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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #53962 (https://www.gutenberg.org/ebooks/53962)
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-The Project Gutenberg EBook of Anthroposophie im Umriss, by Robert Zimmermann
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Anthroposophie im Umriss
- Entwurf eines Systems idealer Weltansicht auf realistischer Grundlage
-
-Author: Robert Zimmermann
-
-Release Date: January 14, 2017 [EBook #53962]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ANTHROPOSOPHIE IM UMRISS ***
-
-
-
-
-Produced by Jeroen Hellingman and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net/ for Project
-Gutenberg (This file was produced from images generously
-made available by The Internet Archive/American Libraries.)
-
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-
-
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-
- ANTHROPOSOPHIE
- IM UMRISS.
-
- ENTWURF
- EINES SYSTEMS IDEALER WELTANSICHT
- AUF
- REALISTISCHER GRUNDLAGE
-
-
- VON
-
- ROBERT ZIMMERMANN.
-
-
- WIEN, 1882.
- WILHELM BRAUMÜLLER
- K. K. HOF- UND UNIVERSITÄTSBUCHHÄNDLER.
-
-
-
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-
-
-
-
- "Den Zufall gibt die Vorsehung; zum Zwecke
- "Muss ihn der Mensch gestalten. -- --"
-
- Schiller.
-
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-
-
-
-
-
-AN HARRIET.
-
-
-Du warst es, als sich Nacht über mein Auge zu lagern drohte, deren
-Seelenstärke mir den Entschluß eingab, die lange unfreiwillige Muße
-der Dunkelkammer zum ordnenden Abschluß längst zerstreut gereifter
-Gedankenreihen zu benützen, zu deren Niederschrift eine gefällige
-Hand willig sich herlieh.
-
-So entstand dies Buch, dessen Ideengehalt also Niemand abzustreiten
-im Stande sein wird, daß er, wie das Licht, im Dunkeln geboren sei.
-
-Wem anders als Dir dürfte dasselbe zu eigen sein?
-
-
- Waldvilla am Attersee, den 4. September 1881.
-
- R.
-
-
-
-
-
-
-
-
-VORREDE.
-
-
-Titel und Vorrede stehen vor dem Buche. Soll diese nicht eine Rede
-aus dem Buche, sondern vor dem Buche sein d. h. nichts enthalten,
-was in das letztere selbst gehört, so bleibt ihr nur übrig, sich
-mit dem ersteren und mit dem Vorredner selbst zu beschäftigen. Ueber
-beide werden wenige Worte genügen.
-
-Anthroposophie ist der Name des Buches. Die Philosophie, welche
-denselben wählt, will damit angedeutet haben, dass es weder ihr
-Ziel sei, wie das der speculativen Schule, Theosophie, noch ihr
-genüge, wie empirischer Unphilosophie, kritiklose Anthropologie zu
-sein. Wenn derselben -- nicht zu ihrem Leidwesen -- die speculativen
-Schwingen fehlen, um mit ikarischem Aufflug das gottgleiche Wissen
-des theocentrischen Standpunktes der ersteren zu erreichen, so mangelt
-ihr nicht weniger die in mancher Hinsicht beneidenswerthe Gabe, über
-die Schranken und Widersprüche, die der gemeine Erfahrungsstandpunkt
-in sich trägt, das kritische Auge zuzudrücken. Ihr Wunsch geht dahin,
-anthropocentrisch d. i. "Menschenwissen" und doch Philosophie d. h. von
-der Erfahrung aus-, aber, wenn es das logische Denken erfordert,
-über dieselbe hinausgehende Wissenschaft zu sein.
-
-Dasselbe bezeichnet sich als "Entwurf eines Systems" und zwar "einer
-idealen Weltansicht auf realistischer Grundlage". Ersterer Charakter
-wird dessen knappe Fassung und die Abwesenheit erweiterter Polemik
-rechtfertigen. Als Versuch eines Systems muss es gewärtig sein,
-so wenig nach dem Geschmack des ungebundenen "Philosophirens auf
-eigene Hand", welches in unseren Tagen gerade wie vor hundert Jahren
-herrschende Mode ist, gefunden zu werden, wie sie dieses selbst nach
-dem ihrigen findet.
-
-Dagegen möchte die ideale Weltansicht, die es vertritt, weder mit
-dem schulmässigen Idealismus aller Farben, noch deren realistische
-Grundlage mit dem platten Realismus ideenloser Erfahrung
-verwechselt sein. Der Idealismus derselben besteht nicht darin,
-wie der Platonische, an die Wirklichkeit, sondern wie jener Kant's
-und der Sittenlehre Fichte's, an die Verwirklichung der Ideen durch
-Menschenhand zu glauben. Die realistische Grundlage desselben aber ist
-nicht der gemeine (Baconische), sondern der philosophische Realismus,
-wie er auf Kant's kritischer Basis von dessen realistischen Nachfolgern
-dem metaphysischen Idealismus der Gegenseite entgegengesetzt worden
-ist.
-
-Dessen in vorliegender Darstellung gewonnene Gestalt wird von den
-Gegnern desselben eben so mit jenem Herbart's als geistesverwandt
-erkannt, wie von Freunden des letzteren in nicht wenigen und nicht
-unerheblichen Punkten über denselben hinausgehend genannt werden. Dass
-deren Abweichungen von der ursprünglich Herbart'schen Fassung nicht
-neu, sondern, wie z. B. das kritische Verhältniss zur Theorie der
-Selbsterhaltungen als des wirklichen Geschehens, so wie jenes zu der
-Annahme der sogenannten "einfachen Empfindungen", in der Denkweise
-des Vorredners vom Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn an
-vorhanden gewesen seien, haben frühere Schriften desselben, wie dessen
-1847 und 1849 erschienene Monographieen: "Leibnitz's Monadologie"
-und "Leibnitz und Herbart, eine gekrönte Preisschrift" bezüglich
-der Selbsterhaltungen, dessen 1865 veröffentlichte: "Aesthetik als
-Formwissenschaft" bezüglich der einfachen Empfindungen hinlänglich
-an den Tag gelegt.
-
-Herbart hat sich bekanntlich am Schlusse der Vorrede zu seiner im
-Jahre 1828 erschienenen "allgemeinen Metaphysik" einen "Kantianer
-vom Jahre 1828" genannt. Wenn Schreiber dieses, der seine erste
-Anregung zum philosophischen Studium einem Gegner Kant's (dem gerade
-vor hundert Jahren, am 5. October 1781 geborenen edlen Denker und
-Dulder Bolzano) und einem Freunde Herbart's (dem scharfsinnigen
-Kritiker der Hegel'schen Psychologie, Exner) verdankt, heute,
-wo seit dem Erscheinen der Kritik der reinen Vernunft gerade ein
-volles, seit jenem der allgemeinen Metaphysik mehr als ein halbes
-Jahrhundert verflossen ist, sich "einen Herbartianer vom Jahre 1881"
-zu nennen unternimmt, so glaubt er damit sein Verhältniss zu Kant wie
-zu Herbart zutreffend bezeichnet zu haben. Die Uebereinstimmung mit
-Beiden verbirgt sich nicht; über die Abweichungen, zustimmend oder
-ablehnend, mögen Kundige urtheilen.
-
-Geschrieben im Säcularjahr der "Kritik der reinen Vernunft".
-
-
- Wien, den 21. Mai 1881.
-
- Der Verfasser.
-
-
-
-
-
-
-
-
-INHALT.
-
-
- Seite
-
- Einleitung 1
-
- I. Buch: Die Ideen.
-
- 1. Capitel: Die logischen Ideen 11
- 2. Capitel: Die ästhetischen Ideen 40
- 3. Capitel: Die ethischen Ideen 77
-
- II. Buch: Das Wirkliche.
-
- 1. Capitel: Das Nicht-Ich 141
- 2. Capitel: Das Ich 207
- 3. Capitel: Das Social-Ich 250
-
- III. Buch: Die Kunst.
-
- 1. Capitel: Die Bildungskunst 269
- 2. Capitel: Die Bildekunst 283
- 3. Capitel: Die bildende Kunst 294
-
- Schluss 307
-
-
-
-
-
-
-
-
-ANTHROPOSOPHIE.
-
-
-ZUR EINLEITUNG.
-
-
-1. Philosophie hat ihrem uralten Namen zufolge nicht blos die
-Aufgabe, zum Wissen zu gelangen, sondern als Liebe zum Wissen, da
-man dasjenige, was man liebt, zu verkörpern bemüht ist, das Gewusste
-in die Wirklichkeit einzuführen. Erstere fällt der Philosophie als
-Theorie d. i. als Wissenschaft, letztere derselben als Praxis d. i. als
-Kunst zu. Philosophie als Wissenschaft entsteht durch Bearbeitung von
-Begriffen, während die Philosophie als Kunst das Wirkliche bearbeitet;
-erstere hat zum Zweck, durch Bearbeitung der, sei es durch Erfahrung
-gewonnenen, sei es durch Gewöhnung und Ueberlieferung überkommenen
-Begriffe von dem, was wirklich und wahr ist, zu wirklichen Begriffen
-d. i. zu solchen, welche die Probe der Kritik, sowohl der logischen,
-als der erfahrungsmässigen, aushalten, zu gelangen; diese hat den
-Zweck, durch Bearbeitung des gegebenen, als Material dienenden, sei
-es in blossen Gedanken, sei es in Sachen bestehenden Wirklichen zu
-einem den Anforderungen des Begriffs entsprechenden d. i. zu einem
-begriffsgemässen Wirklichen zu gelangen. Gegenstand der ersteren
-sind daher Begriffe, welche als solche von den Sachen, Gegenstand der
-letzteren Sachen, welche als solche von den Begriffen unterschieden
-sind. Philosophie als Wissenschaft ist daher im buchstäblichen Sinne
-nicht von dieser Welt, während Philosophie als Kunst von dieser
-Welt ist.
-
-2. Philosophie als Wissenschaft hat daher die Aufgabe, nicht nur
-selbst musterhafte Begriffe (Begriffsmuster), sondern solche Begriffe
-herzustellen, welche der Philosophie als Kunst bei ihrem Verfahren
-gegenüber den Sachen als Muster dienen können (Musterbegriffe). Jene
-bedürfen eines Musters, dem sie als musterhaft zu entsprechen haben;
-diese dagegen sind selbst Muster, denen die Sachen entsprechen
-sollen. Aufgabe der Philosophie als Wissenschaft, zu musterhaften
-Begriffen zu gelangen, wird es daher vor allem sein, das Muster
-herzustellen, dem die Begriffe, um für musterhaft gelten zu dürfen,
-genügen müssen. Aufgabe der Philosophie als Kunst, Musterbegriffe
-zu verwirklichen, wird es neben der Verpflichtung, die von der
-Philosophie als Wissenschaft als musterhaft anerkannten Begriffe zu
-ihren Musterbegriffen zu machen, vor allem sein, die Beschaffenheit
-des Wirklichen als des allein ihr zu Gebote stehenden Materials zu
-studiren, in welchem dieselben verwirklicht werden können.
-
-3. Da jeder Begriff, er sei welcher er wolle, etwas an sich tragen
-muss, was ihn zum Begriff macht (seine Form), und anderes, was ihn
-zu diesem besonderen Begriff macht (seinen Inhalt), so wird das
-Muster, dem jeder Begriff zu gleichen hat, um für musterhaft gelten
-zu dürfen, sowohl seine Form, als seinen Inhalt, oder vielleicht
-beides zugleich betreffen können, ja müssen. In ersterer Hinsicht
-wird es daher eine Musterform geben, welcher als Norm jeder Begriff
-ohne Unterschied sich zu unterwerfen hat, um als Begriff anerkannt
-zu werden; in letzterer Hinsicht wird es eine Norm geben, welcher
-jeder Begriff eines gewissen Inhaltes sich anzubequemen hat, um
-als musterhafter Begriff eben dieses Inhaltes angesehen zu werden;
-jene stellt daher die massgebende Norm für sämmtliche Begriffe ohne
-Unterschied des Inhaltes, diese dagegen stellt die Norm für Begriffe
-irgend eines gemeinsamen Inhalts, z. B. für alle diejenigen dar,
-die sich auf Seiendes (Existirendes) oder für alle diejenigen, die
-sich auf Seinsollendes (noch nicht Existirendes) beziehen.
-
-4. Diejenigen Normen, die sich auf alle Begriffe ohne Unterschied des
-Inhalts, welche für musterhaft gelten sollen, erstrecken, machen den
-Inhalt der Logik; diese, die sich nur auf Begriffe eines gewissen
-gemeinsamen Inhalts, welche innerhalb dessen für musterhaft gelten
-sollen, beschränken, machen den Inhalt der andern philosophischen
-Wissenschaften aus. Jene stellt das Muster für jeden Begriff ohne
-Unterschied, diese stellen die Muster für diejenigen Begriffe dar,
-welche in den Bereich des von ihnen beherrschten Inhalts gehören. Da
-nun jeder Begriff seinem Inhalte nach entweder auf ein Wirkliches
-d. h. auf ein Object bezogen wird, das als seiend gedacht wird, oder
-auf ein nicht Wirkliches d. i. auf ein Object, das entweder, wie
-die mathematischen, überhaupt als nichtseiend, oder, wie z. B. ein
-Kunstwerk, nur als noch nichtseiend, aber voraussichtlicherweise in
-der Zukunft seiend gedacht wird, so lassen sich die philosophischen
-Wissenschaften in zwei Gebiete zerfällen. Das eine derselben umfasst
-die Musterbegriffe für alle diejenigen, welche (mit Recht oder mit
-Unrecht) auf Wirkliches bezogen werden. Das andere dagegen enthält
-die Musterbegriffe, welche (mit Recht oder mit Unrecht) auf, sei es
-überhaupt nicht, oder nur noch nicht Seiendes bezogen werden. Begriffe
-der erstern Art (deren Inhalt als wirklich gedacht wird) können
-physische, Begriffe der letztern Art (deren Inhalt als nicht wirklich
-gedacht wird) müssen sodann nicht-physische heissen. Nimmt man bei
-den letzteren Rücksicht darauf, ob der Inhalt derselben es unmöglich
-macht, ihn als wirklich zu denken, wie es bei den mathematischen der
-Fall ist, oder ob derselbe zwar als im gegebenen Moment nichtseiend
-gedacht, dessen Existenz in der Zukunft aber keineswegs als unmöglich
-vorgestellt wird, wie es z. B. bei dem in Gedanken entworfenen
-Plane eines künftigen Bauwerks der Fall ist, so tritt eine weitere
-Unterabtheilung hinzu. Jene Begriffe, deren Inhalt die Wirklichkeit
-ausschliesst, können als solche den obengenannten physischen in dem
-Sinne zugerechnet werden, als der Inhalt der einen wie der andern einen
-Zusatz über dessen Wirklichkeit enthält, der Inhalt der einen dieselbe
-bejaht, jener der andern dieselbe verneint; dieselben können daher in
-diesem erweiterten Sinne beide physisch heissen. Jene Begriffe dagegen,
-welche weder über die Wirklichkeit, noch über die Unwirklichkeit
-ihres Inhaltes eine Aussage in sich schliessen, ja nicht einmal über
-die zukünftige Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit desselben, deren
-Inhalt sonach, was seine Wirklichkeit betrifft, in keiner Weise das
-Interesse in Anspruch zu nehmen vermag, können nichtsdestoweniger
-ein solches erwecken, inwiefern dieser Inhalt nicht als wirklich oder
-unwirklich, sondern ausschliesslich als Gedanke d. i. als gedachter
-Inhalt einen Zusatz im Gemüthe des Denkenden mit sich führt, durch
-welchen er von letzterem entweder als angenehm oder unangenehm,
-nützlich oder schädlich, schön oder hässlich -- im Allgemeinen
-entweder beifällig oder missfällig beurtheilt wird. Begriffe dieser
-Art können, weil es sich bei denselben nicht, wie bei den sogenannten
-physischen, um eine die Vorstellung ihres Inhalts begleitende Aussage
-über Wirklichkeit oder (zufällige oder nothwendige) Unwirklichkeit
-desselben, sondern um einen die Vorstellung des Inhalts (zufällig
-oder nothwendig) begleitenden Gefühlsausdruck handelt -- ästhetische
-heissen. Die philosophische Wissenschaft, welche die Musterbegriffe
-für die physischen Begriffe enthält, ist die philosophische Physik
-(oder Metaphysik); jene, welche die Musterbegriffe für die ästhetischen
-umfasst, die philosophische Aesthetik.
-
-5. Logik, (philosophische) Physik und (philosophische) Aesthetik
-machen zusammen den Umfang der Philosophie als Wissenschaft aus. Der
-Zusatz: philosophisch bei den beiden letztgenannten Disciplinen ist
-deshalb nicht überflüssig, weil diejenigen Wissenschaften, welche
-die auf dem reinen Erfahrungswege gewonnenen, keineswegs musterhaften
-Begriffe von Wirklichem einer- und die von keineswegs allgemeinen und
-nothwendigen, sondern zufälligen und individuellen oder höchstens
-particulären Zusätzen des Lobes oder Tadels begleiteten Begriffe
-umfassen, andererseits, die empirische Natur- und die empirische
-Geschmackslehre gleichfalls Physik und Aesthetik genannt werden. Die
-Bezeichnung Metaphysik für die erste derselben hat, von dem bekannten
-zufälligen historischen Ursprung des Wortes abgesehen, insofern einen
-zulässigen Sinn, als die durch kritische Sichtung herbeigeführte
-systematische Zusammenstellung musterhafter physischer Begriffe,
-welche die mit diesem Namen bezeichnete Wissenschaft ausmacht, das
-Vorhandensein eines ursprünglich durch Erfahrung gegebenen, logisch
-noch unbearbeiteten, also im philosophischen Sinne des Wortes rohen
-Vorrathsmateriales physischer Begriffe voraussetzt, philosophische
-(Meta-) Physik also der Zeit nach erst nach (meta) der vor- oder
-unphilosophischen (empirischen) Physik zu Stande kommen kann.
-
-6. Unter denselben, die als philosophische Wissenschaften sämmtlich
-musterhafte (d. i. im philosophischen Sinne vollendete) Begriffe
-umfassen, stehen Logik und Aesthetik insofern in engerer Verwandtschaft
-unter einander, als ihre musterhaften Begriffe zugleich Musterbegriffe
-für Anderes sind d. h. diesem zur Nachahmung vorgestellt werden,
-während die metaphysischen Begriffe keine andere Bestimmung haben,
-als den Inhalt des Wirklichen musterhaft d. i. wie er wirklich ist,
-darzustellen. Und zwar enthält die erstere die Musterbegriffe für das
-Denken sowohl überhaupt, als in Bezug auf einen bestimmten Inhalt,
-durch deren Nachahmung dasselbe zum Wissen d. i. wahrem Denken erhoben
-wird, sowohl im Allgemeinen, als in Bezug auf irgend einen besonderen
-Gegenstand; die Aesthetik dagegen enthält die Musterbegriffe für jede
-beliebige producirende, sei es geistige, sei es physische Thätigkeit,
-insofern durch dieselbe etwas Beifallswürdiges oder Tadelnswerthes
-(Nützliches oder Schädliches, Angenehmes oder Unangenehmes, Schönes
-oder Hässliches) hervorgebracht wird.
-
-7. Musterbegriffe dieser Art, sie seien nun solche für das Denken
-oder für jede andere (geistige oder physische) nachahmende Thätigkeit,
-werden Ideen genannt, und zwar als Vorbilder (Normen) für das Denken,
-das zum Wissen werden soll, logische Ideen; als Vorbilder dagegen
-für irgend eine andere, auf Hervorbringung eines Beifallswerthen
-gerichtete schaffende Thätigkeit, ästhetische Ideen. Erstere machen
-daher den Inhalt der Logik, letztere den der Aesthetik aus.
-
-8. Unter den geistigen Thätigkeiten, deren Producte Beifall oder
-Missfallen nach sich ziehen, ist die eine, das Wollen, von der Art,
-dass sie auf keine Weise, weder willkürlich noch unwillkürlich,
-unterlassen werden kann; denn auch das Nichtwollen des Wollens wäre
-ein Wollen. Zugleich hat dasselbe die auszeichnende Eigentümlichkeit,
-dass von dem Urtheil über dessen Beschaffenheit das Urtheil über
-den Werth oder Unwerth des Wollenden selbst abhängt und, da, wie
-oben bemerkt, der Einzelne niemals aufhören kann zu wollen, diesem
-Urtheil niemals entgangen werden kann. Während daher zu jeder andern
-ästhetisch producirenden Thätigkeit ein besonderes ästhetisches Talent
-erforderlich ist, ist nicht nur die Fähigkeit, sondern die Nöthigung
-zu wollen Jedem ohne Unterschied eigen, und während, um der Kritik
-jeder andern ästhetisch producirenden Thätigkeit zu entgehen, der
-Producirende nichts weiter nöthig hat, als dieselbe zu unterlassen,
-so kann, wie oben bemerkt, auf die Bethätigung des Wollens niemals
-Verzicht geleistet werden. Aus beiden angeführten Gründen verdienen
-diejenigen ästhetischen Ideen, welche als Vorbilder für das Wollen
-dienen, aus dem Kreise der übrigen als ein besonders ausgezeichnetes
-Gebiet hervorgehoben und zum Unterschied von den übrigen, welche
-sodann im engeren Sinne des Wortes ästhetische heissen mögen, mit einem
-besonderen Namen bezeichnet zu werden. Als ein solcher empfiehlt sich,
-da von dem Urtheil über das Wollen jenes über den sittlichen Werth,
-das Ethos, des Wollenden abhängt, der Ausdruck ethische, oder, da
-das Wollen zunächst zum Handeln überführt, praktische Ideen.
-
-9. Logische, ästhetische und ethische Ideen machen daher den Inhalt
-der Philosophie als Wissenschaft aus, insofern dieselbe Wissenschaft
-von Musterbegriffen (Ideenwissenschaft) ist. Metaphysische d. i. im
-philosophischen Sinne musterhafte Begriffe vom Wirklichen machen den
-Inhalt der Philosophie als Wissenschaft aus, insofern sie Wissenschaft
-von Wirklichem (Seinswissenschaft) ist. Diese, da sich der Inhalt ihrer
-Begriffe auf das Wirkliche bezieht, knüpft an die Erfahrung, durch
-welche zuerst vom Wirklichen ein Begriff gewonnen wird, an, indem sie
-die durch Erfahrung gegebenen Begriffe vom Wirklichen entweder behält
-wie sie gegeben sind, wenn sie vor dem Forum des wissenschaftlich
-d. i. logisch geschulten Denkens behaltbar, oder verwirft, wenn sie
-nach dem Urtheil des letzteren unhaltbar, oder umbildet, wenn sie
-zwar nach dem Urtheil der Logik verwerflich, aber vermöge des durch
-unabweisliche Erfahrung ausgeübten Zwanges unvermeidlich sind. Die
-logische Unhaltbarkeit der gegebenen Erfahrungsbegriffe verräth sich
-dadurch, dass in denselben Widersprüche bemerkbar werden, welche
-demnach ebensowenig, wie sie selbst, abgewehrt, um deren willen jedoch
-der mit denselben behaftete Inhalt der Erfahrung wissenschaftlich
-nicht als Wahrheit gelehrt werden kann! Die Umbildung der so gegebenen
-aber widersprechenden Erfahrungsbegriffe besteht darin, dass dieselben
-berichtigt d. h., da von dem erfahrungsmässig Gegebenen ohne Schädigung
-der Erfahrung nichts hinweggelassen werden kann, durch aus dem Denken
-geschöpfte Zusätze so lange und in der Weise ergänzt werden, bis und
-dass der Widerspruch verschwindet. Die so umgestalteten d. i. rational
-(widerspruchsfrei, denkbar) gemachten Erfahrungsbegriffe heissen von da
-an metaphysische (philosophische Seins- oder Wirklichkeits-) Begriffe.
-
-10. Logische, ästhetische und ethische Ideen knüpfen nicht an das
-Gegebene an, sondern fordern im Gegentheil als Musterbegriffe,
-dass das Gegebene an sie anknüpfe. So wenig nach Kant aus dem
-Sollen ein Sein, so wenig kann aus dem Sein das Sollen "geklaubt"
-werden. Dieselben sind, wie das a priori Kant's, zwar nicht vor,
-aber unabhängig von dem gegebenen Inhalte der Erfahrung, daher ihre
-Geltung nicht, wie die des letzteren, eine beschränkte (comparative)
-und nur mehr oder weniger wahrscheinliche (zufällige), sondern, wie
-die jenes a priori, allgemeine und nothwendige ist. Logik, Aesthetik
-und Ethik sind daher keine blos beschreibenden (descriptiven), wie
-die Erfahrungswissenschaft und in gewissem Sinne selbst die Metaphysik
-es ist, sondern vorschreibende (normative) Wissenschaften, daher sie
-auch wohl im Gegensatze zu jenen, welche theoretische heissen können,
-praktische Wissenschaften genannt zu werden pflegen.
-
-11. Mit Rücksicht auf letztere Bezeichnung zerfällt Philosophie
-als Wissenschaft demnach in einen praktischen: die Ideen- (oder
-praktischen) Wissenschaften, und theoretischen: die Seinswissenschaft
-(Metaphysik) umfassenden Theil, zwischen welchen beiden Philosophie
-als Kunst, welche die Gestaltung des Wirklichen nach den Ideen oder
-die Hineinbildung der Ideen in das Wirkliche vollzieht, die verbindende
-Brücke bildet. Die Lösung dieser Aufgabe ist daher der philosophischen
-ebensowenig wie irgend einer anderen Kunst, da der Zweck der Kunst
-überhaupt in der Ideendarstellung im gegebenen Stoffe besteht, ohne
-Kenntniss der darzustellenden Ideen (Ideenwissenschaft) einer-, wie des
-gegebenen Stoffes (Seinswissenschaft) andererseits möglich. Erstere
-macht den Inhalt des ersten, die Wissenschaft vom Wirklichen den des
-zweiten, die Lehre von der die logischen, ästhetischen und ethischen
-Ideen im und am Wirklichen verwirklichenden (philosophischen) Kunst
-jenen des dritten Buches aus.
-
-
-
-
-
-
-
-
-ERSTES BUCH.
-
-DIE IDEEN.
-
-
-ERSTES CAPITEL.
-
-DIE LOGISCHEN IDEEN.
-
-
-12. Logische Ideen (Musterbegriffe) sind die normalen Formen
-(Begriffsnormen), welchen das Denken sich zu fügen hat, wenn es als
-wahres Denken d. i. Wissen anerkannt werden will. Dieselben sind
-weder eins mit den psychologischen Erscheinungsformen des Denkens,
-vermöge welcher dasselbe ein Entstehen und Vergehen, ein Heller-
-und Dunklerwerden im Bewusstsein besitzt, noch mit den sogenannten
-logischen Denkformen, nach welchen dasselbe in Begriffe, Urtheile und
-Schlüsse zerfällt. Jenes nicht, weil psychologisch betrachtet die
-Entstehung unwahrer Gedanken (Irrthümer) ebenso nach Naturgesetzen
-erfolgt, wie jene von Erkenntnissen (wahren Gedanken) -- dieses nicht,
-weil unrichtige und ungiltige Gedanken ebensogut in der Begriffs-,
-Urtheils- und Schlussform gedacht, gefällt und gefolgert werden,
-wie richtige und giltige. Das Kriterium, durch welches Denken zum
-Wissen sich erhebt, muss daher anderswo gesucht werden.
-
-13. Dasselbe kann, da jedes Denken einen gewissen Grad von Intensität
-(Stärke, Lebhaftigkeit), mit welchem dasselbe, und einen gewissen
-Inhalt besitzt, welcher in demselben gedacht wird, entweder in diesem
-oder in jenem liegen. Läge es in jenem, so würde daraus folgen, dass
-jedes Denken, welches einen gewissen hohen Grad von Lebhaftigkeit
-besitzt, um dieser seiner Energie willen für Erkenntniss gelten
-müsse, während es offenbar ist, dass auch einleuchtende Irrthümer,
-wie Hallucinationen Geistesgestörter, eine hohe, ja für diese
-unüberwindliche Stärke besitzen können. Liegt es dagegen in diesem,
-so kann das Kennzeichen des Inhalts als eines wahren entweder in
-dessen Verhältniss zu einem vom Denken als solchem unterschiedenen
-Andern, oder es muss in der Beschaffenheit des Denkinhalts selbst
-gefunden werden.
-
-14. Das Andere, zu welchem das Denken als Denkinhalt betrachtet,
-ein gewisses Verhältniss haben soll, um für wahr gelten zu dürfen,
-und das als Anderes des Denkens nicht selbst wieder Denken sein kann,
-ist das Sein. Das Verhältniss, in welchem das Denken zum Sein stehen
-muss, um für Wahrheit zu gelten, aber kann kein anderes sein als
-das der Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein. Das Kriterium der
-Wahrheit lautet daher von diesem Gesichtspunkt aus: Wissen ist mit
-dem Sein übereinstimmendes Denken.
-
-15. Dasselbe setzt, um möglich zu sein, daher einerseits die
-Möglichkeit der Uebereinstimmung, andererseits die Möglichkeit der
-Erkenntniss jener Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein von Seite
-des Denkens voraus. Wäre die erstere unmöglich, so wäre damit auch
-das Wissen d. i. die Uebereinstimmung zwischen Denken und Sein, an
-sich unmöglich; wäre das letztere unmöglich, so wäre damit das Wissen
-um jene an sich vorhandene Uebereinstimmung für uns unmöglich. Im
-ersteren Falle wäre die Wahrheit überhaupt nicht, im letzteren Falle
-so gut als nicht vorhanden.
-
-16. Soll Uebereinstimmung zwischen beiden von einander verschieden
-gedachten Elementen -- dem Denken einer-, dem Sein andererseits --
-bestehen, so muss entweder das eine vom andern, das Denken vom Sein
-oder das Sein vom Denken, abhängig gedacht, oder die Verschiedenheit
-beider kann nur als eine scheinbare gedacht werden, so dass entweder
-nur das eine von beiden ist, während das andere nicht ist, oder dass
-beide nur die unterschiedenen Seiten eines dritten Ununterschiedenen
-sind. Im ersten Falle wird entweder das Denken vom Sein (das Logische
-vom Alogischen) oder das Sein vom Denken (das Alogische vom Logischen)
-beherrscht; im zweiten Falle besteht entweder nur das Sein, so dass
-das Denken nur ein verhülltes Sein -- oder nur das Denken, so dass das
-Sein nur ein verhülltes Denken ist; während im dritten Falle Denken
-und Sein nur das unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtete
-unbekannte X eines Dritten darstellen.
-
-17. Gegen die Abhängigkeit eines der beiden qualitativ von einander
-unterschiedenen Elemente, des Denkens und des unter der Form der dem
-Denken qualitativ entgegengesetzten ausgedehnten Materie gedachten
-Seins, hat sich unter den Neuern zuerst bekanntlich Cartesius
-ausgesprochen. Denken (Geist) und Sein (Materie) sind für einander
-schlechterdings unzugänglich, und da, wenn weder der Geist die Materie,
-noch diese jenen zu beeinflussen vermag, eine Uebereinstimmung zwischen
-den beiden undenkbar ist, so bleibt, um Wissen d. i. Uebereinstimmung
-des Denkinhalts mit dem Seinsinhalt zu ermöglichen, nichts übrig,
-als die Bürgschaft des gemeinschaftlichen Schöpfers beider, welcher
-als höchstes wissendes und wahrhaftiges Wesen das Denken nicht kann
-täuschen wollen. Das eigentliche Kriterium des Wissens liegt sodann
-nicht sowohl in der Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein, von
-der das Denken durch sich selbst nichts zu wissen vermag, sondern in
-der Bürgschaftsleistung eines andern höhern Wesens für die Wahrheit
-unseres Denkens; dasselbe ist sonach kein logisches, sondern ein
-blos autoritatives.
-
-18. Weder die mit dem Schleier der göttlichen Allmacht, hinter welchem
-auch das Unmögliche möglich wird, sich deckende unbegreifliche
-göttliche Assistenz, noch die anscheinende Verbesserung derselben
-durch das System der sogenannten gelegenheitlichen Ursachen
-(Occasionalismus), durch welches letztere die Gottheit aus dem
-erhabenen Dunkel des Nichtwissens herabgezogen und zu einem das Denken
-mit dem Sein vermittelnden "deus ex machina" (Leibnitz) erniedrigt
-wird, beseitigt die Schwierigkeit. Dieselbe hört dagegen auf, wenn
-deren Ursache, die qualitative Verschiedenheit des Denkens und
-seines Andern (der Materie) aufgehoben und entweder, wie Leibnitz
-und der Spiritualismus thaten, die Materie in Geist verwandelt
-(spiritualisirt), oder, wie Hobbes und die Materialisten lehrten,
-der Geist in Materie verwandelt (materialisirt) wird. Jene machen
-die Materie zu einem zwar "bene fundatum", aber doch nur zu einem
-"phänomenon" des Geistes, so dass der Geist -- diese den Geist zu
-einem "Hirngespinnst" d. i. zu einem blossen Phänomen der Materie,
-so dass diese allein das wahrhaft existirende ist. Zwischen dem
-Denken und einem Sein, das selbst wieder Denken (Idealismus) -- und
-dem Sein und einem Denken, das selbst wieder Sein ist (Realismus) --
-aber ist Uebereinstimmung möglich.
-
-19. Allerdings nur, wenn zwischen Denkendem und Denkendem einer-, wie
-zwischen Seiendem und Seiendem andererseits Causalitätsverband denkbar
-ist. Wenn das Denken, wie die Materialisten wollen, selbst materiell,
-der Geist nichts anderes als ein feinerer Körper ist, liegt nichts
-Widersprechendes darin, dass zwischen Geist und Materie in demselben
-Sinn Wechselwirkung stattfinde, wie zwischen den Corpuskeln oder
-körperlichen Elementen der Materie selbst; wenn dagegen, wie die
-Spiritualisten wollen, zwischen dem immateriellen Denkenden und den
-gleichfalls immateriellen, folglich ihrer qualitativen Beschaffenheit
-nach vom Denken nicht verschiedenen, also selbst als "denkend"
-gedachten Elementen der Materie (unkörperlichen Atomen, Monaden,
-"Seelen") gegenseitiger Einfluss (influxus physicus) herrschen
-sollte, so wäre dies nur unter der Voraussetzung möglich, dass sich
-dieselben von dem einen Theile ablösten und von dem andern aufgenommen
-würden. Beides aber ist unmöglich, da von einem Immateriellen, also
-Theillosen, kein Theil sich abscheiden lässt und an dem Ort eines
-anderen Immateriellen, der als Sitz eines Theillosen selbst ohne
-Theile (ein einfacher Punkt) sein muss, für einen neu hinzutretenden
-kein Platz vorräthig ist, das heisst, weil, wie Leibnitz sagte,
-die Monaden keine Fenster haben. Soll dessen ungeachtet zwischen
-dem Geiste und dem Rest des aus Monaden bestehenden Universums
-Uebereinstimmung d. i. Harmonie bestehen, so muss diese letztere
-von aussen, also wie bei Descartes durch die Gottheit, nur weder auf
-unbegreifliche (durch schlechthinige Allmacht), noch auf unwürdige
-("deus ex machina") Weise, sondern, wie es der Gottheit allein würdig
-ist, auf einem von Ewigkeit her erkannten, gewollten und geschaffenen
-Wege als prästabilirte Harmonie hergestellt werden.
-
-20. Allein gesetzt auch, es bestünde einerseits zwischen Denken
-und Denken (Idealismus), andererseits zwischen Sein und Sein
-(Materialismus) je wirklicher Causalverband, so wäre die dadurch
-ermöglichte Uebereinstimmung, in welcher das Wissen bestehen soll,
-doch nur im ersten Fall eine Uebereinstimmung des Denkens mit Denken,
-also mit sich selbst, im zweiten Fall eine Uebereinstimmung des Seins
-mit Sein, also wieder mit sich selbst, in keinem von beiden aber jene
-Uebereinstimmung des Denkens mit Sein, in welcher der Annahme zufolge
-das Kriterium der Wahrheit gelegen sein soll.
-
-21. Weder die Unabhängigkeit beider, noch die nur scheinbare
-Verschiedenheit eines der beiden Elemente des Wissens (Denken
-und Sein) macht deren Uebereinstimmung mit und unter einander
-möglich; als dritter Fall ist zu untersuchen, ob die Einerleiheit
-beider dieselbe gestatte. Wenn Denken und Sein zwar der Art nach
-unterschieden, aber weder, wie im Idealismus, nur das Denken, noch,
-wie im Materialismus, nur das ausgedehnte (materielle) Sein ist,
-sondern beide, wie der Spinozismus will, Seiten eines Dritten ihnen
-gemeinsam zugrundeliegenden (der alleinen Substanz) sind, so sind
-Denken und Sein dem Wesen nach substantiell identisch d. h. das
-Denken ist dasselbe was das Sein, und dieses was jenes. Es findet
-jedoch ebendeshalb zwischen beiden keine "Harmonie" (Uebereinstimmung)
-statt, denn eine solche setzt Verschiedenheit der Uebereinstimmenden
-(Gegensatz in der Einheit), nicht Einerleiheit der Aufeinanderbezogenen
-(Einheit ohne Gegensatz) voraus.
-
-22. Weder Uebereinstimmung mit sich selbst (wie im Idealismus und
-Materialismus), noch Identität (wie im Spinozismus) ist Harmonie;
-Leibnitz ist nicht, wie Moses Mendelssohn behauptete, durch Spinoza
-auf die Idee der prästabilirten Harmonie geführt worden. Jene ist
-blos formale, diese ist keine Uebereinstimmung. Das materiale, in der
-Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein bestehende Kriterium des
-Wissens ist weder auf dem Standpunkt des (metaphysischen) Dualismus,
-noch des (idealistischen oder materialistischen) Monismus, noch der
-(pantheistischen oder atheistischen) Identitätslehre brauchbar.
-
-23. Dasselbe ist jedoch auch überhaupt unbrauchbar. Denn gesetzt,
-es fände zwischen Denken und Sein wirklich und thatsächlich
-Uebereinstimmung statt, so würde, um sich über dieselbe Gewissheit
-zu verschaffen, eine Vergleichung zwischen dem Inhalt des Denkens
-mit jenem des Seins erforderlich sein. Da nun, um letztere zu
-bewerkstelligen, der Inhalt des Seins selbst gedacht, als gedachter
-Inhalt aber selbst Gedanke (Denken) sein müsste, so würde in obiger
-Vergleichung nicht, wie es verlangt ist, Denken mit Sein, sondern
-Denken mit Denken (gedachtem Sein) verglichen, d. h. das Sein selbst
-(als ungedachtes, Nichtdenken) bliebe unverglichen. Das materiale
-Kriterium des Wissens, die Uebereinstimmung zwischen Denken und Sein
-wäre unerkennbar.
-
-24. Dasselbe ist daher, logisch betrachtet, weder an sich noch für
-uns möglich. Kann aber das Kriterium des Wissens nicht material in
-der Uebereinstimmung des Denkinhalts mit dem Seinsinhalt gefunden,
-so muss es ausschliesslich in ersterem (als formales) gesucht
-werden. Die Entscheidung, ob ein Denken Wissen d. i. wahres Denken
-sei, kann nur auf Grund der Beschaffenheit des Inhalts desselben,
-rein als solcher betrachtet, gefällt werden. Dass damit der Bestand
-eines von demselben unterschiedenen Sein weder verneint, noch, was
-schon Aristoteles und Kant verboten, das Denken für das einzige Sein
-erklärt werde, ist selbstverständlich.
-
-25. Mit der Behauptung, dass das Kriterium der Wahrheit des Denkinhalts
-in diesem selbst enthalten sei, ist weder ausgesprochen, dass jeder
-beliebige Inhalt des Denkens eo ipso als Denkinhalt wahr, wie der
-Panlogismus, noch dass jeder Denkinhalt falsch sei, wie der absolute
-Skepticismus behauptet. Ersterer, welchem das Denken mit dem Wissen,
-das thatsächliche mit dem vernünftigen Denken in Eins zusammenfällt,
-ist logischer Optimismus; der letztere, dem jegliches (wirkliche
-und vernünftige, gleichviel) Denken als Denkillusion (Scheinwissen)
-erscheint, ist logischer Pessimismus; beide insofern sie von einem
-günstigen oder ungünstigen Vorurtheil bezüglich des Denkens als Wissens
-ausgehen, sind unkritischer (positiver oder negativer) Dogmatismus.
-
-26. Dass wenigstens einige Denkinhalte falsch seien, folgt
-nothwendigerweise daraus, weil es dergleichen gibt (a, non-a), die sich
-untereinander selbst aufheben d. h. von denen der eine mit dem andern
-im Denken unverträglich ist; dass es wenigstens einigen Denkinhalt
-gibt, der wahr d. h. wenigstens einiges Denken, das Wissen ist,
-folgt daraus, weil das Gegentheil dieser Behauptung, das Wissen,
-dass es kein Wissen gebe, sich selbst aufhebt. Aufgabe der Logik
-bleibt es nun, diejenigen Merkmale, durch welche derjenige Denkinhalt,
-der Wissen (Erkenntniss), von demjenigen, der Scheinwissen (Irrthum)
-ist, sich unterscheide, aufzustellen.
-
-27. An jedem Denkinhalt ohne Ausnahme lässt sich zweierlei
-unterscheiden: die Art, wie er dem Denken, und das Was, welches in
-demselben dem Denken gegeben ist. In ersterer Hinsicht unterscheiden
-wir unwillkürliches (ohne, ja wider den Willen des Denkenden demselben
-aufgezwungenes) und willkürliches (aus dem eigenen Wollen des Denkenden
-entsprungenes) Gegebensein; im ersteren Sinne vermittelter Denkinhalt
-kann (in engerer Bedeutung) gegebener, im letzteren Sinne entstandener
-wird dann gemachter heissen. Im Hinblick auf das Was unterscheiden
-wir verwandten und nicht verwandten, aber verträglichen Denkinhalt;
-unter dem verwandten weiters ganz oder theilweise identischen und
-unverträglichen (sich conträr oder contradictorisch ausschliessenden)
-Denkinhalt.
-
-28. In Bezug auf das Wie des Gegebenseins gilt, dass der unwillkürlich
-gegebene (also unabweisliche) Denkinhalt, desgleichen derjenige ist,
-den wir als Thatsache zu bezeichnen pflegen -- was den Anspruch
-betrifft, für Wissen zu gelten -- (alles Uebrige gleichgesetzt),
-vor dem willkürlich gemachten den Vorzug hat. Ersterer kann als
-nothwendige Bildung (Repräsentation), letzterer darf als Einbildung
-(Imagination) bezeichnet werden. Dass daraus, dass ein gewisser
-Denkinhalt unwillkürlich gegeben ist, zwar geschlossen werden dürfe,
-die Entstehung desselben sei durch eine von dem Willen des Denkenden
-verschiedene Ursache, keineswegs aber voreilig gefolgert werden dürfe,
-sie sei durch eine von ihm gänzlich verschiedene, nicht nur ausserhalb
-seines Intellects, sondern auch ausserhalb seines Leibes gelegene,
-also durch eine sogenannte äussere Ursache erzeugt, braucht kaum
-erst erwähnt zu werden. Ebensowenig, dass aus dem Umstand, dass die
-Unwillkürlichkeit des Gegebenseins auf eine vom Willen des Denkenden
-verschiedene Ursache zu schliessen erlaubt, keineswegs zu folgern
-gestattet sei, dass diese selbst der Beschaffenheit jenes Denkinhalts
-ähnlich beschaffen sein müsse, da sich, wie oben bemerkt, ohne
-(unmögliche) Vergleichung des Denkinhalts mit dem jenseits desselben
-gelegenen Seinsinhalt über das wechselseitige qualitative Verhältniss
-beider nichts ausmachen lässt.
-
-29. Der Vorzug des gegebenen vor dem gemachten Denkinhalt wird desto
-begründeter sein, je energischer, je häufiger und in je vollkommenerer
-Anordnung derselbe gegeben ist. In ersterer Hinsicht wird unter
-gleichen Verhältnissen der lebhaftere vor dem minder lebhaft,
-der klare und deutliche vor dem dunkel, der dauerhafte und sich
-behauptende vor dem augenblicklich und flüchtig gegebenen Denkinhalt --
-in zweiter Hinsicht der wiederholt vor dem nur einmal, der häufig vor
-dem selten, der auch Anderen in gleicher Weise vor dem nur dem Einen
-gegebenen Denkinhalt -- in dritter Hinsicht der in regelmässiger Folge
-ursprünglich gegebene vor dem zerstreuten und sprunghaft gegebenen,
-der in gleich regelmässiger Folge wiederkehrende vor dem in seiner
-an sich regelmässigen Reihenfolge unregelmässig wiederkehrenden,
-der auch in Andern in der nämlichen Anordnung wiederkehrende vor dem
-bei jedem in anderer Reihenfolge gegebenen Denkinhalt in Bezug auf
-den Anspruch, als Wissen gelten zu dürfen, den Vorrang haben.
-
-30. Das Was des Gegebenen macht dabei keinen Unterschied,
-ebensowenig ob das ohne oder wider den Willen des Denkenden dem
-Denken Aufgedrungene demselben durch einen von aussen (Sinnen-) oder
-durch einen von innen kommenden (Bewusstseins-) Zwang aufgenöthigt
-ist. Ersteres ist bei den Thatsachen der sogenannten äusseren,
-dieses bei jenen der sogenannten inneren Erfahrung der Fall. Unter
-die ersteren gehört, dass wir unter bestimmten Umständen keine anderen
-als gewisse Sinnesempfindungen haben (Augenschein), zu den letzteren,
-dass wir mit oder nach einander in das Bewusstsein eingetretene
-Empfindungen unter einander verbinden müssen (Ideenassociation),
-sowie dass wir Denkinhalte, die ein gewisses Verhältniss unter
-einander haben, entweder (wenn sie gleich oder ähnlich sind) zugleich
-denken müssen, oder (wenn sie entgegengesetzt sind), nicht zugleich
-denken können (Denkgesetz der Identität und des Widerspruchs). Im
-ersteren Fall wird der Zwang durch die Sinne, im zweiten und dritten
-durch die Natur des Bewusstseins, und zwar der Zwang zur Verknüpfung
-gleichzeitiger oder successiver Vorgänge durch die sogenannte "Enge des
-Bewusstseins" -- dagegen der Zwang, gewisse Gedanken zugleich denken
-zu müssen oder nicht zugleich denken zu können, durch deren Inhalt
-(logischer oder Denkzwang) ausgeübt. In diesem Sinne sind nicht nur
-die einzelnen Sinnesthatsachen, sondern ist die (im Sinne Kant's)
-transcendentale Thatsache der Beschaffenheit unserer Sinnlichkeit und
-sind nicht blos die einzelnen Bewusstseinsthatsachen, sondern ist die
-(gleichfalls transcendentale) Thatsache unserer Bewusstseins- und
-Denkorganisation (die thatsächlichen Naturgesetze des Bewusstseins,
-die Denkgesetze) ein dem Denken unwillkürlich d. h. unabhängig vom
-Willen des Denkenden Gegebenes (Zufälliges), so dass an sich auch
-eine andere Organisation der Sinne wie des Bewusstseins d. h. ein
-anders geartetes Erkenntnissvermögen (als gleichfalls transcendentale
-Thatsache) sich denken liesse.
-
-31. Wie bei der Frage nach dem Gegebensein des Denkinhalts von dessen
-Was, so wird bei jener nach dem Was des Denkinhalts von dessen
-Gegebensein abgesehen. Da nun in Bezug auf den Umstand, dass sie
-Denkinhalt sind, sämmtliche Denkinhalte einander gleichen, so lässt
-sich daraus allein, dass ein gewisses Was Inhalt des Denkens ist, kein
-Schluss auf dessen Wahrheit oder Falschheit machen. Die Betrachtung der
-Besonderheit des Was der einzelnen Denkinhalte aber gehört nicht mehr
-in die Logik, sondern in die besonderen Wissenschaften, deren Inhalt
-sie ausmachen (z. B. der Begriff des Seienden in die Metaphysik, der
-des Guten in die Ethik etc.). Dagegen lässt sich aus dem Verhältniss,
-in welchem verschiedene Denkinhalte ihrem Was nach unter einander
-stehen (z. B. aus dem Verhältniss ihrer Congruenz oder Incongruenz)
-sehr wohl eine Folgerung machen, was, wenn der eine derselben als wahr
-oder falsch angenommen oder erwiesen wird, mit dem anderen in Bezug
-auf Wahrheit oder Falschheit vor sich gehen müsse. Die auf letzterem
-Wege möglichen Folgerungen müssen aus einer vollständigen Aufzählung
-der zwischen Denkinhalten ihrem Was nach möglichen Verhältnisse sich
-vollständig ergeben.
-
-32. Da nun die einzelnen Denkinhalte ihrem Was nach unter einander
-nur entweder verwandt oder nicht verwandt (disparat), die verwandten
-aber nur entweder ganz oder theilweise identisch oder entgegengesetzt
-sein können, so ergibt sich als Uebersicht der zwischen verschiedenen
-Denkinhalten ihrem Was nach möglichen Verhältnisse folgendes Schema:
-(ganze oder theilweise) Identität, Gegensatz, Disparatheit.
-
-33. Ganz oder theilweise identische Denkinhalte haben das
-Eigenthümliche, dass sie einander bedingen, so dass, sobald der
-eine (a oder a b) gedacht wird, ebendadurch auch der andere (a ist
-a; a b ist a) ganz oder theilweise gedacht wird. Entgegengesetzte
-Denkinhalte haben das Eigenthümliche, dass sie einander ausschliessen
-d. h. dass entweder nur, wenn der eine gedacht wird, der andere nicht
-gedacht werden kann (conträrer Gegensatz: a ist nicht b), oder so,
-dass zugleich, wenn der eine nicht gedacht wird, der andere gedacht
-werden muss (contradictorischer Gegensatz: wenn nicht a ist, so ist
-non-a). Disparate Denkinhalte haben das Eigenthümliche, dass sie
-einander im Denken weder bedingen noch ausschliessen, so dass, wenn
-der eine gedacht wird, auch der andere gedacht werden kann, aber weder
-der andere noch sein Gegentheil gedacht werden muss (z. B. diese Rose
-ist roth -- sie könnte aber auch weiss sein). Ganz oder theilweise
-identische, sowie disparate Denkinhalte sind daher unter einander
-verträglich -- entgegengesetzte dagegen unverträglich. Zwischen ganz
-oder theilweise identischen Denkinhalten findet für das Denken eine
-vom Inhalt derselben ausgehende Nöthigung statt, vom Denken des einen
-zu jenem des andern überzugehen. Bei entgegengesetzten Denkinhalten
-findet für das Denken eine vom Inhalt derselben ausgehende Nöthigung
-statt, vom Denken des einen zum Denken des Gegentheils des anderen
-überzugehen. Bei disparaten Denkinhalten findet eine vom Inhalte
-derselben ausgehende Nöthigung für das Denken von einem zum andern
-überzugehen, überhaupt nicht statt, sondern wenn eine solche eintreten
-soll, so muss sie durch etwas vom Inhalt derselben Verschiedenes,
-also entweder durch eine äussere, vom Willen des Denkenden unabhängige
-Ursache (z. B. den Augenschein) oder durch eine innere, vom Intellect
-unabhängige Ursache (z. B. die Willkür des Denkenden) herbeigeführt
-werden. Erstere heissen daher einhellig (consonirend), entgegengesetzte
-misshellig (dissonirend), disparate blos einstimmig.
-
-34. Gänzlich identische Denkinhalte können, da es nach dem principium
-identitatis indiscernibilium zwei mit einander völlig übereinkommende
-Dinge überhaupt nicht geben kann, auch nicht zwei sondern müssen
-nothwendig ein und derselbe d. h. als Denkinhalt einzig sein; solche
-können daher auch kein Verhältniss unter einander haben. Dagegen kann
-es sehr wohl Denkinhalte geben, welche, obgleich dem Was ihres Inhalts
-nach nicht identisch, doch ihrem Umfang nach identisch sind; in welchem
-Fall dieselben äquipollent heissen (z. B. Wechselbegriffe). Theilweise
-identische Denkinhalte können entweder in der Weise identisch sein,
-dass der eine ganz in dem andern, aber nicht umgekehrt dieser in jenem
-enthalten ist, in welchem Fall derjenige, welcher den andern in sich
-enthält, der übergeordnete, derjenige, welcher in dem andern enthalten
-ist, der untergeordnete heisst; oder dieselben sind so beschaffen,
-dass jeder ausser dem ihm mit dem anderen Gemeinsamen noch etwas
-Besonderes enthält, so dass beide diesem Gemeinsamen untergeordnet,
-unter einander aber beigeordnet sind. Im ersteren Fall ist der im
-anderen enthaltene Denkinhalt unter diesem subsumirt, im zweiten
-Falle jeder der beiden dem ihnen gemeinsamen subordinirt; von den
-äquipollenten wird der eine dem anderen substituirt.
-
-35. Von unter einander subsumirten Denkinhalten gilt, dass wenn
-der subsumirende Denkinhalt wahr oder falsch, auch der darunter
-subsumirte entsprechend eines von beiden sei. Der subsumirende heisst
-in Bezug auf den subsumirten der weitere, dieser dagegen der engere
-Denkinhalt und es gilt der Satz, dass das von dem weiteren Behauptete
-oder Ausgeschlossene ebendarum auch von dem engeren behauptet oder
-ausgeschlossen, keineswegs aber das von dem engeren Behauptete und
-Ausgeschlossene auch von dem weiteren behauptet und ausgeschlossen
-sei. Durch die Fortsetzung dieses Verhältnisses, indem jeder einen
-anderen subsumirende Denkinhalt seinerseits selbst wieder unter einen
-anderen subsumirt erscheint, gelangt man zu Denkinhalten, welche die
-weiteste -- durch die Fortsetzung desselben in umgekehrter Richtung,
-indem jeder subsumirte Denkinhalt seinerseits einen anderen als unter
-sich subsumirend erscheint, gelangt man zu Denkinhalten, welche die
-engste Geltung besitzen. Jenes Verfahren selbst kann als Subsumtions-,
-und zwar entweder als analytische (Generalisations-) Methode, welche
-von -- dem Inhalt nach reicheren, aber dem Umfang nach engeren --
-Denkinhalt zu -- dem Inhalt nach ärmeren, aber dem Umfang nach weiteren
--- Denkinhalt hinaufsteigt, oder als synthetische (Restrictions-)
-Methode, wenn sie von -- dem Inhalt nach ärmeren, aber dem Umfange
-nach weiteren -- Denkinhalt zu -- dem Inhalt nach reicheren, aber
-dem Umfang nach engeren -- Denkinhalt hinabsteigt, bezeichnet werden.
-
-36. Von einander coordinirten (beigeordneten), einem gemeinsamen
-dritten subordinirten Denkinhalten gilt, dass der Inhalt des
-übergeordneten in dem Inhalt jedes der beiden oder mehreren
-untergeordneten, aber nicht umgekehrt, enthalten und der Umfang
-des übergeordneten der Summe der Umfänge sämmtlicher demselben
-untergeordneten Denkinhalte congruent sein müsse. Der übergeordnete
-Denkinhalt heisst in diesem Sinne der höhere, die demselben unter-,
-zugleich aber unter sich einander beigeordneten Denkinhalte heissen
-die niederen. Durch die Fortsetzung dieses Verhältnisses, indem der
-subordinirende höhere Denkinhalt seinerseits einem höheren subordinirt
-erscheint, gelangt man zum höchsten -- durch dessen Fortsetzung
-in entgegengesetzter Richtung: indem die subordinirten niederen
-Denkinhalte je wieder anderen als unter sich subordinirend erscheinen,
-gelangt man zum niedersten Denkinhalt. Von dem höheren Denkinhalt gilt
-der Satz, dass, was von demselben behauptet oder ausgeschlossen, auch
-von dessen niederen behauptet oder ausgeschlossen, keineswegs zwar,
-was von nur einem oder mehreren der niederen behauptet, auch von dem
-höheren behauptet, wohl aber, dass dasjenige, was von sämmtlichen
-niederen ausgeschlossen, auch von dem höheren ausgeschlossen sei. Das
-Verfahren, das auf die Fortsetzung jenes Verhältnisses sich gründet,
-heisst die Subordinations-, und zwar die Abstractions- (Inductions-)
-Methode, wenn sie von niederen zu höheren Denkinhalten hinauf-,
-die Determinations- (Deductions-) Methode, wenn sie von höheren zu
-niederen Denkinhalten hinabsteigt.
-
-37. Von einander äquipollenten, substituirbaren Denkinhalten gilt, wenn
-der eine wahr oder falsch, dass es auch der andere sei (z. B. was vom
-gleichseitigen Dreieck gilt, gilt auch vom gleichwinkeligen). Durch
-die Fortsetzung dieses Verhältnisses, so dass der einem andern
-äquipollente Denkinhalt seinerseits einem dritten äquipollent ist,
-entsteht die Substitutions-, wenn wir die sich gleichbleibende
-Identität des Umfanges, oder die Transmutationsmethode, wenn wir
-die von einem zum andern eintretende Aenderung des Inhalts im Auge
-haben. Dieselbe findet ihre Verwendung zumeist in den mathematischen
-Wissenschaften, in welchen z. B. [m-te Wurzel aus n-te Wurzel aus a]
-= [(m × n)-te Wurzel aus a] gesetzt, also bei verändertem Inhalt
-derselbe Umfang behalten wird. Während das Subsumtions- und
-Subordinationsverfahren auf wahrer und vollständiger Identität beruht,
-indem die Identität des Inhalts die des Umfangs nach sich zieht, beruht
-das Substitutionsverfahren zwar auf wirklicher, aber unvollständiger
-Identität, indem bei Einerleiheit des Umfangs Verschiedenheit des
-Inhalts herrscht. Dasselbe bildet daher bereits den Uebergang von
-dem Verhältniss der Identität zu jenem der Nichtidentität d. i. der
-Disparatheit der Denkinhalte.
-
-38. Disparate Denkinhalte haben mit äquipollenten das gemein, dass
-sie verschiedenen Inhalt, gehen aber dadurch über dieselben hinaus,
-dass sie auch verschiedenen Umfang haben. Daraus folgt, dass während
-bei den äquipollenten der Uebergang von einem zum andern zwar nicht,
-wie bei den identischen, mittels des Inhalts, aber doch mittels des
-beiderseitigen Umfanges, also immer noch durch reines Denken erfolgt
--- bei den disparaten derselbe weder aus der Betrachtung des Inhalts,
-noch aus jener des Umfangs, also auch nicht aus dem reinen Denken
-geschöpft, sondern allein durch etwas von diesem Unterschiedenes,
-z. B. durch eine Anschauung, welche beide Denkinhalte verbunden
-aufweist, vermittelt werden kann. Während daher die Verknüpfung
-zwischen identischen und äquipollenten Denkinhalten analytisch d. i. so
-erfolgt, dass und weil der mit dem andern verknüpfte Denkinhalt, sei
-es seinem Inhalt (wie bei den identischen), sei es seinem Umfange
-nach (wie bei den äquipollenten) bereits in diesem enthalten ist,
-erfolgt dieselbe bei disparaten Denkinhalten synthetisch d. i. so,
-dass der eine zu dem andern als (ein dem Inhalt und Umfang nach)
-völlig neuer hinzugefügt wird. Grund der Verbindung ist bei jenen ein
-innerer, der so lange besteht, als Inhalt oder Umfang der mit einander
-verknüpften Denkinhalte derselbe bleiben; Grund der Verbindung ist
-bei diesen ein äusserer und die Verbindung besteht nur so lange,
-als dieser Grund besteht. Verbindungen ersterer Art sind daher nicht
-nur nothwendig, weil und so lange die Denkinhalte dieselben bleiben,
-sondern auch allgemein, weil der Denkinhalt, von so Vielen und so oft
-er gedacht werden mag, immer derselbe bleibt. Verbindungen letzterer
-Art dagegen sind nicht nur zufällig, weil der Grund derselben
-ein äusserer, sondern auch individuell oder höchstens particulär,
-weil der äussere Grund derselben jederzeit nur für den einzelnen
-Denkenden, und zwar in diesem bestimmten Fall, bestenfalls für
-mehrere Denkende und mehrere Einzelfälle als der gleiche vorhanden
-ist, keineswegs aber für alle Denkenden und ebensowenig in allen
-Einzelfällen derselbe sein muss. Jene, zu welchen noch die später
-zu betrachtenden, auf dem Verhältniss des Gegensatzes beruhenden
-Trennungen und Verknüpfungen von Denkinhalten hinzukommen, können
-mit dem für allgemeine und nothwendige Denkverbindungen seit Lambert
-und Kant gebräuchlich gewordenen Ausdruck apriorische, letztere
-(z. B. die durch sinnliche Anschauung herbeigeführten) Verbindungen
-können, da dieselben nicht mit den Denkinhalten ursprünglich gegeben,
-sondern zwischen denselben erst nachträglich (z. B. durch Erfahrung)
-entstanden sind, aposteriorische genannt werden.
-
-39. Apriorische Denkverbindungen sind daher stets analytisch oder (wie
-die mathematischen) äquipollent; synthetische dagegen weder sämmtlich
-(wie der rationale Dogmatismus lehrte), noch wenigstens zum Theile (wie
-der zum Kriticismus herabgedämpfte ursprünglich radicale Skepticismus
-Kant's einräumte) apriorisch, sondern sämmtlich aposteriorisch. Das
-(mathematische) Vorurtheil Kant's, welches darin bestand, dass er
-sämmtliche mathematische Urtheile für synthetisch hielt, hat denselben
-im Zusammenhang mit dessen unbegrenzter Verehrung für die Mathematik
-als Wissenschaft dahin geführt, ihr zu Liebe, da die mathematischen
-Sätze seiner Ansicht nach synthetisch waren und dennoch allgemein und
-nothwendig wahr sein sollten, apriorische Synthesen zuzulassen und,
-da dieselben durch Anschauung vermittelt sein mussten, durch sinnliche
-Anschauung aber keine apriorische d. i. allgemeine und nothwendige
-Verbindung hergestellt werden kann, gleichfalls ihr zu Liebe eine
-besondere, psychologisch nicht nachweisbare Art von Anschauung, die
-von ihm sogenannte "reine Anschauung", zu erfinden. Dieselbe sollte
-einerseits, wie die sinnliche Wahrnehmung, Anschauung, andererseits,
-wie die sinnliche Wahrnehmung nicht, allgemein und nothwendig
-d. h. sie sollte a und non-a, Thesis und Antithesis zugleich (ein
-logisches Wunder) sein; als thatsächliche Erscheinungen einer solchen
-bezeichnete er die Vorstellungen des Raumes und der Zeit, die er
-beide der Einzigkeit ihrer beziehungsweisen Gegenstände halber für
-Anschauungen, und zwar der sinnlich unwahrnehmbaren Beschaffenheit
-dieser wegen für "reine Anschauungen" erklärte. Die Anschauung des
-Raumes legte er als vermittelnde den geometrischen, jene der Zeit
-den arithmetischen Synthesen zu Grunde.
-
-40. Den Beweis für die synthetische Natur des mathematischen
-Urtheils schöpft Kant aus dem Umstand, dass sowol das Prädicat
-des arithmetischen Urtheils: 5 + 7 = 12, wie das des geometrischen
-Urtheils: die Gerade ist die kürzeste zwischen zwei Punkten, etwas
-vom Subjecte derselben Verschiedenes enthalte: das Prädicat 12 sei
-nämlich weder mit 5, noch mit 7, das Prädicat "kürzeste Linie zwischen
-zwei Punkten" nicht mit "die Gerade" identisch. Das Urtheil 5 + 7 =
-12 sagt aber weder, dass 5, noch, dass 7 jedes für sich gleich 12,
-sondern besagt, dass die Summe beider 5 + 7 = 12 sei d. h. dass die
-Vorstellung (5 + 7) der Vorstellung 12 zwar nicht (dem Inhalt nach)
-gleich sei, aber (dem Umfang nach) gleich gelte d. h. wie jeder
-Mathematiker weiss, die eine für die andere substituirt werden
-könne. Dasselbe ist bei dem geometrischen Urtheil der Fall; es ist
-richtig, dass die Vorstellung "Gerade" nicht dem Inhalt nach eins
-mit der Vorstellung "kürzeste Linie zwischen zwei Punkten" ist;
-unrichtig aber ist, dass sie derselben nicht äquipollent d. h. dass
-nicht jede Linie, die eine Gerade, auch die zwischen zwei Punkten --
-ihrem Anfangs- und Endpunkt -- gelegene kürzeste sei. Der Uebergang
-vom Subject zum Prädicat wird daher wirklich in beiden Fällen nicht,
-wie Kant meinte, synthetisch durch eine von aussen hinzutretende (weder
-durch eine reine, noch, wie die heutige "inductive Mathematik" wähnt,
-sinnliche) Anschauung, sondern ausschliesslich analytisch durch die
-Betrachtung des Umfanges beider im reinen Denken vermittelt.
-
-41. Der Irrthum Kant's entsprang daher, dass er äquipollente
-Urtheile nicht für identisch und folglich jedes seiner Ansicht nach
-nicht (ganz oder theilweise) identische Urtheil für synthetisch
-hielt. Mathematische Urtheile, in welchen Subject und Prädicat wie
-bei den zu beiden Seiten des Gleichheitszeichens stehenden Ausdrücken
-dem Worte nach verschieden lauten, dem Werthe nach ohne Schädigung
-untereinander vertauscht werden können, galten ihm für apriorische
-Synthesen, während sie, wie oben gezeigt, zwar apriorisch, aber
-analytisch sind. Da ihm, wie er sich ausdrückte, sämmtliche analytische
-Urtheile zwar richtig, aber nicht wichtig, die mathematischen dagegen
-nicht nur richtig, sondern auch wichtig erschienen, so hätte er,
-indem er die letzteren für analytische erklärte, dieselben in ihrer
-wissenschaftlichen Würde herabzusetzen geglaubt; dieselben mussten
-daher um jeden Preis von den analytischen getrennt bleiben.
-
-42. Die Unwichtigkeit analytischer Denkverbindungen hatte für Kant
-darin ihren Grund, dass dieselben zu dem schon bekannten nichts neues
-hinzufügten. Dieselbe bezog sich daher nicht sowohl auf die Haltbarkeit
-der durch analytische Betrachtung vermittelten Verbindungen gewisser
-Denkinhalte, als vielmehr auf den durch dieselben zu bewerkstelligenden
-Erkenntnissfortschritt des Denkenden von Bekanntem zu Unbekanntem. Weil
-in letzterer Hinsicht das analytische Urtheil in seinem Prädicat das
-Subject nur ganz oder theilweise zu wiederholen schien, wurde dasselbe
-von ihm im besten Falle als eine unnütze Tautologie, in allen anderen
-Fällen als ein Herabsteigen von einer höheren auf eine niedere, bereits
-überwundene Erkenntnissstufe angesehen. Regressives Subsumtions- und
-inductives Subordinationsverfahren waren ihm zufolge nichts weiter
-als Auslösen eines Theiles aus einem schon bekannten Inhalt, durch
-welchen derselbe zwar "erläutert", unsere Erkenntniss selbst jedoch
-keineswegs "erweitert" werde. Des Substitutions- als eines Verfahrens,
-durch welches ein beständiges idem per idem erzeugt werde, hielt Kant
-in seinem Bemühen um Ausdehnung der Grenzen der Erkenntniss es nicht
-einmal der Mühe für werth, Erwähnung zu thun.
-
-43. Von diesem Standpunkt aus allerdings mit Recht, wenn es wahr
-wäre, dass das Substitutions- d. i. das Verfahren, einen gegebenen
-Denkinhalt durch einen demselben äquipollenten zu ersetzen d. h. den
-gegebenen zu transmutiren, in der That für das Erkennen keinen
-Fortschritt bedeutete. Während aber derjenige, der an der Stelle des
-subsumirenden den jeweilig subsumirten oder an der Stelle des concreten
-(subordinirten) nur den abstracten (subordinirenden) Denkinhalt
-besitzt, in der That sozusagen "der Masse nach" weniger besitzt als er
-vorher besass, und nichts, was er nicht schon vorher besass, besitzt
-derjenige, der an der Stelle des ursprünglich gegebenen Denkinhalts
-einen demselben äquipollenten, aber transmutirten Denkinhalt gewonnen
-hat -- zwar "der Masse nach" (wenigstens was den Umfang betrifft)
-nicht mehr, als er besass, er besitzt aber etwas, was er vorher
-entschieden nicht besass, anstatt des ursprünglichen alten den durch
-Transmutation an dessen Stelle getretenen neuen Denkinhalt. Dasselbe
-stellt, zwar nicht dem Umfang, aber der Qualität des Gedachten nach,
-wirklich eine Bereicherung des Denkenden dar.
-
-44. Subsumtions- und Subordinationsverfahren machen daher, wie Kant's
-analytische Urtheile, in der That blosse Erläuterung, Substitutions-
-und synthetisch-aposteriorisches d. i. empirisches Verfahren machen,
-wie Kant's synthetische Urtheile, eine wirkliche Erweiterung unserer
-Erkenntniss, und zwar das erstere mit allgemeiner und nothwendiger,
-das letztere allerdings nur mit mehr oder weniger beschränkter
-und mehr oder weniger zuverlässiger, auch im besten Fall nur
-wahrscheinlicher, niemals ausnahmsloser (unbedingter) Giltigkeit
-möglich. Erstere beiden eignen daher vorzüglich den deducirenden,
-aus dem Allgemeinen das Besondere ableitenden und classificirenden,
-das Allgemeine aus dem Besonderen abstrahlenden Wissenschaften,
-während das Substitutionsverfahren in den rein mathematischen, das
-empirische dagegen in den Erfahrungswissenschaften zu Hause ist. Die
-erstgenannten gehen von einem bereits erreichten Erkenntnissvorrath an
-Allgemeinem aus, um durch Analyse desselben das darin eingeschlossene
-Besondere sich zum Bewusstsein zu bringen. Die zweitgenannten gehen
-von einem bereits gewonnenen Erkenntnissvorrath an Besonderem aus,
-um durch Ausscheidung des Abweichenden und Zusammenfassung des
-Gemeinsamen das in demselben gleichsam schlummernde Allgemeine an's
-Licht zu ziehen. Die Wissenschaften, welche, wie die Lehre von den
-Gleichungen in der Mathematik und die Theorie von der Erhaltung
-der Kraft und des Stoffes in der Physik und Physiologie den seinem
-Werthe und Umfang nach sich gleichbleibenden Denk-, wie den seiner
-Quantität und Qualität nach sich gleichbleibenden Stoffinhalt, in
-stets neue Formen sich umgiessen lassen, suchen dadurch das im ewigen
-Wechsel Beharrende und das im ewigen Beharren stets Fliessende zu
-gewinnen. Die Erfahrungswissenschaften aber sind darauf aus, durch
-natürliche und künstliche Beobachtung (Experiment) zwischen bis dahin
-wenn nicht für unverknüpfbar gehaltenem, doch unverknüpft gebliebenem
-Denkinhalt neue, bisher unerhörte Verbindungen in mehr oder weniger
-weitreichender und dauerhafter Weise festzustellen.
-
-45. Letztere werden naturgemäss um desto mehr sich befestigen, je öfter
-dieselben wiederholt worden; sei es, dass diese Wiederholung durch eine
-unwillkürliche d. i. vom Willen des dieselben verknüpfenden Denkenden
-unabhängige, also auch ohne ja wider denselben sich erneuernde, oder
-eine willkürliche d. i. vom Willen des Denkenden entweder abhängige,
-oder mit demselben identische, also auch mit und durch denselben
-sich erneuernde Ursache verursacht sei. Dieselbe ist im ersteren
-Fall eine gegebene, und so auch der Grund ihrer Erneuerung ein
-gegebener; im letzteren Fall eine gemachte, und so auch der Grund
-ihrer Erneuerung ein solcher. Im ersteren Fall wird die Verbindung
-der disparaten Denkinhalte durch das Denken so lange bestehen und
-so oft sich wiederholen, als die gegebene Ursache besteht und sich
-erneuert, im letzteren Fall dagegen so lange und so häufig, als der
-Wille, sie zu verbinden, im Denkenden entsteht und sich erneuert. In
-beiden Fällen wird im Denkenden in Folge der zunehmenden Wiederholung
-eine wachsende Disposition zur Verknüpfung jener an sich durch nichts
-auf einander hinweisenden Denkinhalte zu Stande kommen. Dieselbe wird
-jedoch im ersten Fall ihren Grund in einem Gegebenen (also Objectivem),
-im letzteren Falle in einem Wollen (Subjectivem) haben, und daher dort
-als (objective) Gewohnheit, die dem Denkenden von aussen angewöhnt
-wird, hier als (subjective) Gewöhnung, zu welcher der Denkende sich
-selbst verwöhnt hat, sich festsetzen.
-
-46. Denkverbindungen disparater Denkinhalte, die auf Gewohnheit
-beruhen, gestatten darum einen Rückschluss auf jenen Grund,
-dessen Folge dieselbe ist, als einen objectiven d. h. unabhängig
-vom Willen des Denkenden bestehenden. Solche dagegen, welche nur
-auf einer Verwöhnung des Denkenden beruhen, gestatten höchstens
-einen Rückschluss auf die subjective Beschaffenheit des Willens des
-Denkenden. Ungeachtet der Grund der Verbindung in beiden Fällen kein
-logischer (aus dem Inhalt des zu Verbindenden entspringender Denk-),
-sondern ein blos psychologischer Zwang ist, welcher in dem einen Fall
-durch das Gegebensein des Objects auf den Willen, in dem andern Fall
-von dem Willen auf das Gegebenwerden des Objects ausgeübt wird, so
-ist der Grad wie der Grund der Festigkeit in jedem der beiden Fälle
-ein verschiedener. Derselbe beruht im ersten Fall auf dem Natur- und
-Fundamentalgesetz des Bewusstseins, durch welches dasselbe genöthigt
-wird, zugleich oder nach einander Gegebenes, sei es (dem Inhalte nach)
-Homogenes oder Heterogenes, unter einander dergestalt zu verknüpfen,
-dass mit dem Einen das Andere gedacht oder nach dem Eintreten des Einen
-das Eintreten des Anderen erwartet wird (Ideen-Associationsgesetz
-der Coëxistenz und der Succession). Da die Wirksamkeit desselben
-unabänderlich ist, so muss, sobald irgend etwas dem Denkenden als
-zugleich oder nach einander Seiendes gegeben ist, das Denken des
-Einen mit dem Andern, oder das Erwarten des Einen nach dem Andern
-ebenso unabänderlich erfolgen, so dass selbst der Wille des Denkenden
-demselben keinen Einhalt zu thun vermöchte. Diese Unabänderlichkeit des
-psychischen Vorganges des Verbindens gewisser Denkinhalte in einem und
-des Erwartens gewisser Denkinhalte nach einander im andern Falle lässt
-in Folge einer (logisch zwar ungerechtfertigten, aber psychologisch
-sehr erklärlichen) unwillkürlichen Erschleichung die Sachlage so
-erscheinen, als ob die vom Denken notwendigerweise mit oder nach
-einander verknüpften Denkinhalte an sich mit oder nach einander
-nothwendigerweise verknüpft wären d. h. die Naturgesetzlichkeit
-des Bewusstseinsvorganges (der Association nach Coëxistenz und
-Succession) wird auf das Verknüpfte (Objective) selbst als dessen
-naturgesetzliches Mit- oder Nacheinandersein übertragen. Da nun
-beispielsweise Eigenschaften (Accidentien) nicht ohne Träger derselben
-(Substanz) und Wirkungen nicht ohne vorangehende Ursachen gedacht
-werden können, so liegt darin der Grund, warum Gegebenes, welches dem
-Denkenden entweder mit oder nach einander gegeben wird, von diesem
-als im Verhältniss -- wenn es zugleich gegeben ist -- der Inhärenz
-d. i. des Accidens zur Substanz -- wenn es nach einander gegeben
-ist -- der Causalität d. i. der Wirkung zur Ursache stehend gedacht
-wird. Hume's Behauptung, dass das Causalgesetz aus der Gewohnheit
-entspringe und daher nichts anderes als die -- durch das ursprünglich
-beobachtete und zu wiederholtenmalen erneuerte Nacheinanderauftreten
-gewisser Phänomene -- motivirte Erwartung des Wiedereintretens des
-einen derselben sei, wenn das andere vorangegangen ist, hat daher
-insofern, als dieselben untereinander völlig disparater Natur sind,
-berechtigte Geltung.
-
-47. Dagegen beruht in dem Falle, als die Verbindung disparater
-Denkinhalte nicht durch objectives (gleichzeitiges oder successives)
-Gegebensein, sondern durch den Willen des Denkenden erfolgt, der
-Grad und die Dauer ihrer Festigkeit lediglich auf der Energie und der
-Dauerhaftigkeit dieses Willens. Da nun der letztere, insofern er durch
-nichts von ihm Unabhängiges beeinflusst (motivirt), sondern lediglich
-grundlos sich selbst bestimmend (transcendentalfrei, reine Willkür),
-also im buchstäblichen Sinn des Wortes Eigenwille (Laune, Eigensinn)
-ist, und als solcher ebenso grundlos vergeht als entsteht, also seiner
-Natur nach veränderlich (wetterwendisch, launenhaft) ist, so können
-auch die durch denselben allein herbeigeführten Denkverbindungen
-nicht anders als veränderlich (Denklaunen, Capricen) sein, welche,
-so scheinbare Festigkeit dieselben auch besitzen mögen, so lange
-die sie festhaltende Willensmarotte Bestand hat, dieselbe nicht
-blos in den Augen Anderer, sondern des Denkenden selbst nothwendig
-sogleich einbüssen, sobald dessen Eigenwille eine andere Richtung
-eingeschlagen hat.
-
-48. Auf der durch Gegebenes entstandenen (objectiven) Gewohnheit beruht
-die unabweisliche (wirkliche), auf der durch Willkür herbeigeführten
-(subjectiven) Gewöhnung beruht die angebliche (scheinbare)
-Erfahrung. Jene beansprucht, weil die Naturgesetze des Bewusstseins
-für alle bewusstseinsfähigen Wesen derselben Gattung dieselben
-sind, sobald die Bedingungen des Gegebenseins für das Bewusstsein
-(z. B. die Simultaneität oder Succession) die nämlichen bleiben,
-auch für alle bewusstseinsfähigen Wesen derselben Gattung die gleiche
-uneingeschränkte Geltung. Diese kann eine solche höchstens innerhalb
-des Kreises der Herrschaft desjenigen Willens, auf welchem die
-ursprüngliche Verknüpfung des Denkinhaltes und deren Bestand beruht,
-über sich selbst und eventuell über den Willen anderer Denkenden,
-welche dem seinigen gegenüber als Dienende (Autoritätsgläubige,
-Willensknechte) sich verhalten, behaupten. Das Verfahren, nach welchem
-allgemein giltige Erfahrung zu Stande kommt, kann daher allein als
-erfahrungswissenschaftliche (empirische) Methode, dasjenige dagegen,
-nach welchem nur individuell oder höchstens in beschränktem Kreise als
-solche anerkannte d. i. Scheinerfahrung erreicht wird, muss als den
-Schein erfahrungswissenschaftlicher Methode affectirender, an sich
-unwissenschaftlicher Erfahrungstrug bezeichnet werden. Beispiele
-der ersten liefern alle wirklichen Erfahrungswissenschaften; das
-auffälligste Beispiel des letzteren bietet die auf angeblichen
-uncontrolirbaren und nur innerhalb des Kreises gläubiger Jünger als
-solche anerkannten Erfahrungen einzelner Auserwählter (z. B. Medien,
-Geisterseher) -- angeblich unter genauer Beobachtung des methodischen
-Verfahrens wirklicher Erfahrungswissenschaft -- aufgebaute
-vermeintliche Erfahrungswissenschaft von der Geisterwelt (Spiritismus).
-
-49. Wie disparate Denkinhalte mit äquipollenten darin übereinkamen,
-dass beiderseits die Denkinhalte ihrem Inhalt nach nicht identisch
-waren, so unterscheiden sich dieselben von ihrem Inhalte nach
-entgegengesetzten Denkinhalten dadurch, dass die ersteren ihrem
-Umfange nach mit einander verträglich, die letzteren dagegen in Bezug
-auf diesen unter einander unverträglich sind. Dieselben schliessen
-einander entweder in der Weise aus, dass, was in den Umfang des einen,
-nicht in den Umfang des andern fällt, in welchem Fall sie conträr,
-oder in der Weise, dass zugleich dasjenige, was nicht in den Umfang
-des einen, eo ipso in den Umfang des andern fällt, in welchem Fall sie
-contradictorisch entgegengesetzt heissen. Sie können einander aber
-auch in der Weise ausschliessen, dass, was in den Umfang des einen,
-nicht in den Umfang des andern, was nicht in den Umfang des einen,
-in den Umfang des andern fällt, die Umfänge beider aber zugleich den
-Umfang eines dritten, beiden übergeordneten Denkinhaltes ausmachen,
-in welchem Fall sie subconträr entgegengesetzt genannt werden. Von
-conträr entgegengesetzten Denkinhalten gilt, dass, wenn der eine
-wahr ist, der andere falsch, von contradictorisch entgegengesetzten
-überdies, dass, wenn der eine falsch ist, der andere wahr sein muss;
-von subconträr entgegengesetzten dagegen gilt, dass, weil beider
-Umfänge in den Umfang eines dritten fallen und denselben erschöpfen,
-dasjenige, was in dem Umfang des einen liegt, nicht in dem Umfang des
-andern liegen kann (wie bei den conträren), aber auch, dass, was nicht
-in dem Umfang des einen liegt, in dem Umfang des andern liegen muss
-(wie bei den contradictorischen Gegensätzen), dass also, wo a ist,
-nicht b, dagegen b ist, wo a nicht ist, und weiter, dass, wo das eine
-von beiden, auch das beiden übergeordnete dritte ist, dass also beide
-subconträr entgegengesetzte zugleich keines das andere und (in Bezug
-auf das dritte als "ihre höhere Einheit") eins und dasselbe sind. Ist
-der einem andern conträr entgegengesetzte Denkinhalt seinerseits einem
-dritten conträr entgegengesetzt, so dass, wenn a wahr ist, b falsch
-sein muss, so lässt sich aus der Wahrheit von a nicht schliessen,
-dass nun auch der dem b conträr entgegengesetzte Denkinhalt c wahr
-sein müsse, wol aber, dass derselbe wahr sein könne, indem aus der
-Wahrheit von a zwar die Falschheit von b, aus der Falschheit von b aber
-keineswegs die Wahrheit von c folgt. Lässt sich der einem Denkinhalt
-a contradictorisch entgegengesetzte Denkinhalt non-a seinerseits
-wieder in zwei contradictorisch entgegengesetzte Denkinhalte b und
-non-b spalten, so gilt nicht nur, dass, wenn a wahr ist, sowol b als
-non-a nothwendig falsch sein müsse, sondern auch, dass, wenn a falsch
-ist, eines von beiden, b oder non-b nothwendig wahr sein muss. Von
-subconträr entgegengesetzten Denkinhalten gilt, dass, sobald auch nur
-einer von beiden wahr ist, ein dritter, der beiden übergeordnete, wahr
-und daher, wenn dieser selbst einem vierten subconträr entgegengesetzt,
-auch der ihm und diesem übergeordnete fünfte Denkinhalt wahr sei. Auf
-die Fortsetzung des ersten Verhältnisses gründet sich das Verfahren, zu
-einer Reihe conträrer Gegensätze zu gelangen, die alle zugleich wahr,
-also copulativ verbunden werden können (z. B. die Farbenreihe). Auf
-die Fortsetzung des zweiten Verhältnisses gründet sich das Verfahren,
-durch Zerfällung des contradictorisch entgegengesetzten Gliedes in
-weitere Gegensätze zu einer vollständigen Eintheilung zu gelangen,
-deren Glieder untereinander disjunctiv getrennt werden können. Auf die
-Fortsetzung des dritten Verhältnisses gründet sich das construirende
-oder sogenannte dialektische Verfahren, mittels dessen mit Hilfe
-stets neu eingeführter subconträrer Gegensätze zu immer neuen sich
-übereinander aufthürmenden "höheren Einheiten" gelangt wird, deren
-jede die vorhergehende (nach dem bekannten Hegel'schen Doppelsinn)
-zugleich aufhebt und "aufhebt" (tollit et servat).
-
-50. Mit dem Verhältniss des Gegensatzes ist die Reihe derjenigen,
-welche das "was" des Denkinhaltes angehen, erschöpft. Mit dem ersten,
-auf das "wie" des Gegebenseins sich stützenden, der unwillkürlichen
-Nöthigung, einen gewissen Denkinhalt zu denken, ergeben sich für
-die Beurtheilung des Anspruches eines gewissen Denkens, für Wissen
-gelten zu dürfen, im Ganzen fünf Gesichtspunkte, von denen der erste
-quantitativ, die übrigen qualitativ heissen können, weil jener sich auf
-das Quantum des Gegebenseins, diese sich auf das Quale des Gegebenen
-beziehen, und an deren jeden sich entsprechende methodische Verfahren
-zum Wissen zu gelangen anschliessen.
-
-51. Der erste derselben ist der Gesichtspunkt der
-Denknothwendigkeit. Der unwillkürlich gegebene erscheint als der nicht
-nicht zu denkende d. i. nothwendig zu denkende oder denknothwendige
-Denkinhalt; und zwar in desto höherem Grade, je besser die
-Unwillkürlichkeit seines Gegebenseins d. i. dessen Gegebensein ohne,
-ja wider den Willen des Denkenden bezeugt ist. Letzteres ist aber in
-desto höherem Grade der Fall: 1. je unwiderstehlicher derselbe sich
-aufdrängt und gegen alle mit Wissen und Willen angestellten Versuche,
-sich desselben zu erwehren, behauptet. In diesem Sinne gilt der Satz:
-facta loquuntur, und dass es nichts fruchte, gegen "Thatsachen" die
-Augen zu verschliessen; denn da die Ursache dieses ohne, ja wider
-Willen Gegebenseins nicht im Willen des Denkenden liegen soll, so
-kann dieselbe nur entweder in einem von diesem Willen Verschiedenen
-gelegen, oder das Gegebene müsste ohne Ursache (grundlos) gegeben
-sein. Letzteres ist um so unwahrscheinlicher, als der sogenannte Satz
-vom zureichenden Grunde (principium rationis sufficientis), welcher
-besagt, dass nichts ohne Grund erfolge, selbst wahrscheinlicher ist;
-denn auch dieser ist, als Denkinhalt betrachtet, kein willkürlich
-gemachter (erfundener), sondern selbst ein unwillkürlich gegebener
-(evidenter), dessen das Denken sich nicht zu erwehren vermag und
-der bei jedem sich bietenden Anlass sich wieder -- und was das
-Gewicht seines Gegebenseins verstärkt, Jedermann in gleicher Weise
-aufdrängt. Je unwahrscheinlicher es aber ist, dass das Gegebensein
-eines gewissen Denkinhalts ein blosser Zufall sei, desto mehr steigert
-sich dieselbe, wenn und in dem Masse, als derselbe Denkinhalt in
-zahlreicheren Fällen mit gleicher Unabweislichkeit wiederkehrt, und
-damit die Wahrscheinlichkeit, dass die Ursache seines Gegebenseins
-wie seiner Wiederholung in einer äusseren, und zwar beharrenden
-(objectiven, nicht subjectiven) Ursache, z. B. die sich aufdrängende
-Empfindung der rothen Farbe nicht in einer subjectiven Affection des
-Gesichtsorganes (Rothsehen), sondern in einem objectiven, von aussen
-kommenden Reize desselben ihren Grund habe.
-
-52. Die Unwillkürlichkeit des Gegebenseins wird aber 2. in noch
-höherem Grade bestätigt, wenn es sich zeigt, dass dieser beharrende
-und objective Grund nicht blos für den einzelnen Denkenden, sondern
-für alle Seinesgleichen in gleicher Weise besteht. Dies aber ist der
-Fall, wenn die Persönlichkeit des Denkenden als veränderlich angenommen
-und innerhalb derselben Gattung denkender Wesen jede beliebige andere
-Persönlichkeit an dessen Stelle gesetzt, der Erfolg ceteris paribus
-immer derselbe bleibt d. h. der dem Einzelnen als unwillkürlich
-gegeben erscheinende Denkinhalt auch jedem Anderen mit gleicher
-Unwiderstehlichkeit als ein solcher sich aufnöthigt, z. B. dieselbe dem
-Wahrnehmenden als Empfindung sich aufdrängende Gesichtsvorstellung auch
-von jedem Anderen an seiner Statt als solche empfunden wird. Ist es
-nämlich an sich schon höchst unwahrscheinlich, dass das unwillkürlich
-scheinende Gegebensein bei dem einen Denkenden blosser Zufall sei,
-so ist es noch unverhältnissmässig unwahrscheinlicher, dass derselbe
-Zufall sich bei jedem beliebigen an dessen Stelle tretenden Anderen
-wiederholen werde.
-
-53. Der höchste Grad der Bestätigung der Unwillkürlichkeit des
-Gegebenseins aber wird dann erreicht, wenn 3. derselbe Denkinhalt,
-der sich dem Einzelnen einmal oder zu wiederholtenmalen, ferner
-jedem Anderen an dessen Statt in gleicher Weise sich aufgenöthigt
-hat, von jedem Anderen nicht nur einmal, sondern in jedem beliebigen
-wiederkehrenden Fall als solcher erfahren wird d. h. wenn derselbe
-Denkinhalt für Jedermann und unter beliebig veränderten Umständen
-stets mit gleicher Unabweislichkeit als unwillkürlich gegeben
-empfunden wird. Das sich auf diese Thatsache gründende Verfahren kann
-als Constatirungs- oder mit Rücksicht auf die demselben zu Grunde
-liegende Zählung der Fälle, in welchen die Thatsache des unwillkürlich
-Gegebenseins beobachtet worden ist, als das statistische Verfahren
-bezeichnet werden. Durch die Fortsetzung desselben gelangt man mit der
-Zunahme der Zahl der Bestätigungen zu einem immer wachsenden Grade von
-Wahrscheinlichkeit, welche, wenn die Zahl der erfahrenen Bestätigungen
-jener der an sich möglichen Wiederholungen gleicht, zur völligen, wenn
-sie derselben sich nähert, ohne einen einzigen Fall des Gegentheils
-(negative Instanz) erlitten zu haben, zur moralischen Gewissheit wird.
-
-54. Der Grad dieser Wahrscheinlichkeit lässt sich, jedoch nur in
-dem Fall, wenn die Zahl der an sich möglichen Fälle bekannt ist, der
-Rechnung unterwerfen. Derselbe wird durch einen Bruch ausgedrückt,
-dessen Nenner die Zahl der überhaupt möglichen (m + n), dessen
-Zähler die Anzahl der beobachteten einander bestätigenden Fälle
-(m) ausdrückt. Erreicht die Anzahl der beobachteten die der an sich
-möglichen Fälle, so wird der Bruch m/(m + n) = (m + n)/(m + n) = 1
-und die Wahrscheinlichkeit verwandelt sich in Gewissheit. Erreicht sie
-dagegen nur die Hälfte der Zahl der an sich möglichen Fälle, so dass m
-= n ist, so wird der Bruch m/(m + n) = 1/2 und die Wahrscheinlichkeit
-verwandelt sich in halbe Gewissheit d. i. Zweifel. Geht die Zahl
-der beobachteten über die Hälfte der an sich möglichen Fälle hinaus,
-oder bleibt sie hinter derselben zurück, so wird der Bruch m/(m + n)
-im ersten Fall > 1/2, im zweiten Fall < 1/2 d. h. es tritt in jenem
-Fall Wahrscheinlichkeit, in diesem Unwahrscheinlichkeit ein.
-
-55. Der äussere Grund des unwillkürlich Gegebenseins kann, da er
-nicht im Willen des Denkenden liegt, nur entweder trotzdem im
-Denkenden selbst, und zwar entweder in dessen psychischer oder
-somatischer Beschaffenheit, oder ausserhalb desselben in der
-sogenannten Aussenwelt gelegen sein. Im letzteren Falle heisst
-das unwillkürlich Gegebene eine äussere, in beiden anderen Fällen
-dürfte es mit Rücksicht auf die innerhalb des Denkenden zu suchende
-Ortslage der Ursache eine innere Thatsache heissen; gewöhnlich wird
-aber nur die in der psychischen Beschaffenheit des Denkenden (in
-dessen Intellect oder Gefühlsleben) gelegene Ursache als eine innere
-bezeichnet; die in der somatischen Natur des Denkenden (z. B. in der
-anormalen Natur seiner Sinnesorgane) gelegene pflegt zu den äusseren
-Ursachen gerechnet zu werden. Innere Thatsachen werden daher nur
-solche genannt, welche Bewusstseinsthatsachen, sei es des Intellects,
-sei es des Gefühlslebens, sind, während alle übrigen, ihr Grund mag
-innerhalb oder ausserhalb der somatischen Natur des Denkenden liegen,
-äussere Thatsachen heissen; erstere bilden die Grundlage der inneren,
-letztere die Basis der äusseren Erfahrung.
-
-56. Zu den inneren Thatsachen, und zwar des Intellects, gehören
-unwiderstehlich sich aufdrängende und deshalb von gewissen Denkern als
-"angeboren" bezeichnete Begriffe und Urtheile (wenn es dergleichen
-gibt); zu den inneren Thatsachen des Gefühlslebens die unwiderstehlich
-sich aufdrängenden Aussprüche der Mahnung und Abmahnung, die von
-gewissen Denkern auf die Quelle einer unfehlbaren inneren Stimme (des
-moralischen oder ästhetischen Gefühls; das daimonion des Sokrates, der
-"deus in nobis") zurückgeführt worden sind (wenn es eine dergleichen
-gibt); alle übrigen Thatsachen, die ihren Grund in einer inner-
-oder ausserhalb des Leibes des Denkenden gelegenen Ursache haben,
-gehören im weiteren, diejenigen, welche ihren Grund in einer vom
-Leibe verschiedenen Ursache haben, wie die sogenannten "objectiven"
-Sinnesempfindungen, deren Grund "objective" d. h. von aussen kommende
-Sinnesreize sind, im engeren Sinne der äusseren Erfahrung an.
-
-57. Zur Constatirung, dass ein gewisser Denkinhalt Thatsache
-des Intellects d. h. unabweislich sei, sowie, dass ein solcher
-Thatsache des Gefühlslebens d. h. als Gefühl unwiderstehlich sei,
-gibt es demnach keinen von dem zur Constatirung, dass ein gewisser
-Denk- (z. B. Empfindungs-) Inhalt Thatsache der Erfahrung sei
-d. h. unvermeidlich empfunden werde, einzuschlagenden verschiedenen
-Weg. In jedem der genannten Fälle muss der Versuch, denselben mit
-Wissen und Willen nicht zu denken so oft und unter so vielfach
-wiederholten Umständen und von so Vielen wiederholt werden, bis
-sich die Aussichtslosigkeit, sich desselben erwehren zu können, zur
-moralischen Gewissheit erhoben hat. Denkinhalte, welche diese Probe
-bestanden haben, können als evidente d. i. einleuchtende, wenn auch
-weiter durch nichts begründungsfähige d. h. als unwiderlegliche,
-sei es Bewusstseins-, sei es Sinnesthatsachen, gelten.
-
-58. Bei den Intellects- und Gefühlsthatsachen, wie bei den
-Sinnesthatsachen bleibt dabei die von Moment zu Moment veränderliche
-Individualität des einzelnen, wie die von Individuum zu Individuum
-abweichende Individualität der mehreren Denkenden zu überwinden. Weder
-ist der Einzelne in verschiedenen Momenten seines Daseins sich selbst,
-noch sind die Einzelnen sich untereinander gleich. Der Intellect
-wird zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen eben überwiegenden
-Vorstellungskreisen, das Gemüth von eben vorhandenen Stimmungen
-beherrscht, welche dem gegebenen Denkinhalt ihre d. h. eine momentane
-oder temporäre subjective Färbung ertheilen. Das äussere Sinnesorgan
-des Beobachtenden unterliegt von Fall zu Fall oder von Beobachter zu
-Beobachter individuellen, sei es augenblicklichen, sei es habituell
-gewordenen Störungen, welche (wie z. B. die Farbenblindheit, die
-Kurz- oder Weitsichtigkeit) dem gegebenen Inhalt der Beobachtung
-eine sei es augenblickliche, sei es dauernde subjective Entstellung
-(z. B. Farbenfälschung, Entfernungsfälschung) aufprägen. Letztere
-Gefahr hat bei astronomischen Observationen zur Aufstellung der
-sogenannten Bessel'schen Augengleichung geführt, durch welche der
-habituelle Beobachtungsfehler jedes Beobachters ein- für allemal
-eruirt und sodann, wie der habituelle Gangfehler einer Uhr durch
-die sogenannte Zeitgleichung, bei jeder von demselben angestellten
-Beobachtung dieselbe corrigirend ebenso in Anschlag gebracht wird, wie
-durch Kenntniss der täglichen Acceleration oder Retardation des Pendels
-auch mittels einer fehlerhaften Uhr richtige Zeitbestimmungen erreicht
-werden können. Wie hier von der individuellen Natur des Beobachters,
-so muss bei Beurtheilung desjenigen, was als Bewusstseins-, sei es
-Intellects- oder Gefühlsthatsache, gelten soll, von der individuellen
-Natur wie der augenblicklichen Gemüthsstimmung abgesehen d. h. das
-Urtheil, dass ein gewisser Denkinhalt unwillkürlich gegeben sei,
-muss, um mit Kant zu reden, "mit Vermeidung aller Privatgefühle"
-gefällt werden.
-
-59. Der auf diesem Wege als denknothwendig nachgewiesene
-Denkinhalt gilt dem Denken als wahrer Denkinhalt. Die Idee
-der Denknothwendigkeit ist die erste logische d. h. die erste
-derjenigen Ideen, von welchen das Denken in seinem Streben, Wissen
-zu werden, sich leiten lässt. Da dieselbe auf dem Nachweise des
-unwillkürlich Gegebenseins des Denkinhalts, dieser Nachweis selbst
-aber auf einem Constatirungsverfahren beruht, dessen äusserste
-Grenze die zwar dem Bedürfniss genügende, aber die Sache selbst
-niemals erschöpfende moralische Gewissheit bildet, so folgt aus dem
-Erweise, dass ein gewisser Denkinhalt denknothwendig, allerdings
-nicht mit Nothwendigkeit, dass derselbe wahr sei, aber es folgt mit
-Nothwendigkeit, dass derselbe dem Denkenden wahr scheine.
-
-60. Die zweite logische Idee, die wie die folgenden auf dem Was des
-Denkinhalts, statt wie die erste auf dessen Wie, und zwar auf dem
-Verhältniss der einseitigen oder gegenseitigen Inhaltsidentität
-zweier Denkinhalte ruht, ist die der Analyse d. i. der Versuch,
-durch Auflösung des Inhalts in seine näheren und entfernteren
-Bestandteile zu einem Urtheil über dessen Wahrheit oder Falschheit zu
-gelangen. Dieselbe tritt, wie oben angeführt, wenn die Inhaltsidentität
-einseitig ist, als Subsumtion, wenn sie gegenseitig ist, als
-Subordination des einen unter den andern Denkinhalt auf, an welche die
-betreffenden Verfahrungsweisen, und zwar an die erstere die analytische
-(regressive) und synthetische (progressive), an die letztere die
-Abstractions- und die Determinationsmethode sich anschliessen.
-
-61. Die dritte logische Idee, die auf der Identität des Umfangs
-(Aequipollenz) beruht, ist die Gleichgeltung d. i. der Versuch, durch
-Substituirung eines dem Gegebenen gleichgeltenden Denkinhalts zu einem,
-wenigstens dem Inhalte nach von dem ersten verschiedenen, neuen auf
-einem Wege zu gelangen, auf welchem die Wahrheit oder Falschheit des
-letzteren aus jener des gegebenen sich folgern lässt. Auf dieselbe
-gründet sich das, wenn man die Identität des Umfangs im Auge hat,
-Substitutionsmethode, wenn man die Verschiedenheit des Inhalts in
-Betracht zieht, Transmutationsmethode genannte Verfahren, in welchem
-die Wahrheit des ursprünglich gegebenen Denkinhalts durch allen nicht
-blos scheinbaren, sondern wirklichen Wechsel des Inhalts hindurch
-und trotz desselben sich forterhält.
-
-62. Die vierte logische Idee ist die der Synthese d. i. die Verknüpfung
-disparater Denkinhalte in Folge eines nicht aus der Betrachtung des
-Inhalts desselben abgeleiteten, diesem fremden, aber zur Begründung
-jener zureichenden Grundes. Je nachdem derselbe entweder eine äussere
-(Sinnes-, aposteriorische) oder (wie bei Kant's mathematischen
-Urtheilen) eine reine (Intellectual-, apriorische) Anschauung ist,
-ist die Synthesis selbst entweder empirisch (zufällig, particulär),
-welche blosse Wahrscheinlichkeit, oder apriorisch (allgemein,
-nothwendig), welche (wenn es deren überhaupt gibt) ausnahmslose
-Gewissheit gewährt. Auf dieselbe gründet sich das empirisch- (wenn
-die Synthese eine empirische) oder apriorisch- (wenn die Synthese
-eine reine ist) synthetische Verfahren, welches im ersten Falle
-zu empirischen (mehr oder weniger wahrscheinlichen), dagegen im
-letzteren Falle zu apriorischen (mit dem Anspruch auf Allgemeinheit
-und Nothwendigkeit ausgesprochenen) Ergebnissen führt.
-
-63. Die fünfte logische Idee ist die der Ausschliessung, welche auf
-dem Verhältniss des Gegensatzes, und zwar als Widerstreit auf dem des
-conträren, als Widerspruch auf dem des contradictorischen, dagegen als
-sogenannte "Einheit der Gegensätze" (Synthese des Ausgeschlossenen) auf
-dem des subconträren Gegensatzes beruht. Während die ersten beiden blos
-trennend (disjunctiv), verhält sich der letzte zugleich verbindend
-(copulativ). An jene schliesst sich ein negatives, Denkinhalte
-scheidendes, an dieses ein affirmatives, Geschiedenes wieder
-vereinigendes Verfahren an, daher jenes vorzugsweise als die Methode
-des scharfsinnigen, verborgene Unterschiede des Aehnlichen streng
-sondernden Verstandes, dieses als die einer tiefsinnigen, verborgene
-Aehnlichkeit des Geschiedenen aufspürenden, Entgegengesetztes als
-Eins schauenden (speculativen) Vernunft angesehen wird.
-
-64. Keine der fünf angeführten logischen Ideen ist der Schlüssel zum
-ganzen Wahren, aber jede derselben ist ein Schlüssel zu Wahrem. Weder
-dasjenige Verfahren im Denken, welches sich ausschliesslich auf das
-unwillkürliche Gegebensein (Positivität) des Denkinhalts stützt und
-daher Positivismus oder, weil das Gegebene als Thatsache gilt, auf
-Thatsachen gegründetes Denken d. i. Empirismus heisst, noch das ebenso
-ausschliesslich auf das Was des Denkinhalts (Rationalität) gegründete
-Verfahren, welches auf die Beziehungen (rationes) der Denkinhalte
-zu und unter einander sich stützt und deshalb Rationalismus heisst,
-erschöpft die Totalität des dem Denken zugänglichen Erkenntnissgehalts;
-beide sind, indem der Positivismus des rationalen Verfahrens bedarf,
-um von den gegebenen Thatsachen aus, der Rationalismus der positiven
-Grundlage bedarf, um von derselben aus weiter fortzuschreiten, dazu
-bestimmt, einander gegenseitig zu ergänzen.
-
-65. Der Positivismus oder das lediglich von Thatsachen ausgehende
-Denken ist, je nachdem diese letzteren innere oder äussere
-(Bewusstseins- oder Sinnesthatsachen), die ersteren entweder Thatsachen
-des Intellects, oder des Gefühls, oder des Willens, die letzteren
-entweder durch krankhafte von innen kommende oder durch normale
-von aussen kommende Sinnesreize erzeugte Sinnesthatsachen, blosse
-Hallucinationen (visiones) oder Wahrnehmungen des äusseren Sinnes
-(visus et auditus) sind, nach der Reihe entweder intellectualer
-(wie der auf angeborne Ideen sich berufende Cartesianismus) oder
-sensualer (wie die Gefühlsphilosophie Jacobi's, die schottische
-Moral- und sogenannte Philosophie des gesunden Menschenverstandes),
-oder theletischer (wie die Willensphilosophie Schopenhauer's),
-oder visionärer (wie Swedenborg's Mysticismus und Spiritismus), oder
-sensualistischer Positivismus (wie die philosophie positive Comte's,
-welche seit Diesem im engeren und eminenten Sinne diesen Namen
-führt). Nimmt derselbe hierbei seinen Ausgangspunkt lediglich von
-den Thatsachen der, sei es inneren, sei es äusseren Erfahrung, so ist
-er gemeiner, unkritischer Positivismus (Dogmatismus); betrachtet er
-dagegen die Erfahrung selbst (sei es die innere, sei es die äussere)
-als Thatsache, neben und ausser welcher noch andere thatsächliche
-Erfahrungen (aussermenschliche oder übermenschliche) möglich sind,
-so ist er transcendentaler, kritischer Positivismus (Kriticismus).
-
-66. Der Rationalismus oder das lediglich auf die ein- oder
-gegenseitigen Beziehungen (rationes) des Denkinhalts sich stützende
-Denkverfahren ist entweder analytischer, wenn er lediglich durch
-die logischen Ideen der Analyse, der Gleichgeltung und der conträren
-oder contradictorischen Ausschliessung, dagegen synthetischer, wenn
-er überdies durch jene der Synthese sich leiten lässt. Letzterer
-heisst empirischer, wenn die Synthese ausschliesslich aposteriorisch,
-dagegen reiner, wenn dieselbe (wie etwa in Kant's mathematischen
-Urtheilen) apriorisch verstanden wird. Tritt zu den logischen Ideen des
-empirischen Rationalismus jene des Widerstreits und des Widerspruchs
-in der Weise gesetzgebend hinzu, dass, was durch empirische Synthese
-gegeben ist, trotzdem ohne Umbildung (Berichtigung oder Ergänzung)
-nicht behalten werden darf, sobald es Widersprüche einschliesst, so
-geht derselbe in rationalen Empirismus über, während er im Gegenfall
-empirischer Irrationalismus (Empiristik) wird. Tritt zu den logischen
-Ideen, welche den reinen Rationalismus leiten, jene der "Einheit der
-Gegensätze" in der Weise hinzu, dass das durch den Verstand Getrennte
-(Reflexions- oder Verstandesphilosophie) in einer "höheren" Vernunft-
-(intellectualen) Anschauung wieder als Eins geschaut wird, so geht der
-reine in speculativen Rationalismus (rationale Dialektik, speculative
-oder Vernunftphilosophie) über.
-
-67. Wenn die logischen Ideen als Vorbilder des Denkens dasselbe zum
-Wissen (Erkenntniss), so führen die Gegentheile derselben dasselbe zum
-Nicht- oder Scheinwissen (Irrthum). Gegentheil der Denknothwendigkeit
-ist die Denkzufälligkeit, des unwillkürlich Gegeben- das willkürlich
-Gemachtsein des Denkinhalts, in Folge dessen derselbe im Gegensatz
-zum erfahrenen (Erlebniss) als erfundener (Fiction) erscheint. Das
-Gegentheil der Analyse d. i. der Zerlegung des Denkinhalts in seine
-Bestandtheile, wodurch derselbe deutlich wird, ist die Confusion
-d. i. die Vermengung der verschiedenen Bestandtheile des Denkinhalts,
-wodurch derselbe verworren und dunkel wird. Das Gegentheil der Gleich-
-ist die Ungleichgeltung des Denkinhalts, wodurch beliebige Denkinhalte,
-welche nichts weder dem Inhalt noch dem Umfang nach mit einander gemein
-haben, für einander gesetzt werden. Das Gegentheil der berechtigten
-oder doch für berechtigt gehaltenen, sei es auf wirklicher Gewöhnung
-beruhenden empirischen oder auf, wenn auch blos vermeintlicher,
-reiner Anschauung beruhenden apriorischen Synthese bildet die, sei
-es in einem, sei es im andern Sinn unberechtigte, entweder, statt auf
-wirklicher Gewöhnung, auf blosser Angewöhnung oder Verwöhnung beruhende
-empirische, oder nicht einmal auf vermeintlicher, sondern willkürlich
-behaupteter (stat pro ratione voluntas) reiner Anschauung beruhende,
-fälschlich für apriorisch ausgegebene Synthese. Das Gegentheil der
-Idee der Ausschliessung bildet die Duldung der Gegensätze, und zwar
-nicht blos des conträren und contradictorischen, sondern auch die
-des subconträren, welche letztere sich durch die Annahme der "Einheit
-der Gegensätze" von blosser Toleranz bis zur durch die logische Idee
-der Ausschliessung verbotenen positiven Anerkennung des Widerspruchs
-steigert und in diesem die Wahrheit findet. Wie die logischen Ideen
-als Schlüssel zum Wahren, kann jedes dieser ihrer Afterbilder als
-ein solcher zum Falschen dienen.
-
-68. Wie die Summe der logischen Ideen zusammengenommen das Muster
-darstellt, dem das Wahre, so stellt die Summe der Gegentheile derselben
-das Schema dar, welchem ganz oder theilweise das Unwahre gleichen
-muss. Mit der Aufstellung beider, des Einen zur Nachahmung, des Andern
-zur Abschreckung für jedes Denken, das Wissen (Erkenntniss) werden
-will, ist das Geschäft der Logik als allgemeiner Wissenschaft von
-den normalen und anormalen Formen des Denkens (Denknormen) vollendet.
-
-
-
-
-
-
-
-
-ZWEITES CAPITEL.
-
-DIE ÄSTHETISCHEN IDEEN.
-
-
-69. Wie die logischen Ideen die (formalen) Normen enthalten,
-unter welchen beliebiger Denkinhalt zum wahren d. i. zum unbedingt
-d. h. von Jedermann und allezeit als solcher anerkannten Denkinhalt
-wird, so stellen die ästhetischen Ideen die Bedingungen dar,
-unter welchen beliebiger Vorstellungsinhalt zu schönem d. i. zum
-unbedingt d. h. von Jedermann und allezeit als solches anerkanntem
-Wohlgefälligen wird. Während dagegen die logischen Ideen auf ein
-jenseits des Denkinhalts Gelegenes d. i. auf ein Object hinweisen,
-auf welches derselbe bezogen wird, weisen die ästhetischen von dem dem
-Denkenden vorschwebenden Vorstellungsinhalte auf diesen als das Subject
-zurück, von welchem derselbe sei es mit Beifall oder mit Missfallen
-aufgenommen wird. Jenen, die auf ein Gewusstes d. h. einen dem Sein
-entsprechenden Denkinhalt ausgehen, ist es daher keineswegs, diesen
-dagegen, die blos auf ein Wohlgefälliges d. h. einen dem Denkenden
-genehmen Vorstellungsinhalt aus sind, aber völlig gleichgiltig, ob
-ein diesem Denk- oder Vorstellungsinhalt entsprechender Gegenstand
-jenseits oder nebst demselben thatsächlich vorhanden sei.
-
-70. Der Unterschied beider Auffassungsweisen lässt sich durch das
-Verhältniss des Denkers und des Dichters zu ihren beiderseitigen
-Stoffen erläutern. Der Denker, er sei nun Philosoph oder Empiriker, hat
-ein Interesse daran, dass der Inhalt seiner, sei es philosophischen,
-sei es für Erfahrung gehaltenen Gedanken mit dem Inhalt, sei es der
-philosophischen, sei es der Erfahrungs- (naturgeschichtlichen oder
-historischen) Wahrheit sich decke, z. B. dass der Held seiner Gedanken
-dem Helden der Geschichte congruent sei. Der Dichter, er sei nun ein
-solcher in Farben, Tönen oder Worten, hat nur ein Interesse daran,
-dass der Inhalt seiner Vorstellungs- (Farben-, Ton- oder poetischen)
-Welt wohlgefällig d. h. seiner eigenen, sowie den Anforderungen seiner
-Zuschauer-, Zuhörer- oder Lesewelt an ein ästhetisches Kunstwerk
-angemessen sei. Der Held seiner Tragödie braucht darum keineswegs
-mit dem (wenn auch gleichnamigen) Helden der Geschichte sich zu
-decken. Jener nimmt als Historiker an Richard III., Egmont, Wallenstein
-ein historisches, dieser als Dramatiker an denselben Persönlichkeiten
-nur ein dramatisches (ästhetisches) Interesse. Ersterem kommt es darauf
-an, seinen Helden zu schildern, wie er wirklich war, aus keinem anderen
-Grunde, als weil er so war; dieser begnügt sich denselben darzustellen,
-wie er seiner Charakteranlage nach nicht nur hätte sein können, sondern
-bei ungehemmter Entfaltung derselben unter den gegebenen Verhältnissen
-hätte sein müssen, aus keinem anderen Grunde, als weil die wirkliche
-Entfaltung eines Charakters nur die naturgesetzlich-nothwendige Folge
-seiner ursprünglichen psychischen Naturell- und Temperamentsanlage
-sein kann.
-
-71. Verglichen mit dem wissenschaftlichen (theoretischen) Interesse
-an der Wahrheit und Wirklichkeit des Gedachten ist das ästhetische
-an der blossen Wohlgefälligkeit und Möglichkeit des Vorgestellten
-streng genommen kein Interesse. Der Poet oder überhaupt der Künstler
-scheint dem Forscher und Gelehrten interesselos, gleichgiltig,
-wie seinerseits wieder dieser gegen die künstlerische Abrundung und
-innere Geschlossenheit eines dem Reiche des blossen Scheins angehörigen
-Phantasiebildes kalt und theilnahmslos bleibt. Der ästhetisch Gestimmte
-nennt den um Wahrheit und Wirklichkeit seiner Gedanken besorgten Denker
-und Gelehrten einen Realisten und Prosamenschen; dieser den nur auf
-Schönheit und innere Vollendung bedachten Künstler einen Idealisten und
-phantastischen Schwärmer. Die Gedankenwelten beider sind durch eine
-tiefe Kluft getrennt, über welche gleichwohl die Unverbrüchlichkeit
-der logischen Ideen, ohne welche auch die wohlgefällige Gedankenwelt
-nicht möglich, durch welche allein aber weder die wirkliche noch irgend
-eine mögliche Welt wohlgefällig wird, eine ausgleichende Brücke spannt.
-
-72. Aus dem Vorstehenden geht hervor, dass das Schöne (die ästhetische
-Vorstellungswelt) Schein, keineswegs aber folgt daraus, dass jeder
-Schein schön sei. So wenig zur Wahrheit eines beliebigen Denkinhalts
-genügt, dass derselbe Inhalt eines Denkens, so wenig reicht es zur
-Schönheit eines beliebigen Vorstellungsinhalts hin, dass derselbe
-Inhalt eines Vorstellens sei. Wie vom logischen Gesichtspunkt aus
-weder kein noch jeder Denkinhalt wahr, so ist vom ästhetischen
-Gesichtspunkt aus weder kein noch jeder Schein schön; ästhetischer
-Dogmatismus und Skepticismus sind wie logischer Dogmatismus und
-Skepticismus gleichmässig abzuweisen. Und wie für die Logik daraus
-die Aufgabe erwächst, die Merkmale anzugeben, durch welche wahrer
-von falschem Denkinhalt, so erwächst für die Aesthetik die ihrige,
-die Kennzeichen festzustellen, durch welche schöner von unschönem
-(hässlichem) Schein sich unterscheidet.
-
-73. Wie von derjenigen Logik, welche die Wahrheit in der
-Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein, also in einem materialen
-Kriterium findet, das Kennzeichen des wahren im Unterschied zum
-falschen Denkinhalt darin gefunden wird, dass durch denselben ein
-anderer, der Seinsinhalt, gedacht und zwar so gedacht wird, wie er
-wahrhaft ist: so wird von derjenigen Aesthetik, welche die Schönheit
-in der Uebereinstimmung der Idee mit der sinnlichen Erscheinung, also
-in einem materialen Kriterium findet, das Kennzeichen des schönen vor
-hässlichem Schein darin gefunden, dass durch jenen ein Anderes, nämlich
-die Idee hindurchscheint und zwar so hindurchscheint, wie sie wahrhaft
-ist. Dieselbe, die eben darum Gehaltsästhetik heisst, geht davon aus,
-dass das Schöne nicht sowohl Schein, als vielmehr Erscheinung eines
-hinter demselben befindlichen idealen Gehalts und daher nicht an sich
-und um seiner selbst willen, sondern mittelbar und um eines andern,
-des in demselben zur sinnlichen Erscheinung kommenden Gehalts willen
-schön sei. Dasselbe verhält sich dieser Auffassung zufolge zu dem in
-demselben erscheinenden um seiner selbst willen werthvollen Gehalt
-wie der Mond, der sein Licht von der Sonne empfängt, während diese
-im ureignen Lichte strahlt.
-
-74. Das Schöne als sinnlicher Schein ist von diesem Gesichtspunkte
-aus betrachtet nichts weiter als die sinnliche Hülle eines an sich
-unsinnlichen oder, wenn man will, übersinnlichen, sei es persönlich
-(wie in der theistischen Aesthetik: Carrière), sei es unpersönlich
-(wie in der pantheistischen Aesthetik: Vischer) gedachten Wesens,
-also im ersten Falle die sinnliche Erscheinung Gottes, im zweiten die
-sinnliche Erscheinung der logischen oder ethischen Idee. Ersterer
-Auffassung zufolge wäre sonach Schönheit überall dort, wo Gott,
-aber auch nur dort, wo dieser erscheint, letzterer Auffassung zufolge
-überall dort, wo die (sei es theoretische oder praktische) Vernunft,
-aber auch nur dort, wo diese erscheint. Wie das Schöne mit dem sinnlich
-erscheinenden Göttlichen, so fiele dessen Gegentheil, das Hässliche,
-mit dem gleichfalls sinnlich erscheinenden Un- oder Widergöttlichen
-(dem Dämonischen oder Satanischen: Weisse) -- zusammen; wie das Schöne
-mit der sinnlich erscheinenden Vernunft (dem Wahren und Guten), so
-fiele dessen Gegentheil mit der gleichfalls sinnlich erscheinenden
-Un- oder Widervernunft (dem A- oder Antilogischen, Unwahren, dem Un-
-oder Widersittlichen, dem Bösen) zusammen. Im ersten Falle erhielte
-das Schöne wesentlich religiösen, im letzteren dagegen einen im Wesen
-lehrhaften (didaktischen und moralischen) Charakter.
-
-75. Folge des ersteren ist, dass die (religiöse) Gehalts-Aesthetik
-die Kunst der Religion unter-, Folge des letzteren ist, dass die
-(nichtreligiöse aber philosophische) Gehalts-Aesthetik die Philosophie
-der Kunst überordnet. Jene macht dieselbe zur Dienerin der Theologie,
-diese weist ihr den Beruf zu, die "Wahrheit im Bilde" (das Allgemeine
-im Besonderen: Allegorie, oder im Individuellen: Symbol) darzustellen.
-
-76. Demzufolge hätte die Kunst keinen andern Zweck, als sich
-selbst überflüssig zu machen d. h. sich entweder in Religion oder
-in Philosophie, der schöne Schein keine andere Bestimmung, als sich,
-sobald irgend möglich, in übersinnliches Sein, sei es in das göttliche,
-sei es in das der Idee, aufzulösen. Die Sinnlichkeit, die nach Leibnitz
-nur eine "dunkle Vernunft" d. i. eine verworrene Erkenntniss (notio
-confusa) des Wahren ist, bildet nur die untergeordnete Vorstufe zur
-reinen Vernunft, welche als solche "klare" d. i. deutliche Erkenntniss
-(notio clara atque distincta) der Wahrheit ist. Die Vollkommenheit
-der ersteren, durch welche schon das niedere Erkenntnissvermögen
-in den Stand gesetzt wird, das Wahre und Gute, wenngleich nur
-sinnlich zu erkennen, bietet der schwachen, mit der irdischen
-Mangelhaftigkeit sinnlicher Leiblichkeit behafteten Menschennatur
-einen dürftigen Ersatz für die mangelnde Vollkommenheit reiner
-Vernunfterkenntniss, deren übermenschliche Wesen in höherem Grade,
-und die Gottheit, die aller Sinnlichkeit ledig ist, im höchsten Grade
-sich erfreuen. Dieselbe macht, wie die Sinnlichkeit den Unterschied
-des Menschen vom reinen Geistwesen, so gewissermassen einen Vorzug
-desselben vor diesem aus, indem der Mensch, der allein Sinnlichkeit
-besitzt, allein auch der Vollkommenheit derselben d. i. der Schönheit,
-fähig ist. Derselbe theilt, um mit Schiller zu reden, "sein Wissen"
-(die reine Vernunfterkenntniss) zwar "mit höheren Geistern", die
-Kunst aber hat derselbe "allein".
-
-77. Wie das Schöne nach dieser Auffassung nur eine dem Wissen
-parallele Auffassung des Wahren und Guten, die Kunst nur eine der
-Wissenschaft parallele Darstellung von beiden, so ist die Aesthetik als
-Wissenschaft von der Vollkommenheit der sinnlichen Erkenntniss nach
-dieser zuerst von Baumgarten aufgebrachten, von den platonisirenden
-Aesthetikern des nachkantischen Idealismus (Schelling, Hegel und
-ihren Schulen) adoptirten Auffassung eine Paralleldisciplin der
-Logik als Wissenschaft von der Vollkommenheit der reinen Vernunft-
-und Verstandeserkenntniss. Indem sich dieselbe zur Aufgabe setzt,
-das niedere Erkenntnissvermögen, den Sinn, als Erkenntnissorgan
-zur Vollkommenheit zu bringen, steckt sich dieselbe ein Ziel,
-welches nachher die von Mill und Anderen sogenannte inductive
-Logik mit ungleich grösserem Recht und Erfolg sich vorgesetzt
-hat. Indem dieselbe das Schöne als sinnliche d. i. zugleich ver-
-und entschleiernde Hülle desselben Wahren und Guten betrachtet, von
-welchem die Wissenschaft durch Vernunft (Philosophie) die nackte und
-schleierlose Erkenntniss ist, setzt sie dasselbe zu einem Nothbehelf,
-zu einer Staarbrille herab, da das operirte Auge des Sehendgewordenen
-den selbst leuchtenden Glanz der Idee nicht aushält.
-
-78. Weder Beliebigkeit des Gehalts, noch dessen an sich vorhandene
-Trefflichkeit, also überhaupt nicht Beschaffenheit des Gehalts macht
-den Schein zum Schönen. Ersteres nicht, weil sonst jeder Schein schön,
-das Zweite nicht, weil der Schein, um schön zu sein, aufhören müsste zu
-scheinen, das Dritte nicht, weil der Schein, wenn er Gehalt besässe,
-nicht Schein sondern Erscheinung wäre. Sehen wir aber beim Schein
-(Bild) von der Forderung eines hinter demselben verborgenen Gehaltes
-(Sinn) ab, so dass nur jener (das vorschwebende Bild) und der, dem
-er scheint (das Subject, dem das Bild vorschwebt), übrig bleibt, so
-kann, da nicht jeder Schein schön ist, der Grund, um deswillen einiger
-Schein schön ist, anderer nicht, nur entweder in der Beschaffenheit
-des Scheins als Schein, oder in der Desjenigen, dem er scheint (des
-ästhetischen Subjects) gefunden werden.
-
-79. Ersterer Fall schliesst in sich, dass der schöne Schein als
-Schein gewisse Eigenschaften besitze, die dem nichtschönen abgehen;
-letzterer Fall erheischt, dass das ästhetische Subject, dem nur schöner
-Schein scheint, von demjenigen, dem auch unschöner vorschwebt, der
-Art nach verschieden, beziehungsweise das erstere vor dem letzteren
-bevorzugt, sozusagen ein ästhetisches "Sonntagskind" sei. Aus dem
-ersteren folgt, dass der Aesthetik die Aufgabe erwachse, die dem
-Schein als Schein nothwendigen Eigenschaften, um schön zu sein,
-aufzuspüren; aus dem letzteren folgt, dass es ein Mittel geben
-müsse, das wirkliche von dem vermeintlichen, entweder sich selbst
-betrogener- oder betrügerischerweise dafür ausgebenden oder von Anderen
-fälschlicherweise dafür gehaltenen "Sonntagskind" d. h. das echte,
-geborene Genie (den künstlerischen Edelstein) von dem unechten,
-nachgemachten oder sich selbst dazu machenden Aftergenie (dem
-pierre-de-Strass der Kunst) zu unterscheiden.
-
-80. Letzteres kann in nichts anderem bestehen, als in dem Nachweis,
-dass das einem gewissen Subject schön Scheinende wirklich schön
-d. h. dass das für ein ästhetisches Genie sich ausgebende oder dafür
-gehaltene Subject wirklich ein solches sei. Dieser Nachweis kann
-aber nicht dadurch geführt werden, dass der Ursprung des fraglichen
-Scheins aus diesem fraglichen Subject erwiesen wird, denn eben, ob
-dieses Subject als solches Genie sei, ist die Frage. Die Schönheit des
-dem genannten Subject vorschwebenden Scheins muss daher unabhängig
-von dessen Ursprung aus jenem Subject d. h. dieselbe kann nicht
-(historisch) durch den Hinweis auf den Ursprung, sondern sie muss
-(philosophisch) durch den Hinweis auf die Beschaffenheit des Scheins
-dargethan werden.
-
-81. Nicht die Person des Gesetzgebers rechtfertigt das Gesetz; die
-Güte des Gesetzes bewährt vielmehr den Gesetzgeber. Ist diejenige
-Beschaffenheit, welche den Schein zum Schönen macht, an sich erkannt,
-so ist damit auch der Massstab zur Beurtheilung des Anspruchs
-des Subjects, dem er scheint, gegeben, für ein aesthetisches zu
-gelten: nicht umgekehrt. Wie diejenige Aesthetik, die den durch
-die sinnliche Hülle hindurchscheinenden Gehalt zum Massstab der
-Schönheit nimmt, didaktischen, so nimmt diejenige Form derselben,
-welche die Offenbarungen des wahren oder blos vermeintlichen Genius
-zur Norm für die Nachahmung erhebt, positiven (historischen) Charakter
-an. Jene bewundert das Schöne, weil es wahr oder gut, diese, weil
-es Product dieses oder jenes (mit Recht oder Unrecht) bewunderten
-Geistes ist. Der wahre Grund der Bewunderung des Schönen kann aber
-weder in dem Umstand, dass es Erscheinung eines Gehalts, noch in dem,
-dass es Schöpfung eines gewissen (Einzel-, Volks-, Zeit-) Geistes ist,
-sondern muss in dem Besitz derjenigen Eigenschaften gesucht werden,
-die es zum Schönen machen.
-
-82. Weder die theologisirende, noch die metaphysicirende, am wenigsten
-die moralisirende Aesthetik, welche einen der Kunst fremden, und
-ebensowenig der ästhetische Positivismus oder Historismus, welcher
-eine einzelne positive oder geschichtlich gegebene Erscheinung
-der Kunst (z. B. die Antike oder die mittelalterliche Kunst) zum
-allgemein giltigen Massstab des Schönen erheben will, stellt die
-wahre Form dieser Wissenschaft dar. Diese kann nur von der Betrachtung
-derjenigen Eigenschaften, welche das Schöne als Schein -- abgesehen
-ebenso von dessen möglicher oder wirklicher Bedeutung für einen
-ausserhalb desselben gelegenen Gehalt, wie von dessen Ursprung aus
-einem schöpferischen Subject -- an sich (objectiv) besitzt, ihren
-streng wissenschaftlichen Ausgang nehmen.
-
-83. Aesthetik als Wissenschaft ist daher weder materiale, den Schein
-auf ein Sein beziehende, noch historische, den Schein seinem Ursprung
-nach erklärende, sondern wesentlich formale, den Schein als Schein
-behandelnde Wissenschaft. Da sich nun, wenn, wie gefordert, sowol
-von der Bedeutung, wie von dem Ursprung des Scheins abgesehen wird,
-an diesem nichts weiteres unterscheiden lässt, als wie derselbe und
-was an demselben scheint, so kann die dem Schein als Schein zugewandte
-Betrachtung wesentlich keine anderen als diese zwei Gesichtspunkte
-umfassen.
-
-84. Ersterer, welcher das Wie d. i. die Lebendigkeit, Kraft,
-Energie, Reichthum, Fülle und Mannigfaltigkeit des Scheins oder deren
-Gegentheile ins Auge fasst, kann der Gesichtspunkt der Quantität,
-letzterer, welcher die Einheitlichkeit oder Gegensätzlichkeit, innere
-Uebereinstimmung oder Widerstreit des Scheins zum Objecte hat, der
-qualitative heissen. Jener umfasst das Verhältniss, in welchem das
-Quantum des vorschwebenden Scheins zu der aufnahmsfähigen Capacität
-des ästhetischen Subjects steht, letzterer begreift die Verhältnisse,
-in welchen entweder der vorschwebende Schein seinem Was nach zu einem
-ausserhalb desselben gelegenen Sein steht, oder, da nach dem Obigen von
-einem solchen hier abgesehen werden muss, diejenigen, in welchen die
-Theile des Scheins ihrem Was nach zu- und untereinander stehen. Nach
-dem ersteren wird der starke vom schwachen, der reiche vom dürftigen,
-der geordnete vom ordnungslosen Schein, nach diesem werden im Inhalt
-des Scheins gleiche und ungleiche, verträgliche und unverträgliche,
-harmonische und disharmonische Theile unterschieden.
-
-85. In Bezug auf das Wie steht der starke d. i. mit einem hohen Grad
-von Lebhaftigkeit dem ästhetischen Subject vorschwebende Schein
-dem schwachen d. i. nur mit einem geringen Grad von Lebhaftigkeit
-im Bewusstsein vorhandenen; der reiche, einen grössern Raum im
-Bewusstsein mit mannigfaltigem Inhalt ausfüllende Schein dem dürftigen,
-mit einförmigem Inhalt erfüllten; der in sich zusammenhängende und
-geordnete dem zusammenhangslosem und in sich ordnungslosem Schein
-gegenüber: so dass je der erstere, wenn von dem Was des Vorschwebenden
-abgesehen und nur das Wie des Vorschwebens im Auge behalten wird,
-vor dem letzteren -- was den die Vorstellung des Scheins im Gemüth
-begleitenden Zusatz des Wohlgefallens oder Missfallens betrifft -- den
-Vorzug hat. Wird lebhafterer Vorstellungsinhalt mit minder lebhaftem
-nur in Bezug auf den Grad der Lebhaftigkeit beider verglichen, so
-gefällt der erstere neben dem letzteren, missfällt der letztere
-neben dem ersteren unbedingt, welches auch immer der Inhalt des
-Vorschwebenden selbst oder die sonstige, individuelle Gemüths- und
-Geistesbeschaffenheit des Subjectes sei, dem er vorschwebt. Aus diesem
-Grunde gefällt die sinnliche Vorstellung mehr als die unsinnliche, das
-Bild mehr als der Begriff, die anschauliche Vorstellung mehr als die
-abgezogene, die concrete mehr als die abstracte; aber auch dasjenige,
-was "in kürzester Zeit die grösste Menge von Vorstellungen anregt"
-(worin Hemsterhuis und Goethe das Wesen des Schönen fanden) mehr als
-dasjenige, das in verhältnissmässig langem Zeitraum verhältnissmässig
-wenig Vorstellungen erzeugt, dasjenige, welches das Vorstellen in
-gesetzlicher und geregelter Weise beschäftigt, mehr als dasjenige,
-durch welche dasselbe in sprunghafte und verworrene Thätigkeit geräth.
-
-86. Der Grund des Gefallens in dem einen, des Missfallens in dem
-anderen Falle liegt in der naturgesetzlichen Beschaffenheit des
-Bewusstseins. Wird das Vorstellen in eine seiner Natur angemessene
-Bethätigung versetzt, so entsteht ein Lust-, findet das Gegentheil
-statt, ein Unlustgefühl. Da nun die lebhafte d. i. mit einem höheren
-Grade von Intensität vorgestellte Vorstellung das Vorstellen in einem
-höheren Grade beschäftigt als dies bei der minder lebhaften d. i. mit
-einem geringeren Grade von Intensität vorgestellten Vorstellung der
-Fall ist, so dass die Differenz der Intensitätsgrade beider auf der
-Bewusstseinsscala sich wie die Differenz der Wärme-Intensitäten auf
-der Thermometerscala ablesen lässt, so folgt, dass das Vorstellen
-der lebhafteren von einem höheren, jenes der minderen Intensität von
-einem geringeren Lustgefühl begleitet sein muss, welches letztere,
-nur mit dem ersteren verglichen, als relatives Unlustgefühl sich
-herausstellt. Dasselbe muss bei dem reicheren und mannigfaltigeren
-verglichen mit dem dürftigeren und einförmigeren Vorgestellten der
-Fall sein, indem das erstere das Vorstellen nicht nur quantitativ,
-sondern auch qualitativ mehr beschäftigt als das letztere; und eben
-dies bei dem in sich zusammenhängenden und gesetzmässigen Vorgestellten
-im Gegensatze zu dem in sich zerrissenen und lückenhaft Vorgestellten,
-indem das erstere das Vorstellen in einem naturgemässen und sich aus
-sich selbst entwickelnden Gange erhält, das letztere dasselbe durch
-seine Zusammenhanglosigkeit nöthigt, seinen Gang zu unterbrechen,
-sowie durch seine Sprunghaftigkeit, seine bisherige Richtung plötzlich
-und gewaltsam abzubrechen und eine neue durch nichts vorbereitete
-und vermittelte Richtung einzuschlagen. Von der Unlust, die das
-Bewusstsein durch den Mangel oder die Monotonie des Vorstellungsinhalts
-erleidet, gibt das Gefühl der Langenweile -- von der Unlust, welche die
-gezwungene Unterbrechung oder das gewaltsame Abbrechen der bisherigen
-Vorstellungsreihe mit sich führt, gibt der Widerwille Zeugniss, den
-das Anhören eines zusammengewürfelten Vortrags oder das Auffassen
-einer regellosen Körpergestalt dem Vorstellenden einflösst.
-
-87. Aus der Natur des Bewusstseins folgt es auch, dass weder der
-Intensitätsgrad, noch die Fülle des dem Vorstellen Dargebotenen eine
-gewisse äusserste Grenze der Leistungsfähigkeit desselben überschreiten
-darf. Das "nicht zu gross" und "nicht zu klein", worin Aristoteles
-in seinem bekannten Beispiel von dem hundert Stadien langen Thiere
-das Wesen des Schönen findet, hat seine Geltung nicht sowol in Bezug
-auf die Grenzen des vorzustellenden Objects, als vielmehr auf jene
-des vorstellenden Bewusstseins. Was diese überschreitet, kann nicht
-mehr vorgestellt werden, so dass an die Stelle der wachsenden Lust,
-welche die steigende Bethätigung des Vorstellens nach sich zieht,
-die wachsende Qual des Bewusstseins tritt, welche das mit jedem
-neuen Ansatz sich steigernde Gefühl des Unvermögens vorzustellen,
-hervorruft. Auf der letzteren beruht das niederdrückende Gefühl,
-welches den Eindruck des Erhabenen d. i. eines solchen begleitet,
-dessen Vorstellung eine Entwicklung von vorstellender Kraft erheischt,
-welche weit über die Schranken jedes endlichen, also auch unseres
-eigenen Vorstellens, hinausreicht.
-
-88. Wie das Vorstellen des Erhabenen, weil es den Vorstellenden
-an die Grenze seines Vermögens vorzustellen mahnt, von einem
-Unlust-, so ist die Vorstellung des Grossen, weil sie denselben
-seiner weitreichenden Fähigkeit vorzustellen innewerden lässt,
-von einem Lustgefühl begleitet. Denn da eine Grösse als Summe von
-Einheiten nicht anders vorgestellt werden kann, als indem diese Summe
-d. h. indem diese Einheiten nach einander vorgestellt werden, so ist
-bei jeder Vorstellung einer solchen die Bethätigung des Vorstellens,
-folglich die aus derselben folgende Lust um so grösser, je grösser jene
-Summe d. h. je zahlreicher die nach einander vorgestellten Einheiten
-sind. Aus diesem Grunde gefällt das Grössere neben dem Kleineren, weil
-es dem Vorstellen mehr, missfällt das Kleinere neben dem Grösseren,
-weil es dem Vorstellen weniger Beschäftigung, jenes dem Vorstellenden
-mehr, dieses ihm minder Lust gewährt. Weil aber die Fähigkeit des
-Vorstellens in quantitativer Beziehung ihre Grenze, so hat auch das
-Grosse nach der einen, das Kleine nach der entgegengesetzten Richtung
-eine solche, jenseits welcher es vorstellbar zu sein, und folglich
-das eine zu gefallen, das andere zu missfallen aufhört. Das in schönen
-Verhältnissen gebaute Thier des Aristoteles hört, obgleich alle seine
-Proportionen dieselben bleiben, sobald es zu einer Länge von hundert
-Stadien ausgedehnt und zur Höhe eines Gebirges erwachsen vorgestellt
-werden soll, auf, übersehbar und folglich auch, schön zu sein.
-
-89. Vom quantitativen Gesichtspunkt aus gilt daher für eine ästhetische
-d. i. eine unbedingt wohlgefällige Welt der Satz, dass (innerhalb
-der dem Bewusstsein gesteckten Grenzen des Vorstellens) das Grosse
-ohne Unterschied des Stoffs, in welchem, wie des Objects, an welchem
-dasselbe sich findet, unbedingt d. h. Jedermann und jederzeit gefalle,
-das Kleine (unter der gleichen Einschränkung) ebenso missfalle. Beides,
-das Lustgefühl, welches die Betrachtung des Grossen, wie das
-Unlustgefühl, welches die des Kleinen erweckt, sind reine Gefühle;
-das Gefühl, welches den Eindruck des Erhabenen begleitet, ist ein
-gemischtes Gefühl, indem es einerseits in Folge der oben geschilderten
-Unvorstellbarkeit des erhabenen Objects ein Unlust-, andererseits eben
-der jener Unvorstellbarkeit wegen vermutheten unendlichen d. i. jedes
-Mass überschreitenden Grösse des erhabenen Gegenstandes halber ein
-Lustgefühl enthält. Aus diesem Grunde bewundern wir das Erhabene,
-aus jenem Grunde verzweifeln wir an uns selbst; das Erhabene gefällt,
-indem wir selbst uns missfallen; jenes erscheint über jedes uns
-erreichbare Mass hinaus gross, während wir selbst ihm gegenüber uns
-über jedes denkbare Mass hinaus klein erscheinen.
-
-90. Was den qualitativen Gesichtspunkt betrifft, so gilt der Satz,
-dass das Was des Scheins, da dasselbe ein ästhetisches sein soll,
-von einem beifälligen oder missfälligen Zusatz im Vorstellenden,
-da dasselbe ein schönes sein soll, von dem gleichen Zusatz in jedem
-Vorstellenden begleitet sein muss. Ohne das erste wäre das Vorgestellte
-dem Vorstellenden gleichgiltig; ohne das letztere wäre der Zusatz
-von einem Vorstellenden zum andern, ja in demselben Vorstellenden von
-Zeitpunkt zu Zeitpunkt veränderlich. Gleichgiltiger Vorstellungsinhalt
-aber ist nicht ästhetisch; veränderliches d. i. vom Vorstellenden zum
-Vorstellenden oder im Vorstellenden selbst wechselndes Wohlgefallen
-oder Missfallen aber ist nicht unbedingtes d. h. allgemeines und
-nothwendiges Wohlgefallen oder Missfallen. Bei völlig gleichgiltigem
-Vorstellen wäre überhaupt keine Aesthetik, bei dem Mangel eines
-allgemeinen und nothwendigen Gefallens oder Missfallens d. h. bei der
-Abwesenheit einer allgemeinen und nothwendigen Norm für Gefallen und
-Missfallen aber doch keine Aesthetik als Wissenschaft möglich.
-
-91. Das Was des ästhetisch Vorgestellten darf daher, da dessen
-begleitender Zusatz im Vorstellenden überall (d. h. in jedem
-Vorstellenden) und jederzeit (d. h. bei jeder Wiederholung seines
-Vorgestelltwerdens) derselbe sein soll, nicht als Ziel und Inhalt
-eines Begehrens (Begierde, Wunsch, Wollen) vorgestellt werden. Denn da
-alles, was überhaupt begehrt wird, sobald dieses Begehren Befriedigung
-erlangt, ein Lustgefühl nach sich zieht, so würde, wenn der Zusatz des
-Gefallens eines gewissen Vorstellungsinhalts blos von dem Umstände
-abhinge, dass dessen Vorgestelltes begehrt wird, überhaupt jeder
-beliebige Vorstellungsinhalt ohne Unterschied gefallen, weil und
-so lange, sowie demjenigen, von dem er begehrt wird. Und da sich
-in keiner Weise vorhersagen lässt, was unter gewissen Umständen
-Object eines gewissen Begehrens werden könne, da überhaupt jede
-gegen Hemmnisse im Bewusstsein aufstrebende Vorstellung Sitz eines
-(bisweilen sehr heftigen) Begehrens werden kann, so wäre es ebenso
-unmöglich, vorherzusagen, ob und welcher Vorstellungsinhalt, sowie
-wem er unter Umständen gefallen werde, woraus der Spruch, dass sich
-über den Geschmack nicht streiten lasse, entstanden ist.
-
-92. Nicht alles Gefallende wird begehrt, aber alles, wodurch ein
-Begehren befriedigt wird, gefällt. Das höchste und reinste Gefallen
-ist dasjenige, welches durch keinerlei Beisatz eines (sinnlichen oder
-idealen) Begehrens getrübt, verunreinigt oder auch nur von einem
-solchen begleitet wird; "die Sterne, die begehrt man nicht". Das
-Gefallen, das nur unter Voraussetzung eines Begehrtwerdens entspringt,
-bleibt dagegen aus, wenn das letztere mangelt. Ein allgemeiner
-und nothwendiger Zusatz von Gefallen oder Missfallen kann aus dem
-zufälligen und individuellen (bestenfalls particulären) Umstand
-des Begehrt- oder Verabscheutwerdens nicht abgeleitet werden. Das
-nur bedingt d. h. unter Voraussetzung einer Begierde Wohlgefällige
-d. h. das nur subjectiv Angenehme, oder, da alles, was als Gegenstand
-einer Begierde oder als Mittel zu deren Befriedigung gilt, dem
-Begehrenden nützlich, dessen Gegentheil schädlich scheint, das
-Nützliche ist kein Gegenstand der Aesthetik.
-
-93. Aber auch das nicht subjectiv sondern objectiv d. h. ohne
-Voraussetzung eines Begehrtwerdens Angenehme ist als solches noch nicht
-ein Gegenstand der Aesthetik. Denn zu dieser, damit sie Wissenschaft
-sei, ist erforderlich, dass sich das Aesthetische d. h. das von
-einem beifälligen oder missfälligen Zusatz unbedingt (bei Allen und
-in allen Fällen) Begleitete nicht blos fühlen (d. h. dunkel), sondern
-wissen (d. h. klar und deutlich vorstellen und in Worten aussprechen)
-lasse. Das Angenehme aber hat die Eigenschaft, dass dessen Inhalt
-mit dem begleitenden Zusatz (dem Lustgefühl) ununterscheidbar
-zusammenrinnt, wie das Gleiche auch bei dessen Gegentheil, dem
-Unangenehmen mit der dieses begleitenden Unlust (dem Schmerzgefühl)
-der Fall ist. Das Angenehme der einzelnen Ton- oder Lichtempfindung
-lässt sich nicht definiren, der Sitz und der Grund des Schmerzgefühls
-(Kopf-, Zahnschmerz) sich aus diesem nicht herauslesen. Der Inhalt
-des objectiv d. h. aus dem Vorgestellten selbst, nicht aus der
-subjectiven Gemüthslage des Vorstellenden entspringenden Lust- oder
-Schmerzgefühls ist zwar unbedingt, aber nicht wissbar, also kein
-Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntniss.
-
-94. Während sonach das einzelne Angenehme oder Unangenehme zwar
-Gegenstand eines Lust- oder Unlustgefühls, von diesem selbst gesondert
-aber nicht vorstellbar ist, sind die zwei oder mehreren Vorstellungen,
-aus deren gegenseitiger Beziehung oder Verhalten (ratio) ein auf dieses
-bezügliches und die Beschaffenheit desselben zum Ausdruck bringendes
-Lust- oder Unlustgefühl entspringt, sehr wol jede für sich und von
-jenem Gefühl abgesondert angebbar. In jenem Fall ist das Gefühl ein
-solches, das aus der Beziehung eines gewissen Vorstellungsinhalts
-(z. B. einer Ton- oder Farbenempfindung) zum vorstellenden Subject,
-in diesem Fall ein solches, das aus der Beziehung zweier oder
-mehrerer Vorstellungen (z. B. Ton- oder Farbenempfindungen) zu und auf
-einander im Vorstellenden entspringt. Dass jener einzelne Ton oder die
-einzelne Farbe gefalle oder missfalle, hängt daher wesentlich von der
-augenblicklichen oder habituellen Beschaffenheit des vorstellenden
-Subjects, dass das Verhältniss der zwei oder mehreren Töne oder
-Farben gefalle oder missfalle, dagegen ausschliesslich von der an sich
-unveränderlichen und immer sich gleich bleibenden Inhaltsbeschaffenheit
-dieser letzteren selbst ab. Da die Beschaffenheit des Subjects nun
-von Individuum zu Individuum eine andere ist, so kann folgerichtig
-das mit von derselben abhängige Gefühl von Einem zum Andern ein
-anderes d. h. derselbe Ton, dieselbe Farbe kann dem Einen angenehm,
-dem Anderen unangenehm sein. Den Beleg dafür bieten die sogenannten
-Idiosynkrasien (z. B. Mozart's Abneigung gegen den Trompetenton,
-Cäsar's und Wallenstein's Widerwillen gegen den Hahnschrei,
-die Vorliebe gewisser Individuen oder ganzer Völker für gewisse
-Klangfarben, Tonlagen, Farbentöne und Beleuchtungseffecte). Wirkungen
-dieser und ähnlicher Art, die oft zu den stärksten gehören (Klang- und
-Lichteffecte) sind daher wesentlich pathologischer, durch die physische
-und psychische Beschaffenheit des vorstellenden Subjects bedingter,
-keineswegs ästhetischer, von der Beschaffenheit des Vorgestellten
-(dem Inhalt der Vorstellungen als Object des Vorstellens) abhängiger
-Natur. Die durch dieselben hervorgerufenen Gefühle können, insofern
-die sie verursachenden Vorstellungen nicht in Beziehung stehend zu
-anderen d. i. nicht als Glieder eines Verhältnisses gedacht werden,
-wol aber an sich in ein Verhältniss zu anderen treten d. h. als Stoff
-(Material) zu einem solchen dienen können, materiale oder Stoffgefühle;
-diejenigen Gefühle, welche sich auf das Verhältniss zweier oder
-mehrerer Vorstellungen d. i. auf die Verbindung derselben zu und
-unter einander, also auf deren Form beziehen, müssen dann formelle
-oder Formgefühle heissen.
-
-95. Nur die letzteren bilden die Grundlage der Aesthetik als
-Wissenschaft. Da die Verhältnisse zweier oder mehrerer Vorstellungen zu
-einander, insofern sie nur von deren Inhalt abhängen, so lange dieser
-Inhalt derselbe bleibt, immer dieselben sein müssen; da ferner die oben
-bezeichneten Formgefühle nichts anderes als die sich mit ihren Ursachen
-deckenden Effecte jener Verhältnisse im Bewusstsein sind, so folgt,
-dass dieselben Verhältnisse auch allezeit und in Jedermann dieselben
-Gefühle zur Folge haben werden d. h. dass die zwischen gewissen
-Vorstellungen ein für allemal ihrem Inhalt nach bestehenden Beziehungen
-allezeit und bei Jedermann von demselben Zusatz des Wohlgefallens oder
-Missfallens begleitet d. h. objective d. i. unbedingt wohlgefällige
-oder missfällige Formen sein werden. Von dieser Art ist z. B. das
-nur von dem Inhalt der beiden Töne, des Grundtons und der Quinte,
-abhängige und als solches unbedingt wohlgefällige Quintenintervall;
-ein solches die nur von der Beschaffenheit der beiden Farben, Roth und
-Grün, abhängige harmonische Farbenterz; ein solches endlich der nur
-von dem Verhältniss der beiden verglichenen Gedanken, des unbildlichen
-und des bildlichen, abhängige Gedankenaccord der Metapher.
-
-96. Verbindungen derartiger beharrender Verhältnisse zwischen
-Vorstellungen mit den aus denselben entspringenden und daher ihrer
-Entstehung nach an deren Vorhandensein im Bewusstsein gebundenen
-(fixen) Formgefühlen werden, da sich die ersteren (die Verhältnisse)
-abgesondert von den letzteren (den Formgefühlen) für sich vorstellen
-lassen, also das Gefühlte mit dem Gefühl nicht in Eins zusammenfliesst,
-nicht mehr blos ästhetische Gefühle, sondern ästhetische Urtheile
-genannt. Das Subject derselben wird durch das zwischen den
-Vorstellungen herrschende Verhältniss (z. B. die Harmonie), das
-Prädicat derselben durch das darauf bezügliche Gefühl (z. B. die
-Wohlgefälligkeit) gebildet. Das Urtheil lautet in diesem Fall: die
-Harmonie zwischen a und b (d. i. den beiden im Verhältniss der Harmonie
-stehenden Tönen) gefällt. Die logische Natur dieser Urtheile besteht
-darin, dass der Umfang des Subjects und der Umfang des Prädicats unter
-einander congruent d. h. dass, so oft das Verhältniss der Harmonie,
-eben so oft auch das Wohlgefallen vorhanden ist. Dieselben sind daher,
-da ihre Subjects- und ihre Prädicatsvorstellung verschiedenen Inhalt,
-aber denselben Umfang haben, nach der logischen Idee der Aequipollenz
-identische, also unfehlbare Urtheile, und ihre Geltung d. h. die
-Behauptung, dass ein gewisses Verhältniss (z. B. die Harmonie) gefalle,
-unbedingt d. i. eben so allgemein als nothwendig.
-
-97. Das Was des ästhetischen Scheins, wenn derselbe schön
-d. h. unbedingt wohlgefällig sein soll, kann daher niemals weder der
-Inhalt einer blossen Begierde, noch eine vereinzelte Vorstellung,
-sondern muss immer ein Verhältniss zwischen mehreren d. h. dasselbe
-muss stets ein zusammengesetztes aus einer Mannigfaltigkeit von
-Theilen, welche selbst wieder Vorstellungen sind, bestehendes
-Ganze sein. Da nun zwischen Vorstellungen, welche nicht verwandten,
-d. i. disparaten Inhalts sind, zwar ein Verhältniss, eben das der
-Disparatheit, stattfindet, dieses aber, da die beiden Vorstellungen
-keine innere Beziehung auf einander haben, im Bewusstsein keinerlei
-auf sich bezügliches Gefühl erzeugt (weder Lust noch Schmerz erweckt),
-also ästhetisch indifferent d. h. dem Vorstellenden gleichgiltig ist,
-so kann das Was des schönen Scheins nur ein Verhältniss zwischen
-verwandten d. h. entweder ganz oder theilweise identischen, oder
-entgegengesetzten Vorstellungen d. h. es muss selbst entweder die
-(ganze oder theilweise) Identität oder der Gegensatz der Vorstellungen
-sein.
-
-98. In qualitativer Hinsicht ergeben sich daher für das Was des schönen
-Scheins folgende Möglichkeiten: entweder das Verhältniss zwischen den
-Theilen des Scheins, die selbst wieder Vorstellungen sind, ist das
-der völligen Identität, so dass beide dem Inhalte nach nicht, und da
-an dieser Stelle von der Intensität des Vorgestelltwerdens abgesehen
-wird, auch nicht durch dessen grössere oder geringere Lebhaftigkeit
-sich von einander unterscheiden, folglich eins und dasselbe und daher
-nach dem principium identitatis indiscernibilium eine und dieselbe
-Vorstellung sind. In diesem Falle findet zwar im strengsten Sinn
-Identität, aber kein Verhältniss zwischen den beiden statt, da zu
-jedem solchen zwei Glieder gehören, jene beiden Vorstellungen aber
-nur ein einziges ausmachen. Das Verhältniss der Identität kann daher,
-wenn ästhetisch, nur eines der theilweisen Identität sein.
-
-99. Letztere, da sie darin besteht, dass beide Theile einen Theil ihres
-Inhalts mit einander gemein haben, während der Ueberrest, da beide
-Theile inhaltsverwandt sind, gegenseitig nicht im Verhältniss der
-blossen Disparatheit stehen kann, sondern in jenem des Gegensatzes
-d. h. der gegenseitigen Ausschliessung bestehen muss, kann nun
-entweder so beschaffen sein, dass das Gemeinsame das Gegensätzliche
-oder dieses jenes überwiegt, oder dass beides sich gegenseitig
-gleichschwebend erhält. Letzterer Fall bringt, da das Identische
-sowie das Gegensätzliche in beiden das nämliche, also abermals kein
-Verhältniss zwischen mehreren, sondern nur eins und das nämliche
-(nicht zweimal, sondern ein einzigesmal) vorhanden ist, eben so wenig
-wie die strenge Identität ein wirkliches Verhältniss, sondern nur
-den Schein eines solchen hervor und muss daher ebenso wie jene aus
-der Betrachtung gelassen werden.
-
-100. Die überwiegende Identität kann nun entweder eine einseitige oder
-eine gegenseitige sein. Im ersten Falle findet der Inhalt des einen
-Gliedes sich ganz im Inhalt des zweiten, aber nicht umgekehrt dieser
-in jenem wieder. Im zweiten Fall enthält der Inhalt jedes der beiden
-Glieder etwas, das ihm mit dem Inhalt des andern gemeinsam, während
-der Rest des einen dem Reste des andern entgegengesetzt ist. Beide
-Glieder des Verhältnisses verhalten sich so, dass im ersten Fall
-eines das andere, aber nicht umgekehrt, im zweiten Fall dagegen
-jedes das andere abbildet. Und zwar verhält sich im ersten Fall
-dasjenige Glied, welches im andern ganz, in welchem aber das andere
-nur zum Theile enthalten ist, zu diesem anderen wie das Nachbild zum
-Vorbild, die Copie zum Original, wie denn auch das getreueste Porträt
-selbst dann, wenn es alle Züge der Individualität auf das genaueste
-ausprägt, hinter dieser noch um das Merkmal der wirklichen Belebtheit
-zurücksteht. Im zweiten Fall dagegen stellen beide Glieder dem Inhalt
-nach Unterarten eines dritten, des beide verknüpfenden Gemeinsamen
-(tertium comparationis) dar, zu welchem jedes derselben im Verhältnisse
-des Vorbildes zum Nachbilde steht.
-
-101. Ausdruck der überwiegenden, sei es einseitigen, sei es
-gegenseitigen Identität im Bewusstsein ist ein Lust-, wie jener des
-überwiegenden Gegensatzes ein Unlustgefühl. Ersteres entsteht, indem
-die gleichzeitig im Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen des in ihnen
-enthaltenen Identischen halber mit einander zu verschmelzen, letzteres,
-indem dieselben des in ihnen enthaltenen Gegensatzes halber sich von
-einander gesondert zu halten streben. Jenes wie dieses Streben ist
-der Ausdruck eines psychischen Naturgesetzes, kraft dessen ihrem
-Inhalt nach ähnliche Vorstellungen einander zu verstärken, ihrem
-Inhalt nach entgegengesetzte einander gegenseitig zu hemmen gezwungen
-sind. Wenn daher in dem Inhalt zweier im Bewusstsein gleichzeitig
-vorhandenen Vorstellungen das Identische das Gegensätzliche überwiegt,
-so gewinnt auch das Streben nach Vereinigung beider durch Verschmelzung
-naturgemäss die Oberhand über das Streben nach Trennung beider
-durch Hemmung d. h. die Verschmelzung wird erleichtert; überwiegt
-dagegen das Gegensätzliche das Identische, so gewinnt das Streben
-nach Auseinanderhaltung Oberwasser, die Verschmelzung wird erschwert
-oder gänzlich gehindert. Ausdruck der Erleichterung wird das Lust-,
-jener der Erschwerung das Unlustgefühl.
-
-102. Den empirischen Beweis für die vorstehende Erklärung liefert
-die Thatsache der Wohlgefälligkeit harmonischer d. i. solcher Ton-
-und Farbenverhältnisse, deren Glieder überwiegend identisch, sowie
-der Missfälligkeit solcher, deren Glieder überwiegend entgegengesetzt
-sind. Seitdem durch die physiologischen Theorien des Sehens wie des
-Hörens (von Helmholtz, Young u. A.) erwiesen ist, dass die früher
-(z. B. von Herbart) sogenannten einfachen Sinnesempfindungen als
-Elemente des Bewusstseins keineswegs einfach, sondern selbst aus
-einer Summe gleichzeitig vernommener elementarer Sinneseindrücke
-zusammengesetzt sind, handelt es sich bei dem Verhältniss zwischen
-solchen, wie es die Ton- und Farbenintervalle sind, nicht mehr um
-eine Beziehung zwischen einfachen (theillosen), sondern zwischen
-zusammengesetzten (aus Theilen bestehenden) Gliedern. Während es,
-wenn die Glieder eines (harmonischen oder disharmonischen) Ton- oder
-Farbenverhältnisses einfache sind, schlechthin unerklärlich bleibt,
-warum dieselben gefallen oder missfallen, wird die Begründung
-dieser empirischen Thatsache unter der Voraussetzung, dass jene
-Glieder aus Theilen bestehen, dadurch ermöglicht, dass gewisse (mehr
-oder minder zahlreiche) dieser Theile in beiden Gliedern dieselben
-seien. Ueberwiegt die Anzahl der beiden gemeinsamen Bestandtheile jene
-der in beiden einander entgegengesetzten, so muss ein wohlgefälliges,
-findet das Gegentheil statt, ein missfallendes Verhältniss sich
-ergeben.
-
-103. Die Theorie der Obertöne in der Musik (Helmholtz), jene der
-gleichzeitigen Erregung der complementären Farben in der Optik
-(Young, Hering u. A.) gibt das Beispiel her. Da jeder Ton, der gehört,
-d. i. mittels des Ohres empfunden wird, kein abstracter, sondern ein
-concreter d. i. mittels eines gewissen Instruments, als welches auch
-das menschliche Stimmorgan gelten muss, hervorgebrachter ist und als
-solcher eine charakteristische, von der Beschaffenheit der Tonquelle
-herrührende Färbung, die sogenannte Klangfarbe, besitzen muss, so
-wird mit jedem empfundenen Ton nothwendig zugleich dessen Klangfarbe
-d. i. die denselben begleitende Wirkung der specifischen Natur des
-ihn erzeugenden Organs vernommen. Helmholtz nun hat gezeigt, dass die
-Wirkung, die wir Klangfarbe nennen, nichts anderes sei, als die Summe
-gewisser, jeden durch irgend eine Tonquelle erzeugten abstracten Ton
-(Grundton) begleitenden secundären Töne (Obertöne), deren akustischer
-Werth und numerische Menge je nach der Art der Tonquelle verschieden,
-z. B. bei dem Geigenton eine andere als bei dem Clavierton, bei der
-Alt- eine andere als bei der Sopranstimme u. s. w. ist. Werden daher
-gleichzeitig verschiedene Töne, deren jeder seine Klangfarbe besitzt,
-vernommen d. h. werden statt zweier abstracter Tonempfindungen zwei
-Summen von Tonempfindungen vernommen, deren jede aus der Empfindung des
-Grundtons und den Empfindungen seiner Obertöne zusammengesetzt ist, so
-kann nur zweierlei stattfinden: entweder beide Summen der Empfindungen
-haben nicht nur gemeinschaftliche, sondern so viele gemeinschaftliche
-Bestandtheile, dass im Gesammteindruck der Eindruck der identischen
-Tonempfindungen jenen der entgegengesetzten Tonempfindungen überwiegt,
-oder dieselben haben gar keine oder so wenig Tonempfindungen gemein,
-dass im Gesammteindruck der Eindruck der identischen gegen den der
-nicht-identischen Tonempfindungen (d. i. solcher, deren Töne nicht
-zusammenfallen, Schwebungen) verschwindet. Im ersten Fall consoniren,
-im zweiten dissoniren die Töne.
-
-104. Consonanz (Harmonie) und Dissonanz (Disharmonie) der
-Tonempfindungen hängt demzufolge von deren überwiegender Identität
-oder dem Gegensatz des Inhalts derselben ab. Da nun bei den
-Farbenempfindungen das Analoge stattfindet, indem eben so wenig wie
-der abstracte Ton, die abstracte Farbe empfunden wird, so lässt sich
-vermuthen, dass auch zwischen der Begründung der Farben- und jener
-der Tonharmonie Analogie sich einstellen werde. Jede empfundene Farbe
-ist eine concrete, die unter dem Einfluss einer specifischen dieselbe
-bedingenden Lichtquelle (z. B. des Sonnenlichts, des Mondlichts, des
-Kerzen- oder Lampenlichts) entstanden ist und die Spur dieser letzteren
-in einer charakteristischen Eigenthümlichkeit, dem sogenannten
-Farbenton, errathen lässt. Jede Farbenempfindung aber ist zugleich,
-physiologisch betrachtet, keine vereinzelte, sondern das gleichzeitige
-Resultat der gleichzeitigen Erregungen des Sehorgans durch das dieses
-letztere berührende Licht, so dass gleichzeitig alle in dem letzteren
-enthaltenen Farben des Spectrums in jenem angeregt und in Folge dessen
-empfunden werden. Ist z. B. das auffallende Licht Sonnenlicht, in
-welchem als Grundfarben Roth, Gelb und Blau (oder nach Andern Grün,
-Roth und Violet) enthalten sind, so werden im Auge jedesmal die jenen
-dreierlei Lichtreizen entsprechenden Vorgänge zugleich erregt und
-daher auch in Folge dessen alle drei Farben zugleich empfunden. Der
-Unterschied, dass in dem einen Fall die Empfindung als Roth, in dem
-andern als Blau bezeichnet wird, obgleich in dem ersteren neben dem
-Roth nothwendig auch Blau und Gelb, also Grün -- in dem letzteren Falle
-neben dem Blau auch Roth und Gelb, also Orange empfunden worden sein
-musste, liegt nur darin, dass in dem einen Fall der rothe Lichtreiz
-den blauen und gelben, in dem andern Fall der blaue Lichtreiz den
-rothen und gelben, und folglich sowol der Erregungszustand des Auges,
-in welchen dasselbe durch rothes und blaues Licht versetzt ward,
-die anderen gleichzeitigen Erregungszustände, wie die Empfindung Roth
-und Blau, welche durch jenen Erregungszustand hervorgerufen ward, die
-anderen mit ihr gleichzeitigen Empfindungen an Intensität übertraf,
-letztere also durch jene in latenten Zustand versetzt, d. i. für das
-Bewusstsein verdunkelt wurden. Dass dieselben ihrer Latenz ungeachtet
-thatsächlich vorhanden waren, beweisen die von Goethe und Purkyne
-sogenannten subjectiven Farbenerscheinungen d. i. das Hervortreten
-des complementären Farbenbildes, nachdem durch längeres Anhalten des
-ursprünglichen das Auge für den bezüglichen Farbenreiz abgestumpft
-worden ist. Die stärkste unter den gleichzeitigen Farbenempfindungen,
-nach welcher a potiori die Benennung derselben erfolgt, z. B. in
-obigen Fällen die Empfindung Roth und die Empfindung Blau, können nach
-Analogie der Grundtöne als Grundfarben, die der gleichzeitigen, aber
-durch sie in den Hintergrund gedrängten Lichtreize können nach Analogie
-der Obertöne als Oberfarben (Nebenfarben) bezeichnet werden. Letztere
-machen zusammen, wie obige Beispiele zeigen, stets die Empfindung
-der complementären Farbe aus (Grün, wenn als Grundfarbe Roth, Orange,
-wenn als Grundfarbe Blau empfunden wird) und die Nuance, welche die
-Empfindung des Rothen dadurch empfängt, dass mit ihr zugleich mehr
-oder weniger latent nothwendig Grün empfunden werden muss, kann, wenn
-die Beimischung einen erheblichen Grad erreicht, als Farbenstich, und
-zwar des Rothen entweder in's Grüne als ganze, oder in's Blaue oder
-Gelbe als Bestandtheile der grünen Mischfarbe charakterisirt werden.
-
-105. Treten daher unter Voraussetzung derselben Lichtquelle zwei
-Farbenempfindungen gleichzeitig oder nach einander in's Bewusstsein,
-so ist jede derselben nicht einfach, sondern zusammengesetzt, und zwar
-aus der Empfindung der Grundfarbe und jener der Oberfarbe; trifft es
-sich nun, dass diejenige Farbe, die in der einen derselben Grundfarbe,
-in der anderen Oberfarbe ist, so sind beide Farbenempfindungen ihrem
-Inhalt nach überwiegend identisch, wie dies bei der Farbenverbindung
-Roth (dessen Nebenfarbe Grün) und Grün (dessen Nebenfarbe Roth ist) und
-ebenso bei der Verbindung Blau (dessen Nebenfarbe Orange) und Orange
-(dessen Nebenfarbe Blau ist), dagegen nicht bei der Verbindung Roth
-(dessen Nebenfarbe Grün) und Blau (dessen Nebenfarbe Orange ist)
-thatsächlich der Fall ist. Verbindungen ersterer Art können daher
-harmonische (Farbenconsonanzen), Verbindungen nicht complementärer
-Farben müssen disharmonische (Farbendissonanzen) heissen.
-
-106. Die Analogien zwischen harmonischen Ton- und dergleichen
-Farbenverbindungen sind unter Anderen von Unger weiter ausgeführt
-worden. Wie unter den ersteren Terz, Quint und Octave als Consonanzen,
-Secunde, verminderte Quart und Septime als Dissonanzen, so werden
-von ihm unter den letzteren die Terz als harmonische, die Secunde
-als disharmonische Farbenintervalle unterschieden. Dem musikalischen
-Accord als harmonischer Verbindung dreier Töne (Dreiklang) wird der
-Farbenaccord als harmonische Verbindung dreier Farben (Dreischein), der
-Vervielfältigung der Tonscala durch Erhöhung und Vertiefung der Töne
-eine ebensolche der Farbenleiter durch Erhöhung und Verminderung der
-Lichtstärke, der Unterscheidung von Klangfarben und Tongeschlechtern
-nach Ton- eine ebensolche von Farbentönen und Farbengeschlechtern
-nach Lichtquellen etc. zur Seite gesetzt.
-
-107. Wie die Consonanz auf überwiegender Identität, so beruht deren
-Gegentheil auf überwiegendem Gegensatz. Wie die leicht und anstandslos
-vor sich gehende oder allen Hemmnissen zum Trotz durchgesetzte
-Verschmelzung überwiegend identischer Vorstellungen ein in dem
-letztgenannten Fall noch beträchtlich gesteigertes Lustgefühl, so
-lässt der alles Bemühens, Entgegengesetztes zu vereinigen, ungeachtet
-immer wiederkehrende Misserfolg, der durch den als unüberwindliches
-Hemmniss sich herausstellenden Gegensatz herbeigeführt wird, ein
-nachgerade bis zur Unerträglichkeit sich steigerndes Gefühl der
-Unbefriedigung zurück. Die theilweise gleichen, aber überwiegend
-entgegengesetzten Vorstellungen werden durch das in ihnen enthaltene
-Gleiche immer wieder zu einander gezogen, durch das gleichfalls in
-ihnen enthaltene Entgegengesetzte, welches letztere überwiegt, aber
-unaufhörlich aus einander gehalten. Dieses bewirkt, dass sie nicht
-eins werden, jenes verursacht, dass sie trotzdem nicht von einander
-loskommen können. Dieses gleichzeitige sich Suchen und sich Fliehen,
-sich Festhalten und sich Verdrängen der Gegensätze bringt im Gemüth
-eine Ixionsartige Unruhe hervor, deren Bestand auf die Dauer für den
-Vorstellenden unhaltbar wird.
-
-108. Folge davon ist, dass derselbe obigen Zustand zu beseitigen sich
-entschliesst. Da dieser aber auf der gegensätzlichen Beschaffenheit des
-Inhalts und der in Folge dessen sich schlechterdings unter einander
-ausschliessenden Natur der gleichzeitig im Bewusstsein vorhandenen
-Vorstellungen beruht, folglich so lange fortwähren muss, als jener
-Inhalt derselbe bleibt, so kann obige Qual auf keine andere Weise
-beschwichtigt werden, als indem an die Stelle der gegenwärtig im
-Bewusstsein vorhandenen und demselben als mit einander unverträgliche
-gleichzeitig vorschwebenden Vorstellungen andere unter einander
-verträgliche entweder zufällig (etwa durch Versetzung in eine andere
-Umgebung, welche andere Vorstellungen bringt) treten, oder absichtlich
-(etwa durch freiwilligen Entschluss, den gegenwärtigen durch einen
-beliebigen anderen künstlich festgehaltenen Vorstellungsinhalt zu
-ersetzen) an deren Stelle geschoben werden. In beiden Fällen wird die
-Qual, die aus dem gleichzeitigen Vorhandensein unverträglicher Gedanken
-entsteht, allerdings beseitigt, aber im ersten Fall, da nur ein Zufall
-das Verschwinden der unverträglichen Vorstellungen aus dem Bewusstsein
-veranlasst hat, nur auf so lange, als nicht ein neuerlicher Zufall
-die Rückkehr derselben in das Bewusstsein herbeiführt, im zweiten
-Fall nur für den, der jenen Entschluss gefasst, sein inneres Auge
-gewaltsam gegen die wirklich im Bewusstsein gegenwärtigen Vorstellungen
-verschlossen und an die Stelle derselben künstlich andere eingeführt
-hat, und nur auf so lange, als er diesen Willen selbst oder die Kraft
-hat, denselben ins Werk zu setzen. Die auf solchem Wege herbeigeführte
-Beseitigung der Qual ist daher keine natürliche und, weil aus der
-innern Natur der im Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen entsprungen,
-Dauer verheissende, sondern dieselbe findet gleichsam "auf Kündigung"
-statt d. h. mit dem Vorbehalt, dass, sobald die durch den Zufall
-oder durch den Willen des Vorstellenden gezogene künstliche Schranke
-einmal, wie immer, aufhöre, die ursprünglichen, nicht vernichteten,
-sondern nur in Latenz versetzten unverträglichen Vorstellungen wieder
-emportauchen und dadurch die alten Wunden von neuem bluten werden.
-
-109. Ein Beispiel einer solchen, und zwar durch den Zufall beseitigten
-Qual innerlich vorhandener Gegensätze bietet die Heilung eines
-zerrissenen Gemüths durch die Abwechslung, Zerstreuung und den
-überwältigenden Eindruck, welchen Reisen, Geselligkeit und erhabene
-Gebirgsnatur in diesem herbeiführen. Ein Beispiel einer durch
-freiwilligen Entschluss "auf Zeit" bewirkten Unterdrückung der
-Unruhe, die das Bewusstsein eines widerspruchsvollen Verhältnisses
-erzeugt, bietet die Resignation, mit welcher der in einer sogenannten
-"Vernunftheirat" Befangene den Gegensatz zwischen der ersehnten und
-der thatsächlichen Beschaffenheit seiner Beziehungen zum anderen Theil
-erträgt. In beiden Fällen findet Beschwichtigung wirklich statt, aber
-im ersteren nur auf zufällige Weise, so dass mit der Rückkehr in die
-frühere Umgebung auch das frühere Gefühl des Unglücks wiederkehrt;
-in dem letztern nur auf künstliche Weise, so dass mit dem Schwach-
-oder Schwankendwerden des Entschlusses auch das volle Gefühl des
-lastenden Widerspruchs erneuert wird. Das gefundene Gleichgewicht
-ist labil, nicht stabil.
-
-110. Ein unerträglicher Zustand, das gleichzeitige Vorhandensein
-sich unter einander ausschliessender Vorstellungen im Bewusstsein,
-ist beseitigt; aber ein anderer, gleich unerträglicher, ist an dessen
-Stelle getreten. War der frühere Zustand Unruhe, so ist der jetzige
-vergleichsweise allerdings Ruhe; diese selbst aber ist nichts weiter
-als verhüllte Unruhe. Nicht wirkliche Ruhe, sondern der Schein der
-Ruhe ist an die Stelle der, obgleich latent, immer noch währenden
-Unruhe getreten; der ursprüngliche Zustand schlummert gleichsam
-unter dem künstlich geschaffenen Boden fort und harrt des Moments,
-wo er wieder hervorbrechen, den künstlich übergeworfenen Schleier
-zerreissen, den ursprünglich dagewesenen, niemals vernichteten,
-sondern nur äusserlich niedergehaltenen Zustand wieder herstellen kann.
-
-111. Von dieser Sachlage gilt, dass Schein, der sich für Sein gibt,
-auf die Dauer unhaltbar sei, und zwar gleichviel, ob der wirklich
-vorhandene Zustand im Bewusstsein, an dessen Stelle künstlich
-ein anderer gesetzt worden ist, ein an sich missfälliger oder ein
-beifälliger, das Zugleichsein einander ausschliessender oder ein
-solches mit einander übereinstimmender Vorstellungen sei. Denn
-nicht darin besteht die Unerträglichkeit, dass an die Stelle eines
-unerträglichen Zustandes ein erträglicher getreten ist, sondern darin,
-dass an die Stelle des wirklich, wenngleich latent, vorhandenen,
-ein scheinbar d. i. nur zum Scheine, vorhandener gesetzt worden
-ist. Das Unlustgefühl, das sich an das Vorhandensein zweier einander
-ausschliessender Vorstellungen im Bewusstsein knüpft, ist verschieden
-von demjenigen, welches dem Umstande gilt, dass Schein für Sein,
-ein unwahrer an die Stelle des wahren, ein gemachter an jene des
-gegebenen Zustandes eingetreten ist. Wenn das erstere aufhört, sobald
-die einander ausschliessenden Vorstellungen entweder aufhören einander
-auszuschliessen, oder gänzlich aus dem Bewusstsein geschwunden sind, so
-schwindet das letztere nicht eher, als bis der widernatürlicherweise
-hergestellte Trug, durch welchen Schein an die Stelle des Seins
-gesetzt ward, aufgelöst, der künstlich erzeugte Zustand aufgehoben
-und der ursprüngliche, widerrechtlich aus dem Bewusstsein verdrängte,
-wieder in dasselbe zurückgekehrt ist. Ausdruck dieses Verhältnisses
-ist der Satz: Schein, der sich für Sein gibt, missfällt, und zwar in
-gleichem Grade, das ursprüngliche Sein, welches durch Schein ersetzt
-worden ist, möge an sich beifällig oder missfällig d. i. der Schein,
-der durch einen andern verdrängt wurde, möge an sich schön oder
-hässlich gewesen sein. In dem einen Fall wird durch die Herstellung
-des ursprünglichen Zustandes ein wohlgefälliger, im andern Fall ein
-missfälliger Zustand erneuert; aber das Missfallen, welches sich an
-den Fortbestand eines erlogenen anstatt des wirklichen Zustandes
-heftet, wird in beiden Fällen vermieden. Alles, was sich sagen
-lässt, beschränkt sich darauf, dass durch die Wiederherstellung eines
-ursprünglichen missfälligen Zustandes zwar das Missfallen, das diesem
-gilt, nicht vermieden, aber doch ein anderes, das dem Trugbild gilt,
-beseitigt wird, während im Gegenfalle durch die Wiederherstellung eines
-ursprünglichen beifälligen Zustandes nicht blos das Missfallen an der
-Geltung blossen Scheins für Sein von Grund aus vernichtet, sondern
-zum Ueberfluss ein Beifälliges in das Bewusstsein zurückgeführt wird.
-
-112. War der ursprüngliche Zustand Dissonanz, so wird durch
-dessen Wiederherstellung ein dissonirender, war er Consonanz, ein
-consonirender erneuert; die inzwischen vorhanden gewesene Verhüllung
-des wirklich vorhandenen durch einen fälschlicherweise an dessen Stelle
-getretenen aber wird in beiden Fällen schwinden gemacht. Im ersteren
-Fall wird eine Wunde blossgelegt, die nur scheinbar geschlossen,
-aber nicht wirklich geheilt war; im letzteren Fall wird eine Heilung
-wieder als Heilung anerkannt, die fälschlicherweise für eine Erkrankung
-ausgegeben worden war. In jenem Fall ist der Schlusszustand allerdings
-Krankheit, aber der Irrthum, welcher dieselbe für Gesundheit hielt,
-wenigstens ist beseitigt. In diesem Fall hat nicht blos der Irrthum,
-welcher Heilung für Erkrankung nahm, seine Geltung eingebüsst,
-sondern der Schlusszustand ist die wirkliche Gesundheit.
-
-113. Eine Bewegung geht vor sich, die in drei Abschnitten
-verläuft. Ausgangspunkt derselben bildet der ursprünglich vorhandene,
-deren Mitte der trügerischerweise an dessen Stelle getretene, ihren
-Schluss der dem ursprünglichen gleiche, aus dessen Verdunkelung
-durch den inzwischen waltend gewesenen Druck wieder hergestellte
-Zustand. Dieselbe vollzieht sich, weil der verdunkelnde Zustand
-künstlich durch eine äussere Ursache an die Stelle des ursprünglich
-vorhandenen geschoben worden ist, nicht durch, sondern gleichsam
-im Kampfe wider die letztere, und gewinnt dadurch den Anschein,
-Selbstbewegung d. i. Resultat eines ihr selbst innewohnenden und sie
-bestimmenden Bewegungsimpulses, eines sie belebenden Lebenskeims,
-einer sie bewegenden Seele zu sein d. h. die Bewegung erscheint als
-lebendige, beseelte Bewegung.
-
-114. Ist das in obiger Bewegung Begriffene ästhetischer d. h. dem
-Vorstellenden vorschwebender, beifälliger oder missfälliger (schöner
-oder hässlicher) Schein, so gewinnt derselbe durch obigen Process
-selbst den Schein der Beseelung. Der im Bewusstsein ursprünglich
-vorhanden gewesene Schein, der von dem Vorstellenden künstlich mit
-Wissen und Willen aus demselben verdrängt und durch einen andern,
-der sich an seiner Stelle für den wahren ausgibt, ersetzt worden
-ist, aber ohne, ja wider Willen des Vorstellenden sich behauptet,
-seinerseits den ihn zu verdrängen bestimmt gewesenen Schein verdrängt
-und in's Bewusstsein wieder zurückkehrt, nimmt dadurch selbst den
-Anschein selbstständigen Lebens, inwohnender Beseelung an, löst
-sich, indem er sich gegen den Vorstellenden auflehnt, vom Willen
-desselben, also vom vorstellenden Subject ab und erscheint (nicht
-als subjectiver, sondern) als objectiver, (nicht als beherrschter,
-sondern) das Subject beherrschender, in sich selbst abgeschlossener
-und von innen heraus belebter d. i. als (scheinbar) lebendiger Schein
-oder als ästhetisches Object.
-
-115. Dasselbe ist harmonisches, wenn der mit dem Schein des
-Lebens auftretende Schein ursprünglich schöner Schein, dagegen
-ein disharmonisches, wenn derselbe ein hässlicher Schein war. Der
-ästhetische Schein, den wir als Vorstellung des Engels, ist als
-ästhetisches Object nicht mehr und nicht weniger beseelt, als der
-ästhetische Schein, den wir als Bild eines Satans bezeichnen; weder
-der eine noch der andere muss darum wirkliches Object d. i. beseelte
-Wirklichkeit und reale Geistigkeit sein. Diese, die lebendige Existenz,
-wenn sie mehr sein soll als ein Geschöpf der Einbildungskraft, gehört
-vor das Forum der Metaphysik, jene, die Existenz des Scheins der
-Lebendigkeit, die nicht mehr sein will als ein Product der Phantasie,
-fällt als solches allein unter die Jurisdiction der Aesthetik.
-
-116. In dem nothwendigen Entwicklungsgang der dramatischen Handlung
-kommt jener Schein nothwendiger Selbstbewegung des Scheins zur
-ästhetischen Erscheinung. Wie der ursprüngliche Schein aus seiner
-Verdunklung durch Ueberwindung der letztern wieder zum Vorschein,
-so kommt der ursprüngliche Thatbestand aus dessen eingetretener
-Verdunklung durch deren Ueberwindung wieder zur Klarheit. Oedipus, der
-seinen Vater erschlagen und seine Mutter geheiratet hat, aber in Folge
-seines Irrthums, dass er der Sohn des korinthischen Königspaares sei,
-weder das eine noch das andere Verbrechen verübt zu haben wähnt, wird
-durch die Macht der den trügerischen Wahn zerreissenden Verhältnisse
-zur Klarheit über sich selbst und zum Bewusstsein der thatsächlichen
-Lage d. i. der auf ihm lastenden tragischen Schuld gebracht. Der
-Brudermord im dänischen Königshause, welchen der ehebrecherische
-und kronenräuberische Mörder durch die schlaueste und künstlichste
-Veranstaltung in den Schleier des tiefsten Geheimnisses zu hüllen
-verstanden hat, wird durch den überlegenen Scharfsinn des Prinzen,
-der sich mit speculativem Tiefsinn paart und, um verborgen zu bleiben,
-sich in die Maske des Wahnsinns steckt, mit langsamer, aber durch ihre
-Ausdauer unwiderstehlicher Zähigkeit an's Licht und in der Schlinge,
-die er im Andern sich selbst gelegt, zur Bestrafung gezogen. Der
-ursprüngliche Thatbestand bildet den Anfang, die Exposition --
-die eingetretene Verdunkelung den Wendepunkt, die Peripetie --
-die Lichtung derselben und die Wiederherstellung des ursprünglichen
-Zustandes den Schluss, die Katastrophe der dramatischen Bewegung.
-
-117. Dieselbe erscheint in Folge dessen weder zufällig, noch
-willkürlich d. i. durch die Laune oder das Belieben des dichtenden
-Subjects, sondern nothwendig und naturgesetzlich d. i. wie ohne
-und unabhängig vom Willen des Dichters durch die Beschaffenheit des
-Inhalts der darzustellenden Handlung selbst, und zwar jeder folgende
-Moment durch den vorhergehenden, wie die unabänderliche Wirkung aus den
-gegebenen Ursachen herbeigeführt. Die dramatische Handlung (und zwar
-nicht blos, wie Schiller an Goethe schrieb, "die tragische") steht
-unter der Herrschaft des Causalitätsgesetzes, nach welchem bestimmte
-Ursachen bestimmte Wirkungen und gegebene Ursachen unausbleiblich ihre
-nie fehlenden Wirkungen nach sich ziehen müssen. Dieselbe gewinnt
-dadurch als ästhetisches (d. i. Scheins-) Object den Schein eines
-beseelten d. i. von innen heraus bewegten Naturobjects; wie das
-Thier, das Geschöpf der Mutter Erde, von ihr losgelöst, Leben und
-selbstständige Bewegung an den Tag legt, so scheint das dramatische
-Kunstwerk, Geschöpf der dichterischen Einbildungskraft, von dieser und
-deren Träger, dem Dichter, losgelöst, inneres Leben und selbstständige,
-von innen heraus getriebene Beweglichkeit zu besitzen.
-
-118. Was von dem dramatischen, muss von dem Kunstwerk jeder anderen
-Kunst (der epischen und lyrischen Poesie nicht weniger, wie der Ton-
-und bildenden Kunst) als ästhetischem Object gelten. Jedes derselben,
-wenn es für ein solches gehalten werden will, muss den Schein
-der Objectivität d. i. der beseelten Lebendigkeit und lebendigen
-Beseeltheit an sich tragen. Derselbe wird durch die Schönheit des
-beseelt scheinenden Objects, z. B. der Natur, keineswegs ersetzt
-(seelenlose Schönheit), durch die Abwesenheit solcher keineswegs
-aufgehoben (seelenvolle Hässlichkeit; "la belle laidron"). Das wirklich
-Beseelte hat daher vor dem ästhetischen nur scheinbar Beseelten
-zwar das Merkmal der Wirklichkeit voraus; da aber nicht diese,
-die ihrerseits für den Beschauer nur als Erscheinung in Betracht
-kommt, sondern der blosse Schein der Wirklichkeit ästhetisch ist,
-so bedeutet jener Vorzug, ästhetisch genommen, nichts und der schöne
-wirkliche Gegenstand ist daher nicht mehr und nicht minder schön als
-der blosse Schein schöner Wirklichkeit. Es wäre denn, man rechnete die
-materielle Wirklichkeit des wirklichen Schönen zu dessen ästhetischer
-statt zu dessen physischer Natur und verstünde unter ästhetischem
-d. i. dem Genuss des schönen Scheins (wie der platte Realismus und
-ästhetische Materialismus will) den materiellen d. i. den Genuss der
-schönen Materie (z. B. den physischen Genuss der weiblichen Schönheit).
-
-119. Mit der Betrachtung des überwiegend Identischen, so wie des
-überwiegend Gegensätzlichen im theilweise Identischen ist die
-Aufzählung der ästhetisch in Betracht kommenden möglichen Fälle
-zwischen dem Was des Scheins statthabender Beziehungen erschöpft. Ein
-ausschliessend Gegensätzliches, das nicht zugleich bis zu einem
-gewissen Grade identisch wäre, kann es, da nur verwandte Vorstellungen,
-also solche, deren Inhalt mehr oder weniger unter denselben Begriff
-fällt, Bestandtheile der ästhetischen Vorstellungswelt ausmachen
-können, in dieser nicht geben. Auch die am stärksten entgegengesetzten
-Elemente der letzteren, die sogenannten contrastirenden oder
-einander contraponirten (Contrast und Contrapost) Vorstellungen
-(wie Riese und Zwerg, Licht und Schatten, forte und piano etc.) sind
-nicht blos dadurch mit einander verwandt, dass ihre Objecte zu der
-nämlichen Gattung gehören, sondern sie werden einander überdies noch
-durch das auszeichnende Merkmal nahegerückt, dass diese beiderseits
-Ausnahmen von der Regel, obgleich in entgegengesetzten Richtungen
-(der Riese eine Abweichung von der gewöhnlichen Menschengrösse nach
-oben, der Zwerg eine solche nach unten, das Licht das Maximum, die
-Finsterniss das Minimum der gewöhnlichen Helligkeit; das Fortissimo den
-höchsten, das Pianissimo den geringsten Grad der Intensität des Tones)
-darstellen. Obige Fälle machen daher zusammengenommen mit derjenigen,
-welche aus der Grösse oder Kleinheit des vorgestellten Objects
-abgeleitet wird, die Summe derjenigen Bedingungen aus, unter welchen
-ästhetischer Schein, er enthalte sonst welchen stofflichen Inhalt
-immer, unbedingt d. i. allgemein und nothwendig gefällt oder missfällt.
-
-120. Aus dem quantitativen Gesichtspunkt entspringt die ästhetische
-Idee der (ästhetischen) Vollkommenheit. Dieselbe besteht darin,
-dass der ästhetische Schein, sowol was dessen Vorgestelltwerden, als
-was dessen Vorgestelltes betrifft, zum "Vollen kömmt" d. h. sowol das
-erstere zu dem höchstmöglichen Grade von Intensität als das letztere zu
-dem höchsten mit Rücksicht auf die Grenzen der Vorstellungsfähigkeit
-des vorstellenden Subjects erreichbaren Masse von Grösse erhoben
-wird. Ersteres geschieht, indem nicht nur jedes einzelne Vorstellen
-mit dem höchst erreichbaren Grade von Lebhaftigkeit erfolgt, sondern
-möglichst viel Vorstellen in kürzester Zeit bethätigt wird, aber auch,
-indem das Vorstellen selbst auf möglichst gesetzmässige und normale
-Weise sich vollzieht. Letzteres geschieht, indem das Vorgestellte,
-soweit dessen Natur es erheischt oder doch gestattet, in möglichster
-Grösse, Reichthum, Fülle und Wohlordnung vorgestellt und dadurch
-zwar nicht über (wie dies beim Erhabenen der Fall ist) aber bis an
-die erlaubten Grenzen des Vorstellenden erweitert wird. An dieselbe
-schliesst sich ein Verfahren an, dessen Tendenz dahin gerichtet
-ist, im ganzen Umkreis des das Bewusstsein ausfüllenden Vorstellens
-schwaches Vorstellen durch energisches, daher, da jede sinnliche
-Vorstellung die unsinnliche, jede concrete die abstracte, jede
-bildliche die unbildliche an Lebhaftigkeit übertrifft, unsinnliche
-durch sinnliche Vorstellungen, Begriffe durch Anschauungen, den
-eigentlichen Gedanken durch einen uneigentlichen (Tropus, Metapher), im
-Allgemeinen Begriffe durch Bilder (Symbole, Allegorien, Gleichnisse) zu
-ersetzen, die Energie des Vorstellens durch associirte, auf das Gemüth
-wirkende Nebenvorstellungen zu erhöhen, mit einem Wort die gesammte
-Vorstellungswelt des Bewusstseins entsprechend zu tonisiren. Resultat
-dieses Verfahrens ist ein im Ganzen und in jedem seiner Bestandtheile
-lebhaftes, reiches und wohlgeordnetes Vorstellungsleben, vollkommener
-ästhetischer Schein, welcher nicht mit dem Schein des Vollkommenen
-d. i. eines einem gewissen Zwecke oder einem gewissen Begriffe
-Entsprechenden, Zweck- oder Begriffsmässigen zu verwechseln ist. Jener
-gehört dem Vorstellen, dieser dem Vorgestellten an; jener drückt aus,
-dass vollkommen vorgestellt, dieser würde ausdrücken, dass Vollkommenes
-vorgestellt werde.
-
-121. In Bezug auf das Vorgestellte drückt die Idee der Vollkommenheit
-aus, dass caeteris paribus dasselbe wohlgefälliger sei, wenn es als
-gross, als wenn es als klein vorgestellt wird. Der einschränkende
-Zusatz besagt, dass ein Vorgestelltes, das seiner Natur nach eine
-gewisse Grösse ausschliesst, auch nicht unter dieser vorgestellt
-werden dürfe, weil es sonst eben nicht dies, sondern ein anderes
-Vorgestelltes wäre. Das Niedliche, Zarte, Milde kann daher nicht
-als gross, darum aber darf es auch nicht kleiner vorgestellt werden,
-als seine Natur es gestattet. Dagegen bekundet sich die Wirkung des
-Grossen unwiderleglich in der Neigung der spielenden Einbildungskraft,
-die Grösse vorgestellter Objecte (Räume, Zeiten, Naturgegenstände,
-Helden und Göttergestalten) über das Mass des Erfahrenen und
-Wahrgenommenen, so wie des Natürlichen ins Unbestimmte, Schranken- und
-Grenzenlose, Un-, Ueber-, ja Widernatürliche zu erhöhen und sich ohne
-Rücksicht auf Möglichkeit oder gar Wirklichkeit an der Steigerung,
-Häufung und Vervielfältigung von Raum-, Zeit- und Naturgrössen zu
-ergötzen. Beispiele derselben finden sich vor allem in der Märchen-
-d. i. in der Lieblingswelt der Kinder- und Kindheitsvölkerphantasie,
-z. B. bei den Indern, deren Imagination sich in der endlosen Anreihung
-von Tausenden und aber Tausenden von Jahren und Meilen, sowie in der
-Ausmalung der übernatürlichen Grösse ihrer Götter- und Büssergestalten,
-deren Haupt in die Wolken reicht, während ihr Fuss auf der Erde
-wurzelt, durch deren Locken sich der Gangesstrom vom Himmel herab
-ergiesst, die hunderttausende von Jahren auf einem Beine stehen etc.,
-gefällt, oder bei den baltischen Letten, deren Volkssage die Ewigkeit
-dadurch zu schildern sucht, dass, wenn der Diamantberg im Norden,
-an dessen Gipfel alle hundert Jahre ein winziges Vögelchen dreimal
-sein Schnäbelchen wetzt, in Folge dessen in Staub verwandelt sein,
-die erste Minute der Ewigkeit verflossen sein wird. In allen Götter-
-und Heldensagen kehrt die Vergrösserung der Leibesgestalt wieder,
-aber auch der irdische Held sucht durch Helm und wallenden Helmbusch
-und dessen Scheindarsteller, der Heldenspieler, durch den Kothurn
-seine natürliche Grösse wenigstens scheinbar zu vermehren.
-
-122. Aus dem qualitativen Gesichtspunkte der theilweisen, aber
-überwiegenden und zwar derjenigen Identität, bei welcher Einseitigkeit
-der Uebereinstimmung des beiderseitigen Inhalts herrscht, ergibt sich
-die ästhetische Idee des Charakteristischen. Dieselbe besteht darin,
-dass derjenige Theil des ästhetischen Scheins, der als charakteristisch
-bezeichnet wird, zu jenem, als dessen Charakteristik er angesehen
-sein will, in dem Verhältnisse des Nachbildes zum Vorbilde, der
-Nachahmung zum Nachgeahmten, der Copie zum Originale steht, so dass
-alle wesentlichen Züge des letzteren sich an der ersteren wiederfinden
-und beide einander ihrer Inhaltsbestimmtheit nach so ähnlich werden,
-als es, ohne dass beide aufhören zwei, und dahin gelangen ein
-einziges zu sein, nur immer möglich ist. Das Wesen dieses ästhetisch
-Charakteristischen ist daher von jenem des in wissenschaftlichem Sinne
-Charakteristischen dadurch verschieden, dass in dem letzteren Fall das
-Charakterisirte stets ein wirkliches oder ein wahres oder doch ein für
-eins von beiden gehaltenes ist, während bei dem ersteren das Vorbild
-eben so gut ein erfundenes (als wahr oder wirklich nur fingirtes) sein
-kann. Dasselbe ahmt daher weder, wie die Kunst dem Aristoteles zufolge
-soll, die Natur -- noch, wie Winkelmann lehrte, ausschliesslich die
-schöne Natur nach; das Wohlgefällige der charakteristischen Nachahmung
-ist sowol von der Wahrheit und Wirklichkeit wie von der Schönheit des
-Nachgeahmten unabhängig und beruht einzig und allein auf der Treue
-der Nachahmung. Dieselbe gestattet daher nicht nur die Nachahmung
-des Hässlichen, sondern diejenige Kunst, welche vornehmlich die Idee
-des Charakteristischen zum Leitstern nimmt, wählt sogar dasselbe mit
-Vorliebe, weil dadurch der Verdacht, als sei es ihr mehr darum zu thun,
-Schönes, als schön darzustellen, am gewissesten abgelenkt und das
-Streben nach Treue der Darstellung, worin ihr eigentliches Verdienst
-besteht, am energischesten hervorgehoben wird. Grosse Charakteristiker,
-auf allen künstlerischen Gebieten, pflegen daher lieber das von Goethe
-treffend als solches bezeichnete "Bedeutende" als das makellose
-Schöne, Charakterdarsteller vorzugsweise "Charaktere" d. i. mit
-hervorstechenden, die Kunst der Nachahmung herausfordernden Zügen
-ausgestattete Individuen (Richard III., Carl und Franz Moor, Hamlet,
-Othello, Mephistopheles u. A.) zum Gegenstande der Darstellung zu
-wählen; unter den Helden Homers hat auch der Thersites nicht gefehlt.
-
-123. An die Idee des Charakteristischen schliesst sich ein Verfahren
-an, welches dieselbe nicht blos in einem einzelnen vorschwebenden
-Theile, sondern im ganzen Umfange der ästhetischen Vorstellungswelt
-(des Scheins) zur Geltung zu bringen d. h. welches, wo und was immer
-vorgestellt werde, charakteristisch vorzustellen trachtet. Wenn die
-Uebereinstimmung des Vorzustellenden mit der wirklichen Vorstellung
-im Allgemeinen als Wahrheit, wenn dieselbe in dem besonderen Falle,
-da das Vorzustellende ein äusseres, ein Object der Aussenwelt ist,
-als äussere (geschichtliche oder naturgeschichtliche) Wahrheit
-bezeichnet wird, so kann jene Tendenz, in der gesammten Welt des
-Scheins Uebereinstimmung zwischen Vorbild und Nachbild herrschen
-zu machen, Streben nach innerer d. h. da das Vorbild auch ein
-erdichtetes sein kann, poetische Wahrheit heissen. Dasselbe geht
-sonach nicht darauf aus, im Sinne der äusseren Wahrheit wahr zu
-sein d. h. einen äusseren Gegenstand treu wiederzugeben, wohl aber
-darauf, im Sinne derselben wahr zu scheinen d. h. einen (gleichviel
-ob erfundenen oder erfahrenen) Gegenstand so treu nachzubilden, dass
-diese Nachahmung, wenn jener Gegenstand ein äusserer wäre, im Sinne
-der äusseren Wahrheit wahr genannt werden müsste. In diesem Sinne
-der inneren, nicht in jenem der äusseren Wahrheit hat Aristoteles'
-Poetik die Tragödie philosophischer als die Geschichte genannt, weil
-jene das Geschehende als Mögliches und daher aus innerlichen Gründen
-Begreifliches, diese dagegen dasselbe lediglich als Geschehenes,
-seinen inneren Gründen nach erst zu Errathendes darstellt; jene
-sonach ihren Werth in der Uebereinstimmung der Wirkungen mit ihren
-Ursachen d. h. in der Abspiegelung der letzteren durch die ersteren,
-die Geschichte dagegen lediglich in der Uebereinstimmung ihrer
-Darstellung mit der äusseren Wirklichkeit sucht.
-
-124. Der qualitative Gesichtspunkt der theilweisen, aber
-überwiegenden, und zwar derjenigen Identität, welche in der
-gegenseitigen Uebereinstimmung des beiderseitigen Inhaltes sich
-offenbart, ergibt die ästhetische Idee des Harmonischen oder des
-(ästhetischen) Einklangs. Dieselbe besteht darin, dass jedes Glied des
-Verhältnisses, indem es das andere in sich abbildet, seinerseits ebenso
-von dem anderen abgebildet wird. Das Wesen des ästhetischen Einklanges
-unterscheidet sich daher von jenem des Charakteristischen dadurch,
-dass, während bei dem letzteren das Abbild zwar ganz im Vorbilde,
-nicht aber umgekehrt dieses in jenem enthalten ist, hier jedes
-Glied zugleich Nachbild und Vorbild des anderen ist. Beide Glieder
-enthalten einen gemeinsamen Bestandtheil, durch den sie verknüpft,
-und ausserdem einen entgegengesetzten, durch welchen sie aus einander
-gehalten werden. Je wichtiger der erste im Gegensatz zum zweiten,
-um desto bedeutender der Einklang, um desto nachdrucksvoller das
-Lustgefühl. Jenes dritte Gemeinsame stellt gleichsam den Exponenten
-des harmonischen Verhältnisses dar und wird, wenn die im Einklang
-befindlichen Glieder beide Gedanken z. B. das eine die Vorstellung der
-Sache, mit welcher eine andere, das andere die Vorstellung des Anderen,
-das mit jener verglichen werden soll, ausmacht, der Vergleichungspunkt
-(tertium comparationis) genannt. So bildet in der Metapher, die das
-Kameel als Schiff der Wüste bezeichnet, das Merkmal, dass beide,
-Kameel wie Schiff, als Transportmittel durch eine unwirthbare Wüste
-benutzbar sind, das verknüpfende -- dagegen das Merkmal, dass diese
-Wüste bei dem einen wasserlose Sand-, bei dem anderen eine uferlose
-Wasserwüste ist, das trennende Element beider Gedanken. Je nachdem
-die harmonirenden Glieder des Einklanges Ton-, Farben-, Formen- oder
-eigentliche Gedankenvorstellungen sind, welche letzteren allein sich in
-Worten ausdrücken lassen, wird der Einklang selbst als musikalische,
-Farben-, Formen- oder Gedankenharmonie, je nachdem die vorhandene,
-aber verborgene Aehnlichkeit des Verschiedenen leicht, blitzähnlich,
-oder in gleichsam visionärer Intuition an den Tag tritt, als Witz
-oder als Tiefsinn (die sonach beide ebensowol innerhalb der Ton-,
-Farben- und Formen-, wie der Gedankenwelt vorkommen können) bezeichnet.
-
-125. Geht die beiderseitige Identität der Verhältnissglieder so
-weit, dass beide sich nur durch die entgegengesetzte Lage im Raume
-unterscheiden d. h. dass das eine rechts und links gleichweit
-entfernt von einem idealen Mittelpunkt, oder nach oben gleichweit
-über, wie nach unten gleichweit unter einer idealen Ebene gedacht
-wird, so geht der Einklang in die Symmetrie oder den blos räumlichen
-Contrast (Contrapost) -- wenn dagegen der Gegensatz zwischen den
-Verhältnissgliedern so gross, dass nur das Mass ihrer räumlichen
-Entfernung von einem gemeinsamen Mittelpunkt oder einer gemeinsamen
-Ebene dasselbe, ihre beiderseitige Richtung im Raume aber gleichfalls
-entgegengesetzt ist, so geht dieselbe in den nicht blos räumlichen,
-sondern eigentlichen (stofflichen) Contrast über. Unter die erstere
-fällt zum Beispiele die Anordnung gleicher Thürme in gleicher
-Entfernung von der Mittelaxe der Kirche nach entgegengesetzten
-Weltgegenden (wie z. B. beim Kölner- oder beim Stephansdom). Unter
-den letzteren füllt die Anordnung eines noch unverwundeten und eines
-schon verschiedenen Sohnes in gleicher Entfernung von der Mittelaxe
-der Gruppe nach entgegengesetzten Richtungen bei der Darstellung
-des Laokoon. Beide können wie in räumlicher, so auch in zeitlicher
-Anordnung, wenn an die Stelle des idealen Mittelpunktes im Raume ein
-eben solcher in der Zeit, und statt der räumlichen Richtung nach rechts
-und links, oben und unten, die zeitliche nach der Vergangenheit und
-nach der Zukunft hin eingeführt wird, Anwendung finden. So kehrt in
-der Tanzmusik nach der Coda die ursprüngliche Melodie, im Ritornell
-und Strophenlied der Refrain wieder und baut sich im Fortschritte der
-dramatischen Handlung Schürzung und Lösung vor und nach dem Knoten
-symmetrisch auf.
-
-126. An die ästhetische Idee des Einklanges schliesst sich ein
-Verfahren an, welches dieselbe im ganzen Umfange des dem Bewusstsein
-vorschwebenden Scheins durchzuführen d. h. welches nur solche
-Bestandtheile in demselben zuzulassen bemüht ist, die unter einander
-nicht nur verwandt (homogen), sondern überwiegend identisch sind. Das
-Resultat dieses Verfahrens ist die ästhetische Einheit, welche je
-nach der specifischen Natur des die ästhetische Vorstellungswelt
-ausmachenden Scheins bald als musikalische (d. i. als Einheit der
-Tonwelt, des Tongeschlechts, der Tonleiter), bald als malerische
-(d. i. als Einheit der Licht- und Farbenwelt, der Beleuchtungsquelle,
-des Farbengeschlechtes u. dgl.), bald als bildnerische (d. i. Einheit
-der Formenwelt: der schlanken, aufstrebenden und im Spitzbogen
-sich wölbenden in der germanischen; der Quader, des Halbrund
-und der flachgewölbten Kuppel in der römischen; des horizontalen
-Architravs, der Säule und des Giebels in der griechischen Baukunst
-etc.), in der poetischen Welt bald als lyrische (d. i. als Einheit
-der Gemüthsstimmung), epische (d. i. als Einheit der Zeitlinie, an
-welcher die Begebenheiten aufgereiht werden), bald als dramatische
-(d. i. als Einheit der Handlung) sich kundgibt.
-
-127. Der qualitative Gesichtspunkt der Ausschliessung des Gegensatzes
-ergibt die Idee der ästhetischen Correctheit. Dieselbe besteht darin,
-dass keine mit einander unverträglichen Vorstellungen gleichzeitig
-im Bewusstsein vorhanden, oder, wenn vorhanden, aus demselben
-beseitigt sind. Jenes kann als natürliche, dieses als künstliche,
-also nur auf Zeit und nur für denjenigen, welcher den Gegensatz
-beseitigt hat, bestehende Correctheit bezeichnet werden. Da die
-Abwesenheit unverträglicher Vorstellungen im Bewusstsein zwar
-Missfallen verhindert, selbst aber keinerlei Wohlgefallen hervorruft,
-so ist die Correctheit im Gegensatze zu den Ideen der Vollkommenheit,
-des Charakteristischen und des Einklanges, welche als solche positiv
-beifällig sind, nur eine negative ästhetische Idee, deren Verletzung
-missfällt, deren Beobachtung jedoch gleichgiltig lässt. Dieselbe stellt
-daher zwar die conditio sine qua non des unbedingt Beifälligen, für
-sich allein aber weder als natürliche, noch (und zwar noch weniger)
-als künstliche ein Wohlgefälliges dar. Beispiel der natürlichen
-Correctheit ist der natürliche, Beispiel der künstlichen dagegen
-der sogenannte künstliche Anstand, von welchen der erstere auf der
-Einhaltung der durch das natürliche Schicklichkeitsgefühl gebotenen
-Grenzen, der letztere dagegen auf der ängstlichen Beobachtung der
-conventionellen, durch gesellschaftliche Uebereinkunft festgesetzten
-Formen und Gebräuche des geselligen Umganges beruht. Ein Beispiel aus
-der Kunstwelt liefert im Gegensatze zu der natürlichen Correctheit,
-welche im Drama Einheit der Handlung fordert, die dem französischen
-Nationalgeschmack entsprungene künstliche Correctheit des classischen
-Dramas der Franzosen, welche noch überdies die sogenannte Einheit
-der Zeit und des Ortes erheischt. Während daher die natürliche
-Correctheit eine allgemeine und nothwendige, drückt die künstliche
-eine zufällige, auf den Umkreis einer Nation oder eines Zeitalters
-beschränkte Eigenschaft des ästhetischen Scheines aus.
-
-128. An die Idee der Correctheit schliesst sich ein Verfahren an,
-welches bestimmt ist, die Ausschliessung mit und unter einander
-unverträglicher Bestandtheile durch den ganzen Umkreis der ästhetischen
-Vorstellungswelt durchzuführen. Ergebniss desselben ist die ästhetische
-Reinheit d. i. die Abwesenheit alles Störenden in der ästhetischen
-Vorstellungswelt, welche, wenn die durchzuführende Correctheit eine
-natürliche ist, selbst als solche, ist sie dagegen eine künstliche, als
-künstliche Reinheit bezeichnet wird. Dieselbe ist, wie die Correctheit,
-nur eine negative Eigenschaft des schönen Scheins, durch welche, wenn
-sie eine natürliche ist, das Missfallen für Alle, überall und auf
-immer, wenn sie dagegen blos eine künstliche ist, nur für diejenigen
-nur an jenen Orten und nur für so lange vermieden wird, für welche,
-an welchen und so lange das conventionelle Uebereinkommen, auf das
-sie begründet ist, besteht. Beispiele der natürlichen Reinheit bietet
-der natürliche, der künstlichen dagegen der künstlich festgesetzte
-Sprachgebrauch in Regel und Schrift, wie der erste zum Beispiele
-in der deutschen, der letztere dagegen in Folge der Herrschaft des
-Dictionnaire de l'Académie in der französischen Literatur stattfindet.
-
-129. Der qualitative Gesichtspunkt der Wiederherstellung des Seins aus
-dem an dessen Stelle getretenen und dasselbe verdunkelt habenden Schein
-ergibt die ästhetische Idee der Ausgleichung. Dieselbe besteht darin,
-dass die wirklich im Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen, welche,
-sei es durch Zufall, sei es durch Absicht, aus dem Bewusstsein
-verdrängt und durch andere, denselben entgegengesetzte ersetzt
-worden sind, ohne, ja wider den Willen des Vorstellenden in das
-Bewusstsein zurückkehren und ihrerseits diejenigen, die ihre Stelle
-eingenommen haben, verscheuchen. Der durch die Unwillkürlichkeit ihres
-Wiederauftauchens erzeugte Schein der Unabhängigkeit der Vorstellungen
-vom Vorstellenden wirft auf deren Vorgestelltes selbst den gleichen
-Anschein der Selbstständigkeit, inneren Lebens und Beseeltseins, so
-dass die Bewegung der wieder auftauchenden Vorstellungen im Bewusstsein
-nicht als eine durch den Vorstellenden hervorgerufene, sondern als
-eine den Vorstellungen selbst innewohnende, als Selbstbewegung des
-Vorgestellten, als lebendiger Schein erscheint d. h. das Geschöpf des
-Bewusstseins sich in Selbstbewusstsein verwandelt. Je nachdem die aus
-ihrer Verdunklung wieder hergestellten Vorstellungen entgegengesetzt
-oder harmonische waren, wird das Product des vollzogenen Ausgleiches
-entweder das Dasein entgegengesetzter oder harmonischer Vorstellungen
-d. h. der Ausgleich selbst entweder ein solcher mit disharmonischem
-oder harmonischem Ausgang sein. Ersterer schliesst zwar mit einer
-offenen Dissonanz (wie ein Heine'sches Lied oder eine Chopin'sche
-Phantasie), aber das Missfallen, welches der Geltung blossen Scheins
-für Sein anklebt, wenigstens ist vermieden. In letzterem Falle wird
-nicht blos letzteres Missfallen unmöglich gemacht, sondern die wieder
-hergestellte ursprüngliche Consonanz lässt den Process der Ausgleichung
-in einen volltönenden Accord ausklingen.
-
-130. Wie die Idee der Correctheit, so ist jene der Ausgleichung keine
-positive, unbedingten Beifall begründende, sondern blos negative,
-unbedingtes Missfallen verhütende Idee. Weder die Vermeidung des
-Störenden, noch die Wiederherstellung des Ursprünglichen ist an und für
-sich beifalls-, aber die Gegenwart des Unerträglichen und der Bestand
-der Lüge für Wahrheit sind an und für sich verwerfenswerth. Beide
-Ideen bilden daher zwar Bedingungen, ohne welche kein Schönes sein,
-durch welche allein aber nichts zum Schönen werden kann.
-
-131. An die ästhetische Idee des Ausgleichs schliesst sich
-ein Verfahren an, welches dieselbe durch den ganzen Umkreis des
-ästhetischen Scheins durchzuführen, allenthalben das Sein an die Stelle
-des Scheins zu setzen und die ursprünglich gegebenen anstatt der für
-dieselben eingeschobenen Elemente der ästhetischen Vorstellungswelt
-wieder herzustellen bemüht ist. Ergebniss desselben ist der durch
-die gesammte Welt des ästhetischen Scheins verbreitete Anschein
-selbstständiger Lebendigkeit, inwohnender Beseelung und Bewegung,
-Ablösung des Vorgestellten vom vorstellenden Subjecte d. i. die
-ästhetische Idee der Objectivität als Beseeltheit und Seelenhaftigkeit
-des ästhetischen Objectes. Dieselbe geht darauf aus, die Geschöpfe
-des vorstellenden Subjects als Geschöpfe ihrer selbst d. i. als sich
-selbst den Leib ihrer äusseren Erscheinung, Bewegung und Handlung
-bauende und bestimmende seelenhafte Subjecte, die gesammte Welt des
-ästhetischen Scheins als beseelte Welt, das Kunstwerk der Phantasie wie
-ein Naturwerk erscheinen zu lassen. Ausdruck dieses Strebens ist die
-dramatische, nach der natürlichen Verkettung von Ursachen und Wirkungen
-aus den gegebenen Charakteren und der gegebenen Situation mit innerer
-Nothwendigkeit hervorspringende, scheinbar ohne Wissen und Willkür
-des Dichters, wie "auf eigenen Füssen" einherschreitende dramatische
-Handlung. Die aus dem Hirn des Dichters entsprungenen scheinbar
-lebendig wandelnden Gestalten gleichen den Steinen Deukalion's,
-welche zu Menschen geworden sind.
-
-132. Keine der angeführten ästhetischen Ideen ist das ganze Schöne,
-aber jede derselben bezeichnet ein Element des Schönen. Weder das
-Grosse, noch das Charakteristische oder Harmonische, noch weniger
-das Correcte oder das Ausgeglichene für sich erschöpft das Gebiet des
-unbedingt Wohlgefälligen, aber jedes der drei ersten, die eben darum
-die positiven Merkmale des Schönen ausmachen, stellt ein solches
-dar; die beiden letzteren dienen demselben wenigstens als negative
-Kriterien. Unter einander verglichen lassen die Eigenschaften der
-Vollkommenheit, Wahrheit, Einheit und Reinheit als ruhendes, lässt
-sich dagegen die Beseelung, Bewegung und Objectivität als bewegtes
-Schönes bezeichnen. Die Gesammtheit sämmtlicher ästhetischer Ideen
-zu einem Totalbilde vereinigt prägt dem ästhetischen Schein, wenn
-derselbe von geringerem, ja von dem geringsten denkbaren Umfang ist,
-den Stempel der Schönheit, wenn derselbe von grösserem, ja von dem
-grössten denkbaren Umfang ist, durch die Erweiterung der einfachen
-ästhetischen Ideen mittels des sich an dieselben anschliessenden
-Verfahrens: der Grösse zur Vollkommenheit, des Charakteristischen zur
-Wahrheit, des Einklangs zur Einheit, der Correctheit zur Reinheit und
-der Ausgleichung zur Objectivität, die nie und nirgends erlöschende
-Marke der Classicität auf.
-
-133. Wie jeder der logischen Ideen, so steht jeder der ästhetischen
-Ideen ihr Gegenbild zur Seite. Der ästhetischen Idee der Vollkommenheit
-steht die der Unvollkommenheit, der des Grossen die des Kleinen, jener
-des Charakteristischen die des Charakterlosen, jener des Einklangs
-die des Missklangs gegenüber. Wie das Grosse, Reiche und Wohlgeordnete
-gefällt, so missfällt das Kleine, Dürftige und Zusammenhangslose. Wie
-das sein Vorbild in bezeichnenden und wesentlichen Zügen wiedergebende
-Nachbild Wohlgefallen erregt, so folgt der unbestimmten, verblasenen
-und verschwommenen, kaum kenntlichen Nachahmung das Missfallen auf dem
-Fusse. Wie das Harmonische, wo und an wem es sich findet, unbedingt
-Lob, so zieht das Disharmonische, wenn es nicht als Vorbereitung zu
-einem Harmonischen um dieser seiner dem Schönen dienenden Stellung
-willen geduldet wird, unbedingt Tadel nach sich. Die Gegensätze
-des Correcten und Ausgeglichenen sind durch die Missfälligkeit des
-gleichzeitig vorhandenen Unverträglichen und der Geltung des Scheins
-für Sein selbst als unbedingt missfällig gekennzeichnet: Incorrectheit
-und Trug erscheinen als unbedingt verwerflich.
-
-134. Eine Ausnahme macht die Stellung des an sich unbedingt
-Missfälligen, Unverträglichen, in der Idee der Ausgleichung mit
-harmonischem Ausgang. Weil in diesem Fall das Ursprüngliche und am
-Schluss des Processes Wiederhergestellte ein Harmonisches ist und
-der Eindruck dieses letzteren durch die vorangegangene Verdunklung,
-durch dessen disharmonisches Gegentheil, wie die Erfahrung zeigt,
-der auflösenden Consonanz durch die vorangegangene Dissonanz, des
-neugeborenen Lichtes durch die vorhergegangene Finsterniss, auf das
-vorstellende Subject, den Beschauer und Hörer, erhöht und bestärkt
-wird, so tritt in diesem Fall das an sich, wenn es als Zweck gedacht
-wird, unbedingt auszuschliessende Missfällige (die Dissonanz, das
-Nachtdunkel) in die Rolle eines die Erscheinung des Harmonischen,
-welches als Selbstzweck nicht nur möglich, sondern gefordert ist,
-vorbereitenden und fördernden Mittels zurück und wird um dieser seiner
-dem Harmonischen nützlichen Beschaffenheit willen nicht nur zugelassen,
-sondern, um den schliesslichen Effect des Harmonischen auf jede
-mögliche Weise und zu jedem erreichbaren Grade zu steigern, mit Wissen
-und Willen als Hilfsmittel verwendet. Von dieser Art ist der Gebrauch
-der Dissonanzen in der Musik, des Licht- und Schattencontrastes, so
-wie der Farbengegensätze in der Malerei, des tragischen d. i. das
-Gerechtigkeitsgefühl beleidigenden Schicksalsverhängnisses in der
-Tragödie, die Einführung sittlich verwerflicher Charaktere (moralischer
-Schlagschatten, Bösewichter, Intriguanten) in die dramatische oder
-epische Handlung etc.
-
-135. Wie die Zusammenfassung der ästhetischen Ideen das Schöne,
-jede derselben für sich ein Schönes, so stellen die Gegenbilder
-der einzelnen ästhetischen Ideen jedes für sich ein Hässliches, die
-Zusammenfassung aller in einem Totalbilde das Hässliche dar. Werden
-die Gegenbilder der einzelnen ästhetischen Ideen durch ein dem
-Verfahren bei den ersteren entgegengesetztes auf den ganzen Umkreis
-der ästhetischen Vorstellungswelt ausgedehnt, so dass in demselben
-durchgängig statt der Vollkommenheit Unvollkommenheit, statt der
-Grösse Kleinlichkeit, statt der Wahrheit Unwahrscheinlichkeit, statt
-der Einheit Verwirrung, statt der Reinheit Rohheit und statt der sich
-selbst beseelenden und tragenden Objectivität gesetzlose Willkür
-und genial scheinen wollender Subjectivismus herrscht, so wird,
-wie durch jene dem Totalbild der Stempel der Classicität, so durch
-diese demselben das Gepräge der ungebundenen Individualität d. i. des
-romantischen Subjects, die formlose Form der Romantik aufgeprägt.
-
-136. Mit der Aufstellung der ästhetischen Ideen und ihrer Gegenbilder,
-der einen zur Nachahmung, der andern zur Abschreckung für jedes
-Schaffen, das Schönes d. i. unbedingt Wohlgefälliges hervorbringen,
-unbedingt Missfälliges vermeiden will d. h. mit der Aufzählung
-der normalen und anormalen Formen, welche Normen des ästhetischen
-Vorstellens und künstlerischen Producirens sind, ist das Geschäft
-der Aesthetik als allgemeiner Wissenschaft vom Schönen vollendet.
-
-
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-DRITTES CAPITEL.
-
-DIE ETHISCHEN IDEEN.
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-137. Wie die logischen Ideen die Normen, unter welchen Denken zum
-Wissen, die ästhetischen die Normen, unter welchen ästhetischer Schein
-zum Schönen, so stellen die ethischen Ideen die Bedingungen dar,
-unter welchen Wollen zum Guten wird. Von Kant stammt der Ausspruch,
-dass das einzige, was wahrhaft und in jeder Hinsicht gut genannt zu
-werden verdiene, der gute Wille sei; welcher aber der gute d. h. unter
-allen denkbaren Willen derjenige sei, der unbedingt d. h. allgemein
-und nothwendig gefällt, sollen nachstehende Betrachtungen entwickeln.
-
-138. Wie bei dem schönen wirklichen Gegenstande dasjenige, was ihn
-zum schönen macht, nicht darin besteht, dass er Wirklichkeit, sondern
-darin, dass er Schönheit besitzt, so kann bei dem guten wirklichen
-Wollen der Grund, der es zum guten macht, nicht darin liegen, dass es
-wirklich, sondern darin, dass es gut ist. Da nun der wirkliche schöne
-Gegenstand vor dem blos gedachten (d. i. dem Schein eines solchen)
-nichts weiter voraus hat als eben die Wirklichkeit, und folglich der
-Grund seiner Schönheit nicht in demjenigen gefunden werden kann,
-was ihn vom Schein unterscheidet, sondern nur in demjenigen, was
-auch diesem eigen ist, so kann auch die Ursache, um deren willen
-der gute wirkliche Wille gelobt und dessen Gegentheil getadelt wird,
-keine andere als eine solche sein, welche der wirkliche mit dem blos
-gedachten (d. i. mit dem blossen Schein-) Willen gemein hat. Wie
-aber dasjenige, was das schöne Wirkliche mit dem schönen gedachten
-Gegenstande gemein hat, nur beider Form, so kann auch dasjenige, was
-dem guten Wirklichen mit dem blos gedachten guten Willen gemeinsam
-ist, nur deren gemeinschaftliche Form, und der einzige wahre Grund,
-um deswillen gutes wirkliches Wollen gut genannt zu werden verdient,
-kann daher nicht in dessen Realität, sondern nur in dessen (unbedingt
-wohlgefälliger d. i. den Normen des unbedingt Wohlgefälligen
-entsprechender) Form gefunden werden.
-
-139. Wäre das Gegentheil der Fall d. h. läge der Grund, warum gutes
-wirkliches Wollen unbedingt gefällt, in Eigenschaften, welche von
-dessen Wirklichkeit abhängen, so ergäbe sich Folgendes: Jedes wirkliche
-Wollen bringt einerseits als Wirkendes Wirkungen d. i. Folgen hervor
-und ist andererseits entweder als Bewirktes die Wirkung eines anderen
-Willens, oder als Selbstbewirktes die Wirkung seiner selbst, als
-des eigenen Willens. Im ersten Falle ist es selbst als Wirkliches
-die Ursache eines anderen Wirklichen; im zweiten Falle ist seine
-Ursache der entweder gebietende oder der als Muster zur Nachahmung
-reizende Wille eines Anderen; im letzten Falle ist es selbst seine
-eigene Ursache.
-
-140. Da jedes wirkliche Wollen ein Streben, ein solches aber nichts
-anderes ist als das Aufstreben der Vorstellung des Erstrebten
-im Bewusstsein gegen die Hemmnisse, welche bisher auf derselben
-lasteten, so erzeugt jedes Wollen, welches etwas bewirkt d. h. eine
-wirkliche Veränderung seiner bisherigen Lage hervorbringt, ebenso
-unausbleiblicher Weise ein Lust- als im entgegengesetzten Fall, wenn
-es nichts bewirkt, ein Unlustgefühl. Indem sich das erstere mit der
-Vorstellung des im Wollen Erstrebten d. i. des Objectes des Wollens
-verknüpft, erscheint dieses letztere als ein Gut; indem das letztere
-das gleiche thut, erscheint das Erstrebte als ein Uebel; jenes, weil
-an dessen Vorstellung sich ein Lustgefühl geheftet, wird von da an
-als ein Begehrens-, dieses, weil dessen Vorstellung fortan von einem
-Unlustgefühl begleitet wird, als ein Verabscheuungswerthes angesehen,
-die Güte des Wollens von dessen Richtung auf Güter, deren Gegentheil,
-die Bosheit, von dessen Richtung auf Uebel abhängig gemacht. Die
-Ethik als Wissenschaft von den Bedingungen des Guten nimmt die Gestalt
-einer Güterlehre an.
-
-141. Die Eigenschaft eines Objectes als eines Gutes oder Uebels
-hängt ab von den die Vorstellung desselben begleitenden Lust- oder
-Unlustgefühlen. Je nachdem diese letztern stärker oder geringer, werden
-höhere und niedere Güter und Uebel unterschieden. Durch den Umstand,
-dass die Vorstellung des einen von dem höchsten Lust-, die Vorstellung
-des anderen von dem höchsten Unlustgefühl unzertrennlich ist, wird das
-höchste Gut vor dem grössten Uebel gekennzeichnet. Dass sich dabei
-an die Vorstellung der Lust als solcher das höchste Lustgefühl,
-an jene der Unlust das höchste Unlustgefühl und zwar nicht blos
-in diesem und jenem, sondern in jedem Fall heften muss, in welchem
-von Lust und Unlust als Ziel des Wollens die Rede ist, und dass in
-Folge dessen kein Gegenstand geeigneter erscheint, als höchstes Gut
-aufgestellt zu werden, als die Lust (Glückseligkeit, eudaimonia) und
-keiner näher liegt, um als höchstes Uebel zu erscheinen, als die Unlust
-(Unseligkeit, kakodaimonia) scheint eben so wenig befremdlich, als es
-unbestimmt bleibt, ob unter jener Lust, die als Gut, und jener Unlust,
-die als Uebel bezeichnet wird, jede beliebige ohne Unterschied, oder
-irgend eine bestimmte, z. B. nur sinnliche oder nur geistige Lust,
-nur eigene (Egoismus) oder nur fremde Glückseligkeit (Altruismus),
-die Glückseligkeit eines Theiles oder die des Ganzen (allgemeines Wohl,
-salus publica) verstanden werden solle.
-
-142. Letzterem Mangel soll dadurch abgeholfen werden, dass diejenige
-Lust, welche mit keinerlei Unlust gemischt, also rein erscheint,
-der gemischten -- also diejenige, deren Folgen nicht einer solchen
-vorgezogen wird, deren nachträgliche Wirkungen von Unlust begleitet
-sind. Aus diesem Grunde wurde von den Hedonikern und Epikuräern die
-sinnliche Lust als vorübergehende und flüchtige der geistigen als der
-dauer- und standhaften nachgesetzt, von Aristoteles das beschauliche
-Leben des Denkers als das einzige wahren Genuss gewährende hoch über
-das banausische Treiben der Sinnlichkeit erhoben. Dem Streben nach
-eigener, selbstsüchtiger Glückseligkeit, in welchem die Einen (die
-Encyklopädisten, Helvetius) das Ziel des Wollens erblickten, wird
-von Anderen (Hume, Smith, Comte) das Streben nach fremder d. i. nach
-der Glückseligkeit des Andern (autrui, Altruismus) entgegengestellt
-d. h. das selbstlose und selbstverleugnende uneigennützige dem
-selbstsüchtigen eigennützigen Wollen -- mit Recht, aber grundlos
-d. h. ohne Angabe eines Grundes, warum das eine besser als das
-andere sein solle -- vorgezogen. Eben so richtig, aber auch eben so
-wenig motivirt ist der von Leibnitz u. A. hervorgehobene Vorrang der
-allgemeinen vor der besondern oder gar individuellen Glückseligkeit,
-in Folge dessen das Wohl des Ganzen jenem des Theiles, dieses
-jenem des Einzelnen zwar (mit Recht) vorzuziehen, der Grund aber,
-durch welchen diese Bevorzugung gerechtfertigt (und welcher, wie
-später gezeigt werden soll, ausschliesslich in der ursprünglichen
-unbedingten Wohlgefälligkeit wohlwollender Gesinnung gelegen) ist,
-eben so wenig anzutreffen ist.
-
-143. Der andere Mangel, an dem jede Ethik als Güterlehre leidet,
-aber kann auf keine Weise beseitigt werden. Dieselbe geht davon aus,
-dass es Güter d. h. Objecte gebe, die begehrens-, und solche, die
-verabscheuungswerth sind, und will durch die Angabe der ersteren,
-wie durch die Ausscheidung der zweiten das gute d. h. auf Güter, von
-dem bösen d. h. auf Uebel sich richtenden Wollen unterscheiden. Wenn
-aber nach Obigem an jede Befriedigung des Wollens, gleichviel welches
-dessen Object sei, ein Lustgefühl sich knüpft und jedes Object, dessen
-Vorstellung ein Lustgefühl begleitet, ein Gut darstellt, so folgt,
-dass das Object jedes Wollens, gleichviel welches es sei, ein Gut --
-und daher jedes Wollen ohne Unterschied, weil auf ein Gut gerichtet,
-ein gutes, folglich der Unterschied zwischen gutem und nicht gutem
-Wollen illusorisch sei. Folge der Ethik als Güterlehre wäre daher,
-entweder, dass jedes Wollen als Wollen gut (ethischer Optimismus), oder
-dass kein Wollen besser als das andere (ethischer Indifferentismus),
-oder dass kein Wollen gut (ethischer Pessimismus und Nihilismus),
-oder, da jedes wirkliche Wollen aus dem Gefühl des Nichtbesitzes des
-Gewollten d. i. aus einem Unlustgefühl hervorgeht, dass Nichtwollen
-am besten sei (ethischer Quietismus). In keinem dieser Fälle ist
-Ethik als Wissenschaft möglich.
-
-144. Wie das wirkliche Wollen als Wirkendes Ursache, so ist es als
-Bewirktes Wirkung eines Wirklichen. Kann nun dasjenige, wodurch ein
-Wollen bewirkt wird, nur wieder ein Wille sein, so ist nur zweierlei
-möglich: entweder ist der bewirkende Wille ein fremder d. h. der eines
-von jenem, der will, unterschiedenen, oder der eigene d. i. der eines
-mit demjenigen, welcher will, identischen Individuums. In beiden
-Fällen kann der Wille entweder als befehlender, das eigene Wollen
-als Wirkung jenes Willens als gehorchendes, oder als vorbildender,
-das eigene Wollen als nachahmendes auftreten. Im ersten Fall nimmt das
-gute Wollen die Form des pflichtmässigen, die Ethik als Wissenschaft
-die Gestalt einer Pflichtenlehre, im zweiten Fall das vorbildende
-Wollen die Rolle eines Tugendmusters, die Ethik als Wissenschaft die
-Form einer Tugendlehre an.
-
-145. Grund der Güte des Wollens ist in der ersten die Beschaffenheit
-des befehlenden Willens. Ist dieser selbst gut, so ist es auch
-sein Gebot (die Pflicht) und folglich auch das diesem gemässe
-d. i. pflichtgemässe Wollen. Ist er dagegen das Gegentheil, so
-ist es auch sein Gebot und folglich das Wollen desto schlechter,
-je pflichtgemässer es ist. Soll daher die Ethik die Form einer
-Pflichtenlehre annehmen dürfen, so muss zuerst ausgemacht sein,
-dass der gesetzgebende Wille in der That der gute d. h. dass das
-von ihm Gebotene niemals etwas anderes sein könne, als was des
-Gebotenwerdens werth ist. Dieses aber kann weder einfach dadurch
-erwiesen werden, dass dargethan wird, der gebietende Wille sei
-der stärkste, noch dadurch, dass zu erweisen versucht wird, er sei
-entweder der göttliche oder überhaupt ein höherer (übermenschlicher,
-übersinnlicher, überempirischer), sondern allein dadurch, dass
-dargethan wird, er sei der gute d. h. sein Inhalt stimme mit
-demjenigen überein, was den Inhalt des Guten d. h. des am Wollen
-unbedingt Wohlgefälligen ausmacht. Erweis der Güte des Gebots durch
-den Nachweis, dass der gebietende Wille der stärkste d. h. stärker
-als der gehorchende und folglich denselben zu zwingen vermögend sei,
-würde das Faustrecht d. h. das angebliche Recht des Stärkeren bedeuten
-d. i. den Grundsatz: dass dasjenige, was die Macht will, gut, nicht
-aber, dass nur die Macht, die das Gute will, diejenige sei, der
-man zum Gehorsam verpflichtet ist. Das zweite würde das Vorangehen
-des Beweises erfordern, dass der Gesetzgeber, als dessen Gesetz das
-gebotene Wollen sich kundgibt, wirklich Gott d. h. nicht blos ein
-angeblicher, sondern der wirkliche Gott d. h. ein solcher sei, zu
-dessen Eigenschaften es naturnothwendig gehört, nur das Gute d. i. das
-sein Sollende, zu wollen. Da nun dieser Beweis nicht erbracht werden
-kann, ohne das Gute d. i. das unbedingt Wohlgefällige am Wollen zu
-kennen, auf dessen Uebereinstimmung mit dem angeblich göttlichen Gebot
-eben die Anerkennung des letzteren als eines göttlichen beruht, so
-setzt die Ethik als theologische d. i. das Gute auf das Gebot Gottes
-zurückführende Wissenschaft, die Kenntniss des Guten als gewonnen
-voraus, statt dieselbe zu gewähren. Wird jedoch der gesetzgebende
-Wille statt in einen Andern, in das Innere des Wollenden selbst,
-gleichsam als ein höherer, überempirischer in das menschliche,
-empirische Individuum verlegt, so dass der Mensch gleichsam als ein
-aus zwei Elementen, einem überempirischen und einem empirischen,
-zusammengesetztes Doppelwesen erscheint, deren eines zum Befehlen,
-das andere zum Gehorchen bestimmt ist, so kehrt dieselbe Schwierigkeit
-wieder d. h. es muss neuerdings dargethan werden, dass der sich im
-Menschen als der höhere geberdende Wille ("der Gott in uns") wirklich
-den Anspruch besitze und nicht blos mache, als solcher anerkannt,
-und dessen Gesetz die Berechtigung habe, nicht blos, weil es sein,
-sondern weil es ein gutes Gesetz ist, Gehorsam zu fordern.
-
-146. Selbst Kant's souveräner kategorischer Imperativ hat der
-Verpflichtung, als gutes d. i. Gehorsam zu fordern berechtigtes Gebot
-sich zu legitimiren, sich nicht zu entziehen vermocht. Freilich
-thut er dasselbe nicht durch den Erweis, dass der Inhalt seines
-Gebotes der gute, sondern dadurch, dass das Gegentheil desselben in
-sich widersprechend sei. Der von ihm aufgestellte Satz: Handle so,
-dass die Maxime deines Wollens fähig sei, als allgemeines Gesetz zu
-dienen, soll nicht den Inhalt des Guten, sondern ein Kennzeichen
-darbieten, denselben zu erkennen. Die Fähigkeit einer Maxime,
-allgemein als Gesetz aufgestellt zu werden, verräth sich darin, dass
-das Gegentheil derselben, als allgemeines Gesetz gedacht, sich selbst
-widerspricht. Kant's Kriterium des Guten ist logisch, nicht ethisch.
-
-147. Aber das Beispiel, das er gibt, führt nicht einmal zum
-Widerspruch. Kant erweist die Pflicht, anvertraute Güter zurückzugeben,
-auf die Weise, dass er bemerkt, im entgegengesetzten Fall würde es
-keine anvertrauten Güter mehr geben. Allein die der Maxime, anvertraute
-Güter zurückzustellen, entgegengesetzte Maxime, anvertraute Güter
-nicht zurückzustellen, würde nur dann auf einen Widerspruch führen,
-wenn sie verlangte, obgleich keine anvertrauten Güter vorhanden seien,
-dennoch dergleichen zurückzustellen. Dieselbe führt jedoch auf keinen
-Widerspruch, wenn sie, wie sie es wirklich thut, verlangt, anvertraute
-Güter, wenn dergleichen vorhanden sind, nicht zurückzustellen.
-
-148. Kant geht von dem richtigen Satze aus, dass jedes gute Gebot
-allgemein giltig und schliesst daraus umgekehrt, dass jedes allgemein
-giltige Gebot nothwendig gut sei. Er erweist daher statt, wie er
-sollte, die Folge aus dem Grund, umgekehrt, wie er nicht durfte, den
-Grund aus der Folge. Allgemein giltige Gebote sind nothwendig gute,
-aber nicht alles, was allgemein gilt d. h. dessen Gegentheil auf
-einen Widerspruch führt (wie z. B. mathematische Wahrheiten) ist ein
-ethisches Gebot. In der kürzeren Form, welche Kant seinem obersten
-Sittengesetze gibt: folge der praktischen Vernunft d. i. thue, was
-du sollst, wird die leere Tautologie, in die sich der kategorische
-Imperativ verwickelt, noch auffälliger. Denn da die Vernunft nichts
-anderes ist als die Stimme des Sollens, so bedeutet jenes Gebot:
-du sollst, was du sollst -- einen identischen Satz.
-
-149. Der kategorische Imperativ oder die sogenannte praktische Vernunft
-im Wollenden nimmt in Bezug auf den Inhalt ihres Gebots dem an sich
-Guten gegenüber keine andere Stellung ein, als Gott und die sogenannte
-göttliche Gesetzgebung ausserhalb des Wollenden. Wie die letztere,
-um den angeblichen von dem wahren (d. i. eines Gottes würdigen) Willen
-Gottes unterscheiden zu können, nach den Worten des Thomas von Aquin:
-non ideo bonum est, quia deus præcepit, sed ideo deus præcepit, quia
-bonum est, der Rechtfertigung durch Uebereinstimmung ihres Inhalts
-mit jenem des an sich Guten (d. i. des unbedingt Wohlgefälligen am
-Wollen) bedarf, so muss, um den Ausspruch der wahren von dem einer
-blos vermeintlichen gebietenden Vernunft unterscheiden zu können,
-der Inhalt desselben an dem Massstab einer andern, der über Werth und
-Unwerth des Wollens unbedingt entscheidenden urtheilenden Vernunft
-geprüft und durch diese entweder bestätigt oder verworfen werden.
-
-150. Wie in der Pflichtenlehre der Grund der Güte des gehorchenden in
-jener des befehlenden Willens, so liegt in der Ethik als Tugendlehre
-der Grund der Güte des nachahmenden in jener des nachgeahmten
-Willens. Dieselbe stellt, wie die stoische Moral in der Person des
-stoischen Weisen, wie Aristoteles in seinem "gerechten Mann" (orthos
-anêr) ein ethisches Ideal, das Bild einer vollendeten oder doch
-für vollendet ausgegebenen idealen Persönlichkeit als Tugendmuster
-d. i. als nachahmungswerthes Vorbild auf, durch dessen Nachahmung
-das Wollen des Nachahmenden selbst tugendhaft, Mustertugend wird,
-aus keinem andern Grunde, als weil und insofern es dem Wollen
-des Tugendmusters gleicht. Ethik als Tugendlehre ist daher zwar
-vorschreibend, insofern sie ein Vorbild zur Nachahmung aufstellt,
-aber zugleich blos beschreibend, indem sie das Wesen des Tugendmusters
-ausmalt. Die stoische Moral begnügte sich nicht damit, auf das Ideal
-des Weisen als Muster hinzudeuten, sondern entwarf ein Charaktergemälde
-desselben und seines Verhaltens in allen denkbaren Lebenslagen als
-musterhaft. Die Ethik als Tugendlehre verfährt weder imperativ, noch
-deducirend, sondern demonstrirend d. i. auf ein gegebenes, sei es
-historisch in der Wirklichkeit, sei es poetisch in der idealen Welt,
-Vorhandenes hinweisend und dasselbe ein- für allemal als ethische
-Autorität d. i. als den schlechthinigen Ausdruck des an sich Guten
-proclamirend. Wie Max von Wallenstein sagt: "Auf ihn nur braucht' ich
-zu schau'n und war des rechten Pfad's gewiss" -- so zeigt die Ethik
-als Tugendlehre auf jede Frage nach dem Guten, statt aller Antwort
-auf den Guten hin, in dessen jeweiligem Wollen dasselbe verkörpert sei.
-
-151. Soll dessen ethische Autorität nicht blos "auf Autorität"
-hin, das Ideal des stoischen Weisen nicht blos auf das Zeugniss
-der Stoiker, der orthos anêr nicht blos auf jenes des Aristoteles
-hin als Tugendmuster gelten, so muss die Berechtigung derselben,
-ideal d. i. absolut wohlgefälliges Vorbild zu sein, wissenschaftlich
-d. i. durch Uebereinstimmung ihres Wollens mit dem an sich Guten
-(d. i. dem unbedingt Wohlgefälligen am Wollen) vorher erwiesen
-werden. Weil aber dieser Erweis die Kenntniss des Guten bedingt, das
-gute Wollen nicht deshalb gut, weil es das Wollen des Guten (Mannes),
-sondern der Gute deshalb gut ist, weil er das Gute will, so setzt
-Ethik als Tugendlehre, statt selbst Wissenschaft des Guten zu sein,
-vielmehr diese d. i. die Wissenschaft der Normen, nach welchen das
-Wollen unbedingt gefällt oder missfällt, die ästhetische Wissenschaft
-vom Wollen, die Willensästhetik voraus.
-
-152. Güter-, Pflichten- und Tugendlehre als Formen der Ethik sind damit
-gleichmässig abgelehnt. Die Eigenschaften des Wollens, welche dasselbe
-zum guten machen, gehören nicht, wie bei jenen, dem wirklichen, sondern
-ausschliesslich dem gedachten Wollen d. i. der blossen Vorstellung
-eines solchen, dem Schein eines Wollens an. Wie ästhetischer Schein
-überhaupt weder dadurch, dass etwas durch denselben hindurchscheint,
-noch dadurch gefällt, dass er einem gewissen Subjecte scheint, sondern
-allein dadurch, dass er gewisse unbedingt wohlgefällige Formen an
-sich trägt, so gefällt das Bild eines Wollens weder dadurch, dass
-dieses bestimmte Folgen nach sich zieht (wie in der Güterlehre),
-noch dadurch, dass dieses das, sei es gebietende oder als Muster
-vorgestellte Wollen eines Andern nachahmt (wie in der Pflichten-
-und Tugendlehre), sondern allein dadurch, dass das Wollen gewisse
-unbedingt wohlgefällige Formen an sich trägt. Die Aufstellung dieser
-letzteren ist die Aufgabe der Ethik als Aesthetik des Wollens.
-
-153. Zieht man von dem guten wirklichen Wollen die äussere Hülle
-der Wirklichkeit ab, so bleibt der Gedanke, das Bild oder die
-Vorstellung dieses Wollens allein übrig. Dieses Bild wird als
-Vorgestelltes nicht nur mit einem gewissen Grade von Intensität
-vorgestellt, sondern das Wollen, dessen Bild es ist, wird in diesem
-als Wollen von einem bestimmten höheren oder niederen Intensitätsgrad
-vorgestellt. Dasselbe wird ferner nicht blos in Beziehungen und
-Verhältnissen (der Gleichheit, Ungleichheit, der Identität oder des
-Gegensatzes) zu anderen ähnlichen oder unähnlichen Willensbildern
-vorgestellt, sondern das Wollen, dessen Bild es ist, wird selbst
-als in Beziehungen und Verhältnissen (der Uebereinstimmung oder
-des Widerstreits) zu anderem, sei es Wollen, sei es Vorstellen,
-stehend vorgestellt. Jenes ergibt einen quantitativen, dieses einen
-qualitativen Gesichtspunkt zur Beurtheilung des Wollens.
-
-154. Ersterer betrifft das Wie, letzterer das Was des vorgestellten
-Wollens. Dasselbe wird von jenem aus entweder als stark, oder als
-schwach, als reich und mannigfaltig, oder als dürftig und einförmig,
-als wohlgeordnet und in sich zusammenhängend, oder als ordnungslos
-und in sich zerrissen vorgestellt, und nach der ästhetischen
-Idee der Vollkommenheit dem starken, reichen, zusammenhängenden
-vor dem schwachen, armen und zusammenhanglosen Wollen der Vorzug
-gegeben. Von diesem aus wird dasselbe entweder als mit einem anderen
-Wollen (z. B. dem eines Andern) ganz oder theilweise identisch oder
-demselben entgegengesetzt vorgestellt und nach der ästhetischen
-Idee des Einklangs im ersteren Falle mit Lob, in letzterem mit Tadel
-begleitet. Die Entwicklung und Aufzählung aller sowol vom quantitativen
-als vom qualitativen Gesichtspunkt aus möglichen Fälle ergibt die
-ethischen Ideen.
-
-155. Diese Fälle sind folgende. Jedes Wollen als solches besitzt eine
-Energie, mit welcher, und einen Inhalt, welcher gewollt wird. Wird
-die erstere d. i. das Quantum des Wollens, ohne Rücksicht auf den
-letzteren, das Quale des Wollens, allein ins Auge gefasst, so ergibt
-sich der quantitative, findet das Gegentheil statt, der qualitative
-Gesichtspunkt seiner Beurtheilung. Weil jede Bethätigung des Wollens
-als eines Ueberwindens entgegenstehender Hemmnisse von Lustgefühl
-begleitet ist und sich dasselbe in gleichem Grade steigert, als das
-aufgewendete Quantum der Wollensbethätigung wächst, so muss mit der
-Vorstellung des grösseren Quantums von Wollensbethätigung nothwendig
-ein grösseres, mit der Vorstellung eines mit dem ersteren verglichen
-kleineren Wollensquantums eben so nothwendig ein geringerer Grad von
-Lustgefühl verbunden sein d. h. das stärkere Wollen gefällt neben dem
-schwächeren, das schwächere missfällt neben dem stärkeren. Dieser
-Erfolg besteht so lange, als das proportionale Verhältniss
-zwischen den beiden unter einander verglichenen Wollensquantitäten
-dasselbe bleibt. Ob die beiden unter einander ihrer relativen
-Stärke nach verglichenen Wollen als einem und demselben oder als
-verschiedenen wollenden Wesen angehörig gedacht werden, macht dann
-keinen Unterschied. Wächst das kleinere Wollensquantum, oder nimmt
-das grössere ab, so dass schliesslich beide den gleichen Grad von
-Stärke besitzen, oder bei fortwährendem Wachsen des kleineren oder
-Abnehmen des grösseren das schwächere zum stärkeren, das stärkere zum
-schwächeren Wollen wird, so hört in dem einen Fall, da beide gleich
-stark geworden sind, jeder Vorzug des einen vor dem andern auf,
-in dem andern Fall, da das schwächere zum stärkeren geworden ist,
-kehrt sich das Verhältniss um, das vorher wohlgefällige missfällt,
-das vorher missfällige wird wohlgefällig. In beiden Fällen stellt das
-stärkere den Massstab des schwächeren, jenes gleichsam das "Volle"
-dar, zu welchem dieses erst "kommen" soll.
-
-156. Wird das Quantum des Wollens hierbei als über jedes erreichbare
-Mass hinaus fortschreitend vorgestellt, so geht die Vorstellung des
-starken in die des durch seine Stärke erhabenen Wollens d. i. eines
-solchen über, im Vergleich mit welchem jede dem Vorstellenden
-selbst als Wollendem erreichbare Stärke seines Wollens in nichts
-verschwindet. Das in diesem Fall vorgestellte Wollen erscheint mit
-dem des Vorstellenden selbst verglichen unendlich (d. h. über jede
-diesem vorstellbare Grenze hinaus) gross; das eigene Wollen des
-Vorstellenden diesem mit jenem verglichen unendlich (d. h. über
-jede von diesem vorstellbare Grenze hinaus) klein. Letzterer
-Umstand ruft in dem Vorstellenden das unangenehme Gefühl seiner
-Schwäche als wollendes, dagegen das Bewusstsein, einen dem seinen
-unendlich überlegenen Willen zwar nicht im Wollen erreichen, aber
-doch wenigstens mit seiner vorstellenden Kraft vorstellen zu können,
-das angenehme Gefühl der eigenen Stärke als vorstellendes Wesen hervor,
-so dass beide, dieses Lust- und jenes Unlustgefühl zusammen, jenem über
-alles Mass hinaus gesteigerten Wollen gegenüber wieder das gemischte
-Gefühl des Erhabenen erzeugen. Letzteres mag, da es ein Wollen ist,
-zum Unterschied von dem im Vorangehenden erwähnten, welches nur auf
-der Ueberschreitung der Grenze des Vorstellbaren beruhte, mit einem
-Kant'schen Ausdruck das dynamisch Erhabene heissen.
-
-157. Wird, wie oben vom Quale, so vom Quantum des vorgestellten Wollens
-ab und nur auf das Was desselben gesehen, so ergeben sich, da in Bezug
-auf den Umstand, dass überhaupt etwas gewollt wird, ein Wollen dem
-andern gleicht, in Bezug auf dasjenige, welches gewollt wird, aber,
-weil jede beliebige Vorstellung Sitz eines Wollens werden kann, eine
-so unendliche Mannigfaltigkeit stattfindet, dass von einer Aufzählung
-oder Vergleichung derselben unter einander keine Rede sein kann,
-nur nachstehende Fälle. Das vorgestellte Wollen wird entweder auf den
-Wollenden selbst oder auf einen anderen Wollenden bezogen, letzterer
-aber entweder als blos in der Vorstellung des ersten vorhanden, oder
-als wirklich vorhanden vorgestellt. Findet das erste statt d. h. wird
-das Wollen des Wollenden auf den Wollenden selbst bezogen, so muss
-etwas in diesem als vorhanden vorgestellt werden, was sich mit dessen
-Wollen vergleichen lässt. Wird dagegen das Wollen auf einen Anderen
-bezogen, so muss in diesem etwas vorhanden gedacht werden, das sich
-mit dem Wollen jenes ersten vergleichen lässt. Dasjenige im Wollenden,
-mit dem sich sein Wollen vergleichen lässt, kann nun nichts anderes
-sein, als das Bild dieses Wollens d. h. die Vorstellung, die er sich
-selbst von seinem Wollen macht. Dasjenige im Andern, womit das Wollen
-des ersten verglichen wird, seinerseits kann wieder nur ein Wollen,
-und zwar entweder als blos gedachtes d. i. nur in der Vorstellung des
-ersten vorhandenes, oder als wirkliches, thatsächlich existirendes
-im zweiten sein.
-
-158. Das Bild, das sich der Wollende von seinem eigenen Wollen macht,
-gehört dessen Vorstellen (dem Intellect), das Wollen selbst, von dem er
-ein Bild sich macht, dessen mit der Vorstellung der Erreichbarkeit des
-Angestrebten verbundenem Streben (dem Willen) an: beide, das Bild des
-Wollens im Intellect und das wirkliche Wollen des Willens des Wollenden
-verhalten sich zu einander, wie Vorbild und Nachbild, Original und
-Copie; der Intellect entwirft das Bild eines gewissen möglichen Wollens
-(Willensproject), der Wille führt es aus oder auch nicht im wirklichen
-Wollen (Willensact). Im ersten Fall trägt das wirkliche Wollen die Züge
-des gedachten d. h. dasselbe ahmt das letztere nach; im letzteren Fall
-fallen Willensproject und Willensact, auf ihren Inhalt hin angesehen,
-gänzlich aus einander, gedachtes und wirkliches Wollen decken einander
-nicht. Beide Fälle, die auf der einseitigen Identität des gedachten
-und des wirklichen Wollens beruhen, wiederholen die ästhetische Idee
-des Charakteristischen auf dem Gebiete des Wollens.
-
-159. Wie jene allgemein darin besteht, dass sich der gesammte Inhalt
-des Nachbildes am Vorbilde, dagegen nicht alles, was letzterem
-eigen ist, an dem ersten findet, so besteht das Verhältniss zwischen
-gedachtem und wirklichem Wollen darin, dass der gesammte Inhalt des
-wirklichen sich in dem Inhalt des gedachten, nur mit dem Unterschied
-vorfindet, dass er das einemal nur als Gedanke (Vorstellung, Bild,
-ideal), das anderemal als Wollen (wirklich, real) vorhanden ist. Wie
-unter der Herrschaft der Idee des Charakteristischen Original
-und Portrait einander so nahe kommen, dass nur der Umstand, dass
-das eine ein wirklich, das andere ein nur scheinbar belebtes ist,
-sie von einander scheidet, so kommen im vorliegenden Verhältniss
-gedachtes und wirkliches Wollen mit einander so vollkommen überein,
-dass nur der Umstand, dass das eine als wirklich nur gedachtes, das
-andere ein Gedachtes verwirklichendes Wollen ist, sie trennt. Der
-unbedingte Beifall, welcher die erstere, die Harmonie zwischen
-Vorbild und Nachbild, begleitet, kann daher auch dem letzteren,
-welches die Harmonie zwischen gedachtem und wirklichem Wollen des
-Wollenden ausdrückt, eben so wenig fehlen, wie dessen Gegentheil,
-der Disharmonie zwischen beiden, das unbedingte Missfallen.
-
-160. Wie die Beziehung zwischen gedachtem und wirklichem Wollen im
-Wollenden selbst auf der einseitigen, so beruht jene zwischen dem
-wirklichen Wollen des Wollenden und seiner Vorstellung vom Wollen
-eines Andern auf jenem der gegenseitigen Identität. Beide Fälle
-haben das mit einander gemein, dass beide Glieder, deren Beziehung
-unter einander das Verhältniss ausmacht, dem Bewusstsein eines
-und des nämlichen Individuums (des Wollenden) angehören; ferner,
-dass diese Glieder jedesmal je ein gedachtes und ein wirkliches
-Wollen sind; der Gegensatz beider Fälle aber besteht darin, dass
-das gedachte Wollen, auf welches das wirkliche Wollen sich bezieht,
-in dem einen Fall als das eigene des Wollenden, in dem anderen als
-das eines Anderen gedacht wird. Wie nun im ersten Fall das gedachte
-eigene zum Vorbild des eigenen wirklichen Wollens, so wird in dem
-hier vorliegenden Falle das gedachte fremde zum Vorbild des eigenen
-wirklichen Wollens. In jenem Fall wird das Bild des eigenen Wollens, in
-diesem das Bild des fremden Wollens vom Wollenden nachgeahmt, so dass
-in jenem Harmonie zwischen gedachtem eigenem und eigenem wirklichem,
-in diesem dagegen Harmonie zwischen gedachtem fremdem und wirklichem
-eigenem Wollen stattfindet. Gedachtes fremdes und eigenes wirkliches
-Wollen werden dabei ihrem Inhalt nach congruent, dem Umstand nach,
-dass das eine blos gedacht, das andere wirklich, das eine eigenes,
-das andere fremdes Wollen ist, als gegensätzlich vorausgesetzt; jedes
-der beiden Verhältnissglieder hat durch die Identität des Inhalts
-etwas, und zwar ein Ueberwiegendes mit dem andern gemein und jedes
-etwas, wenngleich nichts überwiegendes, das eine die Eigenschaft,
-dass es eigenes und wirkliches, das andere die entgegengesetzte,
-dass es gedachtes und fremdes Wollen ist, vor dem anderen voraus.
-
-161. Dass in diesem Willensverhältniss die ästhetische Idee des
-Einklangs auf ethischem Felde wiederkehrt, braucht kaum erst
-hervorgehoben zu werden. Gedachtes fremdes und eigenes wirkliches
-Wollen verhalten sich zu einander wie die überwiegend identischen,
-obgleich jedes dem andern theilweise entgegengesetzten Glieder einer
-Ton-, Farben- oder Gedankenharmonie. Wie dieser auf ästhetischem,
-so kann jenem Willensverhältniss auf ethischem Gebiet das unbedingte
-Lob eben so wenig ausbleiben, wie seinem Gegentheil, der Disharmonie
-zwischen gedachtem fremdem und eigenem wirklichem Wollen der unbedingte
-Tadel.
-
-162. Schon hier mag erwähnt sein, dass der Einklang des eigenen
-wirklichen mit dem gedachten fremden Wollen nicht mit der inhaltlichen
-Uebereinstimmung des eigenen mit fremdem Lust- oder Unlustgefühl,
-wie sie in den bekannten psychischen Phänomen des sogenannten
-Mitgefühls zu Tage tritt, verwechselt werden dürfe. Jener drückt
-eine Beziehung eigenen Wollens auf fremdes, dieses zwar gleichfalls
-eine Beziehung eigener auf fremde Gemüthszustände, jedoch nicht eine
-solche des Wollens, sondern des Fühlens aus. Das sympathetische Gefühl
-ist die Wiederholung eines fremden oder die Entstehung eines jenem
-entgegengesetzten Gefühls im eigenen Gemüth, obiges Willensverhältniss
-dagegen die Wiederholung eines dem fremden gleichen oder die Entstehung
-eines jenem entgegengesetzten Wollens im eigenen Willen. Jenes ist
-bei dem Mitleid und der Mitfreude, wo das Leid des Andern Leid, die
-Lust des Andern Lust in uns hervorruft, einerseits -- bei Neid und
-Schadenfreude, wo die Lust des Andern Leid und das Leid des Andern
-Lust in uns nach sich zieht, andererseits der Fall. Dieses ereignet
-sich, wenn ein (wirklich oder vermeintlich) vorhandener Wunsch oder
-Wille eines Andern Veranlassung wird, unsererseits dasselbe, oder
-zum Grund für uns wird, das ihm Entgegengesetzte zu wollen.
-
-163. Das sympathetische Gefühl, welches durch Nachahmung der Gefühle
-eines Andern und obiges Willensverhältniss, welches durch Nachahmung
-der Wünsche eines Andern von unserer Seite entsteht, haben nichts
-weiter mit einander gemein, als dass in beiden Fällen der Andere
-durch seine inneren Vorgänge Ursache wird gewisser Vorgänge in uns,
-mit dem bedeutsamen Unterschied, dass bei dem sympathetischen Gefühl,
-auch wenn die nachgeahmten Gemüthszustände nicht wirklich vorhanden
-sind, doch gewisse Zeichen, welche als Aeusserungen derselben gelten
-können (z. B. Thränen als Zeichen des Leides, Lachen als solches der
-Freude) wirklich wahrgenommen (also wenn jener Gemüthszustand nicht
-wirklich vorhanden ist, künstlich, wie es beim Schauspieler der Fall
-ist, erzeugt) werden müssen, dass also der Andere jedenfalls wirklich
-vorhanden sein muss; während bei obigem Willensverhältniss das Wollen
-des Andern blos gedacht, daher eben so wie dieser Andere selbst nur
-in der Vorstellung des Wollenden als dessen Gedanke (Imagination)
-zu existiren nöthig hat.
-
-164. Ein neues Willensverhältniss entsteht, wenn das Wollen des
-Andern, auf welches das des Wollenden bezogen wird, nicht blos
-gedacht d. h. nur als Gedanke im Wollenden vorhanden, sondern wirklich
-d. h. unabhängig von dessen Gedacht- oder Nichtgedachtwerden neben und
-ausser dem Wollenden vorhanden ist. In diesem Fall muss, da wirkliches
-Wollen nicht ohne wollendes Subject als Träger desselben gedacht werden
-kann, jener Andere selbst als Wollender neben und ausser dem ersten
-Wollenden als wollendes Du neben dem wollenden Ich als existirend
-gedacht werden. Das Willensverhältniss, welches bisher nur in einer
-Beziehung, sei es des eigenen gedachten zum eigenen wirklichen,
-sei es des wirklichen eigenen zum fremden gedachten Wollen, sonach
-innerhalb des Bewusstseins eines einzigen Wollenden bestand, erweitert
-sich durch die Beziehung des wirklichen eigenen zu fremdem wirklichem
-Wollen über die Sphäre des individuellen Bewusstseins hinaus zu einer
-Beziehung, welche zwischen zwei verschiedenen Wollenden angehörigen
-Wollen d. i. zu einem solchen, welches zwischen zwei verschiedenen
-Individuen besteht und daher nicht ohne Hinaustreten des einen wie
-des andern der beiden auf einander zu beziehenden wirklichen Wollen
-über die Grenze der Innen- in die Atmosphäre der Aussenwelt gedacht
-werden kann. Dass diese letztere hiebei für beide eine gemeinsame
-sein muss, leuchtet von selbst ein. Wäre sie es nicht d. h. wäre die
-Welt, in welche das Wollen des einen, von der Welt, in welche das
-des andern hinaustritt d. i. sich äussert, in der Weise verschieden,
-dass, was in der einen geschieht, in keiner Weise zu jenem, was in der
-andern vor sich geht, eine Beziehung zu haben vermöchte, so könnte
-auch zwischen dem Wollen des einen (des Ich) und jenem des andern
-(des Du) als gänzlich ausser einander gelegenen Welten angehörig,
-keine solche bestehen, und das Willensverhältniss, von dem hier die
-Rede, wäre einfach unmöglich.
-
-165. Dadurch, dass die Aeusserungen beider wirklicher Wollen in
-eine beiden gemeinsame Aussenwelt fallen, ist nur die Möglichkeit,
-keineswegs die Wirklichkeit einer Beziehung zwischen denselben
-hergestellt. So lange die beiderseitigen Willensäusserungen neben,
-aber auch ausser einander herlaufen können, ohne dass eine der andern
-auf ihrem Wege begegnet, mögen sie beide zwar ihrem Inhalt nach
-d. h. in Gedanken und als gedachte Willensbestrebungen mit einander
-verglichen werden; zwischen beiden als wirklichen d. i. als wirkenden
-Wollen besteht, so lange keiner derselben auf den andern wirkt,
-kein wirkliches Verhältniss.
-
-166. Letzteres tritt erst ein, wenn die eine Willensäusserung auf
-die andere trifft, und zwar in der Weise, dass dieselbe weder durch
-die andere, noch diese durch jene hindurchgehen kann, ohne einander
-zu stören, sondern dass die eine die andere und diese jene in ihrem
-Fortschreiten hemmt d. h. dass beide, als gleichzeitig bestehend
-gedacht, mit einander unverträglich sind. Beide Willensäusserungen
-stehen sodann unter einander in einem Verhältniss, welches dem der
-gegenseitigen Ausschliessung des seinem Inhalt nach überwiegend
-Entgegengesetzten entspricht und, wie dieses einen Conflict zwischen
-mit einander unverträglichen Vorstellungen im Denken, so einen
-solchen zwischen mit einander unverträglichen Wirklichen im Sein
-darstellt. Jene als einander ausschliessende Gedanken können nicht
-mit einander zugleich gedacht, diese als einander ausschliessende
-Kräfte können nicht als mit einander zugleich bestehend ertragen
-werden. Ausdruck dieses Conflicts ist der Streit beider Wollenden.
-
-167. Willensacte (volitiones) sind "Gedanken, die leicht bei einander
-wohnen"; Willensäusserungen (actiones) sind "Sachen, die sich hart
-im Raume stossen". Jene, auch wenn sie dem Inhalt nach einander
-ausschliessen, überschreiten die Grenze des Bewusstseins ihres Trägers
-nicht; diese, auch wenn sie dem Inhalt nach mit einander verträglich
-sind, gehen über dieses hinaus und treten als Veränderungen in der
-Aussenwelt d. i. als Verschiebungen der bisherigen Lage der Dinge in
-der letzteren auf. Auch wenn die Willensäusserung in nichts anderem
-besteht als in einem Ausruf, einem gesprochenen Wort, einer Miene,
-einer Gliederbewegung des eigenen Leibes des Wollenden, so wird durch
-dieselbe eine Aenderung der bisherigen Sachlage, durch den Ruf, das
-Wort eine Erschütterung der den Raum erfüllenden atmosphärischen Luft,
-durch die Geberde, die Handbewegung eine Umstellung der Masse des
-eigenen organischen Leibes herbeigeführt, welche bei der stetigen
-Erfüllung des Raumes mit Nothwendigkeit eine Ortsveränderung der
-angrenzenden Luft- oder Stofftheile herbeiführen und so als nähere
-oder entferntere Wirkung des durch den Willen gegebenen Impulses
-durch den Raum und die Materie sich fortpflanzen muss. Da sonach
-jede Willensäusserung als solche einen gewissen Theil des den Raum
-erfüllenden dünneren oder dichteren Stoffes für sich in Anspruch
-nimmt, so kommt es ganz auf die Natur dieses letzteren an, ob derselbe
-fähig sei, zweien oder mehreren Willensäusserungen als Werkzeug der
-Aeusserung zugleich zu dienen. Ist der Stoff, welchen der Wille zu
-seiner Aeusserung gebraucht, von der Art, dass er zugleich von einem
-andern, von jenem verschiedenen Wollen zu dessen Aeusserung verwendet
-werden kann d. h. ist derselbe für beide Wollen durchdringlich
-(permeabel), so entsteht kein Streit: die Aeusserung des einen geht
-durch die Aeusserung des anderen Willens hindurch, ohne dieselbe zu
-hindern oder durch sie gehindert zu werden. So gehen die Schallwellen,
-die das gesprochene Wort des einen erzeugt, durch jene, die das
-des andern hervorruft, dem Anscheine nach ohne einander zu stören,
-hindurch, indem beiden dieselbe den Raum erfüllende atmosphärische
-Luft zum Schallorgan dient. Ist dagegen jener Stoff von solcher
-Beschaffenheit, dass derjenige Theil desselben, welcher von einem
-Willen als Instrument seiner Aeusserung in Beschlag genommen ist, nicht
-zugleich von einem andern zu gleichem Zweck in Besitz genommen werden
-kann d. h. ist der von einem Wollen erfüllte Stoff undurchdringlich
-(unpermeabel) für ein anderes Wollen, so stellt er den Stein des
-Anstosses dar, an dem beide Wollen und in dem sie beide an einander
-prallen; es entsteht ein Zustand, der so, wie er ist, nicht dauern und
-so lange beide Wollen dieselben bleiben, die sie sind, nicht anders
-werden kann. Eine unhaltbare und doch thatsächliche Sachlage --
-ein realer d. i. real gewordener Widerspruch.
-
-168. Von dieser Art war die Situation, von welcher Carl V. sagte,
-"dasselbe, was mein Bruder Franz will, will ich auch, nämlich
-Mailand." Indem das Object beider Wollen ein solches ist, dass es nur
-einem oder keinem von beiden dienen kann und doch beide Wollen solche
-sind, dass sie nicht aufhören, eben dieses Object zu begehren, wird
-eine Sachlage geschaffen, welche, obgleich factisch, doch irrational
-und obgleich irrational, doch factisch ist, als unabweislich zugleich
-und undenkbar sich aufdrängt.
-
-169. Ausdruck dieses Eindrucks im Zuschauer ist der unbedingte Tadel,
-der dem Streite folgt. Derselbe kann, da der Grund des Streites
-einerseits in dem Umstand, dass beide dasselbe Object wollen,
-andererseits in dem Umstand, dass dieses seiner Natur nach nicht
-beiden zugleich nachzugeben vermag, gelegen ist, nicht der Natur des
-Objects, die als solche unveränderlich durch Naturgesetze gegeben ist,
-sondern nur den beiden Wollenden gelten, deren Wille der Natur des
-Wollens nach veränderlich und von der Selbstbestimmung der Wollenden
-abhängig ist. Da nun obiger Tadel so lange sich erneuert, als obige
-Sachlage unverändert fortbesteht, letztere aber nur eine Aenderung
-erfahren kann, wenn, da die Natur des Objects unveränderlich ist,
-eines der beiden streitenden Wollen, oder wenn beide eine Abänderung
-erleiden, so folgt, dass, um dem Tadel zu entgehen, kein anderer Ausweg
-möglich ist, als dass das streitende Paar, oder wenigstens einer der
-Streitenden vom Streite ablässt d. i. sein bisheriges Wollen ändert,
-auf das Object desselben verzichtet, dasselbe freilässt.
-
-170. Durch diese Aenderung des Wollens erlischt der Streit, es wird
-Friede. Das Object, das den Anlass zum Streite bot, ist dasselbe
-geblieben, das es war, nur der nach seiner Beschaffenheit äusserliche,
-zufällige Umstand, dass es zugleich Gegenstand zweier Wollen und
-dadurch Grund geworden war, dass diese sich als unverträglich mit
-einander an den Tag legten, ist geschwunden. Dasselbe kann nunmehr
-entweder, wenn beide verzichtet haben, ruhig an seinem Ort beharren
-oder wenn nur einer verzichtet hat, ohne Anstand dem Wollen des Anderen
-Raum geben. Der unerträgliche, weil in sich widersprechende Zustand
-besteht nicht mehr, weil die mit einander unverträglichen Wollen
-nicht mehr bestehen d. h. weil die Wollenden, die bisher sich unter
-einander ausschlossen, sich jetzt entweder, weil keiner mehr, oder,
-weil nur mehr einer will, was er wollte, sich unter einander vertragen.
-
-171. Je nachdem dieses nunmehrige Sichvertragen der Wollenden
-stillschweigend erfolgt oder ausdrücklich durch eine, wie immer
-geartete Kundgebung von Seite der Wollenden (Vertrag, pactum)
-bekräftigt wird, nimmt der hergestellte Friede selbst natürlichen oder
-positiven, vertragsmässigen Charakter an. Je nachdem die Aenderung des
-Wollens, auf deren Grund hin der Streit erlischt, sei es bei einem,
-sei es bei jedem der Streitenden entweder nur aus dem Grunde erfolgt,
-weil derselbe oder dieselben zur Einsicht gelangt sind wegen gänzlicher
-Erschöpfung an physischer Kraft nicht mehr streiten zu können, oder
-weil einer oder beide die Ueberzeugung gewonnen haben, es bringe
-grösseren Vortheil Frieden zu schliessen als weiter zu streiten,
-oder endlich weil derselbe oder dieselben ausser Stande sich fühlen,
-den, so lange der Streit fortwährt, stets sich erneuernden Tadel,
-welcher die Streitenden trifft, weiter zu tragen, nimmt der Friede
-selbst entweder den Charakter eines blossen "Nothfriedens" oder den
-eines "Schacherfriedens", oder im letzten Falle den eines sittlichen
-d. h. eines um keines andern Motives willen, als um dem ethischen
-Tadel des Streites zu entgehen, geschlossenen Friedens an.
-
-172. Nur der letztgenannte ist dauerhafter, beide vorher angeführten
-sind lediglich vorübergehender Natur. Der aus keinem anderen Grunde
-entstandene Friede, als weil die streitenden Parteien sich erschöpft
-fühlen, während der Wille zu streiten, wenn die Kräfte zureichten, nach
-wie vor vorhanden bleibt, besteht nur so lange, als das Kraftgefühl
-mangelt; mit dem Erwachen des letzteren hebt der Streit wieder an. Der
-um des materiellen Vortheiles willen geschlossene Friede aber währt
-nur so lange, als die Aussicht auf Erlangung grösserer Vortheile durch
-den Frieden, als durch den Streit besteht; von dem Augenblicke an,
-als diese Aussicht schwindet, oder die ihr entgegengesetzte sich
-eröffnet, hört auch der Wille Frieden zu halten auf und schlägt in
-den entgegengesetzten, von neuem Streit zu beginnen, um. Bestand
-und Dauer des Friedens hängen sonach in beiden Fällen nicht von
-dem an sich unwandelbaren Urtheil über den unbedingten Unwerth des
-Streites, sondern von äusseren Umständen ab: in dem einen Fall von
-denjenigen Verhältnissen, welche den Wiederersatz der verlorenen Kräfte
-beschleunigen oder verzögern, in dem andern Falle von den Umständen,
-welche die Erlangung materieller Vortheile durch den Frieden oder
-durch den Streit begünstigen oder verhindern. Nur derjenige Friede,
-der auf der Macht der Einsicht in die Verwerflichkeit des Streites
-über Gemüther und Wollen der im Streit begriffen Gewesenen beruht,
-trägt die Bürgschaft unveränderten Fortbestandes, so lange jene Macht
-unverändert sich forterhält, in sich. Die Erhaltung letzterer Macht
-aber ist so lange gesichert, als das ethische Urtheil des Wollenden
-ungetrübt, seine Beurtheilung des Streites von dessen den Widerspruch
-in sich tragender Natur ausschliesslich bestimmt und dadurch die
-Wiedererneuerung unbedingter Verwerfung desselben in jedem gegebenen
-Falle unvermeidlich ist.
-
-173. Wie die natürliche Correctheit d. i. die Abwesenheit einander
-ausschliessender Vorstellungen im Bewusstsein zur künstlichen d. i. zu
-der sei es zufällig, sei es willkürlich "auf Zeit" hervorgebrachten
-Verdrängung der unverträglichen aus dem und Ersatz derselben durch
-mit einander verträgliche Vorstellungen in dem Bewusstsein, so verhält
-sich der natürliche d. i. der Friede von Natur aus, innerhalb dessen
-unter einander ausschliessende Willensäusserungen überhaupt nicht
-vorkommen, zum künstlichen d. i. zu demjenigen Friedenszustande,
-innerhalb dessen thatsächlich vorhanden gewesene mit und unter einander
-unverträgliche Willensäusserungen, sei es in Folge physischer Ursachen
-(z. B. Erschöpfung der Kräfte) zufällig oder in Folge den Willen
-bestimmender Motive (z. B. der Schädlichkeit oder der Verwerflichkeit
-des Streites) willkürlich "auf Zeit und Kündigung" beseitigt und
-durch mit einander verträgliche Willensäusserungen ersetzt worden
-sind. Derselbe verheisst desto grössere Festigkeit, je dauerhafter die
-Gründe sind, welche die Ausschliessung der mit einander unverträglich
-gewesenen Willensäusserungen bewirkt haben; dagegen desto geringere,
-je wandelbarer und von der Laune des Geschickes abhängiger die Motive
-waren, welche die ursprünglich Streitenden zur Ablassung von jenem
-ihren Streit erregenden Wollen bewogen haben. Jenes ist, wie oben
-gezeigt, bei demjenigen Beweggrund vom Streite abzustehen, der aus
-der Einsicht von dessen Verwerflichkeit entspringt, dieses dagegen
-bei denjenigen Friedensgründen der Fall, welche nur durch die Noth
-oder den äusseren Nutzen dictirt sind.
-
-174. Der künstliche Friede erstickt den Streit, aber nur für so
-lange, als der Wille nicht zu streiten, die Oberhand behält. Mit dem
-Verschwinden oder dem Nachlassen der Macht des letzteren taucht der
-Streit wieder empor; dessen "schlangenhaariges Scheusal" schlummert
-nur gebändigt aber nicht vernichtet unter der künstlichen Decke des
-Friedens. Der hergestellte Friede ist auf sein Wesen hin angesehen
-scheinbarer, nicht wirklicher; die wirklich vorhandenen, nur künstlich
-beseitigten sind die einander ausschliessenden Willensäusserungen
-("bellum omnium contra omnes"), der Unfriede. Letztere sind nicht
-absichtlich mit Wissen durch das Wollen der Streitenden, sondern sie
-sind unabsichtlich, ohne Wissen, ja voraussichtlicher Weise gegen
-den Willen der durch dieselben mit einander in Streit Gerathenden
-herbeigeführt. Das Wollen, dessen Aeusserung an einem bestimmten Punkte
-der Aussenwelt mit der eines Anderen feindselig zusammentrifft, hat
-weder vor dem Zusammentreffen von dem Vorhandensein des Du noch von
-dessen auf jenes Object sich richtendem Wollen, also auch nicht von
-der Möglichkeit, noch weniger von der Unausweichlichkeit des Streites
-eine Vorstellung gehabt, dasselbe hat folglich diesen weder gewollt
-noch wollen gekonnt und würde möglicher Weise, wenn es desselben
-Bevorstehen gekannt hätte, die streitdrohende Aeusserung seines Willens
-nicht gewollt haben. Das Wollen der Streitenden ist an der Entstehung
-des Streites keineswegs ohne Schuld, aber jeder der Streitenden ist
-am Streite unschuldig; jener wäre nicht entstanden, wenn keiner von
-beiden das Streitobject gewollt hätte; aber keiner von beiden hat
-das Object als Streitobject und eben so wenig einer von beiden den
-Streit gewollt. Der Tadel, der dem Streit gilt, trifft darum jeden der
-Streitenden nur insofern, als ohne das Wollen desselben kein Streit
-entstanden wäre; derselbe trifft beide Streitende in gleichem Grade,
-weil beide an dem Zustandegekommensein des Streites im gleichen Grade
-in einem Sinn betheiligt, im anderen unbetheiligt sind.
-
-175. Die gleiche Vertheilung des Tadels auf beide Wollende hört auf,
-wenn die gleiche Betheiligung beider Willenssubjecte an dem zwischen
-denselben stattfindenden Verhältniss ein Ende nimmt. Dieser Fall
-tritt ein, wenn das Zusammentreffen beider Wollenden nicht zufällig,
-ohne Wissen und Absicht beider, sondern absichtlich, mit Wissen und
-durch das Wollen des einen von beiden, dagegen ohne Wissen und wider
-den Willen des anderen herbeigeführt wird. Jener, dessen gewusstes
-und gewolltes Object nicht, wie im vorhin geschilderten Falle des
-Streites ein beliebiges, sondern ein Anderer und zwar der Andere,
-das Du, und dessen jeweiliger Zustand ist, heisst insofern der Thätige
-(agens), dieser, der ohne Wissen und Willen, ja selbst wider Willen,
-mit seinem jeweiligen Zustand Object für die Willensäusserung des
-ersten ist, heisst insofern der Leidende (patiens). Letzteres nicht
-in dem Sinn, als müsse die Folge seines Objectseins für den Anderen
-eben ein eigentliches Leid d. i. ein Schmerzgefühl sein, sondern in
-dem Sinn, dass die Veränderung seines gegenwärtigen Zustandes, sei es
-zum Schlechteren oder zum Besseren, eben die Folge der ihn zum Object
-wählenden Willensäusserung des Thätigen sei. An der Verursachung dieser
-Folge d. i. an der Veränderung des bisherigen Zustandes, welche der
-eine erzeugt, der andere nur duldet, sind beide ungleich betheiligt.
-
-176. Wie Hammer und Ambos verhalten sich Thätiger und Leidender. Das
-geschmiedete Eisen ist Wohl oder Wehe des Leidenden. Das Schmieden des
-Eisens erfolgt durch den Hammer, aber auf dem Ambos; die Veränderung
-der bisherigen Sachlage nicht ohne den Leidenden, an dem, aber
-durch den Thätigen, von dem sie vollzogen wird. Jene selbst, mit dem
-bisherigen Zustande verglichen, stellt eine Störung desselben dar;
-der Urheber derselben, der Thätige, erscheint als Störenfried. Ausdruck
-dieser Störung d. i. derjenige von dem bisherigen verschiedene Zustand,
-welcher durch den Thätigen verursacht ist, ist die That. Dieselbe als
-Zustand, der jetzt ist und vorher nicht war, ist ein Wirkliches und
-als solches die Wirkung eines Wirkenden (des Thäters). Diese Wirkung
-selbst aber ist in dem Geiste des Wirkenden vorgebildet als Vorsatz
-(Absicht) und in dem Zustande des durch dieselbe betroffenen Leidenden
-abgebildet als Folge (Erfolg). Nur wo beide, Vorsatz im Thätigen,
-Erfolg im Leidenden, einander decken, ist wirklich That; wo der
-Erfolg mangelt, ist, wenn das Wollen nicht zur Aeusserung gelangt ist,
-Intention ohne Action, wenn das Wollen zu nur unvollkommener Aeusserung
-gelangt ist, Versuch ohne Gelingen, wenn dagegen zwar der Erfolg,
-aber weder Versuch noch Absicht voranging, blosses Ereigniss vorhanden.
-
-177. Da, wo keine That, auch kein Thäter vorhanden ist, so kann für
-das nackte Ereigniss, das sich an dem einen der beiden Wollenden, dem
-Leidenden, vollzieht, der andere der beiden, der sogenannte Thätige,
-zwar vielleicht als eine der mitbedingenden Ursachen, niemals aber
-kann das Wollen desselben als Ursache jenes Ereignisses angesehen
-werden. Da ferner, wo kein Erfolg, keine That, aber doch Absicht, ja
-Versuch einer solchen vorhanden ist, so kann für das Nichteintreten des
-Erfolges am Leidenden zwar die geistige oder körperliche Beschaffenheit
-des sogenannten Thätigen (dessen Unverstand oder Ungeschick) als
-eine der Mitursachen des Ausbleibens des Erfolges, niemals aber
-kann dessen Wollen als die Ursache des Nichtgelingens betrachtet
-werden. Wird daher, wie es auf ethischem Gebiete der Fall ist, nur
-das Wollen beurtheilt, so fällt in dem ersten der beiden angeführten
-Fälle der sogenannte Thätige ganz ausserhalb des Kreises ethischer
-Beurtheilung, in dem zweiten dagegen zwar in denselben hinein, aber
-da dessen anderweitige psychische und physische Mängel, welche das
-Misslingen des Erfolges herbeigeführt haben, den Schluss auf eine
-ähnliche Mangelhaftigkeit in Bezug auf Beherrschung und Regelung
-seines Wollens gestatten, unter mildernden Umständen.
-
-178. Durch die That als Störung des bisherigen Zustandes ist etwas
-geschehen; aber so lange dieselbe als That d. i. als Störung nicht
-anerkannt ist, scheint es, als sei nichts geschehen. Oedipus hat
-seinen Vater erschlagen und seine Mutter geheiratet, aber nach
-aussen scheint es, als habe er weder das eine noch das andere
-gethan. Gegen scheltende Knechte eines unbekannten Reisenden hat er
-als ungerecht angegriffener Wanderer sich zur Wehre gesetzt: die zum
-Preise der Befreiung der Stadt von der Pest und Sphinx ausgesetzte
-Witwe des verstorbenen Königs hat er durch Lösung des Räthsels auf
-rechtmässigem Wege zur Gattin erworben. Ein Verbrechen ist geschehen,
-aber es scheint, als sei keines geschehen; Schein gibt sich für Sein,
-ein nur scheinbar vorhandener für den wirklich vorhandenen Zustand
-aus. Die anscheinende Sachlage steht mit der thatsächlichen in einem
-Widerspruch, der sich auf eine Zeit lang, aber nicht auf die Dauer
-verheimlichen lässt, und dessen klaffender Spalt um so unerträglicher
-erscheint, als der Inhalt des scheinbar zu dem Inhalt des wirklich
-Geschehenen im einander ausschliessendem Gegensatze steht.
-
-179. Wie das Missfallen am Streit auf dem gleichzeitigen Bestand zweier
-einander ausschliessenden Willensäusserungen, so beruht das Missfallen
-an der Störung durch die That in dem gleichzeitigen Fortbestand
-zweier einander ausschliessender Sachlagen, der scheinbaren, die vor
-der That bestand und dem Anschein nach trotz der That fortbesteht,
-und der wirklichen, welche durch die That erzeugt worden ist und dem
-Anschein nach noch nicht besteht. Wie es unmöglich ist, dass zwei
-mit einander unverträgliche Willensäusserungen zugleich existiren,
-so ist es unmöglich, dass zwei mit einander unverträgliche Sachlagen
-zugleich als bestehend und wirklich anerkannt werden: dass Oedipus
-zugleich schuldig und schuldlos sei. Wie der Bestand unverträglicher
-Willensäusserungen, so ist der Bestand unverträglicher Sachlagen
-ein irrationaler; aber, wie der Bestand jener Willensäusserungen, so
-lange das Object und die Willen der Streitenden dieselben bleiben,
-ein factischer, so ist der Bestand der einander ausschliessenden
-Sachlagen, deren eine, die scheinbare, für wirklich, deren andere,
-die wirkliche, für Schein gehalten wird, ein thatsächlicher: wie dort,
-so ist hier das Irrationale factisch, und ist das Factische irrational;
-in jenem wie in diesem Falle existirt der Widerspruch.
-
-180. Derselbe besteht so lange, als der Schein besteht, dass die
-scheinbare Sachlage wirklich und die wirkliche Sachlage Schein
-sei. Soll derselbe verschwinden, so muss dieser Schein verschwinden,
-die scheinbare Sachlage muss als Schein, die wirkliche sich als
-wirklich offenbaren. Dies geschieht, wenn die todtgeschwiegene
-Störung als solche anerkannt d. h. durch entsprechende Gegenstörung
-ausgeglichen und auf diese Weise zwar nicht der ursprüngliche Zustand,
-der als zeitlich vergangener nicht wiederkehren kann, aber doch ein
-demselben gleicher wieder hergestellt wird.
-
-181. Die ästhetische Idee des Ausgleichs ist es, die hier auf ethischem
-Gebiete wieder zum Vorschein kommt. Die wirkliche Sachlage, die durch
-die That herbeigeführt, aber durch den anscheinenden Fortbestand des
-vorherigen Zustandes gleichsam mit einem Schleier bedeckt worden ist,
-tritt aus der Verdunkelung wieder ans Tageslicht. Oedipus, der zum
-Verbrecher geworden ist, aber keiner scheint, wird durch die Aufhellung
-der That als solcher erkannt und durch die an ihm verübte Vergeltung
-die durch den Schein seiner Schuldlosigkeit entstandene Verrückung des
-wirklichen Thatbestandes wieder zurechtgerückt. So weit die Sachlage
-durch den Anschein des Gegentheils nach einer Richtung hin verschoben
-worden ist, so weit muss sie zum Zwecke der Aufhebung dieses Anscheins
-nach der entgegengesetzten Richtung hin zurückgeschoben werden. So viel
-(quantum) Ablenkung vom wirklichen Thatbestand nach der einen Seite
-hin stattgefunden hat, so viel (tantum) Einlenkung zum wirklichen
-Thatbestande hin muss von der andern Seite stattfinden. Störung und
-Gegenstörung heben einander auf; wie jene in der That, findet diese
-ihren Ausdruck in der Vergeltung. Das Mass der Gegenstörung ist durch
-das Mass der Störung, die Ausdehnung der Vergeltung durch jene der
-That gegeben. Ausdruck dieses gegenseitigen Verhältnisses ist die
-Billigkeit (æquitas).
-
-182. Da, so lange der Widerspruch beider Sachlagen, der wirklichen
-und der scheinbaren, bestand, Missfälliges bestand, so lange die
-Störung als todtgeschwiegene, die That als unvergoltene währte,
-aber auch der Widerspruch währte, so hört mit der Aufhebung der
-Störung durch Gegenstörung d. i. mit der Vergeltung der That,
-zwar der Widerspruch und damit das Missfällige auf, wie mit der
-Aenderung der streitenden Willensäusserungen der Streit aufhört,
-aber ein unbedingt Beifälliges ist dadurch nicht hergestellt. Weder,
-wenn, vom Gesichtspunkt des Leidenden angesehen, die That eine Weh-
-noch wenn sie eine Wohlthat ist; denn die Beschaffenheit des Erfolges,
-den der Leidende erfährt, ist für die Qualifikation der That, insofern
-sie dem Thäter angehört, gleichgiltig. Nicht die Wohlthat als Wohl-
-noch die Wehethat als Wehe-, sondern beide als Thaten bedürfen der
-Vergeltung. Wenn es von einem andern, z. B. vom politischen oder
-gesellschaftlichen Gesichtspunkt aus nöthiger scheint, dass Wehthaten,
-als dass Wohlthaten Vergeltung erfahren, weil die letzteren die Summe
-des schon vorhandenen Wohlbefindens nur vermehren, die ersteren dagegen
-die vorhandene Summe nur vermindern können und deshalb die Gesetzgebung
-der Staaten früher und eifriger für die Bestrafung der einen als für
-die Belohnung der andern Sorge zu tragen pflegt, so stellt dieser
-Unterschied sich vom ethischen Gesichtspunkt aus als unzulässig dar,
-da nicht die That in ihrer specifischen Qualität als Wohl- oder Wehe-,
-sondern als That überhaupt zur Vergeltung auffordert. Während das
-sogenannte jus talionis mit seinem Ausspruch: Aug um Aug, Zahn um
-Zahn, sich an das quale der That, dem ein tale der Vergeltung, hält
-sich die Billigkeit an das quantum der That, welchem das tantum der
-Vergeltung entspricht. Jenes betrachtet die Zufügung eines andern
-als des erlittenen Leides, diese nur die Zufügung eines grösseren,
-aber auch die eines geringeren Leides als das erfahrene war, als
-Verletzung der Norm. Das eine, die Rückgabe eines geringeren Masses
-von Weh, liesse einen unvergoltenen Ueberrest der That zurück; das
-andere, die Rückgabe eines grösseren, wäre als Ueberschuss über das
-zu vergeltende seinerseits selbst That, die Vergeltung erheischte.
-
-183. Mit der Betrachtung des absichtlich von Seite des einen
-der Wollenden herbeigeführten Zusammentreffens zweier wirklicher
-Wollenden ist die Reihe der möglichen Willensverhältnisse, die
-Gegenstand unbedingten Lobes oder eben solchen Tadels werden können,
-erschöpft. Dieselbe ist durch eine Folge einander dichotomisch
-ergänzender Eintheilungen entstanden, zwischen deren einzelne
-Glieder sich weder ein weiteres einschieben, noch an deren Schluss
-ein weiteres sich anfügen lässt. Die zu vergleichenden Wollen wurden
-entweder ohne, oder mit Rücksicht auf den Umstand, ob sie einem
-und demselben, oder verschiedenen Wollenden angehören, angesehen;
-jene, welche in den Umfang des letzteren Gliedes der Eintheilung
-fielen, abermals in solche, welche einem und demselben oder welche
-verschiedenen Wollenden (und zwar der geringsten Anzahl derselben,
-dem Ich und dem Du) angehörten, unterschieden. Erstere, da sie, um
-als Glieder eines Willensverhältnisses innerhalb desselben Wollenden
-auftreten zu können, sich zu einander nur wie gedachtes zu wirklichem
-Wollen verhalten konnten, boten nur eine Gelegenheit zu weiterer
-Unterabtheilung dar -- je nachdem das gedachte Wollen, als dessen
-Nachbild das wirkliche auftrat, entweder das eigene (Vorstellung des
-eigenen Wollens), oder ein fremdes (Vorstellung des Wollens eines
-Andern) war. Letztere, welche als solche verschiedenen Wollenden
-angehören und nur dadurch, dass sie mit einander irgendwie und irgendwo
-in Berührung gebracht wurden, in ein Verhältniss zu einander treten
-konnten, vermochten in Contact nur entweder durch Zufall oder durch
-Absicht (eines der Wollenden) versetzt zu werden. Weder ein Wollen,
-das weder eigenes, noch fremdes, noch ein Zusammentreffen Wollender,
-das weder absichtslos, noch absichtlich wäre, ist denkbar. Die
-Glieder obiger Eintheilung schliessen einander daher vollständig
-aus und ergänzen einander zum Umfang des einzutheilenden Ganzen:
-die Eintheilung ist vollständig.
-
-184. Auch in dem Sinn, dass ein weiteres Glied am Schlusse sich
-nicht hinzufügen lässt. Denn ein solches könnte nur durch die
-Vermehrung der zu einander in Beziehung zu setzenden wirklichen
-Wollen über die kleinstmögliche Anzahl hinaus gesucht werden;
-eine solche aber ergibt kein neues, sondern nur eine Wiederholung
-vorheriger Willensverhältnisse. Auch die drei, vier, n wirklichen
-Wollen verschiedener wollender Wesen müssen, um zu einander ein
-Verhältniss einzugehen, irgendwie und irgendwo zusammengeführt und
-dadurch die mehreren Wollenden mit einander in Berührung gebracht
-werden. Da nun von selbst einleuchtet, dass jenes Zusammentreffen nur
-entweder durch Zufall oder durch Absicht verursacht werden könnte,
-so würde im ersteren Falle Streit, im letzteren Falle würden Wohl-
-oder Wehethaten die Folge sein d. h. die zwei letztgenannten obiger
-Willensverhältnisse würden, nur vervielfältigt, wiederkehren.
-
-185. Aus dem quantitativen Gesichtspunkt der Beurtheilung des Wollens
-ergibt sich die ethische Idee der (ethischen) Vollkommenheit. Dieselbe
-unterscheidet sich von der ästhetischen Vollkommenheit dadurch,
-dass der letzteren entsprechend das Grosse überall, wo es sich
-findet, neben dem Kleineren -- der ersteren zufolge das Grosse am
-Wollen neben dem Kleinen an diesem insbesondere gefällt. Da nun die
-Grösse des Wollens als eines wirklichen und wirkenden d. i. als einer
-Kraft, in der Intensität d. i. in der Stärke desselben besteht, so
-nimmt das allgemein ästhetische Urtheil: das Grosse gefällt neben
-dem Kleinen, das Kleine missfällt neben dem Grossen, auf ethischem
-Boden die Gestalt an: das starke Wollen gefällt neben dem schwachen,
-das schwache missfällt neben dem starken. Indem hiedurch das stärkere
-Wollen zum Massstab des schwächeren wird, stellt der Grad seiner Stärke
-dem schwachen gegenüber jene Grenze dar, zu welcher dieses gelangen,
-das "Volle", zu dem dieses "kommen" muss, wenn seine Missfälligkeit ein
-Ende nehmen soll. Mit der Erreichung jener Grenze hört, wie schon oben
-bemerkt, das Missfallen am schwächeren, weil dessen Schwäche selbst,
-auf, aber auch das Verhältniss; mit der Ueberschreitung derselben
-kehrt sich, wie gleichfalls oben bemerkt, dasselbe um: das jetzt
-stärkere Wollen gefällt, das jetzt schwächere Wollen missfällt von
-nun an. Da das Gefallen an der Stärke des Wollens von jeder sonstigen
-Beschaffenheit desselben abstrahirt, so folgt, dass ein nach der Idee
-der ethischen Vollkommenheit wohlgefälliger Willensact in anderer
-Hinsicht missfällig, ja unbedingt verwerflich sich darstellen kann,
-ohne den Anspruch auf Beifall, ja auf Bewunderung nach jener Richtung
-hin einzubüssen. In diesem Sinn bleibt auch dem Bösewicht, ja dem
-verkörpert gedachten Bösen, dem satanischen Ideal ethisches Lob
-nicht aus, wenn sich derselbe oder dieses letztere in gewaltiger,
-das gewöhnliche, ja selbst alles menschliche Mass übersteigender
-Energie der Willenskraft offenbart. Richard III., Jago, Carl Moor,
-Milton's Satan, Klopstock's Abadonna, "der Geist, der stets verneint",
-regen von diesem ethischen Einzelgesichtspunkt aus "schaudernde
-Bewunderung" an. In Heroenzeitaltern und bei Naturvölkern macht
-die Verehrung für die ins Ungemessene gesteigerte Willensenergie
-fast allein den Inhalt des moralischen Codex aus; die Achtung des
-schwächeren für das stärkere Geschlecht ist vorwiegend auf das Gefühl
-überlegener Willensmacht des letzteren begründet. Wie die intensive
-Grösse des einzelnen Willensactes, so erweckt die extensive Grösse der
-Vervielfältigung des Willens in zahlreichen, sei es dem Inhalt nach
-gleichen, oder mannigfaltigen Willensacten und die Geschlossenheit
-und innere Systematik dieser letzteren, verglichen mit Armuth und
-Einförmigkeit des Wollens, so wie mit dessen Halt- und Systemlosigkeit,
-unbedingtes Lob, während dem letzteren Tadel folgt.
-
-186. An die ethische Idee der Vollkommenheit schliesst sich ein
-Verfahren an, welches die in derselben enthaltene Forderung der
-Stärke, der Mannigfaltigkeit und des inneren Zusammenhangs des
-Wollens einerseits auf den gesammten Umkreis der Willensbethätigung
-des Wollenden d. h. auf dessen Gesammtwollen, andererseits über den
-einzelnen Wollenden hinaus, auf jede Vereinigung mehrerer, ja aller
-überhaupt Wollenden d. i. auf alle durch ein gemeinsames Band unter
-sich verknüpften Glieder einer Gesellschaft d. i. auf deren gesammtes,
-innerhalb ihres Umkreises vorhandenes Wollen ausdehnt. Dasselbe
-besteht darin, dass sowol in jedem einzelnen Individuum als solchem
-wie in der Gesellschaft jedes vorhandene Wollen zur höchstmöglichen
-Energie gesteigert, nicht vorhandenes Wollen in jeder erreichbaren
-Vielheit und Mannigfaltigkeit geweckt, ferner das gesammte auf diese
-Weise gegebene oder entwickelte Wollen in inneren Zusammenhang und
-gesetzliche Anordnung gebracht und in beiden erhalten werde. In
-ersterer Hinsicht begünstigt jenes Verfahren die Einseitigkeit, in
-Bezug auf die Menge dagegen die Vielseitigkeit des Wollens, davon
-die erste weniges, aber starkes, die letztere, wenngleich schwaches,
-doch vieles und mannigfaltiges Wollen fördert, während durch die
-Berücksichtigung des Verhältnisses des gesammten Wollens zu jedem
-der dasselbe ausmachenden Willensacte das Vorwiegen der einseitigen
-auf Kosten der vielseitigen, aber auch umgekehrt das Uebergewicht
-der vielseitigen über die einseitige Willensentwicklung vermieden
-und dadurch das Gleichgewicht zwischen beiden entgegengesetzten
-Richtungen der Vervollkommnung des Wollens erhalten wird. In letzterer
-Hinsicht geht jenes Verfahren darauf, dass innerhalb des Umkreises der
-Gesellschaft jedes in irgend einem ihrer Glieder vorhandene Wollen zu
-dem höchsten erreichbaren Grade von Energie gesteigert, aber auch dass
-innerhalb desselben jedes nicht vorhandene Wollen, sei es in einem
-einzelnen, sei es in sämmtlichen Gliedern, geweckt und auf diese
-Weise die Mannigfaltigkeit des Wollens innerhalb der Gesellschaft
-zum höchsten erreichbaren Grade entwickelt werde. Durch ersteres
-wird innerhalb der Gesellschaft die Einseitigkeit, durch letzteres
-die Vielseitigkeit des Wollens gefördert, durch die Herstellung
-des Gleichgewichts zwischen beiden entgegengesetzten Richtungen der
-innerhalb der Gesellschaft vorhandenen Willensentwicklung aber sowol
-die Ueberhebung einer einzelnen, als die Verseichtigung der vielen
-vorhandenen Willensrichtungen verhütet.
-
-187. Steigerung wirklicher oder doch als Anlage vorhandener Kräfte in
-quantitativer Hinsicht ohne Rücksichtnahme auf deren anderweitige
-qualitative Beschaffenheit ist es, was im Allgemeinen Cultur
-heisst. Die ethische Idee der Vollkommenheit enthält die Forderung
-der Cultur des Wollens in jedem einzelnen Wollenden, wie in jeder
-Gesellschaft von solchen. Jedes obiger Forderung entsprechende
-Individuum stellt ein ethisches Culturideal d. h. das Ideal eines
-ethisch cultivirten Gesammtwollens dar; jede Gesellschaft, welche
-das gleiche thut, repräsentirt ein ethisches Cultursystem d. i. das
-Ideal einer die Cultur des Wollens in ihrem gesammten Umfang und nach
-jeder möglichen Richtung hin verwirklichenden Gesellschaft. Ersteres
-schliesst in sich, dass innerhalb des Wollenden keine Richtung des
-Wollens unvertreten, aber auch keine über das mit der gleichzeitigen
-Pflege aller übrigen verträgliche Mass hinaus getrieben sei. Letzteres
-schliesst in sich, dass innerhalb des Umkreises der Gesellschaft jede
-vorhandene Willensrichtung stark, nicht nur in jedem einzelnen Gliede,
-in dem sie sich findet, sondern durch möglichst viele Glieder der
-Gesellschaft, in welcher sie sich findet, vertreten, aber auch, dass
-keine innerhalb des Umfangs der Gesellschaft unvertreten d. h. nicht
-wenigstens in einigen oder in einem ihrer Glieder in genügender
-Stärke entwickelt sei. Jene Glieder der Gesellschaft, in welchen die
-nämliche Willensrichtung vorhanden ist, machen dadurch in ethischer
-Hinsicht eine Gesellschaftsclasse für sich, die Mannigfaltigkeit der
-innerhalb der Gesellschaft vorhandenen einzelnen, mehreren oder vielen
-Gliedern derselben gemeinsamen Willensrichtungen macht in Bezug auf die
-Gesellschaftsclassen die Buntheit und Mannigfaltigkeit der (ethisch)
-cultivirten Gesellschaft aus. Stellen unter den mannigfaltigen in
-der Gesellschaft durch Classen vertretenen Willensrichtungen die
-ihrem Inhalt nach lobenswerthen das Licht, die ihrem Inhalt nach
-verwerflichen den Schatten (in ethischer Hinsicht) dar, so kommt
-durch die Vielfältigkeit der Gesellschaftsclassen Licht und Schatten,
-überhaupt ethische Färbung in die Gesellschaft, innerhalb welcher
-je nach dem Uebergewicht der vorhandenen guten über die schlechten,
-oder der vorhandenen schlechten über die guten Willensrichtungen in
-der Gesellschaft, das Urtheil über die (im ethischen Sinne) helle oder
-dunkle Natur dieser selbst erfolgt und diese je nach der Proportion,
-die zwischen der Summe der guten und jener der verwerflichen in
-ihr vorhandenen Willensrichtungen (wie sie z. B. die Statistik der
-stationären Anzahl innerhalb der Gesellschaft vorkommenden Verbrechen
-ausweist) herrscht, als (a potiori) eine relativ gute oder relativ
-verdorbene bezeichnet wird.
-
-188. Aus dem qualitativen Gesichtspunkt der Uebereinstimmung des
-eigenen gedachten mit dem eigenen wirklichen Wollen ergibt sich die
-ethische Idee der inneren Freiheit. Dieselbe entsteht dadurch, dass
-die ästhetische Idee des Charakteristischen auf das ethische Gebiet
-übertragen, das gedachte eigene Wollen als Vor-, das eigene wirkliche
-Wollen als dessen Nachbild angesehen wird. Insofern jenes als Bild
-eines noch nicht vorhandenen, aber dem Wollenden möglichen Wollens
-in dessen Geiste vorangeht, dieses als wirklich vorhandenes, jenem
-Bilde entweder entsprechendes oder nicht entsprechendes, demselben in
-der Zeit nachfolgt, lässt sich das erste als Project, das letztere
-als getreue oder ungetreue Ausführung desselben betrachten. Jede
-sogenannte Maxime oder praktischer Grundsatz des Handelns stellt, da
-sie nicht vorhandenes Wollen beschreibt, sondern eine Regel für nicht
-vorhandenes, also künftiges Wollen formulirt, das Bild eines möglichen
-Wollens, ein Willensproject dar, welches sich zu der Gesammtheit
-aller Maximen d. i. zu der sogenannten praktischen Einsicht des
-Wollenden verhält, wie dessen einzelner Willensact zu der Totalität
-seines wirklichen Wollens. Dasselbe Verhältniss, welches zwischen
-dem einzelnen Willensproject und dem einzelnen Willensact herrscht,
-kann daher auch zwischen der gesammten praktischen Einsicht und dem
-gesammten wirklichen Wollen des Wollenden stattfinden, so dass das
-letztere entweder als getreue oder als ungetreue Nachahmung der
-ersteren sich darstellt. Fasst man blos das Verhältniss zwischen
-einem einzelnen Willensproject und dem darauf seinem Inhalt nach
-bezüglichen Willensact ins Auge, so findet, im Fall der letztere seinem
-Inhalt nach dem Willensproject entspricht, zwischen beiden unbedingt
-wohlgefällige Harmonie, im Gegenfall, wenn der einzelne Willensact
-durch seinen Inhalt dem des Willensprojects entgegengesetzt ist,
-unbedingt missfällige Disharmonie statt. Wird an die Stelle obiger
-Verhältnissglieder dagegen einerseits die praktische Einsicht,
-anderseits die Gesammtheit des wirklichen Wollens des Wollenden
-gesetzt, so tritt, wenn zwischen beiden Uebereinstimmung herrscht,
-gleichfalls unbedingtes Lob, herrscht aber Zwietracht zwischen beiden,
-unbedingte Verwerfung ein.
-
-189. Das Bild harmonischen Einklangs zwischen Willensproject
-und Willensact bietet ein (im psychologischen Sinne) freies, das
-missfällige Zerrbild machtlosen Widerstreits zwischen Willensproject
-und Willensact bietet ein (im selben Sinne) unfreies Wollen. Im
-psychologischen Sinne frei heisst dasjenige Wollen, das durch
-Motive, die aus der praktischen Einsicht (diese sei, wie sie wolle)
-genommen sind, bestimmt, unfrei dagegen dasjenige, welches, obgleich
-wie das vorhergehende motivirt, durch Beweggründe bestimmt ist,
-die anderswoher (z. B. von den Antrieben der Sinnlichkeit, von
-Affecten und Leidenschaften) genommen sind. Ein in diesem Sinne freies
-(obgleich nicht "transcendental freies", sondern determinirtes) Wollen
-wird mit dem praktischen Grundsatz, der sein Motiv ausmacht, sich
-stets, ein in diesem Sinne unfreies d. i. anderswoher (z. B. durch
-eine Leidenschaft) beherrschtes Wollen wird sich dagegen zwar mit
-diesem seinem dasselbe besitzenden Motiv, niemals aber mit einem
-der praktischen Einsicht entlehnten Grundsatz in Uebereinstimmung,
-sonach mit einem solchen sich stets in Widerspruch befinden. Im
-psychologischen Sinne freies Wollen ist daher nicht blos äusserlich
-d. h. in dem ohnehin selbstverständlichen Sinn des Wortes "frei",
-in welchem zwar das Handeln, aber niemals das Wollen durch eine
-äusserliche Macht erzwungen oder verhindert zu werden vermag, sondern
-ein solches ist zugleich innerlich frei d. h. in dem Sinne, dass
-auf dasselbe Beweggründe, die nicht aus der praktischen Einsicht,
-also aus dem Intellect genommen sind, keinen bestimmenden Einfluss
-auszuüben vermögen. Insofern das nämliche Verhältniss nicht blos
-zwischen einem einzelnen Grundsatz und einem einzelnen Willensact,
-sondern zwischen dem Ganzen der praktischen Einsicht und dem Ganzen
-des Willens besteht, heisst nicht blos, wie oben, das einzelne Wollen
-(volitio), sondern der ganze Wille (voluntas) im psychologischen
-Sinne und zwar innerlich frei, und der Wollende selbst, dessen Wille
-diese Eigenschaft besitzt, ein Charakter. Im entgegengesetzten Falle,
-wenn der Wille unfrei ist, heisst derselbe charakterlos.
-
-190. Aus diesem Grunde, weil der Einklang zwischen gedachtem und
-wirklichem Wollen der Freiheit des Wollens bedarf, um zur Erscheinung
-zu gelangen, wird der auf jenem beruhenden ethischen Idee der inneren
-Freiheit letzterer Name beigelegt. Dieselbe ist als Idee d. h. als
-Musterbild für das wirkliche Wollen weder eins mit der Freiheit des
-Willens, welche als solche ein Wirkliches, der freie wirkliche Wille,
-noch mit dem Charakter, welcher als solcher gleichfalls ein Wirkliches
-d. h. der in einem wirklichen Individuum verwirklichte freie Wille
-ist. Jene gehört als Idee dem ethischen, beide letzteren gehören als
-Wirkliche dem Gebiete des Wirklichen und zwar des Psychischen, dem
-psychologischen Gebiete an; jene, gleichviel ob ein ihr entsprechendes
-Wirkliches vorhanden sei, drückt eine allgemein giltige Forderung
-(ein Postulat), letztere beiden drücken, wenn und wo sie existiren,
-die verkörperte Erfüllung dieser Forderung selbst aus.
-
-191. An die Idee der inneren Freiheit schliesst sich ein Verfahren
-an, welches bestimmt ist, die Uebereinstimmung zwischen gedachtem
-und wirklichem Wollen nicht blos über die Gesammtheit des Wollens des
-einzelnen Individuums, sondern über die Gesammtheit der innerhalb des
-Umkreises einer durch ein gemeinsames Band verknüpften Mehrheit von
-Individuen (einer Gesellschaft) vorhandenen praktischen Einsicht
-und wirklichen Wollens auszudehnen. Dasselbe geht darauf aus,
-dass nicht nur innerhalb eines einzelnen Individuums das gesammte
-Wollen frei d. i. der Wollende ein Charakter sei, sondern auch,
-dass innerhalb der Gesellschaft der Wille jedes einzelnen Mitgliedes
-derselben frei d. i. dass die Gesellschaft selbst eine Vereinigung von
-charaktervollen Individuen sei. Erstere Forderung drückt aus, dass
-die jeweilige praktische Einsicht d. i. die Gesinnung des Wollenden
-die Seele seines gesammten Willens und Handelns, letztere Forderung
-drückt aus, dass die Gesellschaft eine Vereinigung in diesem Sinne
-gesinnungsvoller d. i. durch ihre jeweilige praktische Einsicht,
-welchen Inhalts dieselbe auch sein möge, in ihrem gesammten Wollen und
-Thun beseelter Individuen darstelle. Die Erfüllung der erstgenannten
-macht das Ideal eines (im ethischen Sinne) beseelten Wollenden,
-die Erfüllung der letztgenannten das Ideal einer (im ethischen
-Sinne) beseelten Gesellschaft aus. Wie innerhalb der praktischen
-Einsicht des Individuums die verschiedenen in derselben enthaltenen
-praktischen Grundsätze jeder für sich ein Gebiet des Gesammtwollens
-des Wollenden beherrschen, so werden innerhalb der Gesellschaft durch
-die dem Inhalt nach unter einander abweichenden Gesinnungsweisen,
-deren jede einem Bruchtheil der dieselbe ausmachenden Mitglieder
-gemeinsam ist (im ethischen Sinne) Gesinnungsgenossenschaften als
-gesellschaftliche Fractionen d. i. Parteien gebildet, deren jede
-für sich als Vereinigung von derselben Gesinnung in ihrem Thun und
-Lassen geleiteter Individuen eine beseelte Gesellschaft im Kleinen
-repräsentirt. Die Mannigfaltigkeit der in den verschiedenen Parteien
-als herrschende auftretenden Sinnesarten gibt der Gesellschaft
-selbst, innerhalb deren dieselben sich bewegen, den Charakter
-der Buntheit und ertheilt ihr zugleich je nach dem Uebergewicht
-gewisser Parteirichtungen über die denselben entgegengesetzten ihre
-(im ethischen Sinne) vorstechende Färbung. Wie dem charaktervollen
-Individuum eine Vielheit von Maximen, die sich dem Anschein nach nicht
-selten unter einander aufzuheben trachten, in Wahrheit aber, wie es die
-Einheit der Gesinnung verlangt, schliesslich einem obersten praktischen
-Grundsatz als Kern und Seele der gesammten praktischen Einsicht sich
-unter- und einordnen, unentbehrlich ist, so bedarf eine im wahren
-Sinne des Wortes beseelte Gesellschaft innerhalb ihres Umkreises
-eines rege bewegten Parteilebens, dessen jeweilige Richtungen nicht
-selten einander zu widerstreiten, ja gegenseitig einander aufzuheben
-scheinen, schliesslich jedoch, je nach dem Uebergewicht einer oder
-einiger über die übrigen, einer obersten die Richtung der Gesellschaft
-selbst ihrem grösseren oder doch mächtigeren Theile nach (a potiori)
-ausdrückenden Tendenz mit oder gegen ihren Willen zu dienen gezwungen
-sind. In diesem Sinne stehen die Fortschritts- den Rückschrittsmännern,
-die Reformer den Conservativen, standen einst die liberales, die nach
-einem bekannten Witzwort "lieber alles", den serviles, die "sehr
-vieles" wollten, stehen noch heute "Culturkämpfer" den Clerikalen,
-die Schwarzen den Rothen, die Tories den Whigs u. s. w. gegenüber.
-
-192. Aus dem qualitativen Gesichtspunkt des Einklanges des eigenen
-wirklichen mit dem nur gedachten fremden Wollen ergibt sich die
-ethische Idee des Wohlwollens. Dieselbe entsteht durch die Uebertragung
-der ästhetischen Idee des Einklanges, welche auf dem Verhältniss
-überwiegender gegenseitiger Identität beruht, auf das Gebiet des
-Wollens. Beide Glieder, das gedachte fremde und das eigene wirkliche
-Wollen, gehören einem und demselben Wollenden an; das fremde Wollen
-ist in demselben als Vorstellung, das eigene Wollen dagegen als Wille
-wirklich. Ob das seiner Vorstellung entsprechende Wollen des Anderen
-in diesem und somit dieser Andere selbst auch wirklich existire,
-ist dabei gleichgiltig. Da der Einklang nur zwischen der Vorstellung
-des fremden Wollens und dem wirklichen eigenen stattfinden soll,
-so kann jene erstere eben so gut eine blosse Einbildung (Fiction)
-als eine Abbildung (Reflex) eines anderen Wollens sein. In keinem
-Falle leidet die Wohlgefälligkeit der Uebereinstimmung des eigenen
-mit dem vorgestellten fremden Wollen dadurch einen Abbruch, dass
-dieses letztere und dessen Träger nur in der Vorstellung des ersten
-besteht. Zeugniss dafür gibt der Verkehr des Kindes mit seiner Puppe,
-deren ihr angedichtete Wünsche dasselbe mit Eifer zu erfüllen sich
-bemüht, wie jener des Dichters mit der nur in seiner Phantasie
-beseelten leblosen Natur und mit der oft nur als Ideal seiner
-Einbildungskraft lebendigen Geliebten.
-
-193. Eben so wenig als die Schönheit der Harmonie des gedachten
-fremden und des eigenen wirklichen Wollens von der mehr als blossen
-Gedankenexistenz, ist dieselbe von der Inhaltsbeschaffenheit des
-fremden Wollens abhängig. Nicht darin hat der unbedingte Beifall,
-welcher obigen Einklang begleitet, seinen Grund, dass das gedachte
-Wollen des Anderen ein an sich gutes, sondern darin, dass das
-wirkliche eigene Wollen mit dem wie immer beschaffenen Inhalt
-des fremden Wollens identisch ist. Die Gesinnung, aus welcher
-die Erfüllung wenn auch thörichter Wünsche des Andern entspringt
-(Affenliebe), ist als wohlwollender Ausdruck der Unterordnung
-des eigenen unter die Vorstellung eines fremden Wollens nicht
-weniger schön als diejenige, die sich als werkthätige Theilnahme
-an berechtigten Strebungen und Absichten des Andern kund thut. Wie
-bei der ästhetischen Idee des Einklanges ist das Lob des Wohlwollens
-nur durch die Harmonie, keineswegs durch die anderweitige stoffliche
-Qualität der Verhältnissglieder bedingt.
-
-194. Das Bild harmonischen Einklangs zwischen gedachtem fremden
-und eigenem wirklichen Wollen bietet das psychische Phänomen des
-selbstlosen oder uneigennützigen d. i. nicht durch die Rücksicht
-auf das eigene Selbst, oder den Vortheil des Wollenden begründeten
-Wollens. Dasselbe ist so wenig, wie irgend ein wirkliches Wollen, ohne
-Grund d. h. dasselbe ist, wie jedes wirkliche Wollen, durch ein Motiv
-(Beweggrund) bewegt (motivirt); aber dieses Motiv ist im Unterschied
-von andern, die aus den Folgen des Wollens für den Wollenden selbst
-d. i. aus der möglichen Vermehrung oder Verminderung des eigenen Wohles
-des Wollenden (Eudämonie) hergenommen sind, aus dem einzigen Umstand
-entlehnt, dass das vorgestellte Wollen wirklich Wollen eines Andern
-sei d. h. dessen Gegenstand von einem Andern angestrebt und der Besitz
-desselben von einem Andern werde als Lust d. i. als Vermehrung seines
-(des Andern) Wohles empfunden werden. Das uneigennützige Wollen ist
-daher keineswegs motivlos, sondern dasselbe hat nur kein eigennütziges
-(eudämonistisches), nicht die Rücksicht auf das eigene, wol aber
-eine solche auf das fremde Wohl zum Motiv. Wie das Beherrschtsein
-des Wollens durch selbstsüchtige Beweggründe, wo es als habituelle
-Willensbeschaffenheit auftritt, Egoismus (Selbstliebe, Selbstsucht),
-so heisst im entgegengesetzten Sinne das Freisein des Wollens von
-eudämonistischen Beweggründen und der willige Gehorsam desselben
-gegen von der Rücksicht auf das Wohl des Andern dictirte Motive, wenn
-er zu habitueller Willensbeschaffenheit geworden ist, Nächstenliebe
-(Altruismus). Wo die letztere lebt, wird die Vorstellung, dass ein
-gewisses Wollen von dem Andern gehegt werde, hinreichen, ein demselben
-conformes im Vorstellenden zu erzeugen; wo der erstere waltet, wird
-dieselbe Vorstellung genügen, nicht blos, um jedes dem Wollen des
-Andern conforme eigene Wollen zu hemmen, sondern, wenn die Selbstsucht
-so weit gesteigert ist, dass sie das Phlegma ihrer natürlichen
-Trägheit zu überwinden und zur Action überzugehen vermag, ein den
-Wünschen des Andern widerstrebendes Wollen im Wollenden hervorzurufen.
-
-195. Ausfluss der Nächstenliebe wird ein wirkliches Wollen sein,
-das nach der Idee des Wohlwollens gefällt, Wirkung der Selbstliebe
-ein solches, das nach derselben Idee unbedingt missfällt. Jenes,
-das uneigennützig nur auf das Wohl des Andern bedachte, wird darum
-als gütiges, dieses, das selbstsüchtig nur auf das eigene Wohl oder
-gar auf dem Wohl des Andern Entgegengesetztes bedachte Wollen wird
-deshalb im ersten Fall ein herzloses, im andern Fall ein boshaftes,
-das Wohlwollen selbst Güte, sein Gegentheil, das Uebelwollen, Bosheit
-genannt. Von der ersteren wie von der letzteren, insofern jede von
-beiden, die Güte grundlos liebt, die Bosheit grundlos hasst, gilt
-des Dichters Wort: Ich glaube selbst, die Lieb' hat keinen Grund
-(Immermann).
-
-196. Verschieden von der ethischen Idee des Wohlwollenden, wie von dem
-psychischen Phänomen der Güte und deren Gegentheil, ist das gleichfalls
-psychische Phänomen der sogenannten sympathetischen Gefühle. Zwar
-bietet sowol die psychische Erscheinung des Mitleids wie der Mitfreude
-das Bild eines harmonischen Einklangs, die Erscheinung des Neides
-wie der Schadenfreude das Bild einer missfälligen Disharmonie dar,
-aber weder zwischen Wollen, noch zwischen einem blos gedachten
-und einem wirklichen Verhältnissgliede, wie beides beim Wohl- oder
-Uebelwollen der Fall ist. Das sympathetische Gefühl wiederholt das
-Gefühl eines Andern entweder durch ein demselben gleiches, oder durch
-ein demselben entgegengesetztes Gefühl. Ursache dieser Wiederholung
-ist jedoch keineswegs die bewusste Reflexion, dass das eigene Gefühl
-Nachahmung eines fremden Gefühls, sondern der unwillkürliche und
-folglich auch unbewusste Reflex des fremden Gefühls durch das eigene
-Gefühlsleben. Das fremde Gefühl wirkt auf das eigene gleichsam durch
-Ansteckung, wie es im Gebiete der Muskelbewegungen bei der Entstehung
-solcher mit gewissen Vorstellungen durch Association verbundener
-Bewegungen durch die zufällige oder absichtliche Erregung jener
-Vorstellungen der Fall zu sein pflegt. Das Bewusstsein des Unterschieds
-der fremden von der eigenen Persönlichkeit wird dabei gar nicht
-geweckt, oder geht im Mechanismus des nachahmenden Gefühlsprocesses
-verloren. Auf diese Weise setzt ein Komiker die Lachmuskeln, ein
-Tragöde die Thränenfisteln der Zuschauer in unwillkürliche und dem
-Bewusstsein entrückte Bewegung, so dass die letzteren gleichsam wie aus
-einem Zustand der Verzücktheit erwachen und sich hinterdrein wundern,
-gelacht und geweint zu haben. So wenig fühlt sich der nachahmende
-Theil als Nachahmer eines Andern, dass nicht selten das Mitgefühl, sei
-es Mitfreude oder Mitleid, sofort aufhört, wenn der Mitfühlende sich
-darauf besinnt, dass es nicht eigenes, sondern das Leid eines Andern,
-und nicht eigene, sondern fremde Freuden sind, die ihn bewegen. In
-solchem Fall hält das Mitgefühl nur so lange und nur darum vor,
-als und weil der Mitfühlende sich nur bewusst ist, dass er fühle,
-keineswegs aber bewusst ist, dass er nur mitfühle. Ohne daher geradezu
-egoistisch zu sein, weil weder das Bewusstsein vorhanden ist, dass
-das Gefühlte uns, noch der Gedanke, dass es einen Andern angehe, ist
-das Mitgefühl doch sicher nicht altruistisch, weil es im Augenblick
-schwinden kann, sobald wir des letzteren innewerden.
-
-197. Dasselbe wird jedoch vollkommen selbstsüchtig, wenn, wie
-Schopenhauer behauptet hat, der Grund des Mitleids einzig darin
-gelegen sein soll, dass der Mitleidige sich in demselben seiner
-metaphysischen Einerleiheit mit dem Andern bewusst und auf diesem
-Wege innewerde, dass weder der Andere von ihm verschieden, noch des
-Andern Leid mehr als sein eigenes Leid sei. Unter dieser Voraussetzung
-könnte das Mitgefühl nicht nur, wie oben bemerkt, sondern es müsste
-nothwendiger Weise, also jedesmal aufhören, sobald der Einzelne
-über seine persönliche Unterschiedenheit vom Andern und folglich
-über den Umstand, dass das gefühlte Leid nicht sein eigenes sei,
-zur Besinnung käme. Die wesentliche und unentbehrliche Eigenschaft,
-wenn auf das Mitgefühl ein Theil des Glanzes fallen soll, den das
-Wohlwollen ausstrahlt, die individuelle Sonderung beider Fühlenden,
-wäre durch obige Annahme grundsätzlich beseitigt.
-
-198. So wenig Mitleid und Mitfreude sich mit dem Wohlwollen,
-eben so wenig decken sich Neid und Schadenfreude mit dessen
-Gegentheil, dem Uebelwollen. Gleichwol tritt bei den letzteren die
-unleugbare Aehnlichkeit beider, obgleich gattungsmässig verschiedener
-Gemüthszustände stärker hervor als bei den ersteren. Während Mitleid
-und Mitfreude zu ihrer Entstehung des Bewusstseins des individuellen
-Unterschieds des Mitfühlenden vom Fühlenden nicht bedürfen, setzt die
-Entstehung sowol des Neides, als einer durch fremde Lust geweckten
-Unlust, wie der Schadenfreude, als einer durch fremde Unlust erregten
-Lust, dieses Bewusstsein in gewissem Grade voraus, da es sich
-nicht um eine Wiederholung des fremden Gefühls durch ein gleiches,
-sondern um die Beantwortung eines solchen durch ein entgegengesetztes
-eigenes handelt, fremdes und eigenes Gefühl also schon um deswillen
-als verschiedenen Individuen angehörig empfunden werden müssen,
-weil beide verschiedene, und zwar, da sie entgegengesetzter Natur
-sind, sehr merklich verschiedene Qualität besitzen. Beide kommen
-daher nicht nur in ihren Wirkungen, die sowol bei dem Neid als bei
-der Schadenfreude, bei dem blossen Gefühl nicht stehen zu bleiben,
-sondern zu demselben entsprechenden Wünschen, Entschlüssen, ja selbst
-Aeusserungen fortzuschreiten pflegen, dem Uebelwollen so nahe,
-als überhaupt Phänomene verschiedener Gattungen sich einander zu
-nähern vermögen, sondern auch das Urtheil, das über dieselben, wo
-sie zu Tage treten, ergeht, fällt von der unbedingten Verwerfung,
-welche das Uebelwollen begleitet, nichts weniger als verschieden
-aus. Von dem "Neide" der Götter redet die Mythologie, wenn sie deren
-dem Menschengeschlecht übelwollende Gesinnung, und vom "Neidhart"
-die Volkssage, wenn sie den Bösen bezeichnen will.
-
-199. Die selbstlose Freiwilligkeit der Unterordnung des eigenen
-unter das fremde Wollen tritt um so anschaulicher hervor, je grösser
-die Ueberlegenheit der eigenen über die fremde Kraft und je weniger
-der Verdacht, dass jene Unterordnung eine durch Furcht erzwungene
-sein könnte, zulässig erscheint. Dieselbe offenbart sich dort am
-auffälligsten, wo die Ueberlegenheit die denkbar höchste d. h. wo
-der dem Andern freiwillig sich unterordnende Wille, mit diesem
-verglichen, unendlich stark, derjenige, dem er sich unterordnet,
-mit jenem verglichen, unendlich schwach ist. Beides ereignet sich im
-Verhältniss der Gottheit zum Menschen, deren Güte gegen diesen eben
-darum als unendlich gross und der göttliche Wille selbst als Ideal
-des Gütigen sich kundgibt.
-
-200. An die ethische Idee des Wohlwollens schliesst sich ein
-Verfahren an, welches die in derselben enthaltene Forderung nicht
-blos auf das gesammte Wohl und Wehe Anderer berührende (sociale)
-Wollen des einzelnen Wollenden, sondern auf die Gesammtheit des
-innerhalb des Umkreises einer Gesellschaft vorkommenden, auf
-deren gegenseitiges Verhältniss zu einander bezüglichen Wollens
-der Mitglieder ausdehnt. Dasselbe geht darauf aus, dass jedes
-sociale Wollen des einzelnen, so wie dass das sociale Wollen jedes
-Mitgliedes der Gesellschaft Wohlwollen sei; sociales Uebelwollen
-sowohl im Einzelnen wie in der Gesellschaft gemieden werde. Da nun
-das Wohlwollen (bene velle) darin besteht, des Andern Wohl zu wollen
-(bonum velle), so geht jene Forderung dahin, dass jedes sociale
-Wollen im Einzelnen wie in der Gesellschaft die Tendenz habe, in
-jenem des Andern, in dieser aller Andern (d. i. das allgemeine) Wohl
-zu fördern. Und da die Befriedigung jedes -- stofflich wie immer
-beschaffenen -- Wollens Lustgefühl, also Wohlbefinden zur Folge
-hat, so kann unter dem, was jeder sein Wohl und folglich auch die
-Gesellschaft das ihre, d. i. das allgemeine Wohl nennt, nicht wol
-etwas anderes sein als die Befriedigung dort sämmtlicher Wünsche
-und Willensbestrebungen des Andern, hier die Erfüllung sämmtlicher
-im Umkreise der Gesellschaft vorhandenen oder doch zur Aeusserung
-gelangenden Wünsche und Willensbestrebungen Aller. Die Erreichung
-beider Ziele, die Befriedigung sämmtlicher Wünsche des Andern (die
-Glückseligkeit des Andern), und die Befriedigung sämmtlicher Wünsche
-Aller (die allgemeine Glückseligkeit) müssen daher in der wohlwollenden
-Gesinnung, das erste in der jedes Einzelnen gegen jeden Andern, das
-zweite in der jedes Mitgliedes der Gesellschaft gegen alle übrigen
-d. i. gegen die Gesellschaft selbst gelegen und die Erreichung
-derselben muss der Zweck aller socialen Bestrebungen sein.
-
-201. Diese selbst d. i. die Befriedigung der vorhandenen Wünsche
-aber ist nicht blos durch die auf sie gerichtete dauernde Gesinnung
-des Einzelnen und jedes Einzelnen, sondern zugleich, da es sich
-um die Realisirung wirklich vorhandener Wünsche in der wirklich
-vorhandenen Aussenwelt handelt, durch die Existenz der und die
-Möglichkeit der Verfügung über die zu jenem Endzweck unentbehrlichen
-oder doch förderlichen Mittel d. i. der und über die realen Objecte,
-welche, insofern sie jenem Zweck dienstbar gemacht werden, Güter
-heissen sollen, bedingt. Dieselben können sowol materieller als
-geistiger Natur, Gegenstände der Körper- wie der geistigen Welt sein;
-wesentlich ist ihnen nur, dass dieselben zur Befriedigung vorhandener
-Wünsche dienen und in Anspruch genommen werden können. Von dieser
-Art ist der Grund und Boden mit seinem Ertrag, sowol dem inneren
-(Erz- und Gesteinsschätzen), wie dem äusseren (Nahrungspflanzen
-und verarbeitungsfähigen Gewächsen), aber auch der vorhandene Fond
-an geistiger Kraft und Intelligenz mit seinem Ertrag, dem inneren:
-den Gefühls- und Gedankenschätzen des einzelnen, dem äusseren: den
-Literatur- und Kunsterzeugnissen des Gesellschaftsgeistes.
-
-202. Diese, sei es materiellen, sei es geistigen Güter zur Befriedigung
-vorhandener Wünsche in der Art zu verwenden, dass die mit den gegebenen
-Mitteln erreichbare höchste Befriedigung der gegebenen Wünsche
-erzielt werde, ist die Aufgabe einer besondern auf dieses Endziel
-hin arbeitenden Kunst, die, insofern es dabei auf die bestmögliche
-Verwendung der Mittel zum Zwecke d. i. auf die Verwaltung ankommt,
-Haushaltungs- oder Verwaltungskunst (Oekonomik) und zwar entweder
-private, wenn es sich blos um den klugen Gebrauch der dem einzelnen
-Individuum zum Besten des Anderen verfügbaren Güter handelt, oder
-öffentliche (Oekonomik der Gesellschaft; Nationalökonomik, Staats- und
-Volkswirthschaftskunst), wenn das Ziel die grösstmögliche Förderung
-des allgemeinen Wohls durch geschickte Benützung der innerhalb
-der Gesellschaft disponibeln materiellen und geistigen Vermögen
-ist. Die Erfüllung derselben von Seite des einzelnen Wollenden
-macht das Ideal eines Menschenfreundes (Philanthropen), d. i. eines
-solchen aus, der sein gesammtes geistiges wie materielles Vermögen in
-selbstverleugnender Gesinnung dem Besten Anderer opfert; ihre Erfüllung
-von Seite einer Gesellschaft dagegen stellt (im ethischen Sinne) das
-Ideal eines Verwaltungssystems dar d. i. einer derartigen Organisation
-des Gebrauchs und der Verwendung sämmtlicher innerhalb des Umkreises
-der Gesellschaft vorhandenen und verfügbaren materiellen wie geistigen
-Güter, dass dadurch die grösstmögliche Befriedigung vorhandener Wünsche
-und Bedürfnisse sämmtlicher Gesellschaftsmitglieder, die unter den
-gegebenen Umständen höchstmögliche Summe des allgemeinen Wohls oder
-der allgemeinen Glückseligkeit (salus publica) verwirklicht wird.
-
-203. Von selbst leuchtet ein, dass auch bei der sorgfältigsten
-und wohlwollendsten Verwaltung die erreichbare Gesammtsumme der
-Wünschebefriedigung hinter der jeweiligen Summe der vorhandenen
-Wünsche zurückbleiben muss. Denn während die letztere eine ins
-Unbegrenzte wachsende, ist der Vorrath gegebener Güter und der aus
-demselben zum Besten des Ganzen zu schöpfende Vortheil auch bei der
-umsichtigsten Benutzung nur einer begrenzten Steigerung fähig. Das
-Ziel des Philanthropen, wie das der philanthropischen Gesellschaft ist
-als erreicht anzusehen, wenn die Summe des allgemeinen Wohls die unter
-den gegebenen Bedingungen erreichbare höchste Grenze gewonnen hat. Je
-nachdem in den wohlwollenden Bestrebungen des Einzelnen zum Besten des
-Andern, der Gesellschaft zum Besten Aller, vorzugsweise die mittels
-materieller oder die mittels geistiger Güter realisirbaren Wünsche
-d. i. die materiellen oder die geistigen Interessen berücksichtigt
-werden, nimmt die Philanthropie dort, das Verwaltungssystem hier selbst
-einen vorwiegend materialistischen, der Pflege der materiellen, oder
-idealistischen, der Pflege der idealen Interessen gewidmeten Charakter
-an. Innerhalb der menschenfreundlichen Bestrebungen des Einzelnen
-lassen sich je nach der Beschaffenheit der Güter verschiedene Zweige
-des Philanthropismus, innerhalb des wohlwollenden Verwaltungssystems
-lassen sich je nach den Zwecken, welche, und den Gütern, mittels
-welcher dieselben verwirklicht werden sollen, verschiedene Zweige
-der Verwaltung unterscheiden. Die Mannigfaltigkeit derselben,
-deren einige auf die Hebung der materiellen Zwecke und Güter,
-z. B. auf die Cultivirung, Bebauung und Ausnutzung der Bodenschätze
-und des Grundertrags, andere auf die Hebung ideeller Zwecke durch
-Förderung und Pflege wissenschaftlicher und literarischer Bildung und
-Schöpfungen abzielen, bringt in die Verwaltung selbst jene Vielheit
-und Buntheit gleichzeitiger auf das Wohl, sei es einzelner Classen
-von Gesellschaftsmitgliedern, in deren Besitz eben jene Güter sich
-befinden oder zu deren Beruf jene Zwecke gehören d. i. gewisser Stände
--- sei es des Ganzen, abzweckender Bestrebungen hervor, die sich nicht
-selten unter einander zu widerstreiten scheinen, zusammengenommen aber
-je nach dem Ueberwiegen der einen über die andern dem Verwaltungssystem
-seine bestimmte individuelle Färbung ertheilen. Dieselbe zeigt je nach
-dem Uebergewicht der materiellen über die geistigen, oder dieser über
-die materiellen Interessen einen bestimmten hervorstechenden mehr
-realistischen oder mehr spiritualistischen Ton, zwischen welchen
-Gegensätzen ein weises, die Harmonie aller Interessen im Auge
-behaltendes Administrationssystem eine gleichschwebende Temperatur
-herzustellen und zu erhalten bemüht sein wird.
-
-204. Der qualitative Gesichtspunkt des missfälligen Streits einander
-ausschliessender Willensäusserungen ergibt die ethische Idee des
-Rechts. Dieselbe entsteht durch die Uebertragung der ästhetischen Idee
-der Correctheit auf das ethische Gebiet. Wie correcte Vorstellungen
-solche sind, die als gleichzeitige im Bewusstsein sich unter
-einander vertragen, so sind rechtmässige (d. i. dem Recht gemässe)
-Willensäusserungen solche, die gleichzeitig vorhanden einander nicht
-ausschliessen. Wie die Correctheit eine natürliche oder künstliche,
-je nachdem die Verträglichkeit jener Vorstellungen eine ursprüngliche
-d. i. aus dem Inhalt derselben selbst fliessende, oder eine (sei
-es durch Zufall oder durch Willen) herbeigeführte ist, indem der
-ursprüngliche Inhalt so lange abgeändert oder durch einen anderen
-ersetzt wurde, bis die anfänglich unverträglichen zu verträglichen
-Vorstellungen wurden, so ist die Rechtsgemässheit (oder, was eben so
-viel ist, die Erlaubtheit gewisser Willensäusserungen) eine natürliche
-oder künstliche, je nachdem dieselben schon ursprünglich ihrem
-Inhalt nach verträglich sind, oder erst in Folge einer gemeinsamen
-Uebereinkunft (Vertrag) der Wollenden eine solche Abänderung,
-beziehungsweise Ersetzung durch anders beschaffene erfuhren, dass die
-bisher unter einander unverträglichen fortan für verträglich gelten
-können. Heissen daher Willensäusserungen, die sich unter einander
-nicht ausschliessen d. h. ohne missfälligen Streit hervorzurufen
-gleichzeitig mit und neben einander bestehen können, im Allgemeinen
-(im ethischen Sinn) erlaubte, so sind solche, deren Verträglichkeit
-eine ursprüngliche, aus ihrem Inhalt selbst fliessende ist, natürlich
-erlaubte, solche dagegen, deren Verträglichkeit erst aus einem zwischen
-den Wollenden stattgehabten Vertrage stammt, vertragsmässig erlaubte
-Willensäusserungen. Erstere, da ihre Erlaubtheit durch den Inhalt der
-Willensäusserungen selbst begründet ist, sind jedesmal und jedermann
-erlaubt, sobald dieser Inhalt der nämliche ist; diese dagegen, deren
-Verträglichkeit nur aus dem durch Vertrag festgesetzten Inhalt fliesst,
-sind nur so lange und nur denjenigen erlaubt, so lange und für welche
-jener Vertrag besteht. Erlaubte Willensäusserungen der ersteren
-Art werden daher auch wol als natürliche (sogenannte angeborene),
-erlaubte Willensäusserungen der letzteren Art dagegen als erworbene
-(sogenannte positive) Rechte bezeichnet. Die Summe der (angeborenen
-und erworbenen) Rechte d. i. der Inbegriff sämmtlicher dem Wollenden
-erlaubter, oder solcher Willensäusserungen, durch deren Vornahme
-derselbe keinen Streit erhebt, macht das Recht des Wollenden aus.
-
-205. Wie der als correct bezeichnete Vorstellungsinhalt eine Grenze
-für die unbeschränkte Freiheit des Vorstellens bezeichnet, jenseits
-welcher dasselbe aufhört, ästhetisch geduldet, und anfängt, unbedingt
-missfällig zu werden, so stellt der Inhalt der ("angeborenen und
-erworbenen") Rechte d. i. des Rechts des Wollenden, eine (natürliche
-oder vertragsmässige) Schranke für die grenzenlose Freiheit der
-Willensäusserung desselben dar, jenseits welcher diese aufhört,
-ethisch geduldet, und anfängt, unbedingt missfällig zu werden. Der
-Doppelsinn des Begriffs der Grenze, welcher zugleich die Ausdehnung
-des einen und dessen Ausschliessung von dem Nachbarlande bedeutet,
-kehrt im Begriff des Rechts insofern wieder, als durch dasselbe sowol
-die Ausdehnung der erlaubten Willensäusserung einer-, wie deren
-Ausschliessung von der gleichfalls erlaubten Willensäusserung des
-nachbarlichen Wollenden andererseits bezeichnet wird. Jenes, die Summe
-der Rechte des Wollenden, macht das Recht im subjectiven, dieses, die
-Summe der (natürlichen oder vertragsmässig festgesetzten) Schranken
-der Willensäusserung, das Recht im objectiven Sinne des Wortes aus.
-
-206. Wie die Rechtfertigung des Correcten nur in dem Umstand
-liegt, dass ein von demselben abweichender Inhalt des Vorstellens
-Ausschliessung unter dem gleichzeitig Vorgestellten d. i. Widerstreit
-im Vorstellen, und dadurch Missfallen erzeugt, so liegt der Grund
-des Rechtmässigen (Erlaubten) ausschliesslich in dem Umstand,
-dass eine von dem Inhalt desselben abweichende Willensäusserung
-mit einander unverträgliche Willensäusserungen im Umfang des zur
-Aeusserung gelangenden Wollens d. i. Streit hervorruft und dadurch
-Missfallen erzeugt. So wenig dort ein Unterschied dadurch begründet
-wird, dass die Correctheit eine natürliche oder künstliche, so wenig
-geschieht dies hier durch den Umstand, dass die Rechtmässigkeit
-eine natürliche oder vertragsmässige ist; wie bei dem Incorrecten
-das Missfallen nur denjenigen, aber jeden trifft, dessen Vorstellen
-vom Correcten abweicht, so geschieht es hier mit dem Missfallen, das
-nur jenem, aber auch jedem gilt, dessen Willensäusserung das Erlaubte
-überschreitet. Wie es aber beim Correcten sich ereignen kann, dass der
-Inhalt des künstlich mit dem des von Natur aus Correcten in der Weise
-in Collision geräth, dass von Natur aus Correctes durch conventionelle
-Uebereinkunft künstlich als incorrect, dagegen durch letztere ein
-Vorstellungsinhalt künstlich als correct festgesetzt werden kann,
-welchen das unbefangene Vorstellen als incorrect empfindet, so kann
-es geschehen, dass natürlich Erlaubtes vertragsmässig als unerlaubt
-und solches durch Vertrag als erlaubt hingestellt werden kann, was dem
-unbefangenen ästhetischen Urtheil als unerlaubt erscheinen muss. Was
-in solchem Fall auf ästhetischem Gebiete gilt, dass der Umfang des
-natürlich Correcten ein unbeschränkter, weil nur von dem sich immer
-gleich bleibenden Inhalt des Vorgestellten abhängiger, jener des
-künstlich Correcten aber ein auf den Umkreis eingeschränkter sei,
-innerhalb dessen, sei es Herkommen, Ueberlieferung, Sitte und Gebrauch
-oder positive Convention dasselbe fixirt haben, wird anstandslos auf
-das ethische angewendet werden dürfen, dass das natürlich Erlaubte
-unbeschränkte, weil nur aus dem Inhalt der Willensäusserungen
-fliessende, das vertragsmässig Erlaubte jedoch nur auf denjenigen
-Umkreis beschränkte Geltung besitze, innerhalb dessen stillschweigender
-d. h. blos durch Zulassung, oder ausdrücklicher d. i. mit mehr oder
-weniger Förmlichkeit kundgegebener Vertrag dasselbe für die Vertrag
-Schliessenden (aber auch nur für diese) als erlaubt festgestellt haben.
-
-207. Indem die ästhetische Idee der Correctheit jeden
-Vorstellungsinhalt verbietet, durch welchen Unverträglichkeit zwischen
-dem gleichzeitig Vorgestellten, so verwehrt die Idee des Rechts
-jede Willensäusserung, durch welche Streit zwischen den Wollenden
-hervorgerufen wird. So wenig die erstere hiebei einen Unterschied
-zwischen den beiden Vorstellungen, eben so wenig macht diese einen
-solchen zwischen den beiden Wollenden. Die Aufforderung, Streit zu
-meiden d. i. sich innerhalb der durch das (sei es natürliche oder
-vertragsmässige) Recht gezogenen Willensgrenze zu halten, ergeht an
-beide Wollende in ganz gleicher Weise, ganz abgesehen von dem Umstände,
-ob durch diese letztere die Freiheit der Willensäusserung des Einen
-eine Erweiterung, jene des Anderen eine Verengerung erfahren hat
-d. h. ob durch dieselbe dem ersten eine Befugniss (ein Recht gegen
-den zweiten) eingeräumt, dem zweiten eine solche zu Gunsten des
-ersten entzogen (demselben eine Pflicht gegen den ersten auferlegt)
-worden sei. Da nun eben so wol Streit entsteht, wenn die eingeräumte
-Befugniss überschritten, als wenn die entzogene Befugniss wieder in
-Anspruch genommen wird, so bedeutet jene Aufforderung für denjenigen,
-dem das Recht jene Befugniss gibt, so viel, dass er dieselbe nicht
-missbrauchen, dagegen für denjenigen, dem das Recht jene Befugniss
-nimmt, so viel, dass er dieselbe nicht mehr als sein Recht gebrauchen
-dürfe, beides aus keinem andern Grunde, als weil jede obiger beider
-Handlungsweisen Streit erzeugt.
-
-208. Mehr als diese Aufforderung, um der Vermeidung des Streites willen
-einerseits seine Berechtigung nicht zu überschreiten, andererseits
-seine Verpflichtung zu erfüllen, kann aus der Idee des Rechts
-nicht abgeleitet werden. Dieselbe enthält weder die Ermächtigung
-für den Berechtigten, im Falle unterlassener Pflichterfüllung von
-Seite des Verpflichteten dieselbe mit Gewalt d. i. durch Anwendung
-von Zwangsmassregeln durchzusetzen, noch schliesst dieselbe für den
-Verpflichteten die Befugniss ein, sich im Falle gemissbrauchten oder
-mit Zwang durchgesetzten Rechts von Seite des Berechtigten demselben
-mit Gewalt d. i. mittels Anwendung von Gegenzwangsmassregeln zu
-widersetzen. Ersteres nicht, weil jeder Zwang einen Eingriff in
-die erlaubten Willensäusserungen des Verpflichteten, somit von
-Seite des Berechtigten diesem gegenüber selbst eine Streiterhebung
-darstellt. Letzteres nicht, weil jeder Gegenzwang von Seite des
-Verpflichteten einen Eingriff in die erlaubten Willensäusserungen des
-Berechtigten, also seinerseits eine Streiterhebung einschliesst. Weder
-kann der Zwang, welcher von Seite des Berechtigten zur Durchsetzung
-seiner Berechtigung, noch kann der Gegenzwang, welcher von Seite
-des Verpflichteten gegen den Berechtigten ausgeübt wird, sich auf
-diejenige Willensäusserung einschränken, welche im ersten Fall
-ausschliesslich das Recht, im letzteren eben so ausschliesslich die
-Pflicht ausmacht. Beide, Berechtigter und Verpflichteter, werden in
-solchem Falle sich in gleicher Lage befinden wie der Jude Shylock,
-dem das Gesetz die Befugniss einräumt, zur Durchsetzung seines Rechts
-gegenüber dem Kaufmann von Venedig Gewalt anzuwenden d. i. das
-contractlich zugestandene Pfund Fleisch nahe dem Herzen demselben
-wirklich aus lebendigem Leibe zu schneiden, jedoch unter der von dem
-"klugen" Richter hinzugefügten Bedingung, dass er bei Ausübung dieses
-seines Rechts nicht selbst seinerseits ein Unrecht begehe d. h. nicht
-eine ihm contractlich nicht zugestandene Handlung ausführe, daher
-keinen einzigen Tropfen Blutes vergiessen dürfe. Wie durch letzteren
-Zusatz die ihm zugestandene Zwangsbefugniss illusorisch, weil der
-Natur der Sache nach unausführbar, so wird die angeblich in der Idee
-des Rechtes enthaltene Zwangsbefugniss in ethisch geschärften Augen
-dadurch zunichte gemacht, dass die Ausübung einer solchen ohne neue
-Streiterhebung, also seinerseits Rechtsverletzung, dem Berechtigten
-durch die Natur der Sache unmöglich gemacht wird.
-
-209. Ist nun in der Idee des Rechts wirklich nichts mehr als die
-Aufforderung, beim Rechte zu bleiben, keineswegs aber die Erlaubniss
-enthalten, Unrecht mit Gewalt zu hintertreiben, so ist allerdings zu
-erwarten, dass, wenn nicht auf anderem Wege Vorsorge getroffen wird,
-Missbrauch des Rechtes unmöglich, Unterlassung der Pflicht unthunlich
-zu machen, sowol das eine wie das andere in einem Grade überwuchern
-werde, dass der thatsächliche Zustand der durch die Idee des Rechts
-gestellten Forderung Hohn sprechen wird. Weder lässt sich hoffen, dass
-die Scheu, vor der Idee des Rechts durch Streiterhebung missfällig zu
-werden, in dem Gemüthe des Berechtigten häufiger als es bei solchen,
-die einer Aufforderung zur Rechtlichkeit überhaupt nicht bedürfen,
-ohnehin der Fall zu sein pflegt, eine solche Macht besitzen werde,
-um ihm die Anwendung von Zwang zur Durchsetzung seines Rechts
-unmöglich zu machen, noch könnte es Wunder nehmen, wenn die Furcht,
-durch gewaltsamen Widerstand vor der Idee des Rechts missliebig zu
-erscheinen, bei dem Verpflichteten, der sich durch Missbrauch des
-Rechtes bedroht und durch Anwendung von Zwang in unbestrittenen
-Rechten beeinträchtigt sieht, zu schwach wäre, ihn von dem Versuch
-gewaltsamer Gegenwehr zurückzuhalten. Vielmehr ist vorauszusehen,
-dass in den bei weitem meisten Fällen der Berechtigte der Verlockung,
-sein verweigertes Recht auf Kosten des Verpflichteten durchzusetzen,
-der Verpflichtete dem Drange, sein angegriffenes Recht gegen den
-Uebermuth oder die Uebermacht des Berechtigten sicherzustellen, nicht
-werde widerstehen und dadurch an die Stelle des Friedenszustandes, wie
-ihn die Idee des Rechtes fordert, ein Kriegszustand, wie ihn der Kampf
-des Berechtigten um sein Recht gegen den Verpflichteten und der Kampf
-des Verpflichteten für sein Recht wider den Berechtigten darstellt,
-treten werde. Soll letzteres verhütet und die Herstellung des Rechts-
-d. i. eines solchen Zustandes, in welchem der Berechtigte sein Recht,
-aber nicht mehr als dieses fordert, der Verpflichtete seine Pflicht
-und nie weniger als diese leistet, nicht auf jene märchenhaften Zeiten
-verschoben werden, in welchen die Idee des Rechts durch Erziehung
-und Gewöhnung Macht genug über die Gemüther gewonnen haben wird,
-um die Sicherstellung des Rechts durch andere Mittel überflüssig zu
-machen, so muss ein Ausweg ausfindig gemacht werden, dem Berechtigten
-seine Leistung, dem Verpflichteten seinen Schutz vor Uebergriffen
-zu verbürgen, ohne von Seite des ersten wie des letzteren durch
-unrechtmässige Streiterhebung missfällig zu werden. Derselbe besteht
-darin, dass die Befugniss im Falle der Pflichtverweigerung Zwang, im
-Falle des Missbrauchs der Berechtigung Widerstand ausüben zu dürfen,
-ihrerseits ausdrücklich vertragsmässig stipulirt und dadurch selbst
-zum Recht d. i. zu einem Zwangsrecht erhoben werde. Der Unterschied
-desselben von der oben erörterten Sachlage besteht darin, dass in der
-letzteren das Recht zu zwingen als eine mit jedem Rechte unmittelbar
-nicht nur verbundene, sondern demselben innewohnende und folglich
-aus demselben ohne weiteres fliessende Befugniss angesehen, dagegen
-nun als ein zweites neben und ausser dem Recht, zu dessen Schutze es
-bestimmt ist, ausdrücklich errichtetes und mit diesem nicht innerlich
-(deductiv), sondern nur äusserlich (copulativ) verbundenes Recht
-betrachtet wird. Durch dasselbe verwandelt sich der zur gewaltsamen
-Zurückeroberung der verweigerten Leistung ausgeübte Zwang und der
-zum Schutz gegen Ueberschreitung geübte gewaltsame Widerstand aus
-unrechtmässigen (unerlaubten) in rechtmässige Handlungen, indem
-beide Theile eingewilligt haben, der eine die zur Durchsetzung der
-Pflicht, der andere die zum Schutz gegen Missbrauch nothwendigen
-Gewaltmassregeln sich gefallen lassen zu wollen.
-
-210. Da die Idee des Rechts nichts weiter verlangt, als dass Streit
-gemieden d. h. gegenwärtiger Streit geschlichtet, zukünftiger verhütet
-werde, so ist dasselbe in dem Grade als vollkommener anzusehen, als
-obiger Zweck erreicht d. h. als durch dasselbe Streit beseitigt oder
-unmöglich gemacht wird. Welcherlei Inhalt dazu in jedem gegebenen Falle
-der zweckdienlichste d. h. welcherlei Recht in jedem gegebenen Falle
-das zweckentsprechendste sein werde, lässt sich nicht im Allgemeinen
-festsetzen, sondern hängt von dem jeweiligen Inhalt derjenigen
-Willensäusserungen ab, deren Verträglichkeit unter einander durch
-dasselbe gesichert werden soll. Schon von Natur aus mit einander
-verträgliche Willensäusserungen (sogenannte angeborene Rechte),
-sobald es deren überhaupt gibt, bedürfen, da zwischen ihnen kein
-Streit herrscht, auch nicht besonderer Festsetzungen, denselben zu
-vermeiden; es wäre denn, es träten Fälle ein, in welchen auch diese
-sonst verträglichen Willensäusserungen zu einander ausschliessenden
-werden und Streit verursachen. Von dieser Art sind z. B. diejenigen
-Willensäusserungen, die im Gebrauch der Athmungsorgane zum
-Einschlürfen der zum Lebensunterhalt unentbehrlichen Quantität
-atmosphärischer Luft bestehen. Dieselben gelten unter normalen
-Verhältnissen als verträglich unter einander, indem jederzeit Luft
-genug existirt, um dem gleichzeitigen Athmungsbedürfniss Mehrerer
-zu genügen. Das Recht, sich derselben zum Athmen zu bedienen, kann
-daher im obigen Sinne als ein natürliches (sogenanntes angeborenes)
-angesehen werden. Tritt jedoch der Fall ein, dass (wie z. B. in
-Holwell's "schwarzer Höhle" oder unter der Taucherglocke) das
-vorhandene Quantum athembarer Luft ein beschränktes, wol gar für
-das vorhandene Bedürfniss der Mehreren nicht ausreichendes wird,
-so werden die sonst verträglich gewesenen Aeusserungen des Willens,
-zu athmen, sofort zu unverträglichen: es entsteht Streit und damit
-nicht nur die Möglichkeit, sondern der Idee des Rechts zufolge die
-Aufforderung, ein Recht d. i. eine Bestimmung zu treffen, durch
-welche (wie es z. B. unter der Taucherglocke thatsächlich der Fall
-ist) der Verbrauch der Luft bezüglich der Einzelnen geregelt und
-deren erlaubter vom unerlaubten gesondert wird. Sind dagegen die
-Willensäusserungen von Haus aus unverträgliche, so wird jenes Recht
-das beste sein, welches die darin liegende Ursache des Streits am
-schnellsten, gründlichsten und dadurch am dauerhaftesten behebt,
-wobei indess immer der Grundsatz gilt, dass auch das schlechte Recht,
-weil es den Streit, wenn auch nur oberflächlich und vorübergehend,
-beseitigt, immer noch besser sei als der Streit selbst.
-
-211. Lässt sich aber auch über den Inhalt möglicher Rechte ohne
-Berücksichtigung des Inhaltes möglicher Willensäusserungen nichts
-allgemeines aussagen, so lassen sich doch in Bezug auf die Form,
-durch welche das Recht seiner Idee in mehr oder minder vollkommener
-Weise genügt, Bestimmungen treffen. Hier gilt, dass das Recht (es
-sei natürliches oder vertragsmässiges) seinem Inhalt nach, er sei,
-welcher er wolle, nicht zweifelhaft sein d. h. dass derselbe entweder
-(wie es bei den natürlichen Rechten der Fall zu sein pflegt) an sich
-evident sein, oder (wie es bei den vertragsmässigen Rechten durch
-besondere die Festsetzung derselben begleitende Förmlichkeiten:
-Gebrauch bestimmter Worte oder äusserer Zeichen, Handschlag,
-Stabbruch u. dgl. zu geschehen pflegt) evident gemacht werden
-muss. Zweifel in ersterer Hinsicht, durch welche entweder der Inhalt
-wirklicher natürlicher Rechte ungebührlich ausgedehnt, oder ein
-seinem Inhalte nach keineswegs natürliches Recht als angeborenes
-in Anspruch genommen wird, sind daher (im ethischen Sinne) nicht
-weniger schädlich als Zweifel der letzteren Art, durch welche der
-vertragsmässige Inhalt eines positiven Rechtes seinem ursprünglichen
-Sinne entgegen umgedeutet oder ein anderes als das vertragsmässige
-Recht als vertragsmässig behauptet wird. Doppelsinn, Halbheit oder
-Zweideutigkeit des Ausdruckes, Ausserachtlassen von Bedingungen, die
-auf die künftige Geltung des Rechtes von Einfluss sein können, sind
-daher Mängel des Rechtes, denen gegenüber die, wenn auch an Pedanterie
-streifende Deutlichkeit und Umständlichkeit der Formulirung, so wie
-der vorschriftsmässige Gebrauch feststehender Formeln und Symbole
-(wie im römischen, im deutschen Recht) im Recht am Platze ist.
-
-212. Ist schon das zweifelhafte Recht von Uebel, weil es die
-Bestreitung des Rechtes seinem Inhalte nach möglich macht, ja
-erleichtert, so ist das "naturwidrige" Recht d. i. ein solches, dessen
-Bestimmungen mit Gesetzen, sei es der leblosen, sei es der lebendigen
-Natur im Widerspruch stehen, also ohne jene, was unmöglich ist, zu
-umgehen, nicht in Vollziehung gesetzt werden können, in noch höherem
-Grade fehlerhaft, weil es anstatt den Streit zu verhüten, zu demselben
-reizt und dessen Bestand permanent macht. In Bezug auf dasjenige Recht,
-dessen Bestimmungen den Naturgesetzen der leblosen Natur zuwiderlaufen,
-versteht diese Mangelhaftigkeit und damit die Nichtigkeit desselben
-der Idee des Rechtes gegenüber sich von selbst, und das Märchen wie die
-Mythe haben von derartigen, physisch unerfüllbaren Pflichtleistungen,
-die den Hörer rühren und die Hilfe übernatürlicher Mächte herausfordern
-sollen, reichlich Gebrauch gemacht. In Bezug auf solche dagegen, deren
-Bestimmungen die lebendige Natur z. B. die Bewegung und den Gebrauch
-der Glieder des eigenen Leibes als Werkzeug der Willensäusserung
-betreffen, offenbart sich die Widernatürlichkeit einer Verpflichtung,
-durch welche auf jene verzichtet werden soll, dadurch, dass in Folge
-der unzerreissbaren Association zwischen Bewusstseinsvorgängen und
-Willensimpulsen auf der einen und Muskelbewegungen, die zur Veränderung
-der Stellung des Leibes und der Glieder führen, auf der anderen Seite
-jener Verzicht unaufhörlich nicht durch, sondern ohne, ja wider den
-Willen des Verpflichteten zurückgenommen, das Recht gebrochen werden
-wird, obige Bestimmung daher, weit entfernt, den Streit dauernd
-hintanzuhalten, vielmehr unaufhörlich dazu beiträgt, denselben zu
-erneuern. Die streng genommen zwar nicht Unrechtmässigkeit, aber
-der Idee des Rechtes gegenüber Zweckwidrigkeit derartiger Rechte
-(Leibeigenschaft, Hörigkeit, Sclaverei) hat dazu geführt, z. B. das
-Recht auf den Gebrauch der eigenen Glieder und die freie Bewegung
-des Leibes als ein sogenanntes "angeborenes" anzusehen, was es im
-strengen Sinne des Wortes nicht ist, da die physische Unmöglichkeit,
-auf dieselben zu verzichten, nicht behauptet, sondern nur der in einem
-solchen Verzicht enthaltene, unaufhörlich wiederkehrende Reiz zur
-Verletzung des eingegangenen Rechtes tadelnd hervorgehoben werden kann.
-
-213. Ein der Idee des Rechtes entsprechendes Bild eines Zustandes,
-in welchem kein Streit herrscht, liefert der Friede, sei es
-der natürliche, innerhalb dessen entweder (wie "im Paradiese"
-und im "goldenen Zeitalter") nur unter einander verträgliche
-Willensäusserungen stattfinden, oder (so wie im sogenannten
-Nothfrieden) mit einander unverträgliche Willensäusserungen nur
-deshalb nicht stattfinden, weil die Streitenden, oder doch einer von
-ihnen, obgleich der Wille zu streiten nach wie vor besteht, in Folge
-physischer Erschöpfung ausser Stande sind ihren Willen zu äussern,
-sei es der vertragsmässige, innerhalb dessen entweder aus Furcht oder
-um des Vortheiles willen (Schacherfrieden) in dem einen, oder aus
-Respect vor der Idee des Rechtes in dem anderen Falle vertragswidrige
-d. h. unter einander unverträgliche Willensäusserungen unterlassen
-werden. Letztgenannter entspricht, da der Respect vor der Rechtsidee,
-wie diese selbst, sich immer gleich bleibt, dem Ideal eines Rechts-
-d. i. eines Zustandes, in welchem der Streit dauernd vermieden wird,
-unter den sämmtlichen angeführten in vollkommenster Weise.
-
-214. An die ethische Idee des Rechtes schliesst sich ein Verfahren
-an, welches die in derselben enthaltene Forderung nicht blos auf die
-gesammten Willensäusserungen des Wollenden, sondern auf die Gesammtheit
-der innerhalb des Umkreises einer Gesellschaft an den Tag tretenden
-Willensäusserungen der Mitglieder derselben ausdehnt. Dasselbe
-besteht darin, dass sämmtliche Willensäusserungen des Individuums zum
-mindesten erlaubt d. i. rechtmässig, so wie dass keine der innerhalb
-des Umkreises der Gesellschaft an den Tag tretenden Willensäusserungen
-eines ihrer Mitglieder unerlaubt d. i. unrechtmässig sei; oder,
-was dasselbe ist, dass weder der Wollende noch irgend ein Mitglied
-der Gesellschaft durch irgend eine seiner Willensäusserungen Streit
-erhebe. Die Tendenz desselben ist, nicht nur jede unrechtmässige
-Handlung zu unterlassen, sondern wo Streit entstanden ist denselben auf
-rechtmässige Weise zu schlichten, nicht nur von Seite des Wollenden in
-Bezug auf jede seiner Handlungen, sondern von Seite der Gesellschaft
-in Bezug auf jede innerhalb ihres Umkreises vorfallende Handlung
-ihrer Mitglieder. Die Erfüllung derselben von Seite des einzelnen
-Wollenden ergibt das Ideal des rechtlichen Mannes d. i. eines solchen,
-der nicht nur für seine Person jeder unerlaubten Handlungsweise sich
-jederzeit enthält, sondern wenn ohne, ja wider seinen Willen Streit
-dennoch entstanden ist, denselben auf keine andere als auf erlaubte
-Weise (also nicht durch Selbsthilfe, Duell u. s. w.) schlichtet;
-die Erfüllung derselben von Seite einer Gesellschaft dagegen ergibt
-das Ideal einer Rechtsgesellschaft d. i. einer solchen, die nicht
-nur innerhalb ihres Umkreises diejenigen Anstalten trifft, um Streit
-zwischen ihren Mitgliedern zu verhüten (Rechtsgesetzgebung), sondern
-auch alle diejenigen anordnet, deren Zweck es ist, entstandenen
-Streit auf rechtmässige Weise zu schlichten (Gerichtsverfahren). Jenes
-bildet sowol beim einzelnen Wollenden wie bei der Rechtsgesellschaft
-den präventiven, den Ausbruch des Streites beseitigenden, dieses bei
-beiden den repressiven, ausgebrochenen Streit beschwichtigenden Theil
-der Erfüllung der Rechtsidee.
-
-215. Je nach den verschiedenen Gattungen unerlaubter Handlungen und
-Achtung heischender Rechte, welche der Einzelne sich zu unterlassen
-und zu respectiren gebietet, wie je nach der Mannigfaltigkeit der
-Veranlassungen, welche zum Streitausbruch, und der Verfahrungsweisen,
-welche zum Streitaustrag führen können, kommt in die rechtliche
-Gesinnung des Einzelnen wie in die Rechtsgesetzgebung und das
-Rechtsverfahren der Gesellschaft eine Buntheit und Vielartigkeit,
-welche je nach der vorherrschenden Berücksichtigung einer bestimmten
-Classe von Rechten vor und im Gegensatz zu den übrigen (z. B. der
-privaten vor den öffentlichen, oder umgekehrt der öffentlichen vor
-dem privaten, des Hausrechts vor dem Landrecht und dessen vor dem
-Reichs- und Staatsrecht, des kirchlichen vor dem weltlichen Recht,
-oder umgekehrt u. s. w.) der Rechtsgesinnung des Einzelnen so wie
-der Gesellschaft eine bestimmte Färbung (z. B. die privatrechtliche
-im germanischen, die öffentlich rechtliche im antiken Recht, die
-clericale im mittelalterlichen, die profane im modernen Staate)
-ertheilt und in den verschiedenen Zweigen sowol der Rechtsgesetzgebung
-wie des Rechtsverfahrens sich, sei es zu Gunsten, sei es zu Ungunsten
-einer oder der anderen Classe von Rechten, geltend macht. Letztere
-beiden zerfallen je nach den verschiedenen Classen der Rechte, die
-zu errichten und zu schützen sind, sich unter einander aber eben so
-wol zu widerstreiten scheinen, als zu ergänzen bestimmt sein können,
-in eben so viele Zweige sowol der Gesetzgebung als des gerichtlichen
-Verfahrens, zwischen welchen ihres scheinbar ausschliessenden
-Charakters ungeachtet (z. B. geistliche und weltliche Gesetzgebung,
-canonisches, militärisches und Civilgerichtsverfahren u. dgl.) eine
-weise Rechtsorganisation das Gleichgewicht nicht nur, wo es gestört
-zu werden droht, herzustellen, sondern dauernd zu erhalten und zu
-befestigen bemüht sein wird.
-
-216. Der qualitative Gesichtspunkt der missfälligen Störung durch
-absichtliche Willensäusserung ergibt die ethische Idee der (billigen)
-Vergeltung. Dieselbe entsteht durch die Uebertragung der ästhetischen
-Idee des Ausgleichs auf das ethische Gebiet. Wie Schein, der sich
-für Sein gibt, um deswillen unbedingt missfällt und, so weit sich
-derselbe vor das Sein hervorgedrängt hat, so weit wieder zurückgedrängt
-d. i. das ursprüngliche Sein aus seiner Verdunkelung wieder hergestellt
-werden muss, damit das Missfallen verschwinde, so missfällt absichtlich
-herbeigeführte Störung, die sich für Nichtstörung ausgibt und daher
-durch entsprechende Gegenstörung ausgeglichen d. i. der ursprüngliche
-oder doch ein diesem gleicher Zustand wieder hergestellt werden muss,
-damit das Missfallen aufhöre. Da die Ursache der eingetretenen Störung
-weder eine leblose (ein blosses Naturereigniss), noch eine absichts-
-(also bewusst-) lose Willensäusserung (im Affect, in der Leidenschaft),
-sondern eine absichtliche (also bei klarem Bewusstsein beabsichtigte)
-Willensäusserung ist, so fällt, da die entsprechende Gegenstörung
-nichts anderes als die Wirkung der Störung und folglich, da diese
-selbst die Wirkung jener Ursache, zugleich die (nur entferntere)
-Wirkung jener absichtlichen Willensäusserung ist, dieselbe mit
-ganzer Gewalt und in ihrem ganzen Umfange auf den Träger der
-absichtlichen Willensäusserung d. i. den Thäter als den "Störenfried"
-zurück. Derselbe erscheint daher einerseits als verantwortlich
-für die Störung, andererseits als Gegenstand der Gegenstörung. In
-ersterer Hinsicht hängt der Grad seiner Verantwortlichkeit ab von
-dem Grad seiner Urheberschaft; in letzterer Hinsicht wird das Mass
-der an ihm zu verwirklichenden Gegenstörung durch dasjenige der von
-ihm ausgegangenen Störung vorgezeichnet.
-
-217. Der Grad der Urheberschaft wird gemessen durch die Erwägung,
-inwiefern und inwieweit eine gewisse Störung als Wirkung
-absichtlicher Willensäusserung eines gewissen Wollenden angesehen
-werden könne. Dieselbe hat zunächst zu erforschen, ob und dass
-die stattgehabte Störung Wirkung eines Willens (d. i. ob und dass
-sie Willensäusserung), hierauf, ob und dass diese Willensäusserung
-absichtlich d. i. unter Umständen erfolgt sei, unter welchen allein
-von Wollen einer- und Absichtlichkeit andererseits die Rede sein
-könne. Erstere Untersuchung, da sie den Zusammenhang einer in der
-Aussenwelt eingetretenen Veränderung eines bisherigen Zustandes
-und die Verursachung dieser durch einen wirksam gewordenen Willen
-betrifft, hängt von der Rücksicht auf die Naturgesetze der äusseren
-(physischen) Welt ab; letztere Untersuchung, da sie den Zusammenhang
-eines bestimmten Wollens mit einem bestimmten Vorsatz d. i. die
-Verursachung einer im Innern des Bewusstseins vor sich gegangenen
-Veränderung im Wollen durch einen gleichfalls im Bewusstsein
-vorgegangenen Act des Intellects betrifft, hängt von der Rücksicht
-auf die Naturgesetze der inneren (psychischen) Welt ab. Jene hat zu
-constatiren, dass es bei der Verursachung der Störung durch ein Wollen,
-diese, dass es bei der Verursachung des Wollens durch den Intellect
-"mit rechten Dingen" zugegangen d. h. dass nicht nur zwischen der
-Störung und dem angeblichen Störenfried ein Causalzusammenhang
-bestehend, sondern dass derselbe an keiner Stelle unterbrochen,
-kein Ring der Kette ausgefallen sei. Das Ergebniss der ersteren ist
-der Grad der physischen, jenes der letztern Betrachtung der Grad der
-psychischen Urheberschaft des Thäters.
-
-218. Letzterer hängt ab von der Zurechnungsfähigkeit des Thäters. Eine
-solche ist nicht vorhanden, wenn die psychischen Bedingungen mangeln,
-von welchen nach psychischen Naturgesetzen das Zustandekommen
-eines wirklichen Wollens, so wie dessen Beeinflussung durch den
-Intellect abhängig ist. Da nun wirkliches Wollen nur dort existirt,
-wo weder, wie beim Begehren, zwar eine Vorstellung des Begehrten,
-aber keine von dessen Erreichbarkeit oder Nichterreichbarkeit, noch,
-wie beim Wünschen, nebst der Vorstellung des Gewünschten auch noch
-die Vorstellung von dessen Unerreichbarkeit, sondern nur dort, wo
-ausser der Vorstellung des Gewollten auch noch die Ueberzeugung von
-dessen Erreichbarkeit vorhanden ist, so hängt die Entscheidung über
-die Zurechnungsfähigkeit in erster Reihe davon ab, ob der Zustand
-des Bewusstseins ein solcher gewesen sei, in welchem die Möglichkeit
-vorhanden war, über Erreichbarkeit oder Unerreichbarkeit des Begehrten
-Erwägungen anzustellen, Urtheile zu fällen und sein Begehren durch
-dieselben bestimmen zu lassen d. h. ob der angebliche Thäter in einem
-Gemüthszustande sich befunden habe, der es ihm psychisch möglich
-machte, verständige Ueberlegungen über sein Begehren anzustellen. Da
-ferner von einer Absicht in Bezug auf den Andern nur insofern die
-Rede sein kann, als eine Vorstellung davon vorausgesetzt wird, was die
-Folge einer gewissen Willensäusserung in dem Zustande des Anderen sein
-d. h. ob derselbe dadurch verbessert oder verschlechtert werden werde,
-so hängt die Entscheidung über die Zurechnungsfähigkeit in zweiter
-Reihe davon ab, ob der Zustand des Bewusstseins ein solcher gewesen
-sei, um eine Vorstellung von den unausbleiblichen oder doch möglichen
-Folgen einer gewissen Handlung für den Leidenden wirklich oder auch
-nur möglich zu machen d. i. ob der angebliche Thäter sich in einem
-Geisteszustande befunden habe, der ihm erlaubte, eine vernünftige
-Ueberlegung anzustellen.
-
-219. Der Unterschied beider Ueberlegungen ist dieser: erstere,
-die sogenannte verständige, hat es, nachdem das Begehren einmal
-vorhanden ist, lediglich mit der Frage zu thun, ob das Begehrte auch
-möglich sei. Letztere, die sogenannte vernünftige, hat es, bevor noch
-ein Begehren wirklich vorhanden ist, mit der Frage zu thun, ob ein
-solches erlaubt sei. Die Antwort auf jene Frage hängt lediglich von
-Erwägungen ab, deren Gegenstände aus dem Bereiche der physischen,
-die Antwort auf diese dagegen von solchen, die aus dem Bereiche der
-sogenannten moralischen Welt entnommen sind. Ueber Erreichbarkeit oder
-Unerreichbarkeit entscheidet richtig oder unrichtig die Kenntniss oder
-Unkenntniss der Naturgesetze; über die Erlaubtheit oder Unerlaubtheit
-entscheidet wahr oder falsch das Bewusstsein oder das Nichtbewusstsein
-der Moralgesetze. In einem Zustand, in welchem das "Weltbewusstsein"
-d. i. die Fähigkeit, nach der vorhandenen Kenntniss der Naturgesetze
-zu verfahren, aus was immer für einem Grunde (augenblickliche oder
-dauernde Unwissenheit) nicht vorhanden oder abhanden gekommen ist,
-kann keine verständige, in einem solchen, in welchem "das ethische
-Bewusstsein" d. i. die Stimme des Gewissens, die Kenntniss des
-Gebotenen und Verbotenen, sei es aus was immer für einem Grunde
-(ethische Blindheit oder ethische Verblendung) unterdrückt ist,
-keine vernünftige Ueberlegung stattfinden. Der angebliche Thäter ist
-in solchem Falle entweder schon in erster oder doch in zweiter Reihe
-im psychologischen Sinne des Wortes unzurechnungsfähig.
-
-220. Der Umstand, ob die dem Störenfried zur Last fallende Störung
-seinerseits durch die absichtliche Herbeiführung oder die eben
-so absichtliche Unterlassung einer gewissen Willensäusserung
-verursacht wird, macht in der Beurtheilung seiner Urheberschaft
-keinen wesentlichen Unterschied. Ersterer Fall, welcher, wenn die
-verursachte Störung ein Wehe des von derselben Betroffenen darstellt,
-als dolus bezeichnet wird, kommt mit dem letzteren, welcher unter
-derselben Voraussetzung den Namen culpa führt, darin überein, dass
-beide Ursache der Störung sind, und unterscheidet sich von diesem nur
-dadurch, dass der Thäter das einemal etwas thut, von dem er weiss,
-dass dessen Thun, das anderemal etwas nicht thut, von dem er weiss,
-dass dessen Nichtthun eine gewisse Folge nach sich ziehen müsse und
-werde. Letzteres Wissen wird nothwendig erfordert, wenn von einer durch
-Unterlassung auf sich geladenen Schuld des Unterlassenden die Rede
-sein soll; wo dasselbe mangelt, aber durch die Unterlassung Störung
-entsteht, kann der Unterlassende höchstens in dem Falle für dieselbe
-zur Verantwortung gezogen werden, als ihm die Nichtunterlassung
-ausdrücklich zur Pflicht gemacht war. Dessen Vergehen besteht
-jedoch in einem solchen Fall nicht sowol in der Herbeiführung der
-Störung, von deren Möglichkeit er nichts wusste, als vielmehr in der
-Vernachlässigung der ihm aufgetragenen Pflicht. Fand weder Wissen um
-die Folgen, noch ausdrückliches Gebot der Nichtunterlassung statt,
-so kann von einer absichtlichen Unterlassung nicht gesprochen und die
-Folge der Störung dem "unfreiwilligen" Störenfried nicht aufgebürdet
-werden.
-
-221. Mit dem Erweis der Thäterschaft ist das Object der Vergeltung,
-mit dem Mass der Thäterschaft das Mass dieser letzteren gegeben. Jede
-wirkliche Störung kann, um nicht missfällig zu werden, nur am
-wirklichen Thäter und nur in dem Masse, aber auch nicht unter demselben
-vergolten werden, in welchem er Thäter ist. Inwiefern die von ihm
-ausgegangene That selbst Wohl- oder Wehethat, der Thäter wirklicher
-Wohl- oder Wehethäter ist, nimmt die Vergeltung die Gestalt der
-Belohnung d. i. des Rückgangs eines dem zugefügten gleichen Quantums
-von Wohl an den Wohlthäter, oder der Bestrafung d. i. des Rückgangs
-eines gleichen Quantums von Wehe an den Wehethäter an.
-
-222. Ueber das Subject der Vergeltung d. i. den zur Vergeltung
-Berufenen, wird durch die Idee der Vergeltung nichts ausgesagt. Die
-Forderung derselben lautet dahin, dass vergolten werde, aber sie
-lässt dahingestellt, durch wen vergolten werde. Dieselbe ist erfüllt
-und das Missfallen geschwunden, wenn die Störung ausgeglichen, auch
-dann, wenn durch die Ausgleichung dieser Störung der Ausgleichende
-(der Vergelter) aus irgend einem Grunde selbst tadelnswerth geworden
-ist. Die Vergeltung kann eben so gut durch einen unpersönlichen
-Vorgang (auf dem Naturwege), wie durch einen persönlichen Act (auf dem
-Gerichtswege) erfolgen. In ersterem Fall zieht die eingetretene Störung
-die entsprechende Gegenstörung (die That das Loos) wie die Ursache ihre
-Wirkung nach sich; im letzteren Fall wird die Vergeltung, welche sonst
-ausgeblieben wäre, über den Thäter in Folge des Rathschlusses einer
-persönlichen Vergeltungsmacht (sei es göttlicher oder menschlicher)
-verhängt und ausgeübt. In ersterem Fall herrscht Nemesis, im letzteren
-Dike.
-
-223. Die vergeltende Persönlichkeit kann tadelnswerth erscheinen,
-nicht weil sie vergilt, sondern weil sie vergilt. Die Vergeltung von
-Wohlthaten durch ein entsprechendes Quantum Wohl an dem Wohlthäter
-lässt nicht nur die Idee der Vergeltung, sondern auch die Person
-des Vergelters in verklärendem Lichte erscheinen, weil bei dem
-Wohlspendenden nicht blos billige, sondern (mit Recht oder Unrecht)
-auch wohlwollende Gesinnung vorausgesetzt wird. Die Vergeltung der
-Wehethat durch ein entsprechendes Quantum Wehe an dem Wehethäter
-dagegen lässt die Person des Vergelters in einem ungünstigen Lichte
-sich darstellen, weil an derselben zwar die billige Gesinnung
-allenfalls anerkannt, aber der Verdacht übelwollender Gesinnung
-d. i. einer Freude am Wehethun rege gemacht wird. Der Strafrichter,
-der das Urtheil fällt, noch mehr der Nachrichter, der es vollzieht, hat
-die Wirkung dieses unwillkürlichen Nebenverdachtes an seiner Person zu
-erfahren; der Henker, der Hand anlegt an den, wenn auch gerechterweise,
-Verurtheilten, wird von der Volksmeinung für unehrlich erklärt und
-wurde nicht selten in der Ausübung seiner Pflicht vom Volke gehindert
-und gesteinigt. Wie es in feiner empfindenden Zeitaltern einst dahin
-kommen mag, dass die Anwendung der Todesstrafe von selbst aufhören
-muss, weil sich niemand mehr finden wird, der das verrufene Amt des
-Scharfrichters auf sich nimmt, so liesse sich denken, dass die Fällung
-von, wenn auch gerechten, Strafurtheilen bei empfindlichen Seelen
-Widerstand erfährt, weil sich dieselben weder vor Anderen noch vor
-sich selbst dem Verdacht aussetzen mögen, mehr der Freude, Anderen
-weh thun zu können, nachgegeben, als der Idee billiger Vergeltung
-ausschliesslich gehorcht zu haben.
-
-224. Dieser Verdacht wird gesteigert, wenn die Person des Vergelters
-mit dem Beleidigten, schwindet beinahe völlig, wenn dieselbe mit dem
-Beleidiger identisch ist. Ersteres enthält den Grund, um deswillen
-Vergeltung von Rache verschieden, letzteres den Grund, warum unter
-allen Formen der strafenden Vergeltung die der Selbstvergeltung die
-am mindesten anstössige ist. Bei demjenigen, der durch den Andern
-absichtliches Weh erlitten hat, liegt die Voraussetzung, dass er die
-sich darbietende Gelegenheit, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, nicht
-sowol mit der persönlichen Kühle des unbetheiligten Richters, sondern
-mit der schadenfrohen Hitze des gereizten Rachgierigen ergreifen
-werde, am nächsten; die Hoffnung, dass derselbe es bei dem billigen
-Masse der Vergeltung bewenden lassen werde, ist bei ihm die geringste;
-die Aussicht, dass er dasselbe in ungebührlicher Weise überschreiten
-werde, die wahrscheinlichste. Unter allen als passende Werkzeuge der
-Vergeltung denkbaren Persönlichkeiten ist daher die des Beleidigten die
-unpassendste und sonach durch die Idee der Billigkeit vom Vergelteramt
-(z. B. im Zweikampf, Duell) ausgeschlossen. Dagegen, da bei jedem
-Einzelnen die Neigung, sich selbst Wehe zu thun, nicht, der Entschluss,
-sich selbst ein derartiges zuzufügen, nur als Wirkung eines über die
-Schranken eudämonistischer Motive hinausreichenden, idealen d. i. nur
-von ethischen Ideen beherrschten Wollens vorausgesetzt werden kann,
-ist die Selbstvergeltung d. i. die Zufügung eines dem von ihm
-ausgegangenen gleichen Quantums von Wehe an seine eigene Person
-von der Hand des Wehethäters über jeden Verdacht anderer als rein
-ethischer Vergeltungsgesinnung erhaben und zugleich die Annahme,
-dass sich der Vergelter mit dem billigen Masse der Vergeltung
-begnügen werde, gerechtfertigt, so dass durch dieselbe der Idee
-der Vergeltung zugleich in der reinsten und in der angemessensten
-Weise Genüge gethan wird. Dieselbe ist daher nicht nur des Nimbus
-halber, mit dem sie die Person des Vergelters umgibt, sondern auch
-um der Kürze und Anschaulichkeit des Vergeltungsverfahrens willen
-(z. B. als vergeltender Selbstmord) im Drama (Othello, Don Caesar,
-Guido von Tarent u. A.) besonders beliebt.
-
-225. Wie die Nothwendigkeit zu strafen, um Missfallen zu vermeiden,
-von der Idee der Vergeltung, so hängt die Möglichkeit zu strafen,
-ohne missfällig zu werden, von dem Motiv des Strafenden ab. Fordert
-die erste: fiat justitia pereat mundus, so erlaubt die letztere nur:
-fiat justitia, ne pereat mundus. Das Motiv der Strafe kann kein
-anderes sein, als damit die geschehene Wehethat nicht unvergolten,
-der Wehethäter nicht straflos bleibe. Der Beweggrund des Strafenden
-kann kein anderer sein, als die wohlwollende Gesinnung, dass durch
-den Vollzug der Strafe nicht sowol Anderen Leid zugefügt, als vielmehr
-Anderer Leid verhütet, oder Anderer Wohl gefördert werde. Je nachdem
-dieser Andere der Wehethäter selbst, oder ein Anderer als dieser ist
-d. h. durch das Wehe, das dem Wehethäter zugefügt wird, entweder
-dessen eigenes Weh verhütet oder gemildert, dessen eigenes Wohl
-gewahrt und gemehrt werden soll, oder das gleiche bei einem Andern
-dadurch herbeigeführt werden soll, zerfällt vom Gesichtspunkt des
-Strafenden aus die Strafe in Besserungs- und Abschreckungsstrafe. Jene
-geht darauf aus, den Wehethäter selbst, diese den Anderen seiner
-ethischen Beschaffenheit nach durch das dem ersteren zugefügte Leid zu
-verändern d. h. die Strafe als ein Motiv in das Bewusstsein des einen
-wie der anderen zu dem Zwecke einzuführen, damit in der Folge eine der
-strafbaren Handlung gleiche Handlungsweise, sei es von dem Gestraften
-selbst, sei es von den Zeugen seiner Bestrafung unterlassen werde. Die
-durch die Strafe herbeizuführende Aenderung der ethischen Qualität
-besteht bei dem Gestraften in einer wirklichen Aenderung seines
-bisherigen (sträflichen) Wollens, so dass an die Stelle desselben
-künftig ein seinem Inhalt nach entgegengesetztes (unsträfliches) Wollen
-trete, sein Wollen demnach ein besseres werde. Bei Anderen dagegen
-kann dieselbe nur darin bestehen, dass ein gewisses bisher nicht
-wirklich vorhandenes d. h. noch niemals in Handlung übergegangenes,
-wenngleich vielleicht als Neigung, Hang, Vorsatz längst bestandenes
-Wollen auch künftig nicht wirklich d. i. wirksam werde. Während daher
-die Abschreckungsstrafe ihren Zweck erfüllt, wenn sie überhaupt Andere,
-also auch den Gestraften selbst zur Enthaltung von der strafbaren
-Handlung bewegt, hat die Besserungsstrafe denselben erst dann erreicht,
-wenn sie in den Anderen und darunter vor allem in dem Gestraften ein
-neues, dem Inhalt der sträflichen Handlung entgegengesetztes Wollen
-erzeugt. Da die Strafe ein Wehe zufügt, so wird der Grund, durch
-welchen dieselbe sowol zum Motiv der Enthaltung vom sträflichen, wie
-zur Erzeugung eines demselben entgegengesetzten Wollens wird, zunächst
-kein anderer sein, als Furcht vor dem Wehe, das sie mit sich bringt:
-Furcht vor dessen Wiederkehr bei dem Gestraften, vor dessen drohendem
-Eintreten bei dem Zeugen der Strafe. Hat dieselbe zur Folge, dass
-sowol bei dem Gestraften als bei den Zeugen der Strafe, das sträfliche
-Wollen, bei dem Gestraften nicht mehr, bei den Anderen überhaupt
-nicht eintritt, so sind die letzteren nicht schlechter geworden,
-als sie waren, so ist das Wollen des Gestraften besser geworden,
-als es war; der Gestrafte selbst aber, so lange nur Furcht vor der
-Strafe ihn von der Wiederbegehung der sträflichen Handlung abhält,
-ist nicht gebessert. Letzteres ist erst dann der Fall, wenn nicht nur
-das Wollen ein anderes, sondern auch das Motiv des anders Wollens ein
-anderes als das eudämonistische der Furcht d. h. wenn es das ethische,
-die Ueberzeugung von der Verwerflichkeit der strafbaren Handlung
-als solcher geworden ist. Diesen äussersten Schritt, welcher nicht
-blos eine Aenderung des Wollens, sondern eine solche der Gesinnung
-bedeutet, in dem Gestraften herbeizuführen, reicht die blosse Strafe,
-welche als solche zwar auf das Gemüth d. i. auf die Empfänglichkeit für
-die angenehmen oder unangenehmen Folgen einer gewissen Handlungsweise,
-und auf die Klugheit, unangenehmen Folgen auszuweichen, keineswegs aber
-auf die praktische Weisheit d. i. auf die Einsicht in den unbedingten
-Werth oder Unwerth einer Handlungsweise Einfluss zu üben vermag,
-für sich so wenig aus, dass zur Erreichung dieses Zweckes vielmehr
-andere Mittel (Belehrung, Erziehung) zu Hilfe genommen werden müssen,
-das Beste aber von dem im Gemüth des Gestraften selbst zum Durchbruch
-gelangten Erwachen der unwiderstehlichen Stimme und Macht des Gewissens
-erwartet werden muss.
-
-226. Letztgenannter Grund ist es, welcher bewirkt, dass die
-Formen der Strafe, je nachdem dieselbe als Besserungs- oder als
-Abschreckungsstrafe betrachtet wird, unter einander abweichende,
-nicht selten sogar entgegengesetzte Gestalt annehmen. So fordert
-die Strafe, die abschreckend wirken soll, volle, ja verstärkte
-Oeffentlichkeit, während die Besserung des Gestraften, wenn sie
-den Zweck der Strafe abgeben soll, durch Geheimhaltung derselben,
-um diesem die Beschämung zu ersparen, begünstigt wird. Während die
-Oeffentlichkeit des Strafvollzuges die Furcht vor der Strafe steigert,
-erleichtert deren Geheimhaltung dem Gestraften die Aenderung sowol
-seines bisherigen Wollens wie seiner bisherigen Gesinnung. Jene
-erschwert dem Gestraften auch nach eingetretener Besserung den
-Rücktritt in die Gesellschaft, die Zeuge seiner Bestrafung gewesen
-ist; diese, indem sie Bestrafung und Gesinnungsänderung in der Stille
-sich vollziehen lässt, macht durch weise Schonung des Ehrgefühles dem
-Gestraften nicht sowol die Wiederaufnahme als vielmehr das dem Anschein
-nach wenigstens ungestörte Fortleben unter Anderen möglich. Entmenschte
-Rohheit und gedankenlose Neugier haben den öffentlichen Strafvollzug
-längst mehr zur Befriedigung brutaler Schaulust und barbarischer
-Gefühllosigkeit erniedrigt, als zum wirksamen Drohmittel erhabener
-Gerechtigkeitspflege erhöht; die Verlegung desselben in abgelegene und
-der Menge verschlossene Räume, so wie die Ersetzung der die sittliche
-Pest durch Ansteckung mehrenden gemeinsamen durch der Einkehr in sich
-selbst und dem Wachwerden ethischer Gesinnung vortheilhafte Einzelhaft
-stehen in der Gegenwart als sichtbare Zeichen des Uebergewichtes
-des Besserungs- über das blosse Abschreckungsmotiv und verfeinerten
-ethischen Zartgefühles aufrecht.
-
-227. An die Idee der billigen Vergeltung schliesst sich ein Verfahren
-an, welches dieselbe nicht blos über die gesammte Willenssphäre
-des Einzelnen, so weit nicht andere Motive es verhindern, einer-,
-so wie auf sämmtliche innerhalb des Umkreises einer Gesellschaft zu
-Tage tretende mittels absichtlicher Willensäusserung hervorgerufene
-Störungen andererseits ausdehnt. Dasselbe geht darauf aus, dass nicht
-nur jede vom Einzelnen verübte, wie jede am Einzelnen geübte That
-vergolten, sondern dass jede innerhalb des Umkreises der Gesellschaft
-ans Licht getretene Wohl- oder Wehethat in entsprechender Weise
-vergolten werde. In ersterer Hinsicht schliesst die Idee der Vergeltung
-die Forderung ein, dass jeder, der Gegenstand einer Wohl- oder Wehethat
-gewesen ist, deren Vergeltung (entweder durch ihn selbst oder durch
-Andere) suche, und jeder, der Urheber einer Wohl- oder Wehethat
-geworden ist, deren Vergeltung (durch Andere oder durch sich selbst)
-dulde. In letzterer Hinsicht drückt dieselbe aus, dass innerhalb des
-Umkreises der Gesellschaft keine wie immer geartete wirklich vollzogene
-That verborgen, so wie dass keine durch Zufall oder durch absichtliche
-Veranstaltung ans Licht gezogene That ohne Vergeltung bleibe. Die
-Erfüllung ersterer Forderung stellt das Ideal des gerechten Mannes,
-der sein Recht fordert, aber auch nimmt, die Erfüllung der letzteren
-das Ideal eines Lohnsystems d. i. einer Gesellschaft dar, innerhalb
-welcher jeder That ihr Lohn, der Wohlthat die ihr gebührende Belohnung,
-der Wehethat die verdiente Bestrafung zu Theil wird. Jenem entspricht
-es, wie Heinrich von Kleist's Michael Kohlhaas darauf zu bestehen,
-dass die ihm widerrechtlich geraubten Rosse, von dem junkerlichen
-Räuber mit eigener Hand dick gefüttert, ihm zurückgestellt werden, aber
-zugleich die über ihn selbst rechtmässig verhängte Strafe gesetzloser
-Willkür und widergesetzlicher Selbsthilfe sich willig gefallen zu
-lassen. Wie in ersterer Handlung des Gerechten berechtigter "Kampf
-ums Recht", so tritt in der letzteren des Gerechten bereitwillige
-Anerkennung des "Sieges des Rechtes" ans Tageslicht. Dem Ideal eines
-Lohnsystems würde eine Gesellschaft genügen, in welcher nicht nur alle
-zweckdienlichen Anstalten getroffen werden, nicht blos wie die heutigen
-"Detectives" verborgen gebliebene Missethaten aufzudecken und wie
-die heutigen "öffentlichen Ankläger" der Strafgewalt zu denunciren,
-sondern in gleicher Weise geheime oder (zufällig oder absichtlich)
-vergessene Wohlthaten aufzuspüren und als öffentliche Lobredner der
-Macht, welche die Pflicht und die Mittel zur Belohnung besitzt,
-zur Kenntniss zu bringen. In letzterem Sinn hat schon Sokrates
-den ihm gebührenden Lohn dahin definirt, dass er verdient habe,
-auf öffentliche Kosten im Prytaneum erhalten zu werden. Während die
-heutige Gesellschaft für den Zweck der Entdeckung und Kundmachung
-geschehener Wehethaten ein zahlreiches Heer besonders geschulter und
-instruirter Organe besitzt, zieht sie es vor, ohne Zweifel um den
-Zartsinn der Wohlthäter zu schonen, das Bekanntwerden geschehener
-Wohlthaten dem Zufall, oder dem seltenen guten Willen der Empfänger
-so wie der Neider anheimzustellen. Dieselbe hat ebenso es längst als
-ihre Aufgabe angesehen, zur Bestrafung innerhalb ihres Umkreises
-kundgewordener Vergehen zweckdienliche Anstalten (Strafgerichte)
-und Verfahrungsweisen (Strafverfahren) zu errichten und zu ersinnen,
-hat es jedoch in Bezug auf den zweiten, nicht minder wichtigen
-Theil des Lohnsystems, die Belohnung auch der ihr bekannt gewordenen
-Wohlthaten, bei den dürftigsten Einrichtungen (Preisgerichte) und
-den armseligsten Verfahrungsweisen (Bürgerkronen, Ehrenzeichen,
-Monthyon'sche Tugendpreise) bewenden lassen. Nicht Keppler allein
-ist ein Beispiel, dass die moderne Gesellschaft Wohlthätern der
-Menschheit "öffentliche Steine" statt Brot gegeben hat. Wie in der
-gerechten Gesinnung des Einzelnen zwischen der Geneigtheit, sein
-Recht zu fordern, und der Bereitwilligkeit, dasselbe zu nehmen,
-so kann innerhalb des Lohnsystems zwischen der Sorgfalt Strafen zu
-verhängen und der Lässigkeit Wohlthaten zu belohnen ein empfindliches
-Missverhältniss herrschen, in Folge dessen die gerechte Gesinnung
-in Vergeltungssucht einer- und Widersetzlichkeit andererseits, die
-Gerechtigkeit der Gesellschaft in drakonische Strenge einer- und
-athenische Undankbarkeit andererseits ausartet. Das Ueberwiegen der
-Recht fordernden über die rechtsduldsame, der Straffrohen über die
-belohnungseifrige Gesinnung oder das Gegentheil gibt dem Einzelnen
-wie der Gesellschaft hinsichtlich der Idee der Vergeltung ihre
-eigenthümliche Färbung und ruft jenen Gegensatz einander bekämpfender
-Willensrichtungen, deren eine auf die Zufügung wenn auch verdienten
-Weh's, die andere auf die Schenkung wohlverdienten Wohls gerichtet ist,
-hervor, zwischen welchen eine weise Organisation sowol des Strafs-
-wie des Belohnungssystems das versöhnende Mass herzustellen und
-festzuhalten bemüht sein wird.
-
-228. Mit der Idee der billigen Vergeltung ist die Reihe der
-ethischen d. i. der Uebertragungen ästhetischer Ideen auf das
-ethische Gebiet erschöpft. Keine derselben ist das ganze Gute,
-aber jeder derselben entspricht ein Element des Guten. Wie das
-vollkommene, so ist das innerlich freie und das wohlwollende Wollen
-ein gutes; sind die Gegentheile des Streits: der Friede unter den
-Wollenden, und der unvergoltenen That: die billige und willige
-Vergeltung seitens der Wollenden, kein schlechtes Wollen. Aber nur
-alle zusammengenommen als Eigenschaften des Wollens d. i. dasjenige
-Wollen, das zugleich in quantitativer Hinsicht stark, in qualitativer
-Hinsicht charaktervoll, gütig, rechtlich und gerecht ist, ist das gute
-Wollen. Die Erweiterung der ethischen Ideen auf die Gesellschaft,
-welche derselben nach einander den Charakter eines Cultursystems,
-einer beseelten Gesellschaft, eines Verwaltungssystems, einer
-Rechtsgesellschaft und eines Lohnsystems verleiht, bringt nicht nur
-durch jede der genannten Eigenschaften eine von dem Gesichtspunkt
-einer vereinzelten ethischen Idee aus verehrungs- oder doch wenigstens
-achtungswürdige Gesellschaft, sondern durch die Vereinigung aller
-genannten Eigenschaften das Ideal desjenigen hervor, was in besserem
-als in dem banal-herkömmlichen Sinne der "guten Gesellschaft" eine
-wahrhaft gute Gesellschaft d. i. eine solche heissen darf, in welcher,
-wie in dem guten Wollen die einfachen, so die gesellschaftlichen
-ethischen Ideen zur Verwirklichung gelangt sind.
-
-229. Wie jeder der logischen und ästhetischen Ideen, so steht jeder
-der ethischen Ideen ein Gegenbild zur Seite; jener der (ethischen)
-Vollkommenheit das der (ethischen) Unvollkommenheit, jener der
-inneren Freiheit das der inneren Unfreiheit (Willensknechtschaft),
-jener des Wohlwollens das des Uebelwollens, während Streit und
-unvergoltene That die natürlichen Gegensätze des durch die Ideen des
-Rechts und der billigen Vergeltung Geforderten ausmachen. Wie jedes
-einer ethischen Idee entsprechende Wollen ein gutes (lobenswerthes,
-im ethischen Sinn schönes), so stellt jedes einem ihrer Gegenbilder
-gleichende Wollen ein schlechtes (tadelnswerthes, im ethischen Sinne
-hässliches) Wollen dar. Wie jene zusammengenommen den Inhalt des
-Guten, so erschöpfen diese zusammengenommen den Inhalt des ethisch
-verwerflichen Wollens. Wird dabei durch ein dem bei den ethischen Ideen
-angewendeten ähnliches Verfahren die in dem Gegenbilde enthaltene
-Forderung nicht blos auf das Gesammtwollen des einzelnen Wollenden,
-sondern auf jenes einer ganzen Gesellschaft ausgedehnt, so entstehen
-nach der Reihe die den oben genannten entgegengesetzten Einzel- und
-Gesellschaftsideale. Dem Ideale des Willensstarken tritt gegenüber
-die Willensschwäche, dem Ideal des Cultursystems das Zerrbild eines
-solchen in der innerlich schwächlichen, dürftigen und zerfahrenen
-Willensbeschaffenheit ihrer sämmtlichen Mitglieder. Dem Ideal des
-Charakters und der beseelten Gesellschaft stellt sich das Extrem
-innerer Haltlosigkeit im Einzelnen, so wie der seelenlose Mechanismus
-und Formalismus in der Gesellschaft entgegen. Die Kehrseite des Ideals
-der Güte und eines wohlwollenden Verwaltungssystems offenbart sich
-in dem satanischen Ideal der Bosheit (dem Bösen), wie in dem wüsten,
-auf Raubbau und nutzlose Vergeudung der Güter gegründeten Haushalt
-innerlich und äusserlich verlotterter Wirthschaftsgesellschaften. Das
-Widerspiel, sei es auf natürliche, sei es vertragsmässige Basis
-gestellter Rechts- und Friedenszustände tritt in dem rücksichtslosen
-Walten der Macht des Stärkern, in dem Kriege Aller gegen Alle und dem
-auf gegenseitige Vernichtung abzielenden "Kampf ums Dasein" zu Tage,
-während das Gegenstück zu dem in der Forderung billiger Vergeltung
-enthaltenen Gemälde das Bild eines Zustandes darbietet, in welchem
-der Wohlthäter darbt und das vergossene Blut vergebens zum Himmel
-schreit. Wie die Zusammenfassung ethischer Gegenbilder im Wollen
-eines einzelnen Individuums dieses zum Ideal der Schlechtigkeit
-stempelt, so drückt die Zusammenfassung sämmtlicher Gegenbilder
-ethischer Gesellschaftsideale im Wesen einer einzigen Gesellschaft
-dieser in einem andern als in dem herkömmlich alltäglichen Sinn der
-sogenannten "schlechten Gesellschaft" das Gepräge einer schlechten
-Gesellschaft auf.
-
-230. Mit der Aufstellung der ethischen Ideen und ihrer Gegenbilder,
-der einen zur Nachahmung, der andern zur Abschreckung für jedes Wollen,
-das auf Hervorbringung des guten d. h. unbedingt wohlgefälligen Wollens
-gerichtet ist d. i. mit der Aufzählung der normalen und anormalen
-Formen, welche Normen des Wollens und Handelns sind, ist das Geschäft
-der Ethik als allgemeiner Wissenschaft vom Guten vollendet.
-
-
-
-
-
-
-
-
-ZWEITES BUCH.
-
-DAS WIRKLICHE.
-
-
-ERSTES CAPITEL.
-
-DAS NICHT-ICH.
-
-
-231. Was überhaupt Wirkliches, dass irgendwie Wirkliches, und was
-oder welcher Art das Wirkliche sei, ist weder so ausgemacht, noch so
-leicht auszumachen, als diejenigen, welche es lieben, die Wissenschaft
-vom Wirklichen als allein wirkliche Wissenschaft den "hohlen Träumen
-der Speculation" entgegenzusetzen, zu glauben sich anstellen oder
-Andere gern überreden möchten. Sofern und so lange es gewiss ist,
-dass der Weg zum Wirklichen für das wirkliche Vorstellen nur durch
-das wirklich Scheinende d. i. durch den Schein des Wirklichen führt,
-der Schein der Wirklichkeit für das Bewusstsein früher gegeben
-ist und demselben näher steht als die, wenn überhaupt vorhandene,
-hinter demselben stehende Wirklichkeit selbst: so lange bleibt es
-unbestreitbar, dass die Wissenschaft vom Wirklichen zunächst und vor
-allem mit dem anscheinend Wirklichen sich aus einander zu setzen hat,
-wenn sie nicht in Gefahr gerathen soll, blos scheinbar Wirkliches
-für das Wirkliche selbst, oder, was in den Ohren der Freunde der
-Wirklichkeit noch befremdender klingen müsste, den Schein für das
-einzige Wirkliche zu halten.
-
-232. Ersteres ist die Ansicht des (gemeinen empirischen) Realismus,
-letzteres jene des (gleichfalls empirischen, obgleich nicht eben
-gemeinen) Idealismus. Jener geht davon aus, dass das wirklich
-Scheinende das Wirkliche, dieser davon, dass der Schein eines
-Wirklichen das einzige Wirkliche sei. Vom Gesichtspunkt des Realismus
-aus sind die Dinge nicht nur, wenn, sondern sie sind auch das, was
-sie zu sein scheinen; von dem Gesichtspunkt des Idealismus aus sind
-die Dinge, die scheinen, die einzigen, welche sind. Jener schliesst
-jede Möglichkeit eines Zwiespaltes zwischen Schein und Wirklichkeit
-aus dem Grunde aus, weil das scheinbar Wirkliche mit dem Wirklichen
-identisch, dieser dagegen aus dem Grund, weil ausser dem Schein kein
-Wirkliches vorhanden ist.
-
-233. Ersterem steht die Thatsache im Wege, dass es wirklich Scheinendes
-gibt, dem doch keine Wirklichkeit entspricht, letzterem der Umstand,
-dass, wenn dem Schein kein Wirkliches gegenübersteht, es auch
-keinen Schein geben kann. Der Mond, der am Horizont emporsteigt,
-scheint wirklich grösser als derselbe Mond, wenn er im Zenith steht,
-ohne dass daraus folgte, dass er wirklich grösser sei. Der wirklich
-vorhandene Schein ist in diesem Fall eine nothwendige Täuschung, welche
-dadurch, dass sie nothwendig ist, nicht aufhört, Täuschung zu sein. Die
-scheinbare Bewegung des gestirnten Himmels um die Erde, welche der
-wirklichen Bewegung der Erde um ihre Axe gerade entgegengesetzt ist,
-ist der Schein einer Wirklichkeit, aber nicht diese selbst. Wie in den
-angeführten Fällen vertreten in allen sogenannten Sinnestäuschungen,
-denen entweder ein Anderes als das scheinbare Wirkliche (Illusionen),
-oder überhaupt kein Wirkliches entspricht (Hallucinationen),
-anscheinende die Stelle der wirklichen Dinge, während in den
-sogenannten Sinnesqualitäten (Färbung, Klang, Geruch, Geschmack,
-Härte, Weichheit u. dgl.) anscheinende Eigenschaften, die ihren
-Grund nur in der Beschaffenheit des wahrnehmenden Sinnesorgans,
-die Stelle wirklicher Eigenschaften vertreten, die ihren Grund in
-der Zusammensetzung, inneren und äusseren Structur, oder in der
-Beschaffenheit der Oberfläche der Körper selbst haben. So ist die
-Farbe, die dem gemeinen Realismus als eine wirkliche Eigenschaft der
-Körper gilt, in Wahrheit nur eine scheinbare Eigenschaft derselben,
-weil sie denselben nur insofern und nur unter der Voraussetzung
-zukommt, inwiefern und dass ein sehendes Auge vorhanden sei, welches
-den Eindruck des von der Oberfläche des Körpers reflectirten Lichts
-auf der empfindlichen Netzhaut empfängt und in Empfindung der Farbe
-verwandelt. So ist der Klang, der nach derselben Anschauungsweise zu
-den realen Eigenschaften des tönenden Körpers gehört, nichts weiter,
-als die in Folge innerer oder äusserer Erschütterung der kleinsten
-Theile desselben hervorgebrachte periodische Wellenbewegung der
-atmosphärischen Luft, welche dem Hörnerven sich mittheilt und
-im Centralorgan des empfindlichen Nervensystems in die Sprache
-des Bewusstseins, in dem Reiz heterogene aber correspondirende
-Empfindung, aus Gehörreiz in Gehörsempfindung sich umsetzt. Ohne Augen,
-lässt sich sagen, wäre das All der Dinge dunkel, ohne Gehörsorgan
-stumm. Sämmtliche sogenannte wirkliche Eigenschaften, welche der
-Körperwelt Sinnlichkeit, sichtbare Gestalt für das Auge, hörbaren
-Reiz für das Ohr und entsprechende Wahrnehmbarkeit für die übrigen
-Sinnesorgane verleihen, werden denselben viel mehr von dem aufnehmenden
-mit Sinnesorganen ausgerüsteten Träger des Bewusstseins aufgeprägt, als
-diesem von jenem übermittelt, und verdienen daher mit weit grösserem
-Recht anscheinende d. h. den Dingen nur scheinbar anhaftende, in
-Wirklichkeit denselben nur angedichtete Eigenschaften zu heissen.
-
-234. Folgt aus obiger Betrachtung, dass nicht alles wirklich
-Scheinende wirklich, so folgt daraus doch nicht, dass der Schein
-des Wirklichen das einzige Wirkliche sei. Jene Erwägung begründet
-den Unterschied eines scheinbar Wirklichen, dem Wirkliches, und eines
-ebensolchen, dem kein Wirkliches entspricht; letztere Behauptung möchte
-denselben verwischen und alles wirklich Scheinende in blossen Schein
-eines Wirklichen, somit das Wirkliche selbst in ein Unwirkliches
-verwandeln. Dieselbe geht von der Ansicht aus, dass, was nicht im
-Bewusstsein gegenwärtig, auch nicht für dasselbe vorhanden sei;
-dass aber, weil das im Bewusstsein vorhandene nichts anderes sein
-kann als Bewusstseinsvorgang, auch das für dasselbe Vorhandene
-ausschliesslich Bewusstseinsvorgänge sein können. Da nun, was im
-Bewusstsein (also als Vorstellung) vorhanden sein kann, nicht das
-Wirkliche selbst (die von der Vorstellung der Sache verschiedene
-Sache), sondern nur der Schein eines solchen (die als wirklich
-gedachte Sache d. i. der Gedanke der Sache) zu sein vermag, so könne
-alles für das Bewusstsein Vorhandene unmöglich das Wirkliche selbst,
-sondern nur dessen Schein, somit für dasselbe das einzige Wirkliche
-ausschliesslich der Schein eines Wirklichen sein. Statt daher hinter
-dem Schein ein imaginäres Wirkliches zu suchen, trachtet der Idealismus
-den Schein als nur scheinbar Unwirkliches, in Wahrheit als einziges
-Wirkliches festzuhalten, so dass, mit dem Realismus verglichen, das
-Verhältniss des Scheinbaren zum Wirklichen sich umkehrt, das in den
-Augen des Realismus Unwirkliche (der Schein, die Vorstellung, idea) für
-wirklich, dagegen das in dessen Augen Wirkliche (die Sache, dasjenige,
-was mehr als blosse Vorstellung ist, res) für unwirklich erklärt wird.
-
-235. Die Widerlegung des Realismus bestand darin, dass in dem
-scheinbar Wirklichen, welches derselbe seinem Grundsatz gemäss,
-dass zwischen dem Inhalt des wirklich Scheinenden und jenem des
-Wirklichen kein Unterschied bestehe, für wirklich erklärt, Fälle
-aufgezeigt wurden, in welchen das anscheinend Wirkliche unmöglich
-für wirklich genommen werden konnte. Die Widerlegung des Idealismus,
-wenn sie denselben Weg einschlüge und in dem Inhalt des Scheins, den
-der letztere für das einzig Wirkliche erklärt, Widersprüche nachwiese,
-hätte damit nur dargethan, dass sich im Schein, also im Unwirklichen,
-keineswegs aber, dass sich im Wirklichen, also in dem, was mehr
-ist als Schein, Widersprüche vorfinden. Die bekannten Antinomien,
-welche Kant in Bezug auf die Möglichkeit aufstellt, dass die Welt
-Grenzen im Raum und einen Anfang in der Zeit, aber auch, dass sie
-keine Grenzen im Raume und keinen Anfang in der Zeit habe, stammen
-daher, weil die eine wie die andere beider einander ausschliessender
-Behauptungen einem Gegenstande gilt, welcher als solcher nicht der
-realen, sondern der Scheinwelt angehört, von einem solchen aber sich
-gleichzeitig einander Ausschliessendes behaupten lässt, ohne dadurch
-mit der Natur des Scheines, der ja als solcher ein Unwirkliches ist,
-also das Widersprechende erträgt, in Widerstreit zu gerathen.
-
-236. Die Widerlegung des Idealismus, wenn überhaupt möglich, muss
-auf anderem Wege gesucht werden. Kann dieselbe nicht aus dem Umstande
-geschöpft werden, dass der Inhalt des Scheines in seinen Bestandtheilen
-sich unter sich selbst, so kann sie vielleicht ihren Ausgangspunkt
-nehmen von der Betrachtung, dass der Begriff eines Scheines, der neben
-sich selbst kein Wirkliches zulässt, sich selbst widerspricht. Da nun
-ein Scheinen undenkbar ist ohne ein Etwas, welches scheint (objectiver
-Schein) oder ein Etwas, welchem es scheint (subjectiver Schein)
-vorauszusetzen, so muss entweder dasjenige, welches scheint (das
-Object) und dasjenige, welchem scheint (das Subject) abermals Schein
-und als solcher eines weiteren, sei es Objects, sei es Subjects des
-Scheinens bedürftig sein, welcher Regressus sich sofort in infinitum
-wiederholt, oder es muss, sei es das Object, sei es das Subject,
-näher oder entfernter etwas anderes als Schein d. i. ein Wirkliches
-sein, womit die Behauptung des Idealismus, dass Schein das einzige
-Wirkliche sei, sich von selbst aufhebt.
-
-237. Allerdings nur unter der Annahme, dass das nach den Gesetzen des
-Denkens Undenkbare unmöglich d. h. dass das nach den Gesetzen des
-Denkens nicht als wirklich Denkbare auch nicht wirklich sei. Folgt
-aus der Natur des Denkens zwar, dass der Denkende einen gewissen
-Denkinhalt mit Nothwendigkeit denken müsse, so folgt daraus keineswegs,
-dass der Seinsinhalt mit diesem nothwendigen Inhalt des Denkens eins
-sein müsse. So lange es kein Mittel gibt, den Inhalt des Seins mit dem
-Inhalt des Denkens zu vergleichen, um denjenigen Denkinhalt, der mit
-dem Seinsinhalt als congruent sich herausstellt, als Wissen zu fixiren
-(und dass es kein solches gibt, hat die Betrachtung der logischen
-Ideen zur Evidenz gebracht), so lange bleibt die Möglichkeit offen,
-dass die Dinge in der Wirklichkeit sich anders verhalten, als die
-Gesetze des Denkens letzteres nöthigen, das Verhalten derselben mit
-Nothwendigkeit zu denken d. h. dass der unvermeidliche und durch die
-Gesetze des Denkens demselben aufgenöthigte Denkinhalt des Denkens
-und der um seiner Unzugänglichkeit willen stets unbekannt bleibende
-Inhalt des Seins unter einander nicht übereinstimmen, ja vielleicht,
-was weder wahrscheinlich, noch unwahrscheinlich, sondern eben nur
-möglich ist, sich unter einander sogar widersprechen.
-
-238. Erst ein späterer Anlass wird Gelegenheit bieten, von der aus
-obiger Betrachtung fliessenden Einschränkung Gebrauch zu machen. Aus
-der Widerlegung des Realismus folgt, dass die Wissenschaft des
-Wirklichen, wenn sie nur Wirkliches besitzen will, aus dem wirklich
-Scheinenden alles dasjenige ausscheiden muss, was nur den Schein der
-Wirklichkeit hat. Aus der Widerlegung des Idealismus folgt, dass der
-"Traum der Speculation", wenn er aufhören soll, "Traum" zu sein, zu dem
-Schein, der ihm zufolge das einzige Wirkliche ist, ein Wirkliches, sei
-es im subjectiven Sinne, als Träger des Scheins, sei es im objectiven
-Sinne, als Ursache des Scheins, hinzufügen muss. Erstere Operation,
-durch welche im wirklich Scheinenden der Schein des Wirklichen
-vom Wirklichen gesondert wird, ist eine kritische, letztere, durch
-welche zu dem ursprünglich allein vorhandenen Schein des Wirklichen
-ein Wirkliches hinzugethan wird, ist eine ergänzende. Jene führt in
-das wirklich Scheinende neben der Betrachtung des Wirklichen, welches
-scheint (des Objects), die Betrachtung eines anderen Wirklichen ein,
-welchem es scheint (des Subjects); diese geht von der Betrachtung des
-ihrer ursprünglichen Ansicht nach allein wirklichen Scheins zu dessen
-Erklärung, sei es aus einem Wirklichen (dem Subject) oder durch ein
-Wirkliches (Object) fort.
-
-239. Die Einführung des Subjects, welchem das Wirkliche scheint, um
-aus dem Zusammenwirken beider, des Objects, welches scheint, und des
-Subjects, dem es scheint, das wirklich Scheinende als deren Product
-begreiflich zu machen, bedeutet die Einfügung eines idealistischen
-Elements in die realistische Betrachtung. Die Hinzufügung eines
-Wirklichen, sei es als Träger (Subject), sei es als Ursache
-(Object) des Scheins zu diesem selbst, um, sei es durch jenen,
-sei es durch diese, dessen Schein der Wirklichkeit begreiflich zu
-machen, bedeutet die Einführung eines realistischen Elements in die
-idealistische Betrachtungsweise. Durch die allmälige Ausbreitung des
-ersteren im Realismus wird dieser dem Idealismus, durch die allmälige
-Vertiefung des letzteren im Idealismus wird dieser dem Realismus
-näher gebracht. Der gemeine oder empirische Realismus nimmt in Folge
-kritischer d. i. philosophisch sichtender Behandlung idealistischen,
-der gemeine oder empirische Idealismus nimmt in Folge der ergänzenden
-d. i. philosophisch erklärenden Behandlung realistischen Charakter an.
-
-240. Schon der Vater des gemeinen Realismus, Bacon, hat die Bemerkung
-gemacht, dass das wirklich Scheinende Elemente umschliesst, welche
-nicht aus dem Wirklichen, sondern aus dem dasselbe wahrnehmenden
-und auffassenden Subjecte stammen, und, weil sie jenem als wirklich
-von diesem nur angedichtet sind, dieselben treffend als "Idole"
-(Fictionen) bezeichnet. Dass unter denselben auch solche sich
-vorfinden, welche, wie die von ihm sogenannten "Idola tribus", dem
-auffassenden (menschlichen) Subject vermöge dessen Gattungscharakter
-angehören und daher bei sämmtlichen Individuen derselben Gattung
-(also zum Beispiel bei allen Menschen) zu deren Auffassung des
-ihnen wirklich Scheinenden in stets gleicher Weise beitragen müssen,
-kann als ein Vorspiel zu der von Kant nachdrücklich hervorgehobenen
-Betheiligung des transcendentalen (d. i. des Gattungs-) Subjects an
-dem Zustandekommen der Erfahrung, als des Productes zweier Factoren,
-eines subjectiven und eines objectiven, angesehen werden. Wie diesem
-zufolge "die Welt der Erscheinung" d. i. das wirklich Scheinende zwar
-der "Materie" d. i. dem Stoffe nach aus dem Object, welches scheint,
-der "Form" nach jedoch aus dem transcendentalen Subjecte stammt, dem
-es scheint, so setzt sich nach Bacon die Welt des wirklich Scheinenden
-zusammen einerseits aus demjenigen, was aus dem Wirklichen stammt
-(der Erfahrung), und demjenigen, was diesem von dem auffassenden
-Gattungssubject nur angedichtet wird (der Scheinerfahrung der
-"Idola tribus").
-
-241. Allerdings mit dem Unterschied, dass der eine, der Realist, diese
-subjective Hinzuthat im wirklich Scheinenden als eine Verunreinigung
-der Wissenschaft vom Wirklichen angesehen hat, von welcher dieselbe
-so bald und so gründlich als möglich befreit werden müsse, um die
-Erfahrung d. i. das Wirkliche rein zu erhalten, während der andere,
-der Idealist, gerade in dieser aus dem Gattungssubject herkommenden
-und daher allen auffassenden Individuen derselben Gattung in gleicher
-Weise eigenen subjectiven Hinzuthat im wirklich Scheinenden das
-Mittel erblickt hat, dieses aus einer nur individuellen in eine
-für alle Individuen derselben Gattung der Form nach identische
-Scheinwelt und dadurch aus einer nur individuell giltigen in eine
-allgemeine und nothwendige Erfahrung zu verwandeln. Bacon ging
-darauf aus, das subjective, also, vom Standpunkt des Realismus aus
-angesehen, idealistische Element im wirklich Scheinenden gänzlich aus
-demselben zu entfernen, und nur dasjenige, was in demselben nicht
-sowol Schein eines Wirklichen, als Schein des Wirklichen ist, für
-Erfahrung gelten zu lassen. Aber schon dessen Nachfolger Locke hat
-gezeigt, dass die sogenannten secundären Eigenschaften der Körper,
-wie Farbe, Klang, welche jener als Schein des Wirklichen gelten
-liess, nur als Schein eines Wirklichen gelten dürfen d. h. nicht,
-wie jener glaubte, am Wirklichen wirklich vorhanden, sondern von
-einem anderen Wirklichen, dem auffassenden Subject, als scheinbare
-Eigenschaften den Körpern angedichtet seien. Werden dieselben,
-als blosser Schein eines Wirklichen, aus dem wirklich Scheinenden
-ausgeschieden, so bleiben in diesem als Schein des Wirklichen nur
-mehr die sogenannten primären Eigenschaften (wie Gestalt, Ausdehnung,
-Grösse) und als Kern alles wirklich Scheinenden und kat' exochên
-Wirkliches das (übrigens unbekannte) Substrat des Scheins und Träger
-der Eigenschaften, die sogenannte Substanz, als alleiniges Object
-einer wirklichen Wissenschaft vom Wirklichen übrig. Das von Bacon
-vergebens zu verdrängen gesuchte idealistische Element hat seine
-Stelle im Realismus mit Gewinn zurück erobert.
-
-242. Aber auch ein skeptisches ist damit in den Vordergrund
-getreten. Wenn die sogenannten secundären Eigenschaften nur den
-Schein eines Wirklichen, aber nicht eine Erscheinung des Wirklichen
-darstellen, dann ist die sinnliche Erfahrung, welche dieselben als
-Schein des Wirklichen zeigt, eine trügerische, den Schein an die
-Stelle der Wirklichkeit setzende Vorstellung des Wirklichen, nicht
-sowol eine Erkenntniss der, als eine fortgesetzte Täuschung über die
-Wirklichkeit. Die nächste Folge dieser Einsicht kann keine andere sein,
-als dem Sinnenschein, welcher die Basis aller sinnlichen Erfahrung
-ausmacht, und damit dieser selbst, die auf so ungewisser Grundlage
-sich aufbaut, mit Misstrauen entgegen zu kommen.
-
-243. Dasselbe muss sich naturgemäss in demselben Grade steigern, als
-sich der Umfang des idealistischen Elementes d. i. der subjectiven
-Hinzuthat im wirklich Scheinenden erweitert. Die Ausbreitung desselben
-hat zuerst Locke's idealistischer Fortsetzer Berkeley herbeigeführt
-durch die Behauptung, dass die sogenannten primären Eigenschaften der
-Körper, welche derselbe als wirkliche ansah, nicht weniger scheinbar
-als die sogenannten secundären Eigenschaften, und, ebenso wie diese,
-Hinzuthaten des vorstellenden Subjects im wirklich Scheinenden
-d. i. durch das vorstellende Subject, keineswegs durch das Object
-des Vorgestellten hervorgebrachter Schein, also zwar Schein eines
-Wirklichen, aber nicht selbst Wirkliches seien. Dieselbe erreichte den
-höchsten Grad dadurch, dass Berkeley die weitere Bemerkung hinzufügte,
-dass der Körper nichts anderes als die Summe seiner Eigenschaften, die
-Annahme einer den Kern desselben ausmachenden Substanz als Träger der
-Eigenschaften eine an sich völlig überflüssige, von dem vorstellenden
-Subject, wenn auch nicht willkürlich, aber doch unwillkürlich gemachte
-grundlose Voraussetzung, die sogenannte Substanz daher eben so wol
-wie die sogenannten primären und secundären Eigenschaften zwar der
-Schein eines Wirklichen, aber eben so wenig wie diese ein Wirkliches
-sei. Letztere Behauptung verwandelte, da der Körper fortan nichts
-weiter als die Summe seiner (primären und secundären) Eigenschaften,
-diese aber als Summe von nicht wirklichen, sondern nur scheinbaren
-Eigenschaften selbst nur eine Scheinsumme sein sollte, den angeblich
-wirklichen Körper in blossen Schein eines Körpers, die sogenannte
-Welt des Wirklichen in blossen Schein einer wirklichen Welt und
-löste somit den gesammten Realismus in Idealismus, die gesammte
-Sinneswahrnehmung als Basis der sinnlichen Erfahrung in Sinnestrug,
-und damit jene selbst aus einem Spiegel der wirklichen Welt in die
-leere Vorspiegelung einer solchen auf.
-
-244. Diese äusserste mögliche Ausdehnung des idealistischen Elementes
-im Gebiete des Realismus musste die Ausdehnung der Skepsis auf den
-ganzen Umfang der sinnlichen Erfahrung zur unausbleiblichen Folge
-haben. Hatte der Idealismus sämmtliches wirklich Scheinende in
-innerlich hohlen Schein eines Wirklichen verkehrt, so musste die
-Aussicht auf Erkenntniss des Wirklichen auf dem Wege der Erfahrung
-sich in die trostlose Einsicht in die Unmöglichkeit einer solchen,
-auf Grund völligen Mangels eines Wirklichen verwandeln. Nicht nur
-die Bestandtheile des wirklich Scheinenden d. i. die Elemente, aus
-welchen die scheinbare Welt bestand, waren sofort zu blossem Schein
-eines Wirklichen herabgesetzt, sondern auch die Verknüpfung derselben
-unter einander und zu einem Ganzen konnte nur eine scheinbare, das
-durch dieselbe hergestellte Ganze nur dem Schein nach ein Ganzes sein
-d. h. die gesammte angeblich wirkliche Welt mit ihren vermeintlich
-wirklichen Bestandtheilen und deren vermeintlich wirklichem und
-wirksamem Zusammenhang unter einander (dem Causalverband) musste
-sich dem Auge des Denkers als eine Scheinwelt, deren Bestandtheile
-als elementarer Schein, deren Zusammenhang unter einander als zwar
-anscheinend, aber nicht wirklich vorhandener d. i. vom vorstellenden
-Subject in die Welt der Phänomene hineingelegter, keineswegs (wie
-die Erfahrung von ihren sogenannten Naturgesetzen behauptet) aus
-derselben herausgelesener Zusammenhang darstellen.
-
-245. Hume ist es, der diese Consequenz des Skepticismus aus dem
-in bodenlosen Idealismus umgewandelten Realismus seiner Vorgänger
-gezogen hat. Dieselbe wird nicht verbessert dadurch, dass an die
-Stelle des realen Zusammenhanges zwischen den Erscheinungen von ihm
-die subjective Gewöhnung des vorstellenden Subjectes gesetzt wird,
-in Folge wiederholten nach einander Auftretens gewisser Phänomene
-jedesmal, sobald das eine derselben (das antecedens) wiederkehrt, das
-andere (das consequens) zu erwarten und daher ersteres als Ursache,
-letzteres als Wirkung zu bezeichnen. Denn es muss einleuchten, dass
-zwar, wenn der eine jener Vorgänge der reale Grund, der andere die
-reale Folge ist, das Eintreten des ersten jedesmal jenes des zweiten
-nach sich ziehen muss, keineswegs aber, dass in umgekehrter Weise
-das (vielleicht ganz zufällige) Vorausgehen der einen, Nachfolgen
-der andern Erscheinung als genügender Beweis dafür gelten darf, dass
-die erste die Ursache der zweiten sei. Während die Auseinanderfolge
-zweier Phänomene deren Aufeinanderfolge nothwendig, macht deren
-Aufeinanderfolge den Schluss auf die Auseinanderfolge nur möglich;
-die Behauptung der letzteren (des Causalzusammenhanges) in Folge
-einer durch öfter beobachtete Succession beider Erscheinungen im
-Vorstellenden erzeugten Gewohnheit, beide unter einander in Verbindung
-stehend zu denken, kann daher niemals völlige (apodiktische), sondern
-höchstens sogenannte moralische (problematische) Gewissheit d. i. mehr
-oder weniger Wahrscheinlichkeit erlangen.
-
-246. Diese Folgerung war es, welche Kant, wie er selbst sagt,
-"aus seinem dogmatischen Schlummer geweckt hat", nicht aus dem des
-Wolf'schen Rationalismus, über welchen er längst hinaus, sondern aus
-dem des Locke-Newton'schen Empirismus, in welchem er damals (1770)
-noch völlig befangen war. Dass es auf dem von Hume eingeschlagenen
-Wege, der auch ihm als die natürliche Fortsetzung der Bahn seiner
-Vorgänger galt, schliesslich dahin kommen müsse, dass auch die
-allgemeinen Naturgesetze, durch welche der Gang der Natur und
-die Einheit des Weltalls zusammengehalten wird, ihre strenge und
-ausnahmslose Nothwendigkeit und Allgemeinheit einbüssen und sich in
-blosse, mehr oder weniger wahrscheinliche und mit mehr oder weniger
-Zuversicht ausgesprochene Vermuthungen des die Natur auffassenden und
-in seiner Vorstellung zusammenfassenden Subjects verkehren müssen,
-erschien Kant so unausweichlich, zugleich aber für ein auf Erkenntniss
-des Wirklichen, wie es ist, statt auf Einbildung einer blossen
-Scheinwelt gerichtetes Denken, wie das seinige, so unerträglich,
-dass er um deswillen mit dem zum Skepticismus entarteten Empirismus
-brach und von dem Ergebniss einer nicht nur subjectiven, sondern auch
-nur particulär giltigen und blos wahrscheinlichen Naturauffassung zu
-der sofortigen Erforschung und Feststellung der Bedingungen einer
-zwar gleichfalls nur subjectiven, aber schlechterdings allgemeinen
-und nothwendigen Erfahrung überging.
-
-247. Wie die bisherige Betrachtung das allmälige Eindringen des
-idealistischen Elements in den Realismus und dessen allmälige,
-schliesslich denselben überfluthende Ausbreitung in diesem blossgelegt
-hat, so legt die Entwicklungsgeschichte des Idealismus in umgekehrter
-Weise nicht nur das Eindringen, sondern das stetige Anwachsen des
-realistischen Elements im Idealismus als unvermeidlich dar. Schon
-dem Vater des gemeinen Idealismus, Berkeley, ist die Schwierigkeit
-nicht entgangen, die für denjenigen, der die gesammte wirklich
-scheinende Welt nur als im vorstellenden Subject vorhandenen
-Schein einer wirklichen Welt ansieht, aus dem Umstande erwächst,
-dass in den verschiedenen vorstellenden Subjecten, wenn unter
-denselben Uebereinstimmung und Mittheilung möglich sein soll,
-diese nur in ihrem jeweiligen Vorstellen existirende Scheinwelt
-in sämmtlichen Vorstellenden die nämliche, nach Inhalt und Form
-unter sich harmonirende Welt sein muss, ohne dass sich die Frage
-beantworten liesse, warum, da in jedem seine eigene Welt entsteht,
-diese Welt in allen als die gleiche entstehen müsse. Leibnitz hat diese
-Frage, die sich auch ihm aufdrängen musste, weil jede "fensterlose"
-Monas in ihrem Innern eine "Welt als Vorstellung" enthält, mit der
-Berufung auf die durch Gott prästabilirte Harmonie aller Monaden und
-somit auch ihrer sämmtlichen, obgleich von einander unabhängigen
-inneren Vorstellungswelten beantwortet. Der Bischof von Cloyne,
-von dem es zweifelhaft ist, ob er von Leibnitz etwas wusste, sucht
-die Lösung des Problems, wie die vorgestellten Welten der einzelnen
-Vorstellenden unter einander correspondirend gedacht werden können,
-gleichfalls in Gott, welchen er als den Urheber der im Vorstellenden
-vorhandenen Vorstellungswelt und dadurch zugleich als Veranstalter
-der Uebereinstimmung zwischen den in den verschiedenen Vorstellenden
-vorhandenen Vorstellungswelten bezeichnet. Die nur als Schein eines
-Wirklichen im Bewusstsein vorhandene wirkliche d. i. der Schein
-einer wirklichen Welt, ist sonach schon bei Berkeley, dem Urheber
-des Idealismus, nicht das einzige Wirkliche, sondern derselbe setzt
-nicht nur das vorstellende Subject (den Geist), in dem er existirt
-d. i. dem er scheint, sondern überdies seinen Urheber, Gott, durch den
-er existirt d. i. der in ihm scheint, als Wirkliche voraus d. h. der
-Schein ist weder, wie der strenge Idealismus will, das einzige
-Wirkliche, noch mit jenen beiden Wirklichen, dem vorstellenden Subject
-einer- und der den Schein erzeugenden Gottheit andererseits verglichen,
-überhaupt wirklich (real), sondern nur ideal (unwirklich), während der
-Geist und Gott die eigentlich Wirklichen d. i. real Existirenden sind.
-
-248. Das realistische Element, das Wirkliche neben dem Schein,
-als einzigem Wirklichen, ist sonach schon in die ursprünglichste
-Gestalt des Idealismus, und zwar so von Seite des Subjects, dem er
-scheint (des Geistes), wie von jener des Objects, das ihm scheint
-(der Gottheit), eingedrungen. Von jener aus angesehen, tritt das
-Wirkliche auf als Träger, von dieser aus angesehen, als Ursache des
-im Bewusstsein schwebenden Scheins. Während aber in dieser Gestalt
-des mit realistischen Elementen versetzten Idealismus der Träger
-des Scheins sich leidend (receptiv), die Ursache des Scheins allein
-thätig (spontan) sich verhält, sind daneben Auffassungen denkbar, nach
-welchen entweder der Träger sich gleichfalls wie die Ursache thätig,
-oder der Träger sich thätig, aber zugleich als einzige Ursache sich
-verhält, während eine dritte von jener ursprünglichen nur dadurch
-sich unterscheidet, dass als die Ursache des Scheins nicht ein
-geistiges d. i. ein solches Object, in dessen Natur es liegt, Subject
-d. i. vorstellendes Wesen zu sein, sondern ein seiner Qualität nach
-beliebiges Wirkliches betrachtet wird, dessen Beschaffenheit unbekannt
-bleibt, dessen Existenz jedoch von derjenigen des Subjects als Träger
-des Scheins völlig unabhängig ist.
-
-249. Wird der Träger des Scheins d. i. das vorstellende Subject
-ebenso wie die Ursache des Scheins d. i. das vorgestellte Object als
-thätig d. i. jedes derselben als wirklich d. i. wirkend betrachtet,
-so stellt der im Bewusstsein schwebende Schein eines Wirklichen,
-die scheinbar wirkliche Welt (die Welt als Phänomenon), ein Product
-aus zwei Factoren, dem Subject des Vorstellens und dem Object der
-Vorstellung, dar, dessen Beschaffenheit sonach als solches von der
-Beschaffenheit seiner Factoren als solcher nothwendig abhängen muss. In
-dem Einfluss des Subjects auf die Beschaffenheit dieses Products
-besteht die Herrschaft des idealistischen, in dem Einfluss des Objects
-auf dieselbe jene des realistischen Elements in der phänomenalen
-Welt. Je nachdem jener Einfluss zur Vorherrschaft des einen oder des
-andern wird, nimmt diese Scheinwelt selbst vorwiegend idealistischen,
-auf die Seite blossen Scheines der Wirklichkeit, oder realistischen,
-auf die Seite der Wirklichkeit selbst hindeutenden Charakter an.
-
-250. Der Einfluss des realistischen Objects auf das Zustandekommen
-der phänomenalen Welt im Bewusstsein ist der geringste, wenn dasselbe
-als Wirkliches durch seine Thätigkeit nichts weiter bewirkt, als dass
-überhaupt Schein, der als Material zum Aufbau einer phänomenalen Welt
-durch das vorstellende Subject verwendet werden kann, im Bewusstsein
-vorhanden ist. Dieser Fall tritt in jener Gestalt zu Tage, welche Kant
-dem Idealismus gegeben hat, und die Rolle, die das Object in obiger
-Darstellung spielt, ist die nämliche, die Kant seinem "Ding an sich"
-zugewiesen hat. Dasselbe hat ihm zufolge keine andere Bestimmung,
-als die Existenz, keineswegs aber die Qualität des im Bewusstsein
-schwebenden Scheins eines Wirklichen begreiflich zu machen. Dass ein
-Wirkliches ausser und neben dem vorstellenden Subjecte sei, wird durch
-die Thatsache der Existenz des Scheins eines solchen im Bewusstsein
-unzweifelhaft gemacht. Was das Wirkliche, das nebst und ausser dem
-vorstellenden Subjecte existirt, seiner Qualität nach sei, dagegen
-kann aus der Qualität des im Bewusstsein schwebenden Scheins nicht
-ausgemacht werden, weil diese letztere lediglich von der Qualität des
-vorstellenden Subjects abhängig ist. Das reale Object, "das Ding an
-sich", ist der Grund, dass überhaupt im Bewusstsein Sinnesempfindungen
-(wie Gesichts-, Gehörs-, Geruchs-, Geschmacks- und Tastempfindungen)
-vorhanden sind; die Qualität des realen vorstellenden Subjects
-dagegen ist der Grund, dass im Bewusstsein gerade Empfindungen (wie
-Farben, Töne, Wohlgerüche, Wohlgeschmäcke, Härte, Weichheit) vorhanden
-sind. Wäre das erste nicht, so entstünde überhaupt kein Schein, wäre
-das letztere ein anderes, als es ist, so entstünde anderer Schein. Wie
-die Existenz des Scheins von jener des Objects, so hängt die Qualität
-des Scheins von jener des Subjects ab; der im Bewusstsein wirkliche
-Schein in seiner qualitativen Eigenthümlichkeit ist daher nur durch
-das gemeinsame Zusammenwirken des Dings an sich und der specifischen
-Organisation des vorstellenden Subjects d. i. (wie Kant nach der
-alten Terminologie seiner Wolf'schen Schulung sich ausdrückte)
-"des Erkenntnissvermögens" erklärlich.
-
-251. Erklärlich aber auch, dass bei dieser Sachlage der jeweiligen
-thatsächlichen Beschaffenheit des sogenannten Erkenntnissvermögens
-an dem Zustandekommen und der Gestaltung der phänomenalen Welt der
-Löwenantheil zufallen muss. Liefert der objective Factor, das Ding
-an sich, nichts weiter als den Stoff, ja nicht einmal diesen selbst,
-sondern nur die Veranlassung, dass ein solcher, aus welchem die
-phänomenale Welt aufgebaut werden soll, überhaupt im Bewusstsein
-vorhanden ist, so muss der Grund der gesammten Form, in welcher der
-Stoff zum Aufbau zusammengeordnet, ja sogar der Form, in welcher
-derselbe zum Baue verwendet wird, gänzlich in dem subjectiven Factor
-d. i. in der Beschaffenheit des vorstellenden Subjectes d. i. in jener
-seines sogenannten Erkenntnissvermögens gesucht werden. Letzteres,
-als Baumeister der phänomenalen Welt, baut sozusagen auf eigene Hand,
-nicht nur nach eigenem Plan, sondern auch mit selbstgeformtem Material;
-das "Ding an sich" als Bauherr ist nur die Ursache, dass überhaupt
-gebaut wird und dass die erforderlichen Mittel zum Baue vorhanden sind.
-
-252. Der Organismus des sogenannten Erkenntnissvermögens ist es,
-welchen Kant seiner "Kritik der reinen Vernunft" zu Grunde gelegt
-und als dessen nothwendige Folgen die kritischen Ergebnisse dieser
-letzteren entsprungen sind. Insofern derselbe den idealistischen Factor
-der phänomenalen Welt repräsentirt, hat Kant seine Philosophie als
-Idealismus, insofern deren Ergebnisse auf die Betrachtung desselben
-als der Quelle der Bedingungen aller Erkenntniss gestützt sind, als
-Transcendentalphilosophie, und jenen Idealismus selbst (im Gegensatz
-zu dem gemeinen, empirischen) als transcendentalen Idealismus
-bezeichnet. Die Differenz seines und des empirischen Idealismus
-beschränkte sich jedoch nicht auf den genannten Unterschied,
-sondern wurzelte zugleich in der Verschiedenheit des vorstellenden
-Subjectes, welches den idealistischen Factor der phänomenalen Welt
-ausmacht, und welches im empirischen Idealismus das individuelle
-Einzelsubject, in dem seinen dagegen das allgemeine Gattungssubject,
-oder, nach Kant's Ausdruck, das sogenannte transcendentale Subject
-ist. Folge davon ist, dass die Form der phänomenalen Welt, insofern
-dieselbe aus der Beschaffenheit des vorstellenden Subjectes stammt,
-im empirischen Idealismus nur eine individuelle, zufällige,
-für die Vorstellungswelt des Einzelsubjectes bestimmende, im
-transcendentalen Idealismus dagegen eine allgemeine und nothwendige,
-die Vorstellungswelt aller vorstellenden Einzelsubjecte derselben
-Gattung bestimmende sein muss. Durch diese Einführung der Form als
-einer allgemeinen und nothwendigen an der Stelle der blos zufälligen
-und singulären überwindet Kant den Hume'schen Skepticismus, der sich
-an die Sohlen des empirischen Idealismus geheftet hat, und verwandelt
-die phänomenale Welt d. i. die Welt der Erfahrung aus einer nur für
-den Einzelnen giltigen und nur zufällig (durch dessen individuelle
-Gewöhnung) entstandenen in eine für Alle identische und nothwendig
-(d. i. als unausbleibliche Folge der allen gemeinsamen Organisation
-des Erkenntnissvermögens) entstehende Erfahrung.
-
-253. Die beziehungsweisen Antheile des idealistischen Factors
-d. i. des in Allen identischen transcendentalen Subjectes einer- und
-des realistischen Factors d. i. des für Alle identischen (als seiner
-Qualität nach unbekanntes x hinter der phänomenalen Welt stehenden)
-Dings an sich an dem Zustandekommen einer allgemein giltigen Erfahrung
-sind es, welche Kant als das a priori und das a posteriori der
-Erfahrung bezeichnet. Zu dem letzteren gehört nach der Auffassung
-Kant's nichts weiter als der sinnliche Stoff, zu welchem das "Ding
-an sich" den äusseren Anstoss gegeben hat; zu dem ersteren gehören
-sämmtliche Formen, welche demselben in aufsteigender Reihe durch die
-(im Sinne der alten Wolf'schen psychologischen Theorie) einander
-übergeordneten Stufen des sogenannten Erkenntnissvermögens, des
-Sinnes, des Verstandes und der Vernunft zu Theil werden sollen. Als
-solche betrachtete Kant bekanntlich die zwei von ihm sogenannten
-"reinen Anschauungsformen", welche dem Sinn, die (zwölf) von ihm
-construirten "Urtheilsformen", welche dem Verstande, und die (drei)
-von ihm anerkannten (Schlussformen), welche der Vernunft erb und
-eigen seien. Durch die Anwendung der erstgenannten, und zwar der
-reinen Anschauungsform des Raumes d. i. des Nebeneinander auf den
-durch die äusseren Sinne, der reinen Anschauungsform der Zeit d. i. des
-Nacheinander auf den durch den sogenannten inneren Sinn gegebenen Stoff
-entsteht der Schein räumlich und zeitlich verschieden angeordneter
-Gruppen sinnlichen Vorstellungsmaterials, welche durch die Anwendung
-der reinen Urtheilsformen und der daraus deducirten Stammbegriffe
-(Kategorien) des Verstandes den Schein wirklicher Einzeldinge, und
-zwar solcher erhalten, die als Substanzen Träger von Eigenschaften,
-und entweder als Ursachen Urheber von anderen ihresgleichen als
-Wirkungen, oder selbst als Wirkungen durch andere ihresgleichen als
-Ursachen hervorgebracht sind. Durch die Anwendung endlich der reinen
-Schlussformen und der daraus abgeleiteten Ideen der Vernunft entsteht
-der Schein solcher Wirklicher, die entweder (wie die Seele) das
-einheitliche Subject zu allen möglichen Prädicaten, oder (wie die Welt)
-die Totalität aller Ursachen und Wirkungen, oder (wie die Gottheit)
-als ens realissimum die Summe aller möglichen Prädicate darstellen.
-
-254. In dem Nachweis der Nothwendigkeit der Entstehung obiger Gattungen
-des wirklich Scheinenden besteht das positive, in dem gleichzeitigen
-Erweis, dass obige Gattungen des wirklich Scheinenden nur eben so viele
-Gattungen vom Schein eines Wirklichen seien, das negative Resultat
-des Transcendentalidealismus. Hauptsächlich um des letzteren willen
-ist Kant der "alles Zermalmer" genannt worden. Es ist aber nicht zu
-übersehen, dass von anderer Seite aus angesehen Kant's Philosophie dem
-negativen Ergebniss des Idealismus, der alles sogenannte Wirkliche
-in Schein auflöst, gegenüber ein sehr positives Ergebniss durch
-die nachdrückliche Betonung der Unentbehrlichkeit einer realen
-Unterlage der phänomenalen Welt in der Existenz des "Dings an sich"
-bietet, durch welche sich, wie Schopenhauer richtig gesehen hat,
-die zweite Auflage der "Kritik der reinen Vernunft" sehr merklich
-von der ersten, welche fast ausschliesslich der Hervorkehrung des
-idealistischen Factors gewidmet ist, unterscheidet. Nachdem diejenigen
-Wirklichen, welche Kant selbst als die eigentlichen Gegenstände der
-alten Metaphysik bezeichnet hat, Seele, Welt und Gott, sich unter dem
-Prisma der Kritik in blosse Scheinwirkliche aufgelöst haben, bleibt
-als Rest des Wirklichen das Ding an sich allein übrig, welches man
-mit Recht als den Rest der alten Metaphysik in Kant's Philosophie,
-und dessen zu einem Minimum zusammengeschrumpfte Beschreibung man
-als den Inhalt dessen betrachten kann, was im eigentlichen Sinne des
-Wortes Kant's Metaphysik heissen darf.
-
-255. Dieselbe setzt sich mit Ausnahme der Behauptung der leeren
-Existenz durchaus aus negativen Prädicaten zusammen. Dem Ding an sich
-können weder quantitative noch qualitative Bestimmungen beigelegt
-werden. Dasselbe kann in ersterer Hinsicht weder als Eins, noch als
-Vieles, in letzterer Hinsicht weder als raumlos, noch als räumlich
-(also auch weder als unendlich, noch als endlich, weder als ausgedehnt,
-noch als unausgedehnt), noch als zeitlos, oder zeitlich (also auch
-weder als in der Zeit entstanden, noch als ewig), noch als geistig
-(immateriell) oder körperlich (materiell) bezeichnet werden. Alles,
-was der transcendentale Idealismus von demselben weiss und auszusagen
-berechtigt ist, beschränkt sich darauf, zu behaupten, dass es sei,
-aber nicht, was es sei.
-
-256. Aber auch dies nur aus dem Grunde, weil der sinnliche Stoff als
-wirklicher Schein eine im Bewusstsein vorhandene Wirkung ist und daher
-als solche zur Ursache ein Wirkliches haben muss. Die Voraussetzung,
-dass jede Wirkung ihre zureichende Ursache haben müsse (das von
-Leibnitz sogenannte principium rationis sufficientis) gehört zu den
-fundamentalen Axiomen des Denkens, nach Kant insbesondere zu den dem
-Organismus des Erkenntnissvermögens wesentlichen Urtheilsformen des
-Verstandes. Aus ersterem folgt, dass sich ein Denken, für welches
-obiger Satz fundamentale Geltung besitzt, von einem in dieser
-Hinsicht anders geartet sein sollenden Denken d. i. einem solchen,
-für welches derselbe jene Giltigkeit nicht besässe, schlechterdings
-keine Vorstellung zu machen im Stande sei. Aus letzterem folgt, dass
-ein im Kantschen Sinn organisirtes Erkenntnissvermögen der Folgerung,
-dass jeder angeblichen Wirkung eine derselben genügende Ursache
-entsprechen müsse, schlechterdings nicht zu entrathen vermag, ohne
-sich selbst aufzuheben. Beides zusammen macht einleuchtend, dass die
-auch vom Idealismus unbestrittene Thatsache der Existenz wirklichen
-Scheins zu dem Schlusse führen muss, dass auch als Ursache desselben
-irgend ein Wirkliches existire.
-
-257. "Wie der Rauch auf die Flamme, deutet Schein auf Sein";
-in diesen Worten Herbart's ist obiger Schluss am prägnantesten
-ausgesprochen. Allerdings mit dem Seitenblick, dass dieses angedeutete
-Sein nicht inner-, sondern ausserhalb desjenigen Wirklichen, welches
-den Träger des Scheins darstellt, d. i. des vorstellenden Subjects
-zu suchen sein möchte. Hier ist der Punkt, wo die Nachfolger Kant's,
-die, wie er, auf dem Boden des Transcendentalidealismus stehen, in
-die einander entgegengesetzten Richtungen eines Idealismus, der sich
-auf das Subject des Scheins (den idealistischen Factor) d. i. eines
-idealistischen, und eines solchen, der sich auf das Object des Scheins
-(den realistischen Factor) stützt, d. i. eines realistischen Idealismus
-(der im Vergleiche mit jenem auch Realismus heissen kann) aus einander
-gehen. Aber auch die Stelle, wo diejenigen, die nicht wie Kant auf dem
-Boden des transcendentalen Idealismus beharren, sondern mit Umgehung
-des idealistischen Factors das Wirkliche unmittelbar, weder durch
-einen Schluss von der Wirkung auf die Ursache, noch überhaupt durch
-einen Act eines wie immer gearteten Denkens, sondern auf einem von
-diesem gänzlich verschiedenen Wege (etwa durch das Gefühl wie Jacobi,
-oder durch den Willen wie Schopenhauer) ergreifen zu können glauben,
-sich von jenen trennen und zu einem das Denken transcendirenden
-(deshalb fälschlich transcendental genannten) Realismus gelangt sind.
-
-258. Darin stimmen beide, der idealistische und der realistische
-Idealismus, mit einander überein, dass der Schein als wirklicher
-eine Ursache und zwar ein Wirkliches zur Ursache haben müsse; aber
-darin gehen sie beide aus einander, dass der erstere diese Ursache
-innerhalb, der andere dieselbe ausserhalb des Bewusstseins sucht. Der
-"Jude Kant's", Salomon Maimon, war es, der zuerst die Bemerkung
-machte, dass die Annahme des Dings an sich von Seite Kant's auf einem
-Fehlschluss beruhe. Wenn der Satz, dass jede Wirkung eine Ursache
-haben müsse, wie die kritische Organisation des Erkenntnissvermögens
-lehrt, nichts anderes ist als eine dem vorstellenden Subject, und
-zwar dessen Verstande innewohnende Urtheilsform, so folgt, dass das
-Subject zwar niemals umhin kann, wo es eine Erscheinung als Wirkung
-betrachtet, eine Ursache derselben vorauszusetzen, dass aber daraus,
-dass das Subject durch die Natur seines Erkenntnissvermögens zu diesem
-Vorgang gezwungen ist, auf keine Weise gefolgert werden darf, dass
-eine derartige Ursache auch wirklich vorhanden sei. Wenn daher Kant
-aus der Existenz der Empfindungen auf die nothwendige Existenz des
-Dings an sich als deren Ursache schliesse, so begehe derselbe eine
-mit seinen eigenen Principien im Widerspruch stehende Erschleichung,
-indem aus den letzteren keineswegs die Existenz des Objects, sondern
-höchstens für das Subject die Nothwendigkeit sich ableiten lasse,
-ein solches vorauszusetzen. Als Fichte's Wissenschaftslehre mit der
-Behauptung hervortrat, dass Kant durch die Zulassung des Dings an
-sich als Ursache des Stoffs der phänomenalen Welt mit sich selbst in
-unhaltbaren Widerspruch gerathe, war ihm jener mit der gleichen schon
-vorangegangen. Fichte aber war es, welcher aus obigem Selbstwiderspruch
-zuerst die Folgerung zog, dass die Annahme der Existenz eines Dings
-an sich als eines vom Träger des im Bewusstsein wirklichen Scheins
-unterschiedenen Wirklichen gänzlich fallen gelassen d. h. dass der
-realistische Factor des Transcendentalidealismus, das Object, welches
-scheint, entfernt werden müsse.
-
-259. Nach dem Verschwinden des realistischen bleibt von den beiden
-Factoren, durch deren Zusammenwirken die phänomenale Welt des
-transcendentalen Idealismus entsteht, nur der idealistische Factor,
-nach der Entfernung des Objects, welches scheint, von den beiden
-Wirklichen, deren gemeinsames Product die Welt des Bewusstseins ist,
-nur das Subject, welchem scheint, übrig, geht der transcendentale
-Idealismus in einen solchen des Subjects (subjectiver Idealismus)
-über. Statt zweier Wirklicher, welche die Basis des transcendentalen
-Idealismus bilden, hat der subjective Idealismus zu seinem
-Substrat ein einziges Wirkliches, welches zugleich die Rolle des
-idealistischen und des realistischen Factors der phänomenalen Welt
-übernimmt d. h. der phänomenalen Welt nicht nur (wie der erste)
-die Form gibt, sondern auch (wie der letztere) den erforderlichen
-Stoff (das sinnliche Empfindungsmaterial) selbst erzeugt. Während
-daher im transcendentalen Idealismus der Träger des Scheins,
-das wirkliche Subject, gegen die Ursache desselben, das wirkliche
-Object, sich leidend, letzteres gegen ersteres sich thätig verhält,
-stellt derselbe im subjectiven Idealismus als Träger (Subject)
-zugleich die Ursache (Object) des Scheins in einem identischen
-Wirklichen dar, verhält sich das nämliche Wirkliche zugleich als
-Subject leidend gegen sich selbst als Object und thätig als Object
-gegen sich selbst als Subject d. h. als Subject-Object. Den Anstoss,
-welchen im transcendentalen Idealismus das Subject vom Object empfing,
-um Empfindung d. i. Material der phänomenalen Welt im Bewusstsein
-hervortreten zu lassen, empfängt dasselbe nunmehr nicht von einem
-von ihm unterschiedenen Andern, sondern von sich selbst. Das von ihm
-unterschiedene Andere (Object), welches der transcendentale Idealismus
-noch als ein wirklich Anderes (d. i. als ein anderes Wirkliches) ansah,
-ist in den Augen des subjectiven Idealismus nur mehr ein scheinbar
-Anderes, in Wirklichkeit kein Anderes als das Subject, welches das
-erste und einzige Wirkliche zugleich ist. Dasselbe, insofern es die
-Rolle des wirklichen realistischen Factors, des Objects, spielt,
-producirt nicht blos sämmtlichen Stoff der phänomenalen Welt, sondern
-es schafft auch den Schein, als sei dieser Stoff durch ein Anderes
-als es selbst d. h. es schafft den Schein eines realen Objects,
-welches den Stoff der phänomenalen Welt producirt. Letzterer, als vom
-Subject geschaffener Schein eines von diesem unterschiedenen Objects
-und daher dieses selbst, ist sonach in der That nichts weiter als eine
-Schöpfung d. i. eine durch einen Setzungsact des Subjects entstandene
-und daher von diesem abhängige Setzung desselben, eine Fiction,
-aber nichts Wirkliches. Wird diese seine fictive Natur vorübergehend
-verkannt, der Schein eines Objects für dessen Wirklichkeit genommen,
-das scheinbare Object, als ob es ein Wirkliches wäre, dem Subject
-entgegengesetzt, so muss diese Täuschung, welche, weil das Subject
-das einzige Wirkliche ist, nur eine Selbsttäuschung des Subjects sein
-kann, einmal ein Ende nehmen, das scheinbare Object als blosser Schein
-eines Objects erkannt und das vermeintlich vom Subject unterschiedene,
-als von ihm unabhängig wirklich bestehendes gedachte Object als von
-ihm abhängiges und nur durch dessen eigene Setzung entstandenes vom
-Subjecte zurückgenommen werden.
-
-260. Setzung des Objects durch das Subject, Verkennung des
-scheinbaren Objects, indem dasselbe für wirklich gehalten wird,
-und Wiedererkennung des fälschlich für wirklich gehaltenen Objects
-als eines nur scheinbar vom Subject Verschiedenen sind die drei
-Momente, in welchen die innere Entwickelungsgeschichte des einzigen
-Wirklichen, welches der subjective Idealismus stehen gelassen hat,
-des Trägers des Scheins im Bewusstsein sich vollzieht. Dieselbe
-stellt gleichsam den Fortschritt einer dramatischen Handlung dar, in
-welcher das ursprünglich Geschehene durch den Schein des Gegentheils
-vorübergehend verdunkelt und am Schlusse aus der Verdunkelung wieder
-hergestellt wird. Wie in der letzteren das wirklich Geschehene vor
-dem Beginn d. i. ausserhalb der sichtbaren Handlung gelegen, also
-der Kenntniss des Zuschauers anfänglich entzogen ist, so liegt im
-obigen Process innerhalb des Bewusstseins das wirklich Geschehene,
-die Setzung des scheinbaren Objects durch das Subject, vor dem Beginn
-d. i. ausserhalb des erwachten Bewusstseins und bleibt auf diese
-Weise der Kenntniss des Subjects d. i. dessen eigenem Bewusstsein
-über sich selbst verborgen. Aus ersterem folgt, dass beim Beginne
-des Dramas die sichtbare Handlung das Gegentheil dessen zeigt, was
-wirklich geschehen ist; aus dem letzteren folgt, dass beim Erwachen
-des Bewusstseins der Inhalt desselben das Gegentheil dessen aufweist,
-was wirklich der Fall ist; jene stellt das Geschehene als nicht
-geschehen, diese stellt das vom Subject gesetzte Object als nicht
-gesetzt durch das Subject dar. Die schliessliche Lösung erfolgt, wie
-in der dramatischen Handlung durch die Aufhellung des Geschehenen, so
-in obigem Bewusstseinsprocess durch die Selbstaufhellung d. i. durch
-das Bewusstwerden des Subjects über sich selbst und seine eigene
-Setzung des Objects, d. i. durch das Selbstbewusstsein.
-
-261. Dieses Subject, das einzige Wirkliche und folglich Wirkende ist
-es, welches der Urheber der Wissenschaftslehre das "Ich" genannt
-und dessen in den drei auf einander folgenden Stufen der Thesis,
-Antithesis und Synthesis sich entwickelnde Natur derselbe als niemals
-rastendes Thun (d. i. unablässiges Wirken) bezeichnet hat. Dasselbe
-setzt im Lauf seiner Entwickelung sein eigenes Gegentheil, das
-Nicht-Ich, und nimmt es im Verfolge derselben als von ihm selbst
-gesetztes d. h. als Ich in sich wieder zurück. Der erste Theil dieses
-Processes, welcher sich vor dem Bewusstwerden vollzieht, stellt die
-bewusstlose d. i. die Naturseite (Nachtseite) der Entwickelung des Ich,
-der zweite Theil desselben, weil er sich bei Bewusstsein vollzieht,
-stellt die bewusste d. i. die Geistesseite (Tagseite) derselben und,
-da das Ich das einzige Wirkliche ist, jener Abschnitt zugleich die
-Entwickelung des Wirklichen als eines bewusstlosen d. i. als Natur,
-dieser jene des nämlichen Wirklichen als eines bewussten d. i. als
-Geist dar. Die Gliederung der gesammten Wissenschaft vom Wirklichen vom
-Standpunkt des subjectiven Idealismus aus in eine solche vom Ich als
-Natur (Naturphilosophie) und vom Ich als Geist (Geistesphilosophie),
-aber auch die Möglichkeit einer solchen, welche beide Seiten der
-Entwickelung des Ich als Entwickelungsseiten eines und des nämlichen
-Ich, als identisch betrachtet (Identitätsphilosophie), so wie einer
-weitern, welche die Betrachtung des Entwickelungsgesetzes des Ich
-als eines nicht nur selbst innerlich nothwendigen, sondern diese
-Entwickelung nothwendig fordernden, der Betrachtung des wirklichen
-Entwickelungsganges desselben als Natur und Geist voranstellt
-(Dialektik, metaphysische Logik) ist dadurch vorgezeichnet.
-
-262. Je nachdem das Ich als Wirkliches (agens), oder als blosser
-Infinitiv, als Wirken (agere) bestimmt, das erstere entweder als
-endliches oder als unendliches (absolutes) Ich aufgefasst wird,
-gliedert sich der Idealismus des Subjects in die drei Stufen des
-(im engeren Sinn sogenannten) subjectiven Idealismus (Fichte),
-absoluten Idealismus (Schelling) und Panlogismus (Hegel). Jener
-besteht darin, dass als einziges Wirkliches ein endliches Ich
-(das transcendentale Subject); der zweite darin, dass als einziges
-Wirkliches ein absolutes Ich (die Gottheit, das absolute Subject); der
-dritte darin, dass als einziges Wirkliches das unpersönliche Wirken
-und zwar, da das einzige Wirkliche des Idealismus das vorstellende
-(denkende) Subject ist, das unpersönliche Denken, die Vernunft
-angesehen wird. Die Entwickelungsgeschichte des ersten d. i. der
-Inhalt der gesammten Wissenschaft stellt den Bewusstseinsprocess dar,
-mittels dessen das endliche Ich zum Bewusstsein seiner selbst, zum
-Selbstbewusstsein gelangt d. i. Geist wird. Jene des zweiten macht
-den immanenten Entwickelungsprocess aus, mittels dessen das absolute
-Subject durch die vorläufigen Phasen der Natur- und der Weltgeschichte
-hindurch zum Bewusstsein seiner selbst d. i. zum Bewusstsein seiner
-Göttlichkeit, zum absoluten Bewusstsein gelangt d. i. absoluter Geist,
-Gott wird. ("Am Ende der Weltgeschichte", sagte Schelling, "wird
-Gott sein".) Der Panlogismus endlich repräsentirt den dialektischen
-Process, mittels dessen die unpersönliche (objective) Vernunft
-(die logische Idee) durch ihr Gegentheil, das vernunftlose Sein
-(die Natur), hindurch zur persönlichen (subjectiven) Vernunft (zum
-absoluten Geiste) wird. ("Aufgabe der Philosophie ist", sagte Hegel,
-"die Substanz zum Subjecte zu machen".)
-
-263. Alle drei Formen des Idealismus des Subjects kommen darin überein,
-das Wirkliche sei, aber auch, dass nur ein Einziges wirklich sei. Wird
-daher dieses als einziges Wirkliches von einem Widerspruch betroffen,
-welcher entweder verhindert, dasselbe überhaupt anzunehmen, oder doch
-hindert, dasselbe als wirklich gelten zu lassen, so werden sämmtliche
-Formen jenes Idealismus von demselben zugleich betroffen. Derselbe ging
-von dem Satze aus, dass der Schluss des transcendentalen Idealismus
-von dem Schein als Wirkung auf ein Object als Ursache desselben ein
-Selbstwiderspruch sei, aus dem Grunde, weil die Folgerung von der
-Wirkung auf die Ursache nur eine Urtheilsform des Verstandes, und
-daher die Consequenz, dass der Schein im Bewusstsein eine Ursache
-haben müsse, zwar für den Verstand unvermeidlich, aber darum nichts
-weniger als (objectiv) giltig sei. Gleichwol hat diese Einsicht,
-wenn sie den Namen verdient, den Idealismus nicht gehindert, von der
-Thatsache des im Bewusstsein schwebenden Scheins auf eine erzeugende
-Ursache desselben zurückzuschliessen, nur mit dem Unterschied, dass er
-dieselbe nicht ausserhalb des Bewusstseins (in ein Object), sondern
-in den Träger des Bewusstseins (in das Subject) verlegt d. h. dieses
-selbst zur Ursache des Scheines macht. Wenn nun, wie der Idealismus
-behauptet, der Schluss von der Wirkung auf eine Ursache als blosse
-Verstandesform überhaupt unberechtigt ist, so ist der Schluss von
-der Wirkung auf eine innerhalb des Bewusstseins gelegene, sogenannte
-innere Ursache mindestens ebenso unberechtigt, wie jener von der
-Wirkung auf eine ausserhalb des Bewusstseins gelegene, sogenannte
-äussere Ursache. Der subjective Idealismus hat daher von diesem
-Gesichtspunkt aus ebensowenig das Recht, das Subject als Wirkliches,
-wie der objective Idealismus seiner Meinung nach ein solches besitzt,
-ein vom Subject unterschiedenes Object als Wirkliches anzunehmen.
-
-264. Wie man sieht, hat der Idealismus des Subjects, der gewöhnlich
-kurzweg mit dem Namen Idealismus bezeichnet wird, in diesem Punkt
-dem Idealismus des Objects, kurzweg Realismus genannt, nichts
-vorzuwerfen. Derselbe hat nicht nur nicht mehr und nicht weniger
-ein Recht, als erzeugende Ursache des Scheins ein Wirkliches,
-er hat überdies, was bedenklicher ist, kein Recht, das von ihm
-angenommene Wirkliche als wirklich anzunehmen. Letztere Annahme
-fällt, wenn dasjenige, was als wirklich gedacht werden soll, mit
-einer Eigenschaft behaftet ist, welche verhindert, dasselbe als
-wirklich zu denken. Dieser Fall tritt aber ein, wenn dasjenige,
-was als wirklich gedacht werden soll, in sich einen Widerspruch
-einschliesst. So gewiss aus dem Umstand, dass ein als wirklich zu
-Denkendes keinen Widerspruch einschliesst, nur geschlossen werden
-kann, dass es möglich, keineswegs, dass es wirklich sei, so gewiss
-muss aus dem Umstand, dass ein als wirklich zu Denkendes in sich
-einen Widerspruch enthält, die Folgerung gezogen werden, dass dasselbe
-unmöglich d. i. auf keine Weise je wirklich sei. Das einzige Wirkliche
-des Idealismus, das Ich, nun soll in der Weise gedacht werden, dass
-dasselbe zugleich sein eigenes Object und sein eigenes Subject sei,
-den Stoff seiner phänomenalen Welt zugleich empfange und erzeuge,
-also zugleich gegen sich selbst als Leidendes und auf sich selbst
-als Thätiges sich verhalte d. h. es soll so gedacht werden, dass es
-zugleich seine eigene Ursache und seine eigene Wirkung (causa sui),
-also dass es im strengsten logischen Sinn des Wortes Entgegengesetztes
-d. i. sich unter einander Ausschliessendes zugleich und als jedes von
-beiden sein eigenes Gegentheil, um es mit einem Wort zu sagen, der
-lebendige Widerspruch sei. Ein solcher aber kann nicht als wirklich
-gedacht werden.
-
-265. Auch dann nicht, wenn die Erfahrung ihn zu bestätigen
-scheint. Die Thatsache, welche der Idealismus anzuführen liebt,
-um durch dieselbe zu erweisen, dass ein sich zugleich als Thätiges
-und Leidendes Verhaltendes, eine causa sui, wirklich, und daher,
-was auch die Logik dagegen einwenden möge, möglich sei, ist
-das Phänomen des Selbstbewusstseins. Dasselbe, so schliesst der
-Idealismus, als factisches Bewusstsein des Selbst von sich selbst,
-ist thatsächlich Subject und Object, Leidendes und Thätiges, Ursache
-und Wirkung zugleich: das Ich stellt sich vor und das Ich stellt
-sich vor. Als jenes ist es das Vorstellende (Subject), als dieses das
-Vorgestellte (Object), als beider Identität ist das Ich Vorstellendes
-und Vorgestelltes zugleich (Subject-Object). Durch diese unbestreitbar
-scheinende psychologische Thatsache, d. i. durch die Wirklichkeit eines
-im logischen Sinn mit einem inneren Widerspruch Behafteten ist nach der
-Meinung des Idealismus die Möglichkeit, ein in sich Widersprechendes
-als wirklich zu denken, erwiesen; der Einspruch der Logik, dass
-Widersprechendes nicht als wirklich gedacht werden könne, abgewiesen.
-
-266. Gegenüber dem Canon: a non posse valet conclusio ad non esse, geht
-der Idealismus von dem entgegengesetzten aus: ab esse valet conclusio
-ad posse. Die Richtigkeit seiner Folgerung hängt von dem Umstande
-ab, ob und dass die angebliche Thatsache des Selbstbewusstseins
-wirklich eine Thatsache, oder, was eben so viel ist, ob und dass die
-Behauptung, das Ich stelle sich vor, auf einer wirklichen Erfahrung
-oder auf einer blossen Einbildung beruhe. Die Thatsache, welche den
-Widerspruch zu stürzen bestimmt ist, darf nicht selbst wieder auf
-einen Widerspruch sich stützen. Dieselbe muss, um gegen die Einrede
-der Logik Stand zu halten, eine selbst widerspruchsfreie, evidente,
-nicht nichtanzuerkennende Thatsache sein.
-
-267. Es fehlt viel, dass die sogenannte Thatsache des
-Selbstbewusstseins dieser Forderung genügte. Wenn, wie der Idealismus
-einräumt, das Phänomen des Selbstbewusstseins nichts weiteres in sich
-schliesst als das "Sich sich Vorstellen" (se sibi repraesentare)
-des Ichs, so enthält das Sich (se) abermals nichts anderes als
-das Ich d. h. das Sich sich Vorstellen, das Sich (se) in diesem
-aber das nämliche "Sich sich Vorstellen" zum dritten, und das
-sich darin wiederholende Sich dasselbe zum vierten Male u. s. f.,
-d. h. es entsteht ein regressus in infinitum. Das Ich erweist sich
-als eine mit der Forderung, eine unendliche Reihe vorzustellen,
-behaftete, demnach als eine im wirklichen Vorstellen schlechthin
-unvollendbare Vorstellung d. h. als eine solche, die niemals Thatsache
-d. i. wirkliche Vorstellung sein kann. Einer Thatsache aber, die
-keine sein kann, gegenüber steht der Einwand der Logik, dass in sich
-Widersprechendes niemals wirklich sein könne, aufrecht.
-
-268. Der Widerspruch, welcher den Idealismus ausschliesst,
-liegt sonach nicht darin, dass er als Ursache des im Bewusstsein
-schwebenden Scheins ein Wirkliches setzt, sondern darin, dass er
-als solche ein in sich Widersprechendes d. h. ein Wirkliches setzt,
-das nicht als wirklich gedacht werden darf. Indem der Idealismus des
-Objects, der Realismus, von dem im Bewusstsein schwebenden Schein
-als Wirkung auf eine denselben erzeugende Ursache schliesst, thut
-er nichts anderes, als, wie oben gezeigt, auch der Idealismus thut;
-indem derselbe als solche jedoch nicht ein in sich Widersprechendes,
-sondern ein solches setzt, das ohne Einsprache der Logik als wirklich
-gedacht werden kann, thut er wirklich anderes und besseres, als jener
-that. Derselbe begnügt sich weder, im Gegensatz zum Idealismus des
-Subjects, die Annahme des Ich als des einzigen Wirklichen abzulehnen,
-noch, in Uebereinstimmung mit Kant, die Unerlässlichkeit der Annahme
-eines übrigens in jeder Hinsicht unbekannten realen x, des von jeder
-denkbaren quantitativen und qualitativen Bestimmtheit entblössten
-"Dings an sich", zuzugeben, sondern schreitet im Gegensatze zu beiden
-zu der eben so wol realistischen als pluralistischen Behauptung fort,
-dass nicht nur Wirkliches sei, sondern unbestimmt viele Wirkliche seien
-d. h. dass die Voraussetzung solcher auf Grundlage und zur Erklärung
-des thatsächlich im Bewusstsein schwebenden Scheins nicht nur nicht
-widersprechend, sondern im Gegentheil, das Gegentheil derselben der
-Forderung eines logischen Denkens widersprechend sei.
-
-269. Weshalb die Annahme, es gebe Wirkliches, nicht nur nicht
-widersprechend, sondern vielmehr die gegentheilige Annahme, es
-gebe kein Wirkliches, widersprechend sei, ist schon oben gezeigt
-worden. Von dem "Rauche" des Scheins gilt der Schluss auf die
-"Flamme" des Seins. Wo nichts Wirkliches wäre, könnte auch keines
-scheinen; keineswegs aber gilt auch der umgekehrte Satz, dass, wo
-kein Wirkliches scheint, auch kein Wirkliches vorhanden sei. Denn
-es lässt sich sehr wol denken, dass Wirkliches sei, auch ohne zu
-scheinen. Die Setzung des Wirklichen auf Grundlage des vorhandenen
-Scheins ist eine bedingte; das Gesetztsein des Wirklichen aber ist
-ein durch dessen Setzung auf Grundlage des Scheins nicht bedingtes,
-also unbedingtes. Dasselbe wird gesetzt, weil der Schein gesetzt ist;
-aber es wäre gesetzt, auch wenn der Schein nicht gesetzt wäre. Die
-Setzung desselben erfolgt nicht, wie jene des (scheinbaren) Objects
-im Idealismus, durch das Ich, welches setzt, sondern besteht, wie der
-von seinem Gedachtwerden unabhängige Denkinhalt, auch ohne Subject,
-welches setzt. Die Position des (scheinbaren) Objects durch das Subject
-(im Idealismus) ist eine relative; mit dem Subject fällt auch das
-Object. Die Position des Wirklichen im Realismus ist eine absolute;
-dieselbe hört nicht auf, auch wenn das Subject aufhört.
-
-270. Nur die letztere Position ist wahre, die relative ist keine
-Position. Das eigentlich Ponirte ist in der relativen Position
-nicht das Gesetzte (das Object), sondern das Setzende (das Subject);
-die Position des Ponirten ist daher nur eine scheinbare; die wahre
-Position ist die des Ponirenden. Dieses allein ist wahrhaft, das von
-ihm Gesetzte nur dem Anschein nach wirklich; das einzige Wirkliche
-sonach nicht das Gesetzte, das Object, sondern das Setzende, das
-Subject. Soll das Object das Wirkliche d. i. nicht nur dem Schein nach,
-sondern in Wahrheit wirklich sein, so muss es von seiner Setzung durch
-das Subject unabhängig gesetzt d. h. es muss als das, was es ist,
-auch dann gesetzt sein, wenn weder eine Setzung desselben durch ein
-Subject, noch überhaupt ein von demselben unterschiedenes Subject je
-wirklich vorhanden ist.
-
-271. Die absolute Position ist der Ausdruck des Seins. Durch dieselbe
-ist das Sein, wie von jeder Setzung durch das Subject, so auch von der
-Setzung durch jedes, wie immer geartete Denken unabhängig. Dasselbe
-ist, wie Bonaparte zu Campoformio von der französischen Republik sagte:
-"wie die Sonne, wehe dem, der sie nicht sieht!" Dem Denken bleibt
-nichts übrig, als das Sein als das, was es von vornherein ist, als
-Sein anzuerkennen; das Sein aber als solches bedarf dieser Anerkennung
-durch das Denken nicht. Das Sein ist nicht, wie Schelling sagte,
-"vor" dem Denken, aber es bestünde auch ohne das Denken.
-
-272. Ein Denken, welches das Wirkliche nicht als absolut d. i. als von
-ihm unabhängig gesetzt dächte, hätte dasselbe nicht als Sein, sondern
-als Schein gedacht. Derselbe Grund, welcher das Denken nöthigt, ein
-Wirkliches zu denken, nöthigt es auch, dieses letztere als unbedingt
-gesetzt d. i. als seiend zu denken. Der Grund aber, der für das Denken
-die Annahme eines Wirklichen unvermeidlich macht, ist die Thatsache des
-Scheins des Wirklichen d. i. das -- nicht willkürlich durch den Willen
-des Denkenden, sondern unwillkürlich, ohne, ja selbst wider den Willen
-des Denkenden -- Gegebensein des Scheins des Wirklichen. Der Inhalt
-dieser durch die Thatsache des Scheins des Wirklichen d. i. durch
-die Erfahrung bedingten Setzung ist das unbedingt Gesetzte.
-
-273. Dass das Wirkliche, was es auch immer sei, unbedingt gesetzt,
-nicht aber, was das Wirkliche, wenn gesetzt, seinem Was nach sei, ist
-damit ausgesprochen. Nur so viel lässt sich folgern, dass, wie auch
-das Was des Wirklichen gedacht werden möge, dasselbe nicht so gedacht
-werden dürfe, dass dessen unbedingtes Gesetztsein dadurch unmöglich
-gemacht wäre. Dies aber würde der Fall sein, nicht nur wenn das Was
-des Wirklichen in irgend einer Weise von der Natur eines dasselbe
-Setzenden abhängig gedacht, sondern auch dann, wenn dasselbe durch
-das Gesetztsein eines Andern bedingt gedacht würde. Dasselbe darf
-in ersterer Hinsicht daher nicht so beschaffen gedacht werden, wie
-das vermeintlich Setzende (z. B. das vorstellende Subject) seiner
-Beschaffenheit nach ist d. h. etwa als vorstellend, weil dieses
-letztere vorstellt, oder als fühlend, oder wollend, weil dieses
-letztere fühlt und will. Es darf aber auch in letzterer Hinsicht
-nicht so gedacht werden, dass dessen Gesetztsein das Gesetztsein
-eines Anderen bedingt, also nicht als zusammengesetzt d. i. aus
-Theilen bestehend, weil dann dessen Gesetztsein durch das Gesetztsein
-jedes einzelnen dieser Theile bedingt, also nicht unbedingt wäre. Aus
-ersterem folgt, dass das Was des Wirklichen in keiner Weise aus dem Was
-etwa des vorstellenden Subjects als des vermeintlich dasselbe Setzenden
-erschlossen werden könne. Aus dem letzteren folgt, dass das Was des
-Wirklichen, weil unbedingt gesetzt, nicht zusammengesetzt d. i. nicht
-aus Theilen bestehend sein dürfe, sondern streng einfach sein müsse.
-
-274. Jedes wahrhaft Wirkliche ist daher einfaches Wirkliches. Dasselbe
-ist nicht nur, wie das sogenannte physikalische Atom, scheinbar,
-sondern wirklich "atom" d. i. untheilbar; nicht blos, wie jenes, weil
-es mit den vorhandenen Werkzeugen nicht mehr getheilt werden kann, oder
-für den gegebenen Zweck nicht mehr weiter getheilt zu werden braucht,
-sondern, weil es schlechthin keine Theile hat. Dasselbe schliesst
-seiner Einfachheit halber zwar nicht jede Vielheit, aber doch jede
-Vielheit einander coordinirter Glieder von sich aus d. h. dasselbe
-ist weder ein Bündel einander nebengeordneter Eigenschaften, noch
-eine Summe ebensolcher sogenannter Kräfte oder Vermögen. Es kann
-sein Was weder verlieren noch verändern, ohne (was unmöglich ist
-bei einem unbedingt Gesetzten) selbst aufzuhören. Dasselbe kann
-daher weder qualitativ ein anderes als, noch quantitativ ein mehr
-oder weniger dessen werden, was es ist; dasselbe ist, sobald es ist,
-sowol ewig als unveränderlich; weder dessen (unbedingtes, also von
-jeder Bedingung unabhängiges) Gesetztsein, noch dessen einfaches,
-jeder Zuthat oder Abtrennung von Theilen, jedes Wachsthums wie jeder
-Abnahme unfähiges Was kann einen Wechsel erleiden. Die unvermeidliche
-Consequenz der absoluten Position und der Einfachheit des Was ist
-die Erhaltung des wandellosen Selbst jedes Wirklichen.
-
-275. Im Begriffe des Wirklichen liegt, dass es Wirkendes ist
-d. i. wirkt d. h. dass dessen Sein und dessen einfache Qualität von
-dessen Wirken d. i. sich Bethätigen unabtrennlich ist. Weder ein
-Wirkliches, das nicht wäre, noch ein Seiendes, das nicht wirkte, wäre
-ein wahrhaft Wirkliches; jenes wäre nur der Schein eines Wirklichen,
-dieses wäre ein Todtes, also nicht Wirkliches. Die Zusammengehörigkeit
-beider darf nicht so gedacht werden, als wäre das Sein und die Qualität
-das Substrat des Wirkens d. h. als besässe das Wirkliche als seiende,
-aber nicht wirkende Qualität seine besondere, als seiende, aber
-wirksame Qualität wieder seine abgesonderte Wirklichkeit d. h. als
-stellte die seiende Qualität nach Abzug des Wirkens gleichsam
-das Residuum, das caput mortuum des Wirklichen dar. Die unbedingt
-gesetzte einfache Qualität und das Wirken sind nicht nur im Begriffe
-des Wirklichen, sondern in diesem selbst unzertrennlich eins, so dass
-das Wirkliche weder gedacht werden kann, ohne dasselbe als wirkend
-zu denken, noch als Wirkliches sein d. h. wirklich sein kann, ohne
-zu wirken.
-
-276. Ebensowenig wie die absolute Position, das unbedingte
-d. i. bedingungslose Gesetztsein, darf das mit derselben im
-Wirklichen in Eins verschmolzene Wirken von einer, wie immer gearteten
-Bedingung abhängig gedacht werden. Weder kann dessen Beginn, noch
-dessen Aufhören an einen Zeitpunkt geknüpft werden, vor welchem und
-nach welchem zwar das unbedingt Gesetzte, aber nicht als Wirkendes,
-sondern als Wirkungsloses bestünde, noch darf dasselbe so verstanden
-werden, als setzte es einen besondern, noch weniger einen von ihm,
-dem Wirklichen, unterschiedenen Stoff voraus, um sich als Wirken zu
-bewähren. Die Frucht des mit der absolut gesetzten einfachen Qualität
-unauflöslich und unablösbar verbundenen Wirkens des Wirklichen ist
-dessen Wirklichkeit.
-
-277. Nothwendige Wirkung des mit dem Wirklichen seiner Natur nach
-verbundenen Wirkens ist, dass etwas geschieht. Das Gegentheil, die
-Annahme, dass nichts geschehe, ungeachtet gewirkt wird, widerspricht
-sich selbst. Denn ein Wirken ohne wie immer beschaffenen Erfolg hätte
-nichts bewirkt d. h. wäre kein Wirken gewesen. Nothwendige Folge der
-Einfachheit und Unveränderlichkeit der Qualität des Wirklichen ist,
-dass, was immer geschehe, weder eine Setzung, noch Aufhebung der
-absoluten Position eines Wirklichen, noch die, sei es quantitative,
-sei es qualitative Abänderung der Qualität eines Wirklichen, weder
-der eigenen, noch einer fremden sein kann; daher alles, was wirklich
-geschieht, weder die Qualität, noch das Gesetztsein des Wirklichen,
-sondern nur das mit demselben unablöslich verschmolzene Wirken des
-Wirklichen angehen kann d. h. dass alles, was wirklich in Folge des
-Wirkens geschieht, nur eine Aenderung (Modification) dieses Wirkens
-selbst, beziehungsweise dessen Zunahme oder Abnahme, Förderung oder
-Hemmung, Erhaltung in der bisherigen, oder Ablenkung nach einer andern
-Richtung bedeuten kann.
-
-278. Dass überhaupt Wirkliches ist und, was wirklich ist, wirkt,
-macht die realistische, dass mehr als ein einziges Wirkliches,
-eine unbestimmbare Menge von Wirklichen sei, die pluralistische
-Seite des Realismus aus. Wie das erstere aus dem Satze, dass
-scheinbar Wirkliches, so folgt das letztere aus der Thatsache,
-dass der Schein eines vielfachen Wirklichen gegeben ist. Während
-der Schluss dort lautet: ohne Sein kein Schein, lautet er hier: ohne
-Vielheit und Vielfachheit des Seins keine Vielheit und Vielfachheit
-des Scheins. Die entgegengesetzte Annahme, dass aus der Einheit
-und Einfachheit des Seins der Schein der Vielheit und Vielfachheit
-des Seins hervorgehe, widerspricht sich selbst. Dieselbe lässt
-unerklärt, warum, wenn das Erzeugende, der realistische Factor,
-die Ursache der Empfindung, das nämliche ist, die Wirkung derselben,
-die Empfindung, bald diese, bald jene sei, das "Ding an sich", von
-welchem der Anstoss zur Empfindung ausgeht, bald eine Gesichts-, bald
-eine Gehörsempfindung, und wieder einmal die Empfindung des Blauen,
-ein anderes mal die des Rothen verursache, dabei aber selbst als
-Ursache immer dasselbe bleibe. Wird an die Stelle des Dings an sich das
-Wirkliche d. i. eine absolut gesetzte, einfache Qualität substituirt,
-so erhöht sich die Schwierigkeit, zu begreifen, wie diese letztere,
-welche als einfach jede Vielheit coordinirter, aber unter einander
-qualitativ verschiedener Wirkungsweisen ausschliesst, doch zugleich
-Ursache qualitativ verschiedener Wirkungen d. i. z. B. qualitativ
-unterschiedener Empfindungen werden könne; dieselbe führt daher mit
-Nothwendigkeit dazu, so viele und so vielerlei qualitativ verschiedene
-Ursachen vorauszusetzen, als und so vielerlei qualitativ verschiedene
-Wirkungen gegeben sind d. h. wo die Thatsache vielfachen qualitativ
-unterschiedenen Scheins gegeben ist, auch die Existenz eines vielfachen
-und qualitativ unterschiedenen Wirklichen zu postuliren.
-
-279. Wie durch die Betonung der realistischen Grundlage des Scheins dem
-Idealismus, so ist durch die Betonung der pluralistischen Grundlage des
-Scheins der Realismus jedem wie immer gearteten Monismus d. i. jeder
-All-Eins-Lehre entgegengesetzt. Jener, er sei subjectiver, absoluter
-oder Panlogismus, entbehrt eines wahrhaft Wirklichen; dieser,
-er sei idealistisch oder selbst realistisch, entbehrt einer wahren
-Vielheit des Wirklichen. Jenem zufolge ist das Wirkliche blosser Schein
-(Phantasmagorie) welchen sich entweder das endliche oder das absolute
-Ich, oder die absolute Vernunft vorspiegelt, um mittels desselben zum
-Bewusstsein seiner, beziehungsweise ihrer selbst zu kommen d. i. Geist
-zu werden. Diesem zufolge ist jede Vielheit und Individuation des Seins
-blosser Schein (Phantasmagorie), welchen das eine und einzige Wirkliche
-(es sei nun Spinozistische Substanz oder Schopenhauer'scher Allwille)
-entweder (wie die beiden genannten) mit blinder Nothwendigkeit, oder
-(wie das Hartmann'sche "Unbewusste") zu dem Zwecke sich vorgaukelt,
-um mittels desselben zum Bewusstsein und sei es durch Selbstverneinung
-oder durch werkthätigen Anschluss zur Realisirung des Weltzwecks zu
-gelangen. Während der erstere begreiflich zu machen unterlässt, wie
-aus demjenigen, was selbst nicht einmal den Schatten der Wirklichkeit
-besitzt, auch nur der Schein einer solchen entspringen könne, setzt
-der letztere dem Bedenken, wie aus demjenigen, was selbst nicht
-einmal eine Spur der Vielheit in sich schliesst, auch nur der Schein
-einer solchen und der Vielfachheit des Wirklichen hervorgehen könne,
-vorsichtiges Stillschweigen entgegen.
-
-280. So viel wirklicher Schein, so viel wirkliches Sein -- lautet der
-Satz des Realismus, aber nicht, wie viel wirkliches Sein. Derselbe
-begnügt sich, zu behaupten, dass um der Vielheit und Mannigfaltigkeit
-des durch die Erfahrung gegebenen Scheins willen eine eben solche
-Vielheit und Mannigfaltigkeit des Wirklichen gesetzt, aber er
-enthält sich, der Versuchung nachzugeben, bestimmen zu wollen,
-welche (ob endliche oder unendliche) Vielheit des Wirklichen gesetzt
-werden müsse. Eben so wenig wie das Quantum, wagt er das Quale
-des Wirklichen anders als durch die schon oben angeführte, aus dem
-Begriff der absoluten Position abgeleitete Folgerung der qualitativen
-Einfachheit zu bestimmen. Wie die Vielheit des Scheins zwar die
-Annahme einer Vielheit des Wirklichen, aber nicht die Bestimmung der
-Vielheit des Wirklichen, so erlaubt die Mannigfaltigkeit des Scheins
-zwar die Annahme einer Mannigfaltigkeit des Wirklichen, aber nicht
-die Bestimmung des Mannigfaltigen des Wirklichen. Dass vieles und
-mannigfaltiges Wirkliches sei, weder aber wie vieles, noch welcherlei
-Art das Wirkliche sei, vermisst sich der Realismus anzugeben.
-
-281. Die Mannigfaltigkeit ist die geringste d. h. die Gleichartigkeit
-des Wirklichen ist die denkbar grösste, wenn dessen Verschiedenheit
-nicht in einer sogenannten inneren (Eigenschaft), sondern nur in einer
-sogenannten äusseren Beschaffenheit, also in einer solchen gelegen
-ist, welche weder Aehnlichkeit noch Gegensatz, überhaupt keinerlei
-Verwandtschaft des Wirklichen voraussetzt, sondern auch bei übrigens
-völlig disparaten Wirklichen stattfinden kann. Von dieser Art sind
-die räumlichen und zeitlichen d. i. diejenigen Bestimmungen eines
-Wirklichen, welche sich ändern können, ohne dass dieses letztere
-selbst dadurch eine Aenderung erfährt, obgleich andere Wirkliche
-dadurch eine solche erfahren mögen. Der in seiner Umlaufsbahn und
-Umlaufszeit sich um die Sonne bewegende Planet erleidet durch seine
-Fortbewegung in seinen inneren Eigenschaften keinerlei Veränderungen,
-während die Wirkungen, welche er selbst auf andere Planeten ausübt
-(z. B. die sogenannten Störungen) wesentlich durch die Stellung
-d. i. durch den Ort bedingt werden, welchen derselbe in einem
-jeweiligen Zeitpunkt im Verhältniss zu ihnen im Weltraum einnimmt. Eben
-so wenig erleidet der Weltkörper, wenn nicht andere Ursachen in und
-an demselben Veränderungen bewirken, durch den blossen Abfluss der
-Zeit, innerhalb welcher er seine Bahn zurücklegt, eine Veränderung,
-obgleich, wenn eine solche an ihm vorgegangen und er demungeachtet
-derselbe geblieben sein soll, dies nur unter der Voraussetzung denkbar
-ist, dass seine Beschaffenheit vor und seine Beschaffenheit nach
-obiger Veränderung in verschiedene Zeitpunkte fallen. Die vielen und
-verschiedenen Wirklichen sind daher am wenigsten verschieden, jedoch in
-keiner Weise nicht verschieden, wenn deren Verschiedenheit lediglich in
-der Verschiedenheit d. i. in der Nichtidentität ihrer räumlichen und
-zeitlichen Bestimmungen d. i. des Wo und des Wann ihrer Wirklichkeit
-d. i. ihres Wirkens gelegen ist. Dieselben sind verschieden, insofern
-ihre Orte im Raum verschieden d. h. ausser einander, dagegen nicht
-verschieden, insofern sie Wirkliche d. i. Wirkende sind. Dieselben sind
-verschieden, insofern je nach der Verschiedenheit ihres Aussereinander
-(d. h. der räumlichen Distanz ihrer Orte) ihr Wirken verschieden,
-dagegen nicht verschieden, insofern sie Wirkende sind. In Bezug auf
-die Zeit sind sämmtliche Wirkliche als unbedingt Gesetzte insofern
-nicht verschieden, als ihr Gesetztsein von jeder, also auch von jeder
-zeitlichen Bedingung unabhängig ist; dagegen können sie als Wirkende
-insofern verschieden sein, als ihr Wirken sich ändert, während sie
-selbst dieselben bleiben und diese Aenderung nur unter der Annahme
-möglich ist, dass das eine zu einer, das anders geartete Wirken
-dagegen zu einer andern Zeit stattfindet.
-
-282. Wirkliche, die sich durch räumliche und zeitliche Bestimmungen
-unterscheiden, können im Uebrigen eben so wol unterschieden als nicht
-unterschieden, sie werden trotzdem unterschiedene d. i. Einzelwesen
-und, da dieselben als unbedingt gesetzte, einfache Qualitäten, Atome
-d. i. untheilbare Wesen sind, Individuen sein. Dieselben müssen
-als räumlich (d. i. dem Ort nach) verschiedene, ausser einander,
-beziehungsweise neben einander sein; das Wirken derselben, insofern
-es in einem und demselben Individuum ein verschiedenes sein soll,
-kann nur nach einander, beziehungsweise auf einander erfolgen. Da
-dieselben ausser einander d. h. da ihre Orte, wenn sie selbst
-unterschiedene sein sollen, nicht dieselben sein sollen, so muss es
-der Orte wenigstens eben so viele geben, als es Wirkliche gibt. Da das
-Wirken eines jeden derselben, wenn es ein anderes sein soll, in einen
-anderen Zeitpunkt fallen muss, so muss es der Zeitpunkte wenigstens
-eben so viele geben, als in demselben Wirklichen Abänderungen seines
-Wirkens gegeben sind. Mit der Unbestimmbarkeit der Zahl der Wirklichen
-ist daher zugleich die Unbestimmbarkeit der Zahl der Orte, mit der
-Unbestimmbarkeit der Zahl möglicher Abänderungen des Wirkens eines
-und desselben Wirklichen zugleich die Unbestimmbarkeit der Zahl der
-Zeitpunkte gegeben. Wie die Menge des auf Grundlage des durch die
-Erfahrung gegebenen Scheins anzunehmenden Wirklichen, so lässt sich
-die Menge der auf Grundlage des angenommenen Wirklichen anzunehmenden
-Orte, so wie jene der auf Grundlage der durch Erfahrung gegebenen
-Abänderungen des Wirkens des Wirklichen anzunehmenden Zeitpunkte je
-nach Bedürfniss ins Unbestimmte erweitern.
-
-283. Der Inbegriff des gesammten auf Grundlage des durch die Erfahrung
-gegebenen Scheins jeweilig anzunehmenden Wirklichen d. i. der Inbegriff
-sämmtlicher Atome macht den Stoff, der Inbegriff des von sämmtlichen
-Wirklichen ausgehenden Wirkens die Kraft, der Inbegriff sämmtlicher
-Orte den Raum, und jener sämmtlicher Zeitpunkte die Zeit aus. Da
-der in jedem gegebenen Augenblick dem Bewusstsein durch Erfahrung
-aufgedrungene Schein eines Wirklichen ein bestimmter, und insofern
-endlich, in jedem gegebenen Augenblick aber ein anderer seinerseits
-abermals bestimmter und insofern endlicher ist, so folgt, dass das
-Quantum des Wirklichen, da dessen Annahme nur auf Grund des gegebenen
-Scheins eines solchen erfolgt, nur dann ein unendliches sein muss,
-wenn der gegebene Schein die Annahme eines solchen fordert, im Uebrigen
-aber über dasselbe keine andere Bestimmung möglich ist, als dass das
-Quantum des Stoffs dem Quantum des durch Erfahrung gegebenen Scheins
-proportional sein muss. Da nun der Schluss vom Schein auf das Sein
-keineswegs verlangt, dass unendlich, sondern nur, dass unbestimmt
-viele Wirkliche dessen reale Grundlage ausmachen sollen, so kann auf
-Grund der gegebenen Erfahrung über das Quantum des anzunehmenden
-Stoffs nichts weiter ausgesagt werden, als dass dasselbe ein
-verhältnissmässiges, mit dem Wachsthum des durch Erfahrung gegebenen
-Scheins für das Bewusstsein in stetem Wachsen begriffenes, an sich
-aber, da das Wirkliche als unbedingt gesetztes keinerlei Abänderung
-seines Gesetztseins fähig ist, ein unveränderliches sein muss.
-
-284. Wie das Quantum des Stoffs, so ist das Quantum der Kraft zugleich
-als veränderlich d. i. der Zunahme fähig, und als unveränderlich,
-einer solchen unfähig anzusehen. Ersteres, insofern die Annahme
-wirklichen Wirkens nur auf Grund des durch die Erfahrung dargebotenen
-scheinbaren Wirkens und sonach die Bestimmung des Quantums des
-ersteren nur im Verhältniss zu dem erfahrungsmässig gegebenen Quantum
-des letzteren statthat, letzteres, insofern das Wirken nichts anderes
-als die Verwirklichung der im Wirklichen unbedingt gesetzten einfachen
-Qualität und folglich, da diese letztere unveränderlich ist, die Summe
-der Verwirklichungen sämmtlicher einfacher Qualitäten des Wirklichen
-eben so wie die Summe dieser selbst immer dieselbe bleiben muss. Das
-Gesetz der Unveränderlichkeit des Quantums wirklichen Wirkens d. i. der
-Erhaltung der Kraft ist nur die unvermeidliche Folge des Gesetzes der
-Unveränderlichkeit des Quantums des Wirklichen d. i. der Erhaltung des
-Stoffs. Dagegen ist das Quantum der aus dem jeweilig durch Erfahrung
-gegebenen scheinbaren Wirken erschlossenen Kraft eben so wie das
-Quantum des auf Grund des durch die jeweilige Erfahrung dargebotenen
-scheinbaren Wirklichen erschlossenen Stoffs der Veränderung, und zwar
-eines im richtigen Verhältniss zu der allmälig anwachsenden Erfahrung
-zunehmenden Wachsthums bedürftig und fähig.
-
-285. Der Grund, weswegen letzteres, das jeweilige Quantum des
-scheinbaren mit dem des wirklichen Wirkens weder jemals identisch ist,
-noch werden kann, liegt in der Verschiedenheit, beziehungsweise dem
-Gegensatz der individuellen Wirklichen und der daraus fliessenden
-Verschiedenheit, beziehungsweise des Widerstreits ihres Wirkens. In
-der Natur der Sache liegt es, dass verschiedene, ganz oder theilweise
-der Qualität nach entgegengesetzte Wirkliche auch in ihrem Wirken
-ganz oder theilweise einander entgegengesetzt sind d. h. dass ihr
-Wirken sich gegenseitig ganz oder theilweise zwar nicht vernichtet,
-weil die unbedingt gesetzte und selbst unveränderliche Qualität des
-Wirklichen der Vernichtung unfähig ist, aber ganz oder theilweise
-hemmt, so dass der Schein entsteht, als werde nichts oder als werde
-weniger gewirkt, während thatsächlich gewirkt, und zwar mehr gewirkt
-wird als gewirkt zu werden scheint. Das auf diese Weise gehemmte,
-also scheinbar nicht wirklich, in der That aber wirklich, jedoch im --
-durch entgegengesetztes Wirken -- gebundenen Zustande vorhandene Wirken
-ist gleichsam latentes, schlummerndes, dagegen das ungehemmte, durch
-ganz oder theilweise Entgegengesetztes nicht gebundene, also freie
-Wirken offenbares, lebendiges Wirken. Die Summe des letzteren muss,
-da unter der Summe des Wirkenden jedesmal ein bestimmter Bruchtheil
-unter sich entgegengesetzten Wirkens vorhanden sein muss, nothwendig
-kleiner ausfallen als die Summe des überhaupt (im gehemmten und
-ungehemmten Zustande) vorhandenen Wirkens und zwar desto kleiner,
-je grösser die Summe des unter sich entgegengesetzten, also sich
-hemmenden Wirkens im Verhältniss zur Summe des Wirkens überhaupt
-ist. Die Wirklichen selbst, deren Wirken gehemmt ist, die also, um
-dieses Gehemmtseins willen, nicht zu wirken, also nicht wirklich zu
-sein scheinen, während sie doch wirkend, also wirklich sind, stellen
-zusammengenommen den Inbegriff desjenigen Wirklichen dar, welches zwar
-wirklich, dem Scheine nach aber nicht wirklich d. h. für die aus dem
-Scheine des Wirklichen auf die Wirklichkeit folgernde Beobachtung
-so gut wie nicht vorhanden ist d. h. den Inbegriff des latenten,
-jeweilig nicht nur seiner Qualität nach unbekannten, sondern auch
-seiner Existenz nach ungekannten Wirklichen.
-
-286. Letzterer liefert den Vorrath sowol zur Vermehrung des sichtbaren,
-wie zur Erweiterung des Umfanges des aus gegebenem scheinbaren
-erschlossenen wirklichen Wirkens. Indem bisher gebundenes Wirken aus
-irgend einem Anlass frei d. h. ungehemmtes Wirken wird, tritt es aus
-dem latenten in den Zustand offenbaren Wirkens d. h. es tritt selbst,
-wenigstens scheinbar, als neues, bisher nicht wahrgenommenes Wirken zu
-der Summe des bisher sichtbar gewesenen Wirkens hinzu; indem es als
-offenbar gewordenes, also den Schein des Wirkens erzeugendes Wirken
-vor das Bewusstsein tritt, ruft es in diesem den unvermeidlichen
-Schluss auf wirkliches Wirken d. i. eine Erweiterung des bisherigen
-Umfanges bekannten Wirkens hervor. Wie durch den ersteren Umstand
-die Summe des sichtbaren Wirkens, so wird durch den letzteren die
-Kenntniss wirklichen Wirkens vermehrt, durch jenen die Summe der in
-der Totalität des Wirklichen lebendig thätigen, im Verhältniss zur
-Summe der in derselben leblos schlummernden Kräfte, durch diesen die
-Summe des auf Grund erweiterter Erfahrung erschlossenen Wirklichen
-gegenüber dem auf Grund der bisherigen Erfahrung als wirklich
-gekannten, ebenmässig vergrössert.
-
-287. Da das Quantum des überhaupt vorhandenen Wirkens nach Obigem
-unveränderlich, die Summe des jeweilig ungehemmten Wirkens aber
-veränderlich ist, so folgt, dass jede Zunahme der Summe des sichtbaren
-von einer entsprechenden Abnahme der Summe des gebundenen Wirkens und
-umgekehrt jede Zunahme dieser von einer Verminderung jener begleitet
-sein muss. Könnte die Abnahme sichtbaren Wirkens je so weit sich
-erstrecken, dass jedes ungehemmte Wirken sich in gehemmtes, also jedes
-wirkliche Wirken in scheinbares Nichtwirken verkehrte, so müsste an
-Stelle des Scheins eines Wirklichen vielmehr der entgegengesetzte
-Schein der Abwesenheit irgend eines Wirklichen d. h. es müsste
-der Schein der Wirklichkeit des Nichts (Nihilismus) entstehen,
-welches sich selbst widerspricht. Sollte dagegen in umgekehrter
-Weise die Zunahme des sichtbaren Wirkens so weit fortschreiten, dass
-sämmtliches gebundenes sich in freies Wirken verwandelte, also jeder
-Schein eines Nichtwirkens sich in den entgegengesetzten Schein des
-Wirkens auflöste, so müsste, da jede Hemmung eines Wirkens nur aus
-der Verschiedenheit, beziehungsweise dem Gegensatze der Wirkenden
-entspringt, der Schein entstehen, als sei zwischen den Wirkenden
-überhaupt keine Verschiedenheit d. h. als seien überhaupt nicht
-unterschiedene Wirkliche (Pluralismus, Individualismus), sondern nur
-ein einziges, schlechterdings unterschiedloses Wirkliches (Monismus,
-All-Eins-Lehre) vorhanden; welcher Schein, da, wie oben gezeigt, die
-Annahme eines einzigen Wirklichen auch nicht einmal die Entstehung
-des Scheins einer Vielheit ermöglicht, sich selbst widerspricht. Da
-sonach von diesen beiden Fällen keiner als jemals möglicher Weise
-eintretend gedacht werden darf, ohne etwas sich selbst Widersprechendes
-zu denken, so folgt, dass weder die Abnahme des sichtbaren Wirkens
-jemals so weit gehen kann, dass völlige Ruhe (Leblosigkeit), noch die
-Zunahme desselben je so hoch sich steigern kann, dass durchgängige
-Lebendigkeit (Bewegung) im ganzen Umkreis des Wirklichen herrsche,
-sondern dass immer Ruhe und Bewegung, Leblosigkeit und Lebendigkeit
-zugleich, jedes in einem mehr oder weniger weit reichenden Theile
-des Wirklichen vorhanden sei.
-
-288. Wie den Quantis des Stoffs und der Kraft, kommt den Quantis
-des Raumes und der Zeit Wandelbarkeit zugleich und Wandellosigkeit
-zu. Wenn der erstere nichts anderes ist als der Inbegriff der
-Orte des Wirklichen, so folgt, dass dessen Quantum weder grösser
-noch kleiner sein kann als das Quantum des Wirklichen. Da nun das
-letztere, wie gezeigt, in einer Hinsicht veränderlich, in einer
-andern dagegen unveränderlich ist, so folgt, dass in Bezug auf das
-Quantum des Raumes dasselbe stattfinden muss. Jede Erweiterung des
-bisher bekannten Umfanges des Wirklichen durch die Annahme neuer
-Wirklicher macht die Annahme neuer Orte und damit die Vermehrung des
-bisherigen Quantums des Raums nöthig. Die Erhaltung des Quantums des
-Stoffs d. i. des Inbegriffs aller Wirklichen, deren jedes seines von
-dem jedes andern unterschiedenen Orts bedarf, macht die Erhaltung
-des Quantums des Raums unvermeidlich. Wenn die Zeit nichts anderes
-ist als der Inbegriff der Zeitpunkte d. i. derjenigen Bedingungen,
-unter welchen allein das Wirken eines Wirklichen jeweilig ein anderes
-geworden, das Wirkliche selbst aber dasselbe geblieben sein kann, so
-folgt, dass jedes Anderswerden der Wirkung mindestens zwei Zeitpunkte,
-denjenigen, in welchen das unveränderte, und denjenigen, in welchen
-das veränderte Wirken fällt, fordere, und daher das Quantum der
-Zeitpunkte nicht kleiner sein könne als das Quantum der eingetretenen
-Veränderungen des Wirkens. Da nun das Quantum des Wirkens überhaupt,
-also auch das Quantum der in demselben enthaltenen Abänderungen des
-Wirkens einerseits, wie aus der Erhaltung des Stoffs folgt, immer
-dasselbe, andererseits, wie aus der Veränderlichkeit des scheinbaren
-Wirkens folgt, veränderlich ist, so folgt, dass auch das Quantum der
-Zeit einerseits, so weit dasselbe durch das Quantum der überhaupt
-wirklichen Abänderungen des Wirkens bedingt ist, immer dasselbe,
-dagegen, so weit dasselbe von dem jeweilig im Bewusstsein schwebenden
-Quantum scheinbaren Wirkens abhängig ist, veränderlich sein muss.
-
-289. Aus dem Begriff des Raumes folgt, dass er erfüllter Raum sei
-d. h. dass es einen sogenannten leeren Raum nicht geben könne. Da
-derselbe nichts anderes ist, als der Inbegriff der Orte, die Setzung
-eines Orts aber nur auf Veranlassung und im Gefolge der Setzung eines
-Wirklichen, dessen Ort er ist, erfolgt, so kann es weder Orte geben,
-in welchen kein Wirkliches, noch Wirkliche, für welche kein Ort gesetzt
-ist. Die an verschiedenen Orten befindlichen Wirklichen können daher
-zwar nicht nur ausser einander, sondern es können auch zwischen ihren
-Orten andere Orte gelegen d. h. sie müssen nicht an einander sein;
-keineswegs aber dürfen die zwischen ihren Orten gelegenen Orte als leer
-d. h. als solche gedacht werden, in welchen kein Wirkliches befindlich
-ist. Folge davon ist, dass eine sogenannte actio in distans d. h. ein
-Wirken durch den leeren Raum hindurch schon aus dem Grunde unmöglich
-wird, weil die Voraussetzung derselben, der leere d. h. mit Wirklichen
-nicht erfüllte Raum eine in sich widersprechende, folglich im Umfang
-des auf Grundlage des Wirklichen gesetzten Raums niemals zutreffende
-Annahme ist.
-
-290. Da der Ort jedes Wirklichen, so lange deren individuelle
-Unterschiedenheit von ihren räumlichen und zeitlichen Bestimmungen
-abhängig gedacht wird, nur ein einziger sein kann, so bleibt derselbe
-so lange unbestimmt, als sich auch nur ein einziger Ort angeben lässt,
-welcher demselben Wirklichen mit gleichem Recht zugesprochen werden
-kann. Dieses aber ist der Fall, wenn das Wirken des Wirklichen als
-eine Function seines Aussereinander mit anderen Wirklichen gedacht
-und sonach der Ort desselben als lediglich durch die Entfernung von
-dem Ort eines anderen Wirklichen bestimmt vorgestellt wird. Denn
-sodann findet sich nicht nur ein einziger Ort, sondern es finden sich
-unzählige Orte, welche mit gleichem Recht als Ort jenes Wirklichen
-angenommen werden können, da sie alle von dem zweiten die gleiche
-Entfernung haben, nämlich alle diejenigen, welche die Oberfläche
-einer Kugel bilden, deren Mittelpunkt das zweite Wirkliche und deren
-Radius der Abstand des ersten vom zweiten ist. Soll daher aus diesen
-unzähligen ein einzelner als Ort des Wirklichen ausgeschieden werden,
-so müssen zu der Angabe der Entfernung weitere Angaben hinzukommen,
-deren eine darin besteht, in welcher der unzähligen Kreisebenen, welche
-durch den Mittelpunkt jener Kugel gelegt werden können, deren zweite
-dahin lautet, in welchem der in jener Kreisebene vom Mittelpunkt an
-die Peripherie gezogenen Radien der Ort jenes Wirklichen zu suchen
-sei. Erst durch die letztgenannte dieser Angaben ist der Ort des
-Wirklichen völlig und dergestalt bestimmt, dass schlechterdings
-kein zweiter angebbar ist, welcher mit ihm die nämlichen räumlichen
-Bestimmungen theilte. Dieselben sind daher für jeden unter obigen
-Bedingungen gesetzten Ort eines Wirklichen dreifach und zwar durch
-dessen Beziehungen zu drei auf einander in demselben Punkte senkrechten
-Richtungen (den sogenannten Coordinaten) fixirt, der auf solche Weise
-gedachte Raum daher als ein dreidimensionaler, nach den Richtungen
-der Länge, Breite und Tiefe ausgedehnter, vorgestellt.
-
-291. Da letztere Vorstellung nur unter der Annahme erfolgt, dass das
-Wirken des Wirklichen eine Function der Entfernung desselben von einem
-anderen Wirklichen sei, so leuchtet ein, dass deren Nothwendigkeit
-schwindet, sobald an die Stelle obiger Annahme eine andere gesetzt,
-das Wirken des Wirklichen z. B. statt von der Entfernung desselben von
-einem andern Wirklichen, von dessen Nichtentferntsein von letzterem
-d. h. statt von dem räumlichen Aussereinander von dem örtlichen
-Ineinander beider Wirklichen abhängig gedacht wird. In diesem Falle
-wäre nämlich der Ort des Wirklichen auch durch die Angabe seiner Lage
-im Raume nach allen drei Dimensionen desselben noch nicht bestimmt,
-da sich noch immer ein zweiter Ort angeben liesse, welcher ganz die
-nämliche Lage im Raume besässe, nämlich jener des zweiten Wirklichen,
-von welchem das erste der Annahme zufolge "nicht entfernt", sondern
-mit welchem dasselbe "in einander" sein soll. Es müsste also, wenn
-die Wirklichen dennoch verschieden sein sollten, entweder der Raum
-eine weitere, sogenannte vierte Dimension besitzen, nach welcher
-Orte desselben, deren Lage nach Länge, Breite und Tiefe identisch
-ist, dennoch verschieden sein könnten, oder die Verschiedenheit
-der Wirklichen dürfte nicht mehr blos in deren räumlichen (oder
-zeitlichen) Bestimmungen, sondern sie müsste in deren sogenannter
-innerer Beschaffenheit gelegen sein. Obige Annahme, dass das Wirken
-des Wirklichen eine Function der Entfernung, um so mehr die fernere
-enger begrenzte, dass dieselbe in einer Abnahme der Wirkung mit
-der Entfernung, so wie die engste, dass diese Abnahme im Quadrat
-der Entfernung erfolge, hat schon Kant in seinen "Gedanken von der
-wahren Schätzung lebendiger Kräfte" (Werke Hart. VIII. 26) für eine
-"willkürliche" erklärt, an deren statt an sich eben so gut eine andere,
-z. B. dass mit der Entfernung eine Zunahme des Wirkens eintrete,
-oder die Abnahme im Cubus der Entfernung erfolge etc. hätte gedacht
-werden können. Dieselbe wird eben nur deshalb gedacht, weil wir uns von
-einem Raume, der unter einer anderen Annahme entsteht, z. B. von einem
-vierdimensionalen, eben, wie Kant gleichfalls p. 27 bemerkt, keine
-Vorstellung zu machen im Stande sind, und die gegebene Erfahrung des
-scheinbar Wirklichen mit der Annahme des dreidimensionalen Raums und
-der Abnahme der Wirkung im Quadrate der Entfernung am vollkommensten
-übereinstimmt.
-
-292. Wie der Raum unter der Annahme, dass das Wirken eine Function
-der Entfernung sei, eine dreidimensionale, so hat die Zeit unter der
-Annahme dass das Wirkende vor und nach der Abänderung seines Wirkens
-dasselbe sei, nur eine eindimensionale Ausdehnung. Wie jeder Ort im
-Raum durch sein Verhältniss zu einem andern nach drei in demselben
-auf einander senkrechten Richtungen, so ist jeder Punkt in der Zeit
-durch sein Verhältniss zu zwei andern mit ihm in derselben Richtung
-gelegenen, deren einer vor, der andere hinter ihm liegt, so lange
-vollkommen bestimmt, als nicht an die Stelle des ersten ein zweites
-Wirkliches getreten ist. Denn nur unter der letztern Voraussetzung,
-dass es sich nicht mehr um eine Abänderung des Wirkens desselben,
-sondern eines anderen Wirklichen handelt, ist es möglich, dass es
-noch einen zweiten Zeitpunkt gibt, welcher in der nämlichen Richtung
-von einem vor und einem hinter ihm gelegenen Punkte die nämliche
-Entfernung besitzt wie jener erste.
-
-293. Mit der Annahme, dass das Wirken überhaupt keine Function der
-Entfernung, also von dieser unabhängig, jedes Mass der Entfernung
-für das Mass der Wirkung gleichgiltig sei, hat sich der Mysticismus,
-der an die "Wirkung in die Ferne" glaubt, mit der Voraussetzung, dass
-der Raum eine vierte Dimension besitze, der moderne in ein exactes
-Gewand sich drapirende Spiritismus, mit der Hypothese endlich, dass
-die Verschiedenheit der individuellen Wirklichen nicht sowol in deren
-räumlicher und zeitlicher Bestimmtheit, als vielmehr in deren innerer
-qualitativer Unterschiedenheit zu suchen sei, der (im Unterschied vom
-quantitativen sogenannte) qualitative Atomismus (Leibnitz, Herbart,
-Lotze) zu schaffen gemacht. Der erste geht von dem Grundsatz aus,
-dass zwar die Orte der Wirklichen verschieden, also die Wirklichen
-ausser einander, das eine z. B. wie Ennemosers magnetisirte Frau in
-St. Petersburg, das andere, der Magnetiseur, in München seien, die
-Entfernung beider Orte jedoch für die Wirkung gleichgiltig d. h. diese
-auch bei der grössten Entfernung ungeschwächt und die nämliche sei. Der
-zweite lässt, und darin besteht seine Uebereinstimmung mit der einmal
-angenommenen Basis der exacten Naturwissenschaft, welche bewirkt,
-dass derselbe auch für Naturforscher verlockende Kraft besitzt --
-der zweite lässt die Annahme, dass das Wirken eine Function der
-Entfernung d. h. der Verschiedenheit der Orte der Wirklichen sei,
-gelten, besteht aber darauf, dass die Orte zweier Wirklichen,
-deren räumliche Lage nach allen drei bekannten Abmessungen des
-Raumes identisch ist, dennoch verschiedene seien d. h. dass der
-Raum eben noch eine, die vierte Dimension, besitze. Der qualitative
-Atomismus aber, welcher die räumliche und zeitliche Verschiedenheit
-der Wirklichen nur als eine Folge der qualitativen Verschiedenheit
-derselben ansieht d. h. deren räumliches Ausser- und zeitliches
-Nacheinander nicht als die Bedingung, sondern als die Folge der
-Wechselwirkung der letzteren betrachtet, daher statt die Wirkung
-als eine Function der Entfernung zu definiren, dieselbe vielmehr
-(wie der Mysticismus) nur unter Voraussetzung völligen "Ineinanders"
-der Wirklichen für möglich hält, kommt dadurch dahin, die räumliche
-und zeitliche Ausdehnung für blossen (wenngleich objectiven) Schein,
-die Totalität sämmtlicher individueller Wirklichen für räumlich und
-zeitlich ungeschieden, sonach (in räumlicher und zeitlicher, also
-quantitativer Hinsicht) als eins und doch ihrer Beschaffenheit nach
-als geschieden: d. h. (in qualitativer Hinsicht) als vieles zu setzen.
-
-294. Mit der Entwickelung der Dreidimensionalität des Raums aus der
-"willkürlichen Annahme", dass das Wirken Function der Entfernung
-sei, hat die Wissenschaft vom Wirklichen die Grenze desjenigen,
-was sich aus der Thatsache des Scheins des Vielen und Vielfachen
-auf philosophische d. i. auf nothwendige Weise, oder so aussagen
-lässt, dass eine gegentheilige Behauptung das Denken selbst
-aufheben würde, überschritten. Dass Wirkliches, und zwar Vieles und
-Vielfaches, demnach, wenn nicht anders, doch wenigstens als durch
-seine räumliche und zeitliche Bestimmtheit Unterschiedenes gedacht
-werden müsse und nicht nicht gedacht werden könne, ohne das Denken
-mit sich selbst d. i. mit seinen eigenen Normen in Widerspruch zu
-versetzen, folgert der Realismus aus der Thatsache des Scheins
-vieler und vielfacher Wirklichen mit Nothwendigkeit; dass das
-Wirken des Wirklichen eine Function der Entfernung der Orte des
-Wirklichen, zu der Erklärung des ersteren demnach die Annahme der
-Dreidimensionalität des Raumes erforderlich sei, folgert derselbe
-aber nur als Möglichkeit, neben welcher andere Möglichkeiten, und
-auf Grund der gegebenen Erfahrung als eine Wahrscheinlichkeit, neben
-welcher diese anderen als Unwahrscheinlichkeiten bestehen. Weder die
-Annahme des Mysticismus, dass das Wirken keine Function der Entfernung,
-noch jene des Spiritismus, dass der Raum vierdimensional sei, hat,
-so lange nicht zahlreichere und besser als die bisherigen beglaubigte
-Thatsachen deren Möglichkeit erweisen, die Wahrscheinlichkeit für
-sich; der qualitative Atomismus, welcher dahin gelangt, die Vielen
-(quantitativ) als eins und (qualitativ) als viele zu setzen, hat
-den Widerspruch, dass eins = vieles und vieles = eins sein soll,
-und damit die Möglichkeit gegen sich.
-
-295. Aber auch der Versuch, das Denken selbst zu verleugnen und
-mit dessen Umgehung auf einem anderen Wege des Wirklichen sich zu
-bemächtigen, wie ihn der das Denken transcendirende und darum wol auch
-(obgleich, wie oben bemerkt, fälschlich) sogenannte transcendentale
-Realismus wagt, führt zu keinem andern Ziel. Derselbe stützt sich
-entweder, um der Nothwendigkeit zu entgehen, dasjenige, was vom
-Denken als seiend anzunehmen verboten wird, ablehnen, oder, was von
-diesem als wirklich anzunehmen geboten wird, annehmen zu müssen,
-auf den trivialen Satz, dass dasjenige, was durch das Zeugniss
-der Sinne bestätigt, wahr, was durch dasselbe verworfen werde,
-falsch sei, gleichviel ob das erstere den Normen des Denkens
-entgegen, das letztere durch dieselben zu denken geboten sei,
-und fällt dadurch auf den längst kritisch überwundenen Standpunkt
-des gemeinen empirischen Realismus zurück. Oder er beruft sich, um
-den Forderungen des Denkens auszuweichen, auf ein vom Vorstellen
-(dem Intellect) wesentlich und der Art nach verschiedenes Organ,
-über welches die Gesetze des logischen Vorstellens (die Normen des
-Intellects) keine Gewalt haben, dem sie daher auch weder zu gebieten,
-noch zu verbieten berechtigt sein sollen. Als ein solches wird von
-der einen Schule des transcendenten Realismus (Gefühlsphilosophie:
-Jacobi) das Gefühl, von der andern (Willensphilosophie: Schopenhauer)
-das Wollen bezeichnet. Jener zufolge ergreift im Gefühl der Fühlende
-das Wirkliche (übersinnlich Reale) unmittelbar, ohne Dazwischenkunft
-und folglich zwar ohne die Hilfe, aber auch ohne die Mängel des
-Intellects; dieser zufolge weiss das Subject, indem es sich selbst
-als wollendes weiss, damit zugleich das einzige wahrhaft Wirkliche,
-den Willen, unmittelbar, ohne Dazwischenkunft und folglich auch
-ohne das Trügerische der Vorstellung. Von der ersteren gilt, dass,
-da im Gefühl Gefühltes und Fühlen ununterscheidbar zusammenrinnt,
-derjenige, der blos fühlt, eben darum nicht weiss, und daher blosses
-Fühlen eben so wenig wie blosses "Ahnen" (Fries) Princip und Grundlage
-einer Wissenschaft werden kann. Von der letzteren gilt, dass, wie
-schon Herbart treffend bemerkt hat, unmittelbares Wissen wie seiner
-selbst als Wollenden, so des Wirklichen als Willen, ein Wissen,
-folglich die Möglichkeit zu wissen, und schliesslich, da Wissen eben
-nichts anderes als eine Art des Denkens d. i. wahres Denken ist, das
-angeblich mit Umgehung des Denkens erfolgte Ergreifen des Wirklichen,
-um überhaupt möglich zu sein, das Denken voraussetzt.
-
-296. Letzterer Einwand, welcher die Möglichkeit, mit Umgehung des
-Denkens zu dem transcendenten Sein, dem Wirklichen selbst zu gelangen,
-überhaupt trifft, wird nicht widerlegt, sondern nur umgangen durch
-die Behauptung, dass die Natur des Wirklichen auf dem Erfahrungswege
-zwar nicht der gemeinen, sinnenfälligen, aber einer nicht gemeinen,
-mystischen Empirie erkannt d. h. dass das "speculative Resultat" die
-Erkenntniss des Wirklichen seinem Wesen nach, "auf inductivem Wege"
-d. i. an der Hand exacter Thatsachen erreicht werde. Ersteres wäre nur
-dann der Fall, wenn entweder der "Erfahrungsweg" das Denken aus- oder
-der angeblich "inductive Weg" exacte Thatsachen einschlösse. Jenes
-findet so wenig statt, dass vielmehr die Kritik des sogenannten
-empirischen Realismus eben nichts anderes betrifft als das Verbot,
-sich des sogenannten Erfahrungsweges ohne vorläufige Sichtung nach
-den Normen des logischen Denkens zu bedienen, dieses aber bleibt
-wenigstens so lange und für alle diejenigen zweifelhaft, als und für
-welche die angeblichen Erscheinungen der Naturheilkraft des Hellsehens,
-des Instincts u. s. w. den Werth unbestrittener Erfahrungsthatsache
-entweder noch nicht erreicht haben, oder, was eben so möglich, ja
-vielleicht wahrscheinlicher ist, niemals erreichen werden.
-
-297. Mit obiger Grenzüberschreitung ist aber auch der Punkt
-erreicht, wo die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen der
-Erfahrungswissenschaft von demselben die Hand zu bieten vermag. Jene,
-die von der Erfahrung aus-, aber auf Grund in deren Inhalt gelegener
-Nöthigung über dieselbe hinausgeht, hat mit der letzteren, die
-nicht nur wie jene auf der Erfahrung fusst, sondern auch innerhalb
-derselben verharrt, die Aufgabe gemein, die Erfahrung begreiflich zu
-machen. Seitens der letzteren geschieht dies, indem sie das gesammte
-Wissen vom Wirklichen auf den Boden der Erfahrung zu stellen, seitens
-der ersteren, indem sie den Boden der Erfahrung selbst sicher zu
-legen unternimmt. Beide, die philosophische und die empirische
-Wissenschaft vom Wirklichen gleichen Arbeitern, welche von den
-entgegengesetzten Seiten eines Berges her, unsichtbar für einander,
-aber auf gemeinsamen Voraussetzungen fussend und einer gemeinsamen
-Methode sich bedienend, einen Tunnel durch das Innere desselben zu
-bohren unternehmen, in der Hoffnung, wenn ihre Voraussetzungen giltig
-und ihre Berechnungen richtig sind, irgendwo in der Höhlung desselben
-zusammenzutreffen. Jene schreitet von den allgemeinen Begriffen und
-Principien des Wirklichen und seines Wirkens in der Richtung gegen die
-erfahrungsmässig gegebenen Erscheinungen der scheinbaren Wirklichkeit
-nach vorwärts, diese, von der Erscheinungswelt der Erfahrung in der
-Richtung gegen deren allgemeinste und oberste reale und gesetzliche
-Voraussetzungen nach rückwärts. Wenn beider methodische Grundsätze
-giltig und ihre Folgerungen zutreffend sind, werden beide früher
-oder später irgendwo an der Grenze einerseits des Denknothwendigen,
-andererseits des Erfahrbaren einander begegnen müssen.
-
-298. Einen thatsächlichen Beweis für die Richtigkeit dieser
-Annahme liefert die Herrschaft, welche die Atomistik einerseits
-als philosophische über die philosophische, andererseits als
-physikalische über die empirische Wissenschaft vom Wirklichen gewonnen
-hat. In der ersteren ist dieselbe als zugleich realistische und
-pluralistische Grundlegung der phänomenalen Welt an die Stelle der
-sowol idealistischen als monistischen einstigen "Naturphilosophie", in
-der letzteren ist sie, wie Fechner eben so gründlich als scharfsinnig
-ausgeführt hat, längst mit Recht an die Stelle der (noch von Kant
-begünstigten) einstigen dynamischen Naturauffassung getreten. So wenig,
-wie Fechner selbst zugestanden hat, die philosophische Atomenlehre mit
-der physikalischen identisch, so gewiss ist dieselbe mit der letzteren
-verträglich d. h. bietet die Existenz einer unbestimmten Vielheit
-einfacher wirklicher und unausgesetzt wirkender Wesen einen realen
-Anknüpfungspunkt dar für die Zurückführung der gesammten Phänomene
-der körperlichen Welt auf die Existenz unbestimmt vieler untheilbarer
-und daher gleichfalls "einfach" genannter, mit rastlos thätigen
-Kräften ausgestatteter Elemente. Dass die letzteren ihrer behaupteten
-Einfachheit ungeachtet von Fechner als "körperliche" bezeichnet werden,
-ist nur als Beleg anzusehen, dass die empirische Wissenschaft vom
-Wirklichen, welche innerhalb der Grenzen des sinnlich Erfahrbaren
-bleibt, der philosophischen, welche von Haus aus über dieselben hinaus
-führt, zwar stetig sich nähert, aber sie noch nicht berührt.
-
-299. Aber nicht nur der empirischen Wissenschaft von der körperlichen,
-auch jener von der Bewusstseinswelt sowol des Einzel- wie des
-gesellschaftlichen Subjects bietet die philosophische Wissenschaft
-vom Wirklichen, jener in dem einfachen Wirklichen eine reale, dieser
-in der unbestimmten Menge realer Bewusstseinsträger eine reale und
-pluralistische Grundlage dar. Wie die unbestimmte Vielheit einfacher
-Wirklicher den haltbaren Boden für den aus einer eben so unbestimmten
-Vielheit atomistischer Elemente zusammengesetzten Stoff der physischen
-Welt, so bildet das einzelne individuelle Wirkliche den haltbaren
-Mittelpunkt, in welchem der aus einer unbestimmten Menge elementarer
-Bewusstseinsvorgänge bestehende Stoff der psychischen Welt im Phänomen
-der Einheit des Ich's wie in einem Brennpunkt zusammenfliesst, und
-macht die Vielheit individueller Wirklichen der letztgenannten Art,
-deren jedes für sich ein Bewusstseinscentrum abgibt, die unentbehrliche
-Grundlage dessen aus, was als Vereinigung durch ein gemeinsames Band
-unter einander verknüpfter, bewusster oder doch bewusstseinsfähiger
-Individuen den Stoff der Gesellschaft und der Entwickelung derselben
-in den Grenzen des Raums und in der Folge der Zeit d. i. der Geschichte
-ausmacht.
-
-300. Letzteren, den dreifachen Stoff, den die Betrachtung der
-körperlichen, der Bewusstseins- und der geschichtlichen Welt liefert,
-aber vermag die Wissenschaft vom Wirklichen nicht der philosophischen,
-sondern nur der empirischen Wissenschaft von diesem zu entlehnen. Der
-philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen kann es nicht beikommen,
-die unausgefüllte Kluft, welche zwischen den äussersten erlaubten
-Consequenzen des Denknothwendigen und den äussersten Grenzen
-des Erfahrbaren übrig bleibt, durch Conjecturen ausfüllen, oder
-den Uebergang von dem einen zum andern durch Einbildungen ebnen
-zu wollen, welche weder mehr in der Nothwendigkeit des Denkens,
-noch schon in der Möglichkeit der Erfahrung eine Rechtfertigung zu
-finden im Stande sind. Dieselbe hat zwar die Aufgabe, die Erfahrung
-zu befragen und, wenn deren Antwort ihr unbefriedigend, sei es der
-Form nach unvollkommen, sei es dem Inhalt nach unvollständig dünkt,
-dieselbe den Normen des Denknothwendigen gemäss der ersten nach zu
-berichtigen, dem zweiten nach deren Ergänzung abzuwarten, aber sie
-hat weder die Mittel dieselbe aus Eigenem zu ersetzen, noch, wenn
-sie nicht vom Taumel orphischen Hochmuths ergriffen ist, jemals
-die Anmassung, die Erfahrung überflüssig machen zu wollen. Indem
-sie sonach an die selbst aus der Erfahrung geschöpfte Eintheilung
-des erfahrbaren Wirklichen in ein solches, dessen Kenntniss aus der
-sogenannten äusseren (Physisches) ein solches, dessen Kenntniss aus
-der sogenannten inneren (Psychisches), und in ein solches, dessen
-Kenntniss aus der äussern und innern Erfahrung zugleich stammt
-(Sociales, Geschichtliches) sich unbedenklich anschliesst, begnügt
-sie sich, jedes der drei genannten Gebiete des Erfahrbaren mit dem
-auf Grund der Erfahrung, aber durch Hinausgehen über dieselbe als
-denknothwendig erkannten, wahren Wirklichen zu vermitteln und in
-einer an logischem Faden ungezwungen fortlaufenden Anordnung des
-durch die Erfahrung gebotenen Stoffs eine systematische Uebersicht
-des erfahrbaren Wirklichen in der Körper-, in der Geistes- und in
-der geschichtlichen Welt zu entwerfen. Jenes macht den Inhalt der
-philosophischen Betrachtung der sogenannten bewusstlosen Welt,
-oder des Nicht-Ich, das zweite den Inhalt der Betrachtung der
-bewussten Welt, des Ich, das dritte den Inhalt der Betrachtung einer
-gleichfalls bewussten, aber in dem Bewusstsein einer Mehrheit zur
-Einheit verknüpfter, bewusster Individuen d. i. einer Gesellschaft
-sich abspielenden Welt des socialen oder geschichtlichen Ich aus.
-
-301. Die Betrachtung des Nicht-Ich beginnt mit jener des letzten,
-was auf dem Wege der Erfahrung, oder vielmehr schon nur durch einen
-Sprung, der über die wirkliche Erfahrung hinausführt, erreichbar ist,
-des Atoms. Dasselbe ist nach der Ansicht der Physiker (Ampère, Moigno
-u. A.) zwar einfach aber doch "körperlich" (Fechner); jenes bedeutet,
-dass dasselbe untheilbar oder doch wenigstens für jetzt nicht weiter
-als getheilt angesehen sein soll, dieses, dass dasselbe nichts desto
-weniger als materiell d. i. dem körperlichen Stoff (Materie), dessen
-letzten Bestandtheil es ausmacht, als gleichartig gelten soll. Erstere
-Eigenschaft nähert, letztere dagegen entfernt das physikalische Atom
-von dem philosophischen, welches letztere zwar im strengsten Sinn
-des Wortes seiner Qualität nach als einfach, dessen Qualität selbst
-aber als schlechterdings unbekannt d. h. auch nicht, wie jene des
-physikalischen Atoms, etwa als materiell zu denken ist. Je nachdem
-empirische Naturbetrachtung von der Ansicht ausgeht, dass sämmtliche
-Atome unter einander der Qualität nach gleich, oder einige derselben
-ursprünglich und unveränderlich ihrer qualitativen Beschaffenheit nach
-von jener der anderen verschieden sind, scheidet sich dieselbe in eine
-rein quantitative und in eine ganz oder doch zum Theile qualitative
-Atomistik, deren erstere nicht nur alle Verschiedenheiten der Körper,
-sondern auch sämmtliche Erscheinungen der körperlichen Welt aus den
-Verschiedenheiten rein quantitativer Beziehungen unter der Qualität
-nach homogenen, die letztere dagegen dieselben ganz oder doch
-theilweise aus der verschiedenen qualitativen Natur die Elemente der
-Körper, so wie die Grundlage körperlicher Erscheinungen ausmachender,
-unter einander heterogener Atome abzuleiten bemüht ist.
-
-302. Die erfahrungsmässig gegebenen Verschiedenheiten der Körper
-d. i. der räumlich und zeitlich begrenzten zusammengehörigen Gruppen
-von Atomen, also die Unterschiede einerseits des belebten (organischen)
-oder leblosen (unorganischen) Körpers, ferner die Unterschiede der
-letzteren, als zusammengesetzte, die sich in weitere, der Qualität
-nach verschiedene Bestandtheile zerlegen, und einfache (die sogenannten
-einfachen Stoffe der Chemie), die sich in solche nicht weiter auflösen
-lassen, ferner die Unterschiede der letzteren selbst je nach ihrer
-qualitativen Beschaffenheit (z. B. des Sauerstoffs vom Wasserstoff, des
-Stickstoffs vom Kohlenstoff, des Calcium vom Magnesium u. s. w.) werden
-von der qualitativen Atomistik auf eine fundamentale qualitative
-Verschiedenheit der den Stoff der Körper ausmachenden letzten Elemente
-zurückgeführt, so dass dieselben bei den organischen Körpern andere
-als bei den unorganischen und ebenso bei jedem der einfachen Körper,
-welche die letzten qualitativ unterschiedenen Bestandtheile der
-zusammengesetzten abgeben, andere als bei den übrigen seien. Dieselbe
-betrachtet als sogenannte biologische Atomistik jeden belebten Körper
-als bestehend aus gleichfalls lebendigen Atomen, den sogenannten
-Zellen, während der leblose Körper bis in seine letzten Elemente
-hinab aus gleichfalls leblosen Elementen bestehend vorgestellt
-wird. Als sogenannte chemische Atomistik sieht dieselbe nicht nur
-den zusammengesetzten Körper, z. B. das Wasser, für bestehend aus
-qualitativ verschiedenen und zwar aus Atomen von zweierlei Art an,
-davon die einen sauerstoff-, die andern wasserstoffartig und davon
-jene mit diesen nach einem bestimmten Verhältniss, so dass auf je
-zwei Atome Wasserstoff ein Atom Sauerstoff (H2O) gerechnet wird (dem
-sogenannten stöchiometrischen Verhältniss), unter einander verbunden
-sind. Wird letztere Ansicht auch auf die sogenannten organischen Körper
-ausgedehnt, so dass diese als zusammengesetzt aus einfachen Stoffen
-gedacht werden, welche unter andern Verhältnissen die Bestandtheile
-unorganischer Körper ausmachen z. B. aus Sauerstoff, Wasserstoff,
-Kohlenstoff und hauptsächlich Stickstoff, so schwindet zwar der
-qualitative Unterschied zwischen belebten und unbelebten Körpern, aber
-derjenige zwischen den einfachen Körpern bleibt bestehen d. h. die
-Atome des Sauerstoffs sind nach wie vor qualitativ verschieden
-von jenen des Wasserstoffs, die des Azots von jenen des Carbons
-u. s. w. Zeigen nun Körper, ungeachtet die qualitativen Bestandtheile
-derselben die nämlichen sind, dennoch verschiedene Eigenschaften
-(die sogenannte Isomerie), so werden, da diese Verschiedenheit
-nicht mehr aus der Verschiedenheit der qualitativen Beschaffenheit
-der Elemente sich erklären lässt, quantitative Verschiedenheiten der
-(qualitativ gleichen) Körper und zwar solche, welche entweder aus dem
-arithmetischen Gesichtspunkt der Menge oder aus dem geometrischen
-der (räumlichen) Lage der Elemente entlehnt sind, zur Erklärung
-herangezogen. (Wie dies z. B. bei der Weinsteinsäure, welche auf die
-Polarisationsebene des Lichtes eine drehende Wirkung ausübt, bei der
-Thatsache der Fall ist, dass eine Gattung derselben unter übrigens ganz
-gleichen Verhältnissen jene Ebene nach rechts, eine andere dagegen
-dieselbe nach links dreht. In diesem Falle wird angenommen, dass die
-Atome der rechtsdrehenden Weinsteinsäure eine Lagerung nach rechts,
-jene der letzteren eine solche nach links besitzen.)
-
-303. Das Charakteristische der quantitativen Atomistik besteht
-darin, dass sie diejenige Hypothese, welche die qualitative nur in
-Ausnahmsfällen, wie z. B. in jenem der Isomerie, zu Hilfe ruft,
-der gesammten Erklärung der Körperwelt als alleinige zu Grunde
-legt. Während dieser zufolge die Verschiedenheit der Körper in der
-Regel auf der qualitativen Verschiedenheit ihrer Elemente d. h. auf
-der Verschiedenheit ihres Stoffes und nur in einigen Fällen auf der
-Verschiedenheit der Zusammensetzung ihrer übrigens gleichen Elemente
-d. i. auf jener der Form beruht, macht jene letztere Ausnahme zur
-Regel d. h. betrachtet die Isomerie als eine Grund- und gemeinsame
-Eigenschaft aller sonst wie immer unterschiedenen Körper und leitet
-sämmtliche Verschiedenheiten der letztern ausschliesslich aus der
-Verschiedenheit ihrer Zusammensetzung aus übrigens gleichen Elementen
-d. i. aus der Form ab. Ihr zufolge sind daher nicht nur die Elemente
-des belebten nicht von jenen des unbelebten Körpers, sondern auch
-die Elemente irgend eines einfachen Stoffes nicht von jenen jedes
-beliebigen andern Stoffes verschieden. Letzteres setzt voraus, dass
-die gleichwol unbestreitbare Unterschiedenheit sowol der nächsten --
-durch die Analyse organischer Körper erreichbaren -- Bestandtheile von
-den -- durch Analyse sogenannter unorganischer Körper darstellbaren --
-Stoffen (z. B. des Eiweissstoffes, des Proteïns, des Caffeïns, Theïns
-u. dgl. von Oxygen, Hydrogen, Gold, Eisen, Platin u. s. w.) wie die
-gleichfalls unleugbare Unterschiedenheit der einfachen Stoffe selbst
-gleichwol nur eine scheinbare, der Grund derselben lediglich in der
-verschiedenen Art der Verbindung ursprünglich durchaus homogener
-Elemente zu einem Ganzen zu suchen, der sogenannte organische Körper
-zwar in seinen nächsten und näheren, keineswegs aber in seinen
-entfernten und entferntesten Bestandtheilen von den unbelebten
-unterschieden, so wie dass die ganze bekannte und noch zu ergänzende
-Reihe sogenannter einfacher d. i. weiter nicht zerlegbarer Stoffe
-nur als eine Reihe der Form nach unterschiedener Umbildungen eines
-einzigen (sei es eines der bereits bekannten Stoffe oder eines
-bisher unbekannten Stoffes) anzusehen sei. Erstere Behauptung,
-die der stofflichen Identität der lebendigen und leblosen Körper,
-hat in der Naturwissenschaft unserer Tage bereits weite Verbreitung
-gefunden; letztere Behauptung, welche auf einem weiten Umwege in
-exacter Weise die Ansicht der Urmutter der Chemie, der Alchymie,
-von der Transformationsfähigkeit der verschiedenen Körper in einander
-erneuert, hat in der sogenannten "Philosophie der Chemie" (J. B. Dumas)
-ihren Platz und durch die Aufstellung der sogenannten Typentheorie
-und die Entdeckung der sogenannten typischen Körper, durch welche von
-Einigen die grosse Zahl der bisher als einfach angenommenen Stoffe
-bereits bis auf acht herabgemindert scheint (Ciancian), bereits eine
-empirische, wenigstens annähernde Bestätigung erhalten.
-
-304. Die Aufgabe einer logischen Uebersicht des empirischen Stoffs
-kann es nicht sein, über die Geltung der einen oder der andern
-beider entgegengesetzten Formen der Atomistik, über welche nur
-Thatsachen zu entscheiden vermögen, einen Ausspruch zu thun. Die
-logische Consequenz d. i. die innere Uebereinstimmung mit der durch
-die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen gelegten realen
-Grundlage der phänomenalen Welt hat, wie es augenscheinlich ist,
-die quantitative Atomistik in höherem Grade als die qualitative für
-sich. Ist es überhaupt richtig, dass die vielen unbedingt gesetzten
-einfachen Wirklichen unter einander die kleinste denkbare qualitative
-Verschiedenheit d. i. keine andere besitzen als diejenige, welche
-in deren räumlichen und zeitlichen Bestimmtheiten sich ausdrückt,
-so ist es nur folgerichtig, auch die Gesammtheit der letzten realen
-Elemente, welche zusammengenommen den Stoff der Körperwelt ausmachen,
-der physikalischen Atome, als einen Inbegriff qualitativ gleichartiger
-Elementarbestandtheile der Körper zu betrachten. Das elementare Atom,
-dessen Qualität eben diejenige des einzigen wirklichen Grundstoffs ist,
-wird sodann gleichsam die unterste Stufe einer aufsteigenden Reihe
-bilden, als deren einzelne Glieder nach einander die Atome der bisher
-sogenannten einfachen Stoffe (das Sauerstoff-Atom, das Stickstoff-Atom,
-das Gold-Atom u. s. w.) auftreten würden, deren jedes für sich durch
-eine eigenthümliche Combination, sei es von Atomen des Urstoffs, sei
-es von solchen, die selbst schon durch dergleichen gewonnen wären,
-repräsentirt würde. Die Aufstellung dieser Reihe, welche die übliche
-Zerlegung organischer und unorganischer Körper in deren sogenannte
-einfache Bestandtheile über die Grenze der bis zu diesem Augenblicke
-als einfach betrachteten Stoffe hinaus durch die erreichte oder doch
-versuchte Zerlegung dieser selbst bis zu dem schlechterdings letzten
-nicht blos relativ, sondern absolut einfachen Grundstoff ausdehnt,
-würde sodann das Ziel der Chemie als Wissenschaft ausmachen.
-
-305. Wie der quantitativen Atomistik für die stoffliche Beschaffenheit
-sämmtlicher Elemente der Körperwelt eine einzige Qualität, so genügt
-ihr für die Art und Weise des Wirkens derselben ein einziges Gesetz;
-die qualitative Atomistik, insofern sie eine Mehrheit qualitativ
-unterschiedener Classen körperlicher Bestandtheile zulässt, bedarf für
-die qualitativ verschiedene Art des Wirkens jeder einzelnen derselben
-eben so vieler specifisch verschiedener Gesetze. So lange die Elemente
-organischer Körper selbst als organisch, die unorganischer Körper
-dagegen als unorganisch gelten, kann das Gesetz, welches das Wirken
-der erstern, mit jenem, welches das der letzteren beherrscht, so
-wenig wie das Wirken jener "lebendigen" Elemente (die Lebenskraft)
-mit jenem der "leblosen" Elemente (der todten Naturkraft) identisch
-sein. Eben so wenig kann das Wirken, welches seinen Grund in der
-qualitativen Verwandtschaft (Affinität) der Körper hat (chemische
-Anziehung) das nämliche sein mit demjenigen, das auch bei völliger
-Nichtverwandtschaft (Disparatheit, Heterogeneität) der Körper erfolgt
-(mechanische Anziehung) und folglich eben so wenig das Gesetz, welches
-jenes (Affinitätsgesetz, Wahlverwandtschaft), identisch mit demjenigen,
-welches dieses regelt (Gravitationsgesetz, Schwere). Mit der Aufhebung
-qualitativer Verschiedenheit der Körper tritt der umgekehrte Fall
-ein. Das Gesetz, welches das Wirken der Elemente organischer Körper
-bestimmt, braucht fortan von demjenigen, von welchem das Wirken der
-Elemente unorganischer Körper abhängt, eben so wenig verschieden zu
-sein, als das Wirken, das seinen Grund in der Verwandtschaft der
-Körper hat, als das Wirken der ursprünglichen Elemente d. h. als
-dasjenige betrachtet werden kann, für welches Gleichartigkeit oder
-Ungleichartigkeit derselben gleichgiltig und das daher eben so
-wenig durch die qualitative Aehnlichkeit wie durch den qualitativen
-Gegensatz der Körper bedingt ist. Sind die Elemente belebter und
-unbelebter Körper qualitativ dieselben, so ist auch deren Wirken
-und folglich dessen Gesetz dasselbe; ist das Wirken in Folge der
-Verwandtschaft nicht dasjenige der ursprünglichen Elemente, so ist
-auch dessen Gesetz nicht mit dem Gesetz des Wirkens dieser letzteren,
-und da diese die wahren, weil letzten Elemente der Körper sind, nicht
-mit jenem der wahren Körperelemente identisch. Wird daher, wie die
-quantitative Atomistik thut, auf die in der That letzten Bestandtheile
-der Körperwelt, die unter einander qualitativ nicht weiter
-unterschiedenen Atome zurückgegangen, so muss das Gesetz, welches
-das Wirken dieser letzteren regelt, das nämliche und einzige für das
-Wirken der gesammten Körperwelt sein. Die Aufstellung dieses Gesetzes,
-welches die Zerlegung der scheinbar unter einander grundverschiedenen
-Wirkungsweisen der scheinbar von einander qualitativ unterschiedenen
-Körper bis zur Auflösung der ersteren in die überall in gleicher Weise
-erfolgende Wirkungsweise der wahren d. i. in allen Körpern qualitativ
-identischen Elemente der Körperwelt verfolgt und dadurch die gesammte
-phänomenale Welt als unter der Herrschaft eines und desselben, wenn
-gleich nicht selten in so verwickelter Form auftretenden Gesetzes,
-dass es den Anschein eines neuen Gesetzes erhält, stehend erweist,
-müsste das Ziel der Physik als mechanischer Wissenschaft ausmachen.
-
-306. Als dieses Gesetz sieht die moderne Naturwissenschaft das
-Gravitationsgesetz Newton's an. Die philosophische Wissenschaft vom
-Wirklichen bestimmt, wie oben gezeigt, das Wirken der Atome als eine
-Function ihres räumlichen Abstandes von einander. Die empirische geht
-über diese Allgemeinheit des Inhalts hinaus und bestimmt letztere näher
-als Abnahme des Wirkens im Quadrate der Entfernung. Dieselbe bleibt
-jedoch keineswegs bei der Bestimmung des Wirkens seinem Quantum nach
-stehen, sondern schreitet zu der Erweiterung derselben seinem Quale
-nach fort, indem sie dasselbe in den relativ grössten Abständen
-der Atome von einander als Anziehung, Attraction, in den relativ
-kleinsten als Abstossung, Repulsion charakterisirt. Erstere bewirkt,
-dass die Atome auch in den relativ weitesten Abständen von einander
-noch zusammengehalten, letztere macht, dass dieselben in Eins zusammen
-zu fallen verhindert werden. In Folge der Attraction bilden sämmtliche
-durch dieselbe an einander geknüpfte Atome ein nicht nur in Gedanken,
-sondern durch ein physisches Band zusammenhängendes Ganzes; in Folge
-der Repulsion bilden dieselben, weil die letztere die Annäherung
-der Atome an einander über das Mass einer gewissen (kleinsten)
-Entfernung hinaus unmöglich macht, ein discretes Ganzes. Während
-der Raum, der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen zufolge,
-demnach stetig mit "philosophischen" Atomen d. i. im strengsten
-Sinne des Wortes einfachen Wirklichen erfüllt gedacht werden muss,
-erscheint derselbe in der empirischen Wissenschaft vom Wirklichen nur
-in der Weise mit "physikalischen" Atomen d. i. mit im physikalischen
-Sinn letzten Elementen der Körperwelt erfüllt, dass zwischen je
-zwei derselben leerer Raum d. h. ein Zwischenraum vorhanden ist, in
-dem keine weiteren "physikalischen" Atome sich befinden. Dass mit
-der Einschiebung desselben die Schwierigkeit des Begreifens einer
-actio in distans d. i. eines Wirkens durch den leeren Raum hindurch
-wiederkehrt, pflegt, da dieselbe ja nur eine "philosophische" ist,
-der empirischen Physik selten Verlegenheit zu bereiten.
-
-307. Dagegen hat sich dieselbe auf Grund der sogenannten
-"Imponderabilien" veranlasst gesehen, durch die Einführung eines
-weiteren gleichfalls körperlichen, jedoch, mit den physikalischen
-Atomen verglichen, relativ "unkörperlichen" Stoffs, des sogenannten
-"Aethers", in die leer gelassenen Zwischenräume der physikalischen
-Atome, welche letzteren in demselben gleichsam, wie die Sterne
-am Firmament, zerstreut zu schweben, oder, wie die Fische im
-Wasser, in unregelmässigen Abständen zu schwimmen scheinen, der
-Ansicht der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen von dem
-stetigen Erfülltsein des Raumes durch einfache Wirkliche, um einen
-beträchtlichen Schritt näher zu kommen. Die Elemente desselben, die
-sogenannten Aetheratome, verhalten sich zu den physikalischen gleichsam
-wie Atome zweiter zu solchen erster Ordnung. Dieselben werden zwar
-eben so wenig wie diese ohne leere Zwischenräume, letztere selbst
-aber werden im Verhältniss zu diesen als "unendlich klein" und das
-von den Aetheratomen ausgehende Wirken wird zwar gleichfalls wie das
-der Körperatome als Anziehung und Abstossung, jedoch als nur in der
-kleinsten Entfernung wirksam vorgestellt. Jedes Körperatom erscheint
-wie von Aetheratomen eingehüllt, welche dasselbe in Gestalt einer
-Sphäre von allen Seiten umgeben und mit jenem zusammen unter der Form
-winziger Kügelchen, deren vergleichsweise dichten Kern das Körperatom,
-deren dünnere Peripherie die Aetheratome ausmachen, die reale durch
-den Raum discret vertheilte Grundlage der sogenannten Materie bilden.
-
-308. Je nachdem die erfahrungsmässig gegebenen Phänomene der
-körperlichen Welt auf die Körperatome allein ohne Berücksichtigung des
-deren Zwischenräume ausfüllenden Aethers, oder auf die Aetheratome
-allein als Bestandtheile des die Zwischenräume der physikalischen
-Atome ausfüllenden Stoffs zurückgeführt werden, ergeben sich zwei
-Hauptclassen physischer Phänomene, deren eine das Wirken und die
-Zustände des im engern Sinn sogenannten körperlichen Stoffs, die
-andere das Wirken und die Zustände des Zwischenstoffs d. i. des
-Aethers umfasst. Jene begreift, je nach der Grösse der Abstände der
-Körperatome unter einander und der davon abhängigen Menge dieser
-letzteren selbst innerhalb bestimmter räumlicher Grenzen (Volumen),
-dreierlei Gattungen von Körpern, deren eine bei einem gewissen
-Volumen die relativ grösste, deren dritte bei demselben Volumen
-die relativ kleinste Menge von Körperatomen enthält, während die
-zweite eine im Verhältniss zu jenem Volumen mittlere Menge von Atomen
-einschliesst. Folge davon ist, dass in den Körpern der ersten Gattung
-die Abstände der einzelnen Atome von einander relativ die kleinsten,
-dagegen bei Körpern der dritten Gattung relativ die grössten sein
-müssen, während bei den Körpern der Mittelgattung die Distanz der
-Atome eine mittlere ist. Die Atome von Körpern der ersten Gattung
-werden daher, da die anziehende Kraft je kleiner die Entfernung desto
-stärker wirkt, am festesten, die Atome von Körpern der dritten Gattung
-werden, da die Anziehung mit der Entfernung abnimmt, am lockersten
-unter einander zusammenhängen; die Atome der Körper der Mittelgattung
-werden, da die Entfernung und folglich die Anziehung eine mittlere
-ist, einen mittleren Grad des Zusammenhangs darstellen. Bei Körpern
-der ersten Art wird daher nicht nur das Verhältniss der Menge der
-Atome (der Masse) zu der räumlich begrenzten Grösse des Inhalts (dem
-Volumen) d. i. die relative Dichtigkeit die grösste, sondern auch der
-Widerstand, welchen dieselben der Trennung der Atome entgegensetzen,
-in Folge der starken Anziehung der Theile unter einander (der Cohäsion)
-der relativ bedeutendste, bei Körpern der dritten Art dagegen aus
-demselben Grunde die Dichtigkeit die geringste und der Widerstand
-gegen die Trennung der mindestbedeutende sein, während den Körpern
-der zweiten Art mit einer mittleren Dichtigkeit auch ein mittlerer
-Widerstand d. h. ein solcher, welcher die Trennung der Atome weder
-erschwert noch erleichtert, also gegen dieselbe sich gleichgiltig
-verhält, eigen ist. Körper der ersten Art, als deren Repräsentant
-die Erde angesehen wird, werden als feste, Körper der dritten Art,
-als deren Repräsentant die atmosphärische Luft gilt, als luft- oder
-gasförmige, Körper der mittleren Art, deren Typus das Wasser darstellt,
-werden als flüssige bezeichnet.
-
-309. Weder die Grösse des räumlichen Volumens, noch jene der Masse,
-oder der Abstände der Atome von einander, absolut betrachtet, macht
-hiebei einen Unterschied. Das Gesetz, welches die Atome der grossen
-Weltkörper, der Nebelflecke und Sternhaufen zusammenhält, ist genau
-das nämliche, welches auch die Atome des kleinsten Bruchtheils
-eines festen Körpers auf der Erde an einander bindet; die Atome
-des Weltmeeres hängen in keiner andern Weise zusammen, als jene
-des Wassertropfens; und die Atmosphäre, welche entfernte Weltkörper
-umhüllt, ja die ganze durch den Weltraum ausgebreitete, verdünnte
-Luftmasse zeigt mit jener der irdischen Lufthülle verglichen nur
-graduell verschiedene Structur. Zwischen den drei genannten Gattungen
-von Körpern aber herrscht dabei das Verhältniss, dass einerseits
-der luftförmige Körper durch Verminderung der Abstände seiner Atome
-unter einander zuerst, wenn dieselbe den mittleren Grad der Entfernung
-erreicht, in flüssigen, wenn sie denselben überschreitet, allmälig in
-festen Zustand übergehen d. h. sich verdichten, umgekehrt der feste
-Körper durch Vergrösserung jener Abstände seinerseits in flüssigen
-und allmälig in luftförmigen Zustand übergehen d. h. sich verdünnen
-kann. Je nachdem hiebei die zeitliche Aufeinanderfolge der genannten
-Zustände verschieden, also entweder der feste, oder der luftförmige,
-oder der flüssige als der (zeitlich) erste gedacht wird, aus welchem
-die andern sich entwickelt haben, so dass im ersten Fall aus der
-Verdichtung allmälig die Verdünnung, im zweiten aus der Verdünnung
-allmälig (durch Niederschlag) die Verdichtung, im dritten aus einer
-mittleren Dichtigkeit durch Verdichtung einerseits das Feste, durch
-Verdünnung andererseits das Luftförmige hervorgeht, gliedern sich die
-verschiedenen physikalischen Kosmogonien, als deren Repräsentanten
-schon im Alterthum erscheinen: die Atomistiker, welche das Feste (die
-körperlichen Atome), die jonischen Naturphilosophen Anaximenes und
-Diogenes von Apollonia, welche das Luftartige, und Thales, welcher
-das Flüssige für das der Zeit nach Erste erklärten, aus dem alles
-Uebrige entstanden sei.
-
-310. In allen genannten Fällen ist die Verbindung der Atome unter
-einander eine mechanische, durch ein und dasselbe allgemeine Gesetz
-der Anziehung nach dem umgekehrten Quadrate der Entfernung beherrschte,
-welche so lange besteht, als dieses seine Geltung behauptet, und daher
-jeder willkürlichen Aufhebung, sie komme von welcher Seite immer,
-entzogen ist. Die zum Körper vereinten Atome erscheinen unter der
-Pression dieses Gesetzes selbst zu einem mehr oder minder lockern
-Gefüge comprimirt, also gleichsam einem von aussen kommenden Drucke
-unterworfen. Die Elemente der Körper selbst stellen zusammengenommen
-einen durch Vereinigung (Association) entstandenen räumlich begrenzten
-Haufen, eine Menge gemengter (nicht gemischter) Bestandtheile dar,
-deren jeder undurchdrungen von dem andern und undurchdringlich für
-die andern für sich und zugleich im Verbande mit den andern als Glied
-eines physischen Ganzen besteht. Auf qualitative Verschiedenheit
-der zum Ganzen des Körpers verbundenen Theile konnte bisher schon
-aus dem Grunde keine Rücksicht genommen werden, weil die quantitative
-Atomistik eine solche bei den ursprünglichen Elementen der Körperwelt,
-den primitiven Körperatomen, nicht kennt. Soll daher dennoch von
-qualitativ unterschiedenen Elementen der Körper die Rede sein,
-so können diese nicht selbst primitiv, sondern sie müssen aus
-der allerdings primären Verbindung primitiver Atome gleichsam als
-Atome höherer Ordnung entstanden sein. Von dieser Art wären, wenn
-die Ansicht der quantitativen Atomistik die richtige und die darauf
-fussende Behauptung der "philosophischen" Chemie, dass alle scheinbar
-heterogenen Stoffe Umbildungen eines Grundstoffs seien, giltig sein
-sollte, die bisher sogenannten einfachen Stoffe d. i. Körper wie
-Sauerstoff, Wasserstoff, Kohlenstoff u. s. w. aufzufassen, deren jeder
-demzufolge aus Atomen bestehend gedacht würde, welche selbst eine
-eigenartige Gruppirung der primitiven Atome in sich schlössen. Das
-sogenannte Sauerstoffatom wäre sonach zwar im Verhältniss zu dem
-sogenannten Kohlenstoffatom, keineswegs aber im Verhältniss zu den
-primitiven Atomen als wirklich atom d. i. als theillos zu bezeichnen,
-da dasselbe zwar eben so wenig aus weiteren Sauerstoffatomen wie das
-Kohlenstoffatom aus weiteren Kohlenstoffatomen, keineswegs aber,
-wie es im Begriff des primitiven Atoms liegt, überhaupt nicht aus
-weiteren Atomen bestehend gedacht wird. Wie das primitive einfaches,
-so wäre demnach das Sauerstoffatom zusammengesetztes d. i. aus zu einem
-Ganzen verbundenen primitiven Atomen bestehendes Atom (Molecul) und der
-(feste, flüssige oder luftförmige) Körper, bei dessen Zusammensetzung
-die qualitative Beschaffenheit seiner Bestandtheile in Frage kommt, ist
-sonach als ein in seinen nächsten Bestandtheilen nicht aus einfachen,
-sondern aus zusammengesetzten Atomen bestehender anzusehen.
-
-311. Wie die Verbindung der Atome im mechanisch zusammengesetzten
-Körper eine mechanische, so ist sie in dem chemisch zusammengesetzten
-Körper, derselbe bestehe nun aus einander homogenen oder heterogenen
-Elementen, eine chemische, auf der Anziehung derselben in Folge ihrer
-qualitativen Verwandtschaft (Affinität) beruhende. Dieselben stehen
-wie die Bestandtheile des mechanischen Körpers unter der Herrschaft
-eines allgemeinen Gesetzes, nur dass dieselbe nicht sowol, wie dort,
-einem von aussen ausgeübten Drucke, als vielmehr einem von innen aus
-der Beschaffenheit der Atome stammenden Zuge sich vergleichen lässt,
-vermöge dessen die Atome wie Glieder einer und derselben Familie
-sich zu einander hingezogen, oder wie Glieder heterogener Rassen
-(z. B. Weisse und Farbige) sich von einander abgestossen fühlen. Wie
-die Verbindung blutsverwandter Familienglieder eine innigere ist als
-die blos gesellige Zusammenkunft einander gleichgiltiger Genossen,
-so ist die chemische Vereinigung qualitativ Verwandter inniger,
-als jene blos mechanische indifferenter Atome und wird deshalb als
-Verschmelzung im Gegensatz zur blossen Summation, als "Mischung"
-im Gegensatz zur blossen Mengung bezeichnet. Letzterer Ausdruck ist
-insofern ungenau, als er zu dem Irrthum verleiten kann, eine völlige
-"Durchdringung" der einzelnen Atome als möglich anzunehmen, während
-doch nur eine "Durchdringung" der sich unter einander verschmelzenden
-Körper (z. B. Kohlenstoff und Sauerstoff zu Kohlensäure) in der Weise
-stattfindet, dass mit jedem Atom des ersteren zwei Atome des letzteren
-sich verbinden, also ein neues Gemenge gleichsam höherer Art entsteht,
-dessen Atome je eine binäre Verbindung zwischen O und C darstellen,
-die einzelnen, sowol Kohlenstoff- als Sauerstoffatome, dagegen für
-einander undurchdringlich bleiben.
-
-312. Sowol der mechanisch wie der chemisch zusammengesetzte
-Körper hat die Eigenschaft, dass, sobald der dessen Bestandtheile
-zusammenhaltende Druck oder Zug aus was immer für einem Grunde
-erlischt, derselbe in seine Elemente zerfallen oder sich auflösen
-muss. Wird statt dessen auf Grund einer im Körper selbst enthaltenen
-Veranlassung jene zusammenhaltende Kraft ununterbrochen erneuert,
-entweder indem überhaupt neuer Stoff, welchem dieselbe Anziehung, oder
-neuer qualitativ verwandter Stoff, welchem derselbe Zug innewohnt,
-von neuem herbeigeschafft wird, so entsteht im Gegensatz zu jenem aus
-Mangel an Erneuerung abgestorbenen leblosen (unorganischen) der belebte
-(organische) Körper. Die Eigenthümlichkeit, welche denselben von dem
-mechanischen Körper unterscheidet, besteht darin, dass der letztere,
-sobald die Bestandtheile desselben durch andere ersetzt werden, nicht
-mehr derselbe, sondern ein neuer, wenngleich dem vorigen gleicher,
-der organische Körper dagegen auch nach dem Ersatz derjenigen seiner
-Bestandtheile, deren Anziehung unter einander erloschen ist, durch
-andere, noch immer derselbe wie früher d. h. ein blos erneuerter
-ist. Die Eigenthümlichkeit, welche denselben vom chemischen Körper
-unterscheidet, dagegen besteht darin, dass der organische Körper
-niemals, wie der einfache chemische homogen, sondern stets heterogen
-d. h. aus verschiedenen Stoffen zusammengesetzt sein muss, aber
-nicht, wie andere chemische Körper, aus beliebigen (z. B. Wasser aus
-Sauerstoff und Wasserstoff, atmosphärische Luft aus Sauerstoff und
-Stickstoff, Kalk aus Calcium und Sauerstoff, Kochsalz aus Chlor und
-Natrium), sondern jedesmal nur aus gewissen Stoffen zusammengesetzt
-sein darf. Folge der ersteren Eigenschaft ist, dass ein Theil des
-organischen Körpers, nämlich derjenige, in dem die Veranlassung
-liegt, dass sich der übrige Theil ohne Schädigung des Ganzen zu
-erneuern vermag, diesem letzteren gegenüber eine ausgezeichnete
-Stellung behauptet, insofern er den bleibenden, dieser dagegen den
-wechselnden Bestandtheil des Körpers ausmacht, jener also denjenigen,
-durch welchen der Körper immer derselbe bleibt, dieser denjenigen,
-durch welchen derselbe unaufhörlich ein anderer wird. Folge der
-letzteren Eigenschaft ist, dass, wo gewisse einfache chemische Körper
-mangeln, als welche die Erfahrung bisher Sauerstoff, Wasserstoff,
-Stickstoff und hauptsächlich Kohlenstoff hervorzuheben gelehrt hat,
-die Entstehung organischer Körper, auch wenn alle übrigen Bedingungen
-und die grösste Fülle anderweitiger chemischer Körper vorhanden
-wäre, unmöglich ist. Finden beide Bedingungen vereinigt bei der
-kleinstmöglichen Anzahl körperlicher Atome Erfüllung, so entsteht der
-denkbar kleinste belebte Körper, das organische Atom, die sogenannte
-Zelle, während aus der Verbindung von solchen, sei es mit, sei es
-ohne Zuhilfenahme unorganischer Bestandtheile, der Zellenorganismus
-d. i. der -- wie der mechanische Körper aus mechanisch verbundenen
-mechanischen, wie der chemische Körper aus chemisch verbundenen
-chemischen, so aus organisch verbundenen organischen Elementen
-bestehende -- organische Körper hervorgeht.
-
-313. Die ausgezeichnete Stellung des beharrenden Theils gegenüber dem
-wechselnden im belebten Körper äussert sich nicht blos darin, dass er
-selbst (er sei nun ein einzelnes Atom oder eine Gruppe von solchen)
-während der ganzen Dauer des organischen Körpers (Lebensdauer) immer
-derselbe bleibt, sondern auch darin, dass in ihm die Ursache enthalten
-ist, um welcher willen und durch welche nicht nur stets neuer und zwar
-zu seiner Erhaltung passender Stoff (Leibesnahrung) herbeigeschafft,
-sondern auch der Neuheit des Materiales zum Trotz die ursprüngliche
-Form (Leibesform) im Wesentlichen unverändert erhalten wird. Derselbe
-stellt daher gleichsam den beherrschenden Mittelpunkt ("die Seele")
-dar, zu welchem die Gesammtheit des übrigen den Körper jeweilig
-ausmachenden Stoffs sich als beherrschtes, zur Erhaltung des Ganzen
-verbrauchbares Material ("als Leib") verhält. Da derselbe beherrschend
-nur im Verhältniss zu dem von ihm Beherrschten, mit dem Aufhören der
-Herrschaft aber zwar Beherrschendes wie Beherrschtes nach wie vor
-vorhanden, aber nicht mehr als Herrscher und Beherrschtes vorhanden
-sind, so hört mit dem Erlöschen des organischen Bandes zwischen der
-"Seele" und dem "Leibe" des belebten Körpers d. i. mit dem Tode
-auch der bisher herrschend gewesene Bestandtheil desselben auf,
-Seele eines Leibes, wie der bisher beherrscht gewesene Bestandtheil
-desselben aufhört, Leib einer Seele zu sein; das Atom oder die
-Atome, welche bisher den bleibenden, so wie diejenigen, welche
-bisher den jeweiligen veränderlichen Bestandtheil des organischen
-Körpers ausgemacht haben, hören jedoch dadurch keineswegs auf, als
-Atome d. i. zwar aus ihrer bisherigen Verbindung ausgelöst, aber
-fähig und bereit, neue Verbindungen einzugehen, sei es wieder als
-"Seele" eines Leibes (Metempsychose) oder als Leibtheil einer Seele
-(Palingenesie), zu existiren.
-
-314. Je nachdem der organische Körper als am Orte haftend, oder
-mit der Fähigkeit begabt, denselben beliebig zu wechseln, so wie,
-je nachdem derselbe als sich oder anderes vorstellend oder überhaupt
-nicht als vorstellend gedacht wird, wird derselbe im ersten Falle,
-da die Erfahrung an der sogenannten Pflanze weder freie Bewegung,
-noch Zeichen vorstellender Thätigkeit aufweist, als pflanzenartiger,
-im zweiten Fall, da die Erfahrung am sogenannten Thiere zwar freie
-Beweglichkeit, aber (wenigstens bei den niedersten Thiergattungen)
-keine Spur von vorstellender Thätigkeit zeigt, als thierartiger, im
-dritten Fall, wenn sich nicht nur die Fähigkeit, anderes, sondern
-(wie schon bei den höheren Thiergattungen) sogar die Fähigkeit
-äussert, bis zu einem gewissen Grade sich selbst vorzustellen,
-da die Erfahrung letztere Eigenschaft (die Vorstellung des Ich)
-hauptsächlich am Menschen kennt, als menschenähnlicher bezeichnet
-werden. Mit dem Erwachen des Ich d. i. derjenigen Vorstellung, durch
-welche der belebte Körper andere, sei es belebte oder leblose Körper,
-von sich unterscheidet d. h. als Anderes als er selbst, als Nicht-Ich
-sich gegenüberstellt und dadurch sich zu diesem und dieses zu sich in
-ein Verhältniss bringt, welches je nach dem Mass seiner im Vergleich zu
-der Kraft jenes Andern und nach der Beschaffenheit seiner Bedürfnisse
-im Vergleich zu den Bedürfnissen jenes Andern zu einem überlegenen
-oder unterliegenden, zu einem freundlichen oder feindseligen, zu
-friedlichem Genuss oder zum Kampfe ums Dasein werden kann, ist das
-Reich des Bewusstlosen, des Nicht-Ich, abgeschlossen.
-
-315. Wie die Atome, so üben auch die Körper eine Wirksamkeit
-auf einander aus, welche je nach der Beschaffenheit derselben
-entweder mechanischer, chemischer oder organischer Art ist. Erstere
-äussert sich als Schwere, indem ein Körper den andern vermöge
-seiner überlegenen Masse, die zweite als Wahlverwandtschaft, indem
-ein Körper den andern vermöge seiner innigeren Verwandtschaft, die
-dritte als Geschlechtsneigung, indem ein Körper den andern in Folge
-des geschlechtlichen Gegensatzes an sich zieht. Wie durch die erstere
-eine Ablenkung des angezogenen Körpers, wenn derselbe bewegt ist, von
-seiner ursprünglichen Richtung, wenn er unbewegt ist, eine Annäherung
-an den Ort des anziehenden Körpers, in beiden Fällen jedoch, wenn
-kein anderweitiges Hinderniss, z. B. die widerstrebende Eigenbewegung
-des angezogenen Körpers, dazwischen tritt, eine Vereinigung des
-angezogenen mit dem anziehenden und dadurch eine Vergrösserung der
-Masse des letzteren herbeigeführt wird, so wird durch die zweite eine
-Auflösung der bisherigen Verbindung des angezogenen Körpers und die
-Entstehung einer neuen Verbindung durch die Verschmelzung desselben
-mit dem anziehenden veranlasst, auf dem dritten Wege aber durch
-die organische Vereinigung zweier geschlechtlich entgegengesetzten
-belebten Körper ein neues organisches Individuum auf Kosten und aus
-dem Stoffe der Zeugenden erzeugt. Jene, die mechanische Anziehung
-associirt bisher getrennte Körper zu einem neuen, welcher dieselben
-in sich begreift; die zweite trennt nicht zusammengehörige Körper, die
-vereinigt, und führt zusammengehörige zusammen, die getrennt waren; die
-dritte leitet aus bisher vereinzelt gestandenen organischen Individuen
-durch Zusammenschluss derselben ein neues, in keinem derselben für
-sich allein, aber in beiden zusammengenommen wol- und vollbegründetes
-Individuum ab. Das Wirken der ersten wie der zweiten Art bringt als
-producirende Thätigkeit zwar nicht dem Stoff, aber der Form nach neue
-Körper, die letztgenannte als reproducirende weder dem Stoff, noch der
-Form nach neue, sondern denjenigen, aus welchen sie entstanden sind,
-gleiche Körper d. h. sie bringt das in der Zeugung untergegangene
-in einem neuen Individuum wieder hervor. Während durch die erstere,
-die schaffende ("die Phantasie der physischen Welt") Thätigkeit
-der gegebene Stoff in vorher nicht gegebener Gestalt umgebildet,
-wird durch die letztere, die fortpflanzende ("das Gedächtniss der
-Materie") Thätigkeit die Spur des einmal vorhanden Gewesenen in allem
-Folgenden mehr oder minder getreu aufbewahrt und dessen Andenken
-durch dasselbe erneuert. Auf ersterem Wege bilden sich aus dem im
-Weltraum gleichmässig vertheilten Stoffe durch locale Verdichtung frei
-schwebende, sogenannte "kosmische Wolken", durch Anhäufung desselben
-um einen dichtern Kern sogenannte "Nebelflecke" und "schweifende
-Kometen"; wachsen durch Vereinigung kleinerer Weltkörper allmälig jene
-im Weltraum zerstreuten Massenkugeln heran, die andern als Central-
-und, wie es das Niederstürzen von Sternschnuppen und Meteorsteinen
-auf deren Oberfläche beweist, zum Sammelpunkte dienen. Auf dem zweiten
-Wege bildet sich jener wirthschaftliche Haushalt in der Natur, durch
-welchen die von den pflanzlichen Organismen aufgenommene Kohlensäure
-im Inneren derselben zersetzt, der Kohlenstoff zurückbehalten und der
-Sauerstoff durch die Lungen der Pflanze, die Blätter, ausgeathmet,
-von den thierischen Organismen dagegen eingeathmet und in den Lungen
-zur Oxydirung des Blutes verwendet wird. Auf dem letztgenannten
-Wege endlich werden wenigstens in den höheren pflanzlichen und
-thierischen Gattungen die unzähligen Nachkommen gezeugt, während auf
-den niederen Stufen der vegetabilischen Organismen die Fortpflanzung
-durch Keimzellen (Sporen) und Sprossen, bei den animalischen durch
-Theilung und Zerfällung der ursprünglich zu einem einzigen vereinigt
-gewesenen in mehrere selbstständige Individuen die Stelle der sexualen
-Generation vertritt.
-
-316. Wie die Atome, so sind die Körper in verschiedenen regelmässigen
-oder unregelmässigen Abständen durch den Weltraum ausgestreut, so
-dass einzelne derselben unter einander, wie die Atome zu Körpern, so
-die Körper zu Systemen und weiter diese selbst wieder zu ihrerseits
-unter sich zu einem Ganzen verknüpften Aggregaten von Systemen gehören,
-während andere keinem in sich geschlossenen Körperverband einverleibt,
-sei es aus dem Gebiet eines in das eines anderen Körpersystems
-hinüberstreifen, theils frei durch den Weltraum irren. Zu den
-ersteren gehören die Systeme einzelner Centralkörper mit ihren in
-ihren Bewegungen von ihnen abhängigen Begleitern, welche ihrerseits
-wieder von solchen begleitet sein können. Dieselben bilden im Weltmeer
-des mit Körpern erfüllten Raumes gleichsam "Weltinseln" und können
-ihrerseits mit anderen ihresgleichen zu einem "Inselmeer" d. i. zu
-einem Archipelagos von Weltsystemen vereinigt sein. Ein solches bildet
-allem Anschein nach der selbst um einen, sei es idealen, sei es realen
-(nach Mädler Alpha Herculis) Mittelpunkt gravitirende Weltring der
-sogenannten Milchstrasse, von welchem unser Sonnensystem mit seiner
-Centralsonne, seinen Planeten und Planetoiden, deren Trabanten und
-Ringen, sowie mit den theils gleichfalls ringförmig angeordneten,
-theils zerstreut rotirenden Asteroiden, Sternschnuppen und Meteormassen
-einen Bestandtheil ausmacht. Der Inbegriff sämmtlicher Weltkörper
-bildet das sichtbare Universum, das mechanisch durch das Gesetz
-der Gravitation beherrscht und chemisch, wie die Spectralanalyse
-gezeigt hat, durchgängig aus solchen Stoffen zusammengesetzt ist,
-welche auch auf oder innerhalb der Erde vorkommen. Flüssige und
-luftartige Bildungen (Meere und Atmosphären) sind auch auf von
-der Erde verschiedenen Weltkörpern beobachtet, dagegen Spuren
-organischen Lebens bisher nur auf dieser wahrgenommen worden, daher
-von vegetabilischen und animalischen, so wie von menschenähnlichen
-Bewohnern erfahrungsgemäß bisher nur auf dieser die Rede sein kann.
-
-317. Sowol die Zwischenräume zwischen den Welt-, so wie jene zwischen
-den festen und flüssigen Körpern auf der Erde sind von luftartigen
-Körpern (auf der Erde von einem aus Sauerstoff und Stickstoff,
-so wie einigem Ozon bestehenden Luftkörper, der sogenannten
-atmosphärischen Luft) ausgefüllt, deren Gegenwart auch in den
-scheinbar leeren Theilen des Weltraums durch die Widerstände, welche
-bewegte Weltkörper mittels derselben erlitten haben (z. B. durch
-die allmälige Verengung der Bahn des Enke'schen Kometen), erwiesen
-ist. Die Zwischenräume der physikalischen Atome werden, wie oben
-bemerkt, durch Atome des sogenannten Weltäthers erfüllt gedacht,
-auf dessen Zustände diejenigen Phänomene, welche sonst je specifisch
-verschiedenen sogenannten "unwägbaren" Stoffen (Imponderabilien),
-z. B. die Lichterscheinungen einem Lichtstoff, die magnetischen einem
-magnetischen Fluidum u. s. w. zugeschrieben wurden, nunmehr als auf
-deren gemeinsamen Träger zurückgeführt zu werden pflegen. Dieselben
-zerfallen in solche, bei welchen die qualitative Beschaffenheit der
-Körperatome gleichgültig, und solche für welche dieselbe bestimmend
-ist. Zu den ersteren gehören die Licht- und Wärmeerscheinungen,
-die sich deshalb (wenngleich in unzähligen Graden der Abstufung)
-zwischen und in allen Körpern des Weltalls vorfinden; zu den
-letzteren lassen sich die sogenannten, magnetischen und elektrischen
-Erscheinungen zählen, deren erstere an die Gegenwart eines bestimmten
-chemischen Stoffs (des Eisens), deren letztere an die Gegenwart und
-gegenseitige Berührung mindestens zweier qualitativ heterogener Stoffe
-(z. B. Zink und Kupfer) gebunden ist. Der Zustand des Aethers selbst
-wird als kleinste periodische Bewegung der Aetheratome (Schwingung)
-in verschiedener Menge und Richtung vorgestellt, wobei der Unterschied
-stattfindet, dass diejenigen, welche als Träger des Lichtphänomens
-angesehen werden, an der Oberfläche der Körper (mit Ausnahme der
-durchsichtigen oder durchscheinenden) stattfinden und diese daher im
-Inneren dunkel erscheinen, während diejenigen, welche die Träger des
-Wärmephänomens sind, auch im Inneren der Körper statthaben, diese
-daher je nach dem Grade derselben innerlich erhitzt oder erkältet
-erscheinen. Bei den magnetischen und elektrischen Erscheinungen lässt
-sich die Betheiligung des Aethers in der Weise verschieden denken,
-dass derselbe in dem Körper, welcher den erforderlichen Stoff,
-das Eisen enthält, an zwei entgegengesetzten Enden, den Polen,
-angehäuft erscheint, wobei die Erfahrung zeigt, dass gleichnamige
-Pole einander abstossen, während bei den elektrischen Erscheinungen
-an den zu ihrer Entstehung erforderlichen heterogenen Körpern der
-Aether an zwei einander der Richtung nach entgegengesetzten Enden (+
-und -) sich anhäuft, wobei die Erfahrung zeigt, dass entgegengesetzte
-Pole sich anziehen. Inwieweit bei den elektrischen Strömen, von
-welchen Muskelcontractionen begleitet zu werden pflegen, sowie bei
-den Erscheinungen des sogenannten thierischen Magnetismus und der
-thierischen Elektricität eben so wie bei jenen der sogenannten
-animalischen Wärme die Betheiligung des Aethers eine Rolle
-übernehme, muss um so mehr dahingestellt bleiben, als mit Ausnahme
-der elektrischen Muskelströme und der thierischen Wärme die übrigen
-sogenannten Thatsachen noch allzu sehr der empirischen Bestätigung
-bedürfen. Insofern jene dem Weltäther zugeschriebenen Phänomene,
-mit den auf die physikalischen Atome zurückgeführten Erscheinungen
-verglichen, dem der groben Masse der letzteren gegenüber verfeinerten
-Charakter ihrer materiellen Grundlage entsprechend selbst einen
-gleichsam "vergeistigten" Stempel tragen, sind sie es, welche
-durch ihre Gegensätze der Helligkeit und der Finsterniss, der
-Hitze und der Kälte, der magnetischen und elektrischen Spannung
-und Lösung der Physiognomie der physischen Körperwelt ein an die
-wechselnden Stimmungsgegensätze des menschlichen Gemüthes mahnendes
-Gepräge aufdrücken und daher als Bilder und Gleichnisse für die
-letzteren mit Vorliebe pflegen verwendet zu werden. Steigern sich
-dieselben so weit, dass sie namhafte Veränderungen in der Welt der
-physischen Körper verursachen, die Lichterscheinung als Brand, die
-Wärmeerscheinung als Explosion oder Eruption, der Magnetismus als
-magnetisches, der elektrische Strom als atmosphärisches Ungewitter
-auftritt, so nimmt deren Wesen eine an die plötzliche, aber auch
-vorübergehende Natur der von unwillkürlichen Körperbewegungen
-begleiteten Gemüthserschütterungen, der sogenannten Affecte, an und
-liefert für diese ("flammender Zorn", "leidenschaftlicher Ausbruch")
-das treffendste Gleichniss.
-
-318. Wie dem denknothwendigen das durch die Erfahrung gegebene
-Wirkliche, so steht dem denknothwendigen das empirisch gegebene
-Wirken gegenüber. Die Vorstellung des letzteren unterliegt um so mehr
-logischen Schwierigkeiten, als weder der Begriff eines Wirkens durch
-den leeren Raum, wie er durch die discrete Vertheilung der Atome
-im Raume gefordert ist, noch der Begriff eines Dinges, welches
-eins und zugleich der Träger vielfach sich ändernden Wirkens,
-noch endlich jener der Veränderung d. h. eines Dinges, welches
-anders geworden und doch dasselbe geblieben sein soll, und jener der
-unter den letztgenannten fallenden Bewegung als Ortsveränderung ohne
-schwerwiegende kritische Bedenken bleibt. Erstgenannter ficht durch die
-Einsicht in die Unmöglichkeit, dass von dem angeblich Einfachen Theile
-sich loslösen und durch einen Sprung über das Leere hinüber einem
-andern eben so Einfachen einverleibt werden könnten, streng genommen
-die Möglichkeit so wol der Anziehung wie der Abstossung und damit die
-Basis des physischen Zusammenhangs unter den Elementen der Körperwelt
-an. Die Einheit des Dinges, während dessen Wirken ein vielartiges
-sein soll, ruft den Widerspruch, wie Eins = Vielem gedacht werden
-könne, die Identität des Dinges, nachdem es ein anderes geworden,
-ruft den Widerspruch, wie Eines und dasselbe zugleich nicht dasselbe
-sein könne, wider sich hervor und nöthigt, dem ersteren durch die
-Annahme, dass das Wirken eines Dinges das Product nicht eines einzigen
-Atoms, sondern des Zusammenseins einer Gruppe mehrerer Atome sei und
-demnach, wenn die Bestandtheile dieser Gruppe verschiedene seien,
-sehr wol ein Verschiedenes nicht nur sein könne, sondern sein müsse,
-dem zweiten dagegen durch die Bemerkung zu begegnen, dass, weil jedes
-sogenannte "Ding" nur eine Gruppe von Atomen, also ein Ganzes sei,
-dasselbe durch das Ausscheiden einzelner und Eintreten anderer,
-während der Rest derselbe geblieben ist, sehr wol eine Veränderung
-erlitten und doch (in Bezug auf obigen Rest) seine Identität aufrecht
-erhalten haben könne. Bezüglich der Bewegung als Ortsveränderung
-aber gilt, dass dieselbe nur dann einen Widerspruch einschliesse,
-wenn dieselbe in dem Sinn verstanden wird, dass das Bewegliche im
-selben Zeitpunkt an einem und demselben Orte befindlich und nicht
-befindlich, keineswegs aber, wenn dieselbe so aufgefasst wird, dass das
-Bewegliche in jedem stetig auf einander folgenden Zeitpunkt in einem
-anderen Orte befindlich sei. Dieselbe setzt daher eben so nothwendig
-die Zeit als den Raum voraus und wird durch das Verhältniss des in
-einem gewissen Zeitabschnitt zurückgelegten Raumes d. i. durch die
-Geschwindigkeit gemessen.
-
-319. Das in der Zeit vor sich gehende erfahrungsmässig gegebene
-Geschehen, die Veränderung des Zustandes der Körperwelt, ist eine
-dreifache, und zwar tritt dasselbe, je nachdem entweder nur der Ort
-des Körpers, wobei dessen Form sowol als Stoff dieselben bleiben,
-oder nur die Form des Körpers, während der Stoff unberührt bleibt,
-oder schliesslich auch dieser eine Veränderung erleidet, als Orts-,
-Form- oder Stoffwechsel auf. In ersterer Hinsicht kann die Bewegung
-der Richtung nach entweder eine fortschreitende, wie bei dem Stoss
-und Wurf, oder eine in sich zurückkehrende, wie bei den rotirenden
-Weltkörpern und den Blutkörperchen im Blutkreislauf, oder eine zugleich
-fortschreitende und in sich zurückkehrende Bewegung, wie bei dem um
-die Erde sich drehenden und zugleich mit dieser um die Sonne bewegten
-Monde sein. Der Qualität nach kann dieselbe entweder eine in gleichen
-Zeitabschnitten auf gleiche Weise sich wiederholende (gleichförmige)
-oder in gleichen Zeiträumen abnehmende (retardirende) oder zunehmende
-(accelerirende) Bewegung, in ersterer Hinsicht überdies entweder
-eine am selben Ort sich gleichförmig wiederholende (schwingende),
-oder dabei zugleich im Raume fortschreitende, entweder nach der
-nämlichen, oder abwechselnd nach entgegengesetzten Richtungen von
-der Fortschrittslinie gleichförmig ausschlagende Bewegung sein: jene
-ergibt die periodische Bogen-, diese die Wellenbewegung. Hinsichtlich
-des Formenwechsels findet beim mechanischen und chemischen Körper ein
-Uebergang des festen in den flüssigen und luftartigen Zustand, oder des
-flüssigen in den festen und luftförmigen, oder des letztgenannten in
-den festen und flüssigen statt, während beim organischen die sogenannte
-Transformationslehre (Darwinismus) im Gegensatz gegen die Theorie
-von der Constanz der Arten und Gattungen es mehr als wahrscheinlich
-gemacht hat, dass nicht nur in der vegetabilischen Natur die Arten
-und Gattungen der Organismen durch allmälige Umbildung einer oder
-weniger ursprünglichen Pflanzentypen ("Urpflanze", "Metamorphose der
-Pflanze": Goethe), sondern auch in der animalischen Welt die Arten und
-Gattungen des Thierreichs durch allmälige Umbildung eines oder einiger
-ursprünglicher Thiertypen ("Bathybios", "Gastraea": Haeckel), sei es
-auf dem Wege immanenter Teleologie (Goethe), sei es auf dem natürlicher
-Zuchtwahl (Darwin), oder unwillkürlicher, reflexartiger Nachahmung
-("Mimicry": Wallace) in einander übergehen. Was den Stoffwechsel
-betrifft, so hat die Erfahrung bis heute zwar die Vermuthung,
-dass der unorganische chemische Stoff nur eine Umbildung des
-primitiven mechanischen Stoffs sei, durch die chemische Typentheorie
-wahrscheinlich zu machen, für die Behauptung aber, dass der organische
-Stoff nur eine Umbildung des unorganischen, der belebte Naturkörper
-aus leblosen, etwa durch Urzeugung (generatio æquivoca), entstanden
-sei, eben so wenig einen jeden Zweifel ausschliessenden Beweis
-durch Thatsachen zu führen vermocht, wie für die weitere, dass das
-"Phänomen der Empfindung", durch welches der (anderes und sich selbst)
-vorstellende Organismus sich von dem nicht vorstellenden, obgleich
-ebenfalls organischen Körper unterscheidet, nichts anderes als eine
-Umbildung des derselben entsprechenden "Nervenreizes" und demnach als
-psychischer oder Bewusstseinsvorgang von diesem als physiologischem
-d. i. Nervenzustand, eben so wenig wie dieser als organischer Vorgang
-von den unorganischen Vorgängen der mechanisch-chemischen Körper dem
-Wesen nach verschieden sei. Insbesondere was die letztgenannte von den
-positivistischen und materialistischen Gegnern einer weder mit Biologie
-noch mit Phrenologie und Physiologie identischen Psychologie immer
-von neuem wiederholte, aber niemals bewiesene Versicherung betrifft,
-haben ausgezeichnete Physiologen (Ludwig, Fick) ein offenes: ignoramus,
-einer der ausgezeichnetsten (Dubois-Reymond) sogar ein eben solches:
-ignorabimus ausgesprochen.
-
-320. Wie die Gesammtheit der im Weltraum vertheilten (unorganischen und
-der auf einem oder dem andern derselben anzutreffenden organischen)
-Körper in ihrer gegenseitigen physischen Zusammengehörigkeit mit
-und in ihrer Abhängigkeit von einander, so weit dieselben unserer
-Erfahrung zugänglich sind, das physische Weltall, den Kosmos, so macht
-die Gesammtheit des in und zwischen denselben in der Zeit vor sich
-gehenden Geschehens, deren periodischer und nichtperiodischer Orts-,
-Formen- und Stoffwechsel von der unmessbaren, primitiven Oscillation
-des Aethers bis zu den Umläufen der Weltkörper und dem schwankenden
-Gleichgewicht einander äquilibrirender Weltsysteme, von der Zerlegung
-des Wassertropfens durch den elektrischen Funken in seine Elemente
-bis zu den ein System von Weltkörpern erleuchtenden und erwärmenden
-Verbrennungsprocessen gasförmiger Centralsonnen, von der molecularen
-Anziehung und Abstossung primitiver Stofftheile bis zu den verwickelten
-mechanisch-chemischen Processen, welche die Erscheinung des Lebens
-und das Erwachen des Bewusstseins bedingen, herauf, so weit dasselbe
-unserer Erfahrung zugänglich ist, die Naturgeschichte der physischen
-Welt, die Geschichte des Weltalls aus.
-
-
-
-
-
-
-
-
-ZWEITES CAPITEL.
-
-DAS ICH.
-
-
-321. Wie die Erfahrung lehrt, dass es physische d. h. mechanische,
-chemische und organische, so lehrt sie auch, dass es psychische
-d. h. dass es Phänomene des Empfindens und Vorstellens, des Fühlens,
-Begehrens und Wollens gibt, aber sie lehrt keineswegs, weder dass
-physische und psychische Vorgänge identisch, noch dass sie nicht
-identisch seien. Was die Erfahrung als äussere an der Hand der
-sinnlichen Beobachtung und des durch künstliche Werkzeuge verschärften
-Experiments über die Phänomene des als vorstellend bezeichneten
-belebten Organismus zu erreichen vermag, ist (wenigstens bis zur
-Stunde) noch niemals Empfindung (psychischer Zustand) gewesen, sondern
-jedesmal, wenn auch noch so sehr verfeinerter physischer Zustand (eine
-Bewegung, ein Nervenreiz, ein Zersetzungsvorgang) geblieben. Was die
-Erfahrung als innere an der Hand der Beobachtung seiner selbst und
-Anderer und des, so weit die Natur der Sache es erlaubt, künstlich
-angestellten Versuchs blosszulegen vermochte, war noch nicht physischer
-(Bewegung, Reiz, chemischer Process), sondern ausschliesslich immer
-wieder psychischer Vorgang (elementare Sinnes- oder Muskelempfindung,
-elementares Lust- oder Schmerzgefühl, elementares Streben oder
-Verabscheuen). Sowol die Behauptung, dass Bewegung (ein extensiver
-Zustand) Empfindung, wie jene, dass Empfindung (ein intensiver Zustand)
-Bewegung sei, ist jede für sich ein unerlaubter Schritt auf Grund
-angeblicher über die Grenze gegebener Erfahrung hinaus auf ein Gebiet,
-wo nicht die (nicht vorhandene) Thatsache, sondern allein die aus
-Thatsachen gezogene denknothwendige Folgerung zu entscheiden vermag.
-
-322. Es ist nicht die Verschiedenheit beider Classen von Erscheinungen
-dem äusseren Anschein nach, welche bestritten wird, eben so wenig
-als die Gegner der Verschiedenheit organischer und unorganischer
-Körper den anscheinenden Unterschied beider zu leugnen gewillt
-sind. Aber in dem einen wie in dem andern Fall geht die Tendenz
-dahin, die allerdings anscheinende Verschiedenheit als eine blos
-scheinbare darzulegen und so wie die organischen und unorganischen
-Körper, auch physische und psychische Phänomene dem Wesen nach
-als identisch hinzustellen. Insoweit dieses Bemühen sich auf das
-angebliche wissenschaftliche Bedürfniss stützt, in der Gesammtheit
-der erfahrungsmässig gegebenen Erscheinungen Einheitlichkeit
-nachzuweisen, würde dasselbe, wenn die letztere Einheit in der
-Mannigfaltigkeit d. i. Harmonie wäre, mehr ein ästhetisches,
-also der strengen Naturwissenschaft fremdes, als ein direct
-wissenschaftliches Bedürfniss, wenn dieselbe aber vielmehr Einerleiheit
-(langweilige Monotonie, abwechselungslose Einförmigkeit), wie es
-wahrscheinlicher ist, bedeuten sollte, im Grunde gar kein Bedürfniss
-befriedigen. Insofern dasselbe einerseits die Verschiedenheit der
-Phänomene d. i. des scheinbar Wirklichen, andererseits die Identität
-des Substrats d. i. des wahrhaft Wirklichen zur Voraussetzung hat,
-widerspricht dasselbe dem denknothwendigen Axiom, dass, wie der
-Vielheit des Scheins eine Vielheit des Seins, so der qualitativen
-Mannigfaltigkeit des ersteren eine eben solche des letztern entsprechen
-müsse. Das Gleichniss Fechner's, dass Physisches und Psychisches wie
-die beiden Ansichten eines Kreisbogens sich verhalten, der von der
-Seite des Mittelpunktes aus betrachtet concav, von jener der Peripherie
-aus gesehen convex erscheint, ohne dadurch aufzuhören, ein und dasselbe
-zu sein, kann wol blenden, aber nicht beweisen. Denn eben dieses
-Herausgehen nach der entgegengesetzten Seite, um das Object von dieser
-aus ins Auge zu fassen, ist bei dem Verhältniss zwischen Physischem und
-Psychischem aus dem Grunde unmöglich, weil der Umkreis des Psychischen
-d. i. der Bewusstseinsphänomene, zu welchen auch die Sinnesempfindung
-und sinnliche Wahrnehmung gehört, auch von demjenigen Beobachter,
-der sich wie der Naturforscher auf die Seite des Physischen stellt, in
-keiner Weise überschritten werden kann. Von dem, worin der Physiker das
-Wesen des optischen oder des akustischen Phänomens erblickt, von der
-Oscillation der Aethertheilchen oder den Luftwellen ist in demjenigen,
-was der Psychologe als das Wesen der Gesichts- oder Gehörsempfindung
-ansieht, in der qualitativen Farbe oder dem eben solchen Ton, nichts
-Gleichartiges anzutreffen, noch lässt sich die Anzahl von mehr als
-vierhundert Billionen Schwingungen mit der Empfindung des Blauen oder
-jene von 32 Schallwellen in der Secunde mit jener des tiefsten hörbaren
-C-Tones der Orgel vergleichen. Physische und psychische Erscheinungen,
-als Phänomene betrachtet, sind nicht blos scheinbar, sondern wahrhaft
-verschieden und, was ihre qualitative Natur, allerdings nicht, was
-deren quantitatives Mass betrifft, schlechterdings unvergleichbar.
-
-323. Dennoch wäre es voreilig, wie der qualitative Dualismus thut,
-aus der Verschiedenheit beider Classen von Erscheinungen auf
-eine qualitative Verschiedenheit ihrer beziehungsweisen Substrate
-d. i. da das scheinbar Wirkliche auf wahrhaft Wirkliches deutet,
-auf eine zwiespältige qualitative Beschaffenheit des Wirklichen zu
-schliessen. Die Folgerung, dass, wenn die Erscheinung verschiedenartig
-sei, auch das Wesen des derselben zu Grunde liegenden Wirklichen
-ein verschiedenartiges sein müsse, hat nur dann Gewalt, wenn sie
-dazu gebraucht wird, um darzuthun, dass das in diesem Falle zu
-Grunde liegende Wirkliche nicht ein einziges, sondern ein multiplum
-von Wirklichen sein, den verschiedenen Erscheinungen demnach nicht
-ein und dasselbe, sondern bald diese, bald eine andere Gruppe von
-mehreren Wirklichen zu Grunde liegen müsse. Keineswegs aber folgt
-daraus, dass jene Wirklichen selbst nicht blos numerisch, sondern
-ihrer inneren Beschaffenheit nach unter einander verschieden
-sein d. h. dass sie etwa verschiedenen Classen von Wirklichen
-angehören müssten, so lange nicht erwiesen ist, dass die blosse
-Verschiedenheit äusserer Beschaffenheiten, wie Zahl, Lage,
-Gruppirung der Atome, nicht hinreiche, verschiedenartigen Schein
-in der Erscheinungswelt hervorzubringen. Da letzterer Erweis, wie
-das Beispiel der quantitativen Atomistik lehrt, keineswegs erbracht,
-im Gegentheil durch diese einleuchtend gemacht worden ist, wie unter
-Voraussetzung durchgängig gleicher Beschaffenheit der Atome lediglich
-durch verschiedene Zahl und räumliche Anordnung derselben verschiedene,
-ja anscheinend ganz entgegengesetzte Phänomene (wie z. B. das nach
-rechts und das nach links Drehen der Polarisationsebene) sich erklären
-lassen, so steht von dieser Seite, wie es scheint, nichts im Wege,
-auch physische und psychische Phänomene auf qualitativ gleichartiges
-Wirkliches zurückzuführen.
-
-324. Letzteres würde nur dann undenkbar sein, wenn die Qualität eines,
-mehrerer, oder aller zum erklärenden Phänomen einer-, und jene des
-denselben zu Grunde zu legenden Wirklichen andererseits einander in
-der Weise widersprächen, dass die durch die Erfahrung gewährleistete
-Thatsächlichkeit des oder der einen durch die (aus was immer für einem
-Grunde) behauptete Beschaffenheit des andern geradezu ausgeschlossen
-wird. Dieser Fall würde eintreten, wenn zum Beispiel unter den
-thatsächlichen psychischen Erscheinungen eine solche sich vorfände,
-die ihrer Natur nach nur innerhalb eines einzigen und zwar eines seiner
-Qualität nach streng einfachen Wirklichen vor sich gehen kann, während
-dagegen von anderer Seite behauptet würde, nicht nur, dass alles, was
-überhaupt als Substrat einer Erscheinung solle angesehen werden können,
-eine Verbindung mehrerer Wirklicher, eine Gruppe von solchen sein
-müsse, sondern auch, insofern dasselbe als Träger einer Erscheinung
-gelten soll, seiner Qualität nach zusammengesetzt sein müsse. In diesem
-Fall würde entweder die Thatsächlichkeit jenes Phänomens verleugnet,
-oder, wenn dies dem Zeugniss der Erfahrung gegenüber als unausführbar
-sich herausstellt, angenommen werden müssen, dass dasselbe, obgleich
-wirklich, doch ohne wirkliches Substrat, gleichsam in der Luft schwebe.
-
-325. Obiger Fall tritt ein bei dem Phänomen der sogenannten Einheit des
-Bewusstseins, der Theorie der sogenannten "Psychologie ohne Seele" und
-der Psychologie des sogenannten "Materialismus" gegenüber. Jene geht
-davon aus, dass die Natur des Phänomens der Einheit des Bewusstseins
-mit der Qualität des ihrer Ansicht nach ausschliesslich wahrhaft
-Wirklichen unverträglich und daher, da dessen Wirklichkeit nicht
-bestritten werden könne, dasselbe thatsächlich ohne reales Substrat
-sei. Letztere räumt ein, nicht nur dass obiges Phänomen thatsächlich,
-sondern auch, dass kein irgendwie wirklich vorhandenes Phänomen ohne
-irgendwie beschaffenes Wirkliches als Substrat desselben denkbar,
-behauptet aber, dass die Natur obiger Erscheinung auch mit der
-Annahme eines aus Theilen bestehenden Substrates verträglich sei. Die
-Widerlegung der ersteren müsste darauf ausgehen darzuthun, nicht nur,
-dass dasjenige Substrat, welches die "Psychologie ohne Seele" für das
-ausschliesslich Wirkliche, weil ausschliesslich mögliche ausgibt,
-weder das einzig Wirkliche, noch überhaupt ohne Selbstwiderspruch
-ein mögliches sei, sondern auch, dass eine als wirklich zugestandene
-Erscheinung weder ohne ein Wirkliches als Substrat, noch überhaupt
-ohne Substrat gedacht werden könne. Die Widerlegung der letzteren
-müsste dahin gerichtet sein, zu erweisen, dass der Versuch, die Natur
-obigen als thatsächlich anerkannten Phänomens mit der materiellen
-d. i. aus Theilen bestehenden Natur seines Substrats als verträglich
-darzustellen, illusorisch, und daher die einzige Möglichkeit,
-dessen Thatsächlichkeit begreiflich zu finden, in der Annahme eines
-"atomistischen" d. i. theillosen Trägers für dasselbe gelegen sei.
-
-320. Den Beweis zu führen, dass das wahrhaft Wirkliche seiner
-Qualität nach einfach d. i. nicht aus Theilen bestehend, dass sonach
-dasjenige Wirkliche, welches die "Psychologie ohne Seele" nicht nur,
-obgleich dasselbe, sondern wol gar, weil es zusammengesetzter Natur
-(materiell) ist, für das wahrhaft Wirkliche hält, weder ein solches
-sei noch sein könne, sondern blos den Schein eines solchen enthalte,
-hat im Obigen bereits der philosophische Realismus durch seine von
-der Erfahrung aus-, aber aus denknothwendigen Gründen über dieselbe
-hinaus gehende Wissenschaft vom Wirklichen übernommen. Derselbe hat
-aber auch zugleich dargethan, und in diesem Punkt steht, wie aus dem
-Vorigen sich ergibt, selbst die "Psychologie des Materialismus" ihm als
-Bundesgenossin zur Seite, dass auch der Schein eines Wirklichen, wenn
-er ein wirklicher d. i. thatsächlicher ist, nicht ohne ein Wirkliches
-als dessen Substrat gedacht werden könne und daher die Annahme der
-"Psychologie ohne Seele", dass der von ihr als thatsächlich anerkannte
-Schein der Einheit des Bewusstseins ohne ein solches, also buchstäblich
-ein Luftphantom sei, auf einer argen Selbsttäuschung beruhe.
-
-327. Zum Beweise für die andere d. i. für diejenige Behauptung, welche
-den thatsächlichen Schein der Einheit des Bewusstseins mit der aus
-Theilen bestehenden Natur des Trägers derselben für vereinbar hält,
-haben sich deren Vertheidiger, die Psychologen des Materialismus,
-auf ein ihrer Meinung nach zutreffendes Beispiel aus der exacten
-Naturwissenschaft, auf die in der Mechanik der Zusammensetzung der
-Kräfte fundamentale Thatsache der Resultante berufen. Dieselbe stellt
-in der That ein Wirkliches dar, welches als solches nur durch das
-Zusammenwirken anderer Wirklichen, der sogenannten Componenten zu
-Stande kommt, zugleich aber auch ein solches, das mit der Wirklichkeit
-dieser letzteren verglichen nur ein scheinbares ist d. h. nur den
-Schein selbstständiger Wirklichkeit hat, während die eigentlich
-Wirklichen, weil die eigentlich Wirkenden, die Componenten sind. Werden
-die letzteren, also ein Vielfaches, als das Substrat der Resultirenden,
-welche als solche ein Einfaches ist, vorgestellt, so scheint obige
-Thatsache anschaulich zu machen, wie die zusammengesetzte Natur
-der Grundlage eines Phänomens die einheitliche, ja sogar einfache
-Beschaffenheit des letztern nicht ausschliesse, und sonach auch die
-Möglichkeit, dass das seiner Natur nach einfache Phänomen der Einheit
-des Bewusstseins in einem zusammengesetzten, aus einer Mehrheit von
-Theilen bestehenden Substrate vor sich gehe, plausibel zu machen.
-
-328. Trifft obiges Gleichniss zu, so beweist es nichts; beweist es
-aber etwas, so beweist es das Gegentheil von dem, was nach dem Wunsche
-seiner Urheber dadurch bewiesen werden soll. Die Beweiskraft desselben
-hängt davon ab, dass dasjenige, was unter dem Namen der Resultirenden
-mit dem Phänomen der Einheit des Bewusstseins verglichen wird, wirklich
-im Sinn der Mechanik eine solche sei. Aber schon Lotze hat bemerkt,
-dass dieser sogenannten Resultanten das wichtigste Merkmal einer
-solchen, nämlich nichts geringeres fehle als der gemeinschaftliche
-Angriffspunkt, der ihr mit ihren Componenten gemeinsam sein muss. Die
-Resultirende ohne einen solchen wäre wie Schiller's Glocke, welcher,
-wie Schlegel witzig bemerkt hat, der Schwengel fehlt. Ist aber die
-Resultante eine wirkliche Resultirende d. h. hat sie mit ihren
-Componenten den Punkt des Angriffs wirklich gemein, dann stellt
-dieser Punkt eben dasjenige dar, was für das Phänomen der Einheit
-des Bewusstseins der atomistische Träger desselben darstellen soll
-d. h. obiges Gleichniss beweist, statt gegen, im Gegentheil für
-die Unentbehrlichkeit eines einfachen Wirklichen als Substrat des
-Phänomens der Einheit des Bewusstseins.
-
-329. Aus der Thatsache der Einheit des Bewusstseins folgt, dass es
-Phänomene gibt, welche als Substrats nur eines einzigen theillosen
-und untheilbaren Wirklichen bedürfen und daher mit allen denjenigen
-Phänomenen, welche zu ihrer realen Unterlage ein Aggregat von solchen
-d. i. (im physikalischen Sinne) einen (mehr oder weniger verfeinerten
-oder vergröberten) Körper voraussetzen, qualitativ schlechterdings
-unvergleichbar sind. Umgekehrt wird es erlaubt sein, anzunehmen,
-dass alle diejenigen Phänomene, welche mit letzteren unvergleichbar,
-ihrerseits dagegen mit dem Phänomen der Einheit des Selbstbewusstseins
-insofern vergleichbar seien, als sie ebenso wie dieses jedes irgendwie
-zusammengesetzte Substrat ausschliessen und im Gegensatz zu den mit
-diesem unvergleichbaren Erscheinungen einen atomistischen Träger
-als reale Unterlage bedingen. Da nun das Phänomen der Einheit
-des Bewusstseins ein psychisches ist, alle diejenigen Phänomene
-aber, welche als ihr Substrat eine materielle Grundlage erfordern,
-als physische bezeichnet werden, so folgt, dass alle mit letzteren
-unvergleichbaren Phänomene (wie Vorstellen, Fühlen, Streben und Wollen)
-als psychische dem Phänomen der Einheit des Bewusstseins gleichartig
-sein und daher ebenso wie dieses an einem theillosen Träger haften
-werden. Wird dabei vorzugsweise die Eigenthümlichkeit ins Auge
-gefasst, dass jedes zusammengesetzte d. h. aus Theilen bestehende
-Substrat ein Aussereinander der Orte dieser letzteren d. h. eine
-räumliche Ausdehnung (extensum) erheischt, während das einfache
-theillose Wirkliche eine solche ausschliesst und nur den einfachen Ort
-(mathematischen Punkt) eines einfachen Wirklichen (eines dynamischen
-Punkts oder einer punktuellen Kraft; "Monade", "Dynamide") ausfüllt,
-so können die physischen Phänomene auch extensive und müssen die
-psychischen sodann im Gegensatz dazu intensive genannt werden. Jene
-schliessen die Ausdehnung und damit die Räumlichkeit ein, diese
-dagegen zwar die Ausdehnung, keineswegs aber die Räumlichkeit aus; jene
-erfolgen als Vorgänge innerhalb eines räumlich ausgedehnten Substrats
-selbst in räumlich ausgedehnter Weise (Bewegung als Ortsveränderung,
-Anziehung, Schwingung u. s. w.), diese erfolgen als Vorgänge innerhalb
-eines zwar an einem Orte im Raume befindlichen (also nicht raumlosen
-oder unräumlichen), aber nur einen einfachen (ausdehnungslosen)
-Ort im Raume einnehmenden (also selbst ausdehnungslosen) Wirklichen
-zwar im Raume, können aber selbst eben so wenig wie das Wirkliche,
-dessen Vorgänge sie sind, räumlich ausgedehnt sein (Empfindung als
-Intensitätsveränderung, Hemmungsgefühl, Streben u. s. w.). Wie der
-Inbegriff der extensiven Phänomene die Grundlage der Physik, so bildet
-jener der intensiven die Grundlage der Psychik oder Psychologie; jener
-umfasst alle materiellen d. h. an einem materiellen Substrat haftenden
-und durch die Wechselwirkung zwischen den Elementen der Materie,
-den physikalischen Atomen, hervorgebrachten, dieser dagegen alle an
-einem atomistischen Substrat haftenden und aus der Wechselwirkung der
-elementaren Vorgänge innerhalb desselben entspringenden Erscheinungen.
-
-330. Da das einzige atomistische Substrat erfahrungsmässig gegebener
-Erscheinungen dasjenige ist, welches auf Grund des thatsächlichen
-Phänomens der Einheit des Bewusstseins als Träger nicht nur dieses,
-sondern sämmtlicher ihm gleichartiger Phänomene vorausgesetzt
-wird, so folgt, dass wie es voreilig schien, aus der qualitativen
-Verschiedenheit der physischen und psychischen Erscheinungen auf
-qualitativ verschiedene Beschaffenheit ihrer beziehungsweisen
-Substrate zu schliessen, es eben so voreilig wäre, aus den
-erfahrungsmässig gegebenen Zuständen eines atomistischen Wirklichen
-auf das Vorhandensein gleicher oder doch ähnlicher Zustände im Innern
-anderer oder gar aller atomistischen Wirklichen zu schliessen. Aus
-der denknothwendigen Folgerung, dass, was immer in einem
-atomistischen Wirklichen vor sich gehe, nur intensive und insofern
-den erfahrungsgemäss gegebenen Vorgängen des Vorstellens, Fühlens
-und Strebens ähnliche Zustände sein können, folgt keineswegs, dass,
-weil dergleichen in demjenigen Atome, welches als Träger des Phänomens
-der Einheit des Bewusstseins gilt, durch die Erfahrung gegeben sind,
-ähnliche auch in allen übrigen einfachen Wirklichen, also z. B. auch
-in denjenigen, welche als letzte reale Grundlage der physikalischen
-Materie angesehen werden, gegeben sein müssten oder thatsächlich
-seien. Jene einfachen Wirklichen, welche auf Grund thatsächlich
-erfahrener intensiver Zustände d. i. erfahrungsmässig gegebener
-psychischer Phänomene (selbst erlebter oder an Anderen beobachteter
-Vorstellungen, Gefühle, Begehrungen und Willensentschliessungen) als
-deren unentbehrliche atomistische Träger denknothwendig vorausgesetzt
-werden müssen, mögen als solche "Seelen" d. h. reale Atome heissen,
-deren eigenthümliches Wirken in der gegebenen Erfahrung unter der Form
-des Vorstellens, Fühlens, Strebens und anderer aus diesen letzteren
-abgeleiteten Zustände erscheint, deren specifische Qualität aber eben
-so wie jene aller übrigen einfachen Wirklichen, welche den Boden
-des erfahrungsmässig gegebenen Scheins der Wirklichkeit ausmachen,
-der Erkenntniss entzogen bleibt. Wie die Farbe, der Klang, die Härte
-oder Weichheit, ja wie die Körperlichkeit selbst nicht das Wesen des
-Wirklichen, sondern die Form ausmacht, unter welcher dasselbe für die
-äussere Erfahrung, so stellt die vorstellende, fühlende, strebende
-Thätigkeit, ja die Seelenhaftigkeit selbst diejenige Gestalt dar,
-unter welcher das Innere des Wirklichen für die innere Erfahrung
-erscheint; was das Wirkliche selbst, von der Erfahrung, äusserer wie
-innerer, abgesehen, an sich seiner Natur nach sei, bleibt hier wie
-dort unbekannt.
-
-331. Wie aus der einfachen Qualität des atomistischen Wirklichen,
-welches als Träger der erfahrungsmässig gegebenen psychischen
-Zustände vorausgesetzt werden muss, dessen Unveränderlichkeit,
-so folgt aus der Vielheit und Mannigfaltigkeit der zugleich und
-nach einander durch die Erfahrung gegebenen psychischen Zustände,
-als deren Träger es gilt, dessen Veränderlichkeit. Während der
-ersteren zufolge die Qualität desselben und dadurch das Wirkliche
-immer dasselbe bleibt d. h. als dasjenige Selbst, das es ist, sich
-erhält, scheint es der letzteren zufolge nicht nur im nämlichen
-Zeitaugenblick mehreres und verschiedenes zugleich, sondern in auf
-einander folgenden Zeitmomenten jeweilig ein anderes zu sein. Da jener
-Schein der Vielheit und Mannigfaltigkeit nicht entstehen könnte, wenn
-in der Einheit und Einfachheit des Wirklichen nicht dessen Anlage
-gegeben wäre, so entsteht die Frage, wie sich die letztere mit der
-ersteren, die Einheit und Einfachheit des Wirklichen mit der Vielheit
-und Mannigfaltigkeit des Scheines im Wirklichen, also die Annahme,
-dass viele und vielerlei Zustände im Wirklichen zugleich oder nach
-einander gegeben seien, mit der denknothwendigen Voraussetzung seiner
-Einheit und Einfachheit vertrage. Die Beantwortung derselben wird
-zwar erleichtert, aber nicht überflüssig gemacht durch die Bemerkung,
-dass diese mehreren zugleich gegebenen Zustände vorübergehende, also
-nicht etwa bleibende Eigenschaften des einfachen Wirklichen, sogenannte
-dauernde "Seelenvermögen" oder Seelenkräfte sein sollen, welche schon
-Herbart treffend der alten Psychologie gegenüber als "mythologische
-Wesen" bezeichnet hat; die Schwierigkeit besteht fort, wenn auch nur
-in einem einzigen Zeitmoment eine Vielheit unter einander verschiedener
-Zustände in dem einfachen Wirklichen als zugleich vorhanden vorgestellt
-und dasselbe dadurch gleichsam in vieles gespalten gedacht werden soll.
-
-332. Ein Blick auf die gegebene Erfahrung lehrt, dass dies thatsächlich
-der Fall sei. Qualitativ verschiedene Empfindungen, wie die einer
-bestimmten Farbe, eines bestimmten Wohlgeruchs u. s. w. sind in der
-sinnlichen Wahrnehmung der Rose dem Bewusstsein gleichzeitig gegeben
-und müssen sonach in dem realen atomistischen Träger desselben als
-gleichzeitig vorhandene, aber qualitativ unterschiedene Zustände
-angesehen werden. Dasselbe soll daher nicht blos wirklich, sondern
-es soll als einfache Qualität zugleich in so vielen verschiedenen
-Qualitäten wirklich sein, als qualitativ verschiedene Zustände in
-demselben als zugleich vorhanden gedacht werden sollen. Wie die
-qualitative Atomistik die Gesammtheit der körperlichen Erscheinungen
-auf eine Anzahl einfacher qualitativ unter einander verschiedener
-Stoffe zurückführt, so leitet eine derselben entsprechende empirische
-Psychologie die Gesammtheit der psychischen Erscheinungen von einer
-Anzahl einfacher, qualitativ verschiedener Elementarzustände ab,
-als dergleichen sie die sinnlichen Empfindungen, wie sie durch
-die verschiedenen Sinnesorgane gegeben sind (Gesichts-, Gehörs-,
-Geruchs-, Geschmacks- und Tastempfindungen, ferner die Temperatur-,
-die Muskelempfindungen etc.) betrachtet. Werden die letztern als
-wirklich einfach und zugleich als unter einander specifisch verschieden
-angesehen, so muss obige Schwierigkeit, wie in dem qualitativ einfachen
-Träger qualitativ verschiedene Zustände zugleich gegenwärtig sein
-können, in ganzer Schärfe hervortreten.
-
-333. Um dieselbe zu heben, hat Herbart den Ausweg der sogenannten
-"zufälligen Ansichten" ergriffen. Indem das Reale a, dessen einfache
-Qualität a sein soll, mit dem Realen b, dessen Qualität durch b
-ausgedrückt werden soll, der Qualität nach verglichen wird, zeigt sich,
-dass jede der beiden Qualitäten Bestandtheile enthalte, die sich unter
-einander wie plus und minus verhalten und daher, wenn die beiden Realen
-zusammengedacht werden, sich unter einander aufheben müssen. Da jedoch
-die einfache Qualität, als einfach, keine Theile enthalten, also auch
-keine solchen, die sich, mit einer andern Qualität verglichen, wie plus
-und minus verhalten, in sich schliessen kann, so stellt jene Auffassung
-derselben in Gedanken, laut welcher dieselbe nicht nur Theile, sondern
-einer andern Qualität entgegengesetzte Theile umfassen soll, nicht
-den wahren Inhalt der Qualität, sondern blos eine zufällige Ansicht
-derselben dar, kraft welcher gewisse Bestandtheile der Qualität des
-Realen in ihrem Zusammen mit andern aufgehoben werden sollten, aber
-nicht können, die Qualität zwar verändert werden sollte, aber nicht
-kann, weil jene aufzuhebenden Theile eben keine Theile, sondern nur in
-der zufälligen Ansicht der Qualität als solche angedichtet sind. Diese
-durch das Zusammen eines Realen mit anderen Realen demselben
-in Folge des gegensätzlichen Verhaltens seiner Qualität zu deren
-Qualitäten, von dem dieselben zusammenfassenden Denken zugemutheten,
-aber da jede einfache Qualität unveränderlich ist, niemals wirklich
-eintretenden Störungen sind es, welche Herbart "Selbsterhaltungen"
-des Realen genannt und als die einzige mit der strengen Einfachheit
-der Qualität desselben verträgliche Art des wirklichen Geschehens,
-den erfahrungsmässig gegebenen psychischen Vorgängen als metaphysische
-Grundlage untergebreitet hat. Dieselben sollen je nach der Qualität
-desjenigen Realen, welches mit dem gegebenen, um dessen Zustand es
-sich handelt, in einer zufälligen Ansicht zusammengefasst wird,
-selbst qualitativ verschieden (z. B. einmal eine Gesichts-, das
-andere Mal eine Gehörsempfindung u. dgl.), nichts desto weniger aber
-die Qualität des Realen, dessen Zustände sie sind, qualitativ immer
-dieselbe und ungespalten sein. Sie sollen ferner wirklich und doch als
-Störungen der Qualität des Realen, die zwar eintreten sollten, aber,
-weil sonst letztere und damit das Reale selbst aufgehoben würde,
-niemals eintreten können, zwar zugemuthete, aber niemals wirklich
-gewordene, also im Grunde blosse Forderungen sein, die an das Reale
-um seines Zusammen mit anderen willen vom zusammenfassenden Denken
-gestellt, aber von jenem niemals erfüllt werden. Ob Zustände der Art
-überhaupt das Recht gewähren, dieselben als wirkliches Geschehen und
-zugleich als den einzigen Anknüpfungspunkt zu bezeichnen, welchen
-das streng einfache Reale für die erfahrungsmässig gegebene vielfache
-Mannigfaltigkeit psychischer Phänomene zu bieten vermöge, ist von der
-Seite der Erfahrungspsychologie eben so vielfach bestritten, als von
-der Seite der Schule ohne durchschlagenden Erfolg vielfach vertheidigt
-worden. Angriff und Abwehr gehen von der Alternative aus, dass entweder
-das wirkliche Geschehen im Realen nicht wirklich, oder die Qualität des
-Realen nicht einfach sein könne. Jenes, weil Einfachheit der Qualität
-die Wirklichkeit qualitativer Verschiedenheit des Geschehens, dieses,
-weil die qualitative Verschiedenheit des Geschehens die Einfachheit
-der Qualität ausschliesse.
-
-334. Allerdings nur, weil und so lange das wirkliche Geschehen als
-qualitativ wirklich verschieden gedacht wird. Findet das Gegentheil
-statt d. h. wird das wirkliche Geschehen als qualitativ nicht
-verschieden d. h. seiner Qualität nach unter einander homogen und der
-Qualität des Wirklichen, dessen Geschehen es ausmacht, entsprechend
-vorgestellt, so entfällt der nicht abzustreitende Widerspruch zwischen
-der Qualität des Wirklichen, die einfach, und jener des Geschehens,
-die mannigfaltig sein soll, und damit auch der Grund, welcher die
-Wirklichkeit qualitativ verschiedenen Geschehens mit der Einfachheit
-der Qualität des Wirklichen selbst unverträglich zu machen droht. Nicht
-die Vielheit des Wirkens, sondern die gleichzeitige Vielartigkeit des
-Wirkens widerspricht der qualitativ einfachen Natur des Wirklichen;
-letztere schliesst nicht aus, dass das einfache Wirkliche zu anderen
-einfachen Wirklichen gleichzeitig anders sich verhält, wol aber
-schliesst sie aus, dass sich dasselbe zu jedem der andern als ein
-Anderes verhält.
-
-335. Wie in der Physik die quantitative Atomistik der qualitativen,
-an Stelle der qualitativ verschiedenen qualitativ gleichartige Atome
-entgegensetzt, so führt dieselbe in der Psychologie, den qualitativ
-unterschiedenen psychischen Elementarzuständen gegenüber, qualitativ
-ununterschiedene primitive psychische Vorgänge in die Betrachtung
-ein. Jene geht von der Voraussetzung aus, dass die sogenannten
-einfachen Stoffe in der Chemie, diese glaubt sich zu der Annahme
-berechtigt, dass die sogenannten einfachen Empfindungen im Bewusstsein
-nicht die ursprünglichen primitiven, sondern, die einen wie die andern,
-aus weiteren, wahrhaft letzten Elementen und zwar jene aus unter sich
-gleichartigen primitiven Körper-, diese aus gleichfalls unter einander
-homogenen primitiven Bewusstseinselementen zusammengesetzt seien. Wie
-die quantitative Atomistik in der Körperwelt, so strebt sie in der
-Bewusstseinswelt die qualitativen auf blos quantitative Unterschiede
-zurückzuführen; wie in der Chemie das Sauerstoffatom als eine Gruppe
-primitiver Atome und dadurch als verschieden vom Kohlenstoffatom,
-als einer anders geformten Gruppe derselben primitiven Atome, so
-geht sie darauf aus, in der Psychologie z. B. die Empfindung des
-Blauen als eine Gruppe primitiver Bewusstseinselemente und dadurch als
-verschieden von der Empfindung des Rothen, als einer anders geformten
-Gruppe derselben primitiven Bewusstseinselemente, hinzustellen. Das
-qualitativ specifische Atom (z. B. das Kohlenstoffatom) ist ihrer
-Auffassung zufolge eine räumlich, die qualitativ specifische Empfindung
-(z. B. die Empfindung des Roth oder die Empfindung des Tones C) eine
-zeitlich geordnete Gruppe, jene von neben-, beziehungsweise ausser
-einander im Raume gelagerten primitiven Atomen (etwa in Gestalt eines
-Würfels oder einer Kugel), diese von nach, beziehungsweise auf einander
-folgenden primitiven Bewusstseinsacten (etwa Billionen derselben für
-die Empfindung des Roth, 32 derselben für den Ton des tiefen C).
-
-336. Wie diese Ansicht in der Physik durch die Entdeckung der
-typischen Körper und die chemische Typentheorie, so hat dieselbe
-in der Psychologie durch die Entdeckung von Helmholtz, dass unsere
-vermeintlich einfachen Tonempfindungen zusammengesetzter Natur seien,
-eine Bestärkung erhalten. Jene hat es wahrscheinlich gemacht, dass
-die bis jetzt für einfach gehaltenen chemischen Stoffe sich in weitere
-zerlegen lassen und deren Analysen schliesslich zu der Annahme eines
-Grundstoffs führen werden; diese lässt die Vermuthung zu, dass,
-wie die Ton-, so auch die Empfindungen anderer Sinnesorgane sich
-als zusammengesetzt und schliesslich als quantitative Combinationen
-einer und derselben Grundempfindung erweisen werden. Mehr als jene
-Wahrscheinlichkeit und diese Vermuthung auszusprechen, lässt weder
-der gegenwärtige Stand der äussern noch jener der innern Erfahrung
-zu, obgleich nicht geleugnet werden kann, dass die quantitative
-Atomistik, wie sie der Erfahrung über die Körperwelt sich am bequemsten
-anschmiegt, so auch einer consequenten Betrachtung der Bewusstseinswelt
-Vortheile in Aussicht stellt.
-
-337. Einer und zwar nicht der geringste besteht darin, dass
-durch die Zurückführung der vermeintlich specifisch verschiedenen
-elementaren Bewusstseinsvorgänge auf ursprünglich gleichartige
-die schwer empfundene Unvergleichbarkeit physischer Vorgänge, wie
-es die Nervenreize, und psychischer, wie es die unmittelbar durch
-dieselben ausgelösten und auf dieselben bezüglichen Empfindungen
-sind, auf das geringste denkbare Mass herabgesetzt wird. Werden,
-wie längst in der physischen, so nun auch in der psychischen Welt
-die Verschiedenheiten sämmtlicher Phänomene auf rein quantitative
-Bestimmungen zurückgeführt, so steht nichts im Wege, die quantitativen
-Bestimmungen der physischen jenen der correspondirenden psychischen
-Vorgänge als gleich oder doch (wie das Weber-Fechner'sche Gesetz in
-einem einzelnen Falle versucht hat) als irgendwie proportional zu
-denken und dadurch die Unvergleichbarkeit beider auf die allerdings
-durch nichts zu beseitigende Unvergleichbarkeit des ursprünglichen
-physischen (der als solcher ein extensiver) und des gleichfalls
-ursprünglichen psychischen Vorgangs (der als solcher ein intensiver
-ist) zu beschränken. Stellt der Gehirn- oder Nervenvorgang, welcher
-die nächste Voraussetzung der Empfindung bildet, in der Reihe der
-sich stufenförmig über einander erhebenden physischen Vorgänge des
-mechanischen, chemischen und organischen Geschehens das oberste,
-so stellt die unmittelbar, obgleich unvergleichbar an jene sich
-anschliessende, primitive Empfindung in der Reihe der sich stufenweise
-über einander erhebenden Formen des psychischen Geschehens das unterste
-oder Anfangsglied dar, aus welchem, wie dort aus der Wechselwirkung
-der kleinsten Körpertheilchen (physikalische Atome, Molecüle) alle
-höheren physischen, so durch Umbildung und Wechselwirkung alle höheren
-psychischen Bildungen sich entwickeln.
-
-338. Für die primitive Empfindung d. i. für den dem elementaren
-Vorgang im Nervenreiz entsprechenden elementaren Vorgang im Bewusstsein
-hat Lotze den Ausdruck "ictus" geprägt. Derselbe macht anschaulich,
-dass die Wirkung eines kleinsten extensiven Vorgangs, z. B. einer
-einzelnen Aetherschwingung, ein kleinster intensiver Vorgang, die einer
-solchen entsprechende und daher im Innern so oft sich wiederholende
-Empfindung sein kann, als der sie veranlassende physische Vorgang,
-die Aetherschwingung, im äussern sich wiederholt. Wie die Empfindung
-selbst von der veranlassenden Schwingung, so hängt die Zahl der sich
-wiederholenden gleichen Empfindungen von der Zahl sich wiederholender
-gleicher Schwingungen ab, und wie durch die letztere in den Augen
-des Physikers der specifische Charakter des physischen Phänomens
-(z. B. durch die Zahl von 745 Billionen Schwingungen in der Secunde
-jener des rothen Lichtes), so erscheint durch die Zahl der sich
-wiederholenden primitiven Empfindungen der specifische Charakter des
-psychischen Phänomens (in obigem Fall der Empfindung des Rothen)
-in den Augen des Psychologen gegeben. Die Zahl der Schwingungen
-innerhalb einer bestimmten Zeiteinheit drückt für den Physiker das
-Quale, die Grösse der Schwingung (amplitude) die dynamische Intensität
-des Physischen (z. B. der Farbe) aus; eben so stellt in den Augen
-des Psychologen die Zahl der innerhalb derselben Zeiteinheit sich
-wiederholenden primitiven Empfindungen das Quale, die Stärke des
-einzelnen ictus durch ihr multiplum die dynamische Intensität des
-psychischen Phänomens (z. B. der Gesichtsempfindung des Rothen)
-dar. Die quantitative Bestimmung dort (das Vielfache der Schwingungen)
-und die quantitative Bestimmung hier (das Vielfache der primitiven
-Empfindungen) lassen, vorausgesetzt dass die Zeiteinheit dieselbe
-sei (z. B. die Secunde), der Unvergleichbarkeit der beiderseitigen
-Quales (der Schwingung einer- und des ictus anderseits) ungeachtet,
-eine Vergleichung der beiderseitigen Quanta zu und gestatten die eine
-durch die andre zu messen.
-
-339. Dieselbe Voraussetzung macht es aber auch möglich, nicht
-nur das Verhältniss der primitiven Empfindungen selbst, sondern
-auch das aller aus denselben abgeleiteten psychischen Phänomene,
-ähnlich wie das Verhalten der körperlichen Elemente und aller daraus
-abgeleiteten physischen Phänomene, mit Rücksicht auf die in denselben
-enthaltenen quantitativen Bestimmungen und deren Relationen zu einander
-einer mathematischen Behandlung zu unterwerfen. Wie die Atome der
-Körperwelt sich als Kräfte betrachten lassen, die im Verhältniss
-ihrer Stärke anziehend oder abstossend auf einander wirken,
-so lassen die primitiven Empfindungen mit Rücksicht auf den Grad
-ihnen eigener Intensität als Kräfte sich ansehen, welche sich unter
-Voraussetzung gleichartiger Richtung verstärken, unter Voraussetzung
-entgegengesetzter ganz oder theilweise hemmen werden. Die exacte
-Naturwissenschaft trachtet die gesammten Erscheinungen der körperlichen
-Welt, auch die verwickeltesten, die sogenannten Lebenserscheinungen,
-nicht ausgeschlossen, in ihrem letzten Grunde auf Annäherungen und
-Entfernungen der kleinsten Theilchen der körperlichen Masse (der
-Molecüle und physikalischen Atome) nach statischen und mechanischen
-Gesetzen zurückzuführen; eine exacte Psychologie wird das gleiche Ziel,
-die Reduction der gesammten Bewusstseinserscheinungen auf gegenseitige
-Verstärkung oder Hemmung der primitiven Bewusstseinserscheinungen
-("Bewusstseins-Atome") nach statischen und mechanischen Gesetzen vor
-Augen haben.
-
-340. Wie die Gesammtheit der physikalischen Atome den Stoff der
-Körper-, so bildet die Gesammtheit primitiver Bewusstseinsvorgänge
-den Stoff der Welt des individuellen Bewusstseins. Wie jene
-erfahrungsgemäss eine begrenzte d. h. so weit reichende ist, als nach
-unserer Erfahrung das physische Band reicht, welches als Gravitation
-die Elemente der Materie zusammenhält, so ist die Menge des psychischen
-Materiales erfahrungsgemäss für jedes individuelle Bewusstsein
-eine begrenzte, deren Beginn mit dem Zeitpunkt des erwachenden
-(Geburt), deren Ende mit jenem des erlöschenden Bewusstseins
-(Tod) des Individuums zusammenfällt. Jene wie diese stellt ein
-Stoffquantum dar, das sich weder vermehren noch vermindern lässt,
-dessen Form jedoch im Laufe der Zeit, und zwar die des physischen
-Stoffs während der Dauer des sichtbaren Universums, die des primitiven
-Bewusstseinsmaterials während der Dauer des psychischen Individuums,
-Aenderungen in ununterbrochener Folge erfahren kann und, wie die
-Erfahrung, die äussere durch Beobachtung der Entwickelungsgeschichte
-des Weltalls, die innere durch Beobachtung der Processe im Bewusstsein
-des Individuums, zeigt, thatsächlich erfährt. So wenig jemals dem
-Begriff unbedingten Gesetztseins entsprechend das Denken ein Sein
-d. h. Realität hervorzubringen vermag, so wenig vermag der atomistische
-Träger des Bewusstseins auch nur eine einzige primitive Empfindung aus
-sich selbst d. i. ohne durch anderes Wirkliche gegebene Veranlassung
-zu erzeugen. So gewiss das Wirkliche als unbedingt Gesetztes durch
-das Denken zwar als solches anerkannt, aber nicht aufgehoben zu werden
-vermag, so gewiss kann ein einmal stattgehabtes wirkliches Geschehen
-(eine primitive Empfindung im Bewusstsein) durch Verleugnung von
-Seite des Wirklichen, in dem es geschehen ist, zwar verdunkelt,
-aber niemals ungeschehen gemacht werden.
-
-341. Wie die Totalität des körperlichen Stoffs und aller daraus
-näher oder entfernter sich entwickelnden Erscheinungen den Inhalt des
-räumlich und zeitlich ausgedehnten Weltalls, so bildet die Gesammtheit
-des Bewusstseinsmaterials und aller näher oder entfernter daraus
-abgeleiteten Bewusstseinsphänomene den Inhalt des nicht räumlich,
-wol aber zeitlich ausgedehnten Bewusstseins. Jenes besitzt obige
-Eigenschaft, weil dessen Bestandtheile nicht nur ausser einander,
-sondern auch nach einander, dieses nur die letztere, weil dessen
-Bestandtheile zwar nicht blos nach einander, sondern auch mit einander,
-in dieser letzteren Eigenschaft aber niemals ausser einander sein
-können. Letzteres nicht, weil das atomistische Wirkliche, dessen
-Zustände sie sind, keinen Raum darbietet für eine gleichzeitige
-"itio in partes". So gut die gleichzeitig existirenden Elemente des
-körperlichen Stoffs ihres räumlichen Aussereinander ungeachtet durch
-das physische Band, das sie an einander fesselt, gezwungen sind, als
-Theile desselben physischen Weltalls mit einander in Zusammenhang
-zu bleiben, so gut sind die gleichzeitig vorhandenen Elemente des
-individuellen Bewusstseins durch die atomistische Beschaffenheit ihres
-gemeinsamen Trägers gezwungen, als Theile desselben Bewusstseins
-unter einander in realen Zusammenhang zu treten. So wenig ein
-Weltkörper, durch das Band der Schwere gehalten, aus dem sichtbaren
-Universum und seinem Verband mit anderen Weltkörpern sich entfernen,
-so wenig kann irgend ein Bestandtheil des Bewusstseins der Berührung
-mit den gleichzeitig mit ihm in demselben Bewusstsein vorhandenen
-Bestandtheilen ausweichen. Derselbe ist, wohl oder übel, gezwungen,
-sich mit denselben, sei es feindlich oder freundlich, in Contact
-zu setzen.
-
-342. Letztere Nöthigung enthält den Grund der sogenannten
-Ideenassociation d. i. der Vergesellschaftung der gleichzeitig
-in demselben Bewusstsein vorhandenen Phänomene. Derselbe ist ein
-"mechanischer", demjenigen vergleichbar, dessen Wirkung wie durch
-einen Druck von aussen auf mittels desselben zusammengehaltene Körper
-ausgeübt wird, und steht so wenig, wie dieser zu der qualitativen
-Beschaffenheit der Körper, zu der qualitativen Beschaffenheit der
-associirten Phänomene in Beziehung. Nicht der Umstand, dass sie dem
-Inhalt nach ähnlich oder unähnlich, sondern allein die Thatsache,
-dass sie gleichzeitig Bestandtheile desselben Bewusstseins sind,
-knüpft die Erscheinungen an einander und dehnt ihre Wirksamkeit
-nachhaltig auch auf solche Bestandtheile des Bewusstseins aus,
-welche nicht ganz, sondern nur theilweise mit den eben im Bewusstsein
-anwesenden Erscheinungen gleichzeitig sind. Letzteres macht erklärlich,
-warum in demselben Bewusstsein auf einander folgende Erscheinungen,
-vorausgesetzt dass dieselben schon einzutreten angefangen haben, bevor
-die gegenwärtigen gänzlich geschwunden sind, sich mit den letzteren
-gleichfalls und, wenn obige Voraussetzung sich erfüllt, alle einander
-succedirenden Bewusstseinsphänomene sich unter einander associiren.
-
-343. Treten daher gewisse Bewusstseinsphänomene (z. B. primitive
-Empfindungen) thatsächlich zugleich oder in der Weise nach einander
-ins Bewusstsein ein, dass die vorangehende noch fortdauert, wenn
-die folgende schon eintritt, so müssen sich dieselben unter einander
-verbinden, und zwar desto inniger, je öfter das gleichzeitige oder
-successive Eintreten derselben sich wiederholt. Sind nun Gründe
-vorhanden, welche bewirken, dass gewisse Phänomene niemals anders als
-gleichzeitig oder in derselben Ordnung nach einander ins Bewusstsein
-eintreten können, so muss diese Nöthigung, sich unter einander
-zu verbinden, zuletzt eine so unwiderstehliche werden, dass jene
-Phänomene schlechterdings nicht mehr ohne einander gedacht d. h. dass
-dieselben nur als ein zusammengehöriges Ganzes d. i. als Aggregat
-von Bewusstseinsphänomenen gedacht werden können, dessen Theile zwar
-eben so wenig wie die des mechanischen Körpers durch Gleichartigkeit
-oder Gegensatz unter einander verwandt sein müssen, aber eben so wie
-diese durch mechanischen Druck und Cohäsion, so durch den Zwang der
-Simultaneität oder Succession mit einander verbunden sind.
-
-344. Aggregate dieser Art sind von Herbart "Complicationen" genannt
-worden. Das Charakteristische derselben liegt darin, dass die
-Beschaffenheit des Inhalts des Verbundenen gleichgiltig, der Grund
-der Verbindung einzig die Gleichzeitigkeit oder Aufeinanderfolge
-des Verknüpften ist. Daraus folgt, dass auf diesem Wege eben so
-gut verwandte, als gänzlich disparate Bewusstseinsphänomene zur
-Verbindung gelangen, und nicht nur Heterogenes, sondern selbst
-Widersprechendes durch die blosse Thatsache der Gleichzeitigkeit oder
-der Succession zu einem (im letzteren Falle sogar widerspruchsvollen)
-Ganzen zusammengewürfelt und durch den Zwang der Ideenassociation
-zusammengeschweisst werden kann. So wenig der nur mechanisch
-zusammengesetzte physische Körper aus qualitativ gleichartigen
-Elementen, so wenig braucht die Complication aus solchen zu bestehen;
-so gewiss aber vom Standpunkt der quantitativen Atomistik aus der
-chemisch einfache Körper (z. B. das Sauerstoffatom), da derselbe nichts
-weiter als eine eigenartig geformte Gruppe primitiver physikalischer
-Atome ist, nichts anderes als ein blosses Aggregat sein kann,
-weil bei dessen Zusammensetzung die Qualität seiner Bestandtheile
-noch keine Rolle spielt, so gewiss kann die im Sinne der bisherigen
-Psychologie einfach genannte Empfindung (z. B. die Empfindung Roth
-oder Ton C), wenn dieselbe nichts weiter als eine eigenartige Gruppe
-primitiver Bewusstseinsacte (ictus) sein soll, nichts anderes sein,
-als eine Complication, weil bei derselben von einer Rücksicht auf
-qualitative Beschaffenheit ihrer primitiven Elemente keine Rede sein
-kann. Das Sauerstoffatom stellt in diesem Fall unter den möglichen
-Gruppirungen, welche physikalische Atome überhaupt einnehmen können,
-eine solche dar, welche thatsächlich gegeben und von der äusseren
-Erfahrung unter dem Namen des Sauerstoffes fixirt worden ist;
-eben so möchte die vermeintlich einfache Empfindung des Rothen eine
-Complication primitiver Bewusstseinsacte ausdrücken, welche unter den
-zahllosen möglichen Combinationen primitiver Bewusstseinselemente
-thatsächlich gegeben und von der inneren Erfahrung durch den Namen
-des Roth-Empfindens vor andern ihrer Gattung ausgezeichnet worden ist.
-
-345. Qualitativ verschiedene Empfindungen der Art (Farbenempfindungen
-wie Roth, Blau, Grün; Tonempfindungen wie Violinton g, h;
-Geruchsempfindungen wie Rosengeruch, Veilchengeruch etc.),
-welche selbst schon Complicationen primitiver Bewusstseinsacte
-sind, verhalten sich zu diesen letzteren, wie sich die qualitativ
-verschiedenen sogenannten einfachen chemischen Stoffe (Sauerstoffatom,
-Kohlenstoffatom) als Gruppen ursprünglicher Molecüle zu diesen
-letzteren selbst verhalten. Dieselben nehmen die nach den primitiven
-Bewusstseinsacten nächste Stufe unter den Bildungen des Bewusstseins,
-wie die chemischen einfachen Stoffe die nach den physikalischen
-Atomen nächste Stufe unter den Körperbildungen des Naturlebens ein
-und können, wie diese letzteren zu "Gemengen" einfacher Stoffe (wie
-die atmosphärische Luft ein solches von Sauerstoff und Stickstoff
-darstellt), so zu neuen Complicationen, sei es gleichartiger, sei es
-ungleichartiger Empfindungen sich verbinden. Wie aus der Verbindung
-chemisch gleichartiger Atome ein homogener Körper, so entsteht aus der
-Verbindung gleichartiger Empfindungen, z. B. durchgehends Empfindungen
-rothen Lichts, eine homogene, wie aus der Verbindung ungleichartiger
-Atome ein chemisches Stoffgemenge, so aus der Verknüpfung heterogener
-Empfindungen eine heterogene Complication. Complicationen dieser
-Art, die also eben so bereits fertige Empfindungen, wie diese
-letzteren primitive Bewusstseinsacte zur Voraussetzung haben, sind
-die sogenannten Anschauungen, die als solche entweder reine d. h. aus
-durchaus homogenen, oder gemischte d. i. aus heterogenen Empfindungen
-zusammengesetzt sind. Von jener Art ist die Anschauung des Rothen,
-von dieser die Anschauung z. B. des Goldes. Jene entsteht dadurch, dass
-vermöge der flächenförmigen Ausbreitung des Sehnervs als Netzhaut auf
-der Oberfläche des kugelförmigen Augapfels bei der Einwirkung rothen
-Lichts auf denselben niemals eine vereinzelte Empfindung des Rothen,
-sondern stets, da mehrere Punkte der Netzhaut zugleich von rothem
-Licht getroffen werden, eine Summe von Roth-Empfindungen d. h. eine
-durch Gleichzeitigkeit verknüpfte Complication unter einander homogener
-Empfindungen zum Vorschein kommen muss. Diese entsteht dadurch, dass
-mehrere unter einander verschiedene Sinne durch das angeschaute Object
-zugleich, jeder in seiner Weise, der Sehnerv z. B. durch den Glanz und
-die gelbe Farbe des Goldes, der Hörnerv durch dessen Metallklang, der
-Tastnerv durch dessen Glätte und Kälte u. s. w. in Erregung versetzt
-werden und so eine Gruppe heterogener Empfindungen gebildet wird, die
-unter einander durch Gleichzeitigkeit verknüpft und als Complication
-mit dem gemeinsamen Namen des Goldes belegt werden.
-
-346. Wie chemisch disparate Körperbestandtheile, die zu einander
-keinerlei Affinität besitzen und lediglich durch mechanischen Druck
-zusammengehalten werden, in ihrem Verbande beharren, aber auch nur so
-lange beharren, als jener währt, chemisch verwandte Körperbestandtheile
-aber in Folge dieser Verwandtschaft eine viel innigere, und zwar so
-weit gehende Verbindung unter einander eingehen, dass dieselbe nicht
-wieder auf mechanischem, sondern nur auf chemischem Wege in Folge
-stärkerer Verwandtschaft mit einem anderen Körper gelöst werden kann:
-so bleiben reine Anschauungen, deren Bestandtheile homogen, also
-dem Inhalt nach unter einander verwandt sind, auf dem Niveau einer
-durch blosse Gleichzeitigkeit verknüpften Complication nicht stehen,
-sondern gehen deren Elemente in Folge ihrer Homogeneität unter einander
-allmälig eine viel innigere Verbindung ein, während die gemischten
-Anschauungen, deren Elemente unter einander disparat d. h. dem Inhalt
-nach gegen einander indifferent sind, fortfahren, ausschliesslich
-durch das Band blosser Gleichzeitigkeit vereinigt zu sein. Jene
-innigere Verbindung homogener Empfindungen, welche im Gegensatz zu
-der durch Gleichzeitigkeit erzeugten, durch deren Gleichartigkeit
-hervorgebracht wird, ist von Herbart treffend "Verschmelzung" genannt
-und dadurch von der blossen Complication in ähnlicher Weise wie die
-chemische Verbindung von der mechanischen unterschieden worden. Das
-Charakteristische derselben liegt darin, dass sie wol auf Veranlassung
-des gleichzeitigen Vorhandenseins homogener Bewusstseinsvorgänge, aber
-nicht durch diese Gleichzeitigkeit entsteht d. h. dass die gleichzeitig
-gegebenen gleichartigen Empfindungen zwar nicht verschmelzen könnten,
-wenn sie nicht gleichzeitig wären, jedoch nicht verschmelzen, weil
-sie gleichzeitig, sondern weil sie gleichartig sind.
-
-347. Wie mit der Einführung des qualitativen Unterschieds der
-körperlichen Elemente ein neuer Gesichtspunkt in der Betrachtung
-der physischen Welt eröffnet und damit eine neue Stufe im Aufbau
-des Naturlebens erreicht wird, so treten mit der Berücksichtigung
-des qualitativen Unterschieds der Bewusstseinselemente nicht nur die
-einzelnen psychischen Bildungen, sondern auch deren Beziehungen zu,
-unter und auf einander in eine neue Beleuchtung. Wurden dieselben
-bis dahin nur auf die Thatsache hin angesehen, dass sie entweder
-gleichzeitig oder nach einander ins Bewusstsein eintraten und in
-Folge dessen, wie sie sonst immer beschaffen sein mochten, sich unter
-einander associiren mussten, so werden dieselben von nun an eben so
-ausschliesslich ihrer Verwandtschaft d. h. der ganzen oder theilweisen
-Identität oder dem Gegensatz ihres Inhalts nach ins Auge gefasst,
-in Folge deren sie, wenn sie einmal gleichzeitig oder successiv im
-Bewusstsein vorhanden sind, unvermeidlich mit einander in Contact
-treten müssen. Je nachdem jener Inhalt beschaffen, entweder ganz oder
-theilweise derselbe oder ein ganz oder theilweise entgegengesetzter
-ist, wird die Berührung der im Bewusstsein gleichzeitig vorhandenen
-Vorgänge, welche einander in Folge der atomistischen Beschaffenheit
-ihres gemeinsamen Trägers nicht auszuweichen vermögen, freundlich
-oder feindlich sein d. h. dieselben werden sich im ersten Fall unter
-einander verstärken d. h. mit einander verschmelzen, im zweiten Fall
-unter einander schwächen d. h. einander gegenseitig hemmen. Jener
-Vorgang entspricht der chemischen Anziehung zwischen qualitativ
-gleichen, dieser dem Kampf zwischen qualitativ ungleichen Körpern,
-von welchen der eine Bestandtheile enthält, welche zu dem andern
-eine grössere Verwandtschaft besitzen als zu ihm selbst d. h. zu
-ihm selbst im innerlichen Gegensatze stehen. Wie jene zu der
-Verschmelzung der gleichen Körper, so führt dieser zur Ausscheidung
-des Entgegengesetzten, worauf die zurückgebliebenen, nunmehr nicht
-mehr gegensätzlichen Bestandtheile sich mit einander vereinigen.
-
-348. Wie bei der Nichtberücksichtigung der qualitativen Beschaffenheit
-des zu Verknüpfenden eine Association auf Grund der Gleichzeitigkeit
-oder Succession, so findet bei Berücksichtigung derselben zwar
-gleichfalls Association, aber in Folge der Gleichartigkeit oder des
-Gegensatzes des zu Verknüpfenden statt. Zwar lässt sich die letztere
-auf die erstere zurückführen, insofern Bewusstseinsphänomene, die
-ihrem Inhalt nach identisch sind, als gleichzeitige deshalb sich
-ansehen lassen, weil, wenn ihr Inhalt einmal gegeben ist, derselbe in
-diesem Fall als der nämliche gegeben ist, welcher in allen folgenden
-Fällen wiederkehrt. Allein, da jede Wiederholung desselben Inhalts
-nichts desto weniger ein von der ursprünglichen Vorstellung desselben
-verschiedener Act des Bewusstseins, also in diesem Betracht ein neues
-Bewusstseinsphänomen und demnach mit jenem keineswegs gleichzeitig ist,
-so kann der Grund der Verbindung beider demungeachtet nicht in deren
-(nicht vorhandener) Gleichzeitigkeit, sondern muss in der (ganzen oder
-theilweisen) Identität ihres Inhalts gesucht werden. Die Association
-durch Gleichzeitigkeit, durch welche gleichsam "mechanische", und die
-Association durch Gleichartigkeit, durch welche gleichsam "chemische"
-Verbindungen zwischen Bewusstseinsvorgängen zu Stande kommen, ist
-daher wesentlich verschieden.
-
-349. Wie in der reinen Anschauung d. i. in der homogenen Complication
-homogene Empfindungen, so werden in dem durch Verschmelzung
-entstandenen Bewusstseinsgebilde homogene, sei es reine, sei es
-gemischte Anschauungen unter einander verbunden. Da dieselben homogen
-d. h. ihrem Inhalt nach gleichartig sind, so verstärken sie einander,
-so dass das neu entstehende Bewusstseinsgebilde in seiner Intensität
-die Intensitäten aller derjenigen Anschauungen vereint, aus deren
-Verschmelzung unter einander es erwachsen ist. Von dieser Art sind die
-sogenannten sinnlichen Vorstellungen, welche als solche kein primitives
-Bewusstseinsgebilde, sondern erst auf Grund und durch Verschmelzung
-zahlreicher einzelner, unter einander gleichartiger Anschauungen
-allmälig geworden sind. Auf diesem Wege sucht der sogenannte
-Anschauungsunterricht durch künstliche Veranstaltungen, welche
-die wiederholte Vorführung gleicher Anschauungen durch Vorzeigung
-des nämlichen Gegenstandes bezwecken, sinnliche Vorstellungen von
-bedeutender Intensität zu erzeugen. Dieselbe stellt daher gleichsam
-die Summe derjenigen homogenen Einzelanschauungen dar, aus denen sie
-erwachsen, oder welche vielmehr in ihr zu einem Ganzen verwachsen
-ist, zugleich aber auch einen Kern, durch dessen überlegen gewordene
-Intensität jede im Verlauf des Bewusstseinsprocesses in denselben
-eintretende homogene Anschauung herangezogen und mit welchem dieselbe
-sofort, denselben neuerdings verstärkend, verschmolzen wird. Da
-die Stärke auf diesem Wege gebildeter sinnlicher Vorstellungen mit
-der Menge der Anschauungen, welche deren Unterlage im Bewusstsein
-ausmachen, sich fortwährend steigert, so erklärt es sich, dass
-solche, die aus den Anschauungen der Umgebung (z. B. der Heimat),
-also aus den natürlicher Weise häufigsten entstanden sind, die
-relativ grösste Stärke besitzen müssen und daher im Bewusstsein
-am längsten und dauerhaftesten sich festsetzen, aber auch auf die
-weiteren ihrerseits aus sinnlichen Vorstellungen auf was immer für
-einem Wege abgeleiteten Bewusstseinsbildungen (z. B. Begriffe) den
-grössten Einfluss üben müssen.
-
-350. Wenn die sinnliche Vorstellung durch die Verschmelzung homogener
-Anschauungen entsteht, so leuchtet ein, dass, wenn diejenigen
-Anschauungen, welche die Unterlage einer gewissen sinnlichen
-Vorstellung ausmachen, zwar unter einander homogen, aber zugleich
-einem gewissen Kreise von Anschauungen, welcher seinerseits einer
-sinnlichen Vorstellung als Basis dient, heterogen sind, auch die
-durch die Verschmelzung der ersteren und die durch die Verschmelzung
-der letzteren entstehende sinnliche Vorstellung unter einander
-heterogen sein müssen. Dieselben werden je nach der Beschaffenheit
-der Anschauungskreise, aus welchen sie erwachsen sind, unter einander
-entweder gänzlich disparat, oder ihrer Heterogeneität ungeachtet mehr
-oder minder unter einander verwandt d. h. ihrem Inhalt nach theilweise
-identisch, theilweise entgegengesetzt d. h. zum Theil aus gleichen,
-zum Theil aus entgegengesetzten Elementen zusammengesetzt sein. Findet
-das erstere statt, so werden dieselben, wenn sie gleichzeitig oder
-nach einander im Bewusstsein vorhanden sind, sich zu einer Complication
-höherer Ordnung, d. i. zu einer solchen verbinden, deren Bestandtheile
-im Gegensatz zu den früher erwähnten niederer Gattung weder blosse
-primitive Bewusstseinsacte, noch Empfindungen oder Anschauungen,
-sondern selbst schon sinnliche Vorstellungen, also Gebilde höherer
-Art sind. In letzterem Falle dagegen werden dieselben unter
-einander, so gut es geht, sich zu verschmelzen trachten, wobei die
-identischen Bestandtheile in beiden die Verschmelzung begünstigen, die
-entgegengesetzten in beiden dagegen dieselbe mehr oder minder vereiteln
-werden. Dadurch wird ein Bewusstseinsgebilde zum Vorschein kommen,
-in welchem ein Theil völlig verschmolzen d. h. eins, der andere Theil
-dagegen der Verschmelzung widerstrebend d. h. in Spannung begriffen
-ist. Jener setzt sich aus den in sämmtlichen sinnlichen Vorstellungen,
-aus welchen das neue Gebilde erwachsen ist, identischen, dieser dagegen
-aus den in sämmtlichen obigen sinnlichen Vorstellungen von einander
-abweichenden d. h. sich unter einander ausschließenden Bestandtheilen
-zusammen; jener, der die Intensität sämmtlicher jenen sinnlichen
-Vorstellungen gemeinsamen Bestandtheile in sich vereinigt, besitzt
-eine vergleichsweise überlegene, die widerstrebenden Bestandtheile
-gleichsam "wider Willen" festhaltende Kraft; dieser, dessen einzelne
-Bestandtheile sich unter einander ausschliessen d. h. trennen
-möchten, aber nicht können, weil sie mit den identischen zu einem
-Ganzen vereinigt sind, stellt einen Zustand in sich gespannter,
-einander gegenseitig hemmender, aber nicht vernichtender, relativ
-schwacher Kräfte dar, welche gegenüber der gesammelten Intensität der
-in dem bleibenden Bestandtheil verschmolzenen identischen Elemente
-gleichsam verschwinden. Das so entstandene Bewusstseinsgebilde, das
-zu seinem Inhalt die sämmtlichen sinnlichen, unter einander verwandten
-Vorstellungen, aus denen es entstanden ist, gemeinsamen Bestandtheile,
-zu seinem Umfang d. i. zu seiner Grundlage im Bewusstsein aber die
-Summe dieser sinnlichen Vorstellungen, aus denen es entstanden ist,
-selbst hat, ist das sogenannte Gemeinbild oder im psychologischen
-Sinne der Begriff.
-
-351. Derselbe kommt als psychisches mit dem belebten Naturkörper
-als physischem Gebilde insofern überein, als er, wie dieser, einen
-bleibenden unveränderlichen und einen veränderlichen, wechselnden
-Bestandtheil in sich schliesst. Vermöge des ersteren bleibt das
-Gemeinbild: Baum, das aus den sinnlichen Vorstellungen Birke, Buche,
-Tanne, Apfelbaum, Palme u. s. w. durch Verschmelzung der diesen allen
-gemeinsamen Bestandtheile entstanden ist, immer dasselbe, während
-die Merkmale, welche der Birke oder der Buche eigenthümlich sind,
-beliebig mit einander vertauscht werden und so das Gemeinbild bald
-in das Bild einer Birke, bald in das einer Buche u. s. w. verändern
-können. Letztere, die sinnlichen Vorstellungen Birke, Buche, Fichte
-u. s. w. machen den Umfang, die ihnen allen gemeinsamen Merkmale den
-Inhalt des Begriffs Baum aus. Dieser als identischer Vereinigungspunkt
-des dem ganzen Umfang Gemeinsamen stellt gleichsam "die Seele"
-dieses ganzen Kreises von Vorstellungen dar, in welchen derselbe
-als allen gemeinsamer Bestandtheil erscheint. Mit der sinnlichen
-Vorstellung hat der Begriff als psychisches Gebilde gemein, dass
-er wie diese durch Verschmelzung homogener Elemente entstanden
-ist. Er unterscheidet sich aber von ihr durch den Umstand, dass die
-Anschauungen, aus welchen die sinnliche Vorstellung erwächst, keine
-andern als durchaus homogene Elemente in sich schliessen, während die
-sinnlichen Vorstellungen, aus welchen der Begriff erwächst, neben den
-homogenen d. i. in allen identischen Bestandtheilen, die im Begriff mit
-einander verschmelzen, noch heterogene ja einander entgegengesetzte
-Bestandtheile in sich schliessen, die im Begriff einander hemmen und
-gegenseitig in Spannung versetzen. So hat die Vorstellung Birke mit
-der Vorstellung Tanne alle diejenigen Merkmale gemein, die der Begriff
-Baum enthält, aber in jener ist zugleich das Merkmal des belaubten,
-in dieser das des Nadeln tragenden Baumes enthalten, die sich unter
-einander ausschliessen. Da sich nun niemals vorhersagen lässt, ob
-nicht künftig ins Bewusstsein eintretende Anschauungen sinnliche
-Vorstellungen herbeiführen werden, welche zwar unter denselben
-bereits vorhandenen Begriff fallen, aber zugleich Elemente in sich
-schliessen, welche mit jenen aller bisherigen sinnlichen Vorstellungen
-des Umfangs jenes Begriffs im Widerspruch stehen, so muss der Umfang
-des Gemeinbildes und dadurch dieses selbst ein gewisses Schwanken
-zeigen, von welchem die sinnliche Vorstellung, die nichts anderes
-als die Verschmelzung sämmtlicher ihr zu Grunde liegenden homogenen
-Anschauungen zu einem einzigen Ganzen ist, sich frei erhält. Je
-nachdem der Zusammenhang des Begriffs mit den Vorstellungen, aus
-denen er stammt, mehr oder minder lose d. h. entweder ein solcher
-ist, bei welchem die gemeinsamen Bestandtheile von den sich unter
-einander ausschliessenden sich noch nicht so weit losgemacht haben,
-dass nicht mit dem Vorstellen der ersteren zugleich eines oder einige
-der letzteren (mit Ausschluss der übrigen) vorgestellt würden,
-während im anderen Falle die Verbindung zwischen den gemeinsamen
-und den individuellen Bestandtheilen bereits so weit gelockert ist,
-dass die ersteren rein und ohne Begleitung eines oder mehrerer der
-letzteren vorgestellt werden, scheiden sich die Begriffe als psychische
-Gebilde in eine niedere und eine höhere Ordnung, welche zugleich an
-die entsprechende der organischen Körperwelt erinnern. Im ersten Fall,
-so lange das Gemeinbild nicht rein, sondern jedesmal unter Begleitung
-eines oder mehrerer Merkmale, die nicht dem ganzen Umfang, sondern
-nur einem Theile desselben eigen sind, vorgestellt wird (z. B. der
-Baum nur als belaubt, während es doch auch Coniferen gibt, oder nur
-als ästig, während es doch auch astlose Bäume wie die Palmen gibt),
-erscheint dasselbe gleichsam wie die Pflanze an den Boden, aus dem
-es erwachsen ist d. i. an die sinnlichen Vorstellungen geheftet,
-die dessen Unterlage im Bewusstsein bilden, ohne sich von der
-"Scholle" losmachen und frei (wie das Thier in seinen Bewegungen)
-über die sinnlich anschauliche Basis, in welcher es seine Wurzel hat,
-erheben zu können. Auf dieser Stufe wird z. B. das Dreieck, weil es
-aus den Vorstellungen eines recht-, stumpf- oder spitzwinkeligen,
-eines gleichseitigen, gleichschenkligen oder ungleichseitigen, eines
-ebenen oder sphärischen Dreiecks erwachsen ist, jedesmal unter dem
-Bilde eines von diesen d. h. es wird entweder als spitzwinklig oder
-als rechtwinklig, als gleichseitig oder als ungleichseitig, niemals
-aber als keines von diesen d. i. rein als Dreieck (in abstracto)
-vorgestellt. Die Eierschale der sinnlichen Vorstellungen, aus
-denen es erwachsen ist, klebt dem aus dem Ei geschlüpften Küchlein
-des psychischen Begriffs in diesem Stadium der psychologischen
-Entwickelung gleichsam noch auf dem Rücken an. Dasselbe erhält sich
-um so länger, je kleiner und homogener der Kreis der sinnlichen
-Vorstellungen ist, aus welchen das Gemeinbild seine Nahrungssäfte
-zieht. Denn je gleichartiger die sinnlichen Vorstellungen unter
-einander d. h. je geringer an Zahl und Intensität die unter einander
-entgegengesetzten Bestandtheile derselben sind, desto weniger hemmen
-und verdunkeln sich dieselben unter einander; desto weniger wird der
-Zusammenhang zwischen den identischen und den particulären Merkmalen
-d. i. zwischen dem Begriff und seinem Umfang aufgehoben, und desto
-leichter werden mit den gemeinsamen auch eines oder einige besondere
-Merkmale d. h. wird das Gemeinbild selbst in einer besonderen Färbung
-(in concreto) vorgestellt. Je reicher und mannigfaltiger dagegen
-der Umkreis der sinnlichen Vorstellungen wird, um desto grössere
-Gegensätze finden zwischen den letzteren statt, um so mehr löschen die
-einander entgegengesetzten Merkmale sich unter einander völlig aus,
-um desto mehr wird der Zusammenhang zwischen den allen gemeinsamen
-und den individuell besonderen Merkmalen gelockert, um desto weniger
-tritt eine Nöthigung ein, im Gemeinbilde nebst den gemeinsamen
-auch noch eines oder einige nur particuläre Merkmale vorzustellen,
-um desto mehr löst sich das Gemeinbild als ein abstractes von der
-ihm zu Grunde liegenden Vorstellungsunterlage im Bewusstsein ab und
-schwebt als ein auf dieser zwar erwachsenes, aber nicht mehr mit ihr
-verwachsenes Gebilde frei über der Sphäre concreter Vorstellungen. Erst
-das auf diese Stufe der Entwickelung erhobene Gemeinbild ist wahres
-Allgemeinbild d. h. stellt nicht blos eines, einige oder viele Theile
-des Umfangs, sondern im eminenten Sinn den ganzen Umfang vor und kann,
-statt wie bisher an einem Theile desselben mit Ausschluss des übrigen
-zu haften, über alle Theile desselben ohne Ausnahme frei hin und her
-sich bewegen. Das so geläuterte Gemeinbild ist wirklich Begriff, denn
-es begreift sämmtliche Glieder seines Umfangs unter sich, zugleich in
-dieser abstracten Reinheit aber auch ein blosses "Ideal", dem sich das
-wirklich vorhandene Gemeinbild zwar zu nähern, welches dasselbe jedoch
-niemals vollkommen zu erreichen vermag, weil der Zusammenhang zwischen
-den gemeinsamen und zum Begriff verschmolzenen und den individuellen,
-den sinnlichen Vorstellungen angehörigen Merkmalen zwar vermindert,
-aber niemals zerrissen werden kann und daher der thatsächliche Begriff
-eine, wenn auch noch so leichte Färbung auf Grund seines Ursprungs
-immer an sich tragen muss. Letzteres ist um so weniger zu verwundern,
-als ja auch der thierische Organismus, seiner, mit der Sesshaftigkeit
-der Pflanze verglichen, frei erscheinenden Beweglichkeit ungeachtet,
-dem Boden seiner Heimat und den Bedingungen seiner Geburt verhaftet
-bleibt und sich fremden Himmelsstrichen entweder gar nicht, oder nur
-höchst allmälig durch Acclimatisation einverleibt.
-
-352. Die höchste Stufe erreicht der Begriff, wenn er sich selbst
-begreift d. h. wenn er das auf dem Grunde der sinnlichen Vorstellungen
-erwachsene Gemeinbild sich selbst vorstellt. Dieses geschieht, wenn
-das im Bewusstsein vorhandene Gemeinbild jedes andere in demselben
-Bewusstsein auftauchende homogene, psychische Gebilde in Folge dieser
-seiner Homogeneität als gleichartig erkennt, vermöge seiner überlegenen
-Intensität an sich zieht und mit sich selbst verschmelzt. Dasjenige
-Gebilde, von welchem die Verschmelzung ausgeht (das thätige), spielt
-dabei die herrschende, dasjenige, welches mit demselben verschmolzen
-wird, das leidende, die unterthänige Rolle. Jenes erscheint als
-das überlegene, das sich des anderen bemächtigt; gleichsam als
-der Krystallisationspunkt, an welchen das andere anschliesst, oder
-als der Organismus, welchem das andere zur Nahrung dient. Wie der
-thierische Organismus den pflanzlichen (die vegetabilische Nahrung)
-sich assimilirt, so wird von dem mächtigeren psychischen Gebilde das
-ihm homogene schwächere appercipirt d. h. nicht blos als vorhanden
-wahrgenommen (percipirt), sondern als verwandt d. h. ihm zugehörig
-erkannt und als das seinige in Besitz genommen (appercipirt). Hat
-sich einmal der Begriff Baum im Bewusstsein festgesetzt, so reisst
-derselbe jede später in dasselbe eintretende homogene Erscheinung
-d. i. jede künftige Wahrnehmung irgend eines Baumes sofort als
-ihm zugehörig an sich und fügt sie als ihm Gleichartiges zu sich
-als bereits vorhandenem psychischem Gebilde hinzu, welches dadurch
-naturgemäss zu immer grösserer Stärke und dem entsprechender Macht
-im Bewusstsein anwachsen muss.
-
-353. Psychische Bildungen dieser letzten Art, welche nicht mehr weder
-zunächst noch entfernt blosse Perceptionen d. h. wie die primitiven
-Bewusstseinsacte durch extensive (äussere) veranlasste intensive
-(innere) Zustände oder, wie die Anschauungen, sinnlichen Vorstellungen,
-niederen und höheren Gemeinbilder aus jenen durch Complication oder
-durch Verschmelzung entstanden, sondern Apperceptionen d. h. andere
-ihresgleichen beherrschende Phänomene sind, lassen sich als im
-Bewusstsein vertheilte Centralmassen betrachten, deren jede zahlreichen
-andern zum Mittel-, Sammel- und Vereinigungspunkte dient. Da die Macht
-derselben über andere ihresgleichen von ihrer eigenen, relativ diesen
-überlegenen Intensität abhängt, indem jede Vorstellungsmasse eine ihr
-ähnliche desto leichter sich aneignen wird, je stärker sie selbst
-und je schwächer die letztere ist, so ist es klar, dass diejenige,
-welche durch die Umstände begünstigt, nothwendig von allen die stärkste
-werden, zugleich die stärkste Anziehungskraft erlangen und schliesslich
-die übrigen alle oder doch fast alle sich aneignen muss. Eine solche
-aber ist diejenige Vorstellungsmasse, welche sich auf den Vorstellenden
-d. i. auf den Träger des Bewusstseins selbst bezieht und deshalb
-als "Ich" bezeichnet wird. Während z. B. die Vorstellung des Baumes
-nur dann im Bewusstsein vorhanden sein kann, wenn die Anschauungen,
-aus welchen dieselbe erwächst, wirklich in das Bewusstsein jemals
-eingetreten sind, und demnach jenem nothwendig fehlen muss, dem jene
-Anschauungen mangeln (eben so wie dem Blinden die Farben, dem Tauben
-die Töne u. s. w.), kann eine auf sich selbst bezügliche Vorstellung
-dem Vorstellenden niemals abgehen, weil die Anschauungen, auf deren
-Grund dieselbe erwächst (zunächst die Empfindungen des eigenen
-Leibes) demselben nie fehlen können; und dieselbe muss nothwendig
-unter allen übrigen die relativ höchste Intensität erreichen, weil
-die Veranlassungen zu derselben mit jenen aller andern Vorstellungen
-verglichen die häufigsten und, wie der eigene Leib, dem Bewusstsein
-beinahe ununterbrochen gegenwärtig sind. Zwar durchläuft dieselbe
-als psychisches Gebilde eine Reihe von Entwickelungsstadien, in
-deren Verfolge sich dieselbe immer mehr von überflüssigen d. h. zur
-reinen Ich-Vorstellung wesentlich nicht erforderlichen Bestandtheilen
-befreit und aus einer Vorstellungsmasse, welche zunächst aus den
-Vorstellungen des eigenen Leibes und seiner Bestandtheile besteht,
-allmälig zu jener des reinen Sichselbstwissens im Selbstbewusstsein
-hinauf läutert; allein ihre bevorzugte Stellung und in deren Folge
-ihre appercipirende Macht über die übrigen Bildungen im Bewusstsein
-bleibt immer dieselbe und bewirkt, dass zuletzt nur dasjenige als im
-Bewusstsein wirklich vorhanden angesehen wird, was, weil vorhanden,
-durch das Ich appercipirt und als das Seinige angeeignet worden ist.
-
-354. In dieser appercipirenden Macht, welche die Ich-Vorstellung
-über die Gebilde des Bewusstseins im weitesten Umfange ausübt,
-liegt der Grund, weshalb der sich selbst begreifende Begriff
-d. i. das zur appercipirenden Vorstellungsmasse gewordene Gemeinbild
-"Ich-ähnliche" Vorstellung genannt werden kann. Derselbe kann,
-während er für die Vorstellungen seines Kreises im Bewusstsein
-das Centrum bildet, seinerseits von der Ich-Vorstellung, welche
-das Centrum des individuellen Bewusstseins ausmacht, als zu ihrem
-Kreise gehörig appercipirt werden. Jeder derselben lässt sich mit
-einem jener kleineren Centralkörper, im Weltraum vergleichen, welcher
-seinerseits wieder einem grösseren ein ganzes Weltsystem beherrschenden
-Centralkörper unter- und in dessen Umkreis eingeordnet ist. So wenig
-die Abhängigkeit von diesem die relative Selbstständigkeit jenes ersten
-anderen gegenüber, so wenig schliesst die Apperception des zum Begriff
-gewordenen Gemeinbilds durch das Ich die Fähigkeit des ersteren aus,
-seinerseits zu seinem Kreise gehörige Vorstellungen als die seinigen
-zu appercipiren. Wie die Ich-Vorstellung den appercipirenden Begriff
-im Grossen, so stellt jeder für sich ein Ich im Kleinen dar und öffnet
-dadurch die Möglichkeit, unabhängig vom Ich als ein solches für sich
-d. h. als ein anderes Ich im Bewusstsein sich geltend zu machen.
-
-355. Abnorme Erscheinungen des Bewusstseinslebens, in welchen neben
-der herrschenden Ich-Vorstellung eine zweite deren Rolle usurpirende
-Vorstellungsmasse ihrerseits einen Theil des Bewusstseinsinhalts an
-sich reisst, so dass in Folge dessen, wie etwa in einem und demselben
-Weltsystem zwei Centralkörper, so in einem und demselben Bewusstsein
-zweierlei Ich sich in die Herrschaft über dasselbe getheilt zu haben
-scheinen, lassen sich auf die übermächtig gewordene Apperception
-solcher "Neben-Iche" zurückführen. In dem Geisteskranken, der sich in
-seinem Delirium für Gott Vater hält und als solcher beträgt, während
-er in den sogenannten lichten Zwischenräumen bei gutem Verstande
-ist und seinem eigentlichen Ich gemäss denkt, will und handelt, ist
-jene fixe Idee zum ichartigen Mittelpunkt geworden, um welchen herum
-der mit demselben harmonirende Theil des Bewusstseinsinhalts sich
-krystallisirt, während der mit ihm disharmonirende von demselben
-abgestossen wird. Folge davon ist, dass der Kranke während seiner
-gesunden Momente von dem, was er während seines "Aussersichseins"
-geredet und gethan, kein Bewusstsein haben kann, da die betreffenden
-Bewusstseinsphänomene nicht von seiner d. i. von der Ich-Vorstellung
-seines gesunden Bewusstseinslebens, sondern von einer dieser fremden,
-wenngleich innerhalb desselben "Bewusstseinsraums" befindlichen,
-ihrerseits als Ich-Vorstellung fungirenden Vorstellungsmasse
-appercipirt worden sind. Folge aber auch, dass ein solcher Kranker
-von der Haltlosigkeit seiner Selbsttäuschung niemals überzeugt werden
-kann, da ja derjenige, der Ueberzeugungsgründen zugänglich ist, mit
-demjenigen, welcher derselben bedarf, zwar real d. i. insofern deren
-beiderseitigem Bewusstsein derselbe atomistische Träger zu Grunde
-liegt, identisch, dem Bewusstsein d. h. dem von einer und derselben
-Ich-Vorstellung appercipirten Umkreis psychischer Vorgänge nach aber
-von demselben gänzlich verschieden ist.
-
-356. Mit dem Erwachen und allmäligen Heranwachsen der Ich-Vorstellung,
-welches nicht mit dem Erwachen des Bewusstseins d. h. mit dem
-Auftauchen psychischer Vorgänge zu verwechseln ist, tritt in der
-Entwicklungsgeschichte des psychischen Lebens ein Wendepunkt ein. Das
-neugeborne Kind hat ein Bewusstsein d. h. in demselben finden nicht
-nur primitive Bewusstseinsacte, sondern bereits aus solchen durch
-Complication und Verschmelzung sich bildende Empfindungen, Anschauungen
-und sinnliche Vorstellungen, aber es hat keine Ich-Vorstellung und
-in Folge dessen findet keine Apperception der in ihm vorgehenden
-Bewusstseinsacte als der seinigen statt. Wie die Processe in
-der Körperwelt des Weltraums vor dem Auftreten des Menschen zwar
-gesetzmässig ihren Verlauf nahmen, aber weder als solche gewusst, noch
-von irgend einem Wesen als zu ihm in irgend einem Verhältniss stehend
-auf sich bezogen werden, so wickeln sich die Processe im Bewusstsein
-vor dem Auftreten der Ich-Vorstellung in diesem zwar gesetz- und
-regelmässig ab, ohne jedoch als solche gewusst und von irgend einer
-auf den Träger des Bewusstseins bezüglichen Vorstellungsmasse als die
-ihrigen angeeignet zu werden. Während der leblose Naturkörper den
-ihn bewegenden Impulsen der Naturkräfte Widerstand und bewusstlos
-Folge leistet, ist es für den belebten Naturkörper, sobald er
-sich, wie im Menschen, nicht blos zur Vorstellung, sondern zur
-Vorstellung seiner selbst erhoben hat, charakteristisch, dass er das
-Vorgestellte, die ihn umgebende Körperwelt, in ein Verhältniss zu
-sich, dem dieselben und sich selbst vorstellenden Wesen setzt und
-nicht blos als daseiend, sondern als um seinetwillen und für ihn
-daseiend d. h. als sein "Eigenthum" betrachtet, Sonne und Mond als
-bestimmt, ihm zu leuchten, Früchte und Thiere als bestimmt, ihn zu
-nähren und zu kleiden, sich selbst als den Ziel- und Endpunkt des
-gesammten sichtbaren Weltalls ansieht. In der Entwicklungsgeschichte
-des Bewusstseins stellt der vor dem Erwachen und Mächtigwerden der
-Ich-Vorstellung ablaufende Zeitraum gleichsam die vorgeschichtliche
-(wie in der Entwicklungsgeschichte des Weltalls die vormenschliche)
-Periode dar; innerhalb desselben sind zwar Bewusstseinsphänomene
-verschiedenster Art (Vorstellungen, Gefühle, Begierden und Wünsche)
-bereits vorhanden, aber erst mit dem Auftreten der Ich-Vorstellung in
-ihrer Mitte werden sie von der letzteren als um ihretwillen vorhanden,
-als zu ihr in Beziehung stehend und ihr zugehörig angesehen und dadurch
-aus "unbewussten" d. h. von keinem Ich als die seinigen gewussten zu
-"bewussten" d. h. zu nicht nur im Bewusstsein vorhandenen, sondern
-auch von dem Ich dieses Bewusstseins als vorhanden gewussten und
-als die seinigen anerkannten Bewusstseinsacten erhoben. Wie jener
-Zeitraum, in welchem nur unbewusste Phänomene im Bewusstsein vor
-sich gehen, gleichsam die Nachtseite, so macht derjenige, innerhalb
-dessen nach dem Erwachen und Mächtigwerden der Ich-Vorstellung auch
-bewusste psychische Zustände, und zwar in immer steigender Menge
-auftreten, die Tagseite des psychischen Lebens aus. Letztere kann
-durch vorübergehendes Erlöschen der Ich-Vorstellung (wie es z. B. in
-der Ohnmacht, im Affect, im Delirium und periodisch wiederkehrend im
-Schlafe stattfindet) eben so vorübergehende Unterbrechungen (gleichsam
-Rückfälle in die Nacht des unbewussten Daseins), aber nur mit dem
-bleibenden Aufhören der Ich-Vorstellung ein bleibendes Ende erfahren.
-
-357. Wie die elementaren Bewusstseinsacte, so üben die durch
-Complication oder Verschmelzung aus denselben entstandenen
-Bewusstseinsgebilde höherer Ordnung, durch die Einheit des
-atomistischen Trägers gezwungen, der kein Ausweichen gestattet,
-gegenseitig Wirkungen auf einander aus. Jene vereinigen sich zu einer
-Complication, wenn sie gleichzeitig oder succedirend, verschmelzen
-mit einander, wenn sie dem Inhalt nach gleichartig sind. Letzterer
-Act geht ohne Aufenthalt und widerstandslos vor sich, wenn die zu
-verschmelzenden dem Inhalt nach identisch, dagegen zögernd und erst
-nach vorausgegangenem Sichsträuben, wenn dieselben dem Inhalt nach
-entgegengesetzt sind. In ersterem Falle verstärken, im zweiten Falle
-schwächen die mit einander verschmelzenden Bewusstseinsacte einander,
-indem in jenem Fall die Intensität des einen zu der Intensität des mit
-ihm identischen andern einfach hinzugefügt, dagegen im zweiten Fall
-ein Theil der Intensität des einen durch einen Theil der Intensität
-des andern "gebunden" und dadurch sowol der gebundene Theil der
-Intensität des einen, wie der ihn bindende Theil der Intensität des
-anderen unwirksam gemacht, folglich die ursprüngliche Intensität
-beider um diesen beziehungsweisen Bruchtheil vermindert wird. Der auf
-diese Weise an Intensität gewachsene Bewusstseinsact ist, bildlich
-gesprochen, heller, diejenigen, deren Intensität abgenommen hat,
-sind beziehungsweise dunkler geworden, als sie vorher waren; der
-Inhalt derselben aber ist derselbe geblieben. Geht die Verdunkelung
-so weit d. h. hat die Intensität eines Bewusstseinsactes so sehr
-abgenommen, dass die Gegenwart desselben im Bewusstsein unmerklich
-wird (in ähnlichem Sinn, wie ein gleichwol vorhandener Lichtreiz
-für die Netzhaut, ein vorhandener Schallreiz für den Gehörsnerv
-unmerklich werden kann), so hat der Act die äusserste Grenze im
-Bewusstsein, die sogenannte "Schwelle des Bewusstseins" (wie der
-Licht- und Schallreiz die Reizschwelle) erreicht; sinkt sie noch
-tiefer herab, letztere überschritten. Das sogenannte Vergessene
-ist diesem Grade der Verdunkelung anheimgefallen, indem dasselbe,
-da nichts, was einmal geschah, ungeschehen gemacht werden kann,
-zwar ("als Spur") nach wie vor im Bewusstsein vorhanden, aber, weil
-unmerklich geworden, seiner Wirksamkeit nach so gut wie nicht vorhanden
-ist und sich von dem im Bewusstsein wirklich nicht vorhandenen, weil
-niemals vorhanden gewesenen, nur dadurch unterscheidet, dass es unter
-günstigen Umständen wieder hell zu werden d. h. sich im Bewusstsein
-wieder bemerklich zu machen vermag. Geschieht letzteres, so heisst
-der Bewusstseinsact ein erneuerter (z. B. die schon vergessen
-gewesene Vorstellung eine Erinnerung), kein neuer, weil es der
-frühere "latent" gewordene Zustand ist, welcher neuerdings "patent"
-d. i. als wirksamer auftritt. Bewusstseinsacte dieser Art werden
-im Gegensatz zu den ursprünglichen auf Veranlassung äusserer Reize
-erzeugten (producirten) wiedererzeugte (reproducirte) genannt und,
-je nachdem sie den ursprünglichen ganz oder nur zum Theile gleichen,
-als unverändert (Gedächtnissacte) oder als verändert reproducirte
-(Phantasieacte) unterschieden. Die Reproduction selbst erfolgt entweder
-mit oder ohne Hilfe von Seite anderer Bewusstseinsacte; in letzterem
-Fall erhellt sich der verdunkelt gewesene Bewusstseinsact gleichsam
-von selbst, sobald und weil die bisherige Ursache seiner Verdunkelung
-(z. B. der von Seite eines dem Inhalt nach entgegengesetzten Acts
-ausgeübte Druck) aufgehört hat zu wirken; in ersterem Falle wird
-der unter die Schwelle herabgedrückte Bewusstseinsact durch einen
-andern über derselben befindlichen, welcher mit jenem, sei es durch
-Gleichzeitigkeit oder Succession, associirt oder durch Gleichartigkeit
-des Inhalts verwandt ist, wieder emporgezogen. Unmittelbar reproducirte
-Vorstellungen, welche nach Herbart "freisteigende" heissen, machen,
-wenn sie während des Schlafes auftreten, als Träume, wenn sie mitten
-unter heterogenen Vorstellungskreisen im Wachen auftauchen, als
-sogenannte Einfälle sich geltend, die, wenn sie dem Inhalt nach
-als besonders überraschend oder glücklich erscheinen, wol auch
-für "Eingebungen" (Inspirationen) gehalten zu werden, Veranlassung
-geben. Mittelbar reproducirte Vorstellungen bilden, wenn sie zugleich
-unverändert reproducirte sind, die Grundlage des auf Gedächtniss
-und Ueberlieferung beruhenden sogenannten historischen Wissens; wenn
-sie zugleich zum Theil verändert reproducirte sind, das wirksamste
-Hilfsmittel eines nicht nur das vorhandene Vorstellungsmaterial frei
-umformenden (dichtenden), sondern jede erregte Vorstellung durch
-eine Fülle begleitender Vorstellungen bereichernden und dadurch die
-gesammte Vorstellungsthätigkeit belebenden (phantasievollen) Schaffens.
-
-358. Wie die Wirksamkeit der Körper im physischen, so ist die
-Wirksamkeit der durch Complication oder Verschmelzung entstandenen
-Vorstellungsmassen im psychischen Leben auf einander dreifacher
-Art. Dieselbe erfolgt nach Art der mechanischen Wirksamkeit zwischen
-Körpern, wenn die vorhandenen Vorstellungsmassen ohne Rücksicht
-auf die Beschaffenheit ihres Inhalts lediglich auf Grund einer
-äusseren Veranlassung mit einander verbunden oder von einander
-getrennt werden; dagegen nach Art der chemischen Wirksamkeit zwischen
-Körpern, wenn dieselben mit Rücksicht und in Folge der Beschaffenheit
-ihres Inhalts mit einander verknüpft oder getrennt werden, endlich
-nach Art der organischen Wechselwirkung zwischen den Körpern, wenn
-durch zwei oder mehrere Bewusstseinsgebilde mit Rücksicht auf deren
-Inhaltsbeschaffenheit ein neues hervorgebracht wird. Erstere Art
-der Wirksamkeit findet bei der durch blosse Gleichzeitigkeit oder
-Aufeinanderfolge veranlassten Vereinigung gewisser Vorstellungen zu
-Begriffen, eben solcher Begriffe als Subjects- und Prädicatsbegriff
-zu Urtheilen, eben solcher Urtheile als Prämissen und Schlusssatz
-zu Schlüssen statt. Da dieselbe nicht durch den Inhalt des zu
-Verknüpfenden, sondern lediglich durch die Thatsache bedingt wird, dass
-das zu Verknüpfende gleichzeitig oder nach einander im Bewusstsein
-erlebt, also erfahren wurde, so wird um der empirischen Natur des
-Grundes der Verknüpfung halber die vollzogene Verknüpfung selbst eine
-empirische und werden die durch eine solche zu Stande gekommenen
-Begriffe, Urtheile und Schlüsse deshalb empirische genannt. Die
-zweite Art der Wirksamkeit findet bei der durch Homogeneität bewirkten
-Verschmelzung gewisser Anschauungen zu sinnlichen Vorstellungen, so
-wie der durch Verschmelzung der identischen Bestandtheile gewisser
-Vorstellungen verursachten Entstehung von Begriffen, endlich bei
-der mit Rücksicht auf den Inhalt herbeigeführten Vereinigung bisher
-getrennt gewesener, aber zusammengehöriger Begriffe als Subjects- und
-Prädicatsbegriff im bejahenden, so wie durch Trennung bisher verbunden
-gewesener, aber nicht zusammengehöriger Begriffe im verneinenden
-Urtheil statt. Die dritte Art der Wirksamkeit aber zeigt sich,
-wenn, wie z. B. im einfachen oder zusammengesetzten Syllogismus,
-aus zwei (oder mehreren dem Inhalte nach verwandten d. i. theilweise
-identischen, theilweise entgegengesetzten) Urtheilen (major, minor) ein
-neues, dem Inhalte nach mit keinem der Vordersätze für sich, aber mit
-allen zusammengenommen (wie die Folge mit der Summe ihrer Theilgründe)
-identisches Urtheil erzeugt wird. Letztere beiden Arten der Wirksamkeit
-werden zusammengenommen im Gegensatz zu der ersten, da dieselbe mit
-Rücksicht, die erste dagegen ohne Rücksicht auf den Inhalt erfolgt,
-um der logischen Natur des Grundes der Verknüpfung willen logische und
-die auf diesem Wege zu Stande kommenden Bewusstseinsgebilde logische
-Begriffe, logische Urtheile und logische Schlüsse genannt. Während die
-erste den durch Erfahrung gegebenen Stoff in Folge der Gleichzeitigkeit
-oder der Aufeinanderfolge desselben zu einem Ganzen verknüpft,
-welches als solches ein blosses Aggregat des Erfahrenen d. h. eine
-durch Wiederholung sich stets vermehrende Häufung einzelner Erfahrungen
-ausmacht, verfährt die zweite Art der Wirksamkeit dem durch Erfahrung
-gegebenen Bewusstseinsinhalt gegenüber kritisch (sichtend), indem
-sie dasselbe mit Rücksicht auf dessen Inhalt prüft, das Verwandte
-verbindet, das Verträgliche duldet, das Unverträgliche ausscheidet, die
-dritte Art der Wirksamkeit aber begründend (constructiv), indem sie auf
-Grund der im gegebenen Bewusstseinsmaterial gegebenen Bedingungen in
-jenem nicht Gegebenes, aber durch diese Bedingtes folgert d. h. aus dem
-Vorhandenen Nichtvorhandenes, aus dem Alten Neues erzeugt. Ersteres,
-das rein empirische Verfahren, aus dem die sogenannte "Praxis" im Leben
-und der "Empirismus" in der Wissenschaft sich entwickeln, kann auch
-als "Juxtaposition" d. i. als Nebeneinanderreihung von Thatsachen,
-das zweite als "Analyse", aus der die sogenannte Verstandesthätigkeit
-im Leben und die zersetzende Kritik in der Wissenschaft hervorgeht,
-die dritte als "Synthese", auf welcher die sogenannte Vernünftigkeit
-im Leben und die aufbauende Deduction in der Wissenschaft beruht,
-bezeichnet und je nach dem Vorherrschen der einen oder der andern
-das individuelle Bewusstseinsleben als überwiegend empirisches
-(mechanisches), verständiges (auflösendes) oder vernünftiges
-(organisches) benannt werden. Sowol durch das empirische wie durch
-das analytische Verfahren werden zwar nicht dem Stoff, aber doch der
-Form nach neue Bewusstseinsbildungen, durch das organische werden
-anstatt und auf Grund alter Bewusstseinsbildungen neue, denselben
-gleichartige wiedererzeugt. Wie durch das Summirung vorangegangener
-Bewusstseinsacte ein neuer entsteht, der eben nur die Summe der
-früheren ist (z. B. das copulative Urtheil als Summe der copulirten
-Urtheile; der auf vollständiger Induction ruhende Schlusssatz als
-Summe der vollständig aufgezählten Prämissen), so kommen durch die
-Verbindung des Zusammengehörigen aber Getrenntgewesenen, und durch
-die Trennung des Nichtzusammengehörigen aber Verknüpftgewesenen
-neue Bewusstseinsgebilde zu Stande, die von den früheren nicht
-dem Stoff, aber der Form nach verschieden sind (z. B. das Urtheil:
-die Erde bewegt sich um die Sonne, durch die Auflösung des früheren
-Urtheils: die Sonne bewegt sich um die Erde). In beiden Fällen bestehen
-diejenigen Bewusstseinsbildungen, aus welchen die neue entstanden ist,
-neben dieser in der Weise fort, dass dieselben im ersten Fall Theile
-der neu entstandenen ausmachen d. h. in derselben einbegriffen sind,
-im zweiten Fall dagegen nur die Stelle gewechselt haben und, wie im
-obigen Beispiel von dem Verhältniss der Erde zur Sonne, das frühere
-Subject zum Prädicat, das frühere Prädicat zum Subjecte geworden
-ist. Dagegen gehen bei der organischen Bewusstseinsthätigkeit
-die Bewusstseinsbildungen, auf Grund welcher eine neue, denselben
-gleichwerthige entstehen soll, in letzterer unter; die neue (z. B. der
-Schlusssatz) tritt nicht blos neben die alten, sondern an die Stelle
-der alten (der Prämissen); letztere werden durch die neu entstandene
-Bewusstseinsbildung weder vermehrt, noch ergänzt, sondern im vollen
-Sinne des Wortes ersetzt und wie die Schildwache von ihrem Posten
-durch deren Nachfolger abgelöst. Wie die Summe nicht mehr enthält
-als ihre Summanden, das Product nicht mehr als seine gleichviel in
-welcher Ordnung multiplicirten Factoren, so enthält auch das neue auf
-Grund seiner Vorgänger organisch entstandene Bewusstseinsgebilde,
-die Folge, nicht mehr und nicht weniger als diese (die Gründe)
-zusammengenommen, mit dem Unterschied, dass die Summanden in der
-Summe, die Factoren im Product unverändert fortbestehen, während
-die Theilgründe in der Folge fortan ununterscheidbar mit dieser
-zur Einheit zusammenfliessen. Letztere Art des Zusammenhanges
-unter Bewusstseinsgebilden stellt gleichsam eine fortlaufende
-Kette von Gründen und Folgen dar, in welcher jedes einzelne Glied
-alle vorangegangenen in sich schliesst und seinerseits von allen
-folgenden umschlossen wird, und welche sich mit der organischen
-Kette vergleichen lässt, welche durch Fortpflanzung geschlechtlich
-geschiedener Organismen von Generation zu Generation hin gebildet
-wird. Wie in jeder der letzteren die Spur aller Stammeltern, so
-erhält sich in jedem Gliede der ersteren, als Folge betrachtet, die
-Spur aller Stammgründe. Und wie jene durch die organische Umbildung
-sämmtlichen in den vorangegangenen elterlichen Organismen enthaltenen
-Stoffs entstanden, so ist diese durch das causale Zusammenwirken
-aller in den vorangegangenen Gliedern der Kette wirksam gewesenen
-Theilgründe begründet.
-
-359. Alle bisher in Betracht gezogenen Bewusstseinsvorgänge waren
-entweder primitive Bewusstseinsacte, oder solche, welche aus
-diesen in Folge der zwischen ihnen herrschenden quantitativen und
-qualitativen Beziehungen entstanden sind. Machen nun jene Beziehungen,
-von den mittels derselben hervorgerufenen Bewusstseinsgebilden
-abgesehen, abgesondert für sich im Bewusstsein sich geltend, so
-entsteht eine neue Classe von psychischen Phänomenen, die von der
-ersteren zwar insoweit abhängig ist, als sie ohne Vorhandensein
-jener überhaupt nicht entstände, sich aber zugleich dadurch
-von jener unterscheidet, dass ihre Veranlassung nicht, wie bei
-den primitiven Bewusstseinsacten, ausser dem Bewusstsein (in
-Nervenreizen), sondern im Bewusstsein selbst liegt d. i. in den
-Beziehungen, welche zwischen den einzelnen Bewusstseinsgebilden
-im Bewusstsein selbst herrschen. Solche Beziehungen sind z. B. die
-relative Unterdrückung oder im Gegensatz dazu die relative Befreiung,
-welche Gebilde im Bewusstsein durch andere in demselben Bewusstsein
-erleiden oder erleben, und die Bewusstseinsvorgänge, welche durch
-solche veranlasst werden, z. B. die Unlust bei der Einklemmung,
-die Lust bei der Erlösung eines Bewusstseinsgebildes durch andere,
-werden Gefühle genannt. Während alle primitiven Bewusstseinsacte und
-in Folge dessen alle aus denselben in directer Reihe gewordenen, wenn
-auch in noch so entfernter und sinnlich abgeblasster Weise zu ihrem
-Gegenstand ein äusseres Object haben, ist das Object der Gefühle,
-das relative Verhältniss der Bewusstseinsgebilde im Bewusstsein zu
-einander, im eminenten Sinne ein inneres und der Inhalt derselben dem
-Inhalt der (sinnlichen wie unsinnlichen) Vorstellungen (Anschauungen
-oder Begriffe) durchaus unähnlich. Dieselben lassen sich als psychische
-Phänomene mit jenen physischen vergleichen, deren Ursache nicht in den
-physikalischen Atomen und deren Verknüpfung zu Körpern, sondern in dem
-die Zwischenräume der physikalischen Atome ausfüllenden Weltäther und
-dessen Beziehungen zu dem physischen Stoffe zu suchen ist. Licht,
-Wärme, Magnetismus und Elektricität stellen Erscheinungen dar,
-deren Grund nicht in den Atomen, sondern zwischen denselben liegt;
-Lust und Unlust, Freude und Schmerz Phänomene, deren Grund nicht
-oder doch wenigstens nicht immer in dem Inhalt, sondern in der Lage
-gewisser Vorstellungen oder Vorstellungsmassen im Bewusstsein zu
-finden ist. Die Vorstellung des abwesenden Freundes ist von einem
-Unlustgefühl begleitet; nicht weil uns die Vorstellung des Freundes
-unangenehm, sondern weil dieselbe durch das Bewusstsein seiner
-Abwesenheit gedrückt und dadurch in eine Klemme gerathen ist, aus
-welcher dieselbe zu befreien wir uns ausser Stande wissen. Dieselbe
-Vorstellung tritt aber sogleich in Begleitung eines Lustgefühls
-auf, wenn die Erscheinung des Freundes dieselbe aus dem Banne der
-Vorstellung seiner Abwesenheit erlöst. Dieselben zerfallen (wie
-die Aetherphänomene) von vornherein in zwei Classen, je nachdem
-die Entstehung des Gefühls von der Beschaffenheit des Inhalts der
-Vorstellung, an die es sich heftet (wie dort die Beschaffenheit des
-Aetherphänomens von der Qualität der Körper, deren Zwischenräume er
-ausfüllt) unabhängig, oder durch denselben (wie dort das Aetherphänomen
-durch die specifische Natur der Körper) bedingt ist. Gefühle ersterer
-Art, weil sie durch Vorstellungen jedes beliebigen Inhalts veranlasst
-werden können, werden (von Herbart) treffend als "vage", solche,
-die einen bestimmten Vorstellungsinhalt voraussetzen, als "fixe"
-bezeichnet. Jene entsprechen in dieser Hinsicht den Licht- und
-Wärme-, diese den magnetischen und elektrischen Phänomenen. Jene,
-da sie nicht nur bei jeder Vorstellung andere, sondern auch bei
-derselben Vorstellung verschiedene, um so mehr in verschiedenen mit
-Bewusstsein ausgerüsteten Individuen immer wieder andere sein können
-(indem nicht nur Demselben dasselbe bald süss bald bitter, sondern auch
-Verschiedenen dasselbe verschieden schmeckt), haben mit Recht zu dem
-Sprichwort, dass sich über den Geschmack (eigentlich das Gefühl) nicht
-streiten lasse, Veranlassung gegeben und sind ihrer "Subjectivität"
-halber auch wohl "subjective Gefühle" genannt worden. Diese, die
-fixen Gefühle, trifft zwar obiges Sprichwort nicht, weil die an dem
-Inhalt gewisser Vorstellungen haften und daher stets nicht nur im
-einzelnen, sondern in jedem Bewusstsein im Gefolge dieser Vorstellungen
-auftreten, also im Gegensatz zu den subjectiven Gefühlen "objectiv"
-(allgemein d. i. allen gemein) sind; dafür tritt bei ihnen, wenn nicht
-besonders Rath geschafft wird, der allgemeine Uebelstand des Gefühls,
-dass es sich, statt auf Objecte, auf das Subject d. i. statt auf
-Vorgestelltes, auf den Vorstellenden selbst bezieht (in Bezug auf
-jenes also "dunkel" ist, nicht weiss, was es fühlt) so sehr in den
-Vordergrund, dass dasselbe darum mit Misstrauen betrachtet und von dem
-Versuch, auf dasselbe eine Wissenschaft zu gründen, ausgeschlossen
-zu werden pflegt. Dieser Uebelstand schwindet, wenn das Gefühlte
-(die Vorstellung) nicht, wie es bei dem sogenannten Angenehmen und
-Unangenehmen der Fall ist, mit dem Gefühl in eins zusammenrinnt,
-sondern, wie es bei dem Schönen und Hässlichen der Fall ist, von
-dem Gefühl abgesondert vorgestellt d. h. nicht nur gefühlt, sondern
-auch gewusst und als Subject eines ästhetischen Urtheils d. i. eines
-solchen, dessen Prädicat ein Wohlgefallen oder Missfallen ausdrückt,
-im Verhältniss zu einem andern Gleichartigen (ganz oder theilweise
-Identischen oder Gegensätzlichen) seiner Uebereinstimmung oder
-Nichtübereinstimmung nach mit diesem und dadurch seinem Werthe nach
-beurtheilt wird. Wie der Inbegriff der Gefühle (der vagen wie der
-fixen) überhaupt das Gemüth, so wird der Inbegriff der ästhetischen
-Urtheile, die ihrer logischen Natur nach identische, also unfehlbare
-Urtheile sind, der Geschmack, in dem besonderen Fall, wenn das Object
-des ästhetischen Urtheils ein Wollen ist, das Gewissen genannt.
-
-360. Wie die Aetherphänomene zeigen auch die Gemüthserscheinungen
-Gegensätze und Intensitätsunterschiede, die bei jenen durch die
-Bezeichnungen Helligkeit und Finsterniss einerseits, Hitze und Kälte
-andererseits, bei diesen durch die Begriffe Lust und Unlust einer-,
-Freude (gesteigerte Lust) und Schmerz (gesteigerte Unlust) andererseits
-ausgedrückt werden. Wie unter den ersteren die magnetischen und
-elektrischen Erscheinungen insofern eine besondere Stellung einnehmen,
-als sie zu ihrem wirksamen Hervortreten der Gegenwart eines anderen
-Körpers bedürfen, welcher entweder angezogen oder abgestossen
-wird, so spielen unter den Gefühlen diejenigen, welche zu ihrem
-Hervortreten der Gegenwart eines zweiten Bewusstseins bedürfen,
-in welchem ähnliche oder entgegengesetzte Gefühle entweder wirklich
-vorhanden sind oder doch vorhanden zu sein scheinen, die sogenannten
-sympathetischen oder Mitgefühle, eine eigenthümliche Rolle. Dieselben
-stellen als Mitleid und Mitfreude die Wiederholung eines wirklichen
-oder vermeintlichen Leid- oder Lustgefühles des fremden im eigenen
-Bewusstsein, dagegen als Neid und Schadenfreude die Begleitung eines
-wahren oder vermeintlichen Lust- oder Leidgefühles im andern durch
-ein dem Inhalt nach entgegengesetztes Gefühl im eigenen Bewusstsein
-dar. Fremdes und eigenes Gefühl sind im ersten Fall gleich-, im
-letzteren ungleichnamig. Wie der elektrische Strom durch sogenannte
-Induction einen ihn in gleicher oder entgegengesetzter Richtung
-begleitenden, so erzeugt fremdes wirkliches oder vermeintliches
-Gefühl durch Nachahmung das ihm gleiche oder entgegengesetzte
-im eigenen Bewusstsein. Leid und Freude wirken ansteckend wie
-Weinen und Lachen und pflanzen sich unwillkürlich, ja wider Willen
-von einem zum andern fort. Sympathetische Gefühle haben daher,
-auch wenn sie wie Mitleid und Mitfreude einen guten oder wie Neid
-und Schadenfreude einen schlimmen Charakter zu haben scheinen und
-Veranlassung zu wohlthätigen wie zu feindseligen Handlungen werden
-können, im Grunde weder den einen noch den andern, sondern entstehen
-durch einen blossen Naturprocess. Da dieselben jedoch, um zu Tage
-zu treten, der Gegenwart eines zweiten Individuums bedürfen, so
-weisen dieselben über den Umkreis des einzelnen hinaus und stellen
-zwischen diesem und dem andern eine zunächst blos ideelle d. h. nur
-im Bewusstsein des Mitfühlenden vorhandene Verbindung her, die aber,
-wenn das Gefühl Willensentschliessungen und in deren Folge Handlungen
-nach sich zieht, zu einer realen, den andern entweder anziehenden
-(sympathische Annäherung) oder von sich entfernenden (antipathische
-Abstossung) Beziehung werden, daher die Gesellung der Individuen
-entweder befördern oder hemmen kann, daher die sympathetischen
-Gefühle auch als sociale oder gesellige Gefühle bezeichnet und die
-aus denselben entspringenden Attractionen und Repulsionen zwischen
-den Individuen mit den Wirkungen zwischen den physikalischen Atomen
-wirksamer Anziehungs- und Abstossungskräfte verglichen werden.
-
-361. Wie plötzlich zu grosser Intensität gesteigerte und über
-einen ausgedehnten Raum sich verbreitende Aetherphänomene als
-(magnetisches, elektrisches) "Ungewitter", so werden plötzlich
-hochgesteigerte Gefühle, wenn dieselben sich über den grössten
-Theil des Bewusstseins oder über das ganze Bewusstsein in der Weise
-ausbreiten, dass die Ich-Vorstellung unterdrückt und die von dieser
-ausgehende, beherrschende Macht vorübergehend aufgehoben wird,
-als Affecte bezeichnet. Wie jene ihres keineswegs unvorbereiteten,
-aber unvermutheten Auftretens halber Ausnahmen von dem gewohnten
-Naturlauf, so scheinen diese, da sie, obgleich nicht ohne Grund,
-doch ohne bekannten Grund erfolgen, gesetzlose Unterbrechungen
-des regelmässigen Bewusstseinsverlaufs zu bilden, daher sie, wie
-jene als elementare, so als psychische Zufälle betrachtet zu werden
-pflegen. Dort scheint die Natur, hier ist in Folge der Unterdrückung
-der Ich-Vorstellung der im Affect Befindliche ausser sich und
-die durch das aussergewöhnliche Ereigniss in der Natur (Erdbeben,
-Sturmflut, Blitzstrahl u. s. w.) etwa angerichteten Verheerungen
-können eben so wenig den (vorübergehend ausser Wirksamkeit gesetzt
-zu sein scheinenden) Naturgesetzen, als die etwa im Zorn verübten
-unerlaubten oder gemeinschädlichen Handlungen dem (vorübergehend
-seiner Herrschaft über das Bewusstsein beraubten) Ich des Zornigen
-zur Last gelegt werden. Folge der plötzlichen Lösung des Bandes
-zwischen der Ich-Vorstellung und dem bis dahin von dieser beherrschten
-Bewusstseinsinhalt ist es auch, dass die etwa bestehenden Associationen
-zwischen inneren Gemüths- und äusseren Körperbewegungen widerstandslos
-zum Ablauf kommen und daher der vorhandene Gemüthszustand z. B. des
-Zornes, dessen Aeusserung sonst durch die Schranken des Wohlanstandes
-gehemmt oder doch gezügelt würde, sich rücksichtslos in masslose
-Reden und Handlungen umsetzt. Je nachdem die Ursache, durch welche die
-Ich-Vorstellung und deren Herrschaft unterdrückt wird, darin besteht,
-dass plötzlich eine zu grosse Menge von Vorstellungen auf einmal ins
-Bewusstsein eindringt, neben welchen jene sich nicht zu behaupten
-vermag, oder dass Umstände eintreten, welche bewusstes Vorstellen
-(also auch das der Ich-Vorstellung) überhaupt unmöglich machen,
-werden die Affecte in sthenische (Affecte der Stärke) und asthenische
-(Affecte der Schwäche) eingetheilt. In jenen wird die Ich-Vorstellung
-gehemmt, während die durch den Affect herbeigeführten Vorstellungen
-einander gegenseitig unterstützen; in diesen werden die letzteren
-sich zugleich unter einander selbst hemmen. Ersterer Art ist der Zorn,
-welcher beredt, letzterer der Schrecken, welcher stumm macht.
-
-362. Wie das in der Zeit vor sich gehende wirkliche Geschehen
-in der physischen, so ist auch das in der psychischen Welt ein
-dreifaches. Wie die erste Art desselben in der Körperwelt darin
-besteht, dass der Körper sich bewegt d. h. seinen Ort im Raume, so
-besteht die erste Art des Geschehens in der Bewusstseinswelt darin,
-dass der Bewusstseinsact aus seinem gegenwärtigen in einen anderen,
-also zukünftigen Zustand überzugehen strebt d. h. seinen "Ort"
-im Bewusstsein verändert. Von dieser Art ist das Aufstreben einer
-durch andere verdunkelten d. h. unter die Schwelle des Bewusstseins
-gedrückten Vorstellung aus der Tiefe nach oben gegen die hemmenden
-Widerstände. Jede auf diese Weise im Streben begriffene Vorstellung
-stellt ein Begehren dar, dessen Gegenstand, der zu erreichende Zustand
-der Vorstellung, abwesend, und dessen Befriedigung eben die Erreichung
-jenes Zustandes der Vorstellung selbst ist. Folge des Gesagten ist,
-dass ohne Vorstellung des Begehrten keine Begierde entstehen (ignoti
-nulla cupido), aber auch, dass jede Vorstellung Sitz einer Begierde
-werden kann. Dieselbe wird gesteigert, je mehr Hindernisse sich der
-Erreichung ihres Ziels in den Weg stellen d. h. je grösser die Zahl
-und der Druck derjenigen Vorstellungen ist, welche dem Inhalt der
-aufstrebenden Vorstellung des Begehrten entgegengesetzt sind. Die
-Vorstellung der Nahrung erzeugt in dem Hungrigen eine Begierde, weil
-sich dieselbe durch die Abwesenheit ihres Gegenstandes (den Mangel
-an Nahrung) in gedrücktem Zustande befindet. Dieselbe strebt nach
-Befriedigung, indem der Hungrige diejenigen Hindernisse zu beseitigen
-sucht, welche der Anwesenheit des Begehrten (der Herbeischaffung von
-Nahrungsmitteln) im Wege stehen. Sind dieselben beseitigt d. h. ist
-die Nahrung nicht nur herbeigeschafft, sondern der Hungrige wirklich
-in deren Genuss begriffen, so hört die Begierde auf. Die Befriedigung
-ist erreicht, die Vorstellung der Nahrung, die bis dahin eine blosse
-Einbildung war, ist zur Empfindung, die bis dahin nur "imaginirte"
-zur "geschmeckten" Speise geworden d. h. die Vorstellung der Nahrung
-hat sich aus dem Zustande einer Fiction in den einer sinnlichen
-Wahrnehmung bewegt, also ihren "Ort" im Bewusstsein wirklich verändert.
-
-363. Je nachdem der Gegenstand einer aufstrebenden Vorstellung
-ein sinnlicher oder nicht-sinnlicher (intellectueller), kann
-das Begehren selbst ein sinnliches oder intellectuelles, je
-nachdem dasselbe von einer Vorstellung über Erreichbarkeit oder
-Nichterreichbarkeit, Erlaubtheit oder Unerlaubtheit des Begehrten
-nicht nur begleitet, sondern von dieser abhängig gemacht wird oder
-nicht, wird es verständiges oder verstandloses, vernünftiges oder
-vernunftloses Begehren heissen. Das verständige Begehren ist Wollen,
-wenn es begehrt, weil das Begehrte ihm erreichbar, dagegen blosser
-Wunsch, wenn es begehrt, ungeachtet das Begehrte ihm unerreichbar
-scheint. Das vernünftige Begehren ist vernünftiges Wollen, wenn es
-begehrt, was und weil dasselbe nicht nur erlaubt, sondern geboten,
-dagegen verblendetes Wollen (Leidenschaft), wenn ihm, was es begehrt,
-erlaubt, vernunftwidriges (böses) Wollen, wenn es begehrt, was und
-obgleich es ihm selbst unerlaubt, ja verboten scheint. Die Gesammtheit
-des innerhalb eines individuellen Bewusstseins enthaltenen Begehrens
-macht dessen (psychisches) Naturell, die Gesammtheit des innerhalb
-desselben eingeschlossenen verständigen und vernünftigen oder verstand-
-und vernunftlosen Wollens dessen (im psychologischen Sinne des Worts)
-Charaktermässigkeit oder Charakterlosigkeit aus.
-
-364. Wie in der physischen, so auch in der psychischen Welt ist
-die zweite Art der wirklich vor sich gehenden Veränderung ein
-Formwechsel. Wie der feste Körper in flüssigen und luftförmigen,
-so kann das Bewusstseinsgebilde aus dem lockeren Zustand blosser
-Complication in den inniger Verschmelzung homogener Elemente
-übergehen. Wie der chemische Körper in Folge der Anziehung
-wahlverwandter Elemente Bestandtheile abgibt und andere an
-sich zieht, so wird durch die Verschmelzung identischer und die
-Ausstossung sich unter einander ausschliessender Bestandtheile
-einer-, durch die Verbindung bis dahin unverbundener Bestandtheile
-andererseits die Form der Bewusstseinsgebilde verändert, werden im
-ersteren Fall aus sinnlichen Vorstellungen durch Abstraction der
-gemeinsamen Bestandtheile Gemeinbilder (Begriffe), im letzteren
-Fall durch Combination bisher getrennter, obgleich mit einander
-verträglicher Bestandtheile durch die Erfahrung gegebener sinnlicher
-Vorstellungen neue durch die Erfahrung nicht gegebene sinnliche Bilder
-(Phantasievorstellungen) hervorgebracht. Wie endlich die Formen der
-Organismen durch organische Transmutation der Arten und Gattungen im
-Pflanzen- wie im Thierreich in einander übergehen, so werden aus den
-ursprünglich auf Grund von Anschauungen entstandenen Begriffen durch
-fortgesetzte Abstraction höchste und allgemeinste Begriffe (Kategorien)
-und wird durch fortgesetzte Combinationen sinnlicher Erfahrungselemente
-eine neue erfundene Welt voll sinnlich anschaulicher Lebendigkeit
-(Phantasiewelt) gewonnen. Während aber in der physischen Welt die
-Erfahrung den Beweis für den Uebergang der unorganischen in die
-organische und dieser in die bewusste Form bisher schuldig geblieben
-ist, tritt im Bewusstseinsleben die Abhängigkeit der beiden scheinbar
-fundamental verschiedenen Classen von Bewusstseinsphänomenen, der
-Gefühle und der Bestrebungen, von jener der Vorstellungen offen an
-den Tag, indem sowol die Gefühle wie die Strebungen sich nicht als
-gattungsmässig verschiedene Vorgänge, sondern als blosse Zustände
-der Vorstellungen herausgestellt haben.
-
-365. Die dritte Art des wirklichen Geschehens ist der
-Stoffwechsel. Derselbe bildet den Abschluss der physischen Welt,
-indem der Reiz (der extensive physische) sich in Empfindung (den
-intensiven psychischen Zustand) umsetzt d. h. der reale sich in einen
-Bewusstseinsvorgang verwandelt. Derselbe bildet den Abschluss der
-psychischen Welt, indem der intensive psychische (Vorstellung, Gefühl,
-Wollen) sich in einen extensiven physischen Zustand (Lautsprache,
-Geberdensprache, Handlung) umsetzt und so der Bewusstseinsvorgang
-in einen realen Vorgang sich verwandelt. Wie dort die Bewegung
-der Moleculartheilchen des Nervensystems als Empfindung in das
-Bewusstsein, so wird hier der Gedanke durch den tönenden Laut
-des Worts, das Gefühl durch den sichtbaren Ausdruck der Miene, der
-Wille durch die von ihm veranlasste Bewegung des eigenen und dadurch
-mittelbar eines oder mehrerer fremder Körper wieder in die materielle
-d. i. in die Körperwelt aufgenommen, indem die durch das Stimmorgan
-schallend bewegte atmosphärische Luft als Verkörperung des Gedankens,
-die unwillkürlich veränderte oder (im Affect) verzogene Physiognomie
-als Verleiblichung des Gemüths, die durch Muskelbewegung der eigenen
-Leibesglieder bewegte Verschiebung der anstossenden Nachbarkörper
-als sich bethätigende Aeusserung des eigenen Willens erscheint. Die
-erste als hörbares Zeichen für die Vorstellung liefert das Werkzeug
-für die Bewahrung und Mittheilung der Gedankenwelt und als solche die
-Grundlage der Sprache. Die zweite als sichtbares Zeichen für das im
-Innern lebendige Gefühl liefert das Material zur Veranschaulichung des
-Anderen (Höheren, Niederen oder Gleichen) gegenüber vorhandenen oder
-doch vorhanden zu sein scheinenden Gefühls und bildet als solches die
-Grundlage der Sitte. Die dritte als physischer Ausdruck des entweder
-wirklich oder doch dem Anschein nach vorhandenen Wollens liefert
-den greifbaren Stoff zur Beurtheilung des gegen Andere beobachteten
-streitsüchtigen oder friedlichen Verhaltens und bildet als solcher die
-Grundlage des Rechts. Indem das individuelle Ich auf diese Weise sein
-Inneres nach aussen kehrt, die Vorgänge seines Bewusstseins in Reden,
-Geberden und Thaten umsetzt und dadurch für andere seinesgleichen
-hörbar, sichtbar und greifbar macht, wird dasselbe aus einem
-vereinzelten zum sociabeln d. i. des geselligen Zusammenseins mit
-Anderen fähigen und dadurch in Vereinigung mit diesen zur Grundlage
-eines Mehreren gemeinsamen d. i. des Social-Ichs.
-
-366. Wie die Gesammtheit der Weltkörper und ihrer "Parasiten" den
-physischen Kosmos, so macht die Gesammtheit der im individuellen
-Bewusstsein während der gesammten Fortdauer desselben vertheilten
-Bewusstseinsgebilde (Empfindungen, Anschauungen, Begriffe, Gefühle,
-Begehrungen und Willensacte), soweit dieselben der innern Erfahrung
-zugänglich sind, in ihren gegenseitigen Beziehungen zu und ihrer
-relativen Abhängigkeit von einander, von den primitiven, namenlosen
-Bewusstseinsacten, deren jedem ein ebenso anonymer Nervenreiz oder eine
-unmerkliche Transversalschwingung des Weltäthers entspricht, bis zu
-den höchsten und ausgearbeiteten des abstracten Allgemeinbegriffs,
-des verfeinerten Geschmacksurtheils und des der empfindlichsten
-Gewissensstimme willig gehorchenden Willensentschlusses herauf
-die Seelenwelt des Individuums aus. Wie dort die Totalität
-des physischen Geschehens die Naturgeschichte des Weltalls, so
-stellt hier der Inbegriff des im individuellen Bewusstsein nach
-unveränderlichen Naturgesetzen sich vollziehenden Geschehens, von
-der Wechselwirkung zwischen den primitiven Bewusstseinsacten bis zu
-der logischen Verbindung von Anschauungen zu Begriffen, Begriffen zu
-Urtheilen, Urtheilen zu Schlüssen, Schlüssen zu Gedankensystemen und
-dieser, wenn ihr Inhalt es gestattet, zu einem sie alle umfassenden
-Universalsystem einer-, von den leisesten Regungen der Lust und Unlust
-bis zu Entzücken und Jammer und den verheerenden Stürmen affectvoller
-Gemüthserschütterung, von sinnlichen Gelüsten und kindischen Wünschen
-bis zu sittlichen Entschliessungen und männlichen Thaten andererseits
-herauf, soweit dasselbe der innern Erfahrung zugänglich ist, den
-Entwickelungsprocess des Bewusstseins, die Naturgeschichte der
-Seele dar.
-
-
-
-
-
-
-
-
-DRITTES CAPITEL.
-
-DAS SOCIAL-ICH.
-
-
-367. Wie mit der Einkehr des anziehend oder abstossend nach aussen
-gewandten einfachen Wirklichen in sich selbst die Möglichkeit des
-individuellen, so ist mit der Auskehr des Innern in Rede, Geberde
-und Handlung die Möglichkeit eines Mehreren gemeinsamen Bewusstseins
-gegeben. Letzteres kann nicht bedeuten, dass in Mehreren dasselbe,
-sondern nur dass in Mehreren ein gleiches Bewusstsein oder, was
-dasselbe ist, dass der Inhalt des jeweiligen individuellen Bewusstseins
-Mehrerer das gleiche, dieses Bewusstsein selbst aber nichts desto
-weniger bei jedem das eigene sei. Identität des Bewusstseins
-in dem Sinne, dass dasselbe Bewusstsein in Allen sei, würde die
-Individualität der Einzelnen in den blossen Schein einer solchen
-verwandeln, das Bewusstsein des Einzelnen in einen Bewusstseinsact
-des in Allen identischen Allgemeinbewusstseins auflösen. Letzteres
-darf daher nicht als Substanz, zu welcher die Einzelbewusstsein wie
-vorübergehende modi sich verhalten, sondern muss als Summe der in
-Mehreren gleichen d. i. dem Inhalt, nicht der Zahl nach eins seienden
-Bewusstseinsacte gedacht werden. Die Einzelbewusstsein, welche
-zusammengenommen die Voraussetzung eines ihnen allen gemeinsamen
-Bewusstseins ausmachen, sind ihrer realen Basis nach so wenig eins,
-dass derselbe Bewusstseinsinhalt in dem einen mit grösserer, in dem
-andern mit geringerer Lebhaftigkeit, dort mit völliger Klarheit, hier
-im ungewissen Dunkel vorhanden sein kann, ohne dass derselbe aufhört,
-jenem mit diesem gemein und dadurch ein integrirender Bestandtheil
-des gemeinsamen Bewusstseins, der "Volksseele" zu sein.
-
-368. Niemals darf die letztgenannte als eine von den "Seelen" der
-Angehörigen des Volks real unterschiedene, gleichsam als eine Seele
-vor, neben oder über den ihrigen gedacht werden. Dieselbe stellt nichts
-weiter als den mit einem Namen bezeichneten Inbegriff dessen dar,
-worin alle Volksangehörigen als vorstellende, fühlende und strebende
-Wesen mit einander dauernd übereinstimmen d. h. was abgesehen von
-den Privat- und individuellen Meinungen, Geschmäcken und Gelüsten
-jedes Einzelnen den bleibenden und Allen gemeinsamen Bestandtheil
-ihres Fürwahrhaltens, Werthhaltens und Anstrebens ausmacht.
-
-369. Weil nun jeder Versuch, über die Gemeinsamkeit des Inhaltes
-individuell verschiedener Einzelbewusstsein ein Urtheil zu fällen,
-nicht nur voraussetzt, dass dieser Inhalt selbst äusserlich
-wahrnehmbar, sondern auch dass er Anderen verständlich sei, so
-folgt, dass die Entstehung einer auf das Bewusstsein gemeinsamen
-Bewusstseinsinhaltes gegründeten Vereinigung Mehrerer zur Einheit
-die Möglichkeit gegenseitig verständlicher Mittheilung durch Allen
-gemeinsame äussere Zeichen der inneren Vorgänge bedingt. Letztere
-werden, insofern sie bestimmt sind, das Innere Anderen sinnlich
-wahrnehmbar zu machen, je nach der Verschiedenheit der Sinne
-verschiedenartige (hörbare, sichtbare, tastbare etc.) sein können,
-da die Gemüthsvorgänge, zu deren Versinnlichung für Andere sie dienen
-sollen, verschiedene (Empfindungen, Anschauungen, Begriffe, aber
-auch Gefühle und Willensacte) sind, je nach der Art dieser letzteren
-andere sein müssen. Jener Umstand erzeugt die Laut- und Tonsprache,
-die zur Bezeichnung hörbare, die Schrift- und Geberdensprache, die
-zur Bezeichnung sichtbare, die monumentale oder Gedenksprache, die
-zur Bezeichnung tastbare Zeichen verwendet. Von diesem Gesichtspunkt
-aus lässt sich die Sprache des Gedankens von jener des Gefühls und
-des Willens unterscheiden. Von den drei letztgenannten verwendet
-die Sprache der Vorstellung meist hörbare, als (chinesische und
-mexikanische) Bilderschrift aber auch sichtbare Zeichen, wobei auf die
-Beschaffenheit der zu verkörpernden Vorstellungen Rücksicht genommen
-wird. Sind dieselben z. B. Empfindungen (Farben- oder Tonempfindungen),
-so können dieselben nur dadurch Anderen mitgetheilt werden, dass man
-die ihnen entsprechenden Sinnesreize erzeugt d. h. durch Töne (Musik)
-und Farben (Colorit). Sind dieselben sinnliche Vorstellungen, deren
-Objecte in der Erfahrung gegeben sind, so können dieselben Anderen
-mitgetheilt werden, entweder indem jene Objecte ihnen selbst vor Augen
-geführt (demonstrirt) oder statt der Gegenstände selbst deren Bild zur
-Anschauung gebracht wird (Bilderschrift, Anschauungsunterricht). Sind
-sie dagegen Begriffe, also solche Vorstellungen, deren Objecte in
-der Erfahrung nicht angetroffen werden, die also auch nicht durch
-die letzteren oder deren Bilder sichtbar gemacht werden können, so
-bleibt nur übrig, entweder jene Begriffe durch sinnliche Vorstellungen
-(Symbole) zu ersetzen und sodann diese durch ihre Gegenstände oder
-deren Bilder sichtbar zu machen, oder zu deren Bezeichnung hörbare
-Zeichen zu wählen (Lautsprache). Letztere selbst werden entweder so
-gewählt, dass sie mit dem Gegenstand der zu bezeichnenden Vorstellung
-eine Aehnlichkeit haben oder doch an diesen erinnern (Onomatopöïen,
-natürliche Lautsprache) oder, wenn dies nicht der Fall ist, willkürlich
-festgesetzt (conventionelle Lautsprache). Die Sprache des Gefühls
-verwendet sowol hörbare als sichtbare Zeichen; unter jenen nehmen die
-Freuden- und Schmerzenslaute (Interjectionen), so wie die Anwendung
-gewisser Rede- und Begrüssungsformeln, um bestimmte Gefühle (Ehrfurcht
-oder Verachtung, Liebe oder Hass etc.) auszudrücken, unter diesen
-Lachen und Weinen als Zeichen der Freude und der Trauer, aber auch
-Geberden und Stellungen, welche bestimmt sind, gewisse Gefühle (der
-Anbetung, der Unterwerfung, der Freundschaft oder deren Gegentheile)
-zu veranschaulichen, ihre Stelle ein. Auch diese zerfallen, je nachdem
-dieselben ohne Erklärung jedermann verständlich, oder nur innerhalb
-eines bestimmten Kreises üblich sind, in natürliche (Natursprache des
-Gefühls) und künstliche (conventionelle Gefühlssprache). Die Sprache
-des Willens endlich, die Handlung bedient sich als Materials ihrer
-Aeusserungen des eigenen Leibes und der Organe desselben, entweder des
-tönenden (Stimmorgan), um sich hörbar (Befehl), oder der Gliedmassen,
-um sich sichtbar (Armschwenkung als Commandozeichen), oder dessen
-physischer Kraft, um sich tastbar (Schub, Stoss, Schlag) vernehmlich zu
-machen, wobei auch diese Zeichen in natürliche (Erhebung der Stimme,
-des Stockes) und künstliche (Handschlag als Einwilligungszeichen,
-Anstecken des Ringes als Vermählungszeichen etc.) sich sondern.
-
-370. Mittheilbarkeit und Verständlichkeit der Zeichen würden
-nicht ausreichen, wenn die räumlichen und zeitlichen Verhältnisse
-nicht derart beschaffen wären, dass deren Gebrauch zu gegenseitiger
-Verständigung sein Ziel zu erreichen vermag. Zu diesem Zweck dürfen
-diejenigen, durch deren Verständigung unter einander ein allen
-gemeinsames Bewusstsein zu Stande kommen soll, weder räumlich noch
-zeitlich so durchgreifend von einander geschieden, noch so weit von
-einander entfernt sein, dass die Mittheilung durch (hörbare, sichtbare,
-tastbare) Zeichen unmöglich wird. Dieselben dürfen daher weder
-durchaus verschiedenen Welten (z. B. die einen der erfahrungsmässigen
-dreidimensionalen, die andern einer vorgeblichen vierdimensionalen
-Raumwelt) angehören, noch innerhalb derselben Welt räumlich und
-zeitlich so weit aus einander liegen, dass eine, sei es räumliche
-Berührung, sei es zeitliche Ueberlieferung, wo nicht aufgehoben,
-doch in äusserstem Grade erschwert und dadurch ihrem Gehalte nach
-bis zum Unmerklichen herabgeschwächt wird. In ersterer Hinsicht wird
-die Entstehung eines Vielen gemeinsamen Bewusstseins erleichtert
-durch deren Anwesenheit innerhalb eines Allen gemeinsamen Raumes und
-vermittelt durch ein Generationen überdauerndes und von Geschlecht
-zu Geschlecht sich fortpflanzendes, sei es mündlich (Tradition), sei
-es schriftlich (Literatur) aufbewahrtes Gedankencapital. Wie durch
-die Gemeinsamkeit des Bodens, auf dem die Vereinigung Mehrerer zur
-Einheit erwächst (z. B. der gemeinsamen Heimat) die Genesis eines
-gemeinsamen Bewusstseinsinhalts durch den Umstand begünstigt wird,
-dass die Umgebung für alle dieselbe, also auch der aus dieser stammende
-Anschauungskreis, welcher die Grundlage aller spätern Vorstellungs-
-und Begriffsbildung ausmacht, bei allen der nämliche ist, so wird
-den Nachkommen durch stillschweigendes Herkommen und unwillkürliche
-Gewöhnung ein von Geschlecht zu Geschlecht sich ansammelnder Vorrath
-von Begriffen, Gebräuchen und Gesetzen von den Eltern her gleichsam
-angeerbt und von ihnen ihrerseits den Enkeln hinterlassen. Folge
-davon ist, dass sich der Besonderheit der räumlichen und zeitlichen
-Verhältnisse, so wie der Verständigungsmittel, unter welchen das
-Mehreren gemeinsame Bewusstsein sich entwickelt, entsprechend,
-letzteres selbst und damit die Vereinigung Mehrerer, innerhalb welcher
-es heimisch ist, eine besondere, nur dieser Vereinigung von Individuen
-eigenthümliche Färbung annimmt, und dadurch nicht nur selbst, mit
-dem Allgemeinbewusstsein einer andern "Gesellschaft" verglichen,
-einen individuellen Charakter trägt, sondern auch der Gesellschaft
-selbst, deren Eigenthum es ist, das Gepräge einer (gesellschaftlichen)
-Individualität verleiht.
-
-371. Was die physikalischen Atome für die physischen, die primitiven
-Bewusstseinsacte für die psychischen, das sind die "sociabeln"
-Individuen für die socialen Gebilde. Wie jene zusammengenommen
-den Stoff aller körperlichen, die primitiven Empfindungen das
-Material aller Bewusstseinsphänomene, so machen die mit Bewusstsein
-ausgerüsteten Individuen die Basis aller gesellschaftlichen
-Vereinigungen aus. Als solche werden dieselben dem Gesichtspunkt der
-quantitativen Atomistik entsprechend als unter einander ursprünglich
-eben so gleichartig gedacht wie die Atome in der Physik, die primitiven
-Empfindungen in der Psychologie. So wenig die beiden letztgenannten
-selbst ein Gegenstand weder der äussern noch der innern Erfahrung sind,
-sondern auf Grund der letztern durch einen Sprung über dieselbe hinaus
-als deren unentbehrliche Grundlage vorausgesetzt werden, eben so wenig
-werden bewusste Individuen vollkommen gleicher Beschaffenheit in der
-(geschichtlichen) Erfahrung angetroffen, sondern wie jene als Annahme
-der thatsächlich vorhandenen Ungleichheit der Individuen hypothetisch
-untergelegt. Letztere macht es möglich, wie es die Physik mit den
-Körpern, die Psychologie mit den Gebilden des Bewusstseins thut,
-auch die verschiedenen "Gesellschaftskörper" (Corporationen) aus dem
-Gesichtspunkt ihrer Zusammensetzung aus primitiven Elementen ("Atomen
-der Gesellschaft") zu betrachten und je nach der Beschaffenheit
-des dieselben mehr oder minder innig, mehr oder minder dauerhaft
-zusammenhaltenden Bandes als eben so viele verschiedene Ordnungen
-socialen Zusammenseins anzusehen.
-
-372. Die erste und unterste derselben ist diejenige, bei welcher
-die qualitative Gleichheit oder Verschiedenheit der zu einem Ganzen
-verbundenen Individuen gleichgiltig, das sie verknüpfende Band von
-derselben unabhängig ist, der Grund der Vereinigung daher eben so
-gut innerhalb der allen gemeinsamen Beschaffenheit ihrer Natur, wie
-gänzlich ausserhalb der Natur derselben in einem dieser zufälligen
-Umstände gelegen sein kann. Ersterer Art sind alle aus der allen
-Menschen ohne Unterschied eigenen physischen und psychischen
-Beschaffenheit (z. B. dem Bedürfniss nach Nahrung, nach Schutz,
-nach geselliger Unterhaltung etc.) entspringenden Anlässe zur
-Vereinigung, um deren willen schon Aristoteles den Menschen als "das
-gesellige Thier" bezeichnet, und aus welchen Hugo Grotius den von
-ihm sogenannten "Geselligkeitstrieb", so wie Hobbes das im "Kriege
-Aller gegen Alle" erwachende Schutzbedürfniss der Schwächern als Motiv
-gesellschaftlicher Vereinigung besonders hervorgehoben hat. Letzterer
-Art ist das absichtslos, ja selbst wider die Absicht herbeigeführte
-Zusammensein Mehrerer an demselben Orte und zu derselben Zeit
-(z. B. Schiffbrüchiger auf einer einsamen Insel, welche sie nöthigt,
-oder ihnen Gelegenheit gibt, sei es wider, sei es mit ihrem Willen
-unter einander in gesellige Verbindung zu treten). Verbindungen der
-Art, welche entweder, wie die letztgenannten zufälligen, kein oder,
-wie überall dort, wo es sich um die blos vorübergehende Befriedigung
-eines (wenngleich in der allgemeinen Menschennatur gegründeten,
-also in anderer Form stets wiederkehrenden) Bedürfnisses handelt, ein
-gleichfalls nur augenblickliches Interesse der Einzelnen zur Ursache
-haben, sind dieser ihrer Natur nach die häufigsten, weil sie immer
-wieder von neuem durch Zufall oder durch die Wiederkehr desselben
-Bedürfnisses entstehen, aber eben so zufällig wie nach eingetretener
-Befriedigung sofort wieder vergehen können und werden. Das zunächst
-liegende Beispiel liefern die sogenannten geselligen Zusammenkünfte,
-deren Beweggrund lediglich in dem augenblicklichen Bedürfniss
-des Zeitvertreibs, oder die ebenso zahlreichen als mannigfaltigen
-Associationen, deren Ziel auf gemeinsam durchzusetzende Zwecke der
-Ersparung, des Erwerbes, des Gewinns, der Sicherung und Versicherung
-des Lebens und Eigenthums u. s. w. gerichtet ist. Insofern dieselben
-nichts weiter sind als vorübergehende, durch das Band eines äusseren
-Zwecks, aber auch nur durch dieses zusammengehaltene Aggregate
-einander im übrigen persönlich durchaus gleichgiltiger Individuen,
-lassen sie sich mit nur mechanisch zusammengesetzten Körpern
-vergleichen, deren zeitweiliger Cohäsionszustand von der geringeren
-oder grösseren Anziehung zwischen den Atomen und deren Dauer von
-jener des sie zusammenhaltenden äusseren Druckes bedingt ist. Wie
-die letztern desto schwerer beweglich sind, je ungleichartiger,
-dagegen desto leichter, je gleichartiger ihre Bestandtheile sind,
-so erscheinen gesellige Vereinigungen "schwerflüssig", wenn sie aus
-ungleichartigen Individuen zusammengewürfelt, dagegen "leicht in Fluss
-zu bringen", wenn ihre Mitglieder der Stimmung, dem Stande und dem
-Streben nach gleichgeartet sind. Sogenannte Actiengesellschaften,
-deren Theilnehmerschaft weder an persönliche Mitwirkung, noch an
-ein Andere übertreffendes Mass der Betheiligung, sondern lediglich
-an den Besitz einer mit jeder andern gleichwerthigen, gleichgiltig
-von Hand zu Hand wandernden Actie geknüpft ist, stellen die loseste,
-gleichsam "luft- oder gasförmige" Form der Gesellschaft zur Schau,
-deren Mitglieder einander eben so fremd und fern wie die in weiten
-Distanzen von einander befindlichen, in steter Abstossung gegen
-einander begriffenen ruhelos beweglichen Molecüle eines Gases stehen.
-
-373. Wird die qualitative Beschaffenheit der Gesellschaftsatome
-berücksichtigt, so entsteht jene zweite Ordnung geselliger
-Corporationen, die man dem chemisch zusammengesetzten Körper
-vergleichen kann. Wie durch die Verschmelzung homogener Atome der
-chemisch einfache, durch die Complication qualitativ verschiedener
-Stoffe der chemisch zusammengesetzte Körper, so entstehen auf
-Grund der Beschaffenheit der Gesellschaftselemente zwei Arten von
-Corporationen, deren eine Verbindungen qualitativ gleichartiger,
-die andere ungleichartiger Individuen umfasst. Zu jenen gehört, wenn
-dieselbe blos gesellige Zwecke verfolgt, die sogenannte "Männer-"
-oder "Frauen-", zu diesen die "gemischte Gesellschaft", ferner,
-wenn jene aus Personen desselben Alters, Berufs, Standes besteht,
-die Alters-, Berufs-, Zunft- und Standesgenossenschaft: zu diesen,
-wenn sie aus Personen verschiedener Berufe und Stände gemengt ist,
-die sogenannte bürgerliche Gesellschaft, wenn sie auf dem Grunde der
-geschlechtlichen Beschaffenheit beruht, die Freundschaft zwischen
-Personen desselben (männlichen oder weiblichen), die Liebe zwischen
-Personen entgegengesetzten Geschlechts. Findet dieselbe ihren Halt
-im Bewusstsein gegenseitiger Bluts- oder Gesinnungsgemeinschaft, so
-bildet sich diejenige Gruppe gesellschaftlicher Zusammengehörigkeit,
-welche als physische (Bluts-) Einheit, da sie im Gegensatz zur
-Familie aus einander dem Grade nach gleichstehenden Gliedern
-besteht, Verwandtschaft (Sippe), als psychische (Geistes-) Einheit
-im Gegensatz zur Schule, da sie einander dem geistigen Range nach
-gleich hoch stehende Mitglieder begreift, Jüngerschaft (Wissens-
-oder Glaubensgemeinde) heisst. Da der Grund der Vereinigung in den
-genannten Fällen nicht in einem vorübergehenden Zweck, sondern in der
-bleibenden, sei es leiblichen, sei es geistigen Beschaffenheit der
-Gesellschaftsglieder gelegen ist, so kann nicht nur, sondern muss
-dieselbe (Ausnahmsfälle abgerechnet) so lange bestehen, als jene
-Beschaffenheit unverändert bleibt, also z. B. die geschlechtliche
-Basis der Liebe sich nicht durch Naturvorgänge in eine geschlechtlose
-verkehrt oder das geistige Band des Jüngerthums durch den Abfall vom
-Glauben zerschnitten wird.
-
-374. Wie der beseelte Körper vom leblosen sich dadurch unterscheidet,
-dass ein Theil desselben ("die Seele") beharrt, während der andere
-("der Leib") sich im Laufe des Lebens fortwährend erneuert, ohne dass
-der Körper selbst ein anderer wird, so liegt das Charakteristische
-der dritten Ordnung gesellschaftlicher Vereinigungen darin, dass
-dieselben "ewige Dauer" besitzen, indem ein Theil derselben ("der
-herrschende") immer derselbe bleibt ("le roi est mort, vive le roi"),
-während der andere (der "beherrschte") sich unaufhörlich erneuert, ohne
-dass die Gesellschaft selbst eine andere wird. Je nachdem das Band,
-welches den bleibenden Bestandtheil mit dem veränderlichen verbindet,
-ein reales (Blutsband) oder blos ideales (Gesinnungsverband) ist,
-erfolgt die Erneuerung entweder durch Geburt jüngerer aus den älteren
-(Generation) oder durch Aufnahme späterer Mitglieder durch die frühern
-(Adoption). Ersteres ist in der Familiengemeinschaft zwischen Eltern
-und Kindern (Ascendenten und Descendenten, Vorfahren und Nachkommen),
-letzteres in der Gesinnungs- oder Glaubensgemeinschaft (Schule,
-Kirche, politische Partei) der Fall. Jene erweitert sich durch die
-Aufnahme der Seitenverwandten zur Stammesgemeinschaft, durch die
-Zurückführung blutsverwandter Stämme auf einen gemeinsamen Stammvater
-zum Stammvolk (Nation), durch die Ableitung mehrerer Stammvölker von
-einem gemeinsamen Urvolk (Indogermanen, Arier) zur Racengemeinschaft
-und mittels der mythischen Abstammung der gesammten Menschheit
-von einem gemeinsamen Stammvater zur Gemeinschaft aller Menschen
-(Weltbruderschaft). Diese dehnt sich von der an Umfang kleinsten
-Gesinnungs- und Glaubensgenossenschaft, die, wie z. B. die erste
-Christengemeinde, nur den Stifter und zwölf Genossen umfasst, bis zu
-der räumlich Millionen und zeitlich Jahrtausende einschliessenden
-Bildungs- oder Glaubensgemeinschaft aus, welche, wie z. B. die
-europäische Civilisation, das Christen- oder Buddhistenthum Theilnehmer
-und Bekenner im Laufe der Zeit nach hunderttausenden von Millionen
-zählen. Wie die durch Geburt der Gemeinschaft einverleibten Mitglieder
-von Natur aus den Aeltern ähnlich, so werden durch Aufnahme gewonnene
-den ursprünglich vorhandenen künstlich verähnlicht (assimilirt),
-indem entweder, wenn die Aufnahme durch Wahl erfolgt, nur ähnliche
-gewählt (z. B. in eine Akademie der Wissenschaften nur Gelehrte,
-in eine politische Partei nur politische Gesinnungsverwandte) oder,
-wenn sie durch freiwilligen Anschluss geschieht, die Aufgenommenen im
-Sinn der bestehenden Gemeinschaft (z. B. der ägyptische Neophyt durch
-die Priesterschule, der künftige Soldat durch das Cadetteninstitut)
-erzogen werden.
-
-375. Die so entstandene Gesellschaft bildet einen organischen
-Körper, welcher entweder wie der vegetabilische Organismus an dem
-Boden haftet, auf dem er erwachsen und mit dem er verwachsen ist,
-oder wie der animalische Organismus von demselben äusserlich und
-innerlich abgelöst, frei über ihn hinstreifend, obgleich innerhalb
-durch die Schranken der Acclimatisationsfähigkeit gezogener Grenzen
-den Ort seiner vorübergehenden Niederlassung wechselt. Jener ergibt
-die autochthone, dieser die nomadische Gemeinschaft (Familie,
-Stamm, Volk). Jene tritt vorzugsweise als sesshafte und in Folge
-dessen, da die von der Natur freiwillig dargebotene Nahrung allmälig
-versiegt, zur künstlichen Erzeugung derselben, so wie der übrigen
-Lebensbedürfnisse d. i. zum Ackerbau und zur Industrie gedrängte
-Bevölkerung auf. Diese, da sie die an einem Orte mangelnden Bedürfnisse
-nicht selbst erzeugt, sondern dort nimmt, wo sie dieselben findet,
-erscheint in den mannigfaltigsten Formen als Jäger-, Handels-
-und Räuber- oder Eroberervolk. Wie der belebte Organismus durch
-die Entwickelung eines Centralorgans (Gehirn und Nervensystem),
-innerhalb dessen der physische Reiz sich in bewusste Empfindung
-umsetzt, zum vorstellenden, Ich-ähnlichen und als solcher durch die
-allmälige Vorstellung seiner selbst (Ich-Vorstellung) selbst zum Ich
-d. i. zum sein selbst bewussten Individuum wird, so gestaltet sich die
-organische Gesellschaft dadurch, dass innerhalb ihres Umkreises ein
-Centralorgan (Regent und Regierung) entsteht, in welchem das allen
-gemeinsame Denken, Fühlen und Streben sich in bestimmte Vorstellung
-d. i. in deutlich vorschwebenden Zweck, Erwägung und Herbeischaffung
-der Mittel und verwirklichende That umsetzt, zu einer (nach Haupt und
-Gliedern) organisirten staatähnlichen Gesellschaft, welche durch die
-allmälig fortschreitende Verkörperung der Vorstellung der Gesellschaft
-(der Gesellschaftsidee) selbst zum Staat d. i. zu der ihrer selbst als
-Gesellschaft bewussten, die Verwirklichung der Gesellschaftsidee sich
-zum Zweck und dieselbe mittels der zu ihrer Realisirung erforderlichen
-Mittel in Vollzug setzenden individuellen Gesellschaft wird.
-
-376. Organisirte Gesellschaften der Art, wenn sie reale d. h. ihre
-Mitglieder unter einander blutsverwandt sind, treten je nach dem Umfang
-und dem Grade der Verwandtschaft als Familie im engeren, nur Eltern und
-Kinder, oder weiteren, auch die nächsten Seitenverwandten begreifenden
-Sinne als Verband der Familienglieder unter dem Familienhaupt, oder
-als Stamm (Clan) unter dem Stammeshaupt (Häuptling, Scheik), oder
-als Volk unter dem (angestammten) Volkshaupt (König) auf. Dagegen,
-wenn ihre Glieder zwar geistes-, glaubens-, oder gesinnungs-, aber
-nicht blutsverwandt sind, erscheint die organisirte Gesellschaft,
-je nachdem der Inhalt der allen gemeinsamen Ueberzeugung entweder
-ein wissenschaftlicher, oder ein religiöser, oder ein politischer
-ist, in Gestalt entweder der (philosophischen oder künstlerischen)
-Schule unter einem (philosophischen oder künstlerischen) Schulhaupt
-(Meister), oder als (Landes-, National-, Welt-) Kirche unter einem
-(Landes-, National-, Universal-) Kirchenhaupt (Landesbischof,
-Papst, Dalai Lama), oder als (theokratischer, nach göttlichen,
-oder militärischer, nach mit Gewalt aufgedrungenen fremden Gesetzen
-beherrschter, oder autonomer, Verfassungs- d. i. nach eigenen Gesetzen
-sich selbst beherrschender) Staat unter einem (theokratischen, von Gott
-eingesetzten, oder kriegerischen, durch Unterjochung aufgedrungenen,
-oder verfassungsmässigen) Staatsoberhaupt (Fürst "von Gottes Gnaden",
-Eroberer, constitutioneller Herrscher). Je nachdem das Centralorgan,
-in welchem das allen gemeinsame Bewusstsein der Gesellschaft sich
-verkörpert, dessen Bewusstsein also gleichsam die Stelle des allen
-gemeinsamen Bewusstseins vertritt, selbst aus einem einzigen oder
-mehreren unter einander coordinirten oder aus einem und mehreren
-diesem zusammengenommen coordinirten Individuen besteht, nimmt
-derselbe monarchische, oder collegiale, oder parlamentarische Form
-an, indem im ersten Fall das Gesammtbewusstsein im Monarchen (Josef
-II. und Friedrich II. als "erste Diener des Staates") im zweiten
-Fall im Regierungscollegium (Directorium, Bundesrath), im dritten
-Fall im Herrscher und den Stellvertretern des Gesammtbewusstseins
-(Abgeordnete, Parlament, Kammer, Reichstag) zusammengenommen incarnirt
-erscheint. Die monarchische Gestalt entartet zur Tyrannis, wenn an die
-Stelle des Gesammtbewusstseins das Einzelbewusstsein des Herrschers
-(l'état c'est moi), die collegiale Regierung zur Oligarchie,
-wenn an die Stelle des Gesammtbewusstseins jenes einer Minderheit
-(einer Kaste in der Priester-, Adels- oder Geschlechter-, eines
-Standes in der Militär- oder Zünfte-, des Geldes in der Finanz-
-und Bankiersherrschaft: Theokratie, Aristokratie, Martokratie,
-Plutokratie), dagegen zur Ochlokratie, wenn an die Stelle des
-Gesammtbewusstseins die bewusstseinslose Menge als herrschende
-Macht tritt. Die parlamentarische Regierung kann je nach dem
-Uebergewicht des Einen über die Vielen, oder der Vielen über den
-Einen in Scheinparlamentarismus (wie unter dem Julikönigthum)
-oder in Scheinmonarchismus (wie in England) ausarten. In der
-monarchisch organisirten Gesellschaft wird nicht nur die Einheit des
-Gesammtbewusstseins, sondern werden auch die in demselben, wie in jedem
-Bewusstsein vorhandenen und einander bestreitenden Gegensätze in das
-stellvertretende Bewusstsein des Alleinherrschers verlegt und damit
-demselben die gesammte Verantwortlichkeit für die aus dem Zwiespalt der
-letzteren entspringenden Folgen aufgebürdet. In der collegialen Form
-der Regierung prägen die im Gesammtbewusstsein einander bekämpfenden
-Extreme (Radicalismus und Conservatismus) innerhalb des höchsten
-Regierungsorgans selbst als solche sich aus, während die Einheit des
-Bewusstseins durch die mangelnde Spitze nur collectiv und daher nur
-unvollkommen (Präsident) vertreten erscheint. Die parlamentarische Form
-hat den Vorzug, dass in derselben die Einheit des Gesammtbewusstseins,
-wie die in demselben vorhandenen Gegensätze gleichzeitig, die eine
-in der monarchischen Spitze und durch deren ewige Dauer in der
-festgesetzten Erbfolgeordnung am dauerhaftesten, die andere in den
-innerhalb der Volksvertretung einander bekämpfenden politischen
-Parteien (Fortschritts- und Stillstandsmänner, Whigs und Tories)
-am vollkommensten repräsentirt erscheint und daher das Ganze der
-Regierung, Monarch und Parlament, vereinigt das treueste Spiegelbild
-des gesellschaftlichen Gesammtbewusstseins darstellt.
-
-377. Wie die andere ihresgleichen appercipirenden d. h. sich
-anschmelzenden Vorstellungsmassen im individuellen Bewusstsein,
-so stellen die einzelnen, jede für sich organisirten Gesellschaften
-(Familie, Stamm, Schule, Kirche etc.) innerhalb der räumlich, zeitlich
-und organisch zu einem Ganzen geeinigten Gesellschaft Mittelpunkte dar,
-welche vermöge ihrer bereits erlangten und befestigten Macht ihren
-Einfluss und Umfang durch die Heranziehung und Assimilirung gesinnungs-
-oder stammesverwandter Individuen zu vergrössern und zu erweitern
-bemüht sind. In diesem Sinne bildet sich um die durch Geburt, Ansehen
-oder Reichthum hervorragende Familie ein Familienanhang, um den durch
-Zahl, Macht oder Intelligenz zur Präponderanz gelangten Stamm ein
-Stammesgefolge, zieht die zu Gewicht und Nachdruck gelangte Schule
-(Staatsphilosophie Hegel's unter Altenstein) stets neue Anhänger,
-wie eine durch den Besitz himmlischer und irdischer Güter reich
-gewordene, mit Privilegien für jenseits und diesseits ausgestattete
-Kirche (Staatskirche, englische Hochkirche) stets neue Bekenner
-an sich und droht, indem sie aus einer staatähnlichen zu einer
-dem Staat ebenbürtigen oder demselben überlegenen Macht innerhalb
-der Gesellschaft heranwächst und die besonderen Familien- oder
-Stammes- (Nationalitäts-), Schul- oder Kircheninteressen allmälig im
-Allgemeinbewusstsein einen überwiegenden Einfluss gewinnen, zu einem
-Staat im Staate und dadurch für diesen selbst zu einer ähnlichen
-Gefahr, wie das im individuellen Bewusstsein übermächtig gewordene
-Neben- oder zweite Ich für die Ich-Vorstellung zu werden.
-
-378. Wie die Ich-Vorstellung über das gesammte, oder doch den grössten
-Theil des Bewusstseins seine Herrschaft auszudehnen, so strebt
-der Staat über alle innerhalb seiner Raum-, Zeit- und Volksgrenzen
-vorhandenen organisirten Gesellschaften die Oberhoheit auszuüben
-d. h. sie aus unabhängigen in von ihm abhängige Corporationen, als
-seine Familien und Stämme, seine Schule, seine Kirche u. s. w. zu
-verwandeln. Derselbe duldet demgemäss innerhalb seines Umkreises weder
-sich souverän geberdende Feudalherren, noch von der Staatseinheit sich
-emancipirende Nationalitäten- oder Ländergelüste (Kantönligeist), eben
-so wenig von derselben unabhängige Unterrichts- (die "freie Schule"),
-oder religiöse Körperschaften (die "freie Kirche"), während diese
-ihrerseits gegen den "Racker von Staat" (Friedrich Wilhelm IV.) sich
-zu behaupten bemüht sind (Kampf der Reichsfürsten gegen den Kaiser,
-der Vasallen gegen den Landesherrn, der Provinzen und Stämme gegen das
-Reich, der "freien" d. i. katholischen Universitäten in Belgien gegen
-die Staatsuniversität, der Kirche gegen den Staat; "Culturkampf").
-
-379. Wie die physischen, so üben die Gesellschaftskörper gegenseitig
-Wirkungen auf einander aus. Wie die mechanisch zusammengesetzten
-Körper durch Häufung, so vergrössern sich die auf Association zu einem
-gemeinsamen Zwecke beruhenden Corporationen durch Vermehrung ihrer
-Mitgliederzahl in Folge der Fusion derjenigen, welche gleiche Zwecke
-verfolgen. Dieselbe wird überall dort, wo die gegebenen Umstände
-das gleichzeitige Bestehen mehrerer denselben Zweck verfolgenden
-Gesellschaften nicht erlauben, durch den daraus entspringenden
-"Kampf ums Dasein" d. i. durch die sogenannte "freie Concurrenz"
-herbeigeführt, dessen Devise das "ôte toi, que je m'y mette", und
-dessen Ursache das "da-" d. i. das "an dem Orte sein wollen" ist,
-den ein Anderer einnimmt. Dagegen stehen die auf der qualitativen
-Gleichheit oder Ungleichheit ihrer Mitglieder ruhenden Gesellschaften
-unter einander wie die chemischen Körper in wahlverwandtschaftlichen
-Beziehungen, vermöge deren bestehende Verbindungen in Folge stärkerer
-Anziehung gelöst und bisher nicht bestandene aus demselben Grunde
-geschlossen werden. Wechsel der Berufs-, der Standesgenossenschaft auf
-der einen, des Gegenstandes der Freundschaft, der Liebe auf der anderen
-Seite sind die Folgen derselben. Jene werden durch Abneigung gegen den
-gegenwärtigen, durch Vorliebe für den künftigen Beruf oder Stand, diese
-durch Antipathie gegen den bisherigen, Sympathie für den künftigen
-Gegenstand der Freundschaft oder der Liebe verursacht. Organische
-Gesellschaftskörper verschmelzen unter einander entweder auf realem
-z. B. dem geschlechtlichen Wege, indem durch Heirat verschiedenen
-Familien angehöriger Familienglieder (Familienheirat) eine neue
-Familie, durch Heiraten aus verschiedenen Stämmen ein neuer Stamm
-(Römer: aus Latinern und Sabinern), durch Ineinanderaufgehen zweier
-oder mehrerer Nationalitäten eine neue Nationalität (die englische:
-aus Sachsen und Normannen; die lateinische: aus Celten und Germanen;
-die amerikanische: aus Briten, Iren, Deutschen) entsteht, oder
-auf idealem Wege, indem aus der Vereinigung zweier oder mehrerer
-Wissens-, Glaubens-, oder politischer Genossenschaften eine neue Schule
-(z. B. die neuere Akademie aus Platonismus und Stoicismus), eine neue
-Kirche (z. B. die anglicanische aus Katholicismus und Lutherthum),
-eine neue politische Partei (z. B. Disraeli's Reformtories aus Tories
-und Peeliten) hervorgehen.
-
-380. Autochthone Gesellschaften, die ihre "Scholle" behaupten,
-werden auf diesem Wege von nomadischen, welche dieselbe vorübergehend
-occupiren, letztere von staatbildenden, welche daselbst sich bleibend
-niederlassen wollen, im "Kampf ums Dasein" bedrängt und verdrängt. Wie
-jene nach einander, so treten gleichzeitige nachbarliche organisirte
-Gesellschaften (Familien, Stämme, Schulen, Kirchen und Staaten) im
-Kampf ums Dasein (Familienfehde, Stammesfehde, Schulzwist, Sectenhass,
-Krieg) in feindliche oder freundliche Berührung (Familienbund,
-Stammesbündniss, Schulen- und Kircheneinigung, Staatenbündniss.) Je
-nachdem die Folge derselben die gegenseitig anerkannte Unabhängigkeit
-oder die auf gewaltsamem oder friedlichem Wege herbeigeführte
-Abhängigkeit des einen von dem andern Gesellschaftskörper ist, geht
-im ersten Falle ein statisches Gleichgewicht zwischen denselben
-(Oesterreichs und Preussens Aequilibrium im deutschen Bunde; das
-"europäische Gleichgewicht") oder das Uebergewicht eines über die
-übrigen (Preussens im deutschen Reich; Russlands während der Zeiten der
-heiligen Allianz in Europa; der Nord- über die Südstaaten in Amerika),
-in beiden Fällen ein System von Gesellschaftskörpern (Staatensystem)
-aus demselben hervor, in welchem entweder die einzelnen sich zu
-einander wie Gegensonnen oder wie um eine Centralsonne rotirende
-Planeten verhalten. Ersteres kann, wenn die einzelnen Glieder (Staaten)
-ihrer Unabhängigkeit von einander ungeachtet zu einem Ganzen sich
-vereinigen, zu einer Gesellschaftsföderation (Staatenbund), letzteres,
-wenn die Abhängigkeit der vielen vom Centralkörper sich vermindert,
-zu einem Föderativkörper (Bundesstaat) führen.
-
-381. Wie der die Zwischenräume der physikalischen Atome füllende
-Aether und die zwischen den festen Körpern befindliche Luftmasse,
-jener gleichsam die immaterielle, diese die materielle Atmosphäre der
-Körperwelt ausmacht, wie die auf die Beziehungen zwischen den einzelnen
-Bewusstseinsgebilden bezüglichen Phänomene des Bewusstseins (die
-Gefühle) gleichsam die gemüthliche Temperatur der Bewusstseinswelt,
-deren Wärme oder Kälte ausdrücken, so stellt das innerhalb einer
-Gesellschaft vorhandene gemeinsame Bewusstsein mit seinen allen
-gemeinsamen Vorstellungen, Gefühlen und Strebungen gleichsam das
-psychische Innere der Gesellschaft, die ersten deren Geist, die
-zweiten deren Gemüth, die letzten deren Charakter dar. Erstere, der
-Inbegriff des im Bewusstsein der Gesellschaft lebenden Meinens,
-Glaubens und Wissens, macht dabei gleichsam die Licht-, die
-Summe der innerhalb derselben vorhandenen Lust- und Unlustgefühle,
-insbesondere aber jene der im gemeinsamen Bewusstsein wirksamen Mit-
-oder socialen Gefühle gleichsam die Wärme-, die magnetischen und
-elektrischen Phänomene innerhalb der gesellschaftlichen Atmosphäre aus,
-während die Zahl und Beschaffenheit der innerhalb der Gesellschaft
-begangenen Thaten, wenn dieselben als unvorsätzliche im Rausche
-der Leidenschaft begangene Handlungen angesehen werden dürfen,
-den Grad der innerhalb der Gesellschaftsatmosphäre vorhandenen,
-der Gewitterschwüle vergleichbaren, affectvollen Spannung, wenn
-sie dagegen als vorsätzliche, im zurechnungsfähigen Zustand zur
-Aeusserung gelangte Willensacte betrachtet werden müssen, das der
-mittleren Witterung ähnliche Niveau des innerhalb der Gesellschaft
-gegebenen Sittlichkeitszustandes bezeichnen. Licht und Finsterniss
-in der physischen kehren innerhalb der gesellschaftlichen Welt
-als die Gegensätze der Aufklärung und des Wahn- und Aberglaubens,
-Hitze und Kälte jener als Gemüthsfülle und Gemüthlosigkeit,
-Anziehung und Abstossung gleichnamiger und ungleichnamiger Pole
-als menschenfreundliches Mitgefühl und erkältende Selbstsucht,
-verheerende Sturmfluten, magnetische und elektrische Ungewitter, aber
-auch luftreinigende Gewitterstürme und befruchtende Frühlingsregen
-als zerstörende Ausbrüche entfesselter Leidenschaft, aber auch
-als heroische Thaten enthusiastischer Aufopferung, endlich der
-durchschnittliche Zustand der Licht- und Wärmevertheilung in dem
-durchschnittlichen Verhältniss begangener Ausschreitungen und
-Verbrechen (wie es die sogenannte moralische Statistik aufweist)
-zu der Zahl und dem Bildungszustand der Gesellschaft wieder.
-
-382. Wie die Körper im Raume, die Vorstellungen im Bewusstsein, so
-wechseln die Gesellschaftsglieder ihren Ort innerhalb der Gesellschaft,
-die Gesellschaften selbst den ihrigen im Raume neben, in der Zeit nach
-und vor andern Gesellschaften. In dem "Kampf ums Dasein", welchen die
-Körper in der physischen, die Vorstellungen der Bewusstseinswelt,
-wie die Mitglieder der Gesellschaft um ihre Stellung in dieser mit
-einander führen, werden die einen, die herrschenden, von oben nach
-unten, andere, beherrschte, von unten nach oben gedrängt, und wie die
-Hindernisse, die dem im Raume bewegten Körper, und die Hemmungen,
-die der zur Klarheit aufstrebenden Vorstellung im Wege stehen,
-so die gesellschaftlichen Widerstände, welche den innerhalb der
-Gesellschaft Emporstrebenden begegnen, durch Glück oder Klugheit
-überwunden. Wandervölker und Auswanderer verändern den Ort ihres
-geselligen Zusammenlebens, während bis dahin blühende Gesellschaften
-durch Zerfall und innere Erschlaffung von ihrer Höhe herabsinken oder
-durch andere von derselben gestürzt werden. Wie aber der physische
-Körper gleich dem Bewusstseinsgebilde nicht blos den Ort, sondern auch
-Form und Stoff zu wechseln vermag, so geht der Gesellschaftskörper
-nicht nur aus der lockeren in engere Association (Actiengesellschaft
-in Handelscompagnie), sondern aus der qualitätslosen in die qualitative
-Genossenschaft (aus blosser Geselligkeit zur Freundschaft) und endlich
-in organische Verschmelzung (aus dem Liebesverhältniss zur Heirat und
-Familie) und organisirte Gesellschaft, diese aus der pflanzenartigen
-Form des Autochthonenthums aber selbst in die freibewegliche der
-Wandergesellschaft, nach dieser in die höhere Form der staatähnlichen
-Organisation und schliesslich in deren höchste und vollkommenste
-Gestaltung, den Staat über.
-
-383. Wie der Stoff des Bewusstseins die primitiven Bewusstseinsacte,
-so ist der Stoff der Gesellschaft der Inbegriff jener
-Bewusstsseinsindividualitäten, welche unter einander durch die
-Congruenz ihres individuellen Bewusstseinsgehalts zu einem Alle
-umfassenden gemeinsamen Bewusstsein verbunden werden. Hört eines dieser
-Einzelbewusstsein auf, seinem Inhalt nach mit jenem der übrigen zu
-harmoniren, so gehört dasselbe nicht mehr dem Allgemeinbewusstsein
-an und hat der Einzelne, dessen Bewusstsein auf diese Weise sich
-von dem allgemeinen geschieden hat, innerlich längst aufgehört
-Gesellschaftsmitglied zu sein, auch wenn nach aussen hin dessen
-bisheriger Verband dem Anschein nach unverändert fortbesteht. So kann
-der innerlich von dem Glaubensbekenntniss einer Glaubensgenossenschaft
-Abgefallene äusserlich in dem gesellschaftlichen Verbande seiner
-Kirche fortleben, also längst "confessionslos" geworden sein,
-ehe er sich äusserlich als solchen bekennt. Mit der Auflösung des
-gemeinschaftlichen Bewusstseins löst die Gesellschaft sich selbst
-auf, mit der Selbstauflösung aller unter eine gemeinsame Kategorie
-(z. B. unter jene der Familie, der Schule, der Kirche etc.) gehörigen
-Gesellschaften tritt für jede jener Kategorien socialer Nihilismus
-(der Familie als Auflösung jedes Familien-, der Schule oder Kirche als
-solche jedes wissenschaftlichen und Bekenntnissverbandes) ein. Mit der
-Selbstauflösung des Staats als der gesellschaftlichen Verwirklichung
-der Gesellschaftsidee erfolgt die Verneinung dieser selbst, die
-Annihilisation eines gesellschaftlichen Verbandes überhaupt und damit
-die Rückkehr zum ursprünglichen Zustand ungesellter Individuen, des
-Zerfalls des socialen, wie oben des physischen Stoffs, in seine Atome.
-
-384. Wie die Gesammtheit der physischen Körper den Kosmos, die
-Gesammtheit der Bildungen des individuellen Bewusstseins die Seelenwelt
-des Individuums, so macht die Gesammtheit gesellschaftlicher Körper
-von den gleichgiltigsten und flüchtigsten Associationen bis zu
-dauerhaften, sei es durch Bluts-, sei es durch Ueberzeugungsbande
-verschmolzenen organischen und organisirten Corporationen und zu
-der ausdauerndsten und umfassendsten von allen, dem Staate und den
-Staaten in ihren gegenseitigen, sei es auf Ebenbürtigkeit, sei es auf
-Abhängigkeit gegründeten Beziehungen, als Staatensystem, so weit die
-geschichtliche Erfahrung reicht, die Welt der Geschichte aus. Wie die
-Totalität des physischen und jene des im individuellen Bewusstsein
-sich vollziehenden psychischen Geschehens die Naturgeschichte des
-Kosmos und die Geschichte der Seelennatur, so stellt die Gesammtheit
-des innerhalb der Gesellschaft wie innerhalb der Gesellschaften von
-den unscheinbarsten Regungen eines gemeinschaftlichen Bewusstseins im
-Umkreis locker verknüpfter bis zu der reichsten Entfaltung gemeinsamen
-Denkens, Fühlens und Wollens unter einander physisch oder psychisch
-eng verwandter Individuen, von dem einförmigen Dahinleben der Natur-
-bis zu den wechselvollen Schicksalen hochcivilisirter Culturvölker,
-von den seltenen und zufälligen feindseligen und freundlichen
-Berührungen zerstreuter Horden, Familien und Stämme bis zu den eng
-verflochtenen materiellen und geistigen Interessen und dem Raum und
-Zeit überwindenden Handels-, literarischen und persönlichen Verkehr
-einer zu stets sich steigernder Gleichartigkeit der Bildung, der
-Sitten und der staatlichen Formen entwickelten Menschheit herauf, so
-weit die geschichtliche Erfahrung reicht, die nach unveränderlichen
-Gesetzen sich vollziehende Entwickelungsgeschichte der Gesellschaft,
-die Weltgeschichte dar.
-
-
-
-
-
-
-
-
-DRITTES BUCH.
-
-DIE KUNST.
-
-
-ERSTES CAPITEL.
-
-DIE BILDUNGSKUNST.
-
-
-385. Wie es die Aufgabe des ersten Buches war, die Ideen als
-Musterbegriffe ohne Rücksicht auf eine denselben entsprechende oder
-nicht entsprechende Wirklichkeit, jene des zweiten dagegen, das
-Wirkliche ohne Rücksicht auf dessen vorhandene oder nicht vorhandene
-Uebereinstimmung mit den Ideen, jedes der beiden genannten Gebiete
-rein, ohne Beeinflussung oder Färbung durch das andre für sich
-darzustellen, so ist es die Aufgabe des dritten, durch dessen
-Gegenstand, die Kunst, welche weder, wie der Inhalt des ersten
-vorschreibende, noch wie jener des zweiten Buches beschreibende
-Betrachtung, sondern reale Bethätigung ist, die Ideen in die
-Wirklichkeit einzuführen d. h. das mit den Ideen nicht in Einklang
-stehende Wirkliche diesen, so weit dessen Natur es gestattet,
-harmonisch zu gestalten.
-
-386. Aus dem Gesagten folgt, dass der Begriff der Kunst, insofern unter
-demselben Darstellung von Ideen im wirklichen Stoffe verstanden wird,
-weder mit jenem der schönen Kunst, welche die Darstellung ästhetischer
-Ideen, noch mit jenem der Technik, welche die kunstfertige Ueberwindung
-der Ideendarstellung durch das wirkliche Material in den Weg gestellter
-Widerstände in sich begreift, identisch, sondern weiter als beide
-ist und als auf Wissen sich stützendes Können überall dort zur
-Anwendung kommt, wo von Darstellung gleichviel was für welcher Ideen
-in wirklichem, gleichviel ob willigem oder sprödem Stoffe die Rede
-ist. Jenes, das Merkmal der Ideendarstellung, unterscheidet die Kunst
-von der ideenlosen Virtuosität, die sich in Ueberwindung im Material
-nicht gegebener, sondern in demselben ausdrücklich hervorgesuchter,
-also selbstgemachter Schwierigkeiten gefällt. Dieses, das Merkmal
-der Realität des Materials, durch welche die Idee selbst solche
-gewinnt, unterscheidet die Kunst von dem traumhaft dahinfliessenden
-Bewusstseinsgespinnst, welches weder durch die Verarbeitung nach
-logischen Ideen logischen Halt, noch durch solche nach ästhetischen
-Ideen ästhetische Form, noch durch gleiche nach ethischen Ideen
-ethischen Gehalt, noch endlich durch Verkörperung in lebendigem,
-eigenem oder fremdem, oder in leblosem Stoff reale Gestalt annimmt. Wie
-jene Können ohne Wissen (entweder nicht Kennen oder nicht Kennenwollen
-der Ideen, die sich gar wol mit umfassender Kenntniss des sonst zur
-Ideendarstellung bestimmten Stoffs verträgt), so stellt dieses, auch
-wenn es wie der hellseherische Traum des Genius das Wahre trifft, ein
-Wissen ohne Können dar (nicht Verarbeiten, oder nicht Verarbeitenwollen
-der Idee im Stoff, welches sich gar wohl wo mit umfassendem Vermögen
-künstlerischer Darstellung vertragen, aber auch aus Mangel technischer
-Anlage oder aus "göttlicher Trägheit" entspringen kann).
-
-387. Kunst in diesem Sinn ist einerseits so vielfach, als überhaupt
-zur Darstellung geeignete Ideen, und so mannigfaltig, als zur Aufnahme
-derselben empfängliche Stoffe vorhanden sind. Dieselbe erscheint
-in ersterer Hinsicht als Darstellerin logischer, ästhetischer und
-ethischer d. i. der Ideen des Wahren, Schönen und Guten. In letzterer
-Hinsicht wird es darauf ankommen, ob das Material, dessen die Kunst
-sich bedient, psychischer (Bewusstseins-) oder physischer (materieller)
-Natur, und im ersteren Fall, ob der Bewusstseinsstoff Inhalt des
-eigenen oder eines fremden Bewusstseins sei. Dieselbe gliedert sich
-in dieser Hinsicht in die dreifache Kunst der Bildung der Vorgänge des
-eigenen Bewusstseins (Vorstellen, Fühlen, Wollen), so wie jener eines
-fremden Bewusstseins, endlich der Körper und Processe der physischen
-(leblosen und lebendigen) Natur nach (logischen, ästhetischen,
-ethischen) Ideen. Die erste als Kunst der Ideendarstellung im eigenen
-Vorstellen, Fühlen und Wollen d. i. der Bildung des eigenen Vorstellens
-nach logischen, ästhetischen und ethischen, des eigenen Fühlens nach
-ästhetischen und des eigenen Wollens nach ethischen Normen ergibt
-die Kunst der Selbstbildung oder die Bildungskunst. Die zweite als
-Kunst, das Vorstellen, Fühlen und Wollen eines Andern, das erste nach
-logischen, ästhetischen und ethischen, das zweite nach ästhetischen,
-das dritte nach ethischen Normen zu bilden, ergibt die Kunst der
-Bildung Anderer oder die Bildekunst. Die dritte als die Kunst, die
-Processe und Körper der materiellen, lebendigen und leblosen Natur
-nach Ideen zu behandeln d. i. durch die Wahrheit als Wissenschaft zu
-beherrschen, durch die Schönheit als Kunst zu verschönern und durch
-die Güte als wohlwollende und menschenwürdige Behandlung zu veredeln,
-ergibt als Kunst die Natur zu bilden, die bildende Kunst.
-
-388. Bildungskunst als Ideendarstellung im eigenen Vorstellen ist
-als Darstellung logischer Ideen in demselben zunächst logische
-Kunst. Insofern die logischen Ideen den Inbegriff der Bedingungen
-ausmachen, unter welchen Denken zum Wissen wird, besteht deren Aufgabe
-darin, das eigene Vorstellen in Wissen, den Inhalt desselben in
-Wissenschaft zu verwandeln. Der Denkende wird zum Wissenden, wenn ihm
-alles dasjenige, aber auch nur dasjenige als wahr d. i. als richtig
-und giltig erscheint, was ihm in Folge der Anwendung logischer
-Normen auf sein Denken als solches erscheinen muss. Andernfalls
-weiss er nicht, sondern meint, ahnt oder glaubt nur. Ersteres, wenn
-er überhaupt keine Gründe, letzteres, wenn er andere als logische
-d. i. aus dem Inhalt des Gedachten stammende Gründe hat, dasselbe für
-wahr zu halten. Je nachdem diese letzteren entweder aus dem Gefühl,
-oder aus dem Begehren, Wünschen und Wollen genommen sind, so dass der
-Vorstellende dasjenige für wahr oder falsch hält, was seinen Gefühlen,
-oder dasjenige, was seinen Wünschen entspricht oder entgegen ist,
-tritt das von ihm für wahr Gehaltene in der Form eines Vorausgefühlten
-(Geahnten) oder Vorauserwarteten (Geglaubten) auf, auch dann, wenn
-dasselbe nach logischen Regeln aus der Beschaffenheit des Gedachten
-weder vorhergesehen, noch überhaupt gewusst werden kann.
-
-389. Insofern und weil das Wissen vom Meinen, Ahnen und Glauben
-verschieden, die Form des Gewussten auch dann, wenn der Inhalt
-derselbe ist, von der Form des blos Gemeinten, Geahnten oder
-Geglaubten verschieden sein muss, so folgt, dass die logische
-Kunst als Bearbeitung des eigenen Vorstellens nach logischen Regeln
-zunächst darauf ausgehen muss, das zu bearbeitende Material d. i. das
-eigene Vorstellen von allen ihm fremdartigen Bestandtheilen und
-Zusätzen zu reinigen d. h. alles dasjenige auszuscheiden, was nicht
-selbst Vorstellung, sondern Gefühl oder Streben (Begierde, Wunsch,
-Wille) ist. Dieselbe trachtet daher vor allem den Vorstellenden
-von jeder Rücksicht auf dasjenige frei zu machen, wodurch der
-Inhalt des Gedachten zu dessen Gefühlen, Begierden, Wünschen und
-Willensbestrebungen in förderlicher oder hemmender Beziehung steht
-d. h. entweder ein ästhetisches oder ein praktisches Interesse für
-denselben hat. Denn, wo das erstere herrscht, wird der Vorstellende
-eine eben so begreifliche Neigung zeigen, dasjenige, was ihm aus irgend
-einem Grunde nützlich, angenehm oder schön erscheint d. h. gefällt,
-für wahr oder wirklich, wie dasjenige, was ihm missfällt, für falsch
-oder Fiction zu halten; wo das letztere herrscht, wird er bereit sein,
-dasjenige, was er aus irgend einem Grunde begehrt, wünscht oder will,
-für begehrenswerth, möglich und erlaubt, so wie dessen Gegensätze
-d. i. alles dasjenige, was er verabscheut, weder wünscht noch will,
-für das Gegentheil zu halten. Aus dem ersteren entspringt, wenn das für
-wahr Gehaltene deshalb dafür gehalten wird, weil dasselbe uns nützlich,
-dagegen für falsch, wenn es uns schädlich scheint, die sogenannte gute
-oder schlimme Ahnung, -- wird es dagegen für wahr oder falsch gehalten,
-je nachdem es uns angenehm und schön oder unangenehm und hässlich
-dünkt, der poetische Optimismus oder Pessimismus, poetischer Glaube
-oder Unglaube (Wahnglaube). Aus dem letzteren entspringt, je nachdem
-das praktische Interesse an dem Inhalt des Gedachten den Vorstellenden
-nur gestimmt macht, Ungewisses, ja selbst Unwahrscheinliches, aber
-doch Mögliches und bis zu einem gewissen Grad Wahrscheinliches über
-diesen hinaus für wahrscheinlich, ja selbst für gewiss zu halten,
-oder dermassen verblendet, dass er nicht blos Unwahrscheinliches
-für wahrscheinlich, sondern Unmögliches für möglich, ja selbst für
-wirklich hält, im ersten Fall Leichtgläubigkeit, im zweiten Fall
-Aberglaube. Beide sind verzeihlich, wenn die Begierden, Wünsche und
-Willensbestrebungen, durch die sie veranlasst werden, entweder an
-sich löblich oder doch erlaubt, dagegen unentschuldbar, wenn dieselben
-nicht blos thöricht, sondern unerlaubt und verwerflich sind.
-
-390. Die Bearbeitung des eigenen Vorstellungsmaterials erfolgt, wenn
-das letztere von fremdartigen, ästhetischen und praktischen Zusätzen
-gereinigt ist, "sine ira", aber erst, wenn dieselbe nicht blos auf
-Grund des psychischen Mechanismus, sondern nach logischen Normen
-geschieht, "cum studio". Jene dient nur dazu, den Vorstellenden von
-den Einflüssen des ästhetischen und praktischen Interesses auf sein
-Denken frei d. h. das rein wissenschaftliche Interesse an dem Inhalt
-des Gedachten zu dessen einzigem zu machen: diese geht darauf aus,
-die durch den psychischen Mechanismus des Bewusstseins thatsächlich in
-demselben entstandenen Gedanken vom Gesichtspunkt der logischen Ideen
-einer kritischen Prüfung zu unterziehen d. h. das specifisch logische
-oder im weiteren Sinn philosophische Interesse zu befriedigen. Die
-Aufgabe der ersteren ist erfüllt, wenn es derselben gelungen ist,
-auf rein wissenschaftlichem d. i. weder durch ästhetische, noch
-praktische Interessen beeinflusstem Wege inhaltsvolle Gedanken
-(Begriffe, Urtheile, Schlüsse, Systeme), jene der letzteren aber erst,
-wenn sie es dahin gebracht hat, den Forderungen logischen Denkens
-gegenüber haltbare d. i. logisch denkbare Gedanken (denknothwendige
-oder doch logisch erlaubte Begriffe, Urtheile, Schlüsse und Systeme)
-herzustellen. Frucht der ersteren ist die naive d. i. empiristische
-und im philosophischen Sinn kritiklose, die der letzteren dagegen die
-bewusste d. i. philosophische, weil durch logische Kritik gesichtete
-Wissenschaft.
-
-391. Die naive Wissenschaft führt ihren Namen daher, weil sie
-einerseits zwar Wissenschaft d. h. von den Einflüssen des Gefühls
-und des Willens frei, andererseits aber naiv ist d. i. um die Frage,
-ob der psychische Mechanismus von Haus aus derart beschaffen sei,
-dass die durch denselben im Bewusstsein zum Vorschein kommenden
-Gebilde (Begriffe, Urtheile, Schlüsse, Schlussketten und Systeme)
-wahre d. i. richtige und giltige Begriffe, Urtheile u. s. w. sein
-müssen oder doch sein können, sich unbekümmert zeigt. Letztere aber
-d. i. die eigentlich kritische Frage, weil sie nichts geringeres
-als das gesammte erkenntnisstheoretische Problem d. i. die Würdigung
-der gesammten auf dem Wege des psychischen Mechanismus entstandenen
-Vorstellungen in Bezug auf deren Erkenntnisswerth enthält, ist um
-so unabweislicher, je weniger es sich bestreiten lässt, dass gewisse
-auf obigem Wege mit naturgesetzlicher Nothwendigkeit im Bewusstsein
-sich einstellende Vorstellungsgebilde in Hinsicht auf deren Bedeutung
-für die Erkenntniss keinen oder sogar einen negativen Werth besitzen
-d. h. nicht blos Hohl-, sondern Wahngebilde sind. Zu diesen gehören
-die sogenannten Sinnestäuschungen (Illusionen und Hallucinationen),
-aber auch der Schein der täglichen Bewegung des gestirnten Himmels
-um die Erde, oder des am Horizont vergrösserten Durchmessers des
-Mondes, deren sich der Astronom, der sie als Trug erkennt, eben so
-wenig wie der Laie, der sie für Wirklichkeit nimmt, zu erwehren
-vermag. Ebendahin aber auch gewisse Begriffe, welche, wie jener
-Schein, auf Grund des psychischen Mechanismus im Bewusstsein mit
-naturgesetzlicher Nothwendigkeit entstehen und daher unabweislich,
-aber nichts desto weniger von einer Inhaltsbeschaffenheit sind,
-welche nicht ohne weiteres gestattet, deren Inhalt für möglich,
-geschweige denn für wirklich, also auch nicht sie selbst für richtige
-und giltige Begriffe zu halten. Von dieser Art sind Begriffe,
-deren Inhalt auf Wirkliches bezogen und folglich, da dieselben
-thatsächlich im Bewusstsein gegeben sind, als wirklich gesetzt wird,
-zugleich aber in sich widersprechend ist, so dass die Forderung,
-denselben als wirklich zu setzen, nichts geringeres bedeutet als
-ein Widersprechendes, also ein solches, was nach logischen Ideen als
-wirklich nicht gedacht werden darf, denselben zum Trotz als solches zu
-denken. Zeigt sich nun, dass zu diesen Begriffen gerade diejenigen
-gehören, von welchen die sogenannten Erfahrungswissenschaften,
-Natur- und Geschichtswissenschaft, den umfassendsten Gebrauch und die
-freigebigste Anwendung machen, ja solche, ohne welche das von obigen
-Wissenschaften errichtete Wissenschaftsgebäude, die sogenannte Natur-
-und Geschichtserfahrung, weder Grundlage noch Zusammenhang, überhaupt
-keinerlei Halt besässe, so erscheint das in die Zuverlässigkeit und
-Glaubwürdigkeit jener Wissenschaften gesetzte Vertrauen so lange
-als unberechtigt, die Wissenschaft selbst als naiv, so lange nicht
-entweder jene Begriffe beseitigt oder, da dies, ohne das Werk jener
-Wissenschaften selbst zu zerstören, unmöglich ist, wenigstens die
-Widersprüche aus deren Inhalt verschwunden sind.
-
-392. Der geschilderte Fall ereignet sich bei den sogenannten
-metaphysischen oder, wenn alle Begriffe, deren Inhalt auf Wirkliches
-bezogen wird, ontologische (Seinsbegriffe) heissen sollen, bei den
-allgemeinsten ontologischen Begriffen, als welche (von Herbart)
-namentlich jene des Dings mit mehreren Merkmalen, der Veränderung
-(incl. der Bewegung) der Materie und des Ichs angeführt worden
-sind. Dieselben sind sämmtlich "Thatsachen des Bewusstseins" d. h. sie
-finden sich in Folge und auf Grund des psychischen Mechanismus in
-jedem normal naturgesetzlich entwickelten Bewusstsein in gleicher
-Weise, als aus den ursprünglichen Bewusstseinsacten gesetzmässig
-abgeleitete psychische Gebilde vor; der Inhalt derselben ist daher
-weder selbst gemacht, sondern gegeben, noch willkürlich anders gemacht,
-als er gegeben ist, sonach unabweislich. Derselbe ist aber zugleich
-so beschaffen, dass er einander gegenseitig ausschliessende, weil
-widersprechende Bestimmungen enthält, sonach unhaltbar. Bei dem Begriff
-des Dings mit mehreren Merkmalen besteht dieser Widerspruch darin,
-dass dasselbe zugleich als eins und als vieles, bei dem Begriff der
-Veränderung darin, dass das Veränderte zugleich als dasselbe und nicht
-dasselbe, bei der Materie darin, dass dieselbe ins Unendliche getheilt
-und doch aus Theilen entstanden, bei dem Begriff des Ich endlich
-darin, dass dasselbe als sich sich vorstellend d. i. einen regressus
-in infinitum einschliessend und doch als finitum d. i. als vollendet
-gedacht werden soll. Dieselben sind aber zugleich von der Art, dass das
-gesammte Gebäude der Erfahrung und sonach der Erfahrungswissenschaft
-auf der Voraussetzung ihrer Giltigkeit ruht; weder die Körper-, noch
-die geschichtliche Welt, wie sie erfahrungsmässig gegeben sind, wären
-ohne Voraussetzung der Wirklichkeit von Dingen als Trägern zahlreicher
-Eigenschaften, von Bewegung in Raum und Zeit, so wie qualitativer
-Veränderung von Stoff in der einen und bewussten Individuen in
-der anderen möglich. Letztere und damit die gesammte auf Erfahrung
-beruhende vorgebliche Wissenschaft vom Wirklichen müsste sonach so
-lange für bodenlos, diese Wissenschaft selbst für naiv gelten, als jene
-vor dem Forum der Logik unhaltbaren Begriffe deren Grundlage ausmachen.
-
-393. Da die Bearbeitung der im Bewusstsein auf normalem
-Wege entstandenen Vorstellungen vom Gesichtspunkt jener
-erkenntnisstheoretischen Frage nicht durch den Inhalt der Vorstellungen
-selbst, sondern durch das Verhältniss der Naturgesetze des Denkens (des
-psychischen Mechanismus) zu dessen Normalgesetzen (den logischen Ideen)
-bedingt ist, so erstreckt sich die Bezeichnung der Naivetät über das
-ganze Gebiet der unkritisch (d. i. ohne Rücksicht auf obige Frage)
-verfahrenden Wissenschaft d. h. auf die Gebiete aller besonderen
-Wissenschaften, gleichviel welchen Gegenstand dieselben betreffen
-mögen, sonach auf die formalen, wie Mathematik und Grammatik,
-nicht weniger, wie auf die realen, und unter diesen ebenso auf die
-theoretischen, welche, wie Geschichte und Naturwissenschaft, von
-Wirklichem, wie auf die praktischen, welche wie Kunst- und Sitten-,
-Rechts-, Staats- und Erziehungslehre von erst zu Verwirklichendem
-handeln; endlich auf das von der Erfahrung nicht blos ausgehende,
-sondern ausschliesslich auf dieselbe sich stützende d. i. empirische
-Denken (empirischer Dogmatismus) nicht weniger als auf jedes den
-Ursprung seiner Begriffe aus dem psychischen Mechanismus und damit
-die Zweifelhaftigkeit ihres erkenntnisstheoretischen Werths entweder
-nicht kennende oder vornehm ignorirende, um dieser seiner begrifflichen
-Form willen im eminenten Sinn "philosophisch" (rational, speculativ,
-dialektisch) sich nennende Denken (dogmatische Philosophie).
-
-394. Wie jeder Dogmatismus, auch der in der Philosophie, vor, so liegt
-die bewusste d. i. durch Bearbeitung der im psychischen Mechanismus
-gewordenen Begriffe nach logischen Normen entstandene und ihrer
-Uebereinstimmung mit den letztern innegewordene Wissenschaft nach der
-Beantwortung der kritischen Frage d. i. dem Kriticismus. Wie dieser
-selbst aus der Skepsis, so geht die wahre d. h. kritisch gesichtete
-Wissenschaft aus der Kritik hervor. Insofern die letztere auf alle
-thatsächlich im Bewusstsein vorfindlichen Begriffe, gleichviel welchem
-wissenschaftlichen Gebiete dieselben angehören mögen, sich ausdehnt,
-unterscheidet sie sich von jener Gattung von Kritiken, deren jede
-sich nur auf ein begrenztes Gebiet für richtig und giltig gehaltener
-Begriffe, Urtheile oder Schlüsse erstreckt d. i. wie die sogenannte
-historische Kritik angeblich historische Thatsachen, wie die sogenannte
-philologische Kritik vermeintlich echte Textesüberlieferungen, wie
-die ästhetische Kritik unverdienter Weise als mustergiltig gepriesene
-Kunstleistungen u. s. w. auf ihre wahre Gestalt und wirklichen Gehalt
-zurückzuführen sich zur Aufgabe macht. Wie durch letzteren Umstand
-dem Umfange nach, so sondert sie sich von den angeführten Arten der
-Kritik überdies durch die Beschaffenheit des der Beurtheilung zu Grunde
-liegenden Massstabs ab, welcher für sie weder in der Uebereinstimmung
-oder im Widerspruch des angeblich Geschichtlichen mit als solches
-Anerkanntem (wie bei der historischen Kritik), noch in dem Einklang
-oder der Abweichung der vermeintlich echten mit oder von der als
-solche beglaubigten Textesüberlieferung (wie bei der philologischen
-Kritik), noch in der Harmonie oder Disharmonie der jeweilig gelobten
-oder getadelten Leistung mit den ästhetischen Normen (wie bei der
-Kunstkritik) u. s. w., sondern einzig und allein in der Denkbarkeit
-oder Undenkbarkeit, so wie in der Denknothwendigkeit der Begriffe
-nach logischen Normen gelegen ist.
-
-395. Die auf diesem Wege durch Bearbeitung der Begriffe entstandene
-Wissenschaft ist Philosophie. Der Unterschied derselben von den
-besonderen Wissenschaften liegt, da die Bearbeitung, aus der sie
-entspringt, sich auf die Gebiete aller Wissenschaften ausdehnt, nicht
-darin, dass sie anderes, sondern darin, das sie anders weiss. Wenn der
-Name der Wissenschaft nicht nach dem Grade der Wissenschaftlichkeit
-ertheilt, sondern je nach der Besonderheit des Gegenstandes vertheilt
-werden soll, so ist die Philosophie, wie der Poet bei der Theilung der
-Erde, so bei der Theilung des (Bacon'schen) "Globus intellectualis"
-zu spät gekommen. Wenn dagegen jener allein entscheidet, so ist die
-bewusste aus kritischer Sichtung des Gewussten hervorgegangene allein
-wahre (Normal- und zugleich Universal-) Wissenschaft. Dieselbe
-zerfällt, je nachdem die Bearbeitung gegebener Begriffe nach
-logischen Normen der formalen oder der realen Seite derselben
-gilt, selbst in eine philosophische Formal- und in philosophische
-Realwissenschaften. Jene behandelt die gegebenen Begriffe lediglich
-als Begriffe, wobei von der Beschaffenheit des Inhalts derselben
-abgesehen wird, und erstreckt sich daher auf alle gegebenen Begriffe
-ohne Unterschied. Diese unterscheiden sich von jener gemeinsam
-durch den Umstand, dass der Inhalt der Begriffe berücksichtigt,
-unterscheiden sich aber unter einander selbst wieder durch den
-Umstand, dass die eine derselben alle diejenigen Begriffe umfasst,
-deren Inhalt als wirklich gedacht, die andere dagegen alle diejenigen,
-deren Inhalt allgemein und nothwendig wohlgefällig oder missfällig
-gefunden werden soll. Erstere, die philosophische Formalwissenschaft
-fällt mit der (formalen) Logik, letztere beiden als theoretische und
-praktische philosophische Realwissenschaft fallen mit der Metaphysik
-(philosophische Wissenschaft vom Wirklichen, Ontologie) und Aesthetik
-(philosophische Wissenschaft vom Gefallenden und Missfallenden,
-welche auch als Ethik das unbedingt Gefallende am Wollen in sich
-schliesst) zusammen.
-
-396. Wie die Darstellung logischer Ideen im eigenen Vorstellen
-logische, so ist jene, ästhetischer Ideen in demselben schöne
-Kunst. Insofern in den letztgenannten die Summe der Bedingungen
-enthalten ist, unter welchen wie immer beschaffener realer Stoff
-unbedingt gefällt oder missfällt, geht die ästhetische Ideendarstellung
-darauf aus, das eigene ohne Rücksicht auf ästhetische Zwecke durch
-psychischen Mechanismus entstandene in schönes d. i. den ästhetischen
-Normen angemessenes Vorstellen zu verwandeln. Da nun dasjenige,
-wodurch Vorgestelltes gefällt oder missfällt, nicht das Was (der
-Gehalt), sondern das Wie (die Gestalt) desselben ist, so muss,
-um das gegebene Vorstellen in ästhetisches zu verwandeln, zunächst
-von dem Inhalt desselben und der Frage, ob derselbe wahr oder ein
-demselben entsprechendes Object wirklich oder nicht wirklich sei,
-völlig abgesehen und das wissenschaftliche (prosaische) Interesse
-an der Wahrheit oder Wirklichkeit durch das ästhetische (poetische)
-Interesse an der Schönheit des Gedachten ersetzt werden. Während die
-logische Kunst Denken in Wissen, muss die schöne Kunst auch wahre in
-nur wahr scheinende Gedanken verkehren, wenn dieselben ästhetisch
-d. i. als schöner Schein, statt didaktisch d. i. als theoretische,
-oder moralisch d. i. als bessernde Belehrung wirken sollen. Sogenannte
-didaktische oder moralische Kunst ("moralisch Lied") ist daher nicht
-sowol Kunst als vielmehr Wissenschaft (Gedankenprosa) in Kunstform
-(Lehrgedicht, Fabel).
-
-397. Das auf diesem Wege in Schein umgewandelte Vorstellen (die
-"Welt der Phantasie") bildet das Material der ästhetischen
-Ideendarstellung. Dasselbe ist so vielfach und mannigfaltig
-als das Vorstellen selbst und zerfällt, wie dieses, je nach
-der Beschaffenheit seines Inhalts in verschiedene Classen. Die
-erste derselben ist jene der sogenannten einfachen Empfindungen
-(des Gesichts oder Gehörs oder des Tastsinns, während Geruchs- und
-Geschmacksempfindungen ihrer Unbestimmtheit wegen als ästhetisches
-Material keine Verwendung finden, ausser etwa in der Gastronomie,
-in welcher durch Abwechslung verschiedener Geschmäcke, oder in
-der Garten- und Toilettenkunst, wo durch Abwechslung verschiedener
-Wohlgerüche ein dem ästhetischen verwandter Eindruck hervorgebracht
-werden soll). Die Gesichtsempfindungen, und zwar sowol jene der
-quantitativ verschiedenen Helligkeits- und Dunkelheitsgrade (Licht
-und Schatten) wie die der qualitativ unterschiedenen Lichteindrücke
-(Farben) liefern den Stoff für die Kunst des Colorits (Helldunkel
-und Farbengebung). Die Empfindungen des Gehörssinns, und zwar sowol
-jene der quantitativ verschiedenen Intensitätsgrade des Schalls (forte
-piano), wie jene der qualitativ verschiedenen periodischen Klangreize
-(Töne) liefern den Stoff für die phonetische Kunst (Modulation,
-Klangfarbe). Die Tastempfindungen, und zwar sowol jene des quantitativ
-verschiedenen Drucks und der demselben Widerstand leistenden Kraft,
-die "statischen" Empfindungen, wie jene der qualitativ verschiedenen
-(ebenen oder gekrümmten) Körperoberflächen (Ebene, Kugeloberfläche,
-gewellte Oberfläche u. s. w.), die "plastischen" Empfindungen, liefern
-das Material, jene für die bauende, diese für die bildende Kunst
-(Architektur und Sculptur). Die zweite Art der Vorstellungen begreift
-diejenigen, deren Inhalt leere Reihen und deren Grössenverhältnisse,
-und zwar sowol Zeit- und Zahlen- als Raumverhältnisse ausmachen,
-welche letzteren selbst einander entweder quantitativ gleich
-(wie bei den symmetrisch angeordneten Gegenständen im Raum), oder
-proportional (wie bei der regelmässigen Aufeinanderfolge gleicher
-und ungleicher Abschnitte in der Zeit), oder qualitativ gleichartig
-(z. B. als Raumformen entweder durchaus lineare, oder ebene, oder
-gekrümmte Flächenformen, als Zeitabschnitte durchaus lineare Formen)
-oder ungleichartig (als Raumformen aus geraden und krummen Linien,
-ebenen und gekrümmten Flächen, als Zeitformen aus Eintheilungsgliedern
-nach verschiedenen Zeiteinheiten gemischt) sein können. Dieselben
-liefern den Stoff, wenn sie Raumformen und deren Verhältnisse zum
-Inhalt haben, für die zeichnende (raummessende und raumbildende),
-wenn Zeitformen und deren Verhältnisse ihren Inhalt ausmachen,
-für die rhythmische (zeitmessende und zeitraumbildende Kunst). Die
-dritte Classe von Vorstellungen umfasst die sinnlichen Vorstellungen
-und die aus denselben entwickelten Gemeinbilder (Begriffe), welche
-als solche einen bestimmten aus der Erfahrung entweder unmittelbar,
-oder durch inzwischen eingetretene Veränderungen mittelbar geschöpften
-Inhalt besitzen d. i. Gegenstände darstellen, welche entweder ganz
-oder deren Bestandtheile in der sogenannten wirklichen d. h. in der
-phänomenalen Welt der Erfahrung vorfindlich sind, liefert den Stoff
-zur Ideendarstellung in der Vorstellungswelt der gegebenen Erfahrung
-d. i. zur Dicht- oder poetischen Kunst. Durch die Vereinigung zweier
-oder mehrerer dieser sogenannten einfachen Künste zu einer einzigen
-Kunst kann eine zusammengesetzte Kunst d. h. Ideendarstellung in
-einem Material entstehen, welches die Summe der Materiale der zum
-Ganzen verbundenen Künste ist. So ergibt sich durch die Verbindung
-der zeichnenden und der coloristischen Kunst die malerische, durch
-jene der rhythmischen und phonetischen Kunst die musikalische, durch
-jene der zeichnenden und bauenden die architektonische, und durch
-jene der zeichnenden und bildenden die plastische Kunst. Nur dürfen
-die Materialien, die mit einander verbunden werden sollen, nicht
-ungleichartig d. i. nicht z. B. das eine Raumform, das andre Zeitform
-sein, daher sich Rhythmik als Zeitkunst wol mit phonetischer Kunst,
-deren Empfindungen (die Tonempfindungen) nach einander (successiv),
-nicht aber mit der coloristischen Kunst, deren Material (die Licht
-und Farbenempfindungen) zugleich (simultan) auftritt, verbinden lässt.
-
-398. Aus dem Umstande, dass die ästhetische Ideendarstellung je
-nach der Verschiedenheit des Vorstellungsmaterials zwar immer
-schöne Kunst, aber stets eine andere ergibt, fliesst, dass
-wo das erforderliche Material im Bewusstsein gar nicht oder in
-ungenügendem Masse vorhanden ist, die bezügliche schöne Kunst durch
-keine Art künstlicher Bildung erworben zu werden vermag (poeta
-nascitur). Derjenige, welchem aus was immer für einem Grunde
-(z. B. durch die mangelhafte Lichtreizempfindlichkeit seines
-Gesichts-, oder Gehörsreizempfindlichkeit seines Gehörsorgans)
-die Unterscheidungsgabe für die feinen Nuancen der Farben- oder
-Tonempfindungen und deren Intensitäten versagt ist, ist weder zum
-Coloristen noch zum Musiker geschaffen; demjenigen, welcher für die
-sinnlichen Eindrücke seiner Umgebung entweder, wie der träumerische
-Denker in Folge seines Insichgekehrtseins, oder wie der oberflächliche
-Weltling in Folge unaufhörlichen Zerstreutseins weder Auge noch Ohr
-besitzt, geht die Bedingung des Dichters ab.
-
-399. Wie die logische Kunst, wo sie nicht die Wissenschaft, sondern
-die Virtuosität in der Handhabung logischer Kunstgriffe zum Ziel
-hat, in Sophistik, so artet die schöne Kunst, wenn sie nicht die
-Darstellung ästhetischer Ideen, sondern die Darlegung unumschränkter
-Herrschaft über das ästhetische Material d. i. blosse Kunstfertigkeit
-sich zum Zweck setzt, in Künstelei aus. Jene wie diese wird dadurch
-abgeschnitten, dass sowol die logische wie die schöne Kunst unter
-die Herrschaft der ethischen Ideen gestellt d. h. dass sowol die
-Ausübung der logischen Pflicht, nur Logisches zu denken, wie jene
-der ästhetischen Pflicht, nur Schönes zu schaffen, von der ethischen
-Pflicht, nur das Gute zu wollen, abhängig gemacht d. h. weder alles,
-was überhaupt gewusst werden kann, zu wissen gestrebt, noch alles,
-was Schönes überhaupt geschaffen werden kann, zu schaffen unternommen
-wird. Ausdruck dieser Mässigung, welche vor allem einerseits das zur
-Erfüllung des sittlichen Berufs Unentbehrliche ("das Reich Gottes")
-im Wissen sucht und das der Erreichung desselben im Wege Stehende
-seiner lockenden Schönheit ungeachtet im Schaffen unterlässt d. h. nur
-Wissenschaft, aber nicht jede Wissenschaft, und nur Schönes, aber
-nicht jedes Schöne duldet, ist als Darstellung der ethischen Ideen
-im eigenen, sei es Forscher-, sei es Künstlerbewusstsein, die Weisheit.
-
-400. Wenn die Bildungskunst des eigenen Vorstellens nach logischen,
-ästhetischen und ethischen Ideen zusammengenommen die Kunst der
-Geistesbildung, so macht jene des eigenen Fühlens nach ästhetischen
-Ideen die Kunst der Gemüthsbildung aus. Dieselbe geht, um Kunst
-d. h. um Darstellung in einem dem Darzustellenden homogenen Material
-zu sein, darauf aus, ihren Stoff, die Gefühle, in ihrer Reinheit
-herzustellen d. h. von jedem Zusatz, der etwas anderes als Gefühl
-(z. B. Begierde) und jeder Form, die eine andere als die Form des
-Gefühls (z. B. bewusste Vorstellung; wissenschaftliche Einsicht) wäre,
-freizumachen. Dieselbe scheidet daher einerseits alle diejenigen
-Gefühle aus, die nur durch die Befriedigung oder Nichtbefriedigung
-eines eben vorhandenen zufälligen und ausschliesslich individuellen
-Begehrens, Wünschens oder Wollens veranlasst sind (die sogenannten
-"vagen" oder subjectiven Gefühle, Erregungen), andrerseits aber
-auch alle diejenigen sogenannten kritischen d. h. ein Gefallen oder
-Missfallen ausdrückenden Urtheile, welche mit Bewusstsein aus anderen
-Urtheilen als ihren Gründen abgeleitet, also nicht in der Gefühlsform
-d. h. als unwillkürlicher (bewusstloser), unvermittelter Vorgang im
-Bewusstsein gegeben sind. Folge des ersteren ist, dass als Material
-für ästhetische Ideendarstellung nur allgemeine und nothwendige
-(sogenannte "fixe" oder objective) Gefühle, Folge des letzteren, dass
-nur sogenannte ästhetische (d. i. an sich evidente, eines Beweises
-weder fähige noch bedürftige) Werthurtheile als solches zugelassen
-werden. Jene wie diese, da es zu beider Beschaffenheit gehört,
-allgemein und nothwendig d. h. unbedingter Ausdruck eines Wohlgefallens
-oder Missfallens zu sein, die ästhetischen Ideen aber selbst nichts
-anderes sind als das an sich unbedingt Wohlgefällige und Missfällige,
-machen von Haus aus die Darstellung der letzteren als deren "Stimme"
-im Bewusstsein (die Idee in uns; das "Daimonion des Sokrates") aus. Je
-nachdem diese letztere sich richtend d. i. lobend oder tadelnd über
-eigenes Verhalten (Schaffen oder Wollen), oder als harmonischer oder
-disharmonischer Nachklang fremder Gefühle vernehmen lässt, wird sie
-im ersteren Fall, wenn sie das eigene Schaffen seinem Werthe nach
-beurtheilt, Geschmack (ästhetisches Gewissen), wenn sie das eigene
-Wollen billigt oder missbilligt, Gewissen (sittlicher Geschmack),
-in letzterem Falle sympathetisches Gefühl und zwar als harmonisches
-Sympathie (Mitgefühl, Mitleid, Mitfreude), wenn es disharmonisch ist,
-Antipathie (Neid, Schadenfreude) genannt.
-
-401. Frucht der Gemüthsbildung ist die Lebendigkeit des Geschmacks (der
-"Stimme des Gottes") im Künstler, des Gewissens (der "Stimme Gottes")
-im Einzel- und des Mitgefühls (socialen Gefühls) im geselliglebenden
-(socialen) Menschen. Wie die erste der schönen Kunst, so arbeitet die
-zweite der Bildungskunst des eigenen Wollens nach ethischen Normen
-vor; jene, indem durch die Lebendigkeit der eigenen Kunsteinsicht und
-des eigenen Kunsturtheils das eigene Schaffen des Künstlers gehoben
-und geregelt, diese indem durch die Regsamkeit der eigenen ethischen
-Einsicht und des Gewissensurtheils das eigene Wollen und Thun geweckt,
-beaufsichtigt und beeinflusst wird. Wie das Geschmacksurtheil die
-ästhetische Norm für den Schaffenden, so bietet das Gewissensurtheil
-die sittliche Norm für den Wollenden dar, und deren Anwendung auf
-den gegebenen Fall erfolgt um so leichter, aber auch von Seite des im
-Bewusstsein vorhandenen Materials zur Darstellung der sittlichen Ideen
-d. i. von Seite des eigenen Begehrens, Wünschens und Wollens um so
-widerstandsloser, je reiner d. h. je freier von fremdartigen Zusätzen
-und Einmischungen das letztere gehalten wird. Dasselbe darf daher
-weder in der Form blosser Vorstellung eines Wollens, noch in jener
-eines bewusstlosen Begehrens oder einsichtslosen Wünschens, sondern
-es muss in jener des wirklichen Wollens zur Beurtheilung vorliegen,
-um an der ethischen Norm mit Bewusstsein gemessen und von der Stimme
-des Gewissens zugelassen oder verworfen werden zu können. Indem
-auf diese Weise die ethische Idee im Willens- wie auf ähnlichem
-Wege die ästhetische Idee im Schaffensact zur Darstellung gelangt,
-verkörpert sich durch deren Ausdehnung einerseits auf das gesammte
-Wollen, andrerseits auf das gesammte Schaffen die ethische Idee, der
-Inhalt der Gewissensstimme, im sittlichen, wie die ästhetische Idee,
-der Inhalt der Geschmacksstimme, im künstlerischen Charakter und
-tritt, wie die Ideendarstellung im eigenen Vorstellen als Geistes-,
-jene im eigenen Fühlen als Gemüths-, so jene im eigenen Wollen als
-Kunst der Charakterbildung auf.
-
-
-
-
-
-
-
-
-ZWEITES CAPITEL.
-
-DIE BILDEKUNST.
-
-
-402. Wie die Bildungskunst darauf ausgeht, das eigene, so
-ist die Bildekunst bemüht, fremdes Vorstellen, Fühlen und
-Wollen ideengemäss zu gestalten. Dieselbe setzt daher nicht nur
-Bewusstsein der Ideen im eigenen und Empfänglichkeit für dieselben
-im fremden Bewusstsein, sondern sie setzt überdies, wie jede für
-Andere bestimmte Mittheilung, eine beiden gemeinsame Welt und ein
-beiden verständliches Verständigungsmittel voraus. Ersteres, wie
-letzteres, bedingt eine innerhalb bestimmter Grenzen sich bewegende
-Gleichartigkeit des sich mittheilenden und des zur Aufnahme der
-Mittheilung bestimmten Bewusstseins, welche weder so weit gehen darf,
-dass die Verschiedenheit zwischen beiden zu einer blossen Wiederholung
-des einen im andern herabsinkt, noch so sehr abgeschwächt werden
-darf, dass die Verschiedenheit beider bis zu völligem Gegensatz
-sich steigert. Jenes wäre der Fall, wenn das sich mittheilende
-Bewusstsein weder quantitativ noch qualitativ verschiedenen Inhalt
-von dem des empfangenden besässe, letzteres dagegen, wenn das
-empfangende Bewusstsein dem sich mittheilenden nicht nur quantitativ
-überlegen, sondern qualitativ demselben etwa in der Weise, dass das
-eine endliches (menschliches), das andere schlechthin unendliches
-(göttliches) Bewusstsein darstellte, entgegengesetzt wäre. Während
-qualitativ homogene, obgleich quantitativ weit von einander abstehende
-Bewusstseinsindividualitäten immerhin der nämlichen Welt angehören und
-eines gemeinsamen Verständigungsmittels sich bedienen können, fallen
-die Welten qualitativ entgegengesetzter Bewusstseinsindividualitäten,
-wie diese selbst, als qualitative Gegensätze aus einander und ist
-zwischen denselben eine Verständigung nur unter der Voraussetzung
-möglich, dass entweder die eine (niedere, endliche) in die Sphäre
-der andern ("der Mensch zum Gotte") emporgehoben, oder die andere
-(die höhere, unendliche) in jene der niederen "der Gott zum Menschen"
-herabgezogen wird. In jenem Fall nimmt das endliche Bewusstsein Inhalt
-und Form des unendlichen (der Mensch Göttergestalt: Apotheose) und
-damit nicht nur die Erkenntniss- (Intuition, absolutes Wissen), sondern
-auch die Ausdrucksweise (visionäre, prophetische Sprache) des absoluten
-Bewusstseins an. In letzterem Falle steigt das göttliche Bewusstsein
-nicht nur zu den Formen und Gesetzen des menschlichen, sondern auch
-zur Menschengestalt (Menschwerdung: Incarnation) und menschlichen
-Sprache (Unterredung, Belehrung durch Rede und Beispiel) herab.
-
-403. Wie bei der Kunst der Ideendarstellung im eigenen, besteht die
-Vorbedingung bei jener im fremden Bewusstsein darin, dieses letztere
-als dargebotenes Material rein d. h. je nach der verschiedenen Classe
-von Bewusstseinsindividualitäten, zu der es gehört, von fremdartigen
-Zusätzen und Vermengungen frei zu erhalten. Je nachdem das fremde
-Bewusstsein Einzelbewusstsein, oder einer Gesellschaft gleichartiger
-Individuen gemeinsames (Gesellschafts-) Bewusstsein, ersteres selbst
-entweder dem Bildner qualitativ gleichartiges und nur quantitativ
-untergeordnetes (werdendes) oder demselben ungleichartiges, quantitativ
-entweder ebenbürtiges oder überlegenes, in beiden Fällen fertiges
-Bewusstsein ist, werden drei Classen der Bildekunst, je nachdem die
-Thätigkeit des Bildners auf die Bildung des fremden Vorstellens oder
-des fremden Fühlens oder des fremden Wollens gerichtet ist, in jeder
-derselben drei besondere Formen der Bildekunst unterschieden. Jene
-drei ergeben nach einander a. die Kunst der Ideendarstellungen
-im jugendlichen Bewusstsein (Jugendbildung), b. die Kunst der
-Ideendarstellung im schon geformten, gereiften Bewusstsein
-(Regiment), c. die Kunst der Ideendarstellung im öffentlichen
-Bewusstsein (Staatskunst); diese ebenso nach einander a. die Kunst
-der Ideendarstellung im fremden Vorstellen (Unterricht), b. die Kunst
-der Darstellung der ästhetischen Ideen im fremden Fühlen (Zucht),
-c. die Darstellung ethischer Ideen im fremden Wollen (Regierung).
-
-404. Wie die Kunst der Selbstbildung jene der Geistes-, Gemüths- und
-Charakterbildung, so begreift die der Jugendbildung (Erziehungskunst,
-Pädagogik) die des Unterrichts (Didaktik), der Zucht und der Regierung
-der Jugend in sich. Dieselbe setzt, wie jede Kunst, die Kenntniss der
-darzustellenden Ideen einer-, des Materials, in welchem dieselben zur
-Darstellung gelangen sollen d. i. nicht nur jene des menschlichen
-Bewusstseins überhaupt (Psychologie des Menschen), sondern die des
-jugendlichen Bewusstseins (Psychologie der Jugend) insbesondere
-andrerseits voraus. Insofern das letztere von dem des erwachsenen
-Menschen nicht qualitativ, sondern nur quantitativ, nicht den Gesetzen
-seiner Entwickelung, sondern nur dem bisher eingesammelten Vorrath
-des Bewusstseinsinhalts nach verschieden, in Anbetracht des letzteren
-dürftiger als jenes ist, geht die Aufgabe der Jugendbildung dahin,
-einerseits den mangelnden Bewusstseinsinhalt in das Bewusstsein
-einzuführen, andererseits für die normale Entwickelung der aus dem
-Wechselverkehr der Vorstellungen entspringenden Gefühle, Begehrungen,
-Wünsche, Willensacte und Handlungen Sorge zu tragen. Jenes,
-die Zuführung des erforderlichen Bewusstseinsinhalts (Bildung der
-Vorstellungen und Vorstellungsmassen) macht den Zweck des Unterrichts;
-dieses, und zwar die Regelung der aus der wechselseitigen Hemmung und
-Förderung der Vorstellungsmassen entspringenden Gefühle macht die
-Aufgabe der Zucht, dagegen die Bändigung des aus den aufstrebenden
-Vorstellungen und Vorstellungsmassen aufbrausenden Begehrens,
-Wünschens und Wollens, insbesondere aber der das Zusammenleben mit
-Andern störenden Aeusserungen der Gefühle und Begierden in Handlungen
-die Aufgabe der Regierung der Jugend aus.
-
-405. Welcherlei Material an Vorstellungen dem Bewusstsein zugeführt
-werden soll, hängt von der Natur der in demselben darzustellenden
-Ideen ab. Dasselbe und folglich auch der Charakter des vermittelnden
-Unterrichts wird naturgemäss ein anderes sein, wenn Ideen aller
-Art, als wenn Ideen nur einer besonderen Gattung (z. B. nur die
-ästhetischen oder nur die ethischen oder nur die logischen) in
-demselben zur Darstellung kommen sollen. In jenem Fall werden alle
-Vorstellungen dem Bewusstsein zugeführt werden müssen, an deren
-Vorhandensein überhaupt eine Classe der Ideen, in letzterem Fall nur
-solche, an welchen gerade eine bestimmte Classe von Ideen Interesse
-nimmt. Erstere Form des Unterrichts umfasst daher alle Vorstellungen
-und Vorstellungsmassen, an deren Herbeiführung der Erziehungs-
-d. i. der Kunst der Darstellung aller, der logischen nicht weniger wie
-der moralischen und ästhetischen Ideen im Jugendbewusstsein gelegen
-ist, und wird deshalb als erziehender, im Gegensatze dazu jene Form
-des Unterrichts, welche an der Darstellung nur einer Classe von Ideen
-und zwar der logischen im jugendlichen Vorstellen Interesse hat, als
-wissenschaftlicher Unterricht bezeichnet. Letztere Form zerfällt, je
-nachdem es sich lediglich darum handelt, dem jugendlichen Bewusstsein
-wissenschaftliche d. i. den logischen Normen gemässe Vorstellungen und
-Vorstellungsmassen zu überliefern oder dasselbe nicht blos anzuregen,
-sondern anzuleiten und zu befähigen, dergleichen ohne vorhergegangene
-Mittheilung (nicht reproductiv), durch eigene, den logischen Normen
-entsprechende Thätigkeit aus sich (productiv) zu erzeugen, in eine
-niedere und höhere Stufe, deren erste nur darauf ausgeht, Gelehrte,
-deren letztere darauf hinzielt, Forscher zu bilden. Die Aufgabe der
-Bildung durch erziehenden Unterricht fällt, wenn der Unterricht weder
-gelegentlich, noch einem oder wenigen (wie in der Familie), sondern
-vielen zugleich und in einer seinem Zwecke besonders gewidmeten Anstalt
-(Unterrichtsanstalt, Schule) ertheilt wird, der untersten, für alle
-ohne Unterschied bestimmten Stufe derselben, der Volksschule; die
-Gelehrtenbildung der mittleren, zur Ausbildung einer Gelehrtenclasse
-und zugleich zur Vorbereitung für die Selbstforschung gewidmeten
-Gelehrtenschule (Gymnasium, Realschule); die dritte der zur Bildung
-künftiger wissenschaftlicher Selbstforscher bestimmten obersten Stufe,
-der Hochschule (Universität, Polytechnicum) zu.
-
-406. Durch die Wahrnehmung des moralischen und des ästhetischen
-Interesses mit und neben dem wissenschaftlichen arbeitet der erziehende
-Unterricht sowol der Zucht wie der Regierung vor. Der ersteren, indem
-durch die Beachtung solcher Vorstellungen und Vorstellungsmassen,
-durch welche die Entstehung (sei es der Intensität wie der Qualität
-nach) bedenklicher Gefühle entweder gänzlich verhindert oder doch
-beschränkt, dagegen jene (sowol der Stärke als dem Inhalt nach)
-wünschenswerther Erregungen geweckt und gefördert wird, bei der Auswahl
-des Unterrichtsmaterials die Regelung der im Bewusstsein vorhandenen
-Gefühle nach Qualität und Energie erleichtert, das jugendliche Gemüth
-in Freud und Leid "in Züchten", in seinen Mitgefühlen für und gegen
-Andere keusch, schamhaft und "züchtig" gehalten wird; der letzteren,
-indem durch die Beachtung solcher Vorstellungen und Vorstellungsmassen
-bei der Auswahl des Unterrichtsmaterials, durch welche einerseits
-die Furcht vor den Folgen unbändiger Ausschreitungen in Affects-
-und Willensäusserung erweckt und erhöht, andererseits die Aussicht
-auf die wohlthätigen Wirkungen gemässigten Verhaltens nach aussen,
-so wie in Beziehung auf Andere wirksam belebt und gesteigert, der
-Uebermuth der im Bewusstsein auftauchenden blinden Triebe, Affecte
-und Leidenschaften gezügelt, der Störungs- und Zerstörungseifer der
-Jugend durch Lohn und Strafe eingedämmt wird.
-
-407. Wie der Unterricht, so hat die Zucht und die Regierung,
-also die gesammte Jugenderziehung zum letzten Zweck, mit der
-Erreichung ihres Ziels, der Geistes-, Gemüths- und Charakterreife,
-sich selbst überflüssig zu machen. Jenes geschieht, wenn der Schüler
-zum Selbstforscher, dieses, wenn das stürmisch bewegte und erregte
-Gemüth zur ruhig prüfenden Stimme des Innern und das halt- und ziellos
-zerfahrende Trachten und Treiben zum zielbewussten Wollen und in sich
-gefesteten Charakter geworden ist.
-
-408. Wie die Erziehung an das werdende, so wendet sich die zweite
-Art der Bildekunst an ein bereits ("im Strom der Welt") gewordenes
-Bewusstsein. Soll dasselbe nicht blos einförmiger Wiederholung,
-sondern lebendiger Wechselwirkung zugänglich und fähig sein,
-so muss zwischen demjenigen Theil, welcher den andern nach sich
-zu bilden trachtet, und jenem, welcher sich das vom Andern "nach
-seinem Bilde" Gebildetwerden gefallen lässt, zwar Verwandtschaft,
-aber nicht Gleichheit, darf zwar Ungleichheit, aber nicht Gegensatz
-herrschen. Dieser Fall findet statt bei der gegenseitigen, Geist,
-Gemüth und Charakter beeinflussenden Wechselwirkung zwischen dem
-Geschlecht nach entgegengesetzten (Mann und Weib), oder dem Range,
-Stande, Beruf, der Lebensstellung nach verschiedenen, insbesondere
-einander über- und untergeordneten Individuen (Vornehmen und Geringen,
-Herren und Dienern), am entschiedensten und folgereichsten aber
-zwischen dem Gläubigen und dem "nach seinem Ebenbilde" gedachten
-d. i. vom Menschen menschenähnlich erschaffenen Gott (homo homini
-deus).
-
-409. Dieselbe tritt, da es sich um Ideendarstellung in dem Bewusstsein
-eines fremden Erwachsenen handelt, nicht als (ja bereits vollendete)
-Erziehung, sondern als "Regiment" (des Mannes über das Weib oder
-umgekehrt; des Herrn über den Knecht oder "des Kammerdieners
-über den Fürsten"; des Gläubigen über seinen Gott oder umgekehrt
-der Götter über den Menschen) auf. Dasselbe setzt von Seite des
-Bildenden zwar Ueberlegenheit, aber nicht, wie bei der Erziehung,
-an Bildung überhaupt, sondern in einer bestimmten Art und Richtung
-der Bildung voraus. Daher ist der Unterricht innerhalb dieser
-Classe der Bildungskunst nicht wie bei der Jugendbildung allgemein
-bildender, sondern fachmännischer (Fachunterricht), der Lehrer dem
-Schüler nicht an Bildung im Allgemeinen, sondern nur an Bildung
-in dem besondern Fache überlegen (Fachlehrer, Fachstudium). An die
-Stelle des erziehenden tritt daher hier der für ein bestimmtes Fach
-vorbereitende Unterricht (Proseminar für Philologen; pharmaceutischer
-Vorbereitungscurs für Apotheker), während der Fachunterricht selbst
-in zwei Stufen, die niedere und höhere zerfällt, auf deren erster das
-Fach wissenschaftlich gelehrt, auf deren zweiter die Ausübung desselben
-praktisch zur Fertigkeit erhoben wird. Als Schule gliedert sich der
-Fachunterricht nach obigen Stufen in die Vorbereitungs-, gelehrte Fach-
-und fachliche Hochschule (Zeichenschule, Kunstschule, Meisterschule
-d. i. Atelier). Wird der Charakter des Unterrichts nicht durch das
-Fach, für welches, sondern durch die Beschaffenheit des Schülers, für
-welchen er ertheilt wird, bestimmt, so entsteht, wenn das Geschlecht
-massgebend ist, der sogenannte "weibliche Unterricht" (Töchterschule,
-Frauenlyceum), wenn der gesellschaftliche Rang den Ausschlag gibt,
-der privilegirte Unterricht (Ritterakademie, Adelsconvict), wenn
-das Glaubensbekenntniss entscheidet, der confessionelle Unterricht
-(confessionelle Schule, katholische Universität) u. s. w.
-
-410. Einen besonderen Charakter nimmt der Unterricht an, wenn
-der zu Unterrichtende in den Augen des Unterrichtenden selbst als
-der besser Unterrichtete gilt. Dieser Fall, welcher eigentlich die
-Ironie des Unterrichts darstellt, ereignet sich dort, wo dem Kläger
-ein Richter, dem Gläubigen sein Gott gegenübersteht. Jener wie
-dieser wird von demjenigen, der sich an einen von beiden wendet,
-für ihn selbst an Einsicht überlegen und doch von dem besonderen
-Fall, um den es sich handelt, für nicht unterrichtet gehalten,
-zugleich aber vorausgesetzt, dass es dem Richter gegenüber nur einer
-"Vorstellung", dem Gotte gegenüber nur eines "Gebets" bedürfe, um
-als Kläger von jenem die Gewährung seines Rechts, als Gläubiger von
-diesem die Erhörung seiner Bitte zu erlangen. Der geschilderte Fall
-ist gleichsam die Umkehrung der sogenannten sokratischen Ironie; denn
-während bei dieser der Wissende sich unwissend stellt und zum Schein
-Belehrung heischt, wird der Wissende hier als unwissend vorgestellt,
-welcher der Belehrung bedarf.
-
-411. Wie das Regiment dem Unterricht das Gepräge des Fachs, Standes,
-Geschlechts, Glaubensbekenntnisses u. s. w., so verleiht dasselbe
-der Zucht wie der Regierung den Charakter desjenigen Gefühls-
-und Willensmaterials, in welchem die Darstellung der ästhetischen
-oder der ethischen Ideen statthaben soll. Dieses Material sind,
-wenn der zu bildende Erwachsene einem bestimmten Geschlecht oder
-Stande, Range, Glaubensbekenntniss oder Nationalität angehört, die
-entsprechenden, jenem Geschlecht, Stande, religiösen Bekenntniss
-u. s. w. angehörigen besonderen Gefühle (männliches Ehr-, weibliches
-Schamgefühl; militärischer esprit de corps; Adels-, confessionelles,
-Nationalitätsbewusstsein), welche als Ausdruck der ästhetischen
-Idee im Gemüthsleben die sogenannte (militärische, religiöse, sexuale
-u. s. w.) Disciplin (Standeszucht, Kirchenzucht, Keuschheit) im Gefolge
-haben. In gleicher Weise machen die einem gewissen Geschlechte,
-Stande, Glaubensbekenntniss u. s. w. gestatteten oder versagten
-Willensäusserungen und Handlungen dasjenige aus, was als Ausdruck
-der ethischen Ideen innerhalb jenes Geschlechts, Hauses, Standes,
-Glaubensbekenntnisses u. s. w., dessen Reglement (Standesordnung; Haus-
-und Dienstordnung; religiöses Ceremoniell; Fasten- und Kleiderordnung
-etc.) darstellt. Wie auf der Herrschaft des Vornehmen über den Geringen
-der Herrn-, so beruht auf der Minneherrschaft der Frau über den Mann
-der Minne-, oder (Ulrich von Lichtenstein's) Frauendienst. Wie auf
-der Herrschaft des Gottes über den Gläubigen der Gottes-, so ruht auf
-der romantischen Anbetung der jungfräulichen Mutter der Mariendienst.
-
-412. Wie die Erziehungskunst das jugendliche, das Regiment
-das erwachsene Einzel-, so geht die Politik (Staatskunst) das
-den Mitgliedern einer organisirten Gesellschaft (Schule, Partei,
-Kirche, Staat) gemeinsame, daher als solches öffentliche Bewusstsein
-an. Dieselbe hat als Ideendarstellung im öffentlichen Bewusstsein
-dieselben sowol in dessen Vorstellen d. i. im öffentlichen Geiste,
-wie in dessen Fühlen d. i. in der öffentlichen Meinung, und dessen
-Wollen d. i. im öffentlichen Willen zum Ausdruck zu bringen. Jede
-organisirte Gesellschaft trachtet demnach als Ausfluss ihrer Politik
-ihre eigene Schule zu gründen, ihren eigenen Anstand zu behaupten und
-ihre eigene Regierung zu führen. Je nachdem die Gesellschaft selbst
-als philosophische oder wissenschaftliche Secte unter einem Schul- oder
-Sectenhaupt (Stoa unter Zeno), oder als politische Partei unter einem
-Parteihaupt (Conservative unter Pitt, Liberale unter Fox in England),
-als eine Kirche unter ihrem Kirchenhaupt (die katholische Kirche unter
-dem Papst), als Staat unter seinem Staatshaupt (Oesterreich unter
-Josef II., Preussen unter Friedrich dem Grossen) organisirt ist,
-bedarf sie einer Schule (Sectenschule, Parteischule, confessionell
-kirchliche Schule, Staatsschule) als Werkzeug zur Bildung des ihrem
-Geiste entsprechenden öffentlichen Geistes, deren und der von ihr
-aus verbreiteten Wissenschaft Färbung demnach eine politische, die
-Farbe der Politik der sie stiftenden und erhaltenden Gesellschaft
-(der Secte, Partei, Confession oder des Staates) sein wird. Dieselbe
-wird nicht sowol darauf bedacht sein, gebildete, als vielmehr im
-Sinn ihrer eigenen Politik politisch gebildete Anhänger ihrer Secte,
-Parteigenossen, confessionelle Bekenner oder "gute" Staatsbürger zu
-bilden; die wissenschaftliche wird unter ihren Händen in eine Schul-,
-Partei-, Kirchen- oder staatspolitische Lehrkanzel umgewandelt.
-
-413. Wie die Politik als Anwendung der logischen Ideen auf den
-öffentlichen Geist als Staatsklugheit, so erscheint sie in der
-Anwendung der ästhetischen Ideen auf denselben als politischer Anstand,
-in jener der ethischen Ideen dagegen als politische Weisheit. Jene
-verbietet, den öffentlichen Geist verstandeswidrig, z. B. durch die
-Berufung auf den sogenannten "beschränkten Unterthanenverstand",
-der zweite, denselben anstandswidrig z. B. durch Verletzung
-des öffentlichen Schicklichkeitsgefühls, die dritte, denselben
-vernunftswidrig z. B. durch Festhalten an dem längst im öffentlichen
-Bewusstsein Abgestorbenen zu beeinflussen. Dagegen gebietet die Politik
-als öffentliche Zucht nicht nur den Ausschreitungen des öffentlichen
-Gemüthslebens nach der Seite des Lust- wie des Unlustgefühls, Rohheit
-und Ausgelassenheit einer-, Jammer- und Wehklagen andererseits
-Einhalt zu thun, sondern auch die dem geselligen Zusammenleben
-hinderlichen antisocialen Gefühle nach Möglichkeit zu hemmen und
-deren entgegengesetzte, die socialen Gefühle (Mitgefühle) eben so zu
-wecken und zu fördern, so wie auch direct (durch Belehrung), oder
-indirect (durch Anschauung) die ästhetischen Gefühle zu beleben,
-die sittlichen Gefühle zu wecken und auf diese Weise zur Hebung des
-öffentlichen Humanitätsgefühls, Gewissens und Geschmacks wirksam
-beizutragen. Von selbst leuchtet ein, dass je nach dem Charakter der
-Gesellschaft von welcher und innerhalb welcher auf das öffentliche
-Gemüthsleben Einfluss genommen wird, dieses selbst und sonach auch
-die innerhalb ihrer herrschende öffentliche Zucht einen der Politik
-dieser Gesellschaft entsprechenden Charakter tragen, also nicht nur
-innerhalb einer philosophischen oder wissenschaftlichen Secte anders
-als innerhalb einer politischen Partei, innerhalb einer Kirche anders
-als innerhalb eines Staates gehandhabt werden, sondern auch je nach
-dem verschiedenen Charakter der Schule, Partei, Kirche oder des
-Staats in der einen Schule (z. B. in jener der Stoiker) anders als
-in einer anderen (z. B. in jener der Epikuräer), unter Radicalen und
-Socialdemokraten anders als unter Legitimisten und Hochconservativen,
-unter Christen anders als unter Mohamedanern und in einem freien
-anders als in einem südstaatlichen Sclavenstaate ausfallen wird. Nicht
-nur die Anstands- und Schicklichkeitsbegriffe werden verschiedene,
-auch die Schönheits- und sittlichen Gefühle werden je nach dem
-Gesichtspunkt und der Beschaffenheit des Gesellschaftsbewusstseins
-verschiedene sein. Wie die Staatskunst beim Unterricht der Schule,
-so wird sie sich bei ihrer Einwirkung auf die öffentliche Meinung
-aller derjenigen Organe bedienen, welche durch eine lebhafte und mit
-sich fortreissende Erregung der Gefühle auf dasjenige, was sie für
-löblich oder schändlich, erlaubt oder unerlaubt, schön oder hässlich,
-anständig oder anstandswidrig angesehen wissen will, einer-, wie auf
-die Erregung, sei es des öffentlichen Mitgefühls oder des öffentlichen
-Hasses, anderseits vorübergehend oder bleibend thätigen Einfluss
-zu üben vermögen. Wie sie zum Zwecke der Bildung des öffentlichen
-Geistes der Wissenschaft, so bedient sie sich behufs der Bildung des
-öffentlichen Geschmacks, Gewissens und Mitgefühls der schönen Kunst
-und zwar der ästhetischen Beredsamkeit in Wort und Bild, sei es
-(wie die Kirche) von der Kanzel (Predigt, Erbauungsrede), sei es,
-wie in der profanen Gesellschaft (Schule, Partei, Staat), von der
-"moralischen" Schaubühne herab (Schulkomödie, politisches Tendenzstück,
-Nationaltheater). Wie die Kirche durch die schöne Kunst (Tempel und
-Kirchenbau, geistliche Musik, priesterlicher Festschmuck, Altardienst)
-den öffentlichen Gottesdienst zu verherrlichen, so trachtet der Staat
-durch öffentliche Feste ("Circenses") das öffentliche Vergnügen zu
-fördern, durch Veranstaltung öffentlicher Schauspiele (wie in Athen
-durch Aussetzung von Preisen), durch Kunstsammlungen, Monumentalbau-
-und Bildwerke (Akropolis, Stoa poikile) den öffentlichen Geschmack
-zu erziehen, durch Aufführung von Tragödien, welche "Mitleid und
-Furcht", von Komödien, welche durch Darstellung "unschädlicher
-Thorheit" Heiterkeit erregen, wohlthätige "Entladung" (Katharsis:
-Aristoteles-Bernays) des öffentlichen Gemüths von "diesen und derlei
-Leidenschaften" zu bewirken. Wie die Predigt und die Bühnenrede vom
-Munde, so dringt die (periodische und nicht periodische) ästhetische
-Presse vom lesenden Auge aus zum Herzen und wird um ihrer mächtigen
-Wirkung willen auf das öffentliche Gemüthsleben (Romanliteratur)
-von der organisirten Gesellschaft mit Vorliebe als ein Gegenstand
-der öffentlichen Zucht angesehen und je nach ihrer den Zwecken
-derselben nachtheiligen oder vorteilhaft scheinenden Richtung zu hemmen
-(Censuredicte, index librorum prohibitorum) oder (durch Subventionen,
-Preise) zu fördern gesucht.
-
-414. Wie durch den Unterricht auf den öffentlichen Geist, durch die
-Zucht auf die öffentliche Meinung, so sucht die Staatskunst durch
-die Regierung auf den öffentlichen Willen zu wirken. Wie jenes
-zur wissenschaftlichen Erziehung im Geist einer philosophischen
-oder wissenschaftlichen Schule oder Secte, politischen Partei,
-der Kirche oder des Staates, das zweite zur ästhetischen Erziehung
-ebenso im Geiste einer der genannten Gesellschaften, so führt
-das letzte zur Regierung der Gesellschaft entweder vom Schul-
-oder vom Partei-, vom kirchlichen oder vom staatlichen Standpunkt
-aus. Wie die darzustellenden Ideen die ethischen, so ist das zur
-Darstellung bestimmte Material das innerhalb der Schule, Partei,
-Kirche oder Staatsgesellschaft existirende gemeinsame Wollen, welches
-jenen gemäss zu gestalten das Ziel der Regierung jeder der genannten
-Gesellschaften ausmacht. Mittel und Werkzeug zur Erreichung desselben
-ist daher alles, was einerseits den Ausartungen des öffentlichen
-Willens zuvorzukommen (präventive), andererseits stattgehabte
-Ueberschreitungen zurückzudrängen (repressive Massregeln) im Stande
-ist. Zu jenen gehört in erster Reihe die (politische) Belehrung,
-welche den öffentlichen Willen in die von dem Geiste der Gesellschaft
-demselben angewiesenen Schranken, sei es durch Ueberzeugung, sei es
-durch Ueberredung zu leiten und in denselben aller Verlockungen zum
-Gegentheil ungeachtet zu erhalten vermag. Zu den letzteren gehört die
-(politische) Bestrafung, welche nicht nur die Folgen der eingetretenen
-Ueberschreitung auszugleichen, sondern die Wiederkehr ähnlicher
-durch Abschreckung zu verhindern trachtet. Wie der Unterricht der
-Katheder, die öffentliche Zucht der Kanzel oder der Schaubühne, so
-bedient sich die Regierung zu jenem Zwecke der Redner-, zu diesem
-der Gerichtsbühne. Von jener herab wird auf den öffentlichen Willen
-im Geiste der Schule, Partei, Kirche oder staatlichen Gesellschaft
-durch öffentliche Rede bestimmend, also in der Richtung jeder der
-obengenannten mit sich fortreissend, von dieser herab auf denselben
-durch das Schauspiel öffentlichen Gerichtsverfahrens d. i. öffentlicher
-Klage und Vertheidigung einer- und ebensolcher Urtheilsvollstreckung
-andererseits im Geiste derjenigen Gesellschaft, welche Gericht hält,
-abschreckend eingewirkt. Wie der politische Redner für die Schule,
-so wirbt der Parteiredner (mündlich oder als Parteischriftsteller
-schriftlich) für die Partei, der kirchliche Redner für seine
-Kirche, der staatliche für den Staat; wie die Schule Schulstrafen
-z. B. Ausschliessung aus der Schule, die Partei Parteistrafen,
-so verhängt die Kirche für den Abfall von ihrem gemeinsamen
-Bekenntniss Kirchenstrafen (Excommunication) und veranstaltet
-öffentliche kirchliche Gerichtsvollziehungen (Kirchenbusse, Autos
-da fé), und übt der Staat in seinem Namen Gerichtspflege und setzt
-deren Urtheile öffentlich in Vollzug (Hinrichtungen, öffentliche
-Gefängnisse). Während die letzteren auf das Auge, so sind die
-Parteiergiessungen und Parteiargumente der politischen Eloquenz
-auf das Ohr der Oeffentlichkeit berechnet und werden weit über den
-Gehörskreis der letzteren hinaus durch die politische (periodische und
-nichtperiodische) Presse ("die sechste Grossmacht"), die Rednerbühne
-durch den Leitartikel, das öffentliche Gericht durch die (politische)
-Caricatur und den öffentlichen politischen Witz in harmloser, durch die
-öffentliche Brandmarkung mittels der Schrift in um so drastischerer
-Weise vollzogen, als die unter einander widerstreitenden Schul-,
-Partei-, kirchlichen und staatlichen Gesichtspunkte unter einander
-so widerstreitende Urtheile zur Folge haben, dass die Wunden, welche
-die Presse nach einer Seite schlägt, von derselben Presse wie von
-der goldenen Lanze des Achilleus nach der andern wieder geheilt werden.
-
-415. Wie die Kunst als Ideendarstellung ihr Zerrbild in der
-ideenlosen Virtuosität, die logische Kunst insbesondere das ihre
-in der grundsatzlosen Sophistik, so findet der Jugendunterricht,
-dessen Wesen in der Anpassung an das jugendliche Bewusstsein
-liegt, das seine in der von diesem sich freimachenden Emancipation
-(vorzeitigen Reife, Präcocität), das Regiment als Bildung des Andern
-nach sich seine Entartung im Despotismus (Tyrannei), welcher die
-qualitative Beschaffenheit des Andern, sei es den geschlechtlichen
-Gegensatz (Sclaverei des Weibes), sei es die allgemein menschliche
-Verwandtschaft (Leibeigenschaft des Knechtes) ausser Acht lässt,
-endlich die Staatskunst als Erziehung des öffentlichen Bewusstseins
-ihr Afterbild in der sogenannten Staatsraison, welche der ersteren
-als Kunst der Ideendarstellung die ideenlose Praktik (politische
-Routine) in der willkürlichen Beeinflussung des öffentlichen Geistes
-nach Schul-, Partei-, Kirchen- und Staatszwecken, der öffentlichen
-Meinung nach persönlichen Stimmungen und des öffentlichen Willens
-nach Opportunitätsgelüsten unterschiebt.
-
-
-
-
-
-
-
-
-DRITTES CAPITEL.
-
-DIE BILDENDE KUNST.
-
-
-416. Wie die Bildungskunst Ideendarstellung im eigenen, die Bildekunst
-im fremden Bewusstsein, so ist die bildende Kunst Ideendarstellung
-in unbewusstem, sei es leblosem, sei es belebtem Stoff. Dieselbe
-setzt daher nicht nur, wie jede Kunst, die Kenntniss der (logischen,
-ästhetischen und ethischen) Ideen, sondern als solche überdies
-die Kenntniss des gesammten ihr zu Gebote stehenden (leblosen und
-belebten) Materials d. i. die Naturwissenschaft und zwar sowol jene
-der leblosen (Physik) wie der belebten Natur (Physiologie, Biologie)
-in ihrem ganzen Umfange voraus. Während jedoch letztere sich mit der
-Kenntniss der Natur, ihrer Erscheinungen und ihrer Gesetze begnügt
-d. h. die Natur nur beschreibt, geht jene darauf aus, den Gehalt der
-Natur mit der Forderung der Ideen zu vergleichen und die Gestalt der
-Natur, soweit es thunlich ist, nach dieser zu verändern.
-
-417. Da jeder Abänderungsversuch der der Natur natürlichen Gestalt,
-Herrschaft über die Natur, letztere aber vor allem Macht über dieselbe
-d. h. die in derselben gegebenen wirksamen Kräfte bedingt, letztere
-aber nur durch die Wissenschaft ("Wissenschaft ist Macht") erlangt
-werden kann, so folgt, dass die Bedingung der bildenden Kunst in dem
-Gewinn echter d. i. den logischen Ideen entsprechender Wissenschaft zu
-suchen und nur von einer solchen die zur Gewinnung einer vollständigen
-Herrschaft über die Natur unentbehrliche Macht zu erwarten ist.
-
-418. Insofern die Kunst dieser durch die Naturwissenschaft ihr zu
-Gebote gestellten Macht über die Natur sich bedient, um überhaupt
-Veränderungen an derselben hervorzubringen, ist dieselbe technische,
-inwiefern sie dies thut, um Ideen in derselben zur Darstellung zu
-bringen, jedoch allein bildende Kunst. Jene fällt als nur um ihrer
-selbst willen ins Werk gesetzte Ueberwindung durch die Natur ihrer
-Beherrschung in den Weg gestellter Widerstände mit der Virtuosität,
-als Unterschiebung persönlicher, der Ideendarstellung fremder
-Zwecke bei der Beherrschung der Natur (z. B. Ausbeutung derselben
-zu persönlichem Gewinn) mit der politischen Willkürherrschaft in
-Eins zusammen, während die letztere einerseits mit der Bildungs-
-und Bilde-, andererseits mit der echten Staatskunst (Staatsweisheit)
-gleichlaufende Richtungen verfolgt.
-
-419. Dieselbe geht zunächst darauf aus, die Gestalt der Natur
-logischen Normen anzubequemen d. h. wo in derselben Widersprechendes
-thatsächlich, aber den Widerspruch aus demselben zu entfernen
-möglich ist, diesen zu beseitigen, wo dagegen Gleichartiges, mit
-dem Gegebenen Verträgliches oder durch dasselbe sogar Gefordertes
-thatsächlich nicht gegeben, aber dessen Herbeiführung möglich ist,
-dasselbe heranzuziehen d. h. im ganzen Umfang der Natur das nicht
-Zusammengehörige, aber Vereinigte zu sondern, das Zusammengehörige,
-aber Getrennte zu verbinden und auf diese Weise nicht nur für
-die Erhaltung, beziehungsweise Wiedererzeugung bestehender oder
-längst bestandener innerlich zusammengehöriger, sondern auch für das
-künftige Bestehen bisher nicht bestandener, innerlich zusammengehöriger
-Verbindungen durch Erzeugung neuer Sorge zu tragen. Wie die Erfüllung
-der ersten Aufgabe mit der kritischen Sichtung durch die Erfahrung
-gegebener Begriffe, in Folge deren bestehende Urtheile aufgehoben
-(negirt), nicht bestehende neu gebildet (affirmirt) werden,
-so zeigt jene der letzteren einerseits mit dem Ersatz durch die
-Erfahrung gegebener Begriffe durch denselben an Umfang gleiche,
-an Inhalt ungleiche (äquipollente), andererseits mit der Erzeugung
-neuer Urtheile als Schlusssätze aus durch die Erfahrung gegebenen
-Prämissen (Vordersätzen) und deren Fortsetzung zu Schlussketten und
-Begriffssystemen Verwandtschaft. Jene fasst die Naturproducte nicht
-nur mit Rücksicht auf den Ort, an welchem, und die Zeit, zu welcher,
-sondern auch auf die begleitenden Umstände und die Umgebung, unter
-welcher sie gegeben sind d. h. in Beziehung auf- und zu einander,
-folglich, da unter denselben der Mensch selbst erscheint, auch in
-Beziehung zu diesem und auf diesen d. h. als für ihn nützlich oder
-schädlich ins Auge; diese berücksichtigt bei der Betrachtung der
-im Raume gegebenen Erscheinungen und Naturkörper vornehmlich deren
-Vergänglichkeit in der Zeit und bemüht sich, einerseits durch die
-Fürsorge für die Erzeugung neuer Individuen die Gattungen, wie durch
-die Verschwisterung verschiedenen Gattungen angehöriger Individuen
-neue Gattungen zu erhalten. Je nachdem die bildende Kunst sich auf die
-blosse Veränderung des Ortes und Zeitpunkts, so wie des Quantums der
-Naturproducte beschränkt oder an deren qualitative Zusammensetzung,
-so wie deren stoffliche Veränderung Hand anlegt, zerfällt dieselbe in
-drei verschiedene Classen, die sich als Handel und Verkehr, Gewerbe
-und Industrie, Bodenbebauung und Thierzucht bezeichnen lassen.
-
-420. Handel und Verkehr sind bestimmt, Naturproducte nach ihrem
-eigenen und des Menschen Bedürfniss von Orten, welche für sie nicht
-passen, weil sie zu eng für dieselben geworden sind (Ueberproduction
-im Pflanzen- und Thierreich; Uebervölkerung), zu entfernen (Export;
-Auswanderung) und an Orten, wo sie mangeln oder Raum zur Ausbreitung
-finden (productionsarme Flächen; unbewohnte Gegenden), abzusetzen
-(Import; Colonisation). Beide suchen daher vor allem die Schranken,
-welche einerseits der freien, andrerseits der raschen Beweglichkeit im
-Wege stehen, aufzuheben (Zoll- und Handelsfreiheit; "Time is money"),
-andrerseits alle Mittel anzuwenden, die den Erwerb und Vertrieb
-der Producte erleichtern (Geld statt Tausch), die Geschwindigkeit
-der Bewegung erhöhen (Eisenbahnen, Dampfschiffe), den Zeitverbrauch
-zum (schriftlichen und mündlichen) Verkehr kürzen (Post, Telegraph,
-Telephon) und die Sicherheit desselben gewährleisten (Handelsschutz,
-Handelsbündniss, Handelsversicherung, Monopol). Gewerbe und Industrie
-gehen darauf aus, unzusammengehörige Stoffverbindungen, wenn sie
-Gemenge sind, mechanisch von einander zu trennen (Bergbau), wenn
-sie Mischungen sind, chemisch von einander zu lösen (Erzschmelze),
-zusammengehörige durch Anhäufung (Baukunst) oder durch Verschmelzung
-(Legirung) zu stiften. Je nachdem dies bei unorganischen oder
-organischen, in letzterer Hinsicht bei Stoffen aus dem vegetabilischen
-oder aus dem animalischen Reiche geschieht, nehmen beide stofflich, je
-nachdem es durch Händearbeit, oder mit einfachen, oder fast ohne diese
-mittels verwickelter bis zur scheinbaren Selbstständigkeit gesteigerter
-Werkzeuge (Maschinen) geschieht, formell verschiedenen Charakter an
-(Handwerk, Maschinenarbeit). Nach dem Quantum der Production und der
-zu derselben erforderlichen Kosten werden Klein- und Grossgewerbe,
-Klein- und Grossindustrie unterschieden. Wie der Handel und der Verkehr
-eine Tendenz, in die Ferne zu streben, so zeigen Gewerbe und Industrie
-eine solche, am Orte zu beharren d. h. die Naturproducte dort, wo sie
-zu finden sind, ihrer Form nach zu verändern, (örtliche Vereinigung
-von Bergbau und Erzschmelzen; Verwendung des localen Steinbruchs
-als Baumaterial: Schieferdächer am Rhein, Holzbau im Gebirge;
-Tracht aus Thierhäuten und einheimischer Wolle). Dieselben suchen
-daher einerseits alle Schranken, welche der Freiheit des Gewerbes
-überhaupt (Zunftzwang), wie an dem Orte des betreffenden Materials
-(Bodeneigenthum) im Wege stehen, zu entfernen (Gewerbefreiheit,
-Freischurf), andrerseits alle Mittel zu entdecken und zu verwenden,
-welche die, sei es mechanische, sei es chemische Formänderung der
-Naturstoffe ermöglichen (Mechanik, Maschinentechnik, Ingenieurkunst)
-oder erleichtern (technische Chemie, Technologie, Scheidekunst),
-zugleich aber das auf diesem Wege geschaffene industrielle Product
-gegen Verdrängung oder Ersatz durch seinesgleichen im Verbrauche
-sichern (Gewerbeschutz durch Marken und Zölle, industrielle
-Privilegien). Bodenbebauung und Thierzucht sind bestrebt, einerseits
-jene durch künstliche Anpflanzung von Gewächsen dieselben vor der
-allmäligen Entartung (Degeneration) und schliesslichem Untergang,
-diese durch künstliche Züchtung von Thieren letztere vor gleichem
-Schicksal zu bewahren, andererseits durch Veredelung (z. B. Pfropfung)
-auf künstlichem Wege neue Varietäten von Pflanzen wie durch Kreuzung
-neue Schläge von Thieren zu erzeugen. Beide gehen darauf aus,
-nicht nur das vorhandene Quantum organischer Naturproducte sich
-nicht vermindern, sondern dasselbe sich stets vermehren zu lassen
-(natürliche Fruchtbarkeit), aber auch die Qualität derselben den
-Beziehungen der Naturorganismen unter einander gemäss zu ändern,
-Futterpflanzen für Thiere, Gemüse für die Menschen zu schaffen, oder
-wucherndes Unkraut (Gramineen) in Nutzpflanzen (Getreide) umzubilden
-(Agricultur), so wie durch Zähmung und Pflege wild lebende Thiere in
-Hausthiere (Civilisation bei Thieren und Menschen) und durch Kreuzung
-schwächerer mit stärkeren, oder Ersatz ersterer durch letztere Racen
-brauchbare Nutzthiere hervorzubringen (veredelnde Schaf-, Rinder-,
-Pferde-, Geflügelzucht etc.). Da die Bodenbebauung nicht blos, wie
-Gewerbe und Industrie, eine natürliche Tendenz am Orte zu bleiben
-besitzt, sondern am Boden als unbeweglichem haftet, so muss dieselbe,
-was diesem an natürlicher Fruchtbarkeit abgeht, durch künstliche
-Steigerung derselben d. i. durch Bodenverbesserung (künstliche Düngung,
-Bewässerung, Bearbeitung) zu ersetzen, so wie dessen Ertrag durch
-künstliche Sicherungsanstalten gegen nicht abzuwehrende Störungen
-von aussen (atmosphärische Einflüsse, Dürre, Hagelwetter) zu schützen
-trachten (Hagel- und Wetterschadenversicherung). Umgekehrt muss die
-Thierzucht, da sie des freibeweglichen Charakters der Thiernatur wegen
-eines erweiterten Spielraums bedarf, sich in die Lage versetzt fühlen,
-den Mängeln des Orts, an dem sie geübt wird, durch Ortsveränderung
-(Weideplätze, Austrieb des Viehs auf die Alpen, Uebersiedelung je nach
-dem Wechsel der Jahreszeiten) abhelfen, so wie Leben und Gesundheit
-ihrer Pfleglinge gegen drohende Störungen von aussen (Thierseuchen)
-entweder indirect durch künstliche Absperrung (Thiereinfuhrverbote),
-oder direct durch künstliche Heilung und Wiederherstellung
-(Thierarzneikunde, Sanitätsmassregeln) schützen zu können. Insofern
-aber weder Bodenanbau noch Thierzucht das natürliche Hinderniss
-aus dem Wege zu räumen vermögen, welches durch das Aufwachsen von
-Pflanzen und Thieren unter den klimatologischen und atmosphärischen
-Einflüssen ihrer einheimischen Natur deren Verpflanzung in andere Erd-
-und unter andere Himmelsstriche entgegensteht, muss dieser letztern die
-(der Natur der Sache nach nur langsam erfolgende) Acclimatisation und
-allmälige Einbürgerung derselben vorhergegangen sein, welchem Zweck
-beide durch besondere Eingewöhnungsanstalten (Acclimatisationsgärten
-für Pflanzen und Thiere) zu genügen bedacht sein werden.
-
-421. Die hervorragende Stellung, welche der Mensch (wie die
-Ich-Vorstellung unter den Bewusstseinsbildungen und der Staat unter
-den organisirten Gesellschaften) unter den organischen Producten der
-Natur einnimmt, macht es erklärlich, dass die Beziehungen der übrigen
-Naturerzeugnisse auf ihn d. i. deren beziehungsweise Nützlichkeit
-oder Schädlichkeit für den Menschen vom menschlichen Gesichtspunkt
-aus die Hauptrichtschnur für die Zwecke des Handels und Verkehrs, der
-Gewerbe und Industrie, des Ackerbaues und der Thierzucht abgeben. Wie
-derselbe geneigt ist, mit dem Erwachen seines Bewusstseins sich als
-den Mittelpunkt des Weltalls (wie das Kind sich als den Mittelpunkt des
-Hauses) zu betrachten, Sonne Mond und Gestirne als bestimmt anzusehen,
-ihm zu leuchten, ihn zu wärmen, so sieht er sich als den natürlichen
-Herrn und Gebieter seiner organischen wie unorganischen Umgebung
-an und nimmt keinen Anstand, die unterirdischen wie oberirdischen
-Schätze der Erdrinde (Erz und Gestein, Pflanze und Thier) zu seinem
-Dienste zu gebrauchen. Die bildende Kunst als Ideendarstellung
-im belebten wie leblosen Material nimmt dadurch, dass der Mensch
-anderen Naturproducten gegenüber für sich eine Ausnahmsstellung
-beansprucht, unwillkürlich einen beschränkten, im menschlichen Sinn
-egoistischen, die Beherrschung der Natur zum Nutzen des Menschen
-gebrauchenden Charakter (Utilitarismus) an, welcher, wenn der ideale,
-auf Darstellung der logischen, ästhetischen, oder ethischen Ideen
-gerichtete Zweck der Kunst mit des Menschen natürlichen, aber auch,
-wenn er mit dessen erkünstelten (Luxus-) Bedürfnissen, Gelüsten
-und Anmassungen in Widerstreit geräth, denselben rücksichtslos
-aufopfert. Derselbe steht als despotische Willkürherrschaft über
-die Natur der ideenlosen technischen Virtuosität in der Besiegung
-natürlicher Hindernisse eben so als Entartung bildender Kunst zur
-Seite, wie andererseits die zu zweck- und nutzlosem Spiel mit den
-natürlichen Formen und Kräften des menschlichen Körpers ausgeartete
-Athletik, Pantomimik, Akrobatik und andere Schwimm-, Gang-, Ritt-
-und Forceproben zu der auf durchgreifender Kenntniss des Baues und
-normalen Lebensprocesses desselben beruhenden Gymnastik, Diät und
-Gesundheitspflege das Gegenstück darstellen.
-
-422. Wie die bildende Kunst als Darstellung der logischen Ideen in
-der leblosen und belebten Natur als "Weltverbesserung", so tritt
-sie als Verwirklichung der ästhetischen Ideen in derselben als
-"Weltverschönerung" auf. Als solche geht dieselbe darauf aus,
-die Gestalt der Natur ästhetischen Normen anzubequemen d. h. wo in
-derselben Schwächliches, Verkommenes, Krüppelhaftes sich zu entfalten
-droht, dieser Gefahr zuvorzukommen (Orthopädie bei Pflanzen und
-thierischen Körpern), wo es sich vorfindet, dasselbe zu beseitigen
-(Durchforstung des Waldes; Aussetzung der Kinder in Sparta und
-Rom), wo Disharmonisches in der Natur thatsächlich gegeben ist
-oder bevorsteht, nach Möglichkeit Einklang an dessen Stelle zu
-setzen (Landschaftsgärtnerei, Parkanlagen), auch leblose Natur
-wie Producte der Menschenhand mit dem Schein der Lebendigkeit und
-der Beseelung auszustatten (Cascaden als Gartenzier; Kunstgewerbe;
-Ornamentik). Je nachdem zum Material der Ideendarstellung die leblose
-oder die lebendige Natur, in der letzteren die vegetabilische oder die
-thierische, in dieser insbesondere der menschliche Körper gewählt,
-die ästhetische Idee in demselben minder oder mehr durch die schon
-vorgefundene Gestalt des natürlichen Stoffes gebunden erscheint,
-wird die bildende Kunst als ästhetische Ideendarstellung (Plastik)
-in leblose und lebendige, oder in freie (schöne), oder decorative
-(verschönernde) Plastik (ornamentale Kunst), je nach dem Quantum des
-verwendeten Materials in Gross- und Kleinplastik unterschieden.
-
-423. Zu der im leblosen Material ästhetisch bildenden Kunst gehört
-die Bildnerkunst, welche entweder unbeweglichem materiellem Stoff,
-z. B. Felsgestein ("lebendigem Fels") eine bestimmte ästhetische Form
-ertheilt (Höhlentempel, Felsengräber, behauener Fels) oder bewegliches,
-lebloses Material (natürliches oder künstliches Gestein, Bruchstein,
-Backstein; Holz, Bein, Metall) entweder (als Block, Stamm, Thierzahn,
-Erz u. s. w.) einzeln geometrisch (wie der Steinmetz, der Zimmermann
-etc.) oder ästhetisch (wie der Bildhauer, der Bildschnitzer in Holz
-und Bein, der Bildgiesser in Erz u. s. w.) formt, oder (als Baukunst)
-in Massen entweder als ungeformtes (Roh-) Material (unbehauenes
-Holz oder Gestein) oder als schon geformten Stoff (gezimmertes Holz,
-behauenen Stein) zu ästhetischen Formen zusammenhäuft und entweder
-auf natürlichem Wege durch eigene Schwere (Cyklopenmauern) oder durch
-künstliche Bande (Kitt, Mörtel, Klammern etc.) zu einem ästhetischen
-Ganzen verbindet (Rohbau, Kunstbau, Architektur, Monumente). Zu
-der lebendigen Plastik gehört, je nachdem das Material derselben
-dem Pflanzen- oder dem Thierreich entnommen ist, die Kunstgärtnerei,
-welche lebendige, sei es wildgewachsene (Feldblumen), sei es veredelte
-Gewächse (Garten- und Treibhauspflanzen) zu einem ästhetischen Ganzen
-(Blumenstrauss, Beet, Gartenanlage), und die Schauspielkunst, welche
-thierische und menschliche Körper, sei es in ihren natürlichen
-(Nacktheit), sei es in künstlichen Bedeckungen (Maske, Costüm) zu
-einem ästhetischen Ganzen (lebendigem Gemälde) vereinigt, welches
-letztere entweder als ruhend (Tableau, lebendes Bild) oder als bewegt
-und in diesem Fall entweder als episch fliessende (Aufzug, Parade,
-Makart's "Festzug"), oder als causal sich aus sich selbst entwickelnde
-dramatische Handlung (Bühnenschauspiel) dargestellt wird.
-
-424. Die Plastik ist frei, wenn die ihr bei der Verwirklichung der
-ästhetischen Idee durch das Material dargebotenen Schranken keine
-andern sind als solche, die in den Bedingungen der Darstellung in
-physischem (also schwerem und schwer zu behandelndem) Stoffe (Statik
-und Mechanik; Schwerpunkt) und in der Beschaffenheit des letzteren
-selbst liegen (Brüchigkeit des Gesteins, Geäder des Marmors,
-Spaltrichtungen und Geäst im Holze u. s. w.), dagegen gebunden,
-wenn ihr dergleichen durch einen ausserhalb der ästhetischen
-Ideendarstellung gelegenen Zweck (des Bedürfnisses oder des
-Luxus, des Nutzens oder der Laune) auferlegt werden. Nur in jenem
-Fall ist die Plastik schöne, in diesem dagegen nur verschönernde
-Kunst, welcher die Aufgabe gestellt ist, das Unentbehrliche (Haus,
-Hausgeräth, Kleidung), oder das zwar Entbehrliche, aber Erwünschte
-(Bequemlichkeit, Reichthum), das Erforderliche im Dienste bestimmter
-Gesellschaftszwecke (Gotteshäuser und Altargeräth in der Kirche,
-öffentliche Gebäude und politische Insignien im Staate) oder
-das Ueberflüssige, auf zufälligen Stimmungen und vorübergehenden
-Einfällen augenblicklich tonangebender Gesellschaftskreise (Mode,
-"chic") mit ästhetischen Formen zu schmücken. Der ersten der genannten
-Richtungen entspricht die sogenannte "Kunst im Hause", welche das
-Wohnhaus und die häusliche Umgebung, so wie die äussere Erscheinung
-(Tracht, Zierat, Haartracht), der zweiten die Decorationskunst, welche
-auch die weiteren und in grösserem Massstabe angelegten Umgebungen
-(Palast, Park, Staatskleid), der dritten die kirchliche Kunst,
-welche Ort und Art der gottesdienstlichen Verrichtungen (Tempel,
-Dom, Altar, kirchliches Ceremoniell), der letzten die patriotische
-oder Monumentalkunst, welche Ort und Art der staatlichen Vorgänge
-(Residenzschloss, Parlamentshaus, Thron- und Kroninsignien, Hof-
-und Staatsceremoniell) ästhetisch belebt und veredelt. Zur schönen
-Plastik gehören Sculptur und Architektur und zwar sowol wenn es
-sich um die Herstellung in ihren Massen geringer (kleine Plastik
-z. B. Medailleurkunst) wie grosser Objecte handelt (grosse Plastik:
-Denkmalkunst, Triumphbogenarchitektur). Zu der verschönernden Kunst
-gehört das Kunstgewerbe und die Kunstindustrie, die, wenn es sich
-um die ornamentale Verzierung beweglicher Gegenstände handelt, als
-"Kleinkunst" (Keramik, Kunsttischlerei, Kunstschlosserei, Emaillirkunst
-u. s. w.), wenn dagegen unbewegliche Gegenstände (Nutzbauten,
-Wohnräume, Gesellschafts- und Festsäle, Gärten, öffentliche Anlagen
-und Plätze, Brücken, Thore u. s. w.) verschönert werden sollen,
-als decorative Kunst (Stadtverschönerung, Gartenarchitektur) auftritt.
-
-425. Ausdruck der Verwirklichung der ästhetischen Idee in der
-gesammten Erscheinung des menschlichen Lebens, des Einzelnen wie der
-Gesellschaft und ihrer näheren und entfernteren Umgebung, ist die
-Kunst "schön zu leben" ("Kalobiotik": Rahel; W. Bronn). Dieselbe
-ist als Ideendarstellung so wenig mit der Kunst "gut zu leben"
-("rasend" gut zu leben, rühmte sich Gentz) d. i. mit der gesuchten
-Verfeinerung (Raffinement) des Sinnengenusses (Schlemmerei), als die
-Kunst (logisch) überzeugender mit der Kunstfertigkeit (sophistisch)
-überredender Beredsamkeit zu verwechseln. Ihre Tendenz geht dahin,
-aus der gesammten, psychischen und physischen Beschaffenheit des
-Individuums wie der Gesellschaft, aus deren Vorstellen, Fühlen und
-Wollen, aber auch aus deren hörbarer und sichtbarer Selbstdarstellung
-in Rede, Manier, Haltung und Handlung, so wie selbstgeschaffener oder
-doch selbstgewählter naher und ferner Hülle und Begleitung (Kleidung,
-Schmuck, Hausgeräth, Wohnung, Umgang, Sitten und Gebräuchen) nicht
-nur (negativ) alles Störende und Disharmonische auszuscheiden,
-sondern (positiv) denselben das Gepräge edler Freiheit und innerer
-Uebereinstimmung mit und unter einander und zu einem wohlgefällig
-abgerundeten Ganzen aufzudrücken d. i. das Leben in jedem gegebenen
-Zeitmoment und die gesammte Zeitdauer desselben hindurch (wie
-die Griechen und Goethe) zum "Kunstwerk" zu gestalten. Ergebniss
-derselben, so weit ein solches durch die spröde Natur der ideenlosen
-Wirklichkeit gestattet wird, ist eine schöne Erscheinungs-, wie jenes
-der logischen, das gesammte Denken zum Wissen durchläuternden Kunst
-eine wahre Gedankenwelt.
-
-426. Weder nach jenen der logischen, noch nach jenen der ästhetischen,
-sondern ausschliesslich nach den Anforderungen der ethischen
-Idee ist die dritte Form der bildenden Kunst bemüht, die gegebene
-Gestalt der Erfahrungswelt zu verändern. Dieselbe kann nicht darauf
-ausgehen, in der Natur (etwa) vorhandenen Willen ("blinden Willen":
-Schopenhauer) den Anforderungen der ethischen Norm anzubequemen,
-weil deren Bewusstlosigkeit die Willensform ausschliesst. Die Absicht
-derselben kann daher einzig darauf gerichtet sein, der Natur, soweit
-thunlich, diejenige Gestalt zu verleihen, welche sich dieselbe,
-wenn sie von einem Willen beseelt wäre d. h. die Fähigkeit besässe,
-die Stimme der ethischen Ideen nicht nur zu vernehmen, sondern
-auch zu befolgen, selbst geben oder gegeben haben müsste. Da unter
-dieser Voraussetzung die Gestalt der Natur die unter den gegebenen
-Verhältnissen beste d. h. diejenige geworden wäre, welche den Normen
-der ethischen Ideen unter allen überhaupt möglichen Gestaltungen der
-Natur am meisten entsprochen haben würde, so folgt, dass das Streben
-der dritten d. i. der ethischen bildenden Kunst auf nichts anderes als
-auf die Herstellung der besten unter den überhaupt möglichen Naturen,
-beziehungsweise auf die Annäherung der bestehenden an das Ideal der
-besten Natur gerichtet sein könnte.
-
-427. Dieses selbst aber kann nichts anderes sein als das Bild einer
-Natur, deren sämmtliche Bestandtheile, leblose wie belebte, zum Ganzen
-in einer Weise verbunden werden, welche die zweckmässigste d. h. der
-Summe der innerhalb der gesammten Natur vorhandenen Bedürfnisse,
-Wünsche und Bestrebungen unter allen überhaupt denkbaren am meisten
-entsprechend d. h. dem allgemeinen Wohl oder der Glückseligkeit des
-Ganzen unter allen denkbaren am vollkommensten genügend wäre. Da
-nun die Summe in der Natur gegebener Wünsche eine bestimmte, die
-Summe der zu deren Verwirklichung zu Gebote stehenden Bedingungen
-d. i. der Naturproducte, als Güter betrachtet, gleichfalls eine
-begrenzte ist, so folgt, dass die Aufgabe der ethischen Kunst auf
-nichts anderes gerichtet sein könne, als durch die unter allen
-denkbaren beste Verwaltung der gegebenen Natur der grösstmöglichen
-Summe von Glückseligkeit in der gesammten (leblosen wie lebendigen)
-Natur (den Menschen mit eingeschlossen) zur Verwirklichung zu helfen.
-
-428. Dieselbe geht darauf aus, nicht nur Verwaltungssystem, sondern
-das unter den gegebenen Verhältnissen beste Verwaltungssystem der
-Natur, nicht nur, wie die Oekonomik Hauswirthschafts-, wie die
-Nationalökonomik Volks- oder Staatswirthschaftskunst, sondern als
-Weltökonomik Weltwirthschaftskunst (bestmöglicher Haushalt der Natur)
-zu sein d. h. weder (wie die gewinnsüchtigen Ausbeuter der Natur)
-ausschliesslich im Dienste und zu den Zwecken des Menschen, noch (wie
-erbarmungslose Naturkräfte) taub gegen Wohl und Wehe gefühlsfähiger
-Wesen, sondern der bestehenden Proportion zwischen dem empfindungs-
-und genussfähigen und dem genuss- und empfindungslosen Antheil der
-gesammten Natur gemäss, dem Wohle des ersten und den Hilfsmitteln
-des zweiten entsprechend zu wirthschaften. Je nachdem es sich dabei
-entweder um die Hinderung des Missbrauchs durch Zerstörung oder
-Verminderung gegebener, oder um die Förderung des Verbrauchs durch
-Vermehrung gegebener und Erzeugung nicht gegebener Güter handelt,
-nimmt dieselbe negativen (internationaler Schutz der Meere, Gewässer,
-Wälder, Singvögel; Antisclavenliga; Sanitätspflege; völkerrechtlicher
-Schutz des Privateigenthums in Kriegszeiten) oder positiven Charakter
-an (internationale Welt- und Handelsstrassen: Suez-Canal, Durchstich
-von Panama; Handels- und Schifffahrtsbündnisse, Entdeckungsreisen). Je
-nachdem dieselbe mehr auf den vorhandenen Wünschen entsprechende
-Vertheilung der schon vorhandenen, oder auf entsprechende Betheilung
-der bisher Unbefriedigten durch neu zu schaffende Güter gerichtet
-ist, nimmt dieselbe mehr den Charakter einer Versorgung (bestehender
-Wünsche mit vorhandenen Mitteln: Communismus, Gütertheilung) oder
-Vorsorge (für künftige Wünsche durch neue Mittel: Socialismus,
-Organisation der Gesellschaft) an. Die Frucht der auf die gesammte
-Natur, leblose wie lebendige, ausgedehnten Darstellung der ethischen
-Ideen durch die bildende Kunst ist die in ethischem Sinn vollendete,
-dem Zweck grösstmöglichen Wohlbefindens aller empfindungsfähigen
-Wesen entsprechende, unter den gegebenen Umständen bestmögliche Natur,
-der ethische Kosmos, die beste Welt (Optimismus).
-
-429. Wie die erste Form der bildenden Kunst die logischen, die
-zweite die ästhetischen, so verkörpert die dritte die ethischen
-Ideen. Wie die bildende Kunst als Ideendarstellung im Physischen
-Erziehung der Natur, so ist die Bildungskunst eigene, die Bildekunst
-Erziehung des Menschengeschlechts. Wie diese im gemeinsamen, die
-Selbsterziehung im einzelnen Bewusstsein, so stellt die bildende Kunst
-die Culturentwickelung und den Culturprocess in der gesammten leblosen
-und lebendigen Natur dar. Die Ideendarstellung im Wirklichen überhaupt,
-die Kunst, ist der lebendige Culturprocess; die Entwickelungsgeschichte
-derselben von deren ersten Anfängen im erwachenden Bewusstsein des
-Einzelnen durch das Jugend-, Mannes- und gesellschaftliche Bewusstsein
-hindurch bis zu den fernen und fernsten Grenzen des Alls, soweit
-dieselben unserer Erfahrung zugänglich sind, bildet den Inhalt der
-Entwickelungsgeschichte der Cultur, der Culturgeschichte des Weltalls.
-
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-SCHLUSS.
-
-
-430. Mit der Ideendarstellung in der Geistes- und Körperwelt ist
-die Philosophie als Kunst, wie mit der Darlegung des Ideeninhalts
-einer-, des Inhaltes der Wirklichkeit andererseits die Philosophie
-als Wissenschaft zum Abschluss gebracht. Der philosophische Realismus
-geht nicht von der Annahme aus, weder dass das Wirkliche als solches
-vernünftig, noch dass das Vernünftige als solches wirklich sei
-(Optimismus: Hegel); aber auch nicht von der entgegengesetzten, dass
-das Wirkliche als solches vernunftlos (Pessimismus: Schopenhauer), oder
-gar als solches vernunftwidrig (lebendiger Widerspruch; Realdialektik:
-Bahnsen) sei. Derselbe setzt aber voraus, sowol dass das Vernünftige,
-welches als solches nicht wirklich ist (die Ideen), wirklich, als dass
-das Wirkliche, welches als solches nicht nothwendig vernünftig ist
-(Natur, Geist, Geschichte), vernünftig werden kann, werden soll und
-werden wird, wenn nach dem bekannten Wort "Jeder seine Schuldigkeit
-thut". Die Verwirklichung der Ideen ist weder eine Thatsache,
-die in der Vergangenheit, noch eine solche, die in der Gegenwart,
-sondern eine Aufgabe, deren Erfüllung in der Zukunft und in den
-Händen des Menschen liegt. Der Traum eines "goldenen Zeitalters",
-von welchem ein nüchterner Rationalist wie Kant als von jenem des
-"ewigen Friedens", wie ein extremer Positivist wie Comte als dem
-"état positif" schwärmte, wird dann erfüllt sein, wenn die gesammte
-Ideenwelt real geworden und die gesammte Wirklichkeit von den Ideen
-durchdrungen d. h. wenn dasjenige, was Schiller "das Kunstgeheimniss
-des Meisters" nannte, die "Vertilgung des Stoffes durch die Form"
-offenbar, oder, wie Schleiermacher es ausdrückte, "wenn die Ethik
-Physik und die Physik Ethik" geworden sein wird. Eine Philosophie,
-welche, wie die vorstehende, sich weder wie die Theosophie auf einen
-menschlichem Wissen unzugänglichen theocentrischen Standpunkt versetzt,
-um von ihm aus den "Vernunfttraum" als längst geschaffene Wirklichkeit,
-noch wie die Anthropologie auf den zwar anthropocentrischen, aber
-unkritischen Standpunkt gemeiner Erfahrung stellt, um von ihm aus eine
-ideenerfüllte Wirklichkeit als "Traum der Vernunft" anzusehen, welche
-sonach zugleich anthropocentrisch d. i. von menschlicher Erfahrung
-ausgehend und doch Philosophie d. i. an der Hand des logischen Denkens
-über dieselbe hinausgehend sein will, ist Anthroposophie.
-
-
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-End of Project Gutenberg's Anthroposophie im Umriss, by Robert Zimmermann
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ANTHROPOSOPHIE IM UMRISS ***
-
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-</head>
-<body>
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-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Anthroposophie im Umriss, by Robert Zimmermann
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Anthroposophie im Umriss
- Entwurf eines Systems idealer Weltansicht auf realistischer Grundlage
-
-Author: Robert Zimmermann
-
-Release Date: January 14, 2017 [EBook #53962]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ASCII
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ANTHROPOSOPHIE IM UMRISS ***
-
-
-
-
-Produced by Jeroen Hellingman and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net/ for Project
-Gutenberg (This file was produced from images generously
-made available by The Internet Archive/American Libraries.)
-
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-
-</pre>
-
-<div class="front">
-<div class="div1 cover"><span class="pagenum">[<a href=
-"#toc">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divBody">
-<p class="par first"></p>
-<div class="figure xd24e109width"><img src="images/new-cover.jpg" alt=
-"Neu gefasster Vorderdeckel." width="480" height="720"></div>
-<p class="par"></p>
-</div>
-</div>
-<div class="div1 frenchtitle"><span class="pagenum">[<a href=
-"#toc">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divBody">
-<p class="par first xd24e116">ZIMMERMANN.</p>
-<p class="par xd24e118">ANTHROPOSOPHIE.</p>
-</div>
-</div>
-<div class="div1 titlepage"><span class="pagenum">[<a href=
-"#toc">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divBody">
-<p class="par first"></p>
-<div class="figure xd24e124width"><img src="images/titlepage.png" alt=
-"Originaltitelblatt." width="478" height="720"></div>
-<p class="par"></p>
-</div>
-</div>
-<div class="titlePage">
-<div class="docTitle">
-<div class="mainTitle">ANTHROPOSOPHIE<br>
-IM UMRISS.</div>
-<br>
-<div class="subTitle">ENTWURF EINES SYSTEMS IDEALER WELTANSICHT AUF
-REALISTISCHER GRUNDLAGE</div>
-</div>
-<div class="byline">VON<br>
-<span class="docAuthor">ROBERT ZIMMERMANN.</span></div>
-<div class="docImprint">WIEN, 1882.<br>
-WILHELM BRAUM&Uuml;LLER<br>
-K. K. HOF- UND UNIVERSIT&Auml;TSBUCHH&Auml;NDLER.</div>
-</div>
-<div class="div1 epigraph"><span class="pagenum">[<a href=
-"#toc">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<div class="lgouter">
-<p class="line">&bdquo;Den Zufall gibt die Vorsehung; zum Zwecke</p>
-<p class="line">&bdquo;Muss ihn der Mensch gestalten. &mdash;
-&mdash;&rdquo;</p>
-</div>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first xd24e156"><span class="ex">Schiller</span>.</p>
-</div>
-</div>
-<div class="div1 dedication"><span class="pagenum">[<a href=
-"#toc">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<h2 class="main">An Harriet.</h2>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par xd24e165"><span class="xd24e165init">D</span>u warst es,
-als sich Nacht &uuml;ber mein Auge zu lagern drohte, deren
-Seelenst&auml;rke mir den Entschlu&szlig; eingab, die lange
-unfreiwillige Mu&szlig;e der Dunkelkammer zum ordnenden Abschlu&szlig;
-l&auml;ngst zerstreut gereifter Gedankenreihen zu ben&uuml;tzen, zu
-deren Niederschrift eine gef&auml;llige Hand willig sich herlieh.</p>
-<p class="par">So entstand dies Buch, dessen Ideengehalt also Niemand
-abzustreiten im Stande sein wird, da&szlig; er, wie das Licht, im
-Dunkeln geboren sei.</p>
-<p class="par">Wem anders als Dir d&uuml;rfte dasselbe zu eigen
-sein?</p>
-<p class="par dateline">Waldvilla am Attersee, den 4. September
-1881.</p>
-<p class="par signed">R. <span class="pagenum">[<a id="xd24e175" href=
-"#xd24e175" name="xd24e175">VII</a>]</span></p>
-</div>
-</div>
-<div class="div1 preface"><span class="pagenum">[<a href=
-"#toc">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<h2 class="main">VORREDE.</h2>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first">Titel und Vorrede stehen vor dem Buche. Soll diese
-nicht eine Rede aus dem Buche, sondern vor dem Buche sein d. h. nichts
-enthalten, was in das letztere selbst geh&ouml;rt, so bleibt ihr nur
-&uuml;brig, sich mit dem ersteren und mit dem Vorredner selbst zu
-besch&auml;ftigen. Ueber beide werden wenige Worte gen&uuml;gen.</p>
-<p class="par">Anthroposophie ist der Name des Buches. Die Philosophie,
-welche denselben w&auml;hlt, will damit angedeutet haben, dass es weder
-ihr Ziel sei, wie das der speculativen Schule, Theosophie, noch ihr
-gen&uuml;ge, wie empirischer Unphilosophie, kritiklose Anthropologie zu
-sein. Wenn derselben &mdash; nicht zu ihrem Leidwesen &mdash; die
-speculativen Schwingen fehlen, um mit ikarischem Aufflug das
-gottgleiche Wissen des theocentrischen Standpunktes der ersteren zu
-erreichen, so mangelt ihr nicht weniger die in mancher Hinsicht
-beneidenswerthe Gabe, &uuml;ber die Schranken und Widerspr&uuml;che,
-die der gemeine Erfahrungsstandpunkt in sich tr&auml;gt, das kritische
-Auge zuzudr&uuml;cken. Ihr Wunsch geht dahin, <span class=
-"ex">anthropocentrisch</span> d. i. &bdquo;Menschenwissen&rdquo; und
-doch <span class="ex">Philosophie</span> d. h. von der Erfahrung aus-,
-aber, wenn es das logische Denken erfordert, &uuml;ber dieselbe
-hinausgehende Wissenschaft zu sein.</p>
-<p class="par">Dasselbe bezeichnet sich als &bdquo;Entwurf eines
-Systems&rdquo; und zwar &bdquo;einer idealen Weltansicht auf
-realistischer Grundlage&rdquo;. Ersterer Charakter wird dessen knappe
-Fassung und die Abwesenheit erweiterter <span class="pagenum">[<a id=
-"xd24e192" href="#xd24e192" name="xd24e192">VIII</a>]</span>Polemik
-rechtfertigen. Als Versuch eines Systems muss es gew&auml;rtig sein, so
-wenig nach dem Geschmack des ungebundenen &bdquo;Philosophirens auf
-eigene Hand&rdquo;, welches in unseren Tagen gerade wie vor hundert
-Jahren herrschende Mode ist, gefunden zu werden, wie sie dieses selbst
-nach dem ihrigen findet.</p>
-<p class="par">Dagegen m&ouml;chte die ideale Weltansicht, die es
-vertritt, weder mit dem schulm&auml;ssigen Idealismus aller Farben,
-noch deren realistische Grundlage mit dem platten Realismus ideenloser
-Erfahrung verwechselt sein. Der Idealismus derselben besteht nicht
-darin, wie der Platonische, an die Wirklichkeit, sondern wie jener
-Kant&rsquo;s und der Sittenlehre Fichte&rsquo;s, an die Verwirklichung
-der Ideen durch Menschenhand zu glauben. Die realistische Grundlage
-desselben aber ist nicht der gemeine (Baconische), sondern der
-philosophische Realismus, wie er auf Kant&rsquo;s kritischer Basis von
-dessen realistischen Nachfolgern dem metaphysischen Idealismus der
-Gegenseite entgegengesetzt worden ist.</p>
-<p class="par">Dessen in vorliegender Darstellung gewonnene Gestalt
-wird von den Gegnern desselben eben so mit jenem Herbart&rsquo;s als
-geistesverwandt erkannt, wie von Freunden des letzteren in nicht
-wenigen und nicht unerheblichen Punkten &uuml;ber denselben
-hinausgehend genannt werden. Dass deren Abweichungen von der
-urspr&uuml;nglich Herbart&rsquo;schen Fassung nicht neu, sondern, wie
-z. B. das kritische Verh&auml;ltniss zur Theorie der Selbsterhaltungen
-als des wirklichen Geschehens, so wie jenes zu der Annahme der
-sogenannten &bdquo;einfachen Empfindungen&rdquo;, in der Denkweise des
-Vorredners vom Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn an vorhanden
-gewesen seien, haben fr&uuml;here Schriften desselben, wie dessen 1847
-und 1849 erschienene Monographieen: &bdquo;Leibnitz&rsquo;s
-Monadologie&rdquo; und &bdquo;Leibnitz und Herbart, eine gekr&ouml;nte
-Preisschrift&rdquo; bez&uuml;glich der Selbsterhaltungen, dessen 1865
-ver&ouml;ffentlichte: &bdquo;Aesthetik als Formwissenschaft&rdquo;
-bez&uuml;glich der einfachen Empfindungen hinl&auml;nglich an den Tag
-gelegt.</p>
-<p class="par">Herbart hat sich bekanntlich am Schlusse der Vorrede zu
-seiner im Jahre 1828 erschienenen &bdquo;allgemeinen Metaphysik&rdquo;
-einen <span class="pagenum">[<a id="xd24e200" href="#xd24e200" name=
-"xd24e200">IX</a>]</span>&bdquo;Kantianer vom Jahre 1828&rdquo;
-genannt. Wenn Schreiber dieses, der seine erste Anregung zum
-philosophischen Studium einem Gegner Kant&rsquo;s (dem gerade vor
-hundert Jahren, am 5. October 1781 geborenen edlen Denker und Dulder
-Bolzano) und einem Freunde Herbart&rsquo;s (dem scharfsinnigen Kritiker
-der Hegel&rsquo;schen Psychologie, Exner) verdankt, heute, wo seit dem
-Erscheinen der Kritik der reinen Vernunft gerade ein volles, seit jenem
-der allgemeinen Metaphysik mehr als ein halbes Jahrhundert verflossen
-ist, sich &bdquo;einen Herbartianer vom Jahre 1881&rdquo; zu nennen
-unternimmt, so glaubt er damit sein Verh&auml;ltniss zu Kant wie zu
-Herbart zutreffend bezeichnet zu haben. Die Uebereinstimmung mit Beiden
-verbirgt sich nicht; &uuml;ber die Abweichungen, zustimmend oder
-ablehnend, m&ouml;gen Kundige urtheilen.</p>
-<p class="par">Geschrieben im S&auml;cularjahr der &bdquo;Kritik der
-reinen Vernunft&rdquo;.</p>
-<p class="par dateline"><span class="ex">Wien</span>, den 21. Mai
-1881.</p>
-<p class="par signed">Der Verfasser. <span class="pagenum">[<a id=
-"xd24e210" href="#xd24e210" name="xd24e210">XI</a>]</span></p>
-</div>
-</div>
-<div id="toc" class="div1 contents"><span class="pagenum">[<a href=
-"#toc">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<h2 class="main">INHALT.</h2>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <span class=
-"tocPageNum">Seite</span></p>
-<p class="par"><a href="#einleitung" id="xd24e221" name=
-"xd24e221">Einleitung</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;
-<span class="tocPageNum">1</span></p>
-<p class="par xd24e227">I. Buch: Die Ideen.</p>
-<p class="par">1. Capitel: <a href="#ch1.1" id="xd24e231" name=
-"xd24e231">Die logischen Ideen</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;
-<span class="tocPageNum">11</span></p>
-<p class="par">2. Capitel: <a href="#ch1.2" id="xd24e239" name=
-"xd24e239">Die &auml;sthetischen Ideen</a>
-&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <span class=
-"tocPageNum">40</span></p>
-<p class="par">3. Capitel: <a href="#ch1.3" id="xd24e247" name=
-"xd24e247">Die ethischen Ideen</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;
-<span class="tocPageNum">77</span></p>
-<p class="par xd24e227">II. Buch: Das Wirkliche.</p>
-<p class="par">1. Capitel: <a href="#ch2.1" id="xd24e257" name=
-"xd24e257">Das Nicht-Ich</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;
-<span class="tocPageNum">141</span></p>
-<p class="par">2. Capitel: <a href="#ch2.2" id="xd24e265" name=
-"xd24e265">Das Ich</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;
-<span class="tocPageNum">207</span></p>
-<p class="par">3. Capitel: <a href="#ch2.3" id="xd24e273" name=
-"xd24e273">Das Social-Ich</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;
-<span class="tocPageNum">250</span></p>
-<p class="par xd24e227">III. Buch: Die Kunst.</p>
-<p class="par">1. Capitel: <a href="#ch3.1" id="xd24e284" name=
-"xd24e284">Die Bildungskunst</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;
-<span class="tocPageNum">269</span></p>
-<p class="par">2. Capitel: <a href="#ch3.2" id="xd24e292" name=
-"xd24e292">Die Bildekunst</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;
-<span class="tocPageNum">283</span></p>
-<p class="par">3. Capitel: <a href="#ch3.3" id="xd24e300" name=
-"xd24e300">Die bildende Kunst</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;
-<span class="tocPageNum">294</span></p>
-<p class="par"><a href="#schluss">Schluss</a>
-&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <span class=
-"tocPageNum">307</span></p>
-</div>
-</div>
-<div id="einleitung" class="div1 introduction"><span class=
-"pagenum">[<a href="#xd24e221">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<h2 class="super">ANTHROPOSOPHIE.</h2>
-<p><span class="pagenum">[<a id="pb1" href="#pb1" name=
-"pb1">1</a>]</span></p>
-<h2 class="main">Zur Einleitung.</h2>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first">1. Philosophie hat ihrem uralten Namen zufolge
-nicht blos die Aufgabe, zum Wissen zu gelangen, sondern als Liebe zum
-Wissen, da man dasjenige, was man liebt, zu verk&ouml;rpern bem&uuml;ht
-ist, das Gewusste in die Wirklichkeit einzuf&uuml;hren. Erstere
-f&auml;llt der Philosophie als Theorie d. i. als Wissenschaft, letztere
-derselben als Praxis d. i. als Kunst zu. Philosophie als Wissenschaft
-entsteht durch Bearbeitung von Begriffen, w&auml;hrend die Philosophie
-als Kunst das Wirkliche bearbeitet; erstere hat zum Zweck, durch
-Bearbeitung der, sei es durch Erfahrung gewonnenen, sei es durch
-Gew&ouml;hnung und Ueberlieferung &uuml;berkommenen Begriffe von dem,
-was wirklich und wahr ist, zu wirklichen Begriffen d. i. zu solchen,
-welche die Probe der Kritik, sowohl der logischen, als der
-erfahrungsm&auml;ssigen, aushalten, zu gelangen; diese hat den Zweck,
-durch Bearbeitung des gegebenen, als Material dienenden, sei es in
-blossen Gedanken, sei es in Sachen bestehenden Wirklichen zu einem den
-Anforderungen des Begriffs entsprechenden d. i. zu einem
-begriffsgem&auml;ssen Wirklichen zu gelangen. Gegenstand der ersteren
-sind daher Begriffe, welche als solche von den Sachen, Gegenstand der
-letzteren Sachen, welche als solche von den Begriffen unterschieden
-sind. Philosophie als Wissenschaft ist daher im buchst&auml;blichen
-Sinne nicht von dieser Welt, w&auml;hrend Philosophie als Kunst von
-dieser Welt ist.</p>
-<p class="par">2. Philosophie als Wissenschaft hat daher die Aufgabe,
-nicht nur selbst musterhafte Begriffe (Begriffsmuster), sondern solche
-<span class="pagenum">[<a id="pb2" href="#pb2" name=
-"pb2">2</a>]</span>Begriffe herzustellen, welche der Philosophie als
-Kunst bei ihrem Verfahren gegen&uuml;ber den Sachen als Muster dienen
-k&ouml;nnen (Musterbegriffe). Jene bed&uuml;rfen eines Musters, dem sie
-als musterhaft zu entsprechen haben; diese dagegen sind selbst Muster,
-denen die Sachen entsprechen sollen. Aufgabe der Philosophie als
-Wissenschaft, zu musterhaften Begriffen zu gelangen, wird es daher vor
-allem sein, das Muster herzustellen, dem die Begriffe, um f&uuml;r
-musterhaft gelten zu d&uuml;rfen, gen&uuml;gen m&uuml;ssen. Aufgabe der
-Philosophie als Kunst, Musterbegriffe zu verwirklichen, wird es neben
-der Verpflichtung, die von der Philosophie als Wissenschaft als
-musterhaft anerkannten Begriffe zu ihren Musterbegriffen zu machen, vor
-allem sein, die Beschaffenheit des Wirklichen als des allein ihr zu
-Gebote stehenden Materials zu studiren, in welchem dieselben
-verwirklicht werden k&ouml;nnen.</p>
-<p class="par">3. Da jeder Begriff, er sei welcher er wolle, etwas an
-sich tragen muss, was ihn zum Begriff macht (seine Form), und anderes,
-was ihn zu diesem besonderen Begriff macht (seinen Inhalt), so wird das
-Muster, dem jeder Begriff zu gleichen hat, um f&uuml;r musterhaft
-gelten zu d&uuml;rfen, sowohl seine Form, als seinen Inhalt, oder
-vielleicht beides zugleich betreffen k&ouml;nnen, ja m&uuml;ssen. In
-ersterer Hinsicht wird es daher eine Musterform geben, welcher als Norm
-jeder Begriff ohne Unterschied sich zu unterwerfen hat, um als Begriff
-anerkannt zu werden; in letzterer Hinsicht wird es eine Norm geben,
-welcher jeder Begriff eines gewissen Inhaltes sich anzubequemen hat, um
-als musterhafter Begriff eben dieses Inhaltes angesehen zu werden; jene
-stellt daher die massgebende Norm f&uuml;r s&auml;mmtliche Begriffe
-ohne Unterschied des Inhaltes, diese dagegen stellt die Norm f&uuml;r
-Begriffe irgend eines gemeinsamen Inhalts, z. B. f&uuml;r alle
-diejenigen dar, die sich auf Seiendes (Existirendes) oder f&uuml;r alle
-diejenigen, die sich auf Seinsollendes (noch nicht Existirendes)
-beziehen.</p>
-<p class="par">4. Diejenigen Normen, die sich auf alle Begriffe ohne
-Unterschied des Inhalts, welche f&uuml;r musterhaft gelten sollen,
-erstrecken, machen den Inhalt der Logik; diese, die sich nur auf
-Begriffe eines <span class="pagenum">[<a id="pb3" href="#pb3" name=
-"pb3">3</a>]</span>gewissen gemeinsamen Inhalts, welche innerhalb
-dessen f&uuml;r musterhaft gelten sollen, beschr&auml;nken, machen den
-Inhalt der andern philosophischen Wissenschaften aus. Jene stellt das
-Muster f&uuml;r jeden Begriff ohne Unterschied, diese stellen die
-Muster f&uuml;r diejenigen Begriffe dar, welche in den Bereich des von
-ihnen beherrschten Inhalts geh&ouml;ren. Da nun jeder Begriff seinem
-Inhalte nach entweder auf ein Wirkliches d. h. auf ein Object bezogen
-wird, das als seiend gedacht wird, oder auf ein nicht Wirkliches d. i.
-auf ein Object, das entweder, wie die mathematischen, &uuml;berhaupt
-als nichtseiend, oder, wie z. B. ein Kunstwerk, nur als noch
-nichtseiend, aber voraussichtlicherweise in der Zukunft seiend gedacht
-wird, so lassen sich die philosophischen Wissenschaften in zwei Gebiete
-zerf&auml;llen. Das eine derselben umfasst die Musterbegriffe f&uuml;r
-alle diejenigen, welche (mit Recht oder mit Unrecht) auf Wirkliches
-bezogen werden. Das andere dagegen enth&auml;lt die Musterbegriffe,
-welche (mit Recht oder mit Unrecht) auf, sei es &uuml;berhaupt nicht,
-oder nur noch nicht Seiendes bezogen werden. Begriffe der erstern Art
-(deren Inhalt als wirklich gedacht wird) k&ouml;nnen physische,
-Begriffe der letztern Art (deren Inhalt als nicht wirklich gedacht
-wird) m&uuml;ssen sodann nicht-physische heissen. Nimmt man bei den
-letzteren R&uuml;cksicht darauf, ob der Inhalt derselben es
-unm&ouml;glich macht, ihn als wirklich zu denken, wie es bei den
-mathematischen der Fall ist, oder ob derselbe zwar als im gegebenen
-Moment nichtseiend gedacht, dessen Existenz in der Zukunft aber
-keineswegs als unm&ouml;glich vorgestellt wird, wie es z. B. bei dem in
-Gedanken entworfenen Plane eines k&uuml;nftigen Bauwerks der Fall ist,
-so tritt eine weitere Unterabtheilung hinzu. Jene Begriffe, deren
-Inhalt die Wirklichkeit ausschliesst, k&ouml;nnen als solche den
-obengenannten physischen in dem Sinne zugerechnet werden, als der
-Inhalt der einen wie der andern einen Zusatz &uuml;ber dessen
-Wirklichkeit enth&auml;lt, der Inhalt der einen dieselbe bejaht, jener
-der andern dieselbe verneint; dieselben k&ouml;nnen daher in diesem
-erweiterten Sinne beide physisch heissen. Jene Begriffe dagegen, welche
-weder &uuml;ber die Wirklichkeit, noch &uuml;ber die Unwirklichkeit
-ihres Inhaltes eine <span class="pagenum">[<a id="pb4" href="#pb4"
-name="pb4">4</a>]</span>Aussage in sich schliessen, ja nicht einmal
-&uuml;ber die zuk&uuml;nftige Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit
-desselben, deren Inhalt sonach, was seine Wirklichkeit betrifft, in
-keiner Weise das Interesse in Anspruch zu nehmen vermag, k&ouml;nnen
-nichtsdestoweniger ein solches erwecken, inwiefern dieser Inhalt nicht
-als wirklich oder unwirklich, sondern ausschliesslich als Gedanke d. i.
-als gedachter Inhalt einen Zusatz im Gem&uuml;the des Denkenden mit
-sich f&uuml;hrt, durch welchen er von letzterem entweder als angenehm
-oder unangenehm, n&uuml;tzlich oder sch&auml;dlich, sch&ouml;n oder
-h&auml;sslich &mdash; im Allgemeinen entweder beif&auml;llig oder
-missf&auml;llig beurtheilt wird. Begriffe dieser Art k&ouml;nnen, weil
-es sich bei denselben nicht, wie bei den <span class="corr" id=
-"xd24e335" title="Quelle: sogenannteu">sogenannten</span> physischen,
-um eine die Vorstellung ihres Inhalts begleitende Aussage &uuml;ber
-Wirklichkeit oder (zuf&auml;llige oder nothwendige) Unwirklichkeit
-desselben, sondern um einen die Vorstellung des Inhalts (zuf&auml;llig
-oder nothwendig) begleitenden Gef&uuml;hlsausdruck handelt &mdash;
-&auml;sthetische heissen. Die philosophische Wissenschaft, welche die
-Musterbegriffe f&uuml;r die physischen Begriffe enth&auml;lt, ist die
-philosophische Physik (oder Metaphysik); jene, welche die
-Musterbegriffe f&uuml;r die &auml;sthetischen umfasst, die
-philosophische Aesthetik.</p>
-<p class="par">5. Logik, (philosophische) Physik und (philosophische)
-Aesthetik machen zusammen den Umfang der Philosophie als Wissenschaft
-aus. Der Zusatz: philosophisch bei den beiden letztgenannten
-Disciplinen ist deshalb nicht &uuml;berfl&uuml;ssig, weil diejenigen
-Wissenschaften, welche die auf dem reinen Erfahrungswege gewonnenen,
-keineswegs musterhaften Begriffe von Wirklichem einer- und die von
-keineswegs allgemeinen und nothwendigen, sondern zuf&auml;lligen und
-individuellen oder h&ouml;chstens particul&auml;ren Zus&auml;tzen des
-Lobes oder Tadels begleiteten Begriffe umfassen, andererseits, die
-empirische Natur- und die empirische Geschmackslehre gleichfalls Physik
-und Aesthetik genannt werden. Die Bezeichnung Metaphysik f&uuml;r die
-erste derselben hat, von dem bekannten zuf&auml;lligen historischen
-Ursprung des Wortes abgesehen, insofern einen zul&auml;ssigen Sinn, als
-die durch kritische Sichtung herbeigef&uuml;hrte systematische
-Zusammenstellung musterhafter physischer Begriffe, welche die mit
-diesem Namen bezeichnete <span class="pagenum">[<a id="pb5" href="#pb5"
-name="pb5">5</a>]</span>Wissenschaft ausmacht, das Vorhandensein eines
-urspr&uuml;nglich durch Erfahrung gegebenen, logisch noch
-unbearbeiteten, also im philosophischen Sinne des Wortes rohen
-Vorrathsmateriales physischer Begriffe voraussetzt, philosophische
-(Meta-) Physik also der Zeit nach erst <span class="ex">nach</span>
-(<span class="trans" title="meta"><span class="Greek" lang=
-"grc">&mu;&epsilon;&tau;&alpha;</span></span>) der vor- oder
-unphilosophischen (empirischen) Physik zu Stande kommen kann.</p>
-<p class="par">6. Unter denselben, die als philosophische
-Wissenschaften s&auml;mmtlich musterhafte (d. i. im philosophischen
-Sinne vollendete) Begriffe umfassen, stehen Logik und Aesthetik
-insofern in engerer Verwandtschaft unter einander, als ihre
-musterhaften Begriffe zugleich Musterbegriffe f&uuml;r Anderes sind d.
-h. diesem zur Nachahmung vorgestellt werden, w&auml;hrend die
-metaphysischen Begriffe keine andere Bestimmung haben, als den Inhalt
-des Wirklichen musterhaft d. i. wie er wirklich ist, darzustellen. Und
-zwar enth&auml;lt die erstere die Musterbegriffe f&uuml;r das Denken
-sowohl &uuml;berhaupt, als in Bezug auf einen bestimmten Inhalt, durch
-deren Nachahmung dasselbe zum Wissen d. i. wahrem Denken erhoben wird,
-sowohl im Allgemeinen, als in Bezug auf irgend einen besonderen
-Gegenstand; die Aesthetik dagegen enth&auml;lt die Musterbegriffe
-f&uuml;r jede beliebige producirende, sei es geistige, sei es physische
-Th&auml;tigkeit, insofern durch dieselbe etwas Beifallsw&uuml;rdiges
-oder Tadelnswerthes (N&uuml;tzliches oder Sch&auml;dliches, Angenehmes
-oder Unangenehmes, Sch&ouml;nes oder H&auml;ssliches) hervorgebracht
-wird.</p>
-<p class="par">7. Musterbegriffe dieser Art, sie seien nun solche
-f&uuml;r das Denken oder f&uuml;r jede andere (geistige oder physische)
-nachahmende Th&auml;tigkeit, werden Ideen genannt, und zwar als
-Vorbilder (Normen) f&uuml;r das Denken, das zum Wissen werden soll,
-<span class="ex">logische</span> Ideen; als Vorbilder dagegen f&uuml;r
-irgend eine andere, auf Hervorbringung eines Beifallswerthen gerichtete
-schaffende Th&auml;tigkeit, <span class="ex">&auml;sthetische</span>
-Ideen. Erstere machen daher den Inhalt der Logik, letztere den der
-Aesthetik aus.</p>
-<p class="par">8. Unter den geistigen Th&auml;tigkeiten, deren Producte
-Beifall oder Missfallen nach sich ziehen, ist die eine, das Wollen, von
-der Art, dass sie auf keine Weise, weder willk&uuml;rlich noch
-unwillk&uuml;rlich, unterlassen <span class="pagenum">[<a id="pb6"
-href="#pb6" name="pb6">6</a>]</span>werden kann; denn auch das
-Nichtwollen des Wollens w&auml;re ein Wollen. Zugleich hat dasselbe die
-auszeichnende Eigent&uuml;mlichkeit, dass von dem Urtheil &uuml;ber
-dessen Beschaffenheit das Urtheil &uuml;ber den Werth oder Unwerth des
-Wollenden selbst abh&auml;ngt und, da, wie oben bemerkt, der Einzelne
-niemals aufh&ouml;ren kann zu wollen, diesem Urtheil niemals entgangen
-werden kann. W&auml;hrend daher zu jeder andern &auml;sthetisch
-producirenden Th&auml;tigkeit ein besonderes &auml;sthetisches Talent
-erforderlich ist, ist nicht nur die F&auml;higkeit, sondern die
-N&ouml;thigung zu wollen Jedem ohne Unterschied eigen, und
-w&auml;hrend, um der Kritik jeder andern &auml;sthetisch producirenden
-Th&auml;tigkeit zu entgehen, der Producirende nichts weiter n&ouml;thig
-hat, als dieselbe zu unterlassen, so kann, wie oben bemerkt, auf die
-Beth&auml;tigung des Wollens niemals Verzicht geleistet werden. Aus
-beiden angef&uuml;hrten Gr&uuml;nden verdienen diejenigen
-&auml;sthetischen Ideen, welche als Vorbilder f&uuml;r das Wollen
-dienen, aus dem Kreise der &uuml;brigen als ein besonders
-ausgezeichnetes Gebiet hervorgehoben und zum Unterschied von den
-&uuml;brigen, welche sodann im engeren Sinne des Wortes
-&auml;sthetische heissen m&ouml;gen, mit einem besonderen Namen
-bezeichnet zu werden. Als ein solcher empfiehlt sich, da von dem
-Urtheil &uuml;ber das Wollen jenes &uuml;ber den sittlichen Werth, das
-Ethos, des Wollenden abh&auml;ngt, der Ausdruck ethische, oder, da das
-Wollen zun&auml;chst zum Handeln &uuml;berf&uuml;hrt, praktische
-Ideen.</p>
-<p class="par">9. Logische, &auml;sthetische und ethische Ideen machen
-daher den Inhalt der Philosophie als Wissenschaft aus, insofern
-dieselbe Wissenschaft von Musterbegriffen (Ideenwissenschaft) ist.
-Metaphysische d. i. im philosophischen Sinne musterhafte Begriffe vom
-Wirklichen machen den Inhalt der Philosophie als Wissenschaft aus,
-insofern sie Wissenschaft von Wirklichem (Seinswissenschaft) ist.
-Diese, da sich der Inhalt ihrer Begriffe auf das Wirkliche bezieht,
-kn&uuml;pft an die Erfahrung, durch welche zuerst vom Wirklichen ein
-Begriff gewonnen wird, an, indem sie die durch Erfahrung gegebenen
-Begriffe vom Wirklichen entweder beh&auml;lt wie sie gegeben sind, wenn
-sie vor dem Forum des wissenschaftlich d. i. logisch geschulten Denkens
-behaltbar, oder verwirft, wenn sie nach dem Urtheil des letzteren
-<span class="pagenum">[<a id="pb7" href="#pb7" name=
-"pb7">7</a>]</span>unhaltbar, oder umbildet, wenn sie zwar nach dem
-Urtheil der Logik verwerflich, aber verm&ouml;ge des durch
-unabweisliche Erfahrung ausge&uuml;bten Zwanges unvermeidlich sind. Die
-logische Unhaltbarkeit der gegebenen Erfahrungsbegriffe verr&auml;th
-sich dadurch, dass in denselben Widerspr&uuml;che bemerkbar werden,
-welche demnach ebensowenig, wie sie selbst, abgewehrt, um deren willen
-jedoch der mit denselben behaftete Inhalt der Erfahrung
-wissenschaftlich nicht als Wahrheit gelehrt werden kann! Die Umbildung
-der so gegebenen aber widersprechenden Erfahrungsbegriffe besteht
-darin, dass dieselben berichtigt d. h., da von dem
-erfahrungsm&auml;ssig Gegebenen ohne Sch&auml;digung der Erfahrung
-nichts hinweggelassen werden kann, durch aus dem Denken gesch&ouml;pfte
-Zus&auml;tze so lange und in der Weise erg&auml;nzt werden, bis und
-dass der Widerspruch verschwindet. Die so umgestalteten d. i. rational
-(widerspruchsfrei, denkbar) gemachten Erfahrungsbegriffe heissen von da
-an metaphysische (philosophische Seins- oder Wirklichkeits-)
-Begriffe.</p>
-<p class="par">10. Logische, &auml;sthetische und ethische Ideen
-kn&uuml;pfen nicht an das Gegebene an, sondern fordern im Gegentheil
-als Musterbegriffe, dass das Gegebene an sie ankn&uuml;pfe. So wenig
-nach Kant aus dem Sollen ein Sein, so wenig kann aus dem Sein das
-Sollen &bdquo;geklaubt&rdquo; werden. Dieselben sind, wie das a priori
-Kant&rsquo;s, zwar nicht vor, aber <span class="ex">unabh&auml;ngig
-von</span> dem gegebenen Inhalte der Erfahrung, daher ihre Geltung
-nicht, wie die des letzteren, eine beschr&auml;nkte (comparative) und
-nur mehr oder weniger wahrscheinliche (zuf&auml;llige), sondern, wie
-die jenes a priori, allgemeine und nothwendige ist. Logik, Aesthetik
-und Ethik sind daher keine blos beschreibenden (descriptiven), wie die
-Erfahrungswissenschaft und in gewissem Sinne selbst die Metaphysik es
-ist, sondern vorschreibende (normative) Wissenschaften, daher sie auch
-wohl im Gegensatze zu jenen, welche <span class=
-"ex">theoretische</span> heissen k&ouml;nnen, <span class=
-"ex">praktische</span> Wissenschaften genannt zu werden pflegen.</p>
-<p class="par">11. Mit R&uuml;cksicht auf letztere Bezeichnung
-zerf&auml;llt Philosophie als Wissenschaft demnach in einen
-praktischen: die Ideen- (oder praktischen) Wissenschaften, und
-theoretischen: die Seinswissenschaft <span class="pagenum">[<a id="pb8"
-href="#pb8" name="pb8">8</a>]</span>(Metaphysik) umfassenden Theil,
-zwischen welchen beiden Philosophie als Kunst, welche die Gestaltung
-des Wirklichen nach den Ideen oder die Hineinbildung der Ideen in das
-Wirkliche vollzieht, die verbindende Br&uuml;cke bildet. Die
-L&ouml;sung dieser Aufgabe ist daher der philosophischen ebensowenig
-wie irgend einer anderen Kunst, da der Zweck der Kunst &uuml;berhaupt
-in der Ideendarstellung im gegebenen Stoffe besteht, ohne Kenntniss der
-darzustellenden Ideen (Ideenwissenschaft) einer-, wie des gegebenen
-Stoffes (Seinswissenschaft) andererseits m&ouml;glich. Erstere macht
-den Inhalt des ersten, die Wissenschaft vom Wirklichen den des zweiten,
-die Lehre von der die logischen, &auml;sthetischen und ethischen Ideen
-im und am Wirklichen verwirklichenden (philosophischen) Kunst jenen des
-dritten Buches aus. <span class="pagenum">[<a id="pb9" href="#pb9"
-name="pb9">9</a>]</span></p>
-</div>
-</div>
-</div>
-<div class="body">
-<div class="div0 book">
-<h2 class="label">ERSTES BUCH.</h2>
-<h2 class="main">DIE IDEEN.</h2>
-<p><span class="pagenum">[<a id="pb11" href="#pb11" name=
-"pb11">11</a>]</span></p>
-<div id="ch1.1" class="div1 introduction"><span class=
-"pagenum">[<a href="#xd24e231">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<h2 class="label">ERSTES CAPITEL.</h2>
-<h2 class="main">Die logischen Ideen.</h2>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first">12. Logische Ideen (Musterbegriffe) sind die
-normalen Formen (Begriffsnormen), welchen das Denken sich zu f&uuml;gen
-hat, wenn es als wahres Denken d. i. Wissen anerkannt werden will.
-Dieselben sind weder eins mit den psychologischen Erscheinungsformen
-des Denkens, verm&ouml;ge welcher dasselbe ein Entstehen und Vergehen,
-ein Heller- und Dunklerwerden im Bewusstsein besitzt, noch mit den
-sogenannten logischen Denkformen, nach welchen dasselbe in Begriffe,
-Urtheile und Schl&uuml;sse zerf&auml;llt. Jenes nicht, weil
-psychologisch betrachtet die Entstehung unwahrer Gedanken
-(Irrth&uuml;mer) ebenso nach Naturgesetzen erfolgt, wie jene von
-Erkenntnissen (wahren Gedanken) &mdash; dieses nicht, weil unrichtige
-und ungiltige Gedanken ebensogut in der Begriffs-, Urtheils- und
-Schlussform gedacht, gef&auml;llt und gefolgert werden, wie richtige
-und giltige. Das Kriterium, durch welches Denken zum Wissen sich
-erhebt, muss daher anderswo gesucht werden.</p>
-<p class="par">13. Dasselbe kann, da jedes Denken einen gewissen Grad
-von Intensit&auml;t (St&auml;rke, Lebhaftigkeit), mit welchem dasselbe,
-und einen gewissen Inhalt besitzt, <span class="ex">welcher</span> in
-demselben gedacht wird, entweder in diesem oder in jenem liegen.
-L&auml;ge es in jenem, so w&uuml;rde daraus folgen, dass jedes Denken,
-welches einen gewissen hohen Grad von Lebhaftigkeit besitzt, um dieser
-seiner Energie willen f&uuml;r Erkenntniss gelten m&uuml;sse,
-w&auml;hrend es offenbar ist, dass auch einleuchtende Irrth&uuml;mer,
-wie Hallucinationen Geistesgest&ouml;rter, eine hohe, ja f&uuml;r diese
-un&uuml;berwindliche St&auml;rke besitzen k&ouml;nnen. Liegt es dagegen
-in diesem, so kann das Kennzeichen des Inhalts als eines wahren
-entweder in dessen Verh&auml;ltniss zu einem vom <span class=
-"pagenum">[<a id="pb12" href="#pb12" name="pb12">12</a>]</span>Denken
-als solchem unterschiedenen <span class="ex">Andern</span>, oder es
-muss in der Beschaffenheit des Denkinhalts selbst gefunden werden.</p>
-<p class="par">14. Das <span class="ex">Andere</span>, zu welchem das
-Denken als Denkinhalt betrachtet, ein gewisses Verh&auml;ltniss haben
-soll, um f&uuml;r wahr gelten zu d&uuml;rfen, und das als Anderes des
-Denkens nicht selbst wieder Denken sein kann, ist das <span class=
-"ex">Sein</span>. Das Verh&auml;ltniss, in welchem das Denken zum Sein
-stehen muss, um f&uuml;r Wahrheit zu gelten, aber kann kein anderes
-sein als das der Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein. Das
-Kriterium der Wahrheit lautet daher von diesem Gesichtspunkt aus:
-Wissen ist mit dem Sein &uuml;bereinstimmendes Denken.</p>
-<p class="par">15. Dasselbe setzt, um m&ouml;glich zu sein, daher
-einerseits die M&ouml;glichkeit der Uebereinstimmung, andererseits die
-M&ouml;glichkeit der Erkenntniss jener Uebereinstimmung des Denkens mit
-dem Sein von Seite des Denkens voraus. W&auml;re die erstere
-unm&ouml;glich, so w&auml;re damit auch das Wissen d. i. die
-Uebereinstimmung zwischen Denken und Sein, an sich unm&ouml;glich;
-w&auml;re das letztere unm&ouml;glich, so w&auml;re damit das Wissen um
-jene <span class="ex">an sich</span> vorhandene Uebereinstimmung
-f&uuml;r <span class="ex">uns</span> unm&ouml;glich. Im ersteren Falle
-w&auml;re die Wahrheit &uuml;berhaupt nicht, im letzteren Falle so gut
-als nicht vorhanden.</p>
-<p class="par">16. Soll Uebereinstimmung zwischen beiden von einander
-verschieden gedachten Elementen &mdash; dem Denken einer-, dem Sein
-andererseits &mdash; bestehen, so muss entweder das eine vom andern,
-das Denken vom Sein oder das Sein vom Denken, abh&auml;ngig gedacht,
-oder die Verschiedenheit beider kann nur als eine scheinbare gedacht
-werden, so dass entweder nur das eine von beiden ist, w&auml;hrend das
-andere nicht ist, oder dass beide nur die unterschiedenen Seiten eines
-dritten Ununterschiedenen sind. Im ersten Falle wird entweder das
-Denken vom Sein (das Logische vom Alogischen) oder das Sein vom Denken
-(das Alogische vom Logischen) beherrscht; im zweiten Falle besteht
-entweder nur das Sein, so dass das Denken nur ein verh&uuml;lltes Sein
-&mdash; oder nur das Denken, so dass das Sein nur ein verh&uuml;lltes
-Denken ist; w&auml;hrend im dritten Falle Denken und Sein nur das unter
-verschiedenen Gesichtspunkten betrachtete unbekannte X eines Dritten
-darstellen.</p>
-<p class="par">17. Gegen die Abh&auml;ngigkeit eines der beiden
-qualitativ von einander unterschiedenen Elemente, des Denkens und des
-unter der Form der dem Denken qualitativ entgegengesetzten ausgedehnten
-Materie gedachten Seins, hat sich unter den Neuern zuerst bekanntlich
-<span class="pagenum">[<a id="pb13" href="#pb13" name=
-"pb13">13</a>]</span>Cartesius ausgesprochen. Denken (Geist) und Sein
-(Materie) sind f&uuml;r einander schlechterdings unzug&auml;nglich, und
-da, wenn weder der Geist die Materie, noch diese jenen zu beeinflussen
-vermag, eine Uebereinstimmung zwischen den beiden undenkbar ist, so
-bleibt, um Wissen d. i. Uebereinstimmung des Denkinhalts mit dem
-Seinsinhalt zu erm&ouml;glichen, nichts &uuml;brig, als die
-B&uuml;rgschaft des gemeinschaftlichen Sch&ouml;pfers beider, welcher
-als h&ouml;chstes wissendes und wahrhaftiges Wesen das Denken nicht
-kann t&auml;uschen wollen. Das eigentliche Kriterium des Wissens liegt
-sodann nicht sowohl in der Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein,
-von der das Denken durch sich selbst nichts zu wissen vermag, sondern
-in der B&uuml;rgschaftsleistung eines andern h&ouml;hern Wesens
-f&uuml;r die Wahrheit unseres Denkens; dasselbe ist sonach kein
-logisches, sondern ein blos autoritatives.</p>
-<p class="par">18. Weder die mit dem Schleier der g&ouml;ttlichen
-Allmacht, hinter welchem auch das Unm&ouml;gliche m&ouml;glich wird,
-sich deckende unbegreifliche g&ouml;ttliche Assistenz, noch die
-anscheinende Verbesserung derselben durch das System der sogenannten
-gelegenheitlichen Ursachen (Occasionalismus), durch welches letztere
-die Gottheit aus dem erhabenen Dunkel des Nichtwissens herabgezogen und
-zu einem das Denken mit dem Sein vermittelnden &bdquo;deus ex
-machina&rdquo; (Leibnitz) erniedrigt wird, beseitigt die Schwierigkeit.
-Dieselbe h&ouml;rt dagegen auf, wenn deren Ursache, die qualitative
-Verschiedenheit des Denkens und seines Andern (der Materie) aufgehoben
-und entweder, wie Leibnitz und der Spiritualismus thaten, die Materie
-in Geist verwandelt (spiritualisirt), oder, wie Hobbes und die
-Materialisten lehrten, der Geist in Materie verwandelt (materialisirt)
-wird. Jene machen die Materie zu einem zwar &bdquo;bene
-fundatum&rdquo;, aber doch nur zu einem &bdquo;ph&auml;nomenon&rdquo;
-des Geistes, so dass der Geist &mdash; diese den Geist zu einem
-&bdquo;Hirngespinnst&rdquo; d. i. zu einem blossen Ph&auml;nomen der
-Materie, so dass diese allein das wahrhaft existirende ist. Zwischen
-dem Denken und einem Sein, das selbst wieder Denken (Idealismus)
-&mdash; und dem Sein und einem Denken, das selbst wieder Sein ist
-(Realismus) &mdash; aber ist Uebereinstimmung m&ouml;glich.</p>
-<p class="par">19. Allerdings nur, wenn zwischen Denkendem und
-Denkendem einer-, wie zwischen Seiendem und Seiendem andererseits
-Causalit&auml;tsverband denkbar ist. Wenn das Denken, wie die
-Materialisten wollen, selbst materiell, der Geist nichts anderes als
-ein feinerer K&ouml;rper ist, liegt nichts Widersprechendes darin, dass
-zwischen Geist und <span class="pagenum">[<a id="pb14" href="#pb14"
-name="pb14">14</a>]</span>Materie in demselben Sinn Wechselwirkung
-stattfinde, wie zwischen den Corpuskeln oder k&ouml;rperlichen
-Elementen der Materie selbst; wenn dagegen, wie die Spiritualisten
-wollen, zwischen dem immateriellen Denkenden und den gleichfalls
-immateriellen, folglich ihrer qualitativen Beschaffenheit nach vom
-Denken nicht verschiedenen, also selbst als &bdquo;denkend&rdquo;
-gedachten Elementen der Materie (unk&ouml;rperlichen Atomen, Monaden,
-&bdquo;Seelen&rdquo;) gegenseitiger Einfluss (influxus physicus)
-herrschen sollte, so w&auml;re dies nur unter der Voraussetzung
-m&ouml;glich, dass sich dieselben von dem einen Theile abl&ouml;sten
-und von dem andern aufgenommen w&uuml;rden. Beides aber ist
-unm&ouml;glich, da von einem Immateriellen, also Theillosen, kein Theil
-sich abscheiden l&auml;sst und an dem Ort eines anderen Immateriellen,
-der als Sitz eines Theillosen selbst ohne Theile (ein einfacher Punkt)
-sein muss, f&uuml;r einen neu hinzutretenden kein Platz vorr&auml;thig
-ist, das heisst, weil, wie Leibnitz sagte, die Monaden keine Fenster
-haben. Soll dessen ungeachtet zwischen dem Geiste und dem Rest des aus
-Monaden bestehenden Universums Uebereinstimmung d. i. Harmonie
-bestehen, so muss diese letztere von aussen, also wie bei Descartes
-durch die Gottheit, nur weder auf unbegreifliche (durch schlechthinige
-Allmacht), noch auf unw&uuml;rdige (&bdquo;deus ex machina&rdquo;)
-Weise, sondern, wie es der Gottheit allein w&uuml;rdig ist, auf einem
-von Ewigkeit her erkannten, gewollten und geschaffenen Wege als
-pr&auml;stabilirte Harmonie hergestellt werden.</p>
-<p class="par">20. Allein gesetzt auch, es best&uuml;nde einerseits
-zwischen Denken und Denken (Idealismus), andererseits zwischen Sein und
-Sein (Materialismus) je wirklicher Causalverband, so w&auml;re die
-dadurch erm&ouml;glichte Uebereinstimmung, in welcher das Wissen
-bestehen soll, doch nur im ersten Fall eine Uebereinstimmung des
-Denkens mit Denken, also mit sich selbst, im zweiten Fall eine
-Uebereinstimmung des Seins mit Sein, also wieder mit sich selbst, in
-keinem von beiden aber jene Uebereinstimmung des Denkens mit Sein, in
-welcher der Annahme zufolge das Kriterium der Wahrheit gelegen sein
-soll.</p>
-<p class="par">21. Weder die Unabh&auml;ngigkeit beider, noch die nur
-scheinbare Verschiedenheit eines der beiden Elemente des Wissens
-(Denken und Sein) macht deren Uebereinstimmung mit und unter einander
-m&ouml;glich; als dritter Fall ist zu untersuchen, ob die Einerleiheit
-beider dieselbe gestatte. Wenn Denken und Sein zwar der Art nach
-unterschieden, aber weder, wie im Idealismus, nur das Denken, noch, wie
-im Materialismus, nur das ausgedehnte (materielle) Sein ist, sondern
-beide, wie <span class="pagenum">[<a id="pb15" href="#pb15" name=
-"pb15">15</a>]</span>der Spinozismus will, Seiten eines Dritten ihnen
-gemeinsam zugrundeliegenden (der alleinen Substanz) sind, so sind
-Denken und Sein dem Wesen nach substantiell identisch d. h. das Denken
-ist dasselbe was das Sein, und dieses was jenes. Es findet jedoch
-ebendeshalb zwischen beiden keine &bdquo;Harmonie&rdquo;
-(Uebereinstimmung) statt, denn eine solche setzt Verschiedenheit der
-Uebereinstimmenden (Gegensatz in der Einheit), nicht Einerleiheit der
-Aufeinanderbezogenen (Einheit ohne Gegensatz) voraus.</p>
-<p class="par">22. Weder Uebereinstimmung mit sich selbst (wie im
-Idealismus und Materialismus), noch Identit&auml;t (wie im Spinozismus)
-ist Harmonie; Leibnitz ist nicht, wie Moses Mendelssohn behauptete,
-durch Spinoza auf die Idee der pr&auml;stabilirten Harmonie
-gef&uuml;hrt worden. Jene ist blos formale, diese ist keine
-Uebereinstimmung. Das materiale, in der Uebereinstimmung des Denkens
-mit dem Sein bestehende Kriterium des Wissens ist weder auf dem
-Standpunkt des (metaphysischen) Dualismus, noch des (idealistischen
-oder materialistischen) Monismus, noch der (pantheistischen oder
-atheistischen) Identit&auml;tslehre brauchbar.</p>
-<p class="par">23. Dasselbe ist jedoch auch &uuml;berhaupt unbrauchbar.
-Denn gesetzt, es f&auml;nde zwischen Denken und Sein wirklich und
-thats&auml;chlich Uebereinstimmung statt, so w&uuml;rde, um sich
-&uuml;ber dieselbe Gewissheit zu verschaffen, eine Vergleichung
-zwischen dem Inhalt des Denkens mit jenem des Seins erforderlich sein.
-Da nun, um letztere zu bewerkstelligen, der Inhalt des Seins selbst
-gedacht, als gedachter Inhalt aber selbst Gedanke (Denken) sein
-m&uuml;sste, so w&uuml;rde in obiger Vergleichung nicht, wie es
-verlangt ist, Denken mit Sein, sondern Denken mit Denken (<span class=
-"ex">gedachtem</span> Sein) verglichen<span class="corr" id="xd24e455"
-title="Nicht in der Quelle">,</span> d. h. das Sein selbst (als
-<span class="ex">ungedachtes</span>, Nichtdenken) bliebe unverglichen.
-Das materiale Kriterium des Wissens, die Uebereinstimmung zwischen
-Denken und Sein w&auml;re unerkennbar.</p>
-<p class="par">24. Dasselbe ist daher, logisch betrachtet, weder an
-sich noch f&uuml;r uns m&ouml;glich. Kann aber das Kriterium des
-Wissens nicht material in der Uebereinstimmung des Denkinhalts mit dem
-Seinsinhalt gefunden, so muss es ausschliesslich in ersterem (als
-formales) gesucht werden. Die Entscheidung, ob ein Denken Wissen d. i.
-wahres Denken sei, kann nur auf Grund der Beschaffenheit des Inhalts
-desselben, rein als solcher betrachtet, gef&auml;llt werden. Dass damit
-der Bestand eines von demselben unterschiedenen Sein weder verneint,
-noch, was schon Aristoteles und Kant verboten, das Denken f&uuml;r das
-einzige Sein erkl&auml;rt werde, ist selbstverst&auml;ndlich.
-<span class="pagenum">[<a id="pb16" href="#pb16" name=
-"pb16">16</a>]</span></p>
-<p class="par">25. Mit der Behauptung, dass das Kriterium der Wahrheit
-des Denkinhalts in diesem selbst enthalten sei, ist weder
-ausgesprochen, dass jeder beliebige Inhalt des Denkens eo ipso als
-Denkinhalt wahr, wie der Panlogismus, noch dass jeder Denkinhalt falsch
-sei, wie der absolute Skepticismus behauptet. Ersterer, welchem das
-Denken mit dem Wissen, das thats&auml;chliche mit dem vern&uuml;nftigen
-Denken in Eins zusammenf&auml;llt, ist logischer Optimismus; der
-letztere, dem jegliches (wirkliche und vern&uuml;nftige, gleichviel)
-Denken als Denkillusion (Scheinwissen) erscheint, ist logischer
-Pessimismus; beide insofern sie von einem g&uuml;nstigen oder
-ung&uuml;nstigen Vorurtheil bez&uuml;glich des Denkens als Wissens
-ausgehen, sind unkritischer (positiver oder negativer) Dogmatismus.</p>
-<p class="par">26. Dass wenigstens einige Denkinhalte falsch seien,
-folgt nothwendigerweise daraus, weil es dergleichen gibt (a, non-a),
-die sich untereinander selbst aufheben d. h. von denen der eine mit dem
-andern im Denken unvertr&auml;glich ist; dass es wenigstens einigen
-Denkinhalt gibt, der wahr d. h. wenigstens einiges Denken, das Wissen
-ist, folgt daraus, weil das Gegentheil dieser Behauptung, das Wissen,
-dass es kein Wissen gebe, sich selbst aufhebt. Aufgabe der Logik bleibt
-es nun, diejenigen Merkmale, durch welche derjenige Denkinhalt, der
-Wissen (Erkenntniss), von demjenigen, der Scheinwissen (Irrthum) ist,
-sich unterscheide, aufzustellen.</p>
-<p class="par">27. An jedem Denkinhalt ohne Ausnahme l&auml;sst sich
-zweierlei unterscheiden: die Art, <span class="ex">wie</span> er dem
-Denken, und das <span class="ex">Was</span>, welches in demselben dem
-Denken gegeben ist. In ersterer Hinsicht unterscheiden wir
-unwillk&uuml;rliches (ohne, ja wider den Willen des Denkenden demselben
-aufgezwungenes) und willk&uuml;rliches (aus dem eigenen Wollen des
-Denkenden entsprungenes) Gegebensein; im ersteren Sinne vermittelter
-Denkinhalt kann (in engerer Bedeutung) <span class=
-"ex">gegebener</span>, im letzteren Sinne entstandener wird dann
-<span class="ex">gemachter</span> heissen. Im Hinblick auf das
-<span class="ex">Was</span> unterscheiden wir verwandten und nicht
-verwandten, aber vertr&auml;glichen Denkinhalt; unter dem verwandten
-weiters ganz oder theilweise identischen und unvertr&auml;glichen (sich
-contr&auml;r oder contradictorisch ausschliessenden) Denkinhalt.</p>
-<p class="par">28. In Bezug auf das <span class="ex">Wie</span> des
-Gegebenseins gilt, dass der unwillk&uuml;rlich gegebene (also
-unabweisliche) Denkinhalt, desgleichen derjenige ist, den wir als
-Thatsache zu bezeichnen pflegen &mdash; was den Anspruch betrifft,
-f&uuml;r Wissen zu gelten &mdash; (alles Uebrige gleichgesetzt), vor
-dem willk&uuml;rlich gemachten den Vorzug hat. Ersterer kann als
-nothwendige Bildung (Repr&auml;sentation), letzterer darf als
-<span class="pagenum">[<a id="pb17" href="#pb17" name=
-"pb17">17</a>]</span>Einbildung (Imagination) bezeichnet werden. Dass
-daraus, dass ein gewisser Denkinhalt unwillk&uuml;rlich gegeben ist,
-zwar geschlossen werden d&uuml;rfe, die Entstehung desselben sei durch
-eine von dem Willen des Denkenden verschiedene Ursache, keineswegs aber
-voreilig gefolgert werden d&uuml;rfe, sie sei durch eine von ihm
-g&auml;nzlich verschiedene, nicht nur ausserhalb seines Intellects,
-sondern auch ausserhalb seines Leibes gelegene, also durch eine
-sogenannte &auml;ussere Ursache erzeugt, braucht kaum erst erw&auml;hnt
-zu werden. Ebensowenig, dass aus dem Umstand, dass die
-Unwillk&uuml;rlichkeit des Gegebenseins auf eine vom Willen des
-Denkenden verschiedene Ursache zu schliessen erlaubt, keineswegs zu
-folgern gestattet sei, dass diese selbst der Beschaffenheit jenes
-Denkinhalts &auml;hnlich beschaffen sein m&uuml;sse, da sich, wie oben
-bemerkt, ohne (unm&ouml;gliche) Vergleichung des Denkinhalts mit dem
-jenseits desselben gelegenen Seinsinhalt &uuml;ber das wechselseitige
-qualitative Verh&auml;ltniss beider nichts ausmachen l&auml;sst.</p>
-<p class="par">29. Der Vorzug des gegebenen vor dem gemachten
-Denkinhalt wird desto begr&uuml;ndeter sein, je energischer, je
-h&auml;ufiger und in je vollkommenerer Anordnung derselbe gegeben ist.
-In ersterer Hinsicht wird unter gleichen Verh&auml;ltnissen der
-lebhaftere vor dem minder lebhaft, der klare und deutliche vor dem
-dunkel, der dauerhafte und sich behauptende vor dem augenblicklich und
-fl&uuml;chtig gegebenen Denkinhalt &mdash; in zweiter Hinsicht der
-wiederholt vor dem nur einmal, der h&auml;ufig vor dem selten, der auch
-Anderen in gleicher Weise vor dem nur dem Einen gegebenen Denkinhalt
-&mdash; in dritter Hinsicht der in regelm&auml;ssiger Folge
-urspr&uuml;nglich gegebene vor dem zerstreuten und sprunghaft
-gegebenen, der in gleich regelm&auml;ssiger Folge wiederkehrende vor
-dem in seiner an sich regelm&auml;ssigen Reihenfolge unregelm&auml;ssig
-wiederkehrenden, der auch in Andern in der n&auml;mlichen Anordnung
-wiederkehrende vor dem bei jedem in anderer Reihenfolge gegebenen
-Denkinhalt in Bezug auf den Anspruch, als Wissen gelten zu d&uuml;rfen,
-den Vorrang haben.</p>
-<p class="par">30. Das Was des Gegebenen macht dabei keinen
-Unterschied, ebensowenig ob das <span class="ex">ohne</span> oder wider
-den Willen des Denkenden dem Denken Aufgedrungene demselben durch einen
-von aussen (Sinnen-) oder durch einen von innen kommenden
-(Bewusstseins-) Zwang aufgen&ouml;thigt ist. Ersteres ist bei den
-Thatsachen der sogenannten &auml;usseren, dieses bei jenen der
-sogenannten inneren Erfahrung der Fall. Unter die ersteren geh&ouml;rt,
-dass wir unter bestimmten Umst&auml;nden keine anderen als gewisse
-Sinnesempfindungen haben (Augenschein), <span class="pagenum">[<a id=
-"pb18" href="#pb18" name="pb18">18</a>]</span>zu den letzteren, dass
-wir mit oder nach einander in das Bewusstsein eingetretene Empfindungen
-unter einander verbinden m&uuml;ssen (Ideenassociation), sowie dass wir
-Denkinhalte, die ein gewisses Verh&auml;ltniss unter einander haben,
-entweder (wenn sie gleich oder &auml;hnlich sind) zugleich denken
-m&uuml;ssen, oder (wenn sie entgegengesetzt sind), nicht zugleich
-denken k&ouml;nnen (Denkgesetz der Identit&auml;t und des
-Widerspruchs). Im ersteren Fall wird der Zwang durch die Sinne, im
-zweiten und dritten durch die Natur des Bewusstseins, und zwar der
-Zwang zur Verkn&uuml;pfung gleichzeitiger oder successiver
-Vorg&auml;nge durch die sogenannte &bdquo;Enge des Bewusstseins&rdquo;
-&mdash; dagegen der Zwang, gewisse Gedanken zugleich denken zu
-m&uuml;ssen oder nicht zugleich denken zu k&ouml;nnen, durch deren
-Inhalt (logischer oder Denkzwang) ausge&uuml;bt. In diesem Sinne sind
-nicht nur die einzelnen Sinnesthatsachen, sondern ist die (im Sinne
-Kant&rsquo;s) <span class="corr" id="xd24e501" title=
-"Quelle: transscendentale">transcendentale</span> Thatsache der
-Beschaffenheit unserer Sinnlichkeit und sind nicht blos die einzelnen
-Bewusstseinsthatsachen, sondern ist die (gleichfalls <span class="corr"
-id="xd24e504" title="Quelle: transscendentale">transcendentale</span>)
-Thatsache unserer Bewusstseins- und Denkorganisation (die
-thats&auml;chlichen Naturgesetze des Bewusstseins, die Denkgesetze) ein
-dem Denken unwillk&uuml;rlich d. h. unabh&auml;ngig vom Willen des
-Denkenden Gegebenes (Zuf&auml;lliges), so dass an sich auch eine andere
-Organisation der Sinne wie des Bewusstseins d. h. ein anders geartetes
-Erkenntnissverm&ouml;gen (als gleichfalls <span class="corr" id=
-"xd24e507" title="Quelle: transscendentale">transcendentale</span>
-Thatsache) sich denken liesse.</p>
-<p class="par">31. Wie bei der Frage nach dem Gegebensein des
-Denkinhalts von dessen Was, so wird bei jener nach dem Was des
-Denkinhalts von dessen Gegebensein abgesehen. Da nun in Bezug auf den
-Umstand, dass sie Denkinhalt sind, s&auml;mmtliche Denkinhalte einander
-gleichen, so l&auml;sst sich daraus allein, dass ein gewisses Was
-Inhalt des Denkens ist, kein Schluss auf dessen Wahrheit oder
-Falschheit machen. Die Betrachtung der Besonderheit des Was der
-einzelnen Denkinhalte aber geh&ouml;rt nicht mehr in die Logik, sondern
-in die besonderen Wissenschaften, deren Inhalt sie ausmachen (z. B. der
-Begriff des Seienden in die Metaphysik, der des Guten in die Ethik
-etc.). Dagegen l&auml;sst sich aus dem Verh&auml;ltniss, in welchem
-verschiedene Denkinhalte ihrem Was nach unter einander stehen (z. B.
-aus dem Verh&auml;ltniss ihrer Congruenz oder Incongruenz) sehr wohl
-eine Folgerung machen, was, wenn der eine derselben als wahr oder
-falsch angenommen oder erwiesen wird, mit dem anderen in Bezug auf
-Wahrheit oder Falschheit vor sich gehen m&uuml;sse. Die auf letzterem
-Wege m&ouml;glichen Folgerungen <span class="pagenum">[<a id="pb19"
-href="#pb19" name="pb19">19</a>]</span>m&uuml;ssen aus einer
-vollst&auml;ndigen Aufz&auml;hlung der zwischen Denkinhalten ihrem Was
-nach m&ouml;glichen Verh&auml;ltnisse sich vollst&auml;ndig
-ergeben.</p>
-<p class="par">32. Da nun die einzelnen Denkinhalte ihrem Was nach
-unter einander nur entweder verwandt oder nicht verwandt (disparat),
-die verwandten aber nur entweder ganz oder theilweise identisch oder
-entgegengesetzt sein k&ouml;nnen, so ergibt sich als Uebersicht der
-zwischen verschiedenen Denkinhalten ihrem Was nach m&ouml;glichen
-Verh&auml;ltnisse folgendes Schema: (ganze oder theilweise)
-Identit&auml;t, Gegensatz, Disparatheit.</p>
-<p class="par">33. Ganz oder theilweise identische Denkinhalte haben
-das Eigenth&uuml;mliche, dass sie einander bedingen, so dass, sobald
-der eine (a oder a b) gedacht wird, ebendadurch auch der andere (a ist
-a; a b ist a) ganz oder theilweise gedacht wird. Entgegengesetzte
-Denkinhalte haben das Eigenth&uuml;mliche, dass sie einander
-ausschliessen d. h. dass entweder nur, wenn der eine gedacht wird, der
-andere nicht gedacht werden kann (contr&auml;rer Gegensatz: a ist nicht
-b), oder so, dass zugleich, wenn der eine nicht gedacht wird, der
-andere gedacht werden muss (contradictorischer Gegensatz: wenn nicht a
-ist, so ist non-a). Disparate Denkinhalte haben das
-Eigenth&uuml;mliche, dass sie einander im Denken weder bedingen noch
-ausschliessen, so dass, wenn der eine gedacht wird, auch der andere
-gedacht werden kann, aber weder der andere noch sein Gegentheil gedacht
-werden muss (z. B. diese Rose ist roth &mdash; sie k&ouml;nnte aber
-auch weiss sein). Ganz oder theilweise identische, sowie disparate
-Denkinhalte sind daher unter einander vertr&auml;glich &mdash;
-entgegengesetzte dagegen unvertr&auml;glich. Zwischen ganz oder
-theilweise identischen Denkinhalten findet f&uuml;r das Denken eine vom
-Inhalt derselben ausgehende N&ouml;thigung statt, vom Denken des einen
-zu jenem des andern &uuml;berzugehen. Bei entgegengesetzten
-Denkinhalten findet f&uuml;r das Denken eine vom Inhalt derselben
-ausgehende N&ouml;thigung statt, vom Denken des einen zum Denken des
-Gegentheils des anderen &uuml;berzugehen. Bei disparaten Denkinhalten
-findet eine vom Inhalte derselben ausgehende N&ouml;thigung f&uuml;r
-das Denken von einem zum andern &uuml;berzugehen, &uuml;berhaupt nicht
-statt, sondern wenn eine solche eintreten soll, so muss sie durch etwas
-vom Inhalt derselben Verschiedenes, also entweder durch eine
-&auml;ussere, vom Willen des Denkenden unabh&auml;ngige Ursache (z. B.
-den Augenschein) oder durch eine innere, vom Intellect unabh&auml;ngige
-Ursache (z. B. die Willk&uuml;r des Denkenden) herbeigef&uuml;hrt
-werden. Erstere heissen daher <span class="pagenum">[<a id="pb20" href=
-"#pb20" name="pb20">20</a>]</span>einhellig (consonirend),
-entgegengesetzte misshellig (dissonirend), disparate blos
-einstimmig.</p>
-<p class="par">34. G&auml;nzlich identische Denkinhalte k&ouml;nnen, da
-es nach dem principium identitatis indiscernibilium zwei mit einander
-v&ouml;llig &uuml;bereinkommende Dinge &uuml;berhaupt nicht geben kann,
-auch nicht zwei sondern m&uuml;ssen nothwendig ein und derselbe d. h.
-als Denkinhalt einzig sein; solche k&ouml;nnen daher auch kein
-Verh&auml;ltniss unter einander haben. Dagegen kann es sehr wohl
-Denkinhalte geben, welche, obgleich dem Was ihres Inhalts nach nicht
-identisch, doch ihrem Umfang nach identisch sind; in welchem Fall
-dieselben &auml;quipollent heissen (z. B. Wechselbegriffe). Theilweise
-identische Denkinhalte k&ouml;nnen entweder in der Weise identisch
-sein, dass der eine ganz in dem andern, aber nicht umgekehrt dieser in
-jenem enthalten ist, in welchem Fall derjenige, welcher den andern in
-sich enth&auml;lt, der &uuml;bergeordnete, derjenige, welcher in dem
-andern enthalten ist, der untergeordnete heisst; oder dieselben sind so
-beschaffen, dass jeder ausser dem ihm mit dem anderen Gemeinsamen noch
-etwas Besonderes enth&auml;lt, so dass beide diesem Gemeinsamen
-untergeordnet, unter einander aber beigeordnet sind. Im ersteren Fall
-ist der im anderen enthaltene Denkinhalt unter diesem <span class=
-"ex">subsumirt</span>, im zweiten Falle jeder der beiden dem ihnen
-gemeinsamen <span class="ex">subordinirt</span>; von den
-&auml;quipollenten wird der eine dem anderen <span class=
-"ex">substituirt</span>.</p>
-<p class="par">35. Von unter einander subsumirten Denkinhalten gilt,
-dass wenn der subsumirende Denkinhalt wahr oder falsch, auch der
-darunter subsumirte entsprechend eines von beiden sei. Der subsumirende
-heisst in Bezug auf den subsumirten der weitere, dieser dagegen der
-engere Denkinhalt und es gilt der Satz, dass das von dem weiteren
-Behauptete oder Ausgeschlossene ebendarum auch von dem engeren
-behauptet oder ausgeschlossen, keineswegs aber das von dem engeren
-Behauptete und Ausgeschlossene auch von dem weiteren behauptet und
-ausgeschlossen sei. Durch die Fortsetzung dieses Verh&auml;ltnisses,
-indem jeder einen anderen subsumirende Denkinhalt seinerseits selbst
-wieder unter einen anderen subsumirt erscheint, gelangt man zu
-Denkinhalten, welche die weiteste &mdash; durch die Fortsetzung
-desselben in umgekehrter Richtung, indem jeder subsumirte Denkinhalt
-seinerseits einen anderen als unter sich subsumirend erscheint, gelangt
-man zu Denkinhalten, welche die engste Geltung besitzen. Jenes
-Verfahren selbst kann als Subsumtions-, und zwar entweder als
-analytische (Generalisations-) <span class="pagenum">[<a id="pb21"
-href="#pb21" name="pb21">21</a>]</span>Methode, welche von &mdash; dem
-Inhalt nach reicheren, aber dem Umfang nach engeren &mdash; Denkinhalt
-zu &mdash; dem Inhalt nach &auml;rmeren, aber dem Umfang nach weiteren
-&mdash; Denkinhalt hinaufsteigt, oder als synthetische (Restrictions-)
-Methode, wenn sie von &mdash; dem Inhalt nach &auml;rmeren, aber dem
-Umfange nach weiteren &mdash; Denkinhalt zu &mdash; dem Inhalt nach
-reicheren, aber dem Umfang nach engeren &mdash; Denkinhalt hinabsteigt,
-bezeichnet werden.</p>
-<p class="par">36. Von einander coordinirten (beigeordneten), einem
-gemeinsamen dritten subordinirten Denkinhalten gilt, dass der Inhalt
-des &uuml;bergeordneten in dem Inhalt jedes der beiden oder mehreren
-untergeordneten, aber nicht umgekehrt, enthalten und der Umfang des
-&uuml;bergeordneten der Summe der Umf&auml;nge s&auml;mmtlicher
-demselben untergeordneten Denkinhalte congruent sein m&uuml;sse. Der
-&uuml;bergeordnete Denkinhalt heisst in diesem Sinne der h&ouml;here,
-die demselben unter-, zugleich aber unter sich einander beigeordneten
-Denkinhalte heissen die niederen. Durch die Fortsetzung dieses
-Verh&auml;ltnisses, indem der subordinirende h&ouml;here Denkinhalt
-seinerseits einem h&ouml;heren subordinirt erscheint, gelangt man zum
-h&ouml;chsten &mdash; durch dessen Fortsetzung in entgegengesetzter
-Richtung: indem die subordinirten niederen Denkinhalte je wieder
-anderen als unter sich subordinirend erscheinen, gelangt man zum
-niedersten Denkinhalt. Von dem h&ouml;heren Denkinhalt gilt der Satz,
-dass, was von demselben behauptet oder ausgeschlossen, auch von dessen
-niederen behauptet oder ausgeschlossen, keineswegs zwar, was von nur
-einem oder mehreren der niederen behauptet, auch von dem h&ouml;heren
-behauptet, wohl aber, dass dasjenige, was von s&auml;mmtlichen niederen
-ausgeschlossen, auch von dem h&ouml;heren ausgeschlossen sei. Das
-Verfahren, das auf die Fortsetzung jenes Verh&auml;ltnisses sich
-gr&uuml;ndet, heisst die Subordinations-, und zwar die Abstractions-
-(Inductions-) Methode, wenn sie von niederen zu h&ouml;heren
-Denkinhalten hinauf-, die Determinations- (Deductions-) Methode, wenn
-sie von h&ouml;heren zu niederen Denkinhalten hinabsteigt.</p>
-<p class="par">37. Von einander &auml;quipollenten, substituirbaren
-Denkinhalten gilt, wenn der eine wahr oder falsch, dass es auch der
-andere sei (z. B. was vom gleichseitigen Dreieck gilt, gilt auch vom
-gleichwinkeligen). Durch die Fortsetzung dieses Verh&auml;ltnisses, so
-dass der einem andern &auml;quipollente Denkinhalt seinerseits einem
-dritten &auml;quipollent ist, entsteht die Substitutions-, wenn wir die
-sich gleichbleibende Identit&auml;t des Umfanges, oder die
-Transmutationsmethode, wenn wir die von einem zum andern eintretende
-Aenderung des Inhalts im Auge <span class="pagenum">[<a id="pb22" href=
-"#pb22" name="pb22">22</a>]</span>haben. Dieselbe findet ihre
-Verwendung zumeist in den mathematischen Wissenschaften, in welchen z.
-B. <img src="images/p022.png" alt="" width="122" height="48"> gesetzt,
-also bei ver&auml;ndertem Inhalt derselbe Umfang behalten wird.
-W&auml;hrend das Subsumtions- und Subordinationsverfahren auf wahrer
-und vollst&auml;ndiger Identit&auml;t beruht, indem die Identit&auml;t
-des Inhalts die des Umfangs nach sich zieht, beruht das
-Substitutionsverfahren zwar auf wirklicher, aber unvollst&auml;ndiger
-Identit&auml;t, indem bei Einerleiheit des Umfangs Verschiedenheit des
-Inhalts herrscht. Dasselbe bildet daher bereits den Uebergang von dem
-Verh&auml;ltniss der Identit&auml;t zu jenem der Nichtidentit&auml;t d.
-i. der Disparatheit der Denkinhalte.</p>
-<p class="par">38. Disparate Denkinhalte haben mit &auml;quipollenten
-das gemein, dass sie verschiedenen Inhalt, gehen aber dadurch &uuml;ber
-dieselben hinaus, dass sie auch verschiedenen Umfang haben. Daraus
-folgt, dass w&auml;hrend bei den &auml;quipollenten der Uebergang von
-einem zum andern zwar nicht, wie bei den identischen, mittels des
-Inhalts, aber doch mittels des beiderseitigen Umfanges, also immer noch
-durch reines Denken erfolgt &mdash; bei den disparaten derselbe weder
-aus der Betrachtung des Inhalts, noch aus jener des Umfangs, also auch
-nicht aus dem reinen Denken gesch&ouml;pft, sondern allein durch etwas
-von diesem Unterschiedenes, z. B. durch eine Anschauung, welche beide
-Denkinhalte verbunden aufweist, vermittelt werden kann. W&auml;hrend
-daher die Verkn&uuml;pfung zwischen identischen und &auml;quipollenten
-Denkinhalten analytisch d. i. so erfolgt, dass und weil der mit dem
-andern verkn&uuml;pfte Denkinhalt, sei es seinem Inhalt (wie bei den
-identischen), sei es seinem Umfange nach (wie bei den
-&auml;quipollenten) bereits in diesem enthalten ist, erfolgt dieselbe
-bei disparaten Denkinhalten synthetisch d. i. so, dass der eine zu dem
-andern als (ein dem Inhalt und Umfang nach) v&ouml;llig neuer
-hinzugef&uuml;gt wird. Grund der Verbindung ist bei jenen ein innerer,
-der so lange besteht, als Inhalt oder Umfang der mit einander
-verkn&uuml;pften Denkinhalte derselbe bleiben; Grund der Verbindung ist
-bei diesen ein &auml;usserer und die Verbindung besteht nur so lange,
-als dieser Grund besteht. Verbindungen ersterer Art sind daher nicht
-nur nothwendig, weil und so lange die Denkinhalte dieselben bleiben,
-sondern auch allgemein, weil der Denkinhalt, von so Vielen und so oft
-er gedacht werden mag, immer derselbe bleibt. Verbindungen letzterer
-Art dagegen sind nicht nur zuf&auml;llig, weil der Grund derselben ein
-&auml;usserer, sondern <span class="pagenum">[<a id="pb23" href="#pb23"
-name="pb23">23</a>]</span>auch individuell oder h&ouml;chstens
-particul&auml;r, weil der &auml;ussere Grund derselben jederzeit nur
-f&uuml;r den einzelnen Denkenden, und zwar in diesem bestimmten Fall,
-bestenfalls f&uuml;r mehrere Denkende und mehrere Einzelf&auml;lle als
-der gleiche vorhanden ist, keineswegs aber f&uuml;r alle Denkenden und
-ebensowenig in allen Einzelf&auml;llen derselbe sein muss. Jene, zu
-welchen noch die sp&auml;ter zu betrachtenden, auf dem Verh&auml;ltniss
-des Gegensatzes beruhenden Trennungen und Verkn&uuml;pfungen von
-Denkinhalten hinzukommen, k&ouml;nnen mit dem f&uuml;r allgemeine und
-nothwendige Denkverbindungen seit Lambert und Kant gebr&auml;uchlich
-gewordenen Ausdruck apriorische, letztere (z. B. die durch sinnliche
-Anschauung herbeigef&uuml;hrten) Verbindungen k&ouml;nnen, da dieselben
-nicht mit den Denkinhalten urspr&uuml;nglich gegeben, sondern zwischen
-denselben erst nachtr&auml;glich (z. B. durch Erfahrung) entstanden
-sind, aposteriorische genannt werden.</p>
-<p class="par">39. Apriorische Denkverbindungen sind daher stets
-analytisch oder (wie die mathematischen) &auml;quipollent; synthetische
-dagegen weder s&auml;mmtlich (wie der rationale Dogmatismus lehrte),
-noch wenigstens zum Theile (wie der zum Kriticismus herabged&auml;mpfte
-urspr&uuml;nglich radicale Skepticismus Kant&rsquo;s einr&auml;umte)
-apriorisch, sondern s&auml;mmtlich aposteriorisch. Das (mathematische)
-Vorurtheil Kant&rsquo;s, welches darin bestand, dass er s&auml;mmtliche
-mathematische Urtheile f&uuml;r synthetisch hielt, hat denselben im
-Zusammenhang mit dessen unbegrenzter Verehrung f&uuml;r die Mathematik
-als Wissenschaft dahin gef&uuml;hrt, ihr zu Liebe, da die
-mathematischen S&auml;tze seiner Ansicht nach synthetisch waren und
-dennoch allgemein und nothwendig wahr sein sollten, apriorische
-Synthesen zuzulassen und, da dieselben durch Anschauung vermittelt sein
-mussten, durch sinnliche Anschauung aber keine apriorische d. i.
-allgemeine und nothwendige Verbindung hergestellt werden kann,
-gleichfalls ihr zu Liebe eine besondere, psychologisch nicht
-nachweisbare Art von Anschauung, die von ihm sogenannte &bdquo;reine
-Anschauung&rdquo;, zu erfinden. Dieselbe sollte einerseits, wie die
-sinnliche Wahrnehmung, <span class="ex">Anschauung</span>,
-andererseits, wie die sinnliche Wahrnehmung <span class=
-"ex">nicht</span>, allgemein und nothwendig d. h. sie sollte a und
-non-a, Thesis und Antithesis zugleich (ein logisches Wunder) sein; als
-thats&auml;chliche Erscheinungen einer solchen bezeichnete er die
-Vorstellungen des Raumes und der Zeit, die er beide der Einzigkeit
-ihrer beziehungsweisen Gegenst&auml;nde halber f&uuml;r Anschauungen,
-und zwar der sinnlich unwahrnehmbaren Beschaffenheit dieser wegen
-f&uuml;r &bdquo;reine Anschauungen&rdquo; erkl&auml;rte. Die Anschauung
-des Raumes legte er als <span class="pagenum">[<a id="pb24" href=
-"#pb24" name="pb24">24</a>]</span>vermittelnde den <span class=
-"ex">geometrischen</span>, jene der Zeit den <span class=
-"ex">arithmetischen</span> Synthesen zu Grunde.</p>
-<p class="par">40. Den Beweis f&uuml;r die synthetische Natur des
-mathematischen Urtheils sch&ouml;pft Kant aus dem Umstand, dass sowol
-das Pr&auml;dicat des arithmetischen Urtheils: 5 + 7 = 12, wie das des
-geometrischen Urtheils: die Gerade ist die k&uuml;rzeste zwischen zwei
-Punkten, etwas vom Subjecte derselben Verschiedenes enthalte: das
-Pr&auml;dicat 12 sei n&auml;mlich weder mit 5, noch mit 7, das
-Pr&auml;dicat &bdquo;k&uuml;rzeste Linie zwischen zwei Punkten&rdquo;
-nicht mit &bdquo;die Gerade&rdquo; identisch. Das Urtheil 5 + 7 = 12
-sagt aber weder, dass 5, noch, dass 7 jedes f&uuml;r sich gleich 12,
-sondern besagt, dass die Summe beider 5 + 7 = 12 sei d. h. dass die
-Vorstellung (5 + 7) der Vorstellung 12 zwar nicht (dem Inhalt nach)
-gleich sei, aber (dem Umfang nach) gleich <span class="ex">gelte</span>
-d. h. wie jeder Mathematiker weiss, die eine f&uuml;r die andere
-substituirt werden k&ouml;nne. Dasselbe ist bei dem geometrischen
-Urtheil der Fall; es ist richtig, dass die Vorstellung
-&bdquo;Gerade&rdquo;<a id="xd24e569" name="xd24e569"></a> nicht dem
-Inhalt nach eins mit der Vorstellung &bdquo;k&uuml;rzeste Linie
-zwischen zwei Punkten&rdquo; ist; unrichtig aber ist, dass sie
-derselben nicht &auml;quipollent d. h. dass nicht jede Linie, die eine
-Gerade, auch die zwischen zwei Punkten &mdash; ihrem Anfangs- und
-Endpunkt &mdash; gelegene k&uuml;rzeste sei. Der Uebergang vom Subject
-zum Pr&auml;dicat wird daher wirklich in beiden F&auml;llen nicht, wie
-Kant meinte, <span class="ex">synthetisch</span> durch eine von aussen
-hinzutretende (weder durch eine <span class="ex">reine</span>, noch,
-wie die heutige &bdquo;inductive Mathematik&rdquo; w&auml;hnt,
-sinnliche) Anschauung, sondern ausschliesslich <span class=
-"ex">analytisch</span> durch die Betrachtung des Umfanges beider im
-reinen Denken vermittelt.</p>
-<p class="par">41. Der Irrthum Kant&rsquo;s entsprang daher, dass er
-&auml;quipollente Urtheile nicht f&uuml;r identisch und folglich jedes
-seiner Ansicht nach nicht (ganz oder theilweise) identische Urtheil
-f&uuml;r synthetisch hielt. Mathematische Urtheile, in welchen Subject
-und Pr&auml;dicat wie bei den zu beiden Seiten des Gleichheitszeichens
-stehenden Ausdr&uuml;cken dem Worte nach verschieden lauten, dem Werthe
-nach ohne Sch&auml;digung untereinander vertauscht werden k&ouml;nnen,
-galten ihm f&uuml;r apriorische Synthesen, w&auml;hrend sie, wie oben
-gezeigt, zwar apriorisch, aber analytisch sind. Da ihm, wie er sich
-ausdr&uuml;ckte, s&auml;mmtliche analytische Urtheile zwar richtig,
-aber nicht wichtig, die mathematischen dagegen nicht nur richtig,
-sondern auch wichtig erschienen, so h&auml;tte er, indem er die
-letzteren f&uuml;r analytische erkl&auml;rte, dieselben in ihrer
-wissenschaftlichen W&uuml;rde herabzusetzen geglaubt; dieselben mussten
-daher um jeden Preis von den analytischen getrennt bleiben.
-<span class="pagenum">[<a id="pb25" href="#pb25" name=
-"pb25">25</a>]</span></p>
-<p class="par">42. Die Unwichtigkeit analytischer Denkverbindungen
-hatte f&uuml;r Kant darin ihren Grund, dass dieselben zu dem schon
-bekannten nichts neues hinzuf&uuml;gten. Dieselbe bezog sich daher
-nicht sowohl auf die Haltbarkeit der durch analytische Betrachtung
-vermittelten Verbindungen gewisser Denkinhalte, als vielmehr auf den
-durch dieselben zu bewerkstelligenden Erkenntnissfortschritt des
-Denkenden von Bekanntem zu Unbekanntem. Weil in letzterer Hinsicht das
-analytische Urtheil in seinem Pr&auml;dicat das Subject nur ganz oder
-theilweise zu wiederholen schien, wurde dasselbe von ihm im besten
-Falle als eine unn&uuml;tze Tautologie, in allen anderen F&auml;llen
-als ein Herabsteigen von einer h&ouml;heren auf eine niedere, bereits
-&uuml;berwundene Erkenntnissstufe angesehen. Regressives Subsumtions-
-und inductives Subordinationsverfahren waren ihm zufolge nichts weiter
-als Ausl&ouml;sen eines Theiles aus einem schon bekannten Inhalt, durch
-welchen derselbe zwar &bdquo;erl&auml;utert&rdquo;, unsere Erkenntniss
-selbst jedoch keineswegs &bdquo;erweitert&rdquo; werde. Des
-Substitutions- als eines Verfahrens, durch welches ein best&auml;ndiges
-idem per idem erzeugt werde, hielt Kant in seinem Bem&uuml;hen um
-Ausdehnung der Grenzen der Erkenntniss es nicht einmal der M&uuml;he
-f&uuml;r werth, Erw&auml;hnung zu thun.</p>
-<p class="par">43. Von diesem Standpunkt aus allerdings mit Recht, wenn
-es wahr w&auml;re, dass das Substitutions- d. i. das Verfahren, einen
-gegebenen Denkinhalt durch einen demselben &auml;quipollenten zu
-ersetzen d. h. den gegebenen zu <span class="ex">transmutiren</span>,
-in der That f&uuml;r das Erkennen keinen Fortschritt bedeutete.
-W&auml;hrend aber derjenige, der an der Stelle des subsumirenden den
-jeweilig subsumirten oder an der Stelle des concreten (subordinirten)
-nur den abstracten (subordinirenden) Denkinhalt besitzt, in der That
-sozusagen &bdquo;der Masse nach&rdquo; weniger besitzt als er vorher
-besass, und nichts, was er nicht schon vorher besass, besitzt
-derjenige, der an der Stelle des urspr&uuml;nglich gegebenen
-Denkinhalts einen demselben &auml;quipollenten, aber transmutirten
-Denkinhalt gewonnen hat &mdash; zwar &bdquo;der Masse nach&rdquo;
-(wenigstens was den Umfang betrifft) nicht mehr, als er besass, er
-besitzt aber etwas, was er vorher entschieden nicht besass, anstatt des
-urspr&uuml;nglichen alten den durch Transmutation an dessen Stelle
-getretenen neuen Denkinhalt. Dasselbe stellt, zwar nicht dem Umfang,
-aber der Qualit&auml;t des Gedachten nach, wirklich eine Bereicherung
-des Denkenden dar.</p>
-<p class="par">44. Subsumtions- und Subordinationsverfahren machen
-daher, wie Kant&rsquo;s analytische Urtheile, in der That blosse
-Erl&auml;uterung, <span class="pagenum">[<a id="pb26" href="#pb26"
-name="pb26">26</a>]</span>Substitutions- und
-synthetisch-aposteriorisches d. i. empirisches Verfahren machen, wie
-Kant&rsquo;s synthetische Urtheile, eine wirkliche Erweiterung unserer
-Erkenntniss, und zwar das erstere mit allgemeiner und nothwendiger, das
-letztere allerdings nur mit mehr oder weniger beschr&auml;nkter und
-mehr oder weniger zuverl&auml;ssiger, auch im besten Fall nur
-wahrscheinlicher, niemals ausnahmsloser (unbedingter) Giltigkeit
-m&ouml;glich. Erstere beiden eignen daher vorz&uuml;glich den
-deducirenden, aus dem Allgemeinen das Besondere ableitenden und
-classificirenden, das Allgemeine aus dem Besonderen abstrahlenden
-Wissenschaften, w&auml;hrend das Substitutionsverfahren in den rein
-mathematischen, das empirische dagegen in den Erfahrungswissenschaften
-zu Hause ist. Die erstgenannten gehen von einem bereits erreichten
-Erkenntnissvorrath an Allgemeinem aus, um durch Analyse desselben das
-darin eingeschlossene Besondere sich zum Bewusstsein zu bringen. Die
-zweitgenannten gehen von einem bereits gewonnenen Erkenntnissvorrath an
-Besonderem aus, um durch Ausscheidung des Abweichenden und
-Zusammenfassung des Gemeinsamen das in demselben gleichsam schlummernde
-Allgemeine an&rsquo;s Licht zu ziehen. Die Wissenschaften, welche, wie
-die Lehre von den Gleichungen in der Mathematik und die Theorie von der
-Erhaltung der Kraft und des Stoffes in der Physik und Physiologie den
-seinem Werthe und Umfang nach sich gleichbleibenden Denk-, wie den
-seiner Quantit&auml;t und Qualit&auml;t nach sich <span class="corr"
-id="xd24e595" title="Quelle: gleich bleibenden">gleichbleibenden</span>
-Stoffinhalt, in stets neue Formen sich umgiessen lassen, suchen dadurch
-das im ewigen Wechsel Beharrende und das im ewigen Beharren stets
-Fliessende zu gewinnen. Die Erfahrungswissenschaften aber sind darauf
-aus, durch nat&uuml;rliche und k&uuml;nstliche Beobachtung (Experiment)
-zwischen bis dahin wenn nicht f&uuml;r unverkn&uuml;pfbar gehaltenem,
-doch unverkn&uuml;pft gebliebenem Denkinhalt neue, bisher
-unerh&ouml;rte Verbindungen in mehr oder weniger weitreichender und
-dauerhafter Weise festzustellen.</p>
-<p class="par">45. Letztere werden naturgem&auml;ss um desto mehr sich
-befestigen, je &ouml;fter dieselben wiederholt worden; sei es, dass
-diese Wiederholung durch eine unwillk&uuml;rliche d. i. vom Willen des
-dieselben verkn&uuml;pfenden Denkenden unabh&auml;ngige, also auch ohne
-ja wider denselben sich erneuernde, oder eine willk&uuml;rliche d. i.
-vom Willen des Denkenden entweder abh&auml;ngige, oder mit demselben
-identische, also auch mit und durch denselben sich erneuernde Ursache
-verursacht sei. Dieselbe ist im ersteren Fall eine gegebene, und so
-auch der Grund ihrer Erneuerung ein gegebener; im letzteren Fall eine
-gemachte, <span class="pagenum">[<a id="pb27" href="#pb27" name=
-"pb27">27</a>]</span>und so auch der Grund ihrer Erneuerung ein
-solcher. Im ersteren Fall wird die Verbindung der disparaten
-Denkinhalte durch das Denken so lange bestehen und so oft sich
-wiederholen, als die gegebene Ursache besteht und sich erneuert, im
-letzteren Fall dagegen so lange und so h&auml;ufig, als der Wille, sie
-zu verbinden, im Denkenden entsteht und sich erneuert. In beiden
-F&auml;llen wird im Denkenden in Folge der zunehmenden Wiederholung
-eine wachsende Disposition zur Verkn&uuml;pfung jener an sich durch
-nichts auf einander hinweisenden Denkinhalte zu Stande kommen. Dieselbe
-wird jedoch im ersten Fall ihren Grund in einem Gegebenen (also
-Objectivem), im letzteren Falle in einem Wollen (Subjectivem) haben,
-und daher dort als (objective) <span class="ex">Gewohnheit</span>, die
-dem Denkenden von aussen angew&ouml;hnt wird, <span class=
-"ex">hier</span> als (subjective) <span class=
-"ex">Gew&ouml;hnung</span>, zu welcher der Denkende sich selbst
-verw&ouml;hnt hat, sich festsetzen.</p>
-<p class="par">46. Denkverbindungen disparater Denkinhalte, die auf
-Gewohnheit beruhen, gestatten darum einen R&uuml;ckschluss auf jenen
-Grund, dessen Folge dieselbe ist, als einen objectiven d. h.
-unabh&auml;ngig vom Willen des Denkenden bestehenden. Solche dagegen,
-welche nur auf einer Verw&ouml;hnung des Denkenden beruhen, gestatten
-h&ouml;chstens einen R&uuml;ckschluss auf die subjective Beschaffenheit
-des Willens des Denkenden. Ungeachtet der Grund der Verbindung in
-beiden F&auml;llen kein logischer (aus dem Inhalt des zu Verbindenden
-entspringender Denk-), sondern ein blos psychologischer Zwang ist,
-welcher in dem einen Fall durch das Gegebensein des Objects auf den
-Willen, in dem andern Fall von dem Willen auf das Gegebenwerden des
-Objects ausge&uuml;bt wird, so ist der Grad wie der Grund der
-Festigkeit in jedem der beiden F&auml;lle ein verschiedener. Derselbe
-beruht im ersten Fall auf dem Natur- und Fundamentalgesetz des
-Bewusstseins, durch welches dasselbe gen&ouml;thigt wird, zugleich oder
-nach einander Gegebenes, sei es (dem Inhalte nach) Homogenes oder
-Heterogenes, unter einander dergestalt zu verkn&uuml;pfen, dass mit dem
-Einen das Andere gedacht oder nach dem Eintreten des Einen das
-Eintreten des Anderen erwartet wird (Ideen-Associationsgesetz der
-Co&euml;xistenz und der Succession). Da die Wirksamkeit desselben
-unab&auml;nderlich ist, so muss, sobald irgend etwas dem Denkenden als
-zugleich oder nach einander Seiendes gegeben ist, das Denken des Einen
-mit dem Andern, oder das Erwarten des Einen nach dem Andern ebenso
-unab&auml;nderlich erfolgen, so dass selbst der Wille des Denkenden
-demselben keinen Einhalt zu thun verm&ouml;chte. Diese
-Unab&auml;nderlichkeit des psychischen Vorganges des <span class=
-"pagenum">[<a id="pb28" href="#pb28" name=
-"pb28">28</a>]</span>Verbindens gewisser Denkinhalte in einem und des
-Erwartens gewisser Denkinhalte nach einander im andern Falle l&auml;sst
-in Folge einer (logisch zwar ungerechtfertigten, aber psychologisch
-sehr erkl&auml;rlichen) unwillk&uuml;rlichen Erschleichung die Sachlage
-so erscheinen, als ob die vom Denken notwendigerweise mit oder nach
-einander verkn&uuml;pften Denkinhalte an sich mit oder nach einander
-nothwendigerweise verkn&uuml;pft w&auml;ren d. h. die
-Naturgesetzlichkeit des Bewusstseinsvorganges (der Association nach
-Co&euml;xistenz und Succession) wird auf das Verkn&uuml;pfte
-(Objective) selbst als dessen naturgesetzliches Mit- oder
-Nacheinandersein &uuml;bertragen. Da nun beispielsweise Eigenschaften
-(Accidentien) nicht ohne Tr&auml;ger derselben (Substanz) und Wirkungen
-nicht ohne vorangehende Ursachen gedacht werden k&ouml;nnen, so liegt
-darin der Grund, warum Gegebenes, welches dem Denkenden entweder mit
-oder nach einander gegeben wird, von diesem als im Verh&auml;ltniss
-&mdash; wenn es zugleich gegeben ist &mdash; der Inh&auml;renz d. i.
-des Accidens zur Substanz &mdash; wenn es nach einander gegeben ist
-&mdash; der Causalit&auml;t d. i. der Wirkung zur Ursache stehend
-gedacht wird. Hume&rsquo;s Behauptung, dass das Causalgesetz aus der
-Gewohnheit entspringe und daher nichts anderes als die &mdash; durch
-das urspr&uuml;nglich beobachtete und zu wiederholtenmalen erneuerte
-Nacheinanderauftreten gewisser Ph&auml;nomene &mdash; motivirte
-Erwartung des Wiedereintretens des einen derselben sei, wenn das andere
-vorangegangen ist, hat daher insofern, als dieselben untereinander
-v&ouml;llig disparater Natur sind, berechtigte Geltung.</p>
-<p class="par">47. Dagegen beruht in dem Falle, als die Verbindung
-disparater Denkinhalte nicht durch objectives (gleichzeitiges oder
-successives) Gegebensein, sondern durch den Willen des Denkenden
-erfolgt, der Grad und die Dauer ihrer Festigkeit lediglich auf der
-Energie und der Dauerhaftigkeit dieses Willens. Da nun der letztere,
-insofern er durch nichts von ihm Unabh&auml;ngiges beeinflusst
-(motivirt), sondern lediglich grundlos sich selbst bestimmend
-(<span class="corr" id="xd24e617" title=
-"Quelle: transscendentalfrei">transcendentalfrei</span>, reine
-Willk&uuml;r), also im buchst&auml;blichen Sinn des Wortes Eigenwille
-(Laune, Eigensinn) ist, und als solcher ebenso grundlos vergeht als
-entsteht, also seiner Natur nach ver&auml;nderlich (wetterwendisch,
-launenhaft) ist, so k&ouml;nnen auch die durch denselben allein
-herbeigef&uuml;hrten Denkverbindungen nicht anders als
-ver&auml;nderlich (Denklaunen, Capricen) sein, welche, so scheinbare
-Festigkeit dieselben auch besitzen m&ouml;gen, so lange die sie
-festhaltende Willensmarotte Bestand hat, dieselbe nicht blos in den
-Augen Anderer, <span class="pagenum">[<a id="pb29" href="#pb29" name=
-"pb29">29</a>]</span>sondern des Denkenden selbst nothwendig sogleich
-einb&uuml;ssen, sobald dessen Eigenwille eine andere Richtung
-eingeschlagen hat.</p>
-<p class="par">48. Auf der durch Gegebenes entstandenen (objectiven)
-Gewohnheit beruht die unabweisliche (wirkliche), auf der durch
-Willk&uuml;r herbeigef&uuml;hrten (subjectiven) Gew&ouml;hnung beruht
-die angebliche (scheinbare) Erfahrung. Jene beansprucht, weil die
-Naturgesetze des Bewusstseins f&uuml;r alle bewusstseinsf&auml;higen
-Wesen derselben Gattung dieselben sind, sobald die Bedingungen des
-Gegebenseins f&uuml;r das <span class="corr" id="xd24e624" title=
-"Quelle: Bewustsein">Bewusstsein</span> (z. B. die Simultaneit&auml;t
-oder Succession) die n&auml;mlichen bleiben, auch f&uuml;r alle
-bewusstseinsf&auml;higen Wesen derselben Gattung die gleiche
-uneingeschr&auml;nkte Geltung. Diese kann eine solche h&ouml;chstens
-innerhalb des Kreises der Herrschaft desjenigen Willens, auf welchem
-die urspr&uuml;ngliche Verkn&uuml;pfung des Denkinhaltes und deren
-Bestand beruht, &uuml;ber sich selbst und eventuell &uuml;ber den
-Willen anderer Denkenden, welche dem seinigen gegen&uuml;ber als
-Dienende (Autorit&auml;tsgl&auml;ubige, Willensknechte) sich verhalten,
-behaupten. Das Verfahren, nach welchem allgemein giltige Erfahrung zu
-Stande kommt, kann daher allein als <span class=
-"ex">erfahrungswissenschaftliche (empirische) Methode</span>, dasjenige
-dagegen, nach welchem nur individuell oder h&ouml;chstens in
-beschr&auml;nktem Kreise als solche anerkannte d. i. Scheinerfahrung
-erreicht wird, muss als den Schein erfahrungswissenschaftlicher Methode
-affectirender, an sich unwissenschaftlicher <span class=
-"ex">Erfahrungstrug</span> bezeichnet werden. Beispiele der ersten
-liefern alle wirklichen Erfahrungswissenschaften; das auff&auml;lligste
-Beispiel des letzteren bietet die auf angeblichen uncontrolirbaren und
-nur innerhalb des Kreises gl&auml;ubiger J&uuml;nger als solche
-anerkannten Erfahrungen einzelner Auserw&auml;hlter (z. B. Medien,
-Geisterseher) &mdash; angeblich unter genauer Beobachtung des
-methodischen Verfahrens wirklicher Erfahrungswissenschaft &mdash;
-aufgebaute vermeintliche Erfahrungswissenschaft von der Geisterwelt
-(Spiritismus).</p>
-<p class="par">49. Wie disparate Denkinhalte mit &auml;quipollenten
-darin &uuml;bereinkamen, dass beiderseits die Denkinhalte ihrem Inhalt
-nach nicht identisch waren, so unterscheiden sich dieselben von ihrem
-Inhalte nach entgegengesetzten Denkinhalten dadurch, dass die ersteren
-ihrem Umfange nach mit einander vertr&auml;glich, die letzteren dagegen
-in Bezug auf diesen unter einander unvertr&auml;glich sind. Dieselben
-schliessen einander entweder in der Weise aus, dass, was in den Umfang
-des einen, nicht in den Umfang des andern f&auml;llt, in welchem Fall
-sie contr&auml;r, oder in der Weise, dass zugleich dasjenige, was nicht
-in den Umfang des einen, eo ipso in den Umfang <span class=
-"pagenum">[<a id="pb30" href="#pb30" name="pb30">30</a>]</span>des
-andern f&auml;llt, in welchem Fall sie contradictorisch entgegengesetzt
-heissen. Sie k&ouml;nnen einander aber auch in der Weise ausschliessen,
-dass, was in den Umfang des einen, nicht in den Umfang des andern, was
-nicht in den Umfang des einen, in den Umfang des andern f&auml;llt, die
-Umf&auml;nge beider aber zugleich den Umfang eines dritten, beiden
-&uuml;bergeordneten Denkinhaltes ausmachen, in welchem Fall sie
-subcontr&auml;r entgegengesetzt genannt werden. Von contr&auml;r
-entgegengesetzten Denkinhalten gilt, dass, wenn der eine wahr ist, der
-andere falsch, von contradictorisch entgegengesetzten &uuml;berdies,
-dass, wenn der eine falsch ist, der andere wahr sein muss; von
-subcontr&auml;r entgegengesetzten dagegen gilt, dass, weil beider
-Umf&auml;nge in den Umfang eines dritten fallen und denselben
-ersch&ouml;pfen, dasjenige, was in dem Umfang des einen liegt, nicht in
-dem Umfang des andern liegen kann (wie bei den contr&auml;ren), aber
-auch, dass, was nicht in dem Umfang des einen liegt, in dem Umfang des
-andern liegen muss (wie bei den contradictorischen Gegens&auml;tzen),
-dass also, wo a ist, nicht b, dagegen b ist, wo a nicht ist, und
-weiter, dass, wo das eine von beiden, auch das beiden
-&uuml;bergeordnete dritte ist, dass also beide subcontr&auml;r
-entgegengesetzte zugleich keines das andere und (in Bezug auf das
-dritte als &bdquo;ihre h&ouml;here Einheit&rdquo;) eins und dasselbe
-sind. Ist der einem andern contr&auml;r entgegengesetzte Denkinhalt
-seinerseits einem dritten contr&auml;r entgegengesetzt, so dass, wenn a
-wahr ist, b falsch sein muss, so l&auml;sst sich aus der Wahrheit von a
-nicht schliessen, dass nun auch der dem b contr&auml;r entgegengesetzte
-Denkinhalt c wahr sein m&uuml;sse, wol aber, dass derselbe wahr sein
-k&ouml;nne, indem aus der Wahrheit von a zwar die Falschheit von b, aus
-der Falschheit von b aber keineswegs die Wahrheit von c folgt.
-L&auml;sst sich der einem Denkinhalt a contradictorisch
-entgegengesetzte Denkinhalt non-a seinerseits wieder in zwei
-contradictorisch entgegengesetzte Denkinhalte b und non-b spalten, so
-gilt nicht nur, dass, wenn a wahr ist, sowol b als non-a nothwendig
-falsch sein m&uuml;sse, sondern auch, dass, wenn a falsch ist, eines
-von beiden, b oder non-b nothwendig wahr sein muss. Von subcontr&auml;r
-entgegengesetzten Denkinhalten gilt, dass, sobald auch nur einer von
-beiden wahr ist, ein dritter, der beiden &uuml;bergeordnete, wahr und
-daher, wenn dieser selbst einem vierten subcontr&auml;r
-entgegengesetzt, auch der ihm und diesem &uuml;bergeordnete f&uuml;nfte
-Denkinhalt wahr sei. Auf die Fortsetzung des ersten Verh&auml;ltnisses
-gr&uuml;ndet sich das Verfahren, zu einer Reihe contr&auml;rer
-Gegens&auml;tze zu gelangen, die <span class="pagenum">[<a id="pb31"
-href="#pb31" name="pb31">31</a>]</span>alle zugleich wahr, also
-copulativ verbunden werden k&ouml;nnen (z. B. die Farbenreihe). Auf die
-Fortsetzung des zweiten Verh&auml;ltnisses gr&uuml;ndet sich das
-Verfahren, durch Zerf&auml;llung des contradictorisch entgegengesetzten
-Gliedes in weitere Gegens&auml;tze zu einer vollst&auml;ndigen
-Eintheilung zu gelangen, deren Glieder untereinander disjunctiv
-getrennt werden k&ouml;nnen. Auf die Fortsetzung des dritten
-Verh&auml;ltnisses gr&uuml;ndet sich das construirende oder sogenannte
-dialektische Verfahren, mittels dessen mit Hilfe stets neu
-eingef&uuml;hrter subcontr&auml;rer Gegens&auml;tze zu immer neuen sich
-&uuml;bereinander aufth&uuml;rmenden &bdquo;h&ouml;heren
-Einheiten&rdquo; gelangt wird, deren jede die vorhergehende (nach dem
-bekannten Hegel&rsquo;schen Doppelsinn) zugleich aufhebt und
-&bdquo;aufhebt&rdquo; (tollit et servat).</p>
-<p class="par">50. Mit dem Verh&auml;ltniss des Gegensatzes ist die
-Reihe derjenigen, welche das &bdquo;<span class="ex">was</span>&rdquo;
-des Denkinhaltes angehen, ersch&ouml;pft. Mit dem ersten, auf das
-&bdquo;<span class="ex">wie</span>&rdquo; des Gegebenseins sich
-st&uuml;tzenden, der unwillk&uuml;rlichen N&ouml;thigung, einen
-gewissen Denkinhalt zu denken, ergeben sich f&uuml;r die Beurtheilung
-des Anspruches eines gewissen Denkens, f&uuml;r Wissen gelten zu
-d&uuml;rfen, im Ganzen f&uuml;nf Gesichtspunkte, von denen der erste
-quantitativ, die &uuml;brigen qualitativ heissen k&ouml;nnen, weil
-jener sich auf das Quantum des Gegebenseins, diese sich auf das Quale
-des Gegebenen beziehen, und an deren jeden sich entsprechende
-methodische Verfahren zum Wissen zu gelangen anschliessen.</p>
-<p class="par">51. Der erste derselben ist der Gesichtspunkt der
-<span class="ex">Denknothwendigkeit</span>. Der unwillk&uuml;rlich
-gegebene erscheint als der nicht nicht zu denkende d. i. nothwendig zu
-denkende oder denknothwendige Denkinhalt; und zwar in desto
-h&ouml;herem Grade, je besser die Unwillk&uuml;rlichkeit seines
-Gegebenseins d. i. dessen Gegebensein <span class="ex">ohne</span>, ja
-<span class="ex">wider</span> den Willen des Denkenden bezeugt ist.
-Letzteres ist aber in desto h&ouml;herem Grade der Fall: 1. je
-unwiderstehlicher derselbe sich aufdr&auml;ngt und gegen alle mit
-Wissen und Willen angestellten Versuche, sich desselben zu erwehren,
-behauptet. In diesem Sinne gilt der Satz: facta loquuntur, und dass es
-nichts fruchte, gegen &bdquo;Thatsachen&rdquo; die Augen zu
-verschliessen; denn da die Ursache dieses <span class="ex">ohne</span>,
-ja <span class="ex">wider</span> Willen Gegebenseins nicht im Willen
-des Denkenden liegen soll, so kann dieselbe nur entweder in einem von
-diesem Willen Verschiedenen gelegen, oder das Gegebene m&uuml;sste ohne
-Ursache (grundlos) gegeben sein. Letzteres ist um so
-unwahrscheinlicher, als der sogenannte Satz vom zureichenden Grunde
-(principium rationis sufficientis), welcher besagt, dass nichts ohne
-<span class="pagenum">[<a id="pb32" href="#pb32" name=
-"pb32">32</a>]</span>Grund erfolge, selbst wahrscheinlicher ist; denn
-auch dieser ist, als Denkinhalt betrachtet, kein willk&uuml;rlich
-gemachter (erfundener), sondern selbst ein unwillk&uuml;rlich gegebener
-(evidenter), dessen das Denken sich nicht zu erwehren vermag und der
-bei jedem sich bietenden Anlass sich wieder &mdash; und was das Gewicht
-seines Gegebenseins verst&auml;rkt, Jedermann in gleicher Weise
-aufdr&auml;ngt. Je unwahrscheinlicher es aber ist, dass das Gegebensein
-eines gewissen Denkinhalts ein blosser Zufall sei, desto mehr steigert
-sich dieselbe, wenn und in dem Masse, als derselbe Denkinhalt in
-zahlreicheren F&auml;llen mit gleicher Unabweislichkeit wiederkehrt,
-und damit die Wahrscheinlichkeit, dass die Ursache seines Gegebenseins
-wie seiner Wiederholung in einer &auml;usseren, und zwar beharrenden
-(objectiven, nicht subjectiven) Ursache, z. B. die sich
-aufdr&auml;ngende Empfindung der rothen Farbe nicht in einer
-subjectiven Affection des Gesichtsorganes (Rothsehen), sondern in einem
-objectiven, von aussen kommenden Reize desselben ihren Grund habe.</p>
-<p class="par">52. Die Unwillk&uuml;rlichkeit des Gegebenseins wird
-aber 2. in noch h&ouml;herem Grade best&auml;tigt, wenn es sich zeigt,
-dass dieser beharrende und objective Grund nicht blos f&uuml;r den
-einzelnen Denkenden, sondern f&uuml;r alle Seinesgleichen in gleicher
-Weise besteht. Dies aber ist der Fall, wenn die Pers&ouml;nlichkeit des
-Denkenden als ver&auml;nderlich angenommen und innerhalb derselben
-Gattung denkender Wesen jede beliebige andere Pers&ouml;nlichkeit an
-dessen Stelle gesetzt, der Erfolg <span lang="la">ceteris
-paribus</span> immer derselbe bleibt d. h. der dem Einzelnen als
-unwillk&uuml;rlich gegeben erscheinende Denkinhalt auch jedem Anderen
-mit gleicher Unwiderstehlichkeit als ein solcher sich aufn&ouml;thigt,
-z. B. dieselbe dem Wahrnehmenden als Empfindung sich aufdr&auml;ngende
-Gesichtsvorstellung auch von jedem Anderen an seiner Statt als solche
-empfunden wird. Ist es n&auml;mlich an sich schon h&ouml;chst
-unwahrscheinlich, dass das unwillk&uuml;rlich scheinende Gegebensein
-bei dem einen Denkenden blosser Zufall sei, so ist es noch
-unverh&auml;ltnissm&auml;ssig unwahrscheinlicher, dass derselbe Zufall
-sich bei jedem beliebigen an dessen Stelle tretenden Anderen
-wiederholen werde.</p>
-<p class="par">53. Der h&ouml;chste Grad der Best&auml;tigung der
-Unwillk&uuml;rlichkeit des Gegebenseins aber wird dann erreicht, wenn
-3. derselbe Denkinhalt, der sich dem Einzelnen einmal oder zu
-wiederholtenmalen, ferner jedem Anderen an dessen Statt in gleicher
-Weise sich aufgen&ouml;thigt hat, von jedem Anderen nicht nur einmal,
-sondern in jedem beliebigen wiederkehrenden Fall als solcher erfahren
-wird d. h. wenn derselbe Denkinhalt f&uuml;r Jedermann und unter
-beliebig <span class="pagenum">[<a id="pb33" href="#pb33" name=
-"pb33">33</a>]</span>ver&auml;nderten Umst&auml;nden stets mit gleicher
-Unabweislichkeit als unwillk&uuml;rlich gegeben empfunden wird. Das
-sich auf diese Thatsache gr&uuml;ndende Verfahren kann als <span class=
-"ex">Constatirungs</span>- oder mit R&uuml;cksicht auf die demselben zu
-Grunde liegende Z&auml;hlung der F&auml;lle, in welchen die Thatsache
-des unwillk&uuml;rlich Gegebenseins beobachtet worden ist, als das
-<span class="ex">statistische</span> Verfahren bezeichnet werden. Durch
-die Fortsetzung desselben gelangt man mit der Zunahme der Zahl der
-Best&auml;tigungen zu einem immer wachsenden Grade von
-Wahrscheinlichkeit, welche, wenn die Zahl der erfahrenen
-Best&auml;tigungen jener der an sich m&ouml;glichen Wiederholungen
-gleicht, zur v&ouml;lligen, wenn sie derselben sich n&auml;hert, ohne
-einen einzigen Fall des Gegentheils (negative Instanz) erlitten zu
-haben, zur moralischen Gewissheit wird.</p>
-<p class="par">54. Der Grad dieser Wahrscheinlichkeit l&auml;sst sich,
-jedoch nur in dem Fall, wenn die Zahl der an sich m&ouml;glichen
-F&auml;lle bekannt ist, der Rechnung unterwerfen. Derselbe wird durch
-einen Bruch ausgedr&uuml;ckt, dessen Nenner die Zahl der &uuml;berhaupt
-m&ouml;glichen (m + n), dessen Z&auml;hler die Anzahl der beobachteten
-einander best&auml;tigenden F&auml;lle (m) ausdr&uuml;ckt. Erreicht die
-Anzahl der beobachteten die der an sich m&ouml;glichen F&auml;lle, so
-wird der Bruch <span class="fraction"><span class=
-"top">m</span><span class="bottom">m + n</span></span> = <span class=
-"fraction"><span class="top">m + n</span><span class="bottom">m +
-n</span></span> = 1 und die Wahrscheinlichkeit verwandelt sich in
-Gewissheit. Erreicht sie dagegen nur die H&auml;lfte der Zahl der an
-sich m&ouml;glichen F&auml;lle, so dass m = n ist, so wird der Bruch
-<span class="fraction"><span class="top">m</span><span class="bottom">m
-+ n</span></span> = <span class="fraction"><span class=
-"top">1</span><span class="bottom">2</span></span> und die
-Wahrscheinlichkeit verwandelt sich in halbe Gewissheit d. i. Zweifel.
-Geht die Zahl der beobachteten &uuml;ber die H&auml;lfte der an sich
-m&ouml;glichen F&auml;lle hinaus, oder bleibt sie hinter derselben
-zur&uuml;ck, so wird der Bruch <span class="fraction"><span class=
-"top">m</span><span class="bottom">m + n</span></span> im ersten Fall
-&gt; <span class="fraction"><span class="top">1</span><span class=
-"bottom">2</span></span>, im zweiten Fall &lt; <span class=
-"fraction"><span class="top">1</span><span class=
-"bottom">2</span></span> d. h. es tritt in jenem Fall
-Wahrscheinlichkeit, in diesem Unwahrscheinlichkeit ein.</p>
-<p class="par">55. Der &auml;ussere Grund des unwillk&uuml;rlich
-Gegebenseins kann, da er nicht im Willen des Denkenden liegt, nur
-entweder trotzdem im Denkenden selbst, und zwar entweder in dessen
-psychischer oder somatischer Beschaffenheit, oder ausserhalb desselben
-in der sogenannten Aussenwelt gelegen sein. Im letzteren Falle heisst
-das unwillk&uuml;rlich Gegebene eine &auml;ussere, in beiden anderen
-F&auml;llen d&uuml;rfte es mit R&uuml;cksicht auf die innerhalb des
-Denkenden zu suchende Ortslage der Ursache eine innere Thatsache
-heissen; gew&ouml;hnlich wird aber nur die in der psychischen
-Beschaffenheit des Denkenden (in dessen <span class="pagenum">[<a id=
-"pb34" href="#pb34" name="pb34">34</a>]</span>Intellect oder
-Gef&uuml;hlsleben) gelegene Ursache als eine innere bezeichnet; die in
-der somatischen Natur des Denkenden (z. B. in der anormalen Natur
-seiner Sinnesorgane) gelegene pflegt zu den &auml;usseren Ursachen
-gerechnet zu werden. Innere Thatsachen werden daher nur solche genannt,
-welche Bewusstseinsthatsachen, sei es des Intellects, sei es des
-Gef&uuml;hlslebens, sind, w&auml;hrend alle &uuml;brigen, ihr Grund mag
-innerhalb oder ausserhalb der somatischen Natur des Denkenden liegen,
-&auml;ussere Thatsachen heissen; erstere bilden die Grundlage der
-inneren, letztere die Basis der &auml;usseren Erfahrung.</p>
-<p class="par">56. Zu den inneren Thatsachen, und zwar des Intellects,
-geh&ouml;ren unwiderstehlich sich aufdr&auml;ngende und deshalb von
-gewissen Denkern als &bdquo;angeboren&rdquo; bezeichnete Begriffe und
-Urtheile (wenn es dergleichen gibt); zu den inneren Thatsachen des
-Gef&uuml;hlslebens die unwiderstehlich sich aufdr&auml;ngenden
-Ausspr&uuml;che der Mahnung und Abmahnung, die von gewissen Denkern auf
-die Quelle einer unfehlbaren inneren Stimme (des moralischen oder
-&auml;sthetischen Gef&uuml;hls; das <span class="trans" title=
-"daimonion"><span class="Greek" lang=
-"grc">&delta;&alpha;&iota;&mu;&#8057;&nu;&iota;&omicron;&nu;</span></span>
-des Sokrates, der &bdquo;deus in nobis&rdquo;) zur&uuml;ckgef&uuml;hrt
-worden sind (wenn es eine dergleichen gibt); alle &uuml;brigen
-Thatsachen, die ihren Grund in einer inner- oder ausserhalb des Leibes
-des Denkenden gelegenen Ursache haben, geh&ouml;ren im weiteren,
-diejenigen, welche ihren Grund in einer vom Leibe verschiedenen Ursache
-haben, wie die sogenannten &bdquo;objectiven&rdquo; Sinnesempfindungen,
-deren Grund &bdquo;objective&rdquo; d. h. von aussen kommende
-Sinnesreize sind, im engeren Sinne der &auml;usseren Erfahrung an.</p>
-<p class="par">57. Zur Constatirung, dass ein gewisser Denkinhalt
-Thatsache des Intellects d. h. unabweislich sei, sowie, dass ein
-solcher Thatsache des Gef&uuml;hlslebens d. h. als Gef&uuml;hl
-unwiderstehlich sei, gibt es demnach keinen von dem zur Constatirung,
-dass ein gewisser Denk- (z. B. Empfindungs-) Inhalt Thatsache der
-Erfahrung sei d. h. unvermeidlich empfunden werde, einzuschlagenden
-verschiedenen Weg. In jedem der genannten F&auml;lle muss der Versuch,
-denselben mit Wissen und Willen nicht zu denken so oft und unter so
-vielfach wiederholten Umst&auml;nden und von so Vielen wiederholt
-werden, bis sich die Aussichtslosigkeit, sich desselben erwehren zu
-k&ouml;nnen, zur moralischen Gewissheit erhoben hat. Denkinhalte,
-welche diese Probe bestanden haben, k&ouml;nnen als evidente d. i.
-einleuchtende, wenn auch weiter durch nichts
-begr&uuml;ndungsf&auml;hige d. h. als unwiderlegliche, sei es
-Bewusstseins-, sei es Sinnesthatsachen, gelten. <span class=
-"pagenum">[<a id="pb35" href="#pb35" name="pb35">35</a>]</span></p>
-<p class="par">58. Bei den Intellects- und Gef&uuml;hlsthatsachen, wie
-bei den Sinnesthatsachen bleibt dabei die von Moment zu Moment
-ver&auml;nderliche Individualit&auml;t des einzelnen, wie die von
-Individuum zu Individuum abweichende Individualit&auml;t der mehreren
-Denkenden zu &uuml;berwinden. Weder ist der Einzelne in verschiedenen
-Momenten seines Daseins sich selbst, noch sind die Einzelnen sich
-untereinander gleich. Der Intellect wird zu verschiedenen Zeiten von
-verschiedenen eben &uuml;berwiegenden Vorstellungskreisen, das
-Gem&uuml;th von eben vorhandenen Stimmungen beherrscht, welche dem
-gegebenen Denkinhalt ihre d. h. eine momentane oder tempor&auml;re
-subjective F&auml;rbung ertheilen. Das &auml;ussere Sinnesorgan des
-Beobachtenden unterliegt von Fall zu Fall oder von Beobachter zu
-Beobachter individuellen, sei es augenblicklichen, sei es habituell
-gewordenen St&ouml;rungen, welche (wie z. B. die Farbenblindheit, die
-Kurz- oder Weitsichtigkeit) dem gegebenen Inhalt der Beobachtung eine
-sei es augenblickliche, sei es dauernde subjective Entstellung (z. B.
-Farbenf&auml;lschung, Entfernungsf&auml;lschung) aufpr&auml;gen.
-Letztere Gefahr hat bei astronomischen Observationen zur Aufstellung
-der sogenannten Bessel&rsquo;schen Augengleichung gef&uuml;hrt, durch
-welche der habituelle Beobachtungsfehler jedes Beobachters ein-
-f&uuml;r allemal eruirt und sodann, wie der habituelle Gangfehler einer
-Uhr durch die sogenannte Zeitgleichung, bei jeder von demselben
-angestellten Beobachtung dieselbe corrigirend ebenso in Anschlag
-gebracht wird, wie durch Kenntniss der t&auml;glichen Acceleration oder
-Retardation des Pendels auch mittels einer fehlerhaften Uhr richtige
-Zeitbestimmungen erreicht werden k&ouml;nnen. Wie hier von der
-individuellen Natur des Beobachters, so muss bei Beurtheilung
-desjenigen, was als Bewusstseins-, sei es Intellects- oder
-Gef&uuml;hlsthatsache, gelten soll, von der individuellen Natur wie der
-augenblicklichen Gem&uuml;thsstimmung abgesehen d. h. das Urtheil, dass
-ein gewisser Denkinhalt unwillk&uuml;rlich gegeben sei, muss, um mit
-Kant zu reden, &bdquo;mit Vermeidung aller Privatgef&uuml;hle&rdquo;
-gef&auml;llt werden.</p>
-<p class="par">59. Der auf diesem Wege als denknothwendig nachgewiesene
-Denkinhalt gilt dem Denken als wahrer Denkinhalt. Die Idee der
-Denknothwendigkeit ist die erste logische d. h. die erste derjenigen
-Ideen, von welchen das Denken in seinem Streben, Wissen zu werden, sich
-leiten l&auml;sst. Da dieselbe auf dem Nachweise des unwillk&uuml;rlich
-Gegebenseins des Denkinhalts, dieser Nachweis selbst aber auf einem
-Constatirungsverfahren beruht, dessen &auml;usserste Grenze die zwar
-dem Bed&uuml;rfniss gen&uuml;gende, aber die Sache selbst niemals
-<span class="pagenum">[<a id="pb36" href="#pb36" name=
-"pb36">36</a>]</span>ersch&ouml;pfende moralische Gewissheit bildet, so
-folgt aus dem Erweise, dass ein gewisser Denkinhalt denknothwendig,
-allerdings nicht mit Nothwendigkeit, dass derselbe wahr <span class=
-"ex">sei</span>, aber es folgt mit Nothwendigkeit, dass derselbe dem
-Denkenden wahr <span class="ex">scheine</span>.</p>
-<p class="par">60. Die zweite logische Idee, die wie die folgenden auf
-dem Was des Denkinhalts, statt wie die erste auf dessen Wie, und zwar
-auf dem Verh&auml;ltniss der einseitigen oder gegenseitigen
-Inhaltsidentit&auml;t zweier Denkinhalte ruht, ist die der <span class=
-"ex">Analyse</span> d. i. der Versuch, durch Aufl&ouml;sung des Inhalts
-in seine n&auml;heren und entfernteren Bestandteile zu einem Urtheil
-&uuml;ber dessen Wahrheit oder Falschheit zu gelangen. Dieselbe tritt,
-wie oben angef&uuml;hrt, wenn die Inhaltsidentit&auml;t einseitig ist,
-als Subsumtion, wenn sie gegenseitig ist, als Subordination des einen
-unter den andern Denkinhalt auf, an welche die betreffenden
-Verfahrungsweisen, und zwar an die erstere die analytische (regressive)
-und synthetische (progressive), an die letztere die Abstractions- und
-die Determinationsmethode sich anschliessen.</p>
-<p class="par">61. Die dritte logische Idee, die auf der Identit&auml;t
-des Umfangs (Aequipollenz) beruht, ist die <span class=
-"ex">Gleichgeltung</span> d. i. der Versuch, durch Substituirung eines
-dem Gegebenen gleichgeltenden Denkinhalts zu einem, wenigstens dem
-Inhalte nach von dem ersten verschiedenen, neuen auf einem Wege zu
-gelangen, auf welchem die Wahrheit oder Falschheit des letzteren aus
-jener des gegebenen sich folgern l&auml;sst. Auf dieselbe gr&uuml;ndet
-sich das, wenn man die Identit&auml;t des Umfangs im Auge hat,
-Substitutionsmethode, wenn man die Verschiedenheit des Inhalts in
-Betracht zieht, Transmutationsmethode genannte Verfahren, in welchem
-die Wahrheit des urspr&uuml;nglich gegebenen Denkinhalts durch allen
-nicht blos scheinbaren, sondern wirklichen Wechsel des Inhalts hindurch
-und trotz desselben sich forterh&auml;lt.</p>
-<p class="par">62. Die vierte logische Idee ist die der <span class=
-"ex">Synthese</span> d. i. die Verkn&uuml;pfung disparater Denkinhalte
-in Folge eines nicht aus der Betrachtung des Inhalts desselben
-abgeleiteten, diesem fremden, aber zur Begr&uuml;ndung jener
-zureichenden Grundes. Je nachdem derselbe entweder eine &auml;ussere
-(Sinnes-, aposteriorische) oder (wie bei Kant&rsquo;s mathematischen
-Urtheilen) eine reine (Intellectual-, apriorische) Anschauung ist, ist
-die Synthesis selbst entweder empirisch (zuf&auml;llig,
-particul&auml;r), welche blosse Wahrscheinlichkeit, oder apriorisch
-(allgemein, nothwendig), welche (wenn es deren &uuml;berhaupt gibt)
-ausnahmslose Gewissheit gew&auml;hrt. Auf dieselbe gr&uuml;ndet sich
-das empirisch- (wenn die Synthese eine empirische) oder apriorisch-
-(wenn <span class="pagenum">[<a id="pb37" href="#pb37" name=
-"pb37">37</a>]</span>die Synthese eine reine ist) synthetische
-Verfahren, welches im ersten Falle zu empirischen (mehr oder weniger
-wahrscheinlichen), dagegen im letzteren Falle zu apriorischen (mit dem
-Anspruch auf Allgemeinheit und Nothwendigkeit ausgesprochenen)
-Ergebnissen f&uuml;hrt.</p>
-<p class="par">63. Die f&uuml;nfte logische Idee ist die der
-<span class="ex">Ausschliessung</span>, welche auf dem Verh&auml;ltniss
-des Gegensatzes, und zwar als Widerstreit auf dem des contr&auml;ren,
-als Widerspruch auf dem des contradictorischen, dagegen als sogenannte
-&bdquo;Einheit der Gegens&auml;tze&rdquo; (Synthese des
-Ausgeschlossenen) auf dem des subcontr&auml;ren Gegensatzes beruht.
-W&auml;hrend die ersten beiden blos trennend (disjunctiv), verh&auml;lt
-sich der letzte zugleich verbindend (copulativ). An jene schliesst sich
-ein negatives, Denkinhalte scheidendes, an dieses ein affirmatives,
-Geschiedenes wieder vereinigendes Verfahren an, daher jenes
-vorzugsweise als die Methode des scharfsinnigen, verborgene
-Unterschiede des Aehnlichen streng sondernden Verstandes, dieses als
-die einer tiefsinnigen, verborgene Aehnlichkeit des Geschiedenen
-aufsp&uuml;renden, Entgegengesetztes als Eins schauenden (speculativen)
-Vernunft angesehen wird.</p>
-<p class="par">64. Keine der f&uuml;nf angef&uuml;hrten logischen Ideen
-ist der Schl&uuml;ssel zum ganzen Wahren, aber jede derselben ist ein
-Schl&uuml;ssel zu Wahrem. Weder dasjenige Verfahren im Denken, welches
-sich ausschliesslich auf das unwillk&uuml;rliche Gegebensein
-(Positivit&auml;t) des Denkinhalts st&uuml;tzt und daher Positivismus
-oder, weil das Gegebene als Thatsache gilt, auf Thatsachen
-gegr&uuml;ndetes Denken d. i. Empirismus heisst, noch das ebenso
-ausschliesslich auf das Was des Denkinhalts (Rationalit&auml;t)
-gegr&uuml;ndete Verfahren, welches auf die Beziehungen (rationes) der
-Denkinhalte zu und unter einander sich st&uuml;tzt und deshalb
-Rationalismus heisst, ersch&ouml;pft die Totalit&auml;t des dem Denken
-zug&auml;nglichen Erkenntnissgehalts; beide sind, indem der
-Positivismus des rationalen Verfahrens bedarf, um von den gegebenen
-Thatsachen aus, der Rationalismus der positiven Grundlage bedarf, um
-von derselben aus weiter fortzuschreiten, dazu bestimmt, einander
-gegenseitig zu erg&auml;nzen.</p>
-<p class="par">65. Der Positivismus oder das lediglich von Thatsachen
-ausgehende Denken ist, je nachdem diese letzteren innere oder
-&auml;ussere (Bewusstseins- oder Sinnesthatsachen), die ersteren
-entweder Thatsachen des Intellects, oder des Gef&uuml;hls, oder des
-Willens, die letzteren entweder durch krankhafte von innen kommende
-oder durch normale von aussen kommende Sinnesreize erzeugte
-Sinnesthatsachen, blosse Hallucinationen (<span lang=
-"la">visiones</span>) oder Wahrnehmungen des <span class=
-"pagenum">[<a id="pb38" href="#pb38" name=
-"pb38">38</a>]</span>&auml;usseren Sinnes (<span lang="la">visus et
-auditus</span>) sind, nach der Reihe entweder intellectualer (wie der
-auf angeborne Ideen sich berufende Cartesianismus) oder sensualer (wie
-die Gef&uuml;hlsphilosophie Jacobi&rsquo;s, die schottische Moral- und
-sogenannte Philosophie des gesunden Menschenverstandes), oder
-theletischer (wie die Willensphilosophie Schopenhauer&rsquo;s), oder
-vision&auml;rer (wie Swedenborg&rsquo;s Mysticismus und Spiritismus),
-oder sensualistischer Positivismus (wie die philosophie positive
-Comte&rsquo;s, welche seit Diesem im engeren und eminenten Sinne diesen
-Namen f&uuml;hrt). Nimmt derselbe hierbei seinen Ausgangspunkt
-lediglich von den Thatsachen der, sei es inneren, sei es &auml;usseren
-Erfahrung, so ist er gemeiner, unkritischer Positivismus (Dogmatismus);
-betrachtet er dagegen die Erfahrung selbst (sei es die innere, sei es
-die &auml;ussere) als Thatsache, neben und ausser welcher noch andere
-thats&auml;chliche Erfahrungen (aussermenschliche oder
-&uuml;bermenschliche) m&ouml;glich sind, so ist er <span class="corr"
-id="xd24e795" title=
-"Quelle: transscendentaler">transcendentaler</span>, kritischer
-Positivismus (Kriticismus).</p>
-<p class="par">66. Der Rationalismus oder das lediglich auf die
-<span class="ex">ein</span>- oder <span class="ex">gegen</span>seitigen
-Beziehungen (rationes) des Denkinhalts sich st&uuml;tzende
-Denkverfahren ist entweder analytischer, wenn er lediglich durch die
-logischen Ideen der Analyse, der Gleichgeltung und der contr&auml;ren
-oder contradictorischen Ausschliessung, dagegen synthetischer, wenn er
-&uuml;berdies durch jene der Synthese sich leiten l&auml;sst. Letzterer
-heisst empirischer, wenn die Synthese ausschliesslich aposteriorisch,
-dagegen reiner, wenn dieselbe (wie etwa in Kant&rsquo;s mathematischen
-Urtheilen) apriorisch verstanden wird. Tritt zu den logischen Ideen des
-empirischen Rationalismus jene des Widerstreits und des Widerspruchs in
-der Weise gesetzgebend hinzu, dass, was durch empirische Synthese
-gegeben ist, trotzdem ohne Umbildung (Berichtigung oder Erg&auml;nzung)
-nicht behalten werden darf, sobald es Widerspr&uuml;che einschliesst,
-so geht derselbe in rationalen Empirismus &uuml;ber, w&auml;hrend er im
-Gegenfall empirischer Irrationalismus (Empiristik) wird. Tritt zu den
-logischen Ideen, welche den reinen Rationalismus leiten, jene der
-&bdquo;Einheit der Gegens&auml;tze&rdquo; in der Weise hinzu, dass das
-durch den Verstand Getrennte (Reflexions- oder Verstandesphilosophie)
-in einer &bdquo;h&ouml;heren&rdquo; Vernunft- (intellectualen)
-Anschauung wieder als Eins geschaut wird, so geht der reine in
-speculativen Rationalismus (rationale Dialektik, speculative oder
-Vernunftphilosophie) &uuml;ber.</p>
-<p class="par">67. Wenn die logischen Ideen als Vorbilder des Denkens
-dasselbe zum Wissen (Erkenntniss), so f&uuml;hren die Gegentheile
-derselben <span class="pagenum">[<a id="pb39" href="#pb39" name=
-"pb39">39</a>]</span>dasselbe zum Nicht- oder Scheinwissen (Irrthum).
-Gegentheil der Denk<span class="ex">nothwendigkeit</span> ist die
-Denk<span class="ex">zuf&auml;lligkeit</span>, des unwillk&uuml;rlich
-Gegeben- das willk&uuml;rlich Gemachtsein des Denkinhalts, in Folge
-dessen derselbe im Gegensatz zum erfahrenen (Erlebniss) als erfundener
-(Fiction) erscheint. Das Gegentheil der Analyse d. i. der Zerlegung des
-Denkinhalts in seine Bestandtheile, wodurch derselbe deutlich wird, ist
-die Confusion d. i. die Vermengung der verschiedenen Bestandtheile des
-Denkinhalts, wodurch derselbe verworren und dunkel wird. Das Gegentheil
-der Gleich- ist die Ungleichgeltung des Denkinhalts, wodurch beliebige
-Denkinhalte, welche nichts weder dem Inhalt noch dem Umfang nach mit
-einander gemein haben, f&uuml;r einander gesetzt werden. Das Gegentheil
-der berechtigten oder doch f&uuml;r berechtigt gehaltenen, sei es auf
-wirklicher Gew&ouml;hnung beruhenden empirischen oder auf, wenn auch
-blos vermeintlicher, reiner Anschauung beruhenden apriorischen Synthese
-bildet die, sei es in einem, sei es im andern Sinn unberechtigte,
-entweder, statt auf wirklicher Gew&ouml;hnung, auf blosser
-Angew&ouml;hnung oder Verw&ouml;hnung beruhende empirische, oder nicht
-einmal auf vermeintlicher, sondern willk&uuml;rlich behaupteter (stat
-pro ratione voluntas) reiner Anschauung beruhende, f&auml;lschlich
-f&uuml;r apriorisch ausgegebene Synthese. Das Gegentheil der Idee der
-Ausschliessung bildet die Duldung der Gegens&auml;tze, und zwar nicht
-blos des contr&auml;ren und contradictorischen, sondern auch die des
-subcontr&auml;ren, welche letztere sich durch die Annahme der
-&bdquo;Einheit der Gegens&auml;tze&rdquo; von blosser Toleranz bis zur
-durch die logische Idee der Ausschliessung verbotenen positiven
-Anerkennung des Widerspruchs steigert und in diesem die Wahrheit
-findet. Wie die logischen Ideen als Schl&uuml;ssel zum Wahren, kann
-jedes dieser ihrer Afterbilder als ein solcher zum Falschen dienen.</p>
-<p class="par">68. Wie die Summe der logischen Ideen zusammengenommen
-das Muster darstellt, dem das <span class="ex">Wahre</span>, so stellt
-die Summe der Gegentheile derselben das Schema dar, welchem ganz oder
-theilweise das <span class="ex">Unwahre</span> gleichen muss. Mit der
-Aufstellung beider, des Einen zur Nachahmung, des Andern zur
-Abschreckung f&uuml;r jedes Denken, das Wissen (Erkenntniss) werden
-will, ist das Gesch&auml;ft der <span class="ex">Logik</span> als
-allgemeiner Wissenschaft von den normalen und anormalen Formen des
-Denkens (Denknormen) vollendet. <span class="pagenum">[<a id="pb40"
-href="#pb40" name="pb40">40</a>]</span></p>
-</div>
-</div>
-<div id="ch1.2" class="div1 introduction"><span class=
-"pagenum">[<a href="#xd24e239">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<h2 class="label">ZWEITES CAPITEL.</h2>
-<h2 class="main">Die &auml;sthetischen Ideen.</h2>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first">69. Wie die logischen Ideen die (formalen) Normen
-enthalten, unter welchen beliebiger Denkinhalt zum wahren d. i. zum
-unbedingt d. h. von Jedermann und allezeit als solcher anerkannten
-Denkinhalt wird, so stellen die &auml;sthetischen Ideen die Bedingungen
-dar, unter welchen beliebiger Vorstellungsinhalt zu sch&ouml;nem d. i.
-zum unbedingt d. h. von Jedermann und allezeit als solches anerkanntem
-Wohlgef&auml;lligen wird. W&auml;hrend dagegen die logischen Ideen auf
-ein jenseits des Denkinhalts Gelegenes d. i. auf ein <span class=
-"ex">Object</span> hinweisen, auf welches derselbe bezogen wird, weisen
-die &auml;sthetischen von dem dem Denkenden vorschwebenden
-Vorstellungsinhalte auf diesen als das <span class="ex">Subject</span>
-zur&uuml;ck, von welchem derselbe sei es mit Beifall oder mit
-Missfallen aufgenommen wird. Jenen, die auf ein Gewusstes d. h. einen
-dem Sein entsprechenden Denkinhalt ausgehen, ist es daher keineswegs,
-diesen dagegen, die blos auf ein Wohlgef&auml;lliges d. h. einen dem
-Denkenden genehmen Vorstellungsinhalt aus sind, aber v&ouml;llig
-gleichgiltig, ob ein diesem Denk- oder Vorstellungsinhalt
-entsprechender Gegenstand jenseits oder nebst demselben
-thats&auml;chlich vorhanden sei.</p>
-<p class="par">70. Der Unterschied beider Auffassungsweisen l&auml;sst
-sich durch das Verh&auml;ltniss des Denkers und des Dichters zu ihren
-beiderseitigen Stoffen erl&auml;utern. Der Denker, er sei nun Philosoph
-oder Empiriker, hat ein Interesse daran, dass der Inhalt seiner, sei es
-philosophischen, sei es f&uuml;r Erfahrung gehaltenen Gedanken mit dem
-Inhalt, sei es der philosophischen, sei es der Erfahrungs-
-(naturgeschichtlichen oder historischen) Wahrheit sich decke, z. B.
-dass der Held seiner Gedanken dem Helden der Geschichte congruent sei.
-Der Dichter, er sei nun ein solcher in Farben, T&ouml;nen oder
-<span class="pagenum">[<a id="pb41" href="#pb41" name=
-"pb41">41</a>]</span>Worten, hat nur ein Interesse daran, dass der
-Inhalt seiner Vorstellungs- (Farben-, Ton- oder poetischen) Welt
-wohlgef&auml;llig d. h. seiner eigenen, sowie den Anforderungen seiner
-Zuschauer-, Zuh&ouml;rer- oder Lesewelt an ein &auml;sthetisches
-Kunstwerk angemessen sei. Der Held seiner Trag&ouml;die braucht darum
-keineswegs mit dem (wenn auch gleichnamigen) Helden der Geschichte sich
-zu decken. Jener nimmt als Historiker an Richard III., Egmont,
-Wallenstein ein historisches, dieser als Dramatiker an denselben
-Pers&ouml;nlichkeiten nur ein dramatisches (&auml;sthetisches)
-Interesse. Ersterem kommt es darauf an, seinen Helden zu schildern, wie
-er wirklich war, aus keinem anderen Grunde, als weil er so war; dieser
-begn&uuml;gt sich denselben darzustellen, wie er seiner Charakteranlage
-nach nicht nur h&auml;tte sein k&ouml;nnen, sondern bei ungehemmter
-Entfaltung derselben unter den gegebenen Verh&auml;ltnissen h&auml;tte
-sein m&uuml;ssen, aus keinem anderen Grunde, als weil die wirkliche
-Entfaltung eines Charakters nur die naturgesetzlich-nothwendige Folge
-seiner urspr&uuml;nglichen psychischen Naturell- und Temperamentsanlage
-sein kann.</p>
-<p class="par">71. Verglichen mit dem wissenschaftlichen
-(theoretischen) Interesse an der Wahrheit und Wirklichkeit des
-Gedachten ist das &auml;sthetische an der blossen Wohlgef&auml;lligkeit
-und M&ouml;glichkeit des Vorgestellten streng genommen kein Interesse.
-Der Poet oder &uuml;berhaupt der K&uuml;nstler scheint dem Forscher und
-Gelehrten interesselos, gleichgiltig, wie seinerseits wieder dieser
-gegen die k&uuml;nstlerische Abrundung und innere Geschlossenheit eines
-dem Reiche des blossen Scheins angeh&ouml;rigen Phantasiebildes kalt
-und theilnahmslos bleibt. Der &auml;sthetisch Gestimmte nennt den um
-Wahrheit und Wirklichkeit seiner Gedanken besorgten Denker und
-Gelehrten einen Realisten und Prosamenschen; dieser den nur auf
-Sch&ouml;nheit und innere Vollendung bedachten K&uuml;nstler einen
-Idealisten und phantastischen Schw&auml;rmer. Die Gedankenwelten beider
-sind durch eine tiefe Kluft getrennt, &uuml;ber welche gleichwohl die
-Unverbr&uuml;chlichkeit der logischen Ideen, ohne welche auch die
-wohlgef&auml;llige Gedankenwelt nicht m&ouml;glich, durch welche allein
-aber weder die wirkliche noch irgend eine m&ouml;gliche Welt
-wohlgef&auml;llig wird, eine ausgleichende Br&uuml;cke spannt.</p>
-<p class="par">72. Aus dem Vorstehenden geht hervor, dass das
-Sch&ouml;ne (die &auml;sthetische Vorstellungswelt) Schein, keineswegs
-aber folgt daraus, dass jeder Schein sch&ouml;n sei. So wenig zur
-Wahrheit eines beliebigen Denkinhalts gen&uuml;gt, dass derselbe Inhalt
-eines Denkens, so wenig reicht es zur Sch&ouml;nheit eines beliebigen
-Vorstellungsinhalts hin, dass derselbe Inhalt eines Vorstellens sei.
-Wie vom logischen Gesichtspunkt <span class="pagenum">[<a id="pb42"
-href="#pb42" name="pb42">42</a>]</span>aus weder kein noch jeder
-Denkinhalt wahr, so ist vom &auml;sthetischen Gesichtspunkt aus weder
-kein noch jeder Schein sch&ouml;n; &auml;sthetischer Dogmatismus und
-Skepticismus sind wie logischer Dogmatismus und Skepticismus
-gleichm&auml;ssig abzuweisen. Und wie f&uuml;r die Logik daraus die
-Aufgabe erw&auml;chst, die Merkmale anzugeben, durch welche wahrer von
-falschem Denkinhalt, so erw&auml;chst f&uuml;r die Aesthetik die
-ihrige, die Kennzeichen festzustellen, durch welche sch&ouml;ner von
-unsch&ouml;nem (h&auml;sslichem) Schein sich unterscheidet.</p>
-<p class="par">73. Wie von derjenigen Logik, welche die Wahrheit in der
-Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein, also in einem materialen
-Kriterium findet, das Kennzeichen des wahren im Unterschied zum
-falschen Denkinhalt darin gefunden wird, dass durch denselben ein
-anderer, der Seinsinhalt, gedacht und zwar so gedacht wird, wie er
-wahrhaft ist: so wird von derjenigen Aesthetik, welche die
-Sch&ouml;nheit in der Uebereinstimmung der Idee mit der sinnlichen
-Erscheinung, also in einem materialen Kriterium findet, das Kennzeichen
-des sch&ouml;nen vor h&auml;sslichem Schein darin gefunden, dass durch
-jenen ein Anderes, n&auml;mlich die Idee hindurchscheint und zwar so
-hindurchscheint, wie sie wahrhaft ist. Dieselbe, die eben darum
-Gehalts&auml;sthetik heisst, geht davon aus, dass das Sch&ouml;ne nicht
-sowohl Schein, als vielmehr <span class="ex">Erscheinung</span> eines
-hinter demselben befindlichen idealen Gehalts und daher nicht an sich
-und um seiner selbst willen, sondern mittelbar und um eines andern, des
-in demselben zur sinnlichen Erscheinung kommenden Gehalts willen
-sch&ouml;n sei. Dasselbe verh&auml;lt sich dieser Auffassung zufolge zu
-dem in demselben erscheinenden um seiner selbst willen werthvollen
-Gehalt wie der Mond, der sein Licht von der Sonne empf&auml;ngt,
-w&auml;hrend diese im ureignen Lichte strahlt.</p>
-<p class="par">74. Das Sch&ouml;ne als sinnlicher Schein ist von diesem
-Gesichtspunkte aus betrachtet nichts weiter als die sinnliche
-H&uuml;lle eines an sich unsinnlichen oder, wenn man will,
-&uuml;bersinnlichen, sei es pers&ouml;nlich (wie in der theistischen
-Aesthetik: Carri&egrave;re), sei es unpers&ouml;nlich (wie in der
-pantheistischen Aesthetik: Vischer) gedachten Wesens, also im ersten
-Falle die sinnliche Erscheinung Gottes, im zweiten die sinnliche
-Erscheinung der logischen oder ethischen Idee. Ersterer Auffassung
-zufolge w&auml;re sonach Sch&ouml;nheit &uuml;berall dort, wo Gott,
-aber auch nur dort, wo dieser erscheint, letzterer Auffassung zufolge
-&uuml;berall dort, wo die (sei es theoretische oder praktische)
-Vernunft, aber auch nur dort, wo diese erscheint. Wie das Sch&ouml;ne
-mit dem sinnlich erscheinenden G&ouml;ttlichen, so fiele dessen
-Gegentheil, das H&auml;ssliche, mit dem gleichfalls sinnlich
-erscheinenden Un- <span class="pagenum">[<a id="pb43" href="#pb43"
-name="pb43">43</a>]</span>oder Widerg&ouml;ttlichen (dem
-D&auml;monischen oder Satanischen: Weisse) &mdash; zusammen; wie das
-Sch&ouml;ne mit der sinnlich erscheinenden Vernunft (dem Wahren und
-Guten), so fiele dessen Gegentheil mit der gleichfalls sinnlich
-erscheinenden Un- oder Widervernunft (dem A- oder Antilogischen,
-Unwahren, dem Un- oder Widersittlichen, dem B&ouml;sen) zusammen. Im
-ersten Falle erhielte das Sch&ouml;ne wesentlich religi&ouml;sen, im
-letzteren dagegen einen im Wesen lehrhaften (didaktischen und
-moralischen) Charakter.</p>
-<p class="par">75. Folge des ersteren ist, dass die (religi&ouml;se)
-Gehalts-Aesthetik die Kunst der Religion unter-, Folge des letzteren
-ist, dass die (nichtreligi&ouml;se aber philosophische)
-Gehalts-Aesthetik die Philosophie der Kunst &uuml;berordnet. Jene macht
-dieselbe zur Dienerin der Theologie, diese weist ihr den Beruf zu, die
-&bdquo;Wahrheit im Bilde&rdquo; (das Allgemeine im Besonderen:
-Allegorie, oder im Individuellen: Symbol) darzustellen.</p>
-<p class="par">76. Demzufolge h&auml;tte die Kunst keinen andern Zweck,
-als sich selbst &uuml;berfl&uuml;ssig zu machen d. h. sich entweder in
-Religion oder in Philosophie, der sch&ouml;ne Schein keine andere
-Bestimmung, als sich, sobald irgend m&ouml;glich, in
-&uuml;bersinnliches Sein, sei es in das g&ouml;ttliche, sei es in das
-der Idee, aufzul&ouml;sen. Die Sinnlichkeit, die nach Leibnitz nur eine
-&bdquo;dunkle Vernunft&rdquo; d. i. eine verworrene Erkenntniss
-(<span lang="la">notio confusa</span>) des Wahren ist, bildet nur die
-untergeordnete Vorstufe zur reinen Vernunft, welche als solche
-&bdquo;klare&rdquo; d. i. deutliche Erkenntniss (<span lang="la">notio
-clara atque distincta</span>) der Wahrheit ist. Die Vollkommenheit der
-ersteren, durch welche schon das niedere Erkenntnissverm&ouml;gen in
-den Stand gesetzt wird, das Wahre und Gute, wenngleich nur sinnlich zu
-erkennen, bietet der schwachen, mit der irdischen Mangelhaftigkeit
-sinnlicher Leiblichkeit behafteten Menschennatur einen d&uuml;rftigen
-Ersatz f&uuml;r die mangelnde Vollkommenheit reiner
-Vernunfterkenntniss, deren &uuml;bermenschliche Wesen in h&ouml;herem
-Grade, und die Gottheit, die aller Sinnlichkeit ledig ist, im
-h&ouml;chsten Grade sich erfreuen. Dieselbe macht, wie die Sinnlichkeit
-den Unterschied des Menschen vom reinen Geistwesen, so gewissermassen
-einen Vorzug desselben vor diesem aus, indem der Mensch, der allein
-Sinnlichkeit besitzt, allein auch der Vollkommenheit derselben d. i.
-der Sch&ouml;nheit, f&auml;hig ist. Derselbe theilt, um mit Schiller zu
-reden, &bdquo;sein Wissen&rdquo; (die reine Vernunfterkenntniss) zwar
-&bdquo;mit h&ouml;heren Geistern&rdquo;, die Kunst aber hat derselbe
-&bdquo;allein&rdquo;.</p>
-<p class="par">77. Wie das Sch&ouml;ne nach dieser Auffassung nur eine
-dem Wissen parallele Auffassung des Wahren und Guten, die Kunst nur
-eine der Wissenschaft parallele Darstellung von beiden, so ist die
-<span class="pagenum">[<a id="pb44" href="#pb44" name=
-"pb44">44</a>]</span>Aesthetik als Wissenschaft von der Vollkommenheit
-der sinnlichen Erkenntniss nach dieser zuerst von Baumgarten
-aufgebrachten, von den platonisirenden Aesthetikern des nachkantischen
-Idealismus (Schelling, Hegel und ihren Schulen) adoptirten Auffassung
-eine Paralleldisciplin der Logik als Wissenschaft von der
-Vollkommenheit der reinen Vernunft- und Verstandeserkenntniss. Indem
-sich dieselbe zur Aufgabe setzt, das niedere Erkenntnissverm&ouml;gen,
-den Sinn, als Erkenntnissorgan zur Vollkommenheit zu bringen, steckt
-sich dieselbe ein Ziel, welches nachher die von Mill und Anderen
-sogenannte inductive Logik mit ungleich gr&ouml;sserem Recht und Erfolg
-sich vorgesetzt hat. Indem dieselbe das Sch&ouml;ne als sinnliche d. i.
-zugleich ver- und entschleiernde H&uuml;lle desselben Wahren und Guten
-betrachtet, von welchem die Wissenschaft durch Vernunft (Philosophie)
-die nackte und schleierlose Erkenntniss ist, setzt sie dasselbe zu
-einem Nothbehelf, zu einer Staarbrille herab, da das operirte Auge des
-Sehendgewordenen den selbst leuchtenden Glanz der Idee nicht
-aush&auml;lt.</p>
-<p class="par">78. Weder Beliebigkeit des Gehalts, noch dessen an sich
-vorhandene Trefflichkeit, also &uuml;berhaupt nicht Beschaffenheit des
-Gehalts macht den Schein zum Sch&ouml;nen. Ersteres nicht, weil sonst
-jeder Schein sch&ouml;n, das Zweite nicht, weil der Schein, um
-sch&ouml;n zu sein, aufh&ouml;ren m&uuml;sste zu scheinen, das Dritte
-nicht, weil der Schein, wenn er Gehalt bes&auml;sse, nicht Schein
-sondern Erscheinung w&auml;re. Sehen wir aber beim Schein (Bild) von
-der Forderung eines hinter demselben verborgenen Gehaltes (Sinn) ab, so
-dass nur jener (das vorschwebende Bild) und der, dem er scheint (das
-Subject, dem das Bild vorschwebt), &uuml;brig bleibt, so kann, da nicht
-jeder Schein sch&ouml;n ist, der Grund, um deswillen einiger Schein
-sch&ouml;n ist, anderer nicht, nur entweder in der Beschaffenheit des
-Scheins als Schein, oder in der Desjenigen, dem er scheint (des
-&auml;sthetischen Subjects) gefunden werden.</p>
-<p class="par">79. Ersterer Fall schliesst in sich, dass der
-sch&ouml;ne Schein als Schein gewisse Eigenschaften besitze, die dem
-nichtsch&ouml;nen abgehen; letzterer Fall erheischt, dass das
-&auml;sthetische Subject, dem nur sch&ouml;ner Schein scheint, von
-demjenigen, dem auch unsch&ouml;ner vorschwebt, der Art nach
-verschieden, beziehungsweise das erstere vor dem letzteren bevorzugt,
-sozusagen ein &auml;sthetisches &bdquo;Sonntagskind&rdquo; sei. Aus dem
-ersteren folgt, dass der Aesthetik die Aufgabe erwachse, die dem Schein
-als Schein nothwendigen Eigenschaften, um sch&ouml;n zu sein,
-aufzusp&uuml;ren; aus dem letzteren folgt, dass es ein Mittel geben
-m&uuml;sse, das wirkliche von dem vermeintlichen, entweder sich selbst
-betrogener- oder betr&uuml;gerischerweise daf&uuml;r ausgebenden
-<span class="pagenum">[<a id="pb45" href="#pb45" name=
-"pb45">45</a>]</span>oder von Anderen f&auml;lschlicherweise daf&uuml;r
-gehaltenen &bdquo;Sonntagskind&rdquo; d. h. das echte, geborene Genie
-(den k&uuml;nstlerischen Edelstein) von dem unechten, nachgemachten
-oder sich selbst dazu machenden Aftergenie (dem pierre-de-Strass der
-Kunst) zu unterscheiden.</p>
-<p class="par">80. Letzteres kann in nichts anderem bestehen, als in
-dem Nachweis, dass das einem gewissen Subject sch&ouml;n Scheinende
-wirklich sch&ouml;n d. h. dass das f&uuml;r ein &auml;sthetisches Genie
-sich ausgebende oder daf&uuml;r gehaltene Subject wirklich ein solches
-sei. Dieser Nachweis kann aber nicht dadurch gef&uuml;hrt werden, dass
-der Ursprung des fraglichen Scheins aus diesem fraglichen Subject
-erwiesen wird, denn eben, ob dieses Subject als solches Genie sei, ist
-die Frage. Die Sch&ouml;nheit des dem genannten Subject vorschwebenden
-Scheins muss daher unabh&auml;ngig von dessen Ursprung aus jenem
-Subject d. h. dieselbe kann nicht (historisch) durch den Hinweis auf
-den Ursprung, sondern sie muss (philosophisch) durch den Hinweis auf
-die Beschaffenheit des Scheins dargethan werden.</p>
-<p class="par">81. Nicht die Person des Gesetzgebers rechtfertigt das
-Gesetz; die G&uuml;te des Gesetzes bew&auml;hrt vielmehr den
-Gesetzgeber. Ist diejenige Beschaffenheit, welche den Schein zum
-Sch&ouml;nen macht, an sich erkannt, so ist damit auch der Massstab zur
-Beurtheilung des Anspruchs des Subjects, dem er scheint, gegeben,
-f&uuml;r ein aesthetisches zu gelten: nicht umgekehrt. Wie diejenige
-Aesthetik, die den durch die sinnliche H&uuml;lle hindurchscheinenden
-Gehalt zum Massstab der Sch&ouml;nheit nimmt, didaktischen, so nimmt
-diejenige Form derselben, welche die Offenbarungen des wahren oder blos
-vermeintlichen Genius zur Norm f&uuml;r die Nachahmung erhebt,
-positiven (historischen) Charakter an. Jene bewundert das Sch&ouml;ne,
-weil es wahr oder gut, diese, weil es Product dieses oder jenes (mit
-Recht oder Unrecht) bewunderten Geistes ist. Der wahre Grund der
-Bewunderung des Sch&ouml;nen kann aber weder in dem Umstand, dass es
-Erscheinung eines Gehalts, noch in dem, dass es Sch&ouml;pfung eines
-gewissen (Einzel-, Volks-, Zeit-) Geistes ist, sondern muss in dem
-Besitz derjenigen Eigenschaften gesucht werden, die es zum Sch&ouml;nen
-machen.</p>
-<p class="par">82. Weder die theologisirende, noch die
-metaphysicirende, am wenigsten die moralisirende Aesthetik, welche
-einen der Kunst <span class="ex">fremden</span>, und ebensowenig der
-&auml;sthetische Positivismus oder Historismus, welcher eine einzelne
-positive oder <span class="ex">geschichtlich gegebene</span>
-Erscheinung der Kunst (z. B. die Antike oder die mittelalterliche
-Kunst) zum allgemein giltigen Massstab des Sch&ouml;nen erheben will,
-stellt die wahre Form dieser Wissenschaft dar. Diese <span class=
-"pagenum">[<a id="pb46" href="#pb46" name="pb46">46</a>]</span>kann nur
-von der Betrachtung derjenigen Eigenschaften, welche das Sch&ouml;ne
-als Schein &mdash; abgesehen ebenso von dessen m&ouml;glicher oder
-wirklicher Bedeutung f&uuml;r einen ausserhalb desselben gelegenen
-Gehalt, wie von dessen Ursprung aus einem sch&ouml;pferischen Subject
-&mdash; an sich (objectiv) besitzt, ihren streng wissenschaftlichen
-Ausgang nehmen.</p>
-<p class="par">83. Aesthetik als Wissenschaft ist daher weder
-materiale, den Schein auf ein Sein beziehende, noch historische, den
-Schein seinem Ursprung nach erkl&auml;rende, sondern wesentlich
-formale, den Schein als Schein behandelnde Wissenschaft. Da sich nun,
-wenn, wie gefordert, sowol von der Bedeutung, wie von dem Ursprung des
-Scheins abgesehen wird, an diesem nichts weiteres unterscheiden
-l&auml;sst, als wie derselbe und <span class="ex">was</span> an
-demselben scheint, so kann die dem Schein als Schein zugewandte
-Betrachtung wesentlich keine anderen als diese zwei Gesichtspunkte
-umfassen.</p>
-<p class="par">84. Ersterer, welcher das <span class="ex">Wie</span> d.
-i. die Lebendigkeit, Kraft, Energie, Reichthum, F&uuml;lle und
-Mannigfaltigkeit des Scheins oder deren Gegentheile ins Auge fasst,
-kann der Gesichtspunkt der Quantit&auml;t, letzterer, welcher die
-Einheitlichkeit oder Gegens&auml;tzlichkeit, innere Uebereinstimmung
-oder Widerstreit des Scheins zum Objecte hat, der qualitative heissen.
-Jener umfasst das Verh&auml;ltniss, in welchem das Quantum des
-vorschwebenden Scheins zu der aufnahmsf&auml;higen Capacit&auml;t des
-&auml;sthetischen Subjects steht, letzterer begreift die
-Verh&auml;ltnisse, in welchen entweder der vorschwebende Schein seinem
-Was nach zu einem ausserhalb desselben gelegenen Sein steht, oder, da
-nach dem Obigen von einem solchen hier abgesehen werden muss,
-diejenigen, in welchen die Theile des Scheins ihrem Was nach zu- und
-untereinander stehen. Nach dem ersteren wird der starke vom schwachen,
-der reiche vom d&uuml;rftigen, der geordnete vom ordnungslosen Schein,
-nach diesem werden im Inhalt des Scheins gleiche und ungleiche,
-vertr&auml;gliche und unvertr&auml;gliche, harmonische und
-disharmonische Theile unterschieden.</p>
-<p class="par">85. In Bezug auf das Wie steht der starke d. i. mit
-einem hohen Grad von Lebhaftigkeit dem &auml;sthetischen Subject
-vorschwebende Schein dem schwachen d. i. nur mit einem geringen Grad
-von Lebhaftigkeit im Bewusstsein vorhandenen; der reiche, einen
-gr&ouml;ssern Raum im Bewusstsein mit mannigfaltigem Inhalt
-ausf&uuml;llende Schein dem d&uuml;rftigen, mit einf&ouml;rmigem Inhalt
-erf&uuml;llten; der in sich zusammenh&auml;ngende und geordnete dem
-zusammenhangslosem und in sich ordnungslosem Schein gegen&uuml;ber: so
-dass je der <span class="pagenum">[<a id="pb47" href="#pb47" name=
-"pb47">47</a>]</span>erstere, wenn von dem <span class="ex">Was</span>
-des Vorschwebenden abgesehen und nur das <span class="ex">Wie</span>
-des Vorschwebens im Auge behalten wird, vor dem letzteren &mdash; was
-den die Vorstellung des Scheins im Gem&uuml;th begleitenden Zusatz des
-Wohlgefallens oder Missfallens betrifft &mdash; den Vorzug hat. Wird
-lebhafterer Vorstellungsinhalt mit minder lebhaftem nur in Bezug auf
-den Grad der Lebhaftigkeit beider verglichen, so gef&auml;llt der
-erstere neben dem letzteren, missf&auml;llt der letztere neben dem
-ersteren <span class="ex">unbedingt</span>, welches auch immer der
-Inhalt des Vorschwebenden selbst oder die sonstige, individuelle
-Gem&uuml;ths- und Geistesbeschaffenheit des Subjectes sei, dem er
-vorschwebt. Aus diesem Grunde gef&auml;llt die sinnliche Vorstellung
-mehr als die unsinnliche, das Bild mehr als der Begriff, die
-anschauliche Vorstellung mehr als die abgezogene, die concrete mehr als
-die abstracte; aber auch dasjenige, was &bdquo;in k&uuml;rzester Zeit
-die gr&ouml;sste Menge von Vorstellungen anregt&rdquo; (worin
-Hemsterhuis und Goethe das Wesen des Sch&ouml;nen fanden) mehr als
-dasjenige, das in verh&auml;ltnissm&auml;ssig langem Zeitraum
-verh&auml;ltnissm&auml;ssig wenig Vorstellungen erzeugt, dasjenige,
-welches das Vorstellen in gesetzlicher und geregelter Weise
-besch&auml;ftigt, mehr als dasjenige, durch welche dasselbe in
-sprunghafte und verworrene Th&auml;tigkeit ger&auml;th.</p>
-<p class="par">86. Der Grund des Gefallens in dem einen, des
-Missfallens in dem anderen Falle liegt in der naturgesetzlichen
-Beschaffenheit des Bewusstseins. Wird das Vorstellen in eine seiner
-Natur angemessene Beth&auml;tigung versetzt, so entsteht ein Lust-,
-findet das Gegentheil statt, ein Unlustgef&uuml;hl. Da nun die lebhafte
-d. i. mit einem h&ouml;heren Grade von Intensit&auml;t vorgestellte
-Vorstellung das Vorstellen in einem h&ouml;heren Grade besch&auml;ftigt
-als dies bei der minder lebhaften d. i. mit einem geringeren Grade von
-Intensit&auml;t vorgestellten Vorstellung der Fall ist, so dass die
-Differenz der Intensit&auml;tsgrade beider auf der Bewusstseinsscala
-sich wie die Differenz der W&auml;rme-Intensit&auml;ten auf der
-Thermometerscala ablesen l&auml;sst, so folgt, dass das Vorstellen der
-lebhafteren von einem h&ouml;heren, jenes der minderen Intensit&auml;t
-von einem geringeren Lustgef&uuml;hl begleitet sein muss, welches
-letztere, nur mit dem ersteren verglichen, als relatives
-Unlustgef&uuml;hl sich herausstellt. Dasselbe muss bei dem reicheren
-und mannigfaltigeren verglichen mit dem d&uuml;rftigeren und
-einf&ouml;rmigeren Vorgestellten der Fall sein, indem das erstere das
-Vorstellen nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ mehr
-besch&auml;ftigt als das letztere; und eben dies bei dem in sich
-zusammenh&auml;ngenden und gesetzm&auml;ssigen Vorgestellten im
-Gegensatze zu dem in sich <span class="pagenum">[<a id="pb48" href=
-"#pb48" name="pb48">48</a>]</span>zerrissenen und l&uuml;ckenhaft
-Vorgestellten, indem das erstere das Vorstellen in einem
-naturgem&auml;ssen und sich aus sich selbst entwickelnden Gange
-erh&auml;lt, das letztere dasselbe durch seine Zusammenhanglosigkeit
-n&ouml;thigt, seinen Gang zu unterbrechen, sowie durch seine
-Sprunghaftigkeit, seine bisherige Richtung pl&ouml;tzlich und gewaltsam
-abzubrechen und eine neue durch nichts vorbereitete und vermittelte
-Richtung einzuschlagen. Von der Unlust, die das Bewusstsein durch den
-Mangel oder die Monotonie des Vorstellungsinhalts erleidet, gibt das
-Gef&uuml;hl der Langenweile &mdash; von der Unlust, welche die
-gezwungene Unterbrechung oder das gewaltsame Abbrechen der bisherigen
-Vorstellungsreihe mit sich f&uuml;hrt, gibt der Widerwille Zeugniss,
-den das Anh&ouml;ren eines zusammengew&uuml;rfelten Vortrags oder das
-Auffassen einer regellosen K&ouml;rpergestalt dem Vorstellenden
-einfl&ouml;sst.</p>
-<p class="par">87. Aus der Natur des Bewusstseins folgt es auch, dass
-weder der Intensit&auml;tsgrad, noch die F&uuml;lle des dem Vorstellen
-Dargebotenen eine gewisse &auml;usserste Grenze der
-Leistungsf&auml;higkeit desselben &uuml;berschreiten darf. Das
-&bdquo;nicht zu gross&rdquo; und &bdquo;nicht zu klein&rdquo;, worin
-Aristoteles in seinem bekannten Beispiel von dem hundert Stadien langen
-Thiere das Wesen des Sch&ouml;nen findet, hat seine Geltung nicht sowol
-in Bezug auf die Grenzen des vorzustellenden Objects, als vielmehr auf
-jene des vorstellenden Bewusstseins. Was diese &uuml;berschreitet, kann
-nicht mehr vorgestellt werden, so dass an die Stelle der wachsenden
-Lust, welche die steigende Beth&auml;tigung des Vorstellens nach sich
-zieht, die wachsende Qual des Bewusstseins tritt, welche das mit jedem
-neuen Ansatz sich steigernde Gef&uuml;hl des Unverm&ouml;gens
-vorzustellen, hervorruft. Auf der letzteren beruht das
-niederdr&uuml;ckende Gef&uuml;hl, welches den Eindruck des Erhabenen d.
-i. eines solchen begleitet, dessen Vorstellung eine Entwicklung von
-vorstellender Kraft erheischt, welche weit &uuml;ber die Schranken
-jedes endlichen, also auch unseres eigenen Vorstellens,
-hinausreicht.</p>
-<p class="par">88. Wie das Vorstellen des Erhabenen, weil es den
-Vorstellenden an die Grenze seines Verm&ouml;gens vorzustellen mahnt,
-von einem Unlust-, so ist die Vorstellung des Grossen, weil sie
-denselben seiner weitreichenden F&auml;higkeit vorzustellen innewerden
-l&auml;sst, von einem Lustgef&uuml;hl begleitet. Denn da eine
-Gr&ouml;sse als Summe von Einheiten nicht anders vorgestellt werden
-kann, als indem diese Summe d. h. indem diese Einheiten nach einander
-vorgestellt werden, so ist bei jeder Vorstellung einer solchen die
-Beth&auml;tigung des Vorstellens, folglich die aus derselben folgende
-Lust um so gr&ouml;sser, je gr&ouml;sser jene Summe d. h. je
-zahlreicher die nach einander vorgestellten <span class=
-"pagenum">[<a id="pb49" href="#pb49" name=
-"pb49">49</a>]</span>Einheiten sind. Aus diesem Grunde gef&auml;llt das
-Gr&ouml;ssere neben dem Kleineren, weil es dem Vorstellen mehr,
-missf&auml;llt das Kleinere neben dem Gr&ouml;sseren, weil es dem
-Vorstellen weniger Besch&auml;ftigung, jenes dem Vorstellenden mehr,
-dieses ihm minder Lust gew&auml;hrt. Weil aber die F&auml;higkeit des
-Vorstellens in quantitativer Beziehung ihre Grenze, so hat auch das
-Grosse nach der einen, das Kleine nach der entgegengesetzten Richtung
-eine solche, jenseits welcher es vorstellbar zu sein, und folglich das
-eine zu gefallen, das andere zu missfallen aufh&ouml;rt. Das in
-sch&ouml;nen Verh&auml;ltnissen gebaute Thier des Aristoteles
-h&ouml;rt, obgleich alle seine Proportionen dieselben bleiben, sobald
-es zu einer L&auml;nge von hundert Stadien ausgedehnt und zur H&ouml;he
-eines Gebirges erwachsen vorgestellt werden soll, auf, &uuml;bersehbar
-und folglich auch, sch&ouml;n zu sein.</p>
-<p class="par">89. Vom quantitativen Gesichtspunkt aus gilt daher
-f&uuml;r eine &auml;sthetische d. i. eine unbedingt wohlgef&auml;llige
-Welt der Satz, dass (innerhalb der dem Bewusstsein gesteckten Grenzen
-des Vorstellens) das Grosse ohne Unterschied des Stoffs, in welchem,
-wie des Objects, an welchem dasselbe sich findet, unbedingt d. h.
-Jedermann und jederzeit gefalle, das Kleine (unter der gleichen
-Einschr&auml;nkung) ebenso missfalle. Beides, das Lustgef&uuml;hl,
-welches die Betrachtung des Grossen, wie das Unlustgef&uuml;hl, welches
-die des Kleinen erweckt, sind reine Gef&uuml;hle; das Gef&uuml;hl,
-welches den Eindruck des Erhabenen begleitet, ist ein gemischtes
-Gef&uuml;hl, indem es einerseits in Folge der oben geschilderten
-Unvorstellbarkeit des erhabenen Objects ein Unlust-, andererseits eben
-der jener Unvorstellbarkeit wegen vermutheten unendlichen d. i. jedes
-Mass &uuml;berschreitenden Gr&ouml;sse des erhabenen Gegenstandes
-halber ein Lustgef&uuml;hl enth&auml;lt. Aus diesem Grunde bewundern
-wir das Erhabene, aus jenem Grunde verzweifeln wir an uns selbst; das
-Erhabene gef&auml;llt, indem wir selbst uns missfallen; jenes erscheint
-&uuml;ber jedes uns erreichbare Mass hinaus gross, w&auml;hrend wir
-selbst ihm gegen&uuml;ber uns &uuml;ber jedes denkbare Mass hinaus
-klein erscheinen.</p>
-<p class="par">90. Was den qualitativen Gesichtspunkt betrifft, so gilt
-der Satz, dass das Was des Scheins, da dasselbe ein &auml;sthetisches
-sein soll, von einem beif&auml;lligen oder missf&auml;lligen Zusatz im
-Vorstellenden, da dasselbe ein sch&ouml;nes sein soll, von dem gleichen
-Zusatz in jedem Vorstellenden begleitet sein muss. Ohne das erste
-w&auml;re das Vorgestellte dem Vorstellenden gleichgiltig; ohne das
-letztere w&auml;re der Zusatz von einem Vorstellenden zum andern, ja in
-demselben Vorstellenden von Zeitpunkt zu Zeitpunkt ver&auml;nderlich.
-Gleichgiltiger <span class="pagenum">[<a id="pb50" href="#pb50" name=
-"pb50">50</a>]</span>Vorstellungsinhalt aber ist nicht &auml;sthetisch;
-ver&auml;nderliches d. i. vom Vorstellenden zum Vorstellenden oder im
-Vorstellenden selbst wechselndes Wohlgefallen oder Missfallen aber ist
-nicht unbedingtes d. h. allgemeines und nothwendiges Wohlgefallen oder
-Missfallen. Bei v&ouml;llig gleichgiltigem Vorstellen w&auml;re
-&uuml;berhaupt keine Aesthetik, bei dem Mangel eines allgemeinen und
-nothwendigen Gefallens oder Missfallens d. h. bei der Abwesenheit einer
-allgemeinen und nothwendigen Norm f&uuml;r Gefallen und Missfallen aber
-doch keine Aesthetik <span class="ex">als Wissenschaft</span>
-m&ouml;glich.</p>
-<p class="par">91. Das Was des &auml;sthetisch Vorgestellten darf
-daher, da dessen begleitender Zusatz im Vorstellenden &uuml;berall (d.
-h. in jedem Vorstellenden) und jederzeit (d. h. bei jeder Wiederholung
-seines Vorgestelltwerdens) derselbe sein soll, nicht als Ziel und
-Inhalt eines Begehrens (Begierde, Wunsch, Wollen) vorgestellt werden.
-Denn da alles, was &uuml;berhaupt begehrt wird, sobald dieses Begehren
-Befriedigung erlangt, ein Lustgef&uuml;hl nach sich zieht, so
-w&uuml;rde, wenn der Zusatz des Gefallens eines gewissen
-Vorstellungsinhalts blos von dem Umst&auml;nde abhinge, dass dessen
-Vorgestelltes begehrt wird, &uuml;berhaupt jeder beliebige
-Vorstellungsinhalt ohne Unterschied gefallen, <span class=
-"ex">weil</span> und <span class="ex">so lange</span>, sowie
-<span class="ex">demjenigen</span>, von dem er begehrt wird. Und da
-sich in keiner Weise vorhersagen l&auml;sst, was unter gewissen
-Umst&auml;nden Object eines gewissen Begehrens werden k&ouml;nne, da
-&uuml;berhaupt jede gegen Hemmnisse im Bewusstsein aufstrebende
-Vorstellung Sitz eines (bisweilen sehr heftigen) Begehrens werden kann,
-so w&auml;re es ebenso unm&ouml;glich, vorherzusagen, ob und welcher
-Vorstellungsinhalt, sowie wem er unter Umst&auml;nden gefallen werde,
-woraus der Spruch, dass sich &uuml;ber den Geschmack nicht streiten
-lasse, entstanden ist.</p>
-<p class="par">92. Nicht alles Gefallende wird begehrt, aber alles,
-wodurch ein Begehren befriedigt wird, gef&auml;llt. Das h&ouml;chste
-und reinste Gefallen ist dasjenige, welches durch keinerlei Beisatz
-eines (sinnlichen oder idealen) Begehrens getr&uuml;bt, verunreinigt
-oder auch nur von einem solchen begleitet wird; &bdquo;die Sterne, die
-begehrt man nicht&rdquo;. Das Gefallen, das nur unter Voraussetzung
-eines Begehrtwerdens entspringt, bleibt dagegen aus, wenn das letztere
-mangelt. Ein allgemeiner und nothwendiger Zusatz von Gefallen oder
-Missfallen kann aus dem zuf&auml;lligen und individuellen (bestenfalls
-particul&auml;ren) Umstand des Begehrt- oder Verabscheutwerdens nicht
-abgeleitet werden. Das nur bedingt d. h. unter Voraussetzung einer
-Begierde Wohlgef&auml;llige d. h. das nur <span class="ex">subjectiv
-Angenehme</span>, oder, da alles, was <span class="pagenum">[<a id=
-"pb51" href="#pb51" name="pb51">51</a>]</span>als Gegenstand einer
-Begierde oder als Mittel zu deren Befriedigung gilt, dem Begehrenden
-n&uuml;tzlich, dessen Gegentheil sch&auml;dlich scheint, das
-<span class="ex">N&uuml;tzliche</span> ist kein Gegenstand der
-Aesthetik.</p>
-<p class="par">93. Aber auch das nicht subjectiv sondern objectiv d. h.
-ohne Voraussetzung eines Begehrtwerdens Angenehme ist als solches noch
-nicht ein Gegenstand der Aesthetik. Denn zu dieser, damit sie
-Wissenschaft sei, ist erforderlich, dass sich das Aesthetische d. h.
-das von einem beif&auml;lligen oder missf&auml;lligen Zusatz unbedingt
-(bei Allen und in allen F&auml;llen) Begleitete nicht blos f&uuml;hlen
-(d. h. dunkel), sondern wissen (d. h. klar und deutlich vorstellen und
-in Worten aussprechen) lasse. Das Angenehme aber hat die Eigenschaft,
-dass dessen Inhalt mit dem begleitenden Zusatz (dem Lustgef&uuml;hl)
-ununterscheidbar zusammenrinnt, wie das Gleiche auch bei dessen
-Gegentheil, dem Unangenehmen mit der dieses begleitenden Unlust (dem
-Schmerzgef&uuml;hl) der Fall ist. Das Angenehme der einzelnen Ton- oder
-Lichtempfindung l&auml;sst sich nicht definiren, der Sitz und der Grund
-des Schmerzgef&uuml;hls (Kopf-, Zahnschmerz) sich aus diesem nicht
-herauslesen. Der Inhalt des objectiv d. h. aus dem Vorgestellten
-selbst, nicht aus der subjectiven Gem&uuml;thslage des Vorstellenden
-entspringenden Lust- oder Schmerzgef&uuml;hls ist zwar unbedingt, aber
-nicht wissbar, also kein Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntniss.</p>
-<p class="par">94. W&auml;hrend sonach das einzelne Angenehme oder
-Unangenehme zwar Gegenstand eines Lust- oder Unlustgef&uuml;hls, von
-diesem selbst gesondert aber nicht vorstellbar ist, sind die zwei oder
-mehreren Vorstellungen, aus deren gegenseitiger Beziehung oder
-Verhalten (ratio) ein auf dieses bez&uuml;gliches und die
-Beschaffenheit desselben zum Ausdruck bringendes Lust- oder
-Unlustgef&uuml;hl entspringt, sehr wol jede f&uuml;r sich und von jenem
-Gef&uuml;hl abgesondert angebbar. In jenem Fall ist das Gef&uuml;hl ein
-solches, das aus der Beziehung eines gewissen Vorstellungsinhalts (z.
-B. einer Ton- oder Farbenempfindung) zum vorstellenden Subject, in
-diesem Fall ein solches, das aus der Beziehung zweier oder mehrerer
-Vorstellungen (z. B. Ton- oder Farbenempfindungen) zu und auf einander
-im Vorstellenden entspringt. Dass jener einzelne Ton oder die einzelne
-Farbe gefalle oder missfalle, h&auml;ngt daher wesentlich von der
-augenblicklichen oder habituellen Beschaffenheit des vorstellenden
-Subjects, dass das Verh&auml;ltniss der zwei oder mehreren T&ouml;ne
-oder Farben gefalle oder missfalle, dagegen ausschliesslich von der an
-sich unver&auml;nderlichen und immer sich gleich bleibenden
-Inhaltsbeschaffenheit dieser letzteren selbst ab. Da die Beschaffenheit
-des Subjects <span class="pagenum">[<a id="pb52" href="#pb52" name=
-"pb52">52</a>]</span>nun von Individuum zu Individuum eine andere ist,
-so kann folgerichtig das mit von derselben abh&auml;ngige Gef&uuml;hl
-von Einem zum Andern ein anderes d. h. derselbe Ton, dieselbe Farbe
-kann dem Einen angenehm, dem Anderen unangenehm sein. Den Beleg
-daf&uuml;r bieten die sogenannten Idiosynkrasien (z. B. Mozart&rsquo;s
-Abneigung gegen den Trompetenton, C&auml;sar&rsquo;s und
-Wallenstein&rsquo;s Widerwillen gegen den Hahnschrei, die Vorliebe
-gewisser Individuen oder ganzer V&ouml;lker f&uuml;r gewisse
-Klangfarben, Tonlagen, Farbent&ouml;ne und Beleuchtungseffecte).
-Wirkungen dieser und &auml;hnlicher Art, die oft zu den st&auml;rksten
-geh&ouml;ren (Klang- und Lichteffecte) sind daher wesentlich
-<span class="ex">pathologischer</span>, durch die physische und
-psychische Beschaffenheit des vorstellenden Subjects bedingter,
-keineswegs &auml;sthetischer, von der Beschaffenheit des Vorgestellten
-(dem Inhalt der Vorstellungen als Object des Vorstellens)
-abh&auml;ngiger Natur. Die durch dieselben hervorgerufenen Gef&uuml;hle
-k&ouml;nnen, insofern die sie verursachenden Vorstellungen nicht in
-Beziehung stehend zu anderen d. i. nicht als Glieder eines
-Verh&auml;ltnisses gedacht werden, wol aber an sich in ein
-Verh&auml;ltniss zu anderen treten d. h. als Stoff (Material) zu einem
-solchen dienen k&ouml;nnen, <span class="ex">materiale</span> oder
-<span class="ex">Stoffgef&uuml;hle</span>; diejenigen Gef&uuml;hle,
-welche sich auf das Verh&auml;ltniss zweier oder mehrerer Vorstellungen
-d. i. auf die Verbindung derselben zu und unter einander, also auf
-deren <span class="ex">Form</span> beziehen, m&uuml;ssen dann
-<span class="ex">formelle</span> oder <span class=
-"ex">Formgef&uuml;hle</span> heissen.</p>
-<p class="par">95. Nur die letzteren bilden die Grundlage der Aesthetik
-als Wissenschaft. Da die Verh&auml;ltnisse zweier oder mehrerer
-Vorstellungen zu einander, insofern sie nur von deren Inhalt
-abh&auml;ngen, so lange dieser Inhalt derselbe bleibt, immer dieselben
-sein m&uuml;ssen; da ferner die oben bezeichneten Formgef&uuml;hle
-nichts anderes als die sich mit ihren Ursachen deckenden Effecte jener
-Verh&auml;ltnisse im Bewusstsein sind, so folgt, dass dieselben
-Verh&auml;ltnisse auch allezeit und in Jedermann dieselben Gef&uuml;hle
-zur Folge haben werden d. h. dass die zwischen gewissen Vorstellungen
-ein f&uuml;r allemal ihrem Inhalt nach bestehenden Beziehungen allezeit
-und bei Jedermann von demselben Zusatz des Wohlgefallens oder
-Missfallens begleitet d. h. objective d. i. unbedingt
-wohlgef&auml;llige oder missf&auml;llige Formen sein werden. Von dieser
-Art ist z. B. das nur von dem Inhalt der beiden T&ouml;ne, des
-Grundtons und der Quinte, abh&auml;ngige und als solches unbedingt
-wohlgef&auml;llige Quintenintervall; ein solches die nur von der
-Beschaffenheit der beiden Farben, Roth und Gr&uuml;n, abh&auml;ngige
-harmonische Farbenterz; ein solches endlich der nur von <span class=
-"pagenum">[<a id="pb53" href="#pb53" name="pb53">53</a>]</span>dem
-Verh&auml;ltniss der beiden verglichenen Gedanken, des unbildlichen und
-des bildlichen, abh&auml;ngige Gedankenaccord der Metapher.</p>
-<p class="par">96. Verbindungen derartiger beharrender
-Verh&auml;ltnisse zwischen Vorstellungen mit den aus denselben
-entspringenden und daher ihrer Entstehung nach an deren Vorhandensein
-im Bewusstsein gebundenen (fixen) Formgef&uuml;hlen werden, da sich die
-ersteren (die Verh&auml;ltnisse) abgesondert von den letzteren (den
-Formgef&uuml;hlen) f&uuml;r sich vorstellen lassen, also das
-Gef&uuml;hlte mit dem Gef&uuml;hl nicht in Eins zusammenfliesst, nicht
-mehr blos &auml;sthetische Gef&uuml;hle, sondern &auml;sthetische
-Urtheile genannt. Das Subject derselben wird durch das zwischen den
-Vorstellungen herrschende Verh&auml;ltniss (z. B. die Harmonie), das
-Pr&auml;dicat derselben durch das darauf bez&uuml;gliche Gef&uuml;hl
-(z. B. die Wohlgef&auml;lligkeit) gebildet. Das Urtheil lautet in
-diesem Fall: die Harmonie zwischen a und b (d. i. den beiden im
-Verh&auml;ltniss der Harmonie stehenden T&ouml;nen) gef&auml;llt. Die
-logische Natur dieser Urtheile besteht darin, dass der Umfang des
-Subjects und der Umfang des Pr&auml;dicats unter einander congruent d.
-h. dass, so oft das Verh&auml;ltniss der Harmonie, eben so oft auch das
-Wohlgefallen vorhanden ist. Dieselben sind daher, da ihre Subjects- und
-ihre Pr&auml;dicatsvorstellung verschiedenen Inhalt, aber denselben
-Umfang haben, nach der logischen Idee der Aequipollenz identische, also
-unfehlbare Urtheile, und ihre Geltung d. h. die Behauptung, dass ein
-gewisses Verh&auml;ltniss (z. B. die Harmonie) gefalle, unbedingt d. i.
-eben so allgemein als nothwendig.</p>
-<p class="par">97. Das Was des &auml;sthetischen Scheins, wenn derselbe
-sch&ouml;n d. h. unbedingt wohlgef&auml;llig sein soll, kann daher
-niemals weder der Inhalt einer blossen Begierde, noch eine vereinzelte
-Vorstellung, sondern muss immer ein Verh&auml;ltniss zwischen mehreren
-d. h. dasselbe muss stets ein zusammengesetztes aus einer
-Mannigfaltigkeit von Theilen, welche selbst wieder Vorstellungen sind,
-bestehendes Ganze sein. Da nun zwischen Vorstellungen, welche nicht
-verwandten, d. i. disparaten Inhalts sind, zwar ein Verh&auml;ltniss,
-eben das der Disparatheit, stattfindet, dieses aber, da die beiden
-Vorstellungen keine innere Beziehung auf einander haben, im Bewusstsein
-keinerlei auf sich bez&uuml;gliches Gef&uuml;hl erzeugt (weder Lust
-noch Schmerz erweckt), also &auml;sthetisch indifferent d. h. dem
-Vorstellenden gleichgiltig ist, so kann das Was des sch&ouml;nen
-Scheins nur ein Verh&auml;ltniss zwischen verwandten d. h. entweder
-ganz oder theilweise identischen, oder entgegengesetzten Vorstellungen
-d. h. es muss selbst entweder <span class="pagenum">[<a id="pb54" href=
-"#pb54" name="pb54">54</a>]</span>die (ganze oder theilweise)
-Identit&auml;t oder der Gegensatz der Vorstellungen sein.</p>
-<p class="par">98. In qualitativer Hinsicht ergeben sich daher f&uuml;r
-das Was des sch&ouml;nen Scheins folgende M&ouml;glichkeiten: entweder
-das Verh&auml;ltniss zwischen den Theilen des Scheins, die selbst
-wieder Vorstellungen sind, ist das der v&ouml;lligen Identit&auml;t, so
-dass beide dem Inhalte nach nicht, und da an dieser Stelle von der
-Intensit&auml;t des Vorgestelltwerdens abgesehen wird, auch nicht durch
-dessen gr&ouml;ssere oder geringere Lebhaftigkeit sich von einander
-unterscheiden, folglich eins und dasselbe und daher nach dem principium
-identitatis indiscernibilium eine und dieselbe Vorstellung sind. In
-diesem Falle findet zwar im strengsten Sinn Identit&auml;t, aber kein
-Verh&auml;ltniss zwischen den beiden statt, da zu jedem solchen zwei
-Glieder geh&ouml;ren, jene beiden Vorstellungen aber nur ein einziges
-ausmachen. Das Verh&auml;ltniss der Identit&auml;t kann daher, wenn
-&auml;sthetisch, nur eines der theilweisen Identit&auml;t sein.</p>
-<p class="par">99. Letztere, da sie darin besteht, dass beide Theile
-einen Theil ihres Inhalts mit einander gemein haben, w&auml;hrend der
-Ueberrest, da beide Theile inhaltsverwandt sind, gegenseitig nicht im
-Verh&auml;ltniss der blossen Disparatheit stehen kann, sondern in jenem
-des Gegensatzes d. h. der gegenseitigen Ausschliessung bestehen muss,
-kann nun entweder so beschaffen sein, dass das Gemeinsame das
-Gegens&auml;tzliche oder dieses jenes &uuml;berwiegt, oder dass beides
-sich gegenseitig gleichschwebend erh&auml;lt. Letzterer Fall bringt, da
-das Identische sowie das Gegens&auml;tzliche in beiden das
-n&auml;mliche, also abermals kein Verh&auml;ltniss zwischen mehreren,
-sondern nur eins und das n&auml;mliche (nicht zweimal, sondern ein
-einzigesmal) vorhanden ist, eben so wenig wie die strenge
-Identit&auml;t ein wirkliches Verh&auml;ltniss, sondern nur den Schein
-eines solchen hervor und muss daher ebenso wie jene aus der Betrachtung
-gelassen werden.</p>
-<p class="par">100. Die &uuml;berwiegende Identit&auml;t kann nun
-entweder eine einseitige oder eine gegenseitige sein. Im ersten Falle
-findet der Inhalt des einen Gliedes sich ganz im Inhalt des zweiten,
-aber nicht umgekehrt dieser in jenem wieder. Im zweiten Fall
-enth&auml;lt der Inhalt jedes der beiden Glieder etwas, das ihm mit dem
-Inhalt des andern gemeinsam, w&auml;hrend der Rest des einen dem Reste
-des andern entgegengesetzt ist. Beide Glieder des Verh&auml;ltnisses
-verhalten sich so, dass im ersten Fall eines das andere, aber nicht
-umgekehrt, im zweiten Fall dagegen jedes das andere abbildet. Und zwar
-verh&auml;lt sich im ersten Fall dasjenige Glied, welches im andern
-<span class="pagenum">[<a id="pb55" href="#pb55" name=
-"pb55">55</a>]</span>ganz, in welchem aber das andere nur zum Theile
-enthalten ist, zu diesem anderen wie das Nachbild zum Vorbild, die
-Copie zum Original, wie denn auch das getreueste Portr&auml;t selbst
-dann, wenn es alle Z&uuml;ge der Individualit&auml;t auf das genaueste
-auspr&auml;gt, hinter dieser noch um das Merkmal der wirklichen
-Belebtheit zur&uuml;cksteht. Im zweiten Fall dagegen stellen beide
-Glieder dem Inhalt nach Unterarten eines dritten, des beide
-verkn&uuml;pfenden Gemeinsamen (tertium comparationis) dar, zu welchem
-jedes derselben im Verh&auml;ltnisse des Vorbildes zum Nachbilde
-steht.</p>
-<p class="par">101. Ausdruck der &uuml;berwiegenden, sei es
-einseitigen, sei es gegenseitigen Identit&auml;t im Bewusstsein ist ein
-Lust-, wie jener des &uuml;berwiegenden Gegensatzes ein
-Unlustgef&uuml;hl. Ersteres entsteht, indem die gleichzeitig im
-Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen des in ihnen enthaltenen
-Identischen halber mit einander zu verschmelzen, letzteres, indem
-dieselben des in ihnen enthaltenen Gegensatzes halber sich von einander
-gesondert zu halten streben. Jenes wie dieses Streben ist der Ausdruck
-eines psychischen Naturgesetzes, kraft dessen ihrem Inhalt nach
-&auml;hnliche Vorstellungen einander zu verst&auml;rken, ihrem Inhalt
-nach entgegengesetzte einander gegenseitig zu hemmen gezwungen sind.
-Wenn daher in dem Inhalt zweier im Bewusstsein gleichzeitig vorhandenen
-Vorstellungen das Identische das Gegens&auml;tzliche &uuml;berwiegt, so
-gewinnt auch das Streben nach Vereinigung beider durch Verschmelzung
-naturgem&auml;ss die Oberhand &uuml;ber das Streben nach Trennung
-beider durch Hemmung d. h. die Verschmelzung wird erleichtert;
-&uuml;berwiegt dagegen das Gegens&auml;tzliche das Identische, so
-gewinnt das Streben nach Auseinanderhaltung Oberwasser, die
-Verschmelzung wird erschwert oder g&auml;nzlich gehindert. Ausdruck der
-Erleichterung wird das Lust-, jener der Erschwerung das
-Unlustgef&uuml;hl.</p>
-<p class="par">102. Den empirischen Beweis f&uuml;r die vorstehende
-Erkl&auml;rung liefert die Thatsache der Wohlgef&auml;lligkeit
-harmonischer d. i. solcher Ton- und Farbenverh&auml;ltnisse, deren
-Glieder &uuml;berwiegend identisch, sowie der Missf&auml;lligkeit
-solcher, deren Glieder &uuml;berwiegend entgegengesetzt sind. Seitdem
-durch die physiologischen Theorien des Sehens wie des H&ouml;rens (von
-Helmholtz, Young u. A.) erwiesen ist, dass die fr&uuml;her (z. B. von
-Herbart) sogenannten einfachen Sinnesempfindungen als Elemente des
-Bewusstseins keineswegs einfach, sondern selbst aus einer Summe
-gleichzeitig vernommener elementarer Sinneseindr&uuml;cke
-zusammengesetzt sind, handelt es sich bei dem Verh&auml;ltniss zwischen
-solchen, wie es die Ton- und Farbenintervalle <span class=
-"pagenum">[<a id="pb56" href="#pb56" name="pb56">56</a>]</span>sind,
-nicht mehr um eine Beziehung zwischen einfachen (theillosen), sondern
-zwischen zusammengesetzten (aus Theilen bestehenden) Gliedern.
-W&auml;hrend es, wenn die Glieder eines (harmonischen oder
-disharmonischen) Ton- oder Farbenverh&auml;ltnisses einfache sind,
-schlechthin unerkl&auml;rlich bleibt, warum dieselben gefallen oder
-missfallen, wird die Begr&uuml;ndung dieser empirischen Thatsache unter
-der Voraussetzung, dass jene Glieder aus Theilen bestehen, dadurch
-erm&ouml;glicht, dass gewisse (mehr oder minder zahlreiche) dieser
-Theile in beiden Gliedern dieselben seien. Ueberwiegt die Anzahl der
-beiden gemeinsamen Bestandtheile jene der in beiden einander
-entgegengesetzten, so muss ein wohlgef&auml;lliges, findet das
-Gegentheil statt, ein missfallendes Verh&auml;ltniss sich ergeben.</p>
-<p class="par">103. Die Theorie der Obert&ouml;ne in der Musik
-(Helmholtz), jene der gleichzeitigen Erregung der complement&auml;ren
-Farben in der Optik (Young, Hering u. A.) gibt das Beispiel her. Da
-jeder Ton, der geh&ouml;rt, d. i. mittels des Ohres empfunden wird,
-kein abstracter, sondern ein concreter d. i. mittels eines gewissen
-Instruments, als welches auch das menschliche Stimmorgan gelten muss,
-hervorgebrachter ist und als solcher eine charakteristische, von der
-Beschaffenheit der Tonquelle herr&uuml;hrende F&auml;rbung, die
-sogenannte Klangfarbe, besitzen muss, so wird mit jedem empfundenen Ton
-nothwendig zugleich dessen Klangfarbe d. i. die denselben begleitende
-Wirkung der specifischen Natur des ihn erzeugenden Organs vernommen.
-Helmholtz nun hat gezeigt, dass die Wirkung, die wir Klangfarbe nennen,
-nichts anderes sei, als die Summe gewisser, jeden durch irgend eine
-Tonquelle erzeugten abstracten Ton (Grundton) begleitenden
-secund&auml;ren T&ouml;ne (Obert&ouml;ne), deren akustischer Werth und
-numerische Menge je nach der Art der Tonquelle verschieden, z. B. bei
-dem Geigenton eine andere als bei dem Clavierton, bei der Alt- eine
-andere als bei der Sopranstimme u. s. w. ist. Werden daher gleichzeitig
-verschiedene T&ouml;ne, deren jeder seine Klangfarbe besitzt, vernommen
-d. h. werden statt zweier abstracter Tonempfindungen zwei Summen von
-Tonempfindungen vernommen, deren jede aus der Empfindung des Grundtons
-und den Empfindungen seiner Obert&ouml;ne zusammengesetzt ist, so kann
-nur zweierlei stattfinden: entweder beide Summen der Empfindungen haben
-nicht nur gemeinschaftliche, sondern so viele gemeinschaftliche
-Bestandtheile, dass im Gesammteindruck der Eindruck der identischen
-Tonempfindungen jenen der entgegengesetzten Tonempfindungen
-&uuml;berwiegt, oder dieselben haben gar keine oder so wenig
-Tonempfindungen <span class="pagenum">[<a id="pb57" href="#pb57" name=
-"pb57">57</a>]</span>gemein, dass im Gesammteindruck der Eindruck der
-identischen gegen den der nicht-identischen Tonempfindungen (d. i.
-solcher, deren T&ouml;ne nicht zusammenfallen, Schwebungen)
-verschwindet. Im ersten Fall consoniren, im zweiten dissoniren die
-T&ouml;ne.</p>
-<p class="par">104. Consonanz (Harmonie) und Dissonanz (Disharmonie)
-der Tonempfindungen h&auml;ngt demzufolge von deren &uuml;berwiegender
-Identit&auml;t oder dem Gegensatz des Inhalts derselben ab. Da nun bei
-den Farbenempfindungen das Analoge stattfindet, indem eben so wenig wie
-der abstracte Ton, die abstracte Farbe empfunden wird, so l&auml;sst
-sich vermuthen, dass auch zwischen der Begr&uuml;ndung der Farben- und
-jener der Tonharmonie Analogie sich einstellen werde. Jede empfundene
-Farbe ist eine concrete, die unter dem Einfluss einer specifischen
-dieselbe bedingenden Lichtquelle (z. B. des Sonnenlichts, des
-Mondlichts, des Kerzen- oder Lampenlichts) entstanden ist und die Spur
-dieser letzteren in einer charakteristischen Eigenth&uuml;mlichkeit,
-dem sogenannten Farbenton, errathen l&auml;sst. Jede Farbenempfindung
-aber ist zugleich, physiologisch betrachtet, keine vereinzelte, sondern
-das gleichzeitige Resultat der gleichzeitigen Erregungen des Sehorgans
-durch das dieses letztere ber&uuml;hrende Licht, so dass gleichzeitig
-alle in dem letzteren enthaltenen Farben des Spectrums in jenem
-angeregt und in Folge dessen empfunden werden. Ist z. B. das
-auffallende Licht Sonnenlicht, in welchem als Grundfarben Roth, Gelb
-und Blau (oder nach Andern Gr&uuml;n, Roth und Violet) enthalten sind,
-so werden im Auge jedesmal die jenen dreierlei Lichtreizen
-entsprechenden Vorg&auml;nge zugleich erregt und daher auch in Folge
-dessen alle drei Farben zugleich empfunden. Der Unterschied, dass in
-dem einen Fall die Empfindung als Roth, in dem andern als Blau
-bezeichnet wird, obgleich in dem ersteren neben dem Roth nothwendig
-auch Blau und Gelb, also Gr&uuml;n &mdash; in dem letzteren Falle neben
-dem Blau auch Roth und Gelb, also Orange empfunden worden sein musste,
-liegt nur darin, dass in dem einen Fall der rothe Lichtreiz den blauen
-und gelben, in dem andern Fall der blaue Lichtreiz den rothen und
-gelben, und folglich sowol der Erregungszustand des Auges, in welchen
-dasselbe durch rothes und blaues Licht versetzt ward, die anderen
-gleichzeitigen Erregungszust&auml;nde, wie die Empfindung Roth und
-Blau, welche durch jenen Erregungszustand hervorgerufen ward, die
-anderen mit ihr gleichzeitigen Empfindungen an Intensit&auml;t
-&uuml;bertraf, letztere also durch jene in latenten Zustand versetzt,
-d. i. f&uuml;r das Bewusstsein verdunkelt wurden. Dass dieselben ihrer
-<span class="pagenum">[<a id="pb58" href="#pb58" name=
-"pb58">58</a>]</span>Latenz ungeachtet thats&auml;chlich vorhanden
-waren, beweisen die von Goethe und Purkyn&#283; sogenannten subjectiven
-Farbenerscheinungen d. i. das Hervortreten des complement&auml;ren
-Farbenbildes, nachdem durch l&auml;ngeres Anhalten des
-urspr&uuml;nglichen das Auge f&uuml;r den bez&uuml;glichen Farbenreiz
-abgestumpft worden ist. Die st&auml;rkste unter den gleichzeitigen
-Farbenempfindungen, nach welcher a potiori die Benennung derselben
-erfolgt, z. B. in obigen F&auml;llen die Empfindung Roth und die
-Empfindung Blau, k&ouml;nnen nach Analogie der Grundt&ouml;ne als
-Grundfarben, die der gleichzeitigen, aber durch sie in den Hintergrund
-gedr&auml;ngten Lichtreize k&ouml;nnen nach Analogie der Obert&ouml;ne
-als Oberfarben (Nebenfarben) bezeichnet werden. Letztere machen
-zusammen, wie obige Beispiele zeigen, stets die Empfindung der
-complement&auml;ren Farbe aus (Gr&uuml;n, wenn als Grundfarbe Roth,
-Orange, wenn als Grundfarbe Blau empfunden wird) und die Nuance, welche
-die Empfindung des Rothen dadurch empf&auml;ngt, dass mit ihr zugleich
-mehr oder weniger latent nothwendig Gr&uuml;n empfunden werden muss,
-kann, wenn die Beimischung einen erheblichen Grad erreicht, als
-Farbenstich, und zwar des Rothen entweder in&rsquo;s Gr&uuml;ne als
-ganze, oder in&rsquo;s Blaue oder Gelbe als Bestandtheile der
-gr&uuml;nen Mischfarbe charakterisirt werden.</p>
-<p class="par">105. Treten daher unter Voraussetzung derselben
-Lichtquelle zwei Farbenempfindungen gleichzeitig oder nach einander
-in&rsquo;s Bewusstsein, so ist jede derselben nicht einfach, sondern
-zusammengesetzt, und zwar aus der Empfindung der Grundfarbe und jener
-der Oberfarbe; trifft es sich nun, dass diejenige Farbe, die in der
-einen derselben Grundfarbe, in der anderen Oberfarbe ist, so sind beide
-Farbenempfindungen ihrem Inhalt nach &uuml;berwiegend identisch, wie
-dies bei der Farbenverbindung Roth (dessen Nebenfarbe Gr&uuml;n) und
-Gr&uuml;n (dessen Nebenfarbe Roth ist) und ebenso bei der Verbindung
-Blau (dessen Nebenfarbe Orange) und Orange (dessen Nebenfarbe Blau
-ist), dagegen nicht bei der Verbindung Roth (dessen Nebenfarbe
-Gr&uuml;n) und Blau (dessen Nebenfarbe Orange ist) thats&auml;chlich
-der Fall ist. Verbindungen ersterer Art k&ouml;nnen daher harmonische
-(Farbenconsonanzen), Verbindungen nicht complement&auml;rer Farben
-m&uuml;ssen disharmonische (Farbendissonanzen) heissen.</p>
-<p class="par">106. Die Analogien zwischen harmonischen Ton- und
-dergleichen Farbenverbindungen sind unter Anderen von Unger weiter
-ausgef&uuml;hrt worden. Wie unter den ersteren Terz, Quint und Octave
-als Consonanzen, Secunde, verminderte Quart und Septime als
-Dissonanzen, so werden von ihm unter den letzteren die Terz als
-<span class="pagenum">[<a id="pb59" href="#pb59" name=
-"pb59">59</a>]</span>harmonische, die Secunde als disharmonische
-Farbenintervalle unterschieden. Dem musikalischen Accord als
-harmonischer Verbindung dreier T&ouml;ne (Dreiklang) wird der
-Farbenaccord als harmonische Verbindung dreier Farben (Dreischein), der
-Vervielf&auml;ltigung der Tonscala durch Erh&ouml;hung und Vertiefung
-der T&ouml;ne eine ebensolche der Farbenleiter durch Erh&ouml;hung und
-Verminderung der Lichtst&auml;rke, der Unterscheidung von Klangfarben
-und Tongeschlechtern nach Ton- eine ebensolche von Farbent&ouml;nen und
-Farbengeschlechtern nach Lichtquellen etc. zur Seite gesetzt.</p>
-<p class="par">107. Wie die Consonanz auf &uuml;berwiegender
-Identit&auml;t, so beruht deren Gegentheil auf &uuml;berwiegendem
-Gegensatz. Wie die leicht und anstandslos vor sich gehende oder allen
-Hemmnissen zum Trotz durchgesetzte Verschmelzung &uuml;berwiegend
-identischer Vorstellungen ein in dem letztgenannten Fall noch
-betr&auml;chtlich gesteigertes Lustgef&uuml;hl, so l&auml;sst der alles
-Bem&uuml;hens, Entgegengesetztes zu vereinigen, ungeachtet immer
-wiederkehrende Misserfolg, der durch den als un&uuml;berwindliches
-Hemmniss sich herausstellenden Gegensatz herbeigef&uuml;hrt wird, ein
-nachgerade bis zur Unertr&auml;glichkeit sich steigerndes Gef&uuml;hl
-der Unbefriedigung zur&uuml;ck. Die theilweise gleichen, aber
-&uuml;berwiegend entgegengesetzten Vorstellungen werden durch das in
-ihnen enthaltene Gleiche immer wieder zu einander gezogen, durch das
-gleichfalls in ihnen enthaltene Entgegengesetzte, welches letztere
-&uuml;berwiegt, aber unaufh&ouml;rlich aus einander gehalten. Dieses
-bewirkt, dass sie nicht eins werden, jenes verursacht, dass sie
-trotzdem nicht von einander loskommen k&ouml;nnen. Dieses gleichzeitige
-sich Suchen und sich Fliehen, sich Festhalten und sich Verdr&auml;ngen
-der Gegens&auml;tze bringt im Gem&uuml;th eine Ixionsartige Unruhe
-hervor, deren Bestand auf die Dauer f&uuml;r den Vorstellenden
-unhaltbar wird.</p>
-<p class="par">108. Folge davon ist, dass derselbe obigen Zustand zu
-beseitigen sich entschliesst. Da dieser aber auf der
-gegens&auml;tzlichen Beschaffenheit des Inhalts und der in Folge dessen
-sich schlechterdings unter einander ausschliessenden Natur der
-gleichzeitig im Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen beruht, folglich
-so lange fortw&auml;hren muss, als jener Inhalt derselbe bleibt, so
-kann obige Qual auf keine andere Weise beschwichtigt werden, als indem
-an die Stelle der gegenw&auml;rtig im Bewusstsein vorhandenen und
-demselben als mit einander unvertr&auml;gliche gleichzeitig
-vorschwebenden Vorstellungen andere unter einander vertr&auml;gliche
-entweder zuf&auml;llig (etwa durch Versetzung in eine andere Umgebung,
-welche andere Vorstellungen <span class="pagenum">[<a id="pb60" href=
-"#pb60" name="pb60">60</a>]</span>bringt) treten, oder absichtlich
-(etwa durch freiwilligen Entschluss, den gegenw&auml;rtigen durch einen
-beliebigen anderen k&uuml;nstlich festgehaltenen Vorstellungsinhalt zu
-ersetzen) an deren Stelle geschoben werden. In beiden F&auml;llen wird
-die Qual, die aus dem gleichzeitigen Vorhandensein unvertr&auml;glicher
-Gedanken entsteht, allerdings beseitigt, aber im ersten Fall, da nur
-ein Zufall das Verschwinden der unvertr&auml;glichen Vorstellungen aus
-dem Bewusstsein veranlasst hat, nur auf so lange, als nicht ein
-neuerlicher Zufall die R&uuml;ckkehr derselben in das Bewusstsein
-herbeif&uuml;hrt, im zweiten Fall nur f&uuml;r den, der jenen
-Entschluss gefasst, sein inneres Auge gewaltsam gegen die wirklich im
-Bewusstsein gegenw&auml;rtigen Vorstellungen verschlossen und an die
-Stelle derselben k&uuml;nstlich andere eingef&uuml;hrt hat, und nur auf
-so lange, als er diesen Willen selbst oder die Kraft hat, denselben ins
-Werk zu setzen. Die auf solchem Wege herbeigef&uuml;hrte Beseitigung
-der Qual ist daher keine nat&uuml;rliche und, weil aus der innern Natur
-der im Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen entsprungen, Dauer
-verheissende, sondern dieselbe findet gleichsam &bdquo;auf
-K&uuml;ndigung&rdquo; statt d. h. mit dem Vorbehalt, dass, sobald die
-durch den Zufall oder durch den Willen des Vorstellenden gezogene
-k&uuml;nstliche Schranke einmal, wie immer, aufh&ouml;re, die
-urspr&uuml;nglichen, nicht vernichteten, sondern nur in Latenz
-versetzten unvertr&auml;glichen Vorstellungen wieder emportauchen und
-dadurch die alten Wunden von neuem bluten werden.</p>
-<p class="par">109. Ein Beispiel einer solchen, und zwar durch den
-Zufall beseitigten Qual innerlich vorhandener Gegens&auml;tze bietet
-die Heilung eines zerrissenen Gem&uuml;ths durch die Abwechslung,
-Zerstreuung und den &uuml;berw&auml;ltigenden Eindruck, welchen Reisen,
-Geselligkeit und erhabene Gebirgsnatur in diesem herbeif&uuml;hren. Ein
-Beispiel einer durch freiwilligen Entschluss &bdquo;auf Zeit&rdquo;
-bewirkten Unterdr&uuml;ckung der Unruhe, die das Bewusstsein eines
-widerspruchsvollen Verh&auml;ltnisses erzeugt, bietet die Resignation,
-mit welcher der in einer sogenannten &bdquo;Vernunftheirat&rdquo;
-Befangene den Gegensatz zwischen der ersehnten und der
-thats&auml;chlichen Beschaffenheit seiner Beziehungen zum anderen Theil
-ertr&auml;gt. In beiden F&auml;llen findet Beschwichtigung wirklich
-statt, aber im ersteren nur auf zuf&auml;llige Weise, so dass mit der
-R&uuml;ckkehr in die fr&uuml;here Umgebung auch das fr&uuml;here
-Gef&uuml;hl des Ungl&uuml;cks wiederkehrt; in dem letztern nur auf
-k&uuml;nstliche Weise, so dass mit dem Schwach- oder Schwankendwerden
-des Entschlusses auch das volle Gef&uuml;hl des lastenden Widerspruchs
-erneuert wird. Das gefundene Gleichgewicht ist labil, nicht stabil.
-<span class="pagenum">[<a id="pb61" href="#pb61" name=
-"pb61">61</a>]</span></p>
-<p class="par">110. Ein unertr&auml;glicher Zustand, das gleichzeitige
-Vorhandensein sich unter einander ausschliessender Vorstellungen im
-Bewusstsein, ist beseitigt; aber ein anderer, gleich
-unertr&auml;glicher, ist an dessen Stelle getreten. War der
-fr&uuml;here Zustand Unruhe, so ist der jetzige vergleichsweise
-allerdings Ruhe; diese selbst aber ist nichts weiter als verh&uuml;llte
-Unruhe. Nicht wirkliche Ruhe, sondern der Schein der Ruhe ist an die
-Stelle der, obgleich latent, immer noch w&auml;hrenden Unruhe getreten;
-der urspr&uuml;ngliche Zustand schlummert gleichsam unter dem
-k&uuml;nstlich geschaffenen Boden fort und harrt des Moments, wo er
-wieder hervorbrechen, den k&uuml;nstlich &uuml;bergeworfenen Schleier
-zerreissen, den urspr&uuml;nglich dagewesenen, niemals vernichteten,
-sondern nur &auml;usserlich niedergehaltenen Zustand wieder herstellen
-kann.</p>
-<p class="par">111. Von dieser Sachlage gilt, dass Schein, der sich
-f&uuml;r Sein gibt, auf die Dauer unhaltbar sei, und zwar gleichviel,
-ob der wirklich vorhandene Zustand im Bewusstsein, an dessen Stelle
-k&uuml;nstlich ein anderer gesetzt worden ist, ein an sich
-missf&auml;lliger oder ein beif&auml;lliger, das Zugleichsein einander
-ausschliessender oder ein solches mit einander &uuml;bereinstimmender
-Vorstellungen sei. Denn nicht darin besteht die Unertr&auml;glichkeit,
-dass an die Stelle eines unertr&auml;glichen Zustandes ein
-ertr&auml;glicher getreten ist, sondern darin, dass an die Stelle des
-wirklich, wenngleich latent, vorhandenen, ein scheinbar d. i. nur zum
-Scheine, vorhandener gesetzt worden ist. Das Unlustgef&uuml;hl, das
-sich an das Vorhandensein zweier einander ausschliessender
-Vorstellungen im Bewusstsein kn&uuml;pft, ist verschieden von
-demjenigen, welches dem Umstande gilt, dass Schein f&uuml;r Sein, ein
-unwahrer an die Stelle des wahren, ein gemachter an jene des gegebenen
-Zustandes eingetreten ist. Wenn das erstere aufh&ouml;rt, sobald die
-einander ausschliessenden Vorstellungen entweder aufh&ouml;ren einander
-auszuschliessen, oder g&auml;nzlich aus dem Bewusstsein geschwunden
-sind, so schwindet das letztere nicht eher, als bis der
-widernat&uuml;rlicherweise hergestellte Trug, durch welchen Schein an
-die Stelle des Seins gesetzt ward, aufgel&ouml;st, der k&uuml;nstlich
-erzeugte Zustand aufgehoben und der urspr&uuml;ngliche, widerrechtlich
-aus dem Bewusstsein verdr&auml;ngte, wieder in dasselbe
-zur&uuml;ckgekehrt ist. Ausdruck dieses Verh&auml;ltnisses ist der
-Satz: Schein, der sich f&uuml;r Sein gibt, missf&auml;llt, und zwar in
-gleichem Grade, das urspr&uuml;ngliche Sein, welches durch Schein
-ersetzt worden ist, m&ouml;ge an sich beif&auml;llig oder
-missf&auml;llig d. i. der Schein, der durch einen andern verdr&auml;ngt
-wurde, m&ouml;ge an sich sch&ouml;n oder h&auml;sslich gewesen sein. In
-dem einen Fall wird durch die Herstellung des urspr&uuml;nglichen
-Zustandes ein wohlgef&auml;lliger, <span class="pagenum">[<a id="pb62"
-href="#pb62" name="pb62">62</a>]</span>im andern Fall ein
-missf&auml;lliger Zustand erneuert; aber das Missfallen, welches sich
-an den Fortbestand eines erlogenen anstatt des wirklichen Zustandes
-heftet, wird in beiden F&auml;llen vermieden. Alles, was sich sagen
-l&auml;sst, beschr&auml;nkt sich darauf, dass durch die
-Wiederherstellung eines urspr&uuml;nglichen missf&auml;lligen Zustandes
-zwar das Missfallen, das diesem gilt, nicht vermieden, aber doch ein
-anderes, das dem Trugbild gilt, beseitigt wird, w&auml;hrend im
-Gegenfalle durch die Wiederherstellung eines urspr&uuml;nglichen
-beif&auml;lligen Zustandes nicht blos das Missfallen an der Geltung
-blossen Scheins f&uuml;r Sein von Grund aus vernichtet, sondern zum
-Ueberfluss ein Beif&auml;lliges in das Bewusstsein
-zur&uuml;ckgef&uuml;hrt wird.</p>
-<p class="par">112. War der urspr&uuml;ngliche Zustand Dissonanz, so
-wird durch dessen Wiederherstellung ein dissonirender, war er
-Consonanz, ein consonirender erneuert; die inzwischen vorhanden
-gewesene Verh&uuml;llung des wirklich vorhandenen durch einen
-f&auml;lschlicherweise an dessen Stelle getretenen aber wird in beiden
-F&auml;llen schwinden gemacht. Im ersteren Fall wird eine Wunde
-blossgelegt, die nur scheinbar geschlossen, aber nicht wirklich geheilt
-war; im letzteren Fall wird eine Heilung wieder als Heilung anerkannt,
-die f&auml;lschlicherweise f&uuml;r eine Erkrankung ausgegeben worden
-war. In jenem Fall ist der Schlusszustand allerdings Krankheit, aber
-der Irrthum, welcher dieselbe f&uuml;r Gesundheit hielt, wenigstens ist
-beseitigt. In diesem Fall hat nicht blos der Irrthum, welcher Heilung
-f&uuml;r Erkrankung nahm, seine Geltung eingeb&uuml;sst, sondern der
-Schlusszustand ist die wirkliche Gesundheit.</p>
-<p class="par">113. Eine Bewegung geht vor sich, die in drei
-Abschnitten verl&auml;uft. Ausgangspunkt derselben bildet der
-urspr&uuml;nglich vorhandene, deren Mitte der tr&uuml;gerischerweise an
-dessen Stelle getretene, ihren Schluss der dem urspr&uuml;nglichen
-gleiche, aus dessen Verdunkelung durch den inzwischen waltend gewesenen
-Druck wieder hergestellte Zustand. Dieselbe vollzieht sich, weil der
-verdunkelnde Zustand k&uuml;nstlich durch eine &auml;ussere Ursache an
-die Stelle des urspr&uuml;nglich vorhandenen geschoben worden ist,
-nicht <span class="ex">durch</span>, sondern gleichsam im Kampfe
-<span class="ex">wider</span> die letztere, und gewinnt dadurch den
-Anschein, Selbstbewegung d. i. Resultat eines ihr selbst innewohnenden
-und sie bestimmenden Bewegungsimpulses, eines sie belebenden
-Lebenskeims, einer sie bewegenden Seele zu sein d. h. die Bewegung
-erscheint als lebendige, beseelte Bewegung. <span class=
-"pagenum">[<a id="pb63" href="#pb63" name="pb63">63</a>]</span></p>
-<p class="par">114. Ist das in obiger Bewegung Begriffene
-&auml;sthetischer d. h. dem Vorstellenden vorschwebender,
-beif&auml;lliger oder missf&auml;lliger (sch&ouml;ner oder
-h&auml;sslicher) Schein, so gewinnt derselbe durch obigen Process
-selbst den Schein der Beseelung. Der im Bewusstsein urspr&uuml;nglich
-vorhanden gewesene Schein, der von dem Vorstellenden k&uuml;nstlich mit
-Wissen und Willen aus demselben verdr&auml;ngt und durch einen andern,
-der sich an seiner Stelle f&uuml;r den wahren ausgibt, ersetzt worden
-ist, aber ohne, ja wider Willen des Vorstellenden sich behauptet,
-seinerseits den ihn zu verdr&auml;ngen bestimmt gewesenen Schein
-verdr&auml;ngt und in&rsquo;s Bewusstsein wieder zur&uuml;ckkehrt,
-nimmt dadurch selbst den Anschein selbstst&auml;ndigen Lebens,
-inwohnender Beseelung an, l&ouml;st sich, indem er sich gegen den
-Vorstellenden auflehnt, vom Willen desselben, also vom vorstellenden
-Subject ab und erscheint (nicht als subjectiver, sondern) als
-<span class="ex">objectiver</span>, (nicht als beherrschter, sondern)
-das Subject <span class="ex">beherrschender</span>, in sich selbst
-abgeschlossener und von innen heraus belebter d. i. als (scheinbar)
-lebendiger Schein oder als <span class="ex">&auml;sthetisches
-Object</span>.</p>
-<p class="par">115. Dasselbe ist harmonisches, wenn der mit dem Schein
-des Lebens auftretende Schein urspr&uuml;nglich sch&ouml;ner Schein,
-dagegen ein disharmonisches, wenn derselbe ein h&auml;sslicher Schein
-war. Der &auml;sthetische Schein, den wir als Vorstellung des Engels,
-ist als &auml;sthetisches Object nicht mehr und nicht weniger beseelt,
-als der &auml;sthetische Schein, den wir als Bild eines Satans
-bezeichnen; weder der eine noch der andere muss darum <span class=
-"ex">wirkliches</span> Object d. i. beseelte Wirklichkeit und reale
-Geistigkeit sein. Diese, die lebendige Existenz, wenn sie mehr sein
-soll als ein Gesch&ouml;pf der Einbildungskraft, geh&ouml;rt vor das
-Forum der Metaphysik, jene, die Existenz des Scheins der Lebendigkeit,
-die nicht mehr sein will als ein Product der Phantasie, f&auml;llt als
-solches allein unter die Jurisdiction der Aesthetik.</p>
-<p class="par">116. In dem nothwendigen Entwicklungsgang der
-dramatischen Handlung kommt jener Schein nothwendiger Selbstbewegung
-des Scheins zur &auml;sthetischen Erscheinung. Wie der
-urspr&uuml;ngliche Schein aus seiner Verdunklung durch Ueberwindung der
-letztern wieder zum Vorschein, so kommt der urspr&uuml;ngliche
-Thatbestand aus dessen eingetretener Verdunklung durch deren
-Ueberwindung wieder zur Klarheit. Oedipus, der seinen Vater erschlagen
-und seine Mutter geheiratet hat, aber in Folge seines Irrthums, dass er
-der Sohn des korinthischen K&ouml;nigspaares sei, weder das eine noch
-das andere Verbrechen ver&uuml;bt zu haben w&auml;hnt, wird durch die
-Macht der den <span class="pagenum">[<a id="pb64" href="#pb64" name=
-"pb64">64</a>]</span>tr&uuml;gerischen Wahn zerreissenden
-Verh&auml;ltnisse zur Klarheit &uuml;ber sich selbst und zum
-Bewusstsein der thats&auml;chlichen Lage d. i. der auf ihm lastenden
-tragischen Schuld gebracht. Der Brudermord im d&auml;nischen
-K&ouml;nigshause, welchen der ehebrecherische und
-kronenr&auml;uberische M&ouml;rder durch die schlaueste und
-k&uuml;nstlichste Veranstaltung in den Schleier des tiefsten
-Geheimnisses zu h&uuml;llen verstanden hat, wird durch den
-&uuml;berlegenen Scharfsinn des Prinzen, der sich mit speculativem
-Tiefsinn paart und, um verborgen zu bleiben, sich in die Maske des
-Wahnsinns steckt, mit langsamer, aber durch ihre Ausdauer
-unwiderstehlicher Z&auml;higkeit an&rsquo;s Licht und in der Schlinge,
-die er im Andern sich selbst gelegt, zur Bestrafung gezogen<span class=
-"corr" id="xd24e1071" title="Nicht in der Quelle">.</span> Der
-urspr&uuml;ngliche Thatbestand bildet den Anfang, die Exposition
-&mdash; die eingetretene Verdunkelung den Wendepunkt, die Peripetie
-&mdash; die Lichtung derselben und die Wiederherstellung des
-urspr&uuml;nglichen Zustandes den Schluss, die Katastrophe der
-dramatischen Bewegung.</p>
-<p class="par">117. Dieselbe erscheint in Folge dessen weder
-zuf&auml;llig, noch willk&uuml;rlich d. i. durch die Laune oder das
-Belieben des dichtenden Subjects, sondern nothwendig und
-naturgesetzlich d. i. wie ohne und unabh&auml;ngig vom Willen des
-Dichters durch die Beschaffenheit des Inhalts der darzustellenden
-Handlung selbst, und zwar jeder folgende Moment durch den
-vorhergehenden, wie die unab&auml;nderliche Wirkung aus den gegebenen
-Ursachen herbeigef&uuml;hrt. Die dramatische Handlung (und zwar nicht
-blos, wie Schiller an Goethe schrieb, &bdquo;die tragische&rdquo;)
-steht unter der Herrschaft des Causalit&auml;tsgesetzes, nach welchem
-bestimmte Ursachen bestimmte Wirkungen und gegebene Ursachen
-unausbleiblich ihre nie fehlenden Wirkungen nach sich ziehen
-m&uuml;ssen. Dieselbe gewinnt dadurch als &auml;sthetisches (d. i.
-Scheins-) Object den Schein eines beseelten d. i. von innen heraus
-bewegten Naturobjects; wie das Thier, das Gesch&ouml;pf der Mutter
-Erde, von ihr losgel&ouml;st, Leben und selbstst&auml;ndige Bewegung an
-den Tag legt, so scheint das dramatische Kunstwerk, Gesch&ouml;pf der
-dichterischen Einbildungskraft, von dieser und deren Tr&auml;ger, dem
-Dichter, losgel&ouml;st, inneres Leben und selbstst&auml;ndige, von
-innen heraus getriebene Beweglichkeit zu besitzen.</p>
-<p class="par">118. Was von dem dramatischen, muss von dem Kunstwerk
-jeder anderen Kunst (der epischen und lyrischen Poesie nicht weniger,
-wie der Ton- und bildenden Kunst) als &auml;sthetischem Object gelten.
-Jedes derselben, wenn es f&uuml;r ein solches gehalten werden will,
-muss den Schein der Objectivit&auml;t d. i. der beseelten Lebendigkeit
-und lebendigen Beseeltheit an sich tragen. Derselbe wird <span class=
-"pagenum">[<a id="pb65" href="#pb65" name="pb65">65</a>]</span>durch
-die Sch&ouml;nheit des beseelt scheinenden Objects, z. B. der Natur,
-keineswegs ersetzt (seelenlose Sch&ouml;nheit), durch die Abwesenheit
-solcher keineswegs aufgehoben (seelenvolle H&auml;sslichkeit; &bdquo;la
-belle laidron&rdquo;). Das wirklich Beseelte hat daher vor dem
-&auml;sthetischen nur scheinbar Beseelten zwar das Merkmal der
-Wirklichkeit voraus; da aber nicht diese, die ihrerseits f&uuml;r den
-Beschauer nur als Erscheinung in Betracht kommt, sondern der blosse
-Schein der Wirklichkeit &auml;sthetisch ist, so bedeutet jener Vorzug,
-&auml;sthetisch genommen, nichts und der sch&ouml;ne wirkliche
-Gegenstand ist daher nicht mehr und nicht minder sch&ouml;n als der
-blosse Schein sch&ouml;ner Wirklichkeit. Es w&auml;re denn, man
-rechnete die materielle Wirklichkeit des wirklichen Sch&ouml;nen zu
-dessen &auml;sthetischer statt zu dessen physischer Natur und
-verst&uuml;nde unter &auml;sthetischem d. i. dem Genuss des
-sch&ouml;nen Scheins (wie der platte Realismus und &auml;sthetische
-Materialismus will) den materiellen d. i. den Genuss der sch&ouml;nen
-Materie (z. B. den <span class="ex">physischen</span> Genuss der
-weiblichen Sch&ouml;nheit).</p>
-<p class="par">119. Mit der Betrachtung des &uuml;berwiegend
-Identischen, so wie des &uuml;berwiegend Gegens&auml;tzlichen im
-theilweise Identischen ist die Aufz&auml;hlung der &auml;sthetisch in
-Betracht kommenden m&ouml;glichen F&auml;lle zwischen dem Was des
-Scheins statthabender Beziehungen ersch&ouml;pft. Ein ausschliessend
-Gegens&auml;tzliches, das nicht zugleich bis zu einem gewissen Grade
-identisch w&auml;re, kann es, da nur verwandte Vorstellungen, also
-solche, deren Inhalt mehr oder weniger unter denselben Begriff
-f&auml;llt, Bestandtheile der &auml;sthetischen Vorstellungswelt
-ausmachen k&ouml;nnen, in dieser nicht geben. Auch die am
-st&auml;rksten entgegengesetzten Elemente der letzteren, die
-sogenannten contrastirenden oder einander contraponirten (Contrast und
-Contrapost) Vorstellungen (wie Riese und Zwerg, Licht und Schatten,
-forte und piano etc.) sind nicht blos dadurch mit einander verwandt,
-dass ihre Objecte zu der n&auml;mlichen Gattung geh&ouml;ren, sondern
-sie werden einander &uuml;berdies noch durch das auszeichnende Merkmal
-naheger&uuml;ckt, dass diese beiderseits Ausnahmen von der Regel,
-obgleich in entgegengesetzten Richtungen (der Riese eine Abweichung von
-der gew&ouml;hnlichen Menschengr&ouml;sse nach oben, der Zwerg eine
-solche nach unten, das Licht das Maximum, die Finsterniss das Minimum
-der gew&ouml;hnlichen Helligkeit; das Fortissimo den h&ouml;chsten, das
-Pianissimo den geringsten Grad der Intensit&auml;t des Tones)
-darstellen. Obige F&auml;lle machen daher zusammengenommen mit
-derjenigen, welche aus der Gr&ouml;sse oder Kleinheit des vorgestellten
-Objects abgeleitet wird, die Summe derjenigen Bedingungen aus, unter
-welchen &auml;sthetischer <span class="pagenum">[<a id="pb66" href=
-"#pb66" name="pb66">66</a>]</span>Schein, er enthalte sonst welchen
-stofflichen Inhalt immer, unbedingt d. i. allgemein und nothwendig
-gef&auml;llt oder missf&auml;llt.</p>
-<p class="par">120. Aus dem quantitativen Gesichtspunkt entspringt die
-&auml;sthetische Idee der (&auml;sthetischen) <span class=
-"ex">Vollkommenheit</span>. Dieselbe besteht darin, dass der
-&auml;sthetische Schein, sowol was dessen Vorgestelltwerden, als was
-dessen Vorgestelltes betrifft, zum &bdquo;Vollen k&ouml;mmt&rdquo; d.
-h. sowol das erstere zu dem h&ouml;chstm&ouml;glichen Grade von
-Intensit&auml;t als das letztere zu dem h&ouml;chsten mit
-R&uuml;cksicht auf die Grenzen der Vorstellungsf&auml;higkeit des
-vorstellenden Subjects erreichbaren Masse von Gr&ouml;sse erhoben wird.
-Ersteres geschieht, indem nicht nur jedes einzelne Vorstellen mit dem
-h&ouml;chst erreichbaren Grade von Lebhaftigkeit erfolgt, sondern
-m&ouml;glichst viel Vorstellen in k&uuml;rzester Zeit beth&auml;tigt
-wird, aber auch, indem das Vorstellen selbst auf m&ouml;glichst
-gesetzm&auml;ssige und normale Weise sich vollzieht. Letzteres
-geschieht, indem das Vorgestellte, soweit dessen Natur es erheischt
-oder doch gestattet, in m&ouml;glichster Gr&ouml;sse, Reichthum,
-F&uuml;lle und Wohlordnung vorgestellt und dadurch zwar nicht &uuml;ber
-(wie dies beim Erhabenen der Fall ist) aber bis an die erlaubten
-Grenzen des Vorstellenden erweitert wird. An dieselbe schliesst sich
-ein Verfahren an, dessen Tendenz dahin gerichtet ist, im ganzen Umkreis
-des das Bewusstsein ausf&uuml;llenden Vorstellens schwaches Vorstellen
-durch energisches, daher, da jede sinnliche Vorstellung die
-unsinnliche, jede concrete die abstracte, jede bildliche die
-unbildliche an Lebhaftigkeit &uuml;bertrifft, unsinnliche durch
-sinnliche Vorstellungen, Begriffe durch Anschauungen, den eigentlichen
-Gedanken durch einen uneigentlichen (Tropus, Metapher), im Allgemeinen
-Begriffe durch Bilder (Symbole, Allegorien, Gleichnisse) zu ersetzen,
-die Energie des Vorstellens durch associirte, auf das Gem&uuml;th
-wirkende Nebenvorstellungen zu erh&ouml;hen, mit einem Wort die
-gesammte Vorstellungswelt des Bewusstseins entsprechend zu tonisiren.
-Resultat dieses Verfahrens ist ein im Ganzen und in jedem seiner
-Bestandtheile lebhaftes, reiches und wohlgeordnetes Vorstellungsleben,
-vollkommener &auml;sthetischer Schein, welcher nicht mit dem Schein des
-Vollkommenen d. i. eines einem gewissen Zwecke oder einem gewissen
-Begriffe Entsprechenden, Zweck- oder Begriffsm&auml;ssigen zu
-verwechseln ist. Jener geh&ouml;rt dem Vorstellen, dieser dem
-Vorgestellten an; jener dr&uuml;ckt aus, dass vollkommen vorgestellt,
-dieser w&uuml;rde ausdr&uuml;cken, dass Vollkommenes vorgestellt
-werde.</p>
-<p class="par">121. In Bezug auf das Vorgestellte dr&uuml;ckt die Idee
-der Vollkommenheit aus, dass <span lang="la">caeteris paribus</span>
-dasselbe wohlgef&auml;lliger sei, <span class="pagenum">[<a id="pb67"
-href="#pb67" name="pb67">67</a>]</span>wenn es als gross, als wenn es
-als klein vorgestellt wird. Der einschr&auml;nkende Zusatz besagt, dass
-ein Vorgestelltes, das seiner Natur nach eine gewisse Gr&ouml;sse
-ausschliesst, auch nicht unter dieser vorgestellt werden d&uuml;rfe,
-weil es sonst eben nicht dies, sondern ein anderes Vorgestelltes
-w&auml;re. Das Niedliche, Zarte, Milde kann daher nicht als gross,
-darum aber darf es auch nicht kleiner vorgestellt werden, als seine
-Natur es gestattet. Dagegen bekundet sich die Wirkung des Grossen
-unwiderleglich in der Neigung der spielenden Einbildungskraft, die
-Gr&ouml;sse vorgestellter Objecte (R&auml;ume, Zeiten,
-Naturgegenst&auml;nde, Helden und G&ouml;ttergestalten) &uuml;ber das
-Mass des Erfahrenen und Wahrgenommenen, so wie des Nat&uuml;rlichen ins
-Unbestimmte, Schranken- und Grenzenlose, Un-, Ueber-, ja
-Widernat&uuml;rliche zu erh&ouml;hen und sich ohne R&uuml;cksicht auf
-M&ouml;glichkeit oder gar Wirklichkeit an der Steigerung, H&auml;ufung
-und Vervielf&auml;ltigung von Raum-, Zeit- und Naturgr&ouml;ssen zu
-erg&ouml;tzen. Beispiele derselben finden sich vor allem in der
-M&auml;rchen- d. i. in der Lieblingswelt der Kinder- und
-Kindheitsv&ouml;lkerphantasie, z. B. bei den Indern, deren Imagination
-sich in der endlosen Anreihung von Tausenden und aber Tausenden von
-Jahren und Meilen, sowie in der Ausmalung der &uuml;bernat&uuml;rlichen
-Gr&ouml;sse ihrer G&ouml;tter- und B&uuml;ssergestalten, deren Haupt in
-die Wolken reicht, w&auml;hrend ihr Fuss auf der Erde wurzelt, durch
-deren Locken sich der Gangesstrom vom Himmel herab ergiesst, die
-hunderttausende von Jahren auf einem Beine stehen etc., gef&auml;llt,
-oder bei den baltischen Letten, deren Volkssage die Ewigkeit dadurch zu
-schildern sucht, dass, wenn der Diamantberg im Norden, an dessen Gipfel
-alle hundert Jahre ein winziges V&ouml;gelchen dreimal sein
-Schn&auml;belchen wetzt, in Folge dessen in Staub verwandelt sein, die
-erste Minute der Ewigkeit verflossen sein wird. In allen G&ouml;tter-
-und Heldensagen kehrt die Vergr&ouml;sserung der Leibesgestalt wieder,
-aber auch der irdische Held sucht durch Helm und wallenden Helmbusch
-und dessen Scheindarsteller, der Heldenspieler, durch den Kothurn seine
-nat&uuml;rliche Gr&ouml;sse wenigstens scheinbar zu vermehren.</p>
-<p class="par">122. Aus dem qualitativen Gesichtspunkte der
-theilweisen, aber &uuml;berwiegenden und zwar derjenigen
-Identit&auml;t, bei welcher Einseitigkeit der Uebereinstimmung des
-beiderseitigen Inhalts herrscht, ergibt sich die &auml;sthetische Idee
-des <span class="ex">Charakteristischen</span>. Dieselbe besteht darin,
-dass derjenige Theil des &auml;sthetischen Scheins, der als
-<span class="ex">charakteristisch</span> bezeichnet wird, zu jenem, als
-dessen Charakteristik er angesehen sein will, in dem Verh&auml;ltnisse
-des Nachbildes <span class="pagenum">[<a id="pb68" href="#pb68" name=
-"pb68">68</a>]</span>zum Vorbilde, der Nachahmung zum Nachgeahmten, der
-Copie zum Originale steht, so dass alle wesentlichen Z&uuml;ge des
-letzteren sich an der ersteren wiederfinden und beide einander ihrer
-Inhaltsbestimmtheit nach so &auml;hnlich werden, als es, ohne dass
-beide aufh&ouml;ren zwei, und dahin gelangen ein einziges zu sein, nur
-immer m&ouml;glich ist. Das Wesen dieses &auml;sthetisch
-Charakteristischen ist daher von jenem des in wissenschaftlichem Sinne
-Charakteristischen dadurch verschieden, dass in dem letzteren Fall das
-Charakterisirte stets ein wirkliches oder ein wahres oder doch ein
-f&uuml;r eins von beiden gehaltenes ist, w&auml;hrend bei dem ersteren
-das Vorbild eben so gut ein <span class="ex">erfundenes</span> (als
-wahr oder wirklich nur <span class="ex">fingirtes</span>) sein kann.
-Dasselbe ahmt daher weder, wie die Kunst dem Aristoteles zufolge soll,
-die Natur &mdash; noch, wie Winkelmann lehrte, ausschliesslich die
-sch&ouml;ne Natur nach; das Wohlgef&auml;llige der charakteristischen
-Nachahmung ist sowol von der Wahrheit und Wirklichkeit wie von der
-Sch&ouml;nheit des Nachgeahmten unabh&auml;ngig und beruht einzig und
-allein auf der Treue der Nachahmung. Dieselbe gestattet daher nicht nur
-die Nachahmung des H&auml;sslichen, sondern diejenige Kunst, welche
-vornehmlich die Idee des <span class="ex">Charakteristischen</span> zum
-Leitstern nimmt, w&auml;hlt sogar dasselbe mit Vorliebe, weil dadurch
-der Verdacht, als sei es ihr mehr darum zu thun, <span class=
-"ex">Sch&ouml;nes</span>, als <span class="ex">sch&ouml;n</span>
-darzustellen, am gewissesten abgelenkt und das Streben nach Treue der
-Darstellung, worin ihr eigentliches Verdienst besteht, am
-energischesten hervorgehoben wird. Grosse Charakteristiker, auf allen
-k&uuml;nstlerischen Gebieten, pflegen daher lieber das von Goethe
-treffend als solches bezeichnete &bdquo;Bedeutende&rdquo; als das
-makellose Sch&ouml;ne, Charakterdarsteller vorzugsweise
-&bdquo;Charaktere&rdquo; d. i. mit hervorstechenden, die Kunst der
-Nachahmung herausfordernden Z&uuml;gen ausgestattete Individuen
-(Richard III., Carl und Franz Moor, Hamlet, Othello, Mephistopheles u.
-A.) zum Gegenstande der Darstellung zu w&auml;hlen; unter den Helden
-Homers hat auch der Thersites nicht gefehlt.</p>
-<p class="par">123. An die Idee des Charakteristischen schliesst sich
-ein Verfahren an, welches dieselbe nicht blos in einem einzelnen
-vorschwebenden Theile, sondern im ganzen Umfange der &auml;sthetischen
-Vorstellungswelt (des Scheins) zur Geltung zu bringen d. h. welches, wo
-und was immer vorgestellt werde, charakteristisch vorzustellen
-trachtet. Wenn die Uebereinstimmung des Vorzustellenden mit der
-wirklichen Vorstellung im Allgemeinen als Wahrheit, wenn dieselbe in
-dem besonderen Falle, da das Vorzustellende ein &auml;usseres, ein
-<span class="pagenum">[<a id="pb69" href="#pb69" name=
-"pb69">69</a>]</span>Object der Aussenwelt ist, als &auml;ussere
-(geschichtliche oder naturgeschichtliche) Wahrheit bezeichnet wird, so
-kann jene Tendenz, in der gesammten Welt des Scheins Uebereinstimmung
-zwischen Vorbild und Nachbild herrschen zu machen, Streben nach innerer
-d. h. da das Vorbild auch ein erdichtetes sein kann, poetische Wahrheit
-heissen. Dasselbe geht sonach nicht darauf aus, im Sinne der
-&auml;usseren Wahrheit wahr zu sein d. h. einen &auml;usseren
-Gegenstand treu wiederzugeben, wohl aber darauf, im Sinne derselben
-wahr zu scheinen d. h. einen (gleichviel ob erfundenen oder erfahrenen)
-Gegenstand so treu nachzubilden, dass diese Nachahmung, wenn jener
-Gegenstand ein &auml;usserer w&auml;re, im Sinne der &auml;usseren
-Wahrheit wahr genannt werden m&uuml;sste. In diesem Sinne der inneren,
-nicht in jenem der &auml;usseren Wahrheit hat Aristoteles' Poetik die
-Trag&ouml;die philosophischer als die Geschichte genannt, weil jene das
-Geschehende als M&ouml;gliches und daher aus innerlichen Gr&uuml;nden
-Begreifliches, diese dagegen dasselbe lediglich als Geschehenes, seinen
-inneren Gr&uuml;nden nach erst zu Errathendes darstellt; jene sonach
-ihren Werth in der Uebereinstimmung der Wirkungen mit ihren Ursachen d.
-h. in der Abspiegelung der letzteren durch die ersteren, die Geschichte
-dagegen lediglich in der Uebereinstimmung ihrer Darstellung mit der
-&auml;usseren Wirklichkeit sucht.</p>
-<p class="par">124. Der qualitative Gesichtspunkt der theilweisen, aber
-&uuml;berwiegenden, und zwar derjenigen Identit&auml;t, welche in der
-gegenseitigen Uebereinstimmung des beiderseitigen Inhaltes sich
-offenbart, ergibt die &auml;sthetische Idee des <span class=
-"ex">Harmonischen</span> oder des (&auml;sthetischen) Einklangs.
-Dieselbe besteht darin, dass jedes Glied des Verh&auml;ltnisses, indem
-es das andere in sich abbildet, seinerseits ebenso von dem anderen
-abgebildet wird. Das Wesen des &auml;sthetischen Einklanges
-unterscheidet sich daher von jenem des Charakteristischen dadurch,
-dass, w&auml;hrend bei dem letzteren das Abbild zwar ganz im Vorbilde,
-nicht aber umgekehrt dieses in jenem enthalten ist, hier jedes Glied
-zugleich Nachbild und Vorbild des anderen ist. Beide Glieder enthalten
-einen gemeinsamen Bestandtheil, durch den sie verkn&uuml;pft, und
-ausserdem einen entgegengesetzten, durch welchen sie aus einander
-gehalten werden. Je wichtiger der erste im Gegensatz zum zweiten, um
-desto bedeutender der Einklang, um desto nachdrucksvoller das
-Lustgef&uuml;hl. Jenes dritte Gemeinsame stellt gleichsam den
-Exponenten des harmonischen Verh&auml;ltnisses dar und wird, wenn die
-im Einklang befindlichen Glieder beide Gedanken z. B. das eine die
-Vorstellung der Sache, <span class="pagenum">[<a id="pb70" href="#pb70"
-name="pb70">70</a>]</span>mit welcher eine andere, das andere die
-Vorstellung des Anderen, das mit jener verglichen werden soll,
-ausmacht, der Vergleichungspunkt (tertium comparationis) genannt. So
-bildet in der Metapher, die das Kameel als Schiff der W&uuml;ste
-bezeichnet, das Merkmal, dass beide, Kameel wie Schiff, als
-Transportmittel durch eine unwirthbare W&uuml;ste benutzbar sind, das
-verkn&uuml;pfende &mdash; dagegen das Merkmal, dass diese W&uuml;ste
-bei dem einen wasserlose Sand-, bei dem anderen eine uferlose
-Wasserw&uuml;ste ist, das trennende Element beider Gedanken. Je nachdem
-die harmonirenden Glieder des Einklanges Ton-, Farben-, Formen- oder
-eigentliche Gedankenvorstellungen sind, welche letzteren allein sich in
-Worten ausdr&uuml;cken lassen, wird der Einklang selbst als
-musikalische, Farben-, Formen- oder Gedankenharmonie, je nachdem die
-vorhandene, aber verborgene Aehnlichkeit des Verschiedenen leicht,
-blitz&auml;hnlich, oder in gleichsam vision&auml;rer Intuition an den
-Tag tritt, als Witz oder als Tiefsinn (die sonach beide ebensowol
-innerhalb der Ton-, Farben- und Formen-, wie der Gedankenwelt vorkommen
-k&ouml;nnen) bezeichnet.</p>
-<p class="par">125. Geht die beiderseitige Identit&auml;t der
-Verh&auml;ltnissglieder so weit, dass beide sich nur durch die
-entgegengesetzte Lage im Raume unterscheiden d. h. dass das eine rechts
-und links gleichweit entfernt von einem idealen Mittelpunkt, oder nach
-oben gleichweit &uuml;ber, wie nach unten gleichweit unter einer
-idealen Ebene gedacht wird, so geht der Einklang in die Symmetrie oder
-den blos r&auml;umlichen Contrast (Contrapost) &mdash; wenn dagegen der
-Gegensatz zwischen den Verh&auml;ltnissgliedern so gross, dass nur das
-Mass ihrer r&auml;umlichen Entfernung von einem gemeinsamen Mittelpunkt
-oder einer gemeinsamen Ebene dasselbe, ihre beiderseitige Richtung im
-Raume aber gleichfalls entgegengesetzt ist, so geht dieselbe in den
-nicht blos r&auml;umlichen, sondern eigentlichen (stofflichen) Contrast
-&uuml;ber. Unter die erstere f&auml;llt zum Beispiele die Anordnung
-gleicher Th&uuml;rme in gleicher Entfernung von der Mittelaxe der
-Kirche nach entgegengesetzten Weltgegenden (wie z. B. beim K&ouml;lner-
-oder beim Stephansdom). Unter den letzteren f&uuml;llt die Anordnung
-eines noch unverwundeten und eines schon verschiedenen Sohnes in
-gleicher Entfernung von der Mittelaxe der Gruppe nach entgegengesetzten
-Richtungen bei der Darstellung des Laokoon. Beide k&ouml;nnen wie in
-r&auml;umlicher, so auch in zeitlicher Anordnung, wenn an die Stelle
-des idealen Mittelpunktes im Raume ein eben solcher in der Zeit, und
-statt der r&auml;umlichen Richtung nach rechts und links, oben und
-unten, die zeitliche nach der Vergangenheit und <span class=
-"pagenum">[<a id="pb71" href="#pb71" name="pb71">71</a>]</span>nach der
-Zukunft hin eingef&uuml;hrt wird, Anwendung finden. So kehrt in der
-Tanzmusik nach der Coda die urspr&uuml;ngliche Melodie, im Ritornell
-und Strophenlied der Refrain wieder und baut sich im Fortschritte der
-dramatischen Handlung Sch&uuml;rzung und L&ouml;sung vor und nach dem
-Knoten symmetrisch auf.</p>
-<p class="par">126. An die &auml;sthetische Idee des Einklanges
-schliesst sich ein Verfahren an, welches dieselbe im ganzen Umfange des
-dem Bewusstsein vorschwebenden Scheins durchzuf&uuml;hren d. h. welches
-nur solche Bestandtheile in demselben zuzulassen bem&uuml;ht ist, die
-unter einander nicht nur verwandt (homogen), sondern &uuml;berwiegend
-identisch sind. Das Resultat dieses Verfahrens ist die &auml;sthetische
-Einheit, welche je nach der specifischen Natur des die &auml;sthetische
-Vorstellungswelt ausmachenden Scheins bald als musikalische (d. i. als
-Einheit der Tonwelt, des Tongeschlechts, der Tonleiter), bald als
-malerische (d. i. als Einheit der Licht- und Farbenwelt, der
-Beleuchtungsquelle, des Farbengeschlechtes u. dgl.), bald als
-bildnerische (d. i. Einheit der Formenwelt: der schlanken,
-aufstrebenden und im Spitzbogen sich w&ouml;lbenden in der
-germanischen; der Quader, des Halbrund und der flachgew&ouml;lbten
-Kuppel in der r&ouml;mischen; des horizontalen Architravs, der
-S&auml;ule und des Giebels in der griechischen Baukunst etc.), in der
-poetischen Welt bald als lyrische (d. i. als Einheit der
-Gem&uuml;thsstimmung), epische (d. i. als Einheit der Zeitlinie, an
-welcher die Begebenheiten aufgereiht werden), bald als dramatische (d.
-i. als Einheit der Handlung) sich kundgibt.</p>
-<p class="par">127. Der qualitative Gesichtspunkt der Ausschliessung
-des Gegensatzes ergibt die Idee der &auml;sthetischen <span class=
-"ex">Correctheit</span>. Dieselbe besteht darin, dass keine mit
-einander unvertr&auml;glichen Vorstellungen gleichzeitig im Bewusstsein
-vorhanden, oder, wenn vorhanden, aus demselben beseitigt sind. Jenes
-kann als nat&uuml;rliche, dieses als k&uuml;nstliche, also nur auf Zeit
-und nur f&uuml;r denjenigen, welcher den Gegensatz beseitigt hat,
-bestehende Correctheit bezeichnet werden. Da die Abwesenheit
-unvertr&auml;glicher Vorstellungen im Bewusstsein zwar Missfallen
-verhindert, selbst aber keinerlei Wohlgefallen hervorruft, so ist die
-Correctheit im Gegensatze zu den Ideen der Vollkommenheit, des
-Charakteristischen und des Einklanges, welche als solche positiv
-beif&auml;llig sind, nur eine negative &auml;sthetische Idee, deren
-Verletzung missf&auml;llt, deren Beobachtung jedoch gleichgiltig
-l&auml;sst. Dieselbe stellt daher zwar die conditio sine qua non des
-unbedingt Beif&auml;lligen, f&uuml;r sich allein aber weder als
-nat&uuml;rliche, noch <span class="pagenum">[<a id="pb72" href="#pb72"
-name="pb72">72</a>]</span>(und zwar noch weniger) als k&uuml;nstliche
-ein Wohlgef&auml;lliges dar. Beispiel der nat&uuml;rlichen Correctheit
-ist der nat&uuml;rliche, Beispiel der k&uuml;nstlichen dagegen der
-sogenannte k&uuml;nstliche Anstand, von welchen der erstere auf der
-Einhaltung der durch das nat&uuml;rliche Schicklichkeitsgef&uuml;hl
-gebotenen Grenzen, der letztere dagegen auf der &auml;ngstlichen
-Beobachtung der conventionellen, durch gesellschaftliche Uebereinkunft
-festgesetzten Formen und Gebr&auml;uche des geselligen Umganges beruht.
-Ein Beispiel aus der Kunstwelt liefert im Gegensatze zu der
-nat&uuml;rlichen Correctheit, welche im Drama Einheit der Handlung
-fordert, die dem franz&ouml;sischen Nationalgeschmack entsprungene
-k&uuml;nstliche Correctheit des classischen Dramas der Franzosen,
-welche noch &uuml;berdies die sogenannte Einheit der Zeit und des Ortes
-erheischt. W&auml;hrend daher die nat&uuml;rliche Correctheit eine
-allgemeine und nothwendige, dr&uuml;ckt die k&uuml;nstliche eine
-zuf&auml;llige, auf den Umkreis einer Nation oder eines Zeitalters
-beschr&auml;nkte Eigenschaft des &auml;sthetischen Scheines aus.</p>
-<p class="par">128. An die Idee der Correctheit schliesst sich ein
-Verfahren an, welches bestimmt ist, die Ausschliessung mit und unter
-einander unvertr&auml;glicher Bestandtheile durch den ganzen Umkreis
-der &auml;sthetischen Vorstellungswelt durchzuf&uuml;hren. Ergebniss
-desselben ist die &auml;sthetische Reinheit d. i. die Abwesenheit alles
-St&ouml;renden in der &auml;sthetischen Vorstellungswelt, welche, wenn
-die durchzuf&uuml;hrende Correctheit eine nat&uuml;rliche ist, selbst
-als solche, ist sie dagegen eine k&uuml;nstliche, als k&uuml;nstliche
-Reinheit bezeichnet wird. Dieselbe ist, wie die Correctheit, nur eine
-<span class="ex">negative</span> Eigenschaft des sch&ouml;nen Scheins,
-durch welche, wenn sie eine nat&uuml;rliche ist, das Missfallen
-f&uuml;r Alle, &uuml;berall und auf immer, wenn sie dagegen blos eine
-k&uuml;nstliche ist, nur f&uuml;r diejenigen nur an jenen Orten und nur
-f&uuml;r so lange vermieden wird, f&uuml;r welche, an welchen und so
-lange das conventionelle Uebereinkommen, auf das sie begr&uuml;ndet
-ist, besteht. Beispiele der nat&uuml;rlichen Reinheit bietet der
-nat&uuml;rliche, der k&uuml;nstlichen dagegen der k&uuml;nstlich
-festgesetzte Sprachgebrauch in Regel und Schrift, wie der erste zum
-Beispiele in der deutschen, der letztere dagegen in Folge der
-Herrschaft des <span lang="fr">Dictionnaire de
-l&rsquo;Acad&eacute;mie</span> in der franz&ouml;sischen Literatur
-stattfindet.</p>
-<p class="par">129. Der qualitative Gesichtspunkt der Wiederherstellung
-des Seins aus dem an dessen Stelle getretenen und dasselbe verdunkelt
-habenden Schein ergibt die &auml;sthetische Idee der <span class=
-"ex">Ausgleichung</span>. Dieselbe besteht darin, dass die wirklich im
-Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen, welche, sei es durch Zufall, sei
-es durch <span class="pagenum">[<a id="pb73" href="#pb73" name=
-"pb73">73</a>]</span>Absicht, aus dem Bewusstsein verdr&auml;ngt und
-durch andere, denselben entgegengesetzte ersetzt worden sind, ohne, ja
-wider den Willen des Vorstellenden in das Bewusstsein zur&uuml;ckkehren
-und ihrerseits diejenigen, die ihre Stelle eingenommen haben,
-verscheuchen. Der durch die Unwillk&uuml;rlichkeit ihres
-Wiederauftauchens erzeugte Schein der Unabh&auml;ngigkeit der
-Vorstellungen vom Vorstellenden wirft auf deren Vorgestelltes selbst
-den gleichen Anschein der Selbstst&auml;ndigkeit, inneren Lebens und
-Beseeltseins, so dass die Bewegung der wieder auftauchenden
-Vorstellungen im Bewusstsein nicht als eine durch den Vorstellenden
-hervorgerufene, sondern als eine den Vorstellungen selbst innewohnende,
-als Selbstbewegung des Vorgestellten, als lebendiger Schein erscheint
-d. h. das Gesch&ouml;pf des Bewusstseins sich in Selbstbewusstsein
-verwandelt. Je nachdem die aus ihrer Verdunklung wieder hergestellten
-Vorstellungen entgegengesetzt oder harmonische waren, wird das Product
-des vollzogenen Ausgleiches entweder das Dasein entgegengesetzter oder
-harmonischer Vorstellungen d. h. der Ausgleich selbst entweder ein
-solcher mit disharmonischem oder harmonischem Ausgang sein. Ersterer
-schliesst zwar mit einer offenen Dissonanz (wie ein Heine&rsquo;sches
-Lied oder eine Chopin&rsquo;sche Phantasie), aber das Missfallen,
-welches der Geltung blossen Scheins f&uuml;r Sein anklebt, wenigstens
-ist vermieden. In letzterem Falle wird nicht blos letzteres Missfallen
-unm&ouml;glich gemacht, sondern die wieder hergestellte
-urspr&uuml;ngliche Consonanz l&auml;sst den Process der Ausgleichung in
-einen vollt&ouml;nenden Accord ausklingen.</p>
-<p class="par">130. Wie die Idee der Correctheit, so ist jene der
-Ausgleichung keine positive, unbedingten Beifall begr&uuml;ndende,
-sondern blos negative, unbedingtes Missfallen verh&uuml;tende Idee.
-Weder die Vermeidung des St&ouml;renden, noch die Wiederherstellung des
-Urspr&uuml;nglichen ist an und f&uuml;r sich beifalls-, aber die
-Gegenwart des Unertr&auml;glichen und der Bestand der L&uuml;ge
-f&uuml;r Wahrheit sind an und f&uuml;r sich verwerfenswerth. Beide
-Ideen bilden daher zwar Bedingungen, ohne welche kein Sch&ouml;nes
-sein, durch welche allein aber nichts zum Sch&ouml;nen werden kann.</p>
-<p class="par">131. An die &auml;sthetische Idee des Ausgleichs
-schliesst sich ein Verfahren an, welches dieselbe durch den ganzen
-Umkreis des &auml;sthetischen Scheins durchzuf&uuml;hren, allenthalben
-das Sein an die Stelle des Scheins zu setzen und die urspr&uuml;nglich
-gegebenen anstatt der f&uuml;r dieselben eingeschobenen Elemente der
-&auml;sthetischen Vorstellungswelt wieder herzustellen bem&uuml;ht ist.
-Ergebniss desselben ist <span class="pagenum">[<a id="pb74" href=
-"#pb74" name="pb74">74</a>]</span>der durch die gesammte Welt des
-&auml;sthetischen Scheins verbreitete Anschein selbstst&auml;ndiger
-Lebendigkeit, inwohnender Beseelung und Bewegung, Abl&ouml;sung des
-Vorgestellten vom vorstellenden Subjecte d. i. die &auml;sthetische
-Idee der Objectivit&auml;t als Beseeltheit und Seelenhaftigkeit des
-&auml;sthetischen Objectes. Dieselbe geht darauf aus, die
-Gesch&ouml;pfe des vorstellenden Subjects als Gesch&ouml;pfe ihrer
-selbst d. i. als sich selbst den Leib ihrer &auml;usseren Erscheinung,
-Bewegung und Handlung bauende und bestimmende seelenhafte Subjecte, die
-gesammte Welt des &auml;sthetischen Scheins als beseelte Welt, das
-Kunstwerk der Phantasie wie ein Naturwerk erscheinen zu lassen.
-Ausdruck dieses Strebens ist die dramatische, nach der nat&uuml;rlichen
-Verkettung von Ursachen und Wirkungen aus den gegebenen Charakteren und
-der gegebenen Situation mit innerer Nothwendigkeit hervorspringende,
-scheinbar ohne Wissen und Willk&uuml;r des Dichters, wie &bdquo;auf
-eigenen F&uuml;ssen&rdquo; einherschreitende dramatische Handlung. Die
-aus dem Hirn des Dichters entsprungenen scheinbar lebendig wandelnden
-Gestalten gleichen den Steinen Deukalion&rsquo;s, welche zu Menschen
-geworden sind.</p>
-<p class="par">132. Keine der angef&uuml;hrten &auml;sthetischen Ideen
-ist das ganze Sch&ouml;ne, aber jede derselben bezeichnet ein Element
-des Sch&ouml;nen. Weder das Grosse, noch das Charakteristische oder
-Harmonische, noch weniger das Correcte oder das Ausgeglichene f&uuml;r
-sich ersch&ouml;pft das Gebiet des unbedingt Wohlgef&auml;lligen, aber
-jedes der drei ersten, die eben darum die positiven Merkmale des
-Sch&ouml;nen ausmachen, stellt ein solches dar; die beiden letzteren
-dienen demselben wenigstens als negative Kriterien. Unter einander
-verglichen lassen die Eigenschaften der Vollkommenheit, Wahrheit,
-Einheit und Reinheit als ruhendes, l&auml;sst sich dagegen die
-Beseelung, Bewegung und Objectivit&auml;t als bewegtes Sch&ouml;nes
-bezeichnen. Die Gesammtheit s&auml;mmtlicher &auml;sthetischer Ideen zu
-einem Totalbilde vereinigt pr&auml;gt dem &auml;sthetischen Schein,
-wenn derselbe von geringerem, ja von dem geringsten denkbaren Umfang
-ist, den Stempel der Sch&ouml;nheit, wenn derselbe von gr&ouml;sserem,
-ja von dem gr&ouml;ssten denkbaren Umfang ist, durch die Erweiterung
-der einfachen &auml;sthetischen Ideen mittels des sich an dieselben
-anschliessenden Verfahrens: der Gr&ouml;sse zur Vollkommenheit, des
-Charakteristischen zur Wahrheit, des Einklangs zur Einheit, der
-Correctheit zur Reinheit und der Ausgleichung zur Objectivit&auml;t,
-die nie und nirgends erl&ouml;schende Marke der Classicit&auml;t
-auf.</p>
-<p class="par">133. Wie jeder der logischen Ideen, so steht jeder der
-&auml;sthetischen Ideen ihr Gegenbild zur Seite. Der &auml;sthetischen
-Idee der <span class="pagenum">[<a id="pb75" href="#pb75" name=
-"pb75">75</a>]</span>Vollkommenheit steht die der Unvollkommenheit, der
-des Grossen die des Kleinen, jener des Charakteristischen die des
-Charakterlosen, jener des Einklangs die des Missklangs gegen&uuml;ber.
-Wie das Grosse, Reiche und Wohlgeordnete gef&auml;llt, so
-missf&auml;llt das Kleine, D&uuml;rftige und Zusammenhangslose. Wie das
-sein Vorbild in bezeichnenden und wesentlichen Z&uuml;gen wiedergebende
-Nachbild Wohlgefallen erregt, so folgt der unbestimmten, verblasenen
-und verschwommenen, kaum kenntlichen Nachahmung das Missfallen auf dem
-Fusse. Wie das Harmonische, wo und an wem es sich findet, unbedingt
-Lob, so zieht das Disharmonische, wenn es nicht als Vorbereitung zu
-einem Harmonischen um dieser seiner dem Sch&ouml;nen dienenden Stellung
-willen geduldet wird, unbedingt Tadel nach sich. Die Gegens&auml;tze
-des Correcten und Ausgeglichenen sind durch die Missf&auml;lligkeit des
-gleichzeitig vorhandenen Unvertr&auml;glichen und der Geltung des
-Scheins f&uuml;r Sein selbst als unbedingt missf&auml;llig
-gekennzeichnet: Incorrectheit und Trug erscheinen als unbedingt
-verwerflich.</p>
-<p class="par">134. Eine Ausnahme macht die Stellung des an sich
-unbedingt Missf&auml;lligen, Unvertr&auml;glichen, in der Idee der
-Ausgleichung mit harmonischem Ausgang. Weil in diesem Fall das
-Urspr&uuml;ngliche und am Schluss des Processes Wiederhergestellte ein
-Harmonisches ist und der Eindruck dieses letzteren durch die
-vorangegangene Verdunklung, durch dessen disharmonisches Gegentheil,
-wie die Erfahrung zeigt, der aufl&ouml;senden Consonanz durch die
-vorangegangene Dissonanz, des neugeborenen Lichtes durch die
-vorhergegangene Finsterniss, auf das vorstellende Subject, den
-Beschauer und H&ouml;rer, erh&ouml;ht und best&auml;rkt wird, so tritt
-in diesem Fall das an sich, wenn es als Zweck gedacht wird, unbedingt
-auszuschliessende Missf&auml;llige (die Dissonanz, das Nachtdunkel) in
-die Rolle eines die Erscheinung des Harmonischen, welches als
-Selbstzweck nicht nur m&ouml;glich, sondern gefordert ist,
-vorbereitenden und f&ouml;rdernden Mittels zur&uuml;ck und wird um
-dieser seiner dem Harmonischen n&uuml;tzlichen Beschaffenheit willen
-nicht nur zugelassen, sondern, um den schliesslichen Effect des
-Harmonischen auf jede m&ouml;gliche Weise und zu jedem erreichbaren
-Grade zu steigern, mit Wissen und Willen als Hilfsmittel verwendet. Von
-dieser Art ist der Gebrauch der Dissonanzen in der Musik, des Licht-
-und Schattencontrastes, so wie der Farbengegens&auml;tze in der
-Malerei, des tragischen d. i. das Gerechtigkeitsgef&uuml;hl
-beleidigenden Schicksalsverh&auml;ngnisses in der Trag&ouml;die, die
-Einf&uuml;hrung sittlich verwerflicher Charaktere (moralischer
-Schlagschatten, <span class="pagenum">[<a id="pb76" href="#pb76" name=
-"pb76">76</a>]</span>B&ouml;sewichter, Intriguanten) in die dramatische
-oder epische Handlung etc.</p>
-<p class="par">135. Wie die Zusammenfassung der &auml;sthetischen Ideen
-das Sch&ouml;ne, jede derselben f&uuml;r sich ein Sch&ouml;nes, so
-stellen die Gegenbilder der einzelnen &auml;sthetischen Ideen jedes
-f&uuml;r sich ein H&auml;ssliches, die Zusammenfassung aller in einem
-Totalbilde das H&auml;ssliche dar. Werden die Gegenbilder der einzelnen
-&auml;sthetischen Ideen durch ein dem Verfahren bei den ersteren
-entgegengesetztes auf den ganzen Umkreis der &auml;sthetischen
-Vorstellungswelt ausgedehnt, so dass in demselben durchg&auml;ngig
-statt der Vollkommenheit Unvollkommenheit, statt der Gr&ouml;sse
-Kleinlichkeit, statt der Wahrheit Unwahrscheinlichkeit, statt der
-Einheit Verwirrung, statt der Reinheit Rohheit und statt der sich
-selbst beseelenden und tragenden Objectivit&auml;t gesetzlose
-Willk&uuml;r und genial scheinen wollender Subjectivismus herrscht, so
-wird, wie durch jene dem Totalbild der Stempel der Classicit&auml;t, so
-durch diese demselben das Gepr&auml;ge der ungebundenen
-Individualit&auml;t d. i. des romantischen Subjects, die formlose Form
-der Romantik aufgepr&auml;gt.</p>
-<p class="par">136. Mit der Aufstellung der &auml;sthetischen Ideen und
-ihrer Gegenbilder, der einen zur Nachahmung, der andern zur
-Abschreckung f&uuml;r jedes Schaffen, das <span class=
-"ex">Sch&ouml;nes</span> d. i. unbedingt Wohlgef&auml;lliges
-hervorbringen, unbedingt Missf&auml;lliges vermeiden will d. h. mit der
-Aufz&auml;hlung der normalen und anormalen Formen, welche Normen des
-&auml;sthetischen Vorstellens und k&uuml;nstlerischen Producirens sind,
-ist das Gesch&auml;ft der <span class="ex">Aesthetik</span> als
-allgemeiner Wissenschaft vom Sch&ouml;nen vollendet. <span class=
-"pagenum">[<a id="pb77" href="#pb77" name="pb77">77</a>]</span></p>
-</div>
-</div>
-<div id="ch1.3" class="div1 introduction"><span class=
-"pagenum">[<a href="#xd24e247">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<h2 class="label">DRITTES CAPITEL.</h2>
-<h2 class="main">Die ethischen Ideen.</h2>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first">137. Wie die logischen Ideen die Normen, unter
-welchen Denken zum Wissen, die &auml;sthetischen die Normen, unter
-welchen &auml;sthetischer Schein zum Sch&ouml;nen, so stellen die
-ethischen Ideen die Bedingungen dar, unter welchen Wollen zum Guten
-wird. Von Kant stammt der Ausspruch, dass das einzige, was wahrhaft und
-in jeder Hinsicht gut genannt zu werden verdiene, der gute Wille sei;
-welcher aber der gute d. h. unter allen denkbaren Willen derjenige sei,
-der unbedingt d. h. allgemein und nothwendig gef&auml;llt, sollen
-nachstehende Betrachtungen entwickeln.</p>
-<p class="par">138. Wie bei dem sch&ouml;nen wirklichen Gegenstande
-dasjenige, was ihn zum sch&ouml;nen macht, nicht darin besteht, dass er
-Wirklichkeit, sondern darin, dass er Sch&ouml;nheit besitzt, so kann
-bei dem guten wirklichen Wollen der Grund, der es zum guten macht,
-nicht darin liegen, dass es <span class="ex">wirklich</span>, sondern
-darin, dass es <span class="ex">gut</span> ist. Da nun der wirkliche
-sch&ouml;ne Gegenstand vor dem blos gedachten (d. i. dem Schein eines
-solchen) nichts weiter voraus hat als eben die Wirklichkeit, und
-folglich der Grund seiner Sch&ouml;nheit nicht in demjenigen gefunden
-werden kann, was ihn vom Schein unterscheidet, sondern nur in
-demjenigen, was auch diesem eigen ist, so kann auch die Ursache, um
-deren willen der gute wirkliche Wille gelobt und dessen Gegentheil
-getadelt wird, keine andere als eine solche sein, welche der wirkliche
-mit dem blos gedachten (d. i. mit dem blossen Schein-) Willen gemein
-hat. Wie aber dasjenige, was das sch&ouml;ne Wirkliche mit dem
-sch&ouml;nen gedachten Gegenstande gemein hat, nur beider Form, so kann
-auch dasjenige, was dem guten Wirklichen mit dem blos gedachten guten
-Willen gemeinsam <span class="pagenum">[<a id="pb78" href="#pb78" name=
-"pb78">78</a>]</span>ist, nur deren gemeinschaftliche Form, und der
-einzige wahre Grund, um deswillen gutes wirkliches Wollen gut genannt
-zu werden verdient, kann daher nicht in dessen Realit&auml;t, sondern
-nur in dessen (unbedingt wohlgef&auml;lliger d. i. den Normen des
-unbedingt Wohlgef&auml;lligen entsprechender) Form gefunden werden.</p>
-<p class="par">139. W&auml;re das Gegentheil der Fall d. h. l&auml;ge
-der Grund, warum gutes wirkliches Wollen unbedingt gef&auml;llt, in
-Eigenschaften, welche von dessen Wirklichkeit abh&auml;ngen, so
-erg&auml;be sich Folgendes: Jedes wirkliche Wollen bringt einerseits
-als Wirkendes Wirkungen d. i. Folgen hervor und ist andererseits
-entweder als Bewirktes die Wirkung eines anderen Willens, oder als
-Selbstbewirktes die Wirkung seiner selbst, als des eigenen Willens. Im
-ersten Falle ist es selbst als Wirkliches die Ursache eines anderen
-Wirklichen; im zweiten Falle ist seine Ursache der entweder gebietende
-oder der als Muster zur Nachahmung reizende Wille eines Anderen; im
-letzten Falle ist es selbst seine eigene Ursache.</p>
-<p class="par">140. Da jedes wirkliche Wollen ein Streben, ein solches
-aber nichts anderes ist als das Aufstreben der Vorstellung des
-Erstrebten im Bewusstsein gegen die Hemmnisse, welche bisher auf
-derselben lasteten, so erzeugt jedes Wollen, welches etwas bewirkt d.
-h. eine wirkliche Ver&auml;nderung seiner bisherigen Lage hervorbringt,
-ebenso unausbleiblicher Weise ein Lust- als im entgegengesetzten Fall,
-wenn es nichts bewirkt, ein Unlustgef&uuml;hl. Indem sich das erstere
-mit der Vorstellung des im Wollen Erstrebten d. i. des Objectes des
-Wollens verkn&uuml;pft, erscheint dieses letztere als ein Gut; indem
-das letztere das gleiche thut, erscheint das Erstrebte als ein Uebel;
-jenes, weil an dessen Vorstellung sich ein Lustgef&uuml;hl geheftet,
-wird von da an als ein Begehrens-, dieses, weil dessen Vorstellung
-fortan von einem Unlustgef&uuml;hl begleitet wird, als ein
-Verabscheuungswerthes angesehen, die G&uuml;te des Wollens von dessen
-Richtung auf G&uuml;ter, deren Gegentheil, die Bosheit, von dessen
-Richtung auf Uebel abh&auml;ngig gemacht. Die Ethik als Wissenschaft
-von den Bedingungen des Guten nimmt die Gestalt einer <span class=
-"ex">G&uuml;terlehre</span> an.</p>
-<p class="par">141. Die Eigenschaft eines Objectes als eines Gutes oder
-Uebels h&auml;ngt ab von den die Vorstellung desselben begleitenden
-Lust- oder Unlustgef&uuml;hlen. Je nachdem diese letztern st&auml;rker
-oder geringer, werden h&ouml;here und niedere G&uuml;ter und Uebel
-unterschieden. Durch den Umstand, dass die Vorstellung des einen von
-dem h&ouml;chsten Lust-, die Vorstellung des anderen von dem
-h&ouml;chsten Unlustgef&uuml;hl unzertrennlich <span class=
-"pagenum">[<a id="pb79" href="#pb79" name="pb79">79</a>]</span>ist,
-wird das h&ouml;chste Gut vor dem gr&ouml;ssten Uebel gekennzeichnet.
-Dass sich dabei an die Vorstellung der Lust als solcher das
-h&ouml;chste Lustgef&uuml;hl, an jene der Unlust das h&ouml;chste
-Unlustgef&uuml;hl und zwar nicht blos in diesem und jenem, sondern in
-jedem Fall heften muss, in welchem von Lust und Unlust als Ziel des
-Wollens die Rede ist, und dass in Folge dessen kein Gegenstand
-geeigneter erscheint, als h&ouml;chstes Gut aufgestellt zu werden, als
-die Lust (Gl&uuml;ckseligkeit, <span class="trans" title=
-"eudaimonia"><span class="Greek" lang=
-"grc">&epsilon;&#8016;&delta;&alpha;&iota;&mu;&omicron;&nu;&#8054;&alpha;</span></span>)
-und keiner n&auml;her liegt, um als h&ouml;chstes Uebel zu erscheinen,
-als die Unlust (Unseligkeit, <span class="trans" title=
-"kakodaimonia"><span class="Greek" lang=
-"grc">&kappa;&alpha;&kappa;&omicron;&delta;&alpha;&iota;&mu;&omicron;&nu;&#8054;&alpha;</span></span>)
-scheint eben so wenig befremdlich, als es unbestimmt bleibt, ob unter
-jener Lust, die als Gut, und jener Unlust, die als Uebel bezeichnet
-wird, jede beliebige ohne Unterschied, oder irgend eine bestimmte, z.
-B. nur sinnliche oder nur geistige Lust, nur eigene (Egoismus) oder nur
-fremde Gl&uuml;ckseligkeit (Altruismus), die Gl&uuml;ckseligkeit eines
-Theiles oder die des Ganzen (allgemeines Wohl, salus publica)
-verstanden werden solle.</p>
-<p class="par">142. Letzterem Mangel soll dadurch abgeholfen werden,
-dass diejenige Lust, welche mit keinerlei Unlust gemischt, also rein
-erscheint, der gemischten &mdash; also diejenige, deren Folgen
-nicht<a id="xd24e1243" name="xd24e1243"></a> einer solchen vorgezogen
-wird, deren nachtr&auml;gliche Wirkungen von Unlust begleitet sind. Aus
-diesem Grunde wurde von den Hedonikern und Epikur&auml;ern die
-sinnliche Lust als vor&uuml;bergehende und fl&uuml;chtige der geistigen
-als der dauer- und standhaften nachgesetzt, von Aristoteles das
-beschauliche Leben des Denkers als das einzige wahren Genuss
-gew&auml;hrende hoch &uuml;ber das banausische Treiben der Sinnlichkeit
-erhoben. Dem Streben nach eigener, selbsts&uuml;chtiger
-Gl&uuml;ckseligkeit, in welchem die Einen (die Encyklop&auml;disten,
-Helvetius) das Ziel des Wollens erblickten, wird von Anderen (Hume,
-Smith, Comte) das Streben nach fremder d. i. nach der
-Gl&uuml;ckseligkeit des Andern (<span lang="la">autrui</span>,
-Altruismus) entgegengestellt d. h. das selbstlose und
-selbstverleugnende uneigenn&uuml;tzige dem selbsts&uuml;chtigen
-eigenn&uuml;tzigen Wollen &mdash; mit Recht, aber grundlos d. h. ohne
-Angabe eines Grundes, warum das eine besser als das andere sein solle
-&mdash; vorgezogen. Eben so richtig, aber auch eben so wenig motivirt
-ist der von Leibnitz u. A. hervorgehobene Vorrang der allgemeinen vor
-der besondern oder gar individuellen Gl&uuml;ckseligkeit, in Folge
-dessen das Wohl des Ganzen jenem des Theiles, dieses jenem des
-Einzelnen zwar (mit Recht) vorzuziehen, der Grund aber, durch welchen
-diese Bevorzugung gerechtfertigt (und welcher, wie sp&auml;ter gezeigt
-werden soll, ausschliesslich in der urspr&uuml;nglichen <span class=
-"pagenum">[<a id="pb80" href="#pb80" name=
-"pb80">80</a>]</span>unbedingten Wohlgef&auml;lligkeit wohlwollender
-Gesinnung gelegen) ist, eben so wenig anzutreffen ist.</p>
-<p class="par">143. Der andere Mangel, an dem jede Ethik als
-G&uuml;terlehre leidet, aber kann auf keine Weise beseitigt werden.
-Dieselbe geht davon aus, dass es G&uuml;ter d. h. Objecte gebe, die
-begehrens-, und solche, die verabscheuungswerth sind, und will durch
-die Angabe der ersteren, wie durch die Ausscheidung der zweiten das
-gute d. h. auf G&uuml;ter, von dem b&ouml;sen d. h. auf Uebel sich
-richtenden Wollen unterscheiden. Wenn aber nach Obigem an jede
-Befriedigung des Wollens, gleichviel welches dessen Object sei, ein
-Lustgef&uuml;hl sich kn&uuml;pft und jedes Object, dessen Vorstellung
-ein Lustgef&uuml;hl begleitet, ein Gut darstellt, so folgt, dass das
-Object jedes Wollens, gleichviel welches es sei, ein Gut &mdash; und
-daher jedes Wollen ohne Unterschied, weil auf ein Gut gerichtet, ein
-gutes, folglich der Unterschied zwischen gutem und nicht gutem Wollen
-illusorisch sei. Folge der Ethik als G&uuml;terlehre w&auml;re daher,
-entweder, dass jedes Wollen als Wollen gut (ethischer Optimismus), oder
-dass kein Wollen besser als das andere (ethischer Indifferentismus),
-oder dass kein Wollen gut (ethischer Pessimismus und Nihilismus), oder,
-da jedes wirkliche Wollen aus dem Gef&uuml;hl des Nichtbesitzes des
-Gewollten d. i. aus einem Unlustgef&uuml;hl hervorgeht, dass
-Nichtwollen am besten sei (ethischer Quietismus). In keinem dieser
-F&auml;lle ist Ethik als Wissenschaft m&ouml;glich.</p>
-<p class="par">144. Wie das wirkliche Wollen als Wirkendes Ursache, so
-ist es als Bewirktes Wirkung eines Wirklichen. Kann nun dasjenige,
-wodurch ein Wollen bewirkt wird, nur wieder ein Wille sein, so ist nur
-zweierlei m&ouml;glich: entweder ist der bewirkende Wille ein fremder
-d. h. der eines von jenem, der will, unterschiedenen, oder der eigene
-d. i. der eines mit demjenigen, welcher will, identischen Individuums.
-In beiden F&auml;llen kann der Wille entweder als befehlender, das
-eigene Wollen als Wirkung jenes Willens als gehorchendes, oder als
-vorbildender, das eigene Wollen als nachahmendes auftreten. Im ersten
-Fall nimmt das gute Wollen die Form des pflichtm&auml;ssigen, die Ethik
-als Wissenschaft die Gestalt einer <span class=
-"ex">Pflichtenlehre</span>, im zweiten Fall das vorbildende Wollen die
-Rolle eines Tugendmusters, die Ethik als Wissenschaft die Form einer
-<span class="ex">Tugendlehre</span> an.</p>
-<p class="par">145. Grund der G&uuml;te des Wollens ist in der ersten
-die Beschaffenheit des befehlenden Willens. Ist dieser selbst gut, so
-ist es auch sein Gebot (die Pflicht) und folglich auch das diesem
-<span class="pagenum">[<a id="pb81" href="#pb81" name=
-"pb81">81</a>]</span>gem&auml;sse d. i. pflichtgem&auml;sse Wollen. Ist
-er dagegen das Gegentheil, so ist es auch sein Gebot und folglich das
-Wollen desto schlechter, je pflichtgem&auml;sser es ist. Soll daher die
-Ethik die Form einer Pflichtenlehre annehmen d&uuml;rfen, so muss
-zuerst ausgemacht sein, dass der gesetzgebende Wille in der That der
-gute d. h. dass das von ihm Gebotene niemals etwas anderes sein
-k&ouml;nne, als was des Gebotenwerdens werth ist. Dieses aber kann
-weder einfach dadurch erwiesen werden, dass dargethan wird, der
-gebietende Wille sei der st&auml;rkste, noch dadurch, dass zu erweisen
-versucht wird, er sei entweder der g&ouml;ttliche oder &uuml;berhaupt
-ein h&ouml;herer (&uuml;bermenschlicher, &uuml;bersinnlicher,
-&uuml;berempirischer), sondern allein dadurch, dass dargethan wird, er
-sei der gute d. h. sein Inhalt stimme mit demjenigen &uuml;berein, was
-den Inhalt des Guten d. h. des am Wollen unbedingt Wohlgef&auml;lligen
-ausmacht. Erweis der G&uuml;te des Gebots durch den Nachweis, dass der
-gebietende Wille der st&auml;rkste d. h. st&auml;rker als der
-gehorchende und folglich denselben zu zwingen verm&ouml;gend sei,
-w&uuml;rde das Faustrecht d. h. das angebliche Recht des St&auml;rkeren
-bedeuten d. i. den Grundsatz: dass dasjenige, was die Macht will, gut,
-nicht aber, dass nur die Macht, die das Gute will, diejenige sei, der
-man zum Gehorsam verpflichtet ist. Das zweite w&uuml;rde das Vorangehen
-des Beweises erfordern, dass der Gesetzgeber, als dessen Gesetz das
-gebotene Wollen sich kundgibt, wirklich Gott d. h. nicht blos ein
-angeblicher, sondern der wirkliche Gott d. h. ein solcher sei, zu
-dessen Eigenschaften es naturnothwendig geh&ouml;rt, nur das Gute d. i.
-das sein Sollende, zu wollen. Da nun dieser Beweis nicht erbracht
-werden kann, ohne das Gute d. i. das unbedingt Wohlgef&auml;llige am
-Wollen zu kennen, auf dessen Uebereinstimmung mit dem angeblich
-g&ouml;ttlichen Gebot eben die Anerkennung des letzteren als eines
-g&ouml;ttlichen beruht, so setzt die Ethik als theologische d. i. das
-Gute auf das Gebot Gottes zur&uuml;ckf&uuml;hrende Wissenschaft, die
-Kenntniss des Guten als gewonnen voraus, statt dieselbe zu
-gew&auml;hren. Wird jedoch der gesetzgebende Wille statt in einen
-Andern, in das Innere des Wollenden selbst, gleichsam als ein
-h&ouml;herer, &uuml;berempirischer in das menschliche, empirische
-Individuum verlegt, so dass der Mensch gleichsam als ein aus zwei
-Elementen, einem &uuml;berempirischen und einem empirischen,
-zusammengesetztes Doppelwesen erscheint, deren eines zum Befehlen, das
-andere zum Gehorchen bestimmt ist, so kehrt dieselbe Schwierigkeit
-wieder d. h. es muss neuerdings dargethan werden, dass der sich im
-Menschen als der h&ouml;here geberdende Wille (&bdquo;der Gott in
-<span class="pagenum">[<a id="pb82" href="#pb82" name=
-"pb82">82</a>]</span>uns&rdquo;) wirklich den Anspruch <span class=
-"ex">besitze</span> und nicht blos <span class="ex">mache</span>, als
-solcher anerkannt, und dessen Gesetz die Berechtigung habe, nicht blos,
-weil es <span class="ex">sein</span>, sondern weil es ein <span class=
-"ex">gutes</span> Gesetz ist, Gehorsam zu fordern.</p>
-<p class="par">146. Selbst Kant&rsquo;s souver&auml;ner kategorischer
-Imperativ hat der Verpflichtung, als gutes d. i. Gehorsam zu fordern
-berechtigtes Gebot sich zu legitimiren, sich nicht zu entziehen
-vermocht. Freilich thut er dasselbe nicht durch den Erweis, dass der
-Inhalt seines Gebotes der gute, sondern dadurch, dass das Gegentheil
-desselben in sich widersprechend sei. Der von ihm aufgestellte Satz:
-Handle so, dass die Maxime deines Wollens f&auml;hig sei, als
-allgemeines Gesetz zu dienen, soll nicht den Inhalt des Guten, sondern
-ein Kennzeichen darbieten, denselben zu erkennen. Die F&auml;higkeit
-einer Maxime, allgemein als Gesetz aufgestellt zu werden, verr&auml;th
-sich darin, dass das Gegentheil derselben, als allgemeines Gesetz
-gedacht, sich selbst widerspricht. Kant&rsquo;s Kriterium des Guten ist
-logisch, nicht ethisch.</p>
-<p class="par">147. Aber das Beispiel, das er gibt, f&uuml;hrt nicht
-einmal zum Widerspruch. Kant erweist die Pflicht, anvertraute
-G&uuml;ter zur&uuml;ckzugeben, auf die Weise, dass er bemerkt, im
-entgegengesetzten Fall w&uuml;rde es keine anvertrauten G&uuml;ter mehr
-geben. Allein die der Maxime, anvertraute G&uuml;ter
-zur&uuml;ckzustellen, entgegengesetzte Maxime, anvertraute G&uuml;ter
-nicht zur&uuml;ckzustellen, w&uuml;rde nur dann auf einen Widerspruch
-f&uuml;hren, wenn sie verlangte, obgleich keine anvertrauten G&uuml;ter
-vorhanden seien, dennoch dergleichen zur&uuml;ckzustellen. Dieselbe
-f&uuml;hrt jedoch auf keinen Widerspruch, wenn sie, wie sie es wirklich
-thut, verlangt, anvertraute G&uuml;ter, <span class="ex">wenn</span>
-dergleichen vorhanden sind, <span class="ex">nicht</span>
-zur&uuml;ckzustellen.</p>
-<p class="par">148. Kant geht von dem richtigen Satze aus, dass jedes
-gute Gebot allgemein giltig und schliesst daraus umgekehrt, dass jedes
-allgemein giltige Gebot nothwendig gut sei. Er erweist daher statt, wie
-er sollte, die Folge aus dem Grund, umgekehrt, wie er nicht durfte, den
-Grund aus der Folge. Allgemein giltige Gebote sind nothwendig gute,
-aber nicht alles, was allgemein gilt d. h. dessen Gegentheil auf einen
-Widerspruch f&uuml;hrt (wie z. B. mathematische Wahrheiten) ist ein
-ethisches Gebot. In der k&uuml;rzeren Form, welche Kant seinem obersten
-Sittengesetze gibt: folge der praktischen Vernunft d. i. thue, was du
-sollst, wird die leere Tautologie, in die sich der kategorische
-Imperativ verwickelt, noch auff&auml;lliger. Denn da die Vernunft
-nichts anderes ist als die Stimme des Sollens, so bedeutet jenes Gebot:
-du sollst, was du sollst &mdash; einen identischen Satz. <span class=
-"pagenum">[<a id="pb83" href="#pb83" name="pb83">83</a>]</span></p>
-<p class="par">149. Der kategorische Imperativ oder die sogenannte
-praktische Vernunft im Wollenden nimmt in Bezug auf den Inhalt ihres
-Gebots dem an sich Guten gegen&uuml;ber keine andere Stellung ein, als
-Gott und die sogenannte g&ouml;ttliche Gesetzgebung ausserhalb des
-Wollenden. Wie die letztere, um den angeblichen von dem wahren (d. i.
-eines Gottes w&uuml;rdigen) Willen Gottes unterscheiden zu k&ouml;nnen,
-nach den Worten des Thomas von Aquin: <span lang="la">non ideo bonum
-est, quia deus pr&aelig;cepit, sed ideo deus pr&aelig;cepit, quia bonum
-est</span>, der Rechtfertigung durch Uebereinstimmung ihres Inhalts mit
-jenem des an sich Guten (d. i. des unbedingt Wohlgef&auml;lligen am
-Wollen) bedarf, so muss, um den Ausspruch der wahren von dem einer blos
-vermeintlichen gebietenden Vernunft unterscheiden zu k&ouml;nnen, der
-Inhalt desselben an dem Massstab einer andern, der &uuml;ber Werth und
-Unwerth des Wollens unbedingt entscheidenden <span class=
-"ex">urtheilenden</span> Vernunft gepr&uuml;ft und durch diese entweder
-best&auml;tigt oder verworfen werden.</p>
-<p class="par">150. Wie in der Pflichtenlehre der Grund der G&uuml;te
-des gehorchenden in jener des befehlenden Willens, so liegt in der
-Ethik als Tugendlehre der Grund der G&uuml;te des nachahmenden in jener
-des nachgeahmten Willens. Dieselbe stellt, wie die stoische Moral in
-der Person des stoischen Weisen, wie Aristoteles in seinem
-&bdquo;gerechten Mann&rdquo; (<span class="trans" title=
-"orthos an&#275;r"><span class="Greek" lang=
-"grc">&#8000;&rho;&theta;&#8056;&sigmaf;
-&#7936;&nu;&#8134;&rho;</span></span>) ein ethisches Ideal, das Bild
-einer vollendeten oder doch f&uuml;r vollendet ausgegebenen idealen
-Pers&ouml;nlichkeit als Tugendmuster d. i. als nachahmungswerthes
-Vorbild auf, durch dessen Nachahmung das Wollen des Nachahmenden selbst
-tugendhaft, Mustertugend wird, aus keinem andern Grunde, als weil und
-insofern es dem Wollen des Tugendmusters gleicht. Ethik als Tugendlehre
-ist daher zwar vorschreibend, insofern sie ein Vorbild zur Nachahmung
-aufstellt, aber zugleich blos beschreibend, indem sie das Wesen des
-Tugendmusters ausmalt. Die stoische Moral begn&uuml;gte sich nicht
-damit, auf das Ideal des Weisen als Muster hinzudeuten, sondern entwarf
-ein Charaktergem&auml;lde desselben und seines Verhaltens in allen
-denkbaren Lebenslagen als musterhaft. Die Ethik als Tugendlehre
-verf&auml;hrt weder imperativ, noch deducirend, sondern demonstrirend
-d. i. auf ein gegebenes, sei es historisch in der Wirklichkeit, sei es
-poetisch in der idealen Welt, Vorhandenes hinweisend und dasselbe ein-
-f&uuml;r allemal als ethische Autorit&auml;t d. i. als den
-schlechthinigen Ausdruck des an sich Guten proclamirend. Wie Max von
-Wallenstein sagt: &bdquo;Auf ihn nur braucht' ich zu schau&rsquo;n und
-war des rechten Pfad&rsquo;s gewiss&rdquo; &mdash; <span class=
-"pagenum">[<a id="pb84" href="#pb84" name="pb84">84</a>]</span>so zeigt
-die Ethik als Tugendlehre auf jede Frage nach dem <span class=
-"ex">Guten</span>, statt aller Antwort auf den Guten hin, in dessen
-jeweiligem Wollen dasselbe verk&ouml;rpert sei.</p>
-<p class="par">151. Soll dessen ethische Autorit&auml;t nicht blos
-&bdquo;auf Autorit&auml;t&rdquo; hin, das Ideal des stoischen Weisen
-nicht blos auf das Zeugniss der Stoiker, der <span class="trans" title=
-"orthos an&#275;r"><span class="Greek" lang=
-"grc">&#8000;&rho;&theta;&#8056;&sigmaf;
-&#7936;&nu;&#8134;&rho;</span></span> nicht blos auf jenes des
-Aristoteles hin als Tugendmuster gelten, so muss die Berechtigung
-derselben, ideal d. i. absolut wohlgef&auml;lliges Vorbild zu sein,
-wissenschaftlich d. i. durch Uebereinstimmung ihres Wollens mit dem an
-sich Guten (d. i. dem unbedingt Wohlgef&auml;lligen am Wollen) vorher
-erwiesen werden. Weil aber dieser Erweis die Kenntniss des Guten
-bedingt, das gute Wollen nicht deshalb gut, weil es das Wollen des
-Guten (Mannes), sondern der Gute deshalb gut ist, weil er das Gute
-will, so setzt Ethik als Tugendlehre, statt selbst Wissenschaft des
-Guten zu sein, vielmehr diese d. i. die Wissenschaft der Normen, nach
-welchen das Wollen unbedingt gef&auml;llt oder missf&auml;llt, die
-&auml;sthetische Wissenschaft vom Wollen, die Willens&auml;sthetik
-voraus.</p>
-<p class="par">152. G&uuml;ter-, Pflichten- und Tugendlehre als Formen
-der Ethik sind damit gleichm&auml;ssig abgelehnt. Die Eigenschaften des
-Wollens, welche dasselbe zum guten machen, geh&ouml;ren nicht, wie bei
-jenen, dem wirklichen, sondern ausschliesslich dem gedachten Wollen d.
-i. der blossen Vorstellung eines solchen, dem Schein eines Wollens an.
-Wie &auml;sthetischer Schein &uuml;berhaupt weder dadurch, dass etwas
-durch denselben hindurchscheint, noch dadurch gef&auml;llt, dass er
-einem gewissen Subjecte scheint, sondern allein dadurch, dass er
-gewisse unbedingt wohlgef&auml;llige Formen an sich tr&auml;gt, so
-gef&auml;llt das Bild eines Wollens weder dadurch, dass dieses
-bestimmte Folgen nach sich zieht (wie in der G&uuml;terlehre), noch
-dadurch, dass dieses das, sei es gebietende oder als Muster
-vorgestellte Wollen eines Andern nachahmt (wie in der Pflichten- und
-Tugendlehre), sondern allein dadurch, dass das Wollen gewisse unbedingt
-wohlgef&auml;llige Formen an sich tr&auml;gt. Die Aufstellung dieser
-letzteren ist die Aufgabe der Ethik als Aesthetik des Wollens.</p>
-<p class="par">153. Zieht man von dem guten wirklichen Wollen die
-&auml;ussere H&uuml;lle der Wirklichkeit ab, so bleibt der Gedanke, das
-Bild oder die Vorstellung dieses Wollens allein &uuml;brig. Dieses Bild
-wird als Vorgestelltes nicht nur mit einem gewissen Grade von
-Intensit&auml;t vorgestellt, sondern das Wollen, dessen Bild es ist,
-wird in diesem als Wollen von einem bestimmten h&ouml;heren oder
-<span class="corr" id="xd24e1333" title=
-"Quelle: niederern">niederen</span> Intensit&auml;tsgrad vorgestellt.
-Dasselbe wird ferner nicht blos in Beziehungen <span class=
-"pagenum">[<a id="pb85" href="#pb85" name="pb85">85</a>]</span>und
-Verh&auml;ltnissen (der Gleichheit, Ungleichheit, der Identit&auml;t
-oder des Gegensatzes) zu anderen &auml;hnlichen oder un&auml;hnlichen
-Willensbildern vorgestellt, sondern das Wollen, dessen Bild es ist,
-wird selbst als in Beziehungen und Verh&auml;ltnissen (der
-Uebereinstimmung oder des Widerstreits) zu anderem, sei es Wollen, sei
-es Vorstellen, stehend vorgestellt. Jenes ergibt einen quantitativen,
-dieses einen qualitativen Gesichtspunkt zur Beurtheilung des
-Wollens.</p>
-<p class="par">154. Ersterer betrifft das Wie, letzterer das Was des
-vorgestellten Wollens. Dasselbe wird von jenem aus entweder als stark,
-oder als schwach, als reich und mannigfaltig, oder als d&uuml;rftig und
-einf&ouml;rmig, als wohlgeordnet und in sich zusammenh&auml;ngend, oder
-als ordnungslos und in sich zerrissen vorgestellt, und nach der
-&auml;sthetischen Idee der Vollkommenheit dem starken, reichen,
-zusammenh&auml;ngenden vor dem schwachen, armen und zusammenhanglosen
-Wollen der Vorzug gegeben. Von diesem aus wird dasselbe entweder als
-mit einem anderen Wollen (z. B. dem eines Andern) ganz oder theilweise
-identisch oder demselben entgegengesetzt <span class="corr" id=
-"xd24e1340" title="Quelle: vorgetellt">vorgestellt</span> und nach der
-&auml;sthetischen Idee des Einklangs im ersteren Falle mit Lob, in
-letzterem mit Tadel begleitet. Die Entwicklung und Aufz&auml;hlung
-aller sowol vom quantitativen als vom qualitativen Gesichtspunkt aus
-m&ouml;glichen F&auml;lle ergibt die ethischen Ideen.</p>
-<p class="par">155. Diese F&auml;lle sind folgende. Jedes Wollen als
-solches besitzt eine Energie, mit welcher, und einen Inhalt, welcher
-gewollt wird. Wird die erstere d. i. das Quantum des Wollens, ohne
-R&uuml;cksicht auf den letzteren, das Quale des Wollens, allein ins
-Auge gefasst, so ergibt sich der quantitative, findet das Gegentheil
-statt, der qualitative Gesichtspunkt seiner Beurtheilung. Weil jede
-Beth&auml;tigung des Wollens als eines Ueberwindens entgegenstehender
-Hemmnisse von Lustgef&uuml;hl begleitet ist und sich dasselbe in
-gleichem Grade steigert, als das aufgewendete Quantum der
-Wollensbeth&auml;tigung w&auml;chst, so muss mit der Vorstellung des
-gr&ouml;sseren Quantums von Wollensbeth&auml;tigung nothwendig ein
-gr&ouml;sseres, mit der Vorstellung eines mit dem ersteren verglichen
-kleineren Wollensquantums eben so nothwendig ein geringerer Grad von
-Lustgef&uuml;hl verbunden sein d. h. das st&auml;rkere Wollen
-gef&auml;llt neben dem schw&auml;cheren, das schw&auml;chere
-missf&auml;llt neben dem st&auml;rkeren. Dieser Erfolg besteht so
-lange, als das proportionale Verh&auml;ltniss zwischen den beiden unter
-einander verglichenen Wollensquantit&auml;ten dasselbe bleibt. Ob die
-beiden unter einander ihrer relativen St&auml;rke nach verglichenen
-Wollen als einem und demselben oder als verschiedenen <span class=
-"pagenum">[<a id="pb86" href="#pb86" name=
-"pb86">86</a>]</span>wollenden Wesen angeh&ouml;rig gedacht werden,
-macht dann keinen Unterschied. W&auml;chst das kleinere Wollensquantum,
-oder nimmt das gr&ouml;ssere ab, so dass schliesslich beide den
-gleichen Grad von St&auml;rke besitzen, oder bei fortw&auml;hrendem
-Wachsen des kleineren oder Abnehmen des gr&ouml;sseren das
-schw&auml;chere zum st&auml;rkeren, das st&auml;rkere zum
-schw&auml;cheren Wollen wird, so h&ouml;rt in dem einen Fall, da beide
-gleich stark geworden sind, jeder Vorzug des einen vor dem andern auf,
-in dem andern Fall, da das schw&auml;chere zum st&auml;rkeren geworden
-ist, kehrt sich das Verh&auml;ltniss um, das vorher wohlgef&auml;llige
-missf&auml;llt, das vorher missf&auml;llige wird wohlgef&auml;llig. In
-beiden F&auml;llen stellt das st&auml;rkere den Massstab des
-schw&auml;cheren, jenes gleichsam das &bdquo;Volle&rdquo; dar, zu
-welchem dieses erst &bdquo;kommen&rdquo; soll.</p>
-<p class="par">156. Wird das Quantum des Wollens <span class="corr" id=
-"xd24e1349" title="Quelle: hiebei">hierbei</span> als &uuml;ber jedes
-erreichbare Mass hinaus fortschreitend vorgestellt, so geht die
-Vorstellung des starken in die des durch seine St&auml;rke erhabenen
-Wollens d. i. eines solchen &uuml;ber, im Vergleich mit welchem jede
-dem Vorstellenden selbst als Wollendem erreichbare St&auml;rke seines
-Wollens in nichts verschwindet. Das in diesem Fall vorgestellte Wollen
-erscheint mit dem des Vorstellenden selbst verglichen unendlich (d. h.
-&uuml;ber jede diesem vorstellbare Grenze hinaus) gross; das eigene
-Wollen des Vorstellenden diesem mit jenem verglichen unendlich (d. h.
-&uuml;ber jede von diesem vorstellbare Grenze hinaus) klein. Letzterer
-Umstand ruft in dem Vorstellenden das unangenehme Gef&uuml;hl seiner
-Schw&auml;che als <span class="ex">wollendes</span>, dagegen das
-Bewusstsein, einen dem seinen unendlich &uuml;berlegenen Willen zwar
-nicht im Wollen erreichen, aber doch wenigstens mit seiner
-vorstellenden Kraft vorstellen zu k&ouml;nnen, das angenehme
-Gef&uuml;hl der eigenen St&auml;rke als <span class=
-"ex">vorstellendes</span> Wesen hervor, so dass beide, dieses Lust- und
-jenes Unlustgef&uuml;hl zusammen, jenem &uuml;ber alles Mass hinaus
-gesteigerten Wollen gegen&uuml;ber wieder das gemischte Gef&uuml;hl des
-Erhabenen erzeugen. Letzteres mag, da es ein Wollen ist, zum
-Unterschied von dem im Vorangehenden erw&auml;hnten, welches nur auf
-der Ueberschreitung der Grenze des Vorstellbaren beruhte, mit einem
-Kant&rsquo;schen Ausdruck das dynamisch Erhabene heissen.</p>
-<p class="par">157. Wird, wie oben vom Quale, so vom Quantum des
-vorgestellten Wollens ab und nur auf das Was desselben gesehen, so
-ergeben sich, da in Bezug auf den Umstand, dass &uuml;berhaupt etwas
-gewollt wird, ein Wollen dem andern gleicht, in Bezug auf dasjenige,
-welches gewollt wird, aber, weil jede beliebige Vorstellung Sitz eines
-Wollens werden kann, eine so unendliche Mannigfaltigkeit <span class=
-"pagenum">[<a id="pb87" href="#pb87" name=
-"pb87">87</a>]</span>stattfindet, dass von einer Aufz&auml;hlung oder
-Vergleichung derselben unter einander keine Rede sein kann, nur
-nachstehende F&auml;lle. Das vorgestellte Wollen wird entweder auf den
-Wollenden selbst oder auf einen anderen Wollenden bezogen, letzterer
-aber entweder als blos in der Vorstellung des ersten vorhanden, oder
-als wirklich vorhanden vorgestellt. Findet das erste statt d. h. wird
-das Wollen des Wollenden auf den Wollenden selbst bezogen, so muss
-etwas in diesem als vorhanden vorgestellt werden, was sich mit dessen
-Wollen vergleichen l&auml;sst. Wird dagegen das Wollen auf einen
-Anderen bezogen, so muss in diesem etwas vorhanden gedacht werden, das
-sich mit dem Wollen jenes ersten vergleichen l&auml;sst. Dasjenige im
-Wollenden, mit dem sich sein Wollen vergleichen l&auml;sst, kann nun
-nichts anderes sein, als das Bild dieses Wollens d. h. die Vorstellung,
-die er sich selbst von seinem Wollen macht. Dasjenige im Andern, womit
-das Wollen des ersten verglichen wird, seinerseits kann wieder nur ein
-Wollen, und zwar entweder als blos gedachtes d. i. nur in der
-Vorstellung des ersten vorhandenes, oder als wirkliches,
-thats&auml;chlich existirendes im zweiten sein.</p>
-<p class="par">158. Das Bild, das sich der Wollende von seinem eigenen
-Wollen macht, geh&ouml;rt dessen Vorstellen (dem Intellect), das Wollen
-selbst, von dem er ein Bild sich macht, dessen mit der Vorstellung der
-Erreichbarkeit des Angestrebten verbundenem Streben (dem Willen) an:
-beide, das Bild des Wollens im Intellect und das wirkliche Wollen des
-Willens des Wollenden verhalten sich zu einander, wie Vorbild und
-Nachbild, Original und Copie; der Intellect entwirft das Bild eines
-gewissen m&ouml;glichen Wollens (Willensproject), der Wille f&uuml;hrt
-es aus oder auch nicht im wirklichen Wollen (Willensact). Im ersten
-Fall tr&auml;gt das wirkliche Wollen die Z&uuml;ge des gedachten d. h.
-dasselbe ahmt das letztere nach; im letzteren Fall fallen
-Willensproject und Willensact, auf ihren Inhalt hin angesehen,
-g&auml;nzlich aus einander, gedachtes und wirkliches Wollen decken
-einander nicht. Beide F&auml;lle, die auf der einseitigen
-Identit&auml;t des gedachten und des wirklichen Wollens beruhen,
-wiederholen die &auml;sthetische Idee des Charakteristischen auf dem
-Gebiete des Wollens.</p>
-<p class="par">159. Wie jene allgemein darin besteht, dass sich der
-gesammte Inhalt des Nachbildes am Vorbilde, dagegen nicht alles, was
-letzterem eigen ist, an dem ersten findet, so besteht das
-Verh&auml;ltniss zwischen gedachtem und wirklichem Wollen darin, dass
-der gesammte Inhalt des wirklichen sich in dem Inhalt des gedachten,
-nur mit dem Unterschied vorfindet, dass er das einemal nur <span class=
-"pagenum">[<a id="pb88" href="#pb88" name="pb88">88</a>]</span>als
-Gedanke (Vorstellung, Bild, ideal), das anderemal als Wollen (wirklich,
-real) vorhanden ist. Wie unter der Herrschaft der Idee des
-Charakteristischen Original und Portrait einander so nahe kommen, dass
-nur der Umstand, dass das eine ein wirklich, das andere ein nur
-scheinbar belebtes ist, sie von einander scheidet, so kommen im
-vorliegenden Verh&auml;ltniss gedachtes und wirkliches Wollen mit
-einander so vollkommen &uuml;berein, dass nur der Umstand, dass das
-eine als wirklich nur gedachtes, das andere ein Gedachtes
-verwirklichendes Wollen ist, sie trennt. Der unbedingte Beifall,
-welcher die erstere, die Harmonie zwischen Vorbild und Nachbild,
-begleitet, kann daher auch dem letzteren, welches die Harmonie zwischen
-gedachtem und wirklichem Wollen des Wollenden ausdr&uuml;ckt, eben so
-wenig fehlen, wie dessen Gegentheil, der Disharmonie zwischen beiden,
-das unbedingte Missfallen.</p>
-<p class="par">160. Wie die Beziehung zwischen gedachtem und wirklichem
-Wollen im Wollenden selbst auf der einseitigen, so beruht jene zwischen
-dem wirklichen Wollen des Wollenden und seiner Vorstellung vom Wollen
-eines Andern auf jenem der gegenseitigen Identit&auml;t. Beide
-F&auml;lle haben das mit einander gemein, dass beide Glieder, deren
-Beziehung unter einander das Verh&auml;ltniss ausmacht, dem Bewusstsein
-eines und des n&auml;mlichen Individuums (des Wollenden)
-angeh&ouml;ren; ferner, dass diese Glieder jedesmal je ein gedachtes
-und ein wirkliches Wollen sind; der Gegensatz beider F&auml;lle aber
-besteht darin, dass das gedachte Wollen, auf welches das wirkliche
-Wollen sich bezieht, in dem einen Fall als das eigene des Wollenden, in
-dem anderen als das eines Anderen gedacht wird. Wie nun im ersten Fall
-das gedachte eigene zum Vorbild des eigenen wirklichen Wollens, so wird
-in dem hier vorliegenden Falle das gedachte fremde zum Vorbild des
-eigenen wirklichen Wollens. In jenem Fall wird das Bild des eigenen
-Wollens, in diesem das Bild des fremden Wollens vom Wollenden
-nachgeahmt, so dass in jenem Harmonie zwischen gedachtem eigenem und
-eigenem wirklichem, in diesem dagegen Harmonie zwischen gedachtem
-fremdem und wirklichem eigenem Wollen stattfindet. Gedachtes fremdes
-und eigenes wirkliches Wollen werden dabei ihrem Inhalt nach congruent,
-dem Umstand nach, dass das eine blos gedacht, das andere wirklich, das
-eine eigenes, das andere fremdes Wollen ist, als gegens&auml;tzlich
-vorausgesetzt; jedes der beiden Verh&auml;ltnissglieder hat durch die
-Identit&auml;t des Inhalts etwas, und zwar ein Ueberwiegendes mit dem
-andern gemein und jedes etwas, wenngleich nichts &uuml;berwiegendes,
-das eine <span class="pagenum">[<a id="pb89" href="#pb89" name=
-"pb89">89</a>]</span>die Eigenschaft, dass es eigenes und wirkliches,
-das andere die entgegengesetzte, dass es gedachtes und fremdes Wollen
-ist, vor dem anderen voraus.</p>
-<p class="par">161. Dass in diesem Willensverh&auml;ltniss die
-&auml;sthetische Idee des Einklangs auf ethischem Felde wiederkehrt,
-braucht kaum erst hervorgehoben zu werden. Gedachtes fremdes und
-eigenes wirkliches Wollen verhalten sich zu einander wie die
-&uuml;berwiegend identischen, obgleich jedes dem andern theilweise
-entgegengesetzten Glieder einer Ton-, Farben- oder Gedankenharmonie.
-Wie dieser auf &auml;sthetischem, so kann jenem Willensverh&auml;ltniss
-auf ethischem Gebiet das unbedingte Lob eben so wenig ausbleiben, wie
-seinem Gegentheil, der Disharmonie zwischen gedachtem fremdem und
-eigenem wirklichem Wollen der unbedingte Tadel.</p>
-<p class="par">162. Schon hier mag erw&auml;hnt sein, dass der Einklang
-des eigenen wirklichen mit dem gedachten fremden Wollen nicht mit der
-inhaltlichen Uebereinstimmung des eigenen mit fremdem Lust- oder
-Unlustgef&uuml;hl, wie sie in den bekannten psychischen Ph&auml;nomen
-des sogenannten Mitgef&uuml;hls zu Tage tritt, verwechselt werden
-d&uuml;rfe. Jener dr&uuml;ckt eine Beziehung eigenen <span class=
-"ex">Wollens</span> auf fremdes, dieses zwar gleichfalls eine Beziehung
-eigener auf fremde Gem&uuml;thszust&auml;nde, jedoch nicht eine solche
-des Wollens, sondern des <span class="ex">F&uuml;hlens</span> aus. Das
-sympathetische Gef&uuml;hl ist die Wiederholung eines fremden oder die
-Entstehung eines jenem entgegengesetzten Gef&uuml;hls im eigenen
-Gem&uuml;th, obiges Willensverh&auml;ltniss dagegen die Wiederholung
-eines dem fremden gleichen oder die Entstehung eines jenem
-entgegengesetzten Wollens im eigenen Willen. Jenes ist bei dem Mitleid
-und der Mitfreude, wo das Leid des Andern Leid, die Lust des Andern
-Lust in uns hervorruft, einerseits &mdash; bei Neid und Schadenfreude,
-wo die Lust des Andern Leid und das Leid des Andern Lust in uns nach
-sich zieht, andererseits der Fall. Dieses ereignet sich, wenn ein
-(wirklich oder vermeintlich) vorhandener Wunsch oder Wille eines Andern
-Veranlassung wird, unsererseits dasselbe, oder zum Grund f&uuml;r uns
-wird, das ihm Entgegengesetzte zu wollen.</p>
-<p class="par">163. Das sympathetische Gef&uuml;hl, welches durch
-Nachahmung der Gef&uuml;hle eines Andern und obiges
-Willensverh&auml;ltniss, welches durch Nachahmung der W&uuml;nsche
-eines Andern von unserer Seite entsteht, haben nichts weiter mit
-einander gemein, als dass in beiden F&auml;llen der Andere durch seine
-inneren Vorg&auml;nge Ursache wird gewisser Vorg&auml;nge in uns, mit
-dem bedeutsamen Unterschied, dass bei dem sympathetischen Gef&uuml;hl,
-auch wenn die nachgeahmten <span class="pagenum">[<a id="pb90" href=
-"#pb90" name="pb90">90</a>]</span>Gem&uuml;thszust&auml;nde nicht
-wirklich vorhanden sind, doch gewisse Zeichen, welche als Aeusserungen
-derselben gelten k&ouml;nnen (z. B. Thr&auml;nen als Zeichen des
-Leides, Lachen als solches der Freude) wirklich wahrgenommen (also wenn
-jener Gem&uuml;thszustand nicht wirklich vorhanden ist, k&uuml;nstlich,
-wie es beim Schauspieler der Fall ist, erzeugt) werden m&uuml;ssen,
-dass also der Andere jedenfalls wirklich vorhanden sein muss;
-w&auml;hrend bei obigem Willensverh&auml;ltniss das Wollen des Andern
-blos gedacht, daher eben so wie dieser Andere selbst nur in der
-Vorstellung des Wollenden als dessen Gedanke (Imagination) zu existiren
-n&ouml;thig hat.</p>
-<p class="par">164. Ein neues Willensverh&auml;ltniss entsteht, wenn
-das Wollen des Andern, auf welches das des Wollenden bezogen wird,
-nicht blos gedacht d. h. nur als Gedanke im Wollenden vorhanden,
-sondern wirklich d. h. unabh&auml;ngig von dessen Gedacht- oder
-Nichtgedachtwerden neben und ausser dem Wollenden vorhanden ist. In
-diesem Fall muss, da wirkliches Wollen nicht ohne wollendes Subject als
-Tr&auml;ger desselben gedacht werden kann, jener Andere selbst als
-Wollender neben und ausser dem ersten Wollenden als wollendes Du neben
-dem wollenden Ich als existirend gedacht werden. Das
-Willensverh&auml;ltniss, welches bisher nur in einer Beziehung, sei es
-des eigenen gedachten zum eigenen wirklichen, sei es des wirklichen
-eigenen zum fremden gedachten Wollen, sonach innerhalb des Bewusstseins
-eines einzigen Wollenden bestand, erweitert sich durch die Beziehung
-des wirklichen eigenen zu fremdem wirklichem Wollen &uuml;ber die
-Sph&auml;re des individuellen Bewusstseins hinaus zu einer Beziehung,
-welche zwischen zwei verschiedenen Wollenden angeh&ouml;rigen Wollen d.
-i. zu einem solchen, welches zwischen zwei verschiedenen Individuen
-besteht und daher nicht ohne Hinaustreten des einen wie des andern der
-beiden auf einander zu beziehenden wirklichen Wollen &uuml;ber die
-Grenze der Innen- in die Atmosph&auml;re der Aussenwelt gedacht werden
-kann. Dass diese letztere hiebei f&uuml;r beide eine gemeinsame sein
-muss, leuchtet von selbst ein. W&auml;re sie es nicht d. h. w&auml;re
-die Welt, in welche das Wollen des einen, von der Welt, in welche das
-des andern hinaustritt d. i. sich &auml;ussert, in der Weise
-verschieden, dass, was in der einen geschieht, in keiner Weise zu
-jenem, was in der andern vor sich geht, eine Beziehung zu haben
-verm&ouml;chte, so k&ouml;nnte auch zwischen dem Wollen des einen (des
-Ich) und jenem des andern (des Du) als g&auml;nzlich ausser einander
-gelegenen Welten angeh&ouml;rig, keine solche bestehen, und das
-Willensverh&auml;ltniss, von dem hier die Rede, w&auml;re einfach
-unm&ouml;glich. <span class="pagenum">[<a id="pb91" href="#pb91" name=
-"pb91">91</a>]</span></p>
-<p class="par">165. Dadurch, dass die Aeusserungen beider wirklicher
-Wollen in eine beiden gemeinsame Aussenwelt fallen, ist nur die
-M&ouml;glichkeit, keineswegs die Wirklichkeit einer Beziehung zwischen
-denselben hergestellt. So lange die beiderseitigen
-Willens&auml;usserungen neben, aber auch ausser einander herlaufen
-k&ouml;nnen, ohne dass eine der andern auf ihrem Wege begegnet,
-m&ouml;gen sie beide zwar ihrem Inhalt nach d. h. in Gedanken und als
-gedachte Willensbestrebungen mit einander verglichen werden; zwischen
-beiden als wirklichen d. i. als wirkenden Wollen besteht, so lange
-keiner derselben auf den andern wirkt, kein wirkliches
-Verh&auml;ltniss.</p>
-<p class="par">166. Letzteres tritt erst ein, wenn die eine
-Willens&auml;usserung auf die andere trifft, und zwar in der Weise,
-dass dieselbe weder durch die andere, noch diese durch jene
-hindurchgehen kann, ohne einander zu st&ouml;ren, sondern dass die eine
-die andere und diese jene in ihrem Fortschreiten hemmt d. h. dass
-beide, als gleichzeitig bestehend gedacht, mit einander
-unvertr&auml;glich sind. Beide Willens&auml;usserungen stehen sodann
-unter einander in einem Verh&auml;ltniss, welches dem der gegenseitigen
-Ausschliessung des seinem Inhalt nach &uuml;berwiegend
-Entgegengesetzten entspricht und, wie dieses einen Conflict zwischen
-mit einander unvertr&auml;glichen Vorstellungen im Denken, so einen
-solchen zwischen mit einander unvertr&auml;glichen Wirklichen im Sein
-darstellt. Jene als einander ausschliessende Gedanken k&ouml;nnen nicht
-mit einander zugleich gedacht, diese als einander ausschliessende
-Kr&auml;fte k&ouml;nnen nicht als mit einander zugleich bestehend
-ertragen werden. Ausdruck dieses Conflicts ist der Streit beider
-Wollenden.</p>
-<p class="par">167. Willensacte (<span lang="la">volitiones</span>)
-sind &bdquo;Gedanken, die leicht bei einander wohnen&rdquo;;
-Willens&auml;usserungen (<span lang="la">actiones</span>) sind
-&bdquo;Sachen, die sich hart im Raume stossen&rdquo;. Jene, auch wenn
-sie dem Inhalt nach einander ausschliessen, &uuml;berschreiten die
-Grenze des Bewusstseins ihres Tr&auml;gers nicht; diese, auch wenn sie
-dem Inhalt nach mit einander vertr&auml;glich sind, gehen &uuml;ber
-dieses hinaus und treten als Ver&auml;nderungen in der Aussenwelt d. i.
-als Verschiebungen der bisherigen Lage der Dinge in der letzteren auf.
-Auch wenn die Willens&auml;usserung in nichts anderem besteht als in
-einem Ausruf, einem gesprochenen Wort, einer Miene, einer
-Gliederbewegung des eigenen Leibes des Wollenden, so wird durch
-dieselbe eine Aenderung der bisherigen Sachlage, durch den Ruf, das
-Wort eine Ersch&uuml;tterung der den Raum erf&uuml;llenden
-atmosph&auml;rischen Luft, durch die Geberde, die Handbewegung eine
-Umstellung der Masse des eigenen organischen <span class=
-"pagenum">[<a id="pb92" href="#pb92" name="pb92">92</a>]</span>Leibes
-herbeigef&uuml;hrt, welche bei der stetigen Erf&uuml;llung des Raumes
-mit Nothwendigkeit eine Ortsver&auml;nderung der angrenzenden Luft-
-oder Stofftheile herbeif&uuml;hren und so als n&auml;here oder
-entferntere Wirkung des durch den Willen gegebenen Impulses durch den
-Raum und die Materie sich fortpflanzen muss. Da sonach jede
-Willens&auml;usserung als solche einen gewissen Theil des den Raum
-erf&uuml;llenden d&uuml;nneren oder dichteren Stoffes f&uuml;r sich in
-Anspruch nimmt, so kommt es ganz auf die Natur dieses letzteren an, ob
-derselbe f&auml;hig sei, zweien oder mehreren Willens&auml;usserungen
-als Werkzeug der Aeusserung zugleich zu dienen. Ist der Stoff, welchen
-der Wille zu seiner Aeusserung gebraucht, von der Art, dass er zugleich
-von einem andern, von jenem verschiedenen Wollen zu dessen Aeusserung
-verwendet werden kann d. h. ist derselbe f&uuml;r beide Wollen
-durchdringlich (permeabel), so entsteht kein Streit: die Aeusserung des
-einen geht durch die Aeusserung des anderen Willens hindurch, ohne
-dieselbe zu hindern oder durch sie gehindert zu werden. So gehen die
-Schallwellen, die das gesprochene Wort des einen erzeugt, durch jene,
-die das des andern hervorruft, dem Anscheine nach ohne einander zu
-st&ouml;ren, hindurch, indem beiden dieselbe den Raum erf&uuml;llende
-atmosph&auml;rische Luft zum Schallorgan dient. Ist dagegen jener Stoff
-von solcher Beschaffenheit, dass derjenige Theil desselben, welcher von
-einem Willen als Instrument seiner Aeusserung in Beschlag genommen ist,
-nicht zugleich von einem andern zu gleichem Zweck in Besitz genommen
-werden kann d. h. ist der von einem Wollen erf&uuml;llte Stoff
-undurchdringlich (unpermeabel) f&uuml;r ein anderes Wollen, so stellt
-er den Stein des Anstosses dar, an dem beide Wollen und in dem sie
-beide an einander prallen; es entsteht ein Zustand, der so, wie er ist,
-nicht dauern und so lange beide Wollen dieselben bleiben, die sie sind,
-nicht anders werden kann. Eine unhaltbare und doch thats&auml;chliche
-Sachlage &mdash; ein realer d. i. real gewordener Widerspruch.</p>
-<p class="par">168. Von dieser Art war die Situation, von welcher Carl
-V. sagte, &bdquo;dasselbe, was mein Bruder Franz will, will ich auch,
-n&auml;mlich Mailand.&rdquo; Indem das Object beider Wollen ein solches
-ist, dass es nur einem oder keinem von beiden dienen kann und doch
-beide Wollen solche sind, dass sie nicht aufh&ouml;ren, eben dieses
-Object zu begehren, wird eine Sachlage geschaffen, welche, obgleich
-factisch, doch irrational und obgleich irrational, doch factisch ist,
-als unabweislich zugleich und undenkbar sich aufdr&auml;ngt.
-<span class="pagenum">[<a id="pb93" href="#pb93" name=
-"pb93">93</a>]</span></p>
-<p class="par">169. Ausdruck dieses Eindrucks im Zuschauer ist der
-unbedingte Tadel, der dem Streite folgt. Derselbe kann, da der Grund
-des Streites einerseits in dem Umstand, dass beide dasselbe Object
-wollen, andererseits in dem Umstand, dass dieses seiner Natur nach
-nicht beiden zugleich nachzugeben vermag, gelegen ist, nicht der Natur
-des Objects, die als solche unver&auml;nderlich durch Naturgesetze
-gegeben ist, sondern nur den beiden Wollenden gelten, deren Wille der
-Natur des Wollens nach ver&auml;nderlich und von der Selbstbestimmung
-der Wollenden abh&auml;ngig ist. Da nun obiger Tadel so lange sich
-erneuert, als obige Sachlage unver&auml;ndert fortbesteht, letztere
-aber nur eine Aenderung erfahren kann, wenn, da die Natur des Objects
-unver&auml;nderlich ist, eines der beiden streitenden Wollen, oder wenn
-beide eine Ab&auml;nderung erleiden, so folgt, dass, um dem Tadel zu
-entgehen, kein anderer Ausweg m&ouml;glich ist, als dass das streitende
-Paar, oder wenigstens einer der Streitenden vom Streite abl&auml;sst d.
-i. sein bisheriges Wollen &auml;ndert, auf das Object desselben
-verzichtet, dasselbe freil&auml;sst.</p>
-<p class="par">170. Durch diese Aenderung des Wollens erlischt der
-Streit, es wird Friede. Das Object, das den Anlass zum Streite bot, ist
-dasselbe geblieben, das es war, nur der nach seiner Beschaffenheit
-&auml;usserliche, zuf&auml;llige Umstand, dass es zugleich Gegenstand
-zweier Wollen und dadurch Grund geworden war, dass diese sich als
-unvertr&auml;glich mit einander an den Tag legten, ist geschwunden.
-Dasselbe kann nunmehr entweder, wenn beide verzichtet haben, ruhig an
-seinem Ort beharren oder wenn nur einer verzichtet hat, ohne Anstand
-dem Wollen des Anderen Raum geben. Der unertr&auml;gliche, weil in sich
-widersprechende Zustand besteht nicht mehr, weil die mit einander
-unvertr&auml;glichen Wollen nicht mehr bestehen d. h. weil die
-Wollenden, die bisher sich unter einander ausschlossen, sich jetzt
-entweder, weil keiner mehr, oder, weil nur mehr einer will, was er
-wollte, sich unter einander <span class="ex">vertragen</span>.</p>
-<p class="par">171. Je nachdem dieses nunmehrige Sichvertragen der
-Wollenden stillschweigend erfolgt oder ausdr&uuml;cklich durch eine,
-wie immer geartete Kundgebung von Seite der Wollenden (Vertrag, pactum)
-bekr&auml;ftigt wird, nimmt der hergestellte Friede selbst
-nat&uuml;rlichen oder positiven, vertragsm&auml;ssigen Charakter an. Je
-nachdem die Aenderung des Wollens, auf deren Grund hin der Streit
-erlischt, sei es bei einem, sei es bei jedem der Streitenden entweder
-nur aus dem Grunde erfolgt, weil derselbe oder dieselben zur Einsicht
-gelangt sind wegen g&auml;nzlicher Ersch&ouml;pfung an physischer
-<span class="pagenum">[<a id="pb94" href="#pb94" name=
-"pb94">94</a>]</span>Kraft nicht mehr streiten zu k&ouml;nnen, oder
-weil einer oder beide die Ueberzeugung gewonnen haben, es bringe
-gr&ouml;sseren Vortheil Frieden zu schliessen als weiter zu streiten,
-oder endlich weil derselbe oder dieselben ausser Stande sich
-f&uuml;hlen, den, so lange der Streit fortw&auml;hrt, stets sich
-erneuernden Tadel, welcher die Streitenden trifft, weiter zu tragen,
-nimmt der Friede selbst entweder den Charakter eines blossen
-&bdquo;Nothfriedens&rdquo; oder den eines
-&bdquo;Schacherfriedens&rdquo;, oder im letzten Falle den eines
-<span class="ex">sittlichen</span> d. h. eines um keines andern Motives
-willen, als um dem ethischen Tadel des Streites zu entgehen,
-geschlossenen Friedens an.</p>
-<p class="par">172. Nur der letztgenannte ist dauerhafter, beide vorher
-angef&uuml;hrten sind lediglich vor&uuml;bergehender Natur. Der aus
-keinem anderen Grunde entstandene Friede, als weil die streitenden
-Parteien sich ersch&ouml;pft f&uuml;hlen, w&auml;hrend der Wille zu
-streiten, wenn die Kr&auml;fte zureichten, nach wie vor vorhanden
-bleibt, besteht nur so lange, als das Kraftgef&uuml;hl mangelt; mit dem
-Erwachen des letzteren hebt der Streit wieder an. Der um des
-materiellen Vortheiles willen geschlossene Friede aber w&auml;hrt nur
-so lange, als die Aussicht auf Erlangung gr&ouml;sserer Vortheile durch
-den Frieden, als durch den Streit besteht; von dem Augenblicke an, als
-diese Aussicht schwindet, oder die ihr entgegengesetzte sich
-er&ouml;ffnet, h&ouml;rt auch der Wille Frieden zu halten auf und
-schl&auml;gt in den entgegengesetzten, von neuem Streit zu beginnen,
-um. Bestand und Dauer des Friedens h&auml;ngen sonach in beiden
-F&auml;llen nicht von dem an sich unwandelbaren Urtheil &uuml;ber den
-unbedingten Unwerth des Streites, sondern von &auml;usseren
-Umst&auml;nden ab: in dem einen Fall von denjenigen Verh&auml;ltnissen,
-welche den Wiederersatz der verlorenen Kr&auml;fte beschleunigen oder
-verz&ouml;gern, in dem andern Falle von den Umst&auml;nden, welche die
-Erlangung materieller Vortheile durch den Frieden oder durch den Streit
-beg&uuml;nstigen oder verhindern. Nur derjenige Friede, der auf der
-Macht der Einsicht in die Verwerflichkeit des Streites &uuml;ber
-Gem&uuml;ther und Wollen der im Streit begriffen Gewesenen beruht,
-tr&auml;gt die B&uuml;rgschaft unver&auml;nderten Fortbestandes, so
-lange jene Macht unver&auml;ndert sich forterh&auml;lt, in sich. Die
-Erhaltung letzterer Macht aber ist so lange gesichert, als das ethische
-Urtheil des Wollenden ungetr&uuml;bt, seine Beurtheilung des Streites
-von dessen den Widerspruch in sich tragender Natur ausschliesslich
-bestimmt und dadurch die Wiedererneuerung unbedingter Verwerfung
-desselben in jedem gegebenen Falle unvermeidlich ist. <span class=
-"pagenum">[<a id="pb95" href="#pb95" name="pb95">95</a>]</span></p>
-<p class="par">173. Wie die nat&uuml;rliche Correctheit d. i. die
-Abwesenheit einander ausschliessender Vorstellungen im Bewusstsein zur
-k&uuml;nstlichen d. i. zu der sei es zuf&auml;llig, sei es
-willk&uuml;rlich &bdquo;auf Zeit&rdquo; hervorgebrachten
-Verdr&auml;ngung der unvertr&auml;glichen aus dem und Ersatz derselben
-durch mit einander vertr&auml;gliche Vorstellungen in dem Bewusstsein,
-so verh&auml;lt sich der nat&uuml;rliche d. i. der Friede von Natur
-aus, innerhalb dessen unter einander ausschliessende
-Willens&auml;usserungen &uuml;berhaupt nicht vorkommen, zum
-k&uuml;nstlichen d. i. zu demjenigen Friedenszustande, innerhalb dessen
-thats&auml;chlich vorhanden gewesene mit und unter einander
-unvertr&auml;gliche Willens&auml;usserungen, sei es in Folge physischer
-Ursachen (z. B. Ersch&ouml;pfung der Kr&auml;fte) zuf&auml;llig oder in
-Folge den Willen bestimmender Motive (z. B. der Sch&auml;dlichkeit oder
-der Verwerflichkeit des Streites) willk&uuml;rlich &bdquo;auf Zeit und
-K&uuml;ndigung&rdquo; beseitigt und durch mit einander
-vertr&auml;gliche Willens&auml;usserungen ersetzt worden sind. Derselbe
-verheisst desto gr&ouml;ssere Festigkeit, je dauerhafter die
-Gr&uuml;nde sind, welche die Ausschliessung der mit einander
-unvertr&auml;glich gewesenen Willens&auml;usserungen bewirkt haben;
-dagegen desto geringere, je wandelbarer und von der Laune des
-Geschickes abh&auml;ngiger die Motive waren, welche die
-urspr&uuml;nglich Streitenden zur Ablassung von jenem ihren Streit
-erregenden Wollen bewogen haben. Jenes ist, wie oben gezeigt, bei
-demjenigen Beweggrund vom Streite abzustehen, der aus der Einsicht von
-dessen Verwerflichkeit entspringt, dieses dagegen bei denjenigen
-Friedensgr&uuml;nden der Fall, welche nur durch die Noth oder den
-&auml;usseren Nutzen dictirt sind.</p>
-<p class="par">174. Der k&uuml;nstliche Friede erstickt den Streit,
-aber nur f&uuml;r so lange, als der Wille <span class="ex">nicht</span>
-zu streiten, die Oberhand beh&auml;lt. Mit dem Verschwinden oder dem
-Nachlassen der Macht des letzteren taucht der Streit wieder empor;
-dessen &bdquo;schlangenhaariges Scheusal&rdquo; schlummert nur
-geb&auml;ndigt aber nicht vernichtet unter der k&uuml;nstlichen Decke
-des Friedens. Der hergestellte Friede ist auf sein Wesen hin angesehen
-scheinbarer, nicht wirklicher; die wirklich vorhandenen, nur
-k&uuml;nstlich beseitigten sind die einander ausschliessenden
-Willens&auml;usserungen (&bdquo;<span lang="la">bellum omnium contra
-omnes</span>&rdquo;), der Unfriede. Letztere sind nicht absichtlich mit
-Wissen durch das Wollen der Streitenden, sondern sie sind
-unabsichtlich, ohne Wissen, ja voraussichtlicher Weise gegen den Willen
-der durch dieselben mit einander in Streit Gerathenden
-herbeigef&uuml;hrt. Das Wollen, dessen Aeusserung an einem bestimmten
-Punkte der Aussenwelt mit der eines Anderen feindselig zusammentrifft,
-hat weder vor dem Zusammentreffen <span class="pagenum">[<a id="pb96"
-href="#pb96" name="pb96">96</a>]</span>von dem Vorhandensein des Du
-noch von dessen auf jenes Object sich richtendem Wollen, also auch
-nicht von der M&ouml;glichkeit, noch weniger von der Unausweichlichkeit
-des Streites eine Vorstellung gehabt, dasselbe hat folglich diesen
-weder gewollt noch wollen gekonnt und w&uuml;rde m&ouml;glicher Weise,
-wenn es desselben Bevorstehen gekannt h&auml;tte, die streitdrohende
-Aeusserung seines Willens nicht gewollt haben. Das Wollen der
-Streitenden ist an der Entstehung des Streites keineswegs ohne Schuld,
-aber jeder der Streitenden ist am Streite unschuldig; jener w&auml;re
-nicht entstanden, wenn keiner von beiden das Streitobject gewollt
-h&auml;tte; aber keiner von beiden hat das Object als Streitobject und
-eben so wenig einer von beiden den Streit gewollt. Der Tadel, der dem
-Streit gilt, trifft darum jeden der Streitenden nur insofern, als ohne
-das Wollen desselben kein Streit entstanden w&auml;re; derselbe trifft
-beide Streitende in gleichem Grade, weil beide an dem
-Zustandegekommensein des Streites im gleichen Grade in einem Sinn
-betheiligt, im anderen unbetheiligt sind.</p>
-<p class="par">175. Die gleiche Vertheilung des Tadels auf beide
-Wollende h&ouml;rt auf, wenn die gleiche Betheiligung beider
-Willenssubjecte an dem zwischen denselben stattfindenden
-Verh&auml;ltniss ein Ende nimmt. Dieser Fall tritt ein, wenn das
-Zusammentreffen beider Wollenden nicht zuf&auml;llig, ohne Wissen und
-Absicht beider, sondern absichtlich, mit Wissen und durch das Wollen
-des einen von beiden, dagegen ohne Wissen und wider den Willen des
-anderen herbeigef&uuml;hrt wird. Jener, dessen gewusstes und gewolltes
-Object nicht, wie im vorhin geschilderten Falle des Streites ein
-beliebiges, sondern ein <span class="ex">Anderer</span> und zwar
-<span class="ex">der</span> Andere, das Du, und dessen jeweiliger
-Zustand ist, heisst insofern der Th&auml;tige (agens), dieser, der ohne
-Wissen und Willen, ja selbst wider Willen, mit seinem jeweiligen
-Zustand Object f&uuml;r die Willens&auml;usserung des ersten ist,
-heisst insofern der Leidende (patiens). Letzteres nicht in dem Sinn,
-als m&uuml;sse die Folge seines Objectseins f&uuml;r den Anderen eben
-ein eigentliches Leid d. i. ein Schmerzgef&uuml;hl sein, sondern in dem
-Sinn, dass die Ver&auml;nderung seines gegenw&auml;rtigen Zustandes,
-sei es zum Schlechteren oder zum Besseren, eben die Folge der ihn zum
-Object w&auml;hlenden Willens&auml;usserung des Th&auml;tigen sei. An
-der Verursachung dieser Folge d. i. an der Ver&auml;nderung des
-bisherigen Zustandes, welche der eine <span class="ex">erzeugt</span>,
-der andere nur <span class="ex">duldet</span>, sind beide ungleich
-betheiligt.</p>
-<p class="par">176. Wie Hammer und Ambos verhalten sich Th&auml;tiger
-und Leidender. Das geschmiedete Eisen ist Wohl oder Wehe des Leidenden.
-<span class="pagenum">[<a id="pb97" href="#pb97" name=
-"pb97">97</a>]</span>Das Schmieden des Eisens erfolgt durch den Hammer,
-aber auf dem Ambos; die Ver&auml;nderung der bisherigen Sachlage nicht
-ohne den Leidenden, an dem, aber durch den Th&auml;tigen, von dem sie
-vollzogen wird. Jene selbst, mit dem bisherigen Zustande verglichen,
-stellt eine St&ouml;rung desselben dar; der Urheber derselben, der
-Th&auml;tige, erscheint als St&ouml;renfried. Ausdruck dieser
-St&ouml;rung d. i. derjenige von dem bisherigen verschiedene Zustand,
-welcher durch den Th&auml;tigen verursacht ist, ist die That. Dieselbe
-als Zustand, der jetzt ist und vorher nicht war, ist ein Wirkliches und
-als solches die Wirkung eines Wirkenden (des Th&auml;ters). Diese
-Wirkung selbst aber ist in dem Geiste des Wirkenden vorgebildet als
-Vorsatz (Absicht) und in dem Zustande des durch dieselbe betroffenen
-Leidenden abgebildet als Folge (Erfolg). Nur wo beide, Vorsatz im
-Th&auml;tigen, Erfolg im Leidenden, einander decken, ist wirklich That;
-wo der Erfolg mangelt, ist, wenn das Wollen nicht zur Aeusserung
-gelangt ist, Intention ohne Action, wenn das Wollen zu nur
-unvollkommener Aeusserung gelangt ist, Versuch ohne Gelingen, wenn
-dagegen zwar der Erfolg, aber weder Versuch noch Absicht voranging,
-blosses Ereigniss vorhanden.</p>
-<p class="par">177. Da, wo keine That, auch kein Th&auml;ter vorhanden
-ist, so kann f&uuml;r das nackte Ereigniss, das sich an dem einen der
-beiden Wollenden, dem Leidenden, vollzieht, der andere der beiden, der
-sogenannte Th&auml;tige, zwar vielleicht als eine der mitbedingenden
-Ursachen, niemals aber kann das Wollen desselben als Ursache jenes
-Ereignisses angesehen werden. Da ferner, wo kein Erfolg, keine That,
-aber doch Absicht, ja Versuch einer solchen vorhanden ist, so kann
-f&uuml;r das Nichteintreten des Erfolges am Leidenden zwar die geistige
-oder k&ouml;rperliche Beschaffenheit des sogenannten Th&auml;tigen
-(dessen Unverstand oder Ungeschick) als eine der Mitursachen des
-Ausbleibens des Erfolges, niemals aber kann dessen Wollen als die
-Ursache des Nichtgelingens betrachtet werden. Wird daher, wie es auf
-ethischem Gebiete der Fall ist, nur das Wollen beurtheilt, so
-f&auml;llt in dem ersten der beiden angef&uuml;hrten F&auml;lle der
-sogenannte Th&auml;tige ganz ausserhalb des Kreises ethischer
-Beurtheilung, in dem zweiten dagegen zwar in denselben hinein, aber da
-dessen anderweitige psychische und physische M&auml;ngel, welche das
-Misslingen des Erfolges herbeigef&uuml;hrt haben, den Schluss auf eine
-&auml;hnliche Mangelhaftigkeit in Bezug auf Beherrschung und Regelung
-seines Wollens gestatten, unter mildernden Umst&auml;nden. <span class=
-"pagenum">[<a id="pb98" href="#pb98" name="pb98">98</a>]</span></p>
-<p class="par">178. Durch die That als St&ouml;rung des bisherigen
-Zustandes ist etwas geschehen; aber so lange dieselbe als That d. i.
-als St&ouml;rung nicht anerkannt ist, scheint es, als sei nichts
-geschehen. Oedipus hat seinen Vater erschlagen und seine Mutter
-geheiratet, aber nach aussen scheint es, als habe er weder das eine
-noch das andere gethan. Gegen scheltende Knechte eines unbekannten
-Reisenden hat er als ungerecht angegriffener Wanderer sich zur Wehre
-gesetzt: die zum Preise der Befreiung der Stadt von der Pest und Sphinx
-ausgesetzte Witwe des verstorbenen K&ouml;nigs hat er durch L&ouml;sung
-des R&auml;thsels auf rechtm&auml;ssigem Wege zur Gattin erworben. Ein
-Verbrechen ist geschehen, aber es scheint, als sei keines geschehen;
-Schein gibt sich f&uuml;r Sein, ein nur scheinbar vorhandener f&uuml;r
-den wirklich vorhandenen Zustand aus. Die anscheinende Sachlage steht
-mit der thats&auml;chlichen in einem Widerspruch, der sich auf eine
-Zeit lang, aber nicht auf die Dauer verheimlichen l&auml;sst, und
-dessen klaffender Spalt um so unertr&auml;glicher erscheint, als der
-Inhalt des scheinbar zu dem Inhalt des wirklich Geschehenen im einander
-ausschliessendem Gegensatze steht.</p>
-<p class="par">179. Wie das Missfallen am Streit auf dem gleichzeitigen
-Bestand zweier einander ausschliessenden Willens&auml;usserungen, so
-beruht das Missfallen an der St&ouml;rung durch die That in dem
-gleichzeitigen Fortbestand zweier einander ausschliessender Sachlagen,
-der scheinbaren, die vor der That bestand und dem Anschein nach trotz
-der That fortbesteht, und der wirklichen, welche durch die That erzeugt
-worden ist und dem Anschein nach noch nicht besteht. Wie es
-unm&ouml;glich ist, dass zwei mit einander unvertr&auml;gliche
-Willens&auml;usserungen zugleich existiren, so ist es unm&ouml;glich,
-dass zwei mit einander unvertr&auml;gliche Sachlagen zugleich als
-bestehend und wirklich anerkannt werden: dass Oedipus zugleich schuldig
-und schuldlos sei. Wie der Bestand unvertr&auml;glicher
-Willens&auml;usserungen, so ist der Bestand unvertr&auml;glicher
-Sachlagen ein irrationaler; aber, wie der Bestand jener
-Willens&auml;usserungen, so lange das Object und die Willen der
-Streitenden dieselben bleiben, ein factischer, so ist der Bestand der
-einander ausschliessenden Sachlagen, deren eine, die scheinbare,
-f&uuml;r wirklich, deren andere, die wirkliche, f&uuml;r Schein
-gehalten wird, ein thats&auml;chlicher: wie dort, so ist hier das
-Irrationale factisch, und ist das Factische irrational; in jenem wie in
-diesem Falle <span class="ex">existirt</span> der <span class=
-"ex">Widerspruch</span>.</p>
-<p class="par">180. Derselbe besteht so lange, als der Schein besteht,
-dass die scheinbare Sachlage wirklich und die wirkliche Sachlage Schein
-<span class="pagenum">[<a id="pb99" href="#pb99" name=
-"pb99">99</a>]</span>sei. Soll derselbe verschwinden, so muss dieser
-Schein verschwinden, die scheinbare Sachlage muss als Schein, die
-wirkliche sich als wirklich offenbaren. Dies geschieht, wenn die
-todtgeschwiegene St&ouml;rung als solche anerkannt d. h. durch
-entsprechende Gegenst&ouml;rung ausgeglichen und auf diese Weise zwar
-nicht der urspr&uuml;ngliche Zustand, der als zeitlich vergangener
-nicht wiederkehren kann, aber doch ein demselben gleicher wieder
-hergestellt wird.</p>
-<p class="par">181. Die &auml;sthetische Idee des Ausgleichs ist es,
-die hier auf ethischem Gebiete wieder zum Vorschein kommt. Die
-wirkliche Sachlage, die durch die That herbeigef&uuml;hrt, aber durch
-den anscheinenden Fortbestand des vorherigen Zustandes gleichsam mit
-einem Schleier bedeckt worden ist, tritt aus der Verdunkelung wieder
-ans Tageslicht. Oedipus, der zum Verbrecher geworden ist, aber keiner
-scheint, wird durch die Aufhellung der That als solcher erkannt und
-durch die an ihm ver&uuml;bte Vergeltung die durch den Schein seiner
-Schuldlosigkeit entstandene Verr&uuml;ckung des wirklichen
-Thatbestandes wieder zurechtger&uuml;ckt. So weit die Sachlage durch
-den Anschein des Gegentheils nach einer Richtung hin verschoben worden
-ist, so weit muss sie zum Zwecke der Aufhebung dieses Anscheins nach
-der entgegengesetzten Richtung hin zur&uuml;ckgeschoben werden. So viel
-(quantum) Ablenkung vom wirklichen Thatbestand nach der einen Seite hin
-stattgefunden hat, so viel (tantum) Einlenkung zum wirklichen
-Thatbestande hin muss von der andern Seite stattfinden. St&ouml;rung
-und Gegenst&ouml;rung heben einander auf; wie jene in der That, findet
-diese ihren Ausdruck in der Vergeltung. Das Mass der Gegenst&ouml;rung
-ist durch das Mass der St&ouml;rung, die Ausdehnung der Vergeltung
-durch jene der That gegeben. Ausdruck dieses gegenseitigen
-Verh&auml;ltnisses ist die Billigkeit (<span lang=
-"la">&aelig;quitas</span>).</p>
-<p class="par">182. Da, so lange der Widerspruch beider Sachlagen, der
-wirklichen und der scheinbaren, bestand, Missf&auml;lliges bestand, so
-lange die St&ouml;rung als todtgeschwiegene, die That als unvergoltene
-w&auml;hrte, aber auch der Widerspruch w&auml;hrte, so h&ouml;rt mit
-der Aufhebung der St&ouml;rung durch Gegenst&ouml;rung d. i. mit der
-Vergeltung der That, zwar der Widerspruch und damit das
-Missf&auml;llige auf, wie mit der Aenderung der streitenden
-Willens&auml;usserungen der Streit aufh&ouml;rt, aber ein unbedingt
-Beif&auml;lliges ist dadurch nicht hergestellt. Weder, wenn, vom
-Gesichtspunkt des Leidenden angesehen, die That eine Weh- noch wenn sie
-eine Wohlthat ist; denn die Beschaffenheit des Erfolges, den der
-Leidende erf&auml;hrt, ist f&uuml;r die Qualifikation der That,
-insofern sie dem Th&auml;ter angeh&ouml;rt, gleichgiltig. <span class=
-"pagenum">[<a id="pb100" href="#pb100" name=
-"pb100">100</a>]</span>Nicht die Wohlthat als Wohl- noch die Wehethat
-als Wehe-, sondern beide als <span class="ex">Thaten</span>
-bed&uuml;rfen der Vergeltung. Wenn es von einem andern, z. B. vom
-politischen oder gesellschaftlichen Gesichtspunkt aus n&ouml;thiger
-scheint, dass Wehthaten, als dass Wohlthaten Vergeltung erfahren, weil
-die letzteren die Summe des schon vorhandenen Wohlbefindens nur
-vermehren, die ersteren dagegen die vorhandene Summe nur vermindern
-k&ouml;nnen und deshalb die Gesetzgebung der Staaten fr&uuml;her und
-eifriger f&uuml;r die Bestrafung der einen als f&uuml;r die Belohnung
-der andern Sorge zu tragen pflegt, so stellt dieser Unterschied sich
-vom ethischen Gesichtspunkt aus als unzul&auml;ssig dar, da nicht die
-That in ihrer specifischen Qualit&auml;t als Wohl- oder Wehe-, sondern
-als That &uuml;berhaupt zur Vergeltung auffordert. W&auml;hrend das
-sogenannte jus talionis mit seinem Ausspruch: Aug um Aug, Zahn um Zahn,
-sich an das quale der That, dem ein tale der Vergeltung, h&auml;lt sich
-die Billigkeit an das quantum der That, welchem das tantum der
-Vergeltung entspricht. Jenes betrachtet die Zuf&uuml;gung eines andern
-als des erlittenen Leides, diese nur die Zuf&uuml;gung eines
-gr&ouml;sseren, aber auch die eines geringeren Leides als das erfahrene
-war, als Verletzung der Norm. Das eine, die R&uuml;ckgabe eines
-geringeren Masses von Weh, liesse einen unvergoltenen Ueberrest der
-That zur&uuml;ck; das andere, die R&uuml;ckgabe eines gr&ouml;sseren,
-w&auml;re als Ueberschuss &uuml;ber das zu vergeltende seinerseits
-selbst That, die Vergeltung erheischte.</p>
-<p class="par">183. Mit der Betrachtung des absichtlich von Seite des
-einen der Wollenden herbeigef&uuml;hrten Zusammentreffens zweier
-wirklicher Wollenden ist die Reihe der m&ouml;glichen
-Willensverh&auml;ltnisse, die Gegenstand unbedingten Lobes oder eben
-solchen Tadels werden k&ouml;nnen, ersch&ouml;pft. Dieselbe ist durch
-eine Folge einander dichotomisch erg&auml;nzender Eintheilungen
-entstanden, zwischen deren einzelne Glieder sich weder ein weiteres
-einschieben, noch an deren Schluss ein weiteres sich anf&uuml;gen
-l&auml;sst. Die zu vergleichenden Wollen wurden entweder ohne, oder mit
-R&uuml;cksicht auf den Umstand, ob sie einem und demselben, oder
-verschiedenen Wollenden angeh&ouml;ren, angesehen; jene, welche in den
-Umfang des letzteren Gliedes der Eintheilung fielen, abermals in
-solche, welche einem und demselben oder welche verschiedenen Wollenden
-(und zwar der geringsten Anzahl derselben, dem Ich und dem Du)
-angeh&ouml;rten, unterschieden. Erstere, da sie, um als Glieder eines
-Willensverh&auml;ltnisses innerhalb desselben Wollenden auftreten zu
-k&ouml;nnen, sich zu einander nur wie gedachtes zu wirklichem Wollen
-verhalten konnten, boten nur eine Gelegenheit <span class=
-"pagenum">[<a id="pb101" href="#pb101" name="pb101">101</a>]</span>zu
-weiterer Unterabtheilung dar &mdash; je nachdem das gedachte Wollen,
-als dessen Nachbild das wirkliche auftrat, entweder das eigene
-(Vorstellung des eigenen Wollens), oder ein fremdes (Vorstellung des
-Wollens eines Andern) war. Letztere, welche als solche verschiedenen
-Wollenden angeh&ouml;ren und nur dadurch, dass sie mit einander
-irgendwie und irgendwo in Ber&uuml;hrung gebracht wurden, in ein
-Verh&auml;ltniss zu einander treten konnten, vermochten in Contact nur
-entweder durch Zufall oder durch Absicht (eines der Wollenden) versetzt
-zu werden. Weder ein Wollen, das weder eigenes, noch fremdes, noch ein
-Zusammentreffen Wollender, das weder absichtslos, noch absichtlich
-w&auml;re, ist denkbar. Die Glieder obiger Eintheilung schliessen
-einander daher vollst&auml;ndig aus und erg&auml;nzen einander zum
-Umfang des einzutheilenden Ganzen: die Eintheilung ist
-vollst&auml;ndig.</p>
-<p class="par">184. Auch in dem Sinn, dass ein weiteres Glied am
-Schlusse sich nicht hinzuf&uuml;gen l&auml;sst. Denn ein solches
-k&ouml;nnte nur durch die Vermehrung der zu einander in Beziehung zu
-setzenden wirklichen Wollen &uuml;ber die kleinstm&ouml;gliche Anzahl
-hinaus gesucht werden; eine solche aber ergibt kein neues, sondern nur
-eine Wiederholung vorheriger Willensverh&auml;ltnisse. Auch die drei,
-vier, n wirklichen Wollen verschiedener wollender Wesen m&uuml;ssen, um
-zu einander ein Verh&auml;ltniss einzugehen, irgendwie und irgendwo
-zusammengef&uuml;hrt und dadurch die mehreren Wollenden mit einander in
-Ber&uuml;hrung gebracht werden. Da nun von selbst einleuchtet, dass
-jenes Zusammentreffen nur entweder durch Zufall oder durch Absicht
-verursacht werden k&ouml;nnte, so w&uuml;rde im ersteren Falle Streit,
-im letzteren Falle w&uuml;rden Wohl- oder Wehethaten die Folge sein d.
-h. die zwei letztgenannten obiger Willensverh&auml;ltnisse w&uuml;rden,
-nur vervielf&auml;ltigt, wiederkehren.</p>
-<p class="par">185. Aus dem quantitativen Gesichtspunkt der
-Beurtheilung des Wollens ergibt sich die ethische Idee der (ethischen)
-<span class="ex">Vollkommenheit</span>. Dieselbe unterscheidet sich von
-der &auml;sthetischen Vollkommenheit dadurch, dass der letzteren
-entsprechend das Grosse &uuml;berall, wo es sich findet, neben dem
-Kleineren &mdash; der ersteren zufolge das Grosse am Wollen neben dem
-Kleinen an diesem insbesondere gef&auml;llt. Da nun die Gr&ouml;sse des
-Wollens als eines wirklichen und wirkenden d. i. als einer Kraft, in
-der Intensit&auml;t d. i. in der St&auml;rke desselben besteht, so
-nimmt das allgemein &auml;sthetische Urtheil: das Grosse gef&auml;llt
-neben dem Kleinen, das Kleine missf&auml;llt neben dem Grossen, auf
-ethischem Boden die Gestalt an: das starke Wollen <span class=
-"pagenum">[<a id="pb102" href="#pb102" name=
-"pb102">102</a>]</span>gef&auml;llt neben dem schwachen, das schwache
-missf&auml;llt neben dem starken. Indem hiedurch das st&auml;rkere
-Wollen zum Massstab des schw&auml;cheren wird, stellt der Grad seiner
-St&auml;rke dem schwachen gegen&uuml;ber jene Grenze dar, zu welcher
-dieses gelangen, das &bdquo;Volle&rdquo;, zu dem dieses
-&bdquo;kommen&rdquo; muss, wenn seine Missf&auml;lligkeit ein Ende
-nehmen soll. Mit der Erreichung jener Grenze h&ouml;rt, wie schon oben
-bemerkt, das Missfallen am schw&auml;cheren, weil dessen Schw&auml;che
-selbst, auf, aber auch das Verh&auml;ltniss; mit der Ueberschreitung
-derselben kehrt sich, wie gleichfalls oben bemerkt, dasselbe um: das
-jetzt st&auml;rkere Wollen gef&auml;llt, das jetzt schw&auml;chere
-Wollen missf&auml;llt von nun an. Da das Gefallen an der St&auml;rke
-des Wollens von jeder sonstigen Beschaffenheit desselben abstrahirt, so
-folgt, dass ein nach der Idee der ethischen Vollkommenheit
-wohlgef&auml;lliger Willensact in anderer Hinsicht missf&auml;llig, ja
-unbedingt verwerflich sich darstellen kann, ohne den Anspruch auf
-Beifall, ja auf Bewunderung nach jener Richtung hin einzub&uuml;ssen.
-In diesem Sinn bleibt auch dem B&ouml;sewicht, ja dem verk&ouml;rpert
-gedachten B&ouml;sen, dem satanischen Ideal ethisches Lob nicht aus,
-wenn sich derselbe oder dieses letztere in gewaltiger, das
-gew&ouml;hnliche, ja selbst alles menschliche Mass &uuml;bersteigender
-Energie der Willenskraft offenbart. Richard III., Jago, Carl Moor,
-Milton&rsquo;s Satan, Klopstock&rsquo;s Abadonna, &bdquo;der Geist, der
-stets verneint&rdquo;, regen von diesem ethischen Einzelgesichtspunkt
-aus &bdquo;schaudernde Bewunderung&rdquo; an. In Heroenzeitaltern und
-bei Naturv&ouml;lkern macht die Verehrung f&uuml;r die ins Ungemessene
-gesteigerte Willensenergie fast allein den Inhalt des moralischen Codex
-aus; die Achtung des schw&auml;cheren f&uuml;r das st&auml;rkere
-Geschlecht ist vorwiegend auf das Gef&uuml;hl &uuml;berlegener
-Willensmacht des letzteren begr&uuml;ndet. Wie die intensive
-Gr&ouml;sse des einzelnen Willensactes, so erweckt die extensive
-Gr&ouml;sse der Vervielf&auml;ltigung des Willens in zahlreichen, sei
-es dem Inhalt nach gleichen, oder mannigfaltigen Willensacten und die
-Geschlossenheit und innere Systematik dieser letzteren, verglichen mit
-Armuth und Einf&ouml;rmigkeit des Wollens, so wie mit dessen Halt- und
-Systemlosigkeit, unbedingtes Lob, w&auml;hrend dem letzteren Tadel
-folgt.</p>
-<p class="par">186. An die ethische Idee der Vollkommenheit schliesst
-sich ein Verfahren an, welches die in derselben enthaltene Forderung
-der St&auml;rke, der Mannigfaltigkeit und des inneren Zusammenhangs des
-Wollens einerseits auf den gesammten Umkreis der
-Willensbeth&auml;tigung des Wollenden d. h. auf dessen Gesammtwollen,
-andererseits &uuml;ber den einzelnen Wollenden hinaus, auf jede
-Vereinigung <span class="pagenum">[<a id="pb103" href="#pb103" name=
-"pb103">103</a>]</span>mehrerer, ja aller &uuml;berhaupt Wollenden d.
-i. auf alle durch ein gemeinsames Band unter sich verkn&uuml;pften
-Glieder einer <span class="ex">Gesellschaft</span> d. i. auf deren
-gesammtes, innerhalb ihres Umkreises vorhandenes Wollen ausdehnt.
-Dasselbe besteht darin, dass sowol in jedem einzelnen Individuum als
-solchem wie in der Gesellschaft jedes vorhandene Wollen zur
-h&ouml;chstm&ouml;glichen Energie gesteigert, nicht vorhandenes Wollen
-in jeder erreichbaren Vielheit und Mannigfaltigkeit geweckt, ferner das
-gesammte auf diese Weise gegebene oder entwickelte Wollen in inneren
-Zusammenhang und gesetzliche Anordnung gebracht und in beiden erhalten
-werde. In ersterer Hinsicht beg&uuml;nstigt jenes Verfahren die
-Einseitigkeit, in Bezug auf die Menge dagegen die Vielseitigkeit des
-Wollens, davon die erste weniges, aber starkes, die letztere,
-wenngleich schwaches, doch vieles und mannigfaltiges Wollen
-f&ouml;rdert, w&auml;hrend durch die Ber&uuml;cksichtigung des
-Verh&auml;ltnisses des gesammten Wollens zu jedem der dasselbe
-ausmachenden Willensacte das Vorwiegen der einseitigen auf Kosten der
-vielseitigen, aber auch umgekehrt das Uebergewicht der vielseitigen
-&uuml;ber die einseitige Willensentwicklung vermieden und dadurch das
-Gleichgewicht zwischen beiden entgegengesetzten Richtungen der
-Vervollkommnung des Wollens erhalten wird. In letzterer Hinsicht geht
-jenes Verfahren darauf, dass innerhalb des Umkreises der Gesellschaft
-jedes in irgend einem ihrer Glieder vorhandene Wollen zu dem
-h&ouml;chsten erreichbaren Grade von Energie gesteigert, aber auch dass
-innerhalb desselben jedes nicht vorhandene Wollen, sei es in einem
-einzelnen, sei es in s&auml;mmtlichen Gliedern, geweckt und auf diese
-Weise die Mannigfaltigkeit des Wollens innerhalb der Gesellschaft zum
-h&ouml;chsten erreichbaren Grade entwickelt werde. Durch ersteres wird
-innerhalb der Gesellschaft die Einseitigkeit, durch letzteres die
-Vielseitigkeit des Wollens gef&ouml;rdert, durch die Herstellung des
-Gleichgewichts zwischen beiden entgegengesetzten Richtungen der
-innerhalb der Gesellschaft vorhandenen Willensentwicklung aber sowol
-die Ueberhebung einer einzelnen, als die Verseichtigung der vielen
-vorhandenen Willensrichtungen verh&uuml;tet.</p>
-<p class="par">187. Steigerung wirklicher oder doch als Anlage
-vorhandener Kr&auml;fte in quantitativer Hinsicht ohne
-R&uuml;cksichtnahme auf deren anderweitige qualitative Beschaffenheit
-ist es, was im Allgemeinen Cultur heisst. Die ethische Idee der
-Vollkommenheit enth&auml;lt die Forderung der Cultur des Wollens in
-jedem einzelnen Wollenden, wie in jeder Gesellschaft von solchen. Jedes
-obiger Forderung entsprechende Individuum stellt ein ethisches
-Culturideal d. h. <span class="pagenum">[<a id="pb104" href="#pb104"
-name="pb104">104</a>]</span>das Ideal eines ethisch cultivirten
-Gesammtwollens dar; jede Gesellschaft, welche das gleiche thut,
-repr&auml;sentirt ein ethisches <span class="ex">Cultursystem</span> d.
-i. das Ideal einer die Cultur des Wollens in ihrem gesammten Umfang und
-nach jeder m&ouml;glichen Richtung hin verwirklichenden Gesellschaft.
-Ersteres schliesst in sich, dass innerhalb des Wollenden keine Richtung
-des Wollens unvertreten, aber auch keine &uuml;ber das mit der
-gleichzeitigen Pflege aller &uuml;brigen vertr&auml;gliche Mass hinaus
-getrieben sei. Letzteres schliesst in sich, dass innerhalb des
-Umkreises der Gesellschaft jede vorhandene Willensrichtung stark, nicht
-nur in jedem einzelnen Gliede, in dem sie sich findet, sondern durch
-m&ouml;glichst viele Glieder der Gesellschaft, in welcher sie sich
-findet, vertreten, aber auch, dass keine innerhalb des Umfangs der
-Gesellschaft unvertreten d. h. nicht wenigstens in einigen oder in
-einem ihrer Glieder in gen&uuml;gender St&auml;rke entwickelt sei. Jene
-Glieder der Gesellschaft, in welchen die n&auml;mliche Willensrichtung
-vorhanden ist, machen dadurch in ethischer Hinsicht eine
-Gesellschaftsclasse f&uuml;r sich, die Mannigfaltigkeit der innerhalb
-der Gesellschaft vorhandenen einzelnen, mehreren oder vielen Gliedern
-derselben gemeinsamen Willensrichtungen macht in Bezug auf die
-Gesellschaftsclassen die Buntheit und Mannigfaltigkeit der (ethisch)
-cultivirten Gesellschaft aus. Stellen unter den mannigfaltigen in der
-Gesellschaft durch Classen vertretenen Willensrichtungen die ihrem
-Inhalt nach lobenswerthen das Licht, die ihrem Inhalt nach
-verwerflichen den Schatten (in ethischer Hinsicht) dar, so kommt durch
-die Vielf&auml;ltigkeit der Gesellschaftsclassen Licht und Schatten,
-&uuml;berhaupt ethische F&auml;rbung in die Gesellschaft, innerhalb
-welcher je nach dem Uebergewicht der vorhandenen guten &uuml;ber die
-schlechten, oder der vorhandenen schlechten &uuml;ber die guten
-Willensrichtungen in der Gesellschaft, das Urtheil &uuml;ber die (im
-ethischen Sinne) helle oder dunkle Natur dieser selbst erfolgt und
-diese je nach der Proportion, die zwischen der Summe der guten und
-jener der verwerflichen in ihr vorhandenen Willensrichtungen (wie sie
-z. B. die Statistik der station&auml;ren Anzahl innerhalb der
-Gesellschaft vorkommenden Verbrechen ausweist) herrscht, als (a
-potiori) eine relativ gute oder relativ verdorbene bezeichnet wird.</p>
-<p class="par">188. Aus dem qualitativen Gesichtspunkt der
-Uebereinstimmung des eigenen gedachten mit dem eigenen wirklichen
-Wollen ergibt sich die ethische Idee der <span class="ex">inneren
-Freiheit</span>. Dieselbe entsteht dadurch, dass die &auml;sthetische
-Idee des Charakteristischen auf das <span class="pagenum">[<a id=
-"pb105" href="#pb105" name="pb105">105</a>]</span>ethische Gebiet
-&uuml;bertragen, das gedachte eigene Wollen als Vor-, das eigene
-wirkliche Wollen als dessen Nachbild angesehen wird. Insofern jenes als
-Bild eines noch nicht vorhandenen, aber dem Wollenden m&ouml;glichen
-Wollens in dessen Geiste vorangeht, dieses als wirklich vorhandenes,
-jenem Bilde entweder entsprechendes oder nicht entsprechendes,
-demselben in der Zeit nachfolgt, l&auml;sst sich das erste als Project,
-das letztere als getreue oder ungetreue Ausf&uuml;hrung desselben
-betrachten. Jede sogenannte Maxime oder praktischer Grundsatz des
-Handelns stellt, da sie nicht vorhandenes Wollen beschreibt, sondern
-eine Regel f&uuml;r nicht vorhandenes, also k&uuml;nftiges Wollen
-formulirt, das Bild eines m&ouml;glichen Wollens, ein Willensproject
-dar, welches sich zu der Gesammtheit aller Maximen d. i. zu der
-sogenannten praktischen Einsicht des Wollenden verh&auml;lt, wie dessen
-einzelner Willensact zu der Totalit&auml;t seines wirklichen Wollens.
-Dasselbe Verh&auml;ltniss, welches zwischen dem einzelnen
-Willensproject und dem einzelnen Willensact herrscht, kann daher auch
-zwischen der gesammten praktischen Einsicht und dem gesammten
-wirklichen Wollen des Wollenden stattfinden, so dass das letztere
-entweder als getreue oder als ungetreue Nachahmung der ersteren sich
-darstellt. Fasst man blos das Verh&auml;ltniss zwischen einem einzelnen
-Willensproject und dem darauf seinem Inhalt nach bez&uuml;glichen
-Willensact ins Auge, so findet, im Fall der letztere seinem Inhalt nach
-dem Willensproject entspricht, zwischen beiden unbedingt
-wohlgef&auml;llige Harmonie, im Gegenfall, wenn der einzelne Willensact
-durch seinen Inhalt dem des Willensprojects entgegengesetzt ist,
-unbedingt missf&auml;llige Disharmonie statt. Wird an die Stelle obiger
-Verh&auml;ltnissglieder dagegen einerseits die praktische Einsicht,
-anderseits die Gesammtheit des wirklichen Wollens des Wollenden
-gesetzt, so tritt, wenn zwischen beiden Uebereinstimmung herrscht,
-gleichfalls unbedingtes Lob, herrscht aber Zwietracht zwischen beiden,
-unbedingte Verwerfung ein.</p>
-<p class="par">189. Das Bild harmonischen Einklangs zwischen
-Willensproject und Willensact bietet ein (im psychologischen Sinne)
-freies, das missf&auml;llige Zerrbild machtlosen Widerstreits zwischen
-Willensproject und Willensact bietet ein (im selben Sinne) unfreies
-Wollen. Im psychologischen Sinne frei heisst dasjenige Wollen, das
-durch Motive, die aus der praktischen Einsicht (diese sei, wie sie
-wolle) genommen sind, bestimmt, unfrei dagegen dasjenige, welches,
-obgleich wie das vorhergehende motivirt, durch Beweggr&uuml;nde
-bestimmt ist, die anderswoher (z. B. von den Antrieben der
-Sinnlichkeit, <span class="pagenum">[<a id="pb106" href="#pb106" name=
-"pb106">106</a>]</span>von Affecten und Leidenschaften) genommen sind.
-Ein in diesem Sinne freies (obgleich nicht &bdquo;transcendental
-freies&rdquo;, sondern determinirtes) Wollen wird mit dem praktischen
-Grundsatz, der sein Motiv ausmacht, sich stets, ein in diesem Sinne
-unfreies d. i. anderswoher (z. B. durch eine Leidenschaft) beherrschtes
-Wollen wird sich dagegen zwar mit diesem seinem dasselbe besitzenden
-Motiv, niemals aber mit einem der praktischen Einsicht entlehnten
-Grundsatz in Uebereinstimmung, sonach mit einem solchen sich stets in
-Widerspruch befinden. Im psychologischen Sinne freies Wollen ist daher
-nicht blos &auml;usserlich d. h. in dem ohnehin
-selbstverst&auml;ndlichen Sinn des Wortes &bdquo;frei&rdquo;, in
-welchem zwar das Handeln, aber niemals das Wollen durch eine
-&auml;usserliche Macht erzwungen oder verhindert zu werden vermag,
-sondern ein solches ist zugleich innerlich frei d. h. in dem Sinne,
-dass auf dasselbe Beweggr&uuml;nde, die nicht aus der praktischen
-Einsicht, also aus dem Intellect genommen sind, keinen bestimmenden
-Einfluss auszu&uuml;ben verm&ouml;gen. Insofern das n&auml;mliche
-Verh&auml;ltniss nicht blos zwischen einem einzelnen Grundsatz und
-einem einzelnen Willensact, sondern zwischen dem Ganzen der praktischen
-Einsicht und dem Ganzen des Willens besteht, heisst nicht blos, wie
-oben, das einzelne Wollen (volitio), sondern der ganze Wille (voluntas)
-im psychologischen Sinne und zwar innerlich frei, und der Wollende
-selbst, dessen Wille diese Eigenschaft besitzt, ein <span class=
-"ex">Charakter</span>. Im entgegengesetzten Falle, wenn der Wille
-unfrei ist, heisst derselbe charakterlos.</p>
-<p class="par">190. Aus diesem Grunde, weil der Einklang zwischen
-gedachtem und wirklichem Wollen der Freiheit des Wollens bedarf, um zur
-Erscheinung zu gelangen, wird der auf jenem beruhenden ethischen Idee
-der inneren Freiheit letzterer Name beigelegt. Dieselbe ist als Idee d.
-h. als Musterbild f&uuml;r das wirkliche Wollen weder eins mit der
-Freiheit des Willens, welche als solche ein Wirkliches, der freie
-wirkliche Wille, noch mit dem Charakter, welcher als solcher
-gleichfalls ein Wirkliches d. h. der in einem wirklichen Individuum
-verwirklichte freie Wille ist. Jene geh&ouml;rt als Idee dem ethischen,
-beide letzteren geh&ouml;ren als Wirkliche dem Gebiete des Wirklichen
-und zwar des Psychischen, dem psychologischen Gebiete an; jene,
-gleichviel ob ein ihr entsprechendes Wirkliches vorhanden sei,
-dr&uuml;ckt eine allgemein giltige Forderung (ein Postulat), letztere
-beiden dr&uuml;cken, wenn und wo sie existiren, die verk&ouml;rperte
-Erf&uuml;llung dieser Forderung selbst aus. <span class=
-"pagenum">[<a id="pb107" href="#pb107" name="pb107">107</a>]</span></p>
-<p class="par">191. An die Idee der inneren Freiheit schliesst sich ein
-Verfahren an, welches bestimmt ist, die Uebereinstimmung zwischen
-gedachtem und wirklichem Wollen nicht blos &uuml;ber die Gesammtheit
-des Wollens des einzelnen Individuums, sondern &uuml;ber die
-Gesammtheit der innerhalb des Umkreises einer durch ein gemeinsames
-Band verkn&uuml;pften Mehrheit von Individuen (einer Gesellschaft)
-vorhandenen praktischen Einsicht und wirklichen Wollens auszudehnen.
-Dasselbe geht darauf aus, dass nicht nur innerhalb eines einzelnen
-Individuums das gesammte Wollen frei d. i. der Wollende ein Charakter
-sei, sondern auch, dass innerhalb der Gesellschaft der Wille jedes
-einzelnen Mitgliedes derselben frei d. i. dass die Gesellschaft selbst
-eine Vereinigung von charaktervollen Individuen sei. Erstere Forderung
-dr&uuml;ckt aus, dass die jeweilige praktische Einsicht d. i. die
-Gesinnung des Wollenden die Seele seines gesammten Willens und
-Handelns, letztere Forderung dr&uuml;ckt aus, dass die Gesellschaft
-eine Vereinigung in diesem Sinne gesinnungsvoller d. i. durch ihre
-jeweilige praktische Einsicht, welchen Inhalts dieselbe auch sein
-m&ouml;ge, in ihrem gesammten Wollen und Thun beseelter Individuen
-darstelle. Die Erf&uuml;llung der erstgenannten macht das Ideal eines
-(im ethischen Sinne) beseelten Wollenden, die Erf&uuml;llung der
-letztgenannten das Ideal einer (im ethischen Sinne) <span class=
-"ex">beseelten Gesellschaft</span> aus. Wie innerhalb der praktischen
-Einsicht des Individuums die verschiedenen in derselben enthaltenen
-praktischen Grunds&auml;tze jeder f&uuml;r sich ein Gebiet des
-Gesammtwollens des Wollenden beherrschen, so werden innerhalb der
-Gesellschaft durch die dem Inhalt nach unter einander abweichenden
-Gesinnungsweisen, deren jede einem Bruchtheil der dieselbe ausmachenden
-Mitglieder gemeinsam ist (im ethischen Sinne)
-Gesinnungsgenossenschaften als gesellschaftliche Fractionen d. i.
-Parteien gebildet, deren jede f&uuml;r sich als Vereinigung von
-derselben Gesinnung in ihrem Thun und Lassen geleiteter Individuen eine
-beseelte Gesellschaft im Kleinen repr&auml;sentirt. Die
-Mannigfaltigkeit der in den verschiedenen Parteien als herrschende
-auftretenden Sinnesarten gibt der Gesellschaft selbst, innerhalb deren
-dieselben sich bewegen, den Charakter der Buntheit und ertheilt ihr
-zugleich je nach dem Uebergewicht gewisser Parteirichtungen &uuml;ber
-die denselben entgegengesetzten ihre (im ethischen Sinne) vorstechende
-F&auml;rbung. Wie dem charaktervollen Individuum eine Vielheit von
-Maximen, die sich dem Anschein nach nicht selten unter einander
-aufzuheben trachten, in Wahrheit aber, wie es die Einheit der Gesinnung
-verlangt, <span class="pagenum">[<a id="pb108" href="#pb108" name=
-"pb108">108</a>]</span>schliesslich einem obersten praktischen
-Grundsatz als Kern und Seele der gesammten praktischen Einsicht sich
-unter- und einordnen, unentbehrlich ist, so bedarf eine im wahren Sinne
-des Wortes beseelte Gesellschaft innerhalb ihres Umkreises eines rege
-bewegten Parteilebens, dessen jeweilige Richtungen nicht selten
-einander zu widerstreiten, ja gegenseitig einander aufzuheben scheinen,
-schliesslich jedoch, je nach dem Uebergewicht einer oder einiger
-&uuml;ber die &uuml;brigen, einer obersten die Richtung der
-Gesellschaft selbst ihrem gr&ouml;sseren oder doch m&auml;chtigeren
-Theile nach (a potiori) ausdr&uuml;ckenden Tendenz mit oder gegen ihren
-Willen zu dienen gezwungen sind. In diesem Sinne stehen die
-Fortschritts- den R&uuml;ckschrittsm&auml;nnern, die Reformer den
-Conservativen, standen einst die liberales, die nach einem bekannten
-Witzwort &bdquo;lieber alles&rdquo;, den serviles, die &bdquo;sehr
-vieles&rdquo; wollten, stehen noch heute
-&bdquo;Culturk&auml;mpfer&rdquo; den Clerikalen, die Schwarzen den
-Rothen, die Tories den Whigs u. s. w. gegen&uuml;ber.</p>
-<p class="par">192. Aus dem qualitativen Gesichtspunkt des Einklanges
-des eigenen wirklichen mit dem nur gedachten fremden Wollen ergibt sich
-die ethische Idee des <span class="ex">Wohlwollens</span>. Dieselbe
-entsteht durch die Uebertragung der &auml;sthetischen Idee des
-Einklanges, welche auf dem Verh&auml;ltniss &uuml;berwiegender
-gegenseitiger Identit&auml;t beruht, auf das Gebiet des Wollens. Beide
-Glieder, das gedachte fremde und das eigene wirkliche Wollen,
-geh&ouml;ren einem und demselben Wollenden an; das fremde Wollen ist in
-demselben als Vorstellung, das eigene Wollen dagegen als Wille
-wirklich. Ob das seiner Vorstellung entsprechende Wollen des Anderen in
-diesem und somit dieser Andere selbst auch wirklich existire, ist dabei
-gleichgiltig. Da der Einklang nur zwischen der Vorstellung des fremden
-Wollens und dem wirklichen eigenen stattfinden soll, so kann jene
-erstere eben so gut eine blosse Einbildung (Fiction) als eine Abbildung
-(Reflex) eines anderen Wollens sein. In keinem Falle leidet die
-Wohlgef&auml;lligkeit der Uebereinstimmung des eigenen mit dem
-vorgestellten fremden Wollen dadurch einen Abbruch, dass dieses
-letztere und dessen Tr&auml;ger nur in der Vorstellung des ersten
-besteht. Zeugniss daf&uuml;r gibt der Verkehr des Kindes mit seiner
-Puppe, deren ihr angedichtete W&uuml;nsche dasselbe mit Eifer zu
-erf&uuml;llen sich bem&uuml;ht, wie jener des Dichters mit der nur in
-seiner Phantasie beseelten leblosen Natur und mit der oft nur als Ideal
-seiner Einbildungskraft lebendigen Geliebten.</p>
-<p class="par">193. Eben so wenig als die Sch&ouml;nheit der Harmonie
-des gedachten fremden und des eigenen wirklichen Wollens von der mehr
-<span class="pagenum">[<a id="pb109" href="#pb109" name=
-"pb109">109</a>]</span>als blossen Gedankenexistenz, ist dieselbe von
-der Inhaltsbeschaffenheit des fremden Wollens abh&auml;ngig. Nicht
-darin hat der unbedingte Beifall, welcher obigen Einklang begleitet,
-seinen Grund, dass das gedachte Wollen des Anderen ein an sich gutes,
-sondern darin, dass das wirkliche eigene Wollen mit dem wie immer
-beschaffenen Inhalt des fremden Wollens identisch ist. Die Gesinnung,
-aus welcher die Erf&uuml;llung wenn auch th&ouml;richter W&uuml;nsche
-des Andern entspringt (Affenliebe), ist als wohlwollender Ausdruck der
-Unterordnung des eigenen unter die Vorstellung eines fremden Wollens
-nicht weniger sch&ouml;n als diejenige, die sich als werkth&auml;tige
-Theilnahme an berechtigten Strebungen und Absichten des Andern kund
-thut. Wie bei der &auml;sthetischen Idee des Einklanges ist das Lob des
-Wohlwollens nur durch die Harmonie, keineswegs durch die anderweitige
-stoffliche Qualit&auml;t der Verh&auml;ltnissglieder bedingt.</p>
-<p class="par">194. Das Bild harmonischen Einklangs zwischen gedachtem
-fremden und eigenem wirklichen Wollen bietet das psychische
-Ph&auml;nomen des selbstlosen oder uneigenn&uuml;tzigen d. i. nicht
-durch die R&uuml;cksicht auf das eigene Selbst, oder den Vortheil des
-Wollenden begr&uuml;ndeten Wollens. Dasselbe ist so wenig, wie irgend
-ein wirkliches Wollen, ohne Grund d. h. dasselbe ist, wie jedes
-wirkliche Wollen, durch ein Motiv (Beweggrund) bewegt (motivirt); aber
-dieses Motiv ist im Unterschied von andern, die aus den Folgen des
-Wollens f&uuml;r den Wollenden selbst d. i. aus der m&ouml;glichen
-Vermehrung oder Verminderung des eigenen Wohles des Wollenden
-(Eud&auml;monie) hergenommen sind, aus dem einzigen Umstand entlehnt,
-dass das vorgestellte Wollen wirklich Wollen eines Andern sei d. h.
-dessen Gegenstand von einem Andern angestrebt und der Besitz desselben
-von einem Andern werde als Lust d. i. als Vermehrung seines (des
-Andern) Wohles empfunden werden. Das uneigenn&uuml;tzige Wollen ist
-daher keineswegs motivlos, sondern dasselbe hat nur kein
-eigenn&uuml;tziges (eud&auml;monistisches), nicht die R&uuml;cksicht
-auf das eigene, wol aber eine solche auf das fremde Wohl zum Motiv. Wie
-das Beherrschtsein des Wollens durch selbsts&uuml;chtige
-Beweggr&uuml;nde, wo es als habituelle Willensbeschaffenheit auftritt,
-Egoismus (Selbstliebe, Selbstsucht), so heisst im entgegengesetzten
-Sinne das Freisein des Wollens von eud&auml;monistischen
-Beweggr&uuml;nden und der willige Gehorsam desselben gegen von der
-R&uuml;cksicht auf das Wohl des Andern dictirte Motive, wenn er zu
-habitueller Willensbeschaffenheit geworden ist, N&auml;chstenliebe
-(Altruismus). Wo die letztere lebt, wird <span class="pagenum">[<a id=
-"pb110" href="#pb110" name="pb110">110</a>]</span>die Vorstellung, dass
-ein gewisses Wollen von dem Andern gehegt werde, hinreichen, ein
-demselben conformes im Vorstellenden zu erzeugen; wo der erstere
-waltet, wird dieselbe Vorstellung gen&uuml;gen, nicht blos, um jedes
-dem Wollen des Andern conforme eigene Wollen zu hemmen, sondern, wenn
-die Selbstsucht so weit gesteigert ist, dass sie das Phlegma ihrer
-nat&uuml;rlichen Tr&auml;gheit zu &uuml;berwinden und zur Action
-&uuml;berzugehen vermag, ein den W&uuml;nschen des Andern
-widerstrebendes Wollen im Wollenden hervorzurufen.</p>
-<p class="par">195. Ausfluss der N&auml;chstenliebe wird ein wirkliches
-Wollen sein, das nach der Idee des Wohlwollens gef&auml;llt, Wirkung
-der Selbstliebe ein solches, das nach derselben Idee unbedingt
-missf&auml;llt. Jenes, das uneigenn&uuml;tzig nur auf das Wohl des
-Andern bedachte, wird darum als g&uuml;tiges, dieses, das
-selbsts&uuml;chtig nur auf das eigene Wohl oder gar auf dem Wohl des
-Andern Entgegengesetztes bedachte Wollen wird deshalb im ersten Fall
-ein herzloses, im andern Fall ein boshaftes, das Wohlwollen selbst
-G&uuml;te, sein Gegentheil, das Uebelwollen, Bosheit genannt. Von der
-ersteren wie von der letzteren, insofern jede von beiden, die G&uuml;te
-grundlos liebt, die Bosheit grundlos hasst, gilt des Dichters Wort: Ich
-glaube selbst, die Lieb' hat keinen Grund (Immermann).</p>
-<p class="par">196. Verschieden von der ethischen Idee des
-Wohlwollenden, wie von dem psychischen Ph&auml;nomen der G&uuml;te und
-deren Gegentheil, ist das gleichfalls psychische Ph&auml;nomen der
-sogenannten sympathetischen Gef&uuml;hle. Zwar bietet sowol die
-psychische Erscheinung des Mitleids wie der Mitfreude das Bild eines
-harmonischen Einklangs, die Erscheinung des Neides wie der
-Schadenfreude das Bild einer missf&auml;lligen Disharmonie dar, aber
-weder zwischen Wollen, noch zwischen einem blos gedachten und einem
-wirklichen Verh&auml;ltnissgliede, wie beides beim Wohl- oder
-Uebelwollen der Fall ist. Das sympathetische Gef&uuml;hl wiederholt das
-Gef&uuml;hl eines Andern entweder durch ein demselben gleiches, oder
-durch ein demselben entgegengesetztes Gef&uuml;hl. Ursache dieser
-Wiederholung ist jedoch keineswegs die bewusste Reflexion, dass das
-eigene Gef&uuml;hl Nachahmung eines fremden Gef&uuml;hls, sondern der
-unwillk&uuml;rliche und folglich auch unbewusste Reflex des fremden
-Gef&uuml;hls durch das eigene Gef&uuml;hlsleben. Das fremde Gef&uuml;hl
-wirkt auf das eigene gleichsam durch Ansteckung, wie es im Gebiete der
-Muskelbewegungen bei der Entstehung solcher mit gewissen Vorstellungen
-durch Association verbundener Bewegungen durch die zuf&auml;llige oder
-absichtliche Erregung jener Vorstellungen der Fall zu sein pflegt. Das
-Bewusstsein <span class="pagenum">[<a id="pb111" href="#pb111" name=
-"pb111">111</a>]</span>des Unterschieds der fremden von der eigenen
-Pers&ouml;nlichkeit wird dabei gar nicht geweckt, oder geht im
-Mechanismus des nachahmenden Gef&uuml;hlsprocesses verloren. Auf diese
-Weise setzt ein Komiker die Lachmuskeln, ein Trag&ouml;de die
-Thr&auml;nenfisteln der Zuschauer in unwillk&uuml;rliche und dem
-Bewusstsein entr&uuml;ckte Bewegung, so dass die letzteren gleichsam
-wie aus einem Zustand der Verz&uuml;cktheit erwachen und sich
-hinterdrein wundern, gelacht und geweint zu haben. So wenig f&uuml;hlt
-sich der nachahmende Theil als Nachahmer eines Andern, dass nicht
-selten das Mitgef&uuml;hl, sei es Mitfreude oder Mitleid, sofort
-aufh&ouml;rt, wenn der Mitf&uuml;hlende sich darauf besinnt, dass es
-nicht eigenes, sondern das Leid eines Andern, und nicht eigene, sondern
-fremde Freuden sind, die ihn bewegen. In solchem Fall h&auml;lt das
-Mitgef&uuml;hl nur so lange und nur darum vor, als und weil der
-Mitf&uuml;hlende sich nur bewusst ist, dass er f&uuml;hle, keineswegs
-aber bewusst ist, dass er nur <span class="ex">mit</span>f&uuml;hle.
-Ohne daher geradezu egoistisch zu sein, weil weder das Bewusstsein
-vorhanden ist, dass das Gef&uuml;hlte uns, noch der Gedanke, dass es
-einen Andern angehe, ist das Mitgef&uuml;hl doch sicher nicht
-altruistisch, weil es im Augenblick schwinden kann, sobald wir des
-letzteren innewerden.</p>
-<p class="par">197. Dasselbe wird jedoch vollkommen selbsts&uuml;chtig,
-wenn, wie Schopenhauer behauptet hat, der Grund des Mitleids einzig
-darin gelegen sein soll, dass der Mitleidige sich in demselben seiner
-metaphysischen Einerleiheit mit dem Andern bewusst und auf diesem Wege
-innewerde, dass weder der Andere von ihm verschieden, noch des Andern
-Leid mehr als sein eigenes Leid sei. Unter dieser Voraussetzung
-k&ouml;nnte das Mitgef&uuml;hl nicht nur, wie oben bemerkt, sondern es
-m&uuml;sste nothwendiger Weise, also jedesmal aufh&ouml;ren, sobald der
-Einzelne &uuml;ber seine pers&ouml;nliche Unterschiedenheit vom Andern
-und folglich &uuml;ber den Umstand, dass das gef&uuml;hlte Leid nicht
-sein eigenes sei, zur Besinnung k&auml;me. Die wesentliche und
-unentbehrliche Eigenschaft, wenn auf das Mitgef&uuml;hl ein Theil des
-Glanzes fallen soll, den das Wohlwollen ausstrahlt, die individuelle
-Sonderung beider F&uuml;hlenden, w&auml;re durch obige Annahme
-grunds&auml;tzlich beseitigt.</p>
-<p class="par">198. So wenig Mitleid und Mitfreude sich mit dem
-Wohlwollen, eben so wenig decken sich Neid und Schadenfreude mit dessen
-Gegentheil, dem Uebelwollen. Gleichwol tritt bei den letzteren die
-unleugbare Aehnlichkeit beider, obgleich gattungsm&auml;ssig
-verschiedener Gem&uuml;thszust&auml;nde st&auml;rker hervor als bei den
-ersteren. W&auml;hrend <span class="pagenum">[<a id="pb112" href=
-"#pb112" name="pb112">112</a>]</span>Mitleid und Mitfreude zu ihrer
-Entstehung des Bewusstseins des <span class="corr" id="xd24e1565"
-title="Quelle: inviduellen">individuellen</span> Unterschieds des
-Mitf&uuml;hlenden vom F&uuml;hlenden nicht bed&uuml;rfen, setzt die
-Entstehung sowol des Neides, als einer durch fremde Lust geweckten
-Unlust, wie der Schadenfreude, als einer durch fremde Unlust erregten
-Lust, dieses Bewusstsein in gewissem Grade voraus, da es sich nicht um
-eine Wiederholung des fremden Gef&uuml;hls durch ein gleiches, sondern
-um die Beantwortung eines solchen durch ein entgegengesetztes eigenes
-handelt, fremdes und eigenes Gef&uuml;hl also schon um deswillen als
-verschiedenen Individuen angeh&ouml;rig empfunden werden m&uuml;ssen,
-weil beide verschiedene, und zwar, da sie entgegengesetzter Natur sind,
-sehr merklich verschiedene Qualit&auml;t besitzen. Beide kommen daher
-nicht nur in ihren Wirkungen, die sowol bei dem Neid als bei der
-Schadenfreude, bei dem blossen Gef&uuml;hl nicht stehen zu bleiben,
-sondern zu demselben entsprechenden W&uuml;nschen, Entschl&uuml;ssen,
-ja selbst Aeusserungen fortzuschreiten pflegen, dem Uebelwollen so
-nahe, als &uuml;berhaupt Ph&auml;nomene verschiedener Gattungen sich
-einander zu n&auml;hern verm&ouml;gen, sondern auch das Urtheil, das
-&uuml;ber dieselben, wo sie zu Tage treten, ergeht, f&auml;llt von der
-unbedingten Verwerfung, welche das Uebelwollen begleitet, nichts
-weniger als verschieden aus. Von dem &bdquo;Neide&rdquo; der
-G&ouml;tter redet die Mythologie, wenn sie deren dem Menschengeschlecht
-&uuml;belwollende Gesinnung, und vom &bdquo;Neidhart&rdquo; die
-Volkssage, wenn sie den B&ouml;sen bezeichnen will.</p>
-<p class="par">199. Die selbstlose Freiwilligkeit der Unterordnung des
-eigenen unter das fremde Wollen tritt um so anschaulicher hervor, je
-gr&ouml;sser die Ueberlegenheit der eigenen &uuml;ber die fremde Kraft
-und je weniger der Verdacht, dass jene Unterordnung eine durch Furcht
-erzwungene sein k&ouml;nnte, zul&auml;ssig erscheint. Dieselbe
-offenbart sich dort am auff&auml;lligsten, wo die Ueberlegenheit die
-denkbar h&ouml;chste d. h. wo der dem Andern freiwillig sich
-unterordnende Wille, mit diesem verglichen, unendlich stark, derjenige,
-dem er sich unterordnet, mit jenem verglichen, unendlich schwach ist.
-Beides ereignet sich im Verh&auml;ltniss der Gottheit zum Menschen,
-deren G&uuml;te gegen diesen eben darum als unendlich gross und der
-g&ouml;ttliche Wille selbst als Ideal des G&uuml;tigen sich
-kundgibt.</p>
-<p class="par">200. An die ethische Idee des Wohlwollens schliesst sich
-ein Verfahren an, welches die in derselben enthaltene Forderung nicht
-blos auf das gesammte Wohl und Wehe Anderer ber&uuml;hrende (sociale)
-Wollen des einzelnen Wollenden, sondern auf die Gesammtheit des
-innerhalb des Umkreises einer Gesellschaft vorkommenden, auf deren
-<span class="pagenum">[<a id="pb113" href="#pb113" name=
-"pb113">113</a>]</span>gegenseitiges Verh&auml;ltniss zu einander
-bez&uuml;glichen Wollens der Mitglieder ausdehnt. Dasselbe geht darauf
-aus, dass jedes sociale Wollen des einzelnen, so wie dass das sociale
-Wollen jedes Mitgliedes der Gesellschaft Wohlwollen sei; sociales
-Uebelwollen sowohl im Einzelnen wie in der Gesellschaft gemieden werde.
-Da nun das Wohlwollen (bene velle) darin besteht, des Andern Wohl zu
-wollen (bonum velle), so geht jene Forderung dahin, dass jedes sociale
-Wollen im Einzelnen wie in der Gesellschaft die Tendenz habe, in jenem
-des Andern, in dieser aller Andern (d. i. das allgemeine) Wohl zu
-f&ouml;rdern. Und da die Befriedigung jedes &mdash; stofflich wie immer
-beschaffenen &mdash; Wollens Lustgef&uuml;hl, also Wohlbefinden zur
-Folge hat, so kann unter dem, was jeder sein Wohl und folglich auch die
-Gesellschaft das ihre, d. i. das allgemeine Wohl nennt, nicht wol etwas
-anderes sein als die Befriedigung <span class="ex">dort</span>
-s&auml;mmtlicher W&uuml;nsche und Willensbestrebungen des Andern,
-<span class="ex">hier</span> die Erf&uuml;llung s&auml;mmtlicher im
-Umkreise der Gesellschaft vorhandenen oder doch zur Aeusserung
-gelangenden W&uuml;nsche und Willensbestrebungen Aller. Die Erreichung
-beider Ziele, die Befriedigung s&auml;mmtlicher W&uuml;nsche des Andern
-(die Gl&uuml;ckseligkeit des Andern), und die Befriedigung
-s&auml;mmtlicher W&uuml;nsche Aller (die allgemeine
-Gl&uuml;ckseligkeit) m&uuml;ssen daher in der wohlwollenden Gesinnung,
-das erste in der jedes Einzelnen gegen jeden Andern, das zweite in der
-jedes Mitgliedes der Gesellschaft gegen alle &uuml;brigen d. i. gegen
-die Gesellschaft selbst gelegen und die Erreichung derselben muss der
-Zweck aller socialen Bestrebungen sein.</p>
-<p class="par">201. Diese selbst d. i. die Befriedigung der vorhandenen
-W&uuml;nsche aber ist nicht blos durch die auf sie gerichtete dauernde
-Gesinnung des Einzelnen und jedes Einzelnen, sondern zugleich, da es
-sich um die Realisirung wirklich vorhandener W&uuml;nsche in der
-wirklich vorhandenen Aussenwelt handelt, durch die Existenz der und die
-M&ouml;glichkeit der Verf&uuml;gung &uuml;ber die zu jenem Endzweck
-unentbehrlichen oder doch f&ouml;rderlichen Mittel d. i. der und
-&uuml;ber die realen Objecte, welche, insofern sie jenem Zweck
-dienstbar gemacht werden, <span class="ex">G&uuml;ter</span> heissen
-sollen, bedingt. Dieselben k&ouml;nnen sowol materieller als geistiger
-Natur, Gegenst&auml;nde der K&ouml;rper- wie der geistigen Welt sein;
-wesentlich ist ihnen nur, dass dieselben zur Befriedigung vorhandener
-W&uuml;nsche dienen und in Anspruch genommen werden k&ouml;nnen. Von
-dieser Art ist der Grund und Boden mit seinem Ertrag, sowol dem
-<span class="ex">inneren</span> (Erz- und Gesteinssch&auml;tzen), wie
-dem <span class="ex">&auml;usseren</span> (Nahrungspflanzen und
-verarbeitungsf&auml;higen <span class="pagenum">[<a id="pb114" href=
-"#pb114" name="pb114">114</a>]</span>Gew&auml;chsen<span class="corr"
-id="xd24e1594" title="Nicht in der Quelle">)</span>, aber auch der
-vorhandene Fond an geistiger Kraft und Intelligenz mit seinem Ertrag,
-dem <span class="ex">inneren</span>: den Gef&uuml;hls- und
-Gedankensch&auml;tzen des einzelnen, dem <span class=
-"ex">&auml;usseren</span>: den Literatur- und Kunsterzeugnissen des
-Gesellschaftsgeistes.</p>
-<p class="par">202. Diese, sei es materiellen, sei es geistigen
-G&uuml;ter zur Befriedigung vorhandener W&uuml;nsche in der Art zu
-verwenden, dass die mit den gegebenen Mitteln erreichbare h&ouml;chste
-Befriedigung der gegebenen W&uuml;nsche erzielt werde, ist die Aufgabe
-einer besondern auf dieses Endziel hin arbeitenden Kunst, die, insofern
-es dabei auf die bestm&ouml;gliche Verwendung der Mittel zum Zwecke d.
-i. auf die Verwaltung ankommt, Haushaltungs- oder Verwaltungskunst
-(Oekonomik) und zwar entweder private, wenn es sich blos um den klugen
-Gebrauch der dem einzelnen Individuum zum Besten des Anderen
-verf&uuml;gbaren G&uuml;ter handelt, oder &ouml;ffentliche (Oekonomik
-der Gesellschaft; National&ouml;konomik, Staats- und
-Volkswirthschaftskunst), wenn das Ziel die gr&ouml;sstm&ouml;gliche
-F&ouml;rderung des allgemeinen Wohls durch geschickte Ben&uuml;tzung
-der innerhalb der Gesellschaft disponibeln materiellen und geistigen
-Verm&ouml;gen ist. Die Erf&uuml;llung derselben von Seite des einzelnen
-Wollenden macht das Ideal eines Menschenfreundes (Philanthropen), d. i.
-eines solchen aus, der sein gesammtes geistiges wie materielles
-Verm&ouml;gen in selbstverleugnender Gesinnung dem Besten Anderer
-opfert; ihre Erf&uuml;llung von Seite einer Gesellschaft dagegen stellt
-(im ethischen Sinne) das Ideal eines <span class=
-"ex">Verwaltungssystems</span> dar d. i. einer derartigen Organisation
-des Gebrauchs und der Verwendung s&auml;mmtlicher innerhalb des
-Umkreises der Gesellschaft vorhandenen und verf&uuml;gbaren materiellen
-wie geistigen G&uuml;ter, dass dadurch die gr&ouml;sstm&ouml;gliche
-Befriedigung vorhandener W&uuml;nsche und Bed&uuml;rfnisse
-s&auml;mmtlicher Gesellschaftsmitglieder, die unter den gegebenen
-Umst&auml;nden h&ouml;chstm&ouml;gliche Summe des allgemeinen Wohls
-oder der allgemeinen Gl&uuml;ckseligkeit (salus publica) verwirklicht
-wird.</p>
-<p class="par">203. Von selbst leuchtet ein, dass auch bei der
-sorgf&auml;ltigsten und wohlwollendsten Verwaltung die erreichbare
-Gesammtsumme der W&uuml;nschebefriedigung hinter der jeweiligen Summe
-der vorhandenen W&uuml;nsche zur&uuml;ckbleiben muss. Denn w&auml;hrend
-die letztere eine ins Unbegrenzte wachsende, ist der Vorrath gegebener
-G&uuml;ter und der aus demselben zum Besten des Ganzen zu
-sch&ouml;pfende Vortheil auch bei der umsichtigsten Benutzung nur einer
-begrenzten Steigerung f&auml;hig. Das Ziel des Philanthropen, wie das
-der philanthropischen Gesellschaft ist als erreicht anzusehen, wenn die
-Summe <span class="pagenum">[<a id="pb115" href="#pb115" name=
-"pb115">115</a>]</span>des allgemeinen Wohls die unter den gegebenen
-Bedingungen erreichbare h&ouml;chste Grenze gewonnen hat. Je nachdem in
-den wohlwollenden Bestrebungen des Einzelnen zum Besten des Andern, der
-Gesellschaft zum Besten Aller, vorzugsweise die mittels materieller
-oder die mittels geistiger G&uuml;ter realisirbaren W&uuml;nsche d. i.
-die materiellen oder die geistigen Interessen ber&uuml;cksichtigt
-werden, nimmt die Philanthropie dort, das Verwaltungssystem hier selbst
-einen vorwiegend materialistischen, der Pflege der materiellen, oder
-idealistischen, der Pflege der idealen Interessen gewidmeten Charakter
-an. Innerhalb der menschenfreundlichen Bestrebungen des Einzelnen
-lassen sich je nach der Beschaffenheit der G&uuml;ter verschiedene
-Zweige des Philanthropismus, innerhalb des wohlwollenden
-Verwaltungssystems lassen sich je nach den Zwecken, welche, und den
-G&uuml;tern, mittels welcher dieselben verwirklicht werden sollen,
-verschiedene Zweige der Verwaltung unterscheiden. Die Mannigfaltigkeit
-derselben, deren einige auf die Hebung der materiellen Zwecke und
-G&uuml;ter, z. B. auf die Cultivirung, Bebauung und Ausnutzung der
-Bodensch&auml;tze und des Grundertrags, andere auf die Hebung ideeller
-Zwecke durch F&ouml;rderung und Pflege wissenschaftlicher und
-literarischer Bildung und Sch&ouml;pfungen abzielen, bringt in die
-Verwaltung selbst jene Vielheit und Buntheit gleichzeitiger auf das
-Wohl, sei es einzelner Classen von Gesellschaftsmitgliedern, in deren
-Besitz eben jene G&uuml;ter sich befinden oder zu deren Beruf jene
-Zwecke geh&ouml;ren d. i. gewisser St&auml;nde &mdash; sei es des
-Ganzen, abzweckender Bestrebungen hervor, die sich nicht selten unter
-einander zu widerstreiten scheinen, zusammengenommen aber je nach dem
-Ueberwiegen der einen &uuml;ber die andern dem Verwaltungssystem seine
-bestimmte individuelle F&auml;rbung ertheilen. Dieselbe zeigt je nach
-dem Uebergewicht der materiellen &uuml;ber die geistigen, oder dieser
-&uuml;ber die materiellen Interessen einen bestimmten hervorstechenden
-mehr realistischen oder mehr spiritualistischen Ton, zwischen welchen
-Gegens&auml;tzen ein weises, die Harmonie aller Interessen im Auge
-behaltendes Administrationssystem eine gleichschwebende Temperatur
-herzustellen und zu erhalten bem&uuml;ht sein wird.</p>
-<p class="par">204. Der qualitative Gesichtspunkt des missf&auml;lligen
-Streits einander ausschliessender Willens&auml;usserungen ergibt die
-ethische Idee des <span class="ex">Rechts</span>. Dieselbe entsteht
-durch die Uebertragung der &auml;sthetischen Idee der Correctheit auf
-das ethische Gebiet. Wie correcte Vorstellungen solche sind, die als
-gleichzeitige im Bewusstsein <span class="pagenum">[<a id="pb116" href=
-"#pb116" name="pb116">116</a>]</span>sich unter einander vertragen, so
-sind rechtm&auml;ssige (d. i. dem Recht gem&auml;sse)
-Willens&auml;usserungen solche, die gleichzeitig vorhanden einander
-nicht ausschliessen. Wie die Correctheit eine nat&uuml;rliche oder
-k&uuml;nstliche, je nachdem die Vertr&auml;glichkeit jener
-Vorstellungen eine urspr&uuml;ngliche d. i. aus dem Inhalt derselben
-selbst fliessende, oder eine (sei es durch Zufall oder durch Willen)
-herbeigef&uuml;hrte ist, indem der urspr&uuml;ngliche Inhalt so lange
-abge&auml;ndert oder durch einen anderen ersetzt wurde, bis die
-anf&auml;nglich unvertr&auml;glichen zu vertr&auml;glichen
-Vorstellungen wurden, so ist die Rechtsgem&auml;ssheit (oder, was eben
-so viel ist, die Erlaubtheit gewisser Willens&auml;usserungen) eine
-nat&uuml;rliche oder k&uuml;nstliche, je nachdem dieselben schon
-urspr&uuml;nglich ihrem Inhalt nach vertr&auml;glich sind, oder erst in
-Folge einer gemeinsamen Uebereinkunft (Vertrag) der Wollenden eine
-solche Ab&auml;nderung, beziehungsweise Ersetzung durch anders
-beschaffene erfuhren, dass die bisher unter einander
-unvertr&auml;glichen fortan f&uuml;r vertr&auml;glich gelten
-k&ouml;nnen. Heissen daher Willens&auml;usserungen, die sich unter
-einander nicht ausschliessen d. h. ohne missf&auml;lligen Streit
-hervorzurufen gleichzeitig mit und neben einander bestehen k&ouml;nnen,
-im Allgemeinen (im ethischen Sinn) erlaubte, so sind solche, deren
-Vertr&auml;glichkeit eine urspr&uuml;ngliche, aus ihrem Inhalt selbst
-fliessende ist, <span class="ex">nat&uuml;rlich</span> erlaubte, solche
-dagegen, deren Vertr&auml;glichkeit erst aus einem zwischen den
-Wollenden stattgehabten Vertrage stammt, <span class=
-"ex">vertragsm&auml;ssig</span> erlaubte Willens&auml;usserungen.
-Erstere, da ihre Erlaubtheit durch den Inhalt der
-Willens&auml;usserungen selbst begr&uuml;ndet ist, sind jedesmal und
-jedermann erlaubt, sobald dieser Inhalt der n&auml;mliche ist; diese
-dagegen, deren Vertr&auml;glichkeit nur aus dem durch Vertrag
-festgesetzten Inhalt fliesst, sind nur so lange und nur denjenigen
-erlaubt, so lange und f&uuml;r welche jener Vertrag besteht. Erlaubte
-Willens&auml;usserungen der ersteren Art werden daher auch wol als
-nat&uuml;rliche (sogenannte <span class="corr" id="xd24e1626" title=
-"Quelle: angeborne">angeborene</span>), erlaubte
-Willens&auml;usserungen der letzteren Art dagegen als erworbene
-(sogenannte positive) Rechte bezeichnet. Die Summe der (angeborenen und
-erworbenen) Rechte d. i. der Inbegriff s&auml;mmtlicher dem Wollenden
-erlaubter, oder solcher Willens&auml;usserungen, durch deren Vornahme
-derselbe keinen Streit erhebt, macht das Recht des Wollenden aus.</p>
-<p class="par">205. Wie der als correct bezeichnete Vorstellungsinhalt
-eine Grenze f&uuml;r die unbeschr&auml;nkte Freiheit des Vorstellens
-bezeichnet, jenseits welcher dasselbe aufh&ouml;rt, &auml;sthetisch
-geduldet, und anf&auml;ngt, unbedingt missf&auml;llig zu werden, so
-stellt der Inhalt der (&bdquo;angeborenen <span class="pagenum">[<a id=
-"pb117" href="#pb117" name="pb117">117</a>]</span>und
-erworbenen&rdquo;) Rechte d. i. des Rechts des Wollenden, eine
-(<span class="corr" id="xd24e1633" title=
-"Quelle: nt&uuml;rli che">nat&uuml;rliche</span> oder
-vertragsm&auml;ssige) Schranke f&uuml;r die grenzenlose Freiheit der
-Willens&auml;usserung desselben dar, jenseits welcher diese
-aufh&ouml;rt, ethisch geduldet, und anf&auml;ngt, unbedingt
-missf&auml;llig zu werden. Der Doppelsinn des Begriffs der Grenze,
-welcher zugleich die Ausdehnung des einen und dessen Ausschliessung von
-dem Nachbarlande bedeutet, kehrt im Begriff des Rechts insofern wieder,
-als durch dasselbe sowol die Ausdehnung der erlaubten
-Willens&auml;usserung einer-, wie deren Ausschliessung von der
-gleichfalls erlaubten Willens&auml;usserung des nachbarlichen Wollenden
-andererseits bezeichnet wird. Jenes, die Summe der Rechte des
-Wollenden, macht das Recht im subjectiven, dieses, die Summe der
-(nat&uuml;rlichen oder vertragsm&auml;ssig festgesetzten) Schranken der
-Willens&auml;usserung, das Recht im objectiven Sinne des Wortes
-aus.</p>
-<p class="par">206. Wie die Rechtfertigung des Correcten nur in dem
-Umstand liegt, dass ein von demselben abweichender Inhalt des
-Vorstellens Ausschliessung unter dem gleichzeitig Vorgestellten d. i.
-Widerstreit im Vorstellen, und dadurch Missfallen erzeugt, so liegt der
-Grund des Rechtm&auml;ssigen (Erlaubten) ausschliesslich in dem
-Umstand, dass eine von dem Inhalt desselben abweichende
-Willens&auml;usserung mit einander unvertr&auml;gliche
-Willens&auml;usserungen im Umfang des zur Aeusserung gelangenden
-Wollens d. i. Streit hervorruft und dadurch Missfallen erzeugt. So
-wenig dort ein Unterschied dadurch begr&uuml;ndet wird, dass die
-Correctheit eine nat&uuml;rliche oder k&uuml;nstliche, so wenig
-geschieht dies hier durch den Umstand, dass die Rechtm&auml;ssigkeit
-eine nat&uuml;rliche oder vertragsm&auml;ssige ist; wie bei dem
-Incorrecten das Missfallen nur denjenigen, aber jeden trifft, dessen
-Vorstellen vom Correcten abweicht, so geschieht es hier mit dem
-Missfallen, das nur jenem, aber auch jedem gilt, dessen
-Willens&auml;usserung das Erlaubte &uuml;berschreitet. Wie es aber beim
-Correcten sich ereignen kann, dass der Inhalt des k&uuml;nstlich mit
-dem des von Natur aus Correcten in der Weise in Collision ger&auml;th,
-dass von Natur aus Correctes durch conventionelle Uebereinkunft
-k&uuml;nstlich als incorrect, dagegen durch letztere ein
-Vorstellungsinhalt k&uuml;nstlich als correct festgesetzt werden kann,
-welchen das unbefangene Vorstellen als incorrect empfindet, so kann es
-geschehen, dass nat&uuml;rlich Erlaubtes vertragsm&auml;ssig als
-unerlaubt und solches durch Vertrag als erlaubt hingestellt werden
-kann, was dem unbefangenen &auml;sthetischen Urtheil als unerlaubt
-erscheinen muss. Was in solchem Fall auf &auml;sthetischem Gebiete
-gilt, dass der Umfang des nat&uuml;rlich Correcten ein
-unbeschr&auml;nkter, <span class="pagenum">[<a id="pb118" href="#pb118"
-name="pb118">118</a>]</span>weil nur von dem sich immer gleich
-bleibenden Inhalt des Vorgestellten abh&auml;ngiger, jener des
-k&uuml;nstlich Correcten aber ein auf den Umkreis eingeschr&auml;nkter
-sei, innerhalb dessen, sei es Herkommen, Ueberlieferung, Sitte und
-Gebrauch oder positive Convention dasselbe fixirt haben, wird
-anstandslos auf das ethische angewendet werden d&uuml;rfen, dass das
-nat&uuml;rlich <span class="corr" id="xd24e1640" title=
-"Quelle: erlaubte">Erlaubte</span> unbeschr&auml;nkte, weil nur aus dem
-Inhalt der Willens&auml;usserungen fliessende, das vertragsm&auml;ssig
-Erlaubte jedoch nur auf denjenigen Umkreis beschr&auml;nkte Geltung
-besitze, innerhalb dessen stillschweigender d. h. blos durch Zulassung,
-oder ausdr&uuml;cklicher d. i. mit mehr oder weniger F&ouml;rmlichkeit
-kundgegebener Vertrag dasselbe f&uuml;r die Vertrag Schliessenden (aber
-auch nur f&uuml;r diese) als erlaubt festgestellt haben.</p>
-<p class="par">207. Indem die &auml;sthetische Idee der Correctheit
-jeden Vorstellungsinhalt verbietet, durch welchen
-Unvertr&auml;glichkeit zwischen dem gleichzeitig Vorgestellten, so
-verwehrt die Idee des Rechts jede Willens&auml;usserung, durch welche
-Streit zwischen den Wollenden hervorgerufen wird. So wenig die erstere
-hiebei einen Unterschied zwischen den beiden Vorstellungen, eben so
-wenig macht diese einen solchen zwischen den beiden Wollenden. Die
-Aufforderung, Streit zu meiden d. i. sich innerhalb der durch das (sei
-es nat&uuml;rliche oder vertragsm&auml;ssige) Recht gezogenen
-Willensgrenze zu halten, ergeht an beide Wollende in ganz gleicher
-Weise, ganz abgesehen von dem Umst&auml;nde, ob durch diese letztere
-die Freiheit der Willens&auml;usserung des Einen eine Erweiterung, jene
-des Anderen eine Verengerung erfahren hat d. h. ob durch dieselbe dem
-ersten eine Befugniss (ein Recht gegen den zweiten) einger&auml;umt,
-dem zweiten eine solche zu Gunsten des ersten entzogen (demselben eine
-Pflicht gegen den ersten auferlegt) worden sei. Da nun eben so wol
-Streit entsteht, wenn die einger&auml;umte Befugniss
-&uuml;berschritten, als wenn die entzogene Befugniss wieder in Anspruch
-genommen wird, so bedeutet jene Aufforderung f&uuml;r denjenigen, dem
-das Recht jene Befugniss gibt, so viel, dass er dieselbe nicht
-missbrauchen, dagegen f&uuml;r denjenigen, dem das Recht jene Befugniss
-nimmt, so viel, dass er dieselbe nicht mehr als sein Recht gebrauchen
-d&uuml;rfe, beides aus keinem andern Grunde, als weil jede obiger
-beider Handlungsweisen Streit erzeugt.</p>
-<p class="par">208. Mehr als diese Aufforderung, um der Vermeidung des
-Streites willen einerseits seine Berechtigung nicht zu
-&uuml;berschreiten, andererseits seine Verpflichtung zu erf&uuml;llen,
-kann aus der Idee des <span class="pagenum">[<a id="pb119" href=
-"#pb119" name="pb119">119</a>]</span>Rechts nicht abgeleitet werden.
-Dieselbe enth&auml;lt weder die Erm&auml;chtigung f&uuml;r den
-Berechtigten, im Falle unterlassener Pflichterf&uuml;llung von Seite
-des Verpflichteten dieselbe mit Gewalt d. i. durch Anwendung von
-Zwangsmassregeln durchzusetzen, noch schliesst dieselbe f&uuml;r den
-Verpflichteten die Befugniss ein, sich im Falle gemissbrauchten oder
-mit Zwang durchgesetzten Rechts von Seite des Berechtigten demselben
-mit Gewalt d. i. mittels Anwendung von Gegenzwangsmassregeln zu
-widersetzen. Ersteres nicht, weil jeder Zwang einen Eingriff in die
-erlaubten Willens&auml;usserungen des Verpflichteten, somit von Seite
-des Berechtigten diesem gegen&uuml;ber selbst eine Streiterhebung
-darstellt. Letzteres nicht, weil jeder Gegenzwang von Seite des
-Verpflichteten einen Eingriff in die erlaubten Willens&auml;usserungen
-des Berechtigten, also seinerseits eine Streiterhebung einschliesst.
-Weder kann der Zwang, welcher von Seite des Berechtigten zur
-Durchsetzung seiner Berechtigung, noch kann der Gegenzwang, welcher von
-Seite des Verpflichteten gegen den Berechtigten ausge&uuml;bt wird,
-sich auf diejenige Willens&auml;usserung einschr&auml;nken, welche im
-ersten Fall ausschliesslich das Recht, im letzteren eben so
-ausschliesslich die Pflicht ausmacht. Beide, Berechtigter und
-Verpflichteter, werden in solchem Falle sich in gleicher Lage befinden
-wie der Jude Shylock, dem das Gesetz die Befugniss einr&auml;umt, zur
-Durchsetzung seines Rechts gegen&uuml;ber dem Kaufmann von Venedig
-Gewalt anzuwenden d. i. das contractlich zugestandene Pfund Fleisch
-nahe dem Herzen demselben wirklich aus lebendigem Leibe zu schneiden,
-jedoch unter der von dem &bdquo;klugen&rdquo; Richter
-hinzugef&uuml;gten Bedingung, dass er bei Aus&uuml;bung dieses seines
-Rechts nicht selbst seinerseits ein Unrecht begehe d. h. nicht eine ihm
-contractlich nicht zugestandene Handlung ausf&uuml;hre, daher keinen
-einzigen Tropfen Blutes vergiessen d&uuml;rfe. Wie durch letzteren
-Zusatz die ihm zugestandene Zwangsbefugniss illusorisch, weil der Natur
-der Sache nach unausf&uuml;hrbar, so wird die angeblich in der Idee des
-Rechtes enthaltene Zwangsbefugniss in ethisch gesch&auml;rften Augen
-dadurch zunichte gemacht, dass die Aus&uuml;bung einer solchen ohne
-neue Streiterhebung, also seinerseits Rechtsverletzung, dem
-Berechtigten durch die Natur der Sache unm&ouml;glich gemacht wird.</p>
-<p class="par">209. Ist nun in der Idee des Rechts wirklich nichts mehr
-als die Aufforderung, beim Rechte zu bleiben, keineswegs aber die
-Erlaubniss enthalten, Unrecht mit Gewalt zu hintertreiben, so ist
-allerdings zu erwarten, dass, wenn nicht auf anderem Wege Vorsorge
-getroffen wird, Missbrauch des Rechtes unm&ouml;glich, Unterlassung
-<span class="pagenum">[<a id="pb120" href="#pb120" name=
-"pb120">120</a>]</span>der Pflicht unthunlich zu machen, sowol das eine
-wie das andere in einem Grade &uuml;berwuchern werde, dass der
-thats&auml;chliche Zustand der durch die Idee des Rechts gestellten
-Forderung Hohn sprechen wird. Weder l&auml;sst sich hoffen, dass die
-Scheu, vor der Idee des Rechts durch Streiterhebung missf&auml;llig zu
-werden, in dem Gem&uuml;the des Berechtigten h&auml;ufiger als es bei
-solchen, die einer Aufforderung zur Rechtlichkeit &uuml;berhaupt nicht
-bed&uuml;rfen, ohnehin der Fall zu sein pflegt, eine solche Macht
-besitzen werde, um ihm die Anwendung von Zwang zur Durchsetzung seines
-Rechts unm&ouml;glich zu machen, noch k&ouml;nnte es Wunder nehmen,
-wenn die Furcht, durch gewaltsamen Widerstand vor der Idee des Rechts
-missliebig zu erscheinen, bei dem Verpflichteten, der sich durch
-Missbrauch des Rechtes bedroht und durch Anwendung von Zwang in
-unbestrittenen Rechten beeintr&auml;chtigt sieht, zu schwach w&auml;re,
-ihn von dem Versuch gewaltsamer Gegenwehr zur&uuml;ckzuhalten. Vielmehr
-ist vorauszusehen, dass in den bei weitem meisten F&auml;llen der
-Berechtigte der Verlockung, sein verweigertes Recht auf Kosten des
-Verpflichteten durchzusetzen, der Verpflichtete dem Drange, sein
-angegriffenes Recht gegen den Uebermuth oder die Uebermacht des
-Berechtigten sicherzustellen, nicht werde widerstehen und dadurch an
-die Stelle des Friedenszustandes, wie ihn die Idee des Rechtes fordert,
-ein Kriegszustand, wie ihn der Kampf des Berechtigten um sein Recht
-gegen den Verpflichteten und der Kampf des Verpflichteten f&uuml;r sein
-Recht wider den Berechtigten darstellt, treten werde. Soll letzteres
-verh&uuml;tet und die Herstellung des Rechts- d. i. eines solchen
-Zustandes, in welchem der Berechtigte sein Recht, aber nicht mehr als
-dieses fordert, der Verpflichtete seine Pflicht und nie weniger als
-diese leistet, nicht auf jene m&auml;rchenhaften Zeiten verschoben
-werden, in welchen die Idee des Rechts durch Erziehung und
-Gew&ouml;hnung Macht genug &uuml;ber die Gem&uuml;ther gewonnen haben
-wird, um die Sicherstellung des Rechts durch andere Mittel
-&uuml;berfl&uuml;ssig zu machen, so muss ein Ausweg ausfindig gemacht
-werden, dem Berechtigten seine Leistung, dem Verpflichteten seinen
-Schutz vor Uebergriffen zu verb&uuml;rgen, ohne von Seite des ersten
-wie des letzteren durch unrechtm&auml;ssige Streiterhebung
-missf&auml;llig zu werden. Derselbe besteht darin, dass die Befugniss
-im Falle der Pflichtverweigerung Zwang, im Falle des Missbrauchs der
-Berechtigung Widerstand aus&uuml;ben zu d&uuml;rfen, ihrerseits
-ausdr&uuml;cklich vertragsm&auml;ssig stipulirt und dadurch selbst zum
-Recht d. i. zu einem Zwangsrecht erhoben werde. Der Unterschied
-<span class="pagenum">[<a id="pb121" href="#pb121" name=
-"pb121">121</a>]</span>desselben von der oben er&ouml;rterten Sachlage
-besteht darin, dass in der letzteren das Recht zu zwingen als eine mit
-jedem Rechte unmittelbar nicht nur verbundene, sondern demselben
-innewohnende und folglich aus demselben ohne weiteres fliessende
-Befugniss angesehen, dagegen nun als ein zweites neben und ausser dem
-Recht, zu dessen Schutze es bestimmt ist, ausdr&uuml;cklich errichtetes
-und mit diesem nicht innerlich (deductiv), sondern nur &auml;usserlich
-(copulativ) verbundenes Recht betrachtet wird. Durch dasselbe
-verwandelt sich der zur gewaltsamen Zur&uuml;ckeroberung der
-verweigerten Leistung ausge&uuml;bte Zwang und der zum Schutz gegen
-Ueberschreitung ge&uuml;bte gewaltsame Widerstand aus
-unrechtm&auml;ssigen (unerlaubten) in rechtm&auml;ssige Handlungen,
-indem beide Theile eingewilligt haben, der eine die zur Durchsetzung
-der Pflicht, der andere die zum Schutz gegen Missbrauch nothwendigen
-Gewaltmassregeln sich gefallen lassen zu wollen.</p>
-<p class="par">210. Da die Idee des Rechts nichts weiter verlangt, als
-dass Streit gemieden d. h. gegenw&auml;rtiger Streit geschlichtet,
-zuk&uuml;nftiger verh&uuml;tet werde, so ist dasselbe in dem Grade als
-vollkommener anzusehen, als obiger Zweck erreicht d. h. als durch
-dasselbe Streit beseitigt oder unm&ouml;glich gemacht wird. Welcherlei
-Inhalt dazu in jedem gegebenen Falle der zweckdienlichste d. h.
-welcherlei Recht in jedem gegebenen Falle das zweckentsprechendste sein
-werde, l&auml;sst sich nicht im Allgemeinen festsetzen, sondern
-h&auml;ngt von dem jeweiligen Inhalt derjenigen Willens&auml;usserungen
-ab, deren Vertr&auml;glichkeit unter einander durch dasselbe gesichert
-werden soll. Schon von Natur aus mit einander vertr&auml;gliche
-Willens&auml;usserungen (sogenannte angeborene Rechte), sobald es deren
-&uuml;berhaupt gibt, bed&uuml;rfen, da zwischen ihnen kein Streit
-herrscht, auch nicht besonderer Festsetzungen, denselben zu vermeiden;
-es w&auml;re denn, es tr&auml;ten F&auml;lle ein, in welchen auch diese
-sonst vertr&auml;glichen Willens&auml;usserungen zu einander
-ausschliessenden werden und Streit verursachen. Von dieser Art sind z.
-B. diejenigen Willens&auml;usserungen, die im Gebrauch der
-Athmungsorgane zum Einschl&uuml;rfen der zum Lebensunterhalt
-unentbehrlichen Quantit&auml;t atmosph&auml;rischer Luft bestehen.
-Dieselben gelten unter normalen Verh&auml;ltnissen als vertr&auml;glich
-unter einander, indem jederzeit Luft genug existirt, um dem
-gleichzeitigen Athmungsbed&uuml;rfniss Mehrerer zu gen&uuml;gen. Das
-Recht, sich derselben zum Athmen zu bedienen, kann daher im obigen
-Sinne als ein nat&uuml;rliches (sogenanntes angeborenes) angesehen
-werden. Tritt jedoch der Fall ein, dass (wie <span class=
-"pagenum">[<a id="pb122" href="#pb122" name="pb122">122</a>]</span>z.
-B. in Holwell&rsquo;s &bdquo;schwarzer H&ouml;hle&rdquo; oder unter der
-Taucherglocke) das vorhandene Quantum athembarer Luft ein
-beschr&auml;nktes, wol gar f&uuml;r das vorhandene Bed&uuml;rfniss der
-Mehreren nicht ausreichendes wird, so werden die sonst vertr&auml;glich
-gewesenen Aeusserungen des Willens, zu athmen, sofort zu
-unvertr&auml;glichen: es entsteht Streit und damit nicht nur die
-M&ouml;glichkeit, sondern der Idee des Rechts zufolge die Aufforderung,
-ein Recht d. i. eine Bestimmung zu treffen, durch welche (wie es z. B.
-unter der Taucherglocke thats&auml;chlich der Fall ist) der Verbrauch
-der Luft bez&uuml;glich der Einzelnen geregelt und deren erlaubter vom
-unerlaubten gesondert wird. Sind dagegen die Willens&auml;usserungen
-von Haus aus unvertr&auml;gliche, so wird jenes Recht das beste sein,
-welches die darin liegende Ursache des Streits am schnellsten,
-gr&uuml;ndlichsten und dadurch am dauerhaftesten behebt, wobei indess
-immer der Grundsatz gilt, dass auch das schlechte Recht, weil es den
-Streit, wenn auch nur oberfl&auml;chlich und vor&uuml;bergehend,
-beseitigt, immer noch besser sei als der Streit selbst.</p>
-<p class="par">211. L&auml;sst sich aber auch &uuml;ber den Inhalt
-m&ouml;glicher Rechte ohne Ber&uuml;cksichtigung des Inhaltes
-m&ouml;glicher Willens&auml;usserungen nichts allgemeines aussagen, so
-lassen sich doch in Bezug auf die Form, durch welche das Recht seiner
-Idee in mehr oder minder vollkommener Weise gen&uuml;gt, Bestimmungen
-treffen. Hier gilt, dass das Recht (es sei nat&uuml;rliches oder
-vertragsm&auml;ssiges) seinem Inhalt nach, er sei, welcher er wolle,
-nicht zweifelhaft sein d. h. dass derselbe entweder (wie es bei den
-nat&uuml;rlichen Rechten der Fall zu sein pflegt) an sich evident sein,
-oder (wie es bei den vertragsm&auml;ssigen Rechten durch besondere die
-Festsetzung derselben begleitende F&ouml;rmlichkeiten: Gebrauch
-bestimmter Worte oder &auml;usserer Zeichen, Handschlag, Stabbruch u.
-dgl. zu geschehen pflegt) evident gemacht werden muss. Zweifel in
-ersterer Hinsicht, durch welche entweder der Inhalt wirklicher
-nat&uuml;rlicher Rechte ungeb&uuml;hrlich ausgedehnt, oder ein seinem
-Inhalte nach keineswegs nat&uuml;rliches Recht als angeborenes in
-Anspruch genommen wird, sind daher (im ethischen Sinne) nicht weniger
-sch&auml;dlich als Zweifel der letzteren Art, durch welche der
-vertragsm&auml;ssige Inhalt eines positiven Rechtes seinem
-urspr&uuml;nglichen Sinne entgegen umgedeutet oder ein anderes als das
-vertragsm&auml;ssige Recht als vertragsm&auml;ssig behauptet wird.
-Doppelsinn, Halbheit oder Zweideutigkeit des Ausdruckes,
-Ausserachtlassen von Bedingungen, die auf die k&uuml;nftige Geltung des
-Rechtes von Einfluss sein k&ouml;nnen, sind daher M&auml;ngel des
-Rechtes, denen <span class="pagenum">[<a id="pb123" href="#pb123" name=
-"pb123">123</a>]</span>gegen&uuml;ber die, wenn auch an Pedanterie
-streifende Deutlichkeit und Umst&auml;ndlichkeit der Formulirung, so
-wie der vorschriftsm&auml;ssige Gebrauch feststehender Formeln und
-Symbole (wie im r&ouml;mischen, im deutschen Recht) im Recht am Platze
-ist.</p>
-<p class="par">212. Ist schon das zweifelhafte Recht von Uebel, weil es
-die Bestreitung des Rechtes seinem Inhalte nach m&ouml;glich macht, ja
-erleichtert, so ist das &bdquo;naturwidrige&rdquo; Recht d. i. ein
-solches, dessen Bestimmungen mit Gesetzen, sei es der leblosen, sei es
-der lebendigen Natur im Widerspruch stehen, also ohne jene, was
-unm&ouml;glich ist, zu umgehen, nicht in Vollziehung gesetzt werden
-k&ouml;nnen, in noch h&ouml;herem Grade fehlerhaft, weil es anstatt den
-Streit zu verh&uuml;ten, zu demselben reizt und dessen Bestand
-permanent macht. In Bezug auf dasjenige Recht, dessen Bestimmungen den
-Naturgesetzen der leblosen Natur zuwiderlaufen, versteht diese
-Mangelhaftigkeit und damit die Nichtigkeit desselben der Idee des
-Rechtes gegen&uuml;ber sich von selbst, und das M&auml;rchen wie die
-Mythe haben von derartigen, physisch unerf&uuml;llbaren
-Pflichtleistungen, die den H&ouml;rer r&uuml;hren und die Hilfe
-&uuml;bernat&uuml;rlicher M&auml;chte herausfordern sollen, reichlich
-Gebrauch gemacht. In Bezug auf solche dagegen, deren Bestimmungen die
-lebendige Natur z. B. die Bewegung und den Gebrauch der Glieder des
-eigenen Leibes als Werkzeug der Willens&auml;usserung betreffen,
-offenbart sich die Widernat&uuml;rlichkeit einer Verpflichtung, durch
-welche auf jene verzichtet werden soll, dadurch, dass in Folge der
-unzerreissbaren Association zwischen Bewusstseinsvorg&auml;ngen und
-Willensimpulsen auf der einen und Muskelbewegungen, die zur
-Ver&auml;nderung der Stellung des Leibes und der Glieder f&uuml;hren,
-auf der anderen Seite jener Verzicht unaufh&ouml;rlich nicht durch,
-sondern ohne, ja wider den Willen des Verpflichteten
-zur&uuml;ckgenommen, das Recht gebrochen werden wird, obige Bestimmung
-daher, weit entfernt, den Streit dauernd hintanzuhalten, vielmehr
-unaufh&ouml;rlich dazu beitr&auml;gt, denselben zu erneuern. Die streng
-genommen zwar nicht Unrechtm&auml;ssigkeit, aber der Idee des Rechtes
-gegen&uuml;ber Zweckwidrigkeit derartiger Rechte (Leibeigenschaft,
-H&ouml;rigkeit, Sclaverei) hat dazu gef&uuml;hrt, z. B. das Recht auf
-den Gebrauch der eigenen Glieder und die freie Bewegung des Leibes als
-ein sogenanntes &bdquo;angeborenes&rdquo; anzusehen, was es im strengen
-Sinne des Wortes nicht ist, da die physische Unm&ouml;glichkeit, auf
-dieselben zu verzichten, nicht behauptet, sondern nur der in einem
-solchen Verzicht enthaltene, unaufh&ouml;rlich wiederkehrende Reiz zur
-Verletzung des eingegangenen Rechtes tadelnd hervorgehoben werden kann.
-<span class="pagenum">[<a id="pb124" href="#pb124" name=
-"pb124">124</a>]</span></p>
-<p class="par">213. Ein der Idee des Rechtes entsprechendes Bild eines
-Zustandes, in welchem kein Streit herrscht, liefert der Friede, sei es
-der nat&uuml;rliche, innerhalb dessen entweder (wie &bdquo;im
-Paradiese&rdquo; und im &bdquo;goldenen Zeitalter&rdquo;) nur unter
-einander vertr&auml;gliche Willens&auml;usserungen stattfinden, oder
-(so wie im sogenannten Nothfrieden) mit einander unvertr&auml;gliche
-Willens&auml;usserungen nur deshalb nicht stattfinden, weil die
-Streitenden, oder doch einer von ihnen, obgleich der Wille zu streiten
-nach wie vor besteht, in Folge physischer Ersch&ouml;pfung ausser
-Stande sind ihren Willen zu &auml;ussern, sei es der
-vertragsm&auml;ssige, innerhalb dessen entweder aus Furcht oder um des
-Vortheiles willen (Schacherfrieden) in dem einen, oder aus Respect vor
-der Idee des Rechtes in dem anderen Falle vertragswidrige d. h. unter
-einander unvertr&auml;gliche Willens&auml;usserungen unterlassen
-werden. Letztgenannter entspricht, da der Respect vor der Rechtsidee,
-wie diese selbst, sich immer gleich bleibt, dem Ideal eines Rechts- d.
-i. eines Zustandes, in welchem der Streit dauernd vermieden wird, unter
-den s&auml;mmtlichen angef&uuml;hrten in vollkommenster Weise.</p>
-<p class="par">214. An die ethische Idee des Rechtes schliesst sich ein
-Verfahren an, welches die in derselben enthaltene Forderung nicht blos
-auf die gesammten Willens&auml;usserungen des Wollenden, sondern auf
-die Gesammtheit der innerhalb des Umkreises einer Gesellschaft an den
-Tag tretenden Willens&auml;usserungen der Mitglieder derselben
-ausdehnt. Dasselbe besteht darin, dass s&auml;mmtliche
-Willens&auml;usserungen des Individuums zum mindesten erlaubt d. i.
-rechtm&auml;ssig, so wie dass keine der innerhalb des Umkreises der
-Gesellschaft an den Tag tretenden Willens&auml;usserungen eines ihrer
-Mitglieder unerlaubt d. i. unrechtm&auml;ssig sei; oder, was dasselbe
-ist, dass weder der Wollende noch irgend ein Mitglied der Gesellschaft
-durch irgend eine seiner Willens&auml;usserungen Streit erhebe. Die
-Tendenz desselben ist, nicht nur jede unrechtm&auml;ssige Handlung zu
-unterlassen, sondern wo Streit entstanden ist denselben auf
-rechtm&auml;ssige Weise zu schlichten, nicht nur von Seite des
-Wollenden in Bezug auf jede seiner Handlungen, sondern von Seite der
-Gesellschaft in Bezug auf jede innerhalb ihres Umkreises vorfallende
-Handlung ihrer Mitglieder. Die Erf&uuml;llung derselben von Seite des
-einzelnen Wollenden ergibt das Ideal des rechtlichen Mannes d. i. eines
-solchen, der nicht nur f&uuml;r seine Person jeder unerlaubten
-Handlungsweise sich jederzeit enth&auml;lt, sondern wenn ohne, ja wider
-seinen Willen Streit dennoch entstanden ist, denselben auf keine andere
-als auf erlaubte Weise (also nicht durch Selbsthilfe, Duell u. s. w.)
-<span class="pagenum">[<a id="pb125" href="#pb125" name=
-"pb125">125</a>]</span>schlichtet; die Erf&uuml;llung derselben von
-Seite einer Gesellschaft dagegen ergibt das Ideal einer <span class=
-"ex">Rechtsgesellschaft</span> d. i. einer solchen, die nicht nur
-innerhalb ihres Umkreises diejenigen Anstalten trifft, um Streit
-zwischen ihren Mitgliedern zu verh&uuml;ten (Rechtsgesetzgebung),
-sondern auch alle diejenigen anordnet, deren Zweck es ist, entstandenen
-Streit auf rechtm&auml;ssige Weise zu schlichten (Gerichtsverfahren).
-Jenes bildet sowol beim einzelnen Wollenden wie bei der
-Rechtsgesellschaft den pr&auml;ventiven, den Ausbruch des Streites
-beseitigenden, dieses bei beiden den repressiven, ausgebrochenen Streit
-beschwichtigenden Theil der Erf&uuml;llung der Rechtsidee.</p>
-<p class="par">215. Je nach den verschiedenen Gattungen unerlaubter
-Handlungen und Achtung heischender Rechte, welche der Einzelne sich zu
-unterlassen und zu respectiren gebietet, wie je nach der
-Mannigfaltigkeit der Veranlassungen, welche zum Streitausbruch, und der
-Verfahrungsweisen, welche zum Streitaustrag f&uuml;hren k&ouml;nnen,
-kommt in die rechtliche Gesinnung des Einzelnen wie in die
-Rechtsgesetzgebung und das Rechtsverfahren der Gesellschaft eine
-Buntheit und Vielartigkeit, welche je nach der vorherrschenden
-Ber&uuml;cksichtigung einer bestimmten Classe von Rechten vor und im
-Gegensatz zu den &uuml;brigen (z. B. der privaten vor den
-&ouml;ffentlichen, oder umgekehrt der &ouml;ffentlichen vor dem
-privaten, des Hausrechts vor dem Landrecht und dessen vor dem Reichs-
-und Staatsrecht, des kirchlichen vor dem weltlichen Recht, oder
-umgekehrt u. s. w.) der Rechtsgesinnung des Einzelnen so wie der
-Gesellschaft eine bestimmte F&auml;rbung (z. B. die privatrechtliche im
-germanischen, die &ouml;ffentlich rechtliche im antiken Recht, die
-clericale im mittelalterlichen, die profane im modernen Staate)
-ertheilt und in den verschiedenen Zweigen sowol der Rechtsgesetzgebung
-wie des Rechtsverfahrens sich, sei es zu Gunsten, sei es zu Ungunsten
-einer oder der anderen Classe von Rechten, geltend macht. Letztere
-beiden zerfallen je nach den verschiedenen Classen der Rechte, die zu
-errichten und zu sch&uuml;tzen sind, sich unter einander aber eben so
-wol zu widerstreiten scheinen, als zu erg&auml;nzen bestimmt sein
-k&ouml;nnen, in eben so viele Zweige sowol der Gesetzgebung als des
-gerichtlichen Verfahrens, zwischen welchen ihres scheinbar
-ausschliessenden Charakters ungeachtet (z. B. geistliche und weltliche
-Gesetzgebung, canonisches, milit&auml;risches und
-Civilgerichtsverfahren u. dgl.) eine weise Rechtsorganisation das
-Gleichgewicht nicht nur, wo es gest&ouml;rt zu werden droht,
-herzustellen, sondern dauernd zu erhalten und zu befestigen bem&uuml;ht
-sein wird. <span class="pagenum">[<a id="pb126" href="#pb126" name=
-"pb126">126</a>]</span></p>
-<p class="par">216. Der qualitative Gesichtspunkt der missf&auml;lligen
-St&ouml;rung durch absichtliche Willens&auml;usserung ergibt die
-ethische Idee der (billigen) <span class="ex">Vergeltung</span>.
-Dieselbe entsteht durch die Uebertragung der &auml;sthetischen Idee des
-Ausgleichs auf das ethische Gebiet. Wie Schein, der sich f&uuml;r Sein
-gibt, um deswillen unbedingt missf&auml;llt und, so weit sich derselbe
-vor das Sein hervorgedr&auml;ngt hat, so weit wieder
-zur&uuml;ckgedr&auml;ngt d. i. das urspr&uuml;ngliche Sein aus seiner
-Verdunkelung wieder hergestellt werden muss, damit das Missfallen
-verschwinde, so missf&auml;llt absichtlich herbeigef&uuml;hrte
-St&ouml;rung, die sich f&uuml;r Nichtst&ouml;rung ausgibt und daher
-durch entsprechende Gegenst&ouml;rung ausgeglichen d. i. der
-urspr&uuml;ngliche oder doch ein diesem gleicher Zustand wieder
-hergestellt werden muss, damit das Missfallen aufh&ouml;re. Da die
-Ursache der eingetretenen St&ouml;rung weder eine leblose (ein blosses
-Naturereigniss), noch eine absichts- (also bewusst-) lose
-Willens&auml;usserung (im Affect, in der Leidenschaft), sondern eine
-absichtliche (also bei klarem Bewusstsein beabsichtigte)
-Willens&auml;usserung ist, so f&auml;llt, da die entsprechende
-Gegenst&ouml;rung nichts anderes als die Wirkung der St&ouml;rung und
-folglich, da diese selbst die Wirkung jener Ursache, zugleich die (nur
-entferntere) Wirkung jener absichtlichen Willens&auml;usserung ist,
-dieselbe mit ganzer Gewalt und in ihrem ganzen Umfange auf den
-Tr&auml;ger der absichtlichen Willens&auml;usserung d. i. den
-Th&auml;ter als den &bdquo;St&ouml;renfried&rdquo; zur&uuml;ck.
-Derselbe erscheint daher einerseits als verantwortlich f&uuml;r die
-St&ouml;rung, andererseits als Gegenstand der Gegenst&ouml;rung. In
-ersterer Hinsicht h&auml;ngt der Grad seiner Verantwortlichkeit ab von
-dem Grad seiner Urheberschaft; in letzterer Hinsicht wird das Mass der
-an ihm zu verwirklichenden Gegenst&ouml;rung durch dasjenige der von
-ihm ausgegangenen St&ouml;rung vorgezeichnet.</p>
-<p class="par">217. Der Grad der Urheberschaft wird gemessen durch die
-Erw&auml;gung, inwiefern und inwieweit eine gewisse St&ouml;rung als
-Wirkung absichtlicher Willens&auml;usserung eines gewissen Wollenden
-angesehen werden k&ouml;nne. Dieselbe hat zun&auml;chst zu erforschen,
-ob und dass die stattgehabte St&ouml;rung Wirkung eines Willens (d. i.
-ob und dass sie Willens&auml;usserung), hierauf, ob und dass diese
-Willens&auml;usserung absichtlich d. i. unter Umst&auml;nden erfolgt
-sei, unter welchen allein von Wollen einer- und Absichtlichkeit
-andererseits die Rede sein k&ouml;nne. Erstere Untersuchung, da sie den
-Zusammenhang einer in der Aussenwelt eingetretenen Ver&auml;nderung
-eines bisherigen Zustandes und die Verursachung dieser durch einen
-wirksam gewordenen Willen betrifft, h&auml;ngt von der R&uuml;cksicht
-auf die Naturgesetze <span class="pagenum">[<a id="pb127" href="#pb127"
-name="pb127">127</a>]</span>der &auml;usseren (physischen) Welt ab;
-letztere Untersuchung, da sie den Zusammenhang eines bestimmten Wollens
-mit einem bestimmten Vorsatz d. i. die Verursachung einer im Innern des
-Bewusstseins vor sich gegangenen Ver&auml;nderung im Wollen durch einen
-gleichfalls im Bewusstsein vorgegangenen Act des Intellects betrifft,
-h&auml;ngt von der R&uuml;cksicht auf die Naturgesetze der inneren
-(psychischen) Welt ab. Jene hat zu constatiren, dass es bei der
-Verursachung der St&ouml;rung durch ein Wollen, diese, dass es bei der
-Verursachung des Wollens durch den Intellect &bdquo;mit rechten
-Dingen&rdquo; zugegangen d. h. dass nicht nur zwischen der St&ouml;rung
-und dem angeblichen St&ouml;renfried ein Causalzusammenhang bestehend,
-sondern dass derselbe an keiner Stelle unterbrochen, kein Ring der
-Kette ausgefallen sei. Das Ergebniss der ersteren ist der Grad der
-physischen, jenes der letztern Betrachtung der Grad der psychischen
-Urheberschaft des Th&auml;ters.</p>
-<p class="par">218. Letzterer h&auml;ngt ab von der
-Zurechnungsf&auml;higkeit des Th&auml;ters. Eine solche ist nicht
-vorhanden, wenn die psychischen Bedingungen mangeln, von welchen nach
-psychischen Naturgesetzen das Zustandekommen eines wirklichen Wollens,
-so wie dessen Beeinflussung durch den Intellect abh&auml;ngig ist. Da
-nun wirkliches Wollen nur dort existirt, wo weder, wie beim Begehren,
-zwar eine Vorstellung des Begehrten, aber keine von dessen
-Erreichbarkeit oder Nichterreichbarkeit, noch, wie beim W&uuml;nschen,
-nebst der Vorstellung des Gew&uuml;nschten auch noch die Vorstellung
-von dessen Unerreichbarkeit, sondern nur dort, wo ausser der
-Vorstellung des Gewollten auch noch die Ueberzeugung von dessen
-Erreichbarkeit vorhanden ist, so h&auml;ngt die Entscheidung &uuml;ber
-die Zurechnungsf&auml;higkeit in erster Reihe davon ab, ob der Zustand
-des Bewusstseins ein solcher gewesen sei, in welchem die
-M&ouml;glichkeit vorhanden war, &uuml;ber Erreichbarkeit oder
-Unerreichbarkeit des Begehrten Erw&auml;gungen anzustellen, Urtheile zu
-f&auml;llen und sein Begehren durch dieselben bestimmen zu lassen d. h.
-ob der angebliche Th&auml;ter in einem Gem&uuml;thszustande sich
-befunden habe, der es ihm psychisch m&ouml;glich machte, <span class=
-"ex">verst&auml;ndige</span> Ueberlegungen &uuml;ber sein Begehren
-anzustellen. Da ferner von einer Absicht in Bezug auf den Andern nur
-insofern die Rede sein kann, als eine Vorstellung davon vorausgesetzt
-wird, was die Folge einer gewissen Willens&auml;usserung in dem
-Zustande des Anderen sein d. h. ob derselbe dadurch verbessert oder
-verschlechtert werden werde, so h&auml;ngt die Entscheidung &uuml;ber
-die Zurechnungsf&auml;higkeit in zweiter Reihe davon ab, ob der Zustand
-<span class="pagenum">[<a id="pb128" href="#pb128" name=
-"pb128">128</a>]</span>des Bewusstseins ein solcher gewesen sei, um
-eine Vorstellung von den unausbleiblichen oder doch m&ouml;glichen
-Folgen einer gewissen Handlung f&uuml;r den Leidenden wirklich oder
-auch nur m&ouml;glich zu machen d. i. ob der angebliche Th&auml;ter
-sich in einem Geisteszustande befunden habe, der ihm erlaubte, eine
-<span class="ex">vern&uuml;nftige</span> Ueberlegung anzustellen.</p>
-<p class="par">219. Der Unterschied beider Ueberlegungen ist dieser:
-erstere, die sogenannte verst&auml;ndige, hat es, nachdem das Begehren
-einmal vorhanden ist, lediglich mit der Frage zu thun, ob das Begehrte
-auch m&ouml;glich sei. Letztere, die sogenannte vern&uuml;nftige, hat
-es, bevor noch ein Begehren wirklich vorhanden ist, mit der Frage zu
-thun, ob ein solches erlaubt sei. Die Antwort auf jene Frage h&auml;ngt
-lediglich von Erw&auml;gungen ab, deren Gegenst&auml;nde aus dem
-Bereiche der physischen, die Antwort auf diese dagegen von solchen, die
-aus dem Bereiche der sogenannten moralischen Welt entnommen sind. Ueber
-Erreichbarkeit oder Unerreichbarkeit entscheidet richtig oder unrichtig
-die Kenntniss oder Unkenntniss der Naturgesetze; &uuml;ber die
-Erlaubtheit oder Unerlaubtheit entscheidet wahr oder falsch das
-Bewusstsein oder das Nichtbewusstsein der Moralgesetze. In einem
-Zustand, in welchem das &bdquo;Weltbewusstsein&rdquo; d. i. die
-F&auml;higkeit, nach der vorhandenen Kenntniss der Naturgesetze zu
-verfahren, aus was immer f&uuml;r einem Grunde (augenblickliche oder
-dauernde Unwissenheit) nicht vorhanden oder abhanden gekommen ist, kann
-keine verst&auml;ndige, in einem solchen, in welchem &bdquo;das
-ethische Bewusstsein&rdquo; d. i. die Stimme des Gewissens, die
-Kenntniss des Gebotenen und Verbotenen, sei es aus was immer f&uuml;r
-einem Grunde (ethische Blindheit oder ethische Verblendung)
-unterdr&uuml;ckt ist, keine vern&uuml;nftige Ueberlegung stattfinden.
-Der angebliche Th&auml;ter ist in solchem Falle entweder schon in
-erster oder doch in zweiter Reihe im psychologischen Sinne des Wortes
-unzurechnungsf&auml;hig.</p>
-<p class="par">220. Der Umstand, ob die dem St&ouml;renfried zur Last
-fallende St&ouml;rung seinerseits durch die absichtliche
-Herbeif&uuml;hrung oder die eben so absichtliche Unterlassung einer
-gewissen Willens&auml;usserung verursacht wird, macht in der
-Beurtheilung seiner Urheberschaft keinen wesentlichen Unterschied.
-Ersterer Fall, welcher, wenn die verursachte St&ouml;rung ein Wehe des
-von derselben Betroffenen darstellt, als dolus bezeichnet wird, kommt
-mit dem letzteren, welcher unter derselben Voraussetzung den Namen
-culpa f&uuml;hrt, darin &uuml;berein, dass beide Ursache der
-St&ouml;rung sind, und unterscheidet sich von diesem nur dadurch, dass
-der Th&auml;ter das einemal etwas thut, von <span class=
-"pagenum">[<a id="pb129" href="#pb129" name="pb129">129</a>]</span>dem
-er weiss, dass dessen Thun, das anderemal etwas nicht thut, von dem er
-weiss, dass dessen Nichtthun eine gewisse Folge nach sich ziehen
-m&uuml;sse und werde. Letzteres Wissen wird nothwendig erfordert, wenn
-von einer durch Unterlassung auf sich geladenen Schuld des
-Unterlassenden die Rede sein soll; wo dasselbe mangelt, aber durch die
-Unterlassung St&ouml;rung entsteht, kann der Unterlassende
-h&ouml;chstens in dem Falle f&uuml;r dieselbe zur Verantwortung gezogen
-werden, als ihm die Nichtunterlassung ausdr&uuml;cklich zur Pflicht
-gemacht war. Dessen Vergehen besteht jedoch in einem solchen Fall nicht
-sowol in der Herbeif&uuml;hrung der St&ouml;rung, von deren
-M&ouml;glichkeit er nichts wusste, als vielmehr in der
-Vernachl&auml;ssigung der ihm aufgetragenen Pflicht. Fand weder Wissen
-um die Folgen, noch ausdr&uuml;ckliches Gebot der Nichtunterlassung
-statt, so kann von einer absichtlichen Unterlassung nicht gesprochen
-und die Folge der St&ouml;rung dem &bdquo;unfreiwilligen&rdquo;
-St&ouml;renfried nicht aufgeb&uuml;rdet werden.</p>
-<p class="par">221. Mit dem Erweis der Th&auml;terschaft ist das Object
-der Vergeltung, mit dem Mass der Th&auml;terschaft das Mass dieser
-letzteren gegeben. Jede wirkliche St&ouml;rung kann, um nicht
-missf&auml;llig zu werden, nur am wirklichen Th&auml;ter und nur in dem
-Masse, aber auch nicht unter demselben vergolten werden, in welchem er
-Th&auml;ter ist. Inwiefern die von ihm ausgegangene That selbst Wohl-
-oder Wehethat, der Th&auml;ter wirklicher Wohl- oder Weheth&auml;ter
-ist, nimmt die Vergeltung die Gestalt der Belohnung d. i. des
-R&uuml;ckgangs eines dem zugef&uuml;gten gleichen Quantums von Wohl an
-den Wohlth&auml;ter, oder der Bestrafung d. i. des R&uuml;ckgangs eines
-gleichen Quantums von Wehe an den Weheth&auml;ter an.</p>
-<p class="par">222. Ueber das Subject der Vergeltung d. i. den zur
-Vergeltung Berufenen, wird durch die Idee der Vergeltung nichts
-ausgesagt. Die Forderung derselben lautet dahin, dass vergolten werde,
-aber sie l&auml;sst dahingestellt, durch wen vergolten werde. Dieselbe
-ist erf&uuml;llt und das Missfallen geschwunden, wenn die St&ouml;rung
-ausgeglichen, auch dann, wenn durch die Ausgleichung dieser
-St&ouml;rung der Ausgleichende (der Vergelter) aus irgend einem Grunde
-selbst tadelnswerth geworden ist. Die Vergeltung kann eben so gut durch
-einen unpers&ouml;nlichen Vorgang (auf dem Naturwege), wie durch einen
-pers&ouml;nlichen Act (auf dem Gerichtswege) erfolgen. In ersterem Fall
-zieht die eingetretene St&ouml;rung die entsprechende Gegenst&ouml;rung
-(die That das Loos) wie die Ursache ihre Wirkung nach sich; im
-letzteren Fall wird die Vergeltung, welche sonst ausgeblieben
-w&auml;re, <span class="pagenum">[<a id="pb130" href="#pb130" name=
-"pb130">130</a>]</span>&uuml;ber den Th&auml;ter in Folge des
-Rathschlusses einer pers&ouml;nlichen Vergeltungsmacht (sei es
-g&ouml;ttlicher oder menschlicher) verh&auml;ngt und ausge&uuml;bt. In
-ersterem Fall herrscht Nemesis, im letzteren Dike.</p>
-<p class="par">223. Die vergeltende Pers&ouml;nlichkeit kann
-tadelnswerth erscheinen, nicht weil sie <span class=
-"ex">vergilt</span>, sondern weil <span class="ex">sie</span> vergilt.
-Die Vergeltung von Wohlthaten durch ein entsprechendes Quantum Wohl an
-dem Wohlth&auml;ter l&auml;sst nicht nur die Idee der Vergeltung,
-sondern auch die Person des Vergelters in verkl&auml;rendem Lichte
-erscheinen, weil bei dem Wohlspendenden nicht blos billige, sondern
-(mit Recht oder Unrecht) auch wohlwollende Gesinnung vorausgesetzt
-wird. Die Vergeltung der Wehethat durch ein entsprechendes Quantum Wehe
-an dem Weheth&auml;ter dagegen l&auml;sst die Person des Vergelters in
-einem ung&uuml;nstigen Lichte sich darstellen, weil an derselben zwar
-die billige Gesinnung allenfalls anerkannt, aber der Verdacht
-&uuml;belwollender Gesinnung d. i. einer Freude am Wehethun rege
-gemacht wird. Der Strafrichter, der das Urtheil f&auml;llt, noch mehr
-der Nachrichter, der es vollzieht, hat die Wirkung dieses
-unwillk&uuml;rlichen Nebenverdachtes an seiner Person zu erfahren; der
-Henker, der Hand anlegt an den, wenn auch gerechterweise,
-Verurtheilten, wird von der Volksmeinung f&uuml;r unehrlich
-erkl&auml;rt und wurde nicht selten in der Aus&uuml;bung seiner Pflicht
-vom Volke gehindert und gesteinigt. Wie es in feiner empfindenden
-Zeitaltern einst dahin kommen mag, dass die Anwendung der Todesstrafe
-von selbst aufh&ouml;ren muss, weil sich niemand mehr finden wird, der
-das verrufene Amt des Scharfrichters auf sich nimmt, so liesse sich
-denken, dass die F&auml;llung von, wenn auch gerechten, Strafurtheilen
-bei empfindlichen Seelen Widerstand erf&auml;hrt, weil sich dieselben
-weder vor Anderen noch vor sich selbst dem Verdacht aussetzen
-m&ouml;gen, mehr der Freude, Anderen weh thun zu k&ouml;nnen,
-nachgegeben, als der Idee billiger Vergeltung ausschliesslich gehorcht
-zu haben.</p>
-<p class="par">224. Dieser Verdacht wird gesteigert, wenn die Person
-des Vergelters mit dem Beleidigten, schwindet beinahe v&ouml;llig, wenn
-dieselbe mit dem Beleidiger identisch ist. Ersteres enth&auml;lt den
-Grund, um deswillen Vergeltung von Rache verschieden, letzteres den
-Grund, warum unter allen Formen der strafenden Vergeltung die der
-Selbstvergeltung die am mindesten anst&ouml;ssige ist. Bei demjenigen,
-der durch den Andern absichtliches Weh erlitten hat, liegt die
-Voraussetzung, dass er die sich darbietende Gelegenheit, Gleiches mit
-Gleichem zu vergelten, nicht sowol mit der pers&ouml;nlichen K&uuml;hle
-des unbetheiligten Richters, sondern mit der schadenfrohen Hitze des
-<span class="pagenum">[<a id="pb131" href="#pb131" name=
-"pb131">131</a>]</span>gereizten Rachgierigen ergreifen werde, am
-n&auml;chsten; die Hoffnung, dass derselbe es bei dem billigen Masse
-der Vergeltung bewenden lassen werde, ist bei ihm die geringste; die
-Aussicht, dass er dasselbe in ungeb&uuml;hrlicher Weise
-&uuml;berschreiten werde, die wahrscheinlichste. Unter allen als
-passende Werkzeuge der Vergeltung denkbaren Pers&ouml;nlichkeiten ist
-daher die des Beleidigten die unpassendste und sonach durch die Idee
-der Billigkeit vom Vergelteramt (z. B. im Zweikampf, Duell)
-ausgeschlossen. Dagegen, da bei jedem Einzelnen die <span class=
-"ex">Neigung</span>, sich selbst Wehe zu thun, nicht, der <span class=
-"ex">Entschluss</span>, sich selbst ein derartiges zuzuf&uuml;gen, nur
-als Wirkung eines &uuml;ber die Schranken eud&auml;monistischer Motive
-hinausreichenden, idealen d. i. nur von ethischen Ideen <span class=
-"corr" id="xd24e1729" title="Quelle: beherschten">beherrschten</span>
-Wollens vorausgesetzt werden kann, ist die Selbstvergeltung d. i. die
-Zuf&uuml;gung eines dem von ihm ausgegangenen gleichen Quantums von
-Wehe an seine eigene Person von der Hand des Weheth&auml;ters &uuml;ber
-jeden Verdacht anderer als rein ethischer Vergeltungsgesinnung erhaben
-und zugleich die Annahme, dass sich der Vergelter mit dem billigen
-Masse der Vergeltung begn&uuml;gen werde, gerechtfertigt, so dass durch
-dieselbe der Idee der Vergeltung zugleich in der reinsten und in der
-angemessensten Weise Gen&uuml;ge gethan wird. Dieselbe ist daher nicht
-nur des Nimbus halber, mit dem sie die Person des Vergelters umgibt,
-sondern auch um der K&uuml;rze und Anschaulichkeit des
-Vergeltungsverfahrens willen (z. B. als vergeltender Selbstmord) im
-Drama (Othello, Don Caesar, Guido von Tarent u. A.) besonders
-beliebt.</p>
-<p class="par">225. Wie die Nothwendigkeit zu strafen, um Missfallen zu
-vermeiden, von der Idee der Vergeltung, so h&auml;ngt die
-M&ouml;glichkeit zu strafen, ohne missf&auml;llig zu werden, von dem
-Motiv des Strafenden ab. Fordert die erste: fiat justitia pereat
-mundus, so erlaubt die letztere nur: fiat justitia, ne pereat mundus.
-Das Motiv der Strafe kann kein anderes sein, als damit die geschehene
-Wehethat nicht unvergolten, der Weheth&auml;ter nicht straflos bleibe.
-Der Beweggrund des Strafenden kann kein anderer sein, als die
-wohlwollende Gesinnung, dass durch den Vollzug der Strafe nicht sowol
-Anderen Leid zugef&uuml;gt, als vielmehr Anderer Leid verh&uuml;tet,
-oder Anderer Wohl gef&ouml;rdert werde. Je nachdem dieser Andere der
-Weheth&auml;ter selbst, oder ein Anderer als dieser ist d. h. durch das
-Wehe, das dem Weheth&auml;ter zugef&uuml;gt wird, entweder dessen
-eigenes Weh verh&uuml;tet oder gemildert, dessen eigenes Wohl gewahrt
-und gemehrt werden soll, oder das gleiche bei einem Andern dadurch
-<span class="pagenum">[<a id="pb132" href="#pb132" name=
-"pb132">132</a>]</span>herbeigef&uuml;hrt werden soll, zerf&auml;llt
-vom Gesichtspunkt des Strafenden aus die Strafe in Besserungs- und
-Abschreckungsstrafe. Jene geht darauf aus, den Weheth&auml;ter selbst,
-diese den Anderen seiner ethischen Beschaffenheit nach durch das dem
-ersteren zugef&uuml;gte Leid zu ver&auml;ndern d. h. die Strafe als ein
-Motiv in das Bewusstsein des einen wie der anderen zu dem Zwecke
-einzuf&uuml;hren, damit in der Folge eine der strafbaren Handlung
-gleiche Handlungsweise, sei es von dem Gestraften selbst, sei es von
-den Zeugen seiner Bestrafung unterlassen werde. Die durch die Strafe
-herbeizuf&uuml;hrende Aenderung der ethischen Qualit&auml;t besteht bei
-dem Gestraften in einer wirklichen Aenderung seines bisherigen
-(str&auml;flichen) Wollens, so dass an die Stelle desselben
-k&uuml;nftig ein seinem Inhalt nach entgegengesetztes
-(unstr&auml;fliches) Wollen trete, sein Wollen demnach ein <span class=
-"ex">besseres</span> werde. Bei Anderen dagegen kann dieselbe nur darin
-bestehen, dass ein gewisses bisher nicht wirklich vorhandenes d. h.
-noch niemals in Handlung &uuml;bergegangenes, wenngleich vielleicht als
-Neigung, Hang, Vorsatz l&auml;ngst bestandenes Wollen auch k&uuml;nftig
-nicht wirklich d. i. wirksam werde. W&auml;hrend daher die
-Abschreckungsstrafe ihren Zweck erf&uuml;llt, wenn sie &uuml;berhaupt
-Andere, also auch den Gestraften selbst zur Enthaltung von der
-strafbaren Handlung bewegt, hat die Besserungsstrafe denselben erst
-dann erreicht, wenn sie in den Anderen und darunter vor allem in dem
-Gestraften ein neues, dem Inhalt der str&auml;flichen Handlung
-entgegengesetztes Wollen erzeugt. Da die Strafe ein Wehe zuf&uuml;gt,
-so wird der Grund, durch welchen dieselbe sowol zum Motiv der
-Enthaltung vom str&auml;flichen, wie zur Erzeugung eines demselben
-entgegengesetzten Wollens wird, zun&auml;chst kein anderer sein, als
-Furcht vor dem Wehe, das sie mit sich bringt: Furcht vor dessen
-Wiederkehr bei dem Gestraften, vor dessen drohendem Eintreten bei dem
-Zeugen der Strafe. Hat dieselbe zur Folge, dass sowol bei dem
-Gestraften als bei den Zeugen der Strafe, das str&auml;fliche Wollen,
-bei dem Gestraften nicht mehr, bei den Anderen &uuml;berhaupt nicht
-eintritt, so sind die letzteren nicht schlechter geworden, als sie
-waren, so ist das Wollen des Gestraften besser geworden, als es war;
-der Gestrafte selbst aber, so lange nur Furcht vor der Strafe ihn von
-der Wiederbegehung der str&auml;flichen Handlung abh&auml;lt, ist nicht
-gebessert. Letzteres ist erst dann der Fall, wenn nicht nur das Wollen
-ein anderes, sondern auch das Motiv des anders Wollens ein anderes als
-das eud&auml;monistische der Furcht d. h. wenn es das ethische, die
-Ueberzeugung von der Verwerflichkeit <span class="pagenum">[<a id=
-"pb133" href="#pb133" name="pb133">133</a>]</span>der strafbaren
-Handlung als solcher geworden ist. Diesen &auml;ussersten Schritt,
-welcher nicht blos eine Aenderung des Wollens, sondern eine solche der
-Gesinnung bedeutet, in dem Gestraften herbeizuf&uuml;hren, reicht die
-blosse Strafe, welche als solche zwar auf das Gem&uuml;th d. i. auf die
-Empf&auml;nglichkeit f&uuml;r die angenehmen oder unangenehmen Folgen
-einer gewissen Handlungsweise, und auf die Klugheit, unangenehmen
-Folgen auszuweichen, keineswegs aber auf die praktische Weisheit d. i.
-auf die Einsicht in den unbedingten Werth oder Unwerth einer
-Handlungsweise Einfluss zu &uuml;ben vermag, f&uuml;r sich so wenig
-aus, dass zur Erreichung dieses Zweckes vielmehr andere Mittel
-(Belehrung, Erziehung) zu Hilfe genommen werden m&uuml;ssen, das Beste
-aber von dem im Gem&uuml;th des Gestraften selbst zum Durchbruch
-gelangten Erwachen der unwiderstehlichen Stimme und Macht des Gewissens
-erwartet werden muss.</p>
-<p class="par">226. Letztgenannter Grund ist es, welcher bewirkt, dass
-die Formen der Strafe, je nachdem dieselbe als Besserungs- oder als
-Abschreckungsstrafe betrachtet wird, unter einander abweichende, nicht
-selten sogar entgegengesetzte Gestalt annehmen. So fordert die Strafe,
-die abschreckend wirken soll, volle, ja verst&auml;rkte
-Oeffentlichkeit, w&auml;hrend die Besserung des Gestraften, wenn sie
-den Zweck der Strafe abgeben soll, durch Geheimhaltung derselben, um
-diesem die Besch&auml;mung zu ersparen, beg&uuml;nstigt wird.
-W&auml;hrend die Oeffentlichkeit des Strafvollzuges die Furcht vor der
-Strafe steigert, erleichtert deren Geheimhaltung dem Gestraften die
-Aenderung sowol seines bisherigen Wollens wie seiner bisherigen
-Gesinnung. Jene erschwert dem Gestraften auch nach eingetretener
-Besserung den R&uuml;cktritt in die Gesellschaft, die Zeuge seiner
-Bestrafung gewesen ist; diese, indem sie Bestrafung und
-Gesinnungs&auml;nderung in der Stille sich vollziehen l&auml;sst, macht
-durch weise Schonung des Ehrgef&uuml;hles dem Gestraften nicht sowol
-die Wiederaufnahme als vielmehr das dem Anschein nach wenigstens
-ungest&ouml;rte Fortleben unter Anderen m&ouml;glich. Entmenschte
-Rohheit und gedankenlose Neugier haben den &ouml;ffentlichen
-Strafvollzug l&auml;ngst mehr zur Befriedigung brutaler Schaulust und
-barbarischer Gef&uuml;hllosigkeit erniedrigt, als zum wirksamen
-Drohmittel erhabener Gerechtigkeitspflege erh&ouml;ht; die Verlegung
-desselben in abgelegene und der Menge verschlossene R&auml;ume, so wie
-die Ersetzung der die sittliche Pest durch Ansteckung mehrenden
-gemeinsamen durch der Einkehr in sich selbst und dem Wachwerden
-ethischer Gesinnung vortheilhafte Einzelhaft <span class=
-"pagenum">[<a id="pb134" href="#pb134" name=
-"pb134">134</a>]</span>stehen in der Gegenwart als sichtbare Zeichen
-des Uebergewichtes des Besserungs- &uuml;ber das blosse
-Abschreckungsmotiv und verfeinerten ethischen Zartgef&uuml;hles
-aufrecht.</p>
-<p class="par">227. An die Idee der billigen Vergeltung schliesst sich
-ein Verfahren an, welches dieselbe nicht blos &uuml;ber die gesammte
-Willenssph&auml;re des Einzelnen, so weit nicht andere Motive es
-verhindern, einer-, so wie auf s&auml;mmtliche innerhalb des Umkreises
-einer Gesellschaft zu Tage tretende mittels absichtlicher
-Willens&auml;usserung hervorgerufene St&ouml;rungen andererseits
-ausdehnt. Dasselbe geht darauf aus, dass nicht nur jede vom Einzelnen
-ver&uuml;bte, wie jede am Einzelnen ge&uuml;bte That vergolten, sondern
-dass jede innerhalb des Umkreises der Gesellschaft ans Licht getretene
-Wohl- oder Wehethat in entsprechender Weise vergolten werde. In
-ersterer Hinsicht schliesst die Idee der Vergeltung die Forderung ein,
-dass jeder, der Gegenstand einer Wohl- oder Wehethat gewesen ist, deren
-Vergeltung (entweder durch ihn selbst oder durch Andere) suche, und
-jeder, der Urheber einer Wohl- oder Wehethat geworden ist, deren
-Vergeltung (durch Andere oder durch sich selbst) dulde. In letzterer
-Hinsicht dr&uuml;ckt dieselbe aus, dass innerhalb des Umkreises der
-Gesellschaft keine wie immer geartete wirklich vollzogene That
-verborgen, so wie dass keine durch Zufall oder durch absichtliche
-Veranstaltung ans Licht gezogene That ohne Vergeltung bleibe. Die
-Erf&uuml;llung ersterer Forderung stellt das Ideal des gerechten
-Mannes, der sein Recht fordert, aber auch nimmt, die Erf&uuml;llung der
-letzteren das Ideal eines <span class="ex">Lohnsystems</span> d. i.
-einer Gesellschaft dar, innerhalb welcher jeder That ihr Lohn, der
-Wohlthat die ihr geb&uuml;hrende Belohnung, der Wehethat die verdiente
-Bestrafung zu Theil wird. Jenem entspricht es, wie Heinrich von
-Kleist&rsquo;s Michael Kohlhaas darauf zu bestehen, dass die ihm
-widerrechtlich geraubten Rosse, von dem junkerlichen R&auml;uber mit
-eigener Hand dick gef&uuml;ttert, ihm zur&uuml;ckgestellt werden, aber
-zugleich die &uuml;ber ihn selbst rechtm&auml;ssig verh&auml;ngte
-Strafe gesetzloser Willk&uuml;r und widergesetzlicher Selbsthilfe sich
-willig gefallen zu lassen. Wie in ersterer Handlung des Gerechten
-berechtigter &bdquo;Kampf ums Recht&rdquo;, so tritt in der letzteren
-des Gerechten bereitwillige Anerkennung des &bdquo;Sieges des
-Rechtes&rdquo; ans Tageslicht. Dem Ideal eines Lohnsystems w&uuml;rde
-eine Gesellschaft gen&uuml;gen, in welcher nicht nur alle
-zweckdienlichen Anstalten getroffen werden, nicht blos wie die heutigen
-&bdquo;Detectives&rdquo; verborgen gebliebene Missethaten aufzudecken
-und wie die heutigen &bdquo;&ouml;ffentlichen Ankl&auml;ger&rdquo; der
-Strafgewalt zu denunciren, sondern in <span class="pagenum">[<a id=
-"pb135" href="#pb135" name="pb135">135</a>]</span>gleicher Weise
-geheime oder (zuf&auml;llig oder absichtlich) vergessene Wohlthaten
-aufzusp&uuml;ren und als &ouml;ffentliche Lobredner der Macht, welche
-die Pflicht und die Mittel zur Belohnung besitzt, zur Kenntniss zu
-bringen. In letzterem Sinn hat schon Sokrates den ihm geb&uuml;hrenden
-Lohn dahin definirt, dass er verdient habe, auf &ouml;ffentliche Kosten
-im Prytaneum erhalten zu werden. W&auml;hrend die heutige Gesellschaft
-f&uuml;r den Zweck der Entdeckung und Kundmachung geschehener
-Wehethaten ein zahlreiches Heer besonders geschulter und instruirter
-Organe besitzt, zieht sie es vor, ohne Zweifel um den Zartsinn der
-Wohlth&auml;ter zu schonen, das Bekanntwerden geschehener Wohlthaten
-dem Zufall, oder dem seltenen guten Willen der Empf&auml;nger so wie
-der Neider anheimzustellen. Dieselbe hat ebenso es l&auml;ngst als ihre
-Aufgabe angesehen, zur Bestrafung innerhalb ihres Umkreises
-kundgewordener Vergehen zweckdienliche Anstalten (Strafgerichte) und
-Verfahrungsweisen (Strafverfahren) zu errichten und zu ersinnen, hat es
-jedoch in Bezug auf den zweiten, nicht minder wichtigen Theil des
-Lohnsystems, die Belohnung auch der ihr bekannt gewordenen Wohlthaten,
-bei den d&uuml;rftigsten Einrichtungen (Preisgerichte) und den
-armseligsten Verfahrungsweisen (B&uuml;rgerkronen, Ehrenzeichen,
-Monthyon&rsquo;sche Tugendpreise) bewenden lassen. Nicht Keppler allein
-ist ein Beispiel, dass die moderne Gesellschaft Wohlth&auml;tern der
-Menschheit &bdquo;&ouml;ffentliche Steine&rdquo; statt Brot gegeben
-hat. Wie in der gerechten Gesinnung des Einzelnen zwischen der
-Geneigtheit, sein Recht zu fordern, und der Bereitwilligkeit, dasselbe
-zu nehmen, so kann innerhalb des Lohnsystems zwischen der Sorgfalt
-Strafen zu verh&auml;ngen und der L&auml;ssigkeit Wohlthaten zu
-belohnen ein empfindliches Missverh&auml;ltniss herrschen, in Folge
-dessen die gerechte Gesinnung in Vergeltungssucht einer- und
-Widersetzlichkeit andererseits, die Gerechtigkeit der Gesellschaft in
-drakonische Strenge einer- und athenische Undankbarkeit andererseits
-ausartet. Das Ueberwiegen der Recht fordernden &uuml;ber die
-rechtsduldsame, der Straffrohen &uuml;ber die belohnungseifrige
-Gesinnung oder das Gegentheil gibt dem Einzelnen wie der Gesellschaft
-hinsichtlich der Idee der Vergeltung ihre eigenth&uuml;mliche
-F&auml;rbung und ruft jenen Gegensatz einander bek&auml;mpfender
-Willensrichtungen, deren eine auf die Zuf&uuml;gung wenn auch
-verdienten Weh&rsquo;s, die andere auf die Schenkung wohlverdienten
-Wohls gerichtet ist, hervor, zwischen welchen eine weise Organisation
-sowol des Strafs- wie des Belohnungssystems das vers&ouml;hnende Mass
-herzustellen und festzuhalten bem&uuml;ht sein wird. <span class=
-"pagenum">[<a id="pb136" href="#pb136" name="pb136">136</a>]</span></p>
-<p class="par">228. Mit der Idee der billigen Vergeltung ist die Reihe
-der ethischen d. i. der Uebertragungen &auml;sthetischer Ideen auf das
-ethische Gebiet ersch&ouml;pft. Keine derselben ist das ganze Gute,
-aber jeder derselben entspricht ein Element des Guten. Wie das
-vollkommene, so ist das innerlich freie und das wohlwollende Wollen ein
-gutes; sind die Gegentheile des Streits: der Friede unter den
-Wollenden, und der unvergoltenen That: die billige und willige
-Vergeltung seitens der Wollenden, <span class="ex">kein</span>
-schlechtes Wollen. Aber nur alle zusammengenommen als Eigenschaften des
-Wollens d. i. dasjenige Wollen, das zugleich in quantitativer Hinsicht
-stark, in qualitativer Hinsicht charaktervoll, g&uuml;tig, rechtlich
-und gerecht ist, ist das gute Wollen. Die Erweiterung der ethischen
-Ideen auf die Gesellschaft, welche derselben nach einander den
-Charakter eines Cultursystems, einer beseelten Gesellschaft, eines
-Verwaltungssystems, einer Rechtsgesellschaft und eines Lohnsystems
-verleiht, bringt nicht nur durch jede der genannten Eigenschaften eine
-von dem Gesichtspunkt einer vereinzelten ethischen Idee aus verehrungs-
-oder doch wenigstens achtungsw&uuml;rdige Gesellschaft, sondern durch
-die Vereinigung aller genannten Eigenschaften das Ideal desjenigen
-hervor, was in besserem als in dem banal-herk&ouml;mmlichen Sinne der
-&bdquo;guten Gesellschaft&rdquo; eine wahrhaft <span class=
-"ex">gute</span> Gesellschaft d. i. eine solche heissen darf, in
-welcher, wie in dem guten Wollen die einfachen, so die
-gesellschaftlichen ethischen Ideen zur Verwirklichung gelangt sind.</p>
-<p class="par">229. Wie jeder der logischen und &auml;sthetischen
-Ideen, so steht jeder der ethischen Ideen ein Gegenbild zur Seite;
-jener der (ethischen) Vollkommenheit das der (ethischen)
-Unvollkommenheit, jener der inneren Freiheit das der inneren Unfreiheit
-(Willensknechtschaft), jener des Wohlwollens das des Uebelwollens,
-w&auml;hrend Streit und unvergoltene That die nat&uuml;rlichen
-Gegens&auml;tze des durch die Ideen des Rechts und der billigen
-Vergeltung Geforderten ausmachen. Wie jedes einer ethischen Idee
-entsprechende Wollen ein gutes (lobenswerthes, im ethischen Sinn
-sch&ouml;nes), so stellt jedes einem ihrer Gegenbilder gleichende
-Wollen ein schlechtes (tadelnswerthes, im ethischen Sinne
-h&auml;ssliches) Wollen dar. Wie jene zusammengenommen den Inhalt des
-Guten, so ersch&ouml;pfen diese zusammengenommen den Inhalt des ethisch
-verwerflichen Wollens. Wird dabei durch ein dem bei den ethischen Ideen
-angewendeten &auml;hnliches Verfahren die in dem Gegenbilde enthaltene
-Forderung nicht blos auf das Gesammtwollen des einzelnen Wollenden,
-sondern auf jenes einer ganzen <span class="pagenum">[<a id="pb137"
-href="#pb137" name="pb137">137</a>]</span>Gesellschaft ausgedehnt, so
-entstehen nach der Reihe die den oben genannten entgegengesetzten
-Einzel- und Gesellschaftsideale. Dem Ideale des Willensstarken tritt
-gegen&uuml;ber die Willensschw&auml;che, dem Ideal des Cultursystems
-das Zerrbild eines solchen in der innerlich schw&auml;chlichen,
-d&uuml;rftigen und zerfahrenen Willensbeschaffenheit ihrer
-s&auml;mmtlichen Mitglieder. Dem Ideal des Charakters und der beseelten
-Gesellschaft stellt sich das Extrem innerer Haltlosigkeit im Einzelnen,
-so wie der seelenlose Mechanismus und Formalismus in der Gesellschaft
-entgegen. Die Kehrseite des Ideals der G&uuml;te und eines
-wohlwollenden Verwaltungssystems offenbart sich in dem satanischen
-Ideal der Bosheit (dem B&ouml;sen), wie in dem w&uuml;sten, auf Raubbau
-und nutzlose Vergeudung der G&uuml;ter gegr&uuml;ndeten Haushalt
-innerlich und &auml;usserlich verlotterter Wirthschaftsgesellschaften.
-Das Widerspiel, sei es auf nat&uuml;rliche, sei es vertragsm&auml;ssige
-Basis gestellter Rechts- und Friedenszust&auml;nde tritt in dem
-r&uuml;cksichtslosen Walten der Macht des St&auml;rkern, in dem Kriege
-Aller gegen Alle und dem auf gegenseitige Vernichtung abzielenden
-&bdquo;Kampf ums Dasein&rdquo; zu Tage, w&auml;hrend das
-Gegenst&uuml;ck zu dem in der Forderung billiger Vergeltung enthaltenen
-Gem&auml;lde das Bild eines Zustandes darbietet, in welchem der
-Wohlth&auml;ter darbt und das vergossene Blut vergebens zum Himmel
-schreit. Wie die Zusammenfassung ethischer Gegenbilder im Wollen eines
-einzelnen Individuums dieses zum Ideal der Schlechtigkeit stempelt, so
-dr&uuml;ckt die Zusammenfassung s&auml;mmtlicher Gegenbilder ethischer
-Gesellschaftsideale im Wesen einer einzigen Gesellschaft dieser in
-einem andern als in dem herk&ouml;mmlich allt&auml;glichen Sinn der
-sogenannten &bdquo;schlechten Gesellschaft&rdquo; das Gepr&auml;ge
-einer <span class="ex">schlechten</span> Gesellschaft auf.</p>
-<p class="par">230. Mit der Aufstellung der ethischen Ideen und ihrer
-Gegenbilder, der einen zur Nachahmung, der andern zur Abschreckung
-f&uuml;r jedes Wollen, das auf Hervorbringung des <span class=
-"ex">guten</span> d. h. unbedingt wohlgef&auml;lligen Wollens gerichtet
-ist d. i. mit der Aufz&auml;hlung der normalen und anormalen Formen,
-welche Normen des Wollens und Handelns sind, ist das Gesch&auml;ft der
-<span class="ex">Ethik</span> als allgemeiner Wissenschaft vom Guten
-vollendet. <span class="pagenum">[<a id="pb139" href="#pb139" name=
-"pb139">139</a>]</span></p>
-</div>
-</div>
-</div>
-<div class="div0 book">
-<h2 class="label">ZWEITES BUCH.</h2>
-<h2 class="main">DAS WIRKLICHE.</h2>
-<p><span class="pagenum">[<a id="pb141" href="#pb141" name=
-"pb141">141</a>]</span></p>
-<div id="ch2.1" class="div1 introduction"><span class=
-"pagenum">[<a href="#xd24e257">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<h2 class="label">ERSTES CAPITEL.</h2>
-<h2 class="main">Das Nicht-Ich.</h2>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first">231. Was &uuml;berhaupt Wirkliches, dass irgendwie
-Wirkliches, und was oder welcher Art das Wirkliche sei, ist weder so
-ausgemacht, noch so leicht auszumachen, als diejenigen, welche es
-lieben, die Wissenschaft vom Wirklichen als allein wirkliche
-Wissenschaft den &bdquo;hohlen Tr&auml;umen der Speculation&rdquo;
-entgegenzusetzen, zu glauben sich anstellen oder Andere gern
-&uuml;berreden m&ouml;chten. Sofern und so lange es gewiss ist, dass
-der Weg zum Wirklichen f&uuml;r das wirkliche Vorstellen nur durch das
-wirklich Scheinende d. i. durch den Schein des Wirklichen f&uuml;hrt,
-der Schein der Wirklichkeit f&uuml;r das Bewusstsein fr&uuml;her
-gegeben ist und demselben n&auml;her steht als die, wenn &uuml;berhaupt
-vorhandene, hinter demselben stehende Wirklichkeit selbst: so lange
-bleibt es unbestreitbar, dass die Wissenschaft vom Wirklichen
-zun&auml;chst und vor allem mit dem anscheinend Wirklichen sich aus
-einander zu setzen hat, wenn sie nicht in Gefahr gerathen soll, blos
-scheinbar Wirkliches f&uuml;r das Wirkliche selbst, oder, was in den
-Ohren der Freunde der Wirklichkeit noch befremdender klingen
-m&uuml;sste, den Schein f&uuml;r das einzige Wirkliche zu halten.</p>
-<p class="par">232. Ersteres ist die Ansicht des (gemeinen empirischen)
-Realismus, letzteres jene des (gleichfalls empirischen, obgleich nicht
-eben gemeinen) Idealismus. Jener geht davon aus, dass das wirklich
-Scheinende das Wirkliche, dieser davon, dass der Schein eines
-Wirklichen das einzige Wirkliche sei. Vom Gesichtspunkt des Realismus
-aus <span class="ex">sind</span> die Dinge nicht nur, <span class=
-"ex">wenn</span>, sondern sie sind auch <span class="ex">das</span>,
-<span class="ex">was</span> sie zu sein <span class=
-"ex">scheinen</span>; von dem Gesichtspunkt des Idealismus aus sind die
-Dinge, die <span class="ex">scheinen</span>, die einzigen, welche
-<span class="ex">sind</span>. <span class="pagenum">[<a id="pb142"
-href="#pb142" name="pb142">142</a>]</span>Jener schliesst jede
-M&ouml;glichkeit eines Zwiespaltes zwischen Schein und Wirklichkeit aus
-dem Grunde aus, weil das scheinbar Wirkliche mit dem Wirklichen
-identisch, dieser dagegen aus dem Grund, weil ausser dem Schein kein
-Wirkliches vorhanden ist.</p>
-<p class="par">233. Ersterem steht die Thatsache im Wege, dass es
-<span class="ex">wirklich</span> Scheinendes gibt, dem doch keine
-Wirklichkeit entspricht, letzterem der Umstand, dass, wenn dem Schein
-kein Wirkliches gegen&uuml;bersteht, es auch keinen Schein geben kann.
-Der Mond, der am Horizont emporsteigt, scheint wirklich gr&ouml;sser
-als derselbe Mond, wenn er im Zenith steht, ohne dass daraus folgte,
-dass er wirklich gr&ouml;sser sei. Der wirklich vorhandene Schein ist
-in diesem Fall eine nothwendige T&auml;uschung, welche dadurch, dass
-sie nothwendig ist, nicht aufh&ouml;rt, T&auml;uschung zu sein. Die
-scheinbare Bewegung des gestirnten Himmels um die Erde, welche der
-wirklichen Bewegung der Erde um ihre Axe gerade entgegengesetzt ist,
-ist der Schein einer Wirklichkeit, aber nicht diese selbst. Wie in den
-angef&uuml;hrten F&auml;llen vertreten in allen sogenannten
-Sinnest&auml;uschungen, denen entweder ein Anderes als das scheinbare
-Wirkliche (Illusionen), oder &uuml;berhaupt kein Wirkliches entspricht
-(Hallucinationen), <span class="ex">anscheinende</span> die Stelle der
-wirklichen Dinge, w&auml;hrend in den sogenannten Sinnesqualit&auml;ten
-(F&auml;rbung, Klang, Geruch, Geschmack, H&auml;rte, Weichheit u. dgl.)
-anscheinende Eigenschaften, die ihren Grund nur in der Beschaffenheit
-des wahrnehmenden Sinnesorgans, die Stelle wirklicher Eigenschaften
-vertreten, die ihren Grund in der Zusammensetzung, inneren und
-&auml;usseren Structur, oder in der Beschaffenheit der Oberfl&auml;che
-der K&ouml;rper selbst haben. So ist die Farbe, die dem gemeinen
-Realismus als eine wirkliche Eigenschaft der K&ouml;rper gilt, in
-Wahrheit nur eine scheinbare Eigenschaft derselben, weil sie denselben
-nur insofern und nur unter der Voraussetzung zukommt, inwiefern und
-dass ein sehendes Auge vorhanden sei, welches den Eindruck des von der
-Oberfl&auml;che des K&ouml;rpers reflectirten Lichts auf der
-empfindlichen Netzhaut empf&auml;ngt und in Empfindung der Farbe
-verwandelt. So ist der Klang, der nach derselben Anschauungsweise zu
-den realen Eigenschaften des t&ouml;nenden K&ouml;rpers geh&ouml;rt,
-nichts weiter, als die in Folge innerer oder &auml;usserer
-Ersch&uuml;tterung der kleinsten Theile desselben hervorgebrachte
-periodische Wellenbewegung der atmosph&auml;rischen Luft, welche dem
-H&ouml;rnerven sich mittheilt und im Centralorgan des empfindlichen
-Nervensystems in die Sprache des Bewusstseins, in dem Reiz heterogene
-aber correspondirende <span class="pagenum">[<a id="pb143" href=
-"#pb143" name="pb143">143</a>]</span>Empfindung, aus Geh&ouml;rreiz in
-Geh&ouml;rsempfindung sich umsetzt. Ohne Augen, l&auml;sst sich sagen,
-w&auml;re das All der Dinge dunkel, ohne Geh&ouml;rsorgan stumm.
-S&auml;mmtliche sogenannte wirkliche Eigenschaften, welche der
-K&ouml;rperwelt Sinnlichkeit, sichtbare Gestalt f&uuml;r das Auge,
-h&ouml;rbaren Reiz f&uuml;r das Ohr und entsprechende Wahrnehmbarkeit
-f&uuml;r die &uuml;brigen Sinnesorgane verleihen, werden denselben viel
-mehr von dem aufnehmenden mit Sinnesorganen ausger&uuml;steten
-Tr&auml;ger des Bewusstseins aufgepr&auml;gt, als diesem von jenem
-&uuml;bermittelt, und verdienen daher mit weit gr&ouml;sserem Recht
-anscheinende d. h. den Dingen nur scheinbar anhaftende, in Wirklichkeit
-denselben nur angedichtete Eigenschaften zu heissen.</p>
-<p class="par">234. Folgt aus obiger Betrachtung, dass nicht alles
-<span class="ex">wirklich</span> Scheinende wirklich, so folgt daraus
-doch nicht, dass der <span class="ex">Schein</span> des Wirklichen das
-einzige Wirkliche sei. Jene Erw&auml;gung begr&uuml;ndet den
-Unterschied eines scheinbar Wirklichen, dem Wirkliches, und eines
-ebensolchen, dem kein Wirkliches entspricht; letztere Behauptung
-m&ouml;chte denselben verwischen und alles wirklich Scheinende in
-blossen Schein eines Wirklichen, somit das Wirkliche selbst in ein
-Unwirkliches verwandeln. Dieselbe geht von der Ansicht aus, dass, was
-nicht im Bewusstsein gegenw&auml;rtig, auch nicht f&uuml;r dasselbe
-vorhanden sei; dass aber, weil das im Bewusstsein vorhandene nichts
-anderes sein kann als Bewusstseinsvorgang, auch das f&uuml;r dasselbe
-Vorhandene ausschliesslich Bewusstseinsvorg&auml;nge sein k&ouml;nnen.
-Da nun, was im Bewusstsein (also als Vorstellung) vorhanden sein kann,
-nicht das Wirkliche selbst (die von der Vorstellung der Sache
-verschiedene Sache), sondern nur der Schein eines solchen (die als
-wirklich gedachte Sache d. i. der Gedanke der Sache) zu sein vermag, so
-k&ouml;nne alles f&uuml;r das Bewusstsein Vorhandene unm&ouml;glich das
-Wirkliche selbst, sondern nur dessen Schein, somit f&uuml;r dasselbe
-das einzige Wirkliche ausschliesslich der Schein eines Wirklichen sein.
-Statt daher hinter dem Schein ein imagin&auml;res Wirkliches zu suchen,
-trachtet der Idealismus den Schein als nur scheinbar Unwirkliches, in
-Wahrheit als einziges Wirkliches festzuhalten, so dass, mit dem
-Realismus verglichen, das Verh&auml;ltniss des Scheinbaren zum
-Wirklichen sich umkehrt, das in den Augen des Realismus Unwirkliche
-(der Schein, die Vorstellung, idea) f&uuml;r wirklich, dagegen das in
-dessen Augen Wirkliche (die Sache, dasjenige, was mehr als blosse
-Vorstellung ist, res) f&uuml;r unwirklich erkl&auml;rt wird.</p>
-<p class="par">235. Die Widerlegung des Realismus bestand darin, dass
-in dem scheinbar Wirklichen, welches derselbe seinem Grundsatz
-gem&auml;ss, <span class="pagenum">[<a id="pb144" href="#pb144" name=
-"pb144">144</a>]</span>dass zwischen dem Inhalt des wirklich
-Scheinenden und jenem des Wirklichen kein Unterschied bestehe, f&uuml;r
-wirklich erkl&auml;rt, F&auml;lle aufgezeigt wurden, in welchen das
-anscheinend Wirkliche unm&ouml;glich f&uuml;r wirklich genommen werden
-konnte. Die Widerlegung des Idealismus, wenn sie denselben Weg
-einschl&uuml;ge und in dem Inhalt des Scheins, den der letztere
-f&uuml;r das einzig Wirkliche erkl&auml;rt, Widerspr&uuml;che
-nachwiese, h&auml;tte damit nur dargethan, dass sich im Schein, also im
-Unwirklichen, keineswegs aber, dass sich im Wirklichen, also in dem,
-was mehr ist als Schein, Widerspr&uuml;che vorfinden. Die bekannten
-Antinomien, welche Kant in Bezug auf die M&ouml;glichkeit aufstellt,
-dass die Welt Grenzen im Raum und einen Anfang in der Zeit, aber auch,
-dass sie keine Grenzen im Raume und keinen Anfang in der Zeit habe,
-stammen daher, weil die eine wie die andere beider einander
-ausschliessender Behauptungen einem Gegenstande gilt, welcher als
-solcher nicht der realen, sondern der Scheinwelt angeh&ouml;rt, von
-einem solchen aber sich gleichzeitig einander Ausschliessendes
-behaupten l&auml;sst, ohne dadurch mit der Natur des Scheines, der ja
-als solcher ein Unwirkliches ist, also das Widersprechende
-ertr&auml;gt, in Widerstreit zu gerathen.</p>
-<p class="par">236. Die Widerlegung des Idealismus, wenn &uuml;berhaupt
-m&ouml;glich, muss auf anderem Wege gesucht werden. Kann dieselbe nicht
-aus dem Umstande gesch&ouml;pft werden, dass der Inhalt des Scheines in
-seinen Bestandtheilen sich unter sich selbst, so kann sie vielleicht
-ihren Ausgangspunkt nehmen von der Betrachtung, dass der Begriff eines
-Scheines, der neben sich selbst kein Wirkliches zul&auml;sst, sich
-selbst widerspricht. Da nun ein Scheinen undenkbar ist ohne ein Etwas,
-welches scheint (objectiver Schein) oder ein Etwas, welchem es scheint
-(subjectiver Schein) vorauszusetzen, so muss entweder dasjenige,
-welches scheint (das Object) und dasjenige, welchem scheint (das
-Subject) abermals Schein und als solcher eines weiteren, sei es
-Objects, sei es Subjects des Scheinens bed&uuml;rftig sein, welcher
-Regressus sich sofort in infinitum wiederholt, oder es muss, sei es das
-Object, sei es das Subject, n&auml;her oder entfernter etwas anderes
-als Schein d. i. ein Wirkliches sein, womit die Behauptung des
-Idealismus, dass Schein das <span class="ex">einzige</span> Wirkliche
-sei, sich von selbst aufhebt.</p>
-<p class="par">237. Allerdings nur unter der Annahme, dass das nach den
-Gesetzen des Denkens Undenkbare unm&ouml;glich d. h. dass das nach den
-Gesetzen des Denkens nicht als wirklich Denkbare auch nicht wirklich
-sei. Folgt aus der Natur des Denkens zwar, dass der <span class=
-"pagenum">[<a id="pb145" href="#pb145" name=
-"pb145">145</a>]</span>Denkende einen gewissen Denkinhalt mit
-Nothwendigkeit denken m&uuml;sse, so folgt daraus keineswegs, dass der
-Seinsinhalt mit diesem nothwendigen Inhalt des Denkens eins sein
-m&uuml;sse. So lange es kein Mittel gibt, den Inhalt des Seins mit dem
-Inhalt des Denkens zu vergleichen, um denjenigen Denkinhalt, der mit
-dem Seinsinhalt als congruent sich herausstellt, als Wissen zu fixiren
-(und dass es kein solches gibt, hat die Betrachtung der logischen Ideen
-zur Evidenz gebracht), so lange bleibt die M&ouml;glichkeit offen, dass
-die Dinge in der Wirklichkeit sich anders verhalten, als die Gesetze
-des Denkens letzteres n&ouml;thigen, das Verhalten derselben mit
-Nothwendigkeit zu denken d. h. dass der unvermeidliche und durch die
-Gesetze des Denkens demselben aufgen&ouml;thigte Denkinhalt des Denkens
-und der um seiner Unzug&auml;nglichkeit willen stets unbekannt
-bleibende Inhalt des Seins unter einander nicht &uuml;bereinstimmen, ja
-vielleicht, was weder wahrscheinlich, noch unwahrscheinlich, sondern
-eben nur m&ouml;glich ist, sich unter einander sogar widersprechen.</p>
-<p class="par">238. Erst ein sp&auml;terer Anlass wird Gelegenheit
-bieten, von der aus obiger Betrachtung fliessenden Einschr&auml;nkung
-Gebrauch zu machen. Aus der Widerlegung des Realismus folgt, dass die
-Wissenschaft des Wirklichen, wenn sie nur Wirkliches besitzen will, aus
-dem wirklich Scheinenden alles dasjenige ausscheiden muss, was nur den
-Schein der Wirklichkeit hat. Aus der Widerlegung des Idealismus folgt,
-dass der &bdquo;Traum der Speculation&rdquo;, wenn er aufh&ouml;ren
-soll, &bdquo;Traum&rdquo; zu sein, zu dem Schein, der ihm zufolge das
-einzige Wirkliche ist, ein Wirkliches, sei es im subjectiven Sinne, als
-Tr&auml;ger des Scheins, sei es im objectiven Sinne, als Ursache des
-Scheins, hinzuf&uuml;gen muss. Erstere Operation, durch welche im
-<span class="ex">wirklich</span> Scheinenden der Schein des Wirklichen
-vom Wirklichen gesondert wird, ist eine kritische, letztere, durch
-welche zu dem urspr&uuml;nglich allein vorhandenen Schein des
-Wirklichen ein Wirkliches hinzugethan wird, ist eine erg&auml;nzende.
-Jene f&uuml;hrt in das <span class="ex">wirklich</span> Scheinende
-<span class="ex">neben</span> der Betrachtung des Wirklichen, welches
-scheint (des Objects), die Betrachtung eines anderen Wirklichen ein,
-welchem es scheint (des Subjects); diese geht von der Betrachtung des
-ihrer urspr&uuml;nglichen Ansicht nach allein wirklichen Scheins zu
-dessen Erkl&auml;rung, sei es <span class="ex">aus</span> einem
-Wirklichen (dem Subject) oder <span class="ex">durch</span> ein
-Wirkliches (Object) fort.</p>
-<p class="par">239. Die Einf&uuml;hrung des Subjects, welchem das
-Wirkliche scheint, um aus dem Zusammenwirken beider, des Objects,
-welches scheint, und des Subjects, dem es scheint, das wirklich
-Scheinende <span class="pagenum">[<a id="pb146" href="#pb146" name=
-"pb146">146</a>]</span>als deren Product begreiflich zu machen,
-bedeutet die Einf&uuml;gung eines idealistischen Elements in die
-realistische Betrachtung. Die Hinzuf&uuml;gung eines Wirklichen, sei es
-als Tr&auml;ger (Subject), sei es als Ursache (Object) des Scheins zu
-diesem selbst, um, sei es durch jenen, sei es durch diese, dessen
-Schein der Wirklichkeit begreiflich zu machen, bedeutet die
-Einf&uuml;hrung eines realistischen Elements in die idealistische
-Betrachtungsweise. Durch die allm&auml;lige Ausbreitung des ersteren im
-Realismus wird dieser dem Idealismus, durch die allm&auml;lige
-Vertiefung des letzteren im Idealismus wird dieser dem Realismus
-n&auml;her gebracht. Der gemeine oder empirische Realismus nimmt in
-Folge kritischer d. i. philosophisch sichtender Behandlung
-idealistischen, der gemeine oder empirische Idealismus nimmt in Folge
-der erg&auml;nzenden d. i. philosophisch erkl&auml;renden Behandlung
-realistischen Charakter an.</p>
-<p class="par">240. Schon der Vater des gemeinen Realismus, Bacon, hat
-die Bemerkung gemacht, dass das wirklich Scheinende Elemente
-umschliesst, welche nicht aus dem Wirklichen, sondern aus dem dasselbe
-wahrnehmenden und auffassenden Subjecte stammen, und, weil sie jenem
-als wirklich von diesem nur angedichtet sind, dieselben treffend als
-&bdquo;Idole&rdquo; (Fictionen) bezeichnet. Dass unter denselben auch
-solche sich vorfinden, welche, wie die von ihm sogenannten &bdquo;Idola
-tribus&rdquo;, dem auffassenden (menschlichen) Subject verm&ouml;ge
-dessen Gattungscharakter angeh&ouml;ren und daher bei s&auml;mmtlichen
-Individuen derselben Gattung (also zum Beispiel bei allen Menschen) zu
-deren Auffassung des ihnen wirklich Scheinenden in stets gleicher Weise
-beitragen m&uuml;ssen, kann als ein Vorspiel zu der von Kant
-nachdr&uuml;cklich hervorgehobenen Betheiligung des transcendentalen
-(d. i. des Gattungs-) Subjects an dem Zustandekommen der Erfahrung, als
-des Productes zweier Factoren, eines subjectiven und eines objectiven,
-angesehen werden. Wie diesem zufolge &bdquo;die Welt der
-Erscheinung&rdquo; d. i. das wirklich Scheinende zwar der
-&bdquo;Materie&rdquo; d. i. dem Stoffe nach aus dem Object, welches
-scheint, der &bdquo;Form&rdquo; nach jedoch aus dem transcendentalen
-Subjecte stammt, dem es scheint, so setzt sich nach Bacon die Welt des
-wirklich Scheinenden zusammen einerseits aus demjenigen, was aus dem
-Wirklichen stammt (der Erfahrung), und demjenigen, was diesem von dem
-auffassenden Gattungssubject nur angedichtet wird (der Scheinerfahrung
-der &bdquo;Idola tribus&rdquo;).</p>
-<p class="par">241. Allerdings mit dem Unterschied, dass der eine, der
-Realist, diese subjective Hinzuthat <span class="corr" id="xd24e1874"
-title="Quelle: imwirklich">im wirklich</span> Scheinenden als eine
-<span class="pagenum">[<a id="pb147" href="#pb147" name=
-"pb147">147</a>]</span>Verunreinigung der Wissenschaft vom Wirklichen
-angesehen hat, von welcher dieselbe so bald und so gr&uuml;ndlich als
-m&ouml;glich befreit werden m&uuml;sse, um die Erfahrung d. i. das
-Wirkliche rein zu erhalten, w&auml;hrend der andere, der Idealist,
-gerade in dieser aus dem Gattungssubject herkommenden und daher allen
-auffassenden Individuen derselben Gattung in gleicher Weise eigenen
-subjectiven Hinzuthat im wirklich Scheinenden das Mittel erblickt hat,
-dieses aus einer nur individuellen in eine f&uuml;r alle Individuen
-derselben Gattung der Form nach identische Scheinwelt und dadurch aus
-einer nur individuell giltigen in eine allgemeine und nothwendige
-Erfahrung zu verwandeln. Bacon ging darauf aus, das subjective, also,
-vom Standpunkt des Realismus aus angesehen, idealistische Element im
-wirklich Scheinenden g&auml;nzlich aus demselben zu entfernen, und nur
-dasjenige, was in demselben nicht sowol <span class="ex">Schein</span>
-eines Wirklichen, als Schein <span class="ex">des</span> Wirklichen
-ist, f&uuml;r Erfahrung gelten zu lassen. Aber schon dessen Nachfolger
-Locke hat gezeigt, dass die sogenannten secund&auml;ren Eigenschaften
-der K&ouml;rper, wie Farbe, Klang, welche jener als Schein des
-Wirklichen gelten liess, nur als <span class="ex">Schein</span> eines
-Wirklichen gelten d&uuml;rfen d. h. nicht, wie jener glaubte, am
-Wirklichen wirklich vorhanden, sondern von einem anderen Wirklichen,
-dem auffassenden Subject, als scheinbare Eigenschaften den K&ouml;rpern
-angedichtet seien. Werden dieselben, als blosser Schein eines
-Wirklichen, aus dem wirklich Scheinenden ausgeschieden, so bleiben in
-diesem als Schein des Wirklichen nur mehr die sogenannten prim&auml;ren
-Eigenschaften (wie Gestalt, Ausdehnung, Gr&ouml;sse) und als Kern alles
-wirklich Scheinenden und <span class="trans" title=
-"kat&rsquo; exoch&#275;n"><span class="Greek" lang=
-"grc">&kappa;&alpha;&tau;&rsquo;
-&#7952;&xi;&omicron;&chi;&#8053;&nu;</span></span> Wirkliches das
-(&uuml;brigens unbekannte) Substrat des Scheins und Tr&auml;ger der
-Eigenschaften, die sogenannte Substanz, als alleiniges Object einer
-wirklichen Wissenschaft vom Wirklichen &uuml;brig. Das von Bacon
-vergebens zu verdr&auml;ngen gesuchte idealistische Element hat seine
-Stelle im Realismus mit Gewinn zur&uuml;ck erobert.</p>
-<p class="par">242. Aber auch ein skeptisches ist damit in den
-Vordergrund getreten. Wenn die sogenannten secund&auml;ren
-Eigenschaften nur den Schein eines Wirklichen, aber nicht eine
-Erscheinung des Wirklichen darstellen, dann ist die sinnliche
-Erfahrung, welche dieselben als Schein des Wirklichen zeigt, eine
-tr&uuml;gerische, den Schein an die Stelle der Wirklichkeit setzende
-Vorstellung des Wirklichen, nicht sowol eine Erkenntniss der, als eine
-fortgesetzte T&auml;uschung &uuml;ber die Wirklichkeit. Die
-n&auml;chste Folge dieser Einsicht kann keine andere sein, als dem
-Sinnenschein, welcher die Basis aller <span class="pagenum">[<a id=
-"pb148" href="#pb148" name="pb148">148</a>]</span>sinnlichen Erfahrung
-ausmacht, und damit dieser selbst, die auf so ungewisser Grundlage sich
-aufbaut, mit Misstrauen entgegen zu kommen.</p>
-<p class="par">243. Dasselbe muss sich naturgem&auml;ss in demselben
-Grade steigern, als sich der Umfang des idealistischen Elementes d. i.
-der subjectiven Hinzuthat im wirklich Scheinenden erweitert. Die
-Ausbreitung desselben hat zuerst Locke&rsquo;s idealistischer
-Fortsetzer Berkeley herbeigef&uuml;hrt durch die Behauptung, dass die
-sogenannten prim&auml;ren Eigenschaften der K&ouml;rper, welche
-derselbe als wirkliche ansah, nicht weniger scheinbar als die
-sogenannten secund&auml;ren Eigenschaften, und, ebenso wie diese,
-Hinzuthaten des vorstellenden Subjects im wirklich Scheinenden d. i.
-durch das vorstellende Subject, keineswegs durch das Object des
-Vorgestellten hervorgebrachter Schein, also zwar Schein eines
-Wirklichen, aber nicht selbst Wirkliches seien. Dieselbe erreichte den
-h&ouml;chsten Grad dadurch, dass Berkeley die weitere Bemerkung
-hinzuf&uuml;gte, dass der K&ouml;rper nichts anderes als die Summe
-seiner Eigenschaften, die Annahme einer den Kern desselben ausmachenden
-Substanz als Tr&auml;ger der Eigenschaften eine an sich v&ouml;llig
-&uuml;berfl&uuml;ssige, von dem vorstellenden Subject, wenn auch nicht
-willk&uuml;rlich, aber doch unwillk&uuml;rlich gemachte grundlose
-Voraussetzung, die sogenannte Substanz daher eben so wol wie die
-sogenannten prim&auml;ren und secund&auml;ren Eigenschaften zwar der
-Schein eines Wirklichen, aber eben so wenig wie diese ein Wirkliches
-sei. Letztere Behauptung verwandelte, da der K&ouml;rper fortan nichts
-weiter als die Summe seiner (prim&auml;ren und secund&auml;ren)
-Eigenschaften, diese aber als Summe von nicht wirklichen, sondern nur
-scheinbaren Eigenschaften selbst nur eine Scheinsumme sein sollte, den
-angeblich wirklichen K&ouml;rper in blossen Schein eines K&ouml;rpers,
-die sogenannte Welt des Wirklichen in blossen Schein einer wirklichen
-Welt und l&ouml;ste somit den gesammten Realismus in Idealismus, die
-gesammte Sinneswahrnehmung als Basis der sinnlichen Erfahrung in
-Sinnestrug, und damit jene selbst aus einem Spiegel der wirklichen Welt
-in die leere Vorspiegelung einer solchen auf.</p>
-<p class="par">244. Diese &auml;usserste m&ouml;gliche Ausdehnung des
-idealistischen Elementes im Gebiete des Realismus musste die Ausdehnung
-der Skepsis auf den ganzen Umfang der sinnlichen Erfahrung zur
-unausbleiblichen Folge haben. Hatte der Idealismus s&auml;mmtliches
-wirklich Scheinende in innerlich hohlen Schein eines Wirklichen
-verkehrt, so musste die Aussicht auf Erkenntniss des Wirklichen auf dem
-<span class="pagenum">[<a id="pb149" href="#pb149" name=
-"pb149">149</a>]</span>Wege der Erfahrung sich in die trostlose
-Einsicht in die Unm&ouml;glichkeit einer solchen, auf Grund
-v&ouml;lligen Mangels eines Wirklichen verwandeln. Nicht nur die
-Bestandtheile des wirklich Scheinenden d. i. die Elemente, aus welchen
-die scheinbare Welt bestand, waren sofort zu blossem Schein eines
-Wirklichen herabgesetzt, sondern auch die Verkn&uuml;pfung derselben
-unter einander und zu einem Ganzen konnte nur eine scheinbare, das
-durch dieselbe hergestellte Ganze nur dem Schein nach ein Ganzes sein
-d. h. die gesammte angeblich wirkliche Welt mit ihren vermeintlich
-wirklichen Bestandtheilen und deren vermeintlich wirklichem und
-wirksamem Zusammenhang unter einander (dem Causalverband) musste sich
-dem Auge des Denkers als eine Scheinwelt, deren Bestandtheile als
-elementarer Schein, deren Zusammenhang unter einander als zwar
-anscheinend, aber nicht wirklich vorhandener d. i. vom vorstellenden
-Subject in die Welt der Ph&auml;nomene hineingelegter, keineswegs (wie
-die Erfahrung von ihren sogenannten Naturgesetzen behauptet) aus
-derselben herausgelesener Zusammenhang darstellen.</p>
-<p class="par">245. Hume ist es, der diese Consequenz des Skepticismus
-aus dem in bodenlosen Idealismus umgewandelten Realismus seiner
-Vorg&auml;nger gezogen hat. Dieselbe wird nicht verbessert dadurch,
-dass an die Stelle des realen Zusammenhanges zwischen den Erscheinungen
-von ihm die subjective Gew&ouml;hnung des vorstellenden Subjectes
-gesetzt wird, in Folge wiederholten nach einander Auftretens gewisser
-Ph&auml;nomene jedesmal, sobald das eine derselben (das antecedens)
-wiederkehrt, das andere (das consequens) zu erwarten und daher ersteres
-als Ursache, letzteres als Wirkung zu bezeichnen. Denn es muss
-einleuchten, dass zwar, wenn der eine jener Vorg&auml;nge der reale
-Grund, der andere die reale Folge ist, das Eintreten des ersten
-jedesmal jenes des zweiten nach sich ziehen muss, keineswegs aber, dass
-in umgekehrter Weise das (vielleicht ganz zuf&auml;llige) Vorausgehen
-der einen, Nachfolgen der andern Erscheinung als gen&uuml;gender Beweis
-daf&uuml;r gelten darf, dass die erste die Ursache der zweiten sei.
-W&auml;hrend die <span class="ex">Auseinanderfolge</span> zweier
-Ph&auml;nomene deren <span class="ex">Aufeinanderfolge</span>
-nothwendig, macht deren Aufeinanderfolge den Schluss auf die
-Auseinanderfolge nur m&ouml;glich; die Behauptung der letzteren (des
-Causalzusammenhanges) in Folge einer durch &ouml;fter beobachtete
-Succession beider Erscheinungen im Vorstellenden erzeugten Gewohnheit,
-beide unter einander in Verbindung stehend zu denken, kann daher
-niemals v&ouml;llige (apodiktische), sondern h&ouml;chstens sogenannte
-moralische (problematische) <span class="pagenum">[<a id="pb150" href=
-"#pb150" name="pb150">150</a>]</span>Gewissheit d. i. mehr oder weniger
-Wahrscheinlichkeit erlangen.</p>
-<p class="par">246. Diese Folgerung war es, welche Kant, wie er selbst
-sagt, &bdquo;aus seinem dogmatischen Schlummer geweckt hat&rdquo;,
-nicht aus dem des Wolf&rsquo;schen Rationalismus, &uuml;ber welchen er
-l&auml;ngst hinaus, sondern aus dem des Locke-Newton&rsquo;schen
-Empirismus, in welchem er damals (1770) noch v&ouml;llig befangen war.
-Dass es auf dem von Hume eingeschlagenen Wege, der auch ihm als die
-nat&uuml;rliche Fortsetzung der Bahn seiner Vorg&auml;nger galt,
-schliesslich dahin kommen m&uuml;sse, dass auch die allgemeinen
-Naturgesetze, durch welche der Gang der Natur und die Einheit des
-Weltalls zusammengehalten wird, ihre strenge und ausnahmslose
-Nothwendigkeit und Allgemeinheit einb&uuml;ssen und sich in blosse,
-mehr oder weniger wahrscheinliche und mit mehr oder weniger Zuversicht
-ausgesprochene Vermuthungen des die Natur auffassenden und in seiner
-Vorstellung zusammenfassenden Subjects verkehren m&uuml;ssen, erschien
-Kant so unausweichlich, zugleich aber f&uuml;r ein auf Erkenntniss des
-Wirklichen, wie es ist, statt auf Einbildung einer blossen Scheinwelt
-gerichtetes Denken, wie das seinige, so unertr&auml;glich, dass er um
-deswillen mit dem zum Skepticismus entarteten Empirismus brach und von
-dem Ergebniss einer nicht nur subjectiven, sondern auch nur
-particul&auml;r giltigen und blos wahrscheinlichen Naturauffassung zu
-der sofortigen Erforschung und Feststellung der Bedingungen einer zwar
-gleichfalls nur subjectiven, aber schlechterdings allgemeinen und
-nothwendigen Erfahrung &uuml;berging.</p>
-<p class="par">247. Wie die bisherige Betrachtung das allm&auml;lige
-Eindringen des idealistischen Elements in den Realismus und dessen
-allm&auml;lige, schliesslich denselben &uuml;berfluthende Ausbreitung
-in diesem blossgelegt hat, so legt die Entwicklungsgeschichte des
-Idealismus in umgekehrter Weise nicht nur das Eindringen, sondern das
-stetige Anwachsen des realistischen Elements im Idealismus als
-unvermeidlich dar. Schon dem Vater des gemeinen Idealismus, Berkeley,
-ist die Schwierigkeit nicht entgangen, die f&uuml;r denjenigen, der die
-gesammte wirklich scheinende Welt nur als im vorstellenden Subject
-vorhandenen Schein einer wirklichen Welt ansieht, aus dem Umstande
-erw&auml;chst, dass in den verschiedenen vorstellenden Subjecten, wenn
-unter denselben Uebereinstimmung und Mittheilung m&ouml;glich sein
-soll, diese nur in ihrem jeweiligen Vorstellen existirende Scheinwelt
-in s&auml;mmtlichen Vorstellenden die n&auml;mliche, nach Inhalt und
-Form unter sich harmonirende Welt sein muss, ohne dass sich die Frage
-beantworten <span class="pagenum">[<a id="pb151" href="#pb151" name=
-"pb151">151</a>]</span>liesse, warum, da in jedem seine eigene Welt
-entsteht, diese Welt in allen als die gleiche entstehen m&uuml;sse.
-Leibnitz hat diese Frage, die sich auch ihm aufdr&auml;ngen musste,
-weil jede &bdquo;fensterlose&rdquo; Monas in ihrem Innern eine
-&bdquo;Welt als Vorstellung&rdquo; enth&auml;lt, mit der Berufung auf
-die durch Gott pr&auml;stabilirte Harmonie aller Monaden und somit auch
-ihrer s&auml;mmtlichen, obgleich von einander unabh&auml;ngigen inneren
-Vorstellungswelten beantwortet. Der Bischof von Cloyne, von dem es
-zweifelhaft ist, ob er von Leibnitz etwas wusste, sucht die L&ouml;sung
-des Problems, wie die vorgestellten Welten der einzelnen Vorstellenden
-unter einander correspondirend gedacht werden k&ouml;nnen, gleichfalls
-in Gott, welchen er als den Urheber der im Vorstellenden vorhandenen
-Vorstellungswelt und dadurch zugleich als Veranstalter der
-Uebereinstimmung zwischen den in den verschiedenen Vorstellenden
-vorhandenen Vorstellungswelten bezeichnet. Die nur als Schein eines
-Wirklichen im Bewusstsein vorhandene wirkliche d. i. der Schein einer
-wirklichen Welt, ist sonach schon bei Berkeley, dem Urheber des
-Idealismus, nicht das einzige Wirkliche, sondern derselbe setzt nicht
-nur das vorstellende Subject (den Geist), in dem er existirt d. i. dem
-er scheint, sondern &uuml;berdies seinen Urheber, Gott, durch den er
-existirt d. i. der in ihm scheint, als Wirkliche voraus d. h. der
-Schein ist weder, wie der strenge Idealismus will, das einzige
-Wirkliche, noch mit jenen beiden Wirklichen, dem vorstellenden Subject
-einer- und der den Schein erzeugenden Gottheit andererseits verglichen,
-&uuml;berhaupt wirklich (real), sondern nur ideal (unwirklich),
-w&auml;hrend der Geist und Gott die eigentlich Wirklichen d. i. real
-Existirenden sind.</p>
-<p class="par">248. Das realistische Element, das Wirkliche neben dem
-Schein, als einzigem Wirklichen, ist sonach schon in die
-urspr&uuml;nglichste Gestalt des Idealismus, und zwar so von Seite des
-Subjects, dem er scheint (des Geistes), wie von jener des Objects, das
-ihm scheint (der Gottheit), eingedrungen. Von jener aus angesehen,
-tritt das Wirkliche auf als Tr&auml;ger, von dieser aus angesehen, als
-Ursache des im Bewusstsein schwebenden Scheins. W&auml;hrend aber in
-dieser Gestalt des mit realistischen Elementen versetzten Idealismus
-der Tr&auml;ger des Scheins sich leidend (receptiv), die Ursache des
-Scheins allein th&auml;tig (spontan) sich verh&auml;lt, sind daneben
-Auffassungen denkbar, nach welchen entweder der Tr&auml;ger sich
-gleichfalls wie die Ursache th&auml;tig, oder der Tr&auml;ger sich
-th&auml;tig, aber zugleich als einzige Ursache sich verh&auml;lt,
-w&auml;hrend eine dritte von jener urspr&uuml;nglichen nur dadurch sich
-unterscheidet, dass als die Ursache des Scheins <span class=
-"pagenum">[<a id="pb152" href="#pb152" name=
-"pb152">152</a>]</span>nicht ein geistiges d. i. ein solches Object, in
-dessen Natur es liegt, Subject d. i. vorstellendes Wesen zu sein,
-sondern ein seiner Qualit&auml;t nach beliebiges Wirkliches betrachtet
-wird, dessen Beschaffenheit unbekannt bleibt, dessen Existenz jedoch
-von derjenigen des Subjects als Tr&auml;ger des Scheins v&ouml;llig
-unabh&auml;ngig ist.</p>
-<p class="par">249. Wird der Tr&auml;ger des Scheins d. i. das
-vorstellende Subject ebenso wie die Ursache des Scheins d. i. das
-vorgestellte Object als th&auml;tig d. i. jedes derselben als wirklich
-d. i. wirkend betrachtet, so stellt der im Bewusstsein schwebende
-Schein eines Wirklichen, die scheinbar wirkliche Welt (die Welt als
-Ph&auml;nomenon), ein Product aus zwei Factoren, dem Subject des
-Vorstellens und dem Object der Vorstellung, dar, dessen Beschaffenheit
-sonach als solches von der Beschaffenheit seiner Factoren als solcher
-nothwendig abh&auml;ngen muss. In dem Einfluss des Subjects auf die
-Beschaffenheit dieses Products besteht die Herrschaft des
-idealistischen, in dem Einfluss des Objects auf dieselbe jene des
-realistischen Elements in der ph&auml;nomenalen Welt. Je nachdem jener
-Einfluss zur Vorherrschaft des einen oder des andern wird, nimmt diese
-Scheinwelt selbst vorwiegend idealistischen, auf die Seite blossen
-Scheines der Wirklichkeit, oder realistischen, auf die Seite der
-Wirklichkeit selbst hindeutenden Charakter an.</p>
-<p class="par">250. Der Einfluss des realistischen Objects auf das
-Zustandekommen der ph&auml;nomenalen Welt im Bewusstsein ist der
-geringste, wenn dasselbe als Wirkliches durch seine Th&auml;tigkeit
-nichts weiter bewirkt, als dass &uuml;berhaupt Schein, der als Material
-zum Aufbau einer ph&auml;nomenalen Welt durch das vorstellende Subject
-verwendet werden kann, im Bewusstsein vorhanden ist. Dieser Fall tritt
-in jener Gestalt zu Tage, welche Kant dem Idealismus gegeben hat, und
-die Rolle, die das Object in obiger Darstellung spielt, ist die
-n&auml;mliche, die Kant seinem &bdquo;Ding an sich&rdquo; zugewiesen
-hat. Dasselbe hat ihm zufolge keine andere Bestimmung, als die
-Existenz, keineswegs aber die Qualit&auml;t des im Bewusstsein
-schwebenden Scheins eines Wirklichen begreiflich zu machen.
-<span class="ex">Dass</span> ein Wirkliches ausser und neben dem
-vorstellenden Subjecte sei, wird durch die Thatsache der Existenz des
-Scheins eines solchen im Bewusstsein unzweifelhaft gemacht.
-<span class="ex">Was</span> das Wirkliche, das <span class=
-"ex">nebst</span> und <span class="ex">ausser</span> dem vorstellenden
-Subjecte existirt, seiner Qualit&auml;t nach sei, dagegen kann aus der
-Qualit&auml;t des im Bewusstsein schwebenden Scheins nicht ausgemacht
-werden, weil diese letztere lediglich von der Qualit&auml;t des
-vorstellenden Subjects abh&auml;ngig ist. Das <span class=
-"pagenum">[<a id="pb153" href="#pb153" name=
-"pb153">153</a>]</span>reale Object, &bdquo;das Ding an sich&rdquo;,
-ist der Grund, dass &uuml;berhaupt im Bewusstsein Sinnesempfindungen
-(wie Gesichts-, Geh&ouml;rs-, Geruchs-, Geschmacks- und
-Tastempfindungen) <span class="ex">vorhanden sind</span>; die
-Qualit&auml;t des realen vorstellenden Subjects dagegen ist der Grund,
-dass im Bewusstsein gerade <span class="ex">Empfindungen</span> (wie
-Farben, T&ouml;ne, Wohlger&uuml;che, Wohlgeschm&auml;cke, H&auml;rte,
-Weichheit) vorhanden sind. W&auml;re das erste nicht, so entst&uuml;nde
-&uuml;berhaupt kein Schein, w&auml;re das letztere ein anderes, als es
-ist, so entst&uuml;nde anderer Schein. Wie die Existenz des Scheins von
-jener des Objects, so h&auml;ngt die Qualit&auml;t des Scheins von
-jener des Subjects ab; der im Bewusstsein wirkliche Schein in seiner
-qualitativen Eigenth&uuml;mlichkeit ist daher nur durch das gemeinsame
-Zusammenwirken des Dings an sich und der specifischen Organisation des
-vorstellenden Subjects d. i. (wie Kant nach der alten Terminologie
-seiner Wolf&rsquo;schen Schulung sich ausdr&uuml;ckte) &bdquo;des
-Erkenntnissverm&ouml;gens&rdquo; erkl&auml;rlich.</p>
-<p class="par">251. Erkl&auml;rlich aber auch, dass bei dieser Sachlage
-der jeweiligen thats&auml;chlichen Beschaffenheit des sogenannten
-Erkenntnissverm&ouml;gens an dem Zustandekommen und der Gestaltung der
-ph&auml;nomenalen Welt der L&ouml;wenantheil zufallen muss. Liefert der
-objective Factor, das Ding an sich, nichts weiter als den Stoff, ja
-nicht einmal diesen selbst, sondern nur die Veranlassung, dass ein
-solcher, aus welchem die ph&auml;nomenale Welt aufgebaut werden soll,
-&uuml;berhaupt im Bewusstsein vorhanden ist, so muss der Grund der
-gesammten Form, in welcher der Stoff zum Aufbau zusammengeordnet, ja
-sogar der Form, in welcher derselbe zum Baue verwendet wird,
-g&auml;nzlich in dem subjectiven Factor d. i. in der Beschaffenheit des
-vorstellenden Subjectes d. i. in jener seines sogenannten
-Erkenntnissverm&ouml;gens gesucht werden. Letzteres, als Baumeister der
-ph&auml;nomenalen Welt, baut sozusagen auf eigene Hand, nicht nur nach
-eigenem Plan, sondern auch mit selbstgeformtem Material; das
-&bdquo;Ding an sich&rdquo; als Bauherr ist nur die Ursache, dass
-&uuml;berhaupt gebaut wird und dass die erforderlichen Mittel zum Baue
-vorhanden sind.</p>
-<p class="par">252. Der Organismus des sogenannten
-Erkenntnissverm&ouml;gens ist es, welchen Kant seiner &bdquo;Kritik der
-reinen Vernunft&rdquo; zu Grunde gelegt und als dessen nothwendige
-Folgen die kritischen Ergebnisse dieser letzteren entsprungen sind.
-Insofern derselbe den idealistischen Factor der ph&auml;nomenalen Welt
-repr&auml;sentirt, hat Kant seine Philosophie als Idealismus, insofern
-deren Ergebnisse auf die Betrachtung desselben als der Quelle der
-Bedingungen aller Erkenntniss gest&uuml;tzt sind, <span class=
-"pagenum">[<a id="pb154" href="#pb154" name="pb154">154</a>]</span>als
-Transcendentalphilosophie, und jenen Idealismus selbst (im Gegensatz zu
-dem gemeinen, empirischen) als transcendentalen Idealismus bezeichnet.
-Die Differenz seines und des empirischen Idealismus beschr&auml;nkte
-sich jedoch nicht auf den genannten Unterschied, sondern wurzelte
-zugleich in der Verschiedenheit des vorstellenden Subjectes, welches
-den idealistischen Factor der ph&auml;nomenalen Welt ausmacht, und
-welches im empirischen Idealismus das individuelle Einzelsubject, in
-dem seinen dagegen das allgemeine Gattungssubject, oder, nach
-Kant&rsquo;s Ausdruck, das sogenannte transcendentale Subject ist.
-Folge davon ist, dass die Form der ph&auml;nomenalen Welt, insofern
-dieselbe aus der Beschaffenheit des vorstellenden Subjectes stammt, im
-empirischen Idealismus nur eine individuelle, zuf&auml;llige, f&uuml;r
-die Vorstellungswelt des Einzelsubjectes bestimmende, im
-transcendentalen Idealismus dagegen eine allgemeine und nothwendige,
-die Vorstellungswelt aller vorstellenden Einzelsubjecte derselben
-Gattung bestimmende sein muss. Durch diese Einf&uuml;hrung der Form als
-einer allgemeinen und nothwendigen an der Stelle der blos
-zuf&auml;lligen und singul&auml;ren &uuml;berwindet Kant den
-Hume&rsquo;schen Skepticismus, der sich an die Sohlen des empirischen
-Idealismus geheftet hat, und verwandelt die ph&auml;nomenale Welt d. i.
-die Welt der Erfahrung aus einer nur f&uuml;r den Einzelnen giltigen
-und nur zuf&auml;llig (durch dessen individuelle Gew&ouml;hnung)
-entstandenen in eine f&uuml;r Alle identische und nothwendig (d. i. als
-unausbleibliche Folge der allen gemeinsamen Organisation des
-Erkenntnissverm&ouml;gens) entstehende Erfahrung.</p>
-<p class="par">253. Die beziehungsweisen Antheile des idealistischen
-Factors d. i. des in Allen identischen transcendentalen Subjectes
-einer- und des realistischen Factors d. i. des f&uuml;r Alle
-identischen (als seiner Qualit&auml;t nach unbekanntes x hinter der
-ph&auml;nomenalen Welt stehenden) Dings an sich an dem Zustandekommen
-einer allgemein giltigen Erfahrung sind es, welche Kant als das a
-priori und das a posteriori der Erfahrung bezeichnet. Zu dem letzteren
-geh&ouml;rt nach der Auffassung Kant&rsquo;s nichts weiter als der
-sinnliche Stoff, zu welchem das &bdquo;Ding an sich&rdquo; den
-&auml;usseren Anstoss gegeben hat; zu dem ersteren geh&ouml;ren
-s&auml;mmtliche Formen, welche demselben in aufsteigender Reihe durch
-die (im Sinne der alten Wolf&rsquo;schen psychologischen Theorie)
-einander &uuml;bergeordneten Stufen des sogenannten
-Erkenntnissverm&ouml;gens, des Sinnes, des Verstandes und der Vernunft
-zu Theil werden sollen. Als solche betrachtete Kant bekanntlich die
-zwei von ihm sogenannten &bdquo;reinen Anschauungsformen&rdquo;, welche
-dem Sinn, die (zw&ouml;lf) von ihm construirten
-&bdquo;Urtheilsformen&rdquo;, <span class="pagenum">[<a id="pb155"
-href="#pb155" name="pb155">155</a>]</span>welche dem Verstande, und die
-(drei) von ihm anerkannten (Schlussformen), welche der Vernunft erb und
-eigen seien. Durch die Anwendung der erstgenannten, und zwar der reinen
-Anschauungsform des Raumes d. i. des Nebeneinander auf den durch die
-&auml;usseren Sinne, der reinen Anschauungsform der Zeit d. i. des
-Nacheinander auf den durch den sogenannten inneren Sinn gegebenen Stoff
-entsteht <span class="ex">der Schein</span> r&auml;umlich und zeitlich
-verschieden angeordneter Gruppen sinnlichen Vorstellungsmaterials,
-welche durch die Anwendung der reinen Urtheilsformen und der daraus
-deducirten Stammbegriffe (Kategorien) des Verstandes den <span class=
-"ex">Schein</span> wirklicher Einzeldinge, und zwar solcher erhalten,
-die als Substanzen Tr&auml;ger von Eigenschaften, und entweder als
-Ursachen Urheber von anderen ihresgleichen als Wirkungen, oder selbst
-als Wirkungen durch andere ihresgleichen als Ursachen hervorgebracht
-sind. Durch die Anwendung endlich der reinen Schlussformen und der
-daraus abgeleiteten Ideen der Vernunft entsteht der <span class=
-"ex">Schein</span> solcher Wirklicher, die entweder (wie die Seele) das
-einheitliche Subject zu allen m&ouml;glichen Pr&auml;dicaten, oder (wie
-die Welt) die Totalit&auml;t aller Ursachen und Wirkungen, oder (wie
-die Gottheit) als ens realissimum die Summe aller m&ouml;glichen
-Pr&auml;dicate darstellen.</p>
-<p class="par">254. In dem Nachweis der Nothwendigkeit der Entstehung
-obiger Gattungen des wirklich Scheinenden besteht das positive, in dem
-gleichzeitigen Erweis, dass obige Gattungen des <span class=
-"ex">wirklich Scheinenden</span> nur eben so viele Gattungen
-<span class="corr" id="xd24e1977" title="Quelle: von">vom</span>
-<span class="ex">Schein</span> eines Wirklichen seien, das negative
-Resultat des Transcendentalidealismus. Haupts&auml;chlich um des
-letzteren willen ist Kant der &bdquo;alles Zermalmer&rdquo; genannt
-worden. Es ist aber nicht zu &uuml;bersehen, dass von anderer Seite aus
-angesehen Kant&rsquo;s Philosophie dem negativen Ergebniss des
-Idealismus, der alles sogenannte Wirkliche in Schein aufl&ouml;st,
-gegen&uuml;ber ein sehr positives Ergebniss durch die
-nachdr&uuml;ckliche Betonung der Unentbehrlichkeit einer realen
-Unterlage der ph&auml;nomenalen Welt in der Existenz des &bdquo;Dings
-an sich&rdquo; bietet, durch welche sich, wie Schopenhauer richtig
-gesehen hat, die zweite Auflage der &bdquo;Kritik der reinen
-Vernunft&rdquo; sehr merklich von der ersten, welche fast
-ausschliesslich der Hervorkehrung des idealistischen Factors gewidmet
-ist, unterscheidet. Nachdem diejenigen Wirklichen, welche Kant selbst
-als die eigentlichen Gegenst&auml;nde der alten Metaphysik bezeichnet
-hat, Seele, Welt und Gott, sich unter dem Prisma der Kritik in blosse
-Scheinwirkliche aufgel&ouml;st haben, bleibt als Rest des Wirklichen
-das Ding an sich allein &uuml;brig, welches man <span class=
-"pagenum">[<a id="pb156" href="#pb156" name="pb156">156</a>]</span>mit
-Recht als den Rest der alten Metaphysik in Kant&rsquo;s Philosophie,
-und dessen zu einem Minimum zusammengeschrumpfte Beschreibung man als
-den Inhalt dessen betrachten kann, was im eigentlichen Sinne des Wortes
-Kant&rsquo;s Metaphysik heissen darf.</p>
-<p class="par">255. Dieselbe setzt sich mit Ausnahme der Behauptung der
-leeren Existenz durchaus aus negativen Pr&auml;dicaten zusammen. Dem
-Ding an sich k&ouml;nnen weder quantitative noch qualitative
-Bestimmungen beigelegt werden. Dasselbe kann in ersterer Hinsicht weder
-als Eins, noch als Vieles, in letzterer Hinsicht weder als raumlos,
-noch als r&auml;umlich (also auch weder als unendlich, noch als
-endlich, weder als ausgedehnt, noch als unausgedehnt), noch als
-zeitlos, oder zeitlich (also auch weder als in der Zeit entstanden,
-noch als ewig), noch als geistig (immateriell) oder k&ouml;rperlich
-(materiell) bezeichnet werden. Alles, was der transcendentale
-Idealismus von demselben weiss und auszusagen berechtigt ist,
-beschr&auml;nkt sich darauf, zu behaupten, <span class="ex">dass</span>
-es sei, aber nicht, <span class="ex">was</span> es sei.</p>
-<p class="par">256. Aber auch dies nur aus dem Grunde, weil der
-sinnliche Stoff als wirklicher Schein eine im Bewusstsein vorhandene
-Wirkung ist und daher als solche zur Ursache ein Wirkliches haben muss.
-Die Voraussetzung, dass jede Wirkung ihre zureichende Ursache haben
-m&uuml;sse (das von Leibnitz sogenannte principium rationis
-sufficientis) geh&ouml;rt zu den fundamentalen Axiomen des Denkens,
-nach Kant insbesondere zu den dem Organismus des
-Erkenntnissverm&ouml;gens wesentlichen Urtheilsformen des Verstandes.
-Aus ersterem folgt, dass sich ein Denken, f&uuml;r welches obiger Satz
-fundamentale Geltung besitzt, von einem in dieser Hinsicht anders
-geartet sein sollenden Denken d. i. einem solchen, f&uuml;r welches
-derselbe jene Giltigkeit nicht bes&auml;sse, schlechterdings keine
-Vorstellung zu machen im Stande sei. Aus letzterem folgt, dass ein im
-Kantschen Sinn organisirtes Erkenntnissverm&ouml;gen der Folgerung,
-dass jeder angeblichen Wirkung eine derselben gen&uuml;gende Ursache
-entsprechen m&uuml;sse, schlechterdings nicht zu entrathen vermag, ohne
-sich selbst aufzuheben. Beides zusammen macht einleuchtend, dass die
-auch vom Idealismus unbestrittene Thatsache der Existenz wirklichen
-Scheins zu dem Schlusse f&uuml;hren muss, dass auch als Ursache
-desselben irgend ein Wirkliches existire.</p>
-<p class="par">257. &bdquo;Wie der Rauch auf die Flamme, deutet Schein
-auf Sein&rdquo;; in diesen Worten Herbart&rsquo;s ist obiger Schluss am
-pr&auml;gnantesten ausgesprochen. Allerdings mit dem Seitenblick, dass
-dieses angedeutete Sein nicht inner-, sondern ausserhalb desjenigen
-Wirklichen, <span class="pagenum">[<a id="pb157" href="#pb157" name=
-"pb157">157</a>]</span>welches den Tr&auml;ger des Scheins darstellt,
-d. i. des vorstellenden Subjects zu suchen sein m&ouml;chte. Hier ist
-der Punkt, wo die Nachfolger Kant&rsquo;s, die, wie er, auf dem Boden
-des Transcendentalidealismus stehen, in die einander entgegengesetzten
-Richtungen eines Idealismus, der sich auf das Subject des Scheins (den
-idealistischen Factor) d. i. eines idealistischen, und eines solchen,
-der sich auf das Object des Scheins (den realistischen Factor)
-st&uuml;tzt, d. i. eines realistischen Idealismus (der im Vergleiche
-mit jenem auch Realismus heissen kann) aus einander gehen. Aber auch
-die Stelle, wo diejenigen, die nicht wie Kant auf dem Boden des
-transcendentalen Idealismus beharren, sondern mit Umgehung des
-idealistischen Factors das Wirkliche unmittelbar, weder durch einen
-Schluss von der Wirkung auf die Ursache, noch &uuml;berhaupt durch
-einen Act eines wie immer gearteten Denkens, sondern auf einem von
-diesem g&auml;nzlich verschiedenen Wege (etwa durch das Gef&uuml;hl wie
-Jacobi, oder durch den Willen wie Schopenhauer) ergreifen zu
-k&ouml;nnen glauben, sich von jenen trennen und zu einem das Denken
-transcendirenden (deshalb f&auml;lschlich <span class=
-"ex">transcendental</span> genannten) Realismus gelangt sind.</p>
-<p class="par">258. Darin stimmen beide, der idealistische und der
-realistische Idealismus, mit einander &uuml;berein, dass der Schein als
-wirklicher eine Ursache und zwar ein Wirkliches zur Ursache haben
-m&uuml;sse; aber darin gehen sie beide aus einander, dass der erstere
-diese Ursache innerhalb, der andere dieselbe ausserhalb des
-Bewusstseins sucht. Der &bdquo;Jude Kant&rsquo;s&rdquo;, Salomon
-Maimon, war es, der zuerst die Bemerkung machte, dass die Annahme des
-Dings an sich von Seite Kant&rsquo;s auf einem Fehlschluss beruhe. Wenn
-der Satz, dass jede Wirkung eine Ursache haben m&uuml;sse, wie die
-kritische Organisation des Erkenntnissverm&ouml;gens lehrt, nichts
-anderes ist als eine dem vorstellenden Subject, und zwar dessen
-Verstande innewohnende Urtheilsform, so folgt, dass das Subject zwar
-niemals umhin kann, wo es eine Erscheinung als Wirkung betrachtet, eine
-Ursache derselben vorauszusetzen, dass aber daraus, dass das Subject
-durch die Natur seines Erkenntnissverm&ouml;gens zu diesem Vorgang
-gezwungen ist, auf keine Weise gefolgert werden darf, dass eine
-derartige Ursache auch wirklich vorhanden sei. Wenn daher Kant aus der
-Existenz der Empfindungen auf die nothwendige Existenz des Dings an
-sich als deren Ursache schliesse, so begehe derselbe eine mit seinen
-eigenen Principien im Widerspruch stehende Erschleichung, indem aus den
-letzteren keineswegs die Existenz des Objects, <span class=
-"pagenum">[<a id="pb158" href="#pb158" name=
-"pb158">158</a>]</span>sondern h&ouml;chstens f&uuml;r das Subject die
-Nothwendigkeit sich ableiten lasse, ein solches vorauszusetzen. Als
-Fichte&rsquo;s Wissenschaftslehre mit der Behauptung hervortrat, dass
-Kant durch die Zulassung des Dings an sich als Ursache des Stoffs der
-ph&auml;nomenalen Welt mit sich selbst in unhaltbaren Widerspruch
-gerathe, war ihm jener mit der gleichen schon vorangegangen. Fichte
-aber war es, welcher aus obigem Selbstwiderspruch zuerst die Folgerung
-zog, dass die Annahme der Existenz eines Dings an sich als eines vom
-Tr&auml;ger des im Bewusstsein wirklichen Scheins unterschiedenen
-Wirklichen g&auml;nzlich fallen gelassen d. h. dass der realistische
-Factor des Transcendentalidealismus, das Object, welches <span class=
-"ex">scheint</span>, entfernt werden m&uuml;sse.</p>
-<p class="par">259. Nach dem Verschwinden des realistischen bleibt von
-den beiden Factoren, durch deren Zusammenwirken die ph&auml;nomenale
-Welt des transcendentalen Idealismus entsteht, nur der idealistische
-Factor, nach der Entfernung des Objects, <span class=
-"ex">welches</span> scheint, von den beiden Wirklichen, deren
-gemeinsames Product die Welt des Bewusstseins ist, nur das Subject,
-<span class="ex">welchem</span> scheint, &uuml;brig, geht der
-transcendentale Idealismus in einen solchen des <span class=
-"ex">Subjects</span> (subjectiver Idealismus) &uuml;ber. Statt zweier
-Wirklicher, welche die Basis des transcendentalen Idealismus bilden,
-hat der subjective Idealismus zu seinem Substrat ein einziges
-Wirkliches, welches zugleich die Rolle des idealistischen und des
-realistischen Factors der ph&auml;nomenalen Welt &uuml;bernimmt d. h.
-der ph&auml;nomenalen Welt nicht nur (wie der erste) die Form gibt,
-sondern auch (wie der letztere) den erforderlichen Stoff (das sinnliche
-Empfindungsmaterial) selbst erzeugt. W&auml;hrend daher im
-transcendentalen Idealismus der Tr&auml;ger des Scheins, das wirkliche
-Subject, gegen die Ursache desselben, das wirkliche Object, sich
-leidend, letzteres gegen ersteres sich th&auml;tig verh&auml;lt, stellt
-derselbe im subjectiven Idealismus als Tr&auml;ger (Subject) zugleich
-die Ursache (Object) des Scheins in einem identischen Wirklichen dar,
-verh&auml;lt sich das n&auml;mliche Wirkliche zugleich als Subject
-leidend gegen sich selbst als Object und th&auml;tig als Object gegen
-sich selbst als Subject d. h. als Subject-Object. Den Anstoss, welchen
-im transcendentalen Idealismus das Subject vom Object empfing, um
-Empfindung d. i. Material der ph&auml;nomenalen Welt im Bewusstsein
-hervortreten zu lassen, empf&auml;ngt dasselbe nunmehr nicht von einem
-von ihm unterschiedenen Andern, sondern von sich selbst. Das von ihm
-unterschiedene Andere (Object), welches der transcendentale Idealismus
-noch als ein wirklich Anderes (d. i. als ein anderes Wirkliches) ansah,
-ist in den Augen des subjectiven <span class="pagenum">[<a id="pb159"
-href="#pb159" name="pb159">159</a>]</span>Idealismus nur mehr ein
-scheinbar Anderes, in Wirklichkeit kein Anderes als das Subject,
-welches das erste und einzige Wirkliche zugleich ist. Dasselbe,
-insofern es die Rolle des wirklichen realistischen Factors, des
-Objects, spielt, producirt nicht blos s&auml;mmtlichen Stoff der
-ph&auml;nomenalen Welt, sondern es schafft auch den Schein, als sei
-dieser Stoff durch ein Anderes als es selbst d. h. es schafft den
-Schein eines realen Objects, welches den Stoff der ph&auml;nomenalen
-Welt producirt. Letzterer, als vom Subject geschaffener Schein eines
-von diesem unterschiedenen Objects und daher dieses selbst, ist sonach
-in der That nichts weiter als eine Sch&ouml;pfung d. i. eine durch
-einen Setzungsact des Subjects entstandene und daher von diesem
-abh&auml;ngige Setzung desselben, eine Fiction, aber nichts Wirkliches.
-Wird diese seine fictive Natur vor&uuml;bergehend verkannt, der Schein
-eines Objects f&uuml;r dessen Wirklichkeit genommen, das scheinbare
-Object, als ob es ein Wirkliches w&auml;re, dem Subject
-entgegengesetzt, so muss diese T&auml;uschung, welche, weil das Subject
-das einzige Wirkliche ist, nur eine Selbstt&auml;uschung des Subjects
-sein kann, einmal ein Ende nehmen, das scheinbare Object als blosser
-Schein eines Objects erkannt und das vermeintlich vom Subject
-unterschiedene, als von ihm unabh&auml;ngig wirklich bestehendes
-gedachte Object als von ihm abh&auml;ngiges und nur durch dessen eigene
-Setzung entstandenes vom Subjecte zur&uuml;ckgenommen werden.</p>
-<p class="par">260. Setzung des Objects durch das Subject, Verkennung
-des scheinbaren Objects, indem dasselbe f&uuml;r wirklich gehalten
-wird, und Wiedererkennung des f&auml;lschlich f&uuml;r wirklich
-gehaltenen Objects als eines nur scheinbar vom Subject Verschiedenen
-sind die drei Momente, in welchen die innere Entwickelungsgeschichte
-des einzigen Wirklichen, welches der subjective Idealismus stehen
-gelassen hat, des Tr&auml;gers des Scheins im Bewusstsein sich
-vollzieht. Dieselbe stellt gleichsam den Fortschritt einer dramatischen
-Handlung dar, in welcher das urspr&uuml;nglich Geschehene durch den
-Schein des Gegentheils vor&uuml;bergehend verdunkelt und am Schlusse
-aus der Verdunkelung wieder hergestellt wird. Wie in der letzteren das
-wirklich Geschehene vor dem Beginn d. i. ausserhalb der sichtbaren
-Handlung gelegen, also der Kenntniss des Zuschauers anf&auml;nglich
-entzogen ist, so liegt im obigen Process innerhalb des Bewusstseins das
-wirklich Geschehene, die Setzung des scheinbaren Objects durch das
-Subject, vor dem Beginn d. i. ausserhalb des erwachten Bewusstseins und
-bleibt auf diese Weise der Kenntniss des Subjects d. i. dessen eigenem
-Bewusstsein &uuml;ber sich selbst verborgen. Aus ersterem folgt,
-<span class="pagenum">[<a id="pb160" href="#pb160" name=
-"pb160">160</a>]</span>dass beim Beginne des Dramas die sichtbare
-Handlung das Gegentheil dessen zeigt, was wirklich geschehen ist; aus
-dem letzteren folgt, dass beim Erwachen des Bewusstseins der Inhalt
-desselben das Gegentheil dessen aufweist, was wirklich der Fall ist;
-jene stellt das Geschehene als nicht geschehen, diese stellt das vom
-Subject gesetzte Object als nicht gesetzt durch das Subject dar. Die
-schliessliche L&ouml;sung erfolgt, wie in der dramatischen Handlung
-durch die Aufhellung des Geschehenen, so in obigem Bewusstseinsprocess
-durch die Selbstaufhellung d. i. durch das Bewusstwerden des Subjects
-&uuml;ber sich selbst und seine eigene Setzung des Objects, d. i. durch
-das Selbstbewusstsein.</p>
-<p class="par">261. Dieses Subject, das einzige Wirkliche und folglich
-Wirkende ist es, welches der Urheber der Wissenschaftslehre das
-&bdquo;Ich&rdquo; genannt und dessen in den drei auf einander folgenden
-Stufen der Thesis, Antithesis und Synthesis sich entwickelnde Natur
-derselbe als niemals rastendes Thun (d. i. unabl&auml;ssiges Wirken)
-bezeichnet hat. Dasselbe setzt im Lauf seiner Entwickelung sein eigenes
-Gegentheil, das Nicht-Ich, und nimmt es im Verfolge derselben als von
-ihm selbst gesetztes d. h. als Ich in sich wieder zur&uuml;ck. Der
-erste Theil dieses Processes, welcher sich vor dem Bewusstwerden
-vollzieht, stellt die bewusstlose d. i. die Naturseite (Nachtseite) der
-Entwickelung des Ich, der zweite Theil desselben, weil er sich bei
-Bewusstsein vollzieht, stellt die bewusste d. i. die Geistesseite
-(Tagseite) derselben und, da das Ich das einzige Wirkliche ist, jener
-Abschnitt zugleich die Entwickelung des Wirklichen als eines
-bewusstlosen d. i. als Natur, dieser jene des n&auml;mlichen Wirklichen
-als eines bewussten d. i. als Geist dar. Die Gliederung der gesammten
-Wissenschaft vom Wirklichen vom Standpunkt des subjectiven Idealismus
-aus in eine solche vom Ich als Natur (Naturphilosophie) und vom Ich als
-Geist (Geistesphilosophie), aber auch die M&ouml;glichkeit einer
-solchen, welche beide Seiten der Entwickelung des Ich als
-Entwickelungsseiten eines und des n&auml;mlichen Ich, als identisch
-betrachtet (Identit&auml;tsphilosophie), so wie einer weitern, welche
-die Betrachtung des Entwickelungsgesetzes des Ich als eines nicht nur
-selbst innerlich nothwendigen, sondern diese Entwickelung nothwendig
-fordernden, der Betrachtung des wirklichen Entwickelungsganges
-desselben als Natur und Geist voranstellt (Dialektik, metaphysische
-Logik) ist dadurch vorgezeichnet.</p>
-<p class="par">262. Je nachdem das Ich als Wirkliches (agens), oder als
-blosser Infinitiv, als Wirken (agere) bestimmt, das erstere entweder
-<span class="pagenum">[<a id="pb161" href="#pb161" name=
-"pb161">161</a>]</span>als endliches oder als unendliches (absolutes)
-Ich aufgefasst wird, gliedert sich der Idealismus des Subjects in die
-drei Stufen des (im engeren Sinn sogenannten) subjectiven Idealismus
-(Fichte), absoluten Idealismus (Schelling) und Panlogismus (Hegel).
-Jener besteht darin, dass als einziges Wirkliches ein endliches Ich
-(das transcendentale Subject); der zweite darin, dass als einziges
-Wirkliches ein absolutes Ich (die Gottheit, das absolute Subject); der
-dritte darin, dass als einziges Wirkliches das unpers&ouml;nliche
-Wirken und zwar, da das einzige Wirkliche des Idealismus das
-vorstellende (denkende) Subject ist, das unpers&ouml;nliche Denken, die
-Vernunft angesehen wird. Die Entwickelungsgeschichte des ersten d. i.
-der Inhalt der gesammten Wissenschaft stellt den Bewusstseinsprocess
-dar, mittels dessen das endliche Ich zum Bewusstsein seiner selbst, zum
-Selbstbewusstsein gelangt d. i. Geist wird. Jene des zweiten macht den
-immanenten Entwickelungsprocess aus, mittels dessen das absolute
-Subject durch die vorl&auml;ufigen Phasen der Natur- und der
-Weltgeschichte hindurch zum Bewusstsein seiner selbst d. i. zum
-Bewusstsein seiner G&ouml;ttlichkeit, zum absoluten Bewusstsein gelangt
-d. i. absoluter Geist, Gott wird. (&bdquo;Am Ende der
-Weltgeschichte&rdquo;, sagte Schelling, &bdquo;wird Gott sein&rdquo;.)
-Der Panlogismus endlich repr&auml;sentirt den dialektischen Process,
-mittels dessen die unpers&ouml;nliche (objective) Vernunft (die
-logische Idee) durch ihr Gegentheil, das vernunftlose Sein (die Natur),
-hindurch zur pers&ouml;nlichen (subjectiven) Vernunft (zum absoluten
-Geiste) wird. (&bdquo;Aufgabe der Philosophie ist&rdquo;, sagte Hegel,
-&bdquo;die Substanz zum Subjecte zu machen&rdquo;.)</p>
-<p class="par">263. Alle drei Formen des Idealismus des Subjects kommen
-darin &uuml;berein, das Wirkliche sei, aber auch, dass nur ein Einziges
-wirklich sei. Wird daher dieses als einziges Wirkliches von einem
-Widerspruch betroffen, welcher entweder verhindert, dasselbe
-&uuml;berhaupt anzunehmen, oder doch hindert, dasselbe als wirklich
-gelten zu lassen, so werden s&auml;mmtliche Formen jenes Idealismus von
-demselben zugleich betroffen. Derselbe ging von dem Satze aus, dass der
-Schluss des transcendentalen Idealismus von dem Schein als Wirkung auf
-ein Object als Ursache desselben ein Selbstwiderspruch sei, aus dem
-Grunde, weil die Folgerung von der Wirkung auf die Ursache nur eine
-Urtheilsform des Verstandes, und daher die Consequenz, dass der Schein
-im Bewusstsein eine Ursache haben m&uuml;sse, zwar f&uuml;r den
-Verstand unvermeidlich, aber darum nichts weniger als (objectiv) giltig
-sei. Gleichwol hat diese Einsicht, wenn sie den Namen verdient, den
-Idealismus nicht gehindert, von der Thatsache <span class=
-"pagenum">[<a id="pb162" href="#pb162" name="pb162">162</a>]</span>des
-im Bewusstsein schwebenden Scheins auf eine erzeugende Ursache
-desselben zur&uuml;ckzuschliessen, nur mit dem Unterschied, dass er
-dieselbe nicht <span class="ex">ausserhalb</span> des Bewusstseins (in
-ein Object), sondern in den Tr&auml;ger des Bewusstseins (in das
-Subject) verlegt d. h. dieses selbst zur Ursache des Scheines macht.
-Wenn nun, wie der Idealismus behauptet, der Schluss von der Wirkung auf
-eine Ursache als blosse Verstandesform &uuml;berhaupt unberechtigt ist,
-so ist der Schluss von der Wirkung auf eine innerhalb des Bewusstseins
-gelegene, sogenannte innere Ursache mindestens ebenso unberechtigt, wie
-jener von der Wirkung auf eine ausserhalb des Bewusstseins gelegene,
-sogenannte &auml;ussere Ursache. Der subjective Idealismus hat daher
-von diesem Gesichtspunkt aus ebensowenig das Recht, das Subject als
-Wirkliches, wie der objective Idealismus seiner Meinung nach ein
-solches besitzt, ein vom Subject unterschiedenes Object als Wirkliches
-anzunehmen.</p>
-<p class="par">264. Wie man sieht, hat der Idealismus des Subjects, der
-gew&ouml;hnlich kurzweg mit dem Namen Idealismus bezeichnet wird, in
-diesem Punkt dem Idealismus des Objects, kurzweg Realismus genannt,
-nichts vorzuwerfen. Derselbe hat nicht nur nicht mehr und nicht weniger
-ein Recht, als erzeugende Ursache des Scheins ein Wirkliches, er hat
-&uuml;berdies, was bedenklicher ist, kein Recht, das von ihm
-angenommene Wirkliche als wirklich anzunehmen. Letztere Annahme
-f&auml;llt, wenn dasjenige, was als wirklich gedacht werden soll, mit
-einer Eigenschaft behaftet ist, welche verhindert, dasselbe als
-wirklich zu denken. Dieser Fall tritt aber ein, wenn dasjenige, was als
-wirklich gedacht werden soll, in sich einen Widerspruch einschliesst.
-So gewiss aus dem Umstand, dass ein als wirklich zu Denkendes keinen
-Widerspruch einschliesst, nur geschlossen werden kann, dass es
-m&ouml;glich, keineswegs, dass es wirklich sei, so gewiss muss aus dem
-Umstand, dass ein als wirklich zu Denkendes in sich einen Widerspruch
-enth&auml;lt, die Folgerung gezogen werden, dass dasselbe
-unm&ouml;glich d. i. auf keine Weise je wirklich sei. Das einzige
-Wirkliche des Idealismus, das Ich, nun soll in der Weise gedacht
-werden, dass dasselbe zugleich sein eigenes Object und sein eigenes
-Subject sei, den Stoff seiner ph&auml;nomenalen Welt zugleich empfange
-und erzeuge, also zugleich gegen sich selbst als Leidendes und auf sich
-selbst als Th&auml;tiges sich verhalte d. h. es soll so gedacht werden,
-dass es zugleich seine eigene Ursache und seine eigene Wirkung (causa
-sui), also dass es im strengsten logischen Sinn des Wortes
-Entgegengesetztes d. i. sich <span class="pagenum">[<a id="pb163" href=
-"#pb163" name="pb163">163</a>]</span>unter einander Ausschliessendes
-zugleich und als jedes von beiden sein eigenes Gegentheil, um es mit
-einem Wort zu sagen, der lebendige Widerspruch sei. Ein solcher aber
-kann nicht als wirklich gedacht werden.</p>
-<p class="par">265. Auch dann nicht, wenn die Erfahrung ihn zu
-best&auml;tigen scheint. Die Thatsache, welche der Idealismus
-anzuf&uuml;hren liebt, um durch dieselbe zu erweisen, dass ein sich
-zugleich als Th&auml;tiges und Leidendes Verhaltendes, eine causa sui,
-wirklich, und daher, was auch die Logik dagegen einwenden m&ouml;ge,
-m&ouml;glich sei, ist das Ph&auml;nomen des Selbstbewusstseins.
-Dasselbe, so schliesst der Idealismus, als factisches Bewusstsein des
-Selbst von sich selbst, ist thats&auml;chlich Subject und Object,
-Leidendes und Th&auml;tiges, Ursache und Wirkung zugleich: das
-<span class="ex">Ich</span> stellt sich vor und das Ich stellt
-<span class="ex">sich</span> vor. Als jenes ist es das Vorstellende
-(Subject), als dieses das Vorgestellte (Object), als beider
-Identit&auml;t ist das Ich Vorstellendes und Vorgestelltes zugleich
-(Subject-Object). Durch diese unbestreitbar scheinende psychologische
-Thatsache, d. i. durch die Wirklichkeit eines im logischen Sinn mit
-einem inneren Widerspruch Behafteten ist nach der Meinung des
-Idealismus die M&ouml;glichkeit, ein in sich Widersprechendes als
-wirklich zu denken, erwiesen; der Einspruch der Logik, dass
-Widersprechendes nicht als wirklich gedacht werden k&ouml;nne,
-abgewiesen.</p>
-<p class="par">266. Gegen&uuml;ber dem Canon: a non posse valet
-conclusio ad non esse, geht der Idealismus von dem <span class="corr"
-id="xd24e2054" title="Quelle: entgegengetzten">entgegengesetzten</span>
-aus: ab esse valet conclusio ad posse. Die Richtigkeit seiner Folgerung
-h&auml;ngt von dem Umstande ab, ob und dass die angebliche Thatsache
-des Selbstbewusstseins wirklich eine Thatsache, oder, was eben so viel
-ist, ob und dass die Behauptung, das <span class="ex">Ich</span> stelle
-<span class="ex">sich</span> vor, auf einer wirklichen Erfahrung oder
-auf einer blossen Einbildung beruhe. Die Thatsache, welche den
-Widerspruch zu <span class="ex">st&uuml;rzen</span> bestimmt ist, darf
-nicht selbst wieder auf einen Widerspruch sich <span class=
-"ex">st&uuml;tzen</span>. Dieselbe muss, um gegen die Einrede der Logik
-Stand zu halten, eine selbst widerspruchsfreie, evidente, nicht
-nichtanzuerkennende Thatsache sein.</p>
-<p class="par">267. Es fehlt viel, dass die sogenannte Thatsache des
-Selbstbewusstseins dieser Forderung gen&uuml;gte. Wenn, wie der
-Idealismus einr&auml;umt, das Ph&auml;nomen des Selbstbewusstseins
-nichts weiteres in sich schliesst als das &bdquo;Sich sich
-Vorstellen&rdquo; (se sibi repraesentare) des Ichs, so enth&auml;lt das
-Sich (se) abermals nichts anderes als das Ich d. h. das Sich sich
-Vorstellen, das Sich (se) in diesem aber <span class="pagenum">[<a id=
-"pb164" href="#pb164" name="pb164">164</a>]</span>das n&auml;mliche
-&bdquo;Sich sich Vorstellen&rdquo; zum dritten, und das sich darin
-wiederholende Sich dasselbe zum vierten Male u. s. f., d. h. es
-entsteht ein regressus in infinitum. Das Ich erweist sich als eine mit
-der Forderung, eine unendliche Reihe vorzustellen, behaftete, demnach
-als eine im wirklichen Vorstellen schlechthin unvollendbare Vorstellung
-d. h. als eine solche, die niemals Thatsache d. i. wirkliche
-Vorstellung sein kann. Einer Thatsache aber, die keine sein kann,
-gegen&uuml;ber steht der Einwand der Logik, dass in sich
-Widersprechendes niemals wirklich sein k&ouml;nne, aufrecht.</p>
-<p class="par">268. Der Widerspruch, welcher den Idealismus
-ausschliesst, liegt sonach nicht darin, dass er als Ursache des im
-Bewusstsein schwebenden Scheins ein Wirkliches setzt, sondern darin,
-dass er als solche ein in sich Widersprechendes d. h. ein Wirkliches
-setzt, das nicht als wirklich gedacht werden darf. Indem der
-<span class="ex">Idealismus des Objects</span>, der <span class=
-"ex">Realismus</span>, von dem im Bewusstsein schwebenden Schein als
-Wirkung auf eine denselben erzeugende Ursache schliesst, thut er nichts
-anderes, als, wie oben gezeigt, auch der Idealismus thut; indem
-derselbe als solche jedoch nicht ein in sich Widersprechendes, sondern
-ein solches setzt, das ohne Einsprache der Logik als wirklich gedacht
-werden kann, thut er wirklich <span class="ex">anderes</span> und
-besseres, als jener that. Derselbe begn&uuml;gt sich weder, im
-Gegensatz zum Idealismus des Subjects, die Annahme des Ich als des
-einzigen Wirklichen abzulehnen, noch, in Uebereinstimmung mit Kant, die
-Unerl&auml;sslichkeit der Annahme eines &uuml;brigens in jeder Hinsicht
-unbekannten realen x, des von jeder denkbaren quantitativen und
-qualitativen Bestimmtheit entbl&ouml;ssten &bdquo;Dings an sich&rdquo;,
-zuzugeben, sondern schreitet im Gegensatze zu beiden zu der eben so wol
-realistischen als pluralistischen Behauptung fort, dass nicht nur
-Wirkliches sei, sondern unbestimmt viele Wirkliche seien d. h. dass die
-Voraussetzung solcher auf Grundlage und zur Erkl&auml;rung des
-thats&auml;chlich im Bewusstsein schwebenden Scheins nicht nur nicht
-widersprechend, sondern im Gegentheil, das Gegentheil derselben der
-Forderung eines logischen Denkens widersprechend sei.</p>
-<p class="par">269. Weshalb die Annahme, es gebe Wirkliches, nicht nur
-nicht widersprechend, sondern vielmehr die gegentheilige Annahme, es
-gebe kein Wirkliches, widersprechend sei, ist schon oben gezeigt
-worden. Von dem &bdquo;Rauche&rdquo; des Scheins gilt der Schluss auf
-die &bdquo;Flamme&rdquo; des Seins. Wo nichts Wirkliches w&auml;re,
-k&ouml;nnte auch keines scheinen; keineswegs aber gilt auch der
-umgekehrte Satz, <span class="pagenum">[<a id="pb165" href="#pb165"
-name="pb165">165</a>]</span>dass, wo kein Wirkliches scheint, auch kein
-Wirkliches vorhanden sei. Denn es l&auml;sst sich sehr wol denken, dass
-Wirkliches sei, auch ohne zu scheinen. Die Setzung des Wirklichen auf
-Grundlage des vorhandenen Scheins ist eine bedingte; das Gesetztsein
-des Wirklichen aber ist ein durch dessen Setzung auf Grundlage des
-Scheins nicht bedingtes, also unbedingtes. Dasselbe <span class=
-"ex">wird</span> gesetzt, weil der Schein gesetzt ist; aber es
-<span class="ex">w&auml;re</span> gesetzt, auch wenn der Schein nicht
-gesetzt w&auml;re. Die Setzung desselben erfolgt nicht, wie jene des
-(scheinbaren) Objects im Idealismus, durch das Ich, welches setzt,
-sondern besteht, wie der von seinem Gedachtwerden unabh&auml;ngige
-Denkinhalt, auch ohne Subject, welches setzt. Die Position des
-(scheinbaren) Objects durch das Subject (im Idealismus) ist eine
-relative; mit dem Subject f&auml;llt auch das Object. Die Position des
-Wirklichen im Realismus ist eine <span class="ex">absolute</span>;
-dieselbe h&ouml;rt nicht auf, auch wenn das Subject aufh&ouml;rt.</p>
-<p class="par">270. Nur die letztere Position ist wahre, die relative
-ist keine Position. Das eigentlich Ponirte ist in der relativen
-Position nicht das Gesetzte (das Object), sondern das Setzende (das
-Subject); die Position des Ponirten ist daher nur eine scheinbare; die
-wahre Position ist die des Ponirenden. Dieses allein ist wahrhaft, das
-von ihm Gesetzte nur dem Anschein nach wirklich; das einzige Wirkliche
-sonach nicht das Gesetzte, das Object, sondern das Setzende, das
-Subject. Soll das Object das Wirkliche d. i. nicht nur dem Schein nach,
-sondern in Wahrheit wirklich sein, so muss es von seiner Setzung durch
-das Subject unabh&auml;ngig gesetzt d. h. es muss als das, was es ist,
-auch dann gesetzt sein, wenn weder eine Setzung desselben durch ein
-Subject, noch &uuml;berhaupt ein von demselben unterschiedenes Subject
-je wirklich vorhanden ist.</p>
-<p class="par">271. Die absolute Position ist der Ausdruck des Seins.
-Durch dieselbe ist das Sein, wie von jeder Setzung durch das Subject,
-so auch von der Setzung durch jedes, wie immer geartete Denken
-unabh&auml;ngig. Dasselbe ist, wie Bonaparte zu Campoformio von der
-franz&ouml;sischen Republik sagte: &bdquo;wie die Sonne, wehe dem, der
-sie nicht sieht!&rdquo; Dem Denken bleibt nichts &uuml;brig, als das
-Sein als das, was es von vornherein ist, als Sein anzuerkennen; das
-Sein aber als solches bedarf dieser Anerkennung durch das Denken nicht.
-Das Sein ist nicht, wie Schelling sagte, &bdquo;<span class=
-"ex">vor</span>&rdquo; dem Denken, aber es best&uuml;nde auch
-<span class="ex">ohne</span> das Denken.</p>
-<p class="par">272. Ein Denken, welches das Wirkliche nicht als absolut
-d. i. als von ihm unabh&auml;ngig gesetzt d&auml;chte, h&auml;tte
-dasselbe nicht als <span class="pagenum">[<a id="pb166" href="#pb166"
-name="pb166">166</a>]</span>Sein, sondern als Schein gedacht. Derselbe
-Grund, welcher das Denken n&ouml;thigt, ein Wirkliches zu denken,
-n&ouml;thigt es auch, dieses letztere als unbedingt gesetzt d. i. als
-seiend zu denken. Der Grund aber, der f&uuml;r das Denken die Annahme
-eines Wirklichen unvermeidlich macht, ist die Thatsache des Scheins des
-Wirklichen d. i. das &mdash; nicht willk&uuml;rlich durch den Willen
-des Denkenden, sondern unwillk&uuml;rlich, <span class=
-"ex">ohne</span>, ja selbst <span class="ex">wider</span> den Willen
-des Denkenden &mdash; Gegebensein des Scheins des Wirklichen. Der
-Inhalt dieser durch die Thatsache des Scheins des Wirklichen d. i.
-durch die Erfahrung <span class="ex">bedingten</span> Setzung ist das
-<span class="ex">unbedingt</span> Gesetzte.</p>
-<p class="par">273. <span class="ex">Dass</span> das Wirkliche, was es
-auch immer sei, unbedingt gesetzt, nicht aber, <span class=
-"ex">was</span> das Wirkliche, <span class="ex">wenn</span> gesetzt,
-seinem <span class="ex">Was</span> nach sei, ist damit ausgesprochen.
-Nur so viel l&auml;sst sich folgern, dass, wie auch das Was des
-Wirklichen gedacht werden m&ouml;ge, dasselbe nicht so gedacht werden
-d&uuml;rfe, dass dessen unbedingtes Gesetztsein dadurch unm&ouml;glich
-gemacht w&auml;re. Dies aber w&uuml;rde der Fall sein, nicht nur wenn
-das Was des Wirklichen in irgend einer Weise von der Natur eines
-dasselbe Setzenden abh&auml;ngig gedacht, sondern auch dann, wenn
-dasselbe durch das Gesetztsein eines Andern bedingt gedacht w&uuml;rde.
-Dasselbe darf in ersterer Hinsicht daher nicht so beschaffen gedacht
-werden, wie das vermeintlich Setzende (z. B. das vorstellende Subject)
-seiner Beschaffenheit nach ist d. h. etwa als vorstellend, weil dieses
-letztere vorstellt, oder als f&uuml;hlend, oder wollend, weil dieses
-letztere f&uuml;hlt und will. Es darf aber auch in letzterer Hinsicht
-nicht so gedacht werden, dass dessen Gesetztsein das Gesetztsein eines
-Anderen bedingt, also nicht als zusammengesetzt d. i. aus Theilen
-bestehend, weil dann dessen Gesetztsein durch das Gesetztsein jedes
-einzelnen dieser Theile bedingt, also nicht unbedingt w&auml;re. Aus
-ersterem folgt, dass das Was des Wirklichen in keiner Weise aus dem Was
-etwa des vorstellenden Subjects als des vermeintlich dasselbe Setzenden
-erschlossen werden k&ouml;nne. Aus dem letzteren folgt, dass das Was
-des Wirklichen, weil unbedingt gesetzt, nicht zusammengesetzt d. i.
-nicht aus Theilen bestehend sein d&uuml;rfe, sondern streng
-<span class="ex">einfach</span> sein m&uuml;sse.</p>
-<p class="par">274. Jedes wahrhaft Wirkliche ist daher einfaches
-Wirkliches. Dasselbe ist nicht nur, wie das sogenannte physikalische
-Atom, scheinbar, sondern wirklich &bdquo;atom&rdquo; d. i. untheilbar;
-nicht blos, wie jenes, weil es mit den vorhandenen Werkzeugen nicht
-mehr getheilt werden kann, oder f&uuml;r den gegebenen Zweck nicht mehr
-<span class="pagenum">[<a id="pb167" href="#pb167" name=
-"pb167">167</a>]</span>weiter getheilt zu werden braucht, sondern, weil
-es schlechthin keine Theile hat. Dasselbe schliesst seiner Einfachheit
-halber zwar nicht <span class="ex">jede</span> Vielheit, aber doch jede
-Vielheit einander coordinirter Glieder von sich aus d. h. dasselbe ist
-weder ein B&uuml;ndel einander nebengeordneter Eigenschaften, noch eine
-Summe ebensolcher sogenannter Kr&auml;fte oder Verm&ouml;gen. Es kann
-sein Was weder verlieren noch ver&auml;ndern, ohne (was unm&ouml;glich
-ist bei einem unbedingt Gesetzten) selbst aufzuh&ouml;ren. Dasselbe
-kann daher weder qualitativ ein anderes als, noch quantitativ ein mehr
-oder weniger dessen werden, was es ist; dasselbe ist, sobald es ist,
-sowol ewig als unver&auml;nderlich; weder dessen (unbedingtes, also von
-jeder Bedingung unabh&auml;ngiges) Gesetztsein, noch dessen einfaches,
-jeder Zuthat oder Abtrennung von Theilen, jedes Wachsthums wie jeder
-Abnahme unf&auml;higes Was kann einen Wechsel erleiden. Die
-unvermeidliche Consequenz der absoluten Position und der Einfachheit
-des Was ist die <span class="ex">Erhaltung</span> des wandellosen
-<span class="ex">Selbst</span> jedes Wirklichen.</p>
-<p class="par">275. Im Begriffe des Wirklichen liegt, dass es Wirkendes
-ist d. i. wirkt d. h. dass dessen Sein und dessen einfache
-Qualit&auml;t von dessen Wirken d. i. sich Beth&auml;tigen
-unabtrennlich ist. Weder ein Wirkliches, das nicht w&auml;re, noch ein
-Seiendes, das nicht wirkte, w&auml;re ein wahrhaft Wirkliches; jenes
-w&auml;re nur der Schein eines Wirklichen, dieses w&auml;re ein Todtes,
-also nicht Wirkliches. Die Zusammengeh&ouml;rigkeit beider darf nicht
-so gedacht werden, als w&auml;re das Sein und die Qualit&auml;t das
-Substrat des Wirkens d. h. als bes&auml;sse das Wirkliche als
-<span class="ex">seiende</span>, aber nicht <span class=
-"ex">wirkende</span> Qualit&auml;t seine besondere, als <span class=
-"ex">seiende</span>, aber <span class="ex">wirksame</span>
-Qualit&auml;t wieder seine abgesonderte Wirklichkeit d. h. als stellte
-die seiende Qualit&auml;t nach Abzug des Wirkens gleichsam das
-Residuum, das caput mortuum des Wirklichen dar. Die unbedingt gesetzte
-einfache Qualit&auml;t und das Wirken sind nicht nur im Begriffe des
-Wirklichen, sondern in diesem selbst unzertrennlich eins, so dass das
-Wirkliche weder gedacht werden kann, ohne dasselbe als wirkend zu
-denken, noch als Wirkliches sein d. h. wirklich sein kann, ohne zu
-wirken.</p>
-<p class="par">276. Ebensowenig wie die absolute Position, das
-unbedingte d. i. bedingungslose Gesetztsein, darf das mit derselben im
-Wirklichen in Eins verschmolzene Wirken von einer, wie immer gearteten
-Bedingung abh&auml;ngig gedacht werden. Weder kann dessen Beginn, noch
-dessen Aufh&ouml;ren an einen Zeitpunkt gekn&uuml;pft werden, vor
-welchem und nach welchem zwar das unbedingt Gesetzte, aber nicht als
-Wirkendes, sondern als Wirkungsloses best&uuml;nde, noch darf
-<span class="pagenum">[<a id="pb168" href="#pb168" name=
-"pb168">168</a>]</span>dasselbe so verstanden werden, als setzte es
-einen besondern, noch weniger einen von ihm, dem Wirklichen,
-unterschiedenen Stoff voraus, um sich als Wirken zu bew&auml;hren. Die
-Frucht des mit der absolut gesetzten einfachen Qualit&auml;t
-unaufl&ouml;slich und unabl&ouml;sbar verbundenen Wirkens des
-Wirklichen ist dessen Wirklichkeit.</p>
-<p class="par">277. Nothwendige Wirkung des mit dem Wirklichen seiner
-Natur nach verbundenen Wirkens ist, dass etwas geschieht. Das
-Gegentheil, die Annahme, dass nichts geschehe, ungeachtet gewirkt wird,
-widerspricht sich selbst. Denn ein Wirken ohne wie immer beschaffenen
-Erfolg h&auml;tte nichts bewirkt d. h. w&auml;re kein Wirken gewesen.
-Nothwendige Folge der Einfachheit und Unver&auml;nderlichkeit der
-Qualit&auml;t des Wirklichen ist, dass, was immer geschehe, weder eine
-Setzung, noch Aufhebung der absoluten Position eines Wirklichen, noch
-die, sei es quantitative, sei es qualitative Ab&auml;nderung der
-Qualit&auml;t eines Wirklichen, weder der eigenen, noch einer fremden
-sein kann; daher alles, was wirklich geschieht, weder die
-Qualit&auml;t, noch das Gesetztsein des Wirklichen, sondern nur das mit
-demselben unabl&ouml;slich verschmolzene Wirken des Wirklichen angehen
-kann d. h. dass alles, was wirklich in Folge des Wirkens geschieht, nur
-eine Aenderung (Modification) dieses Wirkens selbst, beziehungsweise
-dessen Zunahme oder Abnahme, F&ouml;rderung oder Hemmung, Erhaltung in
-der bisherigen, oder Ablenkung nach einer andern Richtung bedeuten
-kann.</p>
-<p class="par">278. Dass &uuml;berhaupt Wirkliches ist und, was
-wirklich ist, wirkt, macht die realistische, dass mehr als ein einziges
-Wirkliches, eine unbestimmbare Menge von Wirklichen sei, die
-pluralistische Seite des Realismus aus. Wie das erstere aus dem Satze,
-dass scheinbar Wirkliches, so folgt das letztere aus der Thatsache,
-dass der Schein eines vielfachen Wirklichen gegeben ist. W&auml;hrend
-der Schluss dort lautet: ohne Sein kein Schein, lautet er hier: ohne
-Vielheit und Vielfachheit des Seins keine Vielheit und Vielfachheit des
-Scheins. Die entgegengesetzte Annahme, dass aus der Einheit und
-Einfachheit des Seins der Schein der Vielheit und Vielfachheit des
-Seins hervorgehe, widerspricht sich selbst. Dieselbe l&auml;sst
-unerkl&auml;rt, warum, wenn das Erzeugende, der realistische Factor,
-die Ursache der Empfindung, das n&auml;mliche ist, die Wirkung
-derselben, die Empfindung, bald diese, bald jene sei, das &bdquo;Ding
-an sich&rdquo;, von welchem der Anstoss zur Empfindung ausgeht, bald
-eine Gesichts-, bald eine Geh&ouml;rsempfindung, und wieder einmal die
-Empfindung des Blauen, ein anderes mal die des Rothen verursache, dabei
-aber selbst als <span class="pagenum">[<a id="pb169" href="#pb169"
-name="pb169">169</a>]</span>Ursache immer dasselbe bleibe. Wird an die
-Stelle des Dings an sich das Wirkliche d. i. eine absolut gesetzte,
-einfache Qualit&auml;t substituirt, so erh&ouml;ht sich die
-Schwierigkeit, zu begreifen, wie diese letztere, welche als einfach
-jede Vielheit coordinirter, aber unter einander qualitativ
-verschiedener Wirkungsweisen ausschliesst, doch zugleich Ursache
-qualitativ verschiedener Wirkungen d. i. z. B. qualitativ
-unterschiedener Empfindungen werden k&ouml;nne; dieselbe f&uuml;hrt
-daher mit Nothwendigkeit dazu, so viele und so vielerlei qualitativ
-verschiedene Ursachen vorauszusetzen, als und so vielerlei qualitativ
-verschiedene Wirkungen gegeben sind d. h. wo die Thatsache vielfachen
-qualitativ unterschiedenen Scheins gegeben ist, auch die Existenz eines
-vielfachen und qualitativ unterschiedenen Wirklichen zu postuliren.</p>
-<p class="par">279. Wie durch die Betonung der realistischen Grundlage
-des Scheins dem Idealismus, so ist durch die Betonung der
-pluralistischen Grundlage des Scheins der Realismus jedem wie immer
-gearteten Monismus d. i. jeder All-Eins-Lehre entgegengesetzt. Jener,
-er sei subjectiver, absoluter oder Panlogismus, entbehrt eines wahrhaft
-Wirklichen; dieser, er sei idealistisch oder selbst realistisch,
-entbehrt einer wahren Vielheit des Wirklichen. Jenem zufolge ist das
-Wirkliche blosser Schein (Phantasmagorie) welchen sich entweder das
-endliche oder das absolute Ich, oder die absolute Vernunft vorspiegelt,
-um mittels desselben zum Bewusstsein seiner, beziehungsweise ihrer
-selbst zu kommen d. i. Geist zu werden. Diesem zufolge ist jede
-Vielheit und Individuation des Seins blosser Schein (Phantasmagorie),
-welchen das eine und einzige Wirkliche (es sei nun Spinozistische
-Substanz oder Schopenhauer&rsquo;scher Allwille) entweder (wie die
-beiden genannten) mit blinder Nothwendigkeit, oder (wie das
-Hartmann&rsquo;sche &bdquo;Unbewusste&rdquo;) zu dem Zwecke sich
-vorgaukelt, um mittels desselben zum Bewusstsein und sei es durch
-Selbstverneinung oder durch werkth&auml;tigen Anschluss zur Realisirung
-des Weltzwecks zu gelangen. W&auml;hrend der erstere begreiflich zu
-machen unterl&auml;sst, wie aus demjenigen, was selbst nicht einmal den
-Schatten der Wirklichkeit besitzt, auch nur der Schein einer solchen
-entspringen k&ouml;nne, setzt der letztere dem Bedenken, wie aus
-demjenigen, was selbst nicht einmal eine Spur der Vielheit in sich
-schliesst, auch nur der Schein einer solchen und der Vielfachheit des
-Wirklichen hervorgehen k&ouml;nne, vorsichtiges Stillschweigen
-entgegen.</p>
-<p class="par">280. So viel wirklicher Schein, so viel wirkliches Sein
-&mdash; lautet der Satz des Realismus, aber nicht, wie viel wirkliches
-Sein. Derselbe <span class="pagenum">[<a id="pb170" href="#pb170" name=
-"pb170">170</a>]</span>begn&uuml;gt sich, zu behaupten, dass um der
-Vielheit und Mannigfaltigkeit des durch die Erfahrung gegebenen Scheins
-willen eine eben solche Vielheit und Mannigfaltigkeit des Wirklichen
-gesetzt, aber er enth&auml;lt sich, der Versuchung nachzugeben,
-bestimmen zu wollen, welche (ob endliche oder unendliche) Vielheit des
-Wirklichen gesetzt werden m&uuml;sse. Eben so wenig wie das Quantum,
-wagt er das Quale des Wirklichen anders als durch die schon oben
-angef&uuml;hrte, aus dem Begriff der absoluten Position abgeleitete
-Folgerung der qualitativen Einfachheit zu bestimmen. Wie die Vielheit
-des Scheins zwar die Annahme einer Vielheit des Wirklichen, aber nicht
-die Bestimmung der Vielheit des Wirklichen, so erlaubt die
-Mannigfaltigkeit des Scheins zwar die Annahme einer Mannigfaltigkeit
-des Wirklichen, aber nicht die Bestimmung des Mannigfaltigen des
-Wirklichen. Dass vieles und mannigfaltiges Wirkliches sei, weder aber
-wie vieles, noch welcherlei Art das Wirkliche sei, vermisst sich der
-Realismus anzugeben.</p>
-<p class="par">281. Die Mannigfaltigkeit ist die geringste d. h. die
-Gleichartigkeit des Wirklichen ist die denkbar gr&ouml;sste, wenn
-dessen Verschiedenheit nicht in einer sogenannten inneren
-(Eigenschaft), sondern nur in einer sogenannten &auml;usseren
-Beschaffenheit, also in einer solchen gelegen ist, welche weder
-Aehnlichkeit noch Gegensatz, &uuml;berhaupt keinerlei Verwandtschaft
-des Wirklichen voraussetzt, sondern auch bei &uuml;brigens v&ouml;llig
-disparaten Wirklichen stattfinden kann. Von dieser Art sind die
-r&auml;umlichen und zeitlichen d. i. diejenigen Bestimmungen eines
-Wirklichen, welche sich &auml;ndern k&ouml;nnen, ohne dass dieses
-letztere selbst dadurch eine Aenderung erf&auml;hrt, obgleich andere
-Wirkliche dadurch eine solche erfahren m&ouml;gen. Der in seiner
-Umlaufsbahn und Umlaufszeit sich um die Sonne bewegende Planet erleidet
-durch seine Fortbewegung in seinen inneren Eigenschaften keinerlei
-Ver&auml;nderungen, w&auml;hrend die Wirkungen, welche er selbst auf
-andere Planeten aus&uuml;bt (z. B. die sogenannten St&ouml;rungen)
-wesentlich durch die Stellung d. i. durch den Ort bedingt werden,
-welchen derselbe in einem jeweiligen Zeitpunkt im Verh&auml;ltniss zu
-ihnen im Weltraum einnimmt. Eben so wenig erleidet der Weltk&ouml;rper,
-wenn nicht andere Ursachen in und an demselben Ver&auml;nderungen
-bewirken, durch den blossen Abfluss der Zeit, innerhalb welcher er
-seine Bahn zur&uuml;cklegt, eine Ver&auml;nderung, obgleich, wenn eine
-solche an ihm vorgegangen und er demungeachtet derselbe geblieben sein
-soll, dies nur unter der Voraussetzung denkbar ist, dass seine
-Beschaffenheit vor und seine <span class="pagenum">[<a id="pb171" href=
-"#pb171" name="pb171">171</a>]</span>Beschaffenheit nach obiger
-Ver&auml;nderung in verschiedene Zeitpunkte fallen. Die vielen und
-verschiedenen Wirklichen sind daher am wenigsten verschieden, jedoch in
-keiner Weise nicht verschieden, wenn deren Verschiedenheit lediglich in
-der Verschiedenheit d. i. in der Nichtidentit&auml;t ihrer
-r&auml;umlichen und zeitlichen Bestimmungen d. i. des Wo und des Wann
-ihrer Wirklichkeit d. i. ihres Wirkens gelegen ist. Dieselben sind
-verschieden, insofern ihre Orte im Raum verschieden d. h. ausser
-einander, dagegen nicht verschieden, insofern sie Wirkliche d. i.
-Wirkende sind. Dieselben sind verschieden, insofern je nach der
-Verschiedenheit ihres Aussereinander (d. h. der r&auml;umlichen Distanz
-ihrer Orte) ihr Wirken verschieden, dagegen nicht verschieden, insofern
-sie Wirkende sind. In Bezug auf die Zeit sind s&auml;mmtliche Wirkliche
-als unbedingt Gesetzte insofern nicht verschieden, als ihr Gesetztsein
-von jeder, also auch von jeder zeitlichen Bedingung unabh&auml;ngig
-ist; dagegen k&ouml;nnen sie als Wirkende insofern verschieden sein,
-als ihr Wirken sich &auml;ndert, w&auml;hrend sie selbst dieselben
-bleiben und diese Aenderung nur unter der Annahme m&ouml;glich ist,
-dass das eine zu einer, das anders geartete Wirken dagegen zu einer
-andern Zeit stattfindet.</p>
-<p class="par">282. Wirkliche, die sich durch r&auml;umliche und
-zeitliche Bestimmungen unterscheiden, k&ouml;nnen im Uebrigen eben so
-wol unterschieden als nicht unterschieden, sie werden trotzdem
-unterschiedene d. i. Einzelwesen und, da dieselben als unbedingt
-gesetzte, einfache Qualit&auml;ten, Atome d. i. untheilbare Wesen sind,
-Individuen sein. Dieselben m&uuml;ssen als r&auml;umlich (d. i. dem Ort
-nach) verschiedene, ausser einander, beziehungsweise neben einander
-sein; das Wirken derselben, insofern es in einem und demselben
-Individuum ein verschiedenes sein soll, kann nur nach einander,
-beziehungsweise auf einander erfolgen. Da dieselben ausser einander d.
-h. da ihre Orte, wenn sie selbst unterschiedene sein sollen, nicht
-dieselben sein sollen, so muss es der Orte wenigstens eben so viele
-geben, als es Wirkliche gibt. Da das Wirken eines jeden derselben, wenn
-es ein anderes sein soll, in einen anderen Zeitpunkt fallen muss, so
-muss es der Zeitpunkte wenigstens eben so viele geben, als in demselben
-Wirklichen Ab&auml;nderungen seines Wirkens gegeben sind. Mit der
-Unbestimmbarkeit der Zahl der Wirklichen ist daher zugleich die
-Unbestimmbarkeit der Zahl der Orte, mit der Unbestimmbarkeit der Zahl
-m&ouml;glicher Ab&auml;nderungen des Wirkens eines und desselben
-Wirklichen zugleich die Unbestimmbarkeit der Zahl der Zeitpunkte
-gegeben. Wie die Menge des auf Grundlage des durch die Erfahrung
-<span class="pagenum">[<a id="pb172" href="#pb172" name=
-"pb172">172</a>]</span>gegebenen Scheins anzunehmenden Wirklichen, so
-l&auml;sst sich die Menge der auf Grundlage des angenommenen Wirklichen
-anzunehmenden Orte, <span class="ex">so</span> wie jene der auf
-Grundlage der durch Erfahrung gegebenen Ab&auml;nderungen des Wirkens
-des Wirklichen anzunehmenden Zeitpunkte je nach Bed&uuml;rfniss ins
-Unbestimmte erweitern.</p>
-<p class="par">283. Der Inbegriff des gesammten auf Grundlage des durch
-die Erfahrung gegebenen Scheins jeweilig anzunehmenden Wirklichen d. i.
-der Inbegriff s&auml;mmtlicher Atome macht den Stoff, der Inbegriff des
-von s&auml;mmtlichen Wirklichen ausgehenden Wirkens die Kraft, der
-Inbegriff s&auml;mmtlicher Orte den Raum, und jener s&auml;mmtlicher
-Zeitpunkte die Zeit aus. Da der in jedem gegebenen Augenblick dem
-Bewusstsein durch Erfahrung aufgedrungene Schein eines Wirklichen ein
-bestimmter, und insofern endlich, in jedem gegebenen Augenblick aber
-ein anderer seinerseits abermals bestimmter und insofern endlicher ist,
-so folgt, dass das Quantum des Wirklichen, da dessen Annahme nur auf
-Grund des gegebenen Scheins eines solchen erfolgt, nur dann ein
-unendliches sein muss, wenn der gegebene Schein die Annahme eines
-solchen fordert, im Uebrigen aber &uuml;ber dasselbe keine andere
-Bestimmung m&ouml;glich ist, als dass das Quantum des Stoffs dem
-Quantum des durch Erfahrung gegebenen Scheins proportional sein muss.
-Da nun der Schluss vom Schein auf das Sein keineswegs verlangt, dass
-unendlich, sondern nur, dass unbestimmt viele Wirkliche dessen reale
-Grundlage ausmachen sollen, so kann auf Grund der gegebenen Erfahrung
-&uuml;ber das Quantum des anzunehmenden Stoffs nichts weiter ausgesagt
-werden, als dass dasselbe ein verh&auml;ltnissm&auml;ssiges, mit dem
-Wachsthum des durch Erfahrung gegebenen Scheins f&uuml;r das
-Bewusstsein in stetem Wachsen begriffenes, an sich aber, da das
-Wirkliche als unbedingt gesetztes keinerlei Ab&auml;nderung seines
-Gesetztseins f&auml;hig ist, ein unver&auml;nderliches sein muss.</p>
-<p class="par">284. Wie das Quantum des Stoffs, so ist das Quantum der
-Kraft zugleich als <span class="ex">ver&auml;nderlich</span> d. i. der
-Zunahme f&auml;hig, und als <span class=
-"ex">unver&auml;nderlich</span>, einer solchen unf&auml;hig anzusehen.
-Ersteres, insofern die Annahme wirklichen Wirkens nur auf Grund des
-durch die Erfahrung dargebotenen scheinbaren Wirkens und sonach die
-Bestimmung des Quantums des ersteren nur im Verh&auml;ltniss zu dem
-erfahrungsm&auml;ssig gegebenen Quantum des letzteren statthat,
-letzteres, insofern das Wirken nichts anderes als die Verwirklichung
-der im Wirklichen unbedingt gesetzten einfachen Qualit&auml;t und
-folglich, da diese letztere unver&auml;nderlich ist, die Summe der
-Verwirklichungen <span class="pagenum">[<a id="pb173" href="#pb173"
-name="pb173">173</a>]</span>s&auml;mmtlicher einfacher Qualit&auml;ten
-des Wirklichen eben so wie die Summe dieser selbst immer dieselbe
-bleiben muss. Das Gesetz der Unver&auml;nderlichkeit des Quantums
-wirklichen Wirkens d. i. der <span class="ex">Erhaltung der
-Kraft</span> ist nur die unvermeidliche Folge des Gesetzes der
-Unver&auml;nderlichkeit des Quantums des Wirklichen d. i. der
-<span class="ex">Erhaltung des Stoffs</span>. Dagegen ist das Quantum
-der aus dem jeweilig durch Erfahrung gegebenen scheinbaren Wirken
-erschlossenen Kraft eben so wie das Quantum des auf Grund des durch die
-jeweilige Erfahrung dargebotenen scheinbaren Wirklichen erschlossenen
-Stoffs der Ver&auml;nderung, und zwar eines im richtigen
-Verh&auml;ltniss zu der allm&auml;lig anwachsenden Erfahrung
-zunehmenden Wachsthums bed&uuml;rftig und f&auml;hig.</p>
-<p class="par">285. Der Grund, weswegen letzteres, das jeweilige
-Quantum des scheinbaren mit dem des wirklichen Wirkens weder jemals
-identisch ist, noch werden kann, liegt in der Verschiedenheit,
-beziehungsweise dem Gegensatz der individuellen Wirklichen und der
-daraus fliessenden Verschiedenheit, beziehungsweise des Widerstreits
-ihres Wirkens. In der Natur der Sache liegt es, dass verschiedene, ganz
-oder theilweise der Qualit&auml;t nach entgegengesetzte Wirkliche auch
-in ihrem Wirken ganz oder theilweise einander entgegengesetzt sind d.
-h. dass ihr Wirken sich gegenseitig ganz oder theilweise zwar nicht
-vernichtet, weil die unbedingt gesetzte und selbst unver&auml;nderliche
-Qualit&auml;t des Wirklichen der Vernichtung unf&auml;hig ist, aber
-ganz oder theilweise hemmt, so dass der Schein entsteht, als werde
-nichts oder als werde weniger gewirkt, w&auml;hrend thats&auml;chlich
-gewirkt, und zwar mehr gewirkt wird als gewirkt zu werden scheint. Das
-auf diese Weise gehemmte, also scheinbar nicht wirklich, in der That
-aber wirklich, jedoch im &mdash; durch entgegengesetztes Wirken &mdash;
-gebundenen Zustande vorhandene Wirken ist gleichsam <span class=
-"ex">latentes</span>, <span class="ex">schlummerndes</span>, dagegen
-das ungehemmte, durch ganz oder theilweise Entgegengesetztes nicht
-gebundene, also freie Wirken <span class="ex">offenbares</span>,
-<span class="ex">lebendiges</span> Wirken. Die Summe des letzteren
-muss, da unter der Summe des Wirkenden jedesmal ein bestimmter
-Bruchtheil unter sich entgegengesetzten Wirkens vorhanden sein muss,
-nothwendig kleiner ausfallen als die Summe des &uuml;berhaupt (im
-gehemmten und ungehemmten Zustande) vorhandenen Wirkens und zwar desto
-kleiner, je gr&ouml;sser die Summe des unter sich entgegengesetzten,
-also sich hemmenden Wirkens im Verh&auml;ltniss zur Summe des Wirkens
-&uuml;berhaupt ist. Die Wirklichen selbst, deren Wirken gehemmt ist,
-die also, um dieses Gehemmtseins <span class="pagenum">[<a id="pb174"
-href="#pb174" name="pb174">174</a>]</span>willen, nicht zu wirken, also
-nicht wirklich zu sein scheinen, w&auml;hrend sie doch wirkend, also
-wirklich sind, stellen zusammengenommen den Inbegriff desjenigen
-Wirklichen dar, welches zwar wirklich, dem Scheine nach aber nicht
-wirklich d. h. f&uuml;r die aus dem Scheine des Wirklichen auf die
-Wirklichkeit folgernde Beobachtung so gut wie nicht vorhanden ist d. h.
-den Inbegriff des latenten, jeweilig nicht nur seiner Qualit&auml;t
-nach unbekannten, sondern auch seiner Existenz nach ungekannten
-Wirklichen.</p>
-<p class="par">286. Letzterer liefert den Vorrath sowol zur Vermehrung
-des sichtbaren, wie zur Erweiterung des Umfanges des aus gegebenem
-scheinbaren erschlossenen wirklichen Wirkens. Indem bisher gebundenes
-Wirken aus irgend einem Anlass frei d. h. ungehemmtes Wirken wird,
-tritt es aus dem latenten in den Zustand offenbaren Wirkens d. h. es
-tritt selbst, wenigstens scheinbar, als neues, bisher nicht
-wahrgenommenes Wirken zu der Summe des bisher sichtbar gewesenen
-Wirkens hinzu; indem es als offenbar gewordenes, also den Schein des
-Wirkens erzeugendes Wirken vor das Bewusstsein tritt, ruft es in diesem
-den unvermeidlichen Schluss auf wirkliches Wirken d. i. eine
-Erweiterung des bisherigen Umfanges bekannten Wirkens hervor. Wie durch
-den ersteren Umstand die Summe des sichtbaren Wirkens, so wird durch
-den letzteren die Kenntniss wirklichen Wirkens vermehrt, durch jenen
-die Summe der in der Totalit&auml;t des Wirklichen lebendig
-th&auml;tigen, im Verh&auml;ltniss zur Summe der in derselben leblos
-schlummernden Kr&auml;fte, durch diesen die Summe des auf Grund
-erweiterter Erfahrung erschlossenen Wirklichen gegen&uuml;ber dem auf
-Grund der bisherigen Erfahrung als wirklich gekannten, ebenm&auml;ssig
-vergr&ouml;ssert.</p>
-<p class="par">287. Da das Quantum des &uuml;berhaupt vorhandenen
-Wirkens nach Obigem unver&auml;nderlich, die Summe des jeweilig
-ungehemmten Wirkens aber ver&auml;nderlich ist, so folgt, dass jede
-Zunahme der Summe des sichtbaren von einer entsprechenden Abnahme der
-Summe des gebundenen Wirkens und umgekehrt jede Zunahme dieser von
-einer Verminderung jener begleitet sein muss. K&ouml;nnte die Abnahme
-sichtbaren Wirkens je so weit sich erstrecken, dass jedes ungehemmte
-Wirken sich in gehemmtes, also jedes wirkliche Wirken in scheinbares
-Nichtwirken verkehrte, so m&uuml;sste an Stelle des Scheins eines
-Wirklichen vielmehr der entgegengesetzte Schein der Abwesenheit irgend
-eines Wirklichen d. h. es m&uuml;sste der Schein der Wirklichkeit des
-Nichts (Nihilismus) entstehen, welches sich selbst widerspricht. Sollte
-dagegen in umgekehrter Weise die Zunahme <span class="pagenum">[<a id=
-"pb175" href="#pb175" name="pb175">175</a>]</span>des sichtbaren
-Wirkens so weit fortschreiten, dass s&auml;mmtliches gebundenes sich in
-freies Wirken verwandelte, also jeder Schein eines Nichtwirkens sich in
-den entgegengesetzten Schein des Wirkens aufl&ouml;ste, so m&uuml;sste,
-da jede Hemmung eines Wirkens nur aus der Verschiedenheit,
-beziehungsweise dem Gegensatze der Wirkenden entspringt, der Schein
-entstehen, als sei zwischen den Wirkenden &uuml;berhaupt keine
-Verschiedenheit d. h. als seien &uuml;berhaupt nicht unterschiedene
-Wirkliche (Pluralismus, Individualismus), sondern nur ein einziges,
-schlechterdings unterschiedloses Wirkliches (Monismus, All-Eins-Lehre)
-vorhanden; welcher Schein, da, wie oben gezeigt, die Annahme eines
-einzigen Wirklichen auch nicht einmal die Entstehung des Scheins einer
-Vielheit erm&ouml;glicht, sich selbst widerspricht. Da sonach von
-diesen beiden F&auml;llen keiner als jemals m&ouml;glicher Weise
-eintretend gedacht werden darf, ohne etwas sich selbst Widersprechendes
-zu denken, so folgt, dass weder die Abnahme des sichtbaren Wirkens
-jemals so weit gehen kann, dass v&ouml;llige Ruhe (Leblosigkeit), noch
-die Zunahme desselben je so hoch sich steigern kann, dass
-durchg&auml;ngige Lebendigkeit (Bewegung) im ganzen Umkreis des
-Wirklichen herrsche, sondern dass immer Ruhe und Bewegung, Leblosigkeit
-und Lebendigkeit zugleich, jedes in einem mehr oder weniger weit
-reichenden Theile des Wirklichen vorhanden sei.</p>
-<p class="par">288. Wie den Quantis des Stoffs und der Kraft, kommt den
-Quantis des Raumes und der Zeit Wandelbarkeit zugleich und
-Wandellosigkeit zu. Wenn der erstere nichts anderes ist als der
-Inbegriff der Orte des Wirklichen, so folgt, dass dessen Quantum weder
-gr&ouml;sser noch kleiner sein kann als das Quantum des Wirklichen. Da
-nun das letztere, wie gezeigt, in einer Hinsicht ver&auml;nderlich, in
-einer andern dagegen unver&auml;nderlich ist, so folgt, dass in Bezug
-auf das Quantum des Raumes dasselbe stattfinden muss. Jede Erweiterung
-des bisher bekannten Umfanges des Wirklichen durch die Annahme neuer
-Wirklicher macht die Annahme neuer Orte und damit die Vermehrung des
-bisherigen Quantums des Raums n&ouml;thig. Die Erhaltung des Quantums
-des Stoffs d. i. des Inbegriffs aller Wirklichen, deren jedes seines
-von dem jedes andern unterschiedenen Orts bedarf, macht die Erhaltung
-des Quantums des Raums unvermeidlich. Wenn die Zeit nichts anderes ist
-als der Inbegriff der Zeitpunkte d. i. derjenigen Bedingungen, unter
-welchen allein das Wirken eines Wirklichen jeweilig ein anderes
-geworden, das Wirkliche selbst aber dasselbe geblieben sein kann,
-<span class="pagenum">[<a id="pb176" href="#pb176" name=
-"pb176">176</a>]</span>so folgt, dass jedes Anderswerden der Wirkung
-mindestens zwei Zeitpunkte, denjenigen, in welchen das
-unver&auml;nderte, und denjenigen, in welchen das ver&auml;nderte
-Wirken f&auml;llt, fordere, und daher das Quantum der Zeitpunkte nicht
-kleiner sein k&ouml;nne als das Quantum der eingetretenen
-Ver&auml;nderungen des Wirkens. Da nun das Quantum des Wirkens
-&uuml;berhaupt, also auch das Quantum der in demselben enthaltenen
-Ab&auml;nderungen des Wirkens einerseits, wie aus der Erhaltung des
-Stoffs folgt, immer dasselbe, andererseits, wie aus der
-Ver&auml;nderlichkeit des scheinbaren Wirkens folgt, ver&auml;nderlich
-ist, so folgt, dass auch das Quantum der Zeit einerseits, so weit
-dasselbe durch das Quantum der &uuml;berhaupt wirklichen
-Ab&auml;nderungen des Wirkens bedingt ist, immer dasselbe, dagegen, so
-weit dasselbe von dem jeweilig im Bewusstsein schwebenden Quantum
-scheinbaren Wirkens abh&auml;ngig ist, ver&auml;nderlich sein muss.</p>
-<p class="par">289. Aus dem Begriff des Raumes folgt, dass er
-erf&uuml;llter Raum sei d. h. dass es einen sogenannten leeren Raum
-nicht geben k&ouml;nne. Da derselbe nichts anderes ist, als der
-Inbegriff der Orte, die Setzung eines Orts aber nur auf Veranlassung
-und im Gefolge der Setzung eines Wirklichen, dessen Ort er ist,
-erfolgt, so kann es weder Orte geben, in welchen kein Wirkliches, noch
-Wirkliche, f&uuml;r welche kein Ort gesetzt ist. Die an verschiedenen
-Orten befindlichen Wirklichen k&ouml;nnen daher zwar nicht nur
-<span class="ex">ausser einander</span>, sondern es k&ouml;nnen auch
-zwischen ihren Orten andere Orte gelegen d. h. sie m&uuml;ssen nicht
-<span class="ex">an einander</span> sein; keineswegs aber d&uuml;rfen
-die zwischen ihren Orten gelegenen Orte als leer d. h. als solche
-gedacht werden, in welchen kein Wirkliches befindlich ist. Folge davon
-ist, dass eine sogenannte <span lang="la">actio in distans</span> d. h.
-ein Wirken durch den leeren Raum hindurch schon aus dem Grunde
-unm&ouml;glich wird, weil die Voraussetzung derselben, der leere d. h.
-mit Wirklichen nicht erf&uuml;llte Raum eine in sich widersprechende,
-folglich im Umfang des auf Grundlage des Wirklichen gesetzten Raums
-niemals zutreffende Annahme ist.</p>
-<p class="par">290. Da der Ort jedes Wirklichen, so lange deren
-individuelle Unterschiedenheit von ihren r&auml;umlichen und zeitlichen
-Bestimmungen abh&auml;ngig gedacht wird, nur ein einziger sein kann, so
-bleibt derselbe so lange unbestimmt, als sich auch nur ein einziger Ort
-angeben l&auml;sst, welcher demselben Wirklichen mit gleichem Recht
-zugesprochen werden kann. Dieses aber ist der Fall, wenn das Wirken des
-Wirklichen als eine Function seines Aussereinander mit anderen
-Wirklichen gedacht und sonach der Ort desselben als <span class=
-"pagenum">[<a id="pb177" href="#pb177" name=
-"pb177">177</a>]</span>lediglich durch die Entfernung von dem Ort eines
-anderen Wirklichen bestimmt vorgestellt wird. Denn sodann findet sich
-nicht nur ein einziger Ort, sondern es finden sich unz&auml;hlige Orte,
-welche mit gleichem Recht als Ort jenes Wirklichen angenommen werden
-k&ouml;nnen, da sie alle von dem zweiten die gleiche Entfernung haben,
-n&auml;mlich alle diejenigen, welche die Oberfl&auml;che einer Kugel
-bilden, deren Mittelpunkt das zweite Wirkliche und deren Radius der
-Abstand des ersten vom zweiten ist. Soll daher aus diesen
-unz&auml;hligen ein einzelner als Ort des Wirklichen ausgeschieden
-werden, so m&uuml;ssen zu der Angabe der Entfernung weitere Angaben
-hinzukommen, deren eine darin besteht, in welcher der unz&auml;hligen
-Kreisebenen, welche durch den Mittelpunkt jener Kugel gelegt werden
-k&ouml;nnen, deren zweite dahin lautet, in welchem der in jener
-Kreisebene vom Mittelpunkt an die Peripherie gezogenen Radien der Ort
-jenes Wirklichen zu suchen sei. Erst durch die letztgenannte dieser
-Angaben ist der Ort des Wirklichen v&ouml;llig und dergestalt bestimmt,
-dass schlechterdings kein zweiter angebbar ist, welcher mit ihm die
-n&auml;mlichen r&auml;umlichen Bestimmungen theilte. Dieselben sind
-daher f&uuml;r jeden unter obigen Bedingungen gesetzten Ort eines
-Wirklichen dreifach und zwar durch dessen Beziehungen zu drei auf
-einander in demselben Punkte senkrechten Richtungen (den sogenannten
-Coordinaten) fixirt, der auf solche Weise gedachte Raum daher als ein
-dreidimensionaler, nach den Richtungen der L&auml;nge, Breite und Tiefe
-ausgedehnter, vorgestellt.</p>
-<p class="par">291. Da letztere Vorstellung nur unter der Annahme
-erfolgt, dass das Wirken des Wirklichen eine Function der Entfernung
-desselben von einem anderen Wirklichen sei, so leuchtet ein, dass deren
-Nothwendigkeit schwindet, sobald an die Stelle obiger Annahme eine
-andere gesetzt, das Wirken des Wirklichen z. B. statt von der
-Entfernung desselben von einem andern Wirklichen, von dessen
-Nichtentferntsein von letzterem d. h. statt von dem r&auml;umlichen
-Aussereinander von dem &ouml;rtlichen Ineinander beider Wirklichen
-abh&auml;ngig gedacht wird. In diesem Falle w&auml;re n&auml;mlich der
-Ort des Wirklichen auch durch die Angabe seiner Lage im Raume nach
-allen drei Dimensionen desselben noch nicht bestimmt, da sich noch
-immer ein zweiter Ort angeben liesse, welcher ganz die n&auml;mliche
-Lage im Raume bes&auml;sse, n&auml;mlich jener des zweiten Wirklichen,
-von welchem das erste der Annahme zufolge &bdquo;nicht entfernt&rdquo;,
-sondern mit welchem dasselbe &bdquo;in einander&rdquo; sein soll. Es
-m&uuml;sste also, wenn die Wirklichen dennoch verschieden sein sollten,
-entweder <span class="pagenum">[<a id="pb178" href="#pb178" name=
-"pb178">178</a>]</span>der Raum eine weitere, sogenannte vierte
-Dimension besitzen, nach welcher Orte desselben, deren Lage nach
-L&auml;nge, Breite und Tiefe identisch ist, dennoch verschieden sein
-k&ouml;nnten, oder die Verschiedenheit der Wirklichen d&uuml;rfte nicht
-mehr blos in deren r&auml;umlichen (oder zeitlichen) Bestimmungen,
-sondern sie m&uuml;sste in deren sogenannter innerer Beschaffenheit
-gelegen sein. Obige Annahme, dass das Wirken des Wirklichen eine
-Function der Entfernung, um so mehr die fernere enger begrenzte, dass
-dieselbe in einer Abnahme der Wirkung mit der Entfernung, so wie die
-engste, dass diese Abnahme im Quadrat der Entfernung erfolge, hat schon
-Kant in seinen &bdquo;Gedanken von der wahren Sch&auml;tzung lebendiger
-Kr&auml;fte&rdquo; (Werke Hart. VIII. 26) f&uuml;r eine
-&bdquo;willk&uuml;rliche&rdquo; erkl&auml;rt, an deren statt an sich
-eben so gut eine andere, z. B. dass mit der Entfernung eine Zunahme des
-Wirkens eintrete, oder die Abnahme im Cubus der Entfernung erfolge etc.
-h&auml;tte gedacht werden k&ouml;nnen. Dieselbe wird eben nur deshalb
-gedacht, weil wir uns von einem Raume, der unter einer anderen Annahme
-entsteht, z. B. von einem vierdimensionalen, eben, wie Kant gleichfalls
-p. 27 bemerkt, keine Vorstellung zu machen im Stande sind, und die
-gegebene Erfahrung des scheinbar Wirklichen mit der Annahme des
-dreidimensionalen Raums und der Abnahme der Wirkung im Quadrate der
-Entfernung am vollkommensten &uuml;bereinstimmt.</p>
-<p class="par">292. Wie der Raum unter der Annahme, dass das Wirken
-eine Function der Entfernung sei, eine dreidimensionale, so hat die
-Zeit unter der Annahme dass das Wirkende vor und nach der
-Ab&auml;nderung seines Wirkens dasselbe sei, nur eine eindimensionale
-Ausdehnung. Wie jeder Ort im Raum durch sein Verh&auml;ltniss zu einem
-andern nach drei in demselben auf einander senkrechten Richtungen, so
-ist jeder Punkt in der Zeit durch sein Verh&auml;ltniss zu zwei andern
-mit ihm in derselben Richtung gelegenen, deren einer vor, der andere
-hinter ihm liegt, so lange vollkommen bestimmt, als nicht an die Stelle
-des ersten ein zweites Wirkliches getreten ist. Denn nur unter der
-letztern Voraussetzung, dass es sich nicht mehr um eine Ab&auml;nderung
-des Wirkens desselben, sondern eines anderen Wirklichen handelt, ist es
-m&ouml;glich, dass es noch einen zweiten Zeitpunkt gibt, welcher in der
-n&auml;mlichen Richtung von einem vor und einem hinter ihm gelegenen
-Punkte die n&auml;mliche Entfernung besitzt wie jener erste.</p>
-<p class="par">293. Mit der Annahme, dass das Wirken &uuml;berhaupt
-keine Function der Entfernung, also von dieser unabh&auml;ngig, jedes
-Mass <span class="pagenum">[<a id="pb179" href="#pb179" name=
-"pb179">179</a>]</span>der Entfernung f&uuml;r das Mass der Wirkung
-gleichgiltig sei, hat sich der Mysticismus, der an die &bdquo;Wirkung
-in die Ferne&rdquo; glaubt, mit der Voraussetzung, dass der Raum eine
-vierte Dimension besitze, der moderne in ein exactes Gewand sich
-drapirende Spiritismus, mit der Hypothese endlich, dass die
-Verschiedenheit der individuellen Wirklichen nicht sowol in deren
-r&auml;umlicher und zeitlicher Bestimmtheit, als vielmehr in deren
-innerer qualitativer Unterschiedenheit zu suchen sei, der (im
-Unterschied vom quantitativen sogenannte) qualitative Atomismus
-(Leibnitz, Herbart, Lotze) zu schaffen gemacht. Der erste geht von dem
-Grundsatz aus, dass zwar die Orte der Wirklichen verschieden, also die
-Wirklichen ausser einander, das eine z. B. wie Ennemosers magnetisirte
-Frau in St. Petersburg, das andere, der Magnetiseur, in M&uuml;nchen
-seien, die Entfernung beider Orte jedoch f&uuml;r die Wirkung
-gleichgiltig d. h. diese auch bei der gr&ouml;ssten Entfernung
-ungeschw&auml;cht und die n&auml;mliche sei. Der zweite l&auml;sst, und
-darin besteht seine Uebereinstimmung mit der einmal angenommenen Basis
-der exacten Naturwissenschaft, welche bewirkt, dass derselbe auch
-f&uuml;r Naturforscher verlockende Kraft besitzt &mdash; der zweite
-l&auml;sst die Annahme, dass das Wirken eine Function der Entfernung d.
-h. der Verschiedenheit der Orte der Wirklichen sei, gelten, besteht
-aber darauf, dass die Orte zweier Wirklichen, deren r&auml;umliche Lage
-nach allen drei bekannten Abmessungen des Raumes identisch ist, dennoch
-verschiedene seien d. h. dass der Raum eben noch eine, die vierte
-Dimension, besitze. Der qualitative Atomismus aber, welcher die
-r&auml;umliche und zeitliche Verschiedenheit der Wirklichen nur als
-eine Folge der qualitativen Verschiedenheit derselben ansieht d. h.
-deren r&auml;umliches Ausser- und zeitliches Nacheinander nicht als die
-Bedingung, sondern als die Folge der Wechselwirkung der letzteren
-betrachtet, daher statt die Wirkung als eine Function der Entfernung zu
-definiren, dieselbe vielmehr (wie der Mysticismus) nur unter
-Voraussetzung v&ouml;lligen &bdquo;Ineinanders&rdquo; der Wirklichen
-f&uuml;r m&ouml;glich h&auml;lt, kommt dadurch dahin, die
-r&auml;umliche und zeitliche Ausdehnung f&uuml;r blossen (wenngleich
-objectiven) Schein, die Totalit&auml;t s&auml;mmtlicher individueller
-Wirklichen f&uuml;r r&auml;umlich und zeitlich ungeschieden, sonach (in
-r&auml;umlicher und zeitlicher, also quantitativer Hinsicht) als eins
-und doch ihrer Beschaffenheit nach als geschieden: d. h. (in
-qualitativer Hinsicht) als vieles zu setzen.</p>
-<p class="par">294. Mit der Entwickelung der Dreidimensionalit&auml;t
-des Raums aus der &bdquo;willk&uuml;rlichen Annahme&rdquo;, dass das
-Wirken Function der <span class="pagenum">[<a id="pb180" href="#pb180"
-name="pb180">180</a>]</span>Entfernung sei, hat die Wissenschaft vom
-Wirklichen die Grenze desjenigen, was sich aus der Thatsache des
-Scheins des Vielen und Vielfachen auf philosophische d. i. auf
-nothwendige Weise, oder so aussagen l&auml;sst, dass eine gegentheilige
-Behauptung das Denken selbst aufheben w&uuml;rde, &uuml;berschritten.
-Dass Wirkliches, und zwar Vieles und Vielfaches, demnach, wenn nicht
-anders, doch wenigstens als durch seine r&auml;umliche und zeitliche
-Bestimmtheit Unterschiedenes gedacht werden m&uuml;sse und nicht nicht
-gedacht werden k&ouml;nne, ohne das Denken mit sich selbst d. i. mit
-seinen eigenen Normen in Widerspruch zu versetzen, folgert der
-Realismus aus der Thatsache des Scheins vieler und vielfacher
-Wirklichen mit Nothwendigkeit; dass das Wirken des Wirklichen eine
-Function der Entfernung der Orte des Wirklichen, zu der Erkl&auml;rung
-des ersteren demnach die Annahme der Dreidimensionalit&auml;t des
-Raumes erforderlich sei, folgert derselbe aber nur als
-M&ouml;glichkeit, neben welcher andere M&ouml;glichkeiten, und auf
-Grund der gegebenen Erfahrung als eine Wahrscheinlichkeit, neben
-welcher diese anderen als Unwahrscheinlichkeiten bestehen. Weder die
-Annahme des Mysticismus, dass das Wirken keine Function der Entfernung,
-noch jene des Spiritismus, dass der Raum vierdimensional sei, hat, so
-lange nicht zahlreichere und besser als die bisherigen beglaubigte
-Thatsachen deren M&ouml;glichkeit erweisen, die Wahrscheinlichkeit
-f&uuml;r sich; der qualitative Atomismus, welcher dahin gelangt, die
-Vielen (quantitativ) als eins und (qualitativ) als viele zu setzen, hat
-den Widerspruch, dass eins = vieles und vieles = eins sein soll, und
-damit die M&ouml;glichkeit gegen sich.</p>
-<p class="par">295. Aber auch der Versuch, das Denken selbst zu
-verleugnen und mit dessen Umgehung auf einem anderen Wege des
-Wirklichen sich zu bem&auml;chtigen, wie ihn der das Denken
-transcendirende und darum wol auch (obgleich, wie oben bemerkt,
-f&auml;lschlich) sogenannte transcendentale Realismus wagt, f&uuml;hrt
-zu keinem andern Ziel. Derselbe st&uuml;tzt sich entweder, um der
-Nothwendigkeit zu entgehen, dasjenige, was vom Denken als seiend
-anzunehmen verboten wird, ablehnen, oder, was von diesem als wirklich
-anzunehmen geboten wird, annehmen zu m&uuml;ssen, auf den trivialen
-Satz, dass dasjenige, was durch das Zeugniss der Sinne best&auml;tigt,
-wahr, was durch dasselbe verworfen werde, falsch sei, gleichviel ob das
-erstere den Normen des Denkens entgegen, das letztere durch dieselben
-zu denken geboten sei, und f&auml;llt dadurch auf den l&auml;ngst
-kritisch &uuml;berwundenen Standpunkt des gemeinen empirischen
-Realismus zur&uuml;ck. Oder er <span class="pagenum">[<a id="pb181"
-href="#pb181" name="pb181">181</a>]</span>beruft sich, um den
-Forderungen des Denkens auszuweichen, auf ein vom Vorstellen (dem
-Intellect) wesentlich und der Art nach verschiedenes Organ, &uuml;ber
-welches die Gesetze des logischen Vorstellens (die Normen des
-Intellects) keine Gewalt haben, dem sie daher auch weder zu gebieten,
-noch zu verbieten berechtigt sein sollen. Als ein solches wird von der
-einen Schule des transcendenten Realismus (Gef&uuml;hlsphilosophie:
-Jacobi) das Gef&uuml;hl, von der andern (Willensphilosophie:
-Schopenhauer) das Wollen bezeichnet. Jener zufolge ergreift im
-Gef&uuml;hl der F&uuml;hlende das Wirkliche (&uuml;bersinnlich Reale)
-unmittelbar, ohne Dazwischenkunft und folglich zwar ohne die Hilfe,
-aber auch ohne die M&auml;ngel des Intellects; dieser zufolge weiss das
-Subject, indem es sich selbst als wollendes weiss, damit zugleich das
-einzige wahrhaft Wirkliche, den Willen, unmittelbar, ohne
-Dazwischenkunft und folglich auch ohne das Tr&uuml;gerische der
-Vorstellung. Von der ersteren gilt, dass, da im Gef&uuml;hl
-Gef&uuml;hltes und F&uuml;hlen ununterscheidbar zusammenrinnt,
-derjenige, der blos f&uuml;hlt, eben darum nicht weiss, und daher
-blosses F&uuml;hlen eben so wenig wie blosses &bdquo;Ahnen&rdquo;
-(Fries) Princip und Grundlage einer Wissenschaft werden kann. Von der
-letzteren gilt, dass, wie schon Herbart treffend bemerkt hat,
-unmittelbares Wissen wie seiner selbst als Wollenden, so des Wirklichen
-als Willen, ein Wissen, folglich die M&ouml;glichkeit zu wissen, und
-schliesslich, da Wissen eben nichts anderes als eine Art des Denkens d.
-i. wahres Denken ist, das angeblich mit Umgehung des Denkens erfolgte
-Ergreifen des Wirklichen, um &uuml;berhaupt m&ouml;glich zu sein, das
-Denken voraussetzt.</p>
-<p class="par">296. Letzterer Einwand, welcher die M&ouml;glichkeit,
-mit Umgehung des Denkens zu dem transcendenten Sein, dem Wirklichen
-selbst zu gelangen, &uuml;berhaupt trifft, wird nicht widerlegt,
-sondern nur umgangen durch die Behauptung, dass die Natur des
-Wirklichen auf dem Erfahrungswege zwar nicht der gemeinen,
-sinnenf&auml;lligen, aber einer nicht gemeinen, mystischen Empirie
-erkannt d. h. dass das &bdquo;speculative Resultat&rdquo; die
-Erkenntniss des Wirklichen seinem Wesen nach, &bdquo;auf inductivem
-Wege&rdquo; d. i. an der Hand exacter Thatsachen erreicht werde.
-Ersteres w&auml;re nur dann der Fall, wenn entweder der
-&bdquo;Erfahrungsweg&rdquo; das Denken aus- oder der angeblich
-&bdquo;inductive Weg&rdquo; exacte Thatsachen einschl&ouml;sse. Jenes
-findet so wenig statt, dass vielmehr die Kritik des sogenannten
-empirischen Realismus eben nichts anderes betrifft als das Verbot, sich
-des sogenannten Erfahrungsweges ohne vorl&auml;ufige Sichtung
-<span class="pagenum">[<a id="pb182" href="#pb182" name=
-"pb182">182</a>]</span>nach den Normen des logischen Denkens zu
-bedienen, dieses aber bleibt wenigstens so lange und f&uuml;r alle
-diejenigen zweifelhaft, als und f&uuml;r welche die angeblichen
-Erscheinungen der Naturheilkraft des Hellsehens, des Instincts u. s. w.
-den Werth unbestrittener Erfahrungsthatsache entweder noch nicht
-erreicht haben, oder, was eben so m&ouml;glich, ja vielleicht
-wahrscheinlicher ist, niemals erreichen werden.</p>
-<p class="par">297. Mit obiger Grenz&uuml;berschreitung ist aber auch
-der Punkt erreicht, wo die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen
-der Erfahrungswissenschaft von demselben die Hand zu bieten vermag.
-Jene, die von der Erfahrung aus-, aber auf Grund in deren Inhalt
-gelegener N&ouml;thigung &uuml;ber dieselbe hinausgeht, hat mit der
-letzteren, die nicht nur wie jene auf der Erfahrung fusst, sondern auch
-innerhalb derselben verharrt, die Aufgabe gemein, die Erfahrung
-begreiflich zu machen. Seitens der letzteren geschieht dies, indem sie
-das gesammte Wissen vom Wirklichen auf den Boden der Erfahrung zu
-stellen, seitens der ersteren, indem sie den Boden der Erfahrung selbst
-sicher zu legen unternimmt. Beide, die philosophische und die
-empirische Wissenschaft vom Wirklichen gleichen Arbeitern, welche von
-den entgegengesetzten Seiten eines Berges her, unsichtbar f&uuml;r
-einander, aber auf gemeinsamen Voraussetzungen fussend und einer
-gemeinsamen Methode sich bedienend, einen Tunnel durch das Innere
-desselben zu bohren unternehmen, in der Hoffnung, wenn ihre
-Voraussetzungen giltig und ihre Berechnungen richtig sind, irgendwo in
-der H&ouml;hlung desselben zusammenzutreffen. Jene schreitet von den
-allgemeinen Begriffen und Principien des Wirklichen und seines Wirkens
-in der Richtung gegen die erfahrungsm&auml;ssig gegebenen Erscheinungen
-der scheinbaren Wirklichkeit nach vorw&auml;rts, diese, von der
-Erscheinungswelt der Erfahrung in der Richtung gegen deren allgemeinste
-und oberste reale und gesetzliche Voraussetzungen nach
-r&uuml;ckw&auml;rts. Wenn beider methodische Grunds&auml;tze giltig und
-ihre Folgerungen zutreffend sind, werden beide fr&uuml;her oder
-sp&auml;ter irgendwo an der Grenze einerseits des Denknothwendigen,
-andererseits des Erfahrbaren einander begegnen m&uuml;ssen.</p>
-<p class="par">298. Einen thats&auml;chlichen Beweis f&uuml;r die
-Richtigkeit dieser Annahme liefert die Herrschaft, welche die Atomistik
-einerseits als philosophische &uuml;ber die philosophische,
-andererseits als physikalische &uuml;ber die empirische Wissenschaft
-vom Wirklichen gewonnen hat. In der ersteren ist dieselbe als zugleich
-realistische und pluralistische <span class="pagenum">[<a id="pb183"
-href="#pb183" name="pb183">183</a>]</span>Grundlegung der
-ph&auml;nomenalen Welt an die Stelle der sowol idealistischen als
-monistischen einstigen &bdquo;Naturphilosophie&rdquo;, in der letzteren
-ist sie, wie Fechner eben so gr&uuml;ndlich als scharfsinnig
-ausgef&uuml;hrt hat, l&auml;ngst mit Recht an die Stelle der (noch von
-Kant beg&uuml;nstigten) einstigen dynamischen Naturauffassung getreten.
-So wenig, wie Fechner selbst zugestanden hat, die philosophische
-Atomenlehre mit der physikalischen identisch, so gewiss ist dieselbe
-mit der letzteren vertr&auml;glich d. h. bietet die Existenz einer
-unbestimmten Vielheit einfacher wirklicher und unausgesetzt wirkender
-Wesen einen realen Ankn&uuml;pfungspunkt dar f&uuml;r die
-Zur&uuml;ckf&uuml;hrung der gesammten Ph&auml;nomene der
-k&ouml;rperlichen Welt auf die Existenz unbestimmt vieler untheilbarer
-und daher gleichfalls &bdquo;einfach&rdquo; genannter, mit rastlos
-th&auml;tigen Kr&auml;ften ausgestatteter Elemente. Dass die letzteren
-ihrer behaupteten Einfachheit ungeachtet von Fechner als
-&bdquo;k&ouml;rperliche&rdquo; bezeichnet werden, ist nur als Beleg
-anzusehen, dass die empirische Wissenschaft vom Wirklichen, welche
-innerhalb der Grenzen des sinnlich Erfahrbaren bleibt, der
-philosophischen, welche von Haus aus &uuml;ber dieselben hinaus
-f&uuml;hrt, zwar stetig sich n&auml;hert, aber sie noch nicht
-ber&uuml;hrt.</p>
-<p class="par">299. Aber nicht nur der empirischen Wissenschaft von der
-k&ouml;rperlichen, auch jener von der Bewusstseinswelt sowol des
-Einzel- wie des gesellschaftlichen Subjects bietet die philosophische
-Wissenschaft vom Wirklichen, jener in dem einfachen Wirklichen eine
-reale, dieser in der unbestimmten Menge realer Bewusstseinstr&auml;ger
-eine reale und pluralistische Grundlage dar. Wie die unbestimmte
-Vielheit einfacher Wirklicher den haltbaren Boden f&uuml;r den aus
-einer eben so unbestimmten Vielheit atomistischer Elemente
-zusammengesetzten <span class="ex">Stoff</span> der <span class=
-"ex">physischen</span> Welt, so bildet das einzelne individuelle
-Wirkliche den haltbaren Mittelpunkt, in welchem der aus einer
-unbestimmten Menge elementarer Bewusstseinsvorg&auml;nge bestehende
-<span class="ex">Stoff</span> der <span class="ex">psychischen</span>
-Welt im Ph&auml;nomen der Einheit des Ich&rsquo;s wie in einem
-Brennpunkt zusammenfliesst, und macht die Vielheit individueller
-Wirklichen der letztgenannten Art, deren jedes f&uuml;r sich ein
-Bewusstseinscentrum abgibt, die unentbehrliche Grundlage dessen aus,
-was als Vereinigung durch ein gemeinsames Band unter einander
-verkn&uuml;pfter, bewusster oder doch bewusstseinsf&auml;higer
-Individuen den <span class="ex">Stoff</span> der <span class=
-"ex">Gesellschaft</span> und der Entwickelung derselben in den Grenzen
-des Raums und in der Folge der Zeit d. i. der <span class=
-"ex">Geschichte</span> ausmacht. <span class="pagenum">[<a id="pb184"
-href="#pb184" name="pb184">184</a>]</span></p>
-<p class="par">300. Letzteren, den dreifachen Stoff, den die
-Betrachtung der k&ouml;rperlichen, der Bewusstseins- und der
-geschichtlichen Welt liefert, aber vermag die Wissenschaft vom
-Wirklichen nicht der philosophischen, sondern nur der empirischen
-Wissenschaft von diesem zu entlehnen. Der philosophischen Wissenschaft
-vom Wirklichen kann es nicht beikommen, die unausgef&uuml;llte Kluft,
-welche zwischen den &auml;ussersten erlaubten Consequenzen des
-Denknothwendigen und den &auml;ussersten Grenzen des Erfahrbaren
-&uuml;brig bleibt, durch Conjecturen ausf&uuml;llen, oder den Uebergang
-von dem einen zum andern durch Einbildungen ebnen zu wollen, welche
-weder mehr in der Nothwendigkeit des Denkens, noch schon in der
-M&ouml;glichkeit der Erfahrung eine Rechtfertigung zu finden im Stande
-sind. Dieselbe hat zwar die Aufgabe, die Erfahrung zu befragen und,
-wenn deren Antwort ihr unbefriedigend, sei es der Form nach
-unvollkommen, sei es dem Inhalt nach unvollst&auml;ndig d&uuml;nkt,
-dieselbe den Normen des Denknothwendigen gem&auml;ss der ersten nach zu
-berichtigen, dem zweiten nach deren Erg&auml;nzung abzuwarten, aber sie
-hat weder die Mittel dieselbe aus Eigenem zu ersetzen, noch, wenn sie
-nicht vom Taumel orphischen Hochmuths ergriffen ist, jemals die
-Anmassung, die Erfahrung &uuml;berfl&uuml;ssig machen zu wollen. Indem
-sie sonach an die selbst aus der Erfahrung gesch&ouml;pfte Eintheilung
-des erfahrbaren Wirklichen in ein solches, dessen Kenntniss aus der
-sogenannten &auml;usseren (Physisches) ein solches, dessen Kenntniss
-aus der sogenannten inneren (Psychisches), und in ein solches, dessen
-Kenntniss aus der &auml;ussern und innern Erfahrung zugleich stammt
-(Sociales, Geschichtliches) sich unbedenklich anschliesst, begn&uuml;gt
-sie sich, jedes der drei genannten Gebiete des Erfahrbaren mit dem auf
-Grund der Erfahrung, aber durch Hinausgehen &uuml;ber dieselbe als
-denknothwendig erkannten, wahren Wirklichen zu vermitteln und in einer
-an logischem Faden ungezwungen fortlaufenden Anordnung des durch die
-Erfahrung gebotenen Stoffs eine systematische Uebersicht des
-erfahrbaren Wirklichen in der K&ouml;rper-, in der Geistes- und in der
-geschichtlichen Welt zu entwerfen. Jenes macht den Inhalt der
-philosophischen Betrachtung der sogenannten bewusstlosen Welt, oder des
-Nicht-Ich, das zweite den Inhalt der Betrachtung der bewussten Welt,
-des Ich, das dritte den Inhalt der Betrachtung einer gleichfalls
-bewussten, aber in dem Bewusstsein einer Mehrheit zur Einheit
-verkn&uuml;pfter, bewusster Individuen d. i. einer Gesellschaft sich
-abspielenden Welt des socialen oder geschichtlichen Ich aus.
-<span class="pagenum">[<a id="pb185" href="#pb185" name=
-"pb185">185</a>]</span></p>
-<p class="par">301. Die Betrachtung des Nicht-Ich beginnt mit jener des
-letzten, was auf dem Wege der Erfahrung, oder vielmehr schon nur durch
-einen Sprung, der &uuml;ber die wirkliche Erfahrung hinausf&uuml;hrt,
-erreichbar ist, des Atoms. Dasselbe ist nach der Ansicht der Physiker
-(Amp&egrave;re, Moigno u. A.) zwar einfach aber doch
-&bdquo;k&ouml;rperlich&rdquo; (Fechner); jenes bedeutet, dass dasselbe
-untheilbar oder doch wenigstens f&uuml;r jetzt nicht weiter als
-getheilt angesehen sein soll, dieses, dass dasselbe nichts desto
-weniger als materiell d. i. dem k&ouml;rperlichen Stoff (Materie),
-dessen letzten Bestandtheil es ausmacht, als gleichartig gelten soll.
-Erstere Eigenschaft n&auml;hert, letztere dagegen entfernt das
-physikalische Atom von dem philosophischen, welches letztere zwar im
-strengsten Sinn des Wortes seiner Qualit&auml;t nach als einfach,
-dessen Qualit&auml;t selbst aber als schlechterdings unbekannt d. h.
-auch nicht, wie jene des physikalischen Atoms, etwa als materiell zu
-denken ist. Je nachdem empirische Naturbetrachtung von der Ansicht
-ausgeht, dass s&auml;mmtliche Atome unter einander der Qualit&auml;t
-nach gleich, oder einige derselben urspr&uuml;nglich und
-unver&auml;nderlich ihrer qualitativen Beschaffenheit nach von jener
-der anderen verschieden sind, scheidet sich dieselbe in eine rein
-quantitative und in eine ganz oder doch zum Theile qualitative
-Atomistik, deren erstere nicht nur alle Verschiedenheiten der
-K&ouml;rper, sondern auch s&auml;mmtliche Erscheinungen der
-k&ouml;rperlichen Welt aus den Verschiedenheiten rein quantitativer
-Beziehungen unter der Qualit&auml;t nach homogenen, die letztere
-dagegen dieselben ganz oder doch theilweise aus der verschiedenen
-qualitativen Natur die Elemente der K&ouml;rper, so wie die Grundlage
-k&ouml;rperlicher Erscheinungen ausmachender, unter einander
-heterogener Atome abzuleiten bem&uuml;ht ist.</p>
-<p class="par">302. Die erfahrungsm&auml;ssig gegebenen
-Verschiedenheiten der K&ouml;rper <span class="corr" id="xd24e2316"
-title="Quelle: d.i.">d. i.</span> der r&auml;umlich und zeitlich
-begrenzten zusammengeh&ouml;rigen Gruppen von Atomen, also die
-Unterschiede einerseits des belebten (organischen) oder leblosen
-(unorganischen) K&ouml;rpers, ferner die Unterschiede der letzteren,
-als zusammengesetzte, die sich in weitere, der Qualit&auml;t nach
-verschiedene Bestandtheile zerlegen, und einfache (die sogenannten
-einfachen Stoffe der Chemie), die sich in solche nicht weiter
-aufl&ouml;sen lassen, ferner die Unterschiede der letzteren selbst je
-nach ihrer qualitativen Beschaffenheit (z. B. des Sauerstoffs vom
-Wasserstoff, des Stickstoffs vom Kohlenstoff, des Calcium vom Magnesium
-u. s. w.) werden von der qualitativen Atomistik auf eine fundamentale
-qualitative Verschiedenheit der den Stoff der <span class=
-"pagenum">[<a id="pb186" href="#pb186" name=
-"pb186">186</a>]</span>K&ouml;rper ausmachenden letzten Elemente
-zur&uuml;ckgef&uuml;hrt, so dass dieselben bei den organischen
-K&ouml;rpern andere als bei den unorganischen und ebenso bei jedem der
-einfachen K&ouml;rper, welche die letzten qualitativ unterschiedenen
-Bestandtheile der zusammengesetzten abgeben, andere als bei den
-&uuml;brigen seien. Dieselbe betrachtet als sogenannte biologische
-Atomistik jeden belebten K&ouml;rper als bestehend aus gleichfalls
-lebendigen Atomen, den sogenannten Zellen, w&auml;hrend der leblose
-K&ouml;rper bis in seine letzten Elemente hinab aus gleichfalls
-leblosen Elementen bestehend vorgestellt wird. Als sogenannte chemische
-Atomistik sieht dieselbe nicht nur den zusammengesetzten K&ouml;rper,
-z. B. das Wasser, f&uuml;r bestehend aus qualitativ verschiedenen und
-zwar aus Atomen von zweierlei Art an, davon die einen sauerstoff-, die
-andern wasserstoffartig und davon jene mit diesen nach einem bestimmten
-Verh&auml;ltniss, so dass auf je zwei Atome Wasserstoff ein Atom
-Sauerstoff (H<sub>2</sub>O) gerechnet wird (dem sogenannten
-st&ouml;chiometrischen Verh&auml;ltniss), unter einander verbunden
-sind. Wird letztere Ansicht auch auf die sogenannten organischen
-K&ouml;rper ausgedehnt, so dass diese als zusammengesetzt aus einfachen
-Stoffen gedacht werden, welche unter andern Verh&auml;ltnissen die
-Bestandtheile unorganischer K&ouml;rper ausmachen z. B. aus Sauerstoff,
-Wasserstoff, Kohlenstoff und haupts&auml;chlich Stickstoff, so
-schwindet zwar der qualitative Unterschied zwischen belebten und
-unbelebten K&ouml;rpern, aber derjenige zwischen den einfachen
-K&ouml;rpern bleibt bestehen d. h. die Atome des Sauerstoffs sind nach
-wie vor qualitativ verschieden von jenen des Wasserstoffs, die des
-Azots von jenen des Carbons u. s. w. Zeigen nun K&ouml;rper, ungeachtet
-die qualitativen Bestandtheile derselben die n&auml;mlichen sind,
-dennoch verschiedene Eigenschaften (die sogenannte Isomerie), so
-werden, da diese Verschiedenheit nicht mehr aus der Verschiedenheit der
-qualitativen Beschaffenheit der Elemente sich erkl&auml;ren l&auml;sst,
-quantitative Verschiedenheiten der (qualitativ gleichen) K&ouml;rper
-und zwar solche, welche entweder aus dem arithmetischen Gesichtspunkt
-der Menge oder aus dem geometrischen der (r&auml;umlichen) Lage der
-Elemente entlehnt sind, zur Erkl&auml;rung herangezogen. (Wie dies z.
-B. bei der Weinsteins&auml;ure, welche auf die Polarisationsebene des
-Lichtes eine drehende Wirkung aus&uuml;bt, bei der Thatsache der Fall
-ist, dass eine Gattung derselben unter &uuml;brigens ganz gleichen
-Verh&auml;ltnissen jene Ebene nach rechts, eine andere dagegen dieselbe
-nach links dreht. In diesem Falle wird angenommen, dass die Atome der
-rechtsdrehenden Weinsteins&auml;ure <span class="pagenum">[<a id=
-"pb187" href="#pb187" name="pb187">187</a>]</span>eine Lagerung nach
-rechts, jene der letzteren eine solche nach links besitzen.)</p>
-<p class="par">303. Das Charakteristische der quantitativen Atomistik
-besteht darin, dass sie diejenige Hypothese, welche die qualitative nur
-in Ausnahmsf&auml;llen, wie z. B. in jenem der Isomerie, zu Hilfe ruft,
-der gesammten Erkl&auml;rung der K&ouml;rperwelt als alleinige zu
-Grunde legt. W&auml;hrend dieser zufolge die Verschiedenheit der
-K&ouml;rper in der Regel auf der qualitativen Verschiedenheit ihrer
-Elemente d. h. auf der Verschiedenheit ihres <span class=
-"ex">Stoffes</span> und nur in einigen F&auml;llen auf der
-Verschiedenheit der Zusammensetzung ihrer &uuml;brigens gleichen
-Elemente d. i. auf jener der <span class="ex">Form</span> beruht, macht
-jene letztere Ausnahme zur Regel d. h. betrachtet die Isomerie als eine
-Grund- und gemeinsame Eigenschaft aller sonst wie immer unterschiedenen
-K&ouml;rper und leitet s&auml;mmtliche Verschiedenheiten der letztern
-ausschliesslich aus der Verschiedenheit ihrer Zusammensetzung aus
-&uuml;brigens gleichen Elementen d. i. aus der Form ab. Ihr zufolge
-sind daher nicht nur die Elemente des belebten nicht von jenen des
-unbelebten K&ouml;rpers, sondern auch die Elemente irgend eines
-einfachen Stoffes nicht von jenen jedes beliebigen andern Stoffes
-verschieden. Letzteres setzt voraus, dass die gleichwol unbestreitbare
-Unterschiedenheit sowol der n&auml;chsten &mdash; durch die Analyse
-organischer K&ouml;rper erreichbaren &mdash; Bestandtheile von den
-&mdash; durch Analyse sogenannter unorganischer K&ouml;rper
-darstellbaren &mdash; Stoffen (z. B. des Eiweissstoffes, des
-Prote&iuml;ns, des Caffe&iuml;ns, The&iuml;ns u. dgl. von Oxygen,
-Hydrogen, Gold, Eisen, Platin u. s. w.) wie die gleichfalls unleugbare
-Unterschiedenheit der einfachen Stoffe selbst gleichwol nur eine
-scheinbare, der Grund derselben lediglich in der verschiedenen Art der
-Verbindung urspr&uuml;nglich durchaus homogener Elemente zu einem
-Ganzen zu suchen, der sogenannte organische K&ouml;rper zwar in seinen
-n&auml;chsten und n&auml;heren, keineswegs aber in seinen entfernten
-und entferntesten Bestandtheilen von den unbelebten unterschieden, so
-wie dass die ganze bekannte und noch zu erg&auml;nzende Reihe
-sogenannter einfacher d. i. weiter nicht zerlegbarer Stoffe nur als
-eine Reihe der Form nach unterschiedener Umbildungen eines einzigen
-(sei es eines der bereits bekannten Stoffe oder eines bisher
-unbekannten Stoffes) anzusehen sei. Erstere Behauptung, die der
-stofflichen Identit&auml;t der lebendigen und leblosen K&ouml;rper, hat
-in der Naturwissenschaft unserer Tage bereits weite Verbreitung
-gefunden; letztere Behauptung, welche auf einem weiten Umwege in
-exacter Weise die Ansicht der Urmutter der Chemie, <span class=
-"pagenum">[<a id="pb188" href="#pb188" name="pb188">188</a>]</span>der
-Alchymie, von der Transformationsf&auml;higkeit der verschiedenen
-K&ouml;rper in einander erneuert, hat in der sogenannten
-&bdquo;Philosophie der Chemie&rdquo; (J. B. Dumas) ihren Platz und
-durch die Aufstellung der sogenannten <span class=
-"ex">Typ</span>entheorie und die Entdeckung der sogenannten typischen
-K&ouml;rper, durch welche von Einigen die grosse Zahl der bisher als
-einfach angenommenen Stoffe bereits bis auf acht herabgemindert scheint
-(Ciancian), bereits eine empirische, wenigstens ann&auml;hernde
-Best&auml;tigung erhalten.</p>
-<p class="par">304. Die Aufgabe einer logischen Uebersicht des
-empirischen Stoffs kann es nicht sein, &uuml;ber die Geltung der einen
-oder der andern beider entgegengesetzten Formen der Atomistik,
-&uuml;ber welche nur Thatsachen zu entscheiden verm&ouml;gen, einen
-Ausspruch zu thun. Die logische Consequenz d. i. die innere
-Uebereinstimmung mit der durch die philosophische Wissenschaft vom
-Wirklichen gelegten realen Grundlage der ph&auml;nomenalen Welt hat,
-wie es augenscheinlich ist, die quantitative Atomistik in h&ouml;herem
-Grade als die qualitative f&uuml;r sich. Ist es &uuml;berhaupt richtig,
-dass die vielen unbedingt gesetzten einfachen Wirklichen unter einander
-die kleinste denkbare qualitative Verschiedenheit d. i. keine andere
-besitzen als diejenige, welche in deren r&auml;umlichen und zeitlichen
-Bestimmtheiten sich ausdr&uuml;ckt, so ist es nur folgerichtig, auch
-die Gesammtheit der letzten realen Elemente, welche zusammengenommen
-den Stoff der K&ouml;rperwelt ausmachen, der physikalischen Atome, als
-einen Inbegriff qualitativ gleichartiger Elementarbestandtheile der
-K&ouml;rper zu betrachten. Das elementare Atom, dessen Qualit&auml;t
-eben diejenige des einzigen wirklichen Grundstoffs ist, wird sodann
-gleichsam die unterste Stufe einer aufsteigenden Reihe bilden, als
-deren einzelne Glieder nach einander die Atome der bisher sogenannten
-einfachen Stoffe (das Sauerstoff-Atom, das Stickstoff-Atom, das
-Gold-Atom u. s. w.) auftreten w&uuml;rden, deren jedes f&uuml;r sich
-durch eine eigenth&uuml;mliche Combination, sei es von Atomen des
-Urstoffs, sei es von solchen, die selbst schon durch dergleichen
-gewonnen w&auml;ren, repr&auml;sentirt w&uuml;rde. Die Aufstellung
-dieser Reihe, welche die &uuml;bliche Zerlegung organischer und
-unorganischer K&ouml;rper in deren sogenannte einfache Bestandtheile
-&uuml;ber die Grenze der bis zu diesem Augenblicke als einfach
-betrachteten Stoffe hinaus durch die erreichte oder doch versuchte
-Zerlegung dieser selbst bis zu dem schlechterdings letzten nicht blos
-relativ, sondern absolut einfachen Grundstoff ausdehnt, w&uuml;rde
-sodann das Ziel der Chemie als Wissenschaft ausmachen. <span class=
-"pagenum">[<a id="pb189" href="#pb189" name="pb189">189</a>]</span></p>
-<p class="par">305. Wie der quantitativen Atomistik f&uuml;r die
-stoffliche Beschaffenheit s&auml;mmtlicher Elemente der K&ouml;rperwelt
-eine einzige Qualit&auml;t, so gen&uuml;gt ihr f&uuml;r die Art und
-Weise des Wirkens derselben ein einziges Gesetz; die qualitative
-Atomistik, insofern sie eine Mehrheit qualitativ unterschiedener
-Classen k&ouml;rperlicher Bestandtheile zul&auml;sst, bedarf f&uuml;r
-die qualitativ verschiedene Art des Wirkens jeder einzelnen derselben
-eben so vieler specifisch verschiedener Gesetze. So lange die Elemente
-organischer K&ouml;rper selbst als organisch, die unorganischer
-K&ouml;rper dagegen als unorganisch gelten, kann das Gesetz, welches
-das Wirken der erstern, mit jenem, welches das der letzteren
-beherrscht, so wenig wie das Wirken jener &bdquo;lebendigen&rdquo;
-Elemente (die Lebenskraft) mit jenem der &bdquo;leblosen&rdquo;
-Elemente (der todten Naturkraft) identisch sein. Eben so wenig kann das
-Wirken, welches seinen Grund in der qualitativen Verwandtschaft
-(Affinit&auml;t) der K&ouml;rper hat (chemische Anziehung) das
-n&auml;mliche sein mit demjenigen, das auch bei v&ouml;lliger
-Nichtverwandtschaft (Disparatheit, Heterogeneit&auml;t) der K&ouml;rper
-erfolgt (mechanische Anziehung) und folglich eben so wenig das Gesetz,
-welches jenes (Affinit&auml;tsgesetz, Wahlverwandtschaft), identisch
-mit demjenigen, welches dieses regelt (Gravitationsgesetz, Schwere).
-Mit der Aufhebung qualitativer Verschiedenheit der K&ouml;rper tritt
-der umgekehrte Fall ein. Das Gesetz, welches das Wirken der Elemente
-organischer K&ouml;rper bestimmt, braucht fortan von demjenigen, von
-welchem das Wirken der Elemente unorganischer K&ouml;rper abh&auml;ngt,
-eben so wenig verschieden zu sein, als das Wirken, das seinen Grund in
-der Verwandtschaft der K&ouml;rper hat, als das Wirken der
-urspr&uuml;nglichen Elemente d. h. als dasjenige betrachtet werden
-kann, f&uuml;r welches Gleichartigkeit oder Ungleichartigkeit derselben
-gleichgiltig und das daher eben so wenig durch die qualitative
-Aehnlichkeit wie durch den qualitativen Gegensatz der K&ouml;rper
-bedingt ist. Sind die Elemente belebter und unbelebter K&ouml;rper
-qualitativ dieselben, so ist auch deren Wirken und folglich dessen
-Gesetz dasselbe; ist das Wirken in Folge der Verwandtschaft nicht
-dasjenige der urspr&uuml;nglichen Elemente, so ist auch dessen Gesetz
-nicht mit dem Gesetz des Wirkens dieser letzteren, und da diese die
-wahren, weil letzten Elemente der K&ouml;rper sind, nicht mit jenem der
-wahren K&ouml;rperelemente identisch. Wird daher, wie die quantitative
-Atomistik thut, auf die in der That letzten Bestandtheile der
-K&ouml;rperwelt, die unter einander qualitativ nicht weiter
-unterschiedenen Atome zur&uuml;ckgegangen, so muss das Gesetz, welches
-das Wirken dieser letzteren <span class="pagenum">[<a id="pb190" href=
-"#pb190" name="pb190">190</a>]</span>regelt, das n&auml;mliche und
-einzige f&uuml;r das Wirken der gesammten K&ouml;rperwelt sein. Die
-Aufstellung dieses Gesetzes, welches die Zerlegung der scheinbar unter
-einander grundverschiedenen Wirkungsweisen der scheinbar von einander
-qualitativ unterschiedenen K&ouml;rper bis zur Aufl&ouml;sung der
-ersteren in die &uuml;berall in gleicher Weise erfolgende Wirkungsweise
-der wahren d. i. in allen K&ouml;rpern qualitativ identischen Elemente
-der K&ouml;rperwelt verfolgt und dadurch die gesammte ph&auml;nomenale
-Welt als unter der Herrschaft eines und desselben, wenn gleich nicht
-selten in so verwickelter Form auftretenden Gesetzes, dass es den
-Anschein eines neuen Gesetzes erh&auml;lt, stehend erweist, m&uuml;sste
-das Ziel der Physik als mechanischer Wissenschaft ausmachen.</p>
-<p class="par">306. Als dieses Gesetz sieht die moderne
-Naturwissenschaft das Gravitationsgesetz Newton&rsquo;s an. Die
-philosophische Wissenschaft vom Wirklichen bestimmt, wie oben gezeigt,
-das Wirken der Atome als eine Function ihres r&auml;umlichen Abstandes
-von einander. Die empirische geht &uuml;ber diese Allgemeinheit des
-Inhalts hinaus und bestimmt letztere n&auml;her als Abnahme des Wirkens
-im Quadrate der Entfernung. Dieselbe bleibt jedoch keineswegs bei der
-Bestimmung des Wirkens seinem Quantum nach stehen, sondern schreitet zu
-der Erweiterung derselben seinem Quale nach fort, indem sie dasselbe in
-den relativ gr&ouml;ssten Abst&auml;nden der Atome von einander als
-Anziehung, Attraction, in den relativ kleinsten als Abstossung,
-Repulsion charakterisirt. Erstere bewirkt, dass die Atome auch in den
-relativ weitesten Abst&auml;nden von einander noch zusammengehalten,
-letztere macht, dass dieselben in Eins zusammen zu fallen verhindert
-werden. In Folge der Attraction bilden s&auml;mmtliche durch dieselbe
-an einander gekn&uuml;pfte Atome ein nicht nur in Gedanken, sondern
-durch ein physisches Band zusammenh&auml;ngendes Ganzes; in Folge der
-Repulsion bilden dieselben, weil die letztere die Ann&auml;herung der
-Atome an einander &uuml;ber das Mass einer gewissen (kleinsten)
-Entfernung hinaus unm&ouml;glich macht, ein discretes Ganzes.
-W&auml;hrend der Raum, der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen
-zufolge, demnach stetig mit &bdquo;philosophischen&rdquo; Atomen d. i.
-im strengsten Sinne des Wortes einfachen Wirklichen erf&uuml;llt
-gedacht werden muss, erscheint derselbe in der empirischen Wissenschaft
-vom Wirklichen nur in der Weise mit &bdquo;physikalischen&rdquo; Atomen
-d. i. mit im physikalischen Sinn letzten Elementen der K&ouml;rperwelt
-erf&uuml;llt, dass zwischen je zwei derselben leerer Raum d. h. ein
-Zwischenraum vorhanden ist, in dem keine weiteren <span class=
-"pagenum">[<a id="pb191" href="#pb191" name=
-"pb191">191</a>]</span>&bdquo;physikalischen&rdquo; Atome sich
-befinden. Dass mit der Einschiebung desselben die Schwierigkeit des
-Begreifens einer actio in distans d. i. eines Wirkens durch den leeren
-Raum hindurch wiederkehrt, pflegt, da dieselbe ja nur eine
-&bdquo;philosophische&rdquo; ist, der empirischen Physik selten
-Verlegenheit zu bereiten.</p>
-<p class="par">307. Dagegen hat sich dieselbe auf Grund der sogenannten
-&bdquo;Imponderabilien&rdquo; veranlasst gesehen, durch die
-Einf&uuml;hrung eines weiteren gleichfalls k&ouml;rperlichen, jedoch,
-mit den physikalischen Atomen verglichen, relativ
-&bdquo;unk&ouml;rperlichen&rdquo; Stoffs, des sogenannten
-&bdquo;Aethers&rdquo;, in die leer gelassenen Zwischenr&auml;ume der
-physikalischen Atome, welche letzteren in demselben gleichsam, wie die
-Sterne am Firmament, zerstreut zu schweben, oder, wie die Fische im
-Wasser, in unregelm&auml;ssigen Abst&auml;nden zu schwimmen scheinen,
-der Ansicht der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen von dem
-stetigen Erf&uuml;lltsein des Raumes durch einfache Wirkliche, um einen
-betr&auml;chtlichen Schritt n&auml;her zu kommen. Die Elemente
-desselben, die sogenannten Aetheratome, verhalten sich zu den
-physikalischen gleichsam wie Atome zweiter zu solchen erster Ordnung.
-Dieselben werden zwar eben so wenig wie diese ohne leere
-Zwischenr&auml;ume, letztere selbst aber werden im Verh&auml;ltniss zu
-diesen als &bdquo;unendlich klein&rdquo; und das von den Aetheratomen
-ausgehende Wirken wird zwar gleichfalls wie das der K&ouml;rperatome
-als Anziehung und Abstossung, jedoch als nur in der kleinsten
-Entfernung wirksam vorgestellt. Jedes K&ouml;rperatom erscheint wie von
-Aetheratomen eingeh&uuml;llt, welche dasselbe in Gestalt einer
-Sph&auml;re von allen Seiten umgeben und mit jenem zusammen unter der
-Form winziger K&uuml;gelchen, deren vergleichsweise dichten Kern das
-K&ouml;rperatom, deren d&uuml;nnere Peripherie die Aetheratome
-ausmachen, die reale durch den Raum discret vertheilte Grundlage der
-sogenannten Materie bilden.</p>
-<p class="par">308. Je nachdem die erfahrungsm&auml;ssig gegebenen
-Ph&auml;nomene der k&ouml;rperlichen Welt auf die K&ouml;rperatome
-allein ohne Ber&uuml;cksichtigung des deren Zwischenr&auml;ume
-ausf&uuml;llenden Aethers, oder auf die Aetheratome allein als
-Bestandtheile des die Zwischenr&auml;ume der physikalischen Atome
-ausf&uuml;llenden Stoffs zur&uuml;ckgef&uuml;hrt werden, ergeben sich
-zwei Hauptclassen physischer Ph&auml;nomene, deren eine das Wirken und
-die Zust&auml;nde des im engern Sinn sogenannten k&ouml;rperlichen
-Stoffs, die andere das Wirken und die Zust&auml;nde des Zwischenstoffs
-d. i. des Aethers umfasst. Jene begreift, je nach der Gr&ouml;sse der
-Abst&auml;nde der K&ouml;rperatome unter einander und der davon
-abh&auml;ngigen Menge dieser letzteren selbst innerhalb <span class=
-"pagenum">[<a id="pb192" href="#pb192" name=
-"pb192">192</a>]</span>bestimmter r&auml;umlicher Grenzen (Volumen),
-dreierlei Gattungen von K&ouml;rpern, deren eine bei einem gewissen
-Volumen die relativ gr&ouml;sste, deren dritte bei demselben Volumen
-die relativ kleinste Menge von K&ouml;rperatomen enth&auml;lt,
-w&auml;hrend die zweite eine im Verh&auml;ltniss zu jenem Volumen
-mittlere Menge von Atomen einschliesst. Folge davon ist, dass in den
-K&ouml;rpern der ersten Gattung die Abst&auml;nde der einzelnen Atome
-von einander relativ die kleinsten, dagegen bei K&ouml;rpern der
-dritten Gattung relativ die gr&ouml;ssten sein m&uuml;ssen,
-w&auml;hrend bei den K&ouml;rpern der Mittelgattung die Distanz der
-Atome eine mittlere ist. Die Atome von K&ouml;rpern der ersten Gattung
-werden daher, da die anziehende Kraft je kleiner die Entfernung desto
-st&auml;rker wirkt, am festesten, die Atome von K&ouml;rpern der
-dritten Gattung werden, da die Anziehung mit der Entfernung abnimmt, am
-lockersten unter einander zusammenh&auml;ngen; die Atome der
-K&ouml;rper der Mittelgattung werden, da die Entfernung und folglich
-die Anziehung eine mittlere ist, einen mittleren Grad des Zusammenhangs
-darstellen. Bei K&ouml;rpern der ersten Art wird daher nicht nur das
-Verh&auml;ltniss der Menge der Atome (der Masse) zu der r&auml;umlich
-begrenzten Gr&ouml;sse des Inhalts (dem Volumen) d. i. die relative
-<span class="ex">Dichtigkeit</span> die gr&ouml;sste, sondern auch der
-Widerstand, welchen dieselben der Trennung der Atome entgegensetzen, in
-Folge der starken Anziehung der Theile unter einander (der
-Coh&auml;sion) der relativ bedeutendste, bei K&ouml;rpern der dritten
-Art dagegen aus demselben Grunde die Dichtigkeit die geringste und der
-Widerstand gegen die Trennung der mindestbedeutende sein, w&auml;hrend
-den K&ouml;rpern der zweiten Art mit einer mittleren Dichtigkeit auch
-ein mittlerer Widerstand d. h. ein solcher, welcher die Trennung der
-Atome weder erschwert noch erleichtert, also gegen dieselbe sich
-gleichgiltig verh&auml;lt, eigen ist. K&ouml;rper der ersten Art, als
-deren Repr&auml;sentant die Erde angesehen wird, werden als feste,
-K&ouml;rper der dritten Art, als deren Repr&auml;sentant die
-atmosph&auml;rische Luft gilt, als luft- oder gasf&ouml;rmige,
-K&ouml;rper der mittleren Art, deren Typus das Wasser darstellt, werden
-als fl&uuml;ssige bezeichnet.</p>
-<p class="par">309. Weder die Gr&ouml;sse des r&auml;umlichen Volumens,
-noch jene der Masse, oder der Abst&auml;nde der Atome von einander,
-absolut betrachtet, macht hiebei einen Unterschied. Das Gesetz, welches
-die Atome der grossen Weltk&ouml;rper, der Nebelflecke und Sternhaufen
-zusammenh&auml;lt, ist genau das n&auml;mliche, welches auch die Atome
-des kleinsten Bruchtheils eines festen K&ouml;rpers auf der Erde an
-einander bindet; die Atome des Weltmeeres h&auml;ngen in keiner
-<span class="pagenum">[<a id="pb193" href="#pb193" name=
-"pb193">193</a>]</span>andern Weise zusammen, als jene des
-Wassertropfens; und die Atmosph&auml;re, welche entfernte
-Weltk&ouml;rper umh&uuml;llt, ja die ganze durch den Weltraum
-ausgebreitete, verd&uuml;nnte Luftmasse zeigt mit jener der irdischen
-Lufth&uuml;lle verglichen nur graduell verschiedene Structur. Zwischen
-den drei genannten Gattungen von K&ouml;rpern aber herrscht dabei das
-Verh&auml;ltniss, dass einerseits der luftf&ouml;rmige K&ouml;rper
-durch Verminderung der Abst&auml;nde seiner Atome unter einander
-zuerst, wenn dieselbe den mittleren Grad der Entfernung erreicht, in
-fl&uuml;ssigen, wenn sie denselben &uuml;berschreitet, allm&auml;lig in
-festen Zustand &uuml;bergehen d. h. sich verdichten, umgekehrt der
-feste K&ouml;rper durch Vergr&ouml;sserung jener Abst&auml;nde
-seinerseits in fl&uuml;ssigen und allm&auml;lig in luftf&ouml;rmigen
-Zustand &uuml;bergehen d. h. sich verd&uuml;nnen kann. Je nachdem
-hiebei die zeitliche Aufeinanderfolge der genannten Zust&auml;nde
-verschieden, also entweder der feste, oder der luftf&ouml;rmige, oder
-der fl&uuml;ssige als der (zeitlich) erste gedacht wird, aus welchem
-die andern sich entwickelt haben, so dass im ersten Fall aus der
-Verdichtung allm&auml;lig die Verd&uuml;nnung, im zweiten aus der
-Verd&uuml;nnung allm&auml;lig (durch Niederschlag) die Verdichtung, im
-dritten aus einer mittleren Dichtigkeit durch Verdichtung einerseits
-das Feste, durch Verd&uuml;nnung andererseits das Luftf&ouml;rmige
-hervorgeht, gliedern sich die verschiedenen physikalischen Kosmogonien,
-als deren Repr&auml;sentanten schon im Alterthum erscheinen: die
-Atomistiker, welche das Feste (die k&ouml;rperlichen Atome), die
-jonischen Naturphilosophen Anaximenes und Diogenes von Apollonia,
-welche das Luftartige, und Thales, welcher das Fl&uuml;ssige f&uuml;r
-das der Zeit nach Erste erkl&auml;rten, aus dem alles Uebrige
-entstanden sei.</p>
-<p class="par">310. In allen genannten F&auml;llen ist die Verbindung
-der Atome unter einander eine mechanische, durch ein und dasselbe
-allgemeine Gesetz der Anziehung nach dem umgekehrten Quadrate der
-Entfernung beherrschte, welche so lange besteht, als dieses seine
-Geltung behauptet, und daher jeder willk&uuml;rlichen Aufhebung, sie
-komme von welcher Seite immer, entzogen ist. Die zum K&ouml;rper
-vereinten Atome erscheinen unter der Pression dieses Gesetzes selbst zu
-einem mehr oder minder lockern Gef&uuml;ge comprimirt, also gleichsam
-einem von aussen kommenden Drucke unterworfen. Die Elemente der
-K&ouml;rper selbst stellen zusammengenommen einen durch Vereinigung
-(Association) entstandenen r&auml;umlich begrenzten Haufen, eine Menge
-gemengter (nicht gemischter) Bestandtheile dar, deren jeder
-undurchdrungen von dem andern und undurchdringlich f&uuml;r die
-<span class="pagenum">[<a id="pb194" href="#pb194" name=
-"pb194">194</a>]</span>andern f&uuml;r sich und zugleich im Verbande
-mit den andern als Glied eines physischen Ganzen besteht. Auf
-qualitative Verschiedenheit der zum Ganzen des K&ouml;rpers verbundenen
-Theile konnte bisher schon aus dem Grunde keine R&uuml;cksicht genommen
-werden, weil die quantitative Atomistik eine solche bei den
-urspr&uuml;nglichen Elementen der K&ouml;rperwelt, den primitiven
-K&ouml;rperatomen, nicht kennt. Soll daher dennoch von qualitativ
-unterschiedenen Elementen der K&ouml;rper die Rede sein, so k&ouml;nnen
-diese nicht selbst primitiv, sondern sie m&uuml;ssen aus der allerdings
-prim&auml;ren Verbindung primitiver Atome gleichsam als Atome
-h&ouml;herer Ordnung entstanden sein. Von dieser Art w&auml;ren, wenn
-die Ansicht der quantitativen Atomistik die richtige und die darauf
-fussende Behauptung der &bdquo;philosophischen&rdquo; Chemie, dass alle
-scheinbar heterogenen Stoffe Umbildungen eines Grundstoffs seien,
-giltig sein sollte, die bisher sogenannten einfachen Stoffe d. i.
-K&ouml;rper wie Sauerstoff, Wasserstoff, Kohlenstoff u. s. w.
-aufzufassen, deren jeder demzufolge aus Atomen bestehend gedacht
-w&uuml;rde, welche selbst eine eigenartige Gruppirung der primitiven
-Atome in sich schl&ouml;ssen. Das sogenannte Sauerstoffatom w&auml;re
-sonach zwar im Verh&auml;ltniss zu dem sogenannten Kohlenstoffatom,
-keineswegs aber im Verh&auml;ltniss zu den primitiven Atomen als
-wirklich atom d. i. als theillos zu bezeichnen, da dasselbe zwar eben
-so wenig aus weiteren Sauerstoffatomen wie das Kohlenstoffatom aus
-weiteren Kohlenstoffatomen, keineswegs aber, wie es im Begriff des
-primitiven Atoms liegt, &uuml;berhaupt nicht aus weiteren Atomen
-bestehend gedacht wird. Wie das primitive einfaches, so w&auml;re
-demnach das Sauerstoffatom zusammengesetztes d. i. aus zu einem Ganzen
-verbundenen primitiven Atomen bestehendes Atom (Molecul) und der
-(feste, fl&uuml;ssige oder luftf&ouml;rmige) K&ouml;rper, bei dessen
-Zusammensetzung die qualitative Beschaffenheit seiner Bestandtheile in
-Frage kommt, ist sonach als ein in seinen n&auml;chsten Bestandtheilen
-nicht aus einfachen, sondern aus zusammengesetzten Atomen bestehender
-anzusehen.</p>
-<p class="par">311. Wie die Verbindung der Atome im mechanisch
-zusammengesetzten K&ouml;rper eine mechanische, so ist sie in dem
-chemisch zusammengesetzten K&ouml;rper, derselbe bestehe nun aus
-einander homogenen oder heterogenen Elementen, eine chemische, auf der
-Anziehung derselben in Folge ihrer qualitativen Verwandtschaft
-(Affinit&auml;t) beruhende. Dieselben stehen wie die Bestandtheile des
-mechanischen K&ouml;rpers unter der Herrschaft eines allgemeinen
-Gesetzes, nur dass dieselbe nicht sowol, wie dort, einem von aussen
-<span class="pagenum">[<a id="pb195" href="#pb195" name=
-"pb195">195</a>]</span>ausge&uuml;bten <span class="ex">Drucke</span>,
-als vielmehr einem von innen aus der Beschaffenheit der Atome
-stammenden <span class="ex">Zuge</span> sich vergleichen l&auml;sst,
-verm&ouml;ge dessen die Atome wie Glieder einer und derselben Familie
-sich zu einander hingezogen, oder wie Glieder heterogener Rassen (z. B.
-Weisse und Farbige) sich von einander abgestossen f&uuml;hlen. Wie die
-Verbindung blutsverwandter Familienglieder eine innigere ist als die
-blos gesellige Zusammenkunft einander gleichgiltiger Genossen, so ist
-die chemische Vereinigung qualitativ Verwandter inniger, als jene blos
-mechanische indifferenter Atome und wird deshalb als Verschmelzung im
-Gegensatz zur blossen Summation, als &bdquo;Mischung&rdquo; im
-Gegensatz zur blossen Mengung bezeichnet. Letzterer Ausdruck ist
-insofern ungenau, als er zu dem Irrthum verleiten kann, eine
-v&ouml;llige &bdquo;Durchdringung&rdquo; der einzelnen Atome als
-m&ouml;glich anzunehmen, w&auml;hrend doch nur eine
-&bdquo;Durchdringung&rdquo; der sich unter einander verschmelzenden
-K&ouml;rper (z. B. Kohlenstoff und Sauerstoff zu Kohlens&auml;ure) in
-der Weise stattfindet, dass mit jedem Atom des ersteren zwei Atome des
-letzteren sich verbinden, also ein neues Gemenge gleichsam h&ouml;herer
-Art entsteht, dessen Atome je eine bin&auml;re Verbindung zwischen O
-und C darstellen, die einzelnen, sowol Kohlenstoff- als
-Sauerstoffatome, dagegen f&uuml;r einander undurchdringlich
-bleiben.</p>
-<p class="par">312. Sowol der mechanisch wie der chemisch
-zusammengesetzte K&ouml;rper hat die Eigenschaft, dass, sobald der
-dessen Bestandtheile zusammenhaltende Druck oder Zug aus was immer
-f&uuml;r einem Grunde erlischt, derselbe in seine Elemente zerfallen
-oder sich aufl&ouml;sen muss. Wird statt dessen auf Grund einer im
-K&ouml;rper selbst enthaltenen Veranlassung jene zusammenhaltende Kraft
-ununterbrochen erneuert, entweder indem &uuml;berhaupt neuer Stoff,
-welchem dieselbe Anziehung, oder neuer qualitativ verwandter Stoff,
-welchem derselbe Zug innewohnt, von neuem herbeigeschafft wird, so
-entsteht im Gegensatz zu jenem aus Mangel an Erneuerung abgestorbenen
-leblosen (unorganischen) der belebte (organische) K&ouml;rper. Die
-Eigenth&uuml;mlichkeit, welche denselben von dem mechanischen
-K&ouml;rper unterscheidet, besteht darin, dass der letztere, sobald die
-Bestandtheile desselben durch andere ersetzt werden, nicht mehr
-derselbe, sondern ein neuer, wenngleich dem vorigen gleicher, der
-organische K&ouml;rper dagegen auch nach dem Ersatz derjenigen seiner
-Bestandtheile, deren Anziehung unter einander erloschen ist, durch
-andere, noch immer derselbe wie fr&uuml;her d. h. ein blos erneuerter
-ist. Die Eigenth&uuml;mlichkeit, welche denselben vom chemischen
-K&ouml;rper <span class="pagenum">[<a id="pb196" href="#pb196" name=
-"pb196">196</a>]</span>unterscheidet, dagegen besteht darin, dass der
-organische K&ouml;rper niemals, wie der einfache chemische homogen,
-sondern stets heterogen d. h. aus verschiedenen Stoffen zusammengesetzt
-sein muss, aber nicht, wie andere chemische K&ouml;rper, aus beliebigen
-(z. B. Wasser aus Sauerstoff und Wasserstoff, atmosph&auml;rische Luft
-aus Sauerstoff und Stickstoff, Kalk aus Calcium und Sauerstoff,
-Kochsalz aus Chlor und Natrium), sondern jedesmal nur aus gewissen
-Stoffen zusammengesetzt sein darf. Folge der ersteren Eigenschaft ist,
-dass ein Theil des organischen K&ouml;rpers, n&auml;mlich derjenige, in
-dem die Veranlassung liegt, dass sich der &uuml;brige Theil ohne
-Sch&auml;digung des Ganzen zu erneuern vermag, diesem letzteren
-gegen&uuml;ber eine ausgezeichnete Stellung behauptet, insofern er den
-bleibenden, dieser dagegen den wechselnden Bestandtheil des
-K&ouml;rpers ausmacht, jener also denjenigen, durch welchen der
-K&ouml;rper immer derselbe bleibt, dieser denjenigen, durch welchen
-derselbe unaufh&ouml;rlich ein anderer wird. Folge der letzteren
-Eigenschaft ist, dass, wo gewisse einfache chemische K&ouml;rper
-mangeln, als welche die Erfahrung bisher Sauerstoff, Wasserstoff,
-Stickstoff und haupts&auml;chlich Kohlenstoff hervorzuheben gelehrt
-hat, die Entstehung organischer K&ouml;rper, auch wenn alle
-&uuml;brigen Bedingungen und die gr&ouml;sste F&uuml;lle anderweitiger
-chemischer K&ouml;rper vorhanden w&auml;re, unm&ouml;glich ist. Finden
-beide Bedingungen vereinigt bei der kleinstm&ouml;glichen Anzahl
-k&ouml;rperlicher Atome Erf&uuml;llung, so entsteht der denkbar
-kleinste belebte K&ouml;rper, das organische Atom, die sogenannte
-Zelle, w&auml;hrend aus der Verbindung von solchen, sei es mit, sei es
-ohne Zuhilfenahme unorganischer Bestandtheile, der Zellenorganismus d.
-i. der &mdash; wie der mechanische K&ouml;rper aus mechanisch
-verbundenen mechanischen, wie der chemische K&ouml;rper aus chemisch
-verbundenen chemischen, so aus organisch verbundenen organischen
-Elementen bestehende &mdash; organische K&ouml;rper hervorgeht.</p>
-<p class="par">313. Die ausgezeichnete Stellung des beharrenden Theils
-gegen&uuml;ber dem wechselnden im belebten K&ouml;rper &auml;ussert
-sich nicht blos darin, dass er selbst (er sei nun ein einzelnes Atom
-oder eine Gruppe von solchen) w&auml;hrend der ganzen Dauer des
-organischen K&ouml;rpers (Lebensdauer) immer derselbe bleibt, sondern
-auch darin, dass in ihm die Ursache enthalten ist, um welcher willen
-und durch welche nicht nur stets neuer und zwar zu seiner Erhaltung
-passender Stoff (Leibesnahrung) herbeigeschafft, sondern auch der
-Neuheit des Materiales zum Trotz die urspr&uuml;ngliche Form
-(Leibesform) im Wesentlichen unver&auml;ndert erhalten wird. Derselbe
-stellt <span class="pagenum">[<a id="pb197" href="#pb197" name=
-"pb197">197</a>]</span>daher gleichsam den beherrschenden Mittelpunkt
-(&bdquo;die Seele&rdquo;) dar, zu welchem die Gesammtheit des
-&uuml;brigen den K&ouml;rper jeweilig ausmachenden Stoffs sich als
-beherrschtes, zur Erhaltung des Ganzen verbrauchbares Material
-(&bdquo;als Leib&rdquo;) verh&auml;lt. Da derselbe beherrschend nur im
-Verh&auml;ltniss zu dem von ihm Beherrschten, mit dem Aufh&ouml;ren der
-Herrschaft aber zwar Beherrschendes wie Beherrschtes nach wie vor
-vorhanden, aber nicht mehr als Herrscher und Beherrschtes vorhanden
-sind, so h&ouml;rt mit dem Erl&ouml;schen des organischen Bandes
-zwischen der &bdquo;Seele&rdquo; und dem &bdquo;Leibe&rdquo; des
-belebten K&ouml;rpers d. i. mit dem Tode auch der bisher herrschend
-gewesene Bestandtheil desselben auf, Seele eines Leibes, wie der bisher
-beherrscht gewesene Bestandtheil desselben aufh&ouml;rt, Leib einer
-Seele zu sein; das Atom oder die Atome, welche bisher den bleibenden,
-so wie diejenigen, welche bisher den jeweiligen ver&auml;nderlichen
-Bestandtheil des organischen K&ouml;rpers ausgemacht haben, h&ouml;ren
-jedoch dadurch keineswegs auf, als Atome d. i. zwar aus ihrer
-bisherigen Verbindung ausgel&ouml;st, aber f&auml;hig und bereit, neue
-Verbindungen einzugehen, sei es wieder als &bdquo;Seele&rdquo; eines
-Leibes (Metempsychose) oder als Leibtheil einer Seele (Palingenesie),
-zu existiren.</p>
-<p class="par">314. Je nachdem der organische K&ouml;rper als am Orte
-haftend, oder mit der F&auml;higkeit begabt, denselben beliebig zu
-wechseln, so wie, je nachdem derselbe als sich oder anderes vorstellend
-oder &uuml;berhaupt nicht als vorstellend gedacht wird, wird derselbe
-im ersten Falle, da die Erfahrung an der sogenannten Pflanze weder
-freie Bewegung, noch Zeichen vorstellender Th&auml;tigkeit aufweist,
-als <span class="ex">pflanzenartiger</span>, im zweiten Fall, da die
-Erfahrung am sogenannten Thiere zwar freie Beweglichkeit, aber
-(wenigstens bei den niedersten Thiergattungen) keine Spur von
-vorstellender Th&auml;tigkeit zeigt, als <span class=
-"ex">thierartiger</span>, im dritten Fall, wenn sich nicht nur die
-F&auml;higkeit, anderes, sondern (wie schon bei den h&ouml;heren
-Thiergattungen) sogar die F&auml;higkeit &auml;ussert, bis zu einem
-gewissen Grade sich selbst vorzustellen, da die Erfahrung letztere
-Eigenschaft (die Vorstellung des Ich) haupts&auml;chlich am Menschen
-kennt, als <span class="ex">menschen&auml;hnlicher</span> bezeichnet
-werden. Mit dem Erwachen des Ich d. i. derjenigen Vorstellung, durch
-welche der belebte K&ouml;rper andere, sei es belebte oder leblose
-K&ouml;rper, von sich unterscheidet d. h. als Anderes als er selbst,
-als Nicht-Ich sich gegen&uuml;berstellt und dadurch sich zu diesem und
-dieses zu sich in ein Verh&auml;ltniss bringt, welches je nach dem Mass
-seiner im Vergleich zu der Kraft jenes Andern und nach der
-Beschaffenheit seiner Bed&uuml;rfnisse im Vergleich <span class=
-"pagenum">[<a id="pb198" href="#pb198" name="pb198">198</a>]</span>zu
-den Bed&uuml;rfnissen jenes Andern zu einem &uuml;berlegenen oder
-unterliegenden, zu einem freundlichen oder feindseligen, zu friedlichem
-Genuss oder zum Kampfe ums Dasein werden kann, ist das Reich des
-Bewusstlosen, des Nicht-Ich, abgeschlossen.</p>
-<p class="par">315. Wie die Atome, so &uuml;ben auch die K&ouml;rper
-eine Wirksamkeit auf einander aus, welche je nach der Beschaffenheit
-derselben entweder mechanischer, chemischer oder organischer Art ist.
-Erstere &auml;ussert sich als Schwere, indem ein K&ouml;rper den andern
-verm&ouml;ge seiner &uuml;berlegenen Masse, die zweite als
-Wahlverwandtschaft, indem ein K&ouml;rper den andern verm&ouml;ge
-seiner innigeren Verwandtschaft, die dritte als Geschlechtsneigung,
-indem ein K&ouml;rper den andern in Folge des geschlechtlichen
-Gegensatzes an sich zieht. Wie durch die erstere eine Ablenkung des
-angezogenen K&ouml;rpers, wenn derselbe bewegt ist, von seiner
-urspr&uuml;nglichen Richtung, wenn er unbewegt ist, eine
-Ann&auml;herung an den Ort des anziehenden K&ouml;rpers, in beiden
-F&auml;llen jedoch, wenn kein anderweitiges Hinderniss, z. B. die
-widerstrebende Eigenbewegung des angezogenen K&ouml;rpers, dazwischen
-tritt, eine Vereinigung des angezogenen mit dem anziehenden und dadurch
-eine Vergr&ouml;sserung der Masse des letzteren herbeigef&uuml;hrt
-wird, so wird durch die zweite eine Aufl&ouml;sung der bisherigen
-Verbindung des angezogenen K&ouml;rpers und die Entstehung einer neuen
-Verbindung durch die Verschmelzung desselben mit dem anziehenden
-veranlasst, auf dem dritten Wege aber durch die organische Vereinigung
-zweier geschlechtlich entgegengesetzten belebten K&ouml;rper ein neues
-organisches Individuum auf Kosten und aus dem Stoffe der Zeugenden
-erzeugt. Jene, die mechanische Anziehung associirt bisher getrennte
-K&ouml;rper zu einem neuen, welcher dieselben in sich begreift; die
-zweite trennt nicht zusammengeh&ouml;rige K&ouml;rper, die vereinigt,
-und f&uuml;hrt zusammengeh&ouml;rige zusammen, die getrennt waren; die
-dritte leitet aus bisher vereinzelt gestandenen organischen Individuen
-durch Zusammenschluss derselben ein neues, in keinem derselben f&uuml;r
-sich allein, aber in beiden zusammengenommen wol- und
-vollbegr&uuml;ndetes Individuum ab. Das Wirken der ersten wie der
-zweiten Art bringt als producirende Th&auml;tigkeit zwar nicht dem
-Stoff, aber der Form nach neue K&ouml;rper, die letztgenannte als
-reproducirende weder dem Stoff, noch der Form nach neue, sondern
-denjenigen, aus welchen sie entstanden sind, gleiche K&ouml;rper d. h.
-sie bringt das in der Zeugung untergegangene in einem neuen Individuum
-wieder hervor. W&auml;hrend durch die erstere, die schaffende
-(&bdquo;die Phantasie der physischen Welt&rdquo;) Th&auml;tigkeit der
-<span class="pagenum">[<a id="pb199" href="#pb199" name=
-"pb199">199</a>]</span>gegebene Stoff in vorher nicht gegebener Gestalt
-umgebildet, wird durch die letztere, die fortpflanzende (&bdquo;das
-Ged&auml;chtniss der Materie&rdquo;) Th&auml;tigkeit die Spur des
-einmal vorhanden Gewesenen in allem Folgenden mehr oder minder getreu
-aufbewahrt und dessen Andenken durch dasselbe erneuert. Auf ersterem
-Wege bilden sich aus dem im Weltraum gleichm&auml;ssig vertheilten
-Stoffe durch locale Verdichtung frei schwebende, sogenannte
-&bdquo;kosmische Wolken&rdquo;, durch Anh&auml;ufung desselben um einen
-dichtern Kern sogenannte &bdquo;Nebelflecke&rdquo; und
-&bdquo;schweifende Kometen&rdquo;; wachsen durch Vereinigung kleinerer
-Weltk&ouml;rper allm&auml;lig jene im Weltraum zerstreuten Massenkugeln
-heran, die andern als Central- und, wie es das Niederst&uuml;rzen von
-Sternschnuppen und Meteorsteinen auf deren Oberfl&auml;che beweist, zum
-Sammelpunkte dienen. Auf dem zweiten Wege bildet sich jener
-wirthschaftliche Haushalt in der Natur, durch welchen die von den
-pflanzlichen Organismen aufgenommene Kohlens&auml;ure im Inneren
-derselben zersetzt, der Kohlenstoff zur&uuml;ckbehalten und der
-Sauerstoff durch die Lungen der Pflanze, die Bl&auml;tter, ausgeathmet,
-von den thierischen Organismen dagegen eingeathmet und in den Lungen
-zur Oxydirung des Blutes verwendet wird. Auf dem letztgenannten Wege
-endlich werden wenigstens in den h&ouml;heren pflanzlichen und
-thierischen Gattungen die unz&auml;hligen Nachkommen gezeugt,
-w&auml;hrend auf den niederen Stufen der vegetabilischen Organismen die
-Fortpflanzung durch Keimzellen (Sporen) und Sprossen, bei den
-animalischen durch Theilung und Zerf&auml;llung der urspr&uuml;nglich
-zu einem einzigen vereinigt gewesenen in mehrere selbstst&auml;ndige
-Individuen die Stelle der sexualen Generation vertritt.</p>
-<p class="par">316. Wie die Atome, so sind die K&ouml;rper in
-verschiedenen regelm&auml;ssigen oder unregelm&auml;ssigen
-Abst&auml;nden durch den Weltraum ausgestreut, so dass einzelne
-derselben unter einander, wie die Atome zu K&ouml;rpern, so die
-K&ouml;rper zu Systemen und weiter diese selbst wieder zu ihrerseits
-unter sich zu einem Ganzen verkn&uuml;pften Aggregaten von Systemen
-geh&ouml;ren, w&auml;hrend andere keinem in sich geschlossenen
-K&ouml;rperverband einverleibt, sei es aus dem Gebiet eines in das
-eines anderen K&ouml;rpersystems hin&uuml;berstreifen, theils frei
-durch den Weltraum irren. Zu den ersteren geh&ouml;ren die Systeme
-einzelner Centralk&ouml;rper mit ihren in ihren Bewegungen von ihnen
-abh&auml;ngigen Begleitern, welche ihrerseits wieder von solchen
-begleitet sein k&ouml;nnen. Dieselben bilden im Weltmeer des mit
-K&ouml;rpern erf&uuml;llten Raumes gleichsam &bdquo;Weltinseln&rdquo;
-und k&ouml;nnen ihrerseits mit anderen ihresgleichen zu einem
-&bdquo;Inselmeer&rdquo; d. i. zu einem Archipelagos <span class=
-"pagenum">[<a id="pb200" href="#pb200" name="pb200">200</a>]</span>von
-Weltsystemen vereinigt sein. Ein solches bildet allem Anschein nach der
-selbst um einen, sei es idealen, sei es realen (nach M&auml;dler Alpha
-Herculis) Mittelpunkt gravitirende Weltring der sogenannten
-Milchstrasse, von welchem unser Sonnensystem mit seiner Centralsonne,
-seinen Planeten und Planetoiden, deren Trabanten und Ringen, sowie mit
-den theils gleichfalls ringf&ouml;rmig angeordneten, theils zerstreut
-rotirenden Asteroiden, Sternschnuppen und Meteormassen einen
-Bestandtheil ausmacht. Der Inbegriff s&auml;mmtlicher Weltk&ouml;rper
-bildet das sichtbare Universum, das mechanisch durch das Gesetz der
-Gravitation beherrscht und chemisch, wie die Spectralanalyse gezeigt
-hat, durchg&auml;ngig aus solchen Stoffen zusammengesetzt ist, welche
-auch auf oder innerhalb der Erde vorkommen. Fl&uuml;ssige und
-luftartige Bildungen (Meere und Atmosph&auml;ren) sind auch auf von der
-Erde verschiedenen Weltk&ouml;rpern beobachtet, dagegen Spuren
-organischen Lebens bisher nur auf dieser wahrgenommen worden, daher von
-vegetabilischen und animalischen, so wie von menschen&auml;hnlichen
-Bewohnern erfahrungsgem&auml;&szlig; bisher nur auf dieser die Rede
-sein kann.</p>
-<p class="par">317. Sowol die Zwischenr&auml;ume zwischen den Welt-, so
-wie jene zwischen den festen und fl&uuml;ssigen K&ouml;rpern auf der
-Erde sind von luftartigen K&ouml;rpern (auf der Erde von einem aus
-Sauerstoff und Stickstoff, so wie einigem Ozon bestehenden
-Luftk&ouml;rper, der sogenannten atmosph&auml;rischen Luft)
-ausgef&uuml;llt, deren Gegenwart auch in den scheinbar leeren Theilen
-des Weltraums durch die Widerst&auml;nde, welche bewegte
-Weltk&ouml;rper mittels derselben erlitten haben (z. B. durch die
-allm&auml;lige Verengung der Bahn des Enke&rsquo;schen Kometen),
-erwiesen ist. Die Zwischenr&auml;ume der physikalischen Atome werden,
-wie oben bemerkt, durch Atome des sogenannten Welt&auml;thers
-erf&uuml;llt gedacht, auf dessen Zust&auml;nde diejenigen
-Ph&auml;nomene, welche sonst je specifisch verschiedenen sogenannten
-&bdquo;unw&auml;gbaren&rdquo; Stoffen (Imponderabilien), z. B. die
-Lichterscheinungen einem Lichtstoff, die magnetischen einem
-magnetischen Fluidum u. s. w. zugeschrieben wurden, nunmehr als auf
-deren gemeinsamen Tr&auml;ger zur&uuml;ckgef&uuml;hrt zu werden
-pflegen. Dieselben zerfallen in solche, bei welchen die qualitative
-Beschaffenheit der K&ouml;rperatome gleichg&uuml;ltig, und solche
-f&uuml;r welche dieselbe bestimmend ist. Zu den ersteren geh&ouml;ren
-die Licht- und W&auml;rmeerscheinungen, die sich deshalb (wenngleich in
-unz&auml;hligen Graden der Abstufung) zwischen und in allen
-K&ouml;rpern des Weltalls vorfinden; zu den letzteren lassen sich die
-sogenannten, magnetischen und elektrischen Erscheinungen z&auml;hlen,
-deren erstere <span class="pagenum">[<a id="pb201" href="#pb201" name=
-"pb201">201</a>]</span>an die Gegenwart eines bestimmten chemischen
-Stoffs (des Eisens), deren letztere an die Gegenwart und gegenseitige
-Ber&uuml;hrung mindestens zweier qualitativ heterogener Stoffe (z. B.
-Zink und Kupfer) gebunden ist. Der Zustand des Aethers selbst wird als
-kleinste periodische Bewegung der Aetheratome (Schwingung) in
-verschiedener Menge und Richtung vorgestellt, wobei der Unterschied
-stattfindet, dass diejenigen, welche als Tr&auml;ger des
-Lichtph&auml;nomens angesehen werden, an der Oberfl&auml;che der
-K&ouml;rper (mit Ausnahme der durchsichtigen oder durchscheinenden)
-stattfinden und diese daher im Inneren dunkel erscheinen, w&auml;hrend
-diejenigen, welche die Tr&auml;ger des W&auml;rmeph&auml;nomens sind,
-auch im Inneren der K&ouml;rper statthaben, diese daher je nach dem
-Grade derselben innerlich erhitzt oder erk&auml;ltet erscheinen. Bei
-den magnetischen und elektrischen Erscheinungen l&auml;sst sich die
-Betheiligung des Aethers in der Weise verschieden denken, dass derselbe
-in dem K&ouml;rper, welcher den erforderlichen Stoff, das Eisen
-enth&auml;lt, an zwei entgegengesetzten Enden, den Polen,
-angeh&auml;uft erscheint, wobei die Erfahrung zeigt, dass gleichnamige
-Pole einander abstossen, w&auml;hrend bei den elektrischen
-Erscheinungen an den zu ihrer Entstehung erforderlichen heterogenen
-K&ouml;rpern der Aether an zwei einander der Richtung nach
-entgegengesetzten Enden (+ und -) sich anh&auml;uft, wobei die
-Erfahrung zeigt, dass entgegengesetzte Pole sich anziehen. Inwieweit
-bei den elektrischen Str&ouml;men, von welchen Muskelcontractionen
-begleitet zu werden pflegen, sowie bei den Erscheinungen des
-sogenannten thierischen Magnetismus und der thierischen
-Elektricit&auml;t eben so wie bei jenen der sogenannten animalischen
-W&auml;rme die Betheiligung des Aethers eine Rolle &uuml;bernehme, muss
-um so mehr dahingestellt bleiben, als mit Ausnahme der elektrischen
-Muskelstr&ouml;me und der thierischen W&auml;rme die &uuml;brigen
-sogenannten Thatsachen noch allzu sehr der empirischen Best&auml;tigung
-bed&uuml;rfen. Insofern jene dem Welt&auml;ther zugeschriebenen
-Ph&auml;nomene, mit den auf die physikalischen Atome
-zur&uuml;ckgef&uuml;hrten Erscheinungen verglichen, dem der groben
-Masse der letzteren gegen&uuml;ber verfeinerten Charakter ihrer
-materiellen Grundlage entsprechend selbst einen gleichsam
-&bdquo;vergeistigten&rdquo; Stempel tragen, sind sie es, welche durch
-ihre Gegens&auml;tze der Helligkeit und der Finsterniss, der Hitze und
-der K&auml;lte, der magnetischen und elektrischen Spannung und
-L&ouml;sung der Physiognomie der physischen K&ouml;rperwelt ein an die
-wechselnden Stimmungsgegens&auml;tze des menschlichen Gem&uuml;thes
-mahnendes Gepr&auml;ge aufdr&uuml;cken und daher als Bilder und
-Gleichnisse f&uuml;r die letzteren mit <span class="pagenum">[<a id=
-"pb202" href="#pb202" name="pb202">202</a>]</span>Vorliebe pflegen
-verwendet zu werden. Steigern sich dieselben so weit, dass sie namhafte
-Ver&auml;nderungen in der Welt der physischen K&ouml;rper verursachen,
-die Lichterscheinung als Brand, die W&auml;rmeerscheinung als Explosion
-oder Eruption, der Magnetismus als magnetisches, der elektrische Strom
-als atmosph&auml;risches Ungewitter auftritt, so nimmt deren Wesen eine
-an die pl&ouml;tzliche, aber auch vor&uuml;bergehende Natur der von
-unwillk&uuml;rlichen K&ouml;rperbewegungen begleiteten
-Gem&uuml;thsersch&uuml;tterungen, der sogenannten Affecte, an und
-liefert f&uuml;r diese (&bdquo;flammender Zorn&rdquo;,
-&bdquo;leidenschaftlicher Ausbruch&rdquo;) das treffendste
-Gleichniss.</p>
-<p class="par">318. Wie dem denknothwendigen das durch die Erfahrung
-gegebene Wirkliche, so steht dem denknothwendigen das empirisch
-gegebene Wirken gegen&uuml;ber. Die Vorstellung des letzteren
-unterliegt um so mehr logischen Schwierigkeiten, als weder der Begriff
-eines Wirkens durch den leeren Raum, wie er durch die discrete
-Vertheilung der Atome im Raume gefordert ist, noch der Begriff eines
-Dinges, welches eins und zugleich der Tr&auml;ger vielfach sich
-&auml;ndernden Wirkens, noch endlich jener der Ver&auml;nderung d. h.
-eines Dinges, welches anders geworden und doch dasselbe geblieben sein
-soll, und jener der unter den letztgenannten fallenden Bewegung als
-Ortsver&auml;nderung ohne schwerwiegende kritische Bedenken bleibt.
-Erstgenannter ficht durch die Einsicht in die Unm&ouml;glichkeit, dass
-von dem angeblich Einfachen Theile sich losl&ouml;sen und durch einen
-Sprung &uuml;ber das Leere hin&uuml;ber einem andern eben so Einfachen
-einverleibt werden k&ouml;nnten, streng genommen die M&ouml;glichkeit
-so wol der Anziehung wie der Abstossung und damit die Basis des
-physischen Zusammenhangs unter den Elementen der K&ouml;rperwelt an.
-Die Einheit des Dinges, w&auml;hrend dessen Wirken ein vielartiges sein
-soll, ruft den Widerspruch, wie Eins = Vielem gedacht werden
-k&ouml;nne, die Identit&auml;t des Dinges, nachdem es ein anderes
-geworden, ruft den Widerspruch, wie Eines und dasselbe zugleich nicht
-dasselbe sein k&ouml;nne, wider sich hervor und n&ouml;thigt, dem
-ersteren durch die Annahme, dass das Wirken eines Dinges das Product
-nicht eines einzigen Atoms, sondern des Zusammenseins einer Gruppe
-mehrerer Atome sei und demnach, wenn die Bestandtheile dieser Gruppe
-verschiedene seien, sehr wol ein Verschiedenes nicht nur sein
-k&ouml;nne, sondern sein m&uuml;sse, dem zweiten dagegen durch die
-Bemerkung zu begegnen, dass, weil jedes sogenannte &bdquo;Ding&rdquo;
-nur eine Gruppe von Atomen, also ein Ganzes sei, dasselbe durch das
-Ausscheiden einzelner und Eintreten anderer, w&auml;hrend der Rest
-<span class="pagenum">[<a id="pb203" href="#pb203" name=
-"pb203">203</a>]</span>derselbe geblieben ist, sehr wol eine
-Ver&auml;nderung erlitten und doch (in Bezug auf obigen Rest) seine
-Identit&auml;t aufrecht erhalten haben k&ouml;nne. Bez&uuml;glich der
-Bewegung als Ortsver&auml;nderung aber gilt, dass dieselbe nur dann
-einen Widerspruch einschliesse, wenn dieselbe in dem Sinn verstanden
-wird, dass das Bewegliche im selben Zeitpunkt an einem und demselben
-Orte befindlich und nicht befindlich, keineswegs aber, wenn dieselbe so
-aufgefasst wird, dass das Bewegliche in jedem stetig auf einander
-folgenden Zeitpunkt in einem anderen Orte befindlich sei. Dieselbe
-setzt daher eben so nothwendig die Zeit als den Raum voraus und wird
-durch das Verh&auml;ltniss des in einem gewissen Zeitabschnitt
-zur&uuml;ckgelegten Raumes d. i. durch die Geschwindigkeit
-gemessen.</p>
-<p class="par">319. Das in der Zeit vor sich gehende
-erfahrungsm&auml;ssig gegebene Geschehen, die Ver&auml;nderung des
-Zustandes der K&ouml;rperwelt, ist eine dreifache, und zwar tritt
-dasselbe, je nachdem entweder nur der Ort des K&ouml;rpers, wobei
-dessen Form sowol als Stoff dieselben bleiben, oder nur die Form des
-K&ouml;rpers, w&auml;hrend der Stoff unber&uuml;hrt bleibt, oder
-schliesslich auch dieser eine Ver&auml;nderung erleidet, als Orts-,
-Form- oder Stoffwechsel auf. In ersterer Hinsicht kann die Bewegung der
-Richtung nach entweder eine fortschreitende, wie bei dem Stoss und
-Wurf, oder eine in sich zur&uuml;ckkehrende, wie bei den rotirenden
-Weltk&ouml;rpern und den Blutk&ouml;rperchen im Blutkreislauf, oder
-eine zugleich fortschreitende und in sich zur&uuml;ckkehrende Bewegung,
-wie bei dem um die Erde sich drehenden und zugleich mit dieser um die
-Sonne bewegten Monde sein. Der Qualit&auml;t nach kann dieselbe
-entweder eine in gleichen Zeitabschnitten auf gleiche Weise sich
-wiederholende (gleichf&ouml;rmige) oder in gleichen Zeitr&auml;umen
-abnehmende (retardirende) oder zunehmende (accelerirende) Bewegung, in
-ersterer Hinsicht &uuml;berdies entweder eine am selben Ort sich
-gleichf&ouml;rmig wiederholende (schwingende), oder dabei zugleich im
-Raume fortschreitende, entweder nach der n&auml;mlichen, oder
-abwechselnd nach entgegengesetzten Richtungen von der Fortschrittslinie
-gleichf&ouml;rmig ausschlagende Bewegung sein: jene ergibt die
-periodische Bogen-, diese die Wellenbewegung. Hinsichtlich des
-Formenwechsels findet beim mechanischen und chemischen K&ouml;rper ein
-Uebergang des festen in den fl&uuml;ssigen und luftartigen Zustand,
-oder des fl&uuml;ssigen in den festen und luftf&ouml;rmigen, oder des
-letztgenannten in den festen und fl&uuml;ssigen statt, w&auml;hrend
-beim organischen die sogenannte Transformationslehre (Darwinismus) im
-Gegensatz gegen die Theorie von der Constanz der Arten und Gattungen
-<span class="pagenum">[<a id="pb204" href="#pb204" name=
-"pb204">204</a>]</span>es mehr als wahrscheinlich gemacht hat, dass
-nicht nur in der vegetabilischen Natur die Arten und Gattungen der
-Organismen durch allm&auml;lige Umbildung einer oder weniger
-urspr&uuml;nglichen Pflanzentypen (&bdquo;Urpflanze&rdquo;,
-&bdquo;Metamorphose der Pflanze&rdquo;: Goethe), sondern auch in der
-animalischen Welt die Arten und Gattungen des Thierreichs durch
-allm&auml;lige Umbildung eines oder einiger urspr&uuml;nglicher
-Thiertypen (&bdquo;Bathybios&rdquo;, &bdquo;Gastraea&rdquo;: Haeckel),
-sei es auf dem Wege immanenter Teleologie (Goethe), sei es auf dem
-nat&uuml;rlicher Zuchtwahl (Darwin), oder unwillk&uuml;rlicher,
-reflexartiger Nachahmung (&bdquo;Mimicry&rdquo;: Wallace) in einander
-&uuml;bergehen. Was den Stoffwechsel betrifft, so hat die Erfahrung bis
-heute zwar die Vermuthung, dass der unorganische chemische Stoff nur
-eine Umbildung des primitiven mechanischen Stoffs sei, durch die
-chemische Typentheorie wahrscheinlich zu machen, f&uuml;r die
-Behauptung aber, dass der organische Stoff nur eine Umbildung des
-unorganischen, der belebte <span class="corr" id="xd24e2422" title=
-"Quelle: Natur k&ouml;rper">Naturk&ouml;rper</span> aus leblosen, etwa
-durch Urzeugung (<span lang="la">generatio &aelig;quivoca</span>),
-entstanden sei, eben so wenig einen jeden Zweifel ausschliessenden
-Beweis durch Thatsachen zu f&uuml;hren vermocht, wie f&uuml;r die
-weitere, dass das &bdquo;Ph&auml;nomen der Empfindung&rdquo;, durch
-welches der (anderes und sich selbst) vorstellende Organismus sich von
-dem nicht vorstellenden, obgleich ebenfalls organischen K&ouml;rper
-unterscheidet, nichts anderes als eine Umbildung des derselben
-entsprechenden &bdquo;Nervenreizes&rdquo; und demnach als psychischer
-oder Bewusstseinsvorgang von diesem als physiologischem d. i.
-Nervenzustand, eben so wenig wie dieser als organischer Vorgang von den
-unorganischen Vorg&auml;ngen der mechanisch-chemischen K&ouml;rper dem
-Wesen nach verschieden sei. Insbesondere was die letztgenannte von den
-positivistischen und materialistischen Gegnern einer weder mit Biologie
-noch mit Phrenologie und Physiologie identischen Psychologie immer von
-neuem wiederholte, aber niemals bewiesene Versicherung betrifft, haben
-ausgezeichnete Physiologen (Ludwig, Fick) ein offenes: ignoramus, einer
-der ausgezeichnetsten (Dubois-Reymond) sogar ein eben solches:
-ignorabimus ausgesprochen.</p>
-<p class="par">320. Wie die Gesammtheit der im Weltraum vertheilten
-(unorganischen und der auf einem oder dem andern derselben
-anzutreffenden organischen) K&ouml;rper in ihrer gegenseitigen
-physischen Zusammengeh&ouml;rigkeit mit und in ihrer Abh&auml;ngigkeit
-von einander, so weit dieselben unserer Erfahrung zug&auml;nglich sind,
-das <span class="ex">physische Weltall</span>, den <span class=
-"ex">Kosmos</span>, so macht die Gesammtheit des in und zwischen
-denselben in der Zeit vor sich gehenden Geschehens, deren periodischer
-<span class="pagenum">[<a id="pb205" href="#pb205" name=
-"pb205">205</a>]</span>und nichtperiodischer Orts-, Formen- und
-Stoffwechsel von der unmessbaren, primitiven Oscillation des Aethers
-bis zu den Uml&auml;ufen der Weltk&ouml;rper und dem schwankenden
-Gleichgewicht einander &auml;quilibrirender Weltsysteme, von der
-Zerlegung des Wassertropfens durch den elektrischen Funken in seine
-Elemente bis zu den ein System von Weltk&ouml;rpern erleuchtenden und
-erw&auml;rmenden Verbrennungsprocessen gasf&ouml;rmiger Centralsonnen,
-von der molecularen Anziehung und Abstossung primitiver Stofftheile bis
-zu den verwickelten mechanisch-chemischen Processen, welche die
-Erscheinung des Lebens und das Erwachen des Bewusstseins bedingen,
-herauf, so weit dasselbe unserer Erfahrung zug&auml;nglich ist, die
-<span class="ex">Naturgeschichte der physischen Welt</span>, die
-<span class="ex">Geschichte des Weltalls</span> aus. <span class=
-"pagenum">[<a id="pb206" href="#pb206" name="pb206">206</a>]</span></p>
-</div>
-</div>
-<div id="ch2.2" class="div1 introduction"><span class=
-"pagenum">[<a href="#xd24e265">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<h2 class="label">ZWEITES CAPITEL.</h2>
-<h2 class="main">Das Ich.</h2>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first">321. Wie die Erfahrung lehrt, dass es <span class=
-"ex">physische</span> d. h. mechanische, chemische und organische, so
-lehrt sie auch, dass es <span class="ex">psychische</span> d. h. dass
-es Ph&auml;nomene des Empfindens und Vorstellens, des F&uuml;hlens,
-Begehrens und Wollens <span class="corr" id="xd24e2460" title=
-"Quelle: gibt aber,">gibt, aber</span> sie lehrt keineswegs, weder dass
-physische und psychische Vorg&auml;nge identisch, noch dass sie nicht
-identisch seien. Was die Erfahrung als &auml;ussere an der Hand der
-sinnlichen Beobachtung und des durch k&uuml;nstliche Werkzeuge
-versch&auml;rften Experiments &uuml;ber die Ph&auml;nomene des als
-vorstellend bezeichneten belebten Organismus zu erreichen vermag, ist
-(wenigstens bis zur Stunde) noch niemals Empfindung (psychischer
-Zustand) gewesen, sondern jedesmal, wenn auch noch so sehr verfeinerter
-physischer Zustand (eine Bewegung, ein Nervenreiz, ein
-Zersetzungsvorgang) geblieben. Was die Erfahrung als innere an der Hand
-der Beobachtung seiner selbst und Anderer und des, so weit die Natur
-der Sache es erlaubt, k&uuml;nstlich angestellten Versuchs blosszulegen
-vermochte, war noch nicht physischer (Bewegung, Reiz, chemischer
-Process), sondern ausschliesslich immer wieder psychischer Vorgang
-(elementare Sinnes- oder Muskelempfindung, elementares Lust- oder
-Schmerzgef&uuml;hl, elementares Streben oder Verabscheuen). Sowol die
-Behauptung, dass Bewegung (ein extensiver Zustand) Empfindung, wie
-jene, dass Empfindung (ein intensiver Zustand) Bewegung sei, ist jede
-f&uuml;r sich ein unerlaubter Schritt auf Grund <span class=
-"ex">angeblicher</span> &uuml;ber die Grenze <span class=
-"ex">gegebener</span> Erfahrung hinaus auf ein Gebiet, wo nicht die
-(nicht vorhandene) Thatsache, sondern allein die aus Thatsachen
-gezogene denknothwendige Folgerung zu entscheiden vermag. <span class=
-"pagenum">[<a id="pb207" href="#pb207" name="pb207">207</a>]</span></p>
-<p class="par">322. Es ist nicht die Verschiedenheit beider Classen von
-Erscheinungen dem &auml;usseren Anschein nach, welche bestritten wird,
-eben so wenig als die Gegner der Verschiedenheit organischer und
-unorganischer K&ouml;rper den anscheinenden Unterschied beider zu
-leugnen gewillt sind. Aber in dem einen wie in dem andern Fall geht die
-Tendenz dahin, die allerdings anscheinende Verschiedenheit als eine
-blos scheinbare darzulegen und so wie die organischen und unorganischen
-K&ouml;rper, auch physische und psychische Ph&auml;nomene dem Wesen
-nach als identisch hinzustellen. Insoweit dieses Bem&uuml;hen sich auf
-das angebliche wissenschaftliche Bed&uuml;rfniss st&uuml;tzt, in der
-Gesammtheit der erfahrungsm&auml;ssig gegebenen Erscheinungen
-Einheitlichkeit nachzuweisen, w&uuml;rde dasselbe, wenn die letztere
-Einheit in der Mannigfaltigkeit d. i. Harmonie w&auml;re, mehr ein
-&auml;sthetisches, also der strengen Naturwissenschaft fremdes, als ein
-direct wissenschaftliches Bed&uuml;rfniss, wenn dieselbe aber vielmehr
-Einerleiheit (langweilige Monotonie, abwechselungslose
-Einf&ouml;rmigkeit), wie es wahrscheinlicher ist, bedeuten sollte, im
-Grunde gar kein Bed&uuml;rfniss befriedigen. Insofern dasselbe
-einerseits die Verschiedenheit der Ph&auml;nomene d. i. des scheinbar
-Wirklichen, andererseits die Identit&auml;t des Substrats d. i. des
-wahrhaft Wirklichen zur Voraussetzung hat, widerspricht dasselbe dem
-denknothwendigen Axiom, dass, wie der Vielheit des Scheins eine
-Vielheit des Seins, so der qualitativen Mannigfaltigkeit des ersteren
-eine eben solche des letztern entsprechen m&uuml;sse. Das Gleichniss
-Fechner&rsquo;s, dass Physisches und Psychisches wie die beiden
-Ansichten eines Kreisbogens sich verhalten, der von der Seite des
-Mittelpunktes aus betrachtet concav, von jener der Peripherie aus
-gesehen convex erscheint, ohne dadurch aufzuh&ouml;ren, ein und
-dasselbe zu sein, kann wol blenden, aber nicht beweisen. Denn eben
-dieses Herausgehen nach der entgegengesetzten Seite, um das Object von
-dieser aus ins Auge zu fassen, ist bei dem Verh&auml;ltniss zwischen
-Physischem und Psychischem aus dem Grunde unm&ouml;glich, weil der
-Umkreis des Psychischen d. i. der Bewusstseinsph&auml;nomene, zu
-welchen auch die Sinnesempfindung und sinnliche Wahrnehmung
-geh&ouml;rt, auch von demjenigen Beobachter, der sich wie der
-Naturforscher auf die Seite des Physischen stellt, in keiner Weise
-&uuml;berschritten werden kann. Von dem, worin der Physiker das Wesen
-des optischen oder des akustischen Ph&auml;nomens erblickt, von der
-Oscillation der Aethertheilchen oder den Luftwellen ist in demjenigen,
-was der <span class="corr" id="xd24e2473" title=
-"Quelle: Psycholog">Psychologe</span> als das Wesen der Gesichts- oder
-Geh&ouml;rsempfindung ansieht, in der <span class="pagenum">[<a id=
-"pb208" href="#pb208" name="pb208">208</a>]</span>qualitativen Farbe
-oder dem eben solchen Ton, nichts Gleichartiges anzutreffen, noch
-l&auml;sst sich die Anzahl von mehr als vierhundert Billionen
-Schwingungen mit der Empfindung des Blauen oder jene von 32
-Schallwellen in der Secunde mit jener des tiefsten h&ouml;rbaren
-C-Tones der Orgel vergleichen. Physische und psychische Erscheinungen,
-als Ph&auml;nomene betrachtet, sind nicht blos scheinbar, sondern
-<span class="ex">wahrhaft</span> verschieden und, was ihre qualitative
-Natur, allerdings nicht, was deren quantitatives Mass betrifft,
-schlechterdings unvergleichbar.</p>
-<p class="par">323. Dennoch w&auml;re es voreilig, wie der qualitative
-Dualismus thut, aus der Verschiedenheit beider Classen von
-Erscheinungen auf eine qualitative Verschiedenheit ihrer
-beziehungsweisen Substrate d. i. da das scheinbar Wirkliche auf
-wahrhaft Wirkliches deutet, auf eine zwiesp&auml;ltige qualitative
-Beschaffenheit des Wirklichen zu schliessen. Die Folgerung, dass, wenn
-die Erscheinung verschiedenartig sei, auch das Wesen des derselben zu
-Grunde liegenden Wirklichen ein verschiedenartiges sein m&uuml;sse, hat
-nur dann Gewalt, wenn sie dazu gebraucht wird, um darzuthun, dass das
-in diesem Falle zu Grunde liegende Wirkliche nicht ein einziges,
-sondern ein multiplum von Wirklichen sein, den verschiedenen
-Erscheinungen demnach nicht ein und dasselbe, sondern bald diese, bald
-eine andere Gruppe von mehreren Wirklichen zu Grunde liegen m&uuml;sse.
-Keineswegs aber folgt daraus, dass jene Wirklichen selbst nicht blos
-numerisch, sondern ihrer inneren Beschaffenheit nach unter einander
-verschieden sein d. h. dass sie etwa verschiedenen Classen von
-Wirklichen angeh&ouml;ren m&uuml;ssten, so lange nicht erwiesen ist,
-dass die blosse Verschiedenheit &auml;usserer Beschaffenheiten, wie
-Zahl, Lage, Gruppirung der Atome, nicht hinreiche, verschiedenartigen
-Schein in der Erscheinungswelt hervorzubringen. Da letzterer Erweis,
-wie das Beispiel der quantitativen Atomistik lehrt, keineswegs
-erbracht, im Gegentheil durch diese einleuchtend gemacht worden ist,
-wie unter Voraussetzung durchg&auml;ngig gleicher Beschaffenheit der
-Atome lediglich durch verschiedene Zahl und r&auml;umliche Anordnung
-derselben verschiedene, ja anscheinend ganz entgegengesetzte
-Ph&auml;nomene (wie z. B. das nach rechts und das nach links Drehen der
-Polarisationsebene) sich erkl&auml;ren lassen, so steht von dieser
-Seite, wie es scheint, nichts im Wege, auch physische und psychische
-Ph&auml;nomene auf qualitativ gleichartiges Wirkliches
-zur&uuml;ckzuf&uuml;hren.</p>
-<p class="par">324. Letzteres w&uuml;rde nur dann undenkbar sein, wenn
-die Qualit&auml;t eines, mehrerer, oder aller zum erkl&auml;renden
-Ph&auml;nomen <span class="pagenum">[<a id="pb209" href="#pb209" name=
-"pb209">209</a>]</span>einer-, und jene des denselben zu Grunde zu
-legenden Wirklichen andererseits einander in der Weise
-widerspr&auml;chen, dass die durch die Erfahrung gew&auml;hrleistete
-Thats&auml;chlichkeit des oder der einen durch die (aus was immer
-f&uuml;r einem Grunde) behauptete Beschaffenheit des andern geradezu
-ausgeschlossen wird. Dieser Fall w&uuml;rde eintreten, wenn zum
-Beispiel unter den thats&auml;chlichen psychischen Erscheinungen eine
-solche sich vorf&auml;nde, die ihrer Natur nach nur <span class="corr"
-id="xd24e2487" title="Quelle: innnerhalb">innerhalb</span> eines
-einzigen und zwar eines seiner Qualit&auml;t nach streng einfachen
-Wirklichen vor sich gehen kann, w&auml;hrend dagegen von anderer Seite
-behauptet w&uuml;rde, nicht nur, dass alles, was &uuml;berhaupt als
-Substrat einer Erscheinung solle angesehen werden k&ouml;nnen, eine
-Verbindung mehrerer Wirklicher, eine Gruppe von solchen sein
-m&uuml;sse, sondern auch, insofern dasselbe als Tr&auml;ger einer
-Erscheinung gelten soll, seiner Qualit&auml;t nach zusammengesetzt sein
-m&uuml;sse. In diesem Fall w&uuml;rde entweder die
-Thats&auml;chlichkeit jenes Ph&auml;nomens verleugnet, oder, wenn dies
-dem Zeugniss der Erfahrung gegen&uuml;ber als unausf&uuml;hrbar sich
-herausstellt, angenommen werden m&uuml;ssen, dass dasselbe, obgleich
-wirklich, doch ohne wirkliches Substrat, gleichsam in der Luft
-schwebe.</p>
-<p class="par">325. Obiger Fall tritt ein bei dem Ph&auml;nomen der
-sogenannten Einheit des Bewusstseins, der Theorie der sogenannten
-&bdquo;Psychologie ohne Seele&rdquo; und der Psychologie des
-sogenannten &bdquo;Materialismus&rdquo; gegen&uuml;ber. Jene geht davon
-aus, dass die Natur des Ph&auml;nomens der Einheit des Bewusstseins mit
-der Qualit&auml;t des ihrer Ansicht nach ausschliesslich wahrhaft
-Wirklichen unvertr&auml;glich und daher, da dessen Wirklichkeit nicht
-bestritten werden k&ouml;nne, dasselbe thats&auml;chlich ohne reales
-Substrat sei. Letztere r&auml;umt ein, nicht nur dass obiges
-Ph&auml;nomen thats&auml;chlich, sondern auch, dass kein irgendwie
-wirklich vorhandenes Ph&auml;nomen ohne irgendwie beschaffenes
-Wirkliches als Substrat desselben denkbar, behauptet aber, dass die
-Natur obiger Erscheinung auch mit der Annahme eines aus Theilen
-bestehenden Substrates vertr&auml;glich sei. Die Widerlegung der
-ersteren m&uuml;sste darauf ausgehen darzuthun, nicht nur, dass
-dasjenige Substrat, welches die &bdquo;Psychologie ohne Seele&rdquo;
-f&uuml;r das ausschliesslich Wirkliche, weil ausschliesslich
-m&ouml;gliche ausgibt, weder das einzig Wirkliche, noch &uuml;berhaupt
-ohne Selbstwiderspruch ein m&ouml;gliches sei, sondern auch, dass eine
-als wirklich zugestandene Erscheinung weder ohne ein Wirkliches als
-Substrat, noch &uuml;berhaupt ohne Substrat gedacht werden k&ouml;nne.
-Die Widerlegung der letzteren m&uuml;sste dahin gerichtet sein, zu
-erweisen, dass der Versuch, <span class="pagenum">[<a id="pb210" href=
-"#pb210" name="pb210">210</a>]</span>die Natur obigen als
-thats&auml;chlich anerkannten Ph&auml;nomens mit der materiellen d. i.
-aus Theilen bestehenden Natur seines Substrats als vertr&auml;glich
-darzustellen, illusorisch, und daher die einzige M&ouml;glichkeit,
-dessen Thats&auml;chlichkeit begreiflich zu finden, in der Annahme
-eines &bdquo;atomistischen&rdquo; d. i. theillosen Tr&auml;gers
-f&uuml;r dasselbe gelegen sei.</p>
-<p class="par">320. Den Beweis zu f&uuml;hren, dass das wahrhaft
-Wirkliche seiner Qualit&auml;t nach einfach d. i. nicht aus Theilen
-bestehend, dass sonach dasjenige Wirkliche, welches die
-&bdquo;Psychologie ohne Seele&rdquo; nicht nur, <span class=
-"ex">obgleich</span> dasselbe, sondern wol gar, <span class=
-"ex">weil</span> es zusammengesetzter Natur (materiell) ist, f&uuml;r
-das wahrhaft Wirkliche h&auml;lt, weder ein solches sei noch sein
-k&ouml;nne, sondern blos den Schein eines solchen enthalte, hat im
-Obigen bereits der philosophische Realismus durch seine von der
-Erfahrung aus-, aber aus denknothwendigen Gr&uuml;nden &uuml;ber
-dieselbe hinaus gehende Wissenschaft vom Wirklichen &uuml;bernommen.
-Derselbe hat aber auch zugleich dargethan, und in diesem Punkt steht,
-wie aus dem Vorigen sich ergibt, selbst die &bdquo;Psychologie des
-Materialismus&rdquo; ihm als Bundesgenossin zur Seite, dass auch der
-Schein eines Wirklichen, wenn er ein wirklicher d. i.
-thats&auml;chlicher ist, nicht ohne ein Wirkliches als dessen Substrat
-gedacht werden k&ouml;nne und daher die Annahme der &bdquo;Psychologie
-ohne Seele&rdquo;, dass der von ihr als thats&auml;chlich anerkannte
-Schein der Einheit des Bewusstseins ohne ein solches, also
-buchst&auml;blich ein Luftphantom sei, auf einer argen
-Selbstt&auml;uschung beruhe.</p>
-<p class="par">327. Zum Beweise f&uuml;r die andere d. i. f&uuml;r
-diejenige Behauptung, welche den thats&auml;chlichen Schein der Einheit
-des Bewusstseins mit der aus Theilen bestehenden Natur des Tr&auml;gers
-derselben f&uuml;r vereinbar h&auml;lt, haben sich deren Vertheidiger,
-die Psychologen des Materialismus, auf ein ihrer Meinung nach
-zutreffendes Beispiel aus der exacten Naturwissenschaft, auf die in der
-Mechanik der Zusammensetzung der Kr&auml;fte fundamentale Thatsache der
-Resultante berufen. Dieselbe stellt in der That ein Wirkliches dar,
-welches als solches nur durch das Zusammenwirken anderer Wirklichen,
-der sogenannten Componenten zu Stande kommt, zugleich aber auch ein
-solches, das mit der Wirklichkeit dieser letzteren verglichen nur ein
-scheinbares ist d. h. nur den Schein selbstst&auml;ndiger Wirklichkeit
-hat, w&auml;hrend die eigentlich Wirklichen, weil die eigentlich
-Wirkenden, die Componenten sind. Werden die letzteren, also ein
-Vielfaches, als das Substrat der Resultirenden, welche als solche ein
-Einfaches ist, vorgestellt, so scheint obige Thatsache anschaulich
-<span class="pagenum">[<a id="pb211" href="#pb211" name=
-"pb211">211</a>]</span>zu machen, wie die zusammengesetzte Natur der
-Grundlage eines Ph&auml;nomens die einheitliche, ja sogar einfache
-Beschaffenheit des letztern nicht ausschliesse, und sonach auch die
-M&ouml;glichkeit, dass das seiner Natur nach einfache Ph&auml;nomen der
-Einheit des Bewusstseins in einem zusammengesetzten, aus einer Mehrheit
-von Theilen bestehenden Substrate vor sich gehe, plausibel zu
-machen.</p>
-<p class="par">328. Trifft obiges Gleichniss zu, so beweist es nichts;
-beweist es aber etwas, so beweist es das Gegentheil von dem, was nach
-dem Wunsche seiner Urheber dadurch bewiesen werden soll. Die
-Beweiskraft desselben h&auml;ngt davon ab, dass dasjenige, was unter
-dem Namen der Resultirenden mit dem Ph&auml;nomen der Einheit des
-Bewusstseins verglichen wird, wirklich im Sinn der Mechanik eine solche
-sei. Aber schon Lotze hat bemerkt, dass dieser sogenannten Resultanten
-das wichtigste Merkmal einer solchen, n&auml;mlich nichts geringeres
-fehle als der gemeinschaftliche Angriffspunkt, der ihr mit ihren
-Componenten gemeinsam sein muss. Die Resultirende ohne einen solchen
-w&auml;re wie Schiller&rsquo;s Glocke, welcher, wie Schlegel witzig
-bemerkt hat, der Schwengel fehlt. Ist aber die Resultante eine
-wirkliche Resultirende d. h. hat sie mit ihren Componenten den Punkt
-des Angriffs wirklich gemein, dann stellt dieser Punkt eben dasjenige
-dar, was f&uuml;r das Ph&auml;nomen der Einheit des Bewusstseins der
-atomistische Tr&auml;ger desselben darstellen soll d. h. obiges
-Gleichniss beweist, statt gegen, im Gegentheil f&uuml;r die
-Unentbehrlichkeit eines einfachen Wirklichen als Substrat des
-Ph&auml;nomens der Einheit des Bewusstseins.</p>
-<p class="par">329. Aus der Thatsache der Einheit des Bewusstseins
-folgt, dass es Ph&auml;nomene gibt, welche als Substrats nur eines
-einzigen theillosen und untheilbaren Wirklichen bed&uuml;rfen und daher
-mit allen denjenigen Ph&auml;nomenen, welche zu ihrer realen Unterlage
-ein Aggregat von solchen d. i. (im physikalischen Sinne) einen (mehr
-oder weniger verfeinerten oder vergr&ouml;berten) K&ouml;rper
-voraussetzen, qualitativ schlechterdings unvergleichbar sind. Umgekehrt
-wird es erlaubt sein, anzunehmen, dass alle diejenigen Ph&auml;nomene,
-welche mit letzteren unvergleichbar, ihrerseits dagegen mit dem
-Ph&auml;nomen der Einheit des Selbstbewusstseins insofern vergleichbar
-seien, als sie ebenso wie dieses jedes irgendwie zusammengesetzte
-Substrat ausschliessen und im Gegensatz zu den mit diesem
-unvergleichbaren Erscheinungen einen atomistischen Tr&auml;ger als
-reale Unterlage bedingen. Da nun das Ph&auml;nomen der Einheit des
-Bewusstseins ein psychisches ist, alle diejenigen Ph&auml;nomene aber,
-welche als ihr <span class="pagenum">[<a id="pb212" href="#pb212" name=
-"pb212">212</a>]</span>Substrat eine materielle Grundlage erfordern,
-als physische bezeichnet werden, so folgt, dass alle mit letzteren
-unvergleichbaren Ph&auml;nomene (wie Vorstellen, F&uuml;hlen, Streben
-und Wollen) als psychische dem Ph&auml;nomen der Einheit des
-Bewusstseins gleichartig sein und daher ebenso wie dieses an einem
-theillosen Tr&auml;ger haften werden. Wird dabei vorzugsweise die
-Eigenth&uuml;mlichkeit ins Auge gefasst, dass jedes zusammengesetzte d.
-h. aus Theilen bestehende Substrat ein Aussereinander der Orte dieser
-letzteren d. h. eine r&auml;umliche Ausdehnung (extensum) erheischt,
-w&auml;hrend das einfache theillose Wirkliche eine solche ausschliesst
-und nur den einfachen Ort (mathematischen Punkt) eines einfachen
-Wirklichen (eines dynamischen Punkts oder einer punktuellen Kraft;
-&bdquo;Monade&rdquo;, &bdquo;Dynamide&rdquo;) ausf&uuml;llt, so
-k&ouml;nnen die physischen Ph&auml;nomene auch extensive und
-m&uuml;ssen die psychischen sodann im Gegensatz dazu intensive genannt
-werden. Jene schliessen die Ausdehnung und damit die R&auml;umlichkeit
-ein, diese dagegen zwar die Ausdehnung, keineswegs aber die
-R&auml;umlichkeit aus; jene erfolgen als Vorg&auml;nge innerhalb eines
-r&auml;umlich ausgedehnten Substrats selbst in r&auml;umlich
-ausgedehnter Weise (Bewegung als Ortsver&auml;nderung, Anziehung,
-Schwingung u. s. w.), diese erfolgen als Vorg&auml;nge innerhalb eines
-zwar an einem Orte im Raume befindlichen (also nicht raumlosen oder
-unr&auml;umlichen), aber nur einen einfachen (ausdehnungslosen) Ort im
-Raume einnehmenden (also selbst ausdehnungslosen) Wirklichen zwar im
-Raume, k&ouml;nnen aber selbst eben so wenig wie das Wirkliche, dessen
-Vorg&auml;nge sie sind, r&auml;umlich ausgedehnt sein (Empfindung als
-Intensit&auml;tsver&auml;nderung, Hemmungsgef&uuml;hl, Streben u. s.
-w.). Wie der Inbegriff der extensiven Ph&auml;nomene die Grundlage der
-Physik, so bildet jener der intensiven die Grundlage der Psychik oder
-Psychologie; jener umfasst alle materiellen d. h. an einem materiellen
-Substrat haftenden und durch die Wechselwirkung zwischen den Elementen
-der Materie, den physikalischen Atomen, hervorgebrachten, dieser
-dagegen alle an einem atomistischen Substrat haftenden und aus der
-Wechselwirkung der elementaren Vorg&auml;nge innerhalb desselben
-entspringenden Erscheinungen.</p>
-<p class="par">330. Da das einzige atomistische Substrat
-erfahrungsm&auml;ssig gegebener Erscheinungen dasjenige ist, welches
-auf Grund des thats&auml;chlichen Ph&auml;nomens der Einheit des
-Bewusstseins als Tr&auml;ger nicht nur dieses, sondern s&auml;mmtlicher
-ihm gleichartiger Ph&auml;nomene vorausgesetzt wird, so folgt, dass wie
-es voreilig schien, aus der qualitativen Verschiedenheit der physischen
-und psychischen Erscheinungen <span class="pagenum">[<a id="pb213"
-href="#pb213" name="pb213">213</a>]</span>auf qualitativ verschiedene
-Beschaffenheit ihrer beziehungsweisen Substrate zu schliessen, es eben
-so voreilig w&auml;re, aus den erfahrungsm&auml;ssig gegebenen
-Zust&auml;nden eines atomistischen Wirklichen auf das Vorhandensein
-gleicher oder doch &auml;hnlicher Zust&auml;nde im Innern anderer oder
-gar aller atomistischen Wirklichen zu schliessen. Aus der
-denknothwendigen Folgerung, dass, was immer in einem atomistischen
-Wirklichen vor sich gehe, nur intensive und insofern den
-erfahrungsgem&auml;ss gegebenen Vorg&auml;ngen des Vorstellens,
-F&uuml;hlens und Strebens &auml;hnliche Zust&auml;nde sein k&ouml;nnen,
-folgt keineswegs, dass, weil dergleichen in demjenigen Atome, welches
-als Tr&auml;ger des Ph&auml;nomens der Einheit des Bewusstseins gilt,
-durch die Erfahrung gegeben sind, &auml;hnliche auch in allen
-&uuml;brigen einfachen Wirklichen, also z. B. auch in denjenigen,
-welche als letzte reale Grundlage der physikalischen Materie angesehen
-werden, gegeben sein m&uuml;ssten oder thats&auml;chlich seien. Jene
-einfachen Wirklichen, welche auf Grund thats&auml;chlich erfahrener
-intensiver Zust&auml;nde d. i. erfahrungsm&auml;ssig gegebener
-psychischer Ph&auml;nomene (selbst erlebter oder an Anderen
-beobachteter Vorstellungen, Gef&uuml;hle, Begehrungen und
-Willensentschliessungen) als deren unentbehrliche atomistische
-Tr&auml;ger denknothwendig vorausgesetzt werden m&uuml;ssen, m&ouml;gen
-als solche &bdquo;Seelen&rdquo; d. h. reale Atome heissen, deren
-eigenth&uuml;mliches Wirken in der gegebenen Erfahrung unter der Form
-des Vorstellens, F&uuml;hlens, Strebens und anderer aus diesen
-letzteren abgeleiteten Zust&auml;nde erscheint, deren specifische
-Qualit&auml;t aber eben so wie jene aller &uuml;brigen einfachen
-Wirklichen, welche den Boden des erfahrungsm&auml;ssig gegebenen
-Scheins der Wirklichkeit ausmachen, der Erkenntniss entzogen bleibt.
-Wie die Farbe, der Klang, die H&auml;rte oder Weichheit, ja wie die
-K&ouml;rperlichkeit selbst nicht das Wesen des Wirklichen, sondern die
-Form ausmacht, unter welcher dasselbe f&uuml;r die <span class="corr"
-id="xd24e2517" title="Quelle: &auml;usserere">&auml;ussere</span>
-Erfahrung, so stellt die vorstellende, f&uuml;hlende, strebende
-Th&auml;tigkeit, ja die Seelenhaftigkeit selbst diejenige Gestalt dar,
-unter welcher das Innere des Wirklichen f&uuml;r die innere Erfahrung
-erscheint; was das Wirkliche selbst, von der Erfahrung, &auml;usserer
-wie innerer, abgesehen, an sich seiner Natur nach sei, bleibt hier wie
-dort unbekannt.</p>
-<p class="par">331. Wie aus der einfachen Qualit&auml;t des
-atomistischen Wirklichen, welches als Tr&auml;ger der
-erfahrungsm&auml;ssig gegebenen psychischen Zust&auml;nde vorausgesetzt
-werden muss, dessen Unver&auml;nderlichkeit, so folgt aus der Vielheit
-und Mannigfaltigkeit der zugleich und nach einander durch die Erfahrung
-gegebenen psychischen <span class="pagenum">[<a id="pb214" href=
-"#pb214" name="pb214">214</a>]</span>Zust&auml;nde, als deren
-Tr&auml;ger es gilt, dessen Ver&auml;nderlichkeit. W&auml;hrend der
-ersteren zufolge die Qualit&auml;t desselben und dadurch das Wirkliche
-immer dasselbe bleibt d. h. als dasjenige <span class=
-"ex">Selbst</span>, das es ist, <span class="ex">sich
-erh&auml;lt</span>, scheint es <span class="corr" id="xd24e2530" title=
-"Quelle: derletzteren">der letzteren</span> zufolge nicht nur im
-n&auml;mlichen Zeitaugenblick mehreres und verschiedenes zugleich,
-sondern in auf einander folgenden Zeitmomenten jeweilig ein anderes zu
-sein. Da jener Schein der Vielheit und Mannigfaltigkeit nicht entstehen
-k&ouml;nnte, wenn in der Einheit und Einfachheit des Wirklichen nicht
-dessen Anlage gegeben w&auml;re, so entsteht die Frage, wie sich die
-letztere mit der ersteren, die Einheit und Einfachheit des Wirklichen
-mit der Vielheit und Mannigfaltigkeit des Scheines im Wirklichen, also
-die Annahme, dass viele und vielerlei Zust&auml;nde im Wirklichen
-zugleich oder nach einander gegeben seien, mit der denknothwendigen
-Voraussetzung seiner Einheit und Einfachheit vertrage. Die Beantwortung
-derselben wird zwar erleichtert, aber nicht &uuml;berfl&uuml;ssig
-gemacht durch die Bemerkung, dass diese mehreren zugleich gegebenen
-Zust&auml;nde vor&uuml;bergehende, also nicht etwa bleibende
-Eigenschaften des einfachen Wirklichen, sogenannte dauernde
-&bdquo;Seelenverm&ouml;gen&rdquo; oder Seelenkr&auml;fte sein sollen,
-welche schon Herbart treffend der alten Psychologie gegen&uuml;ber als
-&bdquo;mythologische Wesen&rdquo; bezeichnet hat; die Schwierigkeit
-besteht fort, wenn auch nur in einem einzigen Zeitmoment eine Vielheit
-unter einander verschiedener Zust&auml;nde in dem einfachen Wirklichen
-als zugleich vorhanden vorgestellt und dasselbe dadurch gleichsam in
-vieles gespalten gedacht werden soll.</p>
-<p class="par">332. Ein Blick auf die gegebene Erfahrung lehrt, dass
-dies thats&auml;chlich der Fall sei. Qualitativ verschiedene
-Empfindungen, wie die einer bestimmten Farbe, eines bestimmten
-Wohlgeruchs u. s. w. sind in der sinnlichen Wahrnehmung der Rose dem
-Bewusstsein gleichzeitig gegeben und m&uuml;ssen sonach in dem realen
-atomistischen Tr&auml;ger desselben als gleichzeitig vorhandene, aber
-qualitativ unterschiedene Zust&auml;nde angesehen werden. Dasselbe soll
-daher nicht blos wirklich, sondern es soll als einfache Qualit&auml;t
-zugleich in so vielen verschiedenen Qualit&auml;ten wirklich sein, als
-qualitativ verschiedene Zust&auml;nde in demselben als zugleich
-vorhanden gedacht werden sollen. Wie die qualitative Atomistik die
-Gesammtheit der k&ouml;rperlichen Erscheinungen auf eine Anzahl
-einfacher qualitativ unter einander verschiedener Stoffe
-zur&uuml;ckf&uuml;hrt, so leitet eine derselben entsprechende
-empirische Psychologie die Gesammtheit der psychischen Erscheinungen
-von einer Anzahl einfacher, qualitativ <span class="pagenum">[<a id=
-"pb215" href="#pb215" name="pb215">215</a>]</span>verschiedener
-Elementarzust&auml;nde ab, als dergleichen sie die sinnlichen
-Empfindungen, wie sie durch die verschiedenen Sinnesorgane gegeben sind
-(Gesichts-, Geh&ouml;rs-, Geruchs-, Geschmacks- und Tastempfindungen,
-ferner die Temperatur-, die Muskelempfindungen etc.) betrachtet. Werden
-die letztern als wirklich einfach und zugleich als unter einander
-specifisch verschieden angesehen, so muss obige Schwierigkeit, wie in
-dem qualitativ einfachen Tr&auml;ger qualitativ verschiedene
-Zust&auml;nde zugleich gegenw&auml;rtig sein k&ouml;nnen, in ganzer
-Sch&auml;rfe hervortreten.</p>
-<p class="par">333. Um dieselbe zu heben, hat Herbart den Ausweg der
-sogenannten &bdquo;zuf&auml;lligen Ansichten&rdquo; ergriffen. Indem
-das Reale a, dessen einfache Qualit&auml;t <span class="trans" title=
-"a"><span class="Greek" lang="grc">&alpha;</span></span> sein soll, mit
-dem Realen b, dessen Qualit&auml;t durch <span class="trans" title=
-"b"><span class="Greek" lang="grc">&beta;</span></span>
-ausgedr&uuml;ckt werden soll, der Qualit&auml;t nach verglichen wird,
-zeigt sich, dass jede der beiden Qualit&auml;ten Bestandtheile
-enthalte, die sich unter einander wie plus und minus verhalten und
-daher, wenn die beiden Realen zusammengedacht werden, sich unter
-einander aufheben m&uuml;ssen. Da jedoch die einfache Qualit&auml;t,
-als einfach, keine Theile enthalten, also auch keine solchen, die sich,
-mit einer andern Qualit&auml;t verglichen, wie plus und minus
-verhalten, in sich schliessen kann, so stellt jene Auffassung derselben
-in Gedanken, laut welcher dieselbe nicht nur Theile, sondern einer
-andern Qualit&auml;t entgegengesetzte Theile umfassen soll, nicht den
-wahren Inhalt der Qualit&auml;t, sondern blos eine zuf&auml;llige
-Ansicht derselben dar, kraft welcher gewisse Bestandtheile der
-Qualit&auml;t des Realen in ihrem Zusammen mit andern aufgehoben werden
-sollten, aber nicht k&ouml;nnen, die Qualit&auml;t zwar ver&auml;ndert
-werden sollte, aber nicht kann, weil jene aufzuhebenden Theile eben
-keine Theile, sondern nur in der zuf&auml;lligen Ansicht der
-Qualit&auml;t als solche angedichtet sind. Diese durch das Zusammen
-eines Realen mit anderen Realen demselben in Folge des
-gegens&auml;tzlichen Verhaltens seiner Qualit&auml;t zu deren
-Qualit&auml;ten, von dem dieselben zusammenfassenden Denken
-zugemutheten, aber da jede einfache Qualit&auml;t unver&auml;nderlich
-ist, niemals wirklich eintretenden St&ouml;rungen sind es, welche
-Herbart &bdquo;Selbsterhaltungen&rdquo; des Realen genannt und als die
-einzige mit der strengen Einfachheit der Qualit&auml;t desselben
-vertr&auml;gliche Art des wirklichen Geschehens, den
-erfahrungsm&auml;ssig gegebenen psychischen Vorg&auml;ngen als
-metaphysische Grundlage untergebreitet hat. Dieselben sollen je nach
-der Qualit&auml;t desjenigen Realen, welches mit dem gegebenen, um
-dessen Zustand es sich handelt, in einer zuf&auml;lligen Ansicht
-zusammengefasst wird, selbst qualitativ verschieden <span class=
-"pagenum">[<a id="pb216" href="#pb216" name="pb216">216</a>]</span>(z.
-B. einmal eine Gesichts-, das andere Mal eine Geh&ouml;rsempfindung u.
-dgl.), nichts desto weniger aber die Qualit&auml;t des Realen, dessen
-Zust&auml;nde sie sind, qualitativ immer dieselbe und ungespalten sein.
-Sie sollen ferner wirklich und doch als St&ouml;rungen der
-Qualit&auml;t des Realen, die zwar eintreten sollten, aber, weil sonst
-letztere und damit das Reale selbst aufgehoben w&uuml;rde, niemals
-eintreten k&ouml;nnen, zwar zugemuthete, aber niemals wirklich
-gewordene, also im Grunde blosse Forderungen sein, die an das Reale um
-seines Zusammen mit anderen willen vom zusammenfassenden Denken
-gestellt, aber von jenem niemals erf&uuml;llt werden. Ob Zust&auml;nde
-der Art &uuml;berhaupt das Recht gew&auml;hren, dieselben als
-wirkliches Geschehen und zugleich als den einzigen
-Ankn&uuml;pfungspunkt zu bezeichnen, welchen das streng einfache Reale
-f&uuml;r die erfahrungsm&auml;ssig gegebene vielfache Mannigfaltigkeit
-psychischer Ph&auml;nomene zu bieten verm&ouml;ge, ist von der Seite
-der Erfahrungspsychologie eben so vielfach bestritten, als von der
-Seite der Schule ohne durchschlagenden Erfolg vielfach vertheidigt
-worden. Angriff und Abwehr gehen von der Alternative aus, dass entweder
-das wirkliche Geschehen im Realen nicht wirklich, oder die
-Qualit&auml;t des Realen nicht einfach sein k&ouml;nne. Jenes, weil
-Einfachheit der Qualit&auml;t die Wirklichkeit qualitativer
-Verschiedenheit des Geschehens, dieses, weil die qualitative
-Verschiedenheit des Geschehens die Einfachheit der Qualit&auml;t
-ausschliesse.</p>
-<p class="par">334. Allerdings nur, weil und so lange das wirkliche
-Geschehen als qualitativ wirklich verschieden gedacht wird. Findet das
-Gegentheil statt d. h. wird das wirkliche Geschehen als qualitativ
-nicht verschieden d. h. seiner Qualit&auml;t nach unter einander
-homogen und der Qualit&auml;t des Wirklichen, dessen Geschehen es
-ausmacht, entsprechend vorgestellt, so entf&auml;llt der nicht
-abzustreitende Widerspruch zwischen der Qualit&auml;t des Wirklichen,
-die einfach, und jener des Geschehens, die mannigfaltig sein soll, und
-damit auch der Grund, welcher die Wirklichkeit qualitativ verschiedenen
-Geschehens mit der Einfachheit der Qualit&auml;t des Wirklichen selbst
-unvertr&auml;glich zu machen droht. Nicht die Vielheit des Wirkens,
-sondern die gleichzeitige Vielartigkeit des Wirkens widerspricht der
-qualitativ einfachen Natur des Wirklichen; letztere schliesst nicht
-aus, dass das einfache Wirkliche zu anderen einfachen Wirklichen
-gleichzeitig anders sich verh&auml;lt, wol aber schliesst sie aus, dass
-sich dasselbe zu jedem der andern als ein Anderes verh&auml;lt.</p>
-<p class="par">335. Wie in der Physik die quantitative Atomistik der
-qualitativen, an Stelle der qualitativ verschiedenen qualitativ
-gleichartige <span class="pagenum">[<a id="pb217" href="#pb217" name=
-"pb217">217</a>]</span>Atome entgegensetzt, so f&uuml;hrt dieselbe in
-der Psychologie, den qualitativ unterschiedenen psychischen
-Elementarzust&auml;nden gegen&uuml;ber, qualitativ ununterschiedene
-primitive psychische Vorg&auml;nge in die Betrachtung ein. Jene geht
-von der Voraussetzung aus, dass die sogenannten einfachen Stoffe in der
-Chemie, diese glaubt sich zu der Annahme berechtigt, dass die
-sogenannten einfachen Empfindungen im Bewusstsein nicht die
-urspr&uuml;nglichen primitiven, sondern, die einen wie die andern, aus
-weiteren, wahrhaft letzten Elementen und zwar jene aus unter sich
-gleichartigen primitiven K&ouml;rper-, diese aus gleichfalls unter
-einander homogenen primitiven Bewusstseinselementen zusammengesetzt
-seien. Wie die quantitative Atomistik in der K&ouml;rperwelt, so strebt
-sie in der Bewusstseinswelt die qualitativen auf blos quantitative
-Unterschiede zur&uuml;ckzuf&uuml;hren; wie in der Chemie das
-Sauerstoffatom als eine Gruppe primitiver Atome und dadurch als
-verschieden vom Kohlenstoffatom, als einer anders geformten Gruppe
-derselben primitiven Atome, so geht sie darauf aus, in der Psychologie
-z. B. die Empfindung des Blauen als eine Gruppe primitiver
-Bewusstseinselemente und dadurch als verschieden von der Empfindung des
-Rothen, als einer anders geformten Gruppe derselben primitiven
-Bewusstseinselemente, hinzustellen. Das qualitativ specifische Atom (z.
-B. das Kohlenstoffatom) ist ihrer Auffassung zufolge eine
-r&auml;umlich, die qualitativ specifische Empfindung (z. B. die
-Empfindung des Roth oder die Empfindung des Tones C) eine zeitlich
-geordnete Gruppe, jene von neben-, beziehungsweise ausser einander im
-Raume gelagerten primitiven Atomen (etwa in Gestalt eines W&uuml;rfels
-oder einer Kugel), diese von nach, beziehungsweise auf einander
-folgenden primitiven Bewusstseinsacten (etwa Billionen derselben
-f&uuml;r die Empfindung des Roth, 32 derselben f&uuml;r den Ton des
-tiefen C).</p>
-<p class="par">336. Wie diese Ansicht in der Physik durch die
-Entdeckung der typischen K&ouml;rper und die chemische Typentheorie, so
-hat dieselbe in der Psychologie durch die Entdeckung von Helmholtz,
-dass unsere vermeintlich einfachen Tonempfindungen zusammengesetzter
-Natur seien, eine Best&auml;rkung erhalten. Jene hat es wahrscheinlich
-gemacht, dass die bis jetzt f&uuml;r einfach gehaltenen chemischen
-Stoffe sich in weitere zerlegen lassen und deren Analysen schliesslich
-zu der Annahme eines Grundstoffs f&uuml;hren werden; diese l&auml;sst
-die Vermuthung zu, dass, wie die Ton-, so auch die Empfindungen anderer
-Sinnesorgane sich als zusammengesetzt und schliesslich als quantitative
-Combinationen einer und derselben Grundempfindung erweisen <span class=
-"pagenum">[<a id="pb218" href="#pb218" name=
-"pb218">218</a>]</span>werden. Mehr als jene Wahrscheinlichkeit und
-diese Vermuthung auszusprechen, l&auml;sst weder der gegenw&auml;rtige
-Stand der &auml;ussern noch jener der innern Erfahrung zu, obgleich
-nicht geleugnet werden kann, dass die quantitative Atomistik, wie sie
-der Erfahrung &uuml;ber die K&ouml;rperwelt sich am bequemsten
-anschmiegt, so auch einer consequenten Betrachtung der Bewusstseinswelt
-Vortheile in Aussicht stellt.</p>
-<p class="par">337. Einer und zwar nicht der geringste besteht darin,
-dass durch die Zur&uuml;ckf&uuml;hrung der vermeintlich specifisch
-verschiedenen elementaren Bewusstseinsvorg&auml;nge auf
-urspr&uuml;nglich gleichartige die schwer empfundene Unvergleichbarkeit
-physischer Vorg&auml;nge, wie es die Nervenreize, und psychischer, wie
-es die unmittelbar durch dieselben ausgel&ouml;sten und auf dieselben
-bez&uuml;glichen Empfindungen sind, auf das geringste denkbare Mass
-herabgesetzt wird. Werden, wie l&auml;ngst in der physischen, so nun
-auch in der psychischen Welt die Verschiedenheiten s&auml;mmtlicher
-Ph&auml;nomene auf rein quantitative Bestimmungen
-zur&uuml;ckgef&uuml;hrt, so steht nichts im Wege, die quantitativen
-Bestimmungen der physischen jenen der correspondirenden psychischen
-Vorg&auml;nge als gleich oder doch (wie das Weber-Fechner&rsquo;sche
-Gesetz in einem einzelnen Falle versucht hat) als irgendwie
-proportional zu denken und dadurch die Unvergleichbarkeit beider auf
-die allerdings durch nichts zu beseitigende Unvergleichbarkeit des
-urspr&uuml;nglichen physischen (der als solcher ein extensiver) und des
-gleichfalls urspr&uuml;nglichen psychischen Vorgangs (der als solcher
-ein intensiver ist) zu beschr&auml;nken. Stellt der Gehirn- oder
-Nervenvorgang, welcher die n&auml;chste Voraussetzung der Empfindung
-bildet, in der Reihe der sich stufenf&ouml;rmig &uuml;ber einander
-erhebenden physischen Vorg&auml;nge des mechanischen, chemischen und
-organischen Geschehens das oberste, so stellt die unmittelbar, obgleich
-unvergleichbar an jene sich anschliessende, primitive Empfindung in der
-Reihe der sich stufenweise &uuml;ber einander erhebenden Formen des
-psychischen Geschehens das unterste oder Anfangsglied dar, aus welchem,
-wie dort aus der Wechselwirkung der kleinsten K&ouml;rpertheilchen
-(physikalische Atome, Molec&uuml;le) alle h&ouml;heren physischen, so
-durch Umbildung und Wechselwirkung alle h&ouml;heren psychischen
-Bildungen sich entwickeln.</p>
-<p class="par">338. F&uuml;r die primitive Empfindung d. i. f&uuml;r
-den dem elementaren Vorgang im Nervenreiz entsprechenden elementaren
-Vorgang im Bewusstsein hat Lotze den Ausdruck &bdquo;ictus&rdquo;
-gepr&auml;gt. Derselbe macht anschaulich, dass die Wirkung eines
-kleinsten extensiven <span class="pagenum">[<a id="pb219" href="#pb219"
-name="pb219">219</a>]</span>Vorgangs, z. B. einer einzelnen
-Aetherschwingung, ein kleinster intensiver Vorgang, die einer solchen
-entsprechende und daher im Innern so oft sich wiederholende Empfindung
-sein kann, als der sie veranlassende physische Vorgang, die
-Aetherschwingung, im &auml;ussern sich wiederholt. Wie die Empfindung
-selbst von der veranlassenden Schwingung, so h&auml;ngt die Zahl der
-sich wiederholenden gleichen Empfindungen von der Zahl sich
-wiederholender gleicher Schwingungen ab, und wie durch die letztere in
-den Augen des Physikers der specifische Charakter des physischen
-Ph&auml;nomens (z. B. durch die Zahl von 745 Billionen Schwingungen in
-der Secunde jener des rothen Lichtes), so erscheint durch die Zahl der
-sich wiederholenden primitiven Empfindungen der specifische Charakter
-des psychischen Ph&auml;nomens (in obigem Fall der Empfindung des
-Rothen) in den Augen des Psychologen gegeben. Die Zahl der Schwingungen
-innerhalb einer bestimmten Zeiteinheit dr&uuml;ckt f&uuml;r den
-Physiker das Quale, die Gr&ouml;sse der Schwingung (amplitude) die
-dynamische Intensit&auml;t des Physischen (z. B. der Farbe) aus; eben
-so stellt in den Augen des Psychologen die Zahl der innerhalb derselben
-Zeiteinheit sich wiederholenden primitiven Empfindungen das Quale, die
-St&auml;rke des einzelnen ictus durch ihr multiplum die dynamische
-Intensit&auml;t des psychischen Ph&auml;nomens (z. B. der
-Gesichtsempfindung des Rothen) dar. Die quantitative Bestimmung dort
-(das Vielfache der Schwingungen) und die quantitative Bestimmung hier
-(das Vielfache der primitiven Empfindungen) lassen, vorausgesetzt dass
-die Zeiteinheit dieselbe sei (z. B. die Secunde), der
-Unvergleichbarkeit der beiderseitigen Quales (der Schwingung einer- und
-des ictus anderseits) ungeachtet, eine Vergleichung der beiderseitigen
-Quanta zu und gestatten die eine durch die andre zu messen.</p>
-<p class="par">339. Dieselbe Voraussetzung macht es aber auch
-m&ouml;glich, nicht nur das Verh&auml;ltniss der primitiven
-Empfindungen selbst, sondern auch das aller aus denselben abgeleiteten
-psychischen Ph&auml;nomene, &auml;hnlich wie das Verhalten der
-k&ouml;rperlichen Elemente und aller daraus abgeleiteten physischen
-Ph&auml;nomene, mit R&uuml;cksicht auf die in denselben enthaltenen
-quantitativen Bestimmungen und deren Relationen zu einander einer
-mathematischen Behandlung zu unterwerfen. Wie die Atome der
-K&ouml;rperwelt sich als Kr&auml;fte betrachten lassen, die im
-Verh&auml;ltniss ihrer St&auml;rke anziehend oder abstossend auf
-einander wirken, so lassen die primitiven Empfindungen mit
-R&uuml;cksicht auf den Grad ihnen eigener Intensit&auml;t als
-Kr&auml;fte sich ansehen, welche sich unter Voraussetzung gleichartiger
-Richtung <span class="pagenum">[<a id="pb220" href="#pb220" name=
-"pb220">220</a>]</span>verst&auml;rken, unter Voraussetzung
-entgegengesetzter ganz oder theilweise hemmen werden. Die exacte
-Naturwissenschaft trachtet die gesammten Erscheinungen der
-k&ouml;rperlichen Welt, auch die verwickeltesten, die sogenannten
-Lebenserscheinungen, nicht ausgeschlossen, in ihrem letzten Grunde auf
-Ann&auml;herungen und Entfernungen der kleinsten Theilchen der
-k&ouml;rperlichen Masse (der Molec&uuml;le und physikalischen Atome)
-nach statischen und mechanischen Gesetzen zur&uuml;ckzuf&uuml;hren;
-eine exacte Psychologie wird das gleiche Ziel, die Reduction der
-gesammten Bewusstseinserscheinungen auf gegenseitige Verst&auml;rkung
-oder Hemmung der primitiven Bewusstseinserscheinungen
-(&bdquo;Bewusstseins-Atome&rdquo;) nach statischen und mechanischen
-Gesetzen vor Augen haben.</p>
-<p class="par">340. Wie die Gesammtheit der physikalischen Atome den
-Stoff der K&ouml;rper-, so bildet die Gesammtheit primitiver
-Bewusstseinsvorg&auml;nge den Stoff der Welt des individuellen
-Bewusstseins. Wie jene erfahrungsgem&auml;ss eine begrenzte d. h. so
-weit reichende ist, als nach unserer Erfahrung das physische Band
-reicht, welches als Gravitation die Elemente der Materie
-zusammenh&auml;lt, so ist die Menge des psychischen Materiales
-erfahrungsgem&auml;ss f&uuml;r jedes individuelle Bewusstsein eine
-begrenzte, deren Beginn mit dem Zeitpunkt des erwachenden (Geburt),
-deren Ende mit jenem des erl&ouml;schenden Bewusstseins (Tod) des
-Individuums zusammenf&auml;llt. Jene wie diese stellt ein Stoffquantum
-dar, das sich weder vermehren noch vermindern l&auml;sst, dessen Form
-jedoch im Laufe der Zeit, und zwar die des physischen Stoffs
-w&auml;hrend der Dauer des sichtbaren Universums, die des primitiven
-Bewusstseinsmaterials w&auml;hrend der Dauer des psychischen
-Individuums, Aenderungen in ununterbrochener Folge erfahren kann und,
-wie die Erfahrung, die &auml;ussere durch Beobachtung der
-Entwickelungsgeschichte des Weltalls, die innere durch Beobachtung der
-Processe im Bewusstsein des Individuums, zeigt, thats&auml;chlich
-erf&auml;hrt. So wenig jemals dem Begriff unbedingten Gesetztseins
-entsprechend das Denken ein Sein d. h. Realit&auml;t hervorzubringen
-vermag, so wenig vermag der atomistische Tr&auml;ger des Bewusstseins
-auch nur eine einzige primitive Empfindung aus sich selbst d. i. ohne
-durch anderes Wirkliche gegebene Veranlassung zu erzeugen. So gewiss
-das Wirkliche als unbedingt Gesetztes durch das Denken zwar als solches
-anerkannt, aber nicht aufgehoben zu werden vermag, so gewiss kann ein
-einmal stattgehabtes wirkliches Geschehen (eine primitive Empfindung im
-Bewusstsein) durch Verleugnung von Seite des Wirklichen, in
-<span class="pagenum">[<a id="pb221" href="#pb221" name=
-"pb221">221</a>]</span>dem es geschehen ist, zwar verdunkelt, aber
-niemals ungeschehen gemacht werden.</p>
-<p class="par">341. Wie die Totalit&auml;t des k&ouml;rperlichen Stoffs
-und aller daraus n&auml;her oder entfernter sich entwickelnden
-Erscheinungen den Inhalt des r&auml;umlich und zeitlich ausgedehnten
-Weltalls, so bildet die Gesammtheit des Bewusstseinsmaterials und aller
-n&auml;her oder entfernter daraus abgeleiteten
-Bewusstseinsph&auml;nomene den Inhalt des nicht r&auml;umlich, wol aber
-zeitlich ausgedehnten Bewusstseins. Jenes besitzt obige Eigenschaft,
-weil dessen Bestandtheile nicht nur ausser einander, sondern auch nach
-einander, dieses nur die letztere, weil dessen Bestandtheile zwar nicht
-blos nach einander, sondern auch mit einander, in dieser letzteren
-Eigenschaft aber niemals ausser einander sein k&ouml;nnen. Letzteres
-nicht, weil das atomistische Wirkliche, dessen Zust&auml;nde sie sind,
-keinen Raum darbietet f&uuml;r eine gleichzeitige &bdquo;itio in
-partes&rdquo;. So gut die gleichzeitig existirenden Elemente des
-k&ouml;rperlichen Stoffs ihres r&auml;umlichen Aussereinander
-ungeachtet durch das physische Band, das sie an einander fesselt,
-gezwungen sind, als Theile desselben physischen Weltalls mit einander
-in Zusammenhang zu bleiben, so gut sind die gleichzeitig vorhandenen
-Elemente des individuellen Bewusstseins durch die atomistische
-Beschaffenheit ihres gemeinsamen Tr&auml;gers gezwungen, als Theile
-desselben Bewusstseins unter einander in realen Zusammenhang zu treten.
-So wenig ein Weltk&ouml;rper, durch das Band der Schwere gehalten, aus
-dem sichtbaren Universum und seinem Verband mit anderen
-Weltk&ouml;rpern sich entfernen, so wenig kann irgend ein Bestandtheil
-des Bewusstseins der Ber&uuml;hrung mit den gleichzeitig mit ihm in
-demselben Bewusstsein vorhandenen Bestandtheilen ausweichen. Derselbe
-ist, wohl oder &uuml;bel, gezwungen, sich mit denselben, sei es
-feindlich oder freundlich, in Contact zu setzen.</p>
-<p class="par">342. Letztere N&ouml;thigung enth&auml;lt den Grund der
-sogenannten Ideenassociation d. i. der Vergesellschaftung der
-gleichzeitig in demselben Bewusstsein vorhandenen Ph&auml;nomene.
-Derselbe ist ein &bdquo;mechanischer&rdquo;, demjenigen vergleichbar,
-dessen Wirkung wie durch einen Druck von aussen auf mittels desselben
-zusammengehaltene K&ouml;rper ausge&uuml;bt wird, und steht so wenig,
-wie dieser zu der qualitativen Beschaffenheit der K&ouml;rper, zu der
-qualitativen Beschaffenheit der associirten Ph&auml;nomene in
-Beziehung. Nicht der Umstand, dass sie dem Inhalt nach &auml;hnlich
-oder un&auml;hnlich, sondern allein die Thatsache, dass sie
-gleichzeitig Bestandtheile desselben Bewusstseins <span class=
-"pagenum">[<a id="pb222" href="#pb222" name=
-"pb222">222</a>]</span>sind, kn&uuml;pft die Erscheinungen an einander
-und dehnt ihre Wirksamkeit nachhaltig auch auf solche Bestandtheile des
-Bewusstseins aus, welche nicht ganz, sondern nur theilweise mit den
-eben im Bewusstsein anwesenden Erscheinungen gleichzeitig sind.
-Letzteres macht erkl&auml;rlich, warum in demselben Bewusstsein auf
-einander folgende Erscheinungen, vorausgesetzt dass dieselben schon
-einzutreten angefangen haben, bevor die gegenw&auml;rtigen
-g&auml;nzlich geschwunden sind, sich mit den letzteren gleichfalls und,
-wenn obige Voraussetzung sich erf&uuml;llt, alle einander succedirenden
-Bewusstseinsph&auml;nomene sich unter einander associiren.</p>
-<p class="par">343. Treten daher gewisse Bewusstseinsph&auml;nomene (z.
-B. primitive Empfindungen) thats&auml;chlich zugleich oder in der Weise
-nach einander ins Bewusstsein ein, dass die vorangehende noch
-fortdauert, wenn die folgende schon eintritt, so m&uuml;ssen sich
-dieselben unter einander verbinden, und zwar desto inniger, je
-&ouml;fter das gleichzeitige oder successive Eintreten derselben sich
-wiederholt. Sind nun Gr&uuml;nde vorhanden, welche bewirken, dass
-gewisse Ph&auml;nomene niemals anders als gleichzeitig oder in
-derselben Ordnung nach einander ins Bewusstsein eintreten k&ouml;nnen,
-so muss diese N&ouml;thigung, sich unter einander zu verbinden, zuletzt
-eine so unwiderstehliche werden, dass jene Ph&auml;nomene
-schlechterdings nicht mehr ohne einander gedacht d. h. dass dieselben
-nur als ein zusammengeh&ouml;riges Ganzes d. i. als Aggregat von
-Bewusstseinsph&auml;nomenen gedacht werden k&ouml;nnen, dessen Theile
-zwar eben so wenig wie die des mechanischen K&ouml;rpers durch
-Gleichartigkeit oder Gegensatz unter einander verwandt sein
-m&uuml;ssen, aber eben so wie diese durch mechanischen Druck und
-Coh&auml;sion, so durch den Zwang der Simultaneit&auml;t oder
-Succession mit einander verbunden sind.</p>
-<p class="par">344. Aggregate dieser Art sind von Herbart
-&bdquo;Complicationen&rdquo; genannt worden. Das Charakteristische
-derselben liegt darin, dass die Beschaffenheit des Inhalts des
-Verbundenen gleichgiltig, der Grund der Verbindung einzig die
-Gleichzeitigkeit oder Aufeinanderfolge des Verkn&uuml;pften ist. Daraus
-folgt, dass auf diesem Wege eben so gut verwandte, als g&auml;nzlich
-disparate Bewusstseinsph&auml;nomene zur Verbindung gelangen, und nicht
-nur Heterogenes, sondern selbst Widersprechendes durch die blosse
-Thatsache der Gleichzeitigkeit oder der Succession zu einem (im
-letzteren Falle sogar widerspruchsvollen) Ganzen zusammengew&uuml;rfelt
-und durch den Zwang der Ideenassociation zusammengeschweisst werden
-kann. So wenig der nur mechanisch zusammengesetzte physische
-K&ouml;rper aus qualitativ <span class="pagenum">[<a id="pb223" href=
-"#pb223" name="pb223">223</a>]</span>gleichartigen Elementen, so wenig
-braucht die Complication aus solchen zu bestehen; so gewiss aber vom
-Standpunkt der quantitativen Atomistik aus der chemisch einfache
-K&ouml;rper (z. B. das Sauerstoffatom), da derselbe nichts weiter als
-eine eigenartig geformte Gruppe primitiver physikalischer Atome ist,
-nichts anderes als ein blosses Aggregat sein kann, weil bei dessen
-Zusammensetzung die Qualit&auml;t seiner Bestandtheile noch keine Rolle
-spielt, so gewiss kann die im Sinne der bisherigen Psychologie einfach
-genannte Empfindung (z. B. die Empfindung Roth oder Ton C), wenn
-dieselbe nichts weiter als eine eigenartige Gruppe primitiver
-Bewusstseinsacte (ictus) sein soll, nichts anderes sein, als eine
-Complication, weil bei derselben von einer R&uuml;cksicht auf
-qualitative Beschaffenheit ihrer primitiven Elemente keine Rede sein
-kann. Das Sauerstoffatom stellt in diesem Fall unter den m&ouml;glichen
-Gruppirungen, welche physikalische Atome &uuml;berhaupt einnehmen
-k&ouml;nnen, eine solche dar, welche thats&auml;chlich gegeben und von
-der &auml;usseren Erfahrung unter dem Namen des Sauerstoffes fixirt
-worden ist; eben so m&ouml;chte die vermeintlich einfache Empfindung
-des Rothen eine Complication primitiver Bewusstseinsacte
-ausdr&uuml;cken, welche unter den zahllosen m&ouml;glichen
-Combinationen primitiver Bewusstseinselemente thats&auml;chlich gegeben
-und von der inneren Erfahrung durch den Namen des Roth-Empfindens vor
-andern ihrer Gattung ausgezeichnet worden ist.</p>
-<p class="par">345. Qualitativ verschiedene Empfindungen der Art
-(Farbenempfindungen wie Roth, Blau, Gr&uuml;n; Tonempfindungen wie
-Violinton g, h; Geruchsempfindungen wie Rosengeruch, Veilchengeruch
-etc.), welche selbst schon Complicationen primitiver Bewusstseinsacte
-sind, verhalten sich zu diesen letzteren, wie sich die qualitativ
-verschiedenen sogenannten einfachen chemischen Stoffe (Sauerstoffatom,
-Kohlenstoffatom) als Gruppen urspr&uuml;nglicher Molec&uuml;le zu
-diesen letzteren selbst verhalten. Dieselben nehmen die nach den
-primitiven Bewusstseinsacten n&auml;chste Stufe unter den Bildungen des
-Bewusstseins, wie die chemischen einfachen Stoffe die nach den
-physikalischen Atomen n&auml;chste Stufe unter den K&ouml;rperbildungen
-des Naturlebens ein und k&ouml;nnen, wie diese letzteren zu
-&bdquo;Gemengen&rdquo; einfacher Stoffe (wie die atmosph&auml;rische
-Luft ein solches von Sauerstoff und Stickstoff darstellt), so zu neuen
-Complicationen, sei es gleichartiger, sei es ungleichartiger
-Empfindungen sich verbinden. Wie aus der Verbindung chemisch
-gleichartiger Atome ein homogener K&ouml;rper, so entsteht aus der
-Verbindung <span class="pagenum">[<a id="pb224" href="#pb224" name=
-"pb224">224</a>]</span>gleichartiger Empfindungen, z. B. durchgehends
-Empfindungen rothen Lichts, eine homogene, wie aus der Verbindung
-ungleichartiger Atome ein chemisches Stoffgemenge, so aus der
-Verkn&uuml;pfung heterogener Empfindungen eine heterogene Complication.
-Complicationen dieser Art, die also eben so bereits fertige
-Empfindungen, wie diese letzteren primitive Bewusstseinsacte zur
-Voraussetzung haben, sind die sogenannten <span class=
-"ex">Anschauungen</span>, die als solche entweder reine d. h. aus
-durchaus homogenen, oder gemischte d. i. aus heterogenen Empfindungen
-zusammengesetzt sind. Von jener Art ist die Anschauung des Rothen, von
-dieser die Anschauung z. B. des Goldes. Jene entsteht dadurch, dass
-verm&ouml;ge der fl&auml;chenf&ouml;rmigen Ausbreitung des Sehnervs als
-Netzhaut auf der Oberfl&auml;che des kugelf&ouml;rmigen Augapfels bei
-der Einwirkung rothen Lichts auf denselben niemals eine vereinzelte
-Empfindung des Rothen, sondern stets, da mehrere Punkte der Netzhaut
-zugleich von rothem Licht getroffen werden, eine Summe von
-Roth-Empfindungen d. h. eine durch Gleichzeitigkeit verkn&uuml;pfte
-Complication unter einander homogener Empfindungen zum Vorschein kommen
-muss. Diese entsteht dadurch, dass mehrere unter einander verschiedene
-Sinne durch das angeschaute Object zugleich, jeder in seiner Weise, der
-Sehnerv z. B. durch den Glanz und die gelbe Farbe des Goldes, der
-H&ouml;rnerv durch dessen Metallklang, der Tastnerv durch dessen
-Gl&auml;tte und K&auml;lte u. s. w. in Erregung versetzt werden und so
-eine Gruppe heterogener Empfindungen gebildet wird, die unter einander
-durch Gleichzeitigkeit verkn&uuml;pft und als Complication mit dem
-gemeinsamen Namen des Goldes belegt werden.</p>
-<p class="par">346. Wie chemisch disparate K&ouml;rperbestandtheile,
-die zu einander keinerlei Affinit&auml;t besitzen und lediglich durch
-mechanischen Druck zusammengehalten werden, in ihrem Verbande beharren,
-aber auch nur so lange beharren, als jener w&auml;hrt, chemisch
-verwandte K&ouml;rperbestandtheile aber in Folge dieser Verwandtschaft
-eine viel innigere, und zwar so weit gehende Verbindung unter einander
-eingehen, dass dieselbe nicht wieder auf mechanischem, sondern nur auf
-chemischem Wege in Folge st&auml;rkerer Verwandtschaft mit einem
-anderen K&ouml;rper gel&ouml;st werden kann: so bleiben reine
-Anschauungen, deren Bestandtheile homogen, also dem Inhalt nach unter
-einander verwandt sind, auf dem Niveau einer durch blosse
-Gleichzeitigkeit verkn&uuml;pften Complication nicht stehen, sondern
-gehen deren Elemente in Folge ihrer Homogeneit&auml;t unter einander
-allm&auml;lig eine viel innigere Verbindung ein, w&auml;hrend die
-gemischten <span class="pagenum">[<a id="pb225" href="#pb225" name=
-"pb225">225</a>]</span>Anschauungen, deren Elemente unter einander
-disparat d. h. dem Inhalt nach gegen einander indifferent sind,
-fortfahren, ausschliesslich durch das Band blosser Gleichzeitigkeit
-vereinigt zu sein. Jene innigere Verbindung homogener Empfindungen,
-welche im Gegensatz zu der durch <span class=
-"ex">Gleichzeitigkeit</span> erzeugten, durch deren <span class=
-"ex">Gleichartigkeit</span> hervorgebracht wird, ist von Herbart
-treffend &bdquo;Verschmelzung&rdquo; genannt und dadurch von der
-blossen Complication in &auml;hnlicher Weise wie die chemische
-Verbindung von der mechanischen unterschieden worden. Das
-Charakteristische derselben liegt darin, dass sie wol auf Veranlassung
-des gleichzeitigen Vorhandenseins homogener Bewusstseinsvorg&auml;nge,
-aber nicht <span class="ex">durch</span> diese Gleichzeitigkeit
-entsteht d. h. dass die gleichzeitig gegebenen gleichartigen
-Empfindungen zwar nicht verschmelzen k&ouml;nnten, wenn sie nicht
-gleichzeitig w&auml;ren, jedoch nicht verschmelzen, weil sie
-gleichzeitig, sondern weil sie gleichartig sind.</p>
-<p class="par">347. Wie mit der Einf&uuml;hrung des qualitativen
-Unterschieds der k&ouml;rperlichen Elemente ein neuer Gesichtspunkt in
-der Betrachtung der physischen Welt er&ouml;ffnet und damit eine neue
-Stufe im Aufbau des Naturlebens erreicht wird, so treten mit der
-Ber&uuml;cksichtigung des qualitativen Unterschieds der
-Bewusstseinselemente nicht nur die einzelnen psychischen Bildungen,
-sondern auch deren Beziehungen zu, unter und auf einander in eine neue
-Beleuchtung. Wurden dieselben bis dahin nur auf die Thatsache hin
-angesehen, dass sie entweder gleichzeitig oder nach einander ins
-Bewusstsein eintraten und in Folge dessen, wie sie sonst immer
-beschaffen sein mochten, sich unter einander associiren mussten, so
-werden dieselben von nun an eben so ausschliesslich ihrer
-Verwandtschaft d. h. der ganzen oder theilweisen Identit&auml;t oder
-dem Gegensatz ihres Inhalts nach ins Auge gefasst, in Folge deren sie,
-wenn sie einmal gleichzeitig oder successiv im Bewusstsein vorhanden
-sind, unvermeidlich mit einander in Contact treten m&uuml;ssen. Je
-nachdem jener Inhalt beschaffen, entweder ganz oder theilweise derselbe
-oder ein ganz oder theilweise entgegengesetzter ist, wird die
-Ber&uuml;hrung der im Bewusstsein gleichzeitig <span class="corr" id=
-"xd24e2616" title="Quelle: verhandenen">vorhandenen</span>
-Vorg&auml;nge, welche einander in Folge der atomistischen
-Beschaffenheit ihres gemeinsamen Tr&auml;gers nicht auszuweichen
-verm&ouml;gen, freundlich oder feindlich sein d. h. dieselben werden
-sich im ersten Fall unter einander verst&auml;rken d. h. mit einander
-verschmelzen, im zweiten Fall unter einander schw&auml;chen d. h.
-einander gegenseitig hemmen. Jener Vorgang entspricht der chemischen
-Anziehung zwischen qualitativ <span class="pagenum">[<a id="pb226"
-href="#pb226" name="pb226">226</a>]</span>gleichen, dieser dem Kampf
-zwischen qualitativ ungleichen K&ouml;rpern, von welchen der eine
-Bestandtheile enth&auml;lt, welche zu dem andern eine gr&ouml;ssere
-Verwandtschaft besitzen als zu ihm selbst d. h. zu ihm selbst im
-innerlichen Gegensatze stehen. Wie jene zu der Verschmelzung der
-gleichen K&ouml;rper, so f&uuml;hrt dieser zur Ausscheidung des
-Entgegengesetzten, worauf die zur&uuml;ckgebliebenen, nunmehr nicht
-mehr gegens&auml;tzlichen Bestandtheile sich mit einander
-vereinigen.</p>
-<p class="par">348. Wie bei der Nichtber&uuml;cksichtigung der
-qualitativen Beschaffenheit des zu Verkn&uuml;pfenden eine Association
-auf Grund der Gleichzeitigkeit oder Succession, so findet bei
-Ber&uuml;cksichtigung derselben zwar gleichfalls Association, aber in
-Folge der Gleichartigkeit oder des Gegensatzes des zu
-Verkn&uuml;pfenden statt. Zwar l&auml;sst sich die letztere auf die
-erstere zur&uuml;ckf&uuml;hren, insofern Bewusstseinsph&auml;nomene,
-die ihrem Inhalt nach identisch sind, als gleichzeitige deshalb sich
-ansehen lassen, weil, wenn ihr Inhalt einmal gegeben ist, derselbe in
-diesem Fall als der n&auml;mliche gegeben ist, welcher in allen
-folgenden F&auml;llen wiederkehrt. Allein, da jede Wiederholung
-desselben Inhalts nichts desto weniger ein von der urspr&uuml;nglichen
-Vorstellung desselben verschiedener Act des Bewusstseins, also in
-diesem Betracht ein neues Bewusstseinsph&auml;nomen und demnach mit
-jenem keineswegs gleichzeitig ist, so kann der Grund der Verbindung
-beider demungeachtet nicht in deren (nicht vorhandener)
-Gleichzeitigkeit, sondern muss in der (ganzen oder theilweisen)
-Identit&auml;t ihres Inhalts gesucht werden. Die Association durch
-Gleichzeitigkeit, durch welche gleichsam &bdquo;mechanische&rdquo;, und
-die Association durch Gleichartigkeit, durch welche gleichsam
-&bdquo;chemische&rdquo; Verbindungen zwischen
-Bewusstseinsvorg&auml;ngen zu Stande kommen, ist daher wesentlich
-verschieden.</p>
-<p class="par">349. Wie in der reinen Anschauung d. i. in der homogenen
-Complication homogene Empfindungen, so werden in dem durch
-Verschmelzung entstandenen Bewusstseinsgebilde homogene, sei es reine,
-sei es gemischte Anschauungen unter einander verbunden. Da dieselben
-homogen d. h. ihrem Inhalt nach gleichartig sind, so verst&auml;rken
-sie einander, so dass das neu entstehende Bewusstseinsgebilde in seiner
-Intensit&auml;t die Intensit&auml;ten aller derjenigen Anschauungen
-vereint, aus deren Verschmelzung unter einander es erwachsen ist. Von
-dieser Art sind die sogenannten sinnlichen Vorstellungen, welche als
-solche kein primitives Bewusstseinsgebilde, sondern erst auf Grund und
-durch Verschmelzung zahlreicher einzelner, unter einander gleichartiger
-Anschauungen allm&auml;lig geworden <span class="pagenum">[<a id=
-"pb227" href="#pb227" name="pb227">227</a>]</span>sind. Auf diesem Wege
-sucht der sogenannte Anschauungsunterricht durch k&uuml;nstliche
-Veranstaltungen, welche die wiederholte Vorf&uuml;hrung gleicher
-Anschauungen durch Vorzeigung des n&auml;mlichen Gegenstandes
-bezwecken, sinnliche Vorstellungen von bedeutender Intensit&auml;t zu
-erzeugen. Dieselbe stellt daher gleichsam die Summe derjenigen
-homogenen Einzelanschauungen dar, aus denen sie erwachsen, oder welche
-vielmehr in ihr zu einem Ganzen verwachsen ist, zugleich aber auch
-einen Kern, durch dessen &uuml;berlegen gewordene Intensit&auml;t jede
-im Verlauf des Bewusstseinsprocesses in denselben eintretende homogene
-Anschauung herangezogen und mit welchem dieselbe sofort, denselben
-neuerdings verst&auml;rkend, verschmolzen wird. Da die St&auml;rke auf
-diesem Wege gebildeter sinnlicher Vorstellungen mit der Menge der
-Anschauungen, welche deren Unterlage im Bewusstsein ausmachen, sich
-fortw&auml;hrend steigert, so erkl&auml;rt es sich, dass solche, die
-aus den Anschauungen der Umgebung (z. B. der Heimat), also aus den
-nat&uuml;rlicher Weise h&auml;ufigsten entstanden sind, die relativ
-gr&ouml;sste St&auml;rke besitzen m&uuml;ssen und daher im Bewusstsein
-am l&auml;ngsten und dauerhaftesten sich festsetzen, aber auch auf die
-weiteren ihrerseits aus sinnlichen Vorstellungen auf was immer f&uuml;r
-einem Wege abgeleiteten Bewusstseinsbildungen (z. B. Begriffe) den
-gr&ouml;ssten Einfluss &uuml;ben m&uuml;ssen.</p>
-<p class="par">350. Wenn die sinnliche Vorstellung durch die
-Verschmelzung homogener Anschauungen entsteht, so leuchtet ein, dass,
-wenn diejenigen Anschauungen, welche die Unterlage einer gewissen
-sinnlichen Vorstellung ausmachen, zwar unter einander homogen, aber
-zugleich einem gewissen Kreise von Anschauungen, welcher seinerseits
-einer sinnlichen Vorstellung als Basis dient, heterogen sind, auch die
-durch die Verschmelzung der ersteren und die durch die Verschmelzung
-der letzteren entstehende sinnliche Vorstellung unter einander
-heterogen sein m&uuml;ssen. Dieselben werden je nach der Beschaffenheit
-der Anschauungskreise, aus welchen sie erwachsen sind, unter einander
-entweder g&auml;nzlich disparat, oder ihrer Heterogeneit&auml;t
-ungeachtet mehr oder minder unter einander verwandt d. h. ihrem Inhalt
-nach theilweise identisch, theilweise entgegengesetzt d. h. zum Theil
-aus gleichen, zum Theil aus entgegengesetzten Elementen zusammengesetzt
-sein. Findet das erstere statt, so werden dieselben, wenn sie
-gleichzeitig oder nach einander im Bewusstsein vorhanden sind, sich zu
-einer Complication h&ouml;herer Ordnung, d. i. zu einer solchen
-verbinden, deren Bestandtheile im Gegensatz zu den fr&uuml;her
-erw&auml;hnten niederer Gattung weder blosse primitive
-Bewusstseinsacte, <span class="pagenum">[<a id="pb228" href="#pb228"
-name="pb228">228</a>]</span>noch Empfindungen oder Anschauungen,
-sondern selbst schon sinnliche Vorstellungen, also Gebilde h&ouml;herer
-Art sind. In letzterem Falle dagegen werden dieselben unter einander,
-so gut es geht, sich zu verschmelzen trachten, wobei die identischen
-Bestandtheile in beiden die Verschmelzung beg&uuml;nstigen, die
-entgegengesetzten in beiden dagegen dieselbe mehr oder minder vereiteln
-werden. Dadurch wird ein Bewusstseinsgebilde zum Vorschein kommen, in
-welchem ein Theil v&ouml;llig verschmolzen d. h. eins, der andere Theil
-dagegen der Verschmelzung widerstrebend d. h. in Spannung begriffen
-ist. Jener setzt sich aus den in s&auml;mmtlichen sinnlichen
-Vorstellungen, aus welchen das neue Gebilde erwachsen ist, identischen,
-dieser dagegen aus den in s&auml;mmtlichen obigen sinnlichen
-Vorstellungen von einander abweichenden d. h. sich unter einander
-ausschlie&szlig;enden Bestandtheilen zusammen; jener, der die
-Intensit&auml;t s&auml;mmtlicher jenen sinnlichen Vorstellungen
-gemeinsamen Bestandtheile in sich vereinigt, besitzt eine
-vergleichsweise &uuml;berlegene, die widerstrebenden Bestandtheile
-gleichsam &bdquo;wider Willen&rdquo; festhaltende Kraft; dieser, dessen
-einzelne Bestandtheile sich unter einander ausschliessen d. h. trennen
-m&ouml;chten, aber nicht k&ouml;nnen, weil sie mit den identischen zu
-einem Ganzen vereinigt sind, stellt einen Zustand in sich gespannter,
-einander gegenseitig hemmender, aber nicht vernichtender, relativ
-schwacher Kr&auml;fte dar, welche gegen&uuml;ber der gesammelten
-Intensit&auml;t der in dem bleibenden Bestandtheil verschmolzenen
-identischen Elemente gleichsam verschwinden. Das so entstandene
-Bewusstseinsgebilde, das zu seinem Inhalt die s&auml;mmtlichen
-sinnlichen, unter einander verwandten Vorstellungen, aus denen es
-entstanden ist, gemeinsamen Bestandtheile, zu seinem Umfang d. i. zu
-seiner Grundlage im Bewusstsein aber die Summe dieser sinnlichen
-Vorstellungen, aus denen es entstanden ist, selbst hat, ist das
-sogenannte Gemeinbild oder im psychologischen Sinne der <span class=
-"ex">Begriff</span>.</p>
-<p class="par">351. Derselbe kommt als psychisches mit dem belebten
-Naturk&ouml;rper als physischem Gebilde insofern &uuml;berein, als er,
-wie dieser, einen bleibenden unver&auml;nderlichen und einen
-ver&auml;nderlichen, wechselnden Bestandtheil in sich schliesst.
-Verm&ouml;ge des ersteren bleibt das Gemeinbild: Baum, das aus den
-sinnlichen Vorstellungen Birke, Buche, Tanne, Apfelbaum, Palme u. s. w.
-durch Verschmelzung der diesen allen gemeinsamen Bestandtheile
-entstanden ist, immer dasselbe, w&auml;hrend die Merkmale, welche der
-Birke oder der Buche eigenth&uuml;mlich sind, beliebig mit einander
-vertauscht werden und so das Gemeinbild bald in das Bild einer Birke,
-bald in das einer <span class="pagenum">[<a id="pb229" href="#pb229"
-name="pb229">229</a>]</span>Buche u. s. w. ver&auml;ndern k&ouml;nnen.
-Letztere, die sinnlichen Vorstellungen Birke, Buche, Fichte u. s. w.
-machen den Umfang, die ihnen allen gemeinsamen Merkmale den Inhalt des
-Begriffs Baum aus. Dieser als identischer Vereinigungspunkt des dem
-ganzen Umfang Gemeinsamen stellt gleichsam &bdquo;die Seele&rdquo;
-dieses ganzen Kreises von Vorstellungen dar, in welchen derselbe als
-allen gemeinsamer Bestandtheil erscheint. Mit der sinnlichen
-Vorstellung hat der Begriff als psychisches Gebilde gemein, dass er wie
-diese durch Verschmelzung homogener Elemente entstanden ist. Er
-unterscheidet sich aber von ihr durch den Umstand, dass die
-Anschauungen, aus welchen die sinnliche Vorstellung erw&auml;chst,
-keine andern als durchaus homogene Elemente in sich schliessen,
-w&auml;hrend die sinnlichen Vorstellungen, aus welchen der Begriff
-erw&auml;chst, neben den homogenen d. i. in allen identischen
-Bestandtheilen, die im Begriff mit einander verschmelzen, noch
-heterogene ja einander entgegengesetzte Bestandtheile in sich
-schliessen, die im Begriff einander hemmen und gegenseitig in Spannung
-versetzen. So hat die Vorstellung Birke mit der Vorstellung Tanne alle
-diejenigen Merkmale gemein, die der Begriff Baum enth&auml;lt, aber in
-jener ist zugleich das Merkmal des belaubten, in dieser das des Nadeln
-tragenden Baumes enthalten, die sich unter einander ausschliessen. Da
-sich nun niemals vorhersagen l&auml;sst, ob nicht k&uuml;nftig ins
-Bewusstsein eintretende Anschauungen sinnliche Vorstellungen
-herbeif&uuml;hren werden, welche zwar unter denselben bereits
-vorhandenen Begriff fallen, aber zugleich Elemente in sich schliessen,
-welche mit jenen aller bisherigen sinnlichen Vorstellungen des Umfangs
-jenes Begriffs im Widerspruch stehen, so muss der Umfang des
-Gemeinbildes und dadurch dieses selbst ein gewisses Schwanken zeigen,
-von welchem die sinnliche Vorstellung, die nichts anderes als die
-Verschmelzung s&auml;mmtlicher ihr zu Grunde liegenden homogenen
-Anschauungen zu einem einzigen Ganzen ist, sich frei erh&auml;lt. Je
-nachdem der Zusammenhang des Begriffs mit den Vorstellungen, aus denen
-er stammt, mehr oder minder lose d. h. entweder ein solcher ist, bei
-welchem die gemeinsamen Bestandtheile von den sich unter einander
-ausschliessenden sich noch nicht so weit losgemacht haben, dass nicht
-mit dem Vorstellen der ersteren zugleich eines oder einige der
-letzteren (mit Ausschluss der &uuml;brigen) vorgestellt w&uuml;rden,
-w&auml;hrend im anderen Falle die Verbindung zwischen den gemeinsamen
-und den individuellen Bestandtheilen bereits so weit gelockert ist,
-dass die <span class="corr" id="xd24e2638" title=
-"Quelle: erstern">ersteren</span> rein und ohne Begleitung eines oder
-mehrerer der letzteren <span class="pagenum">[<a id="pb230" href=
-"#pb230" name="pb230">230</a>]</span>vorgestellt werden, scheiden sich
-die Begriffe als psychische Gebilde in eine niedere und eine
-h&ouml;here Ordnung, welche zugleich an die entsprechende der
-organischen K&ouml;rperwelt erinnern. Im ersten Fall, so lange das
-Gemeinbild nicht rein, sondern jedesmal unter Begleitung eines oder
-mehrerer Merkmale, die nicht dem ganzen Umfang, sondern nur einem
-Theile desselben eigen sind, vorgestellt wird (z. B. der Baum nur als
-belaubt, w&auml;hrend es doch auch Coniferen gibt, oder nur als
-&auml;stig, w&auml;hrend es doch auch astlose B&auml;ume wie die Palmen
-gibt), erscheint dasselbe gleichsam wie die Pflanze an den Boden, aus
-dem es erwachsen ist d. i. an die sinnlichen Vorstellungen geheftet,
-die dessen Unterlage im Bewusstsein bilden, ohne sich von der
-&bdquo;Scholle&rdquo; losmachen und frei (wie das Thier in seinen
-Bewegungen) &uuml;ber die sinnlich anschauliche Basis, in welcher es
-seine Wurzel hat, erheben zu k&ouml;nnen. Auf dieser Stufe wird z. B.
-das Dreieck, weil es aus den Vorstellungen eines recht-, stumpf- oder
-spitzwinkeligen, eines gleichseitigen, gleichschenkligen oder
-ungleichseitigen, eines ebenen oder sph&auml;rischen Dreiecks erwachsen
-ist, jedesmal unter dem Bilde eines von diesen d. h. es wird entweder
-als spitzwinklig<a id="xd24e2643" name="xd24e2643"></a> oder als
-rechtwinklig, als gleichseitig oder als ungleichseitig, niemals aber
-als keines von diesen d. i. rein als Dreieck (in abstracto)
-vorgestellt. Die Eierschale der sinnlichen Vorstellungen, aus denen es
-erwachsen ist, klebt dem aus dem Ei geschl&uuml;pften K&uuml;chlein des
-psychischen Begriffs in diesem Stadium der psychologischen Entwickelung
-gleichsam noch auf dem R&uuml;cken an. Dasselbe erh&auml;lt sich um so
-l&auml;nger, je kleiner und homogener der Kreis der sinnlichen
-Vorstellungen ist, aus welchen das Gemeinbild seine Nahrungss&auml;fte
-zieht. Denn je gleichartiger die sinnlichen Vorstellungen unter
-einander d. h. je geringer an Zahl und Intensit&auml;t die unter
-einander entgegengesetzten Bestandtheile derselben sind, desto weniger
-hemmen und verdunkeln sich dieselben unter einander; desto weniger wird
-der Zusammenhang zwischen den identischen und den particul&auml;ren
-Merkmalen d. i. zwischen dem Begriff und seinem Umfang aufgehoben, und
-desto leichter werden mit den gemeinsamen auch eines oder einige
-besondere Merkmale d. h. wird das Gemeinbild selbst in einer besonderen
-F&auml;rbung (in concreto) vorgestellt. Je reicher und mannigfaltiger
-dagegen der Umkreis der sinnlichen Vorstellungen wird, um desto
-gr&ouml;ssere Gegens&auml;tze finden zwischen den letzteren statt, um
-so mehr l&ouml;schen die einander entgegengesetzten Merkmale sich unter
-einander v&ouml;llig aus, um desto mehr wird der Zusammenhang zwischen
-den allen gemeinsamen und den <span class="pagenum">[<a id="pb231"
-href="#pb231" name="pb231">231</a>]</span>individuell besonderen
-Merkmalen gelockert, um desto weniger tritt eine N&ouml;thigung ein, im
-Gemeinbilde nebst den gemeinsamen auch noch eines oder einige nur
-particul&auml;re Merkmale vorzustellen, um desto mehr l&ouml;st sich
-das Gemeinbild als ein abstractes von der ihm zu Grunde liegenden
-Vorstellungsunterlage im Bewusstsein ab und schwebt als ein auf dieser
-zwar erwachsenes, aber nicht mehr mit ihr verwachsenes Gebilde frei
-&uuml;ber der Sph&auml;re concreter Vorstellungen. Erst das auf diese
-Stufe der Entwickelung erhobene Gemeinbild ist wahres Allgemeinbild d.
-h. stellt nicht blos eines, einige oder viele Theile des Umfangs,
-sondern im eminenten Sinn den ganzen Umfang vor und kann, statt wie
-bisher an einem Theile desselben mit Ausschluss des &uuml;brigen zu
-haften, &uuml;ber alle Theile desselben ohne Ausnahme frei hin und her
-sich bewegen. Das so gel&auml;uterte Gemeinbild ist wirklich Begriff,
-denn es begreift s&auml;mmtliche Glieder seines Umfangs unter sich,
-zugleich in dieser abstracten Reinheit aber auch ein blosses
-&bdquo;Ideal&rdquo;, dem sich das wirklich vorhandene Gemeinbild zwar
-zu n&auml;hern, welches dasselbe jedoch niemals vollkommen zu erreichen
-vermag, weil der Zusammenhang zwischen den gemeinsamen und zum Begriff
-verschmolzenen und den individuellen, den sinnlichen Vorstellungen
-angeh&ouml;rigen Merkmalen zwar vermindert, aber niemals zerrissen
-werden kann und daher der thats&auml;chliche Begriff eine, wenn auch
-noch so leichte F&auml;rbung auf Grund seines Ursprungs immer an sich
-tragen muss. Letzteres ist um so weniger zu verwundern, als ja auch der
-thierische Organismus, seiner, mit der Sesshaftigkeit der Pflanze
-verglichen, frei erscheinenden Beweglichkeit ungeachtet, dem Boden
-seiner Heimat und den Bedingungen seiner Geburt verhaftet bleibt und
-sich fremden Himmelsstrichen entweder gar nicht, oder nur h&ouml;chst
-allm&auml;lig durch Acclimatisation einverleibt.</p>
-<p class="par">352. Die h&ouml;chste Stufe erreicht der Begriff, wenn
-er sich selbst begreift d. h. wenn er das auf dem Grunde der sinnlichen
-Vorstellungen erwachsene Gemeinbild sich selbst vorstellt. Dieses
-geschieht, wenn das im Bewusstsein vorhandene Gemeinbild jedes andere
-in demselben Bewusstsein auftauchende homogene, psychische Gebilde in
-Folge dieser seiner Homogeneit&auml;t als gleichartig erkennt,
-verm&ouml;ge seiner &uuml;berlegenen Intensit&auml;t an sich zieht und
-mit sich selbst verschmelzt. Dasjenige Gebilde, von welchem die
-Verschmelzung ausgeht (das th&auml;tige), spielt dabei die herrschende,
-dasjenige, welches mit demselben verschmolzen wird, das leidende, die
-unterth&auml;nige Rolle. Jenes erscheint als das &uuml;berlegene, das
-sich des <span class="pagenum">[<a id="pb232" href="#pb232" name=
-"pb232">232</a>]</span>anderen bem&auml;chtigt; gleichsam als der
-Krystallisationspunkt, an welchen das andere <span class="corr" id=
-"xd24e2652" title="Quelle: anschiesst">anschliesst</span>, oder als der
-Organismus, welchem das andere zur Nahrung dient. Wie der thierische
-Organismus den pflanzlichen (die vegetabilische Nahrung) sich
-assimilirt, so wird von dem m&auml;chtigeren psychischen Gebilde das
-ihm homogene schw&auml;chere <span class="ex">appercipirt</span> d. h.
-nicht blos als vorhanden wahrgenommen (percipirt), sondern als verwandt
-d. h. ihm zugeh&ouml;rig erkannt und als das seinige in Besitz genommen
-(appercipirt). Hat sich einmal der Begriff Baum im Bewusstsein
-festgesetzt, so reisst derselbe jede sp&auml;ter in dasselbe
-eintretende homogene Erscheinung d. i. jede k&uuml;nftige Wahrnehmung
-irgend eines Baumes sofort als ihm zugeh&ouml;rig an sich und f&uuml;gt
-sie als ihm Gleichartiges zu sich als bereits vorhandenem psychischem
-Gebilde hinzu, welches dadurch naturgem&auml;ss zu immer gr&ouml;sserer
-St&auml;rke und dem entsprechender Macht im Bewusstsein anwachsen
-muss.</p>
-<p class="par">353. Psychische Bildungen dieser letzten Art, welche
-nicht mehr weder zun&auml;chst noch entfernt blosse Perceptionen d. h.
-wie die primitiven Bewusstseinsacte durch extensive (&auml;ussere)
-veranlasste intensive (innere) Zust&auml;nde oder, wie die
-Anschauungen, sinnlichen Vorstellungen, niederen und h&ouml;heren
-Gemeinbilder aus jenen durch Complication oder durch Verschmelzung
-entstanden, sondern Apperceptionen d. h. andere ihresgleichen
-beherrschende Ph&auml;nomene sind, lassen sich als im Bewusstsein
-vertheilte Centralmassen betrachten, deren jede zahlreichen andern zum
-Mittel-, Sammel- und Vereinigungspunkte dient. Da die Macht derselben
-&uuml;ber andere ihresgleichen von ihrer eigenen, relativ diesen
-&uuml;berlegenen Intensit&auml;t abh&auml;ngt, indem jede
-Vorstellungsmasse eine ihr &auml;hnliche desto leichter sich aneignen
-wird, je st&auml;rker sie selbst und je schw&auml;cher die letztere
-ist, so ist es klar, dass diejenige, welche durch die Umst&auml;nde
-beg&uuml;nstigt, nothwendig von allen die st&auml;rkste werden,
-zugleich die st&auml;rkste Anziehungskraft erlangen und schliesslich
-die &uuml;brigen alle oder doch fast alle sich aneignen muss. Eine
-solche aber ist diejenige Vorstellungsmasse, welche sich auf den
-Vorstellenden d. i. auf den Tr&auml;ger des Bewusstseins selbst bezieht
-und deshalb als &bdquo;Ich&rdquo; bezeichnet wird. W&auml;hrend z. B.
-die Vorstellung des Baumes nur dann im Bewusstsein vorhanden sein kann,
-wenn die Anschauungen, aus welchen dieselbe erw&auml;chst, wirklich in
-das Bewusstsein jemals eingetreten sind, und demnach jenem nothwendig
-fehlen muss, dem jene Anschauungen mangeln (eben so wie dem Blinden die
-Farben, dem Tauben die T&ouml;ne u. s. w.), kann eine auf sich selbst
-<span class="pagenum">[<a id="pb233" href="#pb233" name=
-"pb233">233</a>]</span>bez&uuml;gliche Vorstellung dem Vorstellenden
-niemals abgehen, weil die Anschauungen, auf deren Grund dieselbe
-erw&auml;chst (zun&auml;chst die Empfindungen des eigenen Leibes)
-demselben nie fehlen k&ouml;nnen; und dieselbe muss nothwendig unter
-allen &uuml;brigen die relativ h&ouml;chste Intensit&auml;t erreichen,
-weil die Veranlassungen zu derselben mit jenen aller andern
-Vorstellungen verglichen die h&auml;ufigsten und, wie der eigene Leib,
-dem Bewusstsein beinahe ununterbrochen gegenw&auml;rtig sind. Zwar
-durchl&auml;uft dieselbe als psychisches Gebilde eine Reihe von
-Entwickelungsstadien, in deren Verfolge sich dieselbe immer mehr von
-&uuml;berfl&uuml;ssigen d. h. zur reinen Ich-Vorstellung wesentlich
-nicht erforderlichen Bestandtheilen befreit und aus einer
-Vorstellungsmasse, welche zun&auml;chst aus den Vorstellungen des
-eigenen Leibes und seiner Bestandtheile besteht, allm&auml;lig zu jener
-des reinen Sichselbstwissens im Selbstbewusstsein hinauf l&auml;utert;
-allein ihre bevorzugte Stellung und in deren Folge ihre appercipirende
-Macht &uuml;ber die &uuml;brigen Bildungen im Bewusstsein bleibt immer
-dieselbe und bewirkt, dass zuletzt nur dasjenige als im Bewusstsein
-wirklich vorhanden angesehen wird, was, weil vorhanden, durch das Ich
-appercipirt und als das Seinige angeeignet worden ist.</p>
-<p class="par">354. In dieser appercipirenden Macht, welche die
-Ich-Vorstellung &uuml;ber die Gebilde des Bewusstseins im weitesten
-Umfange aus&uuml;bt, liegt der Grund, weshalb der sich selbst
-begreifende Begriff d. i. das zur appercipirenden Vorstellungsmasse
-gewordene Gemeinbild &bdquo;Ich-&auml;hnliche&rdquo; Vorstellung
-genannt werden kann. Derselbe kann, w&auml;hrend er f&uuml;r die
-Vorstellungen seines Kreises im Bewusstsein das Centrum bildet,
-seinerseits von der Ich-Vorstellung, welche das Centrum des
-individuellen Bewusstseins ausmacht, als zu ihrem Kreise geh&ouml;rig
-appercipirt werden. Jeder derselben l&auml;sst sich mit einem jener
-kleineren Centralk&ouml;rper, im Weltraum vergleichen, welcher
-seinerseits wieder einem gr&ouml;sseren ein ganzes Weltsystem
-beherrschenden Centralk&ouml;rper unter- und in dessen Umkreis
-eingeordnet ist. So wenig die Abh&auml;ngigkeit von diesem die relative
-Selbstst&auml;ndigkeit jenes ersten anderen gegen&uuml;ber, so wenig
-schliesst die Apperception des zum Begriff gewordenen Gemeinbilds durch
-das Ich die F&auml;higkeit des ersteren aus, seinerseits zu seinem
-Kreise geh&ouml;rige Vorstellungen als die seinigen zu appercipiren.
-Wie die Ich-Vorstellung den appercipirenden Begriff im Grossen, so
-stellt jeder f&uuml;r sich ein Ich im Kleinen dar und &ouml;ffnet
-dadurch die M&ouml;glichkeit, unabh&auml;ngig vom Ich als ein solches
-f&uuml;r sich d. h. als ein anderes Ich im Bewusstsein sich geltend zu
-machen. <span class="pagenum">[<a id="pb234" href="#pb234" name=
-"pb234">234</a>]</span></p>
-<p class="par">355. Abnorme Erscheinungen des Bewusstseinslebens, in
-welchen neben der herrschenden Ich-Vorstellung eine zweite deren Rolle
-usurpirende Vorstellungsmasse ihrerseits einen Theil des
-Bewusstseinsinhalts an sich reisst, so dass in Folge dessen, wie etwa
-in einem und demselben Weltsystem zwei Centralk&ouml;rper, so in einem
-und demselben Bewusstsein zweierlei Ich sich in die Herrschaft
-&uuml;ber dasselbe getheilt zu haben scheinen, lassen sich auf die
-&uuml;berm&auml;chtig gewordene Apperception solcher
-&bdquo;Neben-Iche&rdquo; zur&uuml;ckf&uuml;hren. In dem Geisteskranken,
-der sich in seinem Delirium f&uuml;r Gott Vater h&auml;lt und als
-solcher betr&auml;gt, w&auml;hrend er in den sogenannten lichten
-Zwischenr&auml;umen bei gutem Verstande ist und seinem eigentlichen Ich
-gem&auml;ss denkt, will und handelt, ist jene fixe Idee zum ichartigen
-Mittelpunkt geworden, um welchen herum der mit demselben harmonirende
-Theil des Bewusstseinsinhalts sich krystallisirt, w&auml;hrend der mit
-ihm disharmonirende von demselben abgestossen wird. Folge davon ist,
-dass der Kranke w&auml;hrend seiner gesunden Momente von dem, was er
-w&auml;hrend seines &bdquo;Aussersichseins&rdquo; geredet und gethan,
-kein Bewusstsein haben kann, da die betreffenden
-Bewusstseinsph&auml;nomene nicht von seiner d. i. von der
-Ich-Vorstellung seines gesunden Bewusstseinslebens, sondern von einer
-dieser fremden, wenngleich innerhalb desselben
-&bdquo;Bewusstseinsraums&rdquo; befindlichen, ihrerseits als
-Ich-Vorstellung fungirenden Vorstellungsmasse appercipirt worden sind.
-Folge aber auch, dass ein solcher Kranker von der Haltlosigkeit seiner
-Selbstt&auml;uschung niemals &uuml;berzeugt werden kann, da ja
-derjenige, der Ueberzeugungsgr&uuml;nden zug&auml;nglich ist, mit
-demjenigen, welcher derselben bedarf, zwar real d. i. insofern deren
-beiderseitigem Bewusstsein derselbe atomistische Tr&auml;ger zu Grunde
-liegt, identisch, dem Bewusstsein d. h. dem von einer und derselben
-Ich-Vorstellung appercipirten Umkreis psychischer Vorg&auml;nge nach
-aber von demselben g&auml;nzlich verschieden ist.</p>
-<p class="par">356. Mit dem Erwachen und allm&auml;ligen Heranwachsen
-der Ich-Vorstellung, welches nicht mit dem Erwachen des Bewusstseins d.
-h. mit dem Auftauchen psychischer Vorg&auml;nge zu verwechseln ist,
-tritt in der Entwicklungsgeschichte des psychischen Lebens ein
-Wendepunkt ein. Das neugeborne Kind hat ein Bewusstsein d. h. in
-demselben finden nicht nur primitive Bewusstseinsacte, sondern bereits
-aus solchen durch Complication und Verschmelzung sich bildende
-Empfindungen, Anschauungen und sinnliche Vorstellungen, aber es hat
-keine Ich-Vorstellung und in Folge dessen findet keine <span class=
-"pagenum">[<a id="pb235" href="#pb235" name=
-"pb235">235</a>]</span>Apperception der in ihm vorgehenden
-Bewusstseinsacte als der seinigen statt. Wie die Processe in der
-K&ouml;rperwelt des Weltraums vor dem Auftreten des Menschen zwar
-gesetzm&auml;ssig ihren Verlauf nahmen, aber weder als solche gewusst,
-noch von irgend einem Wesen als zu ihm in irgend einem Verh&auml;ltniss
-stehend auf sich bezogen werden, so wickeln sich die Processe im
-Bewusstsein vor dem Auftreten der Ich-Vorstellung in diesem zwar
-gesetz- und regelm&auml;ssig ab, ohne jedoch als solche gewusst und von
-irgend einer auf den Tr&auml;ger des Bewusstseins bez&uuml;glichen
-Vorstellungsmasse als die ihrigen angeeignet zu werden. W&auml;hrend
-der leblose Naturk&ouml;rper den ihn bewegenden Impulsen der
-Naturkr&auml;fte Widerstand und bewusstlos Folge leistet, ist es
-f&uuml;r den belebten Naturk&ouml;rper, sobald er sich, wie im
-Menschen, nicht blos zur Vorstellung, sondern zur Vorstellung seiner
-selbst erhoben hat, charakteristisch, dass er das Vorgestellte, die ihn
-umgebende K&ouml;rperwelt, in ein Verh&auml;ltniss zu sich, dem
-dieselben und sich selbst vorstellenden Wesen setzt und nicht blos als
-daseiend, sondern als um seinetwillen und f&uuml;r ihn daseiend d. h.
-als sein &bdquo;Eigenthum&rdquo; betrachtet, Sonne und Mond als
-bestimmt, ihm zu leuchten, Fr&uuml;chte und Thiere als bestimmt, ihn zu
-n&auml;hren und zu kleiden, sich selbst als den Ziel- und Endpunkt des
-gesammten sichtbaren Weltalls ansieht. In der Entwicklungsgeschichte
-des Bewusstseins stellt der vor dem Erwachen und M&auml;chtigwerden der
-Ich-Vorstellung ablaufende Zeitraum gleichsam die vorgeschichtliche
-(wie in der Entwicklungsgeschichte des Weltalls die vormenschliche)
-Periode dar; innerhalb desselben sind zwar Bewusstseinsph&auml;nomene
-verschiedenster Art (Vorstellungen, Gef&uuml;hle, Begierden und
-W&uuml;nsche) bereits vorhanden, aber erst mit dem Auftreten der
-Ich-Vorstellung in ihrer Mitte werden sie von der letzteren als um
-ihretwillen vorhanden, als zu ihr in Beziehung stehend und ihr
-zugeh&ouml;rig angesehen und dadurch aus &bdquo;unbewussten&rdquo; d.
-h. von keinem Ich als die seinigen gewussten zu &bdquo;bewussten&rdquo;
-d. h. zu nicht nur im Bewusstsein vorhandenen, sondern auch von dem Ich
-dieses Bewusstseins als vorhanden gewussten und als die seinigen
-anerkannten Bewusstseinsacten erhoben. Wie jener Zeitraum, in welchem
-nur unbewusste Ph&auml;nomene im Bewusstsein vor sich gehen, gleichsam
-die Nachtseite, so macht derjenige, innerhalb dessen nach dem Erwachen
-und M&auml;chtigwerden der Ich-Vorstellung auch bewusste psychische
-Zust&auml;nde, und zwar in immer steigender Menge auftreten, die
-Tagseite des psychischen Lebens aus. Letztere kann durch
-vor&uuml;bergehendes Erl&ouml;schen der Ich-Vorstellung <span class=
-"pagenum">[<a id="pb236" href="#pb236" name="pb236">236</a>]</span>(wie
-es z. B. in der Ohnmacht, im Affect, im Delirium und periodisch
-wiederkehrend im Schlafe stattfindet) eben so vor&uuml;bergehende
-Unterbrechungen (gleichsam R&uuml;ckf&auml;lle in die Nacht des
-unbewussten Daseins), aber nur mit dem bleibenden Aufh&ouml;ren der
-Ich-Vorstellung ein bleibendes Ende erfahren.</p>
-<p class="par">357. Wie die elementaren Bewusstseinsacte, so &uuml;ben
-die durch Complication oder Verschmelzung aus denselben entstandenen
-Bewusstseinsgebilde h&ouml;herer Ordnung, durch die Einheit des
-atomistischen Tr&auml;gers gezwungen, der kein Ausweichen gestattet,
-gegenseitig Wirkungen auf einander aus. Jene vereinigen sich zu einer
-Complication, wenn sie gleichzeitig oder succedirend, verschmelzen mit
-einander, wenn sie dem Inhalt nach gleichartig sind. Letzterer Act geht
-ohne Aufenthalt und widerstandslos vor sich, wenn die zu
-verschmelzenden dem Inhalt nach identisch, dagegen z&ouml;gernd und
-erst nach vorausgegangenem Sichstr&auml;uben, wenn dieselben dem Inhalt
-nach entgegengesetzt sind. In ersterem Falle verst&auml;rken, im
-zweiten Falle schw&auml;chen die mit einander verschmelzenden
-Bewusstseinsacte einander, indem in jenem Fall die Intensit&auml;t des
-einen zu der Intensit&auml;t des mit ihm identischen andern einfach
-hinzugef&uuml;gt, dagegen im zweiten Fall ein Theil der Intensit&auml;t
-des einen durch einen Theil der Intensit&auml;t des andern
-&bdquo;gebunden&rdquo; und dadurch sowol der gebundene Theil der
-Intensit&auml;t des einen, wie der ihn bindende Theil der
-Intensit&auml;t des anderen unwirksam gemacht, folglich die
-urspr&uuml;ngliche Intensit&auml;t beider um diesen beziehungsweisen
-Bruchtheil vermindert wird. Der auf diese Weise an Intensit&auml;t
-gewachsene Bewusstseinsact ist, bildlich gesprochen, heller,
-diejenigen, deren Intensit&auml;t abgenommen hat, sind beziehungsweise
-dunkler geworden, als sie vorher waren; der Inhalt derselben aber ist
-derselbe geblieben. Geht die Verdunkelung so weit d. h. hat die
-Intensit&auml;t eines Bewusstseinsactes so sehr abgenommen, dass die
-Gegenwart desselben im Bewusstsein unmerklich wird (in &auml;hnlichem
-Sinn, wie ein gleichwol vorhandener Lichtreiz f&uuml;r die Netzhaut,
-ein vorhandener Schallreiz f&uuml;r den Geh&ouml;rsnerv unmerklich
-werden kann), so hat der Act die &auml;usserste Grenze im Bewusstsein,
-die sogenannte &bdquo;Schwelle des Bewusstseins&rdquo; (wie der Licht-
-und Schallreiz die Reizschwelle) erreicht; sinkt sie noch tiefer herab,
-letztere &uuml;berschritten. Das sogenannte Vergessene ist diesem Grade
-der Verdunkelung anheimgefallen, indem dasselbe, da nichts, was einmal
-geschah, ungeschehen gemacht werden kann, zwar (&bdquo;als Spur&rdquo;)
-nach wie vor im Bewusstsein vorhanden, aber, weil unmerklich
-<span class="pagenum">[<a id="pb237" href="#pb237" name=
-"pb237">237</a>]</span>geworden, seiner Wirksamkeit nach so gut wie
-nicht vorhanden ist und sich von dem im Bewusstsein wirklich nicht
-vorhandenen, weil niemals vorhanden gewesenen, nur dadurch
-unterscheidet, dass es unter g&uuml;nstigen Umst&auml;nden wieder hell
-zu werden d. h. sich im Bewusstsein wieder bemerklich zu machen vermag.
-Geschieht letzteres, so heisst der Bewusstseinsact ein erneuerter (z.
-B. die schon vergessen gewesene Vorstellung eine Erinnerung), kein
-neuer, weil es der fr&uuml;here &bdquo;latent&rdquo; gewordene Zustand
-ist, welcher neuerdings &bdquo;patent&rdquo; d. i. als wirksamer
-auftritt. Bewusstseinsacte dieser Art werden im Gegensatz zu den
-urspr&uuml;nglichen auf Veranlassung &auml;usserer Reize erzeugten
-(producirten) wiedererzeugte (reproducirte) genannt und, je nachdem sie
-den urspr&uuml;nglichen ganz oder nur zum Theile gleichen, als
-unver&auml;ndert (Ged&auml;chtnissacte) oder als ver&auml;ndert
-reproducirte (Phantasieacte) unterschieden. Die Reproduction selbst
-erfolgt entweder mit oder ohne Hilfe von Seite anderer
-Bewusstseinsacte; in letzterem Fall erhellt sich der verdunkelt
-gewesene Bewusstseinsact gleichsam von selbst, sobald und weil die
-bisherige Ursache seiner Verdunkelung (z. B. der von Seite eines dem
-Inhalt nach entgegengesetzten Acts ausge&uuml;bte Druck) aufgeh&ouml;rt
-hat zu wirken; in ersterem Falle wird der unter die Schwelle
-herabgedr&uuml;ckte Bewusstseinsact durch einen andern &uuml;ber
-derselben befindlichen, welcher mit jenem, sei es durch
-Gleichzeitigkeit oder Succession, associirt oder durch Gleichartigkeit
-des Inhalts verwandt ist, wieder emporgezogen. Unmittelbar reproducirte
-Vorstellungen, welche nach Herbart &bdquo;freisteigende&rdquo; heissen,
-machen, wenn sie w&auml;hrend des Schlafes auftreten, als Tr&auml;ume,
-wenn sie mitten unter heterogenen Vorstellungskreisen im Wachen
-auftauchen, als sogenannte Einf&auml;lle sich geltend, die, wenn sie
-dem Inhalt nach als besonders &uuml;berraschend oder gl&uuml;cklich
-erscheinen, wol auch f&uuml;r &bdquo;Eingebungen&rdquo; (Inspirationen)
-gehalten zu werden, Veranlassung geben. Mittelbar reproducirte
-Vorstellungen bilden, wenn sie zugleich unver&auml;ndert reproducirte
-sind, die Grundlage des auf Ged&auml;chtniss und Ueberlieferung
-beruhenden sogenannten historischen Wissens; wenn sie zugleich zum
-Theil ver&auml;ndert reproducirte sind, das wirksamste Hilfsmittel
-eines nicht nur das vorhandene Vorstellungsmaterial frei umformenden
-(dichtenden), sondern jede erregte Vorstellung durch eine F&uuml;lle
-begleitender Vorstellungen bereichernden und dadurch die gesammte
-Vorstellungsth&auml;tigkeit belebenden (phantasievollen) Schaffens.</p>
-<p class="par">358. Wie die Wirksamkeit der K&ouml;rper im physischen,
-so ist die Wirksamkeit der durch Complication oder Verschmelzung
-entstandenen <span class="pagenum">[<a id="pb238" href="#pb238" name=
-"pb238">238</a>]</span>Vorstellungsmassen im psychischen Leben auf
-einander dreifacher Art. Dieselbe erfolgt nach Art der mechanischen
-Wirksamkeit zwischen K&ouml;rpern, wenn die vorhandenen
-Vorstellungsmassen ohne R&uuml;cksicht auf die Beschaffenheit ihres
-Inhalts lediglich auf Grund einer &auml;usseren Veranlassung mit
-einander verbunden oder von einander getrennt werden; dagegen nach Art
-der chemischen Wirksamkeit zwischen K&ouml;rpern, wenn dieselben mit
-R&uuml;cksicht und in Folge der Beschaffenheit ihres Inhalts mit
-einander verkn&uuml;pft oder getrennt werden, endlich nach Art der
-organischen Wechselwirkung zwischen den K&ouml;rpern, wenn durch zwei
-oder mehrere Bewusstseinsgebilde mit R&uuml;cksicht auf deren
-Inhaltsbeschaffenheit ein neues hervorgebracht wird. Erstere Art der
-Wirksamkeit findet bei der durch blosse Gleichzeitigkeit oder
-Aufeinanderfolge veranlassten Vereinigung gewisser Vorstellungen zu
-Begriffen, eben solcher Begriffe als Subjects- und
-Pr&auml;dicatsbegriff zu Urtheilen, eben solcher Urtheile als
-Pr&auml;missen und Schlusssatz zu Schl&uuml;ssen statt. Da dieselbe
-nicht durch den Inhalt des zu Verkn&uuml;pfenden, sondern lediglich
-durch die Thatsache bedingt wird, dass das zu Verkn&uuml;pfende
-gleichzeitig oder nach einander im Bewusstsein erlebt, also erfahren
-wurde, so wird um der <span class="ex">empirischen</span> Natur des
-Grundes der Verkn&uuml;pfung halber die vollzogene Verkn&uuml;pfung
-selbst eine empirische und werden die durch eine solche zu Stande
-gekommenen Begriffe, Urtheile und Schl&uuml;sse deshalb <span class=
-"ex">empirische</span> genannt. Die zweite Art der Wirksamkeit findet
-bei der durch Homogeneit&auml;t bewirkten Verschmelzung gewisser
-Anschauungen zu sinnlichen Vorstellungen, so wie der durch
-Verschmelzung der identischen Bestandtheile gewisser Vorstellungen
-verursachten Entstehung von Begriffen, endlich bei der mit
-R&uuml;cksicht auf den Inhalt herbeigef&uuml;hrten Vereinigung bisher
-getrennt gewesener, aber zusammengeh&ouml;riger Begriffe als Subjects-
-und Pr&auml;dicatsbegriff im bejahenden, so wie durch Trennung bisher
-verbunden gewesener, aber nicht zusammengeh&ouml;riger Begriffe im
-verneinenden Urtheil statt. Die dritte Art der Wirksamkeit aber zeigt
-sich, wenn, wie z. B. im einfachen oder zusammengesetzten Syllogismus,
-aus zwei (oder mehreren dem Inhalte nach verwandten d. i. theilweise
-identischen, theilweise entgegengesetzten) Urtheilen (major, minor) ein
-neues, dem Inhalte nach mit keinem der Vorders&auml;tze f&uuml;r sich,
-aber mit allen zusammengenommen (wie die Folge mit der Summe ihrer
-Theilgr&uuml;nde) identisches Urtheil erzeugt wird. Letztere beiden
-Arten der Wirksamkeit werden zusammengenommen im Gegensatz zu der
-ersten, da dieselbe mit R&uuml;cksicht, die erste <span class=
-"pagenum">[<a id="pb239" href="#pb239" name=
-"pb239">239</a>]</span>dagegen ohne R&uuml;cksicht auf den Inhalt
-erfolgt, um der <span class="ex">logischen</span> Natur des Grundes der
-Verkn&uuml;pfung willen <span class="ex">logische</span> und die auf
-diesem Wege zu Stande kommenden Bewusstseinsgebilde <span class=
-"ex">logische</span> Begriffe, <span class="ex">logische</span>
-Urtheile und <span class="ex">logische</span> Schl&uuml;sse genannt.
-W&auml;hrend die erste den durch Erfahrung gegebenen Stoff in Folge der
-Gleichzeitigkeit oder der Aufeinanderfolge desselben zu einem Ganzen
-verkn&uuml;pft, welches als solches ein blosses <span class=
-"ex">Aggregat</span> des Erfahrenen d. h. eine durch Wiederholung sich
-stets vermehrende H&auml;ufung einzelner Erfahrungen ausmacht,
-verf&auml;hrt die zweite Art der Wirksamkeit dem durch Erfahrung
-gegebenen Bewusstseinsinhalt gegen&uuml;ber <span class=
-"ex">kritisch</span> (sichtend), indem sie dasselbe mit R&uuml;cksicht
-auf dessen Inhalt pr&uuml;ft, das Verwandte verbindet, das
-Vertr&auml;gliche duldet, das Unvertr&auml;gliche ausscheidet, die
-dritte Art der Wirksamkeit aber <span class="ex">begr&uuml;ndend</span>
-(constructiv), indem sie auf Grund der im gegebenen
-Bewusstseinsmaterial gegebenen Bedingungen in jenem nicht Gegebenes,
-aber durch diese Bedingtes folgert d. h. aus dem Vorhandenen
-Nichtvorhandenes, aus dem Alten Neues erzeugt. Ersteres, das rein
-empirische Verfahren, aus dem die sogenannte &bdquo;Praxis&rdquo; im
-Leben und der &bdquo;Empirismus&rdquo; in der Wissenschaft sich
-entwickeln, kann auch als &bdquo;Juxtaposition&rdquo; d. i. als
-Nebeneinanderreihung von Thatsachen, das zweite als
-&bdquo;Analyse&rdquo;, aus der die sogenannte Verstandesth&auml;tigkeit
-im Leben und die zersetzende Kritik in der Wissenschaft hervorgeht, die
-dritte als &bdquo;Synthese&rdquo;, auf welcher die sogenannte
-Vern&uuml;nftigkeit im Leben und die aufbauende Deduction in der
-Wissenschaft beruht, bezeichnet und je nach dem Vorherrschen der einen
-oder der andern das individuelle Bewusstseinsleben als &uuml;berwiegend
-empirisches (mechanisches), verst&auml;ndiges (aufl&ouml;sendes) oder
-vern&uuml;nftiges (organisches) benannt werden. Sowol durch das
-empirische wie durch das analytische Verfahren werden zwar nicht dem
-Stoff, aber doch der Form nach neue Bewusstseinsbildungen, durch das
-organische werden anstatt und auf Grund alter Bewusstseinsbildungen
-neue, denselben gleichartige wiedererzeugt. Wie durch das Summirung
-vorangegangener Bewusstseinsacte ein neuer entsteht, der eben nur die
-Summe der fr&uuml;heren ist (z. B. das copulative Urtheil als Summe der
-copulirten Urtheile; der auf vollst&auml;ndiger Induction ruhende
-Schlusssatz als Summe der vollst&auml;ndig aufgez&auml;hlten
-Pr&auml;missen), so kommen durch die Verbindung des
-Zusammengeh&ouml;rigen aber Getrenntgewesenen, und durch die Trennung
-des Nichtzusammengeh&ouml;rigen aber Verkn&uuml;pftgewesenen neue
-<span class="pagenum">[<a id="pb240" href="#pb240" name=
-"pb240">240</a>]</span>Bewusstseinsgebilde zu Stande, die von den
-fr&uuml;heren nicht dem Stoff, aber der Form nach verschieden sind (z.
-B. das Urtheil: die Erde bewegt sich um die Sonne, durch die
-Aufl&ouml;sung des fr&uuml;heren Urtheils: die Sonne bewegt sich um die
-Erde). In beiden F&auml;llen bestehen diejenigen Bewusstseinsbildungen,
-aus welchen die neue entstanden ist, neben dieser in der Weise fort,
-dass dieselben im ersten Fall Theile der neu entstandenen ausmachen d.
-h. in derselben einbegriffen sind, im zweiten Fall dagegen nur die
-Stelle gewechselt haben und, wie im obigen Beispiel von dem
-Verh&auml;ltniss der Erde zur Sonne, das fr&uuml;here Subject zum
-Pr&auml;dicat, das fr&uuml;here Pr&auml;dicat zum Subjecte geworden
-ist. Dagegen gehen bei der organischen Bewusstseinsth&auml;tigkeit die
-Bewusstseinsbildungen, auf Grund welcher eine neue, denselben
-gleichwerthige entstehen soll, in letzterer unter; die neue (z. B. der
-Schlusssatz) tritt nicht blos neben die alten, sondern an die Stelle
-der alten (der Pr&auml;missen); letztere werden durch die neu
-entstandene Bewusstseinsbildung weder vermehrt, noch erg&auml;nzt,
-sondern im vollen Sinne des Wortes ersetzt und wie die Schildwache von
-ihrem Posten durch deren Nachfolger abgel&ouml;st. Wie die Summe nicht
-mehr enth&auml;lt als ihre Summanden, das Product nicht mehr als seine
-gleichviel in welcher Ordnung multiplicirten Factoren, so enth&auml;lt
-auch das neue auf Grund seiner Vorg&auml;nger organisch entstandene
-Bewusstseinsgebilde, die Folge, nicht mehr und nicht weniger als diese
-(die Gr&uuml;nde) zusammengenommen, mit dem Unterschied, dass die
-Summanden in der Summe, die Factoren im Product unver&auml;ndert
-fortbestehen, w&auml;hrend die Theilgr&uuml;nde in der Folge fortan
-ununterscheidbar mit dieser zur Einheit zusammenfliessen. Letztere Art
-des Zusammenhanges unter Bewusstseinsgebilden stellt gleichsam eine
-fortlaufende Kette von Gr&uuml;nden und Folgen dar, in welcher jedes
-einzelne Glied alle vorangegangenen in sich schliesst und seinerseits
-von allen folgenden umschlossen wird, und welche sich mit der
-organischen Kette vergleichen l&auml;sst, welche durch Fortpflanzung
-geschlechtlich geschiedener Organismen von Generation zu Generation hin
-gebildet wird. Wie in jeder der letzteren die Spur aller Stammeltern,
-so erh&auml;lt sich in jedem Gliede der ersteren, als Folge betrachtet,
-die Spur aller Stammgr&uuml;nde. Und wie jene durch die organische
-Umbildung s&auml;mmtlichen in den vorangegangenen elterlichen
-Organismen enthaltenen Stoffs entstanden, so ist diese durch das
-causale Zusammenwirken aller in den vorangegangenen Gliedern der Kette
-wirksam gewesenen Theilgr&uuml;nde begr&uuml;ndet. <span class=
-"pagenum">[<a id="pb241" href="#pb241" name="pb241">241</a>]</span></p>
-<p class="par">359. Alle bisher in Betracht gezogenen
-Bewusstseinsvorg&auml;nge waren entweder primitive Bewusstseinsacte,
-oder solche, welche aus diesen in Folge der zwischen ihnen herrschenden
-quantitativen und qualitativen Beziehungen entstanden sind. Machen nun
-jene Beziehungen, von den mittels derselben hervorgerufenen
-Bewusstseinsgebilden abgesehen, abgesondert f&uuml;r sich im
-Bewusstsein sich geltend, so entsteht eine neue Classe von psychischen
-Ph&auml;nomenen, die von der ersteren zwar insoweit abh&auml;ngig ist,
-als sie ohne Vorhandensein jener &uuml;berhaupt nicht entst&auml;nde,
-sich aber zugleich dadurch von jener unterscheidet, dass ihre
-Veranlassung nicht, wie bei den primitiven Bewusstseinsacten, ausser
-dem Bewusstsein (in Nervenreizen), sondern im Bewusstsein selbst liegt
-d. i. in den Beziehungen, welche zwischen den einzelnen
-Bewusstseinsgebilden im Bewusstsein selbst herrschen. Solche
-Beziehungen sind z. B. die relative Unterdr&uuml;ckung oder im
-Gegensatz dazu die relative Befreiung, welche Gebilde im Bewusstsein
-durch andere in demselben Bewusstsein erleiden oder erleben, und die
-Bewusstseinsvorg&auml;nge, welche durch solche veranlasst werden, z. B.
-die Unlust bei der Einklemmung, die Lust bei der Erl&ouml;sung eines
-Bewusstseinsgebildes durch andere, werden <span class=
-"ex">Gef&uuml;hle</span> genannt. W&auml;hrend alle primitiven
-Bewusstseinsacte und in Folge dessen alle aus denselben in directer
-Reihe gewordenen, wenn auch in noch so entfernter und sinnlich
-abgeblasster Weise zu ihrem Gegenstand ein &auml;usseres Object haben,
-ist das Object der Gef&uuml;hle, das relative Verh&auml;ltniss der
-Bewusstseinsgebilde im Bewusstsein zu einander, im eminenten Sinne ein
-inneres und der Inhalt derselben dem Inhalt der (sinnlichen wie
-unsinnlichen) Vorstellungen (Anschauungen oder Begriffe) durchaus
-un&auml;hnlich. Dieselben lassen sich als psychische Ph&auml;nomene mit
-jenen physischen vergleichen, deren Ursache nicht in den physikalischen
-Atomen und deren Verkn&uuml;pfung zu K&ouml;rpern, sondern in dem die
-Zwischenr&auml;ume der physikalischen Atome ausf&uuml;llenden
-Welt&auml;ther und dessen Beziehungen zu dem physischen Stoffe zu
-suchen ist. Licht, W&auml;rme, Magnetismus und Elektricit&auml;t
-stellen Erscheinungen dar, deren Grund nicht in den Atomen, sondern
-zwischen denselben liegt; Lust und Unlust, Freude und Schmerz
-Ph&auml;nomene, deren Grund nicht oder doch wenigstens nicht immer in
-dem Inhalt, sondern in der Lage gewisser Vorstellungen oder
-Vorstellungsmassen im Bewusstsein zu finden ist. Die Vorstellung des
-abwesenden Freundes ist von einem Unlustgef&uuml;hl begleitet; nicht
-weil uns die Vorstellung des Freundes unangenehm, sondern weil dieselbe
-durch <span class="pagenum">[<a id="pb242" href="#pb242" name=
-"pb242">242</a>]</span>das Bewusstsein seiner Abwesenheit gedr&uuml;ckt
-und dadurch in eine Klemme gerathen ist, aus welcher dieselbe zu
-befreien wir uns ausser Stande wissen. Dieselbe Vorstellung tritt aber
-sogleich in Begleitung eines Lustgef&uuml;hls auf, wenn die Erscheinung
-des Freundes dieselbe aus dem Banne der Vorstellung seiner Abwesenheit
-erl&ouml;st. Dieselben zerfallen (wie die Aetherph&auml;nomene) von
-vornherein in zwei Classen, je nachdem die Entstehung des Gef&uuml;hls
-von der Beschaffenheit des Inhalts der Vorstellung, an die es sich
-heftet (wie dort die Beschaffenheit des Aetherph&auml;nomens von der
-Qualit&auml;t der K&ouml;rper, deren Zwischenr&auml;ume er
-ausf&uuml;llt) unabh&auml;ngig, oder durch denselben (wie dort das
-Aetherph&auml;nomen durch die specifische Natur der K&ouml;rper)
-bedingt ist. Gef&uuml;hle ersterer Art, weil sie durch Vorstellungen
-jedes beliebigen Inhalts veranlasst werden k&ouml;nnen, werden (von
-Herbart) treffend als &bdquo;vage&rdquo;, solche, die einen bestimmten
-Vorstellungsinhalt voraussetzen, als &bdquo;fixe&rdquo; bezeichnet.
-Jene entsprechen in dieser Hinsicht den Licht- und W&auml;rme-, diese
-den magnetischen und elektrischen Ph&auml;nomenen. Jene, da sie nicht
-nur bei jeder Vorstellung andere, sondern auch bei derselben
-Vorstellung verschiedene, um so mehr in verschiedenen mit Bewusstsein
-ausger&uuml;steten Individuen immer wieder andere sein k&ouml;nnen
-(indem nicht nur Demselben dasselbe bald s&uuml;ss bald bitter, sondern
-auch Verschiedenen dasselbe verschieden schmeckt), haben mit Recht zu
-dem Sprichwort, dass sich &uuml;ber den Geschmack (eigentlich das
-Gef&uuml;hl) nicht streiten lasse, Veranlassung gegeben und sind ihrer
-&bdquo;Subjectivit&auml;t&rdquo; halber auch wohl &bdquo;subjective
-Gef&uuml;hle&rdquo; genannt worden. Diese, die fixen Gef&uuml;hle,
-trifft zwar obiges Sprichwort nicht, weil die an dem Inhalt gewisser
-Vorstellungen haften und daher stets nicht nur im einzelnen, sondern in
-jedem Bewusstsein im Gefolge dieser Vorstellungen auftreten, also im
-Gegensatz zu den subjectiven Gef&uuml;hlen &bdquo;objectiv&rdquo;
-(allgemein d. i. allen gemein) sind; daf&uuml;r tritt bei ihnen, wenn
-nicht besonders Rath geschafft wird, der allgemeine Uebelstand des
-Gef&uuml;hls, dass es sich, statt auf Objecte, auf das Subject d. i.
-statt auf Vorgestelltes, auf den Vorstellenden selbst bezieht (in Bezug
-auf jenes also &bdquo;dunkel&rdquo; ist, nicht weiss, was es
-f&uuml;hlt) so sehr in den Vordergrund, dass dasselbe darum mit
-Misstrauen betrachtet und von dem Versuch, auf dasselbe eine
-Wissenschaft zu gr&uuml;nden, ausgeschlossen zu werden pflegt. Dieser
-Uebelstand schwindet, wenn das Gef&uuml;hlte (die Vorstellung) nicht,
-wie es bei dem sogenannten Angenehmen und Unangenehmen der Fall ist,
-mit dem Gef&uuml;hl in eins zusammenrinnt, sondern, wie es bei dem
-Sch&ouml;nen <span class="pagenum">[<a id="pb243" href="#pb243" name=
-"pb243">243</a>]</span>und H&auml;sslichen der Fall ist, von dem
-Gef&uuml;hl abgesondert vorgestellt d. h. <span class="corr" id=
-"xd24e2727" title="Quelle: nich">nicht</span> nur gef&uuml;hlt, sondern
-auch gewusst und als Subject eines &auml;sthetischen Urtheils d. i.
-eines solchen, dessen Pr&auml;dicat ein Wohlgefallen oder Missfallen
-ausdr&uuml;ckt, im Verh&auml;ltniss zu einem andern Gleichartigen (ganz
-oder theilweise Identischen oder Gegens&auml;tzlichen) seiner
-Uebereinstimmung oder Nicht&uuml;bereinstimmung nach mit diesem und
-dadurch seinem Werthe nach beurtheilt wird. Wie der Inbegriff der
-Gef&uuml;hle (der vagen wie der fixen) &uuml;berhaupt das <span class=
-"ex">Gem&uuml;th</span>, so wird der Inbegriff der &auml;sthetischen
-Urtheile, die ihrer logischen Natur nach identische, also unfehlbare
-Urtheile sind, der <span class="ex">Geschmack</span>, in dem besonderen
-Fall, wenn das Object des &auml;sthetischen Urtheils ein Wollen ist,
-das <span class="ex">Gewissen</span> genannt.</p>
-<p class="par">360. Wie die Aetherph&auml;nomene zeigen auch die
-Gem&uuml;thserscheinungen Gegens&auml;tze und
-Intensit&auml;tsunterschiede, die bei jenen durch die Bezeichnungen
-Helligkeit und Finsterniss einerseits, Hitze und K&auml;lte
-andererseits, bei diesen durch die Begriffe Lust und Unlust einer-,
-Freude (gesteigerte Lust) und Schmerz (gesteigerte Unlust) andererseits
-ausgedr&uuml;ckt werden. Wie unter den ersteren die magnetischen und
-elektrischen Erscheinungen insofern eine besondere Stellung einnehmen,
-als sie zu ihrem wirksamen Hervortreten der Gegenwart eines anderen
-K&ouml;rpers bed&uuml;rfen, welcher entweder angezogen oder abgestossen
-wird, so spielen unter den Gef&uuml;hlen diejenigen, welche zu ihrem
-Hervortreten der Gegenwart eines zweiten Bewusstseins bed&uuml;rfen, in
-welchem &auml;hnliche oder entgegengesetzte Gef&uuml;hle entweder
-wirklich vorhanden sind oder doch vorhanden zu sein scheinen, die
-sogenannten sympathetischen oder <span class=
-"ex">Mitgef&uuml;hle</span>, eine eigenth&uuml;mliche Rolle. Dieselben
-stellen als Mitleid und Mitfreude die Wiederholung eines wirklichen
-oder vermeintlichen Leid- oder Lustgef&uuml;hles des fremden im eigenen
-Bewusstsein, dagegen als Neid und Schadenfreude die Begleitung eines
-wahren oder vermeintlichen Lust- oder Leidgef&uuml;hles im andern durch
-ein dem Inhalt nach entgegengesetztes Gef&uuml;hl im eigenen
-Bewusstsein dar. Fremdes und eigenes Gef&uuml;hl sind im ersten Fall
-gleich-, im letzteren ungleichnamig. Wie der elektrische Strom durch
-sogenannte Induction einen ihn in gleicher oder entgegengesetzter
-Richtung begleitenden, so erzeugt fremdes wirkliches oder
-vermeintliches Gef&uuml;hl durch Nachahmung das ihm gleiche oder
-entgegengesetzte im eigenen Bewusstsein. Leid und Freude wirken
-ansteckend wie Weinen und Lachen und pflanzen sich unwillk&uuml;rlich,
-ja wider Willen von einem zum andern fort. Sympathetische Gef&uuml;hle
-haben daher, auch wenn <span class="pagenum">[<a id="pb244" href=
-"#pb244" name="pb244">244</a>]</span>sie wie Mitleid und Mitfreude
-einen guten oder wie Neid und Schadenfreude einen schlimmen Charakter
-zu haben scheinen und Veranlassung zu wohlth&auml;tigen wie zu
-feindseligen Handlungen werden k&ouml;nnen, im Grunde weder den einen
-noch den andern, sondern entstehen durch einen blossen Naturprocess. Da
-dieselben jedoch, um zu Tage zu treten, der Gegenwart eines zweiten
-Individuums bed&uuml;rfen, so weisen dieselben &uuml;ber den Umkreis
-des einzelnen hinaus und stellen zwischen diesem und dem andern eine
-zun&auml;chst blos ideelle d. h. nur im Bewusstsein des
-Mitf&uuml;hlenden vorhandene Verbindung her, die aber, wenn das
-Gef&uuml;hl Willensentschliessungen und in deren Folge Handlungen nach
-sich zieht, zu einer realen, den andern entweder anziehenden
-(sympathische Ann&auml;herung) oder von sich entfernenden
-(antipathische Abstossung) Beziehung werden, daher die Gesellung der
-Individuen entweder bef&ouml;rdern oder hemmen kann, daher die
-sympathetischen Gef&uuml;hle auch als <span class="ex">sociale</span>
-oder <span class="ex">gesellige</span> Gef&uuml;hle bezeichnet und die
-aus denselben entspringenden Attractionen und Repulsionen zwischen den
-Individuen mit den Wirkungen zwischen den physikalischen Atomen
-wirksamer Anziehungs- und Abstossungskr&auml;fte verglichen werden.</p>
-<p class="par">361. Wie pl&ouml;tzlich zu grosser Intensit&auml;t
-gesteigerte und &uuml;ber einen ausgedehnten Raum sich verbreitende
-Aetherph&auml;nomene als (magnetisches, elektrisches)
-&bdquo;Ungewitter&rdquo;, so werden pl&ouml;tzlich hochgesteigerte
-Gef&uuml;hle, wenn dieselben sich &uuml;ber den gr&ouml;ssten Theil des
-Bewusstseins oder &uuml;ber das ganze Bewusstsein in der Weise
-ausbreiten, dass die Ich-Vorstellung unterdr&uuml;ckt und die von
-dieser ausgehende, beherrschende Macht vor&uuml;bergehend aufgehoben
-wird, als <span class="ex">Affecte</span> bezeichnet. Wie jene ihres
-keineswegs unvorbereiteten, aber unvermutheten Auftretens halber
-Ausnahmen von dem gewohnten Naturlauf, so scheinen diese, da sie,
-obgleich nicht ohne Grund, doch ohne bekannten Grund erfolgen,
-gesetzlose Unterbrechungen des regelm&auml;ssigen Bewusstseinsverlaufs
-zu bilden, daher sie, wie jene als elementare, so als psychische
-Zuf&auml;lle betrachtet zu werden pflegen. Dort <span class=
-"ex">scheint</span> die Natur, hier <span class="ex">ist</span> in
-Folge der Unterdr&uuml;ckung der Ich-Vorstellung der im Affect
-Befindliche ausser sich und die durch das aussergew&ouml;hnliche
-Ereigniss in der <span class="ex">Natur</span> (Erdbeben, Sturmflut,
-Blitzstrahl u. s. w.) etwa angerichteten Verheerungen k&ouml;nnen eben
-so wenig den (vor&uuml;bergehend ausser Wirksamkeit gesetzt zu sein
-scheinenden) Naturgesetzen, als die etwa im Zorn ver&uuml;bten
-unerlaubten oder gemeinsch&auml;dlichen Handlungen dem
-(vor&uuml;bergehend seiner Herrschaft &uuml;ber das Bewusstsein
-beraubten) <span class="pagenum">[<a id="pb245" href="#pb245" name=
-"pb245">245</a>]</span>Ich des Zornigen zur Last gelegt werden. Folge
-der pl&ouml;tzlichen L&ouml;sung des Bandes zwischen der
-Ich-Vorstellung und dem bis dahin von dieser beherrschten
-Bewusstseinsinhalt ist es auch, dass die etwa bestehenden Associationen
-zwischen inneren Gem&uuml;ths- und &auml;usseren K&ouml;rperbewegungen
-widerstandslos zum Ablauf kommen und daher der vorhandene
-Gem&uuml;thszustand z. B. des Zornes, dessen Aeusserung sonst durch die
-Schranken des Wohlanstandes gehemmt oder doch gez&uuml;gelt w&uuml;rde,
-sich r&uuml;cksichtslos in masslose Reden und Handlungen umsetzt. Je
-nachdem die Ursache, durch welche die Ich-Vorstellung und deren
-Herrschaft unterdr&uuml;ckt wird, darin besteht, dass pl&ouml;tzlich
-eine zu grosse Menge von Vorstellungen auf einmal ins Bewusstsein
-eindringt, neben welchen jene sich nicht zu behaupten vermag, oder dass
-Umst&auml;nde eintreten, welche bewusstes Vorstellen (also auch das der
-Ich-Vorstellung) &uuml;berhaupt unm&ouml;glich machen, werden die
-Affecte in sthenische (Affecte der St&auml;rke) und asthenische
-(Affecte der Schw&auml;che) eingetheilt. In jenen wird die
-Ich-Vorstellung gehemmt, w&auml;hrend die durch den Affect
-herbeigef&uuml;hrten Vorstellungen einander gegenseitig
-unterst&uuml;tzen; in diesen werden die letzteren sich zugleich unter
-einander selbst hemmen. Ersterer Art ist der Zorn, welcher beredt,
-letzterer der Schrecken, welcher stumm macht.</p>
-<p class="par">362. Wie das in der Zeit vor sich gehende wirkliche
-Geschehen in der physischen, so ist auch das in der psychischen Welt
-ein dreifaches. Wie die erste Art desselben in der K&ouml;rperwelt
-darin besteht, dass der K&ouml;rper sich bewegt d. h. seinen Ort im
-Raume, so besteht die erste Art des Geschehens in der Bewusstseinswelt
-darin, dass der Bewusstseinsact aus seinem gegenw&auml;rtigen in einen
-anderen, also zuk&uuml;nftigen Zustand &uuml;berzugehen <span class=
-"ex">strebt</span> d. h. seinen &bdquo;Ort&rdquo; im Bewusstsein
-ver&auml;ndert. Von dieser Art ist das Aufstreben einer durch andere
-verdunkelten d. h. unter die Schwelle des Bewusstseins gedr&uuml;ckten
-Vorstellung aus der Tiefe nach oben gegen die hemmenden
-Widerst&auml;nde. Jede auf diese Weise im Streben begriffene
-Vorstellung stellt ein Begehren dar, dessen Gegenstand, der zu
-erreichende Zustand der Vorstellung, abwesend, und dessen Befriedigung
-eben die Erreichung jenes Zustandes der Vorstellung selbst ist. Folge
-des Gesagten ist, dass ohne Vorstellung des Begehrten keine Begierde
-entstehen (<span lang="la">ignoti nulla cupido</span>), aber auch, dass
-jede Vorstellung Sitz einer Begierde werden kann. Dieselbe wird
-gesteigert, je mehr Hindernisse sich der Erreichung ihres Ziels in den
-Weg stellen d. h. je gr&ouml;sser die Zahl und der Druck <span class=
-"pagenum">[<a id="pb246" href="#pb246" name=
-"pb246">246</a>]</span>derjenigen Vorstellungen ist, welche dem Inhalt
-der aufstrebenden Vorstellung des Begehrten entgegengesetzt sind. Die
-Vorstellung der Nahrung erzeugt in dem Hungrigen eine Begierde, weil
-sich dieselbe durch die Abwesenheit ihres Gegenstandes (den Mangel an
-Nahrung) in gedr&uuml;cktem Zustande befindet. Dieselbe strebt nach
-Befriedigung, indem der Hungrige diejenigen Hindernisse zu beseitigen
-sucht, welche der Anwesenheit des Begehrten (der Herbeischaffung von
-Nahrungsmitteln) im Wege stehen. Sind dieselben beseitigt d. h. ist die
-Nahrung nicht nur herbeigeschafft, sondern der Hungrige wirklich in
-deren Genuss begriffen, so h&ouml;rt die Begierde auf. Die Befriedigung
-ist erreicht, die Vorstellung der Nahrung, die bis dahin eine blosse
-Einbildung war, ist zur Empfindung, die bis dahin nur
-&bdquo;imaginirte&rdquo; zur &bdquo;geschmeckten&rdquo; Speise geworden
-d. h. die Vorstellung der Nahrung hat sich aus dem Zustande einer
-Fiction in den einer sinnlichen Wahrnehmung bewegt, also ihren
-&bdquo;Ort&rdquo; im Bewusstsein wirklich ver&auml;ndert.</p>
-<p class="par">363. Je nachdem der Gegenstand einer aufstrebenden
-Vorstellung ein sinnlicher oder nicht-sinnlicher (intellectueller),
-kann das Begehren selbst ein sinnliches oder intellectuelles, je
-nachdem dasselbe von einer Vorstellung &uuml;ber Erreichbarkeit oder
-Nichterreichbarkeit, Erlaubtheit oder Unerlaubtheit des Begehrten nicht
-nur begleitet, sondern von dieser abh&auml;ngig gemacht wird oder
-nicht, wird es verst&auml;ndiges oder verstandloses, vern&uuml;nftiges
-oder vernunftloses Begehren heissen. Das verst&auml;ndige Begehren ist
-Wollen, wenn es begehrt, weil das Begehrte ihm erreichbar, dagegen
-blosser Wunsch, wenn es begehrt, ungeachtet das Begehrte ihm
-unerreichbar scheint. Das vern&uuml;nftige Begehren ist
-vern&uuml;nftiges Wollen, wenn es begehrt, was und weil dasselbe nicht
-nur erlaubt, sondern geboten, dagegen verblendetes Wollen
-(Leidenschaft), wenn ihm, was es begehrt, erlaubt, vernunftwidriges
-(b&ouml;ses) Wollen, wenn es begehrt, was und obgleich es ihm selbst
-unerlaubt, ja verboten scheint. Die Gesammtheit des innerhalb eines
-individuellen Bewusstseins enthaltenen Begehrens macht dessen
-(psychisches) Naturell, die Gesammtheit des innerhalb desselben
-eingeschlossenen verst&auml;ndigen und vern&uuml;nftigen oder verstand-
-und vernunftlosen Wollens dessen (im psychologischen Sinne des Worts)
-Charakterm&auml;ssigkeit oder Charakterlosigkeit aus.</p>
-<p class="par">364. Wie in der physischen, so auch in der psychischen
-Welt ist die zweite Art der wirklich vor sich gehenden Ver&auml;nderung
-ein Formwechsel. Wie der feste K&ouml;rper in fl&uuml;ssigen und
-luftf&ouml;rmigen, <span class="pagenum">[<a id="pb247" href="#pb247"
-name="pb247">247</a>]</span>so kann das Bewusstseinsgebilde aus dem
-lockeren Zustand blosser Complication in den inniger Verschmelzung
-homogener Elemente &uuml;bergehen. Wie der chemische K&ouml;rper in
-Folge der Anziehung wahlverwandter Elemente Bestandtheile abgibt und
-andere an sich zieht, so wird durch die Verschmelzung identischer und
-die Ausstossung sich unter einander ausschliessender Bestandtheile
-einer-, durch die Verbindung bis dahin unverbundener Bestandtheile
-andererseits die Form der Bewusstseinsgebilde ver&auml;ndert, werden im
-ersteren Fall aus sinnlichen Vorstellungen durch Abstraction der
-gemeinsamen Bestandtheile Gemeinbilder (Begriffe), im letzteren Fall
-durch Combination bisher getrennter, obgleich mit einander
-vertr&auml;glicher Bestandtheile durch die Erfahrung gegebener
-sinnlicher Vorstellungen neue durch die Erfahrung nicht gegebene
-sinnliche Bilder (Phantasievorstellungen) hervorgebracht. Wie endlich
-die Formen der Organismen durch organische Transmutation der Arten und
-Gattungen im Pflanzen- wie im Thierreich in einander &uuml;bergehen, so
-werden aus den urspr&uuml;nglich auf Grund von Anschauungen
-entstandenen Begriffen durch fortgesetzte Abstraction h&ouml;chste und
-allgemeinste Begriffe (Kategorien) und wird durch fortgesetzte
-Combinationen sinnlicher Erfahrungselemente eine neue erfundene Welt
-voll sinnlich anschaulicher Lebendigkeit (Phantasiewelt) gewonnen.
-W&auml;hrend aber in der physischen Welt die Erfahrung den Beweis
-f&uuml;r den Uebergang der unorganischen in die organische und dieser
-in die bewusste Form bisher schuldig geblieben ist, tritt im
-Bewusstseinsleben die Abh&auml;ngigkeit der beiden scheinbar
-fundamental verschiedenen Classen von Bewusstseinsph&auml;nomenen, der
-Gef&uuml;hle und der Bestrebungen, von jener der Vorstellungen offen an
-den Tag, indem sowol die Gef&uuml;hle wie die Strebungen sich nicht als
-gattungsm&auml;ssig verschiedene Vorg&auml;nge, sondern als blosse
-Zust&auml;nde der Vorstellungen herausgestellt haben.</p>
-<p class="par">365. Die dritte Art des wirklichen Geschehens ist der
-Stoffwechsel. Derselbe bildet den Abschluss der physischen Welt, indem
-der Reiz (der extensive physische) sich in Empfindung (den intensiven
-psychischen Zustand) umsetzt d. h. der reale sich in einen
-Bewusstseinsvorgang verwandelt. Derselbe bildet den Abschluss der
-psychischen Welt, indem der intensive psychische (Vorstellung,
-Gef&uuml;hl, Wollen) sich in einen extensiven physischen Zustand
-(Lautsprache, Geberdensprache, Handlung) umsetzt und so der
-Bewusstseinsvorgang in einen realen Vorgang sich verwandelt. Wie dort
-die Bewegung der Moleculartheilchen des Nervensystems als Empfindung
-<span class="pagenum">[<a id="pb248" href="#pb248" name=
-"pb248">248</a>]</span>in das Bewusstsein, so wird hier der Gedanke
-durch den t&ouml;nenden Laut des Worts, das Gef&uuml;hl durch den
-sichtbaren Ausdruck der Miene, der Wille durch die von ihm veranlasste
-Bewegung des eigenen und dadurch mittelbar eines oder mehrerer fremder
-K&ouml;rper wieder in die materielle d. i. in die K&ouml;rperwelt
-aufgenommen, indem die durch das Stimmorgan schallend bewegte
-atmosph&auml;rische Luft als Verk&ouml;rperung des Gedankens, die
-unwillk&uuml;rlich ver&auml;nderte oder (im Affect) verzogene
-Physiognomie als Verleiblichung des Gem&uuml;ths, die durch
-Muskelbewegung der eigenen Leibesglieder bewegte Verschiebung der
-anstossenden Nachbark&ouml;rper als sich beth&auml;tigende Aeusserung
-des eigenen Willens erscheint. Die erste als h&ouml;rbares Zeichen
-f&uuml;r die Vorstellung liefert das Werkzeug f&uuml;r die Bewahrung
-und Mittheilung der Gedankenwelt und als solche die Grundlage der
-<span class="ex">Sprache</span>. Die zweite als sichtbares Zeichen
-f&uuml;r das im Innern lebendige Gef&uuml;hl liefert das Material zur
-Veranschaulichung des Anderen (H&ouml;heren, Niederen oder Gleichen)
-gegen&uuml;ber vorhandenen oder doch vorhanden zu sein scheinenden
-Gef&uuml;hls und bildet als solches die Grundlage der <span class=
-"ex">Sitte</span>. Die dritte als physischer Ausdruck des entweder
-wirklich oder doch dem Anschein nach vorhandenen Wollens liefert den
-greifbaren Stoff zur Beurtheilung des gegen Andere beobachteten
-streits&uuml;chtigen oder friedlichen Verhaltens und bildet als solcher
-die Grundlage des <span class="ex">Rechts</span>. Indem das
-individuelle Ich auf diese Weise sein Inneres nach aussen kehrt, die
-Vorg&auml;nge seines Bewusstseins in Reden, Geberden und Thaten umsetzt
-und dadurch f&uuml;r andere seinesgleichen h&ouml;rbar, sichtbar und
-greifbar macht, wird dasselbe aus einem vereinzelten zum sociabeln d.
-i. des geselligen Zusammenseins mit Anderen f&auml;higen und dadurch in
-Vereinigung mit diesen zur Grundlage eines Mehreren gemeinsamen d. i.
-des <span class="ex">Social-Ichs</span>.</p>
-<p class="par">366. Wie die Gesammtheit der Weltk&ouml;rper und ihrer
-&bdquo;Parasiten&rdquo; den physischen Kosmos, so macht die Gesammtheit
-der im individuellen Bewusstsein w&auml;hrend der gesammten Fortdauer
-desselben vertheilten Bewusstseinsgebilde (Empfindungen, Anschauungen,
-Begriffe, Gef&uuml;hle, Begehrungen und Willensacte), soweit dieselben
-der innern Erfahrung zug&auml;nglich sind, in ihren gegenseitigen
-Beziehungen zu und ihrer relativen Abh&auml;ngigkeit von einander, von
-den primitiven, namenlosen Bewusstseinsacten, deren jedem ein ebenso
-anonymer Nervenreiz oder eine unmerkliche Transversalschwingung des
-Welt&auml;thers entspricht, bis zu den h&ouml;chsten und
-ausgearbeiteten des abstracten Allgemeinbegriffs, des verfeinerten
-Geschmacksurtheils <span class="pagenum">[<a id="pb249" href="#pb249"
-name="pb249">249</a>]</span>und des der empfindlichsten Gewissensstimme
-willig gehorchenden Willensentschlusses herauf die <span class=
-"ex">Seelenwelt des Individuums</span> aus. Wie dort die Totalit&auml;t
-des physischen Geschehens die Naturgeschichte des Weltalls, so stellt
-hier der Inbegriff des im individuellen Bewusstsein nach
-unver&auml;nderlichen Naturgesetzen sich vollziehenden Geschehens, von
-der Wechselwirkung zwischen den primitiven Bewusstseinsacten bis zu der
-logischen Verbindung von Anschauungen zu Begriffen, Begriffen zu
-Urtheilen, Urtheilen zu Schl&uuml;ssen, Schl&uuml;ssen zu
-Gedankensystemen und dieser, wenn ihr Inhalt es gestattet, zu einem sie
-alle umfassenden Universalsystem einer-, von den leisesten Regungen der
-Lust und Unlust bis zu Entz&uuml;cken und Jammer und den verheerenden
-St&uuml;rmen affectvoller Gem&uuml;thsersch&uuml;tterung, von
-sinnlichen Gel&uuml;sten und kindischen W&uuml;nschen bis zu sittlichen
-Entschliessungen und m&auml;nnlichen Thaten andererseits herauf, soweit
-dasselbe der innern Erfahrung zug&auml;nglich ist, den
-Entwickelungsprocess des Bewusstseins, die <span class=
-"ex">Naturgeschichte der Seele</span> dar. <span class=
-"pagenum">[<a id="pb250" href="#pb250" name="pb250">250</a>]</span></p>
-</div>
-</div>
-<div id="ch2.3" class="div1 introduction"><span class=
-"pagenum">[<a href="#xd24e273">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<h2 class="label">DRITTES CAPITEL.</h2>
-<h2 class="main">Das Social-Ich.</h2>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first">367. Wie mit der Einkehr des anziehend oder
-abstossend nach aussen gewandten einfachen Wirklichen in sich selbst
-die M&ouml;glichkeit des individuellen, so ist mit der Auskehr des
-Innern in Rede, Geberde und Handlung die M&ouml;glichkeit eines
-Mehreren gemeinsamen Bewusstseins gegeben. Letzteres kann nicht
-bedeuten, dass in Mehreren <span class="ex">dasselbe</span>, sondern
-nur dass in Mehreren ein <span class="ex">gleiches</span> Bewusstsein
-oder, was dasselbe ist, dass der Inhalt des jeweiligen individuellen
-Bewusstseins Mehrerer das gleiche, dieses Bewusstsein selbst aber
-nichts desto weniger bei jedem das eigene sei. Identit&auml;t des
-Bewusstseins in dem Sinne, dass dasselbe Bewusstsein in Allen sei,
-w&uuml;rde die Individualit&auml;t der Einzelnen in den blossen Schein
-einer solchen verwandeln, das Bewusstsein des Einzelnen in einen
-Bewusstseinsact des in Allen identischen Allgemeinbewusstseins
-aufl&ouml;sen. Letzteres darf daher nicht als Substanz, zu welcher die
-Einzelbewusstsein wie vor&uuml;bergehende modi sich verhalten, sondern
-muss als Summe der in Mehreren gleichen d. i. dem Inhalt, nicht der
-Zahl nach eins seienden Bewusstseinsacte gedacht werden. Die
-Einzelbewusstsein, welche zusammengenommen die Voraussetzung eines
-ihnen allen gemeinsamen Bewusstseins ausmachen, sind ihrer realen Basis
-nach so wenig eins, dass derselbe Bewusstseinsinhalt in dem einen mit
-gr&ouml;sserer, in dem andern mit geringerer Lebhaftigkeit, dort mit
-v&ouml;lliger Klarheit, hier im ungewissen Dunkel vorhanden sein kann,
-ohne dass derselbe aufh&ouml;rt, jenem mit diesem gemein und dadurch
-ein integrirender Bestandtheil des gemeinsamen Bewusstseins, der
-&bdquo;Volksseele&rdquo; zu sein. <span class="pagenum">[<a id="pb251"
-href="#pb251" name="pb251">251</a>]</span></p>
-<p class="par">368. Niemals darf die letztgenannte als eine von den
-&bdquo;Seelen&rdquo; der Angeh&ouml;rigen des Volks real
-unterschiedene, gleichsam als eine Seele vor, neben oder &uuml;ber den
-ihrigen gedacht werden. Dieselbe stellt nichts weiter als den mit einem
-Namen bezeichneten Inbegriff dessen dar, worin alle
-Volksangeh&ouml;rigen als vorstellende, f&uuml;hlende und strebende
-Wesen mit einander dauernd &uuml;bereinstimmen d. h. was abgesehen von
-den Privat- und individuellen Meinungen, Geschm&auml;cken und
-Gel&uuml;sten jedes Einzelnen den bleibenden und Allen gemeinsamen
-Bestandtheil ihres F&uuml;rwahrhaltens, Werthhaltens und Anstrebens
-ausmacht.</p>
-<p class="par">369. Weil nun jeder Versuch, &uuml;ber die Gemeinsamkeit
-des Inhaltes individuell verschiedener Einzelbewusstsein ein Urtheil zu
-f&auml;llen, nicht nur voraussetzt, dass dieser Inhalt selbst
-&auml;usserlich wahrnehmbar, sondern auch dass er Anderen
-verst&auml;ndlich sei, so folgt, dass die Entstehung einer auf das
-Bewusstsein gemeinsamen Bewusstseinsinhaltes gegr&uuml;ndeten
-Vereinigung Mehrerer zur Einheit die M&ouml;glichkeit gegenseitig
-verst&auml;ndlicher Mittheilung durch Allen gemeinsame &auml;ussere
-Zeichen der inneren Vorg&auml;nge bedingt. Letztere werden, insofern
-sie bestimmt sind, das Innere Anderen sinnlich wahrnehmbar zu machen,
-je nach der Verschiedenheit der Sinne verschiedenartige (h&ouml;rbare,
-sichtbare, tastbare etc.) sein k&ouml;nnen, da die
-Gem&uuml;thsvorg&auml;nge, zu deren Versinnlichung f&uuml;r Andere sie
-dienen sollen, verschiedene (Empfindungen, Anschauungen, Begriffe, aber
-auch Gef&uuml;hle und Willensacte) sind, je nach der Art dieser
-letzteren andere sein m&uuml;ssen. Jener Umstand erzeugt die Laut- und
-Tonsprache, die zur Bezeichnung h&ouml;rbare, die Schrift- und
-Geberdensprache, die zur Bezeichnung sichtbare, die monumentale oder
-Gedenksprache, die zur Bezeichnung tastbare Zeichen verwendet. Von
-diesem Gesichtspunkt aus l&auml;sst sich die Sprache des Gedankens von
-jener des Gef&uuml;hls und des Willens unterscheiden. Von den drei
-letztgenannten verwendet die Sprache der Vorstellung meist
-h&ouml;rbare, als (chinesische und mexikanische) Bilderschrift aber
-auch sichtbare Zeichen, wobei auf die Beschaffenheit der zu
-verk&ouml;rpernden Vorstellungen R&uuml;cksicht genommen wird. Sind
-dieselben z. B. Empfindungen (Farben- oder Tonempfindungen), so
-k&ouml;nnen dieselben nur dadurch Anderen mitgetheilt werden, dass man
-die ihnen entsprechenden Sinnesreize erzeugt d. h. durch T&ouml;ne
-(Musik) und Farben (Colorit). Sind dieselben sinnliche Vorstellungen,
-deren Objecte in der Erfahrung gegeben sind, so k&ouml;nnen dieselben
-Anderen mitgetheilt werden, entweder indem jene Objecte ihnen selbst
-vor <span class="pagenum">[<a id="pb252" href="#pb252" name=
-"pb252">252</a>]</span>Augen gef&uuml;hrt (demonstrirt) oder statt der
-Gegenst&auml;nde selbst deren Bild zur Anschauung gebracht wird
-(Bilderschrift, Anschauungsunterricht). Sind sie dagegen Begriffe, also
-solche Vorstellungen, deren Objecte in der Erfahrung nicht angetroffen
-werden, die also auch nicht durch die letzteren oder deren Bilder
-sichtbar gemacht werden k&ouml;nnen, so bleibt nur &uuml;brig, entweder
-jene Begriffe durch sinnliche Vorstellungen (Symbole) zu ersetzen und
-sodann diese durch ihre Gegenst&auml;nde oder deren Bilder sichtbar zu
-machen, oder zu deren Bezeichnung h&ouml;rbare Zeichen zu w&auml;hlen
-(Lautsprache). Letztere selbst werden entweder so gew&auml;hlt, dass
-sie mit dem Gegenstand der zu bezeichnenden Vorstellung eine
-Aehnlichkeit haben oder doch an diesen erinnern
-(Onomatop&ouml;&iuml;en, nat&uuml;rliche Lautsprache) oder, wenn dies
-nicht der Fall ist, willk&uuml;rlich festgesetzt (conventionelle
-Lautsprache). Die Sprache des Gef&uuml;hls verwendet <span class="corr"
-id="xd24e2834" title="Quelle: so wol">sowol</span> h&ouml;rbare als
-sichtbare Zeichen; unter jenen nehmen die Freuden- und Schmerzenslaute
-(Interjectionen), so wie die Anwendung gewisser Rede- und
-Begr&uuml;ssungsformeln, um bestimmte Gef&uuml;hle (Ehrfurcht oder
-Verachtung, Liebe oder Hass etc.) auszudr&uuml;cken, unter diesen
-Lachen und Weinen als Zeichen der Freude und der Trauer, aber auch
-Geberden und Stellungen, welche bestimmt sind, gewisse Gef&uuml;hle
-(der Anbetung, der Unterwerfung, der Freundschaft oder deren
-Gegentheile) zu veranschaulichen, ihre Stelle ein. Auch diese
-zerfallen, je nachdem dieselben ohne Erkl&auml;rung jedermann
-verst&auml;ndlich, oder nur innerhalb eines bestimmten Kreises
-&uuml;blich sind, in nat&uuml;rliche (Natursprache des Gef&uuml;hls)
-und k&uuml;nstliche (conventionelle Gef&uuml;hlssprache). Die Sprache
-des Willens endlich, die Handlung bedient sich als Materials ihrer
-Aeusserungen des eigenen Leibes und der Organe desselben, entweder des
-t&ouml;nenden (Stimmorgan), um sich h&ouml;rbar (Befehl), oder der
-Gliedmassen, um sich sichtbar (Armschwenkung als Commandozeichen), oder
-dessen physischer Kraft, um sich tastbar (Schub, Stoss, Schlag)
-vernehmlich zu machen, wobei auch diese Zeichen in nat&uuml;rliche
-(Erhebung der Stimme, des Stockes) und k&uuml;nstliche (Handschlag als
-Einwilligungszeichen, Anstecken des Ringes als Verm&auml;hlungszeichen
-etc.) sich sondern.</p>
-<p class="par">370. Mittheilbarkeit und Verst&auml;ndlichkeit der
-Zeichen w&uuml;rden nicht ausreichen, wenn die r&auml;umlichen und
-zeitlichen Verh&auml;ltnisse nicht derart beschaffen w&auml;ren, dass
-deren Gebrauch zu gegenseitiger Verst&auml;ndigung sein Ziel zu
-erreichen vermag. Zu diesem Zweck d&uuml;rfen diejenigen, durch deren
-Verst&auml;ndigung unter einander ein allen gemeinsames Bewusstsein zu
-Stande kommen soll, weder <span class="pagenum">[<a id="pb253" href=
-"#pb253" name="pb253">253</a>]</span>r&auml;umlich noch zeitlich so
-durchgreifend von einander geschieden, noch so weit von einander
-entfernt sein, dass die Mittheilung durch (h&ouml;rbare, sichtbare,
-tastbare) Zeichen unm&ouml;glich wird. Dieselben d&uuml;rfen daher
-weder durchaus verschiedenen Welten (z. B. die einen der
-erfahrungsm&auml;ssigen dreidimensionalen, die andern einer
-vorgeblichen vierdimensionalen Raumwelt) angeh&ouml;ren, noch innerhalb
-derselben Welt r&auml;umlich und zeitlich so weit aus einander liegen,
-dass eine, sei es r&auml;umliche Ber&uuml;hrung, sei es zeitliche
-Ueberlieferung, wo nicht aufgehoben, doch in &auml;usserstem Grade
-erschwert und dadurch ihrem Gehalte nach bis zum Unmerklichen
-herabgeschw&auml;cht wird. In ersterer Hinsicht wird die Entstehung
-eines Vielen gemeinsamen Bewusstseins erleichtert durch deren
-Anwesenheit innerhalb eines Allen gemeinsamen Raumes und vermittelt
-durch ein Generationen &uuml;berdauerndes und von Geschlecht zu
-Geschlecht sich fortpflanzendes, sei es m&uuml;ndlich (Tradition), sei
-es schriftlich (Literatur) aufbewahrtes Gedankencapital. Wie durch die
-Gemeinsamkeit des Bodens, auf dem die Vereinigung Mehrerer zur Einheit
-erw&auml;chst (z. B. der gemeinsamen Heimat) die Genesis eines
-gemeinsamen Bewusstseinsinhalts durch den Umstand beg&uuml;nstigt wird,
-dass die Umgebung f&uuml;r alle dieselbe, also auch der aus dieser
-stammende Anschauungskreis, welcher die Grundlage aller sp&auml;tern
-Vorstellungs- und Begriffsbildung ausmacht, bei allen der n&auml;mliche
-ist, so wird den Nachkommen durch stillschweigendes Herkommen und
-unwillk&uuml;rliche Gew&ouml;hnung ein von Geschlecht zu Geschlecht
-sich ansammelnder Vorrath von Begriffen, Gebr&auml;uchen und Gesetzen
-von den Eltern her gleichsam angeerbt und von ihnen ihrerseits den
-Enkeln hinterlassen. Folge davon ist, dass sich der Besonderheit der
-r&auml;umlichen und zeitlichen Verh&auml;ltnisse, so wie der
-Verst&auml;ndigungsmittel, unter welchen das Mehreren gemeinsame
-Bewusstsein sich entwickelt, entsprechend, letzteres selbst und damit
-die Vereinigung Mehrerer, innerhalb welcher es heimisch ist, eine
-besondere, nur dieser Vereinigung von Individuen eigenth&uuml;mliche
-F&auml;rbung annimmt, und dadurch nicht nur selbst, mit dem
-Allgemeinbewusstsein einer andern &bdquo;Gesellschaft&rdquo;
-verglichen, einen individuellen Charakter tr&auml;gt, sondern auch der
-Gesellschaft selbst, deren Eigenthum es ist, das Gepr&auml;ge einer
-(gesellschaftlichen) Individualit&auml;t verleiht.</p>
-<p class="par">371. Was die physikalischen Atome f&uuml;r die
-physischen, die primitiven Bewusstseinsacte f&uuml;r die psychischen,
-das sind die &bdquo;sociabeln&rdquo; Individuen f&uuml;r die socialen
-Gebilde. Wie jene zusammengenommen den Stoff aller k&ouml;rperlichen,
-die primitiven Empfindungen <span class="pagenum">[<a id="pb254" href=
-"#pb254" name="pb254">254</a>]</span>das Material aller
-Bewusstseinsph&auml;nomene, so machen die mit Bewusstsein
-ausger&uuml;steten Individuen die Basis aller gesellschaftlichen
-Vereinigungen aus. Als solche werden dieselben dem Gesichtspunkt der
-quantitativen Atomistik entsprechend als unter einander
-urspr&uuml;nglich eben so gleichartig gedacht wie die Atome in der
-Physik, die primitiven Empfindungen in der Psychologie. So wenig die
-beiden letztgenannten selbst ein Gegenstand weder der &auml;ussern noch
-der innern Erfahrung sind, sondern auf Grund der letztern durch einen
-Sprung &uuml;ber dieselbe hinaus als deren unentbehrliche Grundlage
-vorausgesetzt werden, eben so wenig werden bewusste Individuen
-vollkommen gleicher Beschaffenheit in der (geschichtlichen) Erfahrung
-angetroffen, sondern wie jene als Annahme der thats&auml;chlich
-vorhandenen Ungleichheit der Individuen hypothetisch untergelegt.
-Letztere macht es m&ouml;glich, wie es die Physik mit den K&ouml;rpern,
-die Psychologie mit den Gebilden des Bewusstseins thut, auch die
-verschiedenen &bdquo;Gesellschaftsk&ouml;rper&rdquo; (Corporationen)
-aus dem Gesichtspunkt ihrer Zusammensetzung aus primitiven Elementen
-(&bdquo;Atomen der Gesellschaft&rdquo;) zu betrachten und je nach der
-Beschaffenheit des dieselben mehr oder minder innig, mehr oder minder
-dauerhaft zusammenhaltenden Bandes als eben so viele verschiedene
-Ordnungen socialen Zusammenseins anzusehen.</p>
-<p class="par">372. Die erste und unterste derselben ist diejenige, bei
-welcher die qualitative Gleichheit oder Verschiedenheit der zu einem
-Ganzen verbundenen Individuen gleichgiltig, das sie verkn&uuml;pfende
-Band von derselben unabh&auml;ngig ist, der Grund der Vereinigung daher
-eben so gut innerhalb der allen gemeinsamen Beschaffenheit ihrer Natur,
-wie g&auml;nzlich ausserhalb der Natur derselben in einem dieser
-zuf&auml;lligen Umst&auml;nde gelegen sein kann. Ersterer Art sind alle
-aus der allen Menschen ohne Unterschied eigenen physischen und
-psychischen Beschaffenheit (z. B. dem Bed&uuml;rfniss nach Nahrung,
-nach Schutz, nach geselliger Unterhaltung etc.) entspringenden
-Anl&auml;sse zur Vereinigung, um deren willen schon Aristoteles den
-Menschen als &bdquo;das gesellige Thier&rdquo; bezeichnet, und aus
-welchen Hugo Grotius den von ihm sogenannten
-&bdquo;Geselligkeitstrieb&rdquo;, so wie Hobbes das im &bdquo;Kriege
-Aller gegen Alle&rdquo; erwachende Schutzbed&uuml;rfniss der
-Schw&auml;chern als Motiv gesellschaftlicher Vereinigung besonders
-hervorgehoben hat. Letzterer Art ist das absichtslos, ja selbst wider
-die Absicht herbeigef&uuml;hrte Zusammensein Mehrerer an demselben Orte
-und zu derselben Zeit (z. B. Schiffbr&uuml;chiger auf einer einsamen
-Insel, welche sie n&ouml;thigt, oder ihnen Gelegenheit gibt, sei es
-<span class="pagenum">[<a id="pb255" href="#pb255" name=
-"pb255">255</a>]</span>wider, sei es mit ihrem Willen unter einander in
-gesellige Verbindung zu treten). Verbindungen der Art, welche entweder,
-wie die letztgenannten zuf&auml;lligen, kein oder, wie &uuml;berall
-dort, wo es sich um die blos vor&uuml;bergehende Befriedigung eines
-(wenngleich in der allgemeinen Menschennatur gegr&uuml;ndeten, also in
-anderer Form stets wiederkehrenden) Bed&uuml;rfnisses handelt, ein
-gleichfalls nur augenblickliches Interesse der Einzelnen zur Ursache
-haben, sind dieser ihrer Natur nach die h&auml;ufigsten, weil sie immer
-wieder von neuem durch Zufall oder durch die Wiederkehr desselben
-Bed&uuml;rfnisses entstehen, aber eben so zuf&auml;llig wie nach
-eingetretener Befriedigung sofort wieder vergehen k&ouml;nnen und
-werden. Das zun&auml;chst liegende Beispiel liefern die sogenannten
-geselligen Zusammenk&uuml;nfte, deren Beweggrund lediglich in dem
-augenblicklichen Bed&uuml;rfniss des Zeitvertreibs, oder die ebenso
-zahlreichen als mannigfaltigen Associationen, deren Ziel auf gemeinsam
-durchzusetzende Zwecke der Ersparung, des Erwerbes, des Gewinns, der
-Sicherung und Versicherung des Lebens und Eigenthums u. s. w. gerichtet
-ist. Insofern dieselben nichts weiter sind als vor&uuml;bergehende,
-durch das Band eines &auml;usseren Zwecks, aber auch nur durch dieses
-zusammengehaltene Aggregate einander im &uuml;brigen pers&ouml;nlich
-durchaus gleichgiltiger Individuen, lassen sie sich mit nur mechanisch
-zusammengesetzten K&ouml;rpern vergleichen, deren zeitweiliger
-Coh&auml;sionszustand von der geringeren oder gr&ouml;sseren Anziehung
-zwischen den Atomen und deren Dauer von jener des sie zusammenhaltenden
-&auml;usseren Druckes bedingt ist. Wie die letztern desto schwerer
-beweglich sind, je ungleichartiger, dagegen desto leichter, je
-gleichartiger ihre Bestandtheile sind, so erscheinen gesellige
-Vereinigungen &bdquo;schwerfl&uuml;ssig&rdquo;, wenn sie aus
-ungleichartigen Individuen zusammengew&uuml;rfelt, dagegen
-&bdquo;leicht in Fluss zu bringen&rdquo;, wenn ihre Mitglieder der
-Stimmung, dem Stande und dem Streben nach gleichgeartet sind.
-Sogenannte Actiengesellschaften, deren Theilnehmerschaft weder an
-pers&ouml;nliche Mitwirkung, noch an ein Andere &uuml;bertreffendes
-Mass der Betheiligung, sondern lediglich an den Besitz einer mit jeder
-andern gleichwerthigen, gleichgiltig von Hand zu Hand wandernden Actie
-gekn&uuml;pft ist, stellen die loseste, gleichsam &bdquo;luft- oder
-gasf&ouml;rmige&rdquo; Form der Gesellschaft zur Schau, deren
-Mitglieder einander eben so fremd und fern wie die in weiten Distanzen
-von einander befindlichen, in steter Abstossung gegen einander
-begriffenen ruhelos beweglichen Molec&uuml;le eines Gases stehen.
-<span class="pagenum">[<a id="pb256" href="#pb256" name=
-"pb256">256</a>]</span></p>
-<p class="par">373. Wird die qualitative Beschaffenheit der
-Gesellschaftsatome ber&uuml;cksichtigt, so entsteht jene zweite Ordnung
-geselliger Corporationen, die man dem chemisch zusammengesetzten
-K&ouml;rper vergleichen kann. Wie durch die Verschmelzung homogener
-Atome der chemisch einfache, durch die Complication qualitativ
-verschiedener Stoffe der chemisch zusammengesetzte K&ouml;rper, so
-entstehen auf Grund der Beschaffenheit der Gesellschaftselemente zwei
-Arten von Corporationen, deren eine Verbindungen qualitativ
-gleichartiger, die andere ungleichartiger Individuen umfasst. Zu jenen
-geh&ouml;rt, wenn dieselbe blos gesellige Zwecke verfolgt, die
-sogenannte &bdquo;M&auml;nner-&rdquo; oder &bdquo;Frauen-&rdquo;, zu
-diesen die &bdquo;gemischte Gesellschaft&rdquo;, ferner, wenn jene aus
-Personen desselben Alters, Berufs, Standes besteht, die Alters-,
-Berufs-, Zunft- und Standesgenossenschaft: zu diesen, wenn sie aus
-Personen verschiedener Berufe und St&auml;nde gemengt ist, die
-sogenannte b&uuml;rgerliche Gesellschaft, wenn sie auf dem Grunde der
-geschlechtlichen Beschaffenheit beruht, die Freundschaft zwischen
-Personen desselben (m&auml;nnlichen oder weiblichen), die Liebe
-zwischen Personen entgegengesetzten Geschlechts. Findet dieselbe ihren
-Halt im Bewusstsein gegenseitiger Bluts- oder Gesinnungsgemeinschaft,
-so bildet sich diejenige Gruppe gesellschaftlicher
-Zusammengeh&ouml;rigkeit, welche als physische (Bluts<span class="corr"
-id="xd24e2852" title="Nicht in der Quelle">-</span>) Einheit, da sie im
-Gegensatz zur Familie aus einander dem Grade nach gleichstehenden
-Gliedern besteht, Verwandtschaft (Sippe), als psychische (Geistes-)
-Einheit im Gegensatz zur Schule, da sie einander dem geistigen Range
-nach gleich hoch stehende Mitglieder begreift, J&uuml;ngerschaft
-(Wissens- oder Glaubensgemeinde) heisst. Da der Grund der Vereinigung
-in den genannten F&auml;llen nicht in einem vor&uuml;bergehenden Zweck,
-sondern in der bleibenden, sei es leiblichen, sei es geistigen
-Beschaffenheit der Gesellschaftsglieder gelegen ist, so kann nicht nur,
-sondern muss dieselbe (Ausnahmsf&auml;lle abgerechnet) so lange
-bestehen, als jene Beschaffenheit unver&auml;ndert bleibt, also z. B.
-die geschlechtliche Basis der Liebe sich nicht durch Naturvorg&auml;nge
-in eine geschlechtlose verkehrt oder das geistige Band des
-J&uuml;ngerthums durch den Abfall vom Glauben zerschnitten wird.</p>
-<p class="par">374. Wie der beseelte K&ouml;rper vom leblosen sich
-dadurch unterscheidet, dass ein Theil desselben (&bdquo;die
-Seele&rdquo;) beharrt, w&auml;hrend der andere (&bdquo;der Leib&rdquo;)
-sich im Laufe des Lebens fortw&auml;hrend erneuert, ohne dass der
-K&ouml;rper selbst ein anderer wird, so liegt das Charakteristische der
-dritten Ordnung gesellschaftlicher Vereinigungen darin, dass dieselben
-&bdquo;ewige Dauer&rdquo; besitzen, indem <span class="pagenum">[<a id=
-"pb257" href="#pb257" name="pb257">257</a>]</span>ein Theil derselben
-(&bdquo;der herrschende&rdquo;) immer derselbe bleibt
-(&bdquo;<span lang="fr">le roi est mort, vive le roi</span><span class=
-"corr" id="xd24e2861" title="Nicht in der Quelle">&rdquo;</span>),
-w&auml;hrend der andere (der &bdquo;beherrschte&rdquo;) sich
-unaufh&ouml;rlich erneuert, ohne dass die Gesellschaft selbst eine
-andere wird. Je nachdem das Band, welches den bleibenden Bestandtheil
-mit dem ver&auml;nderlichen verbindet, ein reales (Blutsband) oder blos
-ideales (Gesinnungsverband) ist, erfolgt die Erneuerung entweder durch
-Geburt j&uuml;ngerer aus den &auml;lteren (Generation) oder durch
-Aufnahme sp&auml;terer Mitglieder durch die fr&uuml;hern (Adoption).
-Ersteres ist in der Familiengemeinschaft zwischen Eltern und Kindern
-(Ascendenten und Descendenten, Vorfahren und Nachkommen), letzteres in
-der Gesinnungs- oder Glaubensgemeinschaft (Schule, Kirche, politische
-Partei) der Fall. Jene erweitert sich durch die Aufnahme der
-Seitenverwandten zur Stammesgemeinschaft, durch die
-Zur&uuml;ckf&uuml;hrung blutsverwandter St&auml;mme auf einen
-gemeinsamen Stammvater zum Stammvolk (Nation), durch die Ableitung
-mehrerer Stammv&ouml;lker von einem gemeinsamen Urvolk (Indogermanen,
-Arier) zur Racengemeinschaft und mittels der mythischen Abstammung der
-gesammten Menschheit von einem gemeinsamen Stammvater zur Gemeinschaft
-aller Menschen (Weltbruderschaft). Diese dehnt sich von der an Umfang
-kleinsten Gesinnungs- und Glaubensgenossenschaft, die, wie z. B. die
-erste Christengemeinde, nur den Stifter und zw&ouml;lf Genossen
-umfasst, bis zu der r&auml;umlich Millionen und zeitlich Jahrtausende
-einschliessenden Bildungs- oder Glaubensgemeinschaft aus, welche, wie
-z. B. die europ&auml;ische Civilisation, das Christen- oder
-Buddhistenthum Theilnehmer und Bekenner im Laufe der Zeit nach
-hunderttausenden von Millionen z&auml;hlen. Wie die durch Geburt der
-Gemeinschaft einverleibten Mitglieder von Natur aus den Aeltern
-&auml;hnlich, so werden durch Aufnahme gewonnene den urspr&uuml;nglich
-vorhandenen k&uuml;nstlich ver&auml;hnlicht (assimilirt), indem
-entweder, wenn die Aufnahme durch Wahl erfolgt, nur &auml;hnliche
-gew&auml;hlt (z. B. in eine Akademie der Wissenschaften nur Gelehrte,
-in eine politische Partei nur politische Gesinnungsverwandte) oder,
-wenn sie durch freiwilligen Anschluss geschieht, die Aufgenommenen im
-Sinn der bestehenden Gemeinschaft (z. B. der &auml;gyptische Neophyt
-durch die Priesterschule, der k&uuml;nftige Soldat durch das
-Cadetteninstitut) erzogen werden.</p>
-<p class="par">375. Die so entstandene Gesellschaft bildet einen
-organischen K&ouml;rper, welcher entweder wie der vegetabilische
-Organismus an dem Boden haftet, auf dem er erwachsen und mit dem er
-verwachsen ist, oder wie der animalische Organismus von demselben
-<span class="pagenum">[<a id="pb258" href="#pb258" name=
-"pb258">258</a>]</span>&auml;usserlich und innerlich abgel&ouml;st,
-frei &uuml;ber ihn hinstreifend, obgleich innerhalb durch die Schranken
-der Acclimatisationsf&auml;higkeit gezogener Grenzen den Ort seiner
-vor&uuml;bergehenden Niederlassung wechselt. Jener ergibt die
-autochthone, dieser die nomadische Gemeinschaft (Familie, Stamm, Volk).
-Jene tritt vorzugsweise als sesshafte und in Folge dessen, da die von
-der Natur freiwillig dargebotene Nahrung allm&auml;lig versiegt, zur
-k&uuml;nstlichen Erzeugung derselben, so wie der &uuml;brigen
-Lebensbed&uuml;rfnisse d. i. zum Ackerbau und zur Industrie
-gedr&auml;ngte Bev&ouml;lkerung auf. Diese, da sie die an einem Orte
-mangelnden Bed&uuml;rfnisse nicht selbst erzeugt, sondern dort nimmt,
-wo sie dieselben findet, erscheint in den mannigfaltigsten Formen als
-J&auml;ger-, Handels- und R&auml;uber- oder Eroberervolk. Wie der
-belebte Organismus durch die Entwickelung eines Centralorgans (Gehirn
-und Nervensystem), innerhalb dessen der physische Reiz sich in bewusste
-Empfindung umsetzt, zum vorstellenden, Ich-&auml;hnlichen und als
-solcher durch die allm&auml;lige Vorstellung seiner selbst
-(Ich-Vorstellung) selbst zum Ich d. i. zum sein selbst bewussten
-Individuum wird, so gestaltet sich die organische Gesellschaft dadurch,
-dass innerhalb ihres Umkreises ein Centralorgan (Regent und Regierung)
-entsteht, in welchem das allen gemeinsame Denken, F&uuml;hlen und
-Streben sich in bestimmte Vorstellung d. i. in deutlich vorschwebenden
-Zweck, Erw&auml;gung und Herbeischaffung der Mittel und verwirklichende
-That umsetzt, zu einer (nach Haupt und Gliedern) organisirten
-staat&auml;hnlichen Gesellschaft, welche durch die allm&auml;lig
-fortschreitende Verk&ouml;rperung der Vorstellung der Gesellschaft (der
-Gesellschaftsidee) selbst zum <span class="ex">Staat</span> d. i. zu
-der ihrer selbst als Gesellschaft bewussten, die Verwirklichung der
-Gesellschaftsidee sich zum Zweck und dieselbe mittels der zu ihrer
-Realisirung erforderlichen Mittel in Vollzug setzenden individuellen
-Gesellschaft wird.</p>
-<p class="par">376. Organisirte Gesellschaften der Art, wenn sie reale
-d. h. ihre Mitglieder unter einander blutsverwandt sind, treten je nach
-dem Umfang und dem Grade der Verwandtschaft als Familie im engeren, nur
-Eltern und Kinder, oder weiteren, auch die n&auml;chsten
-Seitenverwandten begreifenden Sinne als Verband der
-Familien<span class="ex">glieder</span> unter dem Familienhaupt, oder
-als Stamm (Clan) unter dem Stammeshaupt (H&auml;uptling, Scheik), oder
-als Volk unter dem (angestammten) Volkshaupt (K&ouml;nig) auf. Dagegen,
-wenn ihre Glieder zwar geistes-, glaubens-, oder gesinnungs-, aber
-nicht blutsverwandt sind, erscheint die organisirte Gesellschaft, je
-nachdem der Inhalt der allen gemeinsamen Ueberzeugung entweder ein
-wissenschaftlicher, oder ein <span class="pagenum">[<a id="pb259" href=
-"#pb259" name="pb259">259</a>]</span>religi&ouml;ser, oder ein
-politischer ist, in Gestalt entweder der (philosophischen oder
-k&uuml;nstlerischen) Schule unter einem (philosophischen oder
-k&uuml;nstlerischen) Schulhaupt (Meister), oder als (Landes-,
-National-, Welt-) Kirche unter einem (Landes-, National-, Universal-)
-Kirchenhaupt (Landesbischof, Papst, Dalai Lama), oder als
-(theokratischer, nach g&ouml;ttlichen, oder milit&auml;rischer, nach
-mit Gewalt aufgedrungenen fremden Gesetzen beherrschter, oder
-autonomer, Verfassungs- d. i. nach eigenen Gesetzen sich selbst
-beherrschender) Staat unter einem (theokratischen, von Gott
-eingesetzten, oder kriegerischen, durch Unterjochung aufgedrungenen,
-oder verfassungsm&auml;ssigen) Staatsoberhaupt (F&uuml;rst &bdquo;von
-Gottes Gnaden&rdquo;, Eroberer, constitutioneller Herrscher). Je
-nachdem das Centralorgan, in welchem das allen gemeinsame Bewusstsein
-der Gesellschaft sich verk&ouml;rpert, dessen Bewusstsein also
-gleichsam die Stelle des allen gemeinsamen Bewusstseins vertritt,
-selbst aus einem einzigen oder mehreren unter einander coordinirten
-oder aus einem und mehreren diesem zusammengenommen coordinirten
-Individuen besteht, nimmt derselbe monarchische, oder collegiale, oder
-parlamentarische Form an, indem im ersten Fall das Gesammtbewusstsein
-im Monarchen (Josef II. und Friedrich II. als &bdquo;erste Diener des
-Staates&rdquo;) im zweiten Fall im Regierungscollegium (Directorium,
-Bundesrath), im dritten Fall im Herrscher und den Stellvertretern des
-Gesammtbewusstseins (Abgeordnete, Parlament, Kammer, Reichstag)
-zusammengenommen incarnirt erscheint. Die monarchische Gestalt entartet
-zur Tyrannis, wenn an die Stelle des Gesammtbewusstseins das
-Einzelbewusstsein des Herrschers (l'&eacute;tat c&rsquo;est moi), die
-collegiale Regierung zur Oligarchie, wenn an die Stelle des
-Gesammtbewusstseins jenes einer Minderheit (einer Kaste in der
-Priester-, Adels- oder Geschlechter-, eines Standes in der
-Milit&auml;r- oder Z&uuml;nfte-, des Geldes in der Finanz- und
-Bankiersherrschaft: Theokratie, Aristokratie, Martokratie,
-Plutokratie), dagegen zur Ochlokratie, wenn an die Stelle des
-Gesammtbewusstseins die bewusstseinslose Menge als herrschende Macht
-tritt. Die parlamentarische Regierung kann je nach dem Uebergewicht des
-Einen &uuml;ber die Vielen, oder der Vielen &uuml;ber den Einen in
-Scheinparlamentarismus (wie unter dem Julik&ouml;nigthum) oder in
-Scheinmonarchismus (wie in England) ausarten. In der monarchisch
-organisirten Gesellschaft wird nicht nur die Einheit des
-Gesammtbewusstseins, sondern werden auch die in demselben, wie in jedem
-Bewusstsein vorhandenen und einander bestreitenden Gegens&auml;tze in
-das stellvertretende Bewusstsein des Alleinherrschers <span class=
-"pagenum">[<a id="pb260" href="#pb260" name=
-"pb260">260</a>]</span>verlegt und damit demselben die gesammte
-Verantwortlichkeit f&uuml;r die aus dem Zwiespalt der letzteren
-entspringenden Folgen aufgeb&uuml;rdet. In der collegialen Form der
-Regierung pr&auml;gen die im Gesammtbewusstsein einander
-bek&auml;mpfenden Extreme (Radicalismus und Conservatismus) innerhalb
-des h&ouml;chsten Regierungsorgans selbst als solche sich aus,
-w&auml;hrend die Einheit des Bewusstseins durch die mangelnde Spitze
-nur collectiv und daher nur unvollkommen (Pr&auml;sident) vertreten
-erscheint. Die parlamentarische Form hat den Vorzug, dass in derselben
-die Einheit des Gesammtbewusstseins, wie die in demselben vorhandenen
-Gegens&auml;tze gleichzeitig, die eine in der monarchischen Spitze und
-durch deren ewige Dauer in der festgesetzten Erbfolgeordnung am
-dauerhaftesten, die andere in den innerhalb der Volksvertretung
-einander bek&auml;mpfenden politischen Parteien (Fortschritts- und
-Stillstandsm&auml;nner, Whigs und Tories) am vollkommensten
-repr&auml;sentirt erscheint und daher das Ganze der Regierung, Monarch
-und Parlament, vereinigt das treueste Spiegelbild des
-gesellschaftlichen Gesammtbewusstseins darstellt.</p>
-<p class="par">377. Wie die andere ihresgleichen appercipirenden d. h.
-sich anschmelzenden Vorstellungsmassen im individuellen Bewusstsein, so
-stellen die einzelnen, jede f&uuml;r sich organisirten Gesellschaften
-(Familie, Stamm, Schule, Kirche etc.) innerhalb der r&auml;umlich,
-zeitlich und organisch zu einem Ganzen geeinigten Gesellschaft
-Mittelpunkte dar, welche verm&ouml;ge ihrer bereits erlangten und
-befestigten Macht ihren Einfluss und Umfang durch die Heranziehung und
-Assimilirung gesinnungs- oder stammesverwandter Individuen zu
-vergr&ouml;ssern und zu erweitern bem&uuml;ht sind. In diesem Sinne
-bildet sich um die durch Geburt, Ansehen oder Reichthum hervorragende
-Familie ein Familienanhang, um den durch Zahl, Macht oder Intelligenz
-zur Pr&auml;ponderanz gelangten Stamm ein Stammesgefolge, zieht die zu
-Gewicht und Nachdruck gelangte Schule (Staatsphilosophie Hegel&rsquo;s
-unter Altenstein) stets neue Anh&auml;nger, wie eine durch den Besitz
-himmlischer und irdischer G&uuml;ter reich gewordene, mit Privilegien
-f&uuml;r jenseits und diesseits ausgestattete Kirche (Staatskirche,
-englische Hochkirche) stets neue Bekenner an sich und droht, indem sie
-aus einer staat&auml;hnlichen zu einer dem Staat ebenb&uuml;rtigen oder
-demselben &uuml;berlegenen Macht innerhalb der Gesellschaft
-heranw&auml;chst und die besonderen Familien- oder Stammes-
-(Nationalit&auml;ts-), Schul- oder Kircheninteressen allm&auml;lig im
-Allgemeinbewusstsein einen &uuml;berwiegenden Einfluss gewinnen, zu
-einem Staat im Staate und dadurch f&uuml;r diesen selbst zu einer
-&auml;hnlichen Gefahr, <span class="pagenum">[<a id="pb261" href=
-"#pb261" name="pb261">261</a>]</span>wie das im individuellen
-Bewusstsein &uuml;berm&auml;chtig gewordene Neben- oder zweite Ich
-f&uuml;r die Ich-Vorstellung zu werden.</p>
-<p class="par">378. Wie die Ich-Vorstellung &uuml;ber das gesammte,
-oder doch den gr&ouml;ssten Theil des Bewusstseins seine Herrschaft
-auszudehnen, so strebt der Staat &uuml;ber alle innerhalb seiner Raum-,
-Zeit- und Volksgrenzen vorhandenen organisirten Gesellschaften die
-Oberhoheit auszu&uuml;ben d. h. sie aus unabh&auml;ngigen in von ihm
-abh&auml;ngige Corporationen, als <span class="ex">seine</span>
-Familien und St&auml;mme, <span class="ex">seine</span> Schule,
-<span class="ex">seine</span> Kirche u. s. w. zu verwandeln. Derselbe
-duldet demgem&auml;ss innerhalb seines Umkreises weder sich
-souver&auml;n geberdende Feudalherren, noch von der Staatseinheit sich
-emancipirende Nationalit&auml;ten- oder L&auml;ndergel&uuml;ste
-(Kant&ouml;nligeist), eben so wenig von derselben unabh&auml;ngige
-Unterrichts- (die &bdquo;freie Schule&rdquo;), oder religi&ouml;se
-K&ouml;rperschaften (die &bdquo;freie Kirche&rdquo;), w&auml;hrend
-diese ihrerseits gegen den &bdquo;Racker von Staat&rdquo; (Friedrich
-Wilhelm IV.) sich zu behaupten bem&uuml;ht sind (Kampf der
-Reichsf&uuml;rsten gegen den Kaiser, der Vasallen gegen den
-Landesherrn, der Provinzen und St&auml;mme gegen das Reich, der
-&bdquo;freien&rdquo; d. i. katholischen Universit&auml;ten in Belgien
-gegen die Staatsuniversit&auml;t, der Kirche gegen den Staat;
-&bdquo;Culturkampf&rdquo;).</p>
-<p class="par">379. Wie die physischen, so &uuml;ben die
-Gesellschaftsk&ouml;rper gegenseitig Wirkungen auf einander aus. Wie
-die mechanisch zusammengesetzten K&ouml;rper durch H&auml;ufung, so
-vergr&ouml;ssern sich die auf Association zu einem gemeinsamen Zwecke
-beruhenden Corporationen durch Vermehrung ihrer Mitgliederzahl in Folge
-der Fusion derjenigen, welche gleiche Zwecke verfolgen. Dieselbe wird
-&uuml;berall dort, wo die gegebenen Umst&auml;nde das gleichzeitige
-Bestehen mehrerer denselben Zweck verfolgenden Gesellschaften nicht
-erlauben, durch den daraus entspringenden &bdquo;Kampf ums
-Dasein&rdquo; d. i. durch die sogenannte &bdquo;freie Concurrenz&rdquo;
-herbeigef&uuml;hrt, dessen Devise das &bdquo;<span lang="fr">&ocirc;te
-toi, que je m&rsquo;y mette</span>&rdquo;, und dessen Ursache das
-&bdquo;da-&rdquo; d. i. das &bdquo;an dem Orte sein wollen&rdquo; ist,
-den ein Anderer einnimmt. Dagegen stehen die auf der qualitativen
-Gleichheit oder Ungleichheit ihrer Mitglieder ruhenden Gesellschaften
-unter einander wie die chemischen K&ouml;rper in
-wahlverwandtschaftlichen Beziehungen, verm&ouml;ge deren bestehende
-Verbindungen in Folge st&auml;rkerer Anziehung gel&ouml;st und bisher
-nicht bestandene aus demselben Grunde geschlossen werden. Wechsel der
-Berufs-, der Standesgenossenschaft auf der einen, des Gegenstandes der
-Freundschaft, der Liebe auf der anderen Seite sind die Folgen
-derselben. Jene werden durch Abneigung gegen den gegenw&auml;rtigen,
-durch Vorliebe f&uuml;r den k&uuml;nftigen Beruf oder Stand,
-<span class="pagenum">[<a id="pb262" href="#pb262" name=
-"pb262">262</a>]</span>diese durch Antipathie gegen den bisherigen,
-Sympathie f&uuml;r den k&uuml;nftigen Gegenstand der Freundschaft oder
-der Liebe verursacht. Organische Gesellschaftsk&ouml;rper verschmelzen
-unter einander entweder auf realem z. B. dem geschlechtlichen Wege,
-indem durch Heirat verschiedenen Familien angeh&ouml;riger
-Familienglieder (Familienheirat) eine neue Familie, durch Heiraten aus
-verschiedenen St&auml;mmen ein neuer Stamm (R&ouml;mer: aus Latinern
-und Sabinern), durch Ineinanderaufgehen zweier oder mehrerer
-Nationalit&auml;ten eine neue Nationalit&auml;t (die englische: aus
-Sachsen und Normannen; die lateinische: aus Celten und Germanen; die
-amerikanische: aus Briten, Iren, Deutschen) entsteht, oder auf idealem
-Wege, indem aus der Vereinigung zweier oder mehrerer Wissens-,
-Glaubens-, oder politischer Genossenschaften eine neue Schule (z. B.
-die neuere Akademie aus Platonismus und Stoicismus), eine neue Kirche
-(z. B. die anglicanische aus Katholicismus und Lutherthum), eine neue
-politische Partei (z. B. Disraeli&rsquo;s Reformtories aus Tories und
-Peeliten) hervorgehen.</p>
-<p class="par">380. Autochthone Gesellschaften, die ihre
-&bdquo;Scholle&rdquo; behaupten, werden auf diesem Wege von
-nomadischen, welche dieselbe vor&uuml;bergehend occupiren, letztere von
-staatbildenden, welche daselbst sich bleibend niederlassen wollen, im
-&bdquo;Kampf ums Dasein&rdquo; bedr&auml;ngt und verdr&auml;ngt. Wie
-jene nach einander, so treten gleichzeitige nachbarliche organisirte
-Gesellschaften (Familien, St&auml;mme, Schulen, Kirchen und Staaten) im
-Kampf ums Dasein (Familienfehde, Stammesfehde, Schulzwist, Sectenhass,
-Krieg) in feindliche oder freundliche Ber&uuml;hrung (Familienbund,
-Stammesb&uuml;ndniss, Schulen- und Kircheneinigung,
-Staatenb&uuml;ndniss.) Je nachdem die Folge derselben die gegenseitig
-anerkannte Unabh&auml;ngigkeit oder die auf gewaltsamem oder
-friedlichem Wege herbeigef&uuml;hrte Abh&auml;ngigkeit des einen von
-dem andern Gesellschaftsk&ouml;rper ist, geht im ersten Falle ein
-statisches Gleichgewicht zwischen denselben (Oesterreichs und Preussens
-Aequilibrium im deutschen Bunde; das &bdquo;europ&auml;ische
-Gleichgewicht&rdquo;) oder das Uebergewicht eines &uuml;ber die
-&uuml;brigen (Preussens im deutschen Reich; Russlands w&auml;hrend der
-Zeiten der heiligen Allianz in Europa; der Nord- &uuml;ber die
-S&uuml;dstaaten in Amerika), in beiden F&auml;llen ein System von
-Gesellschaftsk&ouml;rpern (Staatensystem) aus demselben hervor, in
-welchem entweder die einzelnen sich zu einander wie Gegensonnen oder
-wie um eine Centralsonne rotirende Planeten verhalten. Ersteres kann,
-wenn die einzelnen Glieder (Staaten) ihrer Unabh&auml;ngigkeit von
-einander ungeachtet zu einem Ganzen sich vereinigen, zu einer
-Gesellschaftsf&ouml;deration <span class="pagenum">[<a id="pb263" href=
-"#pb263" name="pb263">263</a>]</span>(Staatenbund), letzteres, wenn die
-Abh&auml;ngigkeit der vielen vom Centralk&ouml;rper sich vermindert, zu
-einem F&ouml;derativk&ouml;rper (Bundesstaat) f&uuml;hren.</p>
-<p class="par">381. Wie der die Zwischenr&auml;ume der physikalischen
-Atome f&uuml;llende Aether und die zwischen den festen K&ouml;rpern
-befindliche Luftmasse, jener gleichsam die immaterielle, diese die
-materielle Atmosph&auml;re der K&ouml;rperwelt ausmacht, wie die auf
-die Beziehungen zwischen den einzelnen Bewusstseinsgebilden
-bez&uuml;glichen Ph&auml;nomene des Bewusstseins (die Gef&uuml;hle)
-gleichsam die gem&uuml;thliche Temperatur der Bewusstseinswelt, deren
-W&auml;rme oder K&auml;lte ausdr&uuml;cken, so stellt das innerhalb
-einer Gesellschaft vorhandene gemeinsame Bewusstsein mit seinen allen
-gemeinsamen Vorstellungen, Gef&uuml;hlen und Strebungen gleichsam das
-psychische Innere der Gesellschaft, die ersten deren <span class=
-"ex">Geist</span>, die zweiten deren <span class=
-"ex">Gem&uuml;th</span>, die letzten deren <span class=
-"ex">Charakter</span> dar. Erstere, der Inbegriff des im Bewusstsein
-der Gesellschaft lebenden Meinens, Glaubens und Wissens, macht dabei
-gleichsam die Licht-, die Summe der innerhalb derselben vorhandenen
-Lust- und Unlustgef&uuml;hle, insbesondere aber jene der im gemeinsamen
-Bewusstsein wirksamen Mit- oder socialen Gef&uuml;hle gleichsam die
-W&auml;rme-, die magnetischen und elektrischen Ph&auml;nomene innerhalb
-der gesellschaftlichen Atmosph&auml;re aus, w&auml;hrend die Zahl und
-Beschaffenheit der innerhalb der Gesellschaft begangenen Thaten, wenn
-dieselben als unvors&auml;tzliche im Rausche der Leidenschaft begangene
-Handlungen angesehen werden d&uuml;rfen, den Grad der innerhalb der
-Gesellschaftsatmosph&auml;re vorhandenen, der Gewitterschw&uuml;le
-vergleichbaren, affectvollen Spannung, wenn sie dagegen als
-vors&auml;tzliche, im zurechnungsf&auml;higen Zustand zur Aeusserung
-gelangte Willensacte betrachtet werden m&uuml;ssen, das der mittleren
-Witterung &auml;hnliche Niveau des innerhalb der Gesellschaft gegebenen
-Sittlichkeitszustandes bezeichnen. Licht und Finsterniss in der
-physischen kehren innerhalb der gesellschaftlichen Welt als die
-Gegens&auml;tze der Aufkl&auml;rung und des Wahn- und Aberglaubens,
-Hitze und K&auml;lte jener als Gem&uuml;thsf&uuml;lle und
-Gem&uuml;thlosigkeit, Anziehung und Abstossung gleichnamiger und
-ungleichnamiger Pole als menschenfreundliches Mitgef&uuml;hl und
-erk&auml;ltende Selbstsucht, verheerende Sturmfluten, magnetische und
-elektrische Ungewitter, aber auch luftreinigende Gewitterst&uuml;rme
-und befruchtende Fr&uuml;hlingsregen als zerst&ouml;rende
-Ausbr&uuml;che entfesselter Leidenschaft, aber auch als heroische
-Thaten enthusiastischer Aufopferung, endlich der durchschnittliche
-Zustand der Licht- und W&auml;rmevertheilung <span class=
-"pagenum">[<a id="pb264" href="#pb264" name="pb264">264</a>]</span>in
-dem durchschnittlichen Verh&auml;ltniss begangener Ausschreitungen und
-Verbrechen (wie es die sogenannte moralische Statistik aufweist) zu der
-Zahl und dem Bildungszustand der Gesellschaft wieder.</p>
-<p class="par">382. Wie die K&ouml;rper im Raume, die Vorstellungen im
-Bewusstsein, so wechseln die Gesellschaftsglieder ihren Ort innerhalb
-der Gesellschaft, die Gesellschaften selbst den ihrigen im Raume neben,
-in der Zeit nach und vor andern Gesellschaften. In dem &bdquo;Kampf ums
-Dasein&rdquo;, welchen die K&ouml;rper in der physischen, die
-Vorstellungen der Bewusstseinswelt, wie die Mitglieder der Gesellschaft
-um ihre Stellung in dieser mit einander f&uuml;hren, werden die einen,
-die herrschenden, von oben nach unten, andere, beherrschte, von unten
-nach oben gedr&auml;ngt, und wie die Hindernisse, die dem im Raume
-bewegten K&ouml;rper, und die Hemmungen, die der zur Klarheit
-aufstrebenden Vorstellung im Wege stehen, so die gesellschaftlichen
-Widerst&auml;nde, welche den innerhalb der Gesellschaft Emporstrebenden
-begegnen, durch Gl&uuml;ck oder Klugheit &uuml;berwunden.
-Wanderv&ouml;lker und Auswanderer ver&auml;ndern den Ort ihres
-geselligen Zusammenlebens, w&auml;hrend bis dahin bl&uuml;hende
-Gesellschaften durch Zerfall und innere Erschlaffung von ihrer
-H&ouml;he herabsinken oder durch andere von derselben gest&uuml;rzt
-werden. Wie aber der physische K&ouml;rper gleich dem
-Bewusstseinsgebilde nicht blos den Ort, sondern auch Form und Stoff zu
-wechseln vermag, so geht der Gesellschaftsk&ouml;rper nicht nur aus der
-lockeren in engere Association (Actiengesellschaft in
-Handelscompagnie), sondern aus der qualit&auml;tslosen in die
-qualitative Genossenschaft (aus blosser Geselligkeit zur Freundschaft)
-und endlich in organische Verschmelzung (aus dem Liebesverh&auml;ltniss
-zur Heirat und Familie) und organisirte Gesellschaft, diese aus der
-pflanzenartigen Form des Autochthonenthums aber selbst in die
-freibewegliche der Wandergesellschaft, nach dieser in die h&ouml;here
-Form der staat&auml;hnlichen Organisation und schliesslich in deren
-h&ouml;chste und vollkommenste Gestaltung, den Staat &uuml;ber.</p>
-<p class="par">383. Wie der Stoff des Bewusstseins die primitiven
-Bewusstseinsacte, so ist der Stoff der Gesellschaft der Inbegriff jener
-Bewusstsseinsindividualit&auml;ten, welche unter einander durch die
-Congruenz ihres individuellen Bewusstseinsgehalts zu einem Alle
-umfassenden gemeinsamen Bewusstsein verbunden werden. H&ouml;rt eines
-dieser Einzelbewusstsein auf, seinem Inhalt nach mit jenem der
-&uuml;brigen zu harmoniren, so geh&ouml;rt dasselbe nicht mehr dem
-Allgemeinbewusstsein <span class="pagenum">[<a id="pb265" href="#pb265"
-name="pb265">265</a>]</span>an und hat der Einzelne, dessen Bewusstsein
-auf diese Weise sich von dem allgemeinen geschieden hat, innerlich
-l&auml;ngst aufgeh&ouml;rt Gesellschaftsmitglied zu sein, auch wenn
-nach aussen hin dessen bisheriger Verband dem Anschein nach
-unver&auml;ndert fortbesteht. So kann der innerlich von dem
-Glaubensbekenntniss einer Glaubensgenossenschaft Abgefallene
-&auml;usserlich in dem gesellschaftlichen Verbande seiner Kirche
-fortleben, also l&auml;ngst &bdquo;confessionslos&rdquo; geworden sein,
-ehe er sich &auml;usserlich als solchen bekennt. Mit der Aufl&ouml;sung
-des gemeinschaftlichen Bewusstseins l&ouml;st die Gesellschaft sich
-selbst auf, mit der Selbstaufl&ouml;sung aller unter eine gemeinsame
-Kategorie (z. B. unter jene der Familie, der Schule, der Kirche etc.)
-geh&ouml;rigen Gesellschaften tritt f&uuml;r jede jener Kategorien
-socialer Nihilismus (der Familie als Aufl&ouml;sung jedes Familien-,
-der Schule oder Kirche als solche jedes wissenschaftlichen und
-Bekenntnissverbandes) ein. Mit der Selbstaufl&ouml;sung des Staats als
-der gesellschaftlichen Verwirklichung der Gesellschaftsidee erfolgt die
-Verneinung dieser selbst, die Annihilisation eines gesellschaftlichen
-Verbandes &uuml;berhaupt und damit die R&uuml;ckkehr zum
-urspr&uuml;nglichen Zustand ungesellter Individuen, des Zerfalls des
-socialen, wie oben des physischen Stoffs, in seine Atome.</p>
-<p class="par">384. Wie die Gesammtheit der physischen K&ouml;rper den
-Kosmos, die Gesammtheit der Bildungen des individuellen Bewusstseins
-die Seelenwelt des Individuums, so macht die Gesammtheit
-gesellschaftlicher K&ouml;rper von den gleichgiltigsten und
-fl&uuml;chtigsten Associationen bis zu dauerhaften, sei es durch
-Bluts-, sei es durch Ueberzeugungsbande verschmolzenen organischen und
-organisirten Corporationen und zu der ausdauerndsten und umfassendsten
-von allen, dem Staate und den Staaten in ihren gegenseitigen, sei es
-auf Ebenb&uuml;rtigkeit, sei es auf Abh&auml;ngigkeit gegr&uuml;ndeten
-Beziehungen, als Staatensystem, so weit die geschichtliche Erfahrung
-reicht, <span class="ex">die Welt der Geschichte</span> aus. Wie die
-Totalit&auml;t des physischen und jene des im individuellen Bewusstsein
-sich vollziehenden psychischen Geschehens die Naturgeschichte des
-Kosmos und die Geschichte der Seelennatur, so stellt die Gesammtheit
-des innerhalb der Gesellschaft wie innerhalb der Gesellschaften von den
-unscheinbarsten Regungen eines gemeinschaftlichen Bewusstseins im
-Umkreis locker verkn&uuml;pfter bis zu der reichsten Entfaltung
-gemeinsamen Denkens, F&uuml;hlens und Wollens unter einander physisch
-oder psychisch eng verwandter Individuen, von dem einf&ouml;rmigen
-Dahinleben der Natur- bis zu den wechselvollen Schicksalen
-hochcivilisirter <span class="pagenum">[<a id="pb266" href="#pb266"
-name="pb266">266</a>]</span>Culturv&ouml;lker, von den seltenen und
-zuf&auml;lligen feindseligen und freundlichen Ber&uuml;hrungen
-zerstreuter Horden, Familien und St&auml;mme bis zu den eng
-verflochtenen materiellen und geistigen Interessen und dem Raum und
-Zeit &uuml;berwindenden Handels-, literarischen und pers&ouml;nlichen
-Verkehr einer zu stets sich steigernder Gleichartigkeit der Bildung,
-der Sitten und der staatlichen Formen entwickelten Menschheit herauf,
-so weit die geschichtliche Erfahrung reicht, die nach
-unver&auml;nderlichen Gesetzen sich vollziehende
-Entwickelungsgeschichte der Gesellschaft, die <span class=
-"ex">Weltgeschichte</span> dar. <span class="pagenum">[<a id="pb267"
-href="#pb267" name="pb267">267</a>]</span></p>
-</div>
-</div>
-</div>
-<div class="div0 book">
-<h2 class="label">DRITTES BUCH.</h2>
-<h2 class="main">DIE KUNST.</h2>
-<p><span class="pagenum">[<a id="pb269" href="#pb269" name=
-"pb269">269</a>]</span></p>
-<div id="ch3.1" class="div1 introduction"><span class=
-"pagenum">[<a href="#xd24e284">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<h2 class="label">ERSTES CAPITEL.</h2>
-<h2 class="main">Die Bildungskunst.</h2>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first">385. Wie es die Aufgabe des ersten Buches war, die
-Ideen als Musterbegriffe ohne R&uuml;cksicht auf eine denselben
-entsprechende oder nicht entsprechende Wirklichkeit, jene des zweiten
-dagegen, das Wirkliche ohne R&uuml;cksicht auf dessen vorhandene oder
-nicht vorhandene Uebereinstimmung mit den Ideen, jedes der beiden
-genannten Gebiete rein, ohne Beeinflussung oder F&auml;rbung durch das
-andre f&uuml;r sich darzustellen, so ist es die Aufgabe des dritten,
-durch dessen Gegenstand, die Kunst, welche weder, wie der Inhalt des
-ersten <span class="ex">vorschreibende</span>, noch wie jener des
-zweiten Buches <span class="ex">beschreibende Betrachtung</span>,
-sondern <span class="ex">reale Beth&auml;tigung</span> ist, die Ideen
-in die Wirklichkeit einzuf&uuml;hren d. h. das mit den Ideen nicht in
-Einklang stehende Wirkliche diesen, so weit dessen Natur es gestattet,
-harmonisch zu gestalten.</p>
-<p class="par">386. Aus dem Gesagten folgt, dass der Begriff der Kunst,
-insofern unter demselben Darstellung von Ideen im wirklichen Stoffe
-verstanden wird, weder mit jenem der sch&ouml;nen Kunst, welche die
-Darstellung &auml;sthetischer Ideen, noch mit jenem der Technik, welche
-die kunstfertige Ueberwindung der Ideendarstellung durch das wirkliche
-Material in den Weg gestellter Widerst&auml;nde in sich begreift,
-identisch, sondern weiter als beide ist und als auf Wissen sich
-st&uuml;tzendes K&ouml;nnen &uuml;berall dort zur Anwendung kommt, wo
-von Darstellung gleichviel was f&uuml;r welcher Ideen in wirklichem,
-gleichviel ob willigem oder spr&ouml;dem Stoffe die Rede ist. Jenes,
-das Merkmal der Ideendarstellung, unterscheidet die Kunst von der
-ideenlosen Virtuosit&auml;t, die sich in Ueberwindung im Material nicht
-gegebener, sondern in demselben ausdr&uuml;cklich hervorgesuchter, also
-<span class="pagenum">[<a id="pb270" href="#pb270" name=
-"pb270">270</a>]</span>selbstgemachter Schwierigkeiten gef&auml;llt.
-Dieses, das Merkmal der Realit&auml;t des Materials, durch welche die
-Idee selbst solche gewinnt, unterscheidet die Kunst von dem traumhaft
-dahinfliessenden Bewusstseinsgespinnst, welches weder durch die
-Verarbeitung nach logischen Ideen logischen Halt, noch durch solche
-nach &auml;sthetischen Ideen &auml;sthetische Form, noch durch gleiche
-nach ethischen Ideen ethischen Gehalt, noch endlich durch
-Verk&ouml;rperung in lebendigem, eigenem oder fremdem, oder in leblosem
-Stoff reale Gestalt annimmt. Wie jene K&ouml;nnen ohne Wissen (entweder
-nicht Kennen oder nicht Kennenwollen der Ideen, die sich gar wol mit
-umfassender Kenntniss des sonst zur Ideendarstellung bestimmten Stoffs
-vertr&auml;gt), so stellt dieses, auch wenn es wie der hellseherische
-Traum des Genius das Wahre trifft, ein Wissen ohne K&ouml;nnen dar
-(nicht Verarbeiten, oder nicht Verarbeitenwollen der Idee im Stoff,
-welches sich gar wohl wo mit umfassendem Verm&ouml;gen
-k&uuml;nstlerischer Darstellung vertragen, aber auch aus Mangel
-technischer Anlage oder aus &bdquo;g&ouml;ttlicher Tr&auml;gheit&rdquo;
-entspringen kann).</p>
-<p class="par">387. Kunst in diesem Sinn ist einerseits so vielfach,
-als &uuml;berhaupt zur Darstellung geeignete Ideen, und so
-mannigfaltig, als zur Aufnahme derselben empf&auml;ngliche Stoffe
-vorhanden sind. Dieselbe erscheint in ersterer Hinsicht als
-Darstellerin logischer, &auml;sthetischer und ethischer d. i. der Ideen
-des Wahren, Sch&ouml;nen und Guten. In letzterer Hinsicht wird es
-darauf ankommen, ob das Material, dessen die Kunst sich bedient,
-psychischer (Bewusstseins-) oder physischer (materieller) Natur, und im
-ersteren Fall, ob der Bewusstseinsstoff Inhalt des eigenen oder eines
-fremden Bewusstseins sei. Dieselbe gliedert sich in dieser Hinsicht in
-die dreifache Kunst der Bildung der Vorg&auml;nge des eigenen
-Bewusstseins (Vorstellen, F&uuml;hlen, Wollen), so wie jener eines
-fremden Bewusstseins, endlich der K&ouml;rper und Processe der
-physischen (leblosen und lebendigen) Natur nach (logischen,
-&auml;sthetischen, ethischen) Ideen. Die erste als Kunst der
-Ideendarstellung im eigenen Vorstellen, F&uuml;hlen und Wollen d. i.
-der Bildung des eigenen Vorstellens nach logischen, &auml;sthetischen
-und ethischen, des eigenen F&uuml;hlens nach &auml;sthetischen und des
-eigenen Wollens nach ethischen Normen ergibt die Kunst der
-Selbstbildung oder die <span class="ex">Bildungskunst</span>. Die
-zweite als Kunst, das Vorstellen, F&uuml;hlen und Wollen eines Andern,
-das erste nach logischen, &auml;sthetischen und ethischen, das zweite
-nach &auml;sthetischen, das dritte nach ethischen Normen zu bilden,
-ergibt die Kunst der Bildung Anderer oder die <span class=
-"ex">Bildekunst</span>. Die dritte als die Kunst, die Processe
-<span class="pagenum">[<a id="pb271" href="#pb271" name=
-"pb271">271</a>]</span>und K&ouml;rper der materiellen, lebendigen und
-leblosen Natur nach Ideen zu behandeln d. i. durch die Wahrheit als
-Wissenschaft zu beherrschen, durch die Sch&ouml;nheit als Kunst zu
-versch&ouml;nern und durch die G&uuml;te als wohlwollende und
-menschenw&uuml;rdige Behandlung zu veredeln, ergibt als Kunst die Natur
-zu bilden, die <span class="ex">bildende Kunst</span>.</p>
-<p class="par">388. Bildungskunst als Ideendarstellung im eigenen
-Vorstellen ist als Darstellung logischer Ideen in demselben
-zun&auml;chst <span class="ex">logische Kunst</span>. Insofern die
-logischen Ideen den Inbegriff der Bedingungen ausmachen, unter welchen
-Denken zum Wissen wird, besteht deren Aufgabe darin, das eigene
-Vorstellen in Wissen, den Inhalt desselben in Wissenschaft zu
-verwandeln. Der Denkende wird zum Wissenden, wenn ihm alles dasjenige,
-aber auch nur dasjenige als wahr d. i. als richtig und giltig
-erscheint, was ihm in Folge der Anwendung logischer Normen auf sein
-Denken als solches erscheinen muss. Andernfalls weiss er nicht, sondern
-meint, ahnt oder glaubt nur. Ersteres, wenn er &uuml;berhaupt keine
-Gr&uuml;nde, letzteres, wenn er andere als logische d. i. aus dem
-Inhalt des Gedachten stammende Gr&uuml;nde hat, dasselbe f&uuml;r wahr
-zu halten. Je nachdem diese letzteren entweder aus dem Gef&uuml;hl,
-oder aus dem Begehren, W&uuml;nschen und Wollen genommen sind, so dass
-der Vorstellende dasjenige f&uuml;r wahr oder falsch h&auml;lt, was
-seinen Gef&uuml;hlen, oder dasjenige, was seinen W&uuml;nschen
-entspricht oder entgegen ist, tritt das von ihm f&uuml;r wahr Gehaltene
-in der Form eines Vorausgef&uuml;hlten (Geahnten) oder Vorauserwarteten
-(Geglaubten) auf, auch dann, wenn dasselbe nach logischen Regeln aus
-der Beschaffenheit des Gedachten weder vorhergesehen, noch
-&uuml;berhaupt gewusst werden kann.</p>
-<p class="par">389. Insofern und weil das Wissen vom Meinen, Ahnen und
-Glauben verschieden, die Form des Gewussten auch dann, wenn der Inhalt
-derselbe ist, von der Form des blos Gemeinten, Geahnten oder Geglaubten
-verschieden sein muss, so folgt, dass die logische Kunst als
-Bearbeitung des eigenen Vorstellens nach logischen Regeln zun&auml;chst
-darauf ausgehen muss, das zu bearbeitende Material d. i. das eigene
-Vorstellen von allen ihm fremdartigen Bestandtheilen und Zus&auml;tzen
-zu reinigen d. h. alles dasjenige auszuscheiden, was nicht selbst
-Vorstellung, sondern Gef&uuml;hl oder Streben (Begierde, Wunsch, Wille)
-ist. Dieselbe trachtet daher vor allem den Vorstellenden von jeder
-R&uuml;cksicht auf dasjenige frei zu machen, wodurch der Inhalt des
-Gedachten zu dessen Gef&uuml;hlen, Begierden, W&uuml;nschen und
-Willensbestrebungen in f&ouml;rderlicher oder hemmender <span class=
-"pagenum">[<a id="pb272" href="#pb272" name=
-"pb272">272</a>]</span>Beziehung steht d. h. entweder ein
-&auml;sthetisches oder ein praktisches Interesse f&uuml;r denselben
-hat. Denn, wo das erstere herrscht, wird der Vorstellende eine eben so
-begreifliche Neigung zeigen, dasjenige, was ihm aus irgend einem Grunde
-n&uuml;tzlich, angenehm oder sch&ouml;n erscheint d. h. gef&auml;llt,
-f&uuml;r wahr oder wirklich, wie dasjenige, was ihm missf&auml;llt,
-f&uuml;r falsch oder Fiction zu halten; wo das letztere herrscht, wird
-er bereit sein, dasjenige, was er aus irgend einem Grunde begehrt,
-w&uuml;nscht oder will, f&uuml;r begehrenswerth, m&ouml;glich und
-erlaubt, so wie dessen Gegens&auml;tze d. i. alles dasjenige, was er
-verabscheut, weder w&uuml;nscht noch will, f&uuml;r das Gegentheil zu
-halten<span class="corr" id="xd24e2986" title="Quelle: ,">.</span> Aus
-dem ersteren entspringt, wenn das f&uuml;r wahr Gehaltene deshalb
-daf&uuml;r gehalten wird, weil dasselbe uns n&uuml;tzlich, dagegen
-f&uuml;r falsch, wenn es uns sch&auml;dlich scheint, die sogenannte
-gute oder schlimme Ahnung, &mdash; wird es dagegen f&uuml;r wahr oder
-falsch gehalten, je nachdem es uns angenehm und sch&ouml;n oder
-unangenehm und h&auml;sslich d&uuml;nkt, der poetische Optimismus oder
-Pessimismus, poetischer Glaube oder Unglaube (Wahnglaube). Aus dem
-letzteren entspringt, je nachdem das praktische Interesse an dem Inhalt
-des Gedachten den Vorstellenden nur gestimmt macht, Ungewisses, ja
-selbst Unwahrscheinliches, aber doch M&ouml;gliches und bis zu einem
-gewissen Grad Wahrscheinliches &uuml;ber diesen hinaus f&uuml;r
-wahrscheinlich, ja selbst f&uuml;r gewiss zu halten, oder dermassen
-verblendet, dass er nicht blos Unwahrscheinliches f&uuml;r
-wahrscheinlich, sondern Unm&ouml;gliches f&uuml;r m&ouml;glich, ja
-selbst f&uuml;r wirklich h&auml;lt, im ersten Fall
-Leichtgl&auml;ubigkeit, im zweiten Fall Aberglaube. Beide sind
-verzeihlich, wenn die Begierden, W&uuml;nsche und Willensbestrebungen,
-durch die sie veranlasst werden, entweder an sich l&ouml;blich oder
-doch erlaubt, dagegen unentschuldbar, wenn dieselben nicht blos
-th&ouml;richt, sondern unerlaubt und verwerflich sind.</p>
-<p class="par">390. Die Bearbeitung des eigenen Vorstellungsmaterials
-erfolgt, wenn das letztere von fremdartigen, &auml;sthetischen und
-praktischen Zus&auml;tzen gereinigt ist, &bdquo;<span lang="la">sine
-ira</span>&rdquo;, aber erst, wenn dieselbe nicht blos auf Grund des
-psychischen Mechanismus, sondern nach logischen Normen geschieht,
-&bdquo;<span lang="la">cum studio</span>&rdquo;. Jene dient nur dazu,
-den Vorstellenden von den Einfl&uuml;ssen des &auml;sthetischen und
-praktischen Interesses auf sein Denken frei d. h. das rein
-wissenschaftliche Interesse an dem Inhalt des Gedachten zu dessen
-einzigem zu machen: diese geht darauf aus, die durch den psychischen
-Mechanismus des Bewusstseins thats&auml;chlich in demselben
-entstandenen Gedanken vom Gesichtspunkt der logischen Ideen einer
-kritischen <span class="pagenum">[<a id="pb273" href="#pb273" name=
-"pb273">273</a>]</span>Pr&uuml;fung zu unterziehen d. h. das specifisch
-logische oder im weiteren Sinn philosophische Interesse zu befriedigen.
-Die Aufgabe der ersteren ist erf&uuml;llt, wenn es derselben gelungen
-ist, auf rein wissenschaftlichem d. i. weder durch &auml;sthetische,
-noch praktische Interessen beeinflusstem Wege inhaltsvolle Gedanken
-(Begriffe, Urtheile, Schl&uuml;sse, Systeme), jene der letzteren aber
-erst, wenn sie es dahin gebracht hat, den Forderungen logischen Denkens
-gegen&uuml;ber haltbare d. i. logisch denkbare Gedanken
-(denknothwendige oder doch logisch erlaubte Begriffe, Urtheile,
-Schl&uuml;sse und Systeme) herzustellen. Frucht der ersteren ist die
-<span class="ex">naive</span> d. i. empiristische und im
-philosophischen Sinn kritiklose, die der letzteren dagegen die
-<span class="ex">bewusste</span> <span class="corr" id="xd24e3006"
-title="Quelle: d.i.">d. i.</span> philosophische, weil durch logische
-Kritik gesichtete <span class="ex">Wissenschaft</span>.</p>
-<p class="par">391. Die naive Wissenschaft f&uuml;hrt ihren Namen
-daher, weil sie einerseits zwar Wissenschaft d. h. von den
-Einfl&uuml;ssen des Gef&uuml;hls und des Willens frei, andererseits
-aber naiv ist d. i. um die Frage, ob der psychische Mechanismus von
-Haus aus derart beschaffen sei, dass die durch denselben im Bewusstsein
-zum Vorschein kommenden Gebilde (Begriffe, Urtheile, Schl&uuml;sse,
-Schlussketten und Systeme) wahre d. i. richtige und giltige Begriffe,
-Urtheile u. s. w. sein m&uuml;ssen oder doch sein k&ouml;nnen, sich
-unbek&uuml;mmert zeigt. Letztere aber d. i. die eigentlich kritische
-Frage, weil sie nichts geringeres als das gesammte
-erkenntnisstheoretische Problem d. i. die W&uuml;rdigung der gesammten
-auf dem Wege des psychischen Mechanismus entstandenen Vorstellungen in
-Bezug auf deren Erkenntnisswerth enth&auml;lt, ist um so
-unabweislicher, je weniger es sich bestreiten l&auml;sst, dass gewisse
-auf obigem Wege mit naturgesetzlicher Nothwendigkeit im Bewusstsein
-sich einstellende Vorstellungsgebilde in Hinsicht auf deren Bedeutung
-f&uuml;r die Erkenntniss keinen oder sogar einen negativen Werth
-besitzen d. h. nicht blos Hohl-, sondern Wahngebilde sind. Zu diesen
-geh&ouml;ren die sogenannten Sinnest&auml;uschungen (Illusionen und
-Hallucinationen), aber auch der Schein der t&auml;glichen Bewegung des
-gestirnten Himmels um die Erde, oder des am Horizont vergr&ouml;sserten
-Durchmessers des Mondes, deren sich der Astronom, der sie als Trug
-erkennt, eben so wenig wie der Laie, der sie f&uuml;r Wirklichkeit
-nimmt, zu erwehren vermag. Ebendahin aber auch gewisse Begriffe,
-welche, wie jener Schein, auf Grund des psychischen Mechanismus im
-Bewusstsein mit naturgesetzlicher Nothwendigkeit entstehen und daher
-unabweislich, aber nichts desto weniger von einer Inhaltsbeschaffenheit
-sind, welche nicht ohne weiteres gestattet, deren Inhalt f&uuml;r
-m&ouml;glich, geschweige denn f&uuml;r wirklich, also auch nicht
-<span class="pagenum">[<a id="pb274" href="#pb274" name=
-"pb274">274</a>]</span>sie selbst f&uuml;r richtige und giltige
-Begriffe zu halten. Von dieser Art sind Begriffe, deren Inhalt auf
-Wirkliches bezogen und folglich, da dieselben thats&auml;chlich im
-Bewusstsein gegeben sind, als wirklich gesetzt wird, zugleich aber in
-sich widersprechend ist, so dass die Forderung, denselben als wirklich
-zu setzen, nichts geringeres bedeutet als ein Widersprechendes, also
-ein solches, was nach logischen Ideen als wirklich nicht gedacht werden
-darf, denselben zum Trotz als solches zu denken. Zeigt sich nun, dass
-zu diesen Begriffen gerade diejenigen geh&ouml;ren, von welchen die
-sogenannten Erfahrungswissenschaften, Natur- und
-Geschichtswissenschaft, den umfassendsten Gebrauch und die freigebigste
-Anwendung machen, ja solche, ohne welche das von obigen Wissenschaften
-errichtete Wissenschaftsgeb&auml;ude, die sogenannte Natur- und
-Geschichtserfahrung, weder Grundlage noch Zusammenhang, &uuml;berhaupt
-keinerlei Halt bes&auml;sse, so erscheint das in die
-Zuverl&auml;ssigkeit und Glaubw&uuml;rdigkeit jener Wissenschaften
-gesetzte Vertrauen so lange als unberechtigt, die Wissenschaft selbst
-als naiv, so lange nicht entweder jene Begriffe beseitigt oder, da
-dies, ohne das Werk jener Wissenschaften selbst zu zerst&ouml;ren,
-unm&ouml;glich ist, wenigstens die Widerspr&uuml;che aus deren Inhalt
-verschwunden sind.</p>
-<p class="par">392. Der geschilderte Fall ereignet sich bei den
-sogenannten metaphysischen oder, wenn alle Begriffe, deren Inhalt auf
-Wirkliches bezogen wird, ontologische (Seinsbegriffe) heissen sollen,
-bei den allgemeinsten ontologischen Begriffen, als welche (von Herbart)
-namentlich jene des Dings mit mehreren Merkmalen, der Ver&auml;nderung
-(incl. der Bewegung) der Materie und des Ichs angef&uuml;hrt worden
-sind. Dieselben sind s&auml;mmtlich &bdquo;Thatsachen des
-Bewusstseins&rdquo; d. h. sie finden sich in Folge und auf Grund des
-psychischen Mechanismus in jedem normal naturgesetzlich entwickelten
-Bewusstsein in gleicher Weise, als aus den urspr&uuml;nglichen
-Bewusstseinsacten gesetzm&auml;ssig abgeleitete psychische Gebilde vor;
-der Inhalt derselben ist daher weder selbst gemacht, sondern
-<span class="ex">gegeben</span>, noch willk&uuml;rlich <span class=
-"ex">anders</span> gemacht, als er gegeben ist, sonach <span class=
-"ex">unabweislich</span>. Derselbe ist aber zugleich so beschaffen,
-dass er einander gegenseitig ausschliessende, weil widersprechende
-Bestimmungen enth&auml;lt, sonach <span class="ex">unhaltbar</span>.
-Bei dem Begriff des Dings mit mehreren Merkmalen besteht dieser
-Widerspruch darin, dass dasselbe zugleich als eins und als vieles, bei
-dem Begriff der Ver&auml;nderung darin, dass das Ver&auml;nderte
-zugleich als dasselbe und nicht dasselbe, bei der Materie darin, dass
-dieselbe ins Unendliche getheilt und doch aus <span class=
-"pagenum">[<a id="pb275" href="#pb275" name=
-"pb275">275</a>]</span>Theilen entstanden, bei dem Begriff des Ich
-endlich darin, dass dasselbe als sich sich vorstellend d. i. einen
-regressus in infinitum einschliessend und doch als finitum d. i. als
-vollendet gedacht werden soll. Dieselben sind aber zugleich von der
-Art, dass das gesammte Geb&auml;ude der Erfahrung und sonach der
-Erfahrungswissenschaft auf der Voraussetzung ihrer Giltigkeit ruht;
-weder die K&ouml;rper-, noch die geschichtliche Welt, wie sie
-erfahrungsm&auml;ssig gegeben sind, w&auml;ren ohne Voraussetzung der
-Wirklichkeit von Dingen als Tr&auml;gern zahlreicher Eigenschaften, von
-Bewegung in Raum und Zeit, so wie qualitativer Ver&auml;nderung von
-Stoff in der einen und bewussten Individuen in der anderen
-m&ouml;glich. Letztere und damit die gesammte auf Erfahrung beruhende
-vorgebliche Wissenschaft vom Wirklichen m&uuml;sste sonach so lange
-f&uuml;r bodenlos, diese Wissenschaft selbst f&uuml;r naiv gelten, als
-jene vor dem Forum der Logik unhaltbaren Begriffe deren Grundlage
-ausmachen.</p>
-<p class="par">393. Da die Bearbeitung der im Bewusstsein auf normalem
-Wege entstandenen Vorstellungen vom Gesichtspunkt jener
-erkenntnisstheoretischen Frage nicht durch den Inhalt der Vorstellungen
-selbst, sondern durch das Verh&auml;ltniss der Naturgesetze des Denkens
-(des psychischen Mechanismus) zu dessen Normalgesetzen (den logischen
-Ideen) bedingt ist, so erstreckt sich die Bezeichnung der Naivet&auml;t
-&uuml;ber das ganze Gebiet der unkritisch (d. i. ohne R&uuml;cksicht
-auf obige Frage) verfahrenden Wissenschaft d. h. auf die Gebiete aller
-besonderen Wissenschaften, gleichviel welchen Gegenstand dieselben
-betreffen m&ouml;gen, sonach auf die formalen, wie Mathematik und
-Grammatik, nicht weniger, wie auf die realen, und unter diesen ebenso
-auf die theoretischen, welche, wie Geschichte und Naturwissenschaft,
-von Wirklichem, wie auf die praktischen, welche wie Kunst- und Sitten-,
-Rechts-, Staats- und Erziehungslehre von erst zu Verwirklichendem
-handeln; endlich auf das von der Erfahrung nicht blos ausgehende,
-sondern ausschliesslich auf dieselbe sich st&uuml;tzende d. i.
-empirische Denken (empirischer Dogmatismus) nicht weniger als auf jedes
-den Ursprung seiner Begriffe aus dem psychischen Mechanismus und damit
-die Zweifelhaftigkeit ihres erkenntnisstheoretischen Werths entweder
-nicht kennende oder vornehm ignorirende, um dieser seiner begrifflichen
-Form willen im eminenten Sinn &bdquo;philosophisch&rdquo; (rational,
-speculativ, dialektisch) sich nennende Denken (dogmatische
-Philosophie).</p>
-<p class="par">394. Wie jeder Dogmatismus, auch der in der Philosophie,
-<span class="ex">vor</span>, so liegt die bewusste d. i. durch
-Bearbeitung der im psychischen <span class="pagenum">[<a id="pb276"
-href="#pb276" name="pb276">276</a>]</span>Mechanismus gewordenen
-Begriffe nach logischen Normen entstandene und ihrer Uebereinstimmung
-mit den letztern innegewordene Wissenschaft <span class=
-"ex">nach</span> der Beantwortung der kritischen Frage d. i. dem
-Kriticismus. Wie dieser selbst aus der Skepsis, so geht die wahre d. h.
-kritisch gesichtete Wissenschaft aus der Kritik hervor. Insofern die
-letztere auf alle thats&auml;chlich im Bewusstsein vorfindlichen
-Begriffe, gleichviel welchem wissenschaftlichen Gebiete dieselben
-angeh&ouml;ren m&ouml;gen, sich ausdehnt, unterscheidet sie sich von
-jener Gattung von Kritiken, deren jede sich nur auf ein begrenztes
-Gebiet f&uuml;r richtig und giltig gehaltener Begriffe, Urtheile oder
-Schl&uuml;sse erstreckt d. i. wie die sogenannte historische Kritik
-angeblich historische Thatsachen, wie die sogenannte philologische
-Kritik vermeintlich echte Textes&uuml;berlieferungen, wie die
-&auml;sthetische Kritik unverdienter Weise als mustergiltig gepriesene
-Kunstleistungen u. s. w. auf ihre wahre Gestalt und wirklichen Gehalt
-zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sich zur Aufgabe macht. Wie durch letzteren
-Umstand dem <span class="ex">Umfange</span> nach, so sondert sie sich
-von den angef&uuml;hrten Arten der Kritik &uuml;berdies durch die
-Beschaffenheit des der Beurtheilung zu Grunde liegenden <span class=
-"ex">Massstabs</span> ab, welcher f&uuml;r sie weder in der
-Uebereinstimmung oder im Widerspruch des angeblich Geschichtlichen mit
-als solches Anerkanntem (wie bei der historischen Kritik), noch in dem
-Einklang oder der Abweichung der vermeintlich echten mit oder von der
-als solche beglaubigten Textes&uuml;berlieferung (wie bei der
-philologischen Kritik), noch in der Harmonie oder Disharmonie der
-jeweilig gelobten oder getadelten Leistung mit den &auml;sthetischen
-Normen (wie bei der Kunstkritik) u. s. w., sondern einzig und allein in
-der Denkbarkeit oder Undenkbarkeit, so wie in der Denknothwendigkeit
-der Begriffe nach <span class="ex">logischen</span> Normen gelegen
-ist.</p>
-<p class="par">395. Die auf diesem Wege durch Bearbeitung der Begriffe
-entstandene Wissenschaft ist <span class="ex">Philosophie</span>. Der
-Unterschied derselben von den besonderen Wissenschaften liegt, da die
-Bearbeitung, aus der sie entspringt, sich auf die Gebiete aller
-Wissenschaften ausdehnt, nicht darin, dass sie <span class=
-"ex">anderes</span>, sondern darin, das sie <span class=
-"ex">anders</span> weiss. Wenn der Name der Wissenschaft nicht nach dem
-Grade der Wissenschaftlichkeit ertheilt, sondern je nach der
-Besonderheit des Gegenstandes vertheilt werden soll, so ist die
-Philosophie, wie der Poet bei der Theilung der Erde, so bei der
-Theilung des (Bacon&rsquo;schen) &bdquo;Globus intellectualis&rdquo; zu
-sp&auml;t gekommen. Wenn dagegen jener allein entscheidet, so ist die
-bewusste aus kritischer Sichtung des Gewussten hervorgegangene allein
-wahre <span class="pagenum">[<a id="pb277" href="#pb277" name=
-"pb277">277</a>]</span>(Normal- und zugleich Universal-) Wissenschaft.
-Dieselbe zerf&auml;llt, je nachdem die Bearbeitung gegebener Begriffe
-nach logischen Normen der formalen oder der realen Seite derselben
-gilt, selbst in eine philosophische Formal- und in philosophische
-Realwissenschaften. Jene behandelt die gegebenen Begriffe lediglich als
-Begriffe, wobei von der Beschaffenheit des Inhalts derselben abgesehen
-wird, und erstreckt sich daher auf alle gegebenen Begriffe ohne
-Unterschied. Diese unterscheiden sich von jener gemeinsam durch den
-Umstand, dass der Inhalt der Begriffe ber&uuml;cksichtigt,
-unterscheiden sich aber unter einander selbst wieder durch den Umstand,
-dass die eine derselben alle diejenigen Begriffe umfasst, deren Inhalt
-als wirklich gedacht, die andere dagegen alle diejenigen, deren Inhalt
-allgemein und nothwendig wohlgef&auml;llig oder missf&auml;llig
-gefunden werden soll. Erstere, die philosophische Formalwissenschaft
-f&auml;llt mit der (formalen) <span class="ex">Logik</span>, letztere
-beiden als theoretische und praktische philosophische Realwissenschaft
-fallen mit der <span class="ex">Metaphysik</span> (philosophische
-Wissenschaft vom Wirklichen, Ontologie) und <span class=
-"ex">Aesthetik</span> (philosophische Wissenschaft vom Gefallenden und
-Missfallenden, welche auch als <span class="ex">Ethik</span> das
-unbedingt Gefallende am Wollen in sich schliesst) zusammen.</p>
-<p class="par">396. Wie die Darstellung logischer Ideen im eigenen
-Vorstellen <span class="ex">logische</span>, so ist jene,
-&auml;sthetischer Ideen in demselben <span class=
-"ex">sch&ouml;ne</span> Kunst. Insofern in den letztgenannten die Summe
-der Bedingungen enthalten ist, unter welchen wie immer beschaffener
-realer Stoff unbedingt gef&auml;llt oder missf&auml;llt, geht die
-&auml;sthetische Ideendarstellung darauf aus, das eigene ohne
-R&uuml;cksicht auf &auml;sthetische Zwecke durch psychischen
-Mechanismus entstandene in sch&ouml;nes d. i. den &auml;sthetischen
-Normen angemessenes Vorstellen zu verwandeln. Da nun dasjenige, wodurch
-Vorgestelltes gef&auml;llt oder missf&auml;llt, nicht das Was (der
-Gehalt), sondern das Wie (die Gestalt) desselben ist, so muss, um das
-gegebene Vorstellen in &auml;sthetisches zu verwandeln, zun&auml;chst
-von dem Inhalt desselben und der Frage, ob derselbe wahr oder ein
-demselben entsprechendes Object wirklich oder nicht wirklich sei,
-v&ouml;llig abgesehen und das wissenschaftliche (prosaische) Interesse
-an der Wahrheit oder Wirklichkeit durch das &auml;sthetische
-(poetische) Interesse an der Sch&ouml;nheit des Gedachten ersetzt
-werden. W&auml;hrend die logische Kunst Denken in Wissen, muss die
-sch&ouml;ne Kunst auch wahre in nur wahr <span class=
-"ex">scheinende</span> Gedanken verkehren, wenn dieselben
-&auml;sthetisch d. i. als sch&ouml;ner Schein, statt didaktisch d. i.
-als theoretische, oder moralisch <span class="pagenum">[<a id="pb278"
-href="#pb278" name="pb278">278</a>]</span>d. i. als bessernde Belehrung
-wirken sollen. Sogenannte didaktische oder moralische Kunst
-(&bdquo;moralisch Lied&rdquo;) ist daher nicht sowol Kunst als vielmehr
-Wissenschaft (Gedankenprosa) in Kunstform (Lehrgedicht, Fabel).</p>
-<p class="par">397. Das auf diesem Wege in Schein umgewandelte
-Vorstellen (die &bdquo;Welt der Phantasie&rdquo;) bildet das Material
-der &auml;sthetischen <span class="corr" id="xd24e3096" title=
-"Quelle: Ideendastellung">Ideendarstellung</span>. Dasselbe ist so
-vielfach und mannigfaltig als das Vorstellen selbst und zerf&auml;llt,
-wie dieses, je nach der Beschaffenheit seines Inhalts in verschiedene
-Classen. Die erste derselben ist jene der sogenannten einfachen
-Empfindungen (des Gesichts oder Geh&ouml;rs oder des Tastsinns,
-w&auml;hrend Geruchs- und Geschmacksempfindungen ihrer Unbestimmtheit
-wegen als &auml;sthetisches Material keine Verwendung finden, ausser
-etwa in der Gastronomie, in welcher durch Abwechslung verschiedener
-Geschm&auml;cke, oder in der Garten- und Toilettenkunst, wo durch
-Abwechslung verschiedener Wohlger&uuml;che ein dem &auml;sthetischen
-verwandter Eindruck hervorgebracht werden soll). Die
-Gesichtsempfindungen, und zwar sowol jene der quantitativ verschiedenen
-Helligkeits- und Dunkelheitsgrade (Licht und Schatten) wie die der
-qualitativ unterschiedenen Lichteindr&uuml;cke (Farben) liefern den
-Stoff f&uuml;r die Kunst des Colorits (Helldunkel und Farbengebung).
-Die Empfindungen des Geh&ouml;rssinns, und zwar <span class="corr" id=
-"xd24e3099" title="Quelle: so wol">sowol</span> jene der quantitativ
-verschiedenen Intensit&auml;tsgrade des Schalls (forte piano), wie jene
-der qualitativ verschiedenen periodischen Klangreize (T&ouml;ne)
-liefern den Stoff f&uuml;r die phonetische Kunst (Modulation,
-Klangfarbe). Die Tastempfindungen, und zwar sowol jene des quantitativ
-verschiedenen Drucks und der demselben Widerstand leistenden Kraft, die
-&bdquo;statischen&rdquo; Empfindungen, wie jene der qualitativ
-verschiedenen (ebenen oder gekr&uuml;mmten) K&ouml;rperoberfl&auml;chen
-(Ebene, Kugeloberfl&auml;che, gewellte Oberfl&auml;che u. s. w.), die
-&bdquo;plastischen&rdquo; Empfindungen, liefern das Material, jene
-f&uuml;r die bauende, diese f&uuml;r die bildende Kunst (Architektur
-und Sculptur). Die zweite Art der Vorstellungen begreift diejenigen,
-deren Inhalt leere Reihen und deren Gr&ouml;ssenverh&auml;ltnisse, und
-zwar sowol Zeit- und Zahlen- als Raumverh&auml;ltnisse ausmachen,
-welche letzteren selbst einander entweder quantitativ gleich (wie bei
-den symmetrisch angeordneten Gegenst&auml;nden im Raum), oder
-proportional (wie bei der regelm&auml;ssigen Aufeinanderfolge gleicher
-und ungleicher Abschnitte in der Zeit), oder qualitativ gleichartig (z.
-B. als Raumformen entweder durchaus lineare, oder ebene, oder
-gekr&uuml;mmte Fl&auml;chenformen, als Zeitabschnitte durchaus lineare
-Formen) oder ungleichartig (als Raumformen <span class=
-"pagenum">[<a id="pb279" href="#pb279" name="pb279">279</a>]</span>aus
-geraden und krummen Linien, ebenen und gekr&uuml;mmten Fl&auml;chen,
-als Zeitformen aus Eintheilungsgliedern nach verschiedenen
-Zeiteinheiten gemischt) sein k&ouml;nnen. Dieselben liefern den Stoff,
-wenn sie Raumformen und deren Verh&auml;ltnisse zum Inhalt haben,
-f&uuml;r die zeichnende (raummessende und raumbildende), wenn
-Zeitformen und deren Verh&auml;ltnisse ihren Inhalt ausmachen, f&uuml;r
-die rhythmische (zeitmessende und zeitraumbildende Kunst). Die dritte
-Classe von Vorstellungen umfasst die sinnlichen Vorstellungen und die
-aus denselben entwickelten Gemeinbilder (Begriffe), welche als solche
-einen bestimmten aus der Erfahrung entweder unmittelbar, oder durch
-inzwischen eingetretene Ver&auml;nderungen mittelbar gesch&ouml;pften
-Inhalt besitzen d. i. Gegenst&auml;nde darstellen, welche entweder ganz
-oder deren Bestandtheile in der sogenannten wirklichen d. h. in der
-ph&auml;nomenalen Welt der Erfahrung vorfindlich sind, liefert den
-Stoff zur Ideendarstellung in der Vorstellungswelt der gegebenen
-Erfahrung d. i. zur <span class="ex">Dicht-</span> oder <span class=
-"ex">poetischen Kunst</span>. Durch die Vereinigung zweier oder
-mehrerer dieser sogenannten einfachen K&uuml;nste zu einer einzigen
-Kunst kann eine zusammengesetzte Kunst d. h. Ideendarstellung in einem
-Material entstehen, welches die Summe der Materiale der zum Ganzen
-verbundenen K&uuml;nste ist. So ergibt sich durch die Verbindung der
-zeichnenden und der coloristischen Kunst die <span class=
-"ex">malerische</span>, durch jene der rhythmischen und phonetischen
-Kunst die <span class="ex">musikalische</span>, durch jene der
-zeichnenden und bauenden die <span class="ex">architektonische</span>,
-und durch jene der zeichnenden und bildenden die <span class=
-"ex">plastische</span> Kunst. Nur d&uuml;rfen die Materialien, die mit
-einander verbunden werden sollen, nicht ungleichartig d. i. nicht z. B.
-das eine Raumform, das andre Zeitform sein, daher sich Rhythmik als
-Zeitkunst wol mit phonetischer Kunst, deren Empfindungen (die
-Tonempfindungen) <span class="ex">nach</span> einander (successiv),
-nicht aber mit der coloristischen Kunst, deren Material (die Licht und
-Farbenempfindungen) <span class="ex">zugleich</span> (simultan)
-auftritt, verbinden l&auml;sst.</p>
-<p class="par">398. Aus dem Umstande, dass die &auml;sthetische
-Ideendarstellung je nach der Verschiedenheit des Vorstellungsmaterials
-zwar immer sch&ouml;ne Kunst, aber stets eine andere ergibt, fliesst,
-dass wo das erforderliche Material im Bewusstsein gar nicht oder in
-ungen&uuml;gendem Masse vorhanden ist, die bez&uuml;gliche sch&ouml;ne
-Kunst durch keine Art k&uuml;nstlicher Bildung erworben zu werden
-vermag (poeta nascitur). Derjenige, welchem aus was immer f&uuml;r
-einem Grunde (z. B. durch die mangelhafte Lichtreizempfindlichkeit
-seines Gesichts-, oder Geh&ouml;rsreizempfindlichkeit seines
-Geh&ouml;rsorgans) die <span class="pagenum">[<a id="pb280" href=
-"#pb280" name="pb280">280</a>]</span>Unterscheidungsgabe f&uuml;r die
-feinen Nuancen der Farben- oder Tonempfindungen und deren
-Intensit&auml;ten versagt ist, ist weder zum Coloristen noch zum
-Musiker geschaffen; demjenigen, welcher f&uuml;r die sinnlichen
-Eindr&uuml;cke seiner Umgebung entweder, wie der tr&auml;umerische
-Denker in Folge seines Insichgekehrtseins, oder wie der
-oberfl&auml;chliche Weltling in Folge unaufh&ouml;rlichen
-Zerstreutseins weder Auge noch Ohr besitzt, geht die Bedingung des
-Dichters ab.</p>
-<p class="par">399. Wie die logische Kunst, wo sie nicht die
-Wissenschaft, sondern die Virtuosit&auml;t in der Handhabung logischer
-Kunstgriffe zum Ziel hat, in Sophistik, so artet die sch&ouml;ne Kunst,
-wenn sie nicht die Darstellung &auml;sthetischer Ideen, sondern die
-Darlegung unumschr&auml;nkter Herrschaft &uuml;ber das &auml;sthetische
-Material d. i. blosse Kunstfertigkeit sich zum Zweck setzt, in
-K&uuml;nstelei aus. Jene wie diese wird dadurch abgeschnitten, dass
-sowol die logische wie die sch&ouml;ne Kunst unter die Herrschaft der
-<span class="ex">ethischen</span> Ideen gestellt d. h. dass sowol die
-Aus&uuml;bung der logischen Pflicht, nur Logisches zu denken, wie jene
-der &auml;sthetischen Pflicht, nur Sch&ouml;nes zu schaffen, von der
-ethischen Pflicht, nur das Gute zu wollen, abh&auml;ngig gemacht d. h.
-weder alles, was &uuml;berhaupt gewusst werden kann, zu wissen
-gestrebt, noch alles, was Sch&ouml;nes &uuml;berhaupt geschaffen werden
-kann, zu schaffen unternommen wird. Ausdruck dieser M&auml;ssigung,
-welche vor allem einerseits das zur Erf&uuml;llung des sittlichen
-Berufs Unentbehrliche (&bdquo;das Reich Gottes&rdquo;) im Wissen
-<span class="ex">sucht</span> und das der Erreichung desselben im Wege
-Stehende seiner lockenden Sch&ouml;nheit ungeachtet im Schaffen
-<span class="ex">unterl&auml;sst</span> d. h. nur Wissenschaft, aber
-nicht jede Wissenschaft, und nur Sch&ouml;nes, aber nicht jedes
-Sch&ouml;ne duldet, ist als Darstellung der ethischen Ideen im eigenen,
-sei es Forscher-, sei es K&uuml;nstlerbewusstsein, die <span class=
-"ex">Weisheit</span>.</p>
-<p class="par">400. Wenn die Bildungskunst des eigenen Vorstellens nach
-logischen, &auml;sthetischen und ethischen Ideen zusammengenommen die
-Kunst der <span class="ex">Geistesbildung</span>, so macht jene des
-eigenen F&uuml;hlens nach &auml;sthetischen Ideen die Kunst der
-<span class="ex">Gem&uuml;thsbildung</span> aus. Dieselbe geht, um
-Kunst d. h. um Darstellung in einem dem Darzustellenden homogenen
-Material zu sein, darauf aus, ihren Stoff, die Gef&uuml;hle, in ihrer
-Reinheit herzustellen d. h. von jedem Zusatz, der etwas anderes als
-Gef&uuml;hl (z. B. Begierde) und jeder Form, die eine andere als die
-Form des Gef&uuml;hls (z. B. bewusste Vorstellung; wissenschaftliche
-Einsicht) w&auml;re, freizumachen. Dieselbe scheidet daher einerseits
-alle diejenigen Gef&uuml;hle aus, die nur durch die Befriedigung oder
-Nichtbefriedigung eines eben vorhandenen zuf&auml;lligen und
-<span class="pagenum">[<a id="pb281" href="#pb281" name=
-"pb281">281</a>]</span>ausschliesslich individuellen Begehrens,
-W&uuml;nschens oder Wollens veranlasst sind (die sogenannten
-&bdquo;vagen&rdquo; oder subjectiven Gef&uuml;hle, Erregungen),
-andrerseits aber auch alle diejenigen sogenannten kritischen d. h. ein
-Gefallen oder Missfallen ausdr&uuml;ckenden Urtheile, welche mit
-Bewusstsein aus anderen Urtheilen als ihren Gr&uuml;nden abgeleitet,
-also nicht in der Gef&uuml;hlsform d. h. als unwillk&uuml;rlicher
-(bewusstloser), unvermittelter Vorgang im Bewusstsein gegeben sind.
-Folge des ersteren ist, dass als Material f&uuml;r &auml;sthetische
-Ideendarstellung nur allgemeine und nothwendige (sogenannte
-&bdquo;fixe&rdquo; oder objective) Gef&uuml;hle, Folge des letzteren,
-dass nur sogenannte &auml;sthetische (d. i. an sich evidente, eines
-Beweises weder f&auml;hige noch bed&uuml;rftige) Werthurtheile als
-solches zugelassen werden. Jene wie diese, da es zu beider
-Beschaffenheit geh&ouml;rt, allgemein und nothwendig d. h. unbedingter
-Ausdruck eines Wohlgefallens oder Missfallens zu sein, die
-&auml;sthetischen Ideen aber selbst nichts anderes sind als das an sich
-unbedingt Wohlgef&auml;llige und Missf&auml;llige, machen von Haus aus
-die Darstellung der letzteren als deren &bdquo;Stimme&rdquo; im
-Bewusstsein (die Idee in uns; das &bdquo;Daimonion des Sokrates&rdquo;)
-aus. Je nachdem diese letztere sich richtend d. i. lobend oder tadelnd
-&uuml;ber <span class="corr" id="xd24e3157" title=
-"Quelle: eigene">eigenes</span> Verhalten (Schaffen oder Wollen), oder
-als harmonischer oder disharmonischer Nachklang fremder Gef&uuml;hle
-vernehmen l&auml;sst, wird sie im ersteren Fall, wenn sie das eigene
-Schaffen seinem Werthe nach beurtheilt, <span class=
-"ex">Geschmack</span> (&auml;sthetisches Gewissen), wenn sie das eigene
-Wollen billigt oder missbilligt, <span class="ex">Gewissen</span>
-(sittlicher Geschmack), in letzterem Falle <span class=
-"ex">sympathetisches Gef&uuml;hl</span> und zwar als harmonisches
-Sympathie (Mitgef&uuml;hl, Mitleid, Mitfreude), wenn es disharmonisch
-ist, Antipathie (Neid, Schadenfreude) genannt.</p>
-<p class="par">401. Frucht der Gem&uuml;thsbildung ist die Lebendigkeit
-des Geschmacks (der &bdquo;Stimme des Gottes&rdquo;) im K&uuml;nstler,
-des Gewissens (der &bdquo;Stimme Gottes&rdquo;) im Einzel- und des
-Mitgef&uuml;hls (socialen Gef&uuml;hls) im geselliglebenden (socialen)
-Menschen. Wie die erste der sch&ouml;nen Kunst, so arbeitet die zweite
-der Bildungskunst des eigenen Wollens nach <span class=
-"ex">ethischen</span> Normen vor; jene, indem durch die Lebendigkeit
-der eigenen Kunsteinsicht und des eigenen Kunsturtheils das eigene
-Schaffen des K&uuml;nstlers gehoben und geregelt, diese indem durch die
-Regsamkeit der eigenen ethischen Einsicht und des Gewissensurtheils das
-eigene Wollen und Thun geweckt, beaufsichtigt und beeinflusst wird. Wie
-das Geschmacksurtheil die &auml;sthetische Norm f&uuml;r den
-Schaffenden, so bietet das Gewissensurtheil die sittliche Norm f&uuml;r
-den Wollenden dar, und deren Anwendung auf den <span class=
-"pagenum">[<a id="pb282" href="#pb282" name=
-"pb282">282</a>]</span>gegebenen Fall erfolgt um so leichter, aber auch
-von Seite des im Bewusstsein vorhandenen Materials zur Darstellung der
-sittlichen Ideen d. i. von Seite des eigenen Begehrens, W&uuml;nschens
-und Wollens um so widerstandsloser, je reiner d. h. je freier von
-fremdartigen Zus&auml;tzen und Einmischungen das letztere gehalten
-wird. Dasselbe darf daher weder in der Form blosser Vorstellung eines
-Wollens, noch in jener eines bewusstlosen Begehrens oder einsichtslosen
-W&uuml;nschens, sondern es muss in jener des wirklichen Wollens zur
-Beurtheilung vorliegen, um an der ethischen Norm mit Bewusstsein
-gemessen und von der Stimme des Gewissens zugelassen oder verworfen
-werden zu k&ouml;nnen. Indem auf diese Weise die ethische Idee im
-Willens- wie auf &auml;hnlichem Wege die &auml;sthetische Idee im
-Schaffensact zur Darstellung gelangt, verk&ouml;rpert sich durch deren
-Ausdehnung einerseits auf das gesammte Wollen, andrerseits auf das
-gesammte Schaffen die ethische Idee, der Inhalt der Gewissensstimme, im
-<span class="ex">sittlichen</span>, wie die &auml;sthetische Idee, der
-Inhalt der Geschmacksstimme, im <span class="ex">k&uuml;nstlerischen
-Charakter</span> und tritt, wie die Ideendarstellung im eigenen
-Vorstellen als Geistes-, jene im eigenen F&uuml;hlen als Gem&uuml;ths-,
-so jene im eigenen Wollen als Kunst der <span class=
-"ex">Charakterbildung</span> auf. <span class="pagenum">[<a id="pb283"
-href="#pb283" name="pb283">283</a>]</span></p>
-</div>
-</div>
-<div id="ch3.2" class="div1 introduction"><span class=
-"pagenum">[<a href="#xd24e292">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<h2 class="label">ZWEITES CAPITEL.</h2>
-<h2 class="main">Die Bildekunst.</h2>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first">402. Wie die Bildungskunst darauf ausgeht, das
-eigene, so ist die Bildekunst bem&uuml;ht, <span class=
-"ex">fremdes</span> Vorstellen, F&uuml;hlen und Wollen ideengem&auml;ss
-zu gestalten. Dieselbe setzt daher nicht nur Bewusstsein der Ideen im
-eigenen und Empf&auml;nglichkeit f&uuml;r dieselben im fremden
-Bewusstsein, sondern sie setzt &uuml;berdies, wie jede f&uuml;r Andere
-bestimmte Mittheilung, eine beiden gemeinsame Welt und ein beiden
-verst&auml;ndliches Verst&auml;ndigungsmittel voraus. Ersteres, wie
-letzteres, bedingt eine innerhalb bestimmter Grenzen sich bewegende
-Gleichartigkeit des sich mittheilenden und des zur Aufnahme der
-Mittheilung bestimmten Bewusstseins, welche weder so weit gehen darf,
-dass die Verschiedenheit zwischen beiden zu einer blossen Wiederholung
-des einen im andern herabsinkt, noch so sehr abgeschw&auml;cht werden
-darf, dass die Verschiedenheit beider bis zu v&ouml;lligem Gegensatz
-sich steigert. Jenes w&auml;re der Fall, wenn das sich mittheilende
-Bewusstsein weder quantitativ noch qualitativ verschiedenen Inhalt von
-dem des empfangenden bes&auml;sse, letzteres dagegen, wenn das
-empfangende Bewusstsein dem sich mittheilenden nicht nur quantitativ
-&uuml;berlegen, sondern qualitativ demselben etwa in der Weise, dass
-das eine endliches (menschliches), das andere schlechthin unendliches
-(g&ouml;ttliches) Bewusstsein darstellte, entgegengesetzt w&auml;re.
-W&auml;hrend qualitativ homogene, obgleich quantitativ weit von
-einander abstehende Bewusstseinsindividualit&auml;ten immerhin der
-n&auml;mlichen Welt angeh&ouml;ren und eines gemeinsamen
-Verst&auml;ndigungsmittels sich bedienen k&ouml;nnen, fallen die Welten
-qualitativ entgegengesetzter Bewusstseinsindividualit&auml;ten, wie
-diese selbst, als qualitative Gegens&auml;tze aus einander und ist
-zwischen denselben <span class="pagenum">[<a id="pb284" href="#pb284"
-name="pb284">284</a>]</span>eine Verst&auml;ndigung nur unter der
-Voraussetzung m&ouml;glich, dass entweder die eine (niedere, endliche)
-in die Sph&auml;re der andern (&bdquo;der Mensch zum Gotte&rdquo;)
-emporgehoben, oder die andere (die h&ouml;here, unendliche) in jene der
-niederen &bdquo;der Gott zum Menschen&rdquo; herabgezogen wird. In
-jenem Fall nimmt das endliche Bewusstsein Inhalt und Form des
-unendlichen (der Mensch G&ouml;ttergestalt: Apotheose) und damit nicht
-nur die Erkenntniss- (Intuition, absolutes Wissen), sondern auch die
-Ausdrucksweise (vision&auml;re, prophetische Sprache) des absoluten
-Bewusstseins an. In letzterem Falle steigt das g&ouml;ttliche
-Bewusstsein nicht nur zu den Formen und Gesetzen des menschlichen,
-sondern auch zur Menschengestalt (Menschwerdung: Incarnation) und
-menschlichen Sprache (Unterredung, Belehrung durch Rede und Beispiel)
-herab.</p>
-<p class="par">403. Wie bei der Kunst der Ideendarstellung im eigenen,
-besteht die Vorbedingung bei jener im fremden Bewusstsein darin, dieses
-letztere als dargebotenes Material rein d. h. je nach der verschiedenen
-Classe von Bewusstseinsindividualit&auml;ten, zu der es geh&ouml;rt,
-von fremdartigen Zus&auml;tzen und Vermengungen frei zu erhalten. Je
-nachdem das fremde Bewusstsein Einzelbewusstsein, oder einer
-Gesellschaft gleichartiger Individuen gemeinsames (Gesellschafts-)
-Bewusstsein, ersteres selbst entweder dem Bildner qualitativ
-gleichartiges und nur quantitativ untergeordnetes (werdendes) oder
-demselben ungleichartiges, quantitativ entweder ebenb&uuml;rtiges oder
-&uuml;berlegenes, in beiden F&auml;llen fertiges Bewusstsein ist,
-werden drei Classen der Bildekunst, je nachdem die Th&auml;tigkeit des
-Bildners auf die Bildung des fremden Vorstellens oder des fremden
-F&uuml;hlens oder des fremden Wollens gerichtet ist, in jeder derselben
-drei besondere Formen der Bildekunst unterschieden. Jene drei ergeben
-nach einander a. die Kunst der Ideendarstellungen im jugendlichen
-Bewusstsein (Jugendbildung), b. die Kunst der Ideendarstellung im schon
-geformten, gereiften Bewusstsein (Regiment), c. die Kunst der
-Ideendarstellung im &ouml;ffentlichen Bewusstsein (Staatskunst); diese
-ebenso nach einander a. die Kunst der Ideendarstellung im fremden
-Vorstellen (Unterricht), b. die Kunst der Darstellung der
-&auml;sthetischen Ideen im fremden F&uuml;hlen (Zucht), c. die
-Darstellung ethischer Ideen im fremden Wollen (Regierung).</p>
-<p class="par">404. Wie die Kunst der Selbstbildung jene der Geistes-,
-Gem&uuml;ths- und Charakterbildung, so begreift die der <span class=
-"ex">Jugendbildung</span> (Erziehungskunst, P&auml;dagogik) die des
-Unterrichts (Didaktik), der Zucht und der Regierung der Jugend in sich.
-Dieselbe setzt, wie <span class="pagenum">[<a id="pb285" href="#pb285"
-name="pb285">285</a>]</span>jede Kunst, die Kenntniss der
-darzustellenden Ideen einer-, des Materials, in welchem dieselben zur
-Darstellung gelangen sollen d. i. nicht nur jene des menschlichen
-Bewusstseins &uuml;berhaupt (Psychologie des Menschen), sondern die des
-jugendlichen Bewusstseins (Psychologie der Jugend) insbesondere
-andrerseits voraus. Insofern das letztere von dem des erwachsenen
-Menschen nicht qualitativ, sondern nur quantitativ, nicht den Gesetzen
-seiner Entwickelung, sondern nur dem bisher eingesammelten Vorrath des
-Bewusstseinsinhalts nach verschieden, in Anbetracht des letzteren
-d&uuml;rftiger als jenes ist, geht die Aufgabe der Jugendbildung dahin,
-einerseits den mangelnden Bewusstseinsinhalt in das Bewusstsein
-einzuf&uuml;hren, andererseits f&uuml;r die normale Entwickelung der
-aus dem Wechselverkehr der Vorstellungen entspringenden Gef&uuml;hle,
-Begehrungen, W&uuml;nsche, Willensacte und Handlungen Sorge zu tragen.
-Jenes, die Zuf&uuml;hrung des erforderlichen Bewusstseinsinhalts
-(Bildung der Vorstellungen und Vorstellungsmassen) macht den Zweck des
-<span class="ex">Unterrichts</span>; dieses, und zwar die Regelung der
-aus der wechselseitigen Hemmung und F&ouml;rderung der
-Vorstellungsmassen entspringenden Gef&uuml;hle macht die Aufgabe der
-<span class="ex">Zucht</span>, dagegen die B&auml;ndigung des aus den
-aufstrebenden Vorstellungen und Vorstellungsmassen aufbrausenden
-Begehrens, W&uuml;nschens und Wollens, insbesondere aber der das
-Zusammenleben mit Andern st&ouml;renden Aeusserungen der Gef&uuml;hle
-und Begierden in Handlungen die Aufgabe der <span class=
-"ex">Regierung</span> der Jugend aus.</p>
-<p class="par">405. Welcherlei Material an Vorstellungen dem
-Bewusstsein zugef&uuml;hrt werden soll, h&auml;ngt von der Natur der in
-demselben darzustellenden Ideen ab. Dasselbe und folglich auch der
-Charakter des vermittelnden Unterrichts wird naturgem&auml;ss ein
-anderes sein, wenn Ideen aller Art, als wenn Ideen nur einer besonderen
-Gattung (z. B. nur die &auml;sthetischen oder nur die ethischen oder
-nur die logischen) in demselben zur Darstellung kommen sollen. In jenem
-Fall werden alle Vorstellungen dem Bewusstsein zugef&uuml;hrt werden
-m&uuml;ssen, an deren Vorhandensein &uuml;berhaupt eine Classe der
-Ideen, in letzterem Fall nur solche, an welchen gerade eine bestimmte
-Classe von Ideen Interesse nimmt. Erstere Form des Unterrichts umfasst
-daher alle Vorstellungen und Vorstellungsmassen, an deren
-Herbeif&uuml;hrung der Erziehungs- d. i. der Kunst der Darstellung
-aller, der logischen nicht weniger wie der moralischen und
-&auml;sthetischen Ideen im Jugendbewusstsein gelegen ist, und wird
-deshalb als <span class="ex">erziehender</span>, im Gegensatze dazu
-jene Form des Unterrichts, welche an der Darstellung nur einer Classe
-von Ideen und zwar der <span class="pagenum">[<a id="pb286" href=
-"#pb286" name="pb286">286</a>]</span>logischen im jugendlichen
-Vorstellen Interesse hat, als <span class=
-"ex">wissenschaftlicher</span> Unterricht bezeichnet. Letztere Form
-zerf&auml;llt, je nachdem es sich lediglich darum handelt, dem
-jugendlichen Bewusstsein wissenschaftliche d. i. den logischen Normen
-gem&auml;sse Vorstellungen und Vorstellungsmassen zu &uuml;berliefern
-oder dasselbe nicht blos anzuregen, sondern anzuleiten und zu
-bef&auml;higen, dergleichen ohne vorhergegangene Mittheilung (nicht
-reproductiv), durch eigene, den logischen Normen entsprechende
-Th&auml;tigkeit aus sich (productiv) zu erzeugen, in eine niedere und
-h&ouml;here Stufe, deren erste nur darauf ausgeht, <span class=
-"ex">Gelehrte</span>, deren letztere darauf hinzielt, <span class=
-"ex">Forscher</span> zu bilden. Die Aufgabe der Bildung durch
-erziehenden Unterricht f&auml;llt, wenn der Unterricht weder
-gelegentlich, noch einem oder wenigen (wie in der Familie), sondern
-vielen zugleich und in einer seinem Zwecke besonders gewidmeten Anstalt
-(Unterrichtsanstalt, Schule) ertheilt wird, der untersten, f&uuml;r
-alle ohne Unterschied bestimmten Stufe derselben, der <span class=
-"ex">Volksschule</span>; die Gelehrtenbildung der mittleren, zur
-Ausbildung einer Gelehrtenclasse und zugleich zur Vorbereitung f&uuml;r
-die Selbstforschung gewidmeten <span class="ex">Gelehrtenschule</span>
-(Gymnasium, Realschule); die dritte der zur Bildung k&uuml;nftiger
-wissenschaftlicher Selbstforscher bestimmten obersten Stufe, der
-<span class="ex">Hochschule</span> (Universit&auml;t, Polytechnicum)
-zu.</p>
-<p class="par">406. Durch die Wahrnehmung des moralischen und des
-&auml;sthetischen Interesses mit und neben dem wissenschaftlichen
-arbeitet der erziehende Unterricht sowol der Zucht wie der Regierung
-vor. Der ersteren, indem durch die Beachtung solcher Vorstellungen und
-Vorstellungsmassen, durch welche die Entstehung (sei es der
-Intensit&auml;t wie der Qualit&auml;t nach) bedenklicher Gef&uuml;hle
-entweder g&auml;nzlich verhindert oder doch beschr&auml;nkt, dagegen
-jene (sowol der St&auml;rke als dem Inhalt nach) w&uuml;nschenswerther
-Erregungen geweckt und gef&ouml;rdert wird, bei der Auswahl des
-Unterrichtsmaterials die Regelung der im Bewusstsein vorhandenen
-Gef&uuml;hle nach Qualit&auml;t und Energie erleichtert, das
-jugendliche Gem&uuml;th in Freud und Leid &bdquo;in
-Z&uuml;chten&rdquo;, in seinen Mitgef&uuml;hlen f&uuml;r und gegen
-Andere keusch, schamhaft und &bdquo;z&uuml;chtig&rdquo; gehalten wird;
-der letzteren, indem durch die Beachtung solcher Vorstellungen und
-Vorstellungsmassen bei der Auswahl des Unterrichtsmaterials, durch
-welche einerseits die Furcht vor den Folgen unb&auml;ndiger
-Ausschreitungen in Affects- und Willens&auml;usserung erweckt und
-erh&ouml;ht, andererseits die Aussicht auf die wohlth&auml;tigen
-Wirkungen gem&auml;ssigten Verhaltens nach aussen, so wie in Beziehung
-auf Andere wirksam belebt und gesteigert, <span class="pagenum">[<a id=
-"pb287" href="#pb287" name="pb287">287</a>]</span>der Uebermuth der im
-Bewusstsein auftauchenden blinden Triebe, Affecte und Leidenschaften
-gez&uuml;gelt, der St&ouml;rungs- und Zerst&ouml;rungseifer der Jugend
-durch Lohn und Strafe einged&auml;mmt wird.</p>
-<p class="par">407. Wie der Unterricht, so hat die Zucht und die
-Regierung, also die gesammte Jugenderziehung zum letzten Zweck, mit der
-Erreichung ihres Ziels, der Geistes-<span class="corr" id="xd24e3251"
-title="Nicht in der Quelle">,</span> Gem&uuml;ths- und Charakterreife,
-sich selbst &uuml;berfl&uuml;ssig zu machen. Jenes geschieht, wenn der
-Sch&uuml;ler zum Selbstforscher, dieses, wenn das st&uuml;rmisch
-bewegte und erregte Gem&uuml;th zur ruhig pr&uuml;fenden Stimme des
-Innern und das halt- und ziellos zerfahrende Trachten und Treiben zum
-zielbewussten Wollen und in sich gefesteten Charakter geworden ist.</p>
-<p class="par">408. Wie die Erziehung an das werdende, so wendet sich
-die zweite Art der Bildekunst an ein bereits (&bdquo;im Strom der
-Welt&rdquo;) gewordenes Bewusstsein. Soll dasselbe nicht blos
-einf&ouml;rmiger Wiederholung, sondern lebendiger Wechselwirkung
-zug&auml;nglich und f&auml;hig sein, so muss zwischen demjenigen Theil,
-welcher den andern nach sich zu bilden trachtet, und jenem, welcher
-sich das vom Andern &bdquo;nach seinem Bilde&rdquo; Gebildetwerden
-gefallen l&auml;sst, zwar Verwandtschaft, aber nicht Gleichheit, darf
-zwar Ungleichheit, aber nicht Gegensatz herrschen. Dieser Fall findet
-statt bei der gegenseitigen, Geist, Gem&uuml;th und Charakter
-beeinflussenden Wechselwirkung zwischen dem Geschlecht nach
-entgegengesetzten (Mann und Weib), oder dem Range, Stande, Beruf, der
-Lebensstellung nach verschiedenen, insbesondere einander &uuml;ber- und
-untergeordneten Individuen (Vornehmen und Geringen, Herren und
-Dienern), am entschiedensten und folgereichsten aber zwischen dem
-Gl&auml;ubigen und dem &bdquo;nach seinem Ebenbilde&rdquo; gedachten d.
-i. vom Menschen menschen&auml;hnlich erschaffenen Gott (homo homini
-deus).</p>
-<p class="par">409. Dieselbe tritt, da es sich um Ideendarstellung in
-dem Bewusstsein eines fremden Erwachsenen handelt, nicht als (ja
-bereits vollendete) Erziehung, sondern als &bdquo;<span class=
-"ex">Regiment</span>&rdquo; (des Mannes &uuml;ber das Weib oder
-umgekehrt; des Herrn &uuml;ber den Knecht oder &bdquo;des Kammerdieners
-&uuml;ber den F&uuml;rsten&rdquo;; des Gl&auml;ubigen &uuml;ber seinen
-Gott oder umgekehrt der G&ouml;tter &uuml;ber den Menschen) auf.
-Dasselbe setzt von Seite des Bildenden zwar Ueberlegenheit, aber nicht,
-wie bei der Erziehung, an Bildung &uuml;berhaupt, sondern in einer
-bestimmten Art und Richtung der Bildung voraus. Daher ist der
-Unterricht innerhalb dieser Classe der Bildungskunst nicht wie bei der
-Jugendbildung allgemein bildender, sondern <span class=
-"ex">fachm&auml;nnischer</span> (Fachunterricht), der Lehrer dem
-Sch&uuml;ler nicht an Bildung im Allgemeinen, sondern <span class=
-"pagenum">[<a id="pb288" href="#pb288" name="pb288">288</a>]</span>nur
-an Bildung in dem besondern Fache &uuml;berlegen (Fachlehrer,
-Fachstudium). An die Stelle des erziehenden tritt daher hier der
-f&uuml;r ein bestimmtes Fach vorbereitende Unterricht (Proseminar
-f&uuml;r Philologen; pharmaceutischer Vorbereitungscurs f&uuml;r
-Apotheker), w&auml;hrend der Fachunterricht selbst in zwei Stufen, die
-niedere und h&ouml;here zerf&auml;llt, auf deren erster das Fach
-wissenschaftlich gelehrt, auf deren zweiter die Aus&uuml;bung desselben
-praktisch zur Fertigkeit erhoben wird. Als Schule gliedert sich der
-Fachunterricht nach obigen Stufen in die Vorbereitungs-, gelehrte Fach-
-und fachliche Hochschule (Zeichenschule, Kunstschule, Meisterschule d.
-i. Atelier). Wird der Charakter des Unterrichts nicht durch das Fach,
-f&uuml;r welches, sondern durch die Beschaffenheit des Sch&uuml;lers,
-f&uuml;r welchen er ertheilt wird, bestimmt, so entsteht, wenn das
-Geschlecht massgebend ist, der sogenannte &bdquo;weibliche
-Unterricht&rdquo; (T&ouml;chterschule, Frauenlyceum), wenn der
-gesellschaftliche Rang den Ausschlag gibt, der privilegirte Unterricht
-(Ritterakademie, Adelsconvict), wenn das Glaubensbekenntniss
-entscheidet, der confessionelle Unterricht (confessionelle Schule,
-katholische Universit&auml;t) u. s. w.</p>
-<p class="par">410. Einen besonderen Charakter nimmt der Unterricht an,
-wenn der zu Unterrichtende in den Augen des Unterrichtenden selbst als
-der besser Unterrichtete gilt. Dieser Fall, welcher eigentlich die
-<span class="ex">Ironie des Unterrichts</span> darstellt, ereignet sich
-dort, wo dem Kl&auml;ger ein Richter, dem Gl&auml;ubigen sein Gott
-gegen&uuml;bersteht. Jener wie dieser wird von demjenigen, der sich an
-einen von beiden wendet, f&uuml;r ihn selbst an Einsicht &uuml;berlegen
-und doch von dem besonderen Fall, um den es sich handelt, f&uuml;r
-nicht unterrichtet gehalten, zugleich aber vorausgesetzt, dass es dem
-Richter gegen&uuml;ber nur einer &bdquo;Vorstellung&rdquo;, dem Gotte
-gegen&uuml;ber nur eines &bdquo;Gebets&rdquo; bed&uuml;rfe, um als
-Kl&auml;ger von jenem die Gew&auml;hrung seines Rechts, als
-Gl&auml;ubiger von diesem die Erh&ouml;rung seiner Bitte zu erlangen.
-Der geschilderte Fall ist gleichsam die Umkehrung der sogenannten
-sokratischen Ironie; denn w&auml;hrend bei dieser der Wissende sich
-unwissend stellt und zum Schein Belehrung heischt, wird der Wissende
-hier als unwissend vorgestellt, welcher der Belehrung bedarf.</p>
-<p class="par">411. Wie das Regiment dem Unterricht das Gepr&auml;ge
-des Fachs, Standes, Geschlechts, Glaubensbekenntnisses u. s. w., so
-verleiht dasselbe der Zucht wie der Regierung den Charakter desjenigen
-Gef&uuml;hls- und Willensmaterials, in welchem die Darstellung der
-&auml;sthetischen oder der ethischen Ideen statthaben soll. Dieses
-Material sind, wenn der zu bildende Erwachsene einem bestimmten
-Geschlecht <span class="pagenum">[<a id="pb289" href="#pb289" name=
-"pb289">289</a>]</span>oder Stande, Range, Glaubensbekenntniss oder
-Nationalit&auml;t angeh&ouml;rt, die entsprechenden, jenem Geschlecht,
-Stande, religi&ouml;sen Bekenntniss u. s. w. angeh&ouml;rigen
-besonderen Gef&uuml;hle (m&auml;nnliches Ehr-, weibliches
-Schamgef&uuml;hl; milit&auml;rischer esprit de corps; Adels-,
-confessionelles, Nationalit&auml;tsbewusstsein), welche als Ausdruck
-der &auml;sthetischen Idee im Gem&uuml;thsleben die sogenannte
-(milit&auml;rische, religi&ouml;se, sexuale u. s. w.) Disciplin
-(Standeszucht, Kirchenzucht, Keuschheit) im Gefolge haben. In gleicher
-Weise machen die einem gewissen Geschlechte, Stande,
-Glaubensbekenntniss u. s. w. gestatteten oder versagten
-Willens&auml;usserungen und Handlungen dasjenige aus, was als Ausdruck
-der ethischen Ideen innerhalb jenes Geschlechts, Hauses, Standes,
-Glaubensbekenntnisses u. s. w., dessen Reglement (Standesordnung; Haus-
-und Dienstordnung; religi&ouml;ses Ceremoniell; Fasten- und
-Kleiderordnung etc.) darstellt. Wie auf der Herrschaft des Vornehmen
-&uuml;ber den Geringen der Herrn-, so beruht auf der Minneherrschaft
-der Frau &uuml;ber den Mann der Minne-, oder (Ulrich von
-Lichtenstein&rsquo;s) Frauendienst. Wie auf der Herrschaft des Gottes
-&uuml;ber den Gl&auml;ubigen der Gottes-, so ruht auf der romantischen
-Anbetung der jungfr&auml;ulichen Mutter der Mariendienst.</p>
-<p class="par">412. Wie die Erziehungskunst das jugendliche, das
-Regiment das erwachsene Einzel-, so geht die <span class=
-"ex">Politik</span> (Staatskunst) das den Mitgliedern einer
-organisirten Gesellschaft (Schule, Partei, Kirche, Staat) gemeinsame,
-daher als solches &ouml;ffentliche Bewusstsein an. Dieselbe hat als
-Ideendarstellung im &ouml;ffentlichen Bewusstsein dieselben sowol in
-dessen Vorstellen d. i. im &ouml;ffentlichen Geiste, wie in dessen
-F&uuml;hlen d. i. in der &ouml;ffentlichen Meinung, und dessen Wollen
-d. i. im &ouml;ffentlichen Willen zum Ausdruck zu bringen. Jede
-organisirte Gesellschaft trachtet demnach als Ausfluss ihrer Politik
-ihre eigene Schule zu gr&uuml;nden, ihren eigenen Anstand zu behaupten
-und ihre eigene Regierung zu f&uuml;hren. Je nachdem die Gesellschaft
-selbst als philosophische oder wissenschaftliche Secte unter einem
-Schul- oder Sectenhaupt (Stoa unter Zeno), oder als politische Partei
-unter einem Parteihaupt (Conservative unter Pitt, Liberale unter Fox in
-England), als eine Kirche unter ihrem Kirchenhaupt (die katholische
-Kirche unter dem Papst), als Staat unter seinem Staatshaupt
-(Oesterreich unter Josef II., Preussen unter Friedrich dem Grossen)
-organisirt ist, bedarf sie einer Schule (Sectenschule, Parteischule,
-confessionell kirchliche Schule, Staatsschule) als Werkzeug zur Bildung
-des ihrem Geiste entsprechenden &ouml;ffentlichen Geistes, deren und
-der von ihr aus verbreiteten Wissenschaft F&auml;rbung demnach eine
-politische, die Farbe <span class="pagenum">[<a id="pb290" href=
-"#pb290" name="pb290">290</a>]</span>der Politik der sie stiftenden und
-erhaltenden Gesellschaft (der Secte, Partei, Confession oder des
-Staates) sein wird. Dieselbe wird nicht sowol darauf bedacht sein,
-gebildete, als vielmehr im Sinn ihrer eigenen Politik politisch
-gebildete Anh&auml;nger ihrer Secte, Parteigenossen, confessionelle
-Bekenner oder &bdquo;gute&rdquo; Staatsb&uuml;rger zu bilden; die
-wissenschaftliche wird unter ihren H&auml;nden in eine Schul-, Partei-,
-Kirchen- oder staatspolitische Lehrkanzel umgewandelt.</p>
-<p class="par">413. Wie die Politik als Anwendung der logischen Ideen
-auf den &ouml;ffentlichen Geist als Staatsklugheit, so erscheint sie in
-der Anwendung der &auml;sthetischen Ideen auf denselben als politischer
-Anstand, in jener der ethischen Ideen dagegen als politische Weisheit.
-Jene verbietet, den &ouml;ffentlichen Geist verstandeswidrig, z. B.
-durch die Berufung auf den sogenannten &bdquo;beschr&auml;nkten
-Unterthanenverstand&rdquo;, der zweite, denselben anstandswidrig z. B.
-durch Verletzung des &ouml;ffentlichen Schicklichkeitsgef&uuml;hls, die
-dritte, denselben vernunftswidrig z. B. durch Festhalten an dem
-l&auml;ngst im &ouml;ffentlichen Bewusstsein Abgestorbenen zu
-beeinflussen. Dagegen gebietet die Politik als &ouml;ffentliche Zucht
-nicht nur den Ausschreitungen des &ouml;ffentlichen Gem&uuml;thslebens
-nach der Seite des Lust- wie des Unlustgef&uuml;hls, Rohheit und
-Ausgelassenheit einer-, Jammer- und Wehklagen andererseits Einhalt zu
-thun, sondern auch die dem geselligen Zusammenleben hinderlichen
-antisocialen Gef&uuml;hle nach M&ouml;glichkeit zu hemmen und deren
-entgegengesetzte, die socialen Gef&uuml;hle (Mitgef&uuml;hle) eben so
-zu wecken und zu f&ouml;rdern, so wie auch direct (durch Belehrung),
-oder indirect (durch Anschauung) die &auml;sthetischen Gef&uuml;hle zu
-beleben, die sittlichen Gef&uuml;hle zu wecken und auf diese Weise zur
-Hebung des &ouml;ffentlichen Humanit&auml;tsgef&uuml;hls, Gewissens und
-Geschmacks wirksam beizutragen. Von selbst leuchtet ein, dass je nach
-dem Charakter der Gesellschaft von welcher und innerhalb welcher auf
-das &ouml;ffentliche Gem&uuml;thsleben Einfluss genommen wird, dieses
-selbst und sonach auch die innerhalb ihrer herrschende &ouml;ffentliche
-Zucht einen der Politik dieser Gesellschaft entsprechenden Charakter
-tragen, also nicht nur innerhalb einer philosophischen oder
-wissenschaftlichen Secte anders als innerhalb einer politischen Partei,
-innerhalb einer Kirche anders als innerhalb eines Staates gehandhabt
-werden, sondern auch je nach dem verschiedenen Charakter der Schule,
-Partei, Kirche oder des Staats in der einen Schule (z. B. in jener der
-Stoiker) anders als in einer anderen (z. B. in jener der
-Epikur&auml;er), unter Radicalen und Socialdemokraten anders als unter
-Legitimisten und Hochconservativen, unter Christen anders als unter
-Mohamedanern und <span class="pagenum">[<a id="pb291" href="#pb291"
-name="pb291">291</a>]</span>in einem freien anders als in einem
-s&uuml;dstaatlichen Sclavenstaate ausfallen wird. Nicht nur die
-Anstands- und Schicklichkeitsbegriffe werden verschiedene, auch die
-Sch&ouml;nheits- und sittlichen Gef&uuml;hle werden je nach dem
-Gesichtspunkt und der Beschaffenheit des Gesellschaftsbewusstseins
-verschiedene sein. Wie die Staatskunst beim Unterricht der Schule, so
-wird sie sich bei ihrer Einwirkung auf die &ouml;ffentliche Meinung
-aller derjenigen Organe bedienen, welche durch eine lebhafte und mit
-sich fortreissende Erregung der Gef&uuml;hle auf dasjenige, was sie
-f&uuml;r l&ouml;blich oder sch&auml;ndlich, erlaubt oder unerlaubt,
-sch&ouml;n oder h&auml;sslich, anst&auml;ndig oder anstandswidrig
-angesehen wissen will, einer-, wie auf die Erregung, sei es des
-&ouml;ffentlichen Mitgef&uuml;hls oder des &ouml;ffentlichen Hasses,
-anderseits vor&uuml;bergehend oder bleibend th&auml;tigen Einfluss zu
-&uuml;ben verm&ouml;gen. Wie sie zum Zwecke der Bildung des
-&ouml;ffentlichen Geistes der Wissenschaft, so bedient sie sich behufs
-der Bildung des &ouml;ffentlichen Geschmacks, Gewissens und
-Mitgef&uuml;hls der sch&ouml;nen Kunst und zwar der &auml;sthetischen
-Beredsamkeit in Wort und Bild, sei es (wie die Kirche) von der Kanzel
-(Predigt, Erbauungsrede), sei es, wie in der profanen Gesellschaft
-(Schule, Partei, Staat), von der &bdquo;moralischen&rdquo;
-Schaub&uuml;hne herab (Schulkom&ouml;die, politisches
-Tendenzst&uuml;ck, Nationaltheater). Wie die Kirche durch die
-sch&ouml;ne Kunst (Tempel und Kirchenbau, geistliche Musik,
-priesterlicher Festschmuck, Altardienst) den &ouml;ffentlichen
-Gottesdienst zu verherrlichen, so trachtet der Staat durch
-&ouml;ffentliche Feste (&bdquo;Circenses&rdquo;) das &ouml;ffentliche
-Vergn&uuml;gen zu f&ouml;rdern, durch Veranstaltung &ouml;ffentlicher
-Schauspiele (wie in Athen durch Aussetzung von Preisen), durch
-Kunstsammlungen, Monumentalbau- und Bildwerke (Akropolis, Stoa poikile)
-den &ouml;ffentlichen Geschmack zu erziehen, durch Auff&uuml;hrung von
-Trag&ouml;dien, welche &bdquo;Mitleid und Furcht&rdquo;, von
-Kom&ouml;dien, welche durch Darstellung &bdquo;unsch&auml;dlicher
-Thorheit&rdquo; Heiterkeit erregen, wohlth&auml;tige
-&bdquo;Entladung&rdquo; (Katharsis: Aristoteles-Bernays) des
-&ouml;ffentlichen Gem&uuml;ths von &bdquo;diesen und derlei
-Leidenschaften&rdquo; zu bewirken. Wie die Predigt und die
-B&uuml;hnenrede vom Munde, so dringt die (periodische und nicht
-periodische) &auml;sthetische Presse vom lesenden Auge aus zum Herzen
-und wird um ihrer m&auml;chtigen Wirkung willen auf das
-&ouml;ffentliche Gem&uuml;thsleben (Romanliteratur) von der
-organisirten Gesellschaft mit Vorliebe als ein Gegenstand der
-&ouml;ffentlichen Zucht angesehen und je nach ihrer den Zwecken
-derselben nachtheiligen oder vorteilhaft scheinenden Richtung zu hemmen
-(Censuredicte, index librorum prohibitorum) oder (durch Subventionen,
-Preise) zu f&ouml;rdern gesucht. <span class="pagenum">[<a id="pb292"
-href="#pb292" name="pb292">292</a>]</span></p>
-<p class="par">414. Wie durch den Unterricht auf den &ouml;ffentlichen
-Geist, durch die Zucht auf die &ouml;ffentliche Meinung, so sucht die
-Staatskunst durch die Regierung auf den &ouml;ffentlichen Willen zu
-wirken. Wie jenes zur wissenschaftlichen Erziehung im Geist einer
-philosophischen oder wissenschaftlichen Schule oder Secte, politischen
-Partei, der Kirche oder des Staates, das zweite zur &auml;sthetischen
-Erziehung ebenso im Geiste einer der genannten Gesellschaften, so
-f&uuml;hrt das letzte zur Regierung der Gesellschaft entweder vom
-Schul- oder vom Partei-, vom kirchlichen oder vom staatlichen
-Standpunkt aus. Wie die darzustellenden Ideen die ethischen, so ist das
-zur Darstellung bestimmte Material das innerhalb der Schule, Partei,
-Kirche oder Staatsgesellschaft existirende gemeinsame Wollen, welches
-jenen gem&auml;ss zu gestalten das Ziel der Regierung jeder der
-genannten Gesellschaften ausmacht. Mittel und Werkzeug zur Erreichung
-desselben ist daher alles, was einerseits den Ausartungen des
-&ouml;ffentlichen Willens zuvorzukommen (pr&auml;ventive), andererseits
-stattgehabte Ueberschreitungen zur&uuml;ckzudr&auml;ngen (repressive
-Massregeln) im Stande ist. Zu jenen geh&ouml;rt in erster Reihe die
-(politische) Belehrung, welche den &ouml;ffentlichen Willen in die von
-dem Geiste der Gesellschaft demselben angewiesenen Schranken, sei es
-durch Ueberzeugung, sei es durch Ueberredung zu leiten und in denselben
-aller Verlockungen zum Gegentheil ungeachtet zu erhalten vermag. Zu den
-letzteren geh&ouml;rt die (politische) Bestrafung, welche nicht nur die
-Folgen der eingetretenen Ueberschreitung auszugleichen, sondern die
-Wiederkehr &auml;hnlicher durch Abschreckung zu verhindern trachtet.
-Wie der Unterricht der Katheder, die &ouml;ffentliche Zucht der Kanzel
-oder der Schaub&uuml;hne, so bedient sich die Regierung zu jenem Zwecke
-der Redner-, zu diesem der Gerichtsb&uuml;hne. Von jener herab wird auf
-den &ouml;ffentlichen Willen im Geiste der Schule, Partei, Kirche oder
-staatlichen Gesellschaft durch &ouml;ffentliche Rede bestimmend, also
-in der Richtung jeder der obengenannten mit sich fortreissend, von
-dieser herab auf denselben durch das Schauspiel &ouml;ffentlichen
-Gerichtsverfahrens d. i. &ouml;ffentlicher Klage und Vertheidigung
-einer- und ebensolcher Urtheilsvollstreckung andererseits im Geiste
-derjenigen Gesellschaft, welche Gericht h&auml;lt, abschreckend
-eingewirkt. Wie der politische Redner f&uuml;r die Schule, so wirbt der
-Parteiredner (m&uuml;ndlich oder als Parteischriftsteller schriftlich)
-f&uuml;r die Partei, der kirchliche Redner f&uuml;r seine Kirche, der
-staatliche f&uuml;r den Staat; wie die Schule Schulstrafen z. B.
-Ausschliessung aus der Schule, die Partei Parteistrafen, so
-verh&auml;ngt die Kirche f&uuml;r den <span class="pagenum">[<a id=
-"pb293" href="#pb293" name="pb293">293</a>]</span>Abfall von ihrem
-gemeinsamen Bekenntniss Kirchenstrafen (Excommunication) und
-veranstaltet &ouml;ffentliche kirchliche Gerichtsvollziehungen
-(Kirchenbusse, Autos da f&eacute;), und &uuml;bt der Staat in seinem
-Namen Gerichtspflege und setzt deren Urtheile &ouml;ffentlich in
-Vollzug (Hinrichtungen, &ouml;ffentliche Gef&auml;ngnisse).
-W&auml;hrend die letzteren auf das Auge, so sind die Parteiergiessungen
-und Parteiargumente der politischen Eloquenz auf das Ohr der
-Oeffentlichkeit berechnet und werden weit &uuml;ber den
-Geh&ouml;rskreis der letzteren hinaus durch die politische (periodische
-und nichtperiodische) Presse (&bdquo;die sechste Grossmacht&rdquo;),
-die Rednerb&uuml;hne durch den Leitartikel, das &ouml;ffentliche
-Gericht durch die (politische) Caricatur und den &ouml;ffentlichen
-politischen Witz in harmloser, durch die &ouml;ffentliche Brandmarkung
-mittels der Schrift in um so drastischerer Weise vollzogen, als die
-unter einander widerstreitenden Schul-, Partei-, kirchlichen und
-staatlichen Gesichtspunkte unter einander so widerstreitende Urtheile
-zur Folge haben, dass die Wunden, welche die Presse nach einer Seite
-schl&auml;gt, von derselben Presse wie von der goldenen Lanze des
-Achilleus nach der andern wieder geheilt werden.</p>
-<p class="par">415. Wie die Kunst als Ideendarstellung ihr Zerrbild in
-der ideenlosen Virtuosit&auml;t, die logische Kunst insbesondere das
-ihre in der <span class="corr" id="xd24e3294" title=
-"Quelle: grunds&auml;tzlosen">grundsatzlosen</span> Sophistik, so
-findet der Jugendunterricht, dessen Wesen in der Anpassung an das
-jugendliche Bewusstsein liegt, das seine in der von diesem sich
-freimachenden Emancipation (vorzeitigen Reife, Pr&auml;cocit&auml;t),
-das Regiment als Bildung des Andern nach sich seine Entartung im
-Despotismus (Tyrannei), welcher die qualitative Beschaffenheit des
-Andern, sei es den geschlechtlichen Gegensatz (Sclaverei des Weibes),
-sei es die allgemein menschliche Verwandtschaft (Leibeigenschaft des
-Knechtes) ausser Acht l&auml;sst, endlich die Staatskunst als Erziehung
-des &ouml;ffentlichen Bewusstseins ihr Afterbild in der sogenannten
-Staatsraison, welche der ersteren als Kunst der Ideendarstellung die
-ideenlose Praktik (politische Routine) in der willk&uuml;rlichen
-Beeinflussung des &ouml;ffentlichen Geistes nach Schul-, Partei-,
-Kirchen- und Staatszwecken, der &ouml;ffentlichen Meinung nach
-pers&ouml;nlichen Stimmungen und des &ouml;ffentlichen Willens nach
-Opportunit&auml;tsgel&uuml;sten unterschiebt. <span class=
-"pagenum">[<a id="pb294" href="#pb294" name="pb294">294</a>]</span></p>
-</div>
-</div>
-<div id="ch3.3" class="div1 introduction"><span class=
-"pagenum">[<a href="#xd24e300">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<h2 class="label">DRITTES CAPITEL.</h2>
-<h2 class="main">Die bildende Kunst.</h2>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first">416. Wie die Bildungskunst Ideendarstellung im
-eigenen, die Bildekunst im fremden Bewusstsein, so ist die bildende
-Kunst Ideendarstellung in <span class="ex">unbewusstem</span>, sei es
-<span class="ex">leblosem</span>, sei es <span class="ex">belebtem
-Stoff</span>. Dieselbe setzt daher nicht nur, wie jede Kunst, die
-Kenntniss der (logischen, &auml;sthetischen und ethischen) Ideen,
-sondern als solche &uuml;berdies die Kenntniss des gesammten ihr zu
-Gebote stehenden (leblosen und belebten) Materials d. i. die
-Naturwissenschaft und zwar sowol jene der leblosen (Physik) wie der
-belebten Natur (Physiologie, Biologie) in ihrem ganzen Umfange voraus.
-W&auml;hrend jedoch letztere sich mit der Kenntniss der Natur, ihrer
-Erscheinungen und ihrer Gesetze begn&uuml;gt d. h. die Natur nur
-beschreibt, geht jene darauf aus, den Gehalt der Natur mit der
-Forderung der Ideen zu vergleichen und die Gestalt der Natur, soweit es
-thunlich ist, nach dieser zu <span class=
-"ex">ver&auml;ndern</span>.</p>
-<p class="par">417. Da jeder Ab&auml;nderungsversuch der der Natur
-nat&uuml;rlichen Gestalt, Herrschaft &uuml;ber die Natur, letztere aber
-vor allem Macht &uuml;ber dieselbe d. h. die in derselben gegebenen
-wirksamen Kr&auml;fte bedingt, letztere aber nur durch die Wissenschaft
-(&bdquo;Wissenschaft ist Macht&rdquo;) erlangt werden kann, so folgt,
-dass die Bedingung der bildenden Kunst in dem Gewinn echter d. i. den
-logischen Ideen entsprechender Wissenschaft zu suchen und nur von einer
-solchen die zur Gewinnung einer vollst&auml;ndigen Herrschaft &uuml;ber
-die Natur unentbehrliche Macht zu erwarten ist.</p>
-<p class="par">418. Insofern die Kunst dieser durch die
-Naturwissenschaft ihr zu Gebote gestellten Macht &uuml;ber die Natur
-sich bedient, um &uuml;berhaupt Ver&auml;nderungen an derselben
-hervorzubringen, ist dieselbe <span class="pagenum">[<a id="pb295"
-href="#pb295" name="pb295">295</a>]</span><span class=
-"ex">technische</span>, inwiefern sie dies thut, um Ideen in derselben
-zur Darstellung zu bringen, jedoch allein <span class=
-"ex">bildende</span> Kunst. Jene f&auml;llt als nur um ihrer selbst
-willen ins Werk gesetzte Ueberwindung durch die Natur ihrer
-Beherrschung in den Weg gestellter Widerst&auml;nde mit der
-Virtuosit&auml;t, als Unterschiebung pers&ouml;nlicher, der
-Ideendarstellung fremder Zwecke bei der Beherrschung der Natur (z. B.
-Ausbeutung derselben zu pers&ouml;nlichem Gewinn) mit der politischen
-Willk&uuml;rherrschaft in Eins zusammen, w&auml;hrend die letztere
-einerseits mit der Bildungs- und Bilde-, andererseits mit der echten
-Staatskunst (Staatsweisheit) gleichlaufende Richtungen verfolgt.</p>
-<p class="par">419. Dieselbe geht zun&auml;chst darauf aus, die Gestalt
-der Natur <span class="ex">logischen</span> Normen anzubequemen d. h.
-wo in derselben Widersprechendes thats&auml;chlich, aber den
-Widerspruch aus demselben zu entfernen m&ouml;glich ist, diesen zu
-beseitigen, wo dagegen Gleichartiges, mit dem Gegebenen
-Vertr&auml;gliches oder durch dasselbe sogar Gefordertes
-thats&auml;chlich nicht gegeben, aber dessen Herbeif&uuml;hrung
-m&ouml;glich ist, dasselbe heranzuziehen d. h. im ganzen Umfang der
-Natur das nicht Zusammengeh&ouml;rige, aber Vereinigte zu sondern, das
-Zusammengeh&ouml;rige, aber Getrennte zu verbinden und auf diese Weise
-nicht nur f&uuml;r die Erhaltung, beziehungsweise Wiedererzeugung
-bestehender oder l&auml;ngst bestandener innerlich
-zusammengeh&ouml;riger, sondern auch f&uuml;r das k&uuml;nftige
-Bestehen bisher nicht bestandener, innerlich zusammengeh&ouml;riger
-Verbindungen durch Erzeugung neuer Sorge zu tragen. Wie die
-Erf&uuml;llung der ersten Aufgabe mit der kritischen Sichtung durch die
-Erfahrung gegebener Begriffe, in Folge deren bestehende Urtheile
-aufgehoben (negirt), nicht bestehende neu gebildet (affirmirt) werden,
-so zeigt jene der letzteren einerseits mit dem Ersatz durch die
-Erfahrung gegebener Begriffe durch denselben an Umfang gleiche, an
-Inhalt ungleiche (&auml;quipollente), andererseits mit der Erzeugung
-neuer Urtheile als Schlusss&auml;tze aus durch die Erfahrung gegebenen
-Pr&auml;missen (Vorders&auml;tzen) und deren Fortsetzung zu
-Schlussketten und Begriffssystemen Verwandtschaft. Jene fasst die
-Naturproducte nicht nur mit R&uuml;cksicht auf den Ort, an welchem, und
-die Zeit, zu welcher, sondern auch auf die begleitenden Umst&auml;nde
-und die Umgebung, unter welcher sie gegeben sind d. h. in Beziehung
-auf- und zu einander, folglich, da unter denselben der Mensch selbst
-erscheint, auch in Beziehung zu diesem und auf diesen d. h. als
-f&uuml;r ihn <span class="ex">n&uuml;tzlich</span> oder <span class=
-"ex">sch&auml;dlich</span> ins Auge; diese ber&uuml;cksichtigt bei der
-Betrachtung der im Raume gegebenen Erscheinungen und Naturk&ouml;rper
-vornehmlich deren <span class="pagenum">[<a id="pb296" href="#pb296"
-name="pb296">296</a>]</span>Verg&auml;nglichkeit in der Zeit und
-bem&uuml;ht sich, einerseits durch die F&uuml;rsorge f&uuml;r die
-Erzeugung neuer Individuen die Gattungen, wie durch die Verschwisterung
-verschiedenen Gattungen angeh&ouml;riger Individuen neue Gattungen zu
-erhalten. Je nachdem die bildende Kunst sich auf die blosse
-Ver&auml;nderung des Ortes und Zeitpunkts, so wie des Quantums der
-Naturproducte beschr&auml;nkt oder an deren qualitative
-Zusammensetzung, so wie deren stoffliche Ver&auml;nderung Hand anlegt,
-zerf&auml;llt dieselbe in drei verschiedene Classen, die sich als
-<span class="ex">Handel</span> und <span class="ex">Verkehr</span>,
-<span class="ex">Gewerbe</span> und <span class="ex">Industrie</span>,
-<span class="ex">Bodenbebauung</span> und <span class=
-"ex">Thierzucht</span> bezeichnen lassen.</p>
-<p class="par">420. Handel und Verkehr sind bestimmt, Naturproducte
-nach ihrem eigenen und des Menschen Bed&uuml;rfniss von Orten, welche
-f&uuml;r sie nicht passen, weil sie zu eng f&uuml;r dieselben geworden
-sind (Ueberproduction im Pflanzen- und Thierreich;
-Ueberv&ouml;lkerung), zu entfernen (Export; Auswanderung) und an Orten,
-wo sie mangeln oder Raum zur Ausbreitung finden (productionsarme
-Fl&auml;chen; unbewohnte Gegenden), abzusetzen (Import; Colonisation).
-Beide suchen daher vor allem die Schranken, welche einerseits der
-freien, andrerseits der raschen Beweglichkeit im Wege stehen,
-aufzuheben (Zoll- und Handelsfreiheit; &bdquo;Time is money&rdquo;),
-andrerseits alle Mittel anzuwenden, die den Erwerb und Vertrieb der
-Producte erleichtern (Geld statt Tausch), die Geschwindigkeit der
-Bewegung erh&ouml;hen (Eisenbahnen, Dampfschiffe), den Zeitverbrauch
-zum (schriftlichen und m&uuml;ndlichen) Verkehr k&uuml;rzen (Post,
-Telegraph, Telephon) und die Sicherheit desselben gew&auml;hrleisten
-(Handelsschutz, Handelsb&uuml;ndniss, Handelsversicherung, Monopol).
-Gewerbe und Industrie gehen darauf aus, unzusammengeh&ouml;rige
-Stoffverbindungen, wenn sie Gemenge sind, mechanisch von einander zu
-trennen (Bergbau), wenn sie Mischungen sind, chemisch von einander zu
-l&ouml;sen (Erzschmelze), zusammengeh&ouml;rige durch Anh&auml;ufung
-(Baukunst) oder durch Verschmelzung (Legirung) zu stiften. Je nachdem
-dies bei unorganischen oder organischen, in letzterer Hinsicht bei
-Stoffen aus dem vegetabilischen oder aus dem animalischen Reiche
-geschieht, nehmen beide stofflich, je nachdem es durch
-H&auml;ndearbeit, oder mit einfachen, oder fast ohne diese mittels
-verwickelter bis zur scheinbaren Selbstst&auml;ndigkeit gesteigerter
-Werkzeuge (Maschinen) geschieht, formell verschiedenen Charakter an
-(Handwerk, Maschinenarbeit). Nach dem Quantum der Production und der zu
-derselben erforderlichen Kosten werden Klein- und Grossgewerbe, Klein-
-und Grossindustrie unterschieden. Wie der Handel und der Verkehr
-<span class="pagenum">[<a id="pb297" href="#pb297" name=
-"pb297">297</a>]</span>eine Tendenz, in die Ferne zu streben, so zeigen
-Gewerbe und Industrie eine solche, am Orte zu beharren d. h. die
-Naturproducte dort, wo sie zu finden sind, ihrer Form nach zu
-ver&auml;ndern, (&ouml;rtliche Vereinigung von Bergbau und
-Erzschmelzen; Verwendung des localen Steinbruchs als Baumaterial:
-Schieferd&auml;cher am Rhein, Holzbau im Gebirge; Tracht aus
-Thierh&auml;uten und einheimischer Wolle). Dieselben suchen daher
-einerseits alle Schranken, welche der Freiheit des Gewerbes
-&uuml;berhaupt (Zunftzwang), wie an dem Orte des betreffenden Materials
-(Bodeneigenthum) im Wege stehen, zu entfernen (Gewerbefreiheit,
-Freischurf), andrerseits alle Mittel zu entdecken und zu verwenden,
-welche die, sei es mechanische, sei es chemische Form&auml;nderung der
-Naturstoffe erm&ouml;glichen (Mechanik, Maschinentechnik,
-Ingenieurkunst) oder erleichtern (technische Chemie, Technologie,
-Scheidekunst), zugleich aber das auf diesem Wege geschaffene
-industrielle Product gegen Verdr&auml;ngung oder Ersatz durch
-seinesgleichen im Verbrauche sichern (Gewerbeschutz durch Marken und
-Z&ouml;lle, industrielle Privilegien). Bodenbebauung und Thierzucht
-sind bestrebt, einerseits jene durch k&uuml;nstliche Anpflanzung von
-Gew&auml;chsen dieselben vor der allm&auml;ligen Entartung
-(Degeneration) und schliesslichem Untergang, diese durch
-k&uuml;nstliche Z&uuml;chtung von Thieren letztere vor gleichem
-Schicksal zu bewahren, andererseits durch Veredelung (z. B. Pfropfung)
-auf k&uuml;nstlichem Wege neue Variet&auml;ten von Pflanzen wie durch
-Kreuzung neue Schl&auml;ge von Thieren zu erzeugen. Beide gehen darauf
-aus, nicht nur das vorhandene Quantum organischer Naturproducte sich
-nicht vermindern, sondern dasselbe sich stets vermehren zu lassen
-(nat&uuml;rliche Fruchtbarkeit), aber auch die Qualit&auml;t derselben
-den Beziehungen der Naturorganismen unter einander gem&auml;ss zu
-&auml;ndern, Futterpflanzen f&uuml;r Thiere, Gem&uuml;se f&uuml;r die
-Menschen zu schaffen, oder wucherndes Unkraut (Gramineen) in
-Nutzpflanzen (Getreide) umzubilden (Agricultur), so wie durch
-Z&auml;hmung und Pflege wild lebende Thiere in Hausthiere (Civilisation
-bei Thieren und Menschen) und durch Kreuzung schw&auml;cherer mit
-st&auml;rkeren, oder Ersatz ersterer durch letztere Racen brauchbare
-Nutzthiere hervorzubringen (veredelnde Schaf-, Rinder-, Pferde-,
-Gefl&uuml;gelzucht etc.). Da die Bodenbebauung nicht blos, wie Gewerbe
-und Industrie, eine nat&uuml;rliche Tendenz am Orte zu bleiben besitzt,
-sondern am Boden als unbeweglichem haftet, so muss dieselbe, was diesem
-an nat&uuml;rlicher Fruchtbarkeit abgeht, durch k&uuml;nstliche
-Steigerung derselben d. i. durch Bodenverbesserung (k&uuml;nstliche
-D&uuml;ngung, Bew&auml;sserung, <span class="pagenum">[<a id="pb298"
-href="#pb298" name="pb298">298</a>]</span>Bearbeitung) zu ersetzen, so
-wie dessen Ertrag durch k&uuml;nstliche Sicherungsanstalten gegen nicht
-abzuwehrende St&ouml;rungen von aussen (atmosph&auml;rische
-Einfl&uuml;sse, D&uuml;rre, Hagelwetter) zu sch&uuml;tzen trachten
-(Hagel- und Wetterschadenversicherung). Umgekehrt muss die Thierzucht,
-da sie des freibeweglichen Charakters der Thiernatur wegen eines
-erweiterten Spielraums bedarf, sich in die Lage versetzt f&uuml;hlen,
-den M&auml;ngeln des Orts, an dem sie ge&uuml;bt wird, durch
-Ortsver&auml;nderung (Weidepl&auml;tze, Austrieb des Viehs auf die
-Alpen, Uebersiedelung je nach dem Wechsel der Jahreszeiten) abhelfen,
-so wie Leben und Gesundheit ihrer Pfleglinge gegen drohende
-St&ouml;rungen von aussen (Thierseuchen) entweder indirect durch
-k&uuml;nstliche Absperrung (Thiereinfuhrverbote), oder direct durch
-k&uuml;nstliche Heilung und Wiederherstellung (Thierarzneikunde,
-Sanit&auml;tsmassregeln) sch&uuml;tzen zu k&ouml;nnen. Insofern aber
-weder Bodenanbau noch Thierzucht das nat&uuml;rliche Hinderniss aus dem
-Wege zu r&auml;umen verm&ouml;gen, welches durch das Aufwachsen von
-Pflanzen und Thieren unter den klimatologischen und
-atmosph&auml;rischen Einfl&uuml;ssen ihrer einheimischen Natur deren
-Verpflanzung in andere Erd- und unter andere Himmelsstriche
-entgegensteht, muss dieser letztern die (der Natur der Sache nach nur
-langsam erfolgende) Acclimatisation und allm&auml;lige
-Einb&uuml;rgerung derselben vorhergegangen sein, welchem Zweck beide
-durch besondere Eingew&ouml;hnungsanstalten
-(Acclimatisationsg&auml;rten f&uuml;r Pflanzen und Thiere) zu
-gen&uuml;gen bedacht sein werden.</p>
-<p class="par">421. Die hervorragende Stellung, welche der Mensch (wie
-die Ich-Vorstellung unter den Bewusstseinsbildungen und der Staat unter
-den organisirten Gesellschaften) unter den organischen Producten der
-Natur einnimmt, macht es erkl&auml;rlich, dass die Beziehungen der
-&uuml;brigen Naturerzeugnisse auf ihn d. i. deren beziehungsweise
-N&uuml;tzlichkeit oder Sch&auml;dlichkeit f&uuml;r den Menschen vom
-menschlichen Gesichtspunkt aus die Hauptrichtschnur f&uuml;r die Zwecke
-des Handels und Verkehrs, der Gewerbe und Industrie, des Ackerbaues und
-der Thierzucht abgeben. Wie derselbe geneigt ist, mit dem Erwachen
-seines Bewusstseins sich als den Mittelpunkt des Weltalls (wie das Kind
-sich als den Mittelpunkt des Hauses) zu betrachten, Sonne Mond und
-Gestirne als bestimmt anzusehen, ihm zu leuchten, ihn zu w&auml;rmen,
-so sieht er sich als den nat&uuml;rlichen Herrn und Gebieter seiner
-organischen wie unorganischen Umgebung an und nimmt keinen Anstand, die
-unterirdischen wie oberirdischen Sch&auml;tze der Erdrinde (Erz und
-Gestein, Pflanze und Thier) zu seinem Dienste <span class=
-"pagenum">[<a id="pb299" href="#pb299" name="pb299">299</a>]</span>zu
-gebrauchen. Die bildende Kunst als Ideendarstellung im belebten wie
-leblosen Material nimmt dadurch, dass der Mensch anderen Naturproducten
-gegen&uuml;ber f&uuml;r sich eine Ausnahmsstellung beansprucht,
-unwillk&uuml;rlich einen beschr&auml;nkten, im menschlichen Sinn
-egoistischen, die Beherrschung der Natur zum Nutzen des Menschen
-gebrauchenden Charakter (Utilitarismus) an, welcher, wenn der ideale,
-auf Darstellung der logischen, &auml;sthetischen, oder ethischen Ideen
-gerichtete Zweck der Kunst mit des Menschen nat&uuml;rlichen, aber
-auch, wenn er mit dessen erk&uuml;nstelten (Luxus-) Bed&uuml;rfnissen,
-Gel&uuml;sten und Anmassungen in Widerstreit ger&auml;th, denselben
-r&uuml;cksichtslos aufopfert. Derselbe steht als despotische
-Willk&uuml;rherrschaft &uuml;ber die Natur der ideenlosen technischen
-Virtuosit&auml;t in der Besiegung nat&uuml;rlicher Hindernisse eben so
-als Entartung bildender Kunst zur Seite, wie andererseits die zu zweck-
-und nutzlosem Spiel mit den nat&uuml;rlichen Formen und Kr&auml;ften
-des menschlichen K&ouml;rpers ausgeartete Athletik, Pantomimik,
-Akrobatik und andere Schwimm-, Gang-, Ritt- und Forceproben zu der auf
-durchgreifender Kenntniss des Baues und normalen Lebensprocesses
-desselben beruhenden Gymnastik, Di&auml;t und Gesundheitspflege das
-Gegenst&uuml;ck darstellen.</p>
-<p class="par">422. Wie die bildende Kunst als Darstellung der
-logischen Ideen in der leblosen und belebten Natur als
-&bdquo;Weltverbesserung&rdquo;, so tritt sie als Verwirklichung der
-<span class="ex">&auml;sthetischen</span> Ideen in derselben als
-&bdquo;Weltversch&ouml;nerung&rdquo; auf. Als solche geht dieselbe
-darauf aus, die Gestalt der Natur &auml;sthetischen Normen anzubequemen
-d. h. wo in derselben Schw&auml;chliches, Verkommenes,
-Kr&uuml;ppelhaftes sich zu entfalten droht, dieser Gefahr zuvorzukommen
-(Orthop&auml;die bei Pflanzen und thierischen K&ouml;rpern), wo es sich
-vorfindet, dasselbe zu beseitigen (Durchforstung des Waldes; Aussetzung
-der Kinder in Sparta und Rom), wo Disharmonisches in der Natur
-thats&auml;chlich gegeben ist oder bevorsteht, nach M&ouml;glichkeit
-Einklang an dessen Stelle zu setzen (Landschaftsg&auml;rtnerei,
-Parkanlagen), auch leblose Natur wie Producte der Menschenhand mit dem
-Schein der Lebendigkeit und der Beseelung auszustatten (Cascaden als
-Gartenzier; Kunstgewerbe; Ornamentik). Je nachdem zum Material der
-Ideendarstellung die leblose oder die lebendige Natur, in der letzteren
-die vegetabilische oder die thierische, in dieser insbesondere der
-menschliche K&ouml;rper gew&auml;hlt, die &auml;sthetische Idee in
-demselben minder oder mehr durch die schon vorgefundene Gestalt des
-nat&uuml;rlichen Stoffes gebunden erscheint, wird die bildende Kunst
-als &auml;sthetische Ideendarstellung <span class="pagenum">[<a id=
-"pb300" href="#pb300" name="pb300">300</a>]</span>(Plastik) in leblose
-und lebendige, oder in freie (sch&ouml;ne), oder decorative
-(versch&ouml;nernde) Plastik (ornamentale Kunst), je nach dem Quantum
-des verwendeten Materials in Gross- und Kleinplastik unterschieden.</p>
-<p class="par">423. Zu der im leblosen Material &auml;sthetisch
-bildenden Kunst geh&ouml;rt die Bildnerkunst, welche entweder
-unbeweglichem materiellem Stoff, z. B. Felsgestein (&bdquo;lebendigem
-Fels&rdquo;) eine bestimmte &auml;sthetische Form ertheilt
-(H&ouml;hlentempel, Felsengr&auml;ber, behauener Fels) oder
-bewegliches, lebloses Material (nat&uuml;rliches oder k&uuml;nstliches
-Gestein, Bruchstein, Backstein; Holz, Bein, Metall) entweder (als
-Block, Stamm, Thierzahn, Erz u. s. w.) <span class="ex">einzeln</span>
-geometrisch (wie der Steinmetz, der Zimmermann etc.) oder
-&auml;sthetisch (wie der Bildhauer, der Bildschnitzer in Holz und Bein,
-der Bildgiesser in Erz u. s. w.) formt, oder (als Baukunst)
-<span class="ex">in Massen</span> entweder als ungeformtes (Roh-)
-Material (unbehauenes Holz oder Gestein) oder als schon geformten Stoff
-(gezimmertes Holz, behauenen Stein<span class="corr" id="xd24e3386"
-title="Nicht in der Quelle">)</span> zu &auml;sthetischen Formen
-zusammenh&auml;uft und entweder auf nat&uuml;rlichem Wege durch eigene
-Schwere (Cyklopenmauern) oder durch k&uuml;nstliche Bande (Kitt,
-M&ouml;rtel, Klammern etc.) zu einem &auml;sthetischen Ganzen verbindet
-(Rohbau, Kunstbau, Architektur, Monumente). Zu der lebendigen Plastik
-geh&ouml;rt, je nachdem das Material derselben dem Pflanzen- oder dem
-Thierreich entnommen ist, die Kunstg&auml;rtnerei, welche lebendige,
-sei es wildgewachsene (Feldblumen), sei es veredelte Gew&auml;chse
-(Garten- und Treibhauspflanzen) zu einem &auml;sthetischen Ganzen
-(Blumenstrauss, Beet, Gartenanlage), und die Schauspielkunst, welche
-thierische und menschliche K&ouml;rper, sei es in ihren
-nat&uuml;rlichen (Nacktheit), sei es in k&uuml;nstlichen Bedeckungen
-(Maske, Cost&uuml;m) zu einem &auml;sthetischen Ganzen (lebendigem
-Gem&auml;lde) vereinigt, welches letztere entweder als ruhend (Tableau,
-lebendes Bild) oder als bewegt und in diesem Fall entweder als episch
-fliessende (Aufzug, Parade, Makart&rsquo;s &bdquo;Festzug&rdquo;), oder
-als causal sich aus sich selbst entwickelnde dramatische Handlung
-(B&uuml;hnenschauspiel) dargestellt wird.</p>
-<p class="par">424. Die Plastik ist frei, wenn die ihr bei der
-Verwirklichung der &auml;sthetischen Idee durch das Material
-dargebotenen Schranken keine andern sind als solche, die in den
-Bedingungen der Darstellung in physischem (also schwerem und schwer zu
-behandelndem) Stoffe (Statik und Mechanik; Schwerpunkt) und in der
-Beschaffenheit des letzteren selbst liegen (Br&uuml;chigkeit des
-Gesteins, Ge&auml;der des Marmors, Spaltrichtungen und Ge&auml;st im
-Holze u. s. w.), dagegen <span class="pagenum">[<a id="pb301" href=
-"#pb301" name="pb301">301</a>]</span>gebunden, wenn ihr dergleichen
-durch einen ausserhalb der &auml;sthetischen Ideendarstellung gelegenen
-Zweck (des Bed&uuml;rfnisses oder des Luxus, des Nutzens oder der
-Laune) auferlegt werden. Nur in jenem Fall ist die Plastik sch&ouml;ne,
-in diesem dagegen nur versch&ouml;nernde Kunst, welcher die Aufgabe
-gestellt ist, das Unentbehrliche (Haus, Hausger&auml;th, Kleidung),
-oder das zwar Entbehrliche, aber Erw&uuml;nschte (Bequemlichkeit,
-Reichthum), das Erforderliche im Dienste bestimmter Gesellschaftszwecke
-(Gottesh&auml;user und Altarger&auml;th in der Kirche, &ouml;ffentliche
-Geb&auml;ude und politische Insignien im Staate) oder das
-Ueberfl&uuml;ssige, auf zuf&auml;lligen Stimmungen und
-vor&uuml;bergehenden Einf&auml;llen augenblicklich tonangebender
-Gesellschaftskreise (Mode, &bdquo;chic&rdquo;) mit &auml;sthetischen
-Formen zu schm&uuml;cken. Der ersten der genannten Richtungen
-entspricht die sogenannte &bdquo;Kunst im Hause&rdquo;, welche das
-Wohnhaus und die h&auml;usliche Umgebung, so wie die &auml;ussere
-Erscheinung (Tracht, Zierat, Haartracht), der zweiten die
-Decorationskunst, welche auch die weiteren und in gr&ouml;sserem
-Massstabe angelegten Umgebungen (Palast, Park, Staatskleid), der
-dritten die kirchliche Kunst, welche Ort und Art der gottesdienstlichen
-Verrichtungen (Tempel, Dom, Altar, kirchliches Ceremoniell), der
-letzten die patriotische oder Monumentalkunst, welche Ort und Art der
-staatlichen Vorg&auml;nge (Residenzschloss, Parlamentshaus, Thron- und
-Kroninsignien, Hof- und Staatsceremoniell) &auml;sthetisch belebt und
-veredelt. Zur sch&ouml;nen Plastik geh&ouml;ren Sculptur und
-Architektur und zwar sowol wenn es sich um die Herstellung in ihren
-Massen geringer (kleine Plastik z. B. Medailleurkunst) wie grosser
-Objecte handelt (grosse Plastik: Denkmalkunst,
-Triumphbogenarchitektur). Zu der versch&ouml;nernden Kunst geh&ouml;rt
-das Kunstgewerbe und die Kunstindustrie, die, wenn es sich um die
-ornamentale Verzierung beweglicher Gegenst&auml;nde handelt, als
-&bdquo;Kleinkunst&rdquo; (Keramik, Kunsttischlerei, Kunstschlosserei,
-Emaillirkunst u. s. w.), wenn dagegen unbewegliche Gegenst&auml;nde
-(Nutzbauten, Wohnr&auml;ume, Gesellschafts- und Fests&auml;le,
-G&auml;rten, &ouml;ffentliche Anlagen und Pl&auml;tze, Br&uuml;cken,
-Thore u. s. w.) versch&ouml;nert werden sollen, als decorative Kunst
-(Stadtversch&ouml;nerung, Gartenarchitektur) auftritt.</p>
-<p class="par">425. Ausdruck der Verwirklichung der &auml;sthetischen
-Idee in der gesammten Erscheinung des menschlichen Lebens, des
-Einzelnen wie der Gesellschaft und ihrer n&auml;heren und entfernteren
-Umgebung, ist die Kunst &bdquo;sch&ouml;n zu leben&rdquo;
-(&bdquo;Kalobiotik&rdquo;: Rahel; W. Bronn). Dieselbe ist als
-Ideendarstellung so wenig mit der Kunst &bdquo;gut zu <span class=
-"pagenum">[<a id="pb302" href="#pb302" name=
-"pb302">302</a>]</span>leben&rdquo; (&bdquo;rasend&rdquo; gut zu leben,
-r&uuml;hmte sich Gentz) d. i. mit der gesuchten Verfeinerung
-(Raffinement) des Sinnengenusses (Schlemmerei), als die Kunst (logisch)
-&uuml;berzeugender mit der Kunstfertigkeit (sophistisch)
-&uuml;berredender Beredsamkeit zu verwechseln. Ihre Tendenz geht dahin,
-aus der gesammten, psychischen und physischen Beschaffenheit des
-Individuums wie der Gesellschaft, aus deren Vorstellen, F&uuml;hlen und
-Wollen, aber auch aus deren h&ouml;rbarer und sichtbarer
-Selbstdarstellung in Rede, Manier, Haltung und Handlung, so wie
-selbstgeschaffener oder doch selbstgew&auml;hlter naher und ferner
-H&uuml;lle und Begleitung (Kleidung, Schmuck, Hausger&auml;th, Wohnung,
-Umgang, Sitten und Gebr&auml;uchen) nicht nur (negativ) alles
-St&ouml;rende und Disharmonische auszuscheiden, sondern (positiv)
-denselben das Gepr&auml;ge edler Freiheit und innerer Uebereinstimmung
-mit und unter einander und zu einem wohlgef&auml;llig abgerundeten
-Ganzen aufzudr&uuml;cken d. i. das Leben in jedem gegebenen Zeitmoment
-und die gesammte Zeitdauer desselben hindurch (wie die Griechen und
-Goethe) zum &bdquo;Kunstwerk&rdquo; zu gestalten. Ergebniss derselben,
-so weit ein solches durch die spr&ouml;de Natur der ideenlosen
-Wirklichkeit gestattet wird, ist eine <span class="ex">sch&ouml;ne
-Erscheinungs</span>-, wie jenes der logischen, das gesammte Denken zum
-Wissen durchl&auml;uternden Kunst eine <span class="ex">wahre</span>
-Gedankenwelt.</p>
-<p class="par">426. Weder nach jenen der logischen, noch nach jenen der
-&auml;sthetischen, sondern ausschliesslich nach den Anforderungen der
-<span class="ex">ethischen</span> Idee ist die dritte Form der
-bildenden Kunst bem&uuml;ht, die gegebene Gestalt der Erfahrungswelt zu
-ver&auml;ndern. Dieselbe kann nicht darauf ausgehen, in der Natur
-(etwa) vorhandenen Willen (&bdquo;blinden Willen&rdquo;: Schopenhauer)
-den Anforderungen der ethischen Norm anzubequemen, weil deren
-Bewusstlosigkeit die Willensform ausschliesst. Die Absicht derselben
-kann daher einzig darauf gerichtet sein, der Natur, soweit thunlich,
-diejenige Gestalt zu verleihen, welche sich dieselbe, <span class=
-"ex">wenn</span> sie von einem Willen beseelt w&auml;re d. h. die
-F&auml;higkeit bes&auml;sse, die Stimme der ethischen Ideen nicht nur
-zu vernehmen, sondern auch zu befolgen, selbst geben oder gegeben haben
-m&uuml;sste. Da unter dieser Voraussetzung die Gestalt der Natur die
-unter den gegebenen Verh&auml;ltnissen beste d. h. diejenige geworden
-w&auml;re, welche den Normen der ethischen Ideen unter allen
-&uuml;berhaupt m&ouml;glichen Gestaltungen der Natur am meisten
-entsprochen haben w&uuml;rde, so folgt, dass das Streben der dritten d.
-i. der ethischen bildenden Kunst auf nichts anderes als auf die
-Herstellung der <span class="ex">besten</span> unter den &uuml;berhaupt
-m&ouml;glichen <span class="pagenum">[<a id="pb303" href="#pb303" name=
-"pb303">303</a>]</span>Naturen, beziehungsweise auf die Ann&auml;herung
-der bestehenden an das Ideal der <span class="ex">besten</span> Natur
-gerichtet sein k&ouml;nnte.</p>
-<p class="par">427. Dieses selbst aber kann nichts anderes sein als das
-Bild einer Natur, deren s&auml;mmtliche Bestandtheile, leblose wie
-belebte, zum Ganzen in einer Weise verbunden werden, welche die
-zweckm&auml;ssigste d. h. der Summe der innerhalb der gesammten Natur
-vorhandenen Bed&uuml;rfnisse, W&uuml;nsche und Bestrebungen unter allen
-&uuml;berhaupt denkbaren am meisten entsprechend d. h. dem allgemeinen
-Wohl oder der Gl&uuml;ckseligkeit des Ganzen unter allen denkbaren am
-vollkommensten gen&uuml;gend w&auml;re. Da nun die Summe in der Natur
-gegebener W&uuml;nsche eine bestimmte, die Summe der zu deren
-Verwirklichung zu Gebote stehenden Bedingungen d. i. der Naturproducte,
-als G&uuml;ter betrachtet, gleichfalls eine begrenzte ist, so folgt,
-dass die Aufgabe der ethischen Kunst auf nichts anderes gerichtet sein
-k&ouml;nne, als durch die unter allen denkbaren <span class="ex">beste
-Verwaltung</span> der gegebenen Natur der gr&ouml;sstm&ouml;glichen
-Summe von Gl&uuml;ckseligkeit in der gesammten (leblosen wie
-lebendigen) Natur (den Menschen mit eingeschlossen) zur Verwirklichung
-zu helfen.</p>
-<p class="par">428. Dieselbe geht darauf aus, nicht nur <span class=
-"ex">Verwaltungssystem</span>, sondern das unter den gegebenen
-Verh&auml;ltnissen <span class="ex">beste</span> Verwaltungssystem der
-Natur, nicht nur, wie die Oekonomik Hauswirthschafts-, wie die
-National&ouml;konomik Volks- oder Staatswirthschaftskunst, sondern als
-Welt&ouml;konomik Weltwirthschaftskunst (bestm&ouml;glicher Haushalt
-der Natur) zu sein d. h. weder (wie die gewinns&uuml;chtigen Ausbeuter
-der Natur) ausschliesslich im Dienste und zu den Zwecken des Menschen,
-noch (wie erbarmungslose Naturkr&auml;fte) taub gegen Wohl und Wehe
-gef&uuml;hlsf&auml;higer Wesen, sondern der bestehenden Proportion
-zwischen dem empfindungs- und genussf&auml;higen und dem genuss- und
-empfindungslosen Antheil der gesammten Natur gem&auml;ss, dem Wohle des
-ersten und den Hilfsmitteln des zweiten entsprechend zu wirthschaften.
-Je nachdem es sich dabei entweder um die Hinderung des Missbrauchs
-durch Zerst&ouml;rung oder Verminderung gegebener, oder um die
-F&ouml;rderung des Verbrauchs durch Vermehrung gegebener und Erzeugung
-nicht gegebener G&uuml;ter handelt, nimmt dieselbe negativen
-(internationaler Schutz der Meere, Gew&auml;sser, W&auml;lder,
-Singv&ouml;gel; Antisclavenliga; Sanit&auml;tspflege;
-v&ouml;lkerrechtlicher Schutz des Privateigenthums in Kriegszeiten)
-oder positiven Charakter an (internationale Welt- und Handelsstrassen:
-Suez-Canal, Durchstich von Panama; Handels- und
-Schifffahrtsb&uuml;ndnisse, Entdeckungsreisen). Je nachdem dieselbe
-mehr auf den vorhandenen <span class="pagenum">[<a id="pb304" href=
-"#pb304" name="pb304">304</a>]</span>W&uuml;nschen entsprechende
-Vertheilung der schon vorhandenen, oder auf entsprechende Betheilung
-der bisher Unbefriedigten durch neu zu schaffende G&uuml;ter gerichtet
-ist, nimmt dieselbe mehr den Charakter einer Versorgung (bestehender
-W&uuml;nsche mit vorhandenen Mitteln: Communismus, G&uuml;tertheilung)
-oder Vorsorge (f&uuml;r k&uuml;nftige W&uuml;nsche durch neue Mittel:
-Socialismus, Organisation der Gesellschaft) an. Die Frucht der auf die
-gesammte Natur, leblose wie lebendige, ausgedehnten Darstellung der
-ethischen Ideen durch die bildende Kunst ist die in ethischem Sinn
-vollendete, dem Zweck gr&ouml;sstm&ouml;glichen Wohlbefindens aller
-empfindungsf&auml;higen Wesen entsprechende, unter den gegebenen
-Umst&auml;nden bestm&ouml;gliche Natur, der <span class="ex">ethische
-Kosmos</span>, die <span class="ex">beste Welt</span> (Optimismus).</p>
-<p class="par">429. Wie die erste Form der bildenden Kunst die
-logischen, die zweite die &auml;sthetischen, so verk&ouml;rpert die
-dritte die ethischen Ideen. Wie die bildende Kunst als Ideendarstellung
-im Physischen Erziehung der Natur, so ist die Bildungskunst eigene, die
-Bildekunst Erziehung des Menschengeschlechts. Wie diese im gemeinsamen,
-die Selbsterziehung im einzelnen Bewusstsein, so stellt die bildende
-Kunst die Culturentwickelung und den Culturprocess in der gesammten
-leblosen und lebendigen Natur dar. Die Ideendarstellung im Wirklichen
-&uuml;berhaupt, die Kunst, ist der lebendige <span class=
-"ex">Culturprocess</span>; die Entwickelungsgeschichte derselben von
-deren ersten Anf&auml;ngen im erwachenden Bewusstsein des Einzelnen
-durch das Jugend-, Mannes- und gesellschaftliche Bewusstsein hindurch
-bis zu den fernen und fernsten Grenzen des Alls, soweit dieselben
-unserer Erfahrung zug&auml;nglich sind, bildet den Inhalt der
-Entwickelungsgeschichte der Cultur, der <span class=
-"ex">Culturgeschichte des Weltalls</span>. <span class=
-"pagenum">[<a id="pb305" href="#pb305" name="pb305">305</a>]</span></p>
-</div>
-</div>
-</div>
-<div id="schluss" class="div0 book">
-<h2 class="main">SCHLUSS.</h2>
-<p><span class="pagenum">[<a id="pb307" href="#pb307" name=
-"pb307">307</a>]</span></p>
-<p class="par">430. Mit der Ideendarstellung in der Geistes- und
-K&ouml;rperwelt ist die Philosophie als Kunst, wie mit der Darlegung
-des Ideeninhalts einer-, des Inhaltes der Wirklichkeit andererseits die
-Philosophie als Wissenschaft zum Abschluss gebracht. Der philosophische
-Realismus geht nicht von der Annahme aus, weder dass das Wirkliche als
-solches <span class="ex">vern&uuml;nftig</span>, noch dass das
-Vern&uuml;nftige als solches <span class="ex">wirklich</span> sei
-(Optimismus: Hegel); aber auch nicht von der entgegengesetzten, dass
-das Wirkliche als solches <span class="ex">vernunftlos</span>
-(Pessimismus: Schopenhauer), oder gar als solches <span class=
-"ex">vernunftwidrig</span> (lebendiger Widerspruch; Realdialektik:
-Bahnsen) sei. Derselbe setzt aber voraus, sowol dass das
-Vern&uuml;nftige, welches als solches nicht wirklich ist (die Ideen),
-wirklich, als dass das Wirkliche, welches als solches nicht nothwendig
-vern&uuml;nftig ist (Natur, Geist, Geschichte), vern&uuml;nftig
-<span class="ex">werden kann</span>, werden <span class=
-"ex">soll</span> und werden <span class="ex">wird</span>, wenn nach dem
-bekannten Wort &bdquo;Jeder seine Schuldigkeit thut&rdquo;. Die
-Verwirklichung der Ideen ist weder eine Thatsache, die in der
-Vergangenheit, noch eine solche, die in der Gegenwart, sondern eine
-<span class="ex">Aufgabe</span>, deren Erf&uuml;llung in der Zukunft
-und in den H&auml;nden des Menschen liegt. Der Traum eines
-&bdquo;goldenen Zeitalters&rdquo;, von welchem ein n&uuml;chterner
-Rationalist wie Kant als von jenem des &bdquo;ewigen Friedens&rdquo;,
-wie ein extremer Positivist wie Comte als dem &bdquo;<span lang=
-"fr">&eacute;tat positif</span>&rdquo; schw&auml;rmte, wird dann
-erf&uuml;llt sein, wenn die gesammte Ideenwelt real geworden und die
-gesammte Wirklichkeit von den Ideen durchdrungen d. h. wenn dasjenige,
-was Schiller &bdquo;das Kunstgeheimniss <span class="pagenum">[<a id=
-"pb308" href="#pb308" name="pb308">308</a>]</span>des Meisters&rdquo;
-nannte, die &bdquo;Vertilgung des Stoffes durch die Form&rdquo;
-offenbar, oder, wie Schleiermacher es ausdr&uuml;ckte, &bdquo;wenn die
-Ethik Physik und die Physik Ethik&rdquo; geworden sein wird. Eine
-Philosophie, welche, wie die vorstehende, sich weder wie die Theosophie
-auf einen menschlichem Wissen <span class=
-"ex">unzug&auml;nglichen</span> theocentrischen Standpunkt versetzt, um
-von ihm aus den &bdquo;Vernunfttraum&rdquo; als l&auml;ngst geschaffene
-Wirklichkeit, noch wie die Anthropologie auf den zwar
-anthropocentrischen, aber <span class="ex">unkritischen</span>
-Standpunkt gemeiner Erfahrung stellt, um von ihm aus eine
-ideenerf&uuml;llte Wirklichkeit als &bdquo;Traum der Vernunft&rdquo;
-anzusehen, welche sonach zugleich <span class=
-"ex">anthropocentrisch</span> d. i. von menschlicher Erfahrung
-ausgehend und doch <span class="ex">Philosophie</span> d. i. an der
-Hand des logischen Denkens &uuml;ber dieselbe hinausgehend sein will,
-ist <span class="ex">Anthroposophie</span>. <span class=
-"pagenum">[<a id="pb309" href="#pb309" name="pb309">309</a>]</span></p>
-</div>
-</div>
-<div class="back">
-<div class="div1 ads"><span class="pagenum">[<a href=
-"#toc">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divBody">
-<p class="par first xd24e118">Als Separat-Abdr&uuml;cke</p>
-<p class="par xd24e3509">aus den</p>
-<p class="par xd24e116">Abhandlungen der philosophisch-historischen
-Classe der kais. Akademie der Wissenschaften</p>
-<p class="par xd24e3509">sind von demselben Verfasser erschienen:</p>
-<p class="par"><b>Samuel Clarke&rsquo;s Leben und Lehre.</b> Ein
-Beitrag zur Geschichte des Rationalismus in England. Wien, 1870. (A. d.
-Denkschriften. XIX. Bd.)</p>
-<p class="par"><b>Ueber Kant&rsquo;s mathematisches Vorurtheil und
-dessen Folgen.</b> Das., 1871. (A. d. Sitz.-Ber. LXVII. Bd.)</p>
-<p class="par"><b>Ueber Kant&rsquo;s Widerlegung des Idealismus von
-Berkeley.</b> Das., 1871. (A. d. Sitz.-Ber. LXVIII. Bd.)</p>
-<p class="par"><b>Zwei Briefe Herbart&rsquo;s.</b> Das., 1871. (A. d.
-Sitz.-Ber. LXIX. Bd.)</p>
-<p class="par"><b>Ueber Trendelenburg&rsquo;s Einw&uuml;rfe gegen
-Herbart&rsquo;s praktische Ideen.</b> Das., 1872. (A. d. Sitz.-Ber.
-LXX. Bd.)</p>
-<p class="par"><b>Ueber den Einfluss der Tonlehre auf Herbart&rsquo;s
-Philosophie.</b> Das., 1873. (A. d. Sitz.-Ber. LXXIII. Bd.)</p>
-<p class="par"><b>Kant und die positive Philosophie.</b> Das., 1874.
-(A. d. Sitz.-Ber. LXXVII. Bd.)</p>
-<p class="par"><b>Schelling&rsquo;s Philosophie der Kunst.</b> Das.,
-1875. (A. d. Sitz.-Ber. LXXX. Bd.)</p>
-<p class="par"><b>Perioden in Herbart&rsquo;s philosophischem
-Geistesgang.</b> Das., 1876. (A. d. Sitz.-Ber. LXXXIII. Bd.)</p>
-<p class="par"><b>Glaube und Geschichte im Lichte des Dramas.</b> Ein
-Beitrag zur Philosophie des Dramas. Das., 1877. (A. d. Sitz.-Ber.
-LXXXV. Bd.)</p>
-<p class="par"><b>Kant und der Spiritismus.</b> Das., 1879. (A. d.
-Sitz.-Ber. XCIV. Bd.)</p>
-<p class="par"><b>Lambert, der Vorg&auml;nger Kant&rsquo;s.</b> Ein
-Beitrag zur Vorgeschichte der Kritik der reinen Vernunft. Das., 1879.
-(A. d. Denkschriften. XXIX. Bd.)</p>
-<p class="par"><b>Henry More und die vierte Dimension des Raumes.</b>
-Das., 1881. (A. d. Sitz.-Ber. XCVIII. Bd.)</p>
-</div>
-</div>
-<div class="transcribernote">
-<h2 class="main">Kolophon</h2>
-<h3 class="main">Verf&uuml;gbarkeit</h3>
-<p lang="en" class="par first">This eBook is for the use of anyone
-anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may
-copy it, give it away or re-use it under the terms of the <a class=
-"seclink xd24e45" title="Externe Link" href=
-"https://www.gutenberg.org/license" rel="license">Project Gutenberg
-License</a> included with this eBook or online at <a class=
-"seclink xd24e45" title="Externe Link" href=
-"https://www.gutenberg.org/" rel="home">www.gutenberg.org</a>.</p>
-<p lang="en" class="par">This eBook is produced by the Online
-Distributed Proofreading Team at <a class="exlink xd24e45" title=
-"Externe Link" href="http://www.pgdp.net/">www.pgdp.net</a>.</p>
-<h3 class="main">Metadaten</h3>
-<table class="colophonMetadata">
-<tr>
-<td><b>Titel:</b></td>
-<td>Anthroposophie im Umriss: Entwurf eines Systems idealer Weltansicht
-auf realistischer Grundlage</td>
-<td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Autor:</b></td>
-<td>Robert Zimmermann (1824&ndash;1898)</td>
-<td><a href="https://viaf.org/viaf/73980622/" class=
-"seclink">Information</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Sprache:</b></td>
-<td>Deutsch</td>
-<td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Ver&ouml;ffentlichungsdatum des Originals:</b></td>
-<td>1882</td>
-<td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td><b>Stichw&ouml;rter:</b></td>
-<td>Philosophie</td>
-<td></td>
-</tr>
-</table>
-<h3>Katalogeintr&auml;ge</h3>
-<table class="catalogEntries">
-<tr>
-<td>Katalogseite bei WorldCat:</td>
-<td><a href="https://www.worldcat.org/oclc/230707251" class=
-"seclink">230707251</a></td>
-</tr>
-</table>
-<h3 class="main">Kodierung</h3>
-<p class="par first"></p>
-<h3 class="main">&Uuml;berblick der Revisionen</h3>
-<ul>
-<li>2017-01-11 Started.</li>
-</ul>
-<h3 class="main">Externe Referenzen</h3>
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-Links k&ouml;nnen m&ouml;glicherweise f&uuml;r Sie nicht
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-<table class="correctiontable" summary=
-"&Uuml;bersicht der Korrekturen im Text">
-<tr>
-<th>Seite</th>
-<th>Quelle</th>
-<th>Korrektur</th>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e335">4</a></td>
-<td class="width40 bottom">sogenannteu</td>
-<td class="width40 bottom">sogenannten</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e455">15</a>,
-<a class="pageref" href="#xd24e3251">287</a></td>
-<td class="width40 bottom">[<i>Nicht in der Quelle</i>]</td>
-<td class="width40 bottom">,</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e501">18</a>,
-<a class="pageref" href="#xd24e504">18</a>, <a class="pageref" href=
-"#xd24e507">18</a></td>
-<td class="width40 bottom">transscendentale</td>
-<td class="width40 bottom">transcendentale</td>
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-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e569">24</a>,
-<a class="pageref" href="#xd24e1243">79</a>, <a class="pageref" href=
-"#xd24e2643">230</a></td>
-<td class="width40 bottom">,</td>
-<td class="width40 bottom">[<i>Weggelassen</i>]</td>
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-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e595">26</a></td>
-<td class="width40 bottom">gleich bleibenden</td>
-<td class="width40 bottom">gleichbleibenden</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e617">28</a></td>
-<td class="width40 bottom">transscendentalfrei</td>
-<td class="width40 bottom">transcendentalfrei</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e624">29</a></td>
-<td class="width40 bottom">Bewustsein</td>
-<td class="width40 bottom">Bewusstsein</td>
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-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e795">38</a></td>
-<td class="width40 bottom">transscendentaler</td>
-<td class="width40 bottom">transcendentaler</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e1071">64</a></td>
-<td class="width40 bottom">[<i>Nicht in der Quelle</i>]</td>
-<td class="width40 bottom">.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e1333">84</a></td>
-<td class="width40 bottom">niederern</td>
-<td class="width40 bottom">niederen</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e1340">85</a></td>
-<td class="width40 bottom">vorgetellt</td>
-<td class="width40 bottom">vorgestellt</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e1349">86</a></td>
-<td class="width40 bottom">hiebei</td>
-<td class="width40 bottom">hierbei</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e1565">112</a></td>
-<td class="width40 bottom">inviduellen</td>
-<td class="width40 bottom">individuellen</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e1594">114</a>,
-<a class="pageref" href="#xd24e3386">300</a></td>
-<td class="width40 bottom">[<i>Nicht in der Quelle</i>]</td>
-<td class="width40 bottom">)</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e1626">116</a></td>
-<td class="width40 bottom">angeborne</td>
-<td class="width40 bottom">angeborene</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e1633">117</a></td>
-<td class="width40 bottom">nt&uuml;rli che</td>
-<td class="width40 bottom">nat&uuml;rliche</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e1640">118</a></td>
-<td class="width40 bottom">erlaubte</td>
-<td class="width40 bottom">Erlaubte</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e1729">131</a></td>
-<td class="width40 bottom">beherschten</td>
-<td class="width40 bottom">beherrschten</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e1874">146</a></td>
-<td class="width40 bottom">imwirklich</td>
-<td class="width40 bottom">im wirklich</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e1977">155</a></td>
-<td class="width40 bottom">von</td>
-<td class="width40 bottom">vom</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e2054">163</a></td>
-<td class="width40 bottom">entgegengetzten</td>
-<td class="width40 bottom">entgegengesetzten</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e2316">185</a>,
-<a class="pageref" href="#xd24e3006">273</a></td>
-<td class="width40 bottom">d.i.</td>
-<td class="width40 bottom">d. i.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e2422">204</a></td>
-<td class="width40 bottom">Natur k&ouml;rper</td>
-<td class="width40 bottom">Naturk&ouml;rper</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e2460">206</a></td>
-<td class="width40 bottom">gibt aber,</td>
-<td class="width40 bottom">gibt, aber</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e2473">207</a></td>
-<td class="width40 bottom">Psycholog</td>
-<td class="width40 bottom">Psychologe</td>
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-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e2487">209</a></td>
-<td class="width40 bottom">innnerhalb</td>
-<td class="width40 bottom">innerhalb</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e2517">213</a></td>
-<td class="width40 bottom">&auml;usserere</td>
-<td class="width40 bottom">&auml;ussere</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e2530">214</a></td>
-<td class="width40 bottom">derletzteren</td>
-<td class="width40 bottom">der letzteren</td>
-</tr>
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-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e2616">225</a></td>
-<td class="width40 bottom">verhandenen</td>
-<td class="width40 bottom">vorhandenen</td>
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-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e2638">229</a></td>
-<td class="width40 bottom">erstern</td>
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-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e2652">232</a></td>
-<td class="width40 bottom">anschiesst</td>
-<td class="width40 bottom">anschliesst</td>
-</tr>
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-<td class="width40 bottom">nich</td>
-<td class="width40 bottom">nicht</td>
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-<a class="pageref" href="#xd24e3099">278</a></td>
-<td class="width40 bottom">so wol</td>
-<td class="width40 bottom">sowol</td>
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-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd24e2986">272</a></td>
-<td class="width40 bottom">,</td>
-<td class="width40 bottom">.</td>
-</tr>
-<tr>
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-<td class="width40 bottom">Ideendarstellung</td>
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-<tr>
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-</tr>
-</table>
-</div>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Anthroposophie im Umriss, by Robert Zimmermann
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ANTHROPOSOPHIE IM UMRISS ***
-
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