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-The Project Gutenberg EBook of Die Ostereyer, by Christoph von Schmid
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Die Ostereyer
- Eine Erzählung zum Ostergeschenke für Kinder
-
-Author: Christoph von Schmid
-
-Release Date: April 21, 2017 [EBook #54586]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE OSTEREYER ***
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-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was
-produced from scanned images of public domain material
-from the Google Books project.
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- Die
- Ostereyer.
-
-
- Eine Erzählung
- zum
- Ostergeschenke
- für
- Kinder.
-
- Von
- dem Verfasser der Genovefa.
-
-
- Leitmeritz. 1818.
- bey Carl Wilhelm Medau.
-
-
-
-
- Vorerinnerung an die Kinder.
-
-
-Die folgende kleine Erzählung ward schon einmal vielen Kindern, die
-längst zuvor über den hohen Sinn und die schöne Bedeutung des heiligen
-Osterfestes unterrichtet worden, zu einer lehrreichen und angenehmen
-Unterhaltung vorgelesen, und nicht nur die Kinder, sondern auch mehrere
-Erwachsene hörten sie mit Freuden an.
-
-Weil ich nun dachte, daß diese Erzählung auch euch, meine lieben Kinder
--- ja wohl auch euren größern Geschwistern und selbst euren Aeltern --
-Vergnügen machen dürfte, so ward sie als ein kleines Ostergeschenk für
-euch gedruckt.
-
-Die Erzählung handelt, wie es der Titel sagt, freylich nur von einer
-Kleinigkeit -- den Ostereyern; indeß werdet ihr gewiß gerne lesen, wie
-auch die kleinste Gabe Gottes -- ein Ey! -- ein großes Wunder der
-Allmacht und Weisheit Gottes und eine mannigfaltige Wohlthat für die
-Menschen sey, ja wie Gott sich oft einer geringen Sache bediene, seine
-heilige Vorschrift und liebreiche Vatersorgfalt an den Menschen zu
-verherrlichen.
-
-Diese und andere gute Lehren sind in diesem Büchlein die Hauptsache; das
-übrige soll blos dazu dienen, euch eine unschuldige Freude zu machen --
-wie etwa eure Mutter euch auf das Osterfest ein Ey schenkt, das nicht
-nur durchaus voll kräftiger Nahrung ist, sondern auch durch ein
-gefälliges Aeußeres und eine freundliche Farbe das Auge vergnügt.
-
- Der Verfasser.
-
-
-
-
- Erstes Kapitel.
-
- »O weh, da giebts noch nicht einmal Hühner!«
-
-
-Es lebten einmal vor vielen hundert Jahren, in einem kleinen Thale tief
-im Gebirge, einige arme Kohlenbrenner. Das enge Thal war rings von Wald
-und Felsen eingeschlossen. Die Hütten der armen Leute lagen im Thale
-umher zerstreut. Einige Kirsch- und Pflaumenbäume bey jeder Hütte, etwas
-Ackerland mit Sommergetreide, Flachs und Hanf, eine Kuh und einige
-Ziegen waren all ihr Reichthum. Indeß erwarben sie noch einiges mit
-Kohlenbrennen für die Einschmelze im Gebirge. So wenig aber die Leute
-hatten, so waren sie dennoch ein sehr glückliches Völklein; denn sie
-wünschten sich nicht mehr. Sie waren bey ihrer harten Lebensart, bey
-steter Arbeit und strenger Mässigkeit vollkommen gesund und man sah in
-diesen armen Hütten -- was man in Pallästen vergebens suchen würde --
-alte Männer, die über hundert Jahre zählten.
-
-Eines Tages, da schon der Haber anfing zu bleichen und es in dem Gebirge
-sehr heiß war, kam ein Köhlermädchen, das die Ziegen hütete, fast außer
-Athem nach Hause gesprungen, und brachte den Aeltern die Nachricht, es
-seyen fremde Leute in dem Thale angekommen von gar wundersamer Tracht
-und seltsamer Redensart -- eine vornehme Frau, und zwey Kinder, und ein
-sehr alter Mann, der, ob er gleich sehr prächtige Kleider anhabe, doch
-nur ihr Diener scheine. »Ach, sagte das Mädchen, die guten Leute sind
-hungrig und durstig, und sehr müde. Ich traf sie, als ich eine verlorne
-Ziege suchte, ganz abgemattet im Gebirge an, und zeigte ihnen den Weg in
-unser Thal. Wir wollen ihnen doch etwas zu essen und zu trinken hinaus
-tragen -- und sehen, ob wir sie die Nacht bey uns und den Nachbarn nicht
-unterbringen können.« Die Aeltern nahmen sogleich Haberbrot, Milch und
-Ziegenkäse und gingen hin.
-
-Die Fremden hatten sich indeß in den Schatten einer buschigen Felsenwand
-gelagert, wo es sehr kühl war. Die Frau saß auf einem bemoosten
-Felsenstücke, und hatte ihr Angesicht mit einem weißen Schleyer von
-feinem Flor bedeckt. Eines der Kinder, ein zartes, wunderschönes
-Fräulein, saß ihr auf dem Schooße. Der alte Diener, ein ehrwürdiger
-Greis, war damit beschäftigt, das schwer beladene Maulthier abzupacken,
-das sie bey sich hatten. Das andere Kind, ein muntrer, schöner Knabe,
-hielt dem Thiere einige Disteln hin, an denen es begierig fraß.
-
-Der Kohlenbrenner und sein Weib näherten sich der fremden Frau mit
-Ehrerbietung. Denn an ihrer edlen Gestalt, ihrem Anstande und ihrem
-langen, weißen Gewande merkte man sogleich, daß sie von hohem Stande
-seyn müsse. »Sieh nur, sagte die Kohlenbrennerinn leise zu ihrem Manne,
-den zierlich ausgezackten, stehenden Halskragen, die feinen Spitzen, aus
-denen die zarten Hände nur zur Hälfte hervorblicken, und -- der tausig!
--- sogar die Schuhe sind so weiß, wie Kirschenblüthe, und mit silbernen
-Blümchen geziert!« Der Mann tadelte aber sein Weib und sagte zu ihr:
-»Dir steckt doch nichts im Kopfe, als die Eitelkeit! Den höhern Ständen
-geziemt eine vornehmere Kleidung. Indeß macht das Kleid den Menschen um
-nichts besser, und mit den zierlichen Schuhen hat die gute Frau wohl
-schon manchen harten Tritt thun und manche rauhe Wege gehen müssen.«
-
-Der Köhler und die Köhlerinn bothen der fremden Frau jetzt Milch, Brot
-und Käse an. Die Frau schlug den Schleyer zurück und beyde wunderten
-sich über die Schönheit und die edle, sanfte Gesichtsbildung der Frau.
-Sie dankte freundlich, und ließ sogleich das Kind auf dem Schooße aus
-der irdenen Schale voll Milch trinken -- und die hellen Thränen drangen
-ihr aus den Augen, und benetzten die blühenden Wangen, als das Kleine
-die Schale mit beyden Händchen festhielt und begierig trank. Auch der
-liebliche Knabe kam herbey und trank auch. Darauf theilte sie von dem
-Brote aus -- und dann trank sie erst selbst, und aß von dem Brote. Der
-fremde Mann aber ließ sich besonders den Käs' sehr gut schmecken.
-Während sie aßen, kamen aus allen Hütten groß und klein herbey, standen
-im Kreise umher, und betrachteten neugierig und wundernd die
-neuangekommenen Fremden.
-
-Nachdem der alte Mann satt war, bat er flehentlich, die Leute möchten
-der Frau doch in irgend einer Hütte auf einige Zeit ein kleines Stübchen
-einräumen; sie werde ihnen nicht zur Last fallen, sondern alles
-reichlich bezahlen. »Ach ja,« sagte die Frau mit sanfter, lieblicher
-Stimme, »erbarmt euch einer unglücklichen Mutter und ihrer zwey Kleinen,
-die durch ein schreckliches Schicksal aus ihrer Heimath vertrieben
-wurden.« Die Männer traten sogleich zusammen, und hielten Rath, wie das
-zu machen sey.
-
-Oben im Thale brach hoch aus röthlichen Marmorfelsen ein Bächlein
-hervor, stürzte sich, schäumend und weiß wie Milch, von Felsen zu
-Felsen, und trieb eine Mühle, die gleichsam nur so an den Felsen dort
-hing. Auf der andern Seite des Bächleins hatte der Müller noch ein
-anderes nettes Häuschen erbaut. Freylich war es, wie alle übrigen Häuser
-im Thale, nur ganz von Holz; aber gar freundlich anzusehen, von
-Kirschbäumen lieblich beschattet, und von einem kleinen Gärtchen
-umgeben. Dieses Häuschen bot der Müller der fremden Frau zur Wohnung an.
-
-»Mein neues Hüttchen da droben,« sagte er, indem er mit der Hand hinauf
-zeigte, »räume ich euch, wie es dasteht, herzlich gerne ein. Es ist
-spanneu, und noch kein Mensch hat darin gewohnt. Ich baute es
-eigentlich, um einmal dahin zu ziehen, wenn ich die Mühle meinem Sohne
-übergeben werde. Wie doch der liebe Gott -- Ihm sey Dank! -- so
-wunderbar für euch sorgt! Erst gestern bin ich damit vollends fertig
-geworden, und heute könnet ihr nun schon einziehen. Es ist recht so, als
-wenn ich es gerade nur für euch gebaut hätte. Es wird euch gewiß
-gefallen!«
-
-Die gute Frau war über dieses freundliche Anerbiethen hocherfreut.
-Nachdem sie etwas ausgeruht hatte, ging sie sogleich hinauf. Sie trug
-das kleine Fräulein auf dem Arme, und der alte Mann führte den Knaben an
-der Hand. Der Müller aber besorgte das Maulthier. Die Frau fand das
-Häuschen, zur großen Freude des Müllers, ganz unvergleichlich. Mit einem
-Tische, einigen Stühlen, und Bettstätten war es schon versehen. Schöne
-Teppiche und prächtige Decken zur Nachtruhe hatte die Frau auf dem
-Maulthiere mitgebracht. Sie übernachtete daher sogleich da -- und dankte
-Gott mit ihren beiden Kleinen vor dem Schlafengehen noch herzlich, daß
-er ihr nach langem Herumirren einen so angemessenen Zufluchtsort habe
-finden lassen. »Wer hätte es geglaubt, sagte sie, daß ich, in Pallästen
-erwachsen, mich noch glücklich schätzen würde, in eine solche Hütte
-aufgenommen zu werden. Wie nöthig hat auch der Höhere, gegen den
-Niedrigsten gut und gefällig zu seyn! Könnte er auch so hart seyn, es
-nicht aus Menschenfreundlichkeit zu thun, so sollte ihn doch die
-Klugheit dazu bewegen. Denn kein Mensch weiß, was ihm bevorsteht.«
-
-Den andern Morgen kam die Frau in aller Frühe mit ihren Kleinen aus der
-niedern Wohnung hervor, sich ein wenig in der Gegend umzusehen. Denn am
-Tage zuvor waren sie dazu allzumüde. Mit Entzücken betrachtete sie die
-schöne Aussicht ins Thal. Die Hütten der Köhler lagen tief unten im
-grünen Thale wie hingesäet, nur immer zwey oder drey beisammen. Das
-Mühlbächlein schlängelte sich hell wie Silber mitten durchhin. Die
-bunten Felsen voll grüner Gesträuche, an denen die Ziegen nagten, hätte
-man, so wie sie jetzt von der Morgensonne beleuchtet waren, nicht
-schöner mahlen können.
-
-Der alte Müller kam, sobald er die Frau mit ihren Kindern erblickte,
-sogleich aus der Mühle heraus, und über den schmalen Steg, der über das
-Bächlein führte, herüber. »Aber nicht wahr, rief er, ein schöneres
-Plätzchen als dieses, giebt es doch im ganzen Thale nicht! Hier scheint
-die Morgensonne immer am ersten hin. Wenn die Hütten unten, wie eben
-jetzt, noch im schwarzen Schatten liegen, so ist da droben schon alles
-von der Sonne wie vergoldet. Ja oft, wenn in dem tiefen, feuchten Thal
-kaum die Kamine der Hütten aus dem grauen Nebel hervorragen, hat man
-hier den klaren blauen Himmel.«
-
-Den Kindern der Frau gefiel aber das Mühlrad, das sich beständig so
-geschäftig umdrehte, am besten. Den Knaben ergötzte besonders das
-Klappern der Mühle, und das Rauschen des Wassers, das wie siedende Milch
-zu kochen schien. Das Mädchen hingegen hatte ihre vorzügliche Freude an
-den funkelnden Edelsteinen von allen Farben, die, wie sie sagte, im
-Sonnenglanze von dem immer tröpfelnden Rade fielen.
-
-Die Frau brachte den Tag zu, sich einzurichten, so gut es in diesem
-armen Thale seyn konnte. Die Leute wetteiferten, sie mit Lebensmitteln,
-mit Brennholz, irdenem Küchengeschirre, und andern Kleinigkeiten zu
-versehen. Das Mädchen, das ihr zuerst den Weg in das Thal gezeigt hatte
-und Martha hieß, kam zu ihr in den Dienst.
-
-»Vor allem brauche ich Eyer!« sagte die Frau, als sie sich zum Kochen
-anschickte. »Sieh doch, daß du mir für Bezahlung einige auftreibest.«
-»Eyer?« fragte Martha ganz verwundert. »Je wozu denn?« »Närrisches
-Mädchen,« sagte die Frau, »wozu? -- zum Kochen. Gehe nur, und mache, daß
-du bald wieder kommest.« »Zum Kochen?« sagte das Mädchen; »aber die
-Vögelein haben ja nun keine Eylein mehr, und dann wäre es doch auch
-Schade. Vier Personen hätten ja wohl einige hundert Eylein von Finken
-oder Hänflingen nöthig, sich satt zu essen.« »Was plauderst du da,«
-sagte die Frau; »wer redet denn von den Eyerchen der Vögelein. Ich meyne
-Hühnereyer.« Das Mädchen schüttelte den Kopf und sagte: »Was das für
-Vögel sind, weiß ich gar nicht. In meinem Leben habe ich noch keine
-gesehen.« »O weh, sagte die Frau, so giebts bey euch noch nicht einmal
-Hühner!«
-
-Denn da die Hühner erst aus dem Morgenlande zu uns gebracht wurden, so
-war damals in manchen Gegenden ein Huhn wirklich etwas so seltenes, als
-jetzt ein Pfau. Die Frau wußte sich, da hier auch nichts von
-Fleischspeisen zu haben war, in ihrer kleinen Küche fast nicht zu
-helfen. »Ich hätte nie daran gedacht,« sprach sie, »was es um ein Ey für
-eine Wohlthat Gottes ist, bis jetzt, da ich keines haben kann. So gings
-mir aber auf meiner Wanderung schon mit hundert Dingen. Mangel und Noth
-haben doch auch ihr Gutes, indem sie uns auf manche Gabe Gottes, die wir
-bisher nicht achteten, aufmerksam machen, und uns Dankbarkeit lehren.«
-
-Die gute Frau mußte sehr kümmerlich leben. Die Leute trugen ihr indeß
-fleißig zu, was sie nur immer glaubten, daß ihr angenehm seyn könnte.
-Wenn der Müller eine schöne Forelle oder ein Köhler ein Paar
-Krametsvögel fing, so brachten sie ihr dieselben sogleich. Die größten
-Dienste that ihr aber der alte Diener, der mit ihr gekommen war. Sie
-hatte noch einige goldene Kleinodien und kostbare Edelsteine. Von diesem
-gab sie ihm von Zeit zu Zeit, und er verreiste damit, und blieb oft
-mehrere Wochen aus. So oft er zurück kam, brachte er immer allerley mit,
-das er für die kleine Haushaltung eingekauft hatte. Die Leute bemerkten
-indeß, daß die Frau nach seiner Zurückkunft oft sehr traurig war, und
-rothgeweinte Augen hatte. Sie wären gar gerne dahinter gekommen, wer sie
-denn eigentlich sey, und woher sie komme. Allein sie selbst zu fragen,
-hatten sie den Muth nicht. Der alte Mann aber sagte ihnen, wenn sie ihn
-fragten, so seltsame Namen, daß sie dieselben kaum nachsprechen konnten,
-und sie in einer Viertelstunde schon wieder vergessen hatten, bis sie
-endlich merkten, daß der muntere Greis sie nur zum Besten habe. Da
-machten sie sich an die Kleinen. »Sag' uns doch, sagten sie zum Knaben,
-wie heißt denn deine Mutter eigentlich? Wir wollen es nicht weiter
-sagen. Sag es uns nur ins Ohr.« Da sagte ihnen denn das Kind sehr
-geheimnisvoll, aber auch sehr offenherzig und zutraulich: »Sie heißt
-eigentlich Mamma.« Aehnliche Antworten gab auch das Mädchen. Die Leute
-mußten es also der Zeit überlassen, dieses Geheimniß zu enthüllen.
-
-
-
-
- Zweytes Kapitel.
-
- »Gottlob, nun sind doch einmal die Hühner da!«
-
-
-Einmal kam der alte Diener, der Kuno hieß, wieder von einer Reise heim,
-und trug einen Hühnerstall auf dem Rücken. In dem waren ein Hahn und
-einige Hennen. Als die Kinder im Thale den alten Mann kommen sahen,
-liefen sie alle zusammen; denn er brachte ihnen immer etwas mit --
-weißes Brot, getrocknete Pflaumen, ein Pfeifchen, ein Glöcklein für ihre
-Ziegen oder sonst eine Kleinigkeit.
-
-Dießmal waren die Kinder sehr neugierig, was denn in dem vergitterten
-Kästchen sey, das fast ganz mit Tuch bedeckt war, so daß man nicht recht
-hinein sehen konnte. Sie begleiteten ihn bis vor die Thüre der Frau, die
-mit ihren zwey Kleinen sogleich freudig herauskam und ihn grüßte.
-»Gottlob, rief das kleine Fräulein und klatschte in die Hände, nun sind
-doch einmal die Hühner da!«
-
-Der Mann stellte den Kasten nieder, öffnete das Thürchen, und da kam
-denn zuerst ein prächtiger Hahn heraus. Die Kinder erstaunten. »Was für
-ein sonderbarer Vogel das ist! riefen sie; denn wie man ihn heiße,
-wußten sie noch nicht. In unserm Leben haben wir noch keinen so schönen
-Vogel gesehen! Was er für eine schöne Krone auf dem Kopfe hat, noch
-schöner roth, als Kornblumen; und wie wunderschön bräunlich und gelblich
-seine Federn schimmern, noch schöner als reifes Getreide in der
-Abendsonne; und wie wunderlich er den Schweif trägt, fast wie eine
-Sichel gekrümmt!« Auch die Hennen gefielen ihnen sehr wohl. Es waren ein
-Paar Schwarze mit hochrothem Kamme, ein Paar Weiße mit Schöpfen, und ein
-Paar Röthlichbraune ohne Schweif. Die Frau streute den Hühnern einige
-Hände voll Haberkörner hin. Die Hühner pickten sie geschäftig hinweg,
-und die Kinder standen und knieten im Kreise umher, und sahen mit
-vergnügten Gesichtern zu.
-
-Als der Haber aufgefressen war, da schwang mit einem Male der Hahn die
-Flügel und krähte -- und alle Kinder lachten laut zusammen, so freuten
-sie sich darüber. Und im Heimwege schrien die Knaben alle: »Kikeriki«
-und die Mädchen machten es ihnen wohl auch nach, aber doch nicht gar so
-laut. Als die Kinder heimkamen, erzählten sie von den Wundervögeln, die
-viel größer seyen, als die Ringeltauben, ja wohl größer, als die Raben,
-und wie sie so schöne Farben hätten, noch viel schöner als alle Vögel im
-Walde. »Und, sagte die kleine Marie, Marthas Schwesterlein, wie sie so
-ein rothes Käpplein auf dem Kopfe tragen, wie es bisher noch bey keinen
-Vögeln des Waldes gebräuchlich gewesen.« Auch die Aeltern wurden
-neugierig und kamen, die fremden Vögel zu sehen, und waren nicht weniger
-darüber verwundert.
-
-Nach einiger Zeit ließ sich eine der Hennen zum Brüten an. Martha mußte
-die Henne täglich füttern. Die Frau zeigte einmal den Kindern aus dem
-Thale das Nest, und die Kinder wunderten sich alle laut über die Menge
-von Eyern. »Funfzehn Eyer!« riefen sie; »die Holztauben legen nur zwey,
-andere Vögelein nur fünf Eyer. O wie wird die Henne so viele Junge
-auffüttern!«
-
-Da die Jungen anfingen auszukriechen, wollte die Frau den Kindern eine
-Freude machen, und ließ sie rufen. Es kamen aber, da es eben Feyertag
-war, auch viele große Leute mit. Sie zeigte ihnen ein aufgepicktes Ey. O
-wie freuten sich die Kinder, als das junge Hühnlein so geschäftig
-pickte, herauszukommen. Die Frau half ihm vollends heraus. Nun war die
-Verwunderung noch größer, daß das kleine Vögelein schon über und über so
-schöne gelbe Flaumfederlein habe, so munter aus den schwarzen Aeuglein
-blicke, und sogleich davon laufen könne, da doch andere junge Vögelein
-nackt, blind und ganz hülflos zur Welt kämen. »Das ist doch etwas
-unerhörtes,« sagten die Kinder, »solche Vögel giebt es in der ganzen
-Welt nicht mehr.«
-
-Als die schöne, glänzend schwarze Glucke mit dem purpurrothen Kamme, in
-Mitte ihrer fünfzehn gelbhaarigen Jungen, das erste Mal auf den grünen
-Rasen herausschritt, da war die Freude der Kinder und Aeltern gar über
-alle Weise. »Schöneres kann man doch nichts sehen!« sagte ein Köhler.
-»Und horcht nur,« sprach die Köhlerinn, »wie die Alte den Jungen lockt,
-und wie die kleinen Dingerchen den Ruf verstehen, und sogleich folgen.
-Es wäre zu wünschen, daß ihr Kinder auch immer so auf den Ruf ginget.«
-
-Ein Knabe wollte ein junges Hühnlein fangen, um es näher zu betrachten.
-Das kleine Dingelchen schrie aber kläglich, und auf das Geschrey schoß
-die Alte plötzlich und mit weitgeöffneten Flügeln herbey, und flog dem
-Knaben, der heftig erschrack und jammernd um Hülfe schrie, auf den Kopf.
-Sie hätte ihm wohl die Augen ausgekratzt, wenn er das Junge nicht
-augenblicklich wieder hätte laufen lassen. Der Vater schmähte den
-Knaben, und die Mutter sagte: »Wie das treue Thier sich seiner Jungen so
-eifrig annimmt! Menschen könnten sogar von ihm lernen.«
-
-Wenn die Henne nun einen guten Bissen fand, so erhob sie sogleich ein
-Geschrey, und die Jungen eilten alle zusammen. Die Alte zerhackte ihn
-erst mit ihrem Schnabel und legte ihnen gleichsam vor. Jedermann
-wunderte sich, daß so junge Thierchen, die kaum über einen Tag alt
-wären, nicht nur sogleich laufen, sondern auch schon fressen könnten.
-
-Da jetzt die Sonne sich etwas unter die Wolken verbarg -- so sammelten
-sich alle Jungen unter die Alte, und versteckten sich da, um sich zu
-wärmen. »Das ist noch das allerschönste,« sagten die Leute. »Es ist gar
-so artig und munter, wie hie und da ein Köpfchen unter den Flügeln der
-Henne hervorsieht, oder sich ein Junges hervorwagt, und sogleich wieder
-an einer andern Stelle unter sie hineinkriecht.«
-
-Der Müller, der in seiner weißbestäubten Kleidung in Mitte der schwarzen
-Köhler sich gar sonderbar ausnahm, aber auch an Einsicht sich eben so
-vor ihnen auszeichnete, sprach: »Was das doch ein Wunderding mit diesen
-fremden Vögeln ist! Wir erblicken zwar Gott überall in der Natur; aber
-wenn wir etwas ungewöhnliches sehen, fällt uns seine Allmacht, Weisheit
-und Güte doch noch mehr in die Augen. Bedenkt nur, wie gut es ist, daß
-diese kleinen Vögelein sogleich laufen und fressen können; wenn die Alte
-so vielen Jungen das Futter im Schnabel zutragen müßte, wie eine
-Schwalbe, da würde sie nicht fertig! Wie gut ists, daß es schon die
-Natur der Jungen so ist, der Alten nachzulaufen und ihrer Stimme zu
-folgen. Liefen sie, weil sie doch auf der Stelle laufen können, sogleich
-auseinander; die Alte könnte sie nicht mehr zusammen bringen, und die
-Jungen gingen verloren. Besonders wundert mich aber, wo die Henne den
-Muth hernimmt, ihre Jungen so tapfer zu vertheidigen! Habe ich mich doch
-oft schon über die Hühner geärgert, und sie dumme Thiere gescholten,
-weil sie allemal, so oft ich an ihnen vorbey ging, vor Furcht scheu
-auseinander flogen, obwohl sie längst merken konnten, daß ich ihnen
-nichts zu leid thue. Und nun ist die Natur des Thieres ganz verändert,
-und sie setzt sich gegen einen Mann zur Wehre. Oft hat es mich ergötzt,
-wie die Hennen um einen Bissen zanken, oder wie diejenige, die ein
-größeres Bröcklein fand, so neidig ist, und sogleich davon läuft, und
-wie die andern ihr nachlaufen, und es ihr nehmen wollen. Jetzt aber hat
-sie ihre Gefrässigkeit ganz abgelegt, und ruft den Jungen selbst und
-rührt nichts an, bis alle satt sind. Ich glaube das gute Thier stürbe
-lieber selbst Hungers, als daß sie eines ihrer Jungen verhungern ließe.
-Diese zärtliche Sorgfalt, mit der die Henne ihre zarten Jungen
-umherführt, Futter für sie aufsucht, sie ernährt, sie beschützt, sie
-unter ihren Flügeln wärmt -- hat Gott dem Thiere eingepflanzt. So
-zärtlich ist Gott für diese jungen Hühnlein besorgt! Und wie sollten nun
-wir verzagen? Sollte Er nicht noch mehr für uns besorgt seyn? Freylich
-sorgt Er noch mehr für uns. Darum nur guten Muth, lieben Leute! Gott
-macht alles wohl. Er sorgt für alle seine Geschöpfe -- am meisten aber
-für den Menschen, der in seinen Augen mehr ist, als alle Hühner und alle
-andern Vögel in der ganzen Welt.«
-
-
-
-
- Drittes Kapitel.
-
- »Jetzt giebt es Eyer im Ueberfluß.«
-
-
-Weil die guten Leute im Thale gegen die fremde Frau immer gar so
-gefällig gewesen, so war sie schon lange darauf bedacht, ihnen auch
-wieder eine Freude zu machen, und ihre ärmliche Haushaltung zu
-erleichtern. Die gute Frau hatte daher Eyer und Hühner sehr geschont,
-und da sie nun einen schönen Vorrath von Eyern und auch mehrere Hühner
-beysammen hatte, schickte sie Martha ins Thal, alle Hausmütter auf den
-morgigen Tag, der ein Sonntag war, einzuladen. Sie kamen mit Freuden,
-und in ihrem schönsten Aufputze. In dem kleinen Gärtchen hatte der alte
-Diener einen ländlichen Tisch mit einigen Bänken bereitet. Hier mußten
-sie Platz nehmen.
-
-Martha brachte hierauf einen großen Korb voll Eyer. Die waren alle so
-reinlich, daß man kein Flecklein daran sah, und weiß wie Schnee. Die
-Kohlenbrennerinnen erstaunten und wunderten sich nicht wenig über die
-Menge von Eyern. »Gottlob! sagte die Frau, jetzt giebt es Eyer im
-Ueberfluß, und es ist allerdings ein schöner Anblick, so viele reinliche
-Eyer beysammen zu sehen. Nun will ich euch aber auch zeigen, wie man sie
-in der Haushaltung nützen kann.«
-
-In einer Ecke des Baumgärtchens, unten an einem Felsen, war Feuer
-aufgemacht. Eine große Pfanne voll Wasser hing über dem Feuer. Die Frau
-schlug zuerst ein Ey auf, um zu zeigen, wie es innen aussehe, bevor es
-in das heiße Wasser komme. Alle betrachteten mit Aufmerksamkeit die
-schöne kristallhelle Feuchtigkeit, in der gleich einer gelben Kugel der
-Dotter schwamm. Nun wurden so viele Eyer, als es Gäste waren, weich
-gesotten. Auf dem Tische war Salz und weißes länglich geschnittenes Brot
-in Bereitschaft. Die Frau lehrte sie die Eyer öffnen, und nun wunderten
-sich alle, wie das durchsichtige des Eys so schön weiß wie Milch aussah,
-und eben so, wie das Gelbe, fester geworden. Alle lobten, indem sie nach
-Anweisung der Frau die Eyer mit dem Brote austunkten, die treffliche
-Speise. »Da hat man,« sagten sie, »Geschirr und Speise sogleich
-beysammen. Und wie schön und reinlich, wie lieblich weiß und gelb alles
-aussieht! Wie schnell, ohne Kunst, ohne allen Aufwand ein Ey gekocht
-ist. Auch für Kranke könnte man nicht leicht eine wohlfeilere und
-nahrhaftere Speise finden.«
-
-Die Frau schlug hierauf Eyer in heißes Schmalz. Dieses war für die
-Köhlerinnen wieder eine neue Erscheinung. »Wie das Gelbe so schön vom
-Weißen umgeben ist,« sagten sie, »wie bey den großen weiß- und gelben
-Wiesenblumen, die man Ochsenaugen nennt.« Die Eyer wurden nach und nach
-auf grünen Spinat gelegt, der in einer großen flachen Schüssel bereit
-stand -- und auch diese Speise wurde von allen gelobt. So machte die
-Frau noch andere Eyerspeisen, und unterrichtete die Köhlerinnen, wie die
-Eyer nicht nur an und für sich eine gesunde Speise seyen, sondern mit
-noch größerm Vortheil zur bessern Bereitung anderer Speisen benützt
-werden können.
-
-Zuletzt wurde schöner grüner Ackersalat aufgetragen. Kuno brachte einen
-Teller voll Eyer, die schon früher hart gesotten wurden, damit sie indeß
-wieder kalt würden. Der fröhliche Alte ließ aus Scherz die Eyer fallen,
-daß sie auf dem steinigen Boden herumrollten. Die Köhlerinnen am Tische
-erschracken, daß sie laut aufschrien. Sie meynten, die Eyer würden
-ausfließen. Aber wie wunderten sie sich alle, als die Frau die Schalen
-rein ablöste, und jedes Ey so durchaus hart erschien, daß es sich
-schneiden ließ. Die Sache schien ihnen ein Wunder. Indeß sagte ihnen die
-Frau, wie man die Eyer hart siede und legte die zierlich geschnittenen
-Eyer auf den Salat, und auch diese Speise schmeckte den Gästen sehr gut.
-
-Nachdem die Mahlzeit geendet war, vertheilte die Frau einige Hähne und
-mehrere Hennen unter die Hausmütter. Sie sagte ihnen, daß eine Henne des
-Jahres hundert, bis hundert fünfzig Eyer lege -- worüber alle
-erstaunten. »Ueber hundert Eyer!« riefen sie. »Welch ein Vortheil in der
-Haushaltung!« Die guten Hausmütter brachten mit den Hühnern eine große
-Freude ins Thal. In allen Hütten war Jubel. Alle Leute im Thale segneten
-die Frau, und dankten Gott für so schöne wohlthätige Geschenke.
-
-Die Hühner waren lange Zeit das tägliche Gespräch. Immer bemerkten die
-Leute noch etwas neues daran, das sonderbar und zugleich nützlich war.
-Die Eigenschaft, daß der Hahn morgens krähe, war den Hausvätern
-besonders lieb. »Er verkündet so,« sagten sie, »den nahen Tag und
-fordert die Menschen auf, an ihr Tagwerk zu gehen. Es ist ein ganz neues
-Leben im Thal, wenn am Morgen die Hähne so zusammen krähen, und man geht
-ordentlich munterer an die Arbeit!« »Freylich wohl!« sagte der Müller.
-»Wenn der Hahn aber gegen Mitternacht das erste Mal kräht, so ruft er
-den lustigen Gesellschaften mit lauter Stimme zu, jetzt sey es die
-höchste Zeit, sich zur Ruhe zu begeben.«
-
-Den Hausmüttern gefiel es noch besonders, daß die Henne es gatzend
-ankündete, wenn sie ein Ey gelegt hatte. Allemal war Freude im Hause,
-wenn sie sich hören ließ. »So weiß man es doch gleich,« sagten sie, »und
-kann das nützliche Geschenk sogleich in Empfang nehmen.«
-
-Hausväter und Hausmütter sagten oft unter einander: »Diese Vögel sind
-wahrhaftig von Gott recht eigentlich zu Hausthieren geschaffen. Sie
-halten sich so treulich an das Haus, entfernen sich nie weit davon,
-kommen, sobald man ihnen lockt, sogleich alle zurück, ja, sie gehen am
-Abende von selbst heim, und warten an Hausthür oder Fenster, bis man sie
-hereinlasse. Nicht nur bringen sie in der Haushaltung einen großen
-Nutzen; ihr Unterhalt kostet auch sehr wenig. Sie nehmen mit Kleye, mit
-dem Abfalle vom Gemüse, und mit andern schlechten Dingen vorlieb, die
-man im Hause sonst nicht weiter nützen könnte. Ja sie gehen vom Morgen
-bis Abend außer dem Hause überall umher und scharren und suchen ihr
-Futter selbst auf. Viele tausend Körnlein, die besonders zur Erntezeit
-und bey dem Dreschen verloren gingen, kommen so noch den Menschen zu
-gut. Die Hennen lesen sie fleißig auf und geben uns Eyer dafür. Die
-ärmste Wittwe, die sonst kein Hausthier halten konnte, vermag doch noch
-eine Henne, und das tägliche Ey ist ein tägliches Almosen für sie.«
-
-Auch die zwey Kinder der Frau sahen nun ein, woran sie im Ueberflusse
-nie gedacht hatten, was die Eyer für gütige Geschenke Gottes seyen. O
-wie froh waren sie, als sie hie und da morgens ein Ey in Milch essen
-konnten! Wie gut fanden sie nun manche Speise, die ihnen vorhin nicht
-recht genießbar schien, weil das Ey daran fehlte. Wie sehr dankten sie
-Gott dafür!
-
-
-
-
- Viertes Kapitel.
-
- Das Fest der bemahlten Eyer, ein Kinderfest.
-
-
-Indeß gingen Sommer und Herbst vorüber, und der Winter kam. Er war,
-zumal in dieser rauhen Gegend, sehr hart. Die kleinen Hütten im Thale
-lagen Monate lang, wie im Schnee vergraben. Nur die rauchenden Kamine
-und etwas von den Dächern schauten noch aus der weißen Hülle hervor. Von
-dem Hohlwege zwischen den Felsen herauf sah man gar nichts mehr. Die
-Mühle stand still, und die Wasserfälle hingen starr und geräuschlos an
-den Felsen da. Man konnte nur wenig zusammen kommen. Desto größer war
-die Freude, als der Schnee schmolz, und es wieder Frühling ward.
-
-Die Kinder aus dem Thale kamen sogleich wieder herauf, und brachten den
-beyden fremden Kindern, Edmund und Blanda, die ersten blauen Veilchen
-und gelben Schlüsselblümchen, die sie im Thale finden konnten. Ja sie
-flochten ihnen, sobald es mehrere dieser holden Frühlingsblümchen gab,
-die schönsten blauen und gelben Kränze. »Ich muß,« sagte die edle Frau,
-»den guten Kindern doch auch eine Freude machen. Ich will ihnen auf den
-kommenden Ostertag ein kleines ländliches Kinderfest geben. Denn es ist
-gar schön, daß man solche Tage den Kindern, so gut man nur immer kann,
-zu Freudentagen mache. Aber was soll ich ihnen geben? Auf Weihnachten
-konnte ich sie mit Aepfeln und Nüssen beschenken, die ich für sie hatte
-bringen lassen. Allein zu dieser Zeit hat man nichts im Hause, als etwa
-ein Ey. Noch bringt die Natur nichts hervor, das zu genießen wäre. Alle
-Bäume und Sträuche stehen ohne Früchte und Beeren. Eyer sind die ersten
-Geschenke der wieder auflebenden Natur.«
-
-»Aber,« sagte Martha, »wenn die Eyer nur nicht so ganz ohne alle Farben
-wären! Weiß ist wohl auch schön. Allein die allerley Farben der Früchte
-und Beeren, zumal die schönen rothen Wangen der Aepfelein, sind doch
-noch schöner.«
-
-»Du bringst mich da auf einen Einfall,« sagte die gute Frau, »der nicht
-gar übel seyn mag. Ich will die Eyer hart sieden, und sie, was sich
-während des Siedens leicht thun läßt, zugleich färben. Die mancherley
-Farben machen den Kindern gewiß große Freude.«
-
-Die verständige Mutter kannte verschiedene Wurzeln und Moose, die man
-zum Schönfärben brauchen kann. Sie färbte nun die Eyer auf verschiedene
-Art. Einige wurden schön himmelblau, andere gelb wie Zitronen, andere so
-schön roth wie das Innere der Rosen. Einige hatte sie mit zarten grünen
-Blättchen eingebunden, die sich dann auf den Eyern abbildeten, und ihnen
-ein unvergleichlich schönes buntes Aussehen gaben. Auf einige setzte sie
-auch einen kleinen Reim.
-
-»Die bemahlten Eyer,« sagte der Müller, als er sie erblickte, »sind
-gerade recht für das Fest, wo die Natur ihr weißes Kleid ablegt, und
-sich mit allerley Farben schmückt. Die gute Mutter macht es gerade wie
-der liebe Gott, der uns nicht nur schmackhafte Früchte giebt, sondern
-sie auch noch für das Auge schön und freundlich macht. Wie er die
-Kirsche roth, die Pflaume blau, die Birne gelb färbt, so macht sie es
-mit den Eyern.«
-
-Der Ostertag war diesesmal ein überaus schöner Frühlingstag -- ein
-wahrer Auferstehungstag der Natur. Die Sonne schien so schön und warm,
-der Himmel war so rein und blau, daß es eine Lust war, und alles neues
-Leben fühlte. Die Wiesen im Thale waren bereits schön grün und hie und
-da schon bunt von Blumen.
-
-Schon lange vor Anbruch der Morgenröthe hatten die Frau und der alte
-Kuno sich auf den Weg zur Kirche gemacht, die über zwey Stunden weit
-entfernt jenseits mehrerer Berge lag. Die Väter und Mütter aus dem
-Thale, und die größern Kinder, die so weit gehen konnten, zogen auch mit
-dahin. Gegen Mittag kam die Frau mit Hülfe des Maulthieres, das Kuno
-führte, wieder zurück; die übrigen Leute aber kamen mit ihren Kindern
-erst lange nach Mittag, oder gar erst gegen Abend nach Hause.
-
-Sobald die Frau angelangt war, eilten jene Kinder, die man daheim
-gelassen hatte, und die mit Edmund und Blanda ungefähr von einerley
-Alter -- und schon lange eingeladen waren, voll Freude herauf.
-
-Die Frau führte sie in das Gärtchen, das Kuno im vorigen Jahre sehr
-verschönert hatte. Nahe an der Felsenwand, auf einem zierlich mit Kiese
-beschütteten Grunde, war ein länglicht runder Tisch. Der war jetzt mit
-einem farbigen Teppiche belegt. Rasensitze von jungem, frischen Grün
-umgaben ihn. Die Kinder setzten sich rings um den Tisch, und mitten
-unter ihnen Edmund und Blanda. Alle sahen freundlich und fröhlich aus
-den Augen und waren voll Erwartung der Dinge, die da kommen würden. Es
-war wirklich ein ungemein lieblicher Anblick, den schönen Kreis von
-gelb- und braunlockichten Köpfchen und alle blühenden Gesichtchen zu
-sehen. »So schön ist kein Blumenkranz,« sagte die Frau bey sich selbst,
-»und wäre er auch aus den schönsten Rosen und Lilien gewunden.«
-
-Nun erzählte ihnen die Frau zuerst sehr schön und deutlich, warum der
-heilige Ostertag ein so großes Freudenfest sey -- und dann wurde eine
-große irdene Schüssel voll heißer Milch aufgetragen, darein Eyer
-geschlagen waren. Jedes Kind hatte ein neues irdenes Schüsselchen vor
-sich stehen. Jedes bekam nun seinen Theil und ließ sichs trefflich
-schmecken. Hierauf führte die Frau die Kinder durch eine Seitenthür des
-Gärtchens in das kleine Tannenwäldchen, das an den Garten stieß.
-Zwischen den jungen Tännchen waren hie und da schöne grüne Rasenplätze.
-Da sagte die Frau den Kindern, jedes solle aus Moos, mit dem die Felsen
-und Bäume umher reichlich bewachsen waren, ein kleines Nestchen machen.
-Sie gehorchten mit Freuden. Denjenigen Kindern, die nicht zurecht kommen
-konnten, mußten die geschicktern helfen. Jedes mußte sich sein Nestchen
-recht wohl merken.
-
-Nun kehrten die Kinder wieder in den Garten zurück. Aber sieh -- da
-erblickten sie auf dem Tische einen großen Kuchen von Eyerbrot, der wie
-ein großer gewundner Kranz gestaltet war. Jedes bekam nun ein großes
-Stück Kuchen. Indeß nun die Kinder aßen, schlich Martha mit einem großen
-Korbe voll gefärbter Eyer heimlich in das Wäldchen, und vertheilte die
-Eyer in die Nestchen, und die blauen, rothen, gelben oder bunten Eyer
-nahmen sich in den zierlichen Nestchen von zartem, grünlichem Moose
-ungemein schön aus.
-
-Nachdem die Kinder genug gegessen hatten, sagte die Frau: »Nun kommt,
-jetzt wollen wir nach den Nestchen sehen.« In jedem Nestchen lagen fünf
-gleichfarbige Eyer, und auf Einem derselben stand ein Reim. Was da die
-Kinder für ein Freudengeschrey erhoben! Die Freude und der Jubel ging
-über alle Beschreibung. -- »Rothe Eyer! Rothe Eyer!« rief das eine, »in
-meinem Nestchen sind lauter rothe Eyer.« »Und in dem meinigen blaue,«
-rief ein anderes, »o alle so schön blau, wie jetzt der Himmel.« »Die
-meinigen sind gelb,« schrie ein drittes, »noch viel schöner gelb, als
-die Schlüsselblümchen, oder der hellgelbe Schmetterling, der dort
-fliegt.« »Die meinigen, rief das vierte, haben gar alle Farben!« »O das
-müssen wunderschöne Hühner seyn,« rief ein kleiner Knabe, »weil sie so
-schöne Eyer legen. Die möchte ich einmal sehen.«
-
-»Ey,« sagte Martha's Schwesterchen, das Kleinste aus allen Kindern, »die
-Hühner legen freylich keine so schöne Eyer. Ich glaube gar, das Häschen
-hat sie gelegt, das aus dem Wachholderbusche heraussprang und davon
-lief, als ich dort das Nestchen bauen wollte.« Und alle Kinder lachten
-zusammen, und sagten im Scherze, der Haase lege die bunten Eyer. Ein
-Scherz, der sich in manchen Gegenden bis auf unsere Zeiten erhalten hat.
-
-»O mit wie wenigem,« sagte die Frau, »kann man den Menschen eine große
-Freude machen! Wer sollte nicht gerne geben; indem ja geben seliger ist,
-als empfangen! -- Wer doch noch ein Kind seyn könnte! Eine solche Freude
-empfinden unter den Erwachsenen nur diejenigen, die ihr Herz rein und
-schuldlos bewahrten. Nur die leben noch in dem Paradiese der Kindheit --
-diesem Gottesreiche schuldloser Freude.«
-
-Nun machte die Frau den Kindern wieder eine andere Unterhaltung. Manches
-Kind, das nur blaue Eyer bekam, hätte gerne auch ein rothes oder gelbes
-gehabt. Denen, mit den rothen, gelben oder bunten Eyern ging es eben so.
-Die Frau sagte daher den Kindern, sie sollen mit einander tauschen. Nur
-das Ey mit dem Sprüchlein durfte nicht vertauscht werden. Das war jetzt
-eine neue Freude, da jedes Kind auf diese Art Eyer von allen Farben
-erhielt. »Seht,« sagte die Frau, »so muß man einander aushelfen. Wie es
-mit den Eyern hier ist, so ist es mit tausend andern Dingen. Gott
-theilte seine Gaben so aus, daß die Menschen einander davon wechselweise
-mittheilen können, und so einander Freude machen und einander lieber
-gewinnen sollen. Möchte doch jeder Tausch oder Kauf, wie euer kleiner
-Eyerhandel beschaffen seyn, daß immer beyde Theile gewinnen, und keiner
-verliere.«
-
-Der kleine Edmund las seinen Reim. Ein Köhlerknabe war darüber voll
-Erstaunen. Denn damals gab es noch wenige Schulen, und mancher
-Erwachsene wußte kaum, daß es um das Lesen und Schreiben etwas Schönes
-und Nützliches sey. Der Köhlerknabe wollte nun sogleich wissen, was denn
-da auf _seinem_ Ey geschrieben stehe. »O ein unvergleichlich schönes
-Sprüchlein!« sagte die Frau. »Höre einmal! _Für Speis und Trank -- dem
-Geber dank!_« Sie fragte die Kinder, ob sie dieses immer gethan hätten?
-Jetzt fiel es ihnen erst ein, Gott für die fröhliche Mahlzeit und die
-schönen Eyer zu danken, was sie denn nach Anleitung der Frau auch
-sogleich von Herzen thaten.
-
-Nun wollte aber jedes Kind wissen, was auf seinem Ey stehe. Alle
-drängten sich um die Frau. Alle die kleinen Händchen, und in jedem der
-Händchen ein Ey, waren gegen sie ausgestreckt. Alle riefen wie mit einem
-Munde: »Was steht auf meinem? Was auf meinem? Wie heißt meines? O meines
-zuerst lesen!«
-
-Die Frau mußte Friede machen, und die Kinder in einen Kreis stellen.
-Jetzt las sie in der Reihe herum ein Sprüchlein nach dem andern. Jedes
-Kind war voll Begierde zu wissen, wie sein Reimlein heiße. Alle horchten
-auf die Frau, und wandten kein Auge von ihr, wenn sie wieder ein
-Sprüchlein las.
-
-Die Reimlein bestanden nur immer aus einigen Wörtchen. Alle zusammen,
-sowohl auf den Eyern, die sie jetzt, als auf jenen, die sie nachher noch
-austheilte, waren ungefähr folgende:
-
- 1. Nur Eins ist noth,
- Kind, liebe Gott!
-
- 2. Gott sieht dich, Kind,
- Drum scheu die Sünd.
-
- 3. Für Speis und Trank
- Dem Geber dank'.
-
- 4. Ein dankbar Herz
- Flammt himmelwärts.
-
- 5. Vertrau' auf Gott,
- Er hilft in Noth.
-
- 6. Höchst elend ist,
- Wer Gott vergißt.
-
- 7. Wer Jesum ehrt,
- Thut, was Er lehrt.
-
- 8. Gebet und Fleiß
- Macht gut und weis'.
-
- 9. Fromm, gut und rein,
- Drey Edelstein.
-
- 10. Ein gutes Kind
- Gehorcht geschwind.
-
- 11. Beym Eigensinn
- Ist kein Gewinn.
-
- 12. Ein reines Herz
- Erspart viel Schmerz.
-
- 13. Kind, wirst du roth,
- So warnt dich Gott.
-
- 14. Wie Rosen blüht
- Ein rein Gemüth.
-
- 15. Bescheidenheit
- Das schönste Kleid.
-
- 16. Wer Lügen spricht,
- Dem glaubt man nicht.
-
- 17. Die Heucheley
- Ein faules Ey.
-
- 18. Verdientes Brot,
- Macht Wangen roth.
-
- 19. Unmäßig seyn
- Bringt Schmach und Pein.
-
- 20. Geiz macht ein Herz
- Zu Stein und Erz.
-
- 21. Ein frommer Mann,
- Hilft wo er kann.
-
- 22. Zorn, Haß und Neid
- Bringt dir nur Leid.
-
- 23. Still, sanft und mild,
- Ein goldner Schild.
-
- 24. Geduld im Leiden
- Bringt Himmelsfreuden.
-
- 25. Gutseyn, nicht Gold,
- Macht lieb und hold.
-
- 26. Ein gut Gewissen,
- Ein sanftes Kissen.
-
- 27. Wer Gutes thut,
- Hat frohen Muth.
-
- 28. Zur Ewigkeit
- Sey stets bereit.
-
- 29. Weltlust vergeht,
- Tugend besteht.
-
- 30. Den Frommen lohnen
- Dort ew'ge Kronen.
-
-Jedes Kind gab sich alle Mühe, sein Reimlein zu merken, und wiederholte
-es in der Stille immer bey sich selbst, um es nicht zu vergessen.
-
-Die Frau fragte nun in der Reihe herum, ob jedes sein Sprüchlein noch
-wisse. Hie und da mußte sie ein wenig nachhelfen. Aber bald wußte jedes
-Kind das seine schön und deutlich zu sagen. Ja viele merkten auch die
-Reimlein der übrigen. Nach und nach wußte fast jedes Kind alle Reime
-auswendig. Wenn man nur das erste Wort nannte, so wußten sie fast
-allemal das Sprüchlein bis ans Ende zu sagen. Und wenn man die erste
-Hälfte sagte, so wußten sie die zweyte ganz sicher. So viel auf einmal,
-und so leicht, unter Lust und Lachen, hatten die Kinder noch nie
-gelernt.
-
-Die Väter und Mütter und die andern Kinder, die indes nach Hause
-gekommen waren, und den lauten Jubel, der in das Thal hinabscholl,
-vernahmen, eilten herauf, zu sehen und zu hören, was es denn gebe, und
-waren ganz erstaunt. »So viel,« sagten sie, »lernen ja die Kinder zu
-Hause kaum in einem halben Jahre auswendig, als hier in einer halben
-Stunde. Es bleibt doch wahr, Lust und Lieb zu einem Ding, macht alle Müh
-und Arbeit gering.« »Aber den Kindern Lust zu machen, sagte der Müller,
-das ist das Kunststückchen. Da steckts! -- Das heißt einmal viel
-gelernt. Das ist ja eine ganze Sittenlehre für Kinder im Kleinen. Wie
-die Frau doch mit Kindern umzugehen weiß!«
-
-Die Frau beschenkte nun auch die übrigen Kinder mit bunten Eyern und mit
-Kuchen, und sagte noch zu allen: »Die gefärbten Eyer mögt ihr zu Hause
-essen; und die mit dem Sprüchlein, müßt ihr zum Andenken aufbewahren.«
-»Die essen wir freylich nicht!« sagten die Kinder. »Die heben wir auf.
-Das Sprüchlein ist ja mehr werth, als das Ey.« »Das ist's wahrhaftig,«
-sagte die Frau, »wenn ihr das befolgt, was es euch lehrt.«
-
-Sie ermahnte die Aeltern nun, die Kinder bey guter Gelegenheit an die
-Sprüchlein zu erinnern. Die Aeltern thatens. Wenn ein Kind nicht
-sogleich auf das Wort folgen wollte, erhob der Vater den Finger und
-sagte: »_Ein gutes Kind_ --« und das Kind sprach: »_gehorcht
-geschwind!_« und gehorchte dann auch geschwind. Wenn ein Kind Miene
-machte, zu lügen, sprach die Mutter: »_Wer Lügen spricht_ --« »_dem
-glaubt man nicht!_« fuhr das Kind fort, erröthete und schämte sich zu
-lügen. Und so machten die Aeltern es auch mit den übrigen Reimen.
-
-Die Kinder sagten noch gar oft, in ihrem Leben hätten sie keinen so
-vergnügten Tag gehabt. »Nun,« sagte die Frau allemal, »so thut nur
-fleißig, wie es in den Sprüchlein heißt, und dann gebe ich euch alle
-Jahre ein solches Eyerfest. Wer aber böse ist und nicht folgt, darf
-nicht dazu kommen. Denn es soll nur ein Fest für gute Kinder seyn.« O,
-wie da die Kinder im Thale so gut und so folgsam wurden!
-
-
-
-
- Fünftes Kapitel.
-
- Ein Paar Eyer -- mehr werth, als wenn sie von Gold wären.
-
-
-Unter den Zuschauern, die dem kleinen Kinderfeste beywohnten, hatte die
-Frau einen fremden Jüngling bemerkt, der in dem Kreise fröhlicher
-Menschen ganz traurig dastand. Der Jüngling mogte etwa im sechzehnten
-Jahre seyn. Er war nur sehr ärmlich gekleidet, allein von einem sehr
-edlen Aussehen und von einer blühenden, unverdorbenen Gesichtsfarbe;
-seine schönen gelben Haare hingen bis auf die Schultern herab, und in
-der Hand hatte er einen langen Wanderstab.
-
-Nachdem sich die meisten Zuschauer zerstreut hatten, fragte ihn die Frau
-voll Mitleids, warum er denn so traurig sey. »Ach, sprach der Jüngling,
-und die hellen Thränen standen ihm in den Augen, mein Vater, der ein
-Steinhauer war, ist erst vor drey Wochen gestorben. Meiner Mutter geht
-es nun mit meinen zwey kleinen Geschwistern, einem Knaben und einem
-Mädchen, sehr hart. Mich will der Bruder meiner Mutter annehmen, und
-mich das Handwerk des Vaters, das er auch treibt, lehren, damit ich die
-Mutter erhalten und mich in der Welt fortbringen könne. Zu diesem reise
-ich jetzt. Ich komme schon zwanzig Stunden weit her und habe fast noch
-so weit zu gehen. Denn der Vetter wohnt weit hin in einer andern Gegend
-des Gebirges.«
-
-Die Frau wurde, besonders da ihr eignes Schicksal dem Schicksale der
-armen Wittwe des Steinhauers in etwas ähnlich war, sehr gerührt. Sie gab
-ihm Milch mit Eyern und Eyerkuchen zu essen, und schenkte ihm einiges,
-seine Mutter damit zu unterstützen. Edmund und Blanda hatten auch großes
-Mitleiden mit ihm. »Da,« sagte Blanda, »bring dieses rothe Ey deinem
-kleinen Schwesterchen und grüße sie mir recht freundlich.« »Und,« sagte
-Edmund, »dieses blaue Ey bringe deinem Brüderchen zum Gruße, und sag
-ihm, er soll uns einmal heimsuchen! Wir wollen ihm dann auch Milchsuppe
-und Eyerkuchen auftischen.« Die Mutter lächelte, holte noch ein
-bemahltes Ey, und sagte: »Dieses Ey da gieb deiner Mutter. Das
-Sprüchlein darauf ist der beste Trost, den ich ihr geben kann: _Vertrau
-auf Gott, -- Er hilft in Noth!_ und so wird ihr das Ey kein unangenehmes
-Geschenk seyn; ja wenn sie das Sprüchlein befolgt, so ist es das beste
-Geschenk von der Welt, das man ihr nur immer machen könnte.«
-
-Der Jüngling dankte herzlich. Der Müller behielt ihn über Nacht, und am
-andern Morgen, da die Spitzen der Felsen, die das Thal einschlossen,
-sich errötheten, setzte er seinen Stab weiter, nachdem der Müller ihm
-noch zuvor Haberbrot und Ziegenkäse in seinen Queersack gesteckt hatte.
-
-Fridolin, denn so hieß der Jüngling, wanderte durch das Gebirge, über
-hohe Felsen und durch tiefe Thäler, rüstig fort. Am Abende des dritten
-Tages war er nur noch ein Paar Stunden von der Wohnung des Vetters
-entfernt. Aber sieh da -- als er so auf schmalem Wege, längs einer
-himmelhohen Felsenwand hinkletterte, und in die tiefe schauerliche Kluft
-zwischen den buschigen Felsen mit Grausen hinabschaute, erblickte er auf
-einmal ein aufgezäumtes und gesatteltes Pferd; die Decke war schön
-purpurroth und der Zügel schien lauter Gold. Das Pferd aber schaute zu
-ihm herauf und wieherte, als freute es sich, einen Menschen zu sehen,
-und als wollte es ihn mit lautem Jubel willkommen heißen.
-
-»Alle Welt,« sagte der Jüngling, »wie kommt das edle Thier in diese
-tiefe Schlucht hinab. Allem nach gehört es einem Ritter zu. Wenn dem
-Herrn, dem es angehört, nur kein Unglück begegnet ist. Ein gesatteltes
-Pferd ohne Reiter an einem solchen Orte ist immer ein Anblick, über den
-man erschrickt. Mir wird ganz bange; ich muß doch einmal nachsehen.« Er
-versuchte lange vergebens hinab zu klettern, wiewohl er im Bergsteigen
-sehr geübt war. Endlich fand er einen engen Steig zwischen den Felsen,
-den ein wildes Bergwasser ausgehöhlt hatte, der aber jetzt trocken lag,
-und kam glücklich hinunter. Da sah er einen Mann von edlem Aussehen und
-in ritterlicher Kleidung unter einem überhangenden Felsen liegen. Sein
-glänzender Helm mit dem prangenden Federbusche lag neben ihm, und der
-Spieß steckte darneben. Der Mann aber sah sehr blaß aus, und der
-Jüngling wußte nicht, ob er nur schlafe oder gar todt sey. Mitleidig
-ging er zu ihm hin, faßte ihn freundlich bey der Hand und sagte: »Fehlt
-euch etwas lieber Herr?«
-
-Der Mann schlug die Augen auf, blickte den Jüngling starr an, seufzte,
-und versuchte zu reden. Aber er konnte kein Wort hervorbringen. Da
-deutete er mit der Hand auf den Mund, und dann auf den Helm, der neben
-ihm lag. Fridolin verstand, daß er trinken wolle, nahm den Helm, und
-ging, Wasser zu holen. Ein paar graue Weidenbäume tief in einem Winkel
-der Schlucht verriethen ihm, daß Wasser in der Nähe seyn müsse. Er ging
-hin, fand feuchten Grund, wand sich eine Strecke zwischen Felsen und
-Gesträuchen hinauf, und sieh -- da rann ein kleines Quellchen, hell wie
-Kristall, aus einem moosigen Felsen hervor. Fridolin füllte den Helm,
-und eilte dem Durstenden zu. Er trank öfter und in langen Zügen. Nach
-und nach kam ihm die Sprache wieder.
-
-»Gott sey Dank!« war sein erstes Wort. »Und auch dir sey Dank,
-freundlicher Jüngling,« fuhr er mit heißerer Stimme fort, indem er den
-Kopf auf die Hand stützte. »Dich hat mir Gott zugesendet, damit ich
-nicht verschmachte. -- Aber, wie mich jetzt hungert! Hast du nicht einen
-Bissen Brot bei dir?«
-
-»O du mein Gott,« rief Fridolin, »wenn ich es nur früher gewußt hätte.
-Haberbrot und Ziegenkäse, die ich da im Queersacke trug, sind rein
-aufgezehrt. Doch halt, halt! rief er jetzt freudig aus, da habe ich ja
-noch die Eyer. Die sind eine gesunde, nahrhafte Speise.« Er setzte sich
-zu dem Manne auf den reichlich mit Moos bewachsenen Boden, langte die
-gefärbten Eyer hervor, machte sogleich eines von der Schale los, schnitt
-es mit seinem Taschenmesser, gleich Aepfelschnitzchen, in länglichte
-Stücklein, und gab ein Stückchen nach dem andern dem Manne. Der Mann aß
-begierig, trank dann wieder dazwischen, und aß dann wieder.
-
-Fridolin wollte das dritte Ey auch aufklopfen. Aber der Mann sagte: »Laß
-es gut seyn. Zuviel auf einmal essen, besonders nachdem man lange
-gehungert, ist nicht gut. Ich habe für jetzt genug. So gut hat es mir in
-meinem Leben noch nicht geschmeckt. Es war ein Königsmahl.« »Ich fühle
-mich, Gott sey Dank, schon kräftiger, fuhr er fort und setzte sich
-vollends auf. O wenn du nicht gekommen wärest, so wäre ich diese Nacht
-sicher verschmachtet.«
-
-»Aber,« sagte Fridolin, indem er den hellen Panzer und die Kleidung von
-prächtigen Farben näher betrachtete, »wie kommt ihr, edler Ritter, mit
-eurem Pferde denn in diese schauerliche Schlucht herab?«
-
-»Ich bin nur ein Edelknecht,« sagte der Mann, »und reise schon mehrere
-Wochen in Angelegenheit meines Herrn weit umher. Da hab ich mich in
-diesem waldigen Gebirge verirrt. Die Nacht überfiel mich. Auf einmal
-stürzte ich in der Finsterniß, samt meinem Pferde, den steilen Abhang
-dort herunter in diese Tiefe. Dem Pferde, das gut auf den Beinen ist,
-geschah nichts. Aber ich habe mich da an dem Fuße beschädigt, daß ich
-nicht mehr gehen, und mich nicht einmal mehr auf das Pferd schwingen
-kann. Indeß ists ein Wunder, daß Mann und Roß nicht sogleich zu Grund
-gingen. Ich kann Gott nicht genug danken! Ich verband mir die Wunde;
-aber das Wundfieber setzte mir hart zu. Ich hatte mich schon darein
-ergeben, zwischen diesen Felsen Hungers zu sterben. Da erschienst du
-mir, guter Jüngling -- wie ein Engel des Himmels. Sag doch an, wie
-kommst du hieher in diese menschenleere, einsame Wüste?«
-
-Fridolin erzählte, und der Mann hörte aufmerksam zu, und that dazwischen
-allerley Fragen. »Wunderlich,« sagte er, indem er auf die Eyerschaalen
-zeigte, die auf dem Moose umherlagen, »daß sie so schön roth und blau
-sind. Ich habe noch nie solche Eyer gesehen. Wie, laß mich das Ey, das
-noch ganz ist und das du wieder in den Queersack stecktest, doch einmal
-näher betrachten!«
-
-Fridolin gabs ihm, und erzählte, wie er dazu gekommen. Der Mann
-betrachtete das Ey sehr aufmerksam, und die Thränen drangen ihm in die
-Augen. »Mein Gott,« sagte er, »was da auf dem Ey steht, ist wohl recht
-wahr: _Vertrau auf Gott, -- Er hilft in Noth._ Das habe ich jetzt
-erfahren. Mit heißer Inbrunst flehte ich in diesem Abgrunde zu Gott um
-Hülfe, und Er hat mein Flehen erhört. Seine Güte sey dafür dankbar
-gepriesen. Gesegnet seyen die guten Kinder, die dir das Paar Eyer
-schenkten. O sie dachten wohl nicht, daß sie damit einem fremden Manne
-das Leben retten würden. Gesegnet sey die gute Frau, die auf dieses Ey
-hier den tröstlichen Reim schrieb.«
-
-»Du,« fuhr er fort, »gib das Ey mir. Ich will es aufheben, damit ich den
-schönen Spruch, der sich an mir so schön bewährte, immer vor Augen haben
-kann. Ja, meine Kinder und Kindeskinder sollen noch im Vertrauen auf
-Gott gestärkt werden, so oft sie das Ey erblicken und den Spruch lesen.
-Vielleicht erzählen nach hundert Jahren meine Urenkel noch davon, wie
-wunderbar Gott ihren Urgroßvater durch ein Paar Eyer vom Hungertode
-gerettet habe. -- Ich will dir für die Eyer etwas anders geben.« Er zog
-seinen Geldbeutel heraus, und gab ihm für jedes Ey, das er gegessen,
-hatte, ein Goldstück -- für das mit dem schönen Reim aber zwey. Fridolin
-wollte ihm das Ey zwar nicht lassen. Der Mann aber bat so lange, bis er
-es ihm gab.
-
-»Doch sieh,« sagte der Mann jetzt, indem er an der Felsenwand hinauf
-blickte, »es will Abend werden, und die Felsen und Gesträuche da oben
-schimmern in der Abendsonne schon wie rothes Gold. Versuch es doch
-einmal, mir auf das Pferd zu helfen. Der Weg, auf dem du herabkamst in
-diese fürchterliche Schlucht, wo die Sonne nie hinscheinet, läßt mich
-doch einen Ausgang hoffen.«
-
-Fridolin half ihm auf das Pferd, und führte es am Zügel. Sie kamen durch
-den Hohlweg mit vieler Mühe, aber dennoch glücklich hinauf. O wie sich
-da der Mann freute, als er die Sonne wieder erblickte, und Wald und
-Gebirg umher, von ihren glühendrothen Strahlen herrlich beleuchtet.
-
-»Zu meinem Vetter,« sagte Fridolin, »kommen wir jetzt wohl noch. Ich
-gehe einen starken Schritt und euer Pferd bleibt gewiß nicht zurück. Der
-Vetter wird euch mit Freuden aufnehmen. Er ist ein braver Mann. Ihr
-findet nicht nur eine gute Nachtherberge, sondern sicher auch, bis ihr
-wieder hergestellt seyd, eine liebreiche Pflege.«
-
-Mit anbrechender Nacht kamen sie vor der Hütte des ehrlichen Steinhauers
-an. Er nahm den Edelknecht mit Freuden auf, und klopfte seinem jungen
-Vetter Fridolin auf die Schulter, daß er so brav und gut gehandelt habe.
--- Fridolin trug seine Bedenklichkeit vor, daß er nicht Wort halten und
-seiner Mutter und seinen Geschwistern die gefärbten Eyer nicht senden
-könne. »Ach was, Eyer,« sagte Fridolins Vetter, »ich weiß zwar nicht,
-was du alles von rothen und blauen und bunten Eyern daher schwatzest,
-oder was diese Eyer vor andern Vogeleyern, deren viele gewiß noch weit
-schöner und zarter bemahlt sind, besonders haben sollen; aber wären sie
-auch pures Gold, so wären sie dennoch wohl fort -- da nur der brave Mann
-hier nicht hungers sterben durfte, und du einmal ein braver Kerl wirst.
-Du hast gehandelt, wie der wohlthätige Samariter -- und ich will nun den
-Wirth machen. Aber bezahlen darfst du mir nichts, setzte er noch
-lächelnd hinzu. Hörst du?«
-
-Der Edelknecht zeigte das Ey mit dem Spruche. »Es ist wunderschön,«
-sagte der Vetter zu Fridolin. »Indeß laß ihm's nur; das Gold da wird
-deiner Mutter lieber seyn. Komm, ich will es dir auswechseln!« Der
-Jüngling erstaunte über die Menge Münze, die er dafür bekam; denn er
-hatte das Gold nicht gekannt. »Sieh,« sagte der Vetter, »auch an deiner
-Mutter wird der Spruch wahr: _Gott hilft in Noth!_ Der Spruch ist mehr
-werth, als all das Gold. Es ist indeß gut, daß man den Spruch auch ohne
-das Ey merken kann. Vergiß ihn daher dein Lebenlang nicht.«
-
-Der Edelknecht blieb so lange, bis er ganz gesund war, und beschenkte,
-ehe er aufsaß, noch alle im Hause reichlich.
-
-
-
-
- Sechstes Kapitel.
-
- Ein Ey, das wirklich in Gold und Perlen gefaßt wird.
-
-
-Den Frühling und Sommer über fiel in dem Thale nichts besonders vor. Die
-Kohlenbrenner bauten ihr kleines Feld und gingen fleißig in den Wald,
-Kohlen zu brennen; ihre Weiber besorgten die Haushaltung und zogen viele
-Hühner; und die Kinder fragten sehr oft, ob es wohl nicht bald wieder
-Ostern sey. Die edle Frau aber war jetzt manchmal sehr traurig. Ihr
-alter, treuer Diener, der sie hieher begleitet hatte, und anfangs von
-Zeit zu Zeit bald größere, bald kleinere Reisen machte, und ihre
-Geschäfte besorgte, konnte das Thal schon lange nicht mehr verlassen.
-Denn er fing an zu kränkeln. Ja, als es Herbst ward und die Gesträuche
-an den Felsen umher bereits bunte Blätter hatten, konnte er kaum mehr
-vor die Thüre, um sich, was er sonst so gerne that, ein wenig zu sonnen.
-Die Frau vergoß aus Mitleid mit dem guten, alten Manne, und aus
-Besorgniß, ihre letzte Stütze zu verlieren, manche stille Thräne. Auch
-das fiel ihr sehr schwer, daß sie nun durch ihn von ihrem Vaterlande
-keine Nachricht mehr erhalten konnte, und in diesem abgelegenen Thale
-von der ganzen übrigen Welt wie abgeschieden war.
-
-Um diese Zeit setzte aber noch ein anders Ereigniß die gute Frau in
-nicht geringe Aengste und Schrecken. Die Kohlenbrenner kamen eines
-Morgens aus dem Walde heim, und erzählten, als sie die vergangene Nacht
-wohlgemuth bey ihren brennenden Kohlhaufen gesessen wären, da seyen auf
-einmal vier fremde Männer zu ihnen gekommen, die eiserne Kappen auf dem
-Kopfe und eiserne Wammse angehabt, und große Schwerter an der Seite und
-lange Spieße in der Hand geführt hätten. Sie hätten sich Dienstleute des
-Grafen von Schroffeneck genannt, der mit vielen Reisigen in dem Gebirge
-angekommen sey. Sie hätten sich auch nach allem in der Gegend wohl
-erkundigt. Der Müller eilte mit dieser Neuigkeit sogleich zu der Frau,
-die eben an dem Bette des kranken Kuno saß. Sie wurde, als der Müller
-den Namen Schroffeneck nannte, todtenbleich, und rief: »O Gott, der ist
-mein schrecklichster Feind! Ich glaube nicht anders, als er stellt mir
-nach dem Leben. Die Kohlenbrenner werden den fremden Männern meinen
-Aufenthalt doch ja nicht entdeckt haben!« Der Müller versicherte, so
-viel er wisse, sey von ihr gar nicht die Rede gewesen. Die Männer hätten
-sich an dem Feuer nur gewärmt und seyen gegen Tag wieder weiter
-gegangen. Daß sie aber noch in dem Gebirge umherstreifen, sey dennoch
-gewiß.
-
-»Lieber Oswald!« sagte die Frau zum Müller, »Ich habe, seit ihr mich in
-euer Haus aufnahmet, euch immer als einen gottesfürchtigen,
-rechtschaffenen, redlichen Mann kennen gelernt. Euch will ich daher
-meine ganze Geschichte anvertrauen, und auch die große Angst entdecken,
-die jetzt mein Herz erfüllt; denn auf euern guten Rath und auf euern
-treuen Beystand mache ich sichere Rechnung.«
-
-»Ich bin Rosalinde, eine Tochter des Herzoges von Burgund. Zwey
-angesehene Grafen warben um meine Hand -- Hanno von Schroffeneck und
-Arno von Lindenburg. Hanno war der reichste und mächtigste Herr weit
-umher, und hatte viele Schlösser und Kriegsleute; allein er war nicht
-gut und edel. Arno war wohl der tapferste und edelste Ritter im Lande;
-allein im Vergleich mit Hanno arm; denn er hatte von seinem edlen,
-uneigennützigen Vater nur ein einziges alterndes Schloß geerbt, und war
-auch gar nicht darauf bedacht, durch Gewalt mehrere an sich zu reißen.
-Ihm gab ich, mit Gutheißen meines Vaters, meine Hand, und brachte ihm
-eine schöne Strecke Landes mit mehreren festen Schlössern zum
-Brautschatze. Wir lebten so vergnügt, wie im Himmel.«
-
-»Hanno von Schroffeneck faßte aber einen grimmigen Haß gegen mich und
-meinen Gemahl, und wurde uns todtfeind. Indeß verbarg er seinen Groll,
-und ließ ihn nicht in öffentliche Feindseligkeiten ausbrechen. Nun mußte
-mein Gemahl mit dem Kaiser in den Krieg gegen die wilden heidnischen
-Völker ziehen. Hanno hätte den Zug auch mitmachen sollen. Allein unter
-allerley Vorwänden wußte er seine Rüstungen zu verzögern, blieb zurück,
-und versprach blos, dem Heere sobald möglich zu folgen. Während nun mein
-Gemahl mit seinen Leuten an den fernen Grenzen für sein Vaterland
-kämpfte, und alle genug zu thun hatten, den übermächtigen Feind
-abzuhalten, brach der treulose Hanno in unser Land ein -- und niemand
-war, der sich ihm widersetzen konnte. Er verwüstete alles weit umher,
-und erstürmte ein festes Schloß nach dem andern. Mir blieb nichts übrig,
-als mit meinen zwey lieben Kindern heimlich zu entfliehen. Mein guter
-alter Kuno war mein einziger Schutzengel auf dieser gefährlichen Flucht,
-auf der ich keinen Augenblick vor Hanno's Nachstellungen sicher war. Er
-führte mich in dieses Gebirg, wo ich in diesem vor aller Welt
-verborgenen Thale einen so ruhigen Aufenthalt fand.«
-
-»Hier wollte ich nun weilen, bis mein Gemahl aus dem Kriege zurück
-kommen, und unsre Habe dem unrechtmäßigen Besitzer wieder entreißen
-würde. Von Zeit zu Zeit zog Kuno aus dem Gebirge in die bewohntere Welt,
-Kunde von dem Kriege einzuholen. Allein immer kehrte er mit traurigen
-Nachrichten zurück. Immer noch waltete der böse Hanno in unserm Lande,
-immer noch dauerte der Krieg an den Grenzen mit abwechselndem Glücke
-fort. Nun aber ist schon bald ein Jahr, daß mein guter Kuno krank ist,
-und seit der Zeit weiß ich nichts mehr von meinem theuren Vaterlande,
-und von meinem lieben Gemahl. Ach, vielleicht fiel er schon lange unter
-dem Schwerte der Feinde! Vielleicht kam Hanno, der mir mit seinen Leuten
-so nahe ist, meinem geheimen Aufenthalte auf die Spur -- und was wird
-dann aus mir werden? Der Tod wäre noch das Beste, was mir begegnen
-könnte! --«
-
-»O redet doch mit den Köhlern, lieber Oswald, daß sie mich doch nicht
-verrathen!« »Was verrathen!« sagte der Müller. »Ich stehe euch gut für
-alle; jeder gäbe sein Leben für mich. Ehe der von Schroffeneck euch
-etwas zu leid thun sollte, müßte er es mit uns allen aufnehmen. Seyd
-daher außer Sorgen, edle Frau!« Eben so sprachen die Kohlenbrenner, als
-ihnen der Müller die Sache vortrug. »Er soll nur kommen,« sagten sie,
-»dem wollen wir mit unsern Schürhacken den Weg weisen.«
-
-Die gute Frau brachte indeß ihr Leben unter beständigen Sorgen und
-Aengsten zu. Sie getraute sich kaum mehr aus der Hütte, und ließ auch
-keines ihrer Kinder vor die Thüre. Ihr Leben war sehr betrübt und
-kummervoll. Da es aber in dem Gebirge wieder ruhig wurde, und man von
-den geharnischten Männern nichts mehr sah und hörte, wagte sie es
-einmal, einen kleinen Spaziergang zu machen. Es war nach langem Regen
-gar ein schöner, lieblicher Tag spät im Herbste. Einige hundert Schritte
-von ihrer Hütte war eine Art ländlicher Kapelle. Sie war nur aus rohen
-Tannenstämmen erbaut, und an der Vorderseite ganz offen. In der Kapelle
-sah man die Flucht nach Aegypten, ein sehr liebliches Gemählde, das Kuno
-einmal von einer seiner Wanderungen mitgebracht hatte, die gute Frau
-über ihre eigene Flucht zu trösten. Hinter der Kapelle erhob sich eine
-hohe Felsenwand, und vor der Kapelle standen einige schöne Tannen, und
-beschatteten den Eingang derselben. Das Plätzchen hatte noch etwas
-Stilles und Trauliches, daß man mit Wehmuth und Freude hier verweilte.
-Ein angenehmer Weg über grünen Rasen, zwischen mahlerischen Felsen und
-Gesträuchen führte dahin. Dies war ihr liebster Spaziergang. Sie ging --
-nicht ganz ohne Bangigkeit -- auch dieses Mal dahin. Sie kniete mit
-ihren Kindern einige Zeit auf dem Betstuhle am Eingange der Kapelle. Die
-Aehnlichkeit ihres Schicksals mit dem der göttlichen Mutter, die auch
-mit ihrem Kinde in ein fremdes Land flüchten mußte, rührte sie, und
-manche Zähre floß von ihren Wangen. Sie betete eine Zeit, und setzte
-sich dann auf die Bank. Ihre Kinder pflückten indeß an den Felsen umher
-Brombeeren, freuten sich, daß jede Beere gleichsam ein kleines,
-glänzendschwarzes Träubchen bilde, und entfernten sich nach und nach
-ziemlich weit.
-
-Als nun die Frau so einsam da saß -- sieh, da kam ein Pilgersmann
-zwischen den Felsen hervor und näherte sich der Kapelle. Er hatte nach
-Art der Pilger ein langes, schwarzes Gewand an und einen kurzen Mantel
-darüber. Sein Hut war mit schönfarbigen Meermuscheln geziert, und in der
-Hand führte er einen langen, weißen Stab. Er war, wie es schien, schon
-sehr alt, aber doch ein stattlicher, sehr wohlaussehender Mann. Seine
-langen Haare, die auf beiden Seiten der Scheitel schlicht herab hingen,
-und sein langer Bart waren weiß wie Schleeblüthe, aber seine Wangen noch
-röther, als die schönsten Rosen. Die Frau erschrack, als sie den fremden
-Mann sah. Er grüßte sie ehrerbietig und fing ein Gespräch mit ihr an.
-Sie aber war in ihren Reden sehr vorsichtig und zurückhaltend. Sie
-blickte ihn nur sehr schüchtern an, als wollte sie ihn erst ausforschen,
-ob sie ihm -- als einem ganz Fremden -- wohl auch trauen dürfe.
-
-»Edle Frau,« sagte endlich der Pilger, »habt keine Furcht vor mir. Ihr
-seyd mir nicht so fremd, als ihr denket. Ihr seyd Rosalinde von Burgund.
-Ich weiß auch gar wohl, was für ein hartes Schicksal euch zwang,
-zwischen diesen rauhen Felsen eine Zufluchtsstätte zu suchen. Auch euer
-Gemahl, von dem ihr nun schon drei Jahre getrennt seyd, ist mir recht
-wohl bekannt. Seit ihr hier in dieser abgelegenen Gegend wohnet, hat
-sich in der Welt vieles geändert. Wenn euch je noch daran liegt, von dem
-guten Arno von Lindenburg zu hören, und das Andenken an ihn in eurem
-Herzen noch nicht erloschen ist, so kann ich euch die fröhlichsten
-Nachrichten von ihm mittheilen. Es ist Friede! Mit Siegeskränzen
-geschmückt kehrte das christliche Heer zurück. Euer Gemahl hat seine
-geraubten Festen wieder erobert. Der Bösewicht Hanno rettete sich mit
-genauer Noth in dieses Gebirg, und auch aus diesem hat er sich schon
-weiter flüchten müssen. Der innigste Wunsch eures Gemahls ist nun, euch,
-seine geliebte Gemahlinn, wieder aufzufinden.«
-
-»O Gott!« rief jetzt die Frau, »welch eine Freudenbothschaft! O wie dank
-ich Dir, lieber Gott!« Sie sank auf die Knie, und reichliche Thränen
-flossen über ihre Wangen. »Ja,« sprach sie, »Du, guter Gott, hast meine
-heißen Thränen gesehen, meine stillen Seufzer vernommen, mein
-unaufhörliches Flehen erhört! -- O Arno, Arno, daß mir doch bald der
-selige Augenblick würde, dich wieder zu sehen, und dir deine Kinder, die
-bey deiner Abreise noch ganz unmündig waren, vorzuführen, damit du nun
-aus ihrem Munde das erste Mal den holden Vaternamen vernehmest!«
-
-»Ja wohl zweifeln, du frommer Mann,« sagte sie zum Pilger, »ob ich
-meines Gemahls noch gedenke -- ob nicht sein Andenken in meinem Herzen
-erloschen? -- O meine Kinder,« rief sie jetzt ihren zwey Kleinen zu, die
-schüchtern in einiger Entfernung standen, und den fremden Mann neugierig
-betrachteten -- »o kommt hieher!« Beyde Kinder kamen eilig.
-
-»Du, Edmund,« sprach sie jetzt zum Knaben, indem sie das Kind küßte und
-ermunterte, nicht scheu, sondern hübsch dreist zu seyn, »sage dem Manne
-hier das kleine Gebet, das wir alle Morgen für den Vater beten.« Der
-Kleine faltete, als ob es allzeit so seyn müßte, auch wenn man es nur
-auswendig hersagte, andächtig die Hände, und sprach mit sichtbarer
-Rührung, die Augen zum Himmel gerichtet, laut und mit Ausdruck: »Lieber
-Vater im Himmel! Sieh auf uns zwey arme Waislein herab! Unser Vater ist
-im Kriege. O laß ihn nicht umkommen! O wir wollen auch recht fromm und
-gut seyn, damit der liebe Vater Freude habe, wenn er uns einmal
-wiedersieht! Ach ja, erfülle unsre Bitte!«
-
-»Und du, Blanda,« sagte sie zum gelblockigten Mädchen mit den
-Rosenwangen, »sag, wie beten wir Abends für den Vater, ehe wir uns
-schlafen legen?« Das Kind faltete eben so wie der Knabe die kleinen
-Händchen, schlug die blauen Augen zum Himmel auf, und betete schüchtern
-mit sanfter, leiser Stimme: »Lieber Vater im Himmel! Ehe wir zur Ruhe
-gehen, flehen wir noch zu Dir für unsern Vater auf Erde. Laß ihn sanft
-ruhen und dein Engel beschütze ihn vor feindlichem Ueberfall. Schenke
-auch der lieben Mutter sanften Schlaf, damit sie ihres tiefen Kummers
-ein wenig vergesse. Oder wenn Du ihr auch den süßen Schlaf entziehen
-willst -- so laß ihn auf die Augenlieder des Vaters sanft herabsinken. O
-möchte dieser Abend der letzte unsrer traurigen Trennung seyn -- möchte
-bald der frohe Morgen jenes Tages anbrechen, an dem wir ihn
-wiedersehen!«
-
-»Amen, Amen!« sagte die Mutter, indem sie die Hände faltete, und weinend
-zum Himmel aufblickte. -- --
-
-Jetzt fing der Pilger mit einem Male an laut zu weinen. In einem
-Augenblicke hatte er die Verkleidung -- Haare und Bart, Pilgermantel und
-Pilgerrock hinweg geworfen -- und stand nun in prächtiger, ritterlicher
-Tracht, in Gold und Purpur, in jugendlicher Schönheit, voll Kraft und
-Leben da, und breitete seine Arme weit gegen Frau und Kinder aus, und
-rief mit lauter, tiefgerührter Stimme: »O Rosalinde, meine Gemahlinn --
-o Edmund und Blanda, meine liebsten Kinder!«
-
-Die Frau war vom plötzlichen Freudenschrecken ganz betäubt. Die Kinder,
-die bey dem lauten Weinen des Pilgers eben zu ihrer Mutter aufgeblickt
-hatten, als wollten sie um Hülfe für den Mann flehen, schauten, als sie
-jetzt ihren Namen hörten, um -- und erschracken über das Wunder, das sie
-zu sehen glaubten; denn sie meinten, da die Mutter ihnen öfters aus der
-Legende erzählt hatte, nicht anders, als der Greis habe sich mit einem
-Male in einen schönen Jüngling des Himmels -- in einen Engel verwandelt;
-so schön kam ihnen ihr Vater vor. Denn wirklich war er auch der schönste
-Mann unter dem ganzen christlichen Heere. O wie entzückt waren sie, als
-die Mutter ihnen nun sagte, der schöne Herr sey ihr lieber Vater, von
-dem sie ihnen so oft erzählt habe. Vater und Mutter und Kinder fühlten
-sich so glücklich, als wären sie schon im Himmel, und ein Paar Stunden
-verschwanden ihnen wie ein Paar Augenblicke.
-
-Rosalinde hatte aus den Reden ihres Gemahls vernommen, daß er unter
-starker Bedeckung spornstreichs hieher geritten sey, um sie hier
-abzuholen; daß er aber wegen der steilen, gefährlichen Felsenwege sein
-Gefolge von Reitern zurückgelassen habe, und in Pilgertracht, deren sich
-die Vornehmen damals oft bedienten, wenn sie unbekannt reisen wollten,
-zu Fuße vorausgeeilt sey, schneller bey ihr zu seyn, sich unter dieser
-fremden Gestalt von ihrem Wohlbefinden und von dem Wohlverhalten seiner
-Kinder zu überzeugen, und sie auf seinen Empfang vorzubereiten.
-Rosalinde fragte, wie es gekommen sey, daß er ihren Aufenthalt so sicher
-erfahren habe.
-
-»O Rosalinde,« sagte er, »unser Wiedersehen ist die Frucht deiner
-Wohlthätigkeit gegen die armen Leute, besonders gegen die Kinder in
-diesem Thale. Darum hat Gott deinen Kindern den Vater wieder geschenkt.
-Ohne diese deine wohlthätigen Gesinnungen hätten wir uns nicht so bald,
-ach vielleicht gar nicht mehr gesehen! Denn überall warest du von unsren
-Feinden umgeben, und leicht hättest du in ihre Hände fallen können. Erst
-nachdem ich mit meinen Leuten im Gebirge angekommen war, entfloh Hanno
-mit den Seinigen über alle Berge. Sieh da,« sprach er, und zeigte ihr
-das gefärbte Ey mit dem Spruche: _Vertrau auf Gott, Er hilft in Noth!_
-»Dieses Ey ward in der Hand Gottes das Mittel, uns wieder zu vereinigen.
-Ich hatte lange Zeit her Leute ohne Zahl ausgesendet, dich zu suchen --
-aber immer vergebens. Da kam einmal Eckbert, einer meiner Edelknechte,
-den ich schon für verloren hielt, weil er mir gar lange ausblieb, von
-einem Ritte zurück. Er war in einen Abgrund gestürzt, und wäre da bald
-verhungert. Ein fremder Jüngling rettete ihn mit einem Paar Eyer vom
-Hungertode, und ließ ihm noch obendrein dieses Ey mit dem schönen
-Spruche zum Andenken an seine Rettung. Eckbert zeigte mir das Ey. Aber,
-lieber Himmel, wie erstaunte ich! Auf den ersten Blick erkannte ich
-deine Hand. Augenblicklich saßen wir auf, und ritten dem großen
-Marmorbruche zu, in dem der gute Jüngling arbeitete. Dieser zeigte mir
-den Weg hieher. Hättest du den schönen freundlichen Gedanken nicht
-gehabt, den Kindern mit den bunten Eyern ein Fest zu machen; hättest du
-bey den leiblichen Wohlthaten nicht auf den Geist so schön Bedacht
-genommen, und die schönen Denkreime nicht auf die Eyer geschrieben,
-wäret ihr alle -- du mein lieber kleiner Edmund da, und du meine kleine
-holde Blanda hier, gegen einen fremden Jüngling nicht so wohlthätig
-gewesen: o so wäre uns der heutige Freudentag nicht geworden. Auf jeder
-milden Gabe -- sie sey auch noch so klein -- ruht doch immer der Segen
-des Höchsten, wenn sie aus reinem Herzen und ohne Hoffnung einer
-Vergeltung gegeben wird. Sie ist ein Samenkorn, das reichliche Früchte
-trägt. Unter Gottes Leitung bringt sie uns oft auf Erden schon großes
-Heil. Merkt euch das euer Leben lang, ihr lieben Kinder! Gebt den Armen
-gerne, sucht andern einen frohen Tag zu machen, gleicht eurer Mutter!
-Helft andern aus der Noth, und euch wird auch geholfen werden! Erbarmet
-euch, und ihr werdet auch Erbarmen finden. Freudig werdet ihr dann auf
-Gott vertrauen können, und die felsenfeste Wahrheit auf der
-zerbrechlichen Eyerschale da, die heute so schön in Erfüllung ging, wird
-auch fernerhin an euch herrlich in Erfüllung gehen. Er wird euch nie
-ohne Hülfe lassen. -- Dieß seht ihr aus dieser Geschichte. In Gold und
-Perlen werde ich deßhalb dieses Ey fassen, und zum steten Andenken in
-unsrer Burgkapelle am Altare aufhängen.«
-
-Indeß war es Abend geworden, und schon glänzte hie und da ein Sternlein
-am klaren Himmel. Graf Arno ging mit seiner Gemahlinn am Arme ihrer
-ländlichen Wohnung zu, und die zwey Kleinen gingen voraus. Hier
-erwartete sie neue Freude. Der Edelknecht und Fridolin, sein Erretter,
-waren hier und hatten sich indeß mit Kuno unterhalten, den die Ankunft
-seines geliebten Herrn schon fast gesund gemacht hatte. Der gute
-Jüngling Fridolin, dem die Gräfin die Eyer geschenkt hatte, kam zuerst
-herbey, und grüßte sie und die Kinder als alte Bekannte auf das
-freundlichste und freudigste. Dann trat Eckbert, der Edelknecht, den die
-Eyer vom Hungertode gerettet hatten, ehrerbietig herbey und sagte: »Laßt
-mich, theure Gräfin, die wohlthätige Hand küssen, die mir unter Gottes
-Leitung das Leben rettete.« Den braven Kuno umarmte der Graf als seinen
-treusten Diener, und auch dem wackern Müller, der festlich geputzt in
-seinem hellblauen Sonntagsrocke dastand, schüttelte er mit dankbarer
-Rührung treuherzig die Hand. Sie speisten den Abend alle zusammen und
-waren von Herzen fröhlich und vergnügt.
-
-Am andern Morgen aber war großer Jubel im ganzen Thale. Die Nachricht,
-der Gemahl der guten Frau, ein vornehmer -- vornehmer Herr, sey
-angekommen, setzte alles in Bewegung. Groß und Klein kam herauf, ihn zu
-sehen, und die kleine Hütte ward ganz von Leuten umringt. Der Graf trat
-mit seiner Gemahlinn und seinen Kindern heraus und grüßte die Leute auf
-das liebreichste, und dankte ihnen für alles Gute, das sie seiner
-Gemahlinn und seinen Kindern erwiesen hätten. »O nicht wir sind ihre
-Wohlthäter,« sagten die Leute mit Thränen in den Augen, »sie ist unsre
-größte Wohlthäterinn!« Der Graf unterhielt sich lange mit den guten
-Leuten, und sprach mit einem jeden aus ihnen, und alle waren über seine
-Freundlichkeit entzückt. Indeß hatte das Gefolg des Grafen, mit Hülfe
-einiger Kohlenbrenner einen Weg in das Thal gefunden. Unter dem Klange
-der Trompeten kamen mehrere Ritter, und eine Menge Knappen zu Pferd und
-zu Fuß zwischen zwey waldigen Bergen hervor, zogen in das Thal herein,
-und ihre Helme und Spieße leuchteten im Glanze der Sonne wie Blitze.
-Alle begrüßten ihre wiedergefundene Gebietherinn mit hoher Freude -- und
-ihr Freudenruf hallte rings von den Felsen zurück.
-
-Graf Arno blieb noch ein Paar Tage hier; am Abende, bevor er mit seiner
-Gemahlinn und seinen Kindern, mit Kuno und dem übrigen Gefolge abreiste,
-gab er noch allen Bewohnern des Thales eine große Mahlzeit. Der Müller
-und die Köhler saßen zwischen Rittern und Knappen, und die Tafel sah
-sehr bunt aus. Am Ende der Mahlzeit beschenkte der Graf seine ländlichen
-Gäste, vorzüglich den Müller, noch sehr reichlich. Martha blieb in den
-Diensten der Gräfinn. Für die Mutter und Geschwister des guten Jünglings
-Fridolin sorgte er noch ganz besonders. Zu den Kindern der Köhler aber
-sagte er: »Für euch, ihr lieben Kleinen, will ich zum Andenken an den
-Aufenthalt meiner Gemahlinn unter so guten Leuten eine kleine Stiftung
-machen. Jedes Jahr sollen auf Ostern allen Kindern Eyer von allen Farben
-ausgetheilt werden.« »Und ich,« sprach die gute Gräfinn, »will diesen
-Gebrauch in unsrer ganzen Grafschaft einführen, und dort zum Andenken
-meiner Befreyung alle Jahre auf Ostern gefärbte Eyer unter die Kinder
-austheilen lassen.« Dieß geschah auch. Die Eyer nannte man Ostereyer,
-und die schöne Sitte verbreitete sich nach und nach durch das ganze
-Land.
-
-Die Leute an andern Orten, die den Gebrauch nachmachten, sagten: »Die
-Erlösung der guten Gräfinn aus ihrem Felsenthale und jenes Edelknechtes
-aus dem Abgrunde vom nahen Tode, geht uns zwar nicht so nahe an, ihr
-Andenken jährlich zu feiern. Die bunten Eyer sollen daher unsre Kinder
-an eine größere, herrlichere Erlösung erinnern, die uns _sehr nahe_
-angeht -- an unsre Erlösung von Sünde, Elend und Tod, durch Denjenigen,
-der vom Tode auferstand. Das Osterfest ist das rechte Erlösungsfest --
-und die Freude, die wir da den Kindern machen, ist ganz dem Sinne des
-Erlösers gemäß. Die Liebe, die gerne groß und klein erfreut, ist ja die
-Summe seiner heiligen Religion, und das schönste Kennzeichen seiner
-wahren Verehrer. Ja, die Sitte, den Kindern Eyer zu schenken, kann auch
-den Aeltern und allen Menschen eine schöne Erinnerung an die Vaterliebe
-Gottes gegen uns Menschen, gleichsam ein Pfand der wohlwollenden
-Gesinnungen seines treuen Vaterherzens seyn. Denn der Mund der Wahrheit
-hat es ja selbst gesagt: Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohne,
-der ihn um ein Ey bittet, einen Skorpion geben könnte? Wenn nun ihr
-euren Kindern gute Gaben zu geben wißt, wie viel mehr wird euer Vater im
-Himmel denen, die Ihn darum bitten -- (die beste aller Gaben) den guten
-Geist geben?«
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten.
-Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt
-(vorher/nachher):
-
- [S. 5]:
- ... armen Kohlenbrenner. Das enge Thal war ...
- ... arme Kohlenbrenner. Das enge Thal war ...
-
- [S. 16]:
- ... wunderlich er den Schweif trägt, fast wie ein ...
- ... wunderlich er den Schweif trägt, fast wie eine ...
-
- [S. 20]:
- ... merken konnten, das ich ihnen nichts zu leid ...
- ... merken konnten, daß ich ihnen nichts zu leid ...
-
- [S. 24]:
- ... aufgetragen. Kuno brachte ein Teller voll ...
- ... aufgetragen. Kuno brachte einen Teller voll ...
-
- [S. 29]:
- ... abbildeten, und ihnen ein unvergleichlich schönen ...
- ... abbildeten, und ihnen ein unvergleichlich schönes ...
-
- [S. 29]:
- ... schöner Frühlingtag -- ein wahrer Auferstehungstag ...
- ... schöner Frühlingstag -- ein wahrer Auferstehungstag ...
-
- [S. 50]:
- ... Ereigniß die gute Frau in nicht geringe Aengsten ...
- ... Ereigniß die gute Frau in nicht geringe Aengste ...
-
- [S. 54]:
- ... wagte er es einmal, einen kleinen Spaziergang ...
- ... wagte sie es einmal, einen kleinen Spaziergang ...
-
- [S. 56]:
- ... ob sie ihm -- als einen ganz Fremden -- ...
- ... ob sie ihm -- als einem ganz Fremden -- ...
-
- [S. 60]:
- ... über das Wunder, daß sie zu sehen glaubten; ...
- ... über das Wunder, das sie zu sehen glaubten; ...
-
- [S. 64]:
- ... dankte ihnen für alles Gute, daß sie seiner ...
- ... dankte ihnen für alles Gute, das sie seiner ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Ostereyer, by Christoph von Schmid
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE OSTEREYER ***
-
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-
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
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-
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