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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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-The Project Gutenberg EBook of Die Ostereyer, by Christoph von Schmid
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Die Ostereyer
- Eine Erzählung zum Ostergeschenke für Kinder
-
-Author: Christoph von Schmid
-
-Release Date: April 21, 2017 [EBook #54586]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE OSTEREYER ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was
-produced from scanned images of public domain material
-from the Google Books project.
-
-
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-
-
- Die
- Ostereyer.
-
-
- Eine Erzählung
- zum
- Ostergeschenke
- für
- Kinder.
-
- Von
- dem Verfasser der Genovefa.
-
-
- Leitmeritz. 1818.
- bey Carl Wilhelm Medau.
-
-
-
-
- Vorerinnerung an die Kinder.
-
-
-Die folgende kleine Erzählung ward schon einmal vielen Kindern, die
-längst zuvor über den hohen Sinn und die schöne Bedeutung des heiligen
-Osterfestes unterrichtet worden, zu einer lehrreichen und angenehmen
-Unterhaltung vorgelesen, und nicht nur die Kinder, sondern auch mehrere
-Erwachsene hörten sie mit Freuden an.
-
-Weil ich nun dachte, daß diese Erzählung auch euch, meine lieben Kinder
--- ja wohl auch euren größern Geschwistern und selbst euren Aeltern --
-Vergnügen machen dürfte, so ward sie als ein kleines Ostergeschenk für
-euch gedruckt.
-
-Die Erzählung handelt, wie es der Titel sagt, freylich nur von einer
-Kleinigkeit -- den Ostereyern; indeß werdet ihr gewiß gerne lesen, wie
-auch die kleinste Gabe Gottes -- ein Ey! -- ein großes Wunder der
-Allmacht und Weisheit Gottes und eine mannigfaltige Wohlthat für die
-Menschen sey, ja wie Gott sich oft einer geringen Sache bediene, seine
-heilige Vorschrift und liebreiche Vatersorgfalt an den Menschen zu
-verherrlichen.
-
-Diese und andere gute Lehren sind in diesem Büchlein die Hauptsache; das
-übrige soll blos dazu dienen, euch eine unschuldige Freude zu machen --
-wie etwa eure Mutter euch auf das Osterfest ein Ey schenkt, das nicht
-nur durchaus voll kräftiger Nahrung ist, sondern auch durch ein
-gefälliges Aeußeres und eine freundliche Farbe das Auge vergnügt.
-
- Der Verfasser.
-
-
-
-
- Erstes Kapitel.
-
- »O weh, da giebts noch nicht einmal Hühner!«
-
-
-Es lebten einmal vor vielen hundert Jahren, in einem kleinen Thale tief
-im Gebirge, einige arme Kohlenbrenner. Das enge Thal war rings von Wald
-und Felsen eingeschlossen. Die Hütten der armen Leute lagen im Thale
-umher zerstreut. Einige Kirsch- und Pflaumenbäume bey jeder Hütte, etwas
-Ackerland mit Sommergetreide, Flachs und Hanf, eine Kuh und einige
-Ziegen waren all ihr Reichthum. Indeß erwarben sie noch einiges mit
-Kohlenbrennen für die Einschmelze im Gebirge. So wenig aber die Leute
-hatten, so waren sie dennoch ein sehr glückliches Völklein; denn sie
-wünschten sich nicht mehr. Sie waren bey ihrer harten Lebensart, bey
-steter Arbeit und strenger Mässigkeit vollkommen gesund und man sah in
-diesen armen Hütten -- was man in Pallästen vergebens suchen würde --
-alte Männer, die über hundert Jahre zählten.
-
-Eines Tages, da schon der Haber anfing zu bleichen und es in dem Gebirge
-sehr heiß war, kam ein Köhlermädchen, das die Ziegen hütete, fast außer
-Athem nach Hause gesprungen, und brachte den Aeltern die Nachricht, es
-seyen fremde Leute in dem Thale angekommen von gar wundersamer Tracht
-und seltsamer Redensart -- eine vornehme Frau, und zwey Kinder, und ein
-sehr alter Mann, der, ob er gleich sehr prächtige Kleider anhabe, doch
-nur ihr Diener scheine. »Ach, sagte das Mädchen, die guten Leute sind
-hungrig und durstig, und sehr müde. Ich traf sie, als ich eine verlorne
-Ziege suchte, ganz abgemattet im Gebirge an, und zeigte ihnen den Weg in
-unser Thal. Wir wollen ihnen doch etwas zu essen und zu trinken hinaus
-tragen -- und sehen, ob wir sie die Nacht bey uns und den Nachbarn nicht
-unterbringen können.« Die Aeltern nahmen sogleich Haberbrot, Milch und
-Ziegenkäse und gingen hin.
-
-Die Fremden hatten sich indeß in den Schatten einer buschigen Felsenwand
-gelagert, wo es sehr kühl war. Die Frau saß auf einem bemoosten
-Felsenstücke, und hatte ihr Angesicht mit einem weißen Schleyer von
-feinem Flor bedeckt. Eines der Kinder, ein zartes, wunderschönes
-Fräulein, saß ihr auf dem Schooße. Der alte Diener, ein ehrwürdiger
-Greis, war damit beschäftigt, das schwer beladene Maulthier abzupacken,
-das sie bey sich hatten. Das andere Kind, ein muntrer, schöner Knabe,
-hielt dem Thiere einige Disteln hin, an denen es begierig fraß.
-
-Der Kohlenbrenner und sein Weib näherten sich der fremden Frau mit
-Ehrerbietung. Denn an ihrer edlen Gestalt, ihrem Anstande und ihrem
-langen, weißen Gewande merkte man sogleich, daß sie von hohem Stande
-seyn müsse. »Sieh nur, sagte die Kohlenbrennerinn leise zu ihrem Manne,
-den zierlich ausgezackten, stehenden Halskragen, die feinen Spitzen, aus
-denen die zarten Hände nur zur Hälfte hervorblicken, und -- der tausig!
--- sogar die Schuhe sind so weiß, wie Kirschenblüthe, und mit silbernen
-Blümchen geziert!« Der Mann tadelte aber sein Weib und sagte zu ihr:
-»Dir steckt doch nichts im Kopfe, als die Eitelkeit! Den höhern Ständen
-geziemt eine vornehmere Kleidung. Indeß macht das Kleid den Menschen um
-nichts besser, und mit den zierlichen Schuhen hat die gute Frau wohl
-schon manchen harten Tritt thun und manche rauhe Wege gehen müssen.«
-
-Der Köhler und die Köhlerinn bothen der fremden Frau jetzt Milch, Brot
-und Käse an. Die Frau schlug den Schleyer zurück und beyde wunderten
-sich über die Schönheit und die edle, sanfte Gesichtsbildung der Frau.
-Sie dankte freundlich, und ließ sogleich das Kind auf dem Schooße aus
-der irdenen Schale voll Milch trinken -- und die hellen Thränen drangen
-ihr aus den Augen, und benetzten die blühenden Wangen, als das Kleine
-die Schale mit beyden Händchen festhielt und begierig trank. Auch der
-liebliche Knabe kam herbey und trank auch. Darauf theilte sie von dem
-Brote aus -- und dann trank sie erst selbst, und aß von dem Brote. Der
-fremde Mann aber ließ sich besonders den Käs' sehr gut schmecken.
-Während sie aßen, kamen aus allen Hütten groß und klein herbey, standen
-im Kreise umher, und betrachteten neugierig und wundernd die
-neuangekommenen Fremden.
-
-Nachdem der alte Mann satt war, bat er flehentlich, die Leute möchten
-der Frau doch in irgend einer Hütte auf einige Zeit ein kleines Stübchen
-einräumen; sie werde ihnen nicht zur Last fallen, sondern alles
-reichlich bezahlen. »Ach ja,« sagte die Frau mit sanfter, lieblicher
-Stimme, »erbarmt euch einer unglücklichen Mutter und ihrer zwey Kleinen,
-die durch ein schreckliches Schicksal aus ihrer Heimath vertrieben
-wurden.« Die Männer traten sogleich zusammen, und hielten Rath, wie das
-zu machen sey.
-
-Oben im Thale brach hoch aus röthlichen Marmorfelsen ein Bächlein
-hervor, stürzte sich, schäumend und weiß wie Milch, von Felsen zu
-Felsen, und trieb eine Mühle, die gleichsam nur so an den Felsen dort
-hing. Auf der andern Seite des Bächleins hatte der Müller noch ein
-anderes nettes Häuschen erbaut. Freylich war es, wie alle übrigen Häuser
-im Thale, nur ganz von Holz; aber gar freundlich anzusehen, von
-Kirschbäumen lieblich beschattet, und von einem kleinen Gärtchen
-umgeben. Dieses Häuschen bot der Müller der fremden Frau zur Wohnung an.
-
-»Mein neues Hüttchen da droben,« sagte er, indem er mit der Hand hinauf
-zeigte, »räume ich euch, wie es dasteht, herzlich gerne ein. Es ist
-spanneu, und noch kein Mensch hat darin gewohnt. Ich baute es
-eigentlich, um einmal dahin zu ziehen, wenn ich die Mühle meinem Sohne
-übergeben werde. Wie doch der liebe Gott -- Ihm sey Dank! -- so
-wunderbar für euch sorgt! Erst gestern bin ich damit vollends fertig
-geworden, und heute könnet ihr nun schon einziehen. Es ist recht so, als
-wenn ich es gerade nur für euch gebaut hätte. Es wird euch gewiß
-gefallen!«
-
-Die gute Frau war über dieses freundliche Anerbiethen hocherfreut.
-Nachdem sie etwas ausgeruht hatte, ging sie sogleich hinauf. Sie trug
-das kleine Fräulein auf dem Arme, und der alte Mann führte den Knaben an
-der Hand. Der Müller aber besorgte das Maulthier. Die Frau fand das
-Häuschen, zur großen Freude des Müllers, ganz unvergleichlich. Mit einem
-Tische, einigen Stühlen, und Bettstätten war es schon versehen. Schöne
-Teppiche und prächtige Decken zur Nachtruhe hatte die Frau auf dem
-Maulthiere mitgebracht. Sie übernachtete daher sogleich da -- und dankte
-Gott mit ihren beiden Kleinen vor dem Schlafengehen noch herzlich, daß
-er ihr nach langem Herumirren einen so angemessenen Zufluchtsort habe
-finden lassen. »Wer hätte es geglaubt, sagte sie, daß ich, in Pallästen
-erwachsen, mich noch glücklich schätzen würde, in eine solche Hütte
-aufgenommen zu werden. Wie nöthig hat auch der Höhere, gegen den
-Niedrigsten gut und gefällig zu seyn! Könnte er auch so hart seyn, es
-nicht aus Menschenfreundlichkeit zu thun, so sollte ihn doch die
-Klugheit dazu bewegen. Denn kein Mensch weiß, was ihm bevorsteht.«
-
-Den andern Morgen kam die Frau in aller Frühe mit ihren Kleinen aus der
-niedern Wohnung hervor, sich ein wenig in der Gegend umzusehen. Denn am
-Tage zuvor waren sie dazu allzumüde. Mit Entzücken betrachtete sie die
-schöne Aussicht ins Thal. Die Hütten der Köhler lagen tief unten im
-grünen Thale wie hingesäet, nur immer zwey oder drey beisammen. Das
-Mühlbächlein schlängelte sich hell wie Silber mitten durchhin. Die
-bunten Felsen voll grüner Gesträuche, an denen die Ziegen nagten, hätte
-man, so wie sie jetzt von der Morgensonne beleuchtet waren, nicht
-schöner mahlen können.
-
-Der alte Müller kam, sobald er die Frau mit ihren Kindern erblickte,
-sogleich aus der Mühle heraus, und über den schmalen Steg, der über das
-Bächlein führte, herüber. »Aber nicht wahr, rief er, ein schöneres
-Plätzchen als dieses, giebt es doch im ganzen Thale nicht! Hier scheint
-die Morgensonne immer am ersten hin. Wenn die Hütten unten, wie eben
-jetzt, noch im schwarzen Schatten liegen, so ist da droben schon alles
-von der Sonne wie vergoldet. Ja oft, wenn in dem tiefen, feuchten Thal
-kaum die Kamine der Hütten aus dem grauen Nebel hervorragen, hat man
-hier den klaren blauen Himmel.«
-
-Den Kindern der Frau gefiel aber das Mühlrad, das sich beständig so
-geschäftig umdrehte, am besten. Den Knaben ergötzte besonders das
-Klappern der Mühle, und das Rauschen des Wassers, das wie siedende Milch
-zu kochen schien. Das Mädchen hingegen hatte ihre vorzügliche Freude an
-den funkelnden Edelsteinen von allen Farben, die, wie sie sagte, im
-Sonnenglanze von dem immer tröpfelnden Rade fielen.
-
-Die Frau brachte den Tag zu, sich einzurichten, so gut es in diesem
-armen Thale seyn konnte. Die Leute wetteiferten, sie mit Lebensmitteln,
-mit Brennholz, irdenem Küchengeschirre, und andern Kleinigkeiten zu
-versehen. Das Mädchen, das ihr zuerst den Weg in das Thal gezeigt hatte
-und Martha hieß, kam zu ihr in den Dienst.
-
-»Vor allem brauche ich Eyer!« sagte die Frau, als sie sich zum Kochen
-anschickte. »Sieh doch, daß du mir für Bezahlung einige auftreibest.«
-»Eyer?« fragte Martha ganz verwundert. »Je wozu denn?« »Närrisches
-Mädchen,« sagte die Frau, »wozu? -- zum Kochen. Gehe nur, und mache, daß
-du bald wieder kommest.« »Zum Kochen?« sagte das Mädchen; »aber die
-Vögelein haben ja nun keine Eylein mehr, und dann wäre es doch auch
-Schade. Vier Personen hätten ja wohl einige hundert Eylein von Finken
-oder Hänflingen nöthig, sich satt zu essen.« »Was plauderst du da,«
-sagte die Frau; »wer redet denn von den Eyerchen der Vögelein. Ich meyne
-Hühnereyer.« Das Mädchen schüttelte den Kopf und sagte: »Was das für
-Vögel sind, weiß ich gar nicht. In meinem Leben habe ich noch keine
-gesehen.« »O weh, sagte die Frau, so giebts bey euch noch nicht einmal
-Hühner!«
-
-Denn da die Hühner erst aus dem Morgenlande zu uns gebracht wurden, so
-war damals in manchen Gegenden ein Huhn wirklich etwas so seltenes, als
-jetzt ein Pfau. Die Frau wußte sich, da hier auch nichts von
-Fleischspeisen zu haben war, in ihrer kleinen Küche fast nicht zu
-helfen. »Ich hätte nie daran gedacht,« sprach sie, »was es um ein Ey für
-eine Wohlthat Gottes ist, bis jetzt, da ich keines haben kann. So gings
-mir aber auf meiner Wanderung schon mit hundert Dingen. Mangel und Noth
-haben doch auch ihr Gutes, indem sie uns auf manche Gabe Gottes, die wir
-bisher nicht achteten, aufmerksam machen, und uns Dankbarkeit lehren.«
-
-Die gute Frau mußte sehr kümmerlich leben. Die Leute trugen ihr indeß
-fleißig zu, was sie nur immer glaubten, daß ihr angenehm seyn könnte.
-Wenn der Müller eine schöne Forelle oder ein Köhler ein Paar
-Krametsvögel fing, so brachten sie ihr dieselben sogleich. Die größten
-Dienste that ihr aber der alte Diener, der mit ihr gekommen war. Sie
-hatte noch einige goldene Kleinodien und kostbare Edelsteine. Von diesem
-gab sie ihm von Zeit zu Zeit, und er verreiste damit, und blieb oft
-mehrere Wochen aus. So oft er zurück kam, brachte er immer allerley mit,
-das er für die kleine Haushaltung eingekauft hatte. Die Leute bemerkten
-indeß, daß die Frau nach seiner Zurückkunft oft sehr traurig war, und
-rothgeweinte Augen hatte. Sie wären gar gerne dahinter gekommen, wer sie
-denn eigentlich sey, und woher sie komme. Allein sie selbst zu fragen,
-hatten sie den Muth nicht. Der alte Mann aber sagte ihnen, wenn sie ihn
-fragten, so seltsame Namen, daß sie dieselben kaum nachsprechen konnten,
-und sie in einer Viertelstunde schon wieder vergessen hatten, bis sie
-endlich merkten, daß der muntere Greis sie nur zum Besten habe. Da
-machten sie sich an die Kleinen. »Sag' uns doch, sagten sie zum Knaben,
-wie heißt denn deine Mutter eigentlich? Wir wollen es nicht weiter
-sagen. Sag es uns nur ins Ohr.« Da sagte ihnen denn das Kind sehr
-geheimnisvoll, aber auch sehr offenherzig und zutraulich: »Sie heißt
-eigentlich Mamma.« Aehnliche Antworten gab auch das Mädchen. Die Leute
-mußten es also der Zeit überlassen, dieses Geheimniß zu enthüllen.
-
-
-
-
- Zweytes Kapitel.
-
- »Gottlob, nun sind doch einmal die Hühner da!«
-
-
-Einmal kam der alte Diener, der Kuno hieß, wieder von einer Reise heim,
-und trug einen Hühnerstall auf dem Rücken. In dem waren ein Hahn und
-einige Hennen. Als die Kinder im Thale den alten Mann kommen sahen,
-liefen sie alle zusammen; denn er brachte ihnen immer etwas mit --
-weißes Brot, getrocknete Pflaumen, ein Pfeifchen, ein Glöcklein für ihre
-Ziegen oder sonst eine Kleinigkeit.
-
-Dießmal waren die Kinder sehr neugierig, was denn in dem vergitterten
-Kästchen sey, das fast ganz mit Tuch bedeckt war, so daß man nicht recht
-hinein sehen konnte. Sie begleiteten ihn bis vor die Thüre der Frau, die
-mit ihren zwey Kleinen sogleich freudig herauskam und ihn grüßte.
-»Gottlob, rief das kleine Fräulein und klatschte in die Hände, nun sind
-doch einmal die Hühner da!«
-
-Der Mann stellte den Kasten nieder, öffnete das Thürchen, und da kam
-denn zuerst ein prächtiger Hahn heraus. Die Kinder erstaunten. »Was für
-ein sonderbarer Vogel das ist! riefen sie; denn wie man ihn heiße,
-wußten sie noch nicht. In unserm Leben haben wir noch keinen so schönen
-Vogel gesehen! Was er für eine schöne Krone auf dem Kopfe hat, noch
-schöner roth, als Kornblumen; und wie wunderschön bräunlich und gelblich
-seine Federn schimmern, noch schöner als reifes Getreide in der
-Abendsonne; und wie wunderlich er den Schweif trägt, fast wie eine
-Sichel gekrümmt!« Auch die Hennen gefielen ihnen sehr wohl. Es waren ein
-Paar Schwarze mit hochrothem Kamme, ein Paar Weiße mit Schöpfen, und ein
-Paar Röthlichbraune ohne Schweif. Die Frau streute den Hühnern einige
-Hände voll Haberkörner hin. Die Hühner pickten sie geschäftig hinweg,
-und die Kinder standen und knieten im Kreise umher, und sahen mit
-vergnügten Gesichtern zu.
-
-Als der Haber aufgefressen war, da schwang mit einem Male der Hahn die
-Flügel und krähte -- und alle Kinder lachten laut zusammen, so freuten
-sie sich darüber. Und im Heimwege schrien die Knaben alle: »Kikeriki«
-und die Mädchen machten es ihnen wohl auch nach, aber doch nicht gar so
-laut. Als die Kinder heimkamen, erzählten sie von den Wundervögeln, die
-viel größer seyen, als die Ringeltauben, ja wohl größer, als die Raben,
-und wie sie so schöne Farben hätten, noch viel schöner als alle Vögel im
-Walde. »Und, sagte die kleine Marie, Marthas Schwesterlein, wie sie so
-ein rothes Käpplein auf dem Kopfe tragen, wie es bisher noch bey keinen
-Vögeln des Waldes gebräuchlich gewesen.« Auch die Aeltern wurden
-neugierig und kamen, die fremden Vögel zu sehen, und waren nicht weniger
-darüber verwundert.
-
-Nach einiger Zeit ließ sich eine der Hennen zum Brüten an. Martha mußte
-die Henne täglich füttern. Die Frau zeigte einmal den Kindern aus dem
-Thale das Nest, und die Kinder wunderten sich alle laut über die Menge
-von Eyern. »Funfzehn Eyer!« riefen sie; »die Holztauben legen nur zwey,
-andere Vögelein nur fünf Eyer. O wie wird die Henne so viele Junge
-auffüttern!«
-
-Da die Jungen anfingen auszukriechen, wollte die Frau den Kindern eine
-Freude machen, und ließ sie rufen. Es kamen aber, da es eben Feyertag
-war, auch viele große Leute mit. Sie zeigte ihnen ein aufgepicktes Ey. O
-wie freuten sich die Kinder, als das junge Hühnlein so geschäftig
-pickte, herauszukommen. Die Frau half ihm vollends heraus. Nun war die
-Verwunderung noch größer, daß das kleine Vögelein schon über und über so
-schöne gelbe Flaumfederlein habe, so munter aus den schwarzen Aeuglein
-blicke, und sogleich davon laufen könne, da doch andere junge Vögelein
-nackt, blind und ganz hülflos zur Welt kämen. »Das ist doch etwas
-unerhörtes,« sagten die Kinder, »solche Vögel giebt es in der ganzen
-Welt nicht mehr.«
-
-Als die schöne, glänzend schwarze Glucke mit dem purpurrothen Kamme, in
-Mitte ihrer fünfzehn gelbhaarigen Jungen, das erste Mal auf den grünen
-Rasen herausschritt, da war die Freude der Kinder und Aeltern gar über
-alle Weise. »Schöneres kann man doch nichts sehen!« sagte ein Köhler.
-»Und horcht nur,« sprach die Köhlerinn, »wie die Alte den Jungen lockt,
-und wie die kleinen Dingerchen den Ruf verstehen, und sogleich folgen.
-Es wäre zu wünschen, daß ihr Kinder auch immer so auf den Ruf ginget.«
-
-Ein Knabe wollte ein junges Hühnlein fangen, um es näher zu betrachten.
-Das kleine Dingelchen schrie aber kläglich, und auf das Geschrey schoß
-die Alte plötzlich und mit weitgeöffneten Flügeln herbey, und flog dem
-Knaben, der heftig erschrack und jammernd um Hülfe schrie, auf den Kopf.
-Sie hätte ihm wohl die Augen ausgekratzt, wenn er das Junge nicht
-augenblicklich wieder hätte laufen lassen. Der Vater schmähte den
-Knaben, und die Mutter sagte: »Wie das treue Thier sich seiner Jungen so
-eifrig annimmt! Menschen könnten sogar von ihm lernen.«
-
-Wenn die Henne nun einen guten Bissen fand, so erhob sie sogleich ein
-Geschrey, und die Jungen eilten alle zusammen. Die Alte zerhackte ihn
-erst mit ihrem Schnabel und legte ihnen gleichsam vor. Jedermann
-wunderte sich, daß so junge Thierchen, die kaum über einen Tag alt
-wären, nicht nur sogleich laufen, sondern auch schon fressen könnten.
-
-Da jetzt die Sonne sich etwas unter die Wolken verbarg -- so sammelten
-sich alle Jungen unter die Alte, und versteckten sich da, um sich zu
-wärmen. »Das ist noch das allerschönste,« sagten die Leute. »Es ist gar
-so artig und munter, wie hie und da ein Köpfchen unter den Flügeln der
-Henne hervorsieht, oder sich ein Junges hervorwagt, und sogleich wieder
-an einer andern Stelle unter sie hineinkriecht.«
-
-Der Müller, der in seiner weißbestäubten Kleidung in Mitte der schwarzen
-Köhler sich gar sonderbar ausnahm, aber auch an Einsicht sich eben so
-vor ihnen auszeichnete, sprach: »Was das doch ein Wunderding mit diesen
-fremden Vögeln ist! Wir erblicken zwar Gott überall in der Natur; aber
-wenn wir etwas ungewöhnliches sehen, fällt uns seine Allmacht, Weisheit
-und Güte doch noch mehr in die Augen. Bedenkt nur, wie gut es ist, daß
-diese kleinen Vögelein sogleich laufen und fressen können; wenn die Alte
-so vielen Jungen das Futter im Schnabel zutragen müßte, wie eine
-Schwalbe, da würde sie nicht fertig! Wie gut ists, daß es schon die
-Natur der Jungen so ist, der Alten nachzulaufen und ihrer Stimme zu
-folgen. Liefen sie, weil sie doch auf der Stelle laufen können, sogleich
-auseinander; die Alte könnte sie nicht mehr zusammen bringen, und die
-Jungen gingen verloren. Besonders wundert mich aber, wo die Henne den
-Muth hernimmt, ihre Jungen so tapfer zu vertheidigen! Habe ich mich doch
-oft schon über die Hühner geärgert, und sie dumme Thiere gescholten,
-weil sie allemal, so oft ich an ihnen vorbey ging, vor Furcht scheu
-auseinander flogen, obwohl sie längst merken konnten, daß ich ihnen
-nichts zu leid thue. Und nun ist die Natur des Thieres ganz verändert,
-und sie setzt sich gegen einen Mann zur Wehre. Oft hat es mich ergötzt,
-wie die Hennen um einen Bissen zanken, oder wie diejenige, die ein
-größeres Bröcklein fand, so neidig ist, und sogleich davon läuft, und
-wie die andern ihr nachlaufen, und es ihr nehmen wollen. Jetzt aber hat
-sie ihre Gefrässigkeit ganz abgelegt, und ruft den Jungen selbst und
-rührt nichts an, bis alle satt sind. Ich glaube das gute Thier stürbe
-lieber selbst Hungers, als daß sie eines ihrer Jungen verhungern ließe.
-Diese zärtliche Sorgfalt, mit der die Henne ihre zarten Jungen
-umherführt, Futter für sie aufsucht, sie ernährt, sie beschützt, sie
-unter ihren Flügeln wärmt -- hat Gott dem Thiere eingepflanzt. So
-zärtlich ist Gott für diese jungen Hühnlein besorgt! Und wie sollten nun
-wir verzagen? Sollte Er nicht noch mehr für uns besorgt seyn? Freylich
-sorgt Er noch mehr für uns. Darum nur guten Muth, lieben Leute! Gott
-macht alles wohl. Er sorgt für alle seine Geschöpfe -- am meisten aber
-für den Menschen, der in seinen Augen mehr ist, als alle Hühner und alle
-andern Vögel in der ganzen Welt.«
-
-
-
-
- Drittes Kapitel.
-
- »Jetzt giebt es Eyer im Ueberfluß.«
-
-
-Weil die guten Leute im Thale gegen die fremde Frau immer gar so
-gefällig gewesen, so war sie schon lange darauf bedacht, ihnen auch
-wieder eine Freude zu machen, und ihre ärmliche Haushaltung zu
-erleichtern. Die gute Frau hatte daher Eyer und Hühner sehr geschont,
-und da sie nun einen schönen Vorrath von Eyern und auch mehrere Hühner
-beysammen hatte, schickte sie Martha ins Thal, alle Hausmütter auf den
-morgigen Tag, der ein Sonntag war, einzuladen. Sie kamen mit Freuden,
-und in ihrem schönsten Aufputze. In dem kleinen Gärtchen hatte der alte
-Diener einen ländlichen Tisch mit einigen Bänken bereitet. Hier mußten
-sie Platz nehmen.
-
-Martha brachte hierauf einen großen Korb voll Eyer. Die waren alle so
-reinlich, daß man kein Flecklein daran sah, und weiß wie Schnee. Die
-Kohlenbrennerinnen erstaunten und wunderten sich nicht wenig über die
-Menge von Eyern. »Gottlob! sagte die Frau, jetzt giebt es Eyer im
-Ueberfluß, und es ist allerdings ein schöner Anblick, so viele reinliche
-Eyer beysammen zu sehen. Nun will ich euch aber auch zeigen, wie man sie
-in der Haushaltung nützen kann.«
-
-In einer Ecke des Baumgärtchens, unten an einem Felsen, war Feuer
-aufgemacht. Eine große Pfanne voll Wasser hing über dem Feuer. Die Frau
-schlug zuerst ein Ey auf, um zu zeigen, wie es innen aussehe, bevor es
-in das heiße Wasser komme. Alle betrachteten mit Aufmerksamkeit die
-schöne kristallhelle Feuchtigkeit, in der gleich einer gelben Kugel der
-Dotter schwamm. Nun wurden so viele Eyer, als es Gäste waren, weich
-gesotten. Auf dem Tische war Salz und weißes länglich geschnittenes Brot
-in Bereitschaft. Die Frau lehrte sie die Eyer öffnen, und nun wunderten
-sich alle, wie das durchsichtige des Eys so schön weiß wie Milch aussah,
-und eben so, wie das Gelbe, fester geworden. Alle lobten, indem sie nach
-Anweisung der Frau die Eyer mit dem Brote austunkten, die treffliche
-Speise. »Da hat man,« sagten sie, »Geschirr und Speise sogleich
-beysammen. Und wie schön und reinlich, wie lieblich weiß und gelb alles
-aussieht! Wie schnell, ohne Kunst, ohne allen Aufwand ein Ey gekocht
-ist. Auch für Kranke könnte man nicht leicht eine wohlfeilere und
-nahrhaftere Speise finden.«
-
-Die Frau schlug hierauf Eyer in heißes Schmalz. Dieses war für die
-Köhlerinnen wieder eine neue Erscheinung. »Wie das Gelbe so schön vom
-Weißen umgeben ist,« sagten sie, »wie bey den großen weiß- und gelben
-Wiesenblumen, die man Ochsenaugen nennt.« Die Eyer wurden nach und nach
-auf grünen Spinat gelegt, der in einer großen flachen Schüssel bereit
-stand -- und auch diese Speise wurde von allen gelobt. So machte die
-Frau noch andere Eyerspeisen, und unterrichtete die Köhlerinnen, wie die
-Eyer nicht nur an und für sich eine gesunde Speise seyen, sondern mit
-noch größerm Vortheil zur bessern Bereitung anderer Speisen benützt
-werden können.
-
-Zuletzt wurde schöner grüner Ackersalat aufgetragen. Kuno brachte einen
-Teller voll Eyer, die schon früher hart gesotten wurden, damit sie indeß
-wieder kalt würden. Der fröhliche Alte ließ aus Scherz die Eyer fallen,
-daß sie auf dem steinigen Boden herumrollten. Die Köhlerinnen am Tische
-erschracken, daß sie laut aufschrien. Sie meynten, die Eyer würden
-ausfließen. Aber wie wunderten sie sich alle, als die Frau die Schalen
-rein ablöste, und jedes Ey so durchaus hart erschien, daß es sich
-schneiden ließ. Die Sache schien ihnen ein Wunder. Indeß sagte ihnen die
-Frau, wie man die Eyer hart siede und legte die zierlich geschnittenen
-Eyer auf den Salat, und auch diese Speise schmeckte den Gästen sehr gut.
-
-Nachdem die Mahlzeit geendet war, vertheilte die Frau einige Hähne und
-mehrere Hennen unter die Hausmütter. Sie sagte ihnen, daß eine Henne des
-Jahres hundert, bis hundert fünfzig Eyer lege -- worüber alle
-erstaunten. »Ueber hundert Eyer!« riefen sie. »Welch ein Vortheil in der
-Haushaltung!« Die guten Hausmütter brachten mit den Hühnern eine große
-Freude ins Thal. In allen Hütten war Jubel. Alle Leute im Thale segneten
-die Frau, und dankten Gott für so schöne wohlthätige Geschenke.
-
-Die Hühner waren lange Zeit das tägliche Gespräch. Immer bemerkten die
-Leute noch etwas neues daran, das sonderbar und zugleich nützlich war.
-Die Eigenschaft, daß der Hahn morgens krähe, war den Hausvätern
-besonders lieb. »Er verkündet so,« sagten sie, »den nahen Tag und
-fordert die Menschen auf, an ihr Tagwerk zu gehen. Es ist ein ganz neues
-Leben im Thal, wenn am Morgen die Hähne so zusammen krähen, und man geht
-ordentlich munterer an die Arbeit!« »Freylich wohl!« sagte der Müller.
-»Wenn der Hahn aber gegen Mitternacht das erste Mal kräht, so ruft er
-den lustigen Gesellschaften mit lauter Stimme zu, jetzt sey es die
-höchste Zeit, sich zur Ruhe zu begeben.«
-
-Den Hausmüttern gefiel es noch besonders, daß die Henne es gatzend
-ankündete, wenn sie ein Ey gelegt hatte. Allemal war Freude im Hause,
-wenn sie sich hören ließ. »So weiß man es doch gleich,« sagten sie, »und
-kann das nützliche Geschenk sogleich in Empfang nehmen.«
-
-Hausväter und Hausmütter sagten oft unter einander: »Diese Vögel sind
-wahrhaftig von Gott recht eigentlich zu Hausthieren geschaffen. Sie
-halten sich so treulich an das Haus, entfernen sich nie weit davon,
-kommen, sobald man ihnen lockt, sogleich alle zurück, ja, sie gehen am
-Abende von selbst heim, und warten an Hausthür oder Fenster, bis man sie
-hereinlasse. Nicht nur bringen sie in der Haushaltung einen großen
-Nutzen; ihr Unterhalt kostet auch sehr wenig. Sie nehmen mit Kleye, mit
-dem Abfalle vom Gemüse, und mit andern schlechten Dingen vorlieb, die
-man im Hause sonst nicht weiter nützen könnte. Ja sie gehen vom Morgen
-bis Abend außer dem Hause überall umher und scharren und suchen ihr
-Futter selbst auf. Viele tausend Körnlein, die besonders zur Erntezeit
-und bey dem Dreschen verloren gingen, kommen so noch den Menschen zu
-gut. Die Hennen lesen sie fleißig auf und geben uns Eyer dafür. Die
-ärmste Wittwe, die sonst kein Hausthier halten konnte, vermag doch noch
-eine Henne, und das tägliche Ey ist ein tägliches Almosen für sie.«
-
-Auch die zwey Kinder der Frau sahen nun ein, woran sie im Ueberflusse
-nie gedacht hatten, was die Eyer für gütige Geschenke Gottes seyen. O
-wie froh waren sie, als sie hie und da morgens ein Ey in Milch essen
-konnten! Wie gut fanden sie nun manche Speise, die ihnen vorhin nicht
-recht genießbar schien, weil das Ey daran fehlte. Wie sehr dankten sie
-Gott dafür!
-
-
-
-
- Viertes Kapitel.
-
- Das Fest der bemahlten Eyer, ein Kinderfest.
-
-
-Indeß gingen Sommer und Herbst vorüber, und der Winter kam. Er war,
-zumal in dieser rauhen Gegend, sehr hart. Die kleinen Hütten im Thale
-lagen Monate lang, wie im Schnee vergraben. Nur die rauchenden Kamine
-und etwas von den Dächern schauten noch aus der weißen Hülle hervor. Von
-dem Hohlwege zwischen den Felsen herauf sah man gar nichts mehr. Die
-Mühle stand still, und die Wasserfälle hingen starr und geräuschlos an
-den Felsen da. Man konnte nur wenig zusammen kommen. Desto größer war
-die Freude, als der Schnee schmolz, und es wieder Frühling ward.
-
-Die Kinder aus dem Thale kamen sogleich wieder herauf, und brachten den
-beyden fremden Kindern, Edmund und Blanda, die ersten blauen Veilchen
-und gelben Schlüsselblümchen, die sie im Thale finden konnten. Ja sie
-flochten ihnen, sobald es mehrere dieser holden Frühlingsblümchen gab,
-die schönsten blauen und gelben Kränze. »Ich muß,« sagte die edle Frau,
-»den guten Kindern doch auch eine Freude machen. Ich will ihnen auf den
-kommenden Ostertag ein kleines ländliches Kinderfest geben. Denn es ist
-gar schön, daß man solche Tage den Kindern, so gut man nur immer kann,
-zu Freudentagen mache. Aber was soll ich ihnen geben? Auf Weihnachten
-konnte ich sie mit Aepfeln und Nüssen beschenken, die ich für sie hatte
-bringen lassen. Allein zu dieser Zeit hat man nichts im Hause, als etwa
-ein Ey. Noch bringt die Natur nichts hervor, das zu genießen wäre. Alle
-Bäume und Sträuche stehen ohne Früchte und Beeren. Eyer sind die ersten
-Geschenke der wieder auflebenden Natur.«
-
-»Aber,« sagte Martha, »wenn die Eyer nur nicht so ganz ohne alle Farben
-wären! Weiß ist wohl auch schön. Allein die allerley Farben der Früchte
-und Beeren, zumal die schönen rothen Wangen der Aepfelein, sind doch
-noch schöner.«
-
-»Du bringst mich da auf einen Einfall,« sagte die gute Frau, »der nicht
-gar übel seyn mag. Ich will die Eyer hart sieden, und sie, was sich
-während des Siedens leicht thun läßt, zugleich färben. Die mancherley
-Farben machen den Kindern gewiß große Freude.«
-
-Die verständige Mutter kannte verschiedene Wurzeln und Moose, die man
-zum Schönfärben brauchen kann. Sie färbte nun die Eyer auf verschiedene
-Art. Einige wurden schön himmelblau, andere gelb wie Zitronen, andere so
-schön roth wie das Innere der Rosen. Einige hatte sie mit zarten grünen
-Blättchen eingebunden, die sich dann auf den Eyern abbildeten, und ihnen
-ein unvergleichlich schönes buntes Aussehen gaben. Auf einige setzte sie
-auch einen kleinen Reim.
-
-»Die bemahlten Eyer,« sagte der Müller, als er sie erblickte, »sind
-gerade recht für das Fest, wo die Natur ihr weißes Kleid ablegt, und
-sich mit allerley Farben schmückt. Die gute Mutter macht es gerade wie
-der liebe Gott, der uns nicht nur schmackhafte Früchte giebt, sondern
-sie auch noch für das Auge schön und freundlich macht. Wie er die
-Kirsche roth, die Pflaume blau, die Birne gelb färbt, so macht sie es
-mit den Eyern.«
-
-Der Ostertag war diesesmal ein überaus schöner Frühlingstag -- ein
-wahrer Auferstehungstag der Natur. Die Sonne schien so schön und warm,
-der Himmel war so rein und blau, daß es eine Lust war, und alles neues
-Leben fühlte. Die Wiesen im Thale waren bereits schön grün und hie und
-da schon bunt von Blumen.
-
-Schon lange vor Anbruch der Morgenröthe hatten die Frau und der alte
-Kuno sich auf den Weg zur Kirche gemacht, die über zwey Stunden weit
-entfernt jenseits mehrerer Berge lag. Die Väter und Mütter aus dem
-Thale, und die größern Kinder, die so weit gehen konnten, zogen auch mit
-dahin. Gegen Mittag kam die Frau mit Hülfe des Maulthieres, das Kuno
-führte, wieder zurück; die übrigen Leute aber kamen mit ihren Kindern
-erst lange nach Mittag, oder gar erst gegen Abend nach Hause.
-
-Sobald die Frau angelangt war, eilten jene Kinder, die man daheim
-gelassen hatte, und die mit Edmund und Blanda ungefähr von einerley
-Alter -- und schon lange eingeladen waren, voll Freude herauf.
-
-Die Frau führte sie in das Gärtchen, das Kuno im vorigen Jahre sehr
-verschönert hatte. Nahe an der Felsenwand, auf einem zierlich mit Kiese
-beschütteten Grunde, war ein länglicht runder Tisch. Der war jetzt mit
-einem farbigen Teppiche belegt. Rasensitze von jungem, frischen Grün
-umgaben ihn. Die Kinder setzten sich rings um den Tisch, und mitten
-unter ihnen Edmund und Blanda. Alle sahen freundlich und fröhlich aus
-den Augen und waren voll Erwartung der Dinge, die da kommen würden. Es
-war wirklich ein ungemein lieblicher Anblick, den schönen Kreis von
-gelb- und braunlockichten Köpfchen und alle blühenden Gesichtchen zu
-sehen. »So schön ist kein Blumenkranz,« sagte die Frau bey sich selbst,
-»und wäre er auch aus den schönsten Rosen und Lilien gewunden.«
-
-Nun erzählte ihnen die Frau zuerst sehr schön und deutlich, warum der
-heilige Ostertag ein so großes Freudenfest sey -- und dann wurde eine
-große irdene Schüssel voll heißer Milch aufgetragen, darein Eyer
-geschlagen waren. Jedes Kind hatte ein neues irdenes Schüsselchen vor
-sich stehen. Jedes bekam nun seinen Theil und ließ sichs trefflich
-schmecken. Hierauf führte die Frau die Kinder durch eine Seitenthür des
-Gärtchens in das kleine Tannenwäldchen, das an den Garten stieß.
-Zwischen den jungen Tännchen waren hie und da schöne grüne Rasenplätze.
-Da sagte die Frau den Kindern, jedes solle aus Moos, mit dem die Felsen
-und Bäume umher reichlich bewachsen waren, ein kleines Nestchen machen.
-Sie gehorchten mit Freuden. Denjenigen Kindern, die nicht zurecht kommen
-konnten, mußten die geschicktern helfen. Jedes mußte sich sein Nestchen
-recht wohl merken.
-
-Nun kehrten die Kinder wieder in den Garten zurück. Aber sieh -- da
-erblickten sie auf dem Tische einen großen Kuchen von Eyerbrot, der wie
-ein großer gewundner Kranz gestaltet war. Jedes bekam nun ein großes
-Stück Kuchen. Indeß nun die Kinder aßen, schlich Martha mit einem großen
-Korbe voll gefärbter Eyer heimlich in das Wäldchen, und vertheilte die
-Eyer in die Nestchen, und die blauen, rothen, gelben oder bunten Eyer
-nahmen sich in den zierlichen Nestchen von zartem, grünlichem Moose
-ungemein schön aus.
-
-Nachdem die Kinder genug gegessen hatten, sagte die Frau: »Nun kommt,
-jetzt wollen wir nach den Nestchen sehen.« In jedem Nestchen lagen fünf
-gleichfarbige Eyer, und auf Einem derselben stand ein Reim. Was da die
-Kinder für ein Freudengeschrey erhoben! Die Freude und der Jubel ging
-über alle Beschreibung. -- »Rothe Eyer! Rothe Eyer!« rief das eine, »in
-meinem Nestchen sind lauter rothe Eyer.« »Und in dem meinigen blaue,«
-rief ein anderes, »o alle so schön blau, wie jetzt der Himmel.« »Die
-meinigen sind gelb,« schrie ein drittes, »noch viel schöner gelb, als
-die Schlüsselblümchen, oder der hellgelbe Schmetterling, der dort
-fliegt.« »Die meinigen, rief das vierte, haben gar alle Farben!« »O das
-müssen wunderschöne Hühner seyn,« rief ein kleiner Knabe, »weil sie so
-schöne Eyer legen. Die möchte ich einmal sehen.«
-
-»Ey,« sagte Martha's Schwesterchen, das Kleinste aus allen Kindern, »die
-Hühner legen freylich keine so schöne Eyer. Ich glaube gar, das Häschen
-hat sie gelegt, das aus dem Wachholderbusche heraussprang und davon
-lief, als ich dort das Nestchen bauen wollte.« Und alle Kinder lachten
-zusammen, und sagten im Scherze, der Haase lege die bunten Eyer. Ein
-Scherz, der sich in manchen Gegenden bis auf unsere Zeiten erhalten hat.
-
-»O mit wie wenigem,« sagte die Frau, »kann man den Menschen eine große
-Freude machen! Wer sollte nicht gerne geben; indem ja geben seliger ist,
-als empfangen! -- Wer doch noch ein Kind seyn könnte! Eine solche Freude
-empfinden unter den Erwachsenen nur diejenigen, die ihr Herz rein und
-schuldlos bewahrten. Nur die leben noch in dem Paradiese der Kindheit --
-diesem Gottesreiche schuldloser Freude.«
-
-Nun machte die Frau den Kindern wieder eine andere Unterhaltung. Manches
-Kind, das nur blaue Eyer bekam, hätte gerne auch ein rothes oder gelbes
-gehabt. Denen, mit den rothen, gelben oder bunten Eyern ging es eben so.
-Die Frau sagte daher den Kindern, sie sollen mit einander tauschen. Nur
-das Ey mit dem Sprüchlein durfte nicht vertauscht werden. Das war jetzt
-eine neue Freude, da jedes Kind auf diese Art Eyer von allen Farben
-erhielt. »Seht,« sagte die Frau, »so muß man einander aushelfen. Wie es
-mit den Eyern hier ist, so ist es mit tausend andern Dingen. Gott
-theilte seine Gaben so aus, daß die Menschen einander davon wechselweise
-mittheilen können, und so einander Freude machen und einander lieber
-gewinnen sollen. Möchte doch jeder Tausch oder Kauf, wie euer kleiner
-Eyerhandel beschaffen seyn, daß immer beyde Theile gewinnen, und keiner
-verliere.«
-
-Der kleine Edmund las seinen Reim. Ein Köhlerknabe war darüber voll
-Erstaunen. Denn damals gab es noch wenige Schulen, und mancher
-Erwachsene wußte kaum, daß es um das Lesen und Schreiben etwas Schönes
-und Nützliches sey. Der Köhlerknabe wollte nun sogleich wissen, was denn
-da auf _seinem_ Ey geschrieben stehe. »O ein unvergleichlich schönes
-Sprüchlein!« sagte die Frau. »Höre einmal! _Für Speis und Trank -- dem
-Geber dank!_« Sie fragte die Kinder, ob sie dieses immer gethan hätten?
-Jetzt fiel es ihnen erst ein, Gott für die fröhliche Mahlzeit und die
-schönen Eyer zu danken, was sie denn nach Anleitung der Frau auch
-sogleich von Herzen thaten.
-
-Nun wollte aber jedes Kind wissen, was auf seinem Ey stehe. Alle
-drängten sich um die Frau. Alle die kleinen Händchen, und in jedem der
-Händchen ein Ey, waren gegen sie ausgestreckt. Alle riefen wie mit einem
-Munde: »Was steht auf meinem? Was auf meinem? Wie heißt meines? O meines
-zuerst lesen!«
-
-Die Frau mußte Friede machen, und die Kinder in einen Kreis stellen.
-Jetzt las sie in der Reihe herum ein Sprüchlein nach dem andern. Jedes
-Kind war voll Begierde zu wissen, wie sein Reimlein heiße. Alle horchten
-auf die Frau, und wandten kein Auge von ihr, wenn sie wieder ein
-Sprüchlein las.
-
-Die Reimlein bestanden nur immer aus einigen Wörtchen. Alle zusammen,
-sowohl auf den Eyern, die sie jetzt, als auf jenen, die sie nachher noch
-austheilte, waren ungefähr folgende:
-
- 1. Nur Eins ist noth,
- Kind, liebe Gott!
-
- 2. Gott sieht dich, Kind,
- Drum scheu die Sünd.
-
- 3. Für Speis und Trank
- Dem Geber dank'.
-
- 4. Ein dankbar Herz
- Flammt himmelwärts.
-
- 5. Vertrau' auf Gott,
- Er hilft in Noth.
-
- 6. Höchst elend ist,
- Wer Gott vergißt.
-
- 7. Wer Jesum ehrt,
- Thut, was Er lehrt.
-
- 8. Gebet und Fleiß
- Macht gut und weis'.
-
- 9. Fromm, gut und rein,
- Drey Edelstein.
-
- 10. Ein gutes Kind
- Gehorcht geschwind.
-
- 11. Beym Eigensinn
- Ist kein Gewinn.
-
- 12. Ein reines Herz
- Erspart viel Schmerz.
-
- 13. Kind, wirst du roth,
- So warnt dich Gott.
-
- 14. Wie Rosen blüht
- Ein rein Gemüth.
-
- 15. Bescheidenheit
- Das schönste Kleid.
-
- 16. Wer Lügen spricht,
- Dem glaubt man nicht.
-
- 17. Die Heucheley
- Ein faules Ey.
-
- 18. Verdientes Brot,
- Macht Wangen roth.
-
- 19. Unmäßig seyn
- Bringt Schmach und Pein.
-
- 20. Geiz macht ein Herz
- Zu Stein und Erz.
-
- 21. Ein frommer Mann,
- Hilft wo er kann.
-
- 22. Zorn, Haß und Neid
- Bringt dir nur Leid.
-
- 23. Still, sanft und mild,
- Ein goldner Schild.
-
- 24. Geduld im Leiden
- Bringt Himmelsfreuden.
-
- 25. Gutseyn, nicht Gold,
- Macht lieb und hold.
-
- 26. Ein gut Gewissen,
- Ein sanftes Kissen.
-
- 27. Wer Gutes thut,
- Hat frohen Muth.
-
- 28. Zur Ewigkeit
- Sey stets bereit.
-
- 29. Weltlust vergeht,
- Tugend besteht.
-
- 30. Den Frommen lohnen
- Dort ew'ge Kronen.
-
-Jedes Kind gab sich alle Mühe, sein Reimlein zu merken, und wiederholte
-es in der Stille immer bey sich selbst, um es nicht zu vergessen.
-
-Die Frau fragte nun in der Reihe herum, ob jedes sein Sprüchlein noch
-wisse. Hie und da mußte sie ein wenig nachhelfen. Aber bald wußte jedes
-Kind das seine schön und deutlich zu sagen. Ja viele merkten auch die
-Reimlein der übrigen. Nach und nach wußte fast jedes Kind alle Reime
-auswendig. Wenn man nur das erste Wort nannte, so wußten sie fast
-allemal das Sprüchlein bis ans Ende zu sagen. Und wenn man die erste
-Hälfte sagte, so wußten sie die zweyte ganz sicher. So viel auf einmal,
-und so leicht, unter Lust und Lachen, hatten die Kinder noch nie
-gelernt.
-
-Die Väter und Mütter und die andern Kinder, die indes nach Hause
-gekommen waren, und den lauten Jubel, der in das Thal hinabscholl,
-vernahmen, eilten herauf, zu sehen und zu hören, was es denn gebe, und
-waren ganz erstaunt. »So viel,« sagten sie, »lernen ja die Kinder zu
-Hause kaum in einem halben Jahre auswendig, als hier in einer halben
-Stunde. Es bleibt doch wahr, Lust und Lieb zu einem Ding, macht alle Müh
-und Arbeit gering.« »Aber den Kindern Lust zu machen, sagte der Müller,
-das ist das Kunststückchen. Da steckts! -- Das heißt einmal viel
-gelernt. Das ist ja eine ganze Sittenlehre für Kinder im Kleinen. Wie
-die Frau doch mit Kindern umzugehen weiß!«
-
-Die Frau beschenkte nun auch die übrigen Kinder mit bunten Eyern und mit
-Kuchen, und sagte noch zu allen: »Die gefärbten Eyer mögt ihr zu Hause
-essen; und die mit dem Sprüchlein, müßt ihr zum Andenken aufbewahren.«
-»Die essen wir freylich nicht!« sagten die Kinder. »Die heben wir auf.
-Das Sprüchlein ist ja mehr werth, als das Ey.« »Das ist's wahrhaftig,«
-sagte die Frau, »wenn ihr das befolgt, was es euch lehrt.«
-
-Sie ermahnte die Aeltern nun, die Kinder bey guter Gelegenheit an die
-Sprüchlein zu erinnern. Die Aeltern thatens. Wenn ein Kind nicht
-sogleich auf das Wort folgen wollte, erhob der Vater den Finger und
-sagte: »_Ein gutes Kind_ --« und das Kind sprach: »_gehorcht
-geschwind!_« und gehorchte dann auch geschwind. Wenn ein Kind Miene
-machte, zu lügen, sprach die Mutter: »_Wer Lügen spricht_ --« »_dem
-glaubt man nicht!_« fuhr das Kind fort, erröthete und schämte sich zu
-lügen. Und so machten die Aeltern es auch mit den übrigen Reimen.
-
-Die Kinder sagten noch gar oft, in ihrem Leben hätten sie keinen so
-vergnügten Tag gehabt. »Nun,« sagte die Frau allemal, »so thut nur
-fleißig, wie es in den Sprüchlein heißt, und dann gebe ich euch alle
-Jahre ein solches Eyerfest. Wer aber böse ist und nicht folgt, darf
-nicht dazu kommen. Denn es soll nur ein Fest für gute Kinder seyn.« O,
-wie da die Kinder im Thale so gut und so folgsam wurden!
-
-
-
-
- Fünftes Kapitel.
-
- Ein Paar Eyer -- mehr werth, als wenn sie von Gold wären.
-
-
-Unter den Zuschauern, die dem kleinen Kinderfeste beywohnten, hatte die
-Frau einen fremden Jüngling bemerkt, der in dem Kreise fröhlicher
-Menschen ganz traurig dastand. Der Jüngling mogte etwa im sechzehnten
-Jahre seyn. Er war nur sehr ärmlich gekleidet, allein von einem sehr
-edlen Aussehen und von einer blühenden, unverdorbenen Gesichtsfarbe;
-seine schönen gelben Haare hingen bis auf die Schultern herab, und in
-der Hand hatte er einen langen Wanderstab.
-
-Nachdem sich die meisten Zuschauer zerstreut hatten, fragte ihn die Frau
-voll Mitleids, warum er denn so traurig sey. »Ach, sprach der Jüngling,
-und die hellen Thränen standen ihm in den Augen, mein Vater, der ein
-Steinhauer war, ist erst vor drey Wochen gestorben. Meiner Mutter geht
-es nun mit meinen zwey kleinen Geschwistern, einem Knaben und einem
-Mädchen, sehr hart. Mich will der Bruder meiner Mutter annehmen, und
-mich das Handwerk des Vaters, das er auch treibt, lehren, damit ich die
-Mutter erhalten und mich in der Welt fortbringen könne. Zu diesem reise
-ich jetzt. Ich komme schon zwanzig Stunden weit her und habe fast noch
-so weit zu gehen. Denn der Vetter wohnt weit hin in einer andern Gegend
-des Gebirges.«
-
-Die Frau wurde, besonders da ihr eignes Schicksal dem Schicksale der
-armen Wittwe des Steinhauers in etwas ähnlich war, sehr gerührt. Sie gab
-ihm Milch mit Eyern und Eyerkuchen zu essen, und schenkte ihm einiges,
-seine Mutter damit zu unterstützen. Edmund und Blanda hatten auch großes
-Mitleiden mit ihm. »Da,« sagte Blanda, »bring dieses rothe Ey deinem
-kleinen Schwesterchen und grüße sie mir recht freundlich.« »Und,« sagte
-Edmund, »dieses blaue Ey bringe deinem Brüderchen zum Gruße, und sag
-ihm, er soll uns einmal heimsuchen! Wir wollen ihm dann auch Milchsuppe
-und Eyerkuchen auftischen.« Die Mutter lächelte, holte noch ein
-bemahltes Ey, und sagte: »Dieses Ey da gieb deiner Mutter. Das
-Sprüchlein darauf ist der beste Trost, den ich ihr geben kann: _Vertrau
-auf Gott, -- Er hilft in Noth!_ und so wird ihr das Ey kein unangenehmes
-Geschenk seyn; ja wenn sie das Sprüchlein befolgt, so ist es das beste
-Geschenk von der Welt, das man ihr nur immer machen könnte.«
-
-Der Jüngling dankte herzlich. Der Müller behielt ihn über Nacht, und am
-andern Morgen, da die Spitzen der Felsen, die das Thal einschlossen,
-sich errötheten, setzte er seinen Stab weiter, nachdem der Müller ihm
-noch zuvor Haberbrot und Ziegenkäse in seinen Queersack gesteckt hatte.
-
-Fridolin, denn so hieß der Jüngling, wanderte durch das Gebirge, über
-hohe Felsen und durch tiefe Thäler, rüstig fort. Am Abende des dritten
-Tages war er nur noch ein Paar Stunden von der Wohnung des Vetters
-entfernt. Aber sieh da -- als er so auf schmalem Wege, längs einer
-himmelhohen Felsenwand hinkletterte, und in die tiefe schauerliche Kluft
-zwischen den buschigen Felsen mit Grausen hinabschaute, erblickte er auf
-einmal ein aufgezäumtes und gesatteltes Pferd; die Decke war schön
-purpurroth und der Zügel schien lauter Gold. Das Pferd aber schaute zu
-ihm herauf und wieherte, als freute es sich, einen Menschen zu sehen,
-und als wollte es ihn mit lautem Jubel willkommen heißen.
-
-»Alle Welt,« sagte der Jüngling, »wie kommt das edle Thier in diese
-tiefe Schlucht hinab. Allem nach gehört es einem Ritter zu. Wenn dem
-Herrn, dem es angehört, nur kein Unglück begegnet ist. Ein gesatteltes
-Pferd ohne Reiter an einem solchen Orte ist immer ein Anblick, über den
-man erschrickt. Mir wird ganz bange; ich muß doch einmal nachsehen.« Er
-versuchte lange vergebens hinab zu klettern, wiewohl er im Bergsteigen
-sehr geübt war. Endlich fand er einen engen Steig zwischen den Felsen,
-den ein wildes Bergwasser ausgehöhlt hatte, der aber jetzt trocken lag,
-und kam glücklich hinunter. Da sah er einen Mann von edlem Aussehen und
-in ritterlicher Kleidung unter einem überhangenden Felsen liegen. Sein
-glänzender Helm mit dem prangenden Federbusche lag neben ihm, und der
-Spieß steckte darneben. Der Mann aber sah sehr blaß aus, und der
-Jüngling wußte nicht, ob er nur schlafe oder gar todt sey. Mitleidig
-ging er zu ihm hin, faßte ihn freundlich bey der Hand und sagte: »Fehlt
-euch etwas lieber Herr?«
-
-Der Mann schlug die Augen auf, blickte den Jüngling starr an, seufzte,
-und versuchte zu reden. Aber er konnte kein Wort hervorbringen. Da
-deutete er mit der Hand auf den Mund, und dann auf den Helm, der neben
-ihm lag. Fridolin verstand, daß er trinken wolle, nahm den Helm, und
-ging, Wasser zu holen. Ein paar graue Weidenbäume tief in einem Winkel
-der Schlucht verriethen ihm, daß Wasser in der Nähe seyn müsse. Er ging
-hin, fand feuchten Grund, wand sich eine Strecke zwischen Felsen und
-Gesträuchen hinauf, und sieh -- da rann ein kleines Quellchen, hell wie
-Kristall, aus einem moosigen Felsen hervor. Fridolin füllte den Helm,
-und eilte dem Durstenden zu. Er trank öfter und in langen Zügen. Nach
-und nach kam ihm die Sprache wieder.
-
-»Gott sey Dank!« war sein erstes Wort. »Und auch dir sey Dank,
-freundlicher Jüngling,« fuhr er mit heißerer Stimme fort, indem er den
-Kopf auf die Hand stützte. »Dich hat mir Gott zugesendet, damit ich
-nicht verschmachte. -- Aber, wie mich jetzt hungert! Hast du nicht einen
-Bissen Brot bei dir?«
-
-»O du mein Gott,« rief Fridolin, »wenn ich es nur früher gewußt hätte.
-Haberbrot und Ziegenkäse, die ich da im Queersacke trug, sind rein
-aufgezehrt. Doch halt, halt! rief er jetzt freudig aus, da habe ich ja
-noch die Eyer. Die sind eine gesunde, nahrhafte Speise.« Er setzte sich
-zu dem Manne auf den reichlich mit Moos bewachsenen Boden, langte die
-gefärbten Eyer hervor, machte sogleich eines von der Schale los, schnitt
-es mit seinem Taschenmesser, gleich Aepfelschnitzchen, in länglichte
-Stücklein, und gab ein Stückchen nach dem andern dem Manne. Der Mann aß
-begierig, trank dann wieder dazwischen, und aß dann wieder.
-
-Fridolin wollte das dritte Ey auch aufklopfen. Aber der Mann sagte: »Laß
-es gut seyn. Zuviel auf einmal essen, besonders nachdem man lange
-gehungert, ist nicht gut. Ich habe für jetzt genug. So gut hat es mir in
-meinem Leben noch nicht geschmeckt. Es war ein Königsmahl.« »Ich fühle
-mich, Gott sey Dank, schon kräftiger, fuhr er fort und setzte sich
-vollends auf. O wenn du nicht gekommen wärest, so wäre ich diese Nacht
-sicher verschmachtet.«
-
-»Aber,« sagte Fridolin, indem er den hellen Panzer und die Kleidung von
-prächtigen Farben näher betrachtete, »wie kommt ihr, edler Ritter, mit
-eurem Pferde denn in diese schauerliche Schlucht herab?«
-
-»Ich bin nur ein Edelknecht,« sagte der Mann, »und reise schon mehrere
-Wochen in Angelegenheit meines Herrn weit umher. Da hab ich mich in
-diesem waldigen Gebirge verirrt. Die Nacht überfiel mich. Auf einmal
-stürzte ich in der Finsterniß, samt meinem Pferde, den steilen Abhang
-dort herunter in diese Tiefe. Dem Pferde, das gut auf den Beinen ist,
-geschah nichts. Aber ich habe mich da an dem Fuße beschädigt, daß ich
-nicht mehr gehen, und mich nicht einmal mehr auf das Pferd schwingen
-kann. Indeß ists ein Wunder, daß Mann und Roß nicht sogleich zu Grund
-gingen. Ich kann Gott nicht genug danken! Ich verband mir die Wunde;
-aber das Wundfieber setzte mir hart zu. Ich hatte mich schon darein
-ergeben, zwischen diesen Felsen Hungers zu sterben. Da erschienst du
-mir, guter Jüngling -- wie ein Engel des Himmels. Sag doch an, wie
-kommst du hieher in diese menschenleere, einsame Wüste?«
-
-Fridolin erzählte, und der Mann hörte aufmerksam zu, und that dazwischen
-allerley Fragen. »Wunderlich,« sagte er, indem er auf die Eyerschaalen
-zeigte, die auf dem Moose umherlagen, »daß sie so schön roth und blau
-sind. Ich habe noch nie solche Eyer gesehen. Wie, laß mich das Ey, das
-noch ganz ist und das du wieder in den Queersack stecktest, doch einmal
-näher betrachten!«
-
-Fridolin gabs ihm, und erzählte, wie er dazu gekommen. Der Mann
-betrachtete das Ey sehr aufmerksam, und die Thränen drangen ihm in die
-Augen. »Mein Gott,« sagte er, »was da auf dem Ey steht, ist wohl recht
-wahr: _Vertrau auf Gott, -- Er hilft in Noth._ Das habe ich jetzt
-erfahren. Mit heißer Inbrunst flehte ich in diesem Abgrunde zu Gott um
-Hülfe, und Er hat mein Flehen erhört. Seine Güte sey dafür dankbar
-gepriesen. Gesegnet seyen die guten Kinder, die dir das Paar Eyer
-schenkten. O sie dachten wohl nicht, daß sie damit einem fremden Manne
-das Leben retten würden. Gesegnet sey die gute Frau, die auf dieses Ey
-hier den tröstlichen Reim schrieb.«
-
-»Du,« fuhr er fort, »gib das Ey mir. Ich will es aufheben, damit ich den
-schönen Spruch, der sich an mir so schön bewährte, immer vor Augen haben
-kann. Ja, meine Kinder und Kindeskinder sollen noch im Vertrauen auf
-Gott gestärkt werden, so oft sie das Ey erblicken und den Spruch lesen.
-Vielleicht erzählen nach hundert Jahren meine Urenkel noch davon, wie
-wunderbar Gott ihren Urgroßvater durch ein Paar Eyer vom Hungertode
-gerettet habe. -- Ich will dir für die Eyer etwas anders geben.« Er zog
-seinen Geldbeutel heraus, und gab ihm für jedes Ey, das er gegessen,
-hatte, ein Goldstück -- für das mit dem schönen Reim aber zwey. Fridolin
-wollte ihm das Ey zwar nicht lassen. Der Mann aber bat so lange, bis er
-es ihm gab.
-
-»Doch sieh,« sagte der Mann jetzt, indem er an der Felsenwand hinauf
-blickte, »es will Abend werden, und die Felsen und Gesträuche da oben
-schimmern in der Abendsonne schon wie rothes Gold. Versuch es doch
-einmal, mir auf das Pferd zu helfen. Der Weg, auf dem du herabkamst in
-diese fürchterliche Schlucht, wo die Sonne nie hinscheinet, läßt mich
-doch einen Ausgang hoffen.«
-
-Fridolin half ihm auf das Pferd, und führte es am Zügel. Sie kamen durch
-den Hohlweg mit vieler Mühe, aber dennoch glücklich hinauf. O wie sich
-da der Mann freute, als er die Sonne wieder erblickte, und Wald und
-Gebirg umher, von ihren glühendrothen Strahlen herrlich beleuchtet.
-
-»Zu meinem Vetter,« sagte Fridolin, »kommen wir jetzt wohl noch. Ich
-gehe einen starken Schritt und euer Pferd bleibt gewiß nicht zurück. Der
-Vetter wird euch mit Freuden aufnehmen. Er ist ein braver Mann. Ihr
-findet nicht nur eine gute Nachtherberge, sondern sicher auch, bis ihr
-wieder hergestellt seyd, eine liebreiche Pflege.«
-
-Mit anbrechender Nacht kamen sie vor der Hütte des ehrlichen Steinhauers
-an. Er nahm den Edelknecht mit Freuden auf, und klopfte seinem jungen
-Vetter Fridolin auf die Schulter, daß er so brav und gut gehandelt habe.
--- Fridolin trug seine Bedenklichkeit vor, daß er nicht Wort halten und
-seiner Mutter und seinen Geschwistern die gefärbten Eyer nicht senden
-könne. »Ach was, Eyer,« sagte Fridolins Vetter, »ich weiß zwar nicht,
-was du alles von rothen und blauen und bunten Eyern daher schwatzest,
-oder was diese Eyer vor andern Vogeleyern, deren viele gewiß noch weit
-schöner und zarter bemahlt sind, besonders haben sollen; aber wären sie
-auch pures Gold, so wären sie dennoch wohl fort -- da nur der brave Mann
-hier nicht hungers sterben durfte, und du einmal ein braver Kerl wirst.
-Du hast gehandelt, wie der wohlthätige Samariter -- und ich will nun den
-Wirth machen. Aber bezahlen darfst du mir nichts, setzte er noch
-lächelnd hinzu. Hörst du?«
-
-Der Edelknecht zeigte das Ey mit dem Spruche. »Es ist wunderschön,«
-sagte der Vetter zu Fridolin. »Indeß laß ihm's nur; das Gold da wird
-deiner Mutter lieber seyn. Komm, ich will es dir auswechseln!« Der
-Jüngling erstaunte über die Menge Münze, die er dafür bekam; denn er
-hatte das Gold nicht gekannt. »Sieh,« sagte der Vetter, »auch an deiner
-Mutter wird der Spruch wahr: _Gott hilft in Noth!_ Der Spruch ist mehr
-werth, als all das Gold. Es ist indeß gut, daß man den Spruch auch ohne
-das Ey merken kann. Vergiß ihn daher dein Lebenlang nicht.«
-
-Der Edelknecht blieb so lange, bis er ganz gesund war, und beschenkte,
-ehe er aufsaß, noch alle im Hause reichlich.
-
-
-
-
- Sechstes Kapitel.
-
- Ein Ey, das wirklich in Gold und Perlen gefaßt wird.
-
-
-Den Frühling und Sommer über fiel in dem Thale nichts besonders vor. Die
-Kohlenbrenner bauten ihr kleines Feld und gingen fleißig in den Wald,
-Kohlen zu brennen; ihre Weiber besorgten die Haushaltung und zogen viele
-Hühner; und die Kinder fragten sehr oft, ob es wohl nicht bald wieder
-Ostern sey. Die edle Frau aber war jetzt manchmal sehr traurig. Ihr
-alter, treuer Diener, der sie hieher begleitet hatte, und anfangs von
-Zeit zu Zeit bald größere, bald kleinere Reisen machte, und ihre
-Geschäfte besorgte, konnte das Thal schon lange nicht mehr verlassen.
-Denn er fing an zu kränkeln. Ja, als es Herbst ward und die Gesträuche
-an den Felsen umher bereits bunte Blätter hatten, konnte er kaum mehr
-vor die Thüre, um sich, was er sonst so gerne that, ein wenig zu sonnen.
-Die Frau vergoß aus Mitleid mit dem guten, alten Manne, und aus
-Besorgniß, ihre letzte Stütze zu verlieren, manche stille Thräne. Auch
-das fiel ihr sehr schwer, daß sie nun durch ihn von ihrem Vaterlande
-keine Nachricht mehr erhalten konnte, und in diesem abgelegenen Thale
-von der ganzen übrigen Welt wie abgeschieden war.
-
-Um diese Zeit setzte aber noch ein anders Ereigniß die gute Frau in
-nicht geringe Aengste und Schrecken. Die Kohlenbrenner kamen eines
-Morgens aus dem Walde heim, und erzählten, als sie die vergangene Nacht
-wohlgemuth bey ihren brennenden Kohlhaufen gesessen wären, da seyen auf
-einmal vier fremde Männer zu ihnen gekommen, die eiserne Kappen auf dem
-Kopfe und eiserne Wammse angehabt, und große Schwerter an der Seite und
-lange Spieße in der Hand geführt hätten. Sie hätten sich Dienstleute des
-Grafen von Schroffeneck genannt, der mit vielen Reisigen in dem Gebirge
-angekommen sey. Sie hätten sich auch nach allem in der Gegend wohl
-erkundigt. Der Müller eilte mit dieser Neuigkeit sogleich zu der Frau,
-die eben an dem Bette des kranken Kuno saß. Sie wurde, als der Müller
-den Namen Schroffeneck nannte, todtenbleich, und rief: »O Gott, der ist
-mein schrecklichster Feind! Ich glaube nicht anders, als er stellt mir
-nach dem Leben. Die Kohlenbrenner werden den fremden Männern meinen
-Aufenthalt doch ja nicht entdeckt haben!« Der Müller versicherte, so
-viel er wisse, sey von ihr gar nicht die Rede gewesen. Die Männer hätten
-sich an dem Feuer nur gewärmt und seyen gegen Tag wieder weiter
-gegangen. Daß sie aber noch in dem Gebirge umherstreifen, sey dennoch
-gewiß.
-
-»Lieber Oswald!« sagte die Frau zum Müller, »Ich habe, seit ihr mich in
-euer Haus aufnahmet, euch immer als einen gottesfürchtigen,
-rechtschaffenen, redlichen Mann kennen gelernt. Euch will ich daher
-meine ganze Geschichte anvertrauen, und auch die große Angst entdecken,
-die jetzt mein Herz erfüllt; denn auf euern guten Rath und auf euern
-treuen Beystand mache ich sichere Rechnung.«
-
-»Ich bin Rosalinde, eine Tochter des Herzoges von Burgund. Zwey
-angesehene Grafen warben um meine Hand -- Hanno von Schroffeneck und
-Arno von Lindenburg. Hanno war der reichste und mächtigste Herr weit
-umher, und hatte viele Schlösser und Kriegsleute; allein er war nicht
-gut und edel. Arno war wohl der tapferste und edelste Ritter im Lande;
-allein im Vergleich mit Hanno arm; denn er hatte von seinem edlen,
-uneigennützigen Vater nur ein einziges alterndes Schloß geerbt, und war
-auch gar nicht darauf bedacht, durch Gewalt mehrere an sich zu reißen.
-Ihm gab ich, mit Gutheißen meines Vaters, meine Hand, und brachte ihm
-eine schöne Strecke Landes mit mehreren festen Schlössern zum
-Brautschatze. Wir lebten so vergnügt, wie im Himmel.«
-
-»Hanno von Schroffeneck faßte aber einen grimmigen Haß gegen mich und
-meinen Gemahl, und wurde uns todtfeind. Indeß verbarg er seinen Groll,
-und ließ ihn nicht in öffentliche Feindseligkeiten ausbrechen. Nun mußte
-mein Gemahl mit dem Kaiser in den Krieg gegen die wilden heidnischen
-Völker ziehen. Hanno hätte den Zug auch mitmachen sollen. Allein unter
-allerley Vorwänden wußte er seine Rüstungen zu verzögern, blieb zurück,
-und versprach blos, dem Heere sobald möglich zu folgen. Während nun mein
-Gemahl mit seinen Leuten an den fernen Grenzen für sein Vaterland
-kämpfte, und alle genug zu thun hatten, den übermächtigen Feind
-abzuhalten, brach der treulose Hanno in unser Land ein -- und niemand
-war, der sich ihm widersetzen konnte. Er verwüstete alles weit umher,
-und erstürmte ein festes Schloß nach dem andern. Mir blieb nichts übrig,
-als mit meinen zwey lieben Kindern heimlich zu entfliehen. Mein guter
-alter Kuno war mein einziger Schutzengel auf dieser gefährlichen Flucht,
-auf der ich keinen Augenblick vor Hanno's Nachstellungen sicher war. Er
-führte mich in dieses Gebirg, wo ich in diesem vor aller Welt
-verborgenen Thale einen so ruhigen Aufenthalt fand.«
-
-»Hier wollte ich nun weilen, bis mein Gemahl aus dem Kriege zurück
-kommen, und unsre Habe dem unrechtmäßigen Besitzer wieder entreißen
-würde. Von Zeit zu Zeit zog Kuno aus dem Gebirge in die bewohntere Welt,
-Kunde von dem Kriege einzuholen. Allein immer kehrte er mit traurigen
-Nachrichten zurück. Immer noch waltete der böse Hanno in unserm Lande,
-immer noch dauerte der Krieg an den Grenzen mit abwechselndem Glücke
-fort. Nun aber ist schon bald ein Jahr, daß mein guter Kuno krank ist,
-und seit der Zeit weiß ich nichts mehr von meinem theuren Vaterlande,
-und von meinem lieben Gemahl. Ach, vielleicht fiel er schon lange unter
-dem Schwerte der Feinde! Vielleicht kam Hanno, der mir mit seinen Leuten
-so nahe ist, meinem geheimen Aufenthalte auf die Spur -- und was wird
-dann aus mir werden? Der Tod wäre noch das Beste, was mir begegnen
-könnte! --«
-
-»O redet doch mit den Köhlern, lieber Oswald, daß sie mich doch nicht
-verrathen!« »Was verrathen!« sagte der Müller. »Ich stehe euch gut für
-alle; jeder gäbe sein Leben für mich. Ehe der von Schroffeneck euch
-etwas zu leid thun sollte, müßte er es mit uns allen aufnehmen. Seyd
-daher außer Sorgen, edle Frau!« Eben so sprachen die Kohlenbrenner, als
-ihnen der Müller die Sache vortrug. »Er soll nur kommen,« sagten sie,
-»dem wollen wir mit unsern Schürhacken den Weg weisen.«
-
-Die gute Frau brachte indeß ihr Leben unter beständigen Sorgen und
-Aengsten zu. Sie getraute sich kaum mehr aus der Hütte, und ließ auch
-keines ihrer Kinder vor die Thüre. Ihr Leben war sehr betrübt und
-kummervoll. Da es aber in dem Gebirge wieder ruhig wurde, und man von
-den geharnischten Männern nichts mehr sah und hörte, wagte sie es
-einmal, einen kleinen Spaziergang zu machen. Es war nach langem Regen
-gar ein schöner, lieblicher Tag spät im Herbste. Einige hundert Schritte
-von ihrer Hütte war eine Art ländlicher Kapelle. Sie war nur aus rohen
-Tannenstämmen erbaut, und an der Vorderseite ganz offen. In der Kapelle
-sah man die Flucht nach Aegypten, ein sehr liebliches Gemählde, das Kuno
-einmal von einer seiner Wanderungen mitgebracht hatte, die gute Frau
-über ihre eigene Flucht zu trösten. Hinter der Kapelle erhob sich eine
-hohe Felsenwand, und vor der Kapelle standen einige schöne Tannen, und
-beschatteten den Eingang derselben. Das Plätzchen hatte noch etwas
-Stilles und Trauliches, daß man mit Wehmuth und Freude hier verweilte.
-Ein angenehmer Weg über grünen Rasen, zwischen mahlerischen Felsen und
-Gesträuchen führte dahin. Dies war ihr liebster Spaziergang. Sie ging --
-nicht ganz ohne Bangigkeit -- auch dieses Mal dahin. Sie kniete mit
-ihren Kindern einige Zeit auf dem Betstuhle am Eingange der Kapelle. Die
-Aehnlichkeit ihres Schicksals mit dem der göttlichen Mutter, die auch
-mit ihrem Kinde in ein fremdes Land flüchten mußte, rührte sie, und
-manche Zähre floß von ihren Wangen. Sie betete eine Zeit, und setzte
-sich dann auf die Bank. Ihre Kinder pflückten indeß an den Felsen umher
-Brombeeren, freuten sich, daß jede Beere gleichsam ein kleines,
-glänzendschwarzes Träubchen bilde, und entfernten sich nach und nach
-ziemlich weit.
-
-Als nun die Frau so einsam da saß -- sieh, da kam ein Pilgersmann
-zwischen den Felsen hervor und näherte sich der Kapelle. Er hatte nach
-Art der Pilger ein langes, schwarzes Gewand an und einen kurzen Mantel
-darüber. Sein Hut war mit schönfarbigen Meermuscheln geziert, und in der
-Hand führte er einen langen, weißen Stab. Er war, wie es schien, schon
-sehr alt, aber doch ein stattlicher, sehr wohlaussehender Mann. Seine
-langen Haare, die auf beiden Seiten der Scheitel schlicht herab hingen,
-und sein langer Bart waren weiß wie Schleeblüthe, aber seine Wangen noch
-röther, als die schönsten Rosen. Die Frau erschrack, als sie den fremden
-Mann sah. Er grüßte sie ehrerbietig und fing ein Gespräch mit ihr an.
-Sie aber war in ihren Reden sehr vorsichtig und zurückhaltend. Sie
-blickte ihn nur sehr schüchtern an, als wollte sie ihn erst ausforschen,
-ob sie ihm -- als einem ganz Fremden -- wohl auch trauen dürfe.
-
-»Edle Frau,« sagte endlich der Pilger, »habt keine Furcht vor mir. Ihr
-seyd mir nicht so fremd, als ihr denket. Ihr seyd Rosalinde von Burgund.
-Ich weiß auch gar wohl, was für ein hartes Schicksal euch zwang,
-zwischen diesen rauhen Felsen eine Zufluchtsstätte zu suchen. Auch euer
-Gemahl, von dem ihr nun schon drei Jahre getrennt seyd, ist mir recht
-wohl bekannt. Seit ihr hier in dieser abgelegenen Gegend wohnet, hat
-sich in der Welt vieles geändert. Wenn euch je noch daran liegt, von dem
-guten Arno von Lindenburg zu hören, und das Andenken an ihn in eurem
-Herzen noch nicht erloschen ist, so kann ich euch die fröhlichsten
-Nachrichten von ihm mittheilen. Es ist Friede! Mit Siegeskränzen
-geschmückt kehrte das christliche Heer zurück. Euer Gemahl hat seine
-geraubten Festen wieder erobert. Der Bösewicht Hanno rettete sich mit
-genauer Noth in dieses Gebirg, und auch aus diesem hat er sich schon
-weiter flüchten müssen. Der innigste Wunsch eures Gemahls ist nun, euch,
-seine geliebte Gemahlinn, wieder aufzufinden.«
-
-»O Gott!« rief jetzt die Frau, »welch eine Freudenbothschaft! O wie dank
-ich Dir, lieber Gott!« Sie sank auf die Knie, und reichliche Thränen
-flossen über ihre Wangen. »Ja,« sprach sie, »Du, guter Gott, hast meine
-heißen Thränen gesehen, meine stillen Seufzer vernommen, mein
-unaufhörliches Flehen erhört! -- O Arno, Arno, daß mir doch bald der
-selige Augenblick würde, dich wieder zu sehen, und dir deine Kinder, die
-bey deiner Abreise noch ganz unmündig waren, vorzuführen, damit du nun
-aus ihrem Munde das erste Mal den holden Vaternamen vernehmest!«
-
-»Ja wohl zweifeln, du frommer Mann,« sagte sie zum Pilger, »ob ich
-meines Gemahls noch gedenke -- ob nicht sein Andenken in meinem Herzen
-erloschen? -- O meine Kinder,« rief sie jetzt ihren zwey Kleinen zu, die
-schüchtern in einiger Entfernung standen, und den fremden Mann neugierig
-betrachteten -- »o kommt hieher!« Beyde Kinder kamen eilig.
-
-»Du, Edmund,« sprach sie jetzt zum Knaben, indem sie das Kind küßte und
-ermunterte, nicht scheu, sondern hübsch dreist zu seyn, »sage dem Manne
-hier das kleine Gebet, das wir alle Morgen für den Vater beten.« Der
-Kleine faltete, als ob es allzeit so seyn müßte, auch wenn man es nur
-auswendig hersagte, andächtig die Hände, und sprach mit sichtbarer
-Rührung, die Augen zum Himmel gerichtet, laut und mit Ausdruck: »Lieber
-Vater im Himmel! Sieh auf uns zwey arme Waislein herab! Unser Vater ist
-im Kriege. O laß ihn nicht umkommen! O wir wollen auch recht fromm und
-gut seyn, damit der liebe Vater Freude habe, wenn er uns einmal
-wiedersieht! Ach ja, erfülle unsre Bitte!«
-
-»Und du, Blanda,« sagte sie zum gelblockigten Mädchen mit den
-Rosenwangen, »sag, wie beten wir Abends für den Vater, ehe wir uns
-schlafen legen?« Das Kind faltete eben so wie der Knabe die kleinen
-Händchen, schlug die blauen Augen zum Himmel auf, und betete schüchtern
-mit sanfter, leiser Stimme: »Lieber Vater im Himmel! Ehe wir zur Ruhe
-gehen, flehen wir noch zu Dir für unsern Vater auf Erde. Laß ihn sanft
-ruhen und dein Engel beschütze ihn vor feindlichem Ueberfall. Schenke
-auch der lieben Mutter sanften Schlaf, damit sie ihres tiefen Kummers
-ein wenig vergesse. Oder wenn Du ihr auch den süßen Schlaf entziehen
-willst -- so laß ihn auf die Augenlieder des Vaters sanft herabsinken. O
-möchte dieser Abend der letzte unsrer traurigen Trennung seyn -- möchte
-bald der frohe Morgen jenes Tages anbrechen, an dem wir ihn
-wiedersehen!«
-
-»Amen, Amen!« sagte die Mutter, indem sie die Hände faltete, und weinend
-zum Himmel aufblickte. -- --
-
-Jetzt fing der Pilger mit einem Male an laut zu weinen. In einem
-Augenblicke hatte er die Verkleidung -- Haare und Bart, Pilgermantel und
-Pilgerrock hinweg geworfen -- und stand nun in prächtiger, ritterlicher
-Tracht, in Gold und Purpur, in jugendlicher Schönheit, voll Kraft und
-Leben da, und breitete seine Arme weit gegen Frau und Kinder aus, und
-rief mit lauter, tiefgerührter Stimme: »O Rosalinde, meine Gemahlinn --
-o Edmund und Blanda, meine liebsten Kinder!«
-
-Die Frau war vom plötzlichen Freudenschrecken ganz betäubt. Die Kinder,
-die bey dem lauten Weinen des Pilgers eben zu ihrer Mutter aufgeblickt
-hatten, als wollten sie um Hülfe für den Mann flehen, schauten, als sie
-jetzt ihren Namen hörten, um -- und erschracken über das Wunder, das sie
-zu sehen glaubten; denn sie meinten, da die Mutter ihnen öfters aus der
-Legende erzählt hatte, nicht anders, als der Greis habe sich mit einem
-Male in einen schönen Jüngling des Himmels -- in einen Engel verwandelt;
-so schön kam ihnen ihr Vater vor. Denn wirklich war er auch der schönste
-Mann unter dem ganzen christlichen Heere. O wie entzückt waren sie, als
-die Mutter ihnen nun sagte, der schöne Herr sey ihr lieber Vater, von
-dem sie ihnen so oft erzählt habe. Vater und Mutter und Kinder fühlten
-sich so glücklich, als wären sie schon im Himmel, und ein Paar Stunden
-verschwanden ihnen wie ein Paar Augenblicke.
-
-Rosalinde hatte aus den Reden ihres Gemahls vernommen, daß er unter
-starker Bedeckung spornstreichs hieher geritten sey, um sie hier
-abzuholen; daß er aber wegen der steilen, gefährlichen Felsenwege sein
-Gefolge von Reitern zurückgelassen habe, und in Pilgertracht, deren sich
-die Vornehmen damals oft bedienten, wenn sie unbekannt reisen wollten,
-zu Fuße vorausgeeilt sey, schneller bey ihr zu seyn, sich unter dieser
-fremden Gestalt von ihrem Wohlbefinden und von dem Wohlverhalten seiner
-Kinder zu überzeugen, und sie auf seinen Empfang vorzubereiten.
-Rosalinde fragte, wie es gekommen sey, daß er ihren Aufenthalt so sicher
-erfahren habe.
-
-»O Rosalinde,« sagte er, »unser Wiedersehen ist die Frucht deiner
-Wohlthätigkeit gegen die armen Leute, besonders gegen die Kinder in
-diesem Thale. Darum hat Gott deinen Kindern den Vater wieder geschenkt.
-Ohne diese deine wohlthätigen Gesinnungen hätten wir uns nicht so bald,
-ach vielleicht gar nicht mehr gesehen! Denn überall warest du von unsren
-Feinden umgeben, und leicht hättest du in ihre Hände fallen können. Erst
-nachdem ich mit meinen Leuten im Gebirge angekommen war, entfloh Hanno
-mit den Seinigen über alle Berge. Sieh da,« sprach er, und zeigte ihr
-das gefärbte Ey mit dem Spruche: _Vertrau auf Gott, Er hilft in Noth!_
-»Dieses Ey ward in der Hand Gottes das Mittel, uns wieder zu vereinigen.
-Ich hatte lange Zeit her Leute ohne Zahl ausgesendet, dich zu suchen --
-aber immer vergebens. Da kam einmal Eckbert, einer meiner Edelknechte,
-den ich schon für verloren hielt, weil er mir gar lange ausblieb, von
-einem Ritte zurück. Er war in einen Abgrund gestürzt, und wäre da bald
-verhungert. Ein fremder Jüngling rettete ihn mit einem Paar Eyer vom
-Hungertode, und ließ ihm noch obendrein dieses Ey mit dem schönen
-Spruche zum Andenken an seine Rettung. Eckbert zeigte mir das Ey. Aber,
-lieber Himmel, wie erstaunte ich! Auf den ersten Blick erkannte ich
-deine Hand. Augenblicklich saßen wir auf, und ritten dem großen
-Marmorbruche zu, in dem der gute Jüngling arbeitete. Dieser zeigte mir
-den Weg hieher. Hättest du den schönen freundlichen Gedanken nicht
-gehabt, den Kindern mit den bunten Eyern ein Fest zu machen; hättest du
-bey den leiblichen Wohlthaten nicht auf den Geist so schön Bedacht
-genommen, und die schönen Denkreime nicht auf die Eyer geschrieben,
-wäret ihr alle -- du mein lieber kleiner Edmund da, und du meine kleine
-holde Blanda hier, gegen einen fremden Jüngling nicht so wohlthätig
-gewesen: o so wäre uns der heutige Freudentag nicht geworden. Auf jeder
-milden Gabe -- sie sey auch noch so klein -- ruht doch immer der Segen
-des Höchsten, wenn sie aus reinem Herzen und ohne Hoffnung einer
-Vergeltung gegeben wird. Sie ist ein Samenkorn, das reichliche Früchte
-trägt. Unter Gottes Leitung bringt sie uns oft auf Erden schon großes
-Heil. Merkt euch das euer Leben lang, ihr lieben Kinder! Gebt den Armen
-gerne, sucht andern einen frohen Tag zu machen, gleicht eurer Mutter!
-Helft andern aus der Noth, und euch wird auch geholfen werden! Erbarmet
-euch, und ihr werdet auch Erbarmen finden. Freudig werdet ihr dann auf
-Gott vertrauen können, und die felsenfeste Wahrheit auf der
-zerbrechlichen Eyerschale da, die heute so schön in Erfüllung ging, wird
-auch fernerhin an euch herrlich in Erfüllung gehen. Er wird euch nie
-ohne Hülfe lassen. -- Dieß seht ihr aus dieser Geschichte. In Gold und
-Perlen werde ich deßhalb dieses Ey fassen, und zum steten Andenken in
-unsrer Burgkapelle am Altare aufhängen.«
-
-Indeß war es Abend geworden, und schon glänzte hie und da ein Sternlein
-am klaren Himmel. Graf Arno ging mit seiner Gemahlinn am Arme ihrer
-ländlichen Wohnung zu, und die zwey Kleinen gingen voraus. Hier
-erwartete sie neue Freude. Der Edelknecht und Fridolin, sein Erretter,
-waren hier und hatten sich indeß mit Kuno unterhalten, den die Ankunft
-seines geliebten Herrn schon fast gesund gemacht hatte. Der gute
-Jüngling Fridolin, dem die Gräfin die Eyer geschenkt hatte, kam zuerst
-herbey, und grüßte sie und die Kinder als alte Bekannte auf das
-freundlichste und freudigste. Dann trat Eckbert, der Edelknecht, den die
-Eyer vom Hungertode gerettet hatten, ehrerbietig herbey und sagte: »Laßt
-mich, theure Gräfin, die wohlthätige Hand küssen, die mir unter Gottes
-Leitung das Leben rettete.« Den braven Kuno umarmte der Graf als seinen
-treusten Diener, und auch dem wackern Müller, der festlich geputzt in
-seinem hellblauen Sonntagsrocke dastand, schüttelte er mit dankbarer
-Rührung treuherzig die Hand. Sie speisten den Abend alle zusammen und
-waren von Herzen fröhlich und vergnügt.
-
-Am andern Morgen aber war großer Jubel im ganzen Thale. Die Nachricht,
-der Gemahl der guten Frau, ein vornehmer -- vornehmer Herr, sey
-angekommen, setzte alles in Bewegung. Groß und Klein kam herauf, ihn zu
-sehen, und die kleine Hütte ward ganz von Leuten umringt. Der Graf trat
-mit seiner Gemahlinn und seinen Kindern heraus und grüßte die Leute auf
-das liebreichste, und dankte ihnen für alles Gute, das sie seiner
-Gemahlinn und seinen Kindern erwiesen hätten. »O nicht wir sind ihre
-Wohlthäter,« sagten die Leute mit Thränen in den Augen, »sie ist unsre
-größte Wohlthäterinn!« Der Graf unterhielt sich lange mit den guten
-Leuten, und sprach mit einem jeden aus ihnen, und alle waren über seine
-Freundlichkeit entzückt. Indeß hatte das Gefolg des Grafen, mit Hülfe
-einiger Kohlenbrenner einen Weg in das Thal gefunden. Unter dem Klange
-der Trompeten kamen mehrere Ritter, und eine Menge Knappen zu Pferd und
-zu Fuß zwischen zwey waldigen Bergen hervor, zogen in das Thal herein,
-und ihre Helme und Spieße leuchteten im Glanze der Sonne wie Blitze.
-Alle begrüßten ihre wiedergefundene Gebietherinn mit hoher Freude -- und
-ihr Freudenruf hallte rings von den Felsen zurück.
-
-Graf Arno blieb noch ein Paar Tage hier; am Abende, bevor er mit seiner
-Gemahlinn und seinen Kindern, mit Kuno und dem übrigen Gefolge abreiste,
-gab er noch allen Bewohnern des Thales eine große Mahlzeit. Der Müller
-und die Köhler saßen zwischen Rittern und Knappen, und die Tafel sah
-sehr bunt aus. Am Ende der Mahlzeit beschenkte der Graf seine ländlichen
-Gäste, vorzüglich den Müller, noch sehr reichlich. Martha blieb in den
-Diensten der Gräfinn. Für die Mutter und Geschwister des guten Jünglings
-Fridolin sorgte er noch ganz besonders. Zu den Kindern der Köhler aber
-sagte er: »Für euch, ihr lieben Kleinen, will ich zum Andenken an den
-Aufenthalt meiner Gemahlinn unter so guten Leuten eine kleine Stiftung
-machen. Jedes Jahr sollen auf Ostern allen Kindern Eyer von allen Farben
-ausgetheilt werden.« »Und ich,« sprach die gute Gräfinn, »will diesen
-Gebrauch in unsrer ganzen Grafschaft einführen, und dort zum Andenken
-meiner Befreyung alle Jahre auf Ostern gefärbte Eyer unter die Kinder
-austheilen lassen.« Dieß geschah auch. Die Eyer nannte man Ostereyer,
-und die schöne Sitte verbreitete sich nach und nach durch das ganze
-Land.
-
-Die Leute an andern Orten, die den Gebrauch nachmachten, sagten: »Die
-Erlösung der guten Gräfinn aus ihrem Felsenthale und jenes Edelknechtes
-aus dem Abgrunde vom nahen Tode, geht uns zwar nicht so nahe an, ihr
-Andenken jährlich zu feiern. Die bunten Eyer sollen daher unsre Kinder
-an eine größere, herrlichere Erlösung erinnern, die uns _sehr nahe_
-angeht -- an unsre Erlösung von Sünde, Elend und Tod, durch Denjenigen,
-der vom Tode auferstand. Das Osterfest ist das rechte Erlösungsfest --
-und die Freude, die wir da den Kindern machen, ist ganz dem Sinne des
-Erlösers gemäß. Die Liebe, die gerne groß und klein erfreut, ist ja die
-Summe seiner heiligen Religion, und das schönste Kennzeichen seiner
-wahren Verehrer. Ja, die Sitte, den Kindern Eyer zu schenken, kann auch
-den Aeltern und allen Menschen eine schöne Erinnerung an die Vaterliebe
-Gottes gegen uns Menschen, gleichsam ein Pfand der wohlwollenden
-Gesinnungen seines treuen Vaterherzens seyn. Denn der Mund der Wahrheit
-hat es ja selbst gesagt: Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohne,
-der ihn um ein Ey bittet, einen Skorpion geben könnte? Wenn nun ihr
-euren Kindern gute Gaben zu geben wißt, wie viel mehr wird euer Vater im
-Himmel denen, die Ihn darum bitten -- (die beste aller Gaben) den guten
-Geist geben?«
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten.
-Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt
-(vorher/nachher):
-
- [S. 5]:
- ... armen Kohlenbrenner. Das enge Thal war ...
- ... arme Kohlenbrenner. Das enge Thal war ...
-
- [S. 16]:
- ... wunderlich er den Schweif trägt, fast wie ein ...
- ... wunderlich er den Schweif trägt, fast wie eine ...
-
- [S. 20]:
- ... merken konnten, das ich ihnen nichts zu leid ...
- ... merken konnten, daß ich ihnen nichts zu leid ...
-
- [S. 24]:
- ... aufgetragen. Kuno brachte ein Teller voll ...
- ... aufgetragen. Kuno brachte einen Teller voll ...
-
- [S. 29]:
- ... abbildeten, und ihnen ein unvergleichlich schönen ...
- ... abbildeten, und ihnen ein unvergleichlich schönes ...
-
- [S. 29]:
- ... schöner Frühlingtag -- ein wahrer Auferstehungstag ...
- ... schöner Frühlingstag -- ein wahrer Auferstehungstag ...
-
- [S. 50]:
- ... Ereigniß die gute Frau in nicht geringe Aengsten ...
- ... Ereigniß die gute Frau in nicht geringe Aengste ...
-
- [S. 54]:
- ... wagte er es einmal, einen kleinen Spaziergang ...
- ... wagte sie es einmal, einen kleinen Spaziergang ...
-
- [S. 56]:
- ... ob sie ihm -- als einen ganz Fremden -- ...
- ... ob sie ihm -- als einem ganz Fremden -- ...
-
- [S. 60]:
- ... über das Wunder, daß sie zu sehen glaubten; ...
- ... über das Wunder, das sie zu sehen glaubten; ...
-
- [S. 64]:
- ... dankte ihnen für alles Gute, daß sie seiner ...
- ... dankte ihnen für alles Gute, das sie seiner ...
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-End of the Project Gutenberg EBook of Die Ostereyer, by Christoph von Schmid
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-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE OSTEREYER ***
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-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
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-For additional contact information:
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- Dr. Gregory B. Newby
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Die Ostereyer, by Christoph von Schmid</title>
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-The Project Gutenberg EBook of Die Ostereyer, by Christoph von Schmid
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-
-Title: Die Ostereyer
- Eine Erzählung zum Ostergeschenke für Kinder
-
-Author: Christoph von Schmid
-
-Release Date: April 21, 2017 [EBook #54586]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
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-
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-
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
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-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="frontmatter">
-<h1 class="title">
-<span class="line1">Die</span><br />
-<span class="line2">Ostereyer.</span>
-</h1>
-
-<p class="subt">
-<span class="line1">Eine Erzählung</span><br />
-<span class="line2">zum</span><br />
-<span class="line3">Ostergeschenke</span><br />
-<span class="line4">für</span><br />
-<span class="line5">Kinder.</span>
-</p>
-
-<p class="aut">
-<span class="line1">Von</span><br />
-<span class="line2">dem Verfasser der Genovefa.</span>
-</p>
-
-<p class="pub">
-Leitmeritz. 1818.<br />
-bey Carl Wilhelm Medau.
-</p>
-
-</div>
-
-<h2 class="intro" id="chapter-0-1">
-<a id="page-III" class="pagenum" title="III"></a>
-Vorerinnerung
-an
-die Kinder.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> folgende kleine Erzählung ward schon
-einmal vielen Kindern, die längst zuvor über
-den hohen Sinn und die schöne Bedeutung des
-heiligen Osterfestes unterrichtet worden, zu
-einer lehrreichen und angenehmen Unterhaltung
-vorgelesen, und nicht nur die Kinder, sondern
-auch mehrere Erwachsene hörten sie mit
-Freuden an.
-</p>
-
-<p>
-Weil ich nun dachte, daß diese Erzählung
-auch euch, meine lieben Kinder &mdash; ja wohl
-auch euren größern Geschwistern und selbst
-euren Aeltern &mdash; Vergnügen machen dürfte,
-so ward sie als ein kleines Ostergeschenk für
-euch gedruckt.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-IV" class="pagenum" title="IV"></a>
-Die Erzählung handelt, wie es der Titel
-sagt, freylich nur von einer Kleinigkeit &mdash;
-den Ostereyern; indeß werdet ihr gewiß gerne
-lesen, wie auch die kleinste Gabe Gottes &mdash;
-ein Ey! &mdash; ein großes Wunder der Allmacht
-und Weisheit Gottes und eine mannigfaltige
-Wohlthat für die Menschen sey, ja wie Gott
-sich oft einer geringen Sache bediene, seine
-heilige Vorschrift und liebreiche Vatersorgfalt
-an den Menschen zu verherrlichen.
-</p>
-
-<p>
-Diese und andere gute Lehren sind in diesem
-Büchlein die Hauptsache; das übrige soll
-blos dazu dienen, euch eine unschuldige Freude
-zu machen &mdash; wie etwa eure Mutter euch auf
-das Osterfest ein Ey schenkt, das nicht nur
-durchaus voll kräftiger Nahrung ist, sondern
-auch durch ein gefälliges Aeußeres und eine
-freundliche Farbe das Auge vergnügt.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Der Verfasser.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-2">
-<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
-<span class="firstline">Erstes Kapitel.</span><br />
-&bdquo;O weh, da giebts noch nicht einmal
-Hühner!&ldquo;
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> lebten einmal vor vielen hundert Jahren,
-in einem kleinen Thale tief im Gebirge, einige
-<a id="corr-0"></a>arme Kohlenbrenner. Das enge Thal war
-rings von Wald und Felsen eingeschlossen. Die
-Hütten der armen Leute lagen im Thale umher
-zerstreut. Einige Kirsch- und Pflaumenbäume
-bey jeder Hütte, etwas Ackerland mit
-Sommergetreide, Flachs und Hanf, eine Kuh
-und einige Ziegen waren all ihr Reichthum.
-Indeß erwarben sie noch einiges mit Kohlenbrennen
-für die Einschmelze im Gebirge. So
-wenig aber die Leute hatten, so waren sie
-dennoch ein sehr glückliches Völklein; denn sie
-wünschten sich nicht mehr. Sie waren bey
-ihrer harten Lebensart, bey steter Arbeit und
-strenger Mässigkeit vollkommen gesund und man
-sah in diesen armen Hütten &mdash; was man in
-Pallästen vergebens suchen würde &mdash; alte
-Männer, die über hundert Jahre zählten.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
-Eines Tages, da schon der Haber anfing
-zu bleichen und es in dem Gebirge sehr heiß
-war, kam ein Köhlermädchen, das die Ziegen
-hütete, fast außer Athem nach Hause gesprungen,
-und brachte den Aeltern die Nachricht,
-es seyen fremde Leute in dem Thale angekommen
-von gar wundersamer Tracht und seltsamer
-Redensart &mdash; eine vornehme Frau, und
-zwey Kinder, und ein sehr alter Mann, der,
-ob er gleich sehr prächtige Kleider anhabe,
-doch nur ihr Diener scheine. &bdquo;Ach, sagte
-das Mädchen, die guten Leute sind hungrig
-und durstig, und sehr müde. Ich traf sie,
-als ich eine verlorne Ziege suchte, ganz abgemattet
-im Gebirge an, und zeigte ihnen den
-Weg in unser Thal. Wir wollen ihnen doch
-etwas zu essen und zu trinken hinaus tragen &mdash;
-und sehen, ob wir sie die Nacht bey uns und
-den Nachbarn nicht unterbringen können.&ldquo; Die
-Aeltern nahmen sogleich Haberbrot, Milch
-und Ziegenkäse und gingen hin.
-</p>
-
-<p>
-Die Fremden hatten sich indeß in den Schatten
-einer buschigen Felsenwand gelagert, wo
-es sehr kühl war. Die Frau saß auf einem
-bemoosten Felsenstücke, und hatte ihr Angesicht
-mit einem weißen Schleyer von feinem
-Flor bedeckt. Eines der Kinder, ein zartes,
-wunderschönes Fräulein, saß ihr auf dem
-Schooße. Der alte Diener, ein ehrwürdiger
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-Greis, war damit beschäftigt, das schwer beladene
-Maulthier abzupacken, das sie bey sich
-hatten. Das andere Kind, ein muntrer,
-schöner Knabe, hielt dem Thiere einige Disteln
-hin, an denen es begierig fraß.
-</p>
-
-<p>
-Der Kohlenbrenner und sein Weib näherten
-sich der fremden Frau mit Ehrerbietung.
-Denn an ihrer edlen Gestalt, ihrem Anstande
-und ihrem langen, weißen Gewande merkte
-man sogleich, daß sie von hohem Stande seyn
-müsse. &bdquo;Sieh nur, sagte die Kohlenbrennerinn
-leise zu ihrem Manne, den zierlich ausgezackten,
-stehenden Halskragen, die feinen
-Spitzen, aus denen die zarten Hände nur zur
-Hälfte hervorblicken, und &mdash; der tausig! &mdash;
-sogar die Schuhe sind so weiß, wie Kirschenblüthe,
-und mit silbernen Blümchen geziert!&ldquo;
-Der Mann tadelte aber sein Weib und sagte
-zu ihr: &bdquo;Dir steckt doch nichts im Kopfe, als
-die Eitelkeit! Den höhern Ständen geziemt
-eine vornehmere Kleidung. Indeß macht das
-Kleid den Menschen um nichts besser, und
-mit den zierlichen Schuhen hat die gute Frau
-wohl schon manchen harten Tritt thun und
-manche rauhe Wege gehen müssen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Köhler und die Köhlerinn bothen der
-fremden Frau jetzt Milch, Brot und Käse an.
-Die Frau schlug den Schleyer zurück und
-beyde wunderten sich über die Schönheit und
-<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
-die edle, sanfte Gesichtsbildung der Frau. Sie
-dankte freundlich, und ließ sogleich das Kind
-auf dem Schooße aus der irdenen Schale voll
-Milch trinken &mdash; und die hellen Thränen drangen
-ihr aus den Augen, und benetzten die blühenden
-Wangen, als das Kleine die Schale
-mit beyden Händchen festhielt und begierig
-trank. Auch der liebliche Knabe kam herbey
-und trank auch. Darauf theilte sie von dem
-Brote aus &mdash; und dann trank sie erst selbst,
-und aß von dem Brote. Der fremde Mann
-aber ließ sich besonders den Käs&rsquo; sehr gut
-schmecken. Während sie aßen, kamen aus
-allen Hütten groß und klein herbey, standen
-im Kreise umher, und betrachteten neugierig
-und wundernd die neuangekommenen Fremden.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem der alte Mann satt war, bat er
-flehentlich, die Leute möchten der Frau doch
-in irgend einer Hütte auf einige Zeit ein kleines
-Stübchen einräumen; sie werde ihnen nicht
-zur Last fallen, sondern alles reichlich bezahlen.
-&bdquo;Ach ja,&ldquo; sagte die Frau mit sanfter, lieblicher
-Stimme, &bdquo;erbarmt euch einer unglücklichen
-Mutter und ihrer zwey Kleinen, die durch ein
-schreckliches Schicksal aus ihrer Heimath vertrieben
-wurden.&ldquo; Die Männer traten sogleich zusammen,
-und hielten Rath, wie das zu machen sey.
-</p>
-
-<p>
-Oben im Thale brach hoch aus röthlichen
-Marmorfelsen ein Bächlein hervor, stürzte
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-sich, schäumend und weiß wie Milch, von
-Felsen zu Felsen, und trieb eine Mühle, die
-gleichsam nur so an den Felsen dort hing. Auf
-der andern Seite des Bächleins hatte der Müller
-noch ein anderes nettes Häuschen erbaut.
-Freylich war es, wie alle übrigen Häuser im
-Thale, nur ganz von Holz; aber gar freundlich
-anzusehen, von Kirschbäumen lieblich beschattet,
-und von einem kleinen Gärtchen umgeben.
-Dieses Häuschen bot der Müller der
-fremden Frau zur Wohnung an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mein neues Hüttchen da droben,&ldquo; sagte
-er, indem er mit der Hand hinauf zeigte,
-&bdquo;räume ich euch, wie es dasteht, herzlich gerne
-ein. Es ist spanneu, und noch kein Mensch
-hat darin gewohnt. Ich baute es eigentlich,
-um einmal dahin zu ziehen, wenn ich die Mühle
-meinem Sohne übergeben werde. Wie doch
-der liebe Gott &mdash; Ihm sey Dank! &mdash; so
-wunderbar für euch sorgt! Erst gestern bin
-ich damit vollends fertig geworden, und heute
-könnet ihr nun schon einziehen. Es ist recht
-so, als wenn ich es gerade nur für euch gebaut
-hätte. Es wird euch gewiß gefallen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die gute Frau war über dieses freundliche
-Anerbiethen hocherfreut. Nachdem sie etwas
-ausgeruht hatte, ging sie sogleich hinauf.
-Sie trug das kleine Fräulein auf dem Arme,
-und der alte Mann führte den Knaben an der
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-Hand. Der Müller aber besorgte das Maulthier.
-Die Frau fand das Häuschen, zur
-großen Freude des Müllers, ganz unvergleichlich.
-Mit einem Tische, einigen Stühlen,
-und Bettstätten war es schon versehen. Schöne
-Teppiche und prächtige Decken zur Nachtruhe
-hatte die Frau auf dem Maulthiere mitgebracht.
-Sie übernachtete daher sogleich da &mdash; und
-dankte Gott mit ihren beiden Kleinen vor dem
-Schlafengehen noch herzlich, daß er ihr nach
-langem Herumirren einen so angemessenen Zufluchtsort
-habe finden lassen. &bdquo;Wer hätte es
-geglaubt, sagte sie, daß ich, in Pallästen
-erwachsen, mich noch glücklich schätzen würde,
-in eine solche Hütte aufgenommen zu werden.
-Wie nöthig hat auch der Höhere, gegen den
-Niedrigsten gut und gefällig zu seyn! Könnte
-er auch so hart seyn, es nicht aus Menschenfreundlichkeit
-zu thun, so sollte ihn doch die
-Klugheit dazu bewegen. Denn kein Mensch
-weiß, was ihm bevorsteht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Den andern Morgen kam die Frau in aller
-Frühe mit ihren Kleinen aus der niedern Wohnung
-hervor, sich ein wenig in der Gegend
-umzusehen. Denn am Tage zuvor waren sie
-dazu allzumüde. Mit Entzücken betrachtete
-sie die schöne Aussicht ins Thal. Die Hütten
-der Köhler lagen tief unten im grünen Thale
-wie hingesäet, nur immer zwey oder drey beisammen.
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-Das Mühlbächlein schlängelte sich
-hell wie Silber mitten durchhin. Die bunten
-Felsen voll grüner Gesträuche, an denen die
-Ziegen nagten, hätte man, so wie sie jetzt
-von der Morgensonne beleuchtet waren, nicht
-schöner mahlen können.
-</p>
-
-<p>
-Der alte Müller kam, sobald er die Frau
-mit ihren Kindern erblickte, sogleich aus der
-Mühle heraus, und über den schmalen Steg,
-der über das Bächlein führte, herüber. &bdquo;Aber
-nicht wahr, rief er, ein schöneres Plätzchen
-als dieses, giebt es doch im ganzen Thale
-nicht! Hier scheint die Morgensonne immer
-am ersten hin. Wenn die Hütten unten, wie
-eben jetzt, noch im schwarzen Schatten liegen,
-so ist da droben schon alles von der Sonne wie
-vergoldet. Ja oft, wenn in dem tiefen, feuchten
-Thal kaum die Kamine der Hütten aus
-dem grauen Nebel hervorragen, hat man hier
-den klaren blauen Himmel.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Den Kindern der Frau gefiel aber das
-Mühlrad, das sich beständig so geschäftig
-umdrehte, am besten. Den Knaben ergötzte
-besonders das Klappern der Mühle, und das
-Rauschen des Wassers, das wie siedende Milch
-zu kochen schien. Das Mädchen hingegen hatte
-ihre vorzügliche Freude an den funkelnden
-Edelsteinen von allen Farben, die, wie sie
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-sagte, im Sonnenglanze von dem immer
-tröpfelnden Rade fielen.
-</p>
-
-<p>
-Die Frau brachte den Tag zu, sich einzurichten,
-so gut es in diesem armen Thale seyn
-konnte. Die Leute wetteiferten, sie mit Lebensmitteln,
-mit Brennholz, irdenem Küchengeschirre,
-und andern Kleinigkeiten zu versehen.
-Das Mädchen, das ihr zuerst den Weg in das
-Thal gezeigt hatte und Martha hieß, kam zu
-ihr in den Dienst.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vor allem brauche ich Eyer!&ldquo; sagte die
-Frau, als sie sich zum Kochen anschickte. &bdquo;Sieh
-doch, daß du mir für Bezahlung einige auftreibest.&ldquo;
-&bdquo;Eyer?&ldquo; fragte Martha ganz verwundert.
-&bdquo;Je wozu denn?&ldquo; &bdquo;Närrisches
-Mädchen,&ldquo; sagte die Frau, &bdquo;wozu? &mdash; zum
-Kochen. Gehe nur, und mache, daß du bald
-wieder kommest.&ldquo; &bdquo;Zum Kochen?&ldquo; sagte das
-Mädchen; &bdquo;aber die Vögelein haben ja nun
-keine Eylein mehr, und dann wäre es doch
-auch Schade. Vier Personen hätten ja wohl
-einige hundert Eylein von Finken oder Hänflingen
-nöthig, sich satt zu essen.&ldquo; &bdquo;Was
-plauderst du da,&ldquo; sagte die Frau; &bdquo;wer
-redet denn von den Eyerchen der Vögelein.
-Ich meyne Hühnereyer.&ldquo; Das Mädchen
-schüttelte den Kopf und sagte: &bdquo;Was das für
-Vögel sind, weiß ich gar nicht. In meinem
-Leben habe ich noch keine gesehen.&ldquo; &bdquo;O weh,
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-sagte die Frau, so giebts bey euch noch nicht
-einmal Hühner!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Denn da die Hühner erst aus dem Morgenlande
-zu uns gebracht wurden, so war damals
-in manchen Gegenden ein Huhn wirklich etwas
-so seltenes, als jetzt ein Pfau. Die Frau
-wußte sich, da hier auch nichts von Fleischspeisen
-zu haben war, in ihrer kleinen Küche
-fast nicht zu helfen. &bdquo;Ich hätte nie daran
-gedacht,&ldquo; sprach sie, &bdquo;was es um ein Ey für
-eine Wohlthat Gottes ist, bis jetzt, da ich
-keines haben kann. So gings mir aber auf
-meiner Wanderung schon mit hundert Dingen.
-Mangel und Noth haben doch auch ihr Gutes,
-indem sie uns auf manche Gabe Gottes, die
-wir bisher nicht achteten, aufmerksam machen,
-und uns Dankbarkeit lehren.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die gute Frau mußte sehr kümmerlich
-leben. Die Leute trugen ihr indeß fleißig zu,
-was sie nur immer glaubten, daß ihr angenehm
-seyn könnte. Wenn der Müller eine
-schöne Forelle oder ein Köhler ein Paar Krametsvögel
-fing, so brachten sie ihr dieselben
-sogleich. Die größten Dienste that ihr aber
-der alte Diener, der mit ihr gekommen war.
-Sie hatte noch einige goldene Kleinodien und
-kostbare Edelsteine. Von diesem gab sie ihm
-von Zeit zu Zeit, und er verreiste damit,
-und blieb oft mehrere Wochen aus. So oft
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-er zurück kam, brachte er immer allerley mit,
-das er für die kleine Haushaltung eingekauft
-hatte. Die Leute bemerkten indeß, daß die
-Frau nach seiner Zurückkunft oft sehr traurig
-war, und rothgeweinte Augen hatte. Sie
-wären gar gerne dahinter gekommen, wer sie
-denn eigentlich sey, und woher sie komme.
-Allein sie selbst zu fragen, hatten sie den Muth
-nicht. Der alte Mann aber sagte ihnen, wenn
-sie ihn fragten, so seltsame Namen, daß sie
-dieselben kaum nachsprechen konnten, und sie
-in einer Viertelstunde schon wieder vergessen
-hatten, bis sie endlich merkten, daß der muntere
-Greis sie nur zum Besten habe. Da
-machten sie sich an die Kleinen. &bdquo;Sag&rsquo; uns
-doch, sagten sie zum Knaben, wie heißt denn
-deine Mutter eigentlich? Wir wollen es nicht
-weiter sagen. Sag es uns nur ins Ohr.&ldquo;
-Da sagte ihnen denn das Kind sehr geheimnisvoll,
-aber auch sehr offenherzig und zutraulich:
-&bdquo;Sie heißt eigentlich Mamma.&ldquo; Aehnliche
-Antworten gab auch das Mädchen. Die Leute
-mußten es also der Zeit überlassen, dieses
-Geheimniß zu enthüllen.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-3">
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-<span class="firstline">Zweytes Kapitel.</span><br />
-&bdquo;Gottlob, nun sind doch einmal
-die Hühner da!&ldquo;
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">inmal</span> kam der alte Diener, der Kuno
-hieß, wieder von einer Reise heim, und trug
-einen Hühnerstall auf dem Rücken. In dem
-waren ein Hahn und einige Hennen. Als die
-Kinder im Thale den alten Mann kommen
-sahen, liefen sie alle zusammen; denn er brachte
-ihnen immer etwas mit &mdash; weißes Brot,
-getrocknete Pflaumen, ein Pfeifchen, ein Glöcklein
-für ihre Ziegen oder sonst eine Kleinigkeit.
-</p>
-
-<p>
-Dießmal waren die Kinder sehr neugierig,
-was denn in dem vergitterten Kästchen sey,
-das fast ganz mit Tuch bedeckt war, so daß
-man nicht recht hinein sehen konnte. Sie begleiteten
-ihn bis vor die Thüre der Frau, die
-mit ihren zwey Kleinen sogleich freudig herauskam
-und ihn grüßte. &bdquo;Gottlob, rief das kleine
-Fräulein und klatschte in die Hände, nun sind
-doch einmal die Hühner da!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Mann stellte den Kasten nieder, öffnete
-das Thürchen, und da kam denn zuerst
-ein prächtiger Hahn heraus. Die Kinder erstaunten.
-&bdquo;Was für ein sonderbarer Vogel
-das ist! riefen sie; denn wie man ihn heiße,
-wußten sie noch nicht. In unserm Leben
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-haben wir noch keinen so schönen Vogel
-gesehen! Was er für eine schöne Krone auf
-dem Kopfe hat, noch schöner roth, als Kornblumen;
-und wie wunderschön bräunlich und
-gelblich seine Federn schimmern, noch schöner
-als reifes Getreide in der Abendsonne; und wie
-wunderlich er den Schweif trägt, fast wie <a id="corr-3"></a>eine
-Sichel gekrümmt!&ldquo; Auch die Hennen gefielen
-ihnen sehr wohl. Es waren ein Paar
-Schwarze mit hochrothem Kamme, ein Paar
-Weiße mit Schöpfen, und ein Paar Röthlichbraune
-ohne Schweif. Die Frau streute den
-Hühnern einige Hände voll Haberkörner hin.
-Die Hühner pickten sie geschäftig hinweg, und
-die Kinder standen und knieten im Kreise umher,
-und sahen mit vergnügten Gesichtern zu.
-</p>
-
-<p>
-Als der Haber aufgefressen war, da schwang
-mit einem Male der Hahn die Flügel und
-krähte &mdash; und alle Kinder lachten laut zusammen,
-so freuten sie sich darüber. Und im
-Heimwege schrien die Knaben alle: &bdquo;Kikeriki&ldquo;
-und die Mädchen machten es ihnen wohl auch
-nach, aber doch nicht gar so laut. Als die
-Kinder heimkamen, erzählten sie von den Wundervögeln,
-die viel größer seyen, als die Ringeltauben,
-ja wohl größer, als die Raben,
-und wie sie so schöne Farben hätten, noch viel
-schöner als alle Vögel im Walde. &bdquo;Und,
-sagte die kleine Marie, Marthas Schwesterlein,
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-wie sie so ein rothes Käpplein auf dem Kopfe
-tragen, wie es bisher noch bey keinen Vögeln
-des Waldes gebräuchlich gewesen.&ldquo; Auch die
-Aeltern wurden neugierig und kamen, die fremden
-Vögel zu sehen, und waren nicht weniger
-darüber verwundert.
-</p>
-
-<p>
-Nach einiger Zeit ließ sich eine der Hennen
-zum Brüten an. Martha mußte die
-Henne täglich füttern. Die Frau zeigte einmal
-den Kindern aus dem Thale das Nest,
-und die Kinder wunderten sich alle laut über
-die Menge von Eyern. &bdquo;Funfzehn Eyer!&ldquo;
-riefen sie; &bdquo;die Holztauben legen nur zwey,
-andere Vögelein nur fünf Eyer. O wie wird
-die Henne so viele Junge auffüttern!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da die Jungen anfingen auszukriechen,
-wollte die Frau den Kindern eine Freude machen,
-und ließ sie rufen. Es kamen aber, da
-es eben Feyertag war, auch viele große Leute
-mit. Sie zeigte ihnen ein aufgepicktes Ey. O
-wie freuten sich die Kinder, als das junge
-Hühnlein so geschäftig pickte, herauszukommen.
-Die Frau half ihm vollends heraus. Nun
-war die Verwunderung noch größer, daß das
-kleine Vögelein schon über und über so schöne
-gelbe Flaumfederlein habe, so munter aus den
-schwarzen Aeuglein blicke, und sogleich davon
-laufen könne, da doch andere junge Vögelein
-nackt, blind und ganz hülflos zur Welt kämen.
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-&bdquo;Das ist doch etwas unerhörtes,&ldquo; sagten die
-Kinder, &bdquo;solche Vögel giebt es in der ganzen
-Welt nicht mehr.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Als die schöne, glänzend schwarze Glucke
-mit dem purpurrothen Kamme, in Mitte ihrer
-fünfzehn gelbhaarigen Jungen, das erste Mal
-auf den grünen Rasen herausschritt, da
-war die Freude der Kinder und Aeltern gar
-über alle Weise. &bdquo;Schöneres kann man doch
-nichts sehen!&ldquo; sagte ein Köhler. &bdquo;Und horcht
-nur,&ldquo; sprach die Köhlerinn, &bdquo;wie die Alte den
-Jungen lockt, und wie die kleinen Dingerchen
-den Ruf verstehen, und sogleich folgen. Es
-wäre zu wünschen, daß ihr Kinder auch immer
-so auf den Ruf ginget.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ein Knabe wollte ein junges Hühnlein
-fangen, um es näher zu betrachten. Das
-kleine Dingelchen schrie aber kläglich, und auf
-das Geschrey schoß die Alte plötzlich und mit
-weitgeöffneten Flügeln herbey, und flog dem
-Knaben, der heftig erschrack und jammernd um
-Hülfe schrie, auf den Kopf. Sie hätte ihm
-wohl die Augen ausgekratzt, wenn er das
-Junge nicht augenblicklich wieder hätte laufen
-lassen. Der Vater schmähte den Knaben, und
-die Mutter sagte: &bdquo;Wie das treue Thier sich
-seiner Jungen so eifrig annimmt! Menschen
-könnten sogar von ihm lernen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-Wenn die Henne nun einen guten Bissen
-fand, so erhob sie sogleich ein Geschrey, und
-die Jungen eilten alle zusammen. Die Alte
-zerhackte ihn erst mit ihrem Schnabel und legte
-ihnen gleichsam vor. Jedermann wunderte sich,
-daß so junge Thierchen, die kaum über einen
-Tag alt wären, nicht nur sogleich laufen, sondern
-auch schon fressen könnten.
-</p>
-
-<p>
-Da jetzt die Sonne sich etwas unter die
-Wolken verbarg &mdash; so sammelten sich alle Jungen
-unter die Alte, und versteckten sich da, um
-sich zu wärmen. &bdquo;Das ist noch das allerschönste,&ldquo;
-sagten die Leute. &bdquo;Es ist gar so artig
-und munter, wie hie und da ein Köpfchen
-unter den Flügeln der Henne hervorsieht, oder
-sich ein Junges hervorwagt, und sogleich wieder
-an einer andern Stelle unter sie hineinkriecht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Müller, der in seiner weißbestäubten
-Kleidung in Mitte der schwarzen Köhler sich
-gar sonderbar ausnahm, aber auch an Einsicht
-sich eben so vor ihnen auszeichnete, sprach:
-&bdquo;Was das doch ein Wunderding mit diesen
-fremden Vögeln ist! Wir erblicken zwar Gott
-überall in der Natur; aber wenn wir etwas
-ungewöhnliches sehen, fällt uns seine Allmacht,
-Weisheit und Güte doch noch mehr in die
-Augen. Bedenkt nur, wie gut es ist, daß
-diese kleinen Vögelein sogleich laufen und
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-fressen können; wenn die Alte so vielen Jungen
-das Futter im Schnabel zutragen müßte,
-wie eine Schwalbe, da würde sie nicht fertig!
-Wie gut ists, daß es schon die Natur der
-Jungen so ist, der Alten nachzulaufen und
-ihrer Stimme zu folgen. Liefen sie, weil sie
-doch auf der Stelle laufen können, sogleich
-auseinander; die Alte könnte sie nicht mehr
-zusammen bringen, und die Jungen gingen
-verloren. Besonders wundert mich aber, wo
-die Henne den Muth hernimmt, ihre Jungen
-so tapfer zu vertheidigen! Habe ich mich doch
-oft schon über die Hühner geärgert, und sie
-dumme Thiere gescholten, weil sie allemal,
-so oft ich an ihnen vorbey ging, vor Furcht
-scheu auseinander flogen, obwohl sie längst
-merken konnten, <a id="corr-4"></a>daß ich ihnen nichts zu leid
-thue. Und nun ist die Natur des Thieres
-ganz verändert, und sie setzt sich gegen
-einen Mann zur Wehre. Oft hat es mich
-ergötzt, wie die Hennen um einen Bissen zanken,
-oder wie diejenige, die ein größeres
-Bröcklein fand, so neidig ist, und sogleich davon
-läuft, und wie die andern ihr nachlaufen,
-und es ihr nehmen wollen. Jetzt aber hat
-sie ihre Gefrässigkeit ganz abgelegt, und ruft
-den Jungen selbst und rührt nichts an, bis
-alle satt sind. Ich glaube das gute Thier
-stürbe lieber selbst Hungers, als daß sie eines
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-ihrer Jungen verhungern ließe. Diese zärtliche
-Sorgfalt, mit der die Henne ihre zarten
-Jungen umherführt, Futter für sie aufsucht,
-sie ernährt, sie beschützt, sie unter ihren Flügeln
-wärmt &mdash; hat Gott dem Thiere eingepflanzt.
-So zärtlich ist Gott für diese jungen Hühnlein
-besorgt! Und wie sollten nun wir verzagen?
-Sollte Er nicht noch mehr für uns besorgt
-seyn? Freylich sorgt Er noch mehr für uns.
-Darum nur guten Muth, lieben Leute! Gott
-macht alles wohl. Er sorgt für alle seine
-Geschöpfe &mdash; am meisten aber für den Menschen,
-der in seinen Augen mehr ist, als alle
-Hühner und alle andern Vögel in der ganzen
-Welt.&ldquo;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-4">
-<span class="firstline">Drittes Kapitel.</span><br />
-&bdquo;Jetzt giebt es Eyer im Ueberfluß.&ldquo;
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">eil</span> die guten Leute im Thale gegen die
-fremde Frau immer gar so gefällig gewesen,
-so war sie schon lange darauf bedacht, ihnen
-auch wieder eine Freude zu machen, und ihre
-ärmliche Haushaltung zu erleichtern. Die
-gute Frau hatte daher Eyer und Hühner
-sehr geschont, und da sie nun einen schönen
-Vorrath von Eyern und auch mehrere Hühner
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-beysammen hatte, schickte sie Martha ins Thal,
-alle Hausmütter auf den morgigen Tag, der
-ein Sonntag war, einzuladen. Sie kamen
-mit Freuden, und in ihrem schönsten Aufputze.
-In dem kleinen Gärtchen hatte der alte Diener
-einen ländlichen Tisch mit einigen Bänken
-bereitet. Hier mußten sie Platz nehmen.
-</p>
-
-<p>
-Martha brachte hierauf einen großen Korb
-voll Eyer. Die waren alle so reinlich, daß
-man kein Flecklein daran sah, und weiß wie
-Schnee. Die Kohlenbrennerinnen erstaunten
-und wunderten sich nicht wenig über die Menge
-von Eyern. &bdquo;Gottlob! sagte die Frau, jetzt
-giebt es Eyer im Ueberfluß, und es ist allerdings
-ein schöner Anblick, so viele reinliche
-Eyer beysammen zu sehen. Nun will ich euch
-aber auch zeigen, wie man sie in der Haushaltung
-nützen kann.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In einer Ecke des Baumgärtchens, unten
-an einem Felsen, war Feuer aufgemacht.
-Eine große Pfanne voll Wasser hing über dem
-Feuer. Die Frau schlug zuerst ein Ey auf,
-um zu zeigen, wie es innen aussehe, bevor
-es in das heiße Wasser komme. Alle betrachteten
-mit Aufmerksamkeit die schöne kristallhelle
-Feuchtigkeit, in der gleich einer gelben Kugel
-der Dotter schwamm. Nun wurden so viele
-Eyer, als es Gäste waren, weich gesotten.
-Auf dem Tische war Salz und weißes länglich
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-geschnittenes Brot in Bereitschaft. Die Frau
-lehrte sie die Eyer öffnen, und nun wunderten
-sich alle, wie das durchsichtige des Eys so
-schön weiß wie Milch aussah, und eben so,
-wie das Gelbe, fester geworden. Alle lobten,
-indem sie nach Anweisung der Frau die Eyer
-mit dem Brote austunkten, die treffliche Speise.
-&bdquo;Da hat man,&ldquo; sagten sie, &bdquo;Geschirr und
-Speise sogleich beysammen. Und wie schön
-und reinlich, wie lieblich weiß und gelb alles
-aussieht! Wie schnell, ohne Kunst, ohne
-allen Aufwand ein Ey gekocht ist. Auch für
-Kranke könnte man nicht leicht eine wohlfeilere
-und nahrhaftere Speise finden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Frau schlug hierauf Eyer in heißes
-Schmalz. Dieses war für die Köhlerinnen
-wieder eine neue Erscheinung. &bdquo;Wie das Gelbe
-so schön vom Weißen umgeben ist,&ldquo; sagten sie,
-&bdquo;wie bey den großen weiß- und gelben Wiesenblumen,
-die man Ochsenaugen nennt.&ldquo; Die
-Eyer wurden nach und nach auf grünen Spinat
-gelegt, der in einer großen flachen Schüssel
-bereit stand &mdash; und auch diese Speise wurde
-von allen gelobt. So machte die Frau noch
-andere Eyerspeisen, und unterrichtete die Köhlerinnen,
-wie die Eyer nicht nur an und für
-sich eine gesunde Speise seyen, sondern mit
-noch größerm Vortheil zur bessern Bereitung
-anderer Speisen benützt werden können.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-Zuletzt wurde schöner grüner Ackersalat
-aufgetragen. Kuno brachte <a id="corr-5"></a>einen Teller voll
-Eyer, die schon früher hart gesotten wurden,
-damit sie indeß wieder kalt würden. Der fröhliche
-Alte ließ aus Scherz die Eyer fallen,
-daß sie auf dem steinigen Boden herumrollten.
-Die Köhlerinnen am Tische erschracken, daß
-sie laut aufschrien. Sie meynten, die Eyer
-würden ausfließen. Aber wie wunderten sie sich
-alle, als die Frau die Schalen rein ablöste,
-und jedes Ey so durchaus hart erschien, daß
-es sich schneiden ließ. Die Sache schien ihnen
-ein Wunder. Indeß sagte ihnen die Frau, wie
-man die Eyer hart siede und legte die zierlich
-geschnittenen Eyer auf den Salat, und auch
-diese Speise schmeckte den Gästen sehr gut.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem die Mahlzeit geendet war, vertheilte
-die Frau einige Hähne und mehrere
-Hennen unter die Hausmütter. Sie sagte
-ihnen, daß eine Henne des Jahres hundert,
-bis hundert fünfzig Eyer lege &mdash; worüber
-alle erstaunten. &bdquo;Ueber hundert Eyer!&ldquo; riefen
-sie. &bdquo;Welch ein Vortheil in der Haushaltung!&ldquo;
-Die guten Hausmütter brachten mit den Hühnern
-eine große Freude ins Thal. In allen
-Hütten war Jubel. Alle Leute im Thale
-segneten die Frau, und dankten Gott für so
-schöne wohlthätige Geschenke.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-Die Hühner waren lange Zeit das tägliche
-Gespräch. Immer bemerkten die Leute
-noch etwas neues daran, das sonderbar und
-zugleich nützlich war. Die Eigenschaft, daß
-der Hahn morgens krähe, war den Hausvätern
-besonders lieb. &bdquo;Er verkündet so,&ldquo;
-sagten sie, &bdquo;den nahen Tag und fordert die
-Menschen auf, an ihr Tagwerk zu gehen.
-Es ist ein ganz neues Leben im Thal, wenn
-am Morgen die Hähne so zusammen krähen,
-und man geht ordentlich munterer an die
-Arbeit!&ldquo; &bdquo;Freylich wohl!&ldquo; sagte der Müller.
-&bdquo;Wenn der Hahn aber gegen Mitternacht das
-erste Mal kräht, so ruft er den lustigen Gesellschaften
-mit lauter Stimme zu, jetzt sey
-es die höchste Zeit, sich zur Ruhe zu begeben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Den Hausmüttern gefiel es noch besonders,
-daß die Henne es gatzend ankündete,
-wenn sie ein Ey gelegt hatte. Allemal war
-Freude im Hause, wenn sie sich hören ließ.
-&bdquo;So weiß man es doch gleich,&ldquo; sagten sie,
-&bdquo;und kann das nützliche Geschenk sogleich in
-Empfang nehmen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hausväter und Hausmütter sagten oft
-unter einander: &bdquo;Diese Vögel sind wahrhaftig
-von Gott recht eigentlich zu Hausthieren geschaffen.
-Sie halten sich so treulich an das
-Haus, entfernen sich nie weit davon, kommen,
-sobald man ihnen lockt, sogleich alle zurück,
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-ja, sie gehen am Abende von selbst heim,
-und warten an Hausthür oder Fenster, bis
-man sie hereinlasse. Nicht nur bringen sie in
-der Haushaltung einen großen Nutzen; ihr
-Unterhalt kostet auch sehr wenig. Sie nehmen
-mit Kleye, mit dem Abfalle vom Gemüse,
-und mit andern schlechten Dingen vorlieb, die
-man im Hause sonst nicht weiter nützen
-könnte. Ja sie gehen vom Morgen bis Abend
-außer dem Hause überall umher und scharren
-und suchen ihr Futter selbst auf. Viele tausend
-Körnlein, die besonders zur Erntezeit
-und bey dem Dreschen verloren gingen, kommen
-so noch den Menschen zu gut. Die Hennen
-lesen sie fleißig auf und geben uns Eyer
-dafür. Die ärmste Wittwe, die sonst kein
-Hausthier halten konnte, vermag doch noch
-eine Henne, und das tägliche Ey ist ein tägliches
-Almosen für sie.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Auch die zwey Kinder der Frau sahen
-nun ein, woran sie im Ueberflusse nie gedacht
-hatten, was die Eyer für gütige Geschenke
-Gottes seyen. O wie froh waren sie, als sie
-hie und da morgens ein Ey in Milch essen
-konnten! Wie gut fanden sie nun manche
-Speise, die ihnen vorhin nicht recht genießbar
-schien, weil das Ey daran fehlte. Wie
-sehr dankten sie Gott dafür!
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-5">
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-<span class="firstline">Viertes Kapitel.</span><br />
-Das Fest der bemahlten Eyer, ein
-Kinderfest.
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ndeß</span> gingen Sommer und Herbst vorüber,
-und der Winter kam. Er war, zumal
-in dieser rauhen Gegend, sehr hart. Die
-kleinen Hütten im Thale lagen Monate lang,
-wie im Schnee vergraben. Nur die rauchenden
-Kamine und etwas von den Dächern
-schauten noch aus der weißen Hülle hervor.
-Von dem Hohlwege zwischen den Felsen herauf
-sah man gar nichts mehr. Die Mühle
-stand still, und die Wasserfälle hingen starr
-und geräuschlos an den Felsen da. Man konnte
-nur wenig zusammen kommen. Desto größer
-war die Freude, als der Schnee schmolz,
-und es wieder Frühling ward.
-</p>
-
-<p>
-Die Kinder aus dem Thale kamen sogleich
-wieder herauf, und brachten den beyden
-fremden Kindern, Edmund und Blanda, die
-ersten blauen Veilchen und gelben Schlüsselblümchen,
-die sie im Thale finden konnten.
-Ja sie flochten ihnen, sobald es mehrere dieser
-holden Frühlingsblümchen gab, die schönsten
-blauen und gelben Kränze. &bdquo;Ich muß,&ldquo;
-sagte die edle Frau, &bdquo;den guten Kindern doch
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-auch eine Freude machen. Ich will ihnen auf
-den kommenden Ostertag ein kleines ländliches
-Kinderfest geben. Denn es ist gar schön, daß
-man solche Tage den Kindern, so gut man
-nur immer kann, zu Freudentagen mache.
-Aber was soll ich ihnen geben? Auf Weihnachten
-konnte ich sie mit Aepfeln und Nüssen
-beschenken, die ich für sie hatte bringen lassen.
-Allein zu dieser Zeit hat man nichts im
-Hause, als etwa ein Ey. Noch bringt die
-Natur nichts hervor, das zu genießen wäre.
-Alle Bäume und Sträuche stehen ohne Früchte
-und Beeren. Eyer sind die ersten Geschenke
-der wieder auflebenden Natur.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber,&ldquo; sagte Martha, &bdquo;wenn die Eyer
-nur nicht so ganz ohne alle Farben wären!
-Weiß ist wohl auch schön. Allein die allerley
-Farben der Früchte und Beeren, zumal die
-schönen rothen Wangen der Aepfelein, sind
-doch noch schöner.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du bringst mich da auf einen Einfall,&ldquo;
-sagte die gute Frau, &bdquo;der nicht gar übel seyn
-mag. Ich will die Eyer hart sieden, und sie,
-was sich während des Siedens leicht thun läßt,
-zugleich färben. Die mancherley Farben machen
-den Kindern gewiß große Freude.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die verständige Mutter kannte verschiedene
-Wurzeln und Moose, die man zum Schönfärben
-brauchen kann. Sie färbte nun die
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-Eyer auf verschiedene Art. Einige wurden
-schön himmelblau, andere gelb wie Zitronen,
-andere so schön roth wie das Innere der Rosen.
-Einige hatte sie mit zarten grünen Blättchen
-eingebunden, die sich dann auf den Eyern
-abbildeten, und ihnen ein unvergleichlich <a id="corr-6"></a>schönes
-buntes Aussehen gaben. Auf einige setzte
-sie auch einen kleinen Reim.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die bemahlten Eyer,&ldquo; sagte der Müller,
-als er sie erblickte, &bdquo;sind gerade recht für das
-Fest, wo die Natur ihr weißes Kleid ablegt,
-und sich mit allerley Farben schmückt. Die
-gute Mutter macht es gerade wie der liebe
-Gott, der uns nicht nur schmackhafte Früchte
-giebt, sondern sie auch noch für das Auge
-schön und freundlich macht. Wie er die Kirsche
-roth, die Pflaume blau, die Birne gelb färbt,
-so macht sie es mit den Eyern.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Ostertag war diesesmal ein überaus
-schöner <a id="corr-7"></a>Frühlingstag &mdash; ein wahrer Auferstehungstag
-der Natur. Die Sonne schien so
-schön und warm, der Himmel war so rein
-und blau, daß es eine Lust war, und alles
-neues Leben fühlte. Die Wiesen im Thale
-waren bereits schön grün und hie und da schon
-bunt von Blumen.
-</p>
-
-<p>
-Schon lange vor Anbruch der Morgenröthe
-hatten die Frau und der alte Kuno sich
-auf den Weg zur Kirche gemacht, die über
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-zwey Stunden weit entfernt jenseits mehrerer
-Berge lag. Die Väter und Mütter aus dem
-Thale, und die größern Kinder, die so weit
-gehen konnten, zogen auch mit dahin. Gegen
-Mittag kam die Frau mit Hülfe des Maulthieres,
-das Kuno führte, wieder zurück;
-die übrigen Leute aber kamen mit ihren Kindern
-erst lange nach Mittag, oder gar erst
-gegen Abend nach Hause.
-</p>
-
-<p>
-Sobald die Frau angelangt war, eilten
-jene Kinder, die man daheim gelassen hatte,
-und die mit Edmund und Blanda ungefähr
-von einerley Alter &mdash; und schon lange eingeladen
-waren, voll Freude herauf.
-</p>
-
-<p>
-Die Frau führte sie in das Gärtchen,
-das Kuno im vorigen Jahre sehr verschönert
-hatte. Nahe an der Felsenwand, auf einem
-zierlich mit Kiese beschütteten Grunde, war
-ein länglicht runder Tisch. Der war jetzt mit
-einem farbigen Teppiche belegt. Rasensitze
-von jungem, frischen Grün umgaben ihn.
-Die Kinder setzten sich rings um den Tisch,
-und mitten unter ihnen Edmund und Blanda.
-Alle sahen freundlich und fröhlich aus den
-Augen und waren voll Erwartung der Dinge,
-die da kommen würden. Es war wirklich ein
-ungemein lieblicher Anblick, den schönen Kreis
-von gelb- und braunlockichten Köpfchen und
-alle blühenden Gesichtchen zu sehen. &bdquo;So schön
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-ist kein Blumenkranz,&ldquo; sagte die Frau bey
-sich selbst, &bdquo;und wäre er auch aus den
-schönsten Rosen und Lilien gewunden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nun erzählte ihnen die Frau zuerst sehr
-schön und deutlich, warum der heilige Ostertag
-ein so großes Freudenfest sey &mdash; und dann
-wurde eine große irdene Schüssel voll heißer
-Milch aufgetragen, darein Eyer geschlagen
-waren. Jedes Kind hatte ein neues irdenes
-Schüsselchen vor sich stehen. Jedes bekam
-nun seinen Theil und ließ sichs trefflich schmecken.
-Hierauf führte die Frau die Kinder
-durch eine Seitenthür des Gärtchens in das
-kleine Tannenwäldchen, das an den Garten
-stieß. Zwischen den jungen Tännchen waren
-hie und da schöne grüne Rasenplätze. Da
-sagte die Frau den Kindern, jedes solle aus
-Moos, mit dem die Felsen und Bäume umher
-reichlich bewachsen waren, ein kleines Nestchen
-machen. Sie gehorchten mit Freuden.
-Denjenigen Kindern, die nicht zurecht kommen
-konnten, mußten die geschicktern helfen. Jedes
-mußte sich sein Nestchen recht wohl merken.
-</p>
-
-<p>
-Nun kehrten die Kinder wieder in den Garten
-zurück. Aber sieh &mdash; da erblickten sie auf
-dem Tische einen großen Kuchen von Eyerbrot,
-der wie ein großer gewundner Kranz gestaltet
-war. Jedes bekam nun ein großes Stück
-Kuchen. Indeß nun die Kinder aßen, schlich
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-Martha mit einem großen Korbe voll gefärbter
-Eyer heimlich in das Wäldchen, und vertheilte
-die Eyer in die Nestchen, und die
-blauen, rothen, gelben oder bunten Eyer nahmen
-sich in den zierlichen Nestchen von zartem,
-grünlichem Moose ungemein schön aus.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem die Kinder genug gegessen hatten,
-sagte die Frau: &bdquo;Nun kommt, jetzt wollen
-wir nach den Nestchen sehen.&ldquo; In jedem Nestchen
-lagen fünf gleichfarbige Eyer, und auf
-Einem derselben stand ein Reim. Was da
-die Kinder für ein Freudengeschrey erhoben!
-Die Freude und der Jubel ging über alle Beschreibung.
-&mdash; &bdquo;Rothe Eyer! Rothe Eyer!&ldquo;
-rief das eine, &bdquo;in meinem Nestchen sind lauter
-rothe Eyer.&ldquo; &bdquo;Und in dem meinigen blaue,&ldquo;
-rief ein anderes, &bdquo;o alle so schön blau, wie
-jetzt der Himmel.&ldquo; &bdquo;Die meinigen sind gelb,&ldquo;
-schrie ein drittes, &bdquo;noch viel schöner gelb, als
-die Schlüsselblümchen, oder der hellgelbe
-Schmetterling, der dort fliegt.&ldquo; &bdquo;Die meinigen,
-rief das vierte, haben gar alle Farben!&ldquo;
-&bdquo;O das müssen wunderschöne Hühner seyn,&ldquo;
-rief ein kleiner Knabe, &bdquo;weil sie so schöne Eyer
-legen. Die möchte ich einmal sehen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ey,&ldquo; sagte Martha&rsquo;s Schwesterchen, das
-Kleinste aus allen Kindern, &bdquo;die Hühner legen
-freylich keine so schöne Eyer. Ich glaube gar,
-das Häschen hat sie gelegt, das aus dem
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-Wachholderbusche heraussprang und davon lief,
-als ich dort das Nestchen bauen wollte.&ldquo; Und
-alle Kinder lachten zusammen, und sagten
-im Scherze, der Haase lege die bunten Eyer.
-Ein Scherz, der sich in manchen Gegenden
-bis auf unsere Zeiten erhalten hat.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O mit wie wenigem,&ldquo; sagte die
-Frau, &bdquo;kann man den Menschen eine große
-Freude machen! Wer sollte nicht gerne geben;
-indem ja geben seliger ist, als empfangen! &mdash;
-Wer doch noch ein Kind seyn könnte! Eine
-solche Freude empfinden unter den Erwachsenen
-nur diejenigen, die ihr Herz rein und
-schuldlos bewahrten. Nur die leben noch in
-dem Paradiese der Kindheit &mdash; diesem Gottesreiche
-schuldloser Freude.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nun machte die Frau den Kindern wieder
-eine andere Unterhaltung. Manches Kind, das
-nur blaue Eyer bekam, hätte gerne auch ein
-rothes oder gelbes gehabt. Denen, mit den
-rothen, gelben oder bunten Eyern ging es eben
-so. Die Frau sagte daher den Kindern, sie
-sollen mit einander tauschen. Nur das Ey mit
-dem Sprüchlein durfte nicht vertauscht werden.
-Das war jetzt eine neue Freude, da jedes Kind
-auf diese Art Eyer von allen Farben erhielt.
-&bdquo;Seht,&ldquo; sagte die Frau, &bdquo;so muß man einander
-aushelfen. Wie es mit den Eyern hier
-ist, so ist es mit tausend andern Dingen.
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-Gott theilte seine Gaben so aus, daß die
-Menschen einander davon wechselweise mittheilen
-können, und so einander Freude machen
-und einander lieber gewinnen sollen. Möchte
-doch jeder Tausch oder Kauf, wie euer kleiner
-Eyerhandel beschaffen seyn, daß immer beyde
-Theile gewinnen, und keiner verliere.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der kleine Edmund las seinen Reim. Ein
-Köhlerknabe war darüber voll Erstaunen.
-Denn damals gab es noch wenige Schulen,
-und mancher Erwachsene wußte kaum, daß es
-um das Lesen und Schreiben etwas Schönes
-und Nützliches sey. Der Köhlerknabe wollte
-nun sogleich wissen, was denn da auf <em>seinem</em>
-Ey geschrieben stehe. &bdquo;O ein unvergleichlich
-schönes Sprüchlein!&ldquo; sagte die Frau. &bdquo;Höre
-einmal! <em>Für Speis und Trank &mdash;
-dem Geber dank!</em>&ldquo; Sie fragte die Kinder,
-ob sie dieses immer gethan hätten? Jetzt
-fiel es ihnen erst ein, Gott für die fröhliche
-Mahlzeit und die schönen Eyer zu danken, was
-sie denn nach Anleitung der Frau auch sogleich
-von Herzen thaten.
-</p>
-
-<p>
-Nun wollte aber jedes Kind wissen, was
-auf seinem Ey stehe. Alle drängten sich um
-die Frau. Alle die kleinen Händchen, und in
-jedem der Händchen ein Ey, waren gegen sie
-ausgestreckt. Alle riefen wie mit einem Munde:
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-&bdquo;Was steht auf meinem? Was auf meinem?
-Wie heißt meines? O meines zuerst lesen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Frau mußte Friede machen, und die
-Kinder in einen Kreis stellen. Jetzt las sie in
-der Reihe herum ein Sprüchlein nach dem andern.
-Jedes Kind war voll Begierde zu wissen,
-wie sein Reimlein heiße. Alle horchten
-auf die Frau, und wandten kein Auge von ihr,
-wenn sie wieder ein Sprüchlein las.
-</p>
-
-<p>
-Die Reimlein bestanden nur immer aus einigen
-Wörtchen. Alle zusammen, sowohl auf den
-Eyern, die sie jetzt, als auf jenen, die sie nachher
-noch austheilte, waren ungefähr folgende:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="npoem">
- <div class="numbered">
- <p class="number">1.</p>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Nur Eins ist noth,</p>
- <p class="verse">Kind, liebe Gott!</p>
- </div>
- </div>
- <div class="numbered">
- <p class="number">2.</p>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Gott sieht dich, Kind,</p>
- <p class="verse">Drum scheu die Sünd.</p>
- </div>
- </div>
- <div class="numbered">
- <p class="number">3.</p>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Für Speis und Trank</p>
- <p class="verse">Dem Geber dank&rsquo;.</p>
- </div>
- </div>
- <div class="numbered">
- <p class="number">4.</p>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ein dankbar Herz</p>
- <p class="verse">Flammt himmelwärts.</p>
- </div>
- </div>
- <div class="numbered">
- <p class="number">5.</p>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Vertrau&rsquo; auf Gott,</p>
- <p class="verse">Er hilft in Noth.</p>
- </div>
- </div>
- <div class="numbered">
- <p class="number">6.</p>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Höchst elend ist,</p>
- <p class="verse">Wer Gott vergißt.</p>
- </div>
- </div>
- <div class="numbered">
- <p class="number">7.</p>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Wer Jesum ehrt,</p>
- <p class="verse">Thut, was Er lehrt.</p>
- </div>
- </div>
- <div class="numbered">
- <p class="number">8.</p>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Gebet und Fleiß</p>
- <p class="verse">Macht gut und weis&rsquo;.</p>
- </div>
- </div>
- <div class="numbered">
- <p class="number">9.</p>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Fromm, gut und rein,</p>
- <p class="verse">Drey Edelstein.</p>
- </div>
- </div>
- <div class="numbered">
- <p class="number">10.</p>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ein gutes Kind</p>
- <p class="verse">Gehorcht geschwind.</p>
- </div>
- </div>
- <div class="numbered">
- <p class="number"><a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>11.</p>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Beym Eigensinn</p>
- <p class="verse">Ist kein Gewinn.</p>
- </div>
- </div>
- <div class="numbered">
- <p class="number">12.</p>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ein reines Herz</p>
- <p class="verse">Erspart viel Schmerz.</p>
- </div>
- </div>
- <div class="numbered">
- <p class="number">13.</p>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Kind, wirst du roth,</p>
- <p class="verse">So warnt dich Gott.</p>
- </div>
- </div>
- <div class="numbered">
- <p class="number">14.</p>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Wie Rosen blüht</p>
- <p class="verse">Ein rein Gemüth.</p>
- </div>
- </div>
- <div class="numbered">
- <p class="number">15.</p>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Bescheidenheit</p>
- <p class="verse">Das schönste Kleid.</p>
- </div>
- </div>
- <div class="numbered">
- <p class="number">16.</p>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Wer Lügen spricht,</p>
- <p class="verse">Dem glaubt man nicht.</p>
- </div>
- </div>
- <div class="numbered">
- <p class="number">17.</p>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Die Heucheley</p>
- <p class="verse">Ein faules Ey.</p>
- </div>
- </div>
- <div class="numbered">
- <p class="number">18.</p>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Verdientes Brot,</p>
- <p class="verse">Macht Wangen roth.</p>
- </div>
- </div>
- <div class="numbered">
- <p class="number">19.</p>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Unmäßig seyn</p>
- <p class="verse">Bringt Schmach und Pein.</p>
- </div>
- </div>
- <div class="numbered">
- <p class="number">20.</p>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Geiz macht ein Herz</p>
- <p class="verse">Zu Stein und Erz.</p>
- </div>
- </div>
- <div class="numbered">
- <p class="number">21.</p>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ein frommer Mann,</p>
- <p class="verse">Hilft wo er kann.</p>
- </div>
- </div>
- <div class="numbered">
- <p class="number">22.</p>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Zorn, Haß und Neid</p>
- <p class="verse">Bringt dir nur Leid.</p>
- </div>
- </div>
- <div class="numbered">
- <p class="number">23.</p>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Still, sanft und mild,</p>
- <p class="verse">Ein goldner Schild.</p>
- </div>
- </div>
- <div class="numbered">
- <p class="number">24.</p>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Geduld im Leiden</p>
- <p class="verse">Bringt Himmelsfreuden.</p>
- </div>
- </div>
- <div class="numbered">
- <p class="number">25.</p>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Gutseyn, nicht Gold,</p>
- <p class="verse">Macht lieb und hold.</p>
- </div>
- </div>
- <div class="numbered">
- <p class="number">26.</p>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ein gut Gewissen,</p>
- <p class="verse">Ein sanftes Kissen.</p>
- </div>
- </div>
- <div class="numbered">
- <p class="number">27.</p>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Wer Gutes thut,</p>
- <p class="verse">Hat frohen Muth.</p>
- </div>
- </div>
- <div class="numbered">
- <p class="number">28.</p>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Zur Ewigkeit</p>
- <p class="verse">Sey stets bereit.</p>
- </div>
- </div>
- <div class="numbered">
- <p class="number">29.</p>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Weltlust vergeht,</p>
- <p class="verse">Tugend besteht.</p>
- </div>
- </div>
- <div class="numbered">
- <p class="number">30.</p>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Den Frommen lohnen</p>
- <p class="verse">Dort ew&rsquo;ge Kronen.</p>
- </div>
- </div>
- </div>
-</div>
-<p class="noindent">
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-Jedes Kind gab sich alle Mühe, sein
-Reimlein zu merken, und wiederholte es in
-der Stille immer bey sich selbst, um es nicht
-zu vergessen.
-</p>
-<p>
-Die Frau fragte nun in der Reihe herum,
-ob jedes sein Sprüchlein noch wisse. Hie
-und da mußte sie ein wenig nachhelfen.
-Aber bald wußte jedes Kind das seine schön
-und deutlich zu sagen. Ja viele merkten auch
-die Reimlein der übrigen. Nach und nach
-wußte fast jedes Kind alle Reime auswendig.
-Wenn man nur das erste Wort nannte, so
-wußten sie fast allemal das Sprüchlein bis ans
-Ende zu sagen. Und wenn man die erste
-Hälfte sagte, so wußten sie die zweyte ganz
-sicher. So viel auf einmal, und so leicht,
-unter Lust und Lachen, hatten die Kinder noch
-nie gelernt.
-</p>
-<p>
-Die Väter und Mütter und die andern
-Kinder, die indes nach Hause gekommen waren,
-und den lauten Jubel, der in das Thal
-hinabscholl, vernahmen, eilten herauf, zu sehen
-und zu hören, was es denn gebe, und waren
-ganz erstaunt. &bdquo;So viel,&ldquo; sagten sie, &bdquo;lernen
-ja die Kinder zu Hause kaum in einem halben
-Jahre auswendig, als hier in einer halben
-Stunde. Es bleibt doch wahr, Lust und Lieb
-zu einem Ding, macht alle Müh und Arbeit
-gering.&ldquo; &bdquo;Aber den Kindern Lust zu machen,
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-sagte der Müller, das ist das Kunststückchen.
-Da steckts! &mdash; Das heißt einmal viel gelernt.
-Das ist ja eine ganze Sittenlehre für Kinder
-im Kleinen. Wie die Frau doch mit Kindern
-umzugehen weiß!&ldquo;
-</p>
-<p>
-Die Frau beschenkte nun auch die übrigen
-Kinder mit bunten Eyern und mit Kuchen,
-und sagte noch zu allen: &bdquo;Die gefärbten Eyer
-mögt ihr zu Hause essen; und die mit dem
-Sprüchlein, müßt ihr zum Andenken aufbewahren.&ldquo;
-&bdquo;Die essen wir freylich nicht!&ldquo;
-sagten die Kinder. &bdquo;Die heben wir auf.
-Das Sprüchlein ist ja mehr werth, als das
-Ey.&ldquo; &bdquo;Das ist&rsquo;s wahrhaftig,&ldquo; sagte die Frau,
-&bdquo;wenn ihr das befolgt, was es euch lehrt.&ldquo;
-</p>
-<p>
-Sie ermahnte die Aeltern nun, die Kinder
-bey guter Gelegenheit an die Sprüchlein zu
-erinnern. Die Aeltern thatens. Wenn ein
-Kind nicht sogleich auf das Wort folgen wollte,
-erhob der Vater den Finger und sagte: &bdquo;<em>Ein
-gutes Kind</em> &mdash;&ldquo; und das Kind sprach:
-&bdquo;<em>gehorcht geschwind!</em>&ldquo; und gehorchte
-dann auch geschwind. Wenn ein Kind Miene
-machte, zu lügen, sprach die Mutter: &bdquo;<em>Wer
-Lügen spricht</em> &mdash;&ldquo; &bdquo;<em>dem glaubt
-man nicht!</em>&ldquo; fuhr das Kind fort, erröthete
-und schämte sich zu lügen. Und so machten
-die Aeltern es auch mit den übrigen Reimen.
-</p>
-<p>
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-Die Kinder sagten noch gar oft, in ihrem
-Leben hätten sie keinen so vergnügten Tag gehabt.
-&bdquo;Nun,&ldquo; sagte die Frau allemal, &bdquo;so
-thut nur fleißig, wie es in den Sprüchlein
-heißt, und dann gebe ich euch alle Jahre ein
-solches Eyerfest. Wer aber böse ist und nicht
-folgt, darf nicht dazu kommen. Denn es soll
-nur ein Fest für gute Kinder seyn.&ldquo; O, wie
-da die Kinder im Thale so gut und so folgsam
-wurden!
-</p>
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-6">
-<span class="firstline">Fünftes Kapitel.</span><br />
-Ein Paar Eyer &mdash; mehr werth, als
-wenn sie von Gold wären.
-</h2>
-<p class="first">
-<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">nter</span> den Zuschauern, die dem kleinen
-Kinderfeste beywohnten, hatte die Frau einen
-fremden Jüngling bemerkt, der in dem Kreise
-fröhlicher Menschen ganz traurig dastand. Der
-Jüngling mogte etwa im sechzehnten Jahre
-seyn. Er war nur sehr ärmlich gekleidet,
-allein von einem sehr edlen Aussehen und von
-einer blühenden, unverdorbenen Gesichtsfarbe;
-seine schönen gelben Haare hingen bis auf die
-Schultern herab, und in der Hand hatte er einen
-langen Wanderstab.
-</p>
-<p>
-Nachdem sich die meisten Zuschauer zerstreut
-hatten, fragte ihn die Frau voll Mitleids,
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-warum er denn so traurig sey. &bdquo;Ach,
-sprach der Jüngling, und die hellen Thränen
-standen ihm in den Augen, mein Vater, der
-ein Steinhauer war, ist erst vor drey Wochen
-gestorben. Meiner Mutter geht es nun mit
-meinen zwey kleinen Geschwistern, einem Knaben
-und einem Mädchen, sehr hart. Mich
-will der Bruder meiner Mutter annehmen,
-und mich das Handwerk des Vaters, das er
-auch treibt, lehren, damit ich die Mutter erhalten
-und mich in der Welt fortbringen könne.
-Zu diesem reise ich jetzt. Ich komme schon
-zwanzig Stunden weit her und habe fast noch
-so weit zu gehen. Denn der Vetter wohnt
-weit hin in einer andern Gegend des Gebirges.&ldquo;
-</p>
-<p>
-Die Frau wurde, besonders da ihr eignes
-Schicksal dem Schicksale der armen Wittwe
-des Steinhauers in etwas ähnlich war, sehr
-gerührt. Sie gab ihm Milch mit Eyern
-und Eyerkuchen zu essen, und schenkte ihm einiges,
-seine Mutter damit zu unterstützen.
-Edmund und Blanda hatten auch großes Mitleiden
-mit ihm. &bdquo;Da,&ldquo; sagte Blanda,
-&bdquo;bring dieses rothe Ey deinem kleinen Schwesterchen
-und grüße sie mir recht freundlich.&ldquo;
-&bdquo;Und,&ldquo; sagte Edmund, &bdquo;dieses blaue Ey bringe
-deinem Brüderchen zum Gruße, und sag ihm,
-er soll uns einmal heimsuchen! Wir wollen
-ihm dann auch Milchsuppe und Eyerkuchen
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-auftischen.&ldquo; Die Mutter lächelte, holte noch
-ein bemahltes Ey, und sagte: &bdquo;Dieses Ey
-da gieb deiner Mutter. Das Sprüchlein darauf
-ist der beste Trost, den ich ihr geben kann:
-<em>Vertrau auf Gott, &mdash; Er hilft in
-Noth!</em> und so wird ihr das Ey kein unangenehmes
-Geschenk seyn; ja wenn sie das
-Sprüchlein befolgt, so ist es das beste Geschenk
-von der Welt, das man ihr nur immer
-machen könnte.&ldquo;
-</p>
-<p>
-Der Jüngling dankte herzlich. Der Müller
-behielt ihn über Nacht, und am andern
-Morgen, da die Spitzen der Felsen, die das
-Thal einschlossen, sich errötheten, setzte er
-seinen Stab weiter, nachdem der Müller ihm
-noch zuvor Haberbrot und Ziegenkäse in seinen
-Queersack gesteckt hatte.
-</p>
-<p>
-Fridolin, denn so hieß der Jüngling, wanderte
-durch das Gebirge, über hohe Felsen
-und durch tiefe Thäler, rüstig fort. Am
-Abende des dritten Tages war er nur noch
-ein Paar Stunden von der Wohnung des
-Vetters entfernt. Aber sieh da &mdash; als er so
-auf schmalem Wege, längs einer himmelhohen
-Felsenwand hinkletterte, und in die tiefe schauerliche
-Kluft zwischen den buschigen Felsen mit
-Grausen hinabschaute, erblickte er auf einmal
-ein aufgezäumtes und gesatteltes Pferd; die
-Decke war schön purpurroth und der Zügel
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-schien lauter Gold. Das Pferd aber schaute
-zu ihm herauf und wieherte, als freute es sich,
-einen Menschen zu sehen, und als wollte es
-ihn mit lautem Jubel willkommen heißen.
-</p>
-<p>
-&bdquo;Alle Welt,&ldquo; sagte der Jüngling, &bdquo;wie
-kommt das edle Thier in diese tiefe Schlucht
-hinab. Allem nach gehört es einem Ritter
-zu. Wenn dem Herrn, dem es angehört, nur
-kein Unglück begegnet ist. Ein gesatteltes
-Pferd ohne Reiter an einem solchen Orte ist
-immer ein Anblick, über den man erschrickt.
-Mir wird ganz bange; ich muß doch einmal
-nachsehen.&ldquo; Er versuchte lange vergebens hinab
-zu klettern, wiewohl er im Bergsteigen sehr
-geübt war. Endlich fand er einen engen Steig
-zwischen den Felsen, den ein wildes Bergwasser
-ausgehöhlt hatte, der aber jetzt trocken lag,
-und kam glücklich hinunter. Da sah er einen
-Mann von edlem Aussehen und in ritterlicher
-Kleidung unter einem überhangenden Felsen
-liegen. Sein glänzender Helm mit dem prangenden
-Federbusche lag neben ihm, und der
-Spieß steckte darneben. Der Mann aber sah
-sehr blaß aus, und der Jüngling wußte nicht,
-ob er nur schlafe oder gar todt sey. Mitleidig
-ging er zu ihm hin, faßte ihn freundlich
-bey der Hand und sagte: &bdquo;Fehlt euch etwas
-lieber Herr?&ldquo;
-</p>
-<p>
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-Der Mann schlug die Augen auf, blickte
-den Jüngling starr an, seufzte, und versuchte
-zu reden. Aber er konnte kein Wort hervorbringen.
-Da deutete er mit der Hand auf
-den Mund, und dann auf den Helm, der neben
-ihm lag. Fridolin verstand, daß er trinken
-wolle, nahm den Helm, und ging, Wasser
-zu holen. Ein paar graue Weidenbäume tief
-in einem Winkel der Schlucht verriethen ihm,
-daß Wasser in der Nähe seyn müsse. Er ging
-hin, fand feuchten Grund, wand sich eine
-Strecke zwischen Felsen und Gesträuchen hinauf,
-und sieh &mdash; da rann ein kleines Quellchen,
-hell wie Kristall, aus einem moosigen
-Felsen hervor. Fridolin füllte den Helm,
-und eilte dem Durstenden zu. Er trank öfter
-und in langen Zügen. Nach und nach kam
-ihm die Sprache wieder.
-</p>
-<p>
-&bdquo;Gott sey Dank!&ldquo; war sein erstes Wort.
-&bdquo;Und auch dir sey Dank, freundlicher Jüngling,&ldquo;
-fuhr er mit heißerer Stimme fort, indem
-er den Kopf auf die Hand stützte. &bdquo;Dich
-hat mir Gott zugesendet, damit ich nicht verschmachte.
-&mdash; Aber, wie mich jetzt hungert!
-Hast du nicht einen Bissen Brot bei dir?&ldquo;
-</p>
-<p>
-&bdquo;O du mein Gott,&ldquo; rief Fridolin, &bdquo;wenn
-ich es nur früher gewußt hätte. Haberbrot
-und Ziegenkäse, die ich da im Queersacke trug,
-sind rein aufgezehrt. Doch halt, halt! rief
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-er jetzt freudig aus, da habe ich ja noch die
-Eyer. Die sind eine gesunde, nahrhafte
-Speise.&ldquo; Er setzte sich zu dem Manne auf
-den reichlich mit Moos bewachsenen Boden,
-langte die gefärbten Eyer hervor, machte sogleich
-eines von der Schale los, schnitt es
-mit seinem Taschenmesser, gleich Aepfelschnitzchen,
-in länglichte Stücklein, und gab ein
-Stückchen nach dem andern dem Manne. Der
-Mann aß begierig, trank dann wieder dazwischen,
-und aß dann wieder.
-</p>
-<p>
-Fridolin wollte das dritte Ey auch aufklopfen.
-Aber der Mann sagte: &bdquo;Laß es
-gut seyn. Zuviel auf einmal essen, besonders
-nachdem man lange gehungert, ist nicht gut.
-Ich habe für jetzt genug. So gut hat es
-mir in meinem Leben noch nicht geschmeckt.
-Es war ein Königsmahl.&ldquo; &bdquo;Ich fühle mich,
-Gott sey Dank, schon kräftiger, fuhr er fort
-und setzte sich vollends auf. O wenn du
-nicht gekommen wärest, so wäre ich diese
-Nacht sicher verschmachtet.&ldquo;
-</p>
-<p>
-&bdquo;Aber,&ldquo; sagte Fridolin, indem er den
-hellen Panzer und die Kleidung von prächtigen
-Farben näher betrachtete, &bdquo;wie kommt ihr, edler
-Ritter, mit eurem Pferde denn in diese
-schauerliche Schlucht herab?&ldquo;
-</p>
-<p>
-&bdquo;Ich bin nur ein Edelknecht,&ldquo; sagte der
-Mann, &bdquo;und reise schon mehrere Wochen in
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-Angelegenheit meines Herrn weit umher. Da
-hab ich mich in diesem waldigen Gebirge verirrt.
-Die Nacht überfiel mich. Auf einmal
-stürzte ich in der Finsterniß, samt meinem
-Pferde, den steilen Abhang dort herunter in
-diese Tiefe. Dem Pferde, das gut auf den
-Beinen ist, geschah nichts. Aber ich habe
-mich da an dem Fuße beschädigt, daß ich
-nicht mehr gehen, und mich nicht einmal mehr
-auf das Pferd schwingen kann. Indeß ists
-ein Wunder, daß Mann und Roß nicht sogleich
-zu Grund gingen. Ich kann Gott nicht
-genug danken! Ich verband mir die Wunde;
-aber das Wundfieber setzte mir hart zu. Ich
-hatte mich schon darein ergeben, zwischen diesen
-Felsen Hungers zu sterben. Da erschienst
-du mir, guter Jüngling &mdash; wie ein Engel
-des Himmels. Sag doch an, wie kommst
-du hieher in diese menschenleere, einsame
-Wüste?&ldquo;
-</p>
-<p>
-Fridolin erzählte, und der Mann hörte
-aufmerksam zu, und that dazwischen allerley
-Fragen. &bdquo;Wunderlich,&ldquo; sagte er, indem er auf
-die Eyerschaalen zeigte, die auf dem Moose
-umherlagen, &bdquo;daß sie so schön roth und blau
-sind. Ich habe noch nie solche Eyer gesehen.
-Wie, laß mich das Ey, das noch ganz ist und
-das du wieder in den Queersack stecktest, doch
-einmal näher betrachten!&ldquo;
-</p>
-<p>
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-Fridolin gabs ihm, und erzählte, wie er
-dazu gekommen. Der Mann betrachtete das
-Ey sehr aufmerksam, und die Thränen drangen
-ihm in die Augen. &bdquo;Mein Gott,&ldquo; sagte
-er, &bdquo;was da auf dem Ey steht, ist wohl recht
-wahr: <em>Vertrau auf Gott, &mdash; Er
-hilft in Noth.</em> Das habe ich jetzt erfahren.
-Mit heißer Inbrunst flehte ich in
-diesem Abgrunde zu Gott um Hülfe, und Er
-hat mein Flehen erhört. Seine Güte sey
-dafür dankbar gepriesen. Gesegnet seyen die
-guten Kinder, die dir das Paar Eyer schenkten.
-O sie dachten wohl nicht, daß sie damit
-einem fremden Manne das Leben retten würden.
-Gesegnet sey die gute Frau, die auf dieses
-Ey hier den tröstlichen Reim schrieb.&ldquo;
-</p>
-<p>
-&bdquo;Du,&ldquo; fuhr er fort, &bdquo;gib das Ey mir.
-Ich will es aufheben, damit ich den schönen
-Spruch, der sich an mir so schön bewährte,
-immer vor Augen haben kann. Ja, meine
-Kinder und Kindeskinder sollen noch im Vertrauen
-auf Gott gestärkt werden, so oft sie
-das Ey erblicken und den Spruch lesen. Vielleicht
-erzählen nach hundert Jahren meine Urenkel
-noch davon, wie wunderbar Gott ihren
-Urgroßvater durch ein Paar Eyer vom Hungertode
-gerettet habe. &mdash; Ich will dir für die
-Eyer etwas anders geben.&ldquo; Er zog seinen
-Geldbeutel heraus, und gab ihm für jedes
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-Ey, das er gegessen, hatte, ein Goldstück &mdash;
-für das mit dem schönen Reim aber zwey.
-Fridolin wollte ihm das Ey zwar nicht lassen.
-Der Mann aber bat so lange, bis er es
-ihm gab.
-</p>
-<p>
-&bdquo;Doch sieh,&ldquo; sagte der Mann jetzt, indem
-er an der Felsenwand hinauf blickte, &bdquo;es will
-Abend werden, und die Felsen und Gesträuche
-da oben schimmern in der Abendsonne schon
-wie rothes Gold. Versuch es doch einmal,
-mir auf das Pferd zu helfen. Der Weg,
-auf dem du herabkamst in diese fürchterliche
-Schlucht, wo die Sonne nie hinscheinet, läßt
-mich doch einen Ausgang hoffen.&ldquo;
-</p>
-<p>
-Fridolin half ihm auf das Pferd, und
-führte es am Zügel. Sie kamen durch den
-Hohlweg mit vieler Mühe, aber dennoch glücklich
-hinauf. O wie sich da der Mann freute,
-als er die Sonne wieder erblickte, und Wald
-und Gebirg umher, von ihren glühendrothen
-Strahlen herrlich beleuchtet.
-</p>
-<p>
-&bdquo;Zu meinem Vetter,&ldquo; sagte Fridolin,
-&bdquo;kommen wir jetzt wohl noch. Ich gehe einen
-starken Schritt und euer Pferd bleibt gewiß
-nicht zurück. Der Vetter wird euch mit
-Freuden aufnehmen. Er ist ein braver Mann.
-Ihr findet nicht nur eine gute Nachtherberge,
-sondern sicher auch, bis ihr wieder hergestellt
-seyd, eine liebreiche Pflege.&ldquo;
-</p>
-<p>
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-Mit anbrechender Nacht kamen sie vor der
-Hütte des ehrlichen Steinhauers an. Er nahm
-den Edelknecht mit Freuden auf, und klopfte
-seinem jungen Vetter Fridolin auf die Schulter,
-daß er so brav und gut gehandelt habe. &mdash;
-Fridolin trug seine Bedenklichkeit vor, daß er
-nicht Wort halten und seiner Mutter und seinen
-Geschwistern die gefärbten Eyer nicht senden
-könne. &bdquo;Ach was, Eyer,&ldquo; sagte Fridolins
-Vetter, &bdquo;ich weiß zwar nicht, was du alles
-von rothen und blauen und bunten Eyern daher
-schwatzest, oder was diese Eyer vor andern
-Vogeleyern, deren viele gewiß noch weit schöner
-und zarter bemahlt sind, besonders haben
-sollen; aber wären sie auch pures Gold, so
-wären sie dennoch wohl fort &mdash; da nur der
-brave Mann hier nicht hungers sterben durfte,
-und du einmal ein braver Kerl wirst. Du
-hast gehandelt, wie der wohlthätige Samariter
-&mdash; und ich will nun den Wirth machen.
-Aber bezahlen darfst du mir nichts, setzte er
-noch lächelnd hinzu. Hörst du?&ldquo;
-</p>
-<p>
-Der Edelknecht zeigte das Ey mit dem
-Spruche. &bdquo;Es ist wunderschön,&ldquo; sagte der
-Vetter zu Fridolin. &bdquo;Indeß laß ihm&rsquo;s nur;
-das Gold da wird deiner Mutter lieber seyn.
-Komm, ich will es dir auswechseln!&ldquo; Der
-Jüngling erstaunte über die Menge Münze, die
-er dafür bekam; denn er hatte das Gold
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-nicht gekannt. &bdquo;Sieh,&ldquo; sagte der Vetter,
-&bdquo;auch an deiner Mutter wird der Spruch
-wahr: <em>Gott hilft in Noth!</em> Der
-Spruch ist mehr werth, als all das Gold.
-Es ist indeß gut, daß man den Spruch auch
-ohne das Ey merken kann. Vergiß ihn daher
-dein Lebenlang nicht.&ldquo;
-</p>
-<p>
-Der Edelknecht blieb so lange, bis er ganz
-gesund war, und beschenkte, ehe er aufsaß,
-noch alle im Hause reichlich.
-</p>
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-7">
-<span class="firstline">Sechstes Kapitel.</span><br />
-Ein Ey, das wirklich in Gold und
-Perlen gefaßt wird.
-</h2>
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">en</span> Frühling und Sommer über fiel
-in dem Thale nichts besonders vor. Die Kohlenbrenner
-bauten ihr kleines Feld und gingen
-fleißig in den Wald, Kohlen zu brennen; ihre
-Weiber besorgten die Haushaltung und zogen
-viele Hühner; und die Kinder fragten sehr
-oft, ob es wohl nicht bald wieder Ostern sey.
-Die edle Frau aber war jetzt manchmal sehr
-traurig. Ihr alter, treuer Diener, der sie
-hieher begleitet hatte, und anfangs von Zeit
-zu Zeit bald größere, bald kleinere Reisen
-machte, und ihre Geschäfte besorgte, konnte
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-das Thal schon lange nicht mehr verlassen.
-Denn er fing an zu kränkeln. Ja, als es
-Herbst ward und die Gesträuche an den Felsen
-umher bereits bunte Blätter hatten, konnte er
-kaum mehr vor die Thüre, um sich, was er
-sonst so gerne that, ein wenig zu sonnen. Die
-Frau vergoß aus Mitleid mit dem guten, alten
-Manne, und aus Besorgniß, ihre letzte Stütze
-zu verlieren, manche stille Thräne. Auch das
-fiel ihr sehr schwer, daß sie nun durch ihn
-von ihrem Vaterlande keine Nachricht mehr
-erhalten konnte, und in diesem abgelegenen
-Thale von der ganzen übrigen Welt wie abgeschieden
-war.
-</p>
-<p>
-Um diese Zeit setzte aber noch ein anders
-Ereigniß die gute Frau in nicht geringe <a id="corr-11"></a>Aengste
-und Schrecken. Die Kohlenbrenner kamen
-eines Morgens aus dem Walde heim, und erzählten,
-als sie die vergangene Nacht wohlgemuth
-bey ihren brennenden Kohlhaufen gesessen
-wären, da seyen auf einmal vier fremde
-Männer zu ihnen gekommen, die eiserne Kappen
-auf dem Kopfe und eiserne Wammse angehabt,
-und große Schwerter an der Seite
-und lange Spieße in der Hand geführt hätten.
-Sie hätten sich Dienstleute des Grafen von
-Schroffeneck genannt, der mit vielen Reisigen
-in dem Gebirge angekommen sey. Sie hätten
-sich auch nach allem in der Gegend wohl erkundigt.
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-Der Müller eilte mit dieser Neuigkeit
-sogleich zu der Frau, die eben an dem
-Bette des kranken Kuno saß. Sie wurde, als
-der Müller den Namen Schroffeneck nannte,
-todtenbleich, und rief: &bdquo;O Gott, der ist mein
-schrecklichster Feind! Ich glaube nicht anders,
-als er stellt mir nach dem Leben. Die Kohlenbrenner
-werden den fremden Männern meinen
-Aufenthalt doch ja nicht entdeckt haben!&ldquo; Der
-Müller versicherte, so viel er wisse, sey von
-ihr gar nicht die Rede gewesen. Die Männer
-hätten sich an dem Feuer nur gewärmt und
-seyen gegen Tag wieder weiter gegangen. Daß
-sie aber noch in dem Gebirge umherstreifen,
-sey dennoch gewiß.
-</p>
-<p>
-&bdquo;Lieber Oswald!&ldquo; sagte die Frau zum
-Müller, &bdquo;Ich habe, seit ihr mich in euer
-Haus aufnahmet, euch immer als einen gottesfürchtigen,
-rechtschaffenen, redlichen Mann
-kennen gelernt. Euch will ich daher meine
-ganze Geschichte anvertrauen, und auch die
-große Angst entdecken, die jetzt mein Herz erfüllt;
-denn auf euern guten Rath und auf
-euern treuen Beystand mache ich sichere Rechnung.&ldquo;
-</p>
-<p>
-&bdquo;Ich bin Rosalinde, eine Tochter des
-Herzoges von Burgund. Zwey angesehene
-Grafen warben um meine Hand &mdash; Hanno von
-Schroffeneck und Arno von Lindenburg. Hanno
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-war der reichste und mächtigste Herr weit umher,
-und hatte viele Schlösser und Kriegsleute;
-allein er war nicht gut und edel. Arno war
-wohl der tapferste und edelste Ritter im Lande;
-allein im Vergleich mit Hanno arm; denn er
-hatte von seinem edlen, uneigennützigen Vater
-nur ein einziges alterndes Schloß geerbt, und
-war auch gar nicht darauf bedacht, durch Gewalt
-mehrere an sich zu reißen. Ihm gab
-ich, mit Gutheißen meines Vaters, meine
-Hand, und brachte ihm eine schöne Strecke
-Landes mit mehreren festen Schlössern zum
-Brautschatze. Wir lebten so vergnügt, wie
-im Himmel.&ldquo;
-</p>
-<p>
-&bdquo;Hanno von Schroffeneck faßte aber einen
-grimmigen Haß gegen mich und meinen
-Gemahl, und wurde uns todtfeind. Indeß
-verbarg er seinen Groll, und ließ ihn nicht
-in öffentliche Feindseligkeiten ausbrechen. Nun
-mußte mein Gemahl mit dem Kaiser in den
-Krieg gegen die wilden heidnischen Völker ziehen.
-Hanno hätte den Zug auch mitmachen
-sollen. Allein unter allerley Vorwänden wußte
-er seine Rüstungen zu verzögern, blieb zurück,
-und versprach blos, dem Heere sobald möglich
-zu folgen. Während nun mein Gemahl mit
-seinen Leuten an den fernen Grenzen für sein
-Vaterland kämpfte, und alle genug zu thun
-hatten, den übermächtigen Feind abzuhalten,
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-brach der treulose Hanno in unser Land ein &mdash;
-und niemand war, der sich ihm widersetzen
-konnte. Er verwüstete alles weit umher,
-und erstürmte ein festes Schloß nach dem andern.
-Mir blieb nichts übrig, als mit meinen
-zwey lieben Kindern heimlich zu entfliehen. Mein
-guter alter Kuno war mein einziger Schutzengel
-auf dieser gefährlichen Flucht, auf der ich
-keinen Augenblick vor Hanno&rsquo;s Nachstellungen
-sicher war. Er führte mich in dieses Gebirg,
-wo ich in diesem vor aller Welt verborgenen
-Thale einen so ruhigen Aufenthalt fand.&ldquo;
-</p>
-<p>
-&bdquo;Hier wollte ich nun weilen, bis mein
-Gemahl aus dem Kriege zurück kommen, und
-unsre Habe dem unrechtmäßigen Besitzer wieder
-entreißen würde. Von Zeit zu Zeit zog
-Kuno aus dem Gebirge in die bewohntere
-Welt, Kunde von dem Kriege einzuholen. Allein
-immer kehrte er mit traurigen Nachrichten
-zurück. Immer noch waltete der böse Hanno
-in unserm Lande, immer noch dauerte der Krieg
-an den Grenzen mit abwechselndem Glücke
-fort. Nun aber ist schon bald ein Jahr, daß
-mein guter Kuno krank ist, und seit der Zeit
-weiß ich nichts mehr von meinem theuren Vaterlande,
-und von meinem lieben Gemahl.
-Ach, vielleicht fiel er schon lange unter dem
-Schwerte der Feinde! Vielleicht kam Hanno,
-der mir mit seinen Leuten so nahe ist, meinem
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-geheimen Aufenthalte auf die Spur &mdash; und
-was wird dann aus mir werden? Der Tod
-wäre noch das Beste, was mir begegnen
-könnte! &mdash;&ldquo;
-</p>
-<p>
-&bdquo;O redet doch mit den Köhlern, lieber
-Oswald, daß sie mich doch nicht verrathen!&ldquo;
-&bdquo;Was verrathen!&ldquo; sagte der Müller. &bdquo;Ich
-stehe euch gut für alle; jeder gäbe sein Leben
-für mich. Ehe der von Schroffeneck euch
-etwas zu leid thun sollte, müßte er es mit
-uns allen aufnehmen. Seyd daher außer
-Sorgen, edle Frau!&ldquo; Eben so sprachen
-die Kohlenbrenner, als ihnen der Müller die
-Sache vortrug. &bdquo;Er soll nur kommen,&ldquo;
-sagten sie, &bdquo;dem wollen wir mit unsern Schürhacken
-den Weg weisen.&ldquo;
-</p>
-<p>
-Die gute Frau brachte indeß ihr Leben
-unter beständigen Sorgen und Aengsten zu.
-Sie getraute sich kaum mehr aus der Hütte,
-und ließ auch keines ihrer Kinder vor die
-Thüre. Ihr Leben war sehr betrübt und kummervoll.
-Da es aber in dem Gebirge
-wieder ruhig wurde, und man von den geharnischten
-Männern nichts mehr sah und hörte,
-wagte <a id="corr-14"></a>sie es einmal, einen kleinen Spaziergang
-zu machen. Es war nach langem Regen gar
-ein schöner, lieblicher Tag spät im Herbste.
-Einige hundert Schritte von ihrer Hütte war
-eine Art ländlicher Kapelle. Sie war nur
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-aus rohen Tannenstämmen erbaut, und an der
-Vorderseite ganz offen. In der Kapelle sah
-man die Flucht nach Aegypten, ein sehr liebliches
-Gemählde, das Kuno einmal von einer
-seiner Wanderungen mitgebracht hatte, die
-gute Frau über ihre eigene Flucht zu trösten.
-Hinter der Kapelle erhob sich eine hohe Felsenwand,
-und vor der Kapelle standen einige schöne
-Tannen, und beschatteten den Eingang derselben.
-Das Plätzchen hatte noch etwas Stilles
-und Trauliches, daß man mit Wehmuth
-und Freude hier verweilte. Ein angenehmer
-Weg über grünen Rasen, zwischen mahlerischen
-Felsen und Gesträuchen führte dahin. Dies
-war ihr liebster Spaziergang. Sie ging &mdash;
-nicht ganz ohne Bangigkeit &mdash; auch dieses
-Mal dahin. Sie kniete mit ihren Kindern
-einige Zeit auf dem Betstuhle am Eingange
-der Kapelle. Die Aehnlichkeit ihres Schicksals
-mit dem der göttlichen Mutter, die
-auch mit ihrem Kinde in ein fremdes Land
-flüchten mußte, rührte sie, und manche Zähre
-floß von ihren Wangen. Sie betete eine Zeit,
-und setzte sich dann auf die Bank. Ihre Kinder
-pflückten indeß an den Felsen umher Brombeeren,
-freuten sich, daß jede Beere gleichsam
-ein kleines, glänzendschwarzes Träubchen
-bilde, und entfernten sich nach und nach ziemlich
-weit.
-</p>
-<p>
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-Als nun die Frau so einsam da saß &mdash;
-sieh, da kam ein Pilgersmann zwischen den
-Felsen hervor und näherte sich der Kapelle.
-Er hatte nach Art der Pilger ein langes,
-schwarzes Gewand an und einen kurzen Mantel
-darüber. Sein Hut war mit schönfarbigen
-Meermuscheln geziert, und in der Hand
-führte er einen langen, weißen Stab. Er
-war, wie es schien, schon sehr alt, aber doch
-ein stattlicher, sehr wohlaussehender Mann.
-Seine langen Haare, die auf beiden Seiten
-der Scheitel schlicht herab hingen, und sein
-langer Bart waren weiß wie Schleeblüthe,
-aber seine Wangen noch röther, als die schönsten
-Rosen. Die Frau erschrack, als sie den
-fremden Mann sah. Er grüßte sie ehrerbietig
-und fing ein Gespräch mit ihr an. Sie aber
-war in ihren Reden sehr vorsichtig und zurückhaltend.
-Sie blickte ihn nur sehr schüchtern
-an, als wollte sie ihn erst ausforschen,
-ob sie ihm &mdash; als <a id="corr-15"></a>einem ganz Fremden &mdash;
-wohl auch trauen dürfe.
-</p>
-<p>
-&bdquo;Edle Frau,&ldquo; sagte endlich der Pilger,
-&bdquo;habt keine Furcht vor mir. Ihr seyd mir
-nicht so fremd, als ihr denket. Ihr seyd
-Rosalinde von Burgund. Ich weiß auch gar
-wohl, was für ein hartes Schicksal euch zwang,
-zwischen diesen rauhen Felsen eine Zufluchtsstätte
-zu suchen. Auch euer Gemahl, von
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-dem ihr nun schon drei Jahre getrennt seyd,
-ist mir recht wohl bekannt. Seit ihr hier
-in dieser abgelegenen Gegend wohnet, hat sich
-in der Welt vieles geändert. Wenn euch je
-noch daran liegt, von dem guten Arno von
-Lindenburg zu hören, und das Andenken an
-ihn in eurem Herzen noch nicht erloschen ist,
-so kann ich euch die fröhlichsten Nachrichten
-von ihm mittheilen. Es ist Friede! Mit Siegeskränzen
-geschmückt kehrte das christliche
-Heer zurück. Euer Gemahl hat seine geraubten
-Festen wieder erobert. Der Bösewicht
-Hanno rettete sich mit genauer Noth in dieses
-Gebirg, und auch aus diesem hat er sich schon
-weiter flüchten müssen. Der innigste Wunsch
-eures Gemahls ist nun, euch, seine geliebte
-Gemahlinn, wieder aufzufinden.&ldquo;
-</p>
-<p>
-&bdquo;O Gott!&ldquo; rief jetzt die Frau, &bdquo;welch
-eine Freudenbothschaft! O wie dank ich Dir,
-lieber Gott!&ldquo; Sie sank auf die Knie, und
-reichliche Thränen flossen über ihre Wangen.
-&bdquo;Ja,&ldquo; sprach sie, &bdquo;Du, guter Gott, hast
-meine heißen Thränen gesehen, meine stillen
-Seufzer vernommen, mein unaufhörliches Flehen
-erhört! &mdash; O Arno, Arno, daß mir doch
-bald der selige Augenblick würde, dich wieder
-zu sehen, und dir deine Kinder, die bey deiner
-Abreise noch ganz unmündig waren, vorzuführen,
-damit du nun aus ihrem Munde das
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-erste Mal den holden Vaternamen vernehmest!&ldquo;
-</p>
-<p>
-&bdquo;Ja wohl zweifeln, du frommer Mann,&ldquo;
-sagte sie zum Pilger, &bdquo;ob ich meines Gemahls
-noch gedenke &mdash; ob nicht sein Andenken in meinem
-Herzen erloschen? &mdash; O meine Kinder,&ldquo;
-rief sie jetzt ihren zwey Kleinen zu, die schüchtern
-in einiger Entfernung standen, und den
-fremden Mann neugierig betrachteten &mdash; &bdquo;o
-kommt hieher!&ldquo; Beyde Kinder kamen eilig.
-</p>
-<p>
-&bdquo;Du, Edmund,&ldquo; sprach sie jetzt zum
-Knaben, indem sie das Kind küßte und ermunterte,
-nicht scheu, sondern hübsch dreist
-zu seyn, &bdquo;sage dem Manne hier das kleine
-Gebet, das wir alle Morgen für den Vater
-beten.&ldquo; Der Kleine faltete, als ob es allzeit
-so seyn müßte, auch wenn man es nur auswendig
-hersagte, andächtig die Hände, und
-sprach mit sichtbarer Rührung, die Augen
-zum Himmel gerichtet, laut und mit Ausdruck:
-&bdquo;Lieber Vater im Himmel! Sieh auf uns
-zwey arme Waislein herab! Unser Vater ist
-im Kriege. O laß ihn nicht umkommen! O
-wir wollen auch recht fromm und gut seyn,
-damit der liebe Vater Freude habe, wenn er
-uns einmal wiedersieht! Ach ja, erfülle unsre
-Bitte!&ldquo;
-</p>
-<p>
-&bdquo;Und du, Blanda,&ldquo; sagte sie zum gelblockigten
-Mädchen mit den Rosenwangen, &bdquo;sag,
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-wie beten wir Abends für den Vater, ehe
-wir uns schlafen legen?&ldquo; Das Kind faltete
-eben so wie der Knabe die kleinen Händchen,
-schlug die blauen Augen zum Himmel auf,
-und betete schüchtern mit sanfter, leiser Stimme:
-&bdquo;Lieber Vater im Himmel! Ehe wir zur Ruhe
-gehen, flehen wir noch zu Dir für unsern
-Vater auf Erde. Laß ihn sanft ruhen und
-dein Engel beschütze ihn vor feindlichem Ueberfall.
-Schenke auch der lieben Mutter sanften
-Schlaf, damit sie ihres tiefen Kummers ein
-wenig vergesse. Oder wenn Du ihr auch den
-süßen Schlaf entziehen willst &mdash; so laß ihn
-auf die Augenlieder des Vaters sanft herabsinken.
-O möchte dieser Abend der letzte
-unsrer traurigen Trennung seyn &mdash; möchte
-bald der frohe Morgen jenes Tages anbrechen,
-an dem wir ihn wiedersehen!&ldquo;
-</p>
-<p>
-&bdquo;Amen, Amen!&ldquo; sagte die Mutter, indem
-sie die Hände faltete, und weinend zum
-Himmel aufblickte. &mdash; &mdash;
-</p>
-<p>
-Jetzt fing der Pilger mit einem Male an
-laut zu weinen. In einem Augenblicke hatte
-er die Verkleidung &mdash; Haare und Bart, Pilgermantel
-und Pilgerrock hinweg geworfen &mdash;
-und stand nun in prächtiger, ritterlicher
-Tracht, in Gold und Purpur, in jugendlicher
-Schönheit, voll Kraft und Leben da, und
-breitete seine Arme weit gegen Frau und Kinder
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-aus, und rief mit lauter, tiefgerührter
-Stimme: &bdquo;O Rosalinde, meine Gemahlinn &mdash;
-o Edmund und Blanda, meine liebsten Kinder!&ldquo;
-</p>
-<p>
-Die Frau war vom plötzlichen Freudenschrecken
-ganz betäubt. Die Kinder, die bey
-dem lauten Weinen des Pilgers eben zu ihrer
-Mutter aufgeblickt hatten, als wollten sie um
-Hülfe für den Mann flehen, schauten, als sie
-jetzt ihren Namen hörten, um &mdash; und erschracken
-über das Wunder, <a id="corr-17"></a>das sie zu sehen glaubten;
-denn sie meinten, da die Mutter ihnen öfters
-aus der Legende erzählt hatte, nicht anders,
-als der Greis habe sich mit einem Male
-in einen schönen Jüngling des Himmels &mdash; in
-einen Engel verwandelt; so schön kam ihnen
-ihr Vater vor. Denn wirklich war er auch
-der schönste Mann unter dem ganzen christlichen
-Heere. O wie entzückt waren sie, als
-die Mutter ihnen nun sagte, der schöne Herr
-sey ihr lieber Vater, von dem sie ihnen so
-oft erzählt habe. Vater und Mutter und
-Kinder fühlten sich so glücklich, als wären sie
-schon im Himmel, und ein Paar Stunden
-verschwanden ihnen wie ein Paar Augenblicke.
-</p>
-<p>
-Rosalinde hatte aus den Reden ihres Gemahls
-vernommen, daß er unter starker Bedeckung
-spornstreichs hieher geritten sey, um
-sie hier abzuholen; daß er aber wegen der
-steilen, gefährlichen Felsenwege sein Gefolge
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-von Reitern zurückgelassen habe, und in Pilgertracht,
-deren sich die Vornehmen damals
-oft bedienten, wenn sie unbekannt reisen wollten,
-zu Fuße vorausgeeilt sey, schneller bey
-ihr zu seyn, sich unter dieser fremden Gestalt
-von ihrem Wohlbefinden und von dem Wohlverhalten
-seiner Kinder zu überzeugen, und sie
-auf seinen Empfang vorzubereiten. Rosalinde
-fragte, wie es gekommen sey, daß er ihren
-Aufenthalt so sicher erfahren habe.
-</p>
-<p>
-&bdquo;O Rosalinde,&ldquo; sagte er, &bdquo;unser Wiedersehen
-ist die Frucht deiner Wohlthätigkeit gegen
-die armen Leute, besonders gegen die Kinder in
-diesem Thale. Darum hat Gott deinen Kindern
-den Vater wieder geschenkt. Ohne diese deine
-wohlthätigen Gesinnungen hätten wir uns nicht
-so bald, ach vielleicht gar nicht mehr gesehen!
-Denn überall warest du von unsren Feinden umgeben,
-und leicht hättest du in ihre Hände fallen
-können. Erst nachdem ich mit meinen Leuten im
-Gebirge angekommen war, entfloh Hanno mit den
-Seinigen über alle Berge. Sieh da,&ldquo; sprach
-er, und zeigte ihr das gefärbte Ey mit dem
-Spruche: <em>Vertrau auf Gott, Er
-hilft in Noth!</em> &bdquo;Dieses Ey ward in
-der Hand Gottes das Mittel, uns wieder zu
-vereinigen. Ich hatte lange Zeit her Leute
-ohne Zahl ausgesendet, dich zu suchen &mdash; aber
-immer vergebens. Da kam einmal Eckbert,
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-einer meiner Edelknechte, den ich schon für
-verloren hielt, weil er mir gar lange ausblieb,
-von einem Ritte zurück. Er war in einen
-Abgrund gestürzt, und wäre da bald verhungert.
-Ein fremder Jüngling rettete ihn mit
-einem Paar Eyer vom Hungertode, und ließ
-ihm noch obendrein dieses Ey mit dem schönen
-Spruche zum Andenken an seine Rettung.
-Eckbert zeigte mir das Ey. Aber, lieber
-Himmel, wie erstaunte ich! Auf den ersten
-Blick erkannte ich deine Hand. Augenblicklich
-saßen wir auf, und ritten dem großen Marmorbruche
-zu, in dem der gute Jüngling arbeitete.
-Dieser zeigte mir den Weg hieher.
-Hättest du den schönen freundlichen Gedanken
-nicht gehabt, den Kindern mit den bunten
-Eyern ein Fest zu machen; hättest du bey den
-leiblichen Wohlthaten nicht auf den Geist so
-schön Bedacht genommen, und die schönen
-Denkreime nicht auf die Eyer geschrieben, wäret
-ihr alle &mdash; du mein lieber kleiner Edmund
-da, und du meine kleine holde Blanda hier,
-gegen einen fremden Jüngling nicht so wohlthätig
-gewesen: o so wäre uns der heutige
-Freudentag nicht geworden. Auf jeder milden
-Gabe &mdash; sie sey auch noch so klein &mdash; ruht
-doch immer der Segen des Höchsten, wenn
-sie aus reinem Herzen und ohne Hoffnung einer
-Vergeltung gegeben wird. Sie ist ein
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-Samenkorn, das reichliche Früchte trägt. Unter
-Gottes Leitung bringt sie uns oft auf
-Erden schon großes Heil. Merkt euch das euer
-Leben lang, ihr lieben Kinder! Gebt den Armen
-gerne, sucht andern einen frohen Tag zu
-machen, gleicht eurer Mutter! Helft andern
-aus der Noth, und euch wird auch geholfen
-werden! Erbarmet euch, und ihr werdet auch
-Erbarmen finden. Freudig werdet ihr dann
-auf Gott vertrauen können, und die felsenfeste
-Wahrheit auf der zerbrechlichen Eyerschale da,
-die heute so schön in Erfüllung ging, wird
-auch fernerhin an euch herrlich in Erfüllung
-gehen. Er wird euch nie ohne Hülfe lassen. &mdash;
-Dieß seht ihr aus dieser Geschichte. In Gold
-und Perlen werde ich deßhalb dieses Ey fassen,
-und zum steten Andenken in unsrer Burgkapelle
-am Altare aufhängen.&ldquo;
-</p>
-<p>
-Indeß war es Abend geworden, und schon
-glänzte hie und da ein Sternlein am klaren
-Himmel. Graf Arno ging mit seiner Gemahlinn
-am Arme ihrer ländlichen Wohnung zu,
-und die zwey Kleinen gingen voraus. Hier
-erwartete sie neue Freude. Der Edelknecht und
-Fridolin, sein Erretter, waren hier und hatten
-sich indeß mit Kuno unterhalten, den die Ankunft
-seines geliebten Herrn schon fast gesund
-gemacht hatte. Der gute Jüngling Fridolin,
-dem die Gräfin die Eyer geschenkt hatte, kam
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-zuerst herbey, und grüßte sie und die Kinder
-als alte Bekannte auf das freundlichste und
-freudigste. Dann trat Eckbert, der Edelknecht,
-den die Eyer vom Hungertode gerettet hatten,
-ehrerbietig herbey und sagte: &bdquo;Laßt mich,
-theure Gräfin, die wohlthätige Hand küssen,
-die mir unter Gottes Leitung das Leben rettete.&ldquo;
-Den braven Kuno umarmte der Graf als seinen
-treusten Diener, und auch dem wackern
-Müller, der festlich geputzt in seinem hellblauen
-Sonntagsrocke dastand, schüttelte er mit dankbarer
-Rührung treuherzig die Hand. Sie
-speisten den Abend alle zusammen und waren
-von Herzen fröhlich und vergnügt.
-</p>
-<p>
-Am andern Morgen aber war großer Jubel
-im ganzen Thale. Die Nachricht, der
-Gemahl der guten Frau, ein vornehmer &mdash;
-vornehmer Herr, sey angekommen, setzte alles
-in Bewegung. Groß und Klein kam herauf,
-ihn zu sehen, und die kleine Hütte ward ganz
-von Leuten umringt. Der Graf trat mit seiner
-Gemahlinn und seinen Kindern heraus und
-grüßte die Leute auf das liebreichste, und
-dankte ihnen für alles Gute, <a id="corr-20"></a>das sie seiner
-Gemahlinn und seinen Kindern erwiesen hätten.
-&bdquo;O nicht wir sind ihre Wohlthäter,&ldquo; sagten
-die Leute mit Thränen in den Augen, &bdquo;sie ist
-unsre größte Wohlthäterinn!&ldquo; Der Graf unterhielt
-sich lange mit den guten Leuten, und
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-sprach mit einem jeden aus ihnen, und alle
-waren über seine Freundlichkeit entzückt. Indeß
-hatte das Gefolg des Grafen, mit Hülfe einiger
-Kohlenbrenner einen Weg in das Thal
-gefunden. Unter dem Klange der Trompeten
-kamen mehrere Ritter, und eine Menge Knappen
-zu Pferd und zu Fuß zwischen zwey waldigen
-Bergen hervor, zogen in das Thal
-herein, und ihre Helme und Spieße leuchteten
-im Glanze der Sonne wie Blitze. Alle begrüßten
-ihre wiedergefundene Gebietherinn mit
-hoher Freude &mdash; und ihr Freudenruf hallte
-rings von den Felsen zurück.
-</p>
-<p>
-Graf Arno blieb noch ein Paar Tage
-hier; am Abende, bevor er mit seiner Gemahlinn
-und seinen Kindern, mit Kuno und dem
-übrigen Gefolge abreiste, gab er noch allen
-Bewohnern des Thales eine große Mahlzeit.
-Der Müller und die Köhler saßen zwischen
-Rittern und Knappen, und die Tafel sah sehr
-bunt aus. Am Ende der Mahlzeit beschenkte
-der Graf seine ländlichen Gäste, vorzüglich
-den Müller, noch sehr reichlich. Martha blieb
-in den Diensten der Gräfinn. Für die Mutter
-und Geschwister des guten Jünglings Fridolin
-sorgte er noch ganz besonders. Zu den Kindern
-der Köhler aber sagte er: &bdquo;Für euch, ihr
-lieben Kleinen, will ich zum Andenken an den
-Aufenthalt meiner Gemahlinn unter so guten
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-Leuten eine kleine Stiftung machen. Jedes
-Jahr sollen auf Ostern allen Kindern Eyer
-von allen Farben ausgetheilt werden.&ldquo; &bdquo;Und
-ich,&ldquo; sprach die gute Gräfinn, &bdquo;will diesen
-Gebrauch in unsrer ganzen Grafschaft einführen,
-und dort zum Andenken meiner Befreyung
-alle Jahre auf Ostern gefärbte Eyer unter
-die Kinder austheilen lassen.&ldquo; Dieß geschah
-auch. Die Eyer nannte man Ostereyer, und
-die schöne Sitte verbreitete sich nach und nach
-durch das ganze Land.
-</p>
-<p>
-Die Leute an andern Orten, die den Gebrauch
-nachmachten, sagten: &bdquo;Die Erlösung
-der guten Gräfinn aus ihrem Felsenthale und
-jenes Edelknechtes aus dem Abgrunde vom nahen
-Tode, geht uns zwar nicht so nahe an,
-ihr Andenken jährlich zu feiern. Die bunten
-Eyer sollen daher unsre Kinder an eine größere,
-herrlichere Erlösung erinnern, die uns <em>sehr
-nahe</em> angeht &mdash; an unsre Erlösung von
-Sünde, Elend und Tod, durch Denjenigen,
-der vom Tode auferstand. Das Osterfest ist
-das rechte Erlösungsfest &mdash; und die Freude,
-die wir da den Kindern machen, ist ganz dem
-Sinne des Erlösers gemäß. Die Liebe, die
-gerne groß und klein erfreut, ist ja die Summe
-seiner heiligen Religion, und das schönste
-Kennzeichen seiner wahren Verehrer. Ja,
-die Sitte, den Kindern Eyer zu schenken, kann
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-auch den Aeltern und allen Menschen eine
-schöne Erinnerung an die Vaterliebe Gottes
-gegen uns Menschen, gleichsam ein Pfand der
-wohlwollenden Gesinnungen seines treuen Vaterherzens
-seyn. Denn der Mund der Wahrheit
-hat es ja selbst gesagt: Wo ist unter
-euch ein Vater, der seinem Sohne, der ihn
-um ein Ey bittet, einen Skorpion geben
-könnte? Wenn nun ihr euren Kindern gute
-Gaben zu geben wißt, wie viel mehr wird
-euer Vater im Himmel denen, die Ihn darum
-bitten &mdash; (die beste aller Gaben) den guten
-Geist geben?&ldquo;
-</p>
-<div class="trnote">
-<p id="trnote" class="transnote"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-<p>
-Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten.
-Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier
-aufgeführt (vorher/nachher):
-</p>
-<ul>
-<li>
-... <span class="underline">armen</span> Kohlenbrenner. Das enge Thal war ...<br />
-... <a href="#corr-0"><span class="underline">arme</span></a> Kohlenbrenner. Das enge Thal war ...<br />
-</li>
-<li>
-... wunderlich er den Schweif trägt, fast wie <span class="underline">ein</span> ...<br />
-... wunderlich er den Schweif trägt, fast wie <a href="#corr-3"><span class="underline">eine</span></a> ...<br />
-</li>
-<li>
-... merken konnten, <span class="underline">das</span> ich ihnen nichts zu leid ...<br />
-... merken konnten, <a href="#corr-4"><span class="underline">daß</span></a> ich ihnen nichts zu leid ...<br />
-</li>
-<li>
-... aufgetragen. Kuno brachte <span class="underline">ein</span> Teller voll ...<br />
-... aufgetragen. Kuno brachte <a href="#corr-5"><span class="underline">einen</span></a> Teller voll ...<br />
-</li>
-<li>
-... abbildeten, und ihnen ein unvergleichlich <span class="underline">schönen</span> ...<br />
-... abbildeten, und ihnen ein unvergleichlich <a href="#corr-6"><span class="underline">schönes</span></a> ...<br />
-</li>
-<li>
-... schöner <span class="underline">Frühlingtag</span> &mdash; ein wahrer Auferstehungstag ...<br />
-... schöner <a href="#corr-7"><span class="underline">Frühlingstag</span></a> &mdash; ein wahrer Auferstehungstag ...<br />
-</li>
-<li>
-... Ereigniß die gute Frau in nicht geringe <span class="underline">Aengsten</span> ...<br />
-... Ereigniß die gute Frau in nicht geringe <a href="#corr-11"><span class="underline">Aengste</span></a> ...<br />
-</li>
-<li>
-... wagte <span class="underline">er</span> es einmal, einen kleinen Spaziergang ...<br />
-... wagte <a href="#corr-14"><span class="underline">sie</span></a> es einmal, einen kleinen Spaziergang ...<br />
-</li>
-<li>
-... ob sie ihm &mdash; als <span class="underline">einen</span> ganz Fremden &mdash; ...<br />
-... ob sie ihm &mdash; als <a href="#corr-15"><span class="underline">einem</span></a> ganz Fremden &mdash; ...<br />
-</li>
-<li>
-... über das Wunder, <span class="underline">daß</span> sie zu sehen glaubten; ...<br />
-... über das Wunder, <a href="#corr-17"><span class="underline">das</span></a> sie zu sehen glaubten; ...<br />
-</li>
-<li>
-... dankte ihnen für alles Gute, <span class="underline">daß</span> sie seiner ...<br />
-... dankte ihnen für alles Gute, <a href="#corr-20"><span class="underline">das</span></a> sie seiner ...<br />
-</li>
-</ul>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Ostereyer, by Christoph von Schmid
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE OSTEREYER ***
-
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