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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - - -Title: Fremde Straßen - - -Author: Peter Rosegger - - - -Release Date: April 24, 2017 [eBook #54597] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - - -***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FREMDE STRAßEN*** - - -E-text prepared by the Online Distributed Proofreading Team -(http://www.pgdp.net) - - - -Anmerkungen zur Transkription - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter - Text ist +so ausgezeichnet+. Im Original in Antiqua gesetzter - Text ist ~so markiert~. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des - Buches. - - - - - -FREMDE STRAßEN - -Von - -PETER ROSEGGER - -Elftes bis fünfzehntes Tausend - - -[Illustration] - - - - - - -1922 -Verlag von L. Staackmann in Leipzig - -Alle Rechte vorbehalten - -Druck von C. Grumbach in Leipzig - - - - -Verhandlung zwischen Autor und Verleger. - -1884. - - Als Vorwort zum »Geschichtenbuch des Wanderers«. - - -+Der Verleger+: Zeit ist Geld. Also zur Sache: Ich wünsche ein neues -Buch von Ihnen. - -+Der Autor+: Sie sind ein kühner Mann. Haben Sie doch schon fast -anderthalb Dutzend Bände von mir! - -+V.+ Machen Sie die genannte Zahl voll. - -+A.+ Ich würde an Ihrer Stelle die Verlagswerke nicht zählen, sondern -wägen. - -+V.+ Das überlasse ich dem Makulaturkäufer. Doch einstweilen ist man -gewohnt, unter dem Christbaum einen neuen Band vom Waldpoeten zu finden. - -+A.+ Man vergißt über die Waldbücher den Wald. - -+V.+ Wir brauchen keinen Wald. Wenn alles Holz vertan ist, brennen wir -Bücher. - -+A.+ Wissen Sie, warum den Faust der Teufel geholt hat? Weil er den -Bücherdruck erfunden. -- Soll ich denn so viel schreiben, daß man mich -auf meinen Schriften verbrennen kann? - -+V.+ Machen Sie sich nichts draus. Der Karthager Clitomachus schrieb -über vierhundert Bücher, Chrysippus an siebenhundert, Didymus gar -viertausend. Keiner ward verbrannt. - -+A.+ Weil sie keiner drucken ließ. - -+V.+ Luther ließ 1136 Schriften und Broschüren drucken. - -+A.+ Die Tinte eines +solchen+ Mannes ist, wie der Koran sagt, wertvoll -gleich dem Blute des Märtyrers. Wenn wir anderen dem Beispiele folgen -wollten, müßte unsere Erdoberfläche in kurzer Zeit ein Bücherbrett -werden. - -+V.+ Sie übertreiben. Ein moderner Schriftsteller schreibt sein ganzes -Leben lang nicht mehr, als was ein Esel ihm nachzuschleppen vermag. - -+A.+ Aber bedenken Sie, daß kein Esel groß genug ist, um mit einem -deutschen Dichter zu gehen. -- Des bin ich zwar überzeugt, wenn aller -Spreu von der Weltliteratur aller Zeiten ausgeschieden wäre, so trüge -sie ein Esel leicht auf seinem Rücken, und zwar auf einmal. - -+V.+ Sie wären frivol genug, sich über den Untergang der -Alexandrinischen Bibliothek zu freuen? - -+A.+ Bedauern können den Verlust fremder Gedanken nur die, so keine -eigenen haben. Hingegen vergleiche ich Schriftstehler, welche aus -fremden Büchern eigene schreiben, mit jener Katze, die ein Pfund Butter -fraß und doch nur dreiviertel Pfund wog. - -+V.+ Herr, Ihre Bemerkungen mögen am Ende auch kein eigenes Fett sein. - -+A.+ Vielleicht spare ich mir selbes auf das Werk, das Sie haben wollen. - -+V.+ Sie schreiben doch jeden Tag! - -+A.+ Briefe. - -+V.+ Wohl doch nicht lauter -- - -+A.+ Nein, nicht lauter Besänftigungsbriefe an die Gläubiger, sondern -auch Artigkeitsschreiben an gute Leute, die in Zuschriften meine -Bücher loben und um Freiexemplare bitten; tiefsinnige Sprüche für -Autographensammler, Gedichte für Anthologien und Wohltätigkeitsalbums. -Ferner Antworten auf briefliche Anfragen wißbegieriger Leser, in -welchem Bergwinkel der »Waldschulmeister« spielte, wann und wo sich die -Geschichte des »Gottsucher« zugetragen habe, wo man die »Dorfsünden« -zu kaufen und den »Heimgarten« zu schenken kriege? -- So vergeht der -Vormittag. - -+V.+ Und nachmittags? - -+A.+ Macht man sich über die historischen Dramen hoffnungsvoller -Gymnasiasten, über die lyrischen Gedichte feinbesaiteter -Ladenschwengel, über die Novellen und Romane höher gebildeter Töchter -usw., die mit dem Ersuchen geschickt worden sind, darüber ein »wenn -auch noch so strenges Urteil« zu fällen und sie einer Zeitungsredaktion -oder einem Verleger zu rekommandieren. So vergeht der Tag. - -+V.+ Um Gotteswillen, wann dichten Sie denn Ihre Novellen und Skizzen, -denen man in den Blättern begegnet? - -+A.+ Beim An- und Auskleiden, auf der Eisenbahn, wenn ich Besuch habe -oder öffentlichen Vorlesungen über Kunst und Literatur beiwohne, bei -welchen man ungestört seinen eigenen Gedanken nachhängen kann. - -+V.+ Gut. Und von diesen Dorfgeschichten, Waldnovellen, -Volksschilderungen und dergleichen wollen wir wieder eine neue Sammlung -flott machen. - -+A.+ Denken Sie an die Kritiker! Immer wieder Bauern und nichts als -Bauern! Geben Sie acht, den Herren reißt endlich die Geduld! - -+V.+ So schreiben Sie einmal aus der Gesellschaft, aus der großen Welt. - -+A.+ Wollen Sie mich zugrunde richten? Wissen Sie nicht, daß man mir -meine Dorfgeschichten nur verzeiht, weil es keine Stadtgeschichten -sind? Wissen Sie nicht, daß die Rezensenten unruhig werden, so oft -man einen Bauernburschen zu den Soldaten nimmt, oder ein hoffärtiges -Dienstmädel aus einer Dorfgeschichte weg in die Stadt läuft -- weil -sie fürchten, daß der Autor diesen Leutchen nun geistig nicht mehr zu -folgen vermöge! - -+V.+ Seit wann denken denn Sie an die Rezensenten, anstatt an das, was -in Ihnen keimt und reift und gedichtet sein will? Hat die Gesellschaft, -die Welt, in der Sie nun doch schon seit zwanzig Jahren leben, Sie -denn niemals angeregt? Vermag denn das Kulturleben und seine alles -mit sich fortreißende Gewalt, sein Tausenderlei von Gestalten, Ideen, -Bestrebungen, Verirrungen Sie nicht zu begeistern, zu interessieren, -aufzuregen, Ihre dichterische Kraft herauszufordern? - -+A.+ Gewiß. - -+V.+ Nun also! Warum schreiben Sie nicht auch Weltgeschichten, wie Sie -Waldgeschichten schreiben? - -+A.+ Sie haben wirklich recht. Ich erinnere mich, daß selbst die -fruchtbarste Scholle einmal brach liegen will. Oder was anderes -hervorbringen möchte. -- Auf meines Vaters Acker wollte nicht +jedes+ -Jahr Korn wachsen. So bauten wir auch manchmal Hafer drauf an, dann -Kraut, Rüben, Flachs; oder ließen wildes Gras wachsen auf dem Acker. -Nach all dem wuchs wieder schönes Korn. Eine solche Wechselwirtschaft -ist endlich auch auf dem Dichterfeld nötig. Anstatt Waldgeschichten -sollen Sie einen Band Weltgeschichten haben. Oder auch solche, die -nicht äußerlich erlebt, vielmehr innerlich geschaut sind. Sie verstehen -schon: Ich werde Ihnen ein Buch geben, das ich nicht hätte schreiben -sollen. Von der Kritik mir untersagte Gebiete. Fremde Straßen mit -der Aufschrift: Für Bauerndichter verbotener Weg. Trotzdem werde -ich auf solchen Straßen einmal marschieren -- weil es mich freut, -wie den Burschen die Wanderschaft. -- Bin ich doch wirklich schon -viel herumgekommen, in der Gesellschaft unten und oben, in der Welt -hier und dort, nicht allein von Tal zu Berg und von Land zur See, -ich bin -- auf den Beinen des ewigen Juden -- durch die Geschichte -geschritten von Epoche zu Epoche, bin gewandert vom Bauer bis zum -Fürsten und wieder zurück bis zum Zigeuner. Ich habe nicht allein in -der Werkstatt angehalten und in der Stube des Bürgers, sondern auch -beim Lehrer und Gelehrten, beim Künstler und Soldaten, beim Geistlichen -und Aristokraten. Ich habe erfahren, gelernt und gelesen, wie andere. -Manches hat mich gefördert, vieles hat mir mißfallen. Daß ein freies -Auge in Dorf und Wald klarer und richtiger sieht, als durch die -Stadtbrille, ist natürlich. Aber die Freude, der Schmerz, der Spott und -der Zorn über das, was ich auf meinen Wanderungen gesehen, schrie nicht -minder laut nach Gestaltung, als die Eindrücke des Landlebens in meiner -Heimat. Ich habe vieles davon aufgeschrieben. - -+V.+ Wo sind diese Manuskripte? - -+A.+ In meinem Kasten, mit sieben Schlössern verschlossen. - -+V.+ Und die Schlüssel? - -+A.+ Ins Wasser geworfen. - -+V.+ Ich habe einen Krebs gekauft, der Schlüssel in der Schere trug. -Also können wir die Sachen drucken? - -+A.+ Sind Sie denn ein Freund von Krebsen, Herr Verleger? - -+V.+ Nur von denen aus dem Tierreich. - -+A.+ Und sind Sie sicher, daß Ihnen meine Schriften aus fremden Straßen -nicht zurückgehen werden? Ich habe Sie bisher für einen klugen Mann -gehalten. - -+V.+ Sehr schmeichelhaft. Ein kluger Mann macht zuweilen ein -Experiment. Fremde Straßen. Romantische, naturalistische, moderne -- -pikant? - -+A.+ Werter und Verehrter, ich will Ihnen was sagen. Diese Straßen- und -Weltgeschichten kamen ebenso tief aus mir hervor, als die Dorfbücher; -es mag mancher Tropfen Galle und Schalkheit daran sein, aber sicherlich -auch Herzblut. Das Herzblut den Menschen, die Galle den Spitzbuben und -Toren. - -Zudem muß sich doch eine übermütige Phantasie einmal ein bißchen -aushüpfen können auf freier Straße. - -+V.+ So gefallen Sie mir. Daß Sie endlich doch einmal auch den Gegnern -der Dorf- und Waldgeschichten eine Freude machen. - -+A.+ Ah, Sie meinen die literarischen Bauernfresser. - -+V.+ Wissen Sie, was vor kurzem so einer geschrieben hat? »Der -Realismus in der Literatur«, schrieb der Gelehrte, »wird nachgerade -unerträglich! Besonders das Dorfgeschichtenunwesen! Was fängt der echte -Dichter mit dem Bauern an? Dieser bietet viel zu wenig psychologische -Probleme dar, er hat keine Berührungspunkte mit der Welt, sein Horizont -ist zu klein. Höchstens ist der Bauer in der Poesie als komisches -Element zu gebrauchen, etwa für Posse und Schwank.« - -+A.+ Schön. Somit sind gleichzeitig große soziale, volkswirtschaftliche -Fragen gelöst. Der Bauer ist nicht ernst zu nehmen. Er läuft in der -Welt nur so nebenher und schlägt seine Purzelbäume. - -+V.+ Nun, was sagen Sie dazu? - -+A.+ (Ironisch.) Daß uns die Sozialisten, Naturforscher, Psychologen, -Ethnographen, Literarhistoriker usw. hinters Licht geführt haben. -Da faselten sie, daß die ganze Sippe der Bauer ernähren müsse, und -größtenteils auch beschützen. Nach Darwin sollen die Menschen sogar -vom Bauern abstammen. Sozialisten behaupteten, die Poesie kenne weder -politische Grenzen noch Standesunterschiede, ihr Reich sei in allen -Menschenherzen. Ethnographen und Psychologen wollen gefunden haben, -daß der Landmann in bezug auf die Kraft seines Sinnenlebens, in bezug -auf den Schwung seiner Weltanschauung, in bezug auf die Gewalt seiner -Phantasie mit dem Städter sich messen könne. Die Literarhistoriker -haben die ältesten und unsterblichsten Denkmäler der Poesie angeblich -dort entdeckt, wo das Volk in der Werkstatt wohnt und in der Hütte: -Das Volksmärchen, das Volkslied. Wie schwer hierin selbst große Poeten -irren können, beweist, daß Goethe seine lieblichste, Schiller seine -herrlichste Dichtung bei den Bauern spielen ließ. -- Nun wissen wir -es besser, der Bankier auf der Börse, der Hausherrnsohn am Billard -oder an der Kredenz der Kassierin, der gelehrte Stubenhocker, die -Ehebrecherin im Salon, die Theaterdame usw., das sind poesiefähige -Leute. Aber Andreas Hofer ist es nicht. Die frischen Burschen und -Dirnen, die sich vor lauter Lebensfreude kein Ende wissen; der Bauer -mit den eisenstarren Rechtsbegriffen ist nicht poesiefähig. Der -äußerlich wilde, innerlich gemütstiefe Waldmensch; der als Soldat in -der Fremde vor Heimweh vergehende Alpenjunge; die bis in ihr hohes -Alter zum Vorteile anderer ununterbrochen arbeitende und geplagte, -aber innerlich zufriedene und humorvolle Magd ist nicht poesiefähig. -Der arme Dorfpfarrer, der bescheidene Schulmeister, die der Menschheit -höchste Güter für ihre Gemeinde hüten und austeilen, haben mit Poesie -nichts zu schaffen. Die ländliche Liebe ist nicht poetisch, »weil ihr -Horizont zu klein ist«. Des Landvolkes Vereinigung mit der Natur, -sein stilles Walten in derselben, sein Leben und Beben unter ihren -Gewalten ist nichts; sein Glauben, Zweifeln und Wiederaufrichten -in der Religion, der rasende Aufschrei des Verzweifelnden in -Waldesnacht ist nichts, »weil die psychologischen Probleme fehlen«. -Die Dorfgeschichte und was wir alles in diesen Sack stecken, hat also -nur einigen ethnographischen, vielleicht bloß zoologischen Wert. -- -Und die unzähligen hervorragenden Männer, die aus dem Bauernstande -hervorgewachsen und in der Weltgeschichte glänzend verzeichnet sind? -Wir ignorieren sie. Und daß es keine Berührungspunkte zwischen Bauer -und Welt gebe, behaupten wir. Und von den modernen Erscheinungen -und Bindemitteln, als der allgemeinen Wehrpflicht, der bäuerlichen -Neigung zur Stadt, zum Studieren, von den zahllosen Autodidakten, dem -Eisenbahnwesen, der Tourist, den Sommerfrischen, haben wir -- die -literarischen Bauernfresser -- noch nichts gehört. -- Wir sitzen noch -auf dem alten Schimmel, den die Literaturprofessoren geritten zur Zeit, -als der Ritter und die Köhlerin, die Räubermühle, die Zauberliese -usw. die Literatur bevölkerten. Wir wissen nichts davon, daß dem -modernen Erzähler für den Salonroman wie für die Dorfgeschichte der -gleiche Grundsatz gilt, daß nicht das Häufen packender Tatsachen, -effektvoller Ereignisse die Hauptsache sei, sondern die Darstellung der -seelischen Zustände, deren Entwicklung aus innerer Notwendigkeit, das -organische Heranwachsen der Geschehnisse, des Segens, der Schuld und -des Unheils aus der Artung der handelnden Personen. -- Und indem wir -also die moderne Dorfnovelle nach jener Schablone abtun wollen, die -einst für die Räuber- und Zufallsgeschichten geschnitten worden ist -- -sind wir vergleichbar jenem Märchenmann, der -- aus hundertjährigem -Schlafe plötzlich auffahrend -- nach seinem Zopfe greift und nun -mit Verwunderung inne werden muß, daß ihm mittlerweile alle Haare -ausgegangen sind. - -+V.+ Nur hat solcher Märchenmann den Vorteil, daß man ihn nicht beim -Schopf nehmen kann. -- - -+A.+ Weil er keinen hat. - -+V.+ Also was geht aus dem Gesagten hervor? Daß Sie den -Bauerngeschichtengegnern wirklich einmal eine Freude machen und ihnen -zeigen sollen, um wieviel die Novellen aus der größeren Welt besser -sind. - -+A.+ Wie schlau Sie sind, Herr Verleger! Sie meinen, den Leuten würden -meine +Waldgeschichten+ wieder besser schmecken, sobald sie erst meine -Weltgeschichten kennen gelernt haben. Das ist ein Standpunkt. -- Gut, -wagen wir's. Und das Buch nennen wir: »Fremde Straßen.« - - - - -Der Gutsherr auf Zurkow. - - -Es war das reizendste Erkerzimmer, das ich je bewohnt habe. -- Es -war mit mattfarbigem Samte tapeziert, mit meisterhaften Jagd- und -Genrebildern geschmückt, mit echt orientalischen Teppichen belegt, mit -kunstvoll geschnitzten Eichenholzmöbeln bestanden und es hatte an der -Wand einen elfenbeinernen Telegraphentaster, der nach der Versicherung -des Hausherrn bereit war, neu auftauchende Wünsche des Gastes promptest -zu erfüllen. Und das war noch das wenigste, derlei besitzt in -irgendwelcher Stadt jeder reiche Schlucker. - -Aber zwei Fenster waren da, deren Spiegelscheiben so hell und rein -waren, daß man meinte, sie stünden offen und die reine Nordlandsluft -wehe aus und ein. Das eine Fenster zeigte die hellgrünen Buchen- -und Eichenwälder von Jasmund und die weißen Strandfelsen von -Stubbenkammer, das andere die blaue Bandlinie des Meeres. Die -sinkende Nachmittagssonne legte Gold auf die Wälder, Silber auf die -Kreidefelsen, und ein Segelschiff am Horizont leuchtete wie ein -aufsteigendes Sternlein. - -Ich hatte an jenem Tage zum ersten Male das Meer gesehen. Ich war erst -vor zwei Stunden von der Reise gekommen, die von Wien bis Rügen zwei -Tage und Nächte ununterbrochen gedauert hatte. Die Neugierde, den alten -Freund zu sehen und wie sich der einstige arme Zimmermalerjunge als -Gutsbesitzer ausnehme, hatte mir weder ein Interesse an den malerischen -Elbeufern der sächsischen Schweiz, noch an der stolzen Kaiserstadt -Berlin aufkommen lassen. In Stralsund hatte er mich erwartet -- es war -sonst noch der alte Bursche; aber Welt hatte er nun stellenweise, als -wäre er geborner Adelsherr auf diesem zauberhaften »Edelsitz« Zurkow. -In drei Stunden hatten wir mit den feurigsten Hengsten, die mich je -durch die Luft gerissen, die ganze Insel Rügen von Westen nach Osten -durchschnitten. - -Auf Zurkow angelangt, erwartete uns ein Mahl, welches zwei -weißbehandschuhte Diener servierten, die so stumm waren, wie der -Fisch im Wasser. Mein Gastherr wußte auch nicht gleich, wo und wie -er das vor sechs Jahren durch eine plötzliche Studienreise nach -Italien unterbrochene Gespräch wieder anknüpfen sollte und glaubte es -am schicklichsten damit zu tun, daß er die Abwesenheit seiner Frau -entschuldigte, die einer unaufschiebbaren Familienangelegenheit wegen -nach Putbus gefahren sei. - -Und ich? Fürwahr, mit einem Millionenmann, den man in der Künstlerbluse -eines Wandmalers so oft gesehen und so liebgewonnen hat, spricht -sich's etwas unglatt. Ich konnte nicht leugnen, daß alles sehr gütig -und wohlgemeint war, was mir in diesem Hause zu widerfahren begann, -und doch blickte ich immer wieder mit verstohlenem Mißtrauen auf den -Gastherrn hin, ob er's denn wirklich sei, der gute Wendel Blees. Daß -er's +gewesen+ war, konnte man hie und da noch spüren, aber ob er's -+noch+ sei, das schien mir in der Tat zweifelhaft. Ein hübscher Junge -war er immer gewesen, aber sein Schnurrbärtchen war nun entschiedener, -seine Gesichtszüge ausdrucksvoller und vornehm blaß, sein Mund -höflicher und sein braunes Auge lebhafter geworden. Daß er seine -Absicht, Künstler zu werden, nicht bewerkstelligt hatte, war aus seinem -Wesen unschwer zu ersehen. Nirgends der schöpferische, idealbeschwingte -Geist; überall der formenängstliche reiche Mann. An dem überladenen -Aufputz der Tafel, an der Auswahl der ziemlich auffallenden -Leckerbissen und an der etwas klobigen Art, womit er die Dienerschaft -behandelte, war zu erkennen, daß er in diesen Verhältnissen nicht immer -heimisch gewesen und das rechte Maß nicht ganz leicht zu treffen wisse. - -Nachdem ich meine Reiseerlebnisse kurz angedeutet und meinem Freunde -über das allgemeine Befinden die geziemende Mitteilung gemacht hatte, -schloß Wendel, daß ich von der Reise ermüdet sein würde und wies mir -mein Zimmer an, »um mich auszuruhen«. - -Ich hatte nun unersättlich zu den Fenstern hinausgeschaut in die mir so -seltsame, zauberhaft schöne Gegend. Ich hatte eine der vortrefflichen -Zigarren angebrannt und mich auf das Ruhebett hingestreckt und den -mich umgebenden Luxus betrachtet und in die stille leere Luft hinein -gefragt: Wendel Blees, du leichtsinnig Wienerkind, wie kommst du zu -diesem Herrensitz im Inselreiche der Hünen? - -Es war damals kaum neun Jahre her, seit ein aufgeschossenes Bürschchen -ziemlich selbstsicher in meine Arbeitsstube getreten war, meine -Bilder scharf angeblickt und mich gebeten hatte, daß ich ihn in -seiner Absicht unterstützen möge, er wolle Maler werden. Wer er wäre? -fragte ich. »Nichts,« war seine Antwort, »ich bin ein Waisenkind, -das ein entfernter Verwandter aufgezogen und dann im städtischen -Rechnungsamte untergebracht hat, wo ich Ziffern zeichnen soll. Das ist -aber nichts, ich bin durchgegangen, denn ich will Maler werden.« Ob er -mir Proben von seinem Talente zeigen könne? Da hatte er schon mehrere -Papierblätter aus der Tasche gezogen; dieselben enthielten Zeichnungen -aus dem Schönbrunner Tiergarten, aus dem Militärleben und eine Auffahrt -bei Hofe; manches war mit ziemlich grellen Farben bemalt. Nachdem ich -diese Bilder besehen hatte, gestand ich dem jungen Mann, daß ich aus -diesen Proben nichts zu erkennen vermöge und ihm doch rate, sich einem -Beruf zuzuwenden, der weniger trügerisch sei, als das Künstlertum. Er -verwies auf Maler, die so klein wie er angefangen, es aber zum Ruhm -gebracht hätten. Ich blieb bei meiner Ansicht, lud ihn jedoch ein, -wenn er in seinen freien Stunden neue Bilder versuchen sollte, mir sie -seinerzeit wieder zu bringen. Das war das erste Begegnen mit Wendelin -Blees. Wir sahen uns von diesem Tage an oft. Obwohl ich gar nichts für -ihn zu tun vermochte, schloß er sich an mich. Da er bei einem Maler -nicht unterkommen konnte, so ging er zu einem Anstreicher in die Lehre, -denn die Farbe hatte ihm's angetan. Die freien Stunden, die er hatte, -war er bei mir, sah meinen Arbeiten zu und übte sich selbst. Er eignete -sich eine gewisse Technik an, aber es war kein Schwung da, keine -Originalität -- kurz kein Talent. - -Ich sagte es ihm, er glaubte mir nicht. - -Indes gewann ich ihn lieb, anfangs seines Schwärmens für die Kunst -wegen, später, weil er ein offener, herzens- und geistesfrischer, -fröhlicher Junge war. Schrullen hatte er freilich, oft so wunderliche -Schrullen, daß ich mir dachte: das wächst sich zu einem Narren oder -doch zu einem großen Manne aus. Er war um ein Bedeutendes jünger -als ich, aber wir wurden Freunde. Er hatte eigentlich keine Bildung -genossen, aber er hatte liebenswürdige Naturanlagen, und wenn in seinem -Wesen auch ein gewisser Trotz lag, so diente derselbe mehr zur Stählung -seines Charakters, als um anderen Menschen unangenehm zu sein. Es -hat sich manch strenge geschulter Mann als mein Freund bekannt, der -mir nicht so viel war als der kleine Wendel. Er hat während unseres -zweijährigen Beisammenseins nur eine einzige Dummheit gemacht. Auf -mehreren Ausstellungen erregte ein Bild von mir besonderes Aufsehen. -Als Folge des Beifalls erwuchsen -- wie das immer so geht -- auch die -Widersacher. Einen solchen Widersacher, es war ein Zeitungsrezensent, -forderte der kleine Wendel meines Bildes wegen zum Duell. Der Rezensent -machte ihn abtreten und lachte ihn aus. Nun kam er wütend zu mir und -ich lachte ihn auch aus. - -Seinem Meister, dem Anstreicher und Zimmermaler, war er ein fleißiger -Gehilfe, aber niemand als ich wußte, mit welchem Widerwillen er das -Handwerk betrieb. Und eines Tages trat er aufgeregter als sonst in -meine Stube und sagte, daß er nun komme, um von mir Abschied zu nehmen. -Er habe sich so viel erspart, daß er nach Italien gehen könne, um an -den berühmten alten Meistern groß zu werden. - -Ich fragte, ob er wohl ermesse, was er gesagt habe. Er antwortete, -daß ich noch von ihm hören würde und daß er auch als Künstler meine -Freundschaft, die ihm das Teuerste auf der Welt sei, behalten wolle. -Ich suchte ihm in der Eile ein paar Empfehlungsschreiben aufzudrängen, -dann ging er. Ging ohne Geld -- denn sein Erspartes half ihm kaum bis -über die Grenze -- ohne Kenntnisse, ohne Freunde und ohne Plan nach -Italien. - -Von dem Tage seiner Abreise an war er verschollen. Und war's jahrelang, -so daß mein Gedenken an ihn voll Wehmut wurde, wie man eines Toten -gedenkt. Mein Leben ging in der Stille fort, aber jedes Jahr machte -mich um mehrere Jahre älter, weil mit dem Wachsen meiner Einsicht -mich meine künstlerischen Erfolge, so lärmend sie auch sein mochten, -immer weniger und weniger befriedigen wollten. Die Ehre, welche mir -die durch Effekt leicht zu bestechende Menge zollte, vermochte meinen -inneren Unmut nicht aufzuwiegen und so zog ich mich sachte zurück in -die Beschaulichkeit, lebte der Natur und machte Reisen von Galerie zu -Galerie, um das an anderen mit Ehrfurcht zu bewundern, was mir selbst -nicht gelingen wollte. Von Wendel fand ich auch nicht die leiseste -Spur. Da erhielt ich eines Tages in Wien das folgende Schreiben: - - »Geschätzter Freund! - - Für den Fall Du einmal Lust nach malerischen Landschaften hast, - so reise nach der Insel Rügen. Und wenn Du dort sein wirst, so - versäume ja nicht, nach dem Landgute Zurkow zu fragen, denn der - Besitzer ist ein alter Freund von Dir, der Dich bittet, es Dir - bei ihm recht wohlergehen zu lassen. Er hofft, daß Du seiner - nicht vergessen haben wirst und freut sich sehr, Dich nach - sechs Jahren endlich wieder zu sehen. Es ist Dein alter - - Wendelin Blees.« - -Die Schrift war glatter geworden als sie einst gewesen, aber es war die -seine. Mein Erstaunen war fast grenzenlos. Zur alten Neigung kam nun -auch die Neugierde. Leicht locker gemacht war ich überhaupt und schon -an einem der nächsten Tage saß ich auf der Nordbahn. - -Von Anklam bis Stralsund hatte ich Gelegenheit, mich bei einem -Reisenden, der aus Bergen, dem Hauptorte der Insel Rügen, war, -nach dem Landgute Zurkow und seinem Besitzer zu erkundigen. Da -erfuhr ich, daß Zurkow zwar kein Edelsitz sei, wohl aber eines -der schönsten und reichsten Güter der Insel. Es wäre ein Edelsitz -gewesen, aber der letzte Edelmann hätte ihn am Spieltisch eines -rheinischen Bades verloren und sich flink darauf erschossen. Hierauf -sei ein holländischer Kaufmann gekommen, Marketze geheißen, der -habe das zerfahrene Zurkow gekauft und in einen Stand gesetzt, wie -es seit Menschengedenken nicht erhört worden. Der Landbau und die -Waldwirtschaft, die Jagd und die Fischerei blühten nun. Auch habe -der Eigentümer von Zurkow Bergwerke in England besessen und Schiffe, -die zwischen Stettin und Kopenhagen verkehrten. Und das Schloß habe -er herstellen und einrichten lassen, daß es nun einer königlichen -Residenz ähnlich sehe. Das habe ihm aber alles nichts geholfen; mit -seinem Sohne sei er unglücklich gewesen und so sei er, nachdem das -Gut so fürtrefflich hergestellt war, aus Gram gestorben. Es sei aber -ein junger Mensch aus dem Süden gekommen, ganz fremd, der sitze nun -auf Zurkow und sei gut für drei Millionen Taler. Man erzähle sich von -dieser Familie mancherlei, aber da nichts Bestimmtes zu sagen sei, so -tue man am besten, zu schweigen. - -So war ich vorbereitet worden und so lag ich nun auf dem Ruhebette des -Schlosses Zurkow -- ich konnte nicht sagen, daß mir gerade wohl zu Mute -war. - -Endlich dämmerte es, und als ich wieder zum Fenster hinausblickte, -war das Meer nicht blau, sondern lichtgrau und in seinem -Quecksilberschimmer am Horizonte scharf abgeschnitten von der -aufsteigenden Nacht. Das Schiff, welches früher fern wie ein Sternchen -gefunkelt, war näher gekommen, es war das einzige Fahrzeug auf der -dunkelnden Fläche. Auf den Felsen von Stubbenkammer glühte der -Widerschein des Abendrotes und sie spiegelten sich im Meere wie blutige -Schatten. - -Als ich träumend so zum Fenster hinausgeschaut, legte sich sachte eine -Hand auf meine Achsel. Wendel stand hinter mir. - -»Wenn du ausgeruht hast,« sagte er, »so lade ich dich ein, mit mir zum -Abendbrot zu kommen.« - -»Hier hast du eine merkwürdige Welt um dich,« lautete meine Entgegnung, -»ich habe diesen stillen, meerumschlungenen Hain als Knabe im Traume -gesehen, zur Zeit, da wir die nordische Mythologie studierten.« - -»So ist es,« antwortete er rasch, »so ist es, Mythologie! Darum kann -dieser Ort so anheimelnd und so schrecklich sein.« - -»So schrecklich?« - -Jetzt faßte mich Wendel an meinen beiden Händen und sagte: »Geliebter -Freund, ich danke dir tausend-, vieltausendmal, daß du zu mir gekommen -bist.« - -Seine Stimme war so bewegt, daß es mir durch Mark und Bein ging. - -Die Kruste war nun gebrochen, bei ihm, bei mir. Arm in Arm gingen wir -auf das Zimmer, in dem unser Abendtisch gedeckt war. Es war ein anderes -als jenes, in welchem wir das Mittagsmahl genommen hatten, es war viel -einfacher und viel heimlicher. An der Wand fiel mir ein technisch mit -Meisterschaft gemachtes Ölporträt meines Gastherrn auf. Wir saßen uns -bei etwas gedämpftem Lampenlichte an einem kleinen Tisch gegenüber; -sonst war niemand da, und der Mann, der uns bediente, erschien nur, -wenn er mit dem Glöcklein gerufen wurde. Die Speisen waren nach Wiener -Art zubereitet, und anstatt des aufgeblasenen Champagners stand eine -Flasche jenes ehrlichen, männlich herben Rotweines da, wie er in den -gottgesegneten Talungen der tirolischen Etsch wächst und wie ich ihn in -Gemeinschaft mit Wendel einst so gerne getrunken hatte. - -»Nun haben wir uns wieder,« sagte mein Freund und schaute mir mit -feuchtem Auge ins Gesicht. - -»Ich kann mich immer noch kaum fassen vor Verwunderung, dich so -wiederzufinden,« bemerkte ich. - -»Mir erging es nicht anders,« sagte er, »aber ich bin in den letzten -Stunden, während du dich von den Reisestrapazen ein wenig erholtest, -nicht müßig gewesen. Ich habe nach der Art gesucht, die uns wieder -zusammenbringen soll, wie wir dazumal beisammen gewesen sind. Offen -herausgesagt: mit den ersten Stunden unseres Wiedersehens war ich nicht -zufrieden.« - -»Ich auch nicht. Aber nun sage mir endlich, Wendel, was um alles in der -Welt ist mit dir vorgegangen?« - -»Du siehst es,« antwortete er mit einer wehmütigen Miene, »ein reicher -Mann bin ich geworden.« - -»Das passiert manchem, und geht es gewöhnlich mit so natürlichen Dingen -zu, daß man weiter gar nicht darüber spricht. Aber bei dir ist's ein -anderes. Du warst stets unpraktisch, hast weder Schick gehabt zum Spiel -noch zum Spekulieren, hast, so viel ich weiß, weder ein Los besessen -noch einen reichen Onkel. Du hast auch meines Wissens nie ein Interesse -gehabt an Geld und Herrlichkeit -- Künstler werden wolltest du, diesen -Weg sah ich dich von mir fortziehen, nun finde ich einen Millionär. Das -geht nicht mit rechten Dingen zu, mein Freund!« - -»Du hast eine naheliegende Eventualität nicht erwähnt.« - -»Ich weiß es, die reiche Heirat. Doch der Gedanke ist mir zu trivial.« - -»So dekoriere ihn mit der Liebe.« - -»Wirklich! Nun, die Liebe rentiert eine reiche Heirat immerhin.« - -»Und meinst du, daß eine reiche Heirat nicht auch die Liebe rentieren -könnte?« - -Der Ton und Blick, mit dem diese Worte gesprochen wurden, war -verblüffend. Ich schwieg. - -»Du hattest damals recht,« fuhr er fort, »ich bin kein Künstler -geworden.« - -»Aber du bist Mann geworden, das ist mehr.« - -»Es mag mehr sein, aber es ist nicht so schön. Freund, wann war ich -glücklicher als damals, als ich mich wie ein Bettelvagabund durch -die Alpenländer nach Italien schlug! Ich war fest überzeugt, daß -meine Rückkehr ein Triumphzug sein würde und daß die abenteuerliche -Wanderschaft des Zimmermalers einst ein prächtiges Kapitel in der -Biographie des berühmten Künstlers geben müsse. Ein junger Idealist, -und wäre es auch nur ein eitler Tropf, nimmt im Reigen irdischer -Seligkeit den ersten Platz ein. Ich habe diesen Platz bald verloren. -In Mailand auf einer Wand sah ich das Abendmahl -- ein Triumph der -Zimmermalerei,« setzte Wendel lächelnd hinzu. »Ich griff dort aus Not -wieder nach dem alten Gewerbe. Ein Zufall verschlug mich mit einem -Arbeitgeber nach Genua und vor dem barocken Denkmale des Kolumbus -kam mir der Gedanke, ob ich mich nicht etwa der Bildhauerei zuwenden -sollte. Auf jeden Fall wollte ich von hier aus zur See nach Rom gehen, -dort weht alte, echte Künstlerluft, die wollte ich erst atmen, das -weitere konnte nicht fehlen. Da trat ich eines Tages in ein Gasthaus -der ~Via nuova~. Das, Freund, war der erste Schritt nach dem Herrengute -Zurkow auf Rügen.« - -»Im Gasthause lerntest du sie kennen, nicht wahr?« - -»Wen?« - -»Die schöne Maid, die mit dem Vater auf Reisen war und die hernach -deine Frau wurde.« - -»Du dichtest,« sagte Wendel Blees, »aber du dichtest banal. Du mußt -schon tiefer ins Unglaubliche.« - -»Ich bitte dich, erzähle!« - -»So werde ich rasch und kurz erzählen. -- In einer Weinlaube des -Gasthausgartens setzte ich mich ermüdet hin und musterte die -Speisekarte. Ich suchte nicht nach dem feinsten Braten, sondern in der -Preisrubrik nach der kleinsten Ziffer -- nun, das kannst du dir ja -denken. Es war für die Italiener noch nicht die Zeit des Mittags, so -war der Garten fast leer, nur hinter einem Zitronenbaum saß ein Herr -mit weißem Backenbart und schaute zwischen den grünen Blättern zu mir -herüber. - -Lange so, und immer wieder. Endlich schob er seinen Teller beiseite und -blickte noch schärfer auf mich her. Dann stand er auf, kam an meinen -Tisch und drückte mir die Hand. Er tat es, ohne ein Wort zu sagen, -dann trat er wieder an seinen Tisch zurück und brütete vor sich hin. -Hernach zog er aus seinem Ledertäschchen eine Photographie und sah sie -an und schaute auf mich -- und stützte sein Haupt traurig auf die Hand. -Jetzt mußte auch ich immer wieder auf ihn hinblicken und wurde dabei -unruhig; ich bildete mir ein, das wäre ein großer Künstler und habe an -mir vielleicht das Genie entdeckt; du siehst, ich hatte nicht mehr weit -zum letzten Ziele manchen Künstlers -- zum Narrenhaus. Es gehörte ein -Wunder dazu, um mich davon zu retten -- und das Wunder geschah.« - -»Als ich,« fuhr mein Freund Wendel fort, »mich zur Not gesättigt hatte, -erhob ich mich, um meine nebelhaften Wege weiter zu wandeln. Da sprang -der Mann am Zitronenbaume auf, hielt mich zurück, er wolle wissen, wer -ich wäre.« - -»Also ein Polizeiorgan!« rief ich aus. - -»Mein Bester,« sagte Wendel, »ich sage dir noch einmal, wenn du in -meiner Geschichte die Wahrheit erraten willst, so mußt du dich gerade -an die größten Unwahrscheinlichkeiten halten. Der Mann hörte meine -Geschichte, kaufte mir neue Kleider und ich war tagelang sein Gast. -Er war liebevoll und fast zärtlich mit mir, und er war doch nur ein -Fremder. Mehrmals sah ich ihn weinen. Er lud mich ein, mit nach Rügen -zu kommen, wo er ein Gut habe, er wolle für mein Fortkommen sorgen -helfen.« - -»Er hatte dich so plötzlich liebgewonnen?« - -»Und weißt du, warum? Weil ich große Ähnlichkeit mit seinem -verstorbenen Sohne hätte.« - -»Du gingst mit ihm?« - -»Natürlich, ich ging nicht mit ihm, ich ging nach Rom. Und als ich -dort meine Künstlergelüste gründlich ausgehungert hatte, und in dem -Gemäuer des Kolosseums bei den Fledermäusen mein Nachtlager hielt, -fiel mir wieder die Einladung des greisen Mannes ein. Ich schrieb ihm, -daß ich nun kommen wolle und ob er für mich einen Erwerb hätte; wäre -es was immer, nur ein ehrlich Brot. Er schickte mir Geld, ich reiste -auf dem kürzesten Wege nach Rügen. Als ich nach Zurkow kam -- auf -dieses schöne, reiche Zurkow, ja -- da hat er mich wie einen lieben -Anverwandten empfangen, hat seine Tochter gerufen, mich ihr vorgestellt -und ausgerufen: Nun Freda, ist er's nicht? -- Ja, sagte Freda, und doch -wieder nein, Albin war nicht so schlank. -- Aber er hatte dasselbe -nußbraune Haar, das ihm geradeso in die Stirn stand, denselben Mund, -das ganze Gesicht; schau' sein Aug' an, Freda, schau' sein Aug' an! O -Gott, mein Albin! -- Er hat geweint, sie hat ihn mit Mühe beruhigt --« - -»Und dein Auge?« - -»Das hat sie angeschaut.« - -»Dann verliebt?« - -»O nein,« antwortete mein Freund Wendel, »so schnell ging das nicht. -Wir mußten uns erst aneinander gewöhnen. Der Alte gab uns zu schaffen, -der wollte -- höre es! -- er wollte uns schon in den nächsten Wochen -zusammenhaben. Er war durch den plötzlichen Verlust seines Sohnes -verwirrt, beinahe schwachsinnig geworden.« - -Wendel führte mich dann zum Fenster: »Du siehst dort die weißen Felsen?« - -Ich sah sie in des Mondenscheines nebelhafter Blässe schroff aus dem -Meere aufragen. - -»Von jenem Felsen,« fuhr mein Freund fort, »ist Albin Marketze, -der einzige Sohn des reichen Mannes, in seinem dreiundzwanzigsten -Lebensjahre auf einer geologischen Exkursion, bei der er sich zu -tollkühn an die Hänge hinauswagte, in das Meer gestürzt und zugrunde -gegangen. Der Vater war trostlos, seine Tochter, nun sein einziges -Kind, suchte ihn umsonst zu zerstreuen, er gab sie zu Verwandten nach -Putbus, überließ das Gut einem Verwalter und ließ sich von seinem -Grame ziellos in der Welt herumtreiben. So war er auch nach Genua -gekommen, wo wir uns also begegnet waren. Ich kann ihm die Liebe, die -er mir schenkte, nimmer vergelten, der kranke Greis sah in mir seinen -verstorbenen Sohn. -- Hast du dieses Bild schon betrachtet?« Wendel -wies auf das Ölgemälde an der Wand. - -»Das scheint ein gewandter Künstler geschaffen zu haben,« bemerkte ich, -»es ist Individualität in dem Bilde und doch stört mich etwas in den -Zügen. Durch die wohlbekannte Form schaut mich eine fremde Psyche an.« - -»Im ganzen leugnest also auch du die Ähnlichkeit nicht. Und siehe, das -ist das Porträt des verunglückten Albin.« - -Das fand ich denn doch merkwürdig und nun fing ich an, das besondere -Interesse des alten Marketze für Wendel zu begreifen. - -»Da mir,« fuhr mein Freund fort, »die Lust, Maler zu werden, -begreiflicherweise vergangen war, wenigstens einstweilen vergangen, so -fügte ich mich gerne den fürsorglichen Wünschen meines Gönners, ich gab -mich, anfangs gleichgültig, später mit Interesse, der Landwirtschaft -hin und machte in derselben Fortschritte. Außerdem geschah manches zur -Vermehrung meiner sonstigen Kenntnisse, damit wuchs auch -- möchte -ich sagen -- mein Herz und ich schloß mich warm und dankbar meinem -Wohltäter an. Ich war kaum drei Jahre auf Zurkow, als mir Marketze -eines Tages zu verstehen gab, daß es ihm lieb wäre, wenn noch vor -seinem Tode meine Verbindung mit seiner Tochter zustande käme. Freda -war um einige Monate älter als ich, sie war mir nicht unangenehm -gewesen. Es hatten sich, wie leicht erklärlich, reiche Bewerber -eingefunden, allein --« - -»Sie hat den frischen guten Jungen vorgezogen,« unterbrach ich in -meiner vorwitzigen Ungeduld, »reich war sie selbst, gesellschaftliche -Rücksichten war sie nicht schuldig, so nahm sie sich einen Herzensmann. -Ich habe mir oft gedacht, Wendel, daß in dir Trotz und Geschmeidigkeit, -Männlichkeit und Weichlichkeit geradeso gemischt sind, wie es die -Weiber gerne haben.« - -»Genug. Als der Vater starb, waren wir ein Ehepaar und ich habe mich -wohl oder übel mit meiner neuen Würde und Herrlichkeit abfinden müssen.« - -»Aufrichtig gesagt, hoffe ich, daß dir die Kunst, ein reicher und -glücklicher Mann zu sein, besser gelingen wird, als dir jemals ein -gutes Gemälde gelungen wäre.« - -Eine Weile nach dieser Bemerkung antwortete Wendel: »Es gehört zum -einen wie zum andern ein großes Talent. Wenn sich der reiche Mann in -seine Lage nicht zu schicken weiß, so ist er ein +armer+ Mann.« - -Derlei besprachen wir, da begann allmählich das Gespräch zu stocken. -Wir machten noch manchen stillen Schluck aus unseren Gläsern, dann -wünschten wir uns in freundlicher Höflichkeit gute Ruhe, und ich wurde -hierauf in mein Zimmer geführt. - -Ich stand noch lange am Fenster und blickte in die Nacht hinaus. Auf -dem Meere lag der Schimmer des Mondes und die zackigen Kreidefelsen von -Stubbenkammer standen wie Gespenster da. Jetzt legte sich auf meine -Schulter wieder die Hand. Wendel stand neben mir und war bleich und -verstört, wie ein Nachtwandler. - -»Verzeihe mir, mein Freund, daß ich deine Ruhe störe,« sagte er mit -unsicherer Stimme, »ich wollte dich heute noch fragen, wann du von hier -abreisest?« - -Mit Befremden entgegnete ich: »Wann ich abreise? Ich glaube, du -könntest es ebensogut erfahren, wenn du mich gefragt hättest, wie lange -ich denn zu bleiben gedächte. Du weißt, daß ich auf deine Einladung aus -Wien komme, um dich zu besuchen.« - -»Ich danke dir, daß du gekommen bist!« stieß er hervor, »aber ich -verreise morgen und wünsche in deiner Gesellschaft zu reisen.« - -Ich starrte ihn an. - -»Du hältst mich für verrückt,« sagte er. - -»Allerdings --« - -»So muß ich dir's denn gestehen, Freund,« er verdeckte mit krampfiger -Hand sein Gesicht, »ich bin sehr unglücklich. Ich ertrage es nicht -mehr länger, ich will fliehen, ich will nach Wien zurück. Mein Weib -und ich, wir lieben uns nicht. Sie behandelt mich mit Hochmut, sie -hat ihre Freunde, mit denen sie sich herumtreibt, fischt und jagt; -ihrem Reitpferde schenkt sie mehr Aufmerksamkeit als mir. Von einem -Familienleben ist in diesem Hause nicht der Schatten, entweder sie -zieht ihre junkerlich faden oder aufgeblasenen Sportgenossen herbei -und gibt laute Feste, wobei ich offen oder verstohlen die Zielscheibe -ihrer Launen bin, oder sie reitet davon und läßt mich allein in diesem -Schlosse, das mir unheimlich geworden ist wie eine Gruft. Ich hätte -mit ihr für mein Leben gern einmal eine Reise nach Österreich gemacht; -sie schlug mir's ab, ich möge allein reisen, wenn es mir auf Zurkow -nicht behage, sie sei keine Freundin der vielgerühmten österreichischen -Gemütlichkeit. Das einzige Glück ist, daß ich sie nicht liebe, denn -sonst müßte ich mich von jenem Felsen dort, der die erste Ursache -meiner Leiden ist ... Kurz, ich habe nichts und will nichts, ich bin -frei, ich verlasse Zurkow noch in den nächsten vierundzwanzig Stunden, -arm wie ich gekommen bin. Ich gehe mit dir nach Wien.« - -»Du mußt deine Aufregung vorübergehen lassen, armer Freund,« sagte ich, -»wenn du ruhig geworden sein wirst, wollen wir es überlegen.« - -»Diese Zeremonie ist nicht mehr nötig. Ich habe es längst überlegt und -heute mich entschlossen. Ich habe sie von deiner Ankunft unterrichtet -und sie gebeten, daß sie zu Hause bleibe, um dich zu empfangen: sie -weiß, daß du mein liebster Freund bist, der aus der Ferne zu mir kommt, -und sie konnte das Haus verlassen, und sie konnte mir das lieblose Wort -sagen.« - -»Welches Wort?« - -»Wen ich eingeladen, den möge auch ich bewirten, sie könne sich denken, -wie mein bester Freund aus der Zeit der Farbenkleckserei aussehe, sie -sei auf derlei vagabundierendes Künstlervolk nicht neugierig. Tiefer -hätte sie mich nicht mehr verletzen können. Ich trenne mich von ihr.« - -»Ich danke dir,« sagte ich, »also mich willst du zur Ursache eines -unsinnigen Schrittes machen! Dann empfehle ich mich.« - -»Bleib', Hans!« schrie er auf und packte mich an beiden Armen, »von -dir ist keine Rede. Es handelt sich um mich! Mir hat sie den Schlag -versetzt, sonst wollte sie nichts, als mich, mich beleidigen, aber -das wollte sie. Meiner überdrüssig ist sie, den Bruch wünscht sie zu -vollziehen. Der Wunsch kann erfüllt werden.« - -Der Mann schoß wildsprühende Blicke um sich, er knirschte mit den -Zähnen. - -»Du hassest sie also?« war meine Frage. - -Hierauf antwortete Wendel: »Wenn ich sie haßte, so würde ich ihr diesen -Wunsch nicht erfüllen, ich würde Herr auf Zurkow bleiben und das -Leben des Reichen genießen und ihr im Wege stehen und mich an ihrem -ohnmächtigen Ärger belustigen. Nein, ich hasse sie nicht. Von jetzt ab --- sie ist mir gleichgültig.« - -»Gleichgültig? Deine Aufregung straft dich Lügen.« - -»Bin ich aufgeregt? Dann bin ich's nicht ihretwegen, sondern -meinetwegen. Mein Unglück, ich schleudere es von mir, ich nehme wieder -die Armut und Nichtigkeit auf mich. Seit ich dich sehe, mein Freund, -habe ich wieder Mut, ich gehe mit dir nach Wien!« - -Das kam mir nun alles verworren vor; da fragte er mich: »Könntest du -an meiner Stelle bleiben? Es mögen Gesetze und Sitten hundertmal für -dich sprechen, wenn die Tatsache zeigt, daß du überflüssig bist, so -wirst du verzichten und lieber mit Stolz und Ehren wieder der arme -Anstreichergeselle sein, als auf Zurkow ein -- was weiß ich! Es war ja -nichts, ein toller Traum, nichts als ein Roman, aber ein Roman ohne -Liebe. Eine fixe Idee, geschmeichelte Eitelkeit und der Kitzel, reich -zu sein, waren die Helden! Könntest du mich denn achten, wenn ich so -noch hier sitzen bliebe?« - -»Ich gebe keine Antwort, solange ich nicht deine Frau gesehen habe.« - -»Die wirst du nicht sehen,« sagte Wendel Blees, »wie ich sie kenne, -kehrt sie erst zurück, wenn sie die Gewißheit hat, daß du nicht mehr im -Hause bist.« - -»Dann erlaube mir, daß ich jetzt einige Stunden ruhe. Bevor die Sonne -aufgeht, werde ich dieses Haus verlassen.« - -»Tue so, mein Freund, und schlafe wohl.« - -Rasch hatte sich mein Gastherr nun entfernt. Unsere Unterredung -hatte einen fast trotzigen Charakter gehabt. Ich schlief schlecht in -derselben Nacht. Reue, daß ich hierher gekommen, Mitleid mit dem armen -Wendel, Ratlosigkeit, was nun anzufangen, peinigten mich. Es kam mir -der Gedanke, Frau Freda aufzusuchen und den Vermittler zu spielen; -diesen Gedanken schleuderte ich rasch von mir -- zwischen Eheleute -dränge sich kein Dritter, am wenigsten ein Fremder. Er würde es unter -allen Umständen schlechter machen. Als der erste Schimmer des Morgens -aus dem Meere stieg, war ich entschlossen. Ich packte hastig meine -Sachen zusammen, schrieb auf ein Blättchen Papier die Worte: - - »Wendel, ich bin aus der Ferne gekommen, um Dir auf dieses - Stück Papier das Wort zu schreiben: +Sei ein Mann!+ Lebe wohl. - - Dein treuer Hans.« - -Als ich durch den Hof eilen wollte, fuhren zwei große Hunde auf und -ließen mich nicht weiter. Ich mußte umkehren in mein Zimmer, warf mein -kleines Gepäck zum Fenster hinaus und kletterte selbst nach in den -Garten. Das Schloß und das naheliegende Gehöfte lagen noch in Ruhe da; -ich huschte durch Gestrüppe und bog erst eine Strecke weiter hin zum -Wege. - -Ich war auf demselben etwa dreihundert Schritte gegangen, als von einer -Eichengruppe ein Mann auf mich zusprang und mich mit dem Worte: »Da -bist du ja schon!« an der Hand faßte. - -Wendel war's, der Herr auf Zurkow: und doch nicht mehr Herr auf Zurkow, -in dem Kleide eines fahrenden Gesellen stand er da. - -»So, Kamerad,« sagte er, »nun wollen wir einmal mitsammen wandern.« - -Dagegen ließ sich nun nichts einwenden. Wir trabten wortkarg -nebeneinander her. Als wir eine Stunde gegangen waren, machte mein -Begleiter plötzlich einen Juchschrei, wie er so frisch und laut auf -Rügen vorher wohl kaum erklungen sein mochte. - -»Sieh da, dieser Stein ist mir noch auf dem Herzen gelegen,« sagte er -hernach und deutete auf einen bemoosten Grenzstein, »hier endet das Gut -Zurkow, hier beginnt die weite Welt. Freund, nun bin ich wieder dein!« - -Da dachte ich: Wenn ich nur wüßte, was ich mit dir anfangen soll! - -So begann die Wanderschaft. Den Sund übersetzten wir auf einer abseits -gelegenen Fischerbarke, Stralsund umgingen wir, weil Wendel sich vor -dem Erkanntwerden fürchtete. Und dann wollte er zu Fuß nach Wien -reisen. Er hatte von dem Schlosse ja nichts mit sich genommen, als -was er einst dahin mitgebracht hatte, ein abgeschabtes Ledertäschchen -und einen Hagenstock. Ich hatte viele Mühe, um ihm die Eisenbahnfahrt -aufzuzwingen. Endlich, als es ins Österreich hereinging, fanden wir uns -und waren harmlos heiter, wie einst; ich suchte seine Verhältnisse mit -Ruhe und Erwägung zu besprechen, allein er war dazu viel zu nervös -aufgeregt: bei ihm ging alles im Überschwunge und sein ganzes Wesen -wurde mit fortgerissen. - -Als er die alte Kaiserstadt sah, war er überglücklich. So saßen wir nun -endlich wieder in meiner Stube, wo wir vor Jahren oft froh beisammen -gesessen und ich fragte ihn: »Wenn du jetzt zurückdenkst auf Zurkow, -wie ist dir zu Mute?« - -»Unsäglich wohl!« rief er, »hast du einen zweiten Freund, Hans, der -imstande ist, ein Herrenschloß und ein reiches Weib von sich zu -schleudern, wie eine faule Birne?« - -»Du bist der einzige,« sagte ich, »und nun suche ich mir noch einen, -der imstande ist, ein Herrenschloß und ein reiches Weib zu beherrschen.« - -»Da wird sie zurückgekehrt sein auf Zurkow,« sagte Wendel, »ausgerüstet -mit neuen Mitteln mich zu demütigen, und wird selbst die größte -Demütigung erlebt haben, die ein reiches Weib erleben kann: von dem -Bettler abgelehnt zu sein.« - -Schon am nächsten Tag war Wendel Blees so glücklich, in einem Vororte -Wiens als Zimmermaler Beschäftigung zu finden. Er besuchte mich -häufig, aber für meine Bilder und ästhetischen Studien hatte er kein -Interesse mehr, er saß zumeist still da und blickte zum Fenster hinaus -auf die alten Ulmen und Eichen eines verwahrlosten Parkes. Von seinem -abenteuerlichen Gutsherrnleben sprachen wir nicht mehr; ich aber dachte -daran und mir kam die ganze Geschichte noch wunderlicher vor. - -Ich wußte nur, daß er seiner Gattin nicht schrieb und ihr absichtlich -seinen Aufenthaltsort verheimlichte. Um so eifriger las er ein -pommersches Wochenblatt und in demselben einmal eine Feilbietung des -Gutes Zurkow auf Rügen. Er zeigte mir mit dem Finger die Stelle; wir -haben nicht ein Wort darüber gesprochen. - -Mittlerweile bemerkte ich, daß die Farben -- die grünen sollen -besonders schädlich sein -- dem Wendel Blees nicht mehr so wohl bekamen -als einst, er wurde bleich und bekam eingefallene Wangen. Seine Besuche -bei mir verminderten sich, er strich in seinen freien Stunden allein -umher in den Vorstädten oder er saß in seiner Dachkammer und brütete -vor sich hin. Als ich von einer größeren Reise zurückgekehrt war, -gedachte ich wieder einmal seiner und suchte ihn auf. Ich fand ihn -auf dem Fußboden kauernd, wo er eben ein paar Patronen (Formen für -Zimmermalerei) aneinanderzuheften vorhaben mochte, aus Erschöpfung aber -rasten mußte. Ich erschrak vor der herabgekommenen krankhaften Gestalt, -vor dem stieren Blick, der mich völlig unheimlich anglotzte. - -»Bist du krank, Wendel?« fragte ich. - -»Was habt Ihr denn mit mir?« fuhr er jetzt auf, »warum soll ich krank -sein?« Dann setzte er wehmütig und sanft bei: »So hast du doch nicht -ganz meiner vergessen. Du kannst mir aber nicht helfen.« - -»Willst du nicht bisweilen mit mir einen kleinen Spaziergang machen? -Das zerstreut und erfrischt.« - -»Wenn du recht langsam gehen willst,« meinte er, »ich war schon lange -nicht mehr auf der Gasse und habe das Gehen verlernt.« - -Als ich von ihm fortging, hastete mir die alte Frau, die ihn pflegte, -zur Türe nach und fragte: »Wie lang' kann er's denn noch machen, Herr -Doktor?« - -Es waren freundliche Spätherbsttage. -- Ich führte den armen Wendel -mehrmals auf den Ring; er sprach wenig, nur einmal, als er stehen blieb -und sich an mich stützte, sagte er, mit großen Augen hinschauend: »Es -ist eine herrliche Stadt!« Dann saßen wir auf einer stillen Bank des -Stadtparkes und er schaute die gilbenden Blätter an, wovon eins ums -andere langsam zu Boden sank. - -Da war's eines Tages, als wir über den Schwarzenbergplatz schritten, -daß mein Begleiter plötzlich einen Schrei ausstieß. Ein Fiaker rollte -vorüber, in welchem eine schwarzgekleidete Dame saß. Wendel riß sich -von mir los und mit ausgestreckten Armen lief er dem Wagen nach. Ich -suchte ihn zurückzuhalten, aber er eilte, als wären seine Arme Flügel, -er verfolgte den Wagen bis zur Brücke, dort stürzte er zusammen. - -Allsogleich waren wir von einem Menschenhaufen umringt. Wir hoben ihn -auf. Seinem Mund entströmte Blut; er schlug die Augen weit auf und -stierte um sich und murmelte: »Sie ist fort.« - -»Wen meinst du, Wendelin?« - -»Freda!« hauchte er matt. - -Man trug ihn in einem geschlossenen Lederkasten ins nächste Lazarett; -als sie ihn in der Halle niederließen und ich die Klappe öffnete, um zu -fragen, wie er sich befinde, da waren die Lippen für immer verstummt. - - * * * * * - -Man erinnert sich vielleicht noch an eine Zeitungsnotiz, daß an -jenem Oktobertage ein Mann einem Fiaker nachgelaufen, auf der -Schwarzenbergbrücke mit dem Rufe: »Freda!« zusammengebrochen und bald -darauf verschieden sei. - -Aber man weiß wohl nicht, daß diese Notiz einen seltsamen Besuch in der -Leichenhalle zur Folge gehabt hat. Eine fremde Dame fand sich ein, -bat sich die Leiche des Zimmermalers Wendelin Blees aus, bekränzte sie -mit Eichenlaub, überführte sie auf einen still und lieblich gelegenen -Friedhof des Wienerwaldes und begrub sie in einem eigenen Grabe. - -Auf dem Steine steht das Wort, das einzige Wort: »Verzeihe!« - - - - -Das Mündel-Kindel. - - -Im Garten des Gasthauses zum »Roten Herzen«, an einem Ecktische saß -ein junger Mann. Er war der einzige Gast, die Mittagsleute hatten sich -schon verzogen und die Nachmittagszecher waren noch nicht angerückt. -Die jungen Wildkastanien gaben wenig Schatten, auf den runden Tischen -mit den unordentlich verschobenen Tischtüchern, an denen hie und da -Spuren der Bratensauce sichtbar waren, lag die grelle Aprilsonne. -Drinnen in einem Winkel der Gaststube kauerte der Kellner, der -einen Teil des Schlafes, den in der Vornacht anhaltende Trinker ihm -gestohlen, einzubringen hatte. Der junge Gast, auf dessen blassem -Gesicht schwarze Augenbrauen und ein schwarzes dünnes Schnurrbärtchen -lagen, stützte sein Haupt auf den Ellbogen, so daß der gesprenkelte -Strohhut auf dem Ohre lag. Er hatte vor sich ein volles Glas Bier -stehen, in dem der weiße Schaum bereits zerronnen war. Er blickte -hinaus auf die Kastanienallee, in der gelangweilte Spaziergänger hin -und her siffelten oder auf den Bänken saßen. Am Alleedamme balgten ein -paar Gassenjungen, die grüne Gesichter und dunkle Ringe um die Augen -hatten und die paar Lumpen, die sie an den mageren und schmutzigen -Gliedern trugen, sich gegenseitig vollends herabzureißen suchten. -- -Aus dem Sinnen über die Zukunft solcher verwahrloster Kinder wurde der -junge Mann geweckt durch einen rasch in den Garten tretenden zweiten, -der Überrock und Stock auf einen Sessel warf und sich bei dem Freunde -entschuldigte, daß er ihn hatte warten lassen. Mit beiden Händen seinen -braunen Vollbart streichend, setzte er sich an den Tisch, rief nach -einem Glas Bier und auch der erstere ließ sein abgestandenes Glas gegen -ein frisches umtauschen. - -»Ich hatte zum Schluß noch eine Überstunde mit drei Prozessen,« -erzählte der Ankömmling. »Eine Ehrenbeleidigung und zwei -Paternitätsklagen.« - -»Paternitätsklagen?« fragte der junge Mann und hob jetzt seinen Kopf in -die Höhe. »Das ist interessant.« - -»Ach, was verstehst du davon,« lachte der Bezirksrichter. - -»Aber anhören kann man's doch.« - -»Im Vertrauen gesagt, Alfons, du siehst mir seit einiger Zeit gar -nicht danach aus, als ob dir mit Widerlichkeiten gedient wäre. Nein, -für Kopfhänger sind Gerichtsangelegenheiten nicht die richtige -Unterhaltung. Heil dir!« - -Er hob sein Glas zum Anstoßen, Alfons tat ihm verdrossen Bescheid und -goß dann sein Bier auf einem Zug hinunter, während der Richter sich mit -einem Halben genug tat, den er mit Behagen vollführte, um dann seinen -etwas genetzten Bart wieder in Ordnung zu bringen. - -»Sage mir, Freund, was fehlt dir? Hast du deine Lustigkeit in den -Taschen des Winterrocks gelassen? Gibt dir das Staatsexamen so viel -zu schaffen oder hat dir dein Alter die Rationen beschnitten? Andere -Mißgeschicke kann ich mir bei einem Studiosus nicht denken.« - -»Nicht?« - -»Oder unglückliche Liebe? Doch dazu hast du, so viel ich weiß, nie -Talent gehabt.« - -»Nein, dazu habe ich nie Talent gehabt,« sagte Alfons gelassen nach und -schob auf dem Tisch das Salzgefäß beiseite, obschon es ihm nicht im -Wege gewesen war. Und rief nach Bier. Aber als der Kellner um das Glas -kam, wehrte er ab: »Ich danke. Ich trinke nicht mehr.« - -Mit einiger Befremdung betrachtete nun der Bezirksrichter seinen Freund -daraufhin, ob er nicht etwa krank sei. Der andere hielt das nun nicht -mehr lange aus. Diese Gelegenheit war ihm ja erwünscht. Für die Länge -ist solch ein Anliegen nicht zu ertragen, ohne es mitteilen zu können. -Und wem sollte er es mitteilen, als diesem Manne, der, um etliche Jahre -älter, entfernt mit ihm verwandt und seit Kindheit vertraut, sich stets -als verläßlicher und verschwiegener Freund erwiesen hatte. - -»Gustav,« sagte er plötzlich und rückte seinen Sessel. »Ich möchte dir -etwas sagen. Vielleicht kannst du mir einen Rat geben. Aber sitzen -bleiben möchte ich nicht hier. Machen wir einen Spaziergang.« - -Sie legten ihre Münzen hin und gingen. Durch die Allee hinaus schwieg -Alfons, erst als sie in den Eichenwald kamen, wo der Kiesweg mit dem -Schatten der treibenden Baumzweige besprenkelt war, bückte er sich nach -einem Steinchen, warf es wieder fort und sagte: »Denke dir, Gustav, ich -habe Malheur gehabt. Mit der kleinen Blonden.« - -»Mit der Strohhutmamsell? Aber das ist doch wohl ~tempi passati~. Du -hast mir ja schon lange nichts mehr von ihr erzählt.« - -»Nun eben dann hättest du dir's denken können. Sie ist tot und -- das -Kind lebt.« - -Da blieb der Richter stehen, kehrte sich dem Freunde zu und sagte leise -und gedehnt: »Na, hörst du!« -- - -Alfons schaute ihn unsicher an. »Dein Richterantlitz magst du nur -abseits lassen. Das kann ich jetzt nicht brauchen. Ich bin schwer -abgestraft. So teuer ist dir das sicher nie zu stehen gekommen. Sie -starb in der Klinik. Das Kleine -- heute sechs Tage alt -- ist im -Findelhaus.« - -»Nun also!« rief der Richter, aber Alfons fand den Ruf nicht ganz -harmlos. »Entweder,« sagte er, »glaubst du, ich gebe mich mit dem -Findelhaus zufrieden, oder --. Sei versichert, daß mir die Sache -verteufelt nahegeht. Soll es nun ins Waisenhaus? Oder in eine andere -Anstalt? Ich höre, man bringt so einen Wurm nirgends unter. Dann geben -sie ihn aufs Land hinaus. Wo sie Engerl machen.« - -»Aber, das wirst du doch nicht zulassen!« - -»Ja, glaubst du denn, ich werde mich nennen und bekennen?« - -»Mein lieber Alfons, das wirst du allerdings müssen.« - -»Du kennst doch meinen Alten. Der würde mich enterben. Was sage ich, -enterben. Ermorden! Wenigstens träfe ihn der Schlag.« - -»Dein Vater mag zwar ein bißchen so etwas sein, wie ein Moralphilister. --- Du verzeihst schon. Aber ich halte ihn auch für einen anständigen -Mann -- du verzeihst abermals. Das Kind seines Sohnes wird er nicht -verderben lassen. Ist es ein Knabe?« - -»Natürlich! Aber daß ich den Alten in die Geschichte einweihe, das ist -ganz ausgeschlossen. Wenn ich nur Geld hätte, dann ließe sich's leicht -machen.« - -»Setzt er dir immer noch bloß zwanzig Kronen aus, monatlich?« - -»Könnte ich mir ein Automobil halten oder wenigstens ein Reitpferd, -wie andere unserer Sippe, ich hätte mich nie nach dieser Richtung hin -so weit verloren. Ich habe schon gedacht, ob ich jetzt nicht die Reise -nach England machen sollte, wie es mein Alter wünscht. Natürlich hielte -ich mich die Zeit über bei einem guten Freunde verborgen und mit dem -Gelde wäre das Kind für eine Weile versorgt. Was meinst du?« - -Als die beiden Männer langsam weiter gingen, sagte der Richter in einem -etwas singenden Tone: »Ja, ja. So machen sie's alle. Fast alle. Ist -die eine Dummheit vollbracht, dann machen sie die zweite. Aber es ist -ja gar nicht nötig, Alfons, daß du deines Kindes wegen ein Schwindler -wirst. Es wird auch so gedeihen. Hat es schon einen Vormund?« - -»Was weiß ich. Wenn's erst auf so einen Vormund ankommt -- das sind mir -auch die rechten. Die Waisen, die da auf dem Lande draußen verlausen -und versumpern und endlich Trottel oder Lumpen werden -- alle haben -ihre Vormünder. Du siehst, daß ich mich schon unterrichtet habe.« - -»Also deinem Vater willst du nichts sagen?« - -»Nein. Es würde das ganze Familienglück -- was man so nennt -- -zerstören. Am meisten würde Mama darunter zu leiden haben. Nein, daheim -in der guten Stube breite ich meine Sache nicht aus. Niemals.« - -»Lieber verleugnest du das arme Kind, lässest es verderben, zum Trottel -oder Spitzbuben werden. Na, ich dank' schön.« - -Da faßte Alfons den Freund am Arm und sprach: »Ich habe dir nicht -vertraut, damit du mich rasend machen sollst. Wenn du keinen Rat weißt --- ich habe dich ja nicht verpflichtet dazu.« - -»Fonserl! Fonserl! Nachdem, wie du jetzt geneigt bist, anderen Unrecht -zu tun, sehe ich klar, daß du dich in Unrecht fühlst. Und das freut -mich. Das Unrecht kommt von deinem Kummer und der Kummer kommt von der -Liebe. Du liebst deinen Knaben.« - -»Aber ja!« brauste Alfons auf, zornig erregt darüber, daß ihm eine -fremde Hand so tief in den verstecktesten Herzwinkel griff. Die andere -Liebe hatte er dem Freunde gern verraten, +dieser+ hatte er sich -geschämt Sie war zu zart und wundersam, er war ihrer zu ungewohnt. -Dieses so sanft und so unwiderstehlich hinneigende wehe Gefühl, dieses -Lustgefühl, dieses Angstgefühl -- dieses abgrundtiefe Erbarmen -- -wenn das Vaterliebe war! -- Dann erzählte er, wie er durch mancherlei -Liste ins Findelhaus gekommen war und das Kind gesehen hatte. Für eine -Verwandte in der Provinz sollte er ein kleines Kind aussuchen, eine -lächerlichere Lüge fiel ihm nicht ein, doch sie war gut genug, um ihn -vor das Bettchen zu bringen, über dem auf der Tafel der Name Richard -Fachler und eine Nummer stand. Das war auch alles, was sein Kind besaß, -und er -- der junge Vater -- sollte einmal drei Stadthäuser erben. -Und konnte ihm nichts davon geben. So klein lag es da und sein rotes -Köpfchen war kaum größer wie ein Apfel. Den Mund und das Näschen hatte -es, so deuchte ihm, von seiner Mutter, dem guten armen Mädel, das sie -am selben Tage in die Leichenkammer getragen. Die Augen des Kindes -hatte er nicht gesehen, es schlief, es versäumte den Augenblick, da -sein Vater vor ihm stand, das erste- und vielleicht das letztemal. - -»Und seither,« sagte Alfons, »wohin ich blicke, überall dieses -Kindergesicht. Vorhin im Gastgarten sah ich Gassenjungen, verkommene -Rangen, und einer hatte das Gesicht Richards, der Teufel hol's, und war -doch eine Fratze! -- Freund, ich glaube, ich bin hysterisch.« - -»Weißt du, was man draußen im Volke sagt?« sprach nun der Richter. -»Wenn von den Eltern eines stirbt, erbt der andere Teil die Liebe -desselben zum Kind, so daß er eine doppelte Liebe hat, die des Vaters -und die der Mutter. Wörtlich weiß ich nicht, wie es lautet, ein Spruch -ist's.« - -»Ja mein Gott, was finge denn ich mit dieser doppelten Liebe an! Und -kein Kind dazu. Nein doch, auf einmal so ein kleines, kreischendes Kind -haben, und doch wieder keines haben -- etwas Komischeres gibt's nicht -mehr.« So der junge Mann, und dabei mußte er sich heftig schneuzen. - -»Regnet's denn?« rief plötzlich der Richter; zwischen den Ästen der -Eichen klatschten einige Tropfen nieder. »Es muß wohl, denn ich habe -den neuen Überzieher an und keinen Schirm bei mir. Da regnet's immer. --- Schon wieder vorüber. Aprilwetter. -- Ja, Freund, du hast mich -zwar nicht um Rat gefragt in deiner Angelegenheit. Es gibt eigentlich -weiter auch keinen. Aber ich biege das Dokument ein. Das heißt, es wird -berücksichtigt. Es ist ja nicht ganz unmöglich, daß sich etwas machen -läßt.« - -Solches ist besprochen worden auf jenem Spaziergange. Am Abende, als -die Freunde auseinandergingen, schlenderte Alfons noch eine Weile durch -die Stadt, es tat ihm aber das elektrische Licht weh und er suchte die -Gassen, wo nur noch einige der alten, trüben Gaslaternen brannten. Er -kam auch zu dem Gebäude der Findelanstalt, ging einen recht langsamen -Schritt und kam endlich doch vorüber. Nach dem Friedhofe führte diese -schmale, winklige Gasse hinaus. Aber er sagte sich: Nicht sentimental -sein! Wenn du was Warmes übrig hast, so gib es Lebenden. Er kehrte um -und kam wieder am Findelhause vorüber. Es war schon spät in der Nacht. - - * * * * * - -Am Stadtplatz, links von der Rathausecke mit dem sechseckigen Turm, -standen in geschlossener Reihe die Häuser des Kaufmannes Marand. Das -letzte derselben, das Eckhaus an der Bürgerstraße, trug das Schild -»zu den drei Schaufeln«. Es war vom Erdgeschoß bis zum dritten Stock -mit Waren aller Art angestapelt; die Treppen, Hofsöller und Hallen -surrten den ganzen Tag wie ein Bienenschwarm von Kauflustigen, die von -zahlreichen Kommis und Handlangern bedient wurden. Durch das Gedränge -schritt manchmal, die Hände am Rücken, ein alter stattlicher Herr, mit -weißem, halbkurzgeschnittenem Haar und grauem Spitzbart. Er machte -vornehmeren Kunden die Honneurs, wer ihn aber nach einer Ware oder -deren Preis fragte, den wies er mit einer leichten Handbewegung an -die Bedienenden. Das war Herr Josef Marand, der Chef des Hauses. Im -vierten Stock hatte er eine geräumige Wohnung für sich, sein kleines -Frauchen und seinen einzigen Sohn Alfons. So lebhaft es in den unteren -Stockwerken herging, so still war es im obersten. Der Sohn, ein -~studiosus juris~ war selten zu Hause, und wenn doch, so war er in -neuester Zeit schweigsam und schwermütiger Stimmung. Die Mutter suchte -ihm seine Lieblingsspeisen aufzudrängen, durchwärmte übermäßig sein -Zimmer, wollte mehrmals schon den Arzt rufen, denn sie war überzeugt, -daß eine innere Krankheit in ihm nage. Sein Vater war der Meinung, -Alfons arbeite zu wenig und der Müßiggang mache mißlaunig. - -Nun wurde der alte Herr selbst, obschon er stets tüchtig arbeitete, -eines Tages in eine große Mißlaune versetzt. Kam er zum Mittagsmahl mit -zorngeröteten Wangen, einen grauen Papierbogen in der Hand. »Da haben -wir's!« polterte er auf seine erschrockene Frau los. »Diese Lumpen! -Da setzen sie Kinder auf die Welt und lassen andere dafür sorgen. Sie -können mich zwingen, sagt mein Rechtsanwalt, und ich sage, sie können -mich +nicht+ zwingen. Geht das Bezirksgericht kurzer Hand her und -kommandiert mich zum Vormund eines Findelkindes. Oder so etwas. Den -Herrn Papa kennt man nicht, natürlich, und die Mutter stirbt bei der -Geburt. Diese Gewissenlosigkeit! Und jetzt drängen sie mir den Balg -auf, es ist ja zum Totlachen! Aber ich rekurriere! Zwingen! Ich glaube -nicht, daß man zu so etwas gezwungen werden kann. Das ist doch eine -Gewissenssache, und zu einer solchen kann kein Mensch gezwungen werden. -Nein, was sie einem bei +uns+ alles aufmutzen wollen!« - -Seine Frau war bald beruhigt und meinte, das Unglück sei ja nicht so -groß. Er hätte doch öfter schon Vormundstelle vertreten und wisse, daß -außer ein bißchen Überwachung des Mündels nichts verlangt werde. - -»Nichts verlangt, nichts verlangt? Schon morgen bin ich zu Gericht -beschieden zur Pflichtgelobung, um neun Uhr. Gerade diese fatale -Stunde, wo die erste Post abzufertigen ist. Und so geht's hernach fort -mit den Laufereien, einmal zum Gericht, dann zum Kind, dann in den -Stadtrat, dann zum Vater --« - -»Aber wenn man den Vater gar nicht weiß,« lachte die kleine muntere -Frau. - -»Eben, der Vormund soll ihn suchen, das gehört zu seinen ersten -Pflichten. Und wenn man so 'nen Kerl dann noch bei den Ohren nehmen -dürfte! Hat der Vormund Rechte? niemals, nur Pflichten -- ich pfeife -darauf.« - -Alfons saß bereits bei seinem Suppenteller und löffelte tüchtig -darauflos. - -»Du ißt schon wieder zu heiß, Kind!« verwies ihm die Mutter, denn er -war rot im Gesicht bis hinter die Ohren. Während des Essens stellte er -sich dann gelangweilt, lugte aber doch heimlich auf das Dekret, das der -Alte neben sich auf die Kommode geworfen hatte. Der Name interessierte -ihn ein bißchen. -- Es war richtig. Richard Fachler. Sein Vater war -Vormund des Enkels geworden. - -An einem der nächsten Tage begegnete Alfons seinem Freunde Gustav -auf der Promenade. Ganz flüchtig, denn beide gingen in Gesellschaft. -»Zufrieden?« rief ihm der Bezirksrichter zu. - -Nun kam die Notwendigkeit heran, daß Marand im Findelhaus sich nach -dem Kind erkundigte. Die Besuchsstunde traf sich gerade mit einer -Handelskammersitzung, er hatte also nicht Zeit und schickte seine -Frau. Die kam ganz erregt nach Hause. Ein so herziges Kind habe sie -noch ihr Lebtag nicht gesehen. Dann begann sie, es zu beschreiben, -während der Alte mit finsterem Gesicht den Kurszettel durchsah und -Alfons mit der Seidenbürste seinen Zylinder glättete. So ordentlich -hatte er den Hut noch nie gebürstet; so lange die Mutter redete stand -er am Fenster und bürstete den Hut. Sie hatte auch die Papiere der -Kindesmutter mitgebracht, derer bemächtigte sich sofort der Student, um -seinem vielbeschäftigten Vater die Durchsicht zu ersparen. Außer den -gewöhnlichen Dokumenten war ein zierliches Notizbüchlein da, das er -unterschlug und aus dem er später ein paar Blätter entfernte. - -In der nächsten Woche wurde Marand -- und zwar zu sehr ungelegener -Stunde, er hatte notwendig im Warenmagazine zu tun gehabt -- zu -Gerichte beschieden, um seine Unterschrift zur Verfolgung und -Habhaftmachung des Kindesvaters zu leisten. Er tat ein übriges und -bestimmte für die Auffindung dieses »Strolches« ein Prämium von fünf -Dukaten. Mittlerweile kündigte das Findelhaus dem Kinde den Aufenthalt, -es sei eigentlich kein Findelkind, weil ja die Mutter bekannt war, es -gehöre in ein Kinderasyl. Da gab es nun neuerliche Laufereien zu den -Behörden, zu allerlei Anstalten und Persönlichkeiten und der Arzt -verlangte, das Kind müsse eine Amme haben, es sei schwächlicher Natur -und könne nur durch besondere Sorgfalt am Leben erhalten werden. Unter -solchen Plagen nahm Marand eines Abends, als er mit seiner kleinen -Familie beim Tee saß und eine vorzügliche Havanna rauchte, Anlaß, über -die Folgen eines Fehltrittes zu sprechen und ganz ausdrücklich seinen -Sohn davor zu warnen. »Wenn du einmal so was anstelltest, Alfons! Ich -weiß nicht! Ich möcht's nicht erleben! Merk' dir's!« -- Darob war die -Mutter etwas ungehalten und meinte, das sei wirklich ganz überflüssig, -vor Alfons solche Sachen zu besprechen; wenn sie sonst keine Sorgen -hätte; diese, daß ihr Sohn in fraglicher Beziehung etwa nicht -musterhaft sei, wolle sie leicht ertragen. Man müsse ihn nur nicht mit -der Nase daraufstoßen. - -Am nächsten Morgen, als Alfons auf die Universität ging, begegnete -ihm auf der Treppe ein Weib vom Lande. Es hatte einen großen Handkorb -bei sich, das runzelige Gesicht, das nur teilweise aus dem wulstigen -Kopftuche hervorguckte, war über der Nase mit einem Leinwandpflaster -bedeckt. Zu ihren Füßen heulte plötzlich ein braunes Dachshündchen -auf, dem sie auf die Pfote getreten. »Luder, verdammtes!« kreischte -die Alte und stach mit ihrem roten Regenschirm nach dem Tiere. Und -dann erkundigte sie sich mit einer dünnen singenden Stimme, die aus -zahnlosem Munde kam, ob in dem Hause der Kaufmann Marand wohne. Sie -habe gehört, er sei der Vormund eines Findelkindes und da sie gerade -beim Arzt in der Stadt zu tun gehabt habe, so wolle sie gleich ein -kleines Kind mit nach Hause nehmen und da möchte sie halt anfragen, was -dafür bezahlt würde. - -Alfons antwortete, der Mann wohne allerdings im Hause, aber er würde -sie, wenn sie in dieser Sache vorspreche, unfehlbar über die Stiege -herabwerfen. Darob ist die Alte umgekehrt und Alfons hat auf seinem Weg -in die Vorlesung und während derselben den Gedanken weitergesponnen, -wie, wenn der kleine Richard diese Hexe zur Nähr- und Pflegemutter -bekäme? - -Bei einem Vorspruch im Findelhaus, um für das Kind die Bleibefrist -zu verlängern, fand der alte Herr sich doch genötigt, sein Mündel -anzusehen. Und als er nach Hause kam, war er unwirsch und über sein -Journal gebeugt rief er aus: »Der arme Wurm kann ja schließlich nichts -dafür. Es ist ein armer Wurm. Anders kann man's nicht sagen.« -- Und -abends beim Tee lauerte er die Stimmung seines Frauchens ab. Sie hatte -viele gute Tage und er wollte nicht gerade einen der wenigen schlechten -erwischen. - -»Die Sache bin ich satt,« polterte er plötzlich hervor. »Ein Gelaufe -hin und her, schon wochenlang. Eine Behörde schiebt's auf die andere, -niemand will sich annehmen ums arme Wesen. Wenn ich -- wie es beinahe -aussieht, das Findelhaus bezahlen soll und die Amme verlohnen und fürs -weitere Fortkommen sorgen -- ja zum Satan, da ist's einfacher, man -nimmt das Kind ins Haus -- --.« - -Und nun forschte er, was sie dazu für ein Gesicht zog. Sie zog aber -gar keins, sondern behielt ihr natürliches bei, das gute freundliche, -feinrunzlige Gesicht. Hingegen hatte Alfons, der gerade eine Zigarette -zu drehen im Begriffe war, mit einer plumpen Armbewegung die -Tabakschachtel über den Tischrand hinabgestoßen, nun konnte er sich den -feinen Türkischen auf dem persischen Teppich zusammenfegen. - -»Im Gartenzimmer,« setzte der alte Herr bei, »würde es wenig -genieren. Natürlich eine Amme dazu, und die Sache hat sich gehoben. -Selbstverständlich nur für die erste Zeit, bis das Geschöpf etwas -kräftiger ist und ohne Bedenken aufs Land gebracht werden kann.« - -Die Frau war über diesen Vorschlag verwundert. Instinktiv regt es eine -Frau auf, wenn der Mann plötzlich ein fremdes Kind unsicherer Herkunft -ins Haus nehmen will. - -»Was meint Ihr?« fragte er. - -»Mich geniert's nicht,« antwortete Alfons mit gleichgültiger Miene. - -Die Mutter meinte, das müßte erst gut überlegt werden. Hätte man so -etwas einmal im Hause, dann wäre es schwer, es wieder fortzubringen. -Es müsse extra dafür eine Magd gehalten werden und allerlei sonst. -Die Männer hätten keine Ahnung, was das heißt, ein kleines Kind im -Hause haben. Aber sie seien nachher doch die ersten, die sich über das -Kindergeschrei beklagen. - -»Mich geniert's gar nicht,« versicherte Alfons noch einmal. - -»Ich glaube endlich auch dem Vater auf der Spur zu sein,« sagte der -Alte. »Heißt das, positive Anhaltspunkte sind noch keine vorhanden, -aber mancherlei stimmt auffallend. Ihr erinnert euch noch an den Kommis -Steiner, den ich vor zwei Jahren entlassen mußte. Der soll in dem Hause -des Strohhuthändlers Goll gewohnt haben. Beim Goll im Hause, dort ist -ja auch die Kindsmutter gewesen.« - -Das Tabakzusammenfegen auf dem Teppich erlitt eine Unterbrechung. -Alfons war für zwei Augenblicke erstarrt. - -»Der Steiner, meinst du?« fragte die Frau. »Wenn ich nicht irre, ist -der damals ja nach Triest übersiedelt.« - -»Ei richtig, Frau, du hast recht. Man hörte sogar, daß er nach -Südafrika ausgewandert sei, ich erinnere mich. Also der nicht. -Dann ist's aber jedenfalls ein anderer. Ich werde ihm schon noch -draufkommen.« - -Die Tabaksammlung ging wieder ruhig vonstatten. - -»Natürlich, in dieser Angelegenheit kommt's auf die Hausfrau an,« sagte -der Kaufmann. »Wenn es dir nicht recht ist, dann nicht.« - -»Mein Gott, recht ist -- recht ist!« entgegnete sie gutmütig greinend. -»Wenn ein gutes Werk geschieht, das muß einem wohl immer recht sein.« - -Da klatschte Alfons die Hände zusammen und rief in aller Lustigkeit -aus: »Die Mama! Jetzt hat sie ein kleines Kind bekommen!« Und schon -lange nicht mehr, wenn er des Abends auf sein Zimmer ging, klang's so -warm und froh wie heute: »Gute Nacht, Vater! Gute Nacht, Mutter!« - - * * * * * - -Nun war der kleine Richard im Hause Marands. Anfangs gab es -Unebenheiten im Haushalte. Ein Kind, und es mag noch so klein sein, -beherrscht das Haus. Aber sie ertrugen es. Hatten sie sich's doch -selbst eingebrockt. Der Vater hatte es im Hause haben wollen, die -Mutter hatte ja gesagt. Alle vormundlichen Laufereien des beschäftigten -Kaufmannes hatten ein Ende, das Gericht sagte nichts weiter, denn es -wußte die Waise in guter Hut. Alfons war jetzt fast immer zu Hause, er -brachte manche Stunde im Gartenzimmer zu und spielte mit dem Knaben, -der von Woche zu Woche prächtiger gedieh und ein sehr schönes Kind war. -Und selbst zur Zeit, wenn andere Studenten in der Kneipe saßen, blieb -Alfons daheim und spielte mit dem Kind. - -Nach ein paar Jahren war der Knabe ein gesundes, kräftiges Menschlein -geworden. Ein lieber kleiner Kerl. Das Haar war nachgedunkelt, die -langen Augenwimpern und Brauen waren pechschwarz und die großen -runden Augen schauten frisch und kindlich in die gute Welt hinaus, -die liebevoll um ihn aufgerichtet worden war. Nun bekam er die erste -Hose und das übrige dazu -- einen »Matrosenanzug« mit den flotten -Schulterklappen und den goldenen Ankern daran, und das Käppchen, wie es -ähnlich einst auch Alfons gehabt. - -Zur Zeit fiel Josef Marands sechzigster Geburtstag. - -Am Vorabende lud der Jubilar seine Frau und seinen Sohn zu einer -Besprechung ein. - -»Ich hätte einen Wunsch,« sagte er, »aber ich fürchte, ihr werdet -nicht damit einverstanden sein. Besonders du nicht, Alfons: Denn für -dich bedeutet es eine Einbuße. Übrigens -- du könntest ja auch fünf -Geschwister haben, oder acht, oder mehr. Einen Bruder verträgst du -spielend.« - -Jetzt hob die Frau ihre Hand und wollte ihm den Mund zuhalten. - -»Lasset mich bloß ausreden,« sagte er ernsthaft. -- -- »Wenn wir den -Richard ganz adoptieren wollten? Was denket ihr?« - -Nun konnte Alfons sich nicht mehr halten. Laut lachend fiel er dem -Alten um den Hals und umarmte die Mutter und küßte sie und lachte und -rief endlich aus: »Papa! Mama! also ihr wisset alles? Ihr wisset alles?« - -Sie stutzten und schauten ihn an. Nichts wußten sie. Aber als jetzt -der kleine Richard zur Tür hereinhüpfte, im neuen Kleidchen und hell -lachend auf Mama zu, kreischte das Kaufmannsfrauchen auf: »Marand, -Josef! Das ist ja der Fonserl!« - -Da wußten sie alles. - - - - -Der Mädeljäger. - - -Am oberen Rande des Tales, wo es sich einengt in eine Felsenschlucht, -aus der ein grünlicher Gebirgsbach hervorbraust, steht Schreckenburg. -Es ist eigentlich keine Stadt und eigentlich kein Dorf, es ist eben -ein »größerer Ort«. Die Einwohner treiben Gewerbe und Landwirtschaft, -scheiden sich aber durchaus nicht etwa in Bürger und Bauern. Vater und -Kinder, Hausherren und Knechte, Meister und Gesellen, darin liegt der -Ständeunterschied von Schreckenburg. Wohl haben sie einen Fürsten, -aber auch der hohe Herr ist nichts anderes als Vater. Die Herren von -Schreckenburg sind ein altes Geschlecht, schon zur Zeit der Kreuzzüge, -heißt es, wäre ihre Burg, deren rauchgrauer Ruinenzahn dort an der -Felswand klebt, der Schrecken des fahrenden Volkes gewesen. Wenn man -der Historia glauben darf, und man soll es sogar, so haben es die -Schreckenburger seit jenen alten Zeiten verstanden, sich Achtung zu -verschaffen in der Welt. Große Reiche sind entstanden und gestürzt -worden, das Erzfürstentum Schreckenburg stand und blieb stehen im -schönen Gebirgstal an der Luser. Der letzte Vorfahre des zur Zeit -dieser Geschichte regierenden Fürsten hatte noch hundertundzehn -Söldlinge gehabt, und ist von den Millionenheeren der Erde nicht -angegriffen worden. Unser Fürst Othmar III. befehligt zur Zeit der -Not ein Heer von zweiunddreißig Mann, davon vier zu Pferde! Aber die -Zeit der Not kommt nicht, die sonst so kriegslustige Welt hält sich -in respektvoller Entfernung vor dem Erzfürstentum Schreckenburg. Die -Armee ist fast ständig beurlaubt bis auf sechs Mann, wovon einer den -Nachtwächterdienst besorgt. Einmal wurde in einem Winkel dieses -Reiches ein unpassender Witz gemacht, Othmar III. rekrutiere lieber -Mädeln als Burschen, und den Ausspruch hat der Fürst nicht als -Majestätsbeleidigung ahnden lassen. Die guten Leute von Schreckenburg -lasen auch manchmal eine Zeitung, in der des Wunderbaren und Nützlichen -viel berichtet wurde. Also erfuhren sie, daß in anderen Ländern die -Staatsbürgersteuer eingeführt sein soll. So begab sich eines Tages eine -Abordnung zum Fürsten und bat um die Gnade, daß auch im Erzfürstentum -die Staatsbürgersteuer eingeführt werden möchte, maßen doch auch die -Schreckenburger treue Staatsbürger wären und seit jeher bereit, für -ihren durchlauchtigsten Herrn Blut und Leben zu opfern. Es fange das -Gewerbe an, einigermaßen darniederzuliegen, weil in der Welt zu viel -Fabriken gebaut würden, es sinke von Jahr zu Jahr der Viehpreis, weil -jedes Land schon mehr und mehr sein eigenes Vieh hätte, kurz, es -verschlechterten sich die Zeiten, und darum bäten sie untertänigst um -die Einführung der Steuer. Der Fürst soll sie darauf in sehr gütiger -Weise aufgeklärt haben, daß sich die Bittsteller in einem Irrtum -befänden, wenn sie etwa glauben sollten, die Staatsbürgersteuer würde -in anderen Ländern vom Fürsten geleistet an seine braven Untertanen; -gerade das Gegenteil wäre der Fall, die Staatsbürger hätten die Steuer -dem Fürsten und dem Staate zu leisten. Ob solcher Aufklärung waren -die Abgeordneten sehr gedrückt, allein Othmar der Gütige legte dem -Sprecher die Hand auf die Achsel und versicherte, für das Wohl seines -Reiches auch fernerhin das möglichste zu tun, besonders im Straßenbau -und in der Flußregulierung, auch trage er sich mit der Absicht, in -Schreckenburg ein neues Universitätsgebäude errichten zu lassen. -Darob waren die Abgeordneten sehr zufrieden, obschon sie wußten, -daß die Universität nicht allzu ernst gemeint war. Der Fürst liebte -es, in launigen Stunden das allerdings schon gebrechliche Volks- und -Gewerbeschulgebäude zu Schreckenburg die Universität zu nennen. Wer -wirklich in einer Hochschule die derbe körperliche Arbeit für eine -spitzfindige Geistestätigkeit umtauschen wollte, der mußte ins Ausland -gehen. - -Eines Brückenbaues wegen hatte der Schreckenburger nicht unbedrohlichen -Konflikt mit einem nachbarlichen Herzog. Der hatte ein großes Reich -und viele Mannen, war aber nicht zu bewegen, sich mitzubeteiligen am -Bau einer Grenzbrücke über die Luser. Für das Fürstentum war diese -Brücke schier die einzige Verbindung mit der weiten Welt. Der Herzog -aber sagte, er habe in Schreckenburg nichts zu suchen und brauche keine -Brücke hinüber. Das war der Kriegsfall. Othmar bot seinen Heerbann auf -und zog auf Umwegen, da die neue Brücke eben noch nicht gebaut war, gen -die herzogliche Residenz, um sie zu belagern. Als die zweiunddreißig -Mann mit ihren Spießen sich dräuend vor dem Tore aufgestellt hatten, -schickte der Herzog einen Gesandten herab. Das war ein Edelknabe, und -der lud im Namen seines Herrn den Feind samt und sonders auf einen -Löffel Suppe ein. Durch das geöffnete Tor konnte man in das Innere des -großen Platzes schauen, der mit wohlausgerüsteten Kriegern versehen -war, an der Zahl vielfach den Belagerern überlegen und versorgt mit -allen schrecklichen Pulverwaffen der Neuzeit. Fürst Othmar soll -hieraus »Kehrt euch!« kommandiert haben und an der Spitze seiner -Armee friedlich heimwärts gezogen sein. Aus Anlaß dieses glücklichen -Feldzuges, aus welchem alle Mann frisch und munter heimgekehrt waren, -haben die dankbaren Schreckenburger ihrem klugen Feldherrn ein Denkmal -aus Erz errichtet. Es ragt mitten auf dem Marktplatz empor und zeigt -den Fürsten auf dem Pferde, angetan mit allem Ehrenschmucke seiner -Erzherrlichkeit, in welcher der schlichte Herr sonst gar nicht mehr zu -sehen war. - -Othmar der Gütige war in seiner Jugend viel auf Reisen gewesen, in -allen Weltteilen, und stets bei Königen und Kaisern zu Tische geladen, -was die Schreckenburger mit besonderem Stolze erfüllte. Auch ging -im Reiche die erhebende Mär um, daß der durchlauchtigste Herr von -Schreckenburg mit allen Potentaten der Welt brüderlich auf du und du -stehe. - -Um so einfacher gab der Fürst sich zu Hause. - -Sein Schloß, welches außerhalb des Ortes auf einer Anhöhe stand, hätte -jeder Fremde für ein stattliches Gutsgehöfte gehalten, wenn nicht -über dem Tore das Wappen der Schreckenburger, ein dreiköpfiger Adler, -angebracht gewesen wäre. Es war teils aus Stein, teils aus Holz gebaut, -hatte einen halb um das Gebäude herumlaufenden Söller, helle viereckige -Fenster, etwa dreißig an der Zahl, und über dem flachen Schindeldach -ein zierliches Türmchen für ein Glöcklein, das den Nimbus einer -Sturmglocke trug, tatsächlich aber nur zu den Tageszeiten geläutet -wurde. Ein Gehöfte mit Viehstand und Scheunen lag hinter dem Wohnhause -in behäbiger Breite da, belebt mit zahlreichem regsamen Gesinde. - -Der Haushalt des Fürsten war der eines wohlhabenden Gutsbesitzers und -bestand aus sieben Personen, den Hausknecht mit eingerechnet, der, wenn -es Gäste gab, im verbrämten Wolfspelz mit Stab und Reichsapfel am Tore -zu stehen hatte. - -Der Fürst war ein Mann in jenen Jahren, da das Haupthaar voran zu -schüttern und hinten zu grauen beginnt. Er war stets glatt rasiert -und trug eine goldene Brille. Er ging in grauem oder, wenn es Sonntag -war, in schwarzem Tuchanzuge herum und war mit Ausnahme des Propstes -und des Reichshauptmannes der einzige im Reiche, der gewichste Stiefel -trug. Wenn er zu Fuß durch das Fürstentum wandelte, lief alles, jung -und alt, auf ihn zu und küßte ihm die Hand. Wenn er zu Pferde langsam -dahintrabte, da wurden die Gesichter der guten Schreckenburger ganz -leuchtend vor Stolz, denn jetzt war er der, so auf dem Marktplatze -stand in Erz für alle Zeiten. In Wahrheit schaute der Fürst aber auf -dem Pferde aus wie ein freundlicher Landarzt, der zu einem Kranken -reitet. Beweibet war Erzfürst Othmar III. nicht, noch immer nicht, -obwohl er gegen Frauen, und selbst wenn sie dem kleinen Gewerbestand -angehörten, eine gewisse ritterliche Ehrerbietigkeit beobachtete. -Die Ehrerbietigkeit ließen sich die Eheherren und Liebhaber der -Schreckenburger Schönen noch leidlich gefallen, wenn der Fürst aber -artig wurde und den Weibchen die Wange kneipte, da empfanden sie so -etwas wie die Jakobiner zu Paris vor hundert Jahren. Doch muß gesagt -werden, daß der Fürst es sich stets angelegen sein ließ, seinen -Untertanen ein würdiges Vorbild von Rechtschaffenheit abzugeben. Für -einen Seelenkenner wäre es vielleicht nicht unschwer zu merken gewesen, -daß Fürst Othmar die Vereinsamung bereits zu fühlen begann. Nicht -so sehr die Vereinsamung auf dem Throne, denn die ist der Gekrönte -gewohnt, als vielmehr die Vereinsamung im Gemache und des nahenden -Alters. - -Eines Tages war er unten im Tale in ein altes Bauernhaus getreten, um -mit dem Nachbar eine wirtschaftliche Angelegenheit zu besprechen. Da -fielen ihm die stattlichen Kästen und Truhen auf, die in der Stube -standen. Sie gefielen ihm, sie würden seinem Hause, das seit den -zerstörenden Bauernkriegen nicht an Überfülle von Prunkgegenständen -litt, ein freundlicher Schmuck sein. Er fragte den Bauern, ob er ihm -diese schöngebauten, festgefügten und kunstvoll geschnitzten Kästen -nicht verkaufen wolle? - -»Ah nein, gnädiger Herr,« antwortete der alte Landmann, »die Kästen da -geben wir nicht her, sie sollen schon im Haus bleiben für unsere Kinder -und Kindeskinder.« - -»Diese können sich ja wieder welche machen lassen,« meinte der Fürst. - -Der Bauer schüttelte den Kopf, das würde nicht gut gehen. Die jungen -Zimmerleute nennten sich zwar jetzt fürnehm Meistertischler, brächten -so was aber nicht mehr zuwege; sie hätten keine Geduld dazu und auch -nicht den Schick. Bei denen müsse ein Kasten in acht Tagen fertig sein, -gleich aus jungem Holz, wie es der Förster vom Wald verkauft. »Nachher -kreistet's und kracht's, nach einem Jahr kann man die Finger in die -Fugen und Sprünge stecken, die Kastenwand kriegt einen Buckel wie das -Kameltier oder eine Mulde wie die Fleischhackerschüssel. Ah nein, die -alten Kästen geben wir nicht her.« - -Der Fürst hat auf solchen Bescheid seines Untertans zu Boden gestarrt -und vielleicht sogar mit einer gewissen Wehmut der guten alten Zeit -gedacht, da man so schöne Tischlerarbeit machte, und da man solch -schöne Tischlerarbeit den Untertanen gelassen wegnehmen konnte. - -Als hierauf die Hausmutter in die Stube trat, um mit Weißbrot und -gelber Butter den Landesvater zu ehren, sagte zu ihr der Bauer: »Das -ist mir rechtschaffen zuwider, Brigitta. Unser Herr hat Gefallen an -diesen Kästen, und wir mögen sie nicht weggeben.« - -Die Hausmutter sprach: »Da wird leicht geholfen sein. Diese Kästen -hat der Zimmermann Reimar gemacht vor dreißig Jahren, wie wir zusammen -geheiratet haben, und der Reimar lebt noch. -- Gnädiger Herr, bitt' gar -schön, ein Stückel Brot und ein Batzel Butter nicht zu verschmähen.« - -Der Fürst setzte sich an den Tisch und griff zu. Dieweilen wurde nach -dem Zimmermann Reimar geschickt. Der hatte einen krummen Fuß, kam am -Abend in den Fürstenhof und blieb dort. Er ist dort geblieben etliche -Jahre lang. Er hat zeitweilig einen Gesellen mitbeschäftigt, die -längste Weile aber allein gearbeitet, er hat dem Landesfürsten das -Haus eingerichtet. Die drei großen Stuben waren schon von alters her -mit gutem Holz und schlichtem Schnitzwerk ausgetäfelt und geziert, -so wollte der Fürst noch ein Nebengemach traulich einrichten lassen -mit Täfelung, Truhen und Kästen und einem geräumigen Himmelbette. -Da hatte also der alte Reimar zu schaffen. Er ließ sich gute Weile -dabei und baute. Er baute ein Wandgesimse, eine Gerätetruhe, zwei -breite Gewandkästen, eine Ofenbank, einen Uhrkasten und endlich das -stattliche Himmelbett mit dem Hute darüber, dessen jede Ecke versehen -wurde mit dem Ornamente des dreiköpfigen Adlers. Er arbeitete ohne -Vorbild und Pläne, die Zeichnungen machte er gleich mit Zimmerfarbe und -Reißblei aufs Bau- oder Schnitzholz. Und dieses Holz war an zwanzig -Jahre unter dem Dachvorsprung einer Scheune, hoch an der luftigen Wand -gelegen, um gehörig austrocknen zu können. Der alte Reimar hatte ein -Sprichwort: Der Bräutigam soll seine Braut und der Zimmermann sein -Holz sieben Jahre lang kennen, bevor er anhebt. An grünem Holz tat er -nicht einen Handgriff. Mit dem Hammer schlug er an den Block: Klingt's -gut, so wollen wir in Gottes Namen anfangen! Die größte Stube des -Hauses hatte er sich zur Werkstatt erkoren, da hobelte er, schnitt -und schnitzte. Häufig saß der Fürst da und schaute dem weißhaarigen -Meister in Hemdärmeln und mit dem Lederschurz bei der Arbeit zu. Die -ging wie ein langsames Uhrwerk, aber jeder Handgriff hatte einen Zweck -und eine Folge. Dabei war der Mann so behaglich und heiter, sagte -manchmal ein spaßhaftes Wort, während sein altes Auge an der Arbeit -haftete. Dem Fürsten tat der Anblick wohl, wie da ein kleiner Mann aus -dem Volke seine Seele gleichsam in ein Kunstwerk umgestaltete, in dem -sie fortleben wird, vielleicht länger als die Geschlechter, die an dem -Werke mit Bewunderung und Liebe vorübergehen. Mehrmals geschah es, -daß der Fürst sich sogar an den Tisch setzte, wo der Reimar sein Mahl -einnahm. Denn mit dem Gesinde aß nur der Geselle, der Meister zog es -vor, allein zu sein und machte auch mit dem Herrn nicht allzu viele -Höflichkeiten. Wenn der Fürst das Butzenscheibenfenster des Erkers -öffnete, so überblickte er sein Reich; der Zimmermann hätte das von -sich nicht sagen können, er hatte sein Lebtag auch in anderen Tälern, -selbst drüben im Herzogtume Häuser gebaut. Fürsten +kann+ es geben, -Zimmerleute +muß+ es geben. Also fühlte er sich in dieser Burg nicht -besonders untertänig. - -Eines Tages kam der Fischerjunge Winard ins Haus und brachte auf dem -Rücken eine Fischlagel mit, in der Wasser schwupperte. Er grüßte in der -Stube ehrerbietig den Meister Reimar und fragte dem gnädigen Herrn nach. - -Der alte Diener war vorhanden und berichtete, Seine Durchlaucht könnten -jetzt nicht gestört werden, sie wären just beim Regieren. - -»Wenn's nichts anders ist, so soll er nur herauskommen,« sagte der -kühnliche Bursche, »ich muß wissen, ob der gnädige Herr die Forellen -selber haben will, oder ob ich damit um ein Häusel weiter gehen soll. -Heute ist Freitag, und morgen bringe ich sie nicht mehr an.« - -Der Diener ging hinein, um das zu melden, da entschuldigte sich -der Fürst artig vor seinem Ministerium, das aus dem Propste, dem -Kreishauptmanne und dem Meister Grobschmied bestand, ging hinaus und -ließ sich die Fische zeigen. Es waren stattliche Tiere und glitten -munter in ihrem nassen Gemach auf und nieder. - -»Sind sie nicht zu jung?« - -»Ich bin zwanzig, gnädiger Herr,« antwortete der hübsche Bursche. - -»Die Forellen meine ich.« - -»Ah so. Na, die werden nicht mehr besser.« - -»Gut, lasse sie da.« - -Am Abend desselben Tages war kein Gast vorhanden, und der Erzfürst saß -bei den blaugesottenen Forellen allein. Er rief den Zimmermann, ob er -Forellen liebe? - -Aber der Meister lag schon in seinem Bett und seufzte. In letzter -Zeit litt er an der Gicht. So saß Seine Durchlaucht einsam da. Der -Kammerdiener war brummig. Wenn die Tiere wenigstens lebendig gewesen -wären. Aber sie lagen feierlich auf dem Silberteller, sie waren so -sinnig mit einem grünen Kranz von Krautwerk umgeben, wie sich selbst -ein Erzfürst keine schönere Aufbahrung wünschen könnte. -- Der Fürst -fand am Essen kein Vergnügen, er stand vom Tische auf, faßte den -silbernen Armleuchter und stellte sich damit vor den Spiegel. Seit -einiger Zeit hatte er sich den Schnurrbart wachsen lassen, der war -durchaus noch nicht grau, sondern hübsch nußbraun, wie der Meister -Reimar die Kästen streicht. Aber was anfangen? In der Jugend hatte er -wohl gelernt, wie man Weiber gewinnt, doch wie man um ein Weib freit, -das schien ihm eine verdammt heikle Aufgabe. In solchem Falle kann -der Herrscher nicht einmal seine Geheimräte zu Rate ziehen. Das kommt -nun davon, daß er mit den Nachbarspotentaten den Verkehr so völlig -vernachlässigt hat. Übrigens hatte der Fürst auf seinen Weltreisen -Reiche kennen gelernt, deren mächtige Herrscher sich in der Wahl einer -Ehefrau durchaus nicht einschränken lassen. Bei uns ist dem Prinzen -eine Prinzessin vorgeschrieben. Zwei Gekrönte auf +einem+ Thron, ist -das aristokratisch? - -Am nächsten Tage trat der Fürst gelegentlich in die Tischlerwerkstatt, -um der Arbeit des Alten zuzusehen, der nur das Zimmerhandwerk gelernt -hatte und nun die edelsten Tischlerarbeiten schuf. Meister Reimar lag -aber im Bette, und ein Mädchen war da, das ihn pflegte. Das machte sich -gar nichts draus, als der gnädige Herr eintrat, sondern beschäftigte -sich eifrig damit, dem Alten warme Tücher um die Beine zu winden und -ihm die Kissen zurecht zu legen. Dieses Mädchen hatte ein Haar wie -Seide. Wie Naturseide, so lichtgelb und zart. Das waren gar keine -Haarfäden mehr, das war purer Flaum; so wallte es hinter den rundlichen -Achseln hinab, und in der Mitte war es lose zusammengehalten mit -einem blauen Bändchen. Der Fürst ging hinaus in seinen Tiergarten, -dort hatte er etliche Hirsche und Rehe drinnen und in einem hohen -Drahtgeflechte zwei Fasanen. Die Hirsche waren noch nicht zahm, flohen -mit hochgetragenem Gestämme ins Dickicht. Ein klaräugiges Rehlein blieb -vor dem hohen Besuche stehen, ohne irgendein Zeichen von Angst oder -Ehrfurcht. Der Fürst legte gesalzenes Brot in die hohle Hand und hielt -es ihm vor. Das Reh schnupperte hin, fraß es aber nicht. Da trat ein -junger Mensch hinzu und sagte: »Wetten wir was, gnädiger Herr, von mir -nimmt es das Brot!« - -»Kümmere dich um deine Forellen!« sprach der Herr und wandte sich ab, -denn der dreiste Ton des Burschen war ihm zuwider. Diesen Fischerjungen -muß man unter die Soldaten stecken, daß er Manier lerne. -- - -»Na, Alter, klappt's heute mit den Beinen?« fragte Seine Durchlaucht an -einem nächsten Tage, als Meister Reimar wieder bei der Arbeit war. - -»Schön Dank, gnädiger Herr, es tut's wieder.« - -»Das Alter zwickt wohl schon ein bißchen?« - -»Ah, des Alters wegen möcht's schon noch passieren.« - -»Wie alt seid Ihr denn, Reimar?« - -»Zu Martini achtundsiebzig.« - -»Allen Respekt. Ich meine für das, was Ihr noch leistet.« - -»Solang' mich die Augen nicht verlassen ...« - -»Saget, Meister, wer war denn das junge Frauenzimmer, das Euch so -sorgfältig gepflegt hat vor etlichen Tagen?« - -»Die Hedwig meinen der gnädige Herr. Muß wohl recht um Verzeihung -bitten. Mir hätte schon auch im Haus keine Wartung gefehlt, aber wenn -ein Kind einem zugeht, das kann man nicht wehren, muß einen noch -freuen.« - -»Es war doch kein Kind mehr,« sagte der Fürst. »Mag wohl schon an -siebzehnmal über Silvester gesprungen sein.« - -»Es ist so, gnädiger Herr, meine Enkelin lauft schon im achtzehnten um.« - -»Euere Enkelin? Sagtet Ihr nicht letzthin, daß Ihr ein alter -Junggeselle wäret?« fragte der Fürst. - -»Wie man halt eben so sagt,« antwortete der Zimmermann, »ist nur damit -gemeint, daß ich nie verheiratet gewesen bin.« - -»Und eine Enkelin, sagt Ihr?« - -»Ja mein!« rief der Alte aus, dieweilen er mit dem Reifmesser an einem -dreiköpfigen Adler herumschnitzte, »in dieser Sache hat sich der Mensch -nicht zu beklagen, da ist alleweil Segen Gottes genug vorhanden.« - -»Ist sie ein Tochterkind?« - -»Ein Sohnkind, gnädiger Herr. Aber ehelicherweis. Mein Sohn ist braver -gewesen wie ich.« - -Der Fürst wandelte hernach in der Pappelallee auf und ab, die Hände -am Rücken, das Haupt gesenkt. Seine verflogene Jugend hatte ihm kein -solches Glück aufbewahrt. Wenn er einmal an der Gicht darniederliegt, -wird ihm keine Enkelin warme Tücher um die Beine winden. - -Von dieser Zeit an forschte Othmar III., wann der Zimmermann Reimar -denn wieder einmal an der Gicht darniederliegen würde. Der ließ darauf -warten. Hingegen kam eine sehr schöne Fronleichnamsprozession. An -diesem Tage pflegte zu Schreckenburg aller Pomp entfaltet zu werden, -den der Ort aufbrachte. In früherer Zeit war auch der Hofstaat -ausgerückt, der Erzfürst in seiner vollsten Würde, Prinzen und -Prinzessinnen, Edelknaben und Zofen, da strahlten an den Mänteln -und Roben die Goldspangen, an den Diademen die Diamanten. Das war -längst nicht mehr. Zur Zeit des schlichten Volksfürsten Othmar III. -gab es derlei nicht zu sehen. In seinem schwarzen bürgerlichen -Gewande, begleitet von den Spitzen der Behörden, ging er hinter dem -Baldachin einher, sein entblößtes Haupt blinkte diesmal in der Sonne -silberiger als je. Seine Andacht war an diesem Fronleichnamsfeste -keine gewöhnliche. Vor der Priesterschaft wallten in langen weißen -Gewändern vier Kranzjungfrauen dahin, die auf rotseidenen Kissen die -Marterwerkzeuge Christi trugen. Diese Jungfrauen waren alle schön und -blühend wie der Mai, aber eine davon war anders als die übrigen. Sie -überragte die anderen um eine halbe Kopflänge, ihr Haar wallte wie -eine lichte Seidenwelle über den Nacken hinab. Ihre Wangen waren wie -die Blüte des Apfelbaums, ihr Haupt senkte sie nicht, wie die drei -Genossinnen taten, zu Boden, aufrecht trug sie es, und ihr großes -Auge mit dem feuchten Glanze schaute vor sich hin gegen die Berge, -auf welchen der Himmel ruhte. Würdevoll wie eine Königin. Sie trug -auf ihrem Kissen die Dornenkrone des Heilandes. Das ist die Krone des -Volkes. Hat der Erzfürst eine bessere? - -»Das Adlerschnitzen geht Euch gut von der Hand,« sagte am nächsten Tage -der Fürst zum Zimmermann. Dieser hatte gerade wieder den dreiköpfigen -in der Arbeit für das Himmelbett. - -»Na, wohl doch nicht, gnädiger Herr. Das ist ein vertracktes Vieh. Da -könnt's wohl auch passieren, daß man das Tier gar nicht erkennt, wie es -dem alten Herzog drüben ergangen ist mit seinem zweiköpfigen. Dem hat -sein Jäger einmal vom Hochgebirg einen Adler heimgebracht. So, das soll -ein Adler sein? ruft der Herzog dem Jäger zu, du mit deinem Jägerlatein -bleibe mir vom Leib! Glaubst du, ich kenne den Adler nicht? Ein Adler -hat +zwei+ Köpfe.« - -»Und unserer hat drei,« lachte der Fürst, belustigt von dem -Spottgeschichtchen, das man über seinen Nachbar erzählte. Dann sprang -er über: »Was meint Ihr, Meister, sollten die hohen Herrschaften aus -ihren Wappen nicht einmal das Tier herausnehmen und den Menschen -hineingeben?« - -»Oho, den brächte unsereiner noch weniger zuweg. Der Mensch, heißt es, -soll in der Kunst das allerschwerste sein.« - -»Es müßte ja gerade kein geschnitzter sein? Vielmehr ein lebendiger, -wie ihn Gott erschaffen hat! Was meint Ihr dazu?« - -»He he,« lachte der Alte, wie auf einen Spaß. - -Der Fürst rückte dem Zimmermann näher und setzte sich auf das -Hinterteil der Schnitzbank. Plötzlich sagte er: »Meister Reimar, machet -Feierabend für heute. Wir wollen einmal eins plaudern mitsammen.« - -Der Alte hing das Schnitzmesser an die Wand, befreite das dreiköpfige -Ungeheuer aus der Zwänge und dachte: Wohl eine rechte Freud', so was. -Wie unser gnädiger Herr gemein ist! In seiner Weise wollte er damit der -Leutseligkeit des Fürsten ein Lob zudenken. - -»Wird Euch Eure Enkelin nicht bald wieder einmal besuchen? Wo wohnt sie -denn? Nehmet sie doch ganz zu Euch, Vater Reimar, in diesem Hause ist -Platz genug.« - -Der Antrag rührte den Alten fast zu Tränen. - -Eine Woche später war der Fürst bereits in der Lage, heimlich seine -Studien zu machen an dem schönen heiteren Mädchen, das in dem Schlosse -herumwirtschaftete, so geschickt, harmlos und fein, als wäre es darin -geboren worden. Nach wenigen Tagen beherrschte es in Form einer -fröhlichen Dienstfertigkeit die Beschließerin und die alte Kochfrau, -ohne daß diese es merkten. Sie war die Unbefangenheit selber, auch dem -Fürsten gegenüber. Dieser ging scharf drein, denn viel überflüssige -Zeit war nicht mehr vorhanden. Eines Tages befahl er, das Frühstück -solle ihm die Hedwig auf das Zimmer bringen. Und diese lud er ein: -»Willst du nicht auch eine Tasse mit mir trinken?« - -»O Gott!« lachte das Mädel auf, »wann hab' ich heut' schon -gefrühstückt! Das ist schon lang geschehen.« - -»So bist du am Ende wieder hungerig?« - -»Das tät' sich doch nicht schicken,« antwortete sie. »Wenn dem -gnädigen Herrn schon allein die Zeit lang wird beim Frühstück, so -soll er halt eine gnädige Frau dazu nehmen.« Das sagte sie munter und -harmlos hin. Der Fürst aber stand auf und trat rasch auf sie zu. So -rasch, daß sie erschrocken einen Schritt zurückwich. »Hedwig!« sagte er -leise, und sonst nichts -- kein Wort. Sie verließ schnell das Zimmer. - -Der Kammerdiener des Fürsten bat noch an demselben Tage um seinen -Abschied. Wenn ihm gar schon eine Bauerndrulle vorgezogen werde zur -Bedienung! Man hätte es ihm gar so deutlich nicht zu machen gebraucht, -auch etwas weniger deutlich hätte er verstanden, daß er überflüssig -geworden sei ... Laut grölend wandte er sich gegen die Wand. - -»Franz,« sprach der Fürst zu ihm mit gütiger Stimme, »Franz, du bist -ein altes Schaf.« Das alte Schaf hat den Abschied nicht erhalten. -- - -»Herr Reimar! Herr Hoftischlermeister!« rief es eines Tages hinter -ihm, als der Zimmermann zur Dämmerstunde durch den ruhsamen Park ging -und sein Abendgebet verrichtete. Und als er sich umwandte, sah er, wie -ein junger Mann auf ihn zueilte. Es war aber der Fürst, der so flinke -Schritte machte und so frisch aufgelegt war. - -»Herr Tischlermeister!« fuhr der nahekommende Herr fort, »wollt Ihr ein -schönes Märchen hören? Es ist sehr alt, vielleicht kennt Ihr es schon -von der Mutter her.« - -Der Zimmermann blieb ehrerbietig stehen und horchte. - -»Es war einmal ein König,« begann der Fürst, den Alten am Arm nehmend -und mit ihm zwischen den Ahornen dahinschreitend, »dieser König war -sehr mächtig und hatte viele Städte voll von Untertanen. Er aber wohnte -in einem großen Schlosse und war einsam. Wisset Ihr, was das ist: -Einsamkeit?« - -»Ich kann mir's denken,« sagte der Zimmermann, »das ist Langeweile. Ich -hab' sie weiter nie gehabt.« - -»Aber der König hat sie gehabt, Reimar! Als er jedoch ans Freien -dachte, da fiel ihm das Rätsel ein. Kennt Ihr es? Was ist das, Meister: -Gott sieht's nie, der König selten, der Bauer alle Tag?« - -»Hoho, das wird wohl seinesgleichen sein!« entgegnete der Zimmermann. - -»Seinesgleichen, gut. Also sah der König sehr selten seinesgleichen -und unter den wenigen Prinzessinnen gefiel ihm keine. Er trug sich in -ganz eigentümlichen Meinungen über das Weib. Er wollte eine Besondere -haben. Die Richtige ist nicht gleich die Erstbeste von seinesgleichen. -Er wollte eine große Auswahl haben, um seine Einzige sicher zu finden. -Er dachte an denjenigen, der seinesgleichen alle Tage sieht.« - -»So hätte er sich ein feines Bauernmädel aussuchen sollen,« meinte der -Zimmermann. - -Der Fürst blieb plötzlich stehen, kneipte den Alten am Arm und sagte: -»Das hat er getan.« - -Der Zimmermann zog's ins Bedenkliche und sprach: »Wenn das Bauernmädel -klug ist? Ich wollt' mich doch erst besinnen, ob ich einem König die -Hand geben möchte.« - -»Wisset Ihr,« sagte der Fürst, »der Mensch hat zwei Hände. Auch der -König. Geht eine Verbindung zur rechten Hand nicht, so geht sie -vielleicht zur linken. Meinet Ihr nicht auch so?« - -»Hab' es wohl einmal gehört,« meinte nun der Alte. »Zur linken Hand. -Verstehe aber den Unterschied nicht.« - -»Ich auch nicht, Meister. Aber wir drehen uns um die Sonne und wissen -nicht warum. So drehen wir uns um Sitten, für den einen haben sie Sinn, -für den anderen nicht. Tatsache ist, daß der Fürst ein Kind aus dem -Volke freien will ...« - -Der Zimmermann schwieg. Es wurde ihm unheimlich. -- Diese hohen Herren! -Sie mögen sonst noch so brav sein, in dem einen Punkt denken sie -leichter, als andere Leute! -- An seine Hedwig dachte der Alte, da -wurde ihm heiß in der Brust. Am Ende ist's doch gefehlt, daß sie im -Schlosse wohnt. Sie ist ein heiteres dummes Ding und weiß nichts. Man -muß sie heim zum Vater schicken. -- - -Der Fürst nahm sich jeden Morgen vor, an diesem Tage mit Hedwig ein -entscheidendes Wort zu sprechen. Aber zum Teufel, das war schwerer, -als er es sich gedacht hatte. Auf dem Wege des Scherzes hatte er's -schon versucht, dabei kam er nicht weit, das Mädel wußte sehr klug zu -parieren. Ob sie nicht eine Erzfürstin sein möchte? war eines Tages, -als sie mit dem Wedel die Ahnenbilder abstaubte, seine Frage. - -»Das wär' mir nicht zuwider,« antwortete sie, »da wollt' ich mir -gleich einen schönen Erzfürsten nehmen.« Dabei versetzte sie einem -graubärtigen Ahnen mit dem Wedel eins ins Gesicht. -- Und der hohe Herr -verschob es klüglich, mit ihr zu sprechen. Eines Morgens war sie fort. -Sie hätte heim müssen ins Elternhäuschen, um die Ziegen auf die Weide -zu führen. Die Ziegen! - -Mit finsterer Stirn trat der Fürst in die Werkstatt. Der alte Reimar -war just daran, das Himmelbett zu streichen. - -»Wieder braun und wieder braun!« rief der Fürst. »Muß denn alles dunkel -sein? Das Bett will ich blau haben, himmelblau. Warum fragt Ihr mich -nicht, wie ich's haben will, wenn Euch der gute Geschmack fehlt? Oder -traut Ihr dem meinen nicht? Mißtrauen! Ich glaube fast, man mißtraut -mir. Das möchte ich erst sehen, nach wessen Willen es zu gehen hat in -meinem Hause, in meinem Staate!« - -Verblüfft schaute der Zimmermann drein, dann antwortete er: »Nach dem -meinen nicht. Ich hab's auch nur aus Gefälligkeit getan.« Legte den -Pinsel weg und packte sein Werkzeug zusammen. -- An der einen Seite ist -das Himmelbett braun gestrichen, an der anderen Seite lacht uns noch -heute das nackte Holz an, erzählend vom beleidigten Handwerksmann, der -dem Fürsten plötzlich die Arbeit aufgesagt hat. Und da soll noch einer -behaupten, dieses Schreckenburg wäre kein moderner Staat! - -Dem Erzfürsten tat es heimlich weh, den Meister beleidigt zu haben, -aber er holte ihn nicht zurück. Ein Fürstenwort ist nicht von heut' -auf morgen. Doch ging er von dieser Zeit an häufiger auf die Jagd. Er -ging über die Felder des Landmannes und schoß Haselhühner, er ging -an den Fluß und fischte Forellen, er ging auf den Almweiden hin, wo -die Rinderhirten und Ziegenhirtinnen sind, und schoß nichts. Da war -es einmal am Wasser, daß der Fischerjunge Winard, der ihm die Lagel -nachtrug, seine Schafpelzmütze abzog, die der Bursche auch im Sommer -trug und jetzt zwischen den Händen knüllte, und daß er gar untertänig -zum Fürsten die Worte sprach: »Gnädigster Herr! Ich bitt' schön, ich -hätt' halt schon lang ein Anliegen!« - -»Was ist's, mein Sohn, was fehlt dir?« munterte ihn der Fürst -freundlich auf. Er war ja selber kein Freund von Förmlichkeiten, und -es war wahrlich nicht das erste Mal, daß er seinen Untertanen, wie er -sie immer noch zu nennen pflegte, unter Gottes freiem Himmel Audienz -erteilte. - -»Getrau' mir's halt frei nicht zu sagen. Es ist was recht Wichtiges -...« So stotterte der Bursche. - -»Du weißt, was in meiner Macht steht ...« - -»In -- des gnädigen Herrn Macht tät's wohl stehen.« - -Jetzt blickte ihn der Fürst prüfend an. Er kannte den hübschen und -klugen Jungen schon seit länger. Manchmal auch war er ihm schon zu keck -gewesen. »Ist dir etwa deine Stelle nicht mehr gut genug? Ist dir der -Sold zu gering?« - -Der Bursche wurde tiefrot im Gesicht und murmelte kaum verständlich: -»So bin ich nicht, daß ich Geldes wegen meinen Herrn auf der freien -Weide anginge ...« - -»Dann ist's ...« der Herr griff ihm ans Kinn und hob ihm das Haupt: -»Schaue mich an, Knabe! Ist's die Liebe?« - -Neigte der Junge heftig den Kopf: Ja, das wär's, die Liebe. - -»Und dein Schatz will dich nicht? Ja, siehst du, das geht manchem so.« - -»Wollen tät' sie mich sonst schon,« gestand der Bursche, »aber 's hat -ihr wer was in den Kopf gesetzt. Sie kunnt eine bessere Partie machen, -sagt sie.« - -»Ich will dir etwas sagen, Junge. Den Nebenbuhler mußt du ausstechen.« - -Halb abgewendet antwortete der Bursche: »Er ist halt viel stärker als -ich. Zwar das nicht, stärker nicht -- aber angesehener.« - -»Wohl ein Bauer?« - -»Das nicht.« - -»Gar ein Bürger?« - -»Wohl ein wenig mehr.« - -»Was tausend! Ein Gutsbesitzer?« - -»Und noch etwas dazu, gnädigster Herr.« - -»Zum Rätselraten sind wir beide nicht beisammen, mein Junge!« sagte der -Fürst etwas ernster. - -»Ich glaub's auch gar nicht,« sprach der Bursche dreister. »Es geht nur -so ein Gerede. Und die Leut' sind ganz wild darüber. Sie sagen, dafür -tät' ein braves Bauernmadel zu gut sein. Aber die Weibsbilder setzen -sich's gleich in den Kopf und glauben die größte Dummheit. -- Der -gnädigste Herr wollt' sie haben, sagen sie ...« - -Das war jetzt für den Erzfürsten keine Kleinigkeit. In solcher Lage war -er nie gewesen und von seinen Berufsgenossen auch kaum jemals einer. -Darauf ist keine Hofetikette eingerichtet. In zorniger Erregung wählte -er den kürzesten Weg und sprach sehr langsam und nachdrücklich: »Was -sagst du? Diese Dreistigkeit geht doch über alle Begriffe! Ich rate dir -...!« Mit dem Finger wies er in die Ferne. - -Jetzt ereignete es sich aber, daß der Bursche kerzengerade vor ihm -stehen blieb, daß er mit den blonden Wimpern zuckte und trutzig das -Wort sagte: »So ist es doch wahr ...« - -Der Fürst ging mit raschen Schritten dahin, der Bursche eilte ihm nach, -glühend und bebend vor Aufregung rief er gellend: »Nachher setzt's -was, gnädiger Herr! Die Hedwig laß ich nimmer, und wenn's meinen Kopf -kostet.« - -Der Herr wandte sich noch einmal um und schaute sich das im -Liebeswahnsinn brennende Menschenkind an. - -»Wer mir das Mädel untreu macht,« rief der Bursch, die Fäuste ballte -er, »da setzt's was! Ich bin auch nicht allein. Ich hab' Kameraden!« - -Warf die Fischlagel zu Boden und sprang durch das Strauchwerk davon. - --- Erzfürst Othmar! Klang das nicht wie eine Kriegserklärung? - -Noch an demselben Tage, als die unerhörte Drohung gefallen war unten -am Wasser, beschied der Fürst den Forst-, Jagd- und Fischermeister -Jonathan zu sich und sprach mit diesem seinem Agrikulturminister -längere Zeit. Er befragte ihn über die allgemeine Aufführung des -Fischerjungen Winard. - -»Keine Klage,« antwortete der Forstmeister. »Soweit brav, aber ein -Hitzkopf. Vor etlichen Wochen drei Tage lang im Kotter gebrummt. -Raufhändel, Liebesgeschichten.« - -»Man nehme ihn zu den Soldaten.« - -»Schwerer Ersatz, gnädiger Herr!« - -»Man nehme ihn zu den Soldaten!« sagte der Fürst. - -Als der Forstmeister es dem Fischerjungen hinterbringen wollte, daß er -durch allerhöchste Gnade in die Armee aufgenommen werde, war der Winard -nicht mehr da. Die Vermutung lag nahe, daß er ins Ausland geflohen sei, -denn er hatte ein Handbündel mitgenommen. - -Wenige Tage nachher brachte die Post dem Fürsten ein kunstvoll und doch -unbehilflich gefaltetes Brieflein. Das war vom Fischerjungen, dem das -Schreiben nicht arg vonstatten ging. Der ließ sich vernehmen wörtlich -wie folgt: - - »Eier gnaden, gnädigster First und durchlauchdicker - Herr! - - Mus woll tausendmal um verzeihin biten wegen letztmal aber i - kan nit anderst und vonwegen dem Mädel kunt i schlecht wern. - Ich bit Ihnen, se kriegn bessere, lassens mir de, i bit Ihna - kniefellig, sunst weis nit, was gschicht. Da thät ma wull all - zamhalden, wann unsri Madln, die Bauern Madeln nit mehr sicher - gangeten. Schreims mir nur bar zeillen das i mich verlassen - kann und mich wieder aufzeign kann und wil mein Dienst fleißi - verichten. Gnedigster Herr unterdeniger Diner - - Winard Oberlimer.« - -Der Winard Oberlimer wartete nun auf das Antwortschreiben des Fürsten. -Er wußte wohl, daß hohe Herren sich nicht so leicht herbeilassen, mit -Arbeitsleuten Briefe zu wechseln, aber in einem so wichtigen Falle, -dachte er, würde der gnädige Herr doch eine Ausnahme machen. Er wartete -Tage und Tage, er konnte nicht mehr essen, nicht mehr schlafen. Wo -er wartete, das wissen wir nicht, denn er hatte vergessen, in dem -Briefe seinen Aufenthaltsort anzugeben. Auch der seidenhaarigen Hedwig -hatte er geschrieben und ihr Vorwürfe gemacht darüber, weil sie, -»die spottschlechte Person, sein glihend Hertz um eitel guld und ehr -verkaufft« hätte. Die Hedwig wußte sein Versteck und antwortete ihm das -Folgende: - - »Mein Lebtag wär's mir nit eingefallen, das von wegen dem - Fürsten, wie du meinst. Wenn ich dich auch einmal mit ihm - gereizt hab. Aber dein Schimpf- und Spottbrief auf mich zeigt - nit von deiner grossen Lieb und jetzt thu ichs. Nit wegen eitel - Guld und Ehr, wie du schreibst, sondern weil mir ein guter - freundlicher Mensch lieber ist, wie ein Zornnickel. Deine Wäsch - hab ich dir aufs letztemal gewaschen und geflickt und kannst - sie abholen lassen. Mit Achtung - - Hedwig Sommerauer.« - -Nun war Feuer auf dem Dache. Beim Straßenwirt an der Brücke kamen an -Sonntagen die Burschen des Tales gern zusammen. Jetzt war der Winard -unter ihnen und warb Streiter. Um das Gerücht wußte jeder schon, so -brauchte er ihnen nur den Brief der Hedwig vorzulesen, als Beweis wie -es stand. - -»Kameraden!« rief er, »verlaßt's mich jetzt nit! Ihr wisset, wie -wir uns gern gehabt haben, dieses Madel und ich. Und jetzt soll sie -verdorben werden? Heiraten! Der Herr so eine von niedrigem Stamm? -Wer's glaubt, ich nit. Und was mir geschieht, kann jedem geschehen. -Einer allein kann nichts machen, der wird eingekottert. Zusammhalten! -Verlaßt's mich nit, Kameraden!« - -Etliche gaben zu bedenken, daß es eine gewagte Sache sei. Andere -überstimmten sie: »Untertanenpflicht und Treu haben wir allzeit -gehalten. Und wenn uns der Fürst Othmar jetzt ruft: In den Krieg für -euer Land, für euern Herrn! so wird nicht einer das Hundsfott sein und -sich drücken. Aber wir leben nicht mehr in der alten Zeit, Gott sei -Dank, wir haben die Freiheit! Wenn's um unsern Schatz geht, da halten -wir zusammen, gegen wen der will! Wir verlassen dich nicht, Winard!« - -Der Nachtwächter im Ofenwinkel war schon lange unruhig gewesen, jetzt -stand er auf, rüttelte am Ofengeländer, daß es klirrte und rief: »In -diesem Tone kann ich nicht weiterreden lassen. Zerstreut euch!« - -Brüllendes Gelächter. Sie zerstreuten sich nicht, sie bestellten -frischen Trunk. Nur einer ging fort, ein einziger, und das war der -Nachtwächter. -- - -Sachte entfalteten sich trübe Aussichten im Staate Schreckenburg. -Die Leute waren ernster, mürrischer. Die Kirchen blieben leerer als -sonst, die Wirtshäuser waren voll. Die Leute sangen nicht mehr ihre -heiteren Lieder, sie steckten die Köpfe zusammen. Der Fürst bot den -Heerbann auf. Nach wenigen Tagen teilte ihm der Kriegsminister, der -in gewöhnlichen Zeitläuften das Grobschmiedgewerbe betrieb, mit -bekümmerter Miene mit, daß im Reiche nicht alles so sei, wie es sein -sollte. - -»Ist dieser Winard Oberlimer eingezogen?« fragte der Fürst. - -»Leider nein, gnädigster Herr. Der hat unten im Straßenwirtshaus -an der Brücke ein förmliches Lager aufgeschlagen. Er hat Genossen. -Sie haben den Verkehr mit den Nachbarsländern abgeschnitten, fangen -die hereingehenden Waren ab, das Korn, den Wein. Unsere Holz- und -Viehausfuhr ist gehemmt. Seit gestern ist auch die Post ausgeblieben.« - -Nun verlor der Fürst die Ruhe. »Sofort die Truppen zusammenziehen und -die Wegelagerer aufheben.« Nach etlichen raschen Schritten über die -Dielen hin riß er den Kopf heftig empor und rief: »Die Rädelsführer -standrechtlich erschießen!« - -»Durchlauchtigster Herr,« sagte der Kriegsminister. »Schon vor drei -Tagen sind die Reichstruppen einberufen worden. Aber -- es kommt -niemand.« - -»Wie?« Der Fürst war starr vor Entsetzen. - -»Das Mannsvolk scheint sich alles beim Straßenwirt versammelt zu haben.« - -»Verschwörung? Revolte?« -- - -Um diese Zeit war es, daß der König eines großen Nachbarreiches von -dem Hochgebirge herabkam. Er war nach einer Reise aus den südlichen -Gegenden heraufgekommen, hatte eine Gemsenjagd gehalten, dann einen -hochgelegenen Luftkurort besucht, um seine dort weilende Schwester, -die Prinzessin Aglaia, abzuholen und nach Hause zu begleiten. Der -König hatte »seinen lieben Vetter«, Othmar III., benachrichtigen -lassen, daß er in zwei Tagen durch Schreckenburg reisen werde. Da -hieß es nun einmal, sich in den Hofstaat werfen! Die Reichstruhe -wurde aufgemacht, und bald stand der Erzfürst da in seiner vollen -angestammten Herrlichkeit. Die taffetnen Strümpfe hatten ein paar -kleine Schabenschäden, hingegen prangten die Silberschnallen der -Bandschuhe in untadelhaftem Glanze. Der seidene Rock hatte die Meinung -grün zu sein, schillerte aber stellenweise mehr ins Gelbliche, als es -bei einem charakterfesten Tuche unbedenklich ist. Die Lendenschärpe, -die breite rotflammende Schleife über der Brust, die funkelnden Sterne -und Kreuze schlichteten alles reichlich. Der goldene Kragen war -allerdings etwas zu wulstig, um dem an Freiheit gewöhnten Herrn die -Kopfbewegung uneingeschränkt zu gestatten. Auf dem stahlblinkenden -Reichshelm prangte der dreiköpfige Adler und legte seine goldenen -Flügel schwer zu beiden Seiten herab über die Ohren. Das Schwert war -für Riesen geschmiedet worden und schleifte einigermaßen widerspenstig -um die Ecke, wenn der Fürst eine Bewegung nach rechts oder links zu -machen hatte. Die Quaste des Griffes baumelte unten bei den Knien -aufsichtslos herum. -- Das Ganze war ziemlich überwältigend. Bettelhaft -vor seinem königlichen Vetter zu stehen, das war des Fürsten Sorge -nicht. Etwas ganz anderes trübte seinen Sinn. Bereits hatte er -seine verfügbaren sechs Getreuen hinabgeschickt zum Straßenwirt mit -dem Befehl, die Brücke freizugeben für allerhöchste Herrschaften, -die an diesem Nachmittage durchreisen würden. Die Antwort, die sie -zurückbrachten, war dem Fürsten nicht vermeldbar. Sie war nicht -hoffähig. Der Herr war außer sich. Das wäre doch eine Blamage, wenn der -Erzfürst Othmar Seine Majestät mit einem Bürgerkriege begrüßen müßte! -Sofort eine zweite Abordnung zum Brückenwirt: Was denn eigentlich der -Herren Begehr sei! -- Die Antwort, das wisse Seine Durchlaucht recht -wohl. -- In Wahrheit war es dem Fürsten nicht ganz klar. Da er wußte, -daß der Fischerjunge Winard dabei eine Rolle spielte, so konnte er -sich's nur halb und halb denken. Es mag ja unsinnig sein, das mit dem -Mädel -- so dachte er sich zu -- es mag ja Dummheit eines besonders -entwickelten Johannestriebs sein, gut, der Mensch bleibt immer ein Tor, -und der Esel hat die Farbe des Alters. Allein sich einen politischen -Zwang antun lassen und am Ende gar um Verzeihung bitten, daß er ein -hübsches Mädel gerne anschaue? So weit wird's wohl noch lange nicht -gekommen sein. Zwar kracht die Welt! Kracht in allen Ecken und Enden! -Es ist das undenkbarste schon geschehen. Nicht jeder, der versammelt -bei den Vätern ist, ging auf gewöhnlichem Wege heim. -- Er besichtigte -seinen Thron, der im Saale stand. Ein schlichter Lehnsessel, mit rotem -Leder ausgepolstert, mit silbernen Nieten verziert. -- Das Holz war -alt, aber kaum ein halbes Dutzend Wurmstichlein, die es aufwies. Die -Ahnen waren darauf gesessen! Und nun sollte etwa so einer, wie der -Fischerjunge? Die seinige auf dem Schoß? Denn für zwei nebeneinander -hat der Sessel, genau besehen, nicht Raum. -- Na, es wird sich ja -noch schlichten lassen. Übermütige Bauernlümmel, nichts anderes. Ein -gewöhnlicher Raufhandel um ein Weibsbild, und die verrückten Burschen -vergessen, mit wem sie's zu tun haben. -- Es wird sich alles ordnen, -bis wir klar sehen. Nur die hohen Herrschaften dürfen nichts erfahren, -denn die Geschichte ist zu dumm! Das beste wird diesmal sein, was auch -sonst sehr oft das beste ist -- aus der Not eine Tugend zu machen. Das -Schloß ist zwar nicht danach angetan, aber Gastfreundschaft ist stets -eine Tugend gewesen. - -Es naheten die königlichen Gäste. Eine Anzahl Staubwedel war tätig -im Fürstenhause einen halben Tag lang. Die Beschließerin warf einen -schwellenden Sack mit Eiderdunen ins noch unfertige Himmelbett. -Etliche Schuljungen, vom Oberlehrer gewissenhaft ausgesucht, wurden -in weiches buntes Pagengewand gesteckt. Bei dieser Auszeichnung kam's -nicht darauf an, welche die bravsten waren, sondern welche schlank -und frisch dastanden. Sechs Mann martialisch mit Helm und Lanzen -bewaffnet, umgaben die Räte des Reiches, und mit solchem Hofstaate zog -der Fürst den Reisenden entgegen. Er selbst ritt auf einem klobigen -Rappen. Oberhalb des Ortes, am Eingange der Bergschlucht, begegneten -sie sich. Zwei einzige Wägen kamen gerollt, im ersten saß der König -und die Prinzessin. Der König sah mit seinem weißen Vollbart und im -grauen Lodengewand aus wie ein Jäger. Die Prinzessin saß ebenso einfach -da; sie hatte weder die Blüte der Jugend an sich, noch den Reif des -Alters, ein Alpenrosenstrauß war ihr einziger Schmuck. Mit ruhiger -Freundlichkeit reichte sie dem vorsichtig vom Rosse gestiegenen Fürsten -die Hand, die er küßte. Das umstehende Volk freute sich des Anblicks -und war stolz auf die ritterliche Erscheinung seines Fürsten, den es -noch nie in diesem unerhörten Glanz gesehen hatte. »Ja, unser gnädiger -Herr!« sagten sie, »da sieht man, wie armselig so ein König dasteht vor -einem Erzfürsten von Schreckenburg! Das ist ein prachtvoller Herr!« -Ein behendiger Alter schlug mit den Armen um sich und flüsterte in die -Leute hinein: »Die unten an der Brücken! Wenn sie ihn jetzt so sehen -könnten! Denen möcht' die Kurasch schon vergehen!« - -Mittlerweile hatte der Fürst die Herrschaften willkommen geheißen und -sie eingeladen auf sein Schloß, zur Rast auf einige Tage. - -»Freund, das geht nicht!« antwortete Seine Majestät. »In zwei Tagen -ist die Eröffnung unseres Reichstages, da müssen wir zu Hause sein.« - -»Dann verhüte der Himmel Achsenbruch, Überschwemmung und -Brückeneinsturz!« sagte der Fürst. - -»Hoffentlich!« lächelte die Prinzessin, »wir haben ja das schönste -Wetter.« - -»Gewiß, Hoheit, gewiß! Sehr schönes Wetter. Es wird auch anhalten. -Und doch ist soeben die Nachricht eingetroffen, daß unten an der -Luserbrücke der Verkehr unterbrochen sei,« sagte der Fürst beklommenen -Atems und setzte gar ritterlich bei: »Ich bin im Augenblicke ja selber -noch nicht genau unterrichtet. Sollte es sich aber bewahrheiten, -dann wäre der einsame Herrscher auf Schreckenburgs Thron dem Zufalle -außerordentlich verpflichtet!« daß er ihm so liebe Gäste in den Schoß -werfe -- konnte dazugedacht werden. - -Der König tat die Bemerkung, daß er schon unterwegs Andeutungen -vernommen hätte, als wäre an der Luserbrücke etwas nicht richtig. So -als ob sich dort allerlei Gesindel zusammenrotte. - -»Arbeiter werden es sein, Majestät, um die Passage freizumachen,« fiel -der Fürst ein. - -»Jedenfalls werden wir des Herrn Vetters liebenswürdige Einladung -annehmen,« entschied die Prinzessin, »denn über eine schadhafte Brücke -fahre ich nicht, niemals!« - -Hierauf lenkten sie rechts ein, der Fürst ritt voraus, die Wägen fuhren -langsam hintendrein und das Gefolge kam zu Fuße nach. -- - -Mittlerweile war ins Kriegslager beim Straßenwirt die richtige -Begeisterung gekommen. Man hatte für den Krieg auch schon einen Namen. -Mädeljäger-Krieg! Ging er doch gegen den Mädeljäger. Und jetzt erst -kamen sie herfür von den Bergen und aus den Gräben, und wie das Feuer -seinen Wind erzeugt, so schafft sich ein Aufstand rasch den nötigen -Schwung. Früher hatte man nie viel davon gehört, und jetzt wußte -jeder zu sagen vom gefährlichen Mädeljäger, von bedrohten Weibern und -eroberten Schönen. Da reckten sich die Speere hoch in die Luft gleich -Schwurfingern, daß die Stunde der Vergeltung gekommen sei! In äußerste -Erregung geriet der Fischer Winard, denn jemand hatte erzählt, daß man -in der Nacht den Zimmermann Reimar mit seiner Enkelin Hedwig begegnet -habe -- in heimlicher Eile durch den Wald, wahrscheinlich gegen das -Schloß hin. Jetzt war's helle, der alte Kuppler führte sie dem Wüstling -zu. Darum also die ganze Tischlerei im Fürstenhause! -- Der Winard -brachte stockend kaum die Worte hervor: »Kameraden! Werden wir halt -heut' bei der Nacht das Schloß stürmen.« - -Jeder Bursch, der ein Liebchen hatte, jeder Ehemann, der ein junges -Weib besaß, fühlte sich eins mit dem Fischerjungen. Es war die große, -gemeinsame Sache. -- - -Mit stillem Wohlgefallen blickte der König zum Fenster des -Fürstenschlosses hinaus, mit lautem Jubel die Prinzessin. War Seine -Majestät gleichwohl schon ein wenig gelangweilt gewesen auf diesem gar -so schlichten, stillen Landsitz, Ihrer Hoheit, seiner Frau Schwester, -gefiel es gar wohl. Das war nicht Palast und nicht Hütte, das war ein -trauliches Haus. Und der Fürst! Er war nicht Knabe und nicht Greis, er -war ein stattlicher Mann von angenehmstem Wesen. Ihre Hoheit war in -einer sehr getragenen Stimmung, es war nicht Lust und es war nicht Weh, -es war so etwas ganz Besonderes. Und als nun zur abendlichen Stunde die -Hunderte von Fackeln heranloderten über die Matten, lärmend, knallend -und jauchzend, da waren die Hoheiten nachgerade sehr gerührt über die -Ovation, die ihnen hier von der schlichten Landbevölkerung gebracht -werde. Der Fürst lud die Gäste zwar ein, rasch in das Hofzimmer zu -kommen, wo das Abendmahl gedeckt sei. Es wäre besser, sich von den -Fenstern zu entfernen, die guten Leute hätten in solchen Dingen -kein Maß und Ziel, sie wären manchmal ein wenig zu unbefangen für -ein Damenohr, er würde dann selber zu ihnen hinausgehen. Kaum er es -gesagt hatte, war draußen ein schmetterndes Krachen, das geschlossene -Einfahrtstor sprang in Trümmer, eingerannt mit einem wuchtigen -Baumstamm. - -»Ein Überfall?« rief der König. - -»Es ist ein Überfall!« sagte der Fürst, »wenn's +mir+ gilt, gut!« Er -eilte zur Tür. Die Prinzessin stürzte ihm nach, fiel ihm in den Arm und -kreischte in höchster Angst: »Othmar! Bleibt! Verlaßt mich nicht!« - -»Ein Weibsbild ist drinnen!« schrie draußen vom Lindenbaum her eine -Stimme. - -»Sie ist drinnen!« erscholl es im Menschenhaufen, der wie Wildwasser in -den Hof flutete. - -»Tun müßt's ihr nichts, ich bitt' euch!« lautete der Befehl des -Fischerjungen. - -»Umbringen niemanden!« schrie es von mehreren Seiten, »lebendiger ist -der Vogel mehr wert als wie toter! Aber in den Käfig mit ihm! Für -Hühnervolk ist ein einköpfiger Geier schon gefährlich, wie erst ein -dreiköpfiger!« - -Das Haustor hielt dem ersten Ansturme stand. Da wurden schon Leitern -herbeigeschleppt, um zu den Fenstern hineinzusteigen. Roter Rauch -wirbelte von den brüllenden Lunten empor an die Wände und übers -Dachwerk. Zwei Männer taten einen großen Sack auseinander, um den -Mädeljäger, wenn sie ihn gefangen hätten, hineinzustecken. Der Winard -hatte aus dem Schuppen einen herrschaftlichen Kobelwagen hervorziehen -lassen. Da hinein, wenn wir sie herunter haben! Mit zwei fürstlichen -Rößlein will er die böse Hedwig in seine Hütte führen. Das Gejohle -rings ums Schloß war so wüste, daß der alte Kammerdiener auf dem -Söller vergeblich rief, wen's denn anginge? Den guten Fürsten oder die -Majestäten, oder ihn selber? Wenn ihn selber, er trage sein altes Haupt -willig herab. - -»Feuer ins Dach!« Dieser Ruf war lauter als das Jammern des Alten. -Etliche Männer hieben mit Äxten den Brunnenständer um und rollten -den Trog über, daß das Wasser, anstatt Feuer zu löschen, auf dem -Sande dahin sickerte. Ein Doppelfenster flog auf, so heftig, daß es -schrillte. Es war oben im Zimmer des Fürsten. Er selbst stand am -Fenster, rot beleuchtet von dem Fackelschein. Er wollte sprechen, das -wurde bemerkt und dumpfer ward der Lärm. Der Fürst bog sich heraus, -er hatte wieder seinen schwarzen Rock an. »Liebe Leute!« rief er. Das -Gewoge wollte sich nicht legen, die Speere schlugen klirrend aneinander. - -»Mein vielgeliebtes Volk!« rief er lauter, da wurde es still. - -Der Fürst begann mit bewegter Stimme zu sprechen: »Ich bin erschüttert -von der Kundgebung, ich bin hocherfreut von dem neuen Beweise euerer -Liebe und Anhänglichkeit, mit der ihr mir ergeben seid. Es ist das -größte Glück eines Fürsten, seine väterliche Huld vom Volke so -gewürdigt zu sehen. Treu' um Treue! Und sinniger hättet ihr diese -großartige Huldigung nicht anbringen können, als heute, an diesem -Abende, an dem ich nebst dem Fürstenglücke auch das menschliche -Herzensglück gefunden habe. Und schöner glaube ich diesen Beweis euerer -Liebe nicht ehren zu können, als wenn ich euch jetzt euere künftige -Herrscherin vorstelle ...« - -»Hört ihr's?« unterbrachen sie ihn. - -Der Fürst wendete sich zur Seite, da stand neben ihm ein Weib. - -»Die Hedwig?« - -»Ist sie's?« - -»Nicht ist sie's. Eine andere, eine Fremde! Seht doch!« - -Der Fürst erhob seine Stimme hoch und rief: »Das ist meine Braut, Ihre -königliche Hoheit, die Prinzessin Aglaia von Bramburg!« -- - -Kein Schuß ist gefallen, kein Tropfen Blut vergossen worden in diesem -Bürgerkriege. Das Volk hatte sich verloren in die Wirtshäuser des -Reiches. Hatten die Leute zuerst gleichwohl nicht gewußt, wie ihnen -geschah, so schlug der finstere Trotz doch bald in helle Fröhlichkeit -um. Sie hatten ja einen so schlauen Herrn und jetzt auch eine so -königliche Herrin, bei der, wenn die Blütezeit auch schon vorüber, doch -noch immer nicht Matthäi am letzten war! Wer soll da nicht als warmer -Patriot eins trinken über den Durst? -- Als der nächste Morgen tagte, -gab es um das Schloß nur zertretenen Rasen mit schwarzen Fackelabfällen -und manchen Balkensplitter. Darüberhin schritt munter das bräutliche -Paar. - -»Das ist schnell gegangen, du mein Herz!« lispelte der Fürst und -legte die zarte Hand der Braut zwischen die seinen. »Gestern um diese -Morgenstunde haben wir einander noch nicht persönlich gekannt -- und -heute --!« - -»O, mein Lieber, ich habe dich immer gekannt!« rief sie hochbeseelt, -»ich habe deiner immer gedacht, mein Herz hat dich immer gesehen, dich, -wie du bist, da ich längst noch nicht wußte, daß es einen Fürsten -Othmar gibt. Ich wäre achtzig Jahre alt geworden, ohne einen anderen -Mann zu sehen als dich. Und du?« - -Da er nicht ganz befriedigende Antwort wußte, so entgegnete er bloß: -»Meine Empfindung läßt sich gar nicht schildern.« -- - -Ungut war es dem Fischerjungen Winard. Daß er seine Hedwig nicht -mit fürstlichen Rössern in sein Haus führen konnte, das wurmte ihn -kläglich. Und doch war er froh, sie im Schlosse nicht gefunden zu -haben. Wo aber war sie denn? Zu Hause bei ihrer Mutter nicht, davon -hatte er sich noch in derselben Nacht überzeugt. Einem Almhirten -begegnete er, der wußte zu sagen, daß er hinten im Hochgebirge dem -krummen Zimmermann mit einem jungen Frauenzimmer begegnet wäre. Gegen -das Welsche hinüber hätten sie die Richtung genommen. -- So sauber! -Jetzt konnte der Fischerjunge auch dem Welschland den Krieg erklären. - -Übrigens kam dieser neue Feldzug dem Burschen nicht ungelegen, daheim -drohte ihm ja ein Hochverratsprozeß und drüben am Waldrande stand -aus alten Zeiten her noch immer so etwas, wie ein aufrecht ragender -Holzblock mit einem Querbalken. Allein mit leeren Taschen reist ein -Schreckenburger nicht ins Ausland. Die halbe Arche Noahs plünderte -er und machte sich damit auf den Weg gen Welschland. Am ersten Abend -sprach er unterwegs in einer Sennhütte zu. Anfangs unterhielt er die -Sennin mit einem behendigen Eichkätzchen, das an der Angelschnur -hängend munter über Winards Achseln und Haupt spazieren sprang und sich -dann wieder neckisch in den Rocksack versteckte. Dieses possierlichen -Anblickes wegen tischte die Sennin eine Schüssel Milch auf. Dann langte -der Bursch aus der Hosentasche ein kleines Schildkrötlein hervor und -ließ es über den Tisch krauchen. Die Sennin war voll Entsetzen über das -Tier, das sein dreieckiges Köpflein immer weiter vorstreckte gegen sie -hin; aber aus Achtung für den jungen Fremdling, der solche Ungeheuer -mit sich führte, buk sie ihm auch noch einen Eierkuchen. Nachdem dieser -mit Wohlbehagen verzehrt worden war, gestand er der Sennin, noch -etwas bei sich zu haben. Er griff in den zweiten Hosensack und zog -ein feines Garnnetz hervor, in dem sich eine graue Schlange ringelte. -»Darf ich sie auslassen?« fragte der Winard, die Sennin kreischte vor -Grausen, da sagte er: »Ach, das Tierlein tut ja nichts, es ist bloß -eine junge Viper.« Die Sennin hatte sich ihr Lebtag mehr mit Kühen und -Schweinen abgegeben, als mit Blindschleichen, und so glaubte sie es ihm -getreulich und brachte dem tapferen Tierbändiger zum Nachtisch noch -Weißbrot und ein Töpflein mit goldigem Honig. Erst am nächsten Morgen -fragte er, ob sie nicht einen alten krummen Mann mit einem jungen Mädel -hätte des Weges gehen sehen. Ja, so ein Paar wäre vor etlichen Tagen -vorbeigezogen gegen das mittägige Land hin. - -Während der Nacht hatte das Eichkätzchen die Schlange totgebissen. -So warf der Bursche auch die Schildkröte ins Heu, und leichten Mutes -zog er weiter gen Welschland. Am zweiten Tage sprach er in einer -Kohlenbrennerhütte zu, fing dort Fische aus dem Bach und ließ sie von -der Köhlerin braten. Dann lud er das schwarzäugige Weib artig zum -Schmause ein. Am nächsten Tage wußte die Köhlerin ihm zu berichten, der -krumme Alte mit dem jungen Mädel sei erst gestern gesehen worden und -sitze unten in der Ölmühle. Die Ölmühle stand am Flüßlein Esonto, und -dort fand er den krummen Alten und das junge Mädel. Nur war es nicht -der Zimmermann Reimar und seine Enkelin Hedwig, sondern ein welscher -Scherenschleifer mit seinem Kinde. - -Der Winard gehörte zu jenen Trotzköpfen, die nie einen ihrer Irrtümer -eingestehen und nie umkehren wollen. Diesmal aber war die Überzeugung, -daß er auf dem Irrwege ging, zu schlagend; doch zur Umkehr konnte er -sich noch immer nicht entschließen; er ging eine Weile, das Gesicht -noch gen Welschland wendend, rückwärts wie ein Krebs, bis er über einen -Maulbeerstrunk stolpernd auf den Rücken fiel. Ein paar Tage später war -er doch wieder im Gebirge, und da hörte er plötzlich von einem Hirten -das Wort ausrufen: »Hau, da ist er ja wieder, der Mädeljäger!« - -Der Mädeljäger! War das nicht der Fürst? War nicht der Fürst so genannt -worden? Wahrhaftig -- dachte sich der Bursche -- das stimmt auch bei -mir! Bei mir vielleicht ganz besonders, wie ich ihr nachjage seit einer -Woche! Ihr und so weiter. -- Jetzt fing er sachte an, sich zu schämen. -Wieder den Weg hatte er verloren in der Waldwildnis, mißmutig bei einer -Pechbrennerklause kehrte er zu, einen Löffel warmer Suppe erbittend. -In der Klause saß der alte Reimar und zimmerte an einer Wiege. Diese -Wiege, so klein sie war, brachte den Winard schier aus der Fassung. »Wo -ist die Hedwig?« schnob er. - -Der Alte ließ seine Hand mit dem Schnitzger auf dem Knie ruhen und -antwortete: »Winard, das sag' ich dir nicht. Ihr habt gerauft um sie, -so sollt ihr sie keiner kriegen. Ich hab' das Mädel gut versteckt, du -findest es nicht. Der gnädige Herr auch nicht.« - -»Der hat schon eine andere. Der heiratet eine alte Prinzessin. Und ich -muß die Hedwig haben!« - -»+Mußt+ sie haben? Na, dann ist's was anderes. -- Mädel!« rief -er durchs Fenster in den Wald hinaus. Sie war gerade bei den -Pechersleuten unter dem Baume. Blieb aber nicht kleben an dem -Baumstamm, der von Holz war, sprang dem Burschen an den Hals, der von -Fleisch und Blut war. - -Jetzt ist die Geschichte aus. -- Wie? Die Wiege geht euch noch im Kopfe -um? Fürs Pecherpaar hatte er sie gezimmert. -- Aber sollen sie denn -hocken bleiben beim Pecherpaar in der Waldhütte? Am Tage, als Erzfürst -Othmar der Gütige mit seiner geliebten Braut Hochzeit hielt, erging -eine allgemeine Amnestie für politische Verbrecher. Es war nur einer -vorhanden, und so wurde der Fischerjunge Winard jubelnd begrüßt, als er -mit seiner Hedwig zurückkehrte ins heimatliche Fürstentum. - - - - -Lieb' läßt sich nicht lumpen. - - -Auf dem vornehmen Ozeandampfer »Poseidon« befanden sich zwei -Auswanderer, welche die Aufmerksamkeit der übrigen Reisenden erregten. -Eine anmutige, etwa vierunddreißigjährige Frau und ein schöner junger -Mensch. Ein Ehepaar oder Geschwister konnten sie kaum sein, dafür -war das dunkle Auge, mit welchem die Frau manchmal auf ihn blickte, -viel zu unstet, zu gewitterhaft, und dafür war das Wesen des jungen -Mannes manchmal zu befangen, manchmal zu kühn sich gebärdend -- ein -zu seltsames Gemisch von Schüchternheit und Trotz. Als der »Poseidon« -von der deutschen Küste gegen den Westen abgedampft war, hatte die -Frau heftig geweint, hatte der Jüngling seine Hand auf ihre Schulter -gelegt, bis sie plötzlich ihre beiden Arme um seinen Nacken schlang -und ihn küßte. -- Hatten diese beiden freiwillig der Heimat entsagt? -Waren sie aus zwingenden Gründen ausgezogen? Oder hatten sie sich -sonstwie verfahren in der Alten Welt und steuerten nun der Neuen zu, -um in ihr einen frischen Lebenslauf zu versuchen? -- Also fragten die -Mitreisenden sich. Doch das Paar tat nichts, zeigte nichts, was Antwort -geben konnte. - -Eine solche Ausfahrt hatte Frau Johanna von Martenstein wohl kaum -gedacht an jenem Tage, als sie mit zwei Rappen vom Kirchhofe -zurückfuhr -- eine Witwe von einundzwanzig Lenzen. Damals war ihr -sonst lebensfreudiges Herz zugedeckt mit so schwerem Leide, daß ihr -die ganze Welt wie ein Totenhaus erschien, in dessen Gewölbe die Sonne -als trübe Ampel hing. Damals war ihr unmöglich zu denken, daß in ihrer -schmerzerfüllten Brust jemals noch ein irdisches Begehren wach werden -könnte. Von Natur religiösen Gemütes und religiös erzogen, hatte sie -sich damals vorgenommen, den Mitmenschen von nun an lauter Gutes zu -erweisen, zuvörderst Gutes solcher Art, daß es ihnen nicht so sehr für -diese, als vielmehr für jene Welt zunutze kommen konnte. Und sie hatte -sich vorgenommen, ganz nur noch dem Ewigen zu leben, von Stufe zu Stufe -emporzusteigen in jenes Reich, in welchem dem so früh Verlorenen sie -wieder zu begegnen hoffte. - -Denn wie namenlos nichtig ist ein Leben, wo selbst die Glücklichsten -ungeheurem Leide zur Beute werden müssen! War Johanna von Martenstein, -das blendend schöne, heitere Fräulein, auf dem reichen Wohnsitze -ihrer Väter nicht beneidenswert gewesen? War ihre Liebe zu Oswald von -Siegenberg, dem herrlichen Manne, nicht so, daß sie selbst manchmal -schauerte vor der Gewalt dieser Seligkeit? Ein Jahr währte es, ein -ganzes Jahr und drei Tage -- nicht länger. Im fröhlichen Treiben eines -Schützenfestes ward er durch ein zufällig sich entladendes Schießgewehr -getötet. O gleißendes Geschick mit deinem »Zufällig!« Da doch das -darauf Kommende so folgerichtig ist, berechnet auf ein einsames -Menschendasein voll grenzenloser Trauer! - -An jenem Tage, als Frau Johanna vom Kirchhofe heimfuhr gegen ihr -Bergschloß, scheuten im Dorfe vor einem Dörcherkarren die Pferde und -traten eines der halbnackt umherlaufenden Kinder zu Boden. Als das -Gespann wieder stillstand, ließ Frau Johanna das verletzte Knäblein zu -sich in den Wagen heben und bei den Dörcherleuten nachfragen, ob es -ihnen gehöre, und was sie in diesem Falle verlangten an Vergütung. - -Das Haupt der fahrenden Bettlerfamilie, ein von Branntwein riechender -Mann, kroch aus dem Blachenkobel hervor und erklärte rülpsend, an -Vergütung erbäten sie drei Silbergulden oder fünf, oder so viel, als -der gute Wille wäre; den Jungen aber möge die hohe Frau nur behalten, -sie hätten noch genug solchen Gezüchtes. - -Frau von Martenstein sah in dieser Begegnung einen Wink des Himmels, -den Knaben zu sich zu nehmen, ihn aus Liebe zu ihrem Gatten zu pflegen, -gottselig zu erziehen, ihn gleichsam als Seelenopfer zu bestimmen für -den Frieden des so plötzlich Verblichenen. Sie zahlte also an die -Dörcherfamilie der Silbergulden zehnmal fünf, mit der Bedingung aber, -daß dieselbe an den Knaben keinerlei Ansprüche mehr mache, ganz als -wäre er gestorben und begraben. Bei solchem Handel hatten beide Teile -gewonnen. Die Bettlerleute waren ein lästiges Kind los, und wer einen -Blick in das Nest unter der Karrenblache getan hätte, der würde gesehen -haben, daß vielfacher Ersatz vorhanden war. Das Lebendigbegrabenwerden -eines solchen Würmleins im vornehmen Herrschaftswagen konnte der -sonnengebräunten Mutter also nicht viele Tränen entlocken. Frau Johanna -vergaß ob des hübschen Knaben, der nach Stillung des Blutes und nach -einigem Wimmern neben ihr auf blauem Samtkissen schlummerte, ein wenig -ihres Geschickes, und sie nahm sich zu solcher Stunde heilig vor, aus -diesem armen Kinde eine Ehre Gottes zu machen. - -Am allermeisten gewann bei dem Geschäfte der kleine Konrad selbst, -der das fahrende Dörcherdach vertauschte um eine feste Ritterburg, -deren Ahnenreihe sich sachte ausgemündet hatte in das rote Meer des -bürgerlichen Geblütes, also daß der Stromerknabe kein allzu fremder -Eindringling war auf dem vieltürmigen Schlosse. Der herbeigerufene -Arzt hatte die Verletzung am Arme als eine unbedeutende bezeichnet, -und so geschah es, daß der Knabe Konrad unter gutem Zeichen einzog -durch das hohe Tor, aus welchem sie drei Stunden früher den toten Herrn -davongetragen hatten. - -Frau Johanna von Martenstein legte ihr Trauergewand nicht mehr ab. Wie -es unter diesem schwarzen Winter dem jungen Herzen gehen wird, das muß -die Folge zeigen. - -Der Knabe hatte in einem rückseitigen Teile des Schlosses sein Stübchen -und seine Wärterin bekommen, und wurde vorbereitet für die Schule, zu -der er denn auch bald hinabtrippelte in das Dorf. Täglich ein paarmal -sah ihn die Frau, sie gewöhnte sich an den aufgeweckten Burschen, er -speiste mit ihr an demselben Tische, und damit sie ihn persönlich -überwachen konnte, ließ sie ihm in ihrer Nachbarschaft ein Zimmerchen -herrichten, in dem er spielen und lernen konnte. Die Schule war mit -ihm zufrieden, und als sie im Dorfe nach vier Jahren zurückgelegt -war, sprach Frau von Martenstein eines Tages bei dem alten Pfarrer -des Sprengels vor, teilte ihm ihre Absicht mit, den Jungen in das -lateinische Studium einführen und zum Priester ausbilden zu lassen. Der -Pfarrer lobte diese Absicht, bestärkte sie in derselben und versprach, -die nötigen Schritte einleiten zu wollen. Also geschah es, daß Konrad -nach fünfjähriger Schloßherrlichkeit in ein bischöfliches Seminar kam -und dort anfing, alle Wissenschaften zu betreiben, allen Betrachtungen -zu obliegen, die den menschlichen Geist allmählich in Gegensatz bringen -zu den irdischen Sinnen, die ihn entweder sachte und ruhig, oder unter -Krämpfen ablösen von dem Weltlichen und ihn ganz in den Bereich des -Gedanklichen und Übersinnlichen hinüberspielen. Daß heranwachsende -Knaben während und trotz solcher Studien naturgemäß so recht in das -blühende, gährende Leben hineinranken, wird nicht beachtet. - -Wenn Konrad zu den Vakanzen heimkam, ward es allemal lebendiger und -frischer auf Martenstein, und die junge Frau im schwarzen Gewand hatte -manche Freude. Sie nahm sich stets vor, strenge zu sein gegen den -munteren Knaben. Aber wenn Konrad in dem großen verwilderten Baumgarten -auf die lustigste Weise umherregierte, die Wildtauben jagte, aus dem -Bache Forellen fing, auf den Bäumen mit Eichhörnchen um die Wette -kletterte und anstatt eines vollbrachten Lateinpensums lebendige -Vögel, die er selbst gefangen, herbei brachte, da beobachtete sie ihn -oft heimlich mit Vergnügen und vergaß der Strenge. Und wenn er im -großen Teiche schwamm und oft minutenlang unter den Wellen blieb, da -bangte ihr um ihn, bis sein Haupt wieder frank und frei aus dem Wasser -hervorstand. Sie faltete die Hände über ihrem Schoß und dachte: Es wird -ein schöner Bräutigam der heiligen Kirche! - -Wenn er endlich wieder fortgezogen war in die ferne Stadt, da empfand -Frau Johanna ihre Einsamkeit doppelt, und sie zählte die Monate, die -Wochen, die Tage, die Stunden endlich, bis er wiederkehrte. Aber ganz -so, wie er fortgezogen, kam Konrad nie zurück; war es, daß er schlanker -geworden, war es, daß seine Knabenstimme einen tieferen Ton angenommen, -war es, daß an der Oberlippe und unter den Ohrläppchen junger -Bartanflug schattete, war es, daß sein Wesen ebenmäßiger, ernster -erschien -- mit jedem Jahre kam er anders heim, als er fortgezogen. - -Und eines Morgens, als Konrad in die Laube trat, wo sie zu frühstücken -pflegten, und ihr den Morgenkuß darbrachte, zuerst auf die Hand und -dann auf den Mund, fiel dieser Kuß so aus, daß Frau Johanna zuerst -betroffen zu ihm aufblickte und dann mit kühlen Worten befahl: diese -Formalitäten hätten von nun an aufzuhören, er möge seiner Ehrerbietung -für sie stets nur in strenger Pflichterfüllung Ausdruck verleihen. - -Konrad errötete, dann setzte er sich ihr gegenüber und nahm schweigend -sein Morgenbrot ein. Er konnte freilich nichts dafür, daß aus dem -Knaben ein Jüngling geworden war, und daß die Dankbarkeit, die er -für seine Gönnerin empfand, in Zuneigung sich verwandelt hatte. Der -Schloßfrau war nicht wohl zumute, sie sah plötzlich, daß ein Gefühl, -welches ihr bisher die einzige Labe ihres freudlosen Lebens gewesen, -zur Gefahr sich steigerte. Noch an demselben Tage mußte Konrad -übersiedeln in den entlegensten Trakt des Schlosses, wo ihm zwei Zimmer -auf das sorgfältigste eingerichtet wurden. Damit gab Frau Johanna sich -aber nicht zufrieden, denn sie sah, daß er sich beengt und befangen -fühlte. Um den Rest der Vakanzen -- es waren die letzten vor der -Priesterweihe -- dem jungen Manne nicht gar zu verkümmern, unternahm -sie eine Reise nach einem entfernten Wallfahrtsorte, bei deren Rückkehr -sie den Studenten nicht mehr auf dem Schlosse zu treffen hoffte. Aber -was sie hoffte, das fürchtete sie, und was sie fürchtete, traf ein. -Konrad war bereits abgereist in das geistliche Institut und hatte ein -Schreiben zurückgelassen, in dem er dankte für alle Wohltaten, in dem -er versprach, täglich, so lange er lebe, am Altare für sie zu beten, -und in dem er von ihr Abschied nahm. Daß die Zeilen nur geschrieben -worden waren, um alles zu verschweigen, zu verhüllen, was in dem -leidenschaftlichen Herzen des jungen Mannes vorging -- Frau Johanna -müßte kein Frauengemüt gehabt haben, um es nicht ein wenig zu ahnen. - -Das Herz der Schloßfrau Johanna war nun erwacht. Zornig schrieb sie -an den Jüngling, er sei undankbar, daß er solchergestalt fortlaufen -könne. Und in einem fast heftigen Schreiben an das Institut verlangte -sie den Theologen. Er eigne sich nicht zum Priester, er habe aus -eigenem Antriebe diesen Stand nicht gewählt, habe nur aus Pflichtgefühl -die ihm unbesonnen vorgeschlagene Laufbahn betreten, auf der er bald -pflichtvergessen und unglücklich werden müßte. Sie rufe ihn daher -zurück und wolle ihn für einen praktischen Beruf ausbilden lassen. -- -Als die Briefe abgesandt waren, erschrak sie. Was soll das werden? -Wohin soll das führen? fragte sie sich selbst. Gib Gott, was Gottes -ist! -- Das Institut antwortete nicht anders, als daß der Tag bekannt -gegeben ward, an dem Konrad seine erste Messe lesen werde. Frau -Johanna atmete fast auf nach schwülem Drucke. In einem Gebete hatte -sie des Himmels Beistand angerufen gegen die Macht der Versuchung, -und es gelang ihr, ein Bruchstück ihrer Standhaftigkeit wieder -zurückzuerobern. -- Es ist vorbei, also beredete sie sich selbst, die -Zeit meiner Liebe liegt weit hinter mir. Ich habe nur noch einen Weg: -dem Himmel zu. - -Die erste Messe sollte Konrad in der Dorfkirche lesen, zu der -Martenstein eingepfarrt war. Zu diesem Festtage rüstete sich die ganze -Gegend, das Dorf und auch das Schloß. Doch hatte Frau Johanna den -alten Dorfpfarrer ersucht, daß Konrad während seiner Anwesenheit im -Pfarrhofe wohnen dürfe. Diesen Wunsch hörte der alte Herr mit einigem -Befremden, sagte ihn aber gerne zu. Am Vorabende des Festes erschien -Konrad. Er war im Gewande des Priesters, allein in dem schwarzen Talare -war sein schönes Angesicht noch blasser, sein Auge noch tauiger, neben -der Tonsur kräuselte sein braunes Haar noch reicher und lockender. -Als er hörte, daß seine Wohnung im Pfarrhofe war, stutzte er. Noch am -dunkelnden Abende ging er zum Schlosse hinauf und fand Frau Johanna im -Baumgarten einsam an einem Tische sitzend, in ihrer Hand einen frisch -geflochtenen Kranz aus weißen Rosen. - -»Mutter,« sagte er, ohne anders zu grüßen, »ich muß dich schwer -beleidigt haben, daß du mich verstoßen hast!« Er ließ sich vor ihr auf -die Knie, und sein Körper bebte. - -»Konrad!« rief sie, der Schrei war gellend, sie beugte sich, suchte -ihn aufzurichten. Er haschte nach ihrer Hand und drückte die heftig an -seinen Mund. - -»Kind!« sagte sie und entzog ihm die Hand rasch, fast zornig. »Du -bist ja mein Kind!« hauchte sie, riß ihn mit beiden Armen an sich, -bedeckte seine Stirn, seine Augen, seinen Mund mit Küssen. -- Frau von -Martenstein! -- Frau Johanna von Martenstein! Küßt so eine Mutter? -Jawohl, er war festgeschmiegt an das schöne Weib, wie der Säugling -sich festschmiegt an die Mutterbrust ... Aus dem Tale klangen die -Kirchenglocken, da tauchte Frau Johanna ihn mit beiden Armen von sich, -und ehrfurchtgebietend wie eine Siegerin schritt sie dahin unter den -Bäumen. In der darauffolgenden Nacht schloß sie kein Auge. Sie wimmerte -unter der Last des einsamen, freudlosen Lebens, sie wollte beten um -Kraft, um Entsagung, aber ihr Gebet rief: Lieben oder sterben! - -Am nächsten Tage, als Konrad, angetan mit prunkendem Ornat, am -reichgeschmückten Altare stand, auf dem Haupte eine Krone aus Rosen, -umgeben, bedient von einer Priesterschaar, umklungen, umjubelt von -Musik, wie ein Heiliger verehrt von der versammelten Menschenmenge, da -saß Frau Johanna in ihrem Kirchenstuhl, und geruhigt dankte sie Gott, -daß +rein+ das Opfer am Altare stand. Konrad war anzusehen wie eine -aufrechtstehende Leiche, so fahl war sein Angesicht, so seelenlos seine -Bewegung, so erloschen sein Auge. - -Bei der Abreise Konrad's war Frau von Martenstein gefaßt, beinahe -heiter. Seine Züge blieben blaß und kalt, als wären sie zu Marmor -geworden seit zwei Tagen. Kein heller Blick, kein warmes Wort mehr, -ernst und still fuhr er davon und der Stadt zu, in der das Priesterhaus -stand. - -Frau Johanna hatte sich sehr getäuscht mit ihrer Siegesfreudigkeit. Als -alles vorüber war, und wieder der Alltag herrschte auf Martenstein, -als sie sich vorstellte, daß das nun in unabsehbaren Zeiten so bleiben -müsse, daß nie mehr ein lieber Mensch das Schloß, den Baumgarten -beleben würde, da krampfte es in ihrem Herzen wie höllische Pein. -Und in den Nächten kam es über sie wie Anklage, wie Vorwurf -- -Gewissensqual. Mit welchem Rechte hatte sie den Knaben aus der Armut -gerissen, um ihn ins Elend eines Standes zu verbannen, zu dem er nicht -geboren ist, wo er kein Glück finden kann? Das fahrende Leben von -handwerkenden, bettelnden Dörchersleuten, ist es nicht besser als ein -Lebendigbegrabensein in der Soutane? Wie liebesdurstig er ist! Etwas, -das nicht ihr Eigentum war, hat sie sich angeeignet, um es dem Vorteil -ihres Seelenfriedens zu opfern. Und nun muß sie etwas, das ihr Eigentum -ist, hingeben und hinwelken sehen. Ihren Bräutigam hat sie der Kirche -überantwortet, einer Braut, die den Gespons zur himmlichen Seligkeit -erhebt oder schon auf Erden verdammt macht. -- So deutlich hatte Frau -Johanna noch nie gesehen, als jetzt, da es zu spät war. - -Zu spät? Wann ist's zu spät? Er lebt noch, sie kann ihren Irrtum noch -gutmachen, ihm noch Genugtuung geben ... Das wäre die Stimme des -Gewissens, meinte sie; es war aber die Stimme der Leidenschaft. Wie man -auch tüfteln und deuteln mag, das Herz will seine Rechte, und Lieb' -läßt sich nicht lumpen. - -Und eines Tages besuchte Frau von Martenstein wieder einmal den alten -Pfarrer ihres Ortes, um ihn zu fragen, ob das landwirtschaftliche -Erträgnis des Jahres auf seinen Feldern wohl für die Bedürfnisse -reiche, oder ob sie ihm mit etwas beispringen dürfe. Der Greis dankte, -was er habe, das genüge reichlich für seinen Bedarf. Hierauf brachte -die Schloßfrau folgendes vor: Sie werde von Tag zu Tag älter, es falle -ihr manchmal beschwerlich, zur Pfarrkirche herabzusteigen, besonders -zur Winterszeit. Also beabsichtige sie, die alte Schloßkapelle wieder -instand setzen zu lassen; der Altarstein besitze urkundlich ohnehin die -vorgeschriebenen Weihen, und so wolle sie täglich die heilige Messe im -Schlosse lesen lassen. - -»Wie alt seid Ihr denn?« fragte hierauf der Pfarrer. - -»Wohl schon ziemlich in den Dreißigern,« antwortete Frau Johanna. - -»Und weil Ihr, die ziemlich in den Dreißigern stehende Frau, nicht -herabgehen könnet zur Pfarrkirche, soll ich, der ziemlich in den -Achtzigern stehende Mann, täglich zu Euch hinaufsteigen, um die Messe -zu lesen?« fragte der Greis. - -»Das könnte kein Christenmensch begehren,« antwortete die Frau -von Martenstein, »natürlich muß ich mir selbst einen Schloßkaplan -halten. Und in dieser Angelegenheit wollte ich um Eurer Hochwürden -Vermittelung gebeten haben. Ich dachte nämlich an Konrad, der, soviel -ich weiß, noch keinen Seelsorgerposten hat, und der mit mir ohnehin in -verwandtschaftlichem Verhältnisse steht.« - -Auf solche Eröffnung versetzte der Pfarrer: »Frau, warum habt Ihr es -nicht früher gesagt, daß Ihr mit dem jungen Manne zusammenleben wollet? -Jetzt ist es zu spät, er hat die Weihen des katholischen Priesters, und -Ihr wisset, was das heißt.« - -Frau Johanna stutzte, als sie ihre Gedanken so derb erraten sah; -zwar stellte sie sich anfangs höchst überrascht wegen solcher »die -gute Absicht gröblich mißkennender Deutung«, machte eine schlaue -Schwenkung und sagte, es müsse ja nicht gerade Konrad sein, er sei ihr -nur eingefallen, sie wolle sich für einen älteren Herrn entscheiden, -damit böse Zungen kein Ärgernis fänden. Allein den alten Herzenskenner -täuschte sie nicht. Es war ihm ja schon früher die Neigung nicht ganz -verborgen geblieben, die in dem jungen Priester für seine Gönnerin -keimte; und gerade seine plötzliche Kälte und Versunkenheit machte -ihn nachdenklich. Der alte Pfarrer, in der Absicht, Schlimmes zu -verhüten, schrieb an das Konsistorium und sprach diesem die Meinung -aus, daß es bei dem schwärmerischen Temperamente Konrad's, bei seiner -weltmännischen Befähigung und der unternehmenden Tätigkeit desselben -geraten sein dürfte, den jungen Priester nicht in eine ruhige Seelsorge -seiner Heimatsgegend zu setzen, sondern diese schätzbaren Eigenschaften -vielmehr auszunützen etwa für Bekehrungsmissionen in anderen Ländern. -Mehr sagte der Alte nicht, das Konsistorium verstand ihn vollkommen. - -Mittlerweile hatte Frau Johanna auf Mittel und Wege gesonnen, Konrad -wenigstens als Leutepriester auf eine der Pfarreien zu bekommen, über -welche sie vermöge alter Schloßrechte das Patronat innehatte. Es war -ihr unmöglich zu denken, daß sie fürder diesem Menschen fern sein -sollte. In einer Nacht träumte ihr, daß eine Stimme rief: Johanna, wozu -verlangst du dir den jungen Priester? Zum Beichten oder zum Sündigen? --- Noch im Halbschlaf rief sie laut: Er ist mein Herzensfreund! - -Also waren seit dem Fest der ersten Messe an sechs Monate verflossen, -da erhielt Frau Johanna ein Schreiben folgenden Inhaltes: - - »Teure Mutter! - - Im Rate der göttlichen Vorsehung ist es bestimmt, daß Menschen, - die sich allzulieb haben, weit auseinander müssen. Du kannst - Dich verstellen, wie Du willst, ich weiß, daß Du mich liebst. - Aber wir sehen uns nicht mehr auf dieser Welt. Über mich ist - beschlossen worden, daß ich nach Ostindien reisen muß als - Missionär. Heiden bekehren, ohne selbst bekehrt zu sein. Ich - bin kein Mensch mehr, sondern ein willenloses Werkzeug, es ist - alles aus, in zwei Tagen reisen wir, unser sieben, mit dem - Orientzuge ab. Anders hätte es kommen können. Wie gut Du es - mit mir gemeint hast! Habe Dank, Du in Ewigkeit meine Lieb' - und Pein. Gedenke, dieses Leben ist bald vorbei. Vielleicht in - jenem. - - Konrad.« - -Als Frau Johanna den Brief gelesen hatte, war ihr gar nicht so zumute, -als müsse sie verzweifeln oder verzichten. Im Gegenteil, sie fühlte -plötzlich eine bisher ungekannte Kraft und Kampflust in sich. Der -Brief war voll blutigen Schmerzes und voll herber Vorwürfe. »Ich bin -kein Mensch mehr!« Wer hat sein Menschentum ihm genommen, wer muß es -ihm wieder geben? -- Durch des Weibes Gehirn wogten frische Pläne. -- -Abreise in zwei Tagen mit dem Orientzuge! Alle Dazwischenkunft in der -Stadt ist zu spät. Doch zieht die Eisenbahn nicht über die Heiden? -nicht durch die Dohlenschluchten, welche nur wenige Meilen von -Martenstein entfernt sind? Die Station Dohlau liegt in wüster, einsamer -Gegend, muß dort nicht jeder Zug stehenbleiben, um Wasser zu schöpfen? --- Die Frau war entschlossen. - -Konrad's Gemüt glich am Tage der Abreise einem ausgebrannten Vulkan. O, -wie hatte es getobt, geloht! -- jetzt war es still. Man sagte ihm, er -gehe in einen fremden Weltteil, und willenlos gab er sich drein. Von -seinen Genossen waren mehrere voll heller Verzückung, sprachen von den -Flammenzungen des göttlichen Geistes, mit denen sie die Ungläubigen -bekehren würden. Fast frevelhaft hochgemut verließen sie die Heimat. -Konrad saß einsam an einem Fenster des bereits hinrollenden Zuges und -war vertieft in sein Brevier. Aber an das Gebet dachte er nicht, an -nichts dachte er, der Stumpfsinn des Wehrlosen war über ihn gekommen, -der Stumpfsinn des Gefesselten. Manchmal blickte er müde hinaus auf die -Landschaft, und wie Wälder und Wiesen, Berge und Täler versanken von -diesem schönen Lande. Es dämmerte der Abend; wenn neuer Tag erwacht, -wird Fremde um ihn sein. Ihm gleichgültig, sein Herz ist ohnmächtig -geworden. -- Der Zug rollte über Heiden, rollte in einer Felswildnis, -durch eine Waldschlucht. Nun stand er still. Auf dem Bahnhof brannten -zuckend ein paar Laternen, gepeitscht vom Sturmwind. Niemand stieg aus, -niemand ein, an der Maschine rauschte das Wasser. Plötzlich schreckte -Konrad auf, er hatte draußen seinen Namen rufen gehört. Dort an der -Wand stand eine schwarze Gestalt, die rief laut, wenn in dem Zuge ein -hochwürdiger Herr namens Konrad sei, so möge er auf einen Augenblick -ins Freie kommen. - -Fast unwillkürlich erhob sich der Genannte und stieg aus. Die schwarze -Gestalt faßte ihn an der Hand, zerrte ihn heftig in den Hintergrund -durch das Tor, stieß ihn in einen bereitstehenden Wagen, die Tür schlug -zu, und die Rosse trabten dahin durch Nacht und Wind. - -Als Konrad zu sich kam, merkte er wohl, daß er an Seite der Frau -Johanna von Martenstein saß. - -»Schon das zweitemal,« sagte diese, »führe ich dich so im Wagen heim.« - -»Ich bin verloren,« hauchte Konrad. - -Von den Füßen der Pferde sprühten Funken, aus den Nüstern der Pferde -stoben Flammen, fast so war es bei den grelleuchtenden Blitzen zu sehen. - -»Wir fahren in die Hölle!« stöhnte Konrad. - -»Drein gesaust, Kutscher!« rief Frau Johanna, ihre Arme ungeduldig in -die Luft hinausstoßend: da flogen die Felsen, die Bäume, die fahlen -Strünke vorüber wie Nebelgebilde im Sturm. Aufrecht stand der Kutscher -und stach mit den Augen auf den wilden Pfad hin. Ein blendender Blitz, -ein Knall, daß die Grundfesten bebten, da sprang von einem Steine -geschnellt der Wagen empor, der Kutscher war hingeschleudert, und die -Pferde rasten entfesselt dahin. - -»Sterben!« sagte Konrad. - -»Leben!« rief Frau Johanna, aber das wüste Gefährte toste leitlos, -weglos hin und einem Abgrunde zu, in dessen Tiefe gelbe Nebel wallten. -Bei dem roten Scheine einer in den Himmel emporwabernden Fichte sahen -sie das Verderben, dem sie nahten. - -»Sterben!« wimmerte jetzt Frau Johanna. - -»Leben!« schrie der Jüngling, sprang jäh auf den Bock, erfaßte den -Leitriemen und riß mit übermenschlicher Kraft die Rosse zurück. Diese -standen. - -Mit einem Tone, in welchem Entzücken und Ehrfurcht lag, sagte Frau -Johanna zu Konrad: »Mich gereut es nicht, daß ich dich hole, du bist -ein Mann.« - -Endlich kam der Kutscher nachgehinkt, um seinen Platz wieder zu -besteigen. Vom Himmel goß unendlicher Regen. - -Zur Stunde des Morgengrauens, als der Wagen in den Burghof von -Martenstein gerollt war, als Konrad in seinem wohlbekannten, trauten -Zimmer saß, belehrte ihn die glutvolle Umarmung der Schloßfrau, welch -eine Wendung sein Leben genommen hatte. Und nun zeigte es sich auch, -daß dieser junge Mensch nichts weniger war als ein ausgebrannter Vulkan. - -Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Frau Johanna von Martenstein -in ihre Gemächer wankte, dort in die Kissen sank und weinte. -- Also -mußte es geschehen! Seit Jahren hatte es in ihr gerufen: Laß ihn nicht -von dir! Und seit Jahren hatte sie die Frömmigkeit gemahnt: Weihe ihn -dem Herrn! Sie hatte sich beherrscht, hatte ihn hingegeben. Und nun, -als er dem Herrn geweiht war, raubte sie ihn aus seinem Tempel. Was -einst ein Vergehen gewesen wäre, das hatte sie reifen lassen zur Sünde. --- Was soll jetzt werden? Wird dieser Frevel Gottes Gnade finden? -Vielleicht. Nie aber die der Kirche, nie die der Gesellschaft. - -Zur späten Stunde desselben Tages trat Frau Johanna von Martenstein -vor den jungen Mann und sagte: »Konrad, wir haben unser Geschick -beschlossen und den Schlüssel ins Meer geworfen. -- Vor einiger Zeit -hat jemand angefragt, ob Martenstein verkäuflich sei. Wohl, ich -verkaufe alles, hier ist nicht mehr unseres Bleibens. Du solltest nach -dem Osten, nun gehe mit mir nach dem Westen. In einer vorurteilsloseren -Welt wollen wir unser Haus gründen. Ist es dir also recht?« - -»Wie kannst du fragen?« versetzte Konrad. - -»Weil du nun der Herr bist,« antwortete sie. - -Er sagte nichts mehr, um so mehr sprach sein erwachter Blick. Ein -ernster Stolz, eine frisch auflodernde Daseinslust war in dem Wesen -des jungen Mannes, dem die Frau in der Vollreife des Lebens sich gern -unterwarf für alle ihre Zukunft. - -Wenige Wochen später befand das Paar sich auf dem großen Ozeandampfer -»Poseidon«. - - - - -Aus dem Tagebuch einer Ehefrau. - - - Graz, am 7. April 18** - -Ich heirate ihn. Meiner Mama zu Trotz heirate ich ihn. Cousin Karl -lacht mich aus und Mama sagt, am Ende nähme mich auch der nicht, ich -bekäme gar keinen. Karl sagt, ich bekäme jeden. Mama ärgert sich, daß -er Professor der Philosophie ist, ja sogar -- wenn er seinen Titel -zeigen wollte, aber er will das nicht -- Ritter von! Das macht alle -ihre Prophezeiungen von meiner Taugenichtsigkeit zuschanden und ich -will in der schönen Villa am Rosenberge die Hausfrau sein. - -Er ist genau zweimal so alt als Karl, ich habe ihn auch zweimal so -lieb. Lieben muß eine brave Frau ihren Mann, das weiß ich schon, und -ich will eine brave Frau werden, gerade der Stiefmutter zu Trotz, weil -sie immer sagt, sie beweine den Mann, der mich nimmt. - -Sie mag's tun und er soll sie belachen, das will ich. - - - 10. April. - -Heute war die Verlobung. Mama hat wirklich dabei geweint, aber vor -Freuden und über mein Glück, wie sie laut sagte. Es ist auch eins. Ich -weiß gar nicht wie mir ist, so als ob ich in den Lüften schwebte, und -alles beweist mir Ehrerbietung, und die ganze Welt, so ist mir, wendet -sich ringsum auf mich her und alle Bäume, alle Sträucher, an denen wir -beim Nachhausegehen vorbeikamen, flüsterten einander zu: Sie ist Braut. - -Ich werde es aber nicht lange sein. Mama behauptet, ich zähle im -Traume schon die Tage, bis ich einen Mann hätte. Mein Onkel sagte mir -scherzend: »Bleibe so lange Braut als möglich, heirate sobald als -möglich. Der Ehestand ist am schönsten von vorne, der Brautstand von -hinten.« -- So etwas Unverständiges kann nur der gute Onkel sagen. - -Gottlob, daß ich Braut bin! - - - 30. April. - -Gestern war's. Aber gestern war ich unfähig, auch nur ein Wort zu -schreiben. - -Heute will ich's denn, ich kann das Geheimnis nicht in mir -verschließen, ich kann nicht. Das Papier will ich ja dann verbrennen. - -Mein Bräutigam richtet die Villa neu ein, ich hörte, daß er in meinem -künftigen Boudoir ein Fenster ausbrechen lasse gegen Mariatrost hin, -weil er weiß, daß mir dieser Blick so lieb ist. Ich bin mit Mama und -dem Cousin Karl sehr oft in Mariatrost gewesen; aber wenn ich vom Walde -auf das weiße Haus am Rosenberg herübergeblickt hatte, wie hätte ich -denken können, daß es einmal mein sein sollte! - -Ich war begierig, die neue Wohnung zu sehen und wollte gestern meinen -Bräutigam überraschen. Er war aber nicht zu Hause, er hatte Vorlesung -auf der Universität. Ich fand die weißbeklecksten Maurer, die dummen -Tapezierer, die auf ihren Leitern standen und nicht einmal grüßten. -Ich wünschte, daß es heimlicher würde in diesem Hause und verließ es -bald. In der Panoramagasse begegnete mir der Cousin. Ganz zufällig war -er spazieren gegangen gegen Mariagrün hin und lud mich ein, ihn zu -begleiten. Ich ging gerne mit ihm, aber er war sehr langweilig, riß im -Vorbeigehen Blätter von den Bäumen und warf sie wieder weg. - -Als wir zum Kirchlein kamen, war mir weich zumute und ich sagte, wir -wollten doch hineingehen und die Mutter Maria grüßen. - -Karl antwortete, er habe sie schon oft gegrüßt, sie hätte ihm aber -niemals gedankt. Er sei arm, verlassen, von niemandem geliebt. Ich bat -ihn, daß er nicht so reden möge, und vielleicht, daß ihm die Mutter -Maria heute danke. Ich sagte das, weil er mir leid tat und weil ich -einen Spaß machen wollte und endlich auch, weil ich wirklich immer ein -großes Vertrauen hatte zu Mariagrün. - -Wir gingen aber an der Kirche vorüber und durch den Wald hinauf. Er -wollte noch nicht sprechen und als ich ihn von der Seite heimlich -anblicke, sehe ich, daß sein Auge voll Wasser steht. Mir wollte das -Erbarmen mein Herz zerdrücken. Ich ärgerte mich, daß mir gar kein Wort -einfiel, ihn zu trösten. Wenn er nur zu Hause bei uns wäre, dachte ich, -unter Leuten macht er ja seine lustigen Glossen, daß alles lacht. - -Da ist es plötzlich. Er reißt mich an sich und küßt mich so heftig, daß -ich vor Schreck ohnmächtig werden mußte ... - -Wir sind spät nach Hause gegangen. - -Jedes allein. - - - 30. Juni. - -Die Hochzeit ist vorüber; sie war in der Domkirche, einfach und -würdig. Ich hätte aber vermutet, es würden mehr Leute in der Kirche -anwesend sein. Mir sei beim Heiraten alles Aufsehen zuwider, hatte ich -gesagt, aber geheim wäre mir doch um Zuschauer zu tun gewesen. Mama -war zärtlich mit mir, wie vorher noch nie; ich hätte mir nicht träumen -lassen, daß mir der Abschied von ihr so schmerzlich fallen würde. - -Als mich mein Mann -- ach, mein Mann! -- durch unsere neue Wohnung -führte, war mir sehr bange und wußte ich nicht, was ich sagen sollte, -um meine Beklemmung zu erleichtern. Ich hatte einen unverstehbaren -Drang, als müßte ich etwas sagen, was mir oder ihm weh täte. So sagte -ich, daß ich nur eines fürchte in diesem Haus: Die Gegenwart seiner -verstorbenen Frau. Ich sei maßlos eifersüchtig. - -Er lächelte und meinte, besser, die zwanzigjährige Frau sei es, als -der vierundvierzigjährige Mann habe Anlaß dazu. Dann gab er mir den -Schlüssel zu einem kleinen Zimmer und sagte, das Zimmer sollte mein -Brautgeschenk sein, +mein+ ganz allein, er wolle es nimmer betreten und -nicht mehr wissen, daß es auf der Welt sei. - -Während er mit dem Hausmeister sprach über das, was bei unserer -Abwesenheit zu geschehen hat, öffnete ich das Zimmer, denn ich war sehr -begierig auf die Brautgabe. Im Zimmer befanden sich alle Gegenstände -von der ersten Frau, von ihrem Ölbilde an bis zum Hochzeitsschmuck, ihr -Schreibtisch, ihre Kleider, ihr Toilettenkasten, die kleine Wiege mit -dem blauseidenen Vorhang, die nicht verwendet worden ist. -- Das alles! -Und es war mein Eigentum, ich konnte es vernichten. - -Als mein Mann zu mir zurückkam, fragte er in seiner gütigen Weise, -warum ich weine? - -»Wie lange ist es, daß sie nicht mehr lebt?« so mußte ich fragen. - -Ich hätte fast gewünscht, daß er entgegenfragen möchte, von wem ich -spreche, aber er sagte nur: »Seit du lebst, Juliana, ist sie nicht. Du -wirst gesehen haben, wie alles schon verblaßt ist. Dein Geburtsjahr ist -ihr Sterbejahr gewesen.« - -Nun sitze ich im Zimmer des Hotels. Mein Mann erkundigt sich beim -Portier nach dem morgigen Wagen auf den Bahnhof. Ich solle mich um gar -nichts kümmern, ich soll nur die schöne Welt genießen. - -Wenn nur schon morgen wäre! - - - 16. Juli. - -Wir sind von der Hochzeitsreise zurückgekehrt. Es waren herrliche Tage. -Ich habe mich während derselben in meinen Mann verliebt. Das ist ein -goldener Mann und kann scherzen wie ein zwanzigjähriger Student. - -»Ei geh', Ludwig!« verwies ich ihn einmal neckend, »ein Professor der -Philosophie und so übermütig!« - -Was ich mir unter Philosophie denn eigentlich vorstellte, war seine -Frage, wenn nicht die Lehre vom heiteren Genuß der lieben Welt? - -Ich könnte damit einverstanden sein -- aber für mein Unglück gibt es -keine Philosophie. - - - 1. August. - -Keine Fürstin kann's so haben als ich. Draußen die paradiesische -Landschaft mit der schönen Stadt im Tale. Im Hause die frohe Umgebung, -in meinem Gemach der stille Frieden -- in mir die Pein. - -Wie Wochen sind mir die Stunden, da Ludwig nicht bei mir ist, und wie -zittere ich, wenn er bei mir ist! Er ist jetzt in den Ferien Bauer, -Gärtner und Jäger und immer munter, immer gut und liebevoll. Gar nie -tritt er ins Zimmer, ohne mir eine Blume, eine Knospe mitzubringen, er -ziert damit mein Haar, meinen Busen, tritt dann zwei Schritte zurück -und schaut fröhlich her, wie es mir passe. Gestern abends, da wir -beisammen im Garten standen vor einem Strauche junger Herbstrosen, nahm -er mich an beiden Händen, schaute mir mit feuchtem, leuchtendem Auge -ins Gesicht und sagte: »Juliana, ich danke dir! Ich danke dir, daß du -mein bist!« - -Einen Stich gab's mir im Herzen, ich wankte ins Haus. - -Ich liebe ihn! Ich liebe ihn so heiß, daß ich den Frevel nicht -begreifen kann, wie ich einst sagte: bloß Mama zum Trotz. - - - 4. August. - -Es wird nicht anders. Es ist fürchterlich! - - - 11. September. - -Heute ging Karl vorbei und blickte zu meinem Fenster herauf. Kaum -konnte ich mich noch verbergen, daß er mich nicht sah. Ich weiß nicht, -was größer ist, mein Haß gegen ihn oder meine Verachtung gegen mich. - - - 30. September. - -Heute fand Ludwig, daß die Haustreppe für mich zu steil sei und will -sie flacher legen lassen. Ich beschwor ihn, daß es nicht der Fall ist. -Zum mindesten belegt er sie mit Teppichen, daß es meine Füße recht -sanft haben sollen. - -Wie er strahlt vor Glück, wenn er mir etwas Liebes erweisen kann! Mein -ganzer Tag, meine ganze Existenz ist lautere Liebe von ihm. - -Mama kommt mit ihren Ratschlägen, die mir zuwider sind, ich will nur -ihn hören -- und daß ich's tue, zu tun vermag, ist eine Schmach für -mich. - -Ihm gesteh --? Es ist unmöglich! Unmöglich! - - - 9. Oktober. - -Seine Studenten lieben ihn auch. Sie haben ihm gestern zu seinem -Geburtstage einen Fackelzug gebracht. - -»Der gilt dir!« jubelte er mir heimlich zu, »es ist ja der erste, den -sie mir bringen.« - -Zum Fenster rief er hinab: »Ihr jungen Freunde! Mein Leben ist licht -geworden. Opfert den Göttern, daß ich demütig bleibe!« - -»Ludwig,« sagte ich später zu ihm, da wir allein waren, »Philosophen -pflegen sonst dem Glücke nicht sehr zu trauen. Ich kann nicht so -zuversichtlich sein.« - -Nach einer Weile habe ich beigesetzt: »Du hast nur einen einzigen -Fehler, lieber Mann. Daß du so gar nicht eifersüchtig bist.« - -»Diese Bemerkung,« sagte er darauf, »beweist, daß ich ganz recht habe, -es nicht zu sein.« - -Ich las einmal, daß es Frauen gibt, die ihre Männer nicht allein -mit Eifersucht quälen, nicht allein hintergehen, sondern sie auch -eifersüchtig haben wollen. Bei Gott, von diesen bin ich doch keine. Wie -könnte ich glücklich sein, über sein Vertrauen! - - - 12. Oktober. - -Heute sind wir in die Stadt gezogen. Ich sehe von meinen Fenstern aus -die schönen Alleen des Glacis und den Schloßberg. Die herbstlichen -Schattierungen der Bäume sind gar zu schön. Seit ich diesen Mann habe -und seinen Gesprächen lauschen kann, gehen mir erst die Augen auf für -allerlei, das mir sonst gleichgültig gewesen ist. Wie könnte ich es -genießen! - -Er hat mit dem Inspektor des Hauses einen förmlichen Pakt geschlossen, -daß der Mann jeden Lärm möglichst hintanhalte und wie ein Engel mit -flammendem Schwerte unser Paradies bewache. Und doch ahnt er es nicht, -wie nahe die Zeit ist. - -Hat er jemals so viel an seine erste Frau denken können, als ich es -tue? Alle Sachen von ihr, alle Erinnerungen an sie habe ich in das -Stadthaus mitgenommen, hier damit ein Zimmer eingerichtet, das wie -meine Hauskapelle ist. Wenn mir gar zu schwer wird um's Herz und -ich trotz des geliebtesten Menschen, der mit mir lebt, nicht weiß, -wem ich meine Angst und Not klagen soll, gehe ich in das Zimmer der -Verstorbenen und weine mich aus. - -Und bete, sie möchte mich dahin rufen, wie sie dahin gerufen worden -ist. Sie hat die Wiege bereitet, die Linnen gestickt mit Freuden -- sie -hätte gerne gelebt mit diesem Mann. - -Ich kann nichts bereiten und Ludwig wird sich darüber wundern. Ich kann -nicht, ich habe es versucht -- es ist, als stickte und webte ich an der -Sünde weiter. - -Darf ich denn wünschen, daß es aus werde mit mir, da ich doch weiß, es -könnte ihn nichts so hart treffen auf Erden? - -Ach, wenn ich ihn nicht so sehr liebte! Wenn er nur nicht so unsäglich -gut wäre! - - - 25. Dezember. - -Das war ein trauriger Christabend. - -Ludwig überschüttete mich mit Gaben, mich und das Kind, als ob es schon -da wäre und spielen und jubeln könne. Und er saß in der dunklen Ecke -des Zimmers und sagte kein Wort, sondern verdeckte sein Gesicht mit -den Händen. Ich wußte nicht, was es war, und der Christbaum gab einen -Schein, wie die Lichter an einer Bahre. - -Ich wagte nicht, ihn zu fragen nach seinem plötzlichen Kummer, denn ich -glaubte, daß er nun alles wisse. Aber es war doch was anderes, denn -endlich stand er auf, trat zu mir heran, die ich allein am Tische des -Baumes gesessen war, und küßte mich so herzlich und treu, daß es nicht -zu beschreiben ist. - - - 28. Dezember. - -Er ist nicht, wie er sonst war. - -Er ist liebreich und gütig gegen mich wie immer, aber er ist nicht so -heiter. Er ist zerstreut, ist viel an seinem Arbeitstische, arbeitet -aber nicht, sondern schaut mit aufgestütztem Haupte nur so vor sich hin. - -Er muß einen Kummer haben. Hundertmal wollte ich ihn schon fragen, was -es sei, aber ich kann nicht, ich vermag's nicht, ich weiß nicht warum. -Wüßte er etwas, wie könnte er so herzlich mit mir sein, es wäre ja -nicht möglich. - - - 30. Dezember. - -Er ahnt doch etwas. Heute sprach er davon, daß es Zeit sein dürfte, das -Wochenzimmer zu bereiten. - - - 1. Januar 18** - -Er ahnt nichts. Wir haben in der Nacht die zwölfte Stunde wachend -erwartet. - -»Ich segne dich, du vergangenes Jahr,« sagte er, »du hast mir mein -Menschentum verzweifacht. Und ich segne dich, du kommendes Jahr, du -wirst es verdreifachen.« - -Er ist wieder heiter und voll Zuversicht. - - - 5. Januar. - -Ich wüßte keine andere Pein, die so höllisch sein könnte, als die -meinige ist. Den Menschen, den man über alles liebt, dem man alles -verdankt, ohne den man nicht mehr leben könnte, mit jedem Tage -neuerdings täuschen und betrügen zu müssen. - -Ihm gestehen? Nein, nein, eher soll er mich im Sarge sehen. - -O unseliges Kind! Wie ich dich hasse, jetzt schon. Das einzige, was die -Mutterliebe für dich tun kann, daß sie betet, du mögest das Tageslicht -nimmer erblicken. Erscheinst du mir tot, ach, wie werde ich dich lieben -und dankbar küssen und jubelnd begraben! O, Mutter Maria, ich rufe dich -an! Mein Herz ist zum Zerspringen so schwer. Wenn ich dieses Büchlein -nicht hätte! Alles in mich könnte ich nicht verschließen. - - - 13. Januar. - -Der Gedanke verläßt mich nicht, o Gott! Es wäre ja zu unser aller -Besten. Mein Fehltritt gebüßt, kein fremdes Wesen zwischen uns. In der -Ehe Harmonie und Frieden nach Gottes Willen. Wie kann etwas, das so zum -Guten führt, ein Verbrechen sein? - -Wenn ich nur mit ihm darüber sprechen könnte, wie über ein Fremdes, so -daß ich seine Meinung wüßte für solchen Fall. Einmal hat er gesagt: Den -Gott am meisten liebet, den nimmt er als Kind zu sich. - - - 17. Januar. - -So bin ich vor mir selbst nicht mehr sicher. Heute morgens fragte mich -Ludwig, woher ich denn plötzlich das Tigerherz genommen? Ich hätte in -der Nacht vom Erwürgen gesprochen. - -Er mußte merken, wie ich erschrak, denn er sagte sogleich: »Wenn die -Frauen so schlimm wären, als ihre Träume -- besonders in solcher Zeit! -Der Traum ist das Ventil, durch das sich die Laster der tugendhaften -Frau austoben.« - -Gott wolle, es wäre so! - - - 25. Januar. - -Es ist merkwürdig, wie ich seine erste Frau, die ich anfangs als meine -größte Feindin betrachtet habe, nun ganz zu meiner Vertrauten mache. -Wie sehr sie ihn geliebt hat, er spricht auch nicht ein Wort darüber, -aber tausend Spuren geben davon noch Zeugnis. - -O weise mich, seliger Geist, wie ich dich ihm würdig ersetzen kann! - - - 10. Februar. - -Heute bin ich das erstemal aus dem Bette. Im Nebenzimmer schläft es. - -Ludwig war über die Frühgeburt nicht besonders überrascht. Es ist auch -gar zu klein. - -Wenn er vom Kollegium nach Hause kommt, setzt er sich an's Bettlein und -schaut es an. Ich habe immer gehört, es spreche das Blut, das muß doch -nicht so sein. Er liebt es. - -Wenn ich jetzt denke an meine Gedanken! Solches nur denken zu können! - -Das Kind ist so arm, daß ich weinen muß, sooft ich es anblicke. Ich -soll ruhen und schlafen, ich kann nicht, ich denke an das Kind immer -und immer. Liebe ich es? Das wäre Untreue gegen den, der mir in meinen -schweren Stunden wieder bewiesen hat, daß er mir alles ist, daß ich ihm -alles bin. Er weinte und lachte, als es geboren war. - --- -- Sieben Monate! Wäre das nicht möglich? Wenn der Junimond nicht -ausgeblieben wäre! - -Er kommt. - - - 12. Februar. - -Und so soll es nun fortgehen? Das Geheimnis soll bleiben und ich soll -ihn betrügen bis ans Lebensende? - -Das sei nicht. Das sei nimmer. - -Gut kann es sich nicht lösen -- aber es löst sich, ich weiß einen -Ausweg. Da das Kind nicht hier bleiben darf und ich ohne es nicht sein -kann, so muß ich mit ihm fort. Nach Wien, zur Schwester meiner Mutter. -Von der Ferne werde ich ihm alles schreiben und die Form finden, -die ihm am wenigsten weh tut. Ludwig ist nicht allein im Hörsaal -Philosoph, er wird sich zurechtfinden. Hat er den Verlust des +treuen+ -Weibes ertragen können, so wird ihn der des falschen nicht zu Boden -drücken. Habe ich sein Andenken an die erste Frau unterbrochen, so wird -es nach meiner Flucht -- es soll nichts von mir zurückbleiben -- wieder -erwachen und er wird nicht verlassen sein. - - - 20. Februar. - -Ein Schreiben wollt' ich ihm zurücklassen, daß ich ihn bis zu meinem -Tode lieben werde, daß ich von ihm gehe, weil ich seiner nicht wert -wäre. - -Ich darf es nicht, ich darf diesen Brief, in den ich mein Leid gelegt -habe, nicht an ihn gelangen lassen, das würde den Schmerz nur steigern. -Ich will ohne alles, so wie eine Undankbare, eine Unwürdige geht, so -will ich davongehen. - -Seine Verachtung gegen mich soll ihn retten und mich strafen, wie ich -es verdiene. O mein Gott! - - - 3. März. - -Ludwig ist mit einer kleinen Gesellschaft von Historikern auf einige -Tage nach Cilli und Pettau gegangen, um dortige Römerdenkmale zu -besichtigen. - -Er war sehr munter und sagte zu mir beim Abschied, ich sollte ihm nur -recht den kleinen Ludwig hüten. - -Ich will nicht d'ran denken, will stark bleiben, ich habe viel zu -vollbringen. - -Bei dem Packen sehe ich erst, wie wenig ich in dieses Haus gebracht -habe, und wie viel von ihm empfangen. - -Der Dienerschaft sage ich, es sei verabredet, daß ich der -Luftveränderung wegen auf einige Wochen nach Wien gehen werde. - -Also heute nachmittags vier Uhr in Gottesnamen! - - - 6. März. - -Nun ist es so gekommen! - -Ich zittere jetzt noch, da ich es schreibe. Wozu schreibe ich es nur, -ich sage ihm ja alles und darf es sagen, o Glück! - -Ich habe ihn geliebt, jetzt bete ich ihn an und den Nachkommen schreibe -ich es entgegen: er ist anbetungswürdig! - -Jetzt weiß ich erst, was das ist: ein Mensch! Er hätte mich göttlicher -nicht strafen, herrlicher nicht demütigen können und erheben zugleich, -als er es getan hat. -- - -Das Kind dicht eingehüllt am Arm, so floh ich wie eine Diebin. Der -Wagen stand vor dem Tore; über die Aufregung vergaß ich des Schmerzes, -der mich schrecklich gequält hatte die Nacht und den ganzen Tag -hindurch. - -Am Tore steht Ludwig und fragt den Kutscher, wer wegfahre. Dieser -deutet auf mich, die ich hastig aus dem Hause trete. - -»Was ist das, Juliana?« ruft Ludwig. - -Mir ist zum Zusammenbrechen, er stützt mich und bringt mich und das -Kind zurück in die Wohnung. - -»Du wolltest -- mir entgegenfahren, mein Herz?« fragte er, »konntest es -nicht wissen, daß wir die Reise um einen Tag abgekürzt haben.« - -»Ludwig,« sprach ich und mir wollte der Atem versagen, »laß mich -rasten, mir ist schlimm zum Sterben. Es wird bald besser sein. Ich will -dir dann was sagen.« - -Er führte mich voll zärtlicher Sorgfalt auf mein Zimmer und schloß die -Tür ab. - -»Daran tust du wohl, Ludwig,« sagte ich, dann fiel ich vor ihm auf die -Knie. - -Ich habe ihm alles gesagt -- alles. - -Er hörte es. Sein Blick war traurig, aber blieb liebevoll. Er hob mich -auf und setzte sich neben mich, er war blaß, und seine Hand, mit der er -die meinige hielt, zitterte. - -»Juliana,« sagte er, »diese Stunde mußte kommen, ich habe sie ersehnt, -ich habe sie gefürchtet. Gerne möchte ich dir die Qual mildern, -vielleicht dadurch, daß ich dir sage: Ich wußte es schon, wußte es seit -dem Christabend.« - -So viel sprach er, dann stand er auf und ging einige Male das Zimmer -auf und ab. Hierauf setzte er sich wieder und sagte: »Ich fand an -jenem Tage auf deinem Arbeitstischchen das kleine Notizbuch liegen; es -hätte meinetwegen immer dort liegen können, ich sah es nur diesmal, -da ich etwas suchte, um dir ein kleines Gedicht einzuschmuggeln, -einen Gruß dem Nahenden, der uns das nächstjährige Christfest feiern -helfen soll. Ich pflege nicht indiskret zu sein, aber als ich das -Büchlein aufschlug, sprang mir ein Wort in's Auge, das mir sofort deine -nächtlichen Träume und Ausrufe in Erinnerung brachte. Ich mußte lesen, -denn es war ein Sturm in mir, den ich beschwören wollte mit deinen -Aufzeichnungen. Aber kein Wort gab mir den Frieden zurück und ich las -alles.« - -»Und hast uns nicht verstoßen und hast uns lieben können!« rief ich aus. - -»Die Ehebrecherin hätte ich verstoßen,« sagte er ruhig, »Dein Fehltritt -war vor dem Tage, da wir uns die Treue geschworen. Ich entschuldige -nichts, denn daß es eine große Schuld war, beweist das Leid, welches -sie in dein Herz warf.« - -»Und das Kind?« - -»Ist unser. Ich gestehe dir wohl, es war eine schwere Betrübnis in mir, -da mich die Tatsache so plötzlich überrascht hatte; aber als ich des -Gemeinen Herr wurde und die Wahrheit fand, da war ich zufrieden. Es -ist mein Kind, wie es das deine ist, denn in unseren Armen ruht es, -durch unsere Fürsorge wird es gedeihen, durch unser Herz wird das seine -genährt und erweckt, durch unser Vorbild wird es uns ähnlich an Seele -und Leib. Es wird uns und nur uns lieben und nichts anderes wissen. -Nicht +der+ Augenblick ist mir der höchste, welcher der niedrigste -ist und mir möglicherweise vom Kind einst zum Vorwurf gemacht werden -kann. Nicht wer das Menschenkind erzeugt, ist sein Vater, sondern wer -es erzieht. Diesem nur hat es zu danken, denn dieser machte es zum -Menschen, diesen nur kann es lieben. Kein tierisches Band ist es, das -mich an unsern Ludwig fesselt, ethische, menschliche Beziehungen sind -es, und wenn der Himmel den lieben Kleinen beschützt, so wirst du -sehen, daß keines andern, daß +mein+ Wesen verjüngt aus ihm hervorgeht. -Auch uns verknüpfen dann unlösliche Bande der Natur, aber solche -besserer Art, und der nur kann mir mein Anrecht streitig machen, der -mir beweist, daß je ein leiblicher Vater sein Kind so teuer erkauft -hat, als ich das meine.« - -In diesem Sinne hat er gesprochen. Ich wimmerte zu seinen Füßen, dann -an seiner Brust. - -»Jedoch ein ernstes Wort,« so fuhr er fort, »habe ich mit dir zu -sprechen, Juliana, deiner geplanten Flucht wegen. Ich erwäge die -Gründe, die dich dazu bewogen haben, sie mögen gewichtig sein oder dir -so geschienen haben. Aber ich hätte von dir so viele Kenntnis meines -Wesens und Charakters erwartet, durch die du wissen solltest, daß unter -allen Umständen ein vertrauensvolles Bekenntnis das Beste gewesen -wäre. Ich habe dieses Bekenntnis von dir fast bestimmt noch vor der -Geburt des Kindes erwartet; es hätte dir Beruhigung und Mut gebracht, -es hätte dich meinem Herzen womöglich noch näher gebracht, schon durch -das Mitleid mit der Reuigen und durch den Vorteil, verzeihen zu können. -Wie, wenn du in den Wochen hättest sterben müssen, gepeinigt von dem -Gewissen, und ohne von mir den Beweis der +wahren+ Liebe, den ich heute -erbringen kann, hören zu können! Das alles war nicht, aber verlassen -wolltest du mich heimlich, uns drei in ein Elend stürzen, wie ein -größeres kaum zu denken ist. Diese Untreue, meine Juliana, ist mir noch -schmerzlicher, als die erste es war ...« - -An all das kann ich mich noch erinnern, daß er's gesagt hatte, dann -weiß ich nicht mehr, was mit mir geschah. Als ich wieder zu mir kam, -lag ich auf meinem Bette, der Arzt stand neben mir und zu meinen -Häupten Ludwig, der mir mit einem kühlen Tuch die Stirne trocknete. - -Ich legte den Arm um seinen Nacken, und sein liebes Haupt beugte sich -nieder auf mein Gesicht, und auf meine Stirne fiel eine warme Träne ... - - * * * * * - -Als ein letztes Siegel der Reue und der Treue, ja sozusagen als eine -Votivtafel zur Danksagung für ein so seltsamerweise gefundenes Eheglück -fühlte sich die Frau Professorin veranlaßt, diese Tagebuchblätter -- -mit Hinweglassung der persönlichen Merkmale und Erkennungszeichen -- zu -veröffentlichen. - -Ich, der ich dieses zu vermitteln übernahm, habe nur zwei Bedenken: als -erstes, ob die Skrupel der Frau, als zweites, ob die Philosophie des -Mannes wohl das richtige Verständnis finden werden? - - - - -Die Kokette. - - -Du sprichst von koketten Frauen, junger Freund, wie ein Blinder von der -Farbe. Kokett nennst du es, wenn eine Dame durch auffallende Farben, -Bewegungen, Blicke die Augen der Männer auf sich zu lenken sucht. -Kokett nennst du sie, wenn sie sich ein wenig vordrängt und ein wenig -versteckt, wenn sie ein wenig dreist ist und ein wenig erröten kann, -wenn sie ein wenig anzieht und ein wenig abstößt und so die Herzen -der Männer bearbeitet, bis sie Feuer geben, und wenn der Mann für sie -lichterloh entbrennt, sie geneigt ist, die Glut regelrecht zu dämpfen. -Das ist ja alles nett und kokett und verläuft auf das Anmutigste. - -Ich kenne eine andere Koketterie, mein Junge, und will dir erzählen; -willst du keine Lehre daraus ziehen, so magst du dich wenigstens für -klüger halten, als ich war -- und das wird dir sicherlich ein großes -Vergnügen sein. - -Ich habe dir schon einmal gesagt, daß ich mich als Student eine -Zeitlang mit Unterrichtgeben in der Stenographie fortgeholfen hätte. -Also gewann ich auch durch Vermittlung eines Bekannten wöchentlich zwei -Stunden bei einer Dame Stachari. Es war eine blasse, schwarzhaarige und -großäugige Dame, die stets in schwarzem Seidenanzuge war und am Busen -eine Kamelie oder eine rote Rose stecken hatte. Sie konnte nicht älter -als vierundzwanzig Jahre sein, ich wußte nicht, ob sie vermählt war -oder ledig; das alte Stubenmädchen erwähnte mehrmals des »Herrn«, den -ich aber nie zu Gesichte bekam. Die Wohnung bestand aus drei Zimmern, -die sehr luxuriös eingerichtet waren. Zumeist herrschte in ihnen ein -künstlich hergestelltes Dunkel und ein betäubender Blumenduft. Die -Blumen und ihr Duft, so behauptete sie, seien ihr Licht, ihre Luft, -ihre Nahrung, ihre Liebe, ihr Traum, ihre Seligkeit. Was den Männern -der Wein, der Tabak, das Opium sei, das wäre ihr die Blume; was den -Männern das Spiel, die Gefahr, das Weib sei, das wäre ihr die Blume. -Die Blume sei das einzige Wesen auf der Erde, von dem sie nichts -Schlimmes erfahren, nicht enttäuscht worden wäre. - -Nun hätte ich für mein Leben gern gewußt, was die junge Dame schon für -Schicksale gehabt und worin die Enttäuschungen bestanden; natürlich -wagte ich nicht zu fragen und sie berührte ihre Vergangenheit, ihre -persönlichen Verhältnisse mit keiner Silbe. - -Nachmittags von fünf bis sechs Uhr hatten wir den stenographischen -Unterricht; ich wußte aber nicht, zu welchem Zwecke sie die -Schnellschreibekunst erlernen wollte, einmal nur äußerte sie, solche -mache ihr Spaß und sei ein netter Zeitvertreib, während ich immer der -Meinung gewesen, die Stenographie sei Zeitersparnis. Indes ging ihr -die Sache doch nicht recht von der Hand; mehrmals legte sie schon in -der ersten Hälfte der Stunde den Stift weg, lehnte sich in den Sessel -zurück und machte den Vorschlag, lieber ein bißchen zu plaudern. Nun -wußte ich über nichts eigentlich zu plaudern, als über Gabelsberger, -denn ich war ein ganz unerfahrener Mensch, der bisher in Gesellschaft -sich stets bescheidener Schweigsamkeit beflissen hatte. In erster Zeit -hatte mich sogar die Ansprache verlegen gemacht: ich nannte sie gnädige -Frau, sie widersprach nicht, doch ahnte ich bald die Unschicklichkeit -dieser würdigen Ansprache, denn die Dame kam mir manchmal sehr jung -vor und ich nannte sie endlich »mein Fräulein«. Manchmal schlug sie -Heines Buch der Lieder auf, fragte mich, welche Gedichte mir am besten -gefielen und las wohl selbst eines oder das andere, wobei sie manchmal -seufzte und schwermütig ward. - -Als es in den Spätherbst hineinging, wollte uns der Tag nicht -mehr leuchten zu unserem Schreibunterrichte, da wurde die Lampe -angezündet, die einen roten Schirm aus Seidenpapier hatte, so daß die -Schreibeblätter und die Hände und die Wangen einen rosenglühenden -Schein gaben. Manchmal zitterte im Schreiben ihre Hand ein wenig und -sie bat mich, daß ich sie führe, was aber durchaus nicht nach der -Schnellschreiberegel ist. -- Zwei Minuten nach Ablauf der Stunde -pflegte ich aufzustehen, mich vor meiner Schülerin zu verneigen und -davonzugehen. Bei solchem Fortgehen kam ich mir sehr einfältig vor -und ich ärgerte mich nachher, daß ich nicht artiger gewesen war gegen -das liebenswürdige Fräulein. Das böse Gewissen ließ mich deswegen oft -halbe Nächte lang nicht schlafen und ich nahm mir fest vor, das nächste -Mal sachgemäßer zu handeln. Als ich jedoch das nächste Mal wieder -neben ihr saß, wieder die stille Lampe brannte, wieder ein Heinesches -Gedicht gehaucht wurde, war ich eben gerade wieder so blöde, sehnte -mir insgeheim den Verlauf der Stunde herbei und als sie vorüber war, -zögerte es doch in mir, ob ich schon gehen oder meine Schülerin noch -ein bißchen nachsitzen lassen solle. - -Eines Abends im Dezember machte mir das Fräulein die etwas -überraschende Mitteilung, daß sie auf unbestimmte Zeit verreisen werde -und daher den stenographischen Unterricht leider unterbrechen müsse. -Sie händigte mir die Hälfte des ausbedungenen Honorars ein, die andere -Hälfte stellte sie mir in Aussicht nach ihrer Rückkehr. Beim Abschiede -teilte sie mir errötend mit, daß sie sich von mir eine Gunst ausbitten -wolle -- ein Andenken von mir -- eine ganz kleine Haarlocke. - -Was sie an einer Haarlocke habe? fragte ich, die Sache ins Scherzhafte -ziehend, denn ich mußte mein heftig pochendes Herz verdecken. Sie -antwortete, das wisse sie schon und schnitt mir unter unsagbar zarten -Berührungen vom Nacken links ein Löcklein ab. Nun wären wir gottlob im -richtigen Geleise! dachte ich, tat nichts dafür und nichts dagegen, -wartend, daß das Glück mir in den Schoß falle. Das Fräulein stand eine -Weile sinnend, endlich flüsterte sie: »Also denn -- es ist bestimmt, in -Gottes Rat!« damit steckte sie mir ein halbaufgeblühtes Rosenknösplein -in das Knopfloch. Ich drückte ihr die Hand, wünschte eine glückliche -Reise und Wiederkehr und taumelte zur Tür hinaus. - -Die qualvolle Zeit, die nun für mich kam, ist nicht nachzuempfinden Ich -fühlte mich ganz und gar verwaist, mir war, als hätte ich die einzige -Schwester -- he, bloß eine Schwester? -- verloren. Täglich mehrmals -ging ich durch die Gasse und schaute hinauf zu ihren Fenstern, die mit -Holzbalken verschlossen waren wie mitten im Sommer. Um Neujahr waren -die Fenster plötzlich wieder offen, ich erschrak wonnig. Aber es waren -nicht mehr die dunkelroten Gardinen, es waren weiße Spitzenvorhänge, -zwischen denselben schaute ein alter schmauchender Weißkopf hervor. - -Also dahin für immer! - -Die Rosenknospe hielt ich wie ein Heiligtum und legte sie gepreßt in -das Etui, in welchem das Bild meiner verstorbenen Mutter war. Von ihr -hatte ich kein Bildnis, um so lebhafter baute und malte die Phantasie -an ihrer Gestalt, bis sie die Schönste, die Begehrenswerteste war, die -je auf Erden gelebt. Hören ließ sie aber nichts von sich und ich wußte -nicht, sollte ich meine Gedanken und Sehnsucht nach Osten aussenden -oder nach Westen, um sie zu finden. - -Übrigens schleifte mich das Leben fort über Kummer und Freude, über -Hoffnung und Enttäuschung; mir blieb dabei nur der Vorteil, daß ich -älter und reifer wurde. Nach einem halben Jahre war die verreiste -Schülerin glücklich verwunden und nach einem Jahre vergessen. - -Frauen aber vergessen nicht so leicht. Als ich im zweiten Jahre auf -der Universität war, erhielt ich eines Tages ein Paket zugeschickt. -Kein Brief und kein Name war dabei. Das Paket kam aus einem böhmischen -Orte, dessen Namen ich nicht zu enträtseln vermochte. Es bestand aus -einem Buche mit folgendem Titel: »Die Schule der Liebe. Ein Unterricht -für junge Männer und Frauen.« Ein Verlagsort war nicht angegeben, -hingegen stand an der Stelle desselben mit Bleistift geschrieben: »Dem -unvergeßlichen Lehrer die dankbare Schülerin J. St.« - -Anfangs stutzte ich. Wo und wann hätte ich in der Liebe Unterricht -erteilt! Endlich verfiel ich doch auf die Stenographenstunden mit -Fräulein Stachari. Dieses schöne Buch sollte wohl der Rest des Honorars -sein. Jedenfalls habe ich mehr aus ihm gelernt, als das Fräulein aus -meinem Schnellschreibeunterricht. Als diese gedruckte Schule der Liebe -durchgemacht war, kam es mir unbegreiflich vor, daß irgend ein Mensch -blöde sein könne. Lebhafter stieg die Erinnerung an die junge schwarze -Dame in mir auf, aber nun in ganz neuer Beleuchtung; ich durchsuchte -alle Ecken und Ränder des Buches, jedes Blatt, um etwa ganz klein, -vielleicht gar in stenographischer Schrift geschrieben, ihre Adresse -zu entdecken. Vergeblich. Sie blieb mir unerreichbar und fern in -Dunkel gehüllt. Freilich fehlte es nun nicht mehr an anderweitigen -Zerstreuungen, doch tat es mir leid, wenn ich an das Fräulein Stachari -dachte. - -Endlich nahm mein Leben eine andere Richtung. Die Studien -waren vollendet, ich gewann an der Universität zu G. eine -Privatdozentenstelle. Ich fühlte mich ruhiger und ernster werden -und begann mit tieferen Absichten nach dem schönen Geschlechte -auszublicken. Eine Advokatentochter war, mit der ich Verkehr anzubahnen -suchte. Zur selben Zeit erhielt ich den Brief, welchen ich noch in der -Tasche trage. - - Prag, am 20. Juni 1884. - - »Verehrter Professor! - - Wohl kaum darf ich hoffen, daß Sie sich noch erinnern an - eine unaufmerksame und störrische Schülerin, welcher Sie - stenographischen Unterricht erteilten. Wie saßen wir doch - so fromm und dumm beisammen! Ach, lange, lange ist es her! - Die Stenographie habe ich gottlob vollständig vergessen, - wozu auch hätten wir Frauen den Mund und manchmal sogar - einen frisch roten, wenn wir uns nur aufs Schreiben verlegen - wollten! Weniger habe ich des jungen Lehrers vergessen, der - war stramm wie ein Leutnant und schüchtern wie ein Mädchen in - der Fibelklasse. Heute wird wohl das eine noch zutreffen, aber - das andere sicherlich nicht mehr. Möglicherweise hat sich auch - bei der kleinen Schülerin seither einiges geändert, denn sie - lebt in den Jahren, die wie Champagner prickeln. Keine Wirtin, - die aller Welt aufwartet mit dem Stengelglase, die aber gern - ihrem ehemaligen Lehrer den Labetrunk reichen möchte, falls er - ihn von ihrer Hand nähme. Das Leben ist, ach, so flüchtig, und - manche Frucht, die in kindischen Jahren sehnsuchtsvoll gesäet - worden, reift so spät! Aber nicht zu spät. - - Ist Ihnen nie gesagt worden, daß ein junger Professor Reisen - machen, die Welt genießen und auch Prag sehen müsse? Ach, so - halten Sie sich doch daran! und das Wichtigste ist, daß Sie in - Prag sich nach Ihrer Schülerin umsehen und mit ihr einen ganzen - Abend lang von alten schönen Zeiten plaudern! Ach, wie wird - das hübsch sein! Sie dürfen mit Ihrem Besuche aber durchaus - nicht so lange warten, bis Sie ehrwürdig werden. Und damit - nicht noch mit dem törichten Schreiben soviel Zeit vergeht, - schließe ich rasch; das Weitere ist Ihre Sache. - - Ihre - - Josefine Stachari.« - -Noch ist die genaue Adresse angegeben. - -Jetzt war mir etwas eigentümlich zumute. Das ganze nun zur Leidenschaft -gesteigerte Fühlen für die geheimnisvolle und doch so offenherzige -Dame ward in mir wach. Ich setzte mich hin, schrieb einen Brief, in -dem ich mit heftigen Ausdrücken der Ungeduld mein Kommen anzeigte. -Der Brief selbst war eine so ungestüme Umarmung, daß ich ihn nach der -zweiten Durchsicht zerriß. Der Weg von G. bis Prag ist kein Spaziergang -zu einem Stelldichein, aber hatte ich nicht schon seit langem im -Sinn, nach dem schönen Dresden, nach dem großen Berlin zu reisen? -Dabei ließe sich Prag ja sehr leicht machen. Ich bekämpfte jetzt mein -Temperament und schrieb der Dame mit einer den Zuständen durchaus nicht -entsprechenden Ruhe, daß ich vorhätte, demnächst auf einer größeren -Reise Prag zu berühren, bei welcher Gelegenheit ich nicht verfehlen -würde, sie aufzusuchen. - -Wenige Tage später war von ihr der zweite Brief da: - - »Liebster Herr Professor! - - Diese Aufregung! Diese Freude! Diese Angst! Ich kann mich - kaum fassen, ich kann es nicht glauben, daß es sein soll, Sie - hier zu sehen. Es wäre zu herrlich! Ich habe Ihnen so viel - mitzuteilen, anzuvertrauen; aber Sie müssen mir versprechen, - ritterlich zu sein gegen ein hilfloses Weib, dessen - verzagendes, seliges Herz Ihnen entgegenschlägt. Ach wie lange - war die Zeit, wie einsam war mir oft unter meinen Blumen! Ihr - Schreiben hat mich über alle Maßen glücklich gemacht, haben Sie - Dank! Und kommen Sie rasch, setzen Sie sich auf den nächsten - Zug, fahren Sie Tag und Nacht, ich vergehe vor Ungeduld, Ihnen - mein Glück an den Busen zu legen. Sagte mir meine Ahnung doch - schon lange, daß ich mich an Ihnen nicht täusche, daß Sie nicht - täuschen können, mein teurer, mein lieber Freund. Nur müssen - Sie nichts Arges von mir denken über meinen unbändigen Freimut, - ich bin ein Weib. Die Stunde, wann Sie mich finden, kennen Sie, - es ist unsere Stenographenstunde wie vor fünf Jahren. Fünf - Jahre jünger bin ich geworden durch Ihren Brief, haben Sie - nochmals Dank und eilen, eilen Sie zu Ihrer Freundin - - Josefine Stachari.« - -Für eine Portion war das genug. Mir wurde fast unheimlich. Für ein -nettes Abenteuer baute sich die Sache fast zu groß auf, das läßt sich -nicht so leicht abhaken, wie es angehakt ist. Das war nun doch einmal -ein Weib, wie ich im müßigen Ideale mir es oft gedacht hatte, ein in -heiliger Leidenschaft lohendes, alle Konvenienzen kühn verachtendes, -heldenhaft liebendes Weib. Daß mittlerweile in meiner Erinnerung auch -ihr Bild wundersam reizend und schön geworden war, habe ich dir ja -schon gesagt. - -In den ersten Tagen der Ferien packte ich meinen Koffer und reiste -Tag und Nacht der alten Königsstadt Prag zu. Es war mir zumute wie -auf einer Brautfahrt. Es war doch zu rührend, wie sie meiner gedacht, -wie sie auf mich gewartet hatte, bis ich in der Lage war, ein Weib -heimzuführen. Und selbst, daß sie von mir fortgezogen, war das Werk -einer großen Seele. Sie wollte uns gegenseitig die Reinheit hüten, sie -wollte mich frei lassen, frei leben und frei wählen. - -Unsere Stenographenstunde war nachmittags von fünf bis sechs Uhr -gewesen. Zu Prag ins Hotel gekommen, war mein erstes, durch einen Boten -ihr meine Ankunft anzuzeigen, und daß ich mich an demselben Tag um fünf -Uhr bei ihr einfinden würde. Hierauf reinigte ich mich sorgfältig von -dem Staube der Reise, nahm ein Mahl zu mir und bereitete mich vor auf -den Besuch. - -Punkt fünf Uhr schellte ich an der Tür ihrer Wohnung. Ein schmuckes -Stubenmädchen erschien, um zu öffnen, fragte leise, ob ich der Herr -aus G. sei und führte mich dann in ein dunkelgehaltenes Gemach. Es war -fast üppig eingerichtet und die Blumen und Rosen schienen mir noch -prangender zu blühen und noch betäubender zu duften, als vor Jahren. -Da glitt sie auch schon auf mich zu, in weißem Hauskleide war sie, -sank mir an die Brust und flüsterte: »Sie sind's! Gott, wie mir das -Herz pocht!« Dann schluchzte sie und wir saßen auf einem Sofa. Obzwar -wenig Licht fiel auf ihr Antlitz, so sah ich doch, daß dasselbe etwas -rundlicher geworden war, und ihre Wangen schienen mir noch blasser -und ihre Augenwimpern noch schwärzer und ihr Mund noch röter als vor -Jahren. Und weil durch die leidenschaftliche Begrüßungsszene auch -ihre schwarzen, seidenweichen Haare locker geworden waren und nun -niederrollten auf ihre wogende Brust, so war sie unbeschreiblich schön. -Vor den schweren Fenstergardinen stand ein rundes Tischchen, an das mit -einem Kettlein ein Papagei gefesselt saß, der fortwährend krächzte. - -»Ach!« flüsterte sie, »der Vogel freut sich auch, daß Sie gekommen -sind. Und Sie sind so stattlich und schön geworden, oh, ich bin -wahnsinnig vor Glück!« Dabei nahm sie meine Hände und preßte sie heftig. - -»Ach, Freund!« hauchte sie, »Sie bringen mir die schönen Tage der -ersten Jugend zurück!« Und da ich kaum eines Wortes mächtig war, so -fuhr sie mit unendlichem Reize fort zu plaudern von vergangenen Zeiten, -von dem Leben in G., von ihrer Kindheit, die herbe gewesen, von dem -Glücke, das nun gekommen. Ich merkte nicht auf das, was sie sprach, ich -hörte nur ihrer Stimme süßen Klang, ich fühlte nur den Atemhauch aus -ihrem Munde -- mir verging das Denken und urplötzlich rissen meine Arme -sie wild an mich, um sie zu küssen ... In demselben Augenblicke fuhr -sie kreischend auf und stieß mich heftig zurück. - -»Mein Herr!« rief sie mit vor Zorn fast erstickter Stimme, »das ist -abscheulich!« dann stürzte sie zur Glocke mit dem Ruf: »Mein Gemahl! -Mein Gemahl!« - -Da trat aus dem Nebenzimmer ein schlanker, hagerer, brauner Mann im -feinsten Salonanzuge. - -»Gott, o Gott!« schluchzte das Weib und preßte ihre Hände ins Gesicht: -»Diese abscheuliche Frechheit! Züchtigen Sie ihn! Meine Freundschaft -so zu mißbrauchen! Eine harmlose Plauderstunde über vergangene Zeiten! -Von meinem Glück wollte ich ihm erzählen! Und er schändet's, der -wahnsinnige Bube! -- O Gott, meine Nerven ...!« - -Der braune »Gemahl« stand immer noch an der Tür und drehte seinen -langen Schnurrbart. Ich hatte mich von meiner Überraschung eher -erholt, als es mir heute selbst erklärlich ist. Ich war ausgestanden -und wartete einstweilen darauf, was der Gemahl sagen würde. Da dieser -weder einen Revolver noch einen Dolch ergriff, sondern sich nur an mir -und seiner rasenden Frau ergötzte und verschmitzt schmunzelte, so trat -ich einen Schritt an ihn und sagte: »Es ist kein übles Abenteuer. Wem -gehört sie aber nun! Sie, mein Herr, werden Gemahl genannt, und ich -werde durch glühende Liebesbriefe aus dem fernen G. herbeigeholt!« - -»Hat Alte wieder Dummheit gemacht!« schnarrte der braune Mann mit -fremdartiger Betonung, dann zog er sich wieder in sein Zimmer zurück -und lehnte die Tür zu. - -Eine kochende Hölle im Herzen, starrte ich das Weib an. Sie sank -mit vollendetem Faltenwurf ihres Kleides zu meinen Füßen nieder und -schluchzte: »Ach, verzeihen Sie mir! teurer Freund! Ich bin namenlos -unglücklich!« - -Mit der Fußspitze schob ich sie von mir. Ohne ein Wort zu verlieren, -ging ich zur Tür hinaus. -- - -Seither -- so dünkt mich fast -- bin ich wesentlich klüger. Wenigstens -kann ich dir Unterricht erteilen über den Begriff: Kokette, den du -etwas flüchtig zu überspringen pflegst. - - - - -Ein Jünger Darwins. - - -Es möge sich unter dem Begriffe »Gott« jeder das Seine denken; wie man -ihn verliert und wie man ihn findet, ich bin davon ein Beispiel aus -vielen. Ich werde nicht philosophieren -- die Sache geht mir zu sehr -an's Herz. - -Ich bin der Sohn eines niederösterreichischen Landwirtes. Nach einigen -absolvierten Gymnasialklassen in Wiener-Neustadt kam ich auf die land- -und forstwirtschaftliche Anstalt in Hermsdorf. Von Haus aus hatte -ich eine sehr religiöse Erziehung genossen, wozu auch noch meine -empfindsame Gemütsart kam. Daß mir bei jedem Abschiede meine Eltern -gute Lehren gaben, brav zu bleiben und auf Gott nicht zu vergessen, -bin ich jedoch nach und nach so gewohnt geworden, daß es gar keinen -Eindruck auf mich mehr machte. Ich fand es im Grunde ja doch so -selbstverständlich, für was hielten sie mich denn, wenn sie mir -zutrauen konnten, unbrav zu werden und Gott zu vergessen! - -Einen ganz anderen Eindruck hingegen machten eines Tages, als ich -wieder ins Institut abreiste, auf mich die Worte unseres alten -Pfarrers, der in der Volksschule mein Katechet und Beichtvater gewesen -und dem ich als Knabe in der Dorfkirche ministriert hatte. Der saß in -einem Ledersessel und zog mich neben sich nieder auf einen Stuhl und -hielt mich an der Hand -- die seine war völlig kühl -- und sagte zu -mir ungefähr folgendes: »Mein Sohn, so oft du fortgehst, befällt mich -eine Bangigkeit. Wenn ich dir ins Auge schaue, da ist so viel Vertrauen -d'rin. Du gehst munter in die Welt, es ist schön draußen, du wirst -vieles Gute lernen, sie wird dir allerlei große Aufgaben stellen und -allerlei Vergnügungen anbieten -- und eines Tages wirst du gewahr -werden, daß du den kindlichen Glauben an Gott nicht mehr hast.« - -So sagte er, ich wurde hierauf fast erbost und rief: »Niemals, Herr -Pfarrer, ich lasse mich nicht verführen, und meine Religion lasse ich -mir nicht rauben, so wahr --« - -Ich hob den rechten Arm, er drückte mir ihn sanft zurück und sagte: »So -behüte dich Gott!« - -Dann ging ich hin und war ganz glücklich im Bewußtsein meiner -Frömmigkeit und meiner Festigkeit, und schaute in die besonnte -Landschaft hinaus, wo alles so lebendig und freudenvoll war im Blühen, -Glänzen und Jubilieren, und ich erinnerte mich auf jener Wanderschaft -an den Ausspruch: Die Welt ist ein Transparent Gottes. - -Zu jener Zeit war ich siebzehn Jahre alt. Ich hatte den Ruf eines -gesitteten, fleißigen Schülers; die Kollegen und die Lehrer und die -Bücher und vielerlei Welt waren um mich, viele Freunde hatte ich, und -ein paar kleine, kindische Feinde, aber niemand und nichts machte den -geringsten Versuch, mich vom Glauben abwendig zu machen. Im Gegenteile, -weil ich strebsam und ordentlich und stets munter war, so wurde ich -anderen als Beispiel aufgestellt. Wenn ich dann allein war in meinem -Zimmer, spät abends vor dem Einschlafen oder an hohen Festtagen, -gedachte ich Gottes und meiner Eltern mit dem gleichen Herzen. - -In den Studien stieg ich auf: Geographie, Astronomie, Zoologie, -Botanik, Mineralogie. Hatte mir doch mein alter Pfarrer gesagt, das -Studium der Schöpfung Gottes sei auch ein frommes Werk. In freien -Stunden gab ich mich gerne mit Dichtern ab, mit den besten, die wir -haben: mit Klopstock, Körner, Herder, Schiller, Lessing, Goethe. Wohl -sah ich manches in verschiedenen Zeiten mit verschiedenen Augen an. -So hatte Faust für mich nicht weniger als drei Stücke. Als ich ihn das -erstemal las, ergötzte mich darin der Spuk und der possierliche Teufel, -der schließlich den Doktor in die Hölle holt; bei einem späteren -zweiten Lesen interessierte mich vor allem die Liebesgeschichte mit -Gretchen. Das drittemal -- da war ich schon weit -- sah ich nichts als -den Philosophen Faust. In der Naturgeschichte weiß ich nicht, wann ich -das Brücklein übersprang von den alten Gelehrten zu den modernen. Es -ist ja eigentlich keine scharfe Grenze. So geht es sachte hin, es ist -manches fremd. Der Katechet und der Lehrer der Naturgeschichte hatten -keine Berührungspunkte mehr, das fiel mir anfangs gar nicht auf. - -Einmal, als ich zu Hause auf Ferien war, kam der alte Pfarrer -auf Besuch und blätterte ein wenig in meinen Lehrbüchern. Sagte -aber kein Wort, sondern war herzlich wie immer. Nicht mehr war -es der Pflichteifer, der mich zum fach- und naturgeschichtlichen -Studium trieb, sondern das wirkliche Interesse an ihm; ich las alle -einschlägigen Werke, die ich bekommen konnte, selbst wenn sie weit über -das Ziel unserer Fachstudien hinausgingen. Endlich bei einem lebhaften -Gespräch mit einem Kollegen über Abstammung und Vererbung im Tierreiche -sah ich's, wo ich war. Ich war mitten im Darwin. - -Jetzt wissen sie vieles von mir, was ich damals noch selbst nicht -wußte. Also gut, Tiere und Pflanzen stammen aus ganz wenig Urformen -her, vielleicht aus nur einer Urzelle! Und die Wesen züchten und -entwickeln sich im Kampfe um's Dasein. Das ist was neues, aber -es leuchtet ein. Doch das höchstentwickelte Tier, bei dem knüpft -ja der Mensch an! Und die ganze Organisation des letzteren zeigt -unwiderleglich, daß der Mensch in vielen tausenden von Jahren aus -dem Tierreiche herausgewachsen ist. So erzählte man mir Dinge, die -nicht waren?! -- Die neue Lehre dehnt sich mit ihren Grundsätzen durch -unendliche Zeiten und Räume. Und nirgends von Gott die Rede? Nirgends -eine Spur von ihm? Was ist das? -- In meiner Bedrängnis schrieb ich -dem alten Pfarrer, ich sei in eine große Verwirrung geraten, die -Naturgeschichte stimme mit der Bibel nicht und im Weltall wäre mir Gott -abhanden gekommen. - -Der gute alte Mann tat ganz harmlos und schrieb zurück, meine -Beängstigung sei einerseits ein Beweis von der tiefen Religiosität -meines Gemütes, andererseits aber eine Mahnung, wie sehr ich in -diesen Dingen auf der Hut sein müsse. Mein Zweifel -- wenn er die -augenblickliche Stimmung so nennen wolle -- sei übrigens ganz grundlos. -Daß man die Bibel nicht wörtlich, sondern gleichnisweise zu nehmen -habe, sei oft genug gesagt worden, und so stimme sie, deuche ihm, -wirklich mit dem von mir angeführten Systeme. Wissenschaftliche -Forschungen könnten sich weit ausdehnen, aber endlich seien sie doch -nur etwas Menschliches, also Unvollkommenes und Begrenztes. Und -außerhalb dieses menschlichen Spielraumes -- der im Vergleiche zur -Unendlichkeit doch ganz armselig wäre -- hätte Gott Raum genug, wenn es -die Herren Gelehrten schon nicht zugeben wollten, daß er in der Seele -seiner Geschöpfe sei. - -Auf diesem Karren schleifte ich meine Religiosität noch eine Weile -fort. Doch als es immer weiter in die Erkenntnis und immer tiefer in's -Leben hineinging, sah ich endlich ein, es wäre umsonst. Der kindliche -Glaube war nicht mehr zu halten. Der Gott, der sich denken ließ, war -nicht der Gott meiner Väter. - -Ich dachte viel an das Oberhaupt der neuen Schule. Alt-England ist -ein gut katholisches Land, Darwin's Familie hat einen hochgeachteten -Namen, der Gelehrte selbst ist ein makelloser Charakter, von dessen -Seelenadel so manches erzählt wird. Wie kann es möglich sein, daß solch -ein Mann eine Lehre ausbildet, die von keinem Gott weiß! -- Das kann -nicht möglich sein. - -In einem persönlichen Gespräche mit dem alten Pfarrer teilte mir dieser -zu meinem Troste mit, daß er vernommen habe, Darwin sei ein guter -katholischer Christ, seine Lehre werde nur schlecht verstanden und -falsch ausgelegt. Für den Augenblick leuchtete mir das wieder ein. -- - -Meine Fachstudien waren beendet. Ich kam auf ein großes Gut in Mähren -als Praktikant. Das war im Jahre 1880. Kurze Zeit darauf starb meine -Mutter. Noch sterbend hatte sie gesagt, sie lasse mich, den fernen -Sohn, grüßen und bei Gott im Himmel wollten wir uns alle wieder -zusammenbestellen. - -Was nun in mir für ein Leid anhub! Meinem priesterlichen Freunde klagte -ich alles. Er war erschüttert und wußte mir nichts mehr zu sagen, als -ich solle beten und arbeiten. - -Arbeiten, ja, Tag und Nacht, bis zur Erschöpfung. Draußen auf den -Feldern und in den Wäldern ging ich umher, solange ein Licht am Himmel, -und legte selbst Hand an den Pflug, an das Schnittscheit, und in halben -Nächten saß ich bei meinen Rechnungen und theoretischen Ausarbeitungen. -Aber beten? Gebete sagen kann man, wann man will, aber beten nicht. O -Mutter, Mutter, daß du mir auf ewig solltest genommen sein! - -Und in einer solchen Nacht, da draußen ein leiser Nachtwind rieselte -in der Linde, und im Hause alle so ruhig und süß schliefen, als wäre -Himmel und Erde für sie eine sanft schaukelnde Wiege -- da kam mir -plötzlich der Gedanke: Bei Bibel und Priestern klopfe ich vergebens -an. Nur der mir den Glauben geraubt hat, kann mir ihn wieder -zurückgeben. - -Ich zündete das ausgelöschte Licht wieder an und schrieb an Charles -Darwin zu Down in England. - -Ich stellte ihm meine Bedrängnis vor und bat ihn um Aufklärung, was er -von Gott halte, was. er von der Unsterblichkeit der menschlichen Seele -denke? -- Den Brief sandte ich am nächsten Tage ab. Zwei Wochen darauf -hatte ich Antwort, die aber so kalligraphisch geschrieben war, daß -ich die Handschrift des großen Gelehrten darin nicht vermuten konnte. -Darwin entschuldigte sich durch eine zweite Person mit seinem Alter, -mit seiner Kränklichkeit, mit der Bürde seiner wissenschaftlichen -Arbeiten; er sei außerstande, die schwierige Frage zu beantworten. - -Also, er läßt mich sitzen. Er hat mich beraubt um meine Labnis und läßt -mich in der Wüste verschmachten. Er hat seine Weltberühmtheit -- die -tausend Herzen, die da brechen, kümmern ihn weiter nicht. - -Als ich jedoch -- denn das war mir wie angetan -- wieder in den -Schriften des Forschers las, stellte ich mir die Frage: Ist es bei ihm -die Lockung des Ruhmes? Soll es nicht vielmehr -- so wie ja auch bei -mir -- der Drang nach Wahrheit sein? Und wie wäre es möglich, daß ein -Forschergeist so groß und so tief sein kann, wenn nicht Gott mit ihm -ist? Und war in seinem Schreiben nicht von einer +schwierigen+ Frage -die Rede? Er müsse über diesen Punkt also doch was zu sagen haben und -sehr viel, wenn es sich in einem gewöhnlichen Briefe nicht beantworten -ließe. -- Es mag seine Kränklichkeit noch so groß sein, wenn es ein -Seelenheil gilt, da muß er die Frage beantworten und sollte es ein Buch -werden. - -So habe ich dem Gelehrten noch einmal geschrieben, habe ihm -vorgestellt, daß mein Heil von seiner Antwort abhänge, daß er es seinem -Jünger schuldig sei, das Gewissen zu beruhigen, daß der Forscher, -nachdem er so viel gesagt, nicht zurückschrecken dürfe davor, das -letzte Wort auszusprechen, daß ich dieses letzte Wort für eine -Offenbarung halten wollte, und daß es, fiele es aus, wie immer, mich -aus der peinigenden Ungewißheit reißen und beruhigen würde. Ich bat -inständig, wie der Verschmachtende um einen Trunk Wasser bittet, mir -wie ein sterblicher Mensch dem sterblichen Menschen offen und treu -anzuvertrauen, was er von Christus und seinen Offenbarungen, und also -auch von der Unsterblichkeit der Seele halte. - -Am elften Tage nach der Absendung dieses meines zweiten Briefes kam ein -Schreiben, dessen Schriftzüge und Namensunterschrift als die des großen -Forschers erkannt werden. Das Schreiben lautet: - - »Down, 5. November 1880. - - Lieber Herr! - - Ich bin sehr beschäftigt, ein alter Mann und von schlechter - Gesundheit, und ich kann nicht Zeit gewinnen, Ihre Frage - vollständig zu beantworten, vorausgesetzt, daß sie überhaupt - beantwortet werden kann. Wissenschaft hat mit Christus - nichts zu tun, ausgenommen insoferne, als die Gewöhnung an - wissenschaftliche Forschung einen Mann vorsichtig macht, - Beweise anzuerkennen. Was mich selbst betrifft, so glaube ich - nicht, daß jemals irgend eine Offenbarung stattgefunden hat. In - Betreff aber eines zukünftigen Lebens muß jedermann für sich - selbst die Entscheidung treffen zwischen widersprechenden, - unbestimmten Wahrscheinlichkeiten. - - Ihr Wohlergehen wünschend, bleibe ich, lieber Herr, - Ihr hochachtungsvoller Charles Darwin.« - -Seine Meinung hatte ich nun. Was half sie mir? Sie setzte seinen Werken -die Krone auf. Er war gottlos. - -Was wäre schließlich aber daran gelegen? Hätte ich mich von ihm nur -freimachen können. Das konnte ich nicht. Seine Lehre hielt mich -gefesselt, wie eine geschehene unerbittliche Tatsache. Ich versuchte -mich mit Studium wieder auszugleichen, ging sogar auf eine berühmte -deutsche Universität, um zu sehen, wie andere mit der Sache fertig -werden. Ich hielt es aber nicht lange aus, kehrte zurück und suchte -in meiner unerleuchteten Trostlosigkeit einen andern Weg. Das -Gegengewicht, das mich bisher vor dem Niedersinken zur Erde bewahrt -hatte, war verloren, ich war ein Leib ohne Seele. Nun kamen schon die -Stunden, in denen ich solche Menschen beneidete, die imstande sind, -des Nächsten Glück spielend zu ihrem eigenen Vorteile auszunützen. Das -eben sind ja die wohlorganisierten Menschen, die den Kampf ums Dasein -siegreich bestehen und in ihrer Gattung den Egoismus zu immer größerer -Vollkommenheit ausbilden. - -Ich trachtete zwischen meinem Wissen und Leben eine Harmonie -herzustellen, nämlich indifferent in moralischen Dingen, also schlecht -zu werden. Aber hierin hatte der Alte ja auch wieder recht: du kannst -nicht besser und nicht schlechter sein als du bist. - -Statt schlecht zu werden, wurde ich krank. Ich vermochte in eine Welt, -in der nichts dahintersteckt, keinen Wert zu legen. Wo andere sich -balgen um die Früchte des Augenblickes, dort wurde ich gleichgültig -gegen alle Genüsse, deren letztes Ziel die Enttäuschung ist. Die -Nervenspannungen wurden lax, ich begann abzuwelken. Weil just der -Winter war, so sagten gutmütige Menschen, das Frühjahr würde mir -Besserung bringen. Andere flüsterten -- und die hörte ich am liebsten --- bis die Bäume ausschlügen, würde ich's überstanden haben. - -Es kam das Frühjahr. Und zwar nicht an einem Tage, aber in einer und -derselben Woche starb in meiner Heimat der alte Pfarrer und zu Down bei -Kent in England Charles Darwin. Ich lebte weiter. Meine Phantasie wurde -noch einmal tätig, ich stellte mir vor, wenn sich der alte Gentleman -doch geirrt hätte und wenn die beiden Hingeschiedenen in der Ewigkeit -sich begegneten, was sie wohl sagen würden zueinander? - -Mein Zustand verbesserte sich nicht, ich fühlte wirklich, daß ich keine -Seele mehr hatte, nur mitunter Nervenstimmungen, die mir wehe taten. -Wer mich sah, der gab mir einen guten Rat, um gesund zu werden, und -einer meiner ehemaligen Kollegen riet mir geradezu -- und pries es als -das sicherste Mittel meiner Rettung -- ich sollte mich verlieben. Das -Weib würde mich schon wieder Gott erkennen lernen. Einstweilen sollte -ich ins Gebirge gehen, um in der reinen kräftigen Luft körperlich zu -erstarken. - -Den letzteren Vorschlag, den auch mein Vater, ein geborener Tiroler, -sehr unterstützte, befolgte ich in der Tat, ich zog in's Pustertal und -habe dort den Sommer zugebracht. An flache Gegenden gewohnt, fühlte -ich mich anfangs im engen Gesichtskreise zwischen hohen Bergen noch -mehr gedrückt, hingegen taten mir die Menschen wohl. Zuerst überkam -mich freilich eine unbeschreibliche Wehmut, als ich bei ihnen die liebe -Gottesgläubigkeit und die Harmonie des Gemütes wiederfand, die mir -verloren gegangen war, aber allmählich bekam ich Anwandlungen, daß ich -das Glück meiner Person überhaupt nicht mehr als Hauptsache in Betracht -zog, sondern leidlich zufrieden war, wenn ich's an anderen sah. - -Als die kalte, regnerische Zeit des Septembers kam, wurde mir übler und -ich trachtete milderen Gegenden zu. Da vollzog sich außer und in mir -ein Ereignis. - -Vom Gebirge kommend harrte ich bei einem Bahnhof des Etschtals auf den -Zug, der mich nach Italien bringen sollte. Als der Zug im Bahnhofe -stillstand, wurden alle Passagiere aufgefordert, auszusteigen, der Zug -könne nicht abgelassen werden, da südlich von Trient das Hochwasser -einen Damm zerstört habe. Wie lange Verspätung? fragte man. Der Verkehr -nach dem Süden überhaupt eingestellt! war der Bescheid. - -So wollte ich nach Norden, der Heimat zufahren, was konnte ich dabei -verlieren? Der Zug gegen Innsbruck wurde abgelassen. Er war groß -und sehr überfüllt. Alle Fenster waren besetzt, denn da konnte man -interessante Dinge sehen. Der Regen floß in Strömen und immer von -neuem sank schweres, finsteres Gewölke an den Berghängen nieder, -wallte, braute und staute sich in den Kesseln, als wollte es die -Felsen sprengen. Jede Wand hatte ihre weißen Adern, die hundertfältig -niedergingen. Das waren die Wasserfälle. Hier sprangen sie in Bogen, -dort in breiten Bändern, dort in dünnen Schleiern. Aus den Schluchten -donnerten braune Fluten, die dort und da mit beängstigender Gewalt -an den Bahnkörper schlugen. Der Fluß war an den meisten Stellen -ausgetreten, die Talsohle glich streckenweise einem trüben See, aus -welchem Bäume, Hügel, einzelne Gebäude, Zäune und Wegsäulen ragten. -Hier stand das Wasser ruhig, dort schoß es in breiten, verzweigten -Adern heftig dahin. Mitten durch führte unser Bahndamm, auf welchem der -Zug langsam und heftig pustend dahinfuhr. Ich war gegen meine Reise -gleichgültig gewesen, aber je zweifelhafter nun das Weiterkommen wurde, -je lebhafter wünschte ich es. - -Bei einer nächsten Station gewannen wir die tröstliche Versicherung, -daß die oberen Gegenden weniger gelitten hätten und die Bahn fast -durchwegs unbeschädigt sei. Wir kamen glücklich ins Pustertal, doch -hier wurde es grauenhafter und endlich waren wir glücklich an einem -Punkte, wo wir nicht vorwärts und nicht mehr rückwärts konnten. Vor uns -hatte die rasende Rienz den Bahnkörper durchbrochen und die Schienen -standen wie eine Riesengabel in die Luft hinaus. Hinter uns sahen wir -eine Brücke niederbrechen. Ein mächtiger Fichtenstamm samt Astwerk und -Wurzel mit Erdballen hatte sich herangewälzt und schmiegte sich an -einen der Brückenpfeiler fest. Alsbald staute sich weiteres Gestämme, -das empörte die Wasser, die heute keinen Widerstand kannten, und einer -der Pfeiler begann zu krachen, das hielt noch ein paar Minuten stand, -endlich aber wankte alles und brach Joch um Joch langsam nieder. - -Der Zug stand. »Wir haben Rasttag,« rief einer der Schaffner. Zur einen -Seite hatten wir die Berglehne, zur andern die überflutete Talschlucht. -Wir konnten einige Männer beobachten, Touristen mochten es sein, die -jenseits am Felshange hinkletterten, weil die Straße unter Wasser -war. Wir mußten, ob jammernd, lachend oder fluchend, unsere Behausung -endlich auch verlassen und in Wind und Regen unser Fortkommen suchen. -Der leere Zug schob sich langsam zurück auf eine gesichertere Stelle. -Ich kroch den Berg hinan, und insoferne der Nebel Ausblick gestattete, -sah ich neue und grauenhafte Verwüstungen. Da unten war ein Seitental, -in welchem gerade ein Haus zusammenfiel. Aus dem Trümmerhaufen stob -zuerst Rauch, es schien sich ein Feuer zu entwickeln, welches aber -gar bald gedämpft war, weil alles ins Wasser niedersank und sich auf -demselben fast sanft auseinanderlegte. Am Ufer schossen Menschen hin -und her, schlugen die Hände zusammen, hantierten planlos mit langen -Stangen herum, und ein Weib wollte ins Wasser springen, um eine -ertrinkende Ziege zu retten, wurde aber noch rechtzeitig zurückgehalten. - -Ich trieb mich einen Tag lang herum, immer von Wasser und Erdbrüchen -verhindert und abgelenkt und selbst am Leben bedroht. Ich hatte damals -begreiflicherweise keinen Sinn für die Großartigkeit der Natur, die -mich Würmchen mit ihren ungeheuren Gewalten umgab. Heute weiß ich, daß -mir eine solche Größe in diesem Leben wohl kaum mehr begegnen wird. -Endlich kam ich zu einem Hofe, der auf festem Grunde einer Höhung -stand. Aber er war angepfropft von Leuten, die im Tale ihr Haus und -Habe verloren hatten. Das war ein Weinen und Klagen! Die einen kauerten -halbnackt in den Winkeln, daß ihre Kleider trocknen mochten; die -anderen verschlangen in Heißhunger Nahrung, die ihnen die gastlichen -Bewohner reichen konnten. Aber die Bäuerin sagte: »Helf Gott, wir -werden bald selber nichts mehr haben!« - -Hier konnte ich also nicht bleiben. - -Nach einer schlechten Nacht, die ich in einem Heustadl zubrachte und in -der ich inne wurde, was eine gute Nacht wert ist, kam ich wieder zum -See der Rienz hinaus; man konnte nicht mehr sagen: Tal, denn es war ein -See, der heute, da ich dieses schreibe, noch nicht abgelaufen ist und -vielleicht gar nicht ganz ablaufen kann, weil Lawinen die Schluchtpässe -verlegt haben. Mitten im See, aus dem die Dächer von Hütten, Mühlen und -Holzsägen ragten, wovon eins ums andere verschwand, mitten in diesem -weiten Gewässer auf einer schmalen, langgestreckten Insel sah ich ihrer -sechs oder acht Männer, die mit verzweiflungsvollen Gebärden um Hilfe -riefen. Ich fand nach langem Suchen Leute zusammen, die mit einem -kleinen Floße jene Männer retteten. Sie hatten einen Tag früher den -Flußdamm verteidigt und waren dabei, weil weiter oben eine Wehre brach, -plötzlich vom Wasser eingeschlossen worden. Eine furchtbare Nacht -hatten sie verlebt auf dem schmalen Damm, von welchem Stück für Stück -weggeschwemmt wurde. Zwei weitere Genossen, die bei ihnen gewesen, -hatten sich in der Finsternis der Sturmnacht von ihrer Seite verloren, -waren zugrunde gegangen, ohne daß es von den übrigen bemerkt worden. - -Nun erfuhr ich auch, daß diese Gegenden von aller Welt abgeschnitten -waren. Alle Täler bis hinaus nach Lienz, bis Defereggen und -Oberdrauburg wären verheert. Aus dem Eisacktale brachte einer, der -auf Umwegen übers Gebirge kam, Nachricht von den schrecklichen -Verwüstungen, die dort und südlicher im Etschtale bei Bozen, Trient -und in der Meraner Gegend angerichtet seien. Und alle Straßen und -Eisenbahnen vernichtet, alle Telegraphenleitungen zerrissen. Ganze -Dörfer und Städte überschwemmt, zum Teile eingestürzt, fortgerissen. -Wie viele Menschen schon ums Leben gekommen und bei dem fortwährenden -Steigen der Wasser noch ums Leben kommen würden, das sei nicht -annähernd zu sagen. Aus manchen Engtälern sei gar keine Nachricht -gekommen, aber das Wasser hätte unerhörte Massen von Getrümmer -hervorgeschwemmt. Wie es den Leuten ergehe, das wisse Gott. Man -begreife nicht, woher all das Wasser kommen könne, die Regenfluten -allein könnten es nicht ausmachen. Allerdings gehe ein Wind, als wären -die Dolomiten lauter heiße Öfen, der schmelze Schnee und Eis auf den -Gebirgen. Aber es scheine, als sei in den Tauern und in den weißen -Bergen (Dolomiten) und in den Trientiner Alpen und im Ortlergebirge und -überall die Flut aus der Erde hervorgebrochen, wie es bei der Sintflut -gewesen, und es sei nicht abzusehen, was daraus noch werden solle! - -Während die Leute zusammenstanden, um diese Posten zu hören, läuteten -sie in den Nachbardörfern, die teils im See standen, fortweg Sturm, und -es vergrößerte sich auch für diesen Ort, der hart am Berghange lag, die -Gefahr. Man räumte die Häuser aus, aber jetzt kam die Dorfgasse herauf -das braunrote Wasser gewallt. »Das Wasser rinnt aufwärts!« riefen die -Kopflosesten, »da ist alles aus.« - -Aus den Häuserräumen hörte man das Quirln und Gurgeln des Wassers, das -Niederbröckeln von Mauerwerk; dann wieder ein Knattern und Schmettern -einstürzender Wände und Dächer. Bei den Häusern schrien die Leute, auf -den Anhöhen röhrten und blökten die Haustiere, und über alles hin war -das dumpfe Tosen. - -Ein Weib kam durchs Wasser gesprungen: das Spital sei hin, die Kranken -müßten ertrinken, wenn man ihnen nicht zu Hilfe käme. Jetzt fiel es mir -ein: da könntest du ja helfen! Wir trugen die Kranken in die Kirche -hinauf, die höher stand. Aber auch einen Toten schleppten sie jetzt -herbei, einen jungen Burschen, der seine mühselige Großmutter aus -der überschwemmten Kammer gerettet und dabei den Tod gefunden hatte. -Die Gerettete war ohnmächtig, die übrigen Mitglieder der Familie -erhoben ein lautes Klagen. Da trat ein alter Mann zur Gruppe und -rief: »Was beweint ihr den da! Der ist der Glückliche. Wir sind die -Unglücklichen!« Wer einen Blick in die Gegend hinaus tat, der konnte -wohl verstehen, wie's gemeint war. - -Der Himmel war finstergrau, aber die Berge standen jetzt rein bis zu -ihren weißen Gipfeln. Im dunkelbraunen See spiegelte sich ihr Bild. Von -den entwaldeten Lehnen gingen ununterbrochene Erdlawinen nieder, als -wäre »die Erde rinnend geworden«, wie sich einer ausdrückte. - -Kaum hatten sie den Ertrunkenen in die Totenkammer gelegt, erscholl --- so gut es durch das Tosen der Wasser hörbar war -- neues -Jammergeschrei. Ein Kind hatten die Wellen fortgerissen, die Mutter -desselben lief mit herzbrechenden Hilferufen hin und her, keiner wollte -sich ins wallende Wasser wagen, und das Leiblein wogte schon dem -reißenden Hauptstrome zu. - -Jetzt kam's über mich. Kannst du schwimmen? rief ich mir selber zu, -nicht? So lern's! -- Und stürzte mich in's Wasser. -- Als ich wieder zu -mir kam, lag ich auf einer steinernen Treppe, und um mich waren Leute -und vor mir kniete ein Weib und beschwor mit gerungenen Händen, unter -Tränen schreiend, alles Glück des Himmels auf mich herab. Andere Weiber -beschäftigten sich mit dem geretteten Kinde, einem Mädchen von fünf bis -sechs Jahren. Und während auf das unselige Dorf immer neue Wassermassen -anbrausten von allen Seiten, und die Leute in heller Verzweiflung um -ihre Existenz rangen, war ein überglückliches Wesen da, dem seine ganze -kleine Habe zugrunde gegangen, das als Bettlerin saß an den Stufen des -Kirchentores und das nimmer satt werden konnte, sein wiedergefundenes -Kind jubelnd zu herzen und zu küssen. - -»Das ist er!« schrie sie und zeigte auf mich, »o, schaue ihn an!« - -Und der Blick, den das kleine Mädchen auf mich geworfen, ist mir tief -gegangen. - -Ich habe es dann nicht mehr gesehen. Ich trug noch mein Weniges zu den -Schutz- und Rettungsarbeiten bei, bis am dritten Tage das Wasser zu -fallen begann, und wir alle erschöpft zur Rast sanken. -- - -Später habe ich nach Tagen mühevollen Wanderns in Kärnten den Punkt -erreicht, wo das Eisenbahngelaß die versprengten und verschlagenen -Reisenden und Touristen wieder in Empfang nehmen konnte. - -Und als ich glücklich daheim in meinem Hügellande saß, da machte ich -die Wahrnehmung, daß ich nicht mehr krank war. Nicht mehr krank und -nicht mehr schwermütig, sondern so jung und munter, als ich's einst -gewesen. - -Jetzt prüfte ich mich, was denn die furchtbare Leere, die Darwin in -mein Gemüt gerissen, wieder ausgefüllt haben möchte. Ich fand's nicht, -so sehr ich nachdachte. Vielleicht daß das große Unglück, welches ich -miterlebte, mich wieder ins Gleichgewicht gebracht, wie es ja bisweilen -geschehen soll, daß Pessimisten und Verzweifler gerade durch eine -schwere Gefahr und Not wieder zur Achtung des Lebens bekehrt werden. -Aber wenn ich mitunter so vor mich hinträumte, da sah ich in der -Dämmerung meines Herzens, wo einst das »ewige Licht« wie vor dem Altare -gebrannt hatte, zwei Sternlein schimmern -- und das waren die Augen des -geretteten Kindes. - - - - -Ehre. - - -»Herr Kreisrichter, ich bitte auf ein Wort!« - -»Nun, nun, lieber Herr Seelader, was bringen Sie mir denn noch so spät?« - -»Auf ein Wort!« - -»Und so aufgeregt?« - -»Es ist etwas Wichtiges. Sie werden erstaunen, Herr Kreisrichter. Ich -muß bitten, daß Sie mich festnehmen lassen!« - -»Aber, Seelader! Solche Späße!« - -»Es ist kein Spaß. Bei Gott nicht. Sie müssen mich einsperren. -Sogleich! Ich habe einen Freund ermordet. Den Johann Hallsteiner. Den -Sohn der alten Hallsteiner, die heute gestorben ist.« - -»Was? den Johann Hallsteiner haben Sie ermordet? Aber lieber Freund, -was fehlt Ihnen denn? Der Johann Hallsteiner ist ja schon seit Jahren -tot.« - -»Ich habe ihn erschossen. Ich werde alles beweisen. Ich zeige es jetzt -an. Es ist die Zeit gekommen. Herr Richter, Sie haben einen Schuldigen -vor sich!« - -Nun war der Kreisrichter in der Tat erschrocken, denn der junge Mann -sah in diesem Augenblicke wirklich aus wie ein Mörder. Ganz verstört, -blaß, wirr. Der Richter klingelte und befahl dem eintretenden Diener: -»Schnell zum Doktor Grohbach. Er soll sofort kommen!« - -»O nein, Herr Richter,« sagte Seelader, »krank bin ich nicht. Ich bin -ja ruhig, sehen Sie mich nur an, es ist die Wahrheit, was ich sage.« - -»So kommen Sie,« sprach der Kreisrichter freundlich und suchte den -jungen Mann am Arm zu nehmen. »Ich werde Sie in Ihre Wohnung begleiten.« - -»Sie sind immer gut gewesen gegen mich und sind es auch jetzt,« sagte -Seelader. »Aber es ist anders geworden. Ich darf nichts mehr annehmen. -Ich werde diese Nacht noch in meinem Zimmer zubringen, wenn Sie mich -nicht in den Arrest tun wollen, morgen jedoch zum Landesgericht gehen. -Der Verantwortung wegen sollten Sie mich aber sogleich da behalten. Es -wäre besser, Herr Kreisrichter!« - -Unter warmem Zureden brachte dieser den jungen, aufgeregten Menschen -in sein Dachzimmerchen, empfahl ihn angelegentlich der Mietfrau und -schickte den Arzt. - -Dann eilte er nach Hause. - -»Denkt euch, Kinder!« sagte der Kreisrichter bei dem Abendessen zu -seiner Familie, »mein Amtsschreiber, der Seelader, ist erkrankt.« - -Die älteste Tochter, Fräulein Ludmilla, horchte auf. - -»Und das schwer, unheimlich erkrankt,« fuhr der Richter fort. »Ein -Gehirnleiden. Ich muß nur erst zu Doktor Grohbach schicken, was er -an ihm gefunden hat. Kommt der Arme heute abends -- eben erst vorhin --- zu mir und bittet mich in höchst aufgeregter Weise, ich solle ihn -festnehmen lassen, er habe seinen Freund Hallsteiner erschossen.« - -Fräulein Ludmilla legte Messer und Gabel weg. - -Die Frau Richterin sagte: »Du scherzest doch, Mann!« - -»Ich weiß wohl, daß der Selbstmord seines Freundes ihm nahegegangen ist -damals,« sagte der Richter, »aber nach Jahren -- es mag ja fünf oder -sechs Jahre seit jener Geschichte mit dem Hallsteiner her sein -- könne -doch, meint man, aus diesem Grunde eine Gehirnstörung nicht mehr zum -Ausbruche kommen. -- Wie war das nur gleich, damals?« - -»Der Postbeamte Johann Hallsteiner,« sagte nun die Frau, »hatte -- -so viel ich mich erinnern kann -- sich eine Veruntreuung zu Schulden -kommen lassen und in dem Augenblick, als man ihn festnehmen wollte, -sich eine Kugel durch den Kopf gejagt.« - -»Richtig, und ich entsinne mich, wie sein Freund Seelader, der war -damals noch Student, am Grabe des Verscharrten einen lauten Schwur -getan haben soll, die Ehre des Freundes zu retten, seinen Tod zu -sühnen, oder so etwas.« - -»Dann hast du ihm doch zur kleinen Stelle verholfen, die er heute noch -einnimmt.« - -»Er wird demnächst avancieren. Einen fleißigeren und gewissenhafteren -Schreiber habe ich nie gehabt. Dazu ein stiller, eingezogener Mensch, -bescheiden und liebenswürdig --« - -Fräulein Ludmillas Wangen blühten wie Rosen im Mai. - -»Als Student soll er's ja flott getrieben haben, bis die kleine -Erbschaft seiner Eltern dahin war,« bemerkte die Frau Kreisrichterin. -»Man glaubt nicht, wie vorteilhaft ein Mensch sich ändern kann, wenn er -in das Geleise der Arbeit kommt. Und rührend war es, wie er die armen -Eltern seines unglücklichen Freundes unterstützte, sich selbst alles -versagte, um von seinem geringen Gehalte die siechen, verlassenen alten -Menschen zu versorgen. Als vor einigen Monaten der alte Hallsteiner -starb und heute die Frau, habe ich mir gedacht: Jetzt wird der gute -Seelader auch aufatmen können und sein Gehalt für sich selber anwenden.« - -»Es muß ihn doch der Tod der alten Frau so sehr erschüttert haben,« -meinte der Kreisrichter. - -»Wahrlich, ein leiblicher Sohn kann nicht besser gegen seine Eltern -sein, als der Amtsschreiber es gegen die alten Hallsteiner-Leute -gewesen,« sagte die Frau des Kreisrichters. »Nur fällt mir jetzt ein -Wort auf, das er vor einigen Tagen, als er bei uns speiste, gesagt hat. -Als er hörte, daß das Befinden der Frau Hallsteiner sich verschlimmert -hatte, sprach er plötzlich: Mir scheint, nun werde ich bald Feierabend -bekommen.« - -»Am Ende ist doch etwas dahinter,« meinte der Richter und begann, -dieweilen er seine Pfeife stopfte und in Brand steckte, über mancherlei -nachzusinnen. - -Und also hatten sie zusammen sich über den jungen Mann unterhalten, -der sich als Mörder gestellt hatte. Fräulein Ludmilla war völlig still -dagesessen. Sie hatte sich in ihre Häkelarbeit vertieft. Auf einmal -stand sie auf und ging rasch zur Tür hinaus. - -Die Frau seufzte. Der Richter sagte: »Morgen früh sogleich will ich die -Geschichte untersuchen. Am Ende ist doch etwas daran.« - - * * * * * - -Die Nacht war schlaflos vergangen. Max Seelader hatte sich samt seinen -Kleidern ins Bett gelegt. Seine paar Sachen hatte er schon gestern -in einen Sack getan und sie nicht mehr ausgepackt. Nur eine kleine -Photographie war aus der Tasche hervorgeholt und auf das Tischchen -neben seinem Lager gestellt worden. Ein Mädchenkopf, das Original haben -wir schon gesehen. - -Zur Stunde, als der Kreisrichter im Amte zu erscheinen pflegte, -ging der junge Mann hin zu ihm und sagte: »Da Sie mir mein Recht -vorenthalten wollen, so reise ich jetzt zum Landesgericht, das ich um -Strafe bitte. Teurer Herr! Vor Ihre Familie darf ich nicht mehr treten. -Ich danke allen für alles Gute, ich sage Ihnen Lebewohl. Verzeihen --« - -Er stockte. - -»Jetzt lasse ich Sie aber nicht fort, lieber Seelader,« sprach der -Richter, »daß bei Ihnen etwas nicht richtig ist, sehe ich nun. Setzen -Sie sich zu mir und erzählen Sie mir ruhig das Anliegen, welches Sie -drückt.« - -»Ich danke Ihnen. Aber Beichte und Freundeszuspruch können mir nicht -viel nützen. Es wird besser sein, wenn auch Ihre Herren Adjunkten -anwesend sind. Und der Arzt, damit sichergestellt wird, daß ich nicht -geisteskrank bin.« - -»Sie wollen also ein förmliches Verhör. Gut, es soll geschehen.« - -Nach wenigen Minuten stand der junge Mann vor dem Gerichte, und nach -einigen einleitenden Vorfragen begann er also zu sprechen: - -»Meine Eltern waren Gewerbsleute in N., sie wollten, nachdem ich das -Gymnasium absolviert, auch mich für ihren Stand abrichten. Als sie -starben, war ich frei und benutzte die Erbschaft, um in die Stadt zu -gehen und zu studieren. Nicht so sehr wissensdurstig war ich, aber -nach dem lustigen, ungebundenen Studentenleben plangte es mir. Und ein -solches habe ich geführt, fünf Jahre lang. Die Kommerse, die Kneipen, -die Mensuren und dergleichen machten mir viel Spaß, ja nahmen mein -Wesen in Anspruch. Für einen wirklichen Gewinn hielt ich das Bewußtsein -und das Hochhalten der Ehre, wie solches außer bei den Soldaten und -Studenten in keinem Stande eigentlich entschieden und leidenschaftlich -genug gepflegt wird. Ich will mich weiter darüber nicht auslassen, -ich habe nur oft gesagt: es ist etwas Schönes, wenn ein junger Mensch -seine Ehre höher wertet, als alles auf der Welt. Schon im zweiten -Jahre meiner Studentenschaft hatte ich einen Kollegen aus der hiesigen -Stadt kennen und achten gelernt, und bald entwickelte sich zwischen -uns eine innige Freundschaft. Er war der Sohn armer Eltern, mußte -freilich mehr ans Lernen denken, als ans Burschenleben, und einer -Stellung zutrachten, in der er sich und seine Eltern ernähren konnte. -Das hinderte den wackeren Johannes nicht, die Studentenideale zu hegen -und zu pflegen, und besonders die Burschenehre ging ihm über alles. -Auf mehreren Mensuren bewies er seinen Mut, und in einem Duelle trat -er für die beleidigte Ehre eines Freundes ein. Dieser Freund war ich. -Es handelte sich um nichts weiter, als um einen boshaften Spott, -den ein mir mißgesinnter Bursche in meiner Abwesenheit mir angetan. -Johannes forderte ihn auf Pistolen. Am zerrissenen Kinnbacken trug er -zeitlebens ein Merkmal seiner tapferen Freundschaft. Natürlich schloß -uns dieser Handel noch enger und unzertrennlicher aneinander und ich -schwor ihm, über seine Ehre ebenso zu wachen, als er über die meinige -gewacht und als ich über meine eigene wachen kann. Und sollten wir vom -Schicksal einmal voneinander getrennt werden, und sollten wir in was -immer für eine Lage versetzt werden, unsere gegenseitige Ehre wollten -wir behüten wie unser Leben, ja unendlichmal mutiger und glühender, -als unser Leben. -- Was sonst an Studentenangelegenheiten, Ehrensachen -und Freundschaftsbeweisen war, kann übergangen werden. Ich weiß, was -hier zu erzählen ist. Johannes hatte seine Studien vollendet und -erhielt eine Anstellung als Postbeamter. Trotzdem brach er nicht mit -den lustigen Kreisen, in denen er sich früher bewegte, ja, er erschloß -sich noch neue. Man hielt ihn auch fest in denselben, denn er war ein -heiterer, angenehmer Gesellschafter, und nach den langweiligen und -verantwortlichen Stunden in der Amtsstube hatte er Zerstreuung nötiger -als je. Es gab kleine Gelage mit Minnescherzen, mit Glücksspiel und -anderen Lustbarkeiten. Wir bewohnten zusammen ein Zimmer und es fiel -mir auf, daß er häufig in später Nacht nach Hause kam. Einmal habe ich -ihm etwas darüber gesagt, er antwortete, daß weder seine Berufs- noch -seine Kindespflichten darunter Schaden litten, wie ich auch tatsächlich -nie eine Klage über ihn hörte und wie ich auch wußte, daß seine -mühseligen Eltern, die damals auf dem Lande lebten, in ihrem Johannes -den Ernährer und Beschützer anbeteten. Also ging es eine Weile, und -plötzlich war das Verhängnis da.« - -Seelader unterbrach sich und trocknete mit dem Taschentuche seine Stirn. - -Nach einer Weile sagte der Richter: »Nun, erzählen Sie weiter.« - -»Schon seit einiger Zeit hatte ich bemerkt,« so fuhr der junge -Mann fort zu sprechen, »daß mein Freund Johannes einen kleinen, -scharfgeladenen Revolver bei sich trug. -- Wozu denn so etwas? fragte -ich ihn einmal. -- Man kann nicht wissen, antwortete er, ob man nicht -plötzlich in die Lage kommt, seine Ehre zu retten. -- Das war mir -dunkel. Ich hielt es im Scherze gesprochen und dachte: er hat amtlich -mit Geldsachen zu tun, es kann ja eine Waffe vorgeschrieben sein. Im -ganzen gefiel mir aber an Johannes etwas nicht mehr so recht, und ich -konnte mir doch keine Rechenschaft darüber geben, was eigentlich an ihm -unangenehm, oder vielmehr unheimlich war. Bei allen, die ihn kannten, -stand er in hoher Achtung und von jedem, der mit ihm umging, ward er -geschätzt als guter Kamerad. -- Und nun kam diese Nacht.« - -»Wünschen Sie vielleicht ein Glas Wasser?« unterbrach einer der -Adjunkten den Erzähler, weil dieser erregt zu sein schien. - -»Ich weiß wohl, was ich tue,« fuhr Seelader fort. »Mit dem, was ich -jetzt zu bekennen habe, vernichte ich mich. Und das will ich auch, -darum stehe ich da. -- Sie sehen, ich bin nicht aufgeregt, bin meiner -Sinne vollkommen mächtig, und es wird sich leicht weisen, daß jedes -Wort, was ich spreche, richtig ist. So etwas merkt man sich ganz -genau. -- Es war in der Nacht vom elften bis zwölften Februar 1885. -Johannes war wieder spät nach Hause gekommen und schlief sehr fest. -Ich schlief nicht so fest und hörte es sogleich, wie jemand an unsere -Tür klopfte. Da es wiederholt pochte, so stand ich auf, nachzusehen, -was es gäbe. Vor der Tür stand der Hausherr in flüchtig übergeworfenem -Mantel und teilte mir flüsternd mit, daß er Auftrag habe, den Herrn -Johannes Hallsteiner zu wecken. Es scheine etwas Besonderes dran zu -sein, im Vorsaal sei ein Gerichtsbeamter und auf der Treppe stünden -zwei Gendarmen. -- Fast zu Tode erschrak ich und dann dachte ich: -Was erschrickst du denn? Ein Irrtum liegt vor, den wollen wir gleich -aufklären. Doch als ich draußen mit dem Gerichtsbeamten redete und -den Verhaftsbefehl sah, gab's keine Ausflucht mehr und ich machte -mich erbötig, den Gesuchten zu wecken und vorzubereiten, ohne daß mir -auch nur eine Ahnung dämmerte, um was es sich handeln könne. Ihn im -Schlafe überfallen, das würden sie doch nicht wollen. Als der Beamte -vom Hausherrn sich die Versicherung geben ließ, daß die Fenster -unseres Zimmers vergittert wären und auch sonst eine Möglichkeit des -Entkommens nicht denkbar sei, durfte ich ins Zimmer zurücktreten. Die -Türe hinter mir legte ich ins Schloß, zündete Licht an und weckte den -Freund. -- Johannes, sagte ich, du sollst aufstehen, es fragt jemand -nach dir. Er war sonst keiner von denen, die sich schnell aus dem -Schlafe aufzuraffen vermögen, aber jetzt schießt er empor, und wie -ich ihm die Art des nächtlichen Besuches andeute, wird er blaß. -- -Johannes, um des Himmels willen, was ist das? frage ich. -- Du siehst -es ja, antwortet er ganz heiser. Hierauf stürzt er in den Winkel hinter -meinen Schrank, reißt etwas aus der Tasche seines Rockes, kauert sich -nieder, wimmert, wehrt mit der Hand mich, den Hinzueilenden, ab und -schleudert endlich den Revolver von sich. Ich hebe die Waffe auf und -sage heftig: Was hast du getan? -- Er fällt mir um den Hals: Hilf mir, -Freund, es ist alles aus. Schulden, Spielschulden. Meine Ehre! Die Ehre -mußte ich retten. Geld unterschlagen. -- Ohnmächtig muß ich geworden -sein in dem Augenblicke, denn als ich mich finde, ist er angezogen -und macht sich bereit. An der Tür pocht es ungeduldig. -- Noch einen -Augenblick, bitte ich! ist mein Ruf, dann zum Freunde: Johannes, so -gehst du nicht fort. In dieser Begleitung nicht! -- Dann rette mich, -sagt er und blickt hilfesuchend um sich. -- Du hast in deinem Amte -Geld veruntreut? sage ich und es kocht in mir, wild, rasend wild ein -unbeschreiblicher Aufruhr, da, +das ist deine Rettung+! und drücke -ihm den Revolver in die Hand. Er schaudert zurück und lacht hohl auf: -das habe ich ja auch so gemeint. Seit einem Jahre trage ich ihn bei -mir in der Tasche. Wenn's zum äußersten kommt, einen Fingerdruck. Und -jetzt, +jetzt fehlt mir der Mut+! O, zertritt mich, die feige Bestie, -speie mich an! Auf den Schuß habe ich gerechnet, für den schlimmsten -Fall, mitten in Lust und Freuden habe ich auf den Schuß gerechnet, -und jetzt fehlt mir dazu der Mut! hast du ein solches Scheusal schon -gesehen? -- Als er so ruft, mir geht's durch alle Glieder. Schreck, -Zorn, Mitleid gräbt in mir. Ich presse seine Faust zusammen, daß ihm -die Waffe nicht entfallen kann. Bebend an allen Gliedern, schluchzend -bitte ich ihn: Freund, geliebter, einziger Freund, verlasse dich -selber nicht zu dieser Stunde. Sühne deine Schuld, rette deine Ehre, -ich beschwöre dich! Du kannst nicht mehr weiterleben, du +kannst+ -nicht, Johannes, du bist ehrlos, verloren! Rette dich! Nur einen Funken -Wille, nur einen Funken! Schließe die Augen, denke nichts, denke, es -ist ein Traum, drücke los! Du mußt, Johannes, du +mußt+! -- Ich kann -nicht! stöhnt er. O Gott, ich kann nicht, ich kann nicht! -- Draußen -machen sie bereits Anstalt die Tür einzubrechen. Mein einziger, mein -liebster Mensch! flehe ich, bei allem, was uns heilig war auf dieser -Welt, laß dich nicht forttreiben wie einen gemeinen Dieb. Mach ein -Ende! Ich zwinge dich! -- Er will den Revolver auf den Boden fallen -lassen, ich drücke ihn zurück in seine Hand, will die Mündung gegen -ihn wenden, seinen Finger krümmen auf den Hahn -- wir ringen, die Tür -kracht unter dem Zwängeisen. Wir ringen heiß, da knallt der Schuß, und -Johannes sinkt zu Boden. -- Die Ehre ist gerettet! Ich habe mein Wort -gehalten! denn ich -- ich habe losgedrückt! Ich habe ihn erschossen. -Die Kugel drang unter dem Kiefer hinein nahe an der Narbe, die er bei -jenem Duell meinetwegen davongetragen. Kaum es geschehen ist, stürzen -sie zur zertrümmerten Tür herein. -- Zu spät, sage ich, er hat sich -erschossen! Ich habe vergebens mit ihm gerungen um den Revolver. -- -Dann haben sie ihn in die Totenkammer getragen. -- Und ich, wie ich -allein bin und vor mir die Blutlache sehe, da schreit es in mir: Was -hast du getan? der Ehre wegen ein Mörder, ein Lügner geworden! Welcher -Ehre wegen! Sage, verdammter Wicht, was entehrt denn? Entehrt das -Stehlen anvertrauter Gelder, oder entehrt erst der Gendarm? Nicht was -dein Gewissen sagt, ist dir die Hauptsache, sondern was die Leute -sagen! Von solcher Art ist die »Ehre«, der du bisher alles geopfert -hast, deine Zeit, dein Studium, deine Begeisterung, deinen Freund, -deine Seele. -- Also rief es in mir, aber dieser Ehrbegriff, dieser -verfluchte Ehrgeiz war noch nicht tot in mir, er rang mit meinem -Gewissen, wie ich vorher mit dem Freunde gerungen. Du mußt dich als -seinen Mörder nennen und deine Strafe leiden, mahnte das Gewissen. -- -O Schande! Schande! rief der Ehrgeiz, ein Meuchelmörder, ein Lügner, -ein Schurke zu sein! -- Höllische Pein litt ich in jenen Tagen. Dann -ward mein Freund von Professoren zerschnitten, daß sie die Ursache -seiner Tat fänden. In einer Anwandlung von Geistesverwirrung, sagten -sie. Dann ward mein Freund hinausgetragen hinter das Lazarett und unter -der Mauer eingescharrt. Als ich seine alten, nun ganz verlassenen -Eltern sah, und wie die Mutter an seiner Grube zusammensank und sein -Vater an der Krücke und mit weißem Haar fast stumpfsinnig auf den Sarg -starrte, da wußte ich, was zu tun war. Ein Ausgleich wurde geschlossen -zwischen meinem Ehrbegriff und meinem Gewissen. Zur Stunde faßte ich -den Entschluß, mich nicht anzuzeigen, sondern mein Leben und Streben -denen zu widmen, welchen ich den Sohn geraubt habe. Und erst wenn sie -gestorben sein werden und meiner nicht mehr bedürfen, dann will ich -hingehen und mich dem Gerichte stellen. Also schwur ich es, und das -auszuführen war nun meine Ehrensache. Es ist das eine andere Ehre -und ein anderer Ehrgeiz, mein Gewissen ist damit einverstanden. Mein -kleines Vermögen war erschöpft, den letzten Rest schickte ich den -Eltern meines Freundes. Ohne mein Studium vollendet zu haben, trachtete -ich nach einer Stellung, um Brot zu erwerben. Endlich bekam ich die -Schreiberstelle hier beim Kreisgerichtsamte, und da ich nebenbei -in freien Stunden jüngeren Schülern Unterricht gab, so ward es mir -möglich, außer für meine persönlichen Bedürfnisse, für das Greisenpaar -zu sorgen. Unerträglich war es mir, wenn ich gelobt wurde deswegen, daß -meine Treue zum unglücklichen Freunde so groß wäre. Es war, als ob man -einen am Galgen Baumelnden lobte, daß er es so hoch gebracht habe. -- -Seine Eltern selbst lebten stumpfsinnig und freudlos dahin und nahmen -das, was ich ihnen geben konnte, als das, was es ja auch ist, als etwas -Selbstverständliches. Mein Gewissen war nie zur Ruhe gekommen, und nur -wenn ich darbte, um den alten Leuten um so mehr schicken zu können, -wurde es für den Augenblick milder gestimmt. Trost gab mir der Himmel -auch an guten Menschen, die er mich finden ließ, und es waren Anzeichen -vorhanden, daß ich einmal glücklich, sehr glücklich werden könnte. Aber -ich durfte das Glück nicht annehmen. Es war Ehrensache, ich durfte es -nicht annehmen. So unausstehlich, so häßlich war ich mir geworden, daß -ich fast mit Lust und Gier die Buße trug, um mich einst selbst wieder -achten zu können. Nach fremder Achtung, nach fremder Leute Meinung über -mich hörte ich nicht mehr aus, für solche Ehre bin ich unempfindlich -geworden. -- Das alles sage ich zu meiner Verteidigung, damit man sehe, -wie es mir Ernst war. -- Nun sind die zwei alten Leute gestorben. Ich -habe keine Verpflichtung mehr. Und nun ist es an der Zeit, meine Tat -einzubekennen und mich dem Urteile der Gerechtigkeit zu übergeben.« - -Max Seelader schwieg. - -Die Richter blickten einander an. Ein solcher Fall war ihnen noch nicht -vorgekommen. Zum Glücke brauchten sie darüber nicht abzuurteilen. -Feucht waren des Kreisrichters Augen, als er aufstand, dem jungen, -jetzt auf seinem Platze schier zusammengeknickten Menschen die Hand auf -die Achsel legte und sprach: »Haben Sie noch etwas zu bestellen, so -tun Sie es. Ich will dann mit Ihnen zum Landesgerichte fahren. Ihre -Geschichte gehört vor die Geschwornen.« - - * * * * * - -Über Max Seelader findet demnächst im Landesgerichte die -Hauptverhandlung statt. Lieber Leser, solltest du dabei einer der -Geschworenen sein -- welches Urteil würdest du fällen? - - - - -Die Vierzehnte. - - -Am Freitag bin ich also nicht abgereist zum Karneval in die Stadt. - -»Reise Samstag früh,« hatte meine Mutter vorgeschlagen, und so reiste -ich Samstag früh. Ich bin nicht abergläubisch, aber wenn man bei -Unglücksfällen nachdenkt: fast allemal sind Vorzeichen nachzuweisen, -die mit den Ursachen in geheimnisvollem Zusammenhange stehen. - -Ich reiste Samstag früh und war zu Mittag in der Stadt. Daß ich im -Gedränge des Bahnhofes mit dem Rockknopf an der weißen Schnur eines -~pompe funèbre~-Mannes hängen blieb, war mir für den Augenblick -ärgerlich. Was hat dieser Mensch auf dem Bahnhofe zu tun? Ein Bahnhof -ist keine Leichenhalle, außer, wenn mit dem Zuge ein Toter ankommt, -was, wie ich später erfuhr, damals allerdings der Fall gewesen. Ich war -mit einem Toten auf den Karneval gereist! Ich bin nicht abergläubisch, -aber den Knopf trennte ich mir selbstverständlich sofort vom Tuche. - -Im Hotel nahm ich zwei gassenseitige fein möblierte Zimmer; es ist zwar -auf eine besondere Häuslichkeit nicht zu rechnen, wenn man Welt sehen -will, aber wohnen will man doch auch. Man erhält Besuche, und selbst -wenn's nur für den Friseur wäre -- stets das Dekorum, sage ich, gegen -jedermann das Dekorum. - -In bezug auf Salonanzüge, die ich mir sofort verschaffen mußte, wies -man mich in das große Kleidermagazin »zum Uhu«. Ein Ballkleidermagazin -»zum Uhu!« Ich bitte Sie! Abergläubische Leute müßte das Schild -schon in vorhinein zurückschrecken; ich ärgerte mich bloß über die -Geschmacklosigkeit und wählte ein anderes Geschäft. - -Theater, Museen, Konzerte -- Fastenkost, nichts als Fastenkost. -Tanzen, springen, rasen, leben! Die Leute sind sozusagen lebendig und -wissen doch nicht, was leben heißt. Mit den Elitebällen wollte ich den -Anfang machen, abwärts geht's leicht und nach der Mahlzeit, bildlich -gesprochen, wo man etwas pikanten Käse liebt, nehme ich noch etwas -»Orpheum« oder »Elysium« usw. - -Am zweiten Tage erhielt ich Einladung in ein bekanntes Haus zum Diner. -Ich bin im ganzen nicht für häusliche Zirkel hierhergekommen, derlei -kultiviert man auf dem Lande zur Genüge. Doch, einmal kann man ja -annehmen. - -In der Familie waren -- wie ich wußte -- ein paar hübsche Kinder von -achtzehn aufwärts. Vortrefflich, das weiht in die Gesellschaft, in -die Verhältnisse des diesjährigen Faschings ein. Man lernt das Feld -kennen, auf dem man siegen will und wird. Ich dekorierte mich mit einer -Rosenknospe, die ich ins Knopfloch steckte, und begab mich ins Haus, in -das ich geladen war. Am Eingangstore begegnete mir eine alte Frau. Man -braucht nicht abergläubisch zu sein, um von einer solchen Begegnung an -der Stufe eines Hauses, in dem man sich unterhalten will, unangenehm -berührt zu werden. Ich kehrte um, fuhr noch ein paar Straßen auf und -ab, um dann das zweitemal ins Haus zu treten. - -Der Empfang war überaus herzlich. Vor allem überraschte mich die -Wohnung. Man hat auf seinem Landgut auch Komfort, aber +diese+ -Eleganz -- ich war überrascht! Die Gesellschaft war nicht groß, aber -glänzend, blendend -- reizende Mädchen darunter. Man ist nicht blöde; -das Buch vom »guten Ton in der Gesellschaft« hat man im Kopf, man -ist sattelfest in der Kunst des Tanzmeisters, in der Konversation, -im Courmachen, kurz in allen ritterlichen Fertigkeiten eines Löwen. -Man geht zu Tische; mir schneit der Zufall, nein, mein Glück, eine -junge, entzückende Dame an den Arm, die ich an ihren Sitzplatz führe. -Die alten Bekannten waren alsbald vertraulich; die sich bisher fremd -gewesen, verstanden sich und es entwickelte sich jene ungebundene -Munterkeit, die eine Gabe des Himmels ist, eine seltene Gabe, die -keiner dem andern spenden kann, wenn sie nicht von selbst kommt. In -feinen Kreisen kommt sie von selbst. Es ist doch ein anderes Leben -in der Stadt als auf dem Dorfe. Alles so gebildet, so aufmerksam, so -geistvoll! Es geht nichts über die Stadt. - -Als wir im besten Schnabulieren waren -- ich zertrennte just ein Stück -Filet du Boeuf und sann mir dabei Artigkeiten aus, die ich meinen -Beisitzerinnen sagen wollte -- sprang die Hausfrau von ihrem Sitze auf -und ihr Blick irrte schreckerfüllt über die Tischgesellschaft hin. - -»Was ist?« war meine Frage an die Nachbarin. Man wird unruhig, auf -allen Gesichtern Bestürzung. »Was ist geschehen?« fragte ich. - -»Dreizehn!« hörte ich murmeln. »Dreizehn Personen an der Tafel!« - -Alles sprang auf, aber die Hausfrau bat, daß man sich beruhige und -vorläufig wieder an die Plätze begebe, damit das Unglaubliche nochmals -untersucht werden könne. - -Wir setzten uns wie auf glühende Kohlen. Die Dame des Hauses, die mir -zur Linken saß, zählte von sich aus links hin die Anwesenden -- es -waren genau dreizehn -- und ich war der dreizehnte. - -Ein frivoler Patron war da, der meinte ganz unverfroren, er halte die -Zahl dreizehn bei Tische nur in dem einen Falle für fatal, wenn bloß -für zwölf gekocht worden. Eine solche Bemerkung unter Gebildeten -verdient, daß sie einfach ignoriert werde -- und das wurde sie. - -Hingegen rief die Hausfrau: »Unbegreiflich, es ist doch für fünfzehn -gedeckt!« - -Jetzt zählte meine schöne Nachbarin zur Rechten, indem sie von sich aus -nach rechts hin vorging, es waren ganz genau dreizehn, und ich war der -dreizehnte. - -Was war zu tun? - -Am ganzen Leibe zitternd, erbot ich mich, an einem Extratischchen Platz -nehmen zu wollen. - -»Na, das fehlte noch!« rief man. - -Allsogleich wurde ein Diener zu einer Frau Müller, Apothekerswitwe im -dritten Stock, geschickt: - -Ob Frau von Müller nicht das Vergnügen machen wolle, heute bei uns zu -speisen, dann möchte sie aber die Güte haben, sofort. - -Der Bote kam zurück: Frau Müller wisse nicht wie sie zur Ehre käme, sie -danke verbindlichst, aber es sei ihr momentan ganz unmöglich. - -»Das ist noch ein Glück,« bemerkte eine Tochter des Hauses, »eine -Apothekerin! Mama weiß nicht, wo sie den Kopf hat.« - -»In der Tat,« sagte die Hausfrau, »es gibt Augenblicke im Leben, wo man -trotz allem die Geistesgegenwart verlieren kann. Johann, gehen Sie ins -Kinderzimmer, ich lasse Fräulein Antonia ersuchen, sie möchte mit uns -speisen, aber sogleich!« - -Nach wenigen Augenblicken trat Fräulein Antonia ein, ohne Festkleid, -ohne Schmuck, ein junges, einfaches Wesen, das geräuschlos am untersten -Ende der Tafel Platz nahm. Man beachtete sie nicht weiter und das -Mahl nahm seinen Fortgang. Da die natürliche Heiterkeit jedoch einmal -gestört war, so mußte die gemachte dran, ist für den Notbedarf auch -nicht übel, weil man sie in der Stadt ganz leidlich zu imitieren -weiß. Ich konnte mich aus einer gewissen Beklommenheit gar nicht mehr -herausarbeiten. Die Anzeichen für meinen Karneval spielten sich nicht -gut. Ich war mit meinem jungen Leben in die Stadtluft gesprungen, um --- der dreizehnte zu sein. -- Wenn man nachdenkt, es trifft immer -zu -- der dreizehnte an einer Tafel stirbt. Man braucht darum nicht -abergläubisch zu sein. -- Doch es ist ja vorbei, bei Tische sitzen -vierzehn. Ich schaute verstohlen zwischen Weinflaschen, kunstreichen -Blumenvasen und silbernen Obst- und Backwerkaufsätzen hin gegen das -Fräulein Antonia, das fast hilflos und unbemerkt unter den lauten, -rede- und eßgewandten Herrschaften dasaß. - -»In der Not frißt der Teufel Fliegen,« flüsterte meine stets -geistreiche Nachbarin zur Rechten. - -»Übrigens,« setzte die Hausfrau bei, um ihre Maßregel doch auch noch -zu entschuldigen, »es ist ein braves, anständiges Mädchen, das ich -erst vor wenigen Monaten vom Lande bezog. Die Tochter eines kleineren -Beamten, die mir für meine jüngste Zucht empfohlen worden ist. Es fehlt -ihr noch Schick, wie Sie sehen, aber mein Gott, man muß noch froh sein, -heutzutage eine ehrliche und verläßliche Person zu bekommen.« - -Wie ich aber so hinschaute auf das Mädchen, das mit dem glattgekämmten -braunen Haar still und bescheiden zwischen den in aller Buntheit und -mit allem Raffinement aufgeputzten Frauen dasaß, ohne Befangenheit und -Geziertheit die Gabel handhabend und bisweilen mit ihrem großen Auge -ruhig und mild aufschaute, da kam mir der vertrackte Gedanke: das wäre -mir die liebste von allen. - -Man braucht darum nicht abergläubisch zu sein. - -Bei dem Aufruhr, den der Champagner verursachte, wollte das Mädchen -heimlich sich davonmachen. Ich merkte es und säumte nicht, mit meinem -Glase zu ihr zu treten und mit ihr anzustoßen. - -»Gegen die Lebensretterin muß man stets galant sein,« hörte ich hinter -mir sagen; das verletzte mich, ich weiß nicht warum. Ich stieß mit dem -Mädchen doppelt herzlich an und schaute ihr ins Auge. - -Dann entschwand sie. -- - -An den verschiedenen Vorzeichen war aber doch was. Mir war der Fasching -verdorben. Ich war überall dabei, man kann sagen, ich machte Glück --- aber mir fehlte das Animo. Es war verrückt, ich dachte an die -vierzehnte. Sie war nirgends dabei, aber sie saß in meiner Seele, -geradeso hold und bescheiden, wie sie dort bei Tische gesessen. Das hat -man davon. - -»Bist du in einem Hause zur Mahlzeit geladen worden, so mache einige -Tage nach derselben in dem betreffenden Hause eine Visite, gemeinhin -die Verdauungsvisite genannt,« so heißt es im »Buch vom guten Ton«. -Mir wäre es lieb gewesen, wenn der gute Ton zehn solche Visiten -verlangt hätte. Übrigens war ich in der Familie auch ohne Vorschrift -willkommen und die Töchter wurden von Tag zu Tag liebenswürdiger. Aber -das meinte ich nicht. Durch ihre Vermittlung wurde ich zu Hausbällen -geladen, wo sie vortanzten und wo sie mich bei den Damenwahlen höchlich -auszeichneten. Aber das meinte ich nicht. Endlich luden sie mich -nochmals zum Speisen; ach, wie hätte ich gewünscht, daß wir wieder -dreizehn zu Tische säßen! Doch es waren unser bloß fünf Personen. -- -»Der engste Familienkreis,« wie die Hausfrau so anmutend sagte. Aber -das meinte ich nicht. - -Ich machte die unmaßgebliche Bemerkung, daß in den Familienkreis doch -auch die kleineren Kinder gehörten. Die Töchter erröteten über diese -Bemerkung. Aber das meinte ich nicht. - -Bei der nächsten Visite verfehlte ich beim Fortgehen in meiner -Gedankenlosigkeit die richtige Tür und stand plötzlich im Kindszimmer. -Mitten unter den fröhlichen Kleinen -- fröhlich mit ihnen -- saß meine -Vierzehnte. - -Ein halbes Jahr später habe ich sie aus demselben Gemache geführt. Ein -weißer Schleier umrahmte ihr liebes Angesicht, ein Myrtenzweig lag auf -ihrem Haar. - - * * * * * - -Diese Zeilen schreibe ich heute -- am Vorabende unseres silbernen -Hochzeitstages. Tag für Tag sitzen wir zu +dreizehn+ an unserem Tisch: -Sie, ich und die elf Kinder. Man braucht darum nicht abergläubisch zu -sein: aber welch ein Glück, so zu seinen dreizehn mitsammen zu speisen! - - - - -Der Taubstumme. - - -Das war an einem Wintertage. Ich fuhr von der Hauptstadt mit dem -Eilzuge in eine Provinzstadt hinaus. Es war eine sechs Stunden lange, -öde Fahrt. Die dicht beeisten Fensterscheiben vermeinten weiß was zu -verhüllen, und wenn man sich an denselben ein Flecklein freihauchte -oder freikratzte, so sah man draußen den Nebel und die bereiften -Telegraphenstangen -- sonst auch nichts. Ich saß im Nichtraucherabteil -zu vieren und, theoretisch genommen, hätte es recht ergötzlich sein -können, denn es waren unser zwei Herren und zwei Damen. Aber du lieber -Gott, die Damen vertreten zusammen ein volles Jahrhundert und der Herr -kauerte tief in seinen Pelz vergraben und gab kaum ein Lebenszeichen -von sich. - -Schon als ich beim Einsteigen zufällig auf die Stiefelspitze des -männlichen Gegenübers getreten war, benützte ich das sittige: -Pardon! um gleich mit ein paar anzüglichen Bemerkungen über das -Zusammenpferchen und die Unbehaglichkeit des Reisens im Winter ein -Gespräch anzuknüpfen. Der Mann schaute mich mit seinen großen Augen -betrübt an und hüllte sich schweigend in seinen Pelz. - -Hingegen griff das Jahrhundert, welches auch schon fest saß, die -Leine auf und gab der Mutmaßung lebhaften Ausdruck, daß Nebenabteile -sicherlich ganz leer sein würden, daß aber die Herren Kondukteurs die -nicht sehr löbliche Gepflogenheit hätten, dieselben usw. Es herrscheten -hier überhaupt Unzukömmlichkeiten, die man auf ausländischen Bahnen -nicht usw. -- Und wie eben die Unterhaltung im Gelaß ähnlicherweise -angeht. - -Bei der Kartenvisitation fragte der Schaffner, ob wir in N. ~table -d'hôte~ zu speisen wünschten. Ich und ein halbes Jahrhundert bejahten -sofort, das andere halbe war stark unentschieden und entschloß sich -endlich für die Karte. Mein Gegenüber, der apathische Mann im Pelz, -schaute den Schaffner jetzt fragend an, mit einem gewissen ängstlichen -Blick -- ob hier etwas nicht in Ordnung sei, oder was der Mann wolle? - -Dieser deutete uns noch durch ein Zeichen mit der Hand an, daß mit dem -Herrn im Pelze etwas nicht richtig sei -- und schloß dann das Abteil. - -»Man tut doch immerhin am besten, ~table d'hôte~ zu speisen,« -bemerkte ich hernach, um mit dem Herrn anzubinden, »man wird dabei -am raschesten bedient und das Speisen ~à la carte~ bedeutet doch -nur ein Gabelfrühstück im Vergleich mit dem in der Regel guten und -verhältnismäßig reichhaltigen Mahle; die Preise unterscheiden sich -nicht wesentlich.« Als mein Gegenüber sah, daß ich zu ihm spreche, -deutete es durch eine klar zu verstehende Gebärde und durch einen -gröhlenden Ton an, daß es nicht höre und auch nicht den Gebrauch der -Sprache habe, und mummte sich -- da es in der Tat recht frostig war -- -noch tiefer in seinen Pelz. - -»Also taubstumm!« murmelte ich. - -»Ach, der Arme!« -- »Ach, der gute, arme Mann!« hauchten die beiden -Frauen und schenkten ihm einen Blick, der überreich war an Teilnahme -und Wärme. - -Der Bedauernswürdige war ein noch jugendlicher hübscher Kopf mit -schwarzem Schnurrbärtchen und blassen Wangen, eine jener interessanten -Typen, in denen sich Schönheit und Schmerz so rührend vermählt hat. -Meist schloß er die Augen, und dann war es freilich nur mehr der -Tastsinn allein, durch welchen er mit der Außenwelt zusammenhing. Aber -er tastete nicht. - -»Ein so hübscher, feiner Kopf!« meinte die eine der Frauen. - -»Und reist allein!« - -»Wie weit er wohl reisen mag?« - -»Nach G., soviel ich früher an seinem Billett sah.« - -»Für den Notfall kann ich ihm auf dem dortigen Bahnhofe behilflich -sein,« war meine Bemerkung, »denn auch ich fahre bis G.« - -Nun war ein reeller Gesprächstoff gegeben. Wir besprachen das traurige -Geschick der Taubstummen und ich kam mit dem Jahrhundert bald darüber -in Zwiespalt, was vorzuziehen sei, taubstumm oder blind sein. Ich -entschied mich gewiß ganz unbedacht für das Taubstumme, denn das -Gesicht geht mir über alles. Meine Seele sitzt im Auge, mir liegt die -Schönheit der Welt im Lichte, in der Farbe. Des Menschen Wort ist -mir entbehrlich, genug, wenn ich seinen Blick sehe. Was ich zu sagen -habe, ist wenig; auch ist mein Wort als das des Fremden den meisten -gleichgültig, jeder hört sich selbst am liebsten. Und was durch -mein Auge einzieht, das bringt genug Stoff für ein reiches, inneres -Leben und ich bleibe gesammelt, bleibe Eins mit mir. Zum Auge kann -viel weniger Jammer eingehen als zum Ohre, und mit dem Auge kann ich -viel weniger Unrecht tun als mit der Zunge. So bleibt der Taubstumme -glücklicher und besser, als etwa der Blinde. - -»Aber bedenken Sie doch, bester Herr!« so drang jetzt das ganze -Jahrhundert auf mich ein und führte gegen meine Ansicht die -gewichtigsten Gründe ins Treffen. Durch das Gehör komme alle Lehre -und Erziehung in den Menschen, und so wie sich ohne Gehör die Sprache -nicht bilden könne, so blieben auch alle anderen Sinne zurück und man -werde nicht sagen können, daß der Taubstumme um so besser sehe, während -man vom Blinden wisse, daß er in der Regel ein schärferes Gehörorgan -und einen ausgebildeteren Tastsinn habe, als der Sehende. Der Blinde -führe ein reicheres und schöneres Geistesleben, während der Taubstumme -zumeist stumpfsinnig, verschlagen, mißtrauisch und unzufrieden sei. - -Ich bekam nachgerade Respekt vor den beiden Frauen. »Und bedenken Sie,« -fuhr die eine fort, »von der Musik, die den höchsten Rang in der Kunst -einnimmt, die bildend und veredelnd bis in die Seele dringt, von der -Musik gar nichts zu haben!« - -»Ein ganzes langes Leben ohne Vogelsang!« gab die andere zu bedenken. - -»Ein Leben ohne Strauß!« rief die eine. - -»Singt der Strauß?« fragte die andere. - -»Nein, aber er geigt.« - -»Ah so, der Wiener Strauß.« - -»Und was in der Menschenkehle steckt!« rief die eine. »Ach: wenn ich -daran denke! Gestern war ich in der Oper, in Lohengrin.« - -»Wildmann soll wunderbar gesungen haben.« - -»Unvergleichlich! Unvergleichlich! sage ich. Bei dem überfülltem Hause -war es mir mit Mühe und Protektion gelungen, einen Galeriesitz zu -gewinnen, von dem aus ich kaum auf die Bühne sehen konnte. Ich war -trotzdem glücklich, und bei diesem Gesang, ich gestehe es, daß ich ein -wahres Gebet tat: O Gott, ich danke dir für seine Stimme, ich danke dir -für mein Ohr!« - -Mit heller Begeisterung sprach sie's; dem Taubstummen mußten unsere -lebhaften Mienen auffallen, er schaute der Dame, ich möchte sagen, -wortdurstig auf den Mund, als hätte er's denken können: Ich verlangte -Opern nicht, wenn ich nur die Worte der Menschen hören könnte! -- - -Ein seltsames Mitleid erfaßte mich für den armen Mann und die Dame -setzte bei: - -»Wie das traurig ist! Sterben zu müssen, ohne Wagner gehört zu -haben!« -- - -In N. angelangt, wollte ich meinem stummen Nachbar etwas zu essen -verschaffen, aber er sprang selbst auf, nahm am Schänktisch Schinken -und Bier, warf dafür den Betrag hin, setzte sich wieder ins Abteil und -vermummte sich in den Pelz. - -»Er weiß sich doch zu helfen,« sagte eine der Frauen. - -»In den Taubstummen-Instituten genießen solche Leute heutzutage ja eine -beinahe vollkommene Ausbildung.« - -Und sie hielten der Humanität ihres Jahrhunderts eine gebührende -Lobrede. - -»Ein wunderschöner Mensch!« hauchte eine der Frauen, in das Anschauen -des Unglücklichen versunken. - -Dann war davon die Rede, ob er etwa gar verheiratet sei, oder ob -Taubstumme überhaupt heiraten dürften; ein gesundes Mädchen; ob sich -der Zustand auch auf die Kinder fortpflanze. - -»Bleiben natürlich nur auf +einem+ Ohre taub,« war eine Ansicht. - -»Und stumm nur die Knaben,« gab ich zu, »bei Frauen ist überhaupt -dieser Mangel schwer zu denken.« - -So spielte sich das Gespräch, dann kam anderes dazwischen, auch jene -Müdigkeit, der bei längerer Fahrt jeder Reisende, er mag anfangs auch -noch so frisch gewesen sein, anheimfällt. Schien es doch, als hätte uns -der Taubstumme angesteckt, bis wir endlich um die Abenddämmerung in den -Bahnhof von G. einfuhren. - -Das Jahrhundert reiste, nachdem ich mich recht artig von ihm -verabschiedet hatte, weiter; ich suchte dem aussteigenden Taubstummen -behilflich zu sein, dieser war dann in der Menschenmenge rasch -verschwunden. - -Ich hielt mich in G. mehrere Tage auf, doch bekam ich den Reisegenossen -nicht mehr zu sehen und ich vergaß auch bald der kleinen Gesellschaft -im Gelaß. Dachte selbst nicht an die schönen Aussprüche der einen Dame -über den Sinn des Gehörs und über die Musik, als ich eines Abends ins -Theater zur Oper »Aïda« ging. Diese meine Lieblingsoper hatte ich schon -in verschiedenen Ländern gehört, wozu ich noch bemerken will, daß mich -gerade die italienische Aufführung im Vaterlande des Komponisten am -wenigsten befriedigte. Diese überaus ergreifende und originelle Musik -wollte mir in dem hüpfenden Tempo des Welschen nicht behagen; selbst -Meister Verdi soll sie erst in der getragenen Weise der Deutschen recht -liebgewonnen haben. - -Als weiteres Motiv meines Theaterbesuches war der Opernsänger Wildmann, -der eben in G. gastierte. Ich hatte meinen Platz im zweiten Parterre, -und als der Vorhang aufging, war ich sowohl von der geschmackvollen -Ausstattung als auch von der guten Besetzung der Oper an dieser -Provinzialbühne angenehm überrascht. Wildmann als Radames wurde mit -einem wahren Beifallssturme begrüßt und als ich -- es war das erstemal --- seinen in der Tat herrlichen Tenor hörte, mußte ich des wunderlichen -Ausspruches gedenken: O Gott, ich danke dir für mein Ohr! -- Doch, die -Züge des Sängers! Die ganze Gestalt -- wo war ich der schon begegnet? -Ich wurde unruhig, ich bohrte meine Augen mit aller Anstrengung in das -Opernglas, und im ersten Zwischenakte tauschte ich meinen Platz für -einen des ersten Parterres um, daß ich noch besser sehen könne. - -Hier sah ich's denn auch noch besser. Und sah es: der berühmte -Opernsänger Wildmann war niemand anderer, als mein Taubstummer vom -Eisenbahnzug. - -War's möglich? Das weiß ich nicht, aber es war. Auf der Bühne geht ja -oft genug das Unmöglichste vor -- doch was sollte einer gerade mit -dieser Maske bezwecken? Sonnenklar war's mir bald: nicht hier, nein, -dort im Gelaß hatte er Komödie gespielt. Doch warum? Für den Kunstgenuß -war mir der Abend verdorben. Wildmann sang hinreißend, und er riß das -Publikum zum rasenden Beifall hin -- aber mich wurmte der Taubstumme. -Dieser Taubstumme, der das feinste Gehör hatte im ganzen Reiche, und -die herrlichste Stimme! - -Kaum daß das Sterbelied der Eingemauerten verklungen war, eilte ich auf -die Bühne, ich mußte den Mann sprechen, ich mußte ihn sprechen hören -zu mir, mir gegenüber in nächster Nähe. Ich mußte ihm meine Freude -zujubeln darüber, daß er nicht taubstumm war. - -Der Regisseur sagte mir, Herrn Wildmann würde ich nach dem Theater -im »Hotel Dachstein« finden. Ich ging ins genannte Hotel, in dessen -Silbersalon die Künstler, Schriftsteller und anderen Schöngeister -von G. sich einzufinden pflegen. Da saß nun auch bald inmitten einer -munteren Gesellschaft mein Opernsänger und war der munterste von allen. - -Ich saß abseits an einem Tische und beobachtete mir das laute, lustige -Treiben des Theatervölkleins, in welchem jeder und jede so voll -Geisteselektrizität war, daß während des Klapperns mit Messer und -Gabel, während des Gläseranstoßens mit schäumendem Weine die Funken des -Witzes wie lebhaftes Kleingewehrfeuer hin und wieder über den Tisch -sprangen. - -Endlich -- als sich die Gesellschaft im Saale ein wenig zu lichten -begann und auch von den Theaterleuten sich einige verabschiedet hatten --- stand ich auf, trat zum Künstlertisch, nannte meinen Namen und bat -in höflicher Weise, ob ich es wohl wagen dürfe, mich für den Rest des -Abends dem glänzenden Kreise einzureihen, wie ein Glaskrystall unter -Diamanten. - -Ich sei willkommen, sagten einige ziemlich gelassen und rückten mit -den Stühlen. Herr Wildmann aber rief: »Der Tausend, das ist ja mein -Reisegefährte!« - -»So ist es,« sagte ich mich verneigend. - -»Dann habe ich mich gefaßt zu machen auf einen Angriff,« lachte der -Sänger. - -»Allerdings beabsichtige ich etwas, was mir damals nicht gelungen ist, -nämlich Sie zur Rede zu stellen. Es freut mich, Herr, es freut mich -sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen, und ich bewundere den ausgemachten -Schauspieler, der in Ihnen steckt.« - -»Ja,« sagte Herr Wildmann lustig, »man verlangt von den Opernsängern -eben, daß sie auch ein wenig Schauspieler seien.« - -»Diese Verstellung! Dieser betrübte Blick zum Beispiel, als ich damals -ins Abteil stieg!« - -»Erklärlich auch ohne Verstellung. Sie sind mir nämlich auf das -Hühnerauge getreten.« - -Die Gesellschaft war aufmerksam geworden und wußte bald, um was es sich -handle, und sie lachte. - -»Wir haben Sie in der Tat für einen Taubstummen gehalten,« sagte ich. - -»Ich weiß es,« lachte der Opernsänger, »ist aber Ihre Schuld, oder -hätte ich Ihnen gesagt, daß ich's bin! Übrigens -- Prosit!« Er schob -mir ein perlendes Stengelglas zu: »Prosit!« - -»Übrigens,« fuhr er dann fort, »daß ich nicht allein +spreche+, -sondern daß ich Ihnen auch Wahrheit sage! Ich habe es auf meinen -häufigen Eisenbahnfahrten darauf abgesehen, für taubstumm gehalten zu -werden. Erkennt man mich nicht und gelingt es mir, die Mitreisenden zu -täuschen, so erwachsen mir aus meiner taubstummen Rolle unschätzbare -Vorteile. Erstens schone ich meine Stimme, die unter dem steten -Gepolter des Zuges nicht gewinnen würde, zweitens vernehme ich manches -lehrreiche Gespräch, das man sonst in seinem Leben nicht wieder zu -hören bekäme, köstliche Bemerkungen über die gehörlose Person, mitunter -auch die freimütigsten Urteile über Theater und Oper und über den -Sänger Wildmann, wie das eben auch bei unserer gemeinsamen Fahrt der -Fall war. Allerdings kann man dabei auch Dinge zu hören bekommen, bei -denen man nur herzlich bedauert, nicht wirklich taubstumm zu sein. -Ich schmeichle mir, einige Menschenkenntnis zu besitzen, die mir -wahrscheinlich länger treu bleiben wird als meine Stimme und aus der -ich noch einmal Kapital zu schlagen gedenke. Wem verdanke ich sie? Den -Stunden, da ich schwieg und scheinbar nicht hörte.« - -»Vielleicht werde ich es Ihnen nachmachen,« war meine Bemerkung. - -»Sie sind auch Künstler,« sagte er, »versuchen Sie's. Wohl dürften Sie -ruhig bleiben, wenn man Ihre Bilder lästert; aber wenn man dieselben -mit Enthusiasmus preist, und es kommt kein Glanz in Ihr Auge, dann erst -sind Sie Meister der Verstellungskunst. Versuchen Sie's, es ist nicht -leicht.« -- -- - -Der Sänger und der Maler wurden an demselben Abende Freunde zu einander -und verlebten mitsammen noch eine köstlich heitere Stunde, bis es -ersterer endlich an der Zeit fand, die Kammer zu suchen und sieben -Stunden lang wirklich taubstumm zu sein. - - - - -Hauptmann Fortner und seine Frau. - - -Hauptmann Fortner besaß so ziemlich alles, was Glück genannt wird unter -den Menschen. Er hatte -- und das sage ich voraus -- ein lebensfrohes -und naturfreudiges Herz. Sein Name war umleuchtet vom Glanze einer -Heldentat. Er erfreute sich an einem schönen Weibe, an einem frischen, -aufgeweckten Kinde. Nur eine Kleinigkeit fehlte ihm, die aber nötig -ist, um dem Leben so recht nachlaufen zu können: anstatt des rechten -bluteigenen Beines hatte er einen hölzernen Stelzfuß. Freilich war er -auf dieses Stück Birkenholz stolzer als auf alle seine übrigen Glieder -zusammen. Bei der Erstürmung von Serajewo hatte er den Fuß verloren und -den Heldenglanz gewonnen. Aber dieses empfindungslose Stück Birkenholz -schmerzte ihn mehr als alle übrigen Glieder zusammen, und es waren -doch etliche darunter, die häufig durchzuckt wurden von rheumatischer -Erinnerung an Bosnien. Das hölzerne Bein hatte ihn verdammt zum -Ruhestand in jungen Jahren, die härteste Verdammnis, welche ein -Soldatenherz zu treffen vermag. - -Doch mochte Hauptmann Fortner deswegen mit dem Schicksale nicht -viel hadern. Er hatte sein Opfer redlich gebracht, und sein im -Grunde weiches, friedliebendes Gemüt bequemte sich zum beschaulichen -Pensionistenleben. Die Winterszeit in der Stadt war gerade nicht nach -seinem Sinne. Er ging zwar auf Stelzfuß und Krücke wacker spazieren -- -denn Stubenhocken, das war seine Sache nicht -- aber die mitleidigen -Blicke waren ihm zuwider, und er ließ seinen Schnurrbart so martialisch -auswachsen und schaute so scharf und finster drein, daß seine -kampflustige Miene die mitleidigen Herzen zurückschreckte. Anders -war es im Sommer, wo er mit seiner kleinen Familie auf einem Dorfe -zu wohnen pflegte, in einem weiten Talkessel, der mit schönen Bergen -und dunkelnden Wäldern umgeben war. Da konnte er sich erfreuen an den -Verrichtungen fleißiger Arbeiter, denen er oft stundenlang vergnüglich -zusah, konnte sich ergötzen an der landschaftlichen Natur, zu der er -Jahr für Jahr größere Neigung empfand. - -Seine Frau Emma harmonierte in all diesen Dingen lange Zeit ganz -mit ihm, nur daß ihre gesunden Glieder noch weiter ausholen wollten -und konnten. An den zahmen Spaziergängen durch Wald und Wiese fand -sie nicht Genügen; mit zweien ihrer Brüder hatte sie einst eine -Hochgebirgswander gemacht, und die ging ihr nicht mehr aus dem Sinn. -Da sie ihren Knaben in der Pflege einer verläßlichen Kindsfrau wußte, -so versäumte sie keine Gelegenheit, um sich Gruppen anzuschließen, -die auf einen oder den anderen Berg stiegen, wie solche sich im -Hintergrunde des grünen Gaues gewaltig erhoben. Sie sei verliebt in -die hohen Berge! so sagte sie selbst, weil eine Frau alles, was ihr -gefällt, mit der Liebe zusammenspannt. Der Hauptmann schaute manchmal -der wohlausgerüsteten munteren Gesellschaft ein wenig betrübt nach. Das -Herz tat ihm weh darob, daß er keinen der ins Land hinausleuchtenden -Alpengipfel mehr erreichen konnte, und es tat ihm weh, daß -- doch -genug der Wehmut für einen Soldaten! Sie ist tapfer und kommt ihm -wohlbehalten wieder zurück. - -Also geschah es eines Tages, daß ein Bruder von Frau Emma, der -Reserveleutnant war, einige junge Leute mitbrachte aus der Stadt in das -Dorf; unternehmungslustige Studenten. Sie wurden natürlich dem Herrn -Hauptmann Fortner und seiner jugendlichen Frau Gemahlin vorgestellt -und von diesen eingeladen zum Kaffee. Bei dem Kaffee entstand der -Plan zu einer Besteigung des Hochschwab. Allgemeiner Jubel; nur der -Hauptmann schwieg und dachte: Mußt dich eben begnügen damit, andere in -Bergeslust zu wissen. Am Abende desselben Tages, während seine Frau ihm -wie gewöhnlich das Rauchzeug zurecht tat, stülpte sie ihren weichen -Arm ganz leicht auf seine Schulter: »Nicht wahr, lieber Mann, du hast -nichts dagegen, wenn ich morgen mit von der Partie bin?« - -»Wohin?« fragte er rasch. - -»Die auf den Hochschwab geht. Gelt, dir ist es recht?« - -Der Hauptmann stopfte seine Pfeife und sagte nichts. Ihm war zumute, -als ob ihm jetzt etwas sehr Unangenehmes passiert wäre, und er konnte -oder mochte sich doch keine Erklärung geben, weshalb er seine Frau -nicht mit der Partie wissen wollte. Sie hat ja recht, hat zwei gesunde -Füße und die Berge sind ihre Freude. Warum nicht? Der kleine Fritz zu -Hause ist geborgen und versorgt. Allein ... - -»Wirst du dich denn auch unterhalten mit den weltfremden Leuten?« -fragte er sie fast zärtlich. - -»Die werden mich wenig kümmern,« antwortete die Frau, »ich gehe nur mit -meinem Bruder Hans. Und am Abende, sagen sie, können wir wieder zurück -sein.« - -»Es wird etwas spät werden,« bemerkte der Hauptmann kleinlaut. Weil sie -betrübt war, daß er keine bestimmte Antwort gab, sagte er endlich: »Ja, -ja, Weibchen, wenn es dir Vergnügen macht, gehe nur.« - -Am nächsten Morgen wollte er ihr noch Verhaltungsmaßregeln sagen, -denn für den Hochschwab kam sie ihm etwas zart und unerfahren vor. -Doch als er aufwachte, war sie längst schon fort und ihr leeres Bett -hatte nur die herzige Unordnung der verschobenen Decken und Kissen, -in welchen stellenweise noch der Eindruck ihres Körpers zu sehen war. -Schon um drei Uhr morgens, so erzählte die Kindsfrau, wären die jungen -Herren draußen gewesen, aber bevor sie noch am Fenster klopften, sei -die gnädige Frau flink und leise aus dem Bette gesprungen und kurze -Zeit darauf schon vollkommen marschfertig mit ihnen gegangen. Im -Wirtshause wäre Tee gekocht worden und dann habe man die Gesellschaft -vom Waldschachen her, wo sie angestiegen, noch munter lachen gehört. Es -müßten lustige Leute dabei sein, und über Studenten stehe einmal nichts -auf. - -Als einst bei Serajewo der Arzt dem Hauptmann Fortner mitgeteilt, -daß er sich für alle Zukunft mit einem einzigen Beine werde behelfen -müssen, war ihm ein wenig weh geworden ums Herz. Aber so nicht wie -jetzt, so weh nicht wie jetzt. Der Zeiger der Uhr stand auf sechs, noch -fünfzehn Stunden oder länger, bis sie wieder da sein wird. Mißmutig -suchte er sein Holzbein anzuschnallen, es wollte nicht recht gehen, die -Kindsfrau machte sich erbötig, ihm dabei zu helfen, er wies sie fast -unwirsch zurück zum Knaben und bediente sich zur Not allein. - -Im Laufe desselben Vormittags, als der Hauptmann unter der Linde saß, -kam der Fleischerknecht mit dem großen Hunde des Weges; ein Kalb wurde -herangezerrt und gehetzt. Der Hund sprang hinten drein, bald links, -bald rechts, bellte heftig und tat, als ob er dem Kalb in die Beine -schnappen wollte, so oft es sich weigerte zu gehen. - -»Mylord, setz ab!« rief der Bursche dem Treibhund zu; da stellte -dieser augenblicklich seine Arbeit ein und der Fleischer band den -lockergewordenen Strick sorgfältig um den Hals des Tieres. - -»Die Schwabengeher werden schon hoch oben sein!« rief er so nebenbei -dem Hauptmann zu. - -»Hast du sie gesehen?« - -»Bei der zweiten Fölzbrücke sind sie mir begegnet,« berichtete der -Bursche, »sind ihrer aber nicht mehr alle. Der Herr Leutnant hat in der -Hütte zurückbleiben müssen.« - -»Mein Schwager?« - -»Hat sich beim Zaunstiegel den Fuß so stark verstaucht, daß es aus war.« - -»Ist doch meine Frau bei ihm geblieben?« fragte der Hauptmann. - -»Die Geißer-Gretel gibt ihm Umschläge.« - -»Und meine Frau?« - -»Sie werden jetzt schon hoch oben sein. -- Na, vorwärts. Pack an, -Mylord!« - -Unter Gekläffe trappelte es weiter, und der Hauptmann blieb an der -Linde zurück. Aber er war aufgestanden. Vor allem ließ er einen Wagen -einspannen und fuhr zur Hütte in der Fölz. Dem Herrn Leutnant ging's -nicht am schlimmsten, er war schon wieder davon, aber nicht auf den -Hochschwab, sondern, wie ein Halter schmunzelnd dartat, in die untere -Fölzsteinalm, wo die kraushaarige Geißer-Gretel ihre Ziegen hütete. - -Im Herzen des Hauptmanns wütete ein heißer Zorn. Er machte allen -Ernstes den Versuch, das Gebirge hinanzuklettern, es ging nicht. Er -fuhr zurück ins breite Tal, und auf einer Anhöhe stieg er aus und -starrte hin in die Wände. Die Wände waren hoch und ätherblau, die -Spitze des Gebirges, die weit dahinter lag, war nicht einmal seinem -Auge erreichbar. Wenn er an die Beschwerden dachte, die von den -Touristen etwa zu überwinden waren, als hartes Klettern, Sonnenbrand, -Durst, Sturm, Frost, Erschöpfung, da wurde ihm leicht und tröstlich; -wenn er sich aber vorstellte, wie sie auf grünen Matten rasteten, -oder in Felsnischen saßen, aßen, tranken, scherzten, da wollte er -vergehen vor Qual. Am Nachmittage suchte er bei seinem Kinde Linderung -des Gemütszustandes. Der Knabe war im dritten Lebensjahre und trieb -allerlei Ergötzlichkeit mit seinen hölzernen, rot angestrichenen -Türken, mit seinen kleinen Zehen, mit des Vaters Schnurrbart und Nase, -der Vater scherzte überlaut mit dem Kinde, blickte dabei immerfort auf -die Uhr, die es heute so gar nicht vorwärts brachte. - -»Papa!« sagte der Kleine plötzlich, »werden die Studenten Mama wieder -zurückbringen?« - -Gegend Abend stand er immer nur am Fenster. So oft er auf der Gasse -Schritte oder einen Wagen hörte, steigerte sich seine Spannung. Zum -Nachtmahl bestellte er ihr Lieblingsgericht, Forellen mit Artischocken. -Es ward neun Uhr, es ward zehn Uhr, sie kam nicht. Die Nacht war -finster und schwül, manchmal leuchtete ein matter Blitzschein auf. Der -Hauptmann legte sich zu Bette, aber als der Tag anbrach, hatte er noch -kein Auge geschlossen. Am Vormittage stellte sich sein Schwager Hans -ein, der sehr aufgeweckt war und versicherte, daß sein Fehltritt über -die Zaunstiegel sich schon wieder bekehrt habe. - -»Zum Teufel, wer kümmert sich um deinen Fehltritt!« rief der Hauptmann, -»wo meine Frau ist, will ich wissen.« - -»Sind sie noch nicht da?« fragte der Leutnant überrascht. »Also müssen -sie in den Fölzerhütten übernachtet haben.« - -»Mensch!« sagte der Hauptmann und umklammerte mit ehernen Fingern den -Arm des Schwagers, »Mensch, hast du denn wirklich keinen Hauch einer -Ahnung von dem, was Frauenehre ist!« - -»Mit solchen Begriffen, lieber Freund, plagt sie sich selber nicht,« -antwortete Schwager Hans. »Bei Hirtinnen nimmt man's nicht so genau.« - -»Und was man so Ritterlichkeit nennt unter Brüdern,« sagte der -Hauptmann mit niedergedämpfter Wut. »Du hast dich zum Begleiter meiner -Frau, deiner Schwester, gemacht und hast sie fremden jungen Männern -überantwortet. Die einzige Dame mit Studenten auf einer Bergpartie, in -Alpenhütten ... Man muß Sägespäne im Kopfe haben ...« - -»Na, erlaube mir!« fuhr der Leutnant auf, »in diesem Tone lasse ich von -meiner Schwester nicht sprechen!« - -»Den Spieß umkehren! Auch gut!« rief der Hauptmann seiner nicht mehr -mächtig. »Kuppler!« - -Der Leutnant schoß auf dieses Wort wie von einer Feder geschleudert in -die Luft. In demselben Augenblicke erhoben sich vor dem Hause fröhliche -Stimmen. Die Touristen waren da. Keine allzugroße Müdigkeit sah man -ihnen an, sie waren fröhlich und die junge Frau Hauptmännin war trotz -der Schäden, die sie an ihrer Kleidung trug, lustig bis an die Grenze -der Ausgelassenheit. Die jungen Herren verabschiedeten sich vor der -Tür von der Frau, die sie noch an ein Versprechen erinnerte, bei einer -nächsten Partie wieder ihre Kameraden zu sein. - -Warum gehen sie heute nicht ins Haus, die jungen Herren? Warum treten -sie ihm heute nicht unter die Augen? - -Hauptmann Fortner hatte sich zurückgezogen auf seine Stube, er hätte es -gerne gesehen, wie sich seine Frau beim Wiedersehen des Kindes benahm, -er hätte gerne erfahren, ob sie nicht Ungeduld habe, den Gatten zu -begrüßen. Sie kam aber nicht, sie zog in ihrem Gemache das zerfahrene -Gewand aus, sie zog einen Sonntagsstaat an und machte sorgfältig Putz. -Endlich hielt er es nicht mehr aus, er trat bei ihr ein und fragte -kurz: »Was wird denn heute noch sein?« - -»Warum?« fragte sie, wie über seine Frage befremdet. - -»Bekommen wir Besuch, oder machst du welchen?« - -»Ah, du meinst, weil ich ein frisches Kleid angezogen habe? Mein Gott, -soll ich nicht mehr ein anständiges Gewand am Leibe tragen?« - -Trotzig? Wie? Auch die dreht den Spieß um, dachte der Hauptmann, aber -das wird mich nicht irremachen. - -»Emma,« sagte er mit Aufwand aller Fassung, »du scheinst von mir -Vorwürfe zu befürchten, weil du mir mit den deinen zuvorkommen willst.« - -Alsogleich richtete sie sich auf und fragte: »Wieso?« - -»Sei ganz unbesorgt,« entgegnete er, »Vorwürfe werde ich dir nicht -machen. Aber das wirst du dir merken: heute bist du das letztemal mit -fremden Leuten auf einer Landpartie gewesen.« - -Sie blickte ihn betroffen an. - -»Außer in meiner Gesellschaft wirst du keinen Fuß mehr in die Welt -setzen.« - -»Deine Gefangene also,« entgegnete sie. »Es ist wohl ein Verbrechen, -auf den Berg zu steigen. Es geht zwar alles hinauf, nur die Philister -nicht. Und die Krüppel nicht. Ich will mein junges Leben --« - -»Kein Wort mehr! -- Du hast weder Takt noch --« Er sprach das Wort -nicht aus. - -Sie war still. Mit einer Handarbeit machte sie sich zu schaffen. - -»Ich werde keine Landpartie mehr machen,« schluchzte sie in ihr -Spitzentuch hinein. »Ich will vergessen, was das ist, auf einem Berg -zu sein. Ich werde zu Hause bleiben. Das werde ich tun, ich verspreche -es.« Und sie weinte kläglich. - -Er verließ ihr Zimmer, denn lange wäre es ihm nicht möglich gewesen, -fest zu bleiben. -- - -Seit diesem Tage war es schon eine Weile her. Der Schwager Hans hatte -anfangs fast Duellgedanken gehegt, sich endlich aber dafür entschieden, -nicht mehr in das Haus des Hauptmanns zu gehen, solange dieser ihn -nicht ausdrücklich zu sich bitte. Der Hauptmann bat ihn aber nicht -zu sich. Sein Verhältnis zur Frau war äußerlich wie früher. Von der -Alpenpartie war nicht ein Sterbenswörtchen mehr gesprochen worden. -Nur der Kindsfrau war eines Tages eine anzügliche Bemerkung über -die schönen Studenten entschlüpft, das kostete ihr den Dienst. Der -Hauptmann zahlte ihr auf der Stelle den Monatslohn aus und sie war -entlassen. Frau Emma war seit jenem Tage in der Tat nicht hundert -Schritte vom Hause fortgegangen. Sie saß immer, auch beim schönsten -Sommersonnenschein, in ihrem Zimmer oder im Hofraum neben dem -Hühnerstall und stickte altdeutsche Zieraten in Tisch- oder Bettwäsche. - -Anders der Hauptmann. Ob heller Sonnenschein den weiten Talkessel -füllte bis zum Überschäumen, oder ob schwere Wolken über dem Tale -lagen, wie ein eherner Deckel mit Arabesken, den Hauptmann zog's -hinaus. Mit mühseligem Schritte ging's voran, aber sein Antlitz war -erfüllt von Naturfreude, und sein Auge war offen für alle Vorgänge -in Flur und Wald und Wasser und Stein und am hohen Himmel. Dann saß -er am Feldrain und blickte hinaus in das Bergrund, dessen Linien mit -einem Ätherhauche sanft verschleiert waren, so daß die Felshäupter -und Almkuppen doppelt weit entfernt und doppelt hoch erschienen. -Und der Grund des Tales lag da wie ein Schachbrett mit den durch -graue Holzzäune geteilten Quadratchen seiner grasgrünen Wiesen und -strohgelben Felder; darauf die Figuren der Höfe und Baumgruppen und -der alten Burg, die auf einem Felskopfe stand. In der Sohle Tiefe lag -eine weiße, stellenweise breit auseinanderquellende Sandriesel, in der -sich jetzt ein winziges Bächlein schlängelte, fast verschmachtend wie -eine Forelle auf dem Trockenen. Der Hauptmann freute sich an all der -Augenweide, aber in seine Freude klang leise, ganz leise ein Glöcklein -des Schmerzes. -- Dann humpelte er durch das feuchte Dunkel des Waldes, -wo der Hauch der Germen und der Genzianen und der Zyklamen war. Was das -Herz frisch wurde mitten in diesem ungeheuren Neste des Lebens! Doch, -das Glöcklein in ihm klang fort, leise, aber immer und immer. -- Wäre -ich nicht allein! so quoll es einmal hervor zwischen seinen Lippen, -denn im Grunde erträgt ein reges Herz die Freude nicht weniger schwer -allein, als das Leid. Und die Natur, wenn sie in ihrer allebendigen -Stille unter uns, über uns daliegt, um uns webt und leuchtet, eine -ewige Harmonie der Kräfte auf der Wage unendlicher Räume, nur zum -kleinsten Teil wahrgenommen, erfaßt von unseren Sinnen -- sie wirkt -schier beklemmend auf die Seele. Unsere Glücksahnung und Wohlempfindung -darüber, daß wir ein Teilchen dieser vollkommenen, unzerstörbaren, -unendlichen Größe sind, wird getrübt durch das Bewußtsein, daß es -unmöglich ist, das Ganze, zu dem wir gehören, zu überschauen und zu -begreifen. Uns beginnt zu bangen vor den allewigen Gewalten, so sehr -ihre Erscheinungen unsere Sinne auch entzücken mögen, und wir fliehen -zu geliebten Menschen, bergen unser zitterndes Herz an einer fühlenden -Brust. - -Etwas unstet stolperte unser Hauptmann dahin, wenn solche Gedanken -und Empfindungen ihn bewegten. Da war es auch, daß er am See stand. -Er setzte sich auf einen stumpfkantigen Stein, der von der Felswand -niedergebrochen war und schaute hin auf die glatte Tafel, die -mittendurch einen Sprung hatte, der eine Teil war der tiefschwarze -Spiegel des Fichtenwaldes, der andere des lichten Himmels. Wie -freundlich und wie kurz ist der Weg zu allen diesen Schönheiten, und -wie leicht ist er zu gehen; ein wahrer Genuß für den, der gesunde -Füße hat. Und doch ist niemand da, und die Bäume und die Steine und -die rieselnden Ufer sind einsam, und der Mensch, der hier sitzt und -hinausschaut ... Muß man denn immer voller Mühe und Gefahr und anderen -Args hoch hinaufsteigen ins tote Gestein? Ist die Schönheit denn nicht -am schönsten, wenn man mitten in ihrem urheiligen Wehen und Weben -steht? -- Sie weiß es nur nicht, wie leicht sie das alles haben könnte, -und sie sitzt zwischen Mauern wie eine Gefangene. - -Eines Tages hielt er es nicht mehr aus. Mitten aus der -stimmungsvollsten Landschaft ging er fast zornig fort und nach Hause. -Seine Frau saß im Hofe, neben der Scheunenstiege auf einem Sockel und -stickte. Nach drei Seiten waren die Mauern, an deren Ecken Strohhalme -wirr niederhingen und Spinnenweben klebten. Die vierte Seite war von -einem Holztore geschlossen, über das ein Stückchen Himmel hereinblaute. -Emma wollte nicht einmal dieses kümmerliche Stück Ätherblau sehen, sie -schaute auf ihre Arbeit und stickte. Die Magd fegte mit einem Besen -den Hof aus, der Staub umwirbelte die Frauengestalt; sie hüstelte und -kehrte sich nicht daran. Also trat der Hauptmann an sie heran und sagte -mit freundlicher Stimme: »Emma, heute sollten wir doch zusammen einen -kleinen Spaziergang unternehmen. Es ist zu himmlisch draußen. Komm!« - -Sie bückte sich nach einer Nabel, die aber gar nicht hinabgefallen war, -und antwortete ganz leichthin: »Nein, ich bleibe zu Hause.« - -Er schwieg und ging allein wieder hinaus. Am nächsten Tage nahm er -seinen Knaben mit, der aber hockte mitten auf der sonnigen Straße hin -und beschäftigte sich mit Steinchen und Käfern und der Hauptmann blieb -doch allein mit seiner Freude an der großen landschaftlichen Natur und -mit seinem Drange, sie mit einem lieben Menschen teilen zu können. -- - -So war es in diesem Sommer und so war es im nächsten Sommer. Der -Hauptmann ging allein und mühselig in der Gegend umher und Frau Emma -saß daheim in den engen Mauern ihres Hauses. Sie sagte kein Wort davon, -daß sie auch einmal hinaus möchte. In unbewachten Stunden aber war -zum Fenster hinaus ihr Auge sehnsuchtsvoll gerichtet nach den Zinnen -des Hochschwab, die über den Waldungen niederleuchteten. Da trat der -Hauptmann wieder einmal zu ihr hin und sagte: »Liebes Kind, wenn du -wüßtest, wie schön es ist da draußen auf dem Feldpfade, da drüben im -Walde, am See!« - -»Ja, ich kann mir's denken,« sagte sie und stickte. - -»Auch dieser Sommer wird bald dahin sein,« fuhr er fort, »und du hast -wieder nichts gehabt vom Landleben.« - -»Ich bin ganz zufrieden hier im Hause,« war ihre Antwort. - -»Aber es wäre so nett, wenn wir säßen da oben unter dem Ahorn und ins -weite Tal hinausschauten und plauderten, und Fritz spielte neben uns im -Grase oder sammelte Beeren.« - -»Nimm ihn nur mit,« sagte sie, ohne aufzublicken. »Ich warte, bis er so -groß ist, daß man mit ihm Alpenpartien machen kann.« - -»Muß es denn gerade eine Alpenpartie sein?« fragte er, sogleich -ärgerlich. - -»Das muß es nicht,« sprach sie, »darum sage ich ja, daß ich zu Hause -bleibe.« - -Also ging er wieder allein davon. Dieser Sommer war besonders einladend -zu Spaziergängen. Die morgendlichen Wiesen voll Taues, die mittägigen -Wälder voll Blumenduftes und Schmetterlingsgegaukel, die abendlichen -Schluchten voller Lichtspiele. Und die Vollmondnächte mit ihrem -stillen, fast überirdischen Zauber -- dem einsamen Menschen wurde immer -nur weh' im Herzen. Blumen pflückte er, Waldfrüchte sammelte er und -brachte sie heim seinem Weibe. - -»Ah, wie hübsch!« sagte sie, »danke dir!« legte den Strauß neben sich -hin und stickte. - -Einmal brachte er sie bis zum Baumgarten. Sie saß unter einem Apfelbaum -und arbeitete. Manchen kurzen Blick tat sie hinaus zwischen den -schlanken Stämmen und dem luftigen Laub in die freie, mit silberigem -Duft gesättigte Gegend, er merkte ihr an, wie wohl ihr war und sein -Entzücken darüber, er vermochte es nicht zurückzuhalten. - -Da sagte Frau Emma plötzlich: »Ich glaube es wird kühl,« raffte ihre -Sachen zusammen und ging hinab zum Hause. - -So war es Sommer für Sommer. Frau Emma saß in ihrem Zimmer oder im -Hofe, der Hauptmann strich mit seinem Stelzfuße über die Matten, über -sonniges Heideland, in schattenfrische Gründe. Fritz wuchs heran, ward -ein aufgeweckter Junge, blieb aber, wenn er auf den Schulferien zu -Hause war, weder bei der stickenden Mutter in der Stube, noch ging er -mit dem beschaulichen Vater. Er suchte Kameraden, mit denen er auf die -Bäume kletterte, auf hohen Stelzen gehen, in den Bächen Krebse fangen -und andere Knabenlust hegen konnte. - -Zehn Jahre war er alt, als eines Tages seine Mutter zu ihm sagte: »Daß -du doch den ganzen Tag herumlaufen kannst! Wirst du denn nicht müde?« - -Der Junge blickte sie verwundert an; müde sein, er wußte nicht, was das -wäre. Noch am Abende wollte er nicht ins Bett, aber als er endlich drin -lag, schlief er auch schon. - -»Wenn du gar nicht müde wirst, so kannst ja mit mir einmal auf den -Hochschwab gehen!« sagte die Mutter. - -Da jubelte Fritz auf, klatschte in die Hände, hüpfte vor Freude auf -einem einzigen Fuß herum und jauchzte: »Auf den Hochschwab! Auf den -Hochschwab!« - -Darüber freute sich nun auch der Hauptmann. Zwar äußerte er anfangs -einiges Bedenken, das aber gründlich niedergeschlagen wurde. Sie würden -sich einen Führer nehmen, wenn es sein müsse, übrigens wisse sie -- -Frau Emma -- auf den Bergen wohl Bescheid. Die Vorstellung, daß seine -zwei liebsten Menschen den großartigen Naturgenuß haben würden und er -selbst sozusagen durch die Augen seines Weibes und seines Kindes die -Welt wieder einmal vom hohen Berge aus anschauen könne, trug in dem -Hauptmann den Sieg davon. Er versorgte sie mit allem Notwendigen und -ließ sie gehen. - -Und in einer kalten Tagesfrühe, als der Morgenstern aufstieg über den -Bergen des Mürztales, verließen Mutter und Sohn das Haus. Ein Träger -ging mit ihnen, der jedoch nach einigen Stunden überflüssig wurde, -denn als sie auf den Höhen waren, hatten sie den Mundvorrat zum Teile -aufgezehrt und die Überkleider angezogen. Was gab es da noch viel zu -tragen! Die Frau nahm die Ledertasche an sich und schickte den Träger -zurück. - -Hauptmann Fortner saß wieder auf seiner kleinen Anhöhe, blickte zum -Hochschwab empor wie einst, und dachte seinem Weibe nach wie einst. -Aber heute nicht mit Trauer, sondern mit frohem Stolze. War doch er -selbst bei ihr in seinem frischen, tapferen Söhnlein; an Seite dieses -Ritters wußte er sie gerne. Und auf den Träger und Führer konnte man -sich wohl auch verlassen. Also saß er da den lieben langen Tag über -und genoß die Alpenherrlichkeit, als wäre er oben mit seinen lieben -zwei Menschen. Am Abende wollte er ihnen dann entgegenfahren durch das -Hochtal, denn die Rückkehr war noch für denselben Tag bestimmt. Aber -am Mittage kam der Führer zurück und berichtete, sie wären allein oben -und hätten ihn zurückgejagt. Für das erste kam jetzt ein Donnerwetter -über den Mann, der seine ihm Anvertrauten verlassen hatte; dieser -aber entgegnete, er hätte gemeint, den Weibern müsse man ihren Willen -lassen. Und sie würden ja gar nicht auf die Spitze des Schwab wollen, -sondern sich wahrscheinlich auf die grüne Alm hingelegt haben. Auch -habe er andere junge Leute oben gesehen, die Kohlröslein und Edelweiß -gesucht. Gegen Abend würden alle wohlbehalten wieder herabkommen. -- -Für das zweite ließ der Hauptmann sofort einspannen und fuhr durch das -Hochtal hinauf, soweit der Weg fahrbar war. Als dieser in einer breiten -Sandhalde sich verlor, stieg der Hauptmann, aus und wollte es mit der -Krücke versuchen, emporzusteigen. Da kamen sie herab. Einige Knaben -waren es, Hirten und Bauernjungen, und mit ihnen auch der Fritz. - -»Seid ihr da?« rief ihnen der Hauptmann entgegen. - -»Ich will nicht fahren, Papa!« schrie Fritz, »wir wollen zu Fuß gehen -und Krebse fangen. Ich bin gar nicht müde.« - -»Wo ist die Mutter?« fragte er. - -Da stutzte der Junge. - -»Mama wird ja voraus sein,« sagte Fritz. »Der,« er deutete auf einen -anderen Knaben, »der hat gesagt, daß sie voraus ist.« - -Hierauf erzählte Fritz: Als sie oben an den Felsen gewesen, habe er -die Knaben gesehen, die im Gewände Blumen gesucht hätten. Er habe sie -gekannt und sei zu ihnen hingelaufen, und sie hätten einen Hut voll -schöner Rosen gefunden. Dann sei ein anderer Bub gekommen und habe -gesagt, Mama wäre wohl schon hinabgestiegen, und dann wären sie auch -eilends hinabgegangen. -- So war der Junge nun da und die Mutter nicht -mit ihm. Dem Hauptmann ging es kalt wie Stahl ins Leben. Da er gesehen, -daß es für ihn unmöglich war, hinanzuklettern, fuhr er eilends zurück -ins Tal und bot Leute auf, sein Weib zu suchen. Am späten Abend stiegen -sie an, aber am nächsten Morgen waren sie noch nicht zurück. Fritz -schlief in derselben Nacht so fest und süß, daß in dem verzweifelten -Vater ein Haßgefühl erwachte gegen sein eigen Kind, das so sorglos und -leichtsinnig sein konnte, die Mutter auf wildem Berg zu verlassen und -dann daheim im Federbette gottlos ruhig zu schlafen. - -Am nächsten Mittag war noch niemand zurück. Am darauffolgenden Abende -kam einer der suchenden Männer, um zu fragen, ob sie nicht etwa doch -schon zu Hause sei. - -»Unseliges Kind!« rief der Hauptmann, den Knaben rüttelnd, er wollte -ihn würgen und küssen zugleich. -- Unseliger Mann! so widerhallte -es dumpf in ihm. -- Denn die Ahnung war zur Vermutung, diese zur -Wahrscheinlichkeit, diese zur Gewißheit geworden: Sein Weib war -geflohen, entführt. Alles war angespielt gewesen, sie hatte den -arglosen Knaben im Gebirge wohl fortgeschickt, war von dem Buhlen -sicher schon erwartet worden unter den Wänden, war mit ihm jenseits in -die Gegend der Salza davongeeilt, nach dem Österreicherland, in die -weite Welt. Also endet's mit dieser Ehe ... - -Herr Hauptmann, wir bitten um Urlaub. Bevor wir das Schlimmste -annehmen, wollen wir uns doch selbst auf die Suche machen nach der Frau. - -Als Frau Emma den Träger zurückgeschickt hatte, stieg sie mit dem -Knaben munter die Matten an. Sie hatte Mühe, Fritz vorwärts zu -bringen, an jeder Blume, an jedem Käfer blieb er hängen. Nur das, was -greifbar, faßbar, fangbar und tragbar war, machte dem Knaben Lust, -alles andere war für ihn nicht da. Endlich kamen sie in das Gebiet -der Steine. In wuchtigen Blöcken, in sandigem Schutt, in starrenden -Wänden waren sie da. Ringsum steile, zerrissene Felsen. Sie waren in -ein Kar hinaufgegangen und in einen Hochkessel hineingekommen, wo kein -Halm und kein Zirm mehr stand -- alles kahl und starr. Sie kehrten -um, bogen um eine Wandrippe, und da war es, daß Fritz die Knaben sah -drüben am grasigen Hang zwischen Zirmbüschen und grauen Steinen. -»Gemsen! Gemsen!« hatten sie geschrien, da begann Fritz zu laufen und -zu klettern und in wenigen Minuten war er bei den Knaben. Die Mutter -freute sich anfangs, daß er Genossen gefunden, sie setzte sich auf -einen Stein um zu warten, bis sie herüberkämen vom Hang. Dann wollte -sie sich mit ihrem Jungen auf den weiteren Anstieg machen. Sie kamen -aber nicht, und als die Frau endlich aufstand, um über den Zirmbusch -hinüberzuschauen, waren sie nicht mehr zu sehen. - -Nun begann sie zu rufen nach dem Fritz. Die Rufe schlugen an die -Felsen. Der Knabe kam nicht und war nicht zu sehen und nicht zu hören. -Jetzt begann ihr plötzlich bange zu werden. Sie hub an, zwischen dem -Gezirm hinzuhuschen, mit Händen und Füßen über Felsklötze zu klettern, -in großen Sprüngen von Stein zu Stein zu setzen. Sie kam an den grünen -Hang, wo früher die Knaben zu sehen gewesen, sie sah und hörte keinen. -Sie blickte in die Tiefe, wo es wie ein dunkelgrüner See lag, es war -ein Zirmschachen; nirgends ein Mensch. Sie kletterte anwärts in einer -steinernen Runse, wohin konnten sie anders sein, als da hinauf, denn -an beiden Seiten waren die Wände. Sie kam in eine Wandfalte hinein, -in der Schutt und Schnee lag: auf dem Schnee war keine Spur eines -Menschenfußes. Jetzt suchte sie zu einem Felsrücken hinanzuklettern, -um weiteren Blick zu gewinnen. Aber als sie auf dem Grate stand, war -vor ihr ein zweites Grat, das noch schärfer hervorsprang und ihr also -wieder die Aussicht deckte. Sie kroch über die breite steile Runse auf -allen Vieren quer hinüber, sie arbeitete sich empor an den starren -Felsrücken. Der Blick war jetzt frei in ein tiefes Felsental, an beiden -Seiten finster ansteigendes Gewände, auf den Zinnen Nebel, in den -Tiefen Schatten. Hart vor den Füßen der Frau ein schwindelerregender -Abgrund. Und von ihrem Fritz keine Spur. Schon bluteten ihr Hände, Füße -und Knie, aber keine Müdigkeit. Sie wollte den Weg, den sie gekommen -zurückeilen, verlor aber die Richtung. Sie kam an eine Stelle, wo noch -ein kleiner Vorsprung war, dann aber der Grund, auf den man einen Fuß -stellen konnte, jäh aufhörte. Sie wollte zurück, sah aber, daß sie aus -einem Abgrund heraufgeklettert, an dem der Rückweg unmöglich war. Nun, -da stand sie oben. Wie in der Kirche ein Heiliger an der Wand, so stand -sie da oben, konnte nicht weiter. Alle Glieder zitterten ihr, auf der -Stirn kalter Schweiß, blaue Flammen, rote Funken vor den Augen, sie -sank hin aufs scharfe Gestein. - -Als Frau Emma wieder wach wurde, wußte sie nicht, wo sie war, glaubte -zu träumen, griff mit der Hand nach links, nach rechts, um ihr -Bettgewand zu tasten. Kaltes feuchtes Gestein. Jetzt besann sie -sich mit heißem Schreck ihrer Lage. Ringsum Nacht, am Himmel Sterne. -»Fritz!« schrie sie gellend. Er war nicht da. Sie sprang auf, um trotz -der Dunkelheit hinabzusteigen, sie glitt aus und rasch ging's in die -Tiefe. - -Als sie das zweitemal erwachte, loderte vor ihr ein Feuerbrand. Die -Sonne war emporgestiegen, Frau Emma lag in einem Zirmstrauch, halb -noch getragen von den buschigen Armen. Allmählich kam sie zu sich. Da -sah sie, es war alles verloren. Denn hier, wo sie lag, war seit der -Weltschöpfung kein menschlicher Fuß noch gestanden, es konnte an den -senkrechten Wänden keiner heran und keiner davon. Wie das hier alles -hübsch beisammen ist: zu Füßen das Grab für den Leib, zu Häupten der -Himmel für die Seele. Grausig schön standen die hohen Felsen ringsum -in Morgenglut und grausig einsam! -- Und dort draußen, weit hinter den -kahlen, niedrigen Riffen blaut das Waldland. Sanft und weich wie eine -Wiege liegt der Talkessel zwischen zahmen, waldigen Bergen. Frau Emma -hatte ihre Taschen ausgesucht nach Brotkrumen, denn der Mundvorrat -war unterwegs geblieben. Dann blickte sie empor die senkrechte Wand -über ihrem Haupte, ob nicht ein Striemlein Wassers herabrinne. Wie war -alles dürr! Sie wußte wohl, dieser lechzende, klebende Gaumen mit dem -widerlich bitteren Geschmack war der Anfang vom Sterben. -- O lieb -Gelände dort draußen mit den Auen, mit deinen heimlichen Wäldern! -Voller Leben! Voller Leben! Und ich konnte dich verschmähen, du -heiteres Paradies! -- Mein Mann! Wie hat er unzähligemale meine Hand -gefaßt! Jetzt kann ich diese treue Hand nicht mehr erreichen! Allein -ließ ich ihn wandeln zwischen Blumen und frischen Wäldern hin und mein -Sinn war steinernes Hochgebirge. Jetzt bin ich in dir, du furchtbare -tödliche Welt. Dort unten war Liebe, Freude, Glück in hundertfachen -Formen, ich habe alles versäumt. Verliebt in das Hochgebirge! Habe ich -nicht einmal damit geprahlt? Nun vergehe ich in dir. Mein Mann, mein -Kind, mein junges Leben! -- In solch herzversengenden Gedanken verging -Stunde um Stunde. Und als die Sonne hoch über den starren Zinnen stand, -und der Fels glühte und das verlassene Menschenherz im Verschmachten -war, da lebte das Auge noch einmal auf. Sind dort unten im Kar nicht -schwarze Punkte, die sich bewegen? Das bereits entfliehende Leben, -stürmisch drängt es wieder zurück ins Menschenwesen. Als ob nie eine -Müdigkeit, nie ein Verschmachten gewesen wäre, so erhebt sich das Weib -über dem Zirm und winkt mit dem weißen Tuche und ruft: »Hier! Hier! -Ferdinand!« Nicht mehr das Kind ruft sie, den Mann ruft sie, denn all -ihr Fühlen und Sehnen und Lieben ist zurückgekehrt zu ihm. Und ihre -einzige, alleinzige Erquickung zu dieser Stunde das Bewußtsein, daß sie -ihn nie betrogen. - -Was Menschen vermögen, wenn es gilt, einen der Ihren zu retten! Koste -es was es wolle, und wäre es ein Fürstentum. Und Wunder wirkt das -Gefühl der Zusammengehörigkeit, es überwindet die äußere starre, -herzlose Natur. -- Schon zu dämmern begann es, als die Stricke -geschleudert wurden von Fels zu Fels, von Kante zu Kante heran bis zum -Zirmstrauch, zur Felsenbrust, um ihr dieses verzagende Menschenleben -noch abzuringen. Bei Fackelschein wurde sie hinabgetragen und um -Mitternacht lag sie auf dem taufeuchten Rasen der Matte und schlief. -Und als wieder der Morgen dämmerte, lag sich das Ehepaar unter -krampfhaftem Schluchzen in den Armen und daneben in seinem Bettchen -schlief göttlich leichtsinnig der blühende Knabe. - -Also ist es geschehen und also hat Frau Emma erfahren, daß die -Waldberge besser und schöner sind, als die Felsen, und daß der Mann -verläßlicher ist als das Kind. Und dem Hauptmann ist es eingefallen, -daß es vielleicht nicht allemal gut ist für den Ehegatten, gleich das -Schlimmste zu befürchten, wenn die Frau aus seinem Bereiche tritt. - -Frau Emma ist nicht mehr auf den Hochschwab gegangen, weder mit -Studenten, noch mit ihrem Knaben. Sie ist an heiteren Sommertagen auch -nicht mehr in ihrem Zimmer gesessen oder im staubigen Hofraum. Arm -in Arm mit ihrem Manne, und gleichsam seine Krücke, ist sie gegangen -über die blumigen Auen, durch die grünen Wälder und entlang am stillen -blauen See. Ein Glück ist gekommen über beide, von dem sie in langen -Jahren keine Ahnung gehabt. Wenn sie im Tale so dahinwandelten, -mußte Frau Emma nur eins vermeiden -- den Blick auf das Gebirge des -Hochschwab. Denn wenn sie hinter den Waldkuppen die kahlen Felsriesen -aufragen sah, da wurde ihr übel. - - - - -Scheintod. - - -Bis zum Jahre 1869 lebte ich in der Residenz, wo ich an der technischen -Hochschule als Assistent im physikalischen Kabinett und später als -Professor tätig war. Im Jahre 1869 wurde ich zum Bürgerschuldirektor -im Landstädtchen B. ernannt. Im Vorfrühling des besagten Jahres -übersiedelte ich mit meiner Familie an den neuen Bestimmungsort. Meine -Familie bestand aus der Gattin, mit der ich im neunten Jahre vermählt -war, ferner aus zwei Kindern, einem Knaben von sieben und einem Mädchen -von sechs Jahren. In B. bezogen wir eine geräumige und freundliche -Wohnung und richteten uns fröhlich ein. Ich hatte mir in der Residenz -die nötigen physikalischen und chemischen Instrumente nebst einer -kleinen Sammlung von Mineralien, Schmetterlingen, Käfern und ähnlichen -Dingen erworben, wie sie jeder Schulmann besitzen soll. Ich stellte -diese Gegenstände in meinem geräumigen Arbeitszimmer auf; meine Gattin -schmückte die Fenster mit ihrem kleinen Herbarium und freute sich der -reinen Sonnenstrahlen, die hier nicht mehr von großstädtischem Staub -und Nebel zurückgehalten wurden, sondern hell und lieblich auf die -zarten Pflanzen und jungen Bäume fielen. - -Die Kinder ergötzten sich an dem Vogelgezwitscher vor den Fenstern, -hüpften um die Mutter, wenn sie emsig die neuen Verhältnisse ordnete, -sprangen in meinem Arbeitszimmer herum, waren stets geschäftig und -gelehrsam, und der Knabe versuchte manches Instrument, das ich in den -Stand setzte und einübte, auch zu handhaben, und zu seinem Jubel häufig -mit Erfolg. - -Am glücklichsten waren die Kinder, wenn wir die Elektrisiermaschine -spielen ließen, deren Strom uns durchzuckte und die Haare gegen Berg -trieb. Bald verstand es der Kleine, selbst die Batterie vorzubereiten -und das Experiment auszuführen. - -So waren wir alle recht heiter und ich ahnte nicht, welche Schrecken -und welcher Jammer in diesem Hause sobald über mich kommen sollten. - -Meine Gattin, von Natur aus etwas schwächlich und nervös, zuvor kaum -einmal aus der gewohnten Atmosphäre der Großstadt gekommen, fühlte sich -z. B. gleich in der ersten Zeit, wahrscheinlich infolge der schärferen -Luft und der häufig wechselnden Temperatur, angegriffen. Sie achtete -es nicht, bestellte, als der Schnee geschmolzen war, den kleinen -erworbenen Garten -- glücklich darüber, ihren Lieblingswunsch erfüllt -zu sehen und endlich einmal einen Hausgarten zu besitzen. Wie kurz war -ihre Freude! -- Am 18. März fiel sie plötzlich ein heftiges Fieber an, -am 19. konnte sie das Bett nicht mehr verlassen. In der ersten Zeit -ihrer Krankheit lag sie in steter Fieberhitze und zweimal in Delirium; -in der letzten Zeit war sie ruhiger, weil erschöpft, und oft lag sie -stundenlang in einem ohnmachtähnlichen Zustande. Von den beiden Ärzten -des Städtchens war fast immer einer am Bette der Kranken; am sechsten -Tage der Krankheit, als eine Art Krisis eingetreten zu sein schien, -telegraphierte ich an einen der berühmtesten Ärzte der Residenz, -Professor R. Dieser langte noch an demselben Tage ein; ein Konsilium -wurde abgehalten und als Resultat desselben mir bedeutet, daß ich mich -wohl für alle Fälle gefaßt machen müsse. - -Professor R. reiste wieder ab, nachdem er der Patientin ein -hoffnungsreiches und mir ein trostloses Wort zugeflüstert hatte. Ich -kam nicht vom Bette der Gattin; sie schlummerte zumeist, nur manchmal -schlug sie die Augen plötzlich wie erschreckt auf, blickte hastig um -sich, sah mich dann betrübt an, oder tat mir wohl auch den Gefallen, -ein wenig zu lächeln. Sie sagte mitunter einige Worte, die ganz -deutlich und verständig waren, und verfiel dann bald wieder in den -Schlummer. Ihre Gesichtsfarbe war sehr blaß geworden, nur bisweilen -waren rote Flecken auf ihre Wangen, auf ihre Stirn gehaucht. Der Puls -war auf 134 und 140 Schläge in der Minute. - -Die Kinder waren vom Krankenzimmer abgesondert; die Kranke fragte -mehrmals nach ihnen, ich gab ihr die besten Auskünfte über das -Wohlbefinden der Kleinen, und so beruhigte sie sich stets. - -Am 26. März in der Morgenstunde war's, als sie mit größerer -Entschiedenheit als sonst nach den Kleinen verlangte. Wir sagten, sie -schliefen noch. - -»So weckt sie auf!« sagte sie mit heller Stimme, »ich muß sterben und -will noch einmal meine Kinder sehen!« - -Mir fuhr das Wort wie ein Messer durch's Herz. - -Die Wärterin brachte die Kinder herein. - -»O, kommt, ihr armen Wesen!« rief ihnen die Mutter halb aufgerichtet -mit ausgestreckten Armen entgegen, »ihr habt keine Mutter, ihr lieben -Kinder, ihr lieben Kinder!« Sie herzte und küßte den Knaben, das -Mädchen und wieder den Knaben, und ein Tränenstrom ergoß sich über die -Wangen. - -Die Wärterin wollte die Kleinen wieder entfernen, allein die Kranke -wehrte sich dagegen, preßte das Mädchen an ihren Mund, den Knaben an -ihr Herz; mit sanfter Gewalt wollte man ihr sie entreißen, da rief sie -laut: »Ich lass' sie nicht, ich lass' sie nicht von mir! -- Jesus, -Maria und Josef!« Mit diesem Schrei sank sie zurück auf die Kissen. - -Wir stürzten um sie zusammen, sie war regungslos, ihr Auge war starr. -Die Pflegerin wollte ihr einen Taschenspiegel an den Mund halten, -wahrscheinlich, um die Atemlosigkeit zu bezeugen. Ich erinnere mich nur -noch, daß ich ihr den Spiegel aus der Hand schlug -- weiter weiß ich -nicht mehr, was in jener Stunde vorgegangen ist. -- - -Als ich wieder erwachte, saß ich im Lehnstuhl eines anderen Zimmers; -der Doktor stand neben mir und aus meinem entblößten Arm rieselte ein -Blutquell ins Becken. - -Der Aderlaß soll nötig gewesen sein. Bald besann ich mich auf alles, -was geschehen war, und verlangte nach meiner Frau. Sie hielten mich -zurück, versuchten mich zu trösten und vorzubereiten. - -»Lasset das,« sagte ich, »ich weiß ja, daß sie tot ist. Ich will auch -jetzt nicht zur ihr; lasset mich allein oder bringt die Kinder zu mir.« - -Sie ließen die Kinder herein. Diese erzählten mir sogleich mit -aufgeweckten Mienen, daß in meinem Arbeitszimmer Leute beschäftigt -seien, die Wände und die Kästen und die schönen Instrumente mit -schwarzen Tüchern zu verhängen. -- Von meinem Arbeitszimmer ging die -Tür in den Vorsaal, darum hatten sie es zur Aufbahrung der Toten -gewählt. - -Ein paar Freunde suchten mich zu einem Spaziergange in den Frühlingstag -zu bewegen. Ich fühlte das Bedürfnis, die Tote zu sehen und an ihrer -Bahre zu beten. Eben als ich eintrat, hatte sie der Totenbeschauer -verlassen; noch war die Leinwand zurückgeschlagen von ihrem Haupte. -Ich meinte, sie schlafe, ich wollte anfangs nicht glauben, daß sie tot -sei. Zubald nur sah ich die bläuliche Blässe ihrer Lippen, das starre, -gebrochene Auge zwischen den halbgeschlossenen Lidern; ich befühlte -ihre kalten, erstarrten, fast bleifarbigen Hände. - -Ich wankte aus dem Zimmer, aus dem Hause, ging hinaus vor die Stadt und -wandelte in halbbetäubtem Zustande. Spät gedachte ich meiner Kinder und -eilte meiner Wohnung zu. Die Kinder waren bereits zur Ruhe gebracht; -sie waren ja so früh geweckt worden. Dann waren sie an diesem Tage auch -viel im Freien und im Hause selbst herumgesprungen und hatten sich -manches Gegenstandes zum Spiele bemächtigt, der ihnen sonst versagt -gewesen war. Sie hatten keine eigentliche Aufsicht, waren sich selbst -überlassen, und so war dieser Tag ganz nach ihrem Geschmacke. Zwar -soll das Mädchen dem Brüderchen wohl einmal den Vorschlag gemacht -haben, in das schwarze Zimmer zu gehen und die Mutter zu wecken. Der -Knabe mochte den Vorschlag auch ausführen haben wollen, verweilte -jedoch am Mineralkästchen, an dem er das Tuch zurückzog und die -Steinchen auseinanderlegte. Gerade wollte sich der Kleine auch an den -elektrischen Apparat machen, um Funken zu erzeugen, wie er das wohl von -mir oft gesehen hatte -- als er aus dem Bahrzimmer entfernt wurde. - -Mir hat man das erst später erzählt, weil es für sich doch nicht -wichtig schien. - -Am andern Morgen war mein erster Gang wieder zur Bahre. Die Blumen, die -man in das Zimmer gestellt hatte, dufteten stark, die Lichter brannten -still -- an der Toten war keine Veränderung eingetreten; genau so, wie -gestern, war sie auch heute zu sehen; die Zeichen der Verwesung hatten -sich noch nicht eingestellt. Ich küßte ihre Stirn, dann kniete ich -nieder und zog -- wie es Sitte ist -- ihr den Brautring vom Finger. Als -das geschehen war, tauchte ich die kalte Hand wieder über ihre Brust -hin, auf der ein Kruzifix lag -- dann ging ich davon und mich in das -Unvermeidliche fügend, suchte ich so viel Ruhe und Kraft zu gewinnen, -um das Begräbnis anzuordnen. Sie hätten es auch ohne mich gemacht. Auf -dem Friedhofe war bereits das Grab fertig; der Schreiner zimmerte am -Sarge; der Singverein hielt die Probe der Trauerlieder ab und mehrere -Frauen des Städtchens sandten Kränze. - -Ich kehrte wieder zu meinem Hause zurück. Auf dem Betschemel vor der -Bahr kniete mancher Fremde, dem es wohl im Gesichte zu lesen war, daß -ihn nicht sowohl Teilnahme als vielmehr Neugierde hergeführt hatte. -Dann kamen andere, beteten, flüsterten oder fuhren sich mit dem -Sacktuch über die Augen, besprengten die Leiche mit geweihtem Wasser -und gingen wieder davon. Zuweilen war gar niemand zugegen, und aus der -geöffneten Tür starrte das Totenbild in den öden Vorsaal. - -Ich ging auch davon. Ich mied die Menschen und ging gegen den Wald und -dorthin, wo der Fluß über eine Wehr stürzte. Das Rauschen des Wassers -tat mir wohl. Ich lag stundenlang am Ufer. Dann fielen mir wieder meine -armen Kinder ein, die verlassen waren unter fremden Leuten in jenem -Hause, in dem die tote Mutter lag. - -Ich eilte heimwärts. Ich eilte über die Treppen zu meiner Wohnung -hinan. Kein Mensch war da; selbst die Magd war ausgegangen, um irgend -etwas zu holen. Es wären -- dachte ich -- wohl auch die Kinder mit -ihr. Ich nahte der offenen Tür, die zur Bahre führte, und sah es -bald, da drinnen war Unordnung angerichtet. Von der einen Wand, wo -in den Kästen die physikalischen Apparate standen, war der schwarze -Tuchverschlag herabgerissen. Einer der Kästen war geöffnet und die -Elektrisiermaschine stand auf dem Fußboden. Das Mädchen hockte dabei -und blickte besorgt auf seine Fingerchen. Der Knabe war zur Leiche -emporgeklettert und kicherte. Und was ich nun sah, das ist über alle -Beschreibung grauenhaft. Die Gesichtszüge der Toten zuckten und -verzerrten sich, sie schlug die Augen auf und ihre Lippen bebten wie im -Krampfe. - -Ich glaube, daß ich im ersten Momente, da ich diese Erscheinung sah, -über die Treppe hinabgestürzt bin und nach Hilfe gerufen habe. Sofort -aber kam mir der Gedanke, sie ist wieder erwacht. Ich eilte in das -Zimmer zurück. Das Mädchen auf dem Boden hielt die Maschine in Bewegung -und ich sah, wie von dieser die Drähte um die Hand der Toten gewunden -waren. Ich hörte das Knistern des elektrischen Stromes; der Knabe -lachte laut, als das Antlitz und endlich auch das Haupt der Mutter sich -mehr und mehr bewegte. - -Mein erstes war, daß ich die Bahrleuchter umstürzte, der Aufgebahrten -das Kruzifix von der Brust entfernte; dann riß ich sie empor, daß ihr -Haupt an meinem Busen zu lehnen kam. Jetzt eilten schon Leute herbei, -die vor Entsetzen aufschrien, mich für wahnsinnig hielten, bis sie an -der Totgeglaubten die Lebenszeichen sahen. - -Was nun folgte, weiß ich nicht; was in mir vorging, kann ich nicht -erzählen; fast war mir wirklich zumute, alles sei Blendwerk und ich -wäre in die Nacht des Wahnsinns gefallen. - -Als die Wiedererwachte dann in ihr, oder vielmehr in mein Bett gebracht -war, da man das ihre schon zerstört hatte, brachte mir ein Amtsbote ein -gefaltetes Stück Papier. Es kam aus der Sanitätskanzlei. Es war der -Totenschein meiner Gattin. - -Die Kinder hatten ihre scheintote Mutter durch den elektrischen Strom -zum Leben erweckt. Sie wurden nun ins Verhör genommen. Unbeaufsichtigt, -wie sie waren, hatten sie sich in das Bahrzimmer begeben, hatten, -unbekümmert um die Leiche, die Instrumente hervorgeholt, von welchen -sie gestern verscheucht worden waren, und gedachten heute besonders am -elektrischen Apparat, der stets der Gegenstand ihrer Wünsche gewesen -war, ihr Mütchen zu kühlen. Sie wußten das Ding nach dem, was sie von -mir gesehen haben mochten, trefflich in den Stand zu setzen. Anfangs -mußte das Mädchen die springenden Funken aushalten, und tat es so -lange, bis ihm die Fingerchen verbrannt waren. Hierauf belud sich -der Knabe selber so lange, bis ihm alle Haare zu Berge stiegen. Und -schließlich kam den Kindern der Einfall, die schlafende Mutter zu -elektrisieren. - -Noch vor Mitternacht dieses merkwürdigsten Tages meines Lebens war -nach vielen entsprechenden Mitteln und Maßregeln die Wiedererstandene -zu ihrem vollen Bewußtsein gekommen. Ihre Hände waren wieder weich, -ihr Auge war wieder lebendig und klar, doch blickte sie verwirrt. -Ich hätte ihr mögen an die Brust sinken und ihr die Wucht, welche in -meinem Gemüte lag, ausschütten; die Ärzte aber beschworen mich, jede -Aufregung zu vermeiden und es in allem ganz so zu halten, wie mit einem -gewöhnlichen Kranken. - -Nach Mitternacht verfiel sie in einen ruhigen Schlaf, aus dem sie gegen -Morgen wieder erwachte. Sie suchte mit den Augen mich, wendete sich ein -wenig zu mir und sagte: »Mein Freund, jetzt ist doch alles gut. Aber -das ist ein schwerer Traum gewesen; -- den möchte ich nicht ein zweites -Mal träumen!« Und hierauf erzählte sie, es sei ihr gewesen, als läge -sie auf der Bahre -- viele Stunden lang. Man habe Anstalten getroffen, -sie zu begraben, man habe schon den Sarg in das große Zimmer getragen; -sie habe die Lichter der Bahre gesehen, habe jedes Geräusch, jedes -Wort, das in der Nähe gesprochen wurde, ganz genau gehört, sei -aber nicht imstande gewesen, einen Laut oder auch nur das mindeste -Lebenszeichen von sich zu geben. Sie habe schon das gräßliche Geschick, -lebendig begraben zu werden, vor Augen gehabt. Am schrecklichsten -sei ihr das herzerschütternde Weinen ihres Gatten gewesen, der ihr -schließlich den Ehering vom Finger gezogen habe. -- Als sie dieses -erzählte, hob sie ihre Hand gegen das Auge und stieß den Schrei aus: -»Wo ist der Ring? Mein Gott, wo ist der Ring!« - -Wir selbst alle im tiefsten Herzen erschüttert, suchten sie zu -beruhigen, ihre Hand wäre in der Krankheit abgemagert, der Ring müsse -zufällig vom Finger geglitten sein und würde sich leicht finden. - -»O, nein, nein!« rief sie, »das ist kein Traum gewesen! Ich bin auf der -Bahre gelegen!« Und sie verbarg ihr Gesicht mit den Händen und verfiel -in ein solches Zittern und Beben, daß ihr ganzer Körper sich schüttelte -und wir sie mit kräftigen Armen im Bette niederhalten mußten. - -Die fürchterliche Aufregung, in der sie weinte, um Hilfe rief, mit -Gewalt von dem Lager wollte und laut betete, dauerte etwa eine Stunde -lang. Dann trat plötzlich die Abspannung ein. - -Noch an demselben Tage, fast genau vierundzwanzig Stunden nach ihrem -Erwachen aus dem Scheintode, ist sie gestorben. - -Wieder versuchten wir den elektrischen Strom, aber vergebens. Die -Geheimnisse der Natur sind unerforschlich; ich veranlaßte, daß noch -einmal die Kinder den elektrischen Strom sammelten und leiteten -- -vergebens; die Schläferin wachte nicht wieder auf. Wir legten sie nicht -mehr auf die Bahre, wir ließen sie auf dem Sterbebette ruhen, bis sich --- und das dauerte nicht lange -- die ersten Symptome der Verwesung -einstellten. - -Dann war das Begräbnis. - -Nicht in jenes Grab ließ ich sie senken, das bestimmt gewesen war, die -Scheintote aufzunehmen. Eine neue Stätte wurde ihr bereitet. - -Möge sie im Frieden ruhen! - - - - -In der Einsam. - - - »Liebe Schwester! - - Weil Du seit unserem Abschied, und das ist rund ein Jahr her, - keine Nachricht von mir bekommen hast, so wirst Du wohl denken, - daß ich nicht mehr am Leben bin. Und möchtest leicht recht - haben. Wunder wäre es keins. Wenn ich Dir nur gefolgt hätt', - wie Du abgeraten hast, jetzt weiß ich erst, was ich trotz allem - Unglück gehabt hab daheim. Zur selben Zeit hab ich's alleweil - nur besser haben wollen, jetzt möcht ich gar nichts mehr, wie - sterben, und wie damals so kann ich auch jetzt meinen Wunsch - nicht erreichen. Bei mir heißt's einzig nur warten und leiden, - ewig wird's wohl nicht dauern und wenn's einen Himmel gibt, und - ich komm einmal hinein, so verlang ich mir nicht mehr, als wie - meine Heimat und meine Leut. - - Das Land wo ich jetzt bin, heißt Brasilien und ein Vergleich - mit daheim ist wohl keiner zu machen. Ich mag gar nicht anheben - zu erzählen, wie anders es da ist. Ich tu in einer Sumpfgegend - Wassergräben graben seit einem halben Jahr und verdiene mir - dabei mehr Geld, als ich brauch, weil die Arbeit mein Liebstes - ist, daß ich nicht verzage, und nach Unterhaltung und Vergnügen - frag ich nimmer. Denk' Dir, meine gute Schwester, ich bin - allein. Meine liebe kleine Angerl ist nimmer bei mir und das - muß ich Dir erzählen, weil's mir noch immer 's Herz abdrucken - will. Ich schreib mich hart, aber wenn ich noch lange warten - tu, so kann ich gar nicht mehr, weil man hier die deutsche - Sprache vergißt. Lernt dafür auch keine andere, wenn man mit - keinem Menschen umgeht, wie sie da -- aber nit von der besseren - Gattung -- aus allen Ländern zusammenkommen. - - Aber das ist alles nichts. Das trifft andere auch so. Ich hab - mein eigenes Unglück, das für einen einzigen Menschen zu schwer - ist. Und doch hab ich schon tausendmal Gott gedankt, daß mein - Weib das nimmer erlebt hat. Freilich, wenn sie noch tät leben, - kunnt vieles anders sein, kunnten vielleicht gar noch in der - Heimat sein, allzwei mit dem Kind. Das weißt ja alles, nur von - unserem armen kleinen lieben Dirndel weißt Du's nicht. - - Ist es nicht gerade an ihrem achten Geburtstag gewesen, wie - wir von Triest abgereist sind? Du hättest sehen sollen, wie - sie in ihrem blauen Kattunröckel gehüpft ist und die Handeln - zusammengepatscht hat vor Freud: Nach Amerika! nach Amerika! - Wie sie in allem ihrer Mutter ähnlich gewesen ist, so hab ich - ja immer gesagt, die wachst auf zu meinem Trost und ist's auch - im fremden Land: wo dieses Kind bei mir ist, da bin ich daheim. - Also unterwegs. Viele haben die Seekrankheit bekommen, die - kleine Angerl immer pumperlgesund und voller Faxen, daß oft - ein Schock Matrosen umhergestanden ist auf dem Zwischendeck - und sich mit dem lustigen Kind unterhalten. Ernsthaft ist sie - nur worden am Abend, eh wir auf unseren Bündeln eingeschlafen - sind und sie ihr Gebet für die Mutter gebetet hat. Einmal, - wie ich drei Tage lang im Fieber bin gelegen, ist sie nit von - mir gewichen, hat mir alles so gut und so gescheit zugetragen - und versorgt wie eine Große -- ganz wie ihre Mutter, wenn ich - krank gewesen bin -- und hat mich mit ihrem lieben Plaudern - aufgeheitert und hat mir das Haar gekämmt mit den zarten - Fingerln und hat immer einmal ein schnelles Küssel getan auf - meine Stirn. Oft sind die Offiziere stehen geblieben und haben - uns betrachtet, und die kleine Angerl ist so der Liebling - geworden von allen, daß uns eine eigene Kammer angewiesen - worden ist, obschon ich nur fürs Zwischendeck gezahlt gehabt - hab. - - Aber für so ein rühriges Wesen, wie ein gesundes - achtjähriges Kind, ist ein Schiff viel zu klein; auf die - Leitern aus Strickwerk, wie es überall ausgespannt, ist sie - hinaufgeklettert, bin oft in Ängsten gewesen, es kunnt ihr - was geschehen; die Matrosen haben gelacht über den »kleinen - tapferen Kerl«, und schad, daß es kein Bub wär. So sind wir - schon vier Wochen auf dem Wasser gewesen, nichts als Wasser - und nichts als Wasser. Immer einmal in weiter Fern ein - Schiff, wunderselten der Streifen einer Insel, der aber bald - wieder vergangen ist. Die Stürme, die ich, wie Du weißt, so - gefürchtet, sind nicht arg gewesen, und mein kleins Mädel hat - immer hell gejauchzt, wenn sie Papierballen ins Meer geworfen - hat, die nachher aus den Wellen lustig auf und nieder gewuppt - sind. Oder hat sich gefreut über die Seemöven, die unserem - Schiff nachgeflogen, oder über die Delphine und andere Tiere, - die aus dem Wasser aufschnellen. Aber endlich, wenn alles ruhig - ist gewesen und immer das gleiche, immer das gleiche, da hat - das Mädel doch angefangen zu fragen: Vater, wann kommen wir - denn nach Amerika? - - Und da ist's gewesen, daß am Segelmast ein schweres Tau - gespannt wird. Es dröhnt und summt, so scharf wird es gespannt. - Da reißt es entzwei, schnellt auf das Deck nieder und trifft - mein kleines Dirndel am Kopf. Das tut einen kurzen Schrei, - taumelt hin, zu Boden -- und vorbei ist's gewesen. Ich - versteh's nit, wie ich das heut so ruhig ausschreiben kann. - - Meine liebe Schwester! Unsere kleine Angerl hat's getroffen. - Alles ist zusammengelaufen und der Schiffsarzt hat zwei Stunden - lang gearbeitet. Es ist umsonst gewesen. Wie ein weißes Engerl - ist sie dagelegen auf einem großen Bündel Garn, weiß bis in - den Mund hinein zu den weißen Zähnlein und die Augen halb - geschlossen und nichts mehr zu ihrem Vater, kein Hauch und kein - Blick. Kühl und immer kälter ist ihr Handerl geworden in der - meinen, bis sie mich endlich haben weggebracht -- weiß nit, was - dann gewesen ist. - - So viel weiß ich wohl, daß ich noch einmal gestanden bin - unter dem Mast und hingeschaut hab auf das gerissene Tau, das - mein Dirndel erschlagen hat und jetzt wie eine tote Schlange - dagelegen ist. Und hab umhergeschaut, auch auf die Garnbündel - hin -- und ist nit mehr dagewesen. Ins Meer habt ihr mir's - geworfen! soll ich geschrien haben und nachspringen wollen über - Bord. Sie haben mich gehalten und gesagt, mein Kind tät in der - Kabine liegen. Und ist's gelegen auf seinem Bett, und kalt und - das liebe Gesichtl ist schon fremd gewesen. Da hab ich wohl - dran glauben müssen. - - Und immer sind Leut um mich gestanden und all auf dem großen - Auswandererschiff haben mich gekannt und untereinander gesagt: - Das ist der Vater von dem erschlagenen Kind. - - Sonst ist es Brauch auf den Schiffen, daß man die Toten ins - Meer senkt, weil wir aber nicht gar weit von einer Insel - gewesen sind, hat der Kapitän angeordnet, daß dort mein - Dirndel sollt begraben werden. Auf einem Boot sind wir ans - Land gefahren, unser drei Mann mit der Angerl. Eingewickelt in - Segeltuch ist es gewesen und mit einem weißen Band umbunden, - und vorn an der Brust ein hölzernes Kreuzl geheftet, das eine - Auswandererfrau gespendet hat. So auf die fremde Insel. Es ist - eine kleine unbewohnte Insel gewesen und aus dem Sand stehen - ganz weiße Felszacken auf, die wir aus der Ferne für Segel - gehalten haben, aber es sind turmhohe Steinriffe wie in unseren - Alpen. Und hab ich auf der Insel eine Grabstatt gesucht für - mein Dirndl. Am Ufer ist Sand -- da nicht. Weiter hinten sind - die Bäume und Sträucher, die in diesen Gegenden wachsen, auch - schöne wilde Rosen -- hab ich schon wollen den Spaten einhauen, - und ringelt sich eine zischende Schlange an den Stiel, und hab - ich mir gedacht, da nicht. Vor den Schlangen hat sie immer so - arg Entsetzen gehabt. Bin ich weiter gegangen auf der Insel, - über Sand und Muschelboden und Steine und über das Geschlinge - der Pflanzen. Wilde Vögel hab ich pfeifen und andere Tiere - schreien gehört, oft ganz in der Nähe gröhlen wie Schweine, - aber keines gesehen. Und dieweilen die zwei Kameraden bei der - Angerl Wacht gehalten, bin ich die Felsen hinaufgestiegen und - hab gesucht nach einem Platzl, wo wir rasten könnten. Zwischen - drei oder vier Steinzinken ist so eine enge Stelle und da hab - ich angefangen zu graben in dem verwitterten Gestein. Ist einer - von den zweien heraufgekommen, hat mir wollen helfen. Nein, - laßt mich, ich mach das allein. Ganz warm und heil ist mir - worden bei dieser Arbeit, seit mein Weib in der Ewigkeit ist, - hab ich ja das Bettherrichten besorgt. Immer einmal hab ich - mich aufgerichtet, meine Ellbogen an den Spatenstiel gestützt, - hinausgeschaut auf das weite Meer und gedacht: Ist doch das - ein seltsames Geschäft, auf einer fremden Insel im Meer sein - Kind eingraben! -- Gegen Abend ist es fertig gewesen; schön - ist das Ding nicht worden, aber tief. Sie haben das Angerl - hinausgetragen und hinabgelegt und hab ich ihnen die Schaufel - aus der Hand genommen: zudecken wollt ich schon selber. Sie - möchten zurückgehen auf das Schiff und ich tät mich bei ihnen - und allen tausendmal bedanken für die christliche Lieb. Zum - Angerl hab ich keinen Abschied hinabgerufen, weil ich mich - daneben wollt niedersetzen auf einen Stein und sitzen bleiben, - so lang es Gottes Willen ist. Die zwei Kameraden sind aber - nicht von mir gegangen und ich sollt schnell machen, weil - das Schiff wollt weiterfahren. Auf mich braucht ihr nicht zu - warten, mein Verbleiben ist hier. Sie haben mir noch Zeit - gelassen, haben ein paar Vaterunser gebetet, haben mich nachher - an den Armen genommen, einer links und einer rechts, und - haben mich fortgeschleppt von meinem kleine Dirndel. Das ist - in der Einsam zurückgeblieben. Am Strand hab ich noch einmal - umgeschaut auf die weißen Felszacken; vom Schiff aus hab ich - noch einmal zurückgeschaut auf die Felsen, wo mein Kind ruht - ganz allein zwischen den Steinen und wilden Tieren und wie - es der Vater, mit dem es so freudig ist ausgezogen, treulos - verlassen hat -- allein auf dem Weltmeer. - - So, meine Schwester, hab ich's müssen erleben. Du bist ja - selbst Mutter, denk, es wäre Dein Kind. Denk's nit, Schwester, - es ist wie sieben Messer in der Brust. Zehnmal habe ich mich - hingesetzt, um Dir's zu schreiben, aber vor lauter Jammer nit - können. Jetzt klage ich nicht mehr, jetzt, wenn der Feiertag - kommt, setze ich mich auf einer Berghöhe nieder und schau - hinaus aufs Meer, nach der Gegend, wo jene Insel liegt. Santa - Maria haben sie die Matrosen geheißen, aber Du findest sie auf - keiner Karte, sie ist zu klein. Und ich kann sie von meinem - Berg aus nimmer und nimmer sehen, sie liegt viel hundert Meilen - weit im Meer. - - Von der Zeit nach dem Unglück weiß ich nicht viel zu sagen. Auf - dem Schiff bin ich krank geworden, nach Wochen ins Südamerika - gekommen. In der großen Stadt Rio de Janeiro, im Spital bin - ich achtzehn Wochen krank gelegen. Ein deutscher Kaufmann hat - sich um mich angenommen, bin nachher auf seiner Schiffsreede in - Arbeit gewesen, bis ich mit einem Kameraden aus Böhmen in die - Teichgräberei gekommen bin, wo jetzt mein Aufenthalt ist. Meine - Adresse ist zu machen an den Herrn Wilhelm Klinde, Kaufherr in - Rio de Janeiro, von dort bekomm ich den Brief schon, aber weiß - nicht, wie lang's mit mir so fortgeht. Ich hab halt vor, bei - einer guten Gelegenheit nach Santa Maria zu reisen, aber es - ist kein Schiff, das dahin geht und wenn eins nicht zufällig - dahin kommt, wie damals unser Auswandererschiff, so tun sie's - überhaupt nicht. Also schläft unser Angerl dort verlassen und - wenn es am Jüngsten Tag aufsteht, wird es wohl verwundert um - sich schauen, daß es allein ist. Mein Gott, solche Gedanken - sind hart. Vor etlichen Tagen sind es zweihundert Meter Länge - gewesen, was ich gegraben hab. Ist mein Führnehmen gewesen, - ich rast mich paar Tage aus. Aber es hat nicht sein können, so - hab ich alleweil ihre Stimme gehört: Vater, Vater! Kommst denn - gar nimmer zu mir, laßt mich ganz allein! Daß ich wieder zum - Arbeiten hab müssen anheben, wenn ich nicht verrückt werden - will. Denk mir oft, 's Beste wäre, so lange und ohne Aufhören - arbeiten, bis du hinfallst und nichts mehr weißt von der ganzen - Welt. Im Himmel wirst sie wohl finden. Aber, liebe Schwester, - ich bin halt nicht genug Christ, und kann's nimmer aus dem Kopf - bringen, daß das Angerl auf der Insel liegt mit Leib und Seel - und auf den Vater wartet. Und tausendmal bereue ich, daß ich - meines Kindes Grab verlassen hab. - - Jetzt hab ich Dir mein Kreuz geschrieben, helfen kann mir wohl - niemand. In andern Stücken geht's mir nit schlecht, aber das - ist alles nichts. Mein einziger Trost, daß alles einmal ein - Ende nimmt. Ich schließe mein Schreiben und sage: Gott zum - Gruß, liebe Schwester. Ich wünsche, daß es Dir gut soll gehen - in der lieben Heimat. - - Dein getreuer Bruder - - Mathias.« - -So lautet der Brief, der vor etwa drei Jahren eingelangt ist an die -Frau Johanna Loregger, Beamtensfrau im großen Eisenwerke Donawitz bei -Leoben. Was hat Frau Johanna bitterlich geweint um den armen Bruder -und das liebe kleine Angerl. Dann schrieb sie ihm einen Brief, daß -er heimkommen möchte. Im Eisenwerk fände er Arbeit gegen guten Lohn, -und sie, die Schwester, wolle ihm sein Kreuz tragen helfen. Da auf -diesen Brief keine Antwort kam, so schrieb sie ihm nach einem Jahre das -zweitemal und schickte ihm Reisegeld. Dasselbe kam nach fünf Monaten -zurück, mit dem Bescheid, daß Adressat nicht auffindbar sei. - -Da ließ Frau Johanna eine Messe lesen für seine arme Seele. Aber es war -nicht das Ende, plötzlich kam von Bruder Mathias wieder ein Brief. Gut -sah er nicht aus, dieser Brief. Er bestand aus verschiedenen zufälligen -Papierstücken, wie man sie findet, oder lange im Sack umherträgt. Mit -schlechtem Bleistift waren sie beschrieben und dann in einen gelben -halbsteifen Bogen eingeschlagen und mit einem schwarzen Bindfaden -zusammengebunden. Eine Freimarke trug der Brief nicht, hingegen eine -Menge Poststempel, weil der Name Steiermark zu unleserlich geschrieben -war. - -Und dieser Brief hat folgenden Wortlaut: - - »Auf Santa Maria. - - Eh' das Schiff abgeht, Schwester, will ich Dir noch paar Zeilen - schreiben. Werden wohl die letzten sein auf dieser Welt, - wollen uns nichts draus machen. Meinen Brief vorigen Jahres - wirst Du erhalten haben, wo ich Dir geschrieben, daß mir unser - Angerl auf der Reise verunglückt ist. Jetzt ist mein Wunsch - erfüllt. Ich bin bei meinem Dirndl. Mit dem Geld, was ich mir - hab' verdient in Brasilien, hab ich ein Boot mit sechs Matrosen - aufgenommen und sind zweiundzwanzig Tag gefahren. Gemeint hab - ich schon, sie wär nimmer zu finden, die liebe Insel Santa - Maria. Und weil auch schlechte Fahrt, so wollten die Matrosen - umkehren. Bin ich grob worden und sie müßten ihr Wort halten, - da haben sie mich ins Meer werfen wollen. Ich bitt noch um - Geduld für drei Tag. Es ist so um Weihnachten gewesen, aber - die Tage sind hier ganz anders und zum Christabend wollt' ich - bei meinem Kind sein. Und schau, dasmal hat mich Gott nit - verlassen, endlich sind die weißen Felsen aufgetaucht an der - Kimmung. Wie wenn ich auf die Heimatserden tät treten, so - ist mir gewesen, wie ich auf den Sand gestiegen bin. Meine - mancherlei Sachen auf dem Rücken, habe ich die Matrosen - abgelohnt und gesagt, sie möchten zurückfahren, oder hin, wohin - sie wollten, um mich hätten sie sich nimmer zu kümmern. - - Liebe Schwester, und dann bin ich landwärts gegangen über Sand - und Muscheln und über die Schlinggewächse hin den weißen Felsen - zu. Ich glaub, seit wir dazumal fort sind, ist kein Mensch - hier gewesen. Kein Menschenfuß, nur wilder Tiere Spur. Wie - dazumal, als ich sie allein gelassen, so still und ewig weit - ist der blaue Himmel. Ich steig schnell zwischen den Zacken - hinauf, als ob ich noch kommen müßt, eh sie aufwacht. Kann Dir - nit sagen, Schwester, wie glückselig mir ums Herz ist gewesen. - Jetzt komm ich zum Platzl hinauf und jetzt sitzt auf dem Grab - ein Tiger. Ein großer wilder, gefleckter Tiger sitzt auf dem - Grab meiner Angerl. Zuerst hat er den Kopf hingelegt gehabt - auf dem Boden, wie er mich wahrnimmt, hebt er ihn und glotzt - mich schreckbar an und setzt langsam die Tatze vor, als wollt - er aufspringen und mich zerreißen. Meine Pistole hab ich im - Bündel und kann sie nicht lösen; ist auch zu wenig für ein - solches Tier. Ein Glück, daß das Boot noch nicht fort ist, - so lauf ich hinab und sie möchten kommen und das wilde Tier - umbringen. Alsdann sind sie hinauf, der Tiger ist immer noch - gelegen auf dem Grab und einer hat den Revolver auf ihn dreimal - abgeschossen. Das Tier ist aufgesprungen, ein paarmal um die - Felszacke herumgeschlichen und dann jäh auf den Matrosen her. - Der wäre verloren gewesen, wenn nicht der zweite und der dritte - zuspringen und mit dem Tiger schaudervoll ringen tät, daß ich - gemeint, nimmer könnten wir uns erwehren. Selber über und über - blutend, haben sie ihn mit Messern endlich tot gestochen. - Ist gelegen auf dem steinigen Grab, die Steine ganz rot, und - hat seine Tatze hingelegt, als wollte er im Tod noch was - beschützen. Und ist's mir zu Sinn gekommen: Jetzt hast du ihren - getreuen Hüter umbringen lassen. Und hab ich ein grenzenloses - Herzleid gehabt, daß dieses Tier wegen seiner getreuen Wacht - hat sterben müssen. Unten im Sand wird es begraben, während ich - an seiner Stell auf dem Grab Dir diese Zeilen schreibe. Die - Matrosen werden den Brief mitnehmen und ich werd mich häuslich - einrichten auf dieser Insel bei meinem lieben Dirndel. Mir - ist so absonderlich, weiß nicht wie. Die Sachen, die ich mit - hab, werden eine Weil reichen, nachher will ich auf der Insel - Früchte suchen und Fische fangen und wie der Robinson, weißt - Du, von dem wir als Kinder das Buch gelesen haben, hausen, so - lang es Gott gefällt. Wie gut werd ich schon in der heutigen - Nacht schlafen bei ihrem Bett und auf einmal wird sie das - Handerl ausstrecken, mir um den Hals legen und sagen: Vater, - Vater! bist doch gekommen zu deinem Dirndel. - - Leb' wohl, liebe Schwester, und wenn Du einmal auf den Kirchhof - gehst, wo mein Weib ruht -- wir lassen sie grüßen. - - Mathias.« - - - - -Der Kammerdiener. - - -Der junge Mensch war allenthalben bekannt, hier und dort. Daß man -ihn aber auch irgendwo +kennen+ gelernt hätte, dazu blieb er nicht -lange genug auf einem Flecke. Er war hüben und er war drüben, und -immer hatte er ein schwarzes Tuchgewand an und über der Weste eine -goldene Uhrkette hängen, die mitunter ziemlich locker wog, es war eben -nicht stets dieselbe. Die Hemdkrägen waren nicht immer so weiß, als -sie zum schwarzen Anzuge gut gestanden wären, so daß es schien, der -junge Mann wechsle öfter die Uhrketten, denn die Wäsche. Wohl trug er -gerne gestreifte Hemden, denn wenn der Schmutz hübsch in Reihen und -Quadrätchen eingeteilt ist, so hat er auf das Auge doch immerhin eine -freundlichere Wirkung. Die Hauptaufmerksamkeit wendete der junge Mann -wohl seinem Haar zu, das war von Natur fast pechschwarz und immer so -fein gefettet und geglättet, daß es den Weibern als Toilettespiegel -hätte dienen können. - -Seine Eltern waren unbekannt; er selber soll, aus einem Dorfe an -der galizischen Grenze stammend, sich in einem Erziehungsinstitute -befunden haben, wo es ihm aber nicht gefiel, denn er floh daraus. Es -war jemand, der braverweise die Christenpflicht vorschützte, um dem -Drange seines Herzens genüge zu tun und den jungen Menschen nicht -versinken zu lassen. So wurde Julian wieder eingefangen und in ein -anderes Institut getan. Dort hatte man ihm das Entfliehen so gottlos -schwer gemacht, daß er es vorzog, die Sache so einzurichten, daß sie -ihn selber fortjagten. Er kam in die Gegend, wo die Sommerresidenz des -Grafen Borgstam stand; der Graf war ein alter Sonderling, ein morscher -Rest des alten Adelsgeschlechtes gleichen Namens, der fast einsam dasaß -inmitten seiner ausgebreiteten Güter. Er interessierte sich für den -hübschen, intelligenten Burschen, stattete ihn aus und half ihm in ein -Militärinstitut. Das fand Julian nicht wohlgetan und eine Weile später -sah man ihn mit einer Schauspielertruppe durch das Land ziehen. Da war -er schon zwanzig Jahre alt; aber bald bekam er den Komödiantenteint im -hohen Grade. Seine Wangen fielen ein, seine Gesichtsfarbe wurde fahl, -fast grünlich-grau, seine Augen brannten scharfzackig. Seine schlanke -Gestalt war zweifach geknickt, einmal in den Knien und einmal am -Nacken. Der schwarze Anzug wurde nicht mehr gebürstet. - -Graf Borgstam, der sich nun einmal diesem Menschen zugewandt hatte, -wollte ihn nicht aus den Augen lassen. Ein so wohlgebildeter -und wohlgearteter junger Mann! Er nahm den Julian zu sich als -Kammerdiener. Der Graf war betagt und durch mancherlei Mesalliancen und -abenteuerliche Lebensperioden hindurch glücklich dort angekommen, wo -man müde und einsam dasteht. Diese Einsamkeit war um so unheimlicher, -je größer sein Reichtum und je mehr der Wohldiener ihn schmeichelnd -umkrochen. Doch sammelt sich immer noch ein Restchen Weichmut und -Wärme in einem alten Herzen, wenn es scheinbar auch schon ausgebrannt -ist, und dieses Restchen kam dem neuen Kammerdiener nicht schlecht -zu statten. Julian erholte sich bald, seine Wangen blühten und -sein Rückgrat strebte wieder der aufrechten Richtung zu. Bei der -freundlichen Behandlung, die er im Schlosse genoß, kamen auch seine -geistigen Anlagen rasch zum Vorschein. Die Lust zum Vagabundieren -war weg und obgleich in eine gewisse Disziplin gesteckt -- denn der -Graf war sein alter Soldat -- heimte sich Julian rasch ein, zeigte -Anhänglichkeit zu seinem Herrn und nach zwei Jahren war er mehr oder -weniger der Vertraute des Grafen, und der Kammerdiener bekam selbst -wieder einen Diener zugeteilt. - -Den Winter verlebte der Graf in der Hauptstadt, wo er eines der -vornehmsten Palais besaß, das aber in seinen größten Teilen unbewohnt -blieb, weil der Herr nur einen kleinen Hausstaat zu führen pflegte -und es auch sein alter Adel und dessen Verhältnisse verlangten, daß -das Gebäude nicht praktisch verwertet werde, sondern mitten in der -lebenslustigen Stadt still und ernst wie in ein düster-gewaltiges -Monument, an das alte Herrengeschlecht erinnernd, dastehe. - -Julian war also des Grafen rechte Hand geworden, so daß diesem der -übrige Haustroß mehr oder minder überflüssig erschien und er sich von -demselben räumlich abzusondern liebte. Der Graf pflegte allabendlich -einen alten General bei sich zu sehen, mit dem er ein Tarockspielchen -machte und ein paar Flaschen Wein ausstach. Vor Mitternacht wurde dem -Gaste aus dem Hause geleuchtet und der Graf stieg bisweilen schon -etwas schlaftrunken zu seinem Schlafzimmer empor. Julian verschloß -alle Fenster und Türen der Vorgemächer, hatte noch die Aufgabe, dem -Herrn im Entkleiden zu helfen, ihm irgendein Buch auf den Nachttisch zu -legen zur Lektüre, damit sich's leichter einschläft, und sich dann im -Vorzimmer selbst zu Bette zu legen. - -Da war es eines Tages, daß, als der Graf schon im Bette lag und just -das Buch weglegen wollte, Julian ins Gemach trat. - -»Was willst du?« fragte der Graf. - -»Euer Gnaden das Licht auslöschen,« war die Antwort; da stand er schon -am Bette und in seiner Faust hielt er den Griff eines scharfblinkenden -Hirschfängers. - -Der Graf richtete sich rasch empor, der Kammerdiener griff ihm an die -Gurgel und preßte ihn auf das Kissen zurück. - -»Sie wissen, Herr, um was es sich handelt,« sagte Julian ganz leise, -indem er Sorge trug, daß die Spitze des Messers dem vor Schreck -stöhnenden alten Manne vors Auge kam. »Erschrecken Sie aber nicht so -sehr, Sie werden ihr Leben mit einem einzigen Worte retten. Sie waren -mir stets ein guter Herr und ich bitte Sie inständigst, ja nicht den -mindesten Schrei zu versuchen. In der Notwehr bin ich alles imstande.« - -Tiefe bodenlose Frechheit des Anfallenden gab dem Grafen das Bewußtsein -der Ruhe wieder. Er wehrte sich nicht, er starrte dem Burschen nur -wunderlich ins rollende Auge. - -»Was -- bedeutet denn das, Julian?« fragte er. - -»Sagen Sie mir nun einmal ganz ruhig, wo Sie die Schlüssel zur -Geldkasse haben.« - -»Laß mich los, Unglücklicher!« - -»Herr, wenn Sie lärmen wollen!« Der Bursche machte die Miene des -Zustoßens. - -»Ich meine nur,« fuhr der Graf fort, »wenn du mich nicht losläßt, so -kann ich nicht zu Worte kommen. Daß ich nicht Lärm schlage, magst du -glauben, dafür ist mir mein Leben zu lieb, und du würdest zehnmal -durchs Fenster entspringen können, bevor man zu Hilfe käme. Ich sehe -deinen Vorteil recht gut ein.« - -»So werden Sie mir die Kasse öffnen.« - -Der Graf hatte sich nun vollends gesammelt. »Julian,« sagte er mit -einem Humor, den man dem alten Herrn für eine solche Situation nicht -zugetraut hätte, »da du dich so gut sichergestellt und auch, wie ich -nun sehe, die Pistolen entfernt hast und selbst die Klingelschnur -durchgeschnitten, da wir uns recht still verhalten und es noch viele -Stunden dauert, bis im Hause der Erste aufwacht, so können wir die -Sache ganz bequem machen und alles miteinander wohl überlegen, denn du -mußt zugeben, daß es etwas Wichtiges ist, was du vorhast. Ich versuche -nicht, dir davon abzuraten, aber ich gebe dir zu bedenken, ob dein -Weg bis nach Amerika, -- und einen andern kannst du wohl nicht wählen --- auch vorbereitet genug ist, daß du ihn von diesem Fenster aus -schnurgerade nehmen kannst!« - -»Das ist meine Sache, nur habe ich keine Zeit zu verlieren. Also!« - -»Ach ja, die Schlüssel! Aber ich fürchte, daß, wenn du die Kasse -geräumt haben wirst, dir doch nichts anderes übrig bleibt, als mich -tot zu machen. Und insoferne ich väterlich für deine Zukunft besorgt -bin, sage ich dir: du könntest gar nichts Schlimmeres tun, als mich zu -ermorden!« - -»Sie höhnen mich!« knirschte der Kammerdiener, der als Angreifer nun -weit erregter war, als der Angegriffene. - -»Stoß zu!« sagte der Graf, immer noch ruhig auf seinem Bette liegend, -»stoß zu, wenn du's gratis tun willst!« - -Das wollte der Bursche allerdings nicht, und fast irre gemacht durch -das Verhalten des Grafen, verlangte er in bittendem Tone die Schlüssel -zur Kasse. - -»Julian!« sagte der Graf und wollte den Burschen an der Hand fassen, -während der aber durchaus nicht gesonnen war, von seiner wehrhaften -Stellung auch nur den geringsten Vorteil aufzugeben. - -»Du hast recht, Julian,« fuhr der Graf fort, »ich gestatte dir, daß -du mich fesselst, aber den Mund laß mir frei, ich habe dir einiges -zu sagen, was für dich nicht unwesentlich ist. -- Dort in der Ecke -steht die Kasse, die Schlüssel kann ich dir auch angeben, ja selbst -die geheimen Kunstgriffe, ohne welche das Ding nicht zu öffnen ist, -möchte ich dich lehren, allein du würdest über den Inhalt des Schrankes -enttäuscht sein. Zumeist sind es Papiere, mit denen ein Flüchtling -nichts anzufangen weiß, das vorhandene Bargeld dürfte dich zur Not -nach Neuyork bringen, aber nicht weiter. Und in diesem Lande wird nach -meinem Tode das Gericht ein Testament öffnen, das schon seit sechs oder -sieben Monaten geschrieben ist und in welchem der unglückliche Graf -Borgstam, als der letzte, seinen Kammerdiener Julian Zellenbach zum -Universalerben einsetzt. Ein Duplikat des Testamentes wirst du in der -Kasse finden.« - -»Wir werden uns überzeugen.« - -»Gut, Junge. Aber was nützt das? Ich sehe es ein, du meinst, du -könntest jetzt nicht mehr zurück.« - -»Sie sehen es selbst ein, Herr Graf.« - -»Vielleicht aber doch, wenn wir die Sache erörtern. Denn es wäre -jammerschade, wenn du über die Flucht wegen der Kleinigkeit die dir -einst rechtmäßig zufallenden Güter im Stiche lassen müßtest.« - -»So töricht bin ich nicht, daß ich mich durch solche Märchen hinhalten -lasse,« sagte der Kammerdiener in verschmitztem Tone. - -»Es tut mir leid,« fuhr der Graf fort, indem er sich unter dem -drohenden Messer nun einmal ein wenig zurecht rückte, »ich würde -dich gerne von der Richtigkeit meiner Worte überzeugen, aber du bist -ein toller Junge und stoßest aus Angst schließlich doch noch deinen -leiblichen Vater nieder.« - -Das Bekenntnis war heraus, allein es wurde darum die Unterhaltung nicht -wesentlich gemütlicher. - -»Ich habe mancherlei an dir erlebt, mein Sohn,« fuhr der Graf fort, -»und ich habe dir außerdem noch mancherlei zugetraut; allein ein -Raubmörder, das berührt mich unangenehm. Man kann Leute töten und Güter -konfiszieren, so viel man will, aber auf ritterliche Weise, wie wir's -getan haben. -- Doch dir mangelte die standesgemäße Erziehung und ich -habe dich leider aus den Augen gelassen und jahrelang aus den Augen -verloren; was ich konnte, habe ich dann ohnehin getan.« - -Nun war denn doch der scharfe Hirschfänger in der Faust des -Kammerdieners etwas locker geworden. Er trat einen Schritt vom Bette -zurück und sagte mit heiserer Stimme: »Erheben Sie sich und zeigen Sie -mir das Dokument, denn Sie werden begreifen, daß ich mich sichern muß.« - -»Daran tust du wohl. Nur möchte ich wissen,« sagte der Graf und machte -Anstalten, aufzustehen, »ob dir niemals eine Ahnung gekommen ist von -unserer -- Zusammengehörigkeit?« - -»Mag sein,« antwortete der Bursche, »momentan handelt es sich aber -darum, daß ich mich assekuriere. Hierher, wo ich Sie jetzt habe, dürfte -ich Sie sobald nicht mehr kriegen.« - -»Das Vernünftigste ist, du gehst zu Bette,« so nun der väterliche -Rat, »und keine Seele soll wissen, was in dieser Nacht zwischen uns -vorgefallen.« - -»Aber Sie werden umso sicherer daran denken, mein Herr, und werden mich -enterben oder mich aus dem Wege schaffen, auf welchem ich Ihnen nun -unbequem sein muß.« - -»Ich sehe, daß du klug bist, mein Sohn. Doch dürftest du beruhigt sein, -wenn ich dir meine, deine Geschichte, insoferne du sie nicht kennst, -mitteile.« - -»Die kümmert mich nicht und möchte für mich dabei kaum mehr Ehre -herauskommen, als für Sie. Was? Sie haben ein schönes, armes Weib ins -Unglück gebracht, damit wird's beginnen.« - -»Ich habe sie versorgt.« - -»Sie ist verachtet worden und zugrunde gegangen.« - -»Weißt du's?« - -»Das ist leicht wissen, weil es der gewöhnliche Gang ist. Und die -Leichtsinnigsten kommen immer noch am billigsten.« - -»Auch du wirst dich nicht zu beklagen haben.« - -»O klagen, Papa! Lieber nehm' ich mir meinen Teil und schweige.« - -»Schweigen, das glaube ich.« - -»Ich könnte ja in der Tat eine Rührszene aufführen,« meinte nun der -junge Mann, »und ausrufen: Tausendmal besser für mich, ein Bauer hätte -mich auferzogen, als daß ich hin- und hergeworfen worden bin zwischen -Dorf und Stadt, zwischen Schule und Kaserne, einmal Geld im Überfluß, -einmal gar keins, verkommen, verdorben -- verdorben!« - -»Vergißt es wohl nicht, daß ich dich in mein Haus nahm und hielt wie -ein liebes Kind?« - -»Warum haben Sie das nicht getan, so lange es noch früh genug gewesen? -Sie haben mich verhehlt. Sie hätten Ihr eigen Herz und Gewissen bis -an's Lebensende betrügen können, weil es das Dekorum verlangt. -- -Ha, so könnte ich Komödie spielen, wenn mir die ganze Teufelei nicht -verflucht gleichgültig wäre. Nur wollen Sie keine kindliche Liebe, oder -wie das Zeug heißt, von mir verlangen!« - -»Ich verlange gar nichts von dir, mein Junge, als Klugheit,« unterbrach -ihn der Graf, »aber du wirst dieselbe auch an mir erklärlich finden. -Wir befinden uns jetzt beide in einer schlimmen Situation. Öffne ich -dir die Kasse, um die Urkunde zu zeigen, so wirst du fürchten, ich -könnte nach solchem Zwischenfall das Testament gelegentlich widerrufen -und wirst das mit geeigneten Mitteln beizeiten zu verhindern suchen. -Öffne ich nicht, so ist deine Sache unsicher, ja verloren.« - -»Und Sie werden die Notwendigkeit begreifen, daß ich für meine -persönliche Sicherheit sorge und zwar radikal ...« So der Kammerdiener. - -Mittlerweile hatte sich der Graf ins Nachtkleid gehüllt, an der -Wand umhergetastet, um scheinbar nach den Schlüsseln zu suchen. Der -Kammerdiener folgte jeder seiner Bewegungen und dabei war er doch -ratlos und wußte nicht, was er unter sotanen Verhältnissen zu tun -hatte. Sie waren gegenseitig gebunden, wo sich's um Konvenienz, Dekorum -und materiellen Vorteil handelte, aber nicht gebunden, wenn es auf -Leben und Sicherheit ankam. Der Augenblick war kritisch und Julian -umklammerte wieder fest und entschlossen die Mordwaffe. - -Da pochte es draußen an eine Tür. - -»+Auftreten die Tür! Rasch herein!+« rief der Graf mit voller Stimme. -Da krachte das Getäfel. Julian brach ein, die Waffe entsank seiner -Hand. Das vom Grafen durch einen heimlichen Druck an der Wand gerufene -Gesinde stürzte herein, der Portier voraus. - -»Kommt uns zu Hilfe,« sagte der Graf, »dem Julian ist schlecht -geworden. Bringt ihn in's Krankenzimmer, schafft ihm Beistand, und es -sollen die Nacht über Leute bei ihm sein.« - -Den Hirschfänger hatte er, während er den Befehl gab, mit dem Fuße -unter das Bett geschnellt. Der auf ein Fauteuil gesunkene Kammerdiener -ließ sich hinaustragen und der Graf schloß die Tür und war nun allein -in seinem Gemache. - -Am nächsten Morgen war der Kammerdiener, um frische Luft zu schöpfen, -ins Freie gegangen und -- nicht mehr zurückgekommen. »Julian hat -recht,« meinte der Graf, »seine Gesundheit ist angegriffen, er sucht -ein südliches Klima auf.« - - - - -Der Millionär. - - -Das war vor dem Klosterkeller am See. Draußen glitzerte das -Gewässer, jenseits desselben baute sich das Hochgebirge mit den -Gletscherschildern, und an meinem Brettertisch, in der grünen Nacht der -Lindenschatten, funkelte im Glas der goldene Wein doppelt freundlich. -Wahrlich, die Klöster brauchen nicht zu fürchten, von der Erde vertilgt -zu werden, solange sie gute Weine geben. Und die Juden werden niemals -zur Herrschaft der Herzen gelangen, so lange jüdische Weinagenten uns -mit jenem Gesüff verfolgen, wie man es in allen Schenken der Straße zu -finden, zu trinken und zu verfluchen pflegt. - -Der Klosterwein hat schon manchen zur katholischen Religion bekehrt, -und ich selbst schwor zu jener Stunde im Klosterpark, daß in einem -solchen Weine die Wahrheit liegen müsse. Auch das Bauernvolk war -sicherlich derselben Meinung, das an den übrigen Brettertischen unter -den Linden herumsaß, Wein trank, kecke Gespräche führte und Lieder sang. - -Auf einmal unterbrach einer der Burschen sein Lied, stieß die Nachbarn -mit dem Ellbogen und sagte: »Schaut, dort geht er! Dort drüben geht er -wieder!« - -Die Augen wendeten sich gegen eine Landzunge hinaus, an deren Strand -ein schwarzgekleideter Mann hinschritt. Er trug, soviel man von der -Ferne ersehen konnte -- enge Beinkleider und ein kurzes schwarzes Wams. -Und da er den Stock so an die linke Seite preßte wie einen Degen, -gemahnte er fast an den Faust, wenn er im dunklen Samte neben Mephisto -dahinschreitet. Über die Schulter hatte unser Wandler am Gestade ein -graues Reisetuch geworfen, wie es so die Engländer ins Land gebracht -haben. Und auf dieser Gestalt saß ein roter Punkt. Das war der rot -bebartete und rot behaarte Kopf, der keine Bedeckung trug. - -Ganz hart am Wasser ging der Mann hin, blieb mitunter stehen, als ob er -in den See starrte, und schritt dann zögernd fürbaß. - -»Er will schon wieder!« rief die Kellnerin. - -»Und getraut sich nicht!« lachte einer der Bauern. - -»Gebt acht, vielleicht springt er doch hinein!« sagte ein dritter. - -»Man soll ihm einen Krug Wein schicken, vielleicht bringt ihn das auf -andere Gedanken,« rief ein vierter. - -»Steht sein gestriger noch auf der Tafel,« sagte die Kellnerin. - -»Seinen heutigen schreib auf die meine,« sagte einer der Zecher. - -»Ist gehupft wie gesprungen,« lachte die Kellnerin, »du zahlst auch -nicht.« - -»Ich zahl' wie die Klosterbrüder zahlen: Gott vergelt's! Im nächsten -Jahr soll er wieder gedeihen.« So keck redete der Zecher d'rein. -Hierauf schossen sie zusammen, die Bauern und Hirten und Waldleute, die -an den Tischen saßen. Der Krug Wein wurde dem Schwarzen nachgeschickt, -kam aber wieder zurück, der Wandler am Gestade war nicht mehr zu finden. - -Als sich die bäuerlichen Gäste verlaufen hatten, fragte ich die -Kellnerin, was es mit jenem Manne denn für eine Sache sei? - -»Eine traurige,« antwortete die Kellnerin und griff an die Stirne: »Er -muß +da+ nicht recht sein. Er steigt schon etliche Tage in der Gegend -um, sagt, er will sich umbringen und hat die Courage nicht dazu. Einmal -ist er schon in den See gesprungen, muß ihm aber zu naß gewesen sein, -weil er sich wieder herausgearbeitet hat. -- Da kommt der Pater Anton, -der weiß mehr von ihm. Küss' die Hand, Hochwürden. Gleich bring' ich's.« - -So die Kellnerin und lief davon, um dem Ankömmling den gewohnten -Trunk zu holen. Der Pater in schwarzem Talar, um die Mitte einen -weißen Strick, setzte sich zu mir, gab einen freundlichen Gruß und -schaute mich mit seinem runden Gesichte gemütlich an. Wir waren uns -also schon verknüpft; ich wollte etwas von dem rätselhaften Manne -wissen und der Pater wußte etwas von ihm. So war bald angehakt und -der Priester erzählte mir. Etwa eine Woche zuvor sei weiterhin an der -Felswand ein fremder Mann aus dem See gezogen worden, nachdem ihn der -Fischer um Hilfe rufen gehört. Dann habe der Gerettete dem Retter -heftige Vorwürfe gemacht, daß er ihn nicht habe ertrinken lassen, -sei ihm ausgerissen, wieder ans Wasser gelaufen, dort aber am Ufer -zusammengebrochen. Hierauf habe man den Armen ins Kloster gebracht, -dort geatzt und mit Kleidern versehen, denn seine Gewandung sei nur -mehr in schmutzigen Fetzen am Leibe gehangen. Im Alter wäre er noch -kaum über dreißig Jahre, wer oder was er sonst sei, das wäre nicht aus -ihm hervorzubringen, allem Anscheine nach ein Mensch aus gutem, reichem -Hause, aber einer Irrenanstalt entsprungen. Bei einem Mahle, an dem -er im Kloster teilgenommen, habe er sich als Feinschmecker erwiesen. -Sein Benehmen sei ein merkwürdiges Gemisch von Höflichkeit und Trotz, -manchmal flackere etwas, wie übermütige Lust in ihm auf, dann sei er -wieder tief niedergeschlagen, starre oft bewegungslos lange Stunden -in Abgründe, in das Wasser, sitze mitunter in der Tischlerwerkstatt -und starre die Werkzeuge an. Einen Revolver habe er anfangs bei sich -getragen, der sei ihm abgenommen worden. Dann wandle er traumhaft -umher, man sehe ihn drüben an der steilen Wand, man sehe ihn oben -auf den Höhen, man sehe ihn draußen bei den Klostermühlen und am -Wasserfalle und an der Brettersäge, wo er seine Augen in das Getriebe -vertiefe. Dann wieder laufe er in das Dickicht oder werfe sich auf -den Erdboden und klammere sich mit krampfhaften Fingern an den Rasen. -Man sei ihm mit der Religion gekommen, dabei wäre er bewegungslos wie -ein Taubstummer geblieben; aber einmal habe er auf den Feldern einem -pflügenden Bauer zugeschaut und habe dabei angefangen, herzbrechend -zu schluchzen und habe sich in die frische Furche gelegt und habe -sein Gesicht in die Erde gepreßt, daß der Bauer gar nicht gewußt, -was er sich davon denken solle. Einmal am Abend habe er sich bei den -Klosterbrüdern bedankt für die Herberge und Gastfreundschaft und -gesagt: Morgen, wenn die Sonne aufgeht, bin ich nimmer. Aber als die -Sonne ausging, war er doch noch und schlich von den Leuten abseits; -da habe man gesehen, wie er sich mit einem Stein an den Kopf schlug, -daß helles Blut niederrann über das Gesicht; dann wimmere er, und -endlich, wenn er etwas zu essen bekäme, zeige er wieder guten Appetit. -Der Abt sage nun, länger sehe er dem Manne nicht mehr zu, er lasse ihn -abliefern in die nächste Irrenanstalt. - -Derlei hatte mir Pater Anton mitgeteilt, und dabei war es in mir -unruhig geworden. - -»Die Leute sagen,« setzte der Pater bei und trank aus seinem Krug, »die -Leute sagen, es sei der leibhaftige ewige Jude.« - -»Mag wohl sein, zum mindesten ein Stück von ihm.« -- Bald nachher nahm -ich Abschied vom Kloster und zog meiner Wege. - -Ich strich bergauf und talab im Gebirge umher und dachte unterwegs -viel an den sonderbaren Mann und hoffte ihm sogar zu begegnen. Das -geschah aber nicht, und so wendete sich mein Herz von dem Grauen einer -umnachteten Seele wieder der lichten Herrlichkeit der Hochgebirgswelt -zu. - -Sonst pflegte man die Klöster in gesegnete Gegenden der Hügelgelände -hinzubauen; aber der Erbauer dieser Pfaffei hatte das unwirtliche -Hochgebirge vorgezogen. Die Liebe zu solchen wilden Gegenden konnte -zu jener Zeit der Klostergründungen nicht Ursache gewesen sein, -denn diese Liebe war in alten Zeiten nicht so in den Menschen wie -heute. Eher war es der Schutz, den die wilden Berge vor feindlichen -Einfällen gewährten, in Hinsicht darauf diese Stätte gewählt worden. -Oder die Sache fing etwa mit einer Einsiedelei an, oder einem -Jagdschlößchen, das die Priester eines fernen Klosters hier erbaut -hatten; zum Jagdschlößchen kam eine Kirche, zu dieser kamen Andächtige, -es huben Wunder an zu geschehen, der Wallfahrer wurden von Jahr zu -Jahr mehr, die Kirche wurde vergrößert, ständige Priester mußten -sich niederlassen, und es erwuchs ein Kloster, das von dem, was -die Gläubigen herbeitrugen und was das ferne Mutterkloster abwarf, -reichlich gedieh. - -Und so konnte die Abtei des heiligen Antonius ganz behaglich daliegen -zwischen den Wänden. Sie lag -- von oben herab gesehen -- mit ihren -weißen vielfensterigen Mauern, mit ihren zwei roten Kuppeltürmen, mit -den Wirtschaftsgebäuden und Baumgärten reizend am Gestade des Alpsees, -und hinter ihr war ein kleiner fast ebener Boden von grünen Matten -und Fichtenwäldern. In Urzeiten mochte auch diesen von schroffen -Felswänden eingeengten Boden der See bedeckt haben; heute ist er wie -ein lieblicher Garten, an zwei Seiten bestanden von der Schutzmauer. -Diese Schutzmauer ist mehr als fünftausend Fuß hoch, und im Winter hat -das Kloster neun Wochen lang keinen Sonnenstrahl. Stellenweise steigt -der blauende Wald streckenweit hinan in das steile Gebirge, am See hin -ragen die Wände fast senkrecht empor. Oben sind sie scharf abgebrochen, -und wie sich dort das Gebirge zurückzieht und im Hintergrunde zu neuen -Massen großartig aufbaut, das kann man vom Tale aus nicht sehen. - -Wer jedoch oben steht auf einer der Kanten des Vorgewändes, dem -schwindelt einerseits vor der Tiefe unter sich, in welcher der See -wie eine braune, ins Gebirge eingezackte Spiegeltafel daliegt und -daneben im dunklen Grün die lichten Würfelchen des Klostergebäudes --- und andererseits vor der Höhe über sich, in welcher die grauen -zerklüfteten Bergwuchten stehen, von deren Häuptern und Hochmulden -der versteinerte Schnee niederleuchtet. Diese Felsmassen setzen sich -nicht zusammen aus einzelnen Stücken und Schichten, sie haben nicht die -Art des Zersprungenen, Zerbröckelnden; in geraden und glatten Linien -gezeichnet, so stehen die ehernen quadratischen Blöcke da, mancher im -Durchmesser von mehreren tausend Fuß; so liegen ihrer zwei und drei -oder noch mehr übereinander und die obersten Zinnen überragen die -Gebirgswelt und schauen in ihren äthergrauen Flächen weit hinaus in die -Lande. - -Das Gewände jenseits des Sees hat mehr den Charakter des Unregelmäßigen -und Plumpen, es baut sich in Kegeln aus, von deren Schründen -gelblichweiße Schutthalden niedergehen und sich zwischen grünen Wäldern -und grauen Klötzen ausböschen in den See. Selten ist das Bild ganz -rein, entweder die Gipfel stechen in die Wolken hinein, oder es liegt -der Nebel in den Tiefen und die Berge steigen scheinbar, jeder für -sich, wie aus einem grauen Meere auf. Oder es schwimmen in der feuchten -Luft die Nebelfetzen in halber Höhe hin, hängen wie Wetterfahnen an den -Wänden oder dampfen im Morgensonnenschein aus den Steinhäuptern hervor -und lösen sich in Äther. - -Scheinbar hat der Beschauer die Felswände sich ganz nahe gegenüber, -aber wenn er nach Gemsen ausschaut, so sieht er dunkle kleine Punkte, -wie Steinflöhe -- das sind freilich die Gemsen, aber sie zeigen nur, -wie groß der Abstand, wie riesig die Verhältnisse sind, in welchen sich -der Beschauer selber wie ein nichtiger Steinfloh vorkommen muß. - -Auf solchem Standpunkt wird der Wert des menschlichen Lebens stark -verschoben, entweder es verliert gegenüber diesen ungeheuren -Naturgewalten alle Bedeutung, oder es stellt sich als Erkenner und -Genießer der Natur hoch über sie und ermißt an der seelenlosen -Außenwelt seine göttliche Überlegenheit. - -Als ich in solchen Gedanken dahinging hoch am Grate des Gewändes, das -senkrecht in den See hinabtauchte, sah ich plötzlich unter mir auf -einem schmalen Felsvorsprung einen Menschen liegen. Er lag in seiner -schwarzen Kleidung ausgestreckt auf dem Rücken wie eine Leiche und ich -wähnte auch anfangs, es wäre der nun tote Fremdling, den ich ein paar -Tage früher unten am See gesehen. Es war aber der lebendige, wie mich -eine Bewegung desselben belehrte. Es war eine Bewegung mit dem Arm, -wie bei dem Erwachen aus einem traumschweren Schlaf. Ich erschrak vor -dieser Bewegung mehr, als früher vor dem leblosen Bilde, eine einzige -Wendung des Körpers, und er mußte in die Tiefe stürzen. - -Diese Bewegung wurde vermieden, der Mann richtete sich sorgfältig empor -und kletterte mit Geschick, aber auch mit Zittern und Zagen einem -Gemssteige entlang quer heran zur Zinne. Mit einem Sprunge stand er auf -der flachen weiten Matte und atmete auf. Dann blickte er wirr um sich -und wollte davoneilen. - -Ich trat rasch zu ihm und redete ihn an: »Sie können vom Glücke sagen, -daß Sie heil heraufgekommen sind!« - -»Jawohl,« antwortete er gedämpft und säumig, »ich kann vom Glücke -sagen. Ich kann vom Glücke sagen!« - -»Wollen Sie nicht mit mir kommen, lieber Herr,« lud ich ihn ein, »unten -im Kloster erwartet man Sie.« - -»Wer erwartet mich?« schnauzte er auf, »mich hat niemand zu erwarten, -verstehen Sie? Die Pfaffen sollen mir meinen Revolver wiedergeben.« - -»Das sollen sie auch,« sagte ich, »wer im Gebirge reist, muß eine -Schußwaffe haben. Sehen Sie, ich habe auch so etwas.« - -Damit zog ich mein Terzerol aus der Tasche, er blickte es mit gierigen -Augen an und fragte, ob es geladen sei? - -»Dreifach. Ich pflege es im Gewände loszubrennen, ich ergötze mich am -Echo.« - -Hierauf ging er mit mir und wies mehrere Stellen, die ein vielfaches -Echo hatten. Dabei merkte ich, daß er mit der Gegend einigermaßen -bekannt war und es war überhaupt vernünftig und unauffallend, was -er sprach, und stand es zu seinem verwahrlosten Wesen, zu seinem -verstörten Gesicht im Widerspruch. Das lange rote Haar und der volle -Bart, der das blasse eingefallene Gesicht wie eine Wildnis umwucherte, -war verworren und es klebten Baumnadeln und Sandkörner daran. - -Da er keinen Hut hatte, so fragte ich ihn, ob selbiger denn vom Winde -entführt worden wäre? - -»Ha, ha,« lachte er, »alles frägt nach dem Hute, als ob der Hut das -wichtigste wäre an einem Menschen. Ja, es ist mir einmal einer auf dem -Kopf gesessen. Vielleicht schwimmt er unten im See, wenn Sie ihn haben -wollen.« - -»Mir geht's nicht um den Hut,« war meine Entgegnung, »aber wenn ich -Sie nach Ihrem Kopf gefragt hätte, wer weiß es, ob Sie mir Bescheid -gegeben!« - -Auf das antwortete er nichts, sondern ging still vor mir her, der Steig -zwischen dem Gestein und Gezirme war sehr schmal. Plötzlich -- wir -waren so weit in das Hochplateau hineingekommen, daß man nicht mehr zum -See und zum Kloster hinabsehen konnte -- blieb mein Begleiter stehen, -kehrte sich um gegen mich und sagte: »Wenn Sie klug wären, hätten Sie -mich jetzt von hinten niederschießen müssen.« - -»So? Sie halten mich für einen Banditen?« - -»Ei, was Sie denken!« rief er und legte seine Hand wie besänftigend -auf meinen Arm. »Sie sind ein braver Mann und gerade darum sollten -Sie an mir ein gutes Werk tun. Ich bin ein Tor, ich bin dem Wahnsinn -nahe, aber ich weiß noch ganz genau, was ich will und habe das Endziel -meines Lebens nicht aus den Augen verloren. Leider Gottes, es geht mir -nach dem Worte der Schrift: Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist -schwach.« - -Er setzte sich auf einen breiten Stein, der schief aus der Erde -hervorragte. Ich setzte mich ihm gegenüber auf einen zweiten Stein und -bot dem Gefährten meine Feldflasche an. - -Er tat daraus einen durstigen Zug und der Klosterwein brachte seine -Mitteilsamkeit in ganz ungeahnter Weise zum Rieseln. Nachdem er -mehrmals getrunken, sagte er: »So ist das jetzt schon der dritte Monat, -seit ich Almosen nehme. Wer hätte sich das je gedacht, daß die Liebe -zum elenden Leben stärker sein soll als der Stolz des Millionärs, als -die Weltverachtung eines alten Lumpen! Wer hätte sich das gedacht! Aber -ich sage es: das ist noch das Erbärmlichste unter allem Erbärmlichen -am Menschen, daß er feig ist -- eine feige Bestie. -- Also im Kloster -erwartet man mich!« - -»Und spricht von Ihnen,« setzte ich bei, »und ich muß gestehen, daß -auch ich seit ein paar Tagen oft an Sie denke.« - -»Sie denken an mich. Das ist schön.« - -»Nach dem, was man von Ihnen erzählt, vermute ich, daß Ihnen die Leute -übel mitgespielt haben.« - -»Die Leute, meinen Sie! Wenn das wäre, so könnte ich mich rächen!« -rief der rätselhafte Mann lebhaft und wühlte mit den Fingern in seinem -Vollbart, was er allemal tat, so oft er in Erregung kam; »leider bin -ich es selber, der mir schlimm mitgespielt hat und den ich nun mit dem -Tode bestrafen soll, weil er einen Menschen zugrunde gerichtet hat -- -sich selber.« - -»Daß Sie der guten Gesellschaft angehören, ist mir kein Zweifel,« sagte -ich. - -»Der guten Gesellschaft!« lachte er auf. - -»Ihrer Aussprache nach sind Sie ein Wiener.« - -»Nur ein halber. Ein geborener Prager, studierte in Berlin. Als mein -Vater starb, war ich dreiundzwanzig Jahre alt und Erbe einer Million. -Allsogleich hub ich ein standesgemäßes Leben an, machte Streiche, ward -relegiert und ging nach Wien. In Wien lebt sich's flotter, das Studium -gab ich auf, nachdem ich zweimal gefallen war. Ich fand Genossen, die -hatten einen guten Grundsatz, der gefiel mir: Die Million verjuxen und -sich dann erschießen!« - -Mit zynischer Gebärde wühlte er wieder in seinem Bart, als wäre ihm das -eine wie das andere zur Lust, schlenkerte die Arme aus, schnalzte mit -den Fingern und wieherte: »Die Million verjuxen und sich erschießen!« - -»Hoffentlich,« so warf ich im Scherze ein, »waren Sie wie die liebe -Jugend, diese ist leichtsinnig und pflegt ihren Grundsätzen nicht treu -zu bleiben.« - -»Den ersten Teil meines Grundsatzes habe ich auf das Gewissenhafteste -befolgt,« versicherte er. »Ich habe jeden Tag meinen Tausender in die -Welt geworfen, habe Lakaien, Pferde, Freunde, Freundinnen gehabt, habe -alles versucht, was sie Genuß heißen; ein dreijähriger Hexensabbat -war's, teils in Wien, teils in Petersburg, teils in Baden-Baden und -Homburg. Oh, wenn ich ein Tagebuch geschrieben hätte! Es war anfangs -ganz ergötzlich, aber eher als man denken kann, eine Last, ein Ekel zum -Erbrechen. Das Geld mußte fliegen Tag für Tag, die Langweile tat sich -auf wie ein Abgrund, ich schleuderte Unsummen hinein, manche Stunde -fraß das Jahreseinkommen eines Ministers, und die Langweile war nicht -zu töten. Es gibt nichts, woran ich mich nicht übersättigt hätte, noch -bevor ich es eigentlich genossen. Es ist mir heute alles nebelhaft, -ich sehe nur zu Tod gehetzte Pferde, rollende Würfel, üppige Gelage, -Weiberbusen mit Schaumwein getauft, blasse Gesellen im Nachtaumel -des Katzenjammers. Und nie hätte ich geglaubt, daß die Welt für eine -Million so arm ist an Genüssen. Das ewige Einerlei des ruhelosen -Wandelns, des Schnaubens und Schnappens nach Neuem, Pikanten. Die Sinne -wurden stumpfer, ich verschmachtete fast in der Öde des Reichtums.« - -»Haben Sie denn nicht Reisen gemacht, waren Sie nicht auf dem Meere, in -Ägypten?« so meine Frage. - -»Ich war überall, aber nur als Raubtier,« antwortete er, »ich sah -nicht den Wald, ich sah nur das Reh und den Hirschen. Ich sah nicht -das Hochgebirge, nur den Adler und den Lämmergeier; ich sah nicht den -klaren Alpfluß, die hohe See, nur die Fische drinnen, und fangen, -töten, an mich reißen -- sonst wußte ich von nichts. Ja doch! Eines -Tages, es war auf dem Wege von Salzburg nach Berchtesgaden, brach -mir auf der Straße ein Wagenrad, und während des Aufenthaltes beim -Dorfschmied sah ich, wie das Weib des Schmiedes, das auf dem Acker -Kartoffeln jätete, zur Jause in der heißen Tageszeit ein Krüglein Wein -vom Wirtshaus holen ließ. Eben will sie sich d'ranmachen, da kommt -ein alter Mann des Weges gehumpelt, der setzt sich vor der Schmiede -auf die Bank, trocknet sich den Schweiß und sagt nichts. Jetzt kommt -das Weib mit dem Weinkrug, ladet den Alten ein, sich daran zu laben, -er bedürfe der Labe notwendiger als sie. Da geht mir ein Licht auf: -Der Wein ist doch ein großer Genuß, wenn man Durst hat, aber das -Almosengeben muß ein noch größerer sein, sonst würde ihn das Weib nicht -dem Trunke vorziehen. Den Genuß kann ich mir verschaffen. Ich lasse -alles Bettelvolk der Gegend zusammenrufen, alte Männer und Weiber, -Krüppel, Kretins, und sage: Jedes bekommt einen Taler, wenn es über den -Wassergraben springen mag, in dem der Hammerbach rinnt. Ha, wie die -Joppen und Röcke fliegen, den meisten glückt der Sprung, etliche fallen -kreischend in den Bach. Auch diese sollen ihren Taler haben, sage ich, -wenn sie mir auf den Anger ein Ballett aufführen, während die Kleider -am Zaun trocknen. Da ist etwas. Ein alter Mann kommt auf mich zu, -spuckt mir ins Gesicht, dann eilen sie hinweg.« - -Ich war aufgestanden. - -»Es ist weit mit mir gekommen,« fuhr er fort, »aber niemals hätte -ich geglaubt, niemals, meine Schande jemandem so ins Gesicht sagen -zu können. Wenn das nicht die größte Schamlosigkeit ist, so ist es -Mut, und wahrlich, den hätte ich zu brauchen. -- Nach wenigen Jahren -war die Million dahin und ich floh vor den Gläubigern. Und nun -- das -Erschießen! -- Wer eine Million verpuffen will, der soll sich zuvor -prüfen, ob er nicht zu feig ist für die Konsequenzen; sonst geht er -einem Leben entgegen, einem verdammten Leben, das ärger ist als der Tod -und das Fegefeuer.« - -Er schwieg, ich ebenfalls, denn ich wußte in der Tat nicht recht, -was hier zu sagen war. Zu sagen sehr viel, aber wo ein unglückliches -Menschenherz mit im Spiele ist, da muß man die Worte mit Bedacht -wiegen. Die Wahrheit und die Vernunft und die Moral sind oft zu -rücksichtslos; den Sünder richtet man am besten auf, wenn man als -Sünder zu ihm spricht. - -Der Mann war in sich zusammengesunken, als habe ihn der Schlaf -übermannt. Plötzlich fuhr er empor und starrte mich erschrocken an. - -»Habe ich nicht den Hahn eines Revolvers knacken gehört?« fragte er. - -»Der Stoppel dieser Feldflasche hat gepafft,« antwortete ich, »wollen -Sie sich bedienen?« - -»Ich kann mich nicht bedienen,« war seine Entgegnung, »wenn ich aber -einmal fest schlafe und Sie jagen mir die Kugel durch den Kopf, so -bedienen Sie mich am besten.« - -»Sie sind nicht klug!« sagte ich und wahrlich, ich hätte was Klügeres -sagen können. - -»Ein Bettel um die Kugel!« lachte er. »Das Leben verachten und nicht -den Mut haben, es zu enden! Vom Sonnenlicht übersättigt und vor dem -Grabe schaudernd! Eine Million verpuffen und sich erschießen! Wie -leicht ist's gesagt. Ich setze mir das Feuerrohr an den Kopf, zehnmal, -oh, weit öfter, aber mein Finger, der am Hahn lag, gehorchte mir nicht, -ich schleuderte die Waffe von mir. Ich hing am Hanf und habe die -Schlinge gelockert. Ich nahm Gift und flehte den Arzt um Gegengift an. -Ich sprang ins Wasser. Es wäre gut gewesen, da kommt der Klosterbruder. -Immer habe ich gehört, von den Pfaffen komme nichts Gutes; nie habe ich -mich mit ihnen eingelassen und hab' es doch erfahren. So ziehen sie -mich aus dem See. Nun übe ich mich in Mut und suche meine Schlafstelle -da drüben an der Seewand, vielleicht stürze ich einmal unbewußt hinab. --- Des Menschen Leben bläst der leise Windhauch aus. Steht's nicht so -in einem alten Buche? Oh über die Hypochonder! Wenn sie ahnten, wie -schwer das Leben abzuschütteln ist! Ausgelebt haben und nicht sterben -können!« - -»Wie alt sind Sie?« - -»Achtundzwanzig Jahre.« - -»Und wollen ausgelebt haben?« fragte ich. »Freund, Sie mögen den -Abschaum des Lebens kennen gelernt haben, aber das Leben nicht. Mit -einer Million kauft man sich kein Leben, noch weniger ein Glück. -Sie müssen gerungen haben ums tägliche Brot, sie müssen einmal aus -einer schweren Krankheit genesen sein, Sie müssen Gutes empfangen -und Gutes gegeben haben, Sie müssen sich ein Haus gebaut haben, und -einen geliebten Menschen gefunden und einen geliebten Menschen sterben -gesehen haben, um zu wissen, was Leben ist. Sie haben noch nicht -gelebt. Auf Ihrem Herzen liegt der Rost der Übersättigung, den müssen -sie herausbluten, und es wird wieder jung sein. Sie haben bisher nur -ihre rohesten Sinne gefüttert, den eigentlichen Menschen in sich haben -Sie wahrscheinlich noch gar nicht entdeckt. Sie haben jene Anlagen noch -gar nicht entdeckt, deren Betätigung und Befriedigung erst das Glück -gibt. Das Sehen des Schönen in der Natur, das stille und beständige -Bedienen der Mitmenschen, das Wiedergenießen ihrer Achtung, das -Bewußtsein erfüllter Pflicht, das, mein armer Freund, sind weit tiefere -und feinere Lebensgenüsse als jene tierischen, die Sie mit Ihrer -unseligen Million erkauft haben.« - -Der Mann tat eine Bewegung mit der Hand, als wollte er damit sagen: Das -gäbe es für ihn nicht. - -Ach du arme, zerfressene Seele, wie hat dich der Materialismus -zugerichtet! - -»Sie müssen nicht glauben, daß ich hier bei Ihnen sitze, um mich von -Ihnen beschulmeistern und bedauern zu lassen!« sagte der Mann, indem er -aufstand. »Ich habe mit Ihnen nicht angebunden, Sie haben es mit mir -getan. Gehen Sie hinab und sagen Sie den Pfaffen, sie mögen mich nicht -erwarten und mit Seelenmessen ließe sich an mir nichts verdienen. Ihr -seid alle Wichte! Alle! Adieu!« - -Nun eilte er davon, zwischen Zirmsträuchern hin und schaute gar nicht -mehr um. Ich war nicht Samaritan genug, um ihm zu folgen; ich hatte -nicht das demütige Trostwort gefunden, welches der Sünder zum Sünder -spricht. Schwer verstimmt stieg ich niederwärts gegen den See. - -Das war die erste Begegnung mit diesem Menschen in den Tiroler Bergen. -Später ergab sich Gelegenheit, mit seinen Schicksalen näher bekannt zu -werden. Er hieß Friedrich Kürbaum mit Namen und war der einzige Sohn -eines Prager Bankiers. Mit seinen Studienjahren und seiner Million -verhielt sich's so, wie er selbst angedeutet hatte. Es wären aus der -unsauberen Zeit wunderliche Einzelheiten zu erzählen. Es war ein Leben -ohne Kopf und Herz, es war das Welteinsaugen eines menschgewordenen -Polypen. Das beste an seiner Million war, daß sie endlich zur Neige -ging; mit dem Ringen um die Existenz und der Angst vor dem Untergange -kamen wenigstens menschliche Regungen in seine Brust. Es ging ihm das -Bewußtsein auf, ein Leben verloren zu haben und das verlorene Leben -wie ein unerlöstes Gespenst weiterschleppen zu müssen durch alle -Entbehrungen und Demütigungen hin, und wie sozusagen sein Gewand und -sein Leib stückweise von der gemarterten Seele abfallen müsse, bevor -sie ihr Dasein aufgebe. - -Mit solchem Jammer trat der durch Überfluß und Übermut entherzte -Verschwender gleichsam wieder in die Rechte der Menschheit ein. - -Lange strich er um im Gebirge; es war, als banne ihn die Größe oder als -bedürfe er für seine innere Wildheit und Zerrissenheit die Wildheit der -äußeren Natur. Planlos strich er um. Hier bettelte er um den Tod, dort -bettelte er um Leben. Es war der allerärmste Bettler, der je in dieser -unwirtlichen Gegend umhergestiegen. - -Einige Tage war es nach unserer Begegnung auf der Zinne der Seewand, -als Friedrich Kürbaum im Walde zu einem halb verfallenen Holzbaue kam. -Einst mochten Kohlenbrennerleute darin gewohnt haben, wenigstens war -vor der Hütte ein runder Platz mit Kohlenlösche, aus der Nesseln und -anderes Krautwerk wuchsen. -- Wenn er sich in diese Hütte einschlösse, -die Fenster und Löcher verstopfte, mit Kohlenresten darin ein Feuer -machte, um daran zu ersticken! -- Mit diesem Gedanken vielleicht stieß -Kürbaum den Bretterverschlag auf, der die Tür bildete, und trat in -den Raum. Sofort merkte er, wie sich in einem Winkel der Hütte etwas -bewegte und eine Stimme war: »Mein Gott hat mich erhört, Friedrich! -Wie danke ich dir, daß du uns aufgesucht hast!« Dann hörte er nur noch -Schluchzen. - -Als sich seine Augen an die Dunkelheit etwas gewöhnt hatten, sah er im -Winkel auf Heu ein junges Weib kauern, am Busen ein kleines Kind; Er -erkannte sie sofort. Vor Jahresfrist auf einer Reise in die Schweiz -war er ihr das erstemal begegnet in einem Flecken bei Innsbruck. Ein -frisches, unschuldiges Landmädchen, das war noch etwas Ungewöhnliches -für ihn. Das Schmuckkästchen half nicht, wie beim Gretchen, der -Weltling mußte all seine Verstellungskünste aufbieten, um sie zu -gewinnen. Nach zwei Wochen zog Herr Kürbaum lustig weiter und hatte das -süße Naturkind auch bald vergessen. - -Floriana jedoch hatte auf ihn gewartet, anfangs mit Inbrunst, später -mit Bangen, endlich in Verzweiflung. Als sie vor ihrem Vater das -Geständnis tat, wurde er rasend. Das Mädchen floh ins Etschtal, wo -ein Oheim von ihr lebte, dort fand sie zur Not Unterstand für die -schwersten Tage, aber des Oheims Weib hielt es der Armen stündlich -vor, daß sie hier nicht daheim sei, und so nahm sie das Kind, um damit -wieder ihrem Elternhause zuzuwandern. Sie bettelte sich von Tal zu Tal, -bis sie vor Erschöpfung endlich nicht mehr weiter konnte und in jener -Waldhütte liegen blieb. - -Das hatte Floriana nun dem Manne erzählt, oft unterbrochen durch ihre -Schwäche und das Weinen vor Freude, daß er erschienen. - -Kürbaum war ratlos, was hier zu tun oder zu sagen sei. - -Um einen Schluck Wasser bat sie ihn; er, der einstige Verschwender, -hatte nun nicht einen Schluck Wasser, um sie zu laben, er war selber -dem Verschmachten nahe. Da bot sie ihm ein Körbchen mit Heidelbeeren, -die sie gesammelt hatte. - -»Friedrich,« sagte sie dann, »hier ist das Kind, Frieda hab' ich's -geheißen. Sieh es an. Sieh doch auch mich einmal an. Bin ich denn -so verdorben, daß du mich nicht mehr erkennen kannst? Das Kind mußt -du hüten, daß es groß wird und brav. Ich glaube, bei mir ist's zum -Sterben.« Er wendete sich ab. Sie faltete die Hände: »Friedrich! Auf -der Welt ist es so schön und bist ja du wieder bei mir! Ich mag nicht -sterben. Noch so jung und schon auf die Totenbahr.« - -Er blieb stumm. Nicht einmal die Kraft der Verstellung hatte er mehr, -um ihr ein beruhigendes Wort zu sagen. - -Das Kind, in Lumpen gehüllt, schlief an der schwerwogenden Brust des -Weibes. - -»Wenn die Türe offen wäre!« sagte Floriana. Er öffnete sie. Das -Abendrot lag draußen auf den Bäumen. - -»Nicht wahr, die Waldluft, die soll ja gesund sein!« sagte sie. - -»Gewiß,« versetzte er. - -»Meine Eltern laß ich grüßen. Auch den Vater,« fuhr sie wie traumhaft -fort. »Aber nicht wahr, mein lieber Mann, du machest mich gesund. Du -bist ja ein großer Herr. Du hast mir Geld gaben wollen. Nichts wünsch' -ich mir als die liebe Gesundheit. Ich will dir keine Last sein, nur -leben laß mich. Mein junges Leben, nur das verlang nicht von mir!« - -»Das meine gebe ich für dich!« rief er aus. »Nimm es! Nimm es!« - -Sie haschte nach seiner Hand: »Du bist gut, Friedrich!« hauchte sie -und legte ihre Wange zärtlich an seine Hand und streichelte sie, »ich -hab's ja gewußt, daß du gut bist. Kreuz mußt du mir keines setzen auf -das Grab. Aufs Kind denkest du ja und mich mußt du vergessen. Es wäre -kein gutes Gedenken. Du wärest brav geblieben und ich bin dein Unheil -geworden.« Sie schwieg, hielt ihren rasselnden Atem ein, um zu horchen: -»Hörst du es? Hörst du es?« - -Auch er horchte, nichts war, als der stille Abendfrieden. - -»Die Glocken läuten,« sagte sie leise. - -Es war keine Kirche weit und breit und die Kapelle, die draußen an der -Straße stand, hatte keine Glocke. - -»Es ist schon die Gebetstunde,« sagte sie müde und legte über dem Kinde -an der Brust ihre Hände aneinander, »sie läuten zum Englischen Gruß, -bete ein Vaterunser, Friedrich!« - -Er neigte den Kopf, aber er betete das Vaterunser nicht, denn er -wußte nicht, wie es lautete. Sie betete still und er saß neben ihr -bewegungslos, wie hingebannt. Im traumhaften Zustand starrte er zur -Türe hinaus, das Gold der Wipfel begann zu erblassen, die lichten Äste -und Steine verdämmerten mählich und in dem Schatten sang ein einziger -Vogel weiche, kurz abgebrochene Töne. - -Das Weib war noch immer still und betete. - -Herr Kürbaum hatte eine Empfindung wie nie bisher in seinem Leben, -es war, als ob in seiner Seele etwas zu tauen beginne. Dieses junge -Weib. Und -- »sie +ihn+ verführt!« Du heilige Büßerin Unschuld! -- Mit -+diesem+ Weibe leben! Es muß ja groß sein, das Glück zu leben, wenn es -selbst der Ärmste, Verlassenste nicht lassen will. - -Als der Mann sich niederbeugte gegen ihr Angesicht, um zu sehen, ob die -Betende nicht in den Schlummer gesunken sei, da sah er's. - -Er rüttelte sie, er rief sie laut beim Namen. Sie war dahin ... - -Da besann er sich nicht lange. Ein Tatentschluß. Vielleicht das -erstemal im Leben. Er nahm eine Kohlenschaufel, die neben anderen -verrosteten Geräten in einer Ecke lehnte, und ging, um draußen zwischen -den Bäumen ein Grab zu graben. - -Er grub und schaufelte mit Hast, aber der Moosboden war zähe, die -Baumwurzeln waren hart und wollten nicht weichen. Erschöpft. Dieser -Leib, dem er eine Million zum Fraß geworfen, vermochte nicht einmal -eine Grube zu schaffen für ein armes Wesen, das seinetwegen gestorben -war. Ohnmächtig an Seele und Leib, und nicht sterben können! - -Erschreckt fuhr er auf. In der Hütte begann das Kind zu schreien. Es -war erwacht, es war ihm nicht behaglich an der toten Brust. - -Herr Kürbaum wankte hinein und hob das Kind auf. Die Mutter wollte es -nicht lassen, ihre Arme schlangen sich starr um den Säugling. Aber als -er das junge warme Leben nun an seiner Brust hielt, das Kind mit dem -rosigen Antlitz, da ging eine Flut in sein Herz. - - * * * * * - -Noch in derselben Nacht ist er mit dem Kinde davongegangen. Ein -verspäteter Jäger begegnete ihm, dem teilte er mit, daß in der -Waldhütte ein Toter liege, der zu begraben sei. - -Er selber mit dem Kinde fand nach langem Irren Herberge und Atzung in -einem kleinen Hause, das an einem Steinbruche stand. Dort lebte ein -betagtes Weib, das kurze Zeit früher ihren Mann und Ernährer durch den -Tod verloren hatte. Der war Steinschläger und Kalkbrenner gewesen. Bei -einem Steinsprengen durch Pulver war ihm ein Felsstück an das Haupt -geflogen. - -»Es ist halt so traurig in meinem Hause,« sagte die Witwe. - -»So wollt Ihr mir vielleicht das Kind abnehmen?« fragte Kürbaum, -nachdem er in Kürze die Schicksale desselben mitgeteilt. - -»Es wäre recht,« antwortete die Witwe, »aber der Tod hat mir das Tuch -vom Tisch gezogen.« - -»Wenn ich für Euch steinbrechen wollte?« fragte der Mann. - -»Das wäre gut, aber das Steinbrechen allein lohnt sich nicht. Mein Mann -hat auch noch die Kalkbrennerei betrieben. Man verkauft den Kalk jetzt -gut hinaus nach Zirlschlag.« - -»Und wenn auch ich die Kalkbrennerei betriebe? Und den Erwerb brächte -ich Euch, damit Ihr mir dieses Kind pfleget?« - -»Ja, dann sind wir handelseins,« sagte die Alte und machte einen -Handschlag. »Aber -- mit +dieser+ Hand wollt Ihr Steine brechen?« - -Einige Zeit mußte er sich von der alten Witwe pflegen lassen, bis er -imstande war, sein Vorhaben zu versuchen. - -Und dann geschah es, daß ein Mann, der die vornehmste Erziehung -genossen hatte, der zu Lebzeiten seines Vaters zwölf Jahre lang -allerlei Wissenschaften betrieben, der hierauf eine Million zu erben -bekommen, daß dieser Mann bei einem Halbkretin in die Schule gehen -mußte, um sich und seinem Kinde das Brot zu erwerben. - -Der schiefäugige, halbtaube Knecht des Verstorbenen unterwies Herrn -Kürbaum, wie man den Eisenschlägel handhabt, wie die Steine am -richtigsten zertrümmert werden, daß sie nicht zu groß und nicht -zu klein bleiben, wie man sie in Prismen schichtet und mißt und -verrechnet; unterwies ihn in der Kalkbrennerei, welche Gattung von -Stein man nimmt, wie man heizt, röstet, löscht usw. - -Kürbaum hätte es nicht ausgehalten, seine ganze Natur bäumte sich oft -auf gegen solche Dinge, aber wenn er das Kind sah, das ihn bisweilen so -treuherzig munter anblickte, da gewann er innere Kraft, und mit dieser -stählte sich allmählich auch die äußere. Sein Wille erstarkte und rang -mit seinen Neigungen, die auch wieder zu erwachen begannen. Ein paarmal -drohte ihm das Unterliegen. »Nur den tausendsten Teil von dem, was ich -der Langweile und dem Laster in den Rachen geworfen, und das Kind wäre -geborgen!« - -Nach und nach stellten sich auch Freuden ein. Das Kind lächelte, -streichelte mit dem Händchen seine bebarteten Backen, faßte den -Lederschild seiner Mütze und lallte: »--ut!« - -Die Pflegemutter verstand: »Hut«, der Vater wußte es besser: »Mut!« Und -er gewann ihn ganz zu eigen. -- - -Nach einer Weile vernahmen die Fratres des Klosters zum heiligen Anton -am See, daß der wunderliche Mensch, der seinerzeit aus dem See gezogen -worden war, draußen in den Träusundbergen bei einem Steinbruch wacker -arbeite. Nach näher eingeholten Erkundigungen ließ der Abt an ihn -folgendes Briefchen schreiben: - -»Eine Million verjuxen und sich erschießen! Wie jämmerlich! -- Aber -eine Million verjuxen, dann Steine schlagen, das ist tapfer! Das -Kloster braucht gegenwärtig einen Straßenmeister. Wollen Sie die Stelle -haben, so mögen Sie sich melden.« - -So steht es heute. Friedrich Kürbaum ist wohlbestellter Straßenmeister -und bewohnt mit seinem heranblühenden Töchterl und der alten Witwe das -im Schweizerstil gebaute kleine Haus, das rechterhand der Straße steht, -wo sie sich gegen den See hineinbiegt und ins enge Klostertal. Vom -Fenster aus sieht man die Seewand und die im Hintergrunde aufragenden -Felsriesen. - -Ist das alles? fragt ihr. Und der Mann soll Straßenmeister bleiben? - -Ihr winkt mißmutig ab? So stark sei niemand? -- Was wollt ihr denn? Der -Mann hat trotz aller Schwäche die Hochschule bestanden -- die Schule -des Elends. Das, was andere suchen und erjagen, hat er hinter sich, die -Million. Er weiß, wie hohl sie ist, und diese Erfahrung gibt dem nun -Geläuterten Ruhe und Weisheit für den Genuß des kleinen, innigen Lebens -in der großen Natur. - - - - -Philippus der Hasser. - - -Das war ein Unhold, dieser Philipp in der Lacken, Gott, das war ein -Unhold! - -Er soll kohlschwarzes Haar und feuerroten Bart gehabt haben und dieses -ungewöhnlichen Aussehens wegen allein schon gefürchtet worden sein. -Sein Geschlecht war in dem Tale der Friesen, das breit und fruchtbar -ist, uralt angesessen. Der Name »in der Lacken«, den es trug, stammte -von seinem Hofe her, der wie eine kleine Ritterburg auf der Insel -eines großen Teiches stand, damit er geschützt sei gegen die Feinde, -von denen besonders der Philippus rings umgeben war. Die Leute nannten -den Teich in verachtender Weise die Lacken, und der Philipp mit seinem -Anwesen war ihnen wie die Kröte drin, aber das sagten sie nicht laut, -denn der Mann war seines Reichtums und seiner zahlreichen Untergebenen -wegen sehr mächtig und sehr böse. - -So wie der Philippus das Haar eines Romanen und den Bart eines Germanen -trug, so ähnlich mochte auch sein Blut mit den Eigenschaften der -beiden Völker gemischt sein. Manchmal, wenn die guten Seiten mehrerer -Völker zusammenkommen, gibt es herrliche Menschen; wenn gemischte -Eigenschaften sich wieder mischen, entstehen unberechenbare Charaktere; -und wenn die schlimmen Neigungen verschiedener Rassen sich vereinen, -dann werden Ungeheuer geboren, wie sie aus ungemischtem Blute kaum -hervorgehen können. - -In Philippus hatte sich vereinigt die religiöse Entartung der Romanen -und der Germanen: die Schwärmerei des Katholizismus und die Grausamkeit -des Heidentums. Er war, so bildete er sich selbst ein, strenger Christ, -er betete, er fastete, er hüllte sich an Sonn- und Feiertagen in einen -grauen Büßermantel, in welchem er sich auf dem Kahne über den Teich -rudern ließ und in welchem er in der Kirche nächst dem Hochaltare -auf dem Betstuhle kniete. Er übte die strengste Enthaltsamkeit und -verlangte solches auch von seinen Untergebenen. Nur eines vergaß der -fromme Philippus, er vergaß der Liebe. Weil er aber doch ein heißes -Herz in der Brust hatte, das imstande war, gewaltig zu pochen, so hegte -und pflegte er statt der Liebe den Haß. Bei einem harten Oheim soll er -erzogen worden sein und nie einen Hauch der Liebe erfahren haben. Also -stand er einsam wie ein starrer Halm auf herbstlicher Heide. Selbst die -äußere Natur haßte er und wollte sich an ihr rächen, wenn es regnete im -Heuen oder windete in der Kornblütezeit. Öfter als einmal sah man's, -wie er mit seiner Peitsche wütend in die Luft hineinhieb, daß es pfiff, -um Wind und Wetter zu züchtigen, und einmal befahl er es sogar seinen -Knechten, daß sie mit ihren Heugabeln gegen den Regen dreinstechen -sollten. Sie taten es, kam aber nichts dabei heraus, als daß sie naß -wurden. Wo es nicht sein Vorteil heischte, mit Menschen zu verkehren, -da floh er sie. Lebenslustige Männer verabscheute er, liebebedürftige -Weiber verachtete er, und Kinder waren ihm eine wertlose Sache, über -die er auf der Gasse hinwegschritt wie über junge Hunde und Kaninchen, -die man nur nicht zu Tode tritt, weil die Eigentümer darob Lärm -schlagen würden. Philippus war natürlich Hagestolz geblieben, im ganzen -aber hatte er sich doch so gehalten, daß männiglich sagen mußte: Er ist -ein Ehrenmann! Gegen seine Blutsverwandten, gegen jedermann, der ihm -nichts Übles tat, war er kalt wie ein Stein in der Bergschlucht; wenn -ihm aber Böses geschah oder wo er es sich nur einbildete, daß jemand -ihm Böses wolle, da begann es zu glühen und zu kochen in ihm, sein -Blut schoß zurück in die Brust, daß sein Antlitz ward blaß wie Lehm -und seine Fingerspitzen kalt wie Eiszapfen. Aber aus seinen kleinen -Augen zuckte es in grünlichen Strahlen. Und vor einem steinernen -Christusbilde, das unter der Eiche seines Hofes stand, klammerte er -die Finger aneinander zu einer Doppelfaust, und flehte mit aller -Inbrunst des Glaubens um Rache. In dem schönen Tale der Friesen gab -es Leute, die harmlos sich des Lebens freuten in Spiel und Tanz -- -er haßte sie. In einem Nachbarsdorfe lebte ein alter Mann, von dem -die Sage ging, daß er der lutherischen Lehre anhänge. Diesen Mann -kannte Philippus gar nicht persönlich, aber er haßte ihn so sehr, -daß er nächtelang schlaflos war und darüber nachsann, was er dem -»Scheusal« Schlimmes zufügen könnte. Am meisten aber haßte er einen -Karrner. Dieser Karrner war in einem kleinen Eisenwerke desselben Tales -angestellt, um mit einem Schubkarren Holzkohlen von dem Schoppen in -die Schmiede zu befördern, wofür er einen Tagelohn erhielt, von dem er -mit seiner großen Familie sehr kümmerlich lebte. Diesen Menschen haßte -der Philippus über alle Maßen. Warum? Hätte er sich gefragt, er würde -nicht Antwort haben geben können, denn der Karrner war ein harmloser, -sanftmütiger Mensch, der niemandem ein Leides tat. Aber Philippus -hatte den Drang, seinen allgemeinen Menschengroll auf eine Person -niederzulegen. Der Karrner war ein armer Mann, noch dazu ein fremder, -vielleicht sogar ein Andersgläubiger. Er war vor Jahren als Fremdling -in das Tal gezogen und hatte sich dort eingeheimt. Aber man wußte -nicht, woher er kam, und weß Abstammung er sei. Der Philippus war eines -Tages zum Richter und zum Prälaten gegangen und hatte die Ausweisung -des Karrners begehrt. - -»Hat Euch der Mann Unrechts zugefügt?« fragte der Richter. - -»Nicht mir allein,« rief der Philippus, »uns allen fügt er -himmelschreiendes Unrecht zu, denn er ist da, er zehrt von unserem -Korn, er trinkt von unserem Wasser. Warum soll den Erwerb, Kohlen zu -führen, nicht einer der Einheimischen haben? Warum ein Fremdling?« - -»Was geht das Euch an, Philipp?« fragte der Richter, »wollt Ihr Euch um -die Karrnerstelle bewerben?« - -»Es gibt keine Gerechtigkeit mehr,« knirschte der Philippus, verließ -mit knarrenden Schritten das Richteramt und begab sich zum Prälaten. - -Vor diesem ließ er im Beutel Geld klingen und stellte ihm vor, daß -der Josue das Verderben der Leute sein würde, wenn man ihn nicht -fortweise, denn er sei sicherlich kein Christ. Solcher Mensch gebe ein -arges Beispiel, wie man auch als Unchrist leben könne, ohne vom Blitze -erschlagen zu werden, und er gebe das noch weit schlimmere Beispiel, -daß der Mensch sozusagen seine Pflichten erfüllen könne, ohne Christ -zu sein. Wäre der Josue ein schlechter Hund, ein Räuber und Mörder, -so könne man ihn ganz gut in der Gegend belassen als Exempel, was ein -Unchrist ist. Weil er aber zu den sogenannten braven Leuten gehöre, -eben darum müsse er fort. »Es darf keiner brav sein, der Unchrist ist!« -schrie Philippus. - -Der Prälat lächelte ein wenig. Dann sagte er: »Lieber Philippus! Euer -Eifer um die Ehre der christlichen Kirche ist ganz löblich, vorerst -aber wird es nötig sein, daß Ihr selber Christ werdet. Prallet nicht -auf, mein Freund! Ihr seid vom höllischen Haßteufel besessen, und -Christus, unser Herr, hat gesagt, liebet euch untereinander, liebet -auch eure Feinde! Darin unterscheidet sich ja eben unsere Religion von -den Religionen der Heiden und Juden, daß sie Liebe ist. Darum eben ist -die christliche Religion göttlich, darum verwandelt sie in ihrer Hand -den Stein zu Brot und das Brot in den Leib des Herrn, weil sie lautere -Liebe ist. Darum verwandelt sie den tierischen Menschen zum sittlichen, -zum hochgesinnten, uneigennützigen, opferfreudigen Kinde Gottes, weil -sie lautere Liebe ist und Liebe verlangt überall. Viele Tausende von -Jahren bestand das Menschengeschlecht vor Christus schon; zahllose -Religionen lebten auf, gingen nieder, in den Menschen war das Gesetz -des Eigennutzes, des Hasses, der Rache oder des stumpfen Hinsiechens -an Herz und Geist. Da kam unser himmlischer Christ mit der Liebe. Und -keine Religion hat die Menschen so hoch gehoben, als die christliche; -die Milde, das Wohlwollen, der Friede, die Weltfreude auch, und das -irdische Glück in seiner reinen Form, die ganze menschliche Gesittung, -die in den Besten der Gegenwart Ausdruck findet, all das ist ein Werk -des Christentums. Der Christ haßt das Laster, die Verworfenheit als -den bösen Feind, aber den Menschen als solchen, sei er wer immer, den -haßt er nie. -- Nein, lieber Philippus, der Josue ist ein fleißiger -Arbeiter, ein braver Mensch, so viel ich weiß, der niemandem etwas -Böses tut, den wollen wir nicht verjagen. Wollt Ihr ihm schon zeigen, -daß der Christ höher stehen kann, als etwa der Heide, so geht hin und -schenkt ihm einen Beutel mit Geld für seine armen Kinder.« - -Sehr erbost verließ der Mann den Priester, die Treppe herab noch -wiederholt das Wort »Pfaffe!« murmelnd. Wußte er doch, daß in den alten -Schriften, die er besaß, ganz anderes zu lesen stand. Die Zauberer, die -Hussiten, die Juden, die Lutherischen verbrannt auf dem Scheiterhaufen! -Das waren noch schöne, gottwohlgefällige Zeiten. - -Unterwegs mußte Philippus an dem Eisenwerke vorbei; auf der Brücke des -Hammerbaches begegnete er dem Karrner Josue mit der Kohlenladung. -Mit heftigem Stoße prallte er an ihn, so daß der Karrner über die -geländerlose Brücke in den Bach stürzte. Dann eilte er leicht wie auf -Flügeln davon und rieb sich die Hände und ein Wohlgefühl war in ihm, -wie er es noch nicht oft genossen hatte. - -Aber am dritten Tage, als er das Begräbnis des ertrunkenen Josue -erwartete, ward Philippus zum Richter gerufen und dort stand der -Karrner lebendig und ganz wieder trocken. Der Josue klagte ihn an. -Philippus verteidigte sich: Natürlich war es nicht absichtlich, -sondern ganz zufällig geschehen, daß er auf der Brücke an den Karrner -gestrichen, der mit seiner ungebührlich breiten Fuhr die ganze Brücke -eingenommen; der Karrner sei aber ein so maßlos boshafter Mensch, -daß er absichtlich in das seichte Wasser gesprungen sein müsse, um -nachträglich zu behaupten, er wäre hinabgestoßen worden. Nicht allein, -daß er, Philippus, vollkommen frei von Schuld sei, verlange er auch -eine Züchtigung dieser niederträchtigen Kreatur. - -Der Richter war aber von der eigentlichen Gesinnung Philipps so -überzeugt, daß er ihn auf drei Wochen in den Kerker führen ließ wegen -mutwilliger Gefährdung des Lebens eines anderen. - -Das ist dem Philippus, genannt Philipp in der Lacken, passiert. Nun -kann man sich denken, daß sein Haß und seine Rachgier im kühlen, -feuchten Aufbewahrungsorte nicht verkümmerten, und in der Tat, als er -wieder an das Sonnenlicht kam, war er abgemagert bis zum Gerippe und -sein langes schwarzes Haar und sein langer roter Bart war wirr und wüst -und stellenweise schimmelig. Das Fasten und das harte Lager konnten ihn -nicht so heruntergebracht haben, denn derlei Bußübungen waren ihm nicht -fremd, aber der Haß! Der Haß, dieses Ungetüm, hatte, als es an fremden -Körpern nichts zu beißen fand, sich gegen den eigenen gekehrt und in -ihm unbarmherzig genagt und gewütet. Philippus zog sich zurück auf -seinen Hof in der Lacken und ließ sich lange nicht mehr sehen. Er las -in seinen alten Schriften, und weil das »Vaterunser« ihm viel zu matt -und weich schien, so erfand er sich für seine Person ein eigenes Gebet, -das er an jedem Morgen und an jedem Abende mit größter Inbrunst sprach. -Das Gebet war voller Kraft und Glut, es lautete: - -»Herrgott, Allmächtiger im Himmel! Strafe die Unchristen und die -Fremdlinge und die Kinder der Welt und alle meine Widersacher. Strafe -meine Feinde. Zermalme sie mit Deiner Faust, zertritt sie mit Deinem -Fuß, daß das Eingeweide fahr' aus ihrem verfluchten Leibe. Ich bete -Dich an, o heiliger Rächer! Lichter aus reinem Wachse sollen brennen -vor Deinem Tabernakel! Laß Dein rosenfarbiges Blut nicht umsonst -geflossen sein für mich, töte meine Feinde! Gib, daß sie erblinden im -Walde und in den Abgrund stürzen! Sende Deinen Blitz an die Tore ihrer -Häuser, daß sie den Ausweg nicht finden und im Feuer umkommen! In ihr -Trinkwasser gieße die Pest! Rufe die Kriegsheere der Erde, daß sie -metzelnd Dein Reich befreien von dem Unzücht! Herrgott, mich, Deinen -treuen Diener, lasse nicht zu Schanden werden. Amen.« - -Also war die Andacht Philipps, aber es war ihm leichter, nur solange er -betete; denn es geschah nichts von allem, was er flehte, seine Wut war -nichts als die Waffe des Ohnmächtigen. - -Seine Verwandten, sein Gesinde sah, wie Philippus immer finsterer -ward, aber sie wagten nichts, um ihn fröhlicher zu machen. Im Hofe auf -dem Teich hörte man kein Jauchzen und keinen Gesang und kein Lachen. -Nahe dem Lackenhofe, am Ufer der Insel stand ein alter Eichbaum, der -weitum den Platz und das Wasser überschattete und eine Dämmerung -legte auf den Rasen. In dieser Dämmerung stand ein altes Kreuz. -Dieses Kreuz hatte neun Querbalken, es ragte hoch zum Geäste auf. -Es war vor Zeiten draußen in dem großen Walde gestanden, der unter -dem Namen der Kürlingerwald im ganzen Lande berüchtigt ist. Es hatte -nämlich in ihm vor Jahren eine Räuberbande ihr Unwesen getrieben, -Reisende ermordet und war oft hervorgebrochen, um Meierhöfe und ganze -Schlösser auszuplündern. Eines Tages wurde in dem Kürlingerwalde ein -durchfahrender Hochzeitszug, bestehend aus neun Personen, ermordet. -Der Räuberhauptmann wollte die Braut entführen, der Bräutigam schoß -ihn nieder, worauf sich ein Gemetzel entspann, dem der ganze Festzug -unterlegen war. Zum Gedächtnisse hatte man das neunbalkige Kreuz -aufgestellt. Später, als der größte Teil des Waldes der Axt zum Opfer -gefallen war und das hohe Kreuz herren- und schattenlos auf dem Riede -stand, nahm der Philippus davon Besitz, führte es in seinen Hof, -stellte es dort auf unter dem Eichbaum und verehrte es ob der blutigen -Tat, deren Erinnerung daran geknüpft war. - -Unweit des Teiches standen mehrere Meierhöfe, die dem Philippus zu -eigen waren, und zu denen sein Gesinde täglich auf großen flachen -Kähnen über das Wasser fuhr. Auch Getreide, Heu, Holz und andere Dinge -wurden mit solchen Kähnen über den Teich in den Wohnsitz geschafft. Der -Teich hatte dort, wo die Schleuse das Wasser hereinließ, eine lange -Zunge in das Gelände hin. Als Philippus eines Tages unter dem Eichbaum -vor dem Kreuze kniete, fiel sein Blick auf diesen Kanal hinaus und -sah, wie dort zwischen Erlen und Silberweiden zwei Knaben standen und -mit kurzen Stäben Fische angelten. Dem frommen Manne blieb das Gebet -im Munde stecken, er erhob sich langsam und strengte seine Augen an, -daß er die Fischdiebe erkenne. Er erkannte sie, es waren die Söhne -des Karrners Josue, die er beim Vorübergehen an ihrer Hütte schon oft -mit den Augen gespießt hatte. Ein heißes Lustgefühl stieg in ihm auf, -eilig holte er vom Hause einen Feuerhaken und einen Strick, damit -ging er zum Landungsplatz und ruderte auf einem Kahne hinaus. Aber -die entgegengesetzte Richtung, er wollte dann hinter den Uferbüschen -die Knaben anschleichen, sie an sich reißen, binden und in den Hof -schleppen, um sie zu strafen, das heißt, den Haß zu befriedigen, der -in ihm gegen den Karrner mit gesteigerter Heftigkeit brannte. Als er -jedoch an die Stelle kam, waren die Kinder nicht mehr dort. Tiefen -Mißmutes voll kehrte er zurück auf den Hof und gab seinen Knechten den -Auftrag, wenn ihnen von den diebischen Karrnerleuten eines unter die -Hände käme, dasselbe ihm zu überliefern, ob lebendig oder tot, der Lohn -sei zwölf Silbertaler und ein mit Silber beschlagenes Gebetbuch. - -Da war es eines Abends im Erntemonat. Den ganzen Tag über hatten die -Kähne verkehrt zwischen den Meierhöfen und dem Wohnsitze im Teiche. -Es gab schwere Garbentrachten und Philippus freute sich. Es war ein -Hagelwetter niedergegangen in der Gegend, er freute sich, daß der -Himmel seine Felder verschont hatte, aber noch mehr freute er sich, daß -er die seiner Nachbarn verheert hatte. Und diesem Freudentag folgte ein -würdiger Abend. Mit der letzten Garbenfuhr brachten drei Knechte einen -Mann mit, der auf den Garben ausgestreckt lag und um Erbarmen wimmerte. -Er war mit Strohwinden an Händen und Füßen gebunden, es war der Karrner -Josue. - -Als Philippus gehört hatte, welch ein werter Gast angefahren gekommen -wäre, stellte er sich, die Hände in den Taschen des Beinkleides -und mit ausgestemmten Füßen ans Ufer und sah mit Behagen zu, wie -die Knechte den Gefangenen zu Häupten und zu Füßen packten, um ihn -abzuladen. Mit einer Schwenkung des Kopfes deutete er gegen den -Eichbaum hin, sie taten nach Befehl und vor dem Kreuze warfen sie den -Karrner zu Boden. - -»Herr und Vater!« so begann nun einer der Knechte zu berichten. »Wir -haben ihn ertappt. Des Meierhofes Haushahn hatte er gestohlen und -getötet und verzehrt. Wir haben den armen, lieben, schönen Vogel seit -dem Morgen nicht mehr gesehen. Aber am Nachmittage haben wir Federn -gefunden hinten im Schachen, und nicht weit davon den Karrner, der eine -solche Feder auf dem Hute getragen. Er wollte vorüberhuschen, aber -wir haben ihn abgefangen, er hat geleugnet, aber wir haben ihm nicht -geglaubt. Wir haben den Dieb und Mörder des unschuldigen Tieres zu dir -gebracht.« - -»Einer bekommt nur vier, weil euer drei sind,« sagte Philippus zu den -Knechten, »das Gebetbuch sollt ihr abwechselnd benutzen. Bleibt nur -da. Wir haben heute einen Feierabend. Nachher werden wir Wein trinken. -Zuerst müssen wir eine Abendandacht halten und dem Herrgott ein Opfer -darbringen vor dem Kreuze.« - -Diese Worte waren in einer so seltsamen Weise gesprochen, daß die -Leute einander mit Befremdung ins Gesicht schauten. Philippus, ohne -den Gefesselten, der auf dem Rasen sich wand, zu beachten, kniete hin -vor das Kreuz, streckte die beiden Arme gegen Himmel und hub an, so zu -beten: »Gerechter Gott, ich danke Dir, Du hast mich erhört. Du hast -meinen Feind gelegt in die Gewalt meiner Hände. Dein ist die Rache, -und nach Deinem Willen will ich meine Feinde lieben. Ich töte ihn -nicht aus Rache. Ich liebe meinen Feind und werde ihn küssen, ehe er -geopfert wird. Herrgott! Du bist nicht der Judengott, der das Opfer -Abrahams verschmäht hat, Du bist der Christengott, der das blutige -Opfer seines eingeborenen Sohnes angenommen hat zur Versöhnung. Ich bin -nicht der hoffärtige Pharisäer, der an Deinem Altar steht, ich bin der -demütige Zöllner, der sein Angesicht verhüllt und betet: Herr, ich habe -gesündigt. Nimm für alle meine Sünden dieses Opfer und verzeihe mir -und gib mir ein langes Leben und eine glückselige Sterbestunde und die -ewige Seligkeit. Amen.« - -Mittlerweile war es dämmernd geworden. Am Himmel lag eine rauchbraune -Wolkenschicht, nur am Gesichtskreise gegen Sonnenuntergang war ein -glühendroter Streifen schnurgerade hingezogen, wie ein Spalt zwischen -Wolken und Erde, durch die das Abendrot hereinleuchtete. Vom Hause -hatte sich bald alles Gesinde versammelt um den Eichbaum und manchem -begann unheimlich zu werden. - -»Mein lieber Mitbruder im Herrn,« so redete Philippus nun den Karrner -an. »Heute finden wir uns vor einem anderen Richterstuhle, als dazumal. -Ich hege keinen Groll gegen dich, und fordere dich auf, deine Sünden zu -bereuen.« - -»Herr Philippus, ich weiß nichts von dem Hahn!« entgegnete der Karrner, -seine Stimme war heiser; »ich habe ihn nicht gestohlen. Ich bin auf -einem Botengange zum Schmied in Siebenbrücken nur vorbeigegangen an dem -Meierhofe. Sie haben mir die Federn gezeigt, ich sagte aber, das sind -keine Hahnenfedern, das sind Geierfedern, wovon ich eine auf den Hut -gesteckt, und ich weiß nichts vom Hahn!« - -Philippus streichelte mit seinen knochigen Händen sich den langen roten -Bart. Dann sagte er zum Gefangenen: »Du zwingst mich auch noch, daß -ich dich als Lügner strafe. Du weißt es wohl noch nicht, wie meine -ehrwürdigen Vorfahren den Lügner gerichtet haben? Du sollst es sogleich -erfahren. -- Junge!« so wandte er sich an einen halberwachsenen -Burschen, »gehe in meine Stube und hole die gelbe Tasche heraus.« - -Die Verblüffung der Anwesenden wuchs. In früheren Jahren war Philippus -ein beliebter Metzger gewesen. Hatte es in der Nachbarschaft und selbst -weiter um im Tal etwas zu schlachten gegeben, so wurde Philippus dazu -gebeten; dieser Mann warf mit einigen Schlägen jeden Ochsen hin, und -das Schwein war auf seinen wohlgezielten Stoß augenblicklich tot. Als -aber Philippus später bei zunehmendem Alter und bei gesteigertem Grolle -gegen alles anfing, sich an den Qualen der Tiere zu ergötzen, machte -er die Sache umständlicher und richtete es manchmal so ein, daß das -Opfer noch zuckte, wenn er ihm die Eingeweide herausriß. Da meinten die -Leute, er solle daheimbleiben auf seinem Lackenhof, sie wollten ihre -Metzgerei schon selbst besorgen. Also mußte er sich begnügen mit den -Freuden, die das Metzgern in seinem eigenen Hause bot. In der gelben -Ledertasche, um die der Junge jetzt geschickt worden war, befanden sich -die Schlachtwerkzeuge. - -Weil es nun dunkel geworden war, ließ Philippus zwei Fackeln anzünden, -deren Träger zur rechten und zur linken Seite des Kreuzes stehen -mußten. Der schwarze Pechrauch qualmte empor. Philippus öffnete die -Tasche, er tat es langsam, mit feierlicher Gebärde, doch das leise -Zittern seiner Hand verriet eine innere Leidenschaft. Das erste, was -er hervorzog, war ein Schlagbeil; dann kam ein Eisenring mit scharfen -Kanten, hernach ein langes scharfes Messer. Der Gefesselte begann beim -Anblick dieser Dinge zu beben, die Zuschauer wurden blaß vor Entsetzen. -In den Mienen des Philippus war ein unheimliches Zucken, in seinen -grünlichen Äuglein ein grauenhaftes Leuchten. Der Oberknecht flüsterte -zu seinem Kameraden: »Er ist wahnsinnig geworden!« Zögernd trat der -Knecht zu Philippus vor, berührte ihn ein wenig am Arm und sagte leise: -»Herr Vater! Wäre das so gemeint? Peitschen, wenn Ihr wollt, aber so -nicht. So nicht. Es ist ja nur ein Hahn gewesen, ein altes wertloses -Tier. Wir führen ihn zum Gericht, wenn Ihr wollt. Dort sollen sie den -Dieb bestrafen.« - -Philippus bäumte sich langsam empor. »Was geht das dich an!« sagte er -dumpf und rauh. »Richtet ihn auf!« - -Nach diesen Worten ergriff er mit beiden Händen das Beil. In demselben -Augenblicke krähte ein Hahn. - -»Das ist er! Er ist es!« rief alles untereinander und deutete auf einen -Söller hin. »Er ist nicht gestohlen worden, da oben sitzt er!« - -»Es muß ein anderer sein!« sagte Philippus. - -»Nein, nein, es ist der vom Meierhof. Mit einer Garbenfuhr muß er -herübergekommen sein auf die Insel. Es ist unser Hahn, wir kennen seine -Stimme und der Karrner ist unschuldig!« - -»Und sterben muß er doch!« sprach Philippus, mit gehobenem Beile dem -Hingestreckten nahend. Jene drei Knechte, die den Karrner gebracht -hatten, rissen den Wütenden nach rückwärts. Wütend, rasend wehrte -er sich vor seinen eigenen Knechten. Es half nichts, sie warfen -ihn zu Boden und entwanden ihm die Waffe. Der Jungknecht erfaßte -das Schlachtmesser, schnitt an dem Josue die Strohwinden entzwei, -führte den also Befreiten eilig zum Ufer hinab, machte den zur Stelle -stehenden Kahn frei, und nun glitt der Karrner hinaus -- gerettet. - -Philippus riß sich mit gewaltigem Grimme von den Armen seiner Knechte -los und sprang zum Ufer hinab: »Sterben muß er!« - -Aufrecht wie er war, lief er ins Wasser hinein, der schwarzen Masse -des Fahrzeuges nach, das eben vom Ufer abgestoßen hatte. Der Karrner -sah noch die Gestalt des Verfolgers und in dessen Hand das Blinken -des Messers, er sah, wie die Gestalt mit jedem Schritte, den sie -nach vorwärts tat, tiefer ins Wasser sank, bis endlich nur mehr das -dunkelbemähnte Haupt über demselben war. Aber dieses dunkle Haupt glitt -heran und rasch heran, so sehr der des Ruderns unkundige Karrner auch -die Schaufel einsetzte und vorwärts strebte. Er hörte das schnaufende -Fluchen des Verfolgers, er sah, wie manchmal neben dem Haupt aus dem -Wasser ein Arm sich hob mit dem Messer. Der Mann schwamm nicht, das -war zu merken, er hatte noch Grund unter den Füßen. Also floh das -Fahrzeug vor der schwarzen Kugel, die auf der Oberfläche des Wassers -nachzurollen schien. Der Karrner dachte an sein Weib, an seine Kinder, -er rief die Mutter Gottes an um Hilfe in solcher Not, mit aller Macht -die Fluten schlagend. Und siehe, der dunkle Punkt des Hauptes tauchte -tiefer und tiefer hinab -- noch ein Sprudeln und Gurgeln des Wassers, -dann war der Verfolger verschwunden. - -Der Karrner erreichte das andere Ufer, sprang aus und lief davon, neu -dem Leben wieder geschenkt. - -Die Nacht währte lange. Im Lackenhof war keine Ruhe. Als es Morgen ward -und der Hahn krähte, suchten sie nach dem Hausherrn. Man fand ihn nicht -auf der Insel und nicht drüben im Meierhofe. Die Sonne stand schon -hoch, als er unten, wo der Teich in einem Bächlein abfloß, ausgestoßen -wurde. Das lange schwarze Haar voller Schlamm, der lange rote Bart -voller Schlamm und Schaum, in verglasten Auge keine Glut mehr -- der -Haß war erloschen mit dem Leben. - -Das ist die Geschichte von Philippus dem Hasser, wie sie mir unter den -anderen höchst unwahrscheinlichen Geschichten auf fremden Straßen der -wandernden Seele begegnet ist. Warum sie erzählt worden? Aus Vorwitz -nicht, aus Lust zum Fabulieren nicht. Auf ihrer Stirn deutlich zu lesen -steht der Grund. Sie ist erzählt worden dem häßlichen Hasse zu Trotz -und der lieben Liebe zu Liebe. - - - - -Das Weihnachtsfeuilleton. - - -»Die alten Germanen feierten zur Wintersonnenwende aus Anlaß der Umkehr -des feurigen Sonnenrades -- angelsächsisch: ~hveol~, altnordisch: -~hiol~ oder ~jule~ -- das Julfest, und zwar in der Zeit vom 25. -Dezember bis zum 6. Jänner, als an welchen Tagen Wuotan und Berchta in -den nordischen --« - -»Was schreiben Sie denn da, Doktor?« unterbrach der Chefredakteur und -Eigentümer einer Provinzialzeitung seinen jungen Journalisten. - -»Nun, das Weihnachts-Feuilleton, welches Sie mir erst gestern auferlegt -haben, als ob wir nicht den ganzen Dezember über mit Bestimmtheit -darauf hätten rechnen können, daß sich auch dies Jahr die Weihnachten -präzise wie immer einstellen würden.« - -»Ich rechnete aber auch mit Bestimmtheit darauf, daß irgendein Blatt -zur Vorfeier einen Artikel bringen würde, den wir hätten benutzen -können. -- Machen Sie sich übrigens nicht die Mühe, das Ding -abzuschreiben, geben Sie offen den Band des Konversations-Lexikons mit -dem Artikel ›Weihnachten‹ in die Druckerei.« - -»Gut,« sagte der junge Journalist, schnellte den Band über den -Bücherhaufen hin und geflissentlich auf die Photographie eines -reizenden Mädchenkopfes, daß solche den Augen des Alten verborgen sei. -»Gut, so werde ich einen Aufsatz über Weihnachtsgebräuche in den Alpen -schreiben, von der Christmette, dem Krippel, den alten Hirtenliedern, -von den zwölf Nächten, von dem Dreikönigssingen, von dem --« - -»Lassen Sie das, es ist leergedroschenes Stroh, es fällt auch nicht ein -Körnchen mehr heraus,« sagte der Chefredakteur. - -»Also Weihnachten in der Großstadt, oder Weihnachten auf dem Meere oder -in Rom, oder irgendwo, oder Weihnachten der Armen, oder auch Weihnacht -eines alten Junggesellen, der --« - -»Alles abgebraucht, lieber Freund. Sie sind zu den Zeitungsschreibern -gegangen und haben keine Phantasie,« rief der Chef und ging -mit verschränkten Armen rasch im Zimmer auf und ab. »Weihnacht -ist ein Familienfest, da wollen die Leute etwas Gemütliches, -Idyllisch-Heiteres, Naives haben, oder Rührsames, Erbauliches -- irgend -ein Festglockenläuten.« - -Er blieb plötzlich vor dem jungen Doktor stehen, als ob ihm eine Idee -gekommen wäre. »Schreiben Sie etwas über Menschenliebe!« - -Der andere lachte auf. - -»Gibt es denn da etwas zu lachen?« - -»Nein, wahrhaftig nicht,« versetzte der Doktor. »Ich werde schreiben. -Schreiben über die Liebe, die Gottes Sohn auf die Erde gebracht hat -und die seither unter den Menschen waltet. Nämlich einen ganzen Tag -im Jahre. Denken Sie sich ein Christfest, das +zwei+ Tage dauern -würde. Wie fatal! Drei Tage, das wäre schon unmöglich. An die Gaben -und Liebesbezeigungen des Weihnachtsabends knüpft man rasch die -Unzufriedenheit, die Mißgunst und Falschheit für die nächsten 364 Tage.« - -»Vergessen Sie nicht, daß es auch Schaltjahre gibt,« bemerkte der alte -Chef launig. - -»Mit Ausnahme des einen Tages, des Christtages, wird jedes immerhin -noch ein sehr gemeines Jahr sein,« gab der Doktor zurück. »Das -Weihnachtsfest ist der Tag, an dem die Menschheit bei sich selbst -den Etikettebesuch macht. Das Weihnachtsfest ist der einzige Tag, an -welchem Geben seliger ist als Nehmen, weil der Geber auf eine größere -Gegengabe rechnet. Die religiöse Weihe, als den Goldstaub dieses -Festes, hat eine windige Volksaufklärerei längst weggeblasen -- und so -ist die moderne Gesellschaft jener unselige Vogel des Märchens, der -sich mit raublustigem Schnabel das eigene Herz aus dem Busen hackt. Die -Kinder selbst werden an diesem Tage das erstemal zu Heuchlern und lügen -einen Glauben an das erscheinende Christkind, »damit es recht viel -bringe«. Was bleibt an Poesie noch übrig? Der gestohlene Tannenbaum mit -dem Flitter?« - -Der Chef blickte den jungen Mann, der, regungslos im Sessel lehnend, -halb geschlossenen Auges solche Worte vor sich hingestoßen hatte, mit -Teilnahme an und sagte: »So habe ich Sie bisher nicht gekannt, Doktor! -Das ist nicht mehr derselbe Bursche, den ich vor ein paar Jahren bei -einem Studentenkommers die von lebensfreudigstem Idealismus getragene -Rede halten hörte!« - -»Ach, gehen Sie mir mit diesem Studenten-Idealismus! Lebensfreudig, ja, -solange es Geld und Bier gibt. Der wahrhaft edle Pathos für Freiheit, -Brüderlichkeit und Nationalität schrumpft im Kampfe um die persönliche -Existenz oder im bald sich einstellenden Haschen nach Geld und Würden -armselig zusammen. Das Ideal von der Freiheit, es ist himmlisch groß -und soll im Vereine mit der Liebe ja noch die Welt erlösen; aber in -den Köpfen und Händen unerfahrener, verführter, leidenschaftlicher -Menschen wird es so leicht zur Empörung gegen Obrigkeit und Gesetz. -Der Weg der freien Selbstbestimmung ist schmal. Wie edel ist es, sein -Ich zu kräftigen und zu vervollkommnen, und wie niederträchtig ist -der Egoismus! Wie groß ist die Vaterlandsliebe und wie gefährlich das -aufgehetzte Nationalgefühl! Dieses Nationalgefühl gießt Bleikugeln. -Sonst hieß es: Die Fürsten machen Kriege. Heute macht sie das Volk; -in den Zeitungen steht's zu lesen, in den Vereinen wird's gelehrt, im -Parlament wird's besiegelt.« - -»Das ist alles wahr,« entgegnete der Chefredakteur, »doch vergessen Sie -nur auch in langen Winternächten nicht, daß auf unserer Erde die Sonne -nicht untergeht.« - -»Auch die Kirchenglocken,« fuhr der Doktor fort, »versprechen in -diesen Tagen den Menschen auf Erden Frieden. Am nächsten Tag, als -am Stephanitag, wissen sie schon anderes, zu Ehren des Erzmärtyrers -rufen sie die Gläubigen zum unversöhnlichen Kampf gegen alle -Andersglaubenden.« - -»Lieber Freund,« unterbrach der Chef den Sprecher, »Sie sind krank, -Sie denken krank, Sie sprechen, als ob Sie Hunger hätten. Nur Geduld! -Abgesehen von dem Weihnachts-Feuilleton, das Sie in solcher Stimmung -nie werden schreiben können, sind Sie recht verwendbar und habe ich -auch die Absicht, von Neujahr ab Ihren Gehalt neuerdings zu erhöhen. --« - -»Sie würden es nicht tun, wenn Sie unter gegenwärtiger Ablöhnung meiner -sicher wären.« - -Da trat eine Pause ein. Der Doktor schliff mit seinem Fingernagel die -Federspitze glatt. Der Chef rieb die Augengläser rein, die auf seiner -Stirne angelaufen waren. - -»Sie sind heute herb, lieber Freund,« sagte er endlich. »Sie müssen -etwas Kratzendes auf der Seele haben. Vielleicht sollten Sie heiraten.« - -Der Doktor richtete sich ein wenig auf und blickte den alten Herrn -verwundert an. Es war eigentlich ein hübscher Kopf, den er hatte, -dieser Doktor. In seiner Haltung, in seiner losen Haarfrisur, in seinem -kecken Schnurrbärtchen lag noch etwas Studentisches, aber sein Auge -war schwermütig. So jung er war, sah er doch schier aus, wie einer -jener wenigen Zeitungsschreiber, die nicht bloß zu schwätzen, sondern -auch etwas zu sagen wissen -- und zu sagen haben. Die Zeitung, der er -gegenwärtig diente, war aber eine von denen, die fortwährend schwätzen, -damit sie nichts sagen müssen. Darum hatte sie einen großen Leserkreis -und darum hatte sie ihren Eigentümer zum reichen Manne gemacht. - -»Sie haben da eine Frage angeschlagen, die mich interessiert,« sagte -nun der Doktor. »In der Tat, ich glaube, die Ursache, daß ich kein -Weihnachts-Feuilleton schreiben kann, ist, weil ich das Weihnachtsfest -nicht liebe, nicht empfinde -- weil mir dazu das wichtigste Ingrediens -fehlt -- die Familie!« - -»Nun, das ist Ihre Sache,« versetzte der alte Herr ablenkend. - -»Die Sache beginnt man gewöhnlich mit einem jungen Mädchen,« sagte der -Doktor. - -»Oder auch einer jungen Witwe,« setzte der Chef bei. - -»Angenommen, mit einem jungen Mädchen, das alle Eigenschaften hätte, um -einen glücklichen Gatten zu machen und Kinder vortrefflich zu erziehen. -Und dieses Mädchen käme dem hier fraglichen Mann, der zum Behufe des -Weihnachtsfestes eine Familie zu gründen gedenkt, mit vielem Beifall -entgegen, aber dieses Mädchen hätte unglückseligerweise einen sehr -wohlhabenden Vater, der sein Töchterlein begreiflicherweise nur an -einen wohlhabenden oder sonstwie hochstehenden Werber abtreten möchte, -da haben Sie einen Konflikt, --« - -»Ist nicht originell genug,« unterbrach ihn der Chef. »Ein Feuilleton -muß drastisch und prickelnd sein, nötigenfalls ein seltsames Geschehnis -aus dem Leben erzählen, oder feinsinnig psychologische Eigenheiten, -lächerliche Schwächen, rührende Vorzüge der Menschen wiedergeben. -Die besten Feuilletons aber sind immer die, in welchen gar kein -Inhalt ist -- wenn's nur der Leser nicht merkt. Ich will Ihnen -übrigens einen Gedanken schenken. Sie schreiben daraus ein prächtiges -Weihnachts-Feuilleton, können es auch ausschmücken nach Belieben, und -dabei mögen Sie lernen, daß nicht alle Menschen eigennützig sind, wie -Sie glauben und sagen: man gebe nur gern, damit einem noch mehr gegeben -werde. -- Als ich vor fünfundzwanzig Jahren geheiratet hatte, war ich -noch unbemittelt, mußte jeden Groschen ins Geschäft stecken, das damals -in einer kleinen Schreibrequisitenhandlung bestand. Da konnte ich noch -nicht viel für das Weihnachtsfest verwenden. Trotzdem stellten wir -jungen Eheleute in unserer kleinen Wohnung ein Christbäumchen auf, wie -es zur selben Zeit schon Sitte zu werden begann. Ich freute mich wie -ein Kind, meine Frau mit einigen Geschenken zu überraschen, während -sie für mich nichts haben sollte. Ich freute mich auf ihre Freude und -ihre kleine Verlegenheit. Einige Tage vor dem Feste ging sie still, -aber in sich aufgeregt im Hause umher, und als der Christbaum brannte, -und die schönen Sachen vor ihr dalagen, sank sie an der Ecke des -Zimmers zusammen und begann zu weinen. Das ganze Weihnachtsfest war ihr -verdorben, +weil sie mich nicht beschenken+ konnte. Und das ist der -Gedanke, den ich Ihnen zur Verfügung stelle.« - -»Ich sehe in dieser Erzählung nur den Egoismus des Mannes, der sich -selbst den Spaß machen will und an anderen das Bedürfnis zu geben -ignoriert.« So der Doktor. - -»Genau genommen haben Sie recht,« sagte der Chefredakteur. »Doch so -spitzfindig muß man die Sache nicht nehmen, sonst löst sich das beste -Herz in lauter Egoismus auf. -- Mein Gedanke, den ich Ihnen geschenkt -habe, ist übrigens für den Weihnachtstisch zu mager. Sie müssen die -Frau mindestens einen kleinen Diebstahl begehen lassen an der Kasse des -Mannes, um ihn zu beschenken.« - -»Herr, Ihre eigene Frau!« rief der Doktor. - -»Von meiner Frau kann überhaupt nicht die Rede sein. Nehmen sie eine -Frau Z oder X., nur nicht eine Frau Y., wenn ich bitten darf, denn -dieser Buchstabe ist im Petit der Druckerei momentan nicht vorhanden. -Das Diebstählchen sollen Sie aber nicht verschmähen, Sie bringen damit -Leben und Spannung in die Sache.« - -»Herr,« sagte der Doktor, »versuchen wir's, trauen wir unseren Lesern -einmal eine einfache, edle Empfindung zu. Ich lasse das Weib an der -Ecke des Zimmers weinen, weil sie ihrem Gatten keine Weihnachtsfreude -machen konnte. Nichts sonst. -- Das wirkt.« - -»Sehen Sie, da haben wir wieder den menschengläubigen Gesellen!« -sagte der Chef munter. »So geht's mit unseren heutigen Burschen, -schwarz-pessimistisch im Räsonieren und kindlich-optimistisch im -innersten Empfinden. Nun, machen Sie's, wie Sie wollen, nur setzen Sie -mir Ihren Namen dazu. Ihnen verzeiht man mehr als anderen.« - -»Es soll ein Feststück werden,« sagte der Doktor mit Lebhaftigkeit. -»Vor allem ganz klar ist mir schon der Schlußsatz: Glücklich der Mann, -der ein solches Weib sein Eigen nennt, und dreimal glücklich der, -welcher einer solchen Mutter Tochter gewinnt!« - -»Will mir nicht gefallen. Gefällt mir nicht,« sagte der Chef, indem -er sich anschickte, in seinen Biberpelz zu kommen. »Anklang an eine -Liebesgeschichte! Paßt nicht für ein Familien-Feuilleton, das man zum -Kaffee muß vorlesen können.« - -»Herr Chef,« sagte der Doktor und richtete sich endlich einmal von -seinem Stuhle auf. »Es ist toll, was wir da reden. Ich habe Ihnen was -anderes zu sagen. Sie halten so große Stücke auf die Uneigennützigkeit -und Menschenliebe. Nun soll sich's zeigen. Es soll sich zeigen, ob -ein Mann der guten Durchschnittssorte Geld und Titel wirklich höher -achtet, als die Neigung und Wahl seiner einzigen Tochter, als das -redliche Herz eines armen Teufels, der's auch einmal versucht, sein -Anrecht an diesem schönen Leben zu erobern, der sich ein bescheidenes -Haus gründen möchte als Zuflucht vor den hohlen Promessen und kompakten -Torheiten einer zerfahrenen Welt. -- Hier!« Er warf die Bücher auf dem -Tische auseinander. »Hier unter diesem vergilbten Menschenwitz, unter -dieser staubigen Weltweisheit ist mein Schatz begraben. Hinweg, ihr -gelehrten Lexika, hinweg ihr Humboldts und Darwins und auch du, alter -Grimm -- wisset alles und wisset nicht, was die Liebe ist!« Er hob eine -Photographie empor: »Kennen Sie das?« - -»Wie kommt dies Bild auf Ihren Schreibtisch?« fragte der alte Herr. - -Der Doktor legte es wieder hin, stellte sich schier herausfordernd vor -seinen Chef und sagte leise: »Sie hat mir's selbst gegeben. -- Sie -schweigen. Sie ahnen als braver Mann, was Sie tun sollen und suchen als -schwacher Mensch Ausflüchte, es nicht zu tun. Ich weiß, Sie wunderten -sich, daß Ihr sonst so frisches Töchterl seit einiger Zeit verschlossen -und traurig ist. Weil es mutlos ist, sie kennt Ihre Absichten mit -dem alten Hofrat. Ich bin nicht mehr mutlos, seit ich Ihnen offen -gegenüberstehe -- ein Mann dem Manne -- und mit dem Rechte des Mannes -von Ihnen meine Braut begehre!« - -Der Chef ließ den Pelz von der Achsel wieder auf das Sofa gleiten, -stützte sich an die Tischecke und fast stöhnend antwortete er: »Doktor! -Wie Sie mich doch jetzt erschreckt haben!« - -Dieser stand da, preßte die linke Faust an die Brust, die rechte Hand -hielt er offen hin: »Herr! Sie kennen mich seit fünf Jahren, Sie -wissen, was ich bin und wie ich bin -- geben Sie mir das Mädchen!« - -»Sie werden begreifen --« stotterte der alte Herr, und das ist in -solchem Falle fast allemal eine schlimme Einleitung; doch er sagte nur: -»Sie werden begreifen, daß ich jetzt -- in diesem Augenblicke -- nicht -vermag, zu antworten. -- Kommen Sie doch morgen abends zu uns. Um sechs -Uhr zünden wir den Christbaum an!« - -Nach diesen Worten machte er sich eilends davon. - -Der Doktor brach schier zusammen an seinem Tische, als wäre ihm weiß -was Leides widerfahren. Ein Sturm von Küssen ging nieder auf das kleine -Bild. -- Der Arme hatte schon lange nicht mehr geweint, nicht mehr -weinen können; er hielt das Weinen nur für ein Vorrecht der Kinder, für -eine Gnade der Glücklichen. Jetzt war auch er dieser Gnade teilhaft -geworden. Was ihm das Christkind bescheren wird -- es ist leicht zu -erraten. - -Und als er ruhig geworden war, machte er sich daran und schrieb das -Weihnachts-Feuilleton über die Menschenliebe. - -Um solchen Preis hätte ich's auch getan. - - - - -Wie ein steirischer Schullehrer die Schlußvorstellung des Burgtheaters -besucht hat. - - -Vor Jahren erhielt ich von meinem alten Freunde, dem Schullehrer zu -Oberschachen, einen Schreibebrief, der sich auf ein öffentliches -Ereignis in Wien bezog und vielleicht noch immer ein wenig innern -dürfte. - -Der Brief lautet: - - »Lieber Freund! - - Du wirst Dich wundern, daß ich Deiner Einladung, mit Dir auf - mehrere Tage ins Unterland zu der Weinlese zu reisen, nicht - nachgekommen bin. Ich hatte mich wahrlich schon darauf gefreut; - ein alter geplagter Schulmeister hätte der mehrfachen Labung - wohl vonnöten gehabt. Aber das Pülverchen, welches ich mir im - langen Jahr über für die Schulferien zusammengetan, sollte auf - ganz andere Art verpufft werden. Es geschieht mir eigentlich - recht, und Torheit muß eine große Sünde sein, weil sie immer - bestraft wird. - - Du weißt, daß schon seit Wochen von der bevorstehenden - Schließung des alten Burgtheaters in Wien die Rede war. Frau - Muse muß ja auch einen Ringstraßenpalast haben. Die Schließung - des alten Burgtheaters hat mir Herzeleid bereitet. O schöne - Zeit, als mich, den armen Studenten, das Burgtheater zum - Verschwender meiner irdischen Güter gemacht hatte! Meine - väterliche Munifizenz hatte mir täglich für das Nachtmahl - die Mittel auf ein paar Würste ausgeworfen: ich ging stets - hochvergnügt ohne sie schlafen, um von dem Ersparnis mir am - Sonntag meinen Galeriestand im Burgtheater zu erwerben. Wenn - ich mich um zwei Uhr nachmittags am Tor anstellte, so hatte - ich reichlich vier Stunden Zeit, um, das Buch in der Hand, die - Schulgegenstände zu lernen oder zu wiederholen, was freilich - mitten in dem Gedränge, das sich gegen Abend einstellte, - einer gesteigerten Sammlung des Geistes bedurfte. Endlich - knarrte das Tor, begann der kurze, aber rasende Wettlauf - durch die dunklen Gänge, über die winkeligen Treppen; bald - war ich festständig auf der vierten Galerie, und es begann - die olympische Seligkeit. Wagner, Löwe, Beckmann, Anschütz, - Rettich waren da, aber ich sah keinen Schauspieler, ich sah und - hörte und fühlte nur die Gestalten der Dichter; für Schiller, - Shakespeare, Calderon, Grillparzer usw. hegte ich eine geradezu - religiöse Andacht. Diese Burgtheaterbesuche haben mich dazumal - emporgehoben über meine Bettelstudenten-Existenz, ja mich - sozusagen in die Region der größten Geister eingeführt. In der - Welt habe ich's nicht so weit gebracht, als ich es zu bringen - damals den Anschwung nahm, aber bei den Unsterblichen bin ich - heute, nach mehr als vierzig Jahren, noch ein wenig heimisch. - - Als nun der Tag der Burgtheaterschließung näher und näher - rückt, werde ich unruhig, und plötzlich ist der Entschluß da: - Opferst dein für die Ferien bestimmtes Scherflein, reisest - nach Wien zur letzten Vorstellung, damit du das alte Theater - noch einmal siehst, welches das Glück und die Liebe deiner - Jugend war. So bin ich am Donnerstag abends richtig in Wien. - Mein erster Gang ist in die Vorstadt Landstraße; obzwar die - alte Frau nicht mehr lebt, bei der ich einst meine Kammer - gehabt, so wußte ich doch, daß Verwandte von ihr da seien, - bei denen ich vielleicht ein billiges Nachtquartier erlangen - konnte. Aber ich finde keine Verwandten, ich finde auch das - Haus nicht, ich finde die Gasse nicht, und da sehe ich, daß der - ganze alte Stadtteil dahin ist, und daß auf dem Platz lauter - Paläste stehen. Anfangs erschrak ich, dann mußte ich lachen - über mich selbst, der doch so oft von den Veränderungen gelesen - und gehört, die in Wien vorgehen; weshalb hätte gerade das alte - Haus in der Marxergasse auf mich warten sollen! Ich bin hierauf - lange in der Stadt umhergestrichen und habe bei mir überlegt, - ob ich es mit einem Hotel wagen dürfe oder nicht. Man hört - halt immer von großer Teuerung, und ich weiß noch nicht, wie - viel der morgige Tag kosten wird. Auch eine mögliche Erhöhung - des Theaterkartenpreises dürfte mich nicht unvorbereitet - finden. Endlich dachte ich, sicher wäre sicher und ging in - ein Kaffeehaus, da hatte ich Jause, Nachtmahl und vielleicht - auch Nachtquartier auf einmal. Man liest ja doch, daß in Wien - Kaffeehäuser die ganze Nacht offen bleiben, also nimmt man - eine Schale Mokka -- denke ich -- raucht seine Pfeife, liest - Zeitungen, und so vergeht die Zeit. Vielleicht, daß man sich - gegen Morgen ein wenig auf die Bank legt, um für den nächsten - wichtigen Abend frisch und munter zu sein. - - Im Kaffeehause an einem Nebentisch höre ich einige Herren über - die morgige Schlußvorstellung im Burgtheater sprechen. Da meint - der eine, das Galeriepublikum dürfte sich morgen wohl schon - zu Mittag anstellen müssen, um hinein zu kommen. Darauf sagte - ein junger Mann, er habe gehört, daß sich schon im Laufe des - Vormittags Leute anstellen würden, er selbst habe die Absicht, - schon um acht Uhr beim Tore zu sein. Einen Tag könne man doch - wohl opfern für diesen Abend, der nicht mehr wiederkehren - wird. -- Sehr wahr! nickte mein Kopf, und ich komme dir doch - zuvor. -- Mehrmals hatte ich schon auf eine der mit rotem - Sammt überzogenen Bänke hingeschielt, wo ich mich später - niederzulassen gedachte. - - Ungefähr bis ein Uhr mochte ich mich mühsam durchgeraucht, - durchgelesen und durchgegähnt haben, da kommt der Kellner, - oder wie sie ihn im Kaffeehause heißen, und bedeutet mir, daß - das Haus gesperrt würde. »Ich weiß es,« sage ich, »darum bin - ich eben da und will bei der letzten Vorstellung sein.« Das - Kaffeehaus würde gesperrt, belehrte der Kellner, es sei die - Polizeistunde. Mein Ansuchen, ob ich mich -- mit ausgezogenen - Stiefeln natürlich -- wohl auf eine der Bänke hinlegen dürfte, - wurde abschlägig beschieden. So zahlte ich meine kleine Sach' - und ging. Ist ja auch kein Unglück; man nutzt Zeit und Weil, - geht spazieren, beleuchtet ist's, man sieht immerhin etwas, und - so wird die Nacht recht gut vergehen. - - O Herr und Freund! Die Nacht verging, aber wann! Man weiß es - erst, wie lange der Mensch schläft, wenn man warten muß, bis - er wach wird. Um vier Uhr beginnt freilich schon das Knarren - der Wägen, aber man sieht auch, daß um diese Stunde noch immer - Leute nach Hause gehen, bei denen die Nacht erst anhebt. In - der Stadt kehrt man die Kappe nämlich um: für den Tag hat - man schwere Fenstervorhänge, damit die Sonne nicht herein - kann, um den Schlaf zu stören; für die Nacht erfindet man das - elektrische Licht. - - Endlich und endlich wird es über den Hausdächern grau. Ich - kaufe mir in einem Greißlerladen ein paar Knackwürste und ein - Brotlaibchen und gehe nun damit langsam dem Burgtheater zu. - Dort herum ist es noch fast ganz so wie einstmals; klein und - unscheinbar steht es da und duckt sich unter das schützende - Dach des Kaiserhauses. Ich finde mein Tor und stelle mich an. - Es schlägt halb sieben. Jetzt wird's licht. Bis es wieder - finster wird, ist der Einlaß. Ich bin sehr glücklich, nur kam - mir, als ich so dastand, das Bedauern, daß ich den schwarzen - Stadtrock angezogen hatte und nicht den Lodenmantel; das gab - sich aber bald, um acht Uhr waren unser schon so viele, daß - wir einander anwärmten, denn wir hatten einen geschlossenen - Körper zu bilden, welchen neu Dazukommende nicht zu sprengen - vermochten. Anfangs regte sich gegen jeden neu Anstehenden eine - Art von feindlicher Gesinnung, denn er ist ein Konkurrent und - wird den Kampf erschweren; allmählich macht man untereinander - Bekanntschaft und plaudert über mancherlei. Die verschiedenen - Passanten, die Burgwache, vorüberrollende Hofwägen geben Anlaß - zu allerlei Unterhaltung. Das Hauptgespräch bildete an diesem - Tage das Burgtheater. Alte Erinnerungen an seinen großen - Gründer, den Kaiser Josef, an die Dichter, die in diesem Hause - vorgeführt wurden, an die genialen Künstler, die da wirkten. - - Eine ganze Kulturgeschichte zog vorüber an dem geistigen Auge - derer, die bei diesem unscheinbaren Tore standen. Und einer tat - die Bemerkung, es gäbe in der großen Wienerstadt kein Haus, - von dem so viel und so edler Idealismus ausgegangen sei für - Stadt und Reich, als von diesen schlichten Mauern. Die Welt - habe ihr Auge und ihr Herz hierher gewendet, und der Genius der - Menschheit habe seinen Jüngern hier über ein Jahrhundert lang - Stelldichein gegeben. -- Ein graubärtiger Alter wies auf den - Glücksstern, der über dem Hause stets geleuchtet habe. Während - andere Schauspielhäuser mit prunkendem Hochmut aufgerichtet - wurden, die Kunst für den Tagesgeschmack herrichteten, um - damit Geldgeschäfte zu treiben, und so geräuschvoll, wie sie - entstanden, niedergebrochen waren, bewahrte dieses Haus in - stiller Weihe seine ewigen Güter, und kein Unheil fand den Mut, - an seine Pforten zu pochen. Selten endet ein Schauspielhaus - eines natürlichen Todes; viele dieser Gebäude geben sich so - leidenschaftlich mit Glanz, Glitzer, Blendwerk und buntem - Schimmer ab, bis sie selbst endlich aufgehen in einem - furchtbar herrlichen Feuerwerke. Das Burgtheater hütete seine - Ampel treu, bis der neue Altar fertig war, auf den es sie - hinstellen konnte, um dann selbst mit würdevoller Sicherheit - eines edlen Greises zur Ruhe zu gehen. -- Ein Mensch, welcher - nur der Hetze wegen dazustehen schien, weil er mit allem, was - ringsum vorging, seine flachen Späße trieb, erklärte solche - Bemerkungen für »Burgtheater-Phrasen«, während ich den Männern, - die so gesprochen, hätte die Hand drücken mögen. - - Nachdem zu Mittag die Burgmusik uns die Zeit verkürzt hatte und - abgezogen war, aß ich mein Mittagsbrot. Gegen Abend wurde mir - von Stunde zu Stunde wärmer, und ich legte meine Hand an die - Türschnalle, wendete kein Auge mehr von der Pforte, als müsse - sie sich jeden Augenblick auftun. - - Mittlerweile war die Menge und das Gedränge der Wartenden - gewaltig geworden, auch Frauen und Kinder darunter, die mit - lauter Stimme manchmal alle Heiligen anriefen vor Angst, - erdrückt zu werden. Ich wurde steinfest an das Tor gedrängt. - Fünf Uhr war schon lange vorbei. -- Diese Stunde war die - längste; wir nahten der sechsten, da knarrte das Tor und ging - auf. Ich wurde nachgerade hineingestoßen. Und an der Kasse, - da habe ich meine Geldbörse nicht! Ich suche im Rocksacke, - im auswendigen, im inwendigen, im Beinkleid -- ich finde sie - nicht! Und während ich noch suche und suche, werde ich zur - Seite gedrängt, und alles, was hinter mir gewesen, rast an mir - vorüber. Mir war schlecht bis zum Sterben. Nach der Polizei - wollte ich rufen, aber ich brachte vor Entsetzen kein lautes - Wort heraus. Nach einer Weile, als ich, den kalten Schweiß auf - der Stirn, an der Wand lehnte, kam ich endlich so weit zu mir - selbst, daß ich mit einiger Fassung meine Taschen neuerdings - durchsuchen konnte, und da steckt die vermaledeite Geldtasche - wohlverwahrt im Westensack, wo ich aus Besorgnis vor Verlust - sie freilich selbst hingesteckt hatte. Aber was nutzt's, an der - Kasse ist keine Karte mehr zu haben. Ich stehe mit gerungenen - Händen: »Ein Platzel wird doch noch sein im ganzen Haus! Ich - zahle dafür, was ich habe!« Dieses höllische Achselzucken von - dem Manne! Ich vergesse es nimmer. Und ein Gefühl war in mir, - als sei von diesem Augenblicke an mein Leben zwecklos. Wenn - mir die Geldtasche wenigstens gestohlen worden wäre! Aber zum - Unglücke auch noch das Bewußtsein der eigenen Dummheit, das war - das allerschrecklichste. - - So stand ich jetzt in der dämmerigen Vorhalle, und drinnen - spielten sie Goethes »Iphigenie«. Ich legte das Ohr an die - Wand, ob denn nicht ein einziger Laut zu erhaschen wäre. Ach, - die Glücklichen, die drinnen sind! Und die reichen Leute, wie - gut haben sie es! Da fahren sie im letzten Augenblick an, - setzen sich auf ihre bequemen Sessel, wo man alles aufs beste - sieht und hört, und keiner denkt an den armen Schulmeister, der - aus den fernen Bergen hergekommen, um unter Darben und Kümmern - auch nur das bescheidenste Plätzchen zu erringen, und dem es - trotzdem mißlungen war. -- Ich muß es wohl sagen, die hellen - Tränen sind mir übers Gesicht geronnen. - - Ich bin aber nicht hinaus, sondern habe gewartet, daß - vielleicht doch ein Wunder vom Himmel falle und mich - hineinführe. Aber es fiel keines vom Himmel. Lange betrachtete - ich die Stücke einer Holzbrüstung, welche die Hineinstürmenden - zertrümmert hatten. Jetzt kann hier ja alles zertrümmert - werden, sie brauchen nichts mehr. Diese Trümmer brauchen sie - auch nicht. Es kam mir der Gedanke, ein Holzstück mitzunehmen, - als Andenken an das alte Burgtheater. Ich könnte mir daraus - ja Bilderrahmen oder dergleichen schnitzen. Gedacht, getan; - als ich jedoch das Holz in der inneren Rocktasche bergen - will, stehen zwei Wachleute da, um mich festzunehmen. Im - ersten Augenblicke war ich fast gewillt, die Nacht über unter - behördlichem Schutze zu bleiben, allein eine Stimme in mir - sagte: »Nein, Franz, dich einsperren lassen! So darf das - alte Burgtheater für dich nicht enden.« -- Ich gab daher der - Wahrheit gemäß an, wer ich bin, weshalb ich hergekommen war - und warum ich das Stück Holz mit mir nehmen wollte. Hierauf - besprachen sie sich eine Weile, und ich begann schon zu hoffen, - die Sache könne eine günstige Wendung nehmen. Aber es kam - nichts weiter heraus, als daß ich fortgewiesen wurde und das - Holztrumm mitnehmen durfte. - - Also nahm ich Abschied von dem Hause, zu welchem ich auf weitem - Wege wie auf einer Wallfahrt hergekommen war. Habe Dank, du - geliebtes Haus! Habe Dank, du geliebtes Haus! Anderes konnte - ich nicht mehr denken. So taumelte ich auf die Gasse. - - Auf dem Kohlmarkt war noch ein Bildergeschäft offen. Um das - Geld, welches für den Eintritt bestimmt gewesen, kaufte ich mir - die Porträte von Shakespeare, Schiller und Lessing. Hierauf - machte ich einen Spaziergang über den hell erleuchteten - Ring. Als ich an das Gebäude kam, das sie von jetzt an das - Burgtheater heißen werden, stand ich ein wenig still. Da ragte - es vor mir, weiß und kalt. Was wird es nützen, wenn auch die - großen Schauspieler mit den Klassikern hier einziehen, wenn - die Zuschauer nicht mehr so gläubig sind als einst! Es soll - herrlich sein in dem neuen Hause. Ich werde diese Pracht wohl - niemalen sehen; ich bewahre mir nur die Erinnerung an das alte - Burgtheater, wo die Begeisterung meiner Jugend gewesen. - - Auf der Wieden kehrte ich in einem Gasthofe ein; jetzt war - gar keine Ursache mehr, so ängstlich zu sparen, morgen früh - geht's heimwärts. Aber als morgen früh kam, war ich ein - armer Mann geworden. Das Zimmer, dessen Preis im Vorhinein - vereinbart worden, hätte mich noch nicht ruiniert, allein das - Service, die Bougie und wie all diese schönen Dinge heißen, - deren Sonderberechnung man sich in der ehrlichen deutschen - Sprache nicht zu nennen getraut, haben mich wirtschaftlich - herabgebracht; endlich das Stubenmädchen, das bei meinem - Scheiden die hohle Hand herhielt, der Kellner, der die Hand - herhielt, der Hausknecht, der die Hand herhielt und der - Portier, der auch die Hand herhielt, haben mich selbst zum - Bettler gemacht. Kaum konnte ich noch eine Eisenbahnkarte - bis Mürzzuschlag erschwingen; in Neustadt als Frühstück und - Mittagsmahl ein Paar Frankfurter gehörten so gut wie das - Burgtheater bereits der idealen, mir unerreichbaren Welt an. - - Mich verdroß es nicht, 's ist einmal so der Welt Lauf. Nur - gesund nach Hause kommen! Dann lese ich meine Dichter, und - alles ist gut. Im Mürztale wußte ich einen befreundeten - Amtsbruder, bei dem ich vorsprechen wollte und der mir schon - aus der Not helfen würde mit einem Zehrpfennig für den Rest - meiner Heimreise ~per pedes~. Damit mir aber mein Unstern - bis zu Ende treu bleibe, mußte der Amtsbruder auf Ferien - verreist sein. Jetzt war ich glücklich daran, daß ich in einem - Bauernhause um einen warmen Löffel Suppe bat, der mir auch ohne - weiteres geschenkt worden ist. - - Am vierten Tage meiner Reise, die weniger reich an Vergnügen, - denn an Erfahrung war, bin ich nach Hause gekommen, um nun den - übrigen Rest der Ferien in stiller Beschaulichkeit zuzubringen. - - So weißt du es, lieber Freund, wie es kam, daß ich mit dir - nicht ins Weinland fuhr. Mein Mißgeschick habe ich verwunden - und gestatte dir, daß du mich recht auslachen darfst. Wenn - du einmal zu mir kommst, will ich dir die schönen Bilder von - Shakespeare, Schiller und Lessing zeigen, zu denen ich aus - dem Holze der Brüstung Rahmen geschnitzt habe, damit ich auch - fürder mich freuen und erbauen kann an unseren Klassikern im - Rahmen des Burgtheaters.« - - - - -Das Bekenntnis eines Verurteilten. - - -Im Staatsgefängnisse zu Sydney saß ein merkwürdiger Mann. Seine -knochigen, sonnengebräunten Glieder waren nur zum geringsten Teile -mit Lappen bedeckt. Sein Haupt war wirr umwuchert von Haar und Bart, -zwischen welchen ein paar scharfe Augen glühten, wie die Lagerfeuer -von Wilden im Busch. Der Mann war am Murrayflusse mit einer Meute von -Wilden gefangen worden. Er schien ihr Häuptling gewesen zu sein, so -wie er an Gestalt und Kraft seine Genossen überragte, einen längeren -Wurfspieß und ein sorgfältiger geschmücktes Känguruhfell trug, als die -übrigen. Er war auch der mutigste gewesen; alle anderen stoben vor dem -ersten Schusse der Engländer auseinander, er trotzte und trachtete -die Rotte zum Angriff zu führen. Aber diese suchte zu fliehen, was -ihr mißlang. Der Häuptling wurde niedergeschlagen und gefangen. Er -stieß brüllende Töne aus und biß wütend mit den Zähnen um sich; später -jedoch, als er im festen Gewahrsam saß, stellte es sich heraus, daß er -mit großer Geläufigkeit englisch, deutsch und französisch spreche. - -Man vermutete, daß er sich niemals zu Trotze gestellt hätte, sondern -mit seinen Gefährten geflohen wäre, wenn er nicht gemeint haben würde, -die Engländer führten mehr Gold als Pulver mit sich. Dann begann er zu -rasen, sich und das Gold zu verfluchen, und als man d'ran ging, ihm den -Prozeß zu machen -- denn es hatten sich seltsame Sachen herausgestellt --- wurde er gefaßter und verlangte einen Priester. Man sandte ihm einen -Pastor, den schickte er wieder zurück -- er sei ein geborener Irländer, -also Katholik. - -Als der katholische Priester zu ihm in das Gefängnis trat, lag er -ausgestreckt auf der Erde, verbarg sein Gesicht in das Ziegelpflaster -und rief: »Kannst du es glauben, du einer von denen, die mich getauft -haben: ein wildes Tier bin ich geworden!« - -Der Priester suchte ihn zu beruhigen, aufzurichten. Der Wilde grinste -ihm in das Gesicht und schrie: »Stehe mir nicht so würdevoll da. Was, -wenn +ich+ jetzt du wäre und +du+ das verdammte Menschentier, das ich -bin?« - -»Komme zu Frieden,« sagte der Priester, »ich will die Würde des Dieners -Gottes gerne ablegen, wenn sie dich blendet, ich will mit dir sein, -wie ein Mensch mit Menschen. Du bist unglücklich, aber du gehörst zu -uns. Bist du strafbar, so straft dich das Gesetz, nicht der Mensch, -der bleibt bei dir und verläßt dich nicht in deiner größten Not und -nicht in deiner letzten Stunde. Er bittet dich nur eins: Sei auch -du menschlich und mache dein Herz auf, damit dein Bruder Frieden -hineinlegen kann.« - -»Ich bin braun, nicht wahr?« fragte der Gefangene und wies auf seinen -halbnackten Körper, »das hat die Sonne getan und der heiße Wind im -Scrub. Und mein Herz, das du haben willst, ist nicht braun, das ist -schwarz wie die schwimmende Hölle, die mich hergebracht hat; wer es -schwarz gemacht, das sollst du hören. -- Ha ha«, lachte er grell. »Es -soll aber noch einmal rot werden, bevor ich tot bin.« - -Der Priester setzte sich auf die steinerne Bank und sagte: »Damit du -siehst, daß ich dir gut bin und vertraue, so schicke ich den Soldaten -davon, der zu meinem Schutze dort an der Pforte steht.« - -»Das ist mutig, Sir,« versetzte der Gefangene. »Ich habe an den Händen -keine Ketten und könnte dich erwürgen.« - -»Was würde dir das nützen?« - -»Was würde es mir schaden?« lachte der Wilde, »um einen mehr, das wiegt -nicht viel, und es könnte sein, es ginge mir gerade noch nach einem -katholischen Priester. Doch nein, lass' den Soldaten gehen oder stehen, -ich pflege nur um Gold zu morden, aus Rache nie.« - -»Wie sollte ich, der ich dich heute das erstemal im Leben sehe, ein -Gegenstand deiner Rache sein können?« fragte der Priester. - -»Du hast recht. Du bist als Mensch gekommen und nicht als Geistlicher. -So kann ich dir nur sagen, daß ein Geistlicher die Kugel geschoben hat, -die jetzt so grob geschlagen, so grob, daß ich aus Verzweiflung einen -Schrei tun möchte, der die Welt könnt' erzittern machen. -- Nun, du -sollst es hören.« - -Er erhob sich nicht vom Pflaster, die schweren Verletzungen bei seiner -Gefangennahme hatten ihn körperlich entkräftet. Er kauerte da und -redete. - -»Ich bin der Sohn eines Schäfers in Irland,« begann er, »meine Eltern -waren fromme und sogar ehrliche Leute. Auch ich war beides und ich -hatte einen phantasierenden Sinn, wie ihn die Hirten haben auf ihren -stillen Weiden; dann war ich ehrgeizig und strebte dem Höchsten zu, -was ein Hirtenjunge kennt, ich wollte Bischof werden. Von Gold und -Edelgestein habe ich damals noch nicht viel gewußt, ich wollte nur -Bischof werden. Der Pfarrer von unserer Gemeinde -- der gute alte -Mann! -- der riet mir nicht dazu, er meinte, man könne als armer -Hirte ebensogut selig werden, denn als Erzbischof. Aber mir wäre es -doch als Erzbischof lieber gewesen. Der Pfarrer nimmt sich meiner an, -und sein gutes Herz ist mein Unglück geworden. Er fängt an, mich zu -unterrichten und schickt mich nach Dublin in eine geistliche Anstalt, -wo ich kostenfrei aufgenommen werde. Ich studiere dort etliche Jahre, -steige rasch aufwärts, und wenn es in solcher Art fortgegangen wäre, -so könnte ich heute zum mindesten Erzpropst zu Cork oder Waterford -sein. Da bringt mir eines Tages einer meiner Studiengenossen ein Werk -von dem gottlosen Franzosendichter Voltaire. Kennst du den? Ich auch -nicht, weiß nur, daß er gottlos war. Mein Kollege ermuntert mich, ich -solle das Buch lesen, aber heimlich, denn es wäre verboten. Verboten? -Das ist eine Empfehlung. Ich nehme das Buch mit zu Bette, bin aber -schon bei der zweiten oder dritten Seite eingeschlafen. Am Morgen, -als der Präfekt kommt, um zu wecken, findet er auf meiner Bettdecke -den Voltaire. Er konfisziert ihn und konfisziert auch mich -- steckt -mich auf vierundzwanzig Stunden in das Karzer. Im Karzer habe ich -genügende Zeit nachzudenken, was denn in jenem Buche enthalten sein -mochte, daß das Lesen desselben solche Strafen nach sich zieht. Meine -Neugierde steigt von Stunde zu Stunde, und als ich wieder frei bin, ist -mein Trachten, mich unbemerkt in die Präfektur zu schleichen und das -konfiszierte Buch wieder zu erhaschen. Das gelingt mir. Ich verstecke -mich an einen sicheren Ort, um ungestört der Lektüre nachhängen zu -können; aber der Teufel hol' mich noch vor dem Denken, wenn ich daraus -klug geworden bin! Nicht einmal den Titel dieses Buches habe ich mir -behalten. Was ist das Ende? Ich werde auf meiner Heimlichkeit entdeckt -und auf der Stelle relegiert. -- So, das war das erste Kapitel.« - -Wunderlich war's, wie das der Mensch halb in Grimm und halb in -Selbstironie erzählte. - -»Mein Lebenslauf« so fuhr er dann fort, »ja, das wäre was für einen -Voltaire oder einen andern Gottlosen -- wie sie sagen, gibt es heute -deren genug -- zum Erzählen. Hundert Bände, wenn er wollt' -- mein -Lebenslauf ist ja geschaffen, in Bänden zu sein. Du verstehst mich. --- Ich habe mich wohl noch einmal an die Direktion des geistlichen -Institutes gewandt, in Demut bittend um Wiederaufnahme. Vergebens, -sie wurde mir versagt. Ausgeschlossen und verjagt. -- Nun, jetzt -bin ich ein freier Mann in der großen Stadt Dublin. Ins Gebirge -zurückkehren und meinen boshaften Landsleuten sagen: Ich habe wollen -ein hochwürdiger Herr werden, aber sie haben mich verjagt und jetzt bin -ich wieder da. -- Nicht um Altengland! So habe ich mich herumgetrieben, -solange es ging, habe mich als Führer und Lastträger nützlich machen -wollen, aber es war kein Erwerb. Ich war ein Gassenjunge mit zwanzig -Jahren, aber viel unbeholfener und blöder als andere meinesgleichen. -Ich habe den Gedanken gefaßt, in einer andern Stadt Aufnahme zu suchen, -um meine Studien zu beenden, aber ich stand bereits zu tief, hatte -nicht mehr den Mut. Ein Kleidungsstück ums andere habe ich verkauft, in -Branntweinhöhlen habe ich gekartelt, und in einer Nacht hat mich die -Polizei von der Gasse aufgehoben und in Gewahrsam gebracht. Im Arrest -macht man interessante Bekanntschaften, nicht wahr? Nun, ich habe von -ihnen profitiert; ich habe erfahren, wie sich der Taugenichts Geld -erwirbt und wo die sichersten Spelunken sind. Als sie mich auf meine -Beteuerung, ein arbeitsames Leben beginnen zu wollen, frei lassen, -verlege ich mich sofort auf die Bauernfängerei. Dieses Geschäft gelingt -mir besser als den anderen, denn ich kenne die Bauern. Anfangs treibe -ich es zahm und begnüge mich mit einem Imbiß, führe sie in der Stadt -eine Stunde herum an ein kaum fünf Minuten entferntes Ziel, um ein -größeres Stück Geld verlangen zu können. Endlich gehe ich weiter und -führe sie in die Spielhöhlen. Ich bin respektabler Falschspieler, -finde aber meinen Meister und in einer Nacht verspiele ich Leib und -Leben. Leib und Leben! Wir spielten darum. Ich hatte keinen Heller mehr -in der Tasche, keinen Knopf mehr am Leib, der mir gehört hätte. »So -gilt's um deine Haut und was dazu gehört!« sagte mein Gegenspieler. -»Es gilt,« sagte ich. In einer Minute darauf gehöre ich ihm. »Jetzt -habe ich das Recht, dich zu erdrosseln,« sagte mein Herr. »Das hast -du,« antwortete ich. »Das wäre doch ein schlechtes Geschäft,« lachte -er, »du bist ein schöner, junger Mann und hast ein Gesicht wie ein -junger Heiliger -- dich verwerte ich besser. Wir reisen nach London, -dort blüht unser Weizen und sollst nicht allein das Stroh davon haben. -Zeigst du dich verwendbar, so wird es dein Schade nicht sein.« -- Es -ist gut, denke ich, in London kann ich vielleicht meine theologischen -Studien fortsetzen -- daraus siehst du, was ich für ein einfältiger -Junge bin. Einfältig und verschmitzt! Wir fuhren dann über die See und -von Liverpool nach London. Dort begann mein Ruhm. Vom Hehlerjungen -zum Taschendieb, zum Einschleicher und Einbrecher ist für ein Talent -kein langer Weg, ich übergehe die Heldentaten, sie sind dir und mir -langweilig, sie sind tausendmal dieselben. Ich stieg auf meiner -Stufenleiter so hoch, bis ich eines Tages Polizeibeamter der City -war. In der Tat, ja! Es sind mir -- ich war stets der treue Diener -meines mächtigen Herrn -- Papiere verschafft worden, mittelst welcher -ich Priester der heiligen Themis wurde. Gewesene Wilderer sind ja die -besten Jäger. Du kannst dir denken, welche Vorteile daraus unserer -Sache erwuchsen. Es waren unser eine wohlorganisierte Bande von -viertausend Köpfen, die meisten derselben trugen Seidenhüte, viele -davon wurden von manchem ehrsamen Bürger Londons untertänig gegrüßt. -Unsere Hauptverbündete war die Themse, sie verbarg unsere Toten. In -den ersten Jahren, selbstverständlich vor meiner Polizeiperiode, saß -ich ein paarmal kurze Zeit, später wohnte ich nur mehr als Gentleman, -bezog ein anständiges Gehalt vom Staate, aber ein dreifach größeres -von unserer Verbindung. Da kam ein Tag, und es war plötzlich aus. Ein -Einbruch in den Tower, um eines unserer Häupter aus dem Gefängnis zu -befreien, mißlang. Nun war es mein Amt, dasselbe auf diplomatischem -Wege zu befreien; da durchbrach ein vermaledeiter Profoß das Gewebe, -womit wir die Londoner Polizei so sinnig umsponnen hatten, ich war -entlarvt und leider auch gleichzeitig gefangen. Ich war gefaßt -auf zwanzig Jahre Kerker, aber England dachte seinem emeritierten -Polizeibeamten eine Vergnügungsreise zu. England besitzt in Australien -eine Sträflingskolonie -- also nach Australien.« -- Nach einer Weile, -während sich der Erzähler zu sammeln schien und auf ein Kruzifix -blickte, das an der Mauer hing, sagte er: - -»Morgen will Neu-Süd-Wales eine schöne Ausnahme vom britischen Gesetz -machen und einen henken, weil seine Bande den Reisenden Ludwig -Leichhardt umgebracht haben soll. Ich sage dir, Priester, ich habe -dich nicht rufen lassen, daß ich mich vor dir verteidige, aber das -wiederhole ich dir, wie ich es dem Gerichtshofe wiederholt habe, an dem -Morde Leichhardt's bin ich so unschuldig, wie der Schächer am Kreuz an -Christi Tod. Ich will nicht gehenkt sein, das ist etwas für gemeine -Gäuche. Ich will, daß sie mir den Kopf abschlagen.« - -Er schwieg hierauf lange. Der Priester erlaubte ihm, fortzufahren. - -»Sehr gern,« versetzte der Gefangene, »wenn ich nur zerknirscht sein -könnte! Ich fühle in mir nicht genug Reue, mir ist, als hätte es so -sein müssen und lebe ich wieder, so handle ich vielleicht wieder so. -Darum muß ich aus der Welt gebracht werden, ich selbst beantrage es. --- Der Dampfer, auf welchen wir eingeschifft wurden, hieß »Irland«. -Mir zum Hohne der Name meines Vaterlandes. Wir nannten ihn aber die -schwimmende Hölle. In Wahrheit, das war er. Unser sind an dreihundert -gewesen, lauter Verbrecher aus England. Die Aufseher haben uns, um sich -auf dem Schiffe der Sorglosigkeit hingeben zu können, in den tiefsten -Unterräumen mit Ketten zusammengeschmiedet. Wir sahen viele Wochen kaum -einen Sonnenstrahl, unsere halbblinden Rundfenster waren meist unter -Wasser. Keine Luft und Nahrung. Leider noch zu viel zum Verhungern. O -Voltaire! Hätte dich im Mutterleib der Blitz erschlagen, ich stünde im -Dom und trüge prachtvollen Ornat, anstatt in dieser Pestgrube auf dem -Weltmeere zu verderben. Mir zur Linken der Nachbar wurde typhuskrank -und starb. Wir verheimlichten den Aufsehern seinen Tod, um seiner -Portion Nahrung nicht verlustig zu werden, die wir Nächststehenden uns -als Erbschaft teilten. Aber der Tote, der nicht zu ihren Ohren kam, kam -zu ihrer Nase und wir wurden auf einige Tage gelüftet. Im Indischen -Meere ging es ein wenig unstät her und wir wurden durch Stürme südlich, -ich glaubte gegen die Kerguelen, verschlagen. Das Schiff mußte an -einer Insel landen, um Wasser zu schöpfen. Hier gelang es dreien von -uns zu entkommen. Ich war mit ihnen. Es war aber ein böser Gewinn. Wir -durchirrten die unfruchtbare Steinwüste. Einer von uns, der nach der -finsteren Hölle das grelle Licht und das heiße Sandwehen nicht ertragen -konnte, erblindete. Wir hatten Keulen bei uns, um Tiere zu erschlagen -und von ihrem Fleische zu leben. Aber die Gegend war tot und starr, -soweit das Auge spähte, der Hunger drohte uns wahnsinnig zu machen, da -erschlugen wir unsern Blinden ... Nach einigen Tagen, als der Vorrat -bereits alle oder verdorben war, sann ich nach einer Gelegenheit, auch -meinen andern Genossen umzubringen und der hat später kein Hehl daraus -gemacht, daß er einen gleichen Anschlag gegen mich im Schilde geführt. -Wir trauten einer dem andern nicht; wir hatten in der fürchterlichen -Wüste niemand, als uns allein, und wir waren unsere gefährlichsten -Feinde. Endlich wurden wir von unseren Soldaten wieder glücklich -eingefangen und, beim heiligen Gott, wir setzten uns nicht zur Wehr. -Wir kamen endlich nach Australien und landeten in Van Diemens-Land -- -wir nannten es das Teufelsland, aber im lustigen Sinne, denn in ihm -regierte Vater Howe.« - -»Howe,« unterbrach ihn der Priester, »so hieß ja der berüchtigte -Räuberhäuptling in Tasmania.« - -»Ganz richtig, Sir, eben derselbe. Ein Landsmann von mir -- hatte -ähnliche Schicksale und ich war entschlossen, um jeden Preis unter -seine Fahne zu kommen und, wie er, ein gefürchteter Bandenführer zu -werden. Aber man war schlau und ahnte, daß Howes Schar auf uns neue -Einwanderer eine große Anziehungskraft haben dürfte, wir wurden nach -Neu-Süd-Wales eingeschifft. Und in diesem Lande erging es mir so -wunderlich, wie sonst nirgends. Wir Sträflinge wurden freigelassen und -arbeiteten teils an Häfen, Kanälen, Straßen und Eisenbahnbauten und am -Aufbaue der Stadt Sydney. Ich sah bald ein, hier war die Stufenleiter -wieder eine andere und ich richtete mich danach. Ich arbeitete und -heuchelte und war auch fleißig in der Tat und war verwendbar und -machte mich verläßlich. Nach einem Jahre war ich Arbeitsaufseher, nach -drei Jahren gaben sie mich und einige andere, die sich brav gehalten, -frei. Jeder von uns erhielt ein Stück Land mit Schafen und Pferden. -Ich verstand was davon und der Hirte aus Irland wurde ein Squatter am -Darlingflusse. Ich baute mir ein Haus auf der Station und baute mir ein -Haus in der Hauptstadt. Ich war ein reicher und somit ein ehrenwerter -Mann. Ich lebte auch danach und hatte eine laute Stimme in unserem -Parlament. Es war gut, ich könnte heute Bürgermeister von Sydney sein; -mancher der Deportierten hat es hoch gebracht. Vor allem reich sein, -das ist die Hauptsache. Danach handelte ich und wie ist es geworden? -- -Daß ich heimlich einen schwunghaften Rumschmuggel betrieb -- du weißt, -daß Rum bei uns verboten war, und daß ich selbst auf meinem Landgut -eine Branntweinbrennerei besaß -- hätte nicht geschadet, wenn es nur -nicht an den Tag gekommen wäre. Mir kostete die Sache mehr als die -Hälfte meines Vermögens und ich mußte trachten, es wieder zu ergänzen. -Und nun beging ich die größte meiner Taten.« - -»So erzähle sie,« sagte der Priester, »aber fasse dich kurz.« - -»Kurz? Hast du keine Zeit?« fragte der Gefangene, »du willst dich -beklagen und +ich+ zähle mein Leben nur mehr nach Stunden.« - -»So erzähle, wie du willst, Hauptsache ist hier die Erleichterung -deines Herzens.« - -»Es wird nun vom Gold die Rede sein,« fuhr der Irländer fort, »und -das ist ein böses Thema. Es war zur Zeit, als Australien auf war, um -Gold zu graben. Der Squatter wie der Vornehme, der Fischer wie der -Beamte, alles grub Gold. Alle aus der alten Welt anlangenden Schiffe -brachten Goldgräber. Viele wurden reich, viele gruben sich das Grab. -Noch mehr wurden elend. Auch ich habe gegraben, aber die Lohnarbeiter -haben mich betrogen und für meine Person war mir die Wühlerei nicht -amüsant genug. Es gibt bessere Mittel, um reich zu werden, als die -Arbeit der Hand. Die Spekulation, du errätst es ja. Ich sah, wie -sich die goldsuchenden Menschenmassen immer mehr in das Binnenland -zogen, während die Lebensmittel, je mehr von der Küste entfernt, je -kümmerlicher und ungenügender wurden. Ich verkaufte mein Haus in Sydney -und kaufte ganze Schiffsladungen mit Nahrungsmitteln und schaffte sie -in Gegenden, in welchen große Goldfunde vorausgesehen werden konnten. -Aber die Berichte von neuen Goldgruben schwankten hin und her und die -Goldgräber zogen der Fata Morgana nach, gleichviel, ob sie in den -wasserlosen Wüsten oder im Scrub verschmachteten. Ein großer Teil -meiner Waren lag an einem Nebenflusse des Murray und lief Gefahr, zu -verderben. Diese Waren mußten an Mann gebracht werden. Aber wie? Die -Gegend war wieder öde geworden, nur die Känguruhs und die Dingohunde -durchstrichen den Scrub. -- In denselben Tagen war's, daß ein Squatter, -nennen wir ihn John Peak, von seinem Bruder am Murrumbidschifluß ein -Schreiben erhielt, daß in seiner Gegend, westlich der Blauen Berge, -ein unbeschreiblich reiches Goldlager entdeckt worden sei. Ich selbst -sah den Brief und machte ihn bekannt. Allsogleich große Aufregung in -den Küstenprovinzen und die Leute eilten herbei, um sich bei John -Peak des näheren zu unterrichten. Peak kündigte an, daß er gesonnen -sei, an einem der nächsten Tage früh mit großen Warenladungen von -Lebensmitteln nach dem Murrumbidschiflusse aufzubrechen, wer wolle, der -könne sich dem Zuge anschließen. Und siehe, an dem bestimmten Morgen, -kaum die Elster ihr Lied sang, war eine große Anzahl von Männern mit -Grabscheit und allerlei Arbeitsgeräte zusammengekommen, um sich dem -Zuge anzuschließen. Vierzig paar Ochsen waren an schwer beladene Wagen -gespannt und diesen schwerfälligen Fuhrwerken folgten die Goldgräber, -junge, kräftige, lebenslustige und arbeitsmutige Leute, heiter und -hoffend, und so bewegte sich die Karawane den neuen Goldfeldern -entgegen. Es war im Januar, also mitten im Sommer. Die Gegend war -heiß und wurde von Stunde zu Stunde öder. Das Gras an der Wurzel war -zu Heu geworden, die Bäche waren vertrocknet, kaum daß in einzelnen -schlammigen Sümpfen Menschen und Tiere ihren Durst zur Not löschen -konnten. Die Blätter der Gummibäume hingen welk herab, gaben aber -keinen Schatten. -- Ich erzähle dir diesen Zug genau, wie er in meiner -Erinnerung ist, weil er mir von allen meinen Wegen heute am schwersten -auf dem Herzen liegt. Der Weg hatte über Gebirgskämme und Steinflächen -geführt, aus denen wir zwar fortkamen -- ich war stets dabei, das merke -dir -- die Ochsen dagegen aber harte Mühe hatten, die schweren Wagen -weiterzubringen. Wir mußten Hand anlegen, jetzt vorwärtsschieben, jetzt -zurückziehen und dann wiederum die Lasten vor Sturz in die Abgründe -bewahren. Einige hatten dem Fuhrwerk bereits auch ihre mitgeschleppten -Habseligkeiten aufgebürdet, wofür sich Mister John Peak wacker bezahlen -ließ. So hatte die Reise bereits vier Tage gewährt und wir befanden uns -nun in einer vollständigen Wildnis, wo weit und breit keine Ansiedlung -war, ein dürrer Boden, den wohl noch niemals die Füße eines Europäers -betreten hatten. - -Der fünfte Tag war ein Sonntag, da wurde Rast gehalten. Es ist aber -keine Sonntagsruhe gewesen, die Leute waren unzufrieden und drangen -in John Peak, ihnen doch endlich mitzuteilen, wann diese trostlose -Gegend ein Ende nehme, wo die Goldfelder wären. John Peak hatte die -Ungeduldigen zu vertrösten gewußt von Tag zu Tag und jetzt entgegnete -er unwirsch, ob sie denn glaubten, daß er das Goldland herbeizaubern -könne? Ob nicht auch er selbst, seine Leute und sein Vieh an dem -Ungemache der Reise zu leiden hätten, ob er sie denn gebeten habe, mit -ihm zu kommen, ob es nicht reine Gefälligkeit von ihm gewesen wäre, sie -mit sich zu führen? Das sprach er vernünftig. Es ließ sich laut nichts -darauf entgegnen, jedoch hinter seinem Rücken begannen die Männer zu -murren: »John Peak hat den Weg verloren und will es nicht gestehen.« -Ob er sich seiner Sache gewiß sei? wurde er befragt. Das wäre er. -Er solle noch einmal den Brief seines Bruders zeigen. Er zeigte den -Brief und da stand's: Am Murrumbidschifluß ein unbeschreiblich reiches -Goldlager gefunden. Der Fluß mußte ja in dieser Gegend sein, nur -war er unter anderen Schründen, die sich im wüsten Grunde hinzogen, -schwer zu erkennen, da er ausgetrocknet sein konnte. Sie beruhigten -sich also wieder. Die Menge der Goldsucher war bereits bis zu tausend -Köpfen gestiegen. Das Lager wurde nicht abgebrochen. John Peak sandte -Leute aus, angeblich nach der Besitzung seines Bruders. Mittlerweile -zehrte die Menge von seinen Vorräten und zahlte ihm hohes Geld. So -ging ein Tag um den andern hin und nun erhob sich eine Unruhe im -Lager, die nichts Gutes ahnen ließ. Der Argwohn war da: Die ganze -Goldgrubengeschichte wäre erfunden. John Peak habe die Leute in die -Wüste verlockt, um seine Lebensmittel zu enormen Preisen zu verkaufen. -Und in der Tat, die Lebensmittel wurden von Stunde zu Stunde knapper -und stiegen im Preise, so daß viele, deren Barschaft zu Ende ging, -bereits Hunger litten. Einzelne trennten sich von der Menge los und -irrten in Sand und Scrub umher, in der Hoffnung, auf die geträumten -Goldfelder zu stoßen. Man soll nichts mehr von ihnen gehört haben. - -Im Lager wuchs die Aufregung, es kam zu einer Volksversammlung, in -welcher die Vermutung des Verrates offen ausgesprochen wurde. Nach -einer stürmischen Stunde schien es sichergestellt, daß die Menge nur -in diese Öden geführt worden war, um dem Squatter die bereits im -Verderben begriffenen Lebensmittel zu konsumieren. Um aber dem Manne -nicht Unrecht zu tun, sondern vollständige Gewißheit zu erlangen, wurde -beschlossen, auf Kosten der Versammlung eine Expedition auszuschicken, -den vorgeschützten Bruder oder die Goldlager zu finden. John Peak -sollte bis zur Rückkehr der Männer strenge bewacht werden. - -Am folgenden Morgen wurde die Expedition, mit Lebensmitteln und guten -Pferden versehen, abgelassen. Sie durchstrich die rotbraunen Flächen, -fand weder Vegetation noch Wasser, weder Weg noch Steg, überall nur -die nackten Granitfelsen, stellenweise knietiefen Sand und wirbelnden -Staub. Soweit das Auge reichte kein grünes Blatt, kein Grashalm, nach -allen Seiten hin nichts als grauer Himmel und brauner Sand. - -Heiße Winde aus Nordwesten bliesen da und dort ein finsteres Gewölke -heran, aber es waren nicht die willkommenen Wasserdünste, es war -glühender Staub. Die Expedition soll viel gelitten haben, stieß aber am -dritten Tage auf eine kleine Oase, wo sich eine Schafzucht befand. Es -war die Gegend, wie sie von John Peak als der Wohnort seines Bruders -verzeichnet worden. Die Männer fanden bei den Hirten freundliche -Aufnahme; sie zogen ihre Erkundigungen ein und erfuhren erstens, daß -hier kein Mensch wohne, der einen John Peak zum Bruder habe, und -erfuhren, daß in dieser Gegend von einem Goldlager weder jemals eine -Spur, noch eine Rede gewesen sei. - -Die Expedition hatte ihren Zweck erreicht und trat die Rückreise an. Um -der gefürchteten Sandwüste zu entgehen, wollte sie eine andere Richtung -einschlagen, stieß aber auf grundlosen Morast des Murrumbidschi und auf -undurchdringlichen Scrub. Von der Expedition erlagen zwei Mann. Auf -der wieder betretenen Sandwüste stand eine weitere Überraschung bevor. -Raubvögel umflatterten drei menschliche Leichen, die auf dem Rücken -lagen und ihr Antlitz gen Himmel gerichtet hatten. Endlich hatte die -Expedition sich zurückgefunden zu den weißen Zelten und sie erstattete -Bericht, daß weit und breit kein Bruder des Squatter und keine Spur -einer Goldmine entdeckt worden sei. - -John Peak hatte den Brief seines angeblichen Bruders selbst -geschrieben, um die Leute in die Wüste zu locken und bei ihnen -seine Waren abzusetzen -- John Peak wurde in aller Form zum Tode -verurteilt. -- - -Der aufgeregten Menge hatte man vor das Zelt, in welchem Peaks -Warenlager sich befand, ein Faß Rum gerollt, den Boden eingeschlagen -und alles drängte sich vor, einen Becher des Getränkes zu erlangen. -Bald war das Faß leer und auch ein zweites, ein drittes, dann wurde mit -wildem Lärm das Warenlager gestürmt und jeder nahm, was ihm das Nächste -war. Der eine trug einen Sack Reis fort, der andre einen Sack Zucker, -der dritte eine Kiste Thee; andere Mehl, Butter, Schinken, Tabak. Jeder -wollte sich nun entschädigen, und es ging toll zu im Wüstenlager. - -Als man sich endlich nach dem Verurteilten umsah, um ihm zur Krone des -Festes sein Recht anzutun, war der Vogel ausgeflogen. -- Jetzt sahen -sie den Flüchtling auf raschem Renner über die weite Ebene dahinjagen.« - -So der Gefangene. - -»Ja,« entgegnete nun der Priester, »ich habe seinerzeit von dieser -Geschichte vernommen. Aber warum erzählst du nicht von dir?« - -»Ja,« sagte der Gefangene: »hast du in John Peak denn nicht +mich+ -erkannt? Nicht wahr, dir graut? Mir auch, mein Herr, mir auch.« - -»Nun bist du wohl zu Ende?« - -»Fast. Was jetzt noch kommt, ist zahm. Ich floh zu den Wilden. Da ich -schon früher ihre Sprache erlernt hatte, sie aber in jenem Scrub an mir -das erstemal einen Weißen sahen und sich vor mir fürchteten, so gab -ich mich für den Geist ihres Stammvaters aus, der aus der andern Welt -zu ihnen zurückgekehrt sei, um ihnen zu verkünden, daß ein fremdes, -furchtbares Volk gegen sie über das Meer heranziehe, welches den Blitz -des Himmels und den Donner bei sich hätte. Sie haben mir geglaubt, -haben mich in ihrer Weise angebetet, haben mich in eine große Höhle -geführt und mir dort ihre Opfergaben zu Füßen gelegt. Merkst du den -Witz des Schicksals? Nun war ich's, was ich einst auf den Heiden -Irlands sein wollte: ein Prophet, ein Priester, ein Erzbischof. -- Sie -brachten mir das beste, was sie hatten, es war für mich kaum genießbar; -ich sagte, ich sei bei Speise und Trank die Zubereitung der andern Welt -gewohnt und bereitete sie, wie es die Weißen tun. Ich suchte die Wilden -für meine Zwecke zu erziehen und galt als ihr Häuptling und Gott, -gleichwohl manche unter ihnen waren, die mir nicht zu trauen schienen. -Die Furcht hielt sie im Zaume. Ich suchte sie mit dem Speer, mit dem -Bumerang, mit der Keule im Kampfe zu üben, um mir ein streitbares Heer -gegen meine eigene Rasse heranzubilden. - -So groß war in mir der Haß geworden. -- Mein Vorhaben, die Wilden zum -Kriege zu erziehen, war aber nicht durchführbar. Und weißt du, wer mich -bei meiner Gefangennahme am Murray niedergeschlagen hat? Der Wilden -einer, mein eigener Waffenträger. Er hätte mich gewiß getötet, wenn ich -ihm nicht von den Soldaten entrissen worden wäre. -- So bleibt es doch -dir, mein alter Vaterstamm, anheimgestellt, an mir dein Richteramt zu -vollführen. Jetzt entweiche ich nicht mehr auf flüchtigem Renner, jetzt -leugne ich nicht mehr, daß ich schuldig bin, jetzt will ich nur eins, o -Menschen, nur dieses eine versagt mir nicht!« - -»Was ist dein letzter Wunsch?« fragte der Priester. - -»Es ist der: Ich will nicht erwürgt werden mit dem Strick, ich möchte -langsam, +langsam+ sterben +und mein Blut+ geben.« - -Am nächsten Morgen, als der rote Schein lag über den Wässern des -Ostens, wurde der Gefangene aus dem Kerker geholt und in den Hof des -Gerichtsgebäudes geführt. - -Als der Todgeweihte mitten im Hofe den Galgen sah und den Henker -daneben, stürzte er sich kopfüber auf das Steinpflaster -- und das rote -Blut entströmte dem zerschmetterten Haupt. - - - - -Der verhängnisvolle Vorfall. - - -Über den Hafenplatz in Lissabon eilten schnellen Schrittes zwei junge -Männer. Es war vor Abgang des Schiffes beinahe eine Stunde Zeit, da -wollten sie in einem Weinhause noch den Abschied feiern. Die Sachen des -Abreisenden hatte der Hoteldiener bereits aufs Schiff gebracht, dort -auch den Fahrschein nach Neuyork gelöst, so konnten die beiden Freunde -noch ruhig beim Weine sitzen und warten, bis vom Molo herüber, an dem -mehrere große Dampfer lagen, das Glockensignal erklang. - -Der eine der beiden, ein schlanker Bursche mit leichtem Bartanflug und -einer vernarbten Schramme über der Stirn, war der Elektrotechniker -Richard Wifart aus Berlin. Er war ein Jahr vorher mehrere Monate lang -auf einer Geschäftsreise für das Haus Siemens & Halske in Amerika -gewesen und hatte in Neuyork ein schönes Mädchen kennen gelernt, die -einzige Tochter eines Rechtsanwaltes. Die jungen Leute hatten sich -damals unmittelbar vor Wifarts Abreise nach Berlin verlobt und nun war -er auf der Reise nach Neuyork, um Hochzeit zu halten und seine junge -Frau nach Europa zu führen. Er war sehr heiter und schaute mit hellen, -glücklichen Augen in die Zukunft. - -Der andere der beiden Freunde war Herbert Franke, ein etwas kleinerer, -untersetzter junger Mann mit dunkelblondem welligem Haar und einem -glatten Gesicht, über dessen Wange das schwarze Seidenbändchen -des »Zwickers« hing. Er besaß in Hamburg ein großes Export- und -Geldgeschäft und war seit drei Jahren dort glücklich verheiratet. -Er hatte weiche, fast kindliche Züge und sein blaues Auge hing mit -Innigkeit an dem Freunde, den ihm schon die nächste Stunde entführen -sollte. - -Die beiden hatten auf der Berliner Technik zusammen studiert und waren -Freunde geworden, die sich in schwärmerischen Stunden auch +das+ -zugeschworen, daß, wenn einer oder der andere einmal heiraten sollte, -unfehlbar der andere oder der eine mit bei der Hochzeit sein müsse. -Richard hatte bei Herberts Hochzeit in Hamburg ohne jede Schwierigkeit -seinen Schwur einlösen können. Anders war's bei Herbert, der den Freund -nach Neuyork begleiten müßte, um an dessen Hochzeit teilzunehmen. Er -würde es mit tausend Freuden getan haben, wenn er als Chef seines -Hauses nicht gerade um diese Zeit wegen Handelsunternehmungen in -Europa festgehalten worden wäre. Doch gestatteten es die Verhältnisse, -den Freund eine Strecke zu begleiten. Denn die Reise ging nicht den -glatten, geraden Seeweg Bremerhafen-Neuyork, sondern über Frankreich -und Spanien. In Frankreich hatte Herbert Geschäfte abzuwickeln und -auch Richard wurde teils durch den Umstand zu diesem Umwege bewogen, -als seine Firma wegen einer elektrischen Straßenbahn mit Madrid in -Unterhandlung stand. Anderseits wollte er Verwandte in Granada besuchen. - -Die Reise war nicht ohne Widerwärtigkeiten vor sich gegangen. Eine -Überschwemmung in den Pyrenäen hatte die Eisenbahnverbindungen -unterbrochen, was jedoch wieder den Vorteil gab, durch eine Wagen- und -Fußreise die Pyrenäen und einen Teil des nördlichen Spaniens näher -kennen zu lernen. Das war jetzt alles hinter sich, die Gebirgsreise, -die Verwandten waren abgetan, das Geschäftliche für Herbert war im -besten Gang und an diesem Tage Punkt zwölf Uhr sollte in Lissabon das -Schiff nach Neuyork auslaufen. - -Sie saßen nun bei einer Flasche köstlich feurigen Spaniers und rauchten -Zigaretten. Sie waren in hochgemuter Stimmung, der aber ein Mollton des -Abschiedes nicht ganz fehlte. Nach dieser gemeinsamen heiteren Reise, -auf der sie manchmal ernsthafte Gespräche über die Zukunft geführt, -dann wieder tolle Jugendschnacken getrieben hatten, sollte die nächste -Stunde jeden allein finden. - -Eine solche Trennung im fremden Lande hat etwas Beklemmendes. Richard -würde in acht Tagen ja drüben bei seiner Braut sein und Herbert nach -einigen Querzügen durch die romanischen Länder ungefähr um dieselbe -Zeit in Hamburg. Jeder bei den Seinen, und in wenigen Wochen würden sie -sich in Hamburg alle zusammenfinden. - -Richard erhob sein Glas: »Freund, ich danke dir noch einmal, daß du -mich bis an dieses Ende der Welt begleitet hast. Kehre mit Glück nach -deiner geliebten Elbestadt zurück und von heute in zehn Tagen denke, -daß ich mit meiner Luise am Altare stehe.« - -»Und wenn du sie hast, so säume nicht allzulange, sie mir zu zeigen. -Ich brenne, dein Weib kennen zu lernen und gedenke mich zu rächen für -die Eifersucht, die du bei meiner Susanna immer wieder in mir erweckt -hast.« - -Sie lachten und stießen die Gläser an. - -»Ich hoffe, daß ich rasend eifersüchtig sein werde,« sagte Richard. - -»Du hoffest das?« - -»Keine Frage. Was wäre das für eine Suppe? Ohne Salz!« - -»Das Salz der Ehe -- ja. Aber eine versalzene Suppe -- nein,« sagte -Herbert und drehte sich eine frische Zigarette. - -»Und ich bleibe dabei,« scherzte Richard, »daß wir beide uns die -ausgiebigste Ursache zur Eifersucht geben, müssen. Wir haben seit acht -Jahren aneinander die Herzen und Nieren zu genau erforscht, um nicht zu -wissen --« - -»Laß das bloß gut sein, Richard. Wir waren zwei Galgenstricke, -wenigstens in der Laune, doch als Ehemänner --« - -»Komm dort nicht der Hausdiener unseres Hotels?« unterbrach Richard. -Zwischen den Tischreihen trippelte ein buckliges Männlein heran und -mit sehr kurzsichtigem Auge guckte er jedem Anwesenden unsicher ins -Gesicht, bis er unsere Freunde bemerkt hatte. Dann kam er heran und -sagte in gutgewähltem Portugiesisch, daß er glaube, die Auszeichnung zu -haben, Herrn Herbert Franke aus Hamburg vor sich zu sehen. - -»Suchen Sie +mich+?« fragte Herbert. - -»Ich wußte es ja gleich. O, ich erkenne alle meine Herren sofort -wieder. War schon am Hafen, auf der Brest Da denke ich, die Exzellenzen -werden im Weinhause sein. Und siehe da!« - -»Wünschen Sie etwas?« - -»Mit Ihrer gütigen Erlaubnis, eine Depesche ist angekommen.« - -Er reichte sie hin, nahm die Bestätigung in Empfang und empfahl sich -mit graziösen Bücklingen. - -»Wenn ein deutscher Tanzmeister so viel Grazie hätte, als ein -spanischer Stiefelputzer!« lachte ihm Richard nach. -- »Nun, wie stehen -die Kurse auf der Hamburger Börs'?« - -Herbert hatte seinen Prunkzwicker aufgeklemmt, doch der war wieder von -der Nase gefallen. Er hatte hierauf die Depesche für sich gelesen, und -Richard sah, daß er unruhig wurde. - -»Was ist das?!« sagte Herbert tonlos vor sich hin. - -»Etwas Wichtiges?« fragte der Freund. - -Der Hamburger hielt mit zitternder Hand das Blatt dem Freunde hin: -»Herbert Franke aus Hamburg, Hotel Imperatore, Lissabon: Bitte mit -möglichster Eile nach Hause reisen. Verhängnisvoller Vorfall. Mama.« - -»Was ist geschehen?« fragten beide zugleich und erhoben sich von ihren -Sitzen. Sie starrten sich an, einer bleicher wie der andere. - -»Meine Frau!« sagte Herbert. »Meiner Frau ist etwas widerfahren!« - -»Ei nein, davon steht doch kein Wort. Diese verdammte Unklarheit der -Depeschen! Man denkt gleich an das Allerschlimmste. Ein paar Worte -mehr --« - -»O mein Freund, wer weiß, wie schrecklich sie wären, diese paar -Worte mehr! Gewiß, meiner Susanna ist etwas widerfahren. Dem -kleinen Siegfried ist etwas zugestoßen. Ich reise sofort. Mit dem -internationalen Expreßzug.« - -»Das geht nicht; denke doch, daß die Verbindungen unterbrochen sind.« - -Herbert schlug sich die Faust an die Stirn. Dann las er wieder -das Telegramm: »Bitte mit möglichster Eile nach Hause zu reisen. -Verhängnisvoller Vorfall. Mama. -- Warum depeschiert Mama? Warum nicht -meine Frau?« - -»Weil sie im Augenblick nicht zur Stelle war. Hast du doch -- glaube -ich -- auch in Madrid eine Depesche von Mama erhalten, über etwas -Geschäftliches. Und nun -- du kennst ja die alten Frauen. Wenn eine -Spiegelscheibe zerschlagen wird, posaunen sie es in alle Winde; wenn -ein Schornsteinbrand ist: Verhängnisvoller Vorfall.« - -»Laß das, Richard. Du siehst ja, daß ich ruhig bin. Ich muß eben -nach Hause. Mit dem nächsten Zug.« Er verlangte vom Kellner den -Eisenbahn-Kurier. - -»Das hilft dir nichts,« sagte Richard, »du kannst nicht weiter. Du mußt -den Seeweg nehmen.« - -»Gut, also den Seeweg.« - -Herbert sah im Schiffsfahrplan nach, der an der Wand hing. »Eildampfer -nach Neuyork.« - -»Der geht dich nichts an.« - -»Eildampfer nach Southampton.« - -»Nichts für dich.« - -»Dampfer nach Genua.« - -»Zu großer Umweg.« - -»Eildampfer nach Brest.« - -»Das ist der deinige,« sagte Richard. »Von Brest mit Eisenbahn nach -Hamburg.« - -»Nach Brest also. Abfahrt jeden Mittwoch mittags zwölf Uhr. -- -Mittwoch, das ist ja heute!« - -»Und zwölf Uhr ist es in zwanzig Minuten. Unsere Schiffe gehen im -gleichen Augenblicke ab.« - -»Das ist ja ausgezeichnet!« rief Herbert. Er lief ins nahegelegene -Hotel Imperatore, um seine Sachen zu holen, seine Rechnung zu -begleichen, und eine Viertelstunde später trafen sich die beiden -Freunde am Molo. In demselben Augenblick schrillten die Schiffsglocken. - -»Brest!« rief Herbert zum Gepäckträger, und dieser eilte dem großen -schwarzen Dampfer zu, der links am Molo lag und schwarze Rauchdrubel -aus dem Kaminrohre stieß. Gerade gegenüber rechts am Molo lag der -Dampfer »Neuyork«. Es rasselten schon die Ketten, um die Brücke -aufzuziehen. - -»Leb' wohl, Herbert. Es wird nicht so schlimm sein. Gib mir gute -Nachricht.« - -»Leb' wohl, grüße mir deine Braut.« - -»Auf Wiedersehen!« - -Ein rascher Händedruck, denn es schrillten die Dampfpfeifen. In großen -Sprüngen eilte jeder zu seinem Schiffe. Kaum war Herbert, die Hand -eines Matrosen mußte ihn fassen, auf seinem Dampfer, da rollte es, der -Koloß zitterte und begann sich sachte zu bewegen. - -Sie standen am Bord, jener drüben, dieser hüben, und winkten sich mit -den Taschentüchern zu. Die letzten Lebewohlrufe haben den gellenden -Hafenlärm nicht mehr durchdringen können. - -Welch plötzliche Wandlung. Wer hätte das vor einer halben Stunde -gedacht! Herbert schaute auf Lissabon. Je mehr es zurückwich, je -höher schien es aufzusteigen. Jetzt fiel ihm ein, was er noch alles -hätte tun sollen. Besonders nach Hamburg depeschieren, daß er auf der -Heimreise sei. Was hätte er dem Freunde noch alles zu sagen gehabt, dem -Glücklichen, der jetzt schnurgerade, ohne Aufenthalt und Unterbrechung, -seiner Braut entgegendampft, während ihm nach umständlicher See- und -Landfahrt zu Hause ein außerordentliches Unglück erwartet. - -Noch in der Bucht waren die beiden Schiffe in einer gewissen Entfernung -nebeneinander hingefahren und die Freunde hatten mit den weißen -Fähnchen ihrer Taschentücher ohne Unterlaß sich zugewinkt. Nun die -hohe See erreicht, sah Herbert, wie der Dampfer »Neuyork« sich immer -weiter von dem seinen entfernte und wie er als kleiner schwarzer Punkt -unweit der Küste gegen Norden eingebogen hatte, während sein Schiff -schnurgeraden Lauf gegen Westen nahm. - -Herbert hatte seinen Handkoffer auf dem Deck unter eine Bank geschoben -und suchte nun den Kapitän auf, um ihm zu sagen, daß er noch keine -Fahrkarte lösen konnte, weil er sich erst im letzten Augenblick zur -Reise entschlossen habe. Er wolle eine nach Brest. - -Der Kapitän starrte ihn an von oben bis unten. »Sie wollen nach Brest?« - -»Nach Brest eine Karte erster Klasse.« - -Darauf mit yankeemäßiger Gelassenheit der Kapitän: »Dieses Schiff geht -nach Neuyork.« - -»Was sagen Sie?« - -»Dieses Schiff geht nach Neuyork.« - -»Um Gottes willen! Aber um Gottes willen!« rief Herbert mit -wildstoßendem Atem. »Ich bin doch auf dem Dampfer, der nach Brest geht! -Man hat mir's doch gesagt. Das ist doch der Dampfer Brest.« - -»Es ist allerdings der Dampfer Brest, aber er geht nach Neuyork. Der -nach Brest läuft -- sehen Sie! -- der schwarze Punkt dort an der Küste, -die alte Neuyork, die geht nach Brest.« - -»Aber Gott! Aber mein Gott im Himmel! Ich fahre ja nach Brest! Ich muß -nach Brest!« schrie Herbert grell auf. »Ich muß -- ich +muß+!« - -»Also ein Billett nach Neuyork,« sagte der Kapitän gelassen und nannte -den Preis. - -Herbert stampfte wütend mit den Füßen und verlangte in seinem -wahnsinnigen Schreck, daß der Dampfer umkehre. Darauf schaute ihn der -Kapitän mit kühlem Blick neuerdings an und zuckte die Achseln. - -Herbert tobte über das Deck hin und fluchte und flehte und bat den -Kapitän auf den Knien, ihn wenigstens, auf einem der Rettungsbote -nach Lissabon zurückbringen zu lassen oder irgendwie das bereits -entschwindende Brester Schiff zur Umkehr, zum Warten zu verständigen. - -Der Kapitän zuckte schweigend die Achseln. Endlich gewann der Hamburger -doch so viel Vernunft, um einzusehen, daß hier alles Rasen nichts -helfe. Der Dampfer schnitt mit brausender Energie die Wellen des Ozeans -dem Westen zu. Herbert setzte sich hinter dem Mast auf einen Ballen und -starrte zu Boden. Die Mitreisenden, die ihn mit Teilnahme beobachteten, -konnten sehen, wie Tränen über seine Wangen liefen. - -Die portugiesische Küste war nur mehr ein ferner blauer Streifen und -allmählich verschwand sie ganz. So fuhr er nun von Europa davon und -zwar zu einer Zeit, wo er's am wenigsten durfte, wo er daheim am -notwendigsten war, wo er von den Seinen zu Hilfe gerufen wurde in -einer großen Not. -- Daß man einmal so durch die weite leere Luft -würde telegraphieren können wie heute? Damals gab's keinen Gedanken -daran. -- Wenn er nur eine Ahnung hätte, was geschehen ist! Ein -verhängnisvoller Vorfall! War ein Brand ausgebrochen? War Frau Susanna -erkrankt oder der kleine Siegfried, der erst wenige Wochen zuvor den -Scharlach überstanden hatte? Oder gar jemand plötzlich gestorben? O -heiliger Gott, wie das qualvoll ist! Und mit jedem Augenblick entführt -das Schiff ihn weiter und weiter von seinen Lieben, die in Sehnsucht -auf ihn warten. -- Sollte bei der Berliner Firma Schwippe & Sohn, bei -der er stark engagiert war, etwas los sein? Nein, hatte ihm doch sein -Bureaudirektor Maischuster erst nach Madrid mitgeteilt, daß Ultimo -die hundertachtzigtausend Mark bar bezahlt worden waren. Oder wäre -ein Einbruch in die Kasse vorgekommen? Unmöglich, Maischuster ist der -vorsichtigste Mensch, ist imstande, sein Nachtlager auf der Eisenkasse -zu nehmen, um sie zu bewachen Ein öffentliches Unglück müßte man ja -in den Blättern gelesen haben. Also was ist geschehen? -- Ringsum -war nichts mehr als die grünen Wässer des Atlantischen Ozeans, und -der Dampfer, der den unglücklichen Namen »Brest« trug, schnitt seine -schnurgerade Straße nach Westen. - -Dann dachte Herbert auch an seinen Freund, der auf der »Neuyork« -nordwärts der fernen französischen Küste zufuhr, ohne Gepäck, -vielleicht auch ohne Geld, ins Ungewisse hinein. Wie mochte dem zumute -sein, der seine Braut wartend weiß in Neuyork, und er kann nicht -eintreffen zu dem für die Hochzeit bestimmten Tage und kann ihr keine -Nachricht geben. Sein unglücklicher Freund Herbert, ja der wird dem -Schiffe entsteigen, mit dem Luise den Bräutigam erwartet, aber sie -erkennen sich nicht, gehen fremd aneinander vorüber. - -Herbert hat nun allerdings in seinem Taschenbuch die Adresse der -Familie Luisens, und zu ihr soll auch der erste und wohl auch einzige -Weg sein in Neuyork. Hat er doch Richards Koffer, der auf diesem -Schiffe ist, dort abzugeben. Und dann mit dem nächsten Schiffe nach -Hamburg! Aber welche Ewigkeit liegt dazwischen! Der erste Tag wollte -kein Ende nehmen; wie sollten die neun Tage vergehen, ohne daß er vor -Ungeduld stirbt? -- Auf ein aus dem Westen entgegenkommendes Schiff -hatte Herbert noch gerechnet, das ihn aufnehmen und nach Europa bringen -konnte. Aber außer ein paar kleinen kreuzenden Segelschiffen war kein -Fahrzeug zu sehen. Am zweiten Tage kam von Norden her ein großer -englischer Dampfer, ein Ostindienfahrer, dann nichts mehr auf den öden, -unendlichen Wässern. Kein Schiff, das ihn erlöst und in die Heimat -gebracht hätte. Nichts und nichts. Er mußte eine Beute der »Brest« -bleiben, sich in Geduld fassen und tatlos warten auf das, was das -Schicksal über ihn verhängt haben mochte. So saß er denn auf dem Deck, -stets allein, und brütete. Mancher der Mitreisenden, es waren auch ein -paar Deutsche darunter, wollte sich ihm nahen, um ihn zu zerstreuen; er -ging nicht darauf ein. Er brütete vor sich hin in dem Gedanken: Immer -weiter fort, immer noch weiter fort! Wäre er auf irgendeiner Stelle der -Erde festgehalten für die Länge der Zeit! Aber dieses immer noch weiter -fort, immer noch weiter der Heimat entrückt werden -- es war nicht zu -ertragen. Es war eine unsägliche Qual. Herbert nahm sich vor, wenn er -seine Lieben wiedersehen sollte, so wird er sie nicht mehr verlassen, -nicht auf zwei Tage lang. Aber -- er wird sie ja nicht wiedersehen, -sicher nicht alle wieder. Tag und Nacht waren seine Gedanken zu -Hamburg in seinem Hause, er sah nichts als Brandstätten, Totenbahren, -gesprengte Kassen und fallierte Geschäftsfirmen. - -Am fünften, sechsten Tage wurde er etwas gefaßter. Die Nahrung, wovon -er sonst mit Widerwillen genossen, begann ihm zu munden, der Schlaf -wurde ruhiger und erquickender. Je mehr man sich der amerikanischen -Küste näherte, je klarer ward es ihm, daß er dort etwas erfahren müsse. -Und mit dem ersten Schritt, den er auf das nach Deutschland abgehende -Schiff setzen wird, ist er soviel als zu Hause, denn jede Sekunde -bringt ihn dann im Fluge näher der Stelle, wo er aufzurichten und zu -trösten haben wird. Er ist nun gefaßt, so schlimm kann es unter keinen -Umständen sein, als er es in der Vorstellung durchlebt hat. Denn er hat -alle denkbaren Unglücksfälle durchlitten, und in der Tat wird es doch -nur einer sein. »Verhängnisvoller Vorfall«. Der Ausdruck imponierte -ihm nicht mehr ganz so. Was ist verhängnisvoll? Alles Mögliche. Alte -Frauen lieben in Hyperbeln zu sprechen. Vielleicht war es sogar im -scherzhaften Sinne gemeint, um den Sohn, der sonst mit der Rückreise -manchmal arg zu säumen pflegte, ein wenig zu peitschen. Vielleicht ist -bei der ganzen Sache verhängnisvoll nur die Verwechslung der Schiffe -auf dem Hafen zu Lissabon. Aber -- wer weiß es?! Gott allein, dem er -nun alles anheimgibt. Ja, das ist der Anker. Dem Allmächtigen will -er's anheimgeben. -- Ach, wie eine solche Seereise herrlich wäre bei -ruhigem Gemüte! Und wie peinvoll sie gewesen ist, wie so schrecklich -nichts vorher in seinem Leben war. Richard, der mag zusehen, wie er -herüberkommt. Hochzeiten lassen sich verschieben. Wenn sich alles so -verschieben ließe? -- Ei doch, wir haben den »Verhängnisvollen Vorfall« -ja Gott anheimgestellt. - -Am zehnten Tage um fünf Uhr früh war die Freiheitsgöttin in Sicht, im -Hafen von Neuyork. In der aufgehenden Sonne glühte sie rot, wie Eisen -in der Esse. Und dann tauchte die abenteuerlich herrliche Stadt auf. Um -sieben Uhr betrat Herbert den Boden von Amerika. Da war im Augenblick -sein Anliegen völlig vergessen, so lebhaft stürmte die neue Welt und -ihr Treiben auf seine Sinne ein. Er kam sich vor wie ein dreister -Abenteurer und wollte es sein. Wollte es denn in Gottes Namen einmal -sein! Er war völlig berauscht. -- Den Koffer seines Freundes bekam er -nicht ausgefolgt, um ihn an dessen Braut zu überschicken; er wurde -ins Magazin gestellt, bis der Eigentümer selbst sich um ihn ausweisen -konnte. Das erste, was Herbert suchte, war eine Auskunftstelle wegen -Abfahrt der Schiffe und ein Telegraphenamt. Zu seiner größten Freude -sollte an demselben Tage, abends zehn Uhr, ein deutscher Lloyddampfer -nach Southampton und Bremen abgehen. So ist er in sechseinhalb Tagen zu -Hause. -- Und nun wollen wir frühstücken. Er ging in das nahe dem Hafen -gelegene Hotel »Grodin«. Aber es schwankte noch der Boden unter den -Füßen, er hatte auf schwankendem Boden das Gehen verlernt. Im großen -Hotel trat er in eines der Speisenkabinette. Da war's behaglich ruhig; -ein einziger Herr saß in der Ecke und sprach mit Eifer seinem Imbiß zu. -Er blickte nicht vom Teller auf, bemerkte den Eintretenden kaum, dieser -aber tat einen Schrei. - -»Maischuster!« - -Ja, es war sein Bureaudirektor aus Hamburg. Im ersten Augenblick -glaubte er, der Direktor sei ihm nachgereist, doch schon im zweiten -Augenblick glaubte er etwas anderes. Denn Maischuster, als er plötzlich -vor sich seinen Chef sah, zuckte heftig ein und wechselte die Farbe. -Dann sprang er auf, raffte vom Nagel Hut und Überrock; Herbert aber -stand an der Tür, packte den Mann fest am Arm und sagte gedämpft: - -»Maischuster, was ist das?« - -Der Direktor ergab sich wehrlos, denn er glaubte, Herbert sei aus -Hamburg nachgereist, um ihn festzunehmen und vor der Tür stünden die -Häscher, denn durch die Fenster sah man Wachleute. - -Herbert hatte den Zusammenhang nun durchschaut. »Sie haben sich etwas -zuschulden kommen lassen, Maischuster!« - -»Da haben Sie's, da haben Sie's! Ich gebe ja alles zurück!« stammelte -der Bureaudirektor und zog aus dem Westenlatz ein Paket. »Ich hätte es -ja ohnehin zurückgegeben, ich wollte nur -- -- Lassen Sie mich bloß -los. Lassen Sie mich los, oder -- --« Er suchte mit einer Hand in -die Rocktasche zu kommen. Die beiden Männer rangen, stießen Stuhl und -Tisch um, bis Kellner herbeieilten, Hoteldiener und Wachleute, mittels -welcher der Defraudant festgenommen und gebunden werden konnte. - -Herbert öffnete das wohlverschnürte Paket und fand in Noten und -Papieren eine Summe von 230000 Mark. -- Und nun wußte er's. Nun glaubte -er es zu wissen, was die Depesche »Verhängnisvoller Vorfall« bedeutete. -Sein Herr Maischuster war ihm in Hamburg mit der Kasse durchgegangen. -Und nun sah er auch, wie es kommen kann, wenn man in eigener Ohnmacht -sein Anliegen dem Herrgott anheimgibt, der in diesem Falle schon vorher -für die Sache gesorgt hatte. Herbert mußte in Lissabon das unrichtige -Schiff besteigen, um in Amerika den Dieb zu erwischen. - -Dem Maischuster wurde noch eine Tasche mit Goldstücken und ein Revolver -abgenommen und dann ist er in behördliches Gewahrsam gebracht worden. - -Als Herbert das auf so wunderliche Art wiedergewonnene Vermögen -wohlverwahrt hatte, ging er daran, das Haus der Braut seines Freundes -aufzusuchen. -- O wie war das jetzt anders, wie war dieses Neuyork -jetzt schön! Nur die Betrübnis der Miß Luise fürchtete er noch, wenn -anstatt des heißerwarteten Bräutigams ein fremder Mensch kommt, um zu -sagen, der Bräutigam sei auf ein unrechtes Schiff gestiegen und könne -kaum vor einer Woche eintreffen. Im Wildpark, dem Lärme ein wenig -entrückt, stand ein stattliches Haus. Hohe Tannen, wie er sie seit -den Pyrenäen nicht mehr gesehen hatte, überragten mächtig die Giebel -und auf den Wipfeln sangen zu Hunderten die Vögel. Herbert drückte -mit Beklemmung am Taster, das Tor öffnete sich und vor ihm stand -- -Richard. Er war eben vor einer Stunde angekommen. Ein amerikanischer -Eildampfer, mit dem sein nach Brest fahrendes Schiff gekreuzt, hatte -ihn aufgenommen und hierher gebracht. Laut lachend fielen sich die -beiden Freunde in die Arme und Herbert erzählte mit kurzen Worten -lustig, daß er in den wenigen Stunden seines Aufenthaltes in Neuyork -schon ein großes und gutes Geschäft gemacht habe. Dann, gleich im -Stiegenhaus, wurde die Braut vorgestellt -- ein frisches, rund- und -schwarzäugiges Mädchen, das ohne viel Förmlichkeit dem Freunde ihres -Richard derb die Hand schüttelte. - -Gegen Abend desselben Tages kam die erbetene Depesche aus Hamburg -mit dem Berichte, der verhängnisvolle Vorfall bestehe darin, daß der -Bureaudirektor eine große Defraudation verübt habe, flüchtig geworden -sei und bis zur Stunde noch keine Spur von ihm zu entdecken wäre. Dann -hieß es: »Sonst alles wohl. Deine Susanna.« - -»Nun also!« rief Richard. »Das wäre geschlichtet. -- Und nun wirst du -bei unserer Hochzeit sein!« - -»Das versteht sich. Ich eile nur, meiner Familie zu berichten, daß wir -ihn haben.« - - - - -Mein Vetter, der Türke. - - -Am 19. Oktober 1880 erhielt ich aus Teheran, der Hauptstadt Persiens, -folgendes Telegramm: - - »Mein teurer Vetter, ich bin verloren. In Affäre verwickelt, - die mir den Kopf kostet, wenn Intervention der österreichischen - Gesandtschaft nicht gelingt. Bis die Post Näheres bringt, - vielleicht zu spät. Lebe wohl. - - Anton.« - -Meine Entrüstung darüber, daß Anton, der immer Lustige, um teures Geld -solche Späße treibt, war nicht gering. Der Scherz kostete mindestens -fünfzig Franken. War der Junge nicht bei Trost? Sollte er im Lande der -Sonne doch ein bißchen Sonnenstich bekommen haben? - -Nach der Entrüstung kam die Erwägung. Am Ende war doch etwas an der -Sache. Vielleicht Liebeshändel; bei solchen kann man auch anderswo -den Kopf verlieren. Aber »den Kopf kosten«, das war etwas spezifisch -Orientalisches. - -Ein Hitzkopf war der Bursche immer gewesen, und bei solchem ist alles -möglich. Seinen im Mürztale lebenden Verwandten wollte ich einstweilen -die sonderbare Nachricht geheimhalten. Er war meines Vaters Bruders, -des Eisenwerksverwalters von Niederaigen jüngster Sohn. Ich hatte ihn -stets liebgehabt. - -Auf den Drähten der englischen Telegraphen-Kompagnie flogen nun in -wenigen Tagen ein paar Depeschen hin und her. Die Gesandtschaft -bestätigte alles und drückte den Zweifel aus, ob es gelingen werde, die -Todesstrafe in lebenslängliche Zwangsarbeit umzuwandeln. - -Kaum zwei Jahre waren verflossen, seit mein Vetter Anton Rosegger -nach seinen vollendeten Studien als Techniker sich einer europäischen -Auswanderungsgesellschaft nach Persien angeschlossen hatte. Es hieß, -daß die Eisenbahn vom Schwarzen Meere aus über Persien nach dem Golfe -zustande kommen würde, und dabei wollte er sein Glück versuchen. Ich -war anfangs dagegen, weil mir jedes leichtsinnige Auswandern ein -Greuel ist; da aber trotz seiner ausgezeichneten Talente, besonders im -Zeichnen und in Metallarbeiten, in der Heimat die Aussichten für ein -Vorwärtskommen wirklich keine glänzenden waren, der Bursche aber vor -Gesundheit und Lebensmut nachgerade Funken sprühte, so ließ ich mich -von dem ausgespielten Gemeinplatz: »Junge Leute müssen in die Welt -hinaus,« überlisten und erteilte leider meine Sanktion. - -Zweimal hatte er seit seiner Abreise geschrieben; das erstemal, daß -er in den königlichen Münzwerkstätten zu Teheran arbeite, daß seine -Existenz eine gründlich asiatische, doch aber recht erträgliche sei, -daß er sich mit den orientalischen Sitten schnell vertraut gemacht -habe. Und im zweiten Schreiben an mich hieß es, daß ich zusehen möge, -ob er bei einer dritten Europareise des Schah-in-Schah nicht als -Großwesir die Majestät begleite! -- Wenn die orientalischen Fürsten -Hofnarren hielten, dachte ich damals bei mir, dann wäre es schon -möglich, daß der muntere, zu allerlei Schalkereien aufgelegte Junge -beim Schah sein Glück machte. Nun, in den Ländern von »Tausend und -einer Nacht« ist alles möglich -- das Großwesirwerden so gut, wie das -Geköpftwerden. - -Infolge der Gesandtschaftsberichte war ich alsbald entschlossen; was -blieb auch anderes übrig, hatte ich ihn doch auf dem Gewissen! Ich -hatte in meinem Leben manche große Reise gemacht, um nichts anderes, -als um meine Neugierde zu befriedigen; warum sollte ich nun nicht -nach Persien, um meinen armen Vetter zu retten, oder wenigstens, ihn -noch einmal zu sehen. Zu Hause schützte ich eine größere Reise in -die Schweiz und nach Savoyen vor, reiste aber nach Wien, wo Geld und -Empfehlungsschreiben zu beschaffen waren. Die Briefe und Depeschen -zwischen Teheran und Österreich hatten die unterschiedlichste Zeit -gebraucht, das eine Mal drei Wochen, das andere Mal fast genau drei -Monate; daraus konnte ich auf die Unregelmäßigkeit des Verkehrs -schließen. Meine Reise ging auf der Eisenbahn damals nur bis Galatz, -dann auf dem Dampfer ins Schwarze Meer hinaus bis zur kaukasischen -Hafenstadt Batum und dann, ohne den Elbrus zu besteigen, über das -Gebirge. Im Hotel zu Tiflis bekam ich einen heftigen Asthmaanfall, der -mich zwei Tage festhielt. Der Wirt, ein Franzose, ließ mich und meine -Sachen ins Freie tragen unter ein türkisches Zelt, weil er der Meinung -war, ein toter Passagier vertreibe zehn lebendige. Der Arzt verschrieb -mir, alle zwei Stunden einen Tschibuk zu rauchen. Der Tschibuk trieb -das Asthma von der Brust in den Magen. Vom Schwarzen Meer bis Tiflis -führte damals schon ein großartiger Eisenbahnbau, hernach ist es mit -der europäischen Kultur aus; man ist in Asien -- und das besagt alles. -Die Poesie, mit der wir seit unserem Bibelstudium in der Kindheit das -Morgenland ausgeschmückt haben, ist in kürzester Zeit aufgelöst. Auf -Eseln und Kamelen die grundlosen oder steinigen, stets von Wegelagerern -gefährdeten Steige träge hinziehend, blitzt in der Seele nur selten -eines jener wunderbaren Bilder auf, wie sie die morgenländischen -Dichter, diese windigen Fabulierhänse, geschaffen. Ich habe mir's -überhaupt abgewöhnt, einem Dichter etwas zu glauben. - -Meine Spannung richtete sich selbstverständlich nur auf das möglichst -rasche Weiterkommen meiner aus asiatischen und europäischen Elementen -zusammengewirbelten Karawane. Auf dem Kamele nicht wie ein Reiter, -sondern, angeschnallt wie ein Warenballen, kauernd -- anfangs machte es -mir Spaß; später kam's mir unsäglich langweilig vor, da des Tages oft -kaum drei Meilen zurückgelegt wurden. Ein die Verhältnisse kennender -Russe versicherte, die Reise gehe so außerordentlich gut von statten, -daß man diese Karawane einen Eilzug nennen könne. Also reiste ich -mit »Eilzug«. Die Ortschaften, die wir passierten, waren über alle -Vorstellungen armselig, die Herbergen so elend, Essen und Trinken -so europawidrig, daß ich den Vetter nicht begriff, der sich mit den -orientalischen Zuständen schon so vertraut gemacht haben wollte. Die -Strecke von Wien bis Tiflis legte ich in neun Tagen zurück, jene -um das Dreifache kleinere von Tiflis bis Teheran in dreiundzwanzig -Tagen. Am 10. Dezember war ich endlich in der persischen Hauptstadt. -Trostlose Armseligkeit und fabelhafte Pracht ist der erste Eindruck, -den diese Königsstadt macht. Ein wunderliches Gemisch von morgen- -und abendländischen Erscheinungen: unter Telegraphenstangen hocken -zerlumpte Derwische, in französischen Konditoreien kauern schläfrige -Haschischraucher. Neben modernen Palästen gähnen fensterlose Höhlen, -aus Stroh und Lehm zusammengebacken, »Bürgershäuser« der Königsstadt. -Selbst die Stadtmauern, zumeist aus Lehm aufgeführt, sind derart, daß -bei allfällig geplanter Erstürmung derselben eine Wasserspritze bessere -Dienste leisten würde als eine Kanone. Eine nähere Beschreibung des -Lebens und Treibens zu Teheran behalte ich mir für ein anderes Mal -vor, mein jetziges, wichtiges Ziel war fürs erste die österreichische -Gesandtschaft. - -Das Herz sprang mir bis zum Halse herauf vor Freude, als ich wieder -die Sprache der Deutschen hörte, nachdem ich mich bisher so kümmerlich -mit meinem bißchen Französisch und Steirisch durchgeholfen hatte. Wo -nämlich in Herbergen oder bei Lastträgern mit dem höflichen Französisch -nichts auszurichten gewesen war, da hub ich mit geballten Fäusten gut -steirisch zu fluchen an, und das hatte manchmal gar keine üble Wirkung. -Hier bei der Gesandtschaft umarmte ich den ersten Beamten, der mich auf -meine Schriftstücke hin deutsch anredete, wie einen alten Freund, und -die erste Frage war: »Ist's noch früh genug?« - -Der Beamte wich mit seinem Blick meinen Augen aus und antwortete, am -Leben wäre er zwar noch ... - -Ob Hoffnung vorhanden? - -Ein leichtes Achselzucken. Nun erschien der Herr selbst, den seine -Unterbeamten Konsul nannten. Ein braunbärtiger Mann mit rotem Fez auf -dem Haupte, den er beim Gruße nicht lüpfte. Er war, wie ich schon -wußte, ein geborener Mährer. Er setzte sich auf einen sehr niedrigen -Schemel, bot mir Platz auf dem Diwan, eine Zigarette und machte mir -dann Mitteilungen. -- Geschehen sei alles für meinen Verwandten, und -mehr als was getan worden, könne überhaupt nicht geschehen. Mein -Vetter sei gefaßt, ich sollte es auch sein; er erwarte mich mit großer -Sehnsucht, ich würde bald zu ihm geführt werden können, vorderhand -müsse ich mich etwas erholen von den Reisestrapazen. - -Meinen Anzug ordnete ich in dem mir angewiesenen Zimmer des -Gesandtschaftshotels unter Mithilfe eines braunen Jungen rasch und -untadelhaft, als sollte ich die Aufwartung bei einem Würdenträger -machen, anstatt bei einem Todgeweihten im Kerker; ich hielt mich hierin -an eine orientalische Sitte, auf die mich der Konsul aufmerksam -gemacht hatte. Das vorgesetzte Mahl mußte mir mein Gastherr mit vieler -Mühe annötigen, ich war voller Ermattung und Angst. Auch so müde war -ich, so steif die Beine von dem langen Ritt. Der feurige Perserwein tat -seine Pflicht, machte mich zuversichtlich und aufgeweckt, um so mehr, -als auch der Konsul, der mit mir speiste, bisweilen munteren Gesichtes -mich tröstete. In Asien sei ein zum Tode Verurteilter noch lange nicht -aufgegeben, Despotenlaunen seien ja bekanntlich unberechenbar. - -»Aber, Herr, worin besteht denn eigentlich das Verbrechen meines -Vetters?« kam ich endlich dazu, zu fragen. - -Darauf, meinte der Gesandte, sei nicht so leichthin zu antworten. - -»Hat er in Unkenntnis der Zustände eine staatswidrige Handlung -begangen?« - -»Ein politisches Verbrechen, meinen Sie,« sagte der Konsul, »derlei -gibt es hier nicht, Freund. Aber gegen den Propheten hat er gesündigt, -gegen die Tafeln des Kalifen. -- Hören Sie denn, wie es sich zugetragen -hat. Ihr Vetter hatte in der königlichen Münze, wo wir ihn gleich -anfangs durch einen günstigen Zufall unterbrachten, sich bereits -eine vorteilhafte Stellung erworben; er befehligte ein paar Dutzend -Arbeiter, und der Schah hat den fähigen jungen Mann bei mehreren -Gelegenheiten ausgezeichnet. Besehen Sie sich einmal dieses Geldstück!« -Er zeigte mir ein neues Goldstück, auf welchem das Bild des Schah in -feinster Prägung prangte. »Könnte das nicht ebensogut in Paris oder in -Wien geschlagen worden sein? Das ist ein Werk Ihres Vetters. Er wäre -heute Oberdirektor der Königlichen Münze, wenn nicht plötzlich der -Teufel --« er zuckte ab. - -»Ich bitte Sie, meine Spannung!« - -»... ~recte~ das Weib dazwischen gekommen wäre.« - -»Ein Einbruch in den Harem?« - -»Mit nichten,« sagte der Konsul. »Ihr Vetter hat weder eine Frau des -Schah noch die eines anderen Mannes auch nur mit einem Blick entweiht. -Der junge Meister aus der königlichen Münze war bescheiden genug; -der Tochter eines teheranischen Lederhändlers schaute er hinter den -Schleier und erwählte sie. Ich habe sie mit meinen eigenen Augen -gesehen, und ich sage Ihnen, es gibt nichts Schöneres auf Erden! Mit -ihrem Vater war sie erst vor kurzem aus Ispahan eingewandert. Nun, die -Leutchen liebten sich; der Vater drückte erst ein Auge zu, dann auch -das zweite, und machte sie endlich gar nicht mehr auf, denn er starb -auf einer Handelsreise nach Armenien an der Pest. Nun waren die jungen -Leute sich selbst überlassen und wohnten in einem reizenden Häuschen -des europäischen Quartiers. Die Idylle blieb nicht lange verborgen; von -Derwischen angeführt, brach in Abwesenheit des Münzmeisters eine Rotte -in sein Haus, warf ein Tuch über das Haupt des Mädchens, schleppte es -davon, um es auf öffentlichem Platze hinzurichten.« - -»Um des Himmels willen, was erzählen Sie denn da?« rief ich -aufspringend aus. - -»Bleiben Sie sitzen und hören Sie die Tafel des Kalifen: Wenn eine -Anhängerin der Rechtgläubigen -- des Mohammedanismus -- sich mit -einem Ungläubigen paart, so soll sie getötet werden. -- Dem ist aber -vorzubeugen, wenn der Mann sich zum Islam bekennt und sie zu seinem -rechtmäßigen Weibe macht. Das österreichische Konsulat griff sofort -ein. Ich begab mich zum trostlosen Münzmeister, um ihn zum formellen -Bekenntnisse des Islams zu bewegen, traf ihn aber nicht mehr in der -Werkstätte. Er war zur Moschee geeilt, in der seine Braut gefangen -gehalten wurde, und schleuderte dort einen Derwisch, der ihm den -Eintritt verwehren wollte, so heftig an die Marmorbrüstung, daß der -zusammenstürzte und für alle Zeit auf das Aufstehen verzichtet hat. Die -fanatische Menge nahm den Gewalttätigen natürlich gefangen, um ihn der -Tafel des Kalifen zu überliefern, die da spricht: Wer Blut vergießt, -dessen Blut soll auch vergossen werden. -- Die Gesandtschaft machte -alle erdenklichen Anstrengungen, ihn zu retten: er selbst gab alle -Hoffnung auf, nur Muselman wollte er vor seinem Tod noch werden, um die -Braut zu retten. Damit war's aber zu spät. Die Tafel des Kalifen sagt: -Ein Ungläubiger, der einen Derwisch erschlägt, kann nimmer des Islams -sein.« - -»Also beide verloren?« - -»Ich habe mich an die übrigen europäischen Gesandtschaften gewendet in -dieser Sache, allein die Tafel des Kalifen sagt: Der Islam steht über -allen Gesetzen. -- Und doch, Freund, haben wir Unglaubliches erreicht. -In einer der europäischen Anwandlungen, denen der Schah -- Allah -segne ihn! -- bisweilen unterworfen ist, hat er seinen Münzmeister -begnadigt --« - -»Begnadigt?!« Ein heißer Freudenschreck. - -»-- zu zehnjähriger Zwangsarbeit bei den Straßenbauten im -Elbrusgebirge.« - -Mir fiel auf, daß der Konsul solches mit einer gewissen Trauer sagte. -Ich wußte noch nicht, was es heißt, zehn Jahre Zwangsarbeit in Persien. -Keiner überdauert sie, es ist eine langsame Hinrichtung. - -»Zugunsten des Mädchens,« fuhr mein Berichterstatter fort, »fand der -Schah, der sich für den Fall persönlich interessierte, die Deutung -des Kalifen, nach welcher die Sünderin durch eine Wallfahrt nach der -heiligen Stadt Kum in der Salzwüste gereinigt werden könne. Sie ist -aber nicht in die Salzwüste, sondern unter heimlichen Begünstigungen -ins Elbrusgebirge gezogen, wo der Verurteilte seine Strafe sofort -angetreten hatte.« - -»Ich finde ihn nicht in Teheran?« war meine Frage. - -»Sie finden ihn auch im Gebirge nicht,« antwortete der Konsul. - -»Sie foltern mich, Herr! Was soll ich denn tun?« rief ich, von meinem -Diwan aufspringend, denn die Sehnsucht nach meinem unglücklichen -Verwandten verzehrte mich. - -»Sie müssen zum Großwesir gehen,« sagte mein Gastherr mit blinzelnden -Augen. Da hatte ich genug. - -»Den Großwesir bestechen? Ich bin arm.« - -»Bringen Sie ihm, was Sie haben, Ihren Mut, Ihre Liebe zum -Blutsverwandten, vielleicht rührt ihn das. Unser neuer Großwesir ist -nicht so schlimm wie sein Name. Wäre er vor zwei Monaten schon in -seiner Würde gestanden, wir hätten das mit Ihrem Vetter nicht erlebt. -Er kann uns helfen, kommen Sie nur, ich begleite Sie zu ihm.« - -Diese plötzliche Zuversicht meines Konsuls richtete mich auf; ich -fühlte kein steifes Bein mehr, aber auch kein steifes Rückgrat; es soll -sich ordentlich biegen, wenn's dem Anton gilt. Mein Gastherr klingelte -seinem Burschen, einem flinken Kaukasier; die Pferde wurden vorgeführt, -wir ritten zum Großwesir. - -Dieser Ritt durch die Stadt hat keine Erinnerung in mir hinterlassen, -ich habe sicherlich nichts gesehen und nichts gehört, so erfüllt war -ich von dem Schicksale meines Anton und meiner Mission. An der Pforte -des Palastes sah ich die ersten Mohren; sie warfen sich auf den Bauch, -als wir an ihnen vorbei die Treppe hinaufstiegen. Wir gelangten in eine -dämmernde Halle mit schwarzen Wänden und schneeweißen Marmorsäulen. Das -ganze Licht dieses Raumes schien von den weißen Säulen auszugehen, ich -sah kein Fenster. Die folgenden Räume, die wir durchschritten, waren -noch märchenhafter; aber mich entzückte keine Pracht, mich erschreckte -sie nur, es war ja doch nichts als das Hohnlachen des Despoten. - -Endlich standen wir vor schweren Vorhängen; ein wohliger, betäubender, -völlig fremdartiger Geruch. Mein Konsul legte mir die Hand auf die -Achsel: »Nur Fassung!« - -»Ich habe Mut,« darauf meine hohlstimmige Antwort. - -»Auch für das Schlimmste? Auch für das Beste? Wir sind im Orient!« - -Die Vorhänge wallten zurück, mir war ganz traumhaft. Was jetzt geschah --- man wird mir's nicht glauben können. -- Aus einem Nebengemach -schritt der Würdenträger, in einem reichverzierten Kaftan, rasch auf -mich zu und fiel mir lachend um den Hals. - -Ich schrak zurück, war starr und glotzte ihn an. -- War er's? War er's -selber? -- »Das -- das ist zu dumm!« schrie ich entrüstet über diese -beispiellose Riesenfopperei. -- Der Anton stand vor mir, mein Toni, -meines Vaters Bruders Sohn! - -»Gerettet? Gerettet?« rief ich, »so lass' mich zum Großwesir, daß ich -ihm danke auf den Knien.« - -»Bitte sich nicht zu genieren!« sagte er, trat einen Schritt zurück, -kreuzte die Arme über der Brust und stand in seinem reichen Gewande mit -vergoldetem Krummsäbel da wie ein indischer Fürst aus der Phantasie -Scheherazades. - -»Komödiant!« kreischte ich. - -»W--a--a--s? Mensch, gib acht, daß ich dich nicht kürzen lasse!« - -Der Konsul zog mich beiseite und flüsterte mir mit schrecklich -gewichtiger Miene zu: »Es ist der Großwesir!« - -Auf alle Ausschmückung der Begebenheit verzichte ich. Die Überraschung -war den Herren zu gut gelungen. Bald darauf saß ich in einem der -innersten Gemächer ganz blöde da. Der Vetter war hinausgegangen, -der Konsul redete mir zu, nicht weiteren Zweifel zu setzen in die -Richtigkeit der Erscheinungen. Er erinnerte an die Tafel des Kalifen, -wo es heißt: - -Die Welt ist wahr, sei es auch du. Und wenn du lügst, dann tue es so -dick, daß man dir nicht glaubt. -- »Was Sie da sehen, das +werden+ Sie -aber glauben,« fuhr der Konsul fort. »Denn alles, was ich Ihnen von -dem Münzmeister, von seiner Braut, von seinem Totschlage, von seiner -Verurteilung und Begnadigung erzählte, es ist wahr. Erst vor wenigen -Wochen ist er von der Zwangsarbeitskolonie am Elbrus zurückgekehrt -nach der Residenz, um seinen hohen Posten anzutreten. Man hat's nach -Österreich berichtet, aber Sie waren schon abgereist.« - -»Das ist alles recht schön,« war mein zögernder Einwand, »wenn ich nur -auch wüßte, wie der Mensch aus einem Zwangsarbeiter am Elbrus ein -- -ein so großes Tier wird.« - -»Oh,« sagte der Konsul, »das ist einfach. Man rettet dem Schah das -Leben. Der Schah macht nämlich mit mäßigem Gefolge einen Jagdausflug -ins Gebirge und wird in den Engpässen bei Scheristanak von kaukasischen -Räubern überfallen. Aus der Nebenschlucht bricht, angeführt von einem -jungen Münzmeister, die Sträflingskolonie hervor und schlägt die Räuber -in die Flucht.« - -»Herr!« rief ich, »das ist ja ein Märchen! Das ist ein tolles Märchen!« - -Er zuckte die Achseln: »Wir sind im Orient! -- Hören Sie weiter. Einige -Tage vor dem Ereignis im Elbrusgebirge hat gerade der Großwesir aus -der persischen Königskrone heimlich ein paar Diamanten gebrochen, so -wie man aus dem Weihnachtskuchen die Rosinen zwickt. Das ist dem Schah -nicht recht, er läßt den Herrn abtun und setzt an seine Stelle den -jungen Münzmeister.« - -Man hat's seinerzeit ja auch in den Blättern gelesen. - -Nun trat seine Exzellenz herein, das schrecklich schöne Gewand hatte -er abgelegt. Doch sah er mit seinem an beiden Seiten niederhängenden -Schnurrbart, mit der breiten, maikäferbraunen Leibbinde, in der -scharlachroten Pumphose und den gelbseidenen Sandalen immer noch -türkisch genug aus. Sonst war's das breite, wohlgerötete steirische -Gesicht mit den frischen grauen Augen. Nun ließ sich ja mit ihm reden. -»Gelt,« sagte er, mich bei der Hand fassend, »du bist nit bös, daß ich -den Spaß gemacht hab'. Für die ausgestandene Angst müssen wir doch auch -ein Pläsier haben.« Aber als ich mich höflich nach seiner Frau Gemahlin -erkundigte, und ob ich ihr vorgestellt werden könne, da kam wieder die -Tafel des Kalifen Abu Bekr: Wer Begehr nach der Frau seines Gastherrn -hat, der soll mit dem Tode bestraft werden. - -»Sehr gütig, Exzellenz, darf ich noch fragen, wann der nächste Zug nach -Europa abgeht? Den Karawanenzug meine ich.« - -Aber das begann doch immer gemütlicher zu werden, und bald fand ich, -daß es doch gar nicht so übel ist, Geschwisterkind und Gast des -Großwesirs von Persien zu sein. Auch dem Schah wurde ich vorgestellt: -der war sehr leutselig, erkundigte sich nach Wien und den Wienern, -die er ein paar Jahre vorher besucht hatte, erkundigte sich besonders -nach der Naschhütte neben dem zweiten Kaffeehaus im Prater, und was die -Volkssänger Schrammeln machten. Dann schneuzte er sich mit den Fingern -und trippelte davon. - -Noch lieber hätte ich die Gemahlin des jungen Großwesirs, die schöne -Fatima gesehen. Der Konsul zeigte mir auch die Fenster des Harems. -Diese waren sehr unzugänglich, und ich erwog, ob es den Herrn Vetter -arg verdrießen würde, wenn ich es einmal mit dem steirischen Fensterln -versuchte, in welchem er selbst einst Meister gewesen war. In -Anbetracht der bekannten asiatischen Sitten habe ich's aber unterlassen. - -Nach fünfwöchentlichem Aufenthalt in Teheran ward mir der persische -Boden endlich heiß unter den Füßen; mit Teppichen, Pelzen, Gewürzen und -einem krummen Ehrensäbel beschenkt reiste ich ab, vollkommen beruhigt -über das Befinden meines lieben Vetters Anton. - -Das Versprechen hat er mir gegeben, mich gelegentlich daheim zu -besuchen. Bis dato ist er nicht erschienen. Unser Briefwechsel blieb -ein lebhafter. Seine Brüder in Steiermark rauchen den feinsten -türkischen Tabak. Im Jahre 1887 hat er seinen Abschied genommen und -sich in Unteritalien bei Potenza ein Landgut gekauft. Als ich ihn im -vorigen Frühjahr einlud, uns doch einmal zu besuchen und zuverläßlich -auch die Frau Schwägerin Fatime mitzubringen, lehnte er ab und kam -wieder mit seiner verdammten Tafel des Kalifen. - -Ach du mein! Ich achte ja diese Tafeln. Wie schön zum Beispiel ist der -Satz: Wenn du lügst, dann tue es so dick, daß man dir nicht glaubt. - - - - -Reisebilder aus jungen Jahren. - - - - -Die sächsische Schweiz. - -1870. - - -Wenn es einmal Riesen gegeben hat, -- und daran zweifle ich nicht, -denn meine Großmutter hat es oft gesagt -- und wenn diese Riesen auch -geschmackvolle Künstler gewesen sind, dann kann ich mir die Sächsische -Schweiz erklären. - -Da werden sie einmal zueinander gesagt haben: Was doch dieses Land -an der Elbe so öde und leer ist! Wie nimmt sich dagegen da oben das -Salzburger Land und die Steiermark und die Schweiz so prächtig aus, -da stehen neben den grünen Wiesen und den blauen Flüssen und Seen die -großen Berge mit dunkeln Hochwäldern und grauen Felswänden! -- Wäret -ihr alle dabei, wenn wir hergingen und uns auch so etwas bauten? Und -wahrhaftig, sie gingen her, brachen Felsmassen von den südlichen Alpen -und vom näheren Riesengebirge und schleppten sie hinab an die Elbe und -legten sie an beiden Ufern derselben übereinander und bauten Wände und -Türme und nebenhin an den kleineren Bächen bildeten sie Schluchten mit -Zacken und Hörnern und Höhlen und allerhand sonderbaren Gestalten. -Dazwischen ließen sie aber tiefe dunkelgrüne Täler frei und neben und -an und über den Felsen pflanzten sie Laub- und Nadelwälder, und hinter -denselben, in Schluchten, errichteten sie Wasserfälle und gruben Tiefen -in die Unterwelt. - -Und nun hatten die Riesen an der Elbe eine Gebirgswelt voll Wildpracht, -wie sie die vielgerühmte Schweiz hat, da oben hinter dem Rhein. Die -Schweiz ist zwar schön in ihrer Großartigkeit, aber ihre Großartigkeit -ist gar nicht mehr bequem für den Menschen; die Natur scheint dieses -Land auch gar nicht für den Menschen gemacht zu haben, sondern für -sich selbst. Das Bergland an der Elbe aber hatte die Schönheiten der -Natur mit dem Ebenmaß der Kunst vereinigt; es war eigentlich eine -ungeheuere Bildhauerarbeit. Und dazu war das Bergland ganz für den -Menschen zurechtgelegt; es war ein Steingebirge, aber deshalb nicht -unfruchtbar, es war eine wildromantische Felsenwelt, aber deshalb -nicht unzugänglich. -- Und eben aus diesen letzten Umständen ist zu -schließen, daß die Schweiz an der Elbe von kunstfertiger Menschenhand -der Riesen gebaut worden ist. - -Dergleichen Dinge dachte ich mir, als ich durch die Schluchten -des Meißener Hochlandes schritt. Mein Gott, man denkt denn einmal -allerhand kindisches Zeug, wenn man so allein und in sich gekehrt -dahinschlendert. Als mich endlich die gut angelegten Wege auf Anhöhen -führten, fast ohne daß ich's merkte, und ich plötzlich keine Wildbäche -und Felswände mehr sah, sondern zwischen sich weithin ziehenden -Kornfeldern stand, da wurde mein Denken ein anderes -- -- nüchterner -und vernünftiger. - -Dieses Gebirge der Sächsischen Schweiz konnte eigentlich nur durch -Vertiefungen entstanden sein, das heißt, die Gegend mußte einst eine -Hochebene oder ein einfaches Hügelland gewesen sein. Da kamen Wässer, -schwemmten sich Betten, rissen Gräben in das Erdreich, nagten an dem -Gesteine und höhlten all die Schluchten. Und als das Wasser schon -längst unten in den Tiefen dahinbrauste, begannen an dem entblößten -Felsen auch andere Bildhauer zu arbeiten, nämlich die Luft, der Frost -und die Sonne, und so sind die eigentümlichen Felsbildungen zustande -gekommen. Zu all dem senkte sich verwitternd fruchtbares Erdreich -zwischen das Gestein und in seine Risse und Klüfte, und so wuchs in und -aus denselben überall der kräftige Wald. - -Vom Elbetal aus meint man sich in weiß was für einem Hochgebirge zu -befinden, besteigt man aber eine der nahen, kastellartigen Felswände, -so steht man erst in gleicher Höhe mit dem übrigen Boden des Meißner -Hochlandes. Nur wenige Berge, wie z. B. der Große und Kleine -Winterberg, der Lilienstein, der Königstein, erheben sich über die -normale Höhe. - -Diese hier so überaus seltsame Natur haben die Menschen früh -aufgefunden, haben auf die Höhen Häuser und in die Täler Städte -gebaut, haben die Flüsse geregelt, überbrückt, Wege und breite Straßen -angelegt und dieselben gepflastert und gewahrt; zu den Felsenzinnen -hinan haben sie Treppen gebaut und oben sichere Geländer und hohe Türme -hingestellt, und auch bequeme Gasthäuser dazu. Und der Elbe entlang -haben sie Segel- und Dampfschiffe flott gemacht und feste Straßen und -Eisenbahnen angelegt, damit nun von Süden und Norden die Menschen -kommen sollten zu sehen, was da auf diesem Fleck Erde für ein Land und -Leben ist. - -Und sie kommen. - -Schon im Frühlingsmonate strömen sie heran aus allen Gegenden, Reiche -und Arme, Gesunde und Kranke, Herren und Diener; -- und solche, die -schon gehadert mit dem Leben, weil es ihnen für ihre Millionen keine -Lust und Zerstreuung mehr bieten wollte, werden in diesem Hochländchen -wieder für einige Tage munter. Da entfaltet sich denn in den -Prachtanlagen ein lautes, klingendes Leben, und der Sachse lächelt -schlau dazu und schlägt reiche Zinsen aus den Felsen seines Berglandes. - -Der Sachse ist aber auch ein Mensch, der sich sehen lassen darf vor -den Fremden aus dem Süd- und aus dem Nordlande. In diesem Hochlande -wohnt ein gescheites Völklein: gleich auf den ersten Blick merkt -der Fremde die Kultur; sie drückt sich aus in den freundlichen, -reinlichen Wohnungen, in der bequemen einfachen Kleidung und in der -zutraulichem entschiedenen Ausdrucksweise. Kein einziger ist mir auf -meinen Wanderungen in der Sächsischen Schweiz begegnet, der mir nicht -zuvorkommend einen »guten Tach« geboten hätte. Und wenn ich um den -Weg fragte, so wußte man mir denselben stets so einfach und bestimmt -zu erklären, daß es eine Freude war. Es mochte vielleicht Zufall -sein, aber auffallend war, daß mir auf dem ganzen Wege kein Bettler -begegnete, wie sonst in dergleichen Gegenden. Selbst Kinder, die sich -als Führer anbieten, wissen das ohne alle Zudringlichkeit und doch -entschieden zu tun. »Herr,« sagen sie nach der Begrüßung, »wollen Sie, -daß ich Ihnen den Weg und die schönen Punkte zeige und etwas trage, ich -habe jetzt Zeit und möchte mir gern ein wenig verdienen!« Und wenn man -den gebotenen Dienst ablehnt, so lüften sie wieder das Käppchen und -ziehen ihrer Wege. - -Die Dorfkirchen sind einfach und meistens evangelisch; die Friedhöfe -geschmackvoll, stets mit schönen, sinnigen Inschriften, meistens aus -deutschen Klassikern. - -Mir hat's wohlgetan in diesem sächsischen Kleinalpenländlein. - - - - -Aus der heiligen Stadt. - -1870. - - -In einem Talkessel der Ilm, von hohen Laubwäldern durchzogen, von -fruchtbaren Kornfeldern und dunkeln Waldbergen umgeben, angesichts -des sich in Südwesten bläulich hinziehenden Thüringer Waldes -liegt Deutschlands heilige Totenstadt. Hier haben sie gelebt, die -Dichterkönige, die Propheten, und hier liegen sie begraben. Weimar ist -ein deutsches Jerusalem, ein deutsches Mekka geworden. - -Gleich wenn man über die Höhen von Apolda hinüber kommt, sieht -man südlich der Stadt aus einem dunkelgrünen Laubwäldchen eine -goldigfunkelnde Kuppel emporragen. Das ist die Fürstengruft und dort -ruhen Schiller und Goethe. - -Es war mir feierlich zumute, als ich hinabstieg gegen das ruhige -Städtchen. Dieses ist durchaus nicht reich an Pracht, aber die Häuser -stehen schier weihevoll da, auf dem Pflaster hört man kaum einen Wagen -rasseln, und durch die Gassen wandeln nur wenige Menschen. Es ist als -ob die Stadt von seiner Glanzperiode zur Zeit Karl Augusts träumte. - -Und so lange Weimar steht, wird es träumen von jener Zeit und von den -großen Männern, die seine Bürger waren. - -Heute zeigt es nur mehr die Wohnstätten der Sänger, und der Wanderer -betritt sie mit Ehrfurcht. - -Es war hoher Nachmittag, als ich im Städtchen ankam; ich eilte an -dem Goethe- und Schiller-Monument am Theaterplatz vorüber, Schillers -Wohnhaus zu. Bald darauf stand ich[1] im Zimmerchen, wo Schiller -gearbeitet hatte und gestorben war. Da steht noch der Schreibtisch -und auf demselben das Tintenfaß; da liegt noch das Buch offen, in dem -er zuletzt las, und da liegt noch der Brief, den er zuletzt schrieb. -Der Sessel steht auch noch am Tisch -- man meint, der Professor müsse -den Augenblick kommen und sich hinsetzen und seinen »Demetrius« fertig -schreiben. - - [1] Durch die Vermittlung des Dichters Julius +Grosse+, der im - Schillerhause als Präsident des Schillervereines wohnte. - -Aber die Schließerin zeigt auf das leere, nur mit grünen und welken -Kränzen belegte ärmliche Bett im Winkel und sagt leise: »Hier ist er -gestorben.« - -Am Bette steht das Tischchen mit der Schale, aus der er seinen Thee -trank, und mit dem Medizinfläschchen. - -Am Ofen steht ein Saitenkasten, auf welchem eine Gitarre liegt; ich -hatte es schier nicht unterlassen mögen, eine Saite zu berühren. Doch, -diese Saiten mögen ruhen und trauern. - -Goethes Wohnung ist nicht zugänglich. Seinerzeit ist der Eintritt -gestattet gewesen; da war einmal, so erzählt man, ein Engländer -gekommen und der hatte Goethes Feder mitgenommen; seitdem läßt der -Eigentümer des Hauses keinen Fremden mehr ein. - -Herder wohnte im Pfarrhofe, unmittelbar an der Stadtkirche; Wielands -Haus ist unweit des Theaters. Jedes dieser Häuser ist mit dem Namen des -betreffenden Dichters bezeichnet. - -Ich bin lange vor den Erzbildern der vier Sänger stehen geblieben. - -Zur Nachmittagszeit wanderte ich dem Friedhofe zu, obwohl mir gesagt -worden war, es würde mir kaum möglich sein, in die Gruft zu gelangen. - -Der Friedhof zu Weimar ist ein dichter, dunkler Wald von Espen, Linden, -Eichen und Zypressen, unter welchen die stimmungsvollsten Denkmäler -stehen. - -Mitten im Friedhofe nun steht ein tempelartiges Gebäude mit der -goldschimmernden Kuppel, und hier ist die Grabstätte des Großherzogs -Karl August von Weimar und seiner Freunde. - -Ich stand eine Zeit lang im Tempel und las die Inschriften der unten -Ruhenden. Da kam ein Mann, der wohl der Torwart sein mochte und den ich -fragte, ob er mich nicht in die Gruft führen könne. - -»Ist nicht gestattet,« antwortete er kurz. - -Da war ich betrübt und sagte leise: »Ich hätte ihre Särge gern gesehen, -aber ich werde wohl in meinem Leben nicht mehr hierher kommen.« - -»Sind wohl aus fernen Landen?« fragte der Mann. - -»Aus der Steiermark.« - -Auf dieses Wort schlug er mir heiter auf die Achsel: »Da sind wir ja -schier Landsleute; meine Heimat ist in Ungarn, nahe an der steierischen -Grenze; bin mehreremale in Steiermark gewesen. Ei schau, aus der -Steiermark! Sapperlot, das freut mich. Kommen Sie, lieber Herr!« - -Mit diesen Worten zog der Mann einen Schlüssel aus der Tasche und -führte mich in die Gruft. - -Links in der Nische stehen zwei Särge aus dunklem Holz, mit -Lorbeerkränzen geschmückt -- hier ruhen sie. - -Am Grabe Jesus Christus hätte ich kaum gerührter und ehrfurchtsvoller -stehen können, als an dieser Stätte unseres erhabenen Sängerpaares. - -All' die andern fürstlichen Särge, die im Hauptschiff des Gewölbes -der Reihe nach stehen, waren mir gleichgültig, obwohl mein Landsmann -von der ungarischen Grenze viele Worte aufbot, mein Interesse dafür -zu erregen. Nur am Sarkophag Karl Augusts war mir, als müßte ich dem -schlummernden Fürsten meinen Dank sagen, daß er der Freund unserer -Dichter gewesen ist. - -So war mein Wunsch erfüllt und als ich dem Torwart zu Lohn noch erzählt -hatte, wie es in der Steiermark und an der ungarischen Grenze zugehe, -verließ ich den Friedhof und wandelte langsam gegen die Stadt. - -Am Abend -- dieser war so mild und heiter, und die Türme von Weimar -funkelten in der untergehenden Sonne -- machte ich einen Spaziergang -durch das »Hölzchen« und zwar in Begleitung der beiden Dichter, denn -ich las Schillers »Spaziergang« und Goethes »Elegien«. - - - - -Auf dem Turme der Marienkirche zu Stralsund. - -1870. - - -Einen der eigentümlichsten Eindrücke auf meiner ersten Reise durch -Deutschland hat Stralsund auf mich gemacht. Ein stillernstes Denkmal -aus lebens- und drangvollen Tagen steht sie da, rings von Wasser -umgürtet -- die zehnthronige Stadt Jaromars. - -Jaromar, ein Fürst von Rügen, hat Stralsund im Jahre 1209 gegründet. Da -kamen die Dänen und Lübecker mit Feuer und Schwert, auf daß die kaum -dem Meere entstiegene Jungfrau wieder untertauche. Aber bald erhob sie -sich wieder, schöner als je und vermählte sich mit der deutschen Hansa. - -So ging eine lange Zeit hin und Stralsund blühte als Handelsstadt. Da -kam im Jahre 1628 der Herzog von Friedland. Dieser schwur, die Stadt -zu erobern, und wäre sie mit Ketten an den Himmel gebunden. Aber nicht -an den Himmel war sie gebunden mit Ketten, sondern an die Herzen ihrer -Bürger. Diese erschlugen dem gewaltigen Wallenstein zwölftausend seiner -besten Streiter vor den Wällen der Stadt, und der Belagerer zog ab. - -Im Westfälischen Frieden wurde Stralsund den Schweden abgetreten, aber -der Große Kurfürst eroberte es wieder für Deutschland zurück. - -Von nun ab wurde Stralsund, das seine der Hansazeit entstammende -Kraft längst aufgezehrt hatte, ein Spielball zwischen Preußen, Dänen, -Schweden und Franzosen, bis es heute unter dem Schutze Preußens ausruht -von seiner blutigen Geschichte. - -Stralsund mit seinen schmalen, hohen Häusern, zahlreichen Erkern -und stattlich zugespitzten Giebeln, hat den Charakter einer -mittelalterlichen Stadt. Die engen, größtenteils gleichlaufenden Gassen -sind von Kleingewerbe belebt, nur gegen den Hafen hin entfaltet sich -das rege Leben und Streben des Schiffsvolkes. - -Unter den malerischen Gebäuden Stralsunds fällt das eigentümlich -geformte vieltürmige Rathaus auf, und die Marienkirche. - -Von dem hohen Turme der Marienkirche aus, den man (über 368 Stufen) -fast bis zur Spitze besteigen kann, hat man die entzückendste Aussicht -über das befestigte Viereck der Stadt, über einen Teil von Mecklenburg, -der Insel Rügen und den blauen Strela-Sund mit seinen zahlreichen -Schiffen. Südöstlich schweift der Blick über den Greifswalder Bodden -und nördlich fernhin über die Fläche des Meeres. - -Als ich auf dem Turme war, ging nach einem Gewitter gerade die Sonne -unter. Die Luft war ungewöhnlich rein, der Himmel zum größten Teile -klar geworden, nur über Greifswald und die Insel Usedom zogen sich noch -Regenstreifen, von einem reinen Regenbogen durchwoben. Auf dem Meere, -gegen Schweden hin, standen am Horizont weiße Punkte -- einsam wallende -Segelschiffe. - -Von Rügen schimmerte das drei Meilen weit entfernte, hochliegende -Bergen herüber. - -Ich konnte mich von diesem Bilde nicht trennen. -- Rügen! du meer- und -lichtumflossenes Eiland, du sagenreiche Stätte altnordischer Kultur, -du Wiege deutscher Befreier aus römischer Herrschaft; du einst von -den Segeln der Hansa umkreister Eichenhain; du ersehntes Ziel der -Naturforscher, du Waldesruh der Poeten -- ehrwürdige Warte im Norden: -sei mir gegrüßt! - -»Ik wet nich, jez stahn mer schon twe Stunden da!« mahnte der Küster, -der mich auf den Turm begleitet hatte. - -»Steigen Sie in Gottesnamen hinab, ich werd' schon nachkommen,« sagte -ich. - -Darauf meinte er, ich würde allein nicht hinabfinden, eine Zumutung, -über die ich lachte. - -Der Mann bedeutete mir noch, daß ich mich immer an den Handstrick -rechts halten müsse; den Schlüssel, den er unten stecken lassen wolle, -möge ich ihm, wenn ich nachkomme, in seine Stube bringen, dann ging -er. Ich sah noch, wie die Sonnenstrahlen im Meere erloschen, wie dort -Rügens Hauptstadt noch einmal aufglühte und wie dann stille Dämmerung -lag über Land und Meer. - -Tief unter mir tönte schon die dumpfe Abendglocke der Marienkirche, als -ich endlich an das Hinabsteigen dachte. - -Im Turme war es dunkel; ich hielt mich immer an die Handhabe rechts. -Ich stieg langsam und vorsichtig abwärts. Auf den steinernen Stufen -fühlte ich hie und da Schutt, den ich beim Hinansteigen nicht bemerkt -hatte. Ich hatte stets den Strick in der Hand. Dann und wann rauschte -es, ich mußte wahrscheinlich Familien von Fledermäusen behelligen. -Mir wurde fast unheimlich; ich suchte in meinen Taschen nach einem -Streichhölzchen, fand aber keins und jetzt hatte ich auch den Strick -verloren. Ich tastete an der rauhen, unübertünchten Mauer umher, aber -ich fand keinen Strick. Wird sich doch wohl auch ohne einen solchen -hinabhelfen lassen, dachte ich und kroch über Stufen und Stufen. Die -Treppe wand sich und ich kam immer mehr in Schutt, und endlich hatte -ich Mauer und Schutt neben und vor mir und ich konnte nicht mehr -weiter. Viel Staub hatte ich aufgewirbelt, der legte sich mir jetzt in -die Augen. Dann und wann flatterte etwas vorüber, etwas, aus welchem -meine erregte Phantasie machen konnte, was sie wollte. -- Ich war -schier ratlos, doch entschloß ich mich, wieder emporzusteigen, die -rechte Treppe zu suchen oder im schlimmsten Falle von der Höhe des -Turmes um Hilfe zu rufen. - -Aber es sollte noch einen schlimmeren Fall geben, den nämlich, daß ich -auch den Aufgang nicht mehr fand; ich kletterte über Stufen und Schutt -und Gerölle empor, da stand ich an einer feuchten Wand, konnte nicht -weiter und mußte wieder umkehren. So kletterte ich eine Zeitlang erregt -und ruhelos auf und nieder und mir schien, als käme ich immer in andere -Räume. Hie und da sah ich hoch über mir eine schmale Wandscharte, durch -die einige matte Strahlen des Abends hereinfielen, sonst war überall -undurchdringliche Finsternis. - -Ich verwünschte meinen Eigensinn, nicht dem Küster gefolgt zu sein -- -aber das Bild war ja so schön gewesen! - -Ich ergab mich in das Unvermeidliche; am nächsten Morgen würde sich das -Weitere ja doch wohl finden. - -Ich setzte mich auf einen Stein, schlug meine Wolldecke, die ich immer -mit mir trug, eng um Achseln und Brust und versuchte einzuschlafen. -Aber ich war zu erregt. -- So hilflos und verlassen hier, hoch über den -Menschen! Wenn unten die Uhr schlug, hörte ich kaum die Töne. -- - -Indes, nach und nach wurde es in mir ruhiger und noch einmal begann -sich in dieser ~camera obscura~ das abendliche Bild der Aussicht von -oben zu klären. Ich sah das meer- und lichtumstrahlte Eiland -- ich sah -Schiffe gleiten mit wehenden Wimpeln über den dunkeln Wassern; -- ich -sah endlich, wie aus den Fluten Felsen und Triften und Wälder und Auen -sich erhoben und ich sah Hütten und Herden und heitere Hirten. Ich sah -lustig jodelnde Sennerinnen und rüstige Gemsjäger. Und unten in den -stillen Tälern sah ich Dörfer mit Schindeldächern und weißen Wänden, -und ich sah, wie aus den Schornsteinen blauer Rauch aufstieg -- ich sah -mein geliebtes Alpenland. -- ... Da schwand das Traumbild und ich war -wach. - -Unweit von mir hörte ich Gepolter und Männerstimmen, Lichtschein fiel -mir in die Augen. - -Das waren der Küster und sein Sohn, die, als der Fremde am späten -Abend noch immer nicht mit dem Schlüssel von dem Turme zurückgekommen, -sich mit einer Laterne aufgemacht hatten, um zu sehen, ob ihm in den -Räumen und Winkeln des alten Turmes doch nicht etwa was zugestoßen sei. -Ich war bei den durch abgelöstes Mauerwerk halbverschütteten Treppen -abgeirrt von der Haupttreppe, und war wirklich schon einem Abgrund nahe -gewesen, der mich zwar mit einemmale um ein Bedeutendes tiefer, aber -zuletzt wohl gar um sechs Schuh zu tief gebracht hätte. - -Wir mußten viele Treppen hinabsteigen und als wir an der Glocke -vorüberkamen, schlug sie die elfte Stunde. - -Den andern Tag im Morgensonnenschein fuhr ich über den Sund und -wanderte durch die Insel Rügen bis hinan zum Rugard. - -Dort stand ich still und blickte rings um mich. - -Da sah ich die Hügel von Putbus, die Buchenwälder bei Granitz und -Stubbenkammer, die Kreidefelsen bei Arkona, die blauen Buchten, das -Meer ringsum und in der Ferne gegen Westen den Turm der Marienkirche zu -Stralsund. - - - - -Auf dem Rigi. - -1870. - - -Wenn man sich von Graz über Stralsund und Amsterdam nach Luzern rädern -läßt und endlich auf eigene Socken kommt, so sieht man sich nicht erst -um nach Hotel und Staubbürste, nicht erst nach dem Pfyfferschen Relief, -nicht nach Thorwaldsens Löwen, nein, man flieht, eilt fort, -- endlich -auf eigenen Füßen! - -Ich lief, kaum ich dem Bahnhofe entsprungen war, über die eingedeckte -Holzbrücke, und ich lief dem Hafen und dem Ufer des Vierwaldstätter -Sees entlang gegen Küßnacht. Mir war unsäglich wohl und leicht, ich -wollte nichts von Menschenwerk und Stadtluft, ich wollte die Natur -des Hochgebirges, die ich seit der Fahrt über den Semmering schon so -lange entbehren mußte. Das endlich war wieder die freie frische Luft -voll Harzduft, voll Waldesrauschen -- mein Element. Ich kam mir vor -wie getragen, ich berührte die Erde kaum. Wie ein Reh lief ich am See -entlang; ich war außer mir vor Freude, daß ich wieder in den Bergen -stand. Was waren das für Berge, was war das für ein Alpenland! Jetzt, -Du mein Gott, sah ich's erst, ich stand mitten in der Schweiz. - -Da lag vor mir der vielarmige See, so ruhig, so dunkelblau, wie das -Himmelsauge an einem heiteren Herbstabend. Ein einziges Segelschiffchen -glitt über den Spiegel und es war mir, als trage das einsame -Segelschiffchen Poesie über den See -- mehr konnte ich nicht erkennen. - -Diesseits liegt die grüne Wiese und ein kleines Landhaus mit weiten, -grün eingerahmten Fenstern und grauen, schuppenartig verkleideten -Wänden; vor dem Hause sind Lauben und Rebenpflanzungen. - -Jenseits des Sees aber, am bläulich schattigen Ufer erhebt sich der -dunkle Wald und die düstere Felswand, und nun ist geschichtet Felswand -auf Felswand -- hoch empor hat es sich gebaut und getürmt in allen -Lagen, in allen Gestalten, und oben an den Hängen und höchsten Hörnern -kleben Nebelflocken wie weiße Blüten. - -Doch siehe, jene Klamm dort, aus welcher der Wassersturz wie ein -milchweißes Band niedergeht, öffnet uns einen Blick in den Hintergrund. - -Aber was drängt sich da für ein wilder, finsterer Geselle vor, uns den -Blick auf das liebliche Bild abzuschneiden? - -Wie ein Verzweifelter steht er da, wüst und zerrissen; ewig starrt er -nieder in den tiefen See, ob er wogt und flutet, ob er ruhig ist. -- -So stürze dich hinein! -- Nicht doch, wer weiß, welch' Leid in deinem -Herzen nagt. -- Man erzählt sich wohl was besonderes von dir, du -finsterer Riese. Da kam der römische Landpfleger Pilatus, und aus Reue, -daß er den Nazarener zur Hinrichtung verdammt hatte, stürzte er sich -von dir in diesen See und davon hättest du den Namen. - -Links vor mir, hinter dem Seearm, erhebt sich ein grünlich-grauer, -teilweise felsiger, teilweise bewaldeter Berg, in Form einer -abgestumpften Pyramide. Dieser Berg ist der Rigi. Auf der höchsten -Spitze desselben leuchtete ein weißer Punkt, das Hotel Rigi-Kulm. Und -morgen, wenn die Sonne aufgeht, mußt du dort oben sein, und heute, da -sie schon beinahe untergeht, bist du weit davon, und hast noch gar -keine Herberge. - -Einladende Höfe genug, einladende Menschen auch, denn die Ufer des -Vierwaldstätter Sees sind dicht besäet von lebenslustigen Armen und -Reichen, die in niedlichen Häusern oder stattlichen Villen wohnen. Aber -ich fühlte ja noch die Flügel an den Fersen, und es lag Küßnacht nicht -mehr fern. Dieser kleine Ort mit den großen Häusern ist so einladend, -wie sein Name, es war, als ich ihn erreichte, schon dunkel geworden, -aber trotzdem ging ich auch hier vorüber. Von Immensee aus, so hieß -es in meinem Handbuche, ist der Rigi am kürzesten und bequemsten zu -besteigen; mein Ziel für heute war Immensee. - -So ging ich. Vor mir leuchteten Johanniswürmchen, über mir die Sterne. -Und Grillen hörte ich singen; in Steiermark tun es an so lieblichen -Abenden auch die Burschen. Kaum eine halbe Stunde hinter Küßnacht kam -ich zu dem Hohlweg, wo Wilhelm Tell den Schuß nach Geßler getan. Es war -fast ganz finster, denn die Bäume hingen über mir zusammen. Ich blieb -stehen, ich dachte an Schillers Dichtung, an die Tradition, an das -Reichsvogtentum der alten Zeit. Mit tiefem Pathos begann ich endlich zu -deklamieren: »Durch diese hohle Gasse muß er kommen!« - -»Er isch schon da!« rief es plötzlich hinter mir, und zwei Arme legten -sich um meinen Leib. - -Ich war im Moment so erschrocken, daß ein ganzes Planetensystem vor -meinen Augen funkelte. - -»Verflucht!« rief ich, »wer ist da?« - -»Stell di nit so närrisch, du Dingli; meinst, wo de gohsch und wo de -stohsch, sin G'spenster! Luig me an, ob i nit der alt Friedli bi, der -bsinnig!« Diese Worte sprach ein armseliges Gestaltlein, und dann -reichte es mir die Hand. Ich nahm sie an. - -»Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?« fragte ich. - -»Gueten Obe, de Friedli isch's halt; wonn der wilsch und wonn de -z'friede bisch, so weis' i dir e Hus zum schlofe huit; de Nacht isch -lang und chüel. Verstöhnt der mi?« - -»Angenommen,« sagte ich, »aber führen Sie mich in das nächstbeste -Gasthaus, je näher am Berge, je besser, ich will mir für morgen den Weg -auf den Rigi so kurz als möglich machen.« - -Dann führte mich das Männchen unter fortwährendem Geplauder. Fast -possierlich sah es aus; es hatte, wie ich jetzt in der Sternenhelle -bemerken konnte, einen Höcker, und trippelte damit geschäftig neben mir -her und machte mich auf jedes Steinchen und auf jede Wurzel, über die -wir schritten, aufmerksam. - -Und bald kamen wir ins »Hus«. Aber das war zu meinem Erstaunen kein -Gasthaus, sondern ein großer Bauernhof mit vielen Ställen und Scheunen, -aus denen mehrere Blechschellen, wie sie die Herden haben, ertönten. - -Als mich mein Begleiter ins Wohnhaus führte, sagte ein Weib, das an der -Türe stand, und an dem ich in der Dunkelheit nur bemerken konnte, daß -es sehr beleibt war: »Je, Friedli, wen bringst denn da?« - -»E Büebli, das im Wald isch gsi und ke Hus g'funde het,« antwortete das -Männlein und rieb sich die Hände. - -Jetzt kamen auch noch andere Leute herbei, und sie lachten und endlich -führten sie mich in eine Stube, die sehr geräumig und reinlich war, und -in welcher eine Petroleumlampe brannte. - -»Entschuldigen Sie, man wird nicht hier bleiben können?« sagte ich. - -Da entgegnete mir ein stämmiger Mann, der in Alpentracht war und ein -Pfeifchen schmauchte: »Gasthaus ist zwar keines bei uns, aber wenn Sie -nicht gern mehr hinabgehe nach Immensee und weil Sie der Friedli schon -einmal gebracht hat, so bleibe Sie in Gottesnamen nur da; wenn Sie -zufriede sein wollen, wir tun Ihnen gut, wie wir's haben.« - -Nach diesen Worten zog er über den Tisch, der in einer Ecke der Stube -stand, ein weißes Tuch, und das Weib, welches früher an der Tür -gestanden war, brachte Brot, Butter, Honig und eine Schale Milch, und -dann luden sie mich ein, daß ich mich hinsetze und esse. - -Da setzte ich mich zum Tisch und aß. - -Das Männlein, das mich gebracht hatte, kauerte in einem Winkel der -Stube und sah mir wohlgefällig zu, wie ich mir erkleckliche Brotlappen -herabschnitt, sie auf einer Seite fürsorglich mit Butter, auf der -anderen minniglich mit Honig bestrich, und meinen Appetit spielen ließ. - -»Nun, wie ist denn das?« fragte ich endlich, als der Mund einmal einen -Augenblick frei war, »der Mann dort hat mich im Hohlweg aufgefangen. -Ist das ein Fremdenführer?« - -»Ei nein,« sagte der Hauswirt fast hochdeutsch, »er ist ein Vetter -von meinem Weib und da behalten wir ihn so im Hause, trotz der -Albernheiten, die er tut.« Und mit einem Finger auf die Stirne -klopfend: »Hat da d'rin lauter Räder, sonst nichts! Ei ja, tun tut er -niemandem nichts, will allen Leuten, die ihm begegnen, Gefälligkeit -erweisen. Einem Narren sieht man doch damit gleich.« - -»Aber das war nicht dumm, daß er mich da hergeführt hat zu Milch und -Honig!« - -»Gesegn' Gott, wenn's schmeckt!« sagte der Bauer, »sind sicher ein -Studiosus? -- Ni ja, hab' mir's gleich dacht. Mein Älterer, der -Medardi, ischt auch Studiosus, unten in Zürich. Sie wollen gewiß -morgen auf den Berg? Und vor Aufgang noch? Schau', das ist viel! -Die Sonne, wissen Sie, geht da oben viel früher auf, als anderswo; -hier unten kommt sie gerade um drei Stunde später. Ja, da möge Sie -heut' wohl gleich ins Bett gehe. -- Sepheli!« rief er hernach in ein -Nebenstübchen, »Luig, isch das Bett für den Ma da neumis scho fertig? -Tausigsappermost, 's isch hochi Zit!« - -»Nun,« sagte ich, »so wollen wir heute noch die Rechnung begleichen«. - -»Jetzt hören Sie mir auf!« lachte der Mann, »so ein Studiosus da!« - -»'s isch fertig, do lit er, wie ne Grof!« hörte ich in einer Kammer -über uns sagen, und mein Gastherr sprach: »Fertig wär's. Jetzt sag' ich -Ihnen eine ruhsame Nacht!« - -»Gunn der 's Gott der Herr!« schmunzelte mir das alte Männlein aus -seinem Winkel zu und ich wurde in eine Oberstube zu Bett gebracht. - -Das Bett war nicht mit allzufeiner Leinwand überzogen, die Decke etwas -steif; dennoch aber schlief ich auf meiner ganzen Reise nicht so süß -als in dieser Bauernstube. - -»'s isch Zit, Büebli, 's hat eis gschlage!« rief es plötzlich, und der -Friedli stand mit einer Talgkerze vor dem Bett und rüttelte an der -Decke. - -Wenn die Zeit des Schlummers des Menschen glücklichste Zeit ist, -wie Philosophen gesagt haben, warum läßt man sich wecken eines -Sonnaufganges wegen? - -»Bisch sölli müed und schlöfrig gsi? Freili jo, Suntig isch, chumm, 's -git e gueti Tag!« - -Wohlan, wenn es einen guten Tag gibt, da muß man dabei sein. -- Ich -erhob mich und in wenigen Minuten darauf gingen wir in der kühlen -Nachtluft durch junges Dickicht hinan. Friedli wies mir den Weg. Es war -sehr taunaß, über den Zuger See und über das östliche Hügelland gegen -Zürich hin hatte sich Nebel gelagert. Der Sternenhimmel war rein. Da -wir auf einem guten Fußweg waren, der nicht leicht zu verfehlen sein -konnte, sagte ich meinem Begleiter, daß er nun umkehren möge, und ich -wollte ihm eine Münze in die Hand drücken; er kehrte weder um, noch -nahm er die Münze. Erst als der Morgenstern aufging, meinte Friedli: -»'s isch ein anderer da, bin jetzt frei dervo, bhüetis Gott!« - -»Leb' wohl, Friedli!« sagte ich und das Wort kam mir aus dem Herzen. -»Wenn ich einen andern Rückweg einschlage, so dank' ich dir und den -deinen noch einmal. Leb' wohl, Friedli!« - -»Will's Gott, mer werde scho im Himmel wieder z'seme cho!« sagte er und -ging bergab. - -Das war im ersten Schimmer des Morgensternes. - -Ich ging aufwärts. Die Luft strich kühler und kühler; über dem -Hügelland lag ein lichter Streifen, einzelne Vogelstimmen wurden wach. - -Der Weg führte durch Wald und Strauch, über Weiden und an Sennhütten -vorüber, oft über Gerölle und an Felswänden hin. - -Nach einer zweistündigen Wanderung war ich am Hotel »Rigistaffel«. Ich -blieb stehen und blickte abwärts und auswärts. In den Tälern lag noch -Schatten, der Stern des Vierwaldstätter Sees in tiefer Dämmerung. Die -Ufer waren mit lichten Punkten von Dörfern und Villen bestreut; Luzern -lag da wie ein winziges Häuflein weißer Steine. - -Eine Stunde später stand ich auf der höchsten Spitze des Rigi, -am Hotel »Rigi-Kulm«, das mir gestern als kleiner Punkt entgegen -geleuchtet. - -Ich hörte einmal einen Mann, der den Rigi bestiegen hatte, folgende -Worte sprechen: »Ich weiß nicht, was die Leute an diesem Rigi finden; -das Hotel ist gar nicht so außerordentlich, ja im Gegenteile, man lebt -im Tale billiger und besser. Und die Aussicht, du mein Gott, nichts als -Berge. Und da geht noch ein kalter Wind. Was doch die Leut' an diesem -Rigi finden!« -- - -Nach der anstrengenden Partie trank ich im Hotel, in welchem -sich einige Engländer befanden, ein kleines Schälchen Milch für -fünfundsiebzig Centimes, dann ging ich wieder in das Freie, wo ein -kalter Wind zog und ich nichts sah als Berge. - -Aber welche Berge! - -Die Gletscherwelt der Schweiz, wie sie südwestlich des Rigi in einem -ungeheueren Halbkreis daliegt. Und dann tauchte im Osten langsam und -langsam die glühende Riesenscheibe empor und dann entzündete sich das -Meer der Gletscher und das war ein stilles Glühen und Leuchten hin über -das ganze wunderbare Hochland! - -Acht Tage früher hatte ich das Wogen und Fluten der Meereswellen in -der Nordsee gesehen und die Sonne ging auf. Und heute aus dieser -unendlichen Ruhe ging die Sonne auf. -- - -Als meine Augen getrunken hatten bis zur Berauschung, und als sich mein -Herz gelabt hatte an der ewigen Schönheit, stieg ich wieder abwärts. - -Meine liebenswürdigen Wirtsleute bei Immensee sollte ich nicht mehr -sehen. Ich ging südlich gegen das Klösterli Maria im Schnee, gar -einsam und arm im Alpenkare gelegen. Da steht über 4000 Fuß hoch ein -Wallfahrtskirchlein, und da leben in einem dürftigen Hause drei -Kapuziner. Sie betreiben eine kleine Milchwirtschaft, und ihr niedriges -Dach dient armen Wallfahrern und vom Unwetter überraschten Touristen -zum gastlichen Hospiz. - -Von hier aus geht es an Hängen und durch Schluchten steil abwärts gegen -Arth, ein kleines Dorf, das an der südlichsten Spitze des Zuger Sees -liegt. - -Als ich den See gegen Zug entlang ging, sah ich über dem jenseitigen -Ufer noch einmal meine gastliche Herberge, den Bauernhof. Das Männlein -sah ich nicht; bald rollten mich die Räder wieder fort aus dem Lande -des Friedli. - --- Will's Gott, mer werde scho im Himmel wieder z'seme cho! - - - - -Aus dem Ungarlande. - -1871. - - -Man meint, die Donau müsse nach und nach denn doch etwas von Kultur -und Sitte aus den deutschen Landen hinabschwemmen. In Städten, wo die -Dampfschiffe rasten, da sammelt sich's trefflich an und die Hauptstadt -des Magyarenlandes trägt zum größten Teile deutschen Charakter. Bis -aber in den Dörfern und auf den Pußten das Gemeinsame aller gebildeten -Völker auflebt, wird noch viel Wasser die Donau hinabfließen. Das ist -der selbständige, sich in sich abschließende, der stolze Stamm der -Magyaren. - -Auf meinen Wanderungen in Ungarn kam ich eines schönen Abends in ein -großes Dorf. Es war so weit in dem Osten, daß die Dämmerung dort um -eine gute halbe Stunde früher eintritt als in der Steiermark. So lag -über den endlosen Ebenen hin der aschfarbige Himmel; nur wo die Sonne -niedergegangen war, zogen sich glühende Streifen und Nadeln hin, so -innig schloß sich der Himmel an die Ebene und so tief war der Horizont -hingezogen, daß er zu sehen war wie die Meeresküste, und die lichten -Wolkenstreifen darin lagen wie Inseln auf der graubläulichen See. - -Ein ungarisches Dorf ist wie das andere. Da liegt es auf der Pußta -und eine sehr breite Straße führt durch. Daß sich auf dieser Straße -ein Pferd verstaucht oder ein Wagenrad bricht, ist nicht leicht zu -denken; denn eine dicke Mulde aus dem feinsten braunen Staub ist hier -ausgebreitet hin und hin, welche zur Regenzeit zum mildesten Teppich -wird, in dem man sich wie in ein Kissen verbergen kann mit Roß und -Wagen. - -Und im Dorfe stehen Hütten aus Lehm und Stroh an beiden Seiten der -Straße; die Fensterchen sind so klein, daß kaum ein ungarischer Kopf, -geschweige ein ungarischer Schnurrbart ordentlich herauslugen kann. -Vor und hinter den Hütten sind Akazien und Maulbeerbäume gepflanzt, -welche sich über den fahlen Strohdächern die Arme reichen -- die Sonne -soll hier gar wüst sein, wenn sie obenan steht. Leblos sind die Gassen -des Dorfes nicht, es ziehen uns gemütliche Esel, langgehörnte Ochsen, -gesprächige Gänse, grunzende Schweine überall entgegen. Auf dem großen -Platze des Dorfes sind umfangreiche Pfützen, zu dünn, um darüber -hinzuschreiten, zu dick, um darin unterzugehen, ganz gemacht zum Baden -und Wälzen für Menschen und Tiere. Es ist kaum übertrieben -- man -kann's ja sehen, wie Kinder und Schweine, erwachsene Weiber und Gänse, -Männer und Esel in zarter Eintracht in der Dorfpfütze Erfrischung -genießen. - -Ich sah sie noch lange lustwandeln von meiner Wohnung aus, die mir ein -Mann in dem besten Hause des Ortes besorgt hatte, ich hörte von der -Rocsma (Schenke) her auch die Tonschläge eines Zimbals -- ich ging -aber bald zur Ruhe. - -In den steirischen Bauerngehöften weckt zum Morgen die Leute der -Oberknecht, in Ungarn besorgen das die Mücken; sie schreien und poltern -nicht wie der Oberknecht, sie summen und singen nur so herum, sie -setzen sich nur so auf die Wangen, auf die Stirne, auf die Nase, und -beißen und stechen, daß Ballen wachsen wie Schwämme; dann singen sie -wieder -- im übrigen kann man liegen bleiben und schlafen, so lange man -will. - -Es war Sonntag. Vor den Hütten saßen die männlichen Einwohner in ihren -weiten Beinkleidern, von denen ich nie ergründen konnte, ob sie Hosen -oder Kittel seien. Sie aßen Brot und Speck. Dann erhoben sie sich und -gingen zur Kirche hinan, die auf dem Hügel stand. Die Weiber kamen aus -den Hütten hervor und gingen auch hinan; sie hatten schmucke Spenser. -Die Mädchen waren gar in kurzen, schneeweißen Hemdärmeln und in den -bloßen, sorglich gescheitelten Locken. Die Männer hatten kaum eine -bessere Kleidung als am Werktage zuvor; viele waren sogar barfuß und -die Fransen ihrer weißen Beinkleider schwammen in der Mulde. - -Als sie hinanstiegen, war ich auch unter ihnen. Da ich von ihren -Gesprächen nicht viel verstand und mich in dieselben also auch -nicht mischen konnte, hatte ich Zeit, die Gegend zu betrachten. Das -Dorf unten war weit gedehnt, es zählte tausend und mehrere hundert -Einwohner. Draußen, gegen Südwesten lagen die Weinhügel, weiter links -standen üppige Buchen- und Eichenwälder; -- mein geliebter Baum, die -Tanne, wächst dort nicht, weit und breit, darum hat die Luft keine -Würze, sie ist immer süßlich, lau und schal, wie gekocht. Im Osten -lag Heideland, im Norden zogen sich unabsehbare Getreidefelder hin, -und weit draußen lag still und ruhig wie die Heide und das Kornland -der Donaustrom. Hinter demselben sah man wieder die gelben Streifen -der Felder, die fahlen Flächen der Heide und zuletzt im Äther ein -mattgraues Band -- die Karpathen. Dann begannen die Wolkengestalten in -der ungeheuren Himmelsglocke, und diese Wolkengestalten waren mir das -Schönste zu allen Tageszeiten im Lande der Ungarn. - -Die Gemeinde, die mit mir auf den Hügel gestiegen war, und die Kirche, -die, weiß übertüncht, weit in das Land hinausschaute, war kalvinisch. -Auf dem Turme prangte kein Kreuz, sondern ein Ding in Gestalt jener -alten Waffen, die man Morgensterne nannte. Die Fenstergitter bildeten -Herze, Ringe, doch kein Kreuz. Auf dem Friedhofe hinter der Kirche -waren viereckige Holzpfähle mit ausgezackten Köpfen als Denkmäler in -die Erde geschlagen, aber kein einziges Kreuz. Die Kalviner mögen das -Kreuz nicht leiden; sie wollen nicht erinnert sein an den Schandflecken -der Menschen, die ihren Heiland zu Dank an das Kreuz geschlagen. Die -Kalviner wollen auch kein Bild, weder eine Darstellung Gottes noch der -Menschen; unmittelbar wollen sie mit dem Gegenstand verkehren. Das -sieht löblich aus; doch wie dadurch der Sinn, die Kunst zuteil kommt, -denen die Religion und ihr Kult auch eine Pflegestätte sein soll? -Die Einfachheit der lutherischen Tempel tut wohl, ein kalvinisches -Gotteshaus aber ist nicht mehr einfach, es ist geradezu trostlos. Da -ist rein gar nichts als die nackte Mauer und der Fußboden und die -Decke, die glatte Kanzel, der Opfertisch und einige Stühle. Das alles -in allem. Dann kommt der Pastor und hält eine Rede, dann singt die -Gemeinde Psalmen. Wohl recht einfach, aber noch einfacher wäre, wenn -die Mauern auseinandergefallen und die Menschen Gott anbeteten, frei in -der allherrlichen Natur des Himmelsgezeltes. Das wäre ein rechtes Bild -Gottes und doch kein Bild -- ein wahres Gotteshaus. - -Der eifrige, eigenstimmige Gesang der »reingläubigen« Kalvinisten hätte -mich bald zum Lächeln gebracht, aber das wäre gefährlich gewesen. Es -war ein so sonderbares Gesurre, dann wieder ein so gewaltiges Geschrei; -und eine einzelne Stimme war in dem Volke, so grell und zackig, und -diese wollte nirgends recht hineinpassen, und sie ging, alle anderen -Töne durchschneidend, ihre eigenen Wege. Dabei machten die Leute -Gesichter, und wie sich der Gesang drehte, so auch ihre Augen und mit -den Lippen stiegen und fielen auch die Schnurrbärte. Aber die Andacht -in Ehren, sie wird gut gewesen sein. - -Eigentümlich war der Ausgang. Sie sangen noch alle, als sich plötzlich -die kleinen Mädchen erhoben und singend das Bethaus verließen; diesen -folgten die erwachsenen Mädchen, wie sie in den Stühlen gesondert -waren. Dann erhoben sich die Weiber und die alten Mütterchen und -verließen singend die Kirche. So waren nach und nach alle weiblichen -Stimmen verstummt und es sangen nur noch die Männer. Nun aber begannen -sich die Knaben zu entfernen und nach diesen traten die Jünglinge, dann -die Männer hinaus. Jetzt saßen noch die Greise da und sangen. Dann -erhoben sich auch diese und gingen, ihnen folgte der Pastor und nun -saß außer mir nur mehr der alte Chormeister allein in der Kirche und -sang, bis endlich auch der schwieg und die Kirche verließ. So war der -Gesang nach und nach abgestorben und es war still und leer im Bethaus. -Jetzt verließ auch ich meinen Winkel und ging an der Kanzel und an dem -Opfertisch vorüber in das Freie. - -Da war's gar heiß in der Sonne, aber siehe, die Dorfschwemme war in -der Nähe. Die Leutchen, wie sie aus der Kirche kamen und sich mit -den Ärmeln den Schweiß wischten, machten nicht viel Aufhebens, sie -entkleideten sich kurzweg und stiegen in die Pfütze und wuschen sich -säuberlich und plätscherten. Sonst, glaube ich, heißt es nach der -gestrengen Satzung Kalvins, daß, wer in der Öffentlichkeit einen solch -schlüpfrigen Wandel führt, des Landes verwiesen und ausgepeitscht -werden soll; nein, so pedantisch genau scheinen es die ungarischen -Kalviner nicht zu nehmen. - -Sehr schwer sollen sich übrigens auch die Katholiken der ungarischen -Dörfer ihre Sache nicht legen. In der Nähe meines kalvinischen Dorfes -ist ein katholisches, von dem mir ein alter Einwohner desselben -Folgendes erzählte: Als vor mehreren Jahren im Dorfe der Peterspfennig -eingeführt wurde, war viel Lärm. Der Pfarrer predigte auf der Kanzel -von der Not des heiligen Vaters und stellte diese so ergreifend dar, -daß er dabei in Schluchzen ausbrach. Die Bauern blieben trockenen -Auges, aber sie starrten so vor sich hin, als ob sie sagen wollten, -daß es mit dem heiligen Vater nicht so bleiben dürfe, und daß sie sich -in dieser Sache nicht spotten lassen wollten. Und die Bauern derselben -Gegend sind wohlhabend. Der Pfarrer ließ mitten in der Kirche eine -weidlich große Blechbüchse aufstellen und predigte nun jeden Sonntag -von der Armut des heiligen Vaters. Aber die Blechbüchse war denn -doch wohl sehr geräumig, denn oft verfügte sich Seine Hochwürden zur -stillen Nachmittagsstunde in die Kirche und klopfte mit dem umgebogenen -Zeigefinger an die Büchse -- das gab noch immer einen schauerlichen -Widerhall. Hierauf ließ der Pfarrer einen Priester aus Gran kommen, -der eine glänzende Rednergabe besaß und der auf der Kanzel das Elend -des Papstes und den Hunger, den er leiden muß, so lebhaft darstellte, -daß die Bauern ordentlich Appetit bekamen und nach der Predigt sogleich -in die Schenke eilten und ein Bedeutendes an Speck und Schnaps -verzehrten. Indes der Pfarrer hatte der Sache Genüge getan und konnte -nun wohl einer bedeutenden Ernte gewiß sein. Freilich wohl gab die -Büchse noch immer einen hohlen Ton, doch Silberstücke füllen einen -solchen Bauch nicht so bald. Als nun eine bedeutende Zeit um war, ließ -der Pfarrer die Sammelkasse öffnen und fand darin -- ja sind denn -diese Bauern Ludersleute? -- fand zweiundeinenhalben Kreuzer und einen -Pfeifendeckel. So ist mir wohl von boshaftem Munde erzählt worden, und -Ähnliches ereignete sich auch in anderen Dörfern Oberungarns. - -Nun kehre ich wieder zu meiner Gemeinde zurück. Ich hatte ihr den -Vormittag des Sonntags gewidmet, desgleichen sollte auch mit dem -Nachmittag geschehen. - -Doch ich verlor sie bald; sie verkrochen sich in ihre Hütten, nur daß -in der Schwemme noch ein oder der andere Junge plätscherte und daß dann -und wann ein Mägdlein auf dem Wege in den entlegenen Keller und zurück -durch die Gassen eilte und im Vorbeieilen den Fuß auch ein wenig in das -Wasser steckte. - -Erst am Abende wurde es rege. Eine Schalmei fing zuerst an, dann -begannen in der Schenke Pauken und Pfeifen und jetzt kamen sie -herbei von allen Seiten des Dorfes und hüpften schon unterwegs den -Nationaltanz. - -An Mädchen strömt eine große Auswahl herbei; der Bursche braucht nur -zu winken, läuft ihm gleich eine zu. Sie legt ihre Hände flach auf -seine Achseln, er legt die seinen an ihre Hüfte, dann beginnen sie zu -hüpfen nach rechts und nach links, daß der Schnurrbart wedelt. Das -Mädchen guckt dabei ein wenig in seine Augen, ein wenig in den Spiegel, -der über die beschnürten Flügel seines glatten Spensers geht, zwar -nicht aus Kristall besteht, sondern nur aus dem Glanze des Speckes -von so manchem Jahre. Gegessen und getrunken, gönn's ihnen Gott, -wird wohl auch wacker. Dann kommen auf Eselkarren die jungen Leute -der Nachbardörfer; sind sie auch vormittags geschieden in Bethäusern -verschiedener Konfessionen, den Nachmittag haben sie gemeinsam; der -Katholik hopst mit lutherischen Mädchen und schlürft kalvinischen Wein, -und mitunter verteilt er, weil's denn so brüderlich hergeht, zuzeiten -katholische Prügel. - -An demselben Abend war's lustig zu sehen und zu hören, aber als es -gegen die elfte Stunde ging, da begann auf dem Kirchturme plötzlich die -Glocke zu tönen. Ich erschrak; war Feuer im Ort, oder ein Sterbender? -Kein Unglück treffe das Dorf und lange lebe der Magyare! Aber Ruhe soll -er machen, heim soll er gehen noch vor Mitternacht, so will's der Herr -Pastor und darum läßt er die Glocke läuten. Ein praktischer Kalviner -benützt die Kirchenglocke also auch zur Polizei; das hat Schiller in -seinem Lied von der Glocke vergessen. - -Es wurde wirklich bald ruhig in der Schenke und sie gingen heim. -Ich sah noch lange durch das offene Fensterchen in die laue Nacht -hinaus. Ein paar Hunde bellten unten, sonst war es still; mir kam es -fast unheimlich vor; das nächtliche Glockengeläute hatte mich etwas -aufgeregt. - -Endlich wollte ich das Fenster schließen, da sah ich plötzlich oben an -der Kirche ein Flämmlein. Es zuckte hin und her, dann verschwand es. -Oben bei den Toten, was mochte das sein? Wieder sah ich das Flämmlein, -und jetzt wuchs es an und wuchs gewaltig zu einer hohen, riesigen -Flamme und die Wände der Kirche waren rot beleuchtet. Denn doch ein -Brand! Ich wollte Lärm schlagen, da war die Flamme wieder verloschen. - -Nun war meine Neugierde wach im höchsten Grade. Was spukt da oben auf -dem Hügel? Belustigt sich der Totengräber durch Feuerwerke, oder gehört -das zum kalvinischen Kult? -- Das muß ich doch sehen! - -Angezogen, wie ich noch war, nahm ich schnell meinen Stock, verließ -das Haus und eilte gegen die Kirche hinan, immer das Licht im Auge -behaltend, das oben abwechselnd wuchs und zusammenzuckte. - -Und als ich durch das Tor in den Gottesacker ging, da sah ich's. Ein -Mann und ein Weib hatten ein totes Ferkel und das hielten sie über ein -kleines Feuer, um die Haare von der Haut zu sengen. Dieses weltliche -Geschäft störte die Ruhe der Toten zwar nicht, konnte mich jedoch auch -nicht recht erbauen. - - - - -Zu Mailand auf dem Dome. - -1872. - - -+Mailand!+ - -Den Namen, den das ganze Land verdient, trägt seine schönste Stadt. - -Hier reichen sich Nord und Süd, Winter und Sommer die Hände. Mai! - -Uns begegnet in Mailand zum erstenmale das laute, geschäftige, -klingende Treiben des Südländers; der Italiener hingegen nennt Mailand -die nordische Stadt. An den Süden erinnern uns in Mailand die flachen -Dächer der Häuser, die Marmorbalkone mit den ausgehängten schmutzigen -Lappen, die hohen offenen Portale, das schöne Pflaster der Straßen -mit Fahrbahnen aus Stein, der Reichtum an Palästen und Statuen und -das mächtig erwachende Leben nach dem Ave-Maria-Läuten. An den Süden -erinnert uns der helle aber weiche Gesang, der auf den Gassen und -aus allen Häusern quillt, das eintönige Geschrei der Ausrufer, das -Besetztsein aller öffentlichen Plätze mit Verkäufern und Ciceroni, die -reichen, großen Kirchen, der bräunliche Teint der Männer, das glänzend -schwarze Haar und das dunkle, gefährliche Auge der Frauen, das zur -Vorsicht wohl häufig verhüllt ist mit einem zierlichen Schleier. - -Der aus Süden Kommende aber wird wegen des mäßigen Klimas, des frischen -Wassers, des Fleißes der Bewohner usw. in Mailand allerdings die Stadt -des Nordens erblicken. - -Und mitten in dieser stolzen Stadt mit dem Janusgesichte gegen Süd und -Nord, steht eine Krone von Elfenbein, nein, eine Marmorkrone, wie keine -Dichterphantasie je eine so wunderbare geflochten hat. - -Der Dom von Mailand! - -Der Italiener nennt ihn ein Marmorgebirge aus dem Norden, und -vielleicht mit mehr Recht, als es scheint; waren die Baumeister doch -nachweislich Deutsche. (Der Bau der wunderbaren Kuppel soll von -Johannes von Graz herrühren!) Ferner ist es die gotische Bauart, sind -es die hundert und hundert weithin leuchtenden Zacken, die an die -nordischen Bergzacken gemahnen. - -So haben die Menschen hier im Angesichte der Alpen einen Tempel gebaut, -in dem sich die Erhabenheit der Berge spiegeln soll -- ein Gebirge aus -Menschenhand und nach den Gesetzen der Kunst, wie es dem klassischen -Italien geziemt. - -Eine Beschreibung des eigenartigen Baues will ich nicht liefern -- -er ist ja so sehr bekannt und in das Gemüt der Völker aufgenommen -worden, wie ein liebes Zaubermärchen von der Großmutter. Der Bauer in -Steiermark sagt, daß in der Stadt Mailand eine Kirche sei, die so viele -Türme habe, wie das Jahr Tage, auf jedem Turme stehe der Heilige des -Tages und so prange der ganze Heiligenkalender in Stein gehauen auf dem -Dome zu Mailand. - -Das ist ein großes, einheitliches Bild, aber es ist zu klein. Der -Türmchen sind weit mehr, als obige Zahl angibt und die Statuen an -denselben und an den Wänden zählen über zweitausend. Es ist des -Märchens versteinerter Wald und der Beschauer erstarrt schier selbst -zu Stein, wenn er vor dem Riesenbaue steht oder gar oben auf seinen -lichten Zinnen. Weiß und leuchtend erhebt sich der Tempel über den -Gebäuden der Stadt in die Himmelsbläue empor; gespensterhaft bleich, -schier wie ein ätherisches Nebelgewebe, steht er des Nachts im -Mondenscheine. - -Nein, ich will den Leser nicht nachtwandeln lassen um den Dom, ich will -ihn nicht einmal einführen in seine düsteren Hallen -- dazu findet sich -gelegentlich sicher ein besserer Führer -- emporsteigen wollen wir zu -jenen Höhen, nach der so viele zackige Spitzen weisen. - -Den 26. August 1872 zur Morgenstunde war's, da ich den Dom bestieg. -Zuerst geht es eine dunkle, aber sichere Stiege über hundert Stufen -hinan, der dürstende Blick gefangen zwischen den Quadermauern. Endlich -aber lichtet es sich, wie sich an hohen Bergen der Wald lichtet, -wenn man über seine Region hinauskommt. Dem Besteiger des Mailänder -Domes ist, auf der ersten Zinne angekommen, gerade so zumute, wie -dem Alpenwanderer, der, aus dem Walde hervorgetreten, die mächtige -Bergkuppe übersieht, die er noch zu besteigen hat. Aber er ist über -die Giebel der Häuser hinaus, er macht einen Rundgang um den Bau und -sieht auf die Hüte hinab, die tief unten an dem Domplatze geschäftig -herumgleiten. Dann beginnt er auf freien, lichten Marmortreppen wieder -emporzusteigen zwischen dem Gestämm der Türme und den versteinerten -Heiligen. Viele derselben haben, einverstanden mit dem Geiste der neuen -Zeit, Blitzableiter an der Seite; selbst die Madonna auf der Spitze des -höchsten Turmes hatte an meinem Tage die wehende Trikolore aufgezogen, -um trotz des recht unangenehmen Konfliktes zwischen der Regierung und -dem Vatikan, dem König Victor Emanuel, der eben in Mailand war, ihre -Huldigung darzubringen. - -Auf der zweiten Zinne angelangt, machte ich wieder einen Rundgang und -sah nun, wie bedeutend die Stadt niedergesunken war und wie sich die -Ebene Lombardiens und die fernen Berge zu heben begannen. Dann wieder -empor zwischen den Zacken und Klippen, ich glaubte schon Alpenluft zu -fühlen und sah mich nach Gemsen um. Nein, die gibt es wohl nicht auf -dem Dome zu Mailand, statt deren sah ich auf den glatten Marmorplatten -des Kirchendaches einen jungen Priester herumwandeln, der ein schönes -Mädchen am Arme führte. Ihr graziöses Dahinhüpfen erinnerte an Gemsen; -endlich aber ließ sich das Pärchen nieder auf der Plattform und -nahm ungezwungen, wie man nur auf der Alpenhöhe sein kann, zusammen -ein Frühstück ein. Er schob dem Mädchen gute Bissen zu, -- und das -Kirchendach brach darob nicht zusammen. - -Nun aber steht auf dem gotischen Tempel noch ein zweiter gotischer -Tempel: die ungeheure Kuppel des Domes in einem neuen, reichen Kranze -von Marmorgebilden, die sich mit ihrer höchsten Spitze 340 Fuß über den -Erdboden erhebt. In einem Seitenbaue geht die Treppe hinan bis zu dem -schlanken Turme, dessen gewundene Stiege ja bis in den Himmel hinauf zu -entführen scheint. - -Da liegt die große Stadt -- die höchsten Türme sind tief unten -- -im Morgensonnenglanze. Hier, noch im Schatten, an den Fuß des Domes -sich schmiegend, steht das königliche Schloß; dort zwischen den -Ziegeldächern der kleine, bläulich glitzernde See ist das Glasdach des -neuen, prächtigen Bazars, den Victor Emanuel den Mailändern im Jahre -1859 zum Angebinde gemacht hat; weiterhin die schöne Kuppel der Kirche -St. Maria della Grazie weist die Stätte des weltberühmten »Abendmahles« -von Leonardo da Vinci und noch weiter hin ragt der Siegesbogen, die -Porta del Sempione. Unser Blick gleitet über die hunderttürmige Stadt -hinweg und hinaus auf die mit weißen Punkten besäete Ebene, die -südlich von den blauen Apenninen, nördlich und westlich aber in einem -ungeheuren Halbkreise von den Alpen begrenzt wird. - -Die erhabenen Hochwarten der Alpen sind nahegekommen, um sich den -wunderbaren Bau, das Spiegelbild ihrer Gletscher anzusehen. Dort im -fernsten Westen der Monte Viso; man sieht durch die Duftbläue von ihm -nichts sonst, als ein dreieckiges rötlichweißes Täfelchen. Ein wenig -nördlicher die sägige Schneide des in Eisen gelegten Riesen Montcenis. -Dann der leuchtende Zahn des Montblanc und die Zacken vom St. Bernhard -und Matterhorn. Weiter im Vordergrunde aber ragt die gewaltige -Gletscherkuppe des Monte Rosa, hoch emporhaltend ihren Silberschild, -durch den sie den fernen Meeren die Wunder und Herrlichkeiten der Alpen -kündet. Und nun geht's Kanten an Kanten bis nördlich zur Jungfrau, -alle gehüllt in ihre ewigen Eismäntel, nur ein klein wenig gerötet -vor stiller Freude über das schöne sonnige Italien, das sich da -unten ausbreitet. -- Dann kommt das Finsteraarhorn, St. Gotthard, der -Ortler usw. bis hin gegen das Adriatische Meer, aus dem die Sonne -emporgestiegen ist, deren feuchte Lichtschleier niederwallen und die -östliche Aussicht verdecken. - -Und über dieses Bild wölbt sich ein Himmel, nicht mehr lichtblau, wie -das Auge der Germanen, sondern scharf und dunkel, wie der glühendste -Blick der Italienerin. Ich sah auf diesem Azurgrunde ein Sternchen -flimmern am heitern Morgen und ich sah und ich empfand, was das heißt: -ein italischer Himmel. - - - - -Von der Kirche des heiligen Petrus. - -1872. - - -Von der Peterskirche zu Rom wird erzählt in der Stube. Da läßt die Magd -ihr Spinnrad stehen, da lehnt der Knecht sein Spanscheit hin -- da -horchen sie alle auf. - -Ja, die Peterskirche! Schon der Platz davor ist so groß, daß zwei -Kriegsheere nebeneinander Raum haben. Da sind zwei Springbrunnen, in -denen allweg' drei Regenbogen stehen, schier Tag und Nacht; wenn diese -Regenbogen einmal verlöschen, dann kommt das jüngste Gericht. Einer, -sagen sie, ist schon verloschen. Und mitten auf dem Platz ist eine -hochmächtige Säule, die gibt am Sonnwendtag zwölf Uhr mittags nicht so -viel Schatten, daß eins eine Stecknadel in denselben könnt' legen. Das -ist, weil die Sonnen kerzeng'rad obenauf -- weil die Säulen just mitten -auf der Welt steht. Nachher ist eine Marmelstiege hinauf zur Kirche, -die neunundneunzig Stufen zählt, und deren Stufen so breit sind, daß -Roß und Wagen darauf kann fahren, -- und so lang, daß, steht an einem -Ende der Jäger, am andern der Hirsch, beide voneinander nichts wissen. --- Und die Kirche selber ist aus weißem Marmelstein gebaut, und so -groß, daß, wenn neun Priester gleichzeitig in ihr predigen, einer -den andern nicht hört. Die Kuppel ist so hoch, daß eins von ihr aus -nach -- Rom kann sehen? -- nein, nach Jerusalem hinein kann schauen. -Und der goldene Knopf auf der Kuppel ist so breit, daß darauf sieben -Hochzeitspaare können tanzen! - -So wunderbar ist gewiß noch kein Bau erdacht worden auf Erden, als sich -die im steirischen Dorf ihre Peterskirche haben erbaut. Es ist nur -gut, daß in ihren Hecken kein Wanderstab wächst, der sie nach Rom tät' -führen, und daß sie keine Stiefel haben, die oben auf der »Romstraße« -verstünden zu wandern -- sie würden ja so enttäuscht sein. - -Bin ich's schier selbst ein wenig gewesen, obwohl sich mein obiges -Phantasiegebilde aufgelöst, als ich aus dem Märchenleben heraus und -zur ernüchternden Einsicht kam, wie viel -- wie wenig die Menschen im -Verhältnisse zur Größe ihrer Phantasie zu leisten vermögen. - -Freilich habe ich die Peterskirche in den sechs Stunden, die ich ihr -widmen konnte, gleichsam nur durch das Schlüsselloch von Alessio -gesehen. Indes, wenn nach der Berechnung eines weisen Mönchs -neunundneunzigtausend Engel Platz auf einer Nadelspitze haben, so wird -der goldene Knauf der Kuppel von Sankt Peter auch ein entsprechender -Tanzboden sein für die sieben bäuerlichen Hochzeitspaare, ohne daß just -wegen Raummangels gerauft werden müßte. - -Es war am Morgen des 6. September 1872. Ich kam durch das dunkle, -schmutzige Gassengewirre zur Engelsbrücke. - -Ich schlich an der finsteren Engelsburg vorbei; eine Teufelsburg kann -nicht finsterer aussehen, man betrachte nur! Eine trotzige Runde, einst -eine Totenstätte, dient sie jetzt zum Gefängnisse für Lebendige, »treu -beschützt von den Engeln«. - -Ich ging durch die lange, staubige Borgo Nuovo; diese endet plötzlich -und siehe, ich stehe auf dem berühmtesten Platz der Erde -- auf der -Piazza di San Pietro. Da ist ein Feld mit Quadern bepflastert, da -sind zwei weißschäumende Springbrunnen, Silberpaletten, auf denen -die Sonnenstrahlen just ihre Farben mengen zu einem Regenbogen. Und -mitten steht der hohe Obelisk mit heidnischen Hieroglyphen und dem -eisernen Kreuze auf der Spitze. In diesem eisernen Kreuze soll ein -Stück des wahrhaftigen Golgathakreuzes stecken. -- Dann die prächtigen -Kolonnaden, die zwei ausgebreiteten Arme des Vatikans, mit denen er den -Platz umschließt -- die ganze Welt umschließen möchte. - -Und im Hintergrunde, sanft erhöht über marmornen Stufen, steht breit -und behäbig und stolz der rötlich schimmernde Quadernbau -- der größte -Tempel der Welt, der Dom des heiligen Petrus. -- Von der Kuppel sieht -man nur die dunkle Dachrundung und die Laterne über den Vorderbau -herüberragen. - -Eine Glocke dröhnte schwer, dumpf, zur siebenten Stunde. Ich tat -einen Blick nach dem über den Säulengang aufragenden Vatikan, einen -Blick nach den riesigen Statuen der Apostel Petrus und Paulus, die -an den beiden Seiten der Freitreppe stehen, und stieg hinan zu den -Säulen der Fassade -- zur Pforte. Die Vorhalle ist so groß, daß ein -paar Dorfkirchen mit Turm und Sakristei leicht darin Platz haben. Ich -schritt durch das Portal, schob einen der schweren Ledervorhänge bei -Seite und stand nun in dem Raum der Kirche. Da war nicht die ernste -Dämmerung eines gotischen Baues, da war die lichte Heiterkeit des -romanischen Stiles -- alles, vom Fußboden bis zu den Höhen der Kuppel -prangend in reichster Gold-, Marmor-Mosaikverzierung. Aber die Größe -der Kirche überraschte mich nicht. Die riesigen Säulen, Fenster, -Statuen und Bilder, dem Verhältnisse des Baues entsprechend, waren mir -täuschende Maßstäbe; ich mußte mir sagen, die Kirche hat nicht mehr -der Pfeiler, Fenster, Altäre, Kapellen als andere große Kirchen, die -ich bereits gesehen. Anders aber, als ich meinen Blick niedergleiten -ließ von den Höhen der Gesimse auf die Menschlein, die herunten auf der -Bodenfläche herumglitten! - -Trotzdem belächle ich, was der Cicerone sagt: Das königliche Schloß -zu Berlin und die Stefanskirche samt dem Turme zu Wien haben bequem -nebeneinander in der Peterskirche und Kuppel Platz. - -Ich begann meinen Rundgang. Ich kam zu der uralten Bronzestatue des -heiligen Petrus, an deren rechtem Fuß die Gläubigen die Zehen weggeküßt -haben, bis auf ein paar Stümpfchen. Ich kam zu den Nischen, wo die -katholischen Schatzkästen stehen, darin der Kopf des heiligen Andreas, -das Schweißtuch der heiligen Veronika, ein Splitter des Kreuzes Christi -und die Lanze, welche Christum die Seitenwunde stach. Diese Reliquien -werden an Festtagen von den hohen Loggien herab dem Volke gezeigt; -näher besehen dürfen sie nur Priester. -- Ich kam zu der Säule, an -welche sich Jesus im Tempel Salomons gelehnt hatte. Die Peitsche sah -ich nicht, mit der er die Krämer hinausgetrieben. -- Ich kam zu der -Kathedra, zum päpstlichen Thron, den vier heilige Kirchenlehrer mit -den Händen spielend schaukeln. -- Ich kam an Grabmäler der Päpste, an -Statuen und Mosaikbilder, und ich kam endlich zum Hauptaltare in der -Mitte der Kirche, zu dem Allerheiligsten der katholischen Christenheit --- zu der Grabstätte des Apostels Petrus. Zwei Marmortreppen führen -hinter dem Hochaltare hinab zu dem Grabe des großen Apostels. Ein -Baldachin aus Erz schützt vor dem hellen Lichtstrom, der hoch oben -durch die Kuppel hereinbricht, aber ein Kranz von zahllosen Lampen -brennt um diese Stätte Tag und Nacht, die Nische und das Grab mit dem -goldenen Gitter geheimnisvoll beleuchtend. - -Hier stand ich still und sagte mir, daß ich zu spät gekommen. - -Wie oft in meiner Kindheit, als ich in dem Dorfkirchlein kniete -oder im Walde saß, erfaßte mich die Sehnsucht nach der Hauptkirche -der Christenheit, nach dem Dome meines Namenspatrons. Wenn in der -Christnacht das Turmglöckel klang, weit in den Wald hinein, so war mein -Gedanke in Rom bei dem hochfeierlich glanzvollen Weihnachtsfeste in der -Peterskirche. Wenn am Ostersonntagsmorgen die Pöller knallten und die -Sonne ausging, so weckte mich meine Mutter aus dem Schlafe: - -»Bub', jetzt steht der Papst auf der Peterskirchen und gibt seinen -Segen der ganzen Welt; jetzt steh' aber geschwind auf, sonst frißt -deinen Teil die Katz'!« - -Ich sprang auf und hüpfte noch im Hemdchen hinaus unter den freien -Himmel und meinte, ich müßte den Segen fliegen sehen in der klaren -Luft. Aber so, wie ich Tags zuvor die Glocken nicht sah, als sie -nach den Chartagen von Rom zurückkamen, so sah ich auch heute den -Segen nicht. -- Und am Pfingstfeste war ich im Geiste wieder in der -Peterskirche und zählte die feurigen Zungen, die vom heiligen Geist auf -die Kardinäle niederträufelten. Ich war ein guter Katholik, und lange -schon erwachsen, habe ich noch Peterspfennige gegeben von Herzen gern. --- Und heute -- kann ich an dieser Stätte nicht beten ... - -Auf einer Marmortafel an der Wand prangen die Namen der Bischöfe und -Kardinäle, die im Konzil 1870 für die Unfehlbarkeit gestimmt hatten. - -Aus einer Seitenkapelle erscholl der Chorgesang einer Priesterschar. -Ich trat hin, um zu sehen; es waren Domherren in Purpur; nur wenige, -die jüngeren, blickten mit gefalteten Händen inbrünstig auf zu dem -Bilde der gekrönten Himmelskönigin mit dem Kinde; die anderen ließen -ihre Hände und Augen und wohl auch die Gedanken herumschweifen, wo sie -wollten. Andere, vielleicht fremde Priester, aus weiten Landen kommend, -durchschreiten feierlich die Kirche und knien andächtig hin vor den -Lichterkranz des Hauptaltars und -- weinen. - -Und wieder andere -- wohl Laien im Chorrock -- huschen geschäftig hin -und her, lächelnd sich jedem untertänig als Cicerone anbietend, gar -zuweilen mit einer Opferbüchse schellend, die sie unter dem Rocke -verborgen halten. Das sind die Hausfliegen der Peterskirche. - -Über all' den Zeremonien und Gegenständen der Weihe, der Kunst, über -all' den Menschen, die gekommen sind aus fernen Landen, um die hier -bewahrten Schätze und Herrlichkeiten und Gnadenquellen zu schauen und -zu genießen, waltet in der Kirche ein ewiger Werktag. In Seitenkapellen -arbeiten Steinmetze, an Altären klettern abstaubende und dekorierende -Diener herum, auf Gerüsten hämmern Maurer und Zimmerleute, in Nischen -und Winkeln klopft und scharrt der Schlosser. Es wird ewig gebaut und -ausgebessert, es herrscht ein ewiger Stoffwechsel an dem Baue, sowie -überall auch in der Natur. - -Die Gerüste für Reparaturen stehen auf Rädern, daß sie bequem von einer -Stelle zur andern geschoben werden können. Auch zur Fortschaffung -des Kehrichts sind eigene Wägelchen; der Bauer wird ungläubig den -Kopf schütteln, wenn ich ihm sage: In der Peterskirche fahren die -Mistkarren herum, wie auf deinem Rübenacker. - -Und trotz all' diesen verschiedenen Dingen herrscht eine gewisse Ruhe -in den Räumen und fortan künden es die riesigen Buchstaben oben rings -der Kuppel: ~Tu es Petrus etc.~ - -Wer die Größe des Baues noch nicht glaubt, der steige auf das Dach und -wandle zwischen den Tonnengewölben und Giebeldächern und den sechs -Kuppeln und den Laternen, wie in einer Stadt von Kirchen und Plätzen -mit Springbrunnen sogar -- und besteige den gewaltigen Koloß der großen -Kuppel und halte Aussicht von der Laterne über Rom, in das Sabiner und -Albaner Gebirge, in die Abruzzen und auf das Mittelländische Meer. Und -mag er gar hinaufklettern bis zum »goldenen Knopf«, so wird er sich -sagen: »Tanzen? Sieben Hochzeitspaare?« -- - -Dann aber, Freund, wenn du herabsteigst, durchwandere nochmals die -Kirche und labe dich an der Schönheit, Erhabenheit, ehe du von dannen -ziehst. Du magst durch alle Länder der Erde reisen, alle großen Städte -durchforschen, einen solchen Tempel wirst du nimmer finden. Hier, in -dem Dome und im Vatikan hast du der Baumeister und Bildner größte Werke -gesehen; hier bist du auf der Höhe und an der Grenze der menschlichen -Kunst. Höher kann die Flamme des Genius nicht mehr lodern -- der Atem -Gottes bläst sie aus. - -Einen Monat später war ich wieder in meiner kleinen, stillen Dorfkirche -und fühlte die Nähe des Herrn. - - - - -In den Ruinen von Pompeji. - -1872. - - -Eine große Vorwelt ist versunken -- hat nichts zurückgelassen, als -hier ein Marmorstück, dort ein Erzgebilde, anderswo ein eingegrabenes -Zeichen, das wir nicht verstehen können. Und die Tradition, entstellt, -durch die Phantasie verzerrt, lautet weiß Gott, wie anders als die -Wahrheit! -- Wie's immer sei, viel zu wenig Buchstaben für uns, als -daß wir lesen könnten. Wir kennen das öffentliche Leben der Römer, wir -kennen ihre Verfassung, ihre Gesetzgebung, ihre Kriege. Wir fanden hie -und da eine Spur ihrer Priester, ein Lied, ein Buch ihrer Dichter. -Das ist schier alles. Es war eine Zeit, die verständnislos wie eine -Stubenmagd mit dem Besen alles wegfegte und verwischte, was dargestellt -war. - -Zum Glück nahm sich die Mutter Erde an und verbarg vor der Vernichterin -ein Stück Altertum in ihren Schoß, um es uns, der forschenden Nachwelt, -aufzubewahren. - -Pompeji und Herkulanum -- ich wüßte nicht, daß sie die latinischen -Sodom und Gomorrha waren -- und doch kam Feuer und Schwefel von oben. - -Eine andere Absicht mußte es sein, als nach Christi Geburt 79 die -Gewalten des Vesuv zu wüten begannen, die Lava wild qualmend bei Tag -und hell erglühend in den Nächten niederströmte zu den Wohnungen der -Menschen, und der Aschenregen und der Bimssteinschauer die Städte -begrub. - -Damals lag Pompeji hart am Meere, das seitdem zurückgewichen ist; es -mag ein wesentlicher Stapelplatz für die weiter einwärts gelegenen -Ortschaften gewesen sein. Sechzehn Jahre vor der Verschüttung ist die -Stadt durch ein Erdbeben halb zerstört worden. Die damaligen Christen -glaubten, diese Zerstörungen seien eine Strafe des Himmels gewesen für -die Christenverfolgungen, die unter den damaligen römischen Kaisern -stattgefunden hatten, und für den Martertod der zu Rom hingerichteten -Apostel Petrus und Paulus. - -Authentische Aufzeichnungen des schrecklichen Vesuvausbruches im Jahre -79 liegen nicht vor. Das Unheil war eben begraben in sich selbst -- -und die Lavamassen lagen starr und verschwiegen über der Todesstätte. -Pompeji mochte an Ausdehnung die Größe der Stadt Linz gehabt haben; -Einwohner werden weniger gewesen sein, da die Bauten bei weitem nicht -so groß waren, als das in den heutigen Städten der Fall ist. - -Vielleicht stand auf dem ungeheueren Grabe noch lange Jahre hindurch -da und dort ein Turm, eine Zinne hervor, wer kümmerte sich darum? -Der Landmann baute seine Felder und Weingärten darüber; Feigen und -Maulbeerbäume und Pinien und der ganze Wald des Südens wuchs darauf, -und Landhäuser und Dörfer wurden, und der Vesuv schlummerte, und der -kantige Gebirgswall von Sorento bis Palma hielt Wache und schloß es -ein, das schöne, stille, fruchtbare Tal, und der klare Sarno rieselte -dahin und ins Meer, Jahrhunderte und Jahrhunderte lang -- und Pompeji -und Herkulanum waren vergessen. - -Siebzehnhundert Jahre zogen dahin, bis das forschende Geschlecht -herankam aus dem Norden; da enthüllte die Mutter Erde ihren verwahrten -Schatz und zeigte der neuen Zeit die alten Römer, nicht wie sie -herrschten auf dem Tribunal, nicht wie sie rangen auf dem Felde oder -in der Arena, sondern wie sie lebten in ihrem Hause, in der Familie. -Das war ein ganz neues Blatt in der römischen Geschichte und vielleicht -wichtiger, wie manch' anderes. - -Im Jahre 1748 ließ Karl III. von Neapel auf den ungeheuren Aschenhügeln -Pompejis den ersten Spatenstich tun, doch erst in neuester Zeit haben -die Ausgrabungen einen solchen Fortgang genommen, daß heute das reinste -und klarste Bild der Stadt -- getreu bis auf das Nachtlämplein und -das Stückchen Mosaik -- bis auf die Knochen der Bewohner -- vor uns -daliegt. Die begrabene Stadt starrt uns an, wie ein unerlöstes Gerippe, -das nicht zerfallen darf, weil es Zeugnis geben muß. - -Der Weg von Neapel, zwischen den sonnigen Fluten des Meeres und den -unterirdischen Gluten des Vesuv hin, bereitet würdig auf Großes vor. -Er führt über Lava und Ruinen: aber mitten in den Ruinen prangen -Gärten. Und da stehen zwischen dem schwarzgrauen Gemäuer Brunnen, an -denen Esel Wasser emportreiben, und Weinlauben, unter welchen Hüter -und Eseltreiber und Ciceroni auf dem Rücken liegen und auf die Feigen -und Trauben warten, die ihnen ja, wenn heute nicht, so morgen in -den Mund fallen müssen. Wir gehen über Herkulanum, aber diese Stadt -ist nicht ausgegraben, doch sind neue, blühende Ortschaften aus ihr -hervorgewachsen. Zwischen den Ruinen selbst prangt die in Italien -allgegenwärtige Gartenkultur, und da stehen Villen; und manches Haus -ist aus Lava gebaut, mit Lava gedeckt, aber trotzig bleibt es stehen, -bis etwa eines Tages neues Baumaterial von den Höhen des unheimlichen -Berges niederschießt. - -Der Weg verläßt das Meer, biegt links in das Tal, wohl ein wenig -abseits von dem ewig drohenden Vesuv. Man sieht es aber dem stillen, -wie träumenden Gesellen nicht an, daß er die Hölle im Herzen trägt, -daß er imstande ist, das halbe Tyrrhenische Meer zu beleuchten und das -ganze südliche Italien mit Asche zu bestreuen. Aber die Menschlein -sind zutraulich und streicheln den schlummernden Löwen und krabbeln an -ihm hinauf mit ihren Häusern und Gärten. Und plötzlich wird er wach. - -Hier, von Pompeji ein Erdwall, durch den eine gewölbte Pforte führt. -Wie durch ein Friedhofstor gehen wir hinein und stehen in der zugrunde -gegangenen Stadt. - -Neapel und Pompeji. Dort das tolle, übermütige rasende Leben, die alles -bewegenden Leidenschaftskämpfe von vierhunderttausend Menschen; hier -- -alles vorüber. Die Geschichte dieser Stätte ist erfüllt -- tretet leise -auf die Steinplatten, störet den Frieden der Ewigkeit nicht! - -An dem, was in Pompejis Ruinen am bedeutendsten scheint, am Forum, -an den Tempeln, an den Theatern, ging ich nach kurzer Besichtigung -vorüber. Ich wandelte durch die geraden Gassen, deren mächtige, -unregelmäßige Pflasterblöcke aus Lava noch die Furchen der Räder -zeigen, und ich ging in die Häuser, die sich nicht auszeichneten, wo -aber die Menschen gelebt, geliebt, gehaßt haben, gestorben sind. Auf -Wandgemälden ließ ich meine Augen gern ruhen, die voreinstigen Bewohner -taten's ja wohl auch -- es waren hier schöne Gestalten dargestellt auf -dunkelrotem Grunde; und ich fragte die Mosaikkörnchen auf den Fußböden, -ob sie nicht Kunde wüßten von Haus und Heim des alten Geschlechtes. -Aber Kunde hiervon geben nur Inschriften, Statuen, Hausgeräte, -Schmuckgegenstände, Särge usw. im Museum zu Neapel. Diese Räume sind -leer; all' das Wiedergefundene ist im Museum aufbewahrt; schier ganz -Pompeji ist uns wieder geworden; den Sarg und die Vasen und den -Todesschmuck hat das Grab gegeben, nur den Menschen nicht. Was wir hier -sehen, ausgegrabene Buchstaben sind es nur eines versunkenen Blattes -der Weltgeschichte, aber sie sind nicht blutbefleckt, wie die Ruinen -der Kaiserpaläste in Rom -- ein stilles Willkommen rufen sie uns zu -und laden uns ein in das Haus des römischen Bürgers. - -Die Häuser sind niedrig und dachlos, aber die Mauern sind noch gut -erhalten oder ausgebessert. Hie und da führen enge Steintreppen empor -zu dem Dachraum. Spuren von Feuerherden, Bettstätten, Hausaltären -finden sich, noch mit Götterbildern versehen, aber viel häufiger die -Vertiefungen der Bäder mit Säulengängen ringsherum. Das Bad ist den -Römern der Mittelpunkt der Genüsse gewesen. Die engen, niedrigen Türen -haben bequeme Antrittssteine und sind noch mit Holzpfosten eingelegt. -Sehr spärlich sind die Fenster, sie gehen in den Hofraum; und es muß, -wenn der Hausvater so bei den Seinen saß (das scheint aber nicht -gar oft geschehen zu sein), sicherlich die heilige Vestaflamme, das -Herdfeuer, allein gewesen sein, welches den Raum erhellt hat. - -Wenn auch die malerische Ausschmückung der Wände, der bunte -Stucküberzug der Säulen, die Muschelmosaik der Altäre, Bäder und -Fußböden überall mannigfaltig ist, so sind doch, außer den öffentlichen -Gebäuden, die Häuser und inneren Räume ziemlich einförmig. Sollten -sie nach tausend Jahren etwa Neapel einmal aus der Asche des Vesuv -hervorgraben, so wird es hierin weit mehr zu staunen geben. - -Die Verschüttung Pompejis kann nicht plötzlich vor sich gegangen sein, -sie mag stunden-, ja tagelang gedauert haben, und doch hat man in den -Ruinen Hunderte von Leichen gefunden. Sie wollten sich nicht trennen -von ihren Wohnstätten, oder waren krank, bresthaft, gefangen und wurden -vergessen, oder sie haben in Rauch und Staub den Ausweg nicht gefunden -und sind erstickt. Erwürgt und verscharrt von der Natur werden sie nach -langer Grabesruh' zum Tageslicht erhoben. -- Wie ehedem leuchtet wieder -die Sonne, wogt das Meer, droht der Vesuv. Es ist dieselbe Welt wie -einst -- die Natur ist nicht älter geworden; Millionen sind geboren, -gestorben -- aber das Menschengeschlecht ist noch jung und bereitet -sich vor für künftige Jahrtausende. - -Ein kleines Mädchen, wahrscheinlich das Kind eines Aufsehers, spielte -in einem dieser stillen Hofräume mit bunten Steinchen. Es baute sich -damit eine Pyramide und klatschte in die Händchen, als sie fertig war. -Die Abendsonne fiel schief in das Gemäuer, färbte die Wände und Säulen -rot, färbte des Kindes Antlitz rot und die Äuglein glühten in Freude. -Da dachte ich: Schicksal, du hast hier Menschen und Menschenwerke -vernichtet, das war unsäglich Jammer und Not. Gut denn, es ist vorüber, -aber warum fängst du mit diesem Kinde von Neuem wieder an? - -Über das Gemäuer sah ich den bläulichen Vesuv ragen; violett war er in -dem Abendsonnenäther, als es in den Ruinen schon zu dunkeln begann. Ein -braunes, leichtes Bändchen schwebte über dem Kegel, und löste sich auf -in den Lüften, und zog immer wieder nach, so sanft und mild, wie zur -Winterszeit ein Hauch aus warmer Brust. - -Der Abend lag über der zerstörten Stadt, der Halbmond hing darüber. Ich -war allein in den weitläufigen Ruinen. Einen Hügel stieg ich hinan, -der noch große Teile Pompejis birgt und da lag ich stundenlang auf -einem Stein und träumte. Jeremias sang Klagelieder auf den Trümmern -Jerusalems. Was sollte ich klagen? Lieber fragen. -- Mir war Welt und -Menschheit wie ein Fragezeichen. - -Es war eine stille, milde Nacht; nur von dem Meeresufer wehte das -Anprallen der Wellen an das Gestein leise herüber. Die Wölklein über -dem Kegel des dunklen Vesuv waren ein wenig gerötet. Das Tal schwieg; -in dem Gemäuer löste sich zuweilen ein Steinchen und bröckelte -nieder ... - -So weit ist meine Wanderschaft gegangen, daß ich zu einer Stadt -gekommen bin, auf deren Hauptstraßen bestaubte Gräser wuchern, und über -deren Forum das Eidechschen schleicht. -- - -Und als der Wanderer diese seltsame Stätte, dieses stumme, eherne -Traumbild gesehen, da lenkte er seine Schritte wieder der nordischen -Heimat zu. - -Der Mond sank nieder zum Meere und zog einen glänzenden Streifen über -das Gewässer gegen das Auge. Noch einmal warf er seinen erblassenden -Strahl auf die bleichen Felsen von Sorrent, auf den finsteren Vesuv, -auf die Ruinenstadt. Dann spielte er mit den zitternden Wellen des -Meeres und stand auf der Linie des Horizontes wie ein goldenes -Schifflein. - -Da -- ehe der Halbmond noch versank in dem Gewässer, -- war ein -schwarzes Täfelchen in ihm. Es war wohl das Segel eines fernen Schiffes. - -Endlich versank die Leuchte langsam -- nur noch ein Spitzchen, nur noch -ein Sternchen blieb zurück, dann verlosch auch dieses in den Fluten. - -Das Segelschiff aber trieb -- Gott schütze seinen Lauf! -- in tiefer -Nacht auf weiten Wassern, und Friede war über den Ruinen. - - - - -Auf den Wassern. - - -I. - -Da ich noch Kind gewesen, war es unser rieselnder Hausbrunnen, dem -ich mein Fingerlein hinhalten mußte, daß es naß werde. Da ich ein -Knabe gewesen, war es das klare Bächlein, in das ich mein kleines -Flügelrädchen hineinbaute und aus dem ich die Forelle zog, um sie -wieder hineingleiten zu lassen. Da ich ein wandernder Junge gewesen, -bin ich am Bächlein entlang gezogen, bis es ein Bach ward, und dem -Bache, bis er zum Flusse wuchs; und ins Himmelsgewölbe schaute ich -hin, dort wo es in sonnigem Äther niederging über die Ebene, und -dachte: Jene Lüfte, jene fernen Wölklein stehen über dem Donaustrom. --- Über hohe Stege, über lange Brücken zu gehen, rauschende Wehren, -brausende Wasserfälle mit ihrem weißen Schäumen und ihrem Wasserstaub -zu sehen, welch eine Lust! Da lag der Fluß glatt wie ein See, dunkel -zwischen Weiden auf der Ebene hin und hin; dort rieselte er in -kräuselnden Wellen leicht am Sande des Ufers spielend oder wallte über -schwarzgrünen Tiefen still und wuchtig dahin. Und wieder in Engtälern -zwang er sich brausend und gischtend zwischen Wänden und Felsblöcken -fort. Damals fiel es mir auf, daß ein rasch fallender Fluß weniger -wasserreich erscheint, als ein still dahinfließender von der gleichen -Größe. - -Dann die Seen im Gebirge mit ihrem Wogenschlag am Ufer, mit ihren -sagenreichen Tiefen und mit ihren Fahrzeugen! Als ich auf solchem See -das erste Segelschifflein sah, wunderte ich mich überaus, daß solche -Dinge, wie man sie nur in Bildern so oft gesehen, tatsächlich in der -Welt vorkämen und daß ich vor einem derselben stand. - -Meine Lebenssonne stieg schon empor gegen den heißen Zenit, ich -hatte schon Stürme erfahren, äußere und innere, ich war schon Sünder -und Büßer gewesen -- als ich zum erstenmal das Meer sah. Es war das -adriatische. Ich fühlte mich im ersten Augenblick schier ein wenig -enttäuscht, so wie es mir stets bei allem Großen ergangen ist, zu -welchem eine ausschweifende Phantasie im vornherein die Vorstellung -gefälscht hatte. Zum zweitenmal sah ich das Meer in der ernsten, -düster bewegten Ostsee. Es war eine grollende Ödnis über derselben, -eine nordische Ossianstimmung. Zum drittenmal sah ich das Meer in der -Nordsee. Dort nahm ich es mit ihm auf. Es trug mich hinaus, daß ich -kein Land mehr sah und kein Schiff außer dem meinen, nichts als das -hohe wogende grüne Meer unter unendlichem Himmel. Es ist ein Vorwitz, -dachte ich mir damals, daß der Mensch mit seiner zuckenden Nußschale -sich dieser unermeßlichen Gewalt hingibt. Es waren drei große Tage -und Nächte für mich, so auf dem leibhaftigen Tode dahinzugleiten und -ich fühlte, wie es doch lächerlich ist, ein Menschlein zu sein und zu -wähnen, daß man die Welt beherrsche. Aber der Menschlein Mut rührt die -Götter oder macht ihnen Spaß, und +freiwillig+ gibt die See das Schiff -zurück. - -Zum viertenmal sah ich das Meer im sonnigen Süden von Genua und in -Neapel. Das mittelländische, es ist das freundlichste, auf dem noch der -Hauch der klassischen Schönheit zu schweben scheint. - -Seither hat mich die Sehnsucht nach dem Meere nicht mehr verlassen; ja -in dem Maße, als mir das Geschick die Hochgebirgswelt versagt, steigert -sich mein Hang zum Meere. Andere wallfahrten nach den Gletschern des -Glockners, ich zur Küste von Miramare. - -Schon die Fahrt dahin macht Stimmung. Da löst man sich mählich los von -den grünen Bergen der Steiermark; es kommt die unterländische Ebene -mit ihren saftigen Wiesen, in der Ferne Weinberge. Durch ein fast -wildes, schattenreiches Gebirge fährt man ins Land der Krainer; wir -gleiten über die Laibacher Ebene, in welche die weißen Steiner Alpen -herableuchten. Dann kommt der Karst. Eine Mondlandschaft mit Schründen, -kahlen Bergen und kraterartigen Vertiefungen. Diese Vertiefungen -entstanden, als die Oberfläche hinabsank in die Höhlen. Keine -geschlossenen Felsen hier, sondern eine endlose Wüste von losen, grauen -Steinen, jeder malerisch für sich, jeder im Mondscheine wie beschneit -erglänzend zwischen scharfen Schatten. Die Bora hat sie blosgewühlt und -den Erdstaub dahingeweht. Hunderte von Äckerlein, Wieslein und kleinen -Weiden sind mit hohen Steinmauern eingerandet, zu sehen wie Kirchhöfe -in armen Heidedörfern. Dort und da ein Strauch, eine verkümmerte Eiche. -In den Mulden und Schluchten stehen kleine Dörfer nach italienischer -Bauart, mitten in Weinreben, und darüberhin ziehen sich streckenweise -die hölzernen Schutzwände der Eisenbahn gegen Schneewehen. Der Süden -und der Norden streiten hier auf dem Karst um die Herrschaft. Der -Süden ist zurückgedrängt worden vielleicht zur Zeit, als die Veneter -in dieser Gegend die Piloten holten zu ihrer Wasserstadt. In neuer -Zeit scheint der Norden wieder weichen zu müssen; denn man ist daran, -den Karst aufzuforsten, wovon schon heute stellenweise so erfreuliche -Anfänge zu sehen sind, daß Triestiner behaupten, man merke bereits die -Zähmung der Bora. - -Auf dem ganzen Karst hat der Reisende das Gefühl, als ob ihn die -Eisenbahn über das ungeheure Plateau eines hohen Gebirges dahintrage. -Bei Nabresina erreicht die Steinwüste den höchsten Grad, da biegt sich -die Bahn nach links, geht durch einen Felseinschnitt, wie es deren -auf der Strecke zahlreiche gibt, und der Blick des Reisenden fliegt -plötzlich wie befreit hinaus in eine unabsehbare graue Ebene, dort -und da der lichte Punkt eines Gebäudes. Das adriatische Meer. So nahe -ist es da, daß man meint, es mit einem Steinwurf erreichen zu können. -Aber es ist tiefer unten, als es scheint, so tief, daß es uns auch in -bewegtem Zustande wie eine glatte ruhige Fläche daliegt. Die lichten -Punkte in der Ferne sind freilich Gebäude, aber schwimmende. - -Der Gegensatz, aus der Steinstarrnis so jäh vor die weichen, ewig -lebendigen Wässer versetzt zu sein, wirkt, und den möchte ich kennen, -der, zum erstenmal das Meer sehend, in diesem Augenblick nicht eine -Aufwallung seines Wesens verspürte, nicht ein Feuchtes in seinem Auge --- die Träne am Meere. - -Miramare heißt das Schloß, das dort unten aus der Landzunge scharf -am Rande steht, mit seinen weißen Zinnen einsam und melancholisch -hinausschaut auf das Meer. -- Miramare heißt es. Den Namen hat ihm der -gegeben, um den es trauern wird, bis dereinst der letzte Stein auf ihm -niedersinkt in die Flut. -- - -Links von diesem Bilde, im Hintergrunde, wo sich das Meer einbuchtet, -liegt im stattlichen Halbkreise das stolze Triest. - -Aus dem Bahnhofe von Triest tretend, steht man am Hafen. Fast -erschrickt die Landratte vor den Ungeheuern der Dreimaster, die mit -ihren turmhohen Stämmen und gekreuzten Takelwerken geisterhaft vor -ihr stehen. Vielleicht ist sie eine mathematiklustige Natur und will -die Dampfer und Segelschiffe alle zählen, die bis zum Leuchtturme -hin im Hafen liegen. Ja, die Landratte wird dieses Unternehmens bald -müde sein. Das ganze buntbewegte, laute Hafenleben stockitalienischen -Charakters betäubt sie. -- Plötzlich versetzt in eine neue Welt! Da -verliert mancher den Kopf, mancher nur den Hut, den ihm die Borina -tückisch vom Haupte reißt und ins Meer hinauswirft. Schon gleitet ein -Nachen hin, sich gelenkig windend zwischen Kähnen, Ankerfesten, unter -den schwarzen Bäuchen der großen Schiffe am Molo und bald überreicht -der Matrose, heitere Worte hell in welscher Sprache rufend, den Hut, -ewig höflich und ewig unzufrieden mit der Gabe, die man ihm reicht. Den -Hut setzt man auf und denkt: er wird schon wieder trocken. Trocken wird -er und hat eine graue Kruste -- vom Salz des Meeres. Das alles macht -der Landratte unendlich viel Spaß. - -Ganz eigentümlich angenehm berührt mich am Meeresstrande allemal der -Gedanke, daß man hier im Vorhofe aller Weltteile sei, gleichsam in der -Vorhalle zu Alexandrien, Neuyork, San Franzisko, Kalkutta. Schon im -Hochgebirge streift sich der kleine persönliche Egoismus ab; auf dem -Meere löst sich auch der große, nationale auf -- das Herz weitet sich -kosmopolitisch, befreit sich. - -Darum hat sich der russische Kriegsdampfer so patzig ausgenommen, der -an jenem Tage, als ich in Triest war, mit Kanonengebumme in den Hafen -einlief. Solcher Seevagabunden schürfeln viele auf dem Mittelmeere -herum, auch Haifische, wovon vor wenigen Jahren einer nach Triest kam -und jenem im Meere badenden Mann den Fuß wegbiß. Der Angefallene wurde -vor dem Ungeheuer noch gerettet, verfiel aber vor Schreck und Grausen -in einen Starrkrampf, an dem er nach wenigen Stunden gestorben ist. - -Ich pachtete mir einen kleinen Segler und zwei Matrosen und gebärdete -mich wie ein Schiffskapitän, der eine Reise um die Welt unternimmt. -Dabei Erinnerung an meine Heldentat im Meerbusen von Sorrent. Als -mich dort vor Jahren mein Jollenführer aufs hohe Meer hinausgerudert -hatte, begehrte er das Dreifache der von uns früher genau und fest -vereinbarten Löhnung. Da ich nicht darauf einging, drohte er, mich -nimmer ans Ufer führen zu wollen. Ich konnte mich mit dem Manne auf -italienisch nicht anders verständigen, als daß ich zornig den Arm -erhob und mit einem echt steierischen: »Himmelsaggra, Kerl, ih hau -dir ani aba!« mir mein gutes Recht verschaffte. Ja, ja, wer steirisch -spricht! ... »Hau dir ani aba!« ist Volapük. Mit der richtigen Gebärde -allgemein verständlich. - -Meine Herren Matrosen hier in Triest aber kreuzten im Hafen, über -dessen Spiegel der Wind dort und da kräuselnden Schaum aufhobelte. -Sie waren nicht hinauszubringen auf die hohe See, auf der die weißen -Gischten sprangen. Sie könnten der heftigen Bora wegen nicht mehr -zurück. -- Wer sagt, daß ich zurück will? Ihr bekommt für die Stunde -einen Gulden, ob wir nun nach Miramare segeln oder nach Sidney. -- -Hierauf ging's hinaus. Der Wind pfiff im Segel und die dunkelgrünen -Wasser wogten in bauchigen Wellen und scharfen Kämmen und gebärdeten -sich wütend gegen unser armes Schifflein, dessen Bord zu einer Seite -schier unter Wasser tauchen wollte, so sehr wir die entgegengesetzte -Seite mit unserem irdischen Gewichte zu beschweren suchten. Die -Matrosen waren stets mit ihren Ruderstangen, mit den Segeltauen -beschäftigt und hereinspritzender Gischt und Schweiß rann ihnen vom -braunen Gesicht. Mitunter stießen sie einen Ruf aus, der im Brausen -nicht gehört wurde. Ich stemmte mich mit den Füßen stramm gegen die -tiefgehende Wand und schaute hinaus. Eine anspringende Welle schlug mir -die Brille von der Nase, was auch ganz gut war, denn sie war schon sehr -stark mit Salzkrusten belegt, daß ich damit nichts mehr gesehen hatte. - -Der Karst lag bereits in grauer Ferne, durch welche Triest in -unbestimmten Umrissen, wie ein gelblichweißer Steinhaufen, schimmerte. -Vor mir lag die ungeheure Anhöhe des Meeres. Es zeigt sich nicht wie -eine ebene Fläche, sondern wie eine schwellende Höhung, üppig und -fessellos, als überflute es sich selbst immer und überall. Auf Landseen -frägt man sich manchmal nach der Tiefe oder Untiefe des Grundes. Auf -dem Meere denkt man nicht mehr daran, denkt nicht an Berg und Tal da -unten, nicht an das Gold, nicht an die Schiffstrümmer und Gebeine, die -unten ruhen mögen, denkt auch nicht an die Ungeheuer des Tierreiches, -die im Innern des Gewässers herrschen. So ganz nehmen die Erscheinungen -der Oberfläche den Neuling gefangen. - -Es gibt wahrscheinlich Leute, die sich das Meer unter dem sonnigen -Tage licht und glitzernd denken als durchsichtiges Wasser, spiegelnd -wie Kristall, blendend für das Auge und am Horizont mit dem Himmel -allmählich sich verwebend, wie der ferne Gesichtskreis in einer -Landschaft. Das Meer ist anders. Es ist dunkel und glanzlos, in -einem tiefgesättigten Grau, Blau oder Grün, auf welchem sich die -weißen Schaumfetzen schuppenartig und zuckend abheben. Die auch bei -stürmischer See schnurgerade und ruhige Linie des Horizontes ist -scharf geschnitten, unten das dunkle Gewässer, oben der lichte Himmel. -Unbegrenzt und doch die Grenze scharf vor dem Auge. Dieses ungeübte -Auge weiß auf dem hohen Meere aber nicht, ist die Gesichtsgrenze wenige -Stunden oder viele Meilen weit entfernt, es ist immer, als ob eine nahe -Wasserhöhe die natürliche Sehweite einengte. Erst wenn in der Kimmung -ein Schiff auftaucht, gewinnt man einen Maßstab für die weite Fläche, -die man überblickt. Wenn etwa zur Mittagszeit draußen auf der Schneide -ein kleiner Punkt erscheint, so hat man am Nachmittag wohl allmählich -die Gestalt eines Segelschiffes vor sich, aber erst am Abend steht es -uns so nahe gegenüber, daß man die Einzelheiten seines vielgliederigen -Takelwerkes erkennen kann. Ein andermal vermeint man das schimmernde -Segel eines Fischerkahnes zu sehen, aber plötzlich fliegt es in die -Lüfte auf, eine Seemöve ist's, wie diese Vögel ja des Menschen treue -Begleiter sind auf den Wassern, weil von den Ablagerungen der Schiffe -oder von der Beute derselben manches für sie ausfällt. - -Wunder nimmt die ewige Reinheit des Meeres. Was fließt nicht alles -da zusammen, welche Abfälle von den großen schmutzigen Seestädten, -von den tausenderlei Fahrzeugen, welch ein Wust von Dingen, die weder -untergehen, noch sich auflösen können, wird ins Meer geworfen. Nichts -von all dem ist zu sehen, selbst in den Häfen nicht. Seit vielen -tausend Jahren gleitet die schmutzige Geschichte der Menschheit -millionenfach über die Meere -- sie müßten Jauche geworden sein. -- Das -Meer ist rein wie am Tage der Schöpfung. Dieselbe, ewig menschliche -Spur verzehrende, reinigende Kraft wie im Walde, wie in der Luft, ist -auch im Meere. Nichts, gar nichts haben die Geschlechter, die Völker -dem Meere anhaben können, es ist heute, wie es vor dem Menschen war. - -Der Sonnenstern vermag tagsüber das Meer nicht zu durchdringen, es -bleibt selbst unter heiterem Himmel immer eine gewisse Dämmerung -darüber ausgegossen. Erst mit dem Untergange der Sonne zeigt sich ein -helleres Licht und Farbenspiel. Die Sonne wird röter, je tiefer sie -sinkt, und fast am Rande des Meeres angelangt, ist ihre untere Hälfte -matt und dunkelglühend, während die obere noch heller leuchtet. Dadurch -erscheint die Scheibe wie eine von oben her beleuchtete Kugel. Dieser -glühende Ballen taucht nun in weit größerer Gestalt, als er je am -Zenite gestanden, ins Meer; es ist einem, als müsse man das Zischen -hören, wenn die Sonne hineinsinkt. Das Meer, in welches sie taucht, ist -schwarz wie Tinte, es widerspiegelt nichts, nur die Wellen, die unser -Schiff umgeben, haben einen flüchtigen Perlmutterglanz. Noch sieht man -der Sonnenscheibe Hälfte, sie ist glanzlos, als sauge sie sich bereits -an Wasser voll. Endlich ist nur mehr der oberste Rand da -- man könnte -meinen, am Horizont stehe ein brennendes Schiff; der letzte lodernde -Punkt verzuckt -- dann ist alles verloschen. Auf den Gewässern ist es -ruhiger geworden, keine Bora mehr, kaum eine leichte Brise, das Wogen -der Wellen ist ein Wiegen geworden. -- - -Kehren wir um. Die Sterne des Himmels müssen den Weg weisen, bis das -drehbare Licht des Triester Leuchtturmes uns begrüßt. Allmählich -taucht auch das Geflimmer der Stadt auf, die Signallichter der Masten -und endlich sehen wir die zickzackigen Streifen der sich im Wasser -spiegelnden Laternen des Molo. - -Das kleine geschäftige Treiben der Menschen ist sehr possierlich nach -einem solchen Versunkensein in der großen Natur. Und noch possierlicher -ist es, daß man sich alsbald auch selber wieder hineinmischt, mit einer -Wichtigtuerei, als hänge das Heil der Welt ab von unserem alltäglichen -Hasten. Unser eigenes hängt freilich ab von diesem Kampf ums Dasein; -wenn das Dasein doch nur mehr solche Momente hätte, als ich erlebt da -draußen auf See in der sanften Gewalt Gottes. - - -II. - -Abbazia! Schon das Wort klingt wie der Gesang eines tropischen Vogels. -Wo liegt dieses Abbazia? - -Dem Wiener ist es spielend leicht zu erreichen, er schläft sich -einfach hinüber. An einem Spätabende läßt er sich auf dem Südbahnhof -ein Eisenbahngelaß aufsperren, zieht die Fenstervorhänge zu, macht sich -bequem, raucht noch ein paar Zigarren, legt sich dann hin und -- - -Nach einiger Zeit wird er wach, reibt den letzten Rest Duseligkeit aus -den Augen, streckt sich und sagt: »Ah, das war ein köstlicher Schlaf! --- Wo sind wir denn schon?« Er zieht die Vorhänge auf: Ah! - -Hesperien im Morgensonnenschein! - -Der Eisenbahnzug steht hoch an einem Ausläufer des Karst in der Station -Mattuglie. Steil und größtenteils kahl stürzen die kalkfelsigen Berge -ab und unten liegt blauend das Meer. - -Es ist die Bucht von Fiume, die allerdings viele Ähnlichkeit mit einem -Binnensee hat, weil sie in der Ferne von mehreren langgestreckten -bergigen Inseln begrenzt wird. Nur rechts, am istrianischen Strande -entlang, öffnet sich eine Straße hinaus auf die freie hohe See. -Das ganze Bild ist ein südliches und erinnert an italienische und -spanische Küsten; Liebhaber des Orients mögen sich auch an die Buchten -Griechenlands, an den Strand von Palästina, an den Fuß des Libanons -versetzt fühlen. Die Höhen des Karstes und der kroatischen Alpen, -frei vom Meeresspiegel aufspringend, geben sich gar stolz und ihre -Schneegipfel schauen neugierig herab auf die immergrünen Lorbeer- und -Palmenhaine an der Küste. - -Dem Ankömmling wird gesagt, er habe von der Station Mattuglie aus mit -Wagen nach Abbazia vierzig Minuten zu fahren, und auch nicht länger -zu gehen. Bei der klaren kühlen Witterung wählt er das letztere. Mit -jedem Schritte, den er abwärts tut, steigert sich die Wärme der -Luft. Seine Umgebung sind graue, aus der Erde quellende Felsblöcke, -Steinfletze und dazwischen dort und da eine ärmliche Hütte aus -Quadern, Gärtlein mit Ölbäumen und Weinreben, und kleinen Wiesen, die -terrassenartig mit Rohsteinwällen oder festen Mauern eingefaßt sind. -So ähnelt mancher Gemüsegarten einem Gebäude, manche Ziegenweide einer -Festung. Da ist der Schafstall und die Hütte des Hirten massiv, wie -für die Weltgeschichte gemacht; und wenn das Schaf vom Steuereinzieher -davongetrieben wird und der Hirte auswandert und das Strohdach -einbricht, so stehen die Steinmauern so gut ihr Jahrhundert noch, als -bei uns daheim die Ruinen der Ritterburgen. In der Gegend sieht man -wohl Häuserruinen stehen; die Zeit hat hier ein armes Volk erdrückt. -Die neuesten Tage bauen an diesen Küsten Palast um Palast, aber -nicht für die Einheimischen, sondern für die Fremden, die in ihren -großen Städten müde geworden sind und sich hier am Meeresodem wieder -erfrischen wollen. - -Zu Füßen des Wanderers liegt nun hart am Meere der Flecken Voloska. -Slawisches und romanisches Wesen ist hier gemischt, ersteres wiegt -an Ausdehnung und Zahl vor, letzteres drückt aber der Gegend den -Charakter auf. (Zu erinnern, daß diese Aufsätze in den Achtzigerjahren -geschrieben worden sind.) Von Voloska aus links führt eine Kunststraße -nach dem nahen Fiume, rechts am Meere hin geht's nach Abazzia. Der -Weg ist kurz, bald stehen wir im Kurorte. Die im Hintergrunde sich -steil erhebenden Berge -- mit der Spitze des 1400 Meter aufsteigenden -Monte Maggiore -- sind unwirtlich und stellenweise armselig bestanden -mit Laubholz; sie lassen am Strande nur einen kümmerlichen Raum -für Menschen. Dieser Raum ist von einem immergrünen Wald von -Lorbeerbäumen, Palmen, Zedern und Sebengewächsen bestanden. Dem -entsprechend ist die Blumenwelt. Fast betäubt den Fremden anfangs -die weiche Luft und der üppige Duft. Es ist, als ob man in einem -ungeheuren Gewächshaus stünde, von dem für den Augenblick die Glaswände -und das Dach weggenommen worden. Und in diesen Wald hinein bauten -sie den Kurort Abbazia. Tiefschattige Haine, bunte Rasenplätze, -glatte Kieswege, wildes Gefelse und Ruinen von Bauernhütten wechseln -zwischen den Häusern; so sinkt die Fläche sanft zum Meere hin, wo -wildzerklüftete braune Steinwuchten und Klippen gegen die andonnernden -Wogen ihre Vormachst halten. Es ist wohl nicht zweifelhaft, wer am Ende -siegen wird, das weiche Wasser oder das harte Gestein. Dieses verliert -bei jedem Wellenschlag Atome, das Wasser zergischtet jede Sekunde und -ist doch ewig gesund. Aber bis der Strand dahingewaschen sein wird, -dazu hat's noch lange Zeit; da mag früher wohl ein großer weltberühmter -Kurort hier florieren und wieder aus der Mode kommen und verfallen, wie -die Wohnungen der früheren Ansiedler verfallen sind. - -Man setzt sich hin und kann stundenlang dem Spiele des Wassers zusehen. -Gerne treibt es -- und das ist bei gewöhnlicher Lebhaftigkeit sein -Gebaren -- in langgezogenen Wellen, wovon eine von der anderen etwa -zehn bis fünfzehn Meter entfernt ist, heran. Solch eine Welle macht -einen hohen glatten Rücken, durch den das Licht schimmert und sie wie -grünliches Eis erscheinen läßt. Nahe dem Strande begegnet ihr aber -eine von den Steinen zurückgeworfene Welle, über diese hinwegspringend -bricht sie sich in Gischt, fährt an den Strand, wo sie unbändig -emporwallt oder weiß aufspritzt, um dann wie ihre Vorfahren und -ihre Nachkommen zurückzusinken. An mehreren Punkten, besonders am -sogenannten Teufelsbrunnen sichtbar, rinnt das Meerwasser in mächtigen -Strömen durch Höhlungen in den Berg hinein, um an anderer Stelle wieder -hervorzubrechen. Dort und da gibt es badeschwammartig durchlöcherte -Steine, durch die das Wasser gurgelt und drängt, um auf der anderen -Seite stoßweise hervorzuspringen. Die Färbung des Meeres ist von -höchster Mannigfaltigkeit, hier kommt noch dazu die Schattierung von -den Inseln Veglia und Cherso, deren Berge besonders in den späten -Nachmittagsstunden in sanftem Veilchenblau herüberlachen. Freundlich -schimmert Fiume und Porto Re am Fuße des kroatischen Gebirges und im -südlichen Hintergrunde steigen die hohen weißen Bergzüge Dalmatiens -hoch in den Himmel empor. Mir fällt ein, der Blick auf dem Bodensee -gegen die Gletscher der Schweiz hin. Die Schönheit der See und die -Herrlichkeit der Alpen im Bilde vereinigt! - -Als drüben an der Riviera vor einiger Zeit das Erdbeben gewütet hatte, -kamen Flüchtlinge herüber nach Abbazia, das sich patriotischerweise -anschickt, die österreichische Riviera zu werden. Und man hat gefunden, -daß die Naturschönheit hüben jener von drüben nicht bloß in nichts -nachgibt, sondern sie sogar übertrifft. - -Dieses Asyl am Quarnero hat für uns seinen besonderen Wert. Wer den -nordischen Winter nicht liebt oder ihn der Gesundheit wegen fliehen -muß, und doch nicht ins ferne Ausland will, der schlafe sich also in -einer schönen Nacht hinab nach Abbazia. Im milden Hauche des grünen -Lorbeerhaines und im Angesichte des sommerlich sonnigen Meeres kann er -dort Christfest halten. - - -III. - -Da sitze ich auf dem luftigen Balkone des stattlichen Hospizes -Quisisana und treibe wieder Meerstudien. Der Palast steht in dem -immergrünen Walde, mit dessem Laube man die Unsterblichen ehrt. Zu -meinen Füßen ruht der Kurort und darüber hinaus dehnt sich das Meer. - -Ich liebe das Meer. Daß ich meinen Leib entkleide und in die laue -salzige Flut steige, ist recht gut, aber besser noch ist das andere: -ich bade im Meer mein Herz. - -Dann sinne ich nach über die Natur des Gewässers. Die Ostsee z. B. -hat in den Sommermonaten eine Wärme von 16--17 Graden Celsius, das -Mittelmeer von 22 bis 27 Graden, das Rote Meer, welches zwischen -heißen Wüstenländern liegt, hat sogar eine Wärme von 34 Graden, also -um etliche Grade wärmer, als ein gewöhnliches warmes Bad ist. Ebenso -verschieden ist der Salzgehalt der Teile des Weltmeeres. Die Ostsee hat -etwa ein viertel Prozent Kochsalz, während das Tote Meer zwanzigeinhalb -Prozent mißt. (Vielleicht kommt das von der Salzsäule, in die Frau Lot -bekanntlich in der Gegend dieses Meeres verwandelt worden ist, meinte -einer, der alles Salzbittere den Frauen zuschreibt.) Das Tote Meer, das -merkwürdigste Binnenmeer der Erde, hat auch ein so großes spezifisches -Gewicht, daß der Mensch darauf schwimmt wie ein Kork und bei dem besten -Willen nicht untergehen kann. Es ist das einzige Meer, welches fast -absolut klar ist und die Sonnenstrahlen wohl viel tiefer in sich läßt, -als der Ozean, in den das Licht nur neunzig Meter eindringt. Tiefer -unten herrscht absolute Finsternis. - -Überaus unterschiedlich ist das Auftreten der Ebbe und Flut; in der -Ostsee ist sie kaum zu merken, in unserem Mittelmeere unbedeutend, -hingegen kommt der tägliche Wechsel des Steigens und Fallens in den -südlichen Meeren in großem Maße vor. Die Tagesflut hat ihre Ursache -wohl in der Ausdehnbarkeit durch die Wärme? - -Die hervorragendste gute Eigenschaft der See, das Heilsamste, was die -See für uns hat, ist die Seeluft. Sie wirkt mehr als die See-, Sand- -und Schlammbäder, und zwar durch ihre Reinheit, ihre laue Feuchtigkeit, -ihren Salzgehalt. Aber sie muß von der See herkommen, nicht vom Lande. -Etliche Chemiker, die bekanntlich alles wissen und auch den Homunkel -gemacht haben, behaupten auf Grund ihrer sehr wissenschaftlichen -Untersuchungen, daß in der Seeluft keine Salzteile vorkämen. Der -simpelste Fischer oder Matrose, ja sogar der am Strande wandelnde -Landbewohner weiß das freilich anders, ja selbst auch, ohne mit dem -Wasser geradezu in Berührung zu kommen -- weil seine Lippen einen -salzigen Geschmack annehmen, in seinen Haaren sich Salzkristallchen -bilden. In Helgoland kann man es häufig bemerken, daß bei starken -Seewinden die Fenstergläser der höher gelegenen Häuser sich mit feinen -Salzkrusten überziehen. - -Der eigenartige Geruch der Seeluft, den manche als heilsam für den -Magen bezeichnen, soll von den faulenden oder verwesenden Stoffen aus -dem Tier- und Pflanzenreiche kommen, die das Wasser mit sich führt. Ob -solche für den, der sie einatmet, heilsam sind, das kann bejaht, aber -auch verneint werden, wie überhaupt alle Kultur- und Medizinmittel -von den einen bejaht, von den anderen verneint zu werden pflegen. Was -existiert denn überhaupt auf Erden, über das alle Leute der gleichen -Meinung wären? Die Wissenschaftler unter sich sind es so wenig als die -Laien. - -Ein Mensch, wird versichert, trinke täglich 10000 Liter Luft, da -kommen Teile, mit welchen sie etwa verunreinigt ist, schon in Betracht. -Wohltätig ist der Aufenthalt an der Küste, wohltätiger ist er auf -einer Insel, am wohltätigsten auf hohem Meere, auf dem die Luft fast -vollkommen rein ist. Es wird eine Zeit der schwimmenden Kurorte -kommen. Man wird Schiffe einrichten, die den Zweck haben, mit ihren -heilbedürftigen Insassen sich immer auf der See umherzutreiben. - -Nie und nirgends ist das Klima so gleichmäßig, als auf oder an dem -Meere, dort gibt es kühle Sommer und laue Winter. Wer sollte es denn -glauben, daß im nordischen Helgoland im Freien die Feige reift und die -Rose noch im Dezember blüht! Je glatter eine Fläche, je gleichmäßiger -die Temperatur, das gilt ja auch vom Lande. Je gegliederter ein Land -ist, je mehr Höhen und Tiefen es hat, je ungleichartiger im Winter und -Sommer, bei Tag und Nacht ist seine Luftwärme; ins Herz hinein tut es -mir weh, von euch, ihr lieben Alpen, sagen zu müssen, für Leute, die -eine schwache Brust haben, seid ihr kein guter Freund! Oder man müßte -immer auf euren höchsten Gipfeln leben, wo die Luft und Wärme auch eine -gleichmäßigere ist als in den Tälern. - -Nicht bloß die Engbrüstigen sollten ans Meer und aufs Meer, sondern -auch die Engherzigen. Der Egoist, der Habsüchtige, der Hoffärtige, sie -sollten einmal etliche Monate lang auf dem Ozean fahren, wo alles Größe -und Ewigkeit ist, wo es nichts gibt, nach dem die Hand des Menschen -begehrend sich ausstrecken kann, wo nichts sich ihm unterwirft, wo -die Elemente, wie sie eben in Laune sind, das menschliche Fahrzeug -als Spielzeug gebrauchen. Da ist's nichts mit der Übervorteilung -anderer, und die ganze Selbstsucht geht lediglich darauf hinaus, -doch nur mit heiler Haut wieder ans Trockene zu kommen. Ein kleines -Schiffsbrüchlein soll für verknöcherte Herzen ein besonders heilsames -Seebad sein; nicht bloß, daß man dabei beten lernt, man lernt, sagen -sie, auch das Leben, bescheiden und dankbar sein für jeden Atemzug und -Achtung haben vor den Mitmenschen. Natürlich rechtzeitige Rettung, -und wäre es auch nur durch bewußten Balken auf eine wüste Insel. -Robinson wäre daheim auf dem festen Lande ein Taugenichts geworden, die -Einsamkeit auf seiner Insel im Weltmeere hat ihn zu einem ganzen Manne -gemacht. - - -IV. - -Den Kummer nenne ich dir nicht, aber du kennst ihn. Wenn du es mit -dem Leben, mit der Welt, mit dir selbst einmal heftig zu tun gehabt -hast, so kennst du ihn ganz gewiß; er ist so schwer, er scheint so -unerträglich, daß dich nichts erquicken kann, als der eine Gedanke: -Sterben. Es ist nicht Sentimentalität, es ist kein eingebildetes Weh, -es hat Grund und Folge, es hat Gestalt, und alles, was du um dich -siehst, in dir fühlst, ist namenloses Elend. Ich nenne das Leid nicht, -es hat einen abscheulichen Namen. - -In fieberhaften Träumen der Mitternacht rief eine Stimme: »Geh' ans -Meer!« -- Ich schrak empor. Wer ist da? Wer ruft? War das nicht die -traute Stimme eines längst und auf ewig verstummten Mundes? -- Ja, miß -dein Leid an der Größe und Tiefe des Ozeans. Ohne Gebimmel und Geserres -schlafen gehen ... Um Mitternacht stand ich auf und eine Stunde später -saß ich im Kurierzuge nach Abbazia. - -Als ich über den Karst fuhr, röteten sich die Steine, und bei Mattuglie -tief unten lag das Meer im Sonnenlichte. Ich stieg hinab, wie man -hinabsteigt von den felsigen Höhen Palästinas gegen das mittelländische -Meer. Dann ging ich dem Strande entlang; die weiten Wasser waren -stille, als hielten sie ein, daß der Geist Gottes sie küsse; und doch -schlugen die Wellen ans Ufer, als wollten sie heraussteigen; aber -ohnmächtig rieselten sie wieder zurück in ihr dunkelgrünes Bett. Das -ist viel zu zahm. Das Meer in meinem Herzen, das brandet anders! -Jetzt hüllen mich die Ölbäume in ihre Schatten, jetzt fächeln mir die -Lorbeerzweige um die Stirne. O nein, Ruhm und Preis ist es ja nicht, -nach dem ich dürste. Nach Frieden des Herzens schrei' ich auf. -- -Orangen-, Pfirsich- und Feigenbäume halten ihre üppigen Früchte mir -entgegen. O nein, Weltgenuß ist es nicht, nach dem ich lechze. Nach -Frieden des Herzens weine ich. Herrliche Paläste winken mir zu im -Lorbeerhaine, Prunk und Pracht, schöne Frauen, liebliche Musik! Als -ob das Feinste der feinen Welt sich hier versammelt hätte, um mich zu -grüßen, um mich zu trösten. Das ist es aber nicht, warum ich gekommen -bin. Nach zwei Richtungen steht mir die Flucht offen, hinauf in die -Felsen des Karstes, hinab ... - -Endlich kehrte ich doch bei lieben Menschen ein, müde und abgehärmt -sank ich auf ein Ruhebett. An vierundzwanzig Stunden mochten verflossen -sein, seit die Stimme mich aufgeweckt, und jetzt weckte mich eine -andere. Es donnerte ums Haus, daß die Wände bebten. Ich stand auf, -öffnete ein Fenster, da wehte es herein wie feuchter salziger Hauch, -und ein grauses Rollen und Krachen erfüllte die Luft. - -Was das wäre? fragte ich einen auf der Gasse Wandelnden. »Das Meer«, -antwortete er schreiend und ging vorüber. Ich stieg hinab an das Ufer -und mußte jauchzen, so leicht war mir plötzlich. Das Meer war rasend -geworden. In langgestreckten, hohen Wellen, in lebendigen Bergen wogte -es heran, schlug schwer und wild an die Klippen des Strandes und die -Wasser sprangen, aufwärts gießend, weit herein ins Land. Kein Lüftchen -aber regte sich, holder Vollmond stand am Himmel und sein Licht war -lauterer Frieden. Was ist dir, Meer? Wer hat dich so wütend gemacht? -Du bist ja entzückend zornig. Ich habe kein Lied gefunden für mein -Herzweh, nun singst +du+ es, du gewaltige Harfe Gottes! -- Auf hoher -See draußen weiße Bänder, Zacken und Spitzen, ein zarter Nebelstaub -darüber, und heran, immer noch wilder, rasender, wahnwitziger, als -wollte das Meer emporklettern an die Hänge des Karstes. - -Was bedeutet das Wüten in dieser friedlichen Nacht? Draußen auf hoher -See wühlt das Gespenst, welches das Meer heran hetzt. Es ist der -Scirocco. Am Strande ist er selten wahrzunehmen, aber draußen bohrt -er seine Rüssel ein, schreckt die Wasser auf und jagt sie pfeifend, -sausend in alle Welt. Die verlästerte Bora ist ein harmloses Kind -dagegen, sie schlägt zwar Fenster ein, deckt Häuser ab, schleudert -kräftige Männer zu Boden und wirft Eisenbahnzüge um; aber das Meer -bringt sie nur in schönes Kräuseln -- nichts weiter. - -Betäubt von dem ununterbrochenen Brausen, Donnern und dem zischenden -Aufflammen der weißen Gischten stand ich da. -- Der Scirocco, und das -ist alles? Darum der ungeheure Sturm, weil ein bißchen Scirocco weht -draußen auf hoher See? Am Ende ist auch in meine Seele ein bißchen -Scirocco gefahren, und nichts weiter? -- Wohlan, Freund, weil wir denn -einmal dran sind, ich nenne dir den Kummer, das Herzweh, das namenlose -Elend, das kaum zu ertragen ist. +Nervosität+ heißen sie das Ungeheuer, -und wenn Scirocco geht -- nun du weißt es ja. - -Am nächsten Morgen war der Himmel grau und schwer, wie ein Meer von -Blei. Regen, unendlicher Regen rieselte nieder, und die Wolken hingen -hinein ins Meer, und die Delphine selbst, die manchmal ihre Häupter -aus den Wellen reckten, wollten Regenschirme aufspannen, oder rasch -zurücktauchen in die See, damit sie nicht nasser als naß würden. -- -Wenn bei Sonnenschein meine Stimmung schon so trübe war, wie erst -mußte sie bei so düsterer Witterung trostlos sein! Glaubt ihr? Wenn -der Teufel einmal los ist, so reißt er nicht mehr an der Kette. Ich -fühlte mich urgesund und munter wie ein Fisch, wußte nichts von Kummer -und Herzweh und konnte gar nicht begreifen, wie ein Mensch verzagt und -traurig sein könne. - -Nun tagelang Regen. Das Meer ist spiegelglatt, aber weit hinaus gefärbt -von den lehmfarbigen Gießen des Süßwassers. Und doch sah man kaum einen -Gießbach herabkommen von den Bergen. Hingegen quirlten am Strande und -noch weiter draußen im Meere die weißgelblichen Landquellen auf. Denn -das Karstgebirge ist inwendig zerfressen, voller Höhlen, Löcher und -Kanäle, ist wie ein versteinerter Badeschwamm; alles Regenwasser saugt -es in sich auf, um es unten in oft üppigen Quellen wieder auszuspeien. - -An einem der nächsten Tage bin ich unter Regen und Sturm hinangestiegen -zum hohen Monte Maggiore, wo es im Nebel Schneegestöber gab. Wenn der -Wind die Wolken zerriß, ward der Blick frei auf das ungeheure Firmament -hinaus, das +unten+ lag und mit weißen Sternchen und dunklen Punkten -bestreut war, so als ob Tauben und Adler in der Ferne schwebten. -Das war das Adriatische Meer mit seinen Dampf-, Segelschiffen und -Fischerbarken. Im ganzen macht das Meer, vom Berge aus gesehen, nicht -den Eindruck wie vom Strande, denn es liegt leblos und still da, man -sieht keine Bewegung, man hört kein Brausen, es ist fast langweilig -wie ewig wolkenloser Himmel. -- Nach Norden hin sah ich zwischen -Wolkenspalten die Wüsten des Karstes. Ein Steinwall hinter dem andern -und die Hochkämme voll Schnee. Alpen und Ozean! Und inmitten steht das -winzige Menschlein, ein mikroskopisches Insektchen, und wähnt Leid zu -haben, das härter wäre als alle Felswuchten des Karstes, und tiefer -als die Tiefe des Meeres. Wo ist es aber jetzt? Wo ist denn dieses -Leid hingeraten? Hat niemand ein namenloses Herzweh gesehen? Ich zahle -Finderlohn. Hat es der Sturm verweht? Haben es die Fluten davongespült? --- Hei, wie jetzt die Bora pfeift und kracht hernieder von den Höhen! -In den Lüften saust fliegender Sand, die Eichen, welche zwischen -den braunen Steinblöcken stehen, beugen sich winselnd. Ich werde -hinabgeschoben, gestoßen in einen der zahlreichen Trichter, wo grüne -Wieslein sind und Maulbeersträucher und Löcher in den Berg hinein. -Hier ist's ruhig, nur oben noch die Fanfaren der Bora, die den Sieg -davongetragen hat gegen den tückischen dämonischen Scirocco. -- Nein, -ich will nicht bleiben in dieser Grube, will wieder hinauf zur Zinne, -Leib und Seele einmal so recht durchfegen lassen von dem nordischen -Luftbesen -- ah, das ist herrlich, das tut wohl! Herrgott im Himmel, -wie wohl tut der Sturm! - -Nach diesen wilden Tagen kam Frieden und Sonnenschein. Ich blieb -tagelang am Strande von Abbazia. Am Strande saß ich, versunken in -Gedanken an große Zeiten, an große Menschen. Oder ich ruhte in einem -Kahne und ließ mich hinausschaukeln auf die See, noch zurückblickend -auf die lorbeerbekränzte Landschaft. Allmählich sanken die Berge in -sich zusammen und verschwanden. - -Und rings um mich nichts als die ewigen Wasser. Da habe ich gedacht: -Also ist der Bann gelöst. Bleibe ich hier im Sonnenlichte, so ist's -recht, sinke ich in die Dämmerungen des Abgrundes, so ist's auch -recht. All das, was wir Menschen Glück, Unheil, Gut, Elend nennen, -bedeutet nichts. Irdisch Tand ist eine Handvoll Sand. Irdisch Weh ist -Maienschnee. Es bedeutet nichts. Ich bin ein großes, unsterbliches -Wesen, die Felsgebirge sind meine Knochen, das Weltmeer ist mein Blut, -die Stürme sind mein Atem. -- - - -V. - -Es ist ausgemacht, die Welt wird zu klein. So furchtbar hat die -Statistik noch nie gesprochen, als bei der letzten Volkszählung. Im -neunzehnten Jahrhundert hat die Bewohnerzahl Europas sich verdoppelt. -Die Zeitungen verbuchen es mit Jubel -- je mehr Leute, je mehr -Abonnenten! Aber daß sie sich etwa einander ausfressen könnten? Und es -geschieht, sie fressen sich auf, zuerst die Zeitungen einander und dann -die Abonnenten. Wenn sie es nicht vorziehen, Kolonien gattern zu gehen. -Wer sich einmal zurückziehen wollte, um bei sich selber zu sein! Wohin -denn? Wo es wohnbar ist, gibt es schon überall Leute, hie und da sogar -Menschen. - -Möchte wissen, wie oft ich schon gefragt worden bin, ob es denn nicht -um Gotteswillen irgendwo einen Weltwinkel gäbe, wo man mit der wilden -Natur allein bei sich selbst sein kann? Unter den Fragestellern war -auch ein Millionär und dem ward Rat. Gehe hin und baue dir ein Schiff. -Nimm, was dir lieb ist mit hinein und fahre aufs Meer. Das Meer ist -noch unbevölkert und dein Eigentum, wohin du kommst -- wo es am größten -und weitesten ist, wird dir kein feindlicher Ellbogen begegnen. - -Und wer sich kein Schiff bauen kann, der mache es wie ich. Immer -wieder, wenn mir das Land zu enge wird und die Erde zu hart, gleite ich -hinab zur Adria und fahre hinaus in die feuchten, sonnigen Einöden. -Das Land ist hart, das Meer ist weich. Dorthin verfolgen sie mich -nicht, die unbarmherzigen Quäler, die törichten Handschriftensammler -und Poetenwinkler, und die anderen, die anderen, wovon mir jeder für -sich lieb ist, die aber schrecklich sind, wenn sie sich Tag für Tag an -die Türklinke reihen, um sich vom armen Poeten schließlich doch nichts -zu holen als -- Enttäuschung. -- Die Scholle lädt überall, wo man auf -sie tritt, ein zum Arbeiten, sie strotzt von Schätzen, aber ungebeten, -ungeliebt will sie nichts geben. So weckt sie im Menschen die Gier nach -Dingen, die im Grunde nichts bedeuten. Reichtum, Glanz, Ehre, Ruhm, die -nur in der Gesellschaft zweifelhaften Wert haben, für den Einsiedler -aber belanglos sind. Tückisch lockt der schätzebergende Erdboden zu -sich hin, und wenn der Mensch ihn nicht versteht oder mißbraucht, -verletzt er sich daran zu Tode. - -Die Scholle ist hart, das Meer ist weich. - -Das Meer weckt im Menschen keine Leidenschaften, es wiegt ihn im -süßen Nichtstun seine ewig lebendige Größe zeigt ihm lachend oder -drohend, wie klein er ist und dieweilen der Mensch sich doch immer -mit dem Großen messen will, wird er selber größer. Ich fange keine -Seeungeheuer, lege keine Kabel, versuche nicht den drahtlosen -Telegraphen, tauche nicht in den Meeresgrund, liefere keine -Seeschlachten und denke, das wird man mir ohne weitere Beweise glauben --- und doch fühle ich mich auf dem Meere fast ein wenig wesentlicher, -als auf dem Lande. Dort auf der Welle bin ich nichts sonst als Mensch -und das ist, ernsthaft gesprochen, doch etwas mehr als Hofrat oder -General oder Kardinal. Mensch sein ist etwas Ungeheuerliches. Nie sieht -man sich so riesengroß, so mächtig, so ewig, als wenn man nichts ist -und nichts tut als Mensch sein. Als sich einmal so recht gründlich an -sich selbst zu erinnern. - -Und darum gleite ich so gerne hinab zur Adria und hinein in ein -Lloydschiff. Ob es nun nach Venedig geht, dem vergessenen Wunder der -Romantik, oder nach Pola, der Rüststätte künftiger Marinenherrlichkeit -(für den Kriegsfall sind wir immer optimistisch, denn man kann ja -gleich bis Lissa fahren). Oder ob mein Kiel nach dem sich immer -amüsierenden Abbazia sticht, wohin außerhalb der Backhendelzeit die -Wiener Karten spielen gehen; oder nach Fiume, der ungemütlichen -ungarischen Antwort auf die Triesterfrage. Oder nach dem schlummernden -Eilande Lussin, oder nach dem altimperatoristischen Spalato, oder nach -dem halb morgenländischen Ragusa, oder nach dem wilden Cattaro am -Saume der Schwarzen Berge -- oder wohin sonst an den istrischen und -dalmatinischen Küsten, immer sind wir versucht auszurufen: Nicht bloß -die Scholle, auch die Welle gibt Schätze. - -Die hundert Schiffe des Lloyd bieten eine große Auswahl schwimmender -Burgen, in denen man sich heimisch fühlen kann. Schon das Schiff als -solches ist dem Landwurm ein Ereignis. Die Bauart der Schiffe und -die innere Einrichtung ist gar verschiedenartig und jedes hat seine -besondere Eigenart. Um just von den Lloydschiffen zu sprechen, an -leidlicher Reinlichkeit sind sich fast alle gleich und daß man nirgends -köstlicher zu Mittag speist als auf dem Österreichischen Lloyd, das ist -bekannt. Die zumeist italienisch sprechende Bemannung und Bedienung -ist stets höflich und die Offiziere trachten den Reisenden die Fahrt -angenehm zu machen. Nun also, und das ist hier die ganze Menschheit. --- Und die See! Auf manchem Meere habe ich's erlebt, daß Reisende über -Bord gebeugt, meinen Spruch ins Gegenteil seufzten: Das Land sei gut, -das Meer sei hart! Auf der Adria habe ich selten einen bedenklichen -Fall von Seekrankheit gesehen. Es pflegt sonst von dieser Sache zu -viel gesprochen zu werden, manch ängstliche Dame wartet gewissermaßen -schon darauf und der erste Gedanke, wenn sie den Fuß aufs Schiff -setzt, ist: ach, ich werde gewiß seekrank werden! Man ist nachgerade -enttäuscht, wenn es ruhig und glatt dahinzieht an den malerischen -Küsten und wenn man bei der gedeckten Tafel Teller und Gläser ohne -jede Schutzvorrichtung dastehen sieht, wie auf jedem andern Tisch. -Aber der Quarnero! Der schlimme Quarnero, wo die Wasserströmung des -Golfes von Fiume ihr Wesen hat, wo man nach allen Seiten nur mehr das -hohe Meer sieht, das tintenblaue, mit seinen ungeberdigen Wellen, mit -seinem Dröhnen und Gischten, so daß der entsetzte Neuling glaubt, er -sei mitten im grausen Sturm! Die meisten Reisenden freuen sich aber -gerade auf den Quarnero, weil dieser Strich zu den schönsten Partien -der österreichischen Adria gehört. Leben und Kraft des Wassers und des -Dampfers. Da steige ich gerne an die letzte Spitze des Schiffes hinaus, -wo es langsames und redliches Aufundniederschaukeln gibt, während -die Bewegungen in der Mitte des Fahrzeuges unsicherer und tückischer -die Nerven antasten. Übermütige Reisende halten was darauf, von den -aufspringenden Gischten manchmal ein bißchen angegossen zu werden. Aber -das Deck ist hoch und lange nicht bei jeder Fahrt gelingt die Taufe. -- -Bei der prächtigen Meerschau auf so zahmem Rosse reitend, wundert man -sich völlig, daß die Vergnügungsfahrten auf der Adria nicht noch mehr -Mode geworden sind. - -Eine meiner letzten Lloydfahrten ging nach der istrischen Insel Lussin. -Hat man hinter Pola den Leuchtturm des Kap zurückgelegt, um der hohen -See sich endlich zu erfreuen, taucht fern im Südosten ein länglich -gestreckter Berg auf, der Ossero. Ganz pyramidal steht er da. Aber die -Sohle unserer steirischen Alpentäler ist häufig höher, als die 588 -Meter hohe Spitze dieses Berges. Er tut was er kann, um sich Respekt -zu verschaffen; pathetisch legt er die Falten seiner Felswände und -nicht selten trägt seine Spitze eine Wolkenhaube, auch wenn sonst, -soweit das Auge reicht, der Himmel blaut. Den Ossero-Touristen wird -geraten, sich mit festen Schuhen zu versehen; dann aber, wenn sie ein -gutes Auge oder Fernglas mithaben, können sie im Westen das »unendliche -Meer« Lügen strafen und die italienische Küste schauen. An drei Stunden -brauchte der geschwinde Dampfer, um den Ossero endlich zur linken Seite -zu haben. Auch zur rechten tauchen Inseln auf, unter denen bald ein -steil aus dem Meere springendes felsiges Eiland ausfällt, erinnernd -an Helgoland. Es ist Sansego, die antike Weinquelle am Quarnero. Dann -geht's in die Bucht von Lussinpiccolo. Mit orientalischer Verve steigt -die Stadt den halbkesselförmigen Berg hinan, so daß die Fenster jedes -rückwärtigen Hauses über der Achsel des vorderen herabschauen auf den -Hafen, um den die Riva sich hufeisenförmig zieht. Die halbe Bevölkerung -ist lärmend, als gäbe es eine Feuersbrunst, am Landungsplatze -versammelt, um bei Ankunft eines Schiffes als Packträger oder Ciceroni -ein paar Soldi zu verdienen. So gleichmütig sie den ganzen Tag den -lieben Gott einen guten Mann sein lassen, so energisch regt sich ihre -Erwerbslust, wenn die geldgespickten »Tedesci« kommen. - -Die Zeiten sind vorüber, da in dieser Stadt der Schiffbau in Blüte -gewesen; anderswo können sie das jetzt besser und so ziehen die -Lussiner auf fremden Meeren oder liegen daheim auf ihren Steinfliesen, -sich damit begnügend, daß sie leben. In ganz Lussinpiccolo, es zählt -bei fünftausend Einwohnern, hört man kein Wagenrad rollen; ein -einziges Pferd, so geht die Sage, existiere in dieser Stadt, und -dieses soll ein Maulesel sein. Der Herr, der die Vögel nährt und -die Blumen kleidet, hat hier also ziemlich viel zu tun; er jagt den -Einwohnern die Fische in die Buchten, eine unglaubliche Anzahl von -Arten, er jagt sie ihnen in die Netze, an die Angeln, wonach sie bloß -anzuziehen brauchen; er überspinnt den Steinhaufen, Lussin genannt, -ganz wunderbar mit Ölbäumen, Orangen-, Mandarinen- und Zitronenbäumen, -mit Feigen- und Dattelbäumen und mit Weinreben, er ziert ihn mit -Kiefern und fabelhaften Kakteen und sonstigen Spielarten der Tropen. -Allerdings, umsonst hat der Mensch auch das nicht, jede Parzelle der -fruchtbaren roten Erde mußte den Steinen abgerungen werden, den grauen -Blöcken klein und groß, wie sie überall und überall aus dem Boden -hervorquellen, genau so wie im Kar des Hochgebirges. In hohen rohen -Mauern und Wällen sind diese Steine, mit denen man nicht weiß wohin, -aufgeschichtet an jedem Wege, um jedes Gärtlein, um jeden Pfränger, -in dem eine elegische Ziege oder ein einsames Schaf steht. Dazwischen -stets von dem mattgrünen Ölbaum bestanden geschlossene Felsen. Mancher -Felsriff ist so alpin, daß man jeden Augenblick glaubt, eine Gemse -herüberlauern zu sehen. Aber wunderbar, was am Strande das Wasser macht -aus diesen Steinen! Diese Zacken und Runsen, die phantastischesten -Aushöhlungen im großen und kleinen! Und die Welt der Tiere, die in -solchen Löchern und Spalten und in den grünlichen Untiefen hausen! - -Lussin bietet drei grundverschiedene Seebilder. Nach Norden hin den -Hafen und die Bucht, scheinbar ein abgeschlossener Landsee, ringsum mit -hügeligem, größtenteils kahlem Karstgebiete umgeben. In der Ferne ein -paar höhere Berge, so der Monte Asino mit seiner alten Festung und das -herüberragende Haupt des Ossero. Im Jahre 1859 war diese Bucht voll -italienischer und französischer Kriegsschiffe, die sich hier versammelt -und organisiert hatten, um Venedig zu erobern. Österreich aber steife -sich darauf, zu siegen und Venedig freiwillig abzutreten. Großmütiger -kann man schon nicht mehr sein. - -Und welch ein anderes Bild gegen Osten hin, wenn man vom Hafen -zwischen den Steinwällen an fünfzig Meter hinaufsteigt. Die Fläche -des Quarnerolo. Zu Füßen der buchtenreiche Strand mit Lussingrande, -St. Martino, und links hin die niedrigen Ausläufer der Insel Cerso. -Aber, was steht dort fern über dem Meere aufgebaut? Ist es eine lang -hingezogene graue Wolkenwand mit Sonnenstreifen und weißen Rändern? -Nein, es sind die Berge von Dalmatien, es ist der Velebit mit seinen -Schneefeldern. - -Und wieder grundverschieden das Bild nach Westen hin. Die kleine Bucht -Cicale im Westen der Insel, an zwanzig Minuten von Lussinpiccolo -entfernt, ist der beliebteste Ausflugsort der Kurgäste. Dort beginnen -wieder die Einsamkeiten der hohen See. Selten ein roter oder weißer -Segler, noch seltener ein Dampfer. Immer und immer gleiten die -blaugrünen Wellen heran, immer dem Strande zu, so daß ein einfältiger -Landmensch wohl fragen möchte, wie denn das kommt, daß das Wasser dort -draußen nicht weniger und hier am Gestade nicht mehr wird. Ob das -Heranfließen nur scheinbar ist, ob trotz alles Hin- und Herwogens die -Wassermassen nicht doch an der gleichen Stelle bleiben? Es scheint, -daß auch ich die närrische Frage gestellt, denn urplötzlich hatte ich -an mir den Beweis, daß die Wasser laufen und springen, eine Gischtwelle -warf sich über die Strandfelsen zu mir heraus und übergoß mich pudelnaß -von oben bis unten. So -- nun gehe hin und erörtere es mit deinen -Lesern, ob die Wasser an der gleichen Stelle hocken bleiben. - -Das Meer hat Humor, es blinzelt, es lacht, schupft dich von einem -Rücken auf den andern und scheinest du zu sinken, so fängt es dich -doch allemal wieder auf in den weichen Schoß. Im stürmischen Zustande -ist es weit harmloser, als es sich stellt, im stillen aber tückisch. -Wenn man dem Segler ruhige See wünscht, so wird er grob. Weit draußen -auf der glatten Wassertafel müßte er verhungern. Sein bester Freund -ist der Wind. Und auch der unsere: Die glatte Fläche, die keine Narbe -hat und keine Farbe, die so leb- und streblos hinliegt und sich am -Gesichtskreis vom Himmel nicht unterscheidet -- das ist die große -wässerige Langweile. Auf jener Fahrt nach Sansego wäre sie unfehlbar -eingetreten, wenn einige Jahrhunderte früher an der südlichsten Spitze -von Lussin nicht Seeräuber gehaust hätten. Diese Seeräuber rief nun -mein Gondelführer zu Hilfe, um die Langweile der stillen See zu -verscheuchen. Er erzählte, wie die Wackeren immer ausgezogen seien -nach Kauffahrern und nach den blühenden Städten des Mittelmeeres, um -etwas zu erobern. Zu rauben, sagte man unhöflich genug, und Piraten -nannte man zeitweise solche Männer, die in Schulbüchern manchmal auch -Kriegshelden heißen. Nun, und einmal hatten die Herren Seeräuber -von Lussin gehört, daß in der wundervollen Stadt Venedig eine -Massenhochzeit stattfinde, dieweilen eine größere Anzahl Patriziersöhne -sich junge Weiber erkieseten. Solches Gerücht machte unsere Seeräuber -leckerig und sie zogen mit Wehr und Waffen gen Venedig, um den -Hochzeitszug zu überfallen und die schönen Bräute zu erobern. Das -galante Unternehmen fiel aber unglücklich aus, denn das Lagunenvolk -wehrte sich mannhaft und nahm die Seehelden gefangen. Dann kam das -Strafgericht der Dogen, das von beispielloser Grausamkeit war. Zur -Abschreckung für alle Zeiten! Die Seeräuber, so die jungen Bräute -rauben wollten, wurden verurteilt, die -- Schwiegermütter zu heiraten, -mit der Verschärfung, dieselben in ihr fernes Felsenschloß auf Lussin -zu entführen. -- Für mich gab der Gondeliere dieser Geschichte noch -eine andere Pointe. Er hielt, als wir in Sansego landeten, die Hand -auf. Ich gab und war bloß froh, daß der Mann kein Seeräuber war, und -froh, daß ich keiner gewesen bin in jenen Zeiten des venezianischen -Strafgerichts. - - - - -Inhalt. - - - Seite - - Verhandlung zwischen Autor und Verleger 5 - - Der Gutsherr auf Zurkow 14 - - Das Mündel-Kindel 37 - - Der Mädeljäger 52 - - Lieb' läßt sich nicht lumpen 88 - - Aus dem Tagebuch einer Ehefrau 104 - - Die Kokette 120 - - Ein Jünger Darwins 131 - - Ehre 147 - - Die Vierzehnte 160 - - Der Taubstumme 167 - - Hauptmann Fortner und seine Frau 176 - - Scheintod 197 - - In der Einsam 207 - - Der Kammerdiener 218 - - Der Millionär 228 - - Philippus der Hasser 251 - - Das Weihnachtsfeuilleton 266 - - Wie ein steirischer Schullehrer die Schlußvorstellung - des Burgtheaters besucht 275 - - Das Bekenntnis eines Verurteilten 285 - - Der verhängnisvolle Vorfall 302 - - Mein Vetter, der Türke 317 - - Reisebilder aus jungen Jahren 330 - - Die sächsische Schweiz 330 - - Aus der heiligen Stadt 334 - - Auf dem Turme der Marienkirche zu Stralsund 337 - - Auf dem Rigi 342 - - Aus dem Ungarlande 350 - - Zu Mailand auf dem Dome 358 - - Von der Kirche des heiligen Petrus 363 - - In den Ruinen von Pompeji 370 - - Auf den Wassern 376 - - - - - * * * * * * - - - - -Weitere Anmerkungen zur Transkription - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die - Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. - - Korrekturen: - - S. 49: wäre → wäre es - dann {wäre es} schwer, es wieder fortzubringen - - S. 78: heißen → geheißen - hatte der Fürst die Herrschaften willkommen {geheißen} - - S. 171; aus → auf - zu essen verschaffen, aber er sprang selbst {auf} - - S. 311: mußte → müßte - Ein öffentliches Unglück {müßte} man ja in den Blättern - - - -***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FREMDE STRAßEN*** - - -******* This file should be named 54597-0.txt or 54597-0.zip ******* - - -This and all associated files of various formats will be found in: -http://www.gutenberg.org/dirs/5/4/5/9/54597 - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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You may copy it, give it away or re-use it -under the terms of the Project Gutenberg License included with this -eBook or online at <a -href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you are not -located in the United States, you'll have to check the laws of the -country where you are located before using this ebook.</p> -<p>Title: Fremde Straßen</p> -<p>Author: Peter Rosegger</p> -<p>Release Date: April 24, 2017 [eBook #54597]</p> -<p>Language: German</p> -<p>Character set encoding: UTF-8</p> -<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FREMDE STRAßEN***</p> -<p> </p> -<h3>E-text prepared by<br /> - the Online Distributed Proofreading Team<br /> - (http://www.pgdp.net)</h3> -<p> </p> -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist -<em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist -<em class="antiqua">so markiert</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am -<a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p> -</div> -<hr class="full" /> -<p> </p> -<p> </p> -<p> </p> - -<div class="chapter"> -<h1>Fremde Straßen</h1> - -<p class="center">Von</p> - -<p class="h2">Peter Rosegger</p> - -<p class="center">Elftes bis fünfzehntes Tausend</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/signet.png" alt="Signet" /> -</div> - -<p class="center">1922<br /> -Verlag von L. Staackmann in Leipzig</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center">Alle Rechte vorbehalten</p> - -<p class="center p2">Druck von C. Grumbach in Leipzig</p> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span></p> - -<h2><a id="Verhandlung_zwischen_Autor_und_Verleger">Verhandlung zwischen Autor und Verleger.</a></h2> - -<p class="h2desc">1884.<br /> -Als Vorwort zum »Geschichtenbuch des Wanderers«.</p> -</div> - -<p class="drop"><em class="gesperrt">Der Verleger</em>: Zeit ist Geld. Also zur Sache: Ich -wünsche ein neues Buch von Ihnen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Der Autor</em>: Sie sind ein kühner Mann. Haben Sie -doch schon fast anderthalb Dutzend Bände von mir!</p> - -<p><em class="gesperrt">V.</em> Machen Sie die genannte Zahl voll.</p> - -<p><em class="gesperrt">A.</em> Ich würde an Ihrer Stelle die Verlagswerke nicht -zählen, sondern wägen.</p> - -<p><em class="gesperrt">V.</em> Das überlasse ich dem Makulaturkäufer. Doch einstweilen -ist man gewohnt, unter dem Christbaum einen neuen -Band vom Waldpoeten zu finden.</p> - -<p><em class="gesperrt">A.</em> Man vergißt über die Waldbücher den Wald.</p> - -<p><em class="gesperrt">V.</em> Wir brauchen keinen Wald. Wenn alles Holz vertan -ist, brennen wir Bücher.</p> - -<p><em class="gesperrt">A.</em> Wissen Sie, warum den Faust der Teufel geholt hat? -Weil er den Bücherdruck erfunden. – Soll ich denn so viel -schreiben, daß man mich auf meinen Schriften verbrennen -kann?</p> - -<p><em class="gesperrt">V.</em> Machen Sie sich nichts draus. Der Karthager Clitomachus -schrieb über vierhundert Bücher, Chrysippus an -siebenhundert, Didymus gar viertausend. Keiner ward verbrannt.</p> - -<p><em class="gesperrt">A.</em> Weil sie keiner drucken ließ.</p> - -<p><em class="gesperrt">V.</em> Luther ließ 1136 Schriften und Broschüren drucken.</p> - -<p><em class="gesperrt">A.</em> Die Tinte eines <em class="gesperrt">solchen</em> Mannes ist, wie der Koran -sagt, wertvoll gleich dem Blute des Märtyrers. Wenn wir -anderen dem Beispiele folgen wollten, müßte unsere Erdoberfläche -in kurzer Zeit ein Bücherbrett werden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span></p> - -<p><em class="gesperrt">V.</em> Sie übertreiben. Ein moderner Schriftsteller schreibt -sein ganzes Leben lang nicht mehr, als was ein Esel ihm -nachzuschleppen vermag.</p> - -<p><em class="gesperrt">A.</em> Aber bedenken Sie, daß kein Esel groß genug ist, -um mit einem deutschen Dichter zu gehen. – Des bin ich -zwar überzeugt, wenn aller Spreu von der Weltliteratur -aller Zeiten ausgeschieden wäre, so trüge sie ein Esel leicht -auf seinem Rücken, und zwar auf einmal.</p> - -<p><em class="gesperrt">V.</em> Sie wären frivol genug, sich über den Untergang -der Alexandrinischen Bibliothek zu freuen?</p> - -<p><em class="gesperrt">A.</em> Bedauern können den Verlust fremder Gedanken nur -die, so keine eigenen haben. Hingegen vergleiche ich Schriftstehler, -welche aus fremden Büchern eigene schreiben, mit -jener Katze, die ein Pfund Butter fraß und doch nur dreiviertel -Pfund wog.</p> - -<p><em class="gesperrt">V.</em> Herr, Ihre Bemerkungen mögen am Ende auch -kein eigenes Fett sein.</p> - -<p><em class="gesperrt">A.</em> Vielleicht spare ich mir selbes auf das Werk, das -Sie haben wollen.</p> - -<p><em class="gesperrt">V.</em> Sie schreiben doch jeden Tag!</p> - -<p><em class="gesperrt">A.</em> Briefe.</p> - -<p><em class="gesperrt">V.</em> Wohl doch nicht lauter –</p> - -<p><em class="gesperrt">A.</em> Nein, nicht lauter Besänftigungsbriefe an die Gläubiger, -sondern auch Artigkeitsschreiben an gute Leute, die -in Zuschriften meine Bücher loben und um Freiexemplare -bitten; tiefsinnige Sprüche für Autographensammler, Gedichte -für Anthologien und Wohltätigkeitsalbums. Ferner Antworten -auf briefliche Anfragen wißbegieriger Leser, in welchem -Bergwinkel der »Waldschulmeister« spielte, wann und -wo sich die Geschichte des »Gottsucher« zugetragen habe, -wo man die »Dorfsünden« zu kaufen und den »Heimgarten« -zu schenken kriege? – So vergeht der Vormittag.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span></p> - -<p><em class="gesperrt">V.</em> Und nachmittags?</p> - -<p><em class="gesperrt">A.</em> Macht man sich über die historischen Dramen hoffnungsvoller -Gymnasiasten, über die lyrischen Gedichte feinbesaiteter -Ladenschwengel, über die Novellen und Romane -höher gebildeter Töchter usw., die mit dem Ersuchen geschickt -worden sind, darüber ein »wenn auch noch so strenges -Urteil« zu fällen und sie einer Zeitungsredaktion oder einem -Verleger zu rekommandieren. So vergeht der Tag.</p> - -<p><em class="gesperrt">V.</em> Um Gotteswillen, wann dichten Sie denn Ihre -Novellen und Skizzen, denen man in den Blättern begegnet?</p> - -<p><em class="gesperrt">A.</em> Beim An- und Auskleiden, auf der Eisenbahn, wenn -ich Besuch habe oder öffentlichen Vorlesungen über Kunst -und Literatur beiwohne, bei welchen man ungestört seinen -eigenen Gedanken nachhängen kann.</p> - -<p><em class="gesperrt">V.</em> Gut. Und von diesen Dorfgeschichten, Waldnovellen, -Volksschilderungen und dergleichen wollen wir wieder eine -neue Sammlung flott machen.</p> - -<p><em class="gesperrt">A.</em> Denken Sie an die Kritiker! Immer wieder Bauern -und nichts als Bauern! Geben Sie acht, den Herren reißt -endlich die Geduld!</p> - -<p><em class="gesperrt">V.</em> So schreiben Sie einmal aus der Gesellschaft, aus -der großen Welt.</p> - -<p><em class="gesperrt">A.</em> Wollen Sie mich zugrunde richten? Wissen Sie -nicht, daß man mir meine Dorfgeschichten nur verzeiht, -weil es keine Stadtgeschichten sind? Wissen Sie nicht, daß -die Rezensenten unruhig werden, so oft man einen Bauernburschen -zu den Soldaten nimmt, oder ein hoffärtiges Dienstmädel -aus einer Dorfgeschichte weg in die Stadt läuft – -weil sie fürchten, daß der Autor diesen Leutchen nun geistig -nicht mehr zu folgen vermöge!</p> - -<p><em class="gesperrt">V.</em> Seit wann denken denn Sie an die Rezensenten,<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span> -anstatt an das, was in Ihnen keimt und reift und gedichtet -sein will? Hat die Gesellschaft, die Welt, in der Sie nun -doch schon seit zwanzig Jahren leben, Sie denn niemals -angeregt? Vermag denn das Kulturleben und seine alles -mit sich fortreißende Gewalt, sein Tausenderlei von Gestalten, -Ideen, Bestrebungen, Verirrungen Sie nicht zu begeistern, -zu interessieren, aufzuregen, Ihre dichterische Kraft -herauszufordern?</p> - -<p><em class="gesperrt">A.</em> Gewiß.</p> - -<p><em class="gesperrt">V.</em> Nun also! Warum schreiben Sie nicht auch Weltgeschichten, -wie Sie Waldgeschichten schreiben?</p> - -<p><em class="gesperrt">A.</em> Sie haben wirklich recht. Ich erinnere mich, daß -selbst die fruchtbarste Scholle einmal brach liegen will. Oder -was anderes hervorbringen möchte. – Auf meines Vaters -Acker wollte nicht <em class="gesperrt">jedes</em> Jahr Korn wachsen. So bauten -wir auch manchmal Hafer drauf an, dann Kraut, Rüben, -Flachs; oder ließen wildes Gras wachsen auf dem Acker. -Nach all dem wuchs wieder schönes Korn. Eine solche -Wechselwirtschaft ist endlich auch auf dem Dichterfeld nötig. -Anstatt Waldgeschichten sollen Sie einen Band Weltgeschichten -haben. Oder auch solche, die nicht äußerlich erlebt, vielmehr -innerlich geschaut sind. Sie verstehen schon: Ich werde -Ihnen ein Buch geben, das ich nicht hätte schreiben sollen. -Von der Kritik mir untersagte Gebiete. Fremde Straßen -mit der Aufschrift: Für Bauerndichter verbotener Weg. -Trotzdem werde ich auf solchen Straßen einmal marschieren -– weil es mich freut, wie den Burschen die Wanderschaft. – -Bin ich doch wirklich schon viel herumgekommen, in der -Gesellschaft unten und oben, in der Welt hier und dort, -nicht allein von Tal zu Berg und von Land zur See, ich bin -– auf den Beinen des ewigen Juden – durch die Geschichte -geschritten von Epoche zu Epoche, bin gewandert vom Bauer<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span> -bis zum Fürsten und wieder zurück bis zum Zigeuner. Ich -habe nicht allein in der Werkstatt angehalten und in der -Stube des Bürgers, sondern auch beim Lehrer und Gelehrten, -beim Künstler und Soldaten, beim Geistlichen und -Aristokraten. Ich habe erfahren, gelernt und gelesen, wie -andere. Manches hat mich gefördert, vieles hat mir mißfallen. -Daß ein freies Auge in Dorf und Wald klarer und -richtiger sieht, als durch die Stadtbrille, ist natürlich. Aber -die Freude, der Schmerz, der Spott und der Zorn über -das, was ich auf meinen Wanderungen gesehen, schrie nicht -minder laut nach Gestaltung, als die Eindrücke des Landlebens -in meiner Heimat. Ich habe vieles davon aufgeschrieben.</p> - -<p><em class="gesperrt">V.</em> Wo sind diese Manuskripte?</p> - -<p><em class="gesperrt">A.</em> In meinem Kasten, mit sieben Schlössern verschlossen.</p> - -<p><em class="gesperrt">V.</em> Und die Schlüssel?</p> - -<p><em class="gesperrt">A.</em> Ins Wasser geworfen.</p> - -<p><em class="gesperrt">V.</em> Ich habe einen Krebs gekauft, der Schlüssel in der -Schere trug. Also können wir die Sachen drucken?</p> - -<p><em class="gesperrt">A.</em> Sind Sie denn ein Freund von Krebsen, Herr -Verleger?</p> - -<p><em class="gesperrt">V.</em> Nur von denen aus dem Tierreich.</p> - -<p><em class="gesperrt">A.</em> Und sind Sie sicher, daß Ihnen meine Schriften aus -fremden Straßen nicht zurückgehen werden? Ich habe Sie -bisher für einen klugen Mann gehalten.</p> - -<p><em class="gesperrt">V.</em> Sehr schmeichelhaft. Ein kluger Mann macht zuweilen -ein Experiment. Fremde Straßen. Romantische, -naturalistische, moderne – pikant?</p> - -<p><em class="gesperrt">A.</em> Werter und Verehrter, ich will Ihnen was sagen. -Diese Straßen- und Weltgeschichten kamen ebenso tief aus<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span> -mir hervor, als die Dorfbücher; es mag mancher Tropfen -Galle und Schalkheit daran sein, aber sicherlich auch Herzblut. -Das Herzblut den Menschen, die Galle den Spitzbuben und -Toren.</p> - -<p>Zudem muß sich doch eine übermütige Phantasie einmal -ein bißchen aushüpfen können auf freier Straße.</p> - -<p><em class="gesperrt">V.</em> So gefallen Sie mir. Daß Sie endlich doch einmal -auch den Gegnern der Dorf- und Waldgeschichten eine Freude -machen.</p> - -<p><em class="gesperrt">A.</em> Ah, Sie meinen die literarischen Bauernfresser.</p> - -<p><em class="gesperrt">V.</em> Wissen Sie, was vor kurzem so einer geschrieben -hat? »Der Realismus in der Literatur«, schrieb der Gelehrte, -»wird nachgerade unerträglich! Besonders das Dorfgeschichtenunwesen! -Was fängt der echte Dichter mit dem -Bauern an? Dieser bietet viel zu wenig psychologische -Probleme dar, er hat keine Berührungspunkte mit der Welt, -sein Horizont ist zu klein. Höchstens ist der Bauer in der -Poesie als komisches Element zu gebrauchen, etwa für Posse -und Schwank.«</p> - -<p><em class="gesperrt">A.</em> Schön. Somit sind gleichzeitig große soziale, volkswirtschaftliche -Fragen gelöst. Der Bauer ist nicht ernst zu -nehmen. Er läuft in der Welt nur so nebenher und schlägt -seine Purzelbäume.</p> - -<p><em class="gesperrt">V.</em> Nun, was sagen Sie dazu?</p> - -<p><em class="gesperrt">A.</em> (Ironisch.) Daß uns die Sozialisten, Naturforscher, -Psychologen, Ethnographen, Literarhistoriker usw. hinters -Licht geführt haben. Da faselten sie, daß die ganze Sippe -der Bauer ernähren müsse, und größtenteils auch beschützen. -Nach Darwin sollen die Menschen sogar vom Bauern abstammen. -Sozialisten behaupteten, die Poesie kenne weder -politische Grenzen noch Standesunterschiede, ihr Reich sei -in allen Menschenherzen. Ethnographen und Psychologen<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span> -wollen gefunden haben, daß der Landmann in bezug auf -die Kraft seines Sinnenlebens, in bezug auf den Schwung -seiner Weltanschauung, in bezug auf die Gewalt seiner -Phantasie mit dem Städter sich messen könne. Die Literarhistoriker -haben die ältesten und unsterblichsten Denkmäler -der Poesie angeblich dort entdeckt, wo das Volk in der Werkstatt -wohnt und in der Hütte: Das Volksmärchen, das -Volkslied. Wie schwer hierin selbst große Poeten irren -können, beweist, daß Goethe seine lieblichste, Schiller seine -herrlichste Dichtung bei den Bauern spielen ließ. – Nun -wissen wir es besser, der Bankier auf der Börse, der Hausherrnsohn -am Billard oder an der Kredenz der Kassierin, -der gelehrte Stubenhocker, die Ehebrecherin im Salon, die -Theaterdame usw., das sind poesiefähige Leute. Aber Andreas -Hofer ist es nicht. Die frischen Burschen und Dirnen, -die sich vor lauter Lebensfreude kein Ende wissen; der Bauer -mit den eisenstarren Rechtsbegriffen ist nicht poesiefähig. -Der äußerlich wilde, innerlich gemütstiefe Waldmensch; der -als Soldat in der Fremde vor Heimweh vergehende Alpenjunge; -die bis in ihr hohes Alter zum Vorteile anderer ununterbrochen -arbeitende und geplagte, aber innerlich zufriedene -und humorvolle Magd ist nicht poesiefähig. Der -arme Dorfpfarrer, der bescheidene Schulmeister, die der -Menschheit höchste Güter für ihre Gemeinde hüten und austeilen, -haben mit Poesie nichts zu schaffen. Die ländliche -Liebe ist nicht poetisch, »weil ihr Horizont zu klein ist«. Des -Landvolkes Vereinigung mit der Natur, sein stilles Walten -in derselben, sein Leben und Beben unter ihren Gewalten ist -nichts; sein Glauben, Zweifeln und Wiederaufrichten in der -Religion, der rasende Aufschrei des Verzweifelnden in Waldesnacht -ist nichts, »weil die psychologischen Probleme fehlen«. -Die Dorfgeschichte und was wir alles in diesen Sack stecken,<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span> -hat also nur einigen ethnographischen, vielleicht bloß zoologischen -Wert. – Und die unzähligen hervorragenden Männer, -die aus dem Bauernstande hervorgewachsen und in der -Weltgeschichte glänzend verzeichnet sind? Wir ignorieren -sie. Und daß es keine Berührungspunkte zwischen Bauer -und Welt gebe, behaupten wir. Und von den modernen -Erscheinungen und Bindemitteln, als der allgemeinen Wehrpflicht, -der bäuerlichen Neigung zur Stadt, zum Studieren, -von den zahllosen Autodidakten, dem Eisenbahnwesen, der -Tourist, den Sommerfrischen, haben wir – die literarischen -Bauernfresser – noch nichts gehört. – Wir sitzen -noch auf dem alten Schimmel, den die Literaturprofessoren -geritten zur Zeit, als der Ritter und die Köhlerin, die -Räubermühle, die Zauberliese usw. die Literatur bevölkerten. -Wir wissen nichts davon, daß dem modernen Erzähler für -den Salonroman wie für die Dorfgeschichte der gleiche Grundsatz -gilt, daß nicht das Häufen packender Tatsachen, effektvoller -Ereignisse die Hauptsache sei, sondern die Darstellung -der seelischen Zustände, deren Entwicklung aus innerer -Notwendigkeit, das organische Heranwachsen der Geschehnisse, -des Segens, der Schuld und des Unheils aus der -Artung der handelnden Personen. – Und indem wir also -die moderne Dorfnovelle nach jener Schablone abtun wollen, -die einst für die Räuber- und Zufallsgeschichten geschnitten -worden ist – sind wir vergleichbar jenem Märchenmann, -der – aus hundertjährigem Schlafe plötzlich auffahrend – -nach seinem Zopfe greift und nun mit Verwunderung inne -werden muß, daß ihm mittlerweile alle Haare ausgegangen -sind.</p> - -<p><em class="gesperrt">V.</em> Nur hat solcher Märchenmann den Vorteil, daß -man ihn nicht beim Schopf nehmen kann. –</p> - -<p><em class="gesperrt">A.</em> Weil er keinen hat.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span></p> - -<p><em class="gesperrt">V.</em> Also was geht aus dem Gesagten hervor? Daß -Sie den Bauerngeschichtengegnern wirklich einmal eine Freude -machen und ihnen zeigen sollen, um wieviel die Novellen -aus der größeren Welt besser sind.</p> - -<p><em class="gesperrt">A.</em> Wie schlau Sie sind, Herr Verleger! Sie meinen, -den Leuten würden meine <em class="gesperrt">Waldgeschichten</em> wieder besser -schmecken, sobald sie erst meine Weltgeschichten kennen gelernt -haben. Das ist ein Standpunkt. – Gut, wagen wir's. -Und das Buch nennen wir: »Fremde Straßen.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Gutsherr_auf_Zurkow">Der Gutsherr auf Zurkow.</h2> -</div> - -<p class="drop">Es war das reizendste Erkerzimmer, das ich je bewohnt -habe. – Es war mit mattfarbigem Samte tapeziert, -mit meisterhaften Jagd- und Genrebildern geschmückt, mit -echt orientalischen Teppichen belegt, mit kunstvoll geschnitzten -Eichenholzmöbeln bestanden und es hatte an der Wand einen -elfenbeinernen Telegraphentaster, der nach der Versicherung -des Hausherrn bereit war, neu auftauchende Wünsche des -Gastes promptest zu erfüllen. Und das war noch das wenigste, -derlei besitzt in irgendwelcher Stadt jeder reiche -Schlucker.</p> - -<p>Aber zwei Fenster waren da, deren Spiegelscheiben so -hell und rein waren, daß man meinte, sie stünden offen -und die reine Nordlandsluft wehe aus und ein. Das eine -Fenster zeigte die hellgrünen Buchen- und Eichenwälder -von Jasmund und die weißen Strandfelsen von Stubbenkammer, -das andere die blaue Bandlinie des Meeres. Die -sinkende Nachmittagssonne legte Gold auf die Wälder, Silber -auf die Kreidefelsen, und ein Segelschiff am Horizont leuchtete -wie ein aufsteigendes Sternlein.</p> - -<p>Ich hatte an jenem Tage zum ersten Male das Meer -gesehen. Ich war erst vor zwei Stunden von der Reise -gekommen, die von Wien bis Rügen zwei Tage und Nächte -ununterbrochen gedauert hatte. Die Neugierde, den alten -Freund zu sehen und wie sich der einstige arme Zimmermalerjunge -als Gutsbesitzer ausnehme, hatte mir weder -ein Interesse an den malerischen Elbeufern der sächsischen -Schweiz, noch an der stolzen Kaiserstadt Berlin aufkommen -lassen. In Stralsund hatte er mich erwartet – es war<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span> -sonst noch der alte Bursche; aber Welt hatte er nun stellenweise, -als wäre er geborner Adelsherr auf diesem zauberhaften -»Edelsitz« Zurkow. In drei Stunden hatten wir mit -den feurigsten Hengsten, die mich je durch die Luft gerissen, -die ganze Insel Rügen von Westen nach Osten durchschnitten.</p> - -<p>Auf Zurkow angelangt, erwartete uns ein Mahl, welches -zwei weißbehandschuhte Diener servierten, die so stumm -waren, wie der Fisch im Wasser. Mein Gastherr wußte -auch nicht gleich, wo und wie er das vor sechs Jahren -durch eine plötzliche Studienreise nach Italien unterbrochene -Gespräch wieder anknüpfen sollte und glaubte es am schicklichsten -damit zu tun, daß er die Abwesenheit seiner Frau -entschuldigte, die einer unaufschiebbaren Familienangelegenheit -wegen nach Putbus gefahren sei.</p> - -<p>Und ich? Fürwahr, mit einem Millionenmann, den -man in der Künstlerbluse eines Wandmalers so oft gesehen -und so liebgewonnen hat, spricht sich's etwas unglatt. -Ich konnte nicht leugnen, daß alles sehr gütig und wohlgemeint -war, was mir in diesem Hause zu widerfahren begann, -und doch blickte ich immer wieder mit verstohlenem -Mißtrauen auf den Gastherrn hin, ob er's denn wirklich -sei, der gute Wendel Blees. Daß er's <em class="gesperrt">gewesen</em> war, -konnte man hie und da noch spüren, aber ob er's <em class="gesperrt">noch</em> sei, -das schien mir in der Tat zweifelhaft. Ein hübscher Junge -war er immer gewesen, aber sein Schnurrbärtchen war nun -entschiedener, seine Gesichtszüge ausdrucksvoller und vornehm -blaß, sein Mund höflicher und sein braunes Auge -lebhafter geworden. Daß er seine Absicht, Künstler zu -werden, nicht bewerkstelligt hatte, war aus seinem Wesen -unschwer zu ersehen. Nirgends der schöpferische, idealbeschwingte -Geist; überall der formenängstliche reiche Mann.<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span> -An dem überladenen Aufputz der Tafel, an der Auswahl -der ziemlich auffallenden Leckerbissen und an der etwas -klobigen Art, womit er die Dienerschaft behandelte, war zu -erkennen, daß er in diesen Verhältnissen nicht immer heimisch -gewesen und das rechte Maß nicht ganz leicht zu treffen -wisse.</p> - -<p>Nachdem ich meine Reiseerlebnisse kurz angedeutet und -meinem Freunde über das allgemeine Befinden die geziemende -Mitteilung gemacht hatte, schloß Wendel, daß ich -von der Reise ermüdet sein würde und wies mir mein -Zimmer an, »um mich auszuruhen«.</p> - -<p>Ich hatte nun unersättlich zu den Fenstern hinausgeschaut -in die mir so seltsame, zauberhaft schöne Gegend. -Ich hatte eine der vortrefflichen Zigarren angebrannt und -mich auf das Ruhebett hingestreckt und den mich umgebenden -Luxus betrachtet und in die stille leere Luft hinein -gefragt: Wendel Blees, du leichtsinnig Wienerkind, wie -kommst du zu diesem Herrensitz im Inselreiche der Hünen?</p> - -<p>Es war damals kaum neun Jahre her, seit ein aufgeschossenes -Bürschchen ziemlich selbstsicher in meine Arbeitsstube -getreten war, meine Bilder scharf angeblickt und mich -gebeten hatte, daß ich ihn in seiner Absicht unterstützen -möge, er wolle Maler werden. Wer er wäre? fragte ich. -»Nichts,« war seine Antwort, »ich bin ein Waisenkind, das -ein entfernter Verwandter aufgezogen und dann im städtischen -Rechnungsamte untergebracht hat, wo ich Ziffern -zeichnen soll. Das ist aber nichts, ich bin durchgegangen, -denn ich will Maler werden.« Ob er mir Proben von -seinem Talente zeigen könne? Da hatte er schon mehrere -Papierblätter aus der Tasche gezogen; dieselben enthielten -Zeichnungen aus dem Schönbrunner Tiergarten, aus dem -Militärleben und eine Auffahrt bei Hofe; manches war<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span> -mit ziemlich grellen Farben bemalt. Nachdem ich diese -Bilder besehen hatte, gestand ich dem jungen Mann, daß -ich aus diesen Proben nichts zu erkennen vermöge und ihm -doch rate, sich einem Beruf zuzuwenden, der weniger trügerisch -sei, als das Künstlertum. Er verwies auf Maler, -die so klein wie er angefangen, es aber zum Ruhm gebracht -hätten. Ich blieb bei meiner Ansicht, lud ihn jedoch ein, -wenn er in seinen freien Stunden neue Bilder versuchen -sollte, mir sie seinerzeit wieder zu bringen. Das war das -erste Begegnen mit Wendelin Blees. Wir sahen uns von -diesem Tage an oft. Obwohl ich gar nichts für ihn zu tun -vermochte, schloß er sich an mich. Da er bei einem Maler -nicht unterkommen konnte, so ging er zu einem Anstreicher -in die Lehre, denn die Farbe hatte ihm's angetan. Die freien -Stunden, die er hatte, war er bei mir, sah meinen Arbeiten -zu und übte sich selbst. Er eignete sich eine gewisse Technik -an, aber es war kein Schwung da, keine Originalität – -kurz kein Talent.</p> - -<p>Ich sagte es ihm, er glaubte mir nicht.</p> - -<p>Indes gewann ich ihn lieb, anfangs seines Schwärmens -für die Kunst wegen, später, weil er ein offener, -herzens- und geistesfrischer, fröhlicher Junge war. Schrullen -hatte er freilich, oft so wunderliche Schrullen, daß ich -mir dachte: das wächst sich zu einem Narren oder doch zu -einem großen Manne aus. Er war um ein Bedeutendes -jünger als ich, aber wir wurden Freunde. Er hatte eigentlich -keine Bildung genossen, aber er hatte liebenswürdige -Naturanlagen, und wenn in seinem Wesen auch ein gewisser -Trotz lag, so diente derselbe mehr zur Stählung seines -Charakters, als um anderen Menschen unangenehm zu sein. -Es hat sich manch strenge geschulter Mann als mein Freund -bekannt, der mir nicht so viel war als der kleine Wendel.<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span> -Er hat während unseres zweijährigen Beisammenseins nur -eine einzige Dummheit gemacht. Auf mehreren Ausstellungen -erregte ein Bild von mir besonderes Aufsehen. Als Folge -des Beifalls erwuchsen – wie das immer so geht – auch -die Widersacher. Einen solchen Widersacher, es war ein -Zeitungsrezensent, forderte der kleine Wendel meines Bildes -wegen zum Duell. Der Rezensent machte ihn abtreten -und lachte ihn aus. Nun kam er wütend zu mir und ich -lachte ihn auch aus.</p> - -<p>Seinem Meister, dem Anstreicher und Zimmermaler, -war er ein fleißiger Gehilfe, aber niemand als ich wußte, -mit welchem Widerwillen er das Handwerk betrieb. Und -eines Tages trat er aufgeregter als sonst in meine Stube -und sagte, daß er nun komme, um von mir Abschied zu -nehmen. Er habe sich so viel erspart, daß er nach Italien -gehen könne, um an den berühmten alten Meistern groß -zu werden.</p> - -<p>Ich fragte, ob er wohl ermesse, was er gesagt habe. Er -antwortete, daß ich noch von ihm hören würde und daß er -auch als Künstler meine Freundschaft, die ihm das Teuerste -auf der Welt sei, behalten wolle. Ich suchte ihm in der -Eile ein paar Empfehlungsschreiben aufzudrängen, dann -ging er. Ging ohne Geld – denn sein Erspartes half ihm -kaum bis über die Grenze – ohne Kenntnisse, ohne Freunde -und ohne Plan nach Italien.</p> - -<p>Von dem Tage seiner Abreise an war er verschollen. -Und war's jahrelang, so daß mein Gedenken an ihn voll -Wehmut wurde, wie man eines Toten gedenkt. Mein Leben -ging in der Stille fort, aber jedes Jahr machte mich um -mehrere Jahre älter, weil mit dem Wachsen meiner Einsicht -mich meine künstlerischen Erfolge, so lärmend sie auch -sein mochten, immer weniger und weniger befriedigen wollten.<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span> -Die Ehre, welche mir die durch Effekt leicht zu bestechende -Menge zollte, vermochte meinen inneren Unmut -nicht aufzuwiegen und so zog ich mich sachte zurück in die -Beschaulichkeit, lebte der Natur und machte Reisen von -Galerie zu Galerie, um das an anderen mit Ehrfurcht zu -bewundern, was mir selbst nicht gelingen wollte. Von Wendel -fand ich auch nicht die leiseste Spur. Da erhielt ich eines -Tages in Wien das folgende Schreiben:</p> - -<div class="letter"> -<p class="center"> -»Geschätzter Freund! -</p> - -<p>Für den Fall Du einmal Lust nach malerischen -Landschaften hast, so reise nach der Insel Rügen. Und -wenn Du dort sein wirst, so versäume ja nicht, nach dem -Landgute Zurkow zu fragen, denn der Besitzer ist ein -alter Freund von Dir, der Dich bittet, es Dir bei ihm -recht wohlergehen zu lassen. Er hofft, daß Du seiner -nicht vergessen haben wirst und freut sich sehr, Dich nach -sechs Jahren endlich wieder zu sehen. Es ist Dein alter</p> - -<p class="right"> -Wendelin Blees.« -</p></div> - -<p>Die Schrift war glatter geworden als sie einst gewesen, -aber es war die seine. Mein Erstaunen war fast grenzenlos. -Zur alten Neigung kam nun auch die Neugierde. Leicht -locker gemacht war ich überhaupt und schon an einem der -nächsten Tage saß ich auf der Nordbahn.</p> - -<p>Von Anklam bis Stralsund hatte ich Gelegenheit, mich -bei einem Reisenden, der aus Bergen, dem Hauptorte der -Insel Rügen, war, nach dem Landgute Zurkow und seinem -Besitzer zu erkundigen. Da erfuhr ich, daß Zurkow zwar -kein Edelsitz sei, wohl aber eines der schönsten und reichsten -Güter der Insel. Es wäre ein Edelsitz gewesen, aber der -letzte Edelmann hätte ihn am Spieltisch eines rheinischen -Bades verloren und sich flink darauf erschossen. Hierauf sei<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span> -ein holländischer Kaufmann gekommen, Marketze geheißen, -der habe das zerfahrene Zurkow gekauft und in einen Stand -gesetzt, wie es seit Menschengedenken nicht erhört worden. -Der Landbau und die Waldwirtschaft, die Jagd und die -Fischerei blühten nun. Auch habe der Eigentümer von -Zurkow Bergwerke in England besessen und Schiffe, die -zwischen Stettin und Kopenhagen verkehrten. Und das -Schloß habe er herstellen und einrichten lassen, daß es nun -einer königlichen Residenz ähnlich sehe. Das habe ihm aber -alles nichts geholfen; mit seinem Sohne sei er unglücklich -gewesen und so sei er, nachdem das Gut so fürtrefflich hergestellt -war, aus Gram gestorben. Es sei aber ein junger -Mensch aus dem Süden gekommen, ganz fremd, der sitze -nun auf Zurkow und sei gut für drei Millionen Taler. -Man erzähle sich von dieser Familie mancherlei, aber da -nichts Bestimmtes zu sagen sei, so tue man am besten, -zu schweigen.</p> - -<p>So war ich vorbereitet worden und so lag ich nun auf -dem Ruhebette des Schlosses Zurkow – ich konnte nicht -sagen, daß mir gerade wohl zu Mute war.</p> - -<p>Endlich dämmerte es, und als ich wieder zum Fenster -hinausblickte, war das Meer nicht blau, sondern lichtgrau -und in seinem Quecksilberschimmer am Horizonte scharf abgeschnitten -von der aufsteigenden Nacht. Das Schiff, welches -früher fern wie ein Sternchen gefunkelt, war näher gekommen, -es war das einzige Fahrzeug auf der dunkelnden -Fläche. Auf den Felsen von Stubbenkammer glühte der -Widerschein des Abendrotes und sie spiegelten sich im Meere -wie blutige Schatten.</p> - -<p>Als ich träumend so zum Fenster hinausgeschaut, legte -sich sachte eine Hand auf meine Achsel. Wendel stand -hinter mir.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span></p> - -<p>»Wenn du ausgeruht hast,« sagte er, »so lade ich dich -ein, mit mir zum Abendbrot zu kommen.«</p> - -<p>»Hier hast du eine merkwürdige Welt um dich,« lautete -meine Entgegnung, »ich habe diesen stillen, meerumschlungenen -Hain als Knabe im Traume gesehen, zur Zeit, da wir -die nordische Mythologie studierten.«</p> - -<p>»So ist es,« antwortete er rasch, »so ist es, Mythologie! -Darum kann dieser Ort so anheimelnd und so schrecklich -sein.«</p> - -<p>»So schrecklich?«</p> - -<p>Jetzt faßte mich Wendel an meinen beiden Händen -und sagte: »Geliebter Freund, ich danke dir tausend-, vieltausendmal, -daß du zu mir gekommen bist.«</p> - -<p>Seine Stimme war so bewegt, daß es mir durch Mark -und Bein ging.</p> - -<p>Die Kruste war nun gebrochen, bei ihm, bei mir. Arm -in Arm gingen wir auf das Zimmer, in dem unser Abendtisch -gedeckt war. Es war ein anderes als jenes, in welchem -wir das Mittagsmahl genommen hatten, es war viel einfacher -und viel heimlicher. An der Wand fiel mir ein technisch -mit Meisterschaft gemachtes Ölporträt meines Gastherrn -auf. Wir saßen uns bei etwas gedämpftem Lampenlichte -an einem kleinen Tisch gegenüber; sonst war niemand -da, und der Mann, der uns bediente, erschien nur, wenn -er mit dem Glöcklein gerufen wurde. Die Speisen waren -nach Wiener Art zubereitet, und anstatt des aufgeblasenen -Champagners stand eine Flasche jenes ehrlichen, männlich -herben Rotweines da, wie er in den gottgesegneten Talungen -der tirolischen Etsch wächst und wie ich ihn in Gemeinschaft -mit Wendel einst so gerne getrunken hatte.</p> - -<p>»Nun haben wir uns wieder,« sagte mein Freund -und schaute mir mit feuchtem Auge ins Gesicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span></p> - -<p>»Ich kann mich immer noch kaum fassen vor Verwunderung, -dich so wiederzufinden,« bemerkte ich.</p> - -<p>»Mir erging es nicht anders,« sagte er, »aber ich bin -in den letzten Stunden, während du dich von den Reisestrapazen -ein wenig erholtest, nicht müßig gewesen. Ich -habe nach der Art gesucht, die uns wieder zusammenbringen -soll, wie wir dazumal beisammen gewesen sind. Offen -herausgesagt: mit den ersten Stunden unseres Wiedersehens -war ich nicht zufrieden.«</p> - -<p>»Ich auch nicht. Aber nun sage mir endlich, Wendel, -was um alles in der Welt ist mit dir vorgegangen?«</p> - -<p>»Du siehst es,« antwortete er mit einer wehmütigen -Miene, »ein reicher Mann bin ich geworden.«</p> - -<p>»Das passiert manchem, und geht es gewöhnlich mit -so natürlichen Dingen zu, daß man weiter gar nicht darüber -spricht. Aber bei dir ist's ein anderes. Du warst stets unpraktisch, -hast weder Schick gehabt zum Spiel noch zum -Spekulieren, hast, so viel ich weiß, weder ein Los besessen -noch einen reichen Onkel. Du hast auch meines Wissens -nie ein Interesse gehabt an Geld und Herrlichkeit – Künstler -werden wolltest du, diesen Weg sah ich dich von mir -fortziehen, nun finde ich einen Millionär. Das geht nicht -mit rechten Dingen zu, mein Freund!«</p> - -<p>»Du hast eine naheliegende Eventualität nicht erwähnt.«</p> - -<p>»Ich weiß es, die reiche Heirat. Doch der Gedanke ist -mir zu trivial.«</p> - -<p>»So dekoriere ihn mit der Liebe.«</p> - -<p>»Wirklich! Nun, die Liebe rentiert eine reiche Heirat -immerhin.«</p> - -<p>»Und meinst du, daß eine reiche Heirat nicht auch die -Liebe rentieren könnte?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span></p> - -<p>Der Ton und Blick, mit dem diese Worte gesprochen -wurden, war verblüffend. Ich schwieg.</p> - -<p>»Du hattest damals recht,« fuhr er fort, »ich bin kein -Künstler geworden.«</p> - -<p>»Aber du bist Mann geworden, das ist mehr.«</p> - -<p>»Es mag mehr sein, aber es ist nicht so schön. Freund, -wann war ich glücklicher als damals, als ich mich wie ein -Bettelvagabund durch die Alpenländer nach Italien schlug! -Ich war fest überzeugt, daß meine Rückkehr ein Triumphzug -sein würde und daß die abenteuerliche Wanderschaft des -Zimmermalers einst ein prächtiges Kapitel in der Biographie -des berühmten Künstlers geben müsse. Ein junger Idealist, -und wäre es auch nur ein eitler Tropf, nimmt im Reigen -irdischer Seligkeit den ersten Platz ein. Ich habe diesen -Platz bald verloren. In Mailand auf einer Wand sah -ich das Abendmahl – ein Triumph der Zimmermalerei,« -setzte Wendel lächelnd hinzu. »Ich griff dort aus Not -wieder nach dem alten Gewerbe. Ein Zufall verschlug mich -mit einem Arbeitgeber nach Genua und vor dem barocken -Denkmale des Kolumbus kam mir der Gedanke, ob ich mich -nicht etwa der Bildhauerei zuwenden sollte. Auf jeden Fall -wollte ich von hier aus zur See nach Rom gehen, dort -weht alte, echte Künstlerluft, die wollte ich erst atmen, das -weitere konnte nicht fehlen. Da trat ich eines Tages in ein -Gasthaus der <em class="antiqua">Via nuova</em>. Das, Freund, war der erste Schritt -nach dem Herrengute Zurkow auf Rügen.«</p> - -<p>»Im Gasthause lerntest du sie kennen, nicht wahr?«</p> - -<p>»Wen?«</p> - -<p>»Die schöne Maid, die mit dem Vater auf Reisen war -und die hernach deine Frau wurde.«</p> - -<p>»Du dichtest,« sagte Wendel Blees, »aber du dichtest -banal. Du mußt schon tiefer ins Unglaubliche.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span></p> - -<p>»Ich bitte dich, erzähle!«</p> - -<p>»So werde ich rasch und kurz erzählen. – In einer -Weinlaube des Gasthausgartens setzte ich mich ermüdet hin -und musterte die Speisekarte. Ich suchte nicht nach dem -feinsten Braten, sondern in der Preisrubrik nach der kleinsten -Ziffer – nun, das kannst du dir ja denken. Es war für -die Italiener noch nicht die Zeit des Mittags, so war der -Garten fast leer, nur hinter einem Zitronenbaum saß ein -Herr mit weißem Backenbart und schaute zwischen den -grünen Blättern zu mir herüber.</p> - -<p>Lange so, und immer wieder. Endlich schob er seinen -Teller beiseite und blickte noch schärfer auf mich her. Dann -stand er auf, kam an meinen Tisch und drückte mir die -Hand. Er tat es, ohne ein Wort zu sagen, dann trat er -wieder an seinen Tisch zurück und brütete vor sich hin. -Hernach zog er aus seinem Ledertäschchen eine Photographie -und sah sie an und schaute auf mich – und stützte sein Haupt -traurig auf die Hand. Jetzt mußte auch ich immer wieder -auf ihn hinblicken und wurde dabei unruhig; ich bildete mir -ein, das wäre ein großer Künstler und habe an mir vielleicht -das Genie entdeckt; du siehst, ich hatte nicht mehr weit -zum letzten Ziele manchen Künstlers – zum Narrenhaus. -Es gehörte ein Wunder dazu, um mich davon zu retten – -und das Wunder geschah.«</p> - -<p>»Als ich,« fuhr mein Freund Wendel fort, »mich zur -Not gesättigt hatte, erhob ich mich, um meine nebelhaften -Wege weiter zu wandeln. Da sprang der Mann am Zitronenbaume -auf, hielt mich zurück, er wolle wissen, wer ich -wäre.«</p> - -<p>»Also ein Polizeiorgan!« rief ich aus.</p> - -<p>»Mein Bester,« sagte Wendel, »ich sage dir noch einmal, -wenn du in meiner Geschichte die Wahrheit erraten<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span> -willst, so mußt du dich gerade an die größten Unwahrscheinlichkeiten -halten. Der Mann hörte meine Geschichte, -kaufte mir neue Kleider und ich war tagelang sein Gast. -Er war liebevoll und fast zärtlich mit mir, und er war doch -nur ein Fremder. Mehrmals sah ich ihn weinen. Er lud -mich ein, mit nach Rügen zu kommen, wo er ein Gut habe, -er wolle für mein Fortkommen sorgen helfen.«</p> - -<p>»Er hatte dich so plötzlich liebgewonnen?«</p> - -<p>»Und weißt du, warum? Weil ich große Ähnlichkeit -mit seinem verstorbenen Sohne hätte.«</p> - -<p>»Du gingst mit ihm?«</p> - -<p>»Natürlich, ich ging nicht mit ihm, ich ging nach Rom. -Und als ich dort meine Künstlergelüste gründlich ausgehungert -hatte, und in dem Gemäuer des Kolosseums bei den -Fledermäusen mein Nachtlager hielt, fiel mir wieder die -Einladung des greisen Mannes ein. Ich schrieb ihm, daß -ich nun kommen wolle und ob er für mich einen Erwerb -hätte; wäre es was immer, nur ein ehrlich Brot. Er schickte -mir Geld, ich reiste auf dem kürzesten Wege nach Rügen. -Als ich nach Zurkow kam – auf dieses schöne, reiche Zurkow, -ja – da hat er mich wie einen lieben Anverwandten empfangen, -hat seine Tochter gerufen, mich ihr vorgestellt und -ausgerufen: Nun Freda, ist er's nicht? – Ja, sagte Freda, -und doch wieder nein, Albin war nicht so schlank. – Aber -er hatte dasselbe nußbraune Haar, das ihm geradeso in die -Stirn stand, denselben Mund, das ganze Gesicht; schau' -sein Aug' an, Freda, schau' sein Aug' an! O Gott, mein -Albin! – Er hat geweint, sie hat ihn mit Mühe beruhigt –«</p> - -<p>»Und dein Auge?«</p> - -<p>»Das hat sie angeschaut.«</p> - -<p>»Dann verliebt?«</p> - -<p>»O nein,« antwortete mein Freund Wendel, »so schnell<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span> -ging das nicht. Wir mußten uns erst aneinander gewöhnen. -Der Alte gab uns zu schaffen, der wollte – höre es! – er -wollte uns schon in den nächsten Wochen zusammenhaben. -Er war durch den plötzlichen Verlust seines Sohnes verwirrt, -beinahe schwachsinnig geworden.«</p> - -<p>Wendel führte mich dann zum Fenster: »Du siehst -dort die weißen Felsen?«</p> - -<p>Ich sah sie in des Mondenscheines nebelhafter Blässe -schroff aus dem Meere aufragen.</p> - -<p>»Von jenem Felsen,« fuhr mein Freund fort, »ist Albin -Marketze, der einzige Sohn des reichen Mannes, in seinem -dreiundzwanzigsten Lebensjahre auf einer geologischen Exkursion, -bei der er sich zu tollkühn an die Hänge hinauswagte, -in das Meer gestürzt und zugrunde gegangen. Der -Vater war trostlos, seine Tochter, nun sein einziges Kind, -suchte ihn umsonst zu zerstreuen, er gab sie zu Verwandten -nach Putbus, überließ das Gut einem Verwalter und ließ -sich von seinem Grame ziellos in der Welt herumtreiben. -So war er auch nach Genua gekommen, wo wir uns also -begegnet waren. Ich kann ihm die Liebe, die er mir schenkte, -nimmer vergelten, der kranke Greis sah in mir seinen verstorbenen -Sohn. – Hast du dieses Bild schon betrachtet?« -Wendel wies auf das Ölgemälde an der Wand.</p> - -<p>»Das scheint ein gewandter Künstler geschaffen zu -haben,« bemerkte ich, »es ist Individualität in dem Bilde -und doch stört mich etwas in den Zügen. Durch die wohlbekannte -Form schaut mich eine fremde Psyche an.«</p> - -<p>»Im ganzen leugnest also auch du die Ähnlichkeit nicht. -Und siehe, das ist das Porträt des verunglückten Albin.«</p> - -<p>Das fand ich denn doch merkwürdig und nun fing ich -an, das besondere Interesse des alten Marketze für Wendel -zu begreifen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span></p> - -<p>»Da mir,« fuhr mein Freund fort, »die Lust, Maler -zu werden, begreiflicherweise vergangen war, wenigstens einstweilen -vergangen, so fügte ich mich gerne den fürsorglichen -Wünschen meines Gönners, ich gab mich, anfangs gleichgültig, -später mit Interesse, der Landwirtschaft hin und -machte in derselben Fortschritte. Außerdem geschah manches -zur Vermehrung meiner sonstigen Kenntnisse, damit wuchs -auch – möchte ich sagen – mein Herz und ich schloß mich -warm und dankbar meinem Wohltäter an. Ich war kaum -drei Jahre auf Zurkow, als mir Marketze eines Tages zu -verstehen gab, daß es ihm lieb wäre, wenn noch vor seinem -Tode meine Verbindung mit seiner Tochter zustande käme. -Freda war um einige Monate älter als ich, sie war mir -nicht unangenehm gewesen. Es hatten sich, wie leicht erklärlich, -reiche Bewerber eingefunden, allein –«</p> - -<p>»Sie hat den frischen guten Jungen vorgezogen,« -unterbrach ich in meiner vorwitzigen Ungeduld, »reich war -sie selbst, gesellschaftliche Rücksichten war sie nicht schuldig, -so nahm sie sich einen Herzensmann. Ich habe mir oft -gedacht, Wendel, daß in dir Trotz und Geschmeidigkeit, -Männlichkeit und Weichlichkeit geradeso gemischt sind, wie -es die Weiber gerne haben.«</p> - -<p>»Genug. Als der Vater starb, waren wir ein Ehepaar -und ich habe mich wohl oder übel mit meiner neuen -Würde und Herrlichkeit abfinden müssen.«</p> - -<p>»Aufrichtig gesagt, hoffe ich, daß dir die Kunst, ein -reicher und glücklicher Mann zu sein, besser gelingen wird, -als dir jemals ein gutes Gemälde gelungen wäre.«</p> - -<p>Eine Weile nach dieser Bemerkung antwortete Wendel: -»Es gehört zum einen wie zum andern ein großes Talent. -Wenn sich der reiche Mann in seine Lage nicht zu schicken -weiß, so ist er ein <em class="gesperrt">armer</em> Mann.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span></p> - -<p>Derlei besprachen wir, da begann allmählich das Gespräch -zu stocken. Wir machten noch manchen stillen Schluck -aus unseren Gläsern, dann wünschten wir uns in freundlicher -Höflichkeit gute Ruhe, und ich wurde hierauf in mein -Zimmer geführt.</p> - -<p>Ich stand noch lange am Fenster und blickte in die -Nacht hinaus. Auf dem Meere lag der Schimmer des Mondes -und die zackigen Kreidefelsen von Stubbenkammer standen -wie Gespenster da. Jetzt legte sich auf meine Schulter -wieder die Hand. Wendel stand neben mir und war bleich -und verstört, wie ein Nachtwandler.</p> - -<p>»Verzeihe mir, mein Freund, daß ich deine Ruhe -störe,« sagte er mit unsicherer Stimme, »ich wollte dich heute -noch fragen, wann du von hier abreisest?«</p> - -<p>Mit Befremden entgegnete ich: »Wann ich abreise? -Ich glaube, du könntest es ebensogut erfahren, wenn du mich -gefragt hättest, wie lange ich denn zu bleiben gedächte. Du -weißt, daß ich auf deine Einladung aus Wien komme, um -dich zu besuchen.«</p> - -<p>»Ich danke dir, daß du gekommen bist!« stieß er -hervor, »aber ich verreise morgen und wünsche in deiner -Gesellschaft zu reisen.«</p> - -<p>Ich starrte ihn an.</p> - -<p>»Du hältst mich für verrückt,« sagte er.</p> - -<p>»Allerdings –«</p> - -<p>»So muß ich dir's denn gestehen, Freund,« er verdeckte -mit krampfiger Hand sein Gesicht, »ich bin sehr unglücklich. -Ich ertrage es nicht mehr länger, ich will fliehen, ich will -nach Wien zurück. Mein Weib und ich, wir lieben uns nicht. -Sie behandelt mich mit Hochmut, sie hat ihre Freunde, mit -denen sie sich herumtreibt, fischt und jagt; ihrem Reitpferde -schenkt sie mehr Aufmerksamkeit als mir. Von einem Familienleben<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span> -ist in diesem Hause nicht der Schatten, entweder -sie zieht ihre junkerlich faden oder aufgeblasenen Sportgenossen -herbei und gibt laute Feste, wobei ich offen oder verstohlen -die Zielscheibe ihrer Launen bin, oder sie reitet -davon und läßt mich allein in diesem Schlosse, das mir -unheimlich geworden ist wie eine Gruft. Ich hätte mit ihr -für mein Leben gern einmal eine Reise nach Österreich gemacht; -sie schlug mir's ab, ich möge allein reisen, wenn es -mir auf Zurkow nicht behage, sie sei keine Freundin der -vielgerühmten österreichischen Gemütlichkeit. Das einzige -Glück ist, daß ich sie nicht liebe, denn sonst müßte ich mich -von jenem Felsen dort, der die erste Ursache meiner Leiden -ist … Kurz, ich habe nichts und will nichts, ich bin -frei, ich verlasse Zurkow noch in den nächsten vierundzwanzig -Stunden, arm wie ich gekommen bin. Ich gehe -mit dir nach Wien.«</p> - -<p>»Du mußt deine Aufregung vorübergehen lassen, armer -Freund,« sagte ich, »wenn du ruhig geworden sein wirst, -wollen wir es überlegen.«</p> - -<p>»Diese Zeremonie ist nicht mehr nötig. Ich habe es -längst überlegt und heute mich entschlossen. Ich habe sie -von deiner Ankunft unterrichtet und sie gebeten, daß sie zu -Hause bleibe, um dich zu empfangen: sie weiß, daß du mein -liebster Freund bist, der aus der Ferne zu mir kommt, und -sie konnte das Haus verlassen, und sie konnte mir das lieblose -Wort sagen.«</p> - -<p>»Welches Wort?«</p> - -<p>»Wen ich eingeladen, den möge auch ich bewirten, sie -könne sich denken, wie mein bester Freund aus der Zeit -der Farbenkleckserei aussehe, sie sei auf derlei vagabundierendes -Künstlervolk nicht neugierig. Tiefer hätte sie mich -nicht mehr verletzen können. Ich trenne mich von ihr.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span></p> - -<p>»Ich danke dir,« sagte ich, »also mich willst du zur -Ursache eines unsinnigen Schrittes machen! Dann empfehle -ich mich.«</p> - -<p>»Bleib', Hans!« schrie er auf und packte mich an beiden -Armen, »von dir ist keine Rede. Es handelt sich um mich! -Mir hat sie den Schlag versetzt, sonst wollte sie nichts, als -mich, mich beleidigen, aber das wollte sie. Meiner überdrüssig -ist sie, den Bruch wünscht sie zu vollziehen. Der -Wunsch kann erfüllt werden.«</p> - -<p>Der Mann schoß wildsprühende Blicke um sich, er -knirschte mit den Zähnen.</p> - -<p>»Du hassest sie also?« war meine Frage.</p> - -<p>Hierauf antwortete Wendel: »Wenn ich sie haßte, so -würde ich ihr diesen Wunsch nicht erfüllen, ich würde Herr -auf Zurkow bleiben und das Leben des Reichen genießen -und ihr im Wege stehen und mich an ihrem ohnmächtigen -Ärger belustigen. Nein, ich hasse sie nicht. Von jetzt ab – -sie ist mir gleichgültig.«</p> - -<p>»Gleichgültig? Deine Aufregung straft dich Lügen.«</p> - -<p>»Bin ich aufgeregt? Dann bin ich's nicht ihretwegen, -sondern meinetwegen. Mein Unglück, ich schleudere es von -mir, ich nehme wieder die Armut und Nichtigkeit auf mich. -Seit ich dich sehe, mein Freund, habe ich wieder Mut, ich -gehe mit dir nach Wien!«</p> - -<p>Das kam mir nun alles verworren vor; da fragte er -mich: »Könntest du an meiner Stelle bleiben? Es mögen -Gesetze und Sitten hundertmal für dich sprechen, wenn die -Tatsache zeigt, daß du überflüssig bist, so wirst du verzichten -und lieber mit Stolz und Ehren wieder der arme Anstreichergeselle -sein, als auf Zurkow ein – was weiß ich! Es war -ja nichts, ein toller Traum, nichts als ein Roman, aber ein -Roman ohne Liebe. Eine fixe Idee, geschmeichelte Eitelkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span> -und der Kitzel, reich zu sein, waren die Helden! Könntest -du mich denn achten, wenn ich so noch hier sitzen bliebe?«</p> - -<p>»Ich gebe keine Antwort, solange ich nicht deine Frau -gesehen habe.«</p> - -<p>»Die wirst du nicht sehen,« sagte Wendel Blees, »wie -ich sie kenne, kehrt sie erst zurück, wenn sie die Gewißheit -hat, daß du nicht mehr im Hause bist.«</p> - -<p>»Dann erlaube mir, daß ich jetzt einige Stunden ruhe. -Bevor die Sonne aufgeht, werde ich dieses Haus verlassen.«</p> - -<p>»Tue so, mein Freund, und schlafe wohl.«</p> - -<p>Rasch hatte sich mein Gastherr nun entfernt. Unsere -Unterredung hatte einen fast trotzigen Charakter gehabt. Ich -schlief schlecht in derselben Nacht. Reue, daß ich hierher -gekommen, Mitleid mit dem armen Wendel, Ratlosigkeit, -was nun anzufangen, peinigten mich. Es kam mir der -Gedanke, Frau Freda aufzusuchen und den Vermittler zu -spielen; diesen Gedanken schleuderte ich rasch von mir – -zwischen Eheleute dränge sich kein Dritter, am wenigsten -ein Fremder. Er würde es unter allen Umständen schlechter -machen. Als der erste Schimmer des Morgens aus dem -Meere stieg, war ich entschlossen. Ich packte hastig meine Sachen -zusammen, schrieb auf ein Blättchen Papier die Worte:</p> - -<div class="letter"> - -<p>»Wendel, ich bin aus der Ferne gekommen, um Dir auf -dieses Stück Papier das Wort zu schreiben: <em class="gesperrt">Sei ein Mann!</em> -Lebe wohl.</p> - -<p class="right"> -Dein treuer Hans.« -</p></div> - -<p>Als ich durch den Hof eilen wollte, fuhren zwei große -Hunde auf und ließen mich nicht weiter. Ich mußte umkehren -in mein Zimmer, warf mein kleines Gepäck zum -Fenster hinaus und kletterte selbst nach in den Garten. Das -Schloß und das naheliegende Gehöfte lagen noch in Ruhe -da; ich huschte durch Gestrüppe und bog erst eine Strecke -weiter hin zum Wege.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span></p> - -<p>Ich war auf demselben etwa dreihundert Schritte gegangen, -als von einer Eichengruppe ein Mann auf mich -zusprang und mich mit dem Worte: »Da bist du ja schon!« -an der Hand faßte.</p> - -<p>Wendel war's, der Herr auf Zurkow: und doch nicht -mehr Herr auf Zurkow, in dem Kleide eines fahrenden -Gesellen stand er da.</p> - -<p>»So, Kamerad,« sagte er, »nun wollen wir einmal -mitsammen wandern.«</p> - -<p>Dagegen ließ sich nun nichts einwenden. Wir trabten -wortkarg nebeneinander her. Als wir eine Stunde gegangen -waren, machte mein Begleiter plötzlich einen Juchschrei, wie -er so frisch und laut auf Rügen vorher wohl kaum erklungen -sein mochte.</p> - -<p>»Sieh da, dieser Stein ist mir noch auf dem Herzen -gelegen,« sagte er hernach und deutete auf einen bemoosten -Grenzstein, »hier endet das Gut Zurkow, hier beginnt die -weite Welt. Freund, nun bin ich wieder dein!«</p> - -<p>Da dachte ich: Wenn ich nur wüßte, was ich mit dir -anfangen soll!</p> - -<p>So begann die Wanderschaft. Den Sund übersetzten -wir auf einer abseits gelegenen Fischerbarke, Stralsund umgingen -wir, weil Wendel sich vor dem Erkanntwerden fürchtete. -Und dann wollte er zu Fuß nach Wien reisen. Er -hatte von dem Schlosse ja nichts mit sich genommen, als -was er einst dahin mitgebracht hatte, ein abgeschabtes Ledertäschchen -und einen Hagenstock. Ich hatte viele Mühe, um -ihm die Eisenbahnfahrt aufzuzwingen. Endlich, als es ins -Österreich hereinging, fanden wir uns und waren harmlos -heiter, wie einst; ich suchte seine Verhältnisse mit Ruhe und -Erwägung zu besprechen, allein er war dazu viel zu nervös<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span> -aufgeregt: bei ihm ging alles im Überschwunge und sein -ganzes Wesen wurde mit fortgerissen.</p> - -<p>Als er die alte Kaiserstadt sah, war er überglücklich. -So saßen wir nun endlich wieder in meiner Stube, wo -wir vor Jahren oft froh beisammen gesessen und ich fragte -ihn: »Wenn du jetzt zurückdenkst auf Zurkow, wie ist dir -zu Mute?«</p> - -<p>»Unsäglich wohl!« rief er, »hast du einen zweiten -Freund, Hans, der imstande ist, ein Herrenschloß und ein -reiches Weib von sich zu schleudern, wie eine faule -Birne?«</p> - -<p>»Du bist der einzige,« sagte ich, »und nun suche ich -mir noch einen, der imstande ist, ein Herrenschloß und ein -reiches Weib zu beherrschen.«</p> - -<p>»Da wird sie zurückgekehrt sein auf Zurkow,« sagte -Wendel, »ausgerüstet mit neuen Mitteln mich zu demütigen, -und wird selbst die größte Demütigung erlebt haben, die -ein reiches Weib erleben kann: von dem Bettler abgelehnt -zu sein.«</p> - -<p>Schon am nächsten Tag war Wendel Blees so glücklich, -in einem Vororte Wiens als Zimmermaler Beschäftigung -zu finden. Er besuchte mich häufig, aber für meine Bilder -und ästhetischen Studien hatte er kein Interesse mehr, er -saß zumeist still da und blickte zum Fenster hinaus auf die -alten Ulmen und Eichen eines verwahrlosten Parkes. Von -seinem abenteuerlichen Gutsherrnleben sprachen wir nicht -mehr; ich aber dachte daran und mir kam die ganze Geschichte -noch wunderlicher vor.</p> - -<p>Ich wußte nur, daß er seiner Gattin nicht schrieb und -ihr absichtlich seinen Aufenthaltsort verheimlichte. Um so -eifriger las er ein pommersches Wochenblatt und in -demselben einmal eine Feilbietung des Gutes Zurkow auf<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span> -Rügen. Er zeigte mir mit dem Finger die Stelle; wir haben -nicht ein Wort darüber gesprochen.</p> - -<p>Mittlerweile bemerkte ich, daß die Farben – die grünen -sollen besonders schädlich sein – dem Wendel Blees nicht -mehr so wohl bekamen als einst, er wurde bleich und bekam -eingefallene Wangen. Seine Besuche bei mir verminderten -sich, er strich in seinen freien Stunden allein -umher in den Vorstädten oder er saß in seiner Dachkammer -und brütete vor sich hin. Als ich von einer größeren Reise -zurückgekehrt war, gedachte ich wieder einmal seiner und -suchte ihn auf. Ich fand ihn auf dem Fußboden kauernd, -wo er eben ein paar Patronen (Formen für Zimmermalerei) -aneinanderzuheften vorhaben mochte, aus Erschöpfung aber -rasten mußte. Ich erschrak vor der herabgekommenen krankhaften -Gestalt, vor dem stieren Blick, der mich völlig unheimlich -anglotzte.</p> - -<p>»Bist du krank, Wendel?« fragte ich.</p> - -<p>»Was habt Ihr denn mit mir?« fuhr er jetzt auf, -»warum soll ich krank sein?« Dann setzte er wehmütig und -sanft bei: »So hast du doch nicht ganz meiner vergessen. -Du kannst mir aber nicht helfen.«</p> - -<p>»Willst du nicht bisweilen mit mir einen kleinen -Spaziergang machen? Das zerstreut und erfrischt.«</p> - -<p>»Wenn du recht langsam gehen willst,« meinte er, »ich -war schon lange nicht mehr auf der Gasse und habe das -Gehen verlernt.«</p> - -<p>Als ich von ihm fortging, hastete mir die alte Frau, -die ihn pflegte, zur Türe nach und fragte: »Wie lang' kann -er's denn noch machen, Herr Doktor?«</p> - -<p>Es waren freundliche Spätherbsttage. – Ich führte den -armen Wendel mehrmals auf den Ring; er sprach wenig, -nur einmal, als er stehen blieb und sich an mich stützte,<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span> -sagte er, mit großen Augen hinschauend: »Es ist eine herrliche -Stadt!« Dann saßen wir auf einer stillen Bank des -Stadtparkes und er schaute die gilbenden Blätter an, wovon -eins ums andere langsam zu Boden sank.</p> - -<p>Da war's eines Tages, als wir über den Schwarzenbergplatz -schritten, daß mein Begleiter plötzlich einen Schrei -ausstieß. Ein Fiaker rollte vorüber, in welchem eine schwarzgekleidete -Dame saß. Wendel riß sich von mir los und mit -ausgestreckten Armen lief er dem Wagen nach. Ich suchte -ihn zurückzuhalten, aber er eilte, als wären seine Arme -Flügel, er verfolgte den Wagen bis zur Brücke, dort stürzte -er zusammen.</p> - -<p>Allsogleich waren wir von einem Menschenhaufen umringt. -Wir hoben ihn auf. Seinem Mund entströmte Blut; -er schlug die Augen weit auf und stierte um sich und murmelte: -»Sie ist fort.«</p> - -<p>»Wen meinst du, Wendelin?«</p> - -<p>»Freda!« hauchte er matt.</p> - -<p>Man trug ihn in einem geschlossenen Lederkasten ins -nächste Lazarett; als sie ihn in der Halle niederließen und -ich die Klappe öffnete, um zu fragen, wie er sich befinde, -da waren die Lippen für immer verstummt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Man erinnert sich vielleicht noch an eine Zeitungsnotiz, -daß an jenem Oktobertage ein Mann einem Fiaker nachgelaufen, -auf der Schwarzenbergbrücke mit dem Rufe: -»Freda!« zusammengebrochen und bald darauf verschieden sei.</p> - -<p>Aber man weiß wohl nicht, daß diese Notiz einen seltsamen -Besuch in der Leichenhalle zur Folge gehabt hat.<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span> -Eine fremde Dame fand sich ein, bat sich die Leiche des -Zimmermalers Wendelin Blees aus, bekränzte sie mit Eichenlaub, -überführte sie auf einen still und lieblich gelegenen -Friedhof des Wienerwaldes und begrub sie in einem eigenen -Grabe.</p> - -<p>Auf dem Steine steht das Wort, das einzige Wort: -»Verzeihe!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span></p> - -<h2 id="Das_Muendel-Kindel">Das Mündel-Kindel.</h2> -</div> - -<p class="drop">Im Garten des Gasthauses zum »Roten Herzen«, an -einem Ecktische saß ein junger Mann. Er war der -einzige Gast, die Mittagsleute hatten sich schon verzogen -und die Nachmittagszecher waren noch nicht angerückt. Die -jungen Wildkastanien gaben wenig Schatten, auf den runden -Tischen mit den unordentlich verschobenen Tischtüchern, an -denen hie und da Spuren der Bratensauce sichtbar waren, -lag die grelle Aprilsonne. Drinnen in einem Winkel der -Gaststube kauerte der Kellner, der einen Teil des Schlafes, -den in der Vornacht anhaltende Trinker ihm gestohlen, einzubringen -hatte. Der junge Gast, auf dessen blassem Gesicht -schwarze Augenbrauen und ein schwarzes dünnes Schnurrbärtchen -lagen, stützte sein Haupt auf den Ellbogen, so daß -der gesprenkelte Strohhut auf dem Ohre lag. Er hatte -vor sich ein volles Glas Bier stehen, in dem der weiße -Schaum bereits zerronnen war. Er blickte hinaus auf die -Kastanienallee, in der gelangweilte Spaziergänger hin und -her siffelten oder auf den Bänken saßen. Am Alleedamme -balgten ein paar Gassenjungen, die grüne Gesichter und -dunkle Ringe um die Augen hatten und die paar Lumpen, -die sie an den mageren und schmutzigen Gliedern trugen, -sich gegenseitig vollends herabzureißen suchten. – Aus dem -Sinnen über die Zukunft solcher verwahrloster Kinder wurde -der junge Mann geweckt durch einen rasch in den Garten -tretenden zweiten, der Überrock und Stock auf einen Sessel -warf und sich bei dem Freunde entschuldigte, daß er ihn -hatte warten lassen. Mit beiden Händen seinen braunen -Vollbart streichend, setzte er sich an den Tisch, rief nach<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span> -einem Glas Bier und auch der erstere ließ sein abgestandenes -Glas gegen ein frisches umtauschen.</p> - -<p>»Ich hatte zum Schluß noch eine Überstunde mit drei -Prozessen,« erzählte der Ankömmling. »Eine Ehrenbeleidigung -und zwei Paternitätsklagen.«</p> - -<p>»Paternitätsklagen?« fragte der junge Mann und hob -jetzt seinen Kopf in die Höhe. »Das ist interessant.«</p> - -<p>»Ach, was verstehst du davon,« lachte der Bezirksrichter.</p> - -<p>»Aber anhören kann man's doch.«</p> - -<p>»Im Vertrauen gesagt, Alfons, du siehst mir seit -einiger Zeit gar nicht danach aus, als ob dir mit Widerlichkeiten -gedient wäre. Nein, für Kopfhänger sind Gerichtsangelegenheiten -nicht die richtige Unterhaltung. Heil dir!«</p> - -<p>Er hob sein Glas zum Anstoßen, Alfons tat ihm verdrossen -Bescheid und goß dann sein Bier auf einem Zug -hinunter, während der Richter sich mit einem Halben genug -tat, den er mit Behagen vollführte, um dann seinen etwas -genetzten Bart wieder in Ordnung zu bringen.</p> - -<p>»Sage mir, Freund, was fehlt dir? Hast du deine -Lustigkeit in den Taschen des Winterrocks gelassen? Gibt -dir das Staatsexamen so viel zu schaffen oder hat dir dein -Alter die Rationen beschnitten? Andere Mißgeschicke kann -ich mir bei einem Studiosus nicht denken.«</p> - -<p>»Nicht?«</p> - -<p>»Oder unglückliche Liebe? Doch dazu hast du, so viel -ich weiß, nie Talent gehabt.«</p> - -<p>»Nein, dazu habe ich nie Talent gehabt,« sagte Alfons -gelassen nach und schob auf dem Tisch das Salzgefäß beiseite, -obschon es ihm nicht im Wege gewesen war. Und -rief nach Bier. Aber als der Kellner um das Glas kam, -wehrte er ab: »Ich danke. Ich trinke nicht mehr.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span></p> - -<p>Mit einiger Befremdung betrachtete nun der Bezirksrichter -seinen Freund daraufhin, ob er nicht etwa krank -sei. Der andere hielt das nun nicht mehr lange aus. Diese -Gelegenheit war ihm ja erwünscht. Für die Länge ist solch -ein Anliegen nicht zu ertragen, ohne es mitteilen zu können. -Und wem sollte er es mitteilen, als diesem Manne, der, -um etliche Jahre älter, entfernt mit ihm verwandt und seit -Kindheit vertraut, sich stets als verläßlicher und verschwiegener -Freund erwiesen hatte.</p> - -<p>»Gustav,« sagte er plötzlich und rückte seinen Sessel. -»Ich möchte dir etwas sagen. Vielleicht kannst du mir -einen Rat geben. Aber sitzen bleiben möchte ich nicht hier. -Machen wir einen Spaziergang.«</p> - -<p>Sie legten ihre Münzen hin und gingen. Durch die -Allee hinaus schwieg Alfons, erst als sie in den Eichenwald -kamen, wo der Kiesweg mit dem Schatten der treibenden -Baumzweige besprenkelt war, bückte er sich nach einem -Steinchen, warf es wieder fort und sagte: »Denke dir, Gustav, -ich habe Malheur gehabt. Mit der kleinen Blonden.«</p> - -<p>»Mit der Strohhutmamsell? Aber das ist doch wohl -<em class="antiqua">tempi passati</em>. Du hast mir ja schon lange nichts mehr von -ihr erzählt.«</p> - -<p>»Nun eben dann hättest du dir's denken können. Sie -ist tot und – das Kind lebt.«</p> - -<p>Da blieb der Richter stehen, kehrte sich dem Freunde -zu und sagte leise und gedehnt: »Na, hörst du!« –</p> - -<p>Alfons schaute ihn unsicher an. »Dein Richterantlitz -magst du nur abseits lassen. Das kann ich jetzt nicht brauchen. -Ich bin schwer abgestraft. So teuer ist dir das sicher nie -zu stehen gekommen. Sie starb in der Klinik. Das Kleine -– heute sechs Tage alt – ist im Findelhaus.«</p> - -<p>»Nun also!« rief der Richter, aber Alfons fand den<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span> -Ruf nicht ganz harmlos. »Entweder,« sagte er, »glaubst -du, ich gebe mich mit dem Findelhaus zufrieden, oder –. -Sei versichert, daß mir die Sache verteufelt nahegeht. -Soll es nun ins Waisenhaus? Oder in eine andere Anstalt? -Ich höre, man bringt so einen Wurm nirgends unter. -Dann geben sie ihn aufs Land hinaus. Wo sie Engerl -machen.«</p> - -<p>»Aber, das wirst du doch nicht zulassen!«</p> - -<p>»Ja, glaubst du denn, ich werde mich nennen und -bekennen?«</p> - -<p>»Mein lieber Alfons, das wirst du allerdings müssen.«</p> - -<p>»Du kennst doch meinen Alten. Der würde mich enterben. -Was sage ich, enterben. Ermorden! Wenigstens -träfe ihn der Schlag.«</p> - -<p>»Dein Vater mag zwar ein bißchen so etwas sein, -wie ein Moralphilister. – Du verzeihst schon. Aber ich -halte ihn auch für einen anständigen Mann – du verzeihst -abermals. Das Kind seines Sohnes wird er nicht verderben -lassen. Ist es ein Knabe?«</p> - -<p>»Natürlich! Aber daß ich den Alten in die Geschichte -einweihe, das ist ganz ausgeschlossen. Wenn ich nur Geld -hätte, dann ließe sich's leicht machen.«</p> - -<p>»Setzt er dir immer noch bloß zwanzig Kronen aus, -monatlich?«</p> - -<p>»Könnte ich mir ein Automobil halten oder wenigstens -ein Reitpferd, wie andere unserer Sippe, ich hätte mich -nie nach dieser Richtung hin so weit verloren. Ich habe -schon gedacht, ob ich jetzt nicht die Reise nach England -machen sollte, wie es mein Alter wünscht. Natürlich hielte -ich mich die Zeit über bei einem guten Freunde verborgen -und mit dem Gelde wäre das Kind für eine Weile versorgt. -Was meinst du?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span></p> - -<p>Als die beiden Männer langsam weiter gingen, sagte -der Richter in einem etwas singenden Tone: »Ja, ja. So -machen sie's alle. Fast alle. Ist die eine Dummheit vollbracht, -dann machen sie die zweite. Aber es ist ja gar nicht -nötig, Alfons, daß du deines Kindes wegen ein Schwindler -wirst. Es wird auch so gedeihen. Hat es schon einen -Vormund?«</p> - -<p>»Was weiß ich. Wenn's erst auf so einen Vormund -ankommt – das sind mir auch die rechten. Die Waisen, -die da auf dem Lande draußen verlausen und versumpern -und endlich Trottel oder Lumpen werden – alle haben -ihre Vormünder. Du siehst, daß ich mich schon unterrichtet -habe.«</p> - -<p>»Also deinem Vater willst du nichts sagen?«</p> - -<p>»Nein. Es würde das ganze Familienglück – was -man so nennt – zerstören. Am meisten würde Mama -darunter zu leiden haben. Nein, daheim in der guten Stube -breite ich meine Sache nicht aus. Niemals.«</p> - -<p>»Lieber verleugnest du das arme Kind, lässest es verderben, -zum Trottel oder Spitzbuben werden. Na, ich -dank' schön.«</p> - -<p>Da faßte Alfons den Freund am Arm und sprach: -»Ich habe dir nicht vertraut, damit du mich rasend machen -sollst. Wenn du keinen Rat weißt – ich habe dich ja nicht -verpflichtet dazu.«</p> - -<p>»Fonserl! Fonserl! Nachdem, wie du jetzt geneigt -bist, anderen Unrecht zu tun, sehe ich klar, daß du dich in -Unrecht fühlst. Und das freut mich. Das Unrecht kommt von -deinem Kummer und der Kummer kommt von der Liebe. -Du liebst deinen Knaben.«</p> - -<p>»Aber ja!« brauste Alfons auf, zornig erregt darüber, -daß ihm eine fremde Hand so tief in den verstecktesten Herzwinkel<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span> -griff. Die andere Liebe hatte er dem Freunde gern -verraten, <em class="gesperrt">dieser</em> hatte er sich geschämt Sie war zu zart -und wundersam, er war ihrer zu ungewohnt. Dieses so sanft -und so unwiderstehlich hinneigende wehe Gefühl, dieses Lustgefühl, -dieses Angstgefühl – dieses abgrundtiefe Erbarmen -– wenn das Vaterliebe war! – Dann erzählte er, wie -er durch mancherlei Liste ins Findelhaus gekommen war -und das Kind gesehen hatte. Für eine Verwandte in der -Provinz sollte er ein kleines Kind aussuchen, eine lächerlichere -Lüge fiel ihm nicht ein, doch sie war gut genug, -um ihn vor das Bettchen zu bringen, über dem auf der -Tafel der Name Richard Fachler und eine Nummer stand. -Das war auch alles, was sein Kind besaß, und er – der -junge Vater – sollte einmal drei Stadthäuser erben. Und -konnte ihm nichts davon geben. So klein lag es da und -sein rotes Köpfchen war kaum größer wie ein Apfel. Den -Mund und das Näschen hatte es, so deuchte ihm, von seiner -Mutter, dem guten armen Mädel, das sie am selben Tage -in die Leichenkammer getragen. Die Augen des Kindes -hatte er nicht gesehen, es schlief, es versäumte den Augenblick, -da sein Vater vor ihm stand, das erste- und vielleicht -das letztemal.</p> - -<p>»Und seither,« sagte Alfons, »wohin ich blicke, überall -dieses Kindergesicht. Vorhin im Gastgarten sah ich Gassenjungen, -verkommene Rangen, und einer hatte das Gesicht -Richards, der Teufel hol's, und war doch eine Fratze! – -Freund, ich glaube, ich bin hysterisch.«</p> - -<p>»Weißt du, was man draußen im Volke sagt?« sprach -nun der Richter. »Wenn von den Eltern eines stirbt, erbt -der andere Teil die Liebe desselben zum Kind, so daß er -eine doppelte Liebe hat, die des Vaters und die der Mutter. -Wörtlich weiß ich nicht, wie es lautet, ein Spruch ist's.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span></p> - -<p>»Ja mein Gott, was finge denn ich mit dieser doppelten -Liebe an! Und kein Kind dazu. Nein doch, auf einmal -so ein kleines, kreischendes Kind haben, und doch wieder -keines haben – etwas Komischeres gibt's nicht mehr.« So -der junge Mann, und dabei mußte er sich heftig schneuzen.</p> - -<p>»Regnet's denn?« rief plötzlich der Richter; zwischen -den Ästen der Eichen klatschten einige Tropfen nieder. »Es -muß wohl, denn ich habe den neuen Überzieher an und -keinen Schirm bei mir. Da regnet's immer. – Schon wieder -vorüber. Aprilwetter. – Ja, Freund, du hast mich zwar -nicht um Rat gefragt in deiner Angelegenheit. Es gibt -eigentlich weiter auch keinen. Aber ich biege das Dokument -ein. Das heißt, es wird berücksichtigt. Es ist ja nicht ganz -unmöglich, daß sich etwas machen läßt.«</p> - -<p>Solches ist besprochen worden auf jenem Spaziergange. -Am Abende, als die Freunde auseinandergingen, schlenderte -Alfons noch eine Weile durch die Stadt, es tat ihm aber -das elektrische Licht weh und er suchte die Gassen, wo nur -noch einige der alten, trüben Gaslaternen brannten. Er -kam auch zu dem Gebäude der Findelanstalt, ging einen -recht langsamen Schritt und kam endlich doch vorüber. Nach -dem Friedhofe führte diese schmale, winklige Gasse hinaus. -Aber er sagte sich: Nicht sentimental sein! Wenn du was -Warmes übrig hast, so gib es Lebenden. Er kehrte um und -kam wieder am Findelhause vorüber. Es war schon spät -in der Nacht.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am Stadtplatz, links von der Rathausecke mit dem -sechseckigen Turm, standen in geschlossener Reihe die Häuser -des Kaufmannes Marand. Das letzte derselben, das Eckhaus -an der Bürgerstraße, trug das Schild »zu den drei<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span> -Schaufeln«. Es war vom Erdgeschoß bis zum dritten Stock -mit Waren aller Art angestapelt; die Treppen, Hofsöller -und Hallen surrten den ganzen Tag wie ein Bienenschwarm -von Kauflustigen, die von zahlreichen Kommis und Handlangern -bedient wurden. Durch das Gedränge schritt manchmal, -die Hände am Rücken, ein alter stattlicher Herr, mit -weißem, halbkurzgeschnittenem Haar und grauem Spitzbart. -Er machte vornehmeren Kunden die Honneurs, wer ihn -aber nach einer Ware oder deren Preis fragte, den wies -er mit einer leichten Handbewegung an die Bedienenden. -Das war Herr Josef Marand, der Chef des Hauses. Im -vierten Stock hatte er eine geräumige Wohnung für sich, -sein kleines Frauchen und seinen einzigen Sohn Alfons. -So lebhaft es in den unteren Stockwerken herging, so still -war es im obersten. Der Sohn, ein <em class="antiqua">studiosus juris</em> war -selten zu Hause, und wenn doch, so war er in neuester Zeit -schweigsam und schwermütiger Stimmung. Die Mutter suchte -ihm seine Lieblingsspeisen aufzudrängen, durchwärmte übermäßig -sein Zimmer, wollte mehrmals schon den Arzt rufen, -denn sie war überzeugt, daß eine innere Krankheit in ihm -nage. Sein Vater war der Meinung, Alfons arbeite zu -wenig und der Müßiggang mache mißlaunig.</p> - -<p>Nun wurde der alte Herr selbst, obschon er stets tüchtig -arbeitete, eines Tages in eine große Mißlaune versetzt. -Kam er zum Mittagsmahl mit zorngeröteten Wangen, einen -grauen Papierbogen in der Hand. »Da haben wir's!« -polterte er auf seine erschrockene Frau los. »Diese Lumpen! -Da setzen sie Kinder auf die Welt und lassen andere dafür -sorgen. Sie können mich zwingen, sagt mein Rechtsanwalt, -und ich sage, sie können mich <em class="gesperrt">nicht</em> zwingen. Geht das -Bezirksgericht kurzer Hand her und kommandiert mich zum -Vormund eines Findelkindes. Oder so etwas. Den Herrn<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span> -Papa kennt man nicht, natürlich, und die Mutter stirbt -bei der Geburt. Diese Gewissenlosigkeit! Und jetzt drängen -sie mir den Balg auf, es ist ja zum Totlachen! Aber ich -rekurriere! Zwingen! Ich glaube nicht, daß man zu so -etwas gezwungen werden kann. Das ist doch eine Gewissenssache, -und zu einer solchen kann kein Mensch gezwungen -werden. Nein, was sie einem bei <em class="gesperrt">uns</em> alles aufmutzen -wollen!«</p> - -<p>Seine Frau war bald beruhigt und meinte, das Unglück -sei ja nicht so groß. Er hätte doch öfter schon Vormundstelle -vertreten und wisse, daß außer ein bißchen Überwachung -des Mündels nichts verlangt werde.</p> - -<p>»Nichts verlangt, nichts verlangt? Schon morgen bin -ich zu Gericht beschieden zur Pflichtgelobung, um neun Uhr. -Gerade diese fatale Stunde, wo die erste Post abzufertigen -ist. Und so geht's hernach fort mit den Laufereien, einmal -zum Gericht, dann zum Kind, dann in den Stadtrat, dann -zum Vater –«</p> - -<p>»Aber wenn man den Vater gar nicht weiß,« lachte -die kleine muntere Frau.</p> - -<p>»Eben, der Vormund soll ihn suchen, das gehört zu -seinen ersten Pflichten. Und wenn man so 'nen Kerl dann -noch bei den Ohren nehmen dürfte! Hat der Vormund -Rechte? niemals, nur Pflichten – ich pfeife darauf.«</p> - -<p>Alfons saß bereits bei seinem Suppenteller und löffelte -tüchtig darauflos.</p> - -<p>»Du ißt schon wieder zu heiß, Kind!« verwies ihm -die Mutter, denn er war rot im Gesicht bis hinter die -Ohren. Während des Essens stellte er sich dann gelangweilt, -lugte aber doch heimlich auf das Dekret, das der Alte -neben sich auf die Kommode geworfen hatte. Der Name -interessierte ihn ein bißchen. – Es war richtig. Richard<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span> -Fachler. Sein Vater war Vormund des Enkels geworden.</p> - -<p>An einem der nächsten Tage begegnete Alfons seinem -Freunde Gustav auf der Promenade. Ganz flüchtig, denn -beide gingen in Gesellschaft. »Zufrieden?« rief ihm der -Bezirksrichter zu.</p> - -<p>Nun kam die Notwendigkeit heran, daß Marand im -Findelhaus sich nach dem Kind erkundigte. Die Besuchsstunde -traf sich gerade mit einer Handelskammersitzung, er -hatte also nicht Zeit und schickte seine Frau. Die kam ganz -erregt nach Hause. Ein so herziges Kind habe sie noch ihr -Lebtag nicht gesehen. Dann begann sie, es zu beschreiben, -während der Alte mit finsterem Gesicht den Kurszettel durchsah -und Alfons mit der Seidenbürste seinen Zylinder glättete. -So ordentlich hatte er den Hut noch nie gebürstet; so lange -die Mutter redete stand er am Fenster und bürstete den Hut. -Sie hatte auch die Papiere der Kindesmutter mitgebracht, -derer bemächtigte sich sofort der Student, um seinem vielbeschäftigten -Vater die Durchsicht zu ersparen. Außer den -gewöhnlichen Dokumenten war ein zierliches Notizbüchlein -da, das er unterschlug und aus dem er später ein paar -Blätter entfernte.</p> - -<p>In der nächsten Woche wurde Marand – und zwar -zu sehr ungelegener Stunde, er hatte notwendig im Warenmagazine -zu tun gehabt – zu Gerichte beschieden, um seine -Unterschrift zur Verfolgung und Habhaftmachung des Kindesvaters -zu leisten. Er tat ein übriges und bestimmte für -die Auffindung dieses »Strolches« ein Prämium von fünf -Dukaten. Mittlerweile kündigte das Findelhaus dem Kinde -den Aufenthalt, es sei eigentlich kein Findelkind, weil ja -die Mutter bekannt war, es gehöre in ein Kinderasyl. Da -gab es nun neuerliche Laufereien zu den Behörden, zu<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span> -allerlei Anstalten und Persönlichkeiten und der Arzt verlangte, -das Kind müsse eine Amme haben, es sei schwächlicher -Natur und könne nur durch besondere Sorgfalt am -Leben erhalten werden. Unter solchen Plagen nahm Marand -eines Abends, als er mit seiner kleinen Familie beim Tee -saß und eine vorzügliche Havanna rauchte, Anlaß, über -die Folgen eines Fehltrittes zu sprechen und ganz ausdrücklich -seinen Sohn davor zu warnen. »Wenn du einmal so -was anstelltest, Alfons! Ich weiß nicht! Ich möcht's nicht -erleben! Merk' dir's!« – Darob war die Mutter etwas -ungehalten und meinte, das sei wirklich ganz überflüssig, -vor Alfons solche Sachen zu besprechen; wenn sie sonst -keine Sorgen hätte; diese, daß ihr Sohn in fraglicher Beziehung -etwa nicht musterhaft sei, wolle sie leicht ertragen. -Man müsse ihn nur nicht mit der Nase daraufstoßen.</p> - -<p>Am nächsten Morgen, als Alfons auf die Universität -ging, begegnete ihm auf der Treppe ein Weib vom Lande. -Es hatte einen großen Handkorb bei sich, das runzelige Gesicht, -das nur teilweise aus dem wulstigen Kopftuche hervorguckte, -war über der Nase mit einem Leinwandpflaster bedeckt. -Zu ihren Füßen heulte plötzlich ein braunes Dachshündchen -auf, dem sie auf die Pfote getreten. »Luder, verdammtes!« -kreischte die Alte und stach mit ihrem roten -Regenschirm nach dem Tiere. Und dann erkundigte sie sich -mit einer dünnen singenden Stimme, die aus zahnlosem -Munde kam, ob in dem Hause der Kaufmann Marand -wohne. Sie habe gehört, er sei der Vormund eines Findelkindes -und da sie gerade beim Arzt in der Stadt zu tun -gehabt habe, so wolle sie gleich ein kleines Kind mit nach -Hause nehmen und da möchte sie halt anfragen, was dafür -bezahlt würde.</p> - -<p>Alfons antwortete, der Mann wohne allerdings im<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span> -Hause, aber er würde sie, wenn sie in dieser Sache vorspreche, -unfehlbar über die Stiege herabwerfen. Darob ist -die Alte umgekehrt und Alfons hat auf seinem Weg in die -Vorlesung und während derselben den Gedanken weitergesponnen, -wie, wenn der kleine Richard diese Hexe zur Nähr- -und Pflegemutter bekäme?</p> - -<p>Bei einem Vorspruch im Findelhaus, um für das Kind -die Bleibefrist zu verlängern, fand der alte Herr sich doch -genötigt, sein Mündel anzusehen. Und als er nach Hause -kam, war er unwirsch und über sein Journal gebeugt rief -er aus: »Der arme Wurm kann ja schließlich nichts dafür. -Es ist ein armer Wurm. Anders kann man's nicht sagen.« -– Und abends beim Tee lauerte er die Stimmung seines -Frauchens ab. Sie hatte viele gute Tage und er wollte -nicht gerade einen der wenigen schlechten erwischen.</p> - -<p>»Die Sache bin ich satt,« polterte er plötzlich hervor. -»Ein Gelaufe hin und her, schon wochenlang. Eine Behörde -schiebt's auf die andere, niemand will sich annehmen -ums arme Wesen. Wenn ich – wie es beinahe aussieht, -das Findelhaus bezahlen soll und die Amme verlohnen und -fürs weitere Fortkommen sorgen – ja zum Satan, da ist's -einfacher, man nimmt das Kind ins Haus – –.«</p> - -<p>Und nun forschte er, was sie dazu für ein Gesicht zog. -Sie zog aber gar keins, sondern behielt ihr natürliches bei, -das gute freundliche, feinrunzlige Gesicht. Hingegen hatte -Alfons, der gerade eine Zigarette zu drehen im Begriffe war, -mit einer plumpen Armbewegung die Tabakschachtel über -den Tischrand hinabgestoßen, nun konnte er sich den feinen -Türkischen auf dem persischen Teppich zusammenfegen.</p> - -<p>»Im Gartenzimmer,« setzte der alte Herr bei, »würde -es wenig genieren. Natürlich eine Amme dazu, und die -Sache hat sich gehoben. Selbstverständlich nur für die erste<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span> -Zeit, bis das Geschöpf etwas kräftiger ist und ohne Bedenken -aufs Land gebracht werden kann.«</p> - -<p>Die Frau war über diesen Vorschlag verwundert. Instinktiv -regt es eine Frau auf, wenn der Mann plötzlich ein -fremdes Kind unsicherer Herkunft ins Haus nehmen will.</p> - -<p>»Was meint Ihr?« fragte er.</p> - -<p>»Mich geniert's nicht,« antwortete Alfons mit gleichgültiger -Miene.</p> - -<p>Die Mutter meinte, das müßte erst gut überlegt werden. -Hätte man so etwas einmal im Hause, dann <span id="corr049">wäre es</span> schwer, -es wieder fortzubringen. Es müsse extra dafür eine Magd -gehalten werden und allerlei sonst. Die Männer hätten -keine Ahnung, was das heißt, ein kleines Kind im Hause -haben. Aber sie seien nachher doch die ersten, die sich über -das Kindergeschrei beklagen.</p> - -<p>»Mich geniert's gar nicht,« versicherte Alfons noch -einmal.</p> - -<p>»Ich glaube endlich auch dem Vater auf der Spur zu -sein,« sagte der Alte. »Heißt das, positive Anhaltspunkte -sind noch keine vorhanden, aber mancherlei stimmt auffallend. -Ihr erinnert euch noch an den Kommis Steiner, -den ich vor zwei Jahren entlassen mußte. Der soll in dem -Hause des Strohhuthändlers Goll gewohnt haben. Beim -Goll im Hause, dort ist ja auch die Kindsmutter gewesen.«</p> - -<p>Das Tabakzusammenfegen auf dem Teppich erlitt eine -Unterbrechung. Alfons war für zwei Augenblicke erstarrt.</p> - -<p>»Der Steiner, meinst du?« fragte die Frau. »Wenn -ich nicht irre, ist der damals ja nach Triest übersiedelt.«</p> - -<p>»Ei richtig, Frau, du hast recht. Man hörte sogar, -daß er nach Südafrika ausgewandert sei, ich erinnere mich. -Also der nicht. Dann ist's aber jedenfalls ein anderer. Ich -werde ihm schon noch draufkommen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span></p> - -<p>Die Tabaksammlung ging wieder ruhig vonstatten.</p> - -<p>»Natürlich, in dieser Angelegenheit kommt's auf die -Hausfrau an,« sagte der Kaufmann. »Wenn es dir nicht -recht ist, dann nicht.«</p> - -<p>»Mein Gott, recht ist – recht ist!« entgegnete sie -gutmütig greinend. »Wenn ein gutes Werk geschieht, das -muß einem wohl immer recht sein.«</p> - -<p>Da klatschte Alfons die Hände zusammen und rief in -aller Lustigkeit aus: »Die Mama! Jetzt hat sie ein kleines -Kind bekommen!« Und schon lange nicht mehr, wenn er -des Abends auf sein Zimmer ging, klang's so warm und -froh wie heute: »Gute Nacht, Vater! Gute Nacht, Mutter!«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Nun war der kleine Richard im Hause Marands. Anfangs -gab es Unebenheiten im Haushalte. Ein Kind, und -es mag noch so klein sein, beherrscht das Haus. Aber sie -ertrugen es. Hatten sie sich's doch selbst eingebrockt. Der -Vater hatte es im Hause haben wollen, die Mutter hatte ja -gesagt. Alle vormundlichen Laufereien des beschäftigten -Kaufmannes hatten ein Ende, das Gericht sagte nichts -weiter, denn es wußte die Waise in guter Hut. Alfons war -jetzt fast immer zu Hause, er brachte manche Stunde im -Gartenzimmer zu und spielte mit dem Knaben, der von -Woche zu Woche prächtiger gedieh und ein sehr schönes Kind -war. Und selbst zur Zeit, wenn andere Studenten in der -Kneipe saßen, blieb Alfons daheim und spielte mit dem Kind.</p> - -<p>Nach ein paar Jahren war der Knabe ein gesundes, -kräftiges Menschlein geworden. Ein lieber kleiner Kerl. -Das Haar war nachgedunkelt, die langen Augenwimpern -und Brauen waren pechschwarz und die großen runden -Augen schauten frisch und kindlich in die gute Welt hinaus,<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span> -die liebevoll um ihn aufgerichtet worden war. Nun bekam -er die erste Hose und das übrige dazu – einen »Matrosenanzug« -mit den flotten Schulterklappen und den goldenen -Ankern daran, und das Käppchen, wie es ähnlich einst -auch Alfons gehabt.</p> - -<p>Zur Zeit fiel Josef Marands sechzigster Geburtstag.</p> - -<p>Am Vorabende lud der Jubilar seine Frau und seinen -Sohn zu einer Besprechung ein.</p> - -<p>»Ich hätte einen Wunsch,« sagte er, »aber ich fürchte, -ihr werdet nicht damit einverstanden sein. Besonders du -nicht, Alfons: Denn für dich bedeutet es eine Einbuße. -Übrigens – du könntest ja auch fünf Geschwister haben, oder -acht, oder mehr. Einen Bruder verträgst du spielend.«</p> - -<p>Jetzt hob die Frau ihre Hand und wollte ihm den -Mund zuhalten.</p> - -<p>»Lasset mich bloß ausreden,« sagte er ernsthaft. – – -»Wenn wir den Richard ganz adoptieren wollten? Was -denket ihr?«</p> - -<p>Nun konnte Alfons sich nicht mehr halten. Laut lachend -fiel er dem Alten um den Hals und umarmte die Mutter -und küßte sie und lachte und rief endlich aus: »Papa! Mama! -also ihr wisset alles? Ihr wisset alles?«</p> - -<p>Sie stutzten und schauten ihn an. Nichts wußten sie. -Aber als jetzt der kleine Richard zur Tür hereinhüpfte, im -neuen Kleidchen und hell lachend auf Mama zu, kreischte -das Kaufmannsfrauchen auf: »Marand, Josef! Das ist ja -der Fonserl!«</p> - -<p>Da wußten sie alles.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Maedeljaeger">Der Mädeljäger.</h2> -</div> - -<p class="drop">Am oberen Rande des Tales, wo es sich einengt in -eine Felsenschlucht, aus der ein grünlicher Gebirgsbach -hervorbraust, steht Schreckenburg. Es ist eigentlich -keine Stadt und eigentlich kein Dorf, es ist eben ein »größerer -Ort«. Die Einwohner treiben Gewerbe und Landwirtschaft, -scheiden sich aber durchaus nicht etwa in Bürger und Bauern. -Vater und Kinder, Hausherren und Knechte, Meister und -Gesellen, darin liegt der Ständeunterschied von Schreckenburg. -Wohl haben sie einen Fürsten, aber auch der hohe -Herr ist nichts anderes als Vater. Die Herren von Schreckenburg -sind ein altes Geschlecht, schon zur Zeit der Kreuzzüge, -heißt es, wäre ihre Burg, deren rauchgrauer Ruinenzahn -dort an der Felswand klebt, der Schrecken des fahrenden -Volkes gewesen. Wenn man der Historia glauben darf, und -man soll es sogar, so haben es die Schreckenburger seit -jenen alten Zeiten verstanden, sich Achtung zu verschaffen in -der Welt. Große Reiche sind entstanden und gestürzt worden, -das Erzfürstentum Schreckenburg stand und blieb stehen im -schönen Gebirgstal an der Luser. Der letzte Vorfahre des -zur Zeit dieser Geschichte regierenden Fürsten hatte noch -hundertundzehn Söldlinge gehabt, und ist von den Millionenheeren -der Erde nicht angegriffen worden. Unser Fürst -Othmar III. befehligt zur Zeit der Not ein Heer von zweiunddreißig -Mann, davon vier zu Pferde! Aber die Zeit -der Not kommt nicht, die sonst so kriegslustige Welt hält -sich in respektvoller Entfernung vor dem Erzfürstentum -Schreckenburg. Die Armee ist fast ständig beurlaubt bis -auf sechs Mann, wovon einer den Nachtwächterdienst besorgt.<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span> -Einmal wurde in einem Winkel dieses Reiches ein -unpassender Witz gemacht, Othmar III. rekrutiere lieber -Mädeln als Burschen, und den Ausspruch hat der Fürst -nicht als Majestätsbeleidigung ahnden lassen. Die guten -Leute von Schreckenburg lasen auch manchmal eine Zeitung, -in der des Wunderbaren und Nützlichen viel berichtet wurde. -Also erfuhren sie, daß in anderen Ländern die Staatsbürgersteuer -eingeführt sein soll. So begab sich eines Tages -eine Abordnung zum Fürsten und bat um die Gnade, daß -auch im Erzfürstentum die Staatsbürgersteuer eingeführt -werden möchte, maßen doch auch die Schreckenburger treue -Staatsbürger wären und seit jeher bereit, für ihren durchlauchtigsten -Herrn Blut und Leben zu opfern. Es fange -das Gewerbe an, einigermaßen darniederzuliegen, weil in -der Welt zu viel Fabriken gebaut würden, es sinke von Jahr -zu Jahr der Viehpreis, weil jedes Land schon mehr und -mehr sein eigenes Vieh hätte, kurz, es verschlechterten sich -die Zeiten, und darum bäten sie untertänigst um die Einführung -der Steuer. Der Fürst soll sie darauf in sehr gütiger -Weise aufgeklärt haben, daß sich die Bittsteller in einem -Irrtum befänden, wenn sie etwa glauben sollten, die Staatsbürgersteuer -würde in anderen Ländern vom Fürsten geleistet -an seine braven Untertanen; gerade das Gegenteil -wäre der Fall, die Staatsbürger hätten die Steuer dem -Fürsten und dem Staate zu leisten. Ob solcher Aufklärung -waren die Abgeordneten sehr gedrückt, allein Othmar der -Gütige legte dem Sprecher die Hand auf die Achsel und -versicherte, für das Wohl seines Reiches auch fernerhin das -möglichste zu tun, besonders im Straßenbau und in der -Flußregulierung, auch trage er sich mit der Absicht, in -Schreckenburg ein neues Universitätsgebäude errichten zu -lassen. Darob waren die Abgeordneten sehr zufrieden, obschon<span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span> -sie wußten, daß die Universität nicht allzu ernst gemeint -war. Der Fürst liebte es, in launigen Stunden das -allerdings schon gebrechliche Volks- und Gewerbeschulgebäude -zu Schreckenburg die Universität zu nennen. Wer -wirklich in einer Hochschule die derbe körperliche Arbeit für -eine spitzfindige Geistestätigkeit umtauschen wollte, der mußte -ins Ausland gehen.</p> - -<p>Eines Brückenbaues wegen hatte der Schreckenburger -nicht unbedrohlichen Konflikt mit einem nachbarlichen Herzog. -Der hatte ein großes Reich und viele Mannen, war aber -nicht zu bewegen, sich mitzubeteiligen am Bau einer Grenzbrücke -über die Luser. Für das Fürstentum war diese Brücke -schier die einzige Verbindung mit der weiten Welt. Der -Herzog aber sagte, er habe in Schreckenburg nichts zu suchen -und brauche keine Brücke hinüber. Das war der Kriegsfall. -Othmar bot seinen Heerbann auf und zog auf Umwegen, da -die neue Brücke eben noch nicht gebaut war, gen die herzogliche -Residenz, um sie zu belagern. Als die zweiunddreißig -Mann mit ihren Spießen sich dräuend vor dem Tore aufgestellt -hatten, schickte der Herzog einen Gesandten herab. -Das war ein Edelknabe, und der lud im Namen seines -Herrn den Feind samt und sonders auf einen Löffel Suppe -ein. Durch das geöffnete Tor konnte man in das Innere -des großen Platzes schauen, der mit wohlausgerüsteten Kriegern -versehen war, an der Zahl vielfach den Belagerern überlegen -und versorgt mit allen schrecklichen Pulverwaffen der -Neuzeit. Fürst Othmar soll hieraus »Kehrt euch!« kommandiert -haben und an der Spitze seiner Armee friedlich heimwärts -gezogen sein. Aus Anlaß dieses glücklichen Feldzuges, -aus welchem alle Mann frisch und munter heimgekehrt waren, -haben die dankbaren Schreckenburger ihrem klugen Feldherrn -ein Denkmal aus Erz errichtet. Es ragt mitten auf<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span> -dem Marktplatz empor und zeigt den Fürsten auf dem -Pferde, angetan mit allem Ehrenschmucke seiner Erzherrlichkeit, -in welcher der schlichte Herr sonst gar nicht mehr -zu sehen war.</p> - -<p>Othmar der Gütige war in seiner Jugend viel auf -Reisen gewesen, in allen Weltteilen, und stets bei Königen -und Kaisern zu Tische geladen, was die Schreckenburger mit -besonderem Stolze erfüllte. Auch ging im Reiche die erhebende -Mär um, daß der durchlauchtigste Herr von Schreckenburg -mit allen Potentaten der Welt brüderlich auf du und -du stehe.</p> - -<p>Um so einfacher gab der Fürst sich zu Hause.</p> - -<p>Sein Schloß, welches außerhalb des Ortes auf einer -Anhöhe stand, hätte jeder Fremde für ein stattliches Gutsgehöfte -gehalten, wenn nicht über dem Tore das Wappen -der Schreckenburger, ein dreiköpfiger Adler, angebracht gewesen -wäre. Es war teils aus Stein, teils aus Holz gebaut, -hatte einen halb um das Gebäude herumlaufenden Söller, -helle viereckige Fenster, etwa dreißig an der Zahl, und über -dem flachen Schindeldach ein zierliches Türmchen für ein -Glöcklein, das den Nimbus einer Sturmglocke trug, tatsächlich -aber nur zu den Tageszeiten geläutet wurde. Ein -Gehöfte mit Viehstand und Scheunen lag hinter dem Wohnhause -in behäbiger Breite da, belebt mit zahlreichem regsamen -Gesinde.</p> - -<p>Der Haushalt des Fürsten war der eines wohlhabenden -Gutsbesitzers und bestand aus sieben Personen, -den Hausknecht mit eingerechnet, der, wenn es Gäste gab, -im verbrämten Wolfspelz mit Stab und Reichsapfel am -Tore zu stehen hatte.</p> - -<p>Der Fürst war ein Mann in jenen Jahren, da das -Haupthaar voran zu schüttern und hinten zu grauen beginnt.<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span> -Er war stets glatt rasiert und trug eine goldene -Brille. Er ging in grauem oder, wenn es Sonntag war, -in schwarzem Tuchanzuge herum und war mit Ausnahme -des Propstes und des Reichshauptmannes der einzige im -Reiche, der gewichste Stiefel trug. Wenn er zu Fuß durch -das Fürstentum wandelte, lief alles, jung und alt, auf ihn -zu und küßte ihm die Hand. Wenn er zu Pferde langsam -dahintrabte, da wurden die Gesichter der guten Schreckenburger -ganz leuchtend vor Stolz, denn jetzt war er der, -so auf dem Marktplatze stand in Erz für alle Zeiten. In -Wahrheit schaute der Fürst aber auf dem Pferde aus wie -ein freundlicher Landarzt, der zu einem Kranken reitet. -Beweibet war Erzfürst Othmar III. nicht, noch immer nicht, -obwohl er gegen Frauen, und selbst wenn sie dem kleinen -Gewerbestand angehörten, eine gewisse ritterliche Ehrerbietigkeit -beobachtete. Die Ehrerbietigkeit ließen sich die Eheherren -und Liebhaber der Schreckenburger Schönen noch leidlich -gefallen, wenn der Fürst aber artig wurde und den Weibchen -die Wange kneipte, da empfanden sie so etwas wie die -Jakobiner zu Paris vor hundert Jahren. Doch muß gesagt -werden, daß der Fürst es sich stets angelegen sein ließ, -seinen Untertanen ein würdiges Vorbild von Rechtschaffenheit -abzugeben. Für einen Seelenkenner wäre es vielleicht -nicht unschwer zu merken gewesen, daß Fürst Othmar die -Vereinsamung bereits zu fühlen begann. Nicht so sehr die -Vereinsamung auf dem Throne, denn die ist der Gekrönte -gewohnt, als vielmehr die Vereinsamung im Gemache und -des nahenden Alters.</p> - -<p>Eines Tages war er unten im Tale in ein altes -Bauernhaus getreten, um mit dem Nachbar eine wirtschaftliche -Angelegenheit zu besprechen. Da fielen ihm die stattlichen -Kästen und Truhen auf, die in der Stube standen.<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span> -Sie gefielen ihm, sie würden seinem Hause, das seit den -zerstörenden Bauernkriegen nicht an Überfülle von Prunkgegenständen -litt, ein freundlicher Schmuck sein. Er fragte -den Bauern, ob er ihm diese schöngebauten, festgefügten und -kunstvoll geschnitzten Kästen nicht verkaufen wolle?</p> - -<p>»Ah nein, gnädiger Herr,« antwortete der alte Landmann, -»die Kästen da geben wir nicht her, sie sollen schon -im Haus bleiben für unsere Kinder und Kindeskinder.«</p> - -<p>»Diese können sich ja wieder welche machen lassen,« -meinte der Fürst.</p> - -<p>Der Bauer schüttelte den Kopf, das würde nicht gut -gehen. Die jungen Zimmerleute nennten sich zwar jetzt -fürnehm Meistertischler, brächten so was aber nicht mehr -zuwege; sie hätten keine Geduld dazu und auch nicht den -Schick. Bei denen müsse ein Kasten in acht Tagen fertig -sein, gleich aus jungem Holz, wie es der Förster vom -Wald verkauft. »Nachher kreistet's und kracht's, nach einem -Jahr kann man die Finger in die Fugen und Sprünge -stecken, die Kastenwand kriegt einen Buckel wie das Kameltier -oder eine Mulde wie die Fleischhackerschüssel. Ah nein, -die alten Kästen geben wir nicht her.«</p> - -<p>Der Fürst hat auf solchen Bescheid seines Untertans -zu Boden gestarrt und vielleicht sogar mit einer gewissen -Wehmut der guten alten Zeit gedacht, da man so schöne -Tischlerarbeit machte, und da man solch schöne Tischlerarbeit -den Untertanen gelassen wegnehmen konnte.</p> - -<p>Als hierauf die Hausmutter in die Stube trat, um -mit Weißbrot und gelber Butter den Landesvater zu ehren, -sagte zu ihr der Bauer: »Das ist mir rechtschaffen zuwider, -Brigitta. Unser Herr hat Gefallen an diesen Kästen, und -wir mögen sie nicht weggeben.«</p> - -<p>Die Hausmutter sprach: »Da wird leicht geholfen sein.<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span> -Diese Kästen hat der Zimmermann Reimar gemacht vor -dreißig Jahren, wie wir zusammen geheiratet haben, und -der Reimar lebt noch. – Gnädiger Herr, bitt' gar schön, -ein Stückel Brot und ein Batzel Butter nicht zu verschmähen.«</p> - -<p>Der Fürst setzte sich an den Tisch und griff zu. Dieweilen -wurde nach dem Zimmermann Reimar geschickt. -Der hatte einen krummen Fuß, kam am Abend in den -Fürstenhof und blieb dort. Er ist dort geblieben etliche -Jahre lang. Er hat zeitweilig einen Gesellen mitbeschäftigt, -die längste Weile aber allein gearbeitet, er hat dem Landesfürsten -das Haus eingerichtet. Die drei großen Stuben -waren schon von alters her mit gutem Holz und schlichtem -Schnitzwerk ausgetäfelt und geziert, so wollte der Fürst -noch ein Nebengemach traulich einrichten lassen mit Täfelung, -Truhen und Kästen und einem geräumigen Himmelbette. -Da hatte also der alte Reimar zu schaffen. Er -ließ sich gute Weile dabei und baute. Er baute ein Wandgesimse, -eine Gerätetruhe, zwei breite Gewandkästen, eine -Ofenbank, einen Uhrkasten und endlich das stattliche Himmelbett -mit dem Hute darüber, dessen jede Ecke versehen wurde -mit dem Ornamente des dreiköpfigen Adlers. Er arbeitete -ohne Vorbild und Pläne, die Zeichnungen machte er gleich -mit Zimmerfarbe und Reißblei aufs Bau- oder Schnitzholz. -Und dieses Holz war an zwanzig Jahre unter dem Dachvorsprung -einer Scheune, hoch an der luftigen Wand gelegen, -um gehörig austrocknen zu können. Der alte Reimar -hatte ein Sprichwort: Der Bräutigam soll seine Braut und -der Zimmermann sein Holz sieben Jahre lang kennen, -bevor er anhebt. An grünem Holz tat er nicht einen Handgriff. -Mit dem Hammer schlug er an den Block: Klingt's -gut, so wollen wir in Gottes Namen anfangen! Die größte -Stube des Hauses hatte er sich zur Werkstatt erkoren, da<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span> -hobelte er, schnitt und schnitzte. Häufig saß der Fürst da -und schaute dem weißhaarigen Meister in Hemdärmeln und -mit dem Lederschurz bei der Arbeit zu. Die ging wie ein -langsames Uhrwerk, aber jeder Handgriff hatte einen Zweck -und eine Folge. Dabei war der Mann so behaglich und -heiter, sagte manchmal ein spaßhaftes Wort, während sein -altes Auge an der Arbeit haftete. Dem Fürsten tat der -Anblick wohl, wie da ein kleiner Mann aus dem Volke seine -Seele gleichsam in ein Kunstwerk umgestaltete, in dem sie -fortleben wird, vielleicht länger als die Geschlechter, die an -dem Werke mit Bewunderung und Liebe vorübergehen. -Mehrmals geschah es, daß der Fürst sich sogar an den Tisch -setzte, wo der Reimar sein Mahl einnahm. Denn mit -dem Gesinde aß nur der Geselle, der Meister zog es vor, -allein zu sein und machte auch mit dem Herrn nicht allzu -viele Höflichkeiten. Wenn der Fürst das Butzenscheibenfenster -des Erkers öffnete, so überblickte er sein Reich; der -Zimmermann hätte das von sich nicht sagen können, er hatte -sein Lebtag auch in anderen Tälern, selbst drüben im Herzogtume -Häuser gebaut. Fürsten <em class="gesperrt">kann</em> es geben, Zimmerleute -<em class="gesperrt">muß</em> es geben. Also fühlte er sich in dieser Burg nicht besonders -untertänig.</p> - -<p>Eines Tages kam der Fischerjunge Winard ins Haus -und brachte auf dem Rücken eine Fischlagel mit, in der -Wasser schwupperte. Er grüßte in der Stube ehrerbietig -den Meister Reimar und fragte dem gnädigen Herrn nach.</p> - -<p>Der alte Diener war vorhanden und berichtete, Seine -Durchlaucht könnten jetzt nicht gestört werden, sie wären -just beim Regieren.</p> - -<p>»Wenn's nichts anders ist, so soll er nur herauskommen,« -sagte der kühnliche Bursche, »ich muß wissen, ob -der gnädige Herr die Forellen selber haben will, oder ob<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span> -ich damit um ein Häusel weiter gehen soll. Heute ist Freitag, -und morgen bringe ich sie nicht mehr an.«</p> - -<p>Der Diener ging hinein, um das zu melden, da entschuldigte -sich der Fürst artig vor seinem Ministerium, das -aus dem Propste, dem Kreishauptmanne und dem Meister -Grobschmied bestand, ging hinaus und ließ sich die Fische -zeigen. Es waren stattliche Tiere und glitten munter in -ihrem nassen Gemach auf und nieder.</p> - -<p>»Sind sie nicht zu jung?«</p> - -<p>»Ich bin zwanzig, gnädiger Herr,« antwortete der -hübsche Bursche.</p> - -<p>»Die Forellen meine ich.«</p> - -<p>»Ah so. Na, die werden nicht mehr besser.«</p> - -<p>»Gut, lasse sie da.«</p> - -<p>Am Abend desselben Tages war kein Gast vorhanden, -und der Erzfürst saß bei den blaugesottenen Forellen allein. -Er rief den Zimmermann, ob er Forellen liebe?</p> - -<p>Aber der Meister lag schon in seinem Bett und seufzte. -In letzter Zeit litt er an der Gicht. So saß Seine Durchlaucht -einsam da. Der Kammerdiener war brummig. Wenn -die Tiere wenigstens lebendig gewesen wären. Aber sie -lagen feierlich auf dem Silberteller, sie waren so sinnig -mit einem grünen Kranz von Krautwerk umgeben, wie sich -selbst ein Erzfürst keine schönere Aufbahrung wünschen könnte. -– Der Fürst fand am Essen kein Vergnügen, er stand vom -Tische auf, faßte den silbernen Armleuchter und stellte sich -damit vor den Spiegel. Seit einiger Zeit hatte er sich den -Schnurrbart wachsen lassen, der war durchaus noch nicht -grau, sondern hübsch nußbraun, wie der Meister Reimar -die Kästen streicht. Aber was anfangen? In der Jugend -hatte er wohl gelernt, wie man Weiber gewinnt, doch wie -man um ein Weib freit, das schien ihm eine verdammt<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span> -heikle Aufgabe. In solchem Falle kann der Herrscher nicht -einmal seine Geheimräte zu Rate ziehen. Das kommt nun -davon, daß er mit den Nachbarspotentaten den Verkehr so -völlig vernachlässigt hat. Übrigens hatte der Fürst auf seinen -Weltreisen Reiche kennen gelernt, deren mächtige Herrscher -sich in der Wahl einer Ehefrau durchaus nicht einschränken -lassen. Bei uns ist dem Prinzen eine Prinzessin vorgeschrieben. -Zwei Gekrönte auf <em class="gesperrt">einem</em> Thron, ist das aristokratisch?</p> - -<p>Am nächsten Tage trat der Fürst gelegentlich in die -Tischlerwerkstatt, um der Arbeit des Alten zuzusehen, der -nur das Zimmerhandwerk gelernt hatte und nun die edelsten -Tischlerarbeiten schuf. Meister Reimar lag aber im Bette, -und ein Mädchen war da, das ihn pflegte. Das machte -sich gar nichts draus, als der gnädige Herr eintrat, sondern -beschäftigte sich eifrig damit, dem Alten warme Tücher um -die Beine zu winden und ihm die Kissen zurecht zu legen. -Dieses Mädchen hatte ein Haar wie Seide. Wie Naturseide, -so lichtgelb und zart. Das waren gar keine Haarfäden mehr, -das war purer Flaum; so wallte es hinter den rundlichen -Achseln hinab, und in der Mitte war es lose zusammengehalten -mit einem blauen Bändchen. Der Fürst ging hinaus -in seinen Tiergarten, dort hatte er etliche Hirsche und Rehe -drinnen und in einem hohen Drahtgeflechte zwei Fasanen. -Die Hirsche waren noch nicht zahm, flohen mit hochgetragenem -Gestämme ins Dickicht. Ein klaräugiges Rehlein blieb -vor dem hohen Besuche stehen, ohne irgendein Zeichen von -Angst oder Ehrfurcht. Der Fürst legte gesalzenes Brot in -die hohle Hand und hielt es ihm vor. Das Reh schnupperte -hin, fraß es aber nicht. Da trat ein junger Mensch hinzu -und sagte: »Wetten wir was, gnädiger Herr, von mir -nimmt es das Brot!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span></p> - -<p>»Kümmere dich um deine Forellen!« sprach der Herr -und wandte sich ab, denn der dreiste Ton des Burschen -war ihm zuwider. Diesen Fischerjungen muß man unter -die Soldaten stecken, daß er Manier lerne. –</p> - -<p>»Na, Alter, klappt's heute mit den Beinen?« fragte -Seine Durchlaucht an einem nächsten Tage, als Meister -Reimar wieder bei der Arbeit war.</p> - -<p>»Schön Dank, gnädiger Herr, es tut's wieder.«</p> - -<p>»Das Alter zwickt wohl schon ein bißchen?«</p> - -<p>»Ah, des Alters wegen möcht's schon noch passieren.«</p> - -<p>»Wie alt seid Ihr denn, Reimar?«</p> - -<p>»Zu Martini achtundsiebzig.«</p> - -<p>»Allen Respekt. Ich meine für das, was Ihr noch -leistet.«</p> - -<p>»Solang' mich die Augen nicht verlassen …«</p> - -<p>»Saget, Meister, wer war denn das junge Frauenzimmer, -das Euch so sorgfältig gepflegt hat vor etlichen -Tagen?«</p> - -<p>»Die Hedwig meinen der gnädige Herr. Muß wohl -recht um Verzeihung bitten. Mir hätte schon auch im Haus -keine Wartung gefehlt, aber wenn ein Kind einem zugeht, -das kann man nicht wehren, muß einen noch freuen.«</p> - -<p>»Es war doch kein Kind mehr,« sagte der Fürst. »Mag -wohl schon an siebzehnmal über Silvester gesprungen sein.«</p> - -<p>»Es ist so, gnädiger Herr, meine Enkelin lauft schon -im achtzehnten um.«</p> - -<p>»Euere Enkelin? Sagtet Ihr nicht letzthin, daß Ihr -ein alter Junggeselle wäret?« fragte der Fürst.</p> - -<p>»Wie man halt eben so sagt,« antwortete der Zimmermann, -»ist nur damit gemeint, daß ich nie verheiratet gewesen -bin.«</p> - -<p>»Und eine Enkelin, sagt Ihr?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span></p> - -<p>»Ja mein!« rief der Alte aus, dieweilen er mit dem -Reifmesser an einem dreiköpfigen Adler herumschnitzte, »in -dieser Sache hat sich der Mensch nicht zu beklagen, da ist -alleweil Segen Gottes genug vorhanden.«</p> - -<p>»Ist sie ein Tochterkind?«</p> - -<p>»Ein Sohnkind, gnädiger Herr. Aber ehelicherweis. -Mein Sohn ist braver gewesen wie ich.«</p> - -<p>Der Fürst wandelte hernach in der Pappelallee auf -und ab, die Hände am Rücken, das Haupt gesenkt. Seine -verflogene Jugend hatte ihm kein solches Glück aufbewahrt. -Wenn er einmal an der Gicht darniederliegt, wird ihm keine -Enkelin warme Tücher um die Beine winden.</p> - -<p>Von dieser Zeit an forschte Othmar III., wann der -Zimmermann Reimar denn wieder einmal an der Gicht -darniederliegen würde. Der ließ darauf warten. Hingegen -kam eine sehr schöne Fronleichnamsprozession. An diesem -Tage pflegte zu Schreckenburg aller Pomp entfaltet zu -werden, den der Ort aufbrachte. In früherer Zeit war auch -der Hofstaat ausgerückt, der Erzfürst in seiner vollsten Würde, -Prinzen und Prinzessinnen, Edelknaben und Zofen, da -strahlten an den Mänteln und Roben die Goldspangen, -an den Diademen die Diamanten. Das war längst nicht -mehr. Zur Zeit des schlichten Volksfürsten Othmar III. gab -es derlei nicht zu sehen. In seinem schwarzen bürgerlichen -Gewande, begleitet von den Spitzen der Behörden, ging er -hinter dem Baldachin einher, sein entblößtes Haupt blinkte -diesmal in der Sonne silberiger als je. Seine Andacht war -an diesem Fronleichnamsfeste keine gewöhnliche. Vor der -Priesterschaft wallten in langen weißen Gewändern vier -Kranzjungfrauen dahin, die auf rotseidenen Kissen die Marterwerkzeuge -Christi trugen. Diese Jungfrauen waren alle -schön und blühend wie der Mai, aber eine davon war anders<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span> -als die übrigen. Sie überragte die anderen um eine halbe -Kopflänge, ihr Haar wallte wie eine lichte Seidenwelle über -den Nacken hinab. Ihre Wangen waren wie die Blüte des -Apfelbaums, ihr Haupt senkte sie nicht, wie die drei Genossinnen -taten, zu Boden, aufrecht trug sie es, und ihr -großes Auge mit dem feuchten Glanze schaute vor sich hin -gegen die Berge, auf welchen der Himmel ruhte. Würdevoll -wie eine Königin. Sie trug auf ihrem Kissen die Dornenkrone -des Heilandes. Das ist die Krone des Volkes. Hat -der Erzfürst eine bessere?</p> - -<p>»Das Adlerschnitzen geht Euch gut von der Hand,« -sagte am nächsten Tage der Fürst zum Zimmermann. Dieser -hatte gerade wieder den dreiköpfigen in der Arbeit für das -Himmelbett.</p> - -<p>»Na, wohl doch nicht, gnädiger Herr. Das ist ein vertracktes -Vieh. Da könnt's wohl auch passieren, daß man -das Tier gar nicht erkennt, wie es dem alten Herzog drüben -ergangen ist mit seinem zweiköpfigen. Dem hat sein Jäger -einmal vom Hochgebirg einen Adler heimgebracht. So, das -soll ein Adler sein? ruft der Herzog dem Jäger zu, du mit -deinem Jägerlatein bleibe mir vom Leib! Glaubst du, ich -kenne den Adler nicht? Ein Adler hat <em class="gesperrt">zwei</em> Köpfe.«</p> - -<p>»Und unserer hat drei,« lachte der Fürst, belustigt von -dem Spottgeschichtchen, das man über seinen Nachbar erzählte. -Dann sprang er über: »Was meint Ihr, Meister, -sollten die hohen Herrschaften aus ihren Wappen nicht einmal -das Tier herausnehmen und den Menschen hineingeben?«</p> - -<p>»Oho, den brächte unsereiner noch weniger zuweg. -Der Mensch, heißt es, soll in der Kunst das allerschwerste -sein.«</p> - -<p>»Es müßte ja gerade kein geschnitzter sein? Vielmehr<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span> -ein lebendiger, wie ihn Gott erschaffen hat! Was meint -Ihr dazu?«</p> - -<p>»He he,« lachte der Alte, wie auf einen Spaß.</p> - -<p>Der Fürst rückte dem Zimmermann näher und setzte -sich auf das Hinterteil der Schnitzbank. Plötzlich sagte er: -»Meister Reimar, machet Feierabend für heute. Wir wollen -einmal eins plaudern mitsammen.«</p> - -<p>Der Alte hing das Schnitzmesser an die Wand, befreite -das dreiköpfige Ungeheuer aus der Zwänge und dachte: -Wohl eine rechte Freud', so was. Wie unser gnädiger Herr -gemein ist! In seiner Weise wollte er damit der Leutseligkeit -des Fürsten ein Lob zudenken.</p> - -<p>»Wird Euch Eure Enkelin nicht bald wieder einmal -besuchen? Wo wohnt sie denn? Nehmet sie doch ganz zu -Euch, Vater Reimar, in diesem Hause ist Platz genug.«</p> - -<p>Der Antrag rührte den Alten fast zu Tränen.</p> - -<p>Eine Woche später war der Fürst bereits in der Lage, -heimlich seine Studien zu machen an dem schönen heiteren -Mädchen, das in dem Schlosse herumwirtschaftete, so geschickt, -harmlos und fein, als wäre es darin geboren worden. Nach -wenigen Tagen beherrschte es in Form einer fröhlichen -Dienstfertigkeit die Beschließerin und die alte Kochfrau, -ohne daß diese es merkten. Sie war die Unbefangenheit -selber, auch dem Fürsten gegenüber. Dieser ging scharf -drein, denn viel überflüssige Zeit war nicht mehr vorhanden. -Eines Tages befahl er, das Frühstück solle ihm -die Hedwig auf das Zimmer bringen. Und diese lud er -ein: »Willst du nicht auch eine Tasse mit mir trinken?«</p> - -<p>»O Gott!« lachte das Mädel auf, »wann hab' ich heut' -schon gefrühstückt! Das ist schon lang geschehen.«</p> - -<p>»So bist du am Ende wieder hungerig?«</p> - -<p>»Das tät' sich doch nicht schicken,« antwortete sie.<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span> -»Wenn dem gnädigen Herrn schon allein die Zeit lang -wird beim Frühstück, so soll er halt eine gnädige Frau -dazu nehmen.« Das sagte sie munter und harmlos hin. -Der Fürst aber stand auf und trat rasch auf sie zu. So -rasch, daß sie erschrocken einen Schritt zurückwich. »Hedwig!« -sagte er leise, und sonst nichts – kein Wort. Sie verließ -schnell das Zimmer.</p> - -<p>Der Kammerdiener des Fürsten bat noch an demselben -Tage um seinen Abschied. Wenn ihm gar schon eine Bauerndrulle -vorgezogen werde zur Bedienung! Man hätte es ihm -gar so deutlich nicht zu machen gebraucht, auch etwas weniger -deutlich hätte er verstanden, daß er überflüssig geworden -sei … Laut grölend wandte er sich gegen die Wand.</p> - -<p>»Franz,« sprach der Fürst zu ihm mit gütiger Stimme, -»Franz, du bist ein altes Schaf.« Das alte Schaf hat den -Abschied nicht erhalten. –</p> - -<p>»Herr Reimar! Herr Hoftischlermeister!« rief es eines -Tages hinter ihm, als der Zimmermann zur Dämmerstunde -durch den ruhsamen Park ging und sein Abendgebet verrichtete. -Und als er sich umwandte, sah er, wie ein junger -Mann auf ihn zueilte. Es war aber der Fürst, der so flinke -Schritte machte und so frisch aufgelegt war.</p> - -<p>»Herr Tischlermeister!« fuhr der nahekommende Herr -fort, »wollt Ihr ein schönes Märchen hören? Es ist sehr -alt, vielleicht kennt Ihr es schon von der Mutter her.«</p> - -<p>Der Zimmermann blieb ehrerbietig stehen und horchte.</p> - -<p>»Es war einmal ein König,« begann der Fürst, den -Alten am Arm nehmend und mit ihm zwischen den Ahornen -dahinschreitend, »dieser König war sehr mächtig und hatte -viele Städte voll von Untertanen. Er aber wohnte in einem -großen Schlosse und war einsam. Wisset Ihr, was das ist: -Einsamkeit?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span></p> - -<p>»Ich kann mir's denken,« sagte der Zimmermann, -»das ist Langeweile. Ich hab' sie weiter nie gehabt.«</p> - -<p>»Aber der König hat sie gehabt, Reimar! Als er jedoch -ans Freien dachte, da fiel ihm das Rätsel ein. Kennt -Ihr es? Was ist das, Meister: Gott sieht's nie, der König -selten, der Bauer alle Tag?«</p> - -<p>»Hoho, das wird wohl seinesgleichen sein!« entgegnete -der Zimmermann.</p> - -<p>»Seinesgleichen, gut. Also sah der König sehr selten -seinesgleichen und unter den wenigen Prinzessinnen gefiel -ihm keine. Er trug sich in ganz eigentümlichen Meinungen -über das Weib. Er wollte eine Besondere haben. Die -Richtige ist nicht gleich die Erstbeste von seinesgleichen. Er -wollte eine große Auswahl haben, um seine Einzige sicher -zu finden. Er dachte an denjenigen, der seinesgleichen alle -Tage sieht.«</p> - -<p>»So hätte er sich ein feines Bauernmädel aussuchen -sollen,« meinte der Zimmermann.</p> - -<p>Der Fürst blieb plötzlich stehen, kneipte den Alten am -Arm und sagte: »Das hat er getan.«</p> - -<p>Der Zimmermann zog's ins Bedenkliche und sprach: -»Wenn das Bauernmädel klug ist? Ich wollt' mich doch -erst besinnen, ob ich einem König die Hand geben möchte.«</p> - -<p>»Wisset Ihr,« sagte der Fürst, »der Mensch hat zwei -Hände. Auch der König. Geht eine Verbindung zur rechten -Hand nicht, so geht sie vielleicht zur linken. Meinet Ihr -nicht auch so?«</p> - -<p>»Hab' es wohl einmal gehört,« meinte nun der Alte. -»Zur linken Hand. Verstehe aber den Unterschied nicht.«</p> - -<p>»Ich auch nicht, Meister. Aber wir drehen uns um -die Sonne und wissen nicht warum. So drehen wir uns -um Sitten, für den einen haben sie Sinn, für den anderen<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span> -nicht. Tatsache ist, daß der Fürst ein Kind aus dem Volke -freien will …«</p> - -<p>Der Zimmermann schwieg. Es wurde ihm unheimlich. -– Diese hohen Herren! Sie mögen sonst noch so brav sein, -in dem einen Punkt denken sie leichter, als andere Leute! -– An seine Hedwig dachte der Alte, da wurde ihm heiß in -der Brust. Am Ende ist's doch gefehlt, daß sie im Schlosse -wohnt. Sie ist ein heiteres dummes Ding und weiß nichts. -Man muß sie heim zum Vater schicken. –</p> - -<p>Der Fürst nahm sich jeden Morgen vor, an diesem -Tage mit Hedwig ein entscheidendes Wort zu sprechen. -Aber zum Teufel, das war schwerer, als er es sich gedacht -hatte. Auf dem Wege des Scherzes hatte er's schon versucht, -dabei kam er nicht weit, das Mädel wußte sehr klug -zu parieren. Ob sie nicht eine Erzfürstin sein möchte? war -eines Tages, als sie mit dem Wedel die Ahnenbilder abstaubte, -seine Frage.</p> - -<p>»Das wär' mir nicht zuwider,« antwortete sie, »da -wollt' ich mir gleich einen schönen Erzfürsten nehmen.« -Dabei versetzte sie einem graubärtigen Ahnen mit dem -Wedel eins ins Gesicht. – Und der hohe Herr verschob es -klüglich, mit ihr zu sprechen. Eines Morgens war sie fort. -Sie hätte heim müssen ins Elternhäuschen, um die Ziegen -auf die Weide zu führen. Die Ziegen!</p> - -<p>Mit finsterer Stirn trat der Fürst in die Werkstatt. -Der alte Reimar war just daran, das Himmelbett zu streichen.</p> - -<p>»Wieder braun und wieder braun!« rief der Fürst. -»Muß denn alles dunkel sein? Das Bett will ich blau -haben, himmelblau. Warum fragt Ihr mich nicht, wie ich's -haben will, wenn Euch der gute Geschmack fehlt? Oder -traut Ihr dem meinen nicht? Mißtrauen! Ich glaube fast, -man mißtraut mir. Das möchte ich erst sehen, nach wessen<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span> -Willen es zu gehen hat in meinem Hause, in meinem -Staate!«</p> - -<p>Verblüfft schaute der Zimmermann drein, dann antwortete -er: »Nach dem meinen nicht. Ich hab's auch nur -aus Gefälligkeit getan.« Legte den Pinsel weg und packte -sein Werkzeug zusammen. – An der einen Seite ist das -Himmelbett braun gestrichen, an der anderen Seite lacht -uns noch heute das nackte Holz an, erzählend vom beleidigten -Handwerksmann, der dem Fürsten plötzlich die -Arbeit aufgesagt hat. Und da soll noch einer behaupten, -dieses Schreckenburg wäre kein moderner Staat!</p> - -<p>Dem Erzfürsten tat es heimlich weh, den Meister beleidigt -zu haben, aber er holte ihn nicht zurück. Ein Fürstenwort -ist nicht von heut' auf morgen. Doch ging er von -dieser Zeit an häufiger auf die Jagd. Er ging über die -Felder des Landmannes und schoß Haselhühner, er ging -an den Fluß und fischte Forellen, er ging auf den Almweiden -hin, wo die Rinderhirten und Ziegenhirtinnen sind, -und schoß nichts. Da war es einmal am Wasser, daß der -Fischerjunge Winard, der ihm die Lagel nachtrug, seine -Schafpelzmütze abzog, die der Bursche auch im Sommer -trug und jetzt zwischen den Händen knüllte, und daß er -gar untertänig zum Fürsten die Worte sprach: »Gnädigster -Herr! Ich bitt' schön, ich hätt' halt schon lang ein Anliegen!«</p> - -<p>»Was ist's, mein Sohn, was fehlt dir?« munterte ihn -der Fürst freundlich auf. Er war ja selber kein Freund von -Förmlichkeiten, und es war wahrlich nicht das erste Mal, -daß er seinen Untertanen, wie er sie immer noch zu nennen -pflegte, unter Gottes freiem Himmel Audienz erteilte.</p> - -<p>»Getrau' mir's halt frei nicht zu sagen. Es ist was -recht Wichtiges …« So stotterte der Bursche.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span></p> - -<p>»Du weißt, was in meiner Macht steht …«</p> - -<p>»In – des gnädigen Herrn Macht tät's wohl stehen.«</p> - -<p>Jetzt blickte ihn der Fürst prüfend an. Er kannte den -hübschen und klugen Jungen schon seit länger. Manchmal -auch war er ihm schon zu keck gewesen. »Ist dir -etwa deine Stelle nicht mehr gut genug? Ist dir der Sold -zu gering?«</p> - -<p>Der Bursche wurde tiefrot im Gesicht und murmelte -kaum verständlich: »So bin ich nicht, daß ich Geldes wegen -meinen Herrn auf der freien Weide anginge …«</p> - -<p>»Dann ist's …« der Herr griff ihm ans Kinn und -hob ihm das Haupt: »Schaue mich an, Knabe! Ist's die -Liebe?«</p> - -<p>Neigte der Junge heftig den Kopf: Ja, das wär's, -die Liebe.</p> - -<p>»Und dein Schatz will dich nicht? Ja, siehst du, das -geht manchem so.«</p> - -<p>»Wollen tät' sie mich sonst schon,« gestand der Bursche, -»aber 's hat ihr wer was in den Kopf gesetzt. Sie kunnt -eine bessere Partie machen, sagt sie.«</p> - -<p>»Ich will dir etwas sagen, Junge. Den Nebenbuhler -mußt du ausstechen.«</p> - -<p>Halb abgewendet antwortete der Bursche: »Er ist halt -viel stärker als ich. Zwar das nicht, stärker nicht – aber -angesehener.«</p> - -<p>»Wohl ein Bauer?«</p> - -<p>»Das nicht.«</p> - -<p>»Gar ein Bürger?«</p> - -<p>»Wohl ein wenig mehr.«</p> - -<p>»Was tausend! Ein Gutsbesitzer?«</p> - -<p>»Und noch etwas dazu, gnädigster Herr.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span></p> - -<p>»Zum Rätselraten sind wir beide nicht beisammen, -mein Junge!« sagte der Fürst etwas ernster.</p> - -<p>»Ich glaub's auch gar nicht,« sprach der Bursche dreister. -»Es geht nur so ein Gerede. Und die Leut' sind ganz wild -darüber. Sie sagen, dafür tät' ein braves Bauernmadel -zu gut sein. Aber die Weibsbilder setzen sich's gleich in den -Kopf und glauben die größte Dummheit. – Der gnädigste -Herr wollt' sie haben, sagen sie …«</p> - -<p>Das war jetzt für den Erzfürsten keine Kleinigkeit. In -solcher Lage war er nie gewesen und von seinen Berufsgenossen -auch kaum jemals einer. Darauf ist keine Hofetikette -eingerichtet. In zorniger Erregung wählte er den -kürzesten Weg und sprach sehr langsam und nachdrücklich: -»Was sagst du? Diese Dreistigkeit geht doch über alle Begriffe! -Ich rate dir …!« Mit dem Finger wies er -in die Ferne.</p> - -<p>Jetzt ereignete es sich aber, daß der Bursche kerzengerade -vor ihm stehen blieb, daß er mit den blonden Wimpern -zuckte und trutzig das Wort sagte: »So ist es doch -wahr …«</p> - -<p>Der Fürst ging mit raschen Schritten dahin, der Bursche -eilte ihm nach, glühend und bebend vor Aufregung rief er -gellend: »Nachher setzt's was, gnädiger Herr! Die Hedwig -laß ich nimmer, und wenn's meinen Kopf kostet.«</p> - -<p>Der Herr wandte sich noch einmal um und schaute sich -das im Liebeswahnsinn brennende Menschenkind an.</p> - -<p>»Wer mir das Mädel untreu macht,« rief der Bursch, -die Fäuste ballte er, »da setzt's was! Ich bin auch nicht -allein. Ich hab' Kameraden!«</p> - -<p>Warf die Fischlagel zu Boden und sprang durch das -Strauchwerk davon.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span></p> - -<p>– Erzfürst Othmar! Klang das nicht wie eine Kriegserklärung?</p> - -<p>Noch an demselben Tage, als die unerhörte Drohung -gefallen war unten am Wasser, beschied der Fürst den -Forst-, Jagd- und Fischermeister Jonathan zu sich und sprach -mit diesem seinem Agrikulturminister längere Zeit. Er -befragte ihn über die allgemeine Aufführung des Fischerjungen -Winard.</p> - -<p>»Keine Klage,« antwortete der Forstmeister. »Soweit -brav, aber ein Hitzkopf. Vor etlichen Wochen drei Tage -lang im Kotter gebrummt. Raufhändel, Liebesgeschichten.«</p> - -<p>»Man nehme ihn zu den Soldaten.«</p> - -<p>»Schwerer Ersatz, gnädiger Herr!«</p> - -<p>»Man nehme ihn zu den Soldaten!« sagte der Fürst.</p> - -<p>Als der Forstmeister es dem Fischerjungen hinterbringen -wollte, daß er durch allerhöchste Gnade in die Armee aufgenommen -werde, war der Winard nicht mehr da. Die Vermutung -lag nahe, daß er ins Ausland geflohen sei, denn -er hatte ein Handbündel mitgenommen.</p> - -<p>Wenige Tage nachher brachte die Post dem Fürsten -ein kunstvoll und doch unbehilflich gefaltetes Brieflein. Das -war vom Fischerjungen, dem das Schreiben nicht arg vonstatten -ging. Der ließ sich vernehmen wörtlich wie folgt:</p> - -<div class="letter"> -<p class="center"> -»Eier gnaden, gnädigster First und durchlauchdicker -Herr! -</p> - -<p>Mus woll tausendmal um verzeihin biten wegen -letztmal aber i kan nit anderst und vonwegen dem Mädel -kunt i schlecht wern. Ich bit Ihnen, se kriegn bessere, -lassens mir de, i bit Ihna kniefellig, sunst weis nit, was -gschicht. Da thät ma wull all zamhalden, wann unsri -Madln, die Bauern Madeln nit mehr sicher gangeten.<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span> -Schreims mir nur bar zeillen das i mich verlassen kann -und mich wieder aufzeign kann und wil mein Dienst -fleißi verichten. Gnedigster Herr unterdeniger Diner</p> - -<p class="right"> -Winard Oberlimer.« -</p></div> - -<p>Der Winard Oberlimer wartete nun auf das Antwortschreiben -des Fürsten. Er wußte wohl, daß hohe Herren -sich nicht so leicht herbeilassen, mit Arbeitsleuten Briefe -zu wechseln, aber in einem so wichtigen Falle, dachte er, -würde der gnädige Herr doch eine Ausnahme machen. Er -wartete Tage und Tage, er konnte nicht mehr essen, nicht -mehr schlafen. Wo er wartete, das wissen wir nicht, denn -er hatte vergessen, in dem Briefe seinen Aufenthaltsort anzugeben. -Auch der seidenhaarigen Hedwig hatte er geschrieben -und ihr Vorwürfe gemacht darüber, weil sie, »die spottschlechte -Person, sein glihend Hertz um eitel guld und ehr -verkaufft« hätte. Die Hedwig wußte sein Versteck und antwortete -ihm das Folgende:</p> - -<div class="letter"> - -<p>»Mein Lebtag wär's mir nit eingefallen, das von -wegen dem Fürsten, wie du meinst. Wenn ich dich auch -einmal mit ihm gereizt hab. Aber dein Schimpf- und -Spottbrief auf mich zeigt nit von deiner grossen Lieb -und jetzt thu ichs. Nit wegen eitel Guld und Ehr, wie -du schreibst, sondern weil mir ein guter freundlicher -Mensch lieber ist, wie ein Zornnickel. Deine Wäsch hab -ich dir aufs letztemal gewaschen und geflickt und kannst -sie abholen lassen. Mit Achtung</p> - -<p class="right"> -Hedwig Sommerauer.« -</p></div> - -<p>Nun war Feuer auf dem Dache. Beim Straßenwirt -an der Brücke kamen an Sonntagen die Burschen des Tales -gern zusammen. Jetzt war der Winard unter ihnen und -warb Streiter. Um das Gerücht wußte jeder schon, so<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span> -brauchte er ihnen nur den Brief der Hedwig vorzulesen, -als Beweis wie es stand.</p> - -<p>»Kameraden!« rief er, »verlaßt's mich jetzt nit! Ihr -wisset, wie wir uns gern gehabt haben, dieses Madel und -ich. Und jetzt soll sie verdorben werden? Heiraten! Der -Herr so eine von niedrigem Stamm? Wer's glaubt, ich -nit. Und was mir geschieht, kann jedem geschehen. Einer -allein kann nichts machen, der wird eingekottert. Zusammhalten! -Verlaßt's mich nit, Kameraden!«</p> - -<p>Etliche gaben zu bedenken, daß es eine gewagte Sache -sei. Andere überstimmten sie: »Untertanenpflicht und Treu -haben wir allzeit gehalten. Und wenn uns der Fürst Othmar -jetzt ruft: In den Krieg für euer Land, für euern Herrn! -so wird nicht einer das Hundsfott sein und sich drücken. -Aber wir leben nicht mehr in der alten Zeit, Gott sei -Dank, wir haben die Freiheit! Wenn's um unsern Schatz -geht, da halten wir zusammen, gegen wen der will! Wir -verlassen dich nicht, Winard!«</p> - -<p>Der Nachtwächter im Ofenwinkel war schon lange unruhig -gewesen, jetzt stand er auf, rüttelte am Ofengeländer, -daß es klirrte und rief: »In diesem Tone kann ich nicht -weiterreden lassen. Zerstreut euch!«</p> - -<p>Brüllendes Gelächter. Sie zerstreuten sich nicht, sie -bestellten frischen Trunk. Nur einer ging fort, ein einziger, -und das war der Nachtwächter. –</p> - -<p>Sachte entfalteten sich trübe Aussichten im Staate -Schreckenburg. Die Leute waren ernster, mürrischer. Die -Kirchen blieben leerer als sonst, die Wirtshäuser waren voll. -Die Leute sangen nicht mehr ihre heiteren Lieder, sie steckten -die Köpfe zusammen. Der Fürst bot den Heerbann auf. -Nach wenigen Tagen teilte ihm der Kriegsminister, der in -gewöhnlichen Zeitläuften das Grobschmiedgewerbe betrieb,<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span> -mit bekümmerter Miene mit, daß im Reiche nicht alles so -sei, wie es sein sollte.</p> - -<p>»Ist dieser Winard Oberlimer eingezogen?« fragte -der Fürst.</p> - -<p>»Leider nein, gnädigster Herr. Der hat unten im -Straßenwirtshaus an der Brücke ein förmliches Lager aufgeschlagen. -Er hat Genossen. Sie haben den Verkehr mit -den Nachbarsländern abgeschnitten, fangen die hereingehenden -Waren ab, das Korn, den Wein. Unsere Holz- und -Viehausfuhr ist gehemmt. Seit gestern ist auch die Post -ausgeblieben.«</p> - -<p>Nun verlor der Fürst die Ruhe. »Sofort die Truppen -zusammenziehen und die Wegelagerer aufheben.« Nach -etlichen raschen Schritten über die Dielen hin riß er den -Kopf heftig empor und rief: »Die Rädelsführer standrechtlich -erschießen!«</p> - -<p>»Durchlauchtigster Herr,« sagte der Kriegsminister. -»Schon vor drei Tagen sind die Reichstruppen einberufen -worden. Aber – es kommt niemand.«</p> - -<p>»Wie?« Der Fürst war starr vor Entsetzen.</p> - -<p>»Das Mannsvolk scheint sich alles beim Straßenwirt -versammelt zu haben.«</p> - -<p>»Verschwörung? Revolte?« –</p> - -<p>Um diese Zeit war es, daß der König eines großen -Nachbarreiches von dem Hochgebirge herabkam. Er war -nach einer Reise aus den südlichen Gegenden heraufgekommen, -hatte eine Gemsenjagd gehalten, dann einen -hochgelegenen Luftkurort besucht, um seine dort weilende -Schwester, die Prinzessin Aglaia, abzuholen und nach Hause -zu begleiten. Der König hatte »seinen lieben Vetter«, -Othmar III., benachrichtigen lassen, daß er in zwei Tagen<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span> -durch Schreckenburg reisen werde. Da hieß es nun einmal, -sich in den Hofstaat werfen! Die Reichstruhe wurde aufgemacht, -und bald stand der Erzfürst da in seiner vollen -angestammten Herrlichkeit. Die taffetnen Strümpfe hatten -ein paar kleine Schabenschäden, hingegen prangten die Silberschnallen -der Bandschuhe in untadelhaftem Glanze. Der -seidene Rock hatte die Meinung grün zu sein, schillerte -aber stellenweise mehr ins Gelbliche, als es bei einem charakterfesten -Tuche unbedenklich ist. Die Lendenschärpe, die -breite rotflammende Schleife über der Brust, die funkelnden -Sterne und Kreuze schlichteten alles reichlich. Der goldene -Kragen war allerdings etwas zu wulstig, um dem an -Freiheit gewöhnten Herrn die Kopfbewegung uneingeschränkt -zu gestatten. Auf dem stahlblinkenden Reichshelm prangte -der dreiköpfige Adler und legte seine goldenen Flügel schwer -zu beiden Seiten herab über die Ohren. Das Schwert war -für Riesen geschmiedet worden und schleifte einigermaßen -widerspenstig um die Ecke, wenn der Fürst eine Bewegung -nach rechts oder links zu machen hatte. Die Quaste des -Griffes baumelte unten bei den Knien aufsichtslos herum. -– Das Ganze war ziemlich überwältigend. Bettelhaft vor -seinem königlichen Vetter zu stehen, das war des Fürsten -Sorge nicht. Etwas ganz anderes trübte seinen Sinn. Bereits -hatte er seine verfügbaren sechs Getreuen hinabgeschickt -zum Straßenwirt mit dem Befehl, die Brücke freizugeben -für allerhöchste Herrschaften, die an diesem Nachmittage -durchreisen würden. Die Antwort, die sie zurückbrachten, -war dem Fürsten nicht vermeldbar. Sie war nicht hoffähig. -Der Herr war außer sich. Das wäre doch eine Blamage, -wenn der Erzfürst Othmar Seine Majestät mit einem Bürgerkriege -begrüßen müßte! Sofort eine zweite Abordnung zum -Brückenwirt: Was denn eigentlich der Herren Begehr sei!<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span> -– Die Antwort, das wisse Seine Durchlaucht recht wohl. – -In Wahrheit war es dem Fürsten nicht ganz klar. Da er -wußte, daß der Fischerjunge Winard dabei eine Rolle spielte, -so konnte er sich's nur halb und halb denken. Es mag ja -unsinnig sein, das mit dem Mädel – so dachte er sich zu -– es mag ja Dummheit eines besonders entwickelten Johannestriebs -sein, gut, der Mensch bleibt immer ein Tor, -und der Esel hat die Farbe des Alters. Allein sich einen -politischen Zwang antun lassen und am Ende gar um Verzeihung -bitten, daß er ein hübsches Mädel gerne anschaue? -So weit wird's wohl noch lange nicht gekommen sein. Zwar -kracht die Welt! Kracht in allen Ecken und Enden! Es -ist das undenkbarste schon geschehen. Nicht jeder, der versammelt -bei den Vätern ist, ging auf gewöhnlichem Wege -heim. – Er besichtigte seinen Thron, der im Saale stand. -Ein schlichter Lehnsessel, mit rotem Leder ausgepolstert, mit -silbernen Nieten verziert. – Das Holz war alt, aber kaum -ein halbes Dutzend Wurmstichlein, die es aufwies. Die -Ahnen waren darauf gesessen! Und nun sollte etwa so -einer, wie der Fischerjunge? Die seinige auf dem Schoß? -Denn für zwei nebeneinander hat der Sessel, genau besehen, -nicht Raum. – Na, es wird sich ja noch schlichten lassen. -Übermütige Bauernlümmel, nichts anderes. Ein gewöhnlicher -Raufhandel um ein Weibsbild, und die verrückten -Burschen vergessen, mit wem sie's zu tun haben. – Es -wird sich alles ordnen, bis wir klar sehen. Nur die hohen -Herrschaften dürfen nichts erfahren, denn die Geschichte ist -zu dumm! Das beste wird diesmal sein, was auch sonst sehr -oft das beste ist – aus der Not eine Tugend zu machen. -Das Schloß ist zwar nicht danach angetan, aber Gastfreundschaft -ist stets eine Tugend gewesen.</p> - -<p>Es naheten die königlichen Gäste. Eine Anzahl Staubwedel<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span> -war tätig im Fürstenhause einen halben Tag lang. -Die Beschließerin warf einen schwellenden Sack mit Eiderdunen -ins noch unfertige Himmelbett. Etliche Schuljungen, -vom Oberlehrer gewissenhaft ausgesucht, wurden in weiches -buntes Pagengewand gesteckt. Bei dieser Auszeichnung kam's -nicht darauf an, welche die bravsten waren, sondern welche -schlank und frisch dastanden. Sechs Mann martialisch mit -Helm und Lanzen bewaffnet, umgaben die Räte des Reiches, -und mit solchem Hofstaate zog der Fürst den Reisenden -entgegen. Er selbst ritt auf einem klobigen Rappen. Oberhalb -des Ortes, am Eingange der Bergschlucht, begegneten -sie sich. Zwei einzige Wägen kamen gerollt, im ersten saß -der König und die Prinzessin. Der König sah mit seinem -weißen Vollbart und im grauen Lodengewand aus wie ein -Jäger. Die Prinzessin saß ebenso einfach da; sie hatte -weder die Blüte der Jugend an sich, noch den Reif des -Alters, ein Alpenrosenstrauß war ihr einziger Schmuck. Mit -ruhiger Freundlichkeit reichte sie dem vorsichtig vom Rosse -gestiegenen Fürsten die Hand, die er küßte. Das umstehende -Volk freute sich des Anblicks und war stolz auf die ritterliche -Erscheinung seines Fürsten, den es noch nie in diesem -unerhörten Glanz gesehen hatte. »Ja, unser gnädiger -Herr!« sagten sie, »da sieht man, wie armselig so ein König -dasteht vor einem Erzfürsten von Schreckenburg! Das ist -ein prachtvoller Herr!« Ein behendiger Alter schlug mit -den Armen um sich und flüsterte in die Leute hinein: »Die -unten an der Brücken! Wenn sie ihn jetzt so sehen könnten! -Denen möcht' die Kurasch schon vergehen!«</p> - -<p>Mittlerweile hatte der Fürst die Herrschaften willkommen -<span id="corr078">geheißen</span> und sie eingeladen auf sein Schloß, zur -Rast auf einige Tage.</p> - -<p>»Freund, das geht nicht!« antwortete Seine Majestät.<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span> -»In zwei Tagen ist die Eröffnung unseres Reichstages, da -müssen wir zu Hause sein.«</p> - -<p>»Dann verhüte der Himmel Achsenbruch, Überschwemmung -und Brückeneinsturz!« sagte der Fürst.</p> - -<p>»Hoffentlich!« lächelte die Prinzessin, »wir haben ja -das schönste Wetter.«</p> - -<p>»Gewiß, Hoheit, gewiß! Sehr schönes Wetter. Es -wird auch anhalten. Und doch ist soeben die Nachricht eingetroffen, -daß unten an der Luserbrücke der Verkehr unterbrochen -sei,« sagte der Fürst beklommenen Atems und setzte -gar ritterlich bei: »Ich bin im Augenblicke ja selber noch -nicht genau unterrichtet. Sollte es sich aber bewahrheiten, -dann wäre der einsame Herrscher auf Schreckenburgs Thron -dem Zufalle außerordentlich verpflichtet!« daß er ihm so -liebe Gäste in den Schoß werfe – konnte dazugedacht -werden.</p> - -<p>Der König tat die Bemerkung, daß er schon unterwegs -Andeutungen vernommen hätte, als wäre an der -Luserbrücke etwas nicht richtig. So als ob sich dort allerlei -Gesindel zusammenrotte.</p> - -<p>»Arbeiter werden es sein, Majestät, um die Passage -freizumachen,« fiel der Fürst ein.</p> - -<p>»Jedenfalls werden wir des Herrn Vetters liebenswürdige -Einladung annehmen,« entschied die Prinzessin, -»denn über eine schadhafte Brücke fahre ich nicht, niemals!«</p> - -<p>Hierauf lenkten sie rechts ein, der Fürst ritt voraus, -die Wägen fuhren langsam hintendrein und das Gefolge -kam zu Fuße nach. –</p> - -<p>Mittlerweile war ins Kriegslager beim Straßenwirt -die richtige Begeisterung gekommen. Man hatte für den -Krieg auch schon einen Namen. Mädeljäger-Krieg! Ging -er doch gegen den Mädeljäger. Und jetzt erst kamen sie<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span> -herfür von den Bergen und aus den Gräben, und wie -das Feuer seinen Wind erzeugt, so schafft sich ein Aufstand -rasch den nötigen Schwung. Früher hatte man nie viel -davon gehört, und jetzt wußte jeder zu sagen vom gefährlichen -Mädeljäger, von bedrohten Weibern und eroberten -Schönen. Da reckten sich die Speere hoch in die Luft gleich -Schwurfingern, daß die Stunde der Vergeltung gekommen -sei! In äußerste Erregung geriet der Fischer Winard, denn -jemand hatte erzählt, daß man in der Nacht den Zimmermann -Reimar mit seiner Enkelin Hedwig begegnet habe -– in heimlicher Eile durch den Wald, wahrscheinlich gegen -das Schloß hin. Jetzt war's helle, der alte Kuppler führte -sie dem Wüstling zu. Darum also die ganze Tischlerei im -Fürstenhause! – Der Winard brachte stockend kaum die -Worte hervor: »Kameraden! Werden wir halt heut' bei der -Nacht das Schloß stürmen.«</p> - -<p>Jeder Bursch, der ein Liebchen hatte, jeder Ehemann, -der ein junges Weib besaß, fühlte sich eins mit dem Fischerjungen. -Es war die große, gemeinsame Sache. –</p> - -<p>Mit stillem Wohlgefallen blickte der König zum Fenster -des Fürstenschlosses hinaus, mit lautem Jubel die Prinzessin. -War Seine Majestät gleichwohl schon ein wenig gelangweilt -gewesen auf diesem gar so schlichten, stillen Landsitz, -Ihrer Hoheit, seiner Frau Schwester, gefiel es gar wohl. -Das war nicht Palast und nicht Hütte, das war ein trauliches -Haus. Und der Fürst! Er war nicht Knabe und -nicht Greis, er war ein stattlicher Mann von angenehmstem -Wesen. Ihre Hoheit war in einer sehr getragenen Stimmung, -es war nicht Lust und es war nicht Weh, es war -so etwas ganz Besonderes. Und als nun zur abendlichen -Stunde die Hunderte von Fackeln heranloderten über die -Matten, lärmend, knallend und jauchzend, da waren die<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span> -Hoheiten nachgerade sehr gerührt über die Ovation, die -ihnen hier von der schlichten Landbevölkerung gebracht werde. -Der Fürst lud die Gäste zwar ein, rasch in das Hofzimmer -zu kommen, wo das Abendmahl gedeckt sei. Es wäre besser, -sich von den Fenstern zu entfernen, die guten Leute hätten -in solchen Dingen kein Maß und Ziel, sie wären manchmal -ein wenig zu unbefangen für ein Damenohr, er würde dann -selber zu ihnen hinausgehen. Kaum er es gesagt hatte, war -draußen ein schmetterndes Krachen, das geschlossene Einfahrtstor -sprang in Trümmer, eingerannt mit einem wuchtigen -Baumstamm.</p> - -<p>»Ein Überfall?« rief der König.</p> - -<p>»Es ist ein Überfall!« sagte der Fürst, »wenn's <em class="gesperrt">mir</em> -gilt, gut!« Er eilte zur Tür. Die Prinzessin stürzte ihm -nach, fiel ihm in den Arm und kreischte in höchster Angst: -»Othmar! Bleibt! Verlaßt mich nicht!«</p> - -<p>»Ein Weibsbild ist drinnen!« schrie draußen vom -Lindenbaum her eine Stimme.</p> - -<p>»Sie ist drinnen!« erscholl es im Menschenhaufen, -der wie Wildwasser in den Hof flutete.</p> - -<p>»Tun müßt's ihr nichts, ich bitt' euch!« lautete der -Befehl des Fischerjungen.</p> - -<p>»Umbringen niemanden!« schrie es von mehreren -Seiten, »lebendiger ist der Vogel mehr wert als wie toter! -Aber in den Käfig mit ihm! Für Hühnervolk ist ein einköpfiger -Geier schon gefährlich, wie erst ein dreiköpfiger!«</p> - -<p>Das Haustor hielt dem ersten Ansturme stand. Da -wurden schon Leitern herbeigeschleppt, um zu den Fenstern -hineinzusteigen. Roter Rauch wirbelte von den brüllenden -Lunten empor an die Wände und übers Dachwerk. Zwei -Männer taten einen großen Sack auseinander, um den Mädeljäger, -wenn sie ihn gefangen hätten, hineinzustecken. Der<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span> -Winard hatte aus dem Schuppen einen herrschaftlichen Kobelwagen -hervorziehen lassen. Da hinein, wenn wir sie herunter -haben! Mit zwei fürstlichen Rößlein will er die böse Hedwig -in seine Hütte führen. Das Gejohle rings ums Schloß war -so wüste, daß der alte Kammerdiener auf dem Söller vergeblich -rief, wen's denn anginge? Den guten Fürsten oder -die Majestäten, oder ihn selber? Wenn ihn selber, er trage -sein altes Haupt willig herab.</p> - -<p>»Feuer ins Dach!« Dieser Ruf war lauter als das -Jammern des Alten. Etliche Männer hieben mit Äxten -den Brunnenständer um und rollten den Trog über, daß -das Wasser, anstatt Feuer zu löschen, auf dem Sande -dahin sickerte. Ein Doppelfenster flog auf, so heftig, daß -es schrillte. Es war oben im Zimmer des Fürsten. Er -selbst stand am Fenster, rot beleuchtet von dem Fackelschein. -Er wollte sprechen, das wurde bemerkt und dumpfer ward -der Lärm. Der Fürst bog sich heraus, er hatte wieder -seinen schwarzen Rock an. »Liebe Leute!« rief er. Das -Gewoge wollte sich nicht legen, die Speere schlugen klirrend -aneinander.</p> - -<p>»Mein vielgeliebtes Volk!« rief er lauter, da wurde -es still.</p> - -<p>Der Fürst begann mit bewegter Stimme zu sprechen: -»Ich bin erschüttert von der Kundgebung, ich bin hocherfreut -von dem neuen Beweise euerer Liebe und Anhänglichkeit, -mit der ihr mir ergeben seid. Es ist das größte -Glück eines Fürsten, seine väterliche Huld vom Volke so -gewürdigt zu sehen. Treu' um Treue! Und sinniger hättet -ihr diese großartige Huldigung nicht anbringen können, -als heute, an diesem Abende, an dem ich nebst dem Fürstenglücke -auch das menschliche Herzensglück gefunden habe. -Und schöner glaube ich diesen Beweis euerer Liebe nicht ehren<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span> -zu können, als wenn ich euch jetzt euere künftige Herrscherin -vorstelle …«</p> - -<p>»Hört ihr's?« unterbrachen sie ihn.</p> - -<p>Der Fürst wendete sich zur Seite, da stand neben ihm -ein Weib.</p> - -<p>»Die Hedwig?«</p> - -<p>»Ist sie's?«</p> - -<p>»Nicht ist sie's. Eine andere, eine Fremde! Seht doch!«</p> - -<p>Der Fürst erhob seine Stimme hoch und rief: »Das -ist meine Braut, Ihre königliche Hoheit, die Prinzessin -Aglaia von Bramburg!« –</p> - -<p>Kein Schuß ist gefallen, kein Tropfen Blut vergossen -worden in diesem Bürgerkriege. Das Volk hatte sich verloren -in die Wirtshäuser des Reiches. Hatten die Leute -zuerst gleichwohl nicht gewußt, wie ihnen geschah, so schlug -der finstere Trotz doch bald in helle Fröhlichkeit um. Sie -hatten ja einen so schlauen Herrn und jetzt auch eine so -königliche Herrin, bei der, wenn die Blütezeit auch schon -vorüber, doch noch immer nicht Matthäi am letzten war! -Wer soll da nicht als warmer Patriot eins trinken über den -Durst? – Als der nächste Morgen tagte, gab es um das -Schloß nur zertretenen Rasen mit schwarzen Fackelabfällen -und manchen Balkensplitter. Darüberhin schritt munter das -bräutliche Paar.</p> - -<p>»Das ist schnell gegangen, du mein Herz!« lispelte -der Fürst und legte die zarte Hand der Braut zwischen -die seinen. »Gestern um diese Morgenstunde haben wir -einander noch nicht persönlich gekannt – und heute –!«</p> - -<p>»O, mein Lieber, ich habe dich immer gekannt!« rief -sie hochbeseelt, »ich habe deiner immer gedacht, mein Herz -hat dich immer gesehen, dich, wie du bist, da ich längst noch<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span> -nicht wußte, daß es einen Fürsten Othmar gibt. Ich wäre -achtzig Jahre alt geworden, ohne einen anderen Mann zu -sehen als dich. Und du?«</p> - -<p>Da er nicht ganz befriedigende Antwort wußte, so entgegnete -er bloß: »Meine Empfindung läßt sich gar nicht -schildern.« –</p> - -<p>Ungut war es dem Fischerjungen Winard. Daß er -seine Hedwig nicht mit fürstlichen Rössern in sein Haus -führen konnte, das wurmte ihn kläglich. Und doch war -er froh, sie im Schlosse nicht gefunden zu haben. Wo aber -war sie denn? Zu Hause bei ihrer Mutter nicht, davon -hatte er sich noch in derselben Nacht überzeugt. Einem -Almhirten begegnete er, der wußte zu sagen, daß er hinten -im Hochgebirge dem krummen Zimmermann mit einem -jungen Frauenzimmer begegnet wäre. Gegen das Welsche -hinüber hätten sie die Richtung genommen. – So sauber! -Jetzt konnte der Fischerjunge auch dem Welschland den -Krieg erklären.</p> - -<p>Übrigens kam dieser neue Feldzug dem Burschen nicht -ungelegen, daheim drohte ihm ja ein Hochverratsprozeß und -drüben am Waldrande stand aus alten Zeiten her noch -immer so etwas, wie ein aufrecht ragender Holzblock mit -einem Querbalken. Allein mit leeren Taschen reist ein -Schreckenburger nicht ins Ausland. Die halbe Arche Noahs -plünderte er und machte sich damit auf den Weg gen Welschland. -Am ersten Abend sprach er unterwegs in einer Sennhütte -zu. Anfangs unterhielt er die Sennin mit einem -behendigen Eichkätzchen, das an der Angelschnur hängend -munter über Winards Achseln und Haupt spazieren sprang -und sich dann wieder neckisch in den Rocksack versteckte. -Dieses possierlichen Anblickes wegen tischte die Sennin eine -Schüssel Milch auf. Dann langte der Bursch aus der Hosentasche<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span> -ein kleines Schildkrötlein hervor und ließ es über den -Tisch krauchen. Die Sennin war voll Entsetzen über das -Tier, das sein dreieckiges Köpflein immer weiter vorstreckte -gegen sie hin; aber aus Achtung für den jungen Fremdling, -der solche Ungeheuer mit sich führte, buk sie ihm auch noch -einen Eierkuchen. Nachdem dieser mit Wohlbehagen verzehrt -worden war, gestand er der Sennin, noch etwas bei -sich zu haben. Er griff in den zweiten Hosensack und zog -ein feines Garnnetz hervor, in dem sich eine graue Schlange -ringelte. »Darf ich sie auslassen?« fragte der Winard, die -Sennin kreischte vor Grausen, da sagte er: »Ach, das Tierlein -tut ja nichts, es ist bloß eine junge Viper.« Die Sennin -hatte sich ihr Lebtag mehr mit Kühen und Schweinen abgegeben, -als mit Blindschleichen, und so glaubte sie es ihm -getreulich und brachte dem tapferen Tierbändiger zum Nachtisch -noch Weißbrot und ein Töpflein mit goldigem Honig. -Erst am nächsten Morgen fragte er, ob sie nicht einen alten -krummen Mann mit einem jungen Mädel hätte des Weges -gehen sehen. Ja, so ein Paar wäre vor etlichen Tagen -vorbeigezogen gegen das mittägige Land hin.</p> - -<p>Während der Nacht hatte das Eichkätzchen die Schlange -totgebissen. So warf der Bursche auch die Schildkröte ins -Heu, und leichten Mutes zog er weiter gen Welschland. -Am zweiten Tage sprach er in einer Kohlenbrennerhütte -zu, fing dort Fische aus dem Bach und ließ sie von der -Köhlerin braten. Dann lud er das schwarzäugige Weib -artig zum Schmause ein. Am nächsten Tage wußte die -Köhlerin ihm zu berichten, der krumme Alte mit dem jungen -Mädel sei erst gestern gesehen worden und sitze unten in -der Ölmühle. Die Ölmühle stand am Flüßlein Esonto, und -dort fand er den krummen Alten und das junge Mädel. -Nur war es nicht der Zimmermann Reimar und seine<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span> -Enkelin Hedwig, sondern ein welscher Scherenschleifer mit -seinem Kinde.</p> - -<p>Der Winard gehörte zu jenen Trotzköpfen, die nie -einen ihrer Irrtümer eingestehen und nie umkehren wollen. -Diesmal aber war die Überzeugung, daß er auf dem Irrwege -ging, zu schlagend; doch zur Umkehr konnte er sich noch -immer nicht entschließen; er ging eine Weile, das Gesicht -noch gen Welschland wendend, rückwärts wie ein Krebs, -bis er über einen Maulbeerstrunk stolpernd auf den Rücken -fiel. Ein paar Tage später war er doch wieder im Gebirge, -und da hörte er plötzlich von einem Hirten das Wort ausrufen: -»Hau, da ist er ja wieder, der Mädeljäger!«</p> - -<p>Der Mädeljäger! War das nicht der Fürst? War -nicht der Fürst so genannt worden? Wahrhaftig – dachte -sich der Bursche – das stimmt auch bei mir! Bei mir -vielleicht ganz besonders, wie ich ihr nachjage seit einer -Woche! Ihr und so weiter. – Jetzt fing er sachte an, sich -zu schämen. Wieder den Weg hatte er verloren in der Waldwildnis, -mißmutig bei einer Pechbrennerklause kehrte er zu, -einen Löffel warmer Suppe erbittend. In der Klause saß -der alte Reimar und zimmerte an einer Wiege. Diese Wiege, -so klein sie war, brachte den Winard schier aus der Fassung. -»Wo ist die Hedwig?« schnob er.</p> - -<p>Der Alte ließ seine Hand mit dem Schnitzger auf dem -Knie ruhen und antwortete: »Winard, das sag' ich dir nicht. -Ihr habt gerauft um sie, so sollt ihr sie keiner kriegen. Ich -hab' das Mädel gut versteckt, du findest es nicht. Der -gnädige Herr auch nicht.«</p> - -<p>»Der hat schon eine andere. Der heiratet eine alte -Prinzessin. Und ich muß die Hedwig haben!«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Mußt</em> sie haben? Na, dann ist's was anderes. – -Mädel!« rief er durchs Fenster in den Wald hinaus. Sie<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span> -war gerade bei den Pechersleuten unter dem Baume. Blieb -aber nicht kleben an dem Baumstamm, der von Holz war, -sprang dem Burschen an den Hals, der von Fleisch und -Blut war.</p> - -<p>Jetzt ist die Geschichte aus. – Wie? Die Wiege geht -euch noch im Kopfe um? Fürs Pecherpaar hatte er sie gezimmert. -– Aber sollen sie denn hocken bleiben beim Pecherpaar -in der Waldhütte? Am Tage, als Erzfürst Othmar -der Gütige mit seiner geliebten Braut Hochzeit hielt, erging -eine allgemeine Amnestie für politische Verbrecher. Es war -nur einer vorhanden, und so wurde der Fischerjunge Winard -jubelnd begrüßt, als er mit seiner Hedwig zurückkehrte ins -heimatliche Fürstentum.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span></p> - -<h2 id="Lieb_laesst_sich_nicht_lumpen">Lieb' läßt sich nicht lumpen.</h2> -</div> - -<p class="drop">Auf dem vornehmen Ozeandampfer »Poseidon« befanden -sich zwei Auswanderer, welche die Aufmerksamkeit -der übrigen Reisenden erregten. Eine anmutige, -etwa vierunddreißigjährige Frau und ein schöner -junger Mensch. Ein Ehepaar oder Geschwister konnten -sie kaum sein, dafür war das dunkle Auge, mit welchem -die Frau manchmal auf ihn blickte, viel zu unstet, zu gewitterhaft, -und dafür war das Wesen des jungen Mannes -manchmal zu befangen, manchmal zu kühn sich gebärdend -– ein zu seltsames Gemisch von Schüchternheit und Trotz. -Als der »Poseidon« von der deutschen Küste gegen den -Westen abgedampft war, hatte die Frau heftig geweint, hatte -der Jüngling seine Hand auf ihre Schulter gelegt, bis sie -plötzlich ihre beiden Arme um seinen Nacken schlang und -ihn küßte. – Hatten diese beiden freiwillig der Heimat entsagt? -Waren sie aus zwingenden Gründen ausgezogen? -Oder hatten sie sich sonstwie verfahren in der Alten Welt -und steuerten nun der Neuen zu, um in ihr einen frischen -Lebenslauf zu versuchen? – Also fragten die Mitreisenden -sich. Doch das Paar tat nichts, zeigte nichts, was Antwort -geben konnte.</p> - -<p>Eine solche Ausfahrt hatte Frau Johanna von Martenstein -wohl kaum gedacht an jenem Tage, als sie mit -zwei Rappen vom Kirchhofe zurückfuhr – eine Witwe von -einundzwanzig Lenzen. Damals war ihr sonst lebensfreudiges -Herz zugedeckt mit so schwerem Leide, daß ihr -die ganze Welt wie ein Totenhaus erschien, in dessen Gewölbe -die Sonne als trübe Ampel hing. Damals war ihr -unmöglich zu denken, daß in ihrer schmerzerfüllten Brust<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span> -jemals noch ein irdisches Begehren wach werden könnte. -Von Natur religiösen Gemütes und religiös erzogen, hatte -sie sich damals vorgenommen, den Mitmenschen von nun -an lauter Gutes zu erweisen, zuvörderst Gutes solcher Art, -daß es ihnen nicht so sehr für diese, als vielmehr für jene -Welt zunutze kommen konnte. Und sie hatte sich vorgenommen, -ganz nur noch dem Ewigen zu leben, von Stufe -zu Stufe emporzusteigen in jenes Reich, in welchem dem -so früh Verlorenen sie wieder zu begegnen hoffte.</p> - -<p>Denn wie namenlos nichtig ist ein Leben, wo selbst -die Glücklichsten ungeheurem Leide zur Beute werden müssen! -War Johanna von Martenstein, das blendend -schöne, heitere Fräulein, auf dem reichen Wohnsitze ihrer -Väter nicht beneidenswert gewesen? War ihre Liebe zu -Oswald von Siegenberg, dem herrlichen Manne, nicht so, -daß sie selbst manchmal schauerte vor der Gewalt dieser -Seligkeit? Ein Jahr währte es, ein ganzes Jahr und -drei Tage – nicht länger. Im fröhlichen Treiben eines -Schützenfestes ward er durch ein zufällig sich entladendes -Schießgewehr getötet. O gleißendes Geschick mit deinem -»Zufällig!« Da doch das darauf Kommende so folgerichtig -ist, berechnet auf ein einsames Menschendasein voll grenzenloser -Trauer!</p> - -<p>An jenem Tage, als Frau Johanna vom Kirchhofe -heimfuhr gegen ihr Bergschloß, scheuten im Dorfe vor -einem Dörcherkarren die Pferde und traten eines der halbnackt -umherlaufenden Kinder zu Boden. Als das Gespann -wieder stillstand, ließ Frau Johanna das verletzte Knäblein -zu sich in den Wagen heben und bei den Dörcherleuten -nachfragen, ob es ihnen gehöre, und was sie in diesem -Falle verlangten an Vergütung.</p> - -<p>Das Haupt der fahrenden Bettlerfamilie, ein von<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span> -Branntwein riechender Mann, kroch aus dem Blachenkobel -hervor und erklärte rülpsend, an Vergütung erbäten sie -drei Silbergulden oder fünf, oder so viel, als der gute -Wille wäre; den Jungen aber möge die hohe Frau nur -behalten, sie hätten noch genug solchen Gezüchtes.</p> - -<p>Frau von Martenstein sah in dieser Begegnung einen -Wink des Himmels, den Knaben zu sich zu nehmen, ihn -aus Liebe zu ihrem Gatten zu pflegen, gottselig zu erziehen, -ihn gleichsam als Seelenopfer zu bestimmen für -den Frieden des so plötzlich Verblichenen. Sie zahlte also -an die Dörcherfamilie der Silbergulden zehnmal fünf, mit -der Bedingung aber, daß dieselbe an den Knaben keinerlei -Ansprüche mehr mache, ganz als wäre er gestorben und -begraben. Bei solchem Handel hatten beide Teile gewonnen. -Die Bettlerleute waren ein lästiges Kind los, und wer einen -Blick in das Nest unter der Karrenblache getan hätte, der -würde gesehen haben, daß vielfacher Ersatz vorhanden war. -Das Lebendigbegrabenwerden eines solchen Würmleins im -vornehmen Herrschaftswagen konnte der sonnengebräunten -Mutter also nicht viele Tränen entlocken. Frau Johanna -vergaß ob des hübschen Knaben, der nach Stillung des -Blutes und nach einigem Wimmern neben ihr auf blauem -Samtkissen schlummerte, ein wenig ihres Geschickes, und -sie nahm sich zu solcher Stunde heilig vor, aus diesem armen -Kinde eine Ehre Gottes zu machen.</p> - -<p>Am allermeisten gewann bei dem Geschäfte der kleine -Konrad selbst, der das fahrende Dörcherdach vertauschte -um eine feste Ritterburg, deren Ahnenreihe sich sachte ausgemündet -hatte in das rote Meer des bürgerlichen Geblütes, -also daß der Stromerknabe kein allzu fremder Eindringling -war auf dem vieltürmigen Schlosse. Der herbeigerufene -Arzt hatte die Verletzung am Arme als eine unbedeutende<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span> -bezeichnet, und so geschah es, daß der Knabe Konrad unter -gutem Zeichen einzog durch das hohe Tor, aus welchem sie -drei Stunden früher den toten Herrn davongetragen hatten.</p> - -<p>Frau Johanna von Martenstein legte ihr Trauergewand -nicht mehr ab. Wie es unter diesem schwarzen Winter -dem jungen Herzen gehen wird, das muß die Folge zeigen.</p> - -<p>Der Knabe hatte in einem rückseitigen Teile des Schlosses -sein Stübchen und seine Wärterin bekommen, und wurde -vorbereitet für die Schule, zu der er denn auch bald hinabtrippelte -in das Dorf. Täglich ein paarmal sah ihn die -Frau, sie gewöhnte sich an den aufgeweckten Burschen, er -speiste mit ihr an demselben Tische, und damit sie ihn persönlich -überwachen konnte, ließ sie ihm in ihrer Nachbarschaft -ein Zimmerchen herrichten, in dem er spielen und lernen -konnte. Die Schule war mit ihm zufrieden, und als sie im -Dorfe nach vier Jahren zurückgelegt war, sprach Frau -von Martenstein eines Tages bei dem alten Pfarrer des -Sprengels vor, teilte ihm ihre Absicht mit, den Jungen in -das lateinische Studium einführen und zum Priester ausbilden -zu lassen. Der Pfarrer lobte diese Absicht, bestärkte -sie in derselben und versprach, die nötigen Schritte einleiten -zu wollen. Also geschah es, daß Konrad nach fünfjähriger -Schloßherrlichkeit in ein bischöfliches Seminar kam und -dort anfing, alle Wissenschaften zu betreiben, allen Betrachtungen -zu obliegen, die den menschlichen Geist allmählich in -Gegensatz bringen zu den irdischen Sinnen, die ihn entweder -sachte und ruhig, oder unter Krämpfen ablösen von dem -Weltlichen und ihn ganz in den Bereich des Gedanklichen -und Übersinnlichen hinüberspielen. Daß heranwachsende -Knaben während und trotz solcher Studien naturgemäß so -recht in das blühende, gährende Leben hineinranken, wird -nicht beachtet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span></p> - -<p>Wenn Konrad zu den Vakanzen heimkam, ward es -allemal lebendiger und frischer auf Martenstein, und die -junge Frau im schwarzen Gewand hatte manche Freude. -Sie nahm sich stets vor, strenge zu sein gegen den munteren -Knaben. Aber wenn Konrad in dem großen verwilderten -Baumgarten auf die lustigste Weise umherregierte, die -Wildtauben jagte, aus dem Bache Forellen fing, auf den -Bäumen mit Eichhörnchen um die Wette kletterte und anstatt -eines vollbrachten Lateinpensums lebendige Vögel, -die er selbst gefangen, herbei brachte, da beobachtete sie -ihn oft heimlich mit Vergnügen und vergaß der Strenge. -Und wenn er im großen Teiche schwamm und oft minutenlang -unter den Wellen blieb, da bangte ihr um ihn, bis -sein Haupt wieder frank und frei aus dem Wasser hervorstand. -Sie faltete die Hände über ihrem Schoß und dachte: -Es wird ein schöner Bräutigam der heiligen Kirche!</p> - -<p>Wenn er endlich wieder fortgezogen war in die ferne -Stadt, da empfand Frau Johanna ihre Einsamkeit doppelt, -und sie zählte die Monate, die Wochen, die Tage, die -Stunden endlich, bis er wiederkehrte. Aber ganz so, wie er -fortgezogen, kam Konrad nie zurück; war es, daß er -schlanker geworden, war es, daß seine Knabenstimme einen -tieferen Ton angenommen, war es, daß an der Oberlippe -und unter den Ohrläppchen junger Bartanflug schattete, -war es, daß sein Wesen ebenmäßiger, ernster erschien – -mit jedem Jahre kam er anders heim, als er fortgezogen.</p> - -<p>Und eines Morgens, als Konrad in die Laube trat, -wo sie zu frühstücken pflegten, und ihr den Morgenkuß -darbrachte, zuerst auf die Hand und dann auf den Mund, -fiel dieser Kuß so aus, daß Frau Johanna zuerst betroffen -zu ihm aufblickte und dann mit kühlen Worten befahl:<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span> -diese Formalitäten hätten von nun an aufzuhören, er -möge seiner Ehrerbietung für sie stets nur in strenger -Pflichterfüllung Ausdruck verleihen.</p> - -<p>Konrad errötete, dann setzte er sich ihr gegenüber und -nahm schweigend sein Morgenbrot ein. Er konnte freilich -nichts dafür, daß aus dem Knaben ein Jüngling geworden -war, und daß die Dankbarkeit, die er für seine Gönnerin -empfand, in Zuneigung sich verwandelt hatte. Der Schloßfrau -war nicht wohl zumute, sie sah plötzlich, daß ein -Gefühl, welches ihr bisher die einzige Labe ihres freudlosen -Lebens gewesen, zur Gefahr sich steigerte. Noch an -demselben Tage mußte Konrad übersiedeln in den entlegensten -Trakt des Schlosses, wo ihm zwei Zimmer auf das -sorgfältigste eingerichtet wurden. Damit gab Frau Johanna -sich aber nicht zufrieden, denn sie sah, daß er sich beengt -und befangen fühlte. Um den Rest der Vakanzen – es -waren die letzten vor der Priesterweihe – dem jungen -Manne nicht gar zu verkümmern, unternahm sie eine Reise -nach einem entfernten Wallfahrtsorte, bei deren Rückkehr -sie den Studenten nicht mehr auf dem Schlosse zu treffen -hoffte. Aber was sie hoffte, das fürchtete sie, und was -sie fürchtete, traf ein. Konrad war bereits abgereist in -das geistliche Institut und hatte ein Schreiben zurückgelassen, -in dem er dankte für alle Wohltaten, in dem er -versprach, täglich, so lange er lebe, am Altare für sie zu -beten, und in dem er von ihr Abschied nahm. Daß die -Zeilen nur geschrieben worden waren, um alles zu verschweigen, -zu verhüllen, was in dem leidenschaftlichen -Herzen des jungen Mannes vorging – Frau Johanna -müßte kein Frauengemüt gehabt haben, um es nicht ein wenig -zu ahnen.</p> - -<p>Das Herz der Schloßfrau Johanna war nun erwacht.<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span> -Zornig schrieb sie an den Jüngling, er sei undankbar, daß -er solchergestalt fortlaufen könne. Und in einem fast heftigen -Schreiben an das Institut verlangte sie den Theologen. -Er eigne sich nicht zum Priester, er habe aus eigenem -Antriebe diesen Stand nicht gewählt, habe nur aus Pflichtgefühl -die ihm unbesonnen vorgeschlagene Laufbahn betreten, -auf der er bald pflichtvergessen und unglücklich -werden müßte. Sie rufe ihn daher zurück und wolle ihn -für einen praktischen Beruf ausbilden lassen. – Als die -Briefe abgesandt waren, erschrak sie. Was soll das werden? -Wohin soll das führen? fragte sie sich selbst. Gib Gott, -was Gottes ist! – Das Institut antwortete nicht anders, -als daß der Tag bekannt gegeben ward, an dem Konrad -seine erste Messe lesen werde. Frau Johanna atmete -fast auf nach schwülem Drucke. In einem Gebete hatte -sie des Himmels Beistand angerufen gegen die Macht -der Versuchung, und es gelang ihr, ein Bruchstück ihrer -Standhaftigkeit wieder zurückzuerobern. – Es ist vorbei, -also beredete sie sich selbst, die Zeit meiner Liebe liegt -weit hinter mir. Ich habe nur noch einen Weg: dem -Himmel zu.</p> - -<p>Die erste Messe sollte Konrad in der Dorfkirche lesen, -zu der Martenstein eingepfarrt war. Zu diesem Festtage -rüstete sich die ganze Gegend, das Dorf und auch -das Schloß. Doch hatte Frau Johanna den alten Dorfpfarrer -ersucht, daß Konrad während seiner Anwesenheit -im Pfarrhofe wohnen dürfe. Diesen Wunsch hörte der -alte Herr mit einigem Befremden, sagte ihn aber gerne -zu. Am Vorabende des Festes erschien Konrad. Er war -im Gewande des Priesters, allein in dem schwarzen Talare -war sein schönes Angesicht noch blasser, sein Auge noch -tauiger, neben der Tonsur kräuselte sein braunes Haar<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span> -noch reicher und lockender. Als er hörte, daß seine Wohnung -im Pfarrhofe war, stutzte er. Noch am dunkelnden -Abende ging er zum Schlosse hinauf und fand Frau Johanna -im Baumgarten einsam an einem Tische sitzend, -in ihrer Hand einen frisch geflochtenen Kranz aus weißen -Rosen.</p> - -<p>»Mutter,« sagte er, ohne anders zu grüßen, »ich -muß dich schwer beleidigt haben, daß du mich verstoßen -hast!« Er ließ sich vor ihr auf die Knie, und sein Körper -bebte.</p> - -<p>»Konrad!« rief sie, der Schrei war gellend, sie beugte -sich, suchte ihn aufzurichten. Er haschte nach ihrer Hand -und drückte die heftig an seinen Mund.</p> - -<p>»Kind!« sagte sie und entzog ihm die Hand rasch, -fast zornig. »Du bist ja mein Kind!« hauchte sie, riß ihn -mit beiden Armen an sich, bedeckte seine Stirn, seine Augen, -seinen Mund mit Küssen. – Frau von Martenstein! – -Frau Johanna von Martenstein! Küßt so eine Mutter? -Jawohl, er war festgeschmiegt an das schöne Weib, wie -der Säugling sich festschmiegt an die Mutterbrust … -Aus dem Tale klangen die Kirchenglocken, da tauchte Frau -Johanna ihn mit beiden Armen von sich, und ehrfurchtgebietend -wie eine Siegerin schritt sie dahin unter den -Bäumen. In der darauffolgenden Nacht schloß sie kein -Auge. Sie wimmerte unter der Last des einsamen, freudlosen -Lebens, sie wollte beten um Kraft, um Entsagung, -aber ihr Gebet rief: Lieben oder sterben!</p> - -<p>Am nächsten Tage, als Konrad, angetan mit prunkendem -Ornat, am reichgeschmückten Altare stand, auf dem -Haupte eine Krone aus Rosen, umgeben, bedient von einer -Priesterschaar, umklungen, umjubelt von Musik, wie ein -Heiliger verehrt von der versammelten Menschenmenge, da<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span> -saß Frau Johanna in ihrem Kirchenstuhl, und geruhigt -dankte sie Gott, daß <em class="gesperrt">rein</em> das Opfer am Altare stand. -Konrad war anzusehen wie eine aufrechtstehende Leiche, so -fahl war sein Angesicht, so seelenlos seine Bewegung, so -erloschen sein Auge.</p> - -<p>Bei der Abreise Konrad's war Frau von Martenstein -gefaßt, beinahe heiter. Seine Züge blieben blaß und kalt, -als wären sie zu Marmor geworden seit zwei Tagen. -Kein heller Blick, kein warmes Wort mehr, ernst und -still fuhr er davon und der Stadt zu, in der das Priesterhaus -stand.</p> - -<p>Frau Johanna hatte sich sehr getäuscht mit ihrer -Siegesfreudigkeit. Als alles vorüber war, und wieder der -Alltag herrschte auf Martenstein, als sie sich vorstellte, -daß das nun in unabsehbaren Zeiten so bleiben müsse, daß -nie mehr ein lieber Mensch das Schloß, den Baumgarten -beleben würde, da krampfte es in ihrem Herzen wie höllische -Pein. Und in den Nächten kam es über sie wie Anklage, -wie Vorwurf – Gewissensqual. Mit welchem Rechte hatte -sie den Knaben aus der Armut gerissen, um ihn ins -Elend eines Standes zu verbannen, zu dem er nicht geboren -ist, wo er kein Glück finden kann? Das fahrende Leben -von handwerkenden, bettelnden Dörchersleuten, ist es nicht -besser als ein Lebendigbegrabensein in der Soutane? Wie -liebesdurstig er ist! Etwas, das nicht ihr Eigentum war, -hat sie sich angeeignet, um es dem Vorteil ihres Seelenfriedens -zu opfern. Und nun muß sie etwas, das ihr Eigentum -ist, hingeben und hinwelken sehen. Ihren Bräutigam -hat sie der Kirche überantwortet, einer Braut, die -den Gespons zur himmlichen Seligkeit erhebt oder schon -auf Erden verdammt macht. – So deutlich hatte Frau Johanna -noch nie gesehen, als jetzt, da es zu spät war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span></p> - -<p>Zu spät? Wann ist's zu spät? Er lebt noch, sie kann -ihren Irrtum noch gutmachen, ihm noch Genugtuung -geben … Das wäre die Stimme des Gewissens, meinte -sie; es war aber die Stimme der Leidenschaft. Wie man -auch tüfteln und deuteln mag, das Herz will seine Rechte, -und Lieb' läßt sich nicht lumpen.</p> - -<p>Und eines Tages besuchte Frau von Martenstein wieder -einmal den alten Pfarrer ihres Ortes, um ihn zu fragen, -ob das landwirtschaftliche Erträgnis des Jahres auf seinen -Feldern wohl für die Bedürfnisse reiche, oder ob sie ihm -mit etwas beispringen dürfe. Der Greis dankte, was er -habe, das genüge reichlich für seinen Bedarf. Hierauf -brachte die Schloßfrau folgendes vor: Sie werde von Tag -zu Tag älter, es falle ihr manchmal beschwerlich, zur -Pfarrkirche herabzusteigen, besonders zur Winterszeit. Also -beabsichtige sie, die alte Schloßkapelle wieder instand -setzen zu lassen; der Altarstein besitze urkundlich ohnehin -die vorgeschriebenen Weihen, und so wolle sie täglich die -heilige Messe im Schlosse lesen lassen.</p> - -<p>»Wie alt seid Ihr denn?« fragte hierauf der Pfarrer.</p> - -<p>»Wohl schon ziemlich in den Dreißigern,« antwortete -Frau Johanna.</p> - -<p>»Und weil Ihr, die ziemlich in den Dreißigern stehende -Frau, nicht herabgehen könnet zur Pfarrkirche, soll ich, -der ziemlich in den Achtzigern stehende Mann, täglich zu -Euch hinaufsteigen, um die Messe zu lesen?« fragte der -Greis.</p> - -<p>»Das könnte kein Christenmensch begehren,« antwortete -die Frau von Martenstein, »natürlich muß ich mir selbst -einen Schloßkaplan halten. Und in dieser Angelegenheit -wollte ich um Eurer Hochwürden Vermittelung gebeten -haben. Ich dachte nämlich an Konrad, der, soviel ich<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span> -weiß, noch keinen Seelsorgerposten hat, und der mit mir -ohnehin in verwandtschaftlichem Verhältnisse steht.«</p> - -<p>Auf solche Eröffnung versetzte der Pfarrer: »Frau, -warum habt Ihr es nicht früher gesagt, daß Ihr mit dem -jungen Manne zusammenleben wollet? Jetzt ist es zu spät, -er hat die Weihen des katholischen Priesters, und Ihr -wisset, was das heißt.«</p> - -<p>Frau Johanna stutzte, als sie ihre Gedanken so derb -erraten sah; zwar stellte sie sich anfangs höchst überrascht -wegen solcher »die gute Absicht gröblich mißkennender Deutung«, -machte eine schlaue Schwenkung und sagte, es müsse -ja nicht gerade Konrad sein, er sei ihr nur eingefallen, sie -wolle sich für einen älteren Herrn entscheiden, damit böse -Zungen kein Ärgernis fänden. Allein den alten Herzenskenner -täuschte sie nicht. Es war ihm ja schon früher die -Neigung nicht ganz verborgen geblieben, die in dem jungen -Priester für seine Gönnerin keimte; und gerade seine plötzliche -Kälte und Versunkenheit machte ihn nachdenklich. Der -alte Pfarrer, in der Absicht, Schlimmes zu verhüten, schrieb -an das Konsistorium und sprach diesem die Meinung aus, -daß es bei dem schwärmerischen Temperamente Konrad's, -bei seiner weltmännischen Befähigung und der unternehmenden -Tätigkeit desselben geraten sein dürfte, den jungen Priester -nicht in eine ruhige Seelsorge seiner Heimatsgegend zu setzen, -sondern diese schätzbaren Eigenschaften vielmehr auszunützen -etwa für Bekehrungsmissionen in anderen Ländern. Mehr -sagte der Alte nicht, das Konsistorium verstand ihn vollkommen.</p> - -<p>Mittlerweile hatte Frau Johanna auf Mittel und -Wege gesonnen, Konrad wenigstens als Leutepriester auf -eine der Pfarreien zu bekommen, über welche sie vermöge -alter Schloßrechte das Patronat innehatte. Es war ihr -unmöglich zu denken, daß sie fürder diesem Menschen fern<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span> -sein sollte. In einer Nacht träumte ihr, daß eine Stimme -rief: Johanna, wozu verlangst du dir den jungen Priester? -Zum Beichten oder zum Sündigen? – Noch im Halbschlaf -rief sie laut: Er ist mein Herzensfreund!</p> - -<p>Also waren seit dem Fest der ersten Messe an sechs -Monate verflossen, da erhielt Frau Johanna ein Schreiben -folgenden Inhaltes:</p> - -<div class="letter"> -<p class="center"> -»Teure Mutter! -</p> - -<p>Im Rate der göttlichen Vorsehung ist es bestimmt, -daß Menschen, die sich allzulieb haben, weit auseinander -müssen. Du kannst Dich verstellen, wie Du willst, ich -weiß, daß Du mich liebst. Aber wir sehen uns nicht mehr -auf dieser Welt. Über mich ist beschlossen worden, daß -ich nach Ostindien reisen muß als Missionär. Heiden -bekehren, ohne selbst bekehrt zu sein. Ich bin kein Mensch -mehr, sondern ein willenloses Werkzeug, es ist alles aus, -in zwei Tagen reisen wir, unser sieben, mit dem Orientzuge -ab. Anders hätte es kommen können. Wie gut Du es mit -mir gemeint hast! Habe Dank, Du in Ewigkeit meine Lieb' -und Pein. Gedenke, dieses Leben ist bald vorbei. Vielleicht -in jenem.</p> - -<p class="right"> -Konrad.« -</p></div> - -<p>Als Frau Johanna den Brief gelesen hatte, war ihr -gar nicht so zumute, als müsse sie verzweifeln oder verzichten. -Im Gegenteil, sie fühlte plötzlich eine bisher ungekannte -Kraft und Kampflust in sich. Der Brief war voll blutigen -Schmerzes und voll herber Vorwürfe. »Ich bin kein Mensch -mehr!« Wer hat sein Menschentum ihm genommen, wer muß -es ihm wieder geben? – Durch des Weibes Gehirn wogten -frische Pläne. – Abreise in zwei Tagen mit dem Orientzuge! -Alle Dazwischenkunft in der Stadt ist zu spät. Doch -zieht die Eisenbahn nicht über die Heiden? nicht durch die<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span> -Dohlenschluchten, welche nur wenige Meilen von Martenstein -entfernt sind? Die Station Dohlau liegt in wüster, -einsamer Gegend, muß dort nicht jeder Zug stehenbleiben, -um Wasser zu schöpfen? – Die Frau war entschlossen.</p> - -<p>Konrad's Gemüt glich am Tage der Abreise einem -ausgebrannten Vulkan. O, wie hatte es getobt, geloht! – -jetzt war es still. Man sagte ihm, er gehe in einen fremden -Weltteil, und willenlos gab er sich drein. Von seinen Genossen -waren mehrere voll heller Verzückung, sprachen von den -Flammenzungen des göttlichen Geistes, mit denen sie die -Ungläubigen bekehren würden. Fast frevelhaft hochgemut -verließen sie die Heimat. Konrad saß einsam an einem -Fenster des bereits hinrollenden Zuges und war vertieft in -sein Brevier. Aber an das Gebet dachte er nicht, an nichts -dachte er, der Stumpfsinn des Wehrlosen war über ihn gekommen, -der Stumpfsinn des Gefesselten. Manchmal blickte -er müde hinaus auf die Landschaft, und wie Wälder und -Wiesen, Berge und Täler versanken von diesem schönen -Lande. Es dämmerte der Abend; wenn neuer Tag erwacht, -wird Fremde um ihn sein. Ihm gleichgültig, sein Herz ist -ohnmächtig geworden. – Der Zug rollte über Heiden, -rollte in einer Felswildnis, durch eine Waldschlucht. Nun -stand er still. Auf dem Bahnhof brannten zuckend ein paar -Laternen, gepeitscht vom Sturmwind. Niemand stieg aus, -niemand ein, an der Maschine rauschte das Wasser. Plötzlich -schreckte Konrad auf, er hatte draußen seinen Namen -rufen gehört. Dort an der Wand stand eine schwarze Gestalt, -die rief laut, wenn in dem Zuge ein hochwürdiger Herr -namens Konrad sei, so möge er auf einen Augenblick ins -Freie kommen.</p> - -<p>Fast unwillkürlich erhob sich der Genannte und stieg -aus. Die schwarze Gestalt faßte ihn an der Hand, zerrte<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span> -ihn heftig in den Hintergrund durch das Tor, stieß ihn in -einen bereitstehenden Wagen, die Tür schlug zu, und die -Rosse trabten dahin durch Nacht und Wind.</p> - -<p>Als Konrad zu sich kam, merkte er wohl, daß er an -Seite der Frau Johanna von Martenstein saß.</p> - -<p>»Schon das zweitemal,« sagte diese, »führe ich dich -so im Wagen heim.«</p> - -<p>»Ich bin verloren,« hauchte Konrad.</p> - -<p>Von den Füßen der Pferde sprühten Funken, aus den -Nüstern der Pferde stoben Flammen, fast so war es bei den -grelleuchtenden Blitzen zu sehen.</p> - -<p>»Wir fahren in die Hölle!« stöhnte Konrad.</p> - -<p>»Drein gesaust, Kutscher!« rief Frau Johanna, ihre -Arme ungeduldig in die Luft hinausstoßend: da flogen die -Felsen, die Bäume, die fahlen Strünke vorüber wie Nebelgebilde -im Sturm. Aufrecht stand der Kutscher und stach mit -den Augen auf den wilden Pfad hin. Ein blendender -Blitz, ein Knall, daß die Grundfesten bebten, da sprang -von einem Steine geschnellt der Wagen empor, der Kutscher -war hingeschleudert, und die Pferde rasten entfesselt dahin.</p> - -<p>»Sterben!« sagte Konrad.</p> - -<p>»Leben!« rief Frau Johanna, aber das wüste Gefährte -toste leitlos, weglos hin und einem Abgrunde zu, in dessen -Tiefe gelbe Nebel wallten. Bei dem roten Scheine einer in -den Himmel emporwabernden Fichte sahen sie das Verderben, -dem sie nahten.</p> - -<p>»Sterben!« wimmerte jetzt Frau Johanna.</p> - -<p>»Leben!« schrie der Jüngling, sprang jäh auf den -Bock, erfaßte den Leitriemen und riß mit übermenschlicher -Kraft die Rosse zurück. Diese standen.</p> - -<p>Mit einem Tone, in welchem Entzücken und Ehrfurcht<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span> -lag, sagte Frau Johanna zu Konrad: »Mich gereut es nicht, -daß ich dich hole, du bist ein Mann.«</p> - -<p>Endlich kam der Kutscher nachgehinkt, um seinen Platz -wieder zu besteigen. Vom Himmel goß unendlicher Regen.</p> - -<p>Zur Stunde des Morgengrauens, als der Wagen in -den Burghof von Martenstein gerollt war, als Konrad in -seinem wohlbekannten, trauten Zimmer saß, belehrte ihn die -glutvolle Umarmung der Schloßfrau, welch eine Wendung -sein Leben genommen hatte. Und nun zeigte es sich auch, -daß dieser junge Mensch nichts weniger war als ein ausgebrannter -Vulkan.</p> - -<p>Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Frau -Johanna von Martenstein in ihre Gemächer wankte, dort -in die Kissen sank und weinte. – Also mußte es geschehen! -Seit Jahren hatte es in ihr gerufen: Laß ihn nicht von -dir! Und seit Jahren hatte sie die Frömmigkeit gemahnt: -Weihe ihn dem Herrn! Sie hatte sich beherrscht, hatte ihn -hingegeben. Und nun, als er dem Herrn geweiht war, raubte -sie ihn aus seinem Tempel. Was einst ein Vergehen gewesen -wäre, das hatte sie reifen lassen zur Sünde. – Was -soll jetzt werden? Wird dieser Frevel Gottes Gnade finden? -Vielleicht. Nie aber die der Kirche, nie die der Gesellschaft.</p> - -<p>Zur späten Stunde desselben Tages trat Frau Johanna -von Martenstein vor den jungen Mann und sagte: -»Konrad, wir haben unser Geschick beschlossen und den -Schlüssel ins Meer geworfen. – Vor einiger Zeit hat -jemand angefragt, ob Martenstein verkäuflich sei. Wohl, -ich verkaufe alles, hier ist nicht mehr unseres Bleibens. -Du solltest nach dem Osten, nun gehe mit mir nach dem -Westen. In einer vorurteilsloseren Welt wollen wir unser -Haus gründen. Ist es dir also recht?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span></p> - -<p>»Wie kannst du fragen?« versetzte Konrad.</p> - -<p>»Weil du nun der Herr bist,« antwortete sie.</p> - -<p>Er sagte nichts mehr, um so mehr sprach sein erwachter -Blick. Ein ernster Stolz, eine frisch auflodernde Daseinslust -war in dem Wesen des jungen Mannes, dem die Frau in -der Vollreife des Lebens sich gern unterwarf für alle ihre -Zukunft.</p> - -<p>Wenige Wochen später befand das Paar sich auf dem -großen Ozeandampfer »Poseidon«.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span></p> - -<h2 id="Aus_dem_Tagebuch_einer_Ehefrau">Aus dem Tagebuch einer Ehefrau.</h2> -</div> - -<p class="date"> -Graz, am 7. April 18** -</p> - -<p class="drop">Ich heirate ihn. Meiner Mama zu Trotz heirate ich -ihn. Cousin Karl lacht mich aus und Mama sagt, -am Ende nähme mich auch der nicht, ich bekäme gar keinen. -Karl sagt, ich bekäme jeden. Mama ärgert sich, daß er Professor -der Philosophie ist, ja sogar – wenn er seinen Titel -zeigen wollte, aber er will das nicht – Ritter von! Das -macht alle ihre Prophezeiungen von meiner Taugenichtsigkeit -zuschanden und ich will in der schönen Villa am Rosenberge -die Hausfrau sein.</p> - -<p>Er ist genau zweimal so alt als Karl, ich habe ihn -auch zweimal so lieb. Lieben muß eine brave Frau ihren -Mann, das weiß ich schon, und ich will eine brave Frau -werden, gerade der Stiefmutter zu Trotz, weil sie immer -sagt, sie beweine den Mann, der mich nimmt.</p> - -<p>Sie mag's tun und er soll sie belachen, das will ich.</p> - -<p class="date"> -10. April. -</p> - -<p>Heute war die Verlobung. Mama hat wirklich dabei -geweint, aber vor Freuden und über mein Glück, wie sie -laut sagte. Es ist auch eins. Ich weiß gar nicht wie mir -ist, so als ob ich in den Lüften schwebte, und alles beweist -mir Ehrerbietung, und die ganze Welt, so ist mir, wendet -sich ringsum auf mich her und alle Bäume, alle Sträucher, -an denen wir beim Nachhausegehen vorbeikamen, flüsterten -einander zu: Sie ist Braut.</p> - -<p>Ich werde es aber nicht lange sein. Mama behauptet, -ich zähle im Traume schon die Tage, bis ich einen Mann -hätte. Mein Onkel sagte mir scherzend: »Bleibe so lange<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span> -Braut als möglich, heirate sobald als möglich. Der Ehestand -ist am schönsten von vorne, der Brautstand von hinten.« – -So etwas Unverständiges kann nur der gute Onkel sagen.</p> - -<p>Gottlob, daß ich Braut bin!</p> - -<p class="date"> -30. April. -</p> - -<p>Gestern war's. Aber gestern war ich unfähig, auch nur -ein Wort zu schreiben.</p> - -<p>Heute will ich's denn, ich kann das Geheimnis nicht in -mir verschließen, ich kann nicht. Das Papier will ich ja -dann verbrennen.</p> - -<p>Mein Bräutigam richtet die Villa neu ein, ich hörte, -daß er in meinem künftigen Boudoir ein Fenster ausbrechen -lasse gegen Mariatrost hin, weil er weiß, daß mir dieser -Blick so lieb ist. Ich bin mit Mama und dem Cousin Karl -sehr oft in Mariatrost gewesen; aber wenn ich vom Walde -auf das weiße Haus am Rosenberg herübergeblickt hatte, wie -hätte ich denken können, daß es einmal mein sein sollte!</p> - -<p>Ich war begierig, die neue Wohnung zu sehen und wollte -gestern meinen Bräutigam überraschen. Er war aber nicht -zu Hause, er hatte Vorlesung auf der Universität. Ich fand -die weißbeklecksten Maurer, die dummen Tapezierer, die auf -ihren Leitern standen und nicht einmal grüßten. Ich -wünschte, daß es heimlicher würde in diesem Hause und verließ -es bald. In der Panoramagasse begegnete mir der -Cousin. Ganz zufällig war er spazieren gegangen gegen -Mariagrün hin und lud mich ein, ihn zu begleiten. Ich -ging gerne mit ihm, aber er war sehr langweilig, riß im -Vorbeigehen Blätter von den Bäumen und warf sie wieder -weg.</p> - -<p>Als wir zum Kirchlein kamen, war mir weich zumute -und ich sagte, wir wollten doch hineingehen und die -Mutter Maria grüßen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span></p> - -<p>Karl antwortete, er habe sie schon oft gegrüßt, sie -hätte ihm aber niemals gedankt. Er sei arm, verlassen, von -niemandem geliebt. Ich bat ihn, daß er nicht so reden -möge, und vielleicht, daß ihm die Mutter Maria heute -danke. Ich sagte das, weil er mir leid tat und weil ich einen -Spaß machen wollte und endlich auch, weil ich wirklich -immer ein großes Vertrauen hatte zu Mariagrün.</p> - -<p>Wir gingen aber an der Kirche vorüber und durch den -Wald hinauf. Er wollte noch nicht sprechen und als ich ihn -von der Seite heimlich anblicke, sehe ich, daß sein Auge -voll Wasser steht. Mir wollte das Erbarmen mein Herz -zerdrücken. Ich ärgerte mich, daß mir gar kein Wort einfiel, -ihn zu trösten. Wenn er nur zu Hause bei uns wäre, -dachte ich, unter Leuten macht er ja seine lustigen Glossen, -daß alles lacht.</p> - -<p>Da ist es plötzlich. Er reißt mich an sich und küßt -mich so heftig, daß ich vor Schreck ohnmächtig werden -mußte …</p> - -<p>Wir sind spät nach Hause gegangen.</p> - -<p>Jedes allein.</p> - -<p class="date"> -30. Juni. -</p> - -<p>Die Hochzeit ist vorüber; sie war in der Domkirche, -einfach und würdig. Ich hätte aber vermutet, es würden -mehr Leute in der Kirche anwesend sein. Mir sei beim -Heiraten alles Aufsehen zuwider, hatte ich gesagt, aber geheim -wäre mir doch um Zuschauer zu tun gewesen. Mama -war zärtlich mit mir, wie vorher noch nie; ich hätte mir -nicht träumen lassen, daß mir der Abschied von ihr so -schmerzlich fallen würde.</p> - -<p>Als mich mein Mann – ach, mein Mann! – durch -unsere neue Wohnung führte, war mir sehr bange und wußte -ich nicht, was ich sagen sollte, um meine Beklemmung zu<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span> -erleichtern. Ich hatte einen unverstehbaren Drang, als -müßte ich etwas sagen, was mir oder ihm weh täte. So -sagte ich, daß ich nur eines fürchte in diesem Haus: Die -Gegenwart seiner verstorbenen Frau. Ich sei maßlos -eifersüchtig.</p> - -<p>Er lächelte und meinte, besser, die zwanzigjährige Frau -sei es, als der vierundvierzigjährige Mann habe Anlaß -dazu. Dann gab er mir den Schlüssel zu einem kleinen -Zimmer und sagte, das Zimmer sollte mein Brautgeschenk -sein, <em class="gesperrt">mein</em> ganz allein, er wolle es nimmer betreten und -nicht mehr wissen, daß es auf der Welt sei.</p> - -<p>Während er mit dem Hausmeister sprach über das, -was bei unserer Abwesenheit zu geschehen hat, öffnete ich das -Zimmer, denn ich war sehr begierig auf die Brautgabe. -Im Zimmer befanden sich alle Gegenstände von der ersten -Frau, von ihrem Ölbilde an bis zum Hochzeitsschmuck, ihr -Schreibtisch, ihre Kleider, ihr Toilettenkasten, die kleine Wiege -mit dem blauseidenen Vorhang, die nicht verwendet worden -ist. – Das alles! Und es war mein Eigentum, ich konnte -es vernichten.</p> - -<p>Als mein Mann zu mir zurückkam, fragte er in seiner -gütigen Weise, warum ich weine?</p> - -<p>»Wie lange ist es, daß sie nicht mehr lebt?« so mußte -ich fragen.</p> - -<p>Ich hätte fast gewünscht, daß er entgegenfragen möchte, -von wem ich spreche, aber er sagte nur: »Seit du lebst, -Juliana, ist sie nicht. Du wirst gesehen haben, wie alles -schon verblaßt ist. Dein Geburtsjahr ist ihr Sterbejahr -gewesen.«</p> - -<p>Nun sitze ich im Zimmer des Hotels. Mein Mann -erkundigt sich beim Portier nach dem morgigen Wagen auf<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span> -den Bahnhof. Ich solle mich um gar nichts kümmern, ich -soll nur die schöne Welt genießen.</p> - -<p>Wenn nur schon morgen wäre!</p> - -<p class="date"> -16. Juli. -</p> - -<p>Wir sind von der Hochzeitsreise zurückgekehrt. Es -waren herrliche Tage. Ich habe mich während derselben -in meinen Mann verliebt. Das ist ein goldener Mann und -kann scherzen wie ein zwanzigjähriger Student.</p> - -<p>»Ei geh', Ludwig!« verwies ich ihn einmal neckend, -»ein Professor der Philosophie und so übermütig!«</p> - -<p>Was ich mir unter Philosophie denn eigentlich vorstellte, -war seine Frage, wenn nicht die Lehre vom heiteren -Genuß der lieben Welt?</p> - -<p>Ich könnte damit einverstanden sein – aber für mein -Unglück gibt es keine Philosophie.</p> - -<p class="date"> -1. August. -</p> - -<p>Keine Fürstin kann's so haben als ich. Draußen -die paradiesische Landschaft mit der schönen Stadt im Tale. -Im Hause die frohe Umgebung, in meinem Gemach der stille -Frieden – in mir die Pein.</p> - -<p>Wie Wochen sind mir die Stunden, da Ludwig nicht -bei mir ist, und wie zittere ich, wenn er bei mir ist! Er -ist jetzt in den Ferien Bauer, Gärtner und Jäger und immer -munter, immer gut und liebevoll. Gar nie tritt er ins -Zimmer, ohne mir eine Blume, eine Knospe mitzubringen, -er ziert damit mein Haar, meinen Busen, tritt dann zwei -Schritte zurück und schaut fröhlich her, wie es mir passe. -Gestern abends, da wir beisammen im Garten standen vor -einem Strauche junger Herbstrosen, nahm er mich an beiden -Händen, schaute mir mit feuchtem, leuchtendem Auge ins -Gesicht und sagte: »Juliana, ich danke dir! Ich danke dir, -daß du mein bist!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span></p> - -<p>Einen Stich gab's mir im Herzen, ich wankte ins -Haus.</p> - -<p>Ich liebe ihn! Ich liebe ihn so heiß, daß ich den Frevel -nicht begreifen kann, wie ich einst sagte: bloß Mama zum -Trotz.</p> - -<p class="date"> -4. August. -</p> - -<p>Es wird nicht anders. Es ist fürchterlich!</p> - -<p class="date"> -11. September. -</p> - -<p>Heute ging Karl vorbei und blickte zu meinem Fenster -herauf. Kaum konnte ich mich noch verbergen, daß er mich -nicht sah. Ich weiß nicht, was größer ist, mein Haß gegen -ihn oder meine Verachtung gegen mich.</p> - -<p class="date"> -30. September. -</p> - -<p>Heute fand Ludwig, daß die Haustreppe für mich zu -steil sei und will sie flacher legen lassen. Ich beschwor ihn, -daß es nicht der Fall ist. Zum mindesten belegt er sie mit -Teppichen, daß es meine Füße recht sanft haben sollen.</p> - -<p>Wie er strahlt vor Glück, wenn er mir etwas Liebes -erweisen kann! Mein ganzer Tag, meine ganze Existenz ist -lautere Liebe von ihm.</p> - -<p>Mama kommt mit ihren Ratschlägen, die mir zuwider -sind, ich will nur ihn hören – und daß ich's tue, zu tun -vermag, ist eine Schmach für mich.</p> - -<p>Ihm gesteh –? Es ist unmöglich! Unmöglich!</p> - -<p class="date"> -9. Oktober. -</p> - -<p>Seine Studenten lieben ihn auch. Sie haben ihm gestern -zu seinem Geburtstage einen Fackelzug gebracht.</p> - -<p>»Der gilt dir!« jubelte er mir heimlich zu, »es ist ja -der erste, den sie mir bringen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span></p> - -<p>Zum Fenster rief er hinab: »Ihr jungen Freunde! -Mein Leben ist licht geworden. Opfert den Göttern, daß -ich demütig bleibe!«</p> - -<p>»Ludwig,« sagte ich später zu ihm, da wir allein waren, -»Philosophen pflegen sonst dem Glücke nicht sehr zu trauen. -Ich kann nicht so zuversichtlich sein.«</p> - -<p>Nach einer Weile habe ich beigesetzt: »Du hast nur -einen einzigen Fehler, lieber Mann. Daß du so gar nicht -eifersüchtig bist.«</p> - -<p>»Diese Bemerkung,« sagte er darauf, »beweist, daß ich -ganz recht habe, es nicht zu sein.«</p> - -<p>Ich las einmal, daß es Frauen gibt, die ihre Männer -nicht allein mit Eifersucht quälen, nicht allein hintergehen, -sondern sie auch eifersüchtig haben wollen. Bei Gott, von -diesen bin ich doch keine. Wie könnte ich glücklich sein, über -sein Vertrauen!</p> - -<p class="date"> -12. Oktober. -</p> - -<p>Heute sind wir in die Stadt gezogen. Ich sehe von -meinen Fenstern aus die schönen Alleen des Glacis und den -Schloßberg. Die herbstlichen Schattierungen der Bäume sind -gar zu schön. Seit ich diesen Mann habe und seinen Gesprächen -lauschen kann, gehen mir erst die Augen auf für -allerlei, das mir sonst gleichgültig gewesen ist. Wie könnte -ich es genießen!</p> - -<p>Er hat mit dem Inspektor des Hauses einen förmlichen -Pakt geschlossen, daß der Mann jeden Lärm möglichst hintanhalte -und wie ein Engel mit flammendem Schwerte unser -Paradies bewache. Und doch ahnt er es nicht, wie nahe die -Zeit ist.</p> - -<p>Hat er jemals so viel an seine erste Frau denken können, -als ich es tue? Alle Sachen von ihr, alle Erinnerungen an -sie habe ich in das Stadthaus mitgenommen, hier damit ein<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span> -Zimmer eingerichtet, das wie meine Hauskapelle ist. Wenn -mir gar zu schwer wird um's Herz und ich trotz des -geliebtesten Menschen, der mit mir lebt, nicht weiß, wem ich -meine Angst und Not klagen soll, gehe ich in das Zimmer -der Verstorbenen und weine mich aus.</p> - -<p>Und bete, sie möchte mich dahin rufen, wie sie dahin -gerufen worden ist. Sie hat die Wiege bereitet, die Linnen -gestickt mit Freuden – sie hätte gerne gelebt mit diesem -Mann.</p> - -<p>Ich kann nichts bereiten und Ludwig wird sich darüber -wundern. Ich kann nicht, ich habe es versucht – es ist, als -stickte und webte ich an der Sünde weiter.</p> - -<p>Darf ich denn wünschen, daß es aus werde mit mir, da -ich doch weiß, es könnte ihn nichts so hart treffen auf Erden?</p> - -<p>Ach, wenn ich ihn nicht so sehr liebte! Wenn er nur -nicht so unsäglich gut wäre!</p> - -<p class="date"> -25. Dezember. -</p> - -<p>Das war ein trauriger Christabend.</p> - -<p>Ludwig überschüttete mich mit Gaben, mich und das -Kind, als ob es schon da wäre und spielen und jubeln könne. -Und er saß in der dunklen Ecke des Zimmers und sagte kein -Wort, sondern verdeckte sein Gesicht mit den Händen. Ich -wußte nicht, was es war, und der Christbaum gab einen -Schein, wie die Lichter an einer Bahre.</p> - -<p>Ich wagte nicht, ihn zu fragen nach seinem plötzlichen -Kummer, denn ich glaubte, daß er nun alles wisse. Aber es -war doch was anderes, denn endlich stand er auf, trat zu -mir heran, die ich allein am Tische des Baumes gesessen war, -und küßte mich so herzlich und treu, daß es nicht zu beschreiben -ist.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span></p> - -<p class="date"> -28. Dezember. -</p> - -<p>Er ist nicht, wie er sonst war.</p> - -<p>Er ist liebreich und gütig gegen mich wie immer, aber -er ist nicht so heiter. Er ist zerstreut, ist viel an seinem -Arbeitstische, arbeitet aber nicht, sondern schaut mit aufgestütztem -Haupte nur so vor sich hin.</p> - -<p>Er muß einen Kummer haben. Hundertmal wollte -ich ihn schon fragen, was es sei, aber ich kann nicht, ich -vermag's nicht, ich weiß nicht warum. Wüßte er etwas, -wie könnte er so herzlich mit mir sein, es wäre ja nicht -möglich.</p> - -<p class="date"> -30. Dezember. -</p> - -<p>Er ahnt doch etwas. Heute sprach er davon, daß es -Zeit sein dürfte, das Wochenzimmer zu bereiten.</p> - -<p class="date"> -1. Januar 18** -</p> - -<p>Er ahnt nichts. Wir haben in der Nacht die zwölfte -Stunde wachend erwartet.</p> - -<p>»Ich segne dich, du vergangenes Jahr,« sagte er, »du -hast mir mein Menschentum verzweifacht. Und ich segne -dich, du kommendes Jahr, du wirst es verdreifachen.«</p> - -<p>Er ist wieder heiter und voll Zuversicht.</p> - -<p class="date"> -5. Januar. -</p> - -<p>Ich wüßte keine andere Pein, die so höllisch sein könnte, -als die meinige ist. Den Menschen, den man über alles liebt, -dem man alles verdankt, ohne den man nicht mehr leben -könnte, mit jedem Tage neuerdings täuschen und betrügen -zu müssen.</p> - -<p>Ihm gestehen? Nein, nein, eher soll er mich im Sarge -sehen.</p> - -<p>O unseliges Kind! Wie ich dich hasse, jetzt schon. Das -einzige, was die Mutterliebe für dich tun kann, daß sie<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span> -betet, du mögest das Tageslicht nimmer erblicken. Erscheinst -du mir tot, ach, wie werde ich dich lieben und dankbar -küssen und jubelnd begraben! O, Mutter Maria, ich rufe -dich an! Mein Herz ist zum Zerspringen so schwer. Wenn -ich dieses Büchlein nicht hätte! Alles in mich könnte ich nicht -verschließen.</p> - -<p class="date"> -13. Januar. -</p> - -<p>Der Gedanke verläßt mich nicht, o Gott! Es wäre ja -zu unser aller Besten. Mein Fehltritt gebüßt, kein fremdes -Wesen zwischen uns. In der Ehe Harmonie und Frieden -nach Gottes Willen. Wie kann etwas, das so zum Guten -führt, ein Verbrechen sein?</p> - -<p>Wenn ich nur mit ihm darüber sprechen könnte, wie -über ein Fremdes, so daß ich seine Meinung wüßte für -solchen Fall. Einmal hat er gesagt: Den Gott am meisten -liebet, den nimmt er als Kind zu sich.</p> - -<p class="date"> -17. Januar. -</p> - -<p>So bin ich vor mir selbst nicht mehr sicher. Heute -morgens fragte mich Ludwig, woher ich denn plötzlich das -Tigerherz genommen? Ich hätte in der Nacht vom Erwürgen -gesprochen.</p> - -<p>Er mußte merken, wie ich erschrak, denn er sagte sogleich: -»Wenn die Frauen so schlimm wären, als ihre -Träume – besonders in solcher Zeit! Der Traum ist das -Ventil, durch das sich die Laster der tugendhaften Frau -austoben.«</p> - -<p>Gott wolle, es wäre so!</p> - -<p class="date"> -25. Januar. -</p> - -<p>Es ist merkwürdig, wie ich seine erste Frau, die ich anfangs -als meine größte Feindin betrachtet habe, nun ganz -zu meiner Vertrauten mache. Wie sehr sie ihn geliebt hat,<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span> -er spricht auch nicht ein Wort darüber, aber tausend Spuren -geben davon noch Zeugnis.</p> - -<p>O weise mich, seliger Geist, wie ich dich ihm würdig -ersetzen kann!</p> - -<p class="date"> -10. Februar. -</p> - -<p>Heute bin ich das erstemal aus dem Bette. Im Nebenzimmer -schläft es.</p> - -<p>Ludwig war über die Frühgeburt nicht besonders überrascht. -Es ist auch gar zu klein.</p> - -<p>Wenn er vom Kollegium nach Hause kommt, setzt er -sich an's Bettlein und schaut es an. Ich habe immer gehört, -es spreche das Blut, das muß doch nicht so sein. Er liebt es.</p> - -<p>Wenn ich jetzt denke an meine Gedanken! Solches nur -denken zu können!</p> - -<p>Das Kind ist so arm, daß ich weinen muß, sooft ich -es anblicke. Ich soll ruhen und schlafen, ich kann nicht, ich -denke an das Kind immer und immer. Liebe ich es? -Das wäre Untreue gegen den, der mir in meinen schweren -Stunden wieder bewiesen hat, daß er mir alles ist, daß ich -ihm alles bin. Er weinte und lachte, als es geboren war.</p> - -<p>– – Sieben Monate! Wäre das nicht möglich? -Wenn der Junimond nicht ausgeblieben wäre!</p> - -<p>Er kommt.</p> - -<p class="date"> -12. Februar. -</p> - -<p>Und so soll es nun fortgehen? Das Geheimnis soll -bleiben und ich soll ihn betrügen bis ans Lebensende?</p> - -<p>Das sei nicht. Das sei nimmer.</p> - -<p>Gut kann es sich nicht lösen – aber es löst sich, ich -weiß einen Ausweg. Da das Kind nicht hier bleiben darf -und ich ohne es nicht sein kann, so muß ich mit ihm fort. -Nach Wien, zur Schwester meiner Mutter. Von der Ferne -werde ich ihm alles schreiben und die Form finden, die ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span> -am wenigsten weh tut. Ludwig ist nicht allein im Hörsaal -Philosoph, er wird sich zurechtfinden. Hat er den Verlust -des <em class="gesperrt">treuen</em> Weibes ertragen können, so wird ihn der des -falschen nicht zu Boden drücken. Habe ich sein Andenken -an die erste Frau unterbrochen, so wird es nach meiner -Flucht – es soll nichts von mir zurückbleiben – wieder erwachen -und er wird nicht verlassen sein.</p> - -<p class="date"> -20. Februar. -</p> - -<p>Ein Schreiben wollt' ich ihm zurücklassen, daß ich ihn -bis zu meinem Tode lieben werde, daß ich von ihm gehe, -weil ich seiner nicht wert wäre.</p> - -<p>Ich darf es nicht, ich darf diesen Brief, in den ich mein -Leid gelegt habe, nicht an ihn gelangen lassen, das würde -den Schmerz nur steigern. Ich will ohne alles, so wie eine -Undankbare, eine Unwürdige geht, so will ich davongehen.</p> - -<p>Seine Verachtung gegen mich soll ihn retten und mich -strafen, wie ich es verdiene. O mein Gott!</p> - -<p class="date"> -3. März. -</p> - -<p>Ludwig ist mit einer kleinen Gesellschaft von Historikern -auf einige Tage nach Cilli und Pettau gegangen, um dortige -Römerdenkmale zu besichtigen.</p> - -<p>Er war sehr munter und sagte zu mir beim Abschied, -ich sollte ihm nur recht den kleinen Ludwig hüten.</p> - -<p>Ich will nicht d'ran denken, will stark bleiben, ich habe -viel zu vollbringen.</p> - -<p>Bei dem Packen sehe ich erst, wie wenig ich in dieses -Haus gebracht habe, und wie viel von ihm empfangen.</p> - -<p>Der Dienerschaft sage ich, es sei verabredet, daß ich der -Luftveränderung wegen auf einige Wochen nach Wien gehen -werde.</p> - -<p>Also heute nachmittags vier Uhr in Gottesnamen!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span></p> - -<p class="date"> -6. März. -</p> - -<p>Nun ist es so gekommen!</p> - -<p>Ich zittere jetzt noch, da ich es schreibe. Wozu schreibe -ich es nur, ich sage ihm ja alles und darf es sagen, o Glück!</p> - -<p>Ich habe ihn geliebt, jetzt bete ich ihn an und den Nachkommen -schreibe ich es entgegen: er ist anbetungswürdig!</p> - -<p>Jetzt weiß ich erst, was das ist: ein Mensch! Er hätte -mich göttlicher nicht strafen, herrlicher nicht demütigen können -und erheben zugleich, als er es getan hat. –</p> - -<p>Das Kind dicht eingehüllt am Arm, so floh ich wie eine -Diebin. Der Wagen stand vor dem Tore; über die Aufregung -vergaß ich des Schmerzes, der mich schrecklich gequält -hatte die Nacht und den ganzen Tag hindurch.</p> - -<p>Am Tore steht Ludwig und fragt den Kutscher, wer -wegfahre. Dieser deutet auf mich, die ich hastig aus dem -Hause trete.</p> - -<p>»Was ist das, Juliana?« ruft Ludwig.</p> - -<p>Mir ist zum Zusammenbrechen, er stützt mich und bringt -mich und das Kind zurück in die Wohnung.</p> - -<p>»Du wolltest – mir entgegenfahren, mein Herz?« -fragte er, »konntest es nicht wissen, daß wir die Reise um -einen Tag abgekürzt haben.«</p> - -<p>»Ludwig,« sprach ich und mir wollte der Atem versagen, -»laß mich rasten, mir ist schlimm zum Sterben. Es -wird bald besser sein. Ich will dir dann was sagen.«</p> - -<p>Er führte mich voll zärtlicher Sorgfalt auf mein Zimmer -und schloß die Tür ab.</p> - -<p>»Daran tust du wohl, Ludwig,« sagte ich, dann fiel -ich vor ihm auf die Knie.</p> - -<p>Ich habe ihm alles gesagt – alles.</p> - -<p>Er hörte es. Sein Blick war traurig, aber blieb liebevoll.<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span> -Er hob mich auf und setzte sich neben mich, er war -blaß, und seine Hand, mit der er die meinige hielt, zitterte.</p> - -<p>»Juliana,« sagte er, »diese Stunde mußte kommen, ich -habe sie ersehnt, ich habe sie gefürchtet. Gerne möchte ich dir -die Qual mildern, vielleicht dadurch, daß ich dir sage: -Ich wußte es schon, wußte es seit dem Christabend.«</p> - -<p>So viel sprach er, dann stand er auf und ging einige -Male das Zimmer auf und ab. Hierauf setzte er sich wieder -und sagte: »Ich fand an jenem Tage auf deinem Arbeitstischchen -das kleine Notizbuch liegen; es hätte meinetwegen -immer dort liegen können, ich sah es nur diesmal, da ich -etwas suchte, um dir ein kleines Gedicht einzuschmuggeln, -einen Gruß dem Nahenden, der uns das nächstjährige Christfest -feiern helfen soll. Ich pflege nicht indiskret zu sein, aber -als ich das Büchlein aufschlug, sprang mir ein Wort in's -Auge, das mir sofort deine nächtlichen Träume und Ausrufe -in Erinnerung brachte. Ich mußte lesen, denn es war ein -Sturm in mir, den ich beschwören wollte mit deinen Aufzeichnungen. -Aber kein Wort gab mir den Frieden zurück -und ich las alles.«</p> - -<p>»Und hast uns nicht verstoßen und hast uns lieben -können!« rief ich aus.</p> - -<p>»Die Ehebrecherin hätte ich verstoßen,« sagte er ruhig, -»Dein Fehltritt war vor dem Tage, da wir uns die Treue -geschworen. Ich entschuldige nichts, denn daß es eine große -Schuld war, beweist das Leid, welches sie in dein Herz warf.«</p> - -<p>»Und das Kind?«</p> - -<p>»Ist unser. Ich gestehe dir wohl, es war eine schwere -Betrübnis in mir, da mich die Tatsache so plötzlich überrascht -hatte; aber als ich des Gemeinen Herr wurde und die -Wahrheit fand, da war ich zufrieden. Es ist mein Kind, -wie es das deine ist, denn in unseren Armen ruht es,<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span> -durch unsere Fürsorge wird es gedeihen, durch unser Herz -wird das seine genährt und erweckt, durch unser Vorbild -wird es uns ähnlich an Seele und Leib. Es wird uns und -nur uns lieben und nichts anderes wissen. Nicht <em class="gesperrt">der</em> -Augenblick ist mir der höchste, welcher der niedrigste ist und -mir möglicherweise vom Kind einst zum Vorwurf gemacht -werden kann. Nicht wer das Menschenkind erzeugt, ist sein -Vater, sondern wer es erzieht. Diesem nur hat es zu danken, -denn dieser machte es zum Menschen, diesen nur kann es lieben. -Kein tierisches Band ist es, das mich an unsern Ludwig -fesselt, ethische, menschliche Beziehungen sind es, und wenn -der Himmel den lieben Kleinen beschützt, so wirst du sehen, -daß keines andern, daß <em class="gesperrt">mein</em> Wesen verjüngt aus ihm hervorgeht. -Auch uns verknüpfen dann unlösliche Bande der -Natur, aber solche besserer Art, und der nur kann mir mein -Anrecht streitig machen, der mir beweist, daß je ein leiblicher -Vater sein Kind so teuer erkauft hat, als ich das meine.«</p> - -<p>In diesem Sinne hat er gesprochen. Ich wimmerte -zu seinen Füßen, dann an seiner Brust.</p> - -<p>»Jedoch ein ernstes Wort,« so fuhr er fort, »habe ich -mit dir zu sprechen, Juliana, deiner geplanten Flucht wegen. -Ich erwäge die Gründe, die dich dazu bewogen haben, sie -mögen gewichtig sein oder dir so geschienen haben. Aber -ich hätte von dir so viele Kenntnis meines Wesens und -Charakters erwartet, durch die du wissen solltest, daß unter -allen Umständen ein vertrauensvolles Bekenntnis das Beste -gewesen wäre. Ich habe dieses Bekenntnis von dir fast bestimmt -noch vor der Geburt des Kindes erwartet; es hätte -dir Beruhigung und Mut gebracht, es hätte dich meinem -Herzen womöglich noch näher gebracht, schon durch das Mitleid -mit der Reuigen und durch den Vorteil, verzeihen zu -können. Wie, wenn du in den Wochen hättest sterben müssen,<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span> -gepeinigt von dem Gewissen, und ohne von mir den Beweis -der <em class="gesperrt">wahren</em> Liebe, den ich heute erbringen kann, hören zu -können! Das alles war nicht, aber verlassen wolltest du -mich heimlich, uns drei in ein Elend stürzen, wie ein größeres -kaum zu denken ist. Diese Untreue, meine Juliana, ist mir -noch schmerzlicher, als die erste es war …«</p> - -<p>An all das kann ich mich noch erinnern, daß er's gesagt -hatte, dann weiß ich nicht mehr, was mit mir geschah. Als -ich wieder zu mir kam, lag ich auf meinem Bette, der Arzt -stand neben mir und zu meinen Häupten Ludwig, der mir -mit einem kühlen Tuch die Stirne trocknete.</p> - -<p>Ich legte den Arm um seinen Nacken, und sein liebes -Haupt beugte sich nieder auf mein Gesicht, und auf meine -Stirne fiel eine warme Träne …</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Als ein letztes Siegel der Reue und der Treue, ja sozusagen -als eine Votivtafel zur Danksagung für ein so -seltsamerweise gefundenes Eheglück fühlte sich die Frau -Professorin veranlaßt, diese Tagebuchblätter – mit Hinweglassung -der persönlichen Merkmale und Erkennungszeichen -– zu veröffentlichen.</p> - -<p>Ich, der ich dieses zu vermitteln übernahm, habe nur -zwei Bedenken: als erstes, ob die Skrupel der Frau, als -zweites, ob die Philosophie des Mannes wohl das richtige -Verständnis finden werden?</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Kokette">Die Kokette.</h2> -</div> - -<p class="drop">Du sprichst von koketten Frauen, junger Freund, wie -ein Blinder von der Farbe. Kokett nennst du es, -wenn eine Dame durch auffallende Farben, Bewegungen, -Blicke die Augen der Männer auf sich zu lenken sucht. -Kokett nennst du sie, wenn sie sich ein wenig vordrängt und -ein wenig versteckt, wenn sie ein wenig dreist ist und ein -wenig erröten kann, wenn sie ein wenig anzieht und ein -wenig abstößt und so die Herzen der Männer bearbeitet, bis -sie Feuer geben, und wenn der Mann für sie lichterloh entbrennt, -sie geneigt ist, die Glut regelrecht zu dämpfen. Das -ist ja alles nett und kokett und verläuft auf das Anmutigste.</p> - -<p>Ich kenne eine andere Koketterie, mein Junge, und -will dir erzählen; willst du keine Lehre daraus ziehen, so -magst du dich wenigstens für klüger halten, als ich war – -und das wird dir sicherlich ein großes Vergnügen sein.</p> - -<p>Ich habe dir schon einmal gesagt, daß ich mich als -Student eine Zeitlang mit Unterrichtgeben in der Stenographie -fortgeholfen hätte. Also gewann ich auch durch -Vermittlung eines Bekannten wöchentlich zwei Stunden bei -einer Dame Stachari. Es war eine blasse, schwarzhaarige -und großäugige Dame, die stets in schwarzem Seidenanzuge -war und am Busen eine Kamelie oder eine rote Rose -stecken hatte. Sie konnte nicht älter als vierundzwanzig -Jahre sein, ich wußte nicht, ob sie vermählt war oder ledig; -das alte Stubenmädchen erwähnte mehrmals des »Herrn«, -den ich aber nie zu Gesichte bekam. Die Wohnung bestand -aus drei Zimmern, die sehr luxuriös eingerichtet waren. -Zumeist herrschte in ihnen ein künstlich hergestelltes Dunkel<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span> -und ein betäubender Blumenduft. Die Blumen und ihr -Duft, so behauptete sie, seien ihr Licht, ihre Luft, ihre Nahrung, -ihre Liebe, ihr Traum, ihre Seligkeit. Was den -Männern der Wein, der Tabak, das Opium sei, das wäre -ihr die Blume; was den Männern das Spiel, die Gefahr, -das Weib sei, das wäre ihr die Blume. Die Blume sei das -einzige Wesen auf der Erde, von dem sie nichts Schlimmes -erfahren, nicht enttäuscht worden wäre.</p> - -<p>Nun hätte ich für mein Leben gern gewußt, was die -junge Dame schon für Schicksale gehabt und worin die Enttäuschungen -bestanden; natürlich wagte ich nicht zu fragen -und sie berührte ihre Vergangenheit, ihre persönlichen Verhältnisse -mit keiner Silbe.</p> - -<p>Nachmittags von fünf bis sechs Uhr hatten wir den -stenographischen Unterricht; ich wußte aber nicht, zu welchem -Zwecke sie die Schnellschreibekunst erlernen wollte, einmal -nur äußerte sie, solche mache ihr Spaß und sei ein netter -Zeitvertreib, während ich immer der Meinung gewesen, die -Stenographie sei Zeitersparnis. Indes ging ihr die Sache -doch nicht recht von der Hand; mehrmals legte sie schon in -der ersten Hälfte der Stunde den Stift weg, lehnte sich in -den Sessel zurück und machte den Vorschlag, lieber ein -bißchen zu plaudern. Nun wußte ich über nichts eigentlich -zu plaudern, als über Gabelsberger, denn ich war ein ganz -unerfahrener Mensch, der bisher in Gesellschaft sich stets -bescheidener Schweigsamkeit beflissen hatte. In erster Zeit -hatte mich sogar die Ansprache verlegen gemacht: ich nannte -sie gnädige Frau, sie widersprach nicht, doch ahnte ich bald -die Unschicklichkeit dieser würdigen Ansprache, denn die -Dame kam mir manchmal sehr jung vor und ich nannte -sie endlich »mein Fräulein«. Manchmal schlug sie Heines -Buch der Lieder auf, fragte mich, welche Gedichte mir am<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span> -besten gefielen und las wohl selbst eines oder das andere, -wobei sie manchmal seufzte und schwermütig ward.</p> - -<p>Als es in den Spätherbst hineinging, wollte uns -der Tag nicht mehr leuchten zu unserem Schreibunterrichte, -da wurde die Lampe angezündet, die einen roten Schirm -aus Seidenpapier hatte, so daß die Schreibeblätter und die -Hände und die Wangen einen rosenglühenden Schein gaben. -Manchmal zitterte im Schreiben ihre Hand ein wenig und sie -bat mich, daß ich sie führe, was aber durchaus nicht nach -der Schnellschreiberegel ist. – Zwei Minuten nach Ablauf -der Stunde pflegte ich aufzustehen, mich vor meiner Schülerin -zu verneigen und davonzugehen. Bei solchem Fortgehen -kam ich mir sehr einfältig vor und ich ärgerte mich nachher, -daß ich nicht artiger gewesen war gegen das liebenswürdige -Fräulein. Das böse Gewissen ließ mich deswegen oft halbe -Nächte lang nicht schlafen und ich nahm mir fest vor, das -nächste Mal sachgemäßer zu handeln. Als ich jedoch das -nächste Mal wieder neben ihr saß, wieder die stille Lampe -brannte, wieder ein Heinesches Gedicht gehaucht wurde, -war ich eben gerade wieder so blöde, sehnte mir insgeheim -den Verlauf der Stunde herbei und als sie vorüber war, -zögerte es doch in mir, ob ich schon gehen oder meine -Schülerin noch ein bißchen nachsitzen lassen solle.</p> - -<p>Eines Abends im Dezember machte mir das Fräulein -die etwas überraschende Mitteilung, daß sie auf unbestimmte -Zeit verreisen werde und daher den stenographischen -Unterricht leider unterbrechen müsse. Sie händigte mir die -Hälfte des ausbedungenen Honorars ein, die andere Hälfte -stellte sie mir in Aussicht nach ihrer Rückkehr. Beim Abschiede -teilte sie mir errötend mit, daß sie sich von mir -eine Gunst ausbitten wolle – ein Andenken von mir – -eine ganz kleine Haarlocke.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span></p> - -<p>Was sie an einer Haarlocke habe? fragte ich, die Sache -ins Scherzhafte ziehend, denn ich mußte mein heftig pochendes -Herz verdecken. Sie antwortete, das wisse sie schon und -schnitt mir unter unsagbar zarten Berührungen vom Nacken -links ein Löcklein ab. Nun wären wir gottlob im richtigen -Geleise! dachte ich, tat nichts dafür und nichts dagegen, -wartend, daß das Glück mir in den Schoß falle. Das -Fräulein stand eine Weile sinnend, endlich flüsterte sie: -»Also denn – es ist bestimmt, in Gottes Rat!« damit -steckte sie mir ein halbaufgeblühtes Rosenknösplein in das -Knopfloch. Ich drückte ihr die Hand, wünschte eine glückliche -Reise und Wiederkehr und taumelte zur Tür hinaus.</p> - -<p>Die qualvolle Zeit, die nun für mich kam, ist nicht -nachzuempfinden Ich fühlte mich ganz und gar verwaist, -mir war, als hätte ich die einzige Schwester – he, bloß -eine Schwester? – verloren. Täglich mehrmals ging ich -durch die Gasse und schaute hinauf zu ihren Fenstern, die -mit Holzbalken verschlossen waren wie mitten im Sommer. -Um Neujahr waren die Fenster plötzlich wieder offen, ich -erschrak wonnig. Aber es waren nicht mehr die dunkelroten -Gardinen, es waren weiße Spitzenvorhänge, zwischen denselben -schaute ein alter schmauchender Weißkopf hervor.</p> - -<p>Also dahin für immer!</p> - -<p>Die Rosenknospe hielt ich wie ein Heiligtum und -legte sie gepreßt in das Etui, in welchem das Bild meiner -verstorbenen Mutter war. Von ihr hatte ich kein Bildnis, -um so lebhafter baute und malte die Phantasie an ihrer Gestalt, -bis sie die Schönste, die Begehrenswerteste war, die -je auf Erden gelebt. Hören ließ sie aber nichts von sich und -ich wußte nicht, sollte ich meine Gedanken und Sehnsucht -nach Osten aussenden oder nach Westen, um sie zu finden.</p> - -<p>Übrigens schleifte mich das Leben fort über Kummer<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span> -und Freude, über Hoffnung und Enttäuschung; mir blieb -dabei nur der Vorteil, daß ich älter und reifer wurde. -Nach einem halben Jahre war die verreiste Schülerin glücklich -verwunden und nach einem Jahre vergessen.</p> - -<p>Frauen aber vergessen nicht so leicht. Als ich im -zweiten Jahre auf der Universität war, erhielt ich eines -Tages ein Paket zugeschickt. Kein Brief und kein Name war -dabei. Das Paket kam aus einem böhmischen Orte, dessen -Namen ich nicht zu enträtseln vermochte. Es bestand aus -einem Buche mit folgendem Titel: »Die Schule der Liebe. -Ein Unterricht für junge Männer und Frauen.« Ein Verlagsort -war nicht angegeben, hingegen stand an der Stelle -desselben mit Bleistift geschrieben: »Dem unvergeßlichen -Lehrer die dankbare Schülerin J. St.«</p> - -<p>Anfangs stutzte ich. Wo und wann hätte ich in der -Liebe Unterricht erteilt! Endlich verfiel ich doch auf die -Stenographenstunden mit Fräulein Stachari. Dieses schöne -Buch sollte wohl der Rest des Honorars sein. Jedenfalls -habe ich mehr aus ihm gelernt, als das Fräulein aus meinem -Schnellschreibeunterricht. Als diese gedruckte Schule der -Liebe durchgemacht war, kam es mir unbegreiflich vor, -daß irgend ein Mensch blöde sein könne. Lebhafter stieg -die Erinnerung an die junge schwarze Dame in mir auf, -aber nun in ganz neuer Beleuchtung; ich durchsuchte alle -Ecken und Ränder des Buches, jedes Blatt, um etwa ganz -klein, vielleicht gar in stenographischer Schrift geschrieben, -ihre Adresse zu entdecken. Vergeblich. Sie blieb mir unerreichbar -und fern in Dunkel gehüllt. Freilich fehlte es nun -nicht mehr an anderweitigen Zerstreuungen, doch tat es mir -leid, wenn ich an das Fräulein Stachari dachte.</p> - -<p>Endlich nahm mein Leben eine andere Richtung. Die -Studien waren vollendet, ich gewann an der Universität<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span> -zu G. eine Privatdozentenstelle. Ich fühlte mich ruhiger und -ernster werden und begann mit tieferen Absichten nach dem -schönen Geschlechte auszublicken. Eine Advokatentochter war, -mit der ich Verkehr anzubahnen suchte. Zur selben Zeit -erhielt ich den Brief, welchen ich noch in der Tasche trage.</p> - -<div class="letter"> -<p class="right"> -Prag, am 20. Juni 1884.</p> -<p class="center"> -»Verehrter Professor! -</p> - -<p>Wohl kaum darf ich hoffen, daß Sie sich noch erinnern -an eine unaufmerksame und störrische Schülerin, welcher -Sie stenographischen Unterricht erteilten. Wie saßen wir -doch so fromm und dumm beisammen! Ach, lange, lange -ist es her! Die Stenographie habe ich gottlob vollständig -vergessen, wozu auch hätten wir Frauen den Mund und -manchmal sogar einen frisch roten, wenn wir uns nur -aufs Schreiben verlegen wollten! Weniger habe ich des -jungen Lehrers vergessen, der war stramm wie ein Leutnant -und schüchtern wie ein Mädchen in der Fibelklasse. -Heute wird wohl das eine noch zutreffen, aber das andere -sicherlich nicht mehr. Möglicherweise hat sich auch bei der -kleinen Schülerin seither einiges geändert, denn sie lebt in -den Jahren, die wie Champagner prickeln. Keine Wirtin, -die aller Welt aufwartet mit dem Stengelglase, die aber -gern ihrem ehemaligen Lehrer den Labetrunk reichen möchte, -falls er ihn von ihrer Hand nähme. Das Leben ist, ach, -so flüchtig, und manche Frucht, die in kindischen Jahren -sehnsuchtsvoll gesäet worden, reift so spät! Aber nicht zu -spät.</p> - -<p>Ist Ihnen nie gesagt worden, daß ein junger Professor -Reisen machen, die Welt genießen und auch Prag sehen -müsse? Ach, so halten Sie sich doch daran! und das Wichtigste -ist, daß Sie in Prag sich nach Ihrer Schülerin umsehen -und mit ihr einen ganzen Abend lang von alten<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span> -schönen Zeiten plaudern! Ach, wie wird das hübsch sein! Sie -dürfen mit Ihrem Besuche aber durchaus nicht so lange -warten, bis Sie ehrwürdig werden. Und damit nicht noch -mit dem törichten Schreiben soviel Zeit vergeht, schließe ich -rasch; das Weitere ist Ihre Sache.</p> - -<p class="center"> -Ihre</p> -<p class="right"> -Josefine Stachari.« -</p></div> - -<p>Noch ist die genaue Adresse angegeben.</p> - -<p>Jetzt war mir etwas eigentümlich zumute. Das -ganze nun zur Leidenschaft gesteigerte Fühlen für die geheimnisvolle -und doch so offenherzige Dame ward in mir -wach. Ich setzte mich hin, schrieb einen Brief, in dem ich -mit heftigen Ausdrücken der Ungeduld mein Kommen anzeigte. -Der Brief selbst war eine so ungestüme Umarmung, -daß ich ihn nach der zweiten Durchsicht zerriß. Der Weg -von G. bis Prag ist kein Spaziergang zu einem Stelldichein, -aber hatte ich nicht schon seit langem im Sinn, nach -dem schönen Dresden, nach dem großen Berlin zu reisen? -Dabei ließe sich Prag ja sehr leicht machen. Ich bekämpfte -jetzt mein Temperament und schrieb der Dame mit einer den -Zuständen durchaus nicht entsprechenden Ruhe, daß ich vorhätte, -demnächst auf einer größeren Reise Prag zu berühren, -bei welcher Gelegenheit ich nicht verfehlen würde, sie aufzusuchen.</p> - -<p>Wenige Tage später war von ihr der zweite Brief da:</p> - -<div class="letter"> -<p class="center"> -»Liebster Herr Professor! -</p> - -<p>Diese Aufregung! Diese Freude! Diese Angst! Ich -kann mich kaum fassen, ich kann es nicht glauben, daß -es sein soll, Sie hier zu sehen. Es wäre zu herrlich! Ich -habe Ihnen so viel mitzuteilen, anzuvertrauen; aber Sie -müssen mir versprechen, ritterlich zu sein gegen ein hilfloses<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span> -Weib, dessen verzagendes, seliges Herz Ihnen entgegenschlägt. -Ach wie lange war die Zeit, wie einsam war -mir oft unter meinen Blumen! Ihr Schreiben hat mich -über alle Maßen glücklich gemacht, haben Sie Dank! Und -kommen Sie rasch, setzen Sie sich auf den nächsten Zug, -fahren Sie Tag und Nacht, ich vergehe vor Ungeduld, -Ihnen mein Glück an den Busen zu legen. Sagte mir -meine Ahnung doch schon lange, daß ich mich an Ihnen -nicht täusche, daß Sie nicht täuschen können, mein teurer, -mein lieber Freund. Nur müssen Sie nichts Arges von -mir denken über meinen unbändigen Freimut, ich bin ein -Weib. Die Stunde, wann Sie mich finden, kennen Sie, es -ist unsere Stenographenstunde wie vor fünf Jahren. Fünf -Jahre jünger bin ich geworden durch Ihren Brief, haben -Sie nochmals Dank und eilen, eilen Sie zu Ihrer Freundin</p> - -<p class="right"> -Josefine Stachari.« -</p></div> - -<p>Für eine Portion war das genug. Mir wurde fast -unheimlich. Für ein nettes Abenteuer baute sich die Sache -fast zu groß auf, das läßt sich nicht so leicht abhaken, wie -es angehakt ist. Das war nun doch einmal ein Weib, wie -ich im müßigen Ideale mir es oft gedacht hatte, ein in -heiliger Leidenschaft lohendes, alle Konvenienzen kühn verachtendes, -heldenhaft liebendes Weib. Daß mittlerweile in -meiner Erinnerung auch ihr Bild wundersam reizend und -schön geworden war, habe ich dir ja schon gesagt.</p> - -<p>In den ersten Tagen der Ferien packte ich meinen -Koffer und reiste Tag und Nacht der alten Königsstadt -Prag zu. Es war mir zumute wie auf einer Brautfahrt. -Es war doch zu rührend, wie sie meiner gedacht, wie sie -auf mich gewartet hatte, bis ich in der Lage war, ein Weib -heimzuführen. Und selbst, daß sie von mir fortgezogen, war<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span> -das Werk einer großen Seele. Sie wollte uns gegenseitig -die Reinheit hüten, sie wollte mich frei lassen, frei leben -und frei wählen.</p> - -<p>Unsere Stenographenstunde war nachmittags von fünf -bis sechs Uhr gewesen. Zu Prag ins Hotel gekommen, war -mein erstes, durch einen Boten ihr meine Ankunft anzuzeigen, -und daß ich mich an demselben Tag um fünf Uhr -bei ihr einfinden würde. Hierauf reinigte ich mich sorgfältig -von dem Staube der Reise, nahm ein Mahl zu mir -und bereitete mich vor auf den Besuch.</p> - -<p>Punkt fünf Uhr schellte ich an der Tür ihrer Wohnung. -Ein schmuckes Stubenmädchen erschien, um zu öffnen, fragte -leise, ob ich der Herr aus G. sei und führte mich dann -in ein dunkelgehaltenes Gemach. Es war fast üppig eingerichtet -und die Blumen und Rosen schienen mir noch prangender -zu blühen und noch betäubender zu duften, als vor -Jahren. Da glitt sie auch schon auf mich zu, in weißem -Hauskleide war sie, sank mir an die Brust und flüsterte: -»Sie sind's! Gott, wie mir das Herz pocht!« Dann -schluchzte sie und wir saßen auf einem Sofa. Obzwar -wenig Licht fiel auf ihr Antlitz, so sah ich doch, daß dasselbe -etwas rundlicher geworden war, und ihre Wangen schienen -mir noch blasser und ihre Augenwimpern noch schwärzer -und ihr Mund noch röter als vor Jahren. Und weil durch -die leidenschaftliche Begrüßungsszene auch ihre schwarzen, -seidenweichen Haare locker geworden waren und nun niederrollten -auf ihre wogende Brust, so war sie unbeschreiblich -schön. Vor den schweren Fenstergardinen stand ein rundes -Tischchen, an das mit einem Kettlein ein Papagei gefesselt -saß, der fortwährend krächzte.</p> - -<p>»Ach!« flüsterte sie, »der Vogel freut sich auch, daß -Sie gekommen sind. Und Sie sind so stattlich und schön geworden,<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span> -oh, ich bin wahnsinnig vor Glück!« Dabei nahm -sie meine Hände und preßte sie heftig.</p> - -<p>»Ach, Freund!« hauchte sie, »Sie bringen mir die -schönen Tage der ersten Jugend zurück!« Und da ich kaum -eines Wortes mächtig war, so fuhr sie mit unendlichem -Reize fort zu plaudern von vergangenen Zeiten, von dem -Leben in G., von ihrer Kindheit, die herbe gewesen, von -dem Glücke, das nun gekommen. Ich merkte nicht auf das, -was sie sprach, ich hörte nur ihrer Stimme süßen Klang, -ich fühlte nur den Atemhauch aus ihrem Munde – mir -verging das Denken und urplötzlich rissen meine Arme sie -wild an mich, um sie zu küssen … In demselben Augenblicke -fuhr sie kreischend auf und stieß mich heftig zurück.</p> - -<p>»Mein Herr!« rief sie mit vor Zorn fast erstickter -Stimme, »das ist abscheulich!« dann stürzte sie zur Glocke -mit dem Ruf: »Mein Gemahl! Mein Gemahl!«</p> - -<p>Da trat aus dem Nebenzimmer ein schlanker, hagerer, -brauner Mann im feinsten Salonanzuge.</p> - -<p>»Gott, o Gott!« schluchzte das Weib und preßte ihre -Hände ins Gesicht: »Diese abscheuliche Frechheit! Züchtigen -Sie ihn! Meine Freundschaft so zu mißbrauchen! Eine -harmlose Plauderstunde über vergangene Zeiten! Von -meinem Glück wollte ich ihm erzählen! Und er schändet's, der -wahnsinnige Bube! – O Gott, meine Nerven …!«</p> - -<p>Der braune »Gemahl« stand immer noch an der Tür -und drehte seinen langen Schnurrbart. Ich hatte mich von -meiner Überraschung eher erholt, als es mir heute selbst -erklärlich ist. Ich war ausgestanden und wartete einstweilen -darauf, was der Gemahl sagen würde. Da dieser weder einen -Revolver noch einen Dolch ergriff, sondern sich nur an mir -und seiner rasenden Frau ergötzte und verschmitzt schmunzelte, -so trat ich einen Schritt an ihn und sagte: »Es ist kein<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span> -übles Abenteuer. Wem gehört sie aber nun! Sie, mein -Herr, werden Gemahl genannt, und ich werde durch glühende -Liebesbriefe aus dem fernen G. herbeigeholt!«</p> - -<p>»Hat Alte wieder Dummheit gemacht!« schnarrte der -braune Mann mit fremdartiger Betonung, dann zog er sich -wieder in sein Zimmer zurück und lehnte die Tür zu.</p> - -<p>Eine kochende Hölle im Herzen, starrte ich das Weib -an. Sie sank mit vollendetem Faltenwurf ihres Kleides -zu meinen Füßen nieder und schluchzte: »Ach, verzeihen -Sie mir! teurer Freund! Ich bin namenlos unglücklich!«</p> - -<p>Mit der Fußspitze schob ich sie von mir. Ohne ein -Wort zu verlieren, ging ich zur Tür hinaus. –</p> - -<p>Seither – so dünkt mich fast – bin ich wesentlich -klüger. Wenigstens kann ich dir Unterricht erteilen über -den Begriff: Kokette, den du etwas flüchtig zu überspringen -pflegst.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span></p> - -<h2 id="Ein_Juenger_Darwins">Ein Jünger Darwins.</h2> -</div> - -<p class="drop">Es möge sich unter dem Begriffe »Gott« jeder das -Seine denken; wie man ihn verliert und wie man ihn -findet, ich bin davon ein Beispiel aus vielen. Ich werde -nicht philosophieren – die Sache geht mir zu sehr an's Herz.</p> - -<p>Ich bin der Sohn eines niederösterreichischen Landwirtes. -Nach einigen absolvierten Gymnasialklassen in -Wiener-Neustadt kam ich auf die land- und forstwirtschaftliche -Anstalt in Hermsdorf. Von Haus aus hatte ich eine sehr -religiöse Erziehung genossen, wozu auch noch meine empfindsame -Gemütsart kam. Daß mir bei jedem Abschiede meine -Eltern gute Lehren gaben, brav zu bleiben und auf Gott nicht -zu vergessen, bin ich jedoch nach und nach so gewohnt geworden, -daß es gar keinen Eindruck auf mich mehr machte. -Ich fand es im Grunde ja doch so selbstverständlich, für -was hielten sie mich denn, wenn sie mir zutrauen konnten, -unbrav zu werden und Gott zu vergessen!</p> - -<p>Einen ganz anderen Eindruck hingegen machten eines -Tages, als ich wieder ins Institut abreiste, auf mich die -Worte unseres alten Pfarrers, der in der Volksschule mein -Katechet und Beichtvater gewesen und dem ich als Knabe in -der Dorfkirche ministriert hatte. Der saß in einem Ledersessel -und zog mich neben sich nieder auf einen Stuhl und hielt -mich an der Hand – die seine war völlig kühl – und sagte -zu mir ungefähr folgendes: »Mein Sohn, so oft du fortgehst, -befällt mich eine Bangigkeit. Wenn ich dir ins Auge -schaue, da ist so viel Vertrauen d'rin. Du gehst munter in -die Welt, es ist schön draußen, du wirst vieles Gute lernen, -sie wird dir allerlei große Aufgaben stellen und allerlei Vergnügungen<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span> -anbieten – und eines Tages wirst du gewahr -werden, daß du den kindlichen Glauben an Gott nicht -mehr hast.«</p> - -<p>So sagte er, ich wurde hierauf fast erbost und rief: -»Niemals, Herr Pfarrer, ich lasse mich nicht verführen, und -meine Religion lasse ich mir nicht rauben, so wahr –«</p> - -<p>Ich hob den rechten Arm, er drückte mir ihn sanft zurück -und sagte: »So behüte dich Gott!«</p> - -<p>Dann ging ich hin und war ganz glücklich im Bewußtsein -meiner Frömmigkeit und meiner Festigkeit, und schaute in die -besonnte Landschaft hinaus, wo alles so lebendig und freudenvoll -war im Blühen, Glänzen und Jubilieren, und ich erinnerte -mich auf jener Wanderschaft an den Ausspruch: Die -Welt ist ein Transparent Gottes.</p> - -<p>Zu jener Zeit war ich siebzehn Jahre alt. Ich hatte den -Ruf eines gesitteten, fleißigen Schülers; die Kollegen und -die Lehrer und die Bücher und vielerlei Welt waren um mich, -viele Freunde hatte ich, und ein paar kleine, kindische Feinde, -aber niemand und nichts machte den geringsten Versuch, mich -vom Glauben abwendig zu machen. Im Gegenteile, weil -ich strebsam und ordentlich und stets munter war, so wurde -ich anderen als Beispiel aufgestellt. Wenn ich dann allein -war in meinem Zimmer, spät abends vor dem Einschlafen -oder an hohen Festtagen, gedachte ich Gottes und meiner -Eltern mit dem gleichen Herzen.</p> - -<p>In den Studien stieg ich auf: Geographie, Astronomie, -Zoologie, Botanik, Mineralogie. Hatte mir doch mein alter -Pfarrer gesagt, das Studium der Schöpfung Gottes sei -auch ein frommes Werk. In freien Stunden gab ich mich -gerne mit Dichtern ab, mit den besten, die wir haben: mit -Klopstock, Körner, Herder, Schiller, Lessing, Goethe. Wohl -sah ich manches in verschiedenen Zeiten mit verschiedenen<span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span> -Augen an. So hatte Faust für mich nicht weniger als drei -Stücke. Als ich ihn das erstemal las, ergötzte mich darin der -Spuk und der possierliche Teufel, der schließlich den Doktor -in die Hölle holt; bei einem späteren zweiten Lesen interessierte -mich vor allem die Liebesgeschichte mit Gretchen. Das drittemal -– da war ich schon weit – sah ich nichts als den Philosophen -Faust. In der Naturgeschichte weiß ich nicht, wann -ich das Brücklein übersprang von den alten Gelehrten zu -den modernen. Es ist ja eigentlich keine scharfe Grenze. -So geht es sachte hin, es ist manches fremd. Der Katechet -und der Lehrer der Naturgeschichte hatten keine Berührungspunkte -mehr, das fiel mir anfangs gar nicht auf.</p> - -<p>Einmal, als ich zu Hause auf Ferien war, kam der alte -Pfarrer auf Besuch und blätterte ein wenig in meinen Lehrbüchern. -Sagte aber kein Wort, sondern war herzlich wie -immer. Nicht mehr war es der Pflichteifer, der mich zum -fach- und naturgeschichtlichen Studium trieb, sondern das -wirkliche Interesse an ihm; ich las alle einschlägigen Werke, -die ich bekommen konnte, selbst wenn sie weit über das Ziel -unserer Fachstudien hinausgingen. Endlich bei einem lebhaften -Gespräch mit einem Kollegen über Abstammung und -Vererbung im Tierreiche sah ich's, wo ich war. Ich war -mitten im Darwin.</p> - -<p>Jetzt wissen sie vieles von mir, was ich damals noch -selbst nicht wußte. Also gut, Tiere und Pflanzen stammen aus -ganz wenig Urformen her, vielleicht aus nur einer Urzelle! -Und die Wesen züchten und entwickeln sich im Kampfe um's -Dasein. Das ist was neues, aber es leuchtet ein. Doch das -höchstentwickelte Tier, bei dem knüpft ja der Mensch an! Und -die ganze Organisation des letzteren zeigt unwiderleglich, -daß der Mensch in vielen tausenden von Jahren aus dem -Tierreiche herausgewachsen ist. So erzählte man mir Dinge,<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span> -die nicht waren?! – Die neue Lehre dehnt sich mit ihren -Grundsätzen durch unendliche Zeiten und Räume. Und -nirgends von Gott die Rede? Nirgends eine Spur von ihm? -Was ist das? – In meiner Bedrängnis schrieb ich dem alten -Pfarrer, ich sei in eine große Verwirrung geraten, die Naturgeschichte -stimme mit der Bibel nicht und im Weltall wäre -mir Gott abhanden gekommen.</p> - -<p>Der gute alte Mann tat ganz harmlos und schrieb -zurück, meine Beängstigung sei einerseits ein Beweis von der -tiefen Religiosität meines Gemütes, andererseits aber eine -Mahnung, wie sehr ich in diesen Dingen auf der Hut sein -müsse. Mein Zweifel – wenn er die augenblickliche Stimmung -so nennen wolle – sei übrigens ganz grundlos. Daß -man die Bibel nicht wörtlich, sondern gleichnisweise zu -nehmen habe, sei oft genug gesagt worden, und so stimme sie, -deuche ihm, wirklich mit dem von mir angeführten Systeme. -Wissenschaftliche Forschungen könnten sich weit ausdehnen, -aber endlich seien sie doch nur etwas Menschliches, also Unvollkommenes -und Begrenztes. Und außerhalb dieses menschlichen -Spielraumes – der im Vergleiche zur Unendlichkeit -doch ganz armselig wäre – hätte Gott Raum genug, -wenn es die Herren Gelehrten schon nicht zugeben wollten, -daß er in der Seele seiner Geschöpfe sei.</p> - -<p>Auf diesem Karren schleifte ich meine Religiosität noch -eine Weile fort. Doch als es immer weiter in die Erkenntnis -und immer tiefer in's Leben hineinging, sah ich endlich ein, -es wäre umsonst. Der kindliche Glaube war nicht mehr zu -halten. Der Gott, der sich denken ließ, war nicht der Gott -meiner Väter.</p> - -<p>Ich dachte viel an das Oberhaupt der neuen Schule. -Alt-England ist ein gut katholisches Land, Darwin's Familie -hat einen hochgeachteten Namen, der Gelehrte selbst<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span> -ist ein makelloser Charakter, von dessen Seelenadel so -manches erzählt wird. Wie kann es möglich sein, daß solch -ein Mann eine Lehre ausbildet, die von keinem Gott weiß! – -Das kann nicht möglich sein.</p> - -<p>In einem persönlichen Gespräche mit dem alten Pfarrer -teilte mir dieser zu meinem Troste mit, daß er vernommen -habe, Darwin sei ein guter katholischer Christ, seine Lehre -werde nur schlecht verstanden und falsch ausgelegt. Für -den Augenblick leuchtete mir das wieder ein. –</p> - -<p>Meine Fachstudien waren beendet. Ich kam auf ein -großes Gut in Mähren als Praktikant. Das war im Jahre -1880. Kurze Zeit darauf starb meine Mutter. Noch sterbend -hatte sie gesagt, sie lasse mich, den fernen Sohn, grüßen -und bei Gott im Himmel wollten wir uns alle wieder zusammenbestellen.</p> - -<p>Was nun in mir für ein Leid anhub! Meinem priesterlichen -Freunde klagte ich alles. Er war erschüttert und -wußte mir nichts mehr zu sagen, als ich solle beten und -arbeiten.</p> - -<p>Arbeiten, ja, Tag und Nacht, bis zur Erschöpfung. -Draußen auf den Feldern und in den Wäldern ging ich -umher, solange ein Licht am Himmel, und legte selbst Hand -an den Pflug, an das Schnittscheit, und in halben Nächten -saß ich bei meinen Rechnungen und theoretischen Ausarbeitungen. -Aber beten? Gebete sagen kann man, wann man -will, aber beten nicht. O Mutter, Mutter, daß du mir auf -ewig solltest genommen sein!</p> - -<p>Und in einer solchen Nacht, da draußen ein leiser -Nachtwind rieselte in der Linde, und im Hause alle so ruhig -und süß schliefen, als wäre Himmel und Erde für sie eine -sanft schaukelnde Wiege – da kam mir plötzlich der Gedanke: -Bei Bibel und Priestern klopfe ich vergebens an.<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span> -Nur der mir den Glauben geraubt hat, kann mir ihn wieder -zurückgeben.</p> - -<p>Ich zündete das ausgelöschte Licht wieder an und schrieb -an Charles Darwin zu Down in England.</p> - -<p>Ich stellte ihm meine Bedrängnis vor und bat ihn um -Aufklärung, was er von Gott halte, was. er von der Unsterblichkeit -der menschlichen Seele denke? – Den Brief -sandte ich am nächsten Tage ab. Zwei Wochen darauf hatte -ich Antwort, die aber so kalligraphisch geschrieben war, daß -ich die Handschrift des großen Gelehrten darin nicht vermuten -konnte. Darwin entschuldigte sich durch eine zweite -Person mit seinem Alter, mit seiner Kränklichkeit, mit der -Bürde seiner wissenschaftlichen Arbeiten; er sei außerstande, -die schwierige Frage zu beantworten.</p> - -<p>Also, er läßt mich sitzen. Er hat mich beraubt um meine -Labnis und läßt mich in der Wüste verschmachten. Er hat -seine Weltberühmtheit – die tausend Herzen, die da brechen, -kümmern ihn weiter nicht.</p> - -<p>Als ich jedoch – denn das war mir wie angetan – -wieder in den Schriften des Forschers las, stellte ich mir die -Frage: Ist es bei ihm die Lockung des Ruhmes? Soll es -nicht vielmehr – so wie ja auch bei mir – der Drang -nach Wahrheit sein? Und wie wäre es möglich, daß ein -Forschergeist so groß und so tief sein kann, wenn nicht Gott -mit ihm ist? Und war in seinem Schreiben nicht von einer -<em class="gesperrt">schwierigen</em> Frage die Rede? Er müsse über diesen Punkt -also doch was zu sagen haben und sehr viel, wenn es sich -in einem gewöhnlichen Briefe nicht beantworten ließe. – -Es mag seine Kränklichkeit noch so groß sein, wenn es ein -Seelenheil gilt, da muß er die Frage beantworten und sollte -es ein Buch werden.</p> - -<p>So habe ich dem Gelehrten noch einmal geschrieben, habe<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span> -ihm vorgestellt, daß mein Heil von seiner Antwort abhänge, -daß er es seinem Jünger schuldig sei, das Gewissen zu beruhigen, -daß der Forscher, nachdem er so viel gesagt, nicht -zurückschrecken dürfe davor, das letzte Wort auszusprechen, -daß ich dieses letzte Wort für eine Offenbarung halten -wollte, und daß es, fiele es aus, wie immer, mich aus der -peinigenden Ungewißheit reißen und beruhigen würde. Ich -bat inständig, wie der Verschmachtende um einen Trunk Wasser -bittet, mir wie ein sterblicher Mensch dem sterblichen Menschen -offen und treu anzuvertrauen, was er von Christus -und seinen Offenbarungen, und also auch von der Unsterblichkeit -der Seele halte.</p> - -<p>Am elften Tage nach der Absendung dieses meines -zweiten Briefes kam ein Schreiben, dessen Schriftzüge und -Namensunterschrift als die des großen Forschers erkannt -werden. Das Schreiben lautet:</p> - -<div class="letter"> -<p class="right"> -»Down, 5. November 1880.</p> -<p class="center"> -Lieber Herr! -</p> - -<p>Ich bin sehr beschäftigt, ein alter Mann und von -schlechter Gesundheit, und ich kann nicht Zeit gewinnen, -Ihre Frage vollständig zu beantworten, vorausgesetzt, daß -sie überhaupt beantwortet werden kann. Wissenschaft hat -mit Christus nichts zu tun, ausgenommen insoferne, als die -Gewöhnung an wissenschaftliche Forschung einen Mann -vorsichtig macht, Beweise anzuerkennen. Was mich selbst -betrifft, so glaube ich nicht, daß jemals irgend eine Offenbarung -stattgefunden hat. In Betreff aber eines zukünftigen -Lebens muß jedermann für sich selbst die Entscheidung -treffen zwischen widersprechenden, unbestimmten -Wahrscheinlichkeiten.</p> - -<p class="center"> -Ihr Wohlergehen wünschend, bleibe ich, lieber Herr,<br /> -Ihr hochachtungsvoller Charles Darwin.« -</p></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span></p> - -<p>Seine Meinung hatte ich nun. Was half sie mir? Sie -setzte seinen Werken die Krone auf. Er war gottlos.</p> - -<p>Was wäre schließlich aber daran gelegen? Hätte ich mich -von ihm nur freimachen können. Das konnte ich nicht. Seine -Lehre hielt mich gefesselt, wie eine geschehene unerbittliche -Tatsache. Ich versuchte mich mit Studium wieder auszugleichen, -ging sogar auf eine berühmte deutsche Universität, -um zu sehen, wie andere mit der Sache fertig werden. Ich -hielt es aber nicht lange aus, kehrte zurück und suchte in -meiner unerleuchteten Trostlosigkeit einen andern Weg. Das -Gegengewicht, das mich bisher vor dem Niedersinken zur -Erde bewahrt hatte, war verloren, ich war ein Leib ohne -Seele. Nun kamen schon die Stunden, in denen ich solche -Menschen beneidete, die imstande sind, des Nächsten Glück -spielend zu ihrem eigenen Vorteile auszunützen. Das -eben sind ja die wohlorganisierten Menschen, die den -Kampf ums Dasein siegreich bestehen und in ihrer Gattung -den Egoismus zu immer größerer Vollkommenheit ausbilden.</p> - -<p>Ich trachtete zwischen meinem Wissen und Leben eine -Harmonie herzustellen, nämlich indifferent in moralischen -Dingen, also schlecht zu werden. Aber hierin hatte der Alte -ja auch wieder recht: du kannst nicht besser und nicht schlechter -sein als du bist.</p> - -<p>Statt schlecht zu werden, wurde ich krank. Ich vermochte -in eine Welt, in der nichts dahintersteckt, keinen Wert zu -legen. Wo andere sich balgen um die Früchte des Augenblickes, -dort wurde ich gleichgültig gegen alle Genüsse, deren -letztes Ziel die Enttäuschung ist. Die Nervenspannungen -wurden lax, ich begann abzuwelken. Weil just der Winter -war, so sagten gutmütige Menschen, das Frühjahr würde mir -Besserung bringen. Andere flüsterten – und die hörte ich am<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span> -liebsten – bis die Bäume ausschlügen, würde ich's überstanden -haben.</p> - -<p>Es kam das Frühjahr. Und zwar nicht an einem Tage, -aber in einer und derselben Woche starb in meiner Heimat -der alte Pfarrer und zu Down bei Kent in England Charles -Darwin. Ich lebte weiter. Meine Phantasie wurde noch -einmal tätig, ich stellte mir vor, wenn sich der alte Gentleman -doch geirrt hätte und wenn die beiden Hingeschiedenen -in der Ewigkeit sich begegneten, was sie wohl sagen würden -zueinander?</p> - -<p>Mein Zustand verbesserte sich nicht, ich fühlte wirklich, -daß ich keine Seele mehr hatte, nur mitunter Nervenstimmungen, -die mir wehe taten. Wer mich sah, der gab mir -einen guten Rat, um gesund zu werden, und einer meiner -ehemaligen Kollegen riet mir geradezu – und pries es als -das sicherste Mittel meiner Rettung – ich sollte mich verlieben. -Das Weib würde mich schon wieder Gott erkennen -lernen. Einstweilen sollte ich ins Gebirge gehen, um in der -reinen kräftigen Luft körperlich zu erstarken.</p> - -<p>Den letzteren Vorschlag, den auch mein Vater, ein geborener -Tiroler, sehr unterstützte, befolgte ich in der Tat, ich -zog in's Pustertal und habe dort den Sommer zugebracht. -An flache Gegenden gewohnt, fühlte ich mich anfangs im -engen Gesichtskreise zwischen hohen Bergen noch mehr gedrückt, -hingegen taten mir die Menschen wohl. Zuerst überkam -mich freilich eine unbeschreibliche Wehmut, als ich bei -ihnen die liebe Gottesgläubigkeit und die Harmonie des -Gemütes wiederfand, die mir verloren gegangen war, aber -allmählich bekam ich Anwandlungen, daß ich das Glück -meiner Person überhaupt nicht mehr als Hauptsache in -Betracht zog, sondern leidlich zufrieden war, wenn ich's -an anderen sah.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span></p> - -<p>Als die kalte, regnerische Zeit des Septembers kam, -wurde mir übler und ich trachtete milderen Gegenden zu. -Da vollzog sich außer und in mir ein Ereignis.</p> - -<p>Vom Gebirge kommend harrte ich bei einem Bahnhof des -Etschtals auf den Zug, der mich nach Italien bringen sollte. -Als der Zug im Bahnhofe stillstand, wurden alle Passagiere -aufgefordert, auszusteigen, der Zug könne nicht abgelassen -werden, da südlich von Trient das Hochwasser einen Damm -zerstört habe. Wie lange Verspätung? fragte man. Der -Verkehr nach dem Süden überhaupt eingestellt! war der -Bescheid.</p> - -<p>So wollte ich nach Norden, der Heimat zufahren, was -konnte ich dabei verlieren? Der Zug gegen Innsbruck wurde -abgelassen. Er war groß und sehr überfüllt. Alle Fenster -waren besetzt, denn da konnte man interessante Dinge sehen. -Der Regen floß in Strömen und immer von neuem sank -schweres, finsteres Gewölke an den Berghängen nieder, -wallte, braute und staute sich in den Kesseln, als wollte es die -Felsen sprengen. Jede Wand hatte ihre weißen Adern, die -hundertfältig niedergingen. Das waren die Wasserfälle. Hier -sprangen sie in Bogen, dort in breiten Bändern, dort in -dünnen Schleiern. Aus den Schluchten donnerten braune -Fluten, die dort und da mit beängstigender Gewalt an den -Bahnkörper schlugen. Der Fluß war an den meisten Stellen -ausgetreten, die Talsohle glich streckenweise einem trüben See, -aus welchem Bäume, Hügel, einzelne Gebäude, Zäune und -Wegsäulen ragten. Hier stand das Wasser ruhig, dort schoß -es in breiten, verzweigten Adern heftig dahin. Mitten durch -führte unser Bahndamm, auf welchem der Zug langsam und -heftig pustend dahinfuhr. Ich war gegen meine Reise gleichgültig -gewesen, aber je zweifelhafter nun das Weiterkommen -wurde, je lebhafter wünschte ich es.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span></p> - -<p>Bei einer nächsten Station gewannen wir die tröstliche -Versicherung, daß die oberen Gegenden weniger gelitten -hätten und die Bahn fast durchwegs unbeschädigt sei. Wir -kamen glücklich ins Pustertal, doch hier wurde es grauenhafter -und endlich waren wir glücklich an einem Punkte, wo wir nicht -vorwärts und nicht mehr rückwärts konnten. Vor uns hatte -die rasende Rienz den Bahnkörper durchbrochen und die -Schienen standen wie eine Riesengabel in die Luft hinaus. -Hinter uns sahen wir eine Brücke niederbrechen. Ein -mächtiger Fichtenstamm samt Astwerk und Wurzel mit -Erdballen hatte sich herangewälzt und schmiegte sich an einen -der Brückenpfeiler fest. Alsbald staute sich weiteres Gestämme, -das empörte die Wasser, die heute keinen Widerstand kannten, -und einer der Pfeiler begann zu krachen, das hielt noch ein -paar Minuten stand, endlich aber wankte alles und brach Joch -um Joch langsam nieder.</p> - -<p>Der Zug stand. »Wir haben Rasttag,« rief einer der -Schaffner. Zur einen Seite hatten wir die Berglehne, zur -andern die überflutete Talschlucht. Wir konnten einige -Männer beobachten, Touristen mochten es sein, die jenseits -am Felshange hinkletterten, weil die Straße unter Wasser war. -Wir mußten, ob jammernd, lachend oder fluchend, unsere -Behausung endlich auch verlassen und in Wind und Regen -unser Fortkommen suchen. Der leere Zug schob sich langsam -zurück auf eine gesichertere Stelle. Ich kroch den Berg -hinan, und insoferne der Nebel Ausblick gestattete, sah ich -neue und grauenhafte Verwüstungen. Da unten war ein -Seitental, in welchem gerade ein Haus zusammenfiel. Aus -dem Trümmerhaufen stob zuerst Rauch, es schien sich ein -Feuer zu entwickeln, welches aber gar bald gedämpft war, -weil alles ins Wasser niedersank und sich auf demselben -fast sanft auseinanderlegte. Am Ufer schossen Menschen hin<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span> -und her, schlugen die Hände zusammen, hantierten planlos -mit langen Stangen herum, und ein Weib wollte ins Wasser -springen, um eine ertrinkende Ziege zu retten, wurde aber -noch rechtzeitig zurückgehalten.</p> - -<p>Ich trieb mich einen Tag lang herum, immer von Wasser -und Erdbrüchen verhindert und abgelenkt und selbst am -Leben bedroht. Ich hatte damals begreiflicherweise keinen -Sinn für die Großartigkeit der Natur, die mich Würmchen -mit ihren ungeheuren Gewalten umgab. Heute weiß ich, -daß mir eine solche Größe in diesem Leben wohl kaum mehr -begegnen wird. Endlich kam ich zu einem Hofe, der auf -festem Grunde einer Höhung stand. Aber er war angepfropft -von Leuten, die im Tale ihr Haus und Habe verloren -hatten. Das war ein Weinen und Klagen! Die einen -kauerten halbnackt in den Winkeln, daß ihre Kleider trocknen -mochten; die anderen verschlangen in Heißhunger Nahrung, -die ihnen die gastlichen Bewohner reichen konnten. -Aber die Bäuerin sagte: »Helf Gott, wir werden bald selber -nichts mehr haben!«</p> - -<p>Hier konnte ich also nicht bleiben.</p> - -<p>Nach einer schlechten Nacht, die ich in einem Heustadl -zubrachte und in der ich inne wurde, was eine gute Nacht wert -ist, kam ich wieder zum See der Rienz hinaus; man konnte -nicht mehr sagen: Tal, denn es war ein See, der heute, -da ich dieses schreibe, noch nicht abgelaufen ist und vielleicht -gar nicht ganz ablaufen kann, weil Lawinen die Schluchtpässe -verlegt haben. Mitten im See, aus dem die Dächer von -Hütten, Mühlen und Holzsägen ragten, wovon eins ums -andere verschwand, mitten in diesem weiten Gewässer auf -einer schmalen, langgestreckten Insel sah ich ihrer sechs oder -acht Männer, die mit verzweiflungsvollen Gebärden um -Hilfe riefen. Ich fand nach langem Suchen Leute zusammen,<span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span> -die mit einem kleinen Floße jene Männer retteten. Sie -hatten einen Tag früher den Flußdamm verteidigt und -waren dabei, weil weiter oben eine Wehre brach, plötzlich -vom Wasser eingeschlossen worden. Eine furchtbare Nacht -hatten sie verlebt auf dem schmalen Damm, von welchem -Stück für Stück weggeschwemmt wurde. Zwei weitere -Genossen, die bei ihnen gewesen, hatten sich in der -Finsternis der Sturmnacht von ihrer Seite verloren, waren -zugrunde gegangen, ohne daß es von den übrigen bemerkt -worden.</p> - -<p>Nun erfuhr ich auch, daß diese Gegenden von aller Welt -abgeschnitten waren. Alle Täler bis hinaus nach Lienz, bis -Defereggen und Oberdrauburg wären verheert. Aus dem -Eisacktale brachte einer, der auf Umwegen übers Gebirge -kam, Nachricht von den schrecklichen Verwüstungen, die dort -und südlicher im Etschtale bei Bozen, Trient und in der -Meraner Gegend angerichtet seien. Und alle Straßen und -Eisenbahnen vernichtet, alle Telegraphenleitungen zerrissen. -Ganze Dörfer und Städte überschwemmt, zum Teile eingestürzt, -fortgerissen. Wie viele Menschen schon ums Leben gekommen -und bei dem fortwährenden Steigen der Wasser noch -ums Leben kommen würden, das sei nicht annähernd zu -sagen. Aus manchen Engtälern sei gar keine Nachricht gekommen, -aber das Wasser hätte unerhörte Massen von Getrümmer -hervorgeschwemmt. Wie es den Leuten ergehe, das -wisse Gott. Man begreife nicht, woher all das Wasser kommen -könne, die Regenfluten allein könnten es nicht ausmachen. -Allerdings gehe ein Wind, als wären die Dolomiten -lauter heiße Öfen, der schmelze Schnee und Eis auf den Gebirgen. -Aber es scheine, als sei in den Tauern und in den -weißen Bergen (Dolomiten) und in den Trientiner Alpen und -im Ortlergebirge und überall die Flut aus der Erde hervorgebrochen,<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span> -wie es bei der Sintflut gewesen, und es sei nicht -abzusehen, was daraus noch werden solle!</p> - -<p>Während die Leute zusammenstanden, um diese Posten -zu hören, läuteten sie in den Nachbardörfern, die teils im -See standen, fortweg Sturm, und es vergrößerte sich auch -für diesen Ort, der hart am Berghange lag, die Gefahr. -Man räumte die Häuser aus, aber jetzt kam die Dorfgasse -herauf das braunrote Wasser gewallt. »Das Wasser -rinnt aufwärts!« riefen die Kopflosesten, »da ist alles -aus.«</p> - -<p>Aus den Häuserräumen hörte man das Quirln und -Gurgeln des Wassers, das Niederbröckeln von Mauerwerk; -dann wieder ein Knattern und Schmettern einstürzender -Wände und Dächer. Bei den Häusern schrien die Leute, auf -den Anhöhen röhrten und blökten die Haustiere, und über -alles hin war das dumpfe Tosen.</p> - -<p>Ein Weib kam durchs Wasser gesprungen: das Spital -sei hin, die Kranken müßten ertrinken, wenn man ihnen nicht -zu Hilfe käme. Jetzt fiel es mir ein: da könntest du ja -helfen! Wir trugen die Kranken in die Kirche hinauf, die -höher stand. Aber auch einen Toten schleppten sie jetzt herbei, -einen jungen Burschen, der seine mühselige Großmutter -aus der überschwemmten Kammer gerettet und dabei den -Tod gefunden hatte. Die Gerettete war ohnmächtig, die -übrigen Mitglieder der Familie erhoben ein lautes Klagen. -Da trat ein alter Mann zur Gruppe und rief: »Was beweint -ihr den da! Der ist der Glückliche. Wir sind die -Unglücklichen!« Wer einen Blick in die Gegend hinaus tat, -der konnte wohl verstehen, wie's gemeint war.</p> - -<p>Der Himmel war finstergrau, aber die Berge standen -jetzt rein bis zu ihren weißen Gipfeln. Im dunkelbraunen -See spiegelte sich ihr Bild. Von den entwaldeten Lehnen<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span> -gingen ununterbrochene Erdlawinen nieder, als wäre »die -Erde rinnend geworden«, wie sich einer ausdrückte.</p> - -<p>Kaum hatten sie den Ertrunkenen in die Totenkammer -gelegt, erscholl – so gut es durch das Tosen der Wasser -hörbar war – neues Jammergeschrei. Ein Kind hatten die -Wellen fortgerissen, die Mutter desselben lief mit herzbrechenden -Hilferufen hin und her, keiner wollte sich ins -wallende Wasser wagen, und das Leiblein wogte schon dem -reißenden Hauptstrome zu.</p> - -<p>Jetzt kam's über mich. Kannst du schwimmen? rief ich -mir selber zu, nicht? So lern's! – Und stürzte mich in's -Wasser. – Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf einer -steinernen Treppe, und um mich waren Leute und vor mir -kniete ein Weib und beschwor mit gerungenen Händen, unter -Tränen schreiend, alles Glück des Himmels auf mich herab. -Andere Weiber beschäftigten sich mit dem geretteten Kinde, -einem Mädchen von fünf bis sechs Jahren. Und während -auf das unselige Dorf immer neue Wassermassen anbrausten -von allen Seiten, und die Leute in heller Verzweiflung um -ihre Existenz rangen, war ein überglückliches Wesen da, dem -seine ganze kleine Habe zugrunde gegangen, das als Bettlerin -saß an den Stufen des Kirchentores und das nimmer -satt werden konnte, sein wiedergefundenes Kind jubelnd zu -herzen und zu küssen.</p> - -<p>»Das ist er!« schrie sie und zeigte auf mich, »o, schaue -ihn an!«</p> - -<p>Und der Blick, den das kleine Mädchen auf mich geworfen, -ist mir tief gegangen.</p> - -<p>Ich habe es dann nicht mehr gesehen. Ich trug noch -mein Weniges zu den Schutz- und Rettungsarbeiten bei, -bis am dritten Tage das Wasser zu fallen begann, und wir -alle erschöpft zur Rast sanken. –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span></p> - -<p>Später habe ich nach Tagen mühevollen Wanderns in -Kärnten den Punkt erreicht, wo das Eisenbahngelaß die versprengten -und verschlagenen Reisenden und Touristen wieder -in Empfang nehmen konnte.</p> - -<p>Und als ich glücklich daheim in meinem Hügellande saß, -da machte ich die Wahrnehmung, daß ich nicht mehr krank -war. Nicht mehr krank und nicht mehr schwermütig, sondern -so jung und munter, als ich's einst gewesen.</p> - -<p>Jetzt prüfte ich mich, was denn die furchtbare Leere, -die Darwin in mein Gemüt gerissen, wieder ausgefüllt -haben möchte. Ich fand's nicht, so sehr ich nachdachte. Vielleicht -daß das große Unglück, welches ich miterlebte, mich -wieder ins Gleichgewicht gebracht, wie es ja bisweilen geschehen -soll, daß Pessimisten und Verzweifler gerade durch eine -schwere Gefahr und Not wieder zur Achtung des Lebens -bekehrt werden. Aber wenn ich mitunter so vor mich hinträumte, -da sah ich in der Dämmerung meines Herzens, -wo einst das »ewige Licht« wie vor dem Altare gebrannt -hatte, zwei Sternlein schimmern – und das waren die Augen -des geretteten Kindes.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span></p> - -<h2 id="Ehre">Ehre.</h2> -</div> - -<p class="drop">»Herr Kreisrichter, ich bitte auf ein Wort!«</p> - -<p>»Nun, nun, lieber Herr Seelader, was bringen -Sie mir denn noch so spät?«</p> - -<p>»Auf ein Wort!«</p> - -<p>»Und so aufgeregt?«</p> - -<p>»Es ist etwas Wichtiges. Sie werden erstaunen, Herr -Kreisrichter. Ich muß bitten, daß Sie mich festnehmen -lassen!«</p> - -<p>»Aber, Seelader! Solche Späße!«</p> - -<p>»Es ist kein Spaß. Bei Gott nicht. Sie müssen mich -einsperren. Sogleich! Ich habe einen Freund ermordet. -Den Johann Hallsteiner. Den Sohn der alten Hallsteiner, -die heute gestorben ist.«</p> - -<p>»Was? den Johann Hallsteiner haben Sie ermordet? -Aber lieber Freund, was fehlt Ihnen denn? Der Johann -Hallsteiner ist ja schon seit Jahren tot.«</p> - -<p>»Ich habe ihn erschossen. Ich werde alles beweisen. -Ich zeige es jetzt an. Es ist die Zeit gekommen. Herr -Richter, Sie haben einen Schuldigen vor sich!«</p> - -<p>Nun war der Kreisrichter in der Tat erschrocken, denn -der junge Mann sah in diesem Augenblicke wirklich aus wie -ein Mörder. Ganz verstört, blaß, wirr. Der Richter klingelte -und befahl dem eintretenden Diener: »Schnell zum Doktor -Grohbach. Er soll sofort kommen!«</p> - -<p>»O nein, Herr Richter,« sagte Seelader, »krank bin -ich nicht. Ich bin ja ruhig, sehen Sie mich nur an, es ist -die Wahrheit, was ich sage.«</p> - -<p>»So kommen Sie,« sprach der Kreisrichter freundlich<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span> -und suchte den jungen Mann am Arm zu nehmen. »Ich -werde Sie in Ihre Wohnung begleiten.«</p> - -<p>»Sie sind immer gut gewesen gegen mich und sind -es auch jetzt,« sagte Seelader. »Aber es ist anders geworden. -Ich darf nichts mehr annehmen. Ich werde diese Nacht noch -in meinem Zimmer zubringen, wenn Sie mich nicht in den -Arrest tun wollen, morgen jedoch zum Landesgericht gehen. -Der Verantwortung wegen sollten Sie mich aber sogleich da -behalten. Es wäre besser, Herr Kreisrichter!«</p> - -<p>Unter warmem Zureden brachte dieser den jungen, aufgeregten -Menschen in sein Dachzimmerchen, empfahl ihn -angelegentlich der Mietfrau und schickte den Arzt.</p> - -<p>Dann eilte er nach Hause.</p> - -<p>»Denkt euch, Kinder!« sagte der Kreisrichter bei dem -Abendessen zu seiner Familie, »mein Amtsschreiber, der -Seelader, ist erkrankt.«</p> - -<p>Die älteste Tochter, Fräulein Ludmilla, horchte auf.</p> - -<p>»Und das schwer, unheimlich erkrankt,« fuhr der Richter -fort. »Ein Gehirnleiden. Ich muß nur erst zu Doktor -Grohbach schicken, was er an ihm gefunden hat. Kommt -der Arme heute abends – eben erst vorhin – zu mir und -bittet mich in höchst aufgeregter Weise, ich solle ihn festnehmen -lassen, er habe seinen Freund Hallsteiner erschossen.«</p> - -<p>Fräulein Ludmilla legte Messer und Gabel weg.</p> - -<p>Die Frau Richterin sagte: »Du scherzest doch, Mann!«</p> - -<p>»Ich weiß wohl, daß der Selbstmord seines Freundes -ihm nahegegangen ist damals,« sagte der Richter, »aber nach -Jahren – es mag ja fünf oder sechs Jahre seit jener Geschichte -mit dem Hallsteiner her sein – könne doch, meint -man, aus diesem Grunde eine Gehirnstörung nicht mehr -zum Ausbruche kommen. – Wie war das nur gleich, -damals?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span></p> - -<p>»Der Postbeamte Johann Hallsteiner,« sagte nun die -Frau, »hatte – so viel ich mich erinnern kann – sich eine -Veruntreuung zu Schulden kommen lassen und in dem -Augenblick, als man ihn festnehmen wollte, sich eine Kugel -durch den Kopf gejagt.«</p> - -<p>»Richtig, und ich entsinne mich, wie sein Freund Seelader, -der war damals noch Student, am Grabe des Verscharrten -einen lauten Schwur getan haben soll, die Ehre -des Freundes zu retten, seinen Tod zu sühnen, oder so -etwas.«</p> - -<p>»Dann hast du ihm doch zur kleinen Stelle verholfen, -die er heute noch einnimmt.«</p> - -<p>»Er wird demnächst avancieren. Einen fleißigeren und -gewissenhafteren Schreiber habe ich nie gehabt. Dazu ein -stiller, eingezogener Mensch, bescheiden und liebenswürdig –«</p> - -<p>Fräulein Ludmillas Wangen blühten wie Rosen im Mai.</p> - -<p>»Als Student soll er's ja flott getrieben haben, bis -die kleine Erbschaft seiner Eltern dahin war,« bemerkte die -Frau Kreisrichterin. »Man glaubt nicht, wie vorteilhaft -ein Mensch sich ändern kann, wenn er in das Geleise der -Arbeit kommt. Und rührend war es, wie er die armen -Eltern seines unglücklichen Freundes unterstützte, sich selbst -alles versagte, um von seinem geringen Gehalte die siechen, -verlassenen alten Menschen zu versorgen. Als vor einigen -Monaten der alte Hallsteiner starb und heute die Frau, -habe ich mir gedacht: Jetzt wird der gute Seelader auch aufatmen -können und sein Gehalt für sich selber anwenden.«</p> - -<p>»Es muß ihn doch der Tod der alten Frau so sehr erschüttert -haben,« meinte der Kreisrichter.</p> - -<p>»Wahrlich, ein leiblicher Sohn kann nicht besser gegen -seine Eltern sein, als der Amtsschreiber es gegen die -alten Hallsteiner-Leute gewesen,« sagte die Frau des Kreisrichters.<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span> -»Nur fällt mir jetzt ein Wort auf, das er vor -einigen Tagen, als er bei uns speiste, gesagt hat. Als er -hörte, daß das Befinden der Frau Hallsteiner sich verschlimmert -hatte, sprach er plötzlich: Mir scheint, nun werde -ich bald Feierabend bekommen.«</p> - -<p>»Am Ende ist doch etwas dahinter,« meinte der Richter -und begann, dieweilen er seine Pfeife stopfte und in Brand -steckte, über mancherlei nachzusinnen.</p> - -<p>Und also hatten sie zusammen sich über den jungen -Mann unterhalten, der sich als Mörder gestellt hatte. Fräulein -Ludmilla war völlig still dagesessen. Sie hatte sich in -ihre Häkelarbeit vertieft. Auf einmal stand sie auf und ging -rasch zur Tür hinaus.</p> - -<p>Die Frau seufzte. Der Richter sagte: »Morgen früh -sogleich will ich die Geschichte untersuchen. Am Ende ist -doch etwas daran.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Nacht war schlaflos vergangen. Max Seelader -hatte sich samt seinen Kleidern ins Bett gelegt. Seine paar -Sachen hatte er schon gestern in einen Sack getan und sie -nicht mehr ausgepackt. Nur eine kleine Photographie war -aus der Tasche hervorgeholt und auf das Tischchen neben -seinem Lager gestellt worden. Ein Mädchenkopf, das Original -haben wir schon gesehen.</p> - -<p>Zur Stunde, als der Kreisrichter im Amte zu erscheinen -pflegte, ging der junge Mann hin zu ihm und -sagte: »Da Sie mir mein Recht vorenthalten wollen, so -reise ich jetzt zum Landesgericht, das ich um Strafe bitte. -Teurer Herr! Vor Ihre Familie darf ich nicht mehr treten. -Ich danke allen für alles Gute, ich sage Ihnen Lebewohl. -Verzeihen –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span></p> - -<p>Er stockte.</p> - -<p>»Jetzt lasse ich Sie aber nicht fort, lieber Seelader,« -sprach der Richter, »daß bei Ihnen etwas nicht richtig ist, -sehe ich nun. Setzen Sie sich zu mir und erzählen Sie mir -ruhig das Anliegen, welches Sie drückt.«</p> - -<p>»Ich danke Ihnen. Aber Beichte und Freundeszuspruch -können mir nicht viel nützen. Es wird besser sein, wenn -auch Ihre Herren Adjunkten anwesend sind. Und der Arzt, -damit sichergestellt wird, daß ich nicht geisteskrank bin.«</p> - -<p>»Sie wollen also ein förmliches Verhör. Gut, es soll -geschehen.«</p> - -<p>Nach wenigen Minuten stand der junge Mann vor dem -Gerichte, und nach einigen einleitenden Vorfragen begann er -also zu sprechen:</p> - -<p>»Meine Eltern waren Gewerbsleute in N., sie wollten, -nachdem ich das Gymnasium absolviert, auch mich für ihren -Stand abrichten. Als sie starben, war ich frei und benutzte -die Erbschaft, um in die Stadt zu gehen und zu studieren. -Nicht so sehr wissensdurstig war ich, aber nach dem lustigen, -ungebundenen Studentenleben plangte es mir. Und ein -solches habe ich geführt, fünf Jahre lang. Die Kommerse, -die Kneipen, die Mensuren und dergleichen machten mir -viel Spaß, ja nahmen mein Wesen in Anspruch. Für einen -wirklichen Gewinn hielt ich das Bewußtsein und das Hochhalten -der Ehre, wie solches außer bei den Soldaten und -Studenten in keinem Stande eigentlich entschieden und -leidenschaftlich genug gepflegt wird. Ich will mich weiter -darüber nicht auslassen, ich habe nur oft gesagt: es ist etwas -Schönes, wenn ein junger Mensch seine Ehre höher wertet, -als alles auf der Welt. Schon im zweiten Jahre meiner -Studentenschaft hatte ich einen Kollegen aus der hiesigen -Stadt kennen und achten gelernt, und bald entwickelte sich<span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span> -zwischen uns eine innige Freundschaft. Er war der Sohn -armer Eltern, mußte freilich mehr ans Lernen denken, als -ans Burschenleben, und einer Stellung zutrachten, in der -er sich und seine Eltern ernähren konnte. Das hinderte den -wackeren Johannes nicht, die Studentenideale zu hegen und -zu pflegen, und besonders die Burschenehre ging ihm über -alles. Auf mehreren Mensuren bewies er seinen Mut, und -in einem Duelle trat er für die beleidigte Ehre eines Freundes -ein. Dieser Freund war ich. Es handelte sich um nichts -weiter, als um einen boshaften Spott, den ein mir mißgesinnter -Bursche in meiner Abwesenheit mir angetan. Johannes -forderte ihn auf Pistolen. Am zerrissenen Kinnbacken -trug er zeitlebens ein Merkmal seiner tapferen Freundschaft. -Natürlich schloß uns dieser Handel noch enger und unzertrennlicher -aneinander und ich schwor ihm, über seine Ehre -ebenso zu wachen, als er über die meinige gewacht und als -ich über meine eigene wachen kann. Und sollten wir vom -Schicksal einmal voneinander getrennt werden, und sollten -wir in was immer für eine Lage versetzt werden, unsere -gegenseitige Ehre wollten wir behüten wie unser Leben, ja -unendlichmal mutiger und glühender, als unser Leben. – -Was sonst an Studentenangelegenheiten, Ehrensachen und -Freundschaftsbeweisen war, kann übergangen werden. Ich -weiß, was hier zu erzählen ist. Johannes hatte seine Studien -vollendet und erhielt eine Anstellung als Postbeamter. Trotzdem -brach er nicht mit den lustigen Kreisen, in denen er sich -früher bewegte, ja, er erschloß sich noch neue. Man hielt -ihn auch fest in denselben, denn er war ein heiterer, angenehmer -Gesellschafter, und nach den langweiligen und -verantwortlichen Stunden in der Amtsstube hatte er Zerstreuung -nötiger als je. Es gab kleine Gelage mit Minnescherzen, -mit Glücksspiel und anderen Lustbarkeiten. Wir<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span> -bewohnten zusammen ein Zimmer und es fiel mir auf, daß -er häufig in später Nacht nach Hause kam. Einmal habe -ich ihm etwas darüber gesagt, er antwortete, daß weder -seine Berufs- noch seine Kindespflichten darunter Schaden -litten, wie ich auch tatsächlich nie eine Klage über ihn hörte -und wie ich auch wußte, daß seine mühseligen Eltern, die -damals auf dem Lande lebten, in ihrem Johannes den Ernährer -und Beschützer anbeteten. Also ging es eine Weile, -und plötzlich war das Verhängnis da.«</p> - -<p>Seelader unterbrach sich und trocknete mit dem Taschentuche -seine Stirn.</p> - -<p>Nach einer Weile sagte der Richter: »Nun, erzählen -Sie weiter.«</p> - -<p>»Schon seit einiger Zeit hatte ich bemerkt,« so fuhr -der junge Mann fort zu sprechen, »daß mein Freund -Johannes einen kleinen, scharfgeladenen Revolver bei sich -trug. – Wozu denn so etwas? fragte ich ihn einmal. – -Man kann nicht wissen, antwortete er, ob man nicht plötzlich -in die Lage kommt, seine Ehre zu retten. – Das war -mir dunkel. Ich hielt es im Scherze gesprochen und dachte: -er hat amtlich mit Geldsachen zu tun, es kann ja eine Waffe -vorgeschrieben sein. Im ganzen gefiel mir aber an Johannes -etwas nicht mehr so recht, und ich konnte mir doch keine -Rechenschaft darüber geben, was eigentlich an ihm unangenehm, -oder vielmehr unheimlich war. Bei allen, die ihn -kannten, stand er in hoher Achtung und von jedem, der mit -ihm umging, ward er geschätzt als guter Kamerad. – Und -nun kam diese Nacht.«</p> - -<p>»Wünschen Sie vielleicht ein Glas Wasser?« unterbrach -einer der Adjunkten den Erzähler, weil dieser erregt -zu sein schien.</p> - -<p>»Ich weiß wohl, was ich tue,« fuhr Seelader fort.<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span> -»Mit dem, was ich jetzt zu bekennen habe, vernichte ich mich. -Und das will ich auch, darum stehe ich da. – Sie sehen, -ich bin nicht aufgeregt, bin meiner Sinne vollkommen -mächtig, und es wird sich leicht weisen, daß jedes Wort, -was ich spreche, richtig ist. So etwas merkt man sich ganz -genau. – Es war in der Nacht vom elften bis zwölften -Februar 1885. Johannes war wieder spät nach Hause gekommen -und schlief sehr fest. Ich schlief nicht so fest und -hörte es sogleich, wie jemand an unsere Tür klopfte. Da -es wiederholt pochte, so stand ich auf, nachzusehen, was es -gäbe. Vor der Tür stand der Hausherr in flüchtig übergeworfenem -Mantel und teilte mir flüsternd mit, daß er -Auftrag habe, den Herrn Johannes Hallsteiner zu wecken. -Es scheine etwas Besonderes dran zu sein, im Vorsaal sei -ein Gerichtsbeamter und auf der Treppe stünden zwei Gendarmen. -– Fast zu Tode erschrak ich und dann dachte ich: -Was erschrickst du denn? Ein Irrtum liegt vor, den wollen -wir gleich aufklären. Doch als ich draußen mit dem Gerichtsbeamten -redete und den Verhaftsbefehl sah, gab's keine -Ausflucht mehr und ich machte mich erbötig, den Gesuchten -zu wecken und vorzubereiten, ohne daß mir auch nur eine -Ahnung dämmerte, um was es sich handeln könne. Ihn im -Schlafe überfallen, das würden sie doch nicht wollen. Als -der Beamte vom Hausherrn sich die Versicherung geben -ließ, daß die Fenster unseres Zimmers vergittert wären und -auch sonst eine Möglichkeit des Entkommens nicht denkbar -sei, durfte ich ins Zimmer zurücktreten. Die Türe hinter -mir legte ich ins Schloß, zündete Licht an und weckte den -Freund. – Johannes, sagte ich, du sollst aufstehen, es fragt -jemand nach dir. Er war sonst keiner von denen, die sich -schnell aus dem Schlafe aufzuraffen vermögen, aber jetzt -schießt er empor, und wie ich ihm die Art des nächtlichen<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span> -Besuches andeute, wird er blaß. – Johannes, um des Himmels -willen, was ist das? frage ich. – Du siehst es ja, -antwortet er ganz heiser. Hierauf stürzt er in den Winkel -hinter meinen Schrank, reißt etwas aus der Tasche seines -Rockes, kauert sich nieder, wimmert, wehrt mit der Hand -mich, den Hinzueilenden, ab und schleudert endlich den Revolver -von sich. Ich hebe die Waffe auf und sage heftig: -Was hast du getan? – Er fällt mir um den Hals: Hilf -mir, Freund, es ist alles aus. Schulden, Spielschulden. -Meine Ehre! Die Ehre mußte ich retten. Geld unterschlagen. -– Ohnmächtig muß ich geworden sein in dem Augenblicke, -denn als ich mich finde, ist er angezogen und macht sich -bereit. An der Tür pocht es ungeduldig. – Noch einen -Augenblick, bitte ich! ist mein Ruf, dann zum Freunde: -Johannes, so gehst du nicht fort. In dieser Begleitung -nicht! – Dann rette mich, sagt er und blickt hilfesuchend -um sich. – Du hast in deinem Amte Geld veruntreut? -sage ich und es kocht in mir, wild, rasend wild ein unbeschreiblicher -Aufruhr, da, <em class="gesperrt">das ist deine Rettung</em>! und -drücke ihm den Revolver in die Hand. Er schaudert zurück -und lacht hohl auf: das habe ich ja auch so gemeint. Seit -einem Jahre trage ich ihn bei mir in der Tasche. Wenn's -zum äußersten kommt, einen Fingerdruck. Und jetzt, <em class="gesperrt">jetzt -fehlt mir der Mut</em>! O, zertritt mich, die feige Bestie, -speie mich an! Auf den Schuß habe ich gerechnet, für den -schlimmsten Fall, mitten in Lust und Freuden habe ich auf -den Schuß gerechnet, und jetzt fehlt mir dazu der Mut! hast -du ein solches Scheusal schon gesehen? – Als er so ruft, -mir geht's durch alle Glieder. Schreck, Zorn, Mitleid gräbt -in mir. Ich presse seine Faust zusammen, daß ihm die -Waffe nicht entfallen kann. Bebend an allen Gliedern, -schluchzend bitte ich ihn: Freund, geliebter, einziger Freund,<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span> -verlasse dich selber nicht zu dieser Stunde. Sühne deine -Schuld, rette deine Ehre, ich beschwöre dich! Du kannst nicht -mehr weiterleben, du <em class="gesperrt">kannst</em> nicht, Johannes, du bist ehrlos, -verloren! Rette dich! Nur einen Funken Wille, nur einen -Funken! Schließe die Augen, denke nichts, denke, es ist ein -Traum, drücke los! Du mußt, Johannes, du <em class="gesperrt">mußt</em>! – Ich -kann nicht! stöhnt er. O Gott, ich kann nicht, ich kann nicht! -– Draußen machen sie bereits Anstalt die Tür einzubrechen. -Mein einziger, mein liebster Mensch! flehe ich, bei allem, was -uns heilig war auf dieser Welt, laß dich nicht forttreiben wie -einen gemeinen Dieb. Mach ein Ende! Ich zwinge dich! -– Er will den Revolver auf den Boden fallen lassen, ich -drücke ihn zurück in seine Hand, will die Mündung gegen -ihn wenden, seinen Finger krümmen auf den Hahn – wir -ringen, die Tür kracht unter dem Zwängeisen. Wir ringen -heiß, da knallt der Schuß, und Johannes sinkt zu Boden. -– Die Ehre ist gerettet! Ich habe mein Wort gehalten! -denn ich – ich habe losgedrückt! Ich habe ihn erschossen. -Die Kugel drang unter dem Kiefer hinein nahe an der -Narbe, die er bei jenem Duell meinetwegen davongetragen. -Kaum es geschehen ist, stürzen sie zur zertrümmerten Tür -herein. – Zu spät, sage ich, er hat sich erschossen! Ich habe -vergebens mit ihm gerungen um den Revolver. – Dann -haben sie ihn in die Totenkammer getragen. – Und ich, -wie ich allein bin und vor mir die Blutlache sehe, da schreit -es in mir: Was hast du getan? der Ehre wegen ein Mörder, -ein Lügner geworden! Welcher Ehre wegen! Sage, verdammter -Wicht, was entehrt denn? Entehrt das Stehlen -anvertrauter Gelder, oder entehrt erst der Gendarm? Nicht -was dein Gewissen sagt, ist dir die Hauptsache, sondern -was die Leute sagen! Von solcher Art ist die »Ehre«, der -du bisher alles geopfert hast, deine Zeit, dein Studium,<span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span> -deine Begeisterung, deinen Freund, deine Seele. – Also -rief es in mir, aber dieser Ehrbegriff, dieser verfluchte Ehrgeiz -war noch nicht tot in mir, er rang mit meinem Gewissen, -wie ich vorher mit dem Freunde gerungen. Du -mußt dich als seinen Mörder nennen und deine Strafe -leiden, mahnte das Gewissen. – O Schande! Schande! rief -der Ehrgeiz, ein Meuchelmörder, ein Lügner, ein Schurke -zu sein! – Höllische Pein litt ich in jenen Tagen. Dann -ward mein Freund von Professoren zerschnitten, daß sie -die Ursache seiner Tat fänden. In einer Anwandlung von -Geistesverwirrung, sagten sie. Dann ward mein Freund -hinausgetragen hinter das Lazarett und unter der Mauer -eingescharrt. Als ich seine alten, nun ganz verlassenen Eltern -sah, und wie die Mutter an seiner Grube zusammensank und -sein Vater an der Krücke und mit weißem Haar fast stumpfsinnig -auf den Sarg starrte, da wußte ich, was zu tun war. -Ein Ausgleich wurde geschlossen zwischen meinem Ehrbegriff -und meinem Gewissen. Zur Stunde faßte ich den Entschluß, -mich nicht anzuzeigen, sondern mein Leben und Streben -denen zu widmen, welchen ich den Sohn geraubt habe. Und -erst wenn sie gestorben sein werden und meiner nicht mehr -bedürfen, dann will ich hingehen und mich dem Gerichte -stellen. Also schwur ich es, und das auszuführen war nun -meine Ehrensache. Es ist das eine andere Ehre und ein -anderer Ehrgeiz, mein Gewissen ist damit einverstanden. Mein -kleines Vermögen war erschöpft, den letzten Rest schickte -ich den Eltern meines Freundes. Ohne mein Studium -vollendet zu haben, trachtete ich nach einer Stellung, um -Brot zu erwerben. Endlich bekam ich die Schreiberstelle -hier beim Kreisgerichtsamte, und da ich nebenbei in freien -Stunden jüngeren Schülern Unterricht gab, so ward es mir -möglich, außer für meine persönlichen Bedürfnisse, für das<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span> -Greisenpaar zu sorgen. Unerträglich war es mir, wenn ich -gelobt wurde deswegen, daß meine Treue zum unglücklichen -Freunde so groß wäre. Es war, als ob man einen am -Galgen Baumelnden lobte, daß er es so hoch gebracht habe. -– Seine Eltern selbst lebten stumpfsinnig und freudlos -dahin und nahmen das, was ich ihnen geben konnte, als -das, was es ja auch ist, als etwas Selbstverständliches. -Mein Gewissen war nie zur Ruhe gekommen, und nur wenn -ich darbte, um den alten Leuten um so mehr schicken zu -können, wurde es für den Augenblick milder gestimmt. Trost -gab mir der Himmel auch an guten Menschen, die er mich -finden ließ, und es waren Anzeichen vorhanden, daß ich -einmal glücklich, sehr glücklich werden könnte. Aber ich durfte -das Glück nicht annehmen. Es war Ehrensache, ich durfte -es nicht annehmen. So unausstehlich, so häßlich war ich -mir geworden, daß ich fast mit Lust und Gier die Buße -trug, um mich einst selbst wieder achten zu können. Nach -fremder Achtung, nach fremder Leute Meinung über -mich hörte ich nicht mehr aus, für solche Ehre bin ich -unempfindlich geworden. – Das alles sage ich zu meiner -Verteidigung, damit man sehe, wie es mir Ernst war. -– Nun sind die zwei alten Leute gestorben. Ich habe -keine Verpflichtung mehr. Und nun ist es an der Zeit, -meine Tat einzubekennen und mich dem Urteile der Gerechtigkeit -zu übergeben.«</p> - -<p>Max Seelader schwieg.</p> - -<p>Die Richter blickten einander an. Ein solcher Fall war -ihnen noch nicht vorgekommen. Zum Glücke brauchten sie -darüber nicht abzuurteilen. Feucht waren des Kreisrichters -Augen, als er aufstand, dem jungen, jetzt auf seinem Platze -schier zusammengeknickten Menschen die Hand auf die Achsel -legte und sprach: »Haben Sie noch etwas zu bestellen, so<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span> -tun Sie es. Ich will dann mit Ihnen zum Landesgerichte -fahren. Ihre Geschichte gehört vor die Geschwornen.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Über Max Seelader findet demnächst im Landesgerichte -die Hauptverhandlung statt. Lieber Leser, solltest du dabei -einer der Geschworenen sein – welches Urteil würdest du -fällen?</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Vierzehnte">Die Vierzehnte.</h2> -</div> - -<p class="drop">Am Freitag bin ich also nicht abgereist zum Karneval -in die Stadt.</p> - -<p>»Reise Samstag früh,« hatte meine Mutter vorgeschlagen, -und so reiste ich Samstag früh. Ich bin nicht abergläubisch, -aber wenn man bei Unglücksfällen nachdenkt: -fast allemal sind Vorzeichen nachzuweisen, die mit den Ursachen -in geheimnisvollem Zusammenhange stehen.</p> - -<p>Ich reiste Samstag früh und war zu Mittag in der -Stadt. Daß ich im Gedränge des Bahnhofes mit dem Rockknopf -an der weißen Schnur eines <em class="antiqua">pompe funèbre</em>-Mannes -hängen blieb, war mir für den Augenblick ärgerlich. Was -hat dieser Mensch auf dem Bahnhofe zu tun? Ein Bahnhof -ist keine Leichenhalle, außer, wenn mit dem Zuge ein -Toter ankommt, was, wie ich später erfuhr, damals allerdings -der Fall gewesen. Ich war mit einem Toten auf -den Karneval gereist! Ich bin nicht abergläubisch, aber den -Knopf trennte ich mir selbstverständlich sofort vom Tuche.</p> - -<p>Im Hotel nahm ich zwei gassenseitige fein möblierte -Zimmer; es ist zwar auf eine besondere Häuslichkeit nicht -zu rechnen, wenn man Welt sehen will, aber wohnen will -man doch auch. Man erhält Besuche, und selbst wenn's -nur für den Friseur wäre – stets das Dekorum, sage ich, -gegen jedermann das Dekorum.</p> - -<p>In bezug auf Salonanzüge, die ich mir sofort verschaffen -mußte, wies man mich in das große Kleidermagazin -»zum Uhu«. Ein Ballkleidermagazin »zum Uhu!« -Ich bitte Sie! Abergläubische Leute müßte das Schild schon -in vorhinein zurückschrecken; ich ärgerte mich bloß über die -Geschmacklosigkeit und wählte ein anderes Geschäft.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span></p> - -<p>Theater, Museen, Konzerte – Fastenkost, nichts als -Fastenkost. Tanzen, springen, rasen, leben! Die Leute sind -sozusagen lebendig und wissen doch nicht, was leben heißt. -Mit den Elitebällen wollte ich den Anfang machen, abwärts -geht's leicht und nach der Mahlzeit, bildlich gesprochen, wo -man etwas pikanten Käse liebt, nehme ich noch etwas »Orpheum« -oder »Elysium« usw.</p> - -<p>Am zweiten Tage erhielt ich Einladung in ein bekanntes -Haus zum Diner. Ich bin im ganzen nicht für -häusliche Zirkel hierhergekommen, derlei kultiviert man auf -dem Lande zur Genüge. Doch, einmal kann man ja annehmen.</p> - -<p>In der Familie waren – wie ich wußte – ein paar -hübsche Kinder von achtzehn aufwärts. Vortrefflich, das -weiht in die Gesellschaft, in die Verhältnisse des diesjährigen -Faschings ein. Man lernt das Feld kennen, auf dem man -siegen will und wird. Ich dekorierte mich mit einer Rosenknospe, -die ich ins Knopfloch steckte, und begab mich ins -Haus, in das ich geladen war. Am Eingangstore begegnete -mir eine alte Frau. Man braucht nicht abergläubisch -zu sein, um von einer solchen Begegnung an der Stufe eines -Hauses, in dem man sich unterhalten will, unangenehm -berührt zu werden. Ich kehrte um, fuhr noch ein paar -Straßen auf und ab, um dann das zweitemal ins Haus -zu treten.</p> - -<p>Der Empfang war überaus herzlich. Vor allem überraschte -mich die Wohnung. Man hat auf seinem Landgut -auch Komfort, aber <em class="gesperrt">diese</em> Eleganz – ich war überrascht! -Die Gesellschaft war nicht groß, aber glänzend, blendend – -reizende Mädchen darunter. Man ist nicht blöde; das Buch -vom »guten Ton in der Gesellschaft« hat man im Kopf, -man ist sattelfest in der Kunst des Tanzmeisters, in der<span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span> -Konversation, im Courmachen, kurz in allen ritterlichen -Fertigkeiten eines Löwen. Man geht zu Tische; mir schneit -der Zufall, nein, mein Glück, eine junge, entzückende Dame -an den Arm, die ich an ihren Sitzplatz führe. Die alten -Bekannten waren alsbald vertraulich; die sich bisher fremd -gewesen, verstanden sich und es entwickelte sich jene ungebundene -Munterkeit, die eine Gabe des Himmels ist, eine -seltene Gabe, die keiner dem andern spenden kann, wenn -sie nicht von selbst kommt. In feinen Kreisen kommt sie -von selbst. Es ist doch ein anderes Leben in der Stadt als -auf dem Dorfe. Alles so gebildet, so aufmerksam, so geistvoll! -Es geht nichts über die Stadt.</p> - -<p>Als wir im besten Schnabulieren waren – ich zertrennte -just ein Stück Filet du Boeuf und sann mir dabei -Artigkeiten aus, die ich meinen Beisitzerinnen sagen wollte -– sprang die Hausfrau von ihrem Sitze auf und ihr Blick -irrte schreckerfüllt über die Tischgesellschaft hin.</p> - -<p>»Was ist?« war meine Frage an die Nachbarin. Man -wird unruhig, auf allen Gesichtern Bestürzung. »Was ist -geschehen?« fragte ich.</p> - -<p>»Dreizehn!« hörte ich murmeln. »Dreizehn Personen -an der Tafel!«</p> - -<p>Alles sprang auf, aber die Hausfrau bat, daß man -sich beruhige und vorläufig wieder an die Plätze begebe, -damit das Unglaubliche nochmals untersucht werden könne.</p> - -<p>Wir setzten uns wie auf glühende Kohlen. Die Dame -des Hauses, die mir zur Linken saß, zählte von sich aus -links hin die Anwesenden – es waren genau dreizehn – -und ich war der dreizehnte.</p> - -<p>Ein frivoler Patron war da, der meinte ganz unverfroren, -er halte die Zahl dreizehn bei Tische nur in dem -einen Falle für fatal, wenn bloß für zwölf gekocht worden.<span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span> -Eine solche Bemerkung unter Gebildeten verdient, daß sie -einfach ignoriert werde – und das wurde sie.</p> - -<p>Hingegen rief die Hausfrau: »Unbegreiflich, es ist doch -für fünfzehn gedeckt!«</p> - -<p>Jetzt zählte meine schöne Nachbarin zur Rechten, indem -sie von sich aus nach rechts hin vorging, es waren ganz -genau dreizehn, und ich war der dreizehnte.</p> - -<p>Was war zu tun?</p> - -<p>Am ganzen Leibe zitternd, erbot ich mich, an einem -Extratischchen Platz nehmen zu wollen.</p> - -<p>»Na, das fehlte noch!« rief man.</p> - -<p>Allsogleich wurde ein Diener zu einer Frau Müller, -Apothekerswitwe im dritten Stock, geschickt:</p> - -<p>Ob Frau von Müller nicht das Vergnügen machen -wolle, heute bei uns zu speisen, dann möchte sie aber die -Güte haben, sofort.</p> - -<p>Der Bote kam zurück: Frau Müller wisse nicht wie -sie zur Ehre käme, sie danke verbindlichst, aber es sei ihr -momentan ganz unmöglich.</p> - -<p>»Das ist noch ein Glück,« bemerkte eine Tochter des -Hauses, »eine Apothekerin! Mama weiß nicht, wo sie den -Kopf hat.«</p> - -<p>»In der Tat,« sagte die Hausfrau, »es gibt Augenblicke -im Leben, wo man trotz allem die Geistesgegenwart -verlieren kann. Johann, gehen Sie ins Kinderzimmer, ich -lasse Fräulein Antonia ersuchen, sie möchte mit uns speisen, -aber sogleich!«</p> - -<p>Nach wenigen Augenblicken trat Fräulein Antonia ein, -ohne Festkleid, ohne Schmuck, ein junges, einfaches Wesen, -das geräuschlos am untersten Ende der Tafel Platz nahm. -Man beachtete sie nicht weiter und das Mahl nahm seinen -Fortgang. Da die natürliche Heiterkeit jedoch einmal gestört<span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span> -war, so mußte die gemachte dran, ist für den Notbedarf -auch nicht übel, weil man sie in der Stadt ganz leidlich zu -imitieren weiß. Ich konnte mich aus einer gewissen Beklommenheit -gar nicht mehr herausarbeiten. Die Anzeichen -für meinen Karneval spielten sich nicht gut. Ich war mit -meinem jungen Leben in die Stadtluft gesprungen, um – -der dreizehnte zu sein. – Wenn man nachdenkt, es trifft -immer zu – der dreizehnte an einer Tafel stirbt. Man -braucht darum nicht abergläubisch zu sein. – Doch es ist -ja vorbei, bei Tische sitzen vierzehn. Ich schaute verstohlen -zwischen Weinflaschen, kunstreichen Blumenvasen und silbernen -Obst- und Backwerkaufsätzen hin gegen das Fräulein -Antonia, das fast hilflos und unbemerkt unter den lauten, -rede- und eßgewandten Herrschaften dasaß.</p> - -<p>»In der Not frißt der Teufel Fliegen,« flüsterte meine -stets geistreiche Nachbarin zur Rechten.</p> - -<p>»Übrigens,« setzte die Hausfrau bei, um ihre Maßregel -doch auch noch zu entschuldigen, »es ist ein braves, -anständiges Mädchen, das ich erst vor wenigen Monaten -vom Lande bezog. Die Tochter eines kleineren Beamten, -die mir für meine jüngste Zucht empfohlen worden ist. Es -fehlt ihr noch Schick, wie Sie sehen, aber mein Gott, man -muß noch froh sein, heutzutage eine ehrliche und verläßliche -Person zu bekommen.«</p> - -<p>Wie ich aber so hinschaute auf das Mädchen, das mit -dem glattgekämmten braunen Haar still und bescheiden -zwischen den in aller Buntheit und mit allem Raffinement -aufgeputzten Frauen dasaß, ohne Befangenheit und Geziertheit -die Gabel handhabend und bisweilen mit ihrem großen -Auge ruhig und mild aufschaute, da kam mir der vertrackte -Gedanke: das wäre mir die liebste von allen.</p> - -<p>Man braucht darum nicht abergläubisch zu sein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span></p> - -<p>Bei dem Aufruhr, den der Champagner verursachte, -wollte das Mädchen heimlich sich davonmachen. Ich merkte es -und säumte nicht, mit meinem Glase zu ihr zu treten und -mit ihr anzustoßen.</p> - -<p>»Gegen die Lebensretterin muß man stets galant sein,« -hörte ich hinter mir sagen; das verletzte mich, ich weiß nicht -warum. Ich stieß mit dem Mädchen doppelt herzlich an -und schaute ihr ins Auge.</p> - -<p>Dann entschwand sie. –</p> - -<p>An den verschiedenen Vorzeichen war aber doch was. -Mir war der Fasching verdorben. Ich war überall dabei, -man kann sagen, ich machte Glück – aber mir fehlte das -Animo. Es war verrückt, ich dachte an die vierzehnte. Sie -war nirgends dabei, aber sie saß in meiner Seele, geradeso -hold und bescheiden, wie sie dort bei Tische gesessen. Das hat -man davon.</p> - -<p>»Bist du in einem Hause zur Mahlzeit geladen worden, -so mache einige Tage nach derselben in dem betreffenden -Hause eine Visite, gemeinhin die Verdauungsvisite genannt,« -so heißt es im »Buch vom guten Ton«. Mir wäre es lieb -gewesen, wenn der gute Ton zehn solche Visiten verlangt -hätte. Übrigens war ich in der Familie auch ohne Vorschrift -willkommen und die Töchter wurden von Tag zu -Tag liebenswürdiger. Aber das meinte ich nicht. Durch ihre -Vermittlung wurde ich zu Hausbällen geladen, wo sie vortanzten -und wo sie mich bei den Damenwahlen höchlich -auszeichneten. Aber das meinte ich nicht. Endlich luden -sie mich nochmals zum Speisen; ach, wie hätte ich gewünscht, -daß wir wieder dreizehn zu Tische säßen! Doch es waren -unser bloß fünf Personen. – »Der engste Familienkreis,« -wie die Hausfrau so anmutend sagte. Aber das meinte ich -nicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span></p> - -<p>Ich machte die unmaßgebliche Bemerkung, daß in den -Familienkreis doch auch die kleineren Kinder gehörten. Die -Töchter erröteten über diese Bemerkung. Aber das meinte -ich nicht.</p> - -<p>Bei der nächsten Visite verfehlte ich beim Fortgehen -in meiner Gedankenlosigkeit die richtige Tür und stand plötzlich -im Kindszimmer. Mitten unter den fröhlichen Kleinen -– fröhlich mit ihnen – saß meine Vierzehnte.</p> - -<p>Ein halbes Jahr später habe ich sie aus demselben -Gemache geführt. Ein weißer Schleier umrahmte ihr liebes -Angesicht, ein Myrtenzweig lag auf ihrem Haar.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Diese Zeilen schreibe ich heute – am Vorabende unseres -silbernen Hochzeitstages. Tag für Tag sitzen wir zu <em class="gesperrt">dreizehn</em> -an unserem Tisch: Sie, ich und die elf Kinder. Man -braucht darum nicht abergläubisch zu sein: aber welch ein -Glück, so zu seinen dreizehn mitsammen zu speisen!</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Taubstumme">Der Taubstumme.</h2> -</div> - -<p class="drop">Das war an einem Wintertage. Ich fuhr von der -Hauptstadt mit dem Eilzuge in eine Provinzstadt -hinaus. Es war eine sechs Stunden lange, öde Fahrt. Die -dicht beeisten Fensterscheiben vermeinten weiß was zu verhüllen, -und wenn man sich an denselben ein Flecklein freihauchte -oder freikratzte, so sah man draußen den Nebel und -die bereiften Telegraphenstangen – sonst auch nichts. Ich -saß im Nichtraucherabteil zu vieren und, theoretisch genommen, -hätte es recht ergötzlich sein können, denn es waren -unser zwei Herren und zwei Damen. Aber du lieber Gott, -die Damen vertreten zusammen ein volles Jahrhundert -und der Herr kauerte tief in seinen Pelz vergraben und gab -kaum ein Lebenszeichen von sich.</p> - -<p>Schon als ich beim Einsteigen zufällig auf die Stiefelspitze -des männlichen Gegenübers getreten war, benützte ich -das sittige: Pardon! um gleich mit ein paar anzüglichen -Bemerkungen über das Zusammenpferchen und die Unbehaglichkeit -des Reisens im Winter ein Gespräch anzuknüpfen. -Der Mann schaute mich mit seinen großen Augen betrübt -an und hüllte sich schweigend in seinen Pelz.</p> - -<p>Hingegen griff das Jahrhundert, welches auch schon -fest saß, die Leine auf und gab der Mutmaßung lebhaften -Ausdruck, daß Nebenabteile sicherlich ganz leer sein würden, -daß aber die Herren Kondukteurs die nicht sehr löbliche Gepflogenheit -hätten, dieselben usw. Es herrscheten hier überhaupt -Unzukömmlichkeiten, die man auf ausländischen Bahnen -nicht usw. – Und wie eben die Unterhaltung im Gelaß -ähnlicherweise angeht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span></p> - -<p>Bei der Kartenvisitation fragte der Schaffner, ob wir -in N. <em class="antiqua">table d'hôte</em> zu speisen wünschten. Ich und ein halbes -Jahrhundert bejahten sofort, das andere halbe war stark -unentschieden und entschloß sich endlich für die Karte. Mein -Gegenüber, der apathische Mann im Pelz, schaute den -Schaffner jetzt fragend an, mit einem gewissen ängstlichen -Blick – ob hier etwas nicht in Ordnung sei, oder was der -Mann wolle?</p> - -<p>Dieser deutete uns noch durch ein Zeichen mit der -Hand an, daß mit dem Herrn im Pelze etwas nicht richtig -sei – und schloß dann das Abteil.</p> - -<p>»Man tut doch immerhin am besten, <em class="antiqua">table d'hôte</em> zu -speisen,« bemerkte ich hernach, um mit dem Herrn anzubinden, -»man wird dabei am raschesten bedient und das -Speisen <em class="antiqua">à la carte</em> bedeutet doch nur ein Gabelfrühstück im -Vergleich mit dem in der Regel guten und verhältnismäßig -reichhaltigen Mahle; die Preise unterscheiden sich nicht wesentlich.« -Als mein Gegenüber sah, daß ich zu ihm spreche, -deutete es durch eine klar zu verstehende Gebärde und durch -einen gröhlenden Ton an, daß es nicht höre und auch -nicht den Gebrauch der Sprache habe, und mummte sich – -da es in der Tat recht frostig war – noch tiefer in seinen -Pelz.</p> - -<p>»Also taubstumm!« murmelte ich.</p> - -<p>»Ach, der Arme!« – »Ach, der gute, arme Mann!« -hauchten die beiden Frauen und schenkten ihm einen Blick, -der überreich war an Teilnahme und Wärme.</p> - -<p>Der Bedauernswürdige war ein noch jugendlicher -hübscher Kopf mit schwarzem Schnurrbärtchen und blassen -Wangen, eine jener interessanten Typen, in denen sich -Schönheit und Schmerz so rührend vermählt hat. Meist -schloß er die Augen, und dann war es freilich nur mehr<span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span> -der Tastsinn allein, durch welchen er mit der Außenwelt -zusammenhing. Aber er tastete nicht.</p> - -<p>»Ein so hübscher, feiner Kopf!« meinte die eine der -Frauen.</p> - -<p>»Und reist allein!«</p> - -<p>»Wie weit er wohl reisen mag?«</p> - -<p>»Nach G., soviel ich früher an seinem Billett sah.«</p> - -<p>»Für den Notfall kann ich ihm auf dem dortigen -Bahnhofe behilflich sein,« war meine Bemerkung, »denn -auch ich fahre bis G.«</p> - -<p>Nun war ein reeller Gesprächstoff gegeben. Wir besprachen -das traurige Geschick der Taubstummen und ich -kam mit dem Jahrhundert bald darüber in Zwiespalt, was -vorzuziehen sei, taubstumm oder blind sein. Ich entschied -mich gewiß ganz unbedacht für das Taubstumme, denn das -Gesicht geht mir über alles. Meine Seele sitzt im Auge, -mir liegt die Schönheit der Welt im Lichte, in der Farbe. -Des Menschen Wort ist mir entbehrlich, genug, wenn ich -seinen Blick sehe. Was ich zu sagen habe, ist wenig; auch -ist mein Wort als das des Fremden den meisten gleichgültig, -jeder hört sich selbst am liebsten. Und was durch mein -Auge einzieht, das bringt genug Stoff für ein reiches, -inneres Leben und ich bleibe gesammelt, bleibe Eins mit -mir. Zum Auge kann viel weniger Jammer eingehen als -zum Ohre, und mit dem Auge kann ich viel weniger Unrecht -tun als mit der Zunge. So bleibt der Taubstumme -glücklicher und besser, als etwa der Blinde.</p> - -<p>»Aber bedenken Sie doch, bester Herr!« so drang jetzt -das ganze Jahrhundert auf mich ein und führte gegen meine -Ansicht die gewichtigsten Gründe ins Treffen. Durch das -Gehör komme alle Lehre und Erziehung in den Menschen, -und so wie sich ohne Gehör die Sprache nicht bilden könne,<span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span> -so blieben auch alle anderen Sinne zurück und man werde -nicht sagen können, daß der Taubstumme um so besser sehe, -während man vom Blinden wisse, daß er in der Regel ein -schärferes Gehörorgan und einen ausgebildeteren Tastsinn -habe, als der Sehende. Der Blinde führe ein reicheres und -schöneres Geistesleben, während der Taubstumme zumeist -stumpfsinnig, verschlagen, mißtrauisch und unzufrieden sei.</p> - -<p>Ich bekam nachgerade Respekt vor den beiden Frauen. -»Und bedenken Sie,« fuhr die eine fort, »von der Musik, -die den höchsten Rang in der Kunst einnimmt, die bildend -und veredelnd bis in die Seele dringt, von der Musik gar -nichts zu haben!«</p> - -<p>»Ein ganzes langes Leben ohne Vogelsang!« gab die -andere zu bedenken.</p> - -<p>»Ein Leben ohne Strauß!« rief die eine.</p> - -<p>»Singt der Strauß?« fragte die andere.</p> - -<p>»Nein, aber er geigt.«</p> - -<p>»Ah so, der Wiener Strauß.«</p> - -<p>»Und was in der Menschenkehle steckt!« rief die eine. -»Ach: wenn ich daran denke! Gestern war ich in der Oper, -in Lohengrin.«</p> - -<p>»Wildmann soll wunderbar gesungen haben.«</p> - -<p>»Unvergleichlich! Unvergleichlich! sage ich. Bei dem -überfülltem Hause war es mir mit Mühe und Protektion -gelungen, einen Galeriesitz zu gewinnen, von dem aus -ich kaum auf die Bühne sehen konnte. Ich war trotzdem -glücklich, und bei diesem Gesang, ich gestehe es, daß ich ein -wahres Gebet tat: O Gott, ich danke dir für seine Stimme, -ich danke dir für mein Ohr!«</p> - -<p>Mit heller Begeisterung sprach sie's; dem Taubstummen -mußten unsere lebhaften Mienen auffallen, er schaute der -Dame, ich möchte sagen, wortdurstig auf den Mund, als<span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span> -hätte er's denken können: Ich verlangte Opern nicht, wenn -ich nur die Worte der Menschen hören könnte! –</p> - -<p>Ein seltsames Mitleid erfaßte mich für den armen -Mann und die Dame setzte bei:</p> - -<p>»Wie das traurig ist! Sterben zu müssen, ohne Wagner -gehört zu haben!« –</p> - -<p>In N. angelangt, wollte ich meinem stummen Nachbar -etwas zu essen verschaffen, aber er sprang selbst <span id="corr171">auf</span>, nahm am -Schänktisch Schinken und Bier, warf dafür den Betrag hin, -setzte sich wieder ins Abteil und vermummte sich in den Pelz.</p> - -<p>»Er weiß sich doch zu helfen,« sagte eine der Frauen.</p> - -<p>»In den Taubstummen-Instituten genießen solche Leute -heutzutage ja eine beinahe vollkommene Ausbildung.«</p> - -<p>Und sie hielten der Humanität ihres Jahrhunderts eine -gebührende Lobrede.</p> - -<p>»Ein wunderschöner Mensch!« hauchte eine der Frauen, -in das Anschauen des Unglücklichen versunken.</p> - -<p>Dann war davon die Rede, ob er etwa gar verheiratet -sei, oder ob Taubstumme überhaupt heiraten dürften; ein -gesundes Mädchen; ob sich der Zustand auch auf die Kinder -fortpflanze.</p> - -<p>»Bleiben natürlich nur auf <em class="gesperrt">einem</em> Ohre taub,« war -eine Ansicht.</p> - -<p>»Und stumm nur die Knaben,« gab ich zu, »bei Frauen -ist überhaupt dieser Mangel schwer zu denken.«</p> - -<p>So spielte sich das Gespräch, dann kam anderes dazwischen, -auch jene Müdigkeit, der bei längerer Fahrt jeder -Reisende, er mag anfangs auch noch so frisch gewesen sein, -anheimfällt. Schien es doch, als hätte uns der Taubstumme -angesteckt, bis wir endlich um die Abenddämmerung in den -Bahnhof von G. einfuhren.</p> - -<p>Das Jahrhundert reiste, nachdem ich mich recht artig<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span> -von ihm verabschiedet hatte, weiter; ich suchte dem aussteigenden -Taubstummen behilflich zu sein, dieser war dann -in der Menschenmenge rasch verschwunden.</p> - -<p>Ich hielt mich in G. mehrere Tage auf, doch bekam ich -den Reisegenossen nicht mehr zu sehen und ich vergaß auch -bald der kleinen Gesellschaft im Gelaß. Dachte selbst nicht -an die schönen Aussprüche der einen Dame über den Sinn -des Gehörs und über die Musik, als ich eines Abends ins -Theater zur Oper »Aïda« ging. Diese meine Lieblingsoper -hatte ich schon in verschiedenen Ländern gehört, wozu -ich noch bemerken will, daß mich gerade die italienische Aufführung -im Vaterlande des Komponisten am wenigsten -befriedigte. Diese überaus ergreifende und originelle Musik -wollte mir in dem hüpfenden Tempo des Welschen nicht -behagen; selbst Meister Verdi soll sie erst in der getragenen -Weise der Deutschen recht liebgewonnen haben.</p> - -<p>Als weiteres Motiv meines Theaterbesuches war der -Opernsänger Wildmann, der eben in G. gastierte. Ich hatte -meinen Platz im zweiten Parterre, und als der Vorhang -aufging, war ich sowohl von der geschmackvollen Ausstattung -als auch von der guten Besetzung der Oper an dieser -Provinzialbühne angenehm überrascht. Wildmann als Radames -wurde mit einem wahren Beifallssturme begrüßt und -als ich – es war das erstemal – seinen in der Tat herrlichen -Tenor hörte, mußte ich des wunderlichen Ausspruches -gedenken: O Gott, ich danke dir für mein Ohr! – Doch, die -Züge des Sängers! Die ganze Gestalt – wo war ich der -schon begegnet? Ich wurde unruhig, ich bohrte meine Augen -mit aller Anstrengung in das Opernglas, und im ersten -Zwischenakte tauschte ich meinen Platz für einen des ersten -Parterres um, daß ich noch besser sehen könne.</p> - -<p>Hier sah ich's denn auch noch besser. Und sah es:<span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span> -der berühmte Opernsänger Wildmann war niemand anderer, -als mein Taubstummer vom Eisenbahnzug.</p> - -<p>War's möglich? Das weiß ich nicht, aber es war. -Auf der Bühne geht ja oft genug das Unmöglichste vor – -doch was sollte einer gerade mit dieser Maske bezwecken? -Sonnenklar war's mir bald: nicht hier, nein, dort im Gelaß -hatte er Komödie gespielt. Doch warum? Für den Kunstgenuß -war mir der Abend verdorben. Wildmann sang hinreißend, -und er riß das Publikum zum rasenden Beifall -hin – aber mich wurmte der Taubstumme. Dieser Taubstumme, -der das feinste Gehör hatte im ganzen Reiche, -und die herrlichste Stimme!</p> - -<p>Kaum daß das Sterbelied der Eingemauerten verklungen -war, eilte ich auf die Bühne, ich mußte den Mann -sprechen, ich mußte ihn sprechen hören zu mir, mir gegenüber -in nächster Nähe. Ich mußte ihm meine Freude zujubeln -darüber, daß er nicht taubstumm war.</p> - -<p>Der Regisseur sagte mir, Herrn Wildmann würde ich -nach dem Theater im »Hotel Dachstein« finden. Ich ging -ins genannte Hotel, in dessen Silbersalon die Künstler, -Schriftsteller und anderen Schöngeister von G. sich einzufinden -pflegen. Da saß nun auch bald inmitten einer munteren -Gesellschaft mein Opernsänger und war der munterste -von allen.</p> - -<p>Ich saß abseits an einem Tische und beobachtete mir -das laute, lustige Treiben des Theatervölkleins, in welchem -jeder und jede so voll Geisteselektrizität war, daß während -des Klapperns mit Messer und Gabel, während des Gläseranstoßens -mit schäumendem Weine die Funken des Witzes wie -lebhaftes Kleingewehrfeuer hin und wieder über den Tisch -sprangen.</p> - -<p>Endlich – als sich die Gesellschaft im Saale ein wenig<span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span> -zu lichten begann und auch von den Theaterleuten sich einige -verabschiedet hatten – stand ich auf, trat zum Künstlertisch, -nannte meinen Namen und bat in höflicher Weise, ob ich es -wohl wagen dürfe, mich für den Rest des Abends dem glänzenden -Kreise einzureihen, wie ein Glaskrystall unter Diamanten.</p> - -<p>Ich sei willkommen, sagten einige ziemlich gelassen und -rückten mit den Stühlen. Herr Wildmann aber rief: »Der -Tausend, das ist ja mein Reisegefährte!«</p> - -<p>»So ist es,« sagte ich mich verneigend.</p> - -<p>»Dann habe ich mich gefaßt zu machen auf einen Angriff,« -lachte der Sänger.</p> - -<p>»Allerdings beabsichtige ich etwas, was mir damals -nicht gelungen ist, nämlich Sie zur Rede zu stellen. Es freut -mich, Herr, es freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen, -und ich bewundere den ausgemachten Schauspieler, der in -Ihnen steckt.«</p> - -<p>»Ja,« sagte Herr Wildmann lustig, »man verlangt -von den Opernsängern eben, daß sie auch ein wenig Schauspieler -seien.«</p> - -<p>»Diese Verstellung! Dieser betrübte Blick zum Beispiel, -als ich damals ins Abteil stieg!«</p> - -<p>»Erklärlich auch ohne Verstellung. Sie sind mir nämlich -auf das Hühnerauge getreten.«</p> - -<p>Die Gesellschaft war aufmerksam geworden und wußte -bald, um was es sich handle, und sie lachte.</p> - -<p>»Wir haben Sie in der Tat für einen Taubstummen -gehalten,« sagte ich.</p> - -<p>»Ich weiß es,« lachte der Opernsänger, »ist aber -Ihre Schuld, oder hätte ich Ihnen gesagt, daß ich's bin! -Übrigens – Prosit!« Er schob mir ein perlendes Stengelglas -zu: »Prosit!«</p> - -<p>»Übrigens,« fuhr er dann fort, »daß ich nicht allein<span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span> -<em class="gesperrt">spreche</em>, sondern daß ich Ihnen auch Wahrheit sage! Ich -habe es auf meinen häufigen Eisenbahnfahrten darauf abgesehen, -für taubstumm gehalten zu werden. Erkennt man -mich nicht und gelingt es mir, die Mitreisenden zu täuschen, -so erwachsen mir aus meiner taubstummen Rolle unschätzbare -Vorteile. Erstens schone ich meine Stimme, die unter dem -steten Gepolter des Zuges nicht gewinnen würde, zweitens -vernehme ich manches lehrreiche Gespräch, das man sonst -in seinem Leben nicht wieder zu hören bekäme, köstliche Bemerkungen -über die gehörlose Person, mitunter auch die -freimütigsten Urteile über Theater und Oper und über den -Sänger Wildmann, wie das eben auch bei unserer gemeinsamen -Fahrt der Fall war. Allerdings kann man dabei auch -Dinge zu hören bekommen, bei denen man nur herzlich bedauert, -nicht wirklich taubstumm zu sein. Ich schmeichle mir, -einige Menschenkenntnis zu besitzen, die mir wahrscheinlich -länger treu bleiben wird als meine Stimme und aus der -ich noch einmal Kapital zu schlagen gedenke. Wem verdanke ich -sie? Den Stunden, da ich schwieg und scheinbar nicht hörte.«</p> - -<p>»Vielleicht werde ich es Ihnen nachmachen,« war meine -Bemerkung.</p> - -<p>»Sie sind auch Künstler,« sagte er, »versuchen Sie's. -Wohl dürften Sie ruhig bleiben, wenn man Ihre Bilder -lästert; aber wenn man dieselben mit Enthusiasmus preist, -und es kommt kein Glanz in Ihr Auge, dann erst sind Sie -Meister der Verstellungskunst. Versuchen Sie's, es ist nicht -leicht.« – –</p> - -<p>Der Sänger und der Maler wurden an demselben -Abende Freunde zu einander und verlebten mitsammen noch -eine köstlich heitere Stunde, bis es ersterer endlich an der -Zeit fand, die Kammer zu suchen und sieben Stunden lang -wirklich taubstumm zu sein.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span></p> - -<h2 id="Hauptmann_Fortner_und_seine_Frau">Hauptmann Fortner und seine Frau.</h2> -</div> - -<p class="drop">Hauptmann Fortner besaß so ziemlich alles, was Glück -genannt wird unter den Menschen. Er hatte – -und das sage ich voraus – ein lebensfrohes und naturfreudiges -Herz. Sein Name war umleuchtet vom Glanze einer -Heldentat. Er erfreute sich an einem schönen Weibe, an -einem frischen, aufgeweckten Kinde. Nur eine Kleinigkeit -fehlte ihm, die aber nötig ist, um dem Leben so recht nachlaufen -zu können: anstatt des rechten bluteigenen Beines -hatte er einen hölzernen Stelzfuß. Freilich war er auf dieses -Stück Birkenholz stolzer als auf alle seine übrigen Glieder -zusammen. Bei der Erstürmung von Serajewo hatte er den -Fuß verloren und den Heldenglanz gewonnen. Aber dieses -empfindungslose Stück Birkenholz schmerzte ihn mehr als -alle übrigen Glieder zusammen, und es waren doch etliche -darunter, die häufig durchzuckt wurden von rheumatischer -Erinnerung an Bosnien. Das hölzerne Bein hatte ihn verdammt -zum Ruhestand in jungen Jahren, die härteste Verdammnis, -welche ein Soldatenherz zu treffen vermag.</p> - -<p>Doch mochte Hauptmann Fortner deswegen mit dem -Schicksale nicht viel hadern. Er hatte sein Opfer redlich -gebracht, und sein im Grunde weiches, friedliebendes Gemüt -bequemte sich zum beschaulichen Pensionistenleben. Die -Winterszeit in der Stadt war gerade nicht nach seinem -Sinne. Er ging zwar auf Stelzfuß und Krücke wacker spazieren -– denn Stubenhocken, das war seine Sache nicht – -aber die mitleidigen Blicke waren ihm zuwider, und er ließ -seinen Schnurrbart so martialisch auswachsen und schaute<span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span> -so scharf und finster drein, daß seine kampflustige Miene -die mitleidigen Herzen zurückschreckte. Anders war es im -Sommer, wo er mit seiner kleinen Familie auf einem Dorfe -zu wohnen pflegte, in einem weiten Talkessel, der mit schönen -Bergen und dunkelnden Wäldern umgeben war. Da konnte -er sich erfreuen an den Verrichtungen fleißiger Arbeiter, -denen er oft stundenlang vergnüglich zusah, konnte sich ergötzen -an der landschaftlichen Natur, zu der er Jahr für Jahr -größere Neigung empfand.</p> - -<p>Seine Frau Emma harmonierte in all diesen Dingen -lange Zeit ganz mit ihm, nur daß ihre gesunden Glieder -noch weiter ausholen wollten und konnten. An den zahmen -Spaziergängen durch Wald und Wiese fand sie nicht Genügen; -mit zweien ihrer Brüder hatte sie einst eine Hochgebirgswander -gemacht, und die ging ihr nicht mehr aus dem -Sinn. Da sie ihren Knaben in der Pflege einer verläßlichen -Kindsfrau wußte, so versäumte sie keine Gelegenheit, um -sich Gruppen anzuschließen, die auf einen oder den anderen -Berg stiegen, wie solche sich im Hintergrunde des grünen -Gaues gewaltig erhoben. Sie sei verliebt in die hohen Berge! -so sagte sie selbst, weil eine Frau alles, was ihr gefällt, mit -der Liebe zusammenspannt. Der Hauptmann schaute manchmal -der wohlausgerüsteten munteren Gesellschaft ein wenig -betrübt nach. Das Herz tat ihm weh darob, daß er keinen -der ins Land hinausleuchtenden Alpengipfel mehr erreichen -konnte, und es tat ihm weh, daß – doch genug der Wehmut -für einen Soldaten! Sie ist tapfer und kommt ihm wohlbehalten -wieder zurück.</p> - -<p>Also geschah es eines Tages, daß ein Bruder von Frau -Emma, der Reserveleutnant war, einige junge Leute mitbrachte -aus der Stadt in das Dorf; unternehmungslustige -Studenten. Sie wurden natürlich dem Herrn Hauptmann<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span> -Fortner und seiner jugendlichen Frau Gemahlin vorgestellt -und von diesen eingeladen zum Kaffee. Bei dem Kaffee entstand -der Plan zu einer Besteigung des Hochschwab. Allgemeiner -Jubel; nur der Hauptmann schwieg und dachte: -Mußt dich eben begnügen damit, andere in Bergeslust zu -wissen. Am Abende desselben Tages, während seine Frau -ihm wie gewöhnlich das Rauchzeug zurecht tat, stülpte sie -ihren weichen Arm ganz leicht auf seine Schulter: »Nicht -wahr, lieber Mann, du hast nichts dagegen, wenn ich morgen -mit von der Partie bin?«</p> - -<p>»Wohin?« fragte er rasch.</p> - -<p>»Die auf den Hochschwab geht. Gelt, dir ist es -recht?«</p> - -<p>Der Hauptmann stopfte seine Pfeife und sagte nichts. -Ihm war zumute, als ob ihm jetzt etwas sehr Unangenehmes -passiert wäre, und er konnte oder mochte sich doch keine Erklärung -geben, weshalb er seine Frau nicht mit der Partie -wissen wollte. Sie hat ja recht, hat zwei gesunde Füße -und die Berge sind ihre Freude. Warum nicht? Der -kleine Fritz zu Hause ist geborgen und versorgt. Allein …</p> - -<p>»Wirst du dich denn auch unterhalten mit den weltfremden -Leuten?« fragte er sie fast zärtlich.</p> - -<p>»Die werden mich wenig kümmern,« antwortete die -Frau, »ich gehe nur mit meinem Bruder Hans. Und am -Abende, sagen sie, können wir wieder zurück sein.«</p> - -<p>»Es wird etwas spät werden,« bemerkte der Hauptmann -kleinlaut. Weil sie betrübt war, daß er keine bestimmte Antwort -gab, sagte er endlich: »Ja, ja, Weibchen, wenn es dir -Vergnügen macht, gehe nur.«</p> - -<p>Am nächsten Morgen wollte er ihr noch Verhaltungsmaßregeln -sagen, denn für den Hochschwab kam sie ihm etwas -zart und unerfahren vor. Doch als er aufwachte, war sie<span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span> -längst schon fort und ihr leeres Bett hatte nur die herzige -Unordnung der verschobenen Decken und Kissen, in welchen -stellenweise noch der Eindruck ihres Körpers zu sehen war. -Schon um drei Uhr morgens, so erzählte die Kindsfrau, -wären die jungen Herren draußen gewesen, aber bevor sie -noch am Fenster klopften, sei die gnädige Frau flink und -leise aus dem Bette gesprungen und kurze Zeit darauf -schon vollkommen marschfertig mit ihnen gegangen. Im -Wirtshause wäre Tee gekocht worden und dann habe man -die Gesellschaft vom Waldschachen her, wo sie angestiegen, -noch munter lachen gehört. Es müßten lustige Leute dabei -sein, und über Studenten stehe einmal nichts auf.</p> - -<p>Als einst bei Serajewo der Arzt dem Hauptmann -Fortner mitgeteilt, daß er sich für alle Zukunft mit einem -einzigen Beine werde behelfen müssen, war ihm ein wenig -weh geworden ums Herz. Aber so nicht wie jetzt, so weh nicht -wie jetzt. Der Zeiger der Uhr stand auf sechs, noch fünfzehn -Stunden oder länger, bis sie wieder da sein wird. Mißmutig -suchte er sein Holzbein anzuschnallen, es wollte nicht recht -gehen, die Kindsfrau machte sich erbötig, ihm dabei zu helfen, -er wies sie fast unwirsch zurück zum Knaben und bediente sich -zur Not allein.</p> - -<p>Im Laufe desselben Vormittags, als der Hauptmann -unter der Linde saß, kam der Fleischerknecht mit dem großen -Hunde des Weges; ein Kalb wurde herangezerrt und gehetzt. -Der Hund sprang hinten drein, bald links, bald rechts, bellte -heftig und tat, als ob er dem Kalb in die Beine schnappen -wollte, so oft es sich weigerte zu gehen.</p> - -<p>»Mylord, setz ab!« rief der Bursche dem Treibhund zu; -da stellte dieser augenblicklich seine Arbeit ein und der -Fleischer band den lockergewordenen Strick sorgfältig um -den Hals des Tieres.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span></p> - -<p>»Die Schwabengeher werden schon hoch oben sein!« rief -er so nebenbei dem Hauptmann zu.</p> - -<p>»Hast du sie gesehen?«</p> - -<p>»Bei der zweiten Fölzbrücke sind sie mir begegnet,« -berichtete der Bursche, »sind ihrer aber nicht mehr alle. Der -Herr Leutnant hat in der Hütte zurückbleiben müssen.«</p> - -<p>»Mein Schwager?«</p> - -<p>»Hat sich beim Zaunstiegel den Fuß so stark verstaucht, -daß es aus war.«</p> - -<p>»Ist doch meine Frau bei ihm geblieben?« fragte der -Hauptmann.</p> - -<p>»Die Geißer-Gretel gibt ihm Umschläge.«</p> - -<p>»Und meine Frau?«</p> - -<p>»Sie werden jetzt schon hoch oben sein. – Na, vorwärts. -Pack an, Mylord!«</p> - -<p>Unter Gekläffe trappelte es weiter, und der Hauptmann -blieb an der Linde zurück. Aber er war aufgestanden. Vor -allem ließ er einen Wagen einspannen und fuhr zur Hütte in -der Fölz. Dem Herrn Leutnant ging's nicht am schlimmsten, -er war schon wieder davon, aber nicht auf den Hochschwab, -sondern, wie ein Halter schmunzelnd dartat, in die untere -Fölzsteinalm, wo die kraushaarige Geißer-Gretel ihre Ziegen -hütete.</p> - -<p>Im Herzen des Hauptmanns wütete ein heißer Zorn. -Er machte allen Ernstes den Versuch, das Gebirge hinanzuklettern, -es ging nicht. Er fuhr zurück ins breite Tal, und -auf einer Anhöhe stieg er aus und starrte hin in die Wände. -Die Wände waren hoch und ätherblau, die Spitze des Gebirges, -die weit dahinter lag, war nicht einmal seinem Auge -erreichbar. Wenn er an die Beschwerden dachte, die von -den Touristen etwa zu überwinden waren, als hartes Klettern, -Sonnenbrand, Durst, Sturm, Frost, Erschöpfung, da<span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span> -wurde ihm leicht und tröstlich; wenn er sich aber vorstellte, -wie sie auf grünen Matten rasteten, oder in Felsnischen -saßen, aßen, tranken, scherzten, da wollte er vergehen vor -Qual. Am Nachmittage suchte er bei seinem Kinde Linderung -des Gemütszustandes. Der Knabe war im dritten Lebensjahre -und trieb allerlei Ergötzlichkeit mit seinen hölzernen, -rot angestrichenen Türken, mit seinen kleinen Zehen, mit -des Vaters Schnurrbart und Nase, der Vater scherzte überlaut -mit dem Kinde, blickte dabei immerfort auf die Uhr, die -es heute so gar nicht vorwärts brachte.</p> - -<p>»Papa!« sagte der Kleine plötzlich, »werden die Studenten -Mama wieder zurückbringen?«</p> - -<p>Gegend Abend stand er immer nur am Fenster. So oft -er auf der Gasse Schritte oder einen Wagen hörte, steigerte -sich seine Spannung. Zum Nachtmahl bestellte er ihr Lieblingsgericht, -Forellen mit Artischocken. Es ward neun Uhr, -es ward zehn Uhr, sie kam nicht. Die Nacht war finster und -schwül, manchmal leuchtete ein matter Blitzschein auf. Der -Hauptmann legte sich zu Bette, aber als der Tag anbrach, -hatte er noch kein Auge geschlossen. Am Vormittage stellte -sich sein Schwager Hans ein, der sehr aufgeweckt war und versicherte, -daß sein Fehltritt über die Zaunstiegel sich schon -wieder bekehrt habe.</p> - -<p>»Zum Teufel, wer kümmert sich um deinen Fehltritt!« -rief der Hauptmann, »wo meine Frau ist, will ich wissen.«</p> - -<p>»Sind sie noch nicht da?« fragte der Leutnant überrascht. -»Also müssen sie in den Fölzerhütten übernachtet -haben.«</p> - -<p>»Mensch!« sagte der Hauptmann und umklammerte mit -ehernen Fingern den Arm des Schwagers, »Mensch, hast -du denn wirklich keinen Hauch einer Ahnung von dem, was -Frauenehre ist!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span></p> - -<p>»Mit solchen Begriffen, lieber Freund, plagt sie sich -selber nicht,« antwortete Schwager Hans. »Bei Hirtinnen -nimmt man's nicht so genau.«</p> - -<p>»Und was man so Ritterlichkeit nennt unter Brüdern,« -sagte der Hauptmann mit niedergedämpfter Wut. »Du hast -dich zum Begleiter meiner Frau, deiner Schwester, gemacht -und hast sie fremden jungen Männern überantwortet. Die -einzige Dame mit Studenten auf einer Bergpartie, in -Alpenhütten … Man muß Sägespäne im Kopfe -haben …«</p> - -<p>»Na, erlaube mir!« fuhr der Leutnant auf, »in diesem -Tone lasse ich von meiner Schwester nicht sprechen!«</p> - -<p>»Den Spieß umkehren! Auch gut!« rief der Hauptmann -seiner nicht mehr mächtig. »Kuppler!«</p> - -<p>Der Leutnant schoß auf dieses Wort wie von einer -Feder geschleudert in die Luft. In demselben Augenblicke -erhoben sich vor dem Hause fröhliche Stimmen. Die Touristen -waren da. Keine allzugroße Müdigkeit sah man ihnen -an, sie waren fröhlich und die junge Frau Hauptmännin -war trotz der Schäden, die sie an ihrer Kleidung trug, lustig -bis an die Grenze der Ausgelassenheit. Die jungen Herren -verabschiedeten sich vor der Tür von der Frau, die sie noch -an ein Versprechen erinnerte, bei einer nächsten Partie wieder -ihre Kameraden zu sein.</p> - -<p>Warum gehen sie heute nicht ins Haus, die jungen -Herren? Warum treten sie ihm heute nicht unter die Augen?</p> - -<p>Hauptmann Fortner hatte sich zurückgezogen auf seine -Stube, er hätte es gerne gesehen, wie sich seine Frau beim -Wiedersehen des Kindes benahm, er hätte gerne erfahren, ob -sie nicht Ungeduld habe, den Gatten zu begrüßen. Sie kam -aber nicht, sie zog in ihrem Gemache das zerfahrene Gewand -aus, sie zog einen Sonntagsstaat an und machte sorgfältig<span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span> -Putz. Endlich hielt er es nicht mehr aus, er trat bei ihr -ein und fragte kurz: »Was wird denn heute noch sein?«</p> - -<p>»Warum?« fragte sie, wie über seine Frage befremdet.</p> - -<p>»Bekommen wir Besuch, oder machst du welchen?«</p> - -<p>»Ah, du meinst, weil ich ein frisches Kleid angezogen -habe? Mein Gott, soll ich nicht mehr ein anständiges Gewand -am Leibe tragen?«</p> - -<p>Trotzig? Wie? Auch die dreht den Spieß um, dachte -der Hauptmann, aber das wird mich nicht irremachen.</p> - -<p>»Emma,« sagte er mit Aufwand aller Fassung, »du -scheinst von mir Vorwürfe zu befürchten, weil du mir mit -den deinen zuvorkommen willst.«</p> - -<p>Alsogleich richtete sie sich auf und fragte: »Wieso?«</p> - -<p>»Sei ganz unbesorgt,« entgegnete er, »Vorwürfe werde -ich dir nicht machen. Aber das wirst du dir merken: heute -bist du das letztemal mit fremden Leuten auf einer Landpartie -gewesen.«</p> - -<p>Sie blickte ihn betroffen an.</p> - -<p>»Außer in meiner Gesellschaft wirst du keinen Fuß mehr -in die Welt setzen.«</p> - -<p>»Deine Gefangene also,« entgegnete sie. »Es ist wohl -ein Verbrechen, auf den Berg zu steigen. Es geht zwar alles -hinauf, nur die Philister nicht. Und die Krüppel nicht. -Ich will mein junges Leben –«</p> - -<p>»Kein Wort mehr! – Du hast weder Takt noch –« -Er sprach das Wort nicht aus.</p> - -<p>Sie war still. Mit einer Handarbeit machte sie sich -zu schaffen.</p> - -<p>»Ich werde keine Landpartie mehr machen,« schluchzte -sie in ihr Spitzentuch hinein. »Ich will vergessen, was das -ist, auf einem Berg zu sein. Ich werde zu Hause bleiben. -Das werde ich tun, ich verspreche es.« Und sie weinte kläglich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span></p> - -<p>Er verließ ihr Zimmer, denn lange wäre es ihm nicht -möglich gewesen, fest zu bleiben. –</p> - -<p>Seit diesem Tage war es schon eine Weile her. Der -Schwager Hans hatte anfangs fast Duellgedanken gehegt, -sich endlich aber dafür entschieden, nicht mehr in das Haus -des Hauptmanns zu gehen, solange dieser ihn nicht ausdrücklich -zu sich bitte. Der Hauptmann bat ihn aber nicht -zu sich. Sein Verhältnis zur Frau war äußerlich wie früher. -Von der Alpenpartie war nicht ein Sterbenswörtchen mehr -gesprochen worden. Nur der Kindsfrau war eines Tages eine -anzügliche Bemerkung über die schönen Studenten entschlüpft, -das kostete ihr den Dienst. Der Hauptmann zahlte ihr auf -der Stelle den Monatslohn aus und sie war entlassen. Frau -Emma war seit jenem Tage in der Tat nicht hundert -Schritte vom Hause fortgegangen. Sie saß immer, auch beim -schönsten Sommersonnenschein, in ihrem Zimmer oder im -Hofraum neben dem Hühnerstall und stickte altdeutsche -Zieraten in Tisch- oder Bettwäsche.</p> - -<p>Anders der Hauptmann. Ob heller Sonnenschein den -weiten Talkessel füllte bis zum Überschäumen, oder ob schwere -Wolken über dem Tale lagen, wie ein eherner Deckel mit -Arabesken, den Hauptmann zog's hinaus. Mit mühseligem -Schritte ging's voran, aber sein Antlitz war erfüllt von -Naturfreude, und sein Auge war offen für alle Vorgänge -in Flur und Wald und Wasser und Stein und am hohen -Himmel. Dann saß er am Feldrain und blickte hinaus in -das Bergrund, dessen Linien mit einem Ätherhauche sanft -verschleiert waren, so daß die Felshäupter und Almkuppen -doppelt weit entfernt und doppelt hoch erschienen. Und der -Grund des Tales lag da wie ein Schachbrett mit den -durch graue Holzzäune geteilten Quadratchen seiner grasgrünen -Wiesen und strohgelben Felder; darauf die Figuren<span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span> -der Höfe und Baumgruppen und der alten Burg, die auf -einem Felskopfe stand. In der Sohle Tiefe lag eine weiße, -stellenweise breit auseinanderquellende Sandriesel, in der -sich jetzt ein winziges Bächlein schlängelte, fast verschmachtend -wie eine Forelle auf dem Trockenen. Der Hauptmann -freute sich an all der Augenweide, aber in seine Freude klang -leise, ganz leise ein Glöcklein des Schmerzes. – Dann -humpelte er durch das feuchte Dunkel des Waldes, wo der -Hauch der Germen und der Genzianen und der Zyklamen -war. Was das Herz frisch wurde mitten in diesem ungeheuren -Neste des Lebens! Doch, das Glöcklein in ihm klang -fort, leise, aber immer und immer. – Wäre ich nicht allein! -so quoll es einmal hervor zwischen seinen Lippen, denn im -Grunde erträgt ein reges Herz die Freude nicht weniger -schwer allein, als das Leid. Und die Natur, wenn sie in -ihrer allebendigen Stille unter uns, über uns daliegt, -um uns webt und leuchtet, eine ewige Harmonie der Kräfte -auf der Wage unendlicher Räume, nur zum kleinsten Teil -wahrgenommen, erfaßt von unseren Sinnen – sie wirkt -schier beklemmend auf die Seele. Unsere Glücksahnung und -Wohlempfindung darüber, daß wir ein Teilchen dieser vollkommenen, -unzerstörbaren, unendlichen Größe sind, wird -getrübt durch das Bewußtsein, daß es unmöglich ist, das -Ganze, zu dem wir gehören, zu überschauen und zu begreifen. -Uns beginnt zu bangen vor den allewigen Gewalten, so sehr -ihre Erscheinungen unsere Sinne auch entzücken mögen, und -wir fliehen zu geliebten Menschen, bergen unser zitterndes -Herz an einer fühlenden Brust.</p> - -<p>Etwas unstet stolperte unser Hauptmann dahin, wenn -solche Gedanken und Empfindungen ihn bewegten. Da war -es auch, daß er am See stand. Er setzte sich auf einen -stumpfkantigen Stein, der von der Felswand niedergebrochen<span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span> -war und schaute hin auf die glatte Tafel, die mittendurch -einen Sprung hatte, der eine Teil war der tiefschwarze -Spiegel des Fichtenwaldes, der andere des lichten Himmels. -Wie freundlich und wie kurz ist der Weg zu allen diesen -Schönheiten, und wie leicht ist er zu gehen; ein wahrer -Genuß für den, der gesunde Füße hat. Und doch ist niemand -da, und die Bäume und die Steine und die rieselnden Ufer -sind einsam, und der Mensch, der hier sitzt und hinausschaut -… Muß man denn immer voller Mühe und Gefahr -und anderen Args hoch hinaufsteigen ins tote Gestein? Ist -die Schönheit denn nicht am schönsten, wenn man mitten in -ihrem urheiligen Wehen und Weben steht? – Sie weiß es -nur nicht, wie leicht sie das alles haben könnte, und sie sitzt -zwischen Mauern wie eine Gefangene.</p> - -<p>Eines Tages hielt er es nicht mehr aus. Mitten aus -der stimmungsvollsten Landschaft ging er fast zornig fort -und nach Hause. Seine Frau saß im Hofe, neben der -Scheunenstiege auf einem Sockel und stickte. Nach drei Seiten -waren die Mauern, an deren Ecken Strohhalme wirr niederhingen -und Spinnenweben klebten. Die vierte Seite war von -einem Holztore geschlossen, über das ein Stückchen Himmel -hereinblaute. Emma wollte nicht einmal dieses kümmerliche -Stück Ätherblau sehen, sie schaute auf ihre Arbeit und stickte. -Die Magd fegte mit einem Besen den Hof aus, der Staub -umwirbelte die Frauengestalt; sie hüstelte und kehrte sich nicht -daran. Also trat der Hauptmann an sie heran und sagte -mit freundlicher Stimme: »Emma, heute sollten wir doch -zusammen einen kleinen Spaziergang unternehmen. Es ist -zu himmlisch draußen. Komm!«</p> - -<p>Sie bückte sich nach einer Nabel, die aber gar nicht -hinabgefallen war, und antwortete ganz leichthin: »Nein, ich -bleibe zu Hause.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span></p> - -<p>Er schwieg und ging allein wieder hinaus. Am nächsten -Tage nahm er seinen Knaben mit, der aber hockte mitten -auf der sonnigen Straße hin und beschäftigte sich mit Steinchen -und Käfern und der Hauptmann blieb doch allein mit -seiner Freude an der großen landschaftlichen Natur und mit -seinem Drange, sie mit einem lieben Menschen teilen zu -können. –</p> - -<p>So war es in diesem Sommer und so war es im -nächsten Sommer. Der Hauptmann ging allein und mühselig -in der Gegend umher und Frau Emma saß daheim in -den engen Mauern ihres Hauses. Sie sagte kein Wort davon, -daß sie auch einmal hinaus möchte. In unbewachten Stunden -aber war zum Fenster hinaus ihr Auge sehnsuchtsvoll gerichtet -nach den Zinnen des Hochschwab, die über den Waldungen -niederleuchteten. Da trat der Hauptmann wieder -einmal zu ihr hin und sagte: »Liebes Kind, wenn du -wüßtest, wie schön es ist da draußen auf dem Feldpfade, da -drüben im Walde, am See!«</p> - -<p>»Ja, ich kann mir's denken,« sagte sie und stickte.</p> - -<p>»Auch dieser Sommer wird bald dahin sein,« fuhr er -fort, »und du hast wieder nichts gehabt vom Landleben.«</p> - -<p>»Ich bin ganz zufrieden hier im Hause,« war ihre -Antwort.</p> - -<p>»Aber es wäre so nett, wenn wir säßen da oben -unter dem Ahorn und ins weite Tal hinausschauten und -plauderten, und Fritz spielte neben uns im Grase oder -sammelte Beeren.«</p> - -<p>»Nimm ihn nur mit,« sagte sie, ohne aufzublicken. »Ich -warte, bis er so groß ist, daß man mit ihm Alpenpartien -machen kann.«</p> - -<p>»Muß es denn gerade eine Alpenpartie sein?« fragte er, -sogleich ärgerlich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span></p> - -<p>»Das muß es nicht,« sprach sie, »darum sage ich ja, -daß ich zu Hause bleibe.«</p> - -<p>Also ging er wieder allein davon. Dieser Sommer war -besonders einladend zu Spaziergängen. Die morgendlichen -Wiesen voll Taues, die mittägigen Wälder voll Blumenduftes -und Schmetterlingsgegaukel, die abendlichen Schluchten -voller Lichtspiele. Und die Vollmondnächte mit ihrem stillen, -fast überirdischen Zauber – dem einsamen Menschen wurde -immer nur weh' im Herzen. Blumen pflückte er, Waldfrüchte -sammelte er und brachte sie heim seinem Weibe.</p> - -<p>»Ah, wie hübsch!« sagte sie, »danke dir!« legte den -Strauß neben sich hin und stickte.</p> - -<p>Einmal brachte er sie bis zum Baumgarten. Sie -saß unter einem Apfelbaum und arbeitete. Manchen kurzen -Blick tat sie hinaus zwischen den schlanken Stämmen und -dem luftigen Laub in die freie, mit silberigem Duft gesättigte -Gegend, er merkte ihr an, wie wohl ihr war und -sein Entzücken darüber, er vermochte es nicht zurückzuhalten.</p> - -<p>Da sagte Frau Emma plötzlich: »Ich glaube es wird -kühl,« raffte ihre Sachen zusammen und ging hinab zum -Hause.</p> - -<p>So war es Sommer für Sommer. Frau Emma saß -in ihrem Zimmer oder im Hofe, der Hauptmann strich mit -seinem Stelzfuße über die Matten, über sonniges Heideland, -in schattenfrische Gründe. Fritz wuchs heran, ward ein aufgeweckter -Junge, blieb aber, wenn er auf den Schulferien -zu Hause war, weder bei der stickenden Mutter in der -Stube, noch ging er mit dem beschaulichen Vater. Er suchte -Kameraden, mit denen er auf die Bäume kletterte, auf -hohen Stelzen gehen, in den Bächen Krebse fangen und -andere Knabenlust hegen konnte.</p> - -<p>Zehn Jahre war er alt, als eines Tages seine Mutter<span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span> -zu ihm sagte: »Daß du doch den ganzen Tag herumlaufen -kannst! Wirst du denn nicht müde?«</p> - -<p>Der Junge blickte sie verwundert an; müde sein, er -wußte nicht, was das wäre. Noch am Abende wollte er nicht -ins Bett, aber als er endlich drin lag, schlief er auch schon.</p> - -<p>»Wenn du gar nicht müde wirst, so kannst ja mit mir -einmal auf den Hochschwab gehen!« sagte die Mutter.</p> - -<p>Da jubelte Fritz auf, klatschte in die Hände, hüpfte vor -Freude auf einem einzigen Fuß herum und jauchzte: »Auf -den Hochschwab! Auf den Hochschwab!«</p> - -<p>Darüber freute sich nun auch der Hauptmann. Zwar -äußerte er anfangs einiges Bedenken, das aber gründlich -niedergeschlagen wurde. Sie würden sich einen Führer nehmen, -wenn es sein müsse, übrigens wisse sie – Frau -Emma – auf den Bergen wohl Bescheid. Die Vorstellung, -daß seine zwei liebsten Menschen den großartigen Naturgenuß -haben würden und er selbst sozusagen durch die Augen -seines Weibes und seines Kindes die Welt wieder einmal vom -hohen Berge aus anschauen könne, trug in dem Hauptmann -den Sieg davon. Er versorgte sie mit allem Notwendigen -und ließ sie gehen.</p> - -<p>Und in einer kalten Tagesfrühe, als der Morgenstern -aufstieg über den Bergen des Mürztales, verließen Mutter -und Sohn das Haus. Ein Träger ging mit ihnen, der jedoch -nach einigen Stunden überflüssig wurde, denn als sie auf -den Höhen waren, hatten sie den Mundvorrat zum Teile -aufgezehrt und die Überkleider angezogen. Was gab es da -noch viel zu tragen! Die Frau nahm die Ledertasche an sich -und schickte den Träger zurück.</p> - -<p>Hauptmann Fortner saß wieder auf seiner kleinen Anhöhe, -blickte zum Hochschwab empor wie einst, und dachte -seinem Weibe nach wie einst. Aber heute nicht mit Trauer,<span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span> -sondern mit frohem Stolze. War doch er selbst bei ihr in -seinem frischen, tapferen Söhnlein; an Seite dieses Ritters -wußte er sie gerne. Und auf den Träger und Führer konnte -man sich wohl auch verlassen. Also saß er da den lieben -langen Tag über und genoß die Alpenherrlichkeit, als -wäre er oben mit seinen lieben zwei Menschen. Am Abende -wollte er ihnen dann entgegenfahren durch das Hochtal, denn -die Rückkehr war noch für denselben Tag bestimmt. Aber -am Mittage kam der Führer zurück und berichtete, sie -wären allein oben und hätten ihn zurückgejagt. Für das -erste kam jetzt ein Donnerwetter über den Mann, der seine -ihm Anvertrauten verlassen hatte; dieser aber entgegnete, er -hätte gemeint, den Weibern müsse man ihren Willen lassen. -Und sie würden ja gar nicht auf die Spitze des Schwab -wollen, sondern sich wahrscheinlich auf die grüne Alm hingelegt -haben. Auch habe er andere junge Leute oben gesehen, -die Kohlröslein und Edelweiß gesucht. Gegen Abend würden -alle wohlbehalten wieder herabkommen. – Für das zweite -ließ der Hauptmann sofort einspannen und fuhr durch das -Hochtal hinauf, soweit der Weg fahrbar war. Als dieser -in einer breiten Sandhalde sich verlor, stieg der Hauptmann, -aus und wollte es mit der Krücke versuchen, emporzusteigen. -Da kamen sie herab. Einige Knaben waren es, Hirten und -Bauernjungen, und mit ihnen auch der Fritz.</p> - -<p>»Seid ihr da?« rief ihnen der Hauptmann entgegen.</p> - -<p>»Ich will nicht fahren, Papa!« schrie Fritz, »wir wollen -zu Fuß gehen und Krebse fangen. Ich bin gar nicht müde.«</p> - -<p>»Wo ist die Mutter?« fragte er.</p> - -<p>Da stutzte der Junge.</p> - -<p>»Mama wird ja voraus sein,« sagte Fritz. »Der,« -er deutete auf einen anderen Knaben, »der hat gesagt, daß -sie voraus ist.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span></p> - -<p>Hierauf erzählte Fritz: Als sie oben an den Felsen -gewesen, habe er die Knaben gesehen, die im Gewände -Blumen gesucht hätten. Er habe sie gekannt und sei zu -ihnen hingelaufen, und sie hätten einen Hut voll schöner -Rosen gefunden. Dann sei ein anderer Bub gekommen und -habe gesagt, Mama wäre wohl schon hinabgestiegen, und -dann wären sie auch eilends hinabgegangen. – So war der -Junge nun da und die Mutter nicht mit ihm. Dem Hauptmann -ging es kalt wie Stahl ins Leben. Da er gesehen, daß -es für ihn unmöglich war, hinanzuklettern, fuhr er eilends -zurück ins Tal und bot Leute auf, sein Weib zu suchen. -Am späten Abend stiegen sie an, aber am nächsten Morgen -waren sie noch nicht zurück. Fritz schlief in derselben Nacht -so fest und süß, daß in dem verzweifelten Vater ein Haßgefühl -erwachte gegen sein eigen Kind, das so sorglos und -leichtsinnig sein konnte, die Mutter auf wildem Berg zu -verlassen und dann daheim im Federbette gottlos ruhig -zu schlafen.</p> - -<p>Am nächsten Mittag war noch niemand zurück. Am -darauffolgenden Abende kam einer der suchenden Männer, -um zu fragen, ob sie nicht etwa doch schon zu Hause sei.</p> - -<p>»Unseliges Kind!« rief der Hauptmann, den Knaben -rüttelnd, er wollte ihn würgen und küssen zugleich. – -Unseliger Mann! so widerhallte es dumpf in ihm. – -Denn die Ahnung war zur Vermutung, diese zur Wahrscheinlichkeit, -diese zur Gewißheit geworden: Sein Weib -war geflohen, entführt. Alles war angespielt gewesen, sie -hatte den arglosen Knaben im Gebirge wohl fortgeschickt, -war von dem Buhlen sicher schon erwartet worden unter -den Wänden, war mit ihm jenseits in die Gegend der -Salza davongeeilt, nach dem Österreicherland, in die weite -Welt. Also endet's mit dieser Ehe …</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span></p> - -<p>Herr Hauptmann, wir bitten um Urlaub. Bevor wir -das Schlimmste annehmen, wollen wir uns doch selbst auf -die Suche machen nach der Frau.</p> - -<p>Als Frau Emma den Träger zurückgeschickt hatte, stieg -sie mit dem Knaben munter die Matten an. Sie hatte -Mühe, Fritz vorwärts zu bringen, an jeder Blume, an -jedem Käfer blieb er hängen. Nur das, was greifbar, -faßbar, fangbar und tragbar war, machte dem Knaben Lust, -alles andere war für ihn nicht da. Endlich kamen sie in -das Gebiet der Steine. In wuchtigen Blöcken, in sandigem -Schutt, in starrenden Wänden waren sie da. Ringsum steile, -zerrissene Felsen. Sie waren in ein Kar hinaufgegangen und -in einen Hochkessel hineingekommen, wo kein Halm und kein -Zirm mehr stand – alles kahl und starr. Sie kehrten um, -bogen um eine Wandrippe, und da war es, daß Fritz die -Knaben sah drüben am grasigen Hang zwischen Zirmbüschen -und grauen Steinen. »Gemsen! Gemsen!« hatten sie geschrien, -da begann Fritz zu laufen und zu klettern und in -wenigen Minuten war er bei den Knaben. Die Mutter freute -sich anfangs, daß er Genossen gefunden, sie setzte sich auf -einen Stein um zu warten, bis sie herüberkämen vom -Hang. Dann wollte sie sich mit ihrem Jungen auf den -weiteren Anstieg machen. Sie kamen aber nicht, und als die -Frau endlich aufstand, um über den Zirmbusch hinüberzuschauen, -waren sie nicht mehr zu sehen.</p> - -<p>Nun begann sie zu rufen nach dem Fritz. Die Rufe -schlugen an die Felsen. Der Knabe kam nicht und war nicht -zu sehen und nicht zu hören. Jetzt begann ihr plötzlich -bange zu werden. Sie hub an, zwischen dem Gezirm hinzuhuschen, -mit Händen und Füßen über Felsklötze zu klettern, -in großen Sprüngen von Stein zu Stein zu setzen. Sie kam -an den grünen Hang, wo früher die Knaben zu sehen<span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span> -gewesen, sie sah und hörte keinen. Sie blickte in die Tiefe, -wo es wie ein dunkelgrüner See lag, es war ein Zirmschachen; -nirgends ein Mensch. Sie kletterte anwärts in -einer steinernen Runse, wohin konnten sie anders sein, -als da hinauf, denn an beiden Seiten waren die Wände. -Sie kam in eine Wandfalte hinein, in der Schutt und -Schnee lag: auf dem Schnee war keine Spur eines Menschenfußes. -Jetzt suchte sie zu einem Felsrücken hinanzuklettern, -um weiteren Blick zu gewinnen. Aber als sie auf -dem Grate stand, war vor ihr ein zweites Grat, das noch -schärfer hervorsprang und ihr also wieder die Aussicht -deckte. Sie kroch über die breite steile Runse auf allen -Vieren quer hinüber, sie arbeitete sich empor an den starren -Felsrücken. Der Blick war jetzt frei in ein tiefes Felsental, -an beiden Seiten finster ansteigendes Gewände, auf -den Zinnen Nebel, in den Tiefen Schatten. Hart vor den -Füßen der Frau ein schwindelerregender Abgrund. Und -von ihrem Fritz keine Spur. Schon bluteten ihr Hände, -Füße und Knie, aber keine Müdigkeit. Sie wollte den Weg, -den sie gekommen zurückeilen, verlor aber die Richtung. -Sie kam an eine Stelle, wo noch ein kleiner Vorsprung war, -dann aber der Grund, auf den man einen Fuß stellen konnte, -jäh aufhörte. Sie wollte zurück, sah aber, daß sie aus einem -Abgrund heraufgeklettert, an dem der Rückweg unmöglich war. -Nun, da stand sie oben. Wie in der Kirche ein Heiliger an -der Wand, so stand sie da oben, konnte nicht weiter. Alle -Glieder zitterten ihr, auf der Stirn kalter Schweiß, blaue -Flammen, rote Funken vor den Augen, sie sank hin aufs -scharfe Gestein.</p> - -<p>Als Frau Emma wieder wach wurde, wußte sie nicht, -wo sie war, glaubte zu träumen, griff mit der Hand nach -links, nach rechts, um ihr Bettgewand zu tasten. Kaltes<span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span> -feuchtes Gestein. Jetzt besann sie sich mit heißem Schreck -ihrer Lage. Ringsum Nacht, am Himmel Sterne. »Fritz!« -schrie sie gellend. Er war nicht da. Sie sprang auf, um -trotz der Dunkelheit hinabzusteigen, sie glitt aus und rasch -ging's in die Tiefe.</p> - -<p>Als sie das zweitemal erwachte, loderte vor ihr ein -Feuerbrand. Die Sonne war emporgestiegen, Frau Emma -lag in einem Zirmstrauch, halb noch getragen von den buschigen -Armen. Allmählich kam sie zu sich. Da sah sie, es -war alles verloren. Denn hier, wo sie lag, war seit der -Weltschöpfung kein menschlicher Fuß noch gestanden, es -konnte an den senkrechten Wänden keiner heran und keiner -davon. Wie das hier alles hübsch beisammen ist: zu Füßen -das Grab für den Leib, zu Häupten der Himmel für die -Seele. Grausig schön standen die hohen Felsen ringsum -in Morgenglut und grausig einsam! – Und dort draußen, -weit hinter den kahlen, niedrigen Riffen blaut das Waldland. -Sanft und weich wie eine Wiege liegt der Talkessel -zwischen zahmen, waldigen Bergen. Frau Emma hatte ihre -Taschen ausgesucht nach Brotkrumen, denn der Mundvorrat -war unterwegs geblieben. Dann blickte sie empor die senkrechte -Wand über ihrem Haupte, ob nicht ein Striemlein -Wassers herabrinne. Wie war alles dürr! Sie wußte wohl, -dieser lechzende, klebende Gaumen mit dem widerlich bitteren -Geschmack war der Anfang vom Sterben. – O lieb -Gelände dort draußen mit den Auen, mit deinen heimlichen -Wäldern! Voller Leben! Voller Leben! Und ich -konnte dich verschmähen, du heiteres Paradies! – Mein -Mann! Wie hat er unzähligemale meine Hand gefaßt! Jetzt -kann ich diese treue Hand nicht mehr erreichen! Allein ließ -ich ihn wandeln zwischen Blumen und frischen Wäldern -hin und mein Sinn war steinernes Hochgebirge. Jetzt bin<span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span> -ich in dir, du furchtbare tödliche Welt. Dort unten war -Liebe, Freude, Glück in hundertfachen Formen, ich habe alles -versäumt. Verliebt in das Hochgebirge! Habe ich nicht einmal -damit geprahlt? Nun vergehe ich in dir. Mein Mann, -mein Kind, mein junges Leben! – In solch herzversengenden -Gedanken verging Stunde um Stunde. Und -als die Sonne hoch über den starren Zinnen stand, und -der Fels glühte und das verlassene Menschenherz im Verschmachten -war, da lebte das Auge noch einmal auf. Sind -dort unten im Kar nicht schwarze Punkte, die sich bewegen? -Das bereits entfliehende Leben, stürmisch drängt es wieder -zurück ins Menschenwesen. Als ob nie eine Müdigkeit, nie -ein Verschmachten gewesen wäre, so erhebt sich das Weib -über dem Zirm und winkt mit dem weißen Tuche und ruft: -»Hier! Hier! Ferdinand!« Nicht mehr das Kind ruft sie, -den Mann ruft sie, denn all ihr Fühlen und Sehnen und -Lieben ist zurückgekehrt zu ihm. Und ihre einzige, alleinzige -Erquickung zu dieser Stunde das Bewußtsein, daß sie ihn -nie betrogen.</p> - -<p>Was Menschen vermögen, wenn es gilt, einen der -Ihren zu retten! Koste es was es wolle, und wäre es ein -Fürstentum. Und Wunder wirkt das Gefühl der Zusammengehörigkeit, -es überwindet die äußere starre, herzlose -Natur. – Schon zu dämmern begann es, als die Stricke -geschleudert wurden von Fels zu Fels, von Kante zu Kante -heran bis zum Zirmstrauch, zur Felsenbrust, um ihr dieses -verzagende Menschenleben noch abzuringen. Bei Fackelschein -wurde sie hinabgetragen und um Mitternacht lag sie auf -dem taufeuchten Rasen der Matte und schlief. Und als wieder -der Morgen dämmerte, lag sich das Ehepaar unter krampfhaftem -Schluchzen in den Armen und daneben in seinem -Bettchen schlief göttlich leichtsinnig der blühende Knabe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span></p> - -<p>Also ist es geschehen und also hat Frau Emma erfahren, -daß die Waldberge besser und schöner sind, als die -Felsen, und daß der Mann verläßlicher ist als das Kind. -Und dem Hauptmann ist es eingefallen, daß es vielleicht -nicht allemal gut ist für den Ehegatten, gleich das Schlimmste -zu befürchten, wenn die Frau aus seinem Bereiche tritt.</p> - -<p>Frau Emma ist nicht mehr auf den Hochschwab gegangen, -weder mit Studenten, noch mit ihrem Knaben. Sie -ist an heiteren Sommertagen auch nicht mehr in ihrem -Zimmer gesessen oder im staubigen Hofraum. Arm in Arm -mit ihrem Manne, und gleichsam seine Krücke, ist sie gegangen -über die blumigen Auen, durch die grünen Wälder -und entlang am stillen blauen See. Ein Glück ist gekommen -über beide, von dem sie in langen Jahren keine Ahnung -gehabt. Wenn sie im Tale so dahinwandelten, mußte Frau -Emma nur eins vermeiden – den Blick auf das Gebirge -des Hochschwab. Denn wenn sie hinter den Waldkuppen -die kahlen Felsriesen aufragen sah, da wurde ihr übel.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span></p> - -<h2 id="Scheintod">Scheintod.</h2> -</div> - -<p class="drop">Bis zum Jahre 1869 lebte ich in der Residenz, wo ich an -der technischen Hochschule als Assistent im physikalischen -Kabinett und später als Professor tätig war. Im -Jahre 1869 wurde ich zum Bürgerschuldirektor im Landstädtchen -B. ernannt. Im Vorfrühling des besagten Jahres -übersiedelte ich mit meiner Familie an den neuen Bestimmungsort. -Meine Familie bestand aus der Gattin, mit der -ich im neunten Jahre vermählt war, ferner aus zwei Kindern, -einem Knaben von sieben und einem Mädchen von sechs -Jahren. In B. bezogen wir eine geräumige und freundliche -Wohnung und richteten uns fröhlich ein. Ich hatte mir in -der Residenz die nötigen physikalischen und chemischen Instrumente -nebst einer kleinen Sammlung von Mineralien, -Schmetterlingen, Käfern und ähnlichen Dingen erworben, wie -sie jeder Schulmann besitzen soll. Ich stellte diese Gegenstände -in meinem geräumigen Arbeitszimmer auf; meine -Gattin schmückte die Fenster mit ihrem kleinen Herbarium -und freute sich der reinen Sonnenstrahlen, die hier nicht mehr -von großstädtischem Staub und Nebel zurückgehalten wurden, -sondern hell und lieblich auf die zarten Pflanzen und jungen -Bäume fielen.</p> - -<p>Die Kinder ergötzten sich an dem Vogelgezwitscher vor -den Fenstern, hüpften um die Mutter, wenn sie emsig die -neuen Verhältnisse ordnete, sprangen in meinem Arbeitszimmer -herum, waren stets geschäftig und gelehrsam, und -der Knabe versuchte manches Instrument, das ich in den -Stand setzte und einübte, auch zu handhaben, und zu seinem -Jubel häufig mit Erfolg.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span></p> - -<p>Am glücklichsten waren die Kinder, wenn wir die Elektrisiermaschine -spielen ließen, deren Strom uns durchzuckte -und die Haare gegen Berg trieb. Bald verstand es der Kleine, -selbst die Batterie vorzubereiten und das Experiment auszuführen.</p> - -<p>So waren wir alle recht heiter und ich ahnte nicht, -welche Schrecken und welcher Jammer in diesem Hause sobald -über mich kommen sollten.</p> - -<p>Meine Gattin, von Natur aus etwas schwächlich und -nervös, zuvor kaum einmal aus der gewohnten Atmosphäre -der Großstadt gekommen, fühlte sich z. B. gleich -in der ersten Zeit, wahrscheinlich infolge der schärferen Luft -und der häufig wechselnden Temperatur, angegriffen. Sie -achtete es nicht, bestellte, als der Schnee geschmolzen war, -den kleinen erworbenen Garten – glücklich darüber, ihren -Lieblingswunsch erfüllt zu sehen und endlich einmal einen -Hausgarten zu besitzen. Wie kurz war ihre Freude! – -Am 18. März fiel sie plötzlich ein heftiges Fieber an, am -19. konnte sie das Bett nicht mehr verlassen. In der ersten -Zeit ihrer Krankheit lag sie in steter Fieberhitze und zweimal -in Delirium; in der letzten Zeit war sie ruhiger, weil erschöpft, -und oft lag sie stundenlang in einem ohnmachtähnlichen -Zustande. Von den beiden Ärzten des Städtchens war -fast immer einer am Bette der Kranken; am sechsten Tage -der Krankheit, als eine Art Krisis eingetreten zu sein schien, -telegraphierte ich an einen der berühmtesten Ärzte der -Residenz, Professor R. Dieser langte noch an demselben Tage -ein; ein Konsilium wurde abgehalten und als Resultat -desselben mir bedeutet, daß ich mich wohl für alle Fälle gefaßt -machen müsse.</p> - -<p>Professor R. reiste wieder ab, nachdem er der Patientin -ein hoffnungsreiches und mir ein trostloses Wort zugeflüstert<span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span> -hatte. Ich kam nicht vom Bette der Gattin; sie -schlummerte zumeist, nur manchmal schlug sie die Augen -plötzlich wie erschreckt auf, blickte hastig um sich, sah mich -dann betrübt an, oder tat mir wohl auch den Gefallen, -ein wenig zu lächeln. Sie sagte mitunter einige Worte, -die ganz deutlich und verständig waren, und verfiel dann -bald wieder in den Schlummer. Ihre Gesichtsfarbe war sehr -blaß geworden, nur bisweilen waren rote Flecken auf ihre -Wangen, auf ihre Stirn gehaucht. Der Puls war auf 134 -und 140 Schläge in der Minute.</p> - -<p>Die Kinder waren vom Krankenzimmer abgesondert; -die Kranke fragte mehrmals nach ihnen, ich gab ihr die besten -Auskünfte über das Wohlbefinden der Kleinen, und so beruhigte -sie sich stets.</p> - -<p>Am 26. März in der Morgenstunde war's, als sie mit -größerer Entschiedenheit als sonst nach den Kleinen verlangte. -Wir sagten, sie schliefen noch.</p> - -<p>»So weckt sie auf!« sagte sie mit heller Stimme, -»ich muß sterben und will noch einmal meine Kinder -sehen!«</p> - -<p>Mir fuhr das Wort wie ein Messer durch's Herz.</p> - -<p>Die Wärterin brachte die Kinder herein.</p> - -<p>»O, kommt, ihr armen Wesen!« rief ihnen die Mutter -halb aufgerichtet mit ausgestreckten Armen entgegen, »ihr -habt keine Mutter, ihr lieben Kinder, ihr lieben Kinder!« -Sie herzte und küßte den Knaben, das Mädchen und wieder -den Knaben, und ein Tränenstrom ergoß sich über die -Wangen.</p> - -<p>Die Wärterin wollte die Kleinen wieder entfernen, allein -die Kranke wehrte sich dagegen, preßte das Mädchen an ihren -Mund, den Knaben an ihr Herz; mit sanfter Gewalt wollte -man ihr sie entreißen, da rief sie laut: »Ich lass' sie nicht,<span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span> -ich lass' sie nicht von mir! – Jesus, Maria und Josef!« -Mit diesem Schrei sank sie zurück auf die Kissen.</p> - -<p>Wir stürzten um sie zusammen, sie war regungslos, ihr -Auge war starr. Die Pflegerin wollte ihr einen Taschenspiegel -an den Mund halten, wahrscheinlich, um die Atemlosigkeit -zu bezeugen. Ich erinnere mich nur noch, daß -ich ihr den Spiegel aus der Hand schlug – weiter weiß ich -nicht mehr, was in jener Stunde vorgegangen ist. –</p> - -<p>Als ich wieder erwachte, saß ich im Lehnstuhl eines -anderen Zimmers; der Doktor stand neben mir und aus -meinem entblößten Arm rieselte ein Blutquell ins Becken.</p> - -<p>Der Aderlaß soll nötig gewesen sein. Bald besann ich -mich auf alles, was geschehen war, und verlangte nach -meiner Frau. Sie hielten mich zurück, versuchten mich -zu trösten und vorzubereiten.</p> - -<p>»Lasset das,« sagte ich, »ich weiß ja, daß sie tot ist. -Ich will auch jetzt nicht zur ihr; lasset mich allein oder bringt -die Kinder zu mir.«</p> - -<p>Sie ließen die Kinder herein. Diese erzählten mir sogleich -mit aufgeweckten Mienen, daß in meinem Arbeitszimmer -Leute beschäftigt seien, die Wände und die Kästen -und die schönen Instrumente mit schwarzen Tüchern zu -verhängen. – Von meinem Arbeitszimmer ging die Tür -in den Vorsaal, darum hatten sie es zur Aufbahrung der -Toten gewählt.</p> - -<p>Ein paar Freunde suchten mich zu einem Spaziergange -in den Frühlingstag zu bewegen. Ich fühlte das Bedürfnis, -die Tote zu sehen und an ihrer Bahre zu beten. Eben als -ich eintrat, hatte sie der Totenbeschauer verlassen; noch war -die Leinwand zurückgeschlagen von ihrem Haupte. Ich meinte, -sie schlafe, ich wollte anfangs nicht glauben, daß sie tot -sei. Zubald nur sah ich die bläuliche Blässe ihrer Lippen,<span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span> -das starre, gebrochene Auge zwischen den halbgeschlossenen -Lidern; ich befühlte ihre kalten, erstarrten, fast bleifarbigen -Hände.</p> - -<p>Ich wankte aus dem Zimmer, aus dem Hause, ging -hinaus vor die Stadt und wandelte in halbbetäubtem Zustande. -Spät gedachte ich meiner Kinder und eilte meiner -Wohnung zu. Die Kinder waren bereits zur Ruhe gebracht; -sie waren ja so früh geweckt worden. Dann waren sie an -diesem Tage auch viel im Freien und im Hause selbst herumgesprungen -und hatten sich manches Gegenstandes zum Spiele -bemächtigt, der ihnen sonst versagt gewesen war. Sie hatten -keine eigentliche Aufsicht, waren sich selbst überlassen, und -so war dieser Tag ganz nach ihrem Geschmacke. Zwar soll -das Mädchen dem Brüderchen wohl einmal den Vorschlag -gemacht haben, in das schwarze Zimmer zu gehen und die -Mutter zu wecken. Der Knabe mochte den Vorschlag auch -ausführen haben wollen, verweilte jedoch am Mineralkästchen, -an dem er das Tuch zurückzog und die Steinchen -auseinanderlegte. Gerade wollte sich der Kleine auch an -den elektrischen Apparat machen, um Funken zu erzeugen, -wie er das wohl von mir oft gesehen hatte – als er aus -dem Bahrzimmer entfernt wurde.</p> - -<p>Mir hat man das erst später erzählt, weil es für -sich doch nicht wichtig schien.</p> - -<p>Am andern Morgen war mein erster Gang wieder zur -Bahre. Die Blumen, die man in das Zimmer gestellt hatte, -dufteten stark, die Lichter brannten still – an der Toten -war keine Veränderung eingetreten; genau so, wie gestern, -war sie auch heute zu sehen; die Zeichen der Verwesung hatten -sich noch nicht eingestellt. Ich küßte ihre Stirn, dann kniete -ich nieder und zog – wie es Sitte ist – ihr den Brautring -vom Finger. Als das geschehen war, tauchte ich die<span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span> -kalte Hand wieder über ihre Brust hin, auf der ein Kruzifix -lag – dann ging ich davon und mich in das Unvermeidliche -fügend, suchte ich so viel Ruhe und Kraft zu gewinnen, -um das Begräbnis anzuordnen. Sie hätten es auch ohne -mich gemacht. Auf dem Friedhofe war bereits das Grab -fertig; der Schreiner zimmerte am Sarge; der Singverein -hielt die Probe der Trauerlieder ab und mehrere Frauen -des Städtchens sandten Kränze.</p> - -<p>Ich kehrte wieder zu meinem Hause zurück. Auf dem -Betschemel vor der Bahr kniete mancher Fremde, dem es -wohl im Gesichte zu lesen war, daß ihn nicht sowohl Teilnahme -als vielmehr Neugierde hergeführt hatte. Dann kamen -andere, beteten, flüsterten oder fuhren sich mit dem Sacktuch -über die Augen, besprengten die Leiche mit geweihtem Wasser -und gingen wieder davon. Zuweilen war gar niemand zugegen, -und aus der geöffneten Tür starrte das Totenbild in den -öden Vorsaal.</p> - -<p>Ich ging auch davon. Ich mied die Menschen und -ging gegen den Wald und dorthin, wo der Fluß über eine -Wehr stürzte. Das Rauschen des Wassers tat mir wohl. -Ich lag stundenlang am Ufer. Dann fielen mir wieder meine -armen Kinder ein, die verlassen waren unter fremden Leuten -in jenem Hause, in dem die tote Mutter lag.</p> - -<p>Ich eilte heimwärts. Ich eilte über die Treppen zu -meiner Wohnung hinan. Kein Mensch war da; selbst die -Magd war ausgegangen, um irgend etwas zu holen. Es -wären – dachte ich – wohl auch die Kinder mit ihr. Ich -nahte der offenen Tür, die zur Bahre führte, und sah es -bald, da drinnen war Unordnung angerichtet. Von der -einen Wand, wo in den Kästen die physikalischen Apparate -standen, war der schwarze Tuchverschlag herabgerissen. Einer -der Kästen war geöffnet und die Elektrisiermaschine stand<span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span> -auf dem Fußboden. Das Mädchen hockte dabei und blickte -besorgt auf seine Fingerchen. Der Knabe war zur Leiche -emporgeklettert und kicherte. Und was ich nun sah, das -ist über alle Beschreibung grauenhaft. Die Gesichtszüge der -Toten zuckten und verzerrten sich, sie schlug die Augen auf -und ihre Lippen bebten wie im Krampfe.</p> - -<p>Ich glaube, daß ich im ersten Momente, da ich diese -Erscheinung sah, über die Treppe hinabgestürzt bin und nach -Hilfe gerufen habe. Sofort aber kam mir der Gedanke, -sie ist wieder erwacht. Ich eilte in das Zimmer zurück. -Das Mädchen auf dem Boden hielt die Maschine in Bewegung -und ich sah, wie von dieser die Drähte um die Hand -der Toten gewunden waren. Ich hörte das Knistern des -elektrischen Stromes; der Knabe lachte laut, als das Antlitz -und endlich auch das Haupt der Mutter sich mehr und mehr -bewegte.</p> - -<p>Mein erstes war, daß ich die Bahrleuchter umstürzte, -der Aufgebahrten das Kruzifix von der Brust entfernte; dann -riß ich sie empor, daß ihr Haupt an meinem Busen zu -lehnen kam. Jetzt eilten schon Leute herbei, die vor Entsetzen -aufschrien, mich für wahnsinnig hielten, bis sie an -der Totgeglaubten die Lebenszeichen sahen.</p> - -<p>Was nun folgte, weiß ich nicht; was in mir vorging, -kann ich nicht erzählen; fast war mir wirklich zumute, -alles sei Blendwerk und ich wäre in die Nacht des Wahnsinns -gefallen.</p> - -<p>Als die Wiedererwachte dann in ihr, oder vielmehr -in mein Bett gebracht war, da man das ihre schon zerstört -hatte, brachte mir ein Amtsbote ein gefaltetes Stück Papier. -Es kam aus der Sanitätskanzlei. Es war der Totenschein -meiner Gattin.</p> - -<p>Die Kinder hatten ihre scheintote Mutter durch den<span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span> -elektrischen Strom zum Leben erweckt. Sie wurden nun -ins Verhör genommen. Unbeaufsichtigt, wie sie waren, -hatten sie sich in das Bahrzimmer begeben, hatten, unbekümmert -um die Leiche, die Instrumente hervorgeholt, von -welchen sie gestern verscheucht worden waren, und gedachten -heute besonders am elektrischen Apparat, der stets der Gegenstand -ihrer Wünsche gewesen war, ihr Mütchen zu kühlen. -Sie wußten das Ding nach dem, was sie von mir gesehen -haben mochten, trefflich in den Stand zu setzen. Anfangs -mußte das Mädchen die springenden Funken aushalten, und -tat es so lange, bis ihm die Fingerchen verbrannt waren. -Hierauf belud sich der Knabe selber so lange, bis ihm alle -Haare zu Berge stiegen. Und schließlich kam den Kindern der -Einfall, die schlafende Mutter zu elektrisieren.</p> - -<p>Noch vor Mitternacht dieses merkwürdigsten Tages -meines Lebens war nach vielen entsprechenden Mitteln und -Maßregeln die Wiedererstandene zu ihrem vollen Bewußtsein -gekommen. Ihre Hände waren wieder weich, ihr Auge -war wieder lebendig und klar, doch blickte sie verwirrt. Ich -hätte ihr mögen an die Brust sinken und ihr die Wucht, -welche in meinem Gemüte lag, ausschütten; die Ärzte aber -beschworen mich, jede Aufregung zu vermeiden und es in -allem ganz so zu halten, wie mit einem gewöhnlichen -Kranken.</p> - -<p>Nach Mitternacht verfiel sie in einen ruhigen Schlaf, -aus dem sie gegen Morgen wieder erwachte. Sie suchte -mit den Augen mich, wendete sich ein wenig zu mir und -sagte: »Mein Freund, jetzt ist doch alles gut. Aber das -ist ein schwerer Traum gewesen; – den möchte ich nicht ein -zweites Mal träumen!« Und hierauf erzählte sie, es sei ihr -gewesen, als läge sie auf der Bahre – viele Stunden lang. -Man habe Anstalten getroffen, sie zu begraben, man habe<span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span> -schon den Sarg in das große Zimmer getragen; sie habe -die Lichter der Bahre gesehen, habe jedes Geräusch, jedes -Wort, das in der Nähe gesprochen wurde, ganz genau gehört, -sei aber nicht imstande gewesen, einen Laut oder auch nur -das mindeste Lebenszeichen von sich zu geben. Sie habe schon -das gräßliche Geschick, lebendig begraben zu werden, vor -Augen gehabt. Am schrecklichsten sei ihr das herzerschütternde -Weinen ihres Gatten gewesen, der ihr schließlich den Ehering -vom Finger gezogen habe. – Als sie dieses erzählte, hob -sie ihre Hand gegen das Auge und stieß den Schrei aus: »Wo -ist der Ring? Mein Gott, wo ist der Ring!«</p> - -<p>Wir selbst alle im tiefsten Herzen erschüttert, suchten -sie zu beruhigen, ihre Hand wäre in der Krankheit abgemagert, -der Ring müsse zufällig vom Finger geglitten sein -und würde sich leicht finden.</p> - -<p>»O, nein, nein!« rief sie, »das ist kein Traum gewesen! -Ich bin auf der Bahre gelegen!« Und sie verbarg ihr Gesicht -mit den Händen und verfiel in ein solches Zittern und -Beben, daß ihr ganzer Körper sich schüttelte und wir sie mit -kräftigen Armen im Bette niederhalten mußten.</p> - -<p>Die fürchterliche Aufregung, in der sie weinte, um -Hilfe rief, mit Gewalt von dem Lager wollte und laut betete, -dauerte etwa eine Stunde lang. Dann trat plötzlich die Abspannung -ein.</p> - -<p>Noch an demselben Tage, fast genau vierundzwanzig -Stunden nach ihrem Erwachen aus dem Scheintode, ist sie -gestorben.</p> - -<p>Wieder versuchten wir den elektrischen Strom, aber vergebens. -Die Geheimnisse der Natur sind unerforschlich; ich -veranlaßte, daß noch einmal die Kinder den elektrischen Strom -sammelten und leiteten – vergebens; die Schläferin wachte -nicht wieder auf. Wir legten sie nicht mehr auf die Bahre,<span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span> -wir ließen sie auf dem Sterbebette ruhen, bis sich – und -das dauerte nicht lange – die ersten Symptome der Verwesung -einstellten.</p> - -<p>Dann war das Begräbnis.</p> - -<p>Nicht in jenes Grab ließ ich sie senken, das bestimmt -gewesen war, die Scheintote aufzunehmen. Eine neue Stätte -wurde ihr bereitet.</p> - -<p>Möge sie im Frieden ruhen!</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span></p> - -<h2 id="In_der_Einsam">In der Einsam.</h2> -</div> - -<div class="letter"> -<p class="center"> -»Liebe Schwester! -</p> - -<p class="drop">Weil Du seit unserem Abschied, und das ist rund ein -Jahr her, keine Nachricht von mir bekommen hast, so -wirst Du wohl denken, daß ich nicht mehr am Leben bin. -Und möchtest leicht recht haben. Wunder wäre es keins. -Wenn ich Dir nur gefolgt hätt', wie Du abgeraten hast, -jetzt weiß ich erst, was ich trotz allem Unglück gehabt hab -daheim. Zur selben Zeit hab ich's alleweil nur besser haben -wollen, jetzt möcht ich gar nichts mehr, wie sterben, und -wie damals so kann ich auch jetzt meinen Wunsch nicht erreichen. -Bei mir heißt's einzig nur warten und leiden, -ewig wird's wohl nicht dauern und wenn's einen Himmel -gibt, und ich komm einmal hinein, so verlang ich mir nicht -mehr, als wie meine Heimat und meine Leut.</p> - -<p>Das Land wo ich jetzt bin, heißt Brasilien und ein -Vergleich mit daheim ist wohl keiner zu machen. Ich mag -gar nicht anheben zu erzählen, wie anders es da ist. Ich -tu in einer Sumpfgegend Wassergräben graben seit einem -halben Jahr und verdiene mir dabei mehr Geld, als ich -brauch, weil die Arbeit mein Liebstes ist, daß ich nicht verzage, -und nach Unterhaltung und Vergnügen frag ich nimmer. -Denk' Dir, meine gute Schwester, ich bin allein. -Meine liebe kleine Angerl ist nimmer bei mir und das muß -ich Dir erzählen, weil's mir noch immer 's Herz abdrucken -will. Ich schreib mich hart, aber wenn ich noch lange warten -tu, so kann ich gar nicht mehr, weil man hier die deutsche -Sprache vergißt. Lernt dafür auch keine andere, wenn man<span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span> -mit keinem Menschen umgeht, wie sie da – aber nit von -der besseren Gattung – aus allen Ländern zusammenkommen.</p> - -<p>Aber das ist alles nichts. Das trifft andere auch so. -Ich hab mein eigenes Unglück, das für einen einzigen -Menschen zu schwer ist. Und doch hab ich schon tausendmal -Gott gedankt, daß mein Weib das nimmer erlebt hat. -Freilich, wenn sie noch tät leben, kunnt vieles anders sein, -kunnten vielleicht gar noch in der Heimat sein, allzwei mit -dem Kind. Das weißt ja alles, nur von unserem armen -kleinen lieben Dirndel weißt Du's nicht.</p> - -<p>Ist es nicht gerade an ihrem achten Geburtstag gewesen, -wie wir von Triest abgereist sind? Du hättest sehen -sollen, wie sie in ihrem blauen Kattunröckel gehüpft ist -und die Handeln zusammengepatscht hat vor Freud: Nach -Amerika! nach Amerika! Wie sie in allem ihrer Mutter -ähnlich gewesen ist, so hab ich ja immer gesagt, die wachst -auf zu meinem Trost und ist's auch im fremden Land: wo -dieses Kind bei mir ist, da bin ich daheim. Also unterwegs. -Viele haben die Seekrankheit bekommen, die kleine Angerl -immer pumperlgesund und voller Faxen, daß oft ein Schock -Matrosen umhergestanden ist auf dem Zwischendeck und -sich mit dem lustigen Kind unterhalten. Ernsthaft ist sie -nur worden am Abend, eh wir auf unseren Bündeln eingeschlafen -sind und sie ihr Gebet für die Mutter gebetet -hat. Einmal, wie ich drei Tage lang im Fieber bin gelegen, -ist sie nit von mir gewichen, hat mir alles so gut -und so gescheit zugetragen und versorgt wie eine Große -– ganz wie ihre Mutter, wenn ich krank gewesen bin – -und hat mich mit ihrem lieben Plaudern aufgeheitert und hat -mir das Haar gekämmt mit den zarten Fingerln und hat -immer einmal ein schnelles Küssel getan auf meine Stirn.<span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span> -Oft sind die Offiziere stehen geblieben und haben uns betrachtet, -und die kleine Angerl ist so der Liebling geworden -von allen, daß uns eine eigene Kammer angewiesen worden -ist, obschon ich nur fürs Zwischendeck gezahlt gehabt hab.</p> - -<p>Aber für so ein rühriges Wesen, wie ein gesundes -achtjähriges Kind, ist ein Schiff viel zu klein; auf die -Leitern aus Strickwerk, wie es überall ausgespannt, ist -sie hinaufgeklettert, bin oft in Ängsten gewesen, es kunnt -ihr was geschehen; die Matrosen haben gelacht über den -»kleinen tapferen Kerl«, und schad, daß es kein Bub wär. -So sind wir schon vier Wochen auf dem Wasser gewesen, -nichts als Wasser und nichts als Wasser. Immer einmal -in weiter Fern ein Schiff, wunderselten der Streifen einer -Insel, der aber bald wieder vergangen ist. Die Stürme, -die ich, wie Du weißt, so gefürchtet, sind nicht arg gewesen, -und mein kleins Mädel hat immer hell gejauchzt, wenn -sie Papierballen ins Meer geworfen hat, die nachher aus -den Wellen lustig auf und nieder gewuppt sind. Oder -hat sich gefreut über die Seemöven, die unserem Schiff nachgeflogen, -oder über die Delphine und andere Tiere, die aus -dem Wasser aufschnellen. Aber endlich, wenn alles ruhig -ist gewesen und immer das gleiche, immer das gleiche, da -hat das Mädel doch angefangen zu fragen: Vater, wann -kommen wir denn nach Amerika?</p> - -<p>Und da ist's gewesen, daß am Segelmast ein schweres -Tau gespannt wird. Es dröhnt und summt, so scharf wird -es gespannt. Da reißt es entzwei, schnellt auf das Deck -nieder und trifft mein kleines Dirndel am Kopf. Das tut -einen kurzen Schrei, taumelt hin, zu Boden – und vorbei -ist's gewesen. Ich versteh's nit, wie ich das heut so ruhig -ausschreiben kann.</p> - -<p>Meine liebe Schwester! Unsere kleine Angerl hat's getroffen.<span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span> -Alles ist zusammengelaufen und der Schiffsarzt hat -zwei Stunden lang gearbeitet. Es ist umsonst gewesen. -Wie ein weißes Engerl ist sie dagelegen auf einem großen -Bündel Garn, weiß bis in den Mund hinein zu den weißen -Zähnlein und die Augen halb geschlossen und nichts mehr -zu ihrem Vater, kein Hauch und kein Blick. Kühl und immer -kälter ist ihr Handerl geworden in der meinen, bis sie -mich endlich haben weggebracht – weiß nit, was dann gewesen -ist.</p> - -<p>So viel weiß ich wohl, daß ich noch einmal gestanden bin -unter dem Mast und hingeschaut hab auf das gerissene Tau, -das mein Dirndel erschlagen hat und jetzt wie eine tote -Schlange dagelegen ist. Und hab umhergeschaut, auch auf -die Garnbündel hin – und ist nit mehr dagewesen. Ins -Meer habt ihr mir's geworfen! soll ich geschrien haben -und nachspringen wollen über Bord. Sie haben mich gehalten -und gesagt, mein Kind tät in der Kabine liegen. -Und ist's gelegen auf seinem Bett, und kalt und das liebe -Gesichtl ist schon fremd gewesen. Da hab ich wohl dran -glauben müssen.</p> - -<p>Und immer sind Leut um mich gestanden und all -auf dem großen Auswandererschiff haben mich gekannt und -untereinander gesagt: Das ist der Vater von dem erschlagenen -Kind.</p> - -<p>Sonst ist es Brauch auf den Schiffen, daß man die -Toten ins Meer senkt, weil wir aber nicht gar weit von einer -Insel gewesen sind, hat der Kapitän angeordnet, daß dort -mein Dirndel sollt begraben werden. Auf einem Boot sind -wir ans Land gefahren, unser drei Mann mit der Angerl. -Eingewickelt in Segeltuch ist es gewesen und mit einem -weißen Band umbunden, und vorn an der Brust ein hölzernes -Kreuzl geheftet, das eine Auswandererfrau gespendet<span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span> -hat. So auf die fremde Insel. Es ist eine kleine unbewohnte -Insel gewesen und aus dem Sand stehen ganz weiße Felszacken -auf, die wir aus der Ferne für Segel gehalten haben, -aber es sind turmhohe Steinriffe wie in unseren Alpen. -Und hab ich auf der Insel eine Grabstatt gesucht für mein -Dirndl. Am Ufer ist Sand – da nicht. Weiter hinten sind -die Bäume und Sträucher, die in diesen Gegenden wachsen, -auch schöne wilde Rosen – hab ich schon wollen den Spaten -einhauen, und ringelt sich eine zischende Schlange an den -Stiel, und hab ich mir gedacht, da nicht. Vor den Schlangen -hat sie immer so arg Entsetzen gehabt. Bin ich weiter gegangen -auf der Insel, über Sand und Muschelboden und -Steine und über das Geschlinge der Pflanzen. Wilde Vögel -hab ich pfeifen und andere Tiere schreien gehört, oft ganz -in der Nähe gröhlen wie Schweine, aber keines gesehen. -Und dieweilen die zwei Kameraden bei der Angerl Wacht -gehalten, bin ich die Felsen hinaufgestiegen und hab gesucht -nach einem Platzl, wo wir rasten könnten. Zwischen drei -oder vier Steinzinken ist so eine enge Stelle und da hab -ich angefangen zu graben in dem verwitterten Gestein. -Ist einer von den zweien heraufgekommen, hat mir wollen -helfen. Nein, laßt mich, ich mach das allein. Ganz warm -und heil ist mir worden bei dieser Arbeit, seit mein Weib -in der Ewigkeit ist, hab ich ja das Bettherrichten besorgt. -Immer einmal hab ich mich aufgerichtet, meine Ellbogen -an den Spatenstiel gestützt, hinausgeschaut auf das weite -Meer und gedacht: Ist doch das ein seltsames Geschäft, -auf einer fremden Insel im Meer sein Kind eingraben! – -Gegen Abend ist es fertig gewesen; schön ist das Ding -nicht worden, aber tief. Sie haben das Angerl hinausgetragen -und hinabgelegt und hab ich ihnen die Schaufel -aus der Hand genommen: zudecken wollt ich schon selber.<span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span> -Sie möchten zurückgehen auf das Schiff und ich tät mich -bei ihnen und allen tausendmal bedanken für die christliche -Lieb. Zum Angerl hab ich keinen Abschied hinabgerufen, weil -ich mich daneben wollt niedersetzen auf einen Stein und -sitzen bleiben, so lang es Gottes Willen ist. Die zwei Kameraden -sind aber nicht von mir gegangen und ich sollt schnell -machen, weil das Schiff wollt weiterfahren. Auf mich braucht -ihr nicht zu warten, mein Verbleiben ist hier. Sie haben -mir noch Zeit gelassen, haben ein paar Vaterunser gebetet, -haben mich nachher an den Armen genommen, einer links -und einer rechts, und haben mich fortgeschleppt von meinem -kleine Dirndel. Das ist in der Einsam zurückgeblieben. -Am Strand hab ich noch einmal umgeschaut auf die weißen -Felszacken; vom Schiff aus hab ich noch einmal zurückgeschaut -auf die Felsen, wo mein Kind ruht ganz allein zwischen -den Steinen und wilden Tieren und wie es der Vater, mit -dem es so freudig ist ausgezogen, treulos verlassen hat – -allein auf dem Weltmeer.</p> - -<p>So, meine Schwester, hab ich's müssen erleben. Du -bist ja selbst Mutter, denk, es wäre Dein Kind. Denk's -nit, Schwester, es ist wie sieben Messer in der Brust. Zehnmal -habe ich mich hingesetzt, um Dir's zu schreiben, aber vor -lauter Jammer nit können. Jetzt klage ich nicht mehr, jetzt, -wenn der Feiertag kommt, setze ich mich auf einer Berghöhe -nieder und schau hinaus aufs Meer, nach der Gegend, -wo jene Insel liegt. Santa Maria haben sie die Matrosen -geheißen, aber Du findest sie auf keiner Karte, sie ist zu -klein. Und ich kann sie von meinem Berg aus nimmer und -nimmer sehen, sie liegt viel hundert Meilen weit im Meer.</p> - -<p>Von der Zeit nach dem Unglück weiß ich nicht viel -zu sagen. Auf dem Schiff bin ich krank geworden, nach -Wochen ins Südamerika gekommen. In der großen Stadt<span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span> -Rio de Janeiro, im Spital bin ich achtzehn Wochen krank -gelegen. Ein deutscher Kaufmann hat sich um mich angenommen, -bin nachher auf seiner Schiffsreede in Arbeit gewesen, -bis ich mit einem Kameraden aus Böhmen in die -Teichgräberei gekommen bin, wo jetzt mein Aufenthalt ist. -Meine Adresse ist zu machen an den Herrn Wilhelm Klinde, -Kaufherr in Rio de Janeiro, von dort bekomm ich den Brief -schon, aber weiß nicht, wie lang's mit mir so fortgeht. -Ich hab halt vor, bei einer guten Gelegenheit nach Santa -Maria zu reisen, aber es ist kein Schiff, das dahin geht -und wenn eins nicht zufällig dahin kommt, wie damals unser -Auswandererschiff, so tun sie's überhaupt nicht. Also schläft -unser Angerl dort verlassen und wenn es am Jüngsten Tag -aufsteht, wird es wohl verwundert um sich schauen, daß -es allein ist. Mein Gott, solche Gedanken sind hart. Vor -etlichen Tagen sind es zweihundert Meter Länge gewesen, -was ich gegraben hab. Ist mein Führnehmen gewesen, -ich rast mich paar Tage aus. Aber es hat nicht sein können, -so hab ich alleweil ihre Stimme gehört: Vater, Vater! -Kommst denn gar nimmer zu mir, laßt mich ganz allein! -Daß ich wieder zum Arbeiten hab müssen anheben, wenn -ich nicht verrückt werden will. Denk mir oft, 's Beste wäre, -so lange und ohne Aufhören arbeiten, bis du hinfallst und -nichts mehr weißt von der ganzen Welt. Im Himmel -wirst sie wohl finden. Aber, liebe Schwester, ich bin halt -nicht genug Christ, und kann's nimmer aus dem Kopf -bringen, daß das Angerl auf der Insel liegt mit Leib und -Seel und auf den Vater wartet. Und tausendmal bereue -ich, daß ich meines Kindes Grab verlassen hab.</p> - -<p>Jetzt hab ich Dir mein Kreuz geschrieben, helfen kann -mir wohl niemand. In andern Stücken geht's mir nit -schlecht, aber das ist alles nichts. Mein einziger Trost,<span class="pagenum"><a id="Seite_214">[214]</a></span> -daß alles einmal ein Ende nimmt. Ich schließe mein -Schreiben und sage: Gott zum Gruß, liebe Schwester. Ich -wünsche, daß es Dir gut soll gehen in der lieben Heimat.</p> - -<p class="center">Dein getreuer Bruder</p> -<p class="right"> -Mathias.« -</p></div> - -<p>So lautet der Brief, der vor etwa drei Jahren eingelangt -ist an die Frau Johanna Loregger, Beamtensfrau -im großen Eisenwerke Donawitz bei Leoben. Was hat Frau -Johanna bitterlich geweint um den armen Bruder und das -liebe kleine Angerl. Dann schrieb sie ihm einen Brief, daß er -heimkommen möchte. Im Eisenwerk fände er Arbeit gegen -guten Lohn, und sie, die Schwester, wolle ihm sein Kreuz -tragen helfen. Da auf diesen Brief keine Antwort kam, so -schrieb sie ihm nach einem Jahre das zweitemal und schickte -ihm Reisegeld. Dasselbe kam nach fünf Monaten zurück, mit -dem Bescheid, daß Adressat nicht auffindbar sei.</p> - -<p>Da ließ Frau Johanna eine Messe lesen für seine -arme Seele. Aber es war nicht das Ende, plötzlich kam -von Bruder Mathias wieder ein Brief. Gut sah er nicht -aus, dieser Brief. Er bestand aus verschiedenen zufälligen -Papierstücken, wie man sie findet, oder lange im Sack umherträgt. -Mit schlechtem Bleistift waren sie beschrieben und -dann in einen gelben halbsteifen Bogen eingeschlagen und -mit einem schwarzen Bindfaden zusammengebunden. Eine -Freimarke trug der Brief nicht, hingegen eine Menge Poststempel, -weil der Name Steiermark zu unleserlich geschrieben -war.</p> - -<p>Und dieser Brief hat folgenden Wortlaut:</p> - -<div class="letter"> -<p class="right"> -»Auf Santa Maria. -</p> - -<p>Eh' das Schiff abgeht, Schwester, will ich Dir noch -paar Zeilen schreiben. Werden wohl die letzten sein auf<span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span> -dieser Welt, wollen uns nichts draus machen. Meinen -Brief vorigen Jahres wirst Du erhalten haben, wo ich Dir -geschrieben, daß mir unser Angerl auf der Reise verunglückt -ist. Jetzt ist mein Wunsch erfüllt. Ich bin bei meinem -Dirndl. Mit dem Geld, was ich mir hab' verdient in Brasilien, -hab ich ein Boot mit sechs Matrosen aufgenommen -und sind zweiundzwanzig Tag gefahren. Gemeint hab ich -schon, sie wär nimmer zu finden, die liebe Insel Santa -Maria. Und weil auch schlechte Fahrt, so wollten die Matrosen -umkehren. Bin ich grob worden und sie müßten ihr -Wort halten, da haben sie mich ins Meer werfen wollen. -Ich bitt noch um Geduld für drei Tag. Es ist so um Weihnachten -gewesen, aber die Tage sind hier ganz anders -und zum Christabend wollt' ich bei meinem Kind sein. -Und schau, dasmal hat mich Gott nit verlassen, endlich -sind die weißen Felsen aufgetaucht an der Kimmung. Wie -wenn ich auf die Heimatserden tät treten, so ist mir gewesen, -wie ich auf den Sand gestiegen bin. Meine mancherlei -Sachen auf dem Rücken, habe ich die Matrosen abgelohnt -und gesagt, sie möchten zurückfahren, oder hin, -wohin sie wollten, um mich hätten sie sich nimmer zu -kümmern.</p> - -<p>Liebe Schwester, und dann bin ich landwärts gegangen -über Sand und Muscheln und über die Schlinggewächse -hin den weißen Felsen zu. Ich glaub, seit wir -dazumal fort sind, ist kein Mensch hier gewesen. Kein -Menschenfuß, nur wilder Tiere Spur. Wie dazumal, als -ich sie allein gelassen, so still und ewig weit ist der blaue -Himmel. Ich steig schnell zwischen den Zacken hinauf, als -ob ich noch kommen müßt, eh sie aufwacht. Kann Dir nit -sagen, Schwester, wie glückselig mir ums Herz ist gewesen. -Jetzt komm ich zum Platzl hinauf und jetzt sitzt auf dem<span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span> -Grab ein Tiger. Ein großer wilder, gefleckter Tiger sitzt -auf dem Grab meiner Angerl. Zuerst hat er den Kopf hingelegt -gehabt auf dem Boden, wie er mich wahrnimmt, -hebt er ihn und glotzt mich schreckbar an und setzt langsam die -Tatze vor, als wollt er aufspringen und mich zerreißen. -Meine Pistole hab ich im Bündel und kann sie nicht lösen; -ist auch zu wenig für ein solches Tier. Ein Glück, daß -das Boot noch nicht fort ist, so lauf ich hinab und sie möchten -kommen und das wilde Tier umbringen. Alsdann sind sie -hinauf, der Tiger ist immer noch gelegen auf dem Grab -und einer hat den Revolver auf ihn dreimal abgeschossen. -Das Tier ist aufgesprungen, ein paarmal um die Felszacke -herumgeschlichen und dann jäh auf den Matrosen her. -Der wäre verloren gewesen, wenn nicht der zweite und der -dritte zuspringen und mit dem Tiger schaudervoll ringen tät, -daß ich gemeint, nimmer könnten wir uns erwehren. Selber -über und über blutend, haben sie ihn mit Messern endlich -tot gestochen. Ist gelegen auf dem steinigen Grab, die Steine -ganz rot, und hat seine Tatze hingelegt, als wollte er im -Tod noch was beschützen. Und ist's mir zu Sinn gekommen: -Jetzt hast du ihren getreuen Hüter umbringen lassen. Und -hab ich ein grenzenloses Herzleid gehabt, daß dieses Tier -wegen seiner getreuen Wacht hat sterben müssen. Unten -im Sand wird es begraben, während ich an seiner Stell -auf dem Grab Dir diese Zeilen schreibe. Die Matrosen -werden den Brief mitnehmen und ich werd mich häuslich -einrichten auf dieser Insel bei meinem lieben Dirndel. -Mir ist so absonderlich, weiß nicht wie. Die Sachen, die -ich mit hab, werden eine Weil reichen, nachher will ich auf -der Insel Früchte suchen und Fische fangen und wie der -Robinson, weißt Du, von dem wir als Kinder das Buch gelesen -haben, hausen, so lang es Gott gefällt. Wie gut werd<span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span> -ich schon in der heutigen Nacht schlafen bei ihrem Bett und -auf einmal wird sie das Handerl ausstrecken, mir um den -Hals legen und sagen: Vater, Vater! bist doch gekommen zu -deinem Dirndel.</p> - -<p>Leb' wohl, liebe Schwester, und wenn Du einmal auf -den Kirchhof gehst, wo mein Weib ruht – wir lassen sie -grüßen.</p> - -<p class="right"> -Mathias.« -</p></div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Kammerdiener">Der Kammerdiener.</h2> -</div> - -<p class="drop">Der junge Mensch war allenthalben bekannt, hier und -dort. Daß man ihn aber auch irgendwo <em class="gesperrt">kennen</em> -gelernt hätte, dazu blieb er nicht lange genug auf einem -Flecke. Er war hüben und er war drüben, und immer -hatte er ein schwarzes Tuchgewand an und über der Weste -eine goldene Uhrkette hängen, die mitunter ziemlich locker -wog, es war eben nicht stets dieselbe. Die Hemdkrägen -waren nicht immer so weiß, als sie zum schwarzen Anzuge -gut gestanden wären, so daß es schien, der junge -Mann wechsle öfter die Uhrketten, denn die Wäsche. Wohl -trug er gerne gestreifte Hemden, denn wenn der Schmutz -hübsch in Reihen und Quadrätchen eingeteilt ist, so hat er -auf das Auge doch immerhin eine freundlichere Wirkung. -Die Hauptaufmerksamkeit wendete der junge Mann wohl -seinem Haar zu, das war von Natur fast pechschwarz und -immer so fein gefettet und geglättet, daß es den Weibern -als Toilettespiegel hätte dienen können.</p> - -<p>Seine Eltern waren unbekannt; er selber soll, aus -einem Dorfe an der galizischen Grenze stammend, sich in -einem Erziehungsinstitute befunden haben, wo es ihm aber -nicht gefiel, denn er floh daraus. Es war jemand, der -braverweise die Christenpflicht vorschützte, um dem Drange -seines Herzens genüge zu tun und den jungen Menschen -nicht versinken zu lassen. So wurde Julian wieder eingefangen -und in ein anderes Institut getan. Dort hatte -man ihm das Entfliehen so gottlos schwer gemacht, daß er -es vorzog, die Sache so einzurichten, daß sie ihn selber fortjagten. -Er kam in die Gegend, wo die Sommerresidenz des<span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span> -Grafen Borgstam stand; der Graf war ein alter Sonderling, -ein morscher Rest des alten Adelsgeschlechtes gleichen Namens, -der fast einsam dasaß inmitten seiner ausgebreiteten -Güter. Er interessierte sich für den hübschen, intelligenten -Burschen, stattete ihn aus und half ihm in ein Militärinstitut. -Das fand Julian nicht wohlgetan und eine -Weile später sah man ihn mit einer Schauspielertruppe -durch das Land ziehen. Da war er schon zwanzig Jahre -alt; aber bald bekam er den Komödiantenteint im hohen -Grade. Seine Wangen fielen ein, seine Gesichtsfarbe wurde -fahl, fast grünlich-grau, seine Augen brannten scharfzackig. -Seine schlanke Gestalt war zweifach geknickt, einmal in -den Knien und einmal am Nacken. Der schwarze Anzug -wurde nicht mehr gebürstet.</p> - -<p>Graf Borgstam, der sich nun einmal diesem Menschen -zugewandt hatte, wollte ihn nicht aus den Augen lassen. -Ein so wohlgebildeter und wohlgearteter junger Mann! Er -nahm den Julian zu sich als Kammerdiener. Der Graf -war betagt und durch mancherlei Mesalliancen und abenteuerliche -Lebensperioden hindurch glücklich dort angekommen, -wo man müde und einsam dasteht. Diese Einsamkeit -war um so unheimlicher, je größer sein Reichtum und -je mehr der Wohldiener ihn schmeichelnd umkrochen. Doch -sammelt sich immer noch ein Restchen Weichmut und -Wärme in einem alten Herzen, wenn es scheinbar auch -schon ausgebrannt ist, und dieses Restchen kam dem neuen -Kammerdiener nicht schlecht zu statten. Julian erholte sich -bald, seine Wangen blühten und sein Rückgrat strebte wieder -der aufrechten Richtung zu. Bei der freundlichen Behandlung, -die er im Schlosse genoß, kamen auch seine geistigen -Anlagen rasch zum Vorschein. Die Lust zum Vagabundieren -war weg und obgleich in eine gewisse Disziplin<span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span> -gesteckt – denn der Graf war sein alter Soldat – -heimte sich Julian rasch ein, zeigte Anhänglichkeit zu -seinem Herrn und nach zwei Jahren war er mehr oder -weniger der Vertraute des Grafen, und der Kammerdiener -bekam selbst wieder einen Diener zugeteilt.</p> - -<p>Den Winter verlebte der Graf in der Hauptstadt, wo -er eines der vornehmsten Palais besaß, das aber in seinen -größten Teilen unbewohnt blieb, weil der Herr nur einen -kleinen Hausstaat zu führen pflegte und es auch sein alter -Adel und dessen Verhältnisse verlangten, daß das Gebäude -nicht praktisch verwertet werde, sondern mitten in der -lebenslustigen Stadt still und ernst wie in ein düster-gewaltiges -Monument, an das alte Herrengeschlecht erinnernd, -dastehe.</p> - -<p>Julian war also des Grafen rechte Hand geworden, so -daß diesem der übrige Haustroß mehr oder minder überflüssig -erschien und er sich von demselben räumlich abzusondern -liebte. Der Graf pflegte allabendlich einen alten General -bei sich zu sehen, mit dem er ein Tarockspielchen machte -und ein paar Flaschen Wein ausstach. Vor Mitternacht -wurde dem Gaste aus dem Hause geleuchtet und der Graf -stieg bisweilen schon etwas schlaftrunken zu seinem Schlafzimmer -empor. Julian verschloß alle Fenster und Türen -der Vorgemächer, hatte noch die Aufgabe, dem Herrn im -Entkleiden zu helfen, ihm irgendein Buch auf den Nachttisch -zu legen zur Lektüre, damit sich's leichter einschläft, und -sich dann im Vorzimmer selbst zu Bette zu legen.</p> - -<p>Da war es eines Tages, daß, als der Graf schon im -Bette lag und just das Buch weglegen wollte, Julian ins -Gemach trat.</p> - -<p>»Was willst du?« fragte der Graf.</p> - -<p>»Euer Gnaden das Licht auslöschen,« war die Antwort;<span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span> -da stand er schon am Bette und in seiner Faust hielt -er den Griff eines scharfblinkenden Hirschfängers.</p> - -<p>Der Graf richtete sich rasch empor, der Kammerdiener -griff ihm an die Gurgel und preßte ihn auf das Kissen -zurück.</p> - -<p>»Sie wissen, Herr, um was es sich handelt,« sagte -Julian ganz leise, indem er Sorge trug, daß die Spitze des -Messers dem vor Schreck stöhnenden alten Manne vors -Auge kam. »Erschrecken Sie aber nicht so sehr, Sie werden -ihr Leben mit einem einzigen Worte retten. Sie waren -mir stets ein guter Herr und ich bitte Sie inständigst, ja -nicht den mindesten Schrei zu versuchen. In der Notwehr -bin ich alles imstande.«</p> - -<p>Tiefe bodenlose Frechheit des Anfallenden gab dem Grafen -das Bewußtsein der Ruhe wieder. Er wehrte sich nicht, -er starrte dem Burschen nur wunderlich ins rollende Auge.</p> - -<p>»Was – bedeutet denn das, Julian?« fragte er.</p> - -<p>»Sagen Sie mir nun einmal ganz ruhig, wo Sie die -Schlüssel zur Geldkasse haben.«</p> - -<p>»Laß mich los, Unglücklicher!«</p> - -<p>»Herr, wenn Sie lärmen wollen!« Der Bursche machte -die Miene des Zustoßens.</p> - -<p>»Ich meine nur,« fuhr der Graf fort, »wenn du mich -nicht losläßt, so kann ich nicht zu Worte kommen. Daß ich -nicht Lärm schlage, magst du glauben, dafür ist mir mein -Leben zu lieb, und du würdest zehnmal durchs Fenster -entspringen können, bevor man zu Hilfe käme. Ich sehe -deinen Vorteil recht gut ein.«</p> - -<p>»So werden Sie mir die Kasse öffnen.«</p> - -<p>Der Graf hatte sich nun vollends gesammelt. »Julian,« -sagte er mit einem Humor, den man dem alten Herrn -für eine solche Situation nicht zugetraut hätte, »da du<span class="pagenum"><a id="Seite_222">[222]</a></span> -dich so gut sichergestellt und auch, wie ich nun sehe, die -Pistolen entfernt hast und selbst die Klingelschnur durchgeschnitten, -da wir uns recht still verhalten und es noch -viele Stunden dauert, bis im Hause der Erste aufwacht, -so können wir die Sache ganz bequem machen und alles -miteinander wohl überlegen, denn du mußt zugeben, daß -es etwas Wichtiges ist, was du vorhast. Ich versuche -nicht, dir davon abzuraten, aber ich gebe dir zu bedenken, -ob dein Weg bis nach Amerika, – und einen andern kannst -du wohl nicht wählen – auch vorbereitet genug ist, daß -du ihn von diesem Fenster aus schnurgerade nehmen -kannst!«</p> - -<p>»Das ist meine Sache, nur habe ich keine Zeit zu verlieren. -Also!«</p> - -<p>»Ach ja, die Schlüssel! Aber ich fürchte, daß, wenn du -die Kasse geräumt haben wirst, dir doch nichts anderes -übrig bleibt, als mich tot zu machen. Und insoferne ich -väterlich für deine Zukunft besorgt bin, sage ich dir: du -könntest gar nichts Schlimmeres tun, als mich zu ermorden!«</p> - -<p>»Sie höhnen mich!« knirschte der Kammerdiener, der -als Angreifer nun weit erregter war, als der Angegriffene.</p> - -<p>»Stoß zu!« sagte der Graf, immer noch ruhig auf -seinem Bette liegend, »stoß zu, wenn du's gratis tun willst!«</p> - -<p>Das wollte der Bursche allerdings nicht, und fast irre -gemacht durch das Verhalten des Grafen, verlangte er in -bittendem Tone die Schlüssel zur Kasse.</p> - -<p>»Julian!« sagte der Graf und wollte den Burschen -an der Hand fassen, während der aber durchaus nicht gesonnen -war, von seiner wehrhaften Stellung auch nur den -geringsten Vorteil aufzugeben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span></p> - -<p>»Du hast recht, Julian,« fuhr der Graf fort, »ich gestatte -dir, daß du mich fesselst, aber den Mund laß mir -frei, ich habe dir einiges zu sagen, was für dich nicht unwesentlich -ist. – Dort in der Ecke steht die Kasse, die -Schlüssel kann ich dir auch angeben, ja selbst die geheimen -Kunstgriffe, ohne welche das Ding nicht zu öffnen ist, -möchte ich dich lehren, allein du würdest über den Inhalt -des Schrankes enttäuscht sein. Zumeist sind es Papiere, -mit denen ein Flüchtling nichts anzufangen weiß, das -vorhandene Bargeld dürfte dich zur Not nach Neuyork -bringen, aber nicht weiter. Und in diesem Lande wird -nach meinem Tode das Gericht ein Testament öffnen, das -schon seit sechs oder sieben Monaten geschrieben ist und in -welchem der unglückliche Graf Borgstam, als der letzte, seinen -Kammerdiener Julian Zellenbach zum Universalerben einsetzt. -Ein Duplikat des Testamentes wirst du in der Kasse -finden.«</p> - -<p>»Wir werden uns überzeugen.«</p> - -<p>»Gut, Junge. Aber was nützt das? Ich sehe es ein, du -meinst, du könntest jetzt nicht mehr zurück.«</p> - -<p>»Sie sehen es selbst ein, Herr Graf.«</p> - -<p>»Vielleicht aber doch, wenn wir die Sache erörtern. -Denn es wäre jammerschade, wenn du über die Flucht -wegen der Kleinigkeit die dir einst rechtmäßig zufallenden -Güter im Stiche lassen müßtest.«</p> - -<p>»So töricht bin ich nicht, daß ich mich durch solche -Märchen hinhalten lasse,« sagte der Kammerdiener in verschmitztem -Tone.</p> - -<p>»Es tut mir leid,« fuhr der Graf fort, indem er sich -unter dem drohenden Messer nun einmal ein wenig zurecht -rückte, »ich würde dich gerne von der Richtigkeit meiner -Worte überzeugen, aber du bist ein toller Junge und stoßest<span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span> -aus Angst schließlich doch noch deinen leiblichen Vater -nieder.«</p> - -<p>Das Bekenntnis war heraus, allein es wurde darum die -Unterhaltung nicht wesentlich gemütlicher.</p> - -<p>»Ich habe mancherlei an dir erlebt, mein Sohn,« fuhr -der Graf fort, »und ich habe dir außerdem noch mancherlei -zugetraut; allein ein Raubmörder, das berührt mich unangenehm. -Man kann Leute töten und Güter konfiszieren, -so viel man will, aber auf ritterliche Weise, wie wir's -getan haben. – Doch dir mangelte die standesgemäße Erziehung -und ich habe dich leider aus den Augen gelassen -und jahrelang aus den Augen verloren; was ich konnte, -habe ich dann ohnehin getan.«</p> - -<p>Nun war denn doch der scharfe Hirschfänger in der Faust -des Kammerdieners etwas locker geworden. Er trat einen -Schritt vom Bette zurück und sagte mit heiserer Stimme: -»Erheben Sie sich und zeigen Sie mir das Dokument, denn -Sie werden begreifen, daß ich mich sichern muß.«</p> - -<p>»Daran tust du wohl. Nur möchte ich wissen,« sagte -der Graf und machte Anstalten, aufzustehen, »ob dir niemals -eine Ahnung gekommen ist von unserer – Zusammengehörigkeit?«</p> - -<p>»Mag sein,« antwortete der Bursche, »momentan handelt -es sich aber darum, daß ich mich assekuriere. Hierher, -wo ich Sie jetzt habe, dürfte ich Sie sobald nicht mehr -kriegen.«</p> - -<p>»Das Vernünftigste ist, du gehst zu Bette,« so nun der -väterliche Rat, »und keine Seele soll wissen, was in dieser -Nacht zwischen uns vorgefallen.«</p> - -<p>»Aber Sie werden umso sicherer daran denken, mein -Herr, und werden mich enterben oder mich aus dem Wege -schaffen, auf welchem ich Ihnen nun unbequem sein muß.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span></p> - -<p>»Ich sehe, daß du klug bist, mein Sohn. Doch dürftest -du beruhigt sein, wenn ich dir meine, deine Geschichte, insoferne -du sie nicht kennst, mitteile.«</p> - -<p>»Die kümmert mich nicht und möchte für mich dabei -kaum mehr Ehre herauskommen, als für Sie. Was? Sie -haben ein schönes, armes Weib ins Unglück gebracht, damit -wird's beginnen.«</p> - -<p>»Ich habe sie versorgt.«</p> - -<p>»Sie ist verachtet worden und zugrunde gegangen.«</p> - -<p>»Weißt du's?«</p> - -<p>»Das ist leicht wissen, weil es der gewöhnliche Gang ist. -Und die Leichtsinnigsten kommen immer noch am billigsten.«</p> - -<p>»Auch du wirst dich nicht zu beklagen haben.«</p> - -<p>»O klagen, Papa! Lieber nehm' ich mir meinen Teil -und schweige.«</p> - -<p>»Schweigen, das glaube ich.«</p> - -<p>»Ich könnte ja in der Tat eine Rührszene aufführen,« -meinte nun der junge Mann, »und ausrufen: Tausendmal -besser für mich, ein Bauer hätte mich auferzogen, als daß -ich hin- und hergeworfen worden bin zwischen Dorf und -Stadt, zwischen Schule und Kaserne, einmal Geld im Überfluß, -einmal gar keins, verkommen, verdorben – verdorben!«</p> - -<p>»Vergißt es wohl nicht, daß ich dich in mein Haus -nahm und hielt wie ein liebes Kind?«</p> - -<p>»Warum haben Sie das nicht getan, so lange es noch -früh genug gewesen? Sie haben mich verhehlt. Sie hätten -Ihr eigen Herz und Gewissen bis an's Lebensende betrügen -können, weil es das Dekorum verlangt. – Ha, so könnte ich -Komödie spielen, wenn mir die ganze Teufelei nicht verflucht -gleichgültig wäre. Nur wollen Sie keine kindliche Liebe, oder -wie das Zeug heißt, von mir verlangen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span></p> - -<p>»Ich verlange gar nichts von dir, mein Junge, als -Klugheit,« unterbrach ihn der Graf, »aber du wirst dieselbe -auch an mir erklärlich finden. Wir befinden uns jetzt beide -in einer schlimmen Situation. Öffne ich dir die Kasse, um -die Urkunde zu zeigen, so wirst du fürchten, ich könnte nach -solchem Zwischenfall das Testament gelegentlich widerrufen -und wirst das mit geeigneten Mitteln beizeiten zu verhindern -suchen. Öffne ich nicht, so ist deine Sache unsicher, -ja verloren.«</p> - -<p>»Und Sie werden die Notwendigkeit begreifen, daß ich -für meine persönliche Sicherheit sorge und zwar radikal …« -So der Kammerdiener.</p> - -<p>Mittlerweile hatte sich der Graf ins Nachtkleid gehüllt, -an der Wand umhergetastet, um scheinbar nach den Schlüsseln -zu suchen. Der Kammerdiener folgte jeder seiner Bewegungen -und dabei war er doch ratlos und wußte nicht, -was er unter sotanen Verhältnissen zu tun hatte. Sie waren -gegenseitig gebunden, wo sich's um Konvenienz, Dekorum -und materiellen Vorteil handelte, aber nicht gebunden, wenn -es auf Leben und Sicherheit ankam. Der Augenblick war -kritisch und Julian umklammerte wieder fest und entschlossen -die Mordwaffe.</p> - -<p>Da pochte es draußen an eine Tür.</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Auftreten die Tür! Rasch herein!</em>« rief der -Graf mit voller Stimme. Da krachte das Getäfel. Julian -brach ein, die Waffe entsank seiner Hand. Das vom Grafen -durch einen heimlichen Druck an der Wand gerufene Gesinde -stürzte herein, der Portier voraus.</p> - -<p>»Kommt uns zu Hilfe,« sagte der Graf, »dem Julian -ist schlecht geworden. Bringt ihn in's Krankenzimmer, schafft -ihm Beistand, und es sollen die Nacht über Leute bei -ihm sein.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span></p> - -<p>Den Hirschfänger hatte er, während er den Befehl gab, -mit dem Fuße unter das Bett geschnellt. Der auf ein Fauteuil -gesunkene Kammerdiener ließ sich hinaustragen und -der Graf schloß die Tür und war nun allein in seinem -Gemache.</p> - -<p>Am nächsten Morgen war der Kammerdiener, um -frische Luft zu schöpfen, ins Freie gegangen und – nicht -mehr zurückgekommen. »Julian hat recht,« meinte der Graf, -»seine Gesundheit ist angegriffen, er sucht ein südliches -Klima auf.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Millionaer">Der Millionär.</h2> -</div> - -<p class="drop">Das war vor dem Klosterkeller am See. Draußen -glitzerte das Gewässer, jenseits desselben baute sich -das Hochgebirge mit den Gletscherschildern, und an meinem -Brettertisch, in der grünen Nacht der Lindenschatten, funkelte -im Glas der goldene Wein doppelt freundlich. Wahrlich, -die Klöster brauchen nicht zu fürchten, von der Erde -vertilgt zu werden, solange sie gute Weine geben. Und -die Juden werden niemals zur Herrschaft der Herzen gelangen, -so lange jüdische Weinagenten uns mit jenem Gesüff -verfolgen, wie man es in allen Schenken der Straße zu -finden, zu trinken und zu verfluchen pflegt.</p> - -<p>Der Klosterwein hat schon manchen zur katholischen -Religion bekehrt, und ich selbst schwor zu jener Stunde im -Klosterpark, daß in einem solchen Weine die Wahrheit liegen -müsse. Auch das Bauernvolk war sicherlich derselben Meinung, -das an den übrigen Brettertischen unter den Linden -herumsaß, Wein trank, kecke Gespräche führte und Lieder -sang.</p> - -<p>Auf einmal unterbrach einer der Burschen sein Lied, -stieß die Nachbarn mit dem Ellbogen und sagte: »Schaut, -dort geht er! Dort drüben geht er wieder!«</p> - -<p>Die Augen wendeten sich gegen eine Landzunge hinaus, -an deren Strand ein schwarzgekleideter Mann hinschritt. -Er trug, soviel man von der Ferne ersehen konnte – -enge Beinkleider und ein kurzes schwarzes Wams. Und -da er den Stock so an die linke Seite preßte wie einen Degen, -gemahnte er fast an den Faust, wenn er im dunklen Samte -neben Mephisto dahinschreitet. Über die Schulter hatte unser<span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span> -Wandler am Gestade ein graues Reisetuch geworfen, wie -es so die Engländer ins Land gebracht haben. Und auf -dieser Gestalt saß ein roter Punkt. Das war der rot bebartete -und rot behaarte Kopf, der keine Bedeckung trug.</p> - -<p>Ganz hart am Wasser ging der Mann hin, blieb mitunter -stehen, als ob er in den See starrte, und schritt dann -zögernd fürbaß.</p> - -<p>»Er will schon wieder!« rief die Kellnerin.</p> - -<p>»Und getraut sich nicht!« lachte einer der Bauern.</p> - -<p>»Gebt acht, vielleicht springt er doch hinein!« sagte -ein dritter.</p> - -<p>»Man soll ihm einen Krug Wein schicken, vielleicht -bringt ihn das auf andere Gedanken,« rief ein vierter.</p> - -<p>»Steht sein gestriger noch auf der Tafel,« sagte die -Kellnerin.</p> - -<p>»Seinen heutigen schreib auf die meine,« sagte einer -der Zecher.</p> - -<p>»Ist gehupft wie gesprungen,« lachte die Kellnerin, -»du zahlst auch nicht.«</p> - -<p>»Ich zahl' wie die Klosterbrüder zahlen: Gott vergelt's! -Im nächsten Jahr soll er wieder gedeihen.« So keck redete -der Zecher d'rein. Hierauf schossen sie zusammen, die Bauern -und Hirten und Waldleute, die an den Tischen saßen. Der -Krug Wein wurde dem Schwarzen nachgeschickt, kam aber -wieder zurück, der Wandler am Gestade war nicht mehr zu -finden.</p> - -<p>Als sich die bäuerlichen Gäste verlaufen hatten, fragte -ich die Kellnerin, was es mit jenem Manne denn für -eine Sache sei?</p> - -<p>»Eine traurige,« antwortete die Kellnerin und griff -an die Stirne: »Er muß <em class="gesperrt">da</em> nicht recht sein. Er steigt schon<span class="pagenum"><a id="Seite_230">[230]</a></span> -etliche Tage in der Gegend um, sagt, er will sich umbringen -und hat die Courage nicht dazu. Einmal ist er -schon in den See gesprungen, muß ihm aber zu naß gewesen -sein, weil er sich wieder herausgearbeitet hat. – Da kommt -der Pater Anton, der weiß mehr von ihm. Küss' die Hand, -Hochwürden. Gleich bring' ich's.«</p> - -<p>So die Kellnerin und lief davon, um dem Ankömmling -den gewohnten Trunk zu holen. Der Pater in schwarzem -Talar, um die Mitte einen weißen Strick, setzte sich zu mir, -gab einen freundlichen Gruß und schaute mich mit seinem -runden Gesichte gemütlich an. Wir waren uns also schon -verknüpft; ich wollte etwas von dem rätselhaften Manne -wissen und der Pater wußte etwas von ihm. So war bald -angehakt und der Priester erzählte mir. Etwa eine Woche -zuvor sei weiterhin an der Felswand ein fremder Mann -aus dem See gezogen worden, nachdem ihn der Fischer -um Hilfe rufen gehört. Dann habe der Gerettete dem -Retter heftige Vorwürfe gemacht, daß er ihn nicht habe -ertrinken lassen, sei ihm ausgerissen, wieder ans Wasser -gelaufen, dort aber am Ufer zusammengebrochen. Hierauf -habe man den Armen ins Kloster gebracht, dort geatzt und -mit Kleidern versehen, denn seine Gewandung sei nur mehr -in schmutzigen Fetzen am Leibe gehangen. Im Alter wäre -er noch kaum über dreißig Jahre, wer oder was er sonst -sei, das wäre nicht aus ihm hervorzubringen, allem Anscheine -nach ein Mensch aus gutem, reichem Hause, aber einer -Irrenanstalt entsprungen. Bei einem Mahle, an dem er im -Kloster teilgenommen, habe er sich als Feinschmecker erwiesen. -Sein Benehmen sei ein merkwürdiges Gemisch von -Höflichkeit und Trotz, manchmal flackere etwas, wie übermütige -Lust in ihm auf, dann sei er wieder tief niedergeschlagen, -starre oft bewegungslos lange Stunden in Abgründe,<span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span> -in das Wasser, sitze mitunter in der Tischlerwerkstatt -und starre die Werkzeuge an. Einen Revolver habe er anfangs -bei sich getragen, der sei ihm abgenommen worden. -Dann wandle er traumhaft umher, man sehe ihn drüben an -der steilen Wand, man sehe ihn oben auf den Höhen, man -sehe ihn draußen bei den Klostermühlen und am Wasserfalle -und an der Brettersäge, wo er seine Augen in das Getriebe -vertiefe. Dann wieder laufe er in das Dickicht oder werfe -sich auf den Erdboden und klammere sich mit krampfhaften -Fingern an den Rasen. Man sei ihm mit der Religion gekommen, -dabei wäre er bewegungslos wie ein Taubstummer -geblieben; aber einmal habe er auf den Feldern einem pflügenden -Bauer zugeschaut und habe dabei angefangen, herzbrechend -zu schluchzen und habe sich in die frische Furche -gelegt und habe sein Gesicht in die Erde gepreßt, daß der -Bauer gar nicht gewußt, was er sich davon denken solle. -Einmal am Abend habe er sich bei den Klosterbrüdern bedankt -für die Herberge und Gastfreundschaft und gesagt: -Morgen, wenn die Sonne aufgeht, bin ich nimmer. Aber als -die Sonne ausging, war er doch noch und schlich von den -Leuten abseits; da habe man gesehen, wie er sich mit einem -Stein an den Kopf schlug, daß helles Blut niederrann über -das Gesicht; dann wimmere er, und endlich, wenn er etwas -zu essen bekäme, zeige er wieder guten Appetit. Der Abt -sage nun, länger sehe er dem Manne nicht mehr zu, er lasse -ihn abliefern in die nächste Irrenanstalt.</p> - -<p>Derlei hatte mir Pater Anton mitgeteilt, und dabei -war es in mir unruhig geworden.</p> - -<p>»Die Leute sagen,« setzte der Pater bei und trank aus -seinem Krug, »die Leute sagen, es sei der leibhaftige ewige -Jude.«</p> - -<p>»Mag wohl sein, zum mindesten ein Stück von ihm.«<span class="pagenum"><a id="Seite_232">[232]</a></span> -– Bald nachher nahm ich Abschied vom Kloster und zog -meiner Wege.</p> - -<p>Ich strich bergauf und talab im Gebirge umher und -dachte unterwegs viel an den sonderbaren Mann und hoffte -ihm sogar zu begegnen. Das geschah aber nicht, und so -wendete sich mein Herz von dem Grauen einer umnachteten -Seele wieder der lichten Herrlichkeit der Hochgebirgswelt zu.</p> - -<p>Sonst pflegte man die Klöster in gesegnete Gegenden der -Hügelgelände hinzubauen; aber der Erbauer dieser Pfaffei -hatte das unwirtliche Hochgebirge vorgezogen. Die Liebe -zu solchen wilden Gegenden konnte zu jener Zeit der Klostergründungen -nicht Ursache gewesen sein, denn diese Liebe -war in alten Zeiten nicht so in den Menschen wie heute. -Eher war es der Schutz, den die wilden Berge vor feindlichen -Einfällen gewährten, in Hinsicht darauf diese Stätte -gewählt worden. Oder die Sache fing etwa mit einer Einsiedelei -an, oder einem Jagdschlößchen, das die Priester -eines fernen Klosters hier erbaut hatten; zum Jagdschlößchen -kam eine Kirche, zu dieser kamen Andächtige, es huben -Wunder an zu geschehen, der Wallfahrer wurden von Jahr -zu Jahr mehr, die Kirche wurde vergrößert, ständige Priester -mußten sich niederlassen, und es erwuchs ein Kloster, das -von dem, was die Gläubigen herbeitrugen und was das -ferne Mutterkloster abwarf, reichlich gedieh.</p> - -<p>Und so konnte die Abtei des heiligen Antonius ganz -behaglich daliegen zwischen den Wänden. Sie lag – von -oben herab gesehen – mit ihren weißen vielfensterigen -Mauern, mit ihren zwei roten Kuppeltürmen, mit den Wirtschaftsgebäuden -und Baumgärten reizend am Gestade des -Alpsees, und hinter ihr war ein kleiner fast ebener Boden -von grünen Matten und Fichtenwäldern. In Urzeiten mochte -auch diesen von schroffen Felswänden eingeengten Boden der<span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span> -See bedeckt haben; heute ist er wie ein lieblicher Garten, an -zwei Seiten bestanden von der Schutzmauer. Diese Schutzmauer -ist mehr als fünftausend Fuß hoch, und im Winter hat -das Kloster neun Wochen lang keinen Sonnenstrahl. Stellenweise -steigt der blauende Wald streckenweit hinan in das -steile Gebirge, am See hin ragen die Wände fast senkrecht -empor. Oben sind sie scharf abgebrochen, und wie sich dort -das Gebirge zurückzieht und im Hintergrunde zu neuen -Massen großartig aufbaut, das kann man vom Tale aus -nicht sehen.</p> - -<p>Wer jedoch oben steht auf einer der Kanten des Vorgewändes, -dem schwindelt einerseits vor der Tiefe unter sich, -in welcher der See wie eine braune, ins Gebirge eingezackte -Spiegeltafel daliegt und daneben im dunklen Grün die -lichten Würfelchen des Klostergebäudes – und andererseits -vor der Höhe über sich, in welcher die grauen zerklüfteten -Bergwuchten stehen, von deren Häuptern und Hochmulden -der versteinerte Schnee niederleuchtet. Diese Felsmassen setzen -sich nicht zusammen aus einzelnen Stücken und Schichten, -sie haben nicht die Art des Zersprungenen, Zerbröckelnden; -in geraden und glatten Linien gezeichnet, so stehen die ehernen -quadratischen Blöcke da, mancher im Durchmesser von mehreren -tausend Fuß; so liegen ihrer zwei und drei oder -noch mehr übereinander und die obersten Zinnen überragen -die Gebirgswelt und schauen in ihren äthergrauen Flächen -weit hinaus in die Lande.</p> - -<p>Das Gewände jenseits des Sees hat mehr den Charakter -des Unregelmäßigen und Plumpen, es baut sich in -Kegeln aus, von deren Schründen gelblichweiße Schutthalden -niedergehen und sich zwischen grünen Wäldern und grauen -Klötzen ausböschen in den See. Selten ist das Bild ganz rein, -entweder die Gipfel stechen in die Wolken hinein, oder es<span class="pagenum"><a id="Seite_234">[234]</a></span> -liegt der Nebel in den Tiefen und die Berge steigen scheinbar, -jeder für sich, wie aus einem grauen Meere auf. Oder -es schwimmen in der feuchten Luft die Nebelfetzen in halber -Höhe hin, hängen wie Wetterfahnen an den Wänden oder -dampfen im Morgensonnenschein aus den Steinhäuptern -hervor und lösen sich in Äther.</p> - -<p>Scheinbar hat der Beschauer die Felswände sich ganz -nahe gegenüber, aber wenn er nach Gemsen ausschaut, so -sieht er dunkle kleine Punkte, wie Steinflöhe – das sind -freilich die Gemsen, aber sie zeigen nur, wie groß der Abstand, -wie riesig die Verhältnisse sind, in welchen sich der -Beschauer selber wie ein nichtiger Steinfloh vorkommen muß.</p> - -<p>Auf solchem Standpunkt wird der Wert des menschlichen -Lebens stark verschoben, entweder es verliert gegenüber diesen -ungeheuren Naturgewalten alle Bedeutung, oder es stellt -sich als Erkenner und Genießer der Natur hoch über sie -und ermißt an der seelenlosen Außenwelt seine göttliche -Überlegenheit.</p> - -<p>Als ich in solchen Gedanken dahinging hoch am Grate -des Gewändes, das senkrecht in den See hinabtauchte, sah -ich plötzlich unter mir auf einem schmalen Felsvorsprung -einen Menschen liegen. Er lag in seiner schwarzen Kleidung -ausgestreckt auf dem Rücken wie eine Leiche und ich wähnte -auch anfangs, es wäre der nun tote Fremdling, den ich ein -paar Tage früher unten am See gesehen. Es war aber -der lebendige, wie mich eine Bewegung desselben belehrte. -Es war eine Bewegung mit dem Arm, wie bei dem Erwachen -aus einem traumschweren Schlaf. Ich erschrak vor dieser Bewegung -mehr, als früher vor dem leblosen Bilde, eine einzige -Wendung des Körpers, und er mußte in die Tiefe stürzen.</p> - -<p>Diese Bewegung wurde vermieden, der Mann richtete -sich sorgfältig empor und kletterte mit Geschick, aber auch<span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span> -mit Zittern und Zagen einem Gemssteige entlang quer -heran zur Zinne. Mit einem Sprunge stand er auf der -flachen weiten Matte und atmete auf. Dann blickte er -wirr um sich und wollte davoneilen.</p> - -<p>Ich trat rasch zu ihm und redete ihn an: »Sie können -vom Glücke sagen, daß Sie heil heraufgekommen sind!«</p> - -<p>»Jawohl,« antwortete er gedämpft und säumig, »ich -kann vom Glücke sagen. Ich kann vom Glücke sagen!«</p> - -<p>»Wollen Sie nicht mit mir kommen, lieber Herr,« -lud ich ihn ein, »unten im Kloster erwartet man Sie.«</p> - -<p>»Wer erwartet mich?« schnauzte er auf, »mich hat -niemand zu erwarten, verstehen Sie? Die Pfaffen sollen -mir meinen Revolver wiedergeben.«</p> - -<p>»Das sollen sie auch,« sagte ich, »wer im Gebirge -reist, muß eine Schußwaffe haben. Sehen Sie, ich habe -auch so etwas.«</p> - -<p>Damit zog ich mein Terzerol aus der Tasche, er blickte -es mit gierigen Augen an und fragte, ob es geladen sei?</p> - -<p>»Dreifach. Ich pflege es im Gewände loszubrennen, -ich ergötze mich am Echo.«</p> - -<p>Hierauf ging er mit mir und wies mehrere Stellen, -die ein vielfaches Echo hatten. Dabei merkte ich, daß er -mit der Gegend einigermaßen bekannt war und es war -überhaupt vernünftig und unauffallend, was er sprach, und -stand es zu seinem verwahrlosten Wesen, zu seinem verstörten -Gesicht im Widerspruch. Das lange rote Haar und der -volle Bart, der das blasse eingefallene Gesicht wie eine -Wildnis umwucherte, war verworren und es klebten Baumnadeln -und Sandkörner daran.</p> - -<p>Da er keinen Hut hatte, so fragte ich ihn, ob selbiger -denn vom Winde entführt worden wäre?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span></p> - -<p>»Ha, ha,« lachte er, »alles frägt nach dem Hute, als -ob der Hut das wichtigste wäre an einem Menschen. Ja, -es ist mir einmal einer auf dem Kopf gesessen. Vielleicht -schwimmt er unten im See, wenn Sie ihn haben wollen.«</p> - -<p>»Mir geht's nicht um den Hut,« war meine Entgegnung, -»aber wenn ich Sie nach Ihrem Kopf gefragt -hätte, wer weiß es, ob Sie mir Bescheid gegeben!«</p> - -<p>Auf das antwortete er nichts, sondern ging still vor -mir her, der Steig zwischen dem Gestein und Gezirme war -sehr schmal. Plötzlich – wir waren so weit in das Hochplateau -hineingekommen, daß man nicht mehr zum See und -zum Kloster hinabsehen konnte – blieb mein Begleiter -stehen, kehrte sich um gegen mich und sagte: »Wenn Sie klug -wären, hätten Sie mich jetzt von hinten niederschießen -müssen.«</p> - -<p>»So? Sie halten mich für einen Banditen?«</p> - -<p>»Ei, was Sie denken!« rief er und legte seine Hand -wie besänftigend auf meinen Arm. »Sie sind ein braver -Mann und gerade darum sollten Sie an mir ein gutes Werk -tun. Ich bin ein Tor, ich bin dem Wahnsinn nahe, aber ich -weiß noch ganz genau, was ich will und habe das Endziel -meines Lebens nicht aus den Augen verloren. Leider Gottes, -es geht mir nach dem Worte der Schrift: Der Geist ist -willig, aber das Fleisch ist schwach.«</p> - -<p>Er setzte sich auf einen breiten Stein, der schief aus -der Erde hervorragte. Ich setzte mich ihm gegenüber auf -einen zweiten Stein und bot dem Gefährten meine Feldflasche -an.</p> - -<p>Er tat daraus einen durstigen Zug und der Klosterwein -brachte seine Mitteilsamkeit in ganz ungeahnter Weise -zum Rieseln. Nachdem er mehrmals getrunken, sagte er: -»So ist das jetzt schon der dritte Monat, seit ich Almosen<span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span> -nehme. Wer hätte sich das je gedacht, daß die Liebe zum -elenden Leben stärker sein soll als der Stolz des Millionärs, -als die Weltverachtung eines alten Lumpen! Wer -hätte sich das gedacht! Aber ich sage es: das ist noch das -Erbärmlichste unter allem Erbärmlichen am Menschen, daß -er feig ist – eine feige Bestie. – Also im Kloster erwartet -man mich!«</p> - -<p>»Und spricht von Ihnen,« setzte ich bei, »und ich muß -gestehen, daß auch ich seit ein paar Tagen oft an Sie denke.«</p> - -<p>»Sie denken an mich. Das ist schön.«</p> - -<p>»Nach dem, was man von Ihnen erzählt, vermute -ich, daß Ihnen die Leute übel mitgespielt haben.«</p> - -<p>»Die Leute, meinen Sie! Wenn das wäre, so könnte -ich mich rächen!« rief der rätselhafte Mann lebhaft und -wühlte mit den Fingern in seinem Vollbart, was er allemal -tat, so oft er in Erregung kam; »leider bin ich es -selber, der mir schlimm mitgespielt hat und den ich nun -mit dem Tode bestrafen soll, weil er einen Menschen zugrunde -gerichtet hat – sich selber.«</p> - -<p>»Daß Sie der guten Gesellschaft angehören, ist mir -kein Zweifel,« sagte ich.</p> - -<p>»Der guten Gesellschaft!« lachte er auf.</p> - -<p>»Ihrer Aussprache nach sind Sie ein Wiener.«</p> - -<p>»Nur ein halber. Ein geborener Prager, studierte in -Berlin. Als mein Vater starb, war ich dreiundzwanzig -Jahre alt und Erbe einer Million. Allsogleich hub ich -ein standesgemäßes Leben an, machte Streiche, ward relegiert -und ging nach Wien. In Wien lebt sich's flotter, -das Studium gab ich auf, nachdem ich zweimal gefallen -war. Ich fand Genossen, die hatten einen guten Grundsatz, -der gefiel mir: Die Million verjuxen und sich dann erschießen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span></p> - -<p>Mit zynischer Gebärde wühlte er wieder in seinem -Bart, als wäre ihm das eine wie das andere zur Lust, -schlenkerte die Arme aus, schnalzte mit den Fingern und -wieherte: »Die Million verjuxen und sich erschießen!«</p> - -<p>»Hoffentlich,« so warf ich im Scherze ein, »waren Sie -wie die liebe Jugend, diese ist leichtsinnig und pflegt ihren -Grundsätzen nicht treu zu bleiben.«</p> - -<p>»Den ersten Teil meines Grundsatzes habe ich auf -das Gewissenhafteste befolgt,« versicherte er. »Ich habe jeden -Tag meinen Tausender in die Welt geworfen, habe Lakaien, -Pferde, Freunde, Freundinnen gehabt, habe alles versucht, -was sie Genuß heißen; ein dreijähriger Hexensabbat war's, -teils in Wien, teils in Petersburg, teils in Baden-Baden -und Homburg. Oh, wenn ich ein Tagebuch geschrieben hätte! -Es war anfangs ganz ergötzlich, aber eher als man denken -kann, eine Last, ein Ekel zum Erbrechen. Das Geld mußte -fliegen Tag für Tag, die Langweile tat sich auf wie ein -Abgrund, ich schleuderte Unsummen hinein, manche Stunde -fraß das Jahreseinkommen eines Ministers, und die Langweile -war nicht zu töten. Es gibt nichts, woran ich mich -nicht übersättigt hätte, noch bevor ich es eigentlich genossen. -Es ist mir heute alles nebelhaft, ich sehe nur zu Tod gehetzte -Pferde, rollende Würfel, üppige Gelage, Weiberbusen -mit Schaumwein getauft, blasse Gesellen im Nachtaumel -des Katzenjammers. Und nie hätte ich geglaubt, daß die -Welt für eine Million so arm ist an Genüssen. Das ewige -Einerlei des ruhelosen Wandelns, des Schnaubens und -Schnappens nach Neuem, Pikanten. Die Sinne wurden -stumpfer, ich verschmachtete fast in der Öde des Reichtums.«</p> - -<p>»Haben Sie denn nicht Reisen gemacht, waren Sie -nicht auf dem Meere, in Ägypten?« so meine Frage.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span></p> - -<p>»Ich war überall, aber nur als Raubtier,« antwortete -er, »ich sah nicht den Wald, ich sah nur das Reh und den -Hirschen. Ich sah nicht das Hochgebirge, nur den Adler und -den Lämmergeier; ich sah nicht den klaren Alpfluß, die -hohe See, nur die Fische drinnen, und fangen, töten, an -mich reißen – sonst wußte ich von nichts. Ja doch! Eines -Tages, es war auf dem Wege von Salzburg nach Berchtesgaden, -brach mir auf der Straße ein Wagenrad, und während -des Aufenthaltes beim Dorfschmied sah ich, wie das Weib des -Schmiedes, das auf dem Acker Kartoffeln jätete, zur Jause -in der heißen Tageszeit ein Krüglein Wein vom Wirtshaus -holen ließ. Eben will sie sich d'ranmachen, da kommt ein -alter Mann des Weges gehumpelt, der setzt sich vor der -Schmiede auf die Bank, trocknet sich den Schweiß und sagt -nichts. Jetzt kommt das Weib mit dem Weinkrug, ladet -den Alten ein, sich daran zu laben, er bedürfe der Labe -notwendiger als sie. Da geht mir ein Licht auf: Der Wein -ist doch ein großer Genuß, wenn man Durst hat, aber das -Almosengeben muß ein noch größerer sein, sonst würde -ihn das Weib nicht dem Trunke vorziehen. Den Genuß -kann ich mir verschaffen. Ich lasse alles Bettelvolk der -Gegend zusammenrufen, alte Männer und Weiber, Krüppel, -Kretins, und sage: Jedes bekommt einen Taler, wenn es -über den Wassergraben springen mag, in dem der Hammerbach -rinnt. Ha, wie die Joppen und Röcke fliegen, den -meisten glückt der Sprung, etliche fallen kreischend in den -Bach. Auch diese sollen ihren Taler haben, sage ich, wenn -sie mir auf den Anger ein Ballett aufführen, während die -Kleider am Zaun trocknen. Da ist etwas. Ein alter Mann -kommt auf mich zu, spuckt mir ins Gesicht, dann eilen sie -hinweg.«</p> - -<p>Ich war aufgestanden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span></p> - -<p>»Es ist weit mit mir gekommen,« fuhr er fort, »aber -niemals hätte ich geglaubt, niemals, meine Schande jemandem -so ins Gesicht sagen zu können. Wenn das nicht -die größte Schamlosigkeit ist, so ist es Mut, und wahrlich, -den hätte ich zu brauchen. – Nach wenigen Jahren war -die Million dahin und ich floh vor den Gläubigern. Und -nun – das Erschießen! – Wer eine Million verpuffen will, -der soll sich zuvor prüfen, ob er nicht zu feig ist für die -Konsequenzen; sonst geht er einem Leben entgegen, einem -verdammten Leben, das ärger ist als der Tod und das -Fegefeuer.«</p> - -<p>Er schwieg, ich ebenfalls, denn ich wußte in der Tat -nicht recht, was hier zu sagen war. Zu sagen sehr viel, -aber wo ein unglückliches Menschenherz mit im Spiele ist, -da muß man die Worte mit Bedacht wiegen. Die Wahrheit -und die Vernunft und die Moral sind oft zu rücksichtslos; den -Sünder richtet man am besten auf, wenn man als Sünder zu -ihm spricht.</p> - -<p>Der Mann war in sich zusammengesunken, als habe -ihn der Schlaf übermannt. Plötzlich fuhr er empor und -starrte mich erschrocken an.</p> - -<p>»Habe ich nicht den Hahn eines Revolvers knacken -gehört?« fragte er.</p> - -<p>»Der Stoppel dieser Feldflasche hat gepafft,« antwortete -ich, »wollen Sie sich bedienen?«</p> - -<p>»Ich kann mich nicht bedienen,« war seine Entgegnung, -»wenn ich aber einmal fest schlafe und Sie jagen mir die -Kugel durch den Kopf, so bedienen Sie mich am besten.«</p> - -<p>»Sie sind nicht klug!« sagte ich und wahrlich, ich -hätte was Klügeres sagen können.</p> - -<p>»Ein Bettel um die Kugel!« lachte er. »Das Leben -verachten und nicht den Mut haben, es zu enden! Vom<span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span> -Sonnenlicht übersättigt und vor dem Grabe schaudernd! -Eine Million verpuffen und sich erschießen! Wie leicht -ist's gesagt. Ich setze mir das Feuerrohr an den Kopf, zehnmal, -oh, weit öfter, aber mein Finger, der am Hahn lag, gehorchte -mir nicht, ich schleuderte die Waffe von mir. Ich -hing am Hanf und habe die Schlinge gelockert. Ich nahm -Gift und flehte den Arzt um Gegengift an. Ich sprang ins -Wasser. Es wäre gut gewesen, da kommt der Klosterbruder. -Immer habe ich gehört, von den Pfaffen komme nichts Gutes; -nie habe ich mich mit ihnen eingelassen und hab' es doch erfahren. -So ziehen sie mich aus dem See. Nun übe ich mich -in Mut und suche meine Schlafstelle da drüben an der Seewand, -vielleicht stürze ich einmal unbewußt hinab. – Des -Menschen Leben bläst der leise Windhauch aus. Steht's -nicht so in einem alten Buche? Oh über die Hypochonder! -Wenn sie ahnten, wie schwer das Leben abzuschütteln ist! -Ausgelebt haben und nicht sterben können!«</p> - -<p>»Wie alt sind Sie?«</p> - -<p>»Achtundzwanzig Jahre.«</p> - -<p>»Und wollen ausgelebt haben?« fragte ich. »Freund, -Sie mögen den Abschaum des Lebens kennen gelernt haben, -aber das Leben nicht. Mit einer Million kauft man sich kein -Leben, noch weniger ein Glück. Sie müssen gerungen haben -ums tägliche Brot, sie müssen einmal aus einer schweren -Krankheit genesen sein, Sie müssen Gutes empfangen und -Gutes gegeben haben, Sie müssen sich ein Haus gebaut haben, -und einen geliebten Menschen gefunden und einen geliebten -Menschen sterben gesehen haben, um zu wissen, was Leben -ist. Sie haben noch nicht gelebt. Auf Ihrem Herzen liegt der -Rost der Übersättigung, den müssen sie herausbluten, und -es wird wieder jung sein. Sie haben bisher nur ihre rohesten -Sinne gefüttert, den eigentlichen Menschen in sich haben<span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span> -Sie wahrscheinlich noch gar nicht entdeckt. Sie haben jene -Anlagen noch gar nicht entdeckt, deren Betätigung und Befriedigung -erst das Glück gibt. Das Sehen des Schönen -in der Natur, das stille und beständige Bedienen der Mitmenschen, -das Wiedergenießen ihrer Achtung, das Bewußtsein -erfüllter Pflicht, das, mein armer Freund, sind weit -tiefere und feinere Lebensgenüsse als jene tierischen, die -Sie mit Ihrer unseligen Million erkauft haben.«</p> - -<p>Der Mann tat eine Bewegung mit der Hand, als wollte -er damit sagen: Das gäbe es für ihn nicht.</p> - -<p>Ach du arme, zerfressene Seele, wie hat dich der Materialismus -zugerichtet!</p> - -<p>»Sie müssen nicht glauben, daß ich hier bei Ihnen -sitze, um mich von Ihnen beschulmeistern und bedauern -zu lassen!« sagte der Mann, indem er aufstand. »Ich habe -mit Ihnen nicht angebunden, Sie haben es mit mir getan. -Gehen Sie hinab und sagen Sie den Pfaffen, sie -mögen mich nicht erwarten und mit Seelenmessen ließe sich -an mir nichts verdienen. Ihr seid alle Wichte! Alle! -Adieu!«</p> - -<p>Nun eilte er davon, zwischen Zirmsträuchern hin und -schaute gar nicht mehr um. Ich war nicht Samaritan -genug, um ihm zu folgen; ich hatte nicht das demütige -Trostwort gefunden, welches der Sünder zum Sünder spricht. -Schwer verstimmt stieg ich niederwärts gegen den See.</p> - -<p>Das war die erste Begegnung mit diesem Menschen -in den Tiroler Bergen. Später ergab sich Gelegenheit, mit -seinen Schicksalen näher bekannt zu werden. Er hieß Friedrich -Kürbaum mit Namen und war der einzige Sohn eines -Prager Bankiers. Mit seinen Studienjahren und seiner -Million verhielt sich's so, wie er selbst angedeutet hatte. -Es wären aus der unsauberen Zeit wunderliche Einzelheiten<span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span> -zu erzählen. Es war ein Leben ohne Kopf und Herz, -es war das Welteinsaugen eines menschgewordenen Polypen. -Das beste an seiner Million war, daß sie endlich zur Neige -ging; mit dem Ringen um die Existenz und der Angst vor -dem Untergange kamen wenigstens menschliche Regungen in -seine Brust. Es ging ihm das Bewußtsein auf, ein Leben -verloren zu haben und das verlorene Leben wie ein unerlöstes -Gespenst weiterschleppen zu müssen durch alle Entbehrungen -und Demütigungen hin, und wie sozusagen sein -Gewand und sein Leib stückweise von der gemarterten Seele -abfallen müsse, bevor sie ihr Dasein aufgebe.</p> - -<p>Mit solchem Jammer trat der durch Überfluß und -Übermut entherzte Verschwender gleichsam wieder in die -Rechte der Menschheit ein.</p> - -<p>Lange strich er um im Gebirge; es war, als banne -ihn die Größe oder als bedürfe er für seine innere Wildheit -und Zerrissenheit die Wildheit der äußeren Natur. Planlos -strich er um. Hier bettelte er um den Tod, dort bettelte er -um Leben. Es war der allerärmste Bettler, der je in dieser -unwirtlichen Gegend umhergestiegen.</p> - -<p>Einige Tage war es nach unserer Begegnung auf der -Zinne der Seewand, als Friedrich Kürbaum im Walde zu -einem halb verfallenen Holzbaue kam. Einst mochten -Kohlenbrennerleute darin gewohnt haben, wenigstens war vor -der Hütte ein runder Platz mit Kohlenlösche, aus der Nesseln -und anderes Krautwerk wuchsen. – Wenn er sich in diese -Hütte einschlösse, die Fenster und Löcher verstopfte, mit -Kohlenresten darin ein Feuer machte, um daran zu ersticken! -– Mit diesem Gedanken vielleicht stieß Kürbaum den -Bretterverschlag auf, der die Tür bildete, und trat in den -Raum. Sofort merkte er, wie sich in einem Winkel der Hütte -etwas bewegte und eine Stimme war: »Mein Gott hat mich<span class="pagenum"><a id="Seite_244">[244]</a></span> -erhört, Friedrich! Wie danke ich dir, daß du uns aufgesucht -hast!« Dann hörte er nur noch Schluchzen.</p> - -<p>Als sich seine Augen an die Dunkelheit etwas gewöhnt -hatten, sah er im Winkel auf Heu ein junges Weib -kauern, am Busen ein kleines Kind; Er erkannte sie sofort. -Vor Jahresfrist auf einer Reise in die Schweiz war er ihr -das erstemal begegnet in einem Flecken bei Innsbruck. Ein -frisches, unschuldiges Landmädchen, das war noch etwas -Ungewöhnliches für ihn. Das Schmuckkästchen half nicht, -wie beim Gretchen, der Weltling mußte all seine Verstellungskünste -aufbieten, um sie zu gewinnen. Nach zwei -Wochen zog Herr Kürbaum lustig weiter und hatte das süße -Naturkind auch bald vergessen.</p> - -<p>Floriana jedoch hatte auf ihn gewartet, anfangs mit -Inbrunst, später mit Bangen, endlich in Verzweiflung. -Als sie vor ihrem Vater das Geständnis tat, wurde er rasend. -Das Mädchen floh ins Etschtal, wo ein Oheim von ihr lebte, -dort fand sie zur Not Unterstand für die schwersten Tage, -aber des Oheims Weib hielt es der Armen stündlich vor, -daß sie hier nicht daheim sei, und so nahm sie das Kind, um -damit wieder ihrem Elternhause zuzuwandern. Sie bettelte -sich von Tal zu Tal, bis sie vor Erschöpfung endlich nicht -mehr weiter konnte und in jener Waldhütte liegen blieb.</p> - -<p>Das hatte Floriana nun dem Manne erzählt, oft -unterbrochen durch ihre Schwäche und das Weinen vor -Freude, daß er erschienen.</p> - -<p>Kürbaum war ratlos, was hier zu tun oder zu sagen sei.</p> - -<p>Um einen Schluck Wasser bat sie ihn; er, der einstige -Verschwender, hatte nun nicht einen Schluck Wasser, um -sie zu laben, er war selber dem Verschmachten nahe. Da -bot sie ihm ein Körbchen mit Heidelbeeren, die sie gesammelt -hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span></p> - -<p>»Friedrich,« sagte sie dann, »hier ist das Kind, Frieda -hab' ich's geheißen. Sieh es an. Sieh doch auch mich einmal -an. Bin ich denn so verdorben, daß du mich nicht mehr erkennen -kannst? Das Kind mußt du hüten, daß es groß wird -und brav. Ich glaube, bei mir ist's zum Sterben.« Er -wendete sich ab. Sie faltete die Hände: »Friedrich! Auf -der Welt ist es so schön und bist ja du wieder bei mir! -Ich mag nicht sterben. Noch so jung und schon auf die -Totenbahr.«</p> - -<p>Er blieb stumm. Nicht einmal die Kraft der Verstellung -hatte er mehr, um ihr ein beruhigendes Wort -zu sagen.</p> - -<p>Das Kind, in Lumpen gehüllt, schlief an der schwerwogenden -Brust des Weibes.</p> - -<p>»Wenn die Türe offen wäre!« sagte Floriana. Er -öffnete sie. Das Abendrot lag draußen auf den Bäumen.</p> - -<p>»Nicht wahr, die Waldluft, die soll ja gesund sein!« -sagte sie.</p> - -<p>»Gewiß,« versetzte er.</p> - -<p>»Meine Eltern laß ich grüßen. Auch den Vater,« fuhr -sie wie traumhaft fort. »Aber nicht wahr, mein lieber Mann, -du machest mich gesund. Du bist ja ein großer Herr. Du -hast mir Geld gaben wollen. Nichts wünsch' ich mir als die -liebe Gesundheit. Ich will dir keine Last sein, nur leben laß -mich. Mein junges Leben, nur das verlang nicht von mir!«</p> - -<p>»Das meine gebe ich für dich!« rief er aus. »Nimm -es! Nimm es!«</p> - -<p>Sie haschte nach seiner Hand: »Du bist gut, Friedrich!« -hauchte sie und legte ihre Wange zärtlich an seine Hand -und streichelte sie, »ich hab's ja gewußt, daß du gut bist. -Kreuz mußt du mir keines setzen auf das Grab. Aufs Kind -denkest du ja und mich mußt du vergessen. Es wäre kein<span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span> -gutes Gedenken. Du wärest brav geblieben und ich bin dein -Unheil geworden.« Sie schwieg, hielt ihren rasselnden Atem -ein, um zu horchen: »Hörst du es? Hörst du es?«</p> - -<p>Auch er horchte, nichts war, als der stille Abendfrieden.</p> - -<p>»Die Glocken läuten,« sagte sie leise.</p> - -<p>Es war keine Kirche weit und breit und die Kapelle, -die draußen an der Straße stand, hatte keine Glocke.</p> - -<p>»Es ist schon die Gebetstunde,« sagte sie müde und -legte über dem Kinde an der Brust ihre Hände aneinander, -»sie läuten zum Englischen Gruß, bete ein Vaterunser, -Friedrich!«</p> - -<p>Er neigte den Kopf, aber er betete das Vaterunser -nicht, denn er wußte nicht, wie es lautete. Sie betete -still und er saß neben ihr bewegungslos, wie hingebannt. -Im traumhaften Zustand starrte er zur Türe hinaus, das -Gold der Wipfel begann zu erblassen, die lichten Äste und -Steine verdämmerten mählich und in dem Schatten sang -ein einziger Vogel weiche, kurz abgebrochene Töne.</p> - -<p>Das Weib war noch immer still und betete.</p> - -<p>Herr Kürbaum hatte eine Empfindung wie nie bisher -in seinem Leben, es war, als ob in seiner Seele etwas -zu tauen beginne. Dieses junge Weib. Und – »sie <em class="gesperrt">ihn</em> -verführt!« Du heilige Büßerin Unschuld! – Mit <em class="gesperrt">diesem</em> -Weibe leben! Es muß ja groß sein, das Glück zu leben, -wenn es selbst der Ärmste, Verlassenste nicht lassen will.</p> - -<p>Als der Mann sich niederbeugte gegen ihr Angesicht, -um zu sehen, ob die Betende nicht in den Schlummer -gesunken sei, da sah er's.</p> - -<p>Er rüttelte sie, er rief sie laut beim Namen. Sie war -dahin …</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span></p> - -<p>Da besann er sich nicht lange. Ein Tatentschluß. -Vielleicht das erstemal im Leben. Er nahm eine Kohlenschaufel, -die neben anderen verrosteten Geräten in einer Ecke -lehnte, und ging, um draußen zwischen den Bäumen ein Grab -zu graben.</p> - -<p>Er grub und schaufelte mit Hast, aber der Moosboden -war zähe, die Baumwurzeln waren hart und wollten nicht -weichen. Erschöpft. Dieser Leib, dem er eine Million zum -Fraß geworfen, vermochte nicht einmal eine Grube zu schaffen -für ein armes Wesen, das seinetwegen gestorben war. Ohnmächtig -an Seele und Leib, und nicht sterben können!</p> - -<p>Erschreckt fuhr er auf. In der Hütte begann das Kind -zu schreien. Es war erwacht, es war ihm nicht behaglich -an der toten Brust.</p> - -<p>Herr Kürbaum wankte hinein und hob das Kind auf. -Die Mutter wollte es nicht lassen, ihre Arme schlangen sich -starr um den Säugling. Aber als er das junge warme Leben -nun an seiner Brust hielt, das Kind mit dem rosigen Antlitz, -da ging eine Flut in sein Herz.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Noch in derselben Nacht ist er mit dem Kinde davongegangen. -Ein verspäteter Jäger begegnete ihm, dem teilte -er mit, daß in der Waldhütte ein Toter liege, der zu begraben -sei.</p> - -<p>Er selber mit dem Kinde fand nach langem Irren -Herberge und Atzung in einem kleinen Hause, das an einem -Steinbruche stand. Dort lebte ein betagtes Weib, das kurze -Zeit früher ihren Mann und Ernährer durch den Tod verloren -hatte. Der war Steinschläger und Kalkbrenner gewesen. -Bei einem Steinsprengen durch Pulver war ihm -ein Felsstück an das Haupt geflogen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_248">[248]</a></span></p> - -<p>»Es ist halt so traurig in meinem Hause,« sagte die -Witwe.</p> - -<p>»So wollt Ihr mir vielleicht das Kind abnehmen?« -fragte Kürbaum, nachdem er in Kürze die Schicksale desselben -mitgeteilt.</p> - -<p>»Es wäre recht,« antwortete die Witwe, »aber der -Tod hat mir das Tuch vom Tisch gezogen.«</p> - -<p>»Wenn ich für Euch steinbrechen wollte?« fragte der -Mann.</p> - -<p>»Das wäre gut, aber das Steinbrechen allein lohnt -sich nicht. Mein Mann hat auch noch die Kalkbrennerei -betrieben. Man verkauft den Kalk jetzt gut hinaus nach -Zirlschlag.«</p> - -<p>»Und wenn auch ich die Kalkbrennerei betriebe? Und -den Erwerb brächte ich Euch, damit Ihr mir dieses Kind -pfleget?«</p> - -<p>»Ja, dann sind wir handelseins,« sagte die Alte und -machte einen Handschlag. »Aber – mit <em class="gesperrt">dieser</em> Hand wollt -Ihr Steine brechen?«</p> - -<p>Einige Zeit mußte er sich von der alten Witwe pflegen -lassen, bis er imstande war, sein Vorhaben zu versuchen.</p> - -<p>Und dann geschah es, daß ein Mann, der die vornehmste -Erziehung genossen hatte, der zu Lebzeiten seines Vaters -zwölf Jahre lang allerlei Wissenschaften betrieben, der -hierauf eine Million zu erben bekommen, daß dieser Mann -bei einem Halbkretin in die Schule gehen mußte, um sich -und seinem Kinde das Brot zu erwerben.</p> - -<p>Der schiefäugige, halbtaube Knecht des Verstorbenen -unterwies Herrn Kürbaum, wie man den Eisenschlägel handhabt, -wie die Steine am richtigsten zertrümmert werden, -daß sie nicht zu groß und nicht zu klein bleiben, wie man -sie in Prismen schichtet und mißt und verrechnet; unterwies<span class="pagenum"><a id="Seite_249">[249]</a></span> -ihn in der Kalkbrennerei, welche Gattung von Stein man -nimmt, wie man heizt, röstet, löscht usw.</p> - -<p>Kürbaum hätte es nicht ausgehalten, seine ganze Natur -bäumte sich oft auf gegen solche Dinge, aber wenn er das Kind -sah, das ihn bisweilen so treuherzig munter anblickte, da gewann -er innere Kraft, und mit dieser stählte sich allmählich -auch die äußere. Sein Wille erstarkte und rang mit seinen Neigungen, -die auch wieder zu erwachen begannen. Ein paarmal -drohte ihm das Unterliegen. »Nur den tausendsten Teil von -dem, was ich der Langweile und dem Laster in den Rachen geworfen, -und das Kind wäre geborgen!«</p> - -<p>Nach und nach stellten sich auch Freuden ein. Das -Kind lächelte, streichelte mit dem Händchen seine bebarteten -Backen, faßte den Lederschild seiner Mütze und lallte: -»–ut!«</p> - -<p>Die Pflegemutter verstand: »Hut«, der Vater wußte -es besser: »Mut!« Und er gewann ihn ganz zu eigen. –</p> - -<p>Nach einer Weile vernahmen die Fratres des Klosters -zum heiligen Anton am See, daß der wunderliche Mensch, -der seinerzeit aus dem See gezogen worden war, draußen -in den Träusundbergen bei einem Steinbruch wacker arbeite. -Nach näher eingeholten Erkundigungen ließ der Abt an ihn -folgendes Briefchen schreiben:</p> - -<p>»Eine Million verjuxen und sich erschießen! Wie jämmerlich! -– Aber eine Million verjuxen, dann Steine -schlagen, das ist tapfer! Das Kloster braucht gegenwärtig -einen Straßenmeister. Wollen Sie die Stelle haben, so -mögen Sie sich melden.«</p> - -<p>So steht es heute. Friedrich Kürbaum ist wohlbestellter -Straßenmeister und bewohnt mit seinem heranblühenden -Töchterl und der alten Witwe das im Schweizerstil gebaute -kleine Haus, das rechterhand der Straße steht, wo sie sich<span class="pagenum"><a id="Seite_250">[250]</a></span> -gegen den See hineinbiegt und ins enge Klostertal. Vom -Fenster aus sieht man die Seewand und die im Hintergrunde -aufragenden Felsriesen.</p> - -<p>Ist das alles? fragt ihr. Und der Mann soll Straßenmeister -bleiben?</p> - -<p>Ihr winkt mißmutig ab? So stark sei niemand? – -Was wollt ihr denn? Der Mann hat trotz aller Schwäche -die Hochschule bestanden – die Schule des Elends. Das, -was andere suchen und erjagen, hat er hinter sich, die -Million. Er weiß, wie hohl sie ist, und diese Erfahrung gibt -dem nun Geläuterten Ruhe und Weisheit für den Genuß -des kleinen, innigen Lebens in der großen Natur.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_251">[251]</a></span></p> - -<h2 id="Philippus_der_Hasser">Philippus der Hasser.</h2> -</div> - -<p class="drop">Das war ein Unhold, dieser Philipp in der Lacken, -Gott, das war ein Unhold!</p> - -<p>Er soll kohlschwarzes Haar und feuerroten Bart gehabt -haben und dieses ungewöhnlichen Aussehens wegen -allein schon gefürchtet worden sein. Sein Geschlecht war -in dem Tale der Friesen, das breit und fruchtbar ist, uralt -angesessen. Der Name »in der Lacken«, den es trug, stammte -von seinem Hofe her, der wie eine kleine Ritterburg auf der -Insel eines großen Teiches stand, damit er geschützt sei gegen -die Feinde, von denen besonders der Philippus rings umgeben -war. Die Leute nannten den Teich in verachtender -Weise die Lacken, und der Philipp mit seinem Anwesen war -ihnen wie die Kröte drin, aber das sagten sie nicht laut, -denn der Mann war seines Reichtums und seiner zahlreichen -Untergebenen wegen sehr mächtig und sehr böse.</p> - -<p>So wie der Philippus das Haar eines Romanen und -den Bart eines Germanen trug, so ähnlich mochte auch sein -Blut mit den Eigenschaften der beiden Völker gemischt sein. -Manchmal, wenn die guten Seiten mehrerer Völker zusammenkommen, -gibt es herrliche Menschen; wenn gemischte Eigenschaften -sich wieder mischen, entstehen unberechenbare Charaktere; -und wenn die schlimmen Neigungen verschiedener -Rassen sich vereinen, dann werden Ungeheuer geboren, wie sie -aus ungemischtem Blute kaum hervorgehen können.</p> - -<p>In Philippus hatte sich vereinigt die religiöse Entartung -der Romanen und der Germanen: die Schwärmerei -des Katholizismus und die Grausamkeit des Heidentums. -Er war, so bildete er sich selbst ein, strenger Christ, er betete, -er fastete, er hüllte sich an Sonn- und Feiertagen in einen<span class="pagenum"><a id="Seite_252">[252]</a></span> -grauen Büßermantel, in welchem er sich auf dem Kahne über -den Teich rudern ließ und in welchem er in der Kirche nächst -dem Hochaltare auf dem Betstuhle kniete. Er übte die strengste -Enthaltsamkeit und verlangte solches auch von seinen Untergebenen. -Nur eines vergaß der fromme Philippus, er vergaß -der Liebe. Weil er aber doch ein heißes Herz in der Brust -hatte, das imstande war, gewaltig zu pochen, so hegte und -pflegte er statt der Liebe den Haß. Bei einem harten Oheim -soll er erzogen worden sein und nie einen Hauch der Liebe -erfahren haben. Also stand er einsam wie ein starrer Halm -auf herbstlicher Heide. Selbst die äußere Natur haßte er und -wollte sich an ihr rächen, wenn es regnete im Heuen oder -windete in der Kornblütezeit. Öfter als einmal sah man's, -wie er mit seiner Peitsche wütend in die Luft hineinhieb, -daß es pfiff, um Wind und Wetter zu züchtigen, und einmal -befahl er es sogar seinen Knechten, daß sie mit ihren Heugabeln -gegen den Regen dreinstechen sollten. Sie taten es, -kam aber nichts dabei heraus, als daß sie naß wurden. -Wo es nicht sein Vorteil heischte, mit Menschen zu verkehren, -da floh er sie. Lebenslustige Männer verabscheute er, liebebedürftige -Weiber verachtete er, und Kinder waren ihm eine -wertlose Sache, über die er auf der Gasse hinwegschritt wie -über junge Hunde und Kaninchen, die man nur nicht zu Tode -tritt, weil die Eigentümer darob Lärm schlagen würden. -Philippus war natürlich Hagestolz geblieben, im ganzen aber -hatte er sich doch so gehalten, daß männiglich sagen mußte: -Er ist ein Ehrenmann! Gegen seine Blutsverwandten, gegen -jedermann, der ihm nichts Übles tat, war er kalt wie ein -Stein in der Bergschlucht; wenn ihm aber Böses geschah -oder wo er es sich nur einbildete, daß jemand ihm Böses -wolle, da begann es zu glühen und zu kochen in ihm, sein -Blut schoß zurück in die Brust, daß sein Antlitz ward blaß wie<span class="pagenum"><a id="Seite_253">[253]</a></span> -Lehm und seine Fingerspitzen kalt wie Eiszapfen. Aber -aus seinen kleinen Augen zuckte es in grünlichen Strahlen. -Und vor einem steinernen Christusbilde, das unter der Eiche -seines Hofes stand, klammerte er die Finger aneinander zu -einer Doppelfaust, und flehte mit aller Inbrunst des Glaubens -um Rache. In dem schönen Tale der Friesen gab es -Leute, die harmlos sich des Lebens freuten in Spiel und Tanz -– er haßte sie. In einem Nachbarsdorfe lebte ein alter -Mann, von dem die Sage ging, daß er der lutherischen Lehre -anhänge. Diesen Mann kannte Philippus gar nicht persönlich, -aber er haßte ihn so sehr, daß er nächtelang schlaflos -war und darüber nachsann, was er dem »Scheusal« Schlimmes -zufügen könnte. Am meisten aber haßte er einen -Karrner. Dieser Karrner war in einem kleinen Eisenwerke -desselben Tales angestellt, um mit einem Schubkarren Holzkohlen -von dem Schoppen in die Schmiede zu befördern, -wofür er einen Tagelohn erhielt, von dem er mit seiner -großen Familie sehr kümmerlich lebte. Diesen Menschen -haßte der Philippus über alle Maßen. Warum? Hätte er -sich gefragt, er würde nicht Antwort haben geben können, -denn der Karrner war ein harmloser, sanftmütiger Mensch, -der niemandem ein Leides tat. Aber Philippus hatte den -Drang, seinen allgemeinen Menschengroll auf eine Person -niederzulegen. Der Karrner war ein armer Mann, noch -dazu ein fremder, vielleicht sogar ein Andersgläubiger. Er -war vor Jahren als Fremdling in das Tal gezogen und hatte -sich dort eingeheimt. Aber man wußte nicht, woher er kam, -und weß Abstammung er sei. Der Philippus war eines -Tages zum Richter und zum Prälaten gegangen und hatte -die Ausweisung des Karrners begehrt.</p> - -<p>»Hat Euch der Mann Unrechts zugefügt?« fragte der -Richter.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_254">[254]</a></span></p> - -<p>»Nicht mir allein,« rief der Philippus, »uns allen -fügt er himmelschreiendes Unrecht zu, denn er ist da, er zehrt -von unserem Korn, er trinkt von unserem Wasser. Warum -soll den Erwerb, Kohlen zu führen, nicht einer der Einheimischen -haben? Warum ein Fremdling?«</p> - -<p>»Was geht das Euch an, Philipp?« fragte der Richter, -»wollt Ihr Euch um die Karrnerstelle bewerben?«</p> - -<p>»Es gibt keine Gerechtigkeit mehr,« knirschte der Philippus, -verließ mit knarrenden Schritten das Richteramt und -begab sich zum Prälaten.</p> - -<p>Vor diesem ließ er im Beutel Geld klingen und stellte -ihm vor, daß der Josue das Verderben der Leute sein würde, -wenn man ihn nicht fortweise, denn er sei sicherlich kein -Christ. Solcher Mensch gebe ein arges Beispiel, wie man auch -als Unchrist leben könne, ohne vom Blitze erschlagen zu -werden, und er gebe das noch weit schlimmere Beispiel, -daß der Mensch sozusagen seine Pflichten erfüllen könne, -ohne Christ zu sein. Wäre der Josue ein schlechter Hund, -ein Räuber und Mörder, so könne man ihn ganz gut in der -Gegend belassen als Exempel, was ein Unchrist ist. Weil -er aber zu den sogenannten braven Leuten gehöre, eben -darum müsse er fort. »Es darf keiner brav sein, der Unchrist -ist!« schrie Philippus.</p> - -<p>Der Prälat lächelte ein wenig. Dann sagte er: »Lieber -Philippus! Euer Eifer um die Ehre der christlichen Kirche -ist ganz löblich, vorerst aber wird es nötig sein, daß Ihr -selber Christ werdet. Prallet nicht auf, mein Freund! Ihr -seid vom höllischen Haßteufel besessen, und Christus, unser -Herr, hat gesagt, liebet euch untereinander, liebet auch -eure Feinde! Darin unterscheidet sich ja eben unsere -Religion von den Religionen der Heiden und Juden, -daß sie Liebe ist. Darum eben ist die christliche Religion<span class="pagenum"><a id="Seite_255">[255]</a></span> -göttlich, darum verwandelt sie in ihrer Hand den Stein zu -Brot und das Brot in den Leib des Herrn, weil sie lautere -Liebe ist. Darum verwandelt sie den tierischen Menschen -zum sittlichen, zum hochgesinnten, uneigennützigen, opferfreudigen -Kinde Gottes, weil sie lautere Liebe ist und Liebe -verlangt überall. Viele Tausende von Jahren bestand das -Menschengeschlecht vor Christus schon; zahllose Religionen -lebten auf, gingen nieder, in den Menschen war das Gesetz -des Eigennutzes, des Hasses, der Rache oder des stumpfen -Hinsiechens an Herz und Geist. Da kam unser himmlischer -Christ mit der Liebe. Und keine Religion hat die Menschen so -hoch gehoben, als die christliche; die Milde, das Wohlwollen, -der Friede, die Weltfreude auch, und das irdische Glück in -seiner reinen Form, die ganze menschliche Gesittung, die in -den Besten der Gegenwart Ausdruck findet, all das ist ein -Werk des Christentums. Der Christ haßt das Laster, die -Verworfenheit als den bösen Feind, aber den Menschen als -solchen, sei er wer immer, den haßt er nie. – Nein, lieber -Philippus, der Josue ist ein fleißiger Arbeiter, ein braver -Mensch, so viel ich weiß, der niemandem etwas Böses tut, -den wollen wir nicht verjagen. Wollt Ihr ihm schon zeigen, -daß der Christ höher stehen kann, als etwa der Heide, so -geht hin und schenkt ihm einen Beutel mit Geld für seine -armen Kinder.«</p> - -<p>Sehr erbost verließ der Mann den Priester, die Treppe -herab noch wiederholt das Wort »Pfaffe!« murmelnd. Wußte -er doch, daß in den alten Schriften, die er besaß, ganz -anderes zu lesen stand. Die Zauberer, die Hussiten, die -Juden, die Lutherischen verbrannt auf dem Scheiterhaufen! -Das waren noch schöne, gottwohlgefällige Zeiten.</p> - -<p>Unterwegs mußte Philippus an dem Eisenwerke vorbei; -auf der Brücke des Hammerbaches begegnete er dem Karrner<span class="pagenum"><a id="Seite_256">[256]</a></span> -Josue mit der Kohlenladung. Mit heftigem Stoße prallte er -an ihn, so daß der Karrner über die geländerlose Brücke in -den Bach stürzte. Dann eilte er leicht wie auf Flügeln davon -und rieb sich die Hände und ein Wohlgefühl war in ihm, -wie er es noch nicht oft genossen hatte.</p> - -<p>Aber am dritten Tage, als er das Begräbnis des -ertrunkenen Josue erwartete, ward Philippus zum Richter -gerufen und dort stand der Karrner lebendig und ganz wieder -trocken. Der Josue klagte ihn an. Philippus verteidigte sich: -Natürlich war es nicht absichtlich, sondern ganz zufällig geschehen, -daß er auf der Brücke an den Karrner gestrichen, -der mit seiner ungebührlich breiten Fuhr die ganze Brücke -eingenommen; der Karrner sei aber ein so maßlos boshafter -Mensch, daß er absichtlich in das seichte Wasser gesprungen -sein müsse, um nachträglich zu behaupten, er wäre -hinabgestoßen worden. Nicht allein, daß er, Philippus, vollkommen -frei von Schuld sei, verlange er auch eine Züchtigung -dieser niederträchtigen Kreatur.</p> - -<p>Der Richter war aber von der eigentlichen Gesinnung -Philipps so überzeugt, daß er ihn auf drei Wochen in den -Kerker führen ließ wegen mutwilliger Gefährdung des Lebens -eines anderen.</p> - -<p>Das ist dem Philippus, genannt Philipp in der Lacken, -passiert. Nun kann man sich denken, daß sein Haß und seine -Rachgier im kühlen, feuchten Aufbewahrungsorte nicht verkümmerten, -und in der Tat, als er wieder an das Sonnenlicht -kam, war er abgemagert bis zum Gerippe und sein -langes schwarzes Haar und sein langer roter Bart war -wirr und wüst und stellenweise schimmelig. Das Fasten und -das harte Lager konnten ihn nicht so heruntergebracht haben, -denn derlei Bußübungen waren ihm nicht fremd, aber der -Haß! Der Haß, dieses Ungetüm, hatte, als es an fremden<span class="pagenum"><a id="Seite_257">[257]</a></span> -Körpern nichts zu beißen fand, sich gegen den eigenen gekehrt -und in ihm unbarmherzig genagt und gewütet. Philippus -zog sich zurück auf seinen Hof in der Lacken und ließ sich -lange nicht mehr sehen. Er las in seinen alten Schriften, und -weil das »Vaterunser« ihm viel zu matt und weich schien, -so erfand er sich für seine Person ein eigenes Gebet, das er an -jedem Morgen und an jedem Abende mit größter Inbrunst -sprach. Das Gebet war voller Kraft und Glut, es lautete:</p> - -<p>»Herrgott, Allmächtiger im Himmel! Strafe die Unchristen -und die Fremdlinge und die Kinder der Welt und alle -meine Widersacher. Strafe meine Feinde. Zermalme sie mit -Deiner Faust, zertritt sie mit Deinem Fuß, daß das Eingeweide -fahr' aus ihrem verfluchten Leibe. Ich bete Dich -an, o heiliger Rächer! Lichter aus reinem Wachse sollen -brennen vor Deinem Tabernakel! Laß Dein rosenfarbiges -Blut nicht umsonst geflossen sein für mich, töte meine Feinde! -Gib, daß sie erblinden im Walde und in den Abgrund -stürzen! Sende Deinen Blitz an die Tore ihrer Häuser, daß -sie den Ausweg nicht finden und im Feuer umkommen! -In ihr Trinkwasser gieße die Pest! Rufe die Kriegsheere -der Erde, daß sie metzelnd Dein Reich befreien von dem Unzücht! -Herrgott, mich, Deinen treuen Diener, lasse nicht zu -Schanden werden. Amen.«</p> - -<p>Also war die Andacht Philipps, aber es war ihm -leichter, nur solange er betete; denn es geschah nichts von -allem, was er flehte, seine Wut war nichts als die Waffe -des Ohnmächtigen.</p> - -<p>Seine Verwandten, sein Gesinde sah, wie Philippus -immer finsterer ward, aber sie wagten nichts, um ihn fröhlicher -zu machen. Im Hofe auf dem Teich hörte man kein -Jauchzen und keinen Gesang und kein Lachen. Nahe dem -Lackenhofe, am Ufer der Insel stand ein alter Eichbaum, der<span class="pagenum"><a id="Seite_258">[258]</a></span> -weitum den Platz und das Wasser überschattete und eine -Dämmerung legte auf den Rasen. In dieser Dämmerung -stand ein altes Kreuz. Dieses Kreuz hatte neun Querbalken, -es ragte hoch zum Geäste auf. Es war vor Zeiten draußen -in dem großen Walde gestanden, der unter dem Namen der -Kürlingerwald im ganzen Lande berüchtigt ist. Es hatte -nämlich in ihm vor Jahren eine Räuberbande ihr Unwesen -getrieben, Reisende ermordet und war oft hervorgebrochen, -um Meierhöfe und ganze Schlösser auszuplündern. Eines -Tages wurde in dem Kürlingerwalde ein durchfahrender -Hochzeitszug, bestehend aus neun Personen, ermordet. Der -Räuberhauptmann wollte die Braut entführen, der Bräutigam -schoß ihn nieder, worauf sich ein Gemetzel entspann, -dem der ganze Festzug unterlegen war. Zum Gedächtnisse -hatte man das neunbalkige Kreuz aufgestellt. Später, -als der größte Teil des Waldes der Axt zum Opfer gefallen -war und das hohe Kreuz herren- und schattenlos auf dem -Riede stand, nahm der Philippus davon Besitz, führte es -in seinen Hof, stellte es dort auf unter dem Eichbaum und -verehrte es ob der blutigen Tat, deren Erinnerung daran -geknüpft war.</p> - -<p>Unweit des Teiches standen mehrere Meierhöfe, die dem -Philippus zu eigen waren, und zu denen sein Gesinde täglich -auf großen flachen Kähnen über das Wasser fuhr. Auch -Getreide, Heu, Holz und andere Dinge wurden mit solchen -Kähnen über den Teich in den Wohnsitz geschafft. Der Teich -hatte dort, wo die Schleuse das Wasser hereinließ, eine -lange Zunge in das Gelände hin. Als Philippus eines Tages -unter dem Eichbaum vor dem Kreuze kniete, fiel sein Blick auf -diesen Kanal hinaus und sah, wie dort zwischen Erlen und -Silberweiden zwei Knaben standen und mit kurzen Stäben -Fische angelten. Dem frommen Manne blieb das Gebet im<span class="pagenum"><a id="Seite_259">[259]</a></span> -Munde stecken, er erhob sich langsam und strengte seine Augen -an, daß er die Fischdiebe erkenne. Er erkannte sie, es waren -die Söhne des Karrners Josue, die er beim Vorübergehen -an ihrer Hütte schon oft mit den Augen gespießt hatte. Ein -heißes Lustgefühl stieg in ihm auf, eilig holte er vom Hause -einen Feuerhaken und einen Strick, damit ging er zum Landungsplatz -und ruderte auf einem Kahne hinaus. Aber die -entgegengesetzte Richtung, er wollte dann hinter den Uferbüschen -die Knaben anschleichen, sie an sich reißen, binden -und in den Hof schleppen, um sie zu strafen, das heißt, den -Haß zu befriedigen, der in ihm gegen den Karrner mit -gesteigerter Heftigkeit brannte. Als er jedoch an die Stelle -kam, waren die Kinder nicht mehr dort. Tiefen Mißmutes -voll kehrte er zurück auf den Hof und gab seinen Knechten -den Auftrag, wenn ihnen von den diebischen Karrnerleuten -eines unter die Hände käme, dasselbe ihm zu überliefern, ob -lebendig oder tot, der Lohn sei zwölf Silbertaler und ein -mit Silber beschlagenes Gebetbuch.</p> - -<p>Da war es eines Abends im Erntemonat. Den ganzen -Tag über hatten die Kähne verkehrt zwischen den Meierhöfen -und dem Wohnsitze im Teiche. Es gab schwere Garbentrachten -und Philippus freute sich. Es war ein Hagelwetter -niedergegangen in der Gegend, er freute sich, daß der Himmel -seine Felder verschont hatte, aber noch mehr freute er sich, -daß er die seiner Nachbarn verheert hatte. Und diesem -Freudentag folgte ein würdiger Abend. Mit der letzten -Garbenfuhr brachten drei Knechte einen Mann mit, der auf -den Garben ausgestreckt lag und um Erbarmen wimmerte. -Er war mit Strohwinden an Händen und Füßen gebunden, -es war der Karrner Josue.</p> - -<p>Als Philippus gehört hatte, welch ein werter Gast -angefahren gekommen wäre, stellte er sich, die Hände in den<span class="pagenum"><a id="Seite_260">[260]</a></span> -Taschen des Beinkleides und mit ausgestemmten Füßen ans -Ufer und sah mit Behagen zu, wie die Knechte den Gefangenen -zu Häupten und zu Füßen packten, um ihn abzuladen. -Mit einer Schwenkung des Kopfes deutete er gegen -den Eichbaum hin, sie taten nach Befehl und vor dem Kreuze -warfen sie den Karrner zu Boden.</p> - -<p>»Herr und Vater!« so begann nun einer der Knechte -zu berichten. »Wir haben ihn ertappt. Des Meierhofes -Haushahn hatte er gestohlen und getötet und verzehrt. Wir -haben den armen, lieben, schönen Vogel seit dem Morgen -nicht mehr gesehen. Aber am Nachmittage haben wir Federn -gefunden hinten im Schachen, und nicht weit davon den -Karrner, der eine solche Feder auf dem Hute getragen. Er -wollte vorüberhuschen, aber wir haben ihn abgefangen, er -hat geleugnet, aber wir haben ihm nicht geglaubt. Wir -haben den Dieb und Mörder des unschuldigen Tieres zu -dir gebracht.«</p> - -<p>»Einer bekommt nur vier, weil euer drei sind,« sagte -Philippus zu den Knechten, »das Gebetbuch sollt ihr abwechselnd -benutzen. Bleibt nur da. Wir haben heute einen -Feierabend. Nachher werden wir Wein trinken. Zuerst -müssen wir eine Abendandacht halten und dem Herrgott ein -Opfer darbringen vor dem Kreuze.«</p> - -<p>Diese Worte waren in einer so seltsamen Weise gesprochen, -daß die Leute einander mit Befremdung ins Gesicht -schauten. Philippus, ohne den Gefesselten, der auf dem -Rasen sich wand, zu beachten, kniete hin vor das Kreuz, -streckte die beiden Arme gegen Himmel und hub an, so zu -beten: »Gerechter Gott, ich danke Dir, Du hast mich erhört. -Du hast meinen Feind gelegt in die Gewalt meiner Hände. -Dein ist die Rache, und nach Deinem Willen will ich meine -Feinde lieben. Ich töte ihn nicht aus Rache. Ich liebe meinen<span class="pagenum"><a id="Seite_261">[261]</a></span> -Feind und werde ihn küssen, ehe er geopfert wird. Herrgott! -Du bist nicht der Judengott, der das Opfer Abrahams verschmäht -hat, Du bist der Christengott, der das blutige Opfer -seines eingeborenen Sohnes angenommen hat zur Versöhnung. -Ich bin nicht der hoffärtige Pharisäer, der an Deinem -Altar steht, ich bin der demütige Zöllner, der sein Angesicht -verhüllt und betet: Herr, ich habe gesündigt. Nimm für alle -meine Sünden dieses Opfer und verzeihe mir und gib mir -ein langes Leben und eine glückselige Sterbestunde und die -ewige Seligkeit. Amen.«</p> - -<p>Mittlerweile war es dämmernd geworden. Am Himmel -lag eine rauchbraune Wolkenschicht, nur am Gesichtskreise -gegen Sonnenuntergang war ein glühendroter Streifen -schnurgerade hingezogen, wie ein Spalt zwischen Wolken und -Erde, durch die das Abendrot hereinleuchtete. Vom Hause -hatte sich bald alles Gesinde versammelt um den Eichbaum -und manchem begann unheimlich zu werden.</p> - -<p>»Mein lieber Mitbruder im Herrn,« so redete Philippus -nun den Karrner an. »Heute finden wir uns vor -einem anderen Richterstuhle, als dazumal. Ich hege keinen -Groll gegen dich, und fordere dich auf, deine Sünden zu -bereuen.«</p> - -<p>»Herr Philippus, ich weiß nichts von dem Hahn!« -entgegnete der Karrner, seine Stimme war heiser; »ich habe -ihn nicht gestohlen. Ich bin auf einem Botengange zum -Schmied in Siebenbrücken nur vorbeigegangen an dem Meierhofe. -Sie haben mir die Federn gezeigt, ich sagte aber, das -sind keine Hahnenfedern, das sind Geierfedern, wovon ich -eine auf den Hut gesteckt, und ich weiß nichts vom Hahn!«</p> - -<p>Philippus streichelte mit seinen knochigen Händen sich -den langen roten Bart. Dann sagte er zum Gefangenen: -»Du zwingst mich auch noch, daß ich dich als Lügner<span class="pagenum"><a id="Seite_262">[262]</a></span> -strafe. Du weißt es wohl noch nicht, wie meine ehrwürdigen -Vorfahren den Lügner gerichtet haben? Du sollst es sogleich -erfahren. – Junge!« so wandte er sich an einen -halberwachsenen Burschen, »gehe in meine Stube und hole -die gelbe Tasche heraus.«</p> - -<p>Die Verblüffung der Anwesenden wuchs. In früheren -Jahren war Philippus ein beliebter Metzger gewesen. Hatte -es in der Nachbarschaft und selbst weiter um im Tal etwas -zu schlachten gegeben, so wurde Philippus dazu gebeten; -dieser Mann warf mit einigen Schlägen jeden Ochsen hin, -und das Schwein war auf seinen wohlgezielten Stoß augenblicklich -tot. Als aber Philippus später bei zunehmendem -Alter und bei gesteigertem Grolle gegen alles anfing, sich -an den Qualen der Tiere zu ergötzen, machte er die Sache -umständlicher und richtete es manchmal so ein, daß das -Opfer noch zuckte, wenn er ihm die Eingeweide herausriß. -Da meinten die Leute, er solle daheimbleiben auf seinem -Lackenhof, sie wollten ihre Metzgerei schon selbst besorgen. -Also mußte er sich begnügen mit den Freuden, die das -Metzgern in seinem eigenen Hause bot. In der gelben -Ledertasche, um die der Junge jetzt geschickt worden war, -befanden sich die Schlachtwerkzeuge.</p> - -<p>Weil es nun dunkel geworden war, ließ Philippus zwei -Fackeln anzünden, deren Träger zur rechten und zur linken -Seite des Kreuzes stehen mußten. Der schwarze Pechrauch -qualmte empor. Philippus öffnete die Tasche, er tat es langsam, -mit feierlicher Gebärde, doch das leise Zittern seiner -Hand verriet eine innere Leidenschaft. Das erste, was er -hervorzog, war ein Schlagbeil; dann kam ein Eisenring -mit scharfen Kanten, hernach ein langes scharfes Messer. -Der Gefesselte begann beim Anblick dieser Dinge zu beben, -die Zuschauer wurden blaß vor Entsetzen. In den Mienen<span class="pagenum"><a id="Seite_263">[263]</a></span> -des Philippus war ein unheimliches Zucken, in seinen grünlichen -Äuglein ein grauenhaftes Leuchten. Der Oberknecht -flüsterte zu seinem Kameraden: »Er ist wahnsinnig geworden!« -Zögernd trat der Knecht zu Philippus vor, berührte -ihn ein wenig am Arm und sagte leise: »Herr -Vater! Wäre das so gemeint? Peitschen, wenn Ihr wollt, -aber so nicht. So nicht. Es ist ja nur ein Hahn gewesen, -ein altes wertloses Tier. Wir führen ihn zum Gericht, wenn -Ihr wollt. Dort sollen sie den Dieb bestrafen.«</p> - -<p>Philippus bäumte sich langsam empor. »Was geht das -dich an!« sagte er dumpf und rauh. »Richtet ihn auf!«</p> - -<p>Nach diesen Worten ergriff er mit beiden Händen das -Beil. In demselben Augenblicke krähte ein Hahn.</p> - -<p>»Das ist er! Er ist es!« rief alles untereinander und -deutete auf einen Söller hin. »Er ist nicht gestohlen worden, -da oben sitzt er!«</p> - -<p>»Es muß ein anderer sein!« sagte Philippus.</p> - -<p>»Nein, nein, es ist der vom Meierhof. Mit einer -Garbenfuhr muß er herübergekommen sein auf die Insel. -Es ist unser Hahn, wir kennen seine Stimme und der -Karrner ist unschuldig!«</p> - -<p>»Und sterben muß er doch!« sprach Philippus, mit -gehobenem Beile dem Hingestreckten nahend. Jene drei -Knechte, die den Karrner gebracht hatten, rissen den Wütenden -nach rückwärts. Wütend, rasend wehrte er sich vor seinen -eigenen Knechten. Es half nichts, sie warfen ihn zu Boden -und entwanden ihm die Waffe. Der Jungknecht erfaßte das -Schlachtmesser, schnitt an dem Josue die Strohwinden entzwei, -führte den also Befreiten eilig zum Ufer hinab, machte -den zur Stelle stehenden Kahn frei, und nun glitt der -Karrner hinaus – gerettet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_264">[264]</a></span></p> - -<p>Philippus riß sich mit gewaltigem Grimme von den -Armen seiner Knechte los und sprang zum Ufer hinab: -»Sterben muß er!«</p> - -<p>Aufrecht wie er war, lief er ins Wasser hinein, der -schwarzen Masse des Fahrzeuges nach, das eben vom Ufer -abgestoßen hatte. Der Karrner sah noch die Gestalt des -Verfolgers und in dessen Hand das Blinken des Messers, -er sah, wie die Gestalt mit jedem Schritte, den sie nach -vorwärts tat, tiefer ins Wasser sank, bis endlich nur mehr -das dunkelbemähnte Haupt über demselben war. Aber dieses -dunkle Haupt glitt heran und rasch heran, so sehr der des -Ruderns unkundige Karrner auch die Schaufel einsetzte und -vorwärts strebte. Er hörte das schnaufende Fluchen des -Verfolgers, er sah, wie manchmal neben dem Haupt aus dem -Wasser ein Arm sich hob mit dem Messer. Der Mann -schwamm nicht, das war zu merken, er hatte noch Grund -unter den Füßen. Also floh das Fahrzeug vor der schwarzen -Kugel, die auf der Oberfläche des Wassers nachzurollen -schien. Der Karrner dachte an sein Weib, an seine Kinder, -er rief die Mutter Gottes an um Hilfe in solcher Not, mit -aller Macht die Fluten schlagend. Und siehe, der dunkle -Punkt des Hauptes tauchte tiefer und tiefer hinab – noch -ein Sprudeln und Gurgeln des Wassers, dann war der -Verfolger verschwunden.</p> - -<p>Der Karrner erreichte das andere Ufer, sprang aus -und lief davon, neu dem Leben wieder geschenkt.</p> - -<p>Die Nacht währte lange. Im Lackenhof war keine Ruhe. -Als es Morgen ward und der Hahn krähte, suchten sie nach -dem Hausherrn. Man fand ihn nicht auf der Insel und -nicht drüben im Meierhofe. Die Sonne stand schon hoch, -als er unten, wo der Teich in einem Bächlein abfloß, ausgestoßen -wurde. Das lange schwarze Haar voller Schlamm,<span class="pagenum"><a id="Seite_265">[265]</a></span> -der lange rote Bart voller Schlamm und Schaum, in -verglasten Auge keine Glut mehr – der Haß war erloschen -mit dem Leben.</p> - -<p>Das ist die Geschichte von Philippus dem Hasser, wie -sie mir unter den anderen höchst unwahrscheinlichen Geschichten -auf fremden Straßen der wandernden Seele begegnet -ist. Warum sie erzählt worden? Aus Vorwitz nicht, aus -Lust zum Fabulieren nicht. Auf ihrer Stirn deutlich zu -lesen steht der Grund. Sie ist erzählt worden dem häßlichen -Hasse zu Trotz und der lieben Liebe zu Liebe.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_266">[266]</a></span></p> - -<h2 id="Das_Weihnachtsfeuilleton">Das Weihnachtsfeuilleton.</h2> -</div> - -<p class="drop">»Die alten Germanen feierten zur Wintersonnenwende -aus Anlaß der Umkehr des feurigen Sonnenrades -– angelsächsisch: <em class="antiqua">hveol</em>, altnordisch: <em class="antiqua">hiol</em> oder <em class="antiqua">jule</em> – das -Julfest, und zwar in der Zeit vom 25. Dezember bis zum -6. Jänner, als an welchen Tagen Wuotan und Berchta in -den nordischen –«</p> - -<p>»Was schreiben Sie denn da, Doktor?« unterbrach der -Chefredakteur und Eigentümer einer Provinzialzeitung seinen -jungen Journalisten.</p> - -<p>»Nun, das Weihnachts-Feuilleton, welches Sie mir -erst gestern auferlegt haben, als ob wir nicht den ganzen -Dezember über mit Bestimmtheit darauf hätten rechnen -können, daß sich auch dies Jahr die Weihnachten präzise -wie immer einstellen würden.«</p> - -<p>»Ich rechnete aber auch mit Bestimmtheit darauf, daß -irgendein Blatt zur Vorfeier einen Artikel bringen würde, -den wir hätten benutzen können. – Machen Sie sich übrigens -nicht die Mühe, das Ding abzuschreiben, geben Sie offen -den Band des Konversations-Lexikons mit dem Artikel -›Weihnachten‹ in die Druckerei.«</p> - -<p>»Gut,« sagte der junge Journalist, schnellte den Band -über den Bücherhaufen hin und geflissentlich auf die Photographie -eines reizenden Mädchenkopfes, daß solche den -Augen des Alten verborgen sei. »Gut, so werde ich einen -Aufsatz über Weihnachtsgebräuche in den Alpen schreiben, -von der Christmette, dem Krippel, den alten Hirtenliedern, -von den zwölf Nächten, von dem Dreikönigssingen, von -dem –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_267">[267]</a></span></p> - -<p>»Lassen Sie das, es ist leergedroschenes Stroh, es fällt -auch nicht ein Körnchen mehr heraus,« sagte der Chefredakteur.</p> - -<p>»Also Weihnachten in der Großstadt, oder Weihnachten -auf dem Meere oder in Rom, oder irgendwo, oder Weihnachten -der Armen, oder auch Weihnacht eines alten Junggesellen, -der –«</p> - -<p>»Alles abgebraucht, lieber Freund. Sie sind zu den -Zeitungsschreibern gegangen und haben keine Phantasie,« -rief der Chef und ging mit verschränkten Armen rasch im -Zimmer auf und ab. »Weihnacht ist ein Familienfest, da -wollen die Leute etwas Gemütliches, Idyllisch-Heiteres, -Naives haben, oder Rührsames, Erbauliches – irgend ein -Festglockenläuten.«</p> - -<p>Er blieb plötzlich vor dem jungen Doktor stehen, als -ob ihm eine Idee gekommen wäre. »Schreiben Sie etwas -über Menschenliebe!«</p> - -<p>Der andere lachte auf.</p> - -<p>»Gibt es denn da etwas zu lachen?«</p> - -<p>»Nein, wahrhaftig nicht,« versetzte der Doktor. »Ich -werde schreiben. Schreiben über die Liebe, die Gottes Sohn -auf die Erde gebracht hat und die seither unter den Menschen -waltet. Nämlich einen ganzen Tag im Jahre. Denken Sie -sich ein Christfest, das <em class="gesperrt">zwei</em> Tage dauern würde. Wie -fatal! Drei Tage, das wäre schon unmöglich. An die Gaben -und Liebesbezeigungen des Weihnachtsabends knüpft man -rasch die Unzufriedenheit, die Mißgunst und Falschheit für -die nächsten 364 Tage.«</p> - -<p>»Vergessen Sie nicht, daß es auch Schaltjahre gibt,« -bemerkte der alte Chef launig.</p> - -<p>»Mit Ausnahme des einen Tages, des Christtages, -wird jedes immerhin noch ein sehr gemeines Jahr sein,«<span class="pagenum"><a id="Seite_268">[268]</a></span> -gab der Doktor zurück. »Das Weihnachtsfest ist der Tag, -an dem die Menschheit bei sich selbst den Etikettebesuch macht. -Das Weihnachtsfest ist der einzige Tag, an welchem Geben -seliger ist als Nehmen, weil der Geber auf eine größere -Gegengabe rechnet. Die religiöse Weihe, als den Goldstaub -dieses Festes, hat eine windige Volksaufklärerei längst weggeblasen -– und so ist die moderne Gesellschaft jener unselige -Vogel des Märchens, der sich mit raublustigem Schnabel das -eigene Herz aus dem Busen hackt. Die Kinder selbst werden -an diesem Tage das erstemal zu Heuchlern und lügen einen -Glauben an das erscheinende Christkind, »damit es recht viel -bringe«. Was bleibt an Poesie noch übrig? Der gestohlene -Tannenbaum mit dem Flitter?«</p> - -<p>Der Chef blickte den jungen Mann, der, regungslos im -Sessel lehnend, halb geschlossenen Auges solche Worte vor sich -hingestoßen hatte, mit Teilnahme an und sagte: »So habe -ich Sie bisher nicht gekannt, Doktor! Das ist nicht mehr -derselbe Bursche, den ich vor ein paar Jahren bei einem -Studentenkommers die von lebensfreudigstem Idealismus -getragene Rede halten hörte!«</p> - -<p>»Ach, gehen Sie mir mit diesem Studenten-Idealismus! -Lebensfreudig, ja, solange es Geld und Bier gibt. -Der wahrhaft edle Pathos für Freiheit, Brüderlichkeit und -Nationalität schrumpft im Kampfe um die persönliche Existenz -oder im bald sich einstellenden Haschen nach Geld und -Würden armselig zusammen. Das Ideal von der Freiheit, -es ist himmlisch groß und soll im Vereine mit der Liebe ja -noch die Welt erlösen; aber in den Köpfen und Händen unerfahrener, -verführter, leidenschaftlicher Menschen wird es -so leicht zur Empörung gegen Obrigkeit und Gesetz. Der -Weg der freien Selbstbestimmung ist schmal. Wie edel ist -es, sein Ich zu kräftigen und zu vervollkommnen, und wie<span class="pagenum"><a id="Seite_269">[269]</a></span> -niederträchtig ist der Egoismus! Wie groß ist die Vaterlandsliebe -und wie gefährlich das aufgehetzte Nationalgefühl! -Dieses Nationalgefühl gießt Bleikugeln. Sonst hieß -es: Die Fürsten machen Kriege. Heute macht sie das Volk; -in den Zeitungen steht's zu lesen, in den Vereinen wird's gelehrt, -im Parlament wird's besiegelt.«</p> - -<p>»Das ist alles wahr,« entgegnete der Chefredakteur, -»doch vergessen Sie nur auch in langen Winternächten -nicht, daß auf unserer Erde die Sonne nicht untergeht.«</p> - -<p>»Auch die Kirchenglocken,« fuhr der Doktor fort, »versprechen -in diesen Tagen den Menschen auf Erden Frieden. -Am nächsten Tag, als am Stephanitag, wissen sie schon -anderes, zu Ehren des Erzmärtyrers rufen sie die Gläubigen -zum unversöhnlichen Kampf gegen alle Andersglaubenden.«</p> - -<p>»Lieber Freund,« unterbrach der Chef den Sprecher, -»Sie sind krank, Sie denken krank, Sie sprechen, als ob Sie -Hunger hätten. Nur Geduld! Abgesehen von dem Weihnachts-Feuilleton, -das Sie in solcher Stimmung nie werden -schreiben können, sind Sie recht verwendbar und habe ich -auch die Absicht, von Neujahr ab Ihren Gehalt neuerdings -zu erhöhen. –«</p> - -<p>»Sie würden es nicht tun, wenn Sie unter gegenwärtiger -Ablöhnung meiner sicher wären.«</p> - -<p>Da trat eine Pause ein. Der Doktor schliff mit seinem -Fingernagel die Federspitze glatt. Der Chef rieb die Augengläser -rein, die auf seiner Stirne angelaufen waren.</p> - -<p>»Sie sind heute herb, lieber Freund,« sagte er endlich. -»Sie müssen etwas Kratzendes auf der Seele haben. Vielleicht -sollten Sie heiraten.«</p> - -<p>Der Doktor richtete sich ein wenig auf und blickte den -alten Herrn verwundert an. Es war eigentlich ein hübscher<span class="pagenum"><a id="Seite_270">[270]</a></span> -Kopf, den er hatte, dieser Doktor. In seiner Haltung, in -seiner losen Haarfrisur, in seinem kecken Schnurrbärtchen -lag noch etwas Studentisches, aber sein Auge war schwermütig. -So jung er war, sah er doch schier aus, wie einer -jener wenigen Zeitungsschreiber, die nicht bloß zu schwätzen, -sondern auch etwas zu sagen wissen – und zu sagen haben. -Die Zeitung, der er gegenwärtig diente, war aber eine von -denen, die fortwährend schwätzen, damit sie nichts sagen -müssen. Darum hatte sie einen großen Leserkreis und darum -hatte sie ihren Eigentümer zum reichen Manne gemacht.</p> - -<p>»Sie haben da eine Frage angeschlagen, die mich interessiert,« -sagte nun der Doktor. »In der Tat, ich glaube, -die Ursache, daß ich kein Weihnachts-Feuilleton schreiben -kann, ist, weil ich das Weihnachtsfest nicht liebe, nicht empfinde -– weil mir dazu das wichtigste Ingrediens fehlt – -die Familie!«</p> - -<p>»Nun, das ist Ihre Sache,« versetzte der alte Herr -ablenkend.</p> - -<p>»Die Sache beginnt man gewöhnlich mit einem jungen -Mädchen,« sagte der Doktor.</p> - -<p>»Oder auch einer jungen Witwe,« setzte der Chef bei.</p> - -<p>»Angenommen, mit einem jungen Mädchen, das alle -Eigenschaften hätte, um einen glücklichen Gatten zu machen -und Kinder vortrefflich zu erziehen. Und dieses Mädchen -käme dem hier fraglichen Mann, der zum Behufe des Weihnachtsfestes -eine Familie zu gründen gedenkt, mit vielem -Beifall entgegen, aber dieses Mädchen hätte unglückseligerweise -einen sehr wohlhabenden Vater, der sein Töchterlein -begreiflicherweise nur an einen wohlhabenden oder sonstwie -hochstehenden Werber abtreten möchte, da haben Sie einen -Konflikt, –«</p> - -<p>»Ist nicht originell genug,« unterbrach ihn der Chef.<span class="pagenum"><a id="Seite_271">[271]</a></span> -»Ein Feuilleton muß drastisch und prickelnd sein, nötigenfalls -ein seltsames Geschehnis aus dem Leben erzählen, oder feinsinnig -psychologische Eigenheiten, lächerliche Schwächen, rührende -Vorzüge der Menschen wiedergeben. Die besten Feuilletons -aber sind immer die, in welchen gar kein Inhalt ist -– wenn's nur der Leser nicht merkt. Ich will Ihnen -übrigens einen Gedanken schenken. Sie schreiben daraus -ein prächtiges Weihnachts-Feuilleton, können es auch ausschmücken -nach Belieben, und dabei mögen Sie lernen, daß -nicht alle Menschen eigennützig sind, wie Sie glauben und -sagen: man gebe nur gern, damit einem noch mehr gegeben -werde. – Als ich vor fünfundzwanzig Jahren geheiratet -hatte, war ich noch unbemittelt, mußte jeden Groschen ins -Geschäft stecken, das damals in einer kleinen Schreibrequisitenhandlung -bestand. Da konnte ich noch nicht viel für -das Weihnachtsfest verwenden. Trotzdem stellten wir jungen -Eheleute in unserer kleinen Wohnung ein Christbäumchen -auf, wie es zur selben Zeit schon Sitte zu werden begann. -Ich freute mich wie ein Kind, meine Frau mit einigen Geschenken -zu überraschen, während sie für mich nichts haben -sollte. Ich freute mich auf ihre Freude und ihre kleine Verlegenheit. -Einige Tage vor dem Feste ging sie still, aber -in sich aufgeregt im Hause umher, und als der Christbaum -brannte, und die schönen Sachen vor ihr dalagen, sank sie -an der Ecke des Zimmers zusammen und begann zu weinen. -Das ganze Weihnachtsfest war ihr verdorben, <em class="gesperrt">weil sie -mich nicht beschenken</em> konnte. Und das ist der Gedanke, -den ich Ihnen zur Verfügung stelle.«</p> - -<p>»Ich sehe in dieser Erzählung nur den Egoismus des -Mannes, der sich selbst den Spaß machen will und an -anderen das Bedürfnis zu geben ignoriert.« So der Doktor.</p> - -<p>»Genau genommen haben Sie recht,« sagte der Chefredakteur.<span class="pagenum"><a id="Seite_272">[272]</a></span> -»Doch so spitzfindig muß man die Sache nicht -nehmen, sonst löst sich das beste Herz in lauter Egoismus -auf. – Mein Gedanke, den ich Ihnen geschenkt habe, ist -übrigens für den Weihnachtstisch zu mager. Sie müssen die -Frau mindestens einen kleinen Diebstahl begehen lassen an -der Kasse des Mannes, um ihn zu beschenken.«</p> - -<p>»Herr, Ihre eigene Frau!« rief der Doktor.</p> - -<p>»Von meiner Frau kann überhaupt nicht die Rede sein. -Nehmen sie eine Frau Z oder X., nur nicht eine Frau Y., -wenn ich bitten darf, denn dieser Buchstabe ist im Petit der -Druckerei momentan nicht vorhanden. Das Diebstählchen -sollen Sie aber nicht verschmähen, Sie bringen damit Leben -und Spannung in die Sache.«</p> - -<p>»Herr,« sagte der Doktor, »versuchen wir's, trauen -wir unseren Lesern einmal eine einfache, edle Empfindung -zu. Ich lasse das Weib an der Ecke des Zimmers weinen, weil -sie ihrem Gatten keine Weihnachtsfreude machen konnte. -Nichts sonst. – Das wirkt.«</p> - -<p>»Sehen Sie, da haben wir wieder den menschengläubigen -Gesellen!« sagte der Chef munter. »So geht's mit -unseren heutigen Burschen, schwarz-pessimistisch im Räsonieren -und kindlich-optimistisch im innersten Empfinden. -Nun, machen Sie's, wie Sie wollen, nur setzen Sie mir Ihren -Namen dazu. Ihnen verzeiht man mehr als anderen.«</p> - -<p>»Es soll ein Feststück werden,« sagte der Doktor mit -Lebhaftigkeit. »Vor allem ganz klar ist mir schon der Schlußsatz: -Glücklich der Mann, der ein solches Weib sein Eigen -nennt, und dreimal glücklich der, welcher einer solchen -Mutter Tochter gewinnt!«</p> - -<p>»Will mir nicht gefallen. Gefällt mir nicht,« sagte -der Chef, indem er sich anschickte, in seinen Biberpelz zu<span class="pagenum"><a id="Seite_273">[273]</a></span> -kommen. »Anklang an eine Liebesgeschichte! Paßt nicht für -ein Familien-Feuilleton, das man zum Kaffee muß vorlesen -können.«</p> - -<p>»Herr Chef,« sagte der Doktor und richtete sich endlich -einmal von seinem Stuhle auf. »Es ist toll, was wir da -reden. Ich habe Ihnen was anderes zu sagen. Sie halten -so große Stücke auf die Uneigennützigkeit und Menschenliebe. -Nun soll sich's zeigen. Es soll sich zeigen, ob ein Mann der -guten Durchschnittssorte Geld und Titel wirklich höher achtet, -als die Neigung und Wahl seiner einzigen Tochter, als das -redliche Herz eines armen Teufels, der's auch einmal versucht, -sein Anrecht an diesem schönen Leben zu erobern, der sich -ein bescheidenes Haus gründen möchte als Zuflucht vor den -hohlen Promessen und kompakten Torheiten einer zerfahrenen -Welt. – Hier!« Er warf die Bücher auf dem Tische -auseinander. »Hier unter diesem vergilbten Menschenwitz, -unter dieser staubigen Weltweisheit ist mein Schatz begraben. -Hinweg, ihr gelehrten Lexika, hinweg ihr Humboldts und -Darwins und auch du, alter Grimm – wisset alles und -wisset nicht, was die Liebe ist!« Er hob eine Photographie -empor: »Kennen Sie das?«</p> - -<p>»Wie kommt dies Bild auf Ihren Schreibtisch?« fragte -der alte Herr.</p> - -<p>Der Doktor legte es wieder hin, stellte sich schier -herausfordernd vor seinen Chef und sagte leise: »Sie hat -mir's selbst gegeben. – Sie schweigen. Sie ahnen als braver -Mann, was Sie tun sollen und suchen als schwacher Mensch -Ausflüchte, es nicht zu tun. Ich weiß, Sie wunderten sich, -daß Ihr sonst so frisches Töchterl seit einiger Zeit verschlossen -und traurig ist. Weil es mutlos ist, sie kennt Ihre -Absichten mit dem alten Hofrat. Ich bin nicht mehr mutlos, -seit ich Ihnen offen gegenüberstehe – ein Mann dem<span class="pagenum"><a id="Seite_274">[274]</a></span> -Manne – und mit dem Rechte des Mannes von Ihnen -meine Braut begehre!«</p> - -<p>Der Chef ließ den Pelz von der Achsel wieder auf das -Sofa gleiten, stützte sich an die Tischecke und fast stöhnend -antwortete er: »Doktor! Wie Sie mich doch jetzt erschreckt -haben!«</p> - -<p>Dieser stand da, preßte die linke Faust an die Brust, -die rechte Hand hielt er offen hin: »Herr! Sie kennen mich -seit fünf Jahren, Sie wissen, was ich bin und wie ich bin – -geben Sie mir das Mädchen!«</p> - -<p>»Sie werden begreifen –« stotterte der alte Herr, -und das ist in solchem Falle fast allemal eine schlimme Einleitung; -doch er sagte nur: »Sie werden begreifen, daß ich -jetzt – in diesem Augenblicke – nicht vermag, zu antworten. -– Kommen Sie doch morgen abends zu uns. Um sechs -Uhr zünden wir den Christbaum an!«</p> - -<p>Nach diesen Worten machte er sich eilends davon.</p> - -<p>Der Doktor brach schier zusammen an seinem Tische, -als wäre ihm weiß was Leides widerfahren. Ein Sturm -von Küssen ging nieder auf das kleine Bild. – Der Arme -hatte schon lange nicht mehr geweint, nicht mehr weinen -können; er hielt das Weinen nur für ein Vorrecht der Kinder, -für eine Gnade der Glücklichen. Jetzt war auch er dieser -Gnade teilhaft geworden. Was ihm das Christkind bescheren -wird – es ist leicht zu erraten.</p> - -<p>Und als er ruhig geworden war, machte er sich daran -und schrieb das Weihnachts-Feuilleton über die Menschenliebe.</p> - -<p>Um solchen Preis hätte ich's auch getan.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_275">[275]</a></span></p> - -<h2 id="Wie_ein_steirischer_Schullehrer">Wie ein steirischer Schullehrer<br /> -<span class="smaller">die Schlußvorstellung des Burgtheaters besucht hat.</span></h2> -</div> - -<p class="drop">Vor Jahren erhielt ich von meinem alten Freunde, -dem Schullehrer zu Oberschachen, einen Schreibebrief, -der sich auf ein öffentliches Ereignis in Wien bezog und -vielleicht noch immer ein wenig innern dürfte.</p> - -<p>Der Brief lautet:</p> - -<div class="letter"> -<p class="center"> -»Lieber Freund! -</p> - -<p>Du wirst Dich wundern, daß ich Deiner Einladung, -mit Dir auf mehrere Tage ins Unterland zu der Weinlese -zu reisen, nicht nachgekommen bin. Ich hatte mich wahrlich -schon darauf gefreut; ein alter geplagter Schulmeister hätte -der mehrfachen Labung wohl vonnöten gehabt. Aber das -Pülverchen, welches ich mir im langen Jahr über für die -Schulferien zusammengetan, sollte auf ganz andere Art -verpufft werden. Es geschieht mir eigentlich recht, und Torheit -muß eine große Sünde sein, weil sie immer bestraft wird.</p> - -<p>Du weißt, daß schon seit Wochen von der bevorstehenden -Schließung des alten Burgtheaters in Wien die Rede -war. Frau Muse muß ja auch einen Ringstraßenpalast -haben. Die Schließung des alten Burgtheaters hat mir -Herzeleid bereitet. O schöne Zeit, als mich, den armen -Studenten, das Burgtheater zum Verschwender meiner -irdischen Güter gemacht hatte! Meine väterliche Munifizenz -hatte mir täglich für das Nachtmahl die Mittel auf ein -paar Würste ausgeworfen: ich ging stets hochvergnügt ohne -sie schlafen, um von dem Ersparnis mir am Sonntag -meinen Galeriestand im Burgtheater zu erwerben. Wenn -ich mich um zwei Uhr nachmittags am Tor anstellte, so<span class="pagenum"><a id="Seite_276">[276]</a></span> -hatte ich reichlich vier Stunden Zeit, um, das Buch in der -Hand, die Schulgegenstände zu lernen oder zu wiederholen, -was freilich mitten in dem Gedränge, das sich gegen Abend -einstellte, einer gesteigerten Sammlung des Geistes bedurfte. -Endlich knarrte das Tor, begann der kurze, aber rasende -Wettlauf durch die dunklen Gänge, über die winkeligen Treppen; -bald war ich festständig auf der vierten Galerie, und -es begann die olympische Seligkeit. Wagner, Löwe, Beckmann, -Anschütz, Rettich waren da, aber ich sah keinen Schauspieler, -ich sah und hörte und fühlte nur die Gestalten der -Dichter; für Schiller, Shakespeare, Calderon, Grillparzer -usw. hegte ich eine geradezu religiöse Andacht. Diese Burgtheaterbesuche -haben mich dazumal emporgehoben über meine -Bettelstudenten-Existenz, ja mich sozusagen in die Region -der größten Geister eingeführt. In der Welt habe ich's -nicht so weit gebracht, als ich es zu bringen damals den -Anschwung nahm, aber bei den Unsterblichen bin ich heute, -nach mehr als vierzig Jahren, noch ein wenig heimisch.</p> - -<p>Als nun der Tag der Burgtheaterschließung näher -und näher rückt, werde ich unruhig, und plötzlich ist der -Entschluß da: Opferst dein für die Ferien bestimmtes Scherflein, -reisest nach Wien zur letzten Vorstellung, damit du das -alte Theater noch einmal siehst, welches das Glück und die -Liebe deiner Jugend war. So bin ich am Donnerstag -abends richtig in Wien. Mein erster Gang ist in die Vorstadt -Landstraße; obzwar die alte Frau nicht mehr lebt, bei der -ich einst meine Kammer gehabt, so wußte ich doch, daß -Verwandte von ihr da seien, bei denen ich vielleicht ein -billiges Nachtquartier erlangen konnte. Aber ich finde keine -Verwandten, ich finde auch das Haus nicht, ich finde die -Gasse nicht, und da sehe ich, daß der ganze alte Stadtteil -dahin ist, und daß auf dem Platz lauter Paläste stehen.<span class="pagenum"><a id="Seite_277">[277]</a></span> -Anfangs erschrak ich, dann mußte ich lachen über mich -selbst, der doch so oft von den Veränderungen gelesen und -gehört, die in Wien vorgehen; weshalb hätte gerade das -alte Haus in der Marxergasse auf mich warten sollen! -Ich bin hierauf lange in der Stadt umhergestrichen und -habe bei mir überlegt, ob ich es mit einem Hotel wagen -dürfe oder nicht. Man hört halt immer von großer -Teuerung, und ich weiß noch nicht, wie viel der morgige -Tag kosten wird. Auch eine mögliche Erhöhung des -Theaterkartenpreises dürfte mich nicht unvorbereitet finden. -Endlich dachte ich, sicher wäre sicher und ging in ein -Kaffeehaus, da hatte ich Jause, Nachtmahl und vielleicht -auch Nachtquartier auf einmal. Man liest ja doch, daß in -Wien Kaffeehäuser die ganze Nacht offen bleiben, also nimmt -man eine Schale Mokka – denke ich – raucht seine Pfeife, -liest Zeitungen, und so vergeht die Zeit. Vielleicht, daß -man sich gegen Morgen ein wenig auf die Bank legt, um -für den nächsten wichtigen Abend frisch und munter zu sein.</p> - -<p>Im Kaffeehause an einem Nebentisch höre ich einige -Herren über die morgige Schlußvorstellung im Burgtheater -sprechen. Da meint der eine, das Galeriepublikum dürfte -sich morgen wohl schon zu Mittag anstellen müssen, um -hinein zu kommen. Darauf sagte ein junger Mann, er habe -gehört, daß sich schon im Laufe des Vormittags Leute anstellen -würden, er selbst habe die Absicht, schon um acht Uhr -beim Tore zu sein. Einen Tag könne man doch wohl opfern -für diesen Abend, der nicht mehr wiederkehren wird. – -Sehr wahr! nickte mein Kopf, und ich komme dir doch zuvor. -– Mehrmals hatte ich schon auf eine der mit rotem -Sammt überzogenen Bänke hingeschielt, wo ich mich später -niederzulassen gedachte.</p> - -<p>Ungefähr bis ein Uhr mochte ich mich mühsam durchgeraucht,<span class="pagenum"><a id="Seite_278">[278]</a></span> -durchgelesen und durchgegähnt haben, da kommt der -Kellner, oder wie sie ihn im Kaffeehause heißen, und bedeutet -mir, daß das Haus gesperrt würde. »Ich weiß es,« -sage ich, »darum bin ich eben da und will bei der letzten -Vorstellung sein.« Das Kaffeehaus würde gesperrt, belehrte -der Kellner, es sei die Polizeistunde. Mein Ansuchen, ob ich -mich – mit ausgezogenen Stiefeln natürlich – wohl auf -eine der Bänke hinlegen dürfte, wurde abschlägig beschieden. -So zahlte ich meine kleine Sach' und ging. Ist ja auch -kein Unglück; man nutzt Zeit und Weil, geht spazieren, -beleuchtet ist's, man sieht immerhin etwas, und so wird die -Nacht recht gut vergehen.</p> - -<p>O Herr und Freund! Die Nacht verging, aber wann! -Man weiß es erst, wie lange der Mensch schläft, wenn man -warten muß, bis er wach wird. Um vier Uhr beginnt freilich -schon das Knarren der Wägen, aber man sieht auch, daß -um diese Stunde noch immer Leute nach Hause gehen, bei -denen die Nacht erst anhebt. In der Stadt kehrt man die -Kappe nämlich um: für den Tag hat man schwere Fenstervorhänge, -damit die Sonne nicht herein kann, um den Schlaf -zu stören; für die Nacht erfindet man das elektrische Licht.</p> - -<p>Endlich und endlich wird es über den Hausdächern grau. -Ich kaufe mir in einem Greißlerladen ein paar Knackwürste -und ein Brotlaibchen und gehe nun damit langsam dem -Burgtheater zu. Dort herum ist es noch fast ganz so wie -einstmals; klein und unscheinbar steht es da und duckt sich -unter das schützende Dach des Kaiserhauses. Ich finde mein -Tor und stelle mich an. Es schlägt halb sieben. Jetzt wird's -licht. Bis es wieder finster wird, ist der Einlaß. Ich bin -sehr glücklich, nur kam mir, als ich so dastand, das Bedauern, -daß ich den schwarzen Stadtrock angezogen hatte und nicht -den Lodenmantel; das gab sich aber bald, um acht Uhr<span class="pagenum"><a id="Seite_279">[279]</a></span> -waren unser schon so viele, daß wir einander anwärmten, -denn wir hatten einen geschlossenen Körper zu bilden, welchen -neu Dazukommende nicht zu sprengen vermochten. Anfangs -regte sich gegen jeden neu Anstehenden eine Art von feindlicher -Gesinnung, denn er ist ein Konkurrent und wird den -Kampf erschweren; allmählich macht man untereinander Bekanntschaft -und plaudert über mancherlei. Die verschiedenen -Passanten, die Burgwache, vorüberrollende Hofwägen geben -Anlaß zu allerlei Unterhaltung. Das Hauptgespräch bildete -an diesem Tage das Burgtheater. Alte Erinnerungen an -seinen großen Gründer, den Kaiser Josef, an die Dichter, -die in diesem Hause vorgeführt wurden, an die genialen -Künstler, die da wirkten.</p> - -<p>Eine ganze Kulturgeschichte zog vorüber an dem geistigen -Auge derer, die bei diesem unscheinbaren Tore standen. -Und einer tat die Bemerkung, es gäbe in der großen -Wienerstadt kein Haus, von dem so viel und so edler -Idealismus ausgegangen sei für Stadt und Reich, als von -diesen schlichten Mauern. Die Welt habe ihr Auge und ihr -Herz hierher gewendet, und der Genius der Menschheit habe -seinen Jüngern hier über ein Jahrhundert lang Stelldichein -gegeben. – Ein graubärtiger Alter wies auf den Glücksstern, -der über dem Hause stets geleuchtet habe. Während -andere Schauspielhäuser mit prunkendem Hochmut aufgerichtet -wurden, die Kunst für den Tagesgeschmack herrichteten, -um damit Geldgeschäfte zu treiben, und so geräuschvoll, wie -sie entstanden, niedergebrochen waren, bewahrte dieses Haus -in stiller Weihe seine ewigen Güter, und kein Unheil fand -den Mut, an seine Pforten zu pochen. Selten endet ein -Schauspielhaus eines natürlichen Todes; viele dieser Gebäude -geben sich so leidenschaftlich mit Glanz, Glitzer, Blendwerk -und buntem Schimmer ab, bis sie selbst endlich aufgehen in<span class="pagenum"><a id="Seite_280">[280]</a></span> -einem furchtbar herrlichen Feuerwerke. Das Burgtheater -hütete seine Ampel treu, bis der neue Altar fertig war, auf -den es sie hinstellen konnte, um dann selbst mit würdevoller -Sicherheit eines edlen Greises zur Ruhe zu gehen. – Ein -Mensch, welcher nur der Hetze wegen dazustehen schien, weil -er mit allem, was ringsum vorging, seine flachen Späße -trieb, erklärte solche Bemerkungen für »Burgtheater-Phrasen«, -während ich den Männern, die so gesprochen, hätte -die Hand drücken mögen.</p> - -<p>Nachdem zu Mittag die Burgmusik uns die Zeit verkürzt -hatte und abgezogen war, aß ich mein Mittagsbrot. -Gegen Abend wurde mir von Stunde zu Stunde wärmer, -und ich legte meine Hand an die Türschnalle, wendete kein -Auge mehr von der Pforte, als müsse sie sich jeden Augenblick -auftun.</p> - -<p>Mittlerweile war die Menge und das Gedränge der -Wartenden gewaltig geworden, auch Frauen und Kinder -darunter, die mit lauter Stimme manchmal alle Heiligen -anriefen vor Angst, erdrückt zu werden. Ich wurde steinfest -an das Tor gedrängt. Fünf Uhr war schon lange vorbei. – -Diese Stunde war die längste; wir nahten der sechsten, da -knarrte das Tor und ging auf. Ich wurde nachgerade -hineingestoßen. Und an der Kasse, da habe ich meine Geldbörse -nicht! Ich suche im Rocksacke, im auswendigen, im -inwendigen, im Beinkleid – ich finde sie nicht! Und während -ich noch suche und suche, werde ich zur Seite gedrängt, und -alles, was hinter mir gewesen, rast an mir vorüber. Mir -war schlecht bis zum Sterben. Nach der Polizei wollte ich -rufen, aber ich brachte vor Entsetzen kein lautes Wort heraus. -Nach einer Weile, als ich, den kalten Schweiß auf der Stirn, -an der Wand lehnte, kam ich endlich so weit zu mir selbst, -daß ich mit einiger Fassung meine Taschen neuerdings<span class="pagenum"><a id="Seite_281">[281]</a></span> -durchsuchen konnte, und da steckt die vermaledeite Geldtasche -wohlverwahrt im Westensack, wo ich aus Besorgnis vor -Verlust sie freilich selbst hingesteckt hatte. Aber was nutzt's, an -der Kasse ist keine Karte mehr zu haben. Ich stehe mit gerungenen -Händen: »Ein Platzel wird doch noch sein im -ganzen Haus! Ich zahle dafür, was ich habe!« Dieses -höllische Achselzucken von dem Manne! Ich vergesse es nimmer. -Und ein Gefühl war in mir, als sei von diesem Augenblicke -an mein Leben zwecklos. Wenn mir die Geldtasche wenigstens -gestohlen worden wäre! Aber zum Unglücke auch noch -das Bewußtsein der eigenen Dummheit, das war das allerschrecklichste.</p> - -<p>So stand ich jetzt in der dämmerigen Vorhalle, und -drinnen spielten sie Goethes »Iphigenie«. Ich legte das Ohr -an die Wand, ob denn nicht ein einziger Laut zu erhaschen -wäre. Ach, die Glücklichen, die drinnen sind! Und die reichen -Leute, wie gut haben sie es! Da fahren sie im letzten Augenblick -an, setzen sich auf ihre bequemen Sessel, wo man alles -aufs beste sieht und hört, und keiner denkt an den armen -Schulmeister, der aus den fernen Bergen hergekommen, um -unter Darben und Kümmern auch nur das bescheidenste Plätzchen -zu erringen, und dem es trotzdem mißlungen war. – -Ich muß es wohl sagen, die hellen Tränen sind mir übers -Gesicht geronnen.</p> - -<p>Ich bin aber nicht hinaus, sondern habe gewartet, daß -vielleicht doch ein Wunder vom Himmel falle und mich -hineinführe. Aber es fiel keines vom Himmel. Lange betrachtete -ich die Stücke einer Holzbrüstung, welche die Hineinstürmenden -zertrümmert hatten. Jetzt kann hier ja alles -zertrümmert werden, sie brauchen nichts mehr. Diese Trümmer -brauchen sie auch nicht. Es kam mir der Gedanke, ein -Holzstück mitzunehmen, als Andenken an das alte Burgtheater.<span class="pagenum"><a id="Seite_282">[282]</a></span> -Ich könnte mir daraus ja Bilderrahmen oder dergleichen -schnitzen. Gedacht, getan; als ich jedoch das Holz in der inneren -Rocktasche bergen will, stehen zwei Wachleute da, um -mich festzunehmen. Im ersten Augenblicke war ich fast gewillt, -die Nacht über unter behördlichem Schutze zu bleiben, allein -eine Stimme in mir sagte: »Nein, Franz, dich einsperren -lassen! So darf das alte Burgtheater für dich nicht enden.« -– Ich gab daher der Wahrheit gemäß an, wer ich bin, weshalb -ich hergekommen war und warum ich das Stück Holz mit -mir nehmen wollte. Hierauf besprachen sie sich eine Weile, -und ich begann schon zu hoffen, die Sache könne eine günstige -Wendung nehmen. Aber es kam nichts weiter heraus, als -daß ich fortgewiesen wurde und das Holztrumm mitnehmen -durfte.</p> - -<p>Also nahm ich Abschied von dem Hause, zu welchem ich -auf weitem Wege wie auf einer Wallfahrt hergekommen war. -Habe Dank, du geliebtes Haus! Habe Dank, du geliebtes -Haus! Anderes konnte ich nicht mehr denken. So taumelte -ich auf die Gasse.</p> - -<p>Auf dem Kohlmarkt war noch ein Bildergeschäft offen. -Um das Geld, welches für den Eintritt bestimmt gewesen, -kaufte ich mir die Porträte von Shakespeare, Schiller und -Lessing. Hierauf machte ich einen Spaziergang über den hell -erleuchteten Ring. Als ich an das Gebäude kam, das sie von -jetzt an das Burgtheater heißen werden, stand ich ein wenig -still. Da ragte es vor mir, weiß und kalt. Was wird es -nützen, wenn auch die großen Schauspieler mit den Klassikern -hier einziehen, wenn die Zuschauer nicht mehr so -gläubig sind als einst! Es soll herrlich sein in dem neuen -Hause. Ich werde diese Pracht wohl niemalen sehen; ich bewahre -mir nur die Erinnerung an das alte Burgtheater, wo -die Begeisterung meiner Jugend gewesen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_283">[283]</a></span></p> - -<p>Auf der Wieden kehrte ich in einem Gasthofe ein; jetzt -war gar keine Ursache mehr, so ängstlich zu sparen, morgen -früh geht's heimwärts. Aber als morgen früh kam, war ich -ein armer Mann geworden. Das Zimmer, dessen Preis im -Vorhinein vereinbart worden, hätte mich noch nicht ruiniert, -allein das Service, die Bougie und wie all diese schönen -Dinge heißen, deren Sonderberechnung man sich in der -ehrlichen deutschen Sprache nicht zu nennen getraut, haben -mich wirtschaftlich herabgebracht; endlich das Stubenmädchen, -das bei meinem Scheiden die hohle Hand herhielt, der -Kellner, der die Hand herhielt, der Hausknecht, der die -Hand herhielt und der Portier, der auch die Hand herhielt, -haben mich selbst zum Bettler gemacht. Kaum konnte ich -noch eine Eisenbahnkarte bis Mürzzuschlag erschwingen; -in Neustadt als Frühstück und Mittagsmahl ein Paar -Frankfurter gehörten so gut wie das Burgtheater bereits -der idealen, mir unerreichbaren Welt an.</p> - -<p>Mich verdroß es nicht, 's ist einmal so der Welt Lauf. -Nur gesund nach Hause kommen! Dann lese ich meine -Dichter, und alles ist gut. Im Mürztale wußte ich einen -befreundeten Amtsbruder, bei dem ich vorsprechen wollte und -der mir schon aus der Not helfen würde mit einem Zehrpfennig -für den Rest meiner Heimreise <em class="antiqua">per pedes</em>. Damit -mir aber mein Unstern bis zu Ende treu bleibe, mußte -der Amtsbruder auf Ferien verreist sein. Jetzt war ich glücklich -daran, daß ich in einem Bauernhause um einen warmen -Löffel Suppe bat, der mir auch ohne weiteres geschenkt -worden ist.</p> - -<p>Am vierten Tage meiner Reise, die weniger reich -an Vergnügen, denn an Erfahrung war, bin ich nach -Hause gekommen, um nun den übrigen Rest der Ferien in -stiller Beschaulichkeit zuzubringen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_284">[284]</a></span></p> - -<p>So weißt du es, lieber Freund, wie es kam, daß ich -mit dir nicht ins Weinland fuhr. Mein Mißgeschick habe -ich verwunden und gestatte dir, daß du mich recht auslachen -darfst. Wenn du einmal zu mir kommst, will ich dir die -schönen Bilder von Shakespeare, Schiller und Lessing zeigen, -zu denen ich aus dem Holze der Brüstung Rahmen geschnitzt -habe, damit ich auch fürder mich freuen und erbauen kann -an unseren Klassikern im Rahmen des Burgtheaters.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_285">[285]</a></span></p></div> - -<h2 id="Das_Bekenntnis_eines_Verurteilten">Das Bekenntnis eines Verurteilten.</h2> -</div> - -<p class="drop">Im Staatsgefängnisse zu Sydney saß ein merkwürdiger -Mann. Seine knochigen, sonnengebräunten Glieder -waren nur zum geringsten Teile mit Lappen bedeckt. Sein -Haupt war wirr umwuchert von Haar und Bart, zwischen -welchen ein paar scharfe Augen glühten, wie die Lagerfeuer -von Wilden im Busch. Der Mann war am Murrayflusse -mit einer Meute von Wilden gefangen worden. Er schien -ihr Häuptling gewesen zu sein, so wie er an Gestalt und -Kraft seine Genossen überragte, einen längeren Wurfspieß -und ein sorgfältiger geschmücktes Känguruhfell trug, als die -übrigen. Er war auch der mutigste gewesen; alle anderen -stoben vor dem ersten Schusse der Engländer auseinander, -er trotzte und trachtete die Rotte zum Angriff zu führen. -Aber diese suchte zu fliehen, was ihr mißlang. Der Häuptling -wurde niedergeschlagen und gefangen. Er stieß brüllende -Töne aus und biß wütend mit den Zähnen um sich; -später jedoch, als er im festen Gewahrsam saß, stellte es sich -heraus, daß er mit großer Geläufigkeit englisch, deutsch und -französisch spreche.</p> - -<p>Man vermutete, daß er sich niemals zu Trotze gestellt -hätte, sondern mit seinen Gefährten geflohen wäre, wenn er -nicht gemeint haben würde, die Engländer führten mehr -Gold als Pulver mit sich. Dann begann er zu rasen, sich -und das Gold zu verfluchen, und als man d'ran ging, ihm -den Prozeß zu machen – denn es hatten sich seltsame Sachen -herausgestellt – wurde er gefaßter und verlangte einen -Priester. Man sandte ihm einen Pastor, den schickte er wieder -zurück – er sei ein geborener Irländer, also Katholik.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_286">[286]</a></span></p> - -<p>Als der katholische Priester zu ihm in das Gefängnis -trat, lag er ausgestreckt auf der Erde, verbarg sein Gesicht -in das Ziegelpflaster und rief: »Kannst du es glauben, du -einer von denen, die mich getauft haben: ein wildes Tier -bin ich geworden!«</p> - -<p>Der Priester suchte ihn zu beruhigen, aufzurichten. -Der Wilde grinste ihm in das Gesicht und schrie: »Stehe -mir nicht so würdevoll da. Was, wenn <em class="gesperrt">ich</em> jetzt du wäre und -<em class="gesperrt">du</em> das verdammte Menschentier, das ich bin?«</p> - -<p>»Komme zu Frieden,« sagte der Priester, »ich will die -Würde des Dieners Gottes gerne ablegen, wenn sie dich blendet, -ich will mit dir sein, wie ein Mensch mit Menschen. -Du bist unglücklich, aber du gehörst zu uns. Bist du strafbar, -so straft dich das Gesetz, nicht der Mensch, der bleibt bei -dir und verläßt dich nicht in deiner größten Not und nicht -in deiner letzten Stunde. Er bittet dich nur eins: Sei auch -du menschlich und mache dein Herz auf, damit dein Bruder -Frieden hineinlegen kann.«</p> - -<p>»Ich bin braun, nicht wahr?« fragte der Gefangene und -wies auf seinen halbnackten Körper, »das hat die Sonne getan -und der heiße Wind im Scrub. Und mein Herz, das du -haben willst, ist nicht braun, das ist schwarz wie die schwimmende -Hölle, die mich hergebracht hat; wer es schwarz gemacht, -das sollst du hören. – Ha ha«, lachte er grell. »Es -soll aber noch einmal rot werden, bevor ich tot bin.«</p> - -<p>Der Priester setzte sich auf die steinerne Bank und -sagte: »Damit du siehst, daß ich dir gut bin und vertraue, -so schicke ich den Soldaten davon, der zu meinem Schutze dort -an der Pforte steht.«</p> - -<p>»Das ist mutig, Sir,« versetzte der Gefangene. -»Ich habe an den Händen keine Ketten und könnte dich erwürgen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_287">[287]</a></span></p> - -<p>»Was würde dir das nützen?«</p> - -<p>»Was würde es mir schaden?« lachte der Wilde, »um -einen mehr, das wiegt nicht viel, und es könnte sein, es -ginge mir gerade noch nach einem katholischen Priester. -Doch nein, lass' den Soldaten gehen oder stehen, ich pflege -nur um Gold zu morden, aus Rache nie.«</p> - -<p>»Wie sollte ich, der ich dich heute das erstemal im -Leben sehe, ein Gegenstand deiner Rache sein können?« fragte -der Priester.</p> - -<p>»Du hast recht. Du bist als Mensch gekommen und -nicht als Geistlicher. So kann ich dir nur sagen, daß ein -Geistlicher die Kugel geschoben hat, die jetzt so grob geschlagen, -so grob, daß ich aus Verzweiflung einen Schrei tun möchte, -der die Welt könnt' erzittern machen. – Nun, du sollst es -hören.«</p> - -<p>Er erhob sich nicht vom Pflaster, die schweren Verletzungen -bei seiner Gefangennahme hatten ihn körperlich -entkräftet. Er kauerte da und redete.</p> - -<p>»Ich bin der Sohn eines Schäfers in Irland,« begann -er, »meine Eltern waren fromme und sogar ehrliche Leute. -Auch ich war beides und ich hatte einen phantasierenden -Sinn, wie ihn die Hirten haben auf ihren stillen Weiden; -dann war ich ehrgeizig und strebte dem Höchsten zu, was -ein Hirtenjunge kennt, ich wollte Bischof werden. Von Gold -und Edelgestein habe ich damals noch nicht viel gewußt, ich -wollte nur Bischof werden. Der Pfarrer von unserer Gemeinde -– der gute alte Mann! – der riet mir nicht dazu, -er meinte, man könne als armer Hirte ebensogut selig -werden, denn als Erzbischof. Aber mir wäre es doch als Erzbischof -lieber gewesen. Der Pfarrer nimmt sich meiner an, -und sein gutes Herz ist mein Unglück geworden. Er fängt -an, mich zu unterrichten und schickt mich nach Dublin in eine<span class="pagenum"><a id="Seite_288">[288]</a></span> -geistliche Anstalt, wo ich kostenfrei aufgenommen werde. -Ich studiere dort etliche Jahre, steige rasch aufwärts, und -wenn es in solcher Art fortgegangen wäre, so könnte ich -heute zum mindesten Erzpropst zu Cork oder Waterford -sein. Da bringt mir eines Tages einer meiner Studiengenossen -ein Werk von dem gottlosen Franzosendichter Voltaire. -Kennst du den? Ich auch nicht, weiß nur, daß er gottlos -war. Mein Kollege ermuntert mich, ich solle das Buch -lesen, aber heimlich, denn es wäre verboten. Verboten? -Das ist eine Empfehlung. Ich nehme das Buch mit zu Bette, -bin aber schon bei der zweiten oder dritten Seite eingeschlafen. -Am Morgen, als der Präfekt kommt, um zu wecken, findet -er auf meiner Bettdecke den Voltaire. Er konfisziert ihn -und konfisziert auch mich – steckt mich auf vierundzwanzig -Stunden in das Karzer. Im Karzer habe ich genügende Zeit -nachzudenken, was denn in jenem Buche enthalten sein -mochte, daß das Lesen desselben solche Strafen nach sich zieht. -Meine Neugierde steigt von Stunde zu Stunde, und als ich -wieder frei bin, ist mein Trachten, mich unbemerkt in die -Präfektur zu schleichen und das konfiszierte Buch wieder zu -erhaschen. Das gelingt mir. Ich verstecke mich an einen -sicheren Ort, um ungestört der Lektüre nachhängen zu können; -aber der Teufel hol' mich noch vor dem Denken, wenn ich -daraus klug geworden bin! Nicht einmal den Titel dieses -Buches habe ich mir behalten. Was ist das Ende? Ich werde -auf meiner Heimlichkeit entdeckt und auf der Stelle relegiert. -– So, das war das erste Kapitel.«</p> - -<p>Wunderlich war's, wie das der Mensch halb in Grimm -und halb in Selbstironie erzählte.</p> - -<p>»Mein Lebenslauf« so fuhr er dann fort, »ja, das -wäre was für einen Voltaire oder einen andern Gottlosen – -wie sie sagen, gibt es heute deren genug – zum Erzählen.<span class="pagenum"><a id="Seite_289">[289]</a></span> -Hundert Bände, wenn er wollt' – mein Lebenslauf ist ja -geschaffen, in Bänden zu sein. Du verstehst mich. – Ich -habe mich wohl noch einmal an die Direktion des geistlichen -Institutes gewandt, in Demut bittend um Wiederaufnahme. -Vergebens, sie wurde mir versagt. Ausgeschlossen und verjagt. -– Nun, jetzt bin ich ein freier Mann in der großen -Stadt Dublin. Ins Gebirge zurückkehren und meinen boshaften -Landsleuten sagen: Ich habe wollen ein hochwürdiger -Herr werden, aber sie haben mich verjagt und jetzt bin ich -wieder da. – Nicht um Altengland! So habe ich mich herumgetrieben, -solange es ging, habe mich als Führer und -Lastträger nützlich machen wollen, aber es war kein Erwerb. -Ich war ein Gassenjunge mit zwanzig Jahren, aber viel -unbeholfener und blöder als andere meinesgleichen. Ich -habe den Gedanken gefaßt, in einer andern Stadt Aufnahme -zu suchen, um meine Studien zu beenden, aber ich stand -bereits zu tief, hatte nicht mehr den Mut. Ein Kleidungsstück -ums andere habe ich verkauft, in Branntweinhöhlen -habe ich gekartelt, und in einer Nacht hat mich die Polizei -von der Gasse aufgehoben und in Gewahrsam gebracht. -Im Arrest macht man interessante Bekanntschaften, nicht -wahr? Nun, ich habe von ihnen profitiert; ich habe erfahren, -wie sich der Taugenichts Geld erwirbt und wo die -sichersten Spelunken sind. Als sie mich auf meine Beteuerung, -ein arbeitsames Leben beginnen zu wollen, frei -lassen, verlege ich mich sofort auf die Bauernfängerei. Dieses -Geschäft gelingt mir besser als den anderen, denn ich kenne -die Bauern. Anfangs treibe ich es zahm und begnüge mich -mit einem Imbiß, führe sie in der Stadt eine Stunde -herum an ein kaum fünf Minuten entferntes Ziel, um -ein größeres Stück Geld verlangen zu können. Endlich -gehe ich weiter und führe sie in die Spielhöhlen. Ich bin<span class="pagenum"><a id="Seite_290">[290]</a></span> -respektabler Falschspieler, finde aber meinen Meister und in -einer Nacht verspiele ich Leib und Leben. Leib und Leben! -Wir spielten darum. Ich hatte keinen Heller mehr in der -Tasche, keinen Knopf mehr am Leib, der mir gehört hätte. »So -gilt's um deine Haut und was dazu gehört!« sagte mein Gegenspieler. -»Es gilt,« sagte ich. In einer Minute darauf gehöre ich -ihm. »Jetzt habe ich das Recht, dich zu erdrosseln,« sagte -mein Herr. »Das hast du,« antwortete ich. »Das wäre -doch ein schlechtes Geschäft,« lachte er, »du bist ein schöner, -junger Mann und hast ein Gesicht wie ein junger Heiliger -– dich verwerte ich besser. Wir reisen nach London, dort -blüht unser Weizen und sollst nicht allein das Stroh davon -haben. Zeigst du dich verwendbar, so wird es dein Schade -nicht sein.« – Es ist gut, denke ich, in London kann ich -vielleicht meine theologischen Studien fortsetzen – daraus -siehst du, was ich für ein einfältiger Junge bin. Einfältig -und verschmitzt! Wir fuhren dann über die See und von -Liverpool nach London. Dort begann mein Ruhm. Vom -Hehlerjungen zum Taschendieb, zum Einschleicher und Einbrecher -ist für ein Talent kein langer Weg, ich übergehe die -Heldentaten, sie sind dir und mir langweilig, sie sind tausendmal -dieselben. Ich stieg auf meiner Stufenleiter so -hoch, bis ich eines Tages Polizeibeamter der City war. -In der Tat, ja! Es sind mir – ich war stets der treue -Diener meines mächtigen Herrn – Papiere verschafft worden, -mittelst welcher ich Priester der heiligen Themis wurde. -Gewesene Wilderer sind ja die besten Jäger. Du kannst -dir denken, welche Vorteile daraus unserer Sache erwuchsen. -Es waren unser eine wohlorganisierte Bande von viertausend -Köpfen, die meisten derselben trugen Seidenhüte, -viele davon wurden von manchem ehrsamen Bürger -Londons untertänig gegrüßt. Unsere Hauptverbündete war<span class="pagenum"><a id="Seite_291">[291]</a></span> -die Themse, sie verbarg unsere Toten. In den ersten -Jahren, selbstverständlich vor meiner Polizeiperiode, saß -ich ein paarmal kurze Zeit, später wohnte ich nur mehr -als Gentleman, bezog ein anständiges Gehalt vom Staate, -aber ein dreifach größeres von unserer Verbindung. -Da kam ein Tag, und es war plötzlich aus. Ein Einbruch in -den Tower, um eines unserer Häupter aus dem Gefängnis -zu befreien, mißlang. Nun war es mein Amt, dasselbe auf -diplomatischem Wege zu befreien; da durchbrach ein vermaledeiter -Profoß das Gewebe, womit wir die Londoner -Polizei so sinnig umsponnen hatten, ich war entlarvt und -leider auch gleichzeitig gefangen. Ich war gefaßt auf -zwanzig Jahre Kerker, aber England dachte seinem emeritierten -Polizeibeamten eine Vergnügungsreise zu. England -besitzt in Australien eine Sträflingskolonie – also -nach Australien.« – Nach einer Weile, während sich der -Erzähler zu sammeln schien und auf ein Kruzifix blickte, -das an der Mauer hing, sagte er:</p> - -<p>»Morgen will Neu-Süd-Wales eine schöne Ausnahme -vom britischen Gesetz machen und einen henken, weil seine -Bande den Reisenden Ludwig Leichhardt umgebracht haben -soll. Ich sage dir, Priester, ich habe dich nicht rufen lassen, -daß ich mich vor dir verteidige, aber das wiederhole ich -dir, wie ich es dem Gerichtshofe wiederholt habe, an dem -Morde Leichhardt's bin ich so unschuldig, wie der Schächer -am Kreuz an Christi Tod. Ich will nicht gehenkt sein, -das ist etwas für gemeine Gäuche. Ich will, daß sie mir -den Kopf abschlagen.«</p> - -<p>Er schwieg hierauf lange. Der Priester erlaubte ihm, -fortzufahren.</p> - -<p>»Sehr gern,« versetzte der Gefangene, »wenn ich nur -zerknirscht sein könnte! Ich fühle in mir nicht genug Reue,<span class="pagenum"><a id="Seite_292">[292]</a></span> -mir ist, als hätte es so sein müssen und lebe ich wieder, -so handle ich vielleicht wieder so. Darum muß ich aus der Welt -gebracht werden, ich selbst beantrage es. – Der Dampfer, -auf welchen wir eingeschifft wurden, hieß »Irland«. Mir -zum Hohne der Name meines Vaterlandes. Wir nannten -ihn aber die schwimmende Hölle. In Wahrheit, das war -er. Unser sind an dreihundert gewesen, lauter Verbrecher -aus England. Die Aufseher haben uns, um sich auf dem -Schiffe der Sorglosigkeit hingeben zu können, in den tiefsten -Unterräumen mit Ketten zusammengeschmiedet. Wir -sahen viele Wochen kaum einen Sonnenstrahl, unsere halbblinden -Rundfenster waren meist unter Wasser. Keine Luft -und Nahrung. Leider noch zu viel zum Verhungern. O -Voltaire! Hätte dich im Mutterleib der Blitz erschlagen, -ich stünde im Dom und trüge prachtvollen Ornat, anstatt -in dieser Pestgrube auf dem Weltmeere zu verderben. Mir -zur Linken der Nachbar wurde typhuskrank und starb. -Wir verheimlichten den Aufsehern seinen Tod, um seiner -Portion Nahrung nicht verlustig zu werden, die wir Nächststehenden -uns als Erbschaft teilten. Aber der Tote, der -nicht zu ihren Ohren kam, kam zu ihrer Nase und wir wurden -auf einige Tage gelüftet. Im Indischen Meere ging es ein -wenig unstät her und wir wurden durch Stürme südlich, ich -glaubte gegen die Kerguelen, verschlagen. Das Schiff mußte -an einer Insel landen, um Wasser zu schöpfen. Hier gelang -es dreien von uns zu entkommen. Ich war mit ihnen. -Es war aber ein böser Gewinn. Wir durchirrten die unfruchtbare -Steinwüste. Einer von uns, der nach der finsteren -Hölle das grelle Licht und das heiße Sandwehen nicht ertragen -konnte, erblindete. Wir hatten Keulen bei uns, um -Tiere zu erschlagen und von ihrem Fleische zu leben. Aber -die Gegend war tot und starr, soweit das Auge spähte,<span class="pagenum"><a id="Seite_293">[293]</a></span> -der Hunger drohte uns wahnsinnig zu machen, da erschlugen -wir unsern Blinden … Nach einigen Tagen, als der -Vorrat bereits alle oder verdorben war, sann ich nach einer -Gelegenheit, auch meinen andern Genossen umzubringen -und der hat später kein Hehl daraus gemacht, daß er einen -gleichen Anschlag gegen mich im Schilde geführt. Wir trauten -einer dem andern nicht; wir hatten in der fürchterlichen -Wüste niemand, als uns allein, und wir waren unsere -gefährlichsten Feinde. Endlich wurden wir von unseren Soldaten -wieder glücklich eingefangen und, beim heiligen Gott, -wir setzten uns nicht zur Wehr. Wir kamen endlich nach Australien -und landeten in Van Diemens-Land – wir nannten -es das Teufelsland, aber im lustigen Sinne, denn in ihm -regierte Vater Howe.«</p> - -<p>»Howe,« unterbrach ihn der Priester, »so hieß ja der -berüchtigte Räuberhäuptling in Tasmania.«</p> - -<p>»Ganz richtig, Sir, eben derselbe. Ein Landsmann -von mir – hatte ähnliche Schicksale und ich war entschlossen, -um jeden Preis unter seine Fahne zu kommen und, -wie er, ein gefürchteter Bandenführer zu werden. Aber -man war schlau und ahnte, daß Howes Schar auf uns -neue Einwanderer eine große Anziehungskraft haben dürfte, -wir wurden nach Neu-Süd-Wales eingeschifft. Und in diesem -Lande erging es mir so wunderlich, wie sonst nirgends. Wir -Sträflinge wurden freigelassen und arbeiteten teils an Häfen, -Kanälen, Straßen und Eisenbahnbauten und am Aufbaue -der Stadt Sydney. Ich sah bald ein, hier war die Stufenleiter -wieder eine andere und ich richtete mich danach. Ich -arbeitete und heuchelte und war auch fleißig in der Tat -und war verwendbar und machte mich verläßlich. Nach einem -Jahre war ich Arbeitsaufseher, nach drei Jahren gaben -sie mich und einige andere, die sich brav gehalten, frei.<span class="pagenum"><a id="Seite_294">[294]</a></span> -Jeder von uns erhielt ein Stück Land mit Schafen und -Pferden. Ich verstand was davon und der Hirte -aus Irland wurde ein Squatter am Darlingflusse. Ich -baute mir ein Haus auf der Station und baute mir ein Haus -in der Hauptstadt. Ich war ein reicher und somit ein ehrenwerter -Mann. Ich lebte auch danach und hatte eine laute -Stimme in unserem Parlament. Es war gut, ich könnte -heute Bürgermeister von Sydney sein; mancher der Deportierten -hat es hoch gebracht. Vor allem reich sein, das ist -die Hauptsache. Danach handelte ich und wie ist es geworden? -– Daß ich heimlich einen schwunghaften Rumschmuggel -betrieb – du weißt, daß Rum bei uns verboten -war, und daß ich selbst auf meinem Landgut eine Branntweinbrennerei -besaß – hätte nicht geschadet, wenn es nur -nicht an den Tag gekommen wäre. Mir kostete die Sache -mehr als die Hälfte meines Vermögens und ich mußte -trachten, es wieder zu ergänzen. Und nun beging ich die -größte meiner Taten.«</p> - -<p>»So erzähle sie,« sagte der Priester, »aber fasse -dich kurz.«</p> - -<p>»Kurz? Hast du keine Zeit?« fragte der Gefangene, -»du willst dich beklagen und <em class="gesperrt">ich</em> zähle mein Leben nur mehr -nach Stunden.«</p> - -<p>»So erzähle, wie du willst, Hauptsache ist hier die -Erleichterung deines Herzens.«</p> - -<p>»Es wird nun vom Gold die Rede sein,« fuhr der Irländer -fort, »und das ist ein böses Thema. Es war zur Zeit, -als Australien auf war, um Gold zu graben. Der Squatter -wie der Vornehme, der Fischer wie der Beamte, alles grub -Gold. Alle aus der alten Welt anlangenden Schiffe brachten -Goldgräber. Viele wurden reich, viele gruben sich das Grab. -Noch mehr wurden elend. Auch ich habe gegraben, aber<span class="pagenum"><a id="Seite_295">[295]</a></span> -die Lohnarbeiter haben mich betrogen und für meine Person -war mir die Wühlerei nicht amüsant genug. Es gibt bessere -Mittel, um reich zu werden, als die Arbeit der Hand. Die Spekulation, -du errätst es ja. Ich sah, wie sich die goldsuchenden -Menschenmassen immer mehr in das Binnenland zogen, -während die Lebensmittel, je mehr von der Küste entfernt, je -kümmerlicher und ungenügender wurden. Ich verkaufte mein -Haus in Sydney und kaufte ganze Schiffsladungen mit Nahrungsmitteln -und schaffte sie in Gegenden, in welchen große -Goldfunde vorausgesehen werden konnten. Aber die Berichte -von neuen Goldgruben schwankten hin und her und die Goldgräber -zogen der Fata Morgana nach, gleichviel, ob sie -in den wasserlosen Wüsten oder im Scrub verschmachteten. -Ein großer Teil meiner Waren lag an einem Nebenflusse -des Murray und lief Gefahr, zu verderben. Diese Waren -mußten an Mann gebracht werden. Aber wie? Die Gegend -war wieder öde geworden, nur die Känguruhs und die Dingohunde -durchstrichen den Scrub. – In denselben Tagen -war's, daß ein Squatter, nennen wir ihn John Peak, von -seinem Bruder am Murrumbidschifluß ein Schreiben erhielt, -daß in seiner Gegend, westlich der Blauen Berge, ein unbeschreiblich -reiches Goldlager entdeckt worden sei. Ich selbst -sah den Brief und machte ihn bekannt. Allsogleich große -Aufregung in den Küstenprovinzen und die Leute eilten -herbei, um sich bei John Peak des näheren zu unterrichten. -Peak kündigte an, daß er gesonnen sei, an einem der nächsten -Tage früh mit großen Warenladungen von Lebensmitteln -nach dem Murrumbidschiflusse aufzubrechen, wer wolle, der -könne sich dem Zuge anschließen. Und siehe, an dem bestimmten -Morgen, kaum die Elster ihr Lied sang, war eine -große Anzahl von Männern mit Grabscheit und allerlei -Arbeitsgeräte zusammengekommen, um sich dem Zuge anzuschließen.<span class="pagenum"><a id="Seite_296">[296]</a></span> -Vierzig paar Ochsen waren an schwer beladene -Wagen gespannt und diesen schwerfälligen Fuhrwerken -folgten die Goldgräber, junge, kräftige, lebenslustige und -arbeitsmutige Leute, heiter und hoffend, und so bewegte -sich die Karawane den neuen Goldfeldern entgegen. Es -war im Januar, also mitten im Sommer. Die Gegend war -heiß und wurde von Stunde zu Stunde öder. Das Gras an -der Wurzel war zu Heu geworden, die Bäche waren vertrocknet, -kaum daß in einzelnen schlammigen Sümpfen -Menschen und Tiere ihren Durst zur Not löschen konnten. -Die Blätter der Gummibäume hingen welk herab, gaben -aber keinen Schatten. – Ich erzähle dir diesen Zug genau, -wie er in meiner Erinnerung ist, weil er mir von allen -meinen Wegen heute am schwersten auf dem Herzen liegt. -Der Weg hatte über Gebirgskämme und Steinflächen geführt, -aus denen wir zwar fortkamen – ich war stets dabei, -das merke dir – die Ochsen dagegen aber harte Mühe hatten, -die schweren Wagen weiterzubringen. Wir mußten Hand -anlegen, jetzt vorwärtsschieben, jetzt zurückziehen und dann -wiederum die Lasten vor Sturz in die Abgründe bewahren. -Einige hatten dem Fuhrwerk bereits auch ihre mitgeschleppten -Habseligkeiten aufgebürdet, wofür sich Mister -John Peak wacker bezahlen ließ. So hatte die Reise bereits -vier Tage gewährt und wir befanden uns nun in einer vollständigen -Wildnis, wo weit und breit keine Ansiedlung -war, ein dürrer Boden, den wohl noch niemals die Füße eines -Europäers betreten hatten.</p> - -<p>Der fünfte Tag war ein Sonntag, da wurde Rast -gehalten. Es ist aber keine Sonntagsruhe gewesen, die Leute -waren unzufrieden und drangen in John Peak, ihnen doch -endlich mitzuteilen, wann diese trostlose Gegend ein Ende -nehme, wo die Goldfelder wären. John Peak hatte die Ungeduldigen<span class="pagenum"><a id="Seite_297">[297]</a></span> -zu vertrösten gewußt von Tag zu Tag und jetzt -entgegnete er unwirsch, ob sie denn glaubten, daß er das -Goldland herbeizaubern könne? Ob nicht auch er selbst, -seine Leute und sein Vieh an dem Ungemache der Reise zu -leiden hätten, ob er sie denn gebeten habe, mit ihm zu kommen, -ob es nicht reine Gefälligkeit von ihm gewesen wäre, -sie mit sich zu führen? Das sprach er vernünftig. Es ließ -sich laut nichts darauf entgegnen, jedoch hinter seinem -Rücken begannen die Männer zu murren: »John Peak hat -den Weg verloren und will es nicht gestehen.« Ob er sich -seiner Sache gewiß sei? wurde er befragt. Das wäre er. -Er solle noch einmal den Brief seines Bruders zeigen. -Er zeigte den Brief und da stand's: Am Murrumbidschifluß -ein unbeschreiblich reiches Goldlager gefunden. Der Fluß -mußte ja in dieser Gegend sein, nur war er unter anderen -Schründen, die sich im wüsten Grunde hinzogen, schwer -zu erkennen, da er ausgetrocknet sein konnte. Sie beruhigten -sich also wieder. Die Menge der Goldsucher war -bereits bis zu tausend Köpfen gestiegen. Das Lager wurde -nicht abgebrochen. John Peak sandte Leute aus, angeblich -nach der Besitzung seines Bruders. Mittlerweile zehrte -die Menge von seinen Vorräten und zahlte ihm hohes Geld. -So ging ein Tag um den andern hin und nun erhob sich -eine Unruhe im Lager, die nichts Gutes ahnen ließ. Der -Argwohn war da: Die ganze Goldgrubengeschichte wäre -erfunden. John Peak habe die Leute in die Wüste verlockt, -um seine Lebensmittel zu enormen Preisen zu verkaufen. -Und in der Tat, die Lebensmittel wurden von Stunde zu -Stunde knapper und stiegen im Preise, so daß viele, -deren Barschaft zu Ende ging, bereits Hunger litten. -Einzelne trennten sich von der Menge los und irrten in -Sand und Scrub umher, in der Hoffnung, auf die geträumten<span class="pagenum"><a id="Seite_298">[298]</a></span> -Goldfelder zu stoßen. Man soll nichts mehr von -ihnen gehört haben.</p> - -<p>Im Lager wuchs die Aufregung, es kam zu einer -Volksversammlung, in welcher die Vermutung des Verrates -offen ausgesprochen wurde. Nach einer stürmischen Stunde -schien es sichergestellt, daß die Menge nur in diese Öden -geführt worden war, um dem Squatter die bereits im Verderben -begriffenen Lebensmittel zu konsumieren. Um aber -dem Manne nicht Unrecht zu tun, sondern vollständige -Gewißheit zu erlangen, wurde beschlossen, auf Kosten der -Versammlung eine Expedition auszuschicken, den vorgeschützten -Bruder oder die Goldlager zu finden. John Peak -sollte bis zur Rückkehr der Männer strenge bewacht -werden.</p> - -<p>Am folgenden Morgen wurde die Expedition, mit Lebensmitteln -und guten Pferden versehen, abgelassen. Sie -durchstrich die rotbraunen Flächen, fand weder Vegetation -noch Wasser, weder Weg noch Steg, überall nur die nackten -Granitfelsen, stellenweise knietiefen Sand und wirbelnden -Staub. Soweit das Auge reichte kein grünes Blatt, -kein Grashalm, nach allen Seiten hin nichts als grauer -Himmel und brauner Sand.</p> - -<p>Heiße Winde aus Nordwesten bliesen da und dort ein -finsteres Gewölke heran, aber es waren nicht die willkommenen -Wasserdünste, es war glühender Staub. Die Expedition -soll viel gelitten haben, stieß aber am dritten Tage -auf eine kleine Oase, wo sich eine Schafzucht befand. Es -war die Gegend, wie sie von John Peak als der Wohnort -seines Bruders verzeichnet worden. Die Männer fanden -bei den Hirten freundliche Aufnahme; sie zogen ihre Erkundigungen -ein und erfuhren erstens, daß hier kein Mensch -wohne, der einen John Peak zum Bruder habe, und erfuhren,<span class="pagenum"><a id="Seite_299">[299]</a></span> -daß in dieser Gegend von einem Goldlager weder -jemals eine Spur, noch eine Rede gewesen sei.</p> - -<p>Die Expedition hatte ihren Zweck erreicht und trat die -Rückreise an. Um der gefürchteten Sandwüste zu entgehen, -wollte sie eine andere Richtung einschlagen, stieß aber auf -grundlosen Morast des Murrumbidschi und auf undurchdringlichen -Scrub. Von der Expedition erlagen zwei Mann. -Auf der wieder betretenen Sandwüste stand eine weitere -Überraschung bevor. Raubvögel umflatterten drei menschliche -Leichen, die auf dem Rücken lagen und ihr Antlitz gen -Himmel gerichtet hatten. Endlich hatte die Expedition sich -zurückgefunden zu den weißen Zelten und sie erstattete Bericht, -daß weit und breit kein Bruder des Squatter und keine -Spur einer Goldmine entdeckt worden sei.</p> - -<p>John Peak hatte den Brief seines angeblichen Bruders -selbst geschrieben, um die Leute in die Wüste zu locken und -bei ihnen seine Waren abzusetzen – John Peak wurde -in aller Form zum Tode verurteilt. –</p> - -<p>Der aufgeregten Menge hatte man vor das Zelt, in -welchem Peaks Warenlager sich befand, ein Faß Rum -gerollt, den Boden eingeschlagen und alles drängte sich -vor, einen Becher des Getränkes zu erlangen. Bald war -das Faß leer und auch ein zweites, ein drittes, dann wurde -mit wildem Lärm das Warenlager gestürmt und jeder nahm, -was ihm das Nächste war. Der eine trug einen Sack Reis -fort, der andre einen Sack Zucker, der dritte eine Kiste Thee; -andere Mehl, Butter, Schinken, Tabak. Jeder wollte sich -nun entschädigen, und es ging toll zu im Wüstenlager.</p> - -<p>Als man sich endlich nach dem Verurteilten umsah, -um ihm zur Krone des Festes sein Recht anzutun, war der -Vogel ausgeflogen. – Jetzt sahen sie den Flüchtling auf -raschem Renner über die weite Ebene dahinjagen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_300">[300]</a></span></p> - -<p>So der Gefangene.</p> - -<p>»Ja,« entgegnete nun der Priester, »ich habe seinerzeit -von dieser Geschichte vernommen. Aber warum erzählst du -nicht von dir?«</p> - -<p>»Ja,« sagte der Gefangene: »hast du in John Peak -denn nicht <em class="gesperrt">mich</em> erkannt? Nicht wahr, dir graut? Mir auch, -mein Herr, mir auch.«</p> - -<p>»Nun bist du wohl zu Ende?«</p> - -<p>»Fast. Was jetzt noch kommt, ist zahm. Ich floh zu -den Wilden. Da ich schon früher ihre Sprache erlernt hatte, -sie aber in jenem Scrub an mir das erstemal einen Weißen -sahen und sich vor mir fürchteten, so gab ich mich für den -Geist ihres Stammvaters aus, der aus der andern Welt zu -ihnen zurückgekehrt sei, um ihnen zu verkünden, daß ein -fremdes, furchtbares Volk gegen sie über das Meer heranziehe, -welches den Blitz des Himmels und den Donner bei -sich hätte. Sie haben mir geglaubt, haben mich in ihrer -Weise angebetet, haben mich in eine große Höhle geführt -und mir dort ihre Opfergaben zu Füßen gelegt. Merkst du -den Witz des Schicksals? Nun war ich's, was ich einst auf den -Heiden Irlands sein wollte: ein Prophet, ein Priester, ein -Erzbischof. – Sie brachten mir das beste, was sie hatten, -es war für mich kaum genießbar; ich sagte, ich sei bei Speise -und Trank die Zubereitung der andern Welt gewohnt und -bereitete sie, wie es die Weißen tun. Ich suchte die Wilden -für meine Zwecke zu erziehen und galt als ihr Häuptling -und Gott, gleichwohl manche unter ihnen waren, die mir -nicht zu trauen schienen. Die Furcht hielt sie im Zaume. -Ich suchte sie mit dem Speer, mit dem Bumerang, mit der -Keule im Kampfe zu üben, um mir ein streitbares Heer -gegen meine eigene Rasse heranzubilden.</p> - -<p>So groß war in mir der Haß geworden. – Mein Vorhaben,<span class="pagenum"><a id="Seite_301">[301]</a></span> -die Wilden zum Kriege zu erziehen, war aber nicht -durchführbar. Und weißt du, wer mich bei meiner Gefangennahme -am Murray niedergeschlagen hat? Der Wilden einer, -mein eigener Waffenträger. Er hätte mich gewiß getötet, -wenn ich ihm nicht von den Soldaten entrissen worden wäre. -– So bleibt es doch dir, mein alter Vaterstamm, anheimgestellt, -an mir dein Richteramt zu vollführen. Jetzt entweiche -ich nicht mehr auf flüchtigem Renner, jetzt leugne ich nicht -mehr, daß ich schuldig bin, jetzt will ich nur eins, o Menschen, -nur dieses eine versagt mir nicht!«</p> - -<p>»Was ist dein letzter Wunsch?« fragte der Priester.</p> - -<p>»Es ist der: Ich will nicht erwürgt werden mit dem -Strick, ich möchte langsam, <em class="gesperrt">langsam</em> sterben <em class="gesperrt">und mein -Blut</em> geben.«</p> - -<p>Am nächsten Morgen, als der rote Schein lag über -den Wässern des Ostens, wurde der Gefangene aus dem Kerker -geholt und in den Hof des Gerichtsgebäudes geführt.</p> - -<p>Als der Todgeweihte mitten im Hofe den Galgen sah -und den Henker daneben, stürzte er sich kopfüber auf das -Steinpflaster – und das rote Blut entströmte dem zerschmetterten -Haupt.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_302">[302]</a></span></p> - -<h2 id="Der_verhaengnisvolle_Vorfall">Der verhängnisvolle Vorfall.</h2> -</div> - -<p class="drop">Über den Hafenplatz in Lissabon eilten schnellen Schrittes -zwei junge Männer. Es war vor Abgang des Schiffes -beinahe eine Stunde Zeit, da wollten sie in einem Weinhause -noch den Abschied feiern. Die Sachen des Abreisenden -hatte der Hoteldiener bereits aufs Schiff gebracht, dort auch -den Fahrschein nach Neuyork gelöst, so konnten die beiden -Freunde noch ruhig beim Weine sitzen und warten, bis -vom Molo herüber, an dem mehrere große Dampfer lagen, -das Glockensignal erklang.</p> - -<p>Der eine der beiden, ein schlanker Bursche mit leichtem -Bartanflug und einer vernarbten Schramme über -der Stirn, war der Elektrotechniker Richard Wifart aus -Berlin. Er war ein Jahr vorher mehrere Monate lang -auf einer Geschäftsreise für das Haus Siemens & Halske -in Amerika gewesen und hatte in Neuyork ein schönes -Mädchen kennen gelernt, die einzige Tochter eines Rechtsanwaltes. -Die jungen Leute hatten sich damals unmittelbar -vor Wifarts Abreise nach Berlin verlobt und nun war er -auf der Reise nach Neuyork, um Hochzeit zu halten und -seine junge Frau nach Europa zu führen. Er war sehr -heiter und schaute mit hellen, glücklichen Augen in die -Zukunft.</p> - -<p>Der andere der beiden Freunde war Herbert Franke, -ein etwas kleinerer, untersetzter junger Mann mit dunkelblondem -welligem Haar und einem glatten Gesicht, über -dessen Wange das schwarze Seidenbändchen des »Zwickers« -hing. Er besaß in Hamburg ein großes Export- und Geldgeschäft -und war seit drei Jahren dort glücklich verheiratet.<span class="pagenum"><a id="Seite_303">[303]</a></span> -Er hatte weiche, fast kindliche Züge und sein blaues Auge -hing mit Innigkeit an dem Freunde, den ihm schon die -nächste Stunde entführen sollte.</p> - -<p>Die beiden hatten auf der Berliner Technik zusammen -studiert und waren Freunde geworden, die sich in schwärmerischen -Stunden auch <em class="gesperrt">das</em> zugeschworen, daß, wenn einer -oder der andere einmal heiraten sollte, unfehlbar der andere -oder der eine mit bei der Hochzeit sein müsse. Richard -hatte bei Herberts Hochzeit in Hamburg ohne jede Schwierigkeit -seinen Schwur einlösen können. Anders war's bei -Herbert, der den Freund nach Neuyork begleiten müßte, -um an dessen Hochzeit teilzunehmen. Er würde es mit -tausend Freuden getan haben, wenn er als Chef seines -Hauses nicht gerade um diese Zeit wegen Handelsunternehmungen -in Europa festgehalten worden wäre. Doch -gestatteten es die Verhältnisse, den Freund eine Strecke -zu begleiten. Denn die Reise ging nicht den glatten, geraden -Seeweg Bremerhafen-Neuyork, sondern über Frankreich -und Spanien. In Frankreich hatte Herbert Geschäfte abzuwickeln -und auch Richard wurde teils durch den Umstand -zu diesem Umwege bewogen, als seine Firma wegen -einer elektrischen Straßenbahn mit Madrid in Unterhandlung -stand. Anderseits wollte er Verwandte in Granada besuchen.</p> - -<p>Die Reise war nicht ohne Widerwärtigkeiten vor sich -gegangen. Eine Überschwemmung in den Pyrenäen hatte -die Eisenbahnverbindungen unterbrochen, was jedoch wieder -den Vorteil gab, durch eine Wagen- und Fußreise die Pyrenäen -und einen Teil des nördlichen Spaniens näher kennen -zu lernen. Das war jetzt alles hinter sich, die Gebirgsreise, -die Verwandten waren abgetan, das Geschäftliche für Herbert -war im besten Gang und an diesem Tage Punkt zwölf Uhr -sollte in Lissabon das Schiff nach Neuyork auslaufen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_304">[304]</a></span></p> - -<p>Sie saßen nun bei einer Flasche köstlich feurigen Spaniers -und rauchten Zigaretten. Sie waren in hochgemuter -Stimmung, der aber ein Mollton des Abschiedes nicht -ganz fehlte. Nach dieser gemeinsamen heiteren Reise, auf -der sie manchmal ernsthafte Gespräche über die Zukunft -geführt, dann wieder tolle Jugendschnacken getrieben hatten, -sollte die nächste Stunde jeden allein finden.</p> - -<p>Eine solche Trennung im fremden Lande hat etwas -Beklemmendes. Richard würde in acht Tagen ja drüben -bei seiner Braut sein und Herbert nach einigen Querzügen -durch die romanischen Länder ungefähr um dieselbe -Zeit in Hamburg. Jeder bei den Seinen, und in wenigen -Wochen würden sie sich in Hamburg alle zusammenfinden.</p> - -<p>Richard erhob sein Glas: »Freund, ich danke dir noch -einmal, daß du mich bis an dieses Ende der Welt begleitet -hast. Kehre mit Glück nach deiner geliebten Elbestadt -zurück und von heute in zehn Tagen denke, daß -ich mit meiner Luise am Altare stehe.«</p> - -<p>»Und wenn du sie hast, so säume nicht allzulange, -sie mir zu zeigen. Ich brenne, dein Weib kennen zu -lernen und gedenke mich zu rächen für die Eifersucht, die -du bei meiner Susanna immer wieder in mir erweckt hast.«</p> - -<p>Sie lachten und stießen die Gläser an.</p> - -<p>»Ich hoffe, daß ich rasend eifersüchtig sein werde,« -sagte Richard.</p> - -<p>»Du hoffest das?«</p> - -<p>»Keine Frage. Was wäre das für eine Suppe? -Ohne Salz!«</p> - -<p>»Das Salz der Ehe – ja. Aber eine versalzene Suppe -– nein,« sagte Herbert und drehte sich eine frische Zigarette.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_305">[305]</a></span></p> - -<p>»Und ich bleibe dabei,« scherzte Richard, »daß wir -beide uns die ausgiebigste Ursache zur Eifersucht geben, -müssen. Wir haben seit acht Jahren aneinander die Herzen -und Nieren zu genau erforscht, um nicht zu wissen –«</p> - -<p>»Laß das bloß gut sein, Richard. Wir waren zwei -Galgenstricke, wenigstens in der Laune, doch als Ehemänner –«</p> - -<p>»Komm dort nicht der Hausdiener unseres Hotels?« -unterbrach Richard. Zwischen den Tischreihen trippelte ein -buckliges Männlein heran und mit sehr kurzsichtigem Auge -guckte er jedem Anwesenden unsicher ins Gesicht, bis er -unsere Freunde bemerkt hatte. Dann kam er heran und -sagte in gutgewähltem Portugiesisch, daß er glaube, die -Auszeichnung zu haben, Herrn Herbert Franke aus Hamburg -vor sich zu sehen.</p> - -<p>»Suchen Sie <em class="gesperrt">mich</em>?« fragte Herbert.</p> - -<p>»Ich wußte es ja gleich. O, ich erkenne alle meine -Herren sofort wieder. War schon am Hafen, auf der Brest -Da denke ich, die Exzellenzen werden im Weinhause sein. -Und siehe da!«</p> - -<p>»Wünschen Sie etwas?«</p> - -<p>»Mit Ihrer gütigen Erlaubnis, eine Depesche ist angekommen.«</p> - -<p>Er reichte sie hin, nahm die Bestätigung in Empfang -und empfahl sich mit graziösen Bücklingen.</p> - -<p>»Wenn ein deutscher Tanzmeister so viel Grazie hätte, -als ein spanischer Stiefelputzer!« lachte ihm Richard nach. -– »Nun, wie stehen die Kurse auf der Hamburger Börs'?«</p> - -<p>Herbert hatte seinen Prunkzwicker aufgeklemmt, doch -der war wieder von der Nase gefallen. Er hatte hierauf -die Depesche für sich gelesen, und Richard sah, daß er -unruhig wurde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_306">[306]</a></span></p> - -<p>»Was ist das?!« sagte Herbert tonlos vor sich hin.</p> - -<p>»Etwas Wichtiges?« fragte der Freund.</p> - -<p>Der Hamburger hielt mit zitternder Hand das Blatt -dem Freunde hin: »Herbert Franke aus Hamburg, Hotel -Imperatore, Lissabon: Bitte mit möglichster Eile nach -Hause reisen. Verhängnisvoller Vorfall. Mama.«</p> - -<p>»Was ist geschehen?« fragten beide zugleich und erhoben -sich von ihren Sitzen. Sie starrten sich an, einer -bleicher wie der andere.</p> - -<p>»Meine Frau!« sagte Herbert. »Meiner Frau ist etwas -widerfahren!«</p> - -<p>»Ei nein, davon steht doch kein Wort. Diese verdammte -Unklarheit der Depeschen! Man denkt gleich an -das Allerschlimmste. Ein paar Worte mehr –«</p> - -<p>»O mein Freund, wer weiß, wie schrecklich sie wären, -diese paar Worte mehr! Gewiß, meiner Susanna ist etwas -widerfahren. Dem kleinen Siegfried ist etwas zugestoßen. -Ich reise sofort. Mit dem internationalen Expreßzug.«</p> - -<p>»Das geht nicht; denke doch, daß die Verbindungen -unterbrochen sind.«</p> - -<p>Herbert schlug sich die Faust an die Stirn. Dann -las er wieder das Telegramm: »Bitte mit möglichster Eile -nach Hause zu reisen. Verhängnisvoller Vorfall. Mama. -– Warum depeschiert Mama? Warum nicht meine -Frau?«</p> - -<p>»Weil sie im Augenblick nicht zur Stelle war. Hast -du doch – glaube ich – auch in Madrid eine Depesche -von Mama erhalten, über etwas Geschäftliches. Und nun -– du kennst ja die alten Frauen. Wenn eine Spiegelscheibe -zerschlagen wird, posaunen sie es in alle Winde; wenn -ein Schornsteinbrand ist: Verhängnisvoller Vorfall.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_307">[307]</a></span></p> - -<p>»Laß das, Richard. Du siehst ja, daß ich ruhig bin. -Ich muß eben nach Hause. Mit dem nächsten Zug.« Er -verlangte vom Kellner den Eisenbahn-Kurier.</p> - -<p>»Das hilft dir nichts,« sagte Richard, »du kannst -nicht weiter. Du mußt den Seeweg nehmen.«</p> - -<p>»Gut, also den Seeweg.«</p> - -<p>Herbert sah im Schiffsfahrplan nach, der an der -Wand hing. »Eildampfer nach Neuyork.«</p> - -<p>»Der geht dich nichts an.«</p> - -<p>»Eildampfer nach Southampton.«</p> - -<p>»Nichts für dich.«</p> - -<p>»Dampfer nach Genua.«</p> - -<p>»Zu großer Umweg.«</p> - -<p>»Eildampfer nach Brest.«</p> - -<p>»Das ist der deinige,« sagte Richard. »Von Brest -mit Eisenbahn nach Hamburg.«</p> - -<p>»Nach Brest also. Abfahrt jeden Mittwoch mittags -zwölf Uhr. – Mittwoch, das ist ja heute!«</p> - -<p>»Und zwölf Uhr ist es in zwanzig Minuten. Unsere -Schiffe gehen im gleichen Augenblicke ab.«</p> - -<p>»Das ist ja ausgezeichnet!« rief Herbert. Er lief ins -nahegelegene Hotel Imperatore, um seine Sachen zu holen, -seine Rechnung zu begleichen, und eine Viertelstunde später -trafen sich die beiden Freunde am Molo. In demselben -Augenblick schrillten die Schiffsglocken.</p> - -<p>»Brest!« rief Herbert zum Gepäckträger, und dieser -eilte dem großen schwarzen Dampfer zu, der links am -Molo lag und schwarze Rauchdrubel aus dem Kaminrohre -stieß. Gerade gegenüber rechts am Molo lag der Dampfer -»Neuyork«. Es rasselten schon die Ketten, um die Brücke -aufzuziehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_308">[308]</a></span></p> - -<p>»Leb' wohl, Herbert. Es wird nicht so schlimm sein. -Gib mir gute Nachricht.«</p> - -<p>»Leb' wohl, grüße mir deine Braut.«</p> - -<p>»Auf Wiedersehen!«</p> - -<p>Ein rascher Händedruck, denn es schrillten die Dampfpfeifen. -In großen Sprüngen eilte jeder zu seinem Schiffe. -Kaum war Herbert, die Hand eines Matrosen mußte ihn -fassen, auf seinem Dampfer, da rollte es, der Koloß zitterte -und begann sich sachte zu bewegen.</p> - -<p>Sie standen am Bord, jener drüben, dieser hüben, -und winkten sich mit den Taschentüchern zu. Die letzten -Lebewohlrufe haben den gellenden Hafenlärm nicht mehr -durchdringen können.</p> - -<p>Welch plötzliche Wandlung. Wer hätte das vor einer -halben Stunde gedacht! Herbert schaute auf Lissabon. Je -mehr es zurückwich, je höher schien es aufzusteigen. Jetzt -fiel ihm ein, was er noch alles hätte tun sollen. Besonders -nach Hamburg depeschieren, daß er auf der Heimreise -sei. Was hätte er dem Freunde noch alles zu sagen -gehabt, dem Glücklichen, der jetzt schnurgerade, ohne Aufenthalt -und Unterbrechung, seiner Braut entgegendampft, -während ihm nach umständlicher See- und Landfahrt zu -Hause ein außerordentliches Unglück erwartet.</p> - -<p>Noch in der Bucht waren die beiden Schiffe in einer -gewissen Entfernung nebeneinander hingefahren und die -Freunde hatten mit den weißen Fähnchen ihrer Taschentücher -ohne Unterlaß sich zugewinkt. Nun die hohe See -erreicht, sah Herbert, wie der Dampfer »Neuyork« sich -immer weiter von dem seinen entfernte und wie er als -kleiner schwarzer Punkt unweit der Küste gegen Norden -eingebogen hatte, während sein Schiff schnurgeraden Lauf -gegen Westen nahm.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_309">[309]</a></span></p> - -<p>Herbert hatte seinen Handkoffer auf dem Deck unter -eine Bank geschoben und suchte nun den Kapitän auf, -um ihm zu sagen, daß er noch keine Fahrkarte lösen -konnte, weil er sich erst im letzten Augenblick zur Reise -entschlossen habe. Er wolle eine nach Brest.</p> - -<p>Der Kapitän starrte ihn an von oben bis unten. -»Sie wollen nach Brest?«</p> - -<p>»Nach Brest eine Karte erster Klasse.«</p> - -<p>Darauf mit yankeemäßiger Gelassenheit der Kapitän: -»Dieses Schiff geht nach Neuyork.«</p> - -<p>»Was sagen Sie?«</p> - -<p>»Dieses Schiff geht nach Neuyork.«</p> - -<p>»Um Gottes willen! Aber um Gottes willen!« rief -Herbert mit wildstoßendem Atem. »Ich bin doch auf dem -Dampfer, der nach Brest geht! Man hat mir's doch gesagt. -Das ist doch der Dampfer Brest.«</p> - -<p>»Es ist allerdings der Dampfer Brest, aber er geht -nach Neuyork. Der nach Brest läuft – sehen Sie! – -der schwarze Punkt dort an der Küste, die alte Neuyork, -die geht nach Brest.«</p> - -<p>»Aber Gott! Aber mein Gott im Himmel! Ich fahre -ja nach Brest! Ich muß nach Brest!« schrie Herbert grell -auf. »Ich muß – ich <em class="gesperrt">muß</em>!«</p> - -<p>»Also ein Billett nach Neuyork,« sagte der Kapitän -gelassen und nannte den Preis.</p> - -<p>Herbert stampfte wütend mit den Füßen und verlangte -in seinem wahnsinnigen Schreck, daß der Dampfer -umkehre. Darauf schaute ihn der Kapitän mit kühlem Blick -neuerdings an und zuckte die Achseln.</p> - -<p>Herbert tobte über das Deck hin und fluchte und -flehte und bat den Kapitän auf den Knien, ihn wenigstens, -auf einem der Rettungsbote nach Lissabon zurückbringen<span class="pagenum"><a id="Seite_310">[310]</a></span> -zu lassen oder irgendwie das bereits entschwindende Brester -Schiff zur Umkehr, zum Warten zu verständigen.</p> - -<p>Der Kapitän zuckte schweigend die Achseln. Endlich -gewann der Hamburger doch so viel Vernunft, um einzusehen, -daß hier alles Rasen nichts helfe. Der Dampfer -schnitt mit brausender Energie die Wellen des Ozeans dem -Westen zu. Herbert setzte sich hinter dem Mast auf einen -Ballen und starrte zu Boden. Die Mitreisenden, die ihn -mit Teilnahme beobachteten, konnten sehen, wie Tränen -über seine Wangen liefen.</p> - -<p>Die portugiesische Küste war nur mehr ein ferner -blauer Streifen und allmählich verschwand sie ganz. So -fuhr er nun von Europa davon und zwar zu einer Zeit, -wo er's am wenigsten durfte, wo er daheim am notwendigsten -war, wo er von den Seinen zu Hilfe gerufen -wurde in einer großen Not. – Daß man einmal so durch -die weite leere Luft würde telegraphieren können wie heute? -Damals gab's keinen Gedanken daran. – Wenn er nur -eine Ahnung hätte, was geschehen ist! Ein verhängnisvoller -Vorfall! War ein Brand ausgebrochen? War Frau -Susanna erkrankt oder der kleine Siegfried, der erst wenige -Wochen zuvor den Scharlach überstanden hatte? Oder gar -jemand plötzlich gestorben? O heiliger Gott, wie das qualvoll -ist! Und mit jedem Augenblick entführt das Schiff -ihn weiter und weiter von seinen Lieben, die in Sehnsucht -auf ihn warten. – Sollte bei der Berliner Firma -Schwippe & Sohn, bei der er stark engagiert war, etwas -los sein? Nein, hatte ihm doch sein Bureaudirektor Maischuster -erst nach Madrid mitgeteilt, daß Ultimo die hundertachtzigtausend -Mark bar bezahlt worden waren. Oder wäre -ein Einbruch in die Kasse vorgekommen? Unmöglich, Maischuster -ist der vorsichtigste Mensch, ist imstande, sein Nachtlager<span class="pagenum"><a id="Seite_311">[311]</a></span> -auf der Eisenkasse zu nehmen, um sie zu bewachen -Ein öffentliches Unglück <span id="corr311">müßte</span> man ja in den Blättern -gelesen haben. Also was ist geschehen? – Ringsum war -nichts mehr als die grünen Wässer des Atlantischen Ozeans, -und der Dampfer, der den unglücklichen Namen »Brest« -trug, schnitt seine schnurgerade Straße nach Westen.</p> - -<p>Dann dachte Herbert auch an seinen Freund, der -auf der »Neuyork« nordwärts der fernen französischen Küste -zufuhr, ohne Gepäck, vielleicht auch ohne Geld, ins Ungewisse -hinein. Wie mochte dem zumute sein, der seine -Braut wartend weiß in Neuyork, und er kann nicht eintreffen -zu dem für die Hochzeit bestimmten Tage und -kann ihr keine Nachricht geben. Sein unglücklicher Freund -Herbert, ja der wird dem Schiffe entsteigen, mit dem Luise -den Bräutigam erwartet, aber sie erkennen sich nicht, gehen -fremd aneinander vorüber.</p> - -<p>Herbert hat nun allerdings in seinem Taschenbuch -die Adresse der Familie Luisens, und zu ihr soll auch der -erste und wohl auch einzige Weg sein in Neuyork. Hat -er doch Richards Koffer, der auf diesem Schiffe ist, dort -abzugeben. Und dann mit dem nächsten Schiffe nach Hamburg! -Aber welche Ewigkeit liegt dazwischen! Der erste -Tag wollte kein Ende nehmen; wie sollten die neun Tage -vergehen, ohne daß er vor Ungeduld stirbt? – Auf ein -aus dem Westen entgegenkommendes Schiff hatte Herbert -noch gerechnet, das ihn aufnehmen und nach Europa bringen -konnte. Aber außer ein paar kleinen kreuzenden Segelschiffen -war kein Fahrzeug zu sehen. Am zweiten Tage -kam von Norden her ein großer englischer Dampfer, ein -Ostindienfahrer, dann nichts mehr auf den öden, unendlichen -Wässern. Kein Schiff, das ihn erlöst und in die Heimat -gebracht hätte. Nichts und nichts. Er mußte eine Beute<span class="pagenum"><a id="Seite_312">[312]</a></span> -der »Brest« bleiben, sich in Geduld fassen und tatlos warten -auf das, was das Schicksal über ihn verhängt haben mochte. -So saß er denn auf dem Deck, stets allein, und brütete. -Mancher der Mitreisenden, es waren auch ein paar Deutsche -darunter, wollte sich ihm nahen, um ihn zu zerstreuen; -er ging nicht darauf ein. Er brütete vor sich hin in dem -Gedanken: Immer weiter fort, immer noch weiter fort! -Wäre er auf irgendeiner Stelle der Erde festgehalten für -die Länge der Zeit! Aber dieses immer noch weiter fort, -immer noch weiter der Heimat entrückt werden – es war -nicht zu ertragen. Es war eine unsägliche Qual. Herbert -nahm sich vor, wenn er seine Lieben wiedersehen sollte, -so wird er sie nicht mehr verlassen, nicht auf zwei Tage -lang. Aber – er wird sie ja nicht wiedersehen, sicher -nicht alle wieder. Tag und Nacht waren seine Gedanken -zu Hamburg in seinem Hause, er sah nichts als Brandstätten, -Totenbahren, gesprengte Kassen und fallierte Geschäftsfirmen.</p> - -<p>Am fünften, sechsten Tage wurde er etwas gefaßter. -Die Nahrung, wovon er sonst mit Widerwillen genossen, -begann ihm zu munden, der Schlaf wurde ruhiger und -erquickender. Je mehr man sich der amerikanischen Küste -näherte, je klarer ward es ihm, daß er dort etwas erfahren -müsse. Und mit dem ersten Schritt, den er auf -das nach Deutschland abgehende Schiff setzen wird, ist er -soviel als zu Hause, denn jede Sekunde bringt ihn dann -im Fluge näher der Stelle, wo er aufzurichten und zu -trösten haben wird. Er ist nun gefaßt, so schlimm kann -es unter keinen Umständen sein, als er es in der Vorstellung -durchlebt hat. Denn er hat alle denkbaren Unglücksfälle -durchlitten, und in der Tat wird es doch nur -einer sein. »Verhängnisvoller Vorfall«. Der Ausdruck imponierte<span class="pagenum"><a id="Seite_313">[313]</a></span> -ihm nicht mehr ganz so. Was ist verhängnisvoll? -Alles Mögliche. Alte Frauen lieben in Hyperbeln zu -sprechen. Vielleicht war es sogar im scherzhaften Sinne -gemeint, um den Sohn, der sonst mit der Rückreise manchmal -arg zu säumen pflegte, ein wenig zu peitschen. Vielleicht -ist bei der ganzen Sache verhängnisvoll nur die -Verwechslung der Schiffe auf dem Hafen zu Lissabon. Aber -– wer weiß es?! Gott allein, dem er nun alles anheimgibt. -Ja, das ist der Anker. Dem Allmächtigen will er's -anheimgeben. – Ach, wie eine solche Seereise herrlich wäre -bei ruhigem Gemüte! Und wie peinvoll sie gewesen ist, -wie so schrecklich nichts vorher in seinem Leben war. -Richard, der mag zusehen, wie er herüberkommt. Hochzeiten -lassen sich verschieben. Wenn sich alles so verschieben ließe? -– Ei doch, wir haben den »Verhängnisvollen Vorfall« -ja Gott anheimgestellt.</p> - -<p>Am zehnten Tage um fünf Uhr früh war die Freiheitsgöttin -in Sicht, im Hafen von Neuyork. In der -aufgehenden Sonne glühte sie rot, wie Eisen in der Esse. -Und dann tauchte die abenteuerlich herrliche Stadt auf. -Um sieben Uhr betrat Herbert den Boden von Amerika. -Da war im Augenblick sein Anliegen völlig vergessen, so -lebhaft stürmte die neue Welt und ihr Treiben auf seine -Sinne ein. Er kam sich vor wie ein dreister Abenteurer -und wollte es sein. Wollte es denn in Gottes Namen -einmal sein! Er war völlig berauscht. – Den Koffer -seines Freundes bekam er nicht ausgefolgt, um ihn an -dessen Braut zu überschicken; er wurde ins Magazin gestellt, -bis der Eigentümer selbst sich um ihn ausweisen -konnte. Das erste, was Herbert suchte, war eine Auskunftstelle -wegen Abfahrt der Schiffe und ein Telegraphenamt. -Zu seiner größten Freude sollte an demselben Tage,<span class="pagenum"><a id="Seite_314">[314]</a></span> -abends zehn Uhr, ein deutscher Lloyddampfer nach Southampton -und Bremen abgehen. So ist er in sechseinhalb -Tagen zu Hause. – Und nun wollen wir frühstücken. -Er ging in das nahe dem Hafen gelegene Hotel »Grodin«. -Aber es schwankte noch der Boden unter den Füßen, er -hatte auf schwankendem Boden das Gehen verlernt. Im -großen Hotel trat er in eines der Speisenkabinette. Da -war's behaglich ruhig; ein einziger Herr saß in der Ecke -und sprach mit Eifer seinem Imbiß zu. Er blickte nicht -vom Teller auf, bemerkte den Eintretenden kaum, dieser -aber tat einen Schrei.</p> - -<p>»Maischuster!«</p> - -<p>Ja, es war sein Bureaudirektor aus Hamburg. Im -ersten Augenblick glaubte er, der Direktor sei ihm nachgereist, -doch schon im zweiten Augenblick glaubte er etwas -anderes. Denn Maischuster, als er plötzlich vor sich seinen -Chef sah, zuckte heftig ein und wechselte die Farbe. Dann -sprang er auf, raffte vom Nagel Hut und Überrock; Herbert -aber stand an der Tür, packte den Mann fest am Arm -und sagte gedämpft:</p> - -<p>»Maischuster, was ist das?«</p> - -<p>Der Direktor ergab sich wehrlos, denn er glaubte, -Herbert sei aus Hamburg nachgereist, um ihn festzunehmen -und vor der Tür stünden die Häscher, denn durch die -Fenster sah man Wachleute.</p> - -<p>Herbert hatte den Zusammenhang nun durchschaut. -»Sie haben sich etwas zuschulden kommen lassen, Maischuster!«</p> - -<p>»Da haben Sie's, da haben Sie's! Ich gebe ja -alles zurück!« stammelte der Bureaudirektor und zog aus -dem Westenlatz ein Paket. »Ich hätte es ja ohnehin zurückgegeben, -ich wollte nur – – Lassen Sie mich bloß los.<span class="pagenum"><a id="Seite_315">[315]</a></span> -Lassen Sie mich los, oder – –« Er suchte mit einer -Hand in die Rocktasche zu kommen. Die beiden Männer -rangen, stießen Stuhl und Tisch um, bis Kellner herbeieilten, -Hoteldiener und Wachleute, mittels welcher der Defraudant -festgenommen und gebunden werden konnte.</p> - -<p>Herbert öffnete das wohlverschnürte Paket und fand -in Noten und Papieren eine Summe von 230000 Mark. -– Und nun wußte er's. Nun glaubte er es zu wissen, -was die Depesche »Verhängnisvoller Vorfall« bedeutete. -Sein Herr Maischuster war ihm in Hamburg mit der -Kasse durchgegangen. Und nun sah er auch, wie es kommen -kann, wenn man in eigener Ohnmacht sein Anliegen dem -Herrgott anheimgibt, der in diesem Falle schon vorher -für die Sache gesorgt hatte. Herbert mußte in Lissabon -das unrichtige Schiff besteigen, um in Amerika den Dieb -zu erwischen.</p> - -<p>Dem Maischuster wurde noch eine Tasche mit Goldstücken -und ein Revolver abgenommen und dann ist er -in behördliches Gewahrsam gebracht worden.</p> - -<p>Als Herbert das auf so wunderliche Art wiedergewonnene -Vermögen wohlverwahrt hatte, ging er daran, -das Haus der Braut seines Freundes aufzusuchen. – O wie -war das jetzt anders, wie war dieses Neuyork jetzt schön! -Nur die Betrübnis der Miß Luise fürchtete er noch, wenn -anstatt des heißerwarteten Bräutigams ein fremder Mensch -kommt, um zu sagen, der Bräutigam sei auf ein unrechtes -Schiff gestiegen und könne kaum vor einer Woche eintreffen. -Im Wildpark, dem Lärme ein wenig entrückt, -stand ein stattliches Haus. Hohe Tannen, wie er sie seit -den Pyrenäen nicht mehr gesehen hatte, überragten mächtig -die Giebel und auf den Wipfeln sangen zu Hunderten -die Vögel. Herbert drückte mit Beklemmung am Taster,<span class="pagenum"><a id="Seite_316">[316]</a></span> -das Tor öffnete sich und vor ihm stand – Richard. Er -war eben vor einer Stunde angekommen. Ein amerikanischer -Eildampfer, mit dem sein nach Brest fahrendes -Schiff gekreuzt, hatte ihn aufgenommen und hierher gebracht. -Laut lachend fielen sich die beiden Freunde in die -Arme und Herbert erzählte mit kurzen Worten lustig, daß -er in den wenigen Stunden seines Aufenthaltes in Neuyork -schon ein großes und gutes Geschäft gemacht habe. Dann, -gleich im Stiegenhaus, wurde die Braut vorgestellt – -ein frisches, rund- und schwarzäugiges Mädchen, das ohne -viel Förmlichkeit dem Freunde ihres Richard derb die Hand -schüttelte.</p> - -<p>Gegen Abend desselben Tages kam die erbetene Depesche -aus Hamburg mit dem Berichte, der verhängnisvolle Vorfall -bestehe darin, daß der Bureaudirektor eine große Defraudation -verübt habe, flüchtig geworden sei und bis zur -Stunde noch keine Spur von ihm zu entdecken wäre. Dann -hieß es: »Sonst alles wohl. Deine Susanna.«</p> - -<p>»Nun also!« rief Richard. »Das wäre geschlichtet. – -Und nun wirst du bei unserer Hochzeit sein!«</p> - -<p>»Das versteht sich. Ich eile nur, meiner Familie -zu berichten, daß wir ihn haben.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_317">[317]</a></span></p> - -<h2 id="Mein_Vetter_der_Tuerke">Mein Vetter, der Türke.</h2> -</div> - -<p class="drop">Am 19. Oktober 1880 erhielt ich aus Teheran, der -Hauptstadt Persiens, folgendes Telegramm:</p> - -<div class="letter"> - -<p>»Mein teurer Vetter, ich bin verloren. In Affäre -verwickelt, die mir den Kopf kostet, wenn Intervention -der österreichischen Gesandtschaft nicht gelingt. Bis die -Post Näheres bringt, vielleicht zu spät. Lebe wohl.</p> - -<p class="right"> -Anton.« -</p></div> - -<p>Meine Entrüstung darüber, daß Anton, der immer -Lustige, um teures Geld solche Späße treibt, war nicht -gering. Der Scherz kostete mindestens fünfzig Franken. -War der Junge nicht bei Trost? Sollte er im Lande der -Sonne doch ein bißchen Sonnenstich bekommen haben?</p> - -<p>Nach der Entrüstung kam die Erwägung. Am Ende -war doch etwas an der Sache. Vielleicht Liebeshändel; -bei solchen kann man auch anderswo den Kopf verlieren. -Aber »den Kopf kosten«, das war etwas spezifisch Orientalisches.</p> - -<p>Ein Hitzkopf war der Bursche immer gewesen, und -bei solchem ist alles möglich. Seinen im Mürztale lebenden -Verwandten wollte ich einstweilen die sonderbare Nachricht -geheimhalten. Er war meines Vaters Bruders, des Eisenwerksverwalters -von Niederaigen jüngster Sohn. Ich hatte -ihn stets liebgehabt.</p> - -<p>Auf den Drähten der englischen Telegraphen-Kompagnie -flogen nun in wenigen Tagen ein paar Depeschen -hin und her. Die Gesandtschaft bestätigte alles und drückte -den Zweifel aus, ob es gelingen werde, die Todesstrafe in -lebenslängliche Zwangsarbeit umzuwandeln.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_318">[318]</a></span></p> - -<p>Kaum zwei Jahre waren verflossen, seit mein Vetter -Anton Rosegger nach seinen vollendeten Studien als Techniker -sich einer europäischen Auswanderungsgesellschaft nach -Persien angeschlossen hatte. Es hieß, daß die Eisenbahn -vom Schwarzen Meere aus über Persien nach dem Golfe -zustande kommen würde, und dabei wollte er sein Glück versuchen. -Ich war anfangs dagegen, weil mir jedes leichtsinnige -Auswandern ein Greuel ist; da aber trotz seiner ausgezeichneten -Talente, besonders im Zeichnen und in Metallarbeiten, -in der Heimat die Aussichten für ein Vorwärtskommen -wirklich keine glänzenden waren, der Bursche aber -vor Gesundheit und Lebensmut nachgerade Funken sprühte, -so ließ ich mich von dem ausgespielten Gemeinplatz: »Junge -Leute müssen in die Welt hinaus,« überlisten und erteilte -leider meine Sanktion.</p> - -<p>Zweimal hatte er seit seiner Abreise geschrieben; das -erstemal, daß er in den königlichen Münzwerkstätten zu -Teheran arbeite, daß seine Existenz eine gründlich asiatische, -doch aber recht erträgliche sei, daß er sich mit den orientalischen -Sitten schnell vertraut gemacht habe. Und im -zweiten Schreiben an mich hieß es, daß ich zusehen möge, -ob er bei einer dritten Europareise des Schah-in-Schah -nicht als Großwesir die Majestät begleite! – Wenn die -orientalischen Fürsten Hofnarren hielten, dachte ich damals -bei mir, dann wäre es schon möglich, daß der muntere, -zu allerlei Schalkereien aufgelegte Junge beim Schah sein -Glück machte. Nun, in den Ländern von »Tausend und -einer Nacht« ist alles möglich – das Großwesirwerden so -gut, wie das Geköpftwerden.</p> - -<p>Infolge der Gesandtschaftsberichte war ich alsbald entschlossen; -was blieb auch anderes übrig, hatte ich ihn doch -auf dem Gewissen! Ich hatte in meinem Leben manche<span class="pagenum"><a id="Seite_319">[319]</a></span> -große Reise gemacht, um nichts anderes, als um meine -Neugierde zu befriedigen; warum sollte ich nun nicht nach -Persien, um meinen armen Vetter zu retten, oder wenigstens, -ihn noch einmal zu sehen. Zu Hause schützte ich -eine größere Reise in die Schweiz und nach Savoyen vor, -reiste aber nach Wien, wo Geld und Empfehlungsschreiben -zu beschaffen waren. Die Briefe und Depeschen zwischen -Teheran und Österreich hatten die unterschiedlichste Zeit -gebraucht, das eine Mal drei Wochen, das andere Mal fast -genau drei Monate; daraus konnte ich auf die Unregelmäßigkeit -des Verkehrs schließen. Meine Reise ging auf der -Eisenbahn damals nur bis Galatz, dann auf dem Dampfer -ins Schwarze Meer hinaus bis zur kaukasischen Hafenstadt -Batum und dann, ohne den Elbrus zu besteigen, über das -Gebirge. Im Hotel zu Tiflis bekam ich einen heftigen -Asthmaanfall, der mich zwei Tage festhielt. Der Wirt, ein -Franzose, ließ mich und meine Sachen ins Freie tragen unter -ein türkisches Zelt, weil er der Meinung war, ein toter Passagier -vertreibe zehn lebendige. Der Arzt verschrieb mir, -alle zwei Stunden einen Tschibuk zu rauchen. Der Tschibuk -trieb das Asthma von der Brust in den Magen. Vom -Schwarzen Meer bis Tiflis führte damals schon ein großartiger -Eisenbahnbau, hernach ist es mit der europäischen -Kultur aus; man ist in Asien – und das besagt alles. -Die Poesie, mit der wir seit unserem Bibelstudium in der -Kindheit das Morgenland ausgeschmückt haben, ist in kürzester -Zeit aufgelöst. Auf Eseln und Kamelen die grundlosen -oder steinigen, stets von Wegelagerern gefährdeten -Steige träge hinziehend, blitzt in der Seele nur selten eines -jener wunderbaren Bilder auf, wie sie die morgenländischen -Dichter, diese windigen Fabulierhänse, geschaffen. Ich habe -mir's überhaupt abgewöhnt, einem Dichter etwas zu glauben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_320">[320]</a></span></p> - -<p>Meine Spannung richtete sich selbstverständlich nur -auf das möglichst rasche Weiterkommen meiner aus asiatischen -und europäischen Elementen zusammengewirbelten -Karawane. Auf dem Kamele nicht wie ein Reiter, sondern, -angeschnallt wie ein Warenballen, kauernd – anfangs -machte es mir Spaß; später kam's mir unsäglich -langweilig vor, da des Tages oft kaum drei Meilen zurückgelegt -wurden. Ein die Verhältnisse kennender Russe versicherte, -die Reise gehe so außerordentlich gut von statten, -daß man diese Karawane einen Eilzug nennen könne. Also -reiste ich mit »Eilzug«. Die Ortschaften, die wir passierten, -waren über alle Vorstellungen armselig, die Herbergen so -elend, Essen und Trinken so europawidrig, daß ich den -Vetter nicht begriff, der sich mit den orientalischen Zuständen -schon so vertraut gemacht haben wollte. Die Strecke -von Wien bis Tiflis legte ich in neun Tagen zurück, jene -um das Dreifache kleinere von Tiflis bis Teheran in dreiundzwanzig -Tagen. Am 10. Dezember war ich endlich in -der persischen Hauptstadt. Trostlose Armseligkeit und fabelhafte -Pracht ist der erste Eindruck, den diese Königsstadt -macht. Ein wunderliches Gemisch von morgen- und abendländischen -Erscheinungen: unter Telegraphenstangen hocken -zerlumpte Derwische, in französischen Konditoreien kauern -schläfrige Haschischraucher. Neben modernen Palästen gähnen -fensterlose Höhlen, aus Stroh und Lehm zusammengebacken, -»Bürgershäuser« der Königsstadt. Selbst die Stadtmauern, -zumeist aus Lehm aufgeführt, sind derart, daß bei allfällig -geplanter Erstürmung derselben eine Wasserspritze -bessere Dienste leisten würde als eine Kanone. Eine nähere -Beschreibung des Lebens und Treibens zu Teheran behalte -ich mir für ein anderes Mal vor, mein jetziges, wichtiges -Ziel war fürs erste die österreichische Gesandtschaft.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_321">[321]</a></span></p> - -<p>Das Herz sprang mir bis zum Halse herauf vor -Freude, als ich wieder die Sprache der Deutschen hörte, -nachdem ich mich bisher so kümmerlich mit meinem bißchen -Französisch und Steirisch durchgeholfen hatte. Wo nämlich -in Herbergen oder bei Lastträgern mit dem höflichen Französisch -nichts auszurichten gewesen war, da hub ich mit -geballten Fäusten gut steirisch zu fluchen an, und das -hatte manchmal gar keine üble Wirkung. Hier bei der -Gesandtschaft umarmte ich den ersten Beamten, der mich -auf meine Schriftstücke hin deutsch anredete, wie einen -alten Freund, und die erste Frage war: »Ist's noch früh -genug?«</p> - -<p>Der Beamte wich mit seinem Blick meinen Augen -aus und antwortete, am Leben wäre er zwar noch …</p> - -<p>Ob Hoffnung vorhanden?</p> - -<p>Ein leichtes Achselzucken. Nun erschien der Herr -selbst, den seine Unterbeamten Konsul nannten. Ein braunbärtiger -Mann mit rotem Fez auf dem Haupte, den er -beim Gruße nicht lüpfte. Er war, wie ich schon wußte, -ein geborener Mährer. Er setzte sich auf einen sehr niedrigen -Schemel, bot mir Platz auf dem Diwan, eine Zigarette -und machte mir dann Mitteilungen. – Geschehen sei alles -für meinen Verwandten, und mehr als was getan worden, -könne überhaupt nicht geschehen. Mein Vetter sei gefaßt, ich -sollte es auch sein; er erwarte mich mit großer Sehnsucht, -ich würde bald zu ihm geführt werden können, vorderhand -müsse ich mich etwas erholen von den Reisestrapazen.</p> - -<p>Meinen Anzug ordnete ich in dem mir angewiesenen -Zimmer des Gesandtschaftshotels unter Mithilfe eines braunen -Jungen rasch und untadelhaft, als sollte ich die Aufwartung -bei einem Würdenträger machen, anstatt bei einem -Todgeweihten im Kerker; ich hielt mich hierin an eine<span class="pagenum"><a id="Seite_322">[322]</a></span> -orientalische Sitte, auf die mich der Konsul aufmerksam -gemacht hatte. Das vorgesetzte Mahl mußte mir mein -Gastherr mit vieler Mühe annötigen, ich war voller Ermattung -und Angst. Auch so müde war ich, so steif die -Beine von dem langen Ritt. Der feurige Perserwein tat -seine Pflicht, machte mich zuversichtlich und aufgeweckt, um -so mehr, als auch der Konsul, der mit mir speiste, bisweilen -munteren Gesichtes mich tröstete. In Asien sei ein -zum Tode Verurteilter noch lange nicht aufgegeben, Despotenlaunen -seien ja bekanntlich unberechenbar.</p> - -<p>»Aber, Herr, worin besteht denn eigentlich das Verbrechen -meines Vetters?« kam ich endlich dazu, zu fragen.</p> - -<p>Darauf, meinte der Gesandte, sei nicht so leichthin -zu antworten.</p> - -<p>»Hat er in Unkenntnis der Zustände eine staatswidrige -Handlung begangen?«</p> - -<p>»Ein politisches Verbrechen, meinen Sie,« sagte der -Konsul, »derlei gibt es hier nicht, Freund. Aber gegen -den Propheten hat er gesündigt, gegen die Tafeln des -Kalifen. – Hören Sie denn, wie es sich zugetragen hat. -Ihr Vetter hatte in der königlichen Münze, wo wir ihn -gleich anfangs durch einen günstigen Zufall unterbrachten, -sich bereits eine vorteilhafte Stellung erworben; er befehligte -ein paar Dutzend Arbeiter, und der Schah hat -den fähigen jungen Mann bei mehreren Gelegenheiten ausgezeichnet. -Besehen Sie sich einmal dieses Geldstück!« Er -zeigte mir ein neues Goldstück, auf welchem das Bild des -Schah in feinster Prägung prangte. »Könnte das nicht -ebensogut in Paris oder in Wien geschlagen worden sein? -Das ist ein Werk Ihres Vetters. Er wäre heute Oberdirektor -der Königlichen Münze, wenn nicht plötzlich der -Teufel –« er zuckte ab.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_323">[323]</a></span></p> - -<p>»Ich bitte Sie, meine Spannung!«</p> - -<p>»… <em class="antiqua">recte</em> das Weib dazwischen gekommen wäre.«</p> - -<p>»Ein Einbruch in den Harem?«</p> - -<p>»Mit nichten,« sagte der Konsul. »Ihr Vetter hat -weder eine Frau des Schah noch die eines anderen Mannes -auch nur mit einem Blick entweiht. Der junge Meister -aus der königlichen Münze war bescheiden genug; der -Tochter eines teheranischen Lederhändlers schaute er hinter -den Schleier und erwählte sie. Ich habe sie mit meinen -eigenen Augen gesehen, und ich sage Ihnen, es gibt nichts -Schöneres auf Erden! Mit ihrem Vater war sie erst vor -kurzem aus Ispahan eingewandert. Nun, die Leutchen -liebten sich; der Vater drückte erst ein Auge zu, dann -auch das zweite, und machte sie endlich gar nicht mehr -auf, denn er starb auf einer Handelsreise nach Armenien -an der Pest. Nun waren die jungen Leute sich selbst überlassen -und wohnten in einem reizenden Häuschen des europäischen -Quartiers. Die Idylle blieb nicht lange verborgen; -von Derwischen angeführt, brach in Abwesenheit des Münzmeisters -eine Rotte in sein Haus, warf ein Tuch über -das Haupt des Mädchens, schleppte es davon, um es auf -öffentlichem Platze hinzurichten.«</p> - -<p>»Um des Himmels willen, was erzählen Sie denn -da?« rief ich aufspringend aus.</p> - -<p>»Bleiben Sie sitzen und hören Sie die Tafel des -Kalifen: Wenn eine Anhängerin der Rechtgläubigen – -des Mohammedanismus – sich mit einem Ungläubigen -paart, so soll sie getötet werden. – Dem ist aber vorzubeugen, -wenn der Mann sich zum Islam bekennt und -sie zu seinem rechtmäßigen Weibe macht. Das österreichische -Konsulat griff sofort ein. Ich begab mich zum trostlosen -Münzmeister, um ihn zum formellen Bekenntnisse des Islams<span class="pagenum"><a id="Seite_324">[324]</a></span> -zu bewegen, traf ihn aber nicht mehr in der Werkstätte. -Er war zur Moschee geeilt, in der seine Braut gefangen -gehalten wurde, und schleuderte dort einen Derwisch, -der ihm den Eintritt verwehren wollte, so heftig an die -Marmorbrüstung, daß der zusammenstürzte und für alle -Zeit auf das Aufstehen verzichtet hat. Die fanatische Menge -nahm den Gewalttätigen natürlich gefangen, um ihn der -Tafel des Kalifen zu überliefern, die da spricht: Wer Blut -vergießt, dessen Blut soll auch vergossen werden. – Die -Gesandtschaft machte alle erdenklichen Anstrengungen, ihn -zu retten: er selbst gab alle Hoffnung auf, nur Muselman -wollte er vor seinem Tod noch werden, um die Braut -zu retten. Damit war's aber zu spät. Die Tafel des Kalifen -sagt: Ein Ungläubiger, der einen Derwisch erschlägt, -kann nimmer des Islams sein.«</p> - -<p>»Also beide verloren?«</p> - -<p>»Ich habe mich an die übrigen europäischen Gesandtschaften -gewendet in dieser Sache, allein die Tafel des -Kalifen sagt: Der Islam steht über allen Gesetzen. – -Und doch, Freund, haben wir Unglaubliches erreicht. In -einer der europäischen Anwandlungen, denen der Schah -– Allah segne ihn! – bisweilen unterworfen ist, hat er -seinen Münzmeister begnadigt –«</p> - -<p>»Begnadigt?!« Ein heißer Freudenschreck.</p> - -<p>»– zu zehnjähriger Zwangsarbeit bei den Straßenbauten -im Elbrusgebirge.«</p> - -<p>Mir fiel auf, daß der Konsul solches mit einer gewissen -Trauer sagte. Ich wußte noch nicht, was es heißt, -zehn Jahre Zwangsarbeit in Persien. Keiner überdauert -sie, es ist eine langsame Hinrichtung.</p> - -<p>»Zugunsten des Mädchens,« fuhr mein Berichterstatter -fort, »fand der Schah, der sich für den Fall persönlich<span class="pagenum"><a id="Seite_325">[325]</a></span> -interessierte, die Deutung des Kalifen, nach welcher die -Sünderin durch eine Wallfahrt nach der heiligen Stadt -Kum in der Salzwüste gereinigt werden könne. Sie ist aber -nicht in die Salzwüste, sondern unter heimlichen Begünstigungen -ins Elbrusgebirge gezogen, wo der Verurteilte seine -Strafe sofort angetreten hatte.«</p> - -<p>»Ich finde ihn nicht in Teheran?« war meine Frage.</p> - -<p>»Sie finden ihn auch im Gebirge nicht,« antwortete -der Konsul.</p> - -<p>»Sie foltern mich, Herr! Was soll ich denn tun?« -rief ich, von meinem Diwan aufspringend, denn die Sehnsucht -nach meinem unglücklichen Verwandten verzehrte mich.</p> - -<p>»Sie müssen zum Großwesir gehen,« sagte mein Gastherr -mit blinzelnden Augen. Da hatte ich genug.</p> - -<p>»Den Großwesir bestechen? Ich bin arm.«</p> - -<p>»Bringen Sie ihm, was Sie haben, Ihren Mut, -Ihre Liebe zum Blutsverwandten, vielleicht rührt ihn das. -Unser neuer Großwesir ist nicht so schlimm wie sein Name. -Wäre er vor zwei Monaten schon in seiner Würde gestanden, -wir hätten das mit Ihrem Vetter nicht erlebt. -Er kann uns helfen, kommen Sie nur, ich begleite Sie -zu ihm.«</p> - -<p>Diese plötzliche Zuversicht meines Konsuls richtete mich -auf; ich fühlte kein steifes Bein mehr, aber auch kein steifes -Rückgrat; es soll sich ordentlich biegen, wenn's dem Anton -gilt. Mein Gastherr klingelte seinem Burschen, einem -flinken Kaukasier; die Pferde wurden vorgeführt, wir ritten -zum Großwesir.</p> - -<p>Dieser Ritt durch die Stadt hat keine Erinnerung -in mir hinterlassen, ich habe sicherlich nichts gesehen und -nichts gehört, so erfüllt war ich von dem Schicksale meines -Anton und meiner Mission. An der Pforte des Palastes<span class="pagenum"><a id="Seite_326">[326]</a></span> -sah ich die ersten Mohren; sie warfen sich auf den Bauch, -als wir an ihnen vorbei die Treppe hinaufstiegen. Wir -gelangten in eine dämmernde Halle mit schwarzen Wänden -und schneeweißen Marmorsäulen. Das ganze Licht dieses -Raumes schien von den weißen Säulen auszugehen, ich -sah kein Fenster. Die folgenden Räume, die wir durchschritten, -waren noch märchenhafter; aber mich entzückte -keine Pracht, mich erschreckte sie nur, es war ja doch nichts -als das Hohnlachen des Despoten.</p> - -<p>Endlich standen wir vor schweren Vorhängen; ein -wohliger, betäubender, völlig fremdartiger Geruch. Mein -Konsul legte mir die Hand auf die Achsel: »Nur Fassung!«</p> - -<p>»Ich habe Mut,« darauf meine hohlstimmige Antwort.</p> - -<p>»Auch für das Schlimmste? Auch für das Beste? -Wir sind im Orient!«</p> - -<p>Die Vorhänge wallten zurück, mir war ganz traumhaft. -Was jetzt geschah – man wird mir's nicht glauben -können. – Aus einem Nebengemach schritt der Würdenträger, -in einem reichverzierten Kaftan, rasch auf mich -zu und fiel mir lachend um den Hals.</p> - -<p>Ich schrak zurück, war starr und glotzte ihn an. – -War er's? War er's selber? – »Das – das ist zu dumm!« -schrie ich entrüstet über diese beispiellose Riesenfopperei. – -Der Anton stand vor mir, mein Toni, meines Vaters -Bruders Sohn!</p> - -<p>»Gerettet? Gerettet?« rief ich, »so lass' mich zum -Großwesir, daß ich ihm danke auf den Knien.«</p> - -<p>»Bitte sich nicht zu genieren!« sagte er, trat einen -Schritt zurück, kreuzte die Arme über der Brust und stand -in seinem reichen Gewande mit vergoldetem Krummsäbel -da wie ein indischer Fürst aus der Phantasie Scheherazades.</p> - -<p>»Komödiant!« kreischte ich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_327">[327]</a></span></p> - -<p>»W–a–a–s? Mensch, gib acht, daß ich dich nicht -kürzen lasse!«</p> - -<p>Der Konsul zog mich beiseite und flüsterte mir mit -schrecklich gewichtiger Miene zu: »Es ist der Großwesir!«</p> - -<p>Auf alle Ausschmückung der Begebenheit verzichte ich. -Die Überraschung war den Herren zu gut gelungen. Bald -darauf saß ich in einem der innersten Gemächer ganz -blöde da. Der Vetter war hinausgegangen, der Konsul -redete mir zu, nicht weiteren Zweifel zu setzen in die -Richtigkeit der Erscheinungen. Er erinnerte an die Tafel -des Kalifen, wo es heißt:</p> - -<p>Die Welt ist wahr, sei es auch du. Und wenn du -lügst, dann tue es so dick, daß man dir nicht glaubt. – -»Was Sie da sehen, das <em class="gesperrt">werden</em> Sie aber glauben,« -fuhr der Konsul fort. »Denn alles, was ich Ihnen von dem -Münzmeister, von seiner Braut, von seinem Totschlage, -von seiner Verurteilung und Begnadigung erzählte, es ist -wahr. Erst vor wenigen Wochen ist er von der Zwangsarbeitskolonie -am Elbrus zurückgekehrt nach der Residenz, -um seinen hohen Posten anzutreten. Man hat's nach Österreich -berichtet, aber Sie waren schon abgereist.«</p> - -<p>»Das ist alles recht schön,« war mein zögernder Einwand, -»wenn ich nur auch wüßte, wie der Mensch aus -einem Zwangsarbeiter am Elbrus ein – ein so großes -Tier wird.«</p> - -<p>»Oh,« sagte der Konsul, »das ist einfach. Man rettet -dem Schah das Leben. Der Schah macht nämlich mit -mäßigem Gefolge einen Jagdausflug ins Gebirge und wird -in den Engpässen bei Scheristanak von kaukasischen Räubern -überfallen. Aus der Nebenschlucht bricht, angeführt -von einem jungen Münzmeister, die Sträflingskolonie hervor -und schlägt die Räuber in die Flucht.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_328">[328]</a></span></p> - -<p>»Herr!« rief ich, »das ist ja ein Märchen! Das -ist ein tolles Märchen!«</p> - -<p>Er zuckte die Achseln: »Wir sind im Orient! – -Hören Sie weiter. Einige Tage vor dem Ereignis im -Elbrusgebirge hat gerade der Großwesir aus der persischen -Königskrone heimlich ein paar Diamanten gebrochen, so -wie man aus dem Weihnachtskuchen die Rosinen zwickt. -Das ist dem Schah nicht recht, er läßt den Herrn abtun -und setzt an seine Stelle den jungen Münzmeister.«</p> - -<p>Man hat's seinerzeit ja auch in den Blättern gelesen.</p> - -<p>Nun trat seine Exzellenz herein, das schrecklich schöne -Gewand hatte er abgelegt. Doch sah er mit seinem an -beiden Seiten niederhängenden Schnurrbart, mit der breiten, -maikäferbraunen Leibbinde, in der scharlachroten Pumphose -und den gelbseidenen Sandalen immer noch türkisch -genug aus. Sonst war's das breite, wohlgerötete steirische -Gesicht mit den frischen grauen Augen. Nun ließ sich ja -mit ihm reden. »Gelt,« sagte er, mich bei der Hand fassend, -»du bist nit bös, daß ich den Spaß gemacht hab'. Für -die ausgestandene Angst müssen wir doch auch ein Pläsier -haben.« Aber als ich mich höflich nach seiner Frau Gemahlin -erkundigte, und ob ich ihr vorgestellt werden könne, -da kam wieder die Tafel des Kalifen Abu Bekr: Wer Begehr -nach der Frau seines Gastherrn hat, der soll mit dem Tode -bestraft werden.</p> - -<p>»Sehr gütig, Exzellenz, darf ich noch fragen, wann -der nächste Zug nach Europa abgeht? Den Karawanenzug -meine ich.«</p> - -<p>Aber das begann doch immer gemütlicher zu werden, -und bald fand ich, daß es doch gar nicht so übel ist, Geschwisterkind -und Gast des Großwesirs von Persien zu -sein. Auch dem Schah wurde ich vorgestellt: der war sehr<span class="pagenum"><a id="Seite_329">[329]</a></span> -leutselig, erkundigte sich nach Wien und den Wienern, -die er ein paar Jahre vorher besucht hatte, erkundigte sich -besonders nach der Naschhütte neben dem zweiten Kaffeehaus -im Prater, und was die Volkssänger Schrammeln machten. -Dann schneuzte er sich mit den Fingern und trippelte davon.</p> - -<p>Noch lieber hätte ich die Gemahlin des jungen Großwesirs, -die schöne Fatima gesehen. Der Konsul zeigte mir -auch die Fenster des Harems. Diese waren sehr unzugänglich, -und ich erwog, ob es den Herrn Vetter arg verdrießen -würde, wenn ich es einmal mit dem steirischen Fensterln -versuchte, in welchem er selbst einst Meister gewesen war. -In Anbetracht der bekannten asiatischen Sitten habe ich's -aber unterlassen.</p> - -<p>Nach fünfwöchentlichem Aufenthalt in Teheran ward -mir der persische Boden endlich heiß unter den Füßen; -mit Teppichen, Pelzen, Gewürzen und einem krummen -Ehrensäbel beschenkt reiste ich ab, vollkommen beruhigt über -das Befinden meines lieben Vetters Anton.</p> - -<p>Das Versprechen hat er mir gegeben, mich gelegentlich -daheim zu besuchen. Bis dato ist er nicht erschienen. Unser -Briefwechsel blieb ein lebhafter. Seine Brüder in Steiermark -rauchen den feinsten türkischen Tabak. Im Jahre -1887 hat er seinen Abschied genommen und sich in Unteritalien -bei Potenza ein Landgut gekauft. Als ich ihn im -vorigen Frühjahr einlud, uns doch einmal zu besuchen -und zuverläßlich auch die Frau Schwägerin Fatime mitzubringen, -lehnte er ab und kam wieder mit seiner verdammten -Tafel des Kalifen.</p> - -<p>Ach du mein! Ich achte ja diese Tafeln. Wie schön -zum Beispiel ist der Satz: Wenn du lügst, dann tue es so -dick, daß man dir nicht glaubt.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_330">[330]</a></span></p> - -<h2 id="Reisebilder_aus_jungen_Jahren">Reisebilder aus jungen Jahren.</h2> -</div> - -<h3 id="Die_saechsische_Schweiz">Die sächsische Schweiz.</h3> - -<p class="h2desc">1870.</p> - -<p class="drop">Wenn es einmal Riesen gegeben hat, – und daran -zweifle ich nicht, denn meine Großmutter hat es -oft gesagt – und wenn diese Riesen auch geschmackvolle -Künstler gewesen sind, dann kann ich mir die Sächsische -Schweiz erklären.</p> - -<p>Da werden sie einmal zueinander gesagt haben: Was -doch dieses Land an der Elbe so öde und leer ist! Wie nimmt -sich dagegen da oben das Salzburger Land und die Steiermark -und die Schweiz so prächtig aus, da stehen neben -den grünen Wiesen und den blauen Flüssen und Seen die -großen Berge mit dunkeln Hochwäldern und grauen Felswänden! -– Wäret ihr alle dabei, wenn wir hergingen und -uns auch so etwas bauten? Und wahrhaftig, sie gingen -her, brachen Felsmassen von den südlichen Alpen und vom -näheren Riesengebirge und schleppten sie hinab an die Elbe -und legten sie an beiden Ufern derselben übereinander und -bauten Wände und Türme und nebenhin an den kleineren -Bächen bildeten sie Schluchten mit Zacken und Hörnern -und Höhlen und allerhand sonderbaren Gestalten. Dazwischen -ließen sie aber tiefe dunkelgrüne Täler frei und -neben und an und über den Felsen pflanzten sie Laub- und -Nadelwälder, und hinter denselben, in Schluchten, errichteten -sie Wasserfälle und gruben Tiefen in die Unterwelt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_331">[331]</a></span></p> - -<p>Und nun hatten die Riesen an der Elbe eine Gebirgswelt -voll Wildpracht, wie sie die vielgerühmte Schweiz hat, -da oben hinter dem Rhein. Die Schweiz ist zwar schön in -ihrer Großartigkeit, aber ihre Großartigkeit ist gar nicht -mehr bequem für den Menschen; die Natur scheint dieses -Land auch gar nicht für den Menschen gemacht zu haben, -sondern für sich selbst. Das Bergland an der Elbe aber -hatte die Schönheiten der Natur mit dem Ebenmaß der -Kunst vereinigt; es war eigentlich eine ungeheuere Bildhauerarbeit. -Und dazu war das Bergland ganz für den -Menschen zurechtgelegt; es war ein Steingebirge, aber deshalb -nicht unfruchtbar, es war eine wildromantische Felsenwelt, -aber deshalb nicht unzugänglich. – Und eben aus -diesen letzten Umständen ist zu schließen, daß die Schweiz -an der Elbe von kunstfertiger Menschenhand der Riesen -gebaut worden ist.</p> - -<p>Dergleichen Dinge dachte ich mir, als ich durch die -Schluchten des Meißener Hochlandes schritt. Mein Gott, -man denkt denn einmal allerhand kindisches Zeug, wenn -man so allein und in sich gekehrt dahinschlendert. Als mich -endlich die gut angelegten Wege auf Anhöhen führten, fast -ohne daß ich's merkte, und ich plötzlich keine Wildbäche und -Felswände mehr sah, sondern zwischen sich weithin ziehenden -Kornfeldern stand, da wurde mein Denken ein anderes – -– nüchterner und vernünftiger.</p> - -<p>Dieses Gebirge der Sächsischen Schweiz konnte eigentlich -nur durch Vertiefungen entstanden sein, das heißt, die Gegend -mußte einst eine Hochebene oder ein einfaches Hügelland -gewesen sein. Da kamen Wässer, schwemmten sich Betten, -rissen Gräben in das Erdreich, nagten an dem Gesteine und -höhlten all die Schluchten. Und als das Wasser schon -längst unten in den Tiefen dahinbrauste, begannen an dem<span class="pagenum"><a id="Seite_332">[332]</a></span> -entblößten Felsen auch andere Bildhauer zu arbeiten, nämlich -die Luft, der Frost und die Sonne, und so sind die -eigentümlichen Felsbildungen zustande gekommen. Zu all -dem senkte sich verwitternd fruchtbares Erdreich zwischen -das Gestein und in seine Risse und Klüfte, und so wuchs -in und aus denselben überall der kräftige Wald.</p> - -<p>Vom Elbetal aus meint man sich in weiß was für -einem Hochgebirge zu befinden, besteigt man aber eine der -nahen, kastellartigen Felswände, so steht man erst in -gleicher Höhe mit dem übrigen Boden des Meißner Hochlandes. -Nur wenige Berge, wie z. B. der Große und Kleine -Winterberg, der Lilienstein, der Königstein, erheben sich über -die normale Höhe.</p> - -<p>Diese hier so überaus seltsame Natur haben die Menschen -früh aufgefunden, haben auf die Höhen Häuser und -in die Täler Städte gebaut, haben die Flüsse geregelt, -überbrückt, Wege und breite Straßen angelegt und dieselben -gepflastert und gewahrt; zu den Felsenzinnen hinan -haben sie Treppen gebaut und oben sichere Geländer und -hohe Türme hingestellt, und auch bequeme Gasthäuser dazu. -Und der Elbe entlang haben sie Segel- und Dampfschiffe -flott gemacht und feste Straßen und Eisenbahnen angelegt, -damit nun von Süden und Norden die Menschen kommen -sollten zu sehen, was da auf diesem Fleck Erde für ein -Land und Leben ist.</p> - -<p>Und sie kommen.</p> - -<p>Schon im Frühlingsmonate strömen sie heran aus -allen Gegenden, Reiche und Arme, Gesunde und Kranke, -Herren und Diener; – und solche, die schon gehadert mit -dem Leben, weil es ihnen für ihre Millionen keine Lust -und Zerstreuung mehr bieten wollte, werden in diesem -Hochländchen wieder für einige Tage munter. Da entfaltet<span class="pagenum"><a id="Seite_333">[333]</a></span> -sich denn in den Prachtanlagen ein lautes, klingendes -Leben, und der Sachse lächelt schlau dazu und schlägt -reiche Zinsen aus den Felsen seines Berglandes.</p> - -<p>Der Sachse ist aber auch ein Mensch, der sich sehen -lassen darf vor den Fremden aus dem Süd- und aus dem -Nordlande. In diesem Hochlande wohnt ein gescheites Völklein: -gleich auf den ersten Blick merkt der Fremde die -Kultur; sie drückt sich aus in den freundlichen, reinlichen -Wohnungen, in der bequemen einfachen Kleidung und in -der zutraulichem entschiedenen Ausdrucksweise. Kein einziger -ist mir auf meinen Wanderungen in der Sächsischen -Schweiz begegnet, der mir nicht zuvorkommend einen -»guten Tach« geboten hätte. Und wenn ich um den Weg -fragte, so wußte man mir denselben stets so einfach und -bestimmt zu erklären, daß es eine Freude war. Es mochte -vielleicht Zufall sein, aber auffallend war, daß mir auf -dem ganzen Wege kein Bettler begegnete, wie sonst in -dergleichen Gegenden. Selbst Kinder, die sich als Führer -anbieten, wissen das ohne alle Zudringlichkeit und doch -entschieden zu tun. »Herr,« sagen sie nach der Begrüßung, -»wollen Sie, daß ich Ihnen den Weg und die schönen -Punkte zeige und etwas trage, ich habe jetzt Zeit und möchte -mir gern ein wenig verdienen!« Und wenn man den gebotenen -Dienst ablehnt, so lüften sie wieder das Käppchen -und ziehen ihrer Wege.</p> - -<p>Die Dorfkirchen sind einfach und meistens evangelisch; -die Friedhöfe geschmackvoll, stets mit schönen, sinnigen Inschriften, -meistens aus deutschen Klassikern.</p> - -<p>Mir hat's wohlgetan in diesem sächsischen Kleinalpenländlein.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_334">[334]</a></span></p> - -<h3 id="Aus_der_heiligen_Stadt">Aus der heiligen Stadt.</h3> - -<p class="h2desc">1870.</p> - -<p>In einem Talkessel der Ilm, von hohen Laubwäldern -durchzogen, von fruchtbaren Kornfeldern und dunkeln Waldbergen -umgeben, angesichts des sich in Südwesten bläulich -hinziehenden Thüringer Waldes liegt Deutschlands heilige -Totenstadt. Hier haben sie gelebt, die Dichterkönige, die -Propheten, und hier liegen sie begraben. Weimar ist ein -deutsches Jerusalem, ein deutsches Mekka geworden.</p> - -<p>Gleich wenn man über die Höhen von Apolda hinüber -kommt, sieht man südlich der Stadt aus einem dunkelgrünen -Laubwäldchen eine goldigfunkelnde Kuppel emporragen. -Das ist die Fürstengruft und dort ruhen Schiller -und Goethe.</p> - -<p>Es war mir feierlich zumute, als ich hinabstieg gegen -das ruhige Städtchen. Dieses ist durchaus nicht reich an -Pracht, aber die Häuser stehen schier weihevoll da, auf -dem Pflaster hört man kaum einen Wagen rasseln, und -durch die Gassen wandeln nur wenige Menschen. Es ist -als ob die Stadt von seiner Glanzperiode zur Zeit Karl -Augusts träumte.</p> - -<p>Und so lange Weimar steht, wird es träumen von -jener Zeit und von den großen Männern, die seine Bürger -waren.</p> - -<p>Heute zeigt es nur mehr die Wohnstätten der Sänger, -und der Wanderer betritt sie mit Ehrfurcht.</p> - -<p>Es war hoher Nachmittag, als ich im Städtchen ankam; -ich eilte an dem Goethe- und Schiller-Monument am Theaterplatz -vorüber, Schillers Wohnhaus zu. Bald darauf -stand ich<a id="FNAnker_A_1"></a><a href="#Fussnote_A_1" class="fnanchor">1</a> im Zimmerchen, wo Schiller gearbeitet hatte<span class="pagenum"><a id="Seite_335">[335]</a></span> -und gestorben war. Da steht noch der Schreibtisch und auf -demselben das Tintenfaß; da liegt noch das Buch offen, in -dem er zuletzt las, und da liegt noch der Brief, den er zuletzt -schrieb. Der Sessel steht auch noch am Tisch – man meint, -der Professor müsse den Augenblick kommen und sich hinsetzen -und seinen »Demetrius« fertig schreiben.</p> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_A_1"></a><a href="#FNAnker_A_1"><span class="label">1</span></a> Durch die Vermittlung des Dichters Julius <em class="gesperrt">Grosse</em>, der im -Schillerhause als Präsident des Schillervereines wohnte.</p></div> -</div> - -<p>Aber die Schließerin zeigt auf das leere, nur mit grünen -und welken Kränzen belegte ärmliche Bett im Winkel und sagt -leise: »Hier ist er gestorben.«</p> - -<p>Am Bette steht das Tischchen mit der Schale, aus der -er seinen Thee trank, und mit dem Medizinfläschchen.</p> - -<p>Am Ofen steht ein Saitenkasten, auf welchem eine Gitarre -liegt; ich hatte es schier nicht unterlassen mögen, eine -Saite zu berühren. Doch, diese Saiten mögen ruhen und -trauern.</p> - -<p>Goethes Wohnung ist nicht zugänglich. Seinerzeit ist -der Eintritt gestattet gewesen; da war einmal, so erzählt man, -ein Engländer gekommen und der hatte Goethes Feder mitgenommen; -seitdem läßt der Eigentümer des Hauses keinen -Fremden mehr ein.</p> - -<p>Herder wohnte im Pfarrhofe, unmittelbar an der Stadtkirche; -Wielands Haus ist unweit des Theaters. Jedes dieser -Häuser ist mit dem Namen des betreffenden Dichters bezeichnet.</p> - -<p>Ich bin lange vor den Erzbildern der vier Sänger -stehen geblieben.</p> - -<p>Zur Nachmittagszeit wanderte ich dem Friedhofe zu, obwohl -mir gesagt worden war, es würde mir kaum möglich -sein, in die Gruft zu gelangen.</p> - -<p>Der Friedhof zu Weimar ist ein dichter, dunkler Wald -von Espen, Linden, Eichen und Zypressen, unter welchen die -stimmungsvollsten Denkmäler stehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_336">[336]</a></span></p> - -<p>Mitten im Friedhofe nun steht ein tempelartiges Gebäude -mit der goldschimmernden Kuppel, und hier ist die -Grabstätte des Großherzogs Karl August von Weimar und -seiner Freunde.</p> - -<p>Ich stand eine Zeit lang im Tempel und las die Inschriften -der unten Ruhenden. Da kam ein Mann, der wohl -der Torwart sein mochte und den ich fragte, ob er mich nicht -in die Gruft führen könne.</p> - -<p>»Ist nicht gestattet,« antwortete er kurz.</p> - -<p>Da war ich betrübt und sagte leise: »Ich hätte ihre -Särge gern gesehen, aber ich werde wohl in meinem Leben -nicht mehr hierher kommen.«</p> - -<p>»Sind wohl aus fernen Landen?« fragte der Mann.</p> - -<p>»Aus der Steiermark.«</p> - -<p>Auf dieses Wort schlug er mir heiter auf die Achsel: -»Da sind wir ja schier Landsleute; meine Heimat ist in -Ungarn, nahe an der steierischen Grenze; bin mehreremale in -Steiermark gewesen. Ei schau, aus der Steiermark! Sapperlot, -das freut mich. Kommen Sie, lieber Herr!«</p> - -<p>Mit diesen Worten zog der Mann einen Schlüssel aus -der Tasche und führte mich in die Gruft.</p> - -<p>Links in der Nische stehen zwei Särge aus dunklem -Holz, mit Lorbeerkränzen geschmückt – hier ruhen sie.</p> - -<p>Am Grabe Jesus Christus hätte ich kaum gerührter -und ehrfurchtsvoller stehen können, als an dieser Stätte -unseres erhabenen Sängerpaares.</p> - -<p>All' die andern fürstlichen Särge, die im Hauptschiff -des Gewölbes der Reihe nach stehen, waren mir gleichgültig, -obwohl mein Landsmann von der ungarischen Grenze viele -Worte aufbot, mein Interesse dafür zu erregen. Nur am -Sarkophag Karl Augusts war mir, als müßte ich dem<span class="pagenum"><a id="Seite_337">[337]</a></span> -schlummernden Fürsten meinen Dank sagen, daß er der -Freund unserer Dichter gewesen ist.</p> - -<p>So war mein Wunsch erfüllt und als ich dem Torwart -zu Lohn noch erzählt hatte, wie es in der Steiermark und -an der ungarischen Grenze zugehe, verließ ich den Friedhof -und wandelte langsam gegen die Stadt.</p> - -<p>Am Abend – dieser war so mild und heiter, und die -Türme von Weimar funkelten in der untergehenden Sonne -– machte ich einen Spaziergang durch das »Hölzchen« und -zwar in Begleitung der beiden Dichter, denn ich las Schillers -»Spaziergang« und Goethes »Elegien«.</p> - -<hr class="chap" /> - -<h3 id="Auf_dem_Turme_der_Marienkirche_zu_Stralsund">Auf dem Turme der Marienkirche zu Stralsund.</h3> - -<p class="h2desc">1870.</p> - -<p>Einen der eigentümlichsten Eindrücke auf meiner ersten -Reise durch Deutschland hat Stralsund auf mich gemacht. -Ein stillernstes Denkmal aus lebens- und drangvollen Tagen -steht sie da, rings von Wasser umgürtet – die zehnthronige -Stadt Jaromars.</p> - -<p>Jaromar, ein Fürst von Rügen, hat Stralsund im Jahre -1209 gegründet. Da kamen die Dänen und Lübecker mit -Feuer und Schwert, auf daß die kaum dem Meere entstiegene -Jungfrau wieder untertauche. Aber bald erhob sie sich wieder, -schöner als je und vermählte sich mit der deutschen Hansa.</p> - -<p>So ging eine lange Zeit hin und Stralsund blühte -als Handelsstadt. Da kam im Jahre 1628 der Herzog von -Friedland. Dieser schwur, die Stadt zu erobern, und wäre -sie mit Ketten an den Himmel gebunden. Aber nicht an den -Himmel war sie gebunden mit Ketten, sondern an die Herzen -ihrer Bürger. Diese erschlugen dem gewaltigen Wallenstein -zwölftausend seiner besten Streiter vor den Wällen der Stadt, -und der Belagerer zog ab.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_338">[338]</a></span></p> - -<p>Im Westfälischen Frieden wurde Stralsund den Schweden -abgetreten, aber der Große Kurfürst eroberte es wieder -für Deutschland zurück.</p> - -<p>Von nun ab wurde Stralsund, das seine der Hansazeit -entstammende Kraft längst aufgezehrt hatte, ein Spielball -zwischen Preußen, Dänen, Schweden und Franzosen, -bis es heute unter dem Schutze Preußens ausruht von seiner -blutigen Geschichte.</p> - -<p>Stralsund mit seinen schmalen, hohen Häusern, zahlreichen -Erkern und stattlich zugespitzten Giebeln, hat den -Charakter einer mittelalterlichen Stadt. Die engen, größtenteils -gleichlaufenden Gassen sind von Kleingewerbe belebt, -nur gegen den Hafen hin entfaltet sich das rege Leben und -Streben des Schiffsvolkes.</p> - -<p>Unter den malerischen Gebäuden Stralsunds fällt das -eigentümlich geformte vieltürmige Rathaus auf, und die -Marienkirche.</p> - -<p>Von dem hohen Turme der Marienkirche aus, den man -(über 368 Stufen) fast bis zur Spitze besteigen kann, hat -man die entzückendste Aussicht über das befestigte Viereck der -Stadt, über einen Teil von Mecklenburg, der Insel Rügen -und den blauen Strela-Sund mit seinen zahlreichen Schiffen. -Südöstlich schweift der Blick über den Greifswalder Bodden -und nördlich fernhin über die Fläche des Meeres.</p> - -<p>Als ich auf dem Turme war, ging nach einem Gewitter -gerade die Sonne unter. Die Luft war ungewöhnlich rein, -der Himmel zum größten Teile klar geworden, nur über -Greifswald und die Insel Usedom zogen sich noch Regenstreifen, -von einem reinen Regenbogen durchwoben. Auf -dem Meere, gegen Schweden hin, standen am Horizont weiße -Punkte – einsam wallende Segelschiffe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_339">[339]</a></span></p> - -<p>Von Rügen schimmerte das drei Meilen weit entfernte, -hochliegende Bergen herüber.</p> - -<p>Ich konnte mich von diesem Bilde nicht trennen. – -Rügen! du meer- und lichtumflossenes Eiland, du sagenreiche -Stätte altnordischer Kultur, du Wiege deutscher Befreier aus -römischer Herrschaft; du einst von den Segeln der Hansa umkreister -Eichenhain; du ersehntes Ziel der Naturforscher, du -Waldesruh der Poeten – ehrwürdige Warte im Norden: -sei mir gegrüßt!</p> - -<p>»Ik wet nich, jez stahn mer schon twe Stunden da!« -mahnte der Küster, der mich auf den Turm begleitet hatte.</p> - -<p>»Steigen Sie in Gottesnamen hinab, ich werd' schon -nachkommen,« sagte ich.</p> - -<p>Darauf meinte er, ich würde allein nicht hinabfinden, -eine Zumutung, über die ich lachte.</p> - -<p>Der Mann bedeutete mir noch, daß ich mich immer an -den Handstrick rechts halten müsse; den Schlüssel, den er -unten stecken lassen wolle, möge ich ihm, wenn ich nachkomme, -in seine Stube bringen, dann ging er. Ich sah noch, -wie die Sonnenstrahlen im Meere erloschen, wie dort Rügens -Hauptstadt noch einmal aufglühte und wie dann stille Dämmerung -lag über Land und Meer.</p> - -<p>Tief unter mir tönte schon die dumpfe Abendglocke der -Marienkirche, als ich endlich an das Hinabsteigen dachte.</p> - -<p>Im Turme war es dunkel; ich hielt mich immer an die -Handhabe rechts. Ich stieg langsam und vorsichtig abwärts. -Auf den steinernen Stufen fühlte ich hie und da Schutt, den -ich beim Hinansteigen nicht bemerkt hatte. Ich hatte stets -den Strick in der Hand. Dann und wann rauschte es, ich -mußte wahrscheinlich Familien von Fledermäusen behelligen. -Mir wurde fast unheimlich; ich suchte in meinen Taschen -nach einem Streichhölzchen, fand aber keins und jetzt hatte<span class="pagenum"><a id="Seite_340">[340]</a></span> -ich auch den Strick verloren. Ich tastete an der rauhen, unübertünchten -Mauer umher, aber ich fand keinen Strick. -Wird sich doch wohl auch ohne einen solchen hinabhelfen lassen, -dachte ich und kroch über Stufen und Stufen. Die Treppe -wand sich und ich kam immer mehr in Schutt, und endlich -hatte ich Mauer und Schutt neben und vor mir und ich -konnte nicht mehr weiter. Viel Staub hatte ich aufgewirbelt, -der legte sich mir jetzt in die Augen. Dann und wann flatterte -etwas vorüber, etwas, aus welchem meine erregte Phantasie -machen konnte, was sie wollte. – Ich war schier ratlos, -doch entschloß ich mich, wieder emporzusteigen, die rechte -Treppe zu suchen oder im schlimmsten Falle von der Höhe -des Turmes um Hilfe zu rufen.</p> - -<p>Aber es sollte noch einen schlimmeren Fall geben, den -nämlich, daß ich auch den Aufgang nicht mehr fand; ich -kletterte über Stufen und Schutt und Gerölle empor, da -stand ich an einer feuchten Wand, konnte nicht weiter und -mußte wieder umkehren. So kletterte ich eine Zeitlang erregt -und ruhelos auf und nieder und mir schien, als käme ich -immer in andere Räume. Hie und da sah ich hoch über mir -eine schmale Wandscharte, durch die einige matte Strahlen -des Abends hereinfielen, sonst war überall undurchdringliche -Finsternis.</p> - -<p>Ich verwünschte meinen Eigensinn, nicht dem Küster gefolgt -zu sein – aber das Bild war ja so schön gewesen!</p> - -<p>Ich ergab mich in das Unvermeidliche; am nächsten -Morgen würde sich das Weitere ja doch wohl finden.</p> - -<p>Ich setzte mich auf einen Stein, schlug meine Wolldecke, -die ich immer mit mir trug, eng um Achseln und Brust und -versuchte einzuschlafen. Aber ich war zu erregt. – So hilflos -und verlassen hier, hoch über den Menschen! Wenn -unten die Uhr schlug, hörte ich kaum die Töne. –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_341">[341]</a></span></p> - -<p>Indes, nach und nach wurde es in mir ruhiger und -noch einmal begann sich in dieser <em class="antiqua">camera obscura</em> das -abendliche Bild der Aussicht von oben zu klären. Ich sah -das meer- und lichtumstrahlte Eiland – ich sah Schiffe -gleiten mit wehenden Wimpeln über den dunkeln Wassern; -– ich sah endlich, wie aus den Fluten Felsen und Triften -und Wälder und Auen sich erhoben und ich sah Hütten und -Herden und heitere Hirten. Ich sah lustig jodelnde Sennerinnen -und rüstige Gemsjäger. Und unten in den stillen -Tälern sah ich Dörfer mit Schindeldächern und weißen -Wänden, und ich sah, wie aus den Schornsteinen blauer Rauch -aufstieg – ich sah mein geliebtes Alpenland. – … Da -schwand das Traumbild und ich war wach.</p> - -<p>Unweit von mir hörte ich Gepolter und Männerstimmen, -Lichtschein fiel mir in die Augen.</p> - -<p>Das waren der Küster und sein Sohn, die, als der -Fremde am späten Abend noch immer nicht mit dem Schlüssel -von dem Turme zurückgekommen, sich mit einer Laterne aufgemacht -hatten, um zu sehen, ob ihm in den Räumen und -Winkeln des alten Turmes doch nicht etwa was zugestoßen -sei. Ich war bei den durch abgelöstes Mauerwerk halbverschütteten -Treppen abgeirrt von der Haupttreppe, und -war wirklich schon einem Abgrund nahe gewesen, der mich -zwar mit einemmale um ein Bedeutendes tiefer, aber zuletzt -wohl gar um sechs Schuh zu tief gebracht hätte.</p> - -<p>Wir mußten viele Treppen hinabsteigen und als wir -an der Glocke vorüberkamen, schlug sie die elfte Stunde.</p> - -<p>Den andern Tag im Morgensonnenschein fuhr ich über -den Sund und wanderte durch die Insel Rügen bis hinan -zum Rugard.</p> - -<p>Dort stand ich still und blickte rings um mich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_342">[342]</a></span></p> - -<p>Da sah ich die Hügel von Putbus, die Buchenwälder -bei Granitz und Stubbenkammer, die Kreidefelsen bei Arkona, -die blauen Buchten, das Meer ringsum und in der -Ferne gegen Westen den Turm der Marienkirche zu Stralsund.</p> - -<hr class="chap" /> - -<h3 id="Auf_dem_Rigi">Auf dem Rigi.</h3> - -<p class="h2desc">1870.</p> - -<p>Wenn man sich von Graz über Stralsund und -Amsterdam nach Luzern rädern läßt und endlich auf -eigene Socken kommt, so sieht man sich nicht erst um nach -Hotel und Staubbürste, nicht erst nach dem Pfyfferschen -Relief, nicht nach Thorwaldsens Löwen, nein, man flieht, -eilt fort, – endlich auf eigenen Füßen!</p> - -<p>Ich lief, kaum ich dem Bahnhofe entsprungen war, über -die eingedeckte Holzbrücke, und ich lief dem Hafen und dem -Ufer des Vierwaldstätter Sees entlang gegen Küßnacht. Mir -war unsäglich wohl und leicht, ich wollte nichts von Menschenwerk -und Stadtluft, ich wollte die Natur des Hochgebirges, -die ich seit der Fahrt über den Semmering schon so lange -entbehren mußte. Das endlich war wieder die freie frische -Luft voll Harzduft, voll Waldesrauschen – mein Element. -Ich kam mir vor wie getragen, ich berührte die Erde kaum. -Wie ein Reh lief ich am See entlang; ich war außer mir -vor Freude, daß ich wieder in den Bergen stand. Was waren -das für Berge, was war das für ein Alpenland! Jetzt, -Du mein Gott, sah ich's erst, ich stand mitten in der Schweiz.</p> - -<p>Da lag vor mir der vielarmige See, so ruhig, so dunkelblau, -wie das Himmelsauge an einem heiteren Herbstabend. -Ein einziges Segelschiffchen glitt über den Spiegel -und es war mir, als trage das einsame Segelschiffchen Poesie -über den See – mehr konnte ich nicht erkennen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_343">[343]</a></span></p> - -<p>Diesseits liegt die grüne Wiese und ein kleines Landhaus -mit weiten, grün eingerahmten Fenstern und grauen, schuppenartig -verkleideten Wänden; vor dem Hause sind Lauben -und Rebenpflanzungen.</p> - -<p>Jenseits des Sees aber, am bläulich schattigen Ufer -erhebt sich der dunkle Wald und die düstere Felswand, und -nun ist geschichtet Felswand auf Felswand – hoch empor -hat es sich gebaut und getürmt in allen Lagen, in allen -Gestalten, und oben an den Hängen und höchsten Hörnern -kleben Nebelflocken wie weiße Blüten.</p> - -<p>Doch siehe, jene Klamm dort, aus welcher der Wassersturz -wie ein milchweißes Band niedergeht, öffnet uns einen -Blick in den Hintergrund.</p> - -<p>Aber was drängt sich da für ein wilder, finsterer Geselle -vor, uns den Blick auf das liebliche Bild abzuschneiden?</p> - -<p>Wie ein Verzweifelter steht er da, wüst und zerrissen; -ewig starrt er nieder in den tiefen See, ob er wogt und -flutet, ob er ruhig ist. – So stürze dich hinein! – Nicht -doch, wer weiß, welch' Leid in deinem Herzen nagt. – Man -erzählt sich wohl was besonderes von dir, du finsterer Riese. -Da kam der römische Landpfleger Pilatus, und aus Reue, -daß er den Nazarener zur Hinrichtung verdammt hatte, -stürzte er sich von dir in diesen See und davon hättest du -den Namen.</p> - -<p>Links vor mir, hinter dem Seearm, erhebt sich ein grünlich-grauer, -teilweise felsiger, teilweise bewaldeter Berg, in -Form einer abgestumpften Pyramide. Dieser Berg ist der -Rigi. Auf der höchsten Spitze desselben leuchtete ein weißer -Punkt, das Hotel Rigi-Kulm. Und morgen, wenn die Sonne -aufgeht, mußt du dort oben sein, und heute, da sie schon -beinahe untergeht, bist du weit davon, und hast noch gar -keine Herberge.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_344">[344]</a></span></p> - -<p>Einladende Höfe genug, einladende Menschen auch, denn -die Ufer des Vierwaldstätter Sees sind dicht besäet von lebenslustigen -Armen und Reichen, die in niedlichen Häusern -oder stattlichen Villen wohnen. Aber ich fühlte ja noch die -Flügel an den Fersen, und es lag Küßnacht nicht mehr fern. -Dieser kleine Ort mit den großen Häusern ist so einladend, -wie sein Name, es war, als ich ihn erreichte, schon dunkel -geworden, aber trotzdem ging ich auch hier vorüber. Von -Immensee aus, so hieß es in meinem Handbuche, ist der Rigi -am kürzesten und bequemsten zu besteigen; mein Ziel für -heute war Immensee.</p> - -<p>So ging ich. Vor mir leuchteten Johanniswürmchen, -über mir die Sterne. Und Grillen hörte ich singen; in -Steiermark tun es an so lieblichen Abenden auch die Burschen. -Kaum eine halbe Stunde hinter Küßnacht kam ich zu dem -Hohlweg, wo Wilhelm Tell den Schuß nach Geßler getan. -Es war fast ganz finster, denn die Bäume hingen über mir -zusammen. Ich blieb stehen, ich dachte an Schillers Dichtung, -an die Tradition, an das Reichsvogtentum der -alten Zeit. Mit tiefem Pathos begann ich endlich zu deklamieren: -»Durch diese hohle Gasse muß er kommen!«</p> - -<p>»Er isch schon da!« rief es plötzlich hinter mir, und zwei -Arme legten sich um meinen Leib.</p> - -<p>Ich war im Moment so erschrocken, daß ein ganzes -Planetensystem vor meinen Augen funkelte.</p> - -<p>»Verflucht!« rief ich, »wer ist da?«</p> - -<p>»Stell di nit so närrisch, du Dingli; meinst, wo de -gohsch und wo de stohsch, sin G'spenster! Luig me an, ob i -nit der alt Friedli bi, der bsinnig!« Diese Worte sprach ein -armseliges Gestaltlein, und dann reichte es mir die Hand. -Ich nahm sie an.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_345">[345]</a></span></p> - -<p>»Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?« -fragte ich.</p> - -<p>»Gueten Obe, de Friedli isch's halt; wonn der wilsch -und wonn de z'friede bisch, so weis' i dir e Hus zum schlofe -huit; de Nacht isch lang und chüel. Verstöhnt der mi?«</p> - -<p>»Angenommen,« sagte ich, »aber führen Sie mich in -das nächstbeste Gasthaus, je näher am Berge, je besser, -ich will mir für morgen den Weg auf den Rigi so kurz als -möglich machen.«</p> - -<p>Dann führte mich das Männchen unter fortwährendem -Geplauder. Fast possierlich sah es aus; es hatte, wie ich -jetzt in der Sternenhelle bemerken konnte, einen Höcker, -und trippelte damit geschäftig neben mir her und machte mich -auf jedes Steinchen und auf jede Wurzel, über die wir schritten, -aufmerksam.</p> - -<p>Und bald kamen wir ins »Hus«. Aber das war zu -meinem Erstaunen kein Gasthaus, sondern ein großer Bauernhof -mit vielen Ställen und Scheunen, aus denen mehrere -Blechschellen, wie sie die Herden haben, ertönten.</p> - -<p>Als mich mein Begleiter ins Wohnhaus führte, sagte -ein Weib, das an der Türe stand, und an dem ich in der -Dunkelheit nur bemerken konnte, daß es sehr beleibt war: -»Je, Friedli, wen bringst denn da?«</p> - -<p>»E Büebli, das im Wald isch gsi und ke Hus g'funde -het,« antwortete das Männlein und rieb sich die Hände.</p> - -<p>Jetzt kamen auch noch andere Leute herbei, und sie -lachten und endlich führten sie mich in eine Stube, die sehr -geräumig und reinlich war, und in welcher eine Petroleumlampe -brannte.</p> - -<p>»Entschuldigen Sie, man wird nicht hier bleiben können?« -sagte ich.</p> - -<p>Da entgegnete mir ein stämmiger Mann, der in Alpentracht<span class="pagenum"><a id="Seite_346">[346]</a></span> -war und ein Pfeifchen schmauchte: »Gasthaus ist -zwar keines bei uns, aber wenn Sie nicht gern mehr hinabgehe -nach Immensee und weil Sie der Friedli schon einmal -gebracht hat, so bleibe Sie in Gottesnamen nur da; wenn -Sie zufriede sein wollen, wir tun Ihnen gut, wie wir's -haben.«</p> - -<p>Nach diesen Worten zog er über den Tisch, der in einer -Ecke der Stube stand, ein weißes Tuch, und das Weib, -welches früher an der Tür gestanden war, brachte Brot, -Butter, Honig und eine Schale Milch, und dann luden sie -mich ein, daß ich mich hinsetze und esse.</p> - -<p>Da setzte ich mich zum Tisch und aß.</p> - -<p>Das Männlein, das mich gebracht hatte, kauerte in -einem Winkel der Stube und sah mir wohlgefällig zu, wie -ich mir erkleckliche Brotlappen herabschnitt, sie auf einer Seite -fürsorglich mit Butter, auf der anderen minniglich mit Honig -bestrich, und meinen Appetit spielen ließ.</p> - -<p>»Nun, wie ist denn das?« fragte ich endlich, als der -Mund einmal einen Augenblick frei war, »der Mann dort -hat mich im Hohlweg aufgefangen. Ist das ein Fremdenführer?«</p> - -<p>»Ei nein,« sagte der Hauswirt fast hochdeutsch, »er ist -ein Vetter von meinem Weib und da behalten wir ihn so -im Hause, trotz der Albernheiten, die er tut.« Und mit -einem Finger auf die Stirne klopfend: »Hat da d'rin lauter -Räder, sonst nichts! Ei ja, tun tut er niemandem nichts, -will allen Leuten, die ihm begegnen, Gefälligkeit erweisen. -Einem Narren sieht man doch damit gleich.«</p> - -<p>»Aber das war nicht dumm, daß er mich da hergeführt -hat zu Milch und Honig!«</p> - -<p>»Gesegn' Gott, wenn's schmeckt!« sagte der Bauer, -»sind sicher ein Studiosus? – Ni ja, hab' mir's gleich dacht.<span class="pagenum"><a id="Seite_347">[347]</a></span> -Mein Älterer, der Medardi, ischt auch Studiosus, unten in -Zürich. Sie wollen gewiß morgen auf den Berg? Und vor -Aufgang noch? Schau', das ist viel! Die Sonne, wissen -Sie, geht da oben viel früher auf, als anderswo; hier -unten kommt sie gerade um drei Stunde später. Ja, da -möge Sie heut' wohl gleich ins Bett gehe. – Sepheli!« -rief er hernach in ein Nebenstübchen, »Luig, isch das Bett -für den Ma da neumis scho fertig? Tausigsappermost, 's -isch hochi Zit!«</p> - -<p>»Nun,« sagte ich, »so wollen wir heute noch die Rechnung -begleichen«.</p> - -<p>»Jetzt hören Sie mir auf!« lachte der Mann, »so ein -Studiosus da!«</p> - -<p>»'s isch fertig, do lit er, wie ne Grof!« hörte ich in -einer Kammer über uns sagen, und mein Gastherr sprach: -»Fertig wär's. Jetzt sag' ich Ihnen eine ruhsame Nacht!«</p> - -<p>»Gunn der 's Gott der Herr!« schmunzelte mir das -alte Männlein aus seinem Winkel zu und ich wurde in -eine Oberstube zu Bett gebracht.</p> - -<p>Das Bett war nicht mit allzufeiner Leinwand überzogen, -die Decke etwas steif; dennoch aber schlief ich auf meiner -ganzen Reise nicht so süß als in dieser Bauernstube.</p> - -<p>»'s isch Zit, Büebli, 's hat eis gschlage!« rief es -plötzlich, und der Friedli stand mit einer Talgkerze vor dem -Bett und rüttelte an der Decke.</p> - -<p>Wenn die Zeit des Schlummers des Menschen glücklichste -Zeit ist, wie Philosophen gesagt haben, warum läßt man sich -wecken eines Sonnaufganges wegen?</p> - -<p>»Bisch sölli müed und schlöfrig gsi? Freili jo, Suntig -isch, chumm, 's git e gueti Tag!«</p> - -<p>Wohlan, wenn es einen guten Tag gibt, da muß man -dabei sein. – Ich erhob mich und in wenigen Minuten<span class="pagenum"><a id="Seite_348">[348]</a></span> -darauf gingen wir in der kühlen Nachtluft durch junges -Dickicht hinan. Friedli wies mir den Weg. Es war sehr -taunaß, über den Zuger See und über das östliche Hügelland -gegen Zürich hin hatte sich Nebel gelagert. Der Sternenhimmel -war rein. Da wir auf einem guten Fußweg waren, -der nicht leicht zu verfehlen sein konnte, sagte ich meinem -Begleiter, daß er nun umkehren möge, und ich wollte ihm -eine Münze in die Hand drücken; er kehrte weder um, noch -nahm er die Münze. Erst als der Morgenstern aufging, -meinte Friedli: »'s isch ein anderer da, bin jetzt frei dervo, -bhüetis Gott!«</p> - -<p>»Leb' wohl, Friedli!« sagte ich und das Wort kam -mir aus dem Herzen. »Wenn ich einen andern Rückweg einschlage, -so dank' ich dir und den deinen noch einmal. Leb' -wohl, Friedli!«</p> - -<p>»Will's Gott, mer werde scho im Himmel wieder z'seme -cho!« sagte er und ging bergab.</p> - -<p>Das war im ersten Schimmer des Morgensternes.</p> - -<p>Ich ging aufwärts. Die Luft strich kühler und kühler; -über dem Hügelland lag ein lichter Streifen, einzelne Vogelstimmen -wurden wach.</p> - -<p>Der Weg führte durch Wald und Strauch, über Weiden -und an Sennhütten vorüber, oft über Gerölle und an Felswänden -hin.</p> - -<p>Nach einer zweistündigen Wanderung war ich am Hotel -»Rigistaffel«. Ich blieb stehen und blickte abwärts und auswärts. -In den Tälern lag noch Schatten, der Stern des -Vierwaldstätter Sees in tiefer Dämmerung. Die Ufer waren -mit lichten Punkten von Dörfern und Villen bestreut; Luzern -lag da wie ein winziges Häuflein weißer Steine.</p> - -<p>Eine Stunde später stand ich auf der höchsten Spitze<span class="pagenum"><a id="Seite_349">[349]</a></span> -des Rigi, am Hotel »Rigi-Kulm«, das mir gestern als kleiner -Punkt entgegen geleuchtet.</p> - -<p>Ich hörte einmal einen Mann, der den Rigi bestiegen -hatte, folgende Worte sprechen: »Ich weiß nicht, was die -Leute an diesem Rigi finden; das Hotel ist gar nicht so -außerordentlich, ja im Gegenteile, man lebt im Tale billiger -und besser. Und die Aussicht, du mein Gott, nichts als -Berge. Und da geht noch ein kalter Wind. Was doch die -Leut' an diesem Rigi finden!« –</p> - -<p>Nach der anstrengenden Partie trank ich im Hotel, in -welchem sich einige Engländer befanden, ein kleines Schälchen -Milch für fünfundsiebzig Centimes, dann ging ich wieder in -das Freie, wo ein kalter Wind zog und ich nichts sah -als Berge.</p> - -<p>Aber welche Berge!</p> - -<p>Die Gletscherwelt der Schweiz, wie sie südwestlich des -Rigi in einem ungeheueren Halbkreis daliegt. Und dann -tauchte im Osten langsam und langsam die glühende Riesenscheibe -empor und dann entzündete sich das Meer der Gletscher -und das war ein stilles Glühen und Leuchten hin über -das ganze wunderbare Hochland!</p> - -<p>Acht Tage früher hatte ich das Wogen und Fluten -der Meereswellen in der Nordsee gesehen und die Sonne -ging auf. Und heute aus dieser unendlichen Ruhe ging die -Sonne auf. –</p> - -<p>Als meine Augen getrunken hatten bis zur Berauschung, -und als sich mein Herz gelabt hatte an der ewigen Schönheit, -stieg ich wieder abwärts.</p> - -<p>Meine liebenswürdigen Wirtsleute bei Immensee sollte -ich nicht mehr sehen. Ich ging südlich gegen das Klösterli -Maria im Schnee, gar einsam und arm im Alpenkare gelegen. -Da steht über 4000 Fuß hoch ein Wallfahrtskirchlein,<span class="pagenum"><a id="Seite_350">[350]</a></span> -und da leben in einem dürftigen Hause drei Kapuziner. -Sie betreiben eine kleine Milchwirtschaft, und ihr niedriges -Dach dient armen Wallfahrern und vom Unwetter überraschten -Touristen zum gastlichen Hospiz.</p> - -<p>Von hier aus geht es an Hängen und durch Schluchten -steil abwärts gegen Arth, ein kleines Dorf, das an der südlichsten -Spitze des Zuger Sees liegt.</p> - -<p>Als ich den See gegen Zug entlang ging, sah ich über -dem jenseitigen Ufer noch einmal meine gastliche Herberge, -den Bauernhof. Das Männlein sah ich nicht; bald rollten -mich die Räder wieder fort aus dem Lande des Friedli.</p> - -<p>– Will's Gott, mer werde scho im Himmel wieder -z'seme cho!</p> - -<hr class="chap" /> - -<h3 id="Aus_dem_Ungarlande">Aus dem Ungarlande.</h3> - -<p class="h2desc">1871.</p> - -<p>Man meint, die Donau müsse nach und nach denn -doch etwas von Kultur und Sitte aus den deutschen -Landen hinabschwemmen. In Städten, wo die Dampfschiffe -rasten, da sammelt sich's trefflich an und die Hauptstadt -des Magyarenlandes trägt zum größten Teile deutschen -Charakter. Bis aber in den Dörfern und auf den Pußten -das Gemeinsame aller gebildeten Völker auflebt, wird noch -viel Wasser die Donau hinabfließen. Das ist der selbständige, -sich in sich abschließende, der stolze Stamm der Magyaren.</p> - -<p>Auf meinen Wanderungen in Ungarn kam ich eines -schönen Abends in ein großes Dorf. Es war so weit in -dem Osten, daß die Dämmerung dort um eine gute halbe -Stunde früher eintritt als in der Steiermark. So lag -über den endlosen Ebenen hin der aschfarbige Himmel; -nur wo die Sonne niedergegangen war, zogen sich glühende -Streifen und Nadeln hin, so innig schloß sich der Himmel<span class="pagenum"><a id="Seite_351">[351]</a></span> -an die Ebene und so tief war der Horizont hingezogen, -daß er zu sehen war wie die Meeresküste, und die lichten -Wolkenstreifen darin lagen wie Inseln auf der graubläulichen -See.</p> - -<p>Ein ungarisches Dorf ist wie das andere. Da liegt -es auf der Pußta und eine sehr breite Straße führt durch. -Daß sich auf dieser Straße ein Pferd verstaucht oder ein -Wagenrad bricht, ist nicht leicht zu denken; denn eine -dicke Mulde aus dem feinsten braunen Staub ist hier -ausgebreitet hin und hin, welche zur Regenzeit zum mildesten -Teppich wird, in dem man sich wie in ein Kissen -verbergen kann mit Roß und Wagen.</p> - -<p>Und im Dorfe stehen Hütten aus Lehm und Stroh -an beiden Seiten der Straße; die Fensterchen sind so -klein, daß kaum ein ungarischer Kopf, geschweige ein ungarischer -Schnurrbart ordentlich herauslugen kann. Vor und -hinter den Hütten sind Akazien und Maulbeerbäume gepflanzt, -welche sich über den fahlen Strohdächern die Arme -reichen – die Sonne soll hier gar wüst sein, wenn sie -obenan steht. Leblos sind die Gassen des Dorfes nicht, es -ziehen uns gemütliche Esel, langgehörnte Ochsen, gesprächige -Gänse, grunzende Schweine überall entgegen. Auf dem -großen Platze des Dorfes sind umfangreiche Pfützen, zu -dünn, um darüber hinzuschreiten, zu dick, um darin -unterzugehen, ganz gemacht zum Baden und Wälzen für -Menschen und Tiere. Es ist kaum übertrieben – man -kann's ja sehen, wie Kinder und Schweine, erwachsene -Weiber und Gänse, Männer und Esel in zarter Eintracht -in der Dorfpfütze Erfrischung genießen.</p> - -<p>Ich sah sie noch lange lustwandeln von meiner Wohnung -aus, die mir ein Mann in dem besten Hause des -Ortes besorgt hatte, ich hörte von der Rocsma (Schenke)<span class="pagenum"><a id="Seite_352">[352]</a></span> -her auch die Tonschläge eines Zimbals – ich ging aber -bald zur Ruhe.</p> - -<p>In den steirischen Bauerngehöften weckt zum Morgen -die Leute der Oberknecht, in Ungarn besorgen das die -Mücken; sie schreien und poltern nicht wie der Oberknecht, -sie summen und singen nur so herum, sie setzen sich nur -so auf die Wangen, auf die Stirne, auf die Nase, und -beißen und stechen, daß Ballen wachsen wie Schwämme; -dann singen sie wieder – im übrigen kann man liegen -bleiben und schlafen, so lange man will.</p> - -<p>Es war Sonntag. Vor den Hütten saßen die männlichen -Einwohner in ihren weiten Beinkleidern, von denen -ich nie ergründen konnte, ob sie Hosen oder Kittel seien. -Sie aßen Brot und Speck. Dann erhoben sie sich und -gingen zur Kirche hinan, die auf dem Hügel stand. Die -Weiber kamen aus den Hütten hervor und gingen auch -hinan; sie hatten schmucke Spenser. Die Mädchen waren -gar in kurzen, schneeweißen Hemdärmeln und in den bloßen, -sorglich gescheitelten Locken. Die Männer hatten kaum eine -bessere Kleidung als am Werktage zuvor; viele waren sogar -barfuß und die Fransen ihrer weißen Beinkleider schwammen -in der Mulde.</p> - -<p>Als sie hinanstiegen, war ich auch unter ihnen. Da -ich von ihren Gesprächen nicht viel verstand und mich in -dieselben also auch nicht mischen konnte, hatte ich Zeit, -die Gegend zu betrachten. Das Dorf unten war weit gedehnt, -es zählte tausend und mehrere hundert Einwohner. -Draußen, gegen Südwesten lagen die Weinhügel, weiter -links standen üppige Buchen- und Eichenwälder; – mein -geliebter Baum, die Tanne, wächst dort nicht, weit und -breit, darum hat die Luft keine Würze, sie ist immer süßlich, -lau und schal, wie gekocht. Im Osten lag Heideland, im<span class="pagenum"><a id="Seite_353">[353]</a></span> -Norden zogen sich unabsehbare Getreidefelder hin, und weit -draußen lag still und ruhig wie die Heide und das Kornland -der Donaustrom. Hinter demselben sah man wieder -die gelben Streifen der Felder, die fahlen Flächen der -Heide und zuletzt im Äther ein mattgraues Band – die -Karpathen. Dann begannen die Wolkengestalten in der -ungeheuren Himmelsglocke, und diese Wolkengestalten waren -mir das Schönste zu allen Tageszeiten im Lande der -Ungarn.</p> - -<p>Die Gemeinde, die mit mir auf den Hügel gestiegen -war, und die Kirche, die, weiß übertüncht, weit in das -Land hinausschaute, war kalvinisch. Auf dem Turme prangte -kein Kreuz, sondern ein Ding in Gestalt jener alten Waffen, -die man Morgensterne nannte. Die Fenstergitter bildeten -Herze, Ringe, doch kein Kreuz. Auf dem Friedhofe hinter -der Kirche waren viereckige Holzpfähle mit ausgezackten -Köpfen als Denkmäler in die Erde geschlagen, aber kein -einziges Kreuz. Die Kalviner mögen das Kreuz nicht leiden; -sie wollen nicht erinnert sein an den Schandflecken der -Menschen, die ihren Heiland zu Dank an das Kreuz geschlagen. -Die Kalviner wollen auch kein Bild, weder eine -Darstellung Gottes noch der Menschen; unmittelbar wollen -sie mit dem Gegenstand verkehren. Das sieht löblich aus; -doch wie dadurch der Sinn, die Kunst zuteil kommt, denen -die Religion und ihr Kult auch eine Pflegestätte sein soll? -Die Einfachheit der lutherischen Tempel tut wohl, ein kalvinisches -Gotteshaus aber ist nicht mehr einfach, es ist -geradezu trostlos. Da ist rein gar nichts als die nackte -Mauer und der Fußboden und die Decke, die glatte Kanzel, -der Opfertisch und einige Stühle. Das alles in allem. -Dann kommt der Pastor und hält eine Rede, dann singt -die Gemeinde Psalmen. Wohl recht einfach, aber noch einfacher<span class="pagenum"><a id="Seite_354">[354]</a></span> -wäre, wenn die Mauern auseinandergefallen und -die Menschen Gott anbeteten, frei in der allherrlichen -Natur des Himmelsgezeltes. Das wäre ein rechtes Bild -Gottes und doch kein Bild – ein wahres Gotteshaus.</p> - -<p>Der eifrige, eigenstimmige Gesang der »reingläubigen« -Kalvinisten hätte mich bald zum Lächeln gebracht, aber das -wäre gefährlich gewesen. Es war ein so sonderbares Gesurre, -dann wieder ein so gewaltiges Geschrei; und eine -einzelne Stimme war in dem Volke, so grell und zackig, -und diese wollte nirgends recht hineinpassen, und sie ging, -alle anderen Töne durchschneidend, ihre eigenen Wege. Dabei -machten die Leute Gesichter, und wie sich der Gesang -drehte, so auch ihre Augen und mit den Lippen stiegen -und fielen auch die Schnurrbärte. Aber die Andacht in -Ehren, sie wird gut gewesen sein.</p> - -<p>Eigentümlich war der Ausgang. Sie sangen noch alle, -als sich plötzlich die kleinen Mädchen erhoben und singend -das Bethaus verließen; diesen folgten die erwachsenen -Mädchen, wie sie in den Stühlen gesondert waren. Dann -erhoben sich die Weiber und die alten Mütterchen und -verließen singend die Kirche. So waren nach und nach -alle weiblichen Stimmen verstummt und es sangen nur -noch die Männer. Nun aber begannen sich die Knaben zu -entfernen und nach diesen traten die Jünglinge, dann die -Männer hinaus. Jetzt saßen noch die Greise da und sangen. -Dann erhoben sich auch diese und gingen, ihnen folgte der -Pastor und nun saß außer mir nur mehr der alte Chormeister -allein in der Kirche und sang, bis endlich auch -der schwieg und die Kirche verließ. So war der Gesang -nach und nach abgestorben und es war still und leer im -Bethaus. Jetzt verließ auch ich meinen Winkel und ging -an der Kanzel und an dem Opfertisch vorüber in das Freie.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_355">[355]</a></span></p> - -<p>Da war's gar heiß in der Sonne, aber siehe, die -Dorfschwemme war in der Nähe. Die Leutchen, wie sie -aus der Kirche kamen und sich mit den Ärmeln den Schweiß -wischten, machten nicht viel Aufhebens, sie entkleideten sich -kurzweg und stiegen in die Pfütze und wuschen sich säuberlich -und plätscherten. Sonst, glaube ich, heißt es nach der -gestrengen Satzung Kalvins, daß, wer in der Öffentlichkeit -einen solch schlüpfrigen Wandel führt, des Landes verwiesen -und ausgepeitscht werden soll; nein, so pedantisch -genau scheinen es die ungarischen Kalviner nicht zu -nehmen.</p> - -<p>Sehr schwer sollen sich übrigens auch die Katholiken -der ungarischen Dörfer ihre Sache nicht legen. In der -Nähe meines kalvinischen Dorfes ist ein katholisches, von -dem mir ein alter Einwohner desselben Folgendes erzählte: -Als vor mehreren Jahren im Dorfe der Peterspfennig -eingeführt wurde, war viel Lärm. Der Pfarrer -predigte auf der Kanzel von der Not des heiligen Vaters -und stellte diese so ergreifend dar, daß er dabei in Schluchzen -ausbrach. Die Bauern blieben trockenen Auges, aber -sie starrten so vor sich hin, als ob sie sagen wollten, daß -es mit dem heiligen Vater nicht so bleiben dürfe, und daß -sie sich in dieser Sache nicht spotten lassen wollten. Und -die Bauern derselben Gegend sind wohlhabend. Der Pfarrer -ließ mitten in der Kirche eine weidlich große Blechbüchse aufstellen -und predigte nun jeden Sonntag von der Armut -des heiligen Vaters. Aber die Blechbüchse war denn doch -wohl sehr geräumig, denn oft verfügte sich Seine Hochwürden -zur stillen Nachmittagsstunde in die Kirche und -klopfte mit dem umgebogenen Zeigefinger an die Büchse – -das gab noch immer einen schauerlichen Widerhall. Hierauf -ließ der Pfarrer einen Priester aus Gran kommen, der<span class="pagenum"><a id="Seite_356">[356]</a></span> -eine glänzende Rednergabe besaß und der auf der Kanzel -das Elend des Papstes und den Hunger, den er leiden -muß, so lebhaft darstellte, daß die Bauern ordentlich Appetit -bekamen und nach der Predigt sogleich in die Schenke -eilten und ein Bedeutendes an Speck und Schnaps verzehrten. -Indes der Pfarrer hatte der Sache Genüge getan -und konnte nun wohl einer bedeutenden Ernte gewiß sein. -Freilich wohl gab die Büchse noch immer einen hohlen -Ton, doch Silberstücke füllen einen solchen Bauch nicht -so bald. Als nun eine bedeutende Zeit um war, ließ der -Pfarrer die Sammelkasse öffnen und fand darin – ja -sind denn diese Bauern Ludersleute? – fand zweiundeinenhalben -Kreuzer und einen Pfeifendeckel. So ist mir -wohl von boshaftem Munde erzählt worden, und Ähnliches -ereignete sich auch in anderen Dörfern Oberungarns.</p> - -<p>Nun kehre ich wieder zu meiner Gemeinde zurück. Ich -hatte ihr den Vormittag des Sonntags gewidmet, desgleichen -sollte auch mit dem Nachmittag geschehen.</p> - -<p>Doch ich verlor sie bald; sie verkrochen sich in ihre -Hütten, nur daß in der Schwemme noch ein oder der -andere Junge plätscherte und daß dann und wann ein -Mägdlein auf dem Wege in den entlegenen Keller und -zurück durch die Gassen eilte und im Vorbeieilen den Fuß -auch ein wenig in das Wasser steckte.</p> - -<p>Erst am Abende wurde es rege. Eine Schalmei fing -zuerst an, dann begannen in der Schenke Pauken und -Pfeifen und jetzt kamen sie herbei von allen Seiten des -Dorfes und hüpften schon unterwegs den Nationaltanz.</p> - -<p>An Mädchen strömt eine große Auswahl herbei; der -Bursche braucht nur zu winken, läuft ihm gleich eine zu. -Sie legt ihre Hände flach auf seine Achseln, er legt die -seinen an ihre Hüfte, dann beginnen sie zu hüpfen nach<span class="pagenum"><a id="Seite_357">[357]</a></span> -rechts und nach links, daß der Schnurrbart wedelt. Das -Mädchen guckt dabei ein wenig in seine Augen, ein wenig -in den Spiegel, der über die beschnürten Flügel seines -glatten Spensers geht, zwar nicht aus Kristall besteht, sondern -nur aus dem Glanze des Speckes von so manchem -Jahre. Gegessen und getrunken, gönn's ihnen Gott, wird -wohl auch wacker. Dann kommen auf Eselkarren die -jungen Leute der Nachbardörfer; sind sie auch vormittags -geschieden in Bethäusern verschiedener Konfessionen, den -Nachmittag haben sie gemeinsam; der Katholik hopst mit -lutherischen Mädchen und schlürft kalvinischen Wein, und -mitunter verteilt er, weil's denn so brüderlich hergeht, zuzeiten -katholische Prügel.</p> - -<p>An demselben Abend war's lustig zu sehen und zu -hören, aber als es gegen die elfte Stunde ging, da begann -auf dem Kirchturme plötzlich die Glocke zu tönen. Ich erschrak; -war Feuer im Ort, oder ein Sterbender? Kein -Unglück treffe das Dorf und lange lebe der Magyare! Aber -Ruhe soll er machen, heim soll er gehen noch vor Mitternacht, -so will's der Herr Pastor und darum läßt er die -Glocke läuten. Ein praktischer Kalviner benützt die Kirchenglocke -also auch zur Polizei; das hat Schiller in seinem -Lied von der Glocke vergessen.</p> - -<p>Es wurde wirklich bald ruhig in der Schenke und sie -gingen heim. Ich sah noch lange durch das offene Fensterchen -in die laue Nacht hinaus. Ein paar Hunde bellten -unten, sonst war es still; mir kam es fast unheimlich -vor; das nächtliche Glockengeläute hatte mich etwas aufgeregt.</p> - -<p>Endlich wollte ich das Fenster schließen, da sah ich -plötzlich oben an der Kirche ein Flämmlein. Es zuckte hin -und her, dann verschwand es. Oben bei den Toten, was<span class="pagenum"><a id="Seite_358">[358]</a></span> -mochte das sein? Wieder sah ich das Flämmlein, und jetzt -wuchs es an und wuchs gewaltig zu einer hohen, riesigen -Flamme und die Wände der Kirche waren rot beleuchtet. -Denn doch ein Brand! Ich wollte Lärm schlagen, da war -die Flamme wieder verloschen.</p> - -<p>Nun war meine Neugierde wach im höchsten Grade. -Was spukt da oben auf dem Hügel? Belustigt sich der -Totengräber durch Feuerwerke, oder gehört das zum kalvinischen -Kult? – Das muß ich doch sehen!</p> - -<p>Angezogen, wie ich noch war, nahm ich schnell meinen -Stock, verließ das Haus und eilte gegen die Kirche hinan, -immer das Licht im Auge behaltend, das oben abwechselnd -wuchs und zusammenzuckte.</p> - -<p>Und als ich durch das Tor in den Gottesacker ging, -da sah ich's. Ein Mann und ein Weib hatten ein totes -Ferkel und das hielten sie über ein kleines Feuer, um -die Haare von der Haut zu sengen. Dieses weltliche -Geschäft störte die Ruhe der Toten zwar nicht, konnte mich -jedoch auch nicht recht erbauen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<h3 id="Zu_Mailand_auf_dem_Dome">Zu Mailand auf dem Dome.</h3> - -<p class="h2desc">1872.</p> - -<p><em class="gesperrt">Mailand!</em></p> - -<p>Den Namen, den das ganze Land verdient, trägt seine -schönste Stadt.</p> - -<p>Hier reichen sich Nord und Süd, Winter und Sommer -die Hände. Mai!</p> - -<p>Uns begegnet in Mailand zum erstenmale das laute, -geschäftige, klingende Treiben des Südländers; der Italiener -hingegen nennt Mailand die nordische Stadt. An den Süden -erinnern uns in Mailand die flachen Dächer der Häuser, -die Marmorbalkone mit den ausgehängten schmutzigen Lappen,<span class="pagenum"><a id="Seite_359">[359]</a></span> -die hohen offenen Portale, das schöne Pflaster der -Straßen mit Fahrbahnen aus Stein, der Reichtum an Palästen -und Statuen und das mächtig erwachende Leben nach -dem Ave-Maria-Läuten. An den Süden erinnert uns der helle -aber weiche Gesang, der auf den Gassen und aus allen Häusern -quillt, das eintönige Geschrei der Ausrufer, das Besetztsein -aller öffentlichen Plätze mit Verkäufern und Ciceroni, die -reichen, großen Kirchen, der bräunliche Teint der Männer, -das glänzend schwarze Haar und das dunkle, gefährliche -Auge der Frauen, das zur Vorsicht wohl häufig verhüllt ist -mit einem zierlichen Schleier.</p> - -<p>Der aus Süden Kommende aber wird wegen des mäßigen -Klimas, des frischen Wassers, des Fleißes der Bewohner -usw. in Mailand allerdings die Stadt des Nordens -erblicken.</p> - -<p>Und mitten in dieser stolzen Stadt mit dem Janusgesichte -gegen Süd und Nord, steht eine Krone von Elfenbein, -nein, eine Marmorkrone, wie keine Dichterphantasie -je eine so wunderbare geflochten hat.</p> - -<p>Der Dom von Mailand!</p> - -<p>Der Italiener nennt ihn ein Marmorgebirge aus dem -Norden, und vielleicht mit mehr Recht, als es scheint; waren -die Baumeister doch nachweislich Deutsche. (Der Bau der -wunderbaren Kuppel soll von Johannes von Graz herrühren!) -Ferner ist es die gotische Bauart, sind es die -hundert und hundert weithin leuchtenden Zacken, die an die -nordischen Bergzacken gemahnen.</p> - -<p>So haben die Menschen hier im Angesichte der Alpen -einen Tempel gebaut, in dem sich die Erhabenheit der Berge -spiegeln soll – ein Gebirge aus Menschenhand und nach den -Gesetzen der Kunst, wie es dem klassischen Italien geziemt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_360">[360]</a></span></p> - -<p>Eine Beschreibung des eigenartigen Baues will ich nicht -liefern – er ist ja so sehr bekannt und in das Gemüt der -Völker aufgenommen worden, wie ein liebes Zaubermärchen -von der Großmutter. Der Bauer in Steiermark sagt, daß -in der Stadt Mailand eine Kirche sei, die so viele Türme -habe, wie das Jahr Tage, auf jedem Turme stehe der -Heilige des Tages und so prange der ganze Heiligenkalender -in Stein gehauen auf dem Dome zu Mailand.</p> - -<p>Das ist ein großes, einheitliches Bild, aber es ist zu -klein. Der Türmchen sind weit mehr, als obige Zahl angibt -und die Statuen an denselben und an den Wänden -zählen über zweitausend. Es ist des Märchens versteinerter -Wald und der Beschauer erstarrt schier selbst zu Stein, wenn -er vor dem Riesenbaue steht oder gar oben auf seinen lichten -Zinnen. Weiß und leuchtend erhebt sich der Tempel über -den Gebäuden der Stadt in die Himmelsbläue empor; gespensterhaft -bleich, schier wie ein ätherisches Nebelgewebe, -steht er des Nachts im Mondenscheine.</p> - -<p>Nein, ich will den Leser nicht nachtwandeln lassen um -den Dom, ich will ihn nicht einmal einführen in seine -düsteren Hallen – dazu findet sich gelegentlich sicher ein -besserer Führer – emporsteigen wollen wir zu jenen Höhen, -nach der so viele zackige Spitzen weisen.</p> - -<p>Den 26. August 1872 zur Morgenstunde war's, da -ich den Dom bestieg. Zuerst geht es eine dunkle, aber sichere -Stiege über hundert Stufen hinan, der dürstende Blick gefangen -zwischen den Quadermauern. Endlich aber lichtet es -sich, wie sich an hohen Bergen der Wald lichtet, wenn man -über seine Region hinauskommt. Dem Besteiger des Mailänder -Domes ist, auf der ersten Zinne angekommen, gerade -so zumute, wie dem Alpenwanderer, der, aus dem Walde -hervorgetreten, die mächtige Bergkuppe übersieht, die er noch<span class="pagenum"><a id="Seite_361">[361]</a></span> -zu besteigen hat. Aber er ist über die Giebel der Häuser -hinaus, er macht einen Rundgang um den Bau und sieht -auf die Hüte hinab, die tief unten an dem Domplatze geschäftig -herumgleiten. Dann beginnt er auf freien, lichten -Marmortreppen wieder emporzusteigen zwischen dem Gestämm -der Türme und den versteinerten Heiligen. Viele derselben -haben, einverstanden mit dem Geiste der neuen Zeit, Blitzableiter -an der Seite; selbst die Madonna auf der Spitze -des höchsten Turmes hatte an meinem Tage die wehende -Trikolore aufgezogen, um trotz des recht unangenehmen -Konfliktes zwischen der Regierung und dem Vatikan, dem -König Victor Emanuel, der eben in Mailand war, ihre Huldigung -darzubringen.</p> - -<p>Auf der zweiten Zinne angelangt, machte ich wieder -einen Rundgang und sah nun, wie bedeutend die Stadt -niedergesunken war und wie sich die Ebene Lombardiens und -die fernen Berge zu heben begannen. Dann wieder empor -zwischen den Zacken und Klippen, ich glaubte schon Alpenluft -zu fühlen und sah mich nach Gemsen um. Nein, die -gibt es wohl nicht auf dem Dome zu Mailand, statt deren -sah ich auf den glatten Marmorplatten des Kirchendaches -einen jungen Priester herumwandeln, der ein schönes Mädchen -am Arme führte. Ihr graziöses Dahinhüpfen erinnerte -an Gemsen; endlich aber ließ sich das Pärchen nieder auf -der Plattform und nahm ungezwungen, wie man nur auf -der Alpenhöhe sein kann, zusammen ein Frühstück ein. Er -schob dem Mädchen gute Bissen zu, – und das Kirchendach -brach darob nicht zusammen.</p> - -<p>Nun aber steht auf dem gotischen Tempel noch ein -zweiter gotischer Tempel: die ungeheure Kuppel des Domes -in einem neuen, reichen Kranze von Marmorgebilden, die -sich mit ihrer höchsten Spitze 340 Fuß über den Erdboden<span class="pagenum"><a id="Seite_362">[362]</a></span> -erhebt. In einem Seitenbaue geht die Treppe hinan -bis zu dem schlanken Turme, dessen gewundene Stiege ja -bis in den Himmel hinauf zu entführen scheint.</p> - -<p>Da liegt die große Stadt – die höchsten Türme sind -tief unten – im Morgensonnenglanze. Hier, noch im Schatten, -an den Fuß des Domes sich schmiegend, steht das königliche -Schloß; dort zwischen den Ziegeldächern der kleine, -bläulich glitzernde See ist das Glasdach des neuen, prächtigen -Bazars, den Victor Emanuel den Mailändern im Jahre -1859 zum Angebinde gemacht hat; weiterhin die schöne -Kuppel der Kirche St. Maria della Grazie weist die Stätte -des weltberühmten »Abendmahles« von Leonardo da Vinci -und noch weiter hin ragt der Siegesbogen, die Porta del -Sempione. Unser Blick gleitet über die hunderttürmige Stadt -hinweg und hinaus auf die mit weißen Punkten besäete -Ebene, die südlich von den blauen Apenninen, nördlich und -westlich aber in einem ungeheuren Halbkreise von den Alpen -begrenzt wird.</p> - -<p>Die erhabenen Hochwarten der Alpen sind nahegekommen, -um sich den wunderbaren Bau, das Spiegelbild -ihrer Gletscher anzusehen. Dort im fernsten Westen -der Monte Viso; man sieht durch die Duftbläue von ihm -nichts sonst, als ein dreieckiges rötlichweißes Täfelchen. Ein -wenig nördlicher die sägige Schneide des in Eisen gelegten -Riesen Montcenis. Dann der leuchtende Zahn des Montblanc -und die Zacken vom St. Bernhard und Matterhorn. -Weiter im Vordergrunde aber ragt die gewaltige Gletscherkuppe -des Monte Rosa, hoch emporhaltend ihren Silberschild, -durch den sie den fernen Meeren die Wunder und -Herrlichkeiten der Alpen kündet. Und nun geht's Kanten -an Kanten bis nördlich zur Jungfrau, alle gehüllt in ihre -ewigen Eismäntel, nur ein klein wenig gerötet vor stiller<span class="pagenum"><a id="Seite_363">[363]</a></span> -Freude über das schöne sonnige Italien, das sich da unten -ausbreitet. – Dann kommt das Finsteraarhorn, St. Gotthard, -der Ortler usw. bis hin gegen das Adriatische Meer, -aus dem die Sonne emporgestiegen ist, deren feuchte Lichtschleier -niederwallen und die östliche Aussicht verdecken.</p> - -<p>Und über dieses Bild wölbt sich ein Himmel, nicht -mehr lichtblau, wie das Auge der Germanen, sondern scharf -und dunkel, wie der glühendste Blick der Italienerin. Ich -sah auf diesem Azurgrunde ein Sternchen flimmern am -heitern Morgen und ich sah und ich empfand, was das heißt: -ein italischer Himmel.</p> - -<hr class="chap" /> - -<h3 id="Von_der_Kirche_des_heiligen_Petrus">Von der Kirche des heiligen Petrus.</h3> - -<p class="h2desc">1872.</p> - -<p>Von der Peterskirche zu Rom wird erzählt in der -Stube. Da läßt die Magd ihr Spinnrad stehen, da lehnt -der Knecht sein Spanscheit hin – da horchen sie alle auf.</p> - -<p>Ja, die Peterskirche! Schon der Platz davor ist so groß, -daß zwei Kriegsheere nebeneinander Raum haben. Da sind -zwei Springbrunnen, in denen allweg' drei Regenbogen -stehen, schier Tag und Nacht; wenn diese Regenbogen einmal -verlöschen, dann kommt das jüngste Gericht. Einer, sagen -sie, ist schon verloschen. Und mitten auf dem Platz ist eine -hochmächtige Säule, die gibt am Sonnwendtag zwölf Uhr -mittags nicht so viel Schatten, daß eins eine Stecknadel -in denselben könnt' legen. Das ist, weil die Sonnen kerzeng'rad -obenauf – weil die Säulen just mitten auf der Welt -steht. Nachher ist eine Marmelstiege hinauf zur Kirche, -die neunundneunzig Stufen zählt, und deren Stufen so breit -sind, daß Roß und Wagen darauf kann fahren, – und so -lang, daß, steht an einem Ende der Jäger, am andern der<span class="pagenum"><a id="Seite_364">[364]</a></span> -Hirsch, beide voneinander nichts wissen. – Und die Kirche -selber ist aus weißem Marmelstein gebaut, und so groß, daß, -wenn neun Priester gleichzeitig in ihr predigen, einer den -andern nicht hört. Die Kuppel ist so hoch, daß eins von -ihr aus nach – Rom kann sehen? – nein, nach Jerusalem -hinein kann schauen. Und der goldene Knopf auf der Kuppel -ist so breit, daß darauf sieben Hochzeitspaare können tanzen!</p> - -<p>So wunderbar ist gewiß noch kein Bau erdacht worden -auf Erden, als sich die im steirischen Dorf ihre Peterskirche -haben erbaut. Es ist nur gut, daß in ihren Hecken kein -Wanderstab wächst, der sie nach Rom tät' führen, und daß -sie keine Stiefel haben, die oben auf der »Romstraße« verstünden -zu wandern – sie würden ja so enttäuscht sein.</p> - -<p>Bin ich's schier selbst ein wenig gewesen, obwohl sich -mein obiges Phantasiegebilde aufgelöst, als ich aus dem -Märchenleben heraus und zur ernüchternden Einsicht kam, -wie viel – wie wenig die Menschen im Verhältnisse zur -Größe ihrer Phantasie zu leisten vermögen.</p> - -<p>Freilich habe ich die Peterskirche in den sechs Stunden, -die ich ihr widmen konnte, gleichsam nur durch das Schlüsselloch -von Alessio gesehen. Indes, wenn nach der Berechnung -eines weisen Mönchs neunundneunzigtausend Engel Platz -auf einer Nadelspitze haben, so wird der goldene Knauf der -Kuppel von Sankt Peter auch ein entsprechender Tanzboden -sein für die sieben bäuerlichen Hochzeitspaare, ohne daß just -wegen Raummangels gerauft werden müßte.</p> - -<p>Es war am Morgen des 6. September 1872. Ich kam -durch das dunkle, schmutzige Gassengewirre zur Engelsbrücke.</p> - -<p>Ich schlich an der finsteren Engelsburg vorbei; eine -Teufelsburg kann nicht finsterer aussehen, man betrachte -nur! Eine trotzige Runde, einst eine Totenstätte, dient<span class="pagenum"><a id="Seite_365">[365]</a></span> -sie jetzt zum Gefängnisse für Lebendige, »treu beschützt von -den Engeln«.</p> - -<p>Ich ging durch die lange, staubige Borgo Nuovo; diese -endet plötzlich und siehe, ich stehe auf dem berühmtesten Platz -der Erde – auf der Piazza di San Pietro. Da ist ein Feld -mit Quadern bepflastert, da sind zwei weißschäumende Springbrunnen, -Silberpaletten, auf denen die Sonnenstrahlen just -ihre Farben mengen zu einem Regenbogen. Und mitten -steht der hohe Obelisk mit heidnischen Hieroglyphen und -dem eisernen Kreuze auf der Spitze. In diesem eisernen -Kreuze soll ein Stück des wahrhaftigen Golgathakreuzes -stecken. – Dann die prächtigen Kolonnaden, die zwei ausgebreiteten -Arme des Vatikans, mit denen er den Platz umschließt -– die ganze Welt umschließen möchte.</p> - -<p>Und im Hintergrunde, sanft erhöht über marmornen -Stufen, steht breit und behäbig und stolz der rötlich schimmernde -Quadernbau – der größte Tempel der Welt, der -Dom des heiligen Petrus. – Von der Kuppel sieht man -nur die dunkle Dachrundung und die Laterne über den -Vorderbau herüberragen.</p> - -<p>Eine Glocke dröhnte schwer, dumpf, zur siebenten Stunde. -Ich tat einen Blick nach dem über den Säulengang aufragenden -Vatikan, einen Blick nach den riesigen Statuen -der Apostel Petrus und Paulus, die an den beiden Seiten -der Freitreppe stehen, und stieg hinan zu den Säulen der -Fassade – zur Pforte. Die Vorhalle ist so groß, daß ein -paar Dorfkirchen mit Turm und Sakristei leicht darin Platz -haben. Ich schritt durch das Portal, schob einen der schweren -Ledervorhänge bei Seite und stand nun in dem Raum -der Kirche. Da war nicht die ernste Dämmerung eines -gotischen Baues, da war die lichte Heiterkeit des romanischen -Stiles – alles, vom Fußboden bis zu den Höhen der<span class="pagenum"><a id="Seite_366">[366]</a></span> -Kuppel prangend in reichster Gold-, Marmor-Mosaikverzierung. -Aber die Größe der Kirche überraschte mich nicht. -Die riesigen Säulen, Fenster, Statuen und Bilder, dem -Verhältnisse des Baues entsprechend, waren mir täuschende -Maßstäbe; ich mußte mir sagen, die Kirche hat nicht mehr -der Pfeiler, Fenster, Altäre, Kapellen als andere große Kirchen, -die ich bereits gesehen. Anders aber, als ich meinen Blick -niedergleiten ließ von den Höhen der Gesimse auf die Menschlein, -die herunten auf der Bodenfläche herumglitten!</p> - -<p>Trotzdem belächle ich, was der Cicerone sagt: Das -königliche Schloß zu Berlin und die Stefanskirche samt -dem Turme zu Wien haben bequem nebeneinander in der -Peterskirche und Kuppel Platz.</p> - -<p>Ich begann meinen Rundgang. Ich kam zu der uralten -Bronzestatue des heiligen Petrus, an deren rechtem Fuß die -Gläubigen die Zehen weggeküßt haben, bis auf ein paar -Stümpfchen. Ich kam zu den Nischen, wo die katholischen -Schatzkästen stehen, darin der Kopf des heiligen Andreas, -das Schweißtuch der heiligen Veronika, ein Splitter des -Kreuzes Christi und die Lanze, welche Christum die Seitenwunde -stach. Diese Reliquien werden an Festtagen von -den hohen Loggien herab dem Volke gezeigt; näher besehen -dürfen sie nur Priester. – Ich kam zu der Säule, an -welche sich Jesus im Tempel Salomons gelehnt hatte. Die -Peitsche sah ich nicht, mit der er die Krämer hinausgetrieben. -– Ich kam zu der Kathedra, zum päpstlichen Thron, -den vier heilige Kirchenlehrer mit den Händen spielend schaukeln. -– Ich kam an Grabmäler der Päpste, an Statuen -und Mosaikbilder, und ich kam endlich zum Hauptaltare -in der Mitte der Kirche, zu dem Allerheiligsten der katholischen -Christenheit – zu der Grabstätte des Apostels Petrus. -Zwei Marmortreppen führen hinter dem Hochaltare hinab<span class="pagenum"><a id="Seite_367">[367]</a></span> -zu dem Grabe des großen Apostels. Ein Baldachin aus -Erz schützt vor dem hellen Lichtstrom, der hoch oben durch -die Kuppel hereinbricht, aber ein Kranz von zahllosen Lampen -brennt um diese Stätte Tag und Nacht, die Nische und das -Grab mit dem goldenen Gitter geheimnisvoll beleuchtend.</p> - -<p>Hier stand ich still und sagte mir, daß ich zu spät gekommen.</p> - -<p>Wie oft in meiner Kindheit, als ich in dem Dorfkirchlein -kniete oder im Walde saß, erfaßte mich die Sehnsucht -nach der Hauptkirche der Christenheit, nach dem Dome meines -Namenspatrons. Wenn in der Christnacht das Turmglöckel -klang, weit in den Wald hinein, so war mein Gedanke in -Rom bei dem hochfeierlich glanzvollen Weihnachtsfeste in -der Peterskirche. Wenn am Ostersonntagsmorgen die Pöller -knallten und die Sonne ausging, so weckte mich meine Mutter -aus dem Schlafe:</p> - -<p>»Bub', jetzt steht der Papst auf der Peterskirchen und -gibt seinen Segen der ganzen Welt; jetzt steh' aber geschwind -auf, sonst frißt deinen Teil die Katz'!«</p> - -<p>Ich sprang auf und hüpfte noch im Hemdchen hinaus -unter den freien Himmel und meinte, ich müßte den Segen -fliegen sehen in der klaren Luft. Aber so, wie ich Tags zuvor -die Glocken nicht sah, als sie nach den Chartagen von Rom -zurückkamen, so sah ich auch heute den Segen nicht. – Und -am Pfingstfeste war ich im Geiste wieder in der Peterskirche -und zählte die feurigen Zungen, die vom heiligen Geist auf -die Kardinäle niederträufelten. Ich war ein guter Katholik, -und lange schon erwachsen, habe ich noch Peterspfennige gegeben -von Herzen gern. – Und heute – kann ich an dieser -Stätte nicht beten …</p> - -<p>Auf einer Marmortafel an der Wand prangen die<span class="pagenum"><a id="Seite_368">[368]</a></span> -Namen der Bischöfe und Kardinäle, die im Konzil 1870 -für die Unfehlbarkeit gestimmt hatten.</p> - -<p>Aus einer Seitenkapelle erscholl der Chorgesang einer -Priesterschar. Ich trat hin, um zu sehen; es waren Domherren -in Purpur; nur wenige, die jüngeren, blickten mit -gefalteten Händen inbrünstig auf zu dem Bilde der gekrönten -Himmelskönigin mit dem Kinde; die anderen ließen ihre -Hände und Augen und wohl auch die Gedanken herumschweifen, -wo sie wollten. Andere, vielleicht fremde Priester, -aus weiten Landen kommend, durchschreiten feierlich die -Kirche und knien andächtig hin vor den Lichterkranz des -Hauptaltars und – weinen.</p> - -<p>Und wieder andere – wohl Laien im Chorrock – -huschen geschäftig hin und her, lächelnd sich jedem untertänig -als Cicerone anbietend, gar zuweilen mit einer Opferbüchse -schellend, die sie unter dem Rocke verborgen halten. -Das sind die Hausfliegen der Peterskirche.</p> - -<p>Über all' den Zeremonien und Gegenständen der Weihe, -der Kunst, über all' den Menschen, die gekommen sind aus -fernen Landen, um die hier bewahrten Schätze und Herrlichkeiten -und Gnadenquellen zu schauen und zu genießen, waltet -in der Kirche ein ewiger Werktag. In Seitenkapellen arbeiten -Steinmetze, an Altären klettern abstaubende und dekorierende -Diener herum, auf Gerüsten hämmern Maurer -und Zimmerleute, in Nischen und Winkeln klopft und scharrt -der Schlosser. Es wird ewig gebaut und ausgebessert, es -herrscht ein ewiger Stoffwechsel an dem Baue, sowie überall -auch in der Natur.</p> - -<p>Die Gerüste für Reparaturen stehen auf Rädern, daß -sie bequem von einer Stelle zur andern geschoben werden -können. Auch zur Fortschaffung des Kehrichts sind eigene -Wägelchen; der Bauer wird ungläubig den Kopf schütteln,<span class="pagenum"><a id="Seite_369">[369]</a></span> -wenn ich ihm sage: In der Peterskirche fahren die Mistkarren -herum, wie auf deinem Rübenacker.</p> - -<p>Und trotz all' diesen verschiedenen Dingen herrscht eine -gewisse Ruhe in den Räumen und fortan künden es die -riesigen Buchstaben oben rings der Kuppel: <em class="antiqua">Tu es Petrus etc.</em></p> - -<p>Wer die Größe des Baues noch nicht glaubt, der steige -auf das Dach und wandle zwischen den Tonnengewölben und -Giebeldächern und den sechs Kuppeln und den Laternen, -wie in einer Stadt von Kirchen und Plätzen mit Springbrunnen -sogar – und besteige den gewaltigen Koloß der großen -Kuppel und halte Aussicht von der Laterne über Rom, in -das Sabiner und Albaner Gebirge, in die Abruzzen und auf -das Mittelländische Meer. Und mag er gar hinaufklettern -bis zum »goldenen Knopf«, so wird er sich sagen: »Tanzen? -Sieben Hochzeitspaare?« –</p> - -<p>Dann aber, Freund, wenn du herabsteigst, durchwandere -nochmals die Kirche und labe dich an der Schönheit, Erhabenheit, -ehe du von dannen ziehst. Du magst durch alle Länder -der Erde reisen, alle großen Städte durchforschen, einen -solchen Tempel wirst du nimmer finden. Hier, in dem -Dome und im Vatikan hast du der Baumeister und Bildner -größte Werke gesehen; hier bist du auf der Höhe und an der -Grenze der menschlichen Kunst. Höher kann die Flamme des -Genius nicht mehr lodern – der Atem Gottes bläst -sie aus.</p> - -<p>Einen Monat später war ich wieder in meiner kleinen, -stillen Dorfkirche und fühlte die Nähe des Herrn.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_370">[370]</a></span></p> - -<h3 id="In_den_Ruinen_von_Pompeji">In den Ruinen von Pompeji.</h3> - -<p class="h2desc">1872.</p> - -<p>Eine große Vorwelt ist versunken – hat nichts zurückgelassen, -als hier ein Marmorstück, dort ein Erzgebilde, -anderswo ein eingegrabenes Zeichen, das wir nicht verstehen -können. Und die Tradition, entstellt, durch die Phantasie -verzerrt, lautet weiß Gott, wie anders als die Wahrheit! -– Wie's immer sei, viel zu wenig Buchstaben für -uns, als daß wir lesen könnten. Wir kennen das öffentliche -Leben der Römer, wir kennen ihre Verfassung, ihre Gesetzgebung, -ihre Kriege. Wir fanden hie und da eine Spur ihrer -Priester, ein Lied, ein Buch ihrer Dichter. Das ist schier -alles. Es war eine Zeit, die verständnislos wie eine Stubenmagd -mit dem Besen alles wegfegte und verwischte, was -dargestellt war.</p> - -<p>Zum Glück nahm sich die Mutter Erde an und verbarg -vor der Vernichterin ein Stück Altertum in ihren Schoß, -um es uns, der forschenden Nachwelt, aufzubewahren.</p> - -<p>Pompeji und Herkulanum – ich wüßte nicht, daß sie -die latinischen Sodom und Gomorrha waren – und doch kam -Feuer und Schwefel von oben.</p> - -<p>Eine andere Absicht mußte es sein, als nach Christi -Geburt 79 die Gewalten des Vesuv zu wüten begannen, -die Lava wild qualmend bei Tag und hell erglühend in den -Nächten niederströmte zu den Wohnungen der Menschen, und -der Aschenregen und der Bimssteinschauer die Städte -begrub.</p> - -<p>Damals lag Pompeji hart am Meere, das seitdem -zurückgewichen ist; es mag ein wesentlicher Stapelplatz für -die weiter einwärts gelegenen Ortschaften gewesen sein. -Sechzehn Jahre vor der Verschüttung ist die Stadt durch<span class="pagenum"><a id="Seite_371">[371]</a></span> -ein Erdbeben halb zerstört worden. Die damaligen Christen -glaubten, diese Zerstörungen seien eine Strafe des Himmels -gewesen für die Christenverfolgungen, die unter den damaligen -römischen Kaisern stattgefunden hatten, und für den Martertod -der zu Rom hingerichteten Apostel Petrus und Paulus.</p> - -<p>Authentische Aufzeichnungen des schrecklichen Vesuvausbruches -im Jahre 79 liegen nicht vor. Das Unheil war eben -begraben in sich selbst – und die Lavamassen lagen starr -und verschwiegen über der Todesstätte. Pompeji mochte -an Ausdehnung die Größe der Stadt Linz gehabt haben; -Einwohner werden weniger gewesen sein, da die Bauten -bei weitem nicht so groß waren, als das in den heutigen -Städten der Fall ist.</p> - -<p>Vielleicht stand auf dem ungeheueren Grabe noch lange -Jahre hindurch da und dort ein Turm, eine Zinne hervor, -wer kümmerte sich darum? Der Landmann baute seine Felder -und Weingärten darüber; Feigen und Maulbeerbäume und -Pinien und der ganze Wald des Südens wuchs darauf, und -Landhäuser und Dörfer wurden, und der Vesuv schlummerte, -und der kantige Gebirgswall von Sorento bis Palma hielt -Wache und schloß es ein, das schöne, stille, fruchtbare Tal, -und der klare Sarno rieselte dahin und ins Meer, Jahrhunderte -und Jahrhunderte lang – und Pompeji und Herkulanum -waren vergessen.</p> - -<p>Siebzehnhundert Jahre zogen dahin, bis das forschende -Geschlecht herankam aus dem Norden; da enthüllte die Mutter -Erde ihren verwahrten Schatz und zeigte der neuen Zeit -die alten Römer, nicht wie sie herrschten auf dem Tribunal, -nicht wie sie rangen auf dem Felde oder in der Arena, -sondern wie sie lebten in ihrem Hause, in der Familie. -Das war ein ganz neues Blatt in der römischen Geschichte -und vielleicht wichtiger, wie manch' anderes.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_372">[372]</a></span></p> - -<p>Im Jahre 1748 ließ Karl III. von Neapel auf den -ungeheuren Aschenhügeln Pompejis den ersten Spatenstich -tun, doch erst in neuester Zeit haben die Ausgrabungen einen -solchen Fortgang genommen, daß heute das reinste und -klarste Bild der Stadt – getreu bis auf das Nachtlämplein -und das Stückchen Mosaik – bis auf die Knochen -der Bewohner – vor uns daliegt. Die begrabene Stadt -starrt uns an, wie ein unerlöstes Gerippe, das nicht zerfallen -darf, weil es Zeugnis geben muß.</p> - -<p>Der Weg von Neapel, zwischen den sonnigen Fluten -des Meeres und den unterirdischen Gluten des Vesuv hin, -bereitet würdig auf Großes vor. Er führt über Lava und -Ruinen: aber mitten in den Ruinen prangen Gärten. Und -da stehen zwischen dem schwarzgrauen Gemäuer Brunnen, -an denen Esel Wasser emportreiben, und Weinlauben, unter -welchen Hüter und Eseltreiber und Ciceroni auf dem Rücken -liegen und auf die Feigen und Trauben warten, die ihnen -ja, wenn heute nicht, so morgen in den Mund fallen müssen. -Wir gehen über Herkulanum, aber diese Stadt ist nicht ausgegraben, -doch sind neue, blühende Ortschaften aus ihr -hervorgewachsen. Zwischen den Ruinen selbst prangt die in -Italien allgegenwärtige Gartenkultur, und da stehen Villen; -und manches Haus ist aus Lava gebaut, mit Lava gedeckt, -aber trotzig bleibt es stehen, bis etwa eines Tages -neues Baumaterial von den Höhen des unheimlichen Berges -niederschießt.</p> - -<p>Der Weg verläßt das Meer, biegt links in das Tal, -wohl ein wenig abseits von dem ewig drohenden Vesuv. Man -sieht es aber dem stillen, wie träumenden Gesellen nicht -an, daß er die Hölle im Herzen trägt, daß er imstande ist, -das halbe Tyrrhenische Meer zu beleuchten und das ganze -südliche Italien mit Asche zu bestreuen. Aber die Menschlein<span class="pagenum"><a id="Seite_373">[373]</a></span> -sind zutraulich und streicheln den schlummernden Löwen -und krabbeln an ihm hinauf mit ihren Häusern und Gärten. -Und plötzlich wird er wach.</p> - -<p>Hier, von Pompeji ein Erdwall, durch den eine -gewölbte Pforte führt. Wie durch ein Friedhofstor gehen wir -hinein und stehen in der zugrunde gegangenen Stadt.</p> - -<p>Neapel und Pompeji. Dort das tolle, übermütige rasende -Leben, die alles bewegenden Leidenschaftskämpfe von vierhunderttausend -Menschen; hier – alles vorüber. Die Geschichte -dieser Stätte ist erfüllt – tretet leise auf die Steinplatten, -störet den Frieden der Ewigkeit nicht!</p> - -<p>An dem, was in Pompejis Ruinen am bedeutendsten -scheint, am Forum, an den Tempeln, an den Theatern, ging -ich nach kurzer Besichtigung vorüber. Ich wandelte durch die -geraden Gassen, deren mächtige, unregelmäßige Pflasterblöcke -aus Lava noch die Furchen der Räder zeigen, und ich ging -in die Häuser, die sich nicht auszeichneten, wo aber die -Menschen gelebt, geliebt, gehaßt haben, gestorben sind. Auf -Wandgemälden ließ ich meine Augen gern ruhen, die voreinstigen -Bewohner taten's ja wohl auch – es waren hier schöne -Gestalten dargestellt auf dunkelrotem Grunde; und ich fragte -die Mosaikkörnchen auf den Fußböden, ob sie nicht Kunde -wüßten von Haus und Heim des alten Geschlechtes. Aber -Kunde hiervon geben nur Inschriften, Statuen, Hausgeräte, -Schmuckgegenstände, Särge usw. im Museum zu Neapel. -Diese Räume sind leer; all' das Wiedergefundene ist im -Museum aufbewahrt; schier ganz Pompeji ist uns wieder -geworden; den Sarg und die Vasen und den Todesschmuck -hat das Grab gegeben, nur den Menschen nicht. Was wir -hier sehen, ausgegrabene Buchstaben sind es nur eines versunkenen -Blattes der Weltgeschichte, aber sie sind nicht blutbefleckt, -wie die Ruinen der Kaiserpaläste in Rom – ein<span class="pagenum"><a id="Seite_374">[374]</a></span> -stilles Willkommen rufen sie uns zu und laden uns ein -in das Haus des römischen Bürgers.</p> - -<p>Die Häuser sind niedrig und dachlos, aber die Mauern -sind noch gut erhalten oder ausgebessert. Hie und da führen -enge Steintreppen empor zu dem Dachraum. Spuren von -Feuerherden, Bettstätten, Hausaltären finden sich, noch mit -Götterbildern versehen, aber viel häufiger die Vertiefungen -der Bäder mit Säulengängen ringsherum. Das Bad ist -den Römern der Mittelpunkt der Genüsse gewesen. Die -engen, niedrigen Türen haben bequeme Antrittssteine und -sind noch mit Holzpfosten eingelegt. Sehr spärlich sind die -Fenster, sie gehen in den Hofraum; und es muß, wenn -der Hausvater so bei den Seinen saß (das scheint aber nicht -gar oft geschehen zu sein), sicherlich die heilige Vestaflamme, -das Herdfeuer, allein gewesen sein, welches den Raum -erhellt hat.</p> - -<p>Wenn auch die malerische Ausschmückung der Wände, -der bunte Stucküberzug der Säulen, die Muschelmosaik der -Altäre, Bäder und Fußböden überall mannigfaltig ist, so -sind doch, außer den öffentlichen Gebäuden, die Häuser und -inneren Räume ziemlich einförmig. Sollten sie nach tausend -Jahren etwa Neapel einmal aus der Asche des Vesuv hervorgraben, -so wird es hierin weit mehr zu staunen geben.</p> - -<p>Die Verschüttung Pompejis kann nicht plötzlich vor sich -gegangen sein, sie mag stunden-, ja tagelang gedauert haben, -und doch hat man in den Ruinen Hunderte von Leichen -gefunden. Sie wollten sich nicht trennen von ihren Wohnstätten, -oder waren krank, bresthaft, gefangen und wurden -vergessen, oder sie haben in Rauch und Staub den Ausweg -nicht gefunden und sind erstickt. Erwürgt und verscharrt von -der Natur werden sie nach langer Grabesruh' zum Tageslicht -erhoben. – Wie ehedem leuchtet wieder die Sonne, wogt<span class="pagenum"><a id="Seite_375">[375]</a></span> -das Meer, droht der Vesuv. Es ist dieselbe Welt wie einst – -die Natur ist nicht älter geworden; Millionen sind geboren, -gestorben – aber das Menschengeschlecht ist noch jung und -bereitet sich vor für künftige Jahrtausende.</p> - -<p>Ein kleines Mädchen, wahrscheinlich das Kind eines -Aufsehers, spielte in einem dieser stillen Hofräume mit bunten -Steinchen. Es baute sich damit eine Pyramide und klatschte -in die Händchen, als sie fertig war. Die Abendsonne fiel -schief in das Gemäuer, färbte die Wände und Säulen rot, -färbte des Kindes Antlitz rot und die Äuglein glühten in -Freude. Da dachte ich: Schicksal, du hast hier Menschen -und Menschenwerke vernichtet, das war unsäglich Jammer -und Not. Gut denn, es ist vorüber, aber warum fängst -du mit diesem Kinde von Neuem wieder an?</p> - -<p>Über das Gemäuer sah ich den bläulichen Vesuv ragen; -violett war er in dem Abendsonnenäther, als es in den -Ruinen schon zu dunkeln begann. Ein braunes, leichtes -Bändchen schwebte über dem Kegel, und löste sich auf in den -Lüften, und zog immer wieder nach, so sanft und mild, wie -zur Winterszeit ein Hauch aus warmer Brust.</p> - -<p>Der Abend lag über der zerstörten Stadt, der Halbmond -hing darüber. Ich war allein in den weitläufigen -Ruinen. Einen Hügel stieg ich hinan, der noch große Teile -Pompejis birgt und da lag ich stundenlang auf einem Stein -und träumte. Jeremias sang Klagelieder auf den Trümmern -Jerusalems. Was sollte ich klagen? Lieber fragen. – Mir -war Welt und Menschheit wie ein Fragezeichen.</p> - -<p>Es war eine stille, milde Nacht; nur von dem Meeresufer -wehte das Anprallen der Wellen an das Gestein leise -herüber. Die Wölklein über dem Kegel des dunklen Vesuv -waren ein wenig gerötet. Das Tal schwieg; in dem Gemäuer -löste sich zuweilen ein Steinchen und bröckelte nieder …</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_376">[376]</a></span></p> - -<p>So weit ist meine Wanderschaft gegangen, daß ich zu -einer Stadt gekommen bin, auf deren Hauptstraßen bestaubte -Gräser wuchern, und über deren Forum das Eidechschen -schleicht. –</p> - -<p>Und als der Wanderer diese seltsame Stätte, dieses -stumme, eherne Traumbild gesehen, da lenkte er seine Schritte -wieder der nordischen Heimat zu.</p> - -<p>Der Mond sank nieder zum Meere und zog einen -glänzenden Streifen über das Gewässer gegen das Auge. -Noch einmal warf er seinen erblassenden Strahl auf die -bleichen Felsen von Sorrent, auf den finsteren Vesuv, auf -die Ruinenstadt. Dann spielte er mit den zitternden Wellen -des Meeres und stand auf der Linie des Horizontes wie ein -goldenes Schifflein.</p> - -<p>Da – ehe der Halbmond noch versank in dem Gewässer, -– war ein schwarzes Täfelchen in ihm. Es war -wohl das Segel eines fernen Schiffes.</p> - -<p>Endlich versank die Leuchte langsam – nur noch ein -Spitzchen, nur noch ein Sternchen blieb zurück, dann verlosch -auch dieses in den Fluten.</p> - -<p>Das Segelschiff aber trieb – Gott schütze seinen Lauf! – -in tiefer Nacht auf weiten Wassern, und Friede war über -den Ruinen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<h3 id="Auf_den_Wassern">Auf den Wassern.</h3> - -<h4>I.</h4> - -<p>Da ich noch Kind gewesen, war es unser rieselnder -Hausbrunnen, dem ich mein Fingerlein hinhalten mußte, -daß es naß werde. Da ich ein Knabe gewesen, war es das -klare Bächlein, in das ich mein kleines Flügelrädchen hineinbaute -und aus dem ich die Forelle zog, um sie wieder hineingleiten<span class="pagenum"><a id="Seite_377">[377]</a></span> -zu lassen. Da ich ein wandernder Junge gewesen, -bin ich am Bächlein entlang gezogen, bis es ein Bach ward, -und dem Bache, bis er zum Flusse wuchs; und ins Himmelsgewölbe -schaute ich hin, dort wo es in sonnigem Äther niederging -über die Ebene, und dachte: Jene Lüfte, jene fernen -Wölklein stehen über dem Donaustrom. – Über hohe Stege, -über lange Brücken zu gehen, rauschende Wehren, brausende -Wasserfälle mit ihrem weißen Schäumen und ihrem Wasserstaub -zu sehen, welch eine Lust! Da lag der Fluß glatt wie -ein See, dunkel zwischen Weiden auf der Ebene hin und -hin; dort rieselte er in kräuselnden Wellen leicht am Sande -des Ufers spielend oder wallte über schwarzgrünen Tiefen -still und wuchtig dahin. Und wieder in Engtälern zwang -er sich brausend und gischtend zwischen Wänden und Felsblöcken -fort. Damals fiel es mir auf, daß ein rasch fallender -Fluß weniger wasserreich erscheint, als ein still dahinfließender -von der gleichen Größe.</p> - -<p>Dann die Seen im Gebirge mit ihrem Wogenschlag am -Ufer, mit ihren sagenreichen Tiefen und mit ihren Fahrzeugen! -Als ich auf solchem See das erste Segelschifflein -sah, wunderte ich mich überaus, daß solche Dinge, wie man -sie nur in Bildern so oft gesehen, tatsächlich in der Welt -vorkämen und daß ich vor einem derselben stand.</p> - -<p>Meine Lebenssonne stieg schon empor gegen den heißen -Zenit, ich hatte schon Stürme erfahren, äußere und innere, -ich war schon Sünder und Büßer gewesen – als ich zum -erstenmal das Meer sah. Es war das adriatische. Ich fühlte -mich im ersten Augenblick schier ein wenig enttäuscht, so wie -es mir stets bei allem Großen ergangen ist, zu welchem eine -ausschweifende Phantasie im vornherein die Vorstellung gefälscht -hatte. Zum zweitenmal sah ich das Meer in der ernsten, -düster bewegten Ostsee. Es war eine grollende Ödnis<span class="pagenum"><a id="Seite_378">[378]</a></span> -über derselben, eine nordische Ossianstimmung. Zum drittenmal -sah ich das Meer in der Nordsee. Dort nahm ich es mit -ihm auf. Es trug mich hinaus, daß ich kein Land mehr sah -und kein Schiff außer dem meinen, nichts als das hohe wogende -grüne Meer unter unendlichem Himmel. Es ist ein -Vorwitz, dachte ich mir damals, daß der Mensch mit seiner -zuckenden Nußschale sich dieser unermeßlichen Gewalt hingibt. -Es waren drei große Tage und Nächte für mich, so -auf dem leibhaftigen Tode dahinzugleiten und ich fühlte, -wie es doch lächerlich ist, ein Menschlein zu sein und zu -wähnen, daß man die Welt beherrsche. Aber der Menschlein -Mut rührt die Götter oder macht ihnen Spaß, und -<em class="gesperrt">freiwillig</em> gibt die See das Schiff zurück.</p> - -<p>Zum viertenmal sah ich das Meer im sonnigen Süden -von Genua und in Neapel. Das mittelländische, es ist -das freundlichste, auf dem noch der Hauch der klassischen -Schönheit zu schweben scheint.</p> - -<p>Seither hat mich die Sehnsucht nach dem Meere nicht -mehr verlassen; ja in dem Maße, als mir das Geschick -die Hochgebirgswelt versagt, steigert sich mein Hang zum -Meere. Andere wallfahrten nach den Gletschern des Glockners, -ich zur Küste von Miramare.</p> - -<p>Schon die Fahrt dahin macht Stimmung. Da löst -man sich mählich los von den grünen Bergen der Steiermark; -es kommt die unterländische Ebene mit ihren saftigen -Wiesen, in der Ferne Weinberge. Durch ein fast -wildes, schattenreiches Gebirge fährt man ins Land der -Krainer; wir gleiten über die Laibacher Ebene, in welche -die weißen Steiner Alpen herableuchten. Dann kommt -der Karst. Eine Mondlandschaft mit Schründen, kahlen -Bergen und kraterartigen Vertiefungen. Diese Vertiefungen -entstanden, als die Oberfläche hinabsank in die Höhlen.<span class="pagenum"><a id="Seite_379">[379]</a></span> -Keine geschlossenen Felsen hier, sondern eine endlose -Wüste von losen, grauen Steinen, jeder malerisch für -sich, jeder im Mondscheine wie beschneit erglänzend zwischen -scharfen Schatten. Die Bora hat sie blosgewühlt -und den Erdstaub dahingeweht. Hunderte von Äckerlein, -Wieslein und kleinen Weiden sind mit hohen Steinmauern -eingerandet, zu sehen wie Kirchhöfe in armen Heidedörfern. -Dort und da ein Strauch, eine verkümmerte Eiche. -In den Mulden und Schluchten stehen kleine Dörfer nach -italienischer Bauart, mitten in Weinreben, und darüberhin -ziehen sich streckenweise die hölzernen Schutzwände der -Eisenbahn gegen Schneewehen. Der Süden und der Norden -streiten hier auf dem Karst um die Herrschaft. Der -Süden ist zurückgedrängt worden vielleicht zur Zeit, als die -Veneter in dieser Gegend die Piloten holten zu ihrer -Wasserstadt. In neuer Zeit scheint der Norden wieder -weichen zu müssen; denn man ist daran, den Karst aufzuforsten, -wovon schon heute stellenweise so erfreuliche Anfänge -zu sehen sind, daß Triestiner behaupten, man merke -bereits die Zähmung der Bora.</p> - -<p>Auf dem ganzen Karst hat der Reisende das Gefühl, -als ob ihn die Eisenbahn über das ungeheure Plateau -eines hohen Gebirges dahintrage. Bei Nabresina erreicht -die Steinwüste den höchsten Grad, da biegt sich die Bahn -nach links, geht durch einen Felseinschnitt, wie es deren -auf der Strecke zahlreiche gibt, und der Blick des Reisenden -fliegt plötzlich wie befreit hinaus in eine unabsehbare -graue Ebene, dort und da der lichte Punkt eines Gebäudes. -Das adriatische Meer. So nahe ist es da, daß -man meint, es mit einem Steinwurf erreichen zu können. -Aber es ist tiefer unten, als es scheint, so tief, daß es -uns auch in bewegtem Zustande wie eine glatte ruhige<span class="pagenum"><a id="Seite_380">[380]</a></span> -Fläche daliegt. Die lichten Punkte in der Ferne sind -freilich Gebäude, aber schwimmende.</p> - -<p>Der Gegensatz, aus der Steinstarrnis so jäh vor die -weichen, ewig lebendigen Wässer versetzt zu sein, wirkt, -und den möchte ich kennen, der, zum erstenmal das Meer -sehend, in diesem Augenblick nicht eine Aufwallung seines -Wesens verspürte, nicht ein Feuchtes in seinem Auge – -die Träne am Meere.</p> - -<p>Miramare heißt das Schloß, das dort unten aus -der Landzunge scharf am Rande steht, mit seinen weißen -Zinnen einsam und melancholisch hinausschaut auf das -Meer. – Miramare heißt es. Den Namen hat ihm der -gegeben, um den es trauern wird, bis dereinst der letzte -Stein auf ihm niedersinkt in die Flut. –</p> - -<p>Links von diesem Bilde, im Hintergrunde, wo sich -das Meer einbuchtet, liegt im stattlichen Halbkreise das -stolze Triest.</p> - -<p>Aus dem Bahnhofe von Triest tretend, steht man am -Hafen. Fast erschrickt die Landratte vor den Ungeheuern -der Dreimaster, die mit ihren turmhohen Stämmen und -gekreuzten Takelwerken geisterhaft vor ihr stehen. Vielleicht -ist sie eine mathematiklustige Natur und will die -Dampfer und Segelschiffe alle zählen, die bis zum Leuchtturme -hin im Hafen liegen. Ja, die Landratte wird -dieses Unternehmens bald müde sein. Das ganze buntbewegte, -laute Hafenleben stockitalienischen Charakters betäubt -sie. – Plötzlich versetzt in eine neue Welt! Da -verliert mancher den Kopf, mancher nur den Hut, den -ihm die Borina tückisch vom Haupte reißt und ins Meer -hinauswirft. Schon gleitet ein Nachen hin, sich gelenkig -windend zwischen Kähnen, Ankerfesten, unter den schwarzen -Bäuchen der großen Schiffe am Molo und bald überreicht<span class="pagenum"><a id="Seite_381">[381]</a></span> -der Matrose, heitere Worte hell in welscher Sprache -rufend, den Hut, ewig höflich und ewig unzufrieden mit -der Gabe, die man ihm reicht. Den Hut setzt man auf -und denkt: er wird schon wieder trocken. Trocken wird -er und hat eine graue Kruste – vom Salz des Meeres. -Das alles macht der Landratte unendlich viel Spaß.</p> - -<p>Ganz eigentümlich angenehm berührt mich am Meeresstrande -allemal der Gedanke, daß man hier im Vorhofe -aller Weltteile sei, gleichsam in der Vorhalle zu Alexandrien, -Neuyork, San Franzisko, Kalkutta. Schon im Hochgebirge -streift sich der kleine persönliche Egoismus ab; -auf dem Meere löst sich auch der große, nationale auf -– das Herz weitet sich kosmopolitisch, befreit sich.</p> - -<p>Darum hat sich der russische Kriegsdampfer so patzig -ausgenommen, der an jenem Tage, als ich in Triest war, -mit Kanonengebumme in den Hafen einlief. Solcher Seevagabunden -schürfeln viele auf dem Mittelmeere herum, -auch Haifische, wovon vor wenigen Jahren einer nach -Triest kam und jenem im Meere badenden Mann den -Fuß wegbiß. Der Angefallene wurde vor dem Ungeheuer -noch gerettet, verfiel aber vor Schreck und Grausen in -einen Starrkrampf, an dem er nach wenigen Stunden -gestorben ist.</p> - -<p>Ich pachtete mir einen kleinen Segler und zwei Matrosen -und gebärdete mich wie ein Schiffskapitän, der eine Reise -um die Welt unternimmt. Dabei Erinnerung an meine -Heldentat im Meerbusen von Sorrent. Als mich dort -vor Jahren mein Jollenführer aufs hohe Meer hinausgerudert -hatte, begehrte er das Dreifache der von uns -früher genau und fest vereinbarten Löhnung. Da ich nicht -darauf einging, drohte er, mich nimmer ans Ufer führen -zu wollen. Ich konnte mich mit dem Manne auf italienisch<span class="pagenum"><a id="Seite_382">[382]</a></span> -nicht anders verständigen, als daß ich zornig den -Arm erhob und mit einem echt steierischen: »Himmelsaggra, -Kerl, ih hau dir ani aba!« mir mein gutes -Recht verschaffte. Ja, ja, wer steirisch spricht! … »Hau -dir ani aba!« ist Volapük. Mit der richtigen Gebärde -allgemein verständlich.</p> - -<p>Meine Herren Matrosen hier in Triest aber kreuzten -im Hafen, über dessen Spiegel der Wind dort und da -kräuselnden Schaum aufhobelte. Sie waren nicht hinauszubringen -auf die hohe See, auf der die weißen Gischten -sprangen. Sie könnten der heftigen Bora wegen nicht -mehr zurück. – Wer sagt, daß ich zurück will? Ihr -bekommt für die Stunde einen Gulden, ob wir nun nach -Miramare segeln oder nach Sidney. – Hierauf ging's -hinaus. Der Wind pfiff im Segel und die dunkelgrünen -Wasser wogten in bauchigen Wellen und scharfen Kämmen -und gebärdeten sich wütend gegen unser armes Schifflein, -dessen Bord zu einer Seite schier unter Wasser tauchen -wollte, so sehr wir die entgegengesetzte Seite mit unserem -irdischen Gewichte zu beschweren suchten. Die Matrosen -waren stets mit ihren Ruderstangen, mit den Segeltauen -beschäftigt und hereinspritzender Gischt und Schweiß rann -ihnen vom braunen Gesicht. Mitunter stießen sie einen -Ruf aus, der im Brausen nicht gehört wurde. Ich stemmte -mich mit den Füßen stramm gegen die tiefgehende Wand -und schaute hinaus. Eine anspringende Welle schlug mir -die Brille von der Nase, was auch ganz gut war, denn -sie war schon sehr stark mit Salzkrusten belegt, daß ich -damit nichts mehr gesehen hatte.</p> - -<p>Der Karst lag bereits in grauer Ferne, durch welche -Triest in unbestimmten Umrissen, wie ein gelblichweißer -Steinhaufen, schimmerte. Vor mir lag die ungeheure Anhöhe<span class="pagenum"><a id="Seite_383">[383]</a></span> -des Meeres. Es zeigt sich nicht wie eine ebene Fläche, -sondern wie eine schwellende Höhung, üppig und fessellos, -als überflute es sich selbst immer und überall. Auf -Landseen frägt man sich manchmal nach der Tiefe oder -Untiefe des Grundes. Auf dem Meere denkt man nicht -mehr daran, denkt nicht an Berg und Tal da unten, -nicht an das Gold, nicht an die Schiffstrümmer und -Gebeine, die unten ruhen mögen, denkt auch nicht an die -Ungeheuer des Tierreiches, die im Innern des Gewässers -herrschen. So ganz nehmen die Erscheinungen der Oberfläche -den Neuling gefangen.</p> - -<p>Es gibt wahrscheinlich Leute, die sich das Meer unter -dem sonnigen Tage licht und glitzernd denken als durchsichtiges -Wasser, spiegelnd wie Kristall, blendend für das -Auge und am Horizont mit dem Himmel allmählich sich -verwebend, wie der ferne Gesichtskreis in einer Landschaft. -Das Meer ist anders. Es ist dunkel und glanzlos, in -einem tiefgesättigten Grau, Blau oder Grün, auf welchem -sich die weißen Schaumfetzen schuppenartig und zuckend -abheben. Die auch bei stürmischer See schnurgerade und -ruhige Linie des Horizontes ist scharf geschnitten, unten -das dunkle Gewässer, oben der lichte Himmel. Unbegrenzt -und doch die Grenze scharf vor dem Auge. Dieses ungeübte -Auge weiß auf dem hohen Meere aber nicht, ist die -Gesichtsgrenze wenige Stunden oder viele Meilen weit -entfernt, es ist immer, als ob eine nahe Wasserhöhe die -natürliche Sehweite einengte. Erst wenn in der Kimmung -ein Schiff auftaucht, gewinnt man einen Maßstab -für die weite Fläche, die man überblickt. Wenn etwa -zur Mittagszeit draußen auf der Schneide ein kleiner Punkt -erscheint, so hat man am Nachmittag wohl allmählich die -Gestalt eines Segelschiffes vor sich, aber erst am Abend<span class="pagenum"><a id="Seite_384">[384]</a></span> -steht es uns so nahe gegenüber, daß man die Einzelheiten -seines vielgliederigen Takelwerkes erkennen kann. Ein andermal -vermeint man das schimmernde Segel eines Fischerkahnes -zu sehen, aber plötzlich fliegt es in die Lüfte auf, -eine Seemöve ist's, wie diese Vögel ja des Menschen treue -Begleiter sind auf den Wassern, weil von den Ablagerungen -der Schiffe oder von der Beute derselben manches für sie -ausfällt.</p> - -<p>Wunder nimmt die ewige Reinheit des Meeres. Was -fließt nicht alles da zusammen, welche Abfälle von den -großen schmutzigen Seestädten, von den tausenderlei Fahrzeugen, -welch ein Wust von Dingen, die weder untergehen, -noch sich auflösen können, wird ins Meer geworfen. Nichts -von all dem ist zu sehen, selbst in den Häfen nicht. Seit -vielen tausend Jahren gleitet die schmutzige Geschichte der -Menschheit millionenfach über die Meere – sie müßten -Jauche geworden sein. – Das Meer ist rein wie am Tage -der Schöpfung. Dieselbe, ewig menschliche Spur verzehrende, -reinigende Kraft wie im Walde, wie in der Luft, -ist auch im Meere. Nichts, gar nichts haben die Geschlechter, -die Völker dem Meere anhaben können, es ist -heute, wie es vor dem Menschen war.</p> - -<p>Der Sonnenstern vermag tagsüber das Meer nicht -zu durchdringen, es bleibt selbst unter heiterem Himmel -immer eine gewisse Dämmerung darüber ausgegossen. Erst -mit dem Untergange der Sonne zeigt sich ein helleres -Licht und Farbenspiel. Die Sonne wird röter, je tiefer -sie sinkt, und fast am Rande des Meeres angelangt, ist -ihre untere Hälfte matt und dunkelglühend, während die -obere noch heller leuchtet. Dadurch erscheint die Scheibe -wie eine von oben her beleuchtete Kugel. Dieser glühende -Ballen taucht nun in weit größerer Gestalt, als er je am<span class="pagenum"><a id="Seite_385">[385]</a></span> -Zenite gestanden, ins Meer; es ist einem, als müsse man -das Zischen hören, wenn die Sonne hineinsinkt. Das Meer, -in welches sie taucht, ist schwarz wie Tinte, es widerspiegelt -nichts, nur die Wellen, die unser Schiff umgeben, haben -einen flüchtigen Perlmutterglanz. Noch sieht man der Sonnenscheibe -Hälfte, sie ist glanzlos, als sauge sie sich bereits -an Wasser voll. Endlich ist nur mehr der oberste Rand -da – man könnte meinen, am Horizont stehe ein brennendes -Schiff; der letzte lodernde Punkt verzuckt – dann ist -alles verloschen. Auf den Gewässern ist es ruhiger geworden, -keine Bora mehr, kaum eine leichte Brise, das -Wogen der Wellen ist ein Wiegen geworden. –</p> - -<p>Kehren wir um. Die Sterne des Himmels müssen -den Weg weisen, bis das drehbare Licht des Triester Leuchtturmes -uns begrüßt. Allmählich taucht auch das Geflimmer -der Stadt auf, die Signallichter der Masten und endlich -sehen wir die zickzackigen Streifen der sich im Wasser -spiegelnden Laternen des Molo.</p> - -<p>Das kleine geschäftige Treiben der Menschen ist sehr -possierlich nach einem solchen Versunkensein in der großen -Natur. Und noch possierlicher ist es, daß man sich alsbald -auch selber wieder hineinmischt, mit einer Wichtigtuerei, -als hänge das Heil der Welt ab von unserem alltäglichen -Hasten. Unser eigenes hängt freilich ab von diesem -Kampf ums Dasein; wenn das Dasein doch nur mehr -solche Momente hätte, als ich erlebt da draußen auf See -in der sanften Gewalt Gottes.</p> - -<h4>II.</h4> - -<p>Abbazia! Schon das Wort klingt wie der Gesang -eines tropischen Vogels. Wo liegt dieses Abbazia?</p> - -<p>Dem Wiener ist es spielend leicht zu erreichen, er<span class="pagenum"><a id="Seite_386">[386]</a></span> -schläft sich einfach hinüber. An einem Spätabende läßt -er sich auf dem Südbahnhof ein Eisenbahngelaß aufsperren, -zieht die Fenstervorhänge zu, macht sich bequem, raucht -noch ein paar Zigarren, legt sich dann hin und –</p> - -<p>Nach einiger Zeit wird er wach, reibt den letzten Rest -Duseligkeit aus den Augen, streckt sich und sagt: »Ah, -das war ein köstlicher Schlaf! – Wo sind wir denn schon?« -Er zieht die Vorhänge auf: Ah!</p> - -<p>Hesperien im Morgensonnenschein!</p> - -<p>Der Eisenbahnzug steht hoch an einem Ausläufer des -Karst in der Station Mattuglie. Steil und größtenteils -kahl stürzen die kalkfelsigen Berge ab und unten liegt -blauend das Meer.</p> - -<p>Es ist die Bucht von Fiume, die allerdings viele -Ähnlichkeit mit einem Binnensee hat, weil sie in der Ferne -von mehreren langgestreckten bergigen Inseln begrenzt wird. -Nur rechts, am istrianischen Strande entlang, öffnet sich -eine Straße hinaus auf die freie hohe See. Das ganze -Bild ist ein südliches und erinnert an italienische und -spanische Küsten; Liebhaber des Orients mögen sich auch -an die Buchten Griechenlands, an den Strand von Palästina, -an den Fuß des Libanons versetzt fühlen. Die -Höhen des Karstes und der kroatischen Alpen, frei vom -Meeresspiegel aufspringend, geben sich gar stolz und ihre -Schneegipfel schauen neugierig herab auf die immergrünen -Lorbeer- und Palmenhaine an der Küste.</p> - -<p>Dem Ankömmling wird gesagt, er habe von der Station -Mattuglie aus mit Wagen nach Abbazia vierzig Minuten -zu fahren, und auch nicht länger zu gehen. Bei der -klaren kühlen Witterung wählt er das letztere. Mit jedem -Schritte, den er abwärts tut, steigert sich die Wärme der<span class="pagenum"><a id="Seite_387">[387]</a></span> -Luft. Seine Umgebung sind graue, aus der Erde quellende -Felsblöcke, Steinfletze und dazwischen dort und da -eine ärmliche Hütte aus Quadern, Gärtlein mit Ölbäumen -und Weinreben, und kleinen Wiesen, die terrassenartig mit -Rohsteinwällen oder festen Mauern eingefaßt sind. So -ähnelt mancher Gemüsegarten einem Gebäude, manche -Ziegenweide einer Festung. Da ist der Schafstall und die -Hütte des Hirten massiv, wie für die Weltgeschichte gemacht; -und wenn das Schaf vom Steuereinzieher davongetrieben -wird und der Hirte auswandert und das Strohdach -einbricht, so stehen die Steinmauern so gut ihr Jahrhundert -noch, als bei uns daheim die Ruinen der Ritterburgen. -In der Gegend sieht man wohl Häuserruinen stehen; -die Zeit hat hier ein armes Volk erdrückt. Die neuesten -Tage bauen an diesen Küsten Palast um Palast, aber nicht -für die Einheimischen, sondern für die Fremden, die in -ihren großen Städten müde geworden sind und sich hier am -Meeresodem wieder erfrischen wollen.</p> - -<p>Zu Füßen des Wanderers liegt nun hart am Meere -der Flecken Voloska. Slawisches und romanisches Wesen -ist hier gemischt, ersteres wiegt an Ausdehnung und Zahl -vor, letzteres drückt aber der Gegend den Charakter auf. -(Zu erinnern, daß diese Aufsätze in den Achtzigerjahren -geschrieben worden sind.) Von Voloska aus links führt -eine Kunststraße nach dem nahen Fiume, rechts am Meere -hin geht's nach Abazzia. Der Weg ist kurz, bald stehen -wir im Kurorte. Die im Hintergrunde sich steil erhebenden -Berge – mit der Spitze des 1400 Meter aufsteigenden -Monte Maggiore – sind unwirtlich und stellenweise -armselig bestanden mit Laubholz; sie lassen am Strande -nur einen kümmerlichen Raum für Menschen. Dieser -Raum ist von einem immergrünen Wald von Lorbeerbäumen,<span class="pagenum"><a id="Seite_388">[388]</a></span> -Palmen, Zedern und Sebengewächsen bestanden. -Dem entsprechend ist die Blumenwelt. Fast betäubt den -Fremden anfangs die weiche Luft und der üppige Duft. -Es ist, als ob man in einem ungeheuren Gewächshaus -stünde, von dem für den Augenblick die Glaswände und -das Dach weggenommen worden. Und in diesen Wald -hinein bauten sie den Kurort Abbazia. Tiefschattige Haine, -bunte Rasenplätze, glatte Kieswege, wildes Gefelse und Ruinen -von Bauernhütten wechseln zwischen den Häusern; -so sinkt die Fläche sanft zum Meere hin, wo wildzerklüftete -braune Steinwuchten und Klippen gegen die andonnernden -Wogen ihre Vormachst halten. Es ist wohl nicht zweifelhaft, -wer am Ende siegen wird, das weiche Wasser oder -das harte Gestein. Dieses verliert bei jedem Wellenschlag -Atome, das Wasser zergischtet jede Sekunde und ist doch -ewig gesund. Aber bis der Strand dahingewaschen sein -wird, dazu hat's noch lange Zeit; da mag früher wohl -ein großer weltberühmter Kurort hier florieren und wieder -aus der Mode kommen und verfallen, wie die Wohnungen -der früheren Ansiedler verfallen sind.</p> - -<p>Man setzt sich hin und kann stundenlang dem Spiele -des Wassers zusehen. Gerne treibt es – und das ist bei -gewöhnlicher Lebhaftigkeit sein Gebaren – in langgezogenen -Wellen, wovon eine von der anderen etwa zehn bis -fünfzehn Meter entfernt ist, heran. Solch eine Welle macht -einen hohen glatten Rücken, durch den das Licht schimmert -und sie wie grünliches Eis erscheinen läßt. Nahe -dem Strande begegnet ihr aber eine von den Steinen zurückgeworfene -Welle, über diese hinwegspringend bricht sie -sich in Gischt, fährt an den Strand, wo sie unbändig emporwallt -oder weiß aufspritzt, um dann wie ihre Vorfahren -und ihre Nachkommen zurückzusinken. An mehreren Punkten,<span class="pagenum"><a id="Seite_389">[389]</a></span> -besonders am sogenannten Teufelsbrunnen sichtbar, -rinnt das Meerwasser in mächtigen Strömen durch Höhlungen -in den Berg hinein, um an anderer Stelle wieder -hervorzubrechen. Dort und da gibt es badeschwammartig -durchlöcherte Steine, durch die das Wasser gurgelt und -drängt, um auf der anderen Seite stoßweise hervorzuspringen. -Die Färbung des Meeres ist von höchster Mannigfaltigkeit, -hier kommt noch dazu die Schattierung von den -Inseln Veglia und Cherso, deren Berge besonders in den -späten Nachmittagsstunden in sanftem Veilchenblau herüberlachen. -Freundlich schimmert Fiume und Porto Re am -Fuße des kroatischen Gebirges und im südlichen Hintergrunde -steigen die hohen weißen Bergzüge Dalmatiens hoch -in den Himmel empor. Mir fällt ein, der Blick auf dem -Bodensee gegen die Gletscher der Schweiz hin. Die Schönheit -der See und die Herrlichkeit der Alpen im Bilde -vereinigt!</p> - -<p>Als drüben an der Riviera vor einiger Zeit das -Erdbeben gewütet hatte, kamen Flüchtlinge herüber nach -Abbazia, das sich patriotischerweise anschickt, die österreichische -Riviera zu werden. Und man hat gefunden, daß die -Naturschönheit hüben jener von drüben nicht bloß in nichts -nachgibt, sondern sie sogar übertrifft.</p> - -<p>Dieses Asyl am Quarnero hat für uns seinen besonderen -Wert. Wer den nordischen Winter nicht liebt oder ihn -der Gesundheit wegen fliehen muß, und doch nicht ins -ferne Ausland will, der schlafe sich also in einer schönen -Nacht hinab nach Abbazia. Im milden Hauche des grünen -Lorbeerhaines und im Angesichte des sommerlich sonnigen -Meeres kann er dort Christfest halten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_390">[390]</a></span></p> - -<h4>III.</h4> - -<p>Da sitze ich auf dem luftigen Balkone des stattlichen -Hospizes Quisisana und treibe wieder Meerstudien. Der Palast -steht in dem immergrünen Walde, mit dessem Laube man -die Unsterblichen ehrt. Zu meinen Füßen ruht der Kurort -und darüber hinaus dehnt sich das Meer.</p> - -<p>Ich liebe das Meer. Daß ich meinen Leib entkleide -und in die laue salzige Flut steige, ist recht gut, aber -besser noch ist das andere: ich bade im Meer mein Herz.</p> - -<p>Dann sinne ich nach über die Natur des Gewässers. -Die Ostsee z. B. hat in den Sommermonaten eine Wärme -von 16–17 Graden Celsius, das Mittelmeer von 22 bis -27 Graden, das Rote Meer, welches zwischen heißen Wüstenländern -liegt, hat sogar eine Wärme von 34 Graden, -also um etliche Grade wärmer, als ein gewöhnliches warmes -Bad ist. Ebenso verschieden ist der Salzgehalt der Teile -des Weltmeeres. Die Ostsee hat etwa ein viertel Prozent -Kochsalz, während das Tote Meer zwanzigeinhalb Prozent -mißt. (Vielleicht kommt das von der Salzsäule, in die Frau -Lot bekanntlich in der Gegend dieses Meeres verwandelt -worden ist, meinte einer, der alles Salzbittere den Frauen -zuschreibt.) Das Tote Meer, das merkwürdigste Binnenmeer -der Erde, hat auch ein so großes spezifisches Gewicht, -daß der Mensch darauf schwimmt wie ein Kork und bei -dem besten Willen nicht untergehen kann. Es ist das einzige -Meer, welches fast absolut klar ist und die Sonnenstrahlen -wohl viel tiefer in sich läßt, als der Ozean, in den das -Licht nur neunzig Meter eindringt. Tiefer unten herrscht -absolute Finsternis.</p> - -<p>Überaus unterschiedlich ist das Auftreten der Ebbe -und Flut; in der Ostsee ist sie kaum zu merken, in unserem<span class="pagenum"><a id="Seite_391">[391]</a></span> -Mittelmeere unbedeutend, hingegen kommt der tägliche -Wechsel des Steigens und Fallens in den südlichen Meeren -in großem Maße vor. Die Tagesflut hat ihre Ursache -wohl in der Ausdehnbarkeit durch die Wärme?</p> - -<p>Die hervorragendste gute Eigenschaft der See, das -Heilsamste, was die See für uns hat, ist die Seeluft. -Sie wirkt mehr als die See-, Sand- und Schlammbäder, -und zwar durch ihre Reinheit, ihre laue Feuchtigkeit, ihren -Salzgehalt. Aber sie muß von der See herkommen, nicht -vom Lande. Etliche Chemiker, die bekanntlich alles wissen -und auch den Homunkel gemacht haben, behaupten auf -Grund ihrer sehr wissenschaftlichen Untersuchungen, daß in -der Seeluft keine Salzteile vorkämen. Der simpelste Fischer -oder Matrose, ja sogar der am Strande wandelnde Landbewohner -weiß das freilich anders, ja selbst auch, ohne -mit dem Wasser geradezu in Berührung zu kommen – -weil seine Lippen einen salzigen Geschmack annehmen, in -seinen Haaren sich Salzkristallchen bilden. In Helgoland -kann man es häufig bemerken, daß bei starken Seewinden -die Fenstergläser der höher gelegenen Häuser sich mit feinen -Salzkrusten überziehen.</p> - -<p>Der eigenartige Geruch der Seeluft, den manche als -heilsam für den Magen bezeichnen, soll von den faulenden -oder verwesenden Stoffen aus dem Tier- und Pflanzenreiche -kommen, die das Wasser mit sich führt. Ob solche für -den, der sie einatmet, heilsam sind, das kann bejaht, aber -auch verneint werden, wie überhaupt alle Kultur- und Medizinmittel -von den einen bejaht, von den anderen verneint -zu werden pflegen. Was existiert denn überhaupt auf Erden, -über das alle Leute der gleichen Meinung wären? Die -Wissenschaftler unter sich sind es so wenig als die Laien.</p> - -<p>Ein Mensch, wird versichert, trinke täglich 10000 Liter<span class="pagenum"><a id="Seite_392">[392]</a></span> -Luft, da kommen Teile, mit welchen sie etwa verunreinigt -ist, schon in Betracht. Wohltätig ist der Aufenthalt an -der Küste, wohltätiger ist er auf einer Insel, am wohltätigsten -auf hohem Meere, auf dem die Luft fast vollkommen -rein ist. Es wird eine Zeit der schwimmenden -Kurorte kommen. Man wird Schiffe einrichten, die den -Zweck haben, mit ihren heilbedürftigen Insassen sich immer -auf der See umherzutreiben.</p> - -<p>Nie und nirgends ist das Klima so gleichmäßig, als -auf oder an dem Meere, dort gibt es kühle Sommer und -laue Winter. Wer sollte es denn glauben, daß im nordischen -Helgoland im Freien die Feige reift und die Rose -noch im Dezember blüht! Je glatter eine Fläche, je gleichmäßiger -die Temperatur, das gilt ja auch vom Lande. -Je gegliederter ein Land ist, je mehr Höhen und Tiefen -es hat, je ungleichartiger im Winter und Sommer, bei -Tag und Nacht ist seine Luftwärme; ins Herz hinein tut -es mir weh, von euch, ihr lieben Alpen, sagen zu müssen, -für Leute, die eine schwache Brust haben, seid ihr kein -guter Freund! Oder man müßte immer auf euren höchsten -Gipfeln leben, wo die Luft und Wärme auch eine gleichmäßigere -ist als in den Tälern.</p> - -<p>Nicht bloß die Engbrüstigen sollten ans Meer und -aufs Meer, sondern auch die Engherzigen. Der Egoist, -der Habsüchtige, der Hoffärtige, sie sollten einmal etliche Monate -lang auf dem Ozean fahren, wo alles Größe und -Ewigkeit ist, wo es nichts gibt, nach dem die Hand des -Menschen begehrend sich ausstrecken kann, wo nichts sich ihm -unterwirft, wo die Elemente, wie sie eben in Laune sind, -das menschliche Fahrzeug als Spielzeug gebrauchen. Da -ist's nichts mit der Übervorteilung anderer, und die ganze -Selbstsucht geht lediglich darauf hinaus, doch nur mit heiler<span class="pagenum"><a id="Seite_393">[393]</a></span> -Haut wieder ans Trockene zu kommen. Ein kleines Schiffsbrüchlein -soll für verknöcherte Herzen ein besonders heilsames -Seebad sein; nicht bloß, daß man dabei beten lernt, -man lernt, sagen sie, auch das Leben, bescheiden und dankbar -sein für jeden Atemzug und Achtung haben vor den -Mitmenschen. Natürlich rechtzeitige Rettung, und wäre -es auch nur durch bewußten Balken auf eine wüste Insel. -Robinson wäre daheim auf dem festen Lande ein Taugenichts -geworden, die Einsamkeit auf seiner Insel im Weltmeere -hat ihn zu einem ganzen Manne gemacht.</p> - -<h4>IV.</h4> - -<p>Den Kummer nenne ich dir nicht, aber du kennst -ihn. Wenn du es mit dem Leben, mit der Welt, mit dir -selbst einmal heftig zu tun gehabt hast, so kennst du ihn -ganz gewiß; er ist so schwer, er scheint so unerträglich, -daß dich nichts erquicken kann, als der eine Gedanke: -Sterben. Es ist nicht Sentimentalität, es ist kein eingebildetes -Weh, es hat Grund und Folge, es hat Gestalt, -und alles, was du um dich siehst, in dir fühlst, ist namenloses -Elend. Ich nenne das Leid nicht, es hat einen abscheulichen -Namen.</p> - -<p>In fieberhaften Träumen der Mitternacht rief eine -Stimme: »Geh' ans Meer!« – Ich schrak empor. Wer -ist da? Wer ruft? War das nicht die traute Stimme -eines längst und auf ewig verstummten Mundes? – Ja, -miß dein Leid an der Größe und Tiefe des Ozeans. Ohne -Gebimmel und Geserres schlafen gehen … Um Mitternacht -stand ich auf und eine Stunde später saß ich im -Kurierzuge nach Abbazia.</p> - -<p>Als ich über den Karst fuhr, röteten sich die Steine, -und bei Mattuglie tief unten lag das Meer im Sonnenlichte.<span class="pagenum"><a id="Seite_394">[394]</a></span> -Ich stieg hinab, wie man hinabsteigt von den felsigen -Höhen Palästinas gegen das mittelländische Meer. -Dann ging ich dem Strande entlang; die weiten Wasser -waren stille, als hielten sie ein, daß der Geist Gottes -sie küsse; und doch schlugen die Wellen ans Ufer, als wollten -sie heraussteigen; aber ohnmächtig rieselten sie wieder -zurück in ihr dunkelgrünes Bett. Das ist viel zu zahm. Das -Meer in meinem Herzen, das brandet anders! Jetzt hüllen -mich die Ölbäume in ihre Schatten, jetzt fächeln mir die -Lorbeerzweige um die Stirne. O nein, Ruhm und Preis -ist es ja nicht, nach dem ich dürste. Nach Frieden des -Herzens schrei' ich auf. – Orangen-, Pfirsich- und Feigenbäume -halten ihre üppigen Früchte mir entgegen. O nein, -Weltgenuß ist es nicht, nach dem ich lechze. Nach Frieden -des Herzens weine ich. Herrliche Paläste winken mir zu -im Lorbeerhaine, Prunk und Pracht, schöne Frauen, liebliche -Musik! Als ob das Feinste der feinen Welt sich hier -versammelt hätte, um mich zu grüßen, um mich zu trösten. -Das ist es aber nicht, warum ich gekommen bin. Nach -zwei Richtungen steht mir die Flucht offen, hinauf in -die Felsen des Karstes, hinab …</p> - -<p>Endlich kehrte ich doch bei lieben Menschen ein, müde -und abgehärmt sank ich auf ein Ruhebett. An vierundzwanzig -Stunden mochten verflossen sein, seit die Stimme -mich aufgeweckt, und jetzt weckte mich eine andere. Es -donnerte ums Haus, daß die Wände bebten. Ich stand -auf, öffnete ein Fenster, da wehte es herein wie feuchter -salziger Hauch, und ein grauses Rollen und Krachen erfüllte -die Luft.</p> - -<p>Was das wäre? fragte ich einen auf der Gasse Wandelnden. -»Das Meer«, antwortete er schreiend und ging -vorüber. Ich stieg hinab an das Ufer und mußte jauchzen,<span class="pagenum"><a id="Seite_395">[395]</a></span> -so leicht war mir plötzlich. Das Meer war rasend -geworden. In langgestreckten, hohen Wellen, in lebendigen -Bergen wogte es heran, schlug schwer und wild an die Klippen -des Strandes und die Wasser sprangen, aufwärts gießend, -weit herein ins Land. Kein Lüftchen aber regte -sich, holder Vollmond stand am Himmel und sein Licht -war lauterer Frieden. Was ist dir, Meer? Wer hat dich -so wütend gemacht? Du bist ja entzückend zornig. Ich -habe kein Lied gefunden für mein Herzweh, nun singst <em class="gesperrt">du</em> -es, du gewaltige Harfe Gottes! – Auf hoher See draußen -weiße Bänder, Zacken und Spitzen, ein zarter Nebelstaub -darüber, und heran, immer noch wilder, rasender, wahnwitziger, -als wollte das Meer emporklettern an die Hänge -des Karstes.</p> - -<p>Was bedeutet das Wüten in dieser friedlichen Nacht? -Draußen auf hoher See wühlt das Gespenst, welches das -Meer heran hetzt. Es ist der Scirocco. Am Strande ist -er selten wahrzunehmen, aber draußen bohrt er seine Rüssel -ein, schreckt die Wasser auf und jagt sie pfeifend, sausend -in alle Welt. Die verlästerte Bora ist ein harmloses Kind -dagegen, sie schlägt zwar Fenster ein, deckt Häuser ab, -schleudert kräftige Männer zu Boden und wirft Eisenbahnzüge -um; aber das Meer bringt sie nur in schönes -Kräuseln – nichts weiter.</p> - -<p>Betäubt von dem ununterbrochenen Brausen, Donnern -und dem zischenden Aufflammen der weißen Gischten -stand ich da. – Der Scirocco, und das ist alles? -Darum der ungeheure Sturm, weil ein bißchen Scirocco -weht draußen auf hoher See? Am Ende ist auch in meine -Seele ein bißchen Scirocco gefahren, und nichts weiter? -– Wohlan, Freund, weil wir denn einmal dran sind, -ich nenne dir den Kummer, das Herzweh, das namenlose<span class="pagenum"><a id="Seite_396">[396]</a></span> -Elend, das kaum zu ertragen ist. <em class="gesperrt">Nervosität</em> heißen -sie das Ungeheuer, und wenn Scirocco geht – nun du -weißt es ja.</p> - -<p>Am nächsten Morgen war der Himmel grau und schwer, -wie ein Meer von Blei. Regen, unendlicher Regen rieselte -nieder, und die Wolken hingen hinein ins Meer, und die -Delphine selbst, die manchmal ihre Häupter aus den Wellen -reckten, wollten Regenschirme aufspannen, oder rasch -zurücktauchen in die See, damit sie nicht nasser als naß -würden. – Wenn bei Sonnenschein meine Stimmung schon -so trübe war, wie erst mußte sie bei so düsterer Witterung -trostlos sein! Glaubt ihr? Wenn der Teufel einmal los ist, -so reißt er nicht mehr an der Kette. Ich fühlte mich urgesund -und munter wie ein Fisch, wußte nichts von Kummer -und Herzweh und konnte gar nicht begreifen, wie -ein Mensch verzagt und traurig sein könne.</p> - -<p>Nun tagelang Regen. Das Meer ist spiegelglatt, aber -weit hinaus gefärbt von den lehmfarbigen Gießen des -Süßwassers. Und doch sah man kaum einen Gießbach herabkommen -von den Bergen. Hingegen quirlten am Strande -und noch weiter draußen im Meere die weißgelblichen Landquellen -auf. Denn das Karstgebirge ist inwendig zerfressen, -voller Höhlen, Löcher und Kanäle, ist wie ein versteinerter -Badeschwamm; alles Regenwasser saugt es in sich auf, -um es unten in oft üppigen Quellen wieder auszuspeien.</p> - -<p>An einem der nächsten Tage bin ich unter Regen und -Sturm hinangestiegen zum hohen Monte Maggiore, wo -es im Nebel Schneegestöber gab. Wenn der Wind die -Wolken zerriß, ward der Blick frei auf das ungeheure -Firmament hinaus, das <em class="gesperrt">unten</em> lag und mit weißen Sternchen -und dunklen Punkten bestreut war, so als ob Tauben -und Adler in der Ferne schwebten. Das war das Adriatische<span class="pagenum"><a id="Seite_397">[397]</a></span> -Meer mit seinen Dampf-, Segelschiffen und Fischerbarken. -Im ganzen macht das Meer, vom Berge aus gesehen, -nicht den Eindruck wie vom Strande, denn es liegt leblos -und still da, man sieht keine Bewegung, man hört kein -Brausen, es ist fast langweilig wie ewig wolkenloser Himmel. -– Nach Norden hin sah ich zwischen Wolkenspalten -die Wüsten des Karstes. Ein Steinwall hinter dem andern -und die Hochkämme voll Schnee. Alpen und Ozean! Und -inmitten steht das winzige Menschlein, ein mikroskopisches -Insektchen, und wähnt Leid zu haben, das härter -wäre als alle Felswuchten des Karstes, und tiefer als die -Tiefe des Meeres. Wo ist es aber jetzt? Wo ist denn dieses -Leid hingeraten? Hat niemand ein namenloses Herzweh -gesehen? Ich zahle Finderlohn. Hat es der Sturm verweht? -Haben es die Fluten davongespült? – Hei, wie -jetzt die Bora pfeift und kracht hernieder von den Höhen! -In den Lüften saust fliegender Sand, die Eichen, welche -zwischen den braunen Steinblöcken stehen, beugen sich winselnd. -Ich werde hinabgeschoben, gestoßen in einen der -zahlreichen Trichter, wo grüne Wieslein sind und Maulbeersträucher -und Löcher in den Berg hinein. Hier ist's -ruhig, nur oben noch die Fanfaren der Bora, die den -Sieg davongetragen hat gegen den tückischen dämonischen -Scirocco. – Nein, ich will nicht bleiben in dieser Grube, -will wieder hinauf zur Zinne, Leib und Seele einmal so -recht durchfegen lassen von dem nordischen Luftbesen – -ah, das ist herrlich, das tut wohl! Herrgott im Himmel, -wie wohl tut der Sturm!</p> - -<p>Nach diesen wilden Tagen kam Frieden und Sonnenschein. -Ich blieb tagelang am Strande von Abbazia. Am -Strande saß ich, versunken in Gedanken an große Zeiten, -an große Menschen. Oder ich ruhte in einem Kahne und<span class="pagenum"><a id="Seite_398">[398]</a></span> -ließ mich hinausschaukeln auf die See, noch zurückblickend -auf die lorbeerbekränzte Landschaft. Allmählich sanken die -Berge in sich zusammen und verschwanden.</p> - -<p>Und rings um mich nichts als die ewigen Wasser. -Da habe ich gedacht: Also ist der Bann gelöst. Bleibe ich -hier im Sonnenlichte, so ist's recht, sinke ich in die Dämmerungen -des Abgrundes, so ist's auch recht. All das, -was wir Menschen Glück, Unheil, Gut, Elend nennen, bedeutet -nichts. Irdisch Tand ist eine Handvoll Sand. Irdisch -Weh ist Maienschnee. Es bedeutet nichts. Ich bin ein -großes, unsterbliches Wesen, die Felsgebirge sind meine -Knochen, das Weltmeer ist mein Blut, die Stürme sind mein -Atem. –</p> - -<h4>V.</h4> - -<p>Es ist ausgemacht, die Welt wird zu klein. So furchtbar -hat die Statistik noch nie gesprochen, als bei der -letzten Volkszählung. Im neunzehnten Jahrhundert hat die -Bewohnerzahl Europas sich verdoppelt. Die Zeitungen verbuchen -es mit Jubel – je mehr Leute, je mehr Abonnenten! -Aber daß sie sich etwa einander ausfressen könnten? Und -es geschieht, sie fressen sich auf, zuerst die Zeitungen einander -und dann die Abonnenten. Wenn sie es nicht vorziehen, -Kolonien gattern zu gehen. Wer sich einmal zurückziehen -wollte, um bei sich selber zu sein! Wohin denn? -Wo es wohnbar ist, gibt es schon überall Leute, hie und -da sogar Menschen.</p> - -<p>Möchte wissen, wie oft ich schon gefragt worden bin, -ob es denn nicht um Gotteswillen irgendwo einen Weltwinkel -gäbe, wo man mit der wilden Natur allein bei sich -selbst sein kann? Unter den Fragestellern war auch ein -Millionär und dem ward Rat. Gehe hin und baue dir ein -Schiff. Nimm, was dir lieb ist mit hinein und fahre aufs<span class="pagenum"><a id="Seite_399">[399]</a></span> -Meer. Das Meer ist noch unbevölkert und dein Eigentum, -wohin du kommst – wo es am größten und weitesten ist, -wird dir kein feindlicher Ellbogen begegnen.</p> - -<p>Und wer sich kein Schiff bauen kann, der mache es wie -ich. Immer wieder, wenn mir das Land zu enge wird und -die Erde zu hart, gleite ich hinab zur Adria und fahre hinaus -in die feuchten, sonnigen Einöden. Das Land ist hart, das -Meer ist weich. Dorthin verfolgen sie mich nicht, die unbarmherzigen -Quäler, die törichten Handschriftensammler und -Poetenwinkler, und die anderen, die anderen, wovon mir -jeder für sich lieb ist, die aber schrecklich sind, wenn sie sich -Tag für Tag an die Türklinke reihen, um sich vom armen -Poeten schließlich doch nichts zu holen als – Enttäuschung. -– Die Scholle lädt überall, wo man auf sie tritt, ein zum -Arbeiten, sie strotzt von Schätzen, aber ungebeten, ungeliebt -will sie nichts geben. So weckt sie im Menschen die Gier nach -Dingen, die im Grunde nichts bedeuten. Reichtum, Glanz, -Ehre, Ruhm, die nur in der Gesellschaft zweifelhaften Wert -haben, für den Einsiedler aber belanglos sind. Tückisch lockt -der schätzebergende Erdboden zu sich hin, und wenn der -Mensch ihn nicht versteht oder mißbraucht, verletzt er sich -daran zu Tode.</p> - -<p>Die Scholle ist hart, das Meer ist weich.</p> - -<p>Das Meer weckt im Menschen keine Leidenschaften, -es wiegt ihn im süßen Nichtstun seine ewig lebendige Größe -zeigt ihm lachend oder drohend, wie klein er ist und dieweilen -der Mensch sich doch immer mit dem Großen messen will, -wird er selber größer. Ich fange keine Seeungeheuer, lege -keine Kabel, versuche nicht den drahtlosen Telegraphen, -tauche nicht in den Meeresgrund, liefere keine Seeschlachten -und denke, das wird man mir ohne weitere Beweise glauben -– und doch fühle ich mich auf dem Meere fast ein wenig<span class="pagenum"><a id="Seite_400">[400]</a></span> -wesentlicher, als auf dem Lande. Dort auf der Welle bin -ich nichts sonst als Mensch und das ist, ernsthaft gesprochen, -doch etwas mehr als Hofrat oder General oder -Kardinal. Mensch sein ist etwas Ungeheuerliches. Nie sieht -man sich so riesengroß, so mächtig, so ewig, als wenn man -nichts ist und nichts tut als Mensch sein. Als sich einmal -so recht gründlich an sich selbst zu erinnern.</p> - -<p>Und darum gleite ich so gerne hinab zur Adria und -hinein in ein Lloydschiff. Ob es nun nach Venedig geht, dem -vergessenen Wunder der Romantik, oder nach Pola, der -Rüststätte künftiger Marinenherrlichkeit (für den Kriegsfall -sind wir immer optimistisch, denn man kann ja gleich -bis Lissa fahren). Oder ob mein Kiel nach dem sich immer -amüsierenden Abbazia sticht, wohin außerhalb der Backhendelzeit -die Wiener Karten spielen gehen; oder nach Fiume, -der ungemütlichen ungarischen Antwort auf die Triesterfrage. -Oder nach dem schlummernden Eilande Lussin, oder -nach dem altimperatoristischen Spalato, oder nach dem halb -morgenländischen Ragusa, oder nach dem wilden Cattaro am -Saume der Schwarzen Berge – oder wohin sonst an den -istrischen und dalmatinischen Küsten, immer sind wir versucht -auszurufen: Nicht bloß die Scholle, auch die Welle -gibt Schätze.</p> - -<p>Die hundert Schiffe des Lloyd bieten eine große Auswahl -schwimmender Burgen, in denen man sich heimisch fühlen -kann. Schon das Schiff als solches ist dem Landwurm ein -Ereignis. Die Bauart der Schiffe und die innere Einrichtung -ist gar verschiedenartig und jedes hat seine besondere Eigenart. -Um just von den Lloydschiffen zu sprechen, an leidlicher -Reinlichkeit sind sich fast alle gleich und daß man nirgends -köstlicher zu Mittag speist als auf dem Österreichischen -Lloyd, das ist bekannt. Die zumeist italienisch sprechende Bemannung<span class="pagenum"><a id="Seite_401">[401]</a></span> -und Bedienung ist stets höflich und die Offiziere -trachten den Reisenden die Fahrt angenehm zu machen. Nun -also, und das ist hier die ganze Menschheit. – Und die -See! Auf manchem Meere habe ich's erlebt, daß Reisende -über Bord gebeugt, meinen Spruch ins Gegenteil seufzten: -Das Land sei gut, das Meer sei hart! Auf der Adria habe -ich selten einen bedenklichen Fall von Seekrankheit gesehen. -Es pflegt sonst von dieser Sache zu viel gesprochen zu werden, -manch ängstliche Dame wartet gewissermaßen schon darauf -und der erste Gedanke, wenn sie den Fuß aufs Schiff setzt, -ist: ach, ich werde gewiß seekrank werden! Man ist nachgerade -enttäuscht, wenn es ruhig und glatt dahinzieht an -den malerischen Küsten und wenn man bei der gedeckten Tafel -Teller und Gläser ohne jede Schutzvorrichtung dastehen sieht, -wie auf jedem andern Tisch. Aber der Quarnero! Der -schlimme Quarnero, wo die Wasserströmung des Golfes von -Fiume ihr Wesen hat, wo man nach allen Seiten nur mehr -das hohe Meer sieht, das tintenblaue, mit seinen ungeberdigen -Wellen, mit seinem Dröhnen und Gischten, so daß -der entsetzte Neuling glaubt, er sei mitten im grausen Sturm! -Die meisten Reisenden freuen sich aber gerade auf den Quarnero, -weil dieser Strich zu den schönsten Partien der österreichischen -Adria gehört. Leben und Kraft des Wassers und -des Dampfers. Da steige ich gerne an die letzte Spitze des -Schiffes hinaus, wo es langsames und redliches Aufundniederschaukeln -gibt, während die Bewegungen in der Mitte -des Fahrzeuges unsicherer und tückischer die Nerven antasten. -Übermütige Reisende halten was darauf, von den -aufspringenden Gischten manchmal ein bißchen angegossen -zu werden. Aber das Deck ist hoch und lange nicht bei jeder -Fahrt gelingt die Taufe. – Bei der prächtigen Meerschau -auf so zahmem Rosse reitend, wundert man sich völlig,<span class="pagenum"><a id="Seite_402">[402]</a></span> -daß die Vergnügungsfahrten auf der Adria nicht noch mehr -Mode geworden sind.</p> - -<p>Eine meiner letzten Lloydfahrten ging nach der istrischen -Insel Lussin. Hat man hinter Pola den Leuchtturm des Kap -zurückgelegt, um der hohen See sich endlich zu erfreuen, -taucht fern im Südosten ein länglich gestreckter Berg auf, -der Ossero. Ganz pyramidal steht er da. Aber die Sohle -unserer steirischen Alpentäler ist häufig höher, als die 588 -Meter hohe Spitze dieses Berges. Er tut was er kann, um sich -Respekt zu verschaffen; pathetisch legt er die Falten seiner -Felswände und nicht selten trägt seine Spitze eine Wolkenhaube, -auch wenn sonst, soweit das Auge reicht, der Himmel -blaut. Den Ossero-Touristen wird geraten, sich mit -festen Schuhen zu versehen; dann aber, wenn sie ein gutes -Auge oder Fernglas mithaben, können sie im Westen das -»unendliche Meer« Lügen strafen und die italienische Küste -schauen. An drei Stunden brauchte der geschwinde Dampfer, -um den Ossero endlich zur linken Seite zu haben. Auch zur -rechten tauchen Inseln auf, unter denen bald ein steil aus -dem Meere springendes felsiges Eiland ausfällt, erinnernd -an Helgoland. Es ist Sansego, die antike Weinquelle am -Quarnero. Dann geht's in die Bucht von Lussinpiccolo. Mit -orientalischer Verve steigt die Stadt den halbkesselförmigen -Berg hinan, so daß die Fenster jedes rückwärtigen Hauses -über der Achsel des vorderen herabschauen auf den Hafen, -um den die Riva sich hufeisenförmig zieht. Die halbe Bevölkerung -ist lärmend, als gäbe es eine Feuersbrunst, am -Landungsplatze versammelt, um bei Ankunft eines Schiffes -als Packträger oder Ciceroni ein paar Soldi zu verdienen. -So gleichmütig sie den ganzen Tag den lieben Gott einen -guten Mann sein lassen, so energisch regt sich ihre Erwerbslust, -wenn die geldgespickten »Tedesci« kommen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_403">[403]</a></span></p> - -<p>Die Zeiten sind vorüber, da in dieser Stadt der Schiffbau -in Blüte gewesen; anderswo können sie das jetzt besser -und so ziehen die Lussiner auf fremden Meeren oder liegen -daheim auf ihren Steinfliesen, sich damit begnügend, daß sie -leben. In ganz Lussinpiccolo, es zählt bei fünftausend Einwohnern, -hört man kein Wagenrad rollen; ein einziges Pferd, so -geht die Sage, existiere in dieser Stadt, und dieses soll ein -Maulesel sein. Der Herr, der die Vögel nährt und die Blumen -kleidet, hat hier also ziemlich viel zu tun; er jagt den Einwohnern -die Fische in die Buchten, eine unglaubliche Anzahl -von Arten, er jagt sie ihnen in die Netze, an die Angeln, -wonach sie bloß anzuziehen brauchen; er überspinnt den -Steinhaufen, Lussin genannt, ganz wunderbar mit Ölbäumen, -Orangen-, Mandarinen- und Zitronenbäumen, mit -Feigen- und Dattelbäumen und mit Weinreben, er ziert -ihn mit Kiefern und fabelhaften Kakteen und sonstigen Spielarten -der Tropen. Allerdings, umsonst hat der Mensch auch -das nicht, jede Parzelle der fruchtbaren roten Erde mußte -den Steinen abgerungen werden, den grauen Blöcken klein -und groß, wie sie überall und überall aus dem Boden hervorquellen, -genau so wie im Kar des Hochgebirges. In hohen rohen -Mauern und Wällen sind diese Steine, mit denen man nicht -weiß wohin, aufgeschichtet an jedem Wege, um jedes Gärtlein, -um jeden Pfränger, in dem eine elegische Ziege oder -ein einsames Schaf steht. Dazwischen stets von dem mattgrünen -Ölbaum bestanden geschlossene Felsen. Mancher -Felsriff ist so alpin, daß man jeden Augenblick glaubt, eine -Gemse herüberlauern zu sehen. Aber wunderbar, was am -Strande das Wasser macht aus diesen Steinen! Diese -Zacken und Runsen, die phantastischesten Aushöhlungen im -großen und kleinen! Und die Welt der Tiere, die in solchen -Löchern und Spalten und in den grünlichen Untiefen hausen!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_404">[404]</a></span></p> - -<p>Lussin bietet drei grundverschiedene Seebilder. Nach -Norden hin den Hafen und die Bucht, scheinbar ein abgeschlossener -Landsee, ringsum mit hügeligem, größtenteils -kahlem Karstgebiete umgeben. In der Ferne ein paar höhere -Berge, so der Monte Asino mit seiner alten Festung und -das herüberragende Haupt des Ossero. Im Jahre 1859 -war diese Bucht voll italienischer und französischer Kriegsschiffe, -die sich hier versammelt und organisiert hatten, um -Venedig zu erobern. Österreich aber steife sich darauf, zu -siegen und Venedig freiwillig abzutreten. Großmütiger kann -man schon nicht mehr sein.</p> - -<p>Und welch ein anderes Bild gegen Osten hin, wenn -man vom Hafen zwischen den Steinwällen an fünfzig Meter -hinaufsteigt. Die Fläche des Quarnerolo. Zu Füßen der -buchtenreiche Strand mit Lussingrande, St. Martino, und -links hin die niedrigen Ausläufer der Insel Cerso. Aber, -was steht dort fern über dem Meere aufgebaut? Ist es -eine lang hingezogene graue Wolkenwand mit Sonnenstreifen -und weißen Rändern? Nein, es sind die Berge von Dalmatien, -es ist der Velebit mit seinen Schneefeldern.</p> - -<p>Und wieder grundverschieden das Bild nach Westen -hin. Die kleine Bucht Cicale im Westen der Insel, an zwanzig -Minuten von Lussinpiccolo entfernt, ist der beliebteste Ausflugsort -der Kurgäste. Dort beginnen wieder die Einsamkeiten -der hohen See. Selten ein roter oder weißer Segler, -noch seltener ein Dampfer. Immer und immer gleiten die -blaugrünen Wellen heran, immer dem Strande zu, so daß -ein einfältiger Landmensch wohl fragen möchte, wie denn -das kommt, daß das Wasser dort draußen nicht weniger und -hier am Gestade nicht mehr wird. Ob das Heranfließen nur -scheinbar ist, ob trotz alles Hin- und Herwogens die Wassermassen -nicht doch an der gleichen Stelle bleiben? Es scheint,<span class="pagenum"><a id="Seite_405">[405]</a></span> -daß auch ich die närrische Frage gestellt, denn urplötzlich hatte -ich an mir den Beweis, daß die Wasser laufen und springen, -eine Gischtwelle warf sich über die Strandfelsen zu mir -heraus und übergoß mich pudelnaß von oben bis unten. So -– nun gehe hin und erörtere es mit deinen Lesern, ob -die Wasser an der gleichen Stelle hocken bleiben.</p> - -<p>Das Meer hat Humor, es blinzelt, es lacht, schupft -dich von einem Rücken auf den andern und scheinest du zu -sinken, so fängt es dich doch allemal wieder auf in den weichen -Schoß. Im stürmischen Zustande ist es weit harmloser, als es -sich stellt, im stillen aber tückisch. Wenn man dem Segler -ruhige See wünscht, so wird er grob. Weit draußen auf der -glatten Wassertafel müßte er verhungern. Sein bester Freund -ist der Wind. Und auch der unsere: Die glatte Fläche, die -keine Narbe hat und keine Farbe, die so leb- und streblos hinliegt -und sich am Gesichtskreis vom Himmel nicht unterscheidet -– das ist die große wässerige Langweile. Auf jener -Fahrt nach Sansego wäre sie unfehlbar eingetreten, wenn -einige Jahrhunderte früher an der südlichsten Spitze von Lussin -nicht Seeräuber gehaust hätten. Diese Seeräuber rief nun -mein Gondelführer zu Hilfe, um die Langweile der stillen -See zu verscheuchen. Er erzählte, wie die Wackeren immer -ausgezogen seien nach Kauffahrern und nach den blühenden -Städten des Mittelmeeres, um etwas zu erobern. Zu -rauben, sagte man unhöflich genug, und Piraten nannte -man zeitweise solche Männer, die in Schulbüchern manchmal -auch Kriegshelden heißen. Nun, und einmal hatten die -Herren Seeräuber von Lussin gehört, daß in der wundervollen -Stadt Venedig eine Massenhochzeit stattfinde, dieweilen -eine größere Anzahl Patriziersöhne sich junge Weiber erkieseten. -Solches Gerücht machte unsere Seeräuber leckerig -und sie zogen mit Wehr und Waffen gen Venedig, um den<span class="pagenum"><a id="Seite_406">[406]</a></span> -Hochzeitszug zu überfallen und die schönen Bräute zu erobern. -Das galante Unternehmen fiel aber unglücklich aus, -denn das Lagunenvolk wehrte sich mannhaft und nahm die -Seehelden gefangen. Dann kam das Strafgericht der Dogen, -das von beispielloser Grausamkeit war. Zur Abschreckung für -alle Zeiten! Die Seeräuber, so die jungen Bräute rauben -wollten, wurden verurteilt, die – Schwiegermütter zu heiraten, -mit der Verschärfung, dieselben in ihr fernes Felsenschloß -auf Lussin zu entführen. – Für mich gab der Gondeliere -dieser Geschichte noch eine andere Pointe. Er hielt, -als wir in Sansego landeten, die Hand auf. Ich gab und -war bloß froh, daß der Mann kein Seeräuber war, und -froh, daß ich keiner gewesen bin in jenen Zeiten des venezianischen -Strafgerichts.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_407">[407]</a></span></p> - -<h2 id="Inhalt">Inhalt.</h2> -</div> - -<table summary="Inhalt"> -<tr> -<td></td><td class="tdrb">Seite</td> -</tr> -<tr> -<td>Verhandlung zwischen Autor und Verleger</td> - <td class="tdrb"><a href="#Verhandlung_zwischen_Autor_und_Verleger">5</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Gutsherr auf Zurkow</td> - <td class="tdrb"><a href="#Der_Gutsherr_auf_Zurkow">14</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Das Mündel-Kindel</td> - <td class="tdrb"><a href="#Das_Muendel-Kindel">37</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Mädeljäger</td> - <td class="tdrb"><a href="#Der_Maedeljaeger">52</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Lieb' läßt sich nicht lumpen</td> - <td class="tdrb"><a href="#Lieb_laesst_sich_nicht_lumpen">88</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Aus dem Tagebuch einer Ehefrau</td> - <td class="tdrb"><a href="#Aus_dem_Tagebuch_einer_Ehefrau">104</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Kokette</td> - <td class="tdrb"><a href="#Die_Kokette">120</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Ein Jünger Darwins</td> - <td class="tdrb"><a href="#Ein_Juenger_Darwins">131</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Ehre</td> - <td class="tdrb"><a href="#Ehre">147</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Vierzehnte</td> - <td class="tdrb"><a href="#Die_Vierzehnte">160</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Taubstumme</td> - <td class="tdrb"><a href="#Der_Taubstumme">167</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Hauptmann Fortner und seine Frau</td> - <td class="tdrb"><a href="#Hauptmann_Fortner_und_seine_Frau">176</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Scheintod</td> - <td class="tdrb"><a href="#Scheintod">197</a></td> -</tr> -<tr> -<td>In der Einsam</td> - <td class="tdrb"><a href="#In_der_Einsam">207</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Kammerdiener</td> - <td class="tdrb"><a href="#Der_Kammerdiener">218</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Millionär</td> - <td class="tdrb"><a href="#Der_Millionaer">228</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Philippus der Hasser</td> - <td class="tdrb"><a href="#Philippus_der_Hasser">251</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Das Weihnachtsfeuilleton</td> - <td class="tdrb"><a href="#Das_Weihnachtsfeuilleton">266</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Wie ein steirischer Schullehrer die Schlußvorstellung des Burgtheaters besucht</td> - <td class="tdrb"><a href="#Wie_ein_steirischer_Schullehrer">275</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Das Bekenntnis eines Verurteilten</td> - <td class="tdrb"><a href="#Das_Bekenntnis_eines_Verurteilten">285</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der verhängnisvolle Vorfall</td> - <td class="tdrb"><a href="#Der_verhaengnisvolle_Vorfall">302</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Mein Vetter, der Türke</td> - <td class="tdrb"><a href="#Mein_Vetter_der_Tuerke">317</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Reisebilder aus jungen Jahren</td> - <td class="tdrb"><a href="#Reisebilder_aus_jungen_Jahren">330</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl2">Die sächsische Schweiz</td> - <td class="tdrb"><a href="#Die_saechsische_Schweiz">330</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl2">Aus der heiligen Stadt</td> - <td class="tdrb"><a href="#Aus_der_heiligen_Stadt">334</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl2">Auf dem Turme der Marienkirche zu Stralsund</td> - <td class="tdrb"><a href="#Auf_dem_Turme_der_Marienkirche_zu_Stralsund">337</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl2">Auf dem Rigi</td> - <td class="tdrb"><a href="#Auf_dem_Rigi">342</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl2">Aus dem Ungarlande</td> - <td class="tdrb"><a href="#Aus_dem_Ungarlande">350</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl2">Zu Mailand auf dem Dome</td> - <td class="tdrb"><a href="#Zu_Mailand_auf_dem_Dome">358</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl2">Von der Kirche des heiligen Petrus</td> - <td class="tdrb"><a href="#Von_der_Kirche_des_heiligen_Petrus">363</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl2">In den Ruinen von Pompeji</td> - <td class="tdrb"><a href="#In_den_Ruinen_von_Pompeji">370</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdl2">Auf den Wassern</td> - <td class="tdrb"><a href="#Auf_den_Wassern">376</a></td> -</tr> -</table> - -<hr class="chap" /> -<p> </p> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p> - -<p>Korrekturen:</p> - -<div class="corr"> -<p> -S. 49: wäre → wäre es<br /> -dann <a href="#corr049">wäre es</a> schwer, es wieder fortzubringen</p> -<p> -S. 78: heißen → geheißen<br /> -hatte der Fürst die Herrschaften willkommen <a href="#corr078">geheißen</a></p> -<p> -S. 171; aus → auf<br /> -zu essen verschaffen, aber er sprang selbst <a href="#corr171">auf</a></p> -<p> -S. 311: mußte → müßte<br /> -Ein öffentliches Unglück <a href="#corr311">müßte</a> man ja in den Blättern</p> -</div> -</div> - -<p> </p> -<hr class="full" /> -<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FREMDE STRAßEN***</p> -<p>******* This file should be named 54597-h.htm or 54597-h.zip *******</p> -<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br /> -<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/5/4/5/9/54597">http://www.gutenberg.org/5/4/5/9/54597</a></p> -<p> -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed.</p> - -<p>Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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