern
-was die Leute sagen! Von solcher Art ist die »Ehre«, der
-du bisher alles geopfert hast, deine Zeit, dein Studium,<span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span>
-deine Begeisterung, deinen Freund, deine Seele. &ndash; Also
-rief es in mir, aber dieser Ehrbegriff, dieser verfluchte Ehrgeiz
-war noch nicht tot in mir, er rang mit meinem Gewissen,
-wie ich vorher mit dem Freunde gerungen. Du
-mußt dich als seinen Mörder nennen und deine Strafe
-leiden, mahnte das Gewissen. &ndash; O Schande! Schande! rief
-der Ehrgeiz, ein Meuchelmörder, ein Lügner, ein Schurke
-zu sein! &ndash; Höllische Pein litt ich in jenen Tagen. Dann
-ward mein Freund von Professoren zerschnitten, daß sie
-die Ursache seiner Tat fänden. In einer Anwandlung von
-Geistesverwirrung, sagten sie. Dann ward mein Freund
-hinausgetragen hinter das Lazarett und unter der Mauer
-eingescharrt. Als ich seine alten, nun ganz verlassenen Eltern
-sah, und wie die Mutter an seiner Grube zusammensank und
-sein Vater an der Krücke und mit weißem Haar fast stumpfsinnig
-auf den Sarg starrte, da wußte ich, was zu tun war.
-Ein Ausgleich wurde geschlossen zwischen meinem Ehrbegriff
-und meinem Gewissen. Zur Stunde faßte ich den Entschluß,
-mich nicht anzuzeigen, sondern mein Leben und Streben
-denen zu widmen, welchen ich den Sohn geraubt habe. Und
-erst wenn sie gestorben sein werden und meiner nicht mehr
-bedürfen, dann will ich hingehen und mich dem Gerichte
-stellen. Also schwur ich es, und das auszuführen war nun
-meine Ehrensache. Es ist das eine andere Ehre und ein
-anderer Ehrgeiz, mein Gewissen ist damit einverstanden. Mein
-kleines Vermögen war erschöpft, den letzten Rest schickte
-ich den Eltern meines Freundes. Ohne mein Studium
-vollendet zu haben, trachtete ich nach einer Stellung, um
-Brot zu erwerben. Endlich bekam ich die Schreiberstelle
-hier beim Kreisgerichtsamte, und da ich nebenbei in freien
-Stunden jüngeren Schülern Unterricht gab, so ward es mir
-möglich, außer für meine persönlichen Bedürfnisse, für das<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span>
-Greisenpaar zu sorgen. Unerträglich war es mir, wenn ich
-gelobt wurde deswegen, daß meine Treue zum unglücklichen
-Freunde so groß wäre. Es war, als ob man einen am
-Galgen Baumelnden lobte, daß er es so hoch gebracht habe.
-&ndash; Seine Eltern selbst lebten stumpfsinnig und freudlos
-dahin und nahmen das, was ich ihnen geben konnte, als
-das, was es ja auch ist, als etwas Selbstverständliches.
-Mein Gewissen war nie zur Ruhe gekommen, und nur wenn
-ich darbte, um den alten Leuten um so mehr schicken zu
-können, wurde es für den Augenblick milder gestimmt. Trost
-gab mir der Himmel auch an guten Menschen, die er mich
-finden ließ, und es waren Anzeichen vorhanden, daß ich
-einmal glücklich, sehr glücklich werden könnte. Aber ich durfte
-das Glück nicht annehmen. Es war Ehrensache, ich durfte
-es nicht annehmen. So unausstehlich, so häßlich war ich
-mir geworden, daß ich fast mit Lust und Gier die Buße
-trug, um mich einst selbst wieder achten zu können. Nach
-fremder Achtung, nach fremder Leute Meinung über
-mich hörte ich nicht mehr aus, für solche Ehre bin ich
-unempfindlich geworden. &ndash; Das alles sage ich zu meiner
-Verteidigung, damit man sehe, wie es mir Ernst war.
-&ndash; Nun sind die zwei alten Leute gestorben. Ich habe
-keine Verpflichtung mehr. Und nun ist es an der Zeit,
-meine Tat einzubekennen und mich dem Urteile der Gerechtigkeit
-zu übergeben.«</p>
-
-<p>Max Seelader schwieg.</p>
-
-<p>Die Richter blickten einander an. Ein solcher Fall war
-ihnen noch nicht vorgekommen. Zum Glücke brauchten sie
-darüber nicht abzuurteilen. Feucht waren des Kreisrichters
-Augen, als er aufstand, dem jungen, jetzt auf seinem Platze
-schier zusammengeknickten Menschen die Hand auf die Achsel
-legte und sprach: »Haben Sie noch etwas zu bestellen, so<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span>
-tun Sie es. Ich will dann mit Ihnen zum Landesgerichte
-fahren. Ihre Geschichte gehört vor die Geschwornen.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Über Max Seelader findet demnächst im Landesgerichte
-die Hauptverhandlung statt. Lieber Leser, solltest du dabei
-einer der Geschworenen sein &ndash; welches Urteil würdest du
-fällen?</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Vierzehnte">Die Vierzehnte.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Am Freitag bin ich also nicht abgereist zum Karneval
-in die Stadt.</p>
-
-<p>»Reise Samstag früh,« hatte meine Mutter vorgeschlagen,
-und so reiste ich Samstag früh. Ich bin nicht abergläubisch,
-aber wenn man bei Unglücksfällen nachdenkt:
-fast allemal sind Vorzeichen nachzuweisen, die mit den Ursachen
-in geheimnisvollem Zusammenhange stehen.</p>
-
-<p>Ich reiste Samstag früh und war zu Mittag in der
-Stadt. Daß ich im Gedränge des Bahnhofes mit dem Rockknopf
-an der weißen Schnur eines <em class="antiqua">pompe funèbre</em>-Mannes
-hängen blieb, war mir für den Augenblick ärgerlich. Was
-hat dieser Mensch auf dem Bahnhofe zu tun? Ein Bahnhof
-ist keine Leichenhalle, außer, wenn mit dem Zuge ein
-Toter ankommt, was, wie ich später erfuhr, damals allerdings
-der Fall gewesen. Ich war mit einem Toten auf
-den Karneval gereist! Ich bin nicht abergläubisch, aber den
-Knopf trennte ich mir selbstverständlich sofort vom Tuche.</p>
-
-<p>Im Hotel nahm ich zwei gassenseitige fein möblierte
-Zimmer; es ist zwar auf eine besondere Häuslichkeit nicht
-zu rechnen, wenn man Welt sehen will, aber wohnen will
-man doch auch. Man erhält Besuche, und selbst wenn's
-nur für den Friseur wäre &ndash; stets das Dekorum, sage ich,
-gegen jedermann das Dekorum.</p>
-
-<p>In bezug auf Salonanzüge, die ich mir sofort verschaffen
-mußte, wies man mich in das große Kleidermagazin
-»zum Uhu«. Ein Ballkleidermagazin »zum Uhu!«
-Ich bitte Sie! Abergläubische Leute müßte das Schild schon
-in vorhinein zurückschrecken; ich ärgerte mich bloß über die
-Geschmacklosigkeit und wählte ein anderes Geschäft.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span></p>
-
-<p>Theater, Museen, Konzerte &ndash; Fastenkost, nichts als
-Fastenkost. Tanzen, springen, rasen, leben! Die Leute sind
-sozusagen lebendig und wissen doch nicht, was leben heißt.
-Mit den Elitebällen wollte ich den Anfang machen, abwärts
-geht's leicht und nach der Mahlzeit, bildlich gesprochen, wo
-man etwas pikanten Käse liebt, nehme ich noch etwas »Orpheum«
-oder »Elysium« usw.</p>
-
-<p>Am zweiten Tage erhielt ich Einladung in ein bekanntes
-Haus zum Diner. Ich bin im ganzen nicht für
-häusliche Zirkel hierhergekommen, derlei kultiviert man auf
-dem Lande zur Genüge. Doch, einmal kann man ja annehmen.</p>
-
-<p>In der Familie waren &ndash; wie ich wußte &ndash; ein paar
-hübsche Kinder von achtzehn aufwärts. Vortrefflich, das
-weiht in die Gesellschaft, in die Verhältnisse des diesjährigen
-Faschings ein. Man lernt das Feld kennen, auf dem man
-siegen will und wird. Ich dekorierte mich mit einer Rosenknospe,
-die ich ins Knopfloch steckte, und begab mich ins
-Haus, in das ich geladen war. Am Eingangstore begegnete
-mir eine alte Frau. Man braucht nicht abergläubisch
-zu sein, um von einer solchen Begegnung an der Stufe eines
-Hauses, in dem man sich unterhalten will, unangenehm
-berührt zu werden. Ich kehrte um, fuhr noch ein paar
-Straßen auf und ab, um dann das zweitemal ins Haus
-zu treten.</p>
-
-<p>Der Empfang war überaus herzlich. Vor allem überraschte
-mich die Wohnung. Man hat auf seinem Landgut
-auch Komfort, aber <em class="gesperrt">diese</em> Eleganz &ndash; ich war überrascht!
-Die Gesellschaft war nicht groß, aber glänzend, blendend &ndash;
-reizende Mädchen darunter. Man ist nicht blöde; das Buch
-vom »guten Ton in der Gesellschaft« hat man im Kopf,
-man ist sattelfest in der Kunst des Tanzmeisters, in der<span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span>
-Konversation, im Courmachen, kurz in allen ritterlichen
-Fertigkeiten eines Löwen. Man geht zu Tische; mir schneit
-der Zufall, nein, mein Glück, eine junge, entzückende Dame
-an den Arm, die ich an ihren Sitzplatz führe. Die alten
-Bekannten waren alsbald vertraulich; die sich bisher fremd
-gewesen, verstanden sich und es entwickelte sich jene ungebundene
-Munterkeit, die eine Gabe des Himmels ist, eine
-seltene Gabe, die keiner dem andern spenden kann, wenn
-sie nicht von selbst kommt. In feinen Kreisen kommt sie
-von selbst. Es ist doch ein anderes Leben in der Stadt als
-auf dem Dorfe. Alles so gebildet, so aufmerksam, so geistvoll!
-Es geht nichts über die Stadt.</p>
-
-<p>Als wir im besten Schnabulieren waren &ndash; ich zertrennte
-just ein Stück Filet du Boeuf und sann mir dabei
-Artigkeiten aus, die ich meinen Beisitzerinnen sagen wollte
-&ndash; sprang die Hausfrau von ihrem Sitze auf und ihr Blick
-irrte schreckerfüllt über die Tischgesellschaft hin.</p>
-
-<p>»Was ist?« war meine Frage an die Nachbarin. Man
-wird unruhig, auf allen Gesichtern Bestürzung. »Was ist
-geschehen?« fragte ich.</p>
-
-<p>»Dreizehn!« hörte ich murmeln. »Dreizehn Personen
-an der Tafel!«</p>
-
-<p>Alles sprang auf, aber die Hausfrau bat, daß man
-sich beruhige und vorläufig wieder an die Plätze begebe,
-damit das Unglaubliche nochmals untersucht werden könne.</p>
-
-<p>Wir setzten uns wie auf glühende Kohlen. Die Dame
-des Hauses, die mir zur Linken saß, zählte von sich aus
-links hin die Anwesenden &ndash; es waren genau dreizehn &ndash;
-und ich war der dreizehnte.</p>
-
-<p>Ein frivoler Patron war da, der meinte ganz unverfroren,
-er halte die Zahl dreizehn bei Tische nur in dem
-einen Falle für fatal, wenn bloß für zwölf gekocht worden.<span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span>
-Eine solche Bemerkung unter Gebildeten verdient, daß sie
-einfach ignoriert werde &ndash; und das wurde sie.</p>
-
-<p>Hingegen rief die Hausfrau: »Unbegreiflich, es ist doch
-für fünfzehn gedeckt!«</p>
-
-<p>Jetzt zählte meine schöne Nachbarin zur Rechten, indem
-sie von sich aus nach rechts hin vorging, es waren ganz
-genau dreizehn, und ich war der dreizehnte.</p>
-
-<p>Was war zu tun?</p>
-
-<p>Am ganzen Leibe zitternd, erbot ich mich, an einem
-Extratischchen Platz nehmen zu wollen.</p>
-
-<p>»Na, das fehlte noch!« rief man.</p>
-
-<p>Allsogleich wurde ein Diener zu einer Frau Müller,
-Apothekerswitwe im dritten Stock, geschickt:</p>
-
-<p>Ob Frau von Müller nicht das Vergnügen machen
-wolle, heute bei uns zu speisen, dann möchte sie aber die
-Güte haben, sofort.</p>
-
-<p>Der Bote kam zurück: Frau Müller wisse nicht wie
-sie zur Ehre käme, sie danke verbindlichst, aber es sei ihr
-momentan ganz unmöglich.</p>
-
-<p>»Das ist noch ein Glück,« bemerkte eine Tochter des
-Hauses, »eine Apothekerin! Mama weiß nicht, wo sie den
-Kopf hat.«</p>
-
-<p>»In der Tat,« sagte die Hausfrau, »es gibt Augenblicke
-im Leben, wo man trotz allem die Geistesgegenwart
-verlieren kann. Johann, gehen Sie ins Kinderzimmer, ich
-lasse Fräulein Antonia ersuchen, sie möchte mit uns speisen,
-aber sogleich!«</p>
-
-<p>Nach wenigen Augenblicken trat Fräulein Antonia ein,
-ohne Festkleid, ohne Schmuck, ein junges, einfaches Wesen,
-das geräuschlos am untersten Ende der Tafel Platz nahm.
-Man beachtete sie nicht weiter und das Mahl nahm seinen
-Fortgang. Da die natürliche Heiterkeit jedoch einmal gestört<span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span>
-war, so mußte die gemachte dran, ist für den Notbedarf
-auch nicht übel, weil man sie in der Stadt ganz leidlich zu
-imitieren weiß. Ich konnte mich aus einer gewissen Beklommenheit
-gar nicht mehr herausarbeiten. Die Anzeichen
-für meinen Karneval spielten sich nicht gut. Ich war mit
-meinem jungen Leben in die Stadtluft gesprungen, um &ndash;
-der dreizehnte zu sein. &ndash; Wenn man nachdenkt, es trifft
-immer zu &ndash; der dreizehnte an einer Tafel stirbt. Man
-braucht darum nicht abergläubisch zu sein. &ndash; Doch es ist
-ja vorbei, bei Tische sitzen vierzehn. Ich schaute verstohlen
-zwischen Weinflaschen, kunstreichen Blumenvasen und silbernen
-Obst- und Backwerkaufsätzen hin gegen das Fräulein
-Antonia, das fast hilflos und unbemerkt unter den lauten,
-rede- und eßgewandten Herrschaften dasaß.</p>
-
-<p>»In der Not frißt der Teufel Fliegen,« flüsterte meine
-stets geistreiche Nachbarin zur Rechten.</p>
-
-<p>»Übrigens,« setzte die Hausfrau bei, um ihre Maßregel
-doch auch noch zu entschuldigen, »es ist ein braves,
-anständiges Mädchen, das ich erst vor wenigen Monaten
-vom Lande bezog. Die Tochter eines kleineren Beamten,
-die mir für meine jüngste Zucht empfohlen worden ist. Es
-fehlt ihr noch Schick, wie Sie sehen, aber mein Gott, man
-muß noch froh sein, heutzutage eine ehrliche und verläßliche
-Person zu bekommen.«</p>
-
-<p>Wie ich aber so hinschaute auf das Mädchen, das mit
-dem glattgekämmten braunen Haar still und bescheiden
-zwischen den in aller Buntheit und mit allem Raffinement
-aufgeputzten Frauen dasaß, ohne Befangenheit und Geziertheit
-die Gabel handhabend und bisweilen mit ihrem großen
-Auge ruhig und mild aufschaute, da kam mir der vertrackte
-Gedanke: das wäre mir die liebste von allen.</p>
-
-<p>Man braucht darum nicht abergläubisch zu sein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span></p>
-
-<p>Bei dem Aufruhr, den der Champagner verursachte,
-wollte das Mädchen heimlich sich davonmachen. Ich merkte es
-und säumte nicht, mit meinem Glase zu ihr zu treten und
-mit ihr anzustoßen.</p>
-
-<p>»Gegen die Lebensretterin muß man stets galant sein,«
-hörte ich hinter mir sagen; das verletzte mich, ich weiß nicht
-warum. Ich stieß mit dem Mädchen doppelt herzlich an
-und schaute ihr ins Auge.</p>
-
-<p>Dann entschwand sie.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>An den verschiedenen Vorzeichen war aber doch was.
-Mir war der Fasching verdorben. Ich war überall dabei,
-man kann sagen, ich machte Glück &ndash; aber mir fehlte das
-Animo. Es war verrückt, ich dachte an die vierzehnte. Sie
-war nirgends dabei, aber sie saß in meiner Seele, geradeso
-hold und bescheiden, wie sie dort bei Tische gesessen. Das hat
-man davon.</p>
-
-<p>»Bist du in einem Hause zur Mahlzeit geladen worden,
-so mache einige Tage nach derselben in dem betreffenden
-Hause eine Visite, gemeinhin die Verdauungsvisite genannt,«
-so heißt es im »Buch vom guten Ton«. Mir wäre es lieb
-gewesen, wenn der gute Ton zehn solche Visiten verlangt
-hätte. Übrigens war ich in der Familie auch ohne Vorschrift
-willkommen und die Töchter wurden von Tag zu
-Tag liebenswürdiger. Aber das meinte ich nicht. Durch ihre
-Vermittlung wurde ich zu Hausbällen geladen, wo sie vortanzten
-und wo sie mich bei den Damenwahlen höchlich
-auszeichneten. Aber das meinte ich nicht. Endlich luden
-sie mich nochmals zum Speisen; ach, wie hätte ich gewünscht,
-daß wir wieder dreizehn zu Tische säßen! Doch es waren
-unser bloß fünf Personen. &ndash; »Der engste Familienkreis,«
-wie die Hausfrau so anmutend sagte. Aber das meinte ich
-nicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span></p>
-
-<p>Ich machte die unmaßgebliche Bemerkung, daß in den
-Familienkreis doch auch die kleineren Kinder gehörten. Die
-Töchter erröteten über diese Bemerkung. Aber das meinte
-ich nicht.</p>
-
-<p>Bei der nächsten Visite verfehlte ich beim Fortgehen
-in meiner Gedankenlosigkeit die richtige Tür und stand plötzlich
-im Kindszimmer. Mitten unter den fröhlichen Kleinen
-&ndash; fröhlich mit ihnen &ndash; saß meine Vierzehnte.</p>
-
-<p>Ein halbes Jahr später habe ich sie aus demselben
-Gemache geführt. Ein weißer Schleier umrahmte ihr liebes
-Angesicht, ein Myrtenzweig lag auf ihrem Haar.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Diese Zeilen schreibe ich heute &ndash; am Vorabende unseres
-silbernen Hochzeitstages. Tag für Tag sitzen wir zu <em class="gesperrt">dreizehn</em>
-an unserem Tisch: Sie, ich und die elf Kinder. Man
-braucht darum nicht abergläubisch zu sein: aber welch ein
-Glück, so zu seinen dreizehn mitsammen zu speisen!</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_Taubstumme">Der Taubstumme.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Das war an einem Wintertage. Ich fuhr von der
-Hauptstadt mit dem Eilzuge in eine Provinzstadt
-hinaus. Es war eine sechs Stunden lange, öde Fahrt. Die
-dicht beeisten Fensterscheiben vermeinten weiß was zu verhüllen,
-und wenn man sich an denselben ein Flecklein freihauchte
-oder freikratzte, so sah man draußen den Nebel und
-die bereiften Telegraphenstangen &ndash; sonst auch nichts. Ich
-saß im Nichtraucherabteil zu vieren und, theoretisch genommen,
-hätte es recht ergötzlich sein können, denn es waren
-unser zwei Herren und zwei Damen. Aber du lieber Gott,
-die Damen vertreten zusammen ein volles Jahrhundert
-und der Herr kauerte tief in seinen Pelz vergraben und gab
-kaum ein Lebenszeichen von sich.</p>
-
-<p>Schon als ich beim Einsteigen zufällig auf die Stiefelspitze
-des männlichen Gegenübers getreten war, benützte ich
-das sittige: Pardon! um gleich mit ein paar anzüglichen
-Bemerkungen über das Zusammenpferchen und die Unbehaglichkeit
-des Reisens im Winter ein Gespräch anzuknüpfen.
-Der Mann schaute mich mit seinen großen Augen betrübt
-an und hüllte sich schweigend in seinen Pelz.</p>
-
-<p>Hingegen griff das Jahrhundert, welches auch schon
-fest saß, die Leine auf und gab der Mutmaßung lebhaften
-Ausdruck, daß Nebenabteile sicherlich ganz leer sein würden,
-daß aber die Herren Kondukteurs die nicht sehr löbliche Gepflogenheit
-hätten, dieselben usw. Es herrscheten hier überhaupt
-Unzukömmlichkeiten, die man auf ausländischen Bahnen
-nicht usw. &ndash; Und wie eben die Unterhaltung im Gelaß
-ähnlicherweise angeht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span></p>
-
-<p>Bei der Kartenvisitation fragte der Schaffner, ob wir
-in N. <em class="antiqua">table d'hôte</em> zu speisen wünschten. Ich und ein halbes
-Jahrhundert bejahten sofort, das andere halbe war stark
-unentschieden und entschloß sich endlich für die Karte. Mein
-Gegenüber, der apathische Mann im Pelz, schaute den
-Schaffner jetzt fragend an, mit einem gewissen ängstlichen
-Blick &ndash; ob hier etwas nicht in Ordnung sei, oder was der
-Mann wolle?</p>
-
-<p>Dieser deutete uns noch durch ein Zeichen mit der
-Hand an, daß mit dem Herrn im Pelze etwas nicht richtig
-sei &ndash; und schloß dann das Abteil.</p>
-
-<p>»Man tut doch immerhin am besten, <em class="antiqua">table d'hôte</em> zu
-speisen,« bemerkte ich hernach, um mit dem Herrn anzubinden,
-»man wird dabei am raschesten bedient und das
-Speisen <em class="antiqua">à la carte</em> bedeutet doch nur ein Gabelfrühstück im
-Vergleich mit dem in der Regel guten und verhältnismäßig
-reichhaltigen Mahle; die Preise unterscheiden sich nicht wesentlich.«
-Als mein Gegenüber sah, daß ich zu ihm spreche,
-deutete es durch eine klar zu verstehende Gebärde und durch
-einen gröhlenden Ton an, daß es nicht höre und auch
-nicht den Gebrauch der Sprache habe, und mummte sich &ndash;
-da es in der Tat recht frostig war &ndash; noch tiefer in seinen
-Pelz.</p>
-
-<p>»Also taubstumm!« murmelte ich.</p>
-
-<p>»Ach, der Arme!« &ndash; »Ach, der gute, arme Mann!«
-hauchten die beiden Frauen und schenkten ihm einen Blick,
-der überreich war an Teilnahme und Wärme.</p>
-
-<p>Der Bedauernswürdige war ein noch jugendlicher
-hübscher Kopf mit schwarzem Schnurrbärtchen und blassen
-Wangen, eine jener interessanten Typen, in denen sich
-Schönheit und Schmerz so rührend vermählt hat. Meist
-schloß er die Augen, und dann war es freilich nur mehr<span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span>
-der Tastsinn allein, durch welchen er mit der Außenwelt
-zusammenhing. Aber er tastete nicht.</p>
-
-<p>»Ein so hübscher, feiner Kopf!« meinte die eine der
-Frauen.</p>
-
-<p>»Und reist allein!«</p>
-
-<p>»Wie weit er wohl reisen mag?«</p>
-
-<p>»Nach G., soviel ich früher an seinem Billett sah.«</p>
-
-<p>»Für den Notfall kann ich ihm auf dem dortigen
-Bahnhofe behilflich sein,« war meine Bemerkung, »denn
-auch ich fahre bis G.«</p>
-
-<p>Nun war ein reeller Gesprächstoff gegeben. Wir besprachen
-das traurige Geschick der Taubstummen und ich
-kam mit dem Jahrhundert bald darüber in Zwiespalt, was
-vorzuziehen sei, taubstumm oder blind sein. Ich entschied
-mich gewiß ganz unbedacht für das Taubstumme, denn das
-Gesicht geht mir über alles. Meine Seele sitzt im Auge,
-mir liegt die Schönheit der Welt im Lichte, in der Farbe.
-Des Menschen Wort ist mir entbehrlich, genug, wenn ich
-seinen Blick sehe. Was ich zu sagen habe, ist wenig; auch
-ist mein Wort als das des Fremden den meisten gleichgültig,
-jeder hört sich selbst am liebsten. Und was durch mein
-Auge einzieht, das bringt genug Stoff für ein reiches,
-inneres Leben und ich bleibe gesammelt, bleibe Eins mit
-mir. Zum Auge kann viel weniger Jammer eingehen als
-zum Ohre, und mit dem Auge kann ich viel weniger Unrecht
-tun als mit der Zunge. So bleibt der Taubstumme
-glücklicher und besser, als etwa der Blinde.</p>
-
-<p>»Aber bedenken Sie doch, bester Herr!« so drang jetzt
-das ganze Jahrhundert auf mich ein und führte gegen meine
-Ansicht die gewichtigsten Gründe ins Treffen. Durch das
-Gehör komme alle Lehre und Erziehung in den Menschen,
-und so wie sich ohne Gehör die Sprache nicht bilden könne,<span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span>
-so blieben auch alle anderen Sinne zurück und man werde
-nicht sagen können, daß der Taubstumme um so besser sehe,
-während man vom Blinden wisse, daß er in der Regel ein
-schärferes Gehörorgan und einen ausgebildeteren Tastsinn
-habe, als der Sehende. Der Blinde führe ein reicheres und
-schöneres Geistesleben, während der Taubstumme zumeist
-stumpfsinnig, verschlagen, mißtrauisch und unzufrieden sei.</p>
-
-<p>Ich bekam nachgerade Respekt vor den beiden Frauen.
-»Und bedenken Sie,« fuhr die eine fort, »von der Musik,
-die den höchsten Rang in der Kunst einnimmt, die bildend
-und veredelnd bis in die Seele dringt, von der Musik gar
-nichts zu haben!«</p>
-
-<p>»Ein ganzes langes Leben ohne Vogelsang!« gab die
-andere zu bedenken.</p>
-
-<p>»Ein Leben ohne Strauß!« rief die eine.</p>
-
-<p>»Singt der Strauß?« fragte die andere.</p>
-
-<p>»Nein, aber er geigt.«</p>
-
-<p>»Ah so, der Wiener Strauß.«</p>
-
-<p>»Und was in der Menschenkehle steckt!« rief die eine.
-»Ach: wenn ich daran denke! Gestern war ich in der Oper,
-in Lohengrin.«</p>
-
-<p>»Wildmann soll wunderbar gesungen haben.«</p>
-
-<p>»Unvergleichlich! Unvergleichlich! sage ich. Bei dem
-überfülltem Hause war es mir mit Mühe und Protektion
-gelungen, einen Galeriesitz zu gewinnen, von dem aus
-ich kaum auf die Bühne sehen konnte. Ich war trotzdem
-glücklich, und bei diesem Gesang, ich gestehe es, daß ich ein
-wahres Gebet tat: O Gott, ich danke dir für seine Stimme,
-ich danke dir für mein Ohr!«</p>
-
-<p>Mit heller Begeisterung sprach sie's; dem Taubstummen
-mußten unsere lebhaften Mienen auffallen, er schaute der
-Dame, ich möchte sagen, wortdurstig auf den Mund, als<span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span>
-hätte er's denken können: Ich verlangte Opern nicht, wenn
-ich nur die Worte der Menschen hören könnte! &ndash;</p>
-
-<p>Ein seltsames Mitleid erfaßte mich für den armen
-Mann und die Dame setzte bei:</p>
-
-<p>»Wie das traurig ist! Sterben zu müssen, ohne Wagner
-gehört zu haben!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>In N. angelangt, wollte ich meinem stummen Nachbar
-etwas zu essen verschaffen, aber er sprang selbst <span id="corr171">auf</span>, nahm am
-Schänktisch Schinken und Bier, warf dafür den Betrag hin,
-setzte sich wieder ins Abteil und vermummte sich in den Pelz.</p>
-
-<p>»Er weiß sich doch zu helfen,« sagte eine der Frauen.</p>
-
-<p>»In den Taubstummen-Instituten genießen solche Leute
-heutzutage ja eine beinahe vollkommene Ausbildung.«</p>
-
-<p>Und sie hielten der Humanität ihres Jahrhunderts eine
-gebührende Lobrede.</p>
-
-<p>»Ein wunderschöner Mensch!« hauchte eine der Frauen,
-in das Anschauen des Unglücklichen versunken.</p>
-
-<p>Dann war davon die Rede, ob er etwa gar verheiratet
-sei, oder ob Taubstumme überhaupt heiraten dürften; ein
-gesundes Mädchen; ob sich der Zustand auch auf die Kinder
-fortpflanze.</p>
-
-<p>»Bleiben natürlich nur auf <em class="gesperrt">einem</em> Ohre taub,« war
-eine Ansicht.</p>
-
-<p>»Und stumm nur die Knaben,« gab ich zu, »bei Frauen
-ist überhaupt dieser Mangel schwer zu denken.«</p>
-
-<p>So spielte sich das Gespräch, dann kam anderes dazwischen,
-auch jene Müdigkeit, der bei längerer Fahrt jeder
-Reisende, er mag anfangs auch noch so frisch gewesen sein,
-anheimfällt. Schien es doch, als hätte uns der Taubstumme
-angesteckt, bis wir endlich um die Abenddämmerung in den
-Bahnhof von G. einfuhren.</p>
-
-<p>Das Jahrhundert reiste, nachdem ich mich recht artig<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span>
-von ihm verabschiedet hatte, weiter; ich suchte dem aussteigenden
-Taubstummen behilflich zu sein, dieser war dann
-in der Menschenmenge rasch verschwunden.</p>
-
-<p>Ich hielt mich in G. mehrere Tage auf, doch bekam ich
-den Reisegenossen nicht mehr zu sehen und ich vergaß auch
-bald der kleinen Gesellschaft im Gelaß. Dachte selbst nicht
-an die schönen Aussprüche der einen Dame über den Sinn
-des Gehörs und über die Musik, als ich eines Abends ins
-Theater zur Oper »Aïda« ging. Diese meine Lieblingsoper
-hatte ich schon in verschiedenen Ländern gehört, wozu
-ich noch bemerken will, daß mich gerade die italienische Aufführung
-im Vaterlande des Komponisten am wenigsten
-befriedigte. Diese überaus ergreifende und originelle Musik
-wollte mir in dem hüpfenden Tempo des Welschen nicht
-behagen; selbst Meister Verdi soll sie erst in der getragenen
-Weise der Deutschen recht liebgewonnen haben.</p>
-
-<p>Als weiteres Motiv meines Theaterbesuches war der
-Opernsänger Wildmann, der eben in G. gastierte. Ich hatte
-meinen Platz im zweiten Parterre, und als der Vorhang
-aufging, war ich sowohl von der geschmackvollen Ausstattung
-als auch von der guten Besetzung der Oper an dieser
-Provinzialbühne angenehm überrascht. Wildmann als Radames
-wurde mit einem wahren Beifallssturme begrüßt und
-als ich &ndash; es war das erstemal &ndash; seinen in der Tat herrlichen
-Tenor hörte, mußte ich des wunderlichen Ausspruches
-gedenken: O Gott, ich danke dir für mein Ohr! &ndash; Doch, die
-Züge des Sängers! Die ganze Gestalt &ndash; wo war ich der
-schon begegnet? Ich wurde unruhig, ich bohrte meine Augen
-mit aller Anstrengung in das Opernglas, und im ersten
-Zwischenakte tauschte ich meinen Platz für einen des ersten
-Parterres um, daß ich noch besser sehen könne.</p>
-
-<p>Hier sah ich's denn auch noch besser. Und sah es:<span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span>
-der berühmte Opernsänger Wildmann war niemand anderer,
-als mein Taubstummer vom Eisenbahnzug.</p>
-
-<p>War's möglich? Das weiß ich nicht, aber es war.
-Auf der Bühne geht ja oft genug das Unmöglichste vor &ndash;
-doch was sollte einer gerade mit dieser Maske bezwecken?
-Sonnenklar war's mir bald: nicht hier, nein, dort im Gelaß
-hatte er Komödie gespielt. Doch warum? Für den Kunstgenuß
-war mir der Abend verdorben. Wildmann sang hinreißend,
-und er riß das Publikum zum rasenden Beifall
-hin &ndash; aber mich wurmte der Taubstumme. Dieser Taubstumme,
-der das feinste Gehör hatte im ganzen Reiche,
-und die herrlichste Stimme!</p>
-
-<p>Kaum daß das Sterbelied der Eingemauerten verklungen
-war, eilte ich auf die Bühne, ich mußte den Mann
-sprechen, ich mußte ihn sprechen hören zu mir, mir gegenüber
-in nächster Nähe. Ich mußte ihm meine Freude zujubeln
-darüber, daß er nicht taubstumm war.</p>
-
-<p>Der Regisseur sagte mir, Herrn Wildmann würde ich
-nach dem Theater im »Hotel Dachstein« finden. Ich ging
-ins genannte Hotel, in dessen Silbersalon die Künstler,
-Schriftsteller und anderen Schöngeister von G. sich einzufinden
-pflegen. Da saß nun auch bald inmitten einer munteren
-Gesellschaft mein Opernsänger und war der munterste
-von allen.</p>
-
-<p>Ich saß abseits an einem Tische und beobachtete mir
-das laute, lustige Treiben des Theatervölkleins, in welchem
-jeder und jede so voll Geisteselektrizität war, daß während
-des Klapperns mit Messer und Gabel, während des Gläseranstoßens
-mit schäumendem Weine die Funken des Witzes wie
-lebhaftes Kleingewehrfeuer hin und wieder über den Tisch
-sprangen.</p>
-
-<p>Endlich &ndash; als sich die Gesellschaft im Saale ein wenig<span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span>
-zu lichten begann und auch von den Theaterleuten sich einige
-verabschiedet hatten &ndash; stand ich auf, trat zum Künstlertisch,
-nannte meinen Namen und bat in höflicher Weise, ob ich es
-wohl wagen dürfe, mich für den Rest des Abends dem glänzenden
-Kreise einzureihen, wie ein Glaskrystall unter Diamanten.</p>
-
-<p>Ich sei willkommen, sagten einige ziemlich gelassen und
-rückten mit den Stühlen. Herr Wildmann aber rief: »Der
-Tausend, das ist ja mein Reisegefährte!«</p>
-
-<p>»So ist es,« sagte ich mich verneigend.</p>
-
-<p>»Dann habe ich mich gefaßt zu machen auf einen Angriff,«
-lachte der Sänger.</p>
-
-<p>»Allerdings beabsichtige ich etwas, was mir damals
-nicht gelungen ist, nämlich Sie zur Rede zu stellen. Es freut
-mich, Herr, es freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen,
-und ich bewundere den ausgemachten Schauspieler, der in
-Ihnen steckt.«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte Herr Wildmann lustig, »man verlangt
-von den Opernsängern eben, daß sie auch ein wenig Schauspieler
-seien.«</p>
-
-<p>»Diese Verstellung! Dieser betrübte Blick zum Beispiel,
-als ich damals ins Abteil stieg!«</p>
-
-<p>»Erklärlich auch ohne Verstellung. Sie sind mir nämlich
-auf das Hühnerauge getreten.«</p>
-
-<p>Die Gesellschaft war aufmerksam geworden und wußte
-bald, um was es sich handle, und sie lachte.</p>
-
-<p>»Wir haben Sie in der Tat für einen Taubstummen
-gehalten,« sagte ich.</p>
-
-<p>»Ich weiß es,« lachte der Opernsänger, »ist aber
-Ihre Schuld, oder hätte ich Ihnen gesagt, daß ich's bin!
-Übrigens &ndash; Prosit!« Er schob mir ein perlendes Stengelglas
-zu: »Prosit!«</p>
-
-<p>»Übrigens,« fuhr er dann fort, »daß ich nicht allein<span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span>
-<em class="gesperrt">spreche</em>, sondern daß ich Ihnen auch Wahrheit sage! Ich
-habe es auf meinen häufigen Eisenbahnfahrten darauf abgesehen,
-für taubstumm gehalten zu werden. Erkennt man
-mich nicht und gelingt es mir, die Mitreisenden zu täuschen,
-so erwachsen mir aus meiner taubstummen Rolle unschätzbare
-Vorteile. Erstens schone ich meine Stimme, die unter dem
-steten Gepolter des Zuges nicht gewinnen würde, zweitens
-vernehme ich manches lehrreiche Gespräch, das man sonst
-in seinem Leben nicht wieder zu hören bekäme, köstliche Bemerkungen
-über die gehörlose Person, mitunter auch die
-freimütigsten Urteile über Theater und Oper und über den
-Sänger Wildmann, wie das eben auch bei unserer gemeinsamen
-Fahrt der Fall war. Allerdings kann man dabei auch
-Dinge zu hören bekommen, bei denen man nur herzlich bedauert,
-nicht wirklich taubstumm zu sein. Ich schmeichle mir,
-einige Menschenkenntnis zu besitzen, die mir wahrscheinlich
-länger treu bleiben wird als meine Stimme und aus der
-ich noch einmal Kapital zu schlagen gedenke. Wem verdanke ich
-sie? Den Stunden, da ich schwieg und scheinbar nicht hörte.«</p>
-
-<p>»Vielleicht werde ich es Ihnen nachmachen,« war meine
-Bemerkung.</p>
-
-<p>»Sie sind auch Künstler,« sagte er, »versuchen Sie's.
-Wohl dürften Sie ruhig bleiben, wenn man Ihre Bilder
-lästert; aber wenn man dieselben mit Enthusiasmus preist,
-und es kommt kein Glanz in Ihr Auge, dann erst sind Sie
-Meister der Verstellungskunst. Versuchen Sie's, es ist nicht
-leicht.«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Sänger und der Maler wurden an demselben
-Abende Freunde zu einander und verlebten mitsammen noch
-eine köstlich heitere Stunde, bis es ersterer endlich an der
-Zeit fand, die Kammer zu suchen und sieben Stunden lang
-wirklich taubstumm zu sein.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span></p>
-
-<h2 id="Hauptmann_Fortner_und_seine_Frau">Hauptmann Fortner und seine Frau.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Hauptmann Fortner besaß so ziemlich alles, was Glück
-genannt wird unter den Menschen. Er hatte &ndash;
-und das sage ich voraus &ndash; ein lebensfrohes und naturfreudiges
-Herz. Sein Name war umleuchtet vom Glanze einer
-Heldentat. Er erfreute sich an einem schönen Weibe, an
-einem frischen, aufgeweckten Kinde. Nur eine Kleinigkeit
-fehlte ihm, die aber nötig ist, um dem Leben so recht nachlaufen
-zu können: anstatt des rechten bluteigenen Beines
-hatte er einen hölzernen Stelzfuß. Freilich war er auf dieses
-Stück Birkenholz stolzer als auf alle seine übrigen Glieder
-zusammen. Bei der Erstürmung von Serajewo hatte er den
-Fuß verloren und den Heldenglanz gewonnen. Aber dieses
-empfindungslose Stück Birkenholz schmerzte ihn mehr als
-alle übrigen Glieder zusammen, und es waren doch etliche
-darunter, die häufig durchzuckt wurden von rheumatischer
-Erinnerung an Bosnien. Das hölzerne Bein hatte ihn verdammt
-zum Ruhestand in jungen Jahren, die härteste Verdammnis,
-welche ein Soldatenherz zu treffen vermag.</p>
-
-<p>Doch mochte Hauptmann Fortner deswegen mit dem
-Schicksale nicht viel hadern. Er hatte sein Opfer redlich
-gebracht, und sein im Grunde weiches, friedliebendes Gemüt
-bequemte sich zum beschaulichen Pensionistenleben. Die
-Winterszeit in der Stadt war gerade nicht nach seinem
-Sinne. Er ging zwar auf Stelzfuß und Krücke wacker spazieren
-&ndash; denn Stubenhocken, das war seine Sache nicht &ndash;
-aber die mitleidigen Blicke waren ihm zuwider, und er ließ
-seinen Schnurrbart so martialisch auswachsen und schaute<span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span>
-so scharf und finster drein, daß seine kampflustige Miene
-die mitleidigen Herzen zurückschreckte. Anders war es im
-Sommer, wo er mit seiner kleinen Familie auf einem Dorfe
-zu wohnen pflegte, in einem weiten Talkessel, der mit schönen
-Bergen und dunkelnden Wäldern umgeben war. Da konnte
-er sich erfreuen an den Verrichtungen fleißiger Arbeiter,
-denen er oft stundenlang vergnüglich zusah, konnte sich ergötzen
-an der landschaftlichen Natur, zu der er Jahr für Jahr
-größere Neigung empfand.</p>
-
-<p>Seine Frau Emma harmonierte in all diesen Dingen
-lange Zeit ganz mit ihm, nur daß ihre gesunden Glieder
-noch weiter ausholen wollten und konnten. An den zahmen
-Spaziergängen durch Wald und Wiese fand sie nicht Genügen;
-mit zweien ihrer Brüder hatte sie einst eine Hochgebirgswander
-gemacht, und die ging ihr nicht mehr aus dem
-Sinn. Da sie ihren Knaben in der Pflege einer verläßlichen
-Kindsfrau wußte, so versäumte sie keine Gelegenheit, um
-sich Gruppen anzuschließen, die auf einen oder den anderen
-Berg stiegen, wie solche sich im Hintergrunde des grünen
-Gaues gewaltig erhoben. Sie sei verliebt in die hohen Berge!
-so sagte sie selbst, weil eine Frau alles, was ihr gefällt, mit
-der Liebe zusammenspannt. Der Hauptmann schaute manchmal
-der wohlausgerüsteten munteren Gesellschaft ein wenig
-betrübt nach. Das Herz tat ihm weh darob, daß er keinen
-der ins Land hinausleuchtenden Alpengipfel mehr erreichen
-konnte, und es tat ihm weh, daß &ndash; doch genug der Wehmut
-für einen Soldaten! Sie ist tapfer und kommt ihm wohlbehalten
-wieder zurück.</p>
-
-<p>Also geschah es eines Tages, daß ein Bruder von Frau
-Emma, der Reserveleutnant war, einige junge Leute mitbrachte
-aus der Stadt in das Dorf; unternehmungslustige
-Studenten. Sie wurden natürlich dem Herrn Hauptmann<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span>
-Fortner und seiner jugendlichen Frau Gemahlin vorgestellt
-und von diesen eingeladen zum Kaffee. Bei dem Kaffee entstand
-der Plan zu einer Besteigung des Hochschwab. Allgemeiner
-Jubel; nur der Hauptmann schwieg und dachte:
-Mußt dich eben begnügen damit, andere in Bergeslust zu
-wissen. Am Abende desselben Tages, während seine Frau
-ihm wie gewöhnlich das Rauchzeug zurecht tat, stülpte sie
-ihren weichen Arm ganz leicht auf seine Schulter: »Nicht
-wahr, lieber Mann, du hast nichts dagegen, wenn ich morgen
-mit von der Partie bin?«</p>
-
-<p>»Wohin?« fragte er rasch.</p>
-
-<p>»Die auf den Hochschwab geht. Gelt, dir ist es
-recht?«</p>
-
-<p>Der Hauptmann stopfte seine Pfeife und sagte nichts.
-Ihm war zumute, als ob ihm jetzt etwas sehr Unangenehmes
-passiert wäre, und er konnte oder mochte sich doch keine Erklärung
-geben, weshalb er seine Frau nicht mit der Partie
-wissen wollte. Sie hat ja recht, hat zwei gesunde Füße
-und die Berge sind ihre Freude. Warum nicht? Der
-kleine Fritz zu Hause ist geborgen und versorgt. Allein&nbsp;…</p>
-
-<p>»Wirst du dich denn auch unterhalten mit den weltfremden
-Leuten?« fragte er sie fast zärtlich.</p>
-
-<p>»Die werden mich wenig kümmern,« antwortete die
-Frau, »ich gehe nur mit meinem Bruder Hans. Und am
-Abende, sagen sie, können wir wieder zurück sein.«</p>
-
-<p>»Es wird etwas spät werden,« bemerkte der Hauptmann
-kleinlaut. Weil sie betrübt war, daß er keine bestimmte Antwort
-gab, sagte er endlich: »Ja, ja, Weibchen, wenn es dir
-Vergnügen macht, gehe nur.«</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen wollte er ihr noch Verhaltungsmaßregeln
-sagen, denn für den Hochschwab kam sie ihm etwas
-zart und unerfahren vor. Doch als er aufwachte, war sie<span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span>
-längst schon fort und ihr leeres Bett hatte nur die herzige
-Unordnung der verschobenen Decken und Kissen, in welchen
-stellenweise noch der Eindruck ihres Körpers zu sehen war.
-Schon um drei Uhr morgens, so erzählte die Kindsfrau,
-wären die jungen Herren draußen gewesen, aber bevor sie
-noch am Fenster klopften, sei die gnädige Frau flink und
-leise aus dem Bette gesprungen und kurze Zeit darauf
-schon vollkommen marschfertig mit ihnen gegangen. Im
-Wirtshause wäre Tee gekocht worden und dann habe man
-die Gesellschaft vom Waldschachen her, wo sie angestiegen,
-noch munter lachen gehört. Es müßten lustige Leute dabei
-sein, und über Studenten stehe einmal nichts auf.</p>
-
-<p>Als einst bei Serajewo der Arzt dem Hauptmann
-Fortner mitgeteilt, daß er sich für alle Zukunft mit einem
-einzigen Beine werde behelfen müssen, war ihm ein wenig
-weh geworden ums Herz. Aber so nicht wie jetzt, so weh nicht
-wie jetzt. Der Zeiger der Uhr stand auf sechs, noch fünfzehn
-Stunden oder länger, bis sie wieder da sein wird. Mißmutig
-suchte er sein Holzbein anzuschnallen, es wollte nicht recht
-gehen, die Kindsfrau machte sich erbötig, ihm dabei zu helfen,
-er wies sie fast unwirsch zurück zum Knaben und bediente sich
-zur Not allein.</p>
-
-<p>Im Laufe desselben Vormittags, als der Hauptmann
-unter der Linde saß, kam der Fleischerknecht mit dem großen
-Hunde des Weges; ein Kalb wurde herangezerrt und gehetzt.
-Der Hund sprang hinten drein, bald links, bald rechts, bellte
-heftig und tat, als ob er dem Kalb in die Beine schnappen
-wollte, so oft es sich weigerte zu gehen.</p>
-
-<p>»Mylord, setz ab!« rief der Bursche dem Treibhund zu;
-da stellte dieser augenblicklich seine Arbeit ein und der
-Fleischer band den lockergewordenen Strick sorgfältig um
-den Hals des Tieres.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span></p>
-
-<p>»Die Schwabengeher werden schon hoch oben sein!« rief
-er so nebenbei dem Hauptmann zu.</p>
-
-<p>»Hast du sie gesehen?«</p>
-
-<p>»Bei der zweiten Fölzbrücke sind sie mir begegnet,«
-berichtete der Bursche, »sind ihrer aber nicht mehr alle. Der
-Herr Leutnant hat in der Hütte zurückbleiben müssen.«</p>
-
-<p>»Mein Schwager?«</p>
-
-<p>»Hat sich beim Zaunstiegel den Fuß so stark verstaucht,
-daß es aus war.«</p>
-
-<p>»Ist doch meine Frau bei ihm geblieben?« fragte der
-Hauptmann.</p>
-
-<p>»Die Geißer-Gretel gibt ihm Umschläge.«</p>
-
-<p>»Und meine Frau?«</p>
-
-<p>»Sie werden jetzt schon hoch oben sein. &ndash; Na, vorwärts.
-Pack an, Mylord!«</p>
-
-<p>Unter Gekläffe trappelte es weiter, und der Hauptmann
-blieb an der Linde zurück. Aber er war aufgestanden. Vor
-allem ließ er einen Wagen einspannen und fuhr zur Hütte in
-der Fölz. Dem Herrn Leutnant ging's nicht am schlimmsten,
-er war schon wieder davon, aber nicht auf den Hochschwab,
-sondern, wie ein Halter schmunzelnd dartat, in die untere
-Fölzsteinalm, wo die kraushaarige Geißer-Gretel ihre Ziegen
-hütete.</p>
-
-<p>Im Herzen des Hauptmanns wütete ein heißer Zorn.
-Er machte allen Ernstes den Versuch, das Gebirge hinanzuklettern,
-es ging nicht. Er fuhr zurück ins breite Tal, und
-auf einer Anhöhe stieg er aus und starrte hin in die Wände.
-Die Wände waren hoch und ätherblau, die Spitze des Gebirges,
-die weit dahinter lag, war nicht einmal seinem Auge
-erreichbar. Wenn er an die Beschwerden dachte, die von
-den Touristen etwa zu überwinden waren, als hartes Klettern,
-Sonnenbrand, Durst, Sturm, Frost, Erschöpfung, da<span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span>
-wurde ihm leicht und tröstlich; wenn er sich aber vorstellte,
-wie sie auf grünen Matten rasteten, oder in Felsnischen
-saßen, aßen, tranken, scherzten, da wollte er vergehen vor
-Qual. Am Nachmittage suchte er bei seinem Kinde Linderung
-des Gemütszustandes. Der Knabe war im dritten Lebensjahre
-und trieb allerlei Ergötzlichkeit mit seinen hölzernen,
-rot angestrichenen Türken, mit seinen kleinen Zehen, mit
-des Vaters Schnurrbart und Nase, der Vater scherzte überlaut
-mit dem Kinde, blickte dabei immerfort auf die Uhr, die
-es heute so gar nicht vorwärts brachte.</p>
-
-<p>»Papa!« sagte der Kleine plötzlich, »werden die Studenten
-Mama wieder zurückbringen?«</p>
-
-<p>Gegend Abend stand er immer nur am Fenster. So oft
-er auf der Gasse Schritte oder einen Wagen hörte, steigerte
-sich seine Spannung. Zum Nachtmahl bestellte er ihr Lieblingsgericht,
-Forellen mit Artischocken. Es ward neun Uhr,
-es ward zehn Uhr, sie kam nicht. Die Nacht war finster und
-schwül, manchmal leuchtete ein matter Blitzschein auf. Der
-Hauptmann legte sich zu Bette, aber als der Tag anbrach,
-hatte er noch kein Auge geschlossen. Am Vormittage stellte
-sich sein Schwager Hans ein, der sehr aufgeweckt war und versicherte,
-daß sein Fehltritt über die Zaunstiegel sich schon
-wieder bekehrt habe.</p>
-
-<p>»Zum Teufel, wer kümmert sich um deinen Fehltritt!«
-rief der Hauptmann, »wo meine Frau ist, will ich wissen.«</p>
-
-<p>»Sind sie noch nicht da?« fragte der Leutnant überrascht.
-»Also müssen sie in den Fölzerhütten übernachtet
-haben.«</p>
-
-<p>»Mensch!« sagte der Hauptmann und umklammerte mit
-ehernen Fingern den Arm des Schwagers, »Mensch, hast
-du denn wirklich keinen Hauch einer Ahnung von dem, was
-Frauenehre ist!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span></p>
-
-<p>»Mit solchen Begriffen, lieber Freund, plagt sie sich
-selber nicht,« antwortete Schwager Hans. »Bei Hirtinnen
-nimmt man's nicht so genau.«</p>
-
-<p>»Und was man so Ritterlichkeit nennt unter Brüdern,«
-sagte der Hauptmann mit niedergedämpfter Wut. »Du hast
-dich zum Begleiter meiner Frau, deiner Schwester, gemacht
-und hast sie fremden jungen Männern überantwortet. Die
-einzige Dame mit Studenten auf einer Bergpartie, in
-Alpenhütten … Man muß Sägespäne im Kopfe
-haben&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Na, erlaube mir!« fuhr der Leutnant auf, »in diesem
-Tone lasse ich von meiner Schwester nicht sprechen!«</p>
-
-<p>»Den Spieß umkehren! Auch gut!« rief der Hauptmann
-seiner nicht mehr mächtig. »Kuppler!«</p>
-
-<p>Der Leutnant schoß auf dieses Wort wie von einer
-Feder geschleudert in die Luft. In demselben Augenblicke
-erhoben sich vor dem Hause fröhliche Stimmen. Die Touristen
-waren da. Keine allzugroße Müdigkeit sah man ihnen
-an, sie waren fröhlich und die junge Frau Hauptmännin
-war trotz der Schäden, die sie an ihrer Kleidung trug, lustig
-bis an die Grenze der Ausgelassenheit. Die jungen Herren
-verabschiedeten sich vor der Tür von der Frau, die sie noch
-an ein Versprechen erinnerte, bei einer nächsten Partie wieder
-ihre Kameraden zu sein.</p>
-
-<p>Warum gehen sie heute nicht ins Haus, die jungen
-Herren? Warum treten sie ihm heute nicht unter die Augen?</p>
-
-<p>Hauptmann Fortner hatte sich zurückgezogen auf seine
-Stube, er hätte es gerne gesehen, wie sich seine Frau beim
-Wiedersehen des Kindes benahm, er hätte gerne erfahren, ob
-sie nicht Ungeduld habe, den Gatten zu begrüßen. Sie kam
-aber nicht, sie zog in ihrem Gemache das zerfahrene Gewand
-aus, sie zog einen Sonntagsstaat an und machte sorgfältig<span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span>
-Putz. Endlich hielt er es nicht mehr aus, er trat bei ihr
-ein und fragte kurz: »Was wird denn heute noch sein?«</p>
-
-<p>»Warum?« fragte sie, wie über seine Frage befremdet.</p>
-
-<p>»Bekommen wir Besuch, oder machst du welchen?«</p>
-
-<p>»Ah, du meinst, weil ich ein frisches Kleid angezogen
-habe? Mein Gott, soll ich nicht mehr ein anständiges Gewand
-am Leibe tragen?«</p>
-
-<p>Trotzig? Wie? Auch die dreht den Spieß um, dachte
-der Hauptmann, aber das wird mich nicht irremachen.</p>
-
-<p>»Emma,« sagte er mit Aufwand aller Fassung, »du
-scheinst von mir Vorwürfe zu befürchten, weil du mir mit
-den deinen zuvorkommen willst.«</p>
-
-<p>Alsogleich richtete sie sich auf und fragte: »Wieso?«</p>
-
-<p>»Sei ganz unbesorgt,« entgegnete er, »Vorwürfe werde
-ich dir nicht machen. Aber das wirst du dir merken: heute
-bist du das letztemal mit fremden Leuten auf einer Landpartie
-gewesen.«</p>
-
-<p>Sie blickte ihn betroffen an.</p>
-
-<p>»Außer in meiner Gesellschaft wirst du keinen Fuß mehr
-in die Welt setzen.«</p>
-
-<p>»Deine Gefangene also,« entgegnete sie. »Es ist wohl
-ein Verbrechen, auf den Berg zu steigen. Es geht zwar alles
-hinauf, nur die Philister nicht. Und die Krüppel nicht.
-Ich will mein junges Leben&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Kein Wort mehr! &ndash; Du hast weder Takt noch&nbsp;&ndash;«
-Er sprach das Wort nicht aus.</p>
-
-<p>Sie war still. Mit einer Handarbeit machte sie sich
-zu schaffen.</p>
-
-<p>»Ich werde keine Landpartie mehr machen,« schluchzte
-sie in ihr Spitzentuch hinein. »Ich will vergessen, was das
-ist, auf einem Berg zu sein. Ich werde zu Hause bleiben.
-Das werde ich tun, ich verspreche es.« Und sie weinte kläglich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span></p>
-
-<p>Er verließ ihr Zimmer, denn lange wäre es ihm nicht
-möglich gewesen, fest zu bleiben.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Seit diesem Tage war es schon eine Weile her. Der
-Schwager Hans hatte anfangs fast Duellgedanken gehegt,
-sich endlich aber dafür entschieden, nicht mehr in das Haus
-des Hauptmanns zu gehen, solange dieser ihn nicht ausdrücklich
-zu sich bitte. Der Hauptmann bat ihn aber nicht
-zu sich. Sein Verhältnis zur Frau war äußerlich wie früher.
-Von der Alpenpartie war nicht ein Sterbenswörtchen mehr
-gesprochen worden. Nur der Kindsfrau war eines Tages eine
-anzügliche Bemerkung über die schönen Studenten entschlüpft,
-das kostete ihr den Dienst. Der Hauptmann zahlte ihr auf
-der Stelle den Monatslohn aus und sie war entlassen. Frau
-Emma war seit jenem Tage in der Tat nicht hundert
-Schritte vom Hause fortgegangen. Sie saß immer, auch beim
-schönsten Sommersonnenschein, in ihrem Zimmer oder im
-Hofraum neben dem Hühnerstall und stickte altdeutsche
-Zieraten in Tisch- oder Bettwäsche.</p>
-
-<p>Anders der Hauptmann. Ob heller Sonnenschein den
-weiten Talkessel füllte bis zum Überschäumen, oder ob schwere
-Wolken über dem Tale lagen, wie ein eherner Deckel mit
-Arabesken, den Hauptmann zog's hinaus. Mit mühseligem
-Schritte ging's voran, aber sein Antlitz war erfüllt von
-Naturfreude, und sein Auge war offen für alle Vorgänge
-in Flur und Wald und Wasser und Stein und am hohen
-Himmel. Dann saß er am Feldrain und blickte hinaus in
-das Bergrund, dessen Linien mit einem Ätherhauche sanft
-verschleiert waren, so daß die Felshäupter und Almkuppen
-doppelt weit entfernt und doppelt hoch erschienen. Und der
-Grund des Tales lag da wie ein Schachbrett mit den
-durch graue Holzzäune geteilten Quadratchen seiner grasgrünen
-Wiesen und strohgelben Felder; darauf die Figuren<span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span>
-der Höfe und Baumgruppen und der alten Burg, die auf
-einem Felskopfe stand. In der Sohle Tiefe lag eine weiße,
-stellenweise breit auseinanderquellende Sandriesel, in der
-sich jetzt ein winziges Bächlein schlängelte, fast verschmachtend
-wie eine Forelle auf dem Trockenen. Der Hauptmann
-freute sich an all der Augenweide, aber in seine Freude klang
-leise, ganz leise ein Glöcklein des Schmerzes. &ndash; Dann
-humpelte er durch das feuchte Dunkel des Waldes, wo der
-Hauch der Germen und der Genzianen und der Zyklamen
-war. Was das Herz frisch wurde mitten in diesem ungeheuren
-Neste des Lebens! Doch, das Glöcklein in ihm klang
-fort, leise, aber immer und immer. &ndash; Wäre ich nicht allein!
-so quoll es einmal hervor zwischen seinen Lippen, denn im
-Grunde erträgt ein reges Herz die Freude nicht weniger
-schwer allein, als das Leid. Und die Natur, wenn sie in
-ihrer allebendigen Stille unter uns, über uns daliegt,
-um uns webt und leuchtet, eine ewige Harmonie der Kräfte
-auf der Wage unendlicher Räume, nur zum kleinsten Teil
-wahrgenommen, erfaßt von unseren Sinnen &ndash; sie wirkt
-schier beklemmend auf die Seele. Unsere Glücksahnung und
-Wohlempfindung darüber, daß wir ein Teilchen dieser vollkommenen,
-unzerstörbaren, unendlichen Größe sind, wird
-getrübt durch das Bewußtsein, daß es unmöglich ist, das
-Ganze, zu dem wir gehören, zu überschauen und zu begreifen.
-Uns beginnt zu bangen vor den allewigen Gewalten, so sehr
-ihre Erscheinungen unsere Sinne auch entzücken mögen, und
-wir fliehen zu geliebten Menschen, bergen unser zitterndes
-Herz an einer fühlenden Brust.</p>
-
-<p>Etwas unstet stolperte unser Hauptmann dahin, wenn
-solche Gedanken und Empfindungen ihn bewegten. Da war
-es auch, daß er am See stand. Er setzte sich auf einen
-stumpfkantigen Stein, der von der Felswand niedergebrochen<span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span>
-war und schaute hin auf die glatte Tafel, die mittendurch
-einen Sprung hatte, der eine Teil war der tiefschwarze
-Spiegel des Fichtenwaldes, der andere des lichten Himmels.
-Wie freundlich und wie kurz ist der Weg zu allen diesen
-Schönheiten, und wie leicht ist er zu gehen; ein wahrer
-Genuß für den, der gesunde Füße hat. Und doch ist niemand
-da, und die Bäume und die Steine und die rieselnden Ufer
-sind einsam, und der Mensch, der hier sitzt und hinausschaut
-… Muß man denn immer voller Mühe und Gefahr
-und anderen Args hoch hinaufsteigen ins tote Gestein? Ist
-die Schönheit denn nicht am schönsten, wenn man mitten in
-ihrem urheiligen Wehen und Weben steht? &ndash; Sie weiß es
-nur nicht, wie leicht sie das alles haben könnte, und sie sitzt
-zwischen Mauern wie eine Gefangene.</p>
-
-<p>Eines Tages hielt er es nicht mehr aus. Mitten aus
-der stimmungsvollsten Landschaft ging er fast zornig fort
-und nach Hause. Seine Frau saß im Hofe, neben der
-Scheunenstiege auf einem Sockel und stickte. Nach drei Seiten
-waren die Mauern, an deren Ecken Strohhalme wirr niederhingen
-und Spinnenweben klebten. Die vierte Seite war von
-einem Holztore geschlossen, über das ein Stückchen Himmel
-hereinblaute. Emma wollte nicht einmal dieses kümmerliche
-Stück Ätherblau sehen, sie schaute auf ihre Arbeit und stickte.
-Die Magd fegte mit einem Besen den Hof aus, der Staub
-umwirbelte die Frauengestalt; sie hüstelte und kehrte sich nicht
-daran. Also trat der Hauptmann an sie heran und sagte
-mit freundlicher Stimme: »Emma, heute sollten wir doch
-zusammen einen kleinen Spaziergang unternehmen. Es ist
-zu himmlisch draußen. Komm!«</p>
-
-<p>Sie bückte sich nach einer Nabel, die aber gar nicht
-hinabgefallen war, und antwortete ganz leichthin: »Nein, ich
-bleibe zu Hause.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span></p>
-
-<p>Er schwieg und ging allein wieder hinaus. Am nächsten
-Tage nahm er seinen Knaben mit, der aber hockte mitten
-auf der sonnigen Straße hin und beschäftigte sich mit Steinchen
-und Käfern und der Hauptmann blieb doch allein mit
-seiner Freude an der großen landschaftlichen Natur und mit
-seinem Drange, sie mit einem lieben Menschen teilen zu
-können.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>So war es in diesem Sommer und so war es im
-nächsten Sommer. Der Hauptmann ging allein und mühselig
-in der Gegend umher und Frau Emma saß daheim in
-den engen Mauern ihres Hauses. Sie sagte kein Wort davon,
-daß sie auch einmal hinaus möchte. In unbewachten Stunden
-aber war zum Fenster hinaus ihr Auge sehnsuchtsvoll gerichtet
-nach den Zinnen des Hochschwab, die über den Waldungen
-niederleuchteten. Da trat der Hauptmann wieder
-einmal zu ihr hin und sagte: »Liebes Kind, wenn du
-wüßtest, wie schön es ist da draußen auf dem Feldpfade, da
-drüben im Walde, am See!«</p>
-
-<p>»Ja, ich kann mir's denken,« sagte sie und stickte.</p>
-
-<p>»Auch dieser Sommer wird bald dahin sein,« fuhr er
-fort, »und du hast wieder nichts gehabt vom Landleben.«</p>
-
-<p>»Ich bin ganz zufrieden hier im Hause,« war ihre
-Antwort.</p>
-
-<p>»Aber es wäre so nett, wenn wir säßen da oben
-unter dem Ahorn und ins weite Tal hinausschauten und
-plauderten, und Fritz spielte neben uns im Grase oder
-sammelte Beeren.«</p>
-
-<p>»Nimm ihn nur mit,« sagte sie, ohne aufzublicken. »Ich
-warte, bis er so groß ist, daß man mit ihm Alpenpartien
-machen kann.«</p>
-
-<p>»Muß es denn gerade eine Alpenpartie sein?« fragte er,
-sogleich ärgerlich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span></p>
-
-<p>»Das muß es nicht,« sprach sie, »darum sage ich ja,
-daß ich zu Hause bleibe.«</p>
-
-<p>Also ging er wieder allein davon. Dieser Sommer war
-besonders einladend zu Spaziergängen. Die morgendlichen
-Wiesen voll Taues, die mittägigen Wälder voll Blumenduftes
-und Schmetterlingsgegaukel, die abendlichen Schluchten
-voller Lichtspiele. Und die Vollmondnächte mit ihrem stillen,
-fast überirdischen Zauber &ndash; dem einsamen Menschen wurde
-immer nur weh' im Herzen. Blumen pflückte er, Waldfrüchte
-sammelte er und brachte sie heim seinem Weibe.</p>
-
-<p>»Ah, wie hübsch!« sagte sie, »danke dir!« legte den
-Strauß neben sich hin und stickte.</p>
-
-<p>Einmal brachte er sie bis zum Baumgarten. Sie
-saß unter einem Apfelbaum und arbeitete. Manchen kurzen
-Blick tat sie hinaus zwischen den schlanken Stämmen und
-dem luftigen Laub in die freie, mit silberigem Duft gesättigte
-Gegend, er merkte ihr an, wie wohl ihr war und
-sein Entzücken darüber, er vermochte es nicht zurückzuhalten.</p>
-
-<p>Da sagte Frau Emma plötzlich: »Ich glaube es wird
-kühl,« raffte ihre Sachen zusammen und ging hinab zum
-Hause.</p>
-
-<p>So war es Sommer für Sommer. Frau Emma saß
-in ihrem Zimmer oder im Hofe, der Hauptmann strich mit
-seinem Stelzfuße über die Matten, über sonniges Heideland,
-in schattenfrische Gründe. Fritz wuchs heran, ward ein aufgeweckter
-Junge, blieb aber, wenn er auf den Schulferien
-zu Hause war, weder bei der stickenden Mutter in der
-Stube, noch ging er mit dem beschaulichen Vater. Er suchte
-Kameraden, mit denen er auf die Bäume kletterte, auf
-hohen Stelzen gehen, in den Bächen Krebse fangen und
-andere Knabenlust hegen konnte.</p>
-
-<p>Zehn Jahre war er alt, als eines Tages seine Mutter<span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span>
-zu ihm sagte: »Daß du doch den ganzen Tag herumlaufen
-kannst! Wirst du denn nicht müde?«</p>
-
-<p>Der Junge blickte sie verwundert an; müde sein, er
-wußte nicht, was das wäre. Noch am Abende wollte er nicht
-ins Bett, aber als er endlich drin lag, schlief er auch schon.</p>
-
-<p>»Wenn du gar nicht müde wirst, so kannst ja mit mir
-einmal auf den Hochschwab gehen!« sagte die Mutter.</p>
-
-<p>Da jubelte Fritz auf, klatschte in die Hände, hüpfte vor
-Freude auf einem einzigen Fuß herum und jauchzte: »Auf
-den Hochschwab! Auf den Hochschwab!«</p>
-
-<p>Darüber freute sich nun auch der Hauptmann. Zwar
-äußerte er anfangs einiges Bedenken, das aber gründlich
-niedergeschlagen wurde. Sie würden sich einen Führer nehmen,
-wenn es sein müsse, übrigens wisse sie &ndash; Frau
-Emma &ndash; auf den Bergen wohl Bescheid. Die Vorstellung,
-daß seine zwei liebsten Menschen den großartigen Naturgenuß
-haben würden und er selbst sozusagen durch die Augen
-seines Weibes und seines Kindes die Welt wieder einmal vom
-hohen Berge aus anschauen könne, trug in dem Hauptmann
-den Sieg davon. Er versorgte sie mit allem Notwendigen
-und ließ sie gehen.</p>
-
-<p>Und in einer kalten Tagesfrühe, als der Morgenstern
-aufstieg über den Bergen des Mürztales, verließen Mutter
-und Sohn das Haus. Ein Träger ging mit ihnen, der jedoch
-nach einigen Stunden überflüssig wurde, denn als sie auf
-den Höhen waren, hatten sie den Mundvorrat zum Teile
-aufgezehrt und die Überkleider angezogen. Was gab es da
-noch viel zu tragen! Die Frau nahm die Ledertasche an sich
-und schickte den Träger zurück.</p>
-
-<p>Hauptmann Fortner saß wieder auf seiner kleinen Anhöhe,
-blickte zum Hochschwab empor wie einst, und dachte
-seinem Weibe nach wie einst. Aber heute nicht mit Trauer,<span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span>
-sondern mit frohem Stolze. War doch er selbst bei ihr in
-seinem frischen, tapferen Söhnlein; an Seite dieses Ritters
-wußte er sie gerne. Und auf den Träger und Führer konnte
-man sich wohl auch verlassen. Also saß er da den lieben
-langen Tag über und genoß die Alpenherrlichkeit, als
-wäre er oben mit seinen lieben zwei Menschen. Am Abende
-wollte er ihnen dann entgegenfahren durch das Hochtal, denn
-die Rückkehr war noch für denselben Tag bestimmt. Aber
-am Mittage kam der Führer zurück und berichtete, sie
-wären allein oben und hätten ihn zurückgejagt. Für das
-erste kam jetzt ein Donnerwetter über den Mann, der seine
-ihm Anvertrauten verlassen hatte; dieser aber entgegnete, er
-hätte gemeint, den Weibern müsse man ihren Willen lassen.
-Und sie würden ja gar nicht auf die Spitze des Schwab
-wollen, sondern sich wahrscheinlich auf die grüne Alm hingelegt
-haben. Auch habe er andere junge Leute oben gesehen,
-die Kohlröslein und Edelweiß gesucht. Gegen Abend würden
-alle wohlbehalten wieder herabkommen. &ndash; Für das zweite
-ließ der Hauptmann sofort einspannen und fuhr durch das
-Hochtal hinauf, soweit der Weg fahrbar war. Als dieser
-in einer breiten Sandhalde sich verlor, stieg der Hauptmann,
-aus und wollte es mit der Krücke versuchen, emporzusteigen.
-Da kamen sie herab. Einige Knaben waren es, Hirten und
-Bauernjungen, und mit ihnen auch der Fritz.</p>
-
-<p>»Seid ihr da?« rief ihnen der Hauptmann entgegen.</p>
-
-<p>»Ich will nicht fahren, Papa!« schrie Fritz, »wir wollen
-zu Fuß gehen und Krebse fangen. Ich bin gar nicht müde.«</p>
-
-<p>»Wo ist die Mutter?« fragte er.</p>
-
-<p>Da stutzte der Junge.</p>
-
-<p>»Mama wird ja voraus sein,« sagte Fritz. »Der,«
-er deutete auf einen anderen Knaben, »der hat gesagt, daß
-sie voraus ist.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span></p>
-
-<p>Hierauf erzählte Fritz: Als sie oben an den Felsen
-gewesen, habe er die Knaben gesehen, die im Gewände
-Blumen gesucht hätten. Er habe sie gekannt und sei zu
-ihnen hingelaufen, und sie hätten einen Hut voll schöner
-Rosen gefunden. Dann sei ein anderer Bub gekommen und
-habe gesagt, Mama wäre wohl schon hinabgestiegen, und
-dann wären sie auch eilends hinabgegangen. &ndash; So war der
-Junge nun da und die Mutter nicht mit ihm. Dem Hauptmann
-ging es kalt wie Stahl ins Leben. Da er gesehen, daß
-es für ihn unmöglich war, hinanzuklettern, fuhr er eilends
-zurück ins Tal und bot Leute auf, sein Weib zu suchen.
-Am späten Abend stiegen sie an, aber am nächsten Morgen
-waren sie noch nicht zurück. Fritz schlief in derselben Nacht
-so fest und süß, daß in dem verzweifelten Vater ein Haßgefühl
-erwachte gegen sein eigen Kind, das so sorglos und
-leichtsinnig sein konnte, die Mutter auf wildem Berg zu
-verlassen und dann daheim im Federbette gottlos ruhig
-zu schlafen.</p>
-
-<p>Am nächsten Mittag war noch niemand zurück. Am
-darauffolgenden Abende kam einer der suchenden Männer,
-um zu fragen, ob sie nicht etwa doch schon zu Hause sei.</p>
-
-<p>»Unseliges Kind!« rief der Hauptmann, den Knaben
-rüttelnd, er wollte ihn würgen und küssen zugleich. &ndash;
-Unseliger Mann! so widerhallte es dumpf in ihm. &ndash;
-Denn die Ahnung war zur Vermutung, diese zur Wahrscheinlichkeit,
-diese zur Gewißheit geworden: Sein Weib
-war geflohen, entführt. Alles war angespielt gewesen, sie
-hatte den arglosen Knaben im Gebirge wohl fortgeschickt,
-war von dem Buhlen sicher schon erwartet worden unter
-den Wänden, war mit ihm jenseits in die Gegend der
-Salza davongeeilt, nach dem Österreicherland, in die weite
-Welt. Also endet's mit dieser Ehe&nbsp;…</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span></p>
-
-<p>Herr Hauptmann, wir bitten um Urlaub. Bevor wir
-das Schlimmste annehmen, wollen wir uns doch selbst auf
-die Suche machen nach der Frau.</p>
-
-<p>Als Frau Emma den Träger zurückgeschickt hatte, stieg
-sie mit dem Knaben munter die Matten an. Sie hatte
-Mühe, Fritz vorwärts zu bringen, an jeder Blume, an
-jedem Käfer blieb er hängen. Nur das, was greifbar,
-faßbar, fangbar und tragbar war, machte dem Knaben Lust,
-alles andere war für ihn nicht da. Endlich kamen sie in
-das Gebiet der Steine. In wuchtigen Blöcken, in sandigem
-Schutt, in starrenden Wänden waren sie da. Ringsum steile,
-zerrissene Felsen. Sie waren in ein Kar hinaufgegangen und
-in einen Hochkessel hineingekommen, wo kein Halm und kein
-Zirm mehr stand &ndash; alles kahl und starr. Sie kehrten um,
-bogen um eine Wandrippe, und da war es, daß Fritz die
-Knaben sah drüben am grasigen Hang zwischen Zirmbüschen
-und grauen Steinen. »Gemsen! Gemsen!« hatten sie geschrien,
-da begann Fritz zu laufen und zu klettern und in
-wenigen Minuten war er bei den Knaben. Die Mutter freute
-sich anfangs, daß er Genossen gefunden, sie setzte sich auf
-einen Stein um zu warten, bis sie herüberkämen vom
-Hang. Dann wollte sie sich mit ihrem Jungen auf den
-weiteren Anstieg machen. Sie kamen aber nicht, und als die
-Frau endlich aufstand, um über den Zirmbusch hinüberzuschauen,
-waren sie nicht mehr zu sehen.</p>
-
-<p>Nun begann sie zu rufen nach dem Fritz. Die Rufe
-schlugen an die Felsen. Der Knabe kam nicht und war nicht
-zu sehen und nicht zu hören. Jetzt begann ihr plötzlich
-bange zu werden. Sie hub an, zwischen dem Gezirm hinzuhuschen,
-mit Händen und Füßen über Felsklötze zu klettern,
-in großen Sprüngen von Stein zu Stein zu setzen. Sie kam
-an den grünen Hang, wo früher die Knaben zu sehen<span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span>
-gewesen, sie sah und hörte keinen. Sie blickte in die Tiefe,
-wo es wie ein dunkelgrüner See lag, es war ein Zirmschachen;
-nirgends ein Mensch. Sie kletterte anwärts in
-einer steinernen Runse, wohin konnten sie anders sein,
-als da hinauf, denn an beiden Seiten waren die Wände.
-Sie kam in eine Wandfalte hinein, in der Schutt und
-Schnee lag: auf dem Schnee war keine Spur eines Menschenfußes.
-Jetzt suchte sie zu einem Felsrücken hinanzuklettern,
-um weiteren Blick zu gewinnen. Aber als sie auf
-dem Grate stand, war vor ihr ein zweites Grat, das noch
-schärfer hervorsprang und ihr also wieder die Aussicht
-deckte. Sie kroch über die breite steile Runse auf allen
-Vieren quer hinüber, sie arbeitete sich empor an den starren
-Felsrücken. Der Blick war jetzt frei in ein tiefes Felsental,
-an beiden Seiten finster ansteigendes Gewände, auf
-den Zinnen Nebel, in den Tiefen Schatten. Hart vor den
-Füßen der Frau ein schwindelerregender Abgrund. Und
-von ihrem Fritz keine Spur. Schon bluteten ihr Hände,
-Füße und Knie, aber keine Müdigkeit. Sie wollte den Weg,
-den sie gekommen zurückeilen, verlor aber die Richtung.
-Sie kam an eine Stelle, wo noch ein kleiner Vorsprung war,
-dann aber der Grund, auf den man einen Fuß stellen konnte,
-jäh aufhörte. Sie wollte zurück, sah aber, daß sie aus einem
-Abgrund heraufgeklettert, an dem der Rückweg unmöglich war.
-Nun, da stand sie oben. Wie in der Kirche ein Heiliger an
-der Wand, so stand sie da oben, konnte nicht weiter. Alle
-Glieder zitterten ihr, auf der Stirn kalter Schweiß, blaue
-Flammen, rote Funken vor den Augen, sie sank hin aufs
-scharfe Gestein.</p>
-
-<p>Als Frau Emma wieder wach wurde, wußte sie nicht,
-wo sie war, glaubte zu träumen, griff mit der Hand nach
-links, nach rechts, um ihr Bettgewand zu tasten. Kaltes<span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span>
-feuchtes Gestein. Jetzt besann sie sich mit heißem Schreck
-ihrer Lage. Ringsum Nacht, am Himmel Sterne. »Fritz!«
-schrie sie gellend. Er war nicht da. Sie sprang auf, um
-trotz der Dunkelheit hinabzusteigen, sie glitt aus und rasch
-ging's in die Tiefe.</p>
-
-<p>Als sie das zweitemal erwachte, loderte vor ihr ein
-Feuerbrand. Die Sonne war emporgestiegen, Frau Emma
-lag in einem Zirmstrauch, halb noch getragen von den buschigen
-Armen. Allmählich kam sie zu sich. Da sah sie, es
-war alles verloren. Denn hier, wo sie lag, war seit der
-Weltschöpfung kein menschlicher Fuß noch gestanden, es
-konnte an den senkrechten Wänden keiner heran und keiner
-davon. Wie das hier alles hübsch beisammen ist: zu Füßen
-das Grab für den Leib, zu Häupten der Himmel für die
-Seele. Grausig schön standen die hohen Felsen ringsum
-in Morgenglut und grausig einsam! &ndash; Und dort draußen,
-weit hinter den kahlen, niedrigen Riffen blaut das Waldland.
-Sanft und weich wie eine Wiege liegt der Talkessel
-zwischen zahmen, waldigen Bergen. Frau Emma hatte ihre
-Taschen ausgesucht nach Brotkrumen, denn der Mundvorrat
-war unterwegs geblieben. Dann blickte sie empor die senkrechte
-Wand über ihrem Haupte, ob nicht ein Striemlein
-Wassers herabrinne. Wie war alles dürr! Sie wußte wohl,
-dieser lechzende, klebende Gaumen mit dem widerlich bitteren
-Geschmack war der Anfang vom Sterben. &ndash; O lieb
-Gelände dort draußen mit den Auen, mit deinen heimlichen
-Wäldern! Voller Leben! Voller Leben! Und ich
-konnte dich verschmähen, du heiteres Paradies! &ndash; Mein
-Mann! Wie hat er unzähligemale meine Hand gefaßt! Jetzt
-kann ich diese treue Hand nicht mehr erreichen! Allein ließ
-ich ihn wandeln zwischen Blumen und frischen Wäldern
-hin und mein Sinn war steinernes Hochgebirge. Jetzt bin<span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span>
-ich in dir, du furchtbare tödliche Welt. Dort unten war
-Liebe, Freude, Glück in hundertfachen Formen, ich habe alles
-versäumt. Verliebt in das Hochgebirge! Habe ich nicht einmal
-damit geprahlt? Nun vergehe ich in dir. Mein Mann,
-mein Kind, mein junges Leben! &ndash; In solch herzversengenden
-Gedanken verging Stunde um Stunde. Und
-als die Sonne hoch über den starren Zinnen stand, und
-der Fels glühte und das verlassene Menschenherz im Verschmachten
-war, da lebte das Auge noch einmal auf. Sind
-dort unten im Kar nicht schwarze Punkte, die sich bewegen?
-Das bereits entfliehende Leben, stürmisch drängt es wieder
-zurück ins Menschenwesen. Als ob nie eine Müdigkeit, nie
-ein Verschmachten gewesen wäre, so erhebt sich das Weib
-über dem Zirm und winkt mit dem weißen Tuche und ruft:
-»Hier! Hier! Ferdinand!« Nicht mehr das Kind ruft sie,
-den Mann ruft sie, denn all ihr Fühlen und Sehnen und
-Lieben ist zurückgekehrt zu ihm. Und ihre einzige, alleinzige
-Erquickung zu dieser Stunde das Bewußtsein, daß sie ihn
-nie betrogen.</p>
-
-<p>Was Menschen vermögen, wenn es gilt, einen der
-Ihren zu retten! Koste es was es wolle, und wäre es ein
-Fürstentum. Und Wunder wirkt das Gefühl der Zusammengehörigkeit,
-es überwindet die äußere starre, herzlose
-Natur. &ndash; Schon zu dämmern begann es, als die Stricke
-geschleudert wurden von Fels zu Fels, von Kante zu Kante
-heran bis zum Zirmstrauch, zur Felsenbrust, um ihr dieses
-verzagende Menschenleben noch abzuringen. Bei Fackelschein
-wurde sie hinabgetragen und um Mitternacht lag sie auf
-dem taufeuchten Rasen der Matte und schlief. Und als wieder
-der Morgen dämmerte, lag sich das Ehepaar unter krampfhaftem
-Schluchzen in den Armen und daneben in seinem
-Bettchen schlief göttlich leichtsinnig der blühende Knabe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span></p>
-
-<p>Also ist es geschehen und also hat Frau Emma erfahren,
-daß die Waldberge besser und schöner sind, als die
-Felsen, und daß der Mann verläßlicher ist als das Kind.
-Und dem Hauptmann ist es eingefallen, daß es vielleicht
-nicht allemal gut ist für den Ehegatten, gleich das Schlimmste
-zu befürchten, wenn die Frau aus seinem Bereiche tritt.</p>
-
-<p>Frau Emma ist nicht mehr auf den Hochschwab gegangen,
-weder mit Studenten, noch mit ihrem Knaben. Sie
-ist an heiteren Sommertagen auch nicht mehr in ihrem
-Zimmer gesessen oder im staubigen Hofraum. Arm in Arm
-mit ihrem Manne, und gleichsam seine Krücke, ist sie gegangen
-über die blumigen Auen, durch die grünen Wälder
-und entlang am stillen blauen See. Ein Glück ist gekommen
-über beide, von dem sie in langen Jahren keine Ahnung
-gehabt. Wenn sie im Tale so dahinwandelten, mußte Frau
-Emma nur eins vermeiden &ndash; den Blick auf das Gebirge
-des Hochschwab. Denn wenn sie hinter den Waldkuppen
-die kahlen Felsriesen aufragen sah, da wurde ihr übel.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span></p>
-
-<h2 id="Scheintod">Scheintod.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Bis zum Jahre 1869 lebte ich in der Residenz, wo ich an
-der technischen Hochschule als Assistent im physikalischen
-Kabinett und später als Professor tätig war. Im
-Jahre 1869 wurde ich zum Bürgerschuldirektor im Landstädtchen
-B. ernannt. Im Vorfrühling des besagten Jahres
-übersiedelte ich mit meiner Familie an den neuen Bestimmungsort.
-Meine Familie bestand aus der Gattin, mit der
-ich im neunten Jahre vermählt war, ferner aus zwei Kindern,
-einem Knaben von sieben und einem Mädchen von sechs
-Jahren. In B. bezogen wir eine geräumige und freundliche
-Wohnung und richteten uns fröhlich ein. Ich hatte mir in
-der Residenz die nötigen physikalischen und chemischen Instrumente
-nebst einer kleinen Sammlung von Mineralien,
-Schmetterlingen, Käfern und ähnlichen Dingen erworben, wie
-sie jeder Schulmann besitzen soll. Ich stellte diese Gegenstände
-in meinem geräumigen Arbeitszimmer auf; meine
-Gattin schmückte die Fenster mit ihrem kleinen Herbarium
-und freute sich der reinen Sonnenstrahlen, die hier nicht mehr
-von großstädtischem Staub und Nebel zurückgehalten wurden,
-sondern hell und lieblich auf die zarten Pflanzen und jungen
-Bäume fielen.</p>
-
-<p>Die Kinder ergötzten sich an dem Vogelgezwitscher vor
-den Fenstern, hüpften um die Mutter, wenn sie emsig die
-neuen Verhältnisse ordnete, sprangen in meinem Arbeitszimmer
-herum, waren stets geschäftig und gelehrsam, und
-der Knabe versuchte manches Instrument, das ich in den
-Stand setzte und einübte, auch zu handhaben, und zu seinem
-Jubel häufig mit Erfolg.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span></p>
-
-<p>Am glücklichsten waren die Kinder, wenn wir die Elektrisiermaschine
-spielen ließen, deren Strom uns durchzuckte
-und die Haare gegen Berg trieb. Bald verstand es der Kleine,
-selbst die Batterie vorzubereiten und das Experiment auszuführen.</p>
-
-<p>So waren wir alle recht heiter und ich ahnte nicht,
-welche Schrecken und welcher Jammer in diesem Hause sobald
-über mich kommen sollten.</p>
-
-<p>Meine Gattin, von Natur aus etwas schwächlich und
-nervös, zuvor kaum einmal aus der gewohnten Atmosphäre
-der Großstadt gekommen, fühlte sich z. B. gleich
-in der ersten Zeit, wahrscheinlich infolge der schärferen Luft
-und der häufig wechselnden Temperatur, angegriffen. Sie
-achtete es nicht, bestellte, als der Schnee geschmolzen war,
-den kleinen erworbenen Garten &ndash; glücklich darüber, ihren
-Lieblingswunsch erfüllt zu sehen und endlich einmal einen
-Hausgarten zu besitzen. Wie kurz war ihre Freude! &ndash;
-Am 18. März fiel sie plötzlich ein heftiges Fieber an, am
-19. konnte sie das Bett nicht mehr verlassen. In der ersten
-Zeit ihrer Krankheit lag sie in steter Fieberhitze und zweimal
-in Delirium; in der letzten Zeit war sie ruhiger, weil erschöpft,
-und oft lag sie stundenlang in einem ohnmachtähnlichen
-Zustande. Von den beiden Ärzten des Städtchens war
-fast immer einer am Bette der Kranken; am sechsten Tage
-der Krankheit, als eine Art Krisis eingetreten zu sein schien,
-telegraphierte ich an einen der berühmtesten Ärzte der
-Residenz, Professor R. Dieser langte noch an demselben Tage
-ein; ein Konsilium wurde abgehalten und als Resultat
-desselben mir bedeutet, daß ich mich wohl für alle Fälle gefaßt
-machen müsse.</p>
-
-<p>Professor R. reiste wieder ab, nachdem er der Patientin
-ein hoffnungsreiches und mir ein trostloses Wort zugeflüstert<span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span>
-hatte. Ich kam nicht vom Bette der Gattin; sie
-schlummerte zumeist, nur manchmal schlug sie die Augen
-plötzlich wie erschreckt auf, blickte hastig um sich, sah mich
-dann betrübt an, oder tat mir wohl auch den Gefallen,
-ein wenig zu lächeln. Sie sagte mitunter einige Worte,
-die ganz deutlich und verständig waren, und verfiel dann
-bald wieder in den Schlummer. Ihre Gesichtsfarbe war sehr
-blaß geworden, nur bisweilen waren rote Flecken auf ihre
-Wangen, auf ihre Stirn gehaucht. Der Puls war auf 134
-und 140 Schläge in der Minute.</p>
-
-<p>Die Kinder waren vom Krankenzimmer abgesondert;
-die Kranke fragte mehrmals nach ihnen, ich gab ihr die besten
-Auskünfte über das Wohlbefinden der Kleinen, und so beruhigte
-sie sich stets.</p>
-
-<p>Am 26. März in der Morgenstunde war's, als sie mit
-größerer Entschiedenheit als sonst nach den Kleinen verlangte.
-Wir sagten, sie schliefen noch.</p>
-
-<p>»So weckt sie auf!« sagte sie mit heller Stimme,
-»ich muß sterben und will noch einmal meine Kinder
-sehen!«</p>
-
-<p>Mir fuhr das Wort wie ein Messer durch's Herz.</p>
-
-<p>Die Wärterin brachte die Kinder herein.</p>
-
-<p>»O, kommt, ihr armen Wesen!« rief ihnen die Mutter
-halb aufgerichtet mit ausgestreckten Armen entgegen, »ihr
-habt keine Mutter, ihr lieben Kinder, ihr lieben Kinder!«
-Sie herzte und küßte den Knaben, das Mädchen und wieder
-den Knaben, und ein Tränenstrom ergoß sich über die
-Wangen.</p>
-
-<p>Die Wärterin wollte die Kleinen wieder entfernen, allein
-die Kranke wehrte sich dagegen, preßte das Mädchen an ihren
-Mund, den Knaben an ihr Herz; mit sanfter Gewalt wollte
-man ihr sie entreißen, da rief sie laut: »Ich lass' sie nicht,<span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span>
-ich lass' sie nicht von mir! &ndash; Jesus, Maria und Josef!«
-Mit diesem Schrei sank sie zurück auf die Kissen.</p>
-
-<p>Wir stürzten um sie zusammen, sie war regungslos, ihr
-Auge war starr. Die Pflegerin wollte ihr einen Taschenspiegel
-an den Mund halten, wahrscheinlich, um die Atemlosigkeit
-zu bezeugen. Ich erinnere mich nur noch, daß
-ich ihr den Spiegel aus der Hand schlug &ndash; weiter weiß ich
-nicht mehr, was in jener Stunde vorgegangen ist.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Als ich wieder erwachte, saß ich im Lehnstuhl eines
-anderen Zimmers; der Doktor stand neben mir und aus
-meinem entblößten Arm rieselte ein Blutquell ins Becken.</p>
-
-<p>Der Aderlaß soll nötig gewesen sein. Bald besann ich
-mich auf alles, was geschehen war, und verlangte nach
-meiner Frau. Sie hielten mich zurück, versuchten mich
-zu trösten und vorzubereiten.</p>
-
-<p>»Lasset das,« sagte ich, »ich weiß ja, daß sie tot ist.
-Ich will auch jetzt nicht zur ihr; lasset mich allein oder bringt
-die Kinder zu mir.«</p>
-
-<p>Sie ließen die Kinder herein. Diese erzählten mir sogleich
-mit aufgeweckten Mienen, daß in meinem Arbeitszimmer
-Leute beschäftigt seien, die Wände und die Kästen
-und die schönen Instrumente mit schwarzen Tüchern zu
-verhängen. &ndash; Von meinem Arbeitszimmer ging die Tür
-in den Vorsaal, darum hatten sie es zur Aufbahrung der
-Toten gewählt.</p>
-
-<p>Ein paar Freunde suchten mich zu einem Spaziergange
-in den Frühlingstag zu bewegen. Ich fühlte das Bedürfnis,
-die Tote zu sehen und an ihrer Bahre zu beten. Eben als
-ich eintrat, hatte sie der Totenbeschauer verlassen; noch war
-die Leinwand zurückgeschlagen von ihrem Haupte. Ich meinte,
-sie schlafe, ich wollte anfangs nicht glauben, daß sie tot
-sei. Zubald nur sah ich die bläuliche Blässe ihrer Lippen,<span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span>
-das starre, gebrochene Auge zwischen den halbgeschlossenen
-Lidern; ich befühlte ihre kalten, erstarrten, fast bleifarbigen
-Hände.</p>
-
-<p>Ich wankte aus dem Zimmer, aus dem Hause, ging
-hinaus vor die Stadt und wandelte in halbbetäubtem Zustande.
-Spät gedachte ich meiner Kinder und eilte meiner
-Wohnung zu. Die Kinder waren bereits zur Ruhe gebracht;
-sie waren ja so früh geweckt worden. Dann waren sie an
-diesem Tage auch viel im Freien und im Hause selbst herumgesprungen
-und hatten sich manches Gegenstandes zum Spiele
-bemächtigt, der ihnen sonst versagt gewesen war. Sie hatten
-keine eigentliche Aufsicht, waren sich selbst überlassen, und
-so war dieser Tag ganz nach ihrem Geschmacke. Zwar soll
-das Mädchen dem Brüderchen wohl einmal den Vorschlag
-gemacht haben, in das schwarze Zimmer zu gehen und die
-Mutter zu wecken. Der Knabe mochte den Vorschlag auch
-ausführen haben wollen, verweilte jedoch am Mineralkästchen,
-an dem er das Tuch zurückzog und die Steinchen
-auseinanderlegte. Gerade wollte sich der Kleine auch an
-den elektrischen Apparat machen, um Funken zu erzeugen,
-wie er das wohl von mir oft gesehen hatte &ndash; als er aus
-dem Bahrzimmer entfernt wurde.</p>
-
-<p>Mir hat man das erst später erzählt, weil es für
-sich doch nicht wichtig schien.</p>
-
-<p>Am andern Morgen war mein erster Gang wieder zur
-Bahre. Die Blumen, die man in das Zimmer gestellt hatte,
-dufteten stark, die Lichter brannten still &ndash; an der Toten
-war keine Veränderung eingetreten; genau so, wie gestern,
-war sie auch heute zu sehen; die Zeichen der Verwesung hatten
-sich noch nicht eingestellt. Ich küßte ihre Stirn, dann kniete
-ich nieder und zog &ndash; wie es Sitte ist &ndash; ihr den Brautring
-vom Finger. Als das geschehen war, tauchte ich die<span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span>
-kalte Hand wieder über ihre Brust hin, auf der ein Kruzifix
-lag &ndash; dann ging ich davon und mich in das Unvermeidliche
-fügend, suchte ich so viel Ruhe und Kraft zu gewinnen,
-um das Begräbnis anzuordnen. Sie hätten es auch ohne
-mich gemacht. Auf dem Friedhofe war bereits das Grab
-fertig; der Schreiner zimmerte am Sarge; der Singverein
-hielt die Probe der Trauerlieder ab und mehrere Frauen
-des Städtchens sandten Kränze.</p>
-
-<p>Ich kehrte wieder zu meinem Hause zurück. Auf dem
-Betschemel vor der Bahr kniete mancher Fremde, dem es
-wohl im Gesichte zu lesen war, daß ihn nicht sowohl Teilnahme
-als vielmehr Neugierde hergeführt hatte. Dann kamen
-andere, beteten, flüsterten oder fuhren sich mit dem Sacktuch
-über die Augen, besprengten die Leiche mit geweihtem Wasser
-und gingen wieder davon. Zuweilen war gar niemand zugegen,
-und aus der geöffneten Tür starrte das Totenbild in den
-öden Vorsaal.</p>
-
-<p>Ich ging auch davon. Ich mied die Menschen und
-ging gegen den Wald und dorthin, wo der Fluß über eine
-Wehr stürzte. Das Rauschen des Wassers tat mir wohl.
-Ich lag stundenlang am Ufer. Dann fielen mir wieder meine
-armen Kinder ein, die verlassen waren unter fremden Leuten
-in jenem Hause, in dem die tote Mutter lag.</p>
-
-<p>Ich eilte heimwärts. Ich eilte über die Treppen zu
-meiner Wohnung hinan. Kein Mensch war da; selbst die
-Magd war ausgegangen, um irgend etwas zu holen. Es
-wären &ndash; dachte ich &ndash; wohl auch die Kinder mit ihr. Ich
-nahte der offenen Tür, die zur Bahre führte, und sah es
-bald, da drinnen war Unordnung angerichtet. Von der
-einen Wand, wo in den Kästen die physikalischen Apparate
-standen, war der schwarze Tuchverschlag herabgerissen. Einer
-der Kästen war geöffnet und die Elektrisiermaschine stand<span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span>
-auf dem Fußboden. Das Mädchen hockte dabei und blickte
-besorgt auf seine Fingerchen. Der Knabe war zur Leiche
-emporgeklettert und kicherte. Und was ich nun sah, das
-ist über alle Beschreibung grauenhaft. Die Gesichtszüge der
-Toten zuckten und verzerrten sich, sie schlug die Augen auf
-und ihre Lippen bebten wie im Krampfe.</p>
-
-<p>Ich glaube, daß ich im ersten Momente, da ich diese
-Erscheinung sah, über die Treppe hinabgestürzt bin und nach
-Hilfe gerufen habe. Sofort aber kam mir der Gedanke,
-sie ist wieder erwacht. Ich eilte in das Zimmer zurück.
-Das Mädchen auf dem Boden hielt die Maschine in Bewegung
-und ich sah, wie von dieser die Drähte um die Hand
-der Toten gewunden waren. Ich hörte das Knistern des
-elektrischen Stromes; der Knabe lachte laut, als das Antlitz
-und endlich auch das Haupt der Mutter sich mehr und mehr
-bewegte.</p>
-
-<p>Mein erstes war, daß ich die Bahrleuchter umstürzte,
-der Aufgebahrten das Kruzifix von der Brust entfernte; dann
-riß ich sie empor, daß ihr Haupt an meinem Busen zu
-lehnen kam. Jetzt eilten schon Leute herbei, die vor Entsetzen
-aufschrien, mich für wahnsinnig hielten, bis sie an
-der Totgeglaubten die Lebenszeichen sahen.</p>
-
-<p>Was nun folgte, weiß ich nicht; was in mir vorging,
-kann ich nicht erzählen; fast war mir wirklich zumute,
-alles sei Blendwerk und ich wäre in die Nacht des Wahnsinns
-gefallen.</p>
-
-<p>Als die Wiedererwachte dann in ihr, oder vielmehr
-in mein Bett gebracht war, da man das ihre schon zerstört
-hatte, brachte mir ein Amtsbote ein gefaltetes Stück Papier.
-Es kam aus der Sanitätskanzlei. Es war der Totenschein
-meiner Gattin.</p>
-
-<p>Die Kinder hatten ihre scheintote Mutter durch den<span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span>
-elektrischen Strom zum Leben erweckt. Sie wurden nun
-ins Verhör genommen. Unbeaufsichtigt, wie sie waren,
-hatten sie sich in das Bahrzimmer begeben, hatten, unbekümmert
-um die Leiche, die Instrumente hervorgeholt, von
-welchen sie gestern verscheucht worden waren, und gedachten
-heute besonders am elektrischen Apparat, der stets der Gegenstand
-ihrer Wünsche gewesen war, ihr Mütchen zu kühlen.
-Sie wußten das Ding nach dem, was sie von mir gesehen
-haben mochten, trefflich in den Stand zu setzen. Anfangs
-mußte das Mädchen die springenden Funken aushalten, und
-tat es so lange, bis ihm die Fingerchen verbrannt waren.
-Hierauf belud sich der Knabe selber so lange, bis ihm alle
-Haare zu Berge stiegen. Und schließlich kam den Kindern der
-Einfall, die schlafende Mutter zu elektrisieren.</p>
-
-<p>Noch vor Mitternacht dieses merkwürdigsten Tages
-meines Lebens war nach vielen entsprechenden Mitteln und
-Maßregeln die Wiedererstandene zu ihrem vollen Bewußtsein
-gekommen. Ihre Hände waren wieder weich, ihr Auge
-war wieder lebendig und klar, doch blickte sie verwirrt. Ich
-hätte ihr mögen an die Brust sinken und ihr die Wucht,
-welche in meinem Gemüte lag, ausschütten; die Ärzte aber
-beschworen mich, jede Aufregung zu vermeiden und es in
-allem ganz so zu halten, wie mit einem gewöhnlichen
-Kranken.</p>
-
-<p>Nach Mitternacht verfiel sie in einen ruhigen Schlaf,
-aus dem sie gegen Morgen wieder erwachte. Sie suchte
-mit den Augen mich, wendete sich ein wenig zu mir und
-sagte: »Mein Freund, jetzt ist doch alles gut. Aber das
-ist ein schwerer Traum gewesen; &ndash; den möchte ich nicht ein
-zweites Mal träumen!« Und hierauf erzählte sie, es sei ihr
-gewesen, als läge sie auf der Bahre &ndash; viele Stunden lang.
-Man habe Anstalten getroffen, sie zu begraben, man habe<span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span>
-schon den Sarg in das große Zimmer getragen; sie habe
-die Lichter der Bahre gesehen, habe jedes Geräusch, jedes
-Wort, das in der Nähe gesprochen wurde, ganz genau gehört,
-sei aber nicht imstande gewesen, einen Laut oder auch nur
-das mindeste Lebenszeichen von sich zu geben. Sie habe schon
-das gräßliche Geschick, lebendig begraben zu werden, vor
-Augen gehabt. Am schrecklichsten sei ihr das herzerschütternde
-Weinen ihres Gatten gewesen, der ihr schließlich den Ehering
-vom Finger gezogen habe. &ndash; Als sie dieses erzählte, hob
-sie ihre Hand gegen das Auge und stieß den Schrei aus: »Wo
-ist der Ring? Mein Gott, wo ist der Ring!«</p>
-
-<p>Wir selbst alle im tiefsten Herzen erschüttert, suchten
-sie zu beruhigen, ihre Hand wäre in der Krankheit abgemagert,
-der Ring müsse zufällig vom Finger geglitten sein
-und würde sich leicht finden.</p>
-
-<p>»O, nein, nein!« rief sie, »das ist kein Traum gewesen!
-Ich bin auf der Bahre gelegen!« Und sie verbarg ihr Gesicht
-mit den Händen und verfiel in ein solches Zittern und
-Beben, daß ihr ganzer Körper sich schüttelte und wir sie mit
-kräftigen Armen im Bette niederhalten mußten.</p>
-
-<p>Die fürchterliche Aufregung, in der sie weinte, um
-Hilfe rief, mit Gewalt von dem Lager wollte und laut betete,
-dauerte etwa eine Stunde lang. Dann trat plötzlich die Abspannung
-ein.</p>
-
-<p>Noch an demselben Tage, fast genau vierundzwanzig
-Stunden nach ihrem Erwachen aus dem Scheintode, ist sie
-gestorben.</p>
-
-<p>Wieder versuchten wir den elektrischen Strom, aber vergebens.
-Die Geheimnisse der Natur sind unerforschlich; ich
-veranlaßte, daß noch einmal die Kinder den elektrischen Strom
-sammelten und leiteten &ndash; vergebens; die Schläferin wachte
-nicht wieder auf. Wir legten sie nicht mehr auf die Bahre,<span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span>
-wir ließen sie auf dem Sterbebette ruhen, bis sich &ndash; und
-das dauerte nicht lange &ndash; die ersten Symptome der Verwesung
-einstellten.</p>
-
-<p>Dann war das Begräbnis.</p>
-
-<p>Nicht in jenes Grab ließ ich sie senken, das bestimmt
-gewesen war, die Scheintote aufzunehmen. Eine neue Stätte
-wurde ihr bereitet.</p>
-
-<p>Möge sie im Frieden ruhen!</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span></p>
-
-<h2 id="In_der_Einsam">In der Einsam.</h2>
-</div>
-
-<div class="letter">
-<p class="center">
-»Liebe Schwester!
-</p>
-
-<p class="drop">Weil Du seit unserem Abschied, und das ist rund ein
-Jahr her, keine Nachricht von mir bekommen hast, so
-wirst Du wohl denken, daß ich nicht mehr am Leben bin.
-Und möchtest leicht recht haben. Wunder wäre es keins.
-Wenn ich Dir nur gefolgt hätt', wie Du abgeraten hast,
-jetzt weiß ich erst, was ich trotz allem Unglück gehabt hab
-daheim. Zur selben Zeit hab ich's alleweil nur besser haben
-wollen, jetzt möcht ich gar nichts mehr, wie sterben, und
-wie damals so kann ich auch jetzt meinen Wunsch nicht erreichen.
-Bei mir heißt's einzig nur warten und leiden,
-ewig wird's wohl nicht dauern und wenn's einen Himmel
-gibt, und ich komm einmal hinein, so verlang ich mir nicht
-mehr, als wie meine Heimat und meine Leut.</p>
-
-<p>Das Land wo ich jetzt bin, heißt Brasilien und ein
-Vergleich mit daheim ist wohl keiner zu machen. Ich mag
-gar nicht anheben zu erzählen, wie anders es da ist. Ich
-tu in einer Sumpfgegend Wassergräben graben seit einem
-halben Jahr und verdiene mir dabei mehr Geld, als ich
-brauch, weil die Arbeit mein Liebstes ist, daß ich nicht verzage,
-und nach Unterhaltung und Vergnügen frag ich nimmer.
-Denk' Dir, meine gute Schwester, ich bin allein.
-Meine liebe kleine Angerl ist nimmer bei mir und das muß
-ich Dir erzählen, weil's mir noch immer 's Herz abdrucken
-will. Ich schreib mich hart, aber wenn ich noch lange warten
-tu, so kann ich gar nicht mehr, weil man hier die deutsche
-Sprache vergißt. Lernt dafür auch keine andere, wenn man<span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span>
-mit keinem Menschen umgeht, wie sie da &ndash; aber nit von
-der besseren Gattung &ndash; aus allen Ländern zusammenkommen.</p>
-
-<p>Aber das ist alles nichts. Das trifft andere auch so.
-Ich hab mein eigenes Unglück, das für einen einzigen
-Menschen zu schwer ist. Und doch hab ich schon tausendmal
-Gott gedankt, daß mein Weib das nimmer erlebt hat.
-Freilich, wenn sie noch tät leben, kunnt vieles anders sein,
-kunnten vielleicht gar noch in der Heimat sein, allzwei mit
-dem Kind. Das weißt ja alles, nur von unserem armen
-kleinen lieben Dirndel weißt Du's nicht.</p>
-
-<p>Ist es nicht gerade an ihrem achten Geburtstag gewesen,
-wie wir von Triest abgereist sind? Du hättest sehen
-sollen, wie sie in ihrem blauen Kattunröckel gehüpft ist
-und die Handeln zusammengepatscht hat vor Freud: Nach
-Amerika! nach Amerika! Wie sie in allem ihrer Mutter
-ähnlich gewesen ist, so hab ich ja immer gesagt, die wachst
-auf zu meinem Trost und ist's auch im fremden Land: wo
-dieses Kind bei mir ist, da bin ich daheim. Also unterwegs.
-Viele haben die Seekrankheit bekommen, die kleine Angerl
-immer pumperlgesund und voller Faxen, daß oft ein Schock
-Matrosen umhergestanden ist auf dem Zwischendeck und
-sich mit dem lustigen Kind unterhalten. Ernsthaft ist sie
-nur worden am Abend, eh wir auf unseren Bündeln eingeschlafen
-sind und sie ihr Gebet für die Mutter gebetet
-hat. Einmal, wie ich drei Tage lang im Fieber bin gelegen,
-ist sie nit von mir gewichen, hat mir alles so gut
-und so gescheit zugetragen und versorgt wie eine Große
-&ndash; ganz wie ihre Mutter, wenn ich krank gewesen bin &ndash;
-und hat mich mit ihrem lieben Plaudern aufgeheitert und hat
-mir das Haar gekämmt mit den zarten Fingerln und hat
-immer einmal ein schnelles Küssel getan auf meine Stirn.<span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span>
-Oft sind die Offiziere stehen geblieben und haben uns betrachtet,
-und die kleine Angerl ist so der Liebling geworden
-von allen, daß uns eine eigene Kammer angewiesen worden
-ist, obschon ich nur fürs Zwischendeck gezahlt gehabt hab.</p>
-
-<p>Aber für so ein rühriges Wesen, wie ein gesundes
-achtjähriges Kind, ist ein Schiff viel zu klein; auf die
-Leitern aus Strickwerk, wie es überall ausgespannt, ist
-sie hinaufgeklettert, bin oft in Ängsten gewesen, es kunnt
-ihr was geschehen; die Matrosen haben gelacht über den
-»kleinen tapferen Kerl«, und schad, daß es kein Bub wär.
-So sind wir schon vier Wochen auf dem Wasser gewesen,
-nichts als Wasser und nichts als Wasser. Immer einmal
-in weiter Fern ein Schiff, wunderselten der Streifen einer
-Insel, der aber bald wieder vergangen ist. Die Stürme,
-die ich, wie Du weißt, so gefürchtet, sind nicht arg gewesen,
-und mein kleins Mädel hat immer hell gejauchzt, wenn
-sie Papierballen ins Meer geworfen hat, die nachher aus
-den Wellen lustig auf und nieder gewuppt sind. Oder
-hat sich gefreut über die Seemöven, die unserem Schiff nachgeflogen,
-oder über die Delphine und andere Tiere, die aus
-dem Wasser aufschnellen. Aber endlich, wenn alles ruhig
-ist gewesen und immer das gleiche, immer das gleiche, da
-hat das Mädel doch angefangen zu fragen: Vater, wann
-kommen wir denn nach Amerika?</p>
-
-<p>Und da ist's gewesen, daß am Segelmast ein schweres
-Tau gespannt wird. Es dröhnt und summt, so scharf wird
-es gespannt. Da reißt es entzwei, schnellt auf das Deck
-nieder und trifft mein kleines Dirndel am Kopf. Das tut
-einen kurzen Schrei, taumelt hin, zu Boden &ndash; und vorbei
-ist's gewesen. Ich versteh's nit, wie ich das heut so ruhig
-ausschreiben kann.</p>
-
-<p>Meine liebe Schwester! Unsere kleine Angerl hat's getroffen.<span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span>
-Alles ist zusammengelaufen und der Schiffsarzt hat
-zwei Stunden lang gearbeitet. Es ist umsonst gewesen.
-Wie ein weißes Engerl ist sie dagelegen auf einem großen
-Bündel Garn, weiß bis in den Mund hinein zu den weißen
-Zähnlein und die Augen halb geschlossen und nichts mehr
-zu ihrem Vater, kein Hauch und kein Blick. Kühl und immer
-kälter ist ihr Handerl geworden in der meinen, bis sie
-mich endlich haben weggebracht &ndash; weiß nit, was dann gewesen
-ist.</p>
-
-<p>So viel weiß ich wohl, daß ich noch einmal gestanden bin
-unter dem Mast und hingeschaut hab auf das gerissene Tau,
-das mein Dirndel erschlagen hat und jetzt wie eine tote
-Schlange dagelegen ist. Und hab umhergeschaut, auch auf
-die Garnbündel hin &ndash; und ist nit mehr dagewesen. Ins
-Meer habt ihr mir's geworfen! soll ich geschrien haben
-und nachspringen wollen über Bord. Sie haben mich gehalten
-und gesagt, mein Kind tät in der Kabine liegen.
-Und ist's gelegen auf seinem Bett, und kalt und das liebe
-Gesichtl ist schon fremd gewesen. Da hab ich wohl dran
-glauben müssen.</p>
-
-<p>Und immer sind Leut um mich gestanden und all
-auf dem großen Auswandererschiff haben mich gekannt und
-untereinander gesagt: Das ist der Vater von dem erschlagenen
-Kind.</p>
-
-<p>Sonst ist es Brauch auf den Schiffen, daß man die
-Toten ins Meer senkt, weil wir aber nicht gar weit von einer
-Insel gewesen sind, hat der Kapitän angeordnet, daß dort
-mein Dirndel sollt begraben werden. Auf einem Boot sind
-wir ans Land gefahren, unser drei Mann mit der Angerl.
-Eingewickelt in Segeltuch ist es gewesen und mit einem
-weißen Band umbunden, und vorn an der Brust ein hölzernes
-Kreuzl geheftet, das eine Auswandererfrau gespendet<span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span>
-hat. So auf die fremde Insel. Es ist eine kleine unbewohnte
-Insel gewesen und aus dem Sand stehen ganz weiße Felszacken
-auf, die wir aus der Ferne für Segel gehalten haben,
-aber es sind turmhohe Steinriffe wie in unseren Alpen.
-Und hab ich auf der Insel eine Grabstatt gesucht für mein
-Dirndl. Am Ufer ist Sand &ndash; da nicht. Weiter hinten sind
-die Bäume und Sträucher, die in diesen Gegenden wachsen,
-auch schöne wilde Rosen &ndash; hab ich schon wollen den Spaten
-einhauen, und ringelt sich eine zischende Schlange an den
-Stiel, und hab ich mir gedacht, da nicht. Vor den Schlangen
-hat sie immer so arg Entsetzen gehabt. Bin ich weiter gegangen
-auf der Insel, über Sand und Muschelboden und
-Steine und über das Geschlinge der Pflanzen. Wilde Vögel
-hab ich pfeifen und andere Tiere schreien gehört, oft ganz
-in der Nähe gröhlen wie Schweine, aber keines gesehen.
-Und dieweilen die zwei Kameraden bei der Angerl Wacht
-gehalten, bin ich die Felsen hinaufgestiegen und hab gesucht
-nach einem Platzl, wo wir rasten könnten. Zwischen drei
-oder vier Steinzinken ist so eine enge Stelle und da hab
-ich angefangen zu graben in dem verwitterten Gestein.
-Ist einer von den zweien heraufgekommen, hat mir wollen
-helfen. Nein, laßt mich, ich mach das allein. Ganz warm
-und heil ist mir worden bei dieser Arbeit, seit mein Weib
-in der Ewigkeit ist, hab ich ja das Bettherrichten besorgt.
-Immer einmal hab ich mich aufgerichtet, meine Ellbogen
-an den Spatenstiel gestützt, hinausgeschaut auf das weite
-Meer und gedacht: Ist doch das ein seltsames Geschäft,
-auf einer fremden Insel im Meer sein Kind eingraben! &ndash;
-Gegen Abend ist es fertig gewesen; schön ist das Ding
-nicht worden, aber tief. Sie haben das Angerl hinausgetragen
-und hinabgelegt und hab ich ihnen die Schaufel
-aus der Hand genommen: zudecken wollt ich schon selber.<span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span>
-Sie möchten zurückgehen auf das Schiff und ich tät mich
-bei ihnen und allen tausendmal bedanken für die christliche
-Lieb. Zum Angerl hab ich keinen Abschied hinabgerufen, weil
-ich mich daneben wollt niedersetzen auf einen Stein und
-sitzen bleiben, so lang es Gottes Willen ist. Die zwei Kameraden
-sind aber nicht von mir gegangen und ich sollt schnell
-machen, weil das Schiff wollt weiterfahren. Auf mich braucht
-ihr nicht zu warten, mein Verbleiben ist hier. Sie haben
-mir noch Zeit gelassen, haben ein paar Vaterunser gebetet,
-haben mich nachher an den Armen genommen, einer links
-und einer rechts, und haben mich fortgeschleppt von meinem
-kleine Dirndel. Das ist in der Einsam zurückgeblieben.
-Am Strand hab ich noch einmal umgeschaut auf die weißen
-Felszacken; vom Schiff aus hab ich noch einmal zurückgeschaut
-auf die Felsen, wo mein Kind ruht ganz allein zwischen
-den Steinen und wilden Tieren und wie es der Vater, mit
-dem es so freudig ist ausgezogen, treulos verlassen hat &ndash;
-allein auf dem Weltmeer.</p>
-
-<p>So, meine Schwester, hab ich's müssen erleben. Du
-bist ja selbst Mutter, denk, es wäre Dein Kind. Denk's
-nit, Schwester, es ist wie sieben Messer in der Brust. Zehnmal
-habe ich mich hingesetzt, um Dir's zu schreiben, aber vor
-lauter Jammer nit können. Jetzt klage ich nicht mehr, jetzt,
-wenn der Feiertag kommt, setze ich mich auf einer Berghöhe
-nieder und schau hinaus aufs Meer, nach der Gegend,
-wo jene Insel liegt. Santa Maria haben sie die Matrosen
-geheißen, aber Du findest sie auf keiner Karte, sie ist zu
-klein. Und ich kann sie von meinem Berg aus nimmer und
-nimmer sehen, sie liegt viel hundert Meilen weit im Meer.</p>
-
-<p>Von der Zeit nach dem Unglück weiß ich nicht viel
-zu sagen. Auf dem Schiff bin ich krank geworden, nach
-Wochen ins Südamerika gekommen. In der großen Stadt<span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span>
-Rio de Janeiro, im Spital bin ich achtzehn Wochen krank
-gelegen. Ein deutscher Kaufmann hat sich um mich angenommen,
-bin nachher auf seiner Schiffsreede in Arbeit gewesen,
-bis ich mit einem Kameraden aus Böhmen in die
-Teichgräberei gekommen bin, wo jetzt mein Aufenthalt ist.
-Meine Adresse ist zu machen an den Herrn Wilhelm Klinde,
-Kaufherr in Rio de Janeiro, von dort bekomm ich den Brief
-schon, aber weiß nicht, wie lang's mit mir so fortgeht.
-Ich hab halt vor, bei einer guten Gelegenheit nach Santa
-Maria zu reisen, aber es ist kein Schiff, das dahin geht
-und wenn eins nicht zufällig dahin kommt, wie damals unser
-Auswandererschiff, so tun sie's überhaupt nicht. Also schläft
-unser Angerl dort verlassen und wenn es am Jüngsten Tag
-aufsteht, wird es wohl verwundert um sich schauen, daß
-es allein ist. Mein Gott, solche Gedanken sind hart. Vor
-etlichen Tagen sind es zweihundert Meter Länge gewesen,
-was ich gegraben hab. Ist mein Führnehmen gewesen,
-ich rast mich paar Tage aus. Aber es hat nicht sein können,
-so hab ich alleweil ihre Stimme gehört: Vater, Vater!
-Kommst denn gar nimmer zu mir, laßt mich ganz allein!
-Daß ich wieder zum Arbeiten hab müssen anheben, wenn
-ich nicht verrückt werden will. Denk mir oft, 's Beste wäre,
-so lange und ohne Aufhören arbeiten, bis du hinfallst und
-nichts mehr weißt von der ganzen Welt. Im Himmel
-wirst sie wohl finden. Aber, liebe Schwester, ich bin halt
-nicht genug Christ, und kann's nimmer aus dem Kopf
-bringen, daß das Angerl auf der Insel liegt mit Leib und
-Seel und auf den Vater wartet. Und tausendmal bereue
-ich, daß ich meines Kindes Grab verlassen hab.</p>
-
-<p>Jetzt hab ich Dir mein Kreuz geschrieben, helfen kann
-mir wohl niemand. In andern Stücken geht's mir nit
-schlecht, aber das ist alles nichts. Mein einziger Trost,<span class="pagenum"><a id="Seite_214">[214]</a></span>
-daß alles einmal ein Ende nimmt. Ich schließe mein
-Schreiben und sage: Gott zum Gruß, liebe Schwester. Ich
-wünsche, daß es Dir gut soll gehen in der lieben Heimat.</p>
-
-<p class="center">Dein getreuer Bruder</p>
-<p class="right">
-Mathias.«
-</p></div>
-
-<p>So lautet der Brief, der vor etwa drei Jahren eingelangt
-ist an die Frau Johanna Loregger, Beamtensfrau
-im großen Eisenwerke Donawitz bei Leoben. Was hat Frau
-Johanna bitterlich geweint um den armen Bruder und das
-liebe kleine Angerl. Dann schrieb sie ihm einen Brief, daß er
-heimkommen möchte. Im Eisenwerk fände er Arbeit gegen
-guten Lohn, und sie, die Schwester, wolle ihm sein Kreuz
-tragen helfen. Da auf diesen Brief keine Antwort kam, so
-schrieb sie ihm nach einem Jahre das zweitemal und schickte
-ihm Reisegeld. Dasselbe kam nach fünf Monaten zurück, mit
-dem Bescheid, daß Adressat nicht auffindbar sei.</p>
-
-<p>Da ließ Frau Johanna eine Messe lesen für seine
-arme Seele. Aber es war nicht das Ende, plötzlich kam
-von Bruder Mathias wieder ein Brief. Gut sah er nicht
-aus, dieser Brief. Er bestand aus verschiedenen zufälligen
-Papierstücken, wie man sie findet, oder lange im Sack umherträgt.
-Mit schlechtem Bleistift waren sie beschrieben und
-dann in einen gelben halbsteifen Bogen eingeschlagen und
-mit einem schwarzen Bindfaden zusammengebunden. Eine
-Freimarke trug der Brief nicht, hingegen eine Menge Poststempel,
-weil der Name Steiermark zu unleserlich geschrieben
-war.</p>
-
-<p>Und dieser Brief hat folgenden Wortlaut:</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="right">
-»Auf Santa Maria.
-</p>
-
-<p>Eh' das Schiff abgeht, Schwester, will ich Dir noch
-paar Zeilen schreiben. Werden wohl die letzten sein auf<span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span>
-dieser Welt, wollen uns nichts draus machen. Meinen
-Brief vorigen Jahres wirst Du erhalten haben, wo ich Dir
-geschrieben, daß mir unser Angerl auf der Reise verunglückt
-ist. Jetzt ist mein Wunsch erfüllt. Ich bin bei meinem
-Dirndl. Mit dem Geld, was ich mir hab' verdient in Brasilien,
-hab ich ein Boot mit sechs Matrosen aufgenommen
-und sind zweiundzwanzig Tag gefahren. Gemeint hab ich
-schon, sie wär nimmer zu finden, die liebe Insel Santa
-Maria. Und weil auch schlechte Fahrt, so wollten die Matrosen
-umkehren. Bin ich grob worden und sie müßten ihr
-Wort halten, da haben sie mich ins Meer werfen wollen.
-Ich bitt noch um Geduld für drei Tag. Es ist so um Weihnachten
-gewesen, aber die Tage sind hier ganz anders
-und zum Christabend wollt' ich bei meinem Kind sein.
-Und schau, dasmal hat mich Gott nit verlassen, endlich
-sind die weißen Felsen aufgetaucht an der Kimmung. Wie
-wenn ich auf die Heimatserden tät treten, so ist mir gewesen,
-wie ich auf den Sand gestiegen bin. Meine mancherlei
-Sachen auf dem Rücken, habe ich die Matrosen abgelohnt
-und gesagt, sie möchten zurückfahren, oder hin,
-wohin sie wollten, um mich hätten sie sich nimmer zu
-kümmern.</p>
-
-<p>Liebe Schwester, und dann bin ich landwärts gegangen
-über Sand und Muscheln und über die Schlinggewächse
-hin den weißen Felsen zu. Ich glaub, seit wir
-dazumal fort sind, ist kein Mensch hier gewesen. Kein
-Menschenfuß, nur wilder Tiere Spur. Wie dazumal, als
-ich sie allein gelassen, so still und ewig weit ist der blaue
-Himmel. Ich steig schnell zwischen den Zacken hinauf, als
-ob ich noch kommen müßt, eh sie aufwacht. Kann Dir nit
-sagen, Schwester, wie glückselig mir ums Herz ist gewesen.
-Jetzt komm ich zum Platzl hinauf und jetzt sitzt auf dem<span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span>
-Grab ein Tiger. Ein großer wilder, gefleckter Tiger sitzt
-auf dem Grab meiner Angerl. Zuerst hat er den Kopf hingelegt
-gehabt auf dem Boden, wie er mich wahrnimmt,
-hebt er ihn und glotzt mich schreckbar an und setzt langsam die
-Tatze vor, als wollt er aufspringen und mich zerreißen.
-Meine Pistole hab ich im Bündel und kann sie nicht lösen;
-ist auch zu wenig für ein solches Tier. Ein Glück, daß
-das Boot noch nicht fort ist, so lauf ich hinab und sie möchten
-kommen und das wilde Tier umbringen. Alsdann sind sie
-hinauf, der Tiger ist immer noch gelegen auf dem Grab
-und einer hat den Revolver auf ihn dreimal abgeschossen.
-Das Tier ist aufgesprungen, ein paarmal um die Felszacke
-herumgeschlichen und dann jäh auf den Matrosen her.
-Der wäre verloren gewesen, wenn nicht der zweite und der
-dritte zuspringen und mit dem Tiger schaudervoll ringen tät,
-daß ich gemeint, nimmer könnten wir uns erwehren. Selber
-über und über blutend, haben sie ihn mit Messern endlich
-tot gestochen. Ist gelegen auf dem steinigen Grab, die Steine
-ganz rot, und hat seine Tatze hingelegt, als wollte er im
-Tod noch was beschützen. Und ist's mir zu Sinn gekommen:
-Jetzt hast du ihren getreuen Hüter umbringen lassen. Und
-hab ich ein grenzenloses Herzleid gehabt, daß dieses Tier
-wegen seiner getreuen Wacht hat sterben müssen. Unten
-im Sand wird es begraben, während ich an seiner Stell
-auf dem Grab Dir diese Zeilen schreibe. Die Matrosen
-werden den Brief mitnehmen und ich werd mich häuslich
-einrichten auf dieser Insel bei meinem lieben Dirndel.
-Mir ist so absonderlich, weiß nicht wie. Die Sachen, die
-ich mit hab, werden eine Weil reichen, nachher will ich auf
-der Insel Früchte suchen und Fische fangen und wie der
-Robinson, weißt Du, von dem wir als Kinder das Buch gelesen
-haben, hausen, so lang es Gott gefällt. Wie gut werd<span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span>
-ich schon in der heutigen Nacht schlafen bei ihrem Bett und
-auf einmal wird sie das Handerl ausstrecken, mir um den
-Hals legen und sagen: Vater, Vater! bist doch gekommen zu
-deinem Dirndel.</p>
-
-<p>Leb' wohl, liebe Schwester, und wenn Du einmal auf
-den Kirchhof gehst, wo mein Weib ruht &ndash; wir lassen sie
-grüßen.</p>
-
-<p class="right">
-Mathias.«
-</p></div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_Kammerdiener">Der Kammerdiener.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Der junge Mensch war allenthalben bekannt, hier und
-dort. Daß man ihn aber auch irgendwo <em class="gesperrt">kennen</em>
-gelernt hätte, dazu blieb er nicht lange genug auf einem
-Flecke. Er war hüben und er war drüben, und immer
-hatte er ein schwarzes Tuchgewand an und über der Weste
-eine goldene Uhrkette hängen, die mitunter ziemlich locker
-wog, es war eben nicht stets dieselbe. Die Hemdkrägen
-waren nicht immer so weiß, als sie zum schwarzen Anzuge
-gut gestanden wären, so daß es schien, der junge
-Mann wechsle öfter die Uhrketten, denn die Wäsche. Wohl
-trug er gerne gestreifte Hemden, denn wenn der Schmutz
-hübsch in Reihen und Quadrätchen eingeteilt ist, so hat er
-auf das Auge doch immerhin eine freundlichere Wirkung.
-Die Hauptaufmerksamkeit wendete der junge Mann wohl
-seinem Haar zu, das war von Natur fast pechschwarz und
-immer so fein gefettet und geglättet, daß es den Weibern
-als Toilettespiegel hätte dienen können.</p>
-
-<p>Seine Eltern waren unbekannt; er selber soll, aus
-einem Dorfe an der galizischen Grenze stammend, sich in
-einem Erziehungsinstitute befunden haben, wo es ihm aber
-nicht gefiel, denn er floh daraus. Es war jemand, der
-braverweise die Christenpflicht vorschützte, um dem Drange
-seines Herzens genüge zu tun und den jungen Menschen
-nicht versinken zu lassen. So wurde Julian wieder eingefangen
-und in ein anderes Institut getan. Dort hatte
-man ihm das Entfliehen so gottlos schwer gemacht, daß er
-es vorzog, die Sache so einzurichten, daß sie ihn selber fortjagten.
-Er kam in die Gegend, wo die Sommerresidenz des<span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span>
-Grafen Borgstam stand; der Graf war ein alter Sonderling,
-ein morscher Rest des alten Adelsgeschlechtes gleichen Namens,
-der fast einsam dasaß inmitten seiner ausgebreiteten
-Güter. Er interessierte sich für den hübschen, intelligenten
-Burschen, stattete ihn aus und half ihm in ein Militärinstitut.
-Das fand Julian nicht wohlgetan und eine
-Weile später sah man ihn mit einer Schauspielertruppe
-durch das Land ziehen. Da war er schon zwanzig Jahre
-alt; aber bald bekam er den Komödiantenteint im hohen
-Grade. Seine Wangen fielen ein, seine Gesichtsfarbe wurde
-fahl, fast grünlich-grau, seine Augen brannten scharfzackig.
-Seine schlanke Gestalt war zweifach geknickt, einmal in
-den Knien und einmal am Nacken. Der schwarze Anzug
-wurde nicht mehr gebürstet.</p>
-
-<p>Graf Borgstam, der sich nun einmal diesem Menschen
-zugewandt hatte, wollte ihn nicht aus den Augen lassen.
-Ein so wohlgebildeter und wohlgearteter junger Mann! Er
-nahm den Julian zu sich als Kammerdiener. Der Graf
-war betagt und durch mancherlei Mesalliancen und abenteuerliche
-Lebensperioden hindurch glücklich dort angekommen,
-wo man müde und einsam dasteht. Diese Einsamkeit
-war um so unheimlicher, je größer sein Reichtum und
-je mehr der Wohldiener ihn schmeichelnd umkrochen. Doch
-sammelt sich immer noch ein Restchen Weichmut und
-Wärme in einem alten Herzen, wenn es scheinbar auch
-schon ausgebrannt ist, und dieses Restchen kam dem neuen
-Kammerdiener nicht schlecht zu statten. Julian erholte sich
-bald, seine Wangen blühten und sein Rückgrat strebte wieder
-der aufrechten Richtung zu. Bei der freundlichen Behandlung,
-die er im Schlosse genoß, kamen auch seine geistigen
-Anlagen rasch zum Vorschein. Die Lust zum Vagabundieren
-war weg und obgleich in eine gewisse Disziplin<span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span>
-gesteckt &ndash; denn der Graf war sein alter Soldat &ndash;
-heimte sich Julian rasch ein, zeigte Anhänglichkeit zu
-seinem Herrn und nach zwei Jahren war er mehr oder
-weniger der Vertraute des Grafen, und der Kammerdiener
-bekam selbst wieder einen Diener zugeteilt.</p>
-
-<p>Den Winter verlebte der Graf in der Hauptstadt, wo
-er eines der vornehmsten Palais besaß, das aber in seinen
-größten Teilen unbewohnt blieb, weil der Herr nur einen
-kleinen Hausstaat zu führen pflegte und es auch sein alter
-Adel und dessen Verhältnisse verlangten, daß das Gebäude
-nicht praktisch verwertet werde, sondern mitten in der
-lebenslustigen Stadt still und ernst wie in ein düster-gewaltiges
-Monument, an das alte Herrengeschlecht erinnernd,
-dastehe.</p>
-
-<p>Julian war also des Grafen rechte Hand geworden, so
-daß diesem der übrige Haustroß mehr oder minder überflüssig
-erschien und er sich von demselben räumlich abzusondern
-liebte. Der Graf pflegte allabendlich einen alten General
-bei sich zu sehen, mit dem er ein Tarockspielchen machte
-und ein paar Flaschen Wein ausstach. Vor Mitternacht
-wurde dem Gaste aus dem Hause geleuchtet und der Graf
-stieg bisweilen schon etwas schlaftrunken zu seinem Schlafzimmer
-empor. Julian verschloß alle Fenster und Türen
-der Vorgemächer, hatte noch die Aufgabe, dem Herrn im
-Entkleiden zu helfen, ihm irgendein Buch auf den Nachttisch
-zu legen zur Lektüre, damit sich's leichter einschläft, und
-sich dann im Vorzimmer selbst zu Bette zu legen.</p>
-
-<p>Da war es eines Tages, daß, als der Graf schon im
-Bette lag und just das Buch weglegen wollte, Julian ins
-Gemach trat.</p>
-
-<p>»Was willst du?« fragte der Graf.</p>
-
-<p>»Euer Gnaden das Licht auslöschen,« war die Antwort;<span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span>
-da stand er schon am Bette und in seiner Faust hielt
-er den Griff eines scharfblinkenden Hirschfängers.</p>
-
-<p>Der Graf richtete sich rasch empor, der Kammerdiener
-griff ihm an die Gurgel und preßte ihn auf das Kissen
-zurück.</p>
-
-<p>»Sie wissen, Herr, um was es sich handelt,« sagte
-Julian ganz leise, indem er Sorge trug, daß die Spitze des
-Messers dem vor Schreck stöhnenden alten Manne vors
-Auge kam. »Erschrecken Sie aber nicht so sehr, Sie werden
-ihr Leben mit einem einzigen Worte retten. Sie waren
-mir stets ein guter Herr und ich bitte Sie inständigst, ja
-nicht den mindesten Schrei zu versuchen. In der Notwehr
-bin ich alles imstande.«</p>
-
-<p>Tiefe bodenlose Frechheit des Anfallenden gab dem Grafen
-das Bewußtsein der Ruhe wieder. Er wehrte sich nicht,
-er starrte dem Burschen nur wunderlich ins rollende Auge.</p>
-
-<p>»Was &ndash; bedeutet denn das, Julian?« fragte er.</p>
-
-<p>»Sagen Sie mir nun einmal ganz ruhig, wo Sie die
-Schlüssel zur Geldkasse haben.«</p>
-
-<p>»Laß mich los, Unglücklicher!«</p>
-
-<p>»Herr, wenn Sie lärmen wollen!« Der Bursche machte
-die Miene des Zustoßens.</p>
-
-<p>»Ich meine nur,« fuhr der Graf fort, »wenn du mich
-nicht losläßt, so kann ich nicht zu Worte kommen. Daß ich
-nicht Lärm schlage, magst du glauben, dafür ist mir mein
-Leben zu lieb, und du würdest zehnmal durchs Fenster
-entspringen können, bevor man zu Hilfe käme. Ich sehe
-deinen Vorteil recht gut ein.«</p>
-
-<p>»So werden Sie mir die Kasse öffnen.«</p>
-
-<p>Der Graf hatte sich nun vollends gesammelt. »Julian,«
-sagte er mit einem Humor, den man dem alten Herrn
-für eine solche Situation nicht zugetraut hätte, »da du<span class="pagenum"><a id="Seite_222">[222]</a></span>
-dich so gut sichergestellt und auch, wie ich nun sehe, die
-Pistolen entfernt hast und selbst die Klingelschnur durchgeschnitten,
-da wir uns recht still verhalten und es noch
-viele Stunden dauert, bis im Hause der Erste aufwacht,
-so können wir die Sache ganz bequem machen und alles
-miteinander wohl überlegen, denn du mußt zugeben, daß
-es etwas Wichtiges ist, was du vorhast. Ich versuche
-nicht, dir davon abzuraten, aber ich gebe dir zu bedenken,
-ob dein Weg bis nach Amerika, &ndash; und einen andern kannst
-du wohl nicht wählen &ndash; auch vorbereitet genug ist, daß
-du ihn von diesem Fenster aus schnurgerade nehmen
-kannst!«</p>
-
-<p>»Das ist meine Sache, nur habe ich keine Zeit zu verlieren.
-Also!«</p>
-
-<p>»Ach ja, die Schlüssel! Aber ich fürchte, daß, wenn du
-die Kasse geräumt haben wirst, dir doch nichts anderes
-übrig bleibt, als mich tot zu machen. Und insoferne ich
-väterlich für deine Zukunft besorgt bin, sage ich dir: du
-könntest gar nichts Schlimmeres tun, als mich zu ermorden!«</p>
-
-<p>»Sie höhnen mich!« knirschte der Kammerdiener, der
-als Angreifer nun weit erregter war, als der Angegriffene.</p>
-
-<p>»Stoß zu!« sagte der Graf, immer noch ruhig auf
-seinem Bette liegend, »stoß zu, wenn du's gratis tun willst!«</p>
-
-<p>Das wollte der Bursche allerdings nicht, und fast irre
-gemacht durch das Verhalten des Grafen, verlangte er in
-bittendem Tone die Schlüssel zur Kasse.</p>
-
-<p>»Julian!« sagte der Graf und wollte den Burschen
-an der Hand fassen, während der aber durchaus nicht gesonnen
-war, von seiner wehrhaften Stellung auch nur den
-geringsten Vorteil aufzugeben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span></p>
-
-<p>»Du hast recht, Julian,« fuhr der Graf fort, »ich gestatte
-dir, daß du mich fesselst, aber den Mund laß mir
-frei, ich habe dir einiges zu sagen, was für dich nicht unwesentlich
-ist. &ndash; Dort in der Ecke steht die Kasse, die
-Schlüssel kann ich dir auch angeben, ja selbst die geheimen
-Kunstgriffe, ohne welche das Ding nicht zu öffnen ist,
-möchte ich dich lehren, allein du würdest über den Inhalt
-des Schrankes enttäuscht sein. Zumeist sind es Papiere,
-mit denen ein Flüchtling nichts anzufangen weiß, das
-vorhandene Bargeld dürfte dich zur Not nach Neuyork
-bringen, aber nicht weiter. Und in diesem Lande wird
-nach meinem Tode das Gericht ein Testament öffnen, das
-schon seit sechs oder sieben Monaten geschrieben ist und in
-welchem der unglückliche Graf Borgstam, als der letzte, seinen
-Kammerdiener Julian Zellenbach zum Universalerben einsetzt.
-Ein Duplikat des Testamentes wirst du in der Kasse
-finden.«</p>
-
-<p>»Wir werden uns überzeugen.«</p>
-
-<p>»Gut, Junge. Aber was nützt das? Ich sehe es ein, du
-meinst, du könntest jetzt nicht mehr zurück.«</p>
-
-<p>»Sie sehen es selbst ein, Herr Graf.«</p>
-
-<p>»Vielleicht aber doch, wenn wir die Sache erörtern.
-Denn es wäre jammerschade, wenn du über die Flucht
-wegen der Kleinigkeit die dir einst rechtmäßig zufallenden
-Güter im Stiche lassen müßtest.«</p>
-
-<p>»So töricht bin ich nicht, daß ich mich durch solche
-Märchen hinhalten lasse,« sagte der Kammerdiener in verschmitztem
-Tone.</p>
-
-<p>»Es tut mir leid,« fuhr der Graf fort, indem er sich
-unter dem drohenden Messer nun einmal ein wenig zurecht
-rückte, »ich würde dich gerne von der Richtigkeit meiner
-Worte überzeugen, aber du bist ein toller Junge und stoßest<span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span>
-aus Angst schließlich doch noch deinen leiblichen Vater
-nieder.«</p>
-
-<p>Das Bekenntnis war heraus, allein es wurde darum die
-Unterhaltung nicht wesentlich gemütlicher.</p>
-
-<p>»Ich habe mancherlei an dir erlebt, mein Sohn,« fuhr
-der Graf fort, »und ich habe dir außerdem noch mancherlei
-zugetraut; allein ein Raubmörder, das berührt mich unangenehm.
-Man kann Leute töten und Güter konfiszieren,
-so viel man will, aber auf ritterliche Weise, wie wir's
-getan haben. &ndash; Doch dir mangelte die standesgemäße Erziehung
-und ich habe dich leider aus den Augen gelassen
-und jahrelang aus den Augen verloren; was ich konnte,
-habe ich dann ohnehin getan.«</p>
-
-<p>Nun war denn doch der scharfe Hirschfänger in der Faust
-des Kammerdieners etwas locker geworden. Er trat einen
-Schritt vom Bette zurück und sagte mit heiserer Stimme:
-»Erheben Sie sich und zeigen Sie mir das Dokument, denn
-Sie werden begreifen, daß ich mich sichern muß.«</p>
-
-<p>»Daran tust du wohl. Nur möchte ich wissen,« sagte
-der Graf und machte Anstalten, aufzustehen, »ob dir niemals
-eine Ahnung gekommen ist von unserer &ndash; Zusammengehörigkeit?«</p>
-
-<p>»Mag sein,« antwortete der Bursche, »momentan handelt
-es sich aber darum, daß ich mich assekuriere. Hierher,
-wo ich Sie jetzt habe, dürfte ich Sie sobald nicht mehr
-kriegen.«</p>
-
-<p>»Das Vernünftigste ist, du gehst zu Bette,« so nun der
-väterliche Rat, »und keine Seele soll wissen, was in dieser
-Nacht zwischen uns vorgefallen.«</p>
-
-<p>»Aber Sie werden umso sicherer daran denken, mein
-Herr, und werden mich enterben oder mich aus dem Wege
-schaffen, auf welchem ich Ihnen nun unbequem sein muß.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span></p>
-
-<p>»Ich sehe, daß du klug bist, mein Sohn. Doch dürftest
-du beruhigt sein, wenn ich dir meine, deine Geschichte, insoferne
-du sie nicht kennst, mitteile.«</p>
-
-<p>»Die kümmert mich nicht und möchte für mich dabei
-kaum mehr Ehre herauskommen, als für Sie. Was? Sie
-haben ein schönes, armes Weib ins Unglück gebracht, damit
-wird's beginnen.«</p>
-
-<p>»Ich habe sie versorgt.«</p>
-
-<p>»Sie ist verachtet worden und zugrunde gegangen.«</p>
-
-<p>»Weißt du's?«</p>
-
-<p>»Das ist leicht wissen, weil es der gewöhnliche Gang ist.
-Und die Leichtsinnigsten kommen immer noch am billigsten.«</p>
-
-<p>»Auch du wirst dich nicht zu beklagen haben.«</p>
-
-<p>»O klagen, Papa! Lieber nehm' ich mir meinen Teil
-und schweige.«</p>
-
-<p>»Schweigen, das glaube ich.«</p>
-
-<p>»Ich könnte ja in der Tat eine Rührszene aufführen,«
-meinte nun der junge Mann, »und ausrufen: Tausendmal
-besser für mich, ein Bauer hätte mich auferzogen, als daß
-ich hin- und hergeworfen worden bin zwischen Dorf und
-Stadt, zwischen Schule und Kaserne, einmal Geld im Überfluß,
-einmal gar keins, verkommen, verdorben &ndash; verdorben!«</p>
-
-<p>»Vergißt es wohl nicht, daß ich dich in mein Haus
-nahm und hielt wie ein liebes Kind?«</p>
-
-<p>»Warum haben Sie das nicht getan, so lange es noch
-früh genug gewesen? Sie haben mich verhehlt. Sie hätten
-Ihr eigen Herz und Gewissen bis an's Lebensende betrügen
-können, weil es das Dekorum verlangt. &ndash; Ha, so könnte ich
-Komödie spielen, wenn mir die ganze Teufelei nicht verflucht
-gleichgültig wäre. Nur wollen Sie keine kindliche Liebe, oder
-wie das Zeug heißt, von mir verlangen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span></p>
-
-<p>»Ich verlange gar nichts von dir, mein Junge, als
-Klugheit,« unterbrach ihn der Graf, »aber du wirst dieselbe
-auch an mir erklärlich finden. Wir befinden uns jetzt beide
-in einer schlimmen Situation. Öffne ich dir die Kasse, um
-die Urkunde zu zeigen, so wirst du fürchten, ich könnte nach
-solchem Zwischenfall das Testament gelegentlich widerrufen
-und wirst das mit geeigneten Mitteln beizeiten zu verhindern
-suchen. Öffne ich nicht, so ist deine Sache unsicher,
-ja verloren.«</p>
-
-<p>»Und Sie werden die Notwendigkeit begreifen, daß ich
-für meine persönliche Sicherheit sorge und zwar radikal …«
-So der Kammerdiener.</p>
-
-<p>Mittlerweile hatte sich der Graf ins Nachtkleid gehüllt,
-an der Wand umhergetastet, um scheinbar nach den Schlüsseln
-zu suchen. Der Kammerdiener folgte jeder seiner Bewegungen
-und dabei war er doch ratlos und wußte nicht,
-was er unter sotanen Verhältnissen zu tun hatte. Sie waren
-gegenseitig gebunden, wo sich's um Konvenienz, Dekorum
-und materiellen Vorteil handelte, aber nicht gebunden, wenn
-es auf Leben und Sicherheit ankam. Der Augenblick war
-kritisch und Julian umklammerte wieder fest und entschlossen
-die Mordwaffe.</p>
-
-<p>Da pochte es draußen an eine Tür.</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Auftreten die Tür! Rasch herein!</em>« rief der
-Graf mit voller Stimme. Da krachte das Getäfel. Julian
-brach ein, die Waffe entsank seiner Hand. Das vom Grafen
-durch einen heimlichen Druck an der Wand gerufene Gesinde
-stürzte herein, der Portier voraus.</p>
-
-<p>»Kommt uns zu Hilfe,« sagte der Graf, »dem Julian
-ist schlecht geworden. Bringt ihn in's Krankenzimmer, schafft
-ihm Beistand, und es sollen die Nacht über Leute bei
-ihm sein.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span></p>
-
-<p>Den Hirschfänger hatte er, während er den Befehl gab,
-mit dem Fuße unter das Bett geschnellt. Der auf ein Fauteuil
-gesunkene Kammerdiener ließ sich hinaustragen und
-der Graf schloß die Tür und war nun allein in seinem
-Gemache.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen war der Kammerdiener, um
-frische Luft zu schöpfen, ins Freie gegangen und &ndash; nicht
-mehr zurückgekommen. »Julian hat recht,« meinte der Graf,
-»seine Gesundheit ist angegriffen, er sucht ein südliches
-Klima auf.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_Millionaer">Der Millionär.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Das war vor dem Klosterkeller am See. Draußen
-glitzerte das Gewässer, jenseits desselben baute sich
-das Hochgebirge mit den Gletscherschildern, und an meinem
-Brettertisch, in der grünen Nacht der Lindenschatten, funkelte
-im Glas der goldene Wein doppelt freundlich. Wahrlich,
-die Klöster brauchen nicht zu fürchten, von der Erde
-vertilgt zu werden, solange sie gute Weine geben. Und
-die Juden werden niemals zur Herrschaft der Herzen gelangen,
-so lange jüdische Weinagenten uns mit jenem Gesüff
-verfolgen, wie man es in allen Schenken der Straße zu
-finden, zu trinken und zu verfluchen pflegt.</p>
-
-<p>Der Klosterwein hat schon manchen zur katholischen
-Religion bekehrt, und ich selbst schwor zu jener Stunde im
-Klosterpark, daß in einem solchen Weine die Wahrheit liegen
-müsse. Auch das Bauernvolk war sicherlich derselben Meinung,
-das an den übrigen Brettertischen unter den Linden
-herumsaß, Wein trank, kecke Gespräche führte und Lieder
-sang.</p>
-
-<p>Auf einmal unterbrach einer der Burschen sein Lied,
-stieß die Nachbarn mit dem Ellbogen und sagte: »Schaut,
-dort geht er! Dort drüben geht er wieder!«</p>
-
-<p>Die Augen wendeten sich gegen eine Landzunge hinaus,
-an deren Strand ein schwarzgekleideter Mann hinschritt.
-Er trug, soviel man von der Ferne ersehen konnte &ndash;
-enge Beinkleider und ein kurzes schwarzes Wams. Und
-da er den Stock so an die linke Seite preßte wie einen Degen,
-gemahnte er fast an den Faust, wenn er im dunklen Samte
-neben Mephisto dahinschreitet. Über die Schulter hatte unser<span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span>
-Wandler am Gestade ein graues Reisetuch geworfen, wie
-es so die Engländer ins Land gebracht haben. Und auf
-dieser Gestalt saß ein roter Punkt. Das war der rot bebartete
-und rot behaarte Kopf, der keine Bedeckung trug.</p>
-
-<p>Ganz hart am Wasser ging der Mann hin, blieb mitunter
-stehen, als ob er in den See starrte, und schritt dann
-zögernd fürbaß.</p>
-
-<p>»Er will schon wieder!« rief die Kellnerin.</p>
-
-<p>»Und getraut sich nicht!« lachte einer der Bauern.</p>
-
-<p>»Gebt acht, vielleicht springt er doch hinein!« sagte
-ein dritter.</p>
-
-<p>»Man soll ihm einen Krug Wein schicken, vielleicht
-bringt ihn das auf andere Gedanken,« rief ein vierter.</p>
-
-<p>»Steht sein gestriger noch auf der Tafel,« sagte die
-Kellnerin.</p>
-
-<p>»Seinen heutigen schreib auf die meine,« sagte einer
-der Zecher.</p>
-
-<p>»Ist gehupft wie gesprungen,« lachte die Kellnerin,
-»du zahlst auch nicht.«</p>
-
-<p>»Ich zahl' wie die Klosterbrüder zahlen: Gott vergelt's!
-Im nächsten Jahr soll er wieder gedeihen.« So keck redete
-der Zecher d'rein. Hierauf schossen sie zusammen, die Bauern
-und Hirten und Waldleute, die an den Tischen saßen. Der
-Krug Wein wurde dem Schwarzen nachgeschickt, kam aber
-wieder zurück, der Wandler am Gestade war nicht mehr zu
-finden.</p>
-
-<p>Als sich die bäuerlichen Gäste verlaufen hatten, fragte
-ich die Kellnerin, was es mit jenem Manne denn für
-eine Sache sei?</p>
-
-<p>»Eine traurige,« antwortete die Kellnerin und griff
-an die Stirne: »Er muß <em class="gesperrt">da</em> nicht recht sein. Er steigt schon<span class="pagenum"><a id="Seite_230">[230]</a></span>
-etliche Tage in der Gegend um, sagt, er will sich umbringen
-und hat die Courage nicht dazu. Einmal ist er
-schon in den See gesprungen, muß ihm aber zu naß gewesen
-sein, weil er sich wieder herausgearbeitet hat. &ndash; Da kommt
-der Pater Anton, der weiß mehr von ihm. Küss' die Hand,
-Hochwürden. Gleich bring' ich's.«</p>
-
-<p>So die Kellnerin und lief davon, um dem Ankömmling
-den gewohnten Trunk zu holen. Der Pater in schwarzem
-Talar, um die Mitte einen weißen Strick, setzte sich zu mir,
-gab einen freundlichen Gruß und schaute mich mit seinem
-runden Gesichte gemütlich an. Wir waren uns also schon
-verknüpft; ich wollte etwas von dem rätselhaften Manne
-wissen und der Pater wußte etwas von ihm. So war bald
-angehakt und der Priester erzählte mir. Etwa eine Woche
-zuvor sei weiterhin an der Felswand ein fremder Mann
-aus dem See gezogen worden, nachdem ihn der Fischer
-um Hilfe rufen gehört. Dann habe der Gerettete dem
-Retter heftige Vorwürfe gemacht, daß er ihn nicht habe
-ertrinken lassen, sei ihm ausgerissen, wieder ans Wasser
-gelaufen, dort aber am Ufer zusammengebrochen. Hierauf
-habe man den Armen ins Kloster gebracht, dort geatzt und
-mit Kleidern versehen, denn seine Gewandung sei nur mehr
-in schmutzigen Fetzen am Leibe gehangen. Im Alter wäre
-er noch kaum über dreißig Jahre, wer oder was er sonst
-sei, das wäre nicht aus ihm hervorzubringen, allem Anscheine
-nach ein Mensch aus gutem, reichem Hause, aber einer
-Irrenanstalt entsprungen. Bei einem Mahle, an dem er im
-Kloster teilgenommen, habe er sich als Feinschmecker erwiesen.
-Sein Benehmen sei ein merkwürdiges Gemisch von
-Höflichkeit und Trotz, manchmal flackere etwas, wie übermütige
-Lust in ihm auf, dann sei er wieder tief niedergeschlagen,
-starre oft bewegungslos lange Stunden in Abgründe,<span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span>
-in das Wasser, sitze mitunter in der Tischlerwerkstatt
-und starre die Werkzeuge an. Einen Revolver habe er anfangs
-bei sich getragen, der sei ihm abgenommen worden.
-Dann wandle er traumhaft umher, man sehe ihn drüben an
-der steilen Wand, man sehe ihn oben auf den Höhen, man
-sehe ihn draußen bei den Klostermühlen und am Wasserfalle
-und an der Brettersäge, wo er seine Augen in das Getriebe
-vertiefe. Dann wieder laufe er in das Dickicht oder werfe
-sich auf den Erdboden und klammere sich mit krampfhaften
-Fingern an den Rasen. Man sei ihm mit der Religion gekommen,
-dabei wäre er bewegungslos wie ein Taubstummer
-geblieben; aber einmal habe er auf den Feldern einem pflügenden
-Bauer zugeschaut und habe dabei angefangen, herzbrechend
-zu schluchzen und habe sich in die frische Furche
-gelegt und habe sein Gesicht in die Erde gepreßt, daß der
-Bauer gar nicht gewußt, was er sich davon denken solle.
-Einmal am Abend habe er sich bei den Klosterbrüdern bedankt
-für die Herberge und Gastfreundschaft und gesagt:
-Morgen, wenn die Sonne aufgeht, bin ich nimmer. Aber als
-die Sonne ausging, war er doch noch und schlich von den
-Leuten abseits; da habe man gesehen, wie er sich mit einem
-Stein an den Kopf schlug, daß helles Blut niederrann über
-das Gesicht; dann wimmere er, und endlich, wenn er etwas
-zu essen bekäme, zeige er wieder guten Appetit. Der Abt
-sage nun, länger sehe er dem Manne nicht mehr zu, er lasse
-ihn abliefern in die nächste Irrenanstalt.</p>
-
-<p>Derlei hatte mir Pater Anton mitgeteilt, und dabei
-war es in mir unruhig geworden.</p>
-
-<p>»Die Leute sagen,« setzte der Pater bei und trank aus
-seinem Krug, »die Leute sagen, es sei der leibhaftige ewige
-Jude.«</p>
-
-<p>»Mag wohl sein, zum mindesten ein Stück von ihm.«<span class="pagenum"><a id="Seite_232">[232]</a></span>
-&ndash; Bald nachher nahm ich Abschied vom Kloster und zog
-meiner Wege.</p>
-
-<p>Ich strich bergauf und talab im Gebirge umher und
-dachte unterwegs viel an den sonderbaren Mann und hoffte
-ihm sogar zu begegnen. Das geschah aber nicht, und so
-wendete sich mein Herz von dem Grauen einer umnachteten
-Seele wieder der lichten Herrlichkeit der Hochgebirgswelt zu.</p>
-
-<p>Sonst pflegte man die Klöster in gesegnete Gegenden der
-Hügelgelände hinzubauen; aber der Erbauer dieser Pfaffei
-hatte das unwirtliche Hochgebirge vorgezogen. Die Liebe
-zu solchen wilden Gegenden konnte zu jener Zeit der Klostergründungen
-nicht Ursache gewesen sein, denn diese Liebe
-war in alten Zeiten nicht so in den Menschen wie heute.
-Eher war es der Schutz, den die wilden Berge vor feindlichen
-Einfällen gewährten, in Hinsicht darauf diese Stätte
-gewählt worden. Oder die Sache fing etwa mit einer Einsiedelei
-an, oder einem Jagdschlößchen, das die Priester
-eines fernen Klosters hier erbaut hatten; zum Jagdschlößchen
-kam eine Kirche, zu dieser kamen Andächtige, es huben
-Wunder an zu geschehen, der Wallfahrer wurden von Jahr
-zu Jahr mehr, die Kirche wurde vergrößert, ständige Priester
-mußten sich niederlassen, und es erwuchs ein Kloster, das
-von dem, was die Gläubigen herbeitrugen und was das
-ferne Mutterkloster abwarf, reichlich gedieh.</p>
-
-<p>Und so konnte die Abtei des heiligen Antonius ganz
-behaglich daliegen zwischen den Wänden. Sie lag &ndash; von
-oben herab gesehen &ndash; mit ihren weißen vielfensterigen
-Mauern, mit ihren zwei roten Kuppeltürmen, mit den Wirtschaftsgebäuden
-und Baumgärten reizend am Gestade des
-Alpsees, und hinter ihr war ein kleiner fast ebener Boden
-von grünen Matten und Fichtenwäldern. In Urzeiten mochte
-auch diesen von schroffen Felswänden eingeengten Boden der<span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span>
-See bedeckt haben; heute ist er wie ein lieblicher Garten, an
-zwei Seiten bestanden von der Schutzmauer. Diese Schutzmauer
-ist mehr als fünftausend Fuß hoch, und im Winter hat
-das Kloster neun Wochen lang keinen Sonnenstrahl. Stellenweise
-steigt der blauende Wald streckenweit hinan in das
-steile Gebirge, am See hin ragen die Wände fast senkrecht
-empor. Oben sind sie scharf abgebrochen, und wie sich dort
-das Gebirge zurückzieht und im Hintergrunde zu neuen
-Massen großartig aufbaut, das kann man vom Tale aus
-nicht sehen.</p>
-
-<p>Wer jedoch oben steht auf einer der Kanten des Vorgewändes,
-dem schwindelt einerseits vor der Tiefe unter sich,
-in welcher der See wie eine braune, ins Gebirge eingezackte
-Spiegeltafel daliegt und daneben im dunklen Grün die
-lichten Würfelchen des Klostergebäudes &ndash; und andererseits
-vor der Höhe über sich, in welcher die grauen zerklüfteten
-Bergwuchten stehen, von deren Häuptern und Hochmulden
-der versteinerte Schnee niederleuchtet. Diese Felsmassen setzen
-sich nicht zusammen aus einzelnen Stücken und Schichten,
-sie haben nicht die Art des Zersprungenen, Zerbröckelnden;
-in geraden und glatten Linien gezeichnet, so stehen die ehernen
-quadratischen Blöcke da, mancher im Durchmesser von mehreren
-tausend Fuß; so liegen ihrer zwei und drei oder
-noch mehr übereinander und die obersten Zinnen überragen
-die Gebirgswelt und schauen in ihren äthergrauen Flächen
-weit hinaus in die Lande.</p>
-
-<p>Das Gewände jenseits des Sees hat mehr den Charakter
-des Unregelmäßigen und Plumpen, es baut sich in
-Kegeln aus, von deren Schründen gelblichweiße Schutthalden
-niedergehen und sich zwischen grünen Wäldern und grauen
-Klötzen ausböschen in den See. Selten ist das Bild ganz rein,
-entweder die Gipfel stechen in die Wolken hinein, oder es<span class="pagenum"><a id="Seite_234">[234]</a></span>
-liegt der Nebel in den Tiefen und die Berge steigen scheinbar,
-jeder für sich, wie aus einem grauen Meere auf. Oder
-es schwimmen in der feuchten Luft die Nebelfetzen in halber
-Höhe hin, hängen wie Wetterfahnen an den Wänden oder
-dampfen im Morgensonnenschein aus den Steinhäuptern
-hervor und lösen sich in Äther.</p>
-
-<p>Scheinbar hat der Beschauer die Felswände sich ganz
-nahe gegenüber, aber wenn er nach Gemsen ausschaut, so
-sieht er dunkle kleine Punkte, wie Steinflöhe &ndash; das sind
-freilich die Gemsen, aber sie zeigen nur, wie groß der Abstand,
-wie riesig die Verhältnisse sind, in welchen sich der
-Beschauer selber wie ein nichtiger Steinfloh vorkommen muß.</p>
-
-<p>Auf solchem Standpunkt wird der Wert des menschlichen
-Lebens stark verschoben, entweder es verliert gegenüber diesen
-ungeheuren Naturgewalten alle Bedeutung, oder es stellt
-sich als Erkenner und Genießer der Natur hoch über sie
-und ermißt an der seelenlosen Außenwelt seine göttliche
-Überlegenheit.</p>
-
-<p>Als ich in solchen Gedanken dahinging hoch am Grate
-des Gewändes, das senkrecht in den See hinabtauchte, sah
-ich plötzlich unter mir auf einem schmalen Felsvorsprung
-einen Menschen liegen. Er lag in seiner schwarzen Kleidung
-ausgestreckt auf dem Rücken wie eine Leiche und ich wähnte
-auch anfangs, es wäre der nun tote Fremdling, den ich ein
-paar Tage früher unten am See gesehen. Es war aber
-der lebendige, wie mich eine Bewegung desselben belehrte.
-Es war eine Bewegung mit dem Arm, wie bei dem Erwachen
-aus einem traumschweren Schlaf. Ich erschrak vor dieser Bewegung
-mehr, als früher vor dem leblosen Bilde, eine einzige
-Wendung des Körpers, und er mußte in die Tiefe stürzen.</p>
-
-<p>Diese Bewegung wurde vermieden, der Mann richtete
-sich sorgfältig empor und kletterte mit Geschick, aber auch<span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span>
-mit Zittern und Zagen einem Gemssteige entlang quer
-heran zur Zinne. Mit einem Sprunge stand er auf der
-flachen weiten Matte und atmete auf. Dann blickte er
-wirr um sich und wollte davoneilen.</p>
-
-<p>Ich trat rasch zu ihm und redete ihn an: »Sie können
-vom Glücke sagen, daß Sie heil heraufgekommen sind!«</p>
-
-<p>»Jawohl,« antwortete er gedämpft und säumig, »ich
-kann vom Glücke sagen. Ich kann vom Glücke sagen!«</p>
-
-<p>»Wollen Sie nicht mit mir kommen, lieber Herr,«
-lud ich ihn ein, »unten im Kloster erwartet man Sie.«</p>
-
-<p>»Wer erwartet mich?« schnauzte er auf, »mich hat
-niemand zu erwarten, verstehen Sie? Die Pfaffen sollen
-mir meinen Revolver wiedergeben.«</p>
-
-<p>»Das sollen sie auch,« sagte ich, »wer im Gebirge
-reist, muß eine Schußwaffe haben. Sehen Sie, ich habe
-auch so etwas.«</p>
-
-<p>Damit zog ich mein Terzerol aus der Tasche, er blickte
-es mit gierigen Augen an und fragte, ob es geladen sei?</p>
-
-<p>»Dreifach. Ich pflege es im Gewände loszubrennen,
-ich ergötze mich am Echo.«</p>
-
-<p>Hierauf ging er mit mir und wies mehrere Stellen,
-die ein vielfaches Echo hatten. Dabei merkte ich, daß er
-mit der Gegend einigermaßen bekannt war und es war
-überhaupt vernünftig und unauffallend, was er sprach, und
-stand es zu seinem verwahrlosten Wesen, zu seinem verstörten
-Gesicht im Widerspruch. Das lange rote Haar und der
-volle Bart, der das blasse eingefallene Gesicht wie eine
-Wildnis umwucherte, war verworren und es klebten Baumnadeln
-und Sandkörner daran.</p>
-
-<p>Da er keinen Hut hatte, so fragte ich ihn, ob selbiger
-denn vom Winde entführt worden wäre?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span></p>
-
-<p>»Ha, ha,« lachte er, »alles frägt nach dem Hute, als
-ob der Hut das wichtigste wäre an einem Menschen. Ja,
-es ist mir einmal einer auf dem Kopf gesessen. Vielleicht
-schwimmt er unten im See, wenn Sie ihn haben wollen.«</p>
-
-<p>»Mir geht's nicht um den Hut,« war meine Entgegnung,
-»aber wenn ich Sie nach Ihrem Kopf gefragt
-hätte, wer weiß es, ob Sie mir Bescheid gegeben!«</p>
-
-<p>Auf das antwortete er nichts, sondern ging still vor
-mir her, der Steig zwischen dem Gestein und Gezirme war
-sehr schmal. Plötzlich &ndash; wir waren so weit in das Hochplateau
-hineingekommen, daß man nicht mehr zum See und
-zum Kloster hinabsehen konnte &ndash; blieb mein Begleiter
-stehen, kehrte sich um gegen mich und sagte: »Wenn Sie klug
-wären, hätten Sie mich jetzt von hinten niederschießen
-müssen.«</p>
-
-<p>»So? Sie halten mich für einen Banditen?«</p>
-
-<p>»Ei, was Sie denken!« rief er und legte seine Hand
-wie besänftigend auf meinen Arm. »Sie sind ein braver
-Mann und gerade darum sollten Sie an mir ein gutes Werk
-tun. Ich bin ein Tor, ich bin dem Wahnsinn nahe, aber ich
-weiß noch ganz genau, was ich will und habe das Endziel
-meines Lebens nicht aus den Augen verloren. Leider Gottes,
-es geht mir nach dem Worte der Schrift: Der Geist ist
-willig, aber das Fleisch ist schwach.«</p>
-
-<p>Er setzte sich auf einen breiten Stein, der schief aus
-der Erde hervorragte. Ich setzte mich ihm gegenüber auf
-einen zweiten Stein und bot dem Gefährten meine Feldflasche
-an.</p>
-
-<p>Er tat daraus einen durstigen Zug und der Klosterwein
-brachte seine Mitteilsamkeit in ganz ungeahnter Weise
-zum Rieseln. Nachdem er mehrmals getrunken, sagte er:
-»So ist das jetzt schon der dritte Monat, seit ich Almosen<span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span>
-nehme. Wer hätte sich das je gedacht, daß die Liebe zum
-elenden Leben stärker sein soll als der Stolz des Millionärs,
-als die Weltverachtung eines alten Lumpen! Wer
-hätte sich das gedacht! Aber ich sage es: das ist noch das
-Erbärmlichste unter allem Erbärmlichen am Menschen, daß
-er feig ist &ndash; eine feige Bestie. &ndash; Also im Kloster erwartet
-man mich!«</p>
-
-<p>»Und spricht von Ihnen,« setzte ich bei, »und ich muß
-gestehen, daß auch ich seit ein paar Tagen oft an Sie denke.«</p>
-
-<p>»Sie denken an mich. Das ist schön.«</p>
-
-<p>»Nach dem, was man von Ihnen erzählt, vermute
-ich, daß Ihnen die Leute übel mitgespielt haben.«</p>
-
-<p>»Die Leute, meinen Sie! Wenn das wäre, so könnte
-ich mich rächen!« rief der rätselhafte Mann lebhaft und
-wühlte mit den Fingern in seinem Vollbart, was er allemal
-tat, so oft er in Erregung kam; »leider bin ich es
-selber, der mir schlimm mitgespielt hat und den ich nun
-mit dem Tode bestrafen soll, weil er einen Menschen zugrunde
-gerichtet hat &ndash; sich selber.«</p>
-
-<p>»Daß Sie der guten Gesellschaft angehören, ist mir
-kein Zweifel,« sagte ich.</p>
-
-<p>»Der guten Gesellschaft!« lachte er auf.</p>
-
-<p>»Ihrer Aussprache nach sind Sie ein Wiener.«</p>
-
-<p>»Nur ein halber. Ein geborener Prager, studierte in
-Berlin. Als mein Vater starb, war ich dreiundzwanzig
-Jahre alt und Erbe einer Million. Allsogleich hub ich
-ein standesgemäßes Leben an, machte Streiche, ward relegiert
-und ging nach Wien. In Wien lebt sich's flotter,
-das Studium gab ich auf, nachdem ich zweimal gefallen
-war. Ich fand Genossen, die hatten einen guten Grundsatz,
-der gefiel mir: Die Million verjuxen und sich dann erschießen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span></p>
-
-<p>Mit zynischer Gebärde wühlte er wieder in seinem
-Bart, als wäre ihm das eine wie das andere zur Lust,
-schlenkerte die Arme aus, schnalzte mit den Fingern und
-wieherte: »Die Million verjuxen und sich erschießen!«</p>
-
-<p>»Hoffentlich,« so warf ich im Scherze ein, »waren Sie
-wie die liebe Jugend, diese ist leichtsinnig und pflegt ihren
-Grundsätzen nicht treu zu bleiben.«</p>
-
-<p>»Den ersten Teil meines Grundsatzes habe ich auf
-das Gewissenhafteste befolgt,« versicherte er. »Ich habe jeden
-Tag meinen Tausender in die Welt geworfen, habe Lakaien,
-Pferde, Freunde, Freundinnen gehabt, habe alles versucht,
-was sie Genuß heißen; ein dreijähriger Hexensabbat war's,
-teils in Wien, teils in Petersburg, teils in Baden-Baden
-und Homburg. Oh, wenn ich ein Tagebuch geschrieben hätte!
-Es war anfangs ganz ergötzlich, aber eher als man denken
-kann, eine Last, ein Ekel zum Erbrechen. Das Geld mußte
-fliegen Tag für Tag, die Langweile tat sich auf wie ein
-Abgrund, ich schleuderte Unsummen hinein, manche Stunde
-fraß das Jahreseinkommen eines Ministers, und die Langweile
-war nicht zu töten. Es gibt nichts, woran ich mich
-nicht übersättigt hätte, noch bevor ich es eigentlich genossen.
-Es ist mir heute alles nebelhaft, ich sehe nur zu Tod gehetzte
-Pferde, rollende Würfel, üppige Gelage, Weiberbusen
-mit Schaumwein getauft, blasse Gesellen im Nachtaumel
-des Katzenjammers. Und nie hätte ich geglaubt, daß die
-Welt für eine Million so arm ist an Genüssen. Das ewige
-Einerlei des ruhelosen Wandelns, des Schnaubens und
-Schnappens nach Neuem, Pikanten. Die Sinne wurden
-stumpfer, ich verschmachtete fast in der Öde des Reichtums.«</p>
-
-<p>»Haben Sie denn nicht Reisen gemacht, waren Sie
-nicht auf dem Meere, in Ägypten?« so meine Frage.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span></p>
-
-<p>»Ich war überall, aber nur als Raubtier,« antwortete
-er, »ich sah nicht den Wald, ich sah nur das Reh und den
-Hirschen. Ich sah nicht das Hochgebirge, nur den Adler und
-den Lämmergeier; ich sah nicht den klaren Alpfluß, die
-hohe See, nur die Fische drinnen, und fangen, töten, an
-mich reißen &ndash; sonst wußte ich von nichts. Ja doch! Eines
-Tages, es war auf dem Wege von Salzburg nach Berchtesgaden,
-brach mir auf der Straße ein Wagenrad, und während
-des Aufenthaltes beim Dorfschmied sah ich, wie das Weib des
-Schmiedes, das auf dem Acker Kartoffeln jätete, zur Jause
-in der heißen Tageszeit ein Krüglein Wein vom Wirtshaus
-holen ließ. Eben will sie sich d'ranmachen, da kommt ein
-alter Mann des Weges gehumpelt, der setzt sich vor der
-Schmiede auf die Bank, trocknet sich den Schweiß und sagt
-nichts. Jetzt kommt das Weib mit dem Weinkrug, ladet
-den Alten ein, sich daran zu laben, er bedürfe der Labe
-notwendiger als sie. Da geht mir ein Licht auf: Der Wein
-ist doch ein großer Genuß, wenn man Durst hat, aber das
-Almosengeben muß ein noch größerer sein, sonst würde
-ihn das Weib nicht dem Trunke vorziehen. Den Genuß
-kann ich mir verschaffen. Ich lasse alles Bettelvolk der
-Gegend zusammenrufen, alte Männer und Weiber, Krüppel,
-Kretins, und sage: Jedes bekommt einen Taler, wenn es
-über den Wassergraben springen mag, in dem der Hammerbach
-rinnt. Ha, wie die Joppen und Röcke fliegen, den
-meisten glückt der Sprung, etliche fallen kreischend in den
-Bach. Auch diese sollen ihren Taler haben, sage ich, wenn
-sie mir auf den Anger ein Ballett aufführen, während die
-Kleider am Zaun trocknen. Da ist etwas. Ein alter Mann
-kommt auf mich zu, spuckt mir ins Gesicht, dann eilen sie
-hinweg.«</p>
-
-<p>Ich war aufgestanden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span></p>
-
-<p>»Es ist weit mit mir gekommen,« fuhr er fort, »aber
-niemals hätte ich geglaubt, niemals, meine Schande jemandem
-so ins Gesicht sagen zu können. Wenn das nicht
-die größte Schamlosigkeit ist, so ist es Mut, und wahrlich,
-den hätte ich zu brauchen. &ndash; Nach wenigen Jahren war
-die Million dahin und ich floh vor den Gläubigern. Und
-nun &ndash; das Erschießen! &ndash; Wer eine Million verpuffen will,
-der soll sich zuvor prüfen, ob er nicht zu feig ist für die
-Konsequenzen; sonst geht er einem Leben entgegen, einem
-verdammten Leben, das ärger ist als der Tod und das
-Fegefeuer.«</p>
-
-<p>Er schwieg, ich ebenfalls, denn ich wußte in der Tat
-nicht recht, was hier zu sagen war. Zu sagen sehr viel,
-aber wo ein unglückliches Menschenherz mit im Spiele ist,
-da muß man die Worte mit Bedacht wiegen. Die Wahrheit
-und die Vernunft und die Moral sind oft zu rücksichtslos; den
-Sünder richtet man am besten auf, wenn man als Sünder zu
-ihm spricht.</p>
-
-<p>Der Mann war in sich zusammengesunken, als habe
-ihn der Schlaf übermannt. Plötzlich fuhr er empor und
-starrte mich erschrocken an.</p>
-
-<p>»Habe ich nicht den Hahn eines Revolvers knacken
-gehört?« fragte er.</p>
-
-<p>»Der Stoppel dieser Feldflasche hat gepafft,« antwortete
-ich, »wollen Sie sich bedienen?«</p>
-
-<p>»Ich kann mich nicht bedienen,« war seine Entgegnung,
-»wenn ich aber einmal fest schlafe und Sie jagen mir die
-Kugel durch den Kopf, so bedienen Sie mich am besten.«</p>
-
-<p>»Sie sind nicht klug!« sagte ich und wahrlich, ich
-hätte was Klügeres sagen können.</p>
-
-<p>»Ein Bettel um die Kugel!« lachte er. »Das Leben
-verachten und nicht den Mut haben, es zu enden! Vom<span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span>
-Sonnenlicht übersättigt und vor dem Grabe schaudernd!
-Eine Million verpuffen und sich erschießen! Wie leicht
-ist's gesagt. Ich setze mir das Feuerrohr an den Kopf, zehnmal,
-oh, weit öfter, aber mein Finger, der am Hahn lag, gehorchte
-mir nicht, ich schleuderte die Waffe von mir. Ich
-hing am Hanf und habe die Schlinge gelockert. Ich nahm
-Gift und flehte den Arzt um Gegengift an. Ich sprang ins
-Wasser. Es wäre gut gewesen, da kommt der Klosterbruder.
-Immer habe ich gehört, von den Pfaffen komme nichts Gutes;
-nie habe ich mich mit ihnen eingelassen und hab' es doch erfahren.
-So ziehen sie mich aus dem See. Nun übe ich mich
-in Mut und suche meine Schlafstelle da drüben an der Seewand,
-vielleicht stürze ich einmal unbewußt hinab. &ndash; Des
-Menschen Leben bläst der leise Windhauch aus. Steht's
-nicht so in einem alten Buche? Oh über die Hypochonder!
-Wenn sie ahnten, wie schwer das Leben abzuschütteln ist!
-Ausgelebt haben und nicht sterben können!«</p>
-
-<p>»Wie alt sind Sie?«</p>
-
-<p>»Achtundzwanzig Jahre.«</p>
-
-<p>»Und wollen ausgelebt haben?« fragte ich. »Freund,
-Sie mögen den Abschaum des Lebens kennen gelernt haben,
-aber das Leben nicht. Mit einer Million kauft man sich kein
-Leben, noch weniger ein Glück. Sie müssen gerungen haben
-ums tägliche Brot, sie müssen einmal aus einer schweren
-Krankheit genesen sein, Sie müssen Gutes empfangen und
-Gutes gegeben haben, Sie müssen sich ein Haus gebaut haben,
-und einen geliebten Menschen gefunden und einen geliebten
-Menschen sterben gesehen haben, um zu wissen, was Leben
-ist. Sie haben noch nicht gelebt. Auf Ihrem Herzen liegt der
-Rost der Übersättigung, den müssen sie herausbluten, und
-es wird wieder jung sein. Sie haben bisher nur ihre rohesten
-Sinne gefüttert, den eigentlichen Menschen in sich haben<span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span>
-Sie wahrscheinlich noch gar nicht entdeckt. Sie haben jene
-Anlagen noch gar nicht entdeckt, deren Betätigung und Befriedigung
-erst das Glück gibt. Das Sehen des Schönen
-in der Natur, das stille und beständige Bedienen der Mitmenschen,
-das Wiedergenießen ihrer Achtung, das Bewußtsein
-erfüllter Pflicht, das, mein armer Freund, sind weit
-tiefere und feinere Lebensgenüsse als jene tierischen, die
-Sie mit Ihrer unseligen Million erkauft haben.«</p>
-
-<p>Der Mann tat eine Bewegung mit der Hand, als wollte
-er damit sagen: Das gäbe es für ihn nicht.</p>
-
-<p>Ach du arme, zerfressene Seele, wie hat dich der Materialismus
-zugerichtet!</p>
-
-<p>»Sie müssen nicht glauben, daß ich hier bei Ihnen
-sitze, um mich von Ihnen beschulmeistern und bedauern
-zu lassen!« sagte der Mann, indem er aufstand. »Ich habe
-mit Ihnen nicht angebunden, Sie haben es mit mir getan.
-Gehen Sie hinab und sagen Sie den Pfaffen, sie
-mögen mich nicht erwarten und mit Seelenmessen ließe sich
-an mir nichts verdienen. Ihr seid alle Wichte! Alle!
-Adieu!«</p>
-
-<p>Nun eilte er davon, zwischen Zirmsträuchern hin und
-schaute gar nicht mehr um. Ich war nicht Samaritan
-genug, um ihm zu folgen; ich hatte nicht das demütige
-Trostwort gefunden, welches der Sünder zum Sünder spricht.
-Schwer verstimmt stieg ich niederwärts gegen den See.</p>
-
-<p>Das war die erste Begegnung mit diesem Menschen
-in den Tiroler Bergen. Später ergab sich Gelegenheit, mit
-seinen Schicksalen näher bekannt zu werden. Er hieß Friedrich
-Kürbaum mit Namen und war der einzige Sohn eines
-Prager Bankiers. Mit seinen Studienjahren und seiner
-Million verhielt sich's so, wie er selbst angedeutet hatte.
-Es wären aus der unsauberen Zeit wunderliche Einzelheiten<span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span>
-zu erzählen. Es war ein Leben ohne Kopf und Herz,
-es war das Welteinsaugen eines menschgewordenen Polypen.
-Das beste an seiner Million war, daß sie endlich zur Neige
-ging; mit dem Ringen um die Existenz und der Angst vor
-dem Untergange kamen wenigstens menschliche Regungen in
-seine Brust. Es ging ihm das Bewußtsein auf, ein Leben
-verloren zu haben und das verlorene Leben wie ein unerlöstes
-Gespenst weiterschleppen zu müssen durch alle Entbehrungen
-und Demütigungen hin, und wie sozusagen sein
-Gewand und sein Leib stückweise von der gemarterten Seele
-abfallen müsse, bevor sie ihr Dasein aufgebe.</p>
-
-<p>Mit solchem Jammer trat der durch Überfluß und
-Übermut entherzte Verschwender gleichsam wieder in die
-Rechte der Menschheit ein.</p>
-
-<p>Lange strich er um im Gebirge; es war, als banne
-ihn die Größe oder als bedürfe er für seine innere Wildheit
-und Zerrissenheit die Wildheit der äußeren Natur. Planlos
-strich er um. Hier bettelte er um den Tod, dort bettelte er
-um Leben. Es war der allerärmste Bettler, der je in dieser
-unwirtlichen Gegend umhergestiegen.</p>
-
-<p>Einige Tage war es nach unserer Begegnung auf der
-Zinne der Seewand, als Friedrich Kürbaum im Walde zu
-einem halb verfallenen Holzbaue kam. Einst mochten
-Kohlenbrennerleute darin gewohnt haben, wenigstens war vor
-der Hütte ein runder Platz mit Kohlenlösche, aus der Nesseln
-und anderes Krautwerk wuchsen. &ndash; Wenn er sich in diese
-Hütte einschlösse, die Fenster und Löcher verstopfte, mit
-Kohlenresten darin ein Feuer machte, um daran zu ersticken!
-&ndash; Mit diesem Gedanken vielleicht stieß Kürbaum den
-Bretterverschlag auf, der die Tür bildete, und trat in den
-Raum. Sofort merkte er, wie sich in einem Winkel der Hütte
-etwas bewegte und eine Stimme war: »Mein Gott hat mich<span class="pagenum"><a id="Seite_244">[244]</a></span>
-erhört, Friedrich! Wie danke ich dir, daß du uns aufgesucht
-hast!« Dann hörte er nur noch Schluchzen.</p>
-
-<p>Als sich seine Augen an die Dunkelheit etwas gewöhnt
-hatten, sah er im Winkel auf Heu ein junges Weib
-kauern, am Busen ein kleines Kind; Er erkannte sie sofort.
-Vor Jahresfrist auf einer Reise in die Schweiz war er ihr
-das erstemal begegnet in einem Flecken bei Innsbruck. Ein
-frisches, unschuldiges Landmädchen, das war noch etwas
-Ungewöhnliches für ihn. Das Schmuckkästchen half nicht,
-wie beim Gretchen, der Weltling mußte all seine Verstellungskünste
-aufbieten, um sie zu gewinnen. Nach zwei
-Wochen zog Herr Kürbaum lustig weiter und hatte das süße
-Naturkind auch bald vergessen.</p>
-
-<p>Floriana jedoch hatte auf ihn gewartet, anfangs mit
-Inbrunst, später mit Bangen, endlich in Verzweiflung.
-Als sie vor ihrem Vater das Geständnis tat, wurde er rasend.
-Das Mädchen floh ins Etschtal, wo ein Oheim von ihr lebte,
-dort fand sie zur Not Unterstand für die schwersten Tage,
-aber des Oheims Weib hielt es der Armen stündlich vor,
-daß sie hier nicht daheim sei, und so nahm sie das Kind, um
-damit wieder ihrem Elternhause zuzuwandern. Sie bettelte
-sich von Tal zu Tal, bis sie vor Erschöpfung endlich nicht
-mehr weiter konnte und in jener Waldhütte liegen blieb.</p>
-
-<p>Das hatte Floriana nun dem Manne erzählt, oft
-unterbrochen durch ihre Schwäche und das Weinen vor
-Freude, daß er erschienen.</p>
-
-<p>Kürbaum war ratlos, was hier zu tun oder zu sagen sei.</p>
-
-<p>Um einen Schluck Wasser bat sie ihn; er, der einstige
-Verschwender, hatte nun nicht einen Schluck Wasser, um
-sie zu laben, er war selber dem Verschmachten nahe. Da
-bot sie ihm ein Körbchen mit Heidelbeeren, die sie gesammelt
-hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span></p>
-
-<p>»Friedrich,« sagte sie dann, »hier ist das Kind, Frieda
-hab' ich's geheißen. Sieh es an. Sieh doch auch mich einmal
-an. Bin ich denn so verdorben, daß du mich nicht mehr erkennen
-kannst? Das Kind mußt du hüten, daß es groß wird
-und brav. Ich glaube, bei mir ist's zum Sterben.« Er
-wendete sich ab. Sie faltete die Hände: »Friedrich! Auf
-der Welt ist es so schön und bist ja du wieder bei mir!
-Ich mag nicht sterben. Noch so jung und schon auf die
-Totenbahr.«</p>
-
-<p>Er blieb stumm. Nicht einmal die Kraft der Verstellung
-hatte er mehr, um ihr ein beruhigendes Wort
-zu sagen.</p>
-
-<p>Das Kind, in Lumpen gehüllt, schlief an der schwerwogenden
-Brust des Weibes.</p>
-
-<p>»Wenn die Türe offen wäre!« sagte Floriana. Er
-öffnete sie. Das Abendrot lag draußen auf den Bäumen.</p>
-
-<p>»Nicht wahr, die Waldluft, die soll ja gesund sein!«
-sagte sie.</p>
-
-<p>»Gewiß,« versetzte er.</p>
-
-<p>»Meine Eltern laß ich grüßen. Auch den Vater,« fuhr
-sie wie traumhaft fort. »Aber nicht wahr, mein lieber Mann,
-du machest mich gesund. Du bist ja ein großer Herr. Du
-hast mir Geld gaben wollen. Nichts wünsch' ich mir als die
-liebe Gesundheit. Ich will dir keine Last sein, nur leben laß
-mich. Mein junges Leben, nur das verlang nicht von mir!«</p>
-
-<p>»Das meine gebe ich für dich!« rief er aus. »Nimm
-es! Nimm es!«</p>
-
-<p>Sie haschte nach seiner Hand: »Du bist gut, Friedrich!«
-hauchte sie und legte ihre Wange zärtlich an seine Hand
-und streichelte sie, »ich hab's ja gewußt, daß du gut bist.
-Kreuz mußt du mir keines setzen auf das Grab. Aufs Kind
-denkest du ja und mich mußt du vergessen. Es wäre kein<span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span>
-gutes Gedenken. Du wärest brav geblieben und ich bin dein
-Unheil geworden.« Sie schwieg, hielt ihren rasselnden Atem
-ein, um zu horchen: »Hörst du es? Hörst du es?«</p>
-
-<p>Auch er horchte, nichts war, als der stille Abendfrieden.</p>
-
-<p>»Die Glocken läuten,« sagte sie leise.</p>
-
-<p>Es war keine Kirche weit und breit und die Kapelle,
-die draußen an der Straße stand, hatte keine Glocke.</p>
-
-<p>»Es ist schon die Gebetstunde,« sagte sie müde und
-legte über dem Kinde an der Brust ihre Hände aneinander,
-»sie läuten zum Englischen Gruß, bete ein Vaterunser,
-Friedrich!«</p>
-
-<p>Er neigte den Kopf, aber er betete das Vaterunser
-nicht, denn er wußte nicht, wie es lautete. Sie betete
-still und er saß neben ihr bewegungslos, wie hingebannt.
-Im traumhaften Zustand starrte er zur Türe hinaus, das
-Gold der Wipfel begann zu erblassen, die lichten Äste und
-Steine verdämmerten mählich und in dem Schatten sang
-ein einziger Vogel weiche, kurz abgebrochene Töne.</p>
-
-<p>Das Weib war noch immer still und betete.</p>
-
-<p>Herr Kürbaum hatte eine Empfindung wie nie bisher
-in seinem Leben, es war, als ob in seiner Seele etwas
-zu tauen beginne. Dieses junge Weib. Und &ndash; »sie <em class="gesperrt">ihn</em>
-verführt!« Du heilige Büßerin Unschuld! &ndash; Mit <em class="gesperrt">diesem</em>
-Weibe leben! Es muß ja groß sein, das Glück zu leben,
-wenn es selbst der Ärmste, Verlassenste nicht lassen will.</p>
-
-<p>Als der Mann sich niederbeugte gegen ihr Angesicht,
-um zu sehen, ob die Betende nicht in den Schlummer
-gesunken sei, da sah er's.</p>
-
-<p>Er rüttelte sie, er rief sie laut beim Namen. Sie war
-dahin&nbsp;…</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span></p>
-
-<p>Da besann er sich nicht lange. Ein Tatentschluß.
-Vielleicht das erstemal im Leben. Er nahm eine Kohlenschaufel,
-die neben anderen verrosteten Geräten in einer Ecke
-lehnte, und ging, um draußen zwischen den Bäumen ein Grab
-zu graben.</p>
-
-<p>Er grub und schaufelte mit Hast, aber der Moosboden
-war zähe, die Baumwurzeln waren hart und wollten nicht
-weichen. Erschöpft. Dieser Leib, dem er eine Million zum
-Fraß geworfen, vermochte nicht einmal eine Grube zu schaffen
-für ein armes Wesen, das seinetwegen gestorben war. Ohnmächtig
-an Seele und Leib, und nicht sterben können!</p>
-
-<p>Erschreckt fuhr er auf. In der Hütte begann das Kind
-zu schreien. Es war erwacht, es war ihm nicht behaglich
-an der toten Brust.</p>
-
-<p>Herr Kürbaum wankte hinein und hob das Kind auf.
-Die Mutter wollte es nicht lassen, ihre Arme schlangen sich
-starr um den Säugling. Aber als er das junge warme Leben
-nun an seiner Brust hielt, das Kind mit dem rosigen Antlitz,
-da ging eine Flut in sein Herz.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Noch in derselben Nacht ist er mit dem Kinde davongegangen.
-Ein verspäteter Jäger begegnete ihm, dem teilte
-er mit, daß in der Waldhütte ein Toter liege, der zu begraben
-sei.</p>
-
-<p>Er selber mit dem Kinde fand nach langem Irren
-Herberge und Atzung in einem kleinen Hause, das an einem
-Steinbruche stand. Dort lebte ein betagtes Weib, das kurze
-Zeit früher ihren Mann und Ernährer durch den Tod verloren
-hatte. Der war Steinschläger und Kalkbrenner gewesen.
-Bei einem Steinsprengen durch Pulver war ihm
-ein Felsstück an das Haupt geflogen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_248">[248]</a></span></p>
-
-<p>»Es ist halt so traurig in meinem Hause,« sagte die
-Witwe.</p>
-
-<p>»So wollt Ihr mir vielleicht das Kind abnehmen?«
-fragte Kürbaum, nachdem er in Kürze die Schicksale desselben
-mitgeteilt.</p>
-
-<p>»Es wäre recht,« antwortete die Witwe, »aber der
-Tod hat mir das Tuch vom Tisch gezogen.«</p>
-
-<p>»Wenn ich für Euch steinbrechen wollte?« fragte der
-Mann.</p>
-
-<p>»Das wäre gut, aber das Steinbrechen allein lohnt
-sich nicht. Mein Mann hat auch noch die Kalkbrennerei
-betrieben. Man verkauft den Kalk jetzt gut hinaus nach
-Zirlschlag.«</p>
-
-<p>»Und wenn auch ich die Kalkbrennerei betriebe? Und
-den Erwerb brächte ich Euch, damit Ihr mir dieses Kind
-pfleget?«</p>
-
-<p>»Ja, dann sind wir handelseins,« sagte die Alte und
-machte einen Handschlag. »Aber &ndash; mit <em class="gesperrt">dieser</em> Hand wollt
-Ihr Steine brechen?«</p>
-
-<p>Einige Zeit mußte er sich von der alten Witwe pflegen
-lassen, bis er imstande war, sein Vorhaben zu versuchen.</p>
-
-<p>Und dann geschah es, daß ein Mann, der die vornehmste
-Erziehung genossen hatte, der zu Lebzeiten seines Vaters
-zwölf Jahre lang allerlei Wissenschaften betrieben, der
-hierauf eine Million zu erben bekommen, daß dieser Mann
-bei einem Halbkretin in die Schule gehen mußte, um sich
-und seinem Kinde das Brot zu erwerben.</p>
-
-<p>Der schiefäugige, halbtaube Knecht des Verstorbenen
-unterwies Herrn Kürbaum, wie man den Eisenschlägel handhabt,
-wie die Steine am richtigsten zertrümmert werden,
-daß sie nicht zu groß und nicht zu klein bleiben, wie man
-sie in Prismen schichtet und mißt und verrechnet; unterwies<span class="pagenum"><a id="Seite_249">[249]</a></span>
-ihn in der Kalkbrennerei, welche Gattung von Stein man
-nimmt, wie man heizt, röstet, löscht usw.</p>
-
-<p>Kürbaum hätte es nicht ausgehalten, seine ganze Natur
-bäumte sich oft auf gegen solche Dinge, aber wenn er das Kind
-sah, das ihn bisweilen so treuherzig munter anblickte, da gewann
-er innere Kraft, und mit dieser stählte sich allmählich
-auch die äußere. Sein Wille erstarkte und rang mit seinen Neigungen,
-die auch wieder zu erwachen begannen. Ein paarmal
-drohte ihm das Unterliegen. »Nur den tausendsten Teil von
-dem, was ich der Langweile und dem Laster in den Rachen geworfen,
-und das Kind wäre geborgen!«</p>
-
-<p>Nach und nach stellten sich auch Freuden ein. Das
-Kind lächelte, streichelte mit dem Händchen seine bebarteten
-Backen, faßte den Lederschild seiner Mütze und lallte:
-»&ndash;ut!«</p>
-
-<p>Die Pflegemutter verstand: »Hut«, der Vater wußte
-es besser: »Mut!« Und er gewann ihn ganz zu eigen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nach einer Weile vernahmen die Fratres des Klosters
-zum heiligen Anton am See, daß der wunderliche Mensch,
-der seinerzeit aus dem See gezogen worden war, draußen
-in den Träusundbergen bei einem Steinbruch wacker arbeite.
-Nach näher eingeholten Erkundigungen ließ der Abt an ihn
-folgendes Briefchen schreiben:</p>
-
-<p>»Eine Million verjuxen und sich erschießen! Wie jämmerlich!
-&ndash; Aber eine Million verjuxen, dann Steine
-schlagen, das ist tapfer! Das Kloster braucht gegenwärtig
-einen Straßenmeister. Wollen Sie die Stelle haben, so
-mögen Sie sich melden.«</p>
-
-<p>So steht es heute. Friedrich Kürbaum ist wohlbestellter
-Straßenmeister und bewohnt mit seinem heranblühenden
-Töchterl und der alten Witwe das im Schweizerstil gebaute
-kleine Haus, das rechterhand der Straße steht, wo sie sich<span class="pagenum"><a id="Seite_250">[250]</a></span>
-gegen den See hineinbiegt und ins enge Klostertal. Vom
-Fenster aus sieht man die Seewand und die im Hintergrunde
-aufragenden Felsriesen.</p>
-
-<p>Ist das alles? fragt ihr. Und der Mann soll Straßenmeister
-bleiben?</p>
-
-<p>Ihr winkt mißmutig ab? So stark sei niemand? &ndash;
-Was wollt ihr denn? Der Mann hat trotz aller Schwäche
-die Hochschule bestanden &ndash; die Schule des Elends. Das,
-was andere suchen und erjagen, hat er hinter sich, die
-Million. Er weiß, wie hohl sie ist, und diese Erfahrung gibt
-dem nun Geläuterten Ruhe und Weisheit für den Genuß
-des kleinen, innigen Lebens in der großen Natur.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_251">[251]</a></span></p>
-
-<h2 id="Philippus_der_Hasser">Philippus der Hasser.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Das war ein Unhold, dieser Philipp in der Lacken,
-Gott, das war ein Unhold!</p>
-
-<p>Er soll kohlschwarzes Haar und feuerroten Bart gehabt
-haben und dieses ungewöhnlichen Aussehens wegen
-allein schon gefürchtet worden sein. Sein Geschlecht war
-in dem Tale der Friesen, das breit und fruchtbar ist, uralt
-angesessen. Der Name »in der Lacken«, den es trug, stammte
-von seinem Hofe her, der wie eine kleine Ritterburg auf der
-Insel eines großen Teiches stand, damit er geschützt sei gegen
-die Feinde, von denen besonders der Philippus rings umgeben
-war. Die Leute nannten den Teich in verachtender
-Weise die Lacken, und der Philipp mit seinem Anwesen war
-ihnen wie die Kröte drin, aber das sagten sie nicht laut,
-denn der Mann war seines Reichtums und seiner zahlreichen
-Untergebenen wegen sehr mächtig und sehr böse.</p>
-
-<p>So wie der Philippus das Haar eines Romanen und
-den Bart eines Germanen trug, so ähnlich mochte auch sein
-Blut mit den Eigenschaften der beiden Völker gemischt sein.
-Manchmal, wenn die guten Seiten mehrerer Völker zusammenkommen,
-gibt es herrliche Menschen; wenn gemischte Eigenschaften
-sich wieder mischen, entstehen unberechenbare Charaktere;
-und wenn die schlimmen Neigungen verschiedener
-Rassen sich vereinen, dann werden Ungeheuer geboren, wie sie
-aus ungemischtem Blute kaum hervorgehen können.</p>
-
-<p>In Philippus hatte sich vereinigt die religiöse Entartung
-der Romanen und der Germanen: die Schwärmerei
-des Katholizismus und die Grausamkeit des Heidentums.
-Er war, so bildete er sich selbst ein, strenger Christ, er betete,
-er fastete, er hüllte sich an Sonn- und Feiertagen in einen<span class="pagenum"><a id="Seite_252">[252]</a></span>
-grauen Büßermantel, in welchem er sich auf dem Kahne über
-den Teich rudern ließ und in welchem er in der Kirche nächst
-dem Hochaltare auf dem Betstuhle kniete. Er übte die strengste
-Enthaltsamkeit und verlangte solches auch von seinen Untergebenen.
-Nur eines vergaß der fromme Philippus, er vergaß
-der Liebe. Weil er aber doch ein heißes Herz in der Brust
-hatte, das imstande war, gewaltig zu pochen, so hegte und
-pflegte er statt der Liebe den Haß. Bei einem harten Oheim
-soll er erzogen worden sein und nie einen Hauch der Liebe
-erfahren haben. Also stand er einsam wie ein starrer Halm
-auf herbstlicher Heide. Selbst die äußere Natur haßte er und
-wollte sich an ihr rächen, wenn es regnete im Heuen oder
-windete in der Kornblütezeit. Öfter als einmal sah man's,
-wie er mit seiner Peitsche wütend in die Luft hineinhieb,
-daß es pfiff, um Wind und Wetter zu züchtigen, und einmal
-befahl er es sogar seinen Knechten, daß sie mit ihren Heugabeln
-gegen den Regen dreinstechen sollten. Sie taten es,
-kam aber nichts dabei heraus, als daß sie naß wurden.
-Wo es nicht sein Vorteil heischte, mit Menschen zu verkehren,
-da floh er sie. Lebenslustige Männer verabscheute er, liebebedürftige
-Weiber verachtete er, und Kinder waren ihm eine
-wertlose Sache, über die er auf der Gasse hinwegschritt wie
-über junge Hunde und Kaninchen, die man nur nicht zu Tode
-tritt, weil die Eigentümer darob Lärm schlagen würden.
-Philippus war natürlich Hagestolz geblieben, im ganzen aber
-hatte er sich doch so gehalten, daß männiglich sagen mußte:
-Er ist ein Ehrenmann! Gegen seine Blutsverwandten, gegen
-jedermann, der ihm nichts Übles tat, war er kalt wie ein
-Stein in der Bergschlucht; wenn ihm aber Böses geschah
-oder wo er es sich nur einbildete, daß jemand ihm Böses
-wolle, da begann es zu glühen und zu kochen in ihm, sein
-Blut schoß zurück in die Brust, daß sein Antlitz ward blaß wie<span class="pagenum"><a id="Seite_253">[253]</a></span>
-Lehm und seine Fingerspitzen kalt wie Eiszapfen. Aber
-aus seinen kleinen Augen zuckte es in grünlichen Strahlen.
-Und vor einem steinernen Christusbilde, das unter der Eiche
-seines Hofes stand, klammerte er die Finger aneinander zu
-einer Doppelfaust, und flehte mit aller Inbrunst des Glaubens
-um Rache. In dem schönen Tale der Friesen gab es
-Leute, die harmlos sich des Lebens freuten in Spiel und Tanz
-&ndash; er haßte sie. In einem Nachbarsdorfe lebte ein alter
-Mann, von dem die Sage ging, daß er der lutherischen Lehre
-anhänge. Diesen Mann kannte Philippus gar nicht persönlich,
-aber er haßte ihn so sehr, daß er nächtelang schlaflos
-war und darüber nachsann, was er dem »Scheusal« Schlimmes
-zufügen könnte. Am meisten aber haßte er einen
-Karrner. Dieser Karrner war in einem kleinen Eisenwerke
-desselben Tales angestellt, um mit einem Schubkarren Holzkohlen
-von dem Schoppen in die Schmiede zu befördern,
-wofür er einen Tagelohn erhielt, von dem er mit seiner
-großen Familie sehr kümmerlich lebte. Diesen Menschen
-haßte der Philippus über alle Maßen. Warum? Hätte er
-sich gefragt, er würde nicht Antwort haben geben können,
-denn der Karrner war ein harmloser, sanftmütiger Mensch,
-der niemandem ein Leides tat. Aber Philippus hatte den
-Drang, seinen allgemeinen Menschengroll auf eine Person
-niederzulegen. Der Karrner war ein armer Mann, noch
-dazu ein fremder, vielleicht sogar ein Andersgläubiger. Er
-war vor Jahren als Fremdling in das Tal gezogen und hatte
-sich dort eingeheimt. Aber man wußte nicht, woher er kam,
-und weß Abstammung er sei. Der Philippus war eines
-Tages zum Richter und zum Prälaten gegangen und hatte
-die Ausweisung des Karrners begehrt.</p>
-
-<p>»Hat Euch der Mann Unrechts zugefügt?« fragte der
-Richter.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_254">[254]</a></span></p>
-
-<p>»Nicht mir allein,« rief der Philippus, »uns allen
-fügt er himmelschreiendes Unrecht zu, denn er ist da, er zehrt
-von unserem Korn, er trinkt von unserem Wasser. Warum
-soll den Erwerb, Kohlen zu führen, nicht einer der Einheimischen
-haben? Warum ein Fremdling?«</p>
-
-<p>»Was geht das Euch an, Philipp?« fragte der Richter,
-»wollt Ihr Euch um die Karrnerstelle bewerben?«</p>
-
-<p>»Es gibt keine Gerechtigkeit mehr,« knirschte der Philippus,
-verließ mit knarrenden Schritten das Richteramt und
-begab sich zum Prälaten.</p>
-
-<p>Vor diesem ließ er im Beutel Geld klingen und stellte
-ihm vor, daß der Josue das Verderben der Leute sein würde,
-wenn man ihn nicht fortweise, denn er sei sicherlich kein
-Christ. Solcher Mensch gebe ein arges Beispiel, wie man auch
-als Unchrist leben könne, ohne vom Blitze erschlagen zu
-werden, und er gebe das noch weit schlimmere Beispiel,
-daß der Mensch sozusagen seine Pflichten erfüllen könne,
-ohne Christ zu sein. Wäre der Josue ein schlechter Hund,
-ein Räuber und Mörder, so könne man ihn ganz gut in der
-Gegend belassen als Exempel, was ein Unchrist ist. Weil
-er aber zu den sogenannten braven Leuten gehöre, eben
-darum müsse er fort. »Es darf keiner brav sein, der Unchrist
-ist!« schrie Philippus.</p>
-
-<p>Der Prälat lächelte ein wenig. Dann sagte er: »Lieber
-Philippus! Euer Eifer um die Ehre der christlichen Kirche
-ist ganz löblich, vorerst aber wird es nötig sein, daß Ihr
-selber Christ werdet. Prallet nicht auf, mein Freund! Ihr
-seid vom höllischen Haßteufel besessen, und Christus, unser
-Herr, hat gesagt, liebet euch untereinander, liebet auch
-eure Feinde! Darin unterscheidet sich ja eben unsere
-Religion von den Religionen der Heiden und Juden,
-daß sie Liebe ist. Darum eben ist die christliche Religion<span class="pagenum"><a id="Seite_255">[255]</a></span>
-göttlich, darum verwandelt sie in ihrer Hand den Stein zu
-Brot und das Brot in den Leib des Herrn, weil sie lautere
-Liebe ist. Darum verwandelt sie den tierischen Menschen
-zum sittlichen, zum hochgesinnten, uneigennützigen, opferfreudigen
-Kinde Gottes, weil sie lautere Liebe ist und Liebe
-verlangt überall. Viele Tausende von Jahren bestand das
-Menschengeschlecht vor Christus schon; zahllose Religionen
-lebten auf, gingen nieder, in den Menschen war das Gesetz
-des Eigennutzes, des Hasses, der Rache oder des stumpfen
-Hinsiechens an Herz und Geist. Da kam unser himmlischer
-Christ mit der Liebe. Und keine Religion hat die Menschen so
-hoch gehoben, als die christliche; die Milde, das Wohlwollen,
-der Friede, die Weltfreude auch, und das irdische Glück in
-seiner reinen Form, die ganze menschliche Gesittung, die in
-den Besten der Gegenwart Ausdruck findet, all das ist ein
-Werk des Christentums. Der Christ haßt das Laster, die
-Verworfenheit als den bösen Feind, aber den Menschen als
-solchen, sei er wer immer, den haßt er nie. &ndash; Nein, lieber
-Philippus, der Josue ist ein fleißiger Arbeiter, ein braver
-Mensch, so viel ich weiß, der niemandem etwas Böses tut,
-den wollen wir nicht verjagen. Wollt Ihr ihm schon zeigen,
-daß der Christ höher stehen kann, als etwa der Heide, so
-geht hin und schenkt ihm einen Beutel mit Geld für seine
-armen Kinder.«</p>
-
-<p>Sehr erbost verließ der Mann den Priester, die Treppe
-herab noch wiederholt das Wort »Pfaffe!« murmelnd. Wußte
-er doch, daß in den alten Schriften, die er besaß, ganz
-anderes zu lesen stand. Die Zauberer, die Hussiten, die
-Juden, die Lutherischen verbrannt auf dem Scheiterhaufen!
-Das waren noch schöne, gottwohlgefällige Zeiten.</p>
-
-<p>Unterwegs mußte Philippus an dem Eisenwerke vorbei;
-auf der Brücke des Hammerbaches begegnete er dem Karrner<span class="pagenum"><a id="Seite_256">[256]</a></span>
-Josue mit der Kohlenladung. Mit heftigem Stoße prallte er
-an ihn, so daß der Karrner über die geländerlose Brücke in
-den Bach stürzte. Dann eilte er leicht wie auf Flügeln davon
-und rieb sich die Hände und ein Wohlgefühl war in ihm,
-wie er es noch nicht oft genossen hatte.</p>
-
-<p>Aber am dritten Tage, als er das Begräbnis des
-ertrunkenen Josue erwartete, ward Philippus zum Richter
-gerufen und dort stand der Karrner lebendig und ganz wieder
-trocken. Der Josue klagte ihn an. Philippus verteidigte sich:
-Natürlich war es nicht absichtlich, sondern ganz zufällig geschehen,
-daß er auf der Brücke an den Karrner gestrichen,
-der mit seiner ungebührlich breiten Fuhr die ganze Brücke
-eingenommen; der Karrner sei aber ein so maßlos boshafter
-Mensch, daß er absichtlich in das seichte Wasser gesprungen
-sein müsse, um nachträglich zu behaupten, er wäre
-hinabgestoßen worden. Nicht allein, daß er, Philippus, vollkommen
-frei von Schuld sei, verlange er auch eine Züchtigung
-dieser niederträchtigen Kreatur.</p>
-
-<p>Der Richter war aber von der eigentlichen Gesinnung
-Philipps so überzeugt, daß er ihn auf drei Wochen in den
-Kerker führen ließ wegen mutwilliger Gefährdung des Lebens
-eines anderen.</p>
-
-<p>Das ist dem Philippus, genannt Philipp in der Lacken,
-passiert. Nun kann man sich denken, daß sein Haß und seine
-Rachgier im kühlen, feuchten Aufbewahrungsorte nicht verkümmerten,
-und in der Tat, als er wieder an das Sonnenlicht
-kam, war er abgemagert bis zum Gerippe und sein
-langes schwarzes Haar und sein langer roter Bart war
-wirr und wüst und stellenweise schimmelig. Das Fasten und
-das harte Lager konnten ihn nicht so heruntergebracht haben,
-denn derlei Bußübungen waren ihm nicht fremd, aber der
-Haß! Der Haß, dieses Ungetüm, hatte, als es an fremden<span class="pagenum"><a id="Seite_257">[257]</a></span>
-Körpern nichts zu beißen fand, sich gegen den eigenen gekehrt
-und in ihm unbarmherzig genagt und gewütet. Philippus
-zog sich zurück auf seinen Hof in der Lacken und ließ sich
-lange nicht mehr sehen. Er las in seinen alten Schriften, und
-weil das »Vaterunser« ihm viel zu matt und weich schien,
-so erfand er sich für seine Person ein eigenes Gebet, das er an
-jedem Morgen und an jedem Abende mit größter Inbrunst
-sprach. Das Gebet war voller Kraft und Glut, es lautete:</p>
-
-<p>»Herrgott, Allmächtiger im Himmel! Strafe die Unchristen
-und die Fremdlinge und die Kinder der Welt und alle
-meine Widersacher. Strafe meine Feinde. Zermalme sie mit
-Deiner Faust, zertritt sie mit Deinem Fuß, daß das Eingeweide
-fahr' aus ihrem verfluchten Leibe. Ich bete Dich
-an, o heiliger Rächer! Lichter aus reinem Wachse sollen
-brennen vor Deinem Tabernakel! Laß Dein rosenfarbiges
-Blut nicht umsonst geflossen sein für mich, töte meine Feinde!
-Gib, daß sie erblinden im Walde und in den Abgrund
-stürzen! Sende Deinen Blitz an die Tore ihrer Häuser, daß
-sie den Ausweg nicht finden und im Feuer umkommen!
-In ihr Trinkwasser gieße die Pest! Rufe die Kriegsheere
-der Erde, daß sie metzelnd Dein Reich befreien von dem Unzücht!
-Herrgott, mich, Deinen treuen Diener, lasse nicht zu
-Schanden werden. Amen.«</p>
-
-<p>Also war die Andacht Philipps, aber es war ihm
-leichter, nur solange er betete; denn es geschah nichts von
-allem, was er flehte, seine Wut war nichts als die Waffe
-des Ohnmächtigen.</p>
-
-<p>Seine Verwandten, sein Gesinde sah, wie Philippus
-immer finsterer ward, aber sie wagten nichts, um ihn fröhlicher
-zu machen. Im Hofe auf dem Teich hörte man kein
-Jauchzen und keinen Gesang und kein Lachen. Nahe dem
-Lackenhofe, am Ufer der Insel stand ein alter Eichbaum, der<span class="pagenum"><a id="Seite_258">[258]</a></span>
-weitum den Platz und das Wasser überschattete und eine
-Dämmerung legte auf den Rasen. In dieser Dämmerung
-stand ein altes Kreuz. Dieses Kreuz hatte neun Querbalken,
-es ragte hoch zum Geäste auf. Es war vor Zeiten draußen
-in dem großen Walde gestanden, der unter dem Namen der
-Kürlingerwald im ganzen Lande berüchtigt ist. Es hatte
-nämlich in ihm vor Jahren eine Räuberbande ihr Unwesen
-getrieben, Reisende ermordet und war oft hervorgebrochen,
-um Meierhöfe und ganze Schlösser auszuplündern. Eines
-Tages wurde in dem Kürlingerwalde ein durchfahrender
-Hochzeitszug, bestehend aus neun Personen, ermordet. Der
-Räuberhauptmann wollte die Braut entführen, der Bräutigam
-schoß ihn nieder, worauf sich ein Gemetzel entspann,
-dem der ganze Festzug unterlegen war. Zum Gedächtnisse
-hatte man das neunbalkige Kreuz aufgestellt. Später,
-als der größte Teil des Waldes der Axt zum Opfer gefallen
-war und das hohe Kreuz herren- und schattenlos auf dem
-Riede stand, nahm der Philippus davon Besitz, führte es
-in seinen Hof, stellte es dort auf unter dem Eichbaum und
-verehrte es ob der blutigen Tat, deren Erinnerung daran
-geknüpft war.</p>
-
-<p>Unweit des Teiches standen mehrere Meierhöfe, die dem
-Philippus zu eigen waren, und zu denen sein Gesinde täglich
-auf großen flachen Kähnen über das Wasser fuhr. Auch
-Getreide, Heu, Holz und andere Dinge wurden mit solchen
-Kähnen über den Teich in den Wohnsitz geschafft. Der Teich
-hatte dort, wo die Schleuse das Wasser hereinließ, eine
-lange Zunge in das Gelände hin. Als Philippus eines Tages
-unter dem Eichbaum vor dem Kreuze kniete, fiel sein Blick auf
-diesen Kanal hinaus und sah, wie dort zwischen Erlen und
-Silberweiden zwei Knaben standen und mit kurzen Stäben
-Fische angelten. Dem frommen Manne blieb das Gebet im<span class="pagenum"><a id="Seite_259">[259]</a></span>
-Munde stecken, er erhob sich langsam und strengte seine Augen
-an, daß er die Fischdiebe erkenne. Er erkannte sie, es waren
-die Söhne des Karrners Josue, die er beim Vorübergehen
-an ihrer Hütte schon oft mit den Augen gespießt hatte. Ein
-heißes Lustgefühl stieg in ihm auf, eilig holte er vom Hause
-einen Feuerhaken und einen Strick, damit ging er zum Landungsplatz
-und ruderte auf einem Kahne hinaus. Aber die
-entgegengesetzte Richtung, er wollte dann hinter den Uferbüschen
-die Knaben anschleichen, sie an sich reißen, binden
-und in den Hof schleppen, um sie zu strafen, das heißt, den
-Haß zu befriedigen, der in ihm gegen den Karrner mit
-gesteigerter Heftigkeit brannte. Als er jedoch an die Stelle
-kam, waren die Kinder nicht mehr dort. Tiefen Mißmutes
-voll kehrte er zurück auf den Hof und gab seinen Knechten
-den Auftrag, wenn ihnen von den diebischen Karrnerleuten
-eines unter die Hände käme, dasselbe ihm zu überliefern, ob
-lebendig oder tot, der Lohn sei zwölf Silbertaler und ein
-mit Silber beschlagenes Gebetbuch.</p>
-
-<p>Da war es eines Abends im Erntemonat. Den ganzen
-Tag über hatten die Kähne verkehrt zwischen den Meierhöfen
-und dem Wohnsitze im Teiche. Es gab schwere Garbentrachten
-und Philippus freute sich. Es war ein Hagelwetter
-niedergegangen in der Gegend, er freute sich, daß der Himmel
-seine Felder verschont hatte, aber noch mehr freute er sich,
-daß er die seiner Nachbarn verheert hatte. Und diesem
-Freudentag folgte ein würdiger Abend. Mit der letzten
-Garbenfuhr brachten drei Knechte einen Mann mit, der auf
-den Garben ausgestreckt lag und um Erbarmen wimmerte.
-Er war mit Strohwinden an Händen und Füßen gebunden,
-es war der Karrner Josue.</p>
-
-<p>Als Philippus gehört hatte, welch ein werter Gast
-angefahren gekommen wäre, stellte er sich, die Hände in den<span class="pagenum"><a id="Seite_260">[260]</a></span>
-Taschen des Beinkleides und mit ausgestemmten Füßen ans
-Ufer und sah mit Behagen zu, wie die Knechte den Gefangenen
-zu Häupten und zu Füßen packten, um ihn abzuladen.
-Mit einer Schwenkung des Kopfes deutete er gegen
-den Eichbaum hin, sie taten nach Befehl und vor dem Kreuze
-warfen sie den Karrner zu Boden.</p>
-
-<p>»Herr und Vater!« so begann nun einer der Knechte
-zu berichten. »Wir haben ihn ertappt. Des Meierhofes
-Haushahn hatte er gestohlen und getötet und verzehrt. Wir
-haben den armen, lieben, schönen Vogel seit dem Morgen
-nicht mehr gesehen. Aber am Nachmittage haben wir Federn
-gefunden hinten im Schachen, und nicht weit davon den
-Karrner, der eine solche Feder auf dem Hute getragen. Er
-wollte vorüberhuschen, aber wir haben ihn abgefangen, er
-hat geleugnet, aber wir haben ihm nicht geglaubt. Wir
-haben den Dieb und Mörder des unschuldigen Tieres zu
-dir gebracht.«</p>
-
-<p>»Einer bekommt nur vier, weil euer drei sind,« sagte
-Philippus zu den Knechten, »das Gebetbuch sollt ihr abwechselnd
-benutzen. Bleibt nur da. Wir haben heute einen
-Feierabend. Nachher werden wir Wein trinken. Zuerst
-müssen wir eine Abendandacht halten und dem Herrgott ein
-Opfer darbringen vor dem Kreuze.«</p>
-
-<p>Diese Worte waren in einer so seltsamen Weise gesprochen,
-daß die Leute einander mit Befremdung ins Gesicht
-schauten. Philippus, ohne den Gefesselten, der auf dem
-Rasen sich wand, zu beachten, kniete hin vor das Kreuz,
-streckte die beiden Arme gegen Himmel und hub an, so zu
-beten: »Gerechter Gott, ich danke Dir, Du hast mich erhört.
-Du hast meinen Feind gelegt in die Gewalt meiner Hände.
-Dein ist die Rache, und nach Deinem Willen will ich meine
-Feinde lieben. Ich töte ihn nicht aus Rache. Ich liebe meinen<span class="pagenum"><a id="Seite_261">[261]</a></span>
-Feind und werde ihn küssen, ehe er geopfert wird. Herrgott!
-Du bist nicht der Judengott, der das Opfer Abrahams verschmäht
-hat, Du bist der Christengott, der das blutige Opfer
-seines eingeborenen Sohnes angenommen hat zur Versöhnung.
-Ich bin nicht der hoffärtige Pharisäer, der an Deinem
-Altar steht, ich bin der demütige Zöllner, der sein Angesicht
-verhüllt und betet: Herr, ich habe gesündigt. Nimm für alle
-meine Sünden dieses Opfer und verzeihe mir und gib mir
-ein langes Leben und eine glückselige Sterbestunde und die
-ewige Seligkeit. Amen.«</p>
-
-<p>Mittlerweile war es dämmernd geworden. Am Himmel
-lag eine rauchbraune Wolkenschicht, nur am Gesichtskreise
-gegen Sonnenuntergang war ein glühendroter Streifen
-schnurgerade hingezogen, wie ein Spalt zwischen Wolken und
-Erde, durch die das Abendrot hereinleuchtete. Vom Hause
-hatte sich bald alles Gesinde versammelt um den Eichbaum
-und manchem begann unheimlich zu werden.</p>
-
-<p>»Mein lieber Mitbruder im Herrn,« so redete Philippus
-nun den Karrner an. »Heute finden wir uns vor
-einem anderen Richterstuhle, als dazumal. Ich hege keinen
-Groll gegen dich, und fordere dich auf, deine Sünden zu
-bereuen.«</p>
-
-<p>»Herr Philippus, ich weiß nichts von dem Hahn!«
-entgegnete der Karrner, seine Stimme war heiser; »ich habe
-ihn nicht gestohlen. Ich bin auf einem Botengange zum
-Schmied in Siebenbrücken nur vorbeigegangen an dem Meierhofe.
-Sie haben mir die Federn gezeigt, ich sagte aber, das
-sind keine Hahnenfedern, das sind Geierfedern, wovon ich
-eine auf den Hut gesteckt, und ich weiß nichts vom Hahn!«</p>
-
-<p>Philippus streichelte mit seinen knochigen Händen sich
-den langen roten Bart. Dann sagte er zum Gefangenen:
-»Du zwingst mich auch noch, daß ich dich als Lügner<span class="pagenum"><a id="Seite_262">[262]</a></span>
-strafe. Du weißt es wohl noch nicht, wie meine ehrwürdigen
-Vorfahren den Lügner gerichtet haben? Du sollst es sogleich
-erfahren. &ndash; Junge!« so wandte er sich an einen
-halberwachsenen Burschen, »gehe in meine Stube und hole
-die gelbe Tasche heraus.«</p>
-
-<p>Die Verblüffung der Anwesenden wuchs. In früheren
-Jahren war Philippus ein beliebter Metzger gewesen. Hatte
-es in der Nachbarschaft und selbst weiter um im Tal etwas
-zu schlachten gegeben, so wurde Philippus dazu gebeten;
-dieser Mann warf mit einigen Schlägen jeden Ochsen hin,
-und das Schwein war auf seinen wohlgezielten Stoß augenblicklich
-tot. Als aber Philippus später bei zunehmendem
-Alter und bei gesteigertem Grolle gegen alles anfing, sich
-an den Qualen der Tiere zu ergötzen, machte er die Sache
-umständlicher und richtete es manchmal so ein, daß das
-Opfer noch zuckte, wenn er ihm die Eingeweide herausriß.
-Da meinten die Leute, er solle daheimbleiben auf seinem
-Lackenhof, sie wollten ihre Metzgerei schon selbst besorgen.
-Also mußte er sich begnügen mit den Freuden, die das
-Metzgern in seinem eigenen Hause bot. In der gelben
-Ledertasche, um die der Junge jetzt geschickt worden war,
-befanden sich die Schlachtwerkzeuge.</p>
-
-<p>Weil es nun dunkel geworden war, ließ Philippus zwei
-Fackeln anzünden, deren Träger zur rechten und zur linken
-Seite des Kreuzes stehen mußten. Der schwarze Pechrauch
-qualmte empor. Philippus öffnete die Tasche, er tat es langsam,
-mit feierlicher Gebärde, doch das leise Zittern seiner
-Hand verriet eine innere Leidenschaft. Das erste, was er
-hervorzog, war ein Schlagbeil; dann kam ein Eisenring
-mit scharfen Kanten, hernach ein langes scharfes Messer.
-Der Gefesselte begann beim Anblick dieser Dinge zu beben,
-die Zuschauer wurden blaß vor Entsetzen. In den Mienen<span class="pagenum"><a id="Seite_263">[263]</a></span>
-des Philippus war ein unheimliches Zucken, in seinen grünlichen
-Äuglein ein grauenhaftes Leuchten. Der Oberknecht
-flüsterte zu seinem Kameraden: »Er ist wahnsinnig geworden!«
-Zögernd trat der Knecht zu Philippus vor, berührte
-ihn ein wenig am Arm und sagte leise: »Herr
-Vater! Wäre das so gemeint? Peitschen, wenn Ihr wollt,
-aber so nicht. So nicht. Es ist ja nur ein Hahn gewesen,
-ein altes wertloses Tier. Wir führen ihn zum Gericht, wenn
-Ihr wollt. Dort sollen sie den Dieb bestrafen.«</p>
-
-<p>Philippus bäumte sich langsam empor. »Was geht das
-dich an!« sagte er dumpf und rauh. »Richtet ihn auf!«</p>
-
-<p>Nach diesen Worten ergriff er mit beiden Händen das
-Beil. In demselben Augenblicke krähte ein Hahn.</p>
-
-<p>»Das ist er! Er ist es!« rief alles untereinander und
-deutete auf einen Söller hin. »Er ist nicht gestohlen worden,
-da oben sitzt er!«</p>
-
-<p>»Es muß ein anderer sein!« sagte Philippus.</p>
-
-<p>»Nein, nein, es ist der vom Meierhof. Mit einer
-Garbenfuhr muß er herübergekommen sein auf die Insel.
-Es ist unser Hahn, wir kennen seine Stimme und der
-Karrner ist unschuldig!«</p>
-
-<p>»Und sterben muß er doch!« sprach Philippus, mit
-gehobenem Beile dem Hingestreckten nahend. Jene drei
-Knechte, die den Karrner gebracht hatten, rissen den Wütenden
-nach rückwärts. Wütend, rasend wehrte er sich vor seinen
-eigenen Knechten. Es half nichts, sie warfen ihn zu Boden
-und entwanden ihm die Waffe. Der Jungknecht erfaßte das
-Schlachtmesser, schnitt an dem Josue die Strohwinden entzwei,
-führte den also Befreiten eilig zum Ufer hinab, machte
-den zur Stelle stehenden Kahn frei, und nun glitt der
-Karrner hinaus &ndash; gerettet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_264">[264]</a></span></p>
-
-<p>Philippus riß sich mit gewaltigem Grimme von den
-Armen seiner Knechte los und sprang zum Ufer hinab:
-»Sterben muß er!«</p>
-
-<p>Aufrecht wie er war, lief er ins Wasser hinein, der
-schwarzen Masse des Fahrzeuges nach, das eben vom Ufer
-abgestoßen hatte. Der Karrner sah noch die Gestalt des
-Verfolgers und in dessen Hand das Blinken des Messers,
-er sah, wie die Gestalt mit jedem Schritte, den sie nach
-vorwärts tat, tiefer ins Wasser sank, bis endlich nur mehr
-das dunkelbemähnte Haupt über demselben war. Aber dieses
-dunkle Haupt glitt heran und rasch heran, so sehr der des
-Ruderns unkundige Karrner auch die Schaufel einsetzte und
-vorwärts strebte. Er hörte das schnaufende Fluchen des
-Verfolgers, er sah, wie manchmal neben dem Haupt aus dem
-Wasser ein Arm sich hob mit dem Messer. Der Mann
-schwamm nicht, das war zu merken, er hatte noch Grund
-unter den Füßen. Also floh das Fahrzeug vor der schwarzen
-Kugel, die auf der Oberfläche des Wassers nachzurollen
-schien. Der Karrner dachte an sein Weib, an seine Kinder,
-er rief die Mutter Gottes an um Hilfe in solcher Not, mit
-aller Macht die Fluten schlagend. Und siehe, der dunkle
-Punkt des Hauptes tauchte tiefer und tiefer hinab &ndash; noch
-ein Sprudeln und Gurgeln des Wassers, dann war der
-Verfolger verschwunden.</p>
-
-<p>Der Karrner erreichte das andere Ufer, sprang aus
-und lief davon, neu dem Leben wieder geschenkt.</p>
-
-<p>Die Nacht währte lange. Im Lackenhof war keine Ruhe.
-Als es Morgen ward und der Hahn krähte, suchten sie nach
-dem Hausherrn. Man fand ihn nicht auf der Insel und
-nicht drüben im Meierhofe. Die Sonne stand schon hoch,
-als er unten, wo der Teich in einem Bächlein abfloß, ausgestoßen
-wurde. Das lange schwarze Haar voller Schlamm,<span class="pagenum"><a id="Seite_265">[265]</a></span>
-der lange rote Bart voller Schlamm und Schaum, in
-verglasten Auge keine Glut mehr &ndash; der Haß war erloschen
-mit dem Leben.</p>
-
-<p>Das ist die Geschichte von Philippus dem Hasser, wie
-sie mir unter den anderen höchst unwahrscheinlichen Geschichten
-auf fremden Straßen der wandernden Seele begegnet
-ist. Warum sie erzählt worden? Aus Vorwitz nicht, aus
-Lust zum Fabulieren nicht. Auf ihrer Stirn deutlich zu
-lesen steht der Grund. Sie ist erzählt worden dem häßlichen
-Hasse zu Trotz und der lieben Liebe zu Liebe.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_266">[266]</a></span></p>
-
-<h2 id="Das_Weihnachtsfeuilleton">Das Weihnachtsfeuilleton.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">»Die alten Germanen feierten zur Wintersonnenwende
-aus Anlaß der Umkehr des feurigen Sonnenrades
-&ndash; angelsächsisch: <em class="antiqua">hveol</em>, altnordisch: <em class="antiqua">hiol</em> oder <em class="antiqua">jule</em> &ndash; das
-Julfest, und zwar in der Zeit vom 25. Dezember bis zum
-6. Jänner, als an welchen Tagen Wuotan und Berchta in
-den nordischen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Was schreiben Sie denn da, Doktor?« unterbrach der
-Chefredakteur und Eigentümer einer Provinzialzeitung seinen
-jungen Journalisten.</p>
-
-<p>»Nun, das Weihnachts-Feuilleton, welches Sie mir
-erst gestern auferlegt haben, als ob wir nicht den ganzen
-Dezember über mit Bestimmtheit darauf hätten rechnen
-können, daß sich auch dies Jahr die Weihnachten präzise
-wie immer einstellen würden.«</p>
-
-<p>»Ich rechnete aber auch mit Bestimmtheit darauf, daß
-irgendein Blatt zur Vorfeier einen Artikel bringen würde,
-den wir hätten benutzen können. &ndash; Machen Sie sich übrigens
-nicht die Mühe, das Ding abzuschreiben, geben Sie offen
-den Band des Konversations-Lexikons mit dem Artikel
-›Weihnachten‹ in die Druckerei.«</p>
-
-<p>»Gut,« sagte der junge Journalist, schnellte den Band
-über den Bücherhaufen hin und geflissentlich auf die Photographie
-eines reizenden Mädchenkopfes, daß solche den
-Augen des Alten verborgen sei. »Gut, so werde ich einen
-Aufsatz über Weihnachtsgebräuche in den Alpen schreiben,
-von der Christmette, dem Krippel, den alten Hirtenliedern,
-von den zwölf Nächten, von dem Dreikönigssingen, von
-dem&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_267">[267]</a></span></p>
-
-<p>»Lassen Sie das, es ist leergedroschenes Stroh, es fällt
-auch nicht ein Körnchen mehr heraus,« sagte der Chefredakteur.</p>
-
-<p>»Also Weihnachten in der Großstadt, oder Weihnachten
-auf dem Meere oder in Rom, oder irgendwo, oder Weihnachten
-der Armen, oder auch Weihnacht eines alten Junggesellen,
-der&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Alles abgebraucht, lieber Freund. Sie sind zu den
-Zeitungsschreibern gegangen und haben keine Phantasie,«
-rief der Chef und ging mit verschränkten Armen rasch im
-Zimmer auf und ab. »Weihnacht ist ein Familienfest, da
-wollen die Leute etwas Gemütliches, Idyllisch-Heiteres,
-Naives haben, oder Rührsames, Erbauliches &ndash; irgend ein
-Festglockenläuten.«</p>
-
-<p>Er blieb plötzlich vor dem jungen Doktor stehen, als
-ob ihm eine Idee gekommen wäre. »Schreiben Sie etwas
-über Menschenliebe!«</p>
-
-<p>Der andere lachte auf.</p>
-
-<p>»Gibt es denn da etwas zu lachen?«</p>
-
-<p>»Nein, wahrhaftig nicht,« versetzte der Doktor. »Ich
-werde schreiben. Schreiben über die Liebe, die Gottes Sohn
-auf die Erde gebracht hat und die seither unter den Menschen
-waltet. Nämlich einen ganzen Tag im Jahre. Denken Sie
-sich ein Christfest, das <em class="gesperrt">zwei</em> Tage dauern würde. Wie
-fatal! Drei Tage, das wäre schon unmöglich. An die Gaben
-und Liebesbezeigungen des Weihnachtsabends knüpft man
-rasch die Unzufriedenheit, die Mißgunst und Falschheit für
-die nächsten 364 Tage.«</p>
-
-<p>»Vergessen Sie nicht, daß es auch Schaltjahre gibt,«
-bemerkte der alte Chef launig.</p>
-
-<p>»Mit Ausnahme des einen Tages, des Christtages,
-wird jedes immerhin noch ein sehr gemeines Jahr sein,«<span class="pagenum"><a id="Seite_268">[268]</a></span>
-gab der Doktor zurück. »Das Weihnachtsfest ist der Tag,
-an dem die Menschheit bei sich selbst den Etikettebesuch macht.
-Das Weihnachtsfest ist der einzige Tag, an welchem Geben
-seliger ist als Nehmen, weil der Geber auf eine größere
-Gegengabe rechnet. Die religiöse Weihe, als den Goldstaub
-dieses Festes, hat eine windige Volksaufklärerei längst weggeblasen
-&ndash; und so ist die moderne Gesellschaft jener unselige
-Vogel des Märchens, der sich mit raublustigem Schnabel das
-eigene Herz aus dem Busen hackt. Die Kinder selbst werden
-an diesem Tage das erstemal zu Heuchlern und lügen einen
-Glauben an das erscheinende Christkind, »damit es recht viel
-bringe«. Was bleibt an Poesie noch übrig? Der gestohlene
-Tannenbaum mit dem Flitter?«</p>
-
-<p>Der Chef blickte den jungen Mann, der, regungslos im
-Sessel lehnend, halb geschlossenen Auges solche Worte vor sich
-hingestoßen hatte, mit Teilnahme an und sagte: »So habe
-ich Sie bisher nicht gekannt, Doktor! Das ist nicht mehr
-derselbe Bursche, den ich vor ein paar Jahren bei einem
-Studentenkommers die von lebensfreudigstem Idealismus
-getragene Rede halten hörte!«</p>
-
-<p>»Ach, gehen Sie mir mit diesem Studenten-Idealismus!
-Lebensfreudig, ja, solange es Geld und Bier gibt.
-Der wahrhaft edle Pathos für Freiheit, Brüderlichkeit und
-Nationalität schrumpft im Kampfe um die persönliche Existenz
-oder im bald sich einstellenden Haschen nach Geld und
-Würden armselig zusammen. Das Ideal von der Freiheit,
-es ist himmlisch groß und soll im Vereine mit der Liebe ja
-noch die Welt erlösen; aber in den Köpfen und Händen unerfahrener,
-verführter, leidenschaftlicher Menschen wird es
-so leicht zur Empörung gegen Obrigkeit und Gesetz. Der
-Weg der freien Selbstbestimmung ist schmal. Wie edel ist
-es, sein Ich zu kräftigen und zu vervollkommnen, und wie<span class="pagenum"><a id="Seite_269">[269]</a></span>
-niederträchtig ist der Egoismus! Wie groß ist die Vaterlandsliebe
-und wie gefährlich das aufgehetzte Nationalgefühl!
-Dieses Nationalgefühl gießt Bleikugeln. Sonst hieß
-es: Die Fürsten machen Kriege. Heute macht sie das Volk;
-in den Zeitungen steht's zu lesen, in den Vereinen wird's gelehrt,
-im Parlament wird's besiegelt.«</p>
-
-<p>»Das ist alles wahr,« entgegnete der Chefredakteur,
-»doch vergessen Sie nur auch in langen Winternächten
-nicht, daß auf unserer Erde die Sonne nicht untergeht.«</p>
-
-<p>»Auch die Kirchenglocken,« fuhr der Doktor fort, »versprechen
-in diesen Tagen den Menschen auf Erden Frieden.
-Am nächsten Tag, als am Stephanitag, wissen sie schon
-anderes, zu Ehren des Erzmärtyrers rufen sie die Gläubigen
-zum unversöhnlichen Kampf gegen alle Andersglaubenden.«</p>
-
-<p>»Lieber Freund,« unterbrach der Chef den Sprecher,
-»Sie sind krank, Sie denken krank, Sie sprechen, als ob Sie
-Hunger hätten. Nur Geduld! Abgesehen von dem Weihnachts-Feuilleton,
-das Sie in solcher Stimmung nie werden
-schreiben können, sind Sie recht verwendbar und habe ich
-auch die Absicht, von Neujahr ab Ihren Gehalt neuerdings
-zu erhöhen.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Sie würden es nicht tun, wenn Sie unter gegenwärtiger
-Ablöhnung meiner sicher wären.«</p>
-
-<p>Da trat eine Pause ein. Der Doktor schliff mit seinem
-Fingernagel die Federspitze glatt. Der Chef rieb die Augengläser
-rein, die auf seiner Stirne angelaufen waren.</p>
-
-<p>»Sie sind heute herb, lieber Freund,« sagte er endlich.
-»Sie müssen etwas Kratzendes auf der Seele haben. Vielleicht
-sollten Sie heiraten.«</p>
-
-<p>Der Doktor richtete sich ein wenig auf und blickte den
-alten Herrn verwundert an. Es war eigentlich ein hübscher<span class="pagenum"><a id="Seite_270">[270]</a></span>
-Kopf, den er hatte, dieser Doktor. In seiner Haltung, in
-seiner losen Haarfrisur, in seinem kecken Schnurrbärtchen
-lag noch etwas Studentisches, aber sein Auge war schwermütig.
-So jung er war, sah er doch schier aus, wie einer
-jener wenigen Zeitungsschreiber, die nicht bloß zu schwätzen,
-sondern auch etwas zu sagen wissen &ndash; und zu sagen haben.
-Die Zeitung, der er gegenwärtig diente, war aber eine von
-denen, die fortwährend schwätzen, damit sie nichts sagen
-müssen. Darum hatte sie einen großen Leserkreis und darum
-hatte sie ihren Eigentümer zum reichen Manne gemacht.</p>
-
-<p>»Sie haben da eine Frage angeschlagen, die mich interessiert,«
-sagte nun der Doktor. »In der Tat, ich glaube,
-die Ursache, daß ich kein Weihnachts-Feuilleton schreiben
-kann, ist, weil ich das Weihnachtsfest nicht liebe, nicht empfinde
-&ndash; weil mir dazu das wichtigste Ingrediens fehlt &ndash;
-die Familie!«</p>
-
-<p>»Nun, das ist Ihre Sache,« versetzte der alte Herr
-ablenkend.</p>
-
-<p>»Die Sache beginnt man gewöhnlich mit einem jungen
-Mädchen,« sagte der Doktor.</p>
-
-<p>»Oder auch einer jungen Witwe,« setzte der Chef bei.</p>
-
-<p>»Angenommen, mit einem jungen Mädchen, das alle
-Eigenschaften hätte, um einen glücklichen Gatten zu machen
-und Kinder vortrefflich zu erziehen. Und dieses Mädchen
-käme dem hier fraglichen Mann, der zum Behufe des Weihnachtsfestes
-eine Familie zu gründen gedenkt, mit vielem
-Beifall entgegen, aber dieses Mädchen hätte unglückseligerweise
-einen sehr wohlhabenden Vater, der sein Töchterlein
-begreiflicherweise nur an einen wohlhabenden oder sonstwie
-hochstehenden Werber abtreten möchte, da haben Sie einen
-Konflikt,&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ist nicht originell genug,« unterbrach ihn der Chef.<span class="pagenum"><a id="Seite_271">[271]</a></span>
-»Ein Feuilleton muß drastisch und prickelnd sein, nötigenfalls
-ein seltsames Geschehnis aus dem Leben erzählen, oder feinsinnig
-psychologische Eigenheiten, lächerliche Schwächen, rührende
-Vorzüge der Menschen wiedergeben. Die besten Feuilletons
-aber sind immer die, in welchen gar kein Inhalt ist
-&ndash; wenn's nur der Leser nicht merkt. Ich will Ihnen
-übrigens einen Gedanken schenken. Sie schreiben daraus
-ein prächtiges Weihnachts-Feuilleton, können es auch ausschmücken
-nach Belieben, und dabei mögen Sie lernen, daß
-nicht alle Menschen eigennützig sind, wie Sie glauben und
-sagen: man gebe nur gern, damit einem noch mehr gegeben
-werde. &ndash; Als ich vor fünfundzwanzig Jahren geheiratet
-hatte, war ich noch unbemittelt, mußte jeden Groschen ins
-Geschäft stecken, das damals in einer kleinen Schreibrequisitenhandlung
-bestand. Da konnte ich noch nicht viel für
-das Weihnachtsfest verwenden. Trotzdem stellten wir jungen
-Eheleute in unserer kleinen Wohnung ein Christbäumchen
-auf, wie es zur selben Zeit schon Sitte zu werden begann.
-Ich freute mich wie ein Kind, meine Frau mit einigen Geschenken
-zu überraschen, während sie für mich nichts haben
-sollte. Ich freute mich auf ihre Freude und ihre kleine Verlegenheit.
-Einige Tage vor dem Feste ging sie still, aber
-in sich aufgeregt im Hause umher, und als der Christbaum
-brannte, und die schönen Sachen vor ihr dalagen, sank sie
-an der Ecke des Zimmers zusammen und begann zu weinen.
-Das ganze Weihnachtsfest war ihr verdorben, <em class="gesperrt">weil sie
-mich nicht beschenken</em> konnte. Und das ist der Gedanke,
-den ich Ihnen zur Verfügung stelle.«</p>
-
-<p>»Ich sehe in dieser Erzählung nur den Egoismus des
-Mannes, der sich selbst den Spaß machen will und an
-anderen das Bedürfnis zu geben ignoriert.« So der Doktor.</p>
-
-<p>»Genau genommen haben Sie recht,« sagte der Chefredakteur.<span class="pagenum"><a id="Seite_272">[272]</a></span>
-»Doch so spitzfindig muß man die Sache nicht
-nehmen, sonst löst sich das beste Herz in lauter Egoismus
-auf. &ndash; Mein Gedanke, den ich Ihnen geschenkt habe, ist
-übrigens für den Weihnachtstisch zu mager. Sie müssen die
-Frau mindestens einen kleinen Diebstahl begehen lassen an
-der Kasse des Mannes, um ihn zu beschenken.«</p>
-
-<p>»Herr, Ihre eigene Frau!« rief der Doktor.</p>
-
-<p>»Von meiner Frau kann überhaupt nicht die Rede sein.
-Nehmen sie eine Frau Z oder X., nur nicht eine Frau Y.,
-wenn ich bitten darf, denn dieser Buchstabe ist im Petit der
-Druckerei momentan nicht vorhanden. Das Diebstählchen
-sollen Sie aber nicht verschmähen, Sie bringen damit Leben
-und Spannung in die Sache.«</p>
-
-<p>»Herr,« sagte der Doktor, »versuchen wir's, trauen
-wir unseren Lesern einmal eine einfache, edle Empfindung
-zu. Ich lasse das Weib an der Ecke des Zimmers weinen, weil
-sie ihrem Gatten keine Weihnachtsfreude machen konnte.
-Nichts sonst. &ndash; Das wirkt.«</p>
-
-<p>»Sehen Sie, da haben wir wieder den menschengläubigen
-Gesellen!« sagte der Chef munter. »So geht's mit
-unseren heutigen Burschen, schwarz-pessimistisch im Räsonieren
-und kindlich-optimistisch im innersten Empfinden.
-Nun, machen Sie's, wie Sie wollen, nur setzen Sie mir Ihren
-Namen dazu. Ihnen verzeiht man mehr als anderen.«</p>
-
-<p>»Es soll ein Feststück werden,« sagte der Doktor mit
-Lebhaftigkeit. »Vor allem ganz klar ist mir schon der Schlußsatz:
-Glücklich der Mann, der ein solches Weib sein Eigen
-nennt, und dreimal glücklich der, welcher einer solchen
-Mutter Tochter gewinnt!«</p>
-
-<p>»Will mir nicht gefallen. Gefällt mir nicht,« sagte
-der Chef, indem er sich anschickte, in seinen Biberpelz zu<span class="pagenum"><a id="Seite_273">[273]</a></span>
-kommen. »Anklang an eine Liebesgeschichte! Paßt nicht für
-ein Familien-Feuilleton, das man zum Kaffee muß vorlesen
-können.«</p>
-
-<p>»Herr Chef,« sagte der Doktor und richtete sich endlich
-einmal von seinem Stuhle auf. »Es ist toll, was wir da
-reden. Ich habe Ihnen was anderes zu sagen. Sie halten
-so große Stücke auf die Uneigennützigkeit und Menschenliebe.
-Nun soll sich's zeigen. Es soll sich zeigen, ob ein Mann der
-guten Durchschnittssorte Geld und Titel wirklich höher achtet,
-als die Neigung und Wahl seiner einzigen Tochter, als das
-redliche Herz eines armen Teufels, der's auch einmal versucht,
-sein Anrecht an diesem schönen Leben zu erobern, der sich
-ein bescheidenes Haus gründen möchte als Zuflucht vor den
-hohlen Promessen und kompakten Torheiten einer zerfahrenen
-Welt. &ndash; Hier!« Er warf die Bücher auf dem Tische
-auseinander. »Hier unter diesem vergilbten Menschenwitz,
-unter dieser staubigen Weltweisheit ist mein Schatz begraben.
-Hinweg, ihr gelehrten Lexika, hinweg ihr Humboldts und
-Darwins und auch du, alter Grimm &ndash; wisset alles und
-wisset nicht, was die Liebe ist!« Er hob eine Photographie
-empor: »Kennen Sie das?«</p>
-
-<p>»Wie kommt dies Bild auf Ihren Schreibtisch?« fragte
-der alte Herr.</p>
-
-<p>Der Doktor legte es wieder hin, stellte sich schier
-herausfordernd vor seinen Chef und sagte leise: »Sie hat
-mir's selbst gegeben. &ndash; Sie schweigen. Sie ahnen als braver
-Mann, was Sie tun sollen und suchen als schwacher Mensch
-Ausflüchte, es nicht zu tun. Ich weiß, Sie wunderten sich,
-daß Ihr sonst so frisches Töchterl seit einiger Zeit verschlossen
-und traurig ist. Weil es mutlos ist, sie kennt Ihre
-Absichten mit dem alten Hofrat. Ich bin nicht mehr mutlos,
-seit ich Ihnen offen gegenüberstehe &ndash; ein Mann dem<span class="pagenum"><a id="Seite_274">[274]</a></span>
-Manne &ndash; und mit dem Rechte des Mannes von Ihnen
-meine Braut begehre!«</p>
-
-<p>Der Chef ließ den Pelz von der Achsel wieder auf das
-Sofa gleiten, stützte sich an die Tischecke und fast stöhnend
-antwortete er: »Doktor! Wie Sie mich doch jetzt erschreckt
-haben!«</p>
-
-<p>Dieser stand da, preßte die linke Faust an die Brust,
-die rechte Hand hielt er offen hin: »Herr! Sie kennen mich
-seit fünf Jahren, Sie wissen, was ich bin und wie ich bin &ndash;
-geben Sie mir das Mädchen!«</p>
-
-<p>»Sie werden begreifen&nbsp;&ndash;« stotterte der alte Herr,
-und das ist in solchem Falle fast allemal eine schlimme Einleitung;
-doch er sagte nur: »Sie werden begreifen, daß ich
-jetzt &ndash; in diesem Augenblicke &ndash; nicht vermag, zu antworten.
-&ndash; Kommen Sie doch morgen abends zu uns. Um sechs
-Uhr zünden wir den Christbaum an!«</p>
-
-<p>Nach diesen Worten machte er sich eilends davon.</p>
-
-<p>Der Doktor brach schier zusammen an seinem Tische,
-als wäre ihm weiß was Leides widerfahren. Ein Sturm
-von Küssen ging nieder auf das kleine Bild. &ndash; Der Arme
-hatte schon lange nicht mehr geweint, nicht mehr weinen
-können; er hielt das Weinen nur für ein Vorrecht der Kinder,
-für eine Gnade der Glücklichen. Jetzt war auch er dieser
-Gnade teilhaft geworden. Was ihm das Christkind bescheren
-wird &ndash; es ist leicht zu erraten.</p>
-
-<p>Und als er ruhig geworden war, machte er sich daran
-und schrieb das Weihnachts-Feuilleton über die Menschenliebe.</p>
-
-<p>Um solchen Preis hätte ich's auch getan.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_275">[275]</a></span></p>
-
-<h2 id="Wie_ein_steirischer_Schullehrer">Wie ein steirischer Schullehrer<br />
-<span class="smaller">die Schlußvorstellung des Burgtheaters besucht hat.</span></h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Vor Jahren erhielt ich von meinem alten Freunde,
-dem Schullehrer zu Oberschachen, einen Schreibebrief,
-der sich auf ein öffentliches Ereignis in Wien bezog und
-vielleicht noch immer ein wenig innern dürfte.</p>
-
-<p>Der Brief lautet:</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="center">
-»Lieber Freund!
-</p>
-
-<p>Du wirst Dich wundern, daß ich Deiner Einladung,
-mit Dir auf mehrere Tage ins Unterland zu der Weinlese
-zu reisen, nicht nachgekommen bin. Ich hatte mich wahrlich
-schon darauf gefreut; ein alter geplagter Schulmeister hätte
-der mehrfachen Labung wohl vonnöten gehabt. Aber das
-Pülverchen, welches ich mir im langen Jahr über für die
-Schulferien zusammengetan, sollte auf ganz andere Art
-verpufft werden. Es geschieht mir eigentlich recht, und Torheit
-muß eine große Sünde sein, weil sie immer bestraft wird.</p>
-
-<p>Du weißt, daß schon seit Wochen von der bevorstehenden
-Schließung des alten Burgtheaters in Wien die Rede
-war. Frau Muse muß ja auch einen Ringstraßenpalast
-haben. Die Schließung des alten Burgtheaters hat mir
-Herzeleid bereitet. O schöne Zeit, als mich, den armen
-Studenten, das Burgtheater zum Verschwender meiner
-irdischen Güter gemacht hatte! Meine väterliche Munifizenz
-hatte mir täglich für das Nachtmahl die Mittel auf ein
-paar Würste ausgeworfen: ich ging stets hochvergnügt ohne
-sie schlafen, um von dem Ersparnis mir am Sonntag
-meinen Galeriestand im Burgtheater zu erwerben. Wenn
-ich mich um zwei Uhr nachmittags am Tor anstellte, so<span class="pagenum"><a id="Seite_276">[276]</a></span>
-hatte ich reichlich vier Stunden Zeit, um, das Buch in der
-Hand, die Schulgegenstände zu lernen oder zu wiederholen,
-was freilich mitten in dem Gedränge, das sich gegen Abend
-einstellte, einer gesteigerten Sammlung des Geistes bedurfte.
-Endlich knarrte das Tor, begann der kurze, aber rasende
-Wettlauf durch die dunklen Gänge, über die winkeligen Treppen;
-bald war ich festständig auf der vierten Galerie, und
-es begann die olympische Seligkeit. Wagner, Löwe, Beckmann,
-Anschütz, Rettich waren da, aber ich sah keinen Schauspieler,
-ich sah und hörte und fühlte nur die Gestalten der
-Dichter; für Schiller, Shakespeare, Calderon, Grillparzer
-usw. hegte ich eine geradezu religiöse Andacht. Diese Burgtheaterbesuche
-haben mich dazumal emporgehoben über meine
-Bettelstudenten-Existenz, ja mich sozusagen in die Region
-der größten Geister eingeführt. In der Welt habe ich's
-nicht so weit gebracht, als ich es zu bringen damals den
-Anschwung nahm, aber bei den Unsterblichen bin ich heute,
-nach mehr als vierzig Jahren, noch ein wenig heimisch.</p>
-
-<p>Als nun der Tag der Burgtheaterschließung näher
-und näher rückt, werde ich unruhig, und plötzlich ist der
-Entschluß da: Opferst dein für die Ferien bestimmtes Scherflein,
-reisest nach Wien zur letzten Vorstellung, damit du das
-alte Theater noch einmal siehst, welches das Glück und die
-Liebe deiner Jugend war. So bin ich am Donnerstag
-abends richtig in Wien. Mein erster Gang ist in die Vorstadt
-Landstraße; obzwar die alte Frau nicht mehr lebt, bei der
-ich einst meine Kammer gehabt, so wußte ich doch, daß
-Verwandte von ihr da seien, bei denen ich vielleicht ein
-billiges Nachtquartier erlangen konnte. Aber ich finde keine
-Verwandten, ich finde auch das Haus nicht, ich finde die
-Gasse nicht, und da sehe ich, daß der ganze alte Stadtteil
-dahin ist, und daß auf dem Platz lauter Paläste stehen.<span class="pagenum"><a id="Seite_277">[277]</a></span>
-Anfangs erschrak ich, dann mußte ich lachen über mich
-selbst, der doch so oft von den Veränderungen gelesen und
-gehört, die in Wien vorgehen; weshalb hätte gerade das
-alte Haus in der Marxergasse auf mich warten sollen!
-Ich bin hierauf lange in der Stadt umhergestrichen und
-habe bei mir überlegt, ob ich es mit einem Hotel wagen
-dürfe oder nicht. Man hört halt immer von großer
-Teuerung, und ich weiß noch nicht, wie viel der morgige
-Tag kosten wird. Auch eine mögliche Erhöhung des
-Theaterkartenpreises dürfte mich nicht unvorbereitet finden.
-Endlich dachte ich, sicher wäre sicher und ging in ein
-Kaffeehaus, da hatte ich Jause, Nachtmahl und vielleicht
-auch Nachtquartier auf einmal. Man liest ja doch, daß in
-Wien Kaffeehäuser die ganze Nacht offen bleiben, also nimmt
-man eine Schale Mokka &ndash; denke ich &ndash; raucht seine Pfeife,
-liest Zeitungen, und so vergeht die Zeit. Vielleicht, daß
-man sich gegen Morgen ein wenig auf die Bank legt, um
-für den nächsten wichtigen Abend frisch und munter zu sein.</p>
-
-<p>Im Kaffeehause an einem Nebentisch höre ich einige
-Herren über die morgige Schlußvorstellung im Burgtheater
-sprechen. Da meint der eine, das Galeriepublikum dürfte
-sich morgen wohl schon zu Mittag anstellen müssen, um
-hinein zu kommen. Darauf sagte ein junger Mann, er habe
-gehört, daß sich schon im Laufe des Vormittags Leute anstellen
-würden, er selbst habe die Absicht, schon um acht Uhr
-beim Tore zu sein. Einen Tag könne man doch wohl opfern
-für diesen Abend, der nicht mehr wiederkehren wird. &ndash;
-Sehr wahr! nickte mein Kopf, und ich komme dir doch zuvor.
-&ndash; Mehrmals hatte ich schon auf eine der mit rotem
-Sammt überzogenen Bänke hingeschielt, wo ich mich später
-niederzulassen gedachte.</p>
-
-<p>Ungefähr bis ein Uhr mochte ich mich mühsam durchgeraucht,<span class="pagenum"><a id="Seite_278">[278]</a></span>
-durchgelesen und durchgegähnt haben, da kommt der
-Kellner, oder wie sie ihn im Kaffeehause heißen, und bedeutet
-mir, daß das Haus gesperrt würde. »Ich weiß es,«
-sage ich, »darum bin ich eben da und will bei der letzten
-Vorstellung sein.« Das Kaffeehaus würde gesperrt, belehrte
-der Kellner, es sei die Polizeistunde. Mein Ansuchen, ob ich
-mich &ndash; mit ausgezogenen Stiefeln natürlich &ndash; wohl auf
-eine der Bänke hinlegen dürfte, wurde abschlägig beschieden.
-So zahlte ich meine kleine Sach' und ging. Ist ja auch
-kein Unglück; man nutzt Zeit und Weil, geht spazieren,
-beleuchtet ist's, man sieht immerhin etwas, und so wird die
-Nacht recht gut vergehen.</p>
-
-<p>O Herr und Freund! Die Nacht verging, aber wann!
-Man weiß es erst, wie lange der Mensch schläft, wenn man
-warten muß, bis er wach wird. Um vier Uhr beginnt freilich
-schon das Knarren der Wägen, aber man sieht auch, daß
-um diese Stunde noch immer Leute nach Hause gehen, bei
-denen die Nacht erst anhebt. In der Stadt kehrt man die
-Kappe nämlich um: für den Tag hat man schwere Fenstervorhänge,
-damit die Sonne nicht herein kann, um den Schlaf
-zu stören; für die Nacht erfindet man das elektrische Licht.</p>
-
-<p>Endlich und endlich wird es über den Hausdächern grau.
-Ich kaufe mir in einem Greißlerladen ein paar Knackwürste
-und ein Brotlaibchen und gehe nun damit langsam dem
-Burgtheater zu. Dort herum ist es noch fast ganz so wie
-einstmals; klein und unscheinbar steht es da und duckt sich
-unter das schützende Dach des Kaiserhauses. Ich finde mein
-Tor und stelle mich an. Es schlägt halb sieben. Jetzt wird's
-licht. Bis es wieder finster wird, ist der Einlaß. Ich bin
-sehr glücklich, nur kam mir, als ich so dastand, das Bedauern,
-daß ich den schwarzen Stadtrock angezogen hatte und nicht
-den Lodenmantel; das gab sich aber bald, um acht Uhr<span class="pagenum"><a id="Seite_279">[279]</a></span>
-waren unser schon so viele, daß wir einander anwärmten,
-denn wir hatten einen geschlossenen Körper zu bilden, welchen
-neu Dazukommende nicht zu sprengen vermochten. Anfangs
-regte sich gegen jeden neu Anstehenden eine Art von feindlicher
-Gesinnung, denn er ist ein Konkurrent und wird den
-Kampf erschweren; allmählich macht man untereinander Bekanntschaft
-und plaudert über mancherlei. Die verschiedenen
-Passanten, die Burgwache, vorüberrollende Hofwägen geben
-Anlaß zu allerlei Unterhaltung. Das Hauptgespräch bildete
-an diesem Tage das Burgtheater. Alte Erinnerungen an
-seinen großen Gründer, den Kaiser Josef, an die Dichter,
-die in diesem Hause vorgeführt wurden, an die genialen
-Künstler, die da wirkten.</p>
-
-<p>Eine ganze Kulturgeschichte zog vorüber an dem geistigen
-Auge derer, die bei diesem unscheinbaren Tore standen.
-Und einer tat die Bemerkung, es gäbe in der großen
-Wienerstadt kein Haus, von dem so viel und so edler
-Idealismus ausgegangen sei für Stadt und Reich, als von
-diesen schlichten Mauern. Die Welt habe ihr Auge und ihr
-Herz hierher gewendet, und der Genius der Menschheit habe
-seinen Jüngern hier über ein Jahrhundert lang Stelldichein
-gegeben. &ndash; Ein graubärtiger Alter wies auf den Glücksstern,
-der über dem Hause stets geleuchtet habe. Während
-andere Schauspielhäuser mit prunkendem Hochmut aufgerichtet
-wurden, die Kunst für den Tagesgeschmack herrichteten,
-um damit Geldgeschäfte zu treiben, und so geräuschvoll, wie
-sie entstanden, niedergebrochen waren, bewahrte dieses Haus
-in stiller Weihe seine ewigen Güter, und kein Unheil fand
-den Mut, an seine Pforten zu pochen. Selten endet ein
-Schauspielhaus eines natürlichen Todes; viele dieser Gebäude
-geben sich so leidenschaftlich mit Glanz, Glitzer, Blendwerk
-und buntem Schimmer ab, bis sie selbst endlich aufgehen in<span class="pagenum"><a id="Seite_280">[280]</a></span>
-einem furchtbar herrlichen Feuerwerke. Das Burgtheater
-hütete seine Ampel treu, bis der neue Altar fertig war, auf
-den es sie hinstellen konnte, um dann selbst mit würdevoller
-Sicherheit eines edlen Greises zur Ruhe zu gehen. &ndash; Ein
-Mensch, welcher nur der Hetze wegen dazustehen schien, weil
-er mit allem, was ringsum vorging, seine flachen Späße
-trieb, erklärte solche Bemerkungen für »Burgtheater-Phrasen«,
-während ich den Männern, die so gesprochen, hätte
-die Hand drücken mögen.</p>
-
-<p>Nachdem zu Mittag die Burgmusik uns die Zeit verkürzt
-hatte und abgezogen war, aß ich mein Mittagsbrot.
-Gegen Abend wurde mir von Stunde zu Stunde wärmer,
-und ich legte meine Hand an die Türschnalle, wendete kein
-Auge mehr von der Pforte, als müsse sie sich jeden Augenblick
-auftun.</p>
-
-<p>Mittlerweile war die Menge und das Gedränge der
-Wartenden gewaltig geworden, auch Frauen und Kinder
-darunter, die mit lauter Stimme manchmal alle Heiligen
-anriefen vor Angst, erdrückt zu werden. Ich wurde steinfest
-an das Tor gedrängt. Fünf Uhr war schon lange vorbei. &ndash;
-Diese Stunde war die längste; wir nahten der sechsten, da
-knarrte das Tor und ging auf. Ich wurde nachgerade
-hineingestoßen. Und an der Kasse, da habe ich meine Geldbörse
-nicht! Ich suche im Rocksacke, im auswendigen, im
-inwendigen, im Beinkleid &ndash; ich finde sie nicht! Und während
-ich noch suche und suche, werde ich zur Seite gedrängt, und
-alles, was hinter mir gewesen, rast an mir vorüber. Mir
-war schlecht bis zum Sterben. Nach der Polizei wollte ich
-rufen, aber ich brachte vor Entsetzen kein lautes Wort heraus.
-Nach einer Weile, als ich, den kalten Schweiß auf der Stirn,
-an der Wand lehnte, kam ich endlich so weit zu mir selbst,
-daß ich mit einiger Fassung meine Taschen neuerdings<span class="pagenum"><a id="Seite_281">[281]</a></span>
-durchsuchen konnte, und da steckt die vermaledeite Geldtasche
-wohlverwahrt im Westensack, wo ich aus Besorgnis vor
-Verlust sie freilich selbst hingesteckt hatte. Aber was nutzt's, an
-der Kasse ist keine Karte mehr zu haben. Ich stehe mit gerungenen
-Händen: »Ein Platzel wird doch noch sein im
-ganzen Haus! Ich zahle dafür, was ich habe!« Dieses
-höllische Achselzucken von dem Manne! Ich vergesse es nimmer.
-Und ein Gefühl war in mir, als sei von diesem Augenblicke
-an mein Leben zwecklos. Wenn mir die Geldtasche wenigstens
-gestohlen worden wäre! Aber zum Unglücke auch noch
-das Bewußtsein der eigenen Dummheit, das war das allerschrecklichste.</p>
-
-<p>So stand ich jetzt in der dämmerigen Vorhalle, und
-drinnen spielten sie Goethes »Iphigenie«. Ich legte das Ohr
-an die Wand, ob denn nicht ein einziger Laut zu erhaschen
-wäre. Ach, die Glücklichen, die drinnen sind! Und die reichen
-Leute, wie gut haben sie es! Da fahren sie im letzten Augenblick
-an, setzen sich auf ihre bequemen Sessel, wo man alles
-aufs beste sieht und hört, und keiner denkt an den armen
-Schulmeister, der aus den fernen Bergen hergekommen, um
-unter Darben und Kümmern auch nur das bescheidenste Plätzchen
-zu erringen, und dem es trotzdem mißlungen war. &ndash;
-Ich muß es wohl sagen, die hellen Tränen sind mir übers
-Gesicht geronnen.</p>
-
-<p>Ich bin aber nicht hinaus, sondern habe gewartet, daß
-vielleicht doch ein Wunder vom Himmel falle und mich
-hineinführe. Aber es fiel keines vom Himmel. Lange betrachtete
-ich die Stücke einer Holzbrüstung, welche die Hineinstürmenden
-zertrümmert hatten. Jetzt kann hier ja alles
-zertrümmert werden, sie brauchen nichts mehr. Diese Trümmer
-brauchen sie auch nicht. Es kam mir der Gedanke, ein
-Holzstück mitzunehmen, als Andenken an das alte Burgtheater.<span class="pagenum"><a id="Seite_282">[282]</a></span>
-Ich könnte mir daraus ja Bilderrahmen oder dergleichen
-schnitzen. Gedacht, getan; als ich jedoch das Holz in der inneren
-Rocktasche bergen will, stehen zwei Wachleute da, um
-mich festzunehmen. Im ersten Augenblicke war ich fast gewillt,
-die Nacht über unter behördlichem Schutze zu bleiben, allein
-eine Stimme in mir sagte: »Nein, Franz, dich einsperren
-lassen! So darf das alte Burgtheater für dich nicht enden.«
-&ndash; Ich gab daher der Wahrheit gemäß an, wer ich bin, weshalb
-ich hergekommen war und warum ich das Stück Holz mit
-mir nehmen wollte. Hierauf besprachen sie sich eine Weile,
-und ich begann schon zu hoffen, die Sache könne eine günstige
-Wendung nehmen. Aber es kam nichts weiter heraus, als
-daß ich fortgewiesen wurde und das Holztrumm mitnehmen
-durfte.</p>
-
-<p>Also nahm ich Abschied von dem Hause, zu welchem ich
-auf weitem Wege wie auf einer Wallfahrt hergekommen war.
-Habe Dank, du geliebtes Haus! Habe Dank, du geliebtes
-Haus! Anderes konnte ich nicht mehr denken. So taumelte
-ich auf die Gasse.</p>
-
-<p>Auf dem Kohlmarkt war noch ein Bildergeschäft offen.
-Um das Geld, welches für den Eintritt bestimmt gewesen,
-kaufte ich mir die Porträte von Shakespeare, Schiller und
-Lessing. Hierauf machte ich einen Spaziergang über den hell
-erleuchteten Ring. Als ich an das Gebäude kam, das sie von
-jetzt an das Burgtheater heißen werden, stand ich ein wenig
-still. Da ragte es vor mir, weiß und kalt. Was wird es
-nützen, wenn auch die großen Schauspieler mit den Klassikern
-hier einziehen, wenn die Zuschauer nicht mehr so
-gläubig sind als einst! Es soll herrlich sein in dem neuen
-Hause. Ich werde diese Pracht wohl niemalen sehen; ich bewahre
-mir nur die Erinnerung an das alte Burgtheater, wo
-die Begeisterung meiner Jugend gewesen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_283">[283]</a></span></p>
-
-<p>Auf der Wieden kehrte ich in einem Gasthofe ein; jetzt
-war gar keine Ursache mehr, so ängstlich zu sparen, morgen
-früh geht's heimwärts. Aber als morgen früh kam, war ich
-ein armer Mann geworden. Das Zimmer, dessen Preis im
-Vorhinein vereinbart worden, hätte mich noch nicht ruiniert,
-allein das Service, die Bougie und wie all diese schönen
-Dinge heißen, deren Sonderberechnung man sich in der
-ehrlichen deutschen Sprache nicht zu nennen getraut, haben
-mich wirtschaftlich herabgebracht; endlich das Stubenmädchen,
-das bei meinem Scheiden die hohle Hand herhielt, der
-Kellner, der die Hand herhielt, der Hausknecht, der die
-Hand herhielt und der Portier, der auch die Hand herhielt,
-haben mich selbst zum Bettler gemacht. Kaum konnte ich
-noch eine Eisenbahnkarte bis Mürzzuschlag erschwingen;
-in Neustadt als Frühstück und Mittagsmahl ein Paar
-Frankfurter gehörten so gut wie das Burgtheater bereits
-der idealen, mir unerreichbaren Welt an.</p>
-
-<p>Mich verdroß es nicht, 's ist einmal so der Welt Lauf.
-Nur gesund nach Hause kommen! Dann lese ich meine
-Dichter, und alles ist gut. Im Mürztale wußte ich einen
-befreundeten Amtsbruder, bei dem ich vorsprechen wollte und
-der mir schon aus der Not helfen würde mit einem Zehrpfennig
-für den Rest meiner Heimreise <em class="antiqua">per pedes</em>. Damit
-mir aber mein Unstern bis zu Ende treu bleibe, mußte
-der Amtsbruder auf Ferien verreist sein. Jetzt war ich glücklich
-daran, daß ich in einem Bauernhause um einen warmen
-Löffel Suppe bat, der mir auch ohne weiteres geschenkt
-worden ist.</p>
-
-<p>Am vierten Tage meiner Reise, die weniger reich
-an Vergnügen, denn an Erfahrung war, bin ich nach
-Hause gekommen, um nun den übrigen Rest der Ferien in
-stiller Beschaulichkeit zuzubringen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_284">[284]</a></span></p>
-
-<p>So weißt du es, lieber Freund, wie es kam, daß ich
-mit dir nicht ins Weinland fuhr. Mein Mißgeschick habe
-ich verwunden und gestatte dir, daß du mich recht auslachen
-darfst. Wenn du einmal zu mir kommst, will ich dir die
-schönen Bilder von Shakespeare, Schiller und Lessing zeigen,
-zu denen ich aus dem Holze der Brüstung Rahmen geschnitzt
-habe, damit ich auch fürder mich freuen und erbauen kann
-an unseren Klassikern im Rahmen des Burgtheaters.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_285">[285]</a></span></p></div>
-
-<h2 id="Das_Bekenntnis_eines_Verurteilten">Das Bekenntnis eines Verurteilten.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Im Staatsgefängnisse zu Sydney saß ein merkwürdiger
-Mann. Seine knochigen, sonnengebräunten Glieder
-waren nur zum geringsten Teile mit Lappen bedeckt. Sein
-Haupt war wirr umwuchert von Haar und Bart, zwischen
-welchen ein paar scharfe Augen glühten, wie die Lagerfeuer
-von Wilden im Busch. Der Mann war am Murrayflusse
-mit einer Meute von Wilden gefangen worden. Er schien
-ihr Häuptling gewesen zu sein, so wie er an Gestalt und
-Kraft seine Genossen überragte, einen längeren Wurfspieß
-und ein sorgfältiger geschmücktes Känguruhfell trug, als die
-übrigen. Er war auch der mutigste gewesen; alle anderen
-stoben vor dem ersten Schusse der Engländer auseinander,
-er trotzte und trachtete die Rotte zum Angriff zu führen.
-Aber diese suchte zu fliehen, was ihr mißlang. Der Häuptling
-wurde niedergeschlagen und gefangen. Er stieß brüllende
-Töne aus und biß wütend mit den Zähnen um sich;
-später jedoch, als er im festen Gewahrsam saß, stellte es sich
-heraus, daß er mit großer Geläufigkeit englisch, deutsch und
-französisch spreche.</p>
-
-<p>Man vermutete, daß er sich niemals zu Trotze gestellt
-hätte, sondern mit seinen Gefährten geflohen wäre, wenn er
-nicht gemeint haben würde, die Engländer führten mehr
-Gold als Pulver mit sich. Dann begann er zu rasen, sich
-und das Gold zu verfluchen, und als man d'ran ging, ihm
-den Prozeß zu machen &ndash; denn es hatten sich seltsame Sachen
-herausgestellt &ndash; wurde er gefaßter und verlangte einen
-Priester. Man sandte ihm einen Pastor, den schickte er wieder
-zurück &ndash; er sei ein geborener Irländer, also Katholik.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_286">[286]</a></span></p>
-
-<p>Als der katholische Priester zu ihm in das Gefängnis
-trat, lag er ausgestreckt auf der Erde, verbarg sein Gesicht
-in das Ziegelpflaster und rief: »Kannst du es glauben, du
-einer von denen, die mich getauft haben: ein wildes Tier
-bin ich geworden!«</p>
-
-<p>Der Priester suchte ihn zu beruhigen, aufzurichten.
-Der Wilde grinste ihm in das Gesicht und schrie: »Stehe
-mir nicht so würdevoll da. Was, wenn <em class="gesperrt">ich</em> jetzt du wäre und
-<em class="gesperrt">du</em> das verdammte Menschentier, das ich bin?«</p>
-
-<p>»Komme zu Frieden,« sagte der Priester, »ich will die
-Würde des Dieners Gottes gerne ablegen, wenn sie dich blendet,
-ich will mit dir sein, wie ein Mensch mit Menschen.
-Du bist unglücklich, aber du gehörst zu uns. Bist du strafbar,
-so straft dich das Gesetz, nicht der Mensch, der bleibt bei
-dir und verläßt dich nicht in deiner größten Not und nicht
-in deiner letzten Stunde. Er bittet dich nur eins: Sei auch
-du menschlich und mache dein Herz auf, damit dein Bruder
-Frieden hineinlegen kann.«</p>
-
-<p>»Ich bin braun, nicht wahr?« fragte der Gefangene und
-wies auf seinen halbnackten Körper, »das hat die Sonne getan
-und der heiße Wind im Scrub. Und mein Herz, das du
-haben willst, ist nicht braun, das ist schwarz wie die schwimmende
-Hölle, die mich hergebracht hat; wer es schwarz gemacht,
-das sollst du hören. &ndash; Ha ha«, lachte er grell. »Es
-soll aber noch einmal rot werden, bevor ich tot bin.«</p>
-
-<p>Der Priester setzte sich auf die steinerne Bank und
-sagte: »Damit du siehst, daß ich dir gut bin und vertraue,
-so schicke ich den Soldaten davon, der zu meinem Schutze dort
-an der Pforte steht.«</p>
-
-<p>»Das ist mutig, Sir,« versetzte der Gefangene.
-»Ich habe an den Händen keine Ketten und könnte dich erwürgen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_287">[287]</a></span></p>
-
-<p>»Was würde dir das nützen?«</p>
-
-<p>»Was würde es mir schaden?« lachte der Wilde, »um
-einen mehr, das wiegt nicht viel, und es könnte sein, es
-ginge mir gerade noch nach einem katholischen Priester.
-Doch nein, lass' den Soldaten gehen oder stehen, ich pflege
-nur um Gold zu morden, aus Rache nie.«</p>
-
-<p>»Wie sollte ich, der ich dich heute das erstemal im
-Leben sehe, ein Gegenstand deiner Rache sein können?« fragte
-der Priester.</p>
-
-<p>»Du hast recht. Du bist als Mensch gekommen und
-nicht als Geistlicher. So kann ich dir nur sagen, daß ein
-Geistlicher die Kugel geschoben hat, die jetzt so grob geschlagen,
-so grob, daß ich aus Verzweiflung einen Schrei tun möchte,
-der die Welt könnt' erzittern machen. &ndash; Nun, du sollst es
-hören.«</p>
-
-<p>Er erhob sich nicht vom Pflaster, die schweren Verletzungen
-bei seiner Gefangennahme hatten ihn körperlich
-entkräftet. Er kauerte da und redete.</p>
-
-<p>»Ich bin der Sohn eines Schäfers in Irland,« begann
-er, »meine Eltern waren fromme und sogar ehrliche Leute.
-Auch ich war beides und ich hatte einen phantasierenden
-Sinn, wie ihn die Hirten haben auf ihren stillen Weiden;
-dann war ich ehrgeizig und strebte dem Höchsten zu, was
-ein Hirtenjunge kennt, ich wollte Bischof werden. Von Gold
-und Edelgestein habe ich damals noch nicht viel gewußt, ich
-wollte nur Bischof werden. Der Pfarrer von unserer Gemeinde
-&ndash; der gute alte Mann! &ndash; der riet mir nicht dazu,
-er meinte, man könne als armer Hirte ebensogut selig
-werden, denn als Erzbischof. Aber mir wäre es doch als Erzbischof
-lieber gewesen. Der Pfarrer nimmt sich meiner an,
-und sein gutes Herz ist mein Unglück geworden. Er fängt
-an, mich zu unterrichten und schickt mich nach Dublin in eine<span class="pagenum"><a id="Seite_288">[288]</a></span>
-geistliche Anstalt, wo ich kostenfrei aufgenommen werde.
-Ich studiere dort etliche Jahre, steige rasch aufwärts, und
-wenn es in solcher Art fortgegangen wäre, so könnte ich
-heute zum mindesten Erzpropst zu Cork oder Waterford
-sein. Da bringt mir eines Tages einer meiner Studiengenossen
-ein Werk von dem gottlosen Franzosendichter Voltaire.
-Kennst du den? Ich auch nicht, weiß nur, daß er gottlos
-war. Mein Kollege ermuntert mich, ich solle das Buch
-lesen, aber heimlich, denn es wäre verboten. Verboten?
-Das ist eine Empfehlung. Ich nehme das Buch mit zu Bette,
-bin aber schon bei der zweiten oder dritten Seite eingeschlafen.
-Am Morgen, als der Präfekt kommt, um zu wecken, findet
-er auf meiner Bettdecke den Voltaire. Er konfisziert ihn
-und konfisziert auch mich &ndash; steckt mich auf vierundzwanzig
-Stunden in das Karzer. Im Karzer habe ich genügende Zeit
-nachzudenken, was denn in jenem Buche enthalten sein
-mochte, daß das Lesen desselben solche Strafen nach sich zieht.
-Meine Neugierde steigt von Stunde zu Stunde, und als ich
-wieder frei bin, ist mein Trachten, mich unbemerkt in die
-Präfektur zu schleichen und das konfiszierte Buch wieder zu
-erhaschen. Das gelingt mir. Ich verstecke mich an einen
-sicheren Ort, um ungestört der Lektüre nachhängen zu können;
-aber der Teufel hol' mich noch vor dem Denken, wenn ich
-daraus klug geworden bin! Nicht einmal den Titel dieses
-Buches habe ich mir behalten. Was ist das Ende? Ich werde
-auf meiner Heimlichkeit entdeckt und auf der Stelle relegiert.
-&ndash; So, das war das erste Kapitel.«</p>
-
-<p>Wunderlich war's, wie das der Mensch halb in Grimm
-und halb in Selbstironie erzählte.</p>
-
-<p>»Mein Lebenslauf« so fuhr er dann fort, »ja, das
-wäre was für einen Voltaire oder einen andern Gottlosen &ndash;
-wie sie sagen, gibt es heute deren genug &ndash; zum Erzählen.<span class="pagenum"><a id="Seite_289">[289]</a></span>
-Hundert Bände, wenn er wollt' &ndash; mein Lebenslauf ist ja
-geschaffen, in Bänden zu sein. Du verstehst mich. &ndash; Ich
-habe mich wohl noch einmal an die Direktion des geistlichen
-Institutes gewandt, in Demut bittend um Wiederaufnahme.
-Vergebens, sie wurde mir versagt. Ausgeschlossen und verjagt.
-&ndash; Nun, jetzt bin ich ein freier Mann in der großen
-Stadt Dublin. Ins Gebirge zurückkehren und meinen boshaften
-Landsleuten sagen: Ich habe wollen ein hochwürdiger
-Herr werden, aber sie haben mich verjagt und jetzt bin ich
-wieder da. &ndash; Nicht um Altengland! So habe ich mich herumgetrieben,
-solange es ging, habe mich als Führer und
-Lastträger nützlich machen wollen, aber es war kein Erwerb.
-Ich war ein Gassenjunge mit zwanzig Jahren, aber viel
-unbeholfener und blöder als andere meinesgleichen. Ich
-habe den Gedanken gefaßt, in einer andern Stadt Aufnahme
-zu suchen, um meine Studien zu beenden, aber ich stand
-bereits zu tief, hatte nicht mehr den Mut. Ein Kleidungsstück
-ums andere habe ich verkauft, in Branntweinhöhlen
-habe ich gekartelt, und in einer Nacht hat mich die Polizei
-von der Gasse aufgehoben und in Gewahrsam gebracht.
-Im Arrest macht man interessante Bekanntschaften, nicht
-wahr? Nun, ich habe von ihnen profitiert; ich habe erfahren,
-wie sich der Taugenichts Geld erwirbt und wo die
-sichersten Spelunken sind. Als sie mich auf meine Beteuerung,
-ein arbeitsames Leben beginnen zu wollen, frei
-lassen, verlege ich mich sofort auf die Bauernfängerei. Dieses
-Geschäft gelingt mir besser als den anderen, denn ich kenne
-die Bauern. Anfangs treibe ich es zahm und begnüge mich
-mit einem Imbiß, führe sie in der Stadt eine Stunde
-herum an ein kaum fünf Minuten entferntes Ziel, um
-ein größeres Stück Geld verlangen zu können. Endlich
-gehe ich weiter und führe sie in die Spielhöhlen. Ich bin<span class="pagenum"><a id="Seite_290">[290]</a></span>
-respektabler Falschspieler, finde aber meinen Meister und in
-einer Nacht verspiele ich Leib und Leben. Leib und Leben!
-Wir spielten darum. Ich hatte keinen Heller mehr in der
-Tasche, keinen Knopf mehr am Leib, der mir gehört hätte. »So
-gilt's um deine Haut und was dazu gehört!« sagte mein Gegenspieler.
-»Es gilt,« sagte ich. In einer Minute darauf gehöre ich
-ihm. »Jetzt habe ich das Recht, dich zu erdrosseln,« sagte
-mein Herr. »Das hast du,« antwortete ich. »Das wäre
-doch ein schlechtes Geschäft,« lachte er, »du bist ein schöner,
-junger Mann und hast ein Gesicht wie ein junger Heiliger
-&ndash; dich verwerte ich besser. Wir reisen nach London, dort
-blüht unser Weizen und sollst nicht allein das Stroh davon
-haben. Zeigst du dich verwendbar, so wird es dein Schade
-nicht sein.« &ndash; Es ist gut, denke ich, in London kann ich
-vielleicht meine theologischen Studien fortsetzen &ndash; daraus
-siehst du, was ich für ein einfältiger Junge bin. Einfältig
-und verschmitzt! Wir fuhren dann über die See und von
-Liverpool nach London. Dort begann mein Ruhm. Vom
-Hehlerjungen zum Taschendieb, zum Einschleicher und Einbrecher
-ist für ein Talent kein langer Weg, ich übergehe die
-Heldentaten, sie sind dir und mir langweilig, sie sind tausendmal
-dieselben. Ich stieg auf meiner Stufenleiter so
-hoch, bis ich eines Tages Polizeibeamter der City war.
-In der Tat, ja! Es sind mir &ndash; ich war stets der treue
-Diener meines mächtigen Herrn &ndash; Papiere verschafft worden,
-mittelst welcher ich Priester der heiligen Themis wurde.
-Gewesene Wilderer sind ja die besten Jäger. Du kannst
-dir denken, welche Vorteile daraus unserer Sache erwuchsen.
-Es waren unser eine wohlorganisierte Bande von viertausend
-Köpfen, die meisten derselben trugen Seidenhüte,
-viele davon wurden von manchem ehrsamen Bürger
-Londons untertänig gegrüßt. Unsere Hauptverbündete war<span class="pagenum"><a id="Seite_291">[291]</a></span>
-die Themse, sie verbarg unsere Toten. In den ersten
-Jahren, selbstverständlich vor meiner Polizeiperiode, saß
-ich ein paarmal kurze Zeit, später wohnte ich nur mehr
-als Gentleman, bezog ein anständiges Gehalt vom Staate,
-aber ein dreifach größeres von unserer Verbindung.
-Da kam ein Tag, und es war plötzlich aus. Ein Einbruch in
-den Tower, um eines unserer Häupter aus dem Gefängnis
-zu befreien, mißlang. Nun war es mein Amt, dasselbe auf
-diplomatischem Wege zu befreien; da durchbrach ein vermaledeiter
-Profoß das Gewebe, womit wir die Londoner
-Polizei so sinnig umsponnen hatten, ich war entlarvt und
-leider auch gleichzeitig gefangen. Ich war gefaßt auf
-zwanzig Jahre Kerker, aber England dachte seinem emeritierten
-Polizeibeamten eine Vergnügungsreise zu. England
-besitzt in Australien eine Sträflingskolonie &ndash; also
-nach Australien.« &ndash; Nach einer Weile, während sich der
-Erzähler zu sammeln schien und auf ein Kruzifix blickte,
-das an der Mauer hing, sagte er:</p>
-
-<p>»Morgen will Neu-Süd-Wales eine schöne Ausnahme
-vom britischen Gesetz machen und einen henken, weil seine
-Bande den Reisenden Ludwig Leichhardt umgebracht haben
-soll. Ich sage dir, Priester, ich habe dich nicht rufen lassen,
-daß ich mich vor dir verteidige, aber das wiederhole ich
-dir, wie ich es dem Gerichtshofe wiederholt habe, an dem
-Morde Leichhardt's bin ich so unschuldig, wie der Schächer
-am Kreuz an Christi Tod. Ich will nicht gehenkt sein,
-das ist etwas für gemeine Gäuche. Ich will, daß sie mir
-den Kopf abschlagen.«</p>
-
-<p>Er schwieg hierauf lange. Der Priester erlaubte ihm,
-fortzufahren.</p>
-
-<p>»Sehr gern,« versetzte der Gefangene, »wenn ich nur
-zerknirscht sein könnte! Ich fühle in mir nicht genug Reue,<span class="pagenum"><a id="Seite_292">[292]</a></span>
-mir ist, als hätte es so sein müssen und lebe ich wieder,
-so handle ich vielleicht wieder so. Darum muß ich aus der Welt
-gebracht werden, ich selbst beantrage es. &ndash; Der Dampfer,
-auf welchen wir eingeschifft wurden, hieß »Irland«. Mir
-zum Hohne der Name meines Vaterlandes. Wir nannten
-ihn aber die schwimmende Hölle. In Wahrheit, das war
-er. Unser sind an dreihundert gewesen, lauter Verbrecher
-aus England. Die Aufseher haben uns, um sich auf dem
-Schiffe der Sorglosigkeit hingeben zu können, in den tiefsten
-Unterräumen mit Ketten zusammengeschmiedet. Wir
-sahen viele Wochen kaum einen Sonnenstrahl, unsere halbblinden
-Rundfenster waren meist unter Wasser. Keine Luft
-und Nahrung. Leider noch zu viel zum Verhungern. O
-Voltaire! Hätte dich im Mutterleib der Blitz erschlagen,
-ich stünde im Dom und trüge prachtvollen Ornat, anstatt
-in dieser Pestgrube auf dem Weltmeere zu verderben. Mir
-zur Linken der Nachbar wurde typhuskrank und starb.
-Wir verheimlichten den Aufsehern seinen Tod, um seiner
-Portion Nahrung nicht verlustig zu werden, die wir Nächststehenden
-uns als Erbschaft teilten. Aber der Tote, der
-nicht zu ihren Ohren kam, kam zu ihrer Nase und wir wurden
-auf einige Tage gelüftet. Im Indischen Meere ging es ein
-wenig unstät her und wir wurden durch Stürme südlich, ich
-glaubte gegen die Kerguelen, verschlagen. Das Schiff mußte
-an einer Insel landen, um Wasser zu schöpfen. Hier gelang
-es dreien von uns zu entkommen. Ich war mit ihnen.
-Es war aber ein böser Gewinn. Wir durchirrten die unfruchtbare
-Steinwüste. Einer von uns, der nach der finsteren
-Hölle das grelle Licht und das heiße Sandwehen nicht ertragen
-konnte, erblindete. Wir hatten Keulen bei uns, um
-Tiere zu erschlagen und von ihrem Fleische zu leben. Aber
-die Gegend war tot und starr, soweit das Auge spähte,<span class="pagenum"><a id="Seite_293">[293]</a></span>
-der Hunger drohte uns wahnsinnig zu machen, da erschlugen
-wir unsern Blinden … Nach einigen Tagen, als der
-Vorrat bereits alle oder verdorben war, sann ich nach einer
-Gelegenheit, auch meinen andern Genossen umzubringen
-und der hat später kein Hehl daraus gemacht, daß er einen
-gleichen Anschlag gegen mich im Schilde geführt. Wir trauten
-einer dem andern nicht; wir hatten in der fürchterlichen
-Wüste niemand, als uns allein, und wir waren unsere
-gefährlichsten Feinde. Endlich wurden wir von unseren Soldaten
-wieder glücklich eingefangen und, beim heiligen Gott,
-wir setzten uns nicht zur Wehr. Wir kamen endlich nach Australien
-und landeten in Van Diemens-Land &ndash; wir nannten
-es das Teufelsland, aber im lustigen Sinne, denn in ihm
-regierte Vater Howe.«</p>
-
-<p>»Howe,« unterbrach ihn der Priester, »so hieß ja der
-berüchtigte Räuberhäuptling in Tasmania.«</p>
-
-<p>»Ganz richtig, Sir, eben derselbe. Ein Landsmann
-von mir &ndash; hatte ähnliche Schicksale und ich war entschlossen,
-um jeden Preis unter seine Fahne zu kommen und,
-wie er, ein gefürchteter Bandenführer zu werden. Aber
-man war schlau und ahnte, daß Howes Schar auf uns
-neue Einwanderer eine große Anziehungskraft haben dürfte,
-wir wurden nach Neu-Süd-Wales eingeschifft. Und in diesem
-Lande erging es mir so wunderlich, wie sonst nirgends. Wir
-Sträflinge wurden freigelassen und arbeiteten teils an Häfen,
-Kanälen, Straßen und Eisenbahnbauten und am Aufbaue
-der Stadt Sydney. Ich sah bald ein, hier war die Stufenleiter
-wieder eine andere und ich richtete mich danach. Ich
-arbeitete und heuchelte und war auch fleißig in der Tat
-und war verwendbar und machte mich verläßlich. Nach einem
-Jahre war ich Arbeitsaufseher, nach drei Jahren gaben
-sie mich und einige andere, die sich brav gehalten, frei.<span class="pagenum"><a id="Seite_294">[294]</a></span>
-Jeder von uns erhielt ein Stück Land mit Schafen und
-Pferden. Ich verstand was davon und der Hirte
-aus Irland wurde ein Squatter am Darlingflusse. Ich
-baute mir ein Haus auf der Station und baute mir ein Haus
-in der Hauptstadt. Ich war ein reicher und somit ein ehrenwerter
-Mann. Ich lebte auch danach und hatte eine laute
-Stimme in unserem Parlament. Es war gut, ich könnte
-heute Bürgermeister von Sydney sein; mancher der Deportierten
-hat es hoch gebracht. Vor allem reich sein, das ist
-die Hauptsache. Danach handelte ich und wie ist es geworden?
-&ndash; Daß ich heimlich einen schwunghaften Rumschmuggel
-betrieb &ndash; du weißt, daß Rum bei uns verboten
-war, und daß ich selbst auf meinem Landgut eine Branntweinbrennerei
-besaß &ndash; hätte nicht geschadet, wenn es nur
-nicht an den Tag gekommen wäre. Mir kostete die Sache
-mehr als die Hälfte meines Vermögens und ich mußte
-trachten, es wieder zu ergänzen. Und nun beging ich die
-größte meiner Taten.«</p>
-
-<p>»So erzähle sie,« sagte der Priester, »aber fasse
-dich kurz.«</p>
-
-<p>»Kurz? Hast du keine Zeit?« fragte der Gefangene,
-»du willst dich beklagen und <em class="gesperrt">ich</em> zähle mein Leben nur mehr
-nach Stunden.«</p>
-
-<p>»So erzähle, wie du willst, Hauptsache ist hier die
-Erleichterung deines Herzens.«</p>
-
-<p>»Es wird nun vom Gold die Rede sein,« fuhr der Irländer
-fort, »und das ist ein böses Thema. Es war zur Zeit,
-als Australien auf war, um Gold zu graben. Der Squatter
-wie der Vornehme, der Fischer wie der Beamte, alles grub
-Gold. Alle aus der alten Welt anlangenden Schiffe brachten
-Goldgräber. Viele wurden reich, viele gruben sich das Grab.
-Noch mehr wurden elend. Auch ich habe gegraben, aber<span class="pagenum"><a id="Seite_295">[295]</a></span>
-die Lohnarbeiter haben mich betrogen und für meine Person
-war mir die Wühlerei nicht amüsant genug. Es gibt bessere
-Mittel, um reich zu werden, als die Arbeit der Hand. Die Spekulation,
-du errätst es ja. Ich sah, wie sich die goldsuchenden
-Menschenmassen immer mehr in das Binnenland zogen,
-während die Lebensmittel, je mehr von der Küste entfernt, je
-kümmerlicher und ungenügender wurden. Ich verkaufte mein
-Haus in Sydney und kaufte ganze Schiffsladungen mit Nahrungsmitteln
-und schaffte sie in Gegenden, in welchen große
-Goldfunde vorausgesehen werden konnten. Aber die Berichte
-von neuen Goldgruben schwankten hin und her und die Goldgräber
-zogen der Fata Morgana nach, gleichviel, ob sie
-in den wasserlosen Wüsten oder im Scrub verschmachteten.
-Ein großer Teil meiner Waren lag an einem Nebenflusse
-des Murray und lief Gefahr, zu verderben. Diese Waren
-mußten an Mann gebracht werden. Aber wie? Die Gegend
-war wieder öde geworden, nur die Känguruhs und die Dingohunde
-durchstrichen den Scrub. &ndash; In denselben Tagen
-war's, daß ein Squatter, nennen wir ihn John Peak, von
-seinem Bruder am Murrumbidschifluß ein Schreiben erhielt,
-daß in seiner Gegend, westlich der Blauen Berge, ein unbeschreiblich
-reiches Goldlager entdeckt worden sei. Ich selbst
-sah den Brief und machte ihn bekannt. Allsogleich große
-Aufregung in den Küstenprovinzen und die Leute eilten
-herbei, um sich bei John Peak des näheren zu unterrichten.
-Peak kündigte an, daß er gesonnen sei, an einem der nächsten
-Tage früh mit großen Warenladungen von Lebensmitteln
-nach dem Murrumbidschiflusse aufzubrechen, wer wolle, der
-könne sich dem Zuge anschließen. Und siehe, an dem bestimmten
-Morgen, kaum die Elster ihr Lied sang, war eine
-große Anzahl von Männern mit Grabscheit und allerlei
-Arbeitsgeräte zusammengekommen, um sich dem Zuge anzuschließen.<span class="pagenum"><a id="Seite_296">[296]</a></span>
-Vierzig paar Ochsen waren an schwer beladene
-Wagen gespannt und diesen schwerfälligen Fuhrwerken
-folgten die Goldgräber, junge, kräftige, lebenslustige und
-arbeitsmutige Leute, heiter und hoffend, und so bewegte
-sich die Karawane den neuen Goldfeldern entgegen. Es
-war im Januar, also mitten im Sommer. Die Gegend war
-heiß und wurde von Stunde zu Stunde öder. Das Gras an
-der Wurzel war zu Heu geworden, die Bäche waren vertrocknet,
-kaum daß in einzelnen schlammigen Sümpfen
-Menschen und Tiere ihren Durst zur Not löschen konnten.
-Die Blätter der Gummibäume hingen welk herab, gaben
-aber keinen Schatten. &ndash; Ich erzähle dir diesen Zug genau,
-wie er in meiner Erinnerung ist, weil er mir von allen
-meinen Wegen heute am schwersten auf dem Herzen liegt.
-Der Weg hatte über Gebirgskämme und Steinflächen geführt,
-aus denen wir zwar fortkamen &ndash; ich war stets dabei,
-das merke dir &ndash; die Ochsen dagegen aber harte Mühe hatten,
-die schweren Wagen weiterzubringen. Wir mußten Hand
-anlegen, jetzt vorwärtsschieben, jetzt zurückziehen und dann
-wiederum die Lasten vor Sturz in die Abgründe bewahren.
-Einige hatten dem Fuhrwerk bereits auch ihre mitgeschleppten
-Habseligkeiten aufgebürdet, wofür sich Mister
-John Peak wacker bezahlen ließ. So hatte die Reise bereits
-vier Tage gewährt und wir befanden uns nun in einer vollständigen
-Wildnis, wo weit und breit keine Ansiedlung
-war, ein dürrer Boden, den wohl noch niemals die Füße eines
-Europäers betreten hatten.</p>
-
-<p>Der fünfte Tag war ein Sonntag, da wurde Rast
-gehalten. Es ist aber keine Sonntagsruhe gewesen, die Leute
-waren unzufrieden und drangen in John Peak, ihnen doch
-endlich mitzuteilen, wann diese trostlose Gegend ein Ende
-nehme, wo die Goldfelder wären. John Peak hatte die Ungeduldigen<span class="pagenum"><a id="Seite_297">[297]</a></span>
-zu vertrösten gewußt von Tag zu Tag und jetzt
-entgegnete er unwirsch, ob sie denn glaubten, daß er das
-Goldland herbeizaubern könne? Ob nicht auch er selbst,
-seine Leute und sein Vieh an dem Ungemache der Reise zu
-leiden hätten, ob er sie denn gebeten habe, mit ihm zu kommen,
-ob es nicht reine Gefälligkeit von ihm gewesen wäre,
-sie mit sich zu führen? Das sprach er vernünftig. Es ließ
-sich laut nichts darauf entgegnen, jedoch hinter seinem
-Rücken begannen die Männer zu murren: »John Peak hat
-den Weg verloren und will es nicht gestehen.« Ob er sich
-seiner Sache gewiß sei? wurde er befragt. Das wäre er.
-Er solle noch einmal den Brief seines Bruders zeigen.
-Er zeigte den Brief und da stand's: Am Murrumbidschifluß
-ein unbeschreiblich reiches Goldlager gefunden. Der Fluß
-mußte ja in dieser Gegend sein, nur war er unter anderen
-Schründen, die sich im wüsten Grunde hinzogen, schwer
-zu erkennen, da er ausgetrocknet sein konnte. Sie beruhigten
-sich also wieder. Die Menge der Goldsucher war
-bereits bis zu tausend Köpfen gestiegen. Das Lager wurde
-nicht abgebrochen. John Peak sandte Leute aus, angeblich
-nach der Besitzung seines Bruders. Mittlerweile zehrte
-die Menge von seinen Vorräten und zahlte ihm hohes Geld.
-So ging ein Tag um den andern hin und nun erhob sich
-eine Unruhe im Lager, die nichts Gutes ahnen ließ. Der
-Argwohn war da: Die ganze Goldgrubengeschichte wäre
-erfunden. John Peak habe die Leute in die Wüste verlockt,
-um seine Lebensmittel zu enormen Preisen zu verkaufen.
-Und in der Tat, die Lebensmittel wurden von Stunde zu
-Stunde knapper und stiegen im Preise, so daß viele,
-deren Barschaft zu Ende ging, bereits Hunger litten.
-Einzelne trennten sich von der Menge los und irrten in
-Sand und Scrub umher, in der Hoffnung, auf die geträumten<span class="pagenum"><a id="Seite_298">[298]</a></span>
-Goldfelder zu stoßen. Man soll nichts mehr von
-ihnen gehört haben.</p>
-
-<p>Im Lager wuchs die Aufregung, es kam zu einer
-Volksversammlung, in welcher die Vermutung des Verrates
-offen ausgesprochen wurde. Nach einer stürmischen Stunde
-schien es sichergestellt, daß die Menge nur in diese Öden
-geführt worden war, um dem Squatter die bereits im Verderben
-begriffenen Lebensmittel zu konsumieren. Um aber
-dem Manne nicht Unrecht zu tun, sondern vollständige
-Gewißheit zu erlangen, wurde beschlossen, auf Kosten der
-Versammlung eine Expedition auszuschicken, den vorgeschützten
-Bruder oder die Goldlager zu finden. John Peak
-sollte bis zur Rückkehr der Männer strenge bewacht
-werden.</p>
-
-<p>Am folgenden Morgen wurde die Expedition, mit Lebensmitteln
-und guten Pferden versehen, abgelassen. Sie
-durchstrich die rotbraunen Flächen, fand weder Vegetation
-noch Wasser, weder Weg noch Steg, überall nur die nackten
-Granitfelsen, stellenweise knietiefen Sand und wirbelnden
-Staub. Soweit das Auge reichte kein grünes Blatt,
-kein Grashalm, nach allen Seiten hin nichts als grauer
-Himmel und brauner Sand.</p>
-
-<p>Heiße Winde aus Nordwesten bliesen da und dort ein
-finsteres Gewölke heran, aber es waren nicht die willkommenen
-Wasserdünste, es war glühender Staub. Die Expedition
-soll viel gelitten haben, stieß aber am dritten Tage
-auf eine kleine Oase, wo sich eine Schafzucht befand. Es
-war die Gegend, wie sie von John Peak als der Wohnort
-seines Bruders verzeichnet worden. Die Männer fanden
-bei den Hirten freundliche Aufnahme; sie zogen ihre Erkundigungen
-ein und erfuhren erstens, daß hier kein Mensch
-wohne, der einen John Peak zum Bruder habe, und erfuhren,<span class="pagenum"><a id="Seite_299">[299]</a></span>
-daß in dieser Gegend von einem Goldlager weder
-jemals eine Spur, noch eine Rede gewesen sei.</p>
-
-<p>Die Expedition hatte ihren Zweck erreicht und trat die
-Rückreise an. Um der gefürchteten Sandwüste zu entgehen,
-wollte sie eine andere Richtung einschlagen, stieß aber auf
-grundlosen Morast des Murrumbidschi und auf undurchdringlichen
-Scrub. Von der Expedition erlagen zwei Mann.
-Auf der wieder betretenen Sandwüste stand eine weitere
-Überraschung bevor. Raubvögel umflatterten drei menschliche
-Leichen, die auf dem Rücken lagen und ihr Antlitz gen
-Himmel gerichtet hatten. Endlich hatte die Expedition sich
-zurückgefunden zu den weißen Zelten und sie erstattete Bericht,
-daß weit und breit kein Bruder des Squatter und keine
-Spur einer Goldmine entdeckt worden sei.</p>
-
-<p>John Peak hatte den Brief seines angeblichen Bruders
-selbst geschrieben, um die Leute in die Wüste zu locken und
-bei ihnen seine Waren abzusetzen &ndash; John Peak wurde
-in aller Form zum Tode verurteilt.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der aufgeregten Menge hatte man vor das Zelt, in
-welchem Peaks Warenlager sich befand, ein Faß Rum
-gerollt, den Boden eingeschlagen und alles drängte sich
-vor, einen Becher des Getränkes zu erlangen. Bald war
-das Faß leer und auch ein zweites, ein drittes, dann wurde
-mit wildem Lärm das Warenlager gestürmt und jeder nahm,
-was ihm das Nächste war. Der eine trug einen Sack Reis
-fort, der andre einen Sack Zucker, der dritte eine Kiste Thee;
-andere Mehl, Butter, Schinken, Tabak. Jeder wollte sich
-nun entschädigen, und es ging toll zu im Wüstenlager.</p>
-
-<p>Als man sich endlich nach dem Verurteilten umsah,
-um ihm zur Krone des Festes sein Recht anzutun, war der
-Vogel ausgeflogen. &ndash; Jetzt sahen sie den Flüchtling auf
-raschem Renner über die weite Ebene dahinjagen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_300">[300]</a></span></p>
-
-<p>So der Gefangene.</p>
-
-<p>»Ja,« entgegnete nun der Priester, »ich habe seinerzeit
-von dieser Geschichte vernommen. Aber warum erzählst du
-nicht von dir?«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte der Gefangene: »hast du in John Peak
-denn nicht <em class="gesperrt">mich</em> erkannt? Nicht wahr, dir graut? Mir auch,
-mein Herr, mir auch.«</p>
-
-<p>»Nun bist du wohl zu Ende?«</p>
-
-<p>»Fast. Was jetzt noch kommt, ist zahm. Ich floh zu
-den Wilden. Da ich schon früher ihre Sprache erlernt hatte,
-sie aber in jenem Scrub an mir das erstemal einen Weißen
-sahen und sich vor mir fürchteten, so gab ich mich für den
-Geist ihres Stammvaters aus, der aus der andern Welt zu
-ihnen zurückgekehrt sei, um ihnen zu verkünden, daß ein
-fremdes, furchtbares Volk gegen sie über das Meer heranziehe,
-welches den Blitz des Himmels und den Donner bei
-sich hätte. Sie haben mir geglaubt, haben mich in ihrer
-Weise angebetet, haben mich in eine große Höhle geführt
-und mir dort ihre Opfergaben zu Füßen gelegt. Merkst du
-den Witz des Schicksals? Nun war ich's, was ich einst auf den
-Heiden Irlands sein wollte: ein Prophet, ein Priester, ein
-Erzbischof. &ndash; Sie brachten mir das beste, was sie hatten,
-es war für mich kaum genießbar; ich sagte, ich sei bei Speise
-und Trank die Zubereitung der andern Welt gewohnt und
-bereitete sie, wie es die Weißen tun. Ich suchte die Wilden
-für meine Zwecke zu erziehen und galt als ihr Häuptling
-und Gott, gleichwohl manche unter ihnen waren, die mir
-nicht zu trauen schienen. Die Furcht hielt sie im Zaume.
-Ich suchte sie mit dem Speer, mit dem Bumerang, mit der
-Keule im Kampfe zu üben, um mir ein streitbares Heer
-gegen meine eigene Rasse heranzubilden.</p>
-
-<p>So groß war in mir der Haß geworden. &ndash; Mein Vorhaben,<span class="pagenum"><a id="Seite_301">[301]</a></span>
-die Wilden zum Kriege zu erziehen, war aber nicht
-durchführbar. Und weißt du, wer mich bei meiner Gefangennahme
-am Murray niedergeschlagen hat? Der Wilden einer,
-mein eigener Waffenträger. Er hätte mich gewiß getötet,
-wenn ich ihm nicht von den Soldaten entrissen worden wäre.
-&ndash; So bleibt es doch dir, mein alter Vaterstamm, anheimgestellt,
-an mir dein Richteramt zu vollführen. Jetzt entweiche
-ich nicht mehr auf flüchtigem Renner, jetzt leugne ich nicht
-mehr, daß ich schuldig bin, jetzt will ich nur eins, o Menschen,
-nur dieses eine versagt mir nicht!«</p>
-
-<p>»Was ist dein letzter Wunsch?« fragte der Priester.</p>
-
-<p>»Es ist der: Ich will nicht erwürgt werden mit dem
-Strick, ich möchte langsam, <em class="gesperrt">langsam</em> sterben <em class="gesperrt">und mein
-Blut</em> geben.«</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen, als der rote Schein lag über
-den Wässern des Ostens, wurde der Gefangene aus dem Kerker
-geholt und in den Hof des Gerichtsgebäudes geführt.</p>
-
-<p>Als der Todgeweihte mitten im Hofe den Galgen sah
-und den Henker daneben, stürzte er sich kopfüber auf das
-Steinpflaster &ndash; und das rote Blut entströmte dem zerschmetterten
-Haupt.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_302">[302]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_verhaengnisvolle_Vorfall">Der verhängnisvolle Vorfall.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Über den Hafenplatz in Lissabon eilten schnellen Schrittes
-zwei junge Männer. Es war vor Abgang des Schiffes
-beinahe eine Stunde Zeit, da wollten sie in einem Weinhause
-noch den Abschied feiern. Die Sachen des Abreisenden
-hatte der Hoteldiener bereits aufs Schiff gebracht, dort auch
-den Fahrschein nach Neuyork gelöst, so konnten die beiden
-Freunde noch ruhig beim Weine sitzen und warten, bis
-vom Molo herüber, an dem mehrere große Dampfer lagen,
-das Glockensignal erklang.</p>
-
-<p>Der eine der beiden, ein schlanker Bursche mit leichtem
-Bartanflug und einer vernarbten Schramme über
-der Stirn, war der Elektrotechniker Richard Wifart aus
-Berlin. Er war ein Jahr vorher mehrere Monate lang
-auf einer Geschäftsreise für das Haus Siemens &amp; Halske
-in Amerika gewesen und hatte in Neuyork ein schönes
-Mädchen kennen gelernt, die einzige Tochter eines Rechtsanwaltes.
-Die jungen Leute hatten sich damals unmittelbar
-vor Wifarts Abreise nach Berlin verlobt und nun war er
-auf der Reise nach Neuyork, um Hochzeit zu halten und
-seine junge Frau nach Europa zu führen. Er war sehr
-heiter und schaute mit hellen, glücklichen Augen in die
-Zukunft.</p>
-
-<p>Der andere der beiden Freunde war Herbert Franke,
-ein etwas kleinerer, untersetzter junger Mann mit dunkelblondem
-welligem Haar und einem glatten Gesicht, über
-dessen Wange das schwarze Seidenbändchen des »Zwickers«
-hing. Er besaß in Hamburg ein großes Export- und Geldgeschäft
-und war seit drei Jahren dort glücklich verheiratet.<span class="pagenum"><a id="Seite_303">[303]</a></span>
-Er hatte weiche, fast kindliche Züge und sein blaues Auge
-hing mit Innigkeit an dem Freunde, den ihm schon die
-nächste Stunde entführen sollte.</p>
-
-<p>Die beiden hatten auf der Berliner Technik zusammen
-studiert und waren Freunde geworden, die sich in schwärmerischen
-Stunden auch <em class="gesperrt">das</em> zugeschworen, daß, wenn einer
-oder der andere einmal heiraten sollte, unfehlbar der andere
-oder der eine mit bei der Hochzeit sein müsse. Richard
-hatte bei Herberts Hochzeit in Hamburg ohne jede Schwierigkeit
-seinen Schwur einlösen können. Anders war's bei
-Herbert, der den Freund nach Neuyork begleiten müßte,
-um an dessen Hochzeit teilzunehmen. Er würde es mit
-tausend Freuden getan haben, wenn er als Chef seines
-Hauses nicht gerade um diese Zeit wegen Handelsunternehmungen
-in Europa festgehalten worden wäre. Doch
-gestatteten es die Verhältnisse, den Freund eine Strecke
-zu begleiten. Denn die Reise ging nicht den glatten, geraden
-Seeweg Bremerhafen-Neuyork, sondern über Frankreich
-und Spanien. In Frankreich hatte Herbert Geschäfte abzuwickeln
-und auch Richard wurde teils durch den Umstand
-zu diesem Umwege bewogen, als seine Firma wegen
-einer elektrischen Straßenbahn mit Madrid in Unterhandlung
-stand. Anderseits wollte er Verwandte in Granada besuchen.</p>
-
-<p>Die Reise war nicht ohne Widerwärtigkeiten vor sich
-gegangen. Eine Überschwemmung in den Pyrenäen hatte
-die Eisenbahnverbindungen unterbrochen, was jedoch wieder
-den Vorteil gab, durch eine Wagen- und Fußreise die Pyrenäen
-und einen Teil des nördlichen Spaniens näher kennen
-zu lernen. Das war jetzt alles hinter sich, die Gebirgsreise,
-die Verwandten waren abgetan, das Geschäftliche für Herbert
-war im besten Gang und an diesem Tage Punkt zwölf Uhr
-sollte in Lissabon das Schiff nach Neuyork auslaufen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_304">[304]</a></span></p>
-
-<p>Sie saßen nun bei einer Flasche köstlich feurigen Spaniers
-und rauchten Zigaretten. Sie waren in hochgemuter
-Stimmung, der aber ein Mollton des Abschiedes nicht
-ganz fehlte. Nach dieser gemeinsamen heiteren Reise, auf
-der sie manchmal ernsthafte Gespräche über die Zukunft
-geführt, dann wieder tolle Jugendschnacken getrieben hatten,
-sollte die nächste Stunde jeden allein finden.</p>
-
-<p>Eine solche Trennung im fremden Lande hat etwas
-Beklemmendes. Richard würde in acht Tagen ja drüben
-bei seiner Braut sein und Herbert nach einigen Querzügen
-durch die romanischen Länder ungefähr um dieselbe
-Zeit in Hamburg. Jeder bei den Seinen, und in wenigen
-Wochen würden sie sich in Hamburg alle zusammenfinden.</p>
-
-<p>Richard erhob sein Glas: »Freund, ich danke dir noch
-einmal, daß du mich bis an dieses Ende der Welt begleitet
-hast. Kehre mit Glück nach deiner geliebten Elbestadt
-zurück und von heute in zehn Tagen denke, daß
-ich mit meiner Luise am Altare stehe.«</p>
-
-<p>»Und wenn du sie hast, so säume nicht allzulange,
-sie mir zu zeigen. Ich brenne, dein Weib kennen zu
-lernen und gedenke mich zu rächen für die Eifersucht, die
-du bei meiner Susanna immer wieder in mir erweckt hast.«</p>
-
-<p>Sie lachten und stießen die Gläser an.</p>
-
-<p>»Ich hoffe, daß ich rasend eifersüchtig sein werde,«
-sagte Richard.</p>
-
-<p>»Du hoffest das?«</p>
-
-<p>»Keine Frage. Was wäre das für eine Suppe?
-Ohne Salz!«</p>
-
-<p>»Das Salz der Ehe &ndash; ja. Aber eine versalzene Suppe
-&ndash; nein,« sagte Herbert und drehte sich eine frische Zigarette.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_305">[305]</a></span></p>
-
-<p>»Und ich bleibe dabei,« scherzte Richard, »daß wir
-beide uns die ausgiebigste Ursache zur Eifersucht geben,
-müssen. Wir haben seit acht Jahren aneinander die Herzen
-und Nieren zu genau erforscht, um nicht zu wissen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Laß das bloß gut sein, Richard. Wir waren zwei
-Galgenstricke, wenigstens in der Laune, doch als Ehemänner&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Komm dort nicht der Hausdiener unseres Hotels?«
-unterbrach Richard. Zwischen den Tischreihen trippelte ein
-buckliges Männlein heran und mit sehr kurzsichtigem Auge
-guckte er jedem Anwesenden unsicher ins Gesicht, bis er
-unsere Freunde bemerkt hatte. Dann kam er heran und
-sagte in gutgewähltem Portugiesisch, daß er glaube, die
-Auszeichnung zu haben, Herrn Herbert Franke aus Hamburg
-vor sich zu sehen.</p>
-
-<p>»Suchen Sie <em class="gesperrt">mich</em>?« fragte Herbert.</p>
-
-<p>»Ich wußte es ja gleich. O, ich erkenne alle meine
-Herren sofort wieder. War schon am Hafen, auf der Brest
-Da denke ich, die Exzellenzen werden im Weinhause sein.
-Und siehe da!«</p>
-
-<p>»Wünschen Sie etwas?«</p>
-
-<p>»Mit Ihrer gütigen Erlaubnis, eine Depesche ist angekommen.«</p>
-
-<p>Er reichte sie hin, nahm die Bestätigung in Empfang
-und empfahl sich mit graziösen Bücklingen.</p>
-
-<p>»Wenn ein deutscher Tanzmeister so viel Grazie hätte,
-als ein spanischer Stiefelputzer!« lachte ihm Richard nach.
-&ndash; »Nun, wie stehen die Kurse auf der Hamburger Börs'?«</p>
-
-<p>Herbert hatte seinen Prunkzwicker aufgeklemmt, doch
-der war wieder von der Nase gefallen. Er hatte hierauf
-die Depesche für sich gelesen, und Richard sah, daß er
-unruhig wurde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_306">[306]</a></span></p>
-
-<p>»Was ist das?!« sagte Herbert tonlos vor sich hin.</p>
-
-<p>»Etwas Wichtiges?« fragte der Freund.</p>
-
-<p>Der Hamburger hielt mit zitternder Hand das Blatt
-dem Freunde hin: »Herbert Franke aus Hamburg, Hotel
-Imperatore, Lissabon: Bitte mit möglichster Eile nach
-Hause reisen. Verhängnisvoller Vorfall. Mama.«</p>
-
-<p>»Was ist geschehen?« fragten beide zugleich und erhoben
-sich von ihren Sitzen. Sie starrten sich an, einer
-bleicher wie der andere.</p>
-
-<p>»Meine Frau!« sagte Herbert. »Meiner Frau ist etwas
-widerfahren!«</p>
-
-<p>»Ei nein, davon steht doch kein Wort. Diese verdammte
-Unklarheit der Depeschen! Man denkt gleich an
-das Allerschlimmste. Ein paar Worte mehr&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»O mein Freund, wer weiß, wie schrecklich sie wären,
-diese paar Worte mehr! Gewiß, meiner Susanna ist etwas
-widerfahren. Dem kleinen Siegfried ist etwas zugestoßen.
-Ich reise sofort. Mit dem internationalen Expreßzug.«</p>
-
-<p>»Das geht nicht; denke doch, daß die Verbindungen
-unterbrochen sind.«</p>
-
-<p>Herbert schlug sich die Faust an die Stirn. Dann
-las er wieder das Telegramm: »Bitte mit möglichster Eile
-nach Hause zu reisen. Verhängnisvoller Vorfall. Mama.
-&ndash; Warum depeschiert Mama? Warum nicht meine
-Frau?«</p>
-
-<p>»Weil sie im Augenblick nicht zur Stelle war. Hast
-du doch &ndash; glaube ich &ndash; auch in Madrid eine Depesche
-von Mama erhalten, über etwas Geschäftliches. Und nun
-&ndash; du kennst ja die alten Frauen. Wenn eine Spiegelscheibe
-zerschlagen wird, posaunen sie es in alle Winde; wenn
-ein Schornsteinbrand ist: Verhängnisvoller Vorfall.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_307">[307]</a></span></p>
-
-<p>»Laß das, Richard. Du siehst ja, daß ich ruhig bin.
-Ich muß eben nach Hause. Mit dem nächsten Zug.« Er
-verlangte vom Kellner den Eisenbahn-Kurier.</p>
-
-<p>»Das hilft dir nichts,« sagte Richard, »du kannst
-nicht weiter. Du mußt den Seeweg nehmen.«</p>
-
-<p>»Gut, also den Seeweg.«</p>
-
-<p>Herbert sah im Schiffsfahrplan nach, der an der
-Wand hing. »Eildampfer nach Neuyork.«</p>
-
-<p>»Der geht dich nichts an.«</p>
-
-<p>»Eildampfer nach Southampton.«</p>
-
-<p>»Nichts für dich.«</p>
-
-<p>»Dampfer nach Genua.«</p>
-
-<p>»Zu großer Umweg.«</p>
-
-<p>»Eildampfer nach Brest.«</p>
-
-<p>»Das ist der deinige,« sagte Richard. »Von Brest
-mit Eisenbahn nach Hamburg.«</p>
-
-<p>»Nach Brest also. Abfahrt jeden Mittwoch mittags
-zwölf Uhr. &ndash; Mittwoch, das ist ja heute!«</p>
-
-<p>»Und zwölf Uhr ist es in zwanzig Minuten. Unsere
-Schiffe gehen im gleichen Augenblicke ab.«</p>
-
-<p>»Das ist ja ausgezeichnet!« rief Herbert. Er lief ins
-nahegelegene Hotel Imperatore, um seine Sachen zu holen,
-seine Rechnung zu begleichen, und eine Viertelstunde später
-trafen sich die beiden Freunde am Molo. In demselben
-Augenblick schrillten die Schiffsglocken.</p>
-
-<p>»Brest!« rief Herbert zum Gepäckträger, und dieser
-eilte dem großen schwarzen Dampfer zu, der links am
-Molo lag und schwarze Rauchdrubel aus dem Kaminrohre
-stieß. Gerade gegenüber rechts am Molo lag der Dampfer
-»Neuyork«. Es rasselten schon die Ketten, um die Brücke
-aufzuziehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_308">[308]</a></span></p>
-
-<p>»Leb' wohl, Herbert. Es wird nicht so schlimm sein.
-Gib mir gute Nachricht.«</p>
-
-<p>»Leb' wohl, grüße mir deine Braut.«</p>
-
-<p>»Auf Wiedersehen!«</p>
-
-<p>Ein rascher Händedruck, denn es schrillten die Dampfpfeifen.
-In großen Sprüngen eilte jeder zu seinem Schiffe.
-Kaum war Herbert, die Hand eines Matrosen mußte ihn
-fassen, auf seinem Dampfer, da rollte es, der Koloß zitterte
-und begann sich sachte zu bewegen.</p>
-
-<p>Sie standen am Bord, jener drüben, dieser hüben,
-und winkten sich mit den Taschentüchern zu. Die letzten
-Lebewohlrufe haben den gellenden Hafenlärm nicht mehr
-durchdringen können.</p>
-
-<p>Welch plötzliche Wandlung. Wer hätte das vor einer
-halben Stunde gedacht! Herbert schaute auf Lissabon. Je
-mehr es zurückwich, je höher schien es aufzusteigen. Jetzt
-fiel ihm ein, was er noch alles hätte tun sollen. Besonders
-nach Hamburg depeschieren, daß er auf der Heimreise
-sei. Was hätte er dem Freunde noch alles zu sagen
-gehabt, dem Glücklichen, der jetzt schnurgerade, ohne Aufenthalt
-und Unterbrechung, seiner Braut entgegendampft,
-während ihm nach umständlicher See- und Landfahrt zu
-Hause ein außerordentliches Unglück erwartet.</p>
-
-<p>Noch in der Bucht waren die beiden Schiffe in einer
-gewissen Entfernung nebeneinander hingefahren und die
-Freunde hatten mit den weißen Fähnchen ihrer Taschentücher
-ohne Unterlaß sich zugewinkt. Nun die hohe See
-erreicht, sah Herbert, wie der Dampfer »Neuyork« sich
-immer weiter von dem seinen entfernte und wie er als
-kleiner schwarzer Punkt unweit der Küste gegen Norden
-eingebogen hatte, während sein Schiff schnurgeraden Lauf
-gegen Westen nahm.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_309">[309]</a></span></p>
-
-<p>Herbert hatte seinen Handkoffer auf dem Deck unter
-eine Bank geschoben und suchte nun den Kapitän auf,
-um ihm zu sagen, daß er noch keine Fahrkarte lösen
-konnte, weil er sich erst im letzten Augenblick zur Reise
-entschlossen habe. Er wolle eine nach Brest.</p>
-
-<p>Der Kapitän starrte ihn an von oben bis unten.
-»Sie wollen nach Brest?«</p>
-
-<p>»Nach Brest eine Karte erster Klasse.«</p>
-
-<p>Darauf mit yankeemäßiger Gelassenheit der Kapitän:
-»Dieses Schiff geht nach Neuyork.«</p>
-
-<p>»Was sagen Sie?«</p>
-
-<p>»Dieses Schiff geht nach Neuyork.«</p>
-
-<p>»Um Gottes willen! Aber um Gottes willen!« rief
-Herbert mit wildstoßendem Atem. »Ich bin doch auf dem
-Dampfer, der nach Brest geht! Man hat mir's doch gesagt.
-Das ist doch der Dampfer Brest.«</p>
-
-<p>»Es ist allerdings der Dampfer Brest, aber er geht
-nach Neuyork. Der nach Brest läuft &ndash; sehen Sie! &ndash;
-der schwarze Punkt dort an der Küste, die alte Neuyork,
-die geht nach Brest.«</p>
-
-<p>»Aber Gott! Aber mein Gott im Himmel! Ich fahre
-ja nach Brest! Ich muß nach Brest!« schrie Herbert grell
-auf. »Ich muß &ndash; ich <em class="gesperrt">muß</em>!«</p>
-
-<p>»Also ein Billett nach Neuyork,« sagte der Kapitän
-gelassen und nannte den Preis.</p>
-
-<p>Herbert stampfte wütend mit den Füßen und verlangte
-in seinem wahnsinnigen Schreck, daß der Dampfer
-umkehre. Darauf schaute ihn der Kapitän mit kühlem Blick
-neuerdings an und zuckte die Achseln.</p>
-
-<p>Herbert tobte über das Deck hin und fluchte und
-flehte und bat den Kapitän auf den Knien, ihn wenigstens,
-auf einem der Rettungsbote nach Lissabon zurückbringen<span class="pagenum"><a id="Seite_310">[310]</a></span>
-zu lassen oder irgendwie das bereits entschwindende Brester
-Schiff zur Umkehr, zum Warten zu verständigen.</p>
-
-<p>Der Kapitän zuckte schweigend die Achseln. Endlich
-gewann der Hamburger doch so viel Vernunft, um einzusehen,
-daß hier alles Rasen nichts helfe. Der Dampfer
-schnitt mit brausender Energie die Wellen des Ozeans dem
-Westen zu. Herbert setzte sich hinter dem Mast auf einen
-Ballen und starrte zu Boden. Die Mitreisenden, die ihn
-mit Teilnahme beobachteten, konnten sehen, wie Tränen
-über seine Wangen liefen.</p>
-
-<p>Die portugiesische Küste war nur mehr ein ferner
-blauer Streifen und allmählich verschwand sie ganz. So
-fuhr er nun von Europa davon und zwar zu einer Zeit,
-wo er's am wenigsten durfte, wo er daheim am notwendigsten
-war, wo er von den Seinen zu Hilfe gerufen
-wurde in einer großen Not. &ndash; Daß man einmal so durch
-die weite leere Luft würde telegraphieren können wie heute?
-Damals gab's keinen Gedanken daran. &ndash; Wenn er nur
-eine Ahnung hätte, was geschehen ist! Ein verhängnisvoller
-Vorfall! War ein Brand ausgebrochen? War Frau
-Susanna erkrankt oder der kleine Siegfried, der erst wenige
-Wochen zuvor den Scharlach überstanden hatte? Oder gar
-jemand plötzlich gestorben? O heiliger Gott, wie das qualvoll
-ist! Und mit jedem Augenblick entführt das Schiff
-ihn weiter und weiter von seinen Lieben, die in Sehnsucht
-auf ihn warten. &ndash; Sollte bei der Berliner Firma
-Schwippe &amp; Sohn, bei der er stark engagiert war, etwas
-los sein? Nein, hatte ihm doch sein Bureaudirektor Maischuster
-erst nach Madrid mitgeteilt, daß Ultimo die hundertachtzigtausend
-Mark bar bezahlt worden waren. Oder wäre
-ein Einbruch in die Kasse vorgekommen? Unmöglich, Maischuster
-ist der vorsichtigste Mensch, ist imstande, sein Nachtlager<span class="pagenum"><a id="Seite_311">[311]</a></span>
-auf der Eisenkasse zu nehmen, um sie zu bewachen
-Ein öffentliches Unglück <span id="corr311">müßte</span> man ja in den Blättern
-gelesen haben. Also was ist geschehen? &ndash; Ringsum war
-nichts mehr als die grünen Wässer des Atlantischen Ozeans,
-und der Dampfer, der den unglücklichen Namen »Brest«
-trug, schnitt seine schnurgerade Straße nach Westen.</p>
-
-<p>Dann dachte Herbert auch an seinen Freund, der
-auf der »Neuyork« nordwärts der fernen französischen Küste
-zufuhr, ohne Gepäck, vielleicht auch ohne Geld, ins Ungewisse
-hinein. Wie mochte dem zumute sein, der seine
-Braut wartend weiß in Neuyork, und er kann nicht eintreffen
-zu dem für die Hochzeit bestimmten Tage und
-kann ihr keine Nachricht geben. Sein unglücklicher Freund
-Herbert, ja der wird dem Schiffe entsteigen, mit dem Luise
-den Bräutigam erwartet, aber sie erkennen sich nicht, gehen
-fremd aneinander vorüber.</p>
-
-<p>Herbert hat nun allerdings in seinem Taschenbuch
-die Adresse der Familie Luisens, und zu ihr soll auch der
-erste und wohl auch einzige Weg sein in Neuyork. Hat
-er doch Richards Koffer, der auf diesem Schiffe ist, dort
-abzugeben. Und dann mit dem nächsten Schiffe nach Hamburg!
-Aber welche Ewigkeit liegt dazwischen! Der erste
-Tag wollte kein Ende nehmen; wie sollten die neun Tage
-vergehen, ohne daß er vor Ungeduld stirbt? &ndash; Auf ein
-aus dem Westen entgegenkommendes Schiff hatte Herbert
-noch gerechnet, das ihn aufnehmen und nach Europa bringen
-konnte. Aber außer ein paar kleinen kreuzenden Segelschiffen
-war kein Fahrzeug zu sehen. Am zweiten Tage
-kam von Norden her ein großer englischer Dampfer, ein
-Ostindienfahrer, dann nichts mehr auf den öden, unendlichen
-Wässern. Kein Schiff, das ihn erlöst und in die Heimat
-gebracht hätte. Nichts und nichts. Er mußte eine Beute<span class="pagenum"><a id="Seite_312">[312]</a></span>
-der »Brest« bleiben, sich in Geduld fassen und tatlos warten
-auf das, was das Schicksal über ihn verhängt haben mochte.
-So saß er denn auf dem Deck, stets allein, und brütete.
-Mancher der Mitreisenden, es waren auch ein paar Deutsche
-darunter, wollte sich ihm nahen, um ihn zu zerstreuen;
-er ging nicht darauf ein. Er brütete vor sich hin in dem
-Gedanken: Immer weiter fort, immer noch weiter fort!
-Wäre er auf irgendeiner Stelle der Erde festgehalten für
-die Länge der Zeit! Aber dieses immer noch weiter fort,
-immer noch weiter der Heimat entrückt werden &ndash; es war
-nicht zu ertragen. Es war eine unsägliche Qual. Herbert
-nahm sich vor, wenn er seine Lieben wiedersehen sollte,
-so wird er sie nicht mehr verlassen, nicht auf zwei Tage
-lang. Aber &ndash; er wird sie ja nicht wiedersehen, sicher
-nicht alle wieder. Tag und Nacht waren seine Gedanken
-zu Hamburg in seinem Hause, er sah nichts als Brandstätten,
-Totenbahren, gesprengte Kassen und fallierte Geschäftsfirmen.</p>
-
-<p>Am fünften, sechsten Tage wurde er etwas gefaßter.
-Die Nahrung, wovon er sonst mit Widerwillen genossen,
-begann ihm zu munden, der Schlaf wurde ruhiger und
-erquickender. Je mehr man sich der amerikanischen Küste
-näherte, je klarer ward es ihm, daß er dort etwas erfahren
-müsse. Und mit dem ersten Schritt, den er auf
-das nach Deutschland abgehende Schiff setzen wird, ist er
-soviel als zu Hause, denn jede Sekunde bringt ihn dann
-im Fluge näher der Stelle, wo er aufzurichten und zu
-trösten haben wird. Er ist nun gefaßt, so schlimm kann
-es unter keinen Umständen sein, als er es in der Vorstellung
-durchlebt hat. Denn er hat alle denkbaren Unglücksfälle
-durchlitten, und in der Tat wird es doch nur
-einer sein. »Verhängnisvoller Vorfall«. Der Ausdruck imponierte<span class="pagenum"><a id="Seite_313">[313]</a></span>
-ihm nicht mehr ganz so. Was ist verhängnisvoll?
-Alles Mögliche. Alte Frauen lieben in Hyperbeln zu
-sprechen. Vielleicht war es sogar im scherzhaften Sinne
-gemeint, um den Sohn, der sonst mit der Rückreise manchmal
-arg zu säumen pflegte, ein wenig zu peitschen. Vielleicht
-ist bei der ganzen Sache verhängnisvoll nur die
-Verwechslung der Schiffe auf dem Hafen zu Lissabon. Aber
-&ndash; wer weiß es?! Gott allein, dem er nun alles anheimgibt.
-Ja, das ist der Anker. Dem Allmächtigen will er's
-anheimgeben. &ndash; Ach, wie eine solche Seereise herrlich wäre
-bei ruhigem Gemüte! Und wie peinvoll sie gewesen ist,
-wie so schrecklich nichts vorher in seinem Leben war.
-Richard, der mag zusehen, wie er herüberkommt. Hochzeiten
-lassen sich verschieben. Wenn sich alles so verschieben ließe?
-&ndash; Ei doch, wir haben den »Verhängnisvollen Vorfall«
-ja Gott anheimgestellt.</p>
-
-<p>Am zehnten Tage um fünf Uhr früh war die Freiheitsgöttin
-in Sicht, im Hafen von Neuyork. In der
-aufgehenden Sonne glühte sie rot, wie Eisen in der Esse.
-Und dann tauchte die abenteuerlich herrliche Stadt auf.
-Um sieben Uhr betrat Herbert den Boden von Amerika.
-Da war im Augenblick sein Anliegen völlig vergessen, so
-lebhaft stürmte die neue Welt und ihr Treiben auf seine
-Sinne ein. Er kam sich vor wie ein dreister Abenteurer
-und wollte es sein. Wollte es denn in Gottes Namen
-einmal sein! Er war völlig berauscht. &ndash; Den Koffer
-seines Freundes bekam er nicht ausgefolgt, um ihn an
-dessen Braut zu überschicken; er wurde ins Magazin gestellt,
-bis der Eigentümer selbst sich um ihn ausweisen
-konnte. Das erste, was Herbert suchte, war eine Auskunftstelle
-wegen Abfahrt der Schiffe und ein Telegraphenamt.
-Zu seiner größten Freude sollte an demselben Tage,<span class="pagenum"><a id="Seite_314">[314]</a></span>
-abends zehn Uhr, ein deutscher Lloyddampfer nach Southampton
-und Bremen abgehen. So ist er in sechseinhalb
-Tagen zu Hause. &ndash; Und nun wollen wir frühstücken.
-Er ging in das nahe dem Hafen gelegene Hotel »Grodin«.
-Aber es schwankte noch der Boden unter den Füßen, er
-hatte auf schwankendem Boden das Gehen verlernt. Im
-großen Hotel trat er in eines der Speisenkabinette. Da
-war's behaglich ruhig; ein einziger Herr saß in der Ecke
-und sprach mit Eifer seinem Imbiß zu. Er blickte nicht
-vom Teller auf, bemerkte den Eintretenden kaum, dieser
-aber tat einen Schrei.</p>
-
-<p>»Maischuster!«</p>
-
-<p>Ja, es war sein Bureaudirektor aus Hamburg. Im
-ersten Augenblick glaubte er, der Direktor sei ihm nachgereist,
-doch schon im zweiten Augenblick glaubte er etwas
-anderes. Denn Maischuster, als er plötzlich vor sich seinen
-Chef sah, zuckte heftig ein und wechselte die Farbe. Dann
-sprang er auf, raffte vom Nagel Hut und Überrock; Herbert
-aber stand an der Tür, packte den Mann fest am Arm
-und sagte gedämpft:</p>
-
-<p>»Maischuster, was ist das?«</p>
-
-<p>Der Direktor ergab sich wehrlos, denn er glaubte,
-Herbert sei aus Hamburg nachgereist, um ihn festzunehmen
-und vor der Tür stünden die Häscher, denn durch die
-Fenster sah man Wachleute.</p>
-
-<p>Herbert hatte den Zusammenhang nun durchschaut.
-»Sie haben sich etwas zuschulden kommen lassen, Maischuster!«</p>
-
-<p>»Da haben Sie's, da haben Sie's! Ich gebe ja
-alles zurück!« stammelte der Bureaudirektor und zog aus
-dem Westenlatz ein Paket. »Ich hätte es ja ohnehin zurückgegeben,
-ich wollte nur &ndash;&nbsp;&ndash; Lassen Sie mich bloß los.<span class="pagenum"><a id="Seite_315">[315]</a></span>
-Lassen Sie mich los, oder &ndash;&nbsp;&ndash;« Er suchte mit einer
-Hand in die Rocktasche zu kommen. Die beiden Männer
-rangen, stießen Stuhl und Tisch um, bis Kellner herbeieilten,
-Hoteldiener und Wachleute, mittels welcher der Defraudant
-festgenommen und gebunden werden konnte.</p>
-
-<p>Herbert öffnete das wohlverschnürte Paket und fand
-in Noten und Papieren eine Summe von 230000 Mark.
-&ndash; Und nun wußte er's. Nun glaubte er es zu wissen,
-was die Depesche »Verhängnisvoller Vorfall« bedeutete.
-Sein Herr Maischuster war ihm in Hamburg mit der
-Kasse durchgegangen. Und nun sah er auch, wie es kommen
-kann, wenn man in eigener Ohnmacht sein Anliegen dem
-Herrgott anheimgibt, der in diesem Falle schon vorher
-für die Sache gesorgt hatte. Herbert mußte in Lissabon
-das unrichtige Schiff besteigen, um in Amerika den Dieb
-zu erwischen.</p>
-
-<p>Dem Maischuster wurde noch eine Tasche mit Goldstücken
-und ein Revolver abgenommen und dann ist er
-in behördliches Gewahrsam gebracht worden.</p>
-
-<p>Als Herbert das auf so wunderliche Art wiedergewonnene
-Vermögen wohlverwahrt hatte, ging er daran,
-das Haus der Braut seines Freundes aufzusuchen. &ndash; O wie
-war das jetzt anders, wie war dieses Neuyork jetzt schön!
-Nur die Betrübnis der Miß Luise fürchtete er noch, wenn
-anstatt des heißerwarteten Bräutigams ein fremder Mensch
-kommt, um zu sagen, der Bräutigam sei auf ein unrechtes
-Schiff gestiegen und könne kaum vor einer Woche eintreffen.
-Im Wildpark, dem Lärme ein wenig entrückt,
-stand ein stattliches Haus. Hohe Tannen, wie er sie seit
-den Pyrenäen nicht mehr gesehen hatte, überragten mächtig
-die Giebel und auf den Wipfeln sangen zu Hunderten
-die Vögel. Herbert drückte mit Beklemmung am Taster,<span class="pagenum"><a id="Seite_316">[316]</a></span>
-das Tor öffnete sich und vor ihm stand &ndash; Richard. Er
-war eben vor einer Stunde angekommen. Ein amerikanischer
-Eildampfer, mit dem sein nach Brest fahrendes
-Schiff gekreuzt, hatte ihn aufgenommen und hierher gebracht.
-Laut lachend fielen sich die beiden Freunde in die
-Arme und Herbert erzählte mit kurzen Worten lustig, daß
-er in den wenigen Stunden seines Aufenthaltes in Neuyork
-schon ein großes und gutes Geschäft gemacht habe. Dann,
-gleich im Stiegenhaus, wurde die Braut vorgestellt &ndash;
-ein frisches, rund- und schwarzäugiges Mädchen, das ohne
-viel Förmlichkeit dem Freunde ihres Richard derb die Hand
-schüttelte.</p>
-
-<p>Gegen Abend desselben Tages kam die erbetene Depesche
-aus Hamburg mit dem Berichte, der verhängnisvolle Vorfall
-bestehe darin, daß der Bureaudirektor eine große Defraudation
-verübt habe, flüchtig geworden sei und bis zur
-Stunde noch keine Spur von ihm zu entdecken wäre. Dann
-hieß es: »Sonst alles wohl. Deine Susanna.«</p>
-
-<p>»Nun also!« rief Richard. »Das wäre geschlichtet. &ndash;
-Und nun wirst du bei unserer Hochzeit sein!«</p>
-
-<p>»Das versteht sich. Ich eile nur, meiner Familie
-zu berichten, daß wir ihn haben.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_317">[317]</a></span></p>
-
-<h2 id="Mein_Vetter_der_Tuerke">Mein Vetter, der Türke.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Am 19. Oktober 1880 erhielt ich aus Teheran, der
-Hauptstadt Persiens, folgendes Telegramm:</p>
-
-<div class="letter">
-
-<p>»Mein teurer Vetter, ich bin verloren. In Affäre
-verwickelt, die mir den Kopf kostet, wenn Intervention
-der österreichischen Gesandtschaft nicht gelingt. Bis die
-Post Näheres bringt, vielleicht zu spät. Lebe wohl.</p>
-
-<p class="right">
-Anton.«
-</p></div>
-
-<p>Meine Entrüstung darüber, daß Anton, der immer
-Lustige, um teures Geld solche Späße treibt, war nicht
-gering. Der Scherz kostete mindestens fünfzig Franken.
-War der Junge nicht bei Trost? Sollte er im Lande der
-Sonne doch ein bißchen Sonnenstich bekommen haben?</p>
-
-<p>Nach der Entrüstung kam die Erwägung. Am Ende
-war doch etwas an der Sache. Vielleicht Liebeshändel;
-bei solchen kann man auch anderswo den Kopf verlieren.
-Aber »den Kopf kosten«, das war etwas spezifisch Orientalisches.</p>
-
-<p>Ein Hitzkopf war der Bursche immer gewesen, und
-bei solchem ist alles möglich. Seinen im Mürztale lebenden
-Verwandten wollte ich einstweilen die sonderbare Nachricht
-geheimhalten. Er war meines Vaters Bruders, des Eisenwerksverwalters
-von Niederaigen jüngster Sohn. Ich hatte
-ihn stets liebgehabt.</p>
-
-<p>Auf den Drähten der englischen Telegraphen-Kompagnie
-flogen nun in wenigen Tagen ein paar Depeschen
-hin und her. Die Gesandtschaft bestätigte alles und drückte
-den Zweifel aus, ob es gelingen werde, die Todesstrafe in
-lebenslängliche Zwangsarbeit umzuwandeln.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_318">[318]</a></span></p>
-
-<p>Kaum zwei Jahre waren verflossen, seit mein Vetter
-Anton Rosegger nach seinen vollendeten Studien als Techniker
-sich einer europäischen Auswanderungsgesellschaft nach
-Persien angeschlossen hatte. Es hieß, daß die Eisenbahn
-vom Schwarzen Meere aus über Persien nach dem Golfe
-zustande kommen würde, und dabei wollte er sein Glück versuchen.
-Ich war anfangs dagegen, weil mir jedes leichtsinnige
-Auswandern ein Greuel ist; da aber trotz seiner ausgezeichneten
-Talente, besonders im Zeichnen und in Metallarbeiten,
-in der Heimat die Aussichten für ein Vorwärtskommen
-wirklich keine glänzenden waren, der Bursche aber
-vor Gesundheit und Lebensmut nachgerade Funken sprühte,
-so ließ ich mich von dem ausgespielten Gemeinplatz: »Junge
-Leute müssen in die Welt hinaus,« überlisten und erteilte
-leider meine Sanktion.</p>
-
-<p>Zweimal hatte er seit seiner Abreise geschrieben; das
-erstemal, daß er in den königlichen Münzwerkstätten zu
-Teheran arbeite, daß seine Existenz eine gründlich asiatische,
-doch aber recht erträgliche sei, daß er sich mit den orientalischen
-Sitten schnell vertraut gemacht habe. Und im
-zweiten Schreiben an mich hieß es, daß ich zusehen möge,
-ob er bei einer dritten Europareise des Schah-in-Schah
-nicht als Großwesir die Majestät begleite! &ndash; Wenn die
-orientalischen Fürsten Hofnarren hielten, dachte ich damals
-bei mir, dann wäre es schon möglich, daß der muntere,
-zu allerlei Schalkereien aufgelegte Junge beim Schah sein
-Glück machte. Nun, in den Ländern von »Tausend und
-einer Nacht« ist alles möglich &ndash; das Großwesirwerden so
-gut, wie das Geköpftwerden.</p>
-
-<p>Infolge der Gesandtschaftsberichte war ich alsbald entschlossen;
-was blieb auch anderes übrig, hatte ich ihn doch
-auf dem Gewissen! Ich hatte in meinem Leben manche<span class="pagenum"><a id="Seite_319">[319]</a></span>
-große Reise gemacht, um nichts anderes, als um meine
-Neugierde zu befriedigen; warum sollte ich nun nicht nach
-Persien, um meinen armen Vetter zu retten, oder wenigstens,
-ihn noch einmal zu sehen. Zu Hause schützte ich
-eine größere Reise in die Schweiz und nach Savoyen vor,
-reiste aber nach Wien, wo Geld und Empfehlungsschreiben
-zu beschaffen waren. Die Briefe und Depeschen zwischen
-Teheran und Österreich hatten die unterschiedlichste Zeit
-gebraucht, das eine Mal drei Wochen, das andere Mal fast
-genau drei Monate; daraus konnte ich auf die Unregelmäßigkeit
-des Verkehrs schließen. Meine Reise ging auf der
-Eisenbahn damals nur bis Galatz, dann auf dem Dampfer
-ins Schwarze Meer hinaus bis zur kaukasischen Hafenstadt
-Batum und dann, ohne den Elbrus zu besteigen, über das
-Gebirge. Im Hotel zu Tiflis bekam ich einen heftigen
-Asthmaanfall, der mich zwei Tage festhielt. Der Wirt, ein
-Franzose, ließ mich und meine Sachen ins Freie tragen unter
-ein türkisches Zelt, weil er der Meinung war, ein toter Passagier
-vertreibe zehn lebendige. Der Arzt verschrieb mir,
-alle zwei Stunden einen Tschibuk zu rauchen. Der Tschibuk
-trieb das Asthma von der Brust in den Magen. Vom
-Schwarzen Meer bis Tiflis führte damals schon ein großartiger
-Eisenbahnbau, hernach ist es mit der europäischen
-Kultur aus; man ist in Asien &ndash; und das besagt alles.
-Die Poesie, mit der wir seit unserem Bibelstudium in der
-Kindheit das Morgenland ausgeschmückt haben, ist in kürzester
-Zeit aufgelöst. Auf Eseln und Kamelen die grundlosen
-oder steinigen, stets von Wegelagerern gefährdeten
-Steige träge hinziehend, blitzt in der Seele nur selten eines
-jener wunderbaren Bilder auf, wie sie die morgenländischen
-Dichter, diese windigen Fabulierhänse, geschaffen. Ich habe
-mir's überhaupt abgewöhnt, einem Dichter etwas zu glauben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_320">[320]</a></span></p>
-
-<p>Meine Spannung richtete sich selbstverständlich nur
-auf das möglichst rasche Weiterkommen meiner aus asiatischen
-und europäischen Elementen zusammengewirbelten
-Karawane. Auf dem Kamele nicht wie ein Reiter, sondern,
-angeschnallt wie ein Warenballen, kauernd &ndash; anfangs
-machte es mir Spaß; später kam's mir unsäglich
-langweilig vor, da des Tages oft kaum drei Meilen zurückgelegt
-wurden. Ein die Verhältnisse kennender Russe versicherte,
-die Reise gehe so außerordentlich gut von statten,
-daß man diese Karawane einen Eilzug nennen könne. Also
-reiste ich mit »Eilzug«. Die Ortschaften, die wir passierten,
-waren über alle Vorstellungen armselig, die Herbergen so
-elend, Essen und Trinken so europawidrig, daß ich den
-Vetter nicht begriff, der sich mit den orientalischen Zuständen
-schon so vertraut gemacht haben wollte. Die Strecke
-von Wien bis Tiflis legte ich in neun Tagen zurück, jene
-um das Dreifache kleinere von Tiflis bis Teheran in dreiundzwanzig
-Tagen. Am 10. Dezember war ich endlich in
-der persischen Hauptstadt. Trostlose Armseligkeit und fabelhafte
-Pracht ist der erste Eindruck, den diese Königsstadt
-macht. Ein wunderliches Gemisch von morgen- und abendländischen
-Erscheinungen: unter Telegraphenstangen hocken
-zerlumpte Derwische, in französischen Konditoreien kauern
-schläfrige Haschischraucher. Neben modernen Palästen gähnen
-fensterlose Höhlen, aus Stroh und Lehm zusammengebacken,
-»Bürgershäuser« der Königsstadt. Selbst die Stadtmauern,
-zumeist aus Lehm aufgeführt, sind derart, daß bei allfällig
-geplanter Erstürmung derselben eine Wasserspritze
-bessere Dienste leisten würde als eine Kanone. Eine nähere
-Beschreibung des Lebens und Treibens zu Teheran behalte
-ich mir für ein anderes Mal vor, mein jetziges, wichtiges
-Ziel war fürs erste die österreichische Gesandtschaft.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_321">[321]</a></span></p>
-
-<p>Das Herz sprang mir bis zum Halse herauf vor
-Freude, als ich wieder die Sprache der Deutschen hörte,
-nachdem ich mich bisher so kümmerlich mit meinem bißchen
-Französisch und Steirisch durchgeholfen hatte. Wo nämlich
-in Herbergen oder bei Lastträgern mit dem höflichen Französisch
-nichts auszurichten gewesen war, da hub ich mit
-geballten Fäusten gut steirisch zu fluchen an, und das
-hatte manchmal gar keine üble Wirkung. Hier bei der
-Gesandtschaft umarmte ich den ersten Beamten, der mich
-auf meine Schriftstücke hin deutsch anredete, wie einen
-alten Freund, und die erste Frage war: »Ist's noch früh
-genug?«</p>
-
-<p>Der Beamte wich mit seinem Blick meinen Augen
-aus und antwortete, am Leben wäre er zwar noch&nbsp;…</p>
-
-<p>Ob Hoffnung vorhanden?</p>
-
-<p>Ein leichtes Achselzucken. Nun erschien der Herr
-selbst, den seine Unterbeamten Konsul nannten. Ein braunbärtiger
-Mann mit rotem Fez auf dem Haupte, den er
-beim Gruße nicht lüpfte. Er war, wie ich schon wußte,
-ein geborener Mährer. Er setzte sich auf einen sehr niedrigen
-Schemel, bot mir Platz auf dem Diwan, eine Zigarette
-und machte mir dann Mitteilungen. &ndash; Geschehen sei alles
-für meinen Verwandten, und mehr als was getan worden,
-könne überhaupt nicht geschehen. Mein Vetter sei gefaßt, ich
-sollte es auch sein; er erwarte mich mit großer Sehnsucht,
-ich würde bald zu ihm geführt werden können, vorderhand
-müsse ich mich etwas erholen von den Reisestrapazen.</p>
-
-<p>Meinen Anzug ordnete ich in dem mir angewiesenen
-Zimmer des Gesandtschaftshotels unter Mithilfe eines braunen
-Jungen rasch und untadelhaft, als sollte ich die Aufwartung
-bei einem Würdenträger machen, anstatt bei einem
-Todgeweihten im Kerker; ich hielt mich hierin an eine<span class="pagenum"><a id="Seite_322">[322]</a></span>
-orientalische Sitte, auf die mich der Konsul aufmerksam
-gemacht hatte. Das vorgesetzte Mahl mußte mir mein
-Gastherr mit vieler Mühe annötigen, ich war voller Ermattung
-und Angst. Auch so müde war ich, so steif die
-Beine von dem langen Ritt. Der feurige Perserwein tat
-seine Pflicht, machte mich zuversichtlich und aufgeweckt, um
-so mehr, als auch der Konsul, der mit mir speiste, bisweilen
-munteren Gesichtes mich tröstete. In Asien sei ein
-zum Tode Verurteilter noch lange nicht aufgegeben, Despotenlaunen
-seien ja bekanntlich unberechenbar.</p>
-
-<p>»Aber, Herr, worin besteht denn eigentlich das Verbrechen
-meines Vetters?« kam ich endlich dazu, zu fragen.</p>
-
-<p>Darauf, meinte der Gesandte, sei nicht so leichthin
-zu antworten.</p>
-
-<p>»Hat er in Unkenntnis der Zustände eine staatswidrige
-Handlung begangen?«</p>
-
-<p>»Ein politisches Verbrechen, meinen Sie,« sagte der
-Konsul, »derlei gibt es hier nicht, Freund. Aber gegen
-den Propheten hat er gesündigt, gegen die Tafeln des
-Kalifen. &ndash; Hören Sie denn, wie es sich zugetragen hat.
-Ihr Vetter hatte in der königlichen Münze, wo wir ihn
-gleich anfangs durch einen günstigen Zufall unterbrachten,
-sich bereits eine vorteilhafte Stellung erworben; er befehligte
-ein paar Dutzend Arbeiter, und der Schah hat
-den fähigen jungen Mann bei mehreren Gelegenheiten ausgezeichnet.
-Besehen Sie sich einmal dieses Geldstück!« Er
-zeigte mir ein neues Goldstück, auf welchem das Bild des
-Schah in feinster Prägung prangte. »Könnte das nicht
-ebensogut in Paris oder in Wien geschlagen worden sein?
-Das ist ein Werk Ihres Vetters. Er wäre heute Oberdirektor
-der Königlichen Münze, wenn nicht plötzlich der
-Teufel&nbsp;&ndash;« er zuckte ab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_323">[323]</a></span></p>
-
-<p>»Ich bitte Sie, meine Spannung!«</p>
-
-<p>»…&nbsp;<em class="antiqua">recte</em> das Weib dazwischen gekommen wäre.«</p>
-
-<p>»Ein Einbruch in den Harem?«</p>
-
-<p>»Mit nichten,« sagte der Konsul. »Ihr Vetter hat
-weder eine Frau des Schah noch die eines anderen Mannes
-auch nur mit einem Blick entweiht. Der junge Meister
-aus der königlichen Münze war bescheiden genug; der
-Tochter eines teheranischen Lederhändlers schaute er hinter
-den Schleier und erwählte sie. Ich habe sie mit meinen
-eigenen Augen gesehen, und ich sage Ihnen, es gibt nichts
-Schöneres auf Erden! Mit ihrem Vater war sie erst vor
-kurzem aus Ispahan eingewandert. Nun, die Leutchen
-liebten sich; der Vater drückte erst ein Auge zu, dann
-auch das zweite, und machte sie endlich gar nicht mehr
-auf, denn er starb auf einer Handelsreise nach Armenien
-an der Pest. Nun waren die jungen Leute sich selbst überlassen
-und wohnten in einem reizenden Häuschen des europäischen
-Quartiers. Die Idylle blieb nicht lange verborgen;
-von Derwischen angeführt, brach in Abwesenheit des Münzmeisters
-eine Rotte in sein Haus, warf ein Tuch über
-das Haupt des Mädchens, schleppte es davon, um es auf
-öffentlichem Platze hinzurichten.«</p>
-
-<p>»Um des Himmels willen, was erzählen Sie denn
-da?« rief ich aufspringend aus.</p>
-
-<p>»Bleiben Sie sitzen und hören Sie die Tafel des
-Kalifen: Wenn eine Anhängerin der Rechtgläubigen &ndash;
-des Mohammedanismus &ndash; sich mit einem Ungläubigen
-paart, so soll sie getötet werden. &ndash; Dem ist aber vorzubeugen,
-wenn der Mann sich zum Islam bekennt und
-sie zu seinem rechtmäßigen Weibe macht. Das österreichische
-Konsulat griff sofort ein. Ich begab mich zum trostlosen
-Münzmeister, um ihn zum formellen Bekenntnisse des Islams<span class="pagenum"><a id="Seite_324">[324]</a></span>
-zu bewegen, traf ihn aber nicht mehr in der Werkstätte.
-Er war zur Moschee geeilt, in der seine Braut gefangen
-gehalten wurde, und schleuderte dort einen Derwisch,
-der ihm den Eintritt verwehren wollte, so heftig an die
-Marmorbrüstung, daß der zusammenstürzte und für alle
-Zeit auf das Aufstehen verzichtet hat. Die fanatische Menge
-nahm den Gewalttätigen natürlich gefangen, um ihn der
-Tafel des Kalifen zu überliefern, die da spricht: Wer Blut
-vergießt, dessen Blut soll auch vergossen werden. &ndash; Die
-Gesandtschaft machte alle erdenklichen Anstrengungen, ihn
-zu retten: er selbst gab alle Hoffnung auf, nur Muselman
-wollte er vor seinem Tod noch werden, um die Braut
-zu retten. Damit war's aber zu spät. Die Tafel des Kalifen
-sagt: Ein Ungläubiger, der einen Derwisch erschlägt,
-kann nimmer des Islams sein.«</p>
-
-<p>»Also beide verloren?«</p>
-
-<p>»Ich habe mich an die übrigen europäischen Gesandtschaften
-gewendet in dieser Sache, allein die Tafel des
-Kalifen sagt: Der Islam steht über allen Gesetzen. &ndash;
-Und doch, Freund, haben wir Unglaubliches erreicht. In
-einer der europäischen Anwandlungen, denen der Schah
-&ndash; Allah segne ihn! &ndash; bisweilen unterworfen ist, hat er
-seinen Münzmeister begnadigt&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Begnadigt?!« Ein heißer Freudenschreck.</p>
-
-<p>»&ndash;&nbsp;zu zehnjähriger Zwangsarbeit bei den Straßenbauten
-im Elbrusgebirge.«</p>
-
-<p>Mir fiel auf, daß der Konsul solches mit einer gewissen
-Trauer sagte. Ich wußte noch nicht, was es heißt,
-zehn Jahre Zwangsarbeit in Persien. Keiner überdauert
-sie, es ist eine langsame Hinrichtung.</p>
-
-<p>»Zugunsten des Mädchens,« fuhr mein Berichterstatter
-fort, »fand der Schah, der sich für den Fall persönlich<span class="pagenum"><a id="Seite_325">[325]</a></span>
-interessierte, die Deutung des Kalifen, nach welcher die
-Sünderin durch eine Wallfahrt nach der heiligen Stadt
-Kum in der Salzwüste gereinigt werden könne. Sie ist aber
-nicht in die Salzwüste, sondern unter heimlichen Begünstigungen
-ins Elbrusgebirge gezogen, wo der Verurteilte seine
-Strafe sofort angetreten hatte.«</p>
-
-<p>»Ich finde ihn nicht in Teheran?« war meine Frage.</p>
-
-<p>»Sie finden ihn auch im Gebirge nicht,« antwortete
-der Konsul.</p>
-
-<p>»Sie foltern mich, Herr! Was soll ich denn tun?«
-rief ich, von meinem Diwan aufspringend, denn die Sehnsucht
-nach meinem unglücklichen Verwandten verzehrte mich.</p>
-
-<p>»Sie müssen zum Großwesir gehen,« sagte mein Gastherr
-mit blinzelnden Augen. Da hatte ich genug.</p>
-
-<p>»Den Großwesir bestechen? Ich bin arm.«</p>
-
-<p>»Bringen Sie ihm, was Sie haben, Ihren Mut,
-Ihre Liebe zum Blutsverwandten, vielleicht rührt ihn das.
-Unser neuer Großwesir ist nicht so schlimm wie sein Name.
-Wäre er vor zwei Monaten schon in seiner Würde gestanden,
-wir hätten das mit Ihrem Vetter nicht erlebt.
-Er kann uns helfen, kommen Sie nur, ich begleite Sie
-zu ihm.«</p>
-
-<p>Diese plötzliche Zuversicht meines Konsuls richtete mich
-auf; ich fühlte kein steifes Bein mehr, aber auch kein steifes
-Rückgrat; es soll sich ordentlich biegen, wenn's dem Anton
-gilt. Mein Gastherr klingelte seinem Burschen, einem
-flinken Kaukasier; die Pferde wurden vorgeführt, wir ritten
-zum Großwesir.</p>
-
-<p>Dieser Ritt durch die Stadt hat keine Erinnerung
-in mir hinterlassen, ich habe sicherlich nichts gesehen und
-nichts gehört, so erfüllt war ich von dem Schicksale meines
-Anton und meiner Mission. An der Pforte des Palastes<span class="pagenum"><a id="Seite_326">[326]</a></span>
-sah ich die ersten Mohren; sie warfen sich auf den Bauch,
-als wir an ihnen vorbei die Treppe hinaufstiegen. Wir
-gelangten in eine dämmernde Halle mit schwarzen Wänden
-und schneeweißen Marmorsäulen. Das ganze Licht dieses
-Raumes schien von den weißen Säulen auszugehen, ich
-sah kein Fenster. Die folgenden Räume, die wir durchschritten,
-waren noch märchenhafter; aber mich entzückte
-keine Pracht, mich erschreckte sie nur, es war ja doch nichts
-als das Hohnlachen des Despoten.</p>
-
-<p>Endlich standen wir vor schweren Vorhängen; ein
-wohliger, betäubender, völlig fremdartiger Geruch. Mein
-Konsul legte mir die Hand auf die Achsel: »Nur Fassung!«</p>
-
-<p>»Ich habe Mut,« darauf meine hohlstimmige Antwort.</p>
-
-<p>»Auch für das Schlimmste? Auch für das Beste?
-Wir sind im Orient!«</p>
-
-<p>Die Vorhänge wallten zurück, mir war ganz traumhaft.
-Was jetzt geschah &ndash; man wird mir's nicht glauben
-können. &ndash; Aus einem Nebengemach schritt der Würdenträger,
-in einem reichverzierten Kaftan, rasch auf mich
-zu und fiel mir lachend um den Hals.</p>
-
-<p>Ich schrak zurück, war starr und glotzte ihn an. &ndash;
-War er's? War er's selber? &ndash; »Das &ndash; das ist zu dumm!«
-schrie ich entrüstet über diese beispiellose Riesenfopperei. &ndash;
-Der Anton stand vor mir, mein Toni, meines Vaters
-Bruders Sohn!</p>
-
-<p>»Gerettet? Gerettet?« rief ich, »so lass' mich zum
-Großwesir, daß ich ihm danke auf den Knien.«</p>
-
-<p>»Bitte sich nicht zu genieren!« sagte er, trat einen
-Schritt zurück, kreuzte die Arme über der Brust und stand
-in seinem reichen Gewande mit vergoldetem Krummsäbel
-da wie ein indischer Fürst aus der Phantasie Scheherazades.</p>
-
-<p>»Komödiant!« kreischte ich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_327">[327]</a></span></p>
-
-<p>»W&ndash;a&ndash;a&ndash;s? Mensch, gib acht, daß ich dich nicht
-kürzen lasse!«</p>
-
-<p>Der Konsul zog mich beiseite und flüsterte mir mit
-schrecklich gewichtiger Miene zu: »Es ist der Großwesir!«</p>
-
-<p>Auf alle Ausschmückung der Begebenheit verzichte ich.
-Die Überraschung war den Herren zu gut gelungen. Bald
-darauf saß ich in einem der innersten Gemächer ganz
-blöde da. Der Vetter war hinausgegangen, der Konsul
-redete mir zu, nicht weiteren Zweifel zu setzen in die
-Richtigkeit der Erscheinungen. Er erinnerte an die Tafel
-des Kalifen, wo es heißt:</p>
-
-<p>Die Welt ist wahr, sei es auch du. Und wenn du
-lügst, dann tue es so dick, daß man dir nicht glaubt. &ndash;
-»Was Sie da sehen, das <em class="gesperrt">werden</em> Sie aber glauben,«
-fuhr der Konsul fort. »Denn alles, was ich Ihnen von dem
-Münzmeister, von seiner Braut, von seinem Totschlage,
-von seiner Verurteilung und Begnadigung erzählte, es ist
-wahr. Erst vor wenigen Wochen ist er von der Zwangsarbeitskolonie
-am Elbrus zurückgekehrt nach der Residenz,
-um seinen hohen Posten anzutreten. Man hat's nach Österreich
-berichtet, aber Sie waren schon abgereist.«</p>
-
-<p>»Das ist alles recht schön,« war mein zögernder Einwand,
-»wenn ich nur auch wüßte, wie der Mensch aus
-einem Zwangsarbeiter am Elbrus ein &ndash; ein so großes
-Tier wird.«</p>
-
-<p>»Oh,« sagte der Konsul, »das ist einfach. Man rettet
-dem Schah das Leben. Der Schah macht nämlich mit
-mäßigem Gefolge einen Jagdausflug ins Gebirge und wird
-in den Engpässen bei Scheristanak von kaukasischen Räubern
-überfallen. Aus der Nebenschlucht bricht, angeführt
-von einem jungen Münzmeister, die Sträflingskolonie hervor
-und schlägt die Räuber in die Flucht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_328">[328]</a></span></p>
-
-<p>»Herr!« rief ich, »das ist ja ein Märchen! Das
-ist ein tolles Märchen!«</p>
-
-<p>Er zuckte die Achseln: »Wir sind im Orient! &ndash;
-Hören Sie weiter. Einige Tage vor dem Ereignis im
-Elbrusgebirge hat gerade der Großwesir aus der persischen
-Königskrone heimlich ein paar Diamanten gebrochen, so
-wie man aus dem Weihnachtskuchen die Rosinen zwickt.
-Das ist dem Schah nicht recht, er läßt den Herrn abtun
-und setzt an seine Stelle den jungen Münzmeister.«</p>
-
-<p>Man hat's seinerzeit ja auch in den Blättern gelesen.</p>
-
-<p>Nun trat seine Exzellenz herein, das schrecklich schöne
-Gewand hatte er abgelegt. Doch sah er mit seinem an
-beiden Seiten niederhängenden Schnurrbart, mit der breiten,
-maikäferbraunen Leibbinde, in der scharlachroten Pumphose
-und den gelbseidenen Sandalen immer noch türkisch
-genug aus. Sonst war's das breite, wohlgerötete steirische
-Gesicht mit den frischen grauen Augen. Nun ließ sich ja
-mit ihm reden. »Gelt,« sagte er, mich bei der Hand fassend,
-»du bist nit bös, daß ich den Spaß gemacht hab'. Für
-die ausgestandene Angst müssen wir doch auch ein Pläsier
-haben.« Aber als ich mich höflich nach seiner Frau Gemahlin
-erkundigte, und ob ich ihr vorgestellt werden könne,
-da kam wieder die Tafel des Kalifen Abu Bekr: Wer Begehr
-nach der Frau seines Gastherrn hat, der soll mit dem Tode
-bestraft werden.</p>
-
-<p>»Sehr gütig, Exzellenz, darf ich noch fragen, wann
-der nächste Zug nach Europa abgeht? Den Karawanenzug
-meine ich.«</p>
-
-<p>Aber das begann doch immer gemütlicher zu werden,
-und bald fand ich, daß es doch gar nicht so übel ist, Geschwisterkind
-und Gast des Großwesirs von Persien zu
-sein. Auch dem Schah wurde ich vorgestellt: der war sehr<span class="pagenum"><a id="Seite_329">[329]</a></span>
-leutselig, erkundigte sich nach Wien und den Wienern,
-die er ein paar Jahre vorher besucht hatte, erkundigte sich
-besonders nach der Naschhütte neben dem zweiten Kaffeehaus
-im Prater, und was die Volkssänger Schrammeln machten.
-Dann schneuzte er sich mit den Fingern und trippelte davon.</p>
-
-<p>Noch lieber hätte ich die Gemahlin des jungen Großwesirs,
-die schöne Fatima gesehen. Der Konsul zeigte mir
-auch die Fenster des Harems. Diese waren sehr unzugänglich,
-und ich erwog, ob es den Herrn Vetter arg verdrießen
-würde, wenn ich es einmal mit dem steirischen Fensterln
-versuchte, in welchem er selbst einst Meister gewesen war.
-In Anbetracht der bekannten asiatischen Sitten habe ich's
-aber unterlassen.</p>
-
-<p>Nach fünfwöchentlichem Aufenthalt in Teheran ward
-mir der persische Boden endlich heiß unter den Füßen;
-mit Teppichen, Pelzen, Gewürzen und einem krummen
-Ehrensäbel beschenkt reiste ich ab, vollkommen beruhigt über
-das Befinden meines lieben Vetters Anton.</p>
-
-<p>Das Versprechen hat er mir gegeben, mich gelegentlich
-daheim zu besuchen. Bis dato ist er nicht erschienen. Unser
-Briefwechsel blieb ein lebhafter. Seine Brüder in Steiermark
-rauchen den feinsten türkischen Tabak. Im Jahre
-1887 hat er seinen Abschied genommen und sich in Unteritalien
-bei Potenza ein Landgut gekauft. Als ich ihn im
-vorigen Frühjahr einlud, uns doch einmal zu besuchen
-und zuverläßlich auch die Frau Schwägerin Fatime mitzubringen,
-lehnte er ab und kam wieder mit seiner verdammten
-Tafel des Kalifen.</p>
-
-<p>Ach du mein! Ich achte ja diese Tafeln. Wie schön
-zum Beispiel ist der Satz: Wenn du lügst, dann tue es so
-dick, daß man dir nicht glaubt.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_330">[330]</a></span></p>
-
-<h2 id="Reisebilder_aus_jungen_Jahren">Reisebilder aus jungen Jahren.</h2>
-</div>
-
-<h3 id="Die_saechsische_Schweiz">Die sächsische Schweiz.</h3>
-
-<p class="h2desc">1870.</p>
-
-<p class="drop">Wenn es einmal Riesen gegeben hat, &ndash; und daran
-zweifle ich nicht, denn meine Großmutter hat es
-oft gesagt &ndash; und wenn diese Riesen auch geschmackvolle
-Künstler gewesen sind, dann kann ich mir die Sächsische
-Schweiz erklären.</p>
-
-<p>Da werden sie einmal zueinander gesagt haben: Was
-doch dieses Land an der Elbe so öde und leer ist! Wie nimmt
-sich dagegen da oben das Salzburger Land und die Steiermark
-und die Schweiz so prächtig aus, da stehen neben
-den grünen Wiesen und den blauen Flüssen und Seen die
-großen Berge mit dunkeln Hochwäldern und grauen Felswänden!
-&ndash; Wäret ihr alle dabei, wenn wir hergingen und
-uns auch so etwas bauten? Und wahrhaftig, sie gingen
-her, brachen Felsmassen von den südlichen Alpen und vom
-näheren Riesengebirge und schleppten sie hinab an die Elbe
-und legten sie an beiden Ufern derselben übereinander und
-bauten Wände und Türme und nebenhin an den kleineren
-Bächen bildeten sie Schluchten mit Zacken und Hörnern
-und Höhlen und allerhand sonderbaren Gestalten. Dazwischen
-ließen sie aber tiefe dunkelgrüne Täler frei und
-neben und an und über den Felsen pflanzten sie Laub- und
-Nadelwälder, und hinter denselben, in Schluchten, errichteten
-sie Wasserfälle und gruben Tiefen in die Unterwelt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_331">[331]</a></span></p>
-
-<p>Und nun hatten die Riesen an der Elbe eine Gebirgswelt
-voll Wildpracht, wie sie die vielgerühmte Schweiz hat,
-da oben hinter dem Rhein. Die Schweiz ist zwar schön in
-ihrer Großartigkeit, aber ihre Großartigkeit ist gar nicht
-mehr bequem für den Menschen; die Natur scheint dieses
-Land auch gar nicht für den Menschen gemacht zu haben,
-sondern für sich selbst. Das Bergland an der Elbe aber
-hatte die Schönheiten der Natur mit dem Ebenmaß der
-Kunst vereinigt; es war eigentlich eine ungeheuere Bildhauerarbeit.
-Und dazu war das Bergland ganz für den
-Menschen zurechtgelegt; es war ein Steingebirge, aber deshalb
-nicht unfruchtbar, es war eine wildromantische Felsenwelt,
-aber deshalb nicht unzugänglich. &ndash; Und eben aus
-diesen letzten Umständen ist zu schließen, daß die Schweiz
-an der Elbe von kunstfertiger Menschenhand der Riesen
-gebaut worden ist.</p>
-
-<p>Dergleichen Dinge dachte ich mir, als ich durch die
-Schluchten des Meißener Hochlandes schritt. Mein Gott,
-man denkt denn einmal allerhand kindisches Zeug, wenn
-man so allein und in sich gekehrt dahinschlendert. Als mich
-endlich die gut angelegten Wege auf Anhöhen führten, fast
-ohne daß ich's merkte, und ich plötzlich keine Wildbäche und
-Felswände mehr sah, sondern zwischen sich weithin ziehenden
-Kornfeldern stand, da wurde mein Denken ein anderes &ndash;
-&ndash; nüchterner und vernünftiger.</p>
-
-<p>Dieses Gebirge der Sächsischen Schweiz konnte eigentlich
-nur durch Vertiefungen entstanden sein, das heißt, die Gegend
-mußte einst eine Hochebene oder ein einfaches Hügelland
-gewesen sein. Da kamen Wässer, schwemmten sich Betten,
-rissen Gräben in das Erdreich, nagten an dem Gesteine und
-höhlten all die Schluchten. Und als das Wasser schon
-längst unten in den Tiefen dahinbrauste, begannen an dem<span class="pagenum"><a id="Seite_332">[332]</a></span>
-entblößten Felsen auch andere Bildhauer zu arbeiten, nämlich
-die Luft, der Frost und die Sonne, und so sind die
-eigentümlichen Felsbildungen zustande gekommen. Zu all
-dem senkte sich verwitternd fruchtbares Erdreich zwischen
-das Gestein und in seine Risse und Klüfte, und so wuchs
-in und aus denselben überall der kräftige Wald.</p>
-
-<p>Vom Elbetal aus meint man sich in weiß was für
-einem Hochgebirge zu befinden, besteigt man aber eine der
-nahen, kastellartigen Felswände, so steht man erst in
-gleicher Höhe mit dem übrigen Boden des Meißner Hochlandes.
-Nur wenige Berge, wie z. B. der Große und Kleine
-Winterberg, der Lilienstein, der Königstein, erheben sich über
-die normale Höhe.</p>
-
-<p>Diese hier so überaus seltsame Natur haben die Menschen
-früh aufgefunden, haben auf die Höhen Häuser und
-in die Täler Städte gebaut, haben die Flüsse geregelt,
-überbrückt, Wege und breite Straßen angelegt und dieselben
-gepflastert und gewahrt; zu den Felsenzinnen hinan
-haben sie Treppen gebaut und oben sichere Geländer und
-hohe Türme hingestellt, und auch bequeme Gasthäuser dazu.
-Und der Elbe entlang haben sie Segel- und Dampfschiffe
-flott gemacht und feste Straßen und Eisenbahnen angelegt,
-damit nun von Süden und Norden die Menschen kommen
-sollten zu sehen, was da auf diesem Fleck Erde für ein
-Land und Leben ist.</p>
-
-<p>Und sie kommen.</p>
-
-<p>Schon im Frühlingsmonate strömen sie heran aus
-allen Gegenden, Reiche und Arme, Gesunde und Kranke,
-Herren und Diener; &ndash; und solche, die schon gehadert mit
-dem Leben, weil es ihnen für ihre Millionen keine Lust
-und Zerstreuung mehr bieten wollte, werden in diesem
-Hochländchen wieder für einige Tage munter. Da entfaltet<span class="pagenum"><a id="Seite_333">[333]</a></span>
-sich denn in den Prachtanlagen ein lautes, klingendes
-Leben, und der Sachse lächelt schlau dazu und schlägt
-reiche Zinsen aus den Felsen seines Berglandes.</p>
-
-<p>Der Sachse ist aber auch ein Mensch, der sich sehen
-lassen darf vor den Fremden aus dem Süd- und aus dem
-Nordlande. In diesem Hochlande wohnt ein gescheites Völklein:
-gleich auf den ersten Blick merkt der Fremde die
-Kultur; sie drückt sich aus in den freundlichen, reinlichen
-Wohnungen, in der bequemen einfachen Kleidung und in
-der zutraulichem entschiedenen Ausdrucksweise. Kein einziger
-ist mir auf meinen Wanderungen in der Sächsischen
-Schweiz begegnet, der mir nicht zuvorkommend einen
-»guten Tach« geboten hätte. Und wenn ich um den Weg
-fragte, so wußte man mir denselben stets so einfach und
-bestimmt zu erklären, daß es eine Freude war. Es mochte
-vielleicht Zufall sein, aber auffallend war, daß mir auf
-dem ganzen Wege kein Bettler begegnete, wie sonst in
-dergleichen Gegenden. Selbst Kinder, die sich als Führer
-anbieten, wissen das ohne alle Zudringlichkeit und doch
-entschieden zu tun. »Herr,« sagen sie nach der Begrüßung,
-»wollen Sie, daß ich Ihnen den Weg und die schönen
-Punkte zeige und etwas trage, ich habe jetzt Zeit und möchte
-mir gern ein wenig verdienen!« Und wenn man den gebotenen
-Dienst ablehnt, so lüften sie wieder das Käppchen
-und ziehen ihrer Wege.</p>
-
-<p>Die Dorfkirchen sind einfach und meistens evangelisch;
-die Friedhöfe geschmackvoll, stets mit schönen, sinnigen Inschriften,
-meistens aus deutschen Klassikern.</p>
-
-<p>Mir hat's wohlgetan in diesem sächsischen Kleinalpenländlein.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_334">[334]</a></span></p>
-
-<h3 id="Aus_der_heiligen_Stadt">Aus der heiligen Stadt.</h3>
-
-<p class="h2desc">1870.</p>
-
-<p>In einem Talkessel der Ilm, von hohen Laubwäldern
-durchzogen, von fruchtbaren Kornfeldern und dunkeln Waldbergen
-umgeben, angesichts des sich in Südwesten bläulich
-hinziehenden Thüringer Waldes liegt Deutschlands heilige
-Totenstadt. Hier haben sie gelebt, die Dichterkönige, die
-Propheten, und hier liegen sie begraben. Weimar ist ein
-deutsches Jerusalem, ein deutsches Mekka geworden.</p>
-
-<p>Gleich wenn man über die Höhen von Apolda hinüber
-kommt, sieht man südlich der Stadt aus einem dunkelgrünen
-Laubwäldchen eine goldigfunkelnde Kuppel emporragen.
-Das ist die Fürstengruft und dort ruhen Schiller
-und Goethe.</p>
-
-<p>Es war mir feierlich zumute, als ich hinabstieg gegen
-das ruhige Städtchen. Dieses ist durchaus nicht reich an
-Pracht, aber die Häuser stehen schier weihevoll da, auf
-dem Pflaster hört man kaum einen Wagen rasseln, und
-durch die Gassen wandeln nur wenige Menschen. Es ist
-als ob die Stadt von seiner Glanzperiode zur Zeit Karl
-Augusts träumte.</p>
-
-<p>Und so lange Weimar steht, wird es träumen von
-jener Zeit und von den großen Männern, die seine Bürger
-waren.</p>
-
-<p>Heute zeigt es nur mehr die Wohnstätten der Sänger,
-und der Wanderer betritt sie mit Ehrfurcht.</p>
-
-<p>Es war hoher Nachmittag, als ich im Städtchen ankam;
-ich eilte an dem Goethe- und Schiller-Monument am Theaterplatz
-vorüber, Schillers Wohnhaus zu. Bald darauf
-stand ich<a id="FNAnker_A_1"></a><a href="#Fussnote_A_1" class="fnanchor">1</a> im Zimmerchen, wo Schiller gearbeitet hatte<span class="pagenum"><a id="Seite_335">[335]</a></span>
-und gestorben war. Da steht noch der Schreibtisch und auf
-demselben das Tintenfaß; da liegt noch das Buch offen, in
-dem er zuletzt las, und da liegt noch der Brief, den er zuletzt
-schrieb. Der Sessel steht auch noch am Tisch &ndash; man meint,
-der Professor müsse den Augenblick kommen und sich hinsetzen
-und seinen »Demetrius« fertig schreiben.</p>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_A_1"></a><a href="#FNAnker_A_1"><span class="label">1</span></a> Durch die Vermittlung des Dichters Julius <em class="gesperrt">Grosse</em>, der im
-Schillerhause als Präsident des Schillervereines wohnte.</p></div>
-</div>
-
-<p>Aber die Schließerin zeigt auf das leere, nur mit grünen
-und welken Kränzen belegte ärmliche Bett im Winkel und sagt
-leise: »Hier ist er gestorben.«</p>
-
-<p>Am Bette steht das Tischchen mit der Schale, aus der
-er seinen Thee trank, und mit dem Medizinfläschchen.</p>
-
-<p>Am Ofen steht ein Saitenkasten, auf welchem eine Gitarre
-liegt; ich hatte es schier nicht unterlassen mögen, eine
-Saite zu berühren. Doch, diese Saiten mögen ruhen und
-trauern.</p>
-
-<p>Goethes Wohnung ist nicht zugänglich. Seinerzeit ist
-der Eintritt gestattet gewesen; da war einmal, so erzählt man,
-ein Engländer gekommen und der hatte Goethes Feder mitgenommen;
-seitdem läßt der Eigentümer des Hauses keinen
-Fremden mehr ein.</p>
-
-<p>Herder wohnte im Pfarrhofe, unmittelbar an der Stadtkirche;
-Wielands Haus ist unweit des Theaters. Jedes dieser
-Häuser ist mit dem Namen des betreffenden Dichters bezeichnet.</p>
-
-<p>Ich bin lange vor den Erzbildern der vier Sänger
-stehen geblieben.</p>
-
-<p>Zur Nachmittagszeit wanderte ich dem Friedhofe zu, obwohl
-mir gesagt worden war, es würde mir kaum möglich
-sein, in die Gruft zu gelangen.</p>
-
-<p>Der Friedhof zu Weimar ist ein dichter, dunkler Wald
-von Espen, Linden, Eichen und Zypressen, unter welchen die
-stimmungsvollsten Denkmäler stehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_336">[336]</a></span></p>
-
-<p>Mitten im Friedhofe nun steht ein tempelartiges Gebäude
-mit der goldschimmernden Kuppel, und hier ist die
-Grabstätte des Großherzogs Karl August von Weimar und
-seiner Freunde.</p>
-
-<p>Ich stand eine Zeit lang im Tempel und las die Inschriften
-der unten Ruhenden. Da kam ein Mann, der wohl
-der Torwart sein mochte und den ich fragte, ob er mich nicht
-in die Gruft führen könne.</p>
-
-<p>»Ist nicht gestattet,« antwortete er kurz.</p>
-
-<p>Da war ich betrübt und sagte leise: »Ich hätte ihre
-Särge gern gesehen, aber ich werde wohl in meinem Leben
-nicht mehr hierher kommen.«</p>
-
-<p>»Sind wohl aus fernen Landen?« fragte der Mann.</p>
-
-<p>»Aus der Steiermark.«</p>
-
-<p>Auf dieses Wort schlug er mir heiter auf die Achsel:
-»Da sind wir ja schier Landsleute; meine Heimat ist in
-Ungarn, nahe an der steierischen Grenze; bin mehreremale in
-Steiermark gewesen. Ei schau, aus der Steiermark! Sapperlot,
-das freut mich. Kommen Sie, lieber Herr!«</p>
-
-<p>Mit diesen Worten zog der Mann einen Schlüssel aus
-der Tasche und führte mich in die Gruft.</p>
-
-<p>Links in der Nische stehen zwei Särge aus dunklem
-Holz, mit Lorbeerkränzen geschmückt &ndash; hier ruhen sie.</p>
-
-<p>Am Grabe Jesus Christus hätte ich kaum gerührter
-und ehrfurchtsvoller stehen können, als an dieser Stätte
-unseres erhabenen Sängerpaares.</p>
-
-<p>All' die andern fürstlichen Särge, die im Hauptschiff
-des Gewölbes der Reihe nach stehen, waren mir gleichgültig,
-obwohl mein Landsmann von der ungarischen Grenze viele
-Worte aufbot, mein Interesse dafür zu erregen. Nur am
-Sarkophag Karl Augusts war mir, als müßte ich dem<span class="pagenum"><a id="Seite_337">[337]</a></span>
-schlummernden Fürsten meinen Dank sagen, daß er der
-Freund unserer Dichter gewesen ist.</p>
-
-<p>So war mein Wunsch erfüllt und als ich dem Torwart
-zu Lohn noch erzählt hatte, wie es in der Steiermark und
-an der ungarischen Grenze zugehe, verließ ich den Friedhof
-und wandelte langsam gegen die Stadt.</p>
-
-<p>Am Abend &ndash; dieser war so mild und heiter, und die
-Türme von Weimar funkelten in der untergehenden Sonne
-&ndash; machte ich einen Spaziergang durch das »Hölzchen« und
-zwar in Begleitung der beiden Dichter, denn ich las Schillers
-»Spaziergang« und Goethes »Elegien«.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<h3 id="Auf_dem_Turme_der_Marienkirche_zu_Stralsund">Auf dem Turme der Marienkirche zu Stralsund.</h3>
-
-<p class="h2desc">1870.</p>
-
-<p>Einen der eigentümlichsten Eindrücke auf meiner ersten
-Reise durch Deutschland hat Stralsund auf mich gemacht.
-Ein stillernstes Denkmal aus lebens- und drangvollen Tagen
-steht sie da, rings von Wasser umgürtet &ndash; die zehnthronige
-Stadt Jaromars.</p>
-
-<p>Jaromar, ein Fürst von Rügen, hat Stralsund im Jahre
-1209 gegründet. Da kamen die Dänen und Lübecker mit
-Feuer und Schwert, auf daß die kaum dem Meere entstiegene
-Jungfrau wieder untertauche. Aber bald erhob sie sich wieder,
-schöner als je und vermählte sich mit der deutschen Hansa.</p>
-
-<p>So ging eine lange Zeit hin und Stralsund blühte
-als Handelsstadt. Da kam im Jahre 1628 der Herzog von
-Friedland. Dieser schwur, die Stadt zu erobern, und wäre
-sie mit Ketten an den Himmel gebunden. Aber nicht an den
-Himmel war sie gebunden mit Ketten, sondern an die Herzen
-ihrer Bürger. Diese erschlugen dem gewaltigen Wallenstein
-zwölftausend seiner besten Streiter vor den Wällen der Stadt,
-und der Belagerer zog ab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_338">[338]</a></span></p>
-
-<p>Im Westfälischen Frieden wurde Stralsund den Schweden
-abgetreten, aber der Große Kurfürst eroberte es wieder
-für Deutschland zurück.</p>
-
-<p>Von nun ab wurde Stralsund, das seine der Hansazeit
-entstammende Kraft längst aufgezehrt hatte, ein Spielball
-zwischen Preußen, Dänen, Schweden und Franzosen,
-bis es heute unter dem Schutze Preußens ausruht von seiner
-blutigen Geschichte.</p>
-
-<p>Stralsund mit seinen schmalen, hohen Häusern, zahlreichen
-Erkern und stattlich zugespitzten Giebeln, hat den
-Charakter einer mittelalterlichen Stadt. Die engen, größtenteils
-gleichlaufenden Gassen sind von Kleingewerbe belebt,
-nur gegen den Hafen hin entfaltet sich das rege Leben und
-Streben des Schiffsvolkes.</p>
-
-<p>Unter den malerischen Gebäuden Stralsunds fällt das
-eigentümlich geformte vieltürmige Rathaus auf, und die
-Marienkirche.</p>
-
-<p>Von dem hohen Turme der Marienkirche aus, den man
-(über 368 Stufen) fast bis zur Spitze besteigen kann, hat
-man die entzückendste Aussicht über das befestigte Viereck der
-Stadt, über einen Teil von Mecklenburg, der Insel Rügen
-und den blauen Strela-Sund mit seinen zahlreichen Schiffen.
-Südöstlich schweift der Blick über den Greifswalder Bodden
-und nördlich fernhin über die Fläche des Meeres.</p>
-
-<p>Als ich auf dem Turme war, ging nach einem Gewitter
-gerade die Sonne unter. Die Luft war ungewöhnlich rein,
-der Himmel zum größten Teile klar geworden, nur über
-Greifswald und die Insel Usedom zogen sich noch Regenstreifen,
-von einem reinen Regenbogen durchwoben. Auf
-dem Meere, gegen Schweden hin, standen am Horizont weiße
-Punkte &ndash; einsam wallende Segelschiffe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_339">[339]</a></span></p>
-
-<p>Von Rügen schimmerte das drei Meilen weit entfernte,
-hochliegende Bergen herüber.</p>
-
-<p>Ich konnte mich von diesem Bilde nicht trennen. &ndash;
-Rügen! du meer- und lichtumflossenes Eiland, du sagenreiche
-Stätte altnordischer Kultur, du Wiege deutscher Befreier aus
-römischer Herrschaft; du einst von den Segeln der Hansa umkreister
-Eichenhain; du ersehntes Ziel der Naturforscher, du
-Waldesruh der Poeten &ndash; ehrwürdige Warte im Norden:
-sei mir gegrüßt!</p>
-
-<p>»Ik wet nich, jez stahn mer schon twe Stunden da!«
-mahnte der Küster, der mich auf den Turm begleitet hatte.</p>
-
-<p>»Steigen Sie in Gottesnamen hinab, ich werd' schon
-nachkommen,« sagte ich.</p>
-
-<p>Darauf meinte er, ich würde allein nicht hinabfinden,
-eine Zumutung, über die ich lachte.</p>
-
-<p>Der Mann bedeutete mir noch, daß ich mich immer an
-den Handstrick rechts halten müsse; den Schlüssel, den er
-unten stecken lassen wolle, möge ich ihm, wenn ich nachkomme,
-in seine Stube bringen, dann ging er. Ich sah noch,
-wie die Sonnenstrahlen im Meere erloschen, wie dort Rügens
-Hauptstadt noch einmal aufglühte und wie dann stille Dämmerung
-lag über Land und Meer.</p>
-
-<p>Tief unter mir tönte schon die dumpfe Abendglocke der
-Marienkirche, als ich endlich an das Hinabsteigen dachte.</p>
-
-<p>Im Turme war es dunkel; ich hielt mich immer an die
-Handhabe rechts. Ich stieg langsam und vorsichtig abwärts.
-Auf den steinernen Stufen fühlte ich hie und da Schutt, den
-ich beim Hinansteigen nicht bemerkt hatte. Ich hatte stets
-den Strick in der Hand. Dann und wann rauschte es, ich
-mußte wahrscheinlich Familien von Fledermäusen behelligen.
-Mir wurde fast unheimlich; ich suchte in meinen Taschen
-nach einem Streichhölzchen, fand aber keins und jetzt hatte<span class="pagenum"><a id="Seite_340">[340]</a></span>
-ich auch den Strick verloren. Ich tastete an der rauhen, unübertünchten
-Mauer umher, aber ich fand keinen Strick.
-Wird sich doch wohl auch ohne einen solchen hinabhelfen lassen,
-dachte ich und kroch über Stufen und Stufen. Die Treppe
-wand sich und ich kam immer mehr in Schutt, und endlich
-hatte ich Mauer und Schutt neben und vor mir und ich
-konnte nicht mehr weiter. Viel Staub hatte ich aufgewirbelt,
-der legte sich mir jetzt in die Augen. Dann und wann flatterte
-etwas vorüber, etwas, aus welchem meine erregte Phantasie
-machen konnte, was sie wollte. &ndash; Ich war schier ratlos,
-doch entschloß ich mich, wieder emporzusteigen, die rechte
-Treppe zu suchen oder im schlimmsten Falle von der Höhe
-des Turmes um Hilfe zu rufen.</p>
-
-<p>Aber es sollte noch einen schlimmeren Fall geben, den
-nämlich, daß ich auch den Aufgang nicht mehr fand; ich
-kletterte über Stufen und Schutt und Gerölle empor, da
-stand ich an einer feuchten Wand, konnte nicht weiter und
-mußte wieder umkehren. So kletterte ich eine Zeitlang erregt
-und ruhelos auf und nieder und mir schien, als käme ich
-immer in andere Räume. Hie und da sah ich hoch über mir
-eine schmale Wandscharte, durch die einige matte Strahlen
-des Abends hereinfielen, sonst war überall undurchdringliche
-Finsternis.</p>
-
-<p>Ich verwünschte meinen Eigensinn, nicht dem Küster gefolgt
-zu sein &ndash; aber das Bild war ja so schön gewesen!</p>
-
-<p>Ich ergab mich in das Unvermeidliche; am nächsten
-Morgen würde sich das Weitere ja doch wohl finden.</p>
-
-<p>Ich setzte mich auf einen Stein, schlug meine Wolldecke,
-die ich immer mit mir trug, eng um Achseln und Brust und
-versuchte einzuschlafen. Aber ich war zu erregt. &ndash; So hilflos
-und verlassen hier, hoch über den Menschen! Wenn
-unten die Uhr schlug, hörte ich kaum die Töne.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_341">[341]</a></span></p>
-
-<p>Indes, nach und nach wurde es in mir ruhiger und
-noch einmal begann sich in dieser <em class="antiqua">camera obscura</em> das
-abendliche Bild der Aussicht von oben zu klären. Ich sah
-das meer- und lichtumstrahlte Eiland &ndash; ich sah Schiffe
-gleiten mit wehenden Wimpeln über den dunkeln Wassern;
-&ndash; ich sah endlich, wie aus den Fluten Felsen und Triften
-und Wälder und Auen sich erhoben und ich sah Hütten und
-Herden und heitere Hirten. Ich sah lustig jodelnde Sennerinnen
-und rüstige Gemsjäger. Und unten in den stillen
-Tälern sah ich Dörfer mit Schindeldächern und weißen
-Wänden, und ich sah, wie aus den Schornsteinen blauer Rauch
-aufstieg &ndash; ich sah mein geliebtes Alpenland. &ndash; … Da
-schwand das Traumbild und ich war wach.</p>
-
-<p>Unweit von mir hörte ich Gepolter und Männerstimmen,
-Lichtschein fiel mir in die Augen.</p>
-
-<p>Das waren der Küster und sein Sohn, die, als der
-Fremde am späten Abend noch immer nicht mit dem Schlüssel
-von dem Turme zurückgekommen, sich mit einer Laterne aufgemacht
-hatten, um zu sehen, ob ihm in den Räumen und
-Winkeln des alten Turmes doch nicht etwa was zugestoßen
-sei. Ich war bei den durch abgelöstes Mauerwerk halbverschütteten
-Treppen abgeirrt von der Haupttreppe, und
-war wirklich schon einem Abgrund nahe gewesen, der mich
-zwar mit einemmale um ein Bedeutendes tiefer, aber zuletzt
-wohl gar um sechs Schuh zu tief gebracht hätte.</p>
-
-<p>Wir mußten viele Treppen hinabsteigen und als wir
-an der Glocke vorüberkamen, schlug sie die elfte Stunde.</p>
-
-<p>Den andern Tag im Morgensonnenschein fuhr ich über
-den Sund und wanderte durch die Insel Rügen bis hinan
-zum Rugard.</p>
-
-<p>Dort stand ich still und blickte rings um mich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_342">[342]</a></span></p>
-
-<p>Da sah ich die Hügel von Putbus, die Buchenwälder
-bei Granitz und Stubbenkammer, die Kreidefelsen bei Arkona,
-die blauen Buchten, das Meer ringsum und in der
-Ferne gegen Westen den Turm der Marienkirche zu Stralsund.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<h3 id="Auf_dem_Rigi">Auf dem Rigi.</h3>
-
-<p class="h2desc">1870.</p>
-
-<p>Wenn man sich von Graz über Stralsund und
-Amsterdam nach Luzern rädern läßt und endlich auf
-eigene Socken kommt, so sieht man sich nicht erst um nach
-Hotel und Staubbürste, nicht erst nach dem Pfyfferschen
-Relief, nicht nach Thorwaldsens Löwen, nein, man flieht,
-eilt fort, &ndash; endlich auf eigenen Füßen!</p>
-
-<p>Ich lief, kaum ich dem Bahnhofe entsprungen war, über
-die eingedeckte Holzbrücke, und ich lief dem Hafen und dem
-Ufer des Vierwaldstätter Sees entlang gegen Küßnacht. Mir
-war unsäglich wohl und leicht, ich wollte nichts von Menschenwerk
-und Stadtluft, ich wollte die Natur des Hochgebirges,
-die ich seit der Fahrt über den Semmering schon so lange
-entbehren mußte. Das endlich war wieder die freie frische
-Luft voll Harzduft, voll Waldesrauschen &ndash; mein Element.
-Ich kam mir vor wie getragen, ich berührte die Erde kaum.
-Wie ein Reh lief ich am See entlang; ich war außer mir
-vor Freude, daß ich wieder in den Bergen stand. Was waren
-das für Berge, was war das für ein Alpenland! Jetzt,
-Du mein Gott, sah ich's erst, ich stand mitten in der Schweiz.</p>
-
-<p>Da lag vor mir der vielarmige See, so ruhig, so dunkelblau,
-wie das Himmelsauge an einem heiteren Herbstabend.
-Ein einziges Segelschiffchen glitt über den Spiegel
-und es war mir, als trage das einsame Segelschiffchen Poesie
-über den See &ndash; mehr konnte ich nicht erkennen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_343">[343]</a></span></p>
-
-<p>Diesseits liegt die grüne Wiese und ein kleines Landhaus
-mit weiten, grün eingerahmten Fenstern und grauen, schuppenartig
-verkleideten Wänden; vor dem Hause sind Lauben
-und Rebenpflanzungen.</p>
-
-<p>Jenseits des Sees aber, am bläulich schattigen Ufer
-erhebt sich der dunkle Wald und die düstere Felswand, und
-nun ist geschichtet Felswand auf Felswand &ndash; hoch empor
-hat es sich gebaut und getürmt in allen Lagen, in allen
-Gestalten, und oben an den Hängen und höchsten Hörnern
-kleben Nebelflocken wie weiße Blüten.</p>
-
-<p>Doch siehe, jene Klamm dort, aus welcher der Wassersturz
-wie ein milchweißes Band niedergeht, öffnet uns einen
-Blick in den Hintergrund.</p>
-
-<p>Aber was drängt sich da für ein wilder, finsterer Geselle
-vor, uns den Blick auf das liebliche Bild abzuschneiden?</p>
-
-<p>Wie ein Verzweifelter steht er da, wüst und zerrissen;
-ewig starrt er nieder in den tiefen See, ob er wogt und
-flutet, ob er ruhig ist. &ndash; So stürze dich hinein! &ndash; Nicht
-doch, wer weiß, welch' Leid in deinem Herzen nagt. &ndash; Man
-erzählt sich wohl was besonderes von dir, du finsterer Riese.
-Da kam der römische Landpfleger Pilatus, und aus Reue,
-daß er den Nazarener zur Hinrichtung verdammt hatte,
-stürzte er sich von dir in diesen See und davon hättest du
-den Namen.</p>
-
-<p>Links vor mir, hinter dem Seearm, erhebt sich ein grünlich-grauer,
-teilweise felsiger, teilweise bewaldeter Berg, in
-Form einer abgestumpften Pyramide. Dieser Berg ist der
-Rigi. Auf der höchsten Spitze desselben leuchtete ein weißer
-Punkt, das Hotel Rigi-Kulm. Und morgen, wenn die Sonne
-aufgeht, mußt du dort oben sein, und heute, da sie schon
-beinahe untergeht, bist du weit davon, und hast noch gar
-keine Herberge.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_344">[344]</a></span></p>
-
-<p>Einladende Höfe genug, einladende Menschen auch, denn
-die Ufer des Vierwaldstätter Sees sind dicht besäet von lebenslustigen
-Armen und Reichen, die in niedlichen Häusern
-oder stattlichen Villen wohnen. Aber ich fühlte ja noch die
-Flügel an den Fersen, und es lag Küßnacht nicht mehr fern.
-Dieser kleine Ort mit den großen Häusern ist so einladend,
-wie sein Name, es war, als ich ihn erreichte, schon dunkel
-geworden, aber trotzdem ging ich auch hier vorüber. Von
-Immensee aus, so hieß es in meinem Handbuche, ist der Rigi
-am kürzesten und bequemsten zu besteigen; mein Ziel für
-heute war Immensee.</p>
-
-<p>So ging ich. Vor mir leuchteten Johanniswürmchen,
-über mir die Sterne. Und Grillen hörte ich singen; in
-Steiermark tun es an so lieblichen Abenden auch die Burschen.
-Kaum eine halbe Stunde hinter Küßnacht kam ich zu dem
-Hohlweg, wo Wilhelm Tell den Schuß nach Geßler getan.
-Es war fast ganz finster, denn die Bäume hingen über mir
-zusammen. Ich blieb stehen, ich dachte an Schillers Dichtung,
-an die Tradition, an das Reichsvogtentum der
-alten Zeit. Mit tiefem Pathos begann ich endlich zu deklamieren:
-»Durch diese hohle Gasse muß er kommen!«</p>
-
-<p>»Er isch schon da!« rief es plötzlich hinter mir, und zwei
-Arme legten sich um meinen Leib.</p>
-
-<p>Ich war im Moment so erschrocken, daß ein ganzes
-Planetensystem vor meinen Augen funkelte.</p>
-
-<p>»Verflucht!« rief ich, »wer ist da?«</p>
-
-<p>»Stell di nit so närrisch, du Dingli; meinst, wo de
-gohsch und wo de stohsch, sin G'spenster! Luig me an, ob i
-nit der alt Friedli bi, der bsinnig!« Diese Worte sprach ein
-armseliges Gestaltlein, und dann reichte es mir die Hand.
-Ich nahm sie an.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_345">[345]</a></span></p>
-
-<p>»Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?«
-fragte ich.</p>
-
-<p>»Gueten Obe, de Friedli isch's halt; wonn der wilsch
-und wonn de z'friede bisch, so weis' i dir e Hus zum schlofe
-huit; de Nacht isch lang und chüel. Verstöhnt der mi?«</p>
-
-<p>»Angenommen,« sagte ich, »aber führen Sie mich in
-das nächstbeste Gasthaus, je näher am Berge, je besser,
-ich will mir für morgen den Weg auf den Rigi so kurz als
-möglich machen.«</p>
-
-<p>Dann führte mich das Männchen unter fortwährendem
-Geplauder. Fast possierlich sah es aus; es hatte, wie ich
-jetzt in der Sternenhelle bemerken konnte, einen Höcker,
-und trippelte damit geschäftig neben mir her und machte mich
-auf jedes Steinchen und auf jede Wurzel, über die wir schritten,
-aufmerksam.</p>
-
-<p>Und bald kamen wir ins »Hus«. Aber das war zu
-meinem Erstaunen kein Gasthaus, sondern ein großer Bauernhof
-mit vielen Ställen und Scheunen, aus denen mehrere
-Blechschellen, wie sie die Herden haben, ertönten.</p>
-
-<p>Als mich mein Begleiter ins Wohnhaus führte, sagte
-ein Weib, das an der Türe stand, und an dem ich in der
-Dunkelheit nur bemerken konnte, daß es sehr beleibt war:
-»Je, Friedli, wen bringst denn da?«</p>
-
-<p>»E Büebli, das im Wald isch gsi und ke Hus g'funde
-het,« antwortete das Männlein und rieb sich die Hände.</p>
-
-<p>Jetzt kamen auch noch andere Leute herbei, und sie
-lachten und endlich führten sie mich in eine Stube, die sehr
-geräumig und reinlich war, und in welcher eine Petroleumlampe
-brannte.</p>
-
-<p>»Entschuldigen Sie, man wird nicht hier bleiben können?«
-sagte ich.</p>
-
-<p>Da entgegnete mir ein stämmiger Mann, der in Alpentracht<span class="pagenum"><a id="Seite_346">[346]</a></span>
-war und ein Pfeifchen schmauchte: »Gasthaus ist
-zwar keines bei uns, aber wenn Sie nicht gern mehr hinabgehe
-nach Immensee und weil Sie der Friedli schon einmal
-gebracht hat, so bleibe Sie in Gottesnamen nur da; wenn
-Sie zufriede sein wollen, wir tun Ihnen gut, wie wir's
-haben.«</p>
-
-<p>Nach diesen Worten zog er über den Tisch, der in einer
-Ecke der Stube stand, ein weißes Tuch, und das Weib,
-welches früher an der Tür gestanden war, brachte Brot,
-Butter, Honig und eine Schale Milch, und dann luden sie
-mich ein, daß ich mich hinsetze und esse.</p>
-
-<p>Da setzte ich mich zum Tisch und aß.</p>
-
-<p>Das Männlein, das mich gebracht hatte, kauerte in
-einem Winkel der Stube und sah mir wohlgefällig zu, wie
-ich mir erkleckliche Brotlappen herabschnitt, sie auf einer Seite
-fürsorglich mit Butter, auf der anderen minniglich mit Honig
-bestrich, und meinen Appetit spielen ließ.</p>
-
-<p>»Nun, wie ist denn das?« fragte ich endlich, als der
-Mund einmal einen Augenblick frei war, »der Mann dort
-hat mich im Hohlweg aufgefangen. Ist das ein Fremdenführer?«</p>
-
-<p>»Ei nein,« sagte der Hauswirt fast hochdeutsch, »er ist
-ein Vetter von meinem Weib und da behalten wir ihn so
-im Hause, trotz der Albernheiten, die er tut.« Und mit
-einem Finger auf die Stirne klopfend: »Hat da d'rin lauter
-Räder, sonst nichts! Ei ja, tun tut er niemandem nichts,
-will allen Leuten, die ihm begegnen, Gefälligkeit erweisen.
-Einem Narren sieht man doch damit gleich.«</p>
-
-<p>»Aber das war nicht dumm, daß er mich da hergeführt
-hat zu Milch und Honig!«</p>
-
-<p>»Gesegn' Gott, wenn's schmeckt!« sagte der Bauer,
-»sind sicher ein Studiosus? &ndash; Ni ja, hab' mir's gleich dacht.<span class="pagenum"><a id="Seite_347">[347]</a></span>
-Mein Älterer, der Medardi, ischt auch Studiosus, unten in
-Zürich. Sie wollen gewiß morgen auf den Berg? Und vor
-Aufgang noch? Schau', das ist viel! Die Sonne, wissen
-Sie, geht da oben viel früher auf, als anderswo; hier
-unten kommt sie gerade um drei Stunde später. Ja, da
-möge Sie heut' wohl gleich ins Bett gehe. &ndash; Sepheli!«
-rief er hernach in ein Nebenstübchen, »Luig, isch das Bett
-für den Ma da neumis scho fertig? Tausigsappermost, 's
-isch hochi Zit!«</p>
-
-<p>»Nun,« sagte ich, »so wollen wir heute noch die Rechnung
-begleichen«.</p>
-
-<p>»Jetzt hören Sie mir auf!« lachte der Mann, »so ein
-Studiosus da!«</p>
-
-<p>»'s isch fertig, do lit er, wie ne Grof!« hörte ich in
-einer Kammer über uns sagen, und mein Gastherr sprach:
-»Fertig wär's. Jetzt sag' ich Ihnen eine ruhsame Nacht!«</p>
-
-<p>»Gunn der 's Gott der Herr!« schmunzelte mir das
-alte Männlein aus seinem Winkel zu und ich wurde in
-eine Oberstube zu Bett gebracht.</p>
-
-<p>Das Bett war nicht mit allzufeiner Leinwand überzogen,
-die Decke etwas steif; dennoch aber schlief ich auf meiner
-ganzen Reise nicht so süß als in dieser Bauernstube.</p>
-
-<p>»'s isch Zit, Büebli, 's hat eis gschlage!« rief es
-plötzlich, und der Friedli stand mit einer Talgkerze vor dem
-Bett und rüttelte an der Decke.</p>
-
-<p>Wenn die Zeit des Schlummers des Menschen glücklichste
-Zeit ist, wie Philosophen gesagt haben, warum läßt man sich
-wecken eines Sonnaufganges wegen?</p>
-
-<p>»Bisch sölli müed und schlöfrig gsi? Freili jo, Suntig
-isch, chumm, 's git e gueti Tag!«</p>
-
-<p>Wohlan, wenn es einen guten Tag gibt, da muß man
-dabei sein. &ndash; Ich erhob mich und in wenigen Minuten<span class="pagenum"><a id="Seite_348">[348]</a></span>
-darauf gingen wir in der kühlen Nachtluft durch junges
-Dickicht hinan. Friedli wies mir den Weg. Es war sehr
-taunaß, über den Zuger See und über das östliche Hügelland
-gegen Zürich hin hatte sich Nebel gelagert. Der Sternenhimmel
-war rein. Da wir auf einem guten Fußweg waren,
-der nicht leicht zu verfehlen sein konnte, sagte ich meinem
-Begleiter, daß er nun umkehren möge, und ich wollte ihm
-eine Münze in die Hand drücken; er kehrte weder um, noch
-nahm er die Münze. Erst als der Morgenstern aufging,
-meinte Friedli: »'s isch ein anderer da, bin jetzt frei dervo,
-bhüetis Gott!«</p>
-
-<p>»Leb' wohl, Friedli!« sagte ich und das Wort kam
-mir aus dem Herzen. »Wenn ich einen andern Rückweg einschlage,
-so dank' ich dir und den deinen noch einmal. Leb'
-wohl, Friedli!«</p>
-
-<p>»Will's Gott, mer werde scho im Himmel wieder z'seme
-cho!« sagte er und ging bergab.</p>
-
-<p>Das war im ersten Schimmer des Morgensternes.</p>
-
-<p>Ich ging aufwärts. Die Luft strich kühler und kühler;
-über dem Hügelland lag ein lichter Streifen, einzelne Vogelstimmen
-wurden wach.</p>
-
-<p>Der Weg führte durch Wald und Strauch, über Weiden
-und an Sennhütten vorüber, oft über Gerölle und an Felswänden
-hin.</p>
-
-<p>Nach einer zweistündigen Wanderung war ich am Hotel
-»Rigistaffel«. Ich blieb stehen und blickte abwärts und auswärts.
-In den Tälern lag noch Schatten, der Stern des
-Vierwaldstätter Sees in tiefer Dämmerung. Die Ufer waren
-mit lichten Punkten von Dörfern und Villen bestreut; Luzern
-lag da wie ein winziges Häuflein weißer Steine.</p>
-
-<p>Eine Stunde später stand ich auf der höchsten Spitze<span class="pagenum"><a id="Seite_349">[349]</a></span>
-des Rigi, am Hotel »Rigi-Kulm«, das mir gestern als kleiner
-Punkt entgegen geleuchtet.</p>
-
-<p>Ich hörte einmal einen Mann, der den Rigi bestiegen
-hatte, folgende Worte sprechen: »Ich weiß nicht, was die
-Leute an diesem Rigi finden; das Hotel ist gar nicht so
-außerordentlich, ja im Gegenteile, man lebt im Tale billiger
-und besser. Und die Aussicht, du mein Gott, nichts als
-Berge. Und da geht noch ein kalter Wind. Was doch die
-Leut' an diesem Rigi finden!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nach der anstrengenden Partie trank ich im Hotel, in
-welchem sich einige Engländer befanden, ein kleines Schälchen
-Milch für fünfundsiebzig Centimes, dann ging ich wieder in
-das Freie, wo ein kalter Wind zog und ich nichts sah
-als Berge.</p>
-
-<p>Aber welche Berge!</p>
-
-<p>Die Gletscherwelt der Schweiz, wie sie südwestlich des
-Rigi in einem ungeheueren Halbkreis daliegt. Und dann
-tauchte im Osten langsam und langsam die glühende Riesenscheibe
-empor und dann entzündete sich das Meer der Gletscher
-und das war ein stilles Glühen und Leuchten hin über
-das ganze wunderbare Hochland!</p>
-
-<p>Acht Tage früher hatte ich das Wogen und Fluten
-der Meereswellen in der Nordsee gesehen und die Sonne
-ging auf. Und heute aus dieser unendlichen Ruhe ging die
-Sonne auf.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Als meine Augen getrunken hatten bis zur Berauschung,
-und als sich mein Herz gelabt hatte an der ewigen Schönheit,
-stieg ich wieder abwärts.</p>
-
-<p>Meine liebenswürdigen Wirtsleute bei Immensee sollte
-ich nicht mehr sehen. Ich ging südlich gegen das Klösterli
-Maria im Schnee, gar einsam und arm im Alpenkare gelegen.
-Da steht über 4000 Fuß hoch ein Wallfahrtskirchlein,<span class="pagenum"><a id="Seite_350">[350]</a></span>
-und da leben in einem dürftigen Hause drei Kapuziner.
-Sie betreiben eine kleine Milchwirtschaft, und ihr niedriges
-Dach dient armen Wallfahrern und vom Unwetter überraschten
-Touristen zum gastlichen Hospiz.</p>
-
-<p>Von hier aus geht es an Hängen und durch Schluchten
-steil abwärts gegen Arth, ein kleines Dorf, das an der südlichsten
-Spitze des Zuger Sees liegt.</p>
-
-<p>Als ich den See gegen Zug entlang ging, sah ich über
-dem jenseitigen Ufer noch einmal meine gastliche Herberge,
-den Bauernhof. Das Männlein sah ich nicht; bald rollten
-mich die Räder wieder fort aus dem Lande des Friedli.</p>
-
-<p>&ndash;&nbsp;Will's Gott, mer werde scho im Himmel wieder
-z'seme cho!</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<h3 id="Aus_dem_Ungarlande">Aus dem Ungarlande.</h3>
-
-<p class="h2desc">1871.</p>
-
-<p>Man meint, die Donau müsse nach und nach denn
-doch etwas von Kultur und Sitte aus den deutschen
-Landen hinabschwemmen. In Städten, wo die Dampfschiffe
-rasten, da sammelt sich's trefflich an und die Hauptstadt
-des Magyarenlandes trägt zum größten Teile deutschen
-Charakter. Bis aber in den Dörfern und auf den Pußten
-das Gemeinsame aller gebildeten Völker auflebt, wird noch
-viel Wasser die Donau hinabfließen. Das ist der selbständige,
-sich in sich abschließende, der stolze Stamm der Magyaren.</p>
-
-<p>Auf meinen Wanderungen in Ungarn kam ich eines
-schönen Abends in ein großes Dorf. Es war so weit in
-dem Osten, daß die Dämmerung dort um eine gute halbe
-Stunde früher eintritt als in der Steiermark. So lag
-über den endlosen Ebenen hin der aschfarbige Himmel;
-nur wo die Sonne niedergegangen war, zogen sich glühende
-Streifen und Nadeln hin, so innig schloß sich der Himmel<span class="pagenum"><a id="Seite_351">[351]</a></span>
-an die Ebene und so tief war der Horizont hingezogen,
-daß er zu sehen war wie die Meeresküste, und die lichten
-Wolkenstreifen darin lagen wie Inseln auf der graubläulichen
-See.</p>
-
-<p>Ein ungarisches Dorf ist wie das andere. Da liegt
-es auf der Pußta und eine sehr breite Straße führt durch.
-Daß sich auf dieser Straße ein Pferd verstaucht oder ein
-Wagenrad bricht, ist nicht leicht zu denken; denn eine
-dicke Mulde aus dem feinsten braunen Staub ist hier
-ausgebreitet hin und hin, welche zur Regenzeit zum mildesten
-Teppich wird, in dem man sich wie in ein Kissen
-verbergen kann mit Roß und Wagen.</p>
-
-<p>Und im Dorfe stehen Hütten aus Lehm und Stroh
-an beiden Seiten der Straße; die Fensterchen sind so
-klein, daß kaum ein ungarischer Kopf, geschweige ein ungarischer
-Schnurrbart ordentlich herauslugen kann. Vor und
-hinter den Hütten sind Akazien und Maulbeerbäume gepflanzt,
-welche sich über den fahlen Strohdächern die Arme
-reichen &ndash; die Sonne soll hier gar wüst sein, wenn sie
-obenan steht. Leblos sind die Gassen des Dorfes nicht, es
-ziehen uns gemütliche Esel, langgehörnte Ochsen, gesprächige
-Gänse, grunzende Schweine überall entgegen. Auf dem
-großen Platze des Dorfes sind umfangreiche Pfützen, zu
-dünn, um darüber hinzuschreiten, zu dick, um darin
-unterzugehen, ganz gemacht zum Baden und Wälzen für
-Menschen und Tiere. Es ist kaum übertrieben &ndash; man
-kann's ja sehen, wie Kinder und Schweine, erwachsene
-Weiber und Gänse, Männer und Esel in zarter Eintracht
-in der Dorfpfütze Erfrischung genießen.</p>
-
-<p>Ich sah sie noch lange lustwandeln von meiner Wohnung
-aus, die mir ein Mann in dem besten Hause des
-Ortes besorgt hatte, ich hörte von der Rocsma (Schenke)<span class="pagenum"><a id="Seite_352">[352]</a></span>
-her auch die Tonschläge eines Zimbals &ndash; ich ging aber
-bald zur Ruhe.</p>
-
-<p>In den steirischen Bauerngehöften weckt zum Morgen
-die Leute der Oberknecht, in Ungarn besorgen das die
-Mücken; sie schreien und poltern nicht wie der Oberknecht,
-sie summen und singen nur so herum, sie setzen sich nur
-so auf die Wangen, auf die Stirne, auf die Nase, und
-beißen und stechen, daß Ballen wachsen wie Schwämme;
-dann singen sie wieder &ndash; im übrigen kann man liegen
-bleiben und schlafen, so lange man will.</p>
-
-<p>Es war Sonntag. Vor den Hütten saßen die männlichen
-Einwohner in ihren weiten Beinkleidern, von denen
-ich nie ergründen konnte, ob sie Hosen oder Kittel seien.
-Sie aßen Brot und Speck. Dann erhoben sie sich und
-gingen zur Kirche hinan, die auf dem Hügel stand. Die
-Weiber kamen aus den Hütten hervor und gingen auch
-hinan; sie hatten schmucke Spenser. Die Mädchen waren
-gar in kurzen, schneeweißen Hemdärmeln und in den bloßen,
-sorglich gescheitelten Locken. Die Männer hatten kaum eine
-bessere Kleidung als am Werktage zuvor; viele waren sogar
-barfuß und die Fransen ihrer weißen Beinkleider schwammen
-in der Mulde.</p>
-
-<p>Als sie hinanstiegen, war ich auch unter ihnen. Da
-ich von ihren Gesprächen nicht viel verstand und mich in
-dieselben also auch nicht mischen konnte, hatte ich Zeit,
-die Gegend zu betrachten. Das Dorf unten war weit gedehnt,
-es zählte tausend und mehrere hundert Einwohner.
-Draußen, gegen Südwesten lagen die Weinhügel, weiter
-links standen üppige Buchen- und Eichenwälder; &ndash; mein
-geliebter Baum, die Tanne, wächst dort nicht, weit und
-breit, darum hat die Luft keine Würze, sie ist immer süßlich,
-lau und schal, wie gekocht. Im Osten lag Heideland, im<span class="pagenum"><a id="Seite_353">[353]</a></span>
-Norden zogen sich unabsehbare Getreidefelder hin, und weit
-draußen lag still und ruhig wie die Heide und das Kornland
-der Donaustrom. Hinter demselben sah man wieder
-die gelben Streifen der Felder, die fahlen Flächen der
-Heide und zuletzt im Äther ein mattgraues Band &ndash; die
-Karpathen. Dann begannen die Wolkengestalten in der
-ungeheuren Himmelsglocke, und diese Wolkengestalten waren
-mir das Schönste zu allen Tageszeiten im Lande der
-Ungarn.</p>
-
-<p>Die Gemeinde, die mit mir auf den Hügel gestiegen
-war, und die Kirche, die, weiß übertüncht, weit in das
-Land hinausschaute, war kalvinisch. Auf dem Turme prangte
-kein Kreuz, sondern ein Ding in Gestalt jener alten Waffen,
-die man Morgensterne nannte. Die Fenstergitter bildeten
-Herze, Ringe, doch kein Kreuz. Auf dem Friedhofe hinter
-der Kirche waren viereckige Holzpfähle mit ausgezackten
-Köpfen als Denkmäler in die Erde geschlagen, aber kein
-einziges Kreuz. Die Kalviner mögen das Kreuz nicht leiden;
-sie wollen nicht erinnert sein an den Schandflecken der
-Menschen, die ihren Heiland zu Dank an das Kreuz geschlagen.
-Die Kalviner wollen auch kein Bild, weder eine
-Darstellung Gottes noch der Menschen; unmittelbar wollen
-sie mit dem Gegenstand verkehren. Das sieht löblich aus;
-doch wie dadurch der Sinn, die Kunst zuteil kommt, denen
-die Religion und ihr Kult auch eine Pflegestätte sein soll?
-Die Einfachheit der lutherischen Tempel tut wohl, ein kalvinisches
-Gotteshaus aber ist nicht mehr einfach, es ist
-geradezu trostlos. Da ist rein gar nichts als die nackte
-Mauer und der Fußboden und die Decke, die glatte Kanzel,
-der Opfertisch und einige Stühle. Das alles in allem.
-Dann kommt der Pastor und hält eine Rede, dann singt
-die Gemeinde Psalmen. Wohl recht einfach, aber noch einfacher<span class="pagenum"><a id="Seite_354">[354]</a></span>
-wäre, wenn die Mauern auseinandergefallen und
-die Menschen Gott anbeteten, frei in der allherrlichen
-Natur des Himmelsgezeltes. Das wäre ein rechtes Bild
-Gottes und doch kein Bild &ndash; ein wahres Gotteshaus.</p>
-
-<p>Der eifrige, eigenstimmige Gesang der »reingläubigen«
-Kalvinisten hätte mich bald zum Lächeln gebracht, aber das
-wäre gefährlich gewesen. Es war ein so sonderbares Gesurre,
-dann wieder ein so gewaltiges Geschrei; und eine
-einzelne Stimme war in dem Volke, so grell und zackig,
-und diese wollte nirgends recht hineinpassen, und sie ging,
-alle anderen Töne durchschneidend, ihre eigenen Wege. Dabei
-machten die Leute Gesichter, und wie sich der Gesang
-drehte, so auch ihre Augen und mit den Lippen stiegen
-und fielen auch die Schnurrbärte. Aber die Andacht in
-Ehren, sie wird gut gewesen sein.</p>
-
-<p>Eigentümlich war der Ausgang. Sie sangen noch alle,
-als sich plötzlich die kleinen Mädchen erhoben und singend
-das Bethaus verließen; diesen folgten die erwachsenen
-Mädchen, wie sie in den Stühlen gesondert waren. Dann
-erhoben sich die Weiber und die alten Mütterchen und
-verließen singend die Kirche. So waren nach und nach
-alle weiblichen Stimmen verstummt und es sangen nur
-noch die Männer. Nun aber begannen sich die Knaben zu
-entfernen und nach diesen traten die Jünglinge, dann die
-Männer hinaus. Jetzt saßen noch die Greise da und sangen.
-Dann erhoben sich auch diese und gingen, ihnen folgte der
-Pastor und nun saß außer mir nur mehr der alte Chormeister
-allein in der Kirche und sang, bis endlich auch
-der schwieg und die Kirche verließ. So war der Gesang
-nach und nach abgestorben und es war still und leer im
-Bethaus. Jetzt verließ auch ich meinen Winkel und ging
-an der Kanzel und an dem Opfertisch vorüber in das Freie.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_355">[355]</a></span></p>
-
-<p>Da war's gar heiß in der Sonne, aber siehe, die
-Dorfschwemme war in der Nähe. Die Leutchen, wie sie
-aus der Kirche kamen und sich mit den Ärmeln den Schweiß
-wischten, machten nicht viel Aufhebens, sie entkleideten sich
-kurzweg und stiegen in die Pfütze und wuschen sich säuberlich
-und plätscherten. Sonst, glaube ich, heißt es nach der
-gestrengen Satzung Kalvins, daß, wer in der Öffentlichkeit
-einen solch schlüpfrigen Wandel führt, des Landes verwiesen
-und ausgepeitscht werden soll; nein, so pedantisch
-genau scheinen es die ungarischen Kalviner nicht zu
-nehmen.</p>
-
-<p>Sehr schwer sollen sich übrigens auch die Katholiken
-der ungarischen Dörfer ihre Sache nicht legen. In der
-Nähe meines kalvinischen Dorfes ist ein katholisches, von
-dem mir ein alter Einwohner desselben Folgendes erzählte:
-Als vor mehreren Jahren im Dorfe der Peterspfennig
-eingeführt wurde, war viel Lärm. Der Pfarrer
-predigte auf der Kanzel von der Not des heiligen Vaters
-und stellte diese so ergreifend dar, daß er dabei in Schluchzen
-ausbrach. Die Bauern blieben trockenen Auges, aber
-sie starrten so vor sich hin, als ob sie sagen wollten, daß
-es mit dem heiligen Vater nicht so bleiben dürfe, und daß
-sie sich in dieser Sache nicht spotten lassen wollten. Und
-die Bauern derselben Gegend sind wohlhabend. Der Pfarrer
-ließ mitten in der Kirche eine weidlich große Blechbüchse aufstellen
-und predigte nun jeden Sonntag von der Armut
-des heiligen Vaters. Aber die Blechbüchse war denn doch
-wohl sehr geräumig, denn oft verfügte sich Seine Hochwürden
-zur stillen Nachmittagsstunde in die Kirche und
-klopfte mit dem umgebogenen Zeigefinger an die Büchse &ndash;
-das gab noch immer einen schauerlichen Widerhall. Hierauf
-ließ der Pfarrer einen Priester aus Gran kommen, der<span class="pagenum"><a id="Seite_356">[356]</a></span>
-eine glänzende Rednergabe besaß und der auf der Kanzel
-das Elend des Papstes und den Hunger, den er leiden
-muß, so lebhaft darstellte, daß die Bauern ordentlich Appetit
-bekamen und nach der Predigt sogleich in die Schenke
-eilten und ein Bedeutendes an Speck und Schnaps verzehrten.
-Indes der Pfarrer hatte der Sache Genüge getan
-und konnte nun wohl einer bedeutenden Ernte gewiß sein.
-Freilich wohl gab die Büchse noch immer einen hohlen
-Ton, doch Silberstücke füllen einen solchen Bauch nicht
-so bald. Als nun eine bedeutende Zeit um war, ließ der
-Pfarrer die Sammelkasse öffnen und fand darin &ndash; ja
-sind denn diese Bauern Ludersleute? &ndash; fand zweiundeinenhalben
-Kreuzer und einen Pfeifendeckel. So ist mir
-wohl von boshaftem Munde erzählt worden, und Ähnliches
-ereignete sich auch in anderen Dörfern Oberungarns.</p>
-
-<p>Nun kehre ich wieder zu meiner Gemeinde zurück. Ich
-hatte ihr den Vormittag des Sonntags gewidmet, desgleichen
-sollte auch mit dem Nachmittag geschehen.</p>
-
-<p>Doch ich verlor sie bald; sie verkrochen sich in ihre
-Hütten, nur daß in der Schwemme noch ein oder der
-andere Junge plätscherte und daß dann und wann ein
-Mägdlein auf dem Wege in den entlegenen Keller und
-zurück durch die Gassen eilte und im Vorbeieilen den Fuß
-auch ein wenig in das Wasser steckte.</p>
-
-<p>Erst am Abende wurde es rege. Eine Schalmei fing
-zuerst an, dann begannen in der Schenke Pauken und
-Pfeifen und jetzt kamen sie herbei von allen Seiten des
-Dorfes und hüpften schon unterwegs den Nationaltanz.</p>
-
-<p>An Mädchen strömt eine große Auswahl herbei; der
-Bursche braucht nur zu winken, läuft ihm gleich eine zu.
-Sie legt ihre Hände flach auf seine Achseln, er legt die
-seinen an ihre Hüfte, dann beginnen sie zu hüpfen nach<span class="pagenum"><a id="Seite_357">[357]</a></span>
-rechts und nach links, daß der Schnurrbart wedelt. Das
-Mädchen guckt dabei ein wenig in seine Augen, ein wenig
-in den Spiegel, der über die beschnürten Flügel seines
-glatten Spensers geht, zwar nicht aus Kristall besteht, sondern
-nur aus dem Glanze des Speckes von so manchem
-Jahre. Gegessen und getrunken, gönn's ihnen Gott, wird
-wohl auch wacker. Dann kommen auf Eselkarren die
-jungen Leute der Nachbardörfer; sind sie auch vormittags
-geschieden in Bethäusern verschiedener Konfessionen, den
-Nachmittag haben sie gemeinsam; der Katholik hopst mit
-lutherischen Mädchen und schlürft kalvinischen Wein, und
-mitunter verteilt er, weil's denn so brüderlich hergeht, zuzeiten
-katholische Prügel.</p>
-
-<p>An demselben Abend war's lustig zu sehen und zu
-hören, aber als es gegen die elfte Stunde ging, da begann
-auf dem Kirchturme plötzlich die Glocke zu tönen. Ich erschrak;
-war Feuer im Ort, oder ein Sterbender? Kein
-Unglück treffe das Dorf und lange lebe der Magyare! Aber
-Ruhe soll er machen, heim soll er gehen noch vor Mitternacht,
-so will's der Herr Pastor und darum läßt er die
-Glocke läuten. Ein praktischer Kalviner benützt die Kirchenglocke
-also auch zur Polizei; das hat Schiller in seinem
-Lied von der Glocke vergessen.</p>
-
-<p>Es wurde wirklich bald ruhig in der Schenke und sie
-gingen heim. Ich sah noch lange durch das offene Fensterchen
-in die laue Nacht hinaus. Ein paar Hunde bellten
-unten, sonst war es still; mir kam es fast unheimlich
-vor; das nächtliche Glockengeläute hatte mich etwas aufgeregt.</p>
-
-<p>Endlich wollte ich das Fenster schließen, da sah ich
-plötzlich oben an der Kirche ein Flämmlein. Es zuckte hin
-und her, dann verschwand es. Oben bei den Toten, was<span class="pagenum"><a id="Seite_358">[358]</a></span>
-mochte das sein? Wieder sah ich das Flämmlein, und jetzt
-wuchs es an und wuchs gewaltig zu einer hohen, riesigen
-Flamme und die Wände der Kirche waren rot beleuchtet.
-Denn doch ein Brand! Ich wollte Lärm schlagen, da war
-die Flamme wieder verloschen.</p>
-
-<p>Nun war meine Neugierde wach im höchsten Grade.
-Was spukt da oben auf dem Hügel? Belustigt sich der
-Totengräber durch Feuerwerke, oder gehört das zum kalvinischen
-Kult? &ndash; Das muß ich doch sehen!</p>
-
-<p>Angezogen, wie ich noch war, nahm ich schnell meinen
-Stock, verließ das Haus und eilte gegen die Kirche hinan,
-immer das Licht im Auge behaltend, das oben abwechselnd
-wuchs und zusammenzuckte.</p>
-
-<p>Und als ich durch das Tor in den Gottesacker ging,
-da sah ich's. Ein Mann und ein Weib hatten ein totes
-Ferkel und das hielten sie über ein kleines Feuer, um
-die Haare von der Haut zu sengen. Dieses weltliche
-Geschäft störte die Ruhe der Toten zwar nicht, konnte mich
-jedoch auch nicht recht erbauen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<h3 id="Zu_Mailand_auf_dem_Dome">Zu Mailand auf dem Dome.</h3>
-
-<p class="h2desc">1872.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Mailand!</em></p>
-
-<p>Den Namen, den das ganze Land verdient, trägt seine
-schönste Stadt.</p>
-
-<p>Hier reichen sich Nord und Süd, Winter und Sommer
-die Hände. Mai!</p>
-
-<p>Uns begegnet in Mailand zum erstenmale das laute,
-geschäftige, klingende Treiben des Südländers; der Italiener
-hingegen nennt Mailand die nordische Stadt. An den Süden
-erinnern uns in Mailand die flachen Dächer der Häuser,
-die Marmorbalkone mit den ausgehängten schmutzigen Lappen,<span class="pagenum"><a id="Seite_359">[359]</a></span>
-die hohen offenen Portale, das schöne Pflaster der
-Straßen mit Fahrbahnen aus Stein, der Reichtum an Palästen
-und Statuen und das mächtig erwachende Leben nach
-dem Ave-Maria-Läuten. An den Süden erinnert uns der helle
-aber weiche Gesang, der auf den Gassen und aus allen Häusern
-quillt, das eintönige Geschrei der Ausrufer, das Besetztsein
-aller öffentlichen Plätze mit Verkäufern und Ciceroni, die
-reichen, großen Kirchen, der bräunliche Teint der Männer,
-das glänzend schwarze Haar und das dunkle, gefährliche
-Auge der Frauen, das zur Vorsicht wohl häufig verhüllt ist
-mit einem zierlichen Schleier.</p>
-
-<p>Der aus Süden Kommende aber wird wegen des mäßigen
-Klimas, des frischen Wassers, des Fleißes der Bewohner
-usw. in Mailand allerdings die Stadt des Nordens
-erblicken.</p>
-
-<p>Und mitten in dieser stolzen Stadt mit dem Janusgesichte
-gegen Süd und Nord, steht eine Krone von Elfenbein,
-nein, eine Marmorkrone, wie keine Dichterphantasie
-je eine so wunderbare geflochten hat.</p>
-
-<p>Der Dom von Mailand!</p>
-
-<p>Der Italiener nennt ihn ein Marmorgebirge aus dem
-Norden, und vielleicht mit mehr Recht, als es scheint; waren
-die Baumeister doch nachweislich Deutsche. (Der Bau der
-wunderbaren Kuppel soll von Johannes von Graz herrühren!)
-Ferner ist es die gotische Bauart, sind es die
-hundert und hundert weithin leuchtenden Zacken, die an die
-nordischen Bergzacken gemahnen.</p>
-
-<p>So haben die Menschen hier im Angesichte der Alpen
-einen Tempel gebaut, in dem sich die Erhabenheit der Berge
-spiegeln soll &ndash; ein Gebirge aus Menschenhand und nach den
-Gesetzen der Kunst, wie es dem klassischen Italien geziemt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_360">[360]</a></span></p>
-
-<p>Eine Beschreibung des eigenartigen Baues will ich nicht
-liefern &ndash; er ist ja so sehr bekannt und in das Gemüt der
-Völker aufgenommen worden, wie ein liebes Zaubermärchen
-von der Großmutter. Der Bauer in Steiermark sagt, daß
-in der Stadt Mailand eine Kirche sei, die so viele Türme
-habe, wie das Jahr Tage, auf jedem Turme stehe der
-Heilige des Tages und so prange der ganze Heiligenkalender
-in Stein gehauen auf dem Dome zu Mailand.</p>
-
-<p>Das ist ein großes, einheitliches Bild, aber es ist zu
-klein. Der Türmchen sind weit mehr, als obige Zahl angibt
-und die Statuen an denselben und an den Wänden
-zählen über zweitausend. Es ist des Märchens versteinerter
-Wald und der Beschauer erstarrt schier selbst zu Stein, wenn
-er vor dem Riesenbaue steht oder gar oben auf seinen lichten
-Zinnen. Weiß und leuchtend erhebt sich der Tempel über
-den Gebäuden der Stadt in die Himmelsbläue empor; gespensterhaft
-bleich, schier wie ein ätherisches Nebelgewebe,
-steht er des Nachts im Mondenscheine.</p>
-
-<p>Nein, ich will den Leser nicht nachtwandeln lassen um
-den Dom, ich will ihn nicht einmal einführen in seine
-düsteren Hallen &ndash; dazu findet sich gelegentlich sicher ein
-besserer Führer &ndash; emporsteigen wollen wir zu jenen Höhen,
-nach der so viele zackige Spitzen weisen.</p>
-
-<p>Den 26. August 1872 zur Morgenstunde war's, da
-ich den Dom bestieg. Zuerst geht es eine dunkle, aber sichere
-Stiege über hundert Stufen hinan, der dürstende Blick gefangen
-zwischen den Quadermauern. Endlich aber lichtet es
-sich, wie sich an hohen Bergen der Wald lichtet, wenn man
-über seine Region hinauskommt. Dem Besteiger des Mailänder
-Domes ist, auf der ersten Zinne angekommen, gerade
-so zumute, wie dem Alpenwanderer, der, aus dem Walde
-hervorgetreten, die mächtige Bergkuppe übersieht, die er noch<span class="pagenum"><a id="Seite_361">[361]</a></span>
-zu besteigen hat. Aber er ist über die Giebel der Häuser
-hinaus, er macht einen Rundgang um den Bau und sieht
-auf die Hüte hinab, die tief unten an dem Domplatze geschäftig
-herumgleiten. Dann beginnt er auf freien, lichten
-Marmortreppen wieder emporzusteigen zwischen dem Gestämm
-der Türme und den versteinerten Heiligen. Viele derselben
-haben, einverstanden mit dem Geiste der neuen Zeit, Blitzableiter
-an der Seite; selbst die Madonna auf der Spitze
-des höchsten Turmes hatte an meinem Tage die wehende
-Trikolore aufgezogen, um trotz des recht unangenehmen
-Konfliktes zwischen der Regierung und dem Vatikan, dem
-König Victor Emanuel, der eben in Mailand war, ihre Huldigung
-darzubringen.</p>
-
-<p>Auf der zweiten Zinne angelangt, machte ich wieder
-einen Rundgang und sah nun, wie bedeutend die Stadt
-niedergesunken war und wie sich die Ebene Lombardiens und
-die fernen Berge zu heben begannen. Dann wieder empor
-zwischen den Zacken und Klippen, ich glaubte schon Alpenluft
-zu fühlen und sah mich nach Gemsen um. Nein, die
-gibt es wohl nicht auf dem Dome zu Mailand, statt deren
-sah ich auf den glatten Marmorplatten des Kirchendaches
-einen jungen Priester herumwandeln, der ein schönes Mädchen
-am Arme führte. Ihr graziöses Dahinhüpfen erinnerte
-an Gemsen; endlich aber ließ sich das Pärchen nieder auf
-der Plattform und nahm ungezwungen, wie man nur auf
-der Alpenhöhe sein kann, zusammen ein Frühstück ein. Er
-schob dem Mädchen gute Bissen zu, &ndash; und das Kirchendach
-brach darob nicht zusammen.</p>
-
-<p>Nun aber steht auf dem gotischen Tempel noch ein
-zweiter gotischer Tempel: die ungeheure Kuppel des Domes
-in einem neuen, reichen Kranze von Marmorgebilden, die
-sich mit ihrer höchsten Spitze 340 Fuß über den Erdboden<span class="pagenum"><a id="Seite_362">[362]</a></span>
-erhebt. In einem Seitenbaue geht die Treppe hinan
-bis zu dem schlanken Turme, dessen gewundene Stiege ja
-bis in den Himmel hinauf zu entführen scheint.</p>
-
-<p>Da liegt die große Stadt &ndash; die höchsten Türme sind
-tief unten &ndash; im Morgensonnenglanze. Hier, noch im Schatten,
-an den Fuß des Domes sich schmiegend, steht das königliche
-Schloß; dort zwischen den Ziegeldächern der kleine,
-bläulich glitzernde See ist das Glasdach des neuen, prächtigen
-Bazars, den Victor Emanuel den Mailändern im Jahre
-1859 zum Angebinde gemacht hat; weiterhin die schöne
-Kuppel der Kirche St. Maria della Grazie weist die Stätte
-des weltberühmten »Abendmahles« von Leonardo da Vinci
-und noch weiter hin ragt der Siegesbogen, die Porta del
-Sempione. Unser Blick gleitet über die hunderttürmige Stadt
-hinweg und hinaus auf die mit weißen Punkten besäete
-Ebene, die südlich von den blauen Apenninen, nördlich und
-westlich aber in einem ungeheuren Halbkreise von den Alpen
-begrenzt wird.</p>
-
-<p>Die erhabenen Hochwarten der Alpen sind nahegekommen,
-um sich den wunderbaren Bau, das Spiegelbild
-ihrer Gletscher anzusehen. Dort im fernsten Westen
-der Monte Viso; man sieht durch die Duftbläue von ihm
-nichts sonst, als ein dreieckiges rötlichweißes Täfelchen. Ein
-wenig nördlicher die sägige Schneide des in Eisen gelegten
-Riesen Montcenis. Dann der leuchtende Zahn des Montblanc
-und die Zacken vom St. Bernhard und Matterhorn.
-Weiter im Vordergrunde aber ragt die gewaltige Gletscherkuppe
-des Monte Rosa, hoch emporhaltend ihren Silberschild,
-durch den sie den fernen Meeren die Wunder und
-Herrlichkeiten der Alpen kündet. Und nun geht's Kanten
-an Kanten bis nördlich zur Jungfrau, alle gehüllt in ihre
-ewigen Eismäntel, nur ein klein wenig gerötet vor stiller<span class="pagenum"><a id="Seite_363">[363]</a></span>
-Freude über das schöne sonnige Italien, das sich da unten
-ausbreitet. &ndash; Dann kommt das Finsteraarhorn, St. Gotthard,
-der Ortler usw. bis hin gegen das Adriatische Meer,
-aus dem die Sonne emporgestiegen ist, deren feuchte Lichtschleier
-niederwallen und die östliche Aussicht verdecken.</p>
-
-<p>Und über dieses Bild wölbt sich ein Himmel, nicht
-mehr lichtblau, wie das Auge der Germanen, sondern scharf
-und dunkel, wie der glühendste Blick der Italienerin. Ich
-sah auf diesem Azurgrunde ein Sternchen flimmern am
-heitern Morgen und ich sah und ich empfand, was das heißt:
-ein italischer Himmel.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<h3 id="Von_der_Kirche_des_heiligen_Petrus">Von der Kirche des heiligen Petrus.</h3>
-
-<p class="h2desc">1872.</p>
-
-<p>Von der Peterskirche zu Rom wird erzählt in der
-Stube. Da läßt die Magd ihr Spinnrad stehen, da lehnt
-der Knecht sein Spanscheit hin &ndash; da horchen sie alle auf.</p>
-
-<p>Ja, die Peterskirche! Schon der Platz davor ist so groß,
-daß zwei Kriegsheere nebeneinander Raum haben. Da sind
-zwei Springbrunnen, in denen allweg' drei Regenbogen
-stehen, schier Tag und Nacht; wenn diese Regenbogen einmal
-verlöschen, dann kommt das jüngste Gericht. Einer, sagen
-sie, ist schon verloschen. Und mitten auf dem Platz ist eine
-hochmächtige Säule, die gibt am Sonnwendtag zwölf Uhr
-mittags nicht so viel Schatten, daß eins eine Stecknadel
-in denselben könnt' legen. Das ist, weil die Sonnen kerzeng'rad
-obenauf &ndash; weil die Säulen just mitten auf der Welt
-steht. Nachher ist eine Marmelstiege hinauf zur Kirche,
-die neunundneunzig Stufen zählt, und deren Stufen so breit
-sind, daß Roß und Wagen darauf kann fahren, &ndash; und so
-lang, daß, steht an einem Ende der Jäger, am andern der<span class="pagenum"><a id="Seite_364">[364]</a></span>
-Hirsch, beide voneinander nichts wissen. &ndash; Und die Kirche
-selber ist aus weißem Marmelstein gebaut, und so groß, daß,
-wenn neun Priester gleichzeitig in ihr predigen, einer den
-andern nicht hört. Die Kuppel ist so hoch, daß eins von
-ihr aus nach &ndash; Rom kann sehen? &ndash; nein, nach Jerusalem
-hinein kann schauen. Und der goldene Knopf auf der Kuppel
-ist so breit, daß darauf sieben Hochzeitspaare können tanzen!</p>
-
-<p>So wunderbar ist gewiß noch kein Bau erdacht worden
-auf Erden, als sich die im steirischen Dorf ihre Peterskirche
-haben erbaut. Es ist nur gut, daß in ihren Hecken kein
-Wanderstab wächst, der sie nach Rom tät' führen, und daß
-sie keine Stiefel haben, die oben auf der »Romstraße« verstünden
-zu wandern &ndash; sie würden ja so enttäuscht sein.</p>
-
-<p>Bin ich's schier selbst ein wenig gewesen, obwohl sich
-mein obiges Phantasiegebilde aufgelöst, als ich aus dem
-Märchenleben heraus und zur ernüchternden Einsicht kam,
-wie viel &ndash; wie wenig die Menschen im Verhältnisse zur
-Größe ihrer Phantasie zu leisten vermögen.</p>
-
-<p>Freilich habe ich die Peterskirche in den sechs Stunden,
-die ich ihr widmen konnte, gleichsam nur durch das Schlüsselloch
-von Alessio gesehen. Indes, wenn nach der Berechnung
-eines weisen Mönchs neunundneunzigtausend Engel Platz
-auf einer Nadelspitze haben, so wird der goldene Knauf der
-Kuppel von Sankt Peter auch ein entsprechender Tanzboden
-sein für die sieben bäuerlichen Hochzeitspaare, ohne daß just
-wegen Raummangels gerauft werden müßte.</p>
-
-<p>Es war am Morgen des 6. September 1872. Ich kam
-durch das dunkle, schmutzige Gassengewirre zur Engelsbrücke.</p>
-
-<p>Ich schlich an der finsteren Engelsburg vorbei; eine
-Teufelsburg kann nicht finsterer aussehen, man betrachte
-nur! Eine trotzige Runde, einst eine Totenstätte, dient<span class="pagenum"><a id="Seite_365">[365]</a></span>
-sie jetzt zum Gefängnisse für Lebendige, »treu beschützt von
-den Engeln«.</p>
-
-<p>Ich ging durch die lange, staubige Borgo Nuovo; diese
-endet plötzlich und siehe, ich stehe auf dem berühmtesten Platz
-der Erde &ndash; auf der Piazza di San Pietro. Da ist ein Feld
-mit Quadern bepflastert, da sind zwei weißschäumende Springbrunnen,
-Silberpaletten, auf denen die Sonnenstrahlen just
-ihre Farben mengen zu einem Regenbogen. Und mitten
-steht der hohe Obelisk mit heidnischen Hieroglyphen und
-dem eisernen Kreuze auf der Spitze. In diesem eisernen
-Kreuze soll ein Stück des wahrhaftigen Golgathakreuzes
-stecken. &ndash; Dann die prächtigen Kolonnaden, die zwei ausgebreiteten
-Arme des Vatikans, mit denen er den Platz umschließt
-&ndash; die ganze Welt umschließen möchte.</p>
-
-<p>Und im Hintergrunde, sanft erhöht über marmornen
-Stufen, steht breit und behäbig und stolz der rötlich schimmernde
-Quadernbau &ndash; der größte Tempel der Welt, der
-Dom des heiligen Petrus. &ndash; Von der Kuppel sieht man
-nur die dunkle Dachrundung und die Laterne über den
-Vorderbau herüberragen.</p>
-
-<p>Eine Glocke dröhnte schwer, dumpf, zur siebenten Stunde.
-Ich tat einen Blick nach dem über den Säulengang aufragenden
-Vatikan, einen Blick nach den riesigen Statuen
-der Apostel Petrus und Paulus, die an den beiden Seiten
-der Freitreppe stehen, und stieg hinan zu den Säulen der
-Fassade &ndash; zur Pforte. Die Vorhalle ist so groß, daß ein
-paar Dorfkirchen mit Turm und Sakristei leicht darin Platz
-haben. Ich schritt durch das Portal, schob einen der schweren
-Ledervorhänge bei Seite und stand nun in dem Raum
-der Kirche. Da war nicht die ernste Dämmerung eines
-gotischen Baues, da war die lichte Heiterkeit des romanischen
-Stiles &ndash; alles, vom Fußboden bis zu den Höhen der<span class="pagenum"><a id="Seite_366">[366]</a></span>
-Kuppel prangend in reichster Gold-, Marmor-Mosaikverzierung.
-Aber die Größe der Kirche überraschte mich nicht.
-Die riesigen Säulen, Fenster, Statuen und Bilder, dem
-Verhältnisse des Baues entsprechend, waren mir täuschende
-Maßstäbe; ich mußte mir sagen, die Kirche hat nicht mehr
-der Pfeiler, Fenster, Altäre, Kapellen als andere große Kirchen,
-die ich bereits gesehen. Anders aber, als ich meinen Blick
-niedergleiten ließ von den Höhen der Gesimse auf die Menschlein,
-die herunten auf der Bodenfläche herumglitten!</p>
-
-<p>Trotzdem belächle ich, was der Cicerone sagt: Das
-königliche Schloß zu Berlin und die Stefanskirche samt
-dem Turme zu Wien haben bequem nebeneinander in der
-Peterskirche und Kuppel Platz.</p>
-
-<p>Ich begann meinen Rundgang. Ich kam zu der uralten
-Bronzestatue des heiligen Petrus, an deren rechtem Fuß die
-Gläubigen die Zehen weggeküßt haben, bis auf ein paar
-Stümpfchen. Ich kam zu den Nischen, wo die katholischen
-Schatzkästen stehen, darin der Kopf des heiligen Andreas,
-das Schweißtuch der heiligen Veronika, ein Splitter des
-Kreuzes Christi und die Lanze, welche Christum die Seitenwunde
-stach. Diese Reliquien werden an Festtagen von
-den hohen Loggien herab dem Volke gezeigt; näher besehen
-dürfen sie nur Priester. &ndash; Ich kam zu der Säule, an
-welche sich Jesus im Tempel Salomons gelehnt hatte. Die
-Peitsche sah ich nicht, mit der er die Krämer hinausgetrieben.
-&ndash; Ich kam zu der Kathedra, zum päpstlichen Thron,
-den vier heilige Kirchenlehrer mit den Händen spielend schaukeln.
-&ndash; Ich kam an Grabmäler der Päpste, an Statuen
-und Mosaikbilder, und ich kam endlich zum Hauptaltare
-in der Mitte der Kirche, zu dem Allerheiligsten der katholischen
-Christenheit &ndash; zu der Grabstätte des Apostels Petrus.
-Zwei Marmortreppen führen hinter dem Hochaltare hinab<span class="pagenum"><a id="Seite_367">[367]</a></span>
-zu dem Grabe des großen Apostels. Ein Baldachin aus
-Erz schützt vor dem hellen Lichtstrom, der hoch oben durch
-die Kuppel hereinbricht, aber ein Kranz von zahllosen Lampen
-brennt um diese Stätte Tag und Nacht, die Nische und das
-Grab mit dem goldenen Gitter geheimnisvoll beleuchtend.</p>
-
-<p>Hier stand ich still und sagte mir, daß ich zu spät gekommen.</p>
-
-<p>Wie oft in meiner Kindheit, als ich in dem Dorfkirchlein
-kniete oder im Walde saß, erfaßte mich die Sehnsucht
-nach der Hauptkirche der Christenheit, nach dem Dome meines
-Namenspatrons. Wenn in der Christnacht das Turmglöckel
-klang, weit in den Wald hinein, so war mein Gedanke in
-Rom bei dem hochfeierlich glanzvollen Weihnachtsfeste in
-der Peterskirche. Wenn am Ostersonntagsmorgen die Pöller
-knallten und die Sonne ausging, so weckte mich meine Mutter
-aus dem Schlafe:</p>
-
-<p>»Bub', jetzt steht der Papst auf der Peterskirchen und
-gibt seinen Segen der ganzen Welt; jetzt steh' aber geschwind
-auf, sonst frißt deinen Teil die Katz'!«</p>
-
-<p>Ich sprang auf und hüpfte noch im Hemdchen hinaus
-unter den freien Himmel und meinte, ich müßte den Segen
-fliegen sehen in der klaren Luft. Aber so, wie ich Tags zuvor
-die Glocken nicht sah, als sie nach den Chartagen von Rom
-zurückkamen, so sah ich auch heute den Segen nicht. &ndash; Und
-am Pfingstfeste war ich im Geiste wieder in der Peterskirche
-und zählte die feurigen Zungen, die vom heiligen Geist auf
-die Kardinäle niederträufelten. Ich war ein guter Katholik,
-und lange schon erwachsen, habe ich noch Peterspfennige gegeben
-von Herzen gern. &ndash; Und heute &ndash; kann ich an dieser
-Stätte nicht beten&nbsp;…</p>
-
-<p>Auf einer Marmortafel an der Wand prangen die<span class="pagenum"><a id="Seite_368">[368]</a></span>
-Namen der Bischöfe und Kardinäle, die im Konzil 1870
-für die Unfehlbarkeit gestimmt hatten.</p>
-
-<p>Aus einer Seitenkapelle erscholl der Chorgesang einer
-Priesterschar. Ich trat hin, um zu sehen; es waren Domherren
-in Purpur; nur wenige, die jüngeren, blickten mit
-gefalteten Händen inbrünstig auf zu dem Bilde der gekrönten
-Himmelskönigin mit dem Kinde; die anderen ließen ihre
-Hände und Augen und wohl auch die Gedanken herumschweifen,
-wo sie wollten. Andere, vielleicht fremde Priester,
-aus weiten Landen kommend, durchschreiten feierlich die
-Kirche und knien andächtig hin vor den Lichterkranz des
-Hauptaltars und &ndash; weinen.</p>
-
-<p>Und wieder andere &ndash; wohl Laien im Chorrock &ndash;
-huschen geschäftig hin und her, lächelnd sich jedem untertänig
-als Cicerone anbietend, gar zuweilen mit einer Opferbüchse
-schellend, die sie unter dem Rocke verborgen halten.
-Das sind die Hausfliegen der Peterskirche.</p>
-
-<p>Über all' den Zeremonien und Gegenständen der Weihe,
-der Kunst, über all' den Menschen, die gekommen sind aus
-fernen Landen, um die hier bewahrten Schätze und Herrlichkeiten
-und Gnadenquellen zu schauen und zu genießen, waltet
-in der Kirche ein ewiger Werktag. In Seitenkapellen arbeiten
-Steinmetze, an Altären klettern abstaubende und dekorierende
-Diener herum, auf Gerüsten hämmern Maurer
-und Zimmerleute, in Nischen und Winkeln klopft und scharrt
-der Schlosser. Es wird ewig gebaut und ausgebessert, es
-herrscht ein ewiger Stoffwechsel an dem Baue, sowie überall
-auch in der Natur.</p>
-
-<p>Die Gerüste für Reparaturen stehen auf Rädern, daß
-sie bequem von einer Stelle zur andern geschoben werden
-können. Auch zur Fortschaffung des Kehrichts sind eigene
-Wägelchen; der Bauer wird ungläubig den Kopf schütteln,<span class="pagenum"><a id="Seite_369">[369]</a></span>
-wenn ich ihm sage: In der Peterskirche fahren die Mistkarren
-herum, wie auf deinem Rübenacker.</p>
-
-<p>Und trotz all' diesen verschiedenen Dingen herrscht eine
-gewisse Ruhe in den Räumen und fortan künden es die
-riesigen Buchstaben oben rings der Kuppel: <em class="antiqua">Tu es Petrus etc.</em></p>
-
-<p>Wer die Größe des Baues noch nicht glaubt, der steige
-auf das Dach und wandle zwischen den Tonnengewölben und
-Giebeldächern und den sechs Kuppeln und den Laternen,
-wie in einer Stadt von Kirchen und Plätzen mit Springbrunnen
-sogar &ndash; und besteige den gewaltigen Koloß der großen
-Kuppel und halte Aussicht von der Laterne über Rom, in
-das Sabiner und Albaner Gebirge, in die Abruzzen und auf
-das Mittelländische Meer. Und mag er gar hinaufklettern
-bis zum »goldenen Knopf«, so wird er sich sagen: »Tanzen?
-Sieben Hochzeitspaare?«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Dann aber, Freund, wenn du herabsteigst, durchwandere
-nochmals die Kirche und labe dich an der Schönheit, Erhabenheit,
-ehe du von dannen ziehst. Du magst durch alle Länder
-der Erde reisen, alle großen Städte durchforschen, einen
-solchen Tempel wirst du nimmer finden. Hier, in dem
-Dome und im Vatikan hast du der Baumeister und Bildner
-größte Werke gesehen; hier bist du auf der Höhe und an der
-Grenze der menschlichen Kunst. Höher kann die Flamme des
-Genius nicht mehr lodern &ndash; der Atem Gottes bläst
-sie aus.</p>
-
-<p>Einen Monat später war ich wieder in meiner kleinen,
-stillen Dorfkirche und fühlte die Nähe des Herrn.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_370">[370]</a></span></p>
-
-<h3 id="In_den_Ruinen_von_Pompeji">In den Ruinen von Pompeji.</h3>
-
-<p class="h2desc">1872.</p>
-
-<p>Eine große Vorwelt ist versunken &ndash; hat nichts zurückgelassen,
-als hier ein Marmorstück, dort ein Erzgebilde,
-anderswo ein eingegrabenes Zeichen, das wir nicht verstehen
-können. Und die Tradition, entstellt, durch die Phantasie
-verzerrt, lautet weiß Gott, wie anders als die Wahrheit!
-&ndash; Wie's immer sei, viel zu wenig Buchstaben für
-uns, als daß wir lesen könnten. Wir kennen das öffentliche
-Leben der Römer, wir kennen ihre Verfassung, ihre Gesetzgebung,
-ihre Kriege. Wir fanden hie und da eine Spur ihrer
-Priester, ein Lied, ein Buch ihrer Dichter. Das ist schier
-alles. Es war eine Zeit, die verständnislos wie eine Stubenmagd
-mit dem Besen alles wegfegte und verwischte, was
-dargestellt war.</p>
-
-<p>Zum Glück nahm sich die Mutter Erde an und verbarg
-vor der Vernichterin ein Stück Altertum in ihren Schoß,
-um es uns, der forschenden Nachwelt, aufzubewahren.</p>
-
-<p>Pompeji und Herkulanum &ndash; ich wüßte nicht, daß sie
-die latinischen Sodom und Gomorrha waren &ndash; und doch kam
-Feuer und Schwefel von oben.</p>
-
-<p>Eine andere Absicht mußte es sein, als nach Christi
-Geburt 79 die Gewalten des Vesuv zu wüten begannen,
-die Lava wild qualmend bei Tag und hell erglühend in den
-Nächten niederströmte zu den Wohnungen der Menschen, und
-der Aschenregen und der Bimssteinschauer die Städte
-begrub.</p>
-
-<p>Damals lag Pompeji hart am Meere, das seitdem
-zurückgewichen ist; es mag ein wesentlicher Stapelplatz für
-die weiter einwärts gelegenen Ortschaften gewesen sein.
-Sechzehn Jahre vor der Verschüttung ist die Stadt durch<span class="pagenum"><a id="Seite_371">[371]</a></span>
-ein Erdbeben halb zerstört worden. Die damaligen Christen
-glaubten, diese Zerstörungen seien eine Strafe des Himmels
-gewesen für die Christenverfolgungen, die unter den damaligen
-römischen Kaisern stattgefunden hatten, und für den Martertod
-der zu Rom hingerichteten Apostel Petrus und Paulus.</p>
-
-<p>Authentische Aufzeichnungen des schrecklichen Vesuvausbruches
-im Jahre 79 liegen nicht vor. Das Unheil war eben
-begraben in sich selbst &ndash; und die Lavamassen lagen starr
-und verschwiegen über der Todesstätte. Pompeji mochte
-an Ausdehnung die Größe der Stadt Linz gehabt haben;
-Einwohner werden weniger gewesen sein, da die Bauten
-bei weitem nicht so groß waren, als das in den heutigen
-Städten der Fall ist.</p>
-
-<p>Vielleicht stand auf dem ungeheueren Grabe noch lange
-Jahre hindurch da und dort ein Turm, eine Zinne hervor,
-wer kümmerte sich darum? Der Landmann baute seine Felder
-und Weingärten darüber; Feigen und Maulbeerbäume und
-Pinien und der ganze Wald des Südens wuchs darauf, und
-Landhäuser und Dörfer wurden, und der Vesuv schlummerte,
-und der kantige Gebirgswall von Sorento bis Palma hielt
-Wache und schloß es ein, das schöne, stille, fruchtbare Tal,
-und der klare Sarno rieselte dahin und ins Meer, Jahrhunderte
-und Jahrhunderte lang &ndash; und Pompeji und Herkulanum
-waren vergessen.</p>
-
-<p>Siebzehnhundert Jahre zogen dahin, bis das forschende
-Geschlecht herankam aus dem Norden; da enthüllte die Mutter
-Erde ihren verwahrten Schatz und zeigte der neuen Zeit
-die alten Römer, nicht wie sie herrschten auf dem Tribunal,
-nicht wie sie rangen auf dem Felde oder in der Arena,
-sondern wie sie lebten in ihrem Hause, in der Familie.
-Das war ein ganz neues Blatt in der römischen Geschichte
-und vielleicht wichtiger, wie manch' anderes.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_372">[372]</a></span></p>
-
-<p>Im Jahre 1748 ließ Karl III. von Neapel auf den
-ungeheuren Aschenhügeln Pompejis den ersten Spatenstich
-tun, doch erst in neuester Zeit haben die Ausgrabungen einen
-solchen Fortgang genommen, daß heute das reinste und
-klarste Bild der Stadt &ndash; getreu bis auf das Nachtlämplein
-und das Stückchen Mosaik &ndash; bis auf die Knochen
-der Bewohner &ndash; vor uns daliegt. Die begrabene Stadt
-starrt uns an, wie ein unerlöstes Gerippe, das nicht zerfallen
-darf, weil es Zeugnis geben muß.</p>
-
-<p>Der Weg von Neapel, zwischen den sonnigen Fluten
-des Meeres und den unterirdischen Gluten des Vesuv hin,
-bereitet würdig auf Großes vor. Er führt über Lava und
-Ruinen: aber mitten in den Ruinen prangen Gärten. Und
-da stehen zwischen dem schwarzgrauen Gemäuer Brunnen,
-an denen Esel Wasser emportreiben, und Weinlauben, unter
-welchen Hüter und Eseltreiber und Ciceroni auf dem Rücken
-liegen und auf die Feigen und Trauben warten, die ihnen
-ja, wenn heute nicht, so morgen in den Mund fallen müssen.
-Wir gehen über Herkulanum, aber diese Stadt ist nicht ausgegraben,
-doch sind neue, blühende Ortschaften aus ihr
-hervorgewachsen. Zwischen den Ruinen selbst prangt die in
-Italien allgegenwärtige Gartenkultur, und da stehen Villen;
-und manches Haus ist aus Lava gebaut, mit Lava gedeckt,
-aber trotzig bleibt es stehen, bis etwa eines Tages
-neues Baumaterial von den Höhen des unheimlichen Berges
-niederschießt.</p>
-
-<p>Der Weg verläßt das Meer, biegt links in das Tal,
-wohl ein wenig abseits von dem ewig drohenden Vesuv. Man
-sieht es aber dem stillen, wie träumenden Gesellen nicht
-an, daß er die Hölle im Herzen trägt, daß er imstande ist,
-das halbe Tyrrhenische Meer zu beleuchten und das ganze
-südliche Italien mit Asche zu bestreuen. Aber die Menschlein<span class="pagenum"><a id="Seite_373">[373]</a></span>
-sind zutraulich und streicheln den schlummernden Löwen
-und krabbeln an ihm hinauf mit ihren Häusern und Gärten.
-Und plötzlich wird er wach.</p>
-
-<p>Hier, von Pompeji ein Erdwall, durch den eine
-gewölbte Pforte führt. Wie durch ein Friedhofstor gehen wir
-hinein und stehen in der zugrunde gegangenen Stadt.</p>
-
-<p>Neapel und Pompeji. Dort das tolle, übermütige rasende
-Leben, die alles bewegenden Leidenschaftskämpfe von vierhunderttausend
-Menschen; hier &ndash; alles vorüber. Die Geschichte
-dieser Stätte ist erfüllt &ndash; tretet leise auf die Steinplatten,
-störet den Frieden der Ewigkeit nicht!</p>
-
-<p>An dem, was in Pompejis Ruinen am bedeutendsten
-scheint, am Forum, an den Tempeln, an den Theatern, ging
-ich nach kurzer Besichtigung vorüber. Ich wandelte durch die
-geraden Gassen, deren mächtige, unregelmäßige Pflasterblöcke
-aus Lava noch die Furchen der Räder zeigen, und ich ging
-in die Häuser, die sich nicht auszeichneten, wo aber die
-Menschen gelebt, geliebt, gehaßt haben, gestorben sind. Auf
-Wandgemälden ließ ich meine Augen gern ruhen, die voreinstigen
-Bewohner taten's ja wohl auch &ndash; es waren hier schöne
-Gestalten dargestellt auf dunkelrotem Grunde; und ich fragte
-die Mosaikkörnchen auf den Fußböden, ob sie nicht Kunde
-wüßten von Haus und Heim des alten Geschlechtes. Aber
-Kunde hiervon geben nur Inschriften, Statuen, Hausgeräte,
-Schmuckgegenstände, Särge usw. im Museum zu Neapel.
-Diese Räume sind leer; all' das Wiedergefundene ist im
-Museum aufbewahrt; schier ganz Pompeji ist uns wieder
-geworden; den Sarg und die Vasen und den Todesschmuck
-hat das Grab gegeben, nur den Menschen nicht. Was wir
-hier sehen, ausgegrabene Buchstaben sind es nur eines versunkenen
-Blattes der Weltgeschichte, aber sie sind nicht blutbefleckt,
-wie die Ruinen der Kaiserpaläste in Rom &ndash; ein<span class="pagenum"><a id="Seite_374">[374]</a></span>
-stilles Willkommen rufen sie uns zu und laden uns ein
-in das Haus des römischen Bürgers.</p>
-
-<p>Die Häuser sind niedrig und dachlos, aber die Mauern
-sind noch gut erhalten oder ausgebessert. Hie und da führen
-enge Steintreppen empor zu dem Dachraum. Spuren von
-Feuerherden, Bettstätten, Hausaltären finden sich, noch mit
-Götterbildern versehen, aber viel häufiger die Vertiefungen
-der Bäder mit Säulengängen ringsherum. Das Bad ist
-den Römern der Mittelpunkt der Genüsse gewesen. Die
-engen, niedrigen Türen haben bequeme Antrittssteine und
-sind noch mit Holzpfosten eingelegt. Sehr spärlich sind die
-Fenster, sie gehen in den Hofraum; und es muß, wenn
-der Hausvater so bei den Seinen saß (das scheint aber nicht
-gar oft geschehen zu sein), sicherlich die heilige Vestaflamme,
-das Herdfeuer, allein gewesen sein, welches den Raum
-erhellt hat.</p>
-
-<p>Wenn auch die malerische Ausschmückung der Wände,
-der bunte Stucküberzug der Säulen, die Muschelmosaik der
-Altäre, Bäder und Fußböden überall mannigfaltig ist, so
-sind doch, außer den öffentlichen Gebäuden, die Häuser und
-inneren Räume ziemlich einförmig. Sollten sie nach tausend
-Jahren etwa Neapel einmal aus der Asche des Vesuv hervorgraben,
-so wird es hierin weit mehr zu staunen geben.</p>
-
-<p>Die Verschüttung Pompejis kann nicht plötzlich vor sich
-gegangen sein, sie mag stunden-, ja tagelang gedauert haben,
-und doch hat man in den Ruinen Hunderte von Leichen
-gefunden. Sie wollten sich nicht trennen von ihren Wohnstätten,
-oder waren krank, bresthaft, gefangen und wurden
-vergessen, oder sie haben in Rauch und Staub den Ausweg
-nicht gefunden und sind erstickt. Erwürgt und verscharrt von
-der Natur werden sie nach langer Grabesruh' zum Tageslicht
-erhoben. &ndash; Wie ehedem leuchtet wieder die Sonne, wogt<span class="pagenum"><a id="Seite_375">[375]</a></span>
-das Meer, droht der Vesuv. Es ist dieselbe Welt wie einst &ndash;
-die Natur ist nicht älter geworden; Millionen sind geboren,
-gestorben &ndash; aber das Menschengeschlecht ist noch jung und
-bereitet sich vor für künftige Jahrtausende.</p>
-
-<p>Ein kleines Mädchen, wahrscheinlich das Kind eines
-Aufsehers, spielte in einem dieser stillen Hofräume mit bunten
-Steinchen. Es baute sich damit eine Pyramide und klatschte
-in die Händchen, als sie fertig war. Die Abendsonne fiel
-schief in das Gemäuer, färbte die Wände und Säulen rot,
-färbte des Kindes Antlitz rot und die Äuglein glühten in
-Freude. Da dachte ich: Schicksal, du hast hier Menschen
-und Menschenwerke vernichtet, das war unsäglich Jammer
-und Not. Gut denn, es ist vorüber, aber warum fängst
-du mit diesem Kinde von Neuem wieder an?</p>
-
-<p>Über das Gemäuer sah ich den bläulichen Vesuv ragen;
-violett war er in dem Abendsonnenäther, als es in den
-Ruinen schon zu dunkeln begann. Ein braunes, leichtes
-Bändchen schwebte über dem Kegel, und löste sich auf in den
-Lüften, und zog immer wieder nach, so sanft und mild, wie
-zur Winterszeit ein Hauch aus warmer Brust.</p>
-
-<p>Der Abend lag über der zerstörten Stadt, der Halbmond
-hing darüber. Ich war allein in den weitläufigen
-Ruinen. Einen Hügel stieg ich hinan, der noch große Teile
-Pompejis birgt und da lag ich stundenlang auf einem Stein
-und träumte. Jeremias sang Klagelieder auf den Trümmern
-Jerusalems. Was sollte ich klagen? Lieber fragen. &ndash; Mir
-war Welt und Menschheit wie ein Fragezeichen.</p>
-
-<p>Es war eine stille, milde Nacht; nur von dem Meeresufer
-wehte das Anprallen der Wellen an das Gestein leise
-herüber. Die Wölklein über dem Kegel des dunklen Vesuv
-waren ein wenig gerötet. Das Tal schwieg; in dem Gemäuer
-löste sich zuweilen ein Steinchen und bröckelte nieder&nbsp;…</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_376">[376]</a></span></p>
-
-<p>So weit ist meine Wanderschaft gegangen, daß ich zu
-einer Stadt gekommen bin, auf deren Hauptstraßen bestaubte
-Gräser wuchern, und über deren Forum das Eidechschen
-schleicht.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und als der Wanderer diese seltsame Stätte, dieses
-stumme, eherne Traumbild gesehen, da lenkte er seine Schritte
-wieder der nordischen Heimat zu.</p>
-
-<p>Der Mond sank nieder zum Meere und zog einen
-glänzenden Streifen über das Gewässer gegen das Auge.
-Noch einmal warf er seinen erblassenden Strahl auf die
-bleichen Felsen von Sorrent, auf den finsteren Vesuv, auf
-die Ruinenstadt. Dann spielte er mit den zitternden Wellen
-des Meeres und stand auf der Linie des Horizontes wie ein
-goldenes Schifflein.</p>
-
-<p>Da &ndash; ehe der Halbmond noch versank in dem Gewässer,
-&ndash; war ein schwarzes Täfelchen in ihm. Es war
-wohl das Segel eines fernen Schiffes.</p>
-
-<p>Endlich versank die Leuchte langsam &ndash; nur noch ein
-Spitzchen, nur noch ein Sternchen blieb zurück, dann verlosch
-auch dieses in den Fluten.</p>
-
-<p>Das Segelschiff aber trieb &ndash; Gott schütze seinen Lauf! &ndash;
-in tiefer Nacht auf weiten Wassern, und Friede war über
-den Ruinen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<h3 id="Auf_den_Wassern">Auf den Wassern.</h3>
-
-<h4>I.</h4>
-
-<p>Da ich noch Kind gewesen, war es unser rieselnder
-Hausbrunnen, dem ich mein Fingerlein hinhalten mußte,
-daß es naß werde. Da ich ein Knabe gewesen, war es das
-klare Bächlein, in das ich mein kleines Flügelrädchen hineinbaute
-und aus dem ich die Forelle zog, um sie wieder hineingleiten<span class="pagenum"><a id="Seite_377">[377]</a></span>
-zu lassen. Da ich ein wandernder Junge gewesen,
-bin ich am Bächlein entlang gezogen, bis es ein Bach ward,
-und dem Bache, bis er zum Flusse wuchs; und ins Himmelsgewölbe
-schaute ich hin, dort wo es in sonnigem Äther niederging
-über die Ebene, und dachte: Jene Lüfte, jene fernen
-Wölklein stehen über dem Donaustrom. &ndash; Über hohe Stege,
-über lange Brücken zu gehen, rauschende Wehren, brausende
-Wasserfälle mit ihrem weißen Schäumen und ihrem Wasserstaub
-zu sehen, welch eine Lust! Da lag der Fluß glatt wie
-ein See, dunkel zwischen Weiden auf der Ebene hin und
-hin; dort rieselte er in kräuselnden Wellen leicht am Sande
-des Ufers spielend oder wallte über schwarzgrünen Tiefen
-still und wuchtig dahin. Und wieder in Engtälern zwang
-er sich brausend und gischtend zwischen Wänden und Felsblöcken
-fort. Damals fiel es mir auf, daß ein rasch fallender
-Fluß weniger wasserreich erscheint, als ein still dahinfließender
-von der gleichen Größe.</p>
-
-<p>Dann die Seen im Gebirge mit ihrem Wogenschlag am
-Ufer, mit ihren sagenreichen Tiefen und mit ihren Fahrzeugen!
-Als ich auf solchem See das erste Segelschifflein
-sah, wunderte ich mich überaus, daß solche Dinge, wie man
-sie nur in Bildern so oft gesehen, tatsächlich in der Welt
-vorkämen und daß ich vor einem derselben stand.</p>
-
-<p>Meine Lebenssonne stieg schon empor gegen den heißen
-Zenit, ich hatte schon Stürme erfahren, äußere und innere,
-ich war schon Sünder und Büßer gewesen &ndash; als ich zum
-erstenmal das Meer sah. Es war das adriatische. Ich fühlte
-mich im ersten Augenblick schier ein wenig enttäuscht, so wie
-es mir stets bei allem Großen ergangen ist, zu welchem eine
-ausschweifende Phantasie im vornherein die Vorstellung gefälscht
-hatte. Zum zweitenmal sah ich das Meer in der ernsten,
-düster bewegten Ostsee. Es war eine grollende Ödnis<span class="pagenum"><a id="Seite_378">[378]</a></span>
-über derselben, eine nordische Ossianstimmung. Zum drittenmal
-sah ich das Meer in der Nordsee. Dort nahm ich es mit
-ihm auf. Es trug mich hinaus, daß ich kein Land mehr sah
-und kein Schiff außer dem meinen, nichts als das hohe wogende
-grüne Meer unter unendlichem Himmel. Es ist ein
-Vorwitz, dachte ich mir damals, daß der Mensch mit seiner
-zuckenden Nußschale sich dieser unermeßlichen Gewalt hingibt.
-Es waren drei große Tage und Nächte für mich, so
-auf dem leibhaftigen Tode dahinzugleiten und ich fühlte,
-wie es doch lächerlich ist, ein Menschlein zu sein und zu
-wähnen, daß man die Welt beherrsche. Aber der Menschlein
-Mut rührt die Götter oder macht ihnen Spaß, und
-<em class="gesperrt">freiwillig</em> gibt die See das Schiff zurück.</p>
-
-<p>Zum viertenmal sah ich das Meer im sonnigen Süden
-von Genua und in Neapel. Das mittelländische, es ist
-das freundlichste, auf dem noch der Hauch der klassischen
-Schönheit zu schweben scheint.</p>
-
-<p>Seither hat mich die Sehnsucht nach dem Meere nicht
-mehr verlassen; ja in dem Maße, als mir das Geschick
-die Hochgebirgswelt versagt, steigert sich mein Hang zum
-Meere. Andere wallfahrten nach den Gletschern des Glockners,
-ich zur Küste von Miramare.</p>
-
-<p>Schon die Fahrt dahin macht Stimmung. Da löst
-man sich mählich los von den grünen Bergen der Steiermark;
-es kommt die unterländische Ebene mit ihren saftigen
-Wiesen, in der Ferne Weinberge. Durch ein fast
-wildes, schattenreiches Gebirge fährt man ins Land der
-Krainer; wir gleiten über die Laibacher Ebene, in welche
-die weißen Steiner Alpen herableuchten. Dann kommt
-der Karst. Eine Mondlandschaft mit Schründen, kahlen
-Bergen und kraterartigen Vertiefungen. Diese Vertiefungen
-entstanden, als die Oberfläche hinabsank in die Höhlen.<span class="pagenum"><a id="Seite_379">[379]</a></span>
-Keine geschlossenen Felsen hier, sondern eine endlose
-Wüste von losen, grauen Steinen, jeder malerisch für
-sich, jeder im Mondscheine wie beschneit erglänzend zwischen
-scharfen Schatten. Die Bora hat sie blosgewühlt
-und den Erdstaub dahingeweht. Hunderte von Äckerlein,
-Wieslein und kleinen Weiden sind mit hohen Steinmauern
-eingerandet, zu sehen wie Kirchhöfe in armen Heidedörfern.
-Dort und da ein Strauch, eine verkümmerte Eiche.
-In den Mulden und Schluchten stehen kleine Dörfer nach
-italienischer Bauart, mitten in Weinreben, und darüberhin
-ziehen sich streckenweise die hölzernen Schutzwände der
-Eisenbahn gegen Schneewehen. Der Süden und der Norden
-streiten hier auf dem Karst um die Herrschaft. Der
-Süden ist zurückgedrängt worden vielleicht zur Zeit, als die
-Veneter in dieser Gegend die Piloten holten zu ihrer
-Wasserstadt. In neuer Zeit scheint der Norden wieder
-weichen zu müssen; denn man ist daran, den Karst aufzuforsten,
-wovon schon heute stellenweise so erfreuliche Anfänge
-zu sehen sind, daß Triestiner behaupten, man merke
-bereits die Zähmung der Bora.</p>
-
-<p>Auf dem ganzen Karst hat der Reisende das Gefühl,
-als ob ihn die Eisenbahn über das ungeheure Plateau
-eines hohen Gebirges dahintrage. Bei Nabresina erreicht
-die Steinwüste den höchsten Grad, da biegt sich die Bahn
-nach links, geht durch einen Felseinschnitt, wie es deren
-auf der Strecke zahlreiche gibt, und der Blick des Reisenden
-fliegt plötzlich wie befreit hinaus in eine unabsehbare
-graue Ebene, dort und da der lichte Punkt eines Gebäudes.
-Das adriatische Meer. So nahe ist es da, daß
-man meint, es mit einem Steinwurf erreichen zu können.
-Aber es ist tiefer unten, als es scheint, so tief, daß es
-uns auch in bewegtem Zustande wie eine glatte ruhige<span class="pagenum"><a id="Seite_380">[380]</a></span>
-Fläche daliegt. Die lichten Punkte in der Ferne sind
-freilich Gebäude, aber schwimmende.</p>
-
-<p>Der Gegensatz, aus der Steinstarrnis so jäh vor die
-weichen, ewig lebendigen Wässer versetzt zu sein, wirkt,
-und den möchte ich kennen, der, zum erstenmal das Meer
-sehend, in diesem Augenblick nicht eine Aufwallung seines
-Wesens verspürte, nicht ein Feuchtes in seinem Auge &ndash;
-die Träne am Meere.</p>
-
-<p>Miramare heißt das Schloß, das dort unten aus
-der Landzunge scharf am Rande steht, mit seinen weißen
-Zinnen einsam und melancholisch hinausschaut auf das
-Meer. &ndash; Miramare heißt es. Den Namen hat ihm der
-gegeben, um den es trauern wird, bis dereinst der letzte
-Stein auf ihm niedersinkt in die Flut.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Links von diesem Bilde, im Hintergrunde, wo sich
-das Meer einbuchtet, liegt im stattlichen Halbkreise das
-stolze Triest.</p>
-
-<p>Aus dem Bahnhofe von Triest tretend, steht man am
-Hafen. Fast erschrickt die Landratte vor den Ungeheuern
-der Dreimaster, die mit ihren turmhohen Stämmen und
-gekreuzten Takelwerken geisterhaft vor ihr stehen. Vielleicht
-ist sie eine mathematiklustige Natur und will die
-Dampfer und Segelschiffe alle zählen, die bis zum Leuchtturme
-hin im Hafen liegen. Ja, die Landratte wird
-dieses Unternehmens bald müde sein. Das ganze buntbewegte,
-laute Hafenleben stockitalienischen Charakters betäubt
-sie. &ndash; Plötzlich versetzt in eine neue Welt! Da
-verliert mancher den Kopf, mancher nur den Hut, den
-ihm die Borina tückisch vom Haupte reißt und ins Meer
-hinauswirft. Schon gleitet ein Nachen hin, sich gelenkig
-windend zwischen Kähnen, Ankerfesten, unter den schwarzen
-Bäuchen der großen Schiffe am Molo und bald überreicht<span class="pagenum"><a id="Seite_381">[381]</a></span>
-der Matrose, heitere Worte hell in welscher Sprache
-rufend, den Hut, ewig höflich und ewig unzufrieden mit
-der Gabe, die man ihm reicht. Den Hut setzt man auf
-und denkt: er wird schon wieder trocken. Trocken wird
-er und hat eine graue Kruste &ndash; vom Salz des Meeres.
-Das alles macht der Landratte unendlich viel Spaß.</p>
-
-<p>Ganz eigentümlich angenehm berührt mich am Meeresstrande
-allemal der Gedanke, daß man hier im Vorhofe
-aller Weltteile sei, gleichsam in der Vorhalle zu Alexandrien,
-Neuyork, San Franzisko, Kalkutta. Schon im Hochgebirge
-streift sich der kleine persönliche Egoismus ab;
-auf dem Meere löst sich auch der große, nationale auf
-&ndash; das Herz weitet sich kosmopolitisch, befreit sich.</p>
-
-<p>Darum hat sich der russische Kriegsdampfer so patzig
-ausgenommen, der an jenem Tage, als ich in Triest war,
-mit Kanonengebumme in den Hafen einlief. Solcher Seevagabunden
-schürfeln viele auf dem Mittelmeere herum,
-auch Haifische, wovon vor wenigen Jahren einer nach
-Triest kam und jenem im Meere badenden Mann den
-Fuß wegbiß. Der Angefallene wurde vor dem Ungeheuer
-noch gerettet, verfiel aber vor Schreck und Grausen in
-einen Starrkrampf, an dem er nach wenigen Stunden
-gestorben ist.</p>
-
-<p>Ich pachtete mir einen kleinen Segler und zwei Matrosen
-und gebärdete mich wie ein Schiffskapitän, der eine Reise
-um die Welt unternimmt. Dabei Erinnerung an meine
-Heldentat im Meerbusen von Sorrent. Als mich dort
-vor Jahren mein Jollenführer aufs hohe Meer hinausgerudert
-hatte, begehrte er das Dreifache der von uns
-früher genau und fest vereinbarten Löhnung. Da ich nicht
-darauf einging, drohte er, mich nimmer ans Ufer führen
-zu wollen. Ich konnte mich mit dem Manne auf italienisch<span class="pagenum"><a id="Seite_382">[382]</a></span>
-nicht anders verständigen, als daß ich zornig den
-Arm erhob und mit einem echt steierischen: »Himmelsaggra,
-Kerl, ih hau dir ani aba!« mir mein gutes
-Recht verschaffte. Ja, ja, wer steirisch spricht! … »Hau
-dir ani aba!« ist Volapük. Mit der richtigen Gebärde
-allgemein verständlich.</p>
-
-<p>Meine Herren Matrosen hier in Triest aber kreuzten
-im Hafen, über dessen Spiegel der Wind dort und da
-kräuselnden Schaum aufhobelte. Sie waren nicht hinauszubringen
-auf die hohe See, auf der die weißen Gischten
-sprangen. Sie könnten der heftigen Bora wegen nicht
-mehr zurück. &ndash; Wer sagt, daß ich zurück will? Ihr
-bekommt für die Stunde einen Gulden, ob wir nun nach
-Miramare segeln oder nach Sidney. &ndash; Hierauf ging's
-hinaus. Der Wind pfiff im Segel und die dunkelgrünen
-Wasser wogten in bauchigen Wellen und scharfen Kämmen
-und gebärdeten sich wütend gegen unser armes Schifflein,
-dessen Bord zu einer Seite schier unter Wasser tauchen
-wollte, so sehr wir die entgegengesetzte Seite mit unserem
-irdischen Gewichte zu beschweren suchten. Die Matrosen
-waren stets mit ihren Ruderstangen, mit den Segeltauen
-beschäftigt und hereinspritzender Gischt und Schweiß rann
-ihnen vom braunen Gesicht. Mitunter stießen sie einen
-Ruf aus, der im Brausen nicht gehört wurde. Ich stemmte
-mich mit den Füßen stramm gegen die tiefgehende Wand
-und schaute hinaus. Eine anspringende Welle schlug mir
-die Brille von der Nase, was auch ganz gut war, denn
-sie war schon sehr stark mit Salzkrusten belegt, daß ich
-damit nichts mehr gesehen hatte.</p>
-
-<p>Der Karst lag bereits in grauer Ferne, durch welche
-Triest in unbestimmten Umrissen, wie ein gelblichweißer
-Steinhaufen, schimmerte. Vor mir lag die ungeheure Anhöhe<span class="pagenum"><a id="Seite_383">[383]</a></span>
-des Meeres. Es zeigt sich nicht wie eine ebene Fläche,
-sondern wie eine schwellende Höhung, üppig und fessellos,
-als überflute es sich selbst immer und überall. Auf
-Landseen frägt man sich manchmal nach der Tiefe oder
-Untiefe des Grundes. Auf dem Meere denkt man nicht
-mehr daran, denkt nicht an Berg und Tal da unten,
-nicht an das Gold, nicht an die Schiffstrümmer und
-Gebeine, die unten ruhen mögen, denkt auch nicht an die
-Ungeheuer des Tierreiches, die im Innern des Gewässers
-herrschen. So ganz nehmen die Erscheinungen der Oberfläche
-den Neuling gefangen.</p>
-
-<p>Es gibt wahrscheinlich Leute, die sich das Meer unter
-dem sonnigen Tage licht und glitzernd denken als durchsichtiges
-Wasser, spiegelnd wie Kristall, blendend für das
-Auge und am Horizont mit dem Himmel allmählich sich
-verwebend, wie der ferne Gesichtskreis in einer Landschaft.
-Das Meer ist anders. Es ist dunkel und glanzlos, in
-einem tiefgesättigten Grau, Blau oder Grün, auf welchem
-sich die weißen Schaumfetzen schuppenartig und zuckend
-abheben. Die auch bei stürmischer See schnurgerade und
-ruhige Linie des Horizontes ist scharf geschnitten, unten
-das dunkle Gewässer, oben der lichte Himmel. Unbegrenzt
-und doch die Grenze scharf vor dem Auge. Dieses ungeübte
-Auge weiß auf dem hohen Meere aber nicht, ist die
-Gesichtsgrenze wenige Stunden oder viele Meilen weit
-entfernt, es ist immer, als ob eine nahe Wasserhöhe die
-natürliche Sehweite einengte. Erst wenn in der Kimmung
-ein Schiff auftaucht, gewinnt man einen Maßstab
-für die weite Fläche, die man überblickt. Wenn etwa
-zur Mittagszeit draußen auf der Schneide ein kleiner Punkt
-erscheint, so hat man am Nachmittag wohl allmählich die
-Gestalt eines Segelschiffes vor sich, aber erst am Abend<span class="pagenum"><a id="Seite_384">[384]</a></span>
-steht es uns so nahe gegenüber, daß man die Einzelheiten
-seines vielgliederigen Takelwerkes erkennen kann. Ein andermal
-vermeint man das schimmernde Segel eines Fischerkahnes
-zu sehen, aber plötzlich fliegt es in die Lüfte auf,
-eine Seemöve ist's, wie diese Vögel ja des Menschen treue
-Begleiter sind auf den Wassern, weil von den Ablagerungen
-der Schiffe oder von der Beute derselben manches für sie
-ausfällt.</p>
-
-<p>Wunder nimmt die ewige Reinheit des Meeres. Was
-fließt nicht alles da zusammen, welche Abfälle von den
-großen schmutzigen Seestädten, von den tausenderlei Fahrzeugen,
-welch ein Wust von Dingen, die weder untergehen,
-noch sich auflösen können, wird ins Meer geworfen. Nichts
-von all dem ist zu sehen, selbst in den Häfen nicht. Seit
-vielen tausend Jahren gleitet die schmutzige Geschichte der
-Menschheit millionenfach über die Meere &ndash; sie müßten
-Jauche geworden sein. &ndash; Das Meer ist rein wie am Tage
-der Schöpfung. Dieselbe, ewig menschliche Spur verzehrende,
-reinigende Kraft wie im Walde, wie in der Luft,
-ist auch im Meere. Nichts, gar nichts haben die Geschlechter,
-die Völker dem Meere anhaben können, es ist
-heute, wie es vor dem Menschen war.</p>
-
-<p>Der Sonnenstern vermag tagsüber das Meer nicht
-zu durchdringen, es bleibt selbst unter heiterem Himmel
-immer eine gewisse Dämmerung darüber ausgegossen. Erst
-mit dem Untergange der Sonne zeigt sich ein helleres
-Licht und Farbenspiel. Die Sonne wird röter, je tiefer
-sie sinkt, und fast am Rande des Meeres angelangt, ist
-ihre untere Hälfte matt und dunkelglühend, während die
-obere noch heller leuchtet. Dadurch erscheint die Scheibe
-wie eine von oben her beleuchtete Kugel. Dieser glühende
-Ballen taucht nun in weit größerer Gestalt, als er je am<span class="pagenum"><a id="Seite_385">[385]</a></span>
-Zenite gestanden, ins Meer; es ist einem, als müsse man
-das Zischen hören, wenn die Sonne hineinsinkt. Das Meer,
-in welches sie taucht, ist schwarz wie Tinte, es widerspiegelt
-nichts, nur die Wellen, die unser Schiff umgeben, haben
-einen flüchtigen Perlmutterglanz. Noch sieht man der Sonnenscheibe
-Hälfte, sie ist glanzlos, als sauge sie sich bereits
-an Wasser voll. Endlich ist nur mehr der oberste Rand
-da &ndash; man könnte meinen, am Horizont stehe ein brennendes
-Schiff; der letzte lodernde Punkt verzuckt &ndash; dann ist
-alles verloschen. Auf den Gewässern ist es ruhiger geworden,
-keine Bora mehr, kaum eine leichte Brise, das
-Wogen der Wellen ist ein Wiegen geworden.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Kehren wir um. Die Sterne des Himmels müssen
-den Weg weisen, bis das drehbare Licht des Triester Leuchtturmes
-uns begrüßt. Allmählich taucht auch das Geflimmer
-der Stadt auf, die Signallichter der Masten und endlich
-sehen wir die zickzackigen Streifen der sich im Wasser
-spiegelnden Laternen des Molo.</p>
-
-<p>Das kleine geschäftige Treiben der Menschen ist sehr
-possierlich nach einem solchen Versunkensein in der großen
-Natur. Und noch possierlicher ist es, daß man sich alsbald
-auch selber wieder hineinmischt, mit einer Wichtigtuerei,
-als hänge das Heil der Welt ab von unserem alltäglichen
-Hasten. Unser eigenes hängt freilich ab von diesem
-Kampf ums Dasein; wenn das Dasein doch nur mehr
-solche Momente hätte, als ich erlebt da draußen auf See
-in der sanften Gewalt Gottes.</p>
-
-<h4>II.</h4>
-
-<p>Abbazia! Schon das Wort klingt wie der Gesang
-eines tropischen Vogels. Wo liegt dieses Abbazia?</p>
-
-<p>Dem Wiener ist es spielend leicht zu erreichen, er<span class="pagenum"><a id="Seite_386">[386]</a></span>
-schläft sich einfach hinüber. An einem Spätabende läßt
-er sich auf dem Südbahnhof ein Eisenbahngelaß aufsperren,
-zieht die Fenstervorhänge zu, macht sich bequem, raucht
-noch ein paar Zigarren, legt sich dann hin und&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nach einiger Zeit wird er wach, reibt den letzten Rest
-Duseligkeit aus den Augen, streckt sich und sagt: »Ah,
-das war ein köstlicher Schlaf! &ndash; Wo sind wir denn schon?«
-Er zieht die Vorhänge auf: Ah!</p>
-
-<p>Hesperien im Morgensonnenschein!</p>
-
-<p>Der Eisenbahnzug steht hoch an einem Ausläufer des
-Karst in der Station Mattuglie. Steil und größtenteils
-kahl stürzen die kalkfelsigen Berge ab und unten liegt
-blauend das Meer.</p>
-
-<p>Es ist die Bucht von Fiume, die allerdings viele
-Ähnlichkeit mit einem Binnensee hat, weil sie in der Ferne
-von mehreren langgestreckten bergigen Inseln begrenzt wird.
-Nur rechts, am istrianischen Strande entlang, öffnet sich
-eine Straße hinaus auf die freie hohe See. Das ganze
-Bild ist ein südliches und erinnert an italienische und
-spanische Küsten; Liebhaber des Orients mögen sich auch
-an die Buchten Griechenlands, an den Strand von Palästina,
-an den Fuß des Libanons versetzt fühlen. Die
-Höhen des Karstes und der kroatischen Alpen, frei vom
-Meeresspiegel aufspringend, geben sich gar stolz und ihre
-Schneegipfel schauen neugierig herab auf die immergrünen
-Lorbeer- und Palmenhaine an der Küste.</p>
-
-<p>Dem Ankömmling wird gesagt, er habe von der Station
-Mattuglie aus mit Wagen nach Abbazia vierzig Minuten
-zu fahren, und auch nicht länger zu gehen. Bei der
-klaren kühlen Witterung wählt er das letztere. Mit jedem
-Schritte, den er abwärts tut, steigert sich die Wärme der<span class="pagenum"><a id="Seite_387">[387]</a></span>
-Luft. Seine Umgebung sind graue, aus der Erde quellende
-Felsblöcke, Steinfletze und dazwischen dort und da
-eine ärmliche Hütte aus Quadern, Gärtlein mit Ölbäumen
-und Weinreben, und kleinen Wiesen, die terrassenartig mit
-Rohsteinwällen oder festen Mauern eingefaßt sind. So
-ähnelt mancher Gemüsegarten einem Gebäude, manche
-Ziegenweide einer Festung. Da ist der Schafstall und die
-Hütte des Hirten massiv, wie für die Weltgeschichte gemacht;
-und wenn das Schaf vom Steuereinzieher davongetrieben
-wird und der Hirte auswandert und das Strohdach
-einbricht, so stehen die Steinmauern so gut ihr Jahrhundert
-noch, als bei uns daheim die Ruinen der Ritterburgen.
-In der Gegend sieht man wohl Häuserruinen stehen;
-die Zeit hat hier ein armes Volk erdrückt. Die neuesten
-Tage bauen an diesen Küsten Palast um Palast, aber nicht
-für die Einheimischen, sondern für die Fremden, die in
-ihren großen Städten müde geworden sind und sich hier am
-Meeresodem wieder erfrischen wollen.</p>
-
-<p>Zu Füßen des Wanderers liegt nun hart am Meere
-der Flecken Voloska. Slawisches und romanisches Wesen
-ist hier gemischt, ersteres wiegt an Ausdehnung und Zahl
-vor, letzteres drückt aber der Gegend den Charakter auf.
-(Zu erinnern, daß diese Aufsätze in den Achtzigerjahren
-geschrieben worden sind.) Von Voloska aus links führt
-eine Kunststraße nach dem nahen Fiume, rechts am Meere
-hin geht's nach Abazzia. Der Weg ist kurz, bald stehen
-wir im Kurorte. Die im Hintergrunde sich steil erhebenden
-Berge &ndash; mit der Spitze des 1400 Meter aufsteigenden
-Monte Maggiore &ndash; sind unwirtlich und stellenweise
-armselig bestanden mit Laubholz; sie lassen am Strande
-nur einen kümmerlichen Raum für Menschen. Dieser
-Raum ist von einem immergrünen Wald von Lorbeerbäumen,<span class="pagenum"><a id="Seite_388">[388]</a></span>
-Palmen, Zedern und Sebengewächsen bestanden.
-Dem entsprechend ist die Blumenwelt. Fast betäubt den
-Fremden anfangs die weiche Luft und der üppige Duft.
-Es ist, als ob man in einem ungeheuren Gewächshaus
-stünde, von dem für den Augenblick die Glaswände und
-das Dach weggenommen worden. Und in diesen Wald
-hinein bauten sie den Kurort Abbazia. Tiefschattige Haine,
-bunte Rasenplätze, glatte Kieswege, wildes Gefelse und Ruinen
-von Bauernhütten wechseln zwischen den Häusern;
-so sinkt die Fläche sanft zum Meere hin, wo wildzerklüftete
-braune Steinwuchten und Klippen gegen die andonnernden
-Wogen ihre Vormachst halten. Es ist wohl nicht zweifelhaft,
-wer am Ende siegen wird, das weiche Wasser oder
-das harte Gestein. Dieses verliert bei jedem Wellenschlag
-Atome, das Wasser zergischtet jede Sekunde und ist doch
-ewig gesund. Aber bis der Strand dahingewaschen sein
-wird, dazu hat's noch lange Zeit; da mag früher wohl
-ein großer weltberühmter Kurort hier florieren und wieder
-aus der Mode kommen und verfallen, wie die Wohnungen
-der früheren Ansiedler verfallen sind.</p>
-
-<p>Man setzt sich hin und kann stundenlang dem Spiele
-des Wassers zusehen. Gerne treibt es &ndash; und das ist bei
-gewöhnlicher Lebhaftigkeit sein Gebaren &ndash; in langgezogenen
-Wellen, wovon eine von der anderen etwa zehn bis
-fünfzehn Meter entfernt ist, heran. Solch eine Welle macht
-einen hohen glatten Rücken, durch den das Licht schimmert
-und sie wie grünliches Eis erscheinen läßt. Nahe
-dem Strande begegnet ihr aber eine von den Steinen zurückgeworfene
-Welle, über diese hinwegspringend bricht sie
-sich in Gischt, fährt an den Strand, wo sie unbändig emporwallt
-oder weiß aufspritzt, um dann wie ihre Vorfahren
-und ihre Nachkommen zurückzusinken. An mehreren Punkten,<span class="pagenum"><a id="Seite_389">[389]</a></span>
-besonders am sogenannten Teufelsbrunnen sichtbar,
-rinnt das Meerwasser in mächtigen Strömen durch Höhlungen
-in den Berg hinein, um an anderer Stelle wieder
-hervorzubrechen. Dort und da gibt es badeschwammartig
-durchlöcherte Steine, durch die das Wasser gurgelt und
-drängt, um auf der anderen Seite stoßweise hervorzuspringen.
-Die Färbung des Meeres ist von höchster Mannigfaltigkeit,
-hier kommt noch dazu die Schattierung von den
-Inseln Veglia und Cherso, deren Berge besonders in den
-späten Nachmittagsstunden in sanftem Veilchenblau herüberlachen.
-Freundlich schimmert Fiume und Porto Re am
-Fuße des kroatischen Gebirges und im südlichen Hintergrunde
-steigen die hohen weißen Bergzüge Dalmatiens hoch
-in den Himmel empor. Mir fällt ein, der Blick auf dem
-Bodensee gegen die Gletscher der Schweiz hin. Die Schönheit
-der See und die Herrlichkeit der Alpen im Bilde
-vereinigt!</p>
-
-<p>Als drüben an der Riviera vor einiger Zeit das
-Erdbeben gewütet hatte, kamen Flüchtlinge herüber nach
-Abbazia, das sich patriotischerweise anschickt, die österreichische
-Riviera zu werden. Und man hat gefunden, daß die
-Naturschönheit hüben jener von drüben nicht bloß in nichts
-nachgibt, sondern sie sogar übertrifft.</p>
-
-<p>Dieses Asyl am Quarnero hat für uns seinen besonderen
-Wert. Wer den nordischen Winter nicht liebt oder ihn
-der Gesundheit wegen fliehen muß, und doch nicht ins
-ferne Ausland will, der schlafe sich also in einer schönen
-Nacht hinab nach Abbazia. Im milden Hauche des grünen
-Lorbeerhaines und im Angesichte des sommerlich sonnigen
-Meeres kann er dort Christfest halten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_390">[390]</a></span></p>
-
-<h4>III.</h4>
-
-<p>Da sitze ich auf dem luftigen Balkone des stattlichen
-Hospizes Quisisana und treibe wieder Meerstudien. Der Palast
-steht in dem immergrünen Walde, mit dessem Laube man
-die Unsterblichen ehrt. Zu meinen Füßen ruht der Kurort
-und darüber hinaus dehnt sich das Meer.</p>
-
-<p>Ich liebe das Meer. Daß ich meinen Leib entkleide
-und in die laue salzige Flut steige, ist recht gut, aber
-besser noch ist das andere: ich bade im Meer mein Herz.</p>
-
-<p>Dann sinne ich nach über die Natur des Gewässers.
-Die Ostsee z. B. hat in den Sommermonaten eine Wärme
-von 16&ndash;17 Graden Celsius, das Mittelmeer von 22 bis
-27 Graden, das Rote Meer, welches zwischen heißen Wüstenländern
-liegt, hat sogar eine Wärme von 34 Graden,
-also um etliche Grade wärmer, als ein gewöhnliches warmes
-Bad ist. Ebenso verschieden ist der Salzgehalt der Teile
-des Weltmeeres. Die Ostsee hat etwa ein viertel Prozent
-Kochsalz, während das Tote Meer zwanzigeinhalb Prozent
-mißt. (Vielleicht kommt das von der Salzsäule, in die Frau
-Lot bekanntlich in der Gegend dieses Meeres verwandelt
-worden ist, meinte einer, der alles Salzbittere den Frauen
-zuschreibt.) Das Tote Meer, das merkwürdigste Binnenmeer
-der Erde, hat auch ein so großes spezifisches Gewicht,
-daß der Mensch darauf schwimmt wie ein Kork und bei
-dem besten Willen nicht untergehen kann. Es ist das einzige
-Meer, welches fast absolut klar ist und die Sonnenstrahlen
-wohl viel tiefer in sich läßt, als der Ozean, in den das
-Licht nur neunzig Meter eindringt. Tiefer unten herrscht
-absolute Finsternis.</p>
-
-<p>Überaus unterschiedlich ist das Auftreten der Ebbe
-und Flut; in der Ostsee ist sie kaum zu merken, in unserem<span class="pagenum"><a id="Seite_391">[391]</a></span>
-Mittelmeere unbedeutend, hingegen kommt der tägliche
-Wechsel des Steigens und Fallens in den südlichen Meeren
-in großem Maße vor. Die Tagesflut hat ihre Ursache
-wohl in der Ausdehnbarkeit durch die Wärme?</p>
-
-<p>Die hervorragendste gute Eigenschaft der See, das
-Heilsamste, was die See für uns hat, ist die Seeluft.
-Sie wirkt mehr als die See-, Sand- und Schlammbäder,
-und zwar durch ihre Reinheit, ihre laue Feuchtigkeit, ihren
-Salzgehalt. Aber sie muß von der See herkommen, nicht
-vom Lande. Etliche Chemiker, die bekanntlich alles wissen
-und auch den Homunkel gemacht haben, behaupten auf
-Grund ihrer sehr wissenschaftlichen Untersuchungen, daß in
-der Seeluft keine Salzteile vorkämen. Der simpelste Fischer
-oder Matrose, ja sogar der am Strande wandelnde Landbewohner
-weiß das freilich anders, ja selbst auch, ohne
-mit dem Wasser geradezu in Berührung zu kommen &ndash;
-weil seine Lippen einen salzigen Geschmack annehmen, in
-seinen Haaren sich Salzkristallchen bilden. In Helgoland
-kann man es häufig bemerken, daß bei starken Seewinden
-die Fenstergläser der höher gelegenen Häuser sich mit feinen
-Salzkrusten überziehen.</p>
-
-<p>Der eigenartige Geruch der Seeluft, den manche als
-heilsam für den Magen bezeichnen, soll von den faulenden
-oder verwesenden Stoffen aus dem Tier- und Pflanzenreiche
-kommen, die das Wasser mit sich führt. Ob solche für
-den, der sie einatmet, heilsam sind, das kann bejaht, aber
-auch verneint werden, wie überhaupt alle Kultur- und Medizinmittel
-von den einen bejaht, von den anderen verneint
-zu werden pflegen. Was existiert denn überhaupt auf Erden,
-über das alle Leute der gleichen Meinung wären? Die
-Wissenschaftler unter sich sind es so wenig als die Laien.</p>
-
-<p>Ein Mensch, wird versichert, trinke täglich 10000 Liter<span class="pagenum"><a id="Seite_392">[392]</a></span>
-Luft, da kommen Teile, mit welchen sie etwa verunreinigt
-ist, schon in Betracht. Wohltätig ist der Aufenthalt an
-der Küste, wohltätiger ist er auf einer Insel, am wohltätigsten
-auf hohem Meere, auf dem die Luft fast vollkommen
-rein ist. Es wird eine Zeit der schwimmenden
-Kurorte kommen. Man wird Schiffe einrichten, die den
-Zweck haben, mit ihren heilbedürftigen Insassen sich immer
-auf der See umherzutreiben.</p>
-
-<p>Nie und nirgends ist das Klima so gleichmäßig, als
-auf oder an dem Meere, dort gibt es kühle Sommer und
-laue Winter. Wer sollte es denn glauben, daß im nordischen
-Helgoland im Freien die Feige reift und die Rose
-noch im Dezember blüht! Je glatter eine Fläche, je gleichmäßiger
-die Temperatur, das gilt ja auch vom Lande.
-Je gegliederter ein Land ist, je mehr Höhen und Tiefen
-es hat, je ungleichartiger im Winter und Sommer, bei
-Tag und Nacht ist seine Luftwärme; ins Herz hinein tut
-es mir weh, von euch, ihr lieben Alpen, sagen zu müssen,
-für Leute, die eine schwache Brust haben, seid ihr kein
-guter Freund! Oder man müßte immer auf euren höchsten
-Gipfeln leben, wo die Luft und Wärme auch eine gleichmäßigere
-ist als in den Tälern.</p>
-
-<p>Nicht bloß die Engbrüstigen sollten ans Meer und
-aufs Meer, sondern auch die Engherzigen. Der Egoist,
-der Habsüchtige, der Hoffärtige, sie sollten einmal etliche Monate
-lang auf dem Ozean fahren, wo alles Größe und
-Ewigkeit ist, wo es nichts gibt, nach dem die Hand des
-Menschen begehrend sich ausstrecken kann, wo nichts sich ihm
-unterwirft, wo die Elemente, wie sie eben in Laune sind,
-das menschliche Fahrzeug als Spielzeug gebrauchen. Da
-ist's nichts mit der Übervorteilung anderer, und die ganze
-Selbstsucht geht lediglich darauf hinaus, doch nur mit heiler<span class="pagenum"><a id="Seite_393">[393]</a></span>
-Haut wieder ans Trockene zu kommen. Ein kleines Schiffsbrüchlein
-soll für verknöcherte Herzen ein besonders heilsames
-Seebad sein; nicht bloß, daß man dabei beten lernt,
-man lernt, sagen sie, auch das Leben, bescheiden und dankbar
-sein für jeden Atemzug und Achtung haben vor den
-Mitmenschen. Natürlich rechtzeitige Rettung, und wäre
-es auch nur durch bewußten Balken auf eine wüste Insel.
-Robinson wäre daheim auf dem festen Lande ein Taugenichts
-geworden, die Einsamkeit auf seiner Insel im Weltmeere
-hat ihn zu einem ganzen Manne gemacht.</p>
-
-<h4>IV.</h4>
-
-<p>Den Kummer nenne ich dir nicht, aber du kennst
-ihn. Wenn du es mit dem Leben, mit der Welt, mit dir
-selbst einmal heftig zu tun gehabt hast, so kennst du ihn
-ganz gewiß; er ist so schwer, er scheint so unerträglich,
-daß dich nichts erquicken kann, als der eine Gedanke:
-Sterben. Es ist nicht Sentimentalität, es ist kein eingebildetes
-Weh, es hat Grund und Folge, es hat Gestalt,
-und alles, was du um dich siehst, in dir fühlst, ist namenloses
-Elend. Ich nenne das Leid nicht, es hat einen abscheulichen
-Namen.</p>
-
-<p>In fieberhaften Träumen der Mitternacht rief eine
-Stimme: »Geh' ans Meer!« &ndash; Ich schrak empor. Wer
-ist da? Wer ruft? War das nicht die traute Stimme
-eines längst und auf ewig verstummten Mundes? &ndash; Ja,
-miß dein Leid an der Größe und Tiefe des Ozeans. Ohne
-Gebimmel und Geserres schlafen gehen … Um Mitternacht
-stand ich auf und eine Stunde später saß ich im
-Kurierzuge nach Abbazia.</p>
-
-<p>Als ich über den Karst fuhr, röteten sich die Steine,
-und bei Mattuglie tief unten lag das Meer im Sonnenlichte.<span class="pagenum"><a id="Seite_394">[394]</a></span>
-Ich stieg hinab, wie man hinabsteigt von den felsigen
-Höhen Palästinas gegen das mittelländische Meer.
-Dann ging ich dem Strande entlang; die weiten Wasser
-waren stille, als hielten sie ein, daß der Geist Gottes
-sie küsse; und doch schlugen die Wellen ans Ufer, als wollten
-sie heraussteigen; aber ohnmächtig rieselten sie wieder
-zurück in ihr dunkelgrünes Bett. Das ist viel zu zahm. Das
-Meer in meinem Herzen, das brandet anders! Jetzt hüllen
-mich die Ölbäume in ihre Schatten, jetzt fächeln mir die
-Lorbeerzweige um die Stirne. O nein, Ruhm und Preis
-ist es ja nicht, nach dem ich dürste. Nach Frieden des
-Herzens schrei' ich auf. &ndash; Orangen-, Pfirsich- und Feigenbäume
-halten ihre üppigen Früchte mir entgegen. O nein,
-Weltgenuß ist es nicht, nach dem ich lechze. Nach Frieden
-des Herzens weine ich. Herrliche Paläste winken mir zu
-im Lorbeerhaine, Prunk und Pracht, schöne Frauen, liebliche
-Musik! Als ob das Feinste der feinen Welt sich hier
-versammelt hätte, um mich zu grüßen, um mich zu trösten.
-Das ist es aber nicht, warum ich gekommen bin. Nach
-zwei Richtungen steht mir die Flucht offen, hinauf in
-die Felsen des Karstes, hinab&nbsp;…</p>
-
-<p>Endlich kehrte ich doch bei lieben Menschen ein, müde
-und abgehärmt sank ich auf ein Ruhebett. An vierundzwanzig
-Stunden mochten verflossen sein, seit die Stimme
-mich aufgeweckt, und jetzt weckte mich eine andere. Es
-donnerte ums Haus, daß die Wände bebten. Ich stand
-auf, öffnete ein Fenster, da wehte es herein wie feuchter
-salziger Hauch, und ein grauses Rollen und Krachen erfüllte
-die Luft.</p>
-
-<p>Was das wäre? fragte ich einen auf der Gasse Wandelnden.
-»Das Meer«, antwortete er schreiend und ging
-vorüber. Ich stieg hinab an das Ufer und mußte jauchzen,<span class="pagenum"><a id="Seite_395">[395]</a></span>
-so leicht war mir plötzlich. Das Meer war rasend
-geworden. In langgestreckten, hohen Wellen, in lebendigen
-Bergen wogte es heran, schlug schwer und wild an die Klippen
-des Strandes und die Wasser sprangen, aufwärts gießend,
-weit herein ins Land. Kein Lüftchen aber regte
-sich, holder Vollmond stand am Himmel und sein Licht
-war lauterer Frieden. Was ist dir, Meer? Wer hat dich
-so wütend gemacht? Du bist ja entzückend zornig. Ich
-habe kein Lied gefunden für mein Herzweh, nun singst <em class="gesperrt">du</em>
-es, du gewaltige Harfe Gottes! &ndash; Auf hoher See draußen
-weiße Bänder, Zacken und Spitzen, ein zarter Nebelstaub
-darüber, und heran, immer noch wilder, rasender, wahnwitziger,
-als wollte das Meer emporklettern an die Hänge
-des Karstes.</p>
-
-<p>Was bedeutet das Wüten in dieser friedlichen Nacht?
-Draußen auf hoher See wühlt das Gespenst, welches das
-Meer heran hetzt. Es ist der Scirocco. Am Strande ist
-er selten wahrzunehmen, aber draußen bohrt er seine Rüssel
-ein, schreckt die Wasser auf und jagt sie pfeifend, sausend
-in alle Welt. Die verlästerte Bora ist ein harmloses Kind
-dagegen, sie schlägt zwar Fenster ein, deckt Häuser ab,
-schleudert kräftige Männer zu Boden und wirft Eisenbahnzüge
-um; aber das Meer bringt sie nur in schönes
-Kräuseln &ndash; nichts weiter.</p>
-
-<p>Betäubt von dem ununterbrochenen Brausen, Donnern
-und dem zischenden Aufflammen der weißen Gischten
-stand ich da. &ndash; Der Scirocco, und das ist alles?
-Darum der ungeheure Sturm, weil ein bißchen Scirocco
-weht draußen auf hoher See? Am Ende ist auch in meine
-Seele ein bißchen Scirocco gefahren, und nichts weiter?
-&ndash; Wohlan, Freund, weil wir denn einmal dran sind,
-ich nenne dir den Kummer, das Herzweh, das namenlose<span class="pagenum"><a id="Seite_396">[396]</a></span>
-Elend, das kaum zu ertragen ist. <em class="gesperrt">Nervosität</em> heißen
-sie das Ungeheuer, und wenn Scirocco geht &ndash; nun du
-weißt es ja.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen war der Himmel grau und schwer,
-wie ein Meer von Blei. Regen, unendlicher Regen rieselte
-nieder, und die Wolken hingen hinein ins Meer, und die
-Delphine selbst, die manchmal ihre Häupter aus den Wellen
-reckten, wollten Regenschirme aufspannen, oder rasch
-zurücktauchen in die See, damit sie nicht nasser als naß
-würden. &ndash; Wenn bei Sonnenschein meine Stimmung schon
-so trübe war, wie erst mußte sie bei so düsterer Witterung
-trostlos sein! Glaubt ihr? Wenn der Teufel einmal los ist,
-so reißt er nicht mehr an der Kette. Ich fühlte mich urgesund
-und munter wie ein Fisch, wußte nichts von Kummer
-und Herzweh und konnte gar nicht begreifen, wie
-ein Mensch verzagt und traurig sein könne.</p>
-
-<p>Nun tagelang Regen. Das Meer ist spiegelglatt, aber
-weit hinaus gefärbt von den lehmfarbigen Gießen des
-Süßwassers. Und doch sah man kaum einen Gießbach herabkommen
-von den Bergen. Hingegen quirlten am Strande
-und noch weiter draußen im Meere die weißgelblichen Landquellen
-auf. Denn das Karstgebirge ist inwendig zerfressen,
-voller Höhlen, Löcher und Kanäle, ist wie ein versteinerter
-Badeschwamm; alles Regenwasser saugt es in sich auf,
-um es unten in oft üppigen Quellen wieder auszuspeien.</p>
-
-<p>An einem der nächsten Tage bin ich unter Regen und
-Sturm hinangestiegen zum hohen Monte Maggiore, wo
-es im Nebel Schneegestöber gab. Wenn der Wind die
-Wolken zerriß, ward der Blick frei auf das ungeheure
-Firmament hinaus, das <em class="gesperrt">unten</em> lag und mit weißen Sternchen
-und dunklen Punkten bestreut war, so als ob Tauben
-und Adler in der Ferne schwebten. Das war das Adriatische<span class="pagenum"><a id="Seite_397">[397]</a></span>
-Meer mit seinen Dampf-, Segelschiffen und Fischerbarken.
-Im ganzen macht das Meer, vom Berge aus gesehen,
-nicht den Eindruck wie vom Strande, denn es liegt leblos
-und still da, man sieht keine Bewegung, man hört kein
-Brausen, es ist fast langweilig wie ewig wolkenloser Himmel.
-&ndash; Nach Norden hin sah ich zwischen Wolkenspalten
-die Wüsten des Karstes. Ein Steinwall hinter dem andern
-und die Hochkämme voll Schnee. Alpen und Ozean! Und
-inmitten steht das winzige Menschlein, ein mikroskopisches
-Insektchen, und wähnt Leid zu haben, das härter
-wäre als alle Felswuchten des Karstes, und tiefer als die
-Tiefe des Meeres. Wo ist es aber jetzt? Wo ist denn dieses
-Leid hingeraten? Hat niemand ein namenloses Herzweh
-gesehen? Ich zahle Finderlohn. Hat es der Sturm verweht?
-Haben es die Fluten davongespült? &ndash; Hei, wie
-jetzt die Bora pfeift und kracht hernieder von den Höhen!
-In den Lüften saust fliegender Sand, die Eichen, welche
-zwischen den braunen Steinblöcken stehen, beugen sich winselnd.
-Ich werde hinabgeschoben, gestoßen in einen der
-zahlreichen Trichter, wo grüne Wieslein sind und Maulbeersträucher
-und Löcher in den Berg hinein. Hier ist's
-ruhig, nur oben noch die Fanfaren der Bora, die den
-Sieg davongetragen hat gegen den tückischen dämonischen
-Scirocco. &ndash; Nein, ich will nicht bleiben in dieser Grube,
-will wieder hinauf zur Zinne, Leib und Seele einmal so
-recht durchfegen lassen von dem nordischen Luftbesen &ndash;
-ah, das ist herrlich, das tut wohl! Herrgott im Himmel,
-wie wohl tut der Sturm!</p>
-
-<p>Nach diesen wilden Tagen kam Frieden und Sonnenschein.
-Ich blieb tagelang am Strande von Abbazia. Am
-Strande saß ich, versunken in Gedanken an große Zeiten,
-an große Menschen. Oder ich ruhte in einem Kahne und<span class="pagenum"><a id="Seite_398">[398]</a></span>
-ließ mich hinausschaukeln auf die See, noch zurückblickend
-auf die lorbeerbekränzte Landschaft. Allmählich sanken die
-Berge in sich zusammen und verschwanden.</p>
-
-<p>Und rings um mich nichts als die ewigen Wasser.
-Da habe ich gedacht: Also ist der Bann gelöst. Bleibe ich
-hier im Sonnenlichte, so ist's recht, sinke ich in die Dämmerungen
-des Abgrundes, so ist's auch recht. All das,
-was wir Menschen Glück, Unheil, Gut, Elend nennen, bedeutet
-nichts. Irdisch Tand ist eine Handvoll Sand. Irdisch
-Weh ist Maienschnee. Es bedeutet nichts. Ich bin ein
-großes, unsterbliches Wesen, die Felsgebirge sind meine
-Knochen, das Weltmeer ist mein Blut, die Stürme sind mein
-Atem.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<h4>V.</h4>
-
-<p>Es ist ausgemacht, die Welt wird zu klein. So furchtbar
-hat die Statistik noch nie gesprochen, als bei der
-letzten Volkszählung. Im neunzehnten Jahrhundert hat die
-Bewohnerzahl Europas sich verdoppelt. Die Zeitungen verbuchen
-es mit Jubel &ndash; je mehr Leute, je mehr Abonnenten!
-Aber daß sie sich etwa einander ausfressen könnten? Und
-es geschieht, sie fressen sich auf, zuerst die Zeitungen einander
-und dann die Abonnenten. Wenn sie es nicht vorziehen,
-Kolonien gattern zu gehen. Wer sich einmal zurückziehen
-wollte, um bei sich selber zu sein! Wohin denn?
-Wo es wohnbar ist, gibt es schon überall Leute, hie und
-da sogar Menschen.</p>
-
-<p>Möchte wissen, wie oft ich schon gefragt worden bin,
-ob es denn nicht um Gotteswillen irgendwo einen Weltwinkel
-gäbe, wo man mit der wilden Natur allein bei sich
-selbst sein kann? Unter den Fragestellern war auch ein
-Millionär und dem ward Rat. Gehe hin und baue dir ein
-Schiff. Nimm, was dir lieb ist mit hinein und fahre aufs<span class="pagenum"><a id="Seite_399">[399]</a></span>
-Meer. Das Meer ist noch unbevölkert und dein Eigentum,
-wohin du kommst &ndash; wo es am größten und weitesten ist,
-wird dir kein feindlicher Ellbogen begegnen.</p>
-
-<p>Und wer sich kein Schiff bauen kann, der mache es wie
-ich. Immer wieder, wenn mir das Land zu enge wird und
-die Erde zu hart, gleite ich hinab zur Adria und fahre hinaus
-in die feuchten, sonnigen Einöden. Das Land ist hart, das
-Meer ist weich. Dorthin verfolgen sie mich nicht, die unbarmherzigen
-Quäler, die törichten Handschriftensammler und
-Poetenwinkler, und die anderen, die anderen, wovon mir
-jeder für sich lieb ist, die aber schrecklich sind, wenn sie sich
-Tag für Tag an die Türklinke reihen, um sich vom armen
-Poeten schließlich doch nichts zu holen als &ndash; Enttäuschung.
-&ndash; Die Scholle lädt überall, wo man auf sie tritt, ein zum
-Arbeiten, sie strotzt von Schätzen, aber ungebeten, ungeliebt
-will sie nichts geben. So weckt sie im Menschen die Gier nach
-Dingen, die im Grunde nichts bedeuten. Reichtum, Glanz,
-Ehre, Ruhm, die nur in der Gesellschaft zweifelhaften Wert
-haben, für den Einsiedler aber belanglos sind. Tückisch lockt
-der schätzebergende Erdboden zu sich hin, und wenn der
-Mensch ihn nicht versteht oder mißbraucht, verletzt er sich
-daran zu Tode.</p>
-
-<p>Die Scholle ist hart, das Meer ist weich.</p>
-
-<p>Das Meer weckt im Menschen keine Leidenschaften,
-es wiegt ihn im süßen Nichtstun seine ewig lebendige Größe
-zeigt ihm lachend oder drohend, wie klein er ist und dieweilen
-der Mensch sich doch immer mit dem Großen messen will,
-wird er selber größer. Ich fange keine Seeungeheuer, lege
-keine Kabel, versuche nicht den drahtlosen Telegraphen,
-tauche nicht in den Meeresgrund, liefere keine Seeschlachten
-und denke, das wird man mir ohne weitere Beweise glauben
-&ndash; und doch fühle ich mich auf dem Meere fast ein wenig<span class="pagenum"><a id="Seite_400">[400]</a></span>
-wesentlicher, als auf dem Lande. Dort auf der Welle bin
-ich nichts sonst als Mensch und das ist, ernsthaft gesprochen,
-doch etwas mehr als Hofrat oder General oder
-Kardinal. Mensch sein ist etwas Ungeheuerliches. Nie sieht
-man sich so riesengroß, so mächtig, so ewig, als wenn man
-nichts ist und nichts tut als Mensch sein. Als sich einmal
-so recht gründlich an sich selbst zu erinnern.</p>
-
-<p>Und darum gleite ich so gerne hinab zur Adria und
-hinein in ein Lloydschiff. Ob es nun nach Venedig geht, dem
-vergessenen Wunder der Romantik, oder nach Pola, der
-Rüststätte künftiger Marinenherrlichkeit (für den Kriegsfall
-sind wir immer optimistisch, denn man kann ja gleich
-bis Lissa fahren). Oder ob mein Kiel nach dem sich immer
-amüsierenden Abbazia sticht, wohin außerhalb der Backhendelzeit
-die Wiener Karten spielen gehen; oder nach Fiume,
-der ungemütlichen ungarischen Antwort auf die Triesterfrage.
-Oder nach dem schlummernden Eilande Lussin, oder
-nach dem altimperatoristischen Spalato, oder nach dem halb
-morgenländischen Ragusa, oder nach dem wilden Cattaro am
-Saume der Schwarzen Berge &ndash; oder wohin sonst an den
-istrischen und dalmatinischen Küsten, immer sind wir versucht
-auszurufen: Nicht bloß die Scholle, auch die Welle
-gibt Schätze.</p>
-
-<p>Die hundert Schiffe des Lloyd bieten eine große Auswahl
-schwimmender Burgen, in denen man sich heimisch fühlen
-kann. Schon das Schiff als solches ist dem Landwurm ein
-Ereignis. Die Bauart der Schiffe und die innere Einrichtung
-ist gar verschiedenartig und jedes hat seine besondere Eigenart.
-Um just von den Lloydschiffen zu sprechen, an leidlicher
-Reinlichkeit sind sich fast alle gleich und daß man nirgends
-köstlicher zu Mittag speist als auf dem Österreichischen
-Lloyd, das ist bekannt. Die zumeist italienisch sprechende Bemannung<span class="pagenum"><a id="Seite_401">[401]</a></span>
-und Bedienung ist stets höflich und die Offiziere
-trachten den Reisenden die Fahrt angenehm zu machen. Nun
-also, und das ist hier die ganze Menschheit. &ndash; Und die
-See! Auf manchem Meere habe ich's erlebt, daß Reisende
-über Bord gebeugt, meinen Spruch ins Gegenteil seufzten:
-Das Land sei gut, das Meer sei hart! Auf der Adria habe
-ich selten einen bedenklichen Fall von Seekrankheit gesehen.
-Es pflegt sonst von dieser Sache zu viel gesprochen zu werden,
-manch ängstliche Dame wartet gewissermaßen schon darauf
-und der erste Gedanke, wenn sie den Fuß aufs Schiff setzt,
-ist: ach, ich werde gewiß seekrank werden! Man ist nachgerade
-enttäuscht, wenn es ruhig und glatt dahinzieht an
-den malerischen Küsten und wenn man bei der gedeckten Tafel
-Teller und Gläser ohne jede Schutzvorrichtung dastehen sieht,
-wie auf jedem andern Tisch. Aber der Quarnero! Der
-schlimme Quarnero, wo die Wasserströmung des Golfes von
-Fiume ihr Wesen hat, wo man nach allen Seiten nur mehr
-das hohe Meer sieht, das tintenblaue, mit seinen ungeberdigen
-Wellen, mit seinem Dröhnen und Gischten, so daß
-der entsetzte Neuling glaubt, er sei mitten im grausen Sturm!
-Die meisten Reisenden freuen sich aber gerade auf den Quarnero,
-weil dieser Strich zu den schönsten Partien der österreichischen
-Adria gehört. Leben und Kraft des Wassers und
-des Dampfers. Da steige ich gerne an die letzte Spitze des
-Schiffes hinaus, wo es langsames und redliches Aufundniederschaukeln
-gibt, während die Bewegungen in der Mitte
-des Fahrzeuges unsicherer und tückischer die Nerven antasten.
-Übermütige Reisende halten was darauf, von den
-aufspringenden Gischten manchmal ein bißchen angegossen
-zu werden. Aber das Deck ist hoch und lange nicht bei jeder
-Fahrt gelingt die Taufe. &ndash; Bei der prächtigen Meerschau
-auf so zahmem Rosse reitend, wundert man sich völlig,<span class="pagenum"><a id="Seite_402">[402]</a></span>
-daß die Vergnügungsfahrten auf der Adria nicht noch mehr
-Mode geworden sind.</p>
-
-<p>Eine meiner letzten Lloydfahrten ging nach der istrischen
-Insel Lussin. Hat man hinter Pola den Leuchtturm des Kap
-zurückgelegt, um der hohen See sich endlich zu erfreuen,
-taucht fern im Südosten ein länglich gestreckter Berg auf,
-der Ossero. Ganz pyramidal steht er da. Aber die Sohle
-unserer steirischen Alpentäler ist häufig höher, als die 588
-Meter hohe Spitze dieses Berges. Er tut was er kann, um sich
-Respekt zu verschaffen; pathetisch legt er die Falten seiner
-Felswände und nicht selten trägt seine Spitze eine Wolkenhaube,
-auch wenn sonst, soweit das Auge reicht, der Himmel
-blaut. Den Ossero-Touristen wird geraten, sich mit
-festen Schuhen zu versehen; dann aber, wenn sie ein gutes
-Auge oder Fernglas mithaben, können sie im Westen das
-»unendliche Meer« Lügen strafen und die italienische Küste
-schauen. An drei Stunden brauchte der geschwinde Dampfer,
-um den Ossero endlich zur linken Seite zu haben. Auch zur
-rechten tauchen Inseln auf, unter denen bald ein steil aus
-dem Meere springendes felsiges Eiland ausfällt, erinnernd
-an Helgoland. Es ist Sansego, die antike Weinquelle am
-Quarnero. Dann geht's in die Bucht von Lussinpiccolo. Mit
-orientalischer Verve steigt die Stadt den halbkesselförmigen
-Berg hinan, so daß die Fenster jedes rückwärtigen Hauses
-über der Achsel des vorderen herabschauen auf den Hafen,
-um den die Riva sich hufeisenförmig zieht. Die halbe Bevölkerung
-ist lärmend, als gäbe es eine Feuersbrunst, am
-Landungsplatze versammelt, um bei Ankunft eines Schiffes
-als Packträger oder Ciceroni ein paar Soldi zu verdienen.
-So gleichmütig sie den ganzen Tag den lieben Gott einen
-guten Mann sein lassen, so energisch regt sich ihre Erwerbslust,
-wenn die geldgespickten »Tedesci« kommen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_403">[403]</a></span></p>
-
-<p>Die Zeiten sind vorüber, da in dieser Stadt der Schiffbau
-in Blüte gewesen; anderswo können sie das jetzt besser
-und so ziehen die Lussiner auf fremden Meeren oder liegen
-daheim auf ihren Steinfliesen, sich damit begnügend, daß sie
-leben. In ganz Lussinpiccolo, es zählt bei fünftausend Einwohnern,
-hört man kein Wagenrad rollen; ein einziges Pferd, so
-geht die Sage, existiere in dieser Stadt, und dieses soll ein
-Maulesel sein. Der Herr, der die Vögel nährt und die Blumen
-kleidet, hat hier also ziemlich viel zu tun; er jagt den Einwohnern
-die Fische in die Buchten, eine unglaubliche Anzahl
-von Arten, er jagt sie ihnen in die Netze, an die Angeln,
-wonach sie bloß anzuziehen brauchen; er überspinnt den
-Steinhaufen, Lussin genannt, ganz wunderbar mit Ölbäumen,
-Orangen-, Mandarinen- und Zitronenbäumen, mit
-Feigen- und Dattelbäumen und mit Weinreben, er ziert
-ihn mit Kiefern und fabelhaften Kakteen und sonstigen Spielarten
-der Tropen. Allerdings, umsonst hat der Mensch auch
-das nicht, jede Parzelle der fruchtbaren roten Erde mußte
-den Steinen abgerungen werden, den grauen Blöcken klein
-und groß, wie sie überall und überall aus dem Boden hervorquellen,
-genau so wie im Kar des Hochgebirges. In hohen rohen
-Mauern und Wällen sind diese Steine, mit denen man nicht
-weiß wohin, aufgeschichtet an jedem Wege, um jedes Gärtlein,
-um jeden Pfränger, in dem eine elegische Ziege oder
-ein einsames Schaf steht. Dazwischen stets von dem mattgrünen
-Ölbaum bestanden geschlossene Felsen. Mancher
-Felsriff ist so alpin, daß man jeden Augenblick glaubt, eine
-Gemse herüberlauern zu sehen. Aber wunderbar, was am
-Strande das Wasser macht aus diesen Steinen! Diese
-Zacken und Runsen, die phantastischesten Aushöhlungen im
-großen und kleinen! Und die Welt der Tiere, die in solchen
-Löchern und Spalten und in den grünlichen Untiefen hausen!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_404">[404]</a></span></p>
-
-<p>Lussin bietet drei grundverschiedene Seebilder. Nach
-Norden hin den Hafen und die Bucht, scheinbar ein abgeschlossener
-Landsee, ringsum mit hügeligem, größtenteils
-kahlem Karstgebiete umgeben. In der Ferne ein paar höhere
-Berge, so der Monte Asino mit seiner alten Festung und
-das herüberragende Haupt des Ossero. Im Jahre 1859
-war diese Bucht voll italienischer und französischer Kriegsschiffe,
-die sich hier versammelt und organisiert hatten, um
-Venedig zu erobern. Österreich aber steife sich darauf, zu
-siegen und Venedig freiwillig abzutreten. Großmütiger kann
-man schon nicht mehr sein.</p>
-
-<p>Und welch ein anderes Bild gegen Osten hin, wenn
-man vom Hafen zwischen den Steinwällen an fünfzig Meter
-hinaufsteigt. Die Fläche des Quarnerolo. Zu Füßen der
-buchtenreiche Strand mit Lussingrande, St. Martino, und
-links hin die niedrigen Ausläufer der Insel Cerso. Aber,
-was steht dort fern über dem Meere aufgebaut? Ist es
-eine lang hingezogene graue Wolkenwand mit Sonnenstreifen
-und weißen Rändern? Nein, es sind die Berge von Dalmatien,
-es ist der Velebit mit seinen Schneefeldern.</p>
-
-<p>Und wieder grundverschieden das Bild nach Westen
-hin. Die kleine Bucht Cicale im Westen der Insel, an zwanzig
-Minuten von Lussinpiccolo entfernt, ist der beliebteste Ausflugsort
-der Kurgäste. Dort beginnen wieder die Einsamkeiten
-der hohen See. Selten ein roter oder weißer Segler,
-noch seltener ein Dampfer. Immer und immer gleiten die
-blaugrünen Wellen heran, immer dem Strande zu, so daß
-ein einfältiger Landmensch wohl fragen möchte, wie denn
-das kommt, daß das Wasser dort draußen nicht weniger und
-hier am Gestade nicht mehr wird. Ob das Heranfließen nur
-scheinbar ist, ob trotz alles Hin- und Herwogens die Wassermassen
-nicht doch an der gleichen Stelle bleiben? Es scheint,<span class="pagenum"><a id="Seite_405">[405]</a></span>
-daß auch ich die närrische Frage gestellt, denn urplötzlich hatte
-ich an mir den Beweis, daß die Wasser laufen und springen,
-eine Gischtwelle warf sich über die Strandfelsen zu mir
-heraus und übergoß mich pudelnaß von oben bis unten. So
-&ndash; nun gehe hin und erörtere es mit deinen Lesern, ob
-die Wasser an der gleichen Stelle hocken bleiben.</p>
-
-<p>Das Meer hat Humor, es blinzelt, es lacht, schupft
-dich von einem Rücken auf den andern und scheinest du zu
-sinken, so fängt es dich doch allemal wieder auf in den weichen
-Schoß. Im stürmischen Zustande ist es weit harmloser, als es
-sich stellt, im stillen aber tückisch. Wenn man dem Segler
-ruhige See wünscht, so wird er grob. Weit draußen auf der
-glatten Wassertafel müßte er verhungern. Sein bester Freund
-ist der Wind. Und auch der unsere: Die glatte Fläche, die
-keine Narbe hat und keine Farbe, die so leb- und streblos hinliegt
-und sich am Gesichtskreis vom Himmel nicht unterscheidet
-&ndash; das ist die große wässerige Langweile. Auf jener
-Fahrt nach Sansego wäre sie unfehlbar eingetreten, wenn
-einige Jahrhunderte früher an der südlichsten Spitze von Lussin
-nicht Seeräuber gehaust hätten. Diese Seeräuber rief nun
-mein Gondelführer zu Hilfe, um die Langweile der stillen
-See zu verscheuchen. Er erzählte, wie die Wackeren immer
-ausgezogen seien nach Kauffahrern und nach den blühenden
-Städten des Mittelmeeres, um etwas zu erobern. Zu
-rauben, sagte man unhöflich genug, und Piraten nannte
-man zeitweise solche Männer, die in Schulbüchern manchmal
-auch Kriegshelden heißen. Nun, und einmal hatten die
-Herren Seeräuber von Lussin gehört, daß in der wundervollen
-Stadt Venedig eine Massenhochzeit stattfinde, dieweilen
-eine größere Anzahl Patriziersöhne sich junge Weiber erkieseten.
-Solches Gerücht machte unsere Seeräuber leckerig
-und sie zogen mit Wehr und Waffen gen Venedig, um den<span class="pagenum"><a id="Seite_406">[406]</a></span>
-Hochzeitszug zu überfallen und die schönen Bräute zu erobern.
-Das galante Unternehmen fiel aber unglücklich aus,
-denn das Lagunenvolk wehrte sich mannhaft und nahm die
-Seehelden gefangen. Dann kam das Strafgericht der Dogen,
-das von beispielloser Grausamkeit war. Zur Abschreckung für
-alle Zeiten! Die Seeräuber, so die jungen Bräute rauben
-wollten, wurden verurteilt, die &ndash; Schwiegermütter zu heiraten,
-mit der Verschärfung, dieselben in ihr fernes Felsenschloß
-auf Lussin zu entführen. &ndash; Für mich gab der Gondeliere
-dieser Geschichte noch eine andere Pointe. Er hielt,
-als wir in Sansego landeten, die Hand auf. Ich gab und
-war bloß froh, daß der Mann kein Seeräuber war, und
-froh, daß ich keiner gewesen bin in jenen Zeiten des venezianischen
-Strafgerichts.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_407">[407]</a></span></p>
-
-<h2 id="Inhalt">Inhalt.</h2>
-</div>
-
-<table summary="Inhalt">
-<tr>
-<td></td><td class="tdrb">Seite</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Verhandlung zwischen Autor und Verleger</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Verhandlung_zwischen_Autor_und_Verleger">5</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Gutsherr auf Zurkow</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Der_Gutsherr_auf_Zurkow">14</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das Mündel-Kindel</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Das_Muendel-Kindel">37</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Mädeljäger</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Der_Maedeljaeger">52</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Lieb' läßt sich nicht lumpen</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Lieb_laesst_sich_nicht_lumpen">88</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Aus dem Tagebuch einer Ehefrau</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Aus_dem_Tagebuch_einer_Ehefrau">104</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Kokette</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Die_Kokette">120</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Ein Jünger Darwins</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Ein_Juenger_Darwins">131</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Ehre</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Ehre">147</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Vierzehnte</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Die_Vierzehnte">160</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Taubstumme</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Der_Taubstumme">167</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Hauptmann Fortner und seine Frau</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Hauptmann_Fortner_und_seine_Frau">176</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Scheintod</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Scheintod">197</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>In der Einsam</td>
- <td class="tdrb"><a href="#In_der_Einsam">207</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Kammerdiener</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Der_Kammerdiener">218</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Millionär</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Der_Millionaer">228</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Philippus der Hasser</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Philippus_der_Hasser">251</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das Weihnachtsfeuilleton</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Das_Weihnachtsfeuilleton">266</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Wie ein steirischer Schullehrer die Schlußvorstellung des Burgtheaters besucht</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Wie_ein_steirischer_Schullehrer">275</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das Bekenntnis eines Verurteilten</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Das_Bekenntnis_eines_Verurteilten">285</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der verhängnisvolle Vorfall</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Der_verhaengnisvolle_Vorfall">302</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Mein Vetter, der Türke</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Mein_Vetter_der_Tuerke">317</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Reisebilder aus jungen Jahren</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Reisebilder_aus_jungen_Jahren">330</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl2">Die sächsische Schweiz</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Die_saechsische_Schweiz">330</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl2">Aus der heiligen Stadt</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Aus_der_heiligen_Stadt">334</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl2">Auf dem Turme der Marienkirche zu Stralsund</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Auf_dem_Turme_der_Marienkirche_zu_Stralsund">337</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl2">Auf dem Rigi</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Auf_dem_Rigi">342</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl2">Aus dem Ungarlande</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Aus_dem_Ungarlande">350</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl2">Zu Mailand auf dem Dome</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Zu_Mailand_auf_dem_Dome">358</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl2">Von der Kirche des heiligen Petrus</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Von_der_Kirche_des_heiligen_Petrus">363</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl2">In den Ruinen von Pompeji</td>
- <td class="tdrb"><a href="#In_den_Ruinen_von_Pompeji">370</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdl2">Auf den Wassern</td>
- <td class="tdrb"><a href="#Auf_den_Wassern">376</a></td>
-</tr>
-</table>
-
-<hr class="chap" />
-<p>&nbsp;</p>
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-
-<div class="corr">
-<p>
-S. 49: wäre → wäre es<br />
-dann <a href="#corr049">wäre es</a> schwer, es wieder fortzubringen</p>
-<p>
-S. 78: heißen → geheißen<br />
-hatte der Fürst die Herrschaften willkommen <a href="#corr078">geheißen</a></p>
-<p>
-S. 171; aus → auf<br />
-zu essen verschaffen, aber er sprang selbst <a href="#corr171">auf</a></p>
-<p>
-S. 311: mußte → müßte<br />
-Ein öffentliches Unglück <a href="#corr311">müßte</a> man ja in den Blättern</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>&nbsp;</p>
-<hr class="full" />
-<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FREMDE STRAßEN***</p>
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-<p>
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-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.</p>
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-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
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-
-<h3>Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm</h3>
-
-<p>Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.</p>
-
-<p>Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org.</p>
-
-<h3>Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation</h3>
-
-<p>The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.</p>
-
-<p>The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact</p>
-
-<p>For additional contact information:</p>
-
-<p> Dr. Gregory B. Newby<br />
- Chief Executive and Director<br />
- gbnewby@pglaf.org</p>
-
-<h3>Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation</h3>
-
-<p>Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.</p>
-
-<p>The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit <a href="http://www.gutenberg.org/donate">www.gutenberg.org/donate</a>.</p>
-
-<p>While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.</p>
-
-<p>International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.</p>
-
-<p>Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate</p>
-
-<h3>Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.</h3>
-
-<p>Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.</p>
-
-<p>Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.</p>
-
-<p>Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org</p>
-
-<p>This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.</p>
-
-</body>
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