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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Anthroposophie im Umriss - Entwurf eines Systems idealer Weltansicht auf realistischer Grundlage - -Author: Robert Zimmermann - -Release Date: January 14, 2017 [EBook #53962] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ANTHROPOSOPHIE IM UMRISS *** - - - - -Produced by Jeroen Hellingman and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net/ for Project -Gutenberg (This file was produced from images generously -made available by The Internet Archive/American Libraries.) - - - - - - - - - ANTHROPOSOPHIE - IM UMRISS. - - ENTWURF - EINES SYSTEMS IDEALER WELTANSICHT - AUF - REALISTISCHER GRUNDLAGE - - - VON - - ROBERT ZIMMERMANN. - - - WIEN, 1882. - WILHELM BRAUMÜLLER - K. K. HOF- UND UNIVERSITÄTSBUCHHÄNDLER. - - - - - - - - - "Den Zufall gibt die Vorsehung; zum Zwecke - "Muss ihn der Mensch gestalten. -- --" - - Schiller. - - - - - - - - -AN HARRIET. - - -Du warst es, als sich Nacht über mein Auge zu lagern drohte, deren -Seelenstärke mir den Entschluß eingab, die lange unfreiwillige Muße -der Dunkelkammer zum ordnenden Abschluß längst zerstreut gereifter -Gedankenreihen zu benützen, zu deren Niederschrift eine gefällige -Hand willig sich herlieh. - -So entstand dies Buch, dessen Ideengehalt also Niemand abzustreiten -im Stande sein wird, daß er, wie das Licht, im Dunkeln geboren sei. - -Wem anders als Dir dürfte dasselbe zu eigen sein? - - - Waldvilla am Attersee, den 4. September 1881. - - R. - - - - - - - - -VORREDE. - - -Titel und Vorrede stehen vor dem Buche. Soll diese nicht eine Rede -aus dem Buche, sondern vor dem Buche sein d. h. nichts enthalten, -was in das letztere selbst gehört, so bleibt ihr nur übrig, sich -mit dem ersteren und mit dem Vorredner selbst zu beschäftigen. Ueber -beide werden wenige Worte genügen. - -Anthroposophie ist der Name des Buches. Die Philosophie, welche -denselben wählt, will damit angedeutet haben, dass es weder ihr -Ziel sei, wie das der speculativen Schule, Theosophie, noch ihr -genüge, wie empirischer Unphilosophie, kritiklose Anthropologie zu -sein. Wenn derselben -- nicht zu ihrem Leidwesen -- die speculativen -Schwingen fehlen, um mit ikarischem Aufflug das gottgleiche Wissen -des theocentrischen Standpunktes der ersteren zu erreichen, so mangelt -ihr nicht weniger die in mancher Hinsicht beneidenswerthe Gabe, über -die Schranken und Widersprüche, die der gemeine Erfahrungsstandpunkt -in sich trägt, das kritische Auge zuzudrücken. Ihr Wunsch geht dahin, -anthropocentrisch d. i. "Menschenwissen" und doch Philosophie d. h. von -der Erfahrung aus-, aber, wenn es das logische Denken erfordert, -über dieselbe hinausgehende Wissenschaft zu sein. - -Dasselbe bezeichnet sich als "Entwurf eines Systems" und zwar "einer -idealen Weltansicht auf realistischer Grundlage". Ersterer Charakter -wird dessen knappe Fassung und die Abwesenheit erweiterter Polemik -rechtfertigen. Als Versuch eines Systems muss es gewärtig sein, -so wenig nach dem Geschmack des ungebundenen "Philosophirens auf -eigene Hand", welches in unseren Tagen gerade wie vor hundert Jahren -herrschende Mode ist, gefunden zu werden, wie sie dieses selbst nach -dem ihrigen findet. - -Dagegen möchte die ideale Weltansicht, die es vertritt, weder mit -dem schulmässigen Idealismus aller Farben, noch deren realistische -Grundlage mit dem platten Realismus ideenloser Erfahrung -verwechselt sein. Der Idealismus derselben besteht nicht darin, -wie der Platonische, an die Wirklichkeit, sondern wie jener Kant's -und der Sittenlehre Fichte's, an die Verwirklichung der Ideen durch -Menschenhand zu glauben. Die realistische Grundlage desselben aber ist -nicht der gemeine (Baconische), sondern der philosophische Realismus, -wie er auf Kant's kritischer Basis von dessen realistischen Nachfolgern -dem metaphysischen Idealismus der Gegenseite entgegengesetzt worden -ist. - -Dessen in vorliegender Darstellung gewonnene Gestalt wird von den -Gegnern desselben eben so mit jenem Herbart's als geistesverwandt -erkannt, wie von Freunden des letzteren in nicht wenigen und nicht -unerheblichen Punkten über denselben hinausgehend genannt werden. Dass -deren Abweichungen von der ursprünglich Herbart'schen Fassung nicht -neu, sondern, wie z. B. das kritische Verhältniss zur Theorie der -Selbsterhaltungen als des wirklichen Geschehens, so wie jenes zu der -Annahme der sogenannten "einfachen Empfindungen", in der Denkweise -des Vorredners vom Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn an -vorhanden gewesen seien, haben frühere Schriften desselben, wie dessen -1847 und 1849 erschienene Monographieen: "Leibnitz's Monadologie" -und "Leibnitz und Herbart, eine gekrönte Preisschrift" bezüglich -der Selbsterhaltungen, dessen 1865 veröffentlichte: "Aesthetik als -Formwissenschaft" bezüglich der einfachen Empfindungen hinlänglich -an den Tag gelegt. - -Herbart hat sich bekanntlich am Schlusse der Vorrede zu seiner im -Jahre 1828 erschienenen "allgemeinen Metaphysik" einen "Kantianer -vom Jahre 1828" genannt. Wenn Schreiber dieses, der seine erste -Anregung zum philosophischen Studium einem Gegner Kant's (dem gerade -vor hundert Jahren, am 5. October 1781 geborenen edlen Denker und -Dulder Bolzano) und einem Freunde Herbart's (dem scharfsinnigen -Kritiker der Hegel'schen Psychologie, Exner) verdankt, heute, -wo seit dem Erscheinen der Kritik der reinen Vernunft gerade ein -volles, seit jenem der allgemeinen Metaphysik mehr als ein halbes -Jahrhundert verflossen ist, sich "einen Herbartianer vom Jahre 1881" -zu nennen unternimmt, so glaubt er damit sein Verhältniss zu Kant wie -zu Herbart zutreffend bezeichnet zu haben. Die Uebereinstimmung mit -Beiden verbirgt sich nicht; über die Abweichungen, zustimmend oder -ablehnend, mögen Kundige urtheilen. - -Geschrieben im Säcularjahr der "Kritik der reinen Vernunft". - - - Wien, den 21. Mai 1881. - - Der Verfasser. - - - - - - - - -INHALT. - - - Seite - - Einleitung 1 - - I. Buch: Die Ideen. - - 1. Capitel: Die logischen Ideen 11 - 2. Capitel: Die ästhetischen Ideen 40 - 3. Capitel: Die ethischen Ideen 77 - - II. Buch: Das Wirkliche. - - 1. Capitel: Das Nicht-Ich 141 - 2. Capitel: Das Ich 207 - 3. Capitel: Das Social-Ich 250 - - III. Buch: Die Kunst. - - 1. Capitel: Die Bildungskunst 269 - 2. Capitel: Die Bildekunst 283 - 3. Capitel: Die bildende Kunst 294 - - Schluss 307 - - - - - - - - -ANTHROPOSOPHIE. - - -ZUR EINLEITUNG. - - -1. Philosophie hat ihrem uralten Namen zufolge nicht blos die -Aufgabe, zum Wissen zu gelangen, sondern als Liebe zum Wissen, da -man dasjenige, was man liebt, zu verkörpern bemüht ist, das Gewusste -in die Wirklichkeit einzuführen. Erstere fällt der Philosophie als -Theorie d. i. als Wissenschaft, letztere derselben als Praxis d. i. als -Kunst zu. Philosophie als Wissenschaft entsteht durch Bearbeitung von -Begriffen, während die Philosophie als Kunst das Wirkliche bearbeitet; -erstere hat zum Zweck, durch Bearbeitung der, sei es durch Erfahrung -gewonnenen, sei es durch Gewöhnung und Ueberlieferung überkommenen -Begriffe von dem, was wirklich und wahr ist, zu wirklichen Begriffen -d. i. zu solchen, welche die Probe der Kritik, sowohl der logischen, -als der erfahrungsmässigen, aushalten, zu gelangen; diese hat den -Zweck, durch Bearbeitung des gegebenen, als Material dienenden, sei -es in blossen Gedanken, sei es in Sachen bestehenden Wirklichen zu -einem den Anforderungen des Begriffs entsprechenden d. i. zu einem -begriffsgemässen Wirklichen zu gelangen. Gegenstand der ersteren -sind daher Begriffe, welche als solche von den Sachen, Gegenstand der -letzteren Sachen, welche als solche von den Begriffen unterschieden -sind. Philosophie als Wissenschaft ist daher im buchstäblichen Sinne -nicht von dieser Welt, während Philosophie als Kunst von dieser -Welt ist. - -2. Philosophie als Wissenschaft hat daher die Aufgabe, nicht nur -selbst musterhafte Begriffe (Begriffsmuster), sondern solche Begriffe -herzustellen, welche der Philosophie als Kunst bei ihrem Verfahren -gegenüber den Sachen als Muster dienen können (Musterbegriffe). Jene -bedürfen eines Musters, dem sie als musterhaft zu entsprechen haben; -diese dagegen sind selbst Muster, denen die Sachen entsprechen -sollen. Aufgabe der Philosophie als Wissenschaft, zu musterhaften -Begriffen zu gelangen, wird es daher vor allem sein, das Muster -herzustellen, dem die Begriffe, um für musterhaft gelten zu dürfen, -genügen müssen. Aufgabe der Philosophie als Kunst, Musterbegriffe -zu verwirklichen, wird es neben der Verpflichtung, die von der -Philosophie als Wissenschaft als musterhaft anerkannten Begriffe zu -ihren Musterbegriffen zu machen, vor allem sein, die Beschaffenheit -des Wirklichen als des allein ihr zu Gebote stehenden Materials zu -studiren, in welchem dieselben verwirklicht werden können. - -3. Da jeder Begriff, er sei welcher er wolle, etwas an sich tragen -muss, was ihn zum Begriff macht (seine Form), und anderes, was ihn -zu diesem besonderen Begriff macht (seinen Inhalt), so wird das -Muster, dem jeder Begriff zu gleichen hat, um für musterhaft gelten -zu dürfen, sowohl seine Form, als seinen Inhalt, oder vielleicht -beides zugleich betreffen können, ja müssen. In ersterer Hinsicht -wird es daher eine Musterform geben, welcher als Norm jeder Begriff -ohne Unterschied sich zu unterwerfen hat, um als Begriff anerkannt -zu werden; in letzterer Hinsicht wird es eine Norm geben, welcher -jeder Begriff eines gewissen Inhaltes sich anzubequemen hat, um -als musterhafter Begriff eben dieses Inhaltes angesehen zu werden; -jene stellt daher die massgebende Norm für sämmtliche Begriffe ohne -Unterschied des Inhaltes, diese dagegen stellt die Norm für Begriffe -irgend eines gemeinsamen Inhalts, z. B. für alle diejenigen dar, -die sich auf Seiendes (Existirendes) oder für alle diejenigen, die -sich auf Seinsollendes (noch nicht Existirendes) beziehen. - -4. Diejenigen Normen, die sich auf alle Begriffe ohne Unterschied des -Inhalts, welche für musterhaft gelten sollen, erstrecken, machen den -Inhalt der Logik; diese, die sich nur auf Begriffe eines gewissen -gemeinsamen Inhalts, welche innerhalb dessen für musterhaft gelten -sollen, beschränken, machen den Inhalt der andern philosophischen -Wissenschaften aus. Jene stellt das Muster für jeden Begriff ohne -Unterschied, diese stellen die Muster für diejenigen Begriffe dar, -welche in den Bereich des von ihnen beherrschten Inhalts gehören. Da -nun jeder Begriff seinem Inhalte nach entweder auf ein Wirkliches -d. h. auf ein Object bezogen wird, das als seiend gedacht wird, oder -auf ein nicht Wirkliches d. i. auf ein Object, das entweder, wie -die mathematischen, überhaupt als nichtseiend, oder, wie z. B. ein -Kunstwerk, nur als noch nichtseiend, aber voraussichtlicherweise in -der Zukunft seiend gedacht wird, so lassen sich die philosophischen -Wissenschaften in zwei Gebiete zerfällen. Das eine derselben umfasst -die Musterbegriffe für alle diejenigen, welche (mit Recht oder mit -Unrecht) auf Wirkliches bezogen werden. Das andere dagegen enthält -die Musterbegriffe, welche (mit Recht oder mit Unrecht) auf, sei es -überhaupt nicht, oder nur noch nicht Seiendes bezogen werden. Begriffe -der erstern Art (deren Inhalt als wirklich gedacht wird) können -physische, Begriffe der letztern Art (deren Inhalt als nicht wirklich -gedacht wird) müssen sodann nicht-physische heissen. Nimmt man bei -den letzteren Rücksicht darauf, ob der Inhalt derselben es unmöglich -macht, ihn als wirklich zu denken, wie es bei den mathematischen der -Fall ist, oder ob derselbe zwar als im gegebenen Moment nichtseiend -gedacht, dessen Existenz in der Zukunft aber keineswegs als unmöglich -vorgestellt wird, wie es z. B. bei dem in Gedanken entworfenen -Plane eines künftigen Bauwerks der Fall ist, so tritt eine weitere -Unterabtheilung hinzu. Jene Begriffe, deren Inhalt die Wirklichkeit -ausschliesst, können als solche den obengenannten physischen in dem -Sinne zugerechnet werden, als der Inhalt der einen wie der andern einen -Zusatz über dessen Wirklichkeit enthält, der Inhalt der einen dieselbe -bejaht, jener der andern dieselbe verneint; dieselben können daher in -diesem erweiterten Sinne beide physisch heissen. Jene Begriffe dagegen, -welche weder über die Wirklichkeit, noch über die Unwirklichkeit -ihres Inhaltes eine Aussage in sich schliessen, ja nicht einmal über -die zukünftige Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit desselben, deren -Inhalt sonach, was seine Wirklichkeit betrifft, in keiner Weise das -Interesse in Anspruch zu nehmen vermag, können nichtsdestoweniger -ein solches erwecken, inwiefern dieser Inhalt nicht als wirklich oder -unwirklich, sondern ausschliesslich als Gedanke d. i. als gedachter -Inhalt einen Zusatz im Gemüthe des Denkenden mit sich führt, durch -welchen er von letzterem entweder als angenehm oder unangenehm, -nützlich oder schädlich, schön oder hässlich -- im Allgemeinen -entweder beifällig oder missfällig beurtheilt wird. Begriffe dieser -Art können, weil es sich bei denselben nicht, wie bei den sogenannten -physischen, um eine die Vorstellung ihres Inhalts begleitende Aussage -über Wirklichkeit oder (zufällige oder nothwendige) Unwirklichkeit -desselben, sondern um einen die Vorstellung des Inhalts (zufällig -oder nothwendig) begleitenden Gefühlsausdruck handelt -- ästhetische -heissen. Die philosophische Wissenschaft, welche die Musterbegriffe -für die physischen Begriffe enthält, ist die philosophische Physik -(oder Metaphysik); jene, welche die Musterbegriffe für die ästhetischen -umfasst, die philosophische Aesthetik. - -5. Logik, (philosophische) Physik und (philosophische) Aesthetik -machen zusammen den Umfang der Philosophie als Wissenschaft aus. Der -Zusatz: philosophisch bei den beiden letztgenannten Disciplinen ist -deshalb nicht überflüssig, weil diejenigen Wissenschaften, welche -die auf dem reinen Erfahrungswege gewonnenen, keineswegs musterhaften -Begriffe von Wirklichem einer- und die von keineswegs allgemeinen und -nothwendigen, sondern zufälligen und individuellen oder höchstens -particulären Zusätzen des Lobes oder Tadels begleiteten Begriffe -umfassen, andererseits, die empirische Natur- und die empirische -Geschmackslehre gleichfalls Physik und Aesthetik genannt werden. Die -Bezeichnung Metaphysik für die erste derselben hat, von dem bekannten -zufälligen historischen Ursprung des Wortes abgesehen, insofern einen -zulässigen Sinn, als die durch kritische Sichtung herbeigeführte -systematische Zusammenstellung musterhafter physischer Begriffe, -welche die mit diesem Namen bezeichnete Wissenschaft ausmacht, das -Vorhandensein eines ursprünglich durch Erfahrung gegebenen, logisch -noch unbearbeiteten, also im philosophischen Sinne des Wortes rohen -Vorrathsmateriales physischer Begriffe voraussetzt, philosophische -(Meta-) Physik also der Zeit nach erst nach (meta) der vor- oder -unphilosophischen (empirischen) Physik zu Stande kommen kann. - -6. Unter denselben, die als philosophische Wissenschaften sämmtlich -musterhafte (d. i. im philosophischen Sinne vollendete) Begriffe -umfassen, stehen Logik und Aesthetik insofern in engerer Verwandtschaft -unter einander, als ihre musterhaften Begriffe zugleich Musterbegriffe -für Anderes sind d. h. diesem zur Nachahmung vorgestellt werden, -während die metaphysischen Begriffe keine andere Bestimmung haben, -als den Inhalt des Wirklichen musterhaft d. i. wie er wirklich ist, -darzustellen. Und zwar enthält die erstere die Musterbegriffe für das -Denken sowohl überhaupt, als in Bezug auf einen bestimmten Inhalt, -durch deren Nachahmung dasselbe zum Wissen d. i. wahrem Denken erhoben -wird, sowohl im Allgemeinen, als in Bezug auf irgend einen besonderen -Gegenstand; die Aesthetik dagegen enthält die Musterbegriffe für jede -beliebige producirende, sei es geistige, sei es physische Thätigkeit, -insofern durch dieselbe etwas Beifallswürdiges oder Tadelnswerthes -(Nützliches oder Schädliches, Angenehmes oder Unangenehmes, Schönes -oder Hässliches) hervorgebracht wird. - -7. Musterbegriffe dieser Art, sie seien nun solche für das Denken -oder für jede andere (geistige oder physische) nachahmende Thätigkeit, -werden Ideen genannt, und zwar als Vorbilder (Normen) für das Denken, -das zum Wissen werden soll, logische Ideen; als Vorbilder dagegen -für irgend eine andere, auf Hervorbringung eines Beifallswerthen -gerichtete schaffende Thätigkeit, ästhetische Ideen. Erstere machen -daher den Inhalt der Logik, letztere den der Aesthetik aus. - -8. Unter den geistigen Thätigkeiten, deren Producte Beifall oder -Missfallen nach sich ziehen, ist die eine, das Wollen, von der Art, -dass sie auf keine Weise, weder willkürlich noch unwillkürlich, -unterlassen werden kann; denn auch das Nichtwollen des Wollens wäre -ein Wollen. Zugleich hat dasselbe die auszeichnende Eigentümlichkeit, -dass von dem Urtheil über dessen Beschaffenheit das Urtheil über -den Werth oder Unwerth des Wollenden selbst abhängt und, da, wie -oben bemerkt, der Einzelne niemals aufhören kann zu wollen, diesem -Urtheil niemals entgangen werden kann. Während daher zu jeder andern -ästhetisch producirenden Thätigkeit ein besonderes ästhetisches Talent -erforderlich ist, ist nicht nur die Fähigkeit, sondern die Nöthigung -zu wollen Jedem ohne Unterschied eigen, und während, um der Kritik -jeder andern ästhetisch producirenden Thätigkeit zu entgehen, der -Producirende nichts weiter nöthig hat, als dieselbe zu unterlassen, -so kann, wie oben bemerkt, auf die Bethätigung des Wollens niemals -Verzicht geleistet werden. Aus beiden angeführten Gründen verdienen -diejenigen ästhetischen Ideen, welche als Vorbilder für das Wollen -dienen, aus dem Kreise der übrigen als ein besonders ausgezeichnetes -Gebiet hervorgehoben und zum Unterschied von den übrigen, welche -sodann im engeren Sinne des Wortes ästhetische heissen mögen, mit einem -besonderen Namen bezeichnet zu werden. Als ein solcher empfiehlt sich, -da von dem Urtheil über das Wollen jenes über den sittlichen Werth, -das Ethos, des Wollenden abhängt, der Ausdruck ethische, oder, da -das Wollen zunächst zum Handeln überführt, praktische Ideen. - -9. Logische, ästhetische und ethische Ideen machen daher den Inhalt -der Philosophie als Wissenschaft aus, insofern dieselbe Wissenschaft -von Musterbegriffen (Ideenwissenschaft) ist. Metaphysische d. i. im -philosophischen Sinne musterhafte Begriffe vom Wirklichen machen den -Inhalt der Philosophie als Wissenschaft aus, insofern sie Wissenschaft -von Wirklichem (Seinswissenschaft) ist. Diese, da sich der Inhalt ihrer -Begriffe auf das Wirkliche bezieht, knüpft an die Erfahrung, durch -welche zuerst vom Wirklichen ein Begriff gewonnen wird, an, indem sie -die durch Erfahrung gegebenen Begriffe vom Wirklichen entweder behält -wie sie gegeben sind, wenn sie vor dem Forum des wissenschaftlich -d. i. logisch geschulten Denkens behaltbar, oder verwirft, wenn sie -nach dem Urtheil des letzteren unhaltbar, oder umbildet, wenn sie -zwar nach dem Urtheil der Logik verwerflich, aber vermöge des durch -unabweisliche Erfahrung ausgeübten Zwanges unvermeidlich sind. Die -logische Unhaltbarkeit der gegebenen Erfahrungsbegriffe verräth sich -dadurch, dass in denselben Widersprüche bemerkbar werden, welche -demnach ebensowenig, wie sie selbst, abgewehrt, um deren willen jedoch -der mit denselben behaftete Inhalt der Erfahrung wissenschaftlich -nicht als Wahrheit gelehrt werden kann! Die Umbildung der so gegebenen -aber widersprechenden Erfahrungsbegriffe besteht darin, dass dieselben -berichtigt d. h., da von dem erfahrungsmässig Gegebenen ohne Schädigung -der Erfahrung nichts hinweggelassen werden kann, durch aus dem Denken -geschöpfte Zusätze so lange und in der Weise ergänzt werden, bis und -dass der Widerspruch verschwindet. Die so umgestalteten d. i. rational -(widerspruchsfrei, denkbar) gemachten Erfahrungsbegriffe heissen von da -an metaphysische (philosophische Seins- oder Wirklichkeits-) Begriffe. - -10. Logische, ästhetische und ethische Ideen knüpfen nicht an das -Gegebene an, sondern fordern im Gegentheil als Musterbegriffe, -dass das Gegebene an sie anknüpfe. So wenig nach Kant aus dem -Sollen ein Sein, so wenig kann aus dem Sein das Sollen "geklaubt" -werden. Dieselben sind, wie das a priori Kant's, zwar nicht vor, -aber unabhängig von dem gegebenen Inhalte der Erfahrung, daher ihre -Geltung nicht, wie die des letzteren, eine beschränkte (comparative) -und nur mehr oder weniger wahrscheinliche (zufällige), sondern, wie -die jenes a priori, allgemeine und nothwendige ist. Logik, Aesthetik -und Ethik sind daher keine blos beschreibenden (descriptiven), wie -die Erfahrungswissenschaft und in gewissem Sinne selbst die Metaphysik -es ist, sondern vorschreibende (normative) Wissenschaften, daher sie -auch wohl im Gegensatze zu jenen, welche theoretische heissen können, -praktische Wissenschaften genannt zu werden pflegen. - -11. Mit Rücksicht auf letztere Bezeichnung zerfällt Philosophie -als Wissenschaft demnach in einen praktischen: die Ideen- (oder -praktischen) Wissenschaften, und theoretischen: die Seinswissenschaft -(Metaphysik) umfassenden Theil, zwischen welchen beiden Philosophie -als Kunst, welche die Gestaltung des Wirklichen nach den Ideen oder -die Hineinbildung der Ideen in das Wirkliche vollzieht, die verbindende -Brücke bildet. Die Lösung dieser Aufgabe ist daher der philosophischen -ebensowenig wie irgend einer anderen Kunst, da der Zweck der Kunst -überhaupt in der Ideendarstellung im gegebenen Stoffe besteht, ohne -Kenntniss der darzustellenden Ideen (Ideenwissenschaft) einer-, wie des -gegebenen Stoffes (Seinswissenschaft) andererseits möglich. Erstere -macht den Inhalt des ersten, die Wissenschaft vom Wirklichen den des -zweiten, die Lehre von der die logischen, ästhetischen und ethischen -Ideen im und am Wirklichen verwirklichenden (philosophischen) Kunst -jenen des dritten Buches aus. - - - - - - - - -ERSTES BUCH. - -DIE IDEEN. - - -ERSTES CAPITEL. - -DIE LOGISCHEN IDEEN. - - -12. Logische Ideen (Musterbegriffe) sind die normalen Formen -(Begriffsnormen), welchen das Denken sich zu fügen hat, wenn es als -wahres Denken d. i. Wissen anerkannt werden will. Dieselben sind -weder eins mit den psychologischen Erscheinungsformen des Denkens, -vermöge welcher dasselbe ein Entstehen und Vergehen, ein Heller- -und Dunklerwerden im Bewusstsein besitzt, noch mit den sogenannten -logischen Denkformen, nach welchen dasselbe in Begriffe, Urtheile und -Schlüsse zerfällt. Jenes nicht, weil psychologisch betrachtet die -Entstehung unwahrer Gedanken (Irrthümer) ebenso nach Naturgesetzen -erfolgt, wie jene von Erkenntnissen (wahren Gedanken) -- dieses nicht, -weil unrichtige und ungiltige Gedanken ebensogut in der Begriffs-, -Urtheils- und Schlussform gedacht, gefällt und gefolgert werden, -wie richtige und giltige. Das Kriterium, durch welches Denken zum -Wissen sich erhebt, muss daher anderswo gesucht werden. - -13. Dasselbe kann, da jedes Denken einen gewissen Grad von Intensität -(Stärke, Lebhaftigkeit), mit welchem dasselbe, und einen gewissen -Inhalt besitzt, welcher in demselben gedacht wird, entweder in diesem -oder in jenem liegen. Läge es in jenem, so würde daraus folgen, dass -jedes Denken, welches einen gewissen hohen Grad von Lebhaftigkeit -besitzt, um dieser seiner Energie willen für Erkenntniss gelten -müsse, während es offenbar ist, dass auch einleuchtende Irrthümer, -wie Hallucinationen Geistesgestörter, eine hohe, ja für diese -unüberwindliche Stärke besitzen können. Liegt es dagegen in diesem, -so kann das Kennzeichen des Inhalts als eines wahren entweder in -dessen Verhältniss zu einem vom Denken als solchem unterschiedenen -Andern, oder es muss in der Beschaffenheit des Denkinhalts selbst -gefunden werden. - -14. Das Andere, zu welchem das Denken als Denkinhalt betrachtet, -ein gewisses Verhältniss haben soll, um für wahr gelten zu dürfen, -und das als Anderes des Denkens nicht selbst wieder Denken sein kann, -ist das Sein. Das Verhältniss, in welchem das Denken zum Sein stehen -muss, um für Wahrheit zu gelten, aber kann kein anderes sein als -das der Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein. Das Kriterium der -Wahrheit lautet daher von diesem Gesichtspunkt aus: Wissen ist mit -dem Sein übereinstimmendes Denken. - -15. Dasselbe setzt, um möglich zu sein, daher einerseits die -Möglichkeit der Uebereinstimmung, andererseits die Möglichkeit der -Erkenntniss jener Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein von Seite -des Denkens voraus. Wäre die erstere unmöglich, so wäre damit auch -das Wissen d. i. die Uebereinstimmung zwischen Denken und Sein, an -sich unmöglich; wäre das letztere unmöglich, so wäre damit das Wissen -um jene an sich vorhandene Uebereinstimmung für uns unmöglich. Im -ersteren Falle wäre die Wahrheit überhaupt nicht, im letzteren Falle -so gut als nicht vorhanden. - -16. Soll Uebereinstimmung zwischen beiden von einander verschieden -gedachten Elementen -- dem Denken einer-, dem Sein andererseits -- -bestehen, so muss entweder das eine vom andern, das Denken vom Sein -oder das Sein vom Denken, abhängig gedacht, oder die Verschiedenheit -beider kann nur als eine scheinbare gedacht werden, so dass entweder -nur das eine von beiden ist, während das andere nicht ist, oder dass -beide nur die unterschiedenen Seiten eines dritten Ununterschiedenen -sind. Im ersten Falle wird entweder das Denken vom Sein (das Logische -vom Alogischen) oder das Sein vom Denken (das Alogische vom Logischen) -beherrscht; im zweiten Falle besteht entweder nur das Sein, so dass -das Denken nur ein verhülltes Sein -- oder nur das Denken, so dass das -Sein nur ein verhülltes Denken ist; während im dritten Falle Denken -und Sein nur das unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtete -unbekannte X eines Dritten darstellen. - -17. Gegen die Abhängigkeit eines der beiden qualitativ von einander -unterschiedenen Elemente, des Denkens und des unter der Form der dem -Denken qualitativ entgegengesetzten ausgedehnten Materie gedachten -Seins, hat sich unter den Neuern zuerst bekanntlich Cartesius -ausgesprochen. Denken (Geist) und Sein (Materie) sind für einander -schlechterdings unzugänglich, und da, wenn weder der Geist die Materie, -noch diese jenen zu beeinflussen vermag, eine Uebereinstimmung zwischen -den beiden undenkbar ist, so bleibt, um Wissen d. i. Uebereinstimmung -des Denkinhalts mit dem Seinsinhalt zu ermöglichen, nichts übrig, -als die Bürgschaft des gemeinschaftlichen Schöpfers beider, welcher -als höchstes wissendes und wahrhaftiges Wesen das Denken nicht kann -täuschen wollen. Das eigentliche Kriterium des Wissens liegt sodann -nicht sowohl in der Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein, von -der das Denken durch sich selbst nichts zu wissen vermag, sondern in -der Bürgschaftsleistung eines andern höhern Wesens für die Wahrheit -unseres Denkens; dasselbe ist sonach kein logisches, sondern ein -blos autoritatives. - -18. Weder die mit dem Schleier der göttlichen Allmacht, hinter welchem -auch das Unmögliche möglich wird, sich deckende unbegreifliche -göttliche Assistenz, noch die anscheinende Verbesserung derselben -durch das System der sogenannten gelegenheitlichen Ursachen -(Occasionalismus), durch welches letztere die Gottheit aus dem -erhabenen Dunkel des Nichtwissens herabgezogen und zu einem das Denken -mit dem Sein vermittelnden "deus ex machina" (Leibnitz) erniedrigt -wird, beseitigt die Schwierigkeit. Dieselbe hört dagegen auf, wenn -deren Ursache, die qualitative Verschiedenheit des Denkens und -seines Andern (der Materie) aufgehoben und entweder, wie Leibnitz -und der Spiritualismus thaten, die Materie in Geist verwandelt -(spiritualisirt), oder, wie Hobbes und die Materialisten lehrten, -der Geist in Materie verwandelt (materialisirt) wird. Jene machen -die Materie zu einem zwar "bene fundatum", aber doch nur zu einem -"phänomenon" des Geistes, so dass der Geist -- diese den Geist zu -einem "Hirngespinnst" d. i. zu einem blossen Phänomen der Materie, -so dass diese allein das wahrhaft existirende ist. Zwischen dem -Denken und einem Sein, das selbst wieder Denken (Idealismus) -- und -dem Sein und einem Denken, das selbst wieder Sein ist (Realismus) -- -aber ist Uebereinstimmung möglich. - -19. Allerdings nur, wenn zwischen Denkendem und Denkendem einer-, wie -zwischen Seiendem und Seiendem andererseits Causalitätsverband denkbar -ist. Wenn das Denken, wie die Materialisten wollen, selbst materiell, -der Geist nichts anderes als ein feinerer Körper ist, liegt nichts -Widersprechendes darin, dass zwischen Geist und Materie in demselben -Sinn Wechselwirkung stattfinde, wie zwischen den Corpuskeln oder -körperlichen Elementen der Materie selbst; wenn dagegen, wie die -Spiritualisten wollen, zwischen dem immateriellen Denkenden und den -gleichfalls immateriellen, folglich ihrer qualitativen Beschaffenheit -nach vom Denken nicht verschiedenen, also selbst als "denkend" -gedachten Elementen der Materie (unkörperlichen Atomen, Monaden, -"Seelen") gegenseitiger Einfluss (influxus physicus) herrschen -sollte, so wäre dies nur unter der Voraussetzung möglich, dass sich -dieselben von dem einen Theile ablösten und von dem andern aufgenommen -würden. Beides aber ist unmöglich, da von einem Immateriellen, also -Theillosen, kein Theil sich abscheiden lässt und an dem Ort eines -anderen Immateriellen, der als Sitz eines Theillosen selbst ohne -Theile (ein einfacher Punkt) sein muss, für einen neu hinzutretenden -kein Platz vorräthig ist, das heisst, weil, wie Leibnitz sagte, -die Monaden keine Fenster haben. Soll dessen ungeachtet zwischen -dem Geiste und dem Rest des aus Monaden bestehenden Universums -Uebereinstimmung d. i. Harmonie bestehen, so muss diese letztere -von aussen, also wie bei Descartes durch die Gottheit, nur weder auf -unbegreifliche (durch schlechthinige Allmacht), noch auf unwürdige -("deus ex machina") Weise, sondern, wie es der Gottheit allein würdig -ist, auf einem von Ewigkeit her erkannten, gewollten und geschaffenen -Wege als prästabilirte Harmonie hergestellt werden. - -20. Allein gesetzt auch, es bestünde einerseits zwischen Denken -und Denken (Idealismus), andererseits zwischen Sein und Sein -(Materialismus) je wirklicher Causalverband, so wäre die dadurch -ermöglichte Uebereinstimmung, in welcher das Wissen bestehen soll, -doch nur im ersten Fall eine Uebereinstimmung des Denkens mit Denken, -also mit sich selbst, im zweiten Fall eine Uebereinstimmung des Seins -mit Sein, also wieder mit sich selbst, in keinem von beiden aber jene -Uebereinstimmung des Denkens mit Sein, in welcher der Annahme zufolge -das Kriterium der Wahrheit gelegen sein soll. - -21. Weder die Unabhängigkeit beider, noch die nur scheinbare -Verschiedenheit eines der beiden Elemente des Wissens (Denken -und Sein) macht deren Uebereinstimmung mit und unter einander -möglich; als dritter Fall ist zu untersuchen, ob die Einerleiheit -beider dieselbe gestatte. Wenn Denken und Sein zwar der Art nach -unterschieden, aber weder, wie im Idealismus, nur das Denken, noch, -wie im Materialismus, nur das ausgedehnte (materielle) Sein ist, -sondern beide, wie der Spinozismus will, Seiten eines Dritten ihnen -gemeinsam zugrundeliegenden (der alleinen Substanz) sind, so sind -Denken und Sein dem Wesen nach substantiell identisch d. h. das -Denken ist dasselbe was das Sein, und dieses was jenes. Es findet -jedoch ebendeshalb zwischen beiden keine "Harmonie" (Uebereinstimmung) -statt, denn eine solche setzt Verschiedenheit der Uebereinstimmenden -(Gegensatz in der Einheit), nicht Einerleiheit der Aufeinanderbezogenen -(Einheit ohne Gegensatz) voraus. - -22. Weder Uebereinstimmung mit sich selbst (wie im Idealismus und -Materialismus), noch Identität (wie im Spinozismus) ist Harmonie; -Leibnitz ist nicht, wie Moses Mendelssohn behauptete, durch Spinoza -auf die Idee der prästabilirten Harmonie geführt worden. Jene ist -blos formale, diese ist keine Uebereinstimmung. Das materiale, in der -Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein bestehende Kriterium des -Wissens ist weder auf dem Standpunkt des (metaphysischen) Dualismus, -noch des (idealistischen oder materialistischen) Monismus, noch der -(pantheistischen oder atheistischen) Identitätslehre brauchbar. - -23. Dasselbe ist jedoch auch überhaupt unbrauchbar. Denn gesetzt, -es fände zwischen Denken und Sein wirklich und thatsächlich -Uebereinstimmung statt, so würde, um sich über dieselbe Gewissheit -zu verschaffen, eine Vergleichung zwischen dem Inhalt des Denkens -mit jenem des Seins erforderlich sein. Da nun, um letztere zu -bewerkstelligen, der Inhalt des Seins selbst gedacht, als gedachter -Inhalt aber selbst Gedanke (Denken) sein müsste, so würde in obiger -Vergleichung nicht, wie es verlangt ist, Denken mit Sein, sondern -Denken mit Denken (gedachtem Sein) verglichen, d. h. das Sein selbst -(als ungedachtes, Nichtdenken) bliebe unverglichen. Das materiale -Kriterium des Wissens, die Uebereinstimmung zwischen Denken und Sein -wäre unerkennbar. - -24. Dasselbe ist daher, logisch betrachtet, weder an sich noch für -uns möglich. Kann aber das Kriterium des Wissens nicht material in -der Uebereinstimmung des Denkinhalts mit dem Seinsinhalt gefunden, -so muss es ausschliesslich in ersterem (als formales) gesucht -werden. Die Entscheidung, ob ein Denken Wissen d. i. wahres Denken -sei, kann nur auf Grund der Beschaffenheit des Inhalts desselben, -rein als solcher betrachtet, gefällt werden. Dass damit der Bestand -eines von demselben unterschiedenen Sein weder verneint, noch, was -schon Aristoteles und Kant verboten, das Denken für das einzige Sein -erklärt werde, ist selbstverständlich. - -25. Mit der Behauptung, dass das Kriterium der Wahrheit des Denkinhalts -in diesem selbst enthalten sei, ist weder ausgesprochen, dass jeder -beliebige Inhalt des Denkens eo ipso als Denkinhalt wahr, wie der -Panlogismus, noch dass jeder Denkinhalt falsch sei, wie der absolute -Skepticismus behauptet. Ersterer, welchem das Denken mit dem Wissen, -das thatsächliche mit dem vernünftigen Denken in Eins zusammenfällt, -ist logischer Optimismus; der letztere, dem jegliches (wirkliche -und vernünftige, gleichviel) Denken als Denkillusion (Scheinwissen) -erscheint, ist logischer Pessimismus; beide insofern sie von einem -günstigen oder ungünstigen Vorurtheil bezüglich des Denkens als Wissens -ausgehen, sind unkritischer (positiver oder negativer) Dogmatismus. - -26. Dass wenigstens einige Denkinhalte falsch seien, folgt -nothwendigerweise daraus, weil es dergleichen gibt (a, non-a), die sich -untereinander selbst aufheben d. h. von denen der eine mit dem andern -im Denken unverträglich ist; dass es wenigstens einigen Denkinhalt -gibt, der wahr d. h. wenigstens einiges Denken, das Wissen ist, -folgt daraus, weil das Gegentheil dieser Behauptung, das Wissen, -dass es kein Wissen gebe, sich selbst aufhebt. Aufgabe der Logik -bleibt es nun, diejenigen Merkmale, durch welche derjenige Denkinhalt, -der Wissen (Erkenntniss), von demjenigen, der Scheinwissen (Irrthum) -ist, sich unterscheide, aufzustellen. - -27. An jedem Denkinhalt ohne Ausnahme lässt sich zweierlei -unterscheiden: die Art, wie er dem Denken, und das Was, welches in -demselben dem Denken gegeben ist. In ersterer Hinsicht unterscheiden -wir unwillkürliches (ohne, ja wider den Willen des Denkenden demselben -aufgezwungenes) und willkürliches (aus dem eigenen Wollen des Denkenden -entsprungenes) Gegebensein; im ersteren Sinne vermittelter Denkinhalt -kann (in engerer Bedeutung) gegebener, im letzteren Sinne entstandener -wird dann gemachter heissen. Im Hinblick auf das Was unterscheiden -wir verwandten und nicht verwandten, aber verträglichen Denkinhalt; -unter dem verwandten weiters ganz oder theilweise identischen und -unverträglichen (sich conträr oder contradictorisch ausschliessenden) -Denkinhalt. - -28. In Bezug auf das Wie des Gegebenseins gilt, dass der unwillkürlich -gegebene (also unabweisliche) Denkinhalt, desgleichen derjenige ist, -den wir als Thatsache zu bezeichnen pflegen -- was den Anspruch -betrifft, für Wissen zu gelten -- (alles Uebrige gleichgesetzt), -vor dem willkürlich gemachten den Vorzug hat. Ersterer kann als -nothwendige Bildung (Repräsentation), letzterer darf als Einbildung -(Imagination) bezeichnet werden. Dass daraus, dass ein gewisser -Denkinhalt unwillkürlich gegeben ist, zwar geschlossen werden dürfe, -die Entstehung desselben sei durch eine von dem Willen des Denkenden -verschiedene Ursache, keineswegs aber voreilig gefolgert werden dürfe, -sie sei durch eine von ihm gänzlich verschiedene, nicht nur ausserhalb -seines Intellects, sondern auch ausserhalb seines Leibes gelegene, -also durch eine sogenannte äussere Ursache erzeugt, braucht kaum -erst erwähnt zu werden. Ebensowenig, dass aus dem Umstand, dass die -Unwillkürlichkeit des Gegebenseins auf eine vom Willen des Denkenden -verschiedene Ursache zu schliessen erlaubt, keineswegs zu folgern -gestattet sei, dass diese selbst der Beschaffenheit jenes Denkinhalts -ähnlich beschaffen sein müsse, da sich, wie oben bemerkt, ohne -(unmögliche) Vergleichung des Denkinhalts mit dem jenseits desselben -gelegenen Seinsinhalt über das wechselseitige qualitative Verhältniss -beider nichts ausmachen lässt. - -29. Der Vorzug des gegebenen vor dem gemachten Denkinhalt wird desto -begründeter sein, je energischer, je häufiger und in je vollkommenerer -Anordnung derselbe gegeben ist. In ersterer Hinsicht wird unter -gleichen Verhältnissen der lebhaftere vor dem minder lebhaft, -der klare und deutliche vor dem dunkel, der dauerhafte und sich -behauptende vor dem augenblicklich und flüchtig gegebenen Denkinhalt -- -in zweiter Hinsicht der wiederholt vor dem nur einmal, der häufig vor -dem selten, der auch Anderen in gleicher Weise vor dem nur dem Einen -gegebenen Denkinhalt -- in dritter Hinsicht der in regelmässiger Folge -ursprünglich gegebene vor dem zerstreuten und sprunghaft gegebenen, -der in gleich regelmässiger Folge wiederkehrende vor dem in seiner -an sich regelmässigen Reihenfolge unregelmässig wiederkehrenden, -der auch in Andern in der nämlichen Anordnung wiederkehrende vor dem -bei jedem in anderer Reihenfolge gegebenen Denkinhalt in Bezug auf -den Anspruch, als Wissen gelten zu dürfen, den Vorrang haben. - -30. Das Was des Gegebenen macht dabei keinen Unterschied, -ebensowenig ob das ohne oder wider den Willen des Denkenden dem -Denken Aufgedrungene demselben durch einen von aussen (Sinnen-) oder -durch einen von innen kommenden (Bewusstseins-) Zwang aufgenöthigt -ist. Ersteres ist bei den Thatsachen der sogenannten äusseren, -dieses bei jenen der sogenannten inneren Erfahrung der Fall. Unter -die ersteren gehört, dass wir unter bestimmten Umständen keine anderen -als gewisse Sinnesempfindungen haben (Augenschein), zu den letzteren, -dass wir mit oder nach einander in das Bewusstsein eingetretene -Empfindungen unter einander verbinden müssen (Ideenassociation), -sowie dass wir Denkinhalte, die ein gewisses Verhältniss unter -einander haben, entweder (wenn sie gleich oder ähnlich sind) zugleich -denken müssen, oder (wenn sie entgegengesetzt sind), nicht zugleich -denken können (Denkgesetz der Identität und des Widerspruchs). Im -ersteren Fall wird der Zwang durch die Sinne, im zweiten und dritten -durch die Natur des Bewusstseins, und zwar der Zwang zur Verknüpfung -gleichzeitiger oder successiver Vorgänge durch die sogenannte "Enge des -Bewusstseins" -- dagegen der Zwang, gewisse Gedanken zugleich denken -zu müssen oder nicht zugleich denken zu können, durch deren Inhalt -(logischer oder Denkzwang) ausgeübt. In diesem Sinne sind nicht nur -die einzelnen Sinnesthatsachen, sondern ist die (im Sinne Kant's) -transcendentale Thatsache der Beschaffenheit unserer Sinnlichkeit und -sind nicht blos die einzelnen Bewusstseinsthatsachen, sondern ist die -(gleichfalls transcendentale) Thatsache unserer Bewusstseins- und -Denkorganisation (die thatsächlichen Naturgesetze des Bewusstseins, -die Denkgesetze) ein dem Denken unwillkürlich d. h. unabhängig vom -Willen des Denkenden Gegebenes (Zufälliges), so dass an sich auch -eine andere Organisation der Sinne wie des Bewusstseins d. h. ein -anders geartetes Erkenntnissvermögen (als gleichfalls transcendentale -Thatsache) sich denken liesse. - -31. Wie bei der Frage nach dem Gegebensein des Denkinhalts von dessen -Was, so wird bei jener nach dem Was des Denkinhalts von dessen -Gegebensein abgesehen. Da nun in Bezug auf den Umstand, dass sie -Denkinhalt sind, sämmtliche Denkinhalte einander gleichen, so lässt -sich daraus allein, dass ein gewisses Was Inhalt des Denkens ist, kein -Schluss auf dessen Wahrheit oder Falschheit machen. Die Betrachtung der -Besonderheit des Was der einzelnen Denkinhalte aber gehört nicht mehr -in die Logik, sondern in die besonderen Wissenschaften, deren Inhalt -sie ausmachen (z. B. der Begriff des Seienden in die Metaphysik, der -des Guten in die Ethik etc.). Dagegen lässt sich aus dem Verhältniss, -in welchem verschiedene Denkinhalte ihrem Was nach unter einander -stehen (z. B. aus dem Verhältniss ihrer Congruenz oder Incongruenz) -sehr wohl eine Folgerung machen, was, wenn der eine derselben als wahr -oder falsch angenommen oder erwiesen wird, mit dem anderen in Bezug -auf Wahrheit oder Falschheit vor sich gehen müsse. Die auf letzterem -Wege möglichen Folgerungen müssen aus einer vollständigen Aufzählung -der zwischen Denkinhalten ihrem Was nach möglichen Verhältnisse sich -vollständig ergeben. - -32. Da nun die einzelnen Denkinhalte ihrem Was nach unter einander -nur entweder verwandt oder nicht verwandt (disparat), die verwandten -aber nur entweder ganz oder theilweise identisch oder entgegengesetzt -sein können, so ergibt sich als Uebersicht der zwischen verschiedenen -Denkinhalten ihrem Was nach möglichen Verhältnisse folgendes Schema: -(ganze oder theilweise) Identität, Gegensatz, Disparatheit. - -33. Ganz oder theilweise identische Denkinhalte haben das -Eigenthümliche, dass sie einander bedingen, so dass, sobald der -eine (a oder a b) gedacht wird, ebendadurch auch der andere (a ist -a; a b ist a) ganz oder theilweise gedacht wird. Entgegengesetzte -Denkinhalte haben das Eigenthümliche, dass sie einander ausschliessen -d. h. dass entweder nur, wenn der eine gedacht wird, der andere nicht -gedacht werden kann (conträrer Gegensatz: a ist nicht b), oder so, -dass zugleich, wenn der eine nicht gedacht wird, der andere gedacht -werden muss (contradictorischer Gegensatz: wenn nicht a ist, so ist -non-a). Disparate Denkinhalte haben das Eigenthümliche, dass sie -einander im Denken weder bedingen noch ausschliessen, so dass, wenn -der eine gedacht wird, auch der andere gedacht werden kann, aber weder -der andere noch sein Gegentheil gedacht werden muss (z. B. diese Rose -ist roth -- sie könnte aber auch weiss sein). Ganz oder theilweise -identische, sowie disparate Denkinhalte sind daher unter einander -verträglich -- entgegengesetzte dagegen unverträglich. Zwischen ganz -oder theilweise identischen Denkinhalten findet für das Denken eine -vom Inhalt derselben ausgehende Nöthigung statt, vom Denken des einen -zu jenem des andern überzugehen. Bei entgegengesetzten Denkinhalten -findet für das Denken eine vom Inhalt derselben ausgehende Nöthigung -statt, vom Denken des einen zum Denken des Gegentheils des anderen -überzugehen. Bei disparaten Denkinhalten findet eine vom Inhalte -derselben ausgehende Nöthigung für das Denken von einem zum andern -überzugehen, überhaupt nicht statt, sondern wenn eine solche eintreten -soll, so muss sie durch etwas vom Inhalt derselben Verschiedenes, -also entweder durch eine äussere, vom Willen des Denkenden unabhängige -Ursache (z. B. den Augenschein) oder durch eine innere, vom Intellect -unabhängige Ursache (z. B. die Willkür des Denkenden) herbeigeführt -werden. Erstere heissen daher einhellig (consonirend), entgegengesetzte -misshellig (dissonirend), disparate blos einstimmig. - -34. Gänzlich identische Denkinhalte können, da es nach dem principium -identitatis indiscernibilium zwei mit einander völlig übereinkommende -Dinge überhaupt nicht geben kann, auch nicht zwei sondern müssen -nothwendig ein und derselbe d. h. als Denkinhalt einzig sein; solche -können daher auch kein Verhältniss unter einander haben. Dagegen kann -es sehr wohl Denkinhalte geben, welche, obgleich dem Was ihres Inhalts -nach nicht identisch, doch ihrem Umfang nach identisch sind; in welchem -Fall dieselben äquipollent heissen (z. B. Wechselbegriffe). Theilweise -identische Denkinhalte können entweder in der Weise identisch sein, -dass der eine ganz in dem andern, aber nicht umgekehrt dieser in jenem -enthalten ist, in welchem Fall derjenige, welcher den andern in sich -enthält, der übergeordnete, derjenige, welcher in dem andern enthalten -ist, der untergeordnete heisst; oder dieselben sind so beschaffen, -dass jeder ausser dem ihm mit dem anderen Gemeinsamen noch etwas -Besonderes enthält, so dass beide diesem Gemeinsamen untergeordnet, -unter einander aber beigeordnet sind. Im ersteren Fall ist der im -anderen enthaltene Denkinhalt unter diesem subsumirt, im zweiten -Falle jeder der beiden dem ihnen gemeinsamen subordinirt; von den -äquipollenten wird der eine dem anderen substituirt. - -35. Von unter einander subsumirten Denkinhalten gilt, dass wenn -der subsumirende Denkinhalt wahr oder falsch, auch der darunter -subsumirte entsprechend eines von beiden sei. Der subsumirende heisst -in Bezug auf den subsumirten der weitere, dieser dagegen der engere -Denkinhalt und es gilt der Satz, dass das von dem weiteren Behauptete -oder Ausgeschlossene ebendarum auch von dem engeren behauptet oder -ausgeschlossen, keineswegs aber das von dem engeren Behauptete und -Ausgeschlossene auch von dem weiteren behauptet und ausgeschlossen -sei. Durch die Fortsetzung dieses Verhältnisses, indem jeder einen -anderen subsumirende Denkinhalt seinerseits selbst wieder unter einen -anderen subsumirt erscheint, gelangt man zu Denkinhalten, welche die -weiteste -- durch die Fortsetzung desselben in umgekehrter Richtung, -indem jeder subsumirte Denkinhalt seinerseits einen anderen als unter -sich subsumirend erscheint, gelangt man zu Denkinhalten, welche die -engste Geltung besitzen. Jenes Verfahren selbst kann als Subsumtions-, -und zwar entweder als analytische (Generalisations-) Methode, welche -von -- dem Inhalt nach reicheren, aber dem Umfang nach engeren -- -Denkinhalt zu -- dem Inhalt nach ärmeren, aber dem Umfang nach weiteren --- Denkinhalt hinaufsteigt, oder als synthetische (Restrictions-) -Methode, wenn sie von -- dem Inhalt nach ärmeren, aber dem Umfange -nach weiteren -- Denkinhalt zu -- dem Inhalt nach reicheren, aber -dem Umfang nach engeren -- Denkinhalt hinabsteigt, bezeichnet werden. - -36. Von einander coordinirten (beigeordneten), einem gemeinsamen -dritten subordinirten Denkinhalten gilt, dass der Inhalt des -übergeordneten in dem Inhalt jedes der beiden oder mehreren -untergeordneten, aber nicht umgekehrt, enthalten und der Umfang -des übergeordneten der Summe der Umfänge sämmtlicher demselben -untergeordneten Denkinhalte congruent sein müsse. Der übergeordnete -Denkinhalt heisst in diesem Sinne der höhere, die demselben unter-, -zugleich aber unter sich einander beigeordneten Denkinhalte heissen -die niederen. Durch die Fortsetzung dieses Verhältnisses, indem der -subordinirende höhere Denkinhalt seinerseits einem höheren subordinirt -erscheint, gelangt man zum höchsten -- durch dessen Fortsetzung -in entgegengesetzter Richtung: indem die subordinirten niederen -Denkinhalte je wieder anderen als unter sich subordinirend erscheinen, -gelangt man zum niedersten Denkinhalt. Von dem höheren Denkinhalt gilt -der Satz, dass, was von demselben behauptet oder ausgeschlossen, auch -von dessen niederen behauptet oder ausgeschlossen, keineswegs zwar, -was von nur einem oder mehreren der niederen behauptet, auch von dem -höheren behauptet, wohl aber, dass dasjenige, was von sämmtlichen -niederen ausgeschlossen, auch von dem höheren ausgeschlossen sei. Das -Verfahren, das auf die Fortsetzung jenes Verhältnisses sich gründet, -heisst die Subordinations-, und zwar die Abstractions- (Inductions-) -Methode, wenn sie von niederen zu höheren Denkinhalten hinauf-, -die Determinations- (Deductions-) Methode, wenn sie von höheren zu -niederen Denkinhalten hinabsteigt. - -37. Von einander äquipollenten, substituirbaren Denkinhalten gilt, wenn -der eine wahr oder falsch, dass es auch der andere sei (z. B. was vom -gleichseitigen Dreieck gilt, gilt auch vom gleichwinkeligen). Durch -die Fortsetzung dieses Verhältnisses, so dass der einem andern -äquipollente Denkinhalt seinerseits einem dritten äquipollent ist, -entsteht die Substitutions-, wenn wir die sich gleichbleibende -Identität des Umfanges, oder die Transmutationsmethode, wenn wir -die von einem zum andern eintretende Aenderung des Inhalts im Auge -haben. Dieselbe findet ihre Verwendung zumeist in den mathematischen -Wissenschaften, in welchen z. B. [m-te Wurzel aus n-te Wurzel aus a] -= [(m × n)-te Wurzel aus a] gesetzt, also bei verändertem Inhalt -derselbe Umfang behalten wird. Während das Subsumtions- und -Subordinationsverfahren auf wahrer und vollständiger Identität beruht, -indem die Identität des Inhalts die des Umfangs nach sich zieht, beruht -das Substitutionsverfahren zwar auf wirklicher, aber unvollständiger -Identität, indem bei Einerleiheit des Umfangs Verschiedenheit des -Inhalts herrscht. Dasselbe bildet daher bereits den Uebergang von -dem Verhältniss der Identität zu jenem der Nichtidentität d. i. der -Disparatheit der Denkinhalte. - -38. Disparate Denkinhalte haben mit äquipollenten das gemein, dass -sie verschiedenen Inhalt, gehen aber dadurch über dieselben hinaus, -dass sie auch verschiedenen Umfang haben. Daraus folgt, dass während -bei den äquipollenten der Uebergang von einem zum andern zwar nicht, -wie bei den identischen, mittels des Inhalts, aber doch mittels des -beiderseitigen Umfanges, also immer noch durch reines Denken erfolgt --- bei den disparaten derselbe weder aus der Betrachtung des Inhalts, -noch aus jener des Umfangs, also auch nicht aus dem reinen Denken -geschöpft, sondern allein durch etwas von diesem Unterschiedenes, -z. B. durch eine Anschauung, welche beide Denkinhalte verbunden -aufweist, vermittelt werden kann. Während daher die Verknüpfung -zwischen identischen und äquipollenten Denkinhalten analytisch d. i. so -erfolgt, dass und weil der mit dem andern verknüpfte Denkinhalt, sei -es seinem Inhalt (wie bei den identischen), sei es seinem Umfange -nach (wie bei den äquipollenten) bereits in diesem enthalten ist, -erfolgt dieselbe bei disparaten Denkinhalten synthetisch d. i. so, -dass der eine zu dem andern als (ein dem Inhalt und Umfang nach) -völlig neuer hinzugefügt wird. Grund der Verbindung ist bei jenen ein -innerer, der so lange besteht, als Inhalt oder Umfang der mit einander -verknüpften Denkinhalte derselbe bleiben; Grund der Verbindung ist -bei diesen ein äusserer und die Verbindung besteht nur so lange, -als dieser Grund besteht. Verbindungen ersterer Art sind daher nicht -nur nothwendig, weil und so lange die Denkinhalte dieselben bleiben, -sondern auch allgemein, weil der Denkinhalt, von so Vielen und so oft -er gedacht werden mag, immer derselbe bleibt. Verbindungen letzterer -Art dagegen sind nicht nur zufällig, weil der Grund derselben -ein äusserer, sondern auch individuell oder höchstens particulär, -weil der äussere Grund derselben jederzeit nur für den einzelnen -Denkenden, und zwar in diesem bestimmten Fall, bestenfalls für -mehrere Denkende und mehrere Einzelfälle als der gleiche vorhanden -ist, keineswegs aber für alle Denkenden und ebensowenig in allen -Einzelfällen derselbe sein muss. Jene, zu welchen noch die später -zu betrachtenden, auf dem Verhältniss des Gegensatzes beruhenden -Trennungen und Verknüpfungen von Denkinhalten hinzukommen, können -mit dem für allgemeine und nothwendige Denkverbindungen seit Lambert -und Kant gebräuchlich gewordenen Ausdruck apriorische, letztere -(z. B. die durch sinnliche Anschauung herbeigeführten) Verbindungen -können, da dieselben nicht mit den Denkinhalten ursprünglich gegeben, -sondern zwischen denselben erst nachträglich (z. B. durch Erfahrung) -entstanden sind, aposteriorische genannt werden. - -39. Apriorische Denkverbindungen sind daher stets analytisch oder (wie -die mathematischen) äquipollent; synthetische dagegen weder sämmtlich -(wie der rationale Dogmatismus lehrte), noch wenigstens zum Theile (wie -der zum Kriticismus herabgedämpfte ursprünglich radicale Skepticismus -Kant's einräumte) apriorisch, sondern sämmtlich aposteriorisch. Das -(mathematische) Vorurtheil Kant's, welches darin bestand, dass er -sämmtliche mathematische Urtheile für synthetisch hielt, hat denselben -im Zusammenhang mit dessen unbegrenzter Verehrung für die Mathematik -als Wissenschaft dahin geführt, ihr zu Liebe, da die mathematischen -Sätze seiner Ansicht nach synthetisch waren und dennoch allgemein und -nothwendig wahr sein sollten, apriorische Synthesen zuzulassen und, -da dieselben durch Anschauung vermittelt sein mussten, durch sinnliche -Anschauung aber keine apriorische d. i. allgemeine und nothwendige -Verbindung hergestellt werden kann, gleichfalls ihr zu Liebe eine -besondere, psychologisch nicht nachweisbare Art von Anschauung, die -von ihm sogenannte "reine Anschauung", zu erfinden. Dieselbe sollte -einerseits, wie die sinnliche Wahrnehmung, Anschauung, andererseits, -wie die sinnliche Wahrnehmung nicht, allgemein und nothwendig -d. h. sie sollte a und non-a, Thesis und Antithesis zugleich (ein -logisches Wunder) sein; als thatsächliche Erscheinungen einer solchen -bezeichnete er die Vorstellungen des Raumes und der Zeit, die er -beide der Einzigkeit ihrer beziehungsweisen Gegenstände halber für -Anschauungen, und zwar der sinnlich unwahrnehmbaren Beschaffenheit -dieser wegen für "reine Anschauungen" erklärte. Die Anschauung des -Raumes legte er als vermittelnde den geometrischen, jene der Zeit -den arithmetischen Synthesen zu Grunde. - -40. Den Beweis für die synthetische Natur des mathematischen -Urtheils schöpft Kant aus dem Umstand, dass sowol das Prädicat -des arithmetischen Urtheils: 5 + 7 = 12, wie das des geometrischen -Urtheils: die Gerade ist die kürzeste zwischen zwei Punkten, etwas -vom Subjecte derselben Verschiedenes enthalte: das Prädicat 12 sei -nämlich weder mit 5, noch mit 7, das Prädicat "kürzeste Linie zwischen -zwei Punkten" nicht mit "die Gerade" identisch. Das Urtheil 5 + 7 = -12 sagt aber weder, dass 5, noch, dass 7 jedes für sich gleich 12, -sondern besagt, dass die Summe beider 5 + 7 = 12 sei d. h. dass die -Vorstellung (5 + 7) der Vorstellung 12 zwar nicht (dem Inhalt nach) -gleich sei, aber (dem Umfang nach) gleich gelte d. h. wie jeder -Mathematiker weiss, die eine für die andere substituirt werden -könne. Dasselbe ist bei dem geometrischen Urtheil der Fall; es ist -richtig, dass die Vorstellung "Gerade" nicht dem Inhalt nach eins -mit der Vorstellung "kürzeste Linie zwischen zwei Punkten" ist; -unrichtig aber ist, dass sie derselben nicht äquipollent d. h. dass -nicht jede Linie, die eine Gerade, auch die zwischen zwei Punkten -- -ihrem Anfangs- und Endpunkt -- gelegene kürzeste sei. Der Uebergang -vom Subject zum Prädicat wird daher wirklich in beiden Fällen nicht, -wie Kant meinte, synthetisch durch eine von aussen hinzutretende (weder -durch eine reine, noch, wie die heutige "inductive Mathematik" wähnt, -sinnliche) Anschauung, sondern ausschliesslich analytisch durch die -Betrachtung des Umfanges beider im reinen Denken vermittelt. - -41. Der Irrthum Kant's entsprang daher, dass er äquipollente -Urtheile nicht für identisch und folglich jedes seiner Ansicht nach -nicht (ganz oder theilweise) identische Urtheil für synthetisch -hielt. Mathematische Urtheile, in welchen Subject und Prädicat wie -bei den zu beiden Seiten des Gleichheitszeichens stehenden Ausdrücken -dem Worte nach verschieden lauten, dem Werthe nach ohne Schädigung -untereinander vertauscht werden können, galten ihm für apriorische -Synthesen, während sie, wie oben gezeigt, zwar apriorisch, aber -analytisch sind. Da ihm, wie er sich ausdrückte, sämmtliche analytische -Urtheile zwar richtig, aber nicht wichtig, die mathematischen dagegen -nicht nur richtig, sondern auch wichtig erschienen, so hätte er, -indem er die letzteren für analytische erklärte, dieselben in ihrer -wissenschaftlichen Würde herabzusetzen geglaubt; dieselben mussten -daher um jeden Preis von den analytischen getrennt bleiben. - -42. Die Unwichtigkeit analytischer Denkverbindungen hatte für Kant -darin ihren Grund, dass dieselben zu dem schon bekannten nichts neues -hinzufügten. Dieselbe bezog sich daher nicht sowohl auf die Haltbarkeit -der durch analytische Betrachtung vermittelten Verbindungen gewisser -Denkinhalte, als vielmehr auf den durch dieselben zu bewerkstelligenden -Erkenntnissfortschritt des Denkenden von Bekanntem zu Unbekanntem. Weil -in letzterer Hinsicht das analytische Urtheil in seinem Prädicat das -Subject nur ganz oder theilweise zu wiederholen schien, wurde dasselbe -von ihm im besten Falle als eine unnütze Tautologie, in allen anderen -Fällen als ein Herabsteigen von einer höheren auf eine niedere, bereits -überwundene Erkenntnissstufe angesehen. Regressives Subsumtions- und -inductives Subordinationsverfahren waren ihm zufolge nichts weiter -als Auslösen eines Theiles aus einem schon bekannten Inhalt, durch -welchen derselbe zwar "erläutert", unsere Erkenntniss selbst jedoch -keineswegs "erweitert" werde. Des Substitutions- als eines Verfahrens, -durch welches ein beständiges idem per idem erzeugt werde, hielt Kant -in seinem Bemühen um Ausdehnung der Grenzen der Erkenntniss es nicht -einmal der Mühe für werth, Erwähnung zu thun. - -43. Von diesem Standpunkt aus allerdings mit Recht, wenn es wahr -wäre, dass das Substitutions- d. i. das Verfahren, einen gegebenen -Denkinhalt durch einen demselben äquipollenten zu ersetzen d. h. den -gegebenen zu transmutiren, in der That für das Erkennen keinen -Fortschritt bedeutete. Während aber derjenige, der an der Stelle des -subsumirenden den jeweilig subsumirten oder an der Stelle des concreten -(subordinirten) nur den abstracten (subordinirenden) Denkinhalt -besitzt, in der That sozusagen "der Masse nach" weniger besitzt als er -vorher besass, und nichts, was er nicht schon vorher besass, besitzt -derjenige, der an der Stelle des ursprünglich gegebenen Denkinhalts -einen demselben äquipollenten, aber transmutirten Denkinhalt gewonnen -hat -- zwar "der Masse nach" (wenigstens was den Umfang betrifft) -nicht mehr, als er besass, er besitzt aber etwas, was er vorher -entschieden nicht besass, anstatt des ursprünglichen alten den durch -Transmutation an dessen Stelle getretenen neuen Denkinhalt. Dasselbe -stellt, zwar nicht dem Umfang, aber der Qualität des Gedachten nach, -wirklich eine Bereicherung des Denkenden dar. - -44. Subsumtions- und Subordinationsverfahren machen daher, wie Kant's -analytische Urtheile, in der That blosse Erläuterung, Substitutions- -und synthetisch-aposteriorisches d. i. empirisches Verfahren machen, -wie Kant's synthetische Urtheile, eine wirkliche Erweiterung unserer -Erkenntniss, und zwar das erstere mit allgemeiner und nothwendiger, -das letztere allerdings nur mit mehr oder weniger beschränkter -und mehr oder weniger zuverlässiger, auch im besten Fall nur -wahrscheinlicher, niemals ausnahmsloser (unbedingter) Giltigkeit -möglich. Erstere beiden eignen daher vorzüglich den deducirenden, -aus dem Allgemeinen das Besondere ableitenden und classificirenden, -das Allgemeine aus dem Besonderen abstrahlenden Wissenschaften, -während das Substitutionsverfahren in den rein mathematischen, das -empirische dagegen in den Erfahrungswissenschaften zu Hause ist. Die -erstgenannten gehen von einem bereits erreichten Erkenntnissvorrath an -Allgemeinem aus, um durch Analyse desselben das darin eingeschlossene -Besondere sich zum Bewusstsein zu bringen. Die zweitgenannten gehen -von einem bereits gewonnenen Erkenntnissvorrath an Besonderem aus, -um durch Ausscheidung des Abweichenden und Zusammenfassung des -Gemeinsamen das in demselben gleichsam schlummernde Allgemeine an's -Licht zu ziehen. Die Wissenschaften, welche, wie die Lehre von den -Gleichungen in der Mathematik und die Theorie von der Erhaltung -der Kraft und des Stoffes in der Physik und Physiologie den seinem -Werthe und Umfang nach sich gleichbleibenden Denk-, wie den seiner -Quantität und Qualität nach sich gleichbleibenden Stoffinhalt, in -stets neue Formen sich umgiessen lassen, suchen dadurch das im ewigen -Wechsel Beharrende und das im ewigen Beharren stets Fliessende zu -gewinnen. Die Erfahrungswissenschaften aber sind darauf aus, durch -natürliche und künstliche Beobachtung (Experiment) zwischen bis dahin -wenn nicht für unverknüpfbar gehaltenem, doch unverknüpft gebliebenem -Denkinhalt neue, bisher unerhörte Verbindungen in mehr oder weniger -weitreichender und dauerhafter Weise festzustellen. - -45. Letztere werden naturgemäss um desto mehr sich befestigen, je öfter -dieselben wiederholt worden; sei es, dass diese Wiederholung durch eine -unwillkürliche d. i. vom Willen des dieselben verknüpfenden Denkenden -unabhängige, also auch ohne ja wider denselben sich erneuernde, oder -eine willkürliche d. i. vom Willen des Denkenden entweder abhängige, -oder mit demselben identische, also auch mit und durch denselben -sich erneuernde Ursache verursacht sei. Dieselbe ist im ersteren -Fall eine gegebene, und so auch der Grund ihrer Erneuerung ein -gegebener; im letzteren Fall eine gemachte, und so auch der Grund -ihrer Erneuerung ein solcher. Im ersteren Fall wird die Verbindung -der disparaten Denkinhalte durch das Denken so lange bestehen und -so oft sich wiederholen, als die gegebene Ursache besteht und sich -erneuert, im letzteren Fall dagegen so lange und so häufig, als der -Wille, sie zu verbinden, im Denkenden entsteht und sich erneuert. In -beiden Fällen wird im Denkenden in Folge der zunehmenden Wiederholung -eine wachsende Disposition zur Verknüpfung jener an sich durch nichts -auf einander hinweisenden Denkinhalte zu Stande kommen. Dieselbe wird -jedoch im ersten Fall ihren Grund in einem Gegebenen (also Objectivem), -im letzteren Falle in einem Wollen (Subjectivem) haben, und daher dort -als (objective) Gewohnheit, die dem Denkenden von aussen angewöhnt -wird, hier als (subjective) Gewöhnung, zu welcher der Denkende sich -selbst verwöhnt hat, sich festsetzen. - -46. Denkverbindungen disparater Denkinhalte, die auf Gewohnheit -beruhen, gestatten darum einen Rückschluss auf jenen Grund, -dessen Folge dieselbe ist, als einen objectiven d. h. unabhängig -vom Willen des Denkenden bestehenden. Solche dagegen, welche nur -auf einer Verwöhnung des Denkenden beruhen, gestatten höchstens -einen Rückschluss auf die subjective Beschaffenheit des Willens des -Denkenden. Ungeachtet der Grund der Verbindung in beiden Fällen kein -logischer (aus dem Inhalt des zu Verbindenden entspringender Denk-), -sondern ein blos psychologischer Zwang ist, welcher in dem einen Fall -durch das Gegebensein des Objects auf den Willen, in dem andern Fall -von dem Willen auf das Gegebenwerden des Objects ausgeübt wird, so -ist der Grad wie der Grund der Festigkeit in jedem der beiden Fälle -ein verschiedener. Derselbe beruht im ersten Fall auf dem Natur- und -Fundamentalgesetz des Bewusstseins, durch welches dasselbe genöthigt -wird, zugleich oder nach einander Gegebenes, sei es (dem Inhalte nach) -Homogenes oder Heterogenes, unter einander dergestalt zu verknüpfen, -dass mit dem Einen das Andere gedacht oder nach dem Eintreten des Einen -das Eintreten des Anderen erwartet wird (Ideen-Associationsgesetz -der Coëxistenz und der Succession). Da die Wirksamkeit desselben -unabänderlich ist, so muss, sobald irgend etwas dem Denkenden als -zugleich oder nach einander Seiendes gegeben ist, das Denken des -Einen mit dem Andern, oder das Erwarten des Einen nach dem Andern -ebenso unabänderlich erfolgen, so dass selbst der Wille des Denkenden -demselben keinen Einhalt zu thun vermöchte. Diese Unabänderlichkeit des -psychischen Vorganges des Verbindens gewisser Denkinhalte in einem und -des Erwartens gewisser Denkinhalte nach einander im andern Falle lässt -in Folge einer (logisch zwar ungerechtfertigten, aber psychologisch -sehr erklärlichen) unwillkürlichen Erschleichung die Sachlage so -erscheinen, als ob die vom Denken notwendigerweise mit oder nach -einander verknüpften Denkinhalte an sich mit oder nach einander -nothwendigerweise verknüpft wären d. h. die Naturgesetzlichkeit -des Bewusstseinsvorganges (der Association nach Coëxistenz und -Succession) wird auf das Verknüpfte (Objective) selbst als dessen -naturgesetzliches Mit- oder Nacheinandersein übertragen. Da nun -beispielsweise Eigenschaften (Accidentien) nicht ohne Träger derselben -(Substanz) und Wirkungen nicht ohne vorangehende Ursachen gedacht -werden können, so liegt darin der Grund, warum Gegebenes, welches dem -Denkenden entweder mit oder nach einander gegeben wird, von diesem -als im Verhältniss -- wenn es zugleich gegeben ist -- der Inhärenz -d. i. des Accidens zur Substanz -- wenn es nach einander gegeben -ist -- der Causalität d. i. der Wirkung zur Ursache stehend gedacht -wird. Hume's Behauptung, dass das Causalgesetz aus der Gewohnheit -entspringe und daher nichts anderes als die -- durch das ursprünglich -beobachtete und zu wiederholtenmalen erneuerte Nacheinanderauftreten -gewisser Phänomene -- motivirte Erwartung des Wiedereintretens des -einen derselben sei, wenn das andere vorangegangen ist, hat daher -insofern, als dieselben untereinander völlig disparater Natur sind, -berechtigte Geltung. - -47. Dagegen beruht in dem Falle, als die Verbindung disparater -Denkinhalte nicht durch objectives (gleichzeitiges oder successives) -Gegebensein, sondern durch den Willen des Denkenden erfolgt, der -Grad und die Dauer ihrer Festigkeit lediglich auf der Energie und der -Dauerhaftigkeit dieses Willens. Da nun der letztere, insofern er durch -nichts von ihm Unabhängiges beeinflusst (motivirt), sondern lediglich -grundlos sich selbst bestimmend (transcendentalfrei, reine Willkür), -also im buchstäblichen Sinn des Wortes Eigenwille (Laune, Eigensinn) -ist, und als solcher ebenso grundlos vergeht als entsteht, also seiner -Natur nach veränderlich (wetterwendisch, launenhaft) ist, so können -auch die durch denselben allein herbeigeführten Denkverbindungen -nicht anders als veränderlich (Denklaunen, Capricen) sein, welche, -so scheinbare Festigkeit dieselben auch besitzen mögen, so lange -die sie festhaltende Willensmarotte Bestand hat, dieselbe nicht -blos in den Augen Anderer, sondern des Denkenden selbst nothwendig -sogleich einbüssen, sobald dessen Eigenwille eine andere Richtung -eingeschlagen hat. - -48. Auf der durch Gegebenes entstandenen (objectiven) Gewohnheit beruht -die unabweisliche (wirkliche), auf der durch Willkür herbeigeführten -(subjectiven) Gewöhnung beruht die angebliche (scheinbare) -Erfahrung. Jene beansprucht, weil die Naturgesetze des Bewusstseins -für alle bewusstseinsfähigen Wesen derselben Gattung dieselben -sind, sobald die Bedingungen des Gegebenseins für das Bewusstsein -(z. B. die Simultaneität oder Succession) die nämlichen bleiben, -auch für alle bewusstseinsfähigen Wesen derselben Gattung die gleiche -uneingeschränkte Geltung. Diese kann eine solche höchstens innerhalb -des Kreises der Herrschaft desjenigen Willens, auf welchem die -ursprüngliche Verknüpfung des Denkinhaltes und deren Bestand beruht, -über sich selbst und eventuell über den Willen anderer Denkenden, -welche dem seinigen gegenüber als Dienende (Autoritätsgläubige, -Willensknechte) sich verhalten, behaupten. Das Verfahren, nach welchem -allgemein giltige Erfahrung zu Stande kommt, kann daher allein als -erfahrungswissenschaftliche (empirische) Methode, dasjenige dagegen, -nach welchem nur individuell oder höchstens in beschränktem Kreise als -solche anerkannte d. i. Scheinerfahrung erreicht wird, muss als den -Schein erfahrungswissenschaftlicher Methode affectirender, an sich -unwissenschaftlicher Erfahrungstrug bezeichnet werden. Beispiele -der ersten liefern alle wirklichen Erfahrungswissenschaften; das -auffälligste Beispiel des letzteren bietet die auf angeblichen -uncontrolirbaren und nur innerhalb des Kreises gläubiger Jünger als -solche anerkannten Erfahrungen einzelner Auserwählter (z. B. Medien, -Geisterseher) -- angeblich unter genauer Beobachtung des methodischen -Verfahrens wirklicher Erfahrungswissenschaft -- aufgebaute -vermeintliche Erfahrungswissenschaft von der Geisterwelt (Spiritismus). - -49. Wie disparate Denkinhalte mit äquipollenten darin übereinkamen, -dass beiderseits die Denkinhalte ihrem Inhalt nach nicht identisch -waren, so unterscheiden sich dieselben von ihrem Inhalte nach -entgegengesetzten Denkinhalten dadurch, dass die ersteren ihrem -Umfange nach mit einander verträglich, die letzteren dagegen in Bezug -auf diesen unter einander unverträglich sind. Dieselben schliessen -einander entweder in der Weise aus, dass, was in den Umfang des einen, -nicht in den Umfang des andern fällt, in welchem Fall sie conträr, -oder in der Weise, dass zugleich dasjenige, was nicht in den Umfang -des einen, eo ipso in den Umfang des andern fällt, in welchem Fall sie -contradictorisch entgegengesetzt heissen. Sie können einander aber -auch in der Weise ausschliessen, dass, was in den Umfang des einen, -nicht in den Umfang des andern, was nicht in den Umfang des einen, -in den Umfang des andern fällt, die Umfänge beider aber zugleich den -Umfang eines dritten, beiden übergeordneten Denkinhaltes ausmachen, -in welchem Fall sie subconträr entgegengesetzt genannt werden. Von -conträr entgegengesetzten Denkinhalten gilt, dass, wenn der eine -wahr ist, der andere falsch, von contradictorisch entgegengesetzten -überdies, dass, wenn der eine falsch ist, der andere wahr sein muss; -von subconträr entgegengesetzten dagegen gilt, dass, weil beider -Umfänge in den Umfang eines dritten fallen und denselben erschöpfen, -dasjenige, was in dem Umfang des einen liegt, nicht in dem Umfang des -andern liegen kann (wie bei den conträren), aber auch, dass, was nicht -in dem Umfang des einen liegt, in dem Umfang des andern liegen muss -(wie bei den contradictorischen Gegensätzen), dass also, wo a ist, -nicht b, dagegen b ist, wo a nicht ist, und weiter, dass, wo das eine -von beiden, auch das beiden übergeordnete dritte ist, dass also beide -subconträr entgegengesetzte zugleich keines das andere und (in Bezug -auf das dritte als "ihre höhere Einheit") eins und dasselbe sind. Ist -der einem andern conträr entgegengesetzte Denkinhalt seinerseits einem -dritten conträr entgegengesetzt, so dass, wenn a wahr ist, b falsch -sein muss, so lässt sich aus der Wahrheit von a nicht schliessen, -dass nun auch der dem b conträr entgegengesetzte Denkinhalt c wahr -sein müsse, wol aber, dass derselbe wahr sein könne, indem aus der -Wahrheit von a zwar die Falschheit von b, aus der Falschheit von b aber -keineswegs die Wahrheit von c folgt. Lässt sich der einem Denkinhalt -a contradictorisch entgegengesetzte Denkinhalt non-a seinerseits -wieder in zwei contradictorisch entgegengesetzte Denkinhalte b und -non-b spalten, so gilt nicht nur, dass, wenn a wahr ist, sowol b als -non-a nothwendig falsch sein müsse, sondern auch, dass, wenn a falsch -ist, eines von beiden, b oder non-b nothwendig wahr sein muss. Von -subconträr entgegengesetzten Denkinhalten gilt, dass, sobald auch nur -einer von beiden wahr ist, ein dritter, der beiden übergeordnete, wahr -und daher, wenn dieser selbst einem vierten subconträr entgegengesetzt, -auch der ihm und diesem übergeordnete fünfte Denkinhalt wahr sei. Auf -die Fortsetzung des ersten Verhältnisses gründet sich das Verfahren, zu -einer Reihe conträrer Gegensätze zu gelangen, die alle zugleich wahr, -also copulativ verbunden werden können (z. B. die Farbenreihe). Auf -die Fortsetzung des zweiten Verhältnisses gründet sich das Verfahren, -durch Zerfällung des contradictorisch entgegengesetzten Gliedes in -weitere Gegensätze zu einer vollständigen Eintheilung zu gelangen, -deren Glieder untereinander disjunctiv getrennt werden können. Auf die -Fortsetzung des dritten Verhältnisses gründet sich das construirende -oder sogenannte dialektische Verfahren, mittels dessen mit Hilfe -stets neu eingeführter subconträrer Gegensätze zu immer neuen sich -übereinander aufthürmenden "höheren Einheiten" gelangt wird, deren -jede die vorhergehende (nach dem bekannten Hegel'schen Doppelsinn) -zugleich aufhebt und "aufhebt" (tollit et servat). - -50. Mit dem Verhältniss des Gegensatzes ist die Reihe derjenigen, -welche das "was" des Denkinhaltes angehen, erschöpft. Mit dem ersten, -auf das "wie" des Gegebenseins sich stützenden, der unwillkürlichen -Nöthigung, einen gewissen Denkinhalt zu denken, ergeben sich für -die Beurtheilung des Anspruches eines gewissen Denkens, für Wissen -gelten zu dürfen, im Ganzen fünf Gesichtspunkte, von denen der erste -quantitativ, die übrigen qualitativ heissen können, weil jener sich auf -das Quantum des Gegebenseins, diese sich auf das Quale des Gegebenen -beziehen, und an deren jeden sich entsprechende methodische Verfahren -zum Wissen zu gelangen anschliessen. - -51. Der erste derselben ist der Gesichtspunkt der -Denknothwendigkeit. Der unwillkürlich gegebene erscheint als der nicht -nicht zu denkende d. i. nothwendig zu denkende oder denknothwendige -Denkinhalt; und zwar in desto höherem Grade, je besser die -Unwillkürlichkeit seines Gegebenseins d. i. dessen Gegebensein ohne, -ja wider den Willen des Denkenden bezeugt ist. Letzteres ist aber in -desto höherem Grade der Fall: 1. je unwiderstehlicher derselbe sich -aufdrängt und gegen alle mit Wissen und Willen angestellten Versuche, -sich desselben zu erwehren, behauptet. In diesem Sinne gilt der Satz: -facta loquuntur, und dass es nichts fruchte, gegen "Thatsachen" die -Augen zu verschliessen; denn da die Ursache dieses ohne, ja wider -Willen Gegebenseins nicht im Willen des Denkenden liegen soll, so -kann dieselbe nur entweder in einem von diesem Willen Verschiedenen -gelegen, oder das Gegebene müsste ohne Ursache (grundlos) gegeben -sein. Letzteres ist um so unwahrscheinlicher, als der sogenannte Satz -vom zureichenden Grunde (principium rationis sufficientis), welcher -besagt, dass nichts ohne Grund erfolge, selbst wahrscheinlicher ist; -denn auch dieser ist, als Denkinhalt betrachtet, kein willkürlich -gemachter (erfundener), sondern selbst ein unwillkürlich gegebener -(evidenter), dessen das Denken sich nicht zu erwehren vermag und -der bei jedem sich bietenden Anlass sich wieder -- und was das -Gewicht seines Gegebenseins verstärkt, Jedermann in gleicher Weise -aufdrängt. Je unwahrscheinlicher es aber ist, dass das Gegebensein -eines gewissen Denkinhalts ein blosser Zufall sei, desto mehr steigert -sich dieselbe, wenn und in dem Masse, als derselbe Denkinhalt in -zahlreicheren Fällen mit gleicher Unabweislichkeit wiederkehrt, und -damit die Wahrscheinlichkeit, dass die Ursache seines Gegebenseins -wie seiner Wiederholung in einer äusseren, und zwar beharrenden -(objectiven, nicht subjectiven) Ursache, z. B. die sich aufdrängende -Empfindung der rothen Farbe nicht in einer subjectiven Affection des -Gesichtsorganes (Rothsehen), sondern in einem objectiven, von aussen -kommenden Reize desselben ihren Grund habe. - -52. Die Unwillkürlichkeit des Gegebenseins wird aber 2. in noch -höherem Grade bestätigt, wenn es sich zeigt, dass dieser beharrende -und objective Grund nicht blos für den einzelnen Denkenden, sondern -für alle Seinesgleichen in gleicher Weise besteht. Dies aber ist der -Fall, wenn die Persönlichkeit des Denkenden als veränderlich angenommen -und innerhalb derselben Gattung denkender Wesen jede beliebige andere -Persönlichkeit an dessen Stelle gesetzt, der Erfolg ceteris paribus -immer derselbe bleibt d. h. der dem Einzelnen als unwillkürlich -gegeben erscheinende Denkinhalt auch jedem Anderen mit gleicher -Unwiderstehlichkeit als ein solcher sich aufnöthigt, z. B. dieselbe dem -Wahrnehmenden als Empfindung sich aufdrängende Gesichtsvorstellung auch -von jedem Anderen an seiner Statt als solche empfunden wird. Ist es -nämlich an sich schon höchst unwahrscheinlich, dass das unwillkürlich -scheinende Gegebensein bei dem einen Denkenden blosser Zufall sei, -so ist es noch unverhältnissmässig unwahrscheinlicher, dass derselbe -Zufall sich bei jedem beliebigen an dessen Stelle tretenden Anderen -wiederholen werde. - -53. Der höchste Grad der Bestätigung der Unwillkürlichkeit des -Gegebenseins aber wird dann erreicht, wenn 3. derselbe Denkinhalt, -der sich dem Einzelnen einmal oder zu wiederholtenmalen, ferner -jedem Anderen an dessen Statt in gleicher Weise sich aufgenöthigt -hat, von jedem Anderen nicht nur einmal, sondern in jedem beliebigen -wiederkehrenden Fall als solcher erfahren wird d. h. wenn derselbe -Denkinhalt für Jedermann und unter beliebig veränderten Umständen -stets mit gleicher Unabweislichkeit als unwillkürlich gegeben -empfunden wird. Das sich auf diese Thatsache gründende Verfahren kann -als Constatirungs- oder mit Rücksicht auf die demselben zu Grunde -liegende Zählung der Fälle, in welchen die Thatsache des unwillkürlich -Gegebenseins beobachtet worden ist, als das statistische Verfahren -bezeichnet werden. Durch die Fortsetzung desselben gelangt man mit der -Zunahme der Zahl der Bestätigungen zu einem immer wachsenden Grade von -Wahrscheinlichkeit, welche, wenn die Zahl der erfahrenen Bestätigungen -jener der an sich möglichen Wiederholungen gleicht, zur völligen, wenn -sie derselben sich nähert, ohne einen einzigen Fall des Gegentheils -(negative Instanz) erlitten zu haben, zur moralischen Gewissheit wird. - -54. Der Grad dieser Wahrscheinlichkeit lässt sich, jedoch nur in -dem Fall, wenn die Zahl der an sich möglichen Fälle bekannt ist, der -Rechnung unterwerfen. Derselbe wird durch einen Bruch ausgedrückt, -dessen Nenner die Zahl der überhaupt möglichen (m + n), dessen -Zähler die Anzahl der beobachteten einander bestätigenden Fälle -(m) ausdrückt. Erreicht die Anzahl der beobachteten die der an sich -möglichen Fälle, so wird der Bruch m/(m + n) = (m + n)/(m + n) = 1 -und die Wahrscheinlichkeit verwandelt sich in Gewissheit. Erreicht sie -dagegen nur die Hälfte der Zahl der an sich möglichen Fälle, so dass m -= n ist, so wird der Bruch m/(m + n) = 1/2 und die Wahrscheinlichkeit -verwandelt sich in halbe Gewissheit d. i. Zweifel. Geht die Zahl -der beobachteten über die Hälfte der an sich möglichen Fälle hinaus, -oder bleibt sie hinter derselben zurück, so wird der Bruch m/(m + n) -im ersten Fall > 1/2, im zweiten Fall < 1/2 d. h. es tritt in jenem -Fall Wahrscheinlichkeit, in diesem Unwahrscheinlichkeit ein. - -55. Der äussere Grund des unwillkürlich Gegebenseins kann, da er -nicht im Willen des Denkenden liegt, nur entweder trotzdem im -Denkenden selbst, und zwar entweder in dessen psychischer oder -somatischer Beschaffenheit, oder ausserhalb desselben in der -sogenannten Aussenwelt gelegen sein. Im letzteren Falle heisst -das unwillkürlich Gegebene eine äussere, in beiden anderen Fällen -dürfte es mit Rücksicht auf die innerhalb des Denkenden zu suchende -Ortslage der Ursache eine innere Thatsache heissen; gewöhnlich wird -aber nur die in der psychischen Beschaffenheit des Denkenden (in -dessen Intellect oder Gefühlsleben) gelegene Ursache als eine innere -bezeichnet; die in der somatischen Natur des Denkenden (z. B. in der -anormalen Natur seiner Sinnesorgane) gelegene pflegt zu den äusseren -Ursachen gerechnet zu werden. Innere Thatsachen werden daher nur -solche genannt, welche Bewusstseinsthatsachen, sei es des Intellects, -sei es des Gefühlslebens, sind, während alle übrigen, ihr Grund mag -innerhalb oder ausserhalb der somatischen Natur des Denkenden liegen, -äussere Thatsachen heissen; erstere bilden die Grundlage der inneren, -letztere die Basis der äusseren Erfahrung. - -56. Zu den inneren Thatsachen, und zwar des Intellects, gehören -unwiderstehlich sich aufdrängende und deshalb von gewissen Denkern als -"angeboren" bezeichnete Begriffe und Urtheile (wenn es dergleichen -gibt); zu den inneren Thatsachen des Gefühlslebens die unwiderstehlich -sich aufdrängenden Aussprüche der Mahnung und Abmahnung, die von -gewissen Denkern auf die Quelle einer unfehlbaren inneren Stimme (des -moralischen oder ästhetischen Gefühls; das daimonion des Sokrates, der -"deus in nobis") zurückgeführt worden sind (wenn es eine dergleichen -gibt); alle übrigen Thatsachen, die ihren Grund in einer inner- -oder ausserhalb des Leibes des Denkenden gelegenen Ursache haben, -gehören im weiteren, diejenigen, welche ihren Grund in einer vom -Leibe verschiedenen Ursache haben, wie die sogenannten "objectiven" -Sinnesempfindungen, deren Grund "objective" d. h. von aussen kommende -Sinnesreize sind, im engeren Sinne der äusseren Erfahrung an. - -57. Zur Constatirung, dass ein gewisser Denkinhalt Thatsache -des Intellects d. h. unabweislich sei, sowie, dass ein solcher -Thatsache des Gefühlslebens d. h. als Gefühl unwiderstehlich sei, -gibt es demnach keinen von dem zur Constatirung, dass ein gewisser -Denk- (z. B. Empfindungs-) Inhalt Thatsache der Erfahrung sei -d. h. unvermeidlich empfunden werde, einzuschlagenden verschiedenen -Weg. In jedem der genannten Fälle muss der Versuch, denselben mit -Wissen und Willen nicht zu denken so oft und unter so vielfach -wiederholten Umständen und von so Vielen wiederholt werden, bis -sich die Aussichtslosigkeit, sich desselben erwehren zu können, zur -moralischen Gewissheit erhoben hat. Denkinhalte, welche diese Probe -bestanden haben, können als evidente d. i. einleuchtende, wenn auch -weiter durch nichts begründungsfähige d. h. als unwiderlegliche, -sei es Bewusstseins-, sei es Sinnesthatsachen, gelten. - -58. Bei den Intellects- und Gefühlsthatsachen, wie bei den -Sinnesthatsachen bleibt dabei die von Moment zu Moment veränderliche -Individualität des einzelnen, wie die von Individuum zu Individuum -abweichende Individualität der mehreren Denkenden zu überwinden. Weder -ist der Einzelne in verschiedenen Momenten seines Daseins sich selbst, -noch sind die Einzelnen sich untereinander gleich. Der Intellect -wird zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen eben überwiegenden -Vorstellungskreisen, das Gemüth von eben vorhandenen Stimmungen -beherrscht, welche dem gegebenen Denkinhalt ihre d. h. eine momentane -oder temporäre subjective Färbung ertheilen. Das äussere Sinnesorgan -des Beobachtenden unterliegt von Fall zu Fall oder von Beobachter zu -Beobachter individuellen, sei es augenblicklichen, sei es habituell -gewordenen Störungen, welche (wie z. B. die Farbenblindheit, die -Kurz- oder Weitsichtigkeit) dem gegebenen Inhalt der Beobachtung -eine sei es augenblickliche, sei es dauernde subjective Entstellung -(z. B. Farbenfälschung, Entfernungsfälschung) aufprägen. Letztere -Gefahr hat bei astronomischen Observationen zur Aufstellung der -sogenannten Bessel'schen Augengleichung geführt, durch welche der -habituelle Beobachtungsfehler jedes Beobachters ein- für allemal -eruirt und sodann, wie der habituelle Gangfehler einer Uhr durch -die sogenannte Zeitgleichung, bei jeder von demselben angestellten -Beobachtung dieselbe corrigirend ebenso in Anschlag gebracht wird, wie -durch Kenntniss der täglichen Acceleration oder Retardation des Pendels -auch mittels einer fehlerhaften Uhr richtige Zeitbestimmungen erreicht -werden können. Wie hier von der individuellen Natur des Beobachters, -so muss bei Beurtheilung desjenigen, was als Bewusstseins-, sei es -Intellects- oder Gefühlsthatsache, gelten soll, von der individuellen -Natur wie der augenblicklichen Gemüthsstimmung abgesehen d. h. das -Urtheil, dass ein gewisser Denkinhalt unwillkürlich gegeben sei, -muss, um mit Kant zu reden, "mit Vermeidung aller Privatgefühle" -gefällt werden. - -59. Der auf diesem Wege als denknothwendig nachgewiesene -Denkinhalt gilt dem Denken als wahrer Denkinhalt. Die Idee -der Denknothwendigkeit ist die erste logische d. h. die erste -derjenigen Ideen, von welchen das Denken in seinem Streben, Wissen -zu werden, sich leiten lässt. Da dieselbe auf dem Nachweise des -unwillkürlich Gegebenseins des Denkinhalts, dieser Nachweis selbst -aber auf einem Constatirungsverfahren beruht, dessen äusserste -Grenze die zwar dem Bedürfniss genügende, aber die Sache selbst -niemals erschöpfende moralische Gewissheit bildet, so folgt aus dem -Erweise, dass ein gewisser Denkinhalt denknothwendig, allerdings -nicht mit Nothwendigkeit, dass derselbe wahr sei, aber es folgt mit -Nothwendigkeit, dass derselbe dem Denkenden wahr scheine. - -60. Die zweite logische Idee, die wie die folgenden auf dem Was des -Denkinhalts, statt wie die erste auf dessen Wie, und zwar auf dem -Verhältniss der einseitigen oder gegenseitigen Inhaltsidentität -zweier Denkinhalte ruht, ist die der Analyse d. i. der Versuch, -durch Auflösung des Inhalts in seine näheren und entfernteren -Bestandteile zu einem Urtheil über dessen Wahrheit oder Falschheit zu -gelangen. Dieselbe tritt, wie oben angeführt, wenn die Inhaltsidentität -einseitig ist, als Subsumtion, wenn sie gegenseitig ist, als -Subordination des einen unter den andern Denkinhalt auf, an welche die -betreffenden Verfahrungsweisen, und zwar an die erstere die analytische -(regressive) und synthetische (progressive), an die letztere die -Abstractions- und die Determinationsmethode sich anschliessen. - -61. Die dritte logische Idee, die auf der Identität des Umfangs -(Aequipollenz) beruht, ist die Gleichgeltung d. i. der Versuch, durch -Substituirung eines dem Gegebenen gleichgeltenden Denkinhalts zu einem, -wenigstens dem Inhalte nach von dem ersten verschiedenen, neuen auf -einem Wege zu gelangen, auf welchem die Wahrheit oder Falschheit des -letzteren aus jener des gegebenen sich folgern lässt. Auf dieselbe -gründet sich das, wenn man die Identität des Umfangs im Auge hat, -Substitutionsmethode, wenn man die Verschiedenheit des Inhalts in -Betracht zieht, Transmutationsmethode genannte Verfahren, in welchem -die Wahrheit des ursprünglich gegebenen Denkinhalts durch allen nicht -blos scheinbaren, sondern wirklichen Wechsel des Inhalts hindurch -und trotz desselben sich forterhält. - -62. Die vierte logische Idee ist die der Synthese d. i. die Verknüpfung -disparater Denkinhalte in Folge eines nicht aus der Betrachtung des -Inhalts desselben abgeleiteten, diesem fremden, aber zur Begründung -jener zureichenden Grundes. Je nachdem derselbe entweder eine äussere -(Sinnes-, aposteriorische) oder (wie bei Kant's mathematischen -Urtheilen) eine reine (Intellectual-, apriorische) Anschauung ist, -ist die Synthesis selbst entweder empirisch (zufällig, particulär), -welche blosse Wahrscheinlichkeit, oder apriorisch (allgemein, -nothwendig), welche (wenn es deren überhaupt gibt) ausnahmslose -Gewissheit gewährt. Auf dieselbe gründet sich das empirisch- (wenn -die Synthese eine empirische) oder apriorisch- (wenn die Synthese -eine reine ist) synthetische Verfahren, welches im ersten Falle -zu empirischen (mehr oder weniger wahrscheinlichen), dagegen im -letzteren Falle zu apriorischen (mit dem Anspruch auf Allgemeinheit -und Nothwendigkeit ausgesprochenen) Ergebnissen führt. - -63. Die fünfte logische Idee ist die der Ausschliessung, welche auf -dem Verhältniss des Gegensatzes, und zwar als Widerstreit auf dem des -conträren, als Widerspruch auf dem des contradictorischen, dagegen als -sogenannte "Einheit der Gegensätze" (Synthese des Ausgeschlossenen) auf -dem des subconträren Gegensatzes beruht. Während die ersten beiden blos -trennend (disjunctiv), verhält sich der letzte zugleich verbindend -(copulativ). An jene schliesst sich ein negatives, Denkinhalte -scheidendes, an dieses ein affirmatives, Geschiedenes wieder -vereinigendes Verfahren an, daher jenes vorzugsweise als die Methode -des scharfsinnigen, verborgene Unterschiede des Aehnlichen streng -sondernden Verstandes, dieses als die einer tiefsinnigen, verborgene -Aehnlichkeit des Geschiedenen aufspürenden, Entgegengesetztes als -Eins schauenden (speculativen) Vernunft angesehen wird. - -64. Keine der fünf angeführten logischen Ideen ist der Schlüssel zum -ganzen Wahren, aber jede derselben ist ein Schlüssel zu Wahrem. Weder -dasjenige Verfahren im Denken, welches sich ausschliesslich auf das -unwillkürliche Gegebensein (Positivität) des Denkinhalts stützt und -daher Positivismus oder, weil das Gegebene als Thatsache gilt, auf -Thatsachen gegründetes Denken d. i. Empirismus heisst, noch das ebenso -ausschliesslich auf das Was des Denkinhalts (Rationalität) gegründete -Verfahren, welches auf die Beziehungen (rationes) der Denkinhalte -zu und unter einander sich stützt und deshalb Rationalismus heisst, -erschöpft die Totalität des dem Denken zugänglichen Erkenntnissgehalts; -beide sind, indem der Positivismus des rationalen Verfahrens bedarf, -um von den gegebenen Thatsachen aus, der Rationalismus der positiven -Grundlage bedarf, um von derselben aus weiter fortzuschreiten, dazu -bestimmt, einander gegenseitig zu ergänzen. - -65. Der Positivismus oder das lediglich von Thatsachen ausgehende -Denken ist, je nachdem diese letzteren innere oder äussere -(Bewusstseins- oder Sinnesthatsachen), die ersteren entweder Thatsachen -des Intellects, oder des Gefühls, oder des Willens, die letzteren -entweder durch krankhafte von innen kommende oder durch normale -von aussen kommende Sinnesreize erzeugte Sinnesthatsachen, blosse -Hallucinationen (visiones) oder Wahrnehmungen des äusseren Sinnes -(visus et auditus) sind, nach der Reihe entweder intellectualer -(wie der auf angeborne Ideen sich berufende Cartesianismus) oder -sensualer (wie die Gefühlsphilosophie Jacobi's, die schottische -Moral- und sogenannte Philosophie des gesunden Menschenverstandes), -oder theletischer (wie die Willensphilosophie Schopenhauer's), -oder visionärer (wie Swedenborg's Mysticismus und Spiritismus), oder -sensualistischer Positivismus (wie die philosophie positive Comte's, -welche seit Diesem im engeren und eminenten Sinne diesen Namen -führt). Nimmt derselbe hierbei seinen Ausgangspunkt lediglich von -den Thatsachen der, sei es inneren, sei es äusseren Erfahrung, so ist -er gemeiner, unkritischer Positivismus (Dogmatismus); betrachtet er -dagegen die Erfahrung selbst (sei es die innere, sei es die äussere) -als Thatsache, neben und ausser welcher noch andere thatsächliche -Erfahrungen (aussermenschliche oder übermenschliche) möglich sind, -so ist er transcendentaler, kritischer Positivismus (Kriticismus). - -66. Der Rationalismus oder das lediglich auf die ein- oder -gegenseitigen Beziehungen (rationes) des Denkinhalts sich stützende -Denkverfahren ist entweder analytischer, wenn er lediglich durch -die logischen Ideen der Analyse, der Gleichgeltung und der conträren -oder contradictorischen Ausschliessung, dagegen synthetischer, wenn -er überdies durch jene der Synthese sich leiten lässt. Letzterer -heisst empirischer, wenn die Synthese ausschliesslich aposteriorisch, -dagegen reiner, wenn dieselbe (wie etwa in Kant's mathematischen -Urtheilen) apriorisch verstanden wird. Tritt zu den logischen Ideen des -empirischen Rationalismus jene des Widerstreits und des Widerspruchs -in der Weise gesetzgebend hinzu, dass, was durch empirische Synthese -gegeben ist, trotzdem ohne Umbildung (Berichtigung oder Ergänzung) -nicht behalten werden darf, sobald es Widersprüche einschliesst, so -geht derselbe in rationalen Empirismus über, während er im Gegenfall -empirischer Irrationalismus (Empiristik) wird. Tritt zu den logischen -Ideen, welche den reinen Rationalismus leiten, jene der "Einheit der -Gegensätze" in der Weise hinzu, dass das durch den Verstand Getrennte -(Reflexions- oder Verstandesphilosophie) in einer "höheren" Vernunft- -(intellectualen) Anschauung wieder als Eins geschaut wird, so geht der -reine in speculativen Rationalismus (rationale Dialektik, speculative -oder Vernunftphilosophie) über. - -67. Wenn die logischen Ideen als Vorbilder des Denkens dasselbe zum -Wissen (Erkenntniss), so führen die Gegentheile derselben dasselbe zum -Nicht- oder Scheinwissen (Irrthum). Gegentheil der Denknothwendigkeit -ist die Denkzufälligkeit, des unwillkürlich Gegeben- das willkürlich -Gemachtsein des Denkinhalts, in Folge dessen derselbe im Gegensatz -zum erfahrenen (Erlebniss) als erfundener (Fiction) erscheint. Das -Gegentheil der Analyse d. i. der Zerlegung des Denkinhalts in seine -Bestandtheile, wodurch derselbe deutlich wird, ist die Confusion -d. i. die Vermengung der verschiedenen Bestandtheile des Denkinhalts, -wodurch derselbe verworren und dunkel wird. Das Gegentheil der Gleich- -ist die Ungleichgeltung des Denkinhalts, wodurch beliebige Denkinhalte, -welche nichts weder dem Inhalt noch dem Umfang nach mit einander gemein -haben, für einander gesetzt werden. Das Gegentheil der berechtigten -oder doch für berechtigt gehaltenen, sei es auf wirklicher Gewöhnung -beruhenden empirischen oder auf, wenn auch blos vermeintlicher, -reiner Anschauung beruhenden apriorischen Synthese bildet die, sei -es in einem, sei es im andern Sinn unberechtigte, entweder, statt auf -wirklicher Gewöhnung, auf blosser Angewöhnung oder Verwöhnung beruhende -empirische, oder nicht einmal auf vermeintlicher, sondern willkürlich -behaupteter (stat pro ratione voluntas) reiner Anschauung beruhende, -fälschlich für apriorisch ausgegebene Synthese. Das Gegentheil der -Idee der Ausschliessung bildet die Duldung der Gegensätze, und zwar -nicht blos des conträren und contradictorischen, sondern auch die -des subconträren, welche letztere sich durch die Annahme der "Einheit -der Gegensätze" von blosser Toleranz bis zur durch die logische Idee -der Ausschliessung verbotenen positiven Anerkennung des Widerspruchs -steigert und in diesem die Wahrheit findet. Wie die logischen Ideen -als Schlüssel zum Wahren, kann jedes dieser ihrer Afterbilder als -ein solcher zum Falschen dienen. - -68. Wie die Summe der logischen Ideen zusammengenommen das Muster -darstellt, dem das Wahre, so stellt die Summe der Gegentheile derselben -das Schema dar, welchem ganz oder theilweise das Unwahre gleichen -muss. Mit der Aufstellung beider, des Einen zur Nachahmung, des Andern -zur Abschreckung für jedes Denken, das Wissen (Erkenntniss) werden -will, ist das Geschäft der Logik als allgemeiner Wissenschaft von -den normalen und anormalen Formen des Denkens (Denknormen) vollendet. - - - - - - - - -ZWEITES CAPITEL. - -DIE ÄSTHETISCHEN IDEEN. - - -69. Wie die logischen Ideen die (formalen) Normen enthalten, -unter welchen beliebiger Denkinhalt zum wahren d. i. zum unbedingt -d. h. von Jedermann und allezeit als solcher anerkannten Denkinhalt -wird, so stellen die ästhetischen Ideen die Bedingungen dar, -unter welchen beliebiger Vorstellungsinhalt zu schönem d. i. zum -unbedingt d. h. von Jedermann und allezeit als solches anerkanntem -Wohlgefälligen wird. Während dagegen die logischen Ideen auf ein -jenseits des Denkinhalts Gelegenes d. i. auf ein Object hinweisen, -auf welches derselbe bezogen wird, weisen die ästhetischen von dem dem -Denkenden vorschwebenden Vorstellungsinhalte auf diesen als das Subject -zurück, von welchem derselbe sei es mit Beifall oder mit Missfallen -aufgenommen wird. Jenen, die auf ein Gewusstes d. h. einen dem Sein -entsprechenden Denkinhalt ausgehen, ist es daher keineswegs, diesen -dagegen, die blos auf ein Wohlgefälliges d. h. einen dem Denkenden -genehmen Vorstellungsinhalt aus sind, aber völlig gleichgiltig, ob -ein diesem Denk- oder Vorstellungsinhalt entsprechender Gegenstand -jenseits oder nebst demselben thatsächlich vorhanden sei. - -70. Der Unterschied beider Auffassungsweisen lässt sich durch das -Verhältniss des Denkers und des Dichters zu ihren beiderseitigen -Stoffen erläutern. Der Denker, er sei nun Philosoph oder Empiriker, hat -ein Interesse daran, dass der Inhalt seiner, sei es philosophischen, -sei es für Erfahrung gehaltenen Gedanken mit dem Inhalt, sei es der -philosophischen, sei es der Erfahrungs- (naturgeschichtlichen oder -historischen) Wahrheit sich decke, z. B. dass der Held seiner Gedanken -dem Helden der Geschichte congruent sei. Der Dichter, er sei nun ein -solcher in Farben, Tönen oder Worten, hat nur ein Interesse daran, -dass der Inhalt seiner Vorstellungs- (Farben-, Ton- oder poetischen) -Welt wohlgefällig d. h. seiner eigenen, sowie den Anforderungen seiner -Zuschauer-, Zuhörer- oder Lesewelt an ein ästhetisches Kunstwerk -angemessen sei. Der Held seiner Tragödie braucht darum keineswegs -mit dem (wenn auch gleichnamigen) Helden der Geschichte sich zu -decken. Jener nimmt als Historiker an Richard III., Egmont, Wallenstein -ein historisches, dieser als Dramatiker an denselben Persönlichkeiten -nur ein dramatisches (ästhetisches) Interesse. Ersterem kommt es darauf -an, seinen Helden zu schildern, wie er wirklich war, aus keinem anderen -Grunde, als weil er so war; dieser begnügt sich denselben darzustellen, -wie er seiner Charakteranlage nach nicht nur hätte sein können, sondern -bei ungehemmter Entfaltung derselben unter den gegebenen Verhältnissen -hätte sein müssen, aus keinem anderen Grunde, als weil die wirkliche -Entfaltung eines Charakters nur die naturgesetzlich-nothwendige Folge -seiner ursprünglichen psychischen Naturell- und Temperamentsanlage -sein kann. - -71. Verglichen mit dem wissenschaftlichen (theoretischen) Interesse -an der Wahrheit und Wirklichkeit des Gedachten ist das ästhetische -an der blossen Wohlgefälligkeit und Möglichkeit des Vorgestellten -streng genommen kein Interesse. Der Poet oder überhaupt der Künstler -scheint dem Forscher und Gelehrten interesselos, gleichgiltig, -wie seinerseits wieder dieser gegen die künstlerische Abrundung und -innere Geschlossenheit eines dem Reiche des blossen Scheins angehörigen -Phantasiebildes kalt und theilnahmslos bleibt. Der ästhetisch Gestimmte -nennt den um Wahrheit und Wirklichkeit seiner Gedanken besorgten Denker -und Gelehrten einen Realisten und Prosamenschen; dieser den nur auf -Schönheit und innere Vollendung bedachten Künstler einen Idealisten und -phantastischen Schwärmer. Die Gedankenwelten beider sind durch eine -tiefe Kluft getrennt, über welche gleichwohl die Unverbrüchlichkeit -der logischen Ideen, ohne welche auch die wohlgefällige Gedankenwelt -nicht möglich, durch welche allein aber weder die wirkliche noch irgend -eine mögliche Welt wohlgefällig wird, eine ausgleichende Brücke spannt. - -72. Aus dem Vorstehenden geht hervor, dass das Schöne (die ästhetische -Vorstellungswelt) Schein, keineswegs aber folgt daraus, dass jeder -Schein schön sei. So wenig zur Wahrheit eines beliebigen Denkinhalts -genügt, dass derselbe Inhalt eines Denkens, so wenig reicht es zur -Schönheit eines beliebigen Vorstellungsinhalts hin, dass derselbe -Inhalt eines Vorstellens sei. Wie vom logischen Gesichtspunkt aus -weder kein noch jeder Denkinhalt wahr, so ist vom ästhetischen -Gesichtspunkt aus weder kein noch jeder Schein schön; ästhetischer -Dogmatismus und Skepticismus sind wie logischer Dogmatismus und -Skepticismus gleichmässig abzuweisen. Und wie für die Logik daraus -die Aufgabe erwächst, die Merkmale anzugeben, durch welche wahrer -von falschem Denkinhalt, so erwächst für die Aesthetik die ihrige, -die Kennzeichen festzustellen, durch welche schöner von unschönem -(hässlichem) Schein sich unterscheidet. - -73. Wie von derjenigen Logik, welche die Wahrheit in der -Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein, also in einem materialen -Kriterium findet, das Kennzeichen des wahren im Unterschied zum -falschen Denkinhalt darin gefunden wird, dass durch denselben ein -anderer, der Seinsinhalt, gedacht und zwar so gedacht wird, wie er -wahrhaft ist: so wird von derjenigen Aesthetik, welche die Schönheit -in der Uebereinstimmung der Idee mit der sinnlichen Erscheinung, also -in einem materialen Kriterium findet, das Kennzeichen des schönen vor -hässlichem Schein darin gefunden, dass durch jenen ein Anderes, nämlich -die Idee hindurchscheint und zwar so hindurchscheint, wie sie wahrhaft -ist. Dieselbe, die eben darum Gehaltsästhetik heisst, geht davon aus, -dass das Schöne nicht sowohl Schein, als vielmehr Erscheinung eines -hinter demselben befindlichen idealen Gehalts und daher nicht an sich -und um seiner selbst willen, sondern mittelbar und um eines andern, -des in demselben zur sinnlichen Erscheinung kommenden Gehalts willen -schön sei. Dasselbe verhält sich dieser Auffassung zufolge zu dem in -demselben erscheinenden um seiner selbst willen werthvollen Gehalt -wie der Mond, der sein Licht von der Sonne empfängt, während diese -im ureignen Lichte strahlt. - -74. Das Schöne als sinnlicher Schein ist von diesem Gesichtspunkte -aus betrachtet nichts weiter als die sinnliche Hülle eines an sich -unsinnlichen oder, wenn man will, übersinnlichen, sei es persönlich -(wie in der theistischen Aesthetik: Carrière), sei es unpersönlich -(wie in der pantheistischen Aesthetik: Vischer) gedachten Wesens, -also im ersten Falle die sinnliche Erscheinung Gottes, im zweiten die -sinnliche Erscheinung der logischen oder ethischen Idee. Ersterer -Auffassung zufolge wäre sonach Schönheit überall dort, wo Gott, -aber auch nur dort, wo dieser erscheint, letzterer Auffassung zufolge -überall dort, wo die (sei es theoretische oder praktische) Vernunft, -aber auch nur dort, wo diese erscheint. Wie das Schöne mit dem sinnlich -erscheinenden Göttlichen, so fiele dessen Gegentheil, das Hässliche, -mit dem gleichfalls sinnlich erscheinenden Un- oder Widergöttlichen -(dem Dämonischen oder Satanischen: Weisse) -- zusammen; wie das Schöne -mit der sinnlich erscheinenden Vernunft (dem Wahren und Guten), so -fiele dessen Gegentheil mit der gleichfalls sinnlich erscheinenden -Un- oder Widervernunft (dem A- oder Antilogischen, Unwahren, dem Un- -oder Widersittlichen, dem Bösen) zusammen. Im ersten Falle erhielte -das Schöne wesentlich religiösen, im letzteren dagegen einen im Wesen -lehrhaften (didaktischen und moralischen) Charakter. - -75. Folge des ersteren ist, dass die (religiöse) Gehalts-Aesthetik -die Kunst der Religion unter-, Folge des letzteren ist, dass die -(nichtreligiöse aber philosophische) Gehalts-Aesthetik die Philosophie -der Kunst überordnet. Jene macht dieselbe zur Dienerin der Theologie, -diese weist ihr den Beruf zu, die "Wahrheit im Bilde" (das Allgemeine -im Besonderen: Allegorie, oder im Individuellen: Symbol) darzustellen. - -76. Demzufolge hätte die Kunst keinen andern Zweck, als sich -selbst überflüssig zu machen d. h. sich entweder in Religion oder -in Philosophie, der schöne Schein keine andere Bestimmung, als sich, -sobald irgend möglich, in übersinnliches Sein, sei es in das göttliche, -sei es in das der Idee, aufzulösen. Die Sinnlichkeit, die nach Leibnitz -nur eine "dunkle Vernunft" d. i. eine verworrene Erkenntniss (notio -confusa) des Wahren ist, bildet nur die untergeordnete Vorstufe zur -reinen Vernunft, welche als solche "klare" d. i. deutliche Erkenntniss -(notio clara atque distincta) der Wahrheit ist. Die Vollkommenheit -der ersteren, durch welche schon das niedere Erkenntnissvermögen -in den Stand gesetzt wird, das Wahre und Gute, wenngleich nur -sinnlich zu erkennen, bietet der schwachen, mit der irdischen -Mangelhaftigkeit sinnlicher Leiblichkeit behafteten Menschennatur -einen dürftigen Ersatz für die mangelnde Vollkommenheit reiner -Vernunfterkenntniss, deren übermenschliche Wesen in höherem Grade, -und die Gottheit, die aller Sinnlichkeit ledig ist, im höchsten Grade -sich erfreuen. Dieselbe macht, wie die Sinnlichkeit den Unterschied -des Menschen vom reinen Geistwesen, so gewissermassen einen Vorzug -desselben vor diesem aus, indem der Mensch, der allein Sinnlichkeit -besitzt, allein auch der Vollkommenheit derselben d. i. der Schönheit, -fähig ist. Derselbe theilt, um mit Schiller zu reden, "sein Wissen" -(die reine Vernunfterkenntniss) zwar "mit höheren Geistern", die -Kunst aber hat derselbe "allein". - -77. Wie das Schöne nach dieser Auffassung nur eine dem Wissen -parallele Auffassung des Wahren und Guten, die Kunst nur eine der -Wissenschaft parallele Darstellung von beiden, so ist die Aesthetik als -Wissenschaft von der Vollkommenheit der sinnlichen Erkenntniss nach -dieser zuerst von Baumgarten aufgebrachten, von den platonisirenden -Aesthetikern des nachkantischen Idealismus (Schelling, Hegel und -ihren Schulen) adoptirten Auffassung eine Paralleldisciplin der -Logik als Wissenschaft von der Vollkommenheit der reinen Vernunft- -und Verstandeserkenntniss. Indem sich dieselbe zur Aufgabe setzt, -das niedere Erkenntnissvermögen, den Sinn, als Erkenntnissorgan -zur Vollkommenheit zu bringen, steckt sich dieselbe ein Ziel, -welches nachher die von Mill und Anderen sogenannte inductive -Logik mit ungleich grösserem Recht und Erfolg sich vorgesetzt -hat. Indem dieselbe das Schöne als sinnliche d. i. zugleich ver- -und entschleiernde Hülle desselben Wahren und Guten betrachtet, von -welchem die Wissenschaft durch Vernunft (Philosophie) die nackte und -schleierlose Erkenntniss ist, setzt sie dasselbe zu einem Nothbehelf, -zu einer Staarbrille herab, da das operirte Auge des Sehendgewordenen -den selbst leuchtenden Glanz der Idee nicht aushält. - -78. Weder Beliebigkeit des Gehalts, noch dessen an sich vorhandene -Trefflichkeit, also überhaupt nicht Beschaffenheit des Gehalts macht -den Schein zum Schönen. Ersteres nicht, weil sonst jeder Schein schön, -das Zweite nicht, weil der Schein, um schön zu sein, aufhören müsste zu -scheinen, das Dritte nicht, weil der Schein, wenn er Gehalt besässe, -nicht Schein sondern Erscheinung wäre. Sehen wir aber beim Schein -(Bild) von der Forderung eines hinter demselben verborgenen Gehaltes -(Sinn) ab, so dass nur jener (das vorschwebende Bild) und der, dem -er scheint (das Subject, dem das Bild vorschwebt), übrig bleibt, so -kann, da nicht jeder Schein schön ist, der Grund, um deswillen einiger -Schein schön ist, anderer nicht, nur entweder in der Beschaffenheit -des Scheins als Schein, oder in der Desjenigen, dem er scheint (des -ästhetischen Subjects) gefunden werden. - -79. Ersterer Fall schliesst in sich, dass der schöne Schein als -Schein gewisse Eigenschaften besitze, die dem nichtschönen abgehen; -letzterer Fall erheischt, dass das ästhetische Subject, dem nur schöner -Schein scheint, von demjenigen, dem auch unschöner vorschwebt, der -Art nach verschieden, beziehungsweise das erstere vor dem letzteren -bevorzugt, sozusagen ein ästhetisches "Sonntagskind" sei. Aus dem -ersteren folgt, dass der Aesthetik die Aufgabe erwachse, die dem -Schein als Schein nothwendigen Eigenschaften, um schön zu sein, -aufzuspüren; aus dem letzteren folgt, dass es ein Mittel geben -müsse, das wirkliche von dem vermeintlichen, entweder sich selbst -betrogener- oder betrügerischerweise dafür ausgebenden oder von Anderen -fälschlicherweise dafür gehaltenen "Sonntagskind" d. h. das echte, -geborene Genie (den künstlerischen Edelstein) von dem unechten, -nachgemachten oder sich selbst dazu machenden Aftergenie (dem -pierre-de-Strass der Kunst) zu unterscheiden. - -80. Letzteres kann in nichts anderem bestehen, als in dem Nachweis, -dass das einem gewissen Subject schön Scheinende wirklich schön -d. h. dass das für ein ästhetisches Genie sich ausgebende oder dafür -gehaltene Subject wirklich ein solches sei. Dieser Nachweis kann -aber nicht dadurch geführt werden, dass der Ursprung des fraglichen -Scheins aus diesem fraglichen Subject erwiesen wird, denn eben, ob -dieses Subject als solches Genie sei, ist die Frage. Die Schönheit des -dem genannten Subject vorschwebenden Scheins muss daher unabhängig -von dessen Ursprung aus jenem Subject d. h. dieselbe kann nicht -(historisch) durch den Hinweis auf den Ursprung, sondern sie muss -(philosophisch) durch den Hinweis auf die Beschaffenheit des Scheins -dargethan werden. - -81. Nicht die Person des Gesetzgebers rechtfertigt das Gesetz; die -Güte des Gesetzes bewährt vielmehr den Gesetzgeber. Ist diejenige -Beschaffenheit, welche den Schein zum Schönen macht, an sich erkannt, -so ist damit auch der Massstab zur Beurtheilung des Anspruchs -des Subjects, dem er scheint, gegeben, für ein aesthetisches zu -gelten: nicht umgekehrt. Wie diejenige Aesthetik, die den durch -die sinnliche Hülle hindurchscheinenden Gehalt zum Massstab der -Schönheit nimmt, didaktischen, so nimmt diejenige Form derselben, -welche die Offenbarungen des wahren oder blos vermeintlichen Genius -zur Norm für die Nachahmung erhebt, positiven (historischen) Charakter -an. Jene bewundert das Schöne, weil es wahr oder gut, diese, weil -es Product dieses oder jenes (mit Recht oder Unrecht) bewunderten -Geistes ist. Der wahre Grund der Bewunderung des Schönen kann aber -weder in dem Umstand, dass es Erscheinung eines Gehalts, noch in dem, -dass es Schöpfung eines gewissen (Einzel-, Volks-, Zeit-) Geistes ist, -sondern muss in dem Besitz derjenigen Eigenschaften gesucht werden, -die es zum Schönen machen. - -82. Weder die theologisirende, noch die metaphysicirende, am wenigsten -die moralisirende Aesthetik, welche einen der Kunst fremden, und -ebensowenig der ästhetische Positivismus oder Historismus, welcher -eine einzelne positive oder geschichtlich gegebene Erscheinung -der Kunst (z. B. die Antike oder die mittelalterliche Kunst) zum -allgemein giltigen Massstab des Schönen erheben will, stellt die -wahre Form dieser Wissenschaft dar. Diese kann nur von der Betrachtung -derjenigen Eigenschaften, welche das Schöne als Schein -- abgesehen -ebenso von dessen möglicher oder wirklicher Bedeutung für einen -ausserhalb desselben gelegenen Gehalt, wie von dessen Ursprung aus -einem schöpferischen Subject -- an sich (objectiv) besitzt, ihren -streng wissenschaftlichen Ausgang nehmen. - -83. Aesthetik als Wissenschaft ist daher weder materiale, den Schein -auf ein Sein beziehende, noch historische, den Schein seinem Ursprung -nach erklärende, sondern wesentlich formale, den Schein als Schein -behandelnde Wissenschaft. Da sich nun, wenn, wie gefordert, sowol -von der Bedeutung, wie von dem Ursprung des Scheins abgesehen wird, -an diesem nichts weiteres unterscheiden lässt, als wie derselbe und -was an demselben scheint, so kann die dem Schein als Schein zugewandte -Betrachtung wesentlich keine anderen als diese zwei Gesichtspunkte -umfassen. - -84. Ersterer, welcher das Wie d. i. die Lebendigkeit, Kraft, -Energie, Reichthum, Fülle und Mannigfaltigkeit des Scheins oder deren -Gegentheile ins Auge fasst, kann der Gesichtspunkt der Quantität, -letzterer, welcher die Einheitlichkeit oder Gegensätzlichkeit, innere -Uebereinstimmung oder Widerstreit des Scheins zum Objecte hat, der -qualitative heissen. Jener umfasst das Verhältniss, in welchem das -Quantum des vorschwebenden Scheins zu der aufnahmsfähigen Capacität -des ästhetischen Subjects steht, letzterer begreift die Verhältnisse, -in welchen entweder der vorschwebende Schein seinem Was nach zu einem -ausserhalb desselben gelegenen Sein steht, oder, da nach dem Obigen von -einem solchen hier abgesehen werden muss, diejenigen, in welchen die -Theile des Scheins ihrem Was nach zu- und untereinander stehen. Nach -dem ersteren wird der starke vom schwachen, der reiche vom dürftigen, -der geordnete vom ordnungslosen Schein, nach diesem werden im Inhalt -des Scheins gleiche und ungleiche, verträgliche und unverträgliche, -harmonische und disharmonische Theile unterschieden. - -85. In Bezug auf das Wie steht der starke d. i. mit einem hohen Grad -von Lebhaftigkeit dem ästhetischen Subject vorschwebende Schein -dem schwachen d. i. nur mit einem geringen Grad von Lebhaftigkeit -im Bewusstsein vorhandenen; der reiche, einen grössern Raum im -Bewusstsein mit mannigfaltigem Inhalt ausfüllende Schein dem dürftigen, -mit einförmigem Inhalt erfüllten; der in sich zusammenhängende und -geordnete dem zusammenhangslosem und in sich ordnungslosem Schein -gegenüber: so dass je der erstere, wenn von dem Was des Vorschwebenden -abgesehen und nur das Wie des Vorschwebens im Auge behalten wird, -vor dem letzteren -- was den die Vorstellung des Scheins im Gemüth -begleitenden Zusatz des Wohlgefallens oder Missfallens betrifft -- den -Vorzug hat. Wird lebhafterer Vorstellungsinhalt mit minder lebhaftem -nur in Bezug auf den Grad der Lebhaftigkeit beider verglichen, so -gefällt der erstere neben dem letzteren, missfällt der letztere -neben dem ersteren unbedingt, welches auch immer der Inhalt des -Vorschwebenden selbst oder die sonstige, individuelle Gemüths- und -Geistesbeschaffenheit des Subjectes sei, dem er vorschwebt. Aus diesem -Grunde gefällt die sinnliche Vorstellung mehr als die unsinnliche, das -Bild mehr als der Begriff, die anschauliche Vorstellung mehr als die -abgezogene, die concrete mehr als die abstracte; aber auch dasjenige, -was "in kürzester Zeit die grösste Menge von Vorstellungen anregt" -(worin Hemsterhuis und Goethe das Wesen des Schönen fanden) mehr als -dasjenige, das in verhältnissmässig langem Zeitraum verhältnissmässig -wenig Vorstellungen erzeugt, dasjenige, welches das Vorstellen in -gesetzlicher und geregelter Weise beschäftigt, mehr als dasjenige, -durch welche dasselbe in sprunghafte und verworrene Thätigkeit geräth. - -86. Der Grund des Gefallens in dem einen, des Missfallens in dem -anderen Falle liegt in der naturgesetzlichen Beschaffenheit des -Bewusstseins. Wird das Vorstellen in eine seiner Natur angemessene -Bethätigung versetzt, so entsteht ein Lust-, findet das Gegentheil -statt, ein Unlustgefühl. Da nun die lebhafte d. i. mit einem höheren -Grade von Intensität vorgestellte Vorstellung das Vorstellen in einem -höheren Grade beschäftigt als dies bei der minder lebhaften d. i. mit -einem geringeren Grade von Intensität vorgestellten Vorstellung der -Fall ist, so dass die Differenz der Intensitätsgrade beider auf der -Bewusstseinsscala sich wie die Differenz der Wärme-Intensitäten auf -der Thermometerscala ablesen lässt, so folgt, dass das Vorstellen -der lebhafteren von einem höheren, jenes der minderen Intensität von -einem geringeren Lustgefühl begleitet sein muss, welches letztere, -nur mit dem ersteren verglichen, als relatives Unlustgefühl sich -herausstellt. Dasselbe muss bei dem reicheren und mannigfaltigeren -verglichen mit dem dürftigeren und einförmigeren Vorgestellten der -Fall sein, indem das erstere das Vorstellen nicht nur quantitativ, -sondern auch qualitativ mehr beschäftigt als das letztere; und eben -dies bei dem in sich zusammenhängenden und gesetzmässigen Vorgestellten -im Gegensatze zu dem in sich zerrissenen und lückenhaft Vorgestellten, -indem das erstere das Vorstellen in einem naturgemässen und sich aus -sich selbst entwickelnden Gange erhält, das letztere dasselbe durch -seine Zusammenhanglosigkeit nöthigt, seinen Gang zu unterbrechen, -sowie durch seine Sprunghaftigkeit, seine bisherige Richtung plötzlich -und gewaltsam abzubrechen und eine neue durch nichts vorbereitete -und vermittelte Richtung einzuschlagen. Von der Unlust, die das -Bewusstsein durch den Mangel oder die Monotonie des Vorstellungsinhalts -erleidet, gibt das Gefühl der Langenweile -- von der Unlust, welche die -gezwungene Unterbrechung oder das gewaltsame Abbrechen der bisherigen -Vorstellungsreihe mit sich führt, gibt der Widerwille Zeugniss, den -das Anhören eines zusammengewürfelten Vortrags oder das Auffassen -einer regellosen Körpergestalt dem Vorstellenden einflösst. - -87. Aus der Natur des Bewusstseins folgt es auch, dass weder der -Intensitätsgrad, noch die Fülle des dem Vorstellen Dargebotenen eine -gewisse äusserste Grenze der Leistungsfähigkeit desselben überschreiten -darf. Das "nicht zu gross" und "nicht zu klein", worin Aristoteles -in seinem bekannten Beispiel von dem hundert Stadien langen Thiere -das Wesen des Schönen findet, hat seine Geltung nicht sowol in Bezug -auf die Grenzen des vorzustellenden Objects, als vielmehr auf jene -des vorstellenden Bewusstseins. Was diese überschreitet, kann nicht -mehr vorgestellt werden, so dass an die Stelle der wachsenden Lust, -welche die steigende Bethätigung des Vorstellens nach sich zieht, -die wachsende Qual des Bewusstseins tritt, welche das mit jedem -neuen Ansatz sich steigernde Gefühl des Unvermögens vorzustellen, -hervorruft. Auf der letzteren beruht das niederdrückende Gefühl, -welches den Eindruck des Erhabenen d. i. eines solchen begleitet, -dessen Vorstellung eine Entwicklung von vorstellender Kraft erheischt, -welche weit über die Schranken jedes endlichen, also auch unseres -eigenen Vorstellens, hinausreicht. - -88. Wie das Vorstellen des Erhabenen, weil es den Vorstellenden -an die Grenze seines Vermögens vorzustellen mahnt, von einem -Unlust-, so ist die Vorstellung des Grossen, weil sie denselben -seiner weitreichenden Fähigkeit vorzustellen innewerden lässt, -von einem Lustgefühl begleitet. Denn da eine Grösse als Summe von -Einheiten nicht anders vorgestellt werden kann, als indem diese Summe -d. h. indem diese Einheiten nach einander vorgestellt werden, so ist -bei jeder Vorstellung einer solchen die Bethätigung des Vorstellens, -folglich die aus derselben folgende Lust um so grösser, je grösser jene -Summe d. h. je zahlreicher die nach einander vorgestellten Einheiten -sind. Aus diesem Grunde gefällt das Grössere neben dem Kleineren, weil -es dem Vorstellen mehr, missfällt das Kleinere neben dem Grösseren, -weil es dem Vorstellen weniger Beschäftigung, jenes dem Vorstellenden -mehr, dieses ihm minder Lust gewährt. Weil aber die Fähigkeit des -Vorstellens in quantitativer Beziehung ihre Grenze, so hat auch das -Grosse nach der einen, das Kleine nach der entgegengesetzten Richtung -eine solche, jenseits welcher es vorstellbar zu sein, und folglich -das eine zu gefallen, das andere zu missfallen aufhört. Das in schönen -Verhältnissen gebaute Thier des Aristoteles hört, obgleich alle seine -Proportionen dieselben bleiben, sobald es zu einer Länge von hundert -Stadien ausgedehnt und zur Höhe eines Gebirges erwachsen vorgestellt -werden soll, auf, übersehbar und folglich auch, schön zu sein. - -89. Vom quantitativen Gesichtspunkt aus gilt daher für eine ästhetische -d. i. eine unbedingt wohlgefällige Welt der Satz, dass (innerhalb -der dem Bewusstsein gesteckten Grenzen des Vorstellens) das Grosse -ohne Unterschied des Stoffs, in welchem, wie des Objects, an welchem -dasselbe sich findet, unbedingt d. h. Jedermann und jederzeit gefalle, -das Kleine (unter der gleichen Einschränkung) ebenso missfalle. Beides, -das Lustgefühl, welches die Betrachtung des Grossen, wie das -Unlustgefühl, welches die des Kleinen erweckt, sind reine Gefühle; -das Gefühl, welches den Eindruck des Erhabenen begleitet, ist ein -gemischtes Gefühl, indem es einerseits in Folge der oben geschilderten -Unvorstellbarkeit des erhabenen Objects ein Unlust-, andererseits eben -der jener Unvorstellbarkeit wegen vermutheten unendlichen d. i. jedes -Mass überschreitenden Grösse des erhabenen Gegenstandes halber ein -Lustgefühl enthält. Aus diesem Grunde bewundern wir das Erhabene, -aus jenem Grunde verzweifeln wir an uns selbst; das Erhabene gefällt, -indem wir selbst uns missfallen; jenes erscheint über jedes uns -erreichbare Mass hinaus gross, während wir selbst ihm gegenüber uns -über jedes denkbare Mass hinaus klein erscheinen. - -90. Was den qualitativen Gesichtspunkt betrifft, so gilt der Satz, -dass das Was des Scheins, da dasselbe ein ästhetisches sein soll, -von einem beifälligen oder missfälligen Zusatz im Vorstellenden, -da dasselbe ein schönes sein soll, von dem gleichen Zusatz in jedem -Vorstellenden begleitet sein muss. Ohne das erste wäre das Vorgestellte -dem Vorstellenden gleichgiltig; ohne das letztere wäre der Zusatz -von einem Vorstellenden zum andern, ja in demselben Vorstellenden von -Zeitpunkt zu Zeitpunkt veränderlich. Gleichgiltiger Vorstellungsinhalt -aber ist nicht ästhetisch; veränderliches d. i. vom Vorstellenden zum -Vorstellenden oder im Vorstellenden selbst wechselndes Wohlgefallen -oder Missfallen aber ist nicht unbedingtes d. h. allgemeines und -nothwendiges Wohlgefallen oder Missfallen. Bei völlig gleichgiltigem -Vorstellen wäre überhaupt keine Aesthetik, bei dem Mangel eines -allgemeinen und nothwendigen Gefallens oder Missfallens d. h. bei der -Abwesenheit einer allgemeinen und nothwendigen Norm für Gefallen und -Missfallen aber doch keine Aesthetik als Wissenschaft möglich. - -91. Das Was des ästhetisch Vorgestellten darf daher, da dessen -begleitender Zusatz im Vorstellenden überall (d. h. in jedem -Vorstellenden) und jederzeit (d. h. bei jeder Wiederholung seines -Vorgestelltwerdens) derselbe sein soll, nicht als Ziel und Inhalt -eines Begehrens (Begierde, Wunsch, Wollen) vorgestellt werden. Denn da -alles, was überhaupt begehrt wird, sobald dieses Begehren Befriedigung -erlangt, ein Lustgefühl nach sich zieht, so würde, wenn der Zusatz des -Gefallens eines gewissen Vorstellungsinhalts blos von dem Umstände -abhinge, dass dessen Vorgestelltes begehrt wird, überhaupt jeder -beliebige Vorstellungsinhalt ohne Unterschied gefallen, weil und -so lange, sowie demjenigen, von dem er begehrt wird. Und da sich -in keiner Weise vorhersagen lässt, was unter gewissen Umständen -Object eines gewissen Begehrens werden könne, da überhaupt jede -gegen Hemmnisse im Bewusstsein aufstrebende Vorstellung Sitz eines -(bisweilen sehr heftigen) Begehrens werden kann, so wäre es ebenso -unmöglich, vorherzusagen, ob und welcher Vorstellungsinhalt, sowie -wem er unter Umständen gefallen werde, woraus der Spruch, dass sich -über den Geschmack nicht streiten lasse, entstanden ist. - -92. Nicht alles Gefallende wird begehrt, aber alles, wodurch ein -Begehren befriedigt wird, gefällt. Das höchste und reinste Gefallen -ist dasjenige, welches durch keinerlei Beisatz eines (sinnlichen oder -idealen) Begehrens getrübt, verunreinigt oder auch nur von einem -solchen begleitet wird; "die Sterne, die begehrt man nicht". Das -Gefallen, das nur unter Voraussetzung eines Begehrtwerdens entspringt, -bleibt dagegen aus, wenn das letztere mangelt. Ein allgemeiner -und nothwendiger Zusatz von Gefallen oder Missfallen kann aus dem -zufälligen und individuellen (bestenfalls particulären) Umstand -des Begehrt- oder Verabscheutwerdens nicht abgeleitet werden. Das -nur bedingt d. h. unter Voraussetzung einer Begierde Wohlgefällige -d. h. das nur subjectiv Angenehme, oder, da alles, was als Gegenstand -einer Begierde oder als Mittel zu deren Befriedigung gilt, dem -Begehrenden nützlich, dessen Gegentheil schädlich scheint, das -Nützliche ist kein Gegenstand der Aesthetik. - -93. Aber auch das nicht subjectiv sondern objectiv d. h. ohne -Voraussetzung eines Begehrtwerdens Angenehme ist als solches noch nicht -ein Gegenstand der Aesthetik. Denn zu dieser, damit sie Wissenschaft -sei, ist erforderlich, dass sich das Aesthetische d. h. das von -einem beifälligen oder missfälligen Zusatz unbedingt (bei Allen und -in allen Fällen) Begleitete nicht blos fühlen (d. h. dunkel), sondern -wissen (d. h. klar und deutlich vorstellen und in Worten aussprechen) -lasse. Das Angenehme aber hat die Eigenschaft, dass dessen Inhalt -mit dem begleitenden Zusatz (dem Lustgefühl) ununterscheidbar -zusammenrinnt, wie das Gleiche auch bei dessen Gegentheil, dem -Unangenehmen mit der dieses begleitenden Unlust (dem Schmerzgefühl) -der Fall ist. Das Angenehme der einzelnen Ton- oder Lichtempfindung -lässt sich nicht definiren, der Sitz und der Grund des Schmerzgefühls -(Kopf-, Zahnschmerz) sich aus diesem nicht herauslesen. Der Inhalt -des objectiv d. h. aus dem Vorgestellten selbst, nicht aus der -subjectiven Gemüthslage des Vorstellenden entspringenden Lust- oder -Schmerzgefühls ist zwar unbedingt, aber nicht wissbar, also kein -Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntniss. - -94. Während sonach das einzelne Angenehme oder Unangenehme zwar -Gegenstand eines Lust- oder Unlustgefühls, von diesem selbst gesondert -aber nicht vorstellbar ist, sind die zwei oder mehreren Vorstellungen, -aus deren gegenseitiger Beziehung oder Verhalten (ratio) ein auf dieses -bezügliches und die Beschaffenheit desselben zum Ausdruck bringendes -Lust- oder Unlustgefühl entspringt, sehr wol jede für sich und von -jenem Gefühl abgesondert angebbar. In jenem Fall ist das Gefühl ein -solches, das aus der Beziehung eines gewissen Vorstellungsinhalts -(z. B. einer Ton- oder Farbenempfindung) zum vorstellenden Subject, -in diesem Fall ein solches, das aus der Beziehung zweier oder -mehrerer Vorstellungen (z. B. Ton- oder Farbenempfindungen) zu und auf -einander im Vorstellenden entspringt. Dass jener einzelne Ton oder die -einzelne Farbe gefalle oder missfalle, hängt daher wesentlich von der -augenblicklichen oder habituellen Beschaffenheit des vorstellenden -Subjects, dass das Verhältniss der zwei oder mehreren Töne oder -Farben gefalle oder missfalle, dagegen ausschliesslich von der an sich -unveränderlichen und immer sich gleich bleibenden Inhaltsbeschaffenheit -dieser letzteren selbst ab. Da die Beschaffenheit des Subjects nun -von Individuum zu Individuum eine andere ist, so kann folgerichtig -das mit von derselben abhängige Gefühl von Einem zum Andern ein -anderes d. h. derselbe Ton, dieselbe Farbe kann dem Einen angenehm, -dem Anderen unangenehm sein. Den Beleg dafür bieten die sogenannten -Idiosynkrasien (z. B. Mozart's Abneigung gegen den Trompetenton, -Cäsar's und Wallenstein's Widerwillen gegen den Hahnschrei, -die Vorliebe gewisser Individuen oder ganzer Völker für gewisse -Klangfarben, Tonlagen, Farbentöne und Beleuchtungseffecte). Wirkungen -dieser und ähnlicher Art, die oft zu den stärksten gehören (Klang- und -Lichteffecte) sind daher wesentlich pathologischer, durch die physische -und psychische Beschaffenheit des vorstellenden Subjects bedingter, -keineswegs ästhetischer, von der Beschaffenheit des Vorgestellten -(dem Inhalt der Vorstellungen als Object des Vorstellens) abhängiger -Natur. Die durch dieselben hervorgerufenen Gefühle können, insofern -die sie verursachenden Vorstellungen nicht in Beziehung stehend zu -anderen d. i. nicht als Glieder eines Verhältnisses gedacht werden, -wol aber an sich in ein Verhältniss zu anderen treten d. h. als Stoff -(Material) zu einem solchen dienen können, materiale oder Stoffgefühle; -diejenigen Gefühle, welche sich auf das Verhältniss zweier oder -mehrerer Vorstellungen d. i. auf die Verbindung derselben zu und -unter einander, also auf deren Form beziehen, müssen dann formelle -oder Formgefühle heissen. - -95. Nur die letzteren bilden die Grundlage der Aesthetik als -Wissenschaft. Da die Verhältnisse zweier oder mehrerer Vorstellungen zu -einander, insofern sie nur von deren Inhalt abhängen, so lange dieser -Inhalt derselbe bleibt, immer dieselben sein müssen; da ferner die oben -bezeichneten Formgefühle nichts anderes als die sich mit ihren Ursachen -deckenden Effecte jener Verhältnisse im Bewusstsein sind, so folgt, -dass dieselben Verhältnisse auch allezeit und in Jedermann dieselben -Gefühle zur Folge haben werden d. h. dass die zwischen gewissen -Vorstellungen ein für allemal ihrem Inhalt nach bestehenden Beziehungen -allezeit und bei Jedermann von demselben Zusatz des Wohlgefallens oder -Missfallens begleitet d. h. objective d. i. unbedingt wohlgefällige -oder missfällige Formen sein werden. Von dieser Art ist z. B. das -nur von dem Inhalt der beiden Töne, des Grundtons und der Quinte, -abhängige und als solches unbedingt wohlgefällige Quintenintervall; -ein solches die nur von der Beschaffenheit der beiden Farben, Roth und -Grün, abhängige harmonische Farbenterz; ein solches endlich der nur -von dem Verhältniss der beiden verglichenen Gedanken, des unbildlichen -und des bildlichen, abhängige Gedankenaccord der Metapher. - -96. Verbindungen derartiger beharrender Verhältnisse zwischen -Vorstellungen mit den aus denselben entspringenden und daher ihrer -Entstehung nach an deren Vorhandensein im Bewusstsein gebundenen -(fixen) Formgefühlen werden, da sich die ersteren (die Verhältnisse) -abgesondert von den letzteren (den Formgefühlen) für sich vorstellen -lassen, also das Gefühlte mit dem Gefühl nicht in Eins zusammenfliesst, -nicht mehr blos ästhetische Gefühle, sondern ästhetische Urtheile -genannt. Das Subject derselben wird durch das zwischen den -Vorstellungen herrschende Verhältniss (z. B. die Harmonie), das -Prädicat derselben durch das darauf bezügliche Gefühl (z. B. die -Wohlgefälligkeit) gebildet. Das Urtheil lautet in diesem Fall: die -Harmonie zwischen a und b (d. i. den beiden im Verhältniss der Harmonie -stehenden Tönen) gefällt. Die logische Natur dieser Urtheile besteht -darin, dass der Umfang des Subjects und der Umfang des Prädicats unter -einander congruent d. h. dass, so oft das Verhältniss der Harmonie, -eben so oft auch das Wohlgefallen vorhanden ist. Dieselben sind daher, -da ihre Subjects- und ihre Prädicatsvorstellung verschiedenen Inhalt, -aber denselben Umfang haben, nach der logischen Idee der Aequipollenz -identische, also unfehlbare Urtheile, und ihre Geltung d. h. die -Behauptung, dass ein gewisses Verhältniss (z. B. die Harmonie) gefalle, -unbedingt d. i. eben so allgemein als nothwendig. - -97. Das Was des ästhetischen Scheins, wenn derselbe schön -d. h. unbedingt wohlgefällig sein soll, kann daher niemals weder der -Inhalt einer blossen Begierde, noch eine vereinzelte Vorstellung, -sondern muss immer ein Verhältniss zwischen mehreren d. h. dasselbe -muss stets ein zusammengesetztes aus einer Mannigfaltigkeit von -Theilen, welche selbst wieder Vorstellungen sind, bestehendes -Ganze sein. Da nun zwischen Vorstellungen, welche nicht verwandten, -d. i. disparaten Inhalts sind, zwar ein Verhältniss, eben das der -Disparatheit, stattfindet, dieses aber, da die beiden Vorstellungen -keine innere Beziehung auf einander haben, im Bewusstsein keinerlei -auf sich bezügliches Gefühl erzeugt (weder Lust noch Schmerz erweckt), -also ästhetisch indifferent d. h. dem Vorstellenden gleichgiltig ist, -so kann das Was des schönen Scheins nur ein Verhältniss zwischen -verwandten d. h. entweder ganz oder theilweise identischen, oder -entgegengesetzten Vorstellungen d. h. es muss selbst entweder die -(ganze oder theilweise) Identität oder der Gegensatz der Vorstellungen -sein. - -98. In qualitativer Hinsicht ergeben sich daher für das Was des schönen -Scheins folgende Möglichkeiten: entweder das Verhältniss zwischen den -Theilen des Scheins, die selbst wieder Vorstellungen sind, ist das -der völligen Identität, so dass beide dem Inhalte nach nicht, und da -an dieser Stelle von der Intensität des Vorgestelltwerdens abgesehen -wird, auch nicht durch dessen grössere oder geringere Lebhaftigkeit -sich von einander unterscheiden, folglich eins und dasselbe und daher -nach dem principium identitatis indiscernibilium eine und dieselbe -Vorstellung sind. In diesem Falle findet zwar im strengsten Sinn -Identität, aber kein Verhältniss zwischen den beiden statt, da zu -jedem solchen zwei Glieder gehören, jene beiden Vorstellungen aber -nur ein einziges ausmachen. Das Verhältniss der Identität kann daher, -wenn ästhetisch, nur eines der theilweisen Identität sein. - -99. Letztere, da sie darin besteht, dass beide Theile einen Theil ihres -Inhalts mit einander gemein haben, während der Ueberrest, da beide -Theile inhaltsverwandt sind, gegenseitig nicht im Verhältniss der -blossen Disparatheit stehen kann, sondern in jenem des Gegensatzes -d. h. der gegenseitigen Ausschliessung bestehen muss, kann nun -entweder so beschaffen sein, dass das Gemeinsame das Gegensätzliche -oder dieses jenes überwiegt, oder dass beides sich gegenseitig -gleichschwebend erhält. Letzterer Fall bringt, da das Identische -sowie das Gegensätzliche in beiden das nämliche, also abermals kein -Verhältniss zwischen mehreren, sondern nur eins und das nämliche -(nicht zweimal, sondern ein einzigesmal) vorhanden ist, eben so wenig -wie die strenge Identität ein wirkliches Verhältniss, sondern nur -den Schein eines solchen hervor und muss daher ebenso wie jene aus -der Betrachtung gelassen werden. - -100. Die überwiegende Identität kann nun entweder eine einseitige oder -eine gegenseitige sein. Im ersten Falle findet der Inhalt des einen -Gliedes sich ganz im Inhalt des zweiten, aber nicht umgekehrt dieser -in jenem wieder. Im zweiten Fall enthält der Inhalt jedes der beiden -Glieder etwas, das ihm mit dem Inhalt des andern gemeinsam, während -der Rest des einen dem Reste des andern entgegengesetzt ist. Beide -Glieder des Verhältnisses verhalten sich so, dass im ersten Fall -eines das andere, aber nicht umgekehrt, im zweiten Fall dagegen -jedes das andere abbildet. Und zwar verhält sich im ersten Fall -dasjenige Glied, welches im andern ganz, in welchem aber das andere -nur zum Theile enthalten ist, zu diesem anderen wie das Nachbild zum -Vorbild, die Copie zum Original, wie denn auch das getreueste Porträt -selbst dann, wenn es alle Züge der Individualität auf das genaueste -ausprägt, hinter dieser noch um das Merkmal der wirklichen Belebtheit -zurücksteht. Im zweiten Fall dagegen stellen beide Glieder dem Inhalt -nach Unterarten eines dritten, des beide verknüpfenden Gemeinsamen -(tertium comparationis) dar, zu welchem jedes derselben im Verhältnisse -des Vorbildes zum Nachbilde steht. - -101. Ausdruck der überwiegenden, sei es einseitigen, sei es -gegenseitigen Identität im Bewusstsein ist ein Lust-, wie jener des -überwiegenden Gegensatzes ein Unlustgefühl. Ersteres entsteht, indem -die gleichzeitig im Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen des in ihnen -enthaltenen Identischen halber mit einander zu verschmelzen, letzteres, -indem dieselben des in ihnen enthaltenen Gegensatzes halber sich von -einander gesondert zu halten streben. Jenes wie dieses Streben ist -der Ausdruck eines psychischen Naturgesetzes, kraft dessen ihrem -Inhalt nach ähnliche Vorstellungen einander zu verstärken, ihrem -Inhalt nach entgegengesetzte einander gegenseitig zu hemmen gezwungen -sind. Wenn daher in dem Inhalt zweier im Bewusstsein gleichzeitig -vorhandenen Vorstellungen das Identische das Gegensätzliche überwiegt, -so gewinnt auch das Streben nach Vereinigung beider durch Verschmelzung -naturgemäss die Oberhand über das Streben nach Trennung beider -durch Hemmung d. h. die Verschmelzung wird erleichtert; überwiegt -dagegen das Gegensätzliche das Identische, so gewinnt das Streben -nach Auseinanderhaltung Oberwasser, die Verschmelzung wird erschwert -oder gänzlich gehindert. Ausdruck der Erleichterung wird das Lust-, -jener der Erschwerung das Unlustgefühl. - -102. Den empirischen Beweis für die vorstehende Erklärung liefert -die Thatsache der Wohlgefälligkeit harmonischer d. i. solcher Ton- -und Farbenverhältnisse, deren Glieder überwiegend identisch, sowie -der Missfälligkeit solcher, deren Glieder überwiegend entgegengesetzt -sind. Seitdem durch die physiologischen Theorien des Sehens wie des -Hörens (von Helmholtz, Young u. A.) erwiesen ist, dass die früher -(z. B. von Herbart) sogenannten einfachen Sinnesempfindungen als -Elemente des Bewusstseins keineswegs einfach, sondern selbst aus -einer Summe gleichzeitig vernommener elementarer Sinneseindrücke -zusammengesetzt sind, handelt es sich bei dem Verhältniss zwischen -solchen, wie es die Ton- und Farbenintervalle sind, nicht mehr um -eine Beziehung zwischen einfachen (theillosen), sondern zwischen -zusammengesetzten (aus Theilen bestehenden) Gliedern. Während es, -wenn die Glieder eines (harmonischen oder disharmonischen) Ton- oder -Farbenverhältnisses einfache sind, schlechthin unerklärlich bleibt, -warum dieselben gefallen oder missfallen, wird die Begründung -dieser empirischen Thatsache unter der Voraussetzung, dass jene -Glieder aus Theilen bestehen, dadurch ermöglicht, dass gewisse (mehr -oder minder zahlreiche) dieser Theile in beiden Gliedern dieselben -seien. Ueberwiegt die Anzahl der beiden gemeinsamen Bestandtheile jene -der in beiden einander entgegengesetzten, so muss ein wohlgefälliges, -findet das Gegentheil statt, ein missfallendes Verhältniss sich -ergeben. - -103. Die Theorie der Obertöne in der Musik (Helmholtz), jene der -gleichzeitigen Erregung der complementären Farben in der Optik -(Young, Hering u. A.) gibt das Beispiel her. Da jeder Ton, der gehört, -d. i. mittels des Ohres empfunden wird, kein abstracter, sondern ein -concreter d. i. mittels eines gewissen Instruments, als welches auch -das menschliche Stimmorgan gelten muss, hervorgebrachter ist und als -solcher eine charakteristische, von der Beschaffenheit der Tonquelle -herrührende Färbung, die sogenannte Klangfarbe, besitzen muss, so -wird mit jedem empfundenen Ton nothwendig zugleich dessen Klangfarbe -d. i. die denselben begleitende Wirkung der specifischen Natur des -ihn erzeugenden Organs vernommen. Helmholtz nun hat gezeigt, dass die -Wirkung, die wir Klangfarbe nennen, nichts anderes sei, als die Summe -gewisser, jeden durch irgend eine Tonquelle erzeugten abstracten Ton -(Grundton) begleitenden secundären Töne (Obertöne), deren akustischer -Werth und numerische Menge je nach der Art der Tonquelle verschieden, -z. B. bei dem Geigenton eine andere als bei dem Clavierton, bei der -Alt- eine andere als bei der Sopranstimme u. s. w. ist. Werden daher -gleichzeitig verschiedene Töne, deren jeder seine Klangfarbe besitzt, -vernommen d. h. werden statt zweier abstracter Tonempfindungen zwei -Summen von Tonempfindungen vernommen, deren jede aus der Empfindung des -Grundtons und den Empfindungen seiner Obertöne zusammengesetzt ist, so -kann nur zweierlei stattfinden: entweder beide Summen der Empfindungen -haben nicht nur gemeinschaftliche, sondern so viele gemeinschaftliche -Bestandtheile, dass im Gesammteindruck der Eindruck der identischen -Tonempfindungen jenen der entgegengesetzten Tonempfindungen überwiegt, -oder dieselben haben gar keine oder so wenig Tonempfindungen gemein, -dass im Gesammteindruck der Eindruck der identischen gegen den der -nicht-identischen Tonempfindungen (d. i. solcher, deren Töne nicht -zusammenfallen, Schwebungen) verschwindet. Im ersten Fall consoniren, -im zweiten dissoniren die Töne. - -104. Consonanz (Harmonie) und Dissonanz (Disharmonie) der -Tonempfindungen hängt demzufolge von deren überwiegender Identität -oder dem Gegensatz des Inhalts derselben ab. Da nun bei den -Farbenempfindungen das Analoge stattfindet, indem eben so wenig wie -der abstracte Ton, die abstracte Farbe empfunden wird, so lässt sich -vermuthen, dass auch zwischen der Begründung der Farben- und jener -der Tonharmonie Analogie sich einstellen werde. Jede empfundene Farbe -ist eine concrete, die unter dem Einfluss einer specifischen dieselbe -bedingenden Lichtquelle (z. B. des Sonnenlichts, des Mondlichts, des -Kerzen- oder Lampenlichts) entstanden ist und die Spur dieser letzteren -in einer charakteristischen Eigenthümlichkeit, dem sogenannten -Farbenton, errathen lässt. Jede Farbenempfindung aber ist zugleich, -physiologisch betrachtet, keine vereinzelte, sondern das gleichzeitige -Resultat der gleichzeitigen Erregungen des Sehorgans durch das dieses -letztere berührende Licht, so dass gleichzeitig alle in dem letzteren -enthaltenen Farben des Spectrums in jenem angeregt und in Folge dessen -empfunden werden. Ist z. B. das auffallende Licht Sonnenlicht, in -welchem als Grundfarben Roth, Gelb und Blau (oder nach Andern Grün, -Roth und Violet) enthalten sind, so werden im Auge jedesmal die jenen -dreierlei Lichtreizen entsprechenden Vorgänge zugleich erregt und -daher auch in Folge dessen alle drei Farben zugleich empfunden. Der -Unterschied, dass in dem einen Fall die Empfindung als Roth, in dem -andern als Blau bezeichnet wird, obgleich in dem ersteren neben dem -Roth nothwendig auch Blau und Gelb, also Grün -- in dem letzteren Falle -neben dem Blau auch Roth und Gelb, also Orange empfunden worden sein -musste, liegt nur darin, dass in dem einen Fall der rothe Lichtreiz -den blauen und gelben, in dem andern Fall der blaue Lichtreiz den -rothen und gelben, und folglich sowol der Erregungszustand des Auges, -in welchen dasselbe durch rothes und blaues Licht versetzt ward, -die anderen gleichzeitigen Erregungszustände, wie die Empfindung Roth -und Blau, welche durch jenen Erregungszustand hervorgerufen ward, die -anderen mit ihr gleichzeitigen Empfindungen an Intensität übertraf, -letztere also durch jene in latenten Zustand versetzt, d. i. für das -Bewusstsein verdunkelt wurden. Dass dieselben ihrer Latenz ungeachtet -thatsächlich vorhanden waren, beweisen die von Goethe und Purkyne -sogenannten subjectiven Farbenerscheinungen d. i. das Hervortreten -des complementären Farbenbildes, nachdem durch längeres Anhalten des -ursprünglichen das Auge für den bezüglichen Farbenreiz abgestumpft -worden ist. Die stärkste unter den gleichzeitigen Farbenempfindungen, -nach welcher a potiori die Benennung derselben erfolgt, z. B. in -obigen Fällen die Empfindung Roth und die Empfindung Blau, können nach -Analogie der Grundtöne als Grundfarben, die der gleichzeitigen, aber -durch sie in den Hintergrund gedrängten Lichtreize können nach Analogie -der Obertöne als Oberfarben (Nebenfarben) bezeichnet werden. Letztere -machen zusammen, wie obige Beispiele zeigen, stets die Empfindung -der complementären Farbe aus (Grün, wenn als Grundfarbe Roth, Orange, -wenn als Grundfarbe Blau empfunden wird) und die Nuance, welche die -Empfindung des Rothen dadurch empfängt, dass mit ihr zugleich mehr -oder weniger latent nothwendig Grün empfunden werden muss, kann, wenn -die Beimischung einen erheblichen Grad erreicht, als Farbenstich, und -zwar des Rothen entweder in's Grüne als ganze, oder in's Blaue oder -Gelbe als Bestandtheile der grünen Mischfarbe charakterisirt werden. - -105. Treten daher unter Voraussetzung derselben Lichtquelle zwei -Farbenempfindungen gleichzeitig oder nach einander in's Bewusstsein, -so ist jede derselben nicht einfach, sondern zusammengesetzt, und zwar -aus der Empfindung der Grundfarbe und jener der Oberfarbe; trifft es -sich nun, dass diejenige Farbe, die in der einen derselben Grundfarbe, -in der anderen Oberfarbe ist, so sind beide Farbenempfindungen ihrem -Inhalt nach überwiegend identisch, wie dies bei der Farbenverbindung -Roth (dessen Nebenfarbe Grün) und Grün (dessen Nebenfarbe Roth ist) und -ebenso bei der Verbindung Blau (dessen Nebenfarbe Orange) und Orange -(dessen Nebenfarbe Blau ist), dagegen nicht bei der Verbindung Roth -(dessen Nebenfarbe Grün) und Blau (dessen Nebenfarbe Orange ist) -thatsächlich der Fall ist. Verbindungen ersterer Art können daher -harmonische (Farbenconsonanzen), Verbindungen nicht complementärer -Farben müssen disharmonische (Farbendissonanzen) heissen. - -106. Die Analogien zwischen harmonischen Ton- und dergleichen -Farbenverbindungen sind unter Anderen von Unger weiter ausgeführt -worden. Wie unter den ersteren Terz, Quint und Octave als Consonanzen, -Secunde, verminderte Quart und Septime als Dissonanzen, so werden -von ihm unter den letzteren die Terz als harmonische, die Secunde -als disharmonische Farbenintervalle unterschieden. Dem musikalischen -Accord als harmonischer Verbindung dreier Töne (Dreiklang) wird der -Farbenaccord als harmonische Verbindung dreier Farben (Dreischein), der -Vervielfältigung der Tonscala durch Erhöhung und Vertiefung der Töne -eine ebensolche der Farbenleiter durch Erhöhung und Verminderung der -Lichtstärke, der Unterscheidung von Klangfarben und Tongeschlechtern -nach Ton- eine ebensolche von Farbentönen und Farbengeschlechtern -nach Lichtquellen etc. zur Seite gesetzt. - -107. Wie die Consonanz auf überwiegender Identität, so beruht deren -Gegentheil auf überwiegendem Gegensatz. Wie die leicht und anstandslos -vor sich gehende oder allen Hemmnissen zum Trotz durchgesetzte -Verschmelzung überwiegend identischer Vorstellungen ein in dem -letztgenannten Fall noch beträchtlich gesteigertes Lustgefühl, so -lässt der alles Bemühens, Entgegengesetztes zu vereinigen, ungeachtet -immer wiederkehrende Misserfolg, der durch den als unüberwindliches -Hemmniss sich herausstellenden Gegensatz herbeigeführt wird, ein -nachgerade bis zur Unerträglichkeit sich steigerndes Gefühl der -Unbefriedigung zurück. Die theilweise gleichen, aber überwiegend -entgegengesetzten Vorstellungen werden durch das in ihnen enthaltene -Gleiche immer wieder zu einander gezogen, durch das gleichfalls in -ihnen enthaltene Entgegengesetzte, welches letztere überwiegt, aber -unaufhörlich aus einander gehalten. Dieses bewirkt, dass sie nicht -eins werden, jenes verursacht, dass sie trotzdem nicht von einander -loskommen können. Dieses gleichzeitige sich Suchen und sich Fliehen, -sich Festhalten und sich Verdrängen der Gegensätze bringt im Gemüth -eine Ixionsartige Unruhe hervor, deren Bestand auf die Dauer für den -Vorstellenden unhaltbar wird. - -108. Folge davon ist, dass derselbe obigen Zustand zu beseitigen sich -entschliesst. Da dieser aber auf der gegensätzlichen Beschaffenheit des -Inhalts und der in Folge dessen sich schlechterdings unter einander -ausschliessenden Natur der gleichzeitig im Bewusstsein vorhandenen -Vorstellungen beruht, folglich so lange fortwähren muss, als jener -Inhalt derselbe bleibt, so kann obige Qual auf keine andere Weise -beschwichtigt werden, als indem an die Stelle der gegenwärtig im -Bewusstsein vorhandenen und demselben als mit einander unverträgliche -gleichzeitig vorschwebenden Vorstellungen andere unter einander -verträgliche entweder zufällig (etwa durch Versetzung in eine andere -Umgebung, welche andere Vorstellungen bringt) treten, oder absichtlich -(etwa durch freiwilligen Entschluss, den gegenwärtigen durch einen -beliebigen anderen künstlich festgehaltenen Vorstellungsinhalt zu -ersetzen) an deren Stelle geschoben werden. In beiden Fällen wird die -Qual, die aus dem gleichzeitigen Vorhandensein unverträglicher Gedanken -entsteht, allerdings beseitigt, aber im ersten Fall, da nur ein Zufall -das Verschwinden der unverträglichen Vorstellungen aus dem Bewusstsein -veranlasst hat, nur auf so lange, als nicht ein neuerlicher Zufall -die Rückkehr derselben in das Bewusstsein herbeiführt, im zweiten -Fall nur für den, der jenen Entschluss gefasst, sein inneres Auge -gewaltsam gegen die wirklich im Bewusstsein gegenwärtigen Vorstellungen -verschlossen und an die Stelle derselben künstlich andere eingeführt -hat, und nur auf so lange, als er diesen Willen selbst oder die Kraft -hat, denselben ins Werk zu setzen. Die auf solchem Wege herbeigeführte -Beseitigung der Qual ist daher keine natürliche und, weil aus der -innern Natur der im Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen entsprungen, -Dauer verheissende, sondern dieselbe findet gleichsam "auf Kündigung" -statt d. h. mit dem Vorbehalt, dass, sobald die durch den Zufall -oder durch den Willen des Vorstellenden gezogene künstliche Schranke -einmal, wie immer, aufhöre, die ursprünglichen, nicht vernichteten, -sondern nur in Latenz versetzten unverträglichen Vorstellungen wieder -emportauchen und dadurch die alten Wunden von neuem bluten werden. - -109. Ein Beispiel einer solchen, und zwar durch den Zufall beseitigten -Qual innerlich vorhandener Gegensätze bietet die Heilung eines -zerrissenen Gemüths durch die Abwechslung, Zerstreuung und den -überwältigenden Eindruck, welchen Reisen, Geselligkeit und erhabene -Gebirgsnatur in diesem herbeiführen. Ein Beispiel einer durch -freiwilligen Entschluss "auf Zeit" bewirkten Unterdrückung der -Unruhe, die das Bewusstsein eines widerspruchsvollen Verhältnisses -erzeugt, bietet die Resignation, mit welcher der in einer sogenannten -"Vernunftheirat" Befangene den Gegensatz zwischen der ersehnten und -der thatsächlichen Beschaffenheit seiner Beziehungen zum anderen Theil -erträgt. In beiden Fällen findet Beschwichtigung wirklich statt, aber -im ersteren nur auf zufällige Weise, so dass mit der Rückkehr in die -frühere Umgebung auch das frühere Gefühl des Unglücks wiederkehrt; -in dem letztern nur auf künstliche Weise, so dass mit dem Schwach- -oder Schwankendwerden des Entschlusses auch das volle Gefühl des -lastenden Widerspruchs erneuert wird. Das gefundene Gleichgewicht -ist labil, nicht stabil. - -110. Ein unerträglicher Zustand, das gleichzeitige Vorhandensein -sich unter einander ausschliessender Vorstellungen im Bewusstsein, -ist beseitigt; aber ein anderer, gleich unerträglicher, ist an dessen -Stelle getreten. War der frühere Zustand Unruhe, so ist der jetzige -vergleichsweise allerdings Ruhe; diese selbst aber ist nichts weiter -als verhüllte Unruhe. Nicht wirkliche Ruhe, sondern der Schein der -Ruhe ist an die Stelle der, obgleich latent, immer noch währenden -Unruhe getreten; der ursprüngliche Zustand schlummert gleichsam -unter dem künstlich geschaffenen Boden fort und harrt des Moments, -wo er wieder hervorbrechen, den künstlich übergeworfenen Schleier -zerreissen, den ursprünglich dagewesenen, niemals vernichteten, -sondern nur äusserlich niedergehaltenen Zustand wieder herstellen kann. - -111. Von dieser Sachlage gilt, dass Schein, der sich für Sein gibt, -auf die Dauer unhaltbar sei, und zwar gleichviel, ob der wirklich -vorhandene Zustand im Bewusstsein, an dessen Stelle künstlich -ein anderer gesetzt worden ist, ein an sich missfälliger oder ein -beifälliger, das Zugleichsein einander ausschliessender oder ein -solches mit einander übereinstimmender Vorstellungen sei. Denn -nicht darin besteht die Unerträglichkeit, dass an die Stelle eines -unerträglichen Zustandes ein erträglicher getreten ist, sondern darin, -dass an die Stelle des wirklich, wenngleich latent, vorhandenen, -ein scheinbar d. i. nur zum Scheine, vorhandener gesetzt worden -ist. Das Unlustgefühl, das sich an das Vorhandensein zweier einander -ausschliessender Vorstellungen im Bewusstsein knüpft, ist verschieden -von demjenigen, welches dem Umstande gilt, dass Schein für Sein, -ein unwahrer an die Stelle des wahren, ein gemachter an jene des -gegebenen Zustandes eingetreten ist. Wenn das erstere aufhört, sobald -die einander ausschliessenden Vorstellungen entweder aufhören einander -auszuschliessen, oder gänzlich aus dem Bewusstsein geschwunden sind, so -schwindet das letztere nicht eher, als bis der widernatürlicherweise -hergestellte Trug, durch welchen Schein an die Stelle des Seins -gesetzt ward, aufgelöst, der künstlich erzeugte Zustand aufgehoben -und der ursprüngliche, widerrechtlich aus dem Bewusstsein verdrängte, -wieder in dasselbe zurückgekehrt ist. Ausdruck dieses Verhältnisses -ist der Satz: Schein, der sich für Sein gibt, missfällt, und zwar in -gleichem Grade, das ursprüngliche Sein, welches durch Schein ersetzt -worden ist, möge an sich beifällig oder missfällig d. i. der Schein, -der durch einen andern verdrängt wurde, möge an sich schön oder -hässlich gewesen sein. In dem einen Fall wird durch die Herstellung -des ursprünglichen Zustandes ein wohlgefälliger, im andern Fall ein -missfälliger Zustand erneuert; aber das Missfallen, welches sich an -den Fortbestand eines erlogenen anstatt des wirklichen Zustandes -heftet, wird in beiden Fällen vermieden. Alles, was sich sagen -lässt, beschränkt sich darauf, dass durch die Wiederherstellung eines -ursprünglichen missfälligen Zustandes zwar das Missfallen, das diesem -gilt, nicht vermieden, aber doch ein anderes, das dem Trugbild gilt, -beseitigt wird, während im Gegenfalle durch die Wiederherstellung eines -ursprünglichen beifälligen Zustandes nicht blos das Missfallen an der -Geltung blossen Scheins für Sein von Grund aus vernichtet, sondern -zum Ueberfluss ein Beifälliges in das Bewusstsein zurückgeführt wird. - -112. War der ursprüngliche Zustand Dissonanz, so wird durch -dessen Wiederherstellung ein dissonirender, war er Consonanz, ein -consonirender erneuert; die inzwischen vorhanden gewesene Verhüllung -des wirklich vorhandenen durch einen fälschlicherweise an dessen Stelle -getretenen aber wird in beiden Fällen schwinden gemacht. Im ersteren -Fall wird eine Wunde blossgelegt, die nur scheinbar geschlossen, -aber nicht wirklich geheilt war; im letzteren Fall wird eine Heilung -wieder als Heilung anerkannt, die fälschlicherweise für eine Erkrankung -ausgegeben worden war. In jenem Fall ist der Schlusszustand allerdings -Krankheit, aber der Irrthum, welcher dieselbe für Gesundheit hielt, -wenigstens ist beseitigt. In diesem Fall hat nicht blos der Irrthum, -welcher Heilung für Erkrankung nahm, seine Geltung eingebüsst, -sondern der Schlusszustand ist die wirkliche Gesundheit. - -113. Eine Bewegung geht vor sich, die in drei Abschnitten -verläuft. Ausgangspunkt derselben bildet der ursprünglich vorhandene, -deren Mitte der trügerischerweise an dessen Stelle getretene, ihren -Schluss der dem ursprünglichen gleiche, aus dessen Verdunkelung -durch den inzwischen waltend gewesenen Druck wieder hergestellte -Zustand. Dieselbe vollzieht sich, weil der verdunkelnde Zustand -künstlich durch eine äussere Ursache an die Stelle des ursprünglich -vorhandenen geschoben worden ist, nicht durch, sondern gleichsam -im Kampfe wider die letztere, und gewinnt dadurch den Anschein, -Selbstbewegung d. i. Resultat eines ihr selbst innewohnenden und sie -bestimmenden Bewegungsimpulses, eines sie belebenden Lebenskeims, -einer sie bewegenden Seele zu sein d. h. die Bewegung erscheint als -lebendige, beseelte Bewegung. - -114. Ist das in obiger Bewegung Begriffene ästhetischer d. h. dem -Vorstellenden vorschwebender, beifälliger oder missfälliger (schöner -oder hässlicher) Schein, so gewinnt derselbe durch obigen Process -selbst den Schein der Beseelung. Der im Bewusstsein ursprünglich -vorhanden gewesene Schein, der von dem Vorstellenden künstlich mit -Wissen und Willen aus demselben verdrängt und durch einen andern, -der sich an seiner Stelle für den wahren ausgibt, ersetzt worden -ist, aber ohne, ja wider Willen des Vorstellenden sich behauptet, -seinerseits den ihn zu verdrängen bestimmt gewesenen Schein verdrängt -und in's Bewusstsein wieder zurückkehrt, nimmt dadurch selbst den -Anschein selbstständigen Lebens, inwohnender Beseelung an, löst -sich, indem er sich gegen den Vorstellenden auflehnt, vom Willen -desselben, also vom vorstellenden Subject ab und erscheint (nicht -als subjectiver, sondern) als objectiver, (nicht als beherrschter, -sondern) das Subject beherrschender, in sich selbst abgeschlossener -und von innen heraus belebter d. i. als (scheinbar) lebendiger Schein -oder als ästhetisches Object. - -115. Dasselbe ist harmonisches, wenn der mit dem Schein des -Lebens auftretende Schein ursprünglich schöner Schein, dagegen -ein disharmonisches, wenn derselbe ein hässlicher Schein war. Der -ästhetische Schein, den wir als Vorstellung des Engels, ist als -ästhetisches Object nicht mehr und nicht weniger beseelt, als der -ästhetische Schein, den wir als Bild eines Satans bezeichnen; weder -der eine noch der andere muss darum wirkliches Object d. i. beseelte -Wirklichkeit und reale Geistigkeit sein. Diese, die lebendige Existenz, -wenn sie mehr sein soll als ein Geschöpf der Einbildungskraft, gehört -vor das Forum der Metaphysik, jene, die Existenz des Scheins der -Lebendigkeit, die nicht mehr sein will als ein Product der Phantasie, -fällt als solches allein unter die Jurisdiction der Aesthetik. - -116. In dem nothwendigen Entwicklungsgang der dramatischen Handlung -kommt jener Schein nothwendiger Selbstbewegung des Scheins zur -ästhetischen Erscheinung. Wie der ursprüngliche Schein aus seiner -Verdunklung durch Ueberwindung der letztern wieder zum Vorschein, -so kommt der ursprüngliche Thatbestand aus dessen eingetretener -Verdunklung durch deren Ueberwindung wieder zur Klarheit. Oedipus, der -seinen Vater erschlagen und seine Mutter geheiratet hat, aber in Folge -seines Irrthums, dass er der Sohn des korinthischen Königspaares sei, -weder das eine noch das andere Verbrechen verübt zu haben wähnt, wird -durch die Macht der den trügerischen Wahn zerreissenden Verhältnisse -zur Klarheit über sich selbst und zum Bewusstsein der thatsächlichen -Lage d. i. der auf ihm lastenden tragischen Schuld gebracht. Der -Brudermord im dänischen Königshause, welchen der ehebrecherische -und kronenräuberische Mörder durch die schlaueste und künstlichste -Veranstaltung in den Schleier des tiefsten Geheimnisses zu hüllen -verstanden hat, wird durch den überlegenen Scharfsinn des Prinzen, -der sich mit speculativem Tiefsinn paart und, um verborgen zu bleiben, -sich in die Maske des Wahnsinns steckt, mit langsamer, aber durch ihre -Ausdauer unwiderstehlicher Zähigkeit an's Licht und in der Schlinge, -die er im Andern sich selbst gelegt, zur Bestrafung gezogen. Der -ursprüngliche Thatbestand bildet den Anfang, die Exposition -- -die eingetretene Verdunkelung den Wendepunkt, die Peripetie -- -die Lichtung derselben und die Wiederherstellung des ursprünglichen -Zustandes den Schluss, die Katastrophe der dramatischen Bewegung. - -117. Dieselbe erscheint in Folge dessen weder zufällig, noch -willkürlich d. i. durch die Laune oder das Belieben des dichtenden -Subjects, sondern nothwendig und naturgesetzlich d. i. wie ohne -und unabhängig vom Willen des Dichters durch die Beschaffenheit des -Inhalts der darzustellenden Handlung selbst, und zwar jeder folgende -Moment durch den vorhergehenden, wie die unabänderliche Wirkung aus den -gegebenen Ursachen herbeigeführt. Die dramatische Handlung (und zwar -nicht blos, wie Schiller an Goethe schrieb, "die tragische") steht -unter der Herrschaft des Causalitätsgesetzes, nach welchem bestimmte -Ursachen bestimmte Wirkungen und gegebene Ursachen unausbleiblich ihre -nie fehlenden Wirkungen nach sich ziehen müssen. Dieselbe gewinnt -dadurch als ästhetisches (d. i. Scheins-) Object den Schein eines -beseelten d. i. von innen heraus bewegten Naturobjects; wie das -Thier, das Geschöpf der Mutter Erde, von ihr losgelöst, Leben und -selbstständige Bewegung an den Tag legt, so scheint das dramatische -Kunstwerk, Geschöpf der dichterischen Einbildungskraft, von dieser und -deren Träger, dem Dichter, losgelöst, inneres Leben und selbstständige, -von innen heraus getriebene Beweglichkeit zu besitzen. - -118. Was von dem dramatischen, muss von dem Kunstwerk jeder anderen -Kunst (der epischen und lyrischen Poesie nicht weniger, wie der Ton- -und bildenden Kunst) als ästhetischem Object gelten. Jedes derselben, -wenn es für ein solches gehalten werden will, muss den Schein -der Objectivität d. i. der beseelten Lebendigkeit und lebendigen -Beseeltheit an sich tragen. Derselbe wird durch die Schönheit des -beseelt scheinenden Objects, z. B. der Natur, keineswegs ersetzt -(seelenlose Schönheit), durch die Abwesenheit solcher keineswegs -aufgehoben (seelenvolle Hässlichkeit; "la belle laidron"). Das wirklich -Beseelte hat daher vor dem ästhetischen nur scheinbar Beseelten -zwar das Merkmal der Wirklichkeit voraus; da aber nicht diese, -die ihrerseits für den Beschauer nur als Erscheinung in Betracht -kommt, sondern der blosse Schein der Wirklichkeit ästhetisch ist, -so bedeutet jener Vorzug, ästhetisch genommen, nichts und der schöne -wirkliche Gegenstand ist daher nicht mehr und nicht minder schön als -der blosse Schein schöner Wirklichkeit. Es wäre denn, man rechnete die -materielle Wirklichkeit des wirklichen Schönen zu dessen ästhetischer -statt zu dessen physischer Natur und verstünde unter ästhetischem -d. i. dem Genuss des schönen Scheins (wie der platte Realismus und -ästhetische Materialismus will) den materiellen d. i. den Genuss der -schönen Materie (z. B. den physischen Genuss der weiblichen Schönheit). - -119. Mit der Betrachtung des überwiegend Identischen, so wie des -überwiegend Gegensätzlichen im theilweise Identischen ist die -Aufzählung der ästhetisch in Betracht kommenden möglichen Fälle -zwischen dem Was des Scheins statthabender Beziehungen erschöpft. Ein -ausschliessend Gegensätzliches, das nicht zugleich bis zu einem -gewissen Grade identisch wäre, kann es, da nur verwandte Vorstellungen, -also solche, deren Inhalt mehr oder weniger unter denselben Begriff -fällt, Bestandtheile der ästhetischen Vorstellungswelt ausmachen -können, in dieser nicht geben. Auch die am stärksten entgegengesetzten -Elemente der letzteren, die sogenannten contrastirenden oder -einander contraponirten (Contrast und Contrapost) Vorstellungen -(wie Riese und Zwerg, Licht und Schatten, forte und piano etc.) sind -nicht blos dadurch mit einander verwandt, dass ihre Objecte zu der -nämlichen Gattung gehören, sondern sie werden einander überdies noch -durch das auszeichnende Merkmal nahegerückt, dass diese beiderseits -Ausnahmen von der Regel, obgleich in entgegengesetzten Richtungen -(der Riese eine Abweichung von der gewöhnlichen Menschengrösse nach -oben, der Zwerg eine solche nach unten, das Licht das Maximum, die -Finsterniss das Minimum der gewöhnlichen Helligkeit; das Fortissimo den -höchsten, das Pianissimo den geringsten Grad der Intensität des Tones) -darstellen. Obige Fälle machen daher zusammengenommen mit derjenigen, -welche aus der Grösse oder Kleinheit des vorgestellten Objects -abgeleitet wird, die Summe derjenigen Bedingungen aus, unter welchen -ästhetischer Schein, er enthalte sonst welchen stofflichen Inhalt -immer, unbedingt d. i. allgemein und nothwendig gefällt oder missfällt. - -120. Aus dem quantitativen Gesichtspunkt entspringt die ästhetische -Idee der (ästhetischen) Vollkommenheit. Dieselbe besteht darin, -dass der ästhetische Schein, sowol was dessen Vorgestelltwerden, als -was dessen Vorgestelltes betrifft, zum "Vollen kömmt" d. h. sowol das -erstere zu dem höchstmöglichen Grade von Intensität als das letztere zu -dem höchsten mit Rücksicht auf die Grenzen der Vorstellungsfähigkeit -des vorstellenden Subjects erreichbaren Masse von Grösse erhoben -wird. Ersteres geschieht, indem nicht nur jedes einzelne Vorstellen -mit dem höchst erreichbaren Grade von Lebhaftigkeit erfolgt, sondern -möglichst viel Vorstellen in kürzester Zeit bethätigt wird, aber auch, -indem das Vorstellen selbst auf möglichst gesetzmässige und normale -Weise sich vollzieht. Letzteres geschieht, indem das Vorgestellte, -soweit dessen Natur es erheischt oder doch gestattet, in möglichster -Grösse, Reichthum, Fülle und Wohlordnung vorgestellt und dadurch -zwar nicht über (wie dies beim Erhabenen der Fall ist) aber bis an -die erlaubten Grenzen des Vorstellenden erweitert wird. An dieselbe -schliesst sich ein Verfahren an, dessen Tendenz dahin gerichtet -ist, im ganzen Umkreis des das Bewusstsein ausfüllenden Vorstellens -schwaches Vorstellen durch energisches, daher, da jede sinnliche -Vorstellung die unsinnliche, jede concrete die abstracte, jede -bildliche die unbildliche an Lebhaftigkeit übertrifft, unsinnliche -durch sinnliche Vorstellungen, Begriffe durch Anschauungen, den -eigentlichen Gedanken durch einen uneigentlichen (Tropus, Metapher), im -Allgemeinen Begriffe durch Bilder (Symbole, Allegorien, Gleichnisse) zu -ersetzen, die Energie des Vorstellens durch associirte, auf das Gemüth -wirkende Nebenvorstellungen zu erhöhen, mit einem Wort die gesammte -Vorstellungswelt des Bewusstseins entsprechend zu tonisiren. Resultat -dieses Verfahrens ist ein im Ganzen und in jedem seiner Bestandtheile -lebhaftes, reiches und wohlgeordnetes Vorstellungsleben, vollkommener -ästhetischer Schein, welcher nicht mit dem Schein des Vollkommenen -d. i. eines einem gewissen Zwecke oder einem gewissen Begriffe -Entsprechenden, Zweck- oder Begriffsmässigen zu verwechseln ist. Jener -gehört dem Vorstellen, dieser dem Vorgestellten an; jener drückt aus, -dass vollkommen vorgestellt, dieser würde ausdrücken, dass Vollkommenes -vorgestellt werde. - -121. In Bezug auf das Vorgestellte drückt die Idee der Vollkommenheit -aus, dass caeteris paribus dasselbe wohlgefälliger sei, wenn es als -gross, als wenn es als klein vorgestellt wird. Der einschränkende -Zusatz besagt, dass ein Vorgestelltes, das seiner Natur nach eine -gewisse Grösse ausschliesst, auch nicht unter dieser vorgestellt -werden dürfe, weil es sonst eben nicht dies, sondern ein anderes -Vorgestelltes wäre. Das Niedliche, Zarte, Milde kann daher nicht -als gross, darum aber darf es auch nicht kleiner vorgestellt werden, -als seine Natur es gestattet. Dagegen bekundet sich die Wirkung des -Grossen unwiderleglich in der Neigung der spielenden Einbildungskraft, -die Grösse vorgestellter Objecte (Räume, Zeiten, Naturgegenstände, -Helden und Göttergestalten) über das Mass des Erfahrenen und -Wahrgenommenen, so wie des Natürlichen ins Unbestimmte, Schranken- und -Grenzenlose, Un-, Ueber-, ja Widernatürliche zu erhöhen und sich ohne -Rücksicht auf Möglichkeit oder gar Wirklichkeit an der Steigerung, -Häufung und Vervielfältigung von Raum-, Zeit- und Naturgrössen zu -ergötzen. Beispiele derselben finden sich vor allem in der Märchen- -d. i. in der Lieblingswelt der Kinder- und Kindheitsvölkerphantasie, -z. B. bei den Indern, deren Imagination sich in der endlosen Anreihung -von Tausenden und aber Tausenden von Jahren und Meilen, sowie in der -Ausmalung der übernatürlichen Grösse ihrer Götter- und Büssergestalten, -deren Haupt in die Wolken reicht, während ihr Fuss auf der Erde -wurzelt, durch deren Locken sich der Gangesstrom vom Himmel herab -ergiesst, die hunderttausende von Jahren auf einem Beine stehen etc., -gefällt, oder bei den baltischen Letten, deren Volkssage die Ewigkeit -dadurch zu schildern sucht, dass, wenn der Diamantberg im Norden, -an dessen Gipfel alle hundert Jahre ein winziges Vögelchen dreimal -sein Schnäbelchen wetzt, in Folge dessen in Staub verwandelt sein, -die erste Minute der Ewigkeit verflossen sein wird. In allen Götter- -und Heldensagen kehrt die Vergrösserung der Leibesgestalt wieder, -aber auch der irdische Held sucht durch Helm und wallenden Helmbusch -und dessen Scheindarsteller, der Heldenspieler, durch den Kothurn -seine natürliche Grösse wenigstens scheinbar zu vermehren. - -122. Aus dem qualitativen Gesichtspunkte der theilweisen, aber -überwiegenden und zwar derjenigen Identität, bei welcher Einseitigkeit -der Uebereinstimmung des beiderseitigen Inhalts herrscht, ergibt sich -die ästhetische Idee des Charakteristischen. Dieselbe besteht darin, -dass derjenige Theil des ästhetischen Scheins, der als charakteristisch -bezeichnet wird, zu jenem, als dessen Charakteristik er angesehen -sein will, in dem Verhältnisse des Nachbildes zum Vorbilde, der -Nachahmung zum Nachgeahmten, der Copie zum Originale steht, so dass -alle wesentlichen Züge des letzteren sich an der ersteren wiederfinden -und beide einander ihrer Inhaltsbestimmtheit nach so ähnlich werden, -als es, ohne dass beide aufhören zwei, und dahin gelangen ein -einziges zu sein, nur immer möglich ist. Das Wesen dieses ästhetisch -Charakteristischen ist daher von jenem des in wissenschaftlichem Sinne -Charakteristischen dadurch verschieden, dass in dem letzteren Fall das -Charakterisirte stets ein wirkliches oder ein wahres oder doch ein für -eins von beiden gehaltenes ist, während bei dem ersteren das Vorbild -eben so gut ein erfundenes (als wahr oder wirklich nur fingirtes) sein -kann. Dasselbe ahmt daher weder, wie die Kunst dem Aristoteles zufolge -soll, die Natur -- noch, wie Winkelmann lehrte, ausschliesslich die -schöne Natur nach; das Wohlgefällige der charakteristischen Nachahmung -ist sowol von der Wahrheit und Wirklichkeit wie von der Schönheit des -Nachgeahmten unabhängig und beruht einzig und allein auf der Treue -der Nachahmung. Dieselbe gestattet daher nicht nur die Nachahmung -des Hässlichen, sondern diejenige Kunst, welche vornehmlich die Idee -des Charakteristischen zum Leitstern nimmt, wählt sogar dasselbe mit -Vorliebe, weil dadurch der Verdacht, als sei es ihr mehr darum zu thun, -Schönes, als schön darzustellen, am gewissesten abgelenkt und das -Streben nach Treue der Darstellung, worin ihr eigentliches Verdienst -besteht, am energischesten hervorgehoben wird. Grosse Charakteristiker, -auf allen künstlerischen Gebieten, pflegen daher lieber das von Goethe -treffend als solches bezeichnete "Bedeutende" als das makellose -Schöne, Charakterdarsteller vorzugsweise "Charaktere" d. i. mit -hervorstechenden, die Kunst der Nachahmung herausfordernden Zügen -ausgestattete Individuen (Richard III., Carl und Franz Moor, Hamlet, -Othello, Mephistopheles u. A.) zum Gegenstande der Darstellung zu -wählen; unter den Helden Homers hat auch der Thersites nicht gefehlt. - -123. An die Idee des Charakteristischen schliesst sich ein Verfahren -an, welches dieselbe nicht blos in einem einzelnen vorschwebenden -Theile, sondern im ganzen Umfange der ästhetischen Vorstellungswelt -(des Scheins) zur Geltung zu bringen d. h. welches, wo und was immer -vorgestellt werde, charakteristisch vorzustellen trachtet. Wenn die -Uebereinstimmung des Vorzustellenden mit der wirklichen Vorstellung -im Allgemeinen als Wahrheit, wenn dieselbe in dem besonderen Falle, -da das Vorzustellende ein äusseres, ein Object der Aussenwelt ist, -als äussere (geschichtliche oder naturgeschichtliche) Wahrheit -bezeichnet wird, so kann jene Tendenz, in der gesammten Welt des -Scheins Uebereinstimmung zwischen Vorbild und Nachbild herrschen -zu machen, Streben nach innerer d. h. da das Vorbild auch ein -erdichtetes sein kann, poetische Wahrheit heissen. Dasselbe geht -sonach nicht darauf aus, im Sinne der äusseren Wahrheit wahr zu -sein d. h. einen äusseren Gegenstand treu wiederzugeben, wohl aber -darauf, im Sinne derselben wahr zu scheinen d. h. einen (gleichviel -ob erfundenen oder erfahrenen) Gegenstand so treu nachzubilden, dass -diese Nachahmung, wenn jener Gegenstand ein äusserer wäre, im Sinne -der äusseren Wahrheit wahr genannt werden müsste. In diesem Sinne -der inneren, nicht in jenem der äusseren Wahrheit hat Aristoteles' -Poetik die Tragödie philosophischer als die Geschichte genannt, weil -jene das Geschehende als Mögliches und daher aus innerlichen Gründen -Begreifliches, diese dagegen dasselbe lediglich als Geschehenes, -seinen inneren Gründen nach erst zu Errathendes darstellt; jene -sonach ihren Werth in der Uebereinstimmung der Wirkungen mit ihren -Ursachen d. h. in der Abspiegelung der letzteren durch die ersteren, -die Geschichte dagegen lediglich in der Uebereinstimmung ihrer -Darstellung mit der äusseren Wirklichkeit sucht. - -124. Der qualitative Gesichtspunkt der theilweisen, aber -überwiegenden, und zwar derjenigen Identität, welche in der -gegenseitigen Uebereinstimmung des beiderseitigen Inhaltes sich -offenbart, ergibt die ästhetische Idee des Harmonischen oder des -(ästhetischen) Einklangs. Dieselbe besteht darin, dass jedes Glied des -Verhältnisses, indem es das andere in sich abbildet, seinerseits ebenso -von dem anderen abgebildet wird. Das Wesen des ästhetischen Einklanges -unterscheidet sich daher von jenem des Charakteristischen dadurch, -dass, während bei dem letzteren das Abbild zwar ganz im Vorbilde, -nicht aber umgekehrt dieses in jenem enthalten ist, hier jedes -Glied zugleich Nachbild und Vorbild des anderen ist. Beide Glieder -enthalten einen gemeinsamen Bestandtheil, durch den sie verknüpft, -und ausserdem einen entgegengesetzten, durch welchen sie aus einander -gehalten werden. Je wichtiger der erste im Gegensatz zum zweiten, -um desto bedeutender der Einklang, um desto nachdrucksvoller das -Lustgefühl. Jenes dritte Gemeinsame stellt gleichsam den Exponenten -des harmonischen Verhältnisses dar und wird, wenn die im Einklang -befindlichen Glieder beide Gedanken z. B. das eine die Vorstellung der -Sache, mit welcher eine andere, das andere die Vorstellung des Anderen, -das mit jener verglichen werden soll, ausmacht, der Vergleichungspunkt -(tertium comparationis) genannt. So bildet in der Metapher, die das -Kameel als Schiff der Wüste bezeichnet, das Merkmal, dass beide, -Kameel wie Schiff, als Transportmittel durch eine unwirthbare Wüste -benutzbar sind, das verknüpfende -- dagegen das Merkmal, dass diese -Wüste bei dem einen wasserlose Sand-, bei dem anderen eine uferlose -Wasserwüste ist, das trennende Element beider Gedanken. Je nachdem -die harmonirenden Glieder des Einklanges Ton-, Farben-, Formen- oder -eigentliche Gedankenvorstellungen sind, welche letzteren allein sich in -Worten ausdrücken lassen, wird der Einklang selbst als musikalische, -Farben-, Formen- oder Gedankenharmonie, je nachdem die vorhandene, -aber verborgene Aehnlichkeit des Verschiedenen leicht, blitzähnlich, -oder in gleichsam visionärer Intuition an den Tag tritt, als Witz -oder als Tiefsinn (die sonach beide ebensowol innerhalb der Ton-, -Farben- und Formen-, wie der Gedankenwelt vorkommen können) bezeichnet. - -125. Geht die beiderseitige Identität der Verhältnissglieder so -weit, dass beide sich nur durch die entgegengesetzte Lage im Raume -unterscheiden d. h. dass das eine rechts und links gleichweit -entfernt von einem idealen Mittelpunkt, oder nach oben gleichweit -über, wie nach unten gleichweit unter einer idealen Ebene gedacht -wird, so geht der Einklang in die Symmetrie oder den blos räumlichen -Contrast (Contrapost) -- wenn dagegen der Gegensatz zwischen den -Verhältnissgliedern so gross, dass nur das Mass ihrer räumlichen -Entfernung von einem gemeinsamen Mittelpunkt oder einer gemeinsamen -Ebene dasselbe, ihre beiderseitige Richtung im Raume aber gleichfalls -entgegengesetzt ist, so geht dieselbe in den nicht blos räumlichen, -sondern eigentlichen (stofflichen) Contrast über. Unter die erstere -fällt zum Beispiele die Anordnung gleicher Thürme in gleicher -Entfernung von der Mittelaxe der Kirche nach entgegengesetzten -Weltgegenden (wie z. B. beim Kölner- oder beim Stephansdom). Unter -den letzteren füllt die Anordnung eines noch unverwundeten und eines -schon verschiedenen Sohnes in gleicher Entfernung von der Mittelaxe -der Gruppe nach entgegengesetzten Richtungen bei der Darstellung -des Laokoon. Beide können wie in räumlicher, so auch in zeitlicher -Anordnung, wenn an die Stelle des idealen Mittelpunktes im Raume ein -eben solcher in der Zeit, und statt der räumlichen Richtung nach rechts -und links, oben und unten, die zeitliche nach der Vergangenheit und -nach der Zukunft hin eingeführt wird, Anwendung finden. So kehrt in -der Tanzmusik nach der Coda die ursprüngliche Melodie, im Ritornell -und Strophenlied der Refrain wieder und baut sich im Fortschritte der -dramatischen Handlung Schürzung und Lösung vor und nach dem Knoten -symmetrisch auf. - -126. An die ästhetische Idee des Einklanges schliesst sich ein -Verfahren an, welches dieselbe im ganzen Umfange des dem Bewusstsein -vorschwebenden Scheins durchzuführen d. h. welches nur solche -Bestandtheile in demselben zuzulassen bemüht ist, die unter einander -nicht nur verwandt (homogen), sondern überwiegend identisch sind. Das -Resultat dieses Verfahrens ist die ästhetische Einheit, welche je -nach der specifischen Natur des die ästhetische Vorstellungswelt -ausmachenden Scheins bald als musikalische (d. i. als Einheit der -Tonwelt, des Tongeschlechts, der Tonleiter), bald als malerische -(d. i. als Einheit der Licht- und Farbenwelt, der Beleuchtungsquelle, -des Farbengeschlechtes u. dgl.), bald als bildnerische (d. i. Einheit -der Formenwelt: der schlanken, aufstrebenden und im Spitzbogen -sich wölbenden in der germanischen; der Quader, des Halbrund -und der flachgewölbten Kuppel in der römischen; des horizontalen -Architravs, der Säule und des Giebels in der griechischen Baukunst -etc.), in der poetischen Welt bald als lyrische (d. i. als Einheit -der Gemüthsstimmung), epische (d. i. als Einheit der Zeitlinie, an -welcher die Begebenheiten aufgereiht werden), bald als dramatische -(d. i. als Einheit der Handlung) sich kundgibt. - -127. Der qualitative Gesichtspunkt der Ausschliessung des Gegensatzes -ergibt die Idee der ästhetischen Correctheit. Dieselbe besteht darin, -dass keine mit einander unverträglichen Vorstellungen gleichzeitig -im Bewusstsein vorhanden, oder, wenn vorhanden, aus demselben -beseitigt sind. Jenes kann als natürliche, dieses als künstliche, -also nur auf Zeit und nur für denjenigen, welcher den Gegensatz -beseitigt hat, bestehende Correctheit bezeichnet werden. Da die -Abwesenheit unverträglicher Vorstellungen im Bewusstsein zwar -Missfallen verhindert, selbst aber keinerlei Wohlgefallen hervorruft, -so ist die Correctheit im Gegensatze zu den Ideen der Vollkommenheit, -des Charakteristischen und des Einklanges, welche als solche positiv -beifällig sind, nur eine negative ästhetische Idee, deren Verletzung -missfällt, deren Beobachtung jedoch gleichgiltig lässt. Dieselbe stellt -daher zwar die conditio sine qua non des unbedingt Beifälligen, für -sich allein aber weder als natürliche, noch (und zwar noch weniger) -als künstliche ein Wohlgefälliges dar. Beispiel der natürlichen -Correctheit ist der natürliche, Beispiel der künstlichen dagegen -der sogenannte künstliche Anstand, von welchen der erstere auf der -Einhaltung der durch das natürliche Schicklichkeitsgefühl gebotenen -Grenzen, der letztere dagegen auf der ängstlichen Beobachtung der -conventionellen, durch gesellschaftliche Uebereinkunft festgesetzten -Formen und Gebräuche des geselligen Umganges beruht. Ein Beispiel aus -der Kunstwelt liefert im Gegensatze zu der natürlichen Correctheit, -welche im Drama Einheit der Handlung fordert, die dem französischen -Nationalgeschmack entsprungene künstliche Correctheit des classischen -Dramas der Franzosen, welche noch überdies die sogenannte Einheit -der Zeit und des Ortes erheischt. Während daher die natürliche -Correctheit eine allgemeine und nothwendige, drückt die künstliche -eine zufällige, auf den Umkreis einer Nation oder eines Zeitalters -beschränkte Eigenschaft des ästhetischen Scheines aus. - -128. An die Idee der Correctheit schliesst sich ein Verfahren an, -welches bestimmt ist, die Ausschliessung mit und unter einander -unverträglicher Bestandtheile durch den ganzen Umkreis der ästhetischen -Vorstellungswelt durchzuführen. Ergebniss desselben ist die ästhetische -Reinheit d. i. die Abwesenheit alles Störenden in der ästhetischen -Vorstellungswelt, welche, wenn die durchzuführende Correctheit eine -natürliche ist, selbst als solche, ist sie dagegen eine künstliche, als -künstliche Reinheit bezeichnet wird. Dieselbe ist, wie die Correctheit, -nur eine negative Eigenschaft des schönen Scheins, durch welche, wenn -sie eine natürliche ist, das Missfallen für Alle, überall und auf -immer, wenn sie dagegen blos eine künstliche ist, nur für diejenigen -nur an jenen Orten und nur für so lange vermieden wird, für welche, -an welchen und so lange das conventionelle Uebereinkommen, auf das -sie begründet ist, besteht. Beispiele der natürlichen Reinheit bietet -der natürliche, der künstlichen dagegen der künstlich festgesetzte -Sprachgebrauch in Regel und Schrift, wie der erste zum Beispiele -in der deutschen, der letztere dagegen in Folge der Herrschaft des -Dictionnaire de l'Académie in der französischen Literatur stattfindet. - -129. Der qualitative Gesichtspunkt der Wiederherstellung des Seins aus -dem an dessen Stelle getretenen und dasselbe verdunkelt habenden Schein -ergibt die ästhetische Idee der Ausgleichung. Dieselbe besteht darin, -dass die wirklich im Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen, welche, -sei es durch Zufall, sei es durch Absicht, aus dem Bewusstsein -verdrängt und durch andere, denselben entgegengesetzte ersetzt -worden sind, ohne, ja wider den Willen des Vorstellenden in das -Bewusstsein zurückkehren und ihrerseits diejenigen, die ihre Stelle -eingenommen haben, verscheuchen. Der durch die Unwillkürlichkeit ihres -Wiederauftauchens erzeugte Schein der Unabhängigkeit der Vorstellungen -vom Vorstellenden wirft auf deren Vorgestelltes selbst den gleichen -Anschein der Selbstständigkeit, inneren Lebens und Beseeltseins, so -dass die Bewegung der wieder auftauchenden Vorstellungen im Bewusstsein -nicht als eine durch den Vorstellenden hervorgerufene, sondern als -eine den Vorstellungen selbst innewohnende, als Selbstbewegung des -Vorgestellten, als lebendiger Schein erscheint d. h. das Geschöpf des -Bewusstseins sich in Selbstbewusstsein verwandelt. Je nachdem die aus -ihrer Verdunklung wieder hergestellten Vorstellungen entgegengesetzt -oder harmonische waren, wird das Product des vollzogenen Ausgleiches -entweder das Dasein entgegengesetzter oder harmonischer Vorstellungen -d. h. der Ausgleich selbst entweder ein solcher mit disharmonischem -oder harmonischem Ausgang sein. Ersterer schliesst zwar mit einer -offenen Dissonanz (wie ein Heine'sches Lied oder eine Chopin'sche -Phantasie), aber das Missfallen, welches der Geltung blossen Scheins -für Sein anklebt, wenigstens ist vermieden. In letzterem Falle wird -nicht blos letzteres Missfallen unmöglich gemacht, sondern die wieder -hergestellte ursprüngliche Consonanz lässt den Process der Ausgleichung -in einen volltönenden Accord ausklingen. - -130. Wie die Idee der Correctheit, so ist jene der Ausgleichung keine -positive, unbedingten Beifall begründende, sondern blos negative, -unbedingtes Missfallen verhütende Idee. Weder die Vermeidung des -Störenden, noch die Wiederherstellung des Ursprünglichen ist an und für -sich beifalls-, aber die Gegenwart des Unerträglichen und der Bestand -der Lüge für Wahrheit sind an und für sich verwerfenswerth. Beide -Ideen bilden daher zwar Bedingungen, ohne welche kein Schönes sein, -durch welche allein aber nichts zum Schönen werden kann. - -131. An die ästhetische Idee des Ausgleichs schliesst sich -ein Verfahren an, welches dieselbe durch den ganzen Umkreis des -ästhetischen Scheins durchzuführen, allenthalben das Sein an die Stelle -des Scheins zu setzen und die ursprünglich gegebenen anstatt der für -dieselben eingeschobenen Elemente der ästhetischen Vorstellungswelt -wieder herzustellen bemüht ist. Ergebniss desselben ist der durch -die gesammte Welt des ästhetischen Scheins verbreitete Anschein -selbstständiger Lebendigkeit, inwohnender Beseelung und Bewegung, -Ablösung des Vorgestellten vom vorstellenden Subjecte d. i. die -ästhetische Idee der Objectivität als Beseeltheit und Seelenhaftigkeit -des ästhetischen Objectes. Dieselbe geht darauf aus, die Geschöpfe -des vorstellenden Subjects als Geschöpfe ihrer selbst d. i. als sich -selbst den Leib ihrer äusseren Erscheinung, Bewegung und Handlung -bauende und bestimmende seelenhafte Subjecte, die gesammte Welt des -ästhetischen Scheins als beseelte Welt, das Kunstwerk der Phantasie wie -ein Naturwerk erscheinen zu lassen. Ausdruck dieses Strebens ist die -dramatische, nach der natürlichen Verkettung von Ursachen und Wirkungen -aus den gegebenen Charakteren und der gegebenen Situation mit innerer -Nothwendigkeit hervorspringende, scheinbar ohne Wissen und Willkür -des Dichters, wie "auf eigenen Füssen" einherschreitende dramatische -Handlung. Die aus dem Hirn des Dichters entsprungenen scheinbar -lebendig wandelnden Gestalten gleichen den Steinen Deukalion's, -welche zu Menschen geworden sind. - -132. Keine der angeführten ästhetischen Ideen ist das ganze Schöne, -aber jede derselben bezeichnet ein Element des Schönen. Weder das -Grosse, noch das Charakteristische oder Harmonische, noch weniger -das Correcte oder das Ausgeglichene für sich erschöpft das Gebiet des -unbedingt Wohlgefälligen, aber jedes der drei ersten, die eben darum -die positiven Merkmale des Schönen ausmachen, stellt ein solches -dar; die beiden letzteren dienen demselben wenigstens als negative -Kriterien. Unter einander verglichen lassen die Eigenschaften der -Vollkommenheit, Wahrheit, Einheit und Reinheit als ruhendes, lässt -sich dagegen die Beseelung, Bewegung und Objectivität als bewegtes -Schönes bezeichnen. Die Gesammtheit sämmtlicher ästhetischer Ideen -zu einem Totalbilde vereinigt prägt dem ästhetischen Schein, wenn -derselbe von geringerem, ja von dem geringsten denkbaren Umfang ist, -den Stempel der Schönheit, wenn derselbe von grösserem, ja von dem -grössten denkbaren Umfang ist, durch die Erweiterung der einfachen -ästhetischen Ideen mittels des sich an dieselben anschliessenden -Verfahrens: der Grösse zur Vollkommenheit, des Charakteristischen zur -Wahrheit, des Einklangs zur Einheit, der Correctheit zur Reinheit und -der Ausgleichung zur Objectivität, die nie und nirgends erlöschende -Marke der Classicität auf. - -133. Wie jeder der logischen Ideen, so steht jeder der ästhetischen -Ideen ihr Gegenbild zur Seite. Der ästhetischen Idee der Vollkommenheit -steht die der Unvollkommenheit, der des Grossen die des Kleinen, jener -des Charakteristischen die des Charakterlosen, jener des Einklangs -die des Missklangs gegenüber. Wie das Grosse, Reiche und Wohlgeordnete -gefällt, so missfällt das Kleine, Dürftige und Zusammenhangslose. Wie -das sein Vorbild in bezeichnenden und wesentlichen Zügen wiedergebende -Nachbild Wohlgefallen erregt, so folgt der unbestimmten, verblasenen -und verschwommenen, kaum kenntlichen Nachahmung das Missfallen auf dem -Fusse. Wie das Harmonische, wo und an wem es sich findet, unbedingt -Lob, so zieht das Disharmonische, wenn es nicht als Vorbereitung zu -einem Harmonischen um dieser seiner dem Schönen dienenden Stellung -willen geduldet wird, unbedingt Tadel nach sich. Die Gegensätze -des Correcten und Ausgeglichenen sind durch die Missfälligkeit des -gleichzeitig vorhandenen Unverträglichen und der Geltung des Scheins -für Sein selbst als unbedingt missfällig gekennzeichnet: Incorrectheit -und Trug erscheinen als unbedingt verwerflich. - -134. Eine Ausnahme macht die Stellung des an sich unbedingt -Missfälligen, Unverträglichen, in der Idee der Ausgleichung mit -harmonischem Ausgang. Weil in diesem Fall das Ursprüngliche und am -Schluss des Processes Wiederhergestellte ein Harmonisches ist und -der Eindruck dieses letzteren durch die vorangegangene Verdunklung, -durch dessen disharmonisches Gegentheil, wie die Erfahrung zeigt, -der auflösenden Consonanz durch die vorangegangene Dissonanz, des -neugeborenen Lichtes durch die vorhergegangene Finsterniss, auf das -vorstellende Subject, den Beschauer und Hörer, erhöht und bestärkt -wird, so tritt in diesem Fall das an sich, wenn es als Zweck gedacht -wird, unbedingt auszuschliessende Missfällige (die Dissonanz, das -Nachtdunkel) in die Rolle eines die Erscheinung des Harmonischen, -welches als Selbstzweck nicht nur möglich, sondern gefordert ist, -vorbereitenden und fördernden Mittels zurück und wird um dieser seiner -dem Harmonischen nützlichen Beschaffenheit willen nicht nur zugelassen, -sondern, um den schliesslichen Effect des Harmonischen auf jede -mögliche Weise und zu jedem erreichbaren Grade zu steigern, mit Wissen -und Willen als Hilfsmittel verwendet. Von dieser Art ist der Gebrauch -der Dissonanzen in der Musik, des Licht- und Schattencontrastes, so -wie der Farbengegensätze in der Malerei, des tragischen d. i. das -Gerechtigkeitsgefühl beleidigenden Schicksalsverhängnisses in der -Tragödie, die Einführung sittlich verwerflicher Charaktere (moralischer -Schlagschatten, Bösewichter, Intriguanten) in die dramatische oder -epische Handlung etc. - -135. Wie die Zusammenfassung der ästhetischen Ideen das Schöne, -jede derselben für sich ein Schönes, so stellen die Gegenbilder -der einzelnen ästhetischen Ideen jedes für sich ein Hässliches, die -Zusammenfassung aller in einem Totalbilde das Hässliche dar. Werden -die Gegenbilder der einzelnen ästhetischen Ideen durch ein dem -Verfahren bei den ersteren entgegengesetztes auf den ganzen Umkreis -der ästhetischen Vorstellungswelt ausgedehnt, so dass in demselben -durchgängig statt der Vollkommenheit Unvollkommenheit, statt der -Grösse Kleinlichkeit, statt der Wahrheit Unwahrscheinlichkeit, statt -der Einheit Verwirrung, statt der Reinheit Rohheit und statt der sich -selbst beseelenden und tragenden Objectivität gesetzlose Willkür -und genial scheinen wollender Subjectivismus herrscht, so wird, -wie durch jene dem Totalbild der Stempel der Classicität, so durch -diese demselben das Gepräge der ungebundenen Individualität d. i. des -romantischen Subjects, die formlose Form der Romantik aufgeprägt. - -136. Mit der Aufstellung der ästhetischen Ideen und ihrer Gegenbilder, -der einen zur Nachahmung, der andern zur Abschreckung für jedes -Schaffen, das Schönes d. i. unbedingt Wohlgefälliges hervorbringen, -unbedingt Missfälliges vermeiden will d. h. mit der Aufzählung -der normalen und anormalen Formen, welche Normen des ästhetischen -Vorstellens und künstlerischen Producirens sind, ist das Geschäft -der Aesthetik als allgemeiner Wissenschaft vom Schönen vollendet. - - - - - - - - -DRITTES CAPITEL. - -DIE ETHISCHEN IDEEN. - - -137. Wie die logischen Ideen die Normen, unter welchen Denken zum -Wissen, die ästhetischen die Normen, unter welchen ästhetischer Schein -zum Schönen, so stellen die ethischen Ideen die Bedingungen dar, -unter welchen Wollen zum Guten wird. Von Kant stammt der Ausspruch, -dass das einzige, was wahrhaft und in jeder Hinsicht gut genannt zu -werden verdiene, der gute Wille sei; welcher aber der gute d. h. unter -allen denkbaren Willen derjenige sei, der unbedingt d. h. allgemein -und nothwendig gefällt, sollen nachstehende Betrachtungen entwickeln. - -138. Wie bei dem schönen wirklichen Gegenstande dasjenige, was ihn -zum schönen macht, nicht darin besteht, dass er Wirklichkeit, sondern -darin, dass er Schönheit besitzt, so kann bei dem guten wirklichen -Wollen der Grund, der es zum guten macht, nicht darin liegen, dass es -wirklich, sondern darin, dass es gut ist. Da nun der wirkliche schöne -Gegenstand vor dem blos gedachten (d. i. dem Schein eines solchen) -nichts weiter voraus hat als eben die Wirklichkeit, und folglich der -Grund seiner Schönheit nicht in demjenigen gefunden werden kann, -was ihn vom Schein unterscheidet, sondern nur in demjenigen, was -auch diesem eigen ist, so kann auch die Ursache, um deren willen -der gute wirkliche Wille gelobt und dessen Gegentheil getadelt wird, -keine andere als eine solche sein, welche der wirkliche mit dem blos -gedachten (d. i. mit dem blossen Schein-) Willen gemein hat. Wie -aber dasjenige, was das schöne Wirkliche mit dem schönen gedachten -Gegenstande gemein hat, nur beider Form, so kann auch dasjenige, was -dem guten Wirklichen mit dem blos gedachten guten Willen gemeinsam -ist, nur deren gemeinschaftliche Form, und der einzige wahre Grund, -um deswillen gutes wirkliches Wollen gut genannt zu werden verdient, -kann daher nicht in dessen Realität, sondern nur in dessen (unbedingt -wohlgefälliger d. i. den Normen des unbedingt Wohlgefälligen -entsprechender) Form gefunden werden. - -139. Wäre das Gegentheil der Fall d. h. läge der Grund, warum gutes -wirkliches Wollen unbedingt gefällt, in Eigenschaften, welche von -dessen Wirklichkeit abhängen, so ergäbe sich Folgendes: Jedes wirkliche -Wollen bringt einerseits als Wirkendes Wirkungen d. i. Folgen hervor -und ist andererseits entweder als Bewirktes die Wirkung eines anderen -Willens, oder als Selbstbewirktes die Wirkung seiner selbst, als -des eigenen Willens. Im ersten Falle ist es selbst als Wirkliches -die Ursache eines anderen Wirklichen; im zweiten Falle ist seine -Ursache der entweder gebietende oder der als Muster zur Nachahmung -reizende Wille eines Anderen; im letzten Falle ist es selbst seine -eigene Ursache. - -140. Da jedes wirkliche Wollen ein Streben, ein solches aber nichts -anderes ist als das Aufstreben der Vorstellung des Erstrebten -im Bewusstsein gegen die Hemmnisse, welche bisher auf derselben -lasteten, so erzeugt jedes Wollen, welches etwas bewirkt d. h. eine -wirkliche Veränderung seiner bisherigen Lage hervorbringt, ebenso -unausbleiblicher Weise ein Lust- als im entgegengesetzten Fall, wenn -es nichts bewirkt, ein Unlustgefühl. Indem sich das erstere mit der -Vorstellung des im Wollen Erstrebten d. i. des Objectes des Wollens -verknüpft, erscheint dieses letztere als ein Gut; indem das letztere -das gleiche thut, erscheint das Erstrebte als ein Uebel; jenes, weil -an dessen Vorstellung sich ein Lustgefühl geheftet, wird von da an -als ein Begehrens-, dieses, weil dessen Vorstellung fortan von einem -Unlustgefühl begleitet wird, als ein Verabscheuungswerthes angesehen, -die Güte des Wollens von dessen Richtung auf Güter, deren Gegentheil, -die Bosheit, von dessen Richtung auf Uebel abhängig gemacht. Die -Ethik als Wissenschaft von den Bedingungen des Guten nimmt die Gestalt -einer Güterlehre an. - -141. Die Eigenschaft eines Objectes als eines Gutes oder Uebels -hängt ab von den die Vorstellung desselben begleitenden Lust- oder -Unlustgefühlen. Je nachdem diese letztern stärker oder geringer, werden -höhere und niedere Güter und Uebel unterschieden. Durch den Umstand, -dass die Vorstellung des einen von dem höchsten Lust-, die Vorstellung -des anderen von dem höchsten Unlustgefühl unzertrennlich ist, wird das -höchste Gut vor dem grössten Uebel gekennzeichnet. Dass sich dabei -an die Vorstellung der Lust als solcher das höchste Lustgefühl, -an jene der Unlust das höchste Unlustgefühl und zwar nicht blos -in diesem und jenem, sondern in jedem Fall heften muss, in welchem -von Lust und Unlust als Ziel des Wollens die Rede ist, und dass in -Folge dessen kein Gegenstand geeigneter erscheint, als höchstes Gut -aufgestellt zu werden, als die Lust (Glückseligkeit, eudaimonia) und -keiner näher liegt, um als höchstes Uebel zu erscheinen, als die Unlust -(Unseligkeit, kakodaimonia) scheint eben so wenig befremdlich, als es -unbestimmt bleibt, ob unter jener Lust, die als Gut, und jener Unlust, -die als Uebel bezeichnet wird, jede beliebige ohne Unterschied, oder -irgend eine bestimmte, z. B. nur sinnliche oder nur geistige Lust, -nur eigene (Egoismus) oder nur fremde Glückseligkeit (Altruismus), -die Glückseligkeit eines Theiles oder die des Ganzen (allgemeines Wohl, -salus publica) verstanden werden solle. - -142. Letzterem Mangel soll dadurch abgeholfen werden, dass diejenige -Lust, welche mit keinerlei Unlust gemischt, also rein erscheint, -der gemischten -- also diejenige, deren Folgen nicht einer solchen -vorgezogen wird, deren nachträgliche Wirkungen von Unlust begleitet -sind. Aus diesem Grunde wurde von den Hedonikern und Epikuräern die -sinnliche Lust als vorübergehende und flüchtige der geistigen als der -dauer- und standhaften nachgesetzt, von Aristoteles das beschauliche -Leben des Denkers als das einzige wahren Genuss gewährende hoch über -das banausische Treiben der Sinnlichkeit erhoben. Dem Streben nach -eigener, selbstsüchtiger Glückseligkeit, in welchem die Einen (die -Encyklopädisten, Helvetius) das Ziel des Wollens erblickten, wird -von Anderen (Hume, Smith, Comte) das Streben nach fremder d. i. nach -der Glückseligkeit des Andern (autrui, Altruismus) entgegengestellt -d. h. das selbstlose und selbstverleugnende uneigennützige dem -selbstsüchtigen eigennützigen Wollen -- mit Recht, aber grundlos -d. h. ohne Angabe eines Grundes, warum das eine besser als das -andere sein solle -- vorgezogen. Eben so richtig, aber auch eben so -wenig motivirt ist der von Leibnitz u. A. hervorgehobene Vorrang der -allgemeinen vor der besondern oder gar individuellen Glückseligkeit, -in Folge dessen das Wohl des Ganzen jenem des Theiles, dieses -jenem des Einzelnen zwar (mit Recht) vorzuziehen, der Grund aber, -durch welchen diese Bevorzugung gerechtfertigt (und welcher, wie -später gezeigt werden soll, ausschliesslich in der ursprünglichen -unbedingten Wohlgefälligkeit wohlwollender Gesinnung gelegen) ist, -eben so wenig anzutreffen ist. - -143. Der andere Mangel, an dem jede Ethik als Güterlehre leidet, -aber kann auf keine Weise beseitigt werden. Dieselbe geht davon aus, -dass es Güter d. h. Objecte gebe, die begehrens-, und solche, die -verabscheuungswerth sind, und will durch die Angabe der ersteren, -wie durch die Ausscheidung der zweiten das gute d. h. auf Güter, von -dem bösen d. h. auf Uebel sich richtenden Wollen unterscheiden. Wenn -aber nach Obigem an jede Befriedigung des Wollens, gleichviel welches -dessen Object sei, ein Lustgefühl sich knüpft und jedes Object, dessen -Vorstellung ein Lustgefühl begleitet, ein Gut darstellt, so folgt, -dass das Object jedes Wollens, gleichviel welches es sei, ein Gut -- -und daher jedes Wollen ohne Unterschied, weil auf ein Gut gerichtet, -ein gutes, folglich der Unterschied zwischen gutem und nicht gutem -Wollen illusorisch sei. Folge der Ethik als Güterlehre wäre daher, -entweder, dass jedes Wollen als Wollen gut (ethischer Optimismus), oder -dass kein Wollen besser als das andere (ethischer Indifferentismus), -oder dass kein Wollen gut (ethischer Pessimismus und Nihilismus), -oder, da jedes wirkliche Wollen aus dem Gefühl des Nichtbesitzes des -Gewollten d. i. aus einem Unlustgefühl hervorgeht, dass Nichtwollen -am besten sei (ethischer Quietismus). In keinem dieser Fälle ist -Ethik als Wissenschaft möglich. - -144. Wie das wirkliche Wollen als Wirkendes Ursache, so ist es als -Bewirktes Wirkung eines Wirklichen. Kann nun dasjenige, wodurch ein -Wollen bewirkt wird, nur wieder ein Wille sein, so ist nur zweierlei -möglich: entweder ist der bewirkende Wille ein fremder d. h. der eines -von jenem, der will, unterschiedenen, oder der eigene d. i. der eines -mit demjenigen, welcher will, identischen Individuums. In beiden -Fällen kann der Wille entweder als befehlender, das eigene Wollen -als Wirkung jenes Willens als gehorchendes, oder als vorbildender, -das eigene Wollen als nachahmendes auftreten. Im ersten Fall nimmt das -gute Wollen die Form des pflichtmässigen, die Ethik als Wissenschaft -die Gestalt einer Pflichtenlehre, im zweiten Fall das vorbildende -Wollen die Rolle eines Tugendmusters, die Ethik als Wissenschaft die -Form einer Tugendlehre an. - -145. Grund der Güte des Wollens ist in der ersten die Beschaffenheit -des befehlenden Willens. Ist dieser selbst gut, so ist es auch -sein Gebot (die Pflicht) und folglich auch das diesem gemässe -d. i. pflichtgemässe Wollen. Ist er dagegen das Gegentheil, so -ist es auch sein Gebot und folglich das Wollen desto schlechter, -je pflichtgemässer es ist. Soll daher die Ethik die Form einer -Pflichtenlehre annehmen dürfen, so muss zuerst ausgemacht sein, -dass der gesetzgebende Wille in der That der gute d. h. dass das -von ihm Gebotene niemals etwas anderes sein könne, als was des -Gebotenwerdens werth ist. Dieses aber kann weder einfach dadurch -erwiesen werden, dass dargethan wird, der gebietende Wille sei -der stärkste, noch dadurch, dass zu erweisen versucht wird, er sei -entweder der göttliche oder überhaupt ein höherer (übermenschlicher, -übersinnlicher, überempirischer), sondern allein dadurch, dass -dargethan wird, er sei der gute d. h. sein Inhalt stimme mit -demjenigen überein, was den Inhalt des Guten d. h. des am Wollen -unbedingt Wohlgefälligen ausmacht. Erweis der Güte des Gebots durch -den Nachweis, dass der gebietende Wille der stärkste d. h. stärker -als der gehorchende und folglich denselben zu zwingen vermögend sei, -würde das Faustrecht d. h. das angebliche Recht des Stärkeren bedeuten -d. i. den Grundsatz: dass dasjenige, was die Macht will, gut, nicht -aber, dass nur die Macht, die das Gute will, diejenige sei, der -man zum Gehorsam verpflichtet ist. Das zweite würde das Vorangehen -des Beweises erfordern, dass der Gesetzgeber, als dessen Gesetz das -gebotene Wollen sich kundgibt, wirklich Gott d. h. nicht blos ein -angeblicher, sondern der wirkliche Gott d. h. ein solcher sei, zu -dessen Eigenschaften es naturnothwendig gehört, nur das Gute d. i. das -sein Sollende, zu wollen. Da nun dieser Beweis nicht erbracht werden -kann, ohne das Gute d. i. das unbedingt Wohlgefällige am Wollen zu -kennen, auf dessen Uebereinstimmung mit dem angeblich göttlichen Gebot -eben die Anerkennung des letzteren als eines göttlichen beruht, so -setzt die Ethik als theologische d. i. das Gute auf das Gebot Gottes -zurückführende Wissenschaft, die Kenntniss des Guten als gewonnen -voraus, statt dieselbe zu gewähren. Wird jedoch der gesetzgebende -Wille statt in einen Andern, in das Innere des Wollenden selbst, -gleichsam als ein höherer, überempirischer in das menschliche, -empirische Individuum verlegt, so dass der Mensch gleichsam als ein -aus zwei Elementen, einem überempirischen und einem empirischen, -zusammengesetztes Doppelwesen erscheint, deren eines zum Befehlen, -das andere zum Gehorchen bestimmt ist, so kehrt dieselbe Schwierigkeit -wieder d. h. es muss neuerdings dargethan werden, dass der sich im -Menschen als der höhere geberdende Wille ("der Gott in uns") wirklich -den Anspruch besitze und nicht blos mache, als solcher anerkannt, -und dessen Gesetz die Berechtigung habe, nicht blos, weil es sein, -sondern weil es ein gutes Gesetz ist, Gehorsam zu fordern. - -146. Selbst Kant's souveräner kategorischer Imperativ hat der -Verpflichtung, als gutes d. i. Gehorsam zu fordern berechtigtes Gebot -sich zu legitimiren, sich nicht zu entziehen vermocht. Freilich -thut er dasselbe nicht durch den Erweis, dass der Inhalt seines -Gebotes der gute, sondern dadurch, dass das Gegentheil desselben in -sich widersprechend sei. Der von ihm aufgestellte Satz: Handle so, -dass die Maxime deines Wollens fähig sei, als allgemeines Gesetz zu -dienen, soll nicht den Inhalt des Guten, sondern ein Kennzeichen -darbieten, denselben zu erkennen. Die Fähigkeit einer Maxime, -allgemein als Gesetz aufgestellt zu werden, verräth sich darin, dass -das Gegentheil derselben, als allgemeines Gesetz gedacht, sich selbst -widerspricht. Kant's Kriterium des Guten ist logisch, nicht ethisch. - -147. Aber das Beispiel, das er gibt, führt nicht einmal zum -Widerspruch. Kant erweist die Pflicht, anvertraute Güter zurückzugeben, -auf die Weise, dass er bemerkt, im entgegengesetzten Fall würde es -keine anvertrauten Güter mehr geben. Allein die der Maxime, anvertraute -Güter zurückzustellen, entgegengesetzte Maxime, anvertraute Güter -nicht zurückzustellen, würde nur dann auf einen Widerspruch führen, -wenn sie verlangte, obgleich keine anvertrauten Güter vorhanden seien, -dennoch dergleichen zurückzustellen. Dieselbe führt jedoch auf keinen -Widerspruch, wenn sie, wie sie es wirklich thut, verlangt, anvertraute -Güter, wenn dergleichen vorhanden sind, nicht zurückzustellen. - -148. Kant geht von dem richtigen Satze aus, dass jedes gute Gebot -allgemein giltig und schliesst daraus umgekehrt, dass jedes allgemein -giltige Gebot nothwendig gut sei. Er erweist daher statt, wie er -sollte, die Folge aus dem Grund, umgekehrt, wie er nicht durfte, den -Grund aus der Folge. Allgemein giltige Gebote sind nothwendig gute, -aber nicht alles, was allgemein gilt d. h. dessen Gegentheil auf -einen Widerspruch führt (wie z. B. mathematische Wahrheiten) ist ein -ethisches Gebot. In der kürzeren Form, welche Kant seinem obersten -Sittengesetze gibt: folge der praktischen Vernunft d. i. thue, was -du sollst, wird die leere Tautologie, in die sich der kategorische -Imperativ verwickelt, noch auffälliger. Denn da die Vernunft nichts -anderes ist als die Stimme des Sollens, so bedeutet jenes Gebot: -du sollst, was du sollst -- einen identischen Satz. - -149. Der kategorische Imperativ oder die sogenannte praktische Vernunft -im Wollenden nimmt in Bezug auf den Inhalt ihres Gebots dem an sich -Guten gegenüber keine andere Stellung ein, als Gott und die sogenannte -göttliche Gesetzgebung ausserhalb des Wollenden. Wie die letztere, -um den angeblichen von dem wahren (d. i. eines Gottes würdigen) Willen -Gottes unterscheiden zu können, nach den Worten des Thomas von Aquin: -non ideo bonum est, quia deus præcepit, sed ideo deus præcepit, quia -bonum est, der Rechtfertigung durch Uebereinstimmung ihres Inhalts -mit jenem des an sich Guten (d. i. des unbedingt Wohlgefälligen am -Wollen) bedarf, so muss, um den Ausspruch der wahren von dem einer -blos vermeintlichen gebietenden Vernunft unterscheiden zu können, -der Inhalt desselben an dem Massstab einer andern, der über Werth und -Unwerth des Wollens unbedingt entscheidenden urtheilenden Vernunft -geprüft und durch diese entweder bestätigt oder verworfen werden. - -150. Wie in der Pflichtenlehre der Grund der Güte des gehorchenden in -jener des befehlenden Willens, so liegt in der Ethik als Tugendlehre -der Grund der Güte des nachahmenden in jener des nachgeahmten -Willens. Dieselbe stellt, wie die stoische Moral in der Person des -stoischen Weisen, wie Aristoteles in seinem "gerechten Mann" (orthos -anêr) ein ethisches Ideal, das Bild einer vollendeten oder doch -für vollendet ausgegebenen idealen Persönlichkeit als Tugendmuster -d. i. als nachahmungswerthes Vorbild auf, durch dessen Nachahmung -das Wollen des Nachahmenden selbst tugendhaft, Mustertugend wird, -aus keinem andern Grunde, als weil und insofern es dem Wollen -des Tugendmusters gleicht. Ethik als Tugendlehre ist daher zwar -vorschreibend, insofern sie ein Vorbild zur Nachahmung aufstellt, -aber zugleich blos beschreibend, indem sie das Wesen des Tugendmusters -ausmalt. Die stoische Moral begnügte sich nicht damit, auf das Ideal -des Weisen als Muster hinzudeuten, sondern entwarf ein Charaktergemälde -desselben und seines Verhaltens in allen denkbaren Lebenslagen als -musterhaft. Die Ethik als Tugendlehre verfährt weder imperativ, noch -deducirend, sondern demonstrirend d. i. auf ein gegebenes, sei es -historisch in der Wirklichkeit, sei es poetisch in der idealen Welt, -Vorhandenes hinweisend und dasselbe ein- für allemal als ethische -Autorität d. i. als den schlechthinigen Ausdruck des an sich Guten -proclamirend. Wie Max von Wallenstein sagt: "Auf ihn nur braucht' ich -zu schau'n und war des rechten Pfad's gewiss" -- so zeigt die Ethik -als Tugendlehre auf jede Frage nach dem Guten, statt aller Antwort -auf den Guten hin, in dessen jeweiligem Wollen dasselbe verkörpert sei. - -151. Soll dessen ethische Autorität nicht blos "auf Autorität" -hin, das Ideal des stoischen Weisen nicht blos auf das Zeugniss -der Stoiker, der orthos anêr nicht blos auf jenes des Aristoteles -hin als Tugendmuster gelten, so muss die Berechtigung derselben, -ideal d. i. absolut wohlgefälliges Vorbild zu sein, wissenschaftlich -d. i. durch Uebereinstimmung ihres Wollens mit dem an sich Guten -(d. i. dem unbedingt Wohlgefälligen am Wollen) vorher erwiesen -werden. Weil aber dieser Erweis die Kenntniss des Guten bedingt, das -gute Wollen nicht deshalb gut, weil es das Wollen des Guten (Mannes), -sondern der Gute deshalb gut ist, weil er das Gute will, so setzt -Ethik als Tugendlehre, statt selbst Wissenschaft des Guten zu sein, -vielmehr diese d. i. die Wissenschaft der Normen, nach welchen das -Wollen unbedingt gefällt oder missfällt, die ästhetische Wissenschaft -vom Wollen, die Willensästhetik voraus. - -152. Güter-, Pflichten- und Tugendlehre als Formen der Ethik sind damit -gleichmässig abgelehnt. Die Eigenschaften des Wollens, welche dasselbe -zum guten machen, gehören nicht, wie bei jenen, dem wirklichen, sondern -ausschliesslich dem gedachten Wollen d. i. der blossen Vorstellung -eines solchen, dem Schein eines Wollens an. Wie ästhetischer Schein -überhaupt weder dadurch, dass etwas durch denselben hindurchscheint, -noch dadurch gefällt, dass er einem gewissen Subjecte scheint, sondern -allein dadurch, dass er gewisse unbedingt wohlgefällige Formen an -sich trägt, so gefällt das Bild eines Wollens weder dadurch, dass -dieses bestimmte Folgen nach sich zieht (wie in der Güterlehre), -noch dadurch, dass dieses das, sei es gebietende oder als Muster -vorgestellte Wollen eines Andern nachahmt (wie in der Pflichten- -und Tugendlehre), sondern allein dadurch, dass das Wollen gewisse -unbedingt wohlgefällige Formen an sich trägt. Die Aufstellung dieser -letzteren ist die Aufgabe der Ethik als Aesthetik des Wollens. - -153. Zieht man von dem guten wirklichen Wollen die äussere Hülle -der Wirklichkeit ab, so bleibt der Gedanke, das Bild oder die -Vorstellung dieses Wollens allein übrig. Dieses Bild wird als -Vorgestelltes nicht nur mit einem gewissen Grade von Intensität -vorgestellt, sondern das Wollen, dessen Bild es ist, wird in diesem -als Wollen von einem bestimmten höheren oder niederen Intensitätsgrad -vorgestellt. Dasselbe wird ferner nicht blos in Beziehungen und -Verhältnissen (der Gleichheit, Ungleichheit, der Identität oder des -Gegensatzes) zu anderen ähnlichen oder unähnlichen Willensbildern -vorgestellt, sondern das Wollen, dessen Bild es ist, wird selbst -als in Beziehungen und Verhältnissen (der Uebereinstimmung oder -des Widerstreits) zu anderem, sei es Wollen, sei es Vorstellen, -stehend vorgestellt. Jenes ergibt einen quantitativen, dieses einen -qualitativen Gesichtspunkt zur Beurtheilung des Wollens. - -154. Ersterer betrifft das Wie, letzterer das Was des vorgestellten -Wollens. Dasselbe wird von jenem aus entweder als stark, oder als -schwach, als reich und mannigfaltig, oder als dürftig und einförmig, -als wohlgeordnet und in sich zusammenhängend, oder als ordnungslos -und in sich zerrissen vorgestellt, und nach der ästhetischen -Idee der Vollkommenheit dem starken, reichen, zusammenhängenden -vor dem schwachen, armen und zusammenhanglosen Wollen der Vorzug -gegeben. Von diesem aus wird dasselbe entweder als mit einem anderen -Wollen (z. B. dem eines Andern) ganz oder theilweise identisch oder -demselben entgegengesetzt vorgestellt und nach der ästhetischen -Idee des Einklangs im ersteren Falle mit Lob, in letzterem mit Tadel -begleitet. Die Entwicklung und Aufzählung aller sowol vom quantitativen -als vom qualitativen Gesichtspunkt aus möglichen Fälle ergibt die -ethischen Ideen. - -155. Diese Fälle sind folgende. Jedes Wollen als solches besitzt eine -Energie, mit welcher, und einen Inhalt, welcher gewollt wird. Wird -die erstere d. i. das Quantum des Wollens, ohne Rücksicht auf den -letzteren, das Quale des Wollens, allein ins Auge gefasst, so ergibt -sich der quantitative, findet das Gegentheil statt, der qualitative -Gesichtspunkt seiner Beurtheilung. Weil jede Bethätigung des Wollens -als eines Ueberwindens entgegenstehender Hemmnisse von Lustgefühl -begleitet ist und sich dasselbe in gleichem Grade steigert, als das -aufgewendete Quantum der Wollensbethätigung wächst, so muss mit der -Vorstellung des grösseren Quantums von Wollensbethätigung nothwendig -ein grösseres, mit der Vorstellung eines mit dem ersteren verglichen -kleineren Wollensquantums eben so nothwendig ein geringerer Grad von -Lustgefühl verbunden sein d. h. das stärkere Wollen gefällt neben dem -schwächeren, das schwächere missfällt neben dem stärkeren. Dieser -Erfolg besteht so lange, als das proportionale Verhältniss -zwischen den beiden unter einander verglichenen Wollensquantitäten -dasselbe bleibt. Ob die beiden unter einander ihrer relativen -Stärke nach verglichenen Wollen als einem und demselben oder als -verschiedenen wollenden Wesen angehörig gedacht werden, macht dann -keinen Unterschied. Wächst das kleinere Wollensquantum, oder nimmt -das grössere ab, so dass schliesslich beide den gleichen Grad von -Stärke besitzen, oder bei fortwährendem Wachsen des kleineren oder -Abnehmen des grösseren das schwächere zum stärkeren, das stärkere zum -schwächeren Wollen wird, so hört in dem einen Fall, da beide gleich -stark geworden sind, jeder Vorzug des einen vor dem andern auf, -in dem andern Fall, da das schwächere zum stärkeren geworden ist, -kehrt sich das Verhältniss um, das vorher wohlgefällige missfällt, -das vorher missfällige wird wohlgefällig. In beiden Fällen stellt das -stärkere den Massstab des schwächeren, jenes gleichsam das "Volle" -dar, zu welchem dieses erst "kommen" soll. - -156. Wird das Quantum des Wollens hierbei als über jedes erreichbare -Mass hinaus fortschreitend vorgestellt, so geht die Vorstellung des -starken in die des durch seine Stärke erhabenen Wollens d. i. eines -solchen über, im Vergleich mit welchem jede dem Vorstellenden -selbst als Wollendem erreichbare Stärke seines Wollens in nichts -verschwindet. Das in diesem Fall vorgestellte Wollen erscheint mit -dem des Vorstellenden selbst verglichen unendlich (d. h. über jede -diesem vorstellbare Grenze hinaus) gross; das eigene Wollen des -Vorstellenden diesem mit jenem verglichen unendlich (d. h. über -jede von diesem vorstellbare Grenze hinaus) klein. Letzterer -Umstand ruft in dem Vorstellenden das unangenehme Gefühl seiner -Schwäche als wollendes, dagegen das Bewusstsein, einen dem seinen -unendlich überlegenen Willen zwar nicht im Wollen erreichen, aber -doch wenigstens mit seiner vorstellenden Kraft vorstellen zu können, -das angenehme Gefühl der eigenen Stärke als vorstellendes Wesen hervor, -so dass beide, dieses Lust- und jenes Unlustgefühl zusammen, jenem über -alles Mass hinaus gesteigerten Wollen gegenüber wieder das gemischte -Gefühl des Erhabenen erzeugen. Letzteres mag, da es ein Wollen ist, -zum Unterschied von dem im Vorangehenden erwähnten, welches nur auf -der Ueberschreitung der Grenze des Vorstellbaren beruhte, mit einem -Kant'schen Ausdruck das dynamisch Erhabene heissen. - -157. Wird, wie oben vom Quale, so vom Quantum des vorgestellten Wollens -ab und nur auf das Was desselben gesehen, so ergeben sich, da in Bezug -auf den Umstand, dass überhaupt etwas gewollt wird, ein Wollen dem -andern gleicht, in Bezug auf dasjenige, welches gewollt wird, aber, -weil jede beliebige Vorstellung Sitz eines Wollens werden kann, eine -so unendliche Mannigfaltigkeit stattfindet, dass von einer Aufzählung -oder Vergleichung derselben unter einander keine Rede sein kann, -nur nachstehende Fälle. Das vorgestellte Wollen wird entweder auf den -Wollenden selbst oder auf einen anderen Wollenden bezogen, letzterer -aber entweder als blos in der Vorstellung des ersten vorhanden, oder -als wirklich vorhanden vorgestellt. Findet das erste statt d. h. wird -das Wollen des Wollenden auf den Wollenden selbst bezogen, so muss -etwas in diesem als vorhanden vorgestellt werden, was sich mit dessen -Wollen vergleichen lässt. Wird dagegen das Wollen auf einen Anderen -bezogen, so muss in diesem etwas vorhanden gedacht werden, das sich -mit dem Wollen jenes ersten vergleichen lässt. Dasjenige im Wollenden, -mit dem sich sein Wollen vergleichen lässt, kann nun nichts anderes -sein, als das Bild dieses Wollens d. h. die Vorstellung, die er sich -selbst von seinem Wollen macht. Dasjenige im Andern, womit das Wollen -des ersten verglichen wird, seinerseits kann wieder nur ein Wollen, -und zwar entweder als blos gedachtes d. i. nur in der Vorstellung des -ersten vorhandenes, oder als wirkliches, thatsächlich existirendes -im zweiten sein. - -158. Das Bild, das sich der Wollende von seinem eigenen Wollen macht, -gehört dessen Vorstellen (dem Intellect), das Wollen selbst, von dem er -ein Bild sich macht, dessen mit der Vorstellung der Erreichbarkeit des -Angestrebten verbundenem Streben (dem Willen) an: beide, das Bild des -Wollens im Intellect und das wirkliche Wollen des Willens des Wollenden -verhalten sich zu einander, wie Vorbild und Nachbild, Original und -Copie; der Intellect entwirft das Bild eines gewissen möglichen Wollens -(Willensproject), der Wille führt es aus oder auch nicht im wirklichen -Wollen (Willensact). Im ersten Fall trägt das wirkliche Wollen die Züge -des gedachten d. h. dasselbe ahmt das letztere nach; im letzteren Fall -fallen Willensproject und Willensact, auf ihren Inhalt hin angesehen, -gänzlich aus einander, gedachtes und wirkliches Wollen decken einander -nicht. Beide Fälle, die auf der einseitigen Identität des gedachten -und des wirklichen Wollens beruhen, wiederholen die ästhetische Idee -des Charakteristischen auf dem Gebiete des Wollens. - -159. Wie jene allgemein darin besteht, dass sich der gesammte Inhalt -des Nachbildes am Vorbilde, dagegen nicht alles, was letzterem -eigen ist, an dem ersten findet, so besteht das Verhältniss zwischen -gedachtem und wirklichem Wollen darin, dass der gesammte Inhalt des -wirklichen sich in dem Inhalt des gedachten, nur mit dem Unterschied -vorfindet, dass er das einemal nur als Gedanke (Vorstellung, Bild, -ideal), das anderemal als Wollen (wirklich, real) vorhanden ist. Wie -unter der Herrschaft der Idee des Charakteristischen Original -und Portrait einander so nahe kommen, dass nur der Umstand, dass -das eine ein wirklich, das andere ein nur scheinbar belebtes ist, -sie von einander scheidet, so kommen im vorliegenden Verhältniss -gedachtes und wirkliches Wollen mit einander so vollkommen überein, -dass nur der Umstand, dass das eine als wirklich nur gedachtes, das -andere ein Gedachtes verwirklichendes Wollen ist, sie trennt. Der -unbedingte Beifall, welcher die erstere, die Harmonie zwischen -Vorbild und Nachbild, begleitet, kann daher auch dem letzteren, -welches die Harmonie zwischen gedachtem und wirklichem Wollen des -Wollenden ausdrückt, eben so wenig fehlen, wie dessen Gegentheil, -der Disharmonie zwischen beiden, das unbedingte Missfallen. - -160. Wie die Beziehung zwischen gedachtem und wirklichem Wollen im -Wollenden selbst auf der einseitigen, so beruht jene zwischen dem -wirklichen Wollen des Wollenden und seiner Vorstellung vom Wollen -eines Andern auf jenem der gegenseitigen Identität. Beide Fälle -haben das mit einander gemein, dass beide Glieder, deren Beziehung -unter einander das Verhältniss ausmacht, dem Bewusstsein eines -und des nämlichen Individuums (des Wollenden) angehören; ferner, -dass diese Glieder jedesmal je ein gedachtes und ein wirkliches -Wollen sind; der Gegensatz beider Fälle aber besteht darin, dass -das gedachte Wollen, auf welches das wirkliche Wollen sich bezieht, -in dem einen Fall als das eigene des Wollenden, in dem anderen als -das eines Anderen gedacht wird. Wie nun im ersten Fall das gedachte -eigene zum Vorbild des eigenen wirklichen Wollens, so wird in dem -hier vorliegenden Falle das gedachte fremde zum Vorbild des eigenen -wirklichen Wollens. In jenem Fall wird das Bild des eigenen Wollens, in -diesem das Bild des fremden Wollens vom Wollenden nachgeahmt, so dass -in jenem Harmonie zwischen gedachtem eigenem und eigenem wirklichem, -in diesem dagegen Harmonie zwischen gedachtem fremdem und wirklichem -eigenem Wollen stattfindet. Gedachtes fremdes und eigenes wirkliches -Wollen werden dabei ihrem Inhalt nach congruent, dem Umstand nach, -dass das eine blos gedacht, das andere wirklich, das eine eigenes, -das andere fremdes Wollen ist, als gegensätzlich vorausgesetzt; jedes -der beiden Verhältnissglieder hat durch die Identität des Inhalts -etwas, und zwar ein Ueberwiegendes mit dem andern gemein und jedes -etwas, wenngleich nichts überwiegendes, das eine die Eigenschaft, -dass es eigenes und wirkliches, das andere die entgegengesetzte, -dass es gedachtes und fremdes Wollen ist, vor dem anderen voraus. - -161. Dass in diesem Willensverhältniss die ästhetische Idee des -Einklangs auf ethischem Felde wiederkehrt, braucht kaum erst -hervorgehoben zu werden. Gedachtes fremdes und eigenes wirkliches -Wollen verhalten sich zu einander wie die überwiegend identischen, -obgleich jedes dem andern theilweise entgegengesetzten Glieder einer -Ton-, Farben- oder Gedankenharmonie. Wie dieser auf ästhetischem, -so kann jenem Willensverhältniss auf ethischem Gebiet das unbedingte -Lob eben so wenig ausbleiben, wie seinem Gegentheil, der Disharmonie -zwischen gedachtem fremdem und eigenem wirklichem Wollen der unbedingte -Tadel. - -162. Schon hier mag erwähnt sein, dass der Einklang des eigenen -wirklichen mit dem gedachten fremden Wollen nicht mit der inhaltlichen -Uebereinstimmung des eigenen mit fremdem Lust- oder Unlustgefühl, -wie sie in den bekannten psychischen Phänomen des sogenannten -Mitgefühls zu Tage tritt, verwechselt werden dürfe. Jener drückt -eine Beziehung eigenen Wollens auf fremdes, dieses zwar gleichfalls -eine Beziehung eigener auf fremde Gemüthszustände, jedoch nicht eine -solche des Wollens, sondern des Fühlens aus. Das sympathetische Gefühl -ist die Wiederholung eines fremden oder die Entstehung eines jenem -entgegengesetzten Gefühls im eigenen Gemüth, obiges Willensverhältniss -dagegen die Wiederholung eines dem fremden gleichen oder die Entstehung -eines jenem entgegengesetzten Wollens im eigenen Willen. Jenes ist -bei dem Mitleid und der Mitfreude, wo das Leid des Andern Leid, die -Lust des Andern Lust in uns hervorruft, einerseits -- bei Neid und -Schadenfreude, wo die Lust des Andern Leid und das Leid des Andern -Lust in uns nach sich zieht, andererseits der Fall. Dieses ereignet -sich, wenn ein (wirklich oder vermeintlich) vorhandener Wunsch oder -Wille eines Andern Veranlassung wird, unsererseits dasselbe, oder -zum Grund für uns wird, das ihm Entgegengesetzte zu wollen. - -163. Das sympathetische Gefühl, welches durch Nachahmung der Gefühle -eines Andern und obiges Willensverhältniss, welches durch Nachahmung -der Wünsche eines Andern von unserer Seite entsteht, haben nichts -weiter mit einander gemein, als dass in beiden Fällen der Andere -durch seine inneren Vorgänge Ursache wird gewisser Vorgänge in uns, -mit dem bedeutsamen Unterschied, dass bei dem sympathetischen Gefühl, -auch wenn die nachgeahmten Gemüthszustände nicht wirklich vorhanden -sind, doch gewisse Zeichen, welche als Aeusserungen derselben gelten -können (z. B. Thränen als Zeichen des Leides, Lachen als solches der -Freude) wirklich wahrgenommen (also wenn jener Gemüthszustand nicht -wirklich vorhanden ist, künstlich, wie es beim Schauspieler der Fall -ist, erzeugt) werden müssen, dass also der Andere jedenfalls wirklich -vorhanden sein muss; während bei obigem Willensverhältniss das Wollen -des Andern blos gedacht, daher eben so wie dieser Andere selbst nur -in der Vorstellung des Wollenden als dessen Gedanke (Imagination) -zu existiren nöthig hat. - -164. Ein neues Willensverhältniss entsteht, wenn das Wollen des -Andern, auf welches das des Wollenden bezogen wird, nicht blos -gedacht d. h. nur als Gedanke im Wollenden vorhanden, sondern wirklich -d. h. unabhängig von dessen Gedacht- oder Nichtgedachtwerden neben und -ausser dem Wollenden vorhanden ist. In diesem Fall muss, da wirkliches -Wollen nicht ohne wollendes Subject als Träger desselben gedacht werden -kann, jener Andere selbst als Wollender neben und ausser dem ersten -Wollenden als wollendes Du neben dem wollenden Ich als existirend -gedacht werden. Das Willensverhältniss, welches bisher nur in einer -Beziehung, sei es des eigenen gedachten zum eigenen wirklichen, -sei es des wirklichen eigenen zum fremden gedachten Wollen, sonach -innerhalb des Bewusstseins eines einzigen Wollenden bestand, erweitert -sich durch die Beziehung des wirklichen eigenen zu fremdem wirklichem -Wollen über die Sphäre des individuellen Bewusstseins hinaus zu einer -Beziehung, welche zwischen zwei verschiedenen Wollenden angehörigen -Wollen d. i. zu einem solchen, welches zwischen zwei verschiedenen -Individuen besteht und daher nicht ohne Hinaustreten des einen wie -des andern der beiden auf einander zu beziehenden wirklichen Wollen -über die Grenze der Innen- in die Atmosphäre der Aussenwelt gedacht -werden kann. Dass diese letztere hiebei für beide eine gemeinsame -sein muss, leuchtet von selbst ein. Wäre sie es nicht d. h. wäre die -Welt, in welche das Wollen des einen, von der Welt, in welche das -des andern hinaustritt d. i. sich äussert, in der Weise verschieden, -dass, was in der einen geschieht, in keiner Weise zu jenem, was in der -andern vor sich geht, eine Beziehung zu haben vermöchte, so könnte -auch zwischen dem Wollen des einen (des Ich) und jenem des andern -(des Du) als gänzlich ausser einander gelegenen Welten angehörig, -keine solche bestehen, und das Willensverhältniss, von dem hier die -Rede, wäre einfach unmöglich. - -165. Dadurch, dass die Aeusserungen beider wirklicher Wollen in -eine beiden gemeinsame Aussenwelt fallen, ist nur die Möglichkeit, -keineswegs die Wirklichkeit einer Beziehung zwischen denselben -hergestellt. So lange die beiderseitigen Willensäusserungen neben, -aber auch ausser einander herlaufen können, ohne dass eine der andern -auf ihrem Wege begegnet, mögen sie beide zwar ihrem Inhalt nach -d. h. in Gedanken und als gedachte Willensbestrebungen mit einander -verglichen werden; zwischen beiden als wirklichen d. i. als wirkenden -Wollen besteht, so lange keiner derselben auf den andern wirkt, -kein wirkliches Verhältniss. - -166. Letzteres tritt erst ein, wenn die eine Willensäusserung auf -die andere trifft, und zwar in der Weise, dass dieselbe weder durch -die andere, noch diese durch jene hindurchgehen kann, ohne einander -zu stören, sondern dass die eine die andere und diese jene in ihrem -Fortschreiten hemmt d. h. dass beide, als gleichzeitig bestehend -gedacht, mit einander unverträglich sind. Beide Willensäusserungen -stehen sodann unter einander in einem Verhältniss, welches dem der -gegenseitigen Ausschliessung des seinem Inhalt nach überwiegend -Entgegengesetzten entspricht und, wie dieses einen Conflict zwischen -mit einander unverträglichen Vorstellungen im Denken, so einen -solchen zwischen mit einander unverträglichen Wirklichen im Sein -darstellt. Jene als einander ausschliessende Gedanken können nicht -mit einander zugleich gedacht, diese als einander ausschliessende -Kräfte können nicht als mit einander zugleich bestehend ertragen -werden. Ausdruck dieses Conflicts ist der Streit beider Wollenden. - -167. Willensacte (volitiones) sind "Gedanken, die leicht bei einander -wohnen"; Willensäusserungen (actiones) sind "Sachen, die sich hart -im Raume stossen". Jene, auch wenn sie dem Inhalt nach einander -ausschliessen, überschreiten die Grenze des Bewusstseins ihres Trägers -nicht; diese, auch wenn sie dem Inhalt nach mit einander verträglich -sind, gehen über dieses hinaus und treten als Veränderungen in der -Aussenwelt d. i. als Verschiebungen der bisherigen Lage der Dinge in -der letzteren auf. Auch wenn die Willensäusserung in nichts anderem -besteht als in einem Ausruf, einem gesprochenen Wort, einer Miene, -einer Gliederbewegung des eigenen Leibes des Wollenden, so wird durch -dieselbe eine Aenderung der bisherigen Sachlage, durch den Ruf, das -Wort eine Erschütterung der den Raum erfüllenden atmosphärischen Luft, -durch die Geberde, die Handbewegung eine Umstellung der Masse des -eigenen organischen Leibes herbeigeführt, welche bei der stetigen -Erfüllung des Raumes mit Nothwendigkeit eine Ortsveränderung der -angrenzenden Luft- oder Stofftheile herbeiführen und so als nähere -oder entferntere Wirkung des durch den Willen gegebenen Impulses -durch den Raum und die Materie sich fortpflanzen muss. Da sonach -jede Willensäusserung als solche einen gewissen Theil des den Raum -erfüllenden dünneren oder dichteren Stoffes für sich in Anspruch -nimmt, so kommt es ganz auf die Natur dieses letzteren an, ob derselbe -fähig sei, zweien oder mehreren Willensäusserungen als Werkzeug der -Aeusserung zugleich zu dienen. Ist der Stoff, welchen der Wille zu -seiner Aeusserung gebraucht, von der Art, dass er zugleich von einem -andern, von jenem verschiedenen Wollen zu dessen Aeusserung verwendet -werden kann d. h. ist derselbe für beide Wollen durchdringlich -(permeabel), so entsteht kein Streit: die Aeusserung des einen geht -durch die Aeusserung des anderen Willens hindurch, ohne dieselbe zu -hindern oder durch sie gehindert zu werden. So gehen die Schallwellen, -die das gesprochene Wort des einen erzeugt, durch jene, die das -des andern hervorruft, dem Anscheine nach ohne einander zu stören, -hindurch, indem beiden dieselbe den Raum erfüllende atmosphärische -Luft zum Schallorgan dient. Ist dagegen jener Stoff von solcher -Beschaffenheit, dass derjenige Theil desselben, welcher von einem -Willen als Instrument seiner Aeusserung in Beschlag genommen ist, nicht -zugleich von einem andern zu gleichem Zweck in Besitz genommen werden -kann d. h. ist der von einem Wollen erfüllte Stoff undurchdringlich -(unpermeabel) für ein anderes Wollen, so stellt er den Stein des -Anstosses dar, an dem beide Wollen und in dem sie beide an einander -prallen; es entsteht ein Zustand, der so, wie er ist, nicht dauern und -so lange beide Wollen dieselben bleiben, die sie sind, nicht anders -werden kann. Eine unhaltbare und doch thatsächliche Sachlage -- -ein realer d. i. real gewordener Widerspruch. - -168. Von dieser Art war die Situation, von welcher Carl V. sagte, -"dasselbe, was mein Bruder Franz will, will ich auch, nämlich -Mailand." Indem das Object beider Wollen ein solches ist, dass es nur -einem oder keinem von beiden dienen kann und doch beide Wollen solche -sind, dass sie nicht aufhören, eben dieses Object zu begehren, wird -eine Sachlage geschaffen, welche, obgleich factisch, doch irrational -und obgleich irrational, doch factisch ist, als unabweislich zugleich -und undenkbar sich aufdrängt. - -169. Ausdruck dieses Eindrucks im Zuschauer ist der unbedingte Tadel, -der dem Streite folgt. Derselbe kann, da der Grund des Streites -einerseits in dem Umstand, dass beide dasselbe Object wollen, -andererseits in dem Umstand, dass dieses seiner Natur nach nicht -beiden zugleich nachzugeben vermag, gelegen ist, nicht der Natur des -Objects, die als solche unveränderlich durch Naturgesetze gegeben ist, -sondern nur den beiden Wollenden gelten, deren Wille der Natur des -Wollens nach veränderlich und von der Selbstbestimmung der Wollenden -abhängig ist. Da nun obiger Tadel so lange sich erneuert, als obige -Sachlage unverändert fortbesteht, letztere aber nur eine Aenderung -erfahren kann, wenn, da die Natur des Objects unveränderlich ist, -eines der beiden streitenden Wollen, oder wenn beide eine Abänderung -erleiden, so folgt, dass, um dem Tadel zu entgehen, kein anderer Ausweg -möglich ist, als dass das streitende Paar, oder wenigstens einer der -Streitenden vom Streite ablässt d. i. sein bisheriges Wollen ändert, -auf das Object desselben verzichtet, dasselbe freilässt. - -170. Durch diese Aenderung des Wollens erlischt der Streit, es wird -Friede. Das Object, das den Anlass zum Streite bot, ist dasselbe -geblieben, das es war, nur der nach seiner Beschaffenheit äusserliche, -zufällige Umstand, dass es zugleich Gegenstand zweier Wollen und -dadurch Grund geworden war, dass diese sich als unverträglich mit -einander an den Tag legten, ist geschwunden. Dasselbe kann nunmehr -entweder, wenn beide verzichtet haben, ruhig an seinem Ort beharren -oder wenn nur einer verzichtet hat, ohne Anstand dem Wollen des Anderen -Raum geben. Der unerträgliche, weil in sich widersprechende Zustand -besteht nicht mehr, weil die mit einander unverträglichen Wollen -nicht mehr bestehen d. h. weil die Wollenden, die bisher sich unter -einander ausschlossen, sich jetzt entweder, weil keiner mehr, oder, -weil nur mehr einer will, was er wollte, sich unter einander vertragen. - -171. Je nachdem dieses nunmehrige Sichvertragen der Wollenden -stillschweigend erfolgt oder ausdrücklich durch eine, wie immer -geartete Kundgebung von Seite der Wollenden (Vertrag, pactum) -bekräftigt wird, nimmt der hergestellte Friede selbst natürlichen oder -positiven, vertragsmässigen Charakter an. Je nachdem die Aenderung des -Wollens, auf deren Grund hin der Streit erlischt, sei es bei einem, -sei es bei jedem der Streitenden entweder nur aus dem Grunde erfolgt, -weil derselbe oder dieselben zur Einsicht gelangt sind wegen gänzlicher -Erschöpfung an physischer Kraft nicht mehr streiten zu können, oder -weil einer oder beide die Ueberzeugung gewonnen haben, es bringe -grösseren Vortheil Frieden zu schliessen als weiter zu streiten, -oder endlich weil derselbe oder dieselben ausser Stande sich fühlen, -den, so lange der Streit fortwährt, stets sich erneuernden Tadel, -welcher die Streitenden trifft, weiter zu tragen, nimmt der Friede -selbst entweder den Charakter eines blossen "Nothfriedens" oder den -eines "Schacherfriedens", oder im letzten Falle den eines sittlichen -d. h. eines um keines andern Motives willen, als um dem ethischen -Tadel des Streites zu entgehen, geschlossenen Friedens an. - -172. Nur der letztgenannte ist dauerhafter, beide vorher angeführten -sind lediglich vorübergehender Natur. Der aus keinem anderen Grunde -entstandene Friede, als weil die streitenden Parteien sich erschöpft -fühlen, während der Wille zu streiten, wenn die Kräfte zureichten, nach -wie vor vorhanden bleibt, besteht nur so lange, als das Kraftgefühl -mangelt; mit dem Erwachen des letzteren hebt der Streit wieder an. Der -um des materiellen Vortheiles willen geschlossene Friede aber währt -nur so lange, als die Aussicht auf Erlangung grösserer Vortheile durch -den Frieden, als durch den Streit besteht; von dem Augenblicke an, -als diese Aussicht schwindet, oder die ihr entgegengesetzte sich -eröffnet, hört auch der Wille Frieden zu halten auf und schlägt in -den entgegengesetzten, von neuem Streit zu beginnen, um. Bestand -und Dauer des Friedens hängen sonach in beiden Fällen nicht von -dem an sich unwandelbaren Urtheil über den unbedingten Unwerth des -Streites, sondern von äusseren Umständen ab: in dem einen Fall von -denjenigen Verhältnissen, welche den Wiederersatz der verlorenen Kräfte -beschleunigen oder verzögern, in dem andern Falle von den Umständen, -welche die Erlangung materieller Vortheile durch den Frieden oder -durch den Streit begünstigen oder verhindern. Nur derjenige Friede, -der auf der Macht der Einsicht in die Verwerflichkeit des Streites -über Gemüther und Wollen der im Streit begriffen Gewesenen beruht, -trägt die Bürgschaft unveränderten Fortbestandes, so lange jene Macht -unverändert sich forterhält, in sich. Die Erhaltung letzterer Macht -aber ist so lange gesichert, als das ethische Urtheil des Wollenden -ungetrübt, seine Beurtheilung des Streites von dessen den Widerspruch -in sich tragender Natur ausschliesslich bestimmt und dadurch die -Wiedererneuerung unbedingter Verwerfung desselben in jedem gegebenen -Falle unvermeidlich ist. - -173. Wie die natürliche Correctheit d. i. die Abwesenheit einander -ausschliessender Vorstellungen im Bewusstsein zur künstlichen d. i. zu -der sei es zufällig, sei es willkürlich "auf Zeit" hervorgebrachten -Verdrängung der unverträglichen aus dem und Ersatz derselben durch -mit einander verträgliche Vorstellungen in dem Bewusstsein, so verhält -sich der natürliche d. i. der Friede von Natur aus, innerhalb dessen -unter einander ausschliessende Willensäusserungen überhaupt nicht -vorkommen, zum künstlichen d. i. zu demjenigen Friedenszustande, -innerhalb dessen thatsächlich vorhanden gewesene mit und unter einander -unverträgliche Willensäusserungen, sei es in Folge physischer Ursachen -(z. B. Erschöpfung der Kräfte) zufällig oder in Folge den Willen -bestimmender Motive (z. B. der Schädlichkeit oder der Verwerflichkeit -des Streites) willkürlich "auf Zeit und Kündigung" beseitigt und -durch mit einander verträgliche Willensäusserungen ersetzt worden -sind. Derselbe verheisst desto grössere Festigkeit, je dauerhafter die -Gründe sind, welche die Ausschliessung der mit einander unverträglich -gewesenen Willensäusserungen bewirkt haben; dagegen desto geringere, -je wandelbarer und von der Laune des Geschickes abhängiger die Motive -waren, welche die ursprünglich Streitenden zur Ablassung von jenem -ihren Streit erregenden Wollen bewogen haben. Jenes ist, wie oben -gezeigt, bei demjenigen Beweggrund vom Streite abzustehen, der aus -der Einsicht von dessen Verwerflichkeit entspringt, dieses dagegen -bei denjenigen Friedensgründen der Fall, welche nur durch die Noth -oder den äusseren Nutzen dictirt sind. - -174. Der künstliche Friede erstickt den Streit, aber nur für so -lange, als der Wille nicht zu streiten, die Oberhand behält. Mit dem -Verschwinden oder dem Nachlassen der Macht des letzteren taucht der -Streit wieder empor; dessen "schlangenhaariges Scheusal" schlummert -nur gebändigt aber nicht vernichtet unter der künstlichen Decke des -Friedens. Der hergestellte Friede ist auf sein Wesen hin angesehen -scheinbarer, nicht wirklicher; die wirklich vorhandenen, nur künstlich -beseitigten sind die einander ausschliessenden Willensäusserungen -("bellum omnium contra omnes"), der Unfriede. Letztere sind nicht -absichtlich mit Wissen durch das Wollen der Streitenden, sondern sie -sind unabsichtlich, ohne Wissen, ja voraussichtlicher Weise gegen -den Willen der durch dieselben mit einander in Streit Gerathenden -herbeigeführt. Das Wollen, dessen Aeusserung an einem bestimmten Punkte -der Aussenwelt mit der eines Anderen feindselig zusammentrifft, hat -weder vor dem Zusammentreffen von dem Vorhandensein des Du noch von -dessen auf jenes Object sich richtendem Wollen, also auch nicht von -der Möglichkeit, noch weniger von der Unausweichlichkeit des Streites -eine Vorstellung gehabt, dasselbe hat folglich diesen weder gewollt -noch wollen gekonnt und würde möglicher Weise, wenn es desselben -Bevorstehen gekannt hätte, die streitdrohende Aeusserung seines Willens -nicht gewollt haben. Das Wollen der Streitenden ist an der Entstehung -des Streites keineswegs ohne Schuld, aber jeder der Streitenden ist -am Streite unschuldig; jener wäre nicht entstanden, wenn keiner von -beiden das Streitobject gewollt hätte; aber keiner von beiden hat -das Object als Streitobject und eben so wenig einer von beiden den -Streit gewollt. Der Tadel, der dem Streit gilt, trifft darum jeden der -Streitenden nur insofern, als ohne das Wollen desselben kein Streit -entstanden wäre; derselbe trifft beide Streitende in gleichem Grade, -weil beide an dem Zustandegekommensein des Streites im gleichen Grade -in einem Sinn betheiligt, im anderen unbetheiligt sind. - -175. Die gleiche Vertheilung des Tadels auf beide Wollende hört auf, -wenn die gleiche Betheiligung beider Willenssubjecte an dem zwischen -denselben stattfindenden Verhältniss ein Ende nimmt. Dieser Fall -tritt ein, wenn das Zusammentreffen beider Wollenden nicht zufällig, -ohne Wissen und Absicht beider, sondern absichtlich, mit Wissen und -durch das Wollen des einen von beiden, dagegen ohne Wissen und wider -den Willen des anderen herbeigeführt wird. Jener, dessen gewusstes -und gewolltes Object nicht, wie im vorhin geschilderten Falle des -Streites ein beliebiges, sondern ein Anderer und zwar der Andere, -das Du, und dessen jeweiliger Zustand ist, heisst insofern der Thätige -(agens), dieser, der ohne Wissen und Willen, ja selbst wider Willen, -mit seinem jeweiligen Zustand Object für die Willensäusserung des -ersten ist, heisst insofern der Leidende (patiens). Letzteres nicht -in dem Sinn, als müsse die Folge seines Objectseins für den Anderen -eben ein eigentliches Leid d. i. ein Schmerzgefühl sein, sondern in -dem Sinn, dass die Veränderung seines gegenwärtigen Zustandes, sei es -zum Schlechteren oder zum Besseren, eben die Folge der ihn zum Object -wählenden Willensäusserung des Thätigen sei. An der Verursachung dieser -Folge d. i. an der Veränderung des bisherigen Zustandes, welche der -eine erzeugt, der andere nur duldet, sind beide ungleich betheiligt. - -176. Wie Hammer und Ambos verhalten sich Thätiger und Leidender. Das -geschmiedete Eisen ist Wohl oder Wehe des Leidenden. Das Schmieden des -Eisens erfolgt durch den Hammer, aber auf dem Ambos; die Veränderung -der bisherigen Sachlage nicht ohne den Leidenden, an dem, aber -durch den Thätigen, von dem sie vollzogen wird. Jene selbst, mit dem -bisherigen Zustande verglichen, stellt eine Störung desselben dar; -der Urheber derselben, der Thätige, erscheint als Störenfried. Ausdruck -dieser Störung d. i. derjenige von dem bisherigen verschiedene Zustand, -welcher durch den Thätigen verursacht ist, ist die That. Dieselbe als -Zustand, der jetzt ist und vorher nicht war, ist ein Wirkliches und -als solches die Wirkung eines Wirkenden (des Thäters). Diese Wirkung -selbst aber ist in dem Geiste des Wirkenden vorgebildet als Vorsatz -(Absicht) und in dem Zustande des durch dieselbe betroffenen Leidenden -abgebildet als Folge (Erfolg). Nur wo beide, Vorsatz im Thätigen, -Erfolg im Leidenden, einander decken, ist wirklich That; wo der -Erfolg mangelt, ist, wenn das Wollen nicht zur Aeusserung gelangt ist, -Intention ohne Action, wenn das Wollen zu nur unvollkommener Aeusserung -gelangt ist, Versuch ohne Gelingen, wenn dagegen zwar der Erfolg, -aber weder Versuch noch Absicht voranging, blosses Ereigniss vorhanden. - -177. Da, wo keine That, auch kein Thäter vorhanden ist, so kann für -das nackte Ereigniss, das sich an dem einen der beiden Wollenden, dem -Leidenden, vollzieht, der andere der beiden, der sogenannte Thätige, -zwar vielleicht als eine der mitbedingenden Ursachen, niemals aber -kann das Wollen desselben als Ursache jenes Ereignisses angesehen -werden. Da ferner, wo kein Erfolg, keine That, aber doch Absicht, ja -Versuch einer solchen vorhanden ist, so kann für das Nichteintreten des -Erfolges am Leidenden zwar die geistige oder körperliche Beschaffenheit -des sogenannten Thätigen (dessen Unverstand oder Ungeschick) als -eine der Mitursachen des Ausbleibens des Erfolges, niemals aber -kann dessen Wollen als die Ursache des Nichtgelingens betrachtet -werden. Wird daher, wie es auf ethischem Gebiete der Fall ist, nur -das Wollen beurtheilt, so fällt in dem ersten der beiden angeführten -Fälle der sogenannte Thätige ganz ausserhalb des Kreises ethischer -Beurtheilung, in dem zweiten dagegen zwar in denselben hinein, aber -da dessen anderweitige psychische und physische Mängel, welche das -Misslingen des Erfolges herbeigeführt haben, den Schluss auf eine -ähnliche Mangelhaftigkeit in Bezug auf Beherrschung und Regelung -seines Wollens gestatten, unter mildernden Umständen. - -178. Durch die That als Störung des bisherigen Zustandes ist etwas -geschehen; aber so lange dieselbe als That d. i. als Störung nicht -anerkannt ist, scheint es, als sei nichts geschehen. Oedipus hat -seinen Vater erschlagen und seine Mutter geheiratet, aber nach -aussen scheint es, als habe er weder das eine noch das andere -gethan. Gegen scheltende Knechte eines unbekannten Reisenden hat er -als ungerecht angegriffener Wanderer sich zur Wehre gesetzt: die zum -Preise der Befreiung der Stadt von der Pest und Sphinx ausgesetzte -Witwe des verstorbenen Königs hat er durch Lösung des Räthsels auf -rechtmässigem Wege zur Gattin erworben. Ein Verbrechen ist geschehen, -aber es scheint, als sei keines geschehen; Schein gibt sich für Sein, -ein nur scheinbar vorhandener für den wirklich vorhandenen Zustand -aus. Die anscheinende Sachlage steht mit der thatsächlichen in einem -Widerspruch, der sich auf eine Zeit lang, aber nicht auf die Dauer -verheimlichen lässt, und dessen klaffender Spalt um so unerträglicher -erscheint, als der Inhalt des scheinbar zu dem Inhalt des wirklich -Geschehenen im einander ausschliessendem Gegensatze steht. - -179. Wie das Missfallen am Streit auf dem gleichzeitigen Bestand zweier -einander ausschliessenden Willensäusserungen, so beruht das Missfallen -an der Störung durch die That in dem gleichzeitigen Fortbestand -zweier einander ausschliessender Sachlagen, der scheinbaren, die vor -der That bestand und dem Anschein nach trotz der That fortbesteht, -und der wirklichen, welche durch die That erzeugt worden ist und dem -Anschein nach noch nicht besteht. Wie es unmöglich ist, dass zwei -mit einander unverträgliche Willensäusserungen zugleich existiren, -so ist es unmöglich, dass zwei mit einander unverträgliche Sachlagen -zugleich als bestehend und wirklich anerkannt werden: dass Oedipus -zugleich schuldig und schuldlos sei. Wie der Bestand unverträglicher -Willensäusserungen, so ist der Bestand unverträglicher Sachlagen -ein irrationaler; aber, wie der Bestand jener Willensäusserungen, so -lange das Object und die Willen der Streitenden dieselben bleiben, -ein factischer, so ist der Bestand der einander ausschliessenden -Sachlagen, deren eine, die scheinbare, für wirklich, deren andere, -die wirkliche, für Schein gehalten wird, ein thatsächlicher: wie dort, -so ist hier das Irrationale factisch, und ist das Factische irrational; -in jenem wie in diesem Falle existirt der Widerspruch. - -180. Derselbe besteht so lange, als der Schein besteht, dass die -scheinbare Sachlage wirklich und die wirkliche Sachlage Schein -sei. Soll derselbe verschwinden, so muss dieser Schein verschwinden, -die scheinbare Sachlage muss als Schein, die wirkliche sich als -wirklich offenbaren. Dies geschieht, wenn die todtgeschwiegene -Störung als solche anerkannt d. h. durch entsprechende Gegenstörung -ausgeglichen und auf diese Weise zwar nicht der ursprüngliche Zustand, -der als zeitlich vergangener nicht wiederkehren kann, aber doch ein -demselben gleicher wieder hergestellt wird. - -181. Die ästhetische Idee des Ausgleichs ist es, die hier auf ethischem -Gebiete wieder zum Vorschein kommt. Die wirkliche Sachlage, die durch -die That herbeigeführt, aber durch den anscheinenden Fortbestand des -vorherigen Zustandes gleichsam mit einem Schleier bedeckt worden ist, -tritt aus der Verdunkelung wieder ans Tageslicht. Oedipus, der zum -Verbrecher geworden ist, aber keiner scheint, wird durch die Aufhellung -der That als solcher erkannt und durch die an ihm verübte Vergeltung -die durch den Schein seiner Schuldlosigkeit entstandene Verrückung des -wirklichen Thatbestandes wieder zurechtgerückt. So weit die Sachlage -durch den Anschein des Gegentheils nach einer Richtung hin verschoben -worden ist, so weit muss sie zum Zwecke der Aufhebung dieses Anscheins -nach der entgegengesetzten Richtung hin zurückgeschoben werden. So viel -(quantum) Ablenkung vom wirklichen Thatbestand nach der einen Seite -hin stattgefunden hat, so viel (tantum) Einlenkung zum wirklichen -Thatbestande hin muss von der andern Seite stattfinden. Störung und -Gegenstörung heben einander auf; wie jene in der That, findet diese -ihren Ausdruck in der Vergeltung. Das Mass der Gegenstörung ist durch -das Mass der Störung, die Ausdehnung der Vergeltung durch jene der -That gegeben. Ausdruck dieses gegenseitigen Verhältnisses ist die -Billigkeit (æquitas). - -182. Da, so lange der Widerspruch beider Sachlagen, der wirklichen -und der scheinbaren, bestand, Missfälliges bestand, so lange die -Störung als todtgeschwiegene, die That als unvergoltene währte, -aber auch der Widerspruch währte, so hört mit der Aufhebung der -Störung durch Gegenstörung d. i. mit der Vergeltung der That, -zwar der Widerspruch und damit das Missfällige auf, wie mit der -Aenderung der streitenden Willensäusserungen der Streit aufhört, -aber ein unbedingt Beifälliges ist dadurch nicht hergestellt. Weder, -wenn, vom Gesichtspunkt des Leidenden angesehen, die That eine Weh- -noch wenn sie eine Wohlthat ist; denn die Beschaffenheit des Erfolges, -den der Leidende erfährt, ist für die Qualifikation der That, insofern -sie dem Thäter angehört, gleichgiltig. Nicht die Wohlthat als Wohl- -noch die Wehethat als Wehe-, sondern beide als Thaten bedürfen der -Vergeltung. Wenn es von einem andern, z. B. vom politischen oder -gesellschaftlichen Gesichtspunkt aus nöthiger scheint, dass Wehthaten, -als dass Wohlthaten Vergeltung erfahren, weil die letzteren die Summe -des schon vorhandenen Wohlbefindens nur vermehren, die ersteren dagegen -die vorhandene Summe nur vermindern können und deshalb die Gesetzgebung -der Staaten früher und eifriger für die Bestrafung der einen als für -die Belohnung der andern Sorge zu tragen pflegt, so stellt dieser -Unterschied sich vom ethischen Gesichtspunkt aus als unzulässig dar, -da nicht die That in ihrer specifischen Qualität als Wohl- oder Wehe-, -sondern als That überhaupt zur Vergeltung auffordert. Während das -sogenannte jus talionis mit seinem Ausspruch: Aug um Aug, Zahn um -Zahn, sich an das quale der That, dem ein tale der Vergeltung, hält -sich die Billigkeit an das quantum der That, welchem das tantum der -Vergeltung entspricht. Jenes betrachtet die Zufügung eines andern -als des erlittenen Leides, diese nur die Zufügung eines grösseren, -aber auch die eines geringeren Leides als das erfahrene war, als -Verletzung der Norm. Das eine, die Rückgabe eines geringeren Masses -von Weh, liesse einen unvergoltenen Ueberrest der That zurück; das -andere, die Rückgabe eines grösseren, wäre als Ueberschuss über das -zu vergeltende seinerseits selbst That, die Vergeltung erheischte. - -183. Mit der Betrachtung des absichtlich von Seite des einen -der Wollenden herbeigeführten Zusammentreffens zweier wirklicher -Wollenden ist die Reihe der möglichen Willensverhältnisse, die -Gegenstand unbedingten Lobes oder eben solchen Tadels werden können, -erschöpft. Dieselbe ist durch eine Folge einander dichotomisch -ergänzender Eintheilungen entstanden, zwischen deren einzelne -Glieder sich weder ein weiteres einschieben, noch an deren Schluss -ein weiteres sich anfügen lässt. Die zu vergleichenden Wollen wurden -entweder ohne, oder mit Rücksicht auf den Umstand, ob sie einem -und demselben, oder verschiedenen Wollenden angehören, angesehen; -jene, welche in den Umfang des letzteren Gliedes der Eintheilung -fielen, abermals in solche, welche einem und demselben oder welche -verschiedenen Wollenden (und zwar der geringsten Anzahl derselben, -dem Ich und dem Du) angehörten, unterschieden. Erstere, da sie, um -als Glieder eines Willensverhältnisses innerhalb desselben Wollenden -auftreten zu können, sich zu einander nur wie gedachtes zu wirklichem -Wollen verhalten konnten, boten nur eine Gelegenheit zu weiterer -Unterabtheilung dar -- je nachdem das gedachte Wollen, als dessen -Nachbild das wirkliche auftrat, entweder das eigene (Vorstellung des -eigenen Wollens), oder ein fremdes (Vorstellung des Wollens eines -Andern) war. Letztere, welche als solche verschiedenen Wollenden -angehören und nur dadurch, dass sie mit einander irgendwie und irgendwo -in Berührung gebracht wurden, in ein Verhältniss zu einander treten -konnten, vermochten in Contact nur entweder durch Zufall oder durch -Absicht (eines der Wollenden) versetzt zu werden. Weder ein Wollen, -das weder eigenes, noch fremdes, noch ein Zusammentreffen Wollender, -das weder absichtslos, noch absichtlich wäre, ist denkbar. Die -Glieder obiger Eintheilung schliessen einander daher vollständig -aus und ergänzen einander zum Umfang des einzutheilenden Ganzen: -die Eintheilung ist vollständig. - -184. Auch in dem Sinn, dass ein weiteres Glied am Schlusse sich -nicht hinzufügen lässt. Denn ein solches könnte nur durch die -Vermehrung der zu einander in Beziehung zu setzenden wirklichen -Wollen über die kleinstmögliche Anzahl hinaus gesucht werden; -eine solche aber ergibt kein neues, sondern nur eine Wiederholung -vorheriger Willensverhältnisse. Auch die drei, vier, n wirklichen -Wollen verschiedener wollender Wesen müssen, um zu einander ein -Verhältniss einzugehen, irgendwie und irgendwo zusammengeführt und -dadurch die mehreren Wollenden mit einander in Berührung gebracht -werden. Da nun von selbst einleuchtet, dass jenes Zusammentreffen nur -entweder durch Zufall oder durch Absicht verursacht werden könnte, -so würde im ersteren Falle Streit, im letzteren Falle würden Wohl- -oder Wehethaten die Folge sein d. h. die zwei letztgenannten obiger -Willensverhältnisse würden, nur vervielfältigt, wiederkehren. - -185. Aus dem quantitativen Gesichtspunkt der Beurtheilung des Wollens -ergibt sich die ethische Idee der (ethischen) Vollkommenheit. Dieselbe -unterscheidet sich von der ästhetischen Vollkommenheit dadurch, -dass der letzteren entsprechend das Grosse überall, wo es sich -findet, neben dem Kleineren -- der ersteren zufolge das Grosse am -Wollen neben dem Kleinen an diesem insbesondere gefällt. Da nun die -Grösse des Wollens als eines wirklichen und wirkenden d. i. als einer -Kraft, in der Intensität d. i. in der Stärke desselben besteht, so -nimmt das allgemein ästhetische Urtheil: das Grosse gefällt neben -dem Kleinen, das Kleine missfällt neben dem Grossen, auf ethischem -Boden die Gestalt an: das starke Wollen gefällt neben dem schwachen, -das schwache missfällt neben dem starken. Indem hiedurch das stärkere -Wollen zum Massstab des schwächeren wird, stellt der Grad seiner Stärke -dem schwachen gegenüber jene Grenze dar, zu welcher dieses gelangen, -das "Volle", zu dem dieses "kommen" muss, wenn seine Missfälligkeit ein -Ende nehmen soll. Mit der Erreichung jener Grenze hört, wie schon oben -bemerkt, das Missfallen am schwächeren, weil dessen Schwäche selbst, -auf, aber auch das Verhältniss; mit der Ueberschreitung derselben -kehrt sich, wie gleichfalls oben bemerkt, dasselbe um: das jetzt -stärkere Wollen gefällt, das jetzt schwächere Wollen missfällt von -nun an. Da das Gefallen an der Stärke des Wollens von jeder sonstigen -Beschaffenheit desselben abstrahirt, so folgt, dass ein nach der Idee -der ethischen Vollkommenheit wohlgefälliger Willensact in anderer -Hinsicht missfällig, ja unbedingt verwerflich sich darstellen kann, -ohne den Anspruch auf Beifall, ja auf Bewunderung nach jener Richtung -hin einzubüssen. In diesem Sinn bleibt auch dem Bösewicht, ja dem -verkörpert gedachten Bösen, dem satanischen Ideal ethisches Lob -nicht aus, wenn sich derselbe oder dieses letztere in gewaltiger, -das gewöhnliche, ja selbst alles menschliche Mass übersteigender -Energie der Willenskraft offenbart. Richard III., Jago, Carl Moor, -Milton's Satan, Klopstock's Abadonna, "der Geist, der stets verneint", -regen von diesem ethischen Einzelgesichtspunkt aus "schaudernde -Bewunderung" an. In Heroenzeitaltern und bei Naturvölkern macht -die Verehrung für die ins Ungemessene gesteigerte Willensenergie -fast allein den Inhalt des moralischen Codex aus; die Achtung des -schwächeren für das stärkere Geschlecht ist vorwiegend auf das Gefühl -überlegener Willensmacht des letzteren begründet. Wie die intensive -Grösse des einzelnen Willensactes, so erweckt die extensive Grösse der -Vervielfältigung des Willens in zahlreichen, sei es dem Inhalt nach -gleichen, oder mannigfaltigen Willensacten und die Geschlossenheit -und innere Systematik dieser letzteren, verglichen mit Armuth und -Einförmigkeit des Wollens, so wie mit dessen Halt- und Systemlosigkeit, -unbedingtes Lob, während dem letzteren Tadel folgt. - -186. An die ethische Idee der Vollkommenheit schliesst sich ein -Verfahren an, welches die in derselben enthaltene Forderung der -Stärke, der Mannigfaltigkeit und des inneren Zusammenhangs des -Wollens einerseits auf den gesammten Umkreis der Willensbethätigung -des Wollenden d. h. auf dessen Gesammtwollen, andererseits über den -einzelnen Wollenden hinaus, auf jede Vereinigung mehrerer, ja aller -überhaupt Wollenden d. i. auf alle durch ein gemeinsames Band unter -sich verknüpften Glieder einer Gesellschaft d. i. auf deren gesammtes, -innerhalb ihres Umkreises vorhandenes Wollen ausdehnt. Dasselbe -besteht darin, dass sowol in jedem einzelnen Individuum als solchem -wie in der Gesellschaft jedes vorhandene Wollen zur höchstmöglichen -Energie gesteigert, nicht vorhandenes Wollen in jeder erreichbaren -Vielheit und Mannigfaltigkeit geweckt, ferner das gesammte auf diese -Weise gegebene oder entwickelte Wollen in inneren Zusammenhang und -gesetzliche Anordnung gebracht und in beiden erhalten werde. In -ersterer Hinsicht begünstigt jenes Verfahren die Einseitigkeit, in -Bezug auf die Menge dagegen die Vielseitigkeit des Wollens, davon -die erste weniges, aber starkes, die letztere, wenngleich schwaches, -doch vieles und mannigfaltiges Wollen fördert, während durch die -Berücksichtigung des Verhältnisses des gesammten Wollens zu jedem -der dasselbe ausmachenden Willensacte das Vorwiegen der einseitigen -auf Kosten der vielseitigen, aber auch umgekehrt das Uebergewicht -der vielseitigen über die einseitige Willensentwicklung vermieden -und dadurch das Gleichgewicht zwischen beiden entgegengesetzten -Richtungen der Vervollkommnung des Wollens erhalten wird. In letzterer -Hinsicht geht jenes Verfahren darauf, dass innerhalb des Umkreises der -Gesellschaft jedes in irgend einem ihrer Glieder vorhandene Wollen zu -dem höchsten erreichbaren Grade von Energie gesteigert, aber auch dass -innerhalb desselben jedes nicht vorhandene Wollen, sei es in einem -einzelnen, sei es in sämmtlichen Gliedern, geweckt und auf diese -Weise die Mannigfaltigkeit des Wollens innerhalb der Gesellschaft -zum höchsten erreichbaren Grade entwickelt werde. Durch ersteres -wird innerhalb der Gesellschaft die Einseitigkeit, durch letzteres -die Vielseitigkeit des Wollens gefördert, durch die Herstellung -des Gleichgewichts zwischen beiden entgegengesetzten Richtungen der -innerhalb der Gesellschaft vorhandenen Willensentwicklung aber sowol -die Ueberhebung einer einzelnen, als die Verseichtigung der vielen -vorhandenen Willensrichtungen verhütet. - -187. Steigerung wirklicher oder doch als Anlage vorhandener Kräfte in -quantitativer Hinsicht ohne Rücksichtnahme auf deren anderweitige -qualitative Beschaffenheit ist es, was im Allgemeinen Cultur -heisst. Die ethische Idee der Vollkommenheit enthält die Forderung -der Cultur des Wollens in jedem einzelnen Wollenden, wie in jeder -Gesellschaft von solchen. Jedes obiger Forderung entsprechende -Individuum stellt ein ethisches Culturideal d. h. das Ideal eines -ethisch cultivirten Gesammtwollens dar; jede Gesellschaft, welche -das gleiche thut, repräsentirt ein ethisches Cultursystem d. i. das -Ideal einer die Cultur des Wollens in ihrem gesammten Umfang und nach -jeder möglichen Richtung hin verwirklichenden Gesellschaft. Ersteres -schliesst in sich, dass innerhalb des Wollenden keine Richtung des -Wollens unvertreten, aber auch keine über das mit der gleichzeitigen -Pflege aller übrigen verträgliche Mass hinaus getrieben sei. Letzteres -schliesst in sich, dass innerhalb des Umkreises der Gesellschaft jede -vorhandene Willensrichtung stark, nicht nur in jedem einzelnen Gliede, -in dem sie sich findet, sondern durch möglichst viele Glieder der -Gesellschaft, in welcher sie sich findet, vertreten, aber auch, dass -keine innerhalb des Umfangs der Gesellschaft unvertreten d. h. nicht -wenigstens in einigen oder in einem ihrer Glieder in genügender -Stärke entwickelt sei. Jene Glieder der Gesellschaft, in welchen die -nämliche Willensrichtung vorhanden ist, machen dadurch in ethischer -Hinsicht eine Gesellschaftsclasse für sich, die Mannigfaltigkeit der -innerhalb der Gesellschaft vorhandenen einzelnen, mehreren oder vielen -Gliedern derselben gemeinsamen Willensrichtungen macht in Bezug auf die -Gesellschaftsclassen die Buntheit und Mannigfaltigkeit der (ethisch) -cultivirten Gesellschaft aus. Stellen unter den mannigfaltigen in -der Gesellschaft durch Classen vertretenen Willensrichtungen die -ihrem Inhalt nach lobenswerthen das Licht, die ihrem Inhalt nach -verwerflichen den Schatten (in ethischer Hinsicht) dar, so kommt -durch die Vielfältigkeit der Gesellschaftsclassen Licht und Schatten, -überhaupt ethische Färbung in die Gesellschaft, innerhalb welcher -je nach dem Uebergewicht der vorhandenen guten über die schlechten, -oder der vorhandenen schlechten über die guten Willensrichtungen in -der Gesellschaft, das Urtheil über die (im ethischen Sinne) helle oder -dunkle Natur dieser selbst erfolgt und diese je nach der Proportion, -die zwischen der Summe der guten und jener der verwerflichen in -ihr vorhandenen Willensrichtungen (wie sie z. B. die Statistik der -stationären Anzahl innerhalb der Gesellschaft vorkommenden Verbrechen -ausweist) herrscht, als (a potiori) eine relativ gute oder relativ -verdorbene bezeichnet wird. - -188. Aus dem qualitativen Gesichtspunkt der Uebereinstimmung des -eigenen gedachten mit dem eigenen wirklichen Wollen ergibt sich die -ethische Idee der inneren Freiheit. Dieselbe entsteht dadurch, dass -die ästhetische Idee des Charakteristischen auf das ethische Gebiet -übertragen, das gedachte eigene Wollen als Vor-, das eigene wirkliche -Wollen als dessen Nachbild angesehen wird. Insofern jenes als Bild -eines noch nicht vorhandenen, aber dem Wollenden möglichen Wollens -in dessen Geiste vorangeht, dieses als wirklich vorhandenes, jenem -Bilde entweder entsprechendes oder nicht entsprechendes, demselben in -der Zeit nachfolgt, lässt sich das erste als Project, das letztere -als getreue oder ungetreue Ausführung desselben betrachten. Jede -sogenannte Maxime oder praktischer Grundsatz des Handelns stellt, da -sie nicht vorhandenes Wollen beschreibt, sondern eine Regel für nicht -vorhandenes, also künftiges Wollen formulirt, das Bild eines möglichen -Wollens, ein Willensproject dar, welches sich zu der Gesammtheit -aller Maximen d. i. zu der sogenannten praktischen Einsicht des -Wollenden verhält, wie dessen einzelner Willensact zu der Totalität -seines wirklichen Wollens. Dasselbe Verhältniss, welches zwischen -dem einzelnen Willensproject und dem einzelnen Willensact herrscht, -kann daher auch zwischen der gesammten praktischen Einsicht und dem -gesammten wirklichen Wollen des Wollenden stattfinden, so dass das -letztere entweder als getreue oder als ungetreue Nachahmung der -ersteren sich darstellt. Fasst man blos das Verhältniss zwischen -einem einzelnen Willensproject und dem darauf seinem Inhalt nach -bezüglichen Willensact ins Auge, so findet, im Fall der letztere seinem -Inhalt nach dem Willensproject entspricht, zwischen beiden unbedingt -wohlgefällige Harmonie, im Gegenfall, wenn der einzelne Willensact -durch seinen Inhalt dem des Willensprojects entgegengesetzt ist, -unbedingt missfällige Disharmonie statt. Wird an die Stelle obiger -Verhältnissglieder dagegen einerseits die praktische Einsicht, -anderseits die Gesammtheit des wirklichen Wollens des Wollenden -gesetzt, so tritt, wenn zwischen beiden Uebereinstimmung herrscht, -gleichfalls unbedingtes Lob, herrscht aber Zwietracht zwischen beiden, -unbedingte Verwerfung ein. - -189. Das Bild harmonischen Einklangs zwischen Willensproject -und Willensact bietet ein (im psychologischen Sinne) freies, das -missfällige Zerrbild machtlosen Widerstreits zwischen Willensproject -und Willensact bietet ein (im selben Sinne) unfreies Wollen. Im -psychologischen Sinne frei heisst dasjenige Wollen, das durch -Motive, die aus der praktischen Einsicht (diese sei, wie sie wolle) -genommen sind, bestimmt, unfrei dagegen dasjenige, welches, obgleich -wie das vorhergehende motivirt, durch Beweggründe bestimmt ist, -die anderswoher (z. B. von den Antrieben der Sinnlichkeit, von -Affecten und Leidenschaften) genommen sind. Ein in diesem Sinne freies -(obgleich nicht "transcendental freies", sondern determinirtes) Wollen -wird mit dem praktischen Grundsatz, der sein Motiv ausmacht, sich -stets, ein in diesem Sinne unfreies d. i. anderswoher (z. B. durch -eine Leidenschaft) beherrschtes Wollen wird sich dagegen zwar mit -diesem seinem dasselbe besitzenden Motiv, niemals aber mit einem -der praktischen Einsicht entlehnten Grundsatz in Uebereinstimmung, -sonach mit einem solchen sich stets in Widerspruch befinden. Im -psychologischen Sinne freies Wollen ist daher nicht blos äusserlich -d. h. in dem ohnehin selbstverständlichen Sinn des Wortes "frei", -in welchem zwar das Handeln, aber niemals das Wollen durch eine -äusserliche Macht erzwungen oder verhindert zu werden vermag, sondern -ein solches ist zugleich innerlich frei d. h. in dem Sinne, dass -auf dasselbe Beweggründe, die nicht aus der praktischen Einsicht, -also aus dem Intellect genommen sind, keinen bestimmenden Einfluss -auszuüben vermögen. Insofern das nämliche Verhältniss nicht blos -zwischen einem einzelnen Grundsatz und einem einzelnen Willensact, -sondern zwischen dem Ganzen der praktischen Einsicht und dem Ganzen -des Willens besteht, heisst nicht blos, wie oben, das einzelne Wollen -(volitio), sondern der ganze Wille (voluntas) im psychologischen -Sinne und zwar innerlich frei, und der Wollende selbst, dessen Wille -diese Eigenschaft besitzt, ein Charakter. Im entgegengesetzten Falle, -wenn der Wille unfrei ist, heisst derselbe charakterlos. - -190. Aus diesem Grunde, weil der Einklang zwischen gedachtem und -wirklichem Wollen der Freiheit des Wollens bedarf, um zur Erscheinung -zu gelangen, wird der auf jenem beruhenden ethischen Idee der inneren -Freiheit letzterer Name beigelegt. Dieselbe ist als Idee d. h. als -Musterbild für das wirkliche Wollen weder eins mit der Freiheit des -Willens, welche als solche ein Wirkliches, der freie wirkliche Wille, -noch mit dem Charakter, welcher als solcher gleichfalls ein Wirkliches -d. h. der in einem wirklichen Individuum verwirklichte freie Wille -ist. Jene gehört als Idee dem ethischen, beide letzteren gehören als -Wirkliche dem Gebiete des Wirklichen und zwar des Psychischen, dem -psychologischen Gebiete an; jene, gleichviel ob ein ihr entsprechendes -Wirkliches vorhanden sei, drückt eine allgemein giltige Forderung -(ein Postulat), letztere beiden drücken, wenn und wo sie existiren, -die verkörperte Erfüllung dieser Forderung selbst aus. - -191. An die Idee der inneren Freiheit schliesst sich ein Verfahren -an, welches bestimmt ist, die Uebereinstimmung zwischen gedachtem -und wirklichem Wollen nicht blos über die Gesammtheit des Wollens des -einzelnen Individuums, sondern über die Gesammtheit der innerhalb des -Umkreises einer durch ein gemeinsames Band verknüpften Mehrheit von -Individuen (einer Gesellschaft) vorhandenen praktischen Einsicht -und wirklichen Wollens auszudehnen. Dasselbe geht darauf aus, -dass nicht nur innerhalb eines einzelnen Individuums das gesammte -Wollen frei d. i. der Wollende ein Charakter sei, sondern auch, -dass innerhalb der Gesellschaft der Wille jedes einzelnen Mitgliedes -derselben frei d. i. dass die Gesellschaft selbst eine Vereinigung von -charaktervollen Individuen sei. Erstere Forderung drückt aus, dass -die jeweilige praktische Einsicht d. i. die Gesinnung des Wollenden -die Seele seines gesammten Willens und Handelns, letztere Forderung -drückt aus, dass die Gesellschaft eine Vereinigung in diesem Sinne -gesinnungsvoller d. i. durch ihre jeweilige praktische Einsicht, -welchen Inhalts dieselbe auch sein möge, in ihrem gesammten Wollen und -Thun beseelter Individuen darstelle. Die Erfüllung der erstgenannten -macht das Ideal eines (im ethischen Sinne) beseelten Wollenden, -die Erfüllung der letztgenannten das Ideal einer (im ethischen -Sinne) beseelten Gesellschaft aus. Wie innerhalb der praktischen -Einsicht des Individuums die verschiedenen in derselben enthaltenen -praktischen Grundsätze jeder für sich ein Gebiet des Gesammtwollens -des Wollenden beherrschen, so werden innerhalb der Gesellschaft durch -die dem Inhalt nach unter einander abweichenden Gesinnungsweisen, -deren jede einem Bruchtheil der dieselbe ausmachenden Mitglieder -gemeinsam ist (im ethischen Sinne) Gesinnungsgenossenschaften als -gesellschaftliche Fractionen d. i. Parteien gebildet, deren jede -für sich als Vereinigung von derselben Gesinnung in ihrem Thun und -Lassen geleiteter Individuen eine beseelte Gesellschaft im Kleinen -repräsentirt. Die Mannigfaltigkeit der in den verschiedenen Parteien -als herrschende auftretenden Sinnesarten gibt der Gesellschaft -selbst, innerhalb deren dieselben sich bewegen, den Charakter -der Buntheit und ertheilt ihr zugleich je nach dem Uebergewicht -gewisser Parteirichtungen über die denselben entgegengesetzten ihre -(im ethischen Sinne) vorstechende Färbung. Wie dem charaktervollen -Individuum eine Vielheit von Maximen, die sich dem Anschein nach nicht -selten unter einander aufzuheben trachten, in Wahrheit aber, wie es die -Einheit der Gesinnung verlangt, schliesslich einem obersten praktischen -Grundsatz als Kern und Seele der gesammten praktischen Einsicht sich -unter- und einordnen, unentbehrlich ist, so bedarf eine im wahren -Sinne des Wortes beseelte Gesellschaft innerhalb ihres Umkreises -eines rege bewegten Parteilebens, dessen jeweilige Richtungen nicht -selten einander zu widerstreiten, ja gegenseitig einander aufzuheben -scheinen, schliesslich jedoch, je nach dem Uebergewicht einer oder -einiger über die übrigen, einer obersten die Richtung der Gesellschaft -selbst ihrem grösseren oder doch mächtigeren Theile nach (a potiori) -ausdrückenden Tendenz mit oder gegen ihren Willen zu dienen gezwungen -sind. In diesem Sinne stehen die Fortschritts- den Rückschrittsmännern, -die Reformer den Conservativen, standen einst die liberales, die nach -einem bekannten Witzwort "lieber alles", den serviles, die "sehr -vieles" wollten, stehen noch heute "Culturkämpfer" den Clerikalen, -die Schwarzen den Rothen, die Tories den Whigs u. s. w. gegenüber. - -192. Aus dem qualitativen Gesichtspunkt des Einklanges des eigenen -wirklichen mit dem nur gedachten fremden Wollen ergibt sich die -ethische Idee des Wohlwollens. Dieselbe entsteht durch die Uebertragung -der ästhetischen Idee des Einklanges, welche auf dem Verhältniss -überwiegender gegenseitiger Identität beruht, auf das Gebiet des -Wollens. Beide Glieder, das gedachte fremde und das eigene wirkliche -Wollen, gehören einem und demselben Wollenden an; das fremde Wollen -ist in demselben als Vorstellung, das eigene Wollen dagegen als Wille -wirklich. Ob das seiner Vorstellung entsprechende Wollen des Anderen -in diesem und somit dieser Andere selbst auch wirklich existire, -ist dabei gleichgiltig. Da der Einklang nur zwischen der Vorstellung -des fremden Wollens und dem wirklichen eigenen stattfinden soll, -so kann jene erstere eben so gut eine blosse Einbildung (Fiction) -als eine Abbildung (Reflex) eines anderen Wollens sein. In keinem -Falle leidet die Wohlgefälligkeit der Uebereinstimmung des eigenen -mit dem vorgestellten fremden Wollen dadurch einen Abbruch, dass -dieses letztere und dessen Träger nur in der Vorstellung des ersten -besteht. Zeugniss dafür gibt der Verkehr des Kindes mit seiner Puppe, -deren ihr angedichtete Wünsche dasselbe mit Eifer zu erfüllen sich -bemüht, wie jener des Dichters mit der nur in seiner Phantasie -beseelten leblosen Natur und mit der oft nur als Ideal seiner -Einbildungskraft lebendigen Geliebten. - -193. Eben so wenig als die Schönheit der Harmonie des gedachten -fremden und des eigenen wirklichen Wollens von der mehr als blossen -Gedankenexistenz, ist dieselbe von der Inhaltsbeschaffenheit des -fremden Wollens abhängig. Nicht darin hat der unbedingte Beifall, -welcher obigen Einklang begleitet, seinen Grund, dass das gedachte -Wollen des Anderen ein an sich gutes, sondern darin, dass das -wirkliche eigene Wollen mit dem wie immer beschaffenen Inhalt -des fremden Wollens identisch ist. Die Gesinnung, aus welcher -die Erfüllung wenn auch thörichter Wünsche des Andern entspringt -(Affenliebe), ist als wohlwollender Ausdruck der Unterordnung -des eigenen unter die Vorstellung eines fremden Wollens nicht -weniger schön als diejenige, die sich als werkthätige Theilnahme -an berechtigten Strebungen und Absichten des Andern kund thut. Wie -bei der ästhetischen Idee des Einklanges ist das Lob des Wohlwollens -nur durch die Harmonie, keineswegs durch die anderweitige stoffliche -Qualität der Verhältnissglieder bedingt. - -194. Das Bild harmonischen Einklangs zwischen gedachtem fremden -und eigenem wirklichen Wollen bietet das psychische Phänomen des -selbstlosen oder uneigennützigen d. i. nicht durch die Rücksicht -auf das eigene Selbst, oder den Vortheil des Wollenden begründeten -Wollens. Dasselbe ist so wenig, wie irgend ein wirkliches Wollen, ohne -Grund d. h. dasselbe ist, wie jedes wirkliche Wollen, durch ein Motiv -(Beweggrund) bewegt (motivirt); aber dieses Motiv ist im Unterschied -von andern, die aus den Folgen des Wollens für den Wollenden selbst -d. i. aus der möglichen Vermehrung oder Verminderung des eigenen Wohles -des Wollenden (Eudämonie) hergenommen sind, aus dem einzigen Umstand -entlehnt, dass das vorgestellte Wollen wirklich Wollen eines Andern -sei d. h. dessen Gegenstand von einem Andern angestrebt und der Besitz -desselben von einem Andern werde als Lust d. i. als Vermehrung seines -(des Andern) Wohles empfunden werden. Das uneigennützige Wollen ist -daher keineswegs motivlos, sondern dasselbe hat nur kein eigennütziges -(eudämonistisches), nicht die Rücksicht auf das eigene, wol aber -eine solche auf das fremde Wohl zum Motiv. Wie das Beherrschtsein -des Wollens durch selbstsüchtige Beweggründe, wo es als habituelle -Willensbeschaffenheit auftritt, Egoismus (Selbstliebe, Selbstsucht), -so heisst im entgegengesetzten Sinne das Freisein des Wollens von -eudämonistischen Beweggründen und der willige Gehorsam desselben -gegen von der Rücksicht auf das Wohl des Andern dictirte Motive, wenn -er zu habitueller Willensbeschaffenheit geworden ist, Nächstenliebe -(Altruismus). Wo die letztere lebt, wird die Vorstellung, dass ein -gewisses Wollen von dem Andern gehegt werde, hinreichen, ein demselben -conformes im Vorstellenden zu erzeugen; wo der erstere waltet, wird -dieselbe Vorstellung genügen, nicht blos, um jedes dem Wollen des -Andern conforme eigene Wollen zu hemmen, sondern, wenn die Selbstsucht -so weit gesteigert ist, dass sie das Phlegma ihrer natürlichen -Trägheit zu überwinden und zur Action überzugehen vermag, ein den -Wünschen des Andern widerstrebendes Wollen im Wollenden hervorzurufen. - -195. Ausfluss der Nächstenliebe wird ein wirkliches Wollen sein, -das nach der Idee des Wohlwollens gefällt, Wirkung der Selbstliebe -ein solches, das nach derselben Idee unbedingt missfällt. Jenes, -das uneigennützig nur auf das Wohl des Andern bedachte, wird darum -als gütiges, dieses, das selbstsüchtig nur auf das eigene Wohl oder -gar auf dem Wohl des Andern Entgegengesetztes bedachte Wollen wird -deshalb im ersten Fall ein herzloses, im andern Fall ein boshaftes, -das Wohlwollen selbst Güte, sein Gegentheil, das Uebelwollen, Bosheit -genannt. Von der ersteren wie von der letzteren, insofern jede von -beiden, die Güte grundlos liebt, die Bosheit grundlos hasst, gilt -des Dichters Wort: Ich glaube selbst, die Lieb' hat keinen Grund -(Immermann). - -196. Verschieden von der ethischen Idee des Wohlwollenden, wie von dem -psychischen Phänomen der Güte und deren Gegentheil, ist das gleichfalls -psychische Phänomen der sogenannten sympathetischen Gefühle. Zwar -bietet sowol die psychische Erscheinung des Mitleids wie der Mitfreude -das Bild eines harmonischen Einklangs, die Erscheinung des Neides -wie der Schadenfreude das Bild einer missfälligen Disharmonie dar, -aber weder zwischen Wollen, noch zwischen einem blos gedachten -und einem wirklichen Verhältnissgliede, wie beides beim Wohl- oder -Uebelwollen der Fall ist. Das sympathetische Gefühl wiederholt das -Gefühl eines Andern entweder durch ein demselben gleiches, oder durch -ein demselben entgegengesetztes Gefühl. Ursache dieser Wiederholung -ist jedoch keineswegs die bewusste Reflexion, dass das eigene Gefühl -Nachahmung eines fremden Gefühls, sondern der unwillkürliche und -folglich auch unbewusste Reflex des fremden Gefühls durch das eigene -Gefühlsleben. Das fremde Gefühl wirkt auf das eigene gleichsam durch -Ansteckung, wie es im Gebiete der Muskelbewegungen bei der Entstehung -solcher mit gewissen Vorstellungen durch Association verbundener -Bewegungen durch die zufällige oder absichtliche Erregung jener -Vorstellungen der Fall zu sein pflegt. Das Bewusstsein des Unterschieds -der fremden von der eigenen Persönlichkeit wird dabei gar nicht -geweckt, oder geht im Mechanismus des nachahmenden Gefühlsprocesses -verloren. Auf diese Weise setzt ein Komiker die Lachmuskeln, ein -Tragöde die Thränenfisteln der Zuschauer in unwillkürliche und dem -Bewusstsein entrückte Bewegung, so dass die letzteren gleichsam wie aus -einem Zustand der Verzücktheit erwachen und sich hinterdrein wundern, -gelacht und geweint zu haben. So wenig fühlt sich der nachahmende -Theil als Nachahmer eines Andern, dass nicht selten das Mitgefühl, sei -es Mitfreude oder Mitleid, sofort aufhört, wenn der Mitfühlende sich -darauf besinnt, dass es nicht eigenes, sondern das Leid eines Andern, -und nicht eigene, sondern fremde Freuden sind, die ihn bewegen. In -solchem Fall hält das Mitgefühl nur so lange und nur darum vor, -als und weil der Mitfühlende sich nur bewusst ist, dass er fühle, -keineswegs aber bewusst ist, dass er nur mitfühle. Ohne daher geradezu -egoistisch zu sein, weil weder das Bewusstsein vorhanden ist, dass -das Gefühlte uns, noch der Gedanke, dass es einen Andern angehe, ist -das Mitgefühl doch sicher nicht altruistisch, weil es im Augenblick -schwinden kann, sobald wir des letzteren innewerden. - -197. Dasselbe wird jedoch vollkommen selbstsüchtig, wenn, wie -Schopenhauer behauptet hat, der Grund des Mitleids einzig darin -gelegen sein soll, dass der Mitleidige sich in demselben seiner -metaphysischen Einerleiheit mit dem Andern bewusst und auf diesem -Wege innewerde, dass weder der Andere von ihm verschieden, noch des -Andern Leid mehr als sein eigenes Leid sei. Unter dieser Voraussetzung -könnte das Mitgefühl nicht nur, wie oben bemerkt, sondern es müsste -nothwendiger Weise, also jedesmal aufhören, sobald der Einzelne -über seine persönliche Unterschiedenheit vom Andern und folglich -über den Umstand, dass das gefühlte Leid nicht sein eigenes sei, -zur Besinnung käme. Die wesentliche und unentbehrliche Eigenschaft, -wenn auf das Mitgefühl ein Theil des Glanzes fallen soll, den das -Wohlwollen ausstrahlt, die individuelle Sonderung beider Fühlenden, -wäre durch obige Annahme grundsätzlich beseitigt. - -198. So wenig Mitleid und Mitfreude sich mit dem Wohlwollen, -eben so wenig decken sich Neid und Schadenfreude mit dessen -Gegentheil, dem Uebelwollen. Gleichwol tritt bei den letzteren die -unleugbare Aehnlichkeit beider, obgleich gattungsmässig verschiedener -Gemüthszustände stärker hervor als bei den ersteren. Während Mitleid -und Mitfreude zu ihrer Entstehung des Bewusstseins des individuellen -Unterschieds des Mitfühlenden vom Fühlenden nicht bedürfen, setzt die -Entstehung sowol des Neides, als einer durch fremde Lust geweckten -Unlust, wie der Schadenfreude, als einer durch fremde Unlust erregten -Lust, dieses Bewusstsein in gewissem Grade voraus, da es sich -nicht um eine Wiederholung des fremden Gefühls durch ein gleiches, -sondern um die Beantwortung eines solchen durch ein entgegengesetztes -eigenes handelt, fremdes und eigenes Gefühl also schon um deswillen -als verschiedenen Individuen angehörig empfunden werden müssen, -weil beide verschiedene, und zwar, da sie entgegengesetzter Natur -sind, sehr merklich verschiedene Qualität besitzen. Beide kommen -daher nicht nur in ihren Wirkungen, die sowol bei dem Neid als bei -der Schadenfreude, bei dem blossen Gefühl nicht stehen zu bleiben, -sondern zu demselben entsprechenden Wünschen, Entschlüssen, ja selbst -Aeusserungen fortzuschreiten pflegen, dem Uebelwollen so nahe, -als überhaupt Phänomene verschiedener Gattungen sich einander zu -nähern vermögen, sondern auch das Urtheil, das über dieselben, wo -sie zu Tage treten, ergeht, fällt von der unbedingten Verwerfung, -welche das Uebelwollen begleitet, nichts weniger als verschieden -aus. Von dem "Neide" der Götter redet die Mythologie, wenn sie deren -dem Menschengeschlecht übelwollende Gesinnung, und vom "Neidhart" -die Volkssage, wenn sie den Bösen bezeichnen will. - -199. Die selbstlose Freiwilligkeit der Unterordnung des eigenen -unter das fremde Wollen tritt um so anschaulicher hervor, je grösser -die Ueberlegenheit der eigenen über die fremde Kraft und je weniger -der Verdacht, dass jene Unterordnung eine durch Furcht erzwungene -sein könnte, zulässig erscheint. Dieselbe offenbart sich dort am -auffälligsten, wo die Ueberlegenheit die denkbar höchste d. h. wo -der dem Andern freiwillig sich unterordnende Wille, mit diesem -verglichen, unendlich stark, derjenige, dem er sich unterordnet, -mit jenem verglichen, unendlich schwach ist. Beides ereignet sich im -Verhältniss der Gottheit zum Menschen, deren Güte gegen diesen eben -darum als unendlich gross und der göttliche Wille selbst als Ideal -des Gütigen sich kundgibt. - -200. An die ethische Idee des Wohlwollens schliesst sich ein -Verfahren an, welches die in derselben enthaltene Forderung nicht -blos auf das gesammte Wohl und Wehe Anderer berührende (sociale) -Wollen des einzelnen Wollenden, sondern auf die Gesammtheit des -innerhalb des Umkreises einer Gesellschaft vorkommenden, auf -deren gegenseitiges Verhältniss zu einander bezüglichen Wollens -der Mitglieder ausdehnt. Dasselbe geht darauf aus, dass jedes -sociale Wollen des einzelnen, so wie dass das sociale Wollen jedes -Mitgliedes der Gesellschaft Wohlwollen sei; sociales Uebelwollen -sowohl im Einzelnen wie in der Gesellschaft gemieden werde. Da nun -das Wohlwollen (bene velle) darin besteht, des Andern Wohl zu wollen -(bonum velle), so geht jene Forderung dahin, dass jedes sociale -Wollen im Einzelnen wie in der Gesellschaft die Tendenz habe, in -jenem des Andern, in dieser aller Andern (d. i. das allgemeine) Wohl -zu fördern. Und da die Befriedigung jedes -- stofflich wie immer -beschaffenen -- Wollens Lustgefühl, also Wohlbefinden zur Folge -hat, so kann unter dem, was jeder sein Wohl und folglich auch die -Gesellschaft das ihre, d. i. das allgemeine Wohl nennt, nicht wol -etwas anderes sein als die Befriedigung dort sämmtlicher Wünsche -und Willensbestrebungen des Andern, hier die Erfüllung sämmtlicher -im Umkreise der Gesellschaft vorhandenen oder doch zur Aeusserung -gelangenden Wünsche und Willensbestrebungen Aller. Die Erreichung -beider Ziele, die Befriedigung sämmtlicher Wünsche des Andern (die -Glückseligkeit des Andern), und die Befriedigung sämmtlicher Wünsche -Aller (die allgemeine Glückseligkeit) müssen daher in der wohlwollenden -Gesinnung, das erste in der jedes Einzelnen gegen jeden Andern, das -zweite in der jedes Mitgliedes der Gesellschaft gegen alle übrigen -d. i. gegen die Gesellschaft selbst gelegen und die Erreichung -derselben muss der Zweck aller socialen Bestrebungen sein. - -201. Diese selbst d. i. die Befriedigung der vorhandenen Wünsche -aber ist nicht blos durch die auf sie gerichtete dauernde Gesinnung -des Einzelnen und jedes Einzelnen, sondern zugleich, da es sich -um die Realisirung wirklich vorhandener Wünsche in der wirklich -vorhandenen Aussenwelt handelt, durch die Existenz der und die -Möglichkeit der Verfügung über die zu jenem Endzweck unentbehrlichen -oder doch förderlichen Mittel d. i. der und über die realen Objecte, -welche, insofern sie jenem Zweck dienstbar gemacht werden, Güter -heissen sollen, bedingt. Dieselben können sowol materieller als -geistiger Natur, Gegenstände der Körper- wie der geistigen Welt sein; -wesentlich ist ihnen nur, dass dieselben zur Befriedigung vorhandener -Wünsche dienen und in Anspruch genommen werden können. Von dieser -Art ist der Grund und Boden mit seinem Ertrag, sowol dem inneren -(Erz- und Gesteinsschätzen), wie dem äusseren (Nahrungspflanzen -und verarbeitungsfähigen Gewächsen), aber auch der vorhandene Fond -an geistiger Kraft und Intelligenz mit seinem Ertrag, dem inneren: -den Gefühls- und Gedankenschätzen des einzelnen, dem äusseren: den -Literatur- und Kunsterzeugnissen des Gesellschaftsgeistes. - -202. Diese, sei es materiellen, sei es geistigen Güter zur Befriedigung -vorhandener Wünsche in der Art zu verwenden, dass die mit den gegebenen -Mitteln erreichbare höchste Befriedigung der gegebenen Wünsche -erzielt werde, ist die Aufgabe einer besondern auf dieses Endziel -hin arbeitenden Kunst, die, insofern es dabei auf die bestmögliche -Verwendung der Mittel zum Zwecke d. i. auf die Verwaltung ankommt, -Haushaltungs- oder Verwaltungskunst (Oekonomik) und zwar entweder -private, wenn es sich blos um den klugen Gebrauch der dem einzelnen -Individuum zum Besten des Anderen verfügbaren Güter handelt, oder -öffentliche (Oekonomik der Gesellschaft; Nationalökonomik, Staats- und -Volkswirthschaftskunst), wenn das Ziel die grösstmögliche Förderung -des allgemeinen Wohls durch geschickte Benützung der innerhalb -der Gesellschaft disponibeln materiellen und geistigen Vermögen -ist. Die Erfüllung derselben von Seite des einzelnen Wollenden -macht das Ideal eines Menschenfreundes (Philanthropen), d. i. eines -solchen aus, der sein gesammtes geistiges wie materielles Vermögen in -selbstverleugnender Gesinnung dem Besten Anderer opfert; ihre Erfüllung -von Seite einer Gesellschaft dagegen stellt (im ethischen Sinne) das -Ideal eines Verwaltungssystems dar d. i. einer derartigen Organisation -des Gebrauchs und der Verwendung sämmtlicher innerhalb des Umkreises -der Gesellschaft vorhandenen und verfügbaren materiellen wie geistigen -Güter, dass dadurch die grösstmögliche Befriedigung vorhandener Wünsche -und Bedürfnisse sämmtlicher Gesellschaftsmitglieder, die unter den -gegebenen Umständen höchstmögliche Summe des allgemeinen Wohls oder -der allgemeinen Glückseligkeit (salus publica) verwirklicht wird. - -203. Von selbst leuchtet ein, dass auch bei der sorgfältigsten -und wohlwollendsten Verwaltung die erreichbare Gesammtsumme der -Wünschebefriedigung hinter der jeweiligen Summe der vorhandenen -Wünsche zurückbleiben muss. Denn während die letztere eine ins -Unbegrenzte wachsende, ist der Vorrath gegebener Güter und der aus -demselben zum Besten des Ganzen zu schöpfende Vortheil auch bei der -umsichtigsten Benutzung nur einer begrenzten Steigerung fähig. Das -Ziel des Philanthropen, wie das der philanthropischen Gesellschaft ist -als erreicht anzusehen, wenn die Summe des allgemeinen Wohls die unter -den gegebenen Bedingungen erreichbare höchste Grenze gewonnen hat. Je -nachdem in den wohlwollenden Bestrebungen des Einzelnen zum Besten des -Andern, der Gesellschaft zum Besten Aller, vorzugsweise die mittels -materieller oder die mittels geistiger Güter realisirbaren Wünsche -d. i. die materiellen oder die geistigen Interessen berücksichtigt -werden, nimmt die Philanthropie dort, das Verwaltungssystem hier selbst -einen vorwiegend materialistischen, der Pflege der materiellen, oder -idealistischen, der Pflege der idealen Interessen gewidmeten Charakter -an. Innerhalb der menschenfreundlichen Bestrebungen des Einzelnen -lassen sich je nach der Beschaffenheit der Güter verschiedene Zweige -des Philanthropismus, innerhalb des wohlwollenden Verwaltungssystems -lassen sich je nach den Zwecken, welche, und den Gütern, mittels -welcher dieselben verwirklicht werden sollen, verschiedene Zweige -der Verwaltung unterscheiden. Die Mannigfaltigkeit derselben, -deren einige auf die Hebung der materiellen Zwecke und Güter, -z. B. auf die Cultivirung, Bebauung und Ausnutzung der Bodenschätze -und des Grundertrags, andere auf die Hebung ideeller Zwecke durch -Förderung und Pflege wissenschaftlicher und literarischer Bildung und -Schöpfungen abzielen, bringt in die Verwaltung selbst jene Vielheit -und Buntheit gleichzeitiger auf das Wohl, sei es einzelner Classen -von Gesellschaftsmitgliedern, in deren Besitz eben jene Güter sich -befinden oder zu deren Beruf jene Zwecke gehören d. i. gewisser Stände --- sei es des Ganzen, abzweckender Bestrebungen hervor, die sich nicht -selten unter einander zu widerstreiten scheinen, zusammengenommen aber -je nach dem Ueberwiegen der einen über die andern dem Verwaltungssystem -seine bestimmte individuelle Färbung ertheilen. Dieselbe zeigt je nach -dem Uebergewicht der materiellen über die geistigen, oder dieser über -die materiellen Interessen einen bestimmten hervorstechenden mehr -realistischen oder mehr spiritualistischen Ton, zwischen welchen -Gegensätzen ein weises, die Harmonie aller Interessen im Auge -behaltendes Administrationssystem eine gleichschwebende Temperatur -herzustellen und zu erhalten bemüht sein wird. - -204. Der qualitative Gesichtspunkt des missfälligen Streits einander -ausschliessender Willensäusserungen ergibt die ethische Idee des -Rechts. Dieselbe entsteht durch die Uebertragung der ästhetischen Idee -der Correctheit auf das ethische Gebiet. Wie correcte Vorstellungen -solche sind, die als gleichzeitige im Bewusstsein sich unter -einander vertragen, so sind rechtmässige (d. i. dem Recht gemässe) -Willensäusserungen solche, die gleichzeitig vorhanden einander nicht -ausschliessen. Wie die Correctheit eine natürliche oder künstliche, -je nachdem die Verträglichkeit jener Vorstellungen eine ursprüngliche -d. i. aus dem Inhalt derselben selbst fliessende, oder eine (sei -es durch Zufall oder durch Willen) herbeigeführte ist, indem der -ursprüngliche Inhalt so lange abgeändert oder durch einen anderen -ersetzt wurde, bis die anfänglich unverträglichen zu verträglichen -Vorstellungen wurden, so ist die Rechtsgemässheit (oder, was eben so -viel ist, die Erlaubtheit gewisser Willensäusserungen) eine natürliche -oder künstliche, je nachdem dieselben schon ursprünglich ihrem -Inhalt nach verträglich sind, oder erst in Folge einer gemeinsamen -Uebereinkunft (Vertrag) der Wollenden eine solche Abänderung, -beziehungsweise Ersetzung durch anders beschaffene erfuhren, dass die -bisher unter einander unverträglichen fortan für verträglich gelten -können. Heissen daher Willensäusserungen, die sich unter einander -nicht ausschliessen d. h. ohne missfälligen Streit hervorzurufen -gleichzeitig mit und neben einander bestehen können, im Allgemeinen -(im ethischen Sinn) erlaubte, so sind solche, deren Verträglichkeit -eine ursprüngliche, aus ihrem Inhalt selbst fliessende ist, natürlich -erlaubte, solche dagegen, deren Verträglichkeit erst aus einem zwischen -den Wollenden stattgehabten Vertrage stammt, vertragsmässig erlaubte -Willensäusserungen. Erstere, da ihre Erlaubtheit durch den Inhalt der -Willensäusserungen selbst begründet ist, sind jedesmal und jedermann -erlaubt, sobald dieser Inhalt der nämliche ist; diese dagegen, deren -Verträglichkeit nur aus dem durch Vertrag festgesetzten Inhalt fliesst, -sind nur so lange und nur denjenigen erlaubt, so lange und für welche -jener Vertrag besteht. Erlaubte Willensäusserungen der ersteren -Art werden daher auch wol als natürliche (sogenannte angeborene), -erlaubte Willensäusserungen der letzteren Art dagegen als erworbene -(sogenannte positive) Rechte bezeichnet. Die Summe der (angeborenen -und erworbenen) Rechte d. i. der Inbegriff sämmtlicher dem Wollenden -erlaubter, oder solcher Willensäusserungen, durch deren Vornahme -derselbe keinen Streit erhebt, macht das Recht des Wollenden aus. - -205. Wie der als correct bezeichnete Vorstellungsinhalt eine Grenze -für die unbeschränkte Freiheit des Vorstellens bezeichnet, jenseits -welcher dasselbe aufhört, ästhetisch geduldet, und anfängt, unbedingt -missfällig zu werden, so stellt der Inhalt der ("angeborenen und -erworbenen") Rechte d. i. des Rechts des Wollenden, eine (natürliche -oder vertragsmässige) Schranke für die grenzenlose Freiheit der -Willensäusserung desselben dar, jenseits welcher diese aufhört, -ethisch geduldet, und anfängt, unbedingt missfällig zu werden. Der -Doppelsinn des Begriffs der Grenze, welcher zugleich die Ausdehnung -des einen und dessen Ausschliessung von dem Nachbarlande bedeutet, -kehrt im Begriff des Rechts insofern wieder, als durch dasselbe sowol -die Ausdehnung der erlaubten Willensäusserung einer-, wie deren -Ausschliessung von der gleichfalls erlaubten Willensäusserung des -nachbarlichen Wollenden andererseits bezeichnet wird. Jenes, die Summe -der Rechte des Wollenden, macht das Recht im subjectiven, dieses, die -Summe der (natürlichen oder vertragsmässig festgesetzten) Schranken -der Willensäusserung, das Recht im objectiven Sinne des Wortes aus. - -206. Wie die Rechtfertigung des Correcten nur in dem Umstand -liegt, dass ein von demselben abweichender Inhalt des Vorstellens -Ausschliessung unter dem gleichzeitig Vorgestellten d. i. Widerstreit -im Vorstellen, und dadurch Missfallen erzeugt, so liegt der Grund -des Rechtmässigen (Erlaubten) ausschliesslich in dem Umstand, -dass eine von dem Inhalt desselben abweichende Willensäusserung -mit einander unverträgliche Willensäusserungen im Umfang des zur -Aeusserung gelangenden Wollens d. i. Streit hervorruft und dadurch -Missfallen erzeugt. So wenig dort ein Unterschied dadurch begründet -wird, dass die Correctheit eine natürliche oder künstliche, so wenig -geschieht dies hier durch den Umstand, dass die Rechtmässigkeit -eine natürliche oder vertragsmässige ist; wie bei dem Incorrecten -das Missfallen nur denjenigen, aber jeden trifft, dessen Vorstellen -vom Correcten abweicht, so geschieht es hier mit dem Missfallen, das -nur jenem, aber auch jedem gilt, dessen Willensäusserung das Erlaubte -überschreitet. Wie es aber beim Correcten sich ereignen kann, dass der -Inhalt des künstlich mit dem des von Natur aus Correcten in der Weise -in Collision geräth, dass von Natur aus Correctes durch conventionelle -Uebereinkunft künstlich als incorrect, dagegen durch letztere ein -Vorstellungsinhalt künstlich als correct festgesetzt werden kann, -welchen das unbefangene Vorstellen als incorrect empfindet, so kann -es geschehen, dass natürlich Erlaubtes vertragsmässig als unerlaubt -und solches durch Vertrag als erlaubt hingestellt werden kann, was dem -unbefangenen ästhetischen Urtheil als unerlaubt erscheinen muss. Was -in solchem Fall auf ästhetischem Gebiete gilt, dass der Umfang des -natürlich Correcten ein unbeschränkter, weil nur von dem sich immer -gleich bleibenden Inhalt des Vorgestellten abhängiger, jener des -künstlich Correcten aber ein auf den Umkreis eingeschränkter sei, -innerhalb dessen, sei es Herkommen, Ueberlieferung, Sitte und Gebrauch -oder positive Convention dasselbe fixirt haben, wird anstandslos auf -das ethische angewendet werden dürfen, dass das natürlich Erlaubte -unbeschränkte, weil nur aus dem Inhalt der Willensäusserungen -fliessende, das vertragsmässig Erlaubte jedoch nur auf denjenigen -Umkreis beschränkte Geltung besitze, innerhalb dessen stillschweigender -d. h. blos durch Zulassung, oder ausdrücklicher d. i. mit mehr oder -weniger Förmlichkeit kundgegebener Vertrag dasselbe für die Vertrag -Schliessenden (aber auch nur für diese) als erlaubt festgestellt haben. - -207. Indem die ästhetische Idee der Correctheit jeden -Vorstellungsinhalt verbietet, durch welchen Unverträglichkeit zwischen -dem gleichzeitig Vorgestellten, so verwehrt die Idee des Rechts -jede Willensäusserung, durch welche Streit zwischen den Wollenden -hervorgerufen wird. So wenig die erstere hiebei einen Unterschied -zwischen den beiden Vorstellungen, eben so wenig macht diese einen -solchen zwischen den beiden Wollenden. Die Aufforderung, Streit zu -meiden d. i. sich innerhalb der durch das (sei es natürliche oder -vertragsmässige) Recht gezogenen Willensgrenze zu halten, ergeht an -beide Wollende in ganz gleicher Weise, ganz abgesehen von dem Umstände, -ob durch diese letztere die Freiheit der Willensäusserung des Einen -eine Erweiterung, jene des Anderen eine Verengerung erfahren hat -d. h. ob durch dieselbe dem ersten eine Befugniss (ein Recht gegen -den zweiten) eingeräumt, dem zweiten eine solche zu Gunsten des -ersten entzogen (demselben eine Pflicht gegen den ersten auferlegt) -worden sei. Da nun eben so wol Streit entsteht, wenn die eingeräumte -Befugniss überschritten, als wenn die entzogene Befugniss wieder in -Anspruch genommen wird, so bedeutet jene Aufforderung für denjenigen, -dem das Recht jene Befugniss gibt, so viel, dass er dieselbe nicht -missbrauchen, dagegen für denjenigen, dem das Recht jene Befugniss -nimmt, so viel, dass er dieselbe nicht mehr als sein Recht gebrauchen -dürfe, beides aus keinem andern Grunde, als weil jede obiger beider -Handlungsweisen Streit erzeugt. - -208. Mehr als diese Aufforderung, um der Vermeidung des Streites willen -einerseits seine Berechtigung nicht zu überschreiten, andererseits -seine Verpflichtung zu erfüllen, kann aus der Idee des Rechts -nicht abgeleitet werden. Dieselbe enthält weder die Ermächtigung -für den Berechtigten, im Falle unterlassener Pflichterfüllung von -Seite des Verpflichteten dieselbe mit Gewalt d. i. durch Anwendung -von Zwangsmassregeln durchzusetzen, noch schliesst dieselbe für den -Verpflichteten die Befugniss ein, sich im Falle gemissbrauchten oder -mit Zwang durchgesetzten Rechts von Seite des Berechtigten demselben -mit Gewalt d. i. mittels Anwendung von Gegenzwangsmassregeln zu -widersetzen. Ersteres nicht, weil jeder Zwang einen Eingriff in -die erlaubten Willensäusserungen des Verpflichteten, somit von -Seite des Berechtigten diesem gegenüber selbst eine Streiterhebung -darstellt. Letzteres nicht, weil jeder Gegenzwang von Seite des -Verpflichteten einen Eingriff in die erlaubten Willensäusserungen des -Berechtigten, also seinerseits eine Streiterhebung einschliesst. Weder -kann der Zwang, welcher von Seite des Berechtigten zur Durchsetzung -seiner Berechtigung, noch kann der Gegenzwang, welcher von Seite -des Verpflichteten gegen den Berechtigten ausgeübt wird, sich auf -diejenige Willensäusserung einschränken, welche im ersten Fall -ausschliesslich das Recht, im letzteren eben so ausschliesslich die -Pflicht ausmacht. Beide, Berechtigter und Verpflichteter, werden in -solchem Falle sich in gleicher Lage befinden wie der Jude Shylock, -dem das Gesetz die Befugniss einräumt, zur Durchsetzung seines Rechts -gegenüber dem Kaufmann von Venedig Gewalt anzuwenden d. i. das -contractlich zugestandene Pfund Fleisch nahe dem Herzen demselben -wirklich aus lebendigem Leibe zu schneiden, jedoch unter der von dem -"klugen" Richter hinzugefügten Bedingung, dass er bei Ausübung dieses -seines Rechts nicht selbst seinerseits ein Unrecht begehe d. h. nicht -eine ihm contractlich nicht zugestandene Handlung ausführe, daher -keinen einzigen Tropfen Blutes vergiessen dürfe. Wie durch letzteren -Zusatz die ihm zugestandene Zwangsbefugniss illusorisch, weil der -Natur der Sache nach unausführbar, so wird die angeblich in der Idee -des Rechtes enthaltene Zwangsbefugniss in ethisch geschärften Augen -dadurch zunichte gemacht, dass die Ausübung einer solchen ohne neue -Streiterhebung, also seinerseits Rechtsverletzung, dem Berechtigten -durch die Natur der Sache unmöglich gemacht wird. - -209. Ist nun in der Idee des Rechts wirklich nichts mehr als die -Aufforderung, beim Rechte zu bleiben, keineswegs aber die Erlaubniss -enthalten, Unrecht mit Gewalt zu hintertreiben, so ist allerdings zu -erwarten, dass, wenn nicht auf anderem Wege Vorsorge getroffen wird, -Missbrauch des Rechtes unmöglich, Unterlassung der Pflicht unthunlich -zu machen, sowol das eine wie das andere in einem Grade überwuchern -werde, dass der thatsächliche Zustand der durch die Idee des Rechts -gestellten Forderung Hohn sprechen wird. Weder lässt sich hoffen, dass -die Scheu, vor der Idee des Rechts durch Streiterhebung missfällig zu -werden, in dem Gemüthe des Berechtigten häufiger als es bei solchen, -die einer Aufforderung zur Rechtlichkeit überhaupt nicht bedürfen, -ohnehin der Fall zu sein pflegt, eine solche Macht besitzen werde, -um ihm die Anwendung von Zwang zur Durchsetzung seines Rechts -unmöglich zu machen, noch könnte es Wunder nehmen, wenn die Furcht, -durch gewaltsamen Widerstand vor der Idee des Rechts missliebig zu -erscheinen, bei dem Verpflichteten, der sich durch Missbrauch des -Rechtes bedroht und durch Anwendung von Zwang in unbestrittenen -Rechten beeinträchtigt sieht, zu schwach wäre, ihn von dem Versuch -gewaltsamer Gegenwehr zurückzuhalten. Vielmehr ist vorauszusehen, -dass in den bei weitem meisten Fällen der Berechtigte der Verlockung, -sein verweigertes Recht auf Kosten des Verpflichteten durchzusetzen, -der Verpflichtete dem Drange, sein angegriffenes Recht gegen den -Uebermuth oder die Uebermacht des Berechtigten sicherzustellen, nicht -werde widerstehen und dadurch an die Stelle des Friedenszustandes, wie -ihn die Idee des Rechtes fordert, ein Kriegszustand, wie ihn der Kampf -des Berechtigten um sein Recht gegen den Verpflichteten und der Kampf -des Verpflichteten für sein Recht wider den Berechtigten darstellt, -treten werde. Soll letzteres verhütet und die Herstellung des Rechts- -d. i. eines solchen Zustandes, in welchem der Berechtigte sein Recht, -aber nicht mehr als dieses fordert, der Verpflichtete seine Pflicht -und nie weniger als diese leistet, nicht auf jene märchenhaften Zeiten -verschoben werden, in welchen die Idee des Rechts durch Erziehung -und Gewöhnung Macht genug über die Gemüther gewonnen haben wird, -um die Sicherstellung des Rechts durch andere Mittel überflüssig zu -machen, so muss ein Ausweg ausfindig gemacht werden, dem Berechtigten -seine Leistung, dem Verpflichteten seinen Schutz vor Uebergriffen -zu verbürgen, ohne von Seite des ersten wie des letzteren durch -unrechtmässige Streiterhebung missfällig zu werden. Derselbe besteht -darin, dass die Befugniss im Falle der Pflichtverweigerung Zwang, im -Falle des Missbrauchs der Berechtigung Widerstand ausüben zu dürfen, -ihrerseits ausdrücklich vertragsmässig stipulirt und dadurch selbst -zum Recht d. i. zu einem Zwangsrecht erhoben werde. Der Unterschied -desselben von der oben erörterten Sachlage besteht darin, dass in der -letzteren das Recht zu zwingen als eine mit jedem Rechte unmittelbar -nicht nur verbundene, sondern demselben innewohnende und folglich -aus demselben ohne weiteres fliessende Befugniss angesehen, dagegen -nun als ein zweites neben und ausser dem Recht, zu dessen Schutze es -bestimmt ist, ausdrücklich errichtetes und mit diesem nicht innerlich -(deductiv), sondern nur äusserlich (copulativ) verbundenes Recht -betrachtet wird. Durch dasselbe verwandelt sich der zur gewaltsamen -Zurückeroberung der verweigerten Leistung ausgeübte Zwang und der -zum Schutz gegen Ueberschreitung geübte gewaltsame Widerstand aus -unrechtmässigen (unerlaubten) in rechtmässige Handlungen, indem -beide Theile eingewilligt haben, der eine die zur Durchsetzung der -Pflicht, der andere die zum Schutz gegen Missbrauch nothwendigen -Gewaltmassregeln sich gefallen lassen zu wollen. - -210. Da die Idee des Rechts nichts weiter verlangt, als dass Streit -gemieden d. h. gegenwärtiger Streit geschlichtet, zukünftiger verhütet -werde, so ist dasselbe in dem Grade als vollkommener anzusehen, als -obiger Zweck erreicht d. h. als durch dasselbe Streit beseitigt oder -unmöglich gemacht wird. Welcherlei Inhalt dazu in jedem gegebenen Falle -der zweckdienlichste d. h. welcherlei Recht in jedem gegebenen Falle -das zweckentsprechendste sein werde, lässt sich nicht im Allgemeinen -festsetzen, sondern hängt von dem jeweiligen Inhalt derjenigen -Willensäusserungen ab, deren Verträglichkeit unter einander durch -dasselbe gesichert werden soll. Schon von Natur aus mit einander -verträgliche Willensäusserungen (sogenannte angeborene Rechte), -sobald es deren überhaupt gibt, bedürfen, da zwischen ihnen kein -Streit herrscht, auch nicht besonderer Festsetzungen, denselben zu -vermeiden; es wäre denn, es träten Fälle ein, in welchen auch diese -sonst verträglichen Willensäusserungen zu einander ausschliessenden -werden und Streit verursachen. Von dieser Art sind z. B. diejenigen -Willensäusserungen, die im Gebrauch der Athmungsorgane zum -Einschlürfen der zum Lebensunterhalt unentbehrlichen Quantität -atmosphärischer Luft bestehen. Dieselben gelten unter normalen -Verhältnissen als verträglich unter einander, indem jederzeit Luft -genug existirt, um dem gleichzeitigen Athmungsbedürfniss Mehrerer -zu genügen. Das Recht, sich derselben zum Athmen zu bedienen, kann -daher im obigen Sinne als ein natürliches (sogenanntes angeborenes) -angesehen werden. Tritt jedoch der Fall ein, dass (wie z. B. in -Holwell's "schwarzer Höhle" oder unter der Taucherglocke) das -vorhandene Quantum athembarer Luft ein beschränktes, wol gar für -das vorhandene Bedürfniss der Mehreren nicht ausreichendes wird, -so werden die sonst verträglich gewesenen Aeusserungen des Willens, -zu athmen, sofort zu unverträglichen: es entsteht Streit und damit -nicht nur die Möglichkeit, sondern der Idee des Rechts zufolge die -Aufforderung, ein Recht d. i. eine Bestimmung zu treffen, durch -welche (wie es z. B. unter der Taucherglocke thatsächlich der Fall -ist) der Verbrauch der Luft bezüglich der Einzelnen geregelt und -deren erlaubter vom unerlaubten gesondert wird. Sind dagegen die -Willensäusserungen von Haus aus unverträgliche, so wird jenes Recht -das beste sein, welches die darin liegende Ursache des Streits am -schnellsten, gründlichsten und dadurch am dauerhaftesten behebt, -wobei indess immer der Grundsatz gilt, dass auch das schlechte Recht, -weil es den Streit, wenn auch nur oberflächlich und vorübergehend, -beseitigt, immer noch besser sei als der Streit selbst. - -211. Lässt sich aber auch über den Inhalt möglicher Rechte ohne -Berücksichtigung des Inhaltes möglicher Willensäusserungen nichts -allgemeines aussagen, so lassen sich doch in Bezug auf die Form, -durch welche das Recht seiner Idee in mehr oder minder vollkommener -Weise genügt, Bestimmungen treffen. Hier gilt, dass das Recht (es -sei natürliches oder vertragsmässiges) seinem Inhalt nach, er sei, -welcher er wolle, nicht zweifelhaft sein d. h. dass derselbe entweder -(wie es bei den natürlichen Rechten der Fall zu sein pflegt) an sich -evident sein, oder (wie es bei den vertragsmässigen Rechten durch -besondere die Festsetzung derselben begleitende Förmlichkeiten: -Gebrauch bestimmter Worte oder äusserer Zeichen, Handschlag, -Stabbruch u. dgl. zu geschehen pflegt) evident gemacht werden -muss. Zweifel in ersterer Hinsicht, durch welche entweder der Inhalt -wirklicher natürlicher Rechte ungebührlich ausgedehnt, oder ein -seinem Inhalte nach keineswegs natürliches Recht als angeborenes -in Anspruch genommen wird, sind daher (im ethischen Sinne) nicht -weniger schädlich als Zweifel der letzteren Art, durch welche der -vertragsmässige Inhalt eines positiven Rechtes seinem ursprünglichen -Sinne entgegen umgedeutet oder ein anderes als das vertragsmässige -Recht als vertragsmässig behauptet wird. Doppelsinn, Halbheit oder -Zweideutigkeit des Ausdruckes, Ausserachtlassen von Bedingungen, die -auf die künftige Geltung des Rechtes von Einfluss sein können, sind -daher Mängel des Rechtes, denen gegenüber die, wenn auch an Pedanterie -streifende Deutlichkeit und Umständlichkeit der Formulirung, so wie -der vorschriftsmässige Gebrauch feststehender Formeln und Symbole -(wie im römischen, im deutschen Recht) im Recht am Platze ist. - -212. Ist schon das zweifelhafte Recht von Uebel, weil es die -Bestreitung des Rechtes seinem Inhalte nach möglich macht, ja -erleichtert, so ist das "naturwidrige" Recht d. i. ein solches, dessen -Bestimmungen mit Gesetzen, sei es der leblosen, sei es der lebendigen -Natur im Widerspruch stehen, also ohne jene, was unmöglich ist, zu -umgehen, nicht in Vollziehung gesetzt werden können, in noch höherem -Grade fehlerhaft, weil es anstatt den Streit zu verhüten, zu demselben -reizt und dessen Bestand permanent macht. In Bezug auf dasjenige Recht, -dessen Bestimmungen den Naturgesetzen der leblosen Natur zuwiderlaufen, -versteht diese Mangelhaftigkeit und damit die Nichtigkeit desselben -der Idee des Rechtes gegenüber sich von selbst, und das Märchen wie die -Mythe haben von derartigen, physisch unerfüllbaren Pflichtleistungen, -die den Hörer rühren und die Hilfe übernatürlicher Mächte herausfordern -sollen, reichlich Gebrauch gemacht. In Bezug auf solche dagegen, deren -Bestimmungen die lebendige Natur z. B. die Bewegung und den Gebrauch -der Glieder des eigenen Leibes als Werkzeug der Willensäusserung -betreffen, offenbart sich die Widernatürlichkeit einer Verpflichtung, -durch welche auf jene verzichtet werden soll, dadurch, dass in Folge -der unzerreissbaren Association zwischen Bewusstseinsvorgängen und -Willensimpulsen auf der einen und Muskelbewegungen, die zur Veränderung -der Stellung des Leibes und der Glieder führen, auf der anderen Seite -jener Verzicht unaufhörlich nicht durch, sondern ohne, ja wider den -Willen des Verpflichteten zurückgenommen, das Recht gebrochen werden -wird, obige Bestimmung daher, weit entfernt, den Streit dauernd -hintanzuhalten, vielmehr unaufhörlich dazu beiträgt, denselben zu -erneuern. Die streng genommen zwar nicht Unrechtmässigkeit, aber -der Idee des Rechtes gegenüber Zweckwidrigkeit derartiger Rechte -(Leibeigenschaft, Hörigkeit, Sclaverei) hat dazu geführt, z. B. das -Recht auf den Gebrauch der eigenen Glieder und die freie Bewegung -des Leibes als ein sogenanntes "angeborenes" anzusehen, was es im -strengen Sinne des Wortes nicht ist, da die physische Unmöglichkeit, -auf dieselben zu verzichten, nicht behauptet, sondern nur der in einem -solchen Verzicht enthaltene, unaufhörlich wiederkehrende Reiz zur -Verletzung des eingegangenen Rechtes tadelnd hervorgehoben werden kann. - -213. Ein der Idee des Rechtes entsprechendes Bild eines Zustandes, -in welchem kein Streit herrscht, liefert der Friede, sei es -der natürliche, innerhalb dessen entweder (wie "im Paradiese" -und im "goldenen Zeitalter") nur unter einander verträgliche -Willensäusserungen stattfinden, oder (so wie im sogenannten -Nothfrieden) mit einander unverträgliche Willensäusserungen nur -deshalb nicht stattfinden, weil die Streitenden, oder doch einer von -ihnen, obgleich der Wille zu streiten nach wie vor besteht, in Folge -physischer Erschöpfung ausser Stande sind ihren Willen zu äussern, -sei es der vertragsmässige, innerhalb dessen entweder aus Furcht oder -um des Vortheiles willen (Schacherfrieden) in dem einen, oder aus -Respect vor der Idee des Rechtes in dem anderen Falle vertragswidrige -d. h. unter einander unverträgliche Willensäusserungen unterlassen -werden. Letztgenannter entspricht, da der Respect vor der Rechtsidee, -wie diese selbst, sich immer gleich bleibt, dem Ideal eines Rechts- -d. i. eines Zustandes, in welchem der Streit dauernd vermieden wird, -unter den sämmtlichen angeführten in vollkommenster Weise. - -214. An die ethische Idee des Rechtes schliesst sich ein Verfahren -an, welches die in derselben enthaltene Forderung nicht blos auf die -gesammten Willensäusserungen des Wollenden, sondern auf die Gesammtheit -der innerhalb des Umkreises einer Gesellschaft an den Tag tretenden -Willensäusserungen der Mitglieder derselben ausdehnt. Dasselbe -besteht darin, dass sämmtliche Willensäusserungen des Individuums zum -mindesten erlaubt d. i. rechtmässig, so wie dass keine der innerhalb -des Umkreises der Gesellschaft an den Tag tretenden Willensäusserungen -eines ihrer Mitglieder unerlaubt d. i. unrechtmässig sei; oder, -was dasselbe ist, dass weder der Wollende noch irgend ein Mitglied -der Gesellschaft durch irgend eine seiner Willensäusserungen Streit -erhebe. Die Tendenz desselben ist, nicht nur jede unrechtmässige -Handlung zu unterlassen, sondern wo Streit entstanden ist denselben auf -rechtmässige Weise zu schlichten, nicht nur von Seite des Wollenden in -Bezug auf jede seiner Handlungen, sondern von Seite der Gesellschaft -in Bezug auf jede innerhalb ihres Umkreises vorfallende Handlung -ihrer Mitglieder. Die Erfüllung derselben von Seite des einzelnen -Wollenden ergibt das Ideal des rechtlichen Mannes d. i. eines solchen, -der nicht nur für seine Person jeder unerlaubten Handlungsweise sich -jederzeit enthält, sondern wenn ohne, ja wider seinen Willen Streit -dennoch entstanden ist, denselben auf keine andere als auf erlaubte -Weise (also nicht durch Selbsthilfe, Duell u. s. w.) schlichtet; -die Erfüllung derselben von Seite einer Gesellschaft dagegen ergibt -das Ideal einer Rechtsgesellschaft d. i. einer solchen, die nicht -nur innerhalb ihres Umkreises diejenigen Anstalten trifft, um Streit -zwischen ihren Mitgliedern zu verhüten (Rechtsgesetzgebung), sondern -auch alle diejenigen anordnet, deren Zweck es ist, entstandenen -Streit auf rechtmässige Weise zu schlichten (Gerichtsverfahren). Jenes -bildet sowol beim einzelnen Wollenden wie bei der Rechtsgesellschaft -den präventiven, den Ausbruch des Streites beseitigenden, dieses bei -beiden den repressiven, ausgebrochenen Streit beschwichtigenden Theil -der Erfüllung der Rechtsidee. - -215. Je nach den verschiedenen Gattungen unerlaubter Handlungen und -Achtung heischender Rechte, welche der Einzelne sich zu unterlassen -und zu respectiren gebietet, wie je nach der Mannigfaltigkeit der -Veranlassungen, welche zum Streitausbruch, und der Verfahrungsweisen, -welche zum Streitaustrag führen können, kommt in die rechtliche -Gesinnung des Einzelnen wie in die Rechtsgesetzgebung und das -Rechtsverfahren der Gesellschaft eine Buntheit und Vielartigkeit, -welche je nach der vorherrschenden Berücksichtigung einer bestimmten -Classe von Rechten vor und im Gegensatz zu den übrigen (z. B. der -privaten vor den öffentlichen, oder umgekehrt der öffentlichen vor -dem privaten, des Hausrechts vor dem Landrecht und dessen vor dem -Reichs- und Staatsrecht, des kirchlichen vor dem weltlichen Recht, -oder umgekehrt u. s. w.) der Rechtsgesinnung des Einzelnen so wie -der Gesellschaft eine bestimmte Färbung (z. B. die privatrechtliche -im germanischen, die öffentlich rechtliche im antiken Recht, die -clericale im mittelalterlichen, die profane im modernen Staate) -ertheilt und in den verschiedenen Zweigen sowol der Rechtsgesetzgebung -wie des Rechtsverfahrens sich, sei es zu Gunsten, sei es zu Ungunsten -einer oder der anderen Classe von Rechten, geltend macht. Letztere -beiden zerfallen je nach den verschiedenen Classen der Rechte, die -zu errichten und zu schützen sind, sich unter einander aber eben so -wol zu widerstreiten scheinen, als zu ergänzen bestimmt sein können, -in eben so viele Zweige sowol der Gesetzgebung als des gerichtlichen -Verfahrens, zwischen welchen ihres scheinbar ausschliessenden -Charakters ungeachtet (z. B. geistliche und weltliche Gesetzgebung, -canonisches, militärisches und Civilgerichtsverfahren u. dgl.) eine -weise Rechtsorganisation das Gleichgewicht nicht nur, wo es gestört -zu werden droht, herzustellen, sondern dauernd zu erhalten und zu -befestigen bemüht sein wird. - -216. Der qualitative Gesichtspunkt der missfälligen Störung durch -absichtliche Willensäusserung ergibt die ethische Idee der (billigen) -Vergeltung. Dieselbe entsteht durch die Uebertragung der ästhetischen -Idee des Ausgleichs auf das ethische Gebiet. Wie Schein, der sich -für Sein gibt, um deswillen unbedingt missfällt und, so weit sich -derselbe vor das Sein hervorgedrängt hat, so weit wieder zurückgedrängt -d. i. das ursprüngliche Sein aus seiner Verdunkelung wieder hergestellt -werden muss, damit das Missfallen verschwinde, so missfällt absichtlich -herbeigeführte Störung, die sich für Nichtstörung ausgibt und daher -durch entsprechende Gegenstörung ausgeglichen d. i. der ursprüngliche -oder doch ein diesem gleicher Zustand wieder hergestellt werden muss, -damit das Missfallen aufhöre. Da die Ursache der eingetretenen Störung -weder eine leblose (ein blosses Naturereigniss), noch eine absichts- -(also bewusst-) lose Willensäusserung (im Affect, in der Leidenschaft), -sondern eine absichtliche (also bei klarem Bewusstsein beabsichtigte) -Willensäusserung ist, so fällt, da die entsprechende Gegenstörung -nichts anderes als die Wirkung der Störung und folglich, da diese -selbst die Wirkung jener Ursache, zugleich die (nur entferntere) -Wirkung jener absichtlichen Willensäusserung ist, dieselbe mit -ganzer Gewalt und in ihrem ganzen Umfange auf den Träger der -absichtlichen Willensäusserung d. i. den Thäter als den "Störenfried" -zurück. Derselbe erscheint daher einerseits als verantwortlich -für die Störung, andererseits als Gegenstand der Gegenstörung. In -ersterer Hinsicht hängt der Grad seiner Verantwortlichkeit ab von -dem Grad seiner Urheberschaft; in letzterer Hinsicht wird das Mass -der an ihm zu verwirklichenden Gegenstörung durch dasjenige der von -ihm ausgegangenen Störung vorgezeichnet. - -217. Der Grad der Urheberschaft wird gemessen durch die Erwägung, -inwiefern und inwieweit eine gewisse Störung als Wirkung -absichtlicher Willensäusserung eines gewissen Wollenden angesehen -werden könne. Dieselbe hat zunächst zu erforschen, ob und dass -die stattgehabte Störung Wirkung eines Willens (d. i. ob und dass -sie Willensäusserung), hierauf, ob und dass diese Willensäusserung -absichtlich d. i. unter Umständen erfolgt sei, unter welchen allein -von Wollen einer- und Absichtlichkeit andererseits die Rede sein -könne. Erstere Untersuchung, da sie den Zusammenhang einer in der -Aussenwelt eingetretenen Veränderung eines bisherigen Zustandes -und die Verursachung dieser durch einen wirksam gewordenen Willen -betrifft, hängt von der Rücksicht auf die Naturgesetze der äusseren -(physischen) Welt ab; letztere Untersuchung, da sie den Zusammenhang -eines bestimmten Wollens mit einem bestimmten Vorsatz d. i. die -Verursachung einer im Innern des Bewusstseins vor sich gegangenen -Veränderung im Wollen durch einen gleichfalls im Bewusstsein -vorgegangenen Act des Intellects betrifft, hängt von der Rücksicht -auf die Naturgesetze der inneren (psychischen) Welt ab. Jene hat zu -constatiren, dass es bei der Verursachung der Störung durch ein Wollen, -diese, dass es bei der Verursachung des Wollens durch den Intellect -"mit rechten Dingen" zugegangen d. h. dass nicht nur zwischen der -Störung und dem angeblichen Störenfried ein Causalzusammenhang -bestehend, sondern dass derselbe an keiner Stelle unterbrochen, -kein Ring der Kette ausgefallen sei. Das Ergebniss der ersteren ist -der Grad der physischen, jenes der letztern Betrachtung der Grad der -psychischen Urheberschaft des Thäters. - -218. Letzterer hängt ab von der Zurechnungsfähigkeit des Thäters. Eine -solche ist nicht vorhanden, wenn die psychischen Bedingungen mangeln, -von welchen nach psychischen Naturgesetzen das Zustandekommen -eines wirklichen Wollens, so wie dessen Beeinflussung durch den -Intellect abhängig ist. Da nun wirkliches Wollen nur dort existirt, -wo weder, wie beim Begehren, zwar eine Vorstellung des Begehrten, -aber keine von dessen Erreichbarkeit oder Nichterreichbarkeit, noch, -wie beim Wünschen, nebst der Vorstellung des Gewünschten auch noch -die Vorstellung von dessen Unerreichbarkeit, sondern nur dort, wo -ausser der Vorstellung des Gewollten auch noch die Ueberzeugung von -dessen Erreichbarkeit vorhanden ist, so hängt die Entscheidung über -die Zurechnungsfähigkeit in erster Reihe davon ab, ob der Zustand -des Bewusstseins ein solcher gewesen sei, in welchem die Möglichkeit -vorhanden war, über Erreichbarkeit oder Unerreichbarkeit des Begehrten -Erwägungen anzustellen, Urtheile zu fällen und sein Begehren durch -dieselben bestimmen zu lassen d. h. ob der angebliche Thäter in einem -Gemüthszustande sich befunden habe, der es ihm psychisch möglich -machte, verständige Ueberlegungen über sein Begehren anzustellen. Da -ferner von einer Absicht in Bezug auf den Andern nur insofern die -Rede sein kann, als eine Vorstellung davon vorausgesetzt wird, was die -Folge einer gewissen Willensäusserung in dem Zustande des Anderen sein -d. h. ob derselbe dadurch verbessert oder verschlechtert werden werde, -so hängt die Entscheidung über die Zurechnungsfähigkeit in zweiter -Reihe davon ab, ob der Zustand des Bewusstseins ein solcher gewesen -sei, um eine Vorstellung von den unausbleiblichen oder doch möglichen -Folgen einer gewissen Handlung für den Leidenden wirklich oder auch -nur möglich zu machen d. i. ob der angebliche Thäter sich in einem -Geisteszustande befunden habe, der ihm erlaubte, eine vernünftige -Ueberlegung anzustellen. - -219. Der Unterschied beider Ueberlegungen ist dieser: erstere, -die sogenannte verständige, hat es, nachdem das Begehren einmal -vorhanden ist, lediglich mit der Frage zu thun, ob das Begehrte auch -möglich sei. Letztere, die sogenannte vernünftige, hat es, bevor noch -ein Begehren wirklich vorhanden ist, mit der Frage zu thun, ob ein -solches erlaubt sei. Die Antwort auf jene Frage hängt lediglich von -Erwägungen ab, deren Gegenstände aus dem Bereiche der physischen, -die Antwort auf diese dagegen von solchen, die aus dem Bereiche der -sogenannten moralischen Welt entnommen sind. Ueber Erreichbarkeit oder -Unerreichbarkeit entscheidet richtig oder unrichtig die Kenntniss oder -Unkenntniss der Naturgesetze; über die Erlaubtheit oder Unerlaubtheit -entscheidet wahr oder falsch das Bewusstsein oder das Nichtbewusstsein -der Moralgesetze. In einem Zustand, in welchem das "Weltbewusstsein" -d. i. die Fähigkeit, nach der vorhandenen Kenntniss der Naturgesetze -zu verfahren, aus was immer für einem Grunde (augenblickliche oder -dauernde Unwissenheit) nicht vorhanden oder abhanden gekommen ist, -kann keine verständige, in einem solchen, in welchem "das ethische -Bewusstsein" d. i. die Stimme des Gewissens, die Kenntniss des -Gebotenen und Verbotenen, sei es aus was immer für einem Grunde -(ethische Blindheit oder ethische Verblendung) unterdrückt ist, -keine vernünftige Ueberlegung stattfinden. Der angebliche Thäter ist -in solchem Falle entweder schon in erster oder doch in zweiter Reihe -im psychologischen Sinne des Wortes unzurechnungsfähig. - -220. Der Umstand, ob die dem Störenfried zur Last fallende Störung -seinerseits durch die absichtliche Herbeiführung oder die eben -so absichtliche Unterlassung einer gewissen Willensäusserung -verursacht wird, macht in der Beurtheilung seiner Urheberschaft -keinen wesentlichen Unterschied. Ersterer Fall, welcher, wenn die -verursachte Störung ein Wehe des von derselben Betroffenen darstellt, -als dolus bezeichnet wird, kommt mit dem letzteren, welcher unter -derselben Voraussetzung den Namen culpa führt, darin überein, dass -beide Ursache der Störung sind, und unterscheidet sich von diesem nur -dadurch, dass der Thäter das einemal etwas thut, von dem er weiss, -dass dessen Thun, das anderemal etwas nicht thut, von dem er weiss, -dass dessen Nichtthun eine gewisse Folge nach sich ziehen müsse und -werde. Letzteres Wissen wird nothwendig erfordert, wenn von einer durch -Unterlassung auf sich geladenen Schuld des Unterlassenden die Rede -sein soll; wo dasselbe mangelt, aber durch die Unterlassung Störung -entsteht, kann der Unterlassende höchstens in dem Falle für dieselbe -zur Verantwortung gezogen werden, als ihm die Nichtunterlassung -ausdrücklich zur Pflicht gemacht war. Dessen Vergehen besteht -jedoch in einem solchen Fall nicht sowol in der Herbeiführung der -Störung, von deren Möglichkeit er nichts wusste, als vielmehr in der -Vernachlässigung der ihm aufgetragenen Pflicht. Fand weder Wissen um -die Folgen, noch ausdrückliches Gebot der Nichtunterlassung statt, -so kann von einer absichtlichen Unterlassung nicht gesprochen und die -Folge der Störung dem "unfreiwilligen" Störenfried nicht aufgebürdet -werden. - -221. Mit dem Erweis der Thäterschaft ist das Object der Vergeltung, -mit dem Mass der Thäterschaft das Mass dieser letzteren gegeben. Jede -wirkliche Störung kann, um nicht missfällig zu werden, nur am -wirklichen Thäter und nur in dem Masse, aber auch nicht unter demselben -vergolten werden, in welchem er Thäter ist. Inwiefern die von ihm -ausgegangene That selbst Wohl- oder Wehethat, der Thäter wirklicher -Wohl- oder Wehethäter ist, nimmt die Vergeltung die Gestalt der -Belohnung d. i. des Rückgangs eines dem zugefügten gleichen Quantums -von Wohl an den Wohlthäter, oder der Bestrafung d. i. des Rückgangs -eines gleichen Quantums von Wehe an den Wehethäter an. - -222. Ueber das Subject der Vergeltung d. i. den zur Vergeltung -Berufenen, wird durch die Idee der Vergeltung nichts ausgesagt. Die -Forderung derselben lautet dahin, dass vergolten werde, aber sie -lässt dahingestellt, durch wen vergolten werde. Dieselbe ist erfüllt -und das Missfallen geschwunden, wenn die Störung ausgeglichen, auch -dann, wenn durch die Ausgleichung dieser Störung der Ausgleichende -(der Vergelter) aus irgend einem Grunde selbst tadelnswerth geworden -ist. Die Vergeltung kann eben so gut durch einen unpersönlichen -Vorgang (auf dem Naturwege), wie durch einen persönlichen Act (auf dem -Gerichtswege) erfolgen. In ersterem Fall zieht die eingetretene Störung -die entsprechende Gegenstörung (die That das Loos) wie die Ursache ihre -Wirkung nach sich; im letzteren Fall wird die Vergeltung, welche sonst -ausgeblieben wäre, über den Thäter in Folge des Rathschlusses einer -persönlichen Vergeltungsmacht (sei es göttlicher oder menschlicher) -verhängt und ausgeübt. In ersterem Fall herrscht Nemesis, im letzteren -Dike. - -223. Die vergeltende Persönlichkeit kann tadelnswerth erscheinen, -nicht weil sie vergilt, sondern weil sie vergilt. Die Vergeltung von -Wohlthaten durch ein entsprechendes Quantum Wohl an dem Wohlthäter -lässt nicht nur die Idee der Vergeltung, sondern auch die Person -des Vergelters in verklärendem Lichte erscheinen, weil bei dem -Wohlspendenden nicht blos billige, sondern (mit Recht oder Unrecht) -auch wohlwollende Gesinnung vorausgesetzt wird. Die Vergeltung der -Wehethat durch ein entsprechendes Quantum Wehe an dem Wehethäter -dagegen lässt die Person des Vergelters in einem ungünstigen Lichte -sich darstellen, weil an derselben zwar die billige Gesinnung -allenfalls anerkannt, aber der Verdacht übelwollender Gesinnung -d. i. einer Freude am Wehethun rege gemacht wird. Der Strafrichter, -der das Urtheil fällt, noch mehr der Nachrichter, der es vollzieht, hat -die Wirkung dieses unwillkürlichen Nebenverdachtes an seiner Person zu -erfahren; der Henker, der Hand anlegt an den, wenn auch gerechterweise, -Verurtheilten, wird von der Volksmeinung für unehrlich erklärt und -wurde nicht selten in der Ausübung seiner Pflicht vom Volke gehindert -und gesteinigt. Wie es in feiner empfindenden Zeitaltern einst dahin -kommen mag, dass die Anwendung der Todesstrafe von selbst aufhören -muss, weil sich niemand mehr finden wird, der das verrufene Amt des -Scharfrichters auf sich nimmt, so liesse sich denken, dass die Fällung -von, wenn auch gerechten, Strafurtheilen bei empfindlichen Seelen -Widerstand erfährt, weil sich dieselben weder vor Anderen noch vor -sich selbst dem Verdacht aussetzen mögen, mehr der Freude, Anderen -weh thun zu können, nachgegeben, als der Idee billiger Vergeltung -ausschliesslich gehorcht zu haben. - -224. Dieser Verdacht wird gesteigert, wenn die Person des Vergelters -mit dem Beleidigten, schwindet beinahe völlig, wenn dieselbe mit dem -Beleidiger identisch ist. Ersteres enthält den Grund, um deswillen -Vergeltung von Rache verschieden, letzteres den Grund, warum unter -allen Formen der strafenden Vergeltung die der Selbstvergeltung die -am mindesten anstössige ist. Bei demjenigen, der durch den Andern -absichtliches Weh erlitten hat, liegt die Voraussetzung, dass er die -sich darbietende Gelegenheit, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, nicht -sowol mit der persönlichen Kühle des unbetheiligten Richters, sondern -mit der schadenfrohen Hitze des gereizten Rachgierigen ergreifen -werde, am nächsten; die Hoffnung, dass derselbe es bei dem billigen -Masse der Vergeltung bewenden lassen werde, ist bei ihm die geringste; -die Aussicht, dass er dasselbe in ungebührlicher Weise überschreiten -werde, die wahrscheinlichste. Unter allen als passende Werkzeuge der -Vergeltung denkbaren Persönlichkeiten ist daher die des Beleidigten die -unpassendste und sonach durch die Idee der Billigkeit vom Vergelteramt -(z. B. im Zweikampf, Duell) ausgeschlossen. Dagegen, da bei jedem -Einzelnen die Neigung, sich selbst Wehe zu thun, nicht, der Entschluss, -sich selbst ein derartiges zuzufügen, nur als Wirkung eines über die -Schranken eudämonistischer Motive hinausreichenden, idealen d. i. nur -von ethischen Ideen beherrschten Wollens vorausgesetzt werden kann, -ist die Selbstvergeltung d. i. die Zufügung eines dem von ihm -ausgegangenen gleichen Quantums von Wehe an seine eigene Person -von der Hand des Wehethäters über jeden Verdacht anderer als rein -ethischer Vergeltungsgesinnung erhaben und zugleich die Annahme, -dass sich der Vergelter mit dem billigen Masse der Vergeltung -begnügen werde, gerechtfertigt, so dass durch dieselbe der Idee -der Vergeltung zugleich in der reinsten und in der angemessensten -Weise Genüge gethan wird. Dieselbe ist daher nicht nur des Nimbus -halber, mit dem sie die Person des Vergelters umgibt, sondern auch -um der Kürze und Anschaulichkeit des Vergeltungsverfahrens willen -(z. B. als vergeltender Selbstmord) im Drama (Othello, Don Caesar, -Guido von Tarent u. A.) besonders beliebt. - -225. Wie die Nothwendigkeit zu strafen, um Missfallen zu vermeiden, -von der Idee der Vergeltung, so hängt die Möglichkeit zu strafen, -ohne missfällig zu werden, von dem Motiv des Strafenden ab. Fordert -die erste: fiat justitia pereat mundus, so erlaubt die letztere nur: -fiat justitia, ne pereat mundus. Das Motiv der Strafe kann kein -anderes sein, als damit die geschehene Wehethat nicht unvergolten, -der Wehethäter nicht straflos bleibe. Der Beweggrund des Strafenden -kann kein anderer sein, als die wohlwollende Gesinnung, dass durch -den Vollzug der Strafe nicht sowol Anderen Leid zugefügt, als vielmehr -Anderer Leid verhütet, oder Anderer Wohl gefördert werde. Je nachdem -dieser Andere der Wehethäter selbst, oder ein Anderer als dieser ist -d. h. durch das Wehe, das dem Wehethäter zugefügt wird, entweder -dessen eigenes Weh verhütet oder gemildert, dessen eigenes Wohl -gewahrt und gemehrt werden soll, oder das gleiche bei einem Andern -dadurch herbeigeführt werden soll, zerfällt vom Gesichtspunkt des -Strafenden aus die Strafe in Besserungs- und Abschreckungsstrafe. Jene -geht darauf aus, den Wehethäter selbst, diese den Anderen seiner -ethischen Beschaffenheit nach durch das dem ersteren zugefügte Leid zu -verändern d. h. die Strafe als ein Motiv in das Bewusstsein des einen -wie der anderen zu dem Zwecke einzuführen, damit in der Folge eine der -strafbaren Handlung gleiche Handlungsweise, sei es von dem Gestraften -selbst, sei es von den Zeugen seiner Bestrafung unterlassen werde. Die -durch die Strafe herbeizuführende Aenderung der ethischen Qualität -besteht bei dem Gestraften in einer wirklichen Aenderung seines -bisherigen (sträflichen) Wollens, so dass an die Stelle desselben -künftig ein seinem Inhalt nach entgegengesetztes (unsträfliches) Wollen -trete, sein Wollen demnach ein besseres werde. Bei Anderen dagegen -kann dieselbe nur darin bestehen, dass ein gewisses bisher nicht -wirklich vorhandenes d. h. noch niemals in Handlung übergegangenes, -wenngleich vielleicht als Neigung, Hang, Vorsatz längst bestandenes -Wollen auch künftig nicht wirklich d. i. wirksam werde. Während daher -die Abschreckungsstrafe ihren Zweck erfüllt, wenn sie überhaupt Andere, -also auch den Gestraften selbst zur Enthaltung von der strafbaren -Handlung bewegt, hat die Besserungsstrafe denselben erst dann erreicht, -wenn sie in den Anderen und darunter vor allem in dem Gestraften ein -neues, dem Inhalt der sträflichen Handlung entgegengesetztes Wollen -erzeugt. Da die Strafe ein Wehe zufügt, so wird der Grund, durch -welchen dieselbe sowol zum Motiv der Enthaltung vom sträflichen, wie -zur Erzeugung eines demselben entgegengesetzten Wollens wird, zunächst -kein anderer sein, als Furcht vor dem Wehe, das sie mit sich bringt: -Furcht vor dessen Wiederkehr bei dem Gestraften, vor dessen drohendem -Eintreten bei dem Zeugen der Strafe. Hat dieselbe zur Folge, dass -sowol bei dem Gestraften als bei den Zeugen der Strafe, das sträfliche -Wollen, bei dem Gestraften nicht mehr, bei den Anderen überhaupt -nicht eintritt, so sind die letzteren nicht schlechter geworden, -als sie waren, so ist das Wollen des Gestraften besser geworden, -als es war; der Gestrafte selbst aber, so lange nur Furcht vor der -Strafe ihn von der Wiederbegehung der sträflichen Handlung abhält, -ist nicht gebessert. Letzteres ist erst dann der Fall, wenn nicht nur -das Wollen ein anderes, sondern auch das Motiv des anders Wollens ein -anderes als das eudämonistische der Furcht d. h. wenn es das ethische, -die Ueberzeugung von der Verwerflichkeit der strafbaren Handlung -als solcher geworden ist. Diesen äussersten Schritt, welcher nicht -blos eine Aenderung des Wollens, sondern eine solche der Gesinnung -bedeutet, in dem Gestraften herbeizuführen, reicht die blosse Strafe, -welche als solche zwar auf das Gemüth d. i. auf die Empfänglichkeit für -die angenehmen oder unangenehmen Folgen einer gewissen Handlungsweise, -und auf die Klugheit, unangenehmen Folgen auszuweichen, keineswegs aber -auf die praktische Weisheit d. i. auf die Einsicht in den unbedingten -Werth oder Unwerth einer Handlungsweise Einfluss zu üben vermag, -für sich so wenig aus, dass zur Erreichung dieses Zweckes vielmehr -andere Mittel (Belehrung, Erziehung) zu Hilfe genommen werden müssen, -das Beste aber von dem im Gemüth des Gestraften selbst zum Durchbruch -gelangten Erwachen der unwiderstehlichen Stimme und Macht des Gewissens -erwartet werden muss. - -226. Letztgenannter Grund ist es, welcher bewirkt, dass die -Formen der Strafe, je nachdem dieselbe als Besserungs- oder als -Abschreckungsstrafe betrachtet wird, unter einander abweichende, -nicht selten sogar entgegengesetzte Gestalt annehmen. So fordert -die Strafe, die abschreckend wirken soll, volle, ja verstärkte -Oeffentlichkeit, während die Besserung des Gestraften, wenn sie -den Zweck der Strafe abgeben soll, durch Geheimhaltung derselben, -um diesem die Beschämung zu ersparen, begünstigt wird. Während die -Oeffentlichkeit des Strafvollzuges die Furcht vor der Strafe steigert, -erleichtert deren Geheimhaltung dem Gestraften die Aenderung sowol -seines bisherigen Wollens wie seiner bisherigen Gesinnung. Jene -erschwert dem Gestraften auch nach eingetretener Besserung den -Rücktritt in die Gesellschaft, die Zeuge seiner Bestrafung gewesen -ist; diese, indem sie Bestrafung und Gesinnungsänderung in der Stille -sich vollziehen lässt, macht durch weise Schonung des Ehrgefühles dem -Gestraften nicht sowol die Wiederaufnahme als vielmehr das dem Anschein -nach wenigstens ungestörte Fortleben unter Anderen möglich. Entmenschte -Rohheit und gedankenlose Neugier haben den öffentlichen Strafvollzug -längst mehr zur Befriedigung brutaler Schaulust und barbarischer -Gefühllosigkeit erniedrigt, als zum wirksamen Drohmittel erhabener -Gerechtigkeitspflege erhöht; die Verlegung desselben in abgelegene und -der Menge verschlossene Räume, so wie die Ersetzung der die sittliche -Pest durch Ansteckung mehrenden gemeinsamen durch der Einkehr in sich -selbst und dem Wachwerden ethischer Gesinnung vortheilhafte Einzelhaft -stehen in der Gegenwart als sichtbare Zeichen des Uebergewichtes -des Besserungs- über das blosse Abschreckungsmotiv und verfeinerten -ethischen Zartgefühles aufrecht. - -227. An die Idee der billigen Vergeltung schliesst sich ein Verfahren -an, welches dieselbe nicht blos über die gesammte Willenssphäre -des Einzelnen, so weit nicht andere Motive es verhindern, einer-, -so wie auf sämmtliche innerhalb des Umkreises einer Gesellschaft zu -Tage tretende mittels absichtlicher Willensäusserung hervorgerufene -Störungen andererseits ausdehnt. Dasselbe geht darauf aus, dass nicht -nur jede vom Einzelnen verübte, wie jede am Einzelnen geübte That -vergolten, sondern dass jede innerhalb des Umkreises der Gesellschaft -ans Licht getretene Wohl- oder Wehethat in entsprechender Weise -vergolten werde. In ersterer Hinsicht schliesst die Idee der Vergeltung -die Forderung ein, dass jeder, der Gegenstand einer Wohl- oder Wehethat -gewesen ist, deren Vergeltung (entweder durch ihn selbst oder durch -Andere) suche, und jeder, der Urheber einer Wohl- oder Wehethat -geworden ist, deren Vergeltung (durch Andere oder durch sich selbst) -dulde. In letzterer Hinsicht drückt dieselbe aus, dass innerhalb des -Umkreises der Gesellschaft keine wie immer geartete wirklich vollzogene -That verborgen, so wie dass keine durch Zufall oder durch absichtliche -Veranstaltung ans Licht gezogene That ohne Vergeltung bleibe. Die -Erfüllung ersterer Forderung stellt das Ideal des gerechten Mannes, -der sein Recht fordert, aber auch nimmt, die Erfüllung der letzteren -das Ideal eines Lohnsystems d. i. einer Gesellschaft dar, innerhalb -welcher jeder That ihr Lohn, der Wohlthat die ihr gebührende Belohnung, -der Wehethat die verdiente Bestrafung zu Theil wird. Jenem entspricht -es, wie Heinrich von Kleist's Michael Kohlhaas darauf zu bestehen, -dass die ihm widerrechtlich geraubten Rosse, von dem junkerlichen -Räuber mit eigener Hand dick gefüttert, ihm zurückgestellt werden, aber -zugleich die über ihn selbst rechtmässig verhängte Strafe gesetzloser -Willkür und widergesetzlicher Selbsthilfe sich willig gefallen zu -lassen. Wie in ersterer Handlung des Gerechten berechtigter "Kampf -ums Recht", so tritt in der letzteren des Gerechten bereitwillige -Anerkennung des "Sieges des Rechtes" ans Tageslicht. Dem Ideal eines -Lohnsystems würde eine Gesellschaft genügen, in welcher nicht nur alle -zweckdienlichen Anstalten getroffen werden, nicht blos wie die heutigen -"Detectives" verborgen gebliebene Missethaten aufzudecken und wie -die heutigen "öffentlichen Ankläger" der Strafgewalt zu denunciren, -sondern in gleicher Weise geheime oder (zufällig oder absichtlich) -vergessene Wohlthaten aufzuspüren und als öffentliche Lobredner der -Macht, welche die Pflicht und die Mittel zur Belohnung besitzt, -zur Kenntniss zu bringen. In letzterem Sinn hat schon Sokrates -den ihm gebührenden Lohn dahin definirt, dass er verdient habe, -auf öffentliche Kosten im Prytaneum erhalten zu werden. Während die -heutige Gesellschaft für den Zweck der Entdeckung und Kundmachung -geschehener Wehethaten ein zahlreiches Heer besonders geschulter und -instruirter Organe besitzt, zieht sie es vor, ohne Zweifel um den -Zartsinn der Wohlthäter zu schonen, das Bekanntwerden geschehener -Wohlthaten dem Zufall, oder dem seltenen guten Willen der Empfänger -so wie der Neider anheimzustellen. Dieselbe hat ebenso es längst als -ihre Aufgabe angesehen, zur Bestrafung innerhalb ihres Umkreises -kundgewordener Vergehen zweckdienliche Anstalten (Strafgerichte) -und Verfahrungsweisen (Strafverfahren) zu errichten und zu ersinnen, -hat es jedoch in Bezug auf den zweiten, nicht minder wichtigen -Theil des Lohnsystems, die Belohnung auch der ihr bekannt gewordenen -Wohlthaten, bei den dürftigsten Einrichtungen (Preisgerichte) und -den armseligsten Verfahrungsweisen (Bürgerkronen, Ehrenzeichen, -Monthyon'sche Tugendpreise) bewenden lassen. Nicht Keppler allein -ist ein Beispiel, dass die moderne Gesellschaft Wohlthätern der -Menschheit "öffentliche Steine" statt Brot gegeben hat. Wie in der -gerechten Gesinnung des Einzelnen zwischen der Geneigtheit, sein -Recht zu fordern, und der Bereitwilligkeit, dasselbe zu nehmen, -so kann innerhalb des Lohnsystems zwischen der Sorgfalt Strafen zu -verhängen und der Lässigkeit Wohlthaten zu belohnen ein empfindliches -Missverhältniss herrschen, in Folge dessen die gerechte Gesinnung -in Vergeltungssucht einer- und Widersetzlichkeit andererseits, die -Gerechtigkeit der Gesellschaft in drakonische Strenge einer- und -athenische Undankbarkeit andererseits ausartet. Das Ueberwiegen der -Recht fordernden über die rechtsduldsame, der Straffrohen über die -belohnungseifrige Gesinnung oder das Gegentheil gibt dem Einzelnen -wie der Gesellschaft hinsichtlich der Idee der Vergeltung ihre -eigenthümliche Färbung und ruft jenen Gegensatz einander bekämpfender -Willensrichtungen, deren eine auf die Zufügung wenn auch verdienten -Weh's, die andere auf die Schenkung wohlverdienten Wohls gerichtet ist, -hervor, zwischen welchen eine weise Organisation sowol des Strafs- -wie des Belohnungssystems das versöhnende Mass herzustellen und -festzuhalten bemüht sein wird. - -228. Mit der Idee der billigen Vergeltung ist die Reihe der -ethischen d. i. der Uebertragungen ästhetischer Ideen auf das -ethische Gebiet erschöpft. Keine derselben ist das ganze Gute, -aber jeder derselben entspricht ein Element des Guten. Wie das -vollkommene, so ist das innerlich freie und das wohlwollende Wollen -ein gutes; sind die Gegentheile des Streits: der Friede unter den -Wollenden, und der unvergoltenen That: die billige und willige -Vergeltung seitens der Wollenden, kein schlechtes Wollen. Aber nur -alle zusammengenommen als Eigenschaften des Wollens d. i. dasjenige -Wollen, das zugleich in quantitativer Hinsicht stark, in qualitativer -Hinsicht charaktervoll, gütig, rechtlich und gerecht ist, ist das gute -Wollen. Die Erweiterung der ethischen Ideen auf die Gesellschaft, -welche derselben nach einander den Charakter eines Cultursystems, -einer beseelten Gesellschaft, eines Verwaltungssystems, einer -Rechtsgesellschaft und eines Lohnsystems verleiht, bringt nicht nur -durch jede der genannten Eigenschaften eine von dem Gesichtspunkt -einer vereinzelten ethischen Idee aus verehrungs- oder doch wenigstens -achtungswürdige Gesellschaft, sondern durch die Vereinigung aller -genannten Eigenschaften das Ideal desjenigen hervor, was in besserem -als in dem banal-herkömmlichen Sinne der "guten Gesellschaft" eine -wahrhaft gute Gesellschaft d. i. eine solche heissen darf, in welcher, -wie in dem guten Wollen die einfachen, so die gesellschaftlichen -ethischen Ideen zur Verwirklichung gelangt sind. - -229. Wie jeder der logischen und ästhetischen Ideen, so steht jeder -der ethischen Ideen ein Gegenbild zur Seite; jener der (ethischen) -Vollkommenheit das der (ethischen) Unvollkommenheit, jener der -inneren Freiheit das der inneren Unfreiheit (Willensknechtschaft), -jener des Wohlwollens das des Uebelwollens, während Streit und -unvergoltene That die natürlichen Gegensätze des durch die Ideen des -Rechts und der billigen Vergeltung Geforderten ausmachen. Wie jedes -einer ethischen Idee entsprechende Wollen ein gutes (lobenswerthes, -im ethischen Sinn schönes), so stellt jedes einem ihrer Gegenbilder -gleichende Wollen ein schlechtes (tadelnswerthes, im ethischen Sinne -hässliches) Wollen dar. Wie jene zusammengenommen den Inhalt des -Guten, so erschöpfen diese zusammengenommen den Inhalt des ethisch -verwerflichen Wollens. Wird dabei durch ein dem bei den ethischen Ideen -angewendeten ähnliches Verfahren die in dem Gegenbilde enthaltene -Forderung nicht blos auf das Gesammtwollen des einzelnen Wollenden, -sondern auf jenes einer ganzen Gesellschaft ausgedehnt, so entstehen -nach der Reihe die den oben genannten entgegengesetzten Einzel- und -Gesellschaftsideale. Dem Ideale des Willensstarken tritt gegenüber -die Willensschwäche, dem Ideal des Cultursystems das Zerrbild eines -solchen in der innerlich schwächlichen, dürftigen und zerfahrenen -Willensbeschaffenheit ihrer sämmtlichen Mitglieder. Dem Ideal des -Charakters und der beseelten Gesellschaft stellt sich das Extrem -innerer Haltlosigkeit im Einzelnen, so wie der seelenlose Mechanismus -und Formalismus in der Gesellschaft entgegen. Die Kehrseite des Ideals -der Güte und eines wohlwollenden Verwaltungssystems offenbart sich -in dem satanischen Ideal der Bosheit (dem Bösen), wie in dem wüsten, -auf Raubbau und nutzlose Vergeudung der Güter gegründeten Haushalt -innerlich und äusserlich verlotterter Wirthschaftsgesellschaften. Das -Widerspiel, sei es auf natürliche, sei es vertragsmässige Basis -gestellter Rechts- und Friedenszustände tritt in dem rücksichtslosen -Walten der Macht des Stärkern, in dem Kriege Aller gegen Alle und dem -auf gegenseitige Vernichtung abzielenden "Kampf ums Dasein" zu Tage, -während das Gegenstück zu dem in der Forderung billiger Vergeltung -enthaltenen Gemälde das Bild eines Zustandes darbietet, in welchem -der Wohlthäter darbt und das vergossene Blut vergebens zum Himmel -schreit. Wie die Zusammenfassung ethischer Gegenbilder im Wollen -eines einzelnen Individuums dieses zum Ideal der Schlechtigkeit -stempelt, so drückt die Zusammenfassung sämmtlicher Gegenbilder -ethischer Gesellschaftsideale im Wesen einer einzigen Gesellschaft -dieser in einem andern als in dem herkömmlich alltäglichen Sinn der -sogenannten "schlechten Gesellschaft" das Gepräge einer schlechten -Gesellschaft auf. - -230. Mit der Aufstellung der ethischen Ideen und ihrer Gegenbilder, -der einen zur Nachahmung, der andern zur Abschreckung für jedes Wollen, -das auf Hervorbringung des guten d. h. unbedingt wohlgefälligen Wollens -gerichtet ist d. i. mit der Aufzählung der normalen und anormalen -Formen, welche Normen des Wollens und Handelns sind, ist das Geschäft -der Ethik als allgemeiner Wissenschaft vom Guten vollendet. - - - - - - - - -ZWEITES BUCH. - -DAS WIRKLICHE. - - -ERSTES CAPITEL. - -DAS NICHT-ICH. - - -231. Was überhaupt Wirkliches, dass irgendwie Wirkliches, und was -oder welcher Art das Wirkliche sei, ist weder so ausgemacht, noch so -leicht auszumachen, als diejenigen, welche es lieben, die Wissenschaft -vom Wirklichen als allein wirkliche Wissenschaft den "hohlen Träumen -der Speculation" entgegenzusetzen, zu glauben sich anstellen oder -Andere gern überreden möchten. Sofern und so lange es gewiss ist, -dass der Weg zum Wirklichen für das wirkliche Vorstellen nur durch -das wirklich Scheinende d. i. durch den Schein des Wirklichen führt, -der Schein der Wirklichkeit für das Bewusstsein früher gegeben -ist und demselben näher steht als die, wenn überhaupt vorhandene, -hinter demselben stehende Wirklichkeit selbst: so lange bleibt es -unbestreitbar, dass die Wissenschaft vom Wirklichen zunächst und vor -allem mit dem anscheinend Wirklichen sich aus einander zu setzen hat, -wenn sie nicht in Gefahr gerathen soll, blos scheinbar Wirkliches -für das Wirkliche selbst, oder, was in den Ohren der Freunde der -Wirklichkeit noch befremdender klingen müsste, den Schein für das -einzige Wirkliche zu halten. - -232. Ersteres ist die Ansicht des (gemeinen empirischen) Realismus, -letzteres jene des (gleichfalls empirischen, obgleich nicht eben -gemeinen) Idealismus. Jener geht davon aus, dass das wirklich -Scheinende das Wirkliche, dieser davon, dass der Schein eines -Wirklichen das einzige Wirkliche sei. Vom Gesichtspunkt des Realismus -aus sind die Dinge nicht nur, wenn, sondern sie sind auch das, was -sie zu sein scheinen; von dem Gesichtspunkt des Idealismus aus sind -die Dinge, die scheinen, die einzigen, welche sind. Jener schliesst -jede Möglichkeit eines Zwiespaltes zwischen Schein und Wirklichkeit -aus dem Grunde aus, weil das scheinbar Wirkliche mit dem Wirklichen -identisch, dieser dagegen aus dem Grund, weil ausser dem Schein kein -Wirkliches vorhanden ist. - -233. Ersterem steht die Thatsache im Wege, dass es wirklich Scheinendes -gibt, dem doch keine Wirklichkeit entspricht, letzterem der Umstand, -dass, wenn dem Schein kein Wirkliches gegenübersteht, es auch -keinen Schein geben kann. Der Mond, der am Horizont emporsteigt, -scheint wirklich grösser als derselbe Mond, wenn er im Zenith steht, -ohne dass daraus folgte, dass er wirklich grösser sei. Der wirklich -vorhandene Schein ist in diesem Fall eine nothwendige Täuschung, welche -dadurch, dass sie nothwendig ist, nicht aufhört, Täuschung zu sein. Die -scheinbare Bewegung des gestirnten Himmels um die Erde, welche der -wirklichen Bewegung der Erde um ihre Axe gerade entgegengesetzt ist, -ist der Schein einer Wirklichkeit, aber nicht diese selbst. Wie in den -angeführten Fällen vertreten in allen sogenannten Sinnestäuschungen, -denen entweder ein Anderes als das scheinbare Wirkliche (Illusionen), -oder überhaupt kein Wirkliches entspricht (Hallucinationen), -anscheinende die Stelle der wirklichen Dinge, während in den -sogenannten Sinnesqualitäten (Färbung, Klang, Geruch, Geschmack, -Härte, Weichheit u. dgl.) anscheinende Eigenschaften, die ihren -Grund nur in der Beschaffenheit des wahrnehmenden Sinnesorgans, -die Stelle wirklicher Eigenschaften vertreten, die ihren Grund in -der Zusammensetzung, inneren und äusseren Structur, oder in der -Beschaffenheit der Oberfläche der Körper selbst haben. So ist die -Farbe, die dem gemeinen Realismus als eine wirkliche Eigenschaft der -Körper gilt, in Wahrheit nur eine scheinbare Eigenschaft derselben, -weil sie denselben nur insofern und nur unter der Voraussetzung -zukommt, inwiefern und dass ein sehendes Auge vorhanden sei, welches -den Eindruck des von der Oberfläche des Körpers reflectirten Lichts -auf der empfindlichen Netzhaut empfängt und in Empfindung der Farbe -verwandelt. So ist der Klang, der nach derselben Anschauungsweise zu -den realen Eigenschaften des tönenden Körpers gehört, nichts weiter, -als die in Folge innerer oder äusserer Erschütterung der kleinsten -Theile desselben hervorgebrachte periodische Wellenbewegung der -atmosphärischen Luft, welche dem Hörnerven sich mittheilt und -im Centralorgan des empfindlichen Nervensystems in die Sprache -des Bewusstseins, in dem Reiz heterogene aber correspondirende -Empfindung, aus Gehörreiz in Gehörsempfindung sich umsetzt. Ohne Augen, -lässt sich sagen, wäre das All der Dinge dunkel, ohne Gehörsorgan -stumm. Sämmtliche sogenannte wirkliche Eigenschaften, welche der -Körperwelt Sinnlichkeit, sichtbare Gestalt für das Auge, hörbaren -Reiz für das Ohr und entsprechende Wahrnehmbarkeit für die übrigen -Sinnesorgane verleihen, werden denselben viel mehr von dem aufnehmenden -mit Sinnesorganen ausgerüsteten Träger des Bewusstseins aufgeprägt, als -diesem von jenem übermittelt, und verdienen daher mit weit grösserem -Recht anscheinende d. h. den Dingen nur scheinbar anhaftende, in -Wirklichkeit denselben nur angedichtete Eigenschaften zu heissen. - -234. Folgt aus obiger Betrachtung, dass nicht alles wirklich -Scheinende wirklich, so folgt daraus doch nicht, dass der Schein -des Wirklichen das einzige Wirkliche sei. Jene Erwägung begründet -den Unterschied eines scheinbar Wirklichen, dem Wirkliches, und eines -ebensolchen, dem kein Wirkliches entspricht; letztere Behauptung möchte -denselben verwischen und alles wirklich Scheinende in blossen Schein -eines Wirklichen, somit das Wirkliche selbst in ein Unwirkliches -verwandeln. Dieselbe geht von der Ansicht aus, dass, was nicht im -Bewusstsein gegenwärtig, auch nicht für dasselbe vorhanden sei; -dass aber, weil das im Bewusstsein vorhandene nichts anderes sein -kann als Bewusstseinsvorgang, auch das für dasselbe Vorhandene -ausschliesslich Bewusstseinsvorgänge sein können. Da nun, was im -Bewusstsein (also als Vorstellung) vorhanden sein kann, nicht das -Wirkliche selbst (die von der Vorstellung der Sache verschiedene -Sache), sondern nur der Schein eines solchen (die als wirklich -gedachte Sache d. i. der Gedanke der Sache) zu sein vermag, so könne -alles für das Bewusstsein Vorhandene unmöglich das Wirkliche selbst, -sondern nur dessen Schein, somit für dasselbe das einzige Wirkliche -ausschliesslich der Schein eines Wirklichen sein. Statt daher hinter -dem Schein ein imaginäres Wirkliches zu suchen, trachtet der Idealismus -den Schein als nur scheinbar Unwirkliches, in Wahrheit als einziges -Wirkliches festzuhalten, so dass, mit dem Realismus verglichen, das -Verhältniss des Scheinbaren zum Wirklichen sich umkehrt, das in den -Augen des Realismus Unwirkliche (der Schein, die Vorstellung, idea) für -wirklich, dagegen das in dessen Augen Wirkliche (die Sache, dasjenige, -was mehr als blosse Vorstellung ist, res) für unwirklich erklärt wird. - -235. Die Widerlegung des Realismus bestand darin, dass in dem -scheinbar Wirklichen, welches derselbe seinem Grundsatz gemäss, -dass zwischen dem Inhalt des wirklich Scheinenden und jenem des -Wirklichen kein Unterschied bestehe, für wirklich erklärt, Fälle -aufgezeigt wurden, in welchen das anscheinend Wirkliche unmöglich -für wirklich genommen werden konnte. Die Widerlegung des Idealismus, -wenn sie denselben Weg einschlüge und in dem Inhalt des Scheins, den -der letztere für das einzig Wirkliche erklärt, Widersprüche nachwiese, -hätte damit nur dargethan, dass sich im Schein, also im Unwirklichen, -keineswegs aber, dass sich im Wirklichen, also in dem, was mehr -ist als Schein, Widersprüche vorfinden. Die bekannten Antinomien, -welche Kant in Bezug auf die Möglichkeit aufstellt, dass die Welt -Grenzen im Raum und einen Anfang in der Zeit, aber auch, dass sie -keine Grenzen im Raume und keinen Anfang in der Zeit habe, stammen -daher, weil die eine wie die andere beider einander ausschliessender -Behauptungen einem Gegenstande gilt, welcher als solcher nicht der -realen, sondern der Scheinwelt angehört, von einem solchen aber sich -gleichzeitig einander Ausschliessendes behaupten lässt, ohne dadurch -mit der Natur des Scheines, der ja als solcher ein Unwirkliches ist, -also das Widersprechende erträgt, in Widerstreit zu gerathen. - -236. Die Widerlegung des Idealismus, wenn überhaupt möglich, muss -auf anderem Wege gesucht werden. Kann dieselbe nicht aus dem Umstande -geschöpft werden, dass der Inhalt des Scheines in seinen Bestandtheilen -sich unter sich selbst, so kann sie vielleicht ihren Ausgangspunkt -nehmen von der Betrachtung, dass der Begriff eines Scheines, der neben -sich selbst kein Wirkliches zulässt, sich selbst widerspricht. Da nun -ein Scheinen undenkbar ist ohne ein Etwas, welches scheint (objectiver -Schein) oder ein Etwas, welchem es scheint (subjectiver Schein) -vorauszusetzen, so muss entweder dasjenige, welches scheint (das -Object) und dasjenige, welchem scheint (das Subject) abermals Schein -und als solcher eines weiteren, sei es Objects, sei es Subjects des -Scheinens bedürftig sein, welcher Regressus sich sofort in infinitum -wiederholt, oder es muss, sei es das Object, sei es das Subject, -näher oder entfernter etwas anderes als Schein d. i. ein Wirkliches -sein, womit die Behauptung des Idealismus, dass Schein das einzige -Wirkliche sei, sich von selbst aufhebt. - -237. Allerdings nur unter der Annahme, dass das nach den Gesetzen des -Denkens Undenkbare unmöglich d. h. dass das nach den Gesetzen des -Denkens nicht als wirklich Denkbare auch nicht wirklich sei. Folgt -aus der Natur des Denkens zwar, dass der Denkende einen gewissen -Denkinhalt mit Nothwendigkeit denken müsse, so folgt daraus keineswegs, -dass der Seinsinhalt mit diesem nothwendigen Inhalt des Denkens eins -sein müsse. So lange es kein Mittel gibt, den Inhalt des Seins mit dem -Inhalt des Denkens zu vergleichen, um denjenigen Denkinhalt, der mit -dem Seinsinhalt als congruent sich herausstellt, als Wissen zu fixiren -(und dass es kein solches gibt, hat die Betrachtung der logischen -Ideen zur Evidenz gebracht), so lange bleibt die Möglichkeit offen, -dass die Dinge in der Wirklichkeit sich anders verhalten, als die -Gesetze des Denkens letzteres nöthigen, das Verhalten derselben mit -Nothwendigkeit zu denken d. h. dass der unvermeidliche und durch die -Gesetze des Denkens demselben aufgenöthigte Denkinhalt des Denkens -und der um seiner Unzugänglichkeit willen stets unbekannt bleibende -Inhalt des Seins unter einander nicht übereinstimmen, ja vielleicht, -was weder wahrscheinlich, noch unwahrscheinlich, sondern eben nur -möglich ist, sich unter einander sogar widersprechen. - -238. Erst ein späterer Anlass wird Gelegenheit bieten, von der aus -obiger Betrachtung fliessenden Einschränkung Gebrauch zu machen. Aus -der Widerlegung des Realismus folgt, dass die Wissenschaft des -Wirklichen, wenn sie nur Wirkliches besitzen will, aus dem wirklich -Scheinenden alles dasjenige ausscheiden muss, was nur den Schein der -Wirklichkeit hat. Aus der Widerlegung des Idealismus folgt, dass der -"Traum der Speculation", wenn er aufhören soll, "Traum" zu sein, zu dem -Schein, der ihm zufolge das einzige Wirkliche ist, ein Wirkliches, sei -es im subjectiven Sinne, als Träger des Scheins, sei es im objectiven -Sinne, als Ursache des Scheins, hinzufügen muss. Erstere Operation, -durch welche im wirklich Scheinenden der Schein des Wirklichen -vom Wirklichen gesondert wird, ist eine kritische, letztere, durch -welche zu dem ursprünglich allein vorhandenen Schein des Wirklichen -ein Wirkliches hinzugethan wird, ist eine ergänzende. Jene führt in -das wirklich Scheinende neben der Betrachtung des Wirklichen, welches -scheint (des Objects), die Betrachtung eines anderen Wirklichen ein, -welchem es scheint (des Subjects); diese geht von der Betrachtung des -ihrer ursprünglichen Ansicht nach allein wirklichen Scheins zu dessen -Erklärung, sei es aus einem Wirklichen (dem Subject) oder durch ein -Wirkliches (Object) fort. - -239. Die Einführung des Subjects, welchem das Wirkliche scheint, um -aus dem Zusammenwirken beider, des Objects, welches scheint, und des -Subjects, dem es scheint, das wirklich Scheinende als deren Product -begreiflich zu machen, bedeutet die Einfügung eines idealistischen -Elements in die realistische Betrachtung. Die Hinzufügung eines -Wirklichen, sei es als Träger (Subject), sei es als Ursache -(Object) des Scheins zu diesem selbst, um, sei es durch jenen, -sei es durch diese, dessen Schein der Wirklichkeit begreiflich zu -machen, bedeutet die Einführung eines realistischen Elements in die -idealistische Betrachtungsweise. Durch die allmälige Ausbreitung des -ersteren im Realismus wird dieser dem Idealismus, durch die allmälige -Vertiefung des letzteren im Idealismus wird dieser dem Realismus -näher gebracht. Der gemeine oder empirische Realismus nimmt in Folge -kritischer d. i. philosophisch sichtender Behandlung idealistischen, -der gemeine oder empirische Idealismus nimmt in Folge der ergänzenden -d. i. philosophisch erklärenden Behandlung realistischen Charakter an. - -240. Schon der Vater des gemeinen Realismus, Bacon, hat die Bemerkung -gemacht, dass das wirklich Scheinende Elemente umschliesst, welche -nicht aus dem Wirklichen, sondern aus dem dasselbe wahrnehmenden -und auffassenden Subjecte stammen, und, weil sie jenem als wirklich -von diesem nur angedichtet sind, dieselben treffend als "Idole" -(Fictionen) bezeichnet. Dass unter denselben auch solche sich -vorfinden, welche, wie die von ihm sogenannten "Idola tribus", dem -auffassenden (menschlichen) Subject vermöge dessen Gattungscharakter -angehören und daher bei sämmtlichen Individuen derselben Gattung -(also zum Beispiel bei allen Menschen) zu deren Auffassung des -ihnen wirklich Scheinenden in stets gleicher Weise beitragen müssen, -kann als ein Vorspiel zu der von Kant nachdrücklich hervorgehobenen -Betheiligung des transcendentalen (d. i. des Gattungs-) Subjects an -dem Zustandekommen der Erfahrung, als des Productes zweier Factoren, -eines subjectiven und eines objectiven, angesehen werden. Wie diesem -zufolge "die Welt der Erscheinung" d. i. das wirklich Scheinende zwar -der "Materie" d. i. dem Stoffe nach aus dem Object, welches scheint, -der "Form" nach jedoch aus dem transcendentalen Subjecte stammt, dem -es scheint, so setzt sich nach Bacon die Welt des wirklich Scheinenden -zusammen einerseits aus demjenigen, was aus dem Wirklichen stammt -(der Erfahrung), und demjenigen, was diesem von dem auffassenden -Gattungssubject nur angedichtet wird (der Scheinerfahrung der -"Idola tribus"). - -241. Allerdings mit dem Unterschied, dass der eine, der Realist, diese -subjective Hinzuthat im wirklich Scheinenden als eine Verunreinigung -der Wissenschaft vom Wirklichen angesehen hat, von welcher dieselbe -so bald und so gründlich als möglich befreit werden müsse, um die -Erfahrung d. i. das Wirkliche rein zu erhalten, während der andere, -der Idealist, gerade in dieser aus dem Gattungssubject herkommenden -und daher allen auffassenden Individuen derselben Gattung in gleicher -Weise eigenen subjectiven Hinzuthat im wirklich Scheinenden das -Mittel erblickt hat, dieses aus einer nur individuellen in eine -für alle Individuen derselben Gattung der Form nach identische -Scheinwelt und dadurch aus einer nur individuell giltigen in eine -allgemeine und nothwendige Erfahrung zu verwandeln. Bacon ging -darauf aus, das subjective, also, vom Standpunkt des Realismus aus -angesehen, idealistische Element im wirklich Scheinenden gänzlich aus -demselben zu entfernen, und nur dasjenige, was in demselben nicht -sowol Schein eines Wirklichen, als Schein des Wirklichen ist, für -Erfahrung gelten zu lassen. Aber schon dessen Nachfolger Locke hat -gezeigt, dass die sogenannten secundären Eigenschaften der Körper, -wie Farbe, Klang, welche jener als Schein des Wirklichen gelten -liess, nur als Schein eines Wirklichen gelten dürfen d. h. nicht, -wie jener glaubte, am Wirklichen wirklich vorhanden, sondern von -einem anderen Wirklichen, dem auffassenden Subject, als scheinbare -Eigenschaften den Körpern angedichtet seien. Werden dieselben, -als blosser Schein eines Wirklichen, aus dem wirklich Scheinenden -ausgeschieden, so bleiben in diesem als Schein des Wirklichen nur -mehr die sogenannten primären Eigenschaften (wie Gestalt, Ausdehnung, -Grösse) und als Kern alles wirklich Scheinenden und kat' exochên -Wirkliches das (übrigens unbekannte) Substrat des Scheins und Träger -der Eigenschaften, die sogenannte Substanz, als alleiniges Object -einer wirklichen Wissenschaft vom Wirklichen übrig. Das von Bacon -vergebens zu verdrängen gesuchte idealistische Element hat seine -Stelle im Realismus mit Gewinn zurück erobert. - -242. Aber auch ein skeptisches ist damit in den Vordergrund -getreten. Wenn die sogenannten secundären Eigenschaften nur den -Schein eines Wirklichen, aber nicht eine Erscheinung des Wirklichen -darstellen, dann ist die sinnliche Erfahrung, welche dieselben als -Schein des Wirklichen zeigt, eine trügerische, den Schein an die -Stelle der Wirklichkeit setzende Vorstellung des Wirklichen, nicht -sowol eine Erkenntniss der, als eine fortgesetzte Täuschung über die -Wirklichkeit. Die nächste Folge dieser Einsicht kann keine andere sein, -als dem Sinnenschein, welcher die Basis aller sinnlichen Erfahrung -ausmacht, und damit dieser selbst, die auf so ungewisser Grundlage -sich aufbaut, mit Misstrauen entgegen zu kommen. - -243. Dasselbe muss sich naturgemäss in demselben Grade steigern, als -sich der Umfang des idealistischen Elementes d. i. der subjectiven -Hinzuthat im wirklich Scheinenden erweitert. Die Ausbreitung desselben -hat zuerst Locke's idealistischer Fortsetzer Berkeley herbeigeführt -durch die Behauptung, dass die sogenannten primären Eigenschaften der -Körper, welche derselbe als wirkliche ansah, nicht weniger scheinbar -als die sogenannten secundären Eigenschaften, und, ebenso wie diese, -Hinzuthaten des vorstellenden Subjects im wirklich Scheinenden -d. i. durch das vorstellende Subject, keineswegs durch das Object -des Vorgestellten hervorgebrachter Schein, also zwar Schein eines -Wirklichen, aber nicht selbst Wirkliches seien. Dieselbe erreichte den -höchsten Grad dadurch, dass Berkeley die weitere Bemerkung hinzufügte, -dass der Körper nichts anderes als die Summe seiner Eigenschaften, die -Annahme einer den Kern desselben ausmachenden Substanz als Träger der -Eigenschaften eine an sich völlig überflüssige, von dem vorstellenden -Subject, wenn auch nicht willkürlich, aber doch unwillkürlich gemachte -grundlose Voraussetzung, die sogenannte Substanz daher eben so wol -wie die sogenannten primären und secundären Eigenschaften zwar der -Schein eines Wirklichen, aber eben so wenig wie diese ein Wirkliches -sei. Letztere Behauptung verwandelte, da der Körper fortan nichts -weiter als die Summe seiner (primären und secundären) Eigenschaften, -diese aber als Summe von nicht wirklichen, sondern nur scheinbaren -Eigenschaften selbst nur eine Scheinsumme sein sollte, den angeblich -wirklichen Körper in blossen Schein eines Körpers, die sogenannte -Welt des Wirklichen in blossen Schein einer wirklichen Welt und -löste somit den gesammten Realismus in Idealismus, die gesammte -Sinneswahrnehmung als Basis der sinnlichen Erfahrung in Sinnestrug, -und damit jene selbst aus einem Spiegel der wirklichen Welt in die -leere Vorspiegelung einer solchen auf. - -244. Diese äusserste mögliche Ausdehnung des idealistischen Elementes -im Gebiete des Realismus musste die Ausdehnung der Skepsis auf den -ganzen Umfang der sinnlichen Erfahrung zur unausbleiblichen Folge -haben. Hatte der Idealismus sämmtliches wirklich Scheinende in -innerlich hohlen Schein eines Wirklichen verkehrt, so musste die -Aussicht auf Erkenntniss des Wirklichen auf dem Wege der Erfahrung -sich in die trostlose Einsicht in die Unmöglichkeit einer solchen, -auf Grund völligen Mangels eines Wirklichen verwandeln. Nicht nur -die Bestandtheile des wirklich Scheinenden d. i. die Elemente, aus -welchen die scheinbare Welt bestand, waren sofort zu blossem Schein -eines Wirklichen herabgesetzt, sondern auch die Verknüpfung derselben -unter einander und zu einem Ganzen konnte nur eine scheinbare, das -durch dieselbe hergestellte Ganze nur dem Schein nach ein Ganzes sein -d. h. die gesammte angeblich wirkliche Welt mit ihren vermeintlich -wirklichen Bestandtheilen und deren vermeintlich wirklichem und -wirksamem Zusammenhang unter einander (dem Causalverband) musste -sich dem Auge des Denkers als eine Scheinwelt, deren Bestandtheile -als elementarer Schein, deren Zusammenhang unter einander als zwar -anscheinend, aber nicht wirklich vorhandener d. i. vom vorstellenden -Subject in die Welt der Phänomene hineingelegter, keineswegs (wie -die Erfahrung von ihren sogenannten Naturgesetzen behauptet) aus -derselben herausgelesener Zusammenhang darstellen. - -245. Hume ist es, der diese Consequenz des Skepticismus aus dem -in bodenlosen Idealismus umgewandelten Realismus seiner Vorgänger -gezogen hat. Dieselbe wird nicht verbessert dadurch, dass an die -Stelle des realen Zusammenhanges zwischen den Erscheinungen von ihm -die subjective Gewöhnung des vorstellenden Subjectes gesetzt wird, -in Folge wiederholten nach einander Auftretens gewisser Phänomene -jedesmal, sobald das eine derselben (das antecedens) wiederkehrt, das -andere (das consequens) zu erwarten und daher ersteres als Ursache, -letzteres als Wirkung zu bezeichnen. Denn es muss einleuchten, dass -zwar, wenn der eine jener Vorgänge der reale Grund, der andere die -reale Folge ist, das Eintreten des ersten jedesmal jenes des zweiten -nach sich ziehen muss, keineswegs aber, dass in umgekehrter Weise -das (vielleicht ganz zufällige) Vorausgehen der einen, Nachfolgen -der andern Erscheinung als genügender Beweis dafür gelten darf, dass -die erste die Ursache der zweiten sei. Während die Auseinanderfolge -zweier Phänomene deren Aufeinanderfolge nothwendig, macht deren -Aufeinanderfolge den Schluss auf die Auseinanderfolge nur möglich; -die Behauptung der letzteren (des Causalzusammenhanges) in Folge -einer durch öfter beobachtete Succession beider Erscheinungen im -Vorstellenden erzeugten Gewohnheit, beide unter einander in Verbindung -stehend zu denken, kann daher niemals völlige (apodiktische), sondern -höchstens sogenannte moralische (problematische) Gewissheit d. i. mehr -oder weniger Wahrscheinlichkeit erlangen. - -246. Diese Folgerung war es, welche Kant, wie er selbst sagt, -"aus seinem dogmatischen Schlummer geweckt hat", nicht aus dem des -Wolf'schen Rationalismus, über welchen er längst hinaus, sondern aus -dem des Locke-Newton'schen Empirismus, in welchem er damals (1770) -noch völlig befangen war. Dass es auf dem von Hume eingeschlagenen -Wege, der auch ihm als die natürliche Fortsetzung der Bahn seiner -Vorgänger galt, schliesslich dahin kommen müsse, dass auch die -allgemeinen Naturgesetze, durch welche der Gang der Natur und -die Einheit des Weltalls zusammengehalten wird, ihre strenge und -ausnahmslose Nothwendigkeit und Allgemeinheit einbüssen und sich in -blosse, mehr oder weniger wahrscheinliche und mit mehr oder weniger -Zuversicht ausgesprochene Vermuthungen des die Natur auffassenden und -in seiner Vorstellung zusammenfassenden Subjects verkehren müssen, -erschien Kant so unausweichlich, zugleich aber für ein auf Erkenntniss -des Wirklichen, wie es ist, statt auf Einbildung einer blossen -Scheinwelt gerichtetes Denken, wie das seinige, so unerträglich, -dass er um deswillen mit dem zum Skepticismus entarteten Empirismus -brach und von dem Ergebniss einer nicht nur subjectiven, sondern auch -nur particulär giltigen und blos wahrscheinlichen Naturauffassung zu -der sofortigen Erforschung und Feststellung der Bedingungen einer -zwar gleichfalls nur subjectiven, aber schlechterdings allgemeinen -und nothwendigen Erfahrung überging. - -247. Wie die bisherige Betrachtung das allmälige Eindringen des -idealistischen Elements in den Realismus und dessen allmälige, -schliesslich denselben überfluthende Ausbreitung in diesem blossgelegt -hat, so legt die Entwicklungsgeschichte des Idealismus in umgekehrter -Weise nicht nur das Eindringen, sondern das stetige Anwachsen des -realistischen Elements im Idealismus als unvermeidlich dar. Schon -dem Vater des gemeinen Idealismus, Berkeley, ist die Schwierigkeit -nicht entgangen, die für denjenigen, der die gesammte wirklich -scheinende Welt nur als im vorstellenden Subject vorhandenen -Schein einer wirklichen Welt ansieht, aus dem Umstande erwächst, -dass in den verschiedenen vorstellenden Subjecten, wenn unter -denselben Uebereinstimmung und Mittheilung möglich sein soll, -diese nur in ihrem jeweiligen Vorstellen existirende Scheinwelt -in sämmtlichen Vorstellenden die nämliche, nach Inhalt und Form -unter sich harmonirende Welt sein muss, ohne dass sich die Frage -beantworten liesse, warum, da in jedem seine eigene Welt entsteht, -diese Welt in allen als die gleiche entstehen müsse. Leibnitz hat diese -Frage, die sich auch ihm aufdrängen musste, weil jede "fensterlose" -Monas in ihrem Innern eine "Welt als Vorstellung" enthält, mit der -Berufung auf die durch Gott prästabilirte Harmonie aller Monaden und -somit auch ihrer sämmtlichen, obgleich von einander unabhängigen -inneren Vorstellungswelten beantwortet. Der Bischof von Cloyne, -von dem es zweifelhaft ist, ob er von Leibnitz etwas wusste, sucht -die Lösung des Problems, wie die vorgestellten Welten der einzelnen -Vorstellenden unter einander correspondirend gedacht werden können, -gleichfalls in Gott, welchen er als den Urheber der im Vorstellenden -vorhandenen Vorstellungswelt und dadurch zugleich als Veranstalter -der Uebereinstimmung zwischen den in den verschiedenen Vorstellenden -vorhandenen Vorstellungswelten bezeichnet. Die nur als Schein eines -Wirklichen im Bewusstsein vorhandene wirkliche d. i. der Schein -einer wirklichen Welt, ist sonach schon bei Berkeley, dem Urheber -des Idealismus, nicht das einzige Wirkliche, sondern derselbe setzt -nicht nur das vorstellende Subject (den Geist), in dem er existirt -d. i. dem er scheint, sondern überdies seinen Urheber, Gott, durch den -er existirt d. i. der in ihm scheint, als Wirkliche voraus d. h. der -Schein ist weder, wie der strenge Idealismus will, das einzige -Wirkliche, noch mit jenen beiden Wirklichen, dem vorstellenden Subject -einer- und der den Schein erzeugenden Gottheit andererseits verglichen, -überhaupt wirklich (real), sondern nur ideal (unwirklich), während der -Geist und Gott die eigentlich Wirklichen d. i. real Existirenden sind. - -248. Das realistische Element, das Wirkliche neben dem Schein, -als einzigem Wirklichen, ist sonach schon in die ursprünglichste -Gestalt des Idealismus, und zwar so von Seite des Subjects, dem er -scheint (des Geistes), wie von jener des Objects, das ihm scheint -(der Gottheit), eingedrungen. Von jener aus angesehen, tritt das -Wirkliche auf als Träger, von dieser aus angesehen, als Ursache des -im Bewusstsein schwebenden Scheins. Während aber in dieser Gestalt -des mit realistischen Elementen versetzten Idealismus der Träger -des Scheins sich leidend (receptiv), die Ursache des Scheins allein -thätig (spontan) sich verhält, sind daneben Auffassungen denkbar, nach -welchen entweder der Träger sich gleichfalls wie die Ursache thätig, -oder der Träger sich thätig, aber zugleich als einzige Ursache sich -verhält, während eine dritte von jener ursprünglichen nur dadurch -sich unterscheidet, dass als die Ursache des Scheins nicht ein -geistiges d. i. ein solches Object, in dessen Natur es liegt, Subject -d. i. vorstellendes Wesen zu sein, sondern ein seiner Qualität nach -beliebiges Wirkliches betrachtet wird, dessen Beschaffenheit unbekannt -bleibt, dessen Existenz jedoch von derjenigen des Subjects als Träger -des Scheins völlig unabhängig ist. - -249. Wird der Träger des Scheins d. i. das vorstellende Subject -ebenso wie die Ursache des Scheins d. i. das vorgestellte Object als -thätig d. i. jedes derselben als wirklich d. i. wirkend betrachtet, -so stellt der im Bewusstsein schwebende Schein eines Wirklichen, -die scheinbar wirkliche Welt (die Welt als Phänomenon), ein Product -aus zwei Factoren, dem Subject des Vorstellens und dem Object der -Vorstellung, dar, dessen Beschaffenheit sonach als solches von der -Beschaffenheit seiner Factoren als solcher nothwendig abhängen muss. In -dem Einfluss des Subjects auf die Beschaffenheit dieses Products -besteht die Herrschaft des idealistischen, in dem Einfluss des Objects -auf dieselbe jene des realistischen Elements in der phänomenalen -Welt. Je nachdem jener Einfluss zur Vorherrschaft des einen oder des -andern wird, nimmt diese Scheinwelt selbst vorwiegend idealistischen, -auf die Seite blossen Scheines der Wirklichkeit, oder realistischen, -auf die Seite der Wirklichkeit selbst hindeutenden Charakter an. - -250. Der Einfluss des realistischen Objects auf das Zustandekommen -der phänomenalen Welt im Bewusstsein ist der geringste, wenn dasselbe -als Wirkliches durch seine Thätigkeit nichts weiter bewirkt, als dass -überhaupt Schein, der als Material zum Aufbau einer phänomenalen Welt -durch das vorstellende Subject verwendet werden kann, im Bewusstsein -vorhanden ist. Dieser Fall tritt in jener Gestalt zu Tage, welche Kant -dem Idealismus gegeben hat, und die Rolle, die das Object in obiger -Darstellung spielt, ist die nämliche, die Kant seinem "Ding an sich" -zugewiesen hat. Dasselbe hat ihm zufolge keine andere Bestimmung, -als die Existenz, keineswegs aber die Qualität des im Bewusstsein -schwebenden Scheins eines Wirklichen begreiflich zu machen. Dass ein -Wirkliches ausser und neben dem vorstellenden Subjecte sei, wird durch -die Thatsache der Existenz des Scheins eines solchen im Bewusstsein -unzweifelhaft gemacht. Was das Wirkliche, das nebst und ausser dem -vorstellenden Subjecte existirt, seiner Qualität nach sei, dagegen -kann aus der Qualität des im Bewusstsein schwebenden Scheins nicht -ausgemacht werden, weil diese letztere lediglich von der Qualität des -vorstellenden Subjects abhängig ist. Das reale Object, "das Ding an -sich", ist der Grund, dass überhaupt im Bewusstsein Sinnesempfindungen -(wie Gesichts-, Gehörs-, Geruchs-, Geschmacks- und Tastempfindungen) -vorhanden sind; die Qualität des realen vorstellenden Subjects -dagegen ist der Grund, dass im Bewusstsein gerade Empfindungen (wie -Farben, Töne, Wohlgerüche, Wohlgeschmäcke, Härte, Weichheit) vorhanden -sind. Wäre das erste nicht, so entstünde überhaupt kein Schein, wäre -das letztere ein anderes, als es ist, so entstünde anderer Schein. Wie -die Existenz des Scheins von jener des Objects, so hängt die Qualität -des Scheins von jener des Subjects ab; der im Bewusstsein wirkliche -Schein in seiner qualitativen Eigenthümlichkeit ist daher nur durch -das gemeinsame Zusammenwirken des Dings an sich und der specifischen -Organisation des vorstellenden Subjects d. i. (wie Kant nach der -alten Terminologie seiner Wolf'schen Schulung sich ausdrückte) -"des Erkenntnissvermögens" erklärlich. - -251. Erklärlich aber auch, dass bei dieser Sachlage der jeweiligen -thatsächlichen Beschaffenheit des sogenannten Erkenntnissvermögens -an dem Zustandekommen und der Gestaltung der phänomenalen Welt der -Löwenantheil zufallen muss. Liefert der objective Factor, das Ding -an sich, nichts weiter als den Stoff, ja nicht einmal diesen selbst, -sondern nur die Veranlassung, dass ein solcher, aus welchem die -phänomenale Welt aufgebaut werden soll, überhaupt im Bewusstsein -vorhanden ist, so muss der Grund der gesammten Form, in welcher der -Stoff zum Aufbau zusammengeordnet, ja sogar der Form, in welcher -derselbe zum Baue verwendet wird, gänzlich in dem subjectiven Factor -d. i. in der Beschaffenheit des vorstellenden Subjectes d. i. in jener -seines sogenannten Erkenntnissvermögens gesucht werden. Letzteres, -als Baumeister der phänomenalen Welt, baut sozusagen auf eigene Hand, -nicht nur nach eigenem Plan, sondern auch mit selbstgeformtem Material; -das "Ding an sich" als Bauherr ist nur die Ursache, dass überhaupt -gebaut wird und dass die erforderlichen Mittel zum Baue vorhanden sind. - -252. Der Organismus des sogenannten Erkenntnissvermögens ist es, -welchen Kant seiner "Kritik der reinen Vernunft" zu Grunde gelegt -und als dessen nothwendige Folgen die kritischen Ergebnisse dieser -letzteren entsprungen sind. Insofern derselbe den idealistischen Factor -der phänomenalen Welt repräsentirt, hat Kant seine Philosophie als -Idealismus, insofern deren Ergebnisse auf die Betrachtung desselben -als der Quelle der Bedingungen aller Erkenntniss gestützt sind, als -Transcendentalphilosophie, und jenen Idealismus selbst (im Gegensatz -zu dem gemeinen, empirischen) als transcendentalen Idealismus -bezeichnet. Die Differenz seines und des empirischen Idealismus -beschränkte sich jedoch nicht auf den genannten Unterschied, -sondern wurzelte zugleich in der Verschiedenheit des vorstellenden -Subjectes, welches den idealistischen Factor der phänomenalen Welt -ausmacht, und welches im empirischen Idealismus das individuelle -Einzelsubject, in dem seinen dagegen das allgemeine Gattungssubject, -oder, nach Kant's Ausdruck, das sogenannte transcendentale Subject -ist. Folge davon ist, dass die Form der phänomenalen Welt, insofern -dieselbe aus der Beschaffenheit des vorstellenden Subjectes stammt, -im empirischen Idealismus nur eine individuelle, zufällige, -für die Vorstellungswelt des Einzelsubjectes bestimmende, im -transcendentalen Idealismus dagegen eine allgemeine und nothwendige, -die Vorstellungswelt aller vorstellenden Einzelsubjecte derselben -Gattung bestimmende sein muss. Durch diese Einführung der Form als -einer allgemeinen und nothwendigen an der Stelle der blos zufälligen -und singulären überwindet Kant den Hume'schen Skepticismus, der sich -an die Sohlen des empirischen Idealismus geheftet hat, und verwandelt -die phänomenale Welt d. i. die Welt der Erfahrung aus einer nur für -den Einzelnen giltigen und nur zufällig (durch dessen individuelle -Gewöhnung) entstandenen in eine für Alle identische und nothwendig -(d. i. als unausbleibliche Folge der allen gemeinsamen Organisation -des Erkenntnissvermögens) entstehende Erfahrung. - -253. Die beziehungsweisen Antheile des idealistischen Factors -d. i. des in Allen identischen transcendentalen Subjectes einer- und -des realistischen Factors d. i. des für Alle identischen (als seiner -Qualität nach unbekanntes x hinter der phänomenalen Welt stehenden) -Dings an sich an dem Zustandekommen einer allgemein giltigen Erfahrung -sind es, welche Kant als das a priori und das a posteriori der -Erfahrung bezeichnet. Zu dem letzteren gehört nach der Auffassung -Kant's nichts weiter als der sinnliche Stoff, zu welchem das "Ding -an sich" den äusseren Anstoss gegeben hat; zu dem ersteren gehören -sämmtliche Formen, welche demselben in aufsteigender Reihe durch die -(im Sinne der alten Wolf'schen psychologischen Theorie) einander -übergeordneten Stufen des sogenannten Erkenntnissvermögens, des -Sinnes, des Verstandes und der Vernunft zu Theil werden sollen. Als -solche betrachtete Kant bekanntlich die zwei von ihm sogenannten -"reinen Anschauungsformen", welche dem Sinn, die (zwölf) von ihm -construirten "Urtheilsformen", welche dem Verstande, und die (drei) -von ihm anerkannten (Schlussformen), welche der Vernunft erb und -eigen seien. Durch die Anwendung der erstgenannten, und zwar der -reinen Anschauungsform des Raumes d. i. des Nebeneinander auf den -durch die äusseren Sinne, der reinen Anschauungsform der Zeit d. i. des -Nacheinander auf den durch den sogenannten inneren Sinn gegebenen Stoff -entsteht der Schein räumlich und zeitlich verschieden angeordneter -Gruppen sinnlichen Vorstellungsmaterials, welche durch die Anwendung -der reinen Urtheilsformen und der daraus deducirten Stammbegriffe -(Kategorien) des Verstandes den Schein wirklicher Einzeldinge, und -zwar solcher erhalten, die als Substanzen Träger von Eigenschaften, -und entweder als Ursachen Urheber von anderen ihresgleichen als -Wirkungen, oder selbst als Wirkungen durch andere ihresgleichen als -Ursachen hervorgebracht sind. Durch die Anwendung endlich der reinen -Schlussformen und der daraus abgeleiteten Ideen der Vernunft entsteht -der Schein solcher Wirklicher, die entweder (wie die Seele) das -einheitliche Subject zu allen möglichen Prädicaten, oder (wie die Welt) -die Totalität aller Ursachen und Wirkungen, oder (wie die Gottheit) -als ens realissimum die Summe aller möglichen Prädicate darstellen. - -254. In dem Nachweis der Nothwendigkeit der Entstehung obiger Gattungen -des wirklich Scheinenden besteht das positive, in dem gleichzeitigen -Erweis, dass obige Gattungen des wirklich Scheinenden nur eben so viele -Gattungen vom Schein eines Wirklichen seien, das negative Resultat -des Transcendentalidealismus. Hauptsächlich um des letzteren willen -ist Kant der "alles Zermalmer" genannt worden. Es ist aber nicht zu -übersehen, dass von anderer Seite aus angesehen Kant's Philosophie dem -negativen Ergebniss des Idealismus, der alles sogenannte Wirkliche -in Schein auflöst, gegenüber ein sehr positives Ergebniss durch -die nachdrückliche Betonung der Unentbehrlichkeit einer realen -Unterlage der phänomenalen Welt in der Existenz des "Dings an sich" -bietet, durch welche sich, wie Schopenhauer richtig gesehen hat, -die zweite Auflage der "Kritik der reinen Vernunft" sehr merklich -von der ersten, welche fast ausschliesslich der Hervorkehrung des -idealistischen Factors gewidmet ist, unterscheidet. Nachdem diejenigen -Wirklichen, welche Kant selbst als die eigentlichen Gegenstände der -alten Metaphysik bezeichnet hat, Seele, Welt und Gott, sich unter dem -Prisma der Kritik in blosse Scheinwirkliche aufgelöst haben, bleibt -als Rest des Wirklichen das Ding an sich allein übrig, welches man -mit Recht als den Rest der alten Metaphysik in Kant's Philosophie, -und dessen zu einem Minimum zusammengeschrumpfte Beschreibung man -als den Inhalt dessen betrachten kann, was im eigentlichen Sinne des -Wortes Kant's Metaphysik heissen darf. - -255. Dieselbe setzt sich mit Ausnahme der Behauptung der leeren -Existenz durchaus aus negativen Prädicaten zusammen. Dem Ding an sich -können weder quantitative noch qualitative Bestimmungen beigelegt -werden. Dasselbe kann in ersterer Hinsicht weder als Eins, noch als -Vieles, in letzterer Hinsicht weder als raumlos, noch als räumlich -(also auch weder als unendlich, noch als endlich, weder als ausgedehnt, -noch als unausgedehnt), noch als zeitlos, oder zeitlich (also auch -weder als in der Zeit entstanden, noch als ewig), noch als geistig -(immateriell) oder körperlich (materiell) bezeichnet werden. Alles, -was der transcendentale Idealismus von demselben weiss und auszusagen -berechtigt ist, beschränkt sich darauf, zu behaupten, dass es sei, -aber nicht, was es sei. - -256. Aber auch dies nur aus dem Grunde, weil der sinnliche Stoff als -wirklicher Schein eine im Bewusstsein vorhandene Wirkung ist und daher -als solche zur Ursache ein Wirkliches haben muss. Die Voraussetzung, -dass jede Wirkung ihre zureichende Ursache haben müsse (das von -Leibnitz sogenannte principium rationis sufficientis) gehört zu den -fundamentalen Axiomen des Denkens, nach Kant insbesondere zu den dem -Organismus des Erkenntnissvermögens wesentlichen Urtheilsformen des -Verstandes. Aus ersterem folgt, dass sich ein Denken, für welches -obiger Satz fundamentale Geltung besitzt, von einem in dieser -Hinsicht anders geartet sein sollenden Denken d. i. einem solchen, -für welches derselbe jene Giltigkeit nicht besässe, schlechterdings -keine Vorstellung zu machen im Stande sei. Aus letzterem folgt, dass -ein im Kantschen Sinn organisirtes Erkenntnissvermögen der Folgerung, -dass jeder angeblichen Wirkung eine derselben genügende Ursache -entsprechen müsse, schlechterdings nicht zu entrathen vermag, ohne -sich selbst aufzuheben. Beides zusammen macht einleuchtend, dass die -auch vom Idealismus unbestrittene Thatsache der Existenz wirklichen -Scheins zu dem Schlusse führen muss, dass auch als Ursache desselben -irgend ein Wirkliches existire. - -257. "Wie der Rauch auf die Flamme, deutet Schein auf Sein"; -in diesen Worten Herbart's ist obiger Schluss am prägnantesten -ausgesprochen. Allerdings mit dem Seitenblick, dass dieses angedeutete -Sein nicht inner-, sondern ausserhalb desjenigen Wirklichen, welches -den Träger des Scheins darstellt, d. i. des vorstellenden Subjects -zu suchen sein möchte. Hier ist der Punkt, wo die Nachfolger Kant's, -die, wie er, auf dem Boden des Transcendentalidealismus stehen, in -die einander entgegengesetzten Richtungen eines Idealismus, der sich -auf das Subject des Scheins (den idealistischen Factor) d. i. eines -idealistischen, und eines solchen, der sich auf das Object des Scheins -(den realistischen Factor) stützt, d. i. eines realistischen Idealismus -(der im Vergleiche mit jenem auch Realismus heissen kann) aus einander -gehen. Aber auch die Stelle, wo diejenigen, die nicht wie Kant auf dem -Boden des transcendentalen Idealismus beharren, sondern mit Umgehung -des idealistischen Factors das Wirkliche unmittelbar, weder durch -einen Schluss von der Wirkung auf die Ursache, noch überhaupt durch -einen Act eines wie immer gearteten Denkens, sondern auf einem von -diesem gänzlich verschiedenen Wege (etwa durch das Gefühl wie Jacobi, -oder durch den Willen wie Schopenhauer) ergreifen zu können glauben, -sich von jenen trennen und zu einem das Denken transcendirenden -(deshalb fälschlich transcendental genannten) Realismus gelangt sind. - -258. Darin stimmen beide, der idealistische und der realistische -Idealismus, mit einander überein, dass der Schein als wirklicher -eine Ursache und zwar ein Wirkliches zur Ursache haben müsse; aber -darin gehen sie beide aus einander, dass der erstere diese Ursache -innerhalb, der andere dieselbe ausserhalb des Bewusstseins sucht. Der -"Jude Kant's", Salomon Maimon, war es, der zuerst die Bemerkung -machte, dass die Annahme des Dings an sich von Seite Kant's auf einem -Fehlschluss beruhe. Wenn der Satz, dass jede Wirkung eine Ursache -haben müsse, wie die kritische Organisation des Erkenntnissvermögens -lehrt, nichts anderes ist als eine dem vorstellenden Subject, und -zwar dessen Verstande innewohnende Urtheilsform, so folgt, dass das -Subject zwar niemals umhin kann, wo es eine Erscheinung als Wirkung -betrachtet, eine Ursache derselben vorauszusetzen, dass aber daraus, -dass das Subject durch die Natur seines Erkenntnissvermögens zu diesem -Vorgang gezwungen ist, auf keine Weise gefolgert werden darf, dass -eine derartige Ursache auch wirklich vorhanden sei. Wenn daher Kant -aus der Existenz der Empfindungen auf die nothwendige Existenz des -Dings an sich als deren Ursache schliesse, so begehe derselbe eine -mit seinen eigenen Principien im Widerspruch stehende Erschleichung, -indem aus den letzteren keineswegs die Existenz des Objects, sondern -höchstens für das Subject die Nothwendigkeit sich ableiten lasse, -ein solches vorauszusetzen. Als Fichte's Wissenschaftslehre mit der -Behauptung hervortrat, dass Kant durch die Zulassung des Dings an -sich als Ursache des Stoffs der phänomenalen Welt mit sich selbst in -unhaltbaren Widerspruch gerathe, war ihm jener mit der gleichen schon -vorangegangen. Fichte aber war es, welcher aus obigem Selbstwiderspruch -zuerst die Folgerung zog, dass die Annahme der Existenz eines Dings -an sich als eines vom Träger des im Bewusstsein wirklichen Scheins -unterschiedenen Wirklichen gänzlich fallen gelassen d. h. dass der -realistische Factor des Transcendentalidealismus, das Object, welches -scheint, entfernt werden müsse. - -259. Nach dem Verschwinden des realistischen bleibt von den beiden -Factoren, durch deren Zusammenwirken die phänomenale Welt des -transcendentalen Idealismus entsteht, nur der idealistische Factor, -nach der Entfernung des Objects, welches scheint, von den beiden -Wirklichen, deren gemeinsames Product die Welt des Bewusstseins ist, -nur das Subject, welchem scheint, übrig, geht der transcendentale -Idealismus in einen solchen des Subjects (subjectiver Idealismus) -über. Statt zweier Wirklicher, welche die Basis des transcendentalen -Idealismus bilden, hat der subjective Idealismus zu seinem -Substrat ein einziges Wirkliches, welches zugleich die Rolle des -idealistischen und des realistischen Factors der phänomenalen Welt -übernimmt d. h. der phänomenalen Welt nicht nur (wie der erste) -die Form gibt, sondern auch (wie der letztere) den erforderlichen -Stoff (das sinnliche Empfindungsmaterial) selbst erzeugt. Während -daher im transcendentalen Idealismus der Träger des Scheins, -das wirkliche Subject, gegen die Ursache desselben, das wirkliche -Object, sich leidend, letzteres gegen ersteres sich thätig verhält, -stellt derselbe im subjectiven Idealismus als Träger (Subject) -zugleich die Ursache (Object) des Scheins in einem identischen -Wirklichen dar, verhält sich das nämliche Wirkliche zugleich als -Subject leidend gegen sich selbst als Object und thätig als Object -gegen sich selbst als Subject d. h. als Subject-Object. Den Anstoss, -welchen im transcendentalen Idealismus das Subject vom Object empfing, -um Empfindung d. i. Material der phänomenalen Welt im Bewusstsein -hervortreten zu lassen, empfängt dasselbe nunmehr nicht von einem -von ihm unterschiedenen Andern, sondern von sich selbst. Das von ihm -unterschiedene Andere (Object), welches der transcendentale Idealismus -noch als ein wirklich Anderes (d. i. als ein anderes Wirkliches) ansah, -ist in den Augen des subjectiven Idealismus nur mehr ein scheinbar -Anderes, in Wirklichkeit kein Anderes als das Subject, welches das -erste und einzige Wirkliche zugleich ist. Dasselbe, insofern es die -Rolle des wirklichen realistischen Factors, des Objects, spielt, -producirt nicht blos sämmtlichen Stoff der phänomenalen Welt, sondern -es schafft auch den Schein, als sei dieser Stoff durch ein Anderes -als es selbst d. h. es schafft den Schein eines realen Objects, -welches den Stoff der phänomenalen Welt producirt. Letzterer, als vom -Subject geschaffener Schein eines von diesem unterschiedenen Objects -und daher dieses selbst, ist sonach in der That nichts weiter als eine -Schöpfung d. i. eine durch einen Setzungsact des Subjects entstandene -und daher von diesem abhängige Setzung desselben, eine Fiction, -aber nichts Wirkliches. Wird diese seine fictive Natur vorübergehend -verkannt, der Schein eines Objects für dessen Wirklichkeit genommen, -das scheinbare Object, als ob es ein Wirkliches wäre, dem Subject -entgegengesetzt, so muss diese Täuschung, welche, weil das Subject -das einzige Wirkliche ist, nur eine Selbsttäuschung des Subjects sein -kann, einmal ein Ende nehmen, das scheinbare Object als blosser Schein -eines Objects erkannt und das vermeintlich vom Subject unterschiedene, -als von ihm unabhängig wirklich bestehendes gedachte Object als von -ihm abhängiges und nur durch dessen eigene Setzung entstandenes vom -Subjecte zurückgenommen werden. - -260. Setzung des Objects durch das Subject, Verkennung des -scheinbaren Objects, indem dasselbe für wirklich gehalten wird, -und Wiedererkennung des fälschlich für wirklich gehaltenen Objects -als eines nur scheinbar vom Subject Verschiedenen sind die drei -Momente, in welchen die innere Entwickelungsgeschichte des einzigen -Wirklichen, welches der subjective Idealismus stehen gelassen hat, -des Trägers des Scheins im Bewusstsein sich vollzieht. Dieselbe -stellt gleichsam den Fortschritt einer dramatischen Handlung dar, in -welcher das ursprünglich Geschehene durch den Schein des Gegentheils -vorübergehend verdunkelt und am Schlusse aus der Verdunkelung wieder -hergestellt wird. Wie in der letzteren das wirklich Geschehene vor -dem Beginn d. i. ausserhalb der sichtbaren Handlung gelegen, also -der Kenntniss des Zuschauers anfänglich entzogen ist, so liegt im -obigen Process innerhalb des Bewusstseins das wirklich Geschehene, -die Setzung des scheinbaren Objects durch das Subject, vor dem Beginn -d. i. ausserhalb des erwachten Bewusstseins und bleibt auf diese -Weise der Kenntniss des Subjects d. i. dessen eigenem Bewusstsein -über sich selbst verborgen. Aus ersterem folgt, dass beim Beginne -des Dramas die sichtbare Handlung das Gegentheil dessen zeigt, was -wirklich geschehen ist; aus dem letzteren folgt, dass beim Erwachen -des Bewusstseins der Inhalt desselben das Gegentheil dessen aufweist, -was wirklich der Fall ist; jene stellt das Geschehene als nicht -geschehen, diese stellt das vom Subject gesetzte Object als nicht -gesetzt durch das Subject dar. Die schliessliche Lösung erfolgt, wie -in der dramatischen Handlung durch die Aufhellung des Geschehenen, so -in obigem Bewusstseinsprocess durch die Selbstaufhellung d. i. durch -das Bewusstwerden des Subjects über sich selbst und seine eigene -Setzung des Objects, d. i. durch das Selbstbewusstsein. - -261. Dieses Subject, das einzige Wirkliche und folglich Wirkende ist -es, welches der Urheber der Wissenschaftslehre das "Ich" genannt -und dessen in den drei auf einander folgenden Stufen der Thesis, -Antithesis und Synthesis sich entwickelnde Natur derselbe als niemals -rastendes Thun (d. i. unablässiges Wirken) bezeichnet hat. Dasselbe -setzt im Lauf seiner Entwickelung sein eigenes Gegentheil, das -Nicht-Ich, und nimmt es im Verfolge derselben als von ihm selbst -gesetztes d. h. als Ich in sich wieder zurück. Der erste Theil dieses -Processes, welcher sich vor dem Bewusstwerden vollzieht, stellt die -bewusstlose d. i. die Naturseite (Nachtseite) der Entwickelung des Ich, -der zweite Theil desselben, weil er sich bei Bewusstsein vollzieht, -stellt die bewusste d. i. die Geistesseite (Tagseite) derselben und, -da das Ich das einzige Wirkliche ist, jener Abschnitt zugleich die -Entwickelung des Wirklichen als eines bewusstlosen d. i. als Natur, -dieser jene des nämlichen Wirklichen als eines bewussten d. i. als -Geist dar. Die Gliederung der gesammten Wissenschaft vom Wirklichen vom -Standpunkt des subjectiven Idealismus aus in eine solche vom Ich als -Natur (Naturphilosophie) und vom Ich als Geist (Geistesphilosophie), -aber auch die Möglichkeit einer solchen, welche beide Seiten der -Entwickelung des Ich als Entwickelungsseiten eines und des nämlichen -Ich, als identisch betrachtet (Identitätsphilosophie), so wie einer -weitern, welche die Betrachtung des Entwickelungsgesetzes des Ich -als eines nicht nur selbst innerlich nothwendigen, sondern diese -Entwickelung nothwendig fordernden, der Betrachtung des wirklichen -Entwickelungsganges desselben als Natur und Geist voranstellt -(Dialektik, metaphysische Logik) ist dadurch vorgezeichnet. - -262. Je nachdem das Ich als Wirkliches (agens), oder als blosser -Infinitiv, als Wirken (agere) bestimmt, das erstere entweder als -endliches oder als unendliches (absolutes) Ich aufgefasst wird, -gliedert sich der Idealismus des Subjects in die drei Stufen des -(im engeren Sinn sogenannten) subjectiven Idealismus (Fichte), -absoluten Idealismus (Schelling) und Panlogismus (Hegel). Jener -besteht darin, dass als einziges Wirkliches ein endliches Ich -(das transcendentale Subject); der zweite darin, dass als einziges -Wirkliches ein absolutes Ich (die Gottheit, das absolute Subject); der -dritte darin, dass als einziges Wirkliches das unpersönliche Wirken -und zwar, da das einzige Wirkliche des Idealismus das vorstellende -(denkende) Subject ist, das unpersönliche Denken, die Vernunft -angesehen wird. Die Entwickelungsgeschichte des ersten d. i. der -Inhalt der gesammten Wissenschaft stellt den Bewusstseinsprocess dar, -mittels dessen das endliche Ich zum Bewusstsein seiner selbst, zum -Selbstbewusstsein gelangt d. i. Geist wird. Jene des zweiten macht -den immanenten Entwickelungsprocess aus, mittels dessen das absolute -Subject durch die vorläufigen Phasen der Natur- und der Weltgeschichte -hindurch zum Bewusstsein seiner selbst d. i. zum Bewusstsein seiner -Göttlichkeit, zum absoluten Bewusstsein gelangt d. i. absoluter Geist, -Gott wird. ("Am Ende der Weltgeschichte", sagte Schelling, "wird -Gott sein".) Der Panlogismus endlich repräsentirt den dialektischen -Process, mittels dessen die unpersönliche (objective) Vernunft -(die logische Idee) durch ihr Gegentheil, das vernunftlose Sein -(die Natur), hindurch zur persönlichen (subjectiven) Vernunft (zum -absoluten Geiste) wird. ("Aufgabe der Philosophie ist", sagte Hegel, -"die Substanz zum Subjecte zu machen".) - -263. Alle drei Formen des Idealismus des Subjects kommen darin überein, -das Wirkliche sei, aber auch, dass nur ein Einziges wirklich sei. Wird -daher dieses als einziges Wirkliches von einem Widerspruch betroffen, -welcher entweder verhindert, dasselbe überhaupt anzunehmen, oder doch -hindert, dasselbe als wirklich gelten zu lassen, so werden sämmtliche -Formen jenes Idealismus von demselben zugleich betroffen. Derselbe ging -von dem Satze aus, dass der Schluss des transcendentalen Idealismus -von dem Schein als Wirkung auf ein Object als Ursache desselben ein -Selbstwiderspruch sei, aus dem Grunde, weil die Folgerung von der -Wirkung auf die Ursache nur eine Urtheilsform des Verstandes, und -daher die Consequenz, dass der Schein im Bewusstsein eine Ursache -haben müsse, zwar für den Verstand unvermeidlich, aber darum nichts -weniger als (objectiv) giltig sei. Gleichwol hat diese Einsicht, -wenn sie den Namen verdient, den Idealismus nicht gehindert, von der -Thatsache des im Bewusstsein schwebenden Scheins auf eine erzeugende -Ursache desselben zurückzuschliessen, nur mit dem Unterschied, dass er -dieselbe nicht ausserhalb des Bewusstseins (in ein Object), sondern -in den Träger des Bewusstseins (in das Subject) verlegt d. h. dieses -selbst zur Ursache des Scheines macht. Wenn nun, wie der Idealismus -behauptet, der Schluss von der Wirkung auf eine Ursache als blosse -Verstandesform überhaupt unberechtigt ist, so ist der Schluss von -der Wirkung auf eine innerhalb des Bewusstseins gelegene, sogenannte -innere Ursache mindestens ebenso unberechtigt, wie jener von der -Wirkung auf eine ausserhalb des Bewusstseins gelegene, sogenannte -äussere Ursache. Der subjective Idealismus hat daher von diesem -Gesichtspunkt aus ebensowenig das Recht, das Subject als Wirkliches, -wie der objective Idealismus seiner Meinung nach ein solches besitzt, -ein vom Subject unterschiedenes Object als Wirkliches anzunehmen. - -264. Wie man sieht, hat der Idealismus des Subjects, der gewöhnlich -kurzweg mit dem Namen Idealismus bezeichnet wird, in diesem Punkt -dem Idealismus des Objects, kurzweg Realismus genannt, nichts -vorzuwerfen. Derselbe hat nicht nur nicht mehr und nicht weniger -ein Recht, als erzeugende Ursache des Scheins ein Wirkliches, -er hat überdies, was bedenklicher ist, kein Recht, das von ihm -angenommene Wirkliche als wirklich anzunehmen. Letztere Annahme -fällt, wenn dasjenige, was als wirklich gedacht werden soll, mit -einer Eigenschaft behaftet ist, welche verhindert, dasselbe als -wirklich zu denken. Dieser Fall tritt aber ein, wenn dasjenige, -was als wirklich gedacht werden soll, in sich einen Widerspruch -einschliesst. So gewiss aus dem Umstand, dass ein als wirklich zu -Denkendes keinen Widerspruch einschliesst, nur geschlossen werden -kann, dass es möglich, keineswegs, dass es wirklich sei, so gewiss -muss aus dem Umstand, dass ein als wirklich zu Denkendes in sich -einen Widerspruch enthält, die Folgerung gezogen werden, dass dasselbe -unmöglich d. i. auf keine Weise je wirklich sei. Das einzige Wirkliche -des Idealismus, das Ich, nun soll in der Weise gedacht werden, dass -dasselbe zugleich sein eigenes Object und sein eigenes Subject sei, -den Stoff seiner phänomenalen Welt zugleich empfange und erzeuge, -also zugleich gegen sich selbst als Leidendes und auf sich selbst -als Thätiges sich verhalte d. h. es soll so gedacht werden, dass es -zugleich seine eigene Ursache und seine eigene Wirkung (causa sui), -also dass es im strengsten logischen Sinn des Wortes Entgegengesetztes -d. i. sich unter einander Ausschliessendes zugleich und als jedes von -beiden sein eigenes Gegentheil, um es mit einem Wort zu sagen, der -lebendige Widerspruch sei. Ein solcher aber kann nicht als wirklich -gedacht werden. - -265. Auch dann nicht, wenn die Erfahrung ihn zu bestätigen -scheint. Die Thatsache, welche der Idealismus anzuführen liebt, -um durch dieselbe zu erweisen, dass ein sich zugleich als Thätiges -und Leidendes Verhaltendes, eine causa sui, wirklich, und daher, -was auch die Logik dagegen einwenden möge, möglich sei, ist -das Phänomen des Selbstbewusstseins. Dasselbe, so schliesst der -Idealismus, als factisches Bewusstsein des Selbst von sich selbst, -ist thatsächlich Subject und Object, Leidendes und Thätiges, Ursache -und Wirkung zugleich: das Ich stellt sich vor und das Ich stellt -sich vor. Als jenes ist es das Vorstellende (Subject), als dieses das -Vorgestellte (Object), als beider Identität ist das Ich Vorstellendes -und Vorgestelltes zugleich (Subject-Object). Durch diese unbestreitbar -scheinende psychologische Thatsache, d. i. durch die Wirklichkeit eines -im logischen Sinn mit einem inneren Widerspruch Behafteten ist nach der -Meinung des Idealismus die Möglichkeit, ein in sich Widersprechendes -als wirklich zu denken, erwiesen; der Einspruch der Logik, dass -Widersprechendes nicht als wirklich gedacht werden könne, abgewiesen. - -266. Gegenüber dem Canon: a non posse valet conclusio ad non esse, geht -der Idealismus von dem entgegengesetzten aus: ab esse valet conclusio -ad posse. Die Richtigkeit seiner Folgerung hängt von dem Umstande -ab, ob und dass die angebliche Thatsache des Selbstbewusstseins -wirklich eine Thatsache, oder, was eben so viel ist, ob und dass die -Behauptung, das Ich stelle sich vor, auf einer wirklichen Erfahrung -oder auf einer blossen Einbildung beruhe. Die Thatsache, welche den -Widerspruch zu stürzen bestimmt ist, darf nicht selbst wieder auf -einen Widerspruch sich stützen. Dieselbe muss, um gegen die Einrede -der Logik Stand zu halten, eine selbst widerspruchsfreie, evidente, -nicht nichtanzuerkennende Thatsache sein. - -267. Es fehlt viel, dass die sogenannte Thatsache des -Selbstbewusstseins dieser Forderung genügte. Wenn, wie der Idealismus -einräumt, das Phänomen des Selbstbewusstseins nichts weiteres in sich -schliesst als das "Sich sich Vorstellen" (se sibi repraesentare) -des Ichs, so enthält das Sich (se) abermals nichts anderes als -das Ich d. h. das Sich sich Vorstellen, das Sich (se) in diesem -aber das nämliche "Sich sich Vorstellen" zum dritten, und das -sich darin wiederholende Sich dasselbe zum vierten Male u. s. f., -d. h. es entsteht ein regressus in infinitum. Das Ich erweist sich -als eine mit der Forderung, eine unendliche Reihe vorzustellen, -behaftete, demnach als eine im wirklichen Vorstellen schlechthin -unvollendbare Vorstellung d. h. als eine solche, die niemals Thatsache -d. i. wirkliche Vorstellung sein kann. Einer Thatsache aber, die -keine sein kann, gegenüber steht der Einwand der Logik, dass in sich -Widersprechendes niemals wirklich sein könne, aufrecht. - -268. Der Widerspruch, welcher den Idealismus ausschliesst, -liegt sonach nicht darin, dass er als Ursache des im Bewusstsein -schwebenden Scheins ein Wirkliches setzt, sondern darin, dass er -als solche ein in sich Widersprechendes d. h. ein Wirkliches setzt, -das nicht als wirklich gedacht werden darf. Indem der Idealismus des -Objects, der Realismus, von dem im Bewusstsein schwebenden Schein -als Wirkung auf eine denselben erzeugende Ursache schliesst, thut -er nichts anderes, als, wie oben gezeigt, auch der Idealismus thut; -indem derselbe als solche jedoch nicht ein in sich Widersprechendes, -sondern ein solches setzt, das ohne Einsprache der Logik als wirklich -gedacht werden kann, thut er wirklich anderes und besseres, als jener -that. Derselbe begnügt sich weder, im Gegensatz zum Idealismus des -Subjects, die Annahme des Ich als des einzigen Wirklichen abzulehnen, -noch, in Uebereinstimmung mit Kant, die Unerlässlichkeit der Annahme -eines übrigens in jeder Hinsicht unbekannten realen x, des von jeder -denkbaren quantitativen und qualitativen Bestimmtheit entblössten -"Dings an sich", zuzugeben, sondern schreitet im Gegensatze zu beiden -zu der eben so wol realistischen als pluralistischen Behauptung fort, -dass nicht nur Wirkliches sei, sondern unbestimmt viele Wirkliche seien -d. h. dass die Voraussetzung solcher auf Grundlage und zur Erklärung -des thatsächlich im Bewusstsein schwebenden Scheins nicht nur nicht -widersprechend, sondern im Gegentheil, das Gegentheil derselben der -Forderung eines logischen Denkens widersprechend sei. - -269. Weshalb die Annahme, es gebe Wirkliches, nicht nur nicht -widersprechend, sondern vielmehr die gegentheilige Annahme, es -gebe kein Wirkliches, widersprechend sei, ist schon oben gezeigt -worden. Von dem "Rauche" des Scheins gilt der Schluss auf die -"Flamme" des Seins. Wo nichts Wirkliches wäre, könnte auch keines -scheinen; keineswegs aber gilt auch der umgekehrte Satz, dass, wo -kein Wirkliches scheint, auch kein Wirkliches vorhanden sei. Denn -es lässt sich sehr wol denken, dass Wirkliches sei, auch ohne zu -scheinen. Die Setzung des Wirklichen auf Grundlage des vorhandenen -Scheins ist eine bedingte; das Gesetztsein des Wirklichen aber ist -ein durch dessen Setzung auf Grundlage des Scheins nicht bedingtes, -also unbedingtes. Dasselbe wird gesetzt, weil der Schein gesetzt ist; -aber es wäre gesetzt, auch wenn der Schein nicht gesetzt wäre. Die -Setzung desselben erfolgt nicht, wie jene des (scheinbaren) Objects -im Idealismus, durch das Ich, welches setzt, sondern besteht, wie der -von seinem Gedachtwerden unabhängige Denkinhalt, auch ohne Subject, -welches setzt. Die Position des (scheinbaren) Objects durch das Subject -(im Idealismus) ist eine relative; mit dem Subject fällt auch das -Object. Die Position des Wirklichen im Realismus ist eine absolute; -dieselbe hört nicht auf, auch wenn das Subject aufhört. - -270. Nur die letztere Position ist wahre, die relative ist keine -Position. Das eigentlich Ponirte ist in der relativen Position -nicht das Gesetzte (das Object), sondern das Setzende (das Subject); -die Position des Ponirten ist daher nur eine scheinbare; die wahre -Position ist die des Ponirenden. Dieses allein ist wahrhaft, das von -ihm Gesetzte nur dem Anschein nach wirklich; das einzige Wirkliche -sonach nicht das Gesetzte, das Object, sondern das Setzende, das -Subject. Soll das Object das Wirkliche d. i. nicht nur dem Schein nach, -sondern in Wahrheit wirklich sein, so muss es von seiner Setzung durch -das Subject unabhängig gesetzt d. h. es muss als das, was es ist, -auch dann gesetzt sein, wenn weder eine Setzung desselben durch ein -Subject, noch überhaupt ein von demselben unterschiedenes Subject je -wirklich vorhanden ist. - -271. Die absolute Position ist der Ausdruck des Seins. Durch dieselbe -ist das Sein, wie von jeder Setzung durch das Subject, so auch von der -Setzung durch jedes, wie immer geartete Denken unabhängig. Dasselbe -ist, wie Bonaparte zu Campoformio von der französischen Republik sagte: -"wie die Sonne, wehe dem, der sie nicht sieht!" Dem Denken bleibt -nichts übrig, als das Sein als das, was es von vornherein ist, als -Sein anzuerkennen; das Sein aber als solches bedarf dieser Anerkennung -durch das Denken nicht. Das Sein ist nicht, wie Schelling sagte, -"vor" dem Denken, aber es bestünde auch ohne das Denken. - -272. Ein Denken, welches das Wirkliche nicht als absolut d. i. als von -ihm unabhängig gesetzt dächte, hätte dasselbe nicht als Sein, sondern -als Schein gedacht. Derselbe Grund, welcher das Denken nöthigt, ein -Wirkliches zu denken, nöthigt es auch, dieses letztere als unbedingt -gesetzt d. i. als seiend zu denken. Der Grund aber, der für das Denken -die Annahme eines Wirklichen unvermeidlich macht, ist die Thatsache des -Scheins des Wirklichen d. i. das -- nicht willkürlich durch den Willen -des Denkenden, sondern unwillkürlich, ohne, ja selbst wider den Willen -des Denkenden -- Gegebensein des Scheins des Wirklichen. Der Inhalt -dieser durch die Thatsache des Scheins des Wirklichen d. i. durch -die Erfahrung bedingten Setzung ist das unbedingt Gesetzte. - -273. Dass das Wirkliche, was es auch immer sei, unbedingt gesetzt, -nicht aber, was das Wirkliche, wenn gesetzt, seinem Was nach sei, ist -damit ausgesprochen. Nur so viel lässt sich folgern, dass, wie auch -das Was des Wirklichen gedacht werden möge, dasselbe nicht so gedacht -werden dürfe, dass dessen unbedingtes Gesetztsein dadurch unmöglich -gemacht wäre. Dies aber würde der Fall sein, nicht nur wenn das Was -des Wirklichen in irgend einer Weise von der Natur eines dasselbe -Setzenden abhängig gedacht, sondern auch dann, wenn dasselbe durch -das Gesetztsein eines Andern bedingt gedacht würde. Dasselbe darf -in ersterer Hinsicht daher nicht so beschaffen gedacht werden, wie -das vermeintlich Setzende (z. B. das vorstellende Subject) seiner -Beschaffenheit nach ist d. h. etwa als vorstellend, weil dieses -letztere vorstellt, oder als fühlend, oder wollend, weil dieses -letztere fühlt und will. Es darf aber auch in letzterer Hinsicht -nicht so gedacht werden, dass dessen Gesetztsein das Gesetztsein -eines Anderen bedingt, also nicht als zusammengesetzt d. i. aus -Theilen bestehend, weil dann dessen Gesetztsein durch das Gesetztsein -jedes einzelnen dieser Theile bedingt, also nicht unbedingt wäre. Aus -ersterem folgt, dass das Was des Wirklichen in keiner Weise aus dem Was -etwa des vorstellenden Subjects als des vermeintlich dasselbe Setzenden -erschlossen werden könne. Aus dem letzteren folgt, dass das Was des -Wirklichen, weil unbedingt gesetzt, nicht zusammengesetzt d. i. nicht -aus Theilen bestehend sein dürfe, sondern streng einfach sein müsse. - -274. Jedes wahrhaft Wirkliche ist daher einfaches Wirkliches. Dasselbe -ist nicht nur, wie das sogenannte physikalische Atom, scheinbar, -sondern wirklich "atom" d. i. untheilbar; nicht blos, wie jenes, weil -es mit den vorhandenen Werkzeugen nicht mehr getheilt werden kann, oder -für den gegebenen Zweck nicht mehr weiter getheilt zu werden braucht, -sondern, weil es schlechthin keine Theile hat. Dasselbe schliesst -seiner Einfachheit halber zwar nicht jede Vielheit, aber doch jede -Vielheit einander coordinirter Glieder von sich aus d. h. dasselbe -ist weder ein Bündel einander nebengeordneter Eigenschaften, noch -eine Summe ebensolcher sogenannter Kräfte oder Vermögen. Es kann -sein Was weder verlieren noch verändern, ohne (was unmöglich ist -bei einem unbedingt Gesetzten) selbst aufzuhören. Dasselbe kann -daher weder qualitativ ein anderes als, noch quantitativ ein mehr -oder weniger dessen werden, was es ist; dasselbe ist, sobald es ist, -sowol ewig als unveränderlich; weder dessen (unbedingtes, also von -jeder Bedingung unabhängiges) Gesetztsein, noch dessen einfaches, -jeder Zuthat oder Abtrennung von Theilen, jedes Wachsthums wie jeder -Abnahme unfähiges Was kann einen Wechsel erleiden. Die unvermeidliche -Consequenz der absoluten Position und der Einfachheit des Was ist -die Erhaltung des wandellosen Selbst jedes Wirklichen. - -275. Im Begriffe des Wirklichen liegt, dass es Wirkendes ist -d. i. wirkt d. h. dass dessen Sein und dessen einfache Qualität von -dessen Wirken d. i. sich Bethätigen unabtrennlich ist. Weder ein -Wirkliches, das nicht wäre, noch ein Seiendes, das nicht wirkte, wäre -ein wahrhaft Wirkliches; jenes wäre nur der Schein eines Wirklichen, -dieses wäre ein Todtes, also nicht Wirkliches. Die Zusammengehörigkeit -beider darf nicht so gedacht werden, als wäre das Sein und die Qualität -das Substrat des Wirkens d. h. als besässe das Wirkliche als seiende, -aber nicht wirkende Qualität seine besondere, als seiende, aber -wirksame Qualität wieder seine abgesonderte Wirklichkeit d. h. als -stellte die seiende Qualität nach Abzug des Wirkens gleichsam -das Residuum, das caput mortuum des Wirklichen dar. Die unbedingt -gesetzte einfache Qualität und das Wirken sind nicht nur im Begriffe -des Wirklichen, sondern in diesem selbst unzertrennlich eins, so dass -das Wirkliche weder gedacht werden kann, ohne dasselbe als wirkend -zu denken, noch als Wirkliches sein d. h. wirklich sein kann, ohne -zu wirken. - -276. Ebensowenig wie die absolute Position, das unbedingte -d. i. bedingungslose Gesetztsein, darf das mit derselben im -Wirklichen in Eins verschmolzene Wirken von einer, wie immer gearteten -Bedingung abhängig gedacht werden. Weder kann dessen Beginn, noch -dessen Aufhören an einen Zeitpunkt geknüpft werden, vor welchem und -nach welchem zwar das unbedingt Gesetzte, aber nicht als Wirkendes, -sondern als Wirkungsloses bestünde, noch darf dasselbe so verstanden -werden, als setzte es einen besondern, noch weniger einen von ihm, -dem Wirklichen, unterschiedenen Stoff voraus, um sich als Wirken zu -bewähren. Die Frucht des mit der absolut gesetzten einfachen Qualität -unauflöslich und unablösbar verbundenen Wirkens des Wirklichen ist -dessen Wirklichkeit. - -277. Nothwendige Wirkung des mit dem Wirklichen seiner Natur nach -verbundenen Wirkens ist, dass etwas geschieht. Das Gegentheil, die -Annahme, dass nichts geschehe, ungeachtet gewirkt wird, widerspricht -sich selbst. Denn ein Wirken ohne wie immer beschaffenen Erfolg hätte -nichts bewirkt d. h. wäre kein Wirken gewesen. Nothwendige Folge der -Einfachheit und Unveränderlichkeit der Qualität des Wirklichen ist, -dass, was immer geschehe, weder eine Setzung, noch Aufhebung der -absoluten Position eines Wirklichen, noch die, sei es quantitative, -sei es qualitative Abänderung der Qualität eines Wirklichen, weder -der eigenen, noch einer fremden sein kann; daher alles, was wirklich -geschieht, weder die Qualität, noch das Gesetztsein des Wirklichen, -sondern nur das mit demselben unablöslich verschmolzene Wirken des -Wirklichen angehen kann d. h. dass alles, was wirklich in Folge des -Wirkens geschieht, nur eine Aenderung (Modification) dieses Wirkens -selbst, beziehungsweise dessen Zunahme oder Abnahme, Förderung oder -Hemmung, Erhaltung in der bisherigen, oder Ablenkung nach einer andern -Richtung bedeuten kann. - -278. Dass überhaupt Wirkliches ist und, was wirklich ist, wirkt, -macht die realistische, dass mehr als ein einziges Wirkliches, -eine unbestimmbare Menge von Wirklichen sei, die pluralistische -Seite des Realismus aus. Wie das erstere aus dem Satze, dass -scheinbar Wirkliches, so folgt das letztere aus der Thatsache, -dass der Schein eines vielfachen Wirklichen gegeben ist. Während -der Schluss dort lautet: ohne Sein kein Schein, lautet er hier: ohne -Vielheit und Vielfachheit des Seins keine Vielheit und Vielfachheit -des Scheins. Die entgegengesetzte Annahme, dass aus der Einheit -und Einfachheit des Seins der Schein der Vielheit und Vielfachheit -des Seins hervorgehe, widerspricht sich selbst. Dieselbe lässt -unerklärt, warum, wenn das Erzeugende, der realistische Factor, -die Ursache der Empfindung, das nämliche ist, die Wirkung derselben, -die Empfindung, bald diese, bald jene sei, das "Ding an sich", von -welchem der Anstoss zur Empfindung ausgeht, bald eine Gesichts-, bald -eine Gehörsempfindung, und wieder einmal die Empfindung des Blauen, -ein anderes mal die des Rothen verursache, dabei aber selbst als -Ursache immer dasselbe bleibe. Wird an die Stelle des Dings an sich das -Wirkliche d. i. eine absolut gesetzte, einfache Qualität substituirt, -so erhöht sich die Schwierigkeit, zu begreifen, wie diese letztere, -welche als einfach jede Vielheit coordinirter, aber unter einander -qualitativ verschiedener Wirkungsweisen ausschliesst, doch zugleich -Ursache qualitativ verschiedener Wirkungen d. i. z. B. qualitativ -unterschiedener Empfindungen werden könne; dieselbe führt daher mit -Nothwendigkeit dazu, so viele und so vielerlei qualitativ verschiedene -Ursachen vorauszusetzen, als und so vielerlei qualitativ verschiedene -Wirkungen gegeben sind d. h. wo die Thatsache vielfachen qualitativ -unterschiedenen Scheins gegeben ist, auch die Existenz eines vielfachen -und qualitativ unterschiedenen Wirklichen zu postuliren. - -279. Wie durch die Betonung der realistischen Grundlage des Scheins dem -Idealismus, so ist durch die Betonung der pluralistischen Grundlage des -Scheins der Realismus jedem wie immer gearteten Monismus d. i. jeder -All-Eins-Lehre entgegengesetzt. Jener, er sei subjectiver, absoluter -oder Panlogismus, entbehrt eines wahrhaft Wirklichen; dieser, -er sei idealistisch oder selbst realistisch, entbehrt einer wahren -Vielheit des Wirklichen. Jenem zufolge ist das Wirkliche blosser Schein -(Phantasmagorie) welchen sich entweder das endliche oder das absolute -Ich, oder die absolute Vernunft vorspiegelt, um mittels desselben zum -Bewusstsein seiner, beziehungsweise ihrer selbst zu kommen d. i. Geist -zu werden. Diesem zufolge ist jede Vielheit und Individuation des Seins -blosser Schein (Phantasmagorie), welchen das eine und einzige Wirkliche -(es sei nun Spinozistische Substanz oder Schopenhauer'scher Allwille) -entweder (wie die beiden genannten) mit blinder Nothwendigkeit, oder -(wie das Hartmann'sche "Unbewusste") zu dem Zwecke sich vorgaukelt, -um mittels desselben zum Bewusstsein und sei es durch Selbstverneinung -oder durch werkthätigen Anschluss zur Realisirung des Weltzwecks zu -gelangen. Während der erstere begreiflich zu machen unterlässt, wie -aus demjenigen, was selbst nicht einmal den Schatten der Wirklichkeit -besitzt, auch nur der Schein einer solchen entspringen könne, setzt -der letztere dem Bedenken, wie aus demjenigen, was selbst nicht -einmal eine Spur der Vielheit in sich schliesst, auch nur der Schein -einer solchen und der Vielfachheit des Wirklichen hervorgehen könne, -vorsichtiges Stillschweigen entgegen. - -280. So viel wirklicher Schein, so viel wirkliches Sein -- lautet der -Satz des Realismus, aber nicht, wie viel wirkliches Sein. Derselbe -begnügt sich, zu behaupten, dass um der Vielheit und Mannigfaltigkeit -des durch die Erfahrung gegebenen Scheins willen eine eben solche -Vielheit und Mannigfaltigkeit des Wirklichen gesetzt, aber er -enthält sich, der Versuchung nachzugeben, bestimmen zu wollen, -welche (ob endliche oder unendliche) Vielheit des Wirklichen gesetzt -werden müsse. Eben so wenig wie das Quantum, wagt er das Quale -des Wirklichen anders als durch die schon oben angeführte, aus dem -Begriff der absoluten Position abgeleitete Folgerung der qualitativen -Einfachheit zu bestimmen. Wie die Vielheit des Scheins zwar die -Annahme einer Vielheit des Wirklichen, aber nicht die Bestimmung der -Vielheit des Wirklichen, so erlaubt die Mannigfaltigkeit des Scheins -zwar die Annahme einer Mannigfaltigkeit des Wirklichen, aber nicht -die Bestimmung des Mannigfaltigen des Wirklichen. Dass vieles und -mannigfaltiges Wirkliches sei, weder aber wie vieles, noch welcherlei -Art das Wirkliche sei, vermisst sich der Realismus anzugeben. - -281. Die Mannigfaltigkeit ist die geringste d. h. die Gleichartigkeit -des Wirklichen ist die denkbar grösste, wenn dessen Verschiedenheit -nicht in einer sogenannten inneren (Eigenschaft), sondern nur in einer -sogenannten äusseren Beschaffenheit, also in einer solchen gelegen -ist, welche weder Aehnlichkeit noch Gegensatz, überhaupt keinerlei -Verwandtschaft des Wirklichen voraussetzt, sondern auch bei übrigens -völlig disparaten Wirklichen stattfinden kann. Von dieser Art sind -die räumlichen und zeitlichen d. i. diejenigen Bestimmungen eines -Wirklichen, welche sich ändern können, ohne dass dieses letztere -selbst dadurch eine Aenderung erfährt, obgleich andere Wirkliche -dadurch eine solche erfahren mögen. Der in seiner Umlaufsbahn und -Umlaufszeit sich um die Sonne bewegende Planet erleidet durch seine -Fortbewegung in seinen inneren Eigenschaften keinerlei Veränderungen, -während die Wirkungen, welche er selbst auf andere Planeten ausübt -(z. B. die sogenannten Störungen) wesentlich durch die Stellung -d. i. durch den Ort bedingt werden, welchen derselbe in einem -jeweiligen Zeitpunkt im Verhältniss zu ihnen im Weltraum einnimmt. Eben -so wenig erleidet der Weltkörper, wenn nicht andere Ursachen in und -an demselben Veränderungen bewirken, durch den blossen Abfluss der -Zeit, innerhalb welcher er seine Bahn zurücklegt, eine Veränderung, -obgleich, wenn eine solche an ihm vorgegangen und er demungeachtet -derselbe geblieben sein soll, dies nur unter der Voraussetzung denkbar -ist, dass seine Beschaffenheit vor und seine Beschaffenheit nach -obiger Veränderung in verschiedene Zeitpunkte fallen. Die vielen und -verschiedenen Wirklichen sind daher am wenigsten verschieden, jedoch in -keiner Weise nicht verschieden, wenn deren Verschiedenheit lediglich in -der Verschiedenheit d. i. in der Nichtidentität ihrer räumlichen und -zeitlichen Bestimmungen d. i. des Wo und des Wann ihrer Wirklichkeit -d. i. ihres Wirkens gelegen ist. Dieselben sind verschieden, insofern -ihre Orte im Raum verschieden d. h. ausser einander, dagegen nicht -verschieden, insofern sie Wirkliche d. i. Wirkende sind. Dieselben sind -verschieden, insofern je nach der Verschiedenheit ihres Aussereinander -(d. h. der räumlichen Distanz ihrer Orte) ihr Wirken verschieden, -dagegen nicht verschieden, insofern sie Wirkende sind. In Bezug auf -die Zeit sind sämmtliche Wirkliche als unbedingt Gesetzte insofern -nicht verschieden, als ihr Gesetztsein von jeder, also auch von jeder -zeitlichen Bedingung unabhängig ist; dagegen können sie als Wirkende -insofern verschieden sein, als ihr Wirken sich ändert, während sie -selbst dieselben bleiben und diese Aenderung nur unter der Annahme -möglich ist, dass das eine zu einer, das anders geartete Wirken -dagegen zu einer andern Zeit stattfindet. - -282. Wirkliche, die sich durch räumliche und zeitliche Bestimmungen -unterscheiden, können im Uebrigen eben so wol unterschieden als nicht -unterschieden, sie werden trotzdem unterschiedene d. i. Einzelwesen -und, da dieselben als unbedingt gesetzte, einfache Qualitäten, Atome -d. i. untheilbare Wesen sind, Individuen sein. Dieselben müssen -als räumlich (d. i. dem Ort nach) verschiedene, ausser einander, -beziehungsweise neben einander sein; das Wirken derselben, insofern -es in einem und demselben Individuum ein verschiedenes sein soll, -kann nur nach einander, beziehungsweise auf einander erfolgen. Da -dieselben ausser einander d. h. da ihre Orte, wenn sie selbst -unterschiedene sein sollen, nicht dieselben sein sollen, so muss es -der Orte wenigstens eben so viele geben, als es Wirkliche gibt. Da das -Wirken eines jeden derselben, wenn es ein anderes sein soll, in einen -anderen Zeitpunkt fallen muss, so muss es der Zeitpunkte wenigstens -eben so viele geben, als in demselben Wirklichen Abänderungen seines -Wirkens gegeben sind. Mit der Unbestimmbarkeit der Zahl der Wirklichen -ist daher zugleich die Unbestimmbarkeit der Zahl der Orte, mit der -Unbestimmbarkeit der Zahl möglicher Abänderungen des Wirkens eines -und desselben Wirklichen zugleich die Unbestimmbarkeit der Zahl der -Zeitpunkte gegeben. Wie die Menge des auf Grundlage des durch die -Erfahrung gegebenen Scheins anzunehmenden Wirklichen, so lässt sich -die Menge der auf Grundlage des angenommenen Wirklichen anzunehmenden -Orte, so wie jene der auf Grundlage der durch Erfahrung gegebenen -Abänderungen des Wirkens des Wirklichen anzunehmenden Zeitpunkte je -nach Bedürfniss ins Unbestimmte erweitern. - -283. Der Inbegriff des gesammten auf Grundlage des durch die Erfahrung -gegebenen Scheins jeweilig anzunehmenden Wirklichen d. i. der Inbegriff -sämmtlicher Atome macht den Stoff, der Inbegriff des von sämmtlichen -Wirklichen ausgehenden Wirkens die Kraft, der Inbegriff sämmtlicher -Orte den Raum, und jener sämmtlicher Zeitpunkte die Zeit aus. Da -der in jedem gegebenen Augenblick dem Bewusstsein durch Erfahrung -aufgedrungene Schein eines Wirklichen ein bestimmter, und insofern -endlich, in jedem gegebenen Augenblick aber ein anderer seinerseits -abermals bestimmter und insofern endlicher ist, so folgt, dass das -Quantum des Wirklichen, da dessen Annahme nur auf Grund des gegebenen -Scheins eines solchen erfolgt, nur dann ein unendliches sein muss, -wenn der gegebene Schein die Annahme eines solchen fordert, im Uebrigen -aber über dasselbe keine andere Bestimmung möglich ist, als dass das -Quantum des Stoffs dem Quantum des durch Erfahrung gegebenen Scheins -proportional sein muss. Da nun der Schluss vom Schein auf das Sein -keineswegs verlangt, dass unendlich, sondern nur, dass unbestimmt -viele Wirkliche dessen reale Grundlage ausmachen sollen, so kann auf -Grund der gegebenen Erfahrung über das Quantum des anzunehmenden -Stoffs nichts weiter ausgesagt werden, als dass dasselbe ein -verhältnissmässiges, mit dem Wachsthum des durch Erfahrung gegebenen -Scheins für das Bewusstsein in stetem Wachsen begriffenes, an sich -aber, da das Wirkliche als unbedingt gesetztes keinerlei Abänderung -seines Gesetztseins fähig ist, ein unveränderliches sein muss. - -284. Wie das Quantum des Stoffs, so ist das Quantum der Kraft zugleich -als veränderlich d. i. der Zunahme fähig, und als unveränderlich, -einer solchen unfähig anzusehen. Ersteres, insofern die Annahme -wirklichen Wirkens nur auf Grund des durch die Erfahrung dargebotenen -scheinbaren Wirkens und sonach die Bestimmung des Quantums des -ersteren nur im Verhältniss zu dem erfahrungsmässig gegebenen Quantum -des letzteren statthat, letzteres, insofern das Wirken nichts anderes -als die Verwirklichung der im Wirklichen unbedingt gesetzten einfachen -Qualität und folglich, da diese letztere unveränderlich ist, die Summe -der Verwirklichungen sämmtlicher einfacher Qualitäten des Wirklichen -eben so wie die Summe dieser selbst immer dieselbe bleiben muss. Das -Gesetz der Unveränderlichkeit des Quantums wirklichen Wirkens d. i. der -Erhaltung der Kraft ist nur die unvermeidliche Folge des Gesetzes der -Unveränderlichkeit des Quantums des Wirklichen d. i. der Erhaltung des -Stoffs. Dagegen ist das Quantum der aus dem jeweilig durch Erfahrung -gegebenen scheinbaren Wirken erschlossenen Kraft eben so wie das -Quantum des auf Grund des durch die jeweilige Erfahrung dargebotenen -scheinbaren Wirklichen erschlossenen Stoffs der Veränderung, und zwar -eines im richtigen Verhältniss zu der allmälig anwachsenden Erfahrung -zunehmenden Wachsthums bedürftig und fähig. - -285. Der Grund, weswegen letzteres, das jeweilige Quantum des -scheinbaren mit dem des wirklichen Wirkens weder jemals identisch ist, -noch werden kann, liegt in der Verschiedenheit, beziehungsweise dem -Gegensatz der individuellen Wirklichen und der daraus fliessenden -Verschiedenheit, beziehungsweise des Widerstreits ihres Wirkens. In -der Natur der Sache liegt es, dass verschiedene, ganz oder theilweise -der Qualität nach entgegengesetzte Wirkliche auch in ihrem Wirken -ganz oder theilweise einander entgegengesetzt sind d. h. dass ihr -Wirken sich gegenseitig ganz oder theilweise zwar nicht vernichtet, -weil die unbedingt gesetzte und selbst unveränderliche Qualität des -Wirklichen der Vernichtung unfähig ist, aber ganz oder theilweise -hemmt, so dass der Schein entsteht, als werde nichts oder als werde -weniger gewirkt, während thatsächlich gewirkt, und zwar mehr gewirkt -wird als gewirkt zu werden scheint. Das auf diese Weise gehemmte, -also scheinbar nicht wirklich, in der That aber wirklich, jedoch im -- -durch entgegengesetztes Wirken -- gebundenen Zustande vorhandene Wirken -ist gleichsam latentes, schlummerndes, dagegen das ungehemmte, durch -ganz oder theilweise Entgegengesetztes nicht gebundene, also freie -Wirken offenbares, lebendiges Wirken. Die Summe des letzteren muss, -da unter der Summe des Wirkenden jedesmal ein bestimmter Bruchtheil -unter sich entgegengesetzten Wirkens vorhanden sein muss, nothwendig -kleiner ausfallen als die Summe des überhaupt (im gehemmten und -ungehemmten Zustande) vorhandenen Wirkens und zwar desto kleiner, -je grösser die Summe des unter sich entgegengesetzten, also sich -hemmenden Wirkens im Verhältniss zur Summe des Wirkens überhaupt -ist. Die Wirklichen selbst, deren Wirken gehemmt ist, die also, um -dieses Gehemmtseins willen, nicht zu wirken, also nicht wirklich zu -sein scheinen, während sie doch wirkend, also wirklich sind, stellen -zusammengenommen den Inbegriff desjenigen Wirklichen dar, welches zwar -wirklich, dem Scheine nach aber nicht wirklich d. h. für die aus dem -Scheine des Wirklichen auf die Wirklichkeit folgernde Beobachtung -so gut wie nicht vorhanden ist d. h. den Inbegriff des latenten, -jeweilig nicht nur seiner Qualität nach unbekannten, sondern auch -seiner Existenz nach ungekannten Wirklichen. - -286. Letzterer liefert den Vorrath sowol zur Vermehrung des sichtbaren, -wie zur Erweiterung des Umfanges des aus gegebenem scheinbaren -erschlossenen wirklichen Wirkens. Indem bisher gebundenes Wirken aus -irgend einem Anlass frei d. h. ungehemmtes Wirken wird, tritt es aus -dem latenten in den Zustand offenbaren Wirkens d. h. es tritt selbst, -wenigstens scheinbar, als neues, bisher nicht wahrgenommenes Wirken zu -der Summe des bisher sichtbar gewesenen Wirkens hinzu; indem es als -offenbar gewordenes, also den Schein des Wirkens erzeugendes Wirken -vor das Bewusstsein tritt, ruft es in diesem den unvermeidlichen -Schluss auf wirkliches Wirken d. i. eine Erweiterung des bisherigen -Umfanges bekannten Wirkens hervor. Wie durch den ersteren Umstand -die Summe des sichtbaren Wirkens, so wird durch den letzteren die -Kenntniss wirklichen Wirkens vermehrt, durch jenen die Summe der in -der Totalität des Wirklichen lebendig thätigen, im Verhältniss zur -Summe der in derselben leblos schlummernden Kräfte, durch diesen die -Summe des auf Grund erweiterter Erfahrung erschlossenen Wirklichen -gegenüber dem auf Grund der bisherigen Erfahrung als wirklich -gekannten, ebenmässig vergrössert. - -287. Da das Quantum des überhaupt vorhandenen Wirkens nach Obigem -unveränderlich, die Summe des jeweilig ungehemmten Wirkens aber -veränderlich ist, so folgt, dass jede Zunahme der Summe des sichtbaren -von einer entsprechenden Abnahme der Summe des gebundenen Wirkens und -umgekehrt jede Zunahme dieser von einer Verminderung jener begleitet -sein muss. Könnte die Abnahme sichtbaren Wirkens je so weit sich -erstrecken, dass jedes ungehemmte Wirken sich in gehemmtes, also jedes -wirkliche Wirken in scheinbares Nichtwirken verkehrte, so müsste an -Stelle des Scheins eines Wirklichen vielmehr der entgegengesetzte -Schein der Abwesenheit irgend eines Wirklichen d. h. es müsste -der Schein der Wirklichkeit des Nichts (Nihilismus) entstehen, -welches sich selbst widerspricht. Sollte dagegen in umgekehrter -Weise die Zunahme des sichtbaren Wirkens so weit fortschreiten, dass -sämmtliches gebundenes sich in freies Wirken verwandelte, also jeder -Schein eines Nichtwirkens sich in den entgegengesetzten Schein des -Wirkens auflöste, so müsste, da jede Hemmung eines Wirkens nur aus -der Verschiedenheit, beziehungsweise dem Gegensatze der Wirkenden -entspringt, der Schein entstehen, als sei zwischen den Wirkenden -überhaupt keine Verschiedenheit d. h. als seien überhaupt nicht -unterschiedene Wirkliche (Pluralismus, Individualismus), sondern nur -ein einziges, schlechterdings unterschiedloses Wirkliches (Monismus, -All-Eins-Lehre) vorhanden; welcher Schein, da, wie oben gezeigt, die -Annahme eines einzigen Wirklichen auch nicht einmal die Entstehung -des Scheins einer Vielheit ermöglicht, sich selbst widerspricht. Da -sonach von diesen beiden Fällen keiner als jemals möglicher Weise -eintretend gedacht werden darf, ohne etwas sich selbst Widersprechendes -zu denken, so folgt, dass weder die Abnahme des sichtbaren Wirkens -jemals so weit gehen kann, dass völlige Ruhe (Leblosigkeit), noch die -Zunahme desselben je so hoch sich steigern kann, dass durchgängige -Lebendigkeit (Bewegung) im ganzen Umkreis des Wirklichen herrsche, -sondern dass immer Ruhe und Bewegung, Leblosigkeit und Lebendigkeit -zugleich, jedes in einem mehr oder weniger weit reichenden Theile -des Wirklichen vorhanden sei. - -288. Wie den Quantis des Stoffs und der Kraft, kommt den Quantis -des Raumes und der Zeit Wandelbarkeit zugleich und Wandellosigkeit -zu. Wenn der erstere nichts anderes ist als der Inbegriff der -Orte des Wirklichen, so folgt, dass dessen Quantum weder grösser -noch kleiner sein kann als das Quantum des Wirklichen. Da nun das -letztere, wie gezeigt, in einer Hinsicht veränderlich, in einer -andern dagegen unveränderlich ist, so folgt, dass in Bezug auf das -Quantum des Raumes dasselbe stattfinden muss. Jede Erweiterung des -bisher bekannten Umfanges des Wirklichen durch die Annahme neuer -Wirklicher macht die Annahme neuer Orte und damit die Vermehrung des -bisherigen Quantums des Raums nöthig. Die Erhaltung des Quantums des -Stoffs d. i. des Inbegriffs aller Wirklichen, deren jedes seines von -dem jedes andern unterschiedenen Orts bedarf, macht die Erhaltung -des Quantums des Raums unvermeidlich. Wenn die Zeit nichts anderes -ist als der Inbegriff der Zeitpunkte d. i. derjenigen Bedingungen, -unter welchen allein das Wirken eines Wirklichen jeweilig ein anderes -geworden, das Wirkliche selbst aber dasselbe geblieben sein kann, so -folgt, dass jedes Anderswerden der Wirkung mindestens zwei Zeitpunkte, -denjenigen, in welchen das unveränderte, und denjenigen, in welchen -das veränderte Wirken fällt, fordere, und daher das Quantum der -Zeitpunkte nicht kleiner sein könne als das Quantum der eingetretenen -Veränderungen des Wirkens. Da nun das Quantum des Wirkens überhaupt, -also auch das Quantum der in demselben enthaltenen Abänderungen des -Wirkens einerseits, wie aus der Erhaltung des Stoffs folgt, immer -dasselbe, andererseits, wie aus der Veränderlichkeit des scheinbaren -Wirkens folgt, veränderlich ist, so folgt, dass auch das Quantum der -Zeit einerseits, so weit dasselbe durch das Quantum der überhaupt -wirklichen Abänderungen des Wirkens bedingt ist, immer dasselbe, -dagegen, so weit dasselbe von dem jeweilig im Bewusstsein schwebenden -Quantum scheinbaren Wirkens abhängig ist, veränderlich sein muss. - -289. Aus dem Begriff des Raumes folgt, dass er erfüllter Raum sei -d. h. dass es einen sogenannten leeren Raum nicht geben könne. Da -derselbe nichts anderes ist, als der Inbegriff der Orte, die Setzung -eines Orts aber nur auf Veranlassung und im Gefolge der Setzung eines -Wirklichen, dessen Ort er ist, erfolgt, so kann es weder Orte geben, -in welchen kein Wirkliches, noch Wirkliche, für welche kein Ort gesetzt -ist. Die an verschiedenen Orten befindlichen Wirklichen können daher -zwar nicht nur ausser einander, sondern es können auch zwischen ihren -Orten andere Orte gelegen d. h. sie müssen nicht an einander sein; -keineswegs aber dürfen die zwischen ihren Orten gelegenen Orte als leer -d. h. als solche gedacht werden, in welchen kein Wirkliches befindlich -ist. Folge davon ist, dass eine sogenannte actio in distans d. h. ein -Wirken durch den leeren Raum hindurch schon aus dem Grunde unmöglich -wird, weil die Voraussetzung derselben, der leere d. h. mit Wirklichen -nicht erfüllte Raum eine in sich widersprechende, folglich im Umfang -des auf Grundlage des Wirklichen gesetzten Raums niemals zutreffende -Annahme ist. - -290. Da der Ort jedes Wirklichen, so lange deren individuelle -Unterschiedenheit von ihren räumlichen und zeitlichen Bestimmungen -abhängig gedacht wird, nur ein einziger sein kann, so bleibt derselbe -so lange unbestimmt, als sich auch nur ein einziger Ort angeben lässt, -welcher demselben Wirklichen mit gleichem Recht zugesprochen werden -kann. Dieses aber ist der Fall, wenn das Wirken des Wirklichen als -eine Function seines Aussereinander mit anderen Wirklichen gedacht -und sonach der Ort desselben als lediglich durch die Entfernung von -dem Ort eines anderen Wirklichen bestimmt vorgestellt wird. Denn -sodann findet sich nicht nur ein einziger Ort, sondern es finden sich -unzählige Orte, welche mit gleichem Recht als Ort jenes Wirklichen -angenommen werden können, da sie alle von dem zweiten die gleiche -Entfernung haben, nämlich alle diejenigen, welche die Oberfläche -einer Kugel bilden, deren Mittelpunkt das zweite Wirkliche und deren -Radius der Abstand des ersten vom zweiten ist. Soll daher aus diesen -unzähligen ein einzelner als Ort des Wirklichen ausgeschieden werden, -so müssen zu der Angabe der Entfernung weitere Angaben hinzukommen, -deren eine darin besteht, in welcher der unzähligen Kreisebenen, welche -durch den Mittelpunkt jener Kugel gelegt werden können, deren zweite -dahin lautet, in welchem der in jener Kreisebene vom Mittelpunkt an -die Peripherie gezogenen Radien der Ort jenes Wirklichen zu suchen -sei. Erst durch die letztgenannte dieser Angaben ist der Ort des -Wirklichen völlig und dergestalt bestimmt, dass schlechterdings -kein zweiter angebbar ist, welcher mit ihm die nämlichen räumlichen -Bestimmungen theilte. Dieselben sind daher für jeden unter obigen -Bedingungen gesetzten Ort eines Wirklichen dreifach und zwar durch -dessen Beziehungen zu drei auf einander in demselben Punkte senkrechten -Richtungen (den sogenannten Coordinaten) fixirt, der auf solche Weise -gedachte Raum daher als ein dreidimensionaler, nach den Richtungen -der Länge, Breite und Tiefe ausgedehnter, vorgestellt. - -291. Da letztere Vorstellung nur unter der Annahme erfolgt, dass das -Wirken des Wirklichen eine Function der Entfernung desselben von einem -anderen Wirklichen sei, so leuchtet ein, dass deren Nothwendigkeit -schwindet, sobald an die Stelle obiger Annahme eine andere gesetzt, -das Wirken des Wirklichen z. B. statt von der Entfernung desselben von -einem andern Wirklichen, von dessen Nichtentferntsein von letzterem -d. h. statt von dem räumlichen Aussereinander von dem örtlichen -Ineinander beider Wirklichen abhängig gedacht wird. In diesem Falle -wäre nämlich der Ort des Wirklichen auch durch die Angabe seiner Lage -im Raume nach allen drei Dimensionen desselben noch nicht bestimmt, -da sich noch immer ein zweiter Ort angeben liesse, welcher ganz die -nämliche Lage im Raume besässe, nämlich jener des zweiten Wirklichen, -von welchem das erste der Annahme zufolge "nicht entfernt", sondern -mit welchem dasselbe "in einander" sein soll. Es müsste also, wenn -die Wirklichen dennoch verschieden sein sollten, entweder der Raum -eine weitere, sogenannte vierte Dimension besitzen, nach welcher -Orte desselben, deren Lage nach Länge, Breite und Tiefe identisch -ist, dennoch verschieden sein könnten, oder die Verschiedenheit -der Wirklichen dürfte nicht mehr blos in deren räumlichen (oder -zeitlichen) Bestimmungen, sondern sie müsste in deren sogenannter -innerer Beschaffenheit gelegen sein. Obige Annahme, dass das Wirken -des Wirklichen eine Function der Entfernung, um so mehr die fernere -enger begrenzte, dass dieselbe in einer Abnahme der Wirkung mit -der Entfernung, so wie die engste, dass diese Abnahme im Quadrat -der Entfernung erfolge, hat schon Kant in seinen "Gedanken von der -wahren Schätzung lebendiger Kräfte" (Werke Hart. VIII. 26) für eine -"willkürliche" erklärt, an deren statt an sich eben so gut eine andere, -z. B. dass mit der Entfernung eine Zunahme des Wirkens eintrete, -oder die Abnahme im Cubus der Entfernung erfolge etc. hätte gedacht -werden können. Dieselbe wird eben nur deshalb gedacht, weil wir uns von -einem Raume, der unter einer anderen Annahme entsteht, z. B. von einem -vierdimensionalen, eben, wie Kant gleichfalls p. 27 bemerkt, keine -Vorstellung zu machen im Stande sind, und die gegebene Erfahrung des -scheinbar Wirklichen mit der Annahme des dreidimensionalen Raums und -der Abnahme der Wirkung im Quadrate der Entfernung am vollkommensten -übereinstimmt. - -292. Wie der Raum unter der Annahme, dass das Wirken eine Function -der Entfernung sei, eine dreidimensionale, so hat die Zeit unter der -Annahme dass das Wirkende vor und nach der Abänderung seines Wirkens -dasselbe sei, nur eine eindimensionale Ausdehnung. Wie jeder Ort im -Raum durch sein Verhältniss zu einem andern nach drei in demselben -auf einander senkrechten Richtungen, so ist jeder Punkt in der Zeit -durch sein Verhältniss zu zwei andern mit ihm in derselben Richtung -gelegenen, deren einer vor, der andere hinter ihm liegt, so lange -vollkommen bestimmt, als nicht an die Stelle des ersten ein zweites -Wirkliches getreten ist. Denn nur unter der letztern Voraussetzung, -dass es sich nicht mehr um eine Abänderung des Wirkens desselben, -sondern eines anderen Wirklichen handelt, ist es möglich, dass es -noch einen zweiten Zeitpunkt gibt, welcher in der nämlichen Richtung -von einem vor und einem hinter ihm gelegenen Punkte die nämliche -Entfernung besitzt wie jener erste. - -293. Mit der Annahme, dass das Wirken überhaupt keine Function der -Entfernung, also von dieser unabhängig, jedes Mass der Entfernung -für das Mass der Wirkung gleichgiltig sei, hat sich der Mysticismus, -der an die "Wirkung in die Ferne" glaubt, mit der Voraussetzung, dass -der Raum eine vierte Dimension besitze, der moderne in ein exactes -Gewand sich drapirende Spiritismus, mit der Hypothese endlich, dass -die Verschiedenheit der individuellen Wirklichen nicht sowol in deren -räumlicher und zeitlicher Bestimmtheit, als vielmehr in deren innerer -qualitativer Unterschiedenheit zu suchen sei, der (im Unterschied vom -quantitativen sogenannte) qualitative Atomismus (Leibnitz, Herbart, -Lotze) zu schaffen gemacht. Der erste geht von dem Grundsatz aus, -dass zwar die Orte der Wirklichen verschieden, also die Wirklichen -ausser einander, das eine z. B. wie Ennemosers magnetisirte Frau in -St. Petersburg, das andere, der Magnetiseur, in München seien, die -Entfernung beider Orte jedoch für die Wirkung gleichgiltig d. h. diese -auch bei der grössten Entfernung ungeschwächt und die nämliche sei. Der -zweite lässt, und darin besteht seine Uebereinstimmung mit der einmal -angenommenen Basis der exacten Naturwissenschaft, welche bewirkt, -dass derselbe auch für Naturforscher verlockende Kraft besitzt -- -der zweite lässt die Annahme, dass das Wirken eine Function der -Entfernung d. h. der Verschiedenheit der Orte der Wirklichen sei, -gelten, besteht aber darauf, dass die Orte zweier Wirklichen, -deren räumliche Lage nach allen drei bekannten Abmessungen des -Raumes identisch ist, dennoch verschiedene seien d. h. dass der -Raum eben noch eine, die vierte Dimension, besitze. Der qualitative -Atomismus aber, welcher die räumliche und zeitliche Verschiedenheit -der Wirklichen nur als eine Folge der qualitativen Verschiedenheit -derselben ansieht d. h. deren räumliches Ausser- und zeitliches -Nacheinander nicht als die Bedingung, sondern als die Folge der -Wechselwirkung der letzteren betrachtet, daher statt die Wirkung -als eine Function der Entfernung zu definiren, dieselbe vielmehr -(wie der Mysticismus) nur unter Voraussetzung völligen "Ineinanders" -der Wirklichen für möglich hält, kommt dadurch dahin, die räumliche -und zeitliche Ausdehnung für blossen (wenngleich objectiven) Schein, -die Totalität sämmtlicher individueller Wirklichen für räumlich und -zeitlich ungeschieden, sonach (in räumlicher und zeitlicher, also -quantitativer Hinsicht) als eins und doch ihrer Beschaffenheit nach -als geschieden: d. h. (in qualitativer Hinsicht) als vieles zu setzen. - -294. Mit der Entwickelung der Dreidimensionalität des Raums aus der -"willkürlichen Annahme", dass das Wirken Function der Entfernung -sei, hat die Wissenschaft vom Wirklichen die Grenze desjenigen, -was sich aus der Thatsache des Scheins des Vielen und Vielfachen -auf philosophische d. i. auf nothwendige Weise, oder so aussagen -lässt, dass eine gegentheilige Behauptung das Denken selbst -aufheben würde, überschritten. Dass Wirkliches, und zwar Vieles und -Vielfaches, demnach, wenn nicht anders, doch wenigstens als durch -seine räumliche und zeitliche Bestimmtheit Unterschiedenes gedacht -werden müsse und nicht nicht gedacht werden könne, ohne das Denken -mit sich selbst d. i. mit seinen eigenen Normen in Widerspruch zu -versetzen, folgert der Realismus aus der Thatsache des Scheins -vieler und vielfacher Wirklichen mit Nothwendigkeit; dass das -Wirken des Wirklichen eine Function der Entfernung der Orte des -Wirklichen, zu der Erklärung des ersteren demnach die Annahme der -Dreidimensionalität des Raumes erforderlich sei, folgert derselbe -aber nur als Möglichkeit, neben welcher andere Möglichkeiten, und -auf Grund der gegebenen Erfahrung als eine Wahrscheinlichkeit, neben -welcher diese anderen als Unwahrscheinlichkeiten bestehen. Weder die -Annahme des Mysticismus, dass das Wirken keine Function der Entfernung, -noch jene des Spiritismus, dass der Raum vierdimensional sei, hat, -so lange nicht zahlreichere und besser als die bisherigen beglaubigte -Thatsachen deren Möglichkeit erweisen, die Wahrscheinlichkeit für -sich; der qualitative Atomismus, welcher dahin gelangt, die Vielen -(quantitativ) als eins und (qualitativ) als viele zu setzen, hat -den Widerspruch, dass eins = vieles und vieles = eins sein soll, -und damit die Möglichkeit gegen sich. - -295. Aber auch der Versuch, das Denken selbst zu verleugnen und -mit dessen Umgehung auf einem anderen Wege des Wirklichen sich zu -bemächtigen, wie ihn der das Denken transcendirende und darum wol auch -(obgleich, wie oben bemerkt, fälschlich) sogenannte transcendentale -Realismus wagt, führt zu keinem andern Ziel. Derselbe stützt sich -entweder, um der Nothwendigkeit zu entgehen, dasjenige, was vom -Denken als seiend anzunehmen verboten wird, ablehnen, oder, was von -diesem als wirklich anzunehmen geboten wird, annehmen zu müssen, -auf den trivialen Satz, dass dasjenige, was durch das Zeugniss -der Sinne bestätigt, wahr, was durch dasselbe verworfen werde, -falsch sei, gleichviel ob das erstere den Normen des Denkens -entgegen, das letztere durch dieselben zu denken geboten sei, -und fällt dadurch auf den längst kritisch überwundenen Standpunkt -des gemeinen empirischen Realismus zurück. Oder er beruft sich, um -den Forderungen des Denkens auszuweichen, auf ein vom Vorstellen -(dem Intellect) wesentlich und der Art nach verschiedenes Organ, -über welches die Gesetze des logischen Vorstellens (die Normen des -Intellects) keine Gewalt haben, dem sie daher auch weder zu gebieten, -noch zu verbieten berechtigt sein sollen. Als ein solches wird von -der einen Schule des transcendenten Realismus (Gefühlsphilosophie: -Jacobi) das Gefühl, von der andern (Willensphilosophie: Schopenhauer) -das Wollen bezeichnet. Jener zufolge ergreift im Gefühl der Fühlende -das Wirkliche (übersinnlich Reale) unmittelbar, ohne Dazwischenkunft -und folglich zwar ohne die Hilfe, aber auch ohne die Mängel des -Intellects; dieser zufolge weiss das Subject, indem es sich selbst -als wollendes weiss, damit zugleich das einzige wahrhaft Wirkliche, -den Willen, unmittelbar, ohne Dazwischenkunft und folglich auch -ohne das Trügerische der Vorstellung. Von der ersteren gilt, dass, -da im Gefühl Gefühltes und Fühlen ununterscheidbar zusammenrinnt, -derjenige, der blos fühlt, eben darum nicht weiss, und daher blosses -Fühlen eben so wenig wie blosses "Ahnen" (Fries) Princip und Grundlage -einer Wissenschaft werden kann. Von der letzteren gilt, dass, wie -schon Herbart treffend bemerkt hat, unmittelbares Wissen wie seiner -selbst als Wollenden, so des Wirklichen als Willen, ein Wissen, -folglich die Möglichkeit zu wissen, und schliesslich, da Wissen eben -nichts anderes als eine Art des Denkens d. i. wahres Denken ist, das -angeblich mit Umgehung des Denkens erfolgte Ergreifen des Wirklichen, -um überhaupt möglich zu sein, das Denken voraussetzt. - -296. Letzterer Einwand, welcher die Möglichkeit, mit Umgehung des -Denkens zu dem transcendenten Sein, dem Wirklichen selbst zu gelangen, -überhaupt trifft, wird nicht widerlegt, sondern nur umgangen durch -die Behauptung, dass die Natur des Wirklichen auf dem Erfahrungswege -zwar nicht der gemeinen, sinnenfälligen, aber einer nicht gemeinen, -mystischen Empirie erkannt d. h. dass das "speculative Resultat" die -Erkenntniss des Wirklichen seinem Wesen nach, "auf inductivem Wege" -d. i. an der Hand exacter Thatsachen erreicht werde. Ersteres wäre nur -dann der Fall, wenn entweder der "Erfahrungsweg" das Denken aus- oder -der angeblich "inductive Weg" exacte Thatsachen einschlösse. Jenes -findet so wenig statt, dass vielmehr die Kritik des sogenannten -empirischen Realismus eben nichts anderes betrifft als das Verbot, -sich des sogenannten Erfahrungsweges ohne vorläufige Sichtung nach -den Normen des logischen Denkens zu bedienen, dieses aber bleibt -wenigstens so lange und für alle diejenigen zweifelhaft, als und für -welche die angeblichen Erscheinungen der Naturheilkraft des Hellsehens, -des Instincts u. s. w. den Werth unbestrittener Erfahrungsthatsache -entweder noch nicht erreicht haben, oder, was eben so möglich, ja -vielleicht wahrscheinlicher ist, niemals erreichen werden. - -297. Mit obiger Grenzüberschreitung ist aber auch der Punkt -erreicht, wo die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen der -Erfahrungswissenschaft von demselben die Hand zu bieten vermag. Jene, -die von der Erfahrung aus-, aber auf Grund in deren Inhalt gelegener -Nöthigung über dieselbe hinausgeht, hat mit der letzteren, die -nicht nur wie jene auf der Erfahrung fusst, sondern auch innerhalb -derselben verharrt, die Aufgabe gemein, die Erfahrung begreiflich zu -machen. Seitens der letzteren geschieht dies, indem sie das gesammte -Wissen vom Wirklichen auf den Boden der Erfahrung zu stellen, seitens -der ersteren, indem sie den Boden der Erfahrung selbst sicher zu -legen unternimmt. Beide, die philosophische und die empirische -Wissenschaft vom Wirklichen gleichen Arbeitern, welche von den -entgegengesetzten Seiten eines Berges her, unsichtbar für einander, -aber auf gemeinsamen Voraussetzungen fussend und einer gemeinsamen -Methode sich bedienend, einen Tunnel durch das Innere desselben zu -bohren unternehmen, in der Hoffnung, wenn ihre Voraussetzungen giltig -und ihre Berechnungen richtig sind, irgendwo in der Höhlung desselben -zusammenzutreffen. Jene schreitet von den allgemeinen Begriffen und -Principien des Wirklichen und seines Wirkens in der Richtung gegen die -erfahrungsmässig gegebenen Erscheinungen der scheinbaren Wirklichkeit -nach vorwärts, diese, von der Erscheinungswelt der Erfahrung in der -Richtung gegen deren allgemeinste und oberste reale und gesetzliche -Voraussetzungen nach rückwärts. Wenn beider methodische Grundsätze -giltig und ihre Folgerungen zutreffend sind, werden beide früher -oder später irgendwo an der Grenze einerseits des Denknothwendigen, -andererseits des Erfahrbaren einander begegnen müssen. - -298. Einen thatsächlichen Beweis für die Richtigkeit dieser -Annahme liefert die Herrschaft, welche die Atomistik einerseits -als philosophische über die philosophische, andererseits als -physikalische über die empirische Wissenschaft vom Wirklichen gewonnen -hat. In der ersteren ist dieselbe als zugleich realistische und -pluralistische Grundlegung der phänomenalen Welt an die Stelle der -sowol idealistischen als monistischen einstigen "Naturphilosophie", in -der letzteren ist sie, wie Fechner eben so gründlich als scharfsinnig -ausgeführt hat, längst mit Recht an die Stelle der (noch von Kant -begünstigten) einstigen dynamischen Naturauffassung getreten. So wenig, -wie Fechner selbst zugestanden hat, die philosophische Atomenlehre mit -der physikalischen identisch, so gewiss ist dieselbe mit der letzteren -verträglich d. h. bietet die Existenz einer unbestimmten Vielheit -einfacher wirklicher und unausgesetzt wirkender Wesen einen realen -Anknüpfungspunkt dar für die Zurückführung der gesammten Phänomene -der körperlichen Welt auf die Existenz unbestimmt vieler untheilbarer -und daher gleichfalls "einfach" genannter, mit rastlos thätigen -Kräften ausgestatteter Elemente. Dass die letzteren ihrer behaupteten -Einfachheit ungeachtet von Fechner als "körperliche" bezeichnet werden, -ist nur als Beleg anzusehen, dass die empirische Wissenschaft vom -Wirklichen, welche innerhalb der Grenzen des sinnlich Erfahrbaren -bleibt, der philosophischen, welche von Haus aus über dieselben hinaus -führt, zwar stetig sich nähert, aber sie noch nicht berührt. - -299. Aber nicht nur der empirischen Wissenschaft von der körperlichen, -auch jener von der Bewusstseinswelt sowol des Einzel- wie des -gesellschaftlichen Subjects bietet die philosophische Wissenschaft -vom Wirklichen, jener in dem einfachen Wirklichen eine reale, dieser -in der unbestimmten Menge realer Bewusstseinsträger eine reale und -pluralistische Grundlage dar. Wie die unbestimmte Vielheit einfacher -Wirklicher den haltbaren Boden für den aus einer eben so unbestimmten -Vielheit atomistischer Elemente zusammengesetzten Stoff der physischen -Welt, so bildet das einzelne individuelle Wirkliche den haltbaren -Mittelpunkt, in welchem der aus einer unbestimmten Menge elementarer -Bewusstseinsvorgänge bestehende Stoff der psychischen Welt im Phänomen -der Einheit des Ich's wie in einem Brennpunkt zusammenfliesst, und -macht die Vielheit individueller Wirklichen der letztgenannten Art, -deren jedes für sich ein Bewusstseinscentrum abgibt, die unentbehrliche -Grundlage dessen aus, was als Vereinigung durch ein gemeinsames Band -unter einander verknüpfter, bewusster oder doch bewusstseinsfähiger -Individuen den Stoff der Gesellschaft und der Entwickelung derselben -in den Grenzen des Raums und in der Folge der Zeit d. i. der Geschichte -ausmacht. - -300. Letzteren, den dreifachen Stoff, den die Betrachtung der -körperlichen, der Bewusstseins- und der geschichtlichen Welt liefert, -aber vermag die Wissenschaft vom Wirklichen nicht der philosophischen, -sondern nur der empirischen Wissenschaft von diesem zu entlehnen. Der -philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen kann es nicht beikommen, -die unausgefüllte Kluft, welche zwischen den äussersten erlaubten -Consequenzen des Denknothwendigen und den äussersten Grenzen -des Erfahrbaren übrig bleibt, durch Conjecturen ausfüllen, oder -den Uebergang von dem einen zum andern durch Einbildungen ebnen -zu wollen, welche weder mehr in der Nothwendigkeit des Denkens, -noch schon in der Möglichkeit der Erfahrung eine Rechtfertigung zu -finden im Stande sind. Dieselbe hat zwar die Aufgabe, die Erfahrung -zu befragen und, wenn deren Antwort ihr unbefriedigend, sei es der -Form nach unvollkommen, sei es dem Inhalt nach unvollständig dünkt, -dieselbe den Normen des Denknothwendigen gemäss der ersten nach zu -berichtigen, dem zweiten nach deren Ergänzung abzuwarten, aber sie -hat weder die Mittel dieselbe aus Eigenem zu ersetzen, noch, wenn -sie nicht vom Taumel orphischen Hochmuths ergriffen ist, jemals -die Anmassung, die Erfahrung überflüssig machen zu wollen. Indem -sie sonach an die selbst aus der Erfahrung geschöpfte Eintheilung -des erfahrbaren Wirklichen in ein solches, dessen Kenntniss aus der -sogenannten äusseren (Physisches) ein solches, dessen Kenntniss aus -der sogenannten inneren (Psychisches), und in ein solches, dessen -Kenntniss aus der äussern und innern Erfahrung zugleich stammt -(Sociales, Geschichtliches) sich unbedenklich anschliesst, begnügt -sie sich, jedes der drei genannten Gebiete des Erfahrbaren mit dem -auf Grund der Erfahrung, aber durch Hinausgehen über dieselbe als -denknothwendig erkannten, wahren Wirklichen zu vermitteln und in -einer an logischem Faden ungezwungen fortlaufenden Anordnung des -durch die Erfahrung gebotenen Stoffs eine systematische Uebersicht -des erfahrbaren Wirklichen in der Körper-, in der Geistes- und in -der geschichtlichen Welt zu entwerfen. Jenes macht den Inhalt der -philosophischen Betrachtung der sogenannten bewusstlosen Welt, -oder des Nicht-Ich, das zweite den Inhalt der Betrachtung der -bewussten Welt, des Ich, das dritte den Inhalt der Betrachtung einer -gleichfalls bewussten, aber in dem Bewusstsein einer Mehrheit zur -Einheit verknüpfter, bewusster Individuen d. i. einer Gesellschaft -sich abspielenden Welt des socialen oder geschichtlichen Ich aus. - -301. Die Betrachtung des Nicht-Ich beginnt mit jener des letzten, -was auf dem Wege der Erfahrung, oder vielmehr schon nur durch einen -Sprung, der über die wirkliche Erfahrung hinausführt, erreichbar ist, -des Atoms. Dasselbe ist nach der Ansicht der Physiker (Ampère, Moigno -u. A.) zwar einfach aber doch "körperlich" (Fechner); jenes bedeutet, -dass dasselbe untheilbar oder doch wenigstens für jetzt nicht weiter -als getheilt angesehen sein soll, dieses, dass dasselbe nichts desto -weniger als materiell d. i. dem körperlichen Stoff (Materie), dessen -letzten Bestandtheil es ausmacht, als gleichartig gelten soll. Erstere -Eigenschaft nähert, letztere dagegen entfernt das physikalische Atom -von dem philosophischen, welches letztere zwar im strengsten Sinn -des Wortes seiner Qualität nach als einfach, dessen Qualität selbst -aber als schlechterdings unbekannt d. h. auch nicht, wie jene des -physikalischen Atoms, etwa als materiell zu denken ist. Je nachdem -empirische Naturbetrachtung von der Ansicht ausgeht, dass sämmtliche -Atome unter einander der Qualität nach gleich, oder einige derselben -ursprünglich und unveränderlich ihrer qualitativen Beschaffenheit nach -von jener der anderen verschieden sind, scheidet sich dieselbe in eine -rein quantitative und in eine ganz oder doch zum Theile qualitative -Atomistik, deren erstere nicht nur alle Verschiedenheiten der Körper, -sondern auch sämmtliche Erscheinungen der körperlichen Welt aus den -Verschiedenheiten rein quantitativer Beziehungen unter der Qualität -nach homogenen, die letztere dagegen dieselben ganz oder doch -theilweise aus der verschiedenen qualitativen Natur die Elemente der -Körper, so wie die Grundlage körperlicher Erscheinungen ausmachender, -unter einander heterogener Atome abzuleiten bemüht ist. - -302. Die erfahrungsmässig gegebenen Verschiedenheiten der Körper -d. i. der räumlich und zeitlich begrenzten zusammengehörigen Gruppen -von Atomen, also die Unterschiede einerseits des belebten (organischen) -oder leblosen (unorganischen) Körpers, ferner die Unterschiede der -letzteren, als zusammengesetzte, die sich in weitere, der Qualität -nach verschiedene Bestandtheile zerlegen, und einfache (die sogenannten -einfachen Stoffe der Chemie), die sich in solche nicht weiter auflösen -lassen, ferner die Unterschiede der letzteren selbst je nach ihrer -qualitativen Beschaffenheit (z. B. des Sauerstoffs vom Wasserstoff, des -Stickstoffs vom Kohlenstoff, des Calcium vom Magnesium u. s. w.) werden -von der qualitativen Atomistik auf eine fundamentale qualitative -Verschiedenheit der den Stoff der Körper ausmachenden letzten Elemente -zurückgeführt, so dass dieselben bei den organischen Körpern andere -als bei den unorganischen und ebenso bei jedem der einfachen Körper, -welche die letzten qualitativ unterschiedenen Bestandtheile der -zusammengesetzten abgeben, andere als bei den übrigen seien. Dieselbe -betrachtet als sogenannte biologische Atomistik jeden belebten Körper -als bestehend aus gleichfalls lebendigen Atomen, den sogenannten -Zellen, während der leblose Körper bis in seine letzten Elemente -hinab aus gleichfalls leblosen Elementen bestehend vorgestellt -wird. Als sogenannte chemische Atomistik sieht dieselbe nicht nur -den zusammengesetzten Körper, z. B. das Wasser, für bestehend aus -qualitativ verschiedenen und zwar aus Atomen von zweierlei Art an, -davon die einen sauerstoff-, die andern wasserstoffartig und davon -jene mit diesen nach einem bestimmten Verhältniss, so dass auf je -zwei Atome Wasserstoff ein Atom Sauerstoff (H2O) gerechnet wird (dem -sogenannten stöchiometrischen Verhältniss), unter einander verbunden -sind. Wird letztere Ansicht auch auf die sogenannten organischen Körper -ausgedehnt, so dass diese als zusammengesetzt aus einfachen Stoffen -gedacht werden, welche unter andern Verhältnissen die Bestandtheile -unorganischer Körper ausmachen z. B. aus Sauerstoff, Wasserstoff, -Kohlenstoff und hauptsächlich Stickstoff, so schwindet zwar der -qualitative Unterschied zwischen belebten und unbelebten Körpern, aber -derjenige zwischen den einfachen Körpern bleibt bestehen d. h. die -Atome des Sauerstoffs sind nach wie vor qualitativ verschieden -von jenen des Wasserstoffs, die des Azots von jenen des Carbons -u. s. w. Zeigen nun Körper, ungeachtet die qualitativen Bestandtheile -derselben die nämlichen sind, dennoch verschiedene Eigenschaften -(die sogenannte Isomerie), so werden, da diese Verschiedenheit -nicht mehr aus der Verschiedenheit der qualitativen Beschaffenheit -der Elemente sich erklären lässt, quantitative Verschiedenheiten der -(qualitativ gleichen) Körper und zwar solche, welche entweder aus dem -arithmetischen Gesichtspunkt der Menge oder aus dem geometrischen -der (räumlichen) Lage der Elemente entlehnt sind, zur Erklärung -herangezogen. (Wie dies z. B. bei der Weinsteinsäure, welche auf die -Polarisationsebene des Lichtes eine drehende Wirkung ausübt, bei der -Thatsache der Fall ist, dass eine Gattung derselben unter übrigens ganz -gleichen Verhältnissen jene Ebene nach rechts, eine andere dagegen -dieselbe nach links dreht. In diesem Falle wird angenommen, dass die -Atome der rechtsdrehenden Weinsteinsäure eine Lagerung nach rechts, -jene der letzteren eine solche nach links besitzen.) - -303. Das Charakteristische der quantitativen Atomistik besteht -darin, dass sie diejenige Hypothese, welche die qualitative nur in -Ausnahmsfällen, wie z. B. in jenem der Isomerie, zu Hilfe ruft, -der gesammten Erklärung der Körperwelt als alleinige zu Grunde -legt. Während dieser zufolge die Verschiedenheit der Körper in der -Regel auf der qualitativen Verschiedenheit ihrer Elemente d. h. auf -der Verschiedenheit ihres Stoffes und nur in einigen Fällen auf der -Verschiedenheit der Zusammensetzung ihrer übrigens gleichen Elemente -d. i. auf jener der Form beruht, macht jene letztere Ausnahme zur -Regel d. h. betrachtet die Isomerie als eine Grund- und gemeinsame -Eigenschaft aller sonst wie immer unterschiedenen Körper und leitet -sämmtliche Verschiedenheiten der letztern ausschliesslich aus der -Verschiedenheit ihrer Zusammensetzung aus übrigens gleichen Elementen -d. i. aus der Form ab. Ihr zufolge sind daher nicht nur die Elemente -des belebten nicht von jenen des unbelebten Körpers, sondern auch -die Elemente irgend eines einfachen Stoffes nicht von jenen jedes -beliebigen andern Stoffes verschieden. Letzteres setzt voraus, dass -die gleichwol unbestreitbare Unterschiedenheit sowol der nächsten -- -durch die Analyse organischer Körper erreichbaren -- Bestandtheile von -den -- durch Analyse sogenannter unorganischer Körper darstellbaren -- -Stoffen (z. B. des Eiweissstoffes, des Proteïns, des Caffeïns, Theïns -u. dgl. von Oxygen, Hydrogen, Gold, Eisen, Platin u. s. w.) wie die -gleichfalls unleugbare Unterschiedenheit der einfachen Stoffe selbst -gleichwol nur eine scheinbare, der Grund derselben lediglich in der -verschiedenen Art der Verbindung ursprünglich durchaus homogener -Elemente zu einem Ganzen zu suchen, der sogenannte organische Körper -zwar in seinen nächsten und näheren, keineswegs aber in seinen -entfernten und entferntesten Bestandtheilen von den unbelebten -unterschieden, so wie dass die ganze bekannte und noch zu ergänzende -Reihe sogenannter einfacher d. i. weiter nicht zerlegbarer Stoffe -nur als eine Reihe der Form nach unterschiedener Umbildungen eines -einzigen (sei es eines der bereits bekannten Stoffe oder eines -bisher unbekannten Stoffes) anzusehen sei. Erstere Behauptung, -die der stofflichen Identität der lebendigen und leblosen Körper, -hat in der Naturwissenschaft unserer Tage bereits weite Verbreitung -gefunden; letztere Behauptung, welche auf einem weiten Umwege in -exacter Weise die Ansicht der Urmutter der Chemie, der Alchymie, -von der Transformationsfähigkeit der verschiedenen Körper in einander -erneuert, hat in der sogenannten "Philosophie der Chemie" (J. B. Dumas) -ihren Platz und durch die Aufstellung der sogenannten Typentheorie -und die Entdeckung der sogenannten typischen Körper, durch welche von -Einigen die grosse Zahl der bisher als einfach angenommenen Stoffe -bereits bis auf acht herabgemindert scheint (Ciancian), bereits eine -empirische, wenigstens annähernde Bestätigung erhalten. - -304. Die Aufgabe einer logischen Uebersicht des empirischen Stoffs -kann es nicht sein, über die Geltung der einen oder der andern -beider entgegengesetzten Formen der Atomistik, über welche nur -Thatsachen zu entscheiden vermögen, einen Ausspruch zu thun. Die -logische Consequenz d. i. die innere Uebereinstimmung mit der durch -die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen gelegten realen -Grundlage der phänomenalen Welt hat, wie es augenscheinlich ist, -die quantitative Atomistik in höherem Grade als die qualitative für -sich. Ist es überhaupt richtig, dass die vielen unbedingt gesetzten -einfachen Wirklichen unter einander die kleinste denkbare qualitative -Verschiedenheit d. i. keine andere besitzen als diejenige, welche -in deren räumlichen und zeitlichen Bestimmtheiten sich ausdrückt, -so ist es nur folgerichtig, auch die Gesammtheit der letzten realen -Elemente, welche zusammengenommen den Stoff der Körperwelt ausmachen, -der physikalischen Atome, als einen Inbegriff qualitativ gleichartiger -Elementarbestandtheile der Körper zu betrachten. Das elementare Atom, -dessen Qualität eben diejenige des einzigen wirklichen Grundstoffs ist, -wird sodann gleichsam die unterste Stufe einer aufsteigenden Reihe -bilden, als deren einzelne Glieder nach einander die Atome der bisher -sogenannten einfachen Stoffe (das Sauerstoff-Atom, das Stickstoff-Atom, -das Gold-Atom u. s. w.) auftreten würden, deren jedes für sich durch -eine eigenthümliche Combination, sei es von Atomen des Urstoffs, sei -es von solchen, die selbst schon durch dergleichen gewonnen wären, -repräsentirt würde. Die Aufstellung dieser Reihe, welche die übliche -Zerlegung organischer und unorganischer Körper in deren sogenannte -einfache Bestandtheile über die Grenze der bis zu diesem Augenblicke -als einfach betrachteten Stoffe hinaus durch die erreichte oder doch -versuchte Zerlegung dieser selbst bis zu dem schlechterdings letzten -nicht blos relativ, sondern absolut einfachen Grundstoff ausdehnt, -würde sodann das Ziel der Chemie als Wissenschaft ausmachen. - -305. Wie der quantitativen Atomistik für die stoffliche Beschaffenheit -sämmtlicher Elemente der Körperwelt eine einzige Qualität, so genügt -ihr für die Art und Weise des Wirkens derselben ein einziges Gesetz; -die qualitative Atomistik, insofern sie eine Mehrheit qualitativ -unterschiedener Classen körperlicher Bestandtheile zulässt, bedarf für -die qualitativ verschiedene Art des Wirkens jeder einzelnen derselben -eben so vieler specifisch verschiedener Gesetze. So lange die Elemente -organischer Körper selbst als organisch, die unorganischer Körper -dagegen als unorganisch gelten, kann das Gesetz, welches das Wirken -der erstern, mit jenem, welches das der letzteren beherrscht, so -wenig wie das Wirken jener "lebendigen" Elemente (die Lebenskraft) -mit jenem der "leblosen" Elemente (der todten Naturkraft) identisch -sein. Eben so wenig kann das Wirken, welches seinen Grund in der -qualitativen Verwandtschaft (Affinität) der Körper hat (chemische -Anziehung) das nämliche sein mit demjenigen, das auch bei völliger -Nichtverwandtschaft (Disparatheit, Heterogeneität) der Körper erfolgt -(mechanische Anziehung) und folglich eben so wenig das Gesetz, welches -jenes (Affinitätsgesetz, Wahlverwandtschaft), identisch mit demjenigen, -welches dieses regelt (Gravitationsgesetz, Schwere). Mit der Aufhebung -qualitativer Verschiedenheit der Körper tritt der umgekehrte Fall -ein. Das Gesetz, welches das Wirken der Elemente organischer Körper -bestimmt, braucht fortan von demjenigen, von welchem das Wirken der -Elemente unorganischer Körper abhängt, eben so wenig verschieden zu -sein, als das Wirken, das seinen Grund in der Verwandtschaft der -Körper hat, als das Wirken der ursprünglichen Elemente d. h. als -dasjenige betrachtet werden kann, für welches Gleichartigkeit oder -Ungleichartigkeit derselben gleichgiltig und das daher eben so -wenig durch die qualitative Aehnlichkeit wie durch den qualitativen -Gegensatz der Körper bedingt ist. Sind die Elemente belebter und -unbelebter Körper qualitativ dieselben, so ist auch deren Wirken -und folglich dessen Gesetz dasselbe; ist das Wirken in Folge der -Verwandtschaft nicht dasjenige der ursprünglichen Elemente, so ist -auch dessen Gesetz nicht mit dem Gesetz des Wirkens dieser letzteren, -und da diese die wahren, weil letzten Elemente der Körper sind, nicht -mit jenem der wahren Körperelemente identisch. Wird daher, wie die -quantitative Atomistik thut, auf die in der That letzten Bestandtheile -der Körperwelt, die unter einander qualitativ nicht weiter -unterschiedenen Atome zurückgegangen, so muss das Gesetz, welches -das Wirken dieser letzteren regelt, das nämliche und einzige für das -Wirken der gesammten Körperwelt sein. Die Aufstellung dieses Gesetzes, -welches die Zerlegung der scheinbar unter einander grundverschiedenen -Wirkungsweisen der scheinbar von einander qualitativ unterschiedenen -Körper bis zur Auflösung der ersteren in die überall in gleicher Weise -erfolgende Wirkungsweise der wahren d. i. in allen Körpern qualitativ -identischen Elemente der Körperwelt verfolgt und dadurch die gesammte -phänomenale Welt als unter der Herrschaft eines und desselben, wenn -gleich nicht selten in so verwickelter Form auftretenden Gesetzes, -dass es den Anschein eines neuen Gesetzes erhält, stehend erweist, -müsste das Ziel der Physik als mechanischer Wissenschaft ausmachen. - -306. Als dieses Gesetz sieht die moderne Naturwissenschaft das -Gravitationsgesetz Newton's an. Die philosophische Wissenschaft vom -Wirklichen bestimmt, wie oben gezeigt, das Wirken der Atome als eine -Function ihres räumlichen Abstandes von einander. Die empirische geht -über diese Allgemeinheit des Inhalts hinaus und bestimmt letztere näher -als Abnahme des Wirkens im Quadrate der Entfernung. Dieselbe bleibt -jedoch keineswegs bei der Bestimmung des Wirkens seinem Quantum nach -stehen, sondern schreitet zu der Erweiterung derselben seinem Quale -nach fort, indem sie dasselbe in den relativ grössten Abständen -der Atome von einander als Anziehung, Attraction, in den relativ -kleinsten als Abstossung, Repulsion charakterisirt. Erstere bewirkt, -dass die Atome auch in den relativ weitesten Abständen von einander -noch zusammengehalten, letztere macht, dass dieselben in Eins zusammen -zu fallen verhindert werden. In Folge der Attraction bilden sämmtliche -durch dieselbe an einander geknüpfte Atome ein nicht nur in Gedanken, -sondern durch ein physisches Band zusammenhängendes Ganzes; in Folge -der Repulsion bilden dieselben, weil die letztere die Annäherung -der Atome an einander über das Mass einer gewissen (kleinsten) -Entfernung hinaus unmöglich macht, ein discretes Ganzes. Während -der Raum, der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen zufolge, -demnach stetig mit "philosophischen" Atomen d. i. im strengsten -Sinne des Wortes einfachen Wirklichen erfüllt gedacht werden muss, -erscheint derselbe in der empirischen Wissenschaft vom Wirklichen nur -in der Weise mit "physikalischen" Atomen d. i. mit im physikalischen -Sinn letzten Elementen der Körperwelt erfüllt, dass zwischen je -zwei derselben leerer Raum d. h. ein Zwischenraum vorhanden ist, in -dem keine weiteren "physikalischen" Atome sich befinden. Dass mit -der Einschiebung desselben die Schwierigkeit des Begreifens einer -actio in distans d. i. eines Wirkens durch den leeren Raum hindurch -wiederkehrt, pflegt, da dieselbe ja nur eine "philosophische" ist, -der empirischen Physik selten Verlegenheit zu bereiten. - -307. Dagegen hat sich dieselbe auf Grund der sogenannten -"Imponderabilien" veranlasst gesehen, durch die Einführung eines -weiteren gleichfalls körperlichen, jedoch, mit den physikalischen -Atomen verglichen, relativ "unkörperlichen" Stoffs, des sogenannten -"Aethers", in die leer gelassenen Zwischenräume der physikalischen -Atome, welche letzteren in demselben gleichsam, wie die Sterne -am Firmament, zerstreut zu schweben, oder, wie die Fische im -Wasser, in unregelmässigen Abständen zu schwimmen scheinen, der -Ansicht der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen von dem -stetigen Erfülltsein des Raumes durch einfache Wirkliche, um einen -beträchtlichen Schritt näher zu kommen. Die Elemente desselben, die -sogenannten Aetheratome, verhalten sich zu den physikalischen gleichsam -wie Atome zweiter zu solchen erster Ordnung. Dieselben werden zwar -eben so wenig wie diese ohne leere Zwischenräume, letztere selbst -aber werden im Verhältniss zu diesen als "unendlich klein" und das -von den Aetheratomen ausgehende Wirken wird zwar gleichfalls wie das -der Körperatome als Anziehung und Abstossung, jedoch als nur in der -kleinsten Entfernung wirksam vorgestellt. Jedes Körperatom erscheint -wie von Aetheratomen eingehüllt, welche dasselbe in Gestalt einer -Sphäre von allen Seiten umgeben und mit jenem zusammen unter der Form -winziger Kügelchen, deren vergleichsweise dichten Kern das Körperatom, -deren dünnere Peripherie die Aetheratome ausmachen, die reale durch -den Raum discret vertheilte Grundlage der sogenannten Materie bilden. - -308. Je nachdem die erfahrungsmässig gegebenen Phänomene der -körperlichen Welt auf die Körperatome allein ohne Berücksichtigung des -deren Zwischenräume ausfüllenden Aethers, oder auf die Aetheratome -allein als Bestandtheile des die Zwischenräume der physikalischen -Atome ausfüllenden Stoffs zurückgeführt werden, ergeben sich zwei -Hauptclassen physischer Phänomene, deren eine das Wirken und die -Zustände des im engern Sinn sogenannten körperlichen Stoffs, die -andere das Wirken und die Zustände des Zwischenstoffs d. i. des -Aethers umfasst. Jene begreift, je nach der Grösse der Abstände der -Körperatome unter einander und der davon abhängigen Menge dieser -letzteren selbst innerhalb bestimmter räumlicher Grenzen (Volumen), -dreierlei Gattungen von Körpern, deren eine bei einem gewissen -Volumen die relativ grösste, deren dritte bei demselben Volumen -die relativ kleinste Menge von Körperatomen enthält, während die -zweite eine im Verhältniss zu jenem Volumen mittlere Menge von Atomen -einschliesst. Folge davon ist, dass in den Körpern der ersten Gattung -die Abstände der einzelnen Atome von einander relativ die kleinsten, -dagegen bei Körpern der dritten Gattung relativ die grössten sein -müssen, während bei den Körpern der Mittelgattung die Distanz der -Atome eine mittlere ist. Die Atome von Körpern der ersten Gattung -werden daher, da die anziehende Kraft je kleiner die Entfernung desto -stärker wirkt, am festesten, die Atome von Körpern der dritten Gattung -werden, da die Anziehung mit der Entfernung abnimmt, am lockersten -unter einander zusammenhängen; die Atome der Körper der Mittelgattung -werden, da die Entfernung und folglich die Anziehung eine mittlere -ist, einen mittleren Grad des Zusammenhangs darstellen. Bei Körpern -der ersten Art wird daher nicht nur das Verhältniss der Menge der -Atome (der Masse) zu der räumlich begrenzten Grösse des Inhalts (dem -Volumen) d. i. die relative Dichtigkeit die grösste, sondern auch der -Widerstand, welchen dieselben der Trennung der Atome entgegensetzen, -in Folge der starken Anziehung der Theile unter einander (der Cohäsion) -der relativ bedeutendste, bei Körpern der dritten Art dagegen aus -demselben Grunde die Dichtigkeit die geringste und der Widerstand -gegen die Trennung der mindestbedeutende sein, während den Körpern -der zweiten Art mit einer mittleren Dichtigkeit auch ein mittlerer -Widerstand d. h. ein solcher, welcher die Trennung der Atome weder -erschwert noch erleichtert, also gegen dieselbe sich gleichgiltig -verhält, eigen ist. Körper der ersten Art, als deren Repräsentant -die Erde angesehen wird, werden als feste, Körper der dritten Art, -als deren Repräsentant die atmosphärische Luft gilt, als luft- oder -gasförmige, Körper der mittleren Art, deren Typus das Wasser darstellt, -werden als flüssige bezeichnet. - -309. Weder die Grösse des räumlichen Volumens, noch jene der Masse, -oder der Abstände der Atome von einander, absolut betrachtet, macht -hiebei einen Unterschied. Das Gesetz, welches die Atome der grossen -Weltkörper, der Nebelflecke und Sternhaufen zusammenhält, ist genau -das nämliche, welches auch die Atome des kleinsten Bruchtheils -eines festen Körpers auf der Erde an einander bindet; die Atome -des Weltmeeres hängen in keiner andern Weise zusammen, als jene -des Wassertropfens; und die Atmosphäre, welche entfernte Weltkörper -umhüllt, ja die ganze durch den Weltraum ausgebreitete, verdünnte -Luftmasse zeigt mit jener der irdischen Lufthülle verglichen nur -graduell verschiedene Structur. Zwischen den drei genannten Gattungen -von Körpern aber herrscht dabei das Verhältniss, dass einerseits -der luftförmige Körper durch Verminderung der Abstände seiner Atome -unter einander zuerst, wenn dieselbe den mittleren Grad der Entfernung -erreicht, in flüssigen, wenn sie denselben überschreitet, allmälig in -festen Zustand übergehen d. h. sich verdichten, umgekehrt der feste -Körper durch Vergrösserung jener Abstände seinerseits in flüssigen -und allmälig in luftförmigen Zustand übergehen d. h. sich verdünnen -kann. Je nachdem hiebei die zeitliche Aufeinanderfolge der genannten -Zustände verschieden, also entweder der feste, oder der luftförmige, -oder der flüssige als der (zeitlich) erste gedacht wird, aus welchem -die andern sich entwickelt haben, so dass im ersten Fall aus der -Verdichtung allmälig die Verdünnung, im zweiten aus der Verdünnung -allmälig (durch Niederschlag) die Verdichtung, im dritten aus einer -mittleren Dichtigkeit durch Verdichtung einerseits das Feste, durch -Verdünnung andererseits das Luftförmige hervorgeht, gliedern sich die -verschiedenen physikalischen Kosmogonien, als deren Repräsentanten -schon im Alterthum erscheinen: die Atomistiker, welche das Feste (die -körperlichen Atome), die jonischen Naturphilosophen Anaximenes und -Diogenes von Apollonia, welche das Luftartige, und Thales, welcher -das Flüssige für das der Zeit nach Erste erklärten, aus dem alles -Uebrige entstanden sei. - -310. In allen genannten Fällen ist die Verbindung der Atome unter -einander eine mechanische, durch ein und dasselbe allgemeine Gesetz -der Anziehung nach dem umgekehrten Quadrate der Entfernung beherrschte, -welche so lange besteht, als dieses seine Geltung behauptet, und daher -jeder willkürlichen Aufhebung, sie komme von welcher Seite immer, -entzogen ist. Die zum Körper vereinten Atome erscheinen unter der -Pression dieses Gesetzes selbst zu einem mehr oder minder lockern -Gefüge comprimirt, also gleichsam einem von aussen kommenden Drucke -unterworfen. Die Elemente der Körper selbst stellen zusammengenommen -einen durch Vereinigung (Association) entstandenen räumlich begrenzten -Haufen, eine Menge gemengter (nicht gemischter) Bestandtheile dar, -deren jeder undurchdrungen von dem andern und undurchdringlich für -die andern für sich und zugleich im Verbande mit den andern als Glied -eines physischen Ganzen besteht. Auf qualitative Verschiedenheit -der zum Ganzen des Körpers verbundenen Theile konnte bisher schon -aus dem Grunde keine Rücksicht genommen werden, weil die quantitative -Atomistik eine solche bei den ursprünglichen Elementen der Körperwelt, -den primitiven Körperatomen, nicht kennt. Soll daher dennoch von -qualitativ unterschiedenen Elementen der Körper die Rede sein, -so können diese nicht selbst primitiv, sondern sie müssen aus -der allerdings primären Verbindung primitiver Atome gleichsam als -Atome höherer Ordnung entstanden sein. Von dieser Art wären, wenn -die Ansicht der quantitativen Atomistik die richtige und die darauf -fussende Behauptung der "philosophischen" Chemie, dass alle scheinbar -heterogenen Stoffe Umbildungen eines Grundstoffs seien, giltig sein -sollte, die bisher sogenannten einfachen Stoffe d. i. Körper wie -Sauerstoff, Wasserstoff, Kohlenstoff u. s. w. aufzufassen, deren jeder -demzufolge aus Atomen bestehend gedacht würde, welche selbst eine -eigenartige Gruppirung der primitiven Atome in sich schlössen. Das -sogenannte Sauerstoffatom wäre sonach zwar im Verhältniss zu dem -sogenannten Kohlenstoffatom, keineswegs aber im Verhältniss zu den -primitiven Atomen als wirklich atom d. i. als theillos zu bezeichnen, -da dasselbe zwar eben so wenig aus weiteren Sauerstoffatomen wie das -Kohlenstoffatom aus weiteren Kohlenstoffatomen, keineswegs aber, -wie es im Begriff des primitiven Atoms liegt, überhaupt nicht aus -weiteren Atomen bestehend gedacht wird. Wie das primitive einfaches, -so wäre demnach das Sauerstoffatom zusammengesetztes d. i. aus zu einem -Ganzen verbundenen primitiven Atomen bestehendes Atom (Molecul) und der -(feste, flüssige oder luftförmige) Körper, bei dessen Zusammensetzung -die qualitative Beschaffenheit seiner Bestandtheile in Frage kommt, ist -sonach als ein in seinen nächsten Bestandtheilen nicht aus einfachen, -sondern aus zusammengesetzten Atomen bestehender anzusehen. - -311. Wie die Verbindung der Atome im mechanisch zusammengesetzten -Körper eine mechanische, so ist sie in dem chemisch zusammengesetzten -Körper, derselbe bestehe nun aus einander homogenen oder heterogenen -Elementen, eine chemische, auf der Anziehung derselben in Folge ihrer -qualitativen Verwandtschaft (Affinität) beruhende. Dieselben stehen -wie die Bestandtheile des mechanischen Körpers unter der Herrschaft -eines allgemeinen Gesetzes, nur dass dieselbe nicht sowol, wie dort, -einem von aussen ausgeübten Drucke, als vielmehr einem von innen aus -der Beschaffenheit der Atome stammenden Zuge sich vergleichen lässt, -vermöge dessen die Atome wie Glieder einer und derselben Familie -sich zu einander hingezogen, oder wie Glieder heterogener Rassen -(z. B. Weisse und Farbige) sich von einander abgestossen fühlen. Wie -die Verbindung blutsverwandter Familienglieder eine innigere ist als -die blos gesellige Zusammenkunft einander gleichgiltiger Genossen, -so ist die chemische Vereinigung qualitativ Verwandter inniger, -als jene blos mechanische indifferenter Atome und wird deshalb als -Verschmelzung im Gegensatz zur blossen Summation, als "Mischung" -im Gegensatz zur blossen Mengung bezeichnet. Letzterer Ausdruck ist -insofern ungenau, als er zu dem Irrthum verleiten kann, eine völlige -"Durchdringung" der einzelnen Atome als möglich anzunehmen, während -doch nur eine "Durchdringung" der sich unter einander verschmelzenden -Körper (z. B. Kohlenstoff und Sauerstoff zu Kohlensäure) in der Weise -stattfindet, dass mit jedem Atom des ersteren zwei Atome des letzteren -sich verbinden, also ein neues Gemenge gleichsam höherer Art entsteht, -dessen Atome je eine binäre Verbindung zwischen O und C darstellen, -die einzelnen, sowol Kohlenstoff- als Sauerstoffatome, dagegen für -einander undurchdringlich bleiben. - -312. Sowol der mechanisch wie der chemisch zusammengesetzte -Körper hat die Eigenschaft, dass, sobald der dessen Bestandtheile -zusammenhaltende Druck oder Zug aus was immer für einem Grunde -erlischt, derselbe in seine Elemente zerfallen oder sich auflösen -muss. Wird statt dessen auf Grund einer im Körper selbst enthaltenen -Veranlassung jene zusammenhaltende Kraft ununterbrochen erneuert, -entweder indem überhaupt neuer Stoff, welchem dieselbe Anziehung, oder -neuer qualitativ verwandter Stoff, welchem derselbe Zug innewohnt, -von neuem herbeigeschafft wird, so entsteht im Gegensatz zu jenem aus -Mangel an Erneuerung abgestorbenen leblosen (unorganischen) der belebte -(organische) Körper. Die Eigenthümlichkeit, welche denselben von dem -mechanischen Körper unterscheidet, besteht darin, dass der letztere, -sobald die Bestandtheile desselben durch andere ersetzt werden, nicht -mehr derselbe, sondern ein neuer, wenngleich dem vorigen gleicher, -der organische Körper dagegen auch nach dem Ersatz derjenigen seiner -Bestandtheile, deren Anziehung unter einander erloschen ist, durch -andere, noch immer derselbe wie früher d. h. ein blos erneuerter -ist. Die Eigenthümlichkeit, welche denselben vom chemischen Körper -unterscheidet, dagegen besteht darin, dass der organische Körper -niemals, wie der einfache chemische homogen, sondern stets heterogen -d. h. aus verschiedenen Stoffen zusammengesetzt sein muss, aber -nicht, wie andere chemische Körper, aus beliebigen (z. B. Wasser aus -Sauerstoff und Wasserstoff, atmosphärische Luft aus Sauerstoff und -Stickstoff, Kalk aus Calcium und Sauerstoff, Kochsalz aus Chlor und -Natrium), sondern jedesmal nur aus gewissen Stoffen zusammengesetzt -sein darf. Folge der ersteren Eigenschaft ist, dass ein Theil des -organischen Körpers, nämlich derjenige, in dem die Veranlassung -liegt, dass sich der übrige Theil ohne Schädigung des Ganzen zu -erneuern vermag, diesem letzteren gegenüber eine ausgezeichnete -Stellung behauptet, insofern er den bleibenden, dieser dagegen den -wechselnden Bestandtheil des Körpers ausmacht, jener also denjenigen, -durch welchen der Körper immer derselbe bleibt, dieser denjenigen, -durch welchen derselbe unaufhörlich ein anderer wird. Folge der -letzteren Eigenschaft ist, dass, wo gewisse einfache chemische Körper -mangeln, als welche die Erfahrung bisher Sauerstoff, Wasserstoff, -Stickstoff und hauptsächlich Kohlenstoff hervorzuheben gelehrt hat, -die Entstehung organischer Körper, auch wenn alle übrigen Bedingungen -und die grösste Fülle anderweitiger chemischer Körper vorhanden -wäre, unmöglich ist. Finden beide Bedingungen vereinigt bei der -kleinstmöglichen Anzahl körperlicher Atome Erfüllung, so entsteht der -denkbar kleinste belebte Körper, das organische Atom, die sogenannte -Zelle, während aus der Verbindung von solchen, sei es mit, sei es -ohne Zuhilfenahme unorganischer Bestandtheile, der Zellenorganismus -d. i. der -- wie der mechanische Körper aus mechanisch verbundenen -mechanischen, wie der chemische Körper aus chemisch verbundenen -chemischen, so aus organisch verbundenen organischen Elementen -bestehende -- organische Körper hervorgeht. - -313. Die ausgezeichnete Stellung des beharrenden Theils gegenüber dem -wechselnden im belebten Körper äussert sich nicht blos darin, dass er -selbst (er sei nun ein einzelnes Atom oder eine Gruppe von solchen) -während der ganzen Dauer des organischen Körpers (Lebensdauer) immer -derselbe bleibt, sondern auch darin, dass in ihm die Ursache enthalten -ist, um welcher willen und durch welche nicht nur stets neuer und zwar -zu seiner Erhaltung passender Stoff (Leibesnahrung) herbeigeschafft, -sondern auch der Neuheit des Materiales zum Trotz die ursprüngliche -Form (Leibesform) im Wesentlichen unverändert erhalten wird. Derselbe -stellt daher gleichsam den beherrschenden Mittelpunkt ("die Seele") -dar, zu welchem die Gesammtheit des übrigen den Körper jeweilig -ausmachenden Stoffs sich als beherrschtes, zur Erhaltung des Ganzen -verbrauchbares Material ("als Leib") verhält. Da derselbe beherrschend -nur im Verhältniss zu dem von ihm Beherrschten, mit dem Aufhören der -Herrschaft aber zwar Beherrschendes wie Beherrschtes nach wie vor -vorhanden, aber nicht mehr als Herrscher und Beherrschtes vorhanden -sind, so hört mit dem Erlöschen des organischen Bandes zwischen der -"Seele" und dem "Leibe" des belebten Körpers d. i. mit dem Tode -auch der bisher herrschend gewesene Bestandtheil desselben auf, -Seele eines Leibes, wie der bisher beherrscht gewesene Bestandtheil -desselben aufhört, Leib einer Seele zu sein; das Atom oder die -Atome, welche bisher den bleibenden, so wie diejenigen, welche -bisher den jeweiligen veränderlichen Bestandtheil des organischen -Körpers ausgemacht haben, hören jedoch dadurch keineswegs auf, als -Atome d. i. zwar aus ihrer bisherigen Verbindung ausgelöst, aber -fähig und bereit, neue Verbindungen einzugehen, sei es wieder als -"Seele" eines Leibes (Metempsychose) oder als Leibtheil einer Seele -(Palingenesie), zu existiren. - -314. Je nachdem der organische Körper als am Orte haftend, oder -mit der Fähigkeit begabt, denselben beliebig zu wechseln, so wie, -je nachdem derselbe als sich oder anderes vorstellend oder überhaupt -nicht als vorstellend gedacht wird, wird derselbe im ersten Falle, -da die Erfahrung an der sogenannten Pflanze weder freie Bewegung, -noch Zeichen vorstellender Thätigkeit aufweist, als pflanzenartiger, -im zweiten Fall, da die Erfahrung am sogenannten Thiere zwar freie -Beweglichkeit, aber (wenigstens bei den niedersten Thiergattungen) -keine Spur von vorstellender Thätigkeit zeigt, als thierartiger, im -dritten Fall, wenn sich nicht nur die Fähigkeit, anderes, sondern -(wie schon bei den höheren Thiergattungen) sogar die Fähigkeit -äussert, bis zu einem gewissen Grade sich selbst vorzustellen, -da die Erfahrung letztere Eigenschaft (die Vorstellung des Ich) -hauptsächlich am Menschen kennt, als menschenähnlicher bezeichnet -werden. Mit dem Erwachen des Ich d. i. derjenigen Vorstellung, durch -welche der belebte Körper andere, sei es belebte oder leblose Körper, -von sich unterscheidet d. h. als Anderes als er selbst, als Nicht-Ich -sich gegenüberstellt und dadurch sich zu diesem und dieses zu sich in -ein Verhältniss bringt, welches je nach dem Mass seiner im Vergleich zu -der Kraft jenes Andern und nach der Beschaffenheit seiner Bedürfnisse -im Vergleich zu den Bedürfnissen jenes Andern zu einem überlegenen -oder unterliegenden, zu einem freundlichen oder feindseligen, zu -friedlichem Genuss oder zum Kampfe ums Dasein werden kann, ist das -Reich des Bewusstlosen, des Nicht-Ich, abgeschlossen. - -315. Wie die Atome, so üben auch die Körper eine Wirksamkeit -auf einander aus, welche je nach der Beschaffenheit derselben -entweder mechanischer, chemischer oder organischer Art ist. Erstere -äussert sich als Schwere, indem ein Körper den andern vermöge -seiner überlegenen Masse, die zweite als Wahlverwandtschaft, indem -ein Körper den andern vermöge seiner innigeren Verwandtschaft, die -dritte als Geschlechtsneigung, indem ein Körper den andern in Folge -des geschlechtlichen Gegensatzes an sich zieht. Wie durch die erstere -eine Ablenkung des angezogenen Körpers, wenn derselbe bewegt ist, von -seiner ursprünglichen Richtung, wenn er unbewegt ist, eine Annäherung -an den Ort des anziehenden Körpers, in beiden Fällen jedoch, wenn -kein anderweitiges Hinderniss, z. B. die widerstrebende Eigenbewegung -des angezogenen Körpers, dazwischen tritt, eine Vereinigung des -angezogenen mit dem anziehenden und dadurch eine Vergrösserung der -Masse des letzteren herbeigeführt wird, so wird durch die zweite eine -Auflösung der bisherigen Verbindung des angezogenen Körpers und die -Entstehung einer neuen Verbindung durch die Verschmelzung desselben -mit dem anziehenden veranlasst, auf dem dritten Wege aber durch -die organische Vereinigung zweier geschlechtlich entgegengesetzten -belebten Körper ein neues organisches Individuum auf Kosten und aus -dem Stoffe der Zeugenden erzeugt. Jene, die mechanische Anziehung -associirt bisher getrennte Körper zu einem neuen, welcher dieselben -in sich begreift; die zweite trennt nicht zusammengehörige Körper, die -vereinigt, und führt zusammengehörige zusammen, die getrennt waren; die -dritte leitet aus bisher vereinzelt gestandenen organischen Individuen -durch Zusammenschluss derselben ein neues, in keinem derselben für -sich allein, aber in beiden zusammengenommen wol- und vollbegründetes -Individuum ab. Das Wirken der ersten wie der zweiten Art bringt als -producirende Thätigkeit zwar nicht dem Stoff, aber der Form nach neue -Körper, die letztgenannte als reproducirende weder dem Stoff, noch der -Form nach neue, sondern denjenigen, aus welchen sie entstanden sind, -gleiche Körper d. h. sie bringt das in der Zeugung untergegangene -in einem neuen Individuum wieder hervor. Während durch die erstere, -die schaffende ("die Phantasie der physischen Welt") Thätigkeit -der gegebene Stoff in vorher nicht gegebener Gestalt umgebildet, -wird durch die letztere, die fortpflanzende ("das Gedächtniss der -Materie") Thätigkeit die Spur des einmal vorhanden Gewesenen in allem -Folgenden mehr oder minder getreu aufbewahrt und dessen Andenken -durch dasselbe erneuert. Auf ersterem Wege bilden sich aus dem im -Weltraum gleichmässig vertheilten Stoffe durch locale Verdichtung frei -schwebende, sogenannte "kosmische Wolken", durch Anhäufung desselben -um einen dichtern Kern sogenannte "Nebelflecke" und "schweifende -Kometen"; wachsen durch Vereinigung kleinerer Weltkörper allmälig jene -im Weltraum zerstreuten Massenkugeln heran, die andern als Central- -und, wie es das Niederstürzen von Sternschnuppen und Meteorsteinen -auf deren Oberfläche beweist, zum Sammelpunkte dienen. Auf dem zweiten -Wege bildet sich jener wirthschaftliche Haushalt in der Natur, durch -welchen die von den pflanzlichen Organismen aufgenommene Kohlensäure -im Inneren derselben zersetzt, der Kohlenstoff zurückbehalten und der -Sauerstoff durch die Lungen der Pflanze, die Blätter, ausgeathmet, -von den thierischen Organismen dagegen eingeathmet und in den Lungen -zur Oxydirung des Blutes verwendet wird. Auf dem letztgenannten -Wege endlich werden wenigstens in den höheren pflanzlichen und -thierischen Gattungen die unzähligen Nachkommen gezeugt, während auf -den niederen Stufen der vegetabilischen Organismen die Fortpflanzung -durch Keimzellen (Sporen) und Sprossen, bei den animalischen durch -Theilung und Zerfällung der ursprünglich zu einem einzigen vereinigt -gewesenen in mehrere selbstständige Individuen die Stelle der sexualen -Generation vertritt. - -316. Wie die Atome, so sind die Körper in verschiedenen regelmässigen -oder unregelmässigen Abständen durch den Weltraum ausgestreut, so -dass einzelne derselben unter einander, wie die Atome zu Körpern, so -die Körper zu Systemen und weiter diese selbst wieder zu ihrerseits -unter sich zu einem Ganzen verknüpften Aggregaten von Systemen gehören, -während andere keinem in sich geschlossenen Körperverband einverleibt, -sei es aus dem Gebiet eines in das eines anderen Körpersystems -hinüberstreifen, theils frei durch den Weltraum irren. Zu den -ersteren gehören die Systeme einzelner Centralkörper mit ihren in -ihren Bewegungen von ihnen abhängigen Begleitern, welche ihrerseits -wieder von solchen begleitet sein können. Dieselben bilden im Weltmeer -des mit Körpern erfüllten Raumes gleichsam "Weltinseln" und können -ihrerseits mit anderen ihresgleichen zu einem "Inselmeer" d. i. zu -einem Archipelagos von Weltsystemen vereinigt sein. Ein solches bildet -allem Anschein nach der selbst um einen, sei es idealen, sei es realen -(nach Mädler Alpha Herculis) Mittelpunkt gravitirende Weltring der -sogenannten Milchstrasse, von welchem unser Sonnensystem mit seiner -Centralsonne, seinen Planeten und Planetoiden, deren Trabanten und -Ringen, sowie mit den theils gleichfalls ringförmig angeordneten, -theils zerstreut rotirenden Asteroiden, Sternschnuppen und Meteormassen -einen Bestandtheil ausmacht. Der Inbegriff sämmtlicher Weltkörper -bildet das sichtbare Universum, das mechanisch durch das Gesetz -der Gravitation beherrscht und chemisch, wie die Spectralanalyse -gezeigt hat, durchgängig aus solchen Stoffen zusammengesetzt ist, -welche auch auf oder innerhalb der Erde vorkommen. Flüssige und -luftartige Bildungen (Meere und Atmosphären) sind auch auf von -der Erde verschiedenen Weltkörpern beobachtet, dagegen Spuren -organischen Lebens bisher nur auf dieser wahrgenommen worden, daher -von vegetabilischen und animalischen, so wie von menschenähnlichen -Bewohnern erfahrungsgemäß bisher nur auf dieser die Rede sein kann. - -317. Sowol die Zwischenräume zwischen den Welt-, so wie jene zwischen -den festen und flüssigen Körpern auf der Erde sind von luftartigen -Körpern (auf der Erde von einem aus Sauerstoff und Stickstoff, -so wie einigem Ozon bestehenden Luftkörper, der sogenannten -atmosphärischen Luft) ausgefüllt, deren Gegenwart auch in den -scheinbar leeren Theilen des Weltraums durch die Widerstände, welche -bewegte Weltkörper mittels derselben erlitten haben (z. B. durch -die allmälige Verengung der Bahn des Enke'schen Kometen), erwiesen -ist. Die Zwischenräume der physikalischen Atome werden, wie oben -bemerkt, durch Atome des sogenannten Weltäthers erfüllt gedacht, -auf dessen Zustände diejenigen Phänomene, welche sonst je specifisch -verschiedenen sogenannten "unwägbaren" Stoffen (Imponderabilien), -z. B. die Lichterscheinungen einem Lichtstoff, die magnetischen einem -magnetischen Fluidum u. s. w. zugeschrieben wurden, nunmehr als auf -deren gemeinsamen Träger zurückgeführt zu werden pflegen. Dieselben -zerfallen in solche, bei welchen die qualitative Beschaffenheit der -Körperatome gleichgültig, und solche für welche dieselbe bestimmend -ist. Zu den ersteren gehören die Licht- und Wärmeerscheinungen, -die sich deshalb (wenngleich in unzähligen Graden der Abstufung) -zwischen und in allen Körpern des Weltalls vorfinden; zu den -letzteren lassen sich die sogenannten, magnetischen und elektrischen -Erscheinungen zählen, deren erstere an die Gegenwart eines bestimmten -chemischen Stoffs (des Eisens), deren letztere an die Gegenwart und -gegenseitige Berührung mindestens zweier qualitativ heterogener Stoffe -(z. B. Zink und Kupfer) gebunden ist. Der Zustand des Aethers selbst -wird als kleinste periodische Bewegung der Aetheratome (Schwingung) -in verschiedener Menge und Richtung vorgestellt, wobei der Unterschied -stattfindet, dass diejenigen, welche als Träger des Lichtphänomens -angesehen werden, an der Oberfläche der Körper (mit Ausnahme der -durchsichtigen oder durchscheinenden) stattfinden und diese daher im -Inneren dunkel erscheinen, während diejenigen, welche die Träger des -Wärmephänomens sind, auch im Inneren der Körper statthaben, diese -daher je nach dem Grade derselben innerlich erhitzt oder erkältet -erscheinen. Bei den magnetischen und elektrischen Erscheinungen lässt -sich die Betheiligung des Aethers in der Weise verschieden denken, -dass derselbe in dem Körper, welcher den erforderlichen Stoff, -das Eisen enthält, an zwei entgegengesetzten Enden, den Polen, -angehäuft erscheint, wobei die Erfahrung zeigt, dass gleichnamige -Pole einander abstossen, während bei den elektrischen Erscheinungen -an den zu ihrer Entstehung erforderlichen heterogenen Körpern der -Aether an zwei einander der Richtung nach entgegengesetzten Enden (+ -und -) sich anhäuft, wobei die Erfahrung zeigt, dass entgegengesetzte -Pole sich anziehen. Inwieweit bei den elektrischen Strömen, von -welchen Muskelcontractionen begleitet zu werden pflegen, sowie bei -den Erscheinungen des sogenannten thierischen Magnetismus und der -thierischen Elektricität eben so wie bei jenen der sogenannten -animalischen Wärme die Betheiligung des Aethers eine Rolle -übernehme, muss um so mehr dahingestellt bleiben, als mit Ausnahme -der elektrischen Muskelströme und der thierischen Wärme die übrigen -sogenannten Thatsachen noch allzu sehr der empirischen Bestätigung -bedürfen. Insofern jene dem Weltäther zugeschriebenen Phänomene, -mit den auf die physikalischen Atome zurückgeführten Erscheinungen -verglichen, dem der groben Masse der letzteren gegenüber verfeinerten -Charakter ihrer materiellen Grundlage entsprechend selbst einen -gleichsam "vergeistigten" Stempel tragen, sind sie es, welche -durch ihre Gegensätze der Helligkeit und der Finsterniss, der -Hitze und der Kälte, der magnetischen und elektrischen Spannung -und Lösung der Physiognomie der physischen Körperwelt ein an die -wechselnden Stimmungsgegensätze des menschlichen Gemüthes mahnendes -Gepräge aufdrücken und daher als Bilder und Gleichnisse für die -letzteren mit Vorliebe pflegen verwendet zu werden. Steigern sich -dieselben so weit, dass sie namhafte Veränderungen in der Welt der -physischen Körper verursachen, die Lichterscheinung als Brand, die -Wärmeerscheinung als Explosion oder Eruption, der Magnetismus als -magnetisches, der elektrische Strom als atmosphärisches Ungewitter -auftritt, so nimmt deren Wesen eine an die plötzliche, aber auch -vorübergehende Natur der von unwillkürlichen Körperbewegungen -begleiteten Gemüthserschütterungen, der sogenannten Affecte, an und -liefert für diese ("flammender Zorn", "leidenschaftlicher Ausbruch") -das treffendste Gleichniss. - -318. Wie dem denknothwendigen das durch die Erfahrung gegebene -Wirkliche, so steht dem denknothwendigen das empirisch gegebene -Wirken gegenüber. Die Vorstellung des letzteren unterliegt um so mehr -logischen Schwierigkeiten, als weder der Begriff eines Wirkens durch -den leeren Raum, wie er durch die discrete Vertheilung der Atome -im Raume gefordert ist, noch der Begriff eines Dinges, welches -eins und zugleich der Träger vielfach sich ändernden Wirkens, -noch endlich jener der Veränderung d. h. eines Dinges, welches -anders geworden und doch dasselbe geblieben sein soll, und jener der -unter den letztgenannten fallenden Bewegung als Ortsveränderung ohne -schwerwiegende kritische Bedenken bleibt. Erstgenannter ficht durch die -Einsicht in die Unmöglichkeit, dass von dem angeblich Einfachen Theile -sich loslösen und durch einen Sprung über das Leere hinüber einem -andern eben so Einfachen einverleibt werden könnten, streng genommen -die Möglichkeit so wol der Anziehung wie der Abstossung und damit die -Basis des physischen Zusammenhangs unter den Elementen der Körperwelt -an. Die Einheit des Dinges, während dessen Wirken ein vielartiges -sein soll, ruft den Widerspruch, wie Eins = Vielem gedacht werden -könne, die Identität des Dinges, nachdem es ein anderes geworden, -ruft den Widerspruch, wie Eines und dasselbe zugleich nicht dasselbe -sein könne, wider sich hervor und nöthigt, dem ersteren durch die -Annahme, dass das Wirken eines Dinges das Product nicht eines einzigen -Atoms, sondern des Zusammenseins einer Gruppe mehrerer Atome sei und -demnach, wenn die Bestandtheile dieser Gruppe verschiedene seien, -sehr wol ein Verschiedenes nicht nur sein könne, sondern sein müsse, -dem zweiten dagegen durch die Bemerkung zu begegnen, dass, weil jedes -sogenannte "Ding" nur eine Gruppe von Atomen, also ein Ganzes sei, -dasselbe durch das Ausscheiden einzelner und Eintreten anderer, -während der Rest derselbe geblieben ist, sehr wol eine Veränderung -erlitten und doch (in Bezug auf obigen Rest) seine Identität aufrecht -erhalten haben könne. Bezüglich der Bewegung als Ortsveränderung -aber gilt, dass dieselbe nur dann einen Widerspruch einschliesse, -wenn dieselbe in dem Sinn verstanden wird, dass das Bewegliche im -selben Zeitpunkt an einem und demselben Orte befindlich und nicht -befindlich, keineswegs aber, wenn dieselbe so aufgefasst wird, dass das -Bewegliche in jedem stetig auf einander folgenden Zeitpunkt in einem -anderen Orte befindlich sei. Dieselbe setzt daher eben so nothwendig -die Zeit als den Raum voraus und wird durch das Verhältniss des in -einem gewissen Zeitabschnitt zurückgelegten Raumes d. i. durch die -Geschwindigkeit gemessen. - -319. Das in der Zeit vor sich gehende erfahrungsmässig gegebene -Geschehen, die Veränderung des Zustandes der Körperwelt, ist eine -dreifache, und zwar tritt dasselbe, je nachdem entweder nur der Ort -des Körpers, wobei dessen Form sowol als Stoff dieselben bleiben, -oder nur die Form des Körpers, während der Stoff unberührt bleibt, -oder schliesslich auch dieser eine Veränderung erleidet, als Orts-, -Form- oder Stoffwechsel auf. In ersterer Hinsicht kann die Bewegung -der Richtung nach entweder eine fortschreitende, wie bei dem Stoss -und Wurf, oder eine in sich zurückkehrende, wie bei den rotirenden -Weltkörpern und den Blutkörperchen im Blutkreislauf, oder eine zugleich -fortschreitende und in sich zurückkehrende Bewegung, wie bei dem um -die Erde sich drehenden und zugleich mit dieser um die Sonne bewegten -Monde sein. Der Qualität nach kann dieselbe entweder eine in gleichen -Zeitabschnitten auf gleiche Weise sich wiederholende (gleichförmige) -oder in gleichen Zeiträumen abnehmende (retardirende) oder zunehmende -(accelerirende) Bewegung, in ersterer Hinsicht überdies entweder -eine am selben Ort sich gleichförmig wiederholende (schwingende), -oder dabei zugleich im Raume fortschreitende, entweder nach der -nämlichen, oder abwechselnd nach entgegengesetzten Richtungen von -der Fortschrittslinie gleichförmig ausschlagende Bewegung sein: jene -ergibt die periodische Bogen-, diese die Wellenbewegung. Hinsichtlich -des Formenwechsels findet beim mechanischen und chemischen Körper ein -Uebergang des festen in den flüssigen und luftartigen Zustand, oder des -flüssigen in den festen und luftförmigen, oder des letztgenannten in -den festen und flüssigen statt, während beim organischen die sogenannte -Transformationslehre (Darwinismus) im Gegensatz gegen die Theorie -von der Constanz der Arten und Gattungen es mehr als wahrscheinlich -gemacht hat, dass nicht nur in der vegetabilischen Natur die Arten -und Gattungen der Organismen durch allmälige Umbildung einer oder -weniger ursprünglichen Pflanzentypen ("Urpflanze", "Metamorphose der -Pflanze": Goethe), sondern auch in der animalischen Welt die Arten und -Gattungen des Thierreichs durch allmälige Umbildung eines oder einiger -ursprünglicher Thiertypen ("Bathybios", "Gastraea": Haeckel), sei es -auf dem Wege immanenter Teleologie (Goethe), sei es auf dem natürlicher -Zuchtwahl (Darwin), oder unwillkürlicher, reflexartiger Nachahmung -("Mimicry": Wallace) in einander übergehen. Was den Stoffwechsel -betrifft, so hat die Erfahrung bis heute zwar die Vermuthung, -dass der unorganische chemische Stoff nur eine Umbildung des -primitiven mechanischen Stoffs sei, durch die chemische Typentheorie -wahrscheinlich zu machen, für die Behauptung aber, dass der organische -Stoff nur eine Umbildung des unorganischen, der belebte Naturkörper -aus leblosen, etwa durch Urzeugung (generatio æquivoca), entstanden -sei, eben so wenig einen jeden Zweifel ausschliessenden Beweis -durch Thatsachen zu führen vermocht, wie für die weitere, dass das -"Phänomen der Empfindung", durch welches der (anderes und sich selbst) -vorstellende Organismus sich von dem nicht vorstellenden, obgleich -ebenfalls organischen Körper unterscheidet, nichts anderes als eine -Umbildung des derselben entsprechenden "Nervenreizes" und demnach als -psychischer oder Bewusstseinsvorgang von diesem als physiologischem -d. i. Nervenzustand, eben so wenig wie dieser als organischer Vorgang -von den unorganischen Vorgängen der mechanisch-chemischen Körper dem -Wesen nach verschieden sei. Insbesondere was die letztgenannte von den -positivistischen und materialistischen Gegnern einer weder mit Biologie -noch mit Phrenologie und Physiologie identischen Psychologie immer -von neuem wiederholte, aber niemals bewiesene Versicherung betrifft, -haben ausgezeichnete Physiologen (Ludwig, Fick) ein offenes: ignoramus, -einer der ausgezeichnetsten (Dubois-Reymond) sogar ein eben solches: -ignorabimus ausgesprochen. - -320. Wie die Gesammtheit der im Weltraum vertheilten (unorganischen und -der auf einem oder dem andern derselben anzutreffenden organischen) -Körper in ihrer gegenseitigen physischen Zusammengehörigkeit mit -und in ihrer Abhängigkeit von einander, so weit dieselben unserer -Erfahrung zugänglich sind, das physische Weltall, den Kosmos, so macht -die Gesammtheit des in und zwischen denselben in der Zeit vor sich -gehenden Geschehens, deren periodischer und nichtperiodischer Orts-, -Formen- und Stoffwechsel von der unmessbaren, primitiven Oscillation -des Aethers bis zu den Umläufen der Weltkörper und dem schwankenden -Gleichgewicht einander äquilibrirender Weltsysteme, von der Zerlegung -des Wassertropfens durch den elektrischen Funken in seine Elemente -bis zu den ein System von Weltkörpern erleuchtenden und erwärmenden -Verbrennungsprocessen gasförmiger Centralsonnen, von der molecularen -Anziehung und Abstossung primitiver Stofftheile bis zu den verwickelten -mechanisch-chemischen Processen, welche die Erscheinung des Lebens -und das Erwachen des Bewusstseins bedingen, herauf, so weit dasselbe -unserer Erfahrung zugänglich ist, die Naturgeschichte der physischen -Welt, die Geschichte des Weltalls aus. - - - - - - - - -ZWEITES CAPITEL. - -DAS ICH. - - -321. Wie die Erfahrung lehrt, dass es physische d. h. mechanische, -chemische und organische, so lehrt sie auch, dass es psychische -d. h. dass es Phänomene des Empfindens und Vorstellens, des Fühlens, -Begehrens und Wollens gibt, aber sie lehrt keineswegs, weder dass -physische und psychische Vorgänge identisch, noch dass sie nicht -identisch seien. Was die Erfahrung als äussere an der Hand der -sinnlichen Beobachtung und des durch künstliche Werkzeuge verschärften -Experiments über die Phänomene des als vorstellend bezeichneten -belebten Organismus zu erreichen vermag, ist (wenigstens bis zur -Stunde) noch niemals Empfindung (psychischer Zustand) gewesen, sondern -jedesmal, wenn auch noch so sehr verfeinerter physischer Zustand (eine -Bewegung, ein Nervenreiz, ein Zersetzungsvorgang) geblieben. Was die -Erfahrung als innere an der Hand der Beobachtung seiner selbst und -Anderer und des, so weit die Natur der Sache es erlaubt, künstlich -angestellten Versuchs blosszulegen vermochte, war noch nicht physischer -(Bewegung, Reiz, chemischer Process), sondern ausschliesslich immer -wieder psychischer Vorgang (elementare Sinnes- oder Muskelempfindung, -elementares Lust- oder Schmerzgefühl, elementares Streben oder -Verabscheuen). Sowol die Behauptung, dass Bewegung (ein extensiver -Zustand) Empfindung, wie jene, dass Empfindung (ein intensiver Zustand) -Bewegung sei, ist jede für sich ein unerlaubter Schritt auf Grund -angeblicher über die Grenze gegebener Erfahrung hinaus auf ein Gebiet, -wo nicht die (nicht vorhandene) Thatsache, sondern allein die aus -Thatsachen gezogene denknothwendige Folgerung zu entscheiden vermag. - -322. Es ist nicht die Verschiedenheit beider Classen von Erscheinungen -dem äusseren Anschein nach, welche bestritten wird, eben so wenig -als die Gegner der Verschiedenheit organischer und unorganischer -Körper den anscheinenden Unterschied beider zu leugnen gewillt -sind. Aber in dem einen wie in dem andern Fall geht die Tendenz -dahin, die allerdings anscheinende Verschiedenheit als eine blos -scheinbare darzulegen und so wie die organischen und unorganischen -Körper, auch physische und psychische Phänomene dem Wesen nach -als identisch hinzustellen. Insoweit dieses Bemühen sich auf das -angebliche wissenschaftliche Bedürfniss stützt, in der Gesammtheit -der erfahrungsmässig gegebenen Erscheinungen Einheitlichkeit -nachzuweisen, würde dasselbe, wenn die letztere Einheit in der -Mannigfaltigkeit d. i. Harmonie wäre, mehr ein ästhetisches, -also der strengen Naturwissenschaft fremdes, als ein direct -wissenschaftliches Bedürfniss, wenn dieselbe aber vielmehr Einerleiheit -(langweilige Monotonie, abwechselungslose Einförmigkeit), wie es -wahrscheinlicher ist, bedeuten sollte, im Grunde gar kein Bedürfniss -befriedigen. Insofern dasselbe einerseits die Verschiedenheit der -Phänomene d. i. des scheinbar Wirklichen, andererseits die Identität -des Substrats d. i. des wahrhaft Wirklichen zur Voraussetzung hat, -widerspricht dasselbe dem denknothwendigen Axiom, dass, wie der -Vielheit des Scheins eine Vielheit des Seins, so der qualitativen -Mannigfaltigkeit des ersteren eine eben solche des letztern entsprechen -müsse. Das Gleichniss Fechner's, dass Physisches und Psychisches wie -die beiden Ansichten eines Kreisbogens sich verhalten, der von der -Seite des Mittelpunktes aus betrachtet concav, von jener der Peripherie -aus gesehen convex erscheint, ohne dadurch aufzuhören, ein und dasselbe -zu sein, kann wol blenden, aber nicht beweisen. Denn eben dieses -Herausgehen nach der entgegengesetzten Seite, um das Object von dieser -aus ins Auge zu fassen, ist bei dem Verhältniss zwischen Physischem und -Psychischem aus dem Grunde unmöglich, weil der Umkreis des Psychischen -d. i. der Bewusstseinsphänomene, zu welchen auch die Sinnesempfindung -und sinnliche Wahrnehmung gehört, auch von demjenigen Beobachter, -der sich wie der Naturforscher auf die Seite des Physischen stellt, in -keiner Weise überschritten werden kann. Von dem, worin der Physiker das -Wesen des optischen oder des akustischen Phänomens erblickt, von der -Oscillation der Aethertheilchen oder den Luftwellen ist in demjenigen, -was der Psychologe als das Wesen der Gesichts- oder Gehörsempfindung -ansieht, in der qualitativen Farbe oder dem eben solchen Ton, nichts -Gleichartiges anzutreffen, noch lässt sich die Anzahl von mehr als -vierhundert Billionen Schwingungen mit der Empfindung des Blauen oder -jene von 32 Schallwellen in der Secunde mit jener des tiefsten hörbaren -C-Tones der Orgel vergleichen. Physische und psychische Erscheinungen, -als Phänomene betrachtet, sind nicht blos scheinbar, sondern wahrhaft -verschieden und, was ihre qualitative Natur, allerdings nicht, was -deren quantitatives Mass betrifft, schlechterdings unvergleichbar. - -323. Dennoch wäre es voreilig, wie der qualitative Dualismus thut, -aus der Verschiedenheit beider Classen von Erscheinungen auf -eine qualitative Verschiedenheit ihrer beziehungsweisen Substrate -d. i. da das scheinbar Wirkliche auf wahrhaft Wirkliches deutet, -auf eine zwiespältige qualitative Beschaffenheit des Wirklichen zu -schliessen. Die Folgerung, dass, wenn die Erscheinung verschiedenartig -sei, auch das Wesen des derselben zu Grunde liegenden Wirklichen -ein verschiedenartiges sein müsse, hat nur dann Gewalt, wenn sie -dazu gebraucht wird, um darzuthun, dass das in diesem Falle zu -Grunde liegende Wirkliche nicht ein einziges, sondern ein multiplum -von Wirklichen sein, den verschiedenen Erscheinungen demnach nicht -ein und dasselbe, sondern bald diese, bald eine andere Gruppe von -mehreren Wirklichen zu Grunde liegen müsse. Keineswegs aber folgt -daraus, dass jene Wirklichen selbst nicht blos numerisch, sondern -ihrer inneren Beschaffenheit nach unter einander verschieden -sein d. h. dass sie etwa verschiedenen Classen von Wirklichen -angehören müssten, so lange nicht erwiesen ist, dass die blosse -Verschiedenheit äusserer Beschaffenheiten, wie Zahl, Lage, -Gruppirung der Atome, nicht hinreiche, verschiedenartigen Schein -in der Erscheinungswelt hervorzubringen. Da letzterer Erweis, wie -das Beispiel der quantitativen Atomistik lehrt, keineswegs erbracht, -im Gegentheil durch diese einleuchtend gemacht worden ist, wie unter -Voraussetzung durchgängig gleicher Beschaffenheit der Atome lediglich -durch verschiedene Zahl und räumliche Anordnung derselben verschiedene, -ja anscheinend ganz entgegengesetzte Phänomene (wie z. B. das nach -rechts und das nach links Drehen der Polarisationsebene) sich erklären -lassen, so steht von dieser Seite, wie es scheint, nichts im Wege, -auch physische und psychische Phänomene auf qualitativ gleichartiges -Wirkliches zurückzuführen. - -324. Letzteres würde nur dann undenkbar sein, wenn die Qualität eines, -mehrerer, oder aller zum erklärenden Phänomen einer-, und jene des -denselben zu Grunde zu legenden Wirklichen andererseits einander in -der Weise widersprächen, dass die durch die Erfahrung gewährleistete -Thatsächlichkeit des oder der einen durch die (aus was immer für einem -Grunde) behauptete Beschaffenheit des andern geradezu ausgeschlossen -wird. Dieser Fall würde eintreten, wenn zum Beispiel unter den -thatsächlichen psychischen Erscheinungen eine solche sich vorfände, -die ihrer Natur nach nur innerhalb eines einzigen und zwar eines seiner -Qualität nach streng einfachen Wirklichen vor sich gehen kann, während -dagegen von anderer Seite behauptet würde, nicht nur, dass alles, was -überhaupt als Substrat einer Erscheinung solle angesehen werden können, -eine Verbindung mehrerer Wirklicher, eine Gruppe von solchen sein -müsse, sondern auch, insofern dasselbe als Träger einer Erscheinung -gelten soll, seiner Qualität nach zusammengesetzt sein müsse. In diesem -Fall würde entweder die Thatsächlichkeit jenes Phänomens verleugnet, -oder, wenn dies dem Zeugniss der Erfahrung gegenüber als unausführbar -sich herausstellt, angenommen werden müssen, dass dasselbe, obgleich -wirklich, doch ohne wirkliches Substrat, gleichsam in der Luft schwebe. - -325. Obiger Fall tritt ein bei dem Phänomen der sogenannten Einheit des -Bewusstseins, der Theorie der sogenannten "Psychologie ohne Seele" und -der Psychologie des sogenannten "Materialismus" gegenüber. Jene geht -davon aus, dass die Natur des Phänomens der Einheit des Bewusstseins -mit der Qualität des ihrer Ansicht nach ausschliesslich wahrhaft -Wirklichen unverträglich und daher, da dessen Wirklichkeit nicht -bestritten werden könne, dasselbe thatsächlich ohne reales Substrat -sei. Letztere räumt ein, nicht nur dass obiges Phänomen thatsächlich, -sondern auch, dass kein irgendwie wirklich vorhandenes Phänomen ohne -irgendwie beschaffenes Wirkliches als Substrat desselben denkbar, -behauptet aber, dass die Natur obiger Erscheinung auch mit der -Annahme eines aus Theilen bestehenden Substrates verträglich sei. Die -Widerlegung der ersteren müsste darauf ausgehen darzuthun, nicht nur, -dass dasjenige Substrat, welches die "Psychologie ohne Seele" für das -ausschliesslich Wirkliche, weil ausschliesslich mögliche ausgibt, -weder das einzig Wirkliche, noch überhaupt ohne Selbstwiderspruch -ein mögliches sei, sondern auch, dass eine als wirklich zugestandene -Erscheinung weder ohne ein Wirkliches als Substrat, noch überhaupt -ohne Substrat gedacht werden könne. Die Widerlegung der letzteren -müsste dahin gerichtet sein, zu erweisen, dass der Versuch, die Natur -obigen als thatsächlich anerkannten Phänomens mit der materiellen -d. i. aus Theilen bestehenden Natur seines Substrats als verträglich -darzustellen, illusorisch, und daher die einzige Möglichkeit, -dessen Thatsächlichkeit begreiflich zu finden, in der Annahme eines -"atomistischen" d. i. theillosen Trägers für dasselbe gelegen sei. - -320. Den Beweis zu führen, dass das wahrhaft Wirkliche seiner -Qualität nach einfach d. i. nicht aus Theilen bestehend, dass sonach -dasjenige Wirkliche, welches die "Psychologie ohne Seele" nicht nur, -obgleich dasselbe, sondern wol gar, weil es zusammengesetzter Natur -(materiell) ist, für das wahrhaft Wirkliche hält, weder ein solches -sei noch sein könne, sondern blos den Schein eines solchen enthalte, -hat im Obigen bereits der philosophische Realismus durch seine von -der Erfahrung aus-, aber aus denknothwendigen Gründen über dieselbe -hinaus gehende Wissenschaft vom Wirklichen übernommen. Derselbe hat -aber auch zugleich dargethan, und in diesem Punkt steht, wie aus dem -Vorigen sich ergibt, selbst die "Psychologie des Materialismus" ihm als -Bundesgenossin zur Seite, dass auch der Schein eines Wirklichen, wenn -er ein wirklicher d. i. thatsächlicher ist, nicht ohne ein Wirkliches -als dessen Substrat gedacht werden könne und daher die Annahme der -"Psychologie ohne Seele", dass der von ihr als thatsächlich anerkannte -Schein der Einheit des Bewusstseins ohne ein solches, also buchstäblich -ein Luftphantom sei, auf einer argen Selbsttäuschung beruhe. - -327. Zum Beweise für die andere d. i. für diejenige Behauptung, welche -den thatsächlichen Schein der Einheit des Bewusstseins mit der aus -Theilen bestehenden Natur des Trägers derselben für vereinbar hält, -haben sich deren Vertheidiger, die Psychologen des Materialismus, -auf ein ihrer Meinung nach zutreffendes Beispiel aus der exacten -Naturwissenschaft, auf die in der Mechanik der Zusammensetzung der -Kräfte fundamentale Thatsache der Resultante berufen. Dieselbe stellt -in der That ein Wirkliches dar, welches als solches nur durch das -Zusammenwirken anderer Wirklichen, der sogenannten Componenten zu -Stande kommt, zugleich aber auch ein solches, das mit der Wirklichkeit -dieser letzteren verglichen nur ein scheinbares ist d. h. nur den -Schein selbstständiger Wirklichkeit hat, während die eigentlich -Wirklichen, weil die eigentlich Wirkenden, die Componenten sind. Werden -die letzteren, also ein Vielfaches, als das Substrat der Resultirenden, -welche als solche ein Einfaches ist, vorgestellt, so scheint obige -Thatsache anschaulich zu machen, wie die zusammengesetzte Natur -der Grundlage eines Phänomens die einheitliche, ja sogar einfache -Beschaffenheit des letztern nicht ausschliesse, und sonach auch die -Möglichkeit, dass das seiner Natur nach einfache Phänomen der Einheit -des Bewusstseins in einem zusammengesetzten, aus einer Mehrheit von -Theilen bestehenden Substrate vor sich gehe, plausibel zu machen. - -328. Trifft obiges Gleichniss zu, so beweist es nichts; beweist es -aber etwas, so beweist es das Gegentheil von dem, was nach dem Wunsche -seiner Urheber dadurch bewiesen werden soll. Die Beweiskraft desselben -hängt davon ab, dass dasjenige, was unter dem Namen der Resultirenden -mit dem Phänomen der Einheit des Bewusstseins verglichen wird, wirklich -im Sinn der Mechanik eine solche sei. Aber schon Lotze hat bemerkt, -dass dieser sogenannten Resultanten das wichtigste Merkmal einer -solchen, nämlich nichts geringeres fehle als der gemeinschaftliche -Angriffspunkt, der ihr mit ihren Componenten gemeinsam sein muss. Die -Resultirende ohne einen solchen wäre wie Schiller's Glocke, welcher, -wie Schlegel witzig bemerkt hat, der Schwengel fehlt. Ist aber die -Resultante eine wirkliche Resultirende d. h. hat sie mit ihren -Componenten den Punkt des Angriffs wirklich gemein, dann stellt -dieser Punkt eben dasjenige dar, was für das Phänomen der Einheit -des Bewusstseins der atomistische Träger desselben darstellen soll -d. h. obiges Gleichniss beweist, statt gegen, im Gegentheil für -die Unentbehrlichkeit eines einfachen Wirklichen als Substrat des -Phänomens der Einheit des Bewusstseins. - -329. Aus der Thatsache der Einheit des Bewusstseins folgt, dass es -Phänomene gibt, welche als Substrats nur eines einzigen theillosen -und untheilbaren Wirklichen bedürfen und daher mit allen denjenigen -Phänomenen, welche zu ihrer realen Unterlage ein Aggregat von solchen -d. i. (im physikalischen Sinne) einen (mehr oder weniger verfeinerten -oder vergröberten) Körper voraussetzen, qualitativ schlechterdings -unvergleichbar sind. Umgekehrt wird es erlaubt sein, anzunehmen, -dass alle diejenigen Phänomene, welche mit letzteren unvergleichbar, -ihrerseits dagegen mit dem Phänomen der Einheit des Selbstbewusstseins -insofern vergleichbar seien, als sie ebenso wie dieses jedes irgendwie -zusammengesetzte Substrat ausschliessen und im Gegensatz zu den mit -diesem unvergleichbaren Erscheinungen einen atomistischen Träger -als reale Unterlage bedingen. Da nun das Phänomen der Einheit -des Bewusstseins ein psychisches ist, alle diejenigen Phänomene -aber, welche als ihr Substrat eine materielle Grundlage erfordern, -als physische bezeichnet werden, so folgt, dass alle mit letzteren -unvergleichbaren Phänomene (wie Vorstellen, Fühlen, Streben und Wollen) -als psychische dem Phänomen der Einheit des Bewusstseins gleichartig -sein und daher ebenso wie dieses an einem theillosen Träger haften -werden. Wird dabei vorzugsweise die Eigenthümlichkeit ins Auge -gefasst, dass jedes zusammengesetzte d. h. aus Theilen bestehende -Substrat ein Aussereinander der Orte dieser letzteren d. h. eine -räumliche Ausdehnung (extensum) erheischt, während das einfache -theillose Wirkliche eine solche ausschliesst und nur den einfachen Ort -(mathematischen Punkt) eines einfachen Wirklichen (eines dynamischen -Punkts oder einer punktuellen Kraft; "Monade", "Dynamide") ausfüllt, -so können die physischen Phänomene auch extensive und müssen die -psychischen sodann im Gegensatz dazu intensive genannt werden. Jene -schliessen die Ausdehnung und damit die Räumlichkeit ein, diese -dagegen zwar die Ausdehnung, keineswegs aber die Räumlichkeit aus; jene -erfolgen als Vorgänge innerhalb eines räumlich ausgedehnten Substrats -selbst in räumlich ausgedehnter Weise (Bewegung als Ortsveränderung, -Anziehung, Schwingung u. s. w.), diese erfolgen als Vorgänge innerhalb -eines zwar an einem Orte im Raume befindlichen (also nicht raumlosen -oder unräumlichen), aber nur einen einfachen (ausdehnungslosen) -Ort im Raume einnehmenden (also selbst ausdehnungslosen) Wirklichen -zwar im Raume, können aber selbst eben so wenig wie das Wirkliche, -dessen Vorgänge sie sind, räumlich ausgedehnt sein (Empfindung als -Intensitätsveränderung, Hemmungsgefühl, Streben u. s. w.). Wie der -Inbegriff der extensiven Phänomene die Grundlage der Physik, so bildet -jener der intensiven die Grundlage der Psychik oder Psychologie; jener -umfasst alle materiellen d. h. an einem materiellen Substrat haftenden -und durch die Wechselwirkung zwischen den Elementen der Materie, -den physikalischen Atomen, hervorgebrachten, dieser dagegen alle an -einem atomistischen Substrat haftenden und aus der Wechselwirkung der -elementaren Vorgänge innerhalb desselben entspringenden Erscheinungen. - -330. Da das einzige atomistische Substrat erfahrungsmässig gegebener -Erscheinungen dasjenige ist, welches auf Grund des thatsächlichen -Phänomens der Einheit des Bewusstseins als Träger nicht nur dieses, -sondern sämmtlicher ihm gleichartiger Phänomene vorausgesetzt -wird, so folgt, dass wie es voreilig schien, aus der qualitativen -Verschiedenheit der physischen und psychischen Erscheinungen auf -qualitativ verschiedene Beschaffenheit ihrer beziehungsweisen -Substrate zu schliessen, es eben so voreilig wäre, aus den -erfahrungsmässig gegebenen Zuständen eines atomistischen Wirklichen -auf das Vorhandensein gleicher oder doch ähnlicher Zustände im Innern -anderer oder gar aller atomistischen Wirklichen zu schliessen. Aus -der denknothwendigen Folgerung, dass, was immer in einem -atomistischen Wirklichen vor sich gehe, nur intensive und insofern -den erfahrungsgemäss gegebenen Vorgängen des Vorstellens, Fühlens -und Strebens ähnliche Zustände sein können, folgt keineswegs, dass, -weil dergleichen in demjenigen Atome, welches als Träger des Phänomens -der Einheit des Bewusstseins gilt, durch die Erfahrung gegeben sind, -ähnliche auch in allen übrigen einfachen Wirklichen, also z. B. auch -in denjenigen, welche als letzte reale Grundlage der physikalischen -Materie angesehen werden, gegeben sein müssten oder thatsächlich -seien. Jene einfachen Wirklichen, welche auf Grund thatsächlich -erfahrener intensiver Zustände d. i. erfahrungsmässig gegebener -psychischer Phänomene (selbst erlebter oder an Anderen beobachteter -Vorstellungen, Gefühle, Begehrungen und Willensentschliessungen) als -deren unentbehrliche atomistische Träger denknothwendig vorausgesetzt -werden müssen, mögen als solche "Seelen" d. h. reale Atome heissen, -deren eigenthümliches Wirken in der gegebenen Erfahrung unter der Form -des Vorstellens, Fühlens, Strebens und anderer aus diesen letzteren -abgeleiteten Zustände erscheint, deren specifische Qualität aber eben -so wie jene aller übrigen einfachen Wirklichen, welche den Boden -des erfahrungsmässig gegebenen Scheins der Wirklichkeit ausmachen, -der Erkenntniss entzogen bleibt. Wie die Farbe, der Klang, die Härte -oder Weichheit, ja wie die Körperlichkeit selbst nicht das Wesen des -Wirklichen, sondern die Form ausmacht, unter welcher dasselbe für die -äussere Erfahrung, so stellt die vorstellende, fühlende, strebende -Thätigkeit, ja die Seelenhaftigkeit selbst diejenige Gestalt dar, -unter welcher das Innere des Wirklichen für die innere Erfahrung -erscheint; was das Wirkliche selbst, von der Erfahrung, äusserer wie -innerer, abgesehen, an sich seiner Natur nach sei, bleibt hier wie -dort unbekannt. - -331. Wie aus der einfachen Qualität des atomistischen Wirklichen, -welches als Träger der erfahrungsmässig gegebenen psychischen -Zustände vorausgesetzt werden muss, dessen Unveränderlichkeit, -so folgt aus der Vielheit und Mannigfaltigkeit der zugleich und -nach einander durch die Erfahrung gegebenen psychischen Zustände, -als deren Träger es gilt, dessen Veränderlichkeit. Während der -ersteren zufolge die Qualität desselben und dadurch das Wirkliche -immer dasselbe bleibt d. h. als dasjenige Selbst, das es ist, sich -erhält, scheint es der letzteren zufolge nicht nur im nämlichen -Zeitaugenblick mehreres und verschiedenes zugleich, sondern in auf -einander folgenden Zeitmomenten jeweilig ein anderes zu sein. Da jener -Schein der Vielheit und Mannigfaltigkeit nicht entstehen könnte, wenn -in der Einheit und Einfachheit des Wirklichen nicht dessen Anlage -gegeben wäre, so entsteht die Frage, wie sich die letztere mit der -ersteren, die Einheit und Einfachheit des Wirklichen mit der Vielheit -und Mannigfaltigkeit des Scheines im Wirklichen, also die Annahme, -dass viele und vielerlei Zustände im Wirklichen zugleich oder nach -einander gegeben seien, mit der denknothwendigen Voraussetzung seiner -Einheit und Einfachheit vertrage. Die Beantwortung derselben wird -zwar erleichtert, aber nicht überflüssig gemacht durch die Bemerkung, -dass diese mehreren zugleich gegebenen Zustände vorübergehende, also -nicht etwa bleibende Eigenschaften des einfachen Wirklichen, sogenannte -dauernde "Seelenvermögen" oder Seelenkräfte sein sollen, welche schon -Herbart treffend der alten Psychologie gegenüber als "mythologische -Wesen" bezeichnet hat; die Schwierigkeit besteht fort, wenn auch nur -in einem einzigen Zeitmoment eine Vielheit unter einander verschiedener -Zustände in dem einfachen Wirklichen als zugleich vorhanden vorgestellt -und dasselbe dadurch gleichsam in vieles gespalten gedacht werden soll. - -332. Ein Blick auf die gegebene Erfahrung lehrt, dass dies thatsächlich -der Fall sei. Qualitativ verschiedene Empfindungen, wie die einer -bestimmten Farbe, eines bestimmten Wohlgeruchs u. s. w. sind in der -sinnlichen Wahrnehmung der Rose dem Bewusstsein gleichzeitig gegeben -und müssen sonach in dem realen atomistischen Träger desselben als -gleichzeitig vorhandene, aber qualitativ unterschiedene Zustände -angesehen werden. Dasselbe soll daher nicht blos wirklich, sondern -es soll als einfache Qualität zugleich in so vielen verschiedenen -Qualitäten wirklich sein, als qualitativ verschiedene Zustände in -demselben als zugleich vorhanden gedacht werden sollen. Wie die -qualitative Atomistik die Gesammtheit der körperlichen Erscheinungen -auf eine Anzahl einfacher qualitativ unter einander verschiedener -Stoffe zurückführt, so leitet eine derselben entsprechende empirische -Psychologie die Gesammtheit der psychischen Erscheinungen von einer -Anzahl einfacher, qualitativ verschiedener Elementarzustände ab, -als dergleichen sie die sinnlichen Empfindungen, wie sie durch -die verschiedenen Sinnesorgane gegeben sind (Gesichts-, Gehörs-, -Geruchs-, Geschmacks- und Tastempfindungen, ferner die Temperatur-, -die Muskelempfindungen etc.) betrachtet. Werden die letztern als -wirklich einfach und zugleich als unter einander specifisch verschieden -angesehen, so muss obige Schwierigkeit, wie in dem qualitativ einfachen -Träger qualitativ verschiedene Zustände zugleich gegenwärtig sein -können, in ganzer Schärfe hervortreten. - -333. Um dieselbe zu heben, hat Herbart den Ausweg der sogenannten -"zufälligen Ansichten" ergriffen. Indem das Reale a, dessen einfache -Qualität a sein soll, mit dem Realen b, dessen Qualität durch b -ausgedrückt werden soll, der Qualität nach verglichen wird, zeigt sich, -dass jede der beiden Qualitäten Bestandtheile enthalte, die sich unter -einander wie plus und minus verhalten und daher, wenn die beiden Realen -zusammengedacht werden, sich unter einander aufheben müssen. Da jedoch -die einfache Qualität, als einfach, keine Theile enthalten, also auch -keine solchen, die sich, mit einer andern Qualität verglichen, wie plus -und minus verhalten, in sich schliessen kann, so stellt jene Auffassung -derselben in Gedanken, laut welcher dieselbe nicht nur Theile, sondern -einer andern Qualität entgegengesetzte Theile umfassen soll, nicht -den wahren Inhalt der Qualität, sondern blos eine zufällige Ansicht -derselben dar, kraft welcher gewisse Bestandtheile der Qualität des -Realen in ihrem Zusammen mit andern aufgehoben werden sollten, aber -nicht können, die Qualität zwar verändert werden sollte, aber nicht -kann, weil jene aufzuhebenden Theile eben keine Theile, sondern nur in -der zufälligen Ansicht der Qualität als solche angedichtet sind. Diese -durch das Zusammen eines Realen mit anderen Realen demselben -in Folge des gegensätzlichen Verhaltens seiner Qualität zu deren -Qualitäten, von dem dieselben zusammenfassenden Denken zugemutheten, -aber da jede einfache Qualität unveränderlich ist, niemals wirklich -eintretenden Störungen sind es, welche Herbart "Selbsterhaltungen" -des Realen genannt und als die einzige mit der strengen Einfachheit -der Qualität desselben verträgliche Art des wirklichen Geschehens, -den erfahrungsmässig gegebenen psychischen Vorgängen als metaphysische -Grundlage untergebreitet hat. Dieselben sollen je nach der Qualität -desjenigen Realen, welches mit dem gegebenen, um dessen Zustand es -sich handelt, in einer zufälligen Ansicht zusammengefasst wird, -selbst qualitativ verschieden (z. B. einmal eine Gesichts-, das -andere Mal eine Gehörsempfindung u. dgl.), nichts desto weniger aber -die Qualität des Realen, dessen Zustände sie sind, qualitativ immer -dieselbe und ungespalten sein. Sie sollen ferner wirklich und doch als -Störungen der Qualität des Realen, die zwar eintreten sollten, aber, -weil sonst letztere und damit das Reale selbst aufgehoben würde, -niemals eintreten können, zwar zugemuthete, aber niemals wirklich -gewordene, also im Grunde blosse Forderungen sein, die an das Reale -um seines Zusammen mit anderen willen vom zusammenfassenden Denken -gestellt, aber von jenem niemals erfüllt werden. Ob Zustände der Art -überhaupt das Recht gewähren, dieselben als wirkliches Geschehen und -zugleich als den einzigen Anknüpfungspunkt zu bezeichnen, welchen -das streng einfache Reale für die erfahrungsmässig gegebene vielfache -Mannigfaltigkeit psychischer Phänomene zu bieten vermöge, ist von der -Seite der Erfahrungspsychologie eben so vielfach bestritten, als von -der Seite der Schule ohne durchschlagenden Erfolg vielfach vertheidigt -worden. Angriff und Abwehr gehen von der Alternative aus, dass entweder -das wirkliche Geschehen im Realen nicht wirklich, oder die Qualität des -Realen nicht einfach sein könne. Jenes, weil Einfachheit der Qualität -die Wirklichkeit qualitativer Verschiedenheit des Geschehens, dieses, -weil die qualitative Verschiedenheit des Geschehens die Einfachheit -der Qualität ausschliesse. - -334. Allerdings nur, weil und so lange das wirkliche Geschehen als -qualitativ wirklich verschieden gedacht wird. Findet das Gegentheil -statt d. h. wird das wirkliche Geschehen als qualitativ nicht -verschieden d. h. seiner Qualität nach unter einander homogen und der -Qualität des Wirklichen, dessen Geschehen es ausmacht, entsprechend -vorgestellt, so entfällt der nicht abzustreitende Widerspruch zwischen -der Qualität des Wirklichen, die einfach, und jener des Geschehens, -die mannigfaltig sein soll, und damit auch der Grund, welcher die -Wirklichkeit qualitativ verschiedenen Geschehens mit der Einfachheit -der Qualität des Wirklichen selbst unverträglich zu machen droht. Nicht -die Vielheit des Wirkens, sondern die gleichzeitige Vielartigkeit des -Wirkens widerspricht der qualitativ einfachen Natur des Wirklichen; -letztere schliesst nicht aus, dass das einfache Wirkliche zu anderen -einfachen Wirklichen gleichzeitig anders sich verhält, wol aber -schliesst sie aus, dass sich dasselbe zu jedem der andern als ein -Anderes verhält. - -335. Wie in der Physik die quantitative Atomistik der qualitativen, -an Stelle der qualitativ verschiedenen qualitativ gleichartige Atome -entgegensetzt, so führt dieselbe in der Psychologie, den qualitativ -unterschiedenen psychischen Elementarzuständen gegenüber, qualitativ -ununterschiedene primitive psychische Vorgänge in die Betrachtung -ein. Jene geht von der Voraussetzung aus, dass die sogenannten -einfachen Stoffe in der Chemie, diese glaubt sich zu der Annahme -berechtigt, dass die sogenannten einfachen Empfindungen im Bewusstsein -nicht die ursprünglichen primitiven, sondern, die einen wie die andern, -aus weiteren, wahrhaft letzten Elementen und zwar jene aus unter sich -gleichartigen primitiven Körper-, diese aus gleichfalls unter einander -homogenen primitiven Bewusstseinselementen zusammengesetzt seien. Wie -die quantitative Atomistik in der Körperwelt, so strebt sie in der -Bewusstseinswelt die qualitativen auf blos quantitative Unterschiede -zurückzuführen; wie in der Chemie das Sauerstoffatom als eine Gruppe -primitiver Atome und dadurch als verschieden vom Kohlenstoffatom, -als einer anders geformten Gruppe derselben primitiven Atome, so -geht sie darauf aus, in der Psychologie z. B. die Empfindung des -Blauen als eine Gruppe primitiver Bewusstseinselemente und dadurch als -verschieden von der Empfindung des Rothen, als einer anders geformten -Gruppe derselben primitiven Bewusstseinselemente, hinzustellen. Das -qualitativ specifische Atom (z. B. das Kohlenstoffatom) ist ihrer -Auffassung zufolge eine räumlich, die qualitativ specifische Empfindung -(z. B. die Empfindung des Roth oder die Empfindung des Tones C) eine -zeitlich geordnete Gruppe, jene von neben-, beziehungsweise ausser -einander im Raume gelagerten primitiven Atomen (etwa in Gestalt eines -Würfels oder einer Kugel), diese von nach, beziehungsweise auf einander -folgenden primitiven Bewusstseinsacten (etwa Billionen derselben für -die Empfindung des Roth, 32 derselben für den Ton des tiefen C). - -336. Wie diese Ansicht in der Physik durch die Entdeckung der -typischen Körper und die chemische Typentheorie, so hat dieselbe -in der Psychologie durch die Entdeckung von Helmholtz, dass unsere -vermeintlich einfachen Tonempfindungen zusammengesetzter Natur seien, -eine Bestärkung erhalten. Jene hat es wahrscheinlich gemacht, dass -die bis jetzt für einfach gehaltenen chemischen Stoffe sich in weitere -zerlegen lassen und deren Analysen schliesslich zu der Annahme eines -Grundstoffs führen werden; diese lässt die Vermuthung zu, dass, -wie die Ton-, so auch die Empfindungen anderer Sinnesorgane sich -als zusammengesetzt und schliesslich als quantitative Combinationen -einer und derselben Grundempfindung erweisen werden. Mehr als jene -Wahrscheinlichkeit und diese Vermuthung auszusprechen, lässt weder -der gegenwärtige Stand der äussern noch jener der innern Erfahrung -zu, obgleich nicht geleugnet werden kann, dass die quantitative -Atomistik, wie sie der Erfahrung über die Körperwelt sich am bequemsten -anschmiegt, so auch einer consequenten Betrachtung der Bewusstseinswelt -Vortheile in Aussicht stellt. - -337. Einer und zwar nicht der geringste besteht darin, dass -durch die Zurückführung der vermeintlich specifisch verschiedenen -elementaren Bewusstseinsvorgänge auf ursprünglich gleichartige -die schwer empfundene Unvergleichbarkeit physischer Vorgänge, wie -es die Nervenreize, und psychischer, wie es die unmittelbar durch -dieselben ausgelösten und auf dieselben bezüglichen Empfindungen -sind, auf das geringste denkbare Mass herabgesetzt wird. Werden, -wie längst in der physischen, so nun auch in der psychischen Welt -die Verschiedenheiten sämmtlicher Phänomene auf rein quantitative -Bestimmungen zurückgeführt, so steht nichts im Wege, die quantitativen -Bestimmungen der physischen jenen der correspondirenden psychischen -Vorgänge als gleich oder doch (wie das Weber-Fechner'sche Gesetz in -einem einzelnen Falle versucht hat) als irgendwie proportional zu -denken und dadurch die Unvergleichbarkeit beider auf die allerdings -durch nichts zu beseitigende Unvergleichbarkeit des ursprünglichen -physischen (der als solcher ein extensiver) und des gleichfalls -ursprünglichen psychischen Vorgangs (der als solcher ein intensiver -ist) zu beschränken. Stellt der Gehirn- oder Nervenvorgang, welcher -die nächste Voraussetzung der Empfindung bildet, in der Reihe der -sich stufenförmig über einander erhebenden physischen Vorgänge des -mechanischen, chemischen und organischen Geschehens das oberste, -so stellt die unmittelbar, obgleich unvergleichbar an jene sich -anschliessende, primitive Empfindung in der Reihe der sich stufenweise -über einander erhebenden Formen des psychischen Geschehens das unterste -oder Anfangsglied dar, aus welchem, wie dort aus der Wechselwirkung -der kleinsten Körpertheilchen (physikalische Atome, Molecüle) alle -höheren physischen, so durch Umbildung und Wechselwirkung alle höheren -psychischen Bildungen sich entwickeln. - -338. Für die primitive Empfindung d. i. für den dem elementaren -Vorgang im Nervenreiz entsprechenden elementaren Vorgang im Bewusstsein -hat Lotze den Ausdruck "ictus" geprägt. Derselbe macht anschaulich, -dass die Wirkung eines kleinsten extensiven Vorgangs, z. B. einer -einzelnen Aetherschwingung, ein kleinster intensiver Vorgang, die einer -solchen entsprechende und daher im Innern so oft sich wiederholende -Empfindung sein kann, als der sie veranlassende physische Vorgang, -die Aetherschwingung, im äussern sich wiederholt. Wie die Empfindung -selbst von der veranlassenden Schwingung, so hängt die Zahl der sich -wiederholenden gleichen Empfindungen von der Zahl sich wiederholender -gleicher Schwingungen ab, und wie durch die letztere in den Augen -des Physikers der specifische Charakter des physischen Phänomens -(z. B. durch die Zahl von 745 Billionen Schwingungen in der Secunde -jener des rothen Lichtes), so erscheint durch die Zahl der sich -wiederholenden primitiven Empfindungen der specifische Charakter des -psychischen Phänomens (in obigem Fall der Empfindung des Rothen) -in den Augen des Psychologen gegeben. Die Zahl der Schwingungen -innerhalb einer bestimmten Zeiteinheit drückt für den Physiker das -Quale, die Grösse der Schwingung (amplitude) die dynamische Intensität -des Physischen (z. B. der Farbe) aus; eben so stellt in den Augen -des Psychologen die Zahl der innerhalb derselben Zeiteinheit sich -wiederholenden primitiven Empfindungen das Quale, die Stärke des -einzelnen ictus durch ihr multiplum die dynamische Intensität des -psychischen Phänomens (z. B. der Gesichtsempfindung des Rothen) -dar. Die quantitative Bestimmung dort (das Vielfache der Schwingungen) -und die quantitative Bestimmung hier (das Vielfache der primitiven -Empfindungen) lassen, vorausgesetzt dass die Zeiteinheit dieselbe -sei (z. B. die Secunde), der Unvergleichbarkeit der beiderseitigen -Quales (der Schwingung einer- und des ictus anderseits) ungeachtet, -eine Vergleichung der beiderseitigen Quanta zu und gestatten die eine -durch die andre zu messen. - -339. Dieselbe Voraussetzung macht es aber auch möglich, nicht -nur das Verhältniss der primitiven Empfindungen selbst, sondern -auch das aller aus denselben abgeleiteten psychischen Phänomene, -ähnlich wie das Verhalten der körperlichen Elemente und aller daraus -abgeleiteten physischen Phänomene, mit Rücksicht auf die in denselben -enthaltenen quantitativen Bestimmungen und deren Relationen zu einander -einer mathematischen Behandlung zu unterwerfen. Wie die Atome der -Körperwelt sich als Kräfte betrachten lassen, die im Verhältniss -ihrer Stärke anziehend oder abstossend auf einander wirken, -so lassen die primitiven Empfindungen mit Rücksicht auf den Grad -ihnen eigener Intensität als Kräfte sich ansehen, welche sich unter -Voraussetzung gleichartiger Richtung verstärken, unter Voraussetzung -entgegengesetzter ganz oder theilweise hemmen werden. Die exacte -Naturwissenschaft trachtet die gesammten Erscheinungen der körperlichen -Welt, auch die verwickeltesten, die sogenannten Lebenserscheinungen, -nicht ausgeschlossen, in ihrem letzten Grunde auf Annäherungen und -Entfernungen der kleinsten Theilchen der körperlichen Masse (der -Molecüle und physikalischen Atome) nach statischen und mechanischen -Gesetzen zurückzuführen; eine exacte Psychologie wird das gleiche Ziel, -die Reduction der gesammten Bewusstseinserscheinungen auf gegenseitige -Verstärkung oder Hemmung der primitiven Bewusstseinserscheinungen -("Bewusstseins-Atome") nach statischen und mechanischen Gesetzen vor -Augen haben. - -340. Wie die Gesammtheit der physikalischen Atome den Stoff der -Körper-, so bildet die Gesammtheit primitiver Bewusstseinsvorgänge -den Stoff der Welt des individuellen Bewusstseins. Wie jene -erfahrungsgemäss eine begrenzte d. h. so weit reichende ist, als nach -unserer Erfahrung das physische Band reicht, welches als Gravitation -die Elemente der Materie zusammenhält, so ist die Menge des psychischen -Materiales erfahrungsgemäss für jedes individuelle Bewusstsein -eine begrenzte, deren Beginn mit dem Zeitpunkt des erwachenden -(Geburt), deren Ende mit jenem des erlöschenden Bewusstseins -(Tod) des Individuums zusammenfällt. Jene wie diese stellt ein -Stoffquantum dar, das sich weder vermehren noch vermindern lässt, -dessen Form jedoch im Laufe der Zeit, und zwar die des physischen -Stoffs während der Dauer des sichtbaren Universums, die des primitiven -Bewusstseinsmaterials während der Dauer des psychischen Individuums, -Aenderungen in ununterbrochener Folge erfahren kann und, wie die -Erfahrung, die äussere durch Beobachtung der Entwickelungsgeschichte -des Weltalls, die innere durch Beobachtung der Processe im Bewusstsein -des Individuums, zeigt, thatsächlich erfährt. So wenig jemals dem -Begriff unbedingten Gesetztseins entsprechend das Denken ein Sein -d. h. Realität hervorzubringen vermag, so wenig vermag der atomistische -Träger des Bewusstseins auch nur eine einzige primitive Empfindung aus -sich selbst d. i. ohne durch anderes Wirkliche gegebene Veranlassung -zu erzeugen. So gewiss das Wirkliche als unbedingt Gesetztes durch -das Denken zwar als solches anerkannt, aber nicht aufgehoben zu werden -vermag, so gewiss kann ein einmal stattgehabtes wirkliches Geschehen -(eine primitive Empfindung im Bewusstsein) durch Verleugnung von -Seite des Wirklichen, in dem es geschehen ist, zwar verdunkelt, -aber niemals ungeschehen gemacht werden. - -341. Wie die Totalität des körperlichen Stoffs und aller daraus -näher oder entfernter sich entwickelnden Erscheinungen den Inhalt des -räumlich und zeitlich ausgedehnten Weltalls, so bildet die Gesammtheit -des Bewusstseinsmaterials und aller näher oder entfernter daraus -abgeleiteten Bewusstseinsphänomene den Inhalt des nicht räumlich, -wol aber zeitlich ausgedehnten Bewusstseins. Jenes besitzt obige -Eigenschaft, weil dessen Bestandtheile nicht nur ausser einander, -sondern auch nach einander, dieses nur die letztere, weil dessen -Bestandtheile zwar nicht blos nach einander, sondern auch mit einander, -in dieser letzteren Eigenschaft aber niemals ausser einander sein -können. Letzteres nicht, weil das atomistische Wirkliche, dessen -Zustände sie sind, keinen Raum darbietet für eine gleichzeitige -"itio in partes". So gut die gleichzeitig existirenden Elemente des -körperlichen Stoffs ihres räumlichen Aussereinander ungeachtet durch -das physische Band, das sie an einander fesselt, gezwungen sind, als -Theile desselben physischen Weltalls mit einander in Zusammenhang -zu bleiben, so gut sind die gleichzeitig vorhandenen Elemente des -individuellen Bewusstseins durch die atomistische Beschaffenheit ihres -gemeinsamen Trägers gezwungen, als Theile desselben Bewusstseins -unter einander in realen Zusammenhang zu treten. So wenig ein -Weltkörper, durch das Band der Schwere gehalten, aus dem sichtbaren -Universum und seinem Verband mit anderen Weltkörpern sich entfernen, -so wenig kann irgend ein Bestandtheil des Bewusstseins der Berührung -mit den gleichzeitig mit ihm in demselben Bewusstsein vorhandenen -Bestandtheilen ausweichen. Derselbe ist, wohl oder übel, gezwungen, -sich mit denselben, sei es feindlich oder freundlich, in Contact -zu setzen. - -342. Letztere Nöthigung enthält den Grund der sogenannten -Ideenassociation d. i. der Vergesellschaftung der gleichzeitig -in demselben Bewusstsein vorhandenen Phänomene. Derselbe ist ein -"mechanischer", demjenigen vergleichbar, dessen Wirkung wie durch -einen Druck von aussen auf mittels desselben zusammengehaltene Körper -ausgeübt wird, und steht so wenig, wie dieser zu der qualitativen -Beschaffenheit der Körper, zu der qualitativen Beschaffenheit der -associirten Phänomene in Beziehung. Nicht der Umstand, dass sie dem -Inhalt nach ähnlich oder unähnlich, sondern allein die Thatsache, -dass sie gleichzeitig Bestandtheile desselben Bewusstseins sind, -knüpft die Erscheinungen an einander und dehnt ihre Wirksamkeit -nachhaltig auch auf solche Bestandtheile des Bewusstseins aus, -welche nicht ganz, sondern nur theilweise mit den eben im Bewusstsein -anwesenden Erscheinungen gleichzeitig sind. Letzteres macht erklärlich, -warum in demselben Bewusstsein auf einander folgende Erscheinungen, -vorausgesetzt dass dieselben schon einzutreten angefangen haben, bevor -die gegenwärtigen gänzlich geschwunden sind, sich mit den letzteren -gleichfalls und, wenn obige Voraussetzung sich erfüllt, alle einander -succedirenden Bewusstseinsphänomene sich unter einander associiren. - -343. Treten daher gewisse Bewusstseinsphänomene (z. B. primitive -Empfindungen) thatsächlich zugleich oder in der Weise nach einander -ins Bewusstsein ein, dass die vorangehende noch fortdauert, wenn -die folgende schon eintritt, so müssen sich dieselben unter einander -verbinden, und zwar desto inniger, je öfter das gleichzeitige oder -successive Eintreten derselben sich wiederholt. Sind nun Gründe -vorhanden, welche bewirken, dass gewisse Phänomene niemals anders als -gleichzeitig oder in derselben Ordnung nach einander ins Bewusstsein -eintreten können, so muss diese Nöthigung, sich unter einander -zu verbinden, zuletzt eine so unwiderstehliche werden, dass jene -Phänomene schlechterdings nicht mehr ohne einander gedacht d. h. dass -dieselben nur als ein zusammengehöriges Ganzes d. i. als Aggregat -von Bewusstseinsphänomenen gedacht werden können, dessen Theile zwar -eben so wenig wie die des mechanischen Körpers durch Gleichartigkeit -oder Gegensatz unter einander verwandt sein müssen, aber eben so wie -diese durch mechanischen Druck und Cohäsion, so durch den Zwang der -Simultaneität oder Succession mit einander verbunden sind. - -344. Aggregate dieser Art sind von Herbart "Complicationen" genannt -worden. Das Charakteristische derselben liegt darin, dass die -Beschaffenheit des Inhalts des Verbundenen gleichgiltig, der Grund -der Verbindung einzig die Gleichzeitigkeit oder Aufeinanderfolge -des Verknüpften ist. Daraus folgt, dass auf diesem Wege eben so -gut verwandte, als gänzlich disparate Bewusstseinsphänomene zur -Verbindung gelangen, und nicht nur Heterogenes, sondern selbst -Widersprechendes durch die blosse Thatsache der Gleichzeitigkeit oder -der Succession zu einem (im letzteren Falle sogar widerspruchsvollen) -Ganzen zusammengewürfelt und durch den Zwang der Ideenassociation -zusammengeschweisst werden kann. So wenig der nur mechanisch -zusammengesetzte physische Körper aus qualitativ gleichartigen -Elementen, so wenig braucht die Complication aus solchen zu bestehen; -so gewiss aber vom Standpunkt der quantitativen Atomistik aus der -chemisch einfache Körper (z. B. das Sauerstoffatom), da derselbe nichts -weiter als eine eigenartig geformte Gruppe primitiver physikalischer -Atome ist, nichts anderes als ein blosses Aggregat sein kann, -weil bei dessen Zusammensetzung die Qualität seiner Bestandtheile -noch keine Rolle spielt, so gewiss kann die im Sinne der bisherigen -Psychologie einfach genannte Empfindung (z. B. die Empfindung Roth -oder Ton C), wenn dieselbe nichts weiter als eine eigenartige Gruppe -primitiver Bewusstseinsacte (ictus) sein soll, nichts anderes sein, -als eine Complication, weil bei derselben von einer Rücksicht auf -qualitative Beschaffenheit ihrer primitiven Elemente keine Rede sein -kann. Das Sauerstoffatom stellt in diesem Fall unter den möglichen -Gruppirungen, welche physikalische Atome überhaupt einnehmen können, -eine solche dar, welche thatsächlich gegeben und von der äusseren -Erfahrung unter dem Namen des Sauerstoffes fixirt worden ist; -eben so möchte die vermeintlich einfache Empfindung des Rothen eine -Complication primitiver Bewusstseinsacte ausdrücken, welche unter den -zahllosen möglichen Combinationen primitiver Bewusstseinselemente -thatsächlich gegeben und von der inneren Erfahrung durch den Namen -des Roth-Empfindens vor andern ihrer Gattung ausgezeichnet worden ist. - -345. Qualitativ verschiedene Empfindungen der Art (Farbenempfindungen -wie Roth, Blau, Grün; Tonempfindungen wie Violinton g, h; -Geruchsempfindungen wie Rosengeruch, Veilchengeruch etc.), -welche selbst schon Complicationen primitiver Bewusstseinsacte -sind, verhalten sich zu diesen letzteren, wie sich die qualitativ -verschiedenen sogenannten einfachen chemischen Stoffe (Sauerstoffatom, -Kohlenstoffatom) als Gruppen ursprünglicher Molecüle zu diesen -letzteren selbst verhalten. Dieselben nehmen die nach den primitiven -Bewusstseinsacten nächste Stufe unter den Bildungen des Bewusstseins, -wie die chemischen einfachen Stoffe die nach den physikalischen -Atomen nächste Stufe unter den Körperbildungen des Naturlebens ein -und können, wie diese letzteren zu "Gemengen" einfacher Stoffe (wie -die atmosphärische Luft ein solches von Sauerstoff und Stickstoff -darstellt), so zu neuen Complicationen, sei es gleichartiger, sei es -ungleichartiger Empfindungen sich verbinden. Wie aus der Verbindung -chemisch gleichartiger Atome ein homogener Körper, so entsteht aus der -Verbindung gleichartiger Empfindungen, z. B. durchgehends Empfindungen -rothen Lichts, eine homogene, wie aus der Verbindung ungleichartiger -Atome ein chemisches Stoffgemenge, so aus der Verknüpfung heterogener -Empfindungen eine heterogene Complication. Complicationen dieser -Art, die also eben so bereits fertige Empfindungen, wie diese -letzteren primitive Bewusstseinsacte zur Voraussetzung haben, sind -die sogenannten Anschauungen, die als solche entweder reine d. h. aus -durchaus homogenen, oder gemischte d. i. aus heterogenen Empfindungen -zusammengesetzt sind. Von jener Art ist die Anschauung des Rothen, -von dieser die Anschauung z. B. des Goldes. Jene entsteht dadurch, dass -vermöge der flächenförmigen Ausbreitung des Sehnervs als Netzhaut auf -der Oberfläche des kugelförmigen Augapfels bei der Einwirkung rothen -Lichts auf denselben niemals eine vereinzelte Empfindung des Rothen, -sondern stets, da mehrere Punkte der Netzhaut zugleich von rothem -Licht getroffen werden, eine Summe von Roth-Empfindungen d. h. eine -durch Gleichzeitigkeit verknüpfte Complication unter einander homogener -Empfindungen zum Vorschein kommen muss. Diese entsteht dadurch, dass -mehrere unter einander verschiedene Sinne durch das angeschaute Object -zugleich, jeder in seiner Weise, der Sehnerv z. B. durch den Glanz und -die gelbe Farbe des Goldes, der Hörnerv durch dessen Metallklang, der -Tastnerv durch dessen Glätte und Kälte u. s. w. in Erregung versetzt -werden und so eine Gruppe heterogener Empfindungen gebildet wird, die -unter einander durch Gleichzeitigkeit verknüpft und als Complication -mit dem gemeinsamen Namen des Goldes belegt werden. - -346. Wie chemisch disparate Körperbestandtheile, die zu einander -keinerlei Affinität besitzen und lediglich durch mechanischen Druck -zusammengehalten werden, in ihrem Verbande beharren, aber auch nur so -lange beharren, als jener währt, chemisch verwandte Körperbestandtheile -aber in Folge dieser Verwandtschaft eine viel innigere, und zwar so -weit gehende Verbindung unter einander eingehen, dass dieselbe nicht -wieder auf mechanischem, sondern nur auf chemischem Wege in Folge -stärkerer Verwandtschaft mit einem anderen Körper gelöst werden kann: -so bleiben reine Anschauungen, deren Bestandtheile homogen, also -dem Inhalt nach unter einander verwandt sind, auf dem Niveau einer -durch blosse Gleichzeitigkeit verknüpften Complication nicht stehen, -sondern gehen deren Elemente in Folge ihrer Homogeneität unter einander -allmälig eine viel innigere Verbindung ein, während die gemischten -Anschauungen, deren Elemente unter einander disparat d. h. dem Inhalt -nach gegen einander indifferent sind, fortfahren, ausschliesslich -durch das Band blosser Gleichzeitigkeit vereinigt zu sein. Jene -innigere Verbindung homogener Empfindungen, welche im Gegensatz zu -der durch Gleichzeitigkeit erzeugten, durch deren Gleichartigkeit -hervorgebracht wird, ist von Herbart treffend "Verschmelzung" genannt -und dadurch von der blossen Complication in ähnlicher Weise wie die -chemische Verbindung von der mechanischen unterschieden worden. Das -Charakteristische derselben liegt darin, dass sie wol auf Veranlassung -des gleichzeitigen Vorhandenseins homogener Bewusstseinsvorgänge, aber -nicht durch diese Gleichzeitigkeit entsteht d. h. dass die gleichzeitig -gegebenen gleichartigen Empfindungen zwar nicht verschmelzen könnten, -wenn sie nicht gleichzeitig wären, jedoch nicht verschmelzen, weil -sie gleichzeitig, sondern weil sie gleichartig sind. - -347. Wie mit der Einführung des qualitativen Unterschieds der -körperlichen Elemente ein neuer Gesichtspunkt in der Betrachtung -der physischen Welt eröffnet und damit eine neue Stufe im Aufbau -des Naturlebens erreicht wird, so treten mit der Berücksichtigung -des qualitativen Unterschieds der Bewusstseinselemente nicht nur die -einzelnen psychischen Bildungen, sondern auch deren Beziehungen zu, -unter und auf einander in eine neue Beleuchtung. Wurden dieselben -bis dahin nur auf die Thatsache hin angesehen, dass sie entweder -gleichzeitig oder nach einander ins Bewusstsein eintraten und in -Folge dessen, wie sie sonst immer beschaffen sein mochten, sich unter -einander associiren mussten, so werden dieselben von nun an eben so -ausschliesslich ihrer Verwandtschaft d. h. der ganzen oder theilweisen -Identität oder dem Gegensatz ihres Inhalts nach ins Auge gefasst, -in Folge deren sie, wenn sie einmal gleichzeitig oder successiv im -Bewusstsein vorhanden sind, unvermeidlich mit einander in Contact -treten müssen. Je nachdem jener Inhalt beschaffen, entweder ganz oder -theilweise derselbe oder ein ganz oder theilweise entgegengesetzter -ist, wird die Berührung der im Bewusstsein gleichzeitig vorhandenen -Vorgänge, welche einander in Folge der atomistischen Beschaffenheit -ihres gemeinsamen Trägers nicht auszuweichen vermögen, freundlich -oder feindlich sein d. h. dieselben werden sich im ersten Fall unter -einander verstärken d. h. mit einander verschmelzen, im zweiten Fall -unter einander schwächen d. h. einander gegenseitig hemmen. Jener -Vorgang entspricht der chemischen Anziehung zwischen qualitativ -gleichen, dieser dem Kampf zwischen qualitativ ungleichen Körpern, -von welchen der eine Bestandtheile enthält, welche zu dem andern -eine grössere Verwandtschaft besitzen als zu ihm selbst d. h. zu -ihm selbst im innerlichen Gegensatze stehen. Wie jene zu der -Verschmelzung der gleichen Körper, so führt dieser zur Ausscheidung -des Entgegengesetzten, worauf die zurückgebliebenen, nunmehr nicht -mehr gegensätzlichen Bestandtheile sich mit einander vereinigen. - -348. Wie bei der Nichtberücksichtigung der qualitativen Beschaffenheit -des zu Verknüpfenden eine Association auf Grund der Gleichzeitigkeit -oder Succession, so findet bei Berücksichtigung derselben zwar -gleichfalls Association, aber in Folge der Gleichartigkeit oder des -Gegensatzes des zu Verknüpfenden statt. Zwar lässt sich die letztere -auf die erstere zurückführen, insofern Bewusstseinsphänomene, die -ihrem Inhalt nach identisch sind, als gleichzeitige deshalb sich -ansehen lassen, weil, wenn ihr Inhalt einmal gegeben ist, derselbe in -diesem Fall als der nämliche gegeben ist, welcher in allen folgenden -Fällen wiederkehrt. Allein, da jede Wiederholung desselben Inhalts -nichts desto weniger ein von der ursprünglichen Vorstellung desselben -verschiedener Act des Bewusstseins, also in diesem Betracht ein neues -Bewusstseinsphänomen und demnach mit jenem keineswegs gleichzeitig ist, -so kann der Grund der Verbindung beider demungeachtet nicht in deren -(nicht vorhandener) Gleichzeitigkeit, sondern muss in der (ganzen oder -theilweisen) Identität ihres Inhalts gesucht werden. Die Association -durch Gleichzeitigkeit, durch welche gleichsam "mechanische", und die -Association durch Gleichartigkeit, durch welche gleichsam "chemische" -Verbindungen zwischen Bewusstseinsvorgängen zu Stande kommen, ist -daher wesentlich verschieden. - -349. Wie in der reinen Anschauung d. i. in der homogenen Complication -homogene Empfindungen, so werden in dem durch Verschmelzung -entstandenen Bewusstseinsgebilde homogene, sei es reine, sei es -gemischte Anschauungen unter einander verbunden. Da dieselben homogen -d. h. ihrem Inhalt nach gleichartig sind, so verstärken sie einander, -so dass das neu entstehende Bewusstseinsgebilde in seiner Intensität -die Intensitäten aller derjenigen Anschauungen vereint, aus deren -Verschmelzung unter einander es erwachsen ist. Von dieser Art sind die -sogenannten sinnlichen Vorstellungen, welche als solche kein primitives -Bewusstseinsgebilde, sondern erst auf Grund und durch Verschmelzung -zahlreicher einzelner, unter einander gleichartiger Anschauungen -allmälig geworden sind. Auf diesem Wege sucht der sogenannte -Anschauungsunterricht durch künstliche Veranstaltungen, welche -die wiederholte Vorführung gleicher Anschauungen durch Vorzeigung -des nämlichen Gegenstandes bezwecken, sinnliche Vorstellungen von -bedeutender Intensität zu erzeugen. Dieselbe stellt daher gleichsam -die Summe derjenigen homogenen Einzelanschauungen dar, aus denen sie -erwachsen, oder welche vielmehr in ihr zu einem Ganzen verwachsen -ist, zugleich aber auch einen Kern, durch dessen überlegen gewordene -Intensität jede im Verlauf des Bewusstseinsprocesses in denselben -eintretende homogene Anschauung herangezogen und mit welchem dieselbe -sofort, denselben neuerdings verstärkend, verschmolzen wird. Da -die Stärke auf diesem Wege gebildeter sinnlicher Vorstellungen mit -der Menge der Anschauungen, welche deren Unterlage im Bewusstsein -ausmachen, sich fortwährend steigert, so erklärt es sich, dass -solche, die aus den Anschauungen der Umgebung (z. B. der Heimat), -also aus den natürlicher Weise häufigsten entstanden sind, die -relativ grösste Stärke besitzen müssen und daher im Bewusstsein -am längsten und dauerhaftesten sich festsetzen, aber auch auf die -weiteren ihrerseits aus sinnlichen Vorstellungen auf was immer für -einem Wege abgeleiteten Bewusstseinsbildungen (z. B. Begriffe) den -grössten Einfluss üben müssen. - -350. Wenn die sinnliche Vorstellung durch die Verschmelzung homogener -Anschauungen entsteht, so leuchtet ein, dass, wenn diejenigen -Anschauungen, welche die Unterlage einer gewissen sinnlichen -Vorstellung ausmachen, zwar unter einander homogen, aber zugleich -einem gewissen Kreise von Anschauungen, welcher seinerseits einer -sinnlichen Vorstellung als Basis dient, heterogen sind, auch die -durch die Verschmelzung der ersteren und die durch die Verschmelzung -der letzteren entstehende sinnliche Vorstellung unter einander -heterogen sein müssen. Dieselben werden je nach der Beschaffenheit -der Anschauungskreise, aus welchen sie erwachsen sind, unter einander -entweder gänzlich disparat, oder ihrer Heterogeneität ungeachtet mehr -oder minder unter einander verwandt d. h. ihrem Inhalt nach theilweise -identisch, theilweise entgegengesetzt d. h. zum Theil aus gleichen, -zum Theil aus entgegengesetzten Elementen zusammengesetzt sein. Findet -das erstere statt, so werden dieselben, wenn sie gleichzeitig oder -nach einander im Bewusstsein vorhanden sind, sich zu einer Complication -höherer Ordnung, d. i. zu einer solchen verbinden, deren Bestandtheile -im Gegensatz zu den früher erwähnten niederer Gattung weder blosse -primitive Bewusstseinsacte, noch Empfindungen oder Anschauungen, -sondern selbst schon sinnliche Vorstellungen, also Gebilde höherer -Art sind. In letzterem Falle dagegen werden dieselben unter -einander, so gut es geht, sich zu verschmelzen trachten, wobei die -identischen Bestandtheile in beiden die Verschmelzung begünstigen, die -entgegengesetzten in beiden dagegen dieselbe mehr oder minder vereiteln -werden. Dadurch wird ein Bewusstseinsgebilde zum Vorschein kommen, -in welchem ein Theil völlig verschmolzen d. h. eins, der andere Theil -dagegen der Verschmelzung widerstrebend d. h. in Spannung begriffen -ist. Jener setzt sich aus den in sämmtlichen sinnlichen Vorstellungen, -aus welchen das neue Gebilde erwachsen ist, identischen, dieser dagegen -aus den in sämmtlichen obigen sinnlichen Vorstellungen von einander -abweichenden d. h. sich unter einander ausschließenden Bestandtheilen -zusammen; jener, der die Intensität sämmtlicher jenen sinnlichen -Vorstellungen gemeinsamen Bestandtheile in sich vereinigt, besitzt -eine vergleichsweise überlegene, die widerstrebenden Bestandtheile -gleichsam "wider Willen" festhaltende Kraft; dieser, dessen einzelne -Bestandtheile sich unter einander ausschliessen d. h. trennen -möchten, aber nicht können, weil sie mit den identischen zu einem -Ganzen vereinigt sind, stellt einen Zustand in sich gespannter, -einander gegenseitig hemmender, aber nicht vernichtender, relativ -schwacher Kräfte dar, welche gegenüber der gesammelten Intensität der -in dem bleibenden Bestandtheil verschmolzenen identischen Elemente -gleichsam verschwinden. Das so entstandene Bewusstseinsgebilde, das -zu seinem Inhalt die sämmtlichen sinnlichen, unter einander verwandten -Vorstellungen, aus denen es entstanden ist, gemeinsamen Bestandtheile, -zu seinem Umfang d. i. zu seiner Grundlage im Bewusstsein aber die -Summe dieser sinnlichen Vorstellungen, aus denen es entstanden ist, -selbst hat, ist das sogenannte Gemeinbild oder im psychologischen -Sinne der Begriff. - -351. Derselbe kommt als psychisches mit dem belebten Naturkörper -als physischem Gebilde insofern überein, als er, wie dieser, einen -bleibenden unveränderlichen und einen veränderlichen, wechselnden -Bestandtheil in sich schliesst. Vermöge des ersteren bleibt das -Gemeinbild: Baum, das aus den sinnlichen Vorstellungen Birke, Buche, -Tanne, Apfelbaum, Palme u. s. w. durch Verschmelzung der diesen allen -gemeinsamen Bestandtheile entstanden ist, immer dasselbe, während -die Merkmale, welche der Birke oder der Buche eigenthümlich sind, -beliebig mit einander vertauscht werden und so das Gemeinbild bald -in das Bild einer Birke, bald in das einer Buche u. s. w. verändern -können. Letztere, die sinnlichen Vorstellungen Birke, Buche, Fichte -u. s. w. machen den Umfang, die ihnen allen gemeinsamen Merkmale den -Inhalt des Begriffs Baum aus. Dieser als identischer Vereinigungspunkt -des dem ganzen Umfang Gemeinsamen stellt gleichsam "die Seele" -dieses ganzen Kreises von Vorstellungen dar, in welchen derselbe -als allen gemeinsamer Bestandtheil erscheint. Mit der sinnlichen -Vorstellung hat der Begriff als psychisches Gebilde gemein, dass -er wie diese durch Verschmelzung homogener Elemente entstanden -ist. Er unterscheidet sich aber von ihr durch den Umstand, dass die -Anschauungen, aus welchen die sinnliche Vorstellung erwächst, keine -andern als durchaus homogene Elemente in sich schliessen, während die -sinnlichen Vorstellungen, aus welchen der Begriff erwächst, neben den -homogenen d. i. in allen identischen Bestandtheilen, die im Begriff mit -einander verschmelzen, noch heterogene ja einander entgegengesetzte -Bestandtheile in sich schliessen, die im Begriff einander hemmen und -gegenseitig in Spannung versetzen. So hat die Vorstellung Birke mit -der Vorstellung Tanne alle diejenigen Merkmale gemein, die der Begriff -Baum enthält, aber in jener ist zugleich das Merkmal des belaubten, -in dieser das des Nadeln tragenden Baumes enthalten, die sich unter -einander ausschliessen. Da sich nun niemals vorhersagen lässt, ob -nicht künftig ins Bewusstsein eintretende Anschauungen sinnliche -Vorstellungen herbeiführen werden, welche zwar unter denselben -bereits vorhandenen Begriff fallen, aber zugleich Elemente in sich -schliessen, welche mit jenen aller bisherigen sinnlichen Vorstellungen -des Umfangs jenes Begriffs im Widerspruch stehen, so muss der Umfang -des Gemeinbildes und dadurch dieses selbst ein gewisses Schwanken -zeigen, von welchem die sinnliche Vorstellung, die nichts anderes -als die Verschmelzung sämmtlicher ihr zu Grunde liegenden homogenen -Anschauungen zu einem einzigen Ganzen ist, sich frei erhält. Je -nachdem der Zusammenhang des Begriffs mit den Vorstellungen, aus -denen er stammt, mehr oder minder lose d. h. entweder ein solcher -ist, bei welchem die gemeinsamen Bestandtheile von den sich unter -einander ausschliessenden sich noch nicht so weit losgemacht haben, -dass nicht mit dem Vorstellen der ersteren zugleich eines oder einige -der letzteren (mit Ausschluss der übrigen) vorgestellt würden, -während im anderen Falle die Verbindung zwischen den gemeinsamen -und den individuellen Bestandtheilen bereits so weit gelockert ist, -dass die ersteren rein und ohne Begleitung eines oder mehrerer der -letzteren vorgestellt werden, scheiden sich die Begriffe als psychische -Gebilde in eine niedere und eine höhere Ordnung, welche zugleich an -die entsprechende der organischen Körperwelt erinnern. Im ersten Fall, -so lange das Gemeinbild nicht rein, sondern jedesmal unter Begleitung -eines oder mehrerer Merkmale, die nicht dem ganzen Umfang, sondern -nur einem Theile desselben eigen sind, vorgestellt wird (z. B. der -Baum nur als belaubt, während es doch auch Coniferen gibt, oder nur -als ästig, während es doch auch astlose Bäume wie die Palmen gibt), -erscheint dasselbe gleichsam wie die Pflanze an den Boden, aus dem -es erwachsen ist d. i. an die sinnlichen Vorstellungen geheftet, -die dessen Unterlage im Bewusstsein bilden, ohne sich von der -"Scholle" losmachen und frei (wie das Thier in seinen Bewegungen) -über die sinnlich anschauliche Basis, in welcher es seine Wurzel hat, -erheben zu können. Auf dieser Stufe wird z. B. das Dreieck, weil es -aus den Vorstellungen eines recht-, stumpf- oder spitzwinkeligen, -eines gleichseitigen, gleichschenkligen oder ungleichseitigen, eines -ebenen oder sphärischen Dreiecks erwachsen ist, jedesmal unter dem -Bilde eines von diesen d. h. es wird entweder als spitzwinklig oder -als rechtwinklig, als gleichseitig oder als ungleichseitig, niemals -aber als keines von diesen d. i. rein als Dreieck (in abstracto) -vorgestellt. Die Eierschale der sinnlichen Vorstellungen, aus -denen es erwachsen ist, klebt dem aus dem Ei geschlüpften Küchlein -des psychischen Begriffs in diesem Stadium der psychologischen -Entwickelung gleichsam noch auf dem Rücken an. Dasselbe erhält sich -um so länger, je kleiner und homogener der Kreis der sinnlichen -Vorstellungen ist, aus welchen das Gemeinbild seine Nahrungssäfte -zieht. Denn je gleichartiger die sinnlichen Vorstellungen unter -einander d. h. je geringer an Zahl und Intensität die unter einander -entgegengesetzten Bestandtheile derselben sind, desto weniger hemmen -und verdunkeln sich dieselben unter einander; desto weniger wird der -Zusammenhang zwischen den identischen und den particulären Merkmalen -d. i. zwischen dem Begriff und seinem Umfang aufgehoben, und desto -leichter werden mit den gemeinsamen auch eines oder einige besondere -Merkmale d. h. wird das Gemeinbild selbst in einer besonderen Färbung -(in concreto) vorgestellt. Je reicher und mannigfaltiger dagegen -der Umkreis der sinnlichen Vorstellungen wird, um desto grössere -Gegensätze finden zwischen den letzteren statt, um so mehr löschen die -einander entgegengesetzten Merkmale sich unter einander völlig aus, -um desto mehr wird der Zusammenhang zwischen den allen gemeinsamen -und den individuell besonderen Merkmalen gelockert, um desto weniger -tritt eine Nöthigung ein, im Gemeinbilde nebst den gemeinsamen -auch noch eines oder einige nur particuläre Merkmale vorzustellen, -um desto mehr löst sich das Gemeinbild als ein abstractes von der -ihm zu Grunde liegenden Vorstellungsunterlage im Bewusstsein ab und -schwebt als ein auf dieser zwar erwachsenes, aber nicht mehr mit ihr -verwachsenes Gebilde frei über der Sphäre concreter Vorstellungen. Erst -das auf diese Stufe der Entwickelung erhobene Gemeinbild ist wahres -Allgemeinbild d. h. stellt nicht blos eines, einige oder viele Theile -des Umfangs, sondern im eminenten Sinn den ganzen Umfang vor und kann, -statt wie bisher an einem Theile desselben mit Ausschluss des übrigen -zu haften, über alle Theile desselben ohne Ausnahme frei hin und her -sich bewegen. Das so geläuterte Gemeinbild ist wirklich Begriff, denn -es begreift sämmtliche Glieder seines Umfangs unter sich, zugleich in -dieser abstracten Reinheit aber auch ein blosses "Ideal", dem sich das -wirklich vorhandene Gemeinbild zwar zu nähern, welches dasselbe jedoch -niemals vollkommen zu erreichen vermag, weil der Zusammenhang zwischen -den gemeinsamen und zum Begriff verschmolzenen und den individuellen, -den sinnlichen Vorstellungen angehörigen Merkmalen zwar vermindert, -aber niemals zerrissen werden kann und daher der thatsächliche Begriff -eine, wenn auch noch so leichte Färbung auf Grund seines Ursprungs -immer an sich tragen muss. Letzteres ist um so weniger zu verwundern, -als ja auch der thierische Organismus, seiner, mit der Sesshaftigkeit -der Pflanze verglichen, frei erscheinenden Beweglichkeit ungeachtet, -dem Boden seiner Heimat und den Bedingungen seiner Geburt verhaftet -bleibt und sich fremden Himmelsstrichen entweder gar nicht, oder nur -höchst allmälig durch Acclimatisation einverleibt. - -352. Die höchste Stufe erreicht der Begriff, wenn er sich selbst -begreift d. h. wenn er das auf dem Grunde der sinnlichen Vorstellungen -erwachsene Gemeinbild sich selbst vorstellt. Dieses geschieht, wenn -das im Bewusstsein vorhandene Gemeinbild jedes andere in demselben -Bewusstsein auftauchende homogene, psychische Gebilde in Folge dieser -seiner Homogeneität als gleichartig erkennt, vermöge seiner überlegenen -Intensität an sich zieht und mit sich selbst verschmelzt. Dasjenige -Gebilde, von welchem die Verschmelzung ausgeht (das thätige), spielt -dabei die herrschende, dasjenige, welches mit demselben verschmolzen -wird, das leidende, die unterthänige Rolle. Jenes erscheint als -das überlegene, das sich des anderen bemächtigt; gleichsam als -der Krystallisationspunkt, an welchen das andere anschliesst, oder -als der Organismus, welchem das andere zur Nahrung dient. Wie der -thierische Organismus den pflanzlichen (die vegetabilische Nahrung) -sich assimilirt, so wird von dem mächtigeren psychischen Gebilde das -ihm homogene schwächere appercipirt d. h. nicht blos als vorhanden -wahrgenommen (percipirt), sondern als verwandt d. h. ihm zugehörig -erkannt und als das seinige in Besitz genommen (appercipirt). Hat -sich einmal der Begriff Baum im Bewusstsein festgesetzt, so reisst -derselbe jede später in dasselbe eintretende homogene Erscheinung -d. i. jede künftige Wahrnehmung irgend eines Baumes sofort als -ihm zugehörig an sich und fügt sie als ihm Gleichartiges zu sich -als bereits vorhandenem psychischem Gebilde hinzu, welches dadurch -naturgemäss zu immer grösserer Stärke und dem entsprechender Macht -im Bewusstsein anwachsen muss. - -353. Psychische Bildungen dieser letzten Art, welche nicht mehr weder -zunächst noch entfernt blosse Perceptionen d. h. wie die primitiven -Bewusstseinsacte durch extensive (äussere) veranlasste intensive -(innere) Zustände oder, wie die Anschauungen, sinnlichen Vorstellungen, -niederen und höheren Gemeinbilder aus jenen durch Complication oder -durch Verschmelzung entstanden, sondern Apperceptionen d. h. andere -ihresgleichen beherrschende Phänomene sind, lassen sich als im -Bewusstsein vertheilte Centralmassen betrachten, deren jede zahlreichen -andern zum Mittel-, Sammel- und Vereinigungspunkte dient. Da die Macht -derselben über andere ihresgleichen von ihrer eigenen, relativ diesen -überlegenen Intensität abhängt, indem jede Vorstellungsmasse eine ihr -ähnliche desto leichter sich aneignen wird, je stärker sie selbst -und je schwächer die letztere ist, so ist es klar, dass diejenige, -welche durch die Umstände begünstigt, nothwendig von allen die stärkste -werden, zugleich die stärkste Anziehungskraft erlangen und schliesslich -die übrigen alle oder doch fast alle sich aneignen muss. Eine solche -aber ist diejenige Vorstellungsmasse, welche sich auf den Vorstellenden -d. i. auf den Träger des Bewusstseins selbst bezieht und deshalb -als "Ich" bezeichnet wird. Während z. B. die Vorstellung des Baumes -nur dann im Bewusstsein vorhanden sein kann, wenn die Anschauungen, -aus welchen dieselbe erwächst, wirklich in das Bewusstsein jemals -eingetreten sind, und demnach jenem nothwendig fehlen muss, dem jene -Anschauungen mangeln (eben so wie dem Blinden die Farben, dem Tauben -die Töne u. s. w.), kann eine auf sich selbst bezügliche Vorstellung -dem Vorstellenden niemals abgehen, weil die Anschauungen, auf deren -Grund dieselbe erwächst (zunächst die Empfindungen des eigenen -Leibes) demselben nie fehlen können; und dieselbe muss nothwendig -unter allen übrigen die relativ höchste Intensität erreichen, weil -die Veranlassungen zu derselben mit jenen aller andern Vorstellungen -verglichen die häufigsten und, wie der eigene Leib, dem Bewusstsein -beinahe ununterbrochen gegenwärtig sind. Zwar durchläuft dieselbe -als psychisches Gebilde eine Reihe von Entwickelungsstadien, in -deren Verfolge sich dieselbe immer mehr von überflüssigen d. h. zur -reinen Ich-Vorstellung wesentlich nicht erforderlichen Bestandtheilen -befreit und aus einer Vorstellungsmasse, welche zunächst aus den -Vorstellungen des eigenen Leibes und seiner Bestandtheile besteht, -allmälig zu jener des reinen Sichselbstwissens im Selbstbewusstsein -hinauf läutert; allein ihre bevorzugte Stellung und in deren Folge -ihre appercipirende Macht über die übrigen Bildungen im Bewusstsein -bleibt immer dieselbe und bewirkt, dass zuletzt nur dasjenige als im -Bewusstsein wirklich vorhanden angesehen wird, was, weil vorhanden, -durch das Ich appercipirt und als das Seinige angeeignet worden ist. - -354. In dieser appercipirenden Macht, welche die Ich-Vorstellung -über die Gebilde des Bewusstseins im weitesten Umfange ausübt, -liegt der Grund, weshalb der sich selbst begreifende Begriff -d. i. das zur appercipirenden Vorstellungsmasse gewordene Gemeinbild -"Ich-ähnliche" Vorstellung genannt werden kann. Derselbe kann, -während er für die Vorstellungen seines Kreises im Bewusstsein -das Centrum bildet, seinerseits von der Ich-Vorstellung, welche -das Centrum des individuellen Bewusstseins ausmacht, als zu ihrem -Kreise gehörig appercipirt werden. Jeder derselben lässt sich mit -einem jener kleineren Centralkörper, im Weltraum vergleichen, welcher -seinerseits wieder einem grösseren ein ganzes Weltsystem beherrschenden -Centralkörper unter- und in dessen Umkreis eingeordnet ist. So wenig -die Abhängigkeit von diesem die relative Selbstständigkeit jenes ersten -anderen gegenüber, so wenig schliesst die Apperception des zum Begriff -gewordenen Gemeinbilds durch das Ich die Fähigkeit des ersteren aus, -seinerseits zu seinem Kreise gehörige Vorstellungen als die seinigen -zu appercipiren. Wie die Ich-Vorstellung den appercipirenden Begriff -im Grossen, so stellt jeder für sich ein Ich im Kleinen dar und öffnet -dadurch die Möglichkeit, unabhängig vom Ich als ein solches für sich -d. h. als ein anderes Ich im Bewusstsein sich geltend zu machen. - -355. Abnorme Erscheinungen des Bewusstseinslebens, in welchen neben -der herrschenden Ich-Vorstellung eine zweite deren Rolle usurpirende -Vorstellungsmasse ihrerseits einen Theil des Bewusstseinsinhalts an -sich reisst, so dass in Folge dessen, wie etwa in einem und demselben -Weltsystem zwei Centralkörper, so in einem und demselben Bewusstsein -zweierlei Ich sich in die Herrschaft über dasselbe getheilt zu haben -scheinen, lassen sich auf die übermächtig gewordene Apperception -solcher "Neben-Iche" zurückführen. In dem Geisteskranken, der sich in -seinem Delirium für Gott Vater hält und als solcher beträgt, während -er in den sogenannten lichten Zwischenräumen bei gutem Verstande -ist und seinem eigentlichen Ich gemäss denkt, will und handelt, ist -jene fixe Idee zum ichartigen Mittelpunkt geworden, um welchen herum -der mit demselben harmonirende Theil des Bewusstseinsinhalts sich -krystallisirt, während der mit ihm disharmonirende von demselben -abgestossen wird. Folge davon ist, dass der Kranke während seiner -gesunden Momente von dem, was er während seines "Aussersichseins" -geredet und gethan, kein Bewusstsein haben kann, da die betreffenden -Bewusstseinsphänomene nicht von seiner d. i. von der Ich-Vorstellung -seines gesunden Bewusstseinslebens, sondern von einer dieser fremden, -wenngleich innerhalb desselben "Bewusstseinsraums" befindlichen, -ihrerseits als Ich-Vorstellung fungirenden Vorstellungsmasse -appercipirt worden sind. Folge aber auch, dass ein solcher Kranker -von der Haltlosigkeit seiner Selbsttäuschung niemals überzeugt werden -kann, da ja derjenige, der Ueberzeugungsgründen zugänglich ist, mit -demjenigen, welcher derselben bedarf, zwar real d. i. insofern deren -beiderseitigem Bewusstsein derselbe atomistische Träger zu Grunde -liegt, identisch, dem Bewusstsein d. h. dem von einer und derselben -Ich-Vorstellung appercipirten Umkreis psychischer Vorgänge nach aber -von demselben gänzlich verschieden ist. - -356. Mit dem Erwachen und allmäligen Heranwachsen der Ich-Vorstellung, -welches nicht mit dem Erwachen des Bewusstseins d. h. mit dem -Auftauchen psychischer Vorgänge zu verwechseln ist, tritt in der -Entwicklungsgeschichte des psychischen Lebens ein Wendepunkt ein. Das -neugeborne Kind hat ein Bewusstsein d. h. in demselben finden nicht -nur primitive Bewusstseinsacte, sondern bereits aus solchen durch -Complication und Verschmelzung sich bildende Empfindungen, Anschauungen -und sinnliche Vorstellungen, aber es hat keine Ich-Vorstellung und -in Folge dessen findet keine Apperception der in ihm vorgehenden -Bewusstseinsacte als der seinigen statt. Wie die Processe in -der Körperwelt des Weltraums vor dem Auftreten des Menschen zwar -gesetzmässig ihren Verlauf nahmen, aber weder als solche gewusst, noch -von irgend einem Wesen als zu ihm in irgend einem Verhältniss stehend -auf sich bezogen werden, so wickeln sich die Processe im Bewusstsein -vor dem Auftreten der Ich-Vorstellung in diesem zwar gesetz- und -regelmässig ab, ohne jedoch als solche gewusst und von irgend einer -auf den Träger des Bewusstseins bezüglichen Vorstellungsmasse als die -ihrigen angeeignet zu werden. Während der leblose Naturkörper den -ihn bewegenden Impulsen der Naturkräfte Widerstand und bewusstlos -Folge leistet, ist es für den belebten Naturkörper, sobald er -sich, wie im Menschen, nicht blos zur Vorstellung, sondern zur -Vorstellung seiner selbst erhoben hat, charakteristisch, dass er das -Vorgestellte, die ihn umgebende Körperwelt, in ein Verhältniss zu -sich, dem dieselben und sich selbst vorstellenden Wesen setzt und -nicht blos als daseiend, sondern als um seinetwillen und für ihn -daseiend d. h. als sein "Eigenthum" betrachtet, Sonne und Mond als -bestimmt, ihm zu leuchten, Früchte und Thiere als bestimmt, ihn zu -nähren und zu kleiden, sich selbst als den Ziel- und Endpunkt des -gesammten sichtbaren Weltalls ansieht. In der Entwicklungsgeschichte -des Bewusstseins stellt der vor dem Erwachen und Mächtigwerden der -Ich-Vorstellung ablaufende Zeitraum gleichsam die vorgeschichtliche -(wie in der Entwicklungsgeschichte des Weltalls die vormenschliche) -Periode dar; innerhalb desselben sind zwar Bewusstseinsphänomene -verschiedenster Art (Vorstellungen, Gefühle, Begierden und Wünsche) -bereits vorhanden, aber erst mit dem Auftreten der Ich-Vorstellung in -ihrer Mitte werden sie von der letzteren als um ihretwillen vorhanden, -als zu ihr in Beziehung stehend und ihr zugehörig angesehen und dadurch -aus "unbewussten" d. h. von keinem Ich als die seinigen gewussten zu -"bewussten" d. h. zu nicht nur im Bewusstsein vorhandenen, sondern -auch von dem Ich dieses Bewusstseins als vorhanden gewussten und -als die seinigen anerkannten Bewusstseinsacten erhoben. Wie jener -Zeitraum, in welchem nur unbewusste Phänomene im Bewusstsein vor -sich gehen, gleichsam die Nachtseite, so macht derjenige, innerhalb -dessen nach dem Erwachen und Mächtigwerden der Ich-Vorstellung auch -bewusste psychische Zustände, und zwar in immer steigender Menge -auftreten, die Tagseite des psychischen Lebens aus. Letztere kann -durch vorübergehendes Erlöschen der Ich-Vorstellung (wie es z. B. in -der Ohnmacht, im Affect, im Delirium und periodisch wiederkehrend im -Schlafe stattfindet) eben so vorübergehende Unterbrechungen (gleichsam -Rückfälle in die Nacht des unbewussten Daseins), aber nur mit dem -bleibenden Aufhören der Ich-Vorstellung ein bleibendes Ende erfahren. - -357. Wie die elementaren Bewusstseinsacte, so üben die durch -Complication oder Verschmelzung aus denselben entstandenen -Bewusstseinsgebilde höherer Ordnung, durch die Einheit des -atomistischen Trägers gezwungen, der kein Ausweichen gestattet, -gegenseitig Wirkungen auf einander aus. Jene vereinigen sich zu einer -Complication, wenn sie gleichzeitig oder succedirend, verschmelzen -mit einander, wenn sie dem Inhalt nach gleichartig sind. Letzterer -Act geht ohne Aufenthalt und widerstandslos vor sich, wenn die zu -verschmelzenden dem Inhalt nach identisch, dagegen zögernd und erst -nach vorausgegangenem Sichsträuben, wenn dieselben dem Inhalt nach -entgegengesetzt sind. In ersterem Falle verstärken, im zweiten Falle -schwächen die mit einander verschmelzenden Bewusstseinsacte einander, -indem in jenem Fall die Intensität des einen zu der Intensität des mit -ihm identischen andern einfach hinzugefügt, dagegen im zweiten Fall -ein Theil der Intensität des einen durch einen Theil der Intensität -des andern "gebunden" und dadurch sowol der gebundene Theil der -Intensität des einen, wie der ihn bindende Theil der Intensität des -anderen unwirksam gemacht, folglich die ursprüngliche Intensität -beider um diesen beziehungsweisen Bruchtheil vermindert wird. Der auf -diese Weise an Intensität gewachsene Bewusstseinsact ist, bildlich -gesprochen, heller, diejenigen, deren Intensität abgenommen hat, -sind beziehungsweise dunkler geworden, als sie vorher waren; der -Inhalt derselben aber ist derselbe geblieben. Geht die Verdunkelung -so weit d. h. hat die Intensität eines Bewusstseinsactes so sehr -abgenommen, dass die Gegenwart desselben im Bewusstsein unmerklich -wird (in ähnlichem Sinn, wie ein gleichwol vorhandener Lichtreiz -für die Netzhaut, ein vorhandener Schallreiz für den Gehörsnerv -unmerklich werden kann), so hat der Act die äusserste Grenze im -Bewusstsein, die sogenannte "Schwelle des Bewusstseins" (wie der -Licht- und Schallreiz die Reizschwelle) erreicht; sinkt sie noch -tiefer herab, letztere überschritten. Das sogenannte Vergessene -ist diesem Grade der Verdunkelung anheimgefallen, indem dasselbe, -da nichts, was einmal geschah, ungeschehen gemacht werden kann, -zwar ("als Spur") nach wie vor im Bewusstsein vorhanden, aber, weil -unmerklich geworden, seiner Wirksamkeit nach so gut wie nicht vorhanden -ist und sich von dem im Bewusstsein wirklich nicht vorhandenen, weil -niemals vorhanden gewesenen, nur dadurch unterscheidet, dass es unter -günstigen Umständen wieder hell zu werden d. h. sich im Bewusstsein -wieder bemerklich zu machen vermag. Geschieht letzteres, so heisst -der Bewusstseinsact ein erneuerter (z. B. die schon vergessen -gewesene Vorstellung eine Erinnerung), kein neuer, weil es der -frühere "latent" gewordene Zustand ist, welcher neuerdings "patent" -d. i. als wirksamer auftritt. Bewusstseinsacte dieser Art werden -im Gegensatz zu den ursprünglichen auf Veranlassung äusserer Reize -erzeugten (producirten) wiedererzeugte (reproducirte) genannt und, -je nachdem sie den ursprünglichen ganz oder nur zum Theile gleichen, -als unverändert (Gedächtnissacte) oder als verändert reproducirte -(Phantasieacte) unterschieden. Die Reproduction selbst erfolgt entweder -mit oder ohne Hilfe von Seite anderer Bewusstseinsacte; in letzterem -Fall erhellt sich der verdunkelt gewesene Bewusstseinsact gleichsam -von selbst, sobald und weil die bisherige Ursache seiner Verdunkelung -(z. B. der von Seite eines dem Inhalt nach entgegengesetzten Acts -ausgeübte Druck) aufgehört hat zu wirken; in ersterem Falle wird -der unter die Schwelle herabgedrückte Bewusstseinsact durch einen -andern über derselben befindlichen, welcher mit jenem, sei es durch -Gleichzeitigkeit oder Succession, associirt oder durch Gleichartigkeit -des Inhalts verwandt ist, wieder emporgezogen. Unmittelbar reproducirte -Vorstellungen, welche nach Herbart "freisteigende" heissen, machen, -wenn sie während des Schlafes auftreten, als Träume, wenn sie mitten -unter heterogenen Vorstellungskreisen im Wachen auftauchen, als -sogenannte Einfälle sich geltend, die, wenn sie dem Inhalt nach -als besonders überraschend oder glücklich erscheinen, wol auch -für "Eingebungen" (Inspirationen) gehalten zu werden, Veranlassung -geben. Mittelbar reproducirte Vorstellungen bilden, wenn sie zugleich -unverändert reproducirte sind, die Grundlage des auf Gedächtniss -und Ueberlieferung beruhenden sogenannten historischen Wissens; wenn -sie zugleich zum Theil verändert reproducirte sind, das wirksamste -Hilfsmittel eines nicht nur das vorhandene Vorstellungsmaterial frei -umformenden (dichtenden), sondern jede erregte Vorstellung durch -eine Fülle begleitender Vorstellungen bereichernden und dadurch die -gesammte Vorstellungsthätigkeit belebenden (phantasievollen) Schaffens. - -358. Wie die Wirksamkeit der Körper im physischen, so ist die -Wirksamkeit der durch Complication oder Verschmelzung entstandenen -Vorstellungsmassen im psychischen Leben auf einander dreifacher -Art. Dieselbe erfolgt nach Art der mechanischen Wirksamkeit zwischen -Körpern, wenn die vorhandenen Vorstellungsmassen ohne Rücksicht -auf die Beschaffenheit ihres Inhalts lediglich auf Grund einer -äusseren Veranlassung mit einander verbunden oder von einander -getrennt werden; dagegen nach Art der chemischen Wirksamkeit zwischen -Körpern, wenn dieselben mit Rücksicht und in Folge der Beschaffenheit -ihres Inhalts mit einander verknüpft oder getrennt werden, endlich -nach Art der organischen Wechselwirkung zwischen den Körpern, wenn -durch zwei oder mehrere Bewusstseinsgebilde mit Rücksicht auf deren -Inhaltsbeschaffenheit ein neues hervorgebracht wird. Erstere Art -der Wirksamkeit findet bei der durch blosse Gleichzeitigkeit oder -Aufeinanderfolge veranlassten Vereinigung gewisser Vorstellungen zu -Begriffen, eben solcher Begriffe als Subjects- und Prädicatsbegriff -zu Urtheilen, eben solcher Urtheile als Prämissen und Schlusssatz -zu Schlüssen statt. Da dieselbe nicht durch den Inhalt des zu -Verknüpfenden, sondern lediglich durch die Thatsache bedingt wird, dass -das zu Verknüpfende gleichzeitig oder nach einander im Bewusstsein -erlebt, also erfahren wurde, so wird um der empirischen Natur des -Grundes der Verknüpfung halber die vollzogene Verknüpfung selbst eine -empirische und werden die durch eine solche zu Stande gekommenen -Begriffe, Urtheile und Schlüsse deshalb empirische genannt. Die -zweite Art der Wirksamkeit findet bei der durch Homogeneität bewirkten -Verschmelzung gewisser Anschauungen zu sinnlichen Vorstellungen, so -wie der durch Verschmelzung der identischen Bestandtheile gewisser -Vorstellungen verursachten Entstehung von Begriffen, endlich bei -der mit Rücksicht auf den Inhalt herbeigeführten Vereinigung bisher -getrennt gewesener, aber zusammengehöriger Begriffe als Subjects- und -Prädicatsbegriff im bejahenden, so wie durch Trennung bisher verbunden -gewesener, aber nicht zusammengehöriger Begriffe im verneinenden -Urtheil statt. Die dritte Art der Wirksamkeit aber zeigt sich, -wenn, wie z. B. im einfachen oder zusammengesetzten Syllogismus, -aus zwei (oder mehreren dem Inhalte nach verwandten d. i. theilweise -identischen, theilweise entgegengesetzten) Urtheilen (major, minor) ein -neues, dem Inhalte nach mit keinem der Vordersätze für sich, aber mit -allen zusammengenommen (wie die Folge mit der Summe ihrer Theilgründe) -identisches Urtheil erzeugt wird. Letztere beiden Arten der Wirksamkeit -werden zusammengenommen im Gegensatz zu der ersten, da dieselbe mit -Rücksicht, die erste dagegen ohne Rücksicht auf den Inhalt erfolgt, -um der logischen Natur des Grundes der Verknüpfung willen logische und -die auf diesem Wege zu Stande kommenden Bewusstseinsgebilde logische -Begriffe, logische Urtheile und logische Schlüsse genannt. Während die -erste den durch Erfahrung gegebenen Stoff in Folge der Gleichzeitigkeit -oder der Aufeinanderfolge desselben zu einem Ganzen verknüpft, -welches als solches ein blosses Aggregat des Erfahrenen d. h. eine -durch Wiederholung sich stets vermehrende Häufung einzelner Erfahrungen -ausmacht, verfährt die zweite Art der Wirksamkeit dem durch Erfahrung -gegebenen Bewusstseinsinhalt gegenüber kritisch (sichtend), indem -sie dasselbe mit Rücksicht auf dessen Inhalt prüft, das Verwandte -verbindet, das Verträgliche duldet, das Unverträgliche ausscheidet, die -dritte Art der Wirksamkeit aber begründend (constructiv), indem sie auf -Grund der im gegebenen Bewusstseinsmaterial gegebenen Bedingungen in -jenem nicht Gegebenes, aber durch diese Bedingtes folgert d. h. aus dem -Vorhandenen Nichtvorhandenes, aus dem Alten Neues erzeugt. Ersteres, -das rein empirische Verfahren, aus dem die sogenannte "Praxis" im Leben -und der "Empirismus" in der Wissenschaft sich entwickeln, kann auch -als "Juxtaposition" d. i. als Nebeneinanderreihung von Thatsachen, -das zweite als "Analyse", aus der die sogenannte Verstandesthätigkeit -im Leben und die zersetzende Kritik in der Wissenschaft hervorgeht, -die dritte als "Synthese", auf welcher die sogenannte Vernünftigkeit -im Leben und die aufbauende Deduction in der Wissenschaft beruht, -bezeichnet und je nach dem Vorherrschen der einen oder der andern -das individuelle Bewusstseinsleben als überwiegend empirisches -(mechanisches), verständiges (auflösendes) oder vernünftiges -(organisches) benannt werden. Sowol durch das empirische wie durch -das analytische Verfahren werden zwar nicht dem Stoff, aber doch der -Form nach neue Bewusstseinsbildungen, durch das organische werden -anstatt und auf Grund alter Bewusstseinsbildungen neue, denselben -gleichartige wiedererzeugt. Wie durch das Summirung vorangegangener -Bewusstseinsacte ein neuer entsteht, der eben nur die Summe der -früheren ist (z. B. das copulative Urtheil als Summe der copulirten -Urtheile; der auf vollständiger Induction ruhende Schlusssatz als -Summe der vollständig aufgezählten Prämissen), so kommen durch die -Verbindung des Zusammengehörigen aber Getrenntgewesenen, und durch -die Trennung des Nichtzusammengehörigen aber Verknüpftgewesenen -neue Bewusstseinsgebilde zu Stande, die von den früheren nicht -dem Stoff, aber der Form nach verschieden sind (z. B. das Urtheil: -die Erde bewegt sich um die Sonne, durch die Auflösung des früheren -Urtheils: die Sonne bewegt sich um die Erde). In beiden Fällen bestehen -diejenigen Bewusstseinsbildungen, aus welchen die neue entstanden ist, -neben dieser in der Weise fort, dass dieselben im ersten Fall Theile -der neu entstandenen ausmachen d. h. in derselben einbegriffen sind, -im zweiten Fall dagegen nur die Stelle gewechselt haben und, wie im -obigen Beispiel von dem Verhältniss der Erde zur Sonne, das frühere -Subject zum Prädicat, das frühere Prädicat zum Subjecte geworden -ist. Dagegen gehen bei der organischen Bewusstseinsthätigkeit -die Bewusstseinsbildungen, auf Grund welcher eine neue, denselben -gleichwerthige entstehen soll, in letzterer unter; die neue (z. B. der -Schlusssatz) tritt nicht blos neben die alten, sondern an die Stelle -der alten (der Prämissen); letztere werden durch die neu entstandene -Bewusstseinsbildung weder vermehrt, noch ergänzt, sondern im vollen -Sinne des Wortes ersetzt und wie die Schildwache von ihrem Posten -durch deren Nachfolger abgelöst. Wie die Summe nicht mehr enthält -als ihre Summanden, das Product nicht mehr als seine gleichviel in -welcher Ordnung multiplicirten Factoren, so enthält auch das neue auf -Grund seiner Vorgänger organisch entstandene Bewusstseinsgebilde, -die Folge, nicht mehr und nicht weniger als diese (die Gründe) -zusammengenommen, mit dem Unterschied, dass die Summanden in der -Summe, die Factoren im Product unverändert fortbestehen, während -die Theilgründe in der Folge fortan ununterscheidbar mit dieser -zur Einheit zusammenfliessen. Letztere Art des Zusammenhanges -unter Bewusstseinsgebilden stellt gleichsam eine fortlaufende -Kette von Gründen und Folgen dar, in welcher jedes einzelne Glied -alle vorangegangenen in sich schliesst und seinerseits von allen -folgenden umschlossen wird, und welche sich mit der organischen -Kette vergleichen lässt, welche durch Fortpflanzung geschlechtlich -geschiedener Organismen von Generation zu Generation hin gebildet -wird. Wie in jeder der letzteren die Spur aller Stammeltern, so -erhält sich in jedem Gliede der ersteren, als Folge betrachtet, die -Spur aller Stammgründe. Und wie jene durch die organische Umbildung -sämmtlichen in den vorangegangenen elterlichen Organismen enthaltenen -Stoffs entstanden, so ist diese durch das causale Zusammenwirken -aller in den vorangegangenen Gliedern der Kette wirksam gewesenen -Theilgründe begründet. - -359. Alle bisher in Betracht gezogenen Bewusstseinsvorgänge waren -entweder primitive Bewusstseinsacte, oder solche, welche aus -diesen in Folge der zwischen ihnen herrschenden quantitativen und -qualitativen Beziehungen entstanden sind. Machen nun jene Beziehungen, -von den mittels derselben hervorgerufenen Bewusstseinsgebilden -abgesehen, abgesondert für sich im Bewusstsein sich geltend, so -entsteht eine neue Classe von psychischen Phänomenen, die von der -ersteren zwar insoweit abhängig ist, als sie ohne Vorhandensein -jener überhaupt nicht entstände, sich aber zugleich dadurch -von jener unterscheidet, dass ihre Veranlassung nicht, wie bei -den primitiven Bewusstseinsacten, ausser dem Bewusstsein (in -Nervenreizen), sondern im Bewusstsein selbst liegt d. i. in den -Beziehungen, welche zwischen den einzelnen Bewusstseinsgebilden -im Bewusstsein selbst herrschen. Solche Beziehungen sind z. B. die -relative Unterdrückung oder im Gegensatz dazu die relative Befreiung, -welche Gebilde im Bewusstsein durch andere in demselben Bewusstsein -erleiden oder erleben, und die Bewusstseinsvorgänge, welche durch -solche veranlasst werden, z. B. die Unlust bei der Einklemmung, -die Lust bei der Erlösung eines Bewusstseinsgebildes durch andere, -werden Gefühle genannt. Während alle primitiven Bewusstseinsacte und -in Folge dessen alle aus denselben in directer Reihe gewordenen, wenn -auch in noch so entfernter und sinnlich abgeblasster Weise zu ihrem -Gegenstand ein äusseres Object haben, ist das Object der Gefühle, -das relative Verhältniss der Bewusstseinsgebilde im Bewusstsein zu -einander, im eminenten Sinne ein inneres und der Inhalt derselben dem -Inhalt der (sinnlichen wie unsinnlichen) Vorstellungen (Anschauungen -oder Begriffe) durchaus unähnlich. Dieselben lassen sich als psychische -Phänomene mit jenen physischen vergleichen, deren Ursache nicht in den -physikalischen Atomen und deren Verknüpfung zu Körpern, sondern in dem -die Zwischenräume der physikalischen Atome ausfüllenden Weltäther und -dessen Beziehungen zu dem physischen Stoffe zu suchen ist. Licht, -Wärme, Magnetismus und Elektricität stellen Erscheinungen dar, -deren Grund nicht in den Atomen, sondern zwischen denselben liegt; -Lust und Unlust, Freude und Schmerz Phänomene, deren Grund nicht -oder doch wenigstens nicht immer in dem Inhalt, sondern in der Lage -gewisser Vorstellungen oder Vorstellungsmassen im Bewusstsein zu -finden ist. Die Vorstellung des abwesenden Freundes ist von einem -Unlustgefühl begleitet; nicht weil uns die Vorstellung des Freundes -unangenehm, sondern weil dieselbe durch das Bewusstsein seiner -Abwesenheit gedrückt und dadurch in eine Klemme gerathen ist, aus -welcher dieselbe zu befreien wir uns ausser Stande wissen. Dieselbe -Vorstellung tritt aber sogleich in Begleitung eines Lustgefühls -auf, wenn die Erscheinung des Freundes dieselbe aus dem Banne der -Vorstellung seiner Abwesenheit erlöst. Dieselben zerfallen (wie -die Aetherphänomene) von vornherein in zwei Classen, je nachdem -die Entstehung des Gefühls von der Beschaffenheit des Inhalts der -Vorstellung, an die es sich heftet (wie dort die Beschaffenheit des -Aetherphänomens von der Qualität der Körper, deren Zwischenräume er -ausfüllt) unabhängig, oder durch denselben (wie dort das Aetherphänomen -durch die specifische Natur der Körper) bedingt ist. Gefühle ersterer -Art, weil sie durch Vorstellungen jedes beliebigen Inhalts veranlasst -werden können, werden (von Herbart) treffend als "vage", solche, -die einen bestimmten Vorstellungsinhalt voraussetzen, als "fixe" -bezeichnet. Jene entsprechen in dieser Hinsicht den Licht- und -Wärme-, diese den magnetischen und elektrischen Phänomenen. Jene, -da sie nicht nur bei jeder Vorstellung andere, sondern auch bei -derselben Vorstellung verschiedene, um so mehr in verschiedenen mit -Bewusstsein ausgerüsteten Individuen immer wieder andere sein können -(indem nicht nur Demselben dasselbe bald süss bald bitter, sondern auch -Verschiedenen dasselbe verschieden schmeckt), haben mit Recht zu dem -Sprichwort, dass sich über den Geschmack (eigentlich das Gefühl) nicht -streiten lasse, Veranlassung gegeben und sind ihrer "Subjectivität" -halber auch wohl "subjective Gefühle" genannt worden. Diese, die -fixen Gefühle, trifft zwar obiges Sprichwort nicht, weil die an dem -Inhalt gewisser Vorstellungen haften und daher stets nicht nur im -einzelnen, sondern in jedem Bewusstsein im Gefolge dieser Vorstellungen -auftreten, also im Gegensatz zu den subjectiven Gefühlen "objectiv" -(allgemein d. i. allen gemein) sind; dafür tritt bei ihnen, wenn nicht -besonders Rath geschafft wird, der allgemeine Uebelstand des Gefühls, -dass es sich, statt auf Objecte, auf das Subject d. i. statt auf -Vorgestelltes, auf den Vorstellenden selbst bezieht (in Bezug auf -jenes also "dunkel" ist, nicht weiss, was es fühlt) so sehr in den -Vordergrund, dass dasselbe darum mit Misstrauen betrachtet und von dem -Versuch, auf dasselbe eine Wissenschaft zu gründen, ausgeschlossen -zu werden pflegt. Dieser Uebelstand schwindet, wenn das Gefühlte -(die Vorstellung) nicht, wie es bei dem sogenannten Angenehmen und -Unangenehmen der Fall ist, mit dem Gefühl in eins zusammenrinnt, -sondern, wie es bei dem Schönen und Hässlichen der Fall ist, von -dem Gefühl abgesondert vorgestellt d. h. nicht nur gefühlt, sondern -auch gewusst und als Subject eines ästhetischen Urtheils d. i. eines -solchen, dessen Prädicat ein Wohlgefallen oder Missfallen ausdrückt, -im Verhältniss zu einem andern Gleichartigen (ganz oder theilweise -Identischen oder Gegensätzlichen) seiner Uebereinstimmung oder -Nichtübereinstimmung nach mit diesem und dadurch seinem Werthe nach -beurtheilt wird. Wie der Inbegriff der Gefühle (der vagen wie der -fixen) überhaupt das Gemüth, so wird der Inbegriff der ästhetischen -Urtheile, die ihrer logischen Natur nach identische, also unfehlbare -Urtheile sind, der Geschmack, in dem besonderen Fall, wenn das Object -des ästhetischen Urtheils ein Wollen ist, das Gewissen genannt. - -360. Wie die Aetherphänomene zeigen auch die Gemüthserscheinungen -Gegensätze und Intensitätsunterschiede, die bei jenen durch die -Bezeichnungen Helligkeit und Finsterniss einerseits, Hitze und Kälte -andererseits, bei diesen durch die Begriffe Lust und Unlust einer-, -Freude (gesteigerte Lust) und Schmerz (gesteigerte Unlust) andererseits -ausgedrückt werden. Wie unter den ersteren die magnetischen und -elektrischen Erscheinungen insofern eine besondere Stellung einnehmen, -als sie zu ihrem wirksamen Hervortreten der Gegenwart eines anderen -Körpers bedürfen, welcher entweder angezogen oder abgestossen -wird, so spielen unter den Gefühlen diejenigen, welche zu ihrem -Hervortreten der Gegenwart eines zweiten Bewusstseins bedürfen, -in welchem ähnliche oder entgegengesetzte Gefühle entweder wirklich -vorhanden sind oder doch vorhanden zu sein scheinen, die sogenannten -sympathetischen oder Mitgefühle, eine eigenthümliche Rolle. Dieselben -stellen als Mitleid und Mitfreude die Wiederholung eines wirklichen -oder vermeintlichen Leid- oder Lustgefühles des fremden im eigenen -Bewusstsein, dagegen als Neid und Schadenfreude die Begleitung eines -wahren oder vermeintlichen Lust- oder Leidgefühles im andern durch -ein dem Inhalt nach entgegengesetztes Gefühl im eigenen Bewusstsein -dar. Fremdes und eigenes Gefühl sind im ersten Fall gleich-, im -letzteren ungleichnamig. Wie der elektrische Strom durch sogenannte -Induction einen ihn in gleicher oder entgegengesetzter Richtung -begleitenden, so erzeugt fremdes wirkliches oder vermeintliches -Gefühl durch Nachahmung das ihm gleiche oder entgegengesetzte -im eigenen Bewusstsein. Leid und Freude wirken ansteckend wie -Weinen und Lachen und pflanzen sich unwillkürlich, ja wider Willen -von einem zum andern fort. Sympathetische Gefühle haben daher, -auch wenn sie wie Mitleid und Mitfreude einen guten oder wie Neid -und Schadenfreude einen schlimmen Charakter zu haben scheinen und -Veranlassung zu wohlthätigen wie zu feindseligen Handlungen werden -können, im Grunde weder den einen noch den andern, sondern entstehen -durch einen blossen Naturprocess. Da dieselben jedoch, um zu Tage -zu treten, der Gegenwart eines zweiten Individuums bedürfen, so -weisen dieselben über den Umkreis des einzelnen hinaus und stellen -zwischen diesem und dem andern eine zunächst blos ideelle d. h. nur -im Bewusstsein des Mitfühlenden vorhandene Verbindung her, die aber, -wenn das Gefühl Willensentschliessungen und in deren Folge Handlungen -nach sich zieht, zu einer realen, den andern entweder anziehenden -(sympathische Annäherung) oder von sich entfernenden (antipathische -Abstossung) Beziehung werden, daher die Gesellung der Individuen -entweder befördern oder hemmen kann, daher die sympathetischen -Gefühle auch als sociale oder gesellige Gefühle bezeichnet und die -aus denselben entspringenden Attractionen und Repulsionen zwischen -den Individuen mit den Wirkungen zwischen den physikalischen Atomen -wirksamer Anziehungs- und Abstossungskräfte verglichen werden. - -361. Wie plötzlich zu grosser Intensität gesteigerte und über -einen ausgedehnten Raum sich verbreitende Aetherphänomene als -(magnetisches, elektrisches) "Ungewitter", so werden plötzlich -hochgesteigerte Gefühle, wenn dieselben sich über den grössten -Theil des Bewusstseins oder über das ganze Bewusstsein in der Weise -ausbreiten, dass die Ich-Vorstellung unterdrückt und die von dieser -ausgehende, beherrschende Macht vorübergehend aufgehoben wird, -als Affecte bezeichnet. Wie jene ihres keineswegs unvorbereiteten, -aber unvermutheten Auftretens halber Ausnahmen von dem gewohnten -Naturlauf, so scheinen diese, da sie, obgleich nicht ohne Grund, -doch ohne bekannten Grund erfolgen, gesetzlose Unterbrechungen -des regelmässigen Bewusstseinsverlaufs zu bilden, daher sie, wie -jene als elementare, so als psychische Zufälle betrachtet zu werden -pflegen. Dort scheint die Natur, hier ist in Folge der Unterdrückung -der Ich-Vorstellung der im Affect Befindliche ausser sich und -die durch das aussergewöhnliche Ereigniss in der Natur (Erdbeben, -Sturmflut, Blitzstrahl u. s. w.) etwa angerichteten Verheerungen -können eben so wenig den (vorübergehend ausser Wirksamkeit gesetzt -zu sein scheinenden) Naturgesetzen, als die etwa im Zorn verübten -unerlaubten oder gemeinschädlichen Handlungen dem (vorübergehend -seiner Herrschaft über das Bewusstsein beraubten) Ich des Zornigen -zur Last gelegt werden. Folge der plötzlichen Lösung des Bandes -zwischen der Ich-Vorstellung und dem bis dahin von dieser beherrschten -Bewusstseinsinhalt ist es auch, dass die etwa bestehenden Associationen -zwischen inneren Gemüths- und äusseren Körperbewegungen widerstandslos -zum Ablauf kommen und daher der vorhandene Gemüthszustand z. B. des -Zornes, dessen Aeusserung sonst durch die Schranken des Wohlanstandes -gehemmt oder doch gezügelt würde, sich rücksichtslos in masslose -Reden und Handlungen umsetzt. Je nachdem die Ursache, durch welche die -Ich-Vorstellung und deren Herrschaft unterdrückt wird, darin besteht, -dass plötzlich eine zu grosse Menge von Vorstellungen auf einmal ins -Bewusstsein eindringt, neben welchen jene sich nicht zu behaupten -vermag, oder dass Umstände eintreten, welche bewusstes Vorstellen -(also auch das der Ich-Vorstellung) überhaupt unmöglich machen, -werden die Affecte in sthenische (Affecte der Stärke) und asthenische -(Affecte der Schwäche) eingetheilt. In jenen wird die Ich-Vorstellung -gehemmt, während die durch den Affect herbeigeführten Vorstellungen -einander gegenseitig unterstützen; in diesen werden die letzteren -sich zugleich unter einander selbst hemmen. Ersterer Art ist der Zorn, -welcher beredt, letzterer der Schrecken, welcher stumm macht. - -362. Wie das in der Zeit vor sich gehende wirkliche Geschehen -in der physischen, so ist auch das in der psychischen Welt ein -dreifaches. Wie die erste Art desselben in der Körperwelt darin -besteht, dass der Körper sich bewegt d. h. seinen Ort im Raume, so -besteht die erste Art des Geschehens in der Bewusstseinswelt darin, -dass der Bewusstseinsact aus seinem gegenwärtigen in einen anderen, -also zukünftigen Zustand überzugehen strebt d. h. seinen "Ort" -im Bewusstsein verändert. Von dieser Art ist das Aufstreben einer -durch andere verdunkelten d. h. unter die Schwelle des Bewusstseins -gedrückten Vorstellung aus der Tiefe nach oben gegen die hemmenden -Widerstände. Jede auf diese Weise im Streben begriffene Vorstellung -stellt ein Begehren dar, dessen Gegenstand, der zu erreichende Zustand -der Vorstellung, abwesend, und dessen Befriedigung eben die Erreichung -jenes Zustandes der Vorstellung selbst ist. Folge des Gesagten ist, -dass ohne Vorstellung des Begehrten keine Begierde entstehen (ignoti -nulla cupido), aber auch, dass jede Vorstellung Sitz einer Begierde -werden kann. Dieselbe wird gesteigert, je mehr Hindernisse sich der -Erreichung ihres Ziels in den Weg stellen d. h. je grösser die Zahl -und der Druck derjenigen Vorstellungen ist, welche dem Inhalt der -aufstrebenden Vorstellung des Begehrten entgegengesetzt sind. Die -Vorstellung der Nahrung erzeugt in dem Hungrigen eine Begierde, weil -sich dieselbe durch die Abwesenheit ihres Gegenstandes (den Mangel -an Nahrung) in gedrücktem Zustande befindet. Dieselbe strebt nach -Befriedigung, indem der Hungrige diejenigen Hindernisse zu beseitigen -sucht, welche der Anwesenheit des Begehrten (der Herbeischaffung von -Nahrungsmitteln) im Wege stehen. Sind dieselben beseitigt d. h. ist -die Nahrung nicht nur herbeigeschafft, sondern der Hungrige wirklich -in deren Genuss begriffen, so hört die Begierde auf. Die Befriedigung -ist erreicht, die Vorstellung der Nahrung, die bis dahin eine blosse -Einbildung war, ist zur Empfindung, die bis dahin nur "imaginirte" -zur "geschmeckten" Speise geworden d. h. die Vorstellung der Nahrung -hat sich aus dem Zustande einer Fiction in den einer sinnlichen -Wahrnehmung bewegt, also ihren "Ort" im Bewusstsein wirklich verändert. - -363. Je nachdem der Gegenstand einer aufstrebenden Vorstellung -ein sinnlicher oder nicht-sinnlicher (intellectueller), kann -das Begehren selbst ein sinnliches oder intellectuelles, je -nachdem dasselbe von einer Vorstellung über Erreichbarkeit oder -Nichterreichbarkeit, Erlaubtheit oder Unerlaubtheit des Begehrten -nicht nur begleitet, sondern von dieser abhängig gemacht wird oder -nicht, wird es verständiges oder verstandloses, vernünftiges oder -vernunftloses Begehren heissen. Das verständige Begehren ist Wollen, -wenn es begehrt, weil das Begehrte ihm erreichbar, dagegen blosser -Wunsch, wenn es begehrt, ungeachtet das Begehrte ihm unerreichbar -scheint. Das vernünftige Begehren ist vernünftiges Wollen, wenn es -begehrt, was und weil dasselbe nicht nur erlaubt, sondern geboten, -dagegen verblendetes Wollen (Leidenschaft), wenn ihm, was es begehrt, -erlaubt, vernunftwidriges (böses) Wollen, wenn es begehrt, was und -obgleich es ihm selbst unerlaubt, ja verboten scheint. Die Gesammtheit -des innerhalb eines individuellen Bewusstseins enthaltenen Begehrens -macht dessen (psychisches) Naturell, die Gesammtheit des innerhalb -desselben eingeschlossenen verständigen und vernünftigen oder verstand- -und vernunftlosen Wollens dessen (im psychologischen Sinne des Worts) -Charaktermässigkeit oder Charakterlosigkeit aus. - -364. Wie in der physischen, so auch in der psychischen Welt ist -die zweite Art der wirklich vor sich gehenden Veränderung ein -Formwechsel. Wie der feste Körper in flüssigen und luftförmigen, -so kann das Bewusstseinsgebilde aus dem lockeren Zustand blosser -Complication in den inniger Verschmelzung homogener Elemente -übergehen. Wie der chemische Körper in Folge der Anziehung -wahlverwandter Elemente Bestandtheile abgibt und andere an -sich zieht, so wird durch die Verschmelzung identischer und die -Ausstossung sich unter einander ausschliessender Bestandtheile -einer-, durch die Verbindung bis dahin unverbundener Bestandtheile -andererseits die Form der Bewusstseinsgebilde verändert, werden im -ersteren Fall aus sinnlichen Vorstellungen durch Abstraction der -gemeinsamen Bestandtheile Gemeinbilder (Begriffe), im letzteren -Fall durch Combination bisher getrennter, obgleich mit einander -verträglicher Bestandtheile durch die Erfahrung gegebener sinnlicher -Vorstellungen neue durch die Erfahrung nicht gegebene sinnliche Bilder -(Phantasievorstellungen) hervorgebracht. Wie endlich die Formen der -Organismen durch organische Transmutation der Arten und Gattungen im -Pflanzen- wie im Thierreich in einander übergehen, so werden aus den -ursprünglich auf Grund von Anschauungen entstandenen Begriffen durch -fortgesetzte Abstraction höchste und allgemeinste Begriffe (Kategorien) -und wird durch fortgesetzte Combinationen sinnlicher Erfahrungselemente -eine neue erfundene Welt voll sinnlich anschaulicher Lebendigkeit -(Phantasiewelt) gewonnen. Während aber in der physischen Welt die -Erfahrung den Beweis für den Uebergang der unorganischen in die -organische und dieser in die bewusste Form bisher schuldig geblieben -ist, tritt im Bewusstseinsleben die Abhängigkeit der beiden scheinbar -fundamental verschiedenen Classen von Bewusstseinsphänomenen, der -Gefühle und der Bestrebungen, von jener der Vorstellungen offen an -den Tag, indem sowol die Gefühle wie die Strebungen sich nicht als -gattungsmässig verschiedene Vorgänge, sondern als blosse Zustände -der Vorstellungen herausgestellt haben. - -365. Die dritte Art des wirklichen Geschehens ist der -Stoffwechsel. Derselbe bildet den Abschluss der physischen Welt, -indem der Reiz (der extensive physische) sich in Empfindung (den -intensiven psychischen Zustand) umsetzt d. h. der reale sich in einen -Bewusstseinsvorgang verwandelt. Derselbe bildet den Abschluss der -psychischen Welt, indem der intensive psychische (Vorstellung, Gefühl, -Wollen) sich in einen extensiven physischen Zustand (Lautsprache, -Geberdensprache, Handlung) umsetzt und so der Bewusstseinsvorgang -in einen realen Vorgang sich verwandelt. Wie dort die Bewegung -der Moleculartheilchen des Nervensystems als Empfindung in das -Bewusstsein, so wird hier der Gedanke durch den tönenden Laut -des Worts, das Gefühl durch den sichtbaren Ausdruck der Miene, der -Wille durch die von ihm veranlasste Bewegung des eigenen und dadurch -mittelbar eines oder mehrerer fremder Körper wieder in die materielle -d. i. in die Körperwelt aufgenommen, indem die durch das Stimmorgan -schallend bewegte atmosphärische Luft als Verkörperung des Gedankens, -die unwillkürlich veränderte oder (im Affect) verzogene Physiognomie -als Verleiblichung des Gemüths, die durch Muskelbewegung der eigenen -Leibesglieder bewegte Verschiebung der anstossenden Nachbarkörper -als sich bethätigende Aeusserung des eigenen Willens erscheint. Die -erste als hörbares Zeichen für die Vorstellung liefert das Werkzeug -für die Bewahrung und Mittheilung der Gedankenwelt und als solche die -Grundlage der Sprache. Die zweite als sichtbares Zeichen für das im -Innern lebendige Gefühl liefert das Material zur Veranschaulichung des -Anderen (Höheren, Niederen oder Gleichen) gegenüber vorhandenen oder -doch vorhanden zu sein scheinenden Gefühls und bildet als solches die -Grundlage der Sitte. Die dritte als physischer Ausdruck des entweder -wirklich oder doch dem Anschein nach vorhandenen Wollens liefert -den greifbaren Stoff zur Beurtheilung des gegen Andere beobachteten -streitsüchtigen oder friedlichen Verhaltens und bildet als solcher die -Grundlage des Rechts. Indem das individuelle Ich auf diese Weise sein -Inneres nach aussen kehrt, die Vorgänge seines Bewusstseins in Reden, -Geberden und Thaten umsetzt und dadurch für andere seinesgleichen -hörbar, sichtbar und greifbar macht, wird dasselbe aus einem -vereinzelten zum sociabeln d. i. des geselligen Zusammenseins mit -Anderen fähigen und dadurch in Vereinigung mit diesen zur Grundlage -eines Mehreren gemeinsamen d. i. des Social-Ichs. - -366. Wie die Gesammtheit der Weltkörper und ihrer "Parasiten" den -physischen Kosmos, so macht die Gesammtheit der im individuellen -Bewusstsein während der gesammten Fortdauer desselben vertheilten -Bewusstseinsgebilde (Empfindungen, Anschauungen, Begriffe, Gefühle, -Begehrungen und Willensacte), soweit dieselben der innern Erfahrung -zugänglich sind, in ihren gegenseitigen Beziehungen zu und ihrer -relativen Abhängigkeit von einander, von den primitiven, namenlosen -Bewusstseinsacten, deren jedem ein ebenso anonymer Nervenreiz oder eine -unmerkliche Transversalschwingung des Weltäthers entspricht, bis zu -den höchsten und ausgearbeiteten des abstracten Allgemeinbegriffs, -des verfeinerten Geschmacksurtheils und des der empfindlichsten -Gewissensstimme willig gehorchenden Willensentschlusses herauf -die Seelenwelt des Individuums aus. Wie dort die Totalität -des physischen Geschehens die Naturgeschichte des Weltalls, so -stellt hier der Inbegriff des im individuellen Bewusstsein nach -unveränderlichen Naturgesetzen sich vollziehenden Geschehens, von -der Wechselwirkung zwischen den primitiven Bewusstseinsacten bis zu -der logischen Verbindung von Anschauungen zu Begriffen, Begriffen zu -Urtheilen, Urtheilen zu Schlüssen, Schlüssen zu Gedankensystemen und -dieser, wenn ihr Inhalt es gestattet, zu einem sie alle umfassenden -Universalsystem einer-, von den leisesten Regungen der Lust und Unlust -bis zu Entzücken und Jammer und den verheerenden Stürmen affectvoller -Gemüthserschütterung, von sinnlichen Gelüsten und kindischen Wünschen -bis zu sittlichen Entschliessungen und männlichen Thaten andererseits -herauf, soweit dasselbe der innern Erfahrung zugänglich ist, den -Entwickelungsprocess des Bewusstseins, die Naturgeschichte der -Seele dar. - - - - - - - - -DRITTES CAPITEL. - -DAS SOCIAL-ICH. - - -367. Wie mit der Einkehr des anziehend oder abstossend nach aussen -gewandten einfachen Wirklichen in sich selbst die Möglichkeit des -individuellen, so ist mit der Auskehr des Innern in Rede, Geberde -und Handlung die Möglichkeit eines Mehreren gemeinsamen Bewusstseins -gegeben. Letzteres kann nicht bedeuten, dass in Mehreren dasselbe, -sondern nur dass in Mehreren ein gleiches Bewusstsein oder, was -dasselbe ist, dass der Inhalt des jeweiligen individuellen Bewusstseins -Mehrerer das gleiche, dieses Bewusstsein selbst aber nichts desto -weniger bei jedem das eigene sei. Identität des Bewusstseins -in dem Sinne, dass dasselbe Bewusstsein in Allen sei, würde die -Individualität der Einzelnen in den blossen Schein einer solchen -verwandeln, das Bewusstsein des Einzelnen in einen Bewusstseinsact -des in Allen identischen Allgemeinbewusstseins auflösen. Letzteres -darf daher nicht als Substanz, zu welcher die Einzelbewusstsein wie -vorübergehende modi sich verhalten, sondern muss als Summe der in -Mehreren gleichen d. i. dem Inhalt, nicht der Zahl nach eins seienden -Bewusstseinsacte gedacht werden. Die Einzelbewusstsein, welche -zusammengenommen die Voraussetzung eines ihnen allen gemeinsamen -Bewusstseins ausmachen, sind ihrer realen Basis nach so wenig eins, -dass derselbe Bewusstseinsinhalt in dem einen mit grösserer, in dem -andern mit geringerer Lebhaftigkeit, dort mit völliger Klarheit, hier -im ungewissen Dunkel vorhanden sein kann, ohne dass derselbe aufhört, -jenem mit diesem gemein und dadurch ein integrirender Bestandtheil -des gemeinsamen Bewusstseins, der "Volksseele" zu sein. - -368. Niemals darf die letztgenannte als eine von den "Seelen" der -Angehörigen des Volks real unterschiedene, gleichsam als eine Seele -vor, neben oder über den ihrigen gedacht werden. Dieselbe stellt nichts -weiter als den mit einem Namen bezeichneten Inbegriff dessen dar, -worin alle Volksangehörigen als vorstellende, fühlende und strebende -Wesen mit einander dauernd übereinstimmen d. h. was abgesehen von -den Privat- und individuellen Meinungen, Geschmäcken und Gelüsten -jedes Einzelnen den bleibenden und Allen gemeinsamen Bestandtheil -ihres Fürwahrhaltens, Werthhaltens und Anstrebens ausmacht. - -369. Weil nun jeder Versuch, über die Gemeinsamkeit des Inhaltes -individuell verschiedener Einzelbewusstsein ein Urtheil zu fällen, -nicht nur voraussetzt, dass dieser Inhalt selbst äusserlich -wahrnehmbar, sondern auch dass er Anderen verständlich sei, so -folgt, dass die Entstehung einer auf das Bewusstsein gemeinsamen -Bewusstseinsinhaltes gegründeten Vereinigung Mehrerer zur Einheit -die Möglichkeit gegenseitig verständlicher Mittheilung durch Allen -gemeinsame äussere Zeichen der inneren Vorgänge bedingt. Letztere -werden, insofern sie bestimmt sind, das Innere Anderen sinnlich -wahrnehmbar zu machen, je nach der Verschiedenheit der Sinne -verschiedenartige (hörbare, sichtbare, tastbare etc.) sein können, -da die Gemüthsvorgänge, zu deren Versinnlichung für Andere sie dienen -sollen, verschiedene (Empfindungen, Anschauungen, Begriffe, aber -auch Gefühle und Willensacte) sind, je nach der Art dieser letzteren -andere sein müssen. Jener Umstand erzeugt die Laut- und Tonsprache, -die zur Bezeichnung hörbare, die Schrift- und Geberdensprache, die -zur Bezeichnung sichtbare, die monumentale oder Gedenksprache, die -zur Bezeichnung tastbare Zeichen verwendet. Von diesem Gesichtspunkt -aus lässt sich die Sprache des Gedankens von jener des Gefühls und -des Willens unterscheiden. Von den drei letztgenannten verwendet -die Sprache der Vorstellung meist hörbare, als (chinesische und -mexikanische) Bilderschrift aber auch sichtbare Zeichen, wobei auf die -Beschaffenheit der zu verkörpernden Vorstellungen Rücksicht genommen -wird. Sind dieselben z. B. Empfindungen (Farben- oder Tonempfindungen), -so können dieselben nur dadurch Anderen mitgetheilt werden, dass man -die ihnen entsprechenden Sinnesreize erzeugt d. h. durch Töne (Musik) -und Farben (Colorit). Sind dieselben sinnliche Vorstellungen, deren -Objecte in der Erfahrung gegeben sind, so können dieselben Anderen -mitgetheilt werden, entweder indem jene Objecte ihnen selbst vor Augen -geführt (demonstrirt) oder statt der Gegenstände selbst deren Bild zur -Anschauung gebracht wird (Bilderschrift, Anschauungsunterricht). Sind -sie dagegen Begriffe, also solche Vorstellungen, deren Objecte in -der Erfahrung nicht angetroffen werden, die also auch nicht durch -die letzteren oder deren Bilder sichtbar gemacht werden können, so -bleibt nur übrig, entweder jene Begriffe durch sinnliche Vorstellungen -(Symbole) zu ersetzen und sodann diese durch ihre Gegenstände oder -deren Bilder sichtbar zu machen, oder zu deren Bezeichnung hörbare -Zeichen zu wählen (Lautsprache). Letztere selbst werden entweder so -gewählt, dass sie mit dem Gegenstand der zu bezeichnenden Vorstellung -eine Aehnlichkeit haben oder doch an diesen erinnern (Onomatopöïen, -natürliche Lautsprache) oder, wenn dies nicht der Fall ist, willkürlich -festgesetzt (conventionelle Lautsprache). Die Sprache des Gefühls -verwendet sowol hörbare als sichtbare Zeichen; unter jenen nehmen die -Freuden- und Schmerzenslaute (Interjectionen), so wie die Anwendung -gewisser Rede- und Begrüssungsformeln, um bestimmte Gefühle (Ehrfurcht -oder Verachtung, Liebe oder Hass etc.) auszudrücken, unter diesen -Lachen und Weinen als Zeichen der Freude und der Trauer, aber auch -Geberden und Stellungen, welche bestimmt sind, gewisse Gefühle (der -Anbetung, der Unterwerfung, der Freundschaft oder deren Gegentheile) -zu veranschaulichen, ihre Stelle ein. Auch diese zerfallen, je nachdem -dieselben ohne Erklärung jedermann verständlich, oder nur innerhalb -eines bestimmten Kreises üblich sind, in natürliche (Natursprache des -Gefühls) und künstliche (conventionelle Gefühlssprache). Die Sprache -des Willens endlich, die Handlung bedient sich als Materials ihrer -Aeusserungen des eigenen Leibes und der Organe desselben, entweder des -tönenden (Stimmorgan), um sich hörbar (Befehl), oder der Gliedmassen, -um sich sichtbar (Armschwenkung als Commandozeichen), oder dessen -physischer Kraft, um sich tastbar (Schub, Stoss, Schlag) vernehmlich zu -machen, wobei auch diese Zeichen in natürliche (Erhebung der Stimme, -des Stockes) und künstliche (Handschlag als Einwilligungszeichen, -Anstecken des Ringes als Vermählungszeichen etc.) sich sondern. - -370. Mittheilbarkeit und Verständlichkeit der Zeichen würden -nicht ausreichen, wenn die räumlichen und zeitlichen Verhältnisse -nicht derart beschaffen wären, dass deren Gebrauch zu gegenseitiger -Verständigung sein Ziel zu erreichen vermag. Zu diesem Zweck dürfen -diejenigen, durch deren Verständigung unter einander ein allen -gemeinsames Bewusstsein zu Stande kommen soll, weder räumlich noch -zeitlich so durchgreifend von einander geschieden, noch so weit von -einander entfernt sein, dass die Mittheilung durch (hörbare, sichtbare, -tastbare) Zeichen unmöglich wird. Dieselben dürfen daher weder -durchaus verschiedenen Welten (z. B. die einen der erfahrungsmässigen -dreidimensionalen, die andern einer vorgeblichen vierdimensionalen -Raumwelt) angehören, noch innerhalb derselben Welt räumlich und -zeitlich so weit aus einander liegen, dass eine, sei es räumliche -Berührung, sei es zeitliche Ueberlieferung, wo nicht aufgehoben, -doch in äusserstem Grade erschwert und dadurch ihrem Gehalte nach -bis zum Unmerklichen herabgeschwächt wird. In ersterer Hinsicht wird -die Entstehung eines Vielen gemeinsamen Bewusstseins erleichtert -durch deren Anwesenheit innerhalb eines Allen gemeinsamen Raumes und -vermittelt durch ein Generationen überdauerndes und von Geschlecht -zu Geschlecht sich fortpflanzendes, sei es mündlich (Tradition), sei -es schriftlich (Literatur) aufbewahrtes Gedankencapital. Wie durch -die Gemeinsamkeit des Bodens, auf dem die Vereinigung Mehrerer zur -Einheit erwächst (z. B. der gemeinsamen Heimat) die Genesis eines -gemeinsamen Bewusstseinsinhalts durch den Umstand begünstigt wird, -dass die Umgebung für alle dieselbe, also auch der aus dieser stammende -Anschauungskreis, welcher die Grundlage aller spätern Vorstellungs- -und Begriffsbildung ausmacht, bei allen der nämliche ist, so wird -den Nachkommen durch stillschweigendes Herkommen und unwillkürliche -Gewöhnung ein von Geschlecht zu Geschlecht sich ansammelnder Vorrath -von Begriffen, Gebräuchen und Gesetzen von den Eltern her gleichsam -angeerbt und von ihnen ihrerseits den Enkeln hinterlassen. Folge -davon ist, dass sich der Besonderheit der räumlichen und zeitlichen -Verhältnisse, so wie der Verständigungsmittel, unter welchen das -Mehreren gemeinsame Bewusstsein sich entwickelt, entsprechend, -letzteres selbst und damit die Vereinigung Mehrerer, innerhalb welcher -es heimisch ist, eine besondere, nur dieser Vereinigung von Individuen -eigenthümliche Färbung annimmt, und dadurch nicht nur selbst, mit -dem Allgemeinbewusstsein einer andern "Gesellschaft" verglichen, -einen individuellen Charakter trägt, sondern auch der Gesellschaft -selbst, deren Eigenthum es ist, das Gepräge einer (gesellschaftlichen) -Individualität verleiht. - -371. Was die physikalischen Atome für die physischen, die primitiven -Bewusstseinsacte für die psychischen, das sind die "sociabeln" -Individuen für die socialen Gebilde. Wie jene zusammengenommen -den Stoff aller körperlichen, die primitiven Empfindungen das -Material aller Bewusstseinsphänomene, so machen die mit Bewusstsein -ausgerüsteten Individuen die Basis aller gesellschaftlichen -Vereinigungen aus. Als solche werden dieselben dem Gesichtspunkt der -quantitativen Atomistik entsprechend als unter einander ursprünglich -eben so gleichartig gedacht wie die Atome in der Physik, die primitiven -Empfindungen in der Psychologie. So wenig die beiden letztgenannten -selbst ein Gegenstand weder der äussern noch der innern Erfahrung sind, -sondern auf Grund der letztern durch einen Sprung über dieselbe hinaus -als deren unentbehrliche Grundlage vorausgesetzt werden, eben so wenig -werden bewusste Individuen vollkommen gleicher Beschaffenheit in der -(geschichtlichen) Erfahrung angetroffen, sondern wie jene als Annahme -der thatsächlich vorhandenen Ungleichheit der Individuen hypothetisch -untergelegt. Letztere macht es möglich, wie es die Physik mit den -Körpern, die Psychologie mit den Gebilden des Bewusstseins thut, -auch die verschiedenen "Gesellschaftskörper" (Corporationen) aus dem -Gesichtspunkt ihrer Zusammensetzung aus primitiven Elementen ("Atomen -der Gesellschaft") zu betrachten und je nach der Beschaffenheit -des dieselben mehr oder minder innig, mehr oder minder dauerhaft -zusammenhaltenden Bandes als eben so viele verschiedene Ordnungen -socialen Zusammenseins anzusehen. - -372. Die erste und unterste derselben ist diejenige, bei welcher -die qualitative Gleichheit oder Verschiedenheit der zu einem Ganzen -verbundenen Individuen gleichgiltig, das sie verknüpfende Band von -derselben unabhängig ist, der Grund der Vereinigung daher eben so -gut innerhalb der allen gemeinsamen Beschaffenheit ihrer Natur, wie -gänzlich ausserhalb der Natur derselben in einem dieser zufälligen -Umstände gelegen sein kann. Ersterer Art sind alle aus der allen -Menschen ohne Unterschied eigenen physischen und psychischen -Beschaffenheit (z. B. dem Bedürfniss nach Nahrung, nach Schutz, -nach geselliger Unterhaltung etc.) entspringenden Anlässe zur -Vereinigung, um deren willen schon Aristoteles den Menschen als "das -gesellige Thier" bezeichnet, und aus welchen Hugo Grotius den von -ihm sogenannten "Geselligkeitstrieb", so wie Hobbes das im "Kriege -Aller gegen Alle" erwachende Schutzbedürfniss der Schwächern als Motiv -gesellschaftlicher Vereinigung besonders hervorgehoben hat. Letzterer -Art ist das absichtslos, ja selbst wider die Absicht herbeigeführte -Zusammensein Mehrerer an demselben Orte und zu derselben Zeit -(z. B. Schiffbrüchiger auf einer einsamen Insel, welche sie nöthigt, -oder ihnen Gelegenheit gibt, sei es wider, sei es mit ihrem Willen -unter einander in gesellige Verbindung zu treten). Verbindungen der -Art, welche entweder, wie die letztgenannten zufälligen, kein oder, -wie überall dort, wo es sich um die blos vorübergehende Befriedigung -eines (wenngleich in der allgemeinen Menschennatur gegründeten, -also in anderer Form stets wiederkehrenden) Bedürfnisses handelt, ein -gleichfalls nur augenblickliches Interesse der Einzelnen zur Ursache -haben, sind dieser ihrer Natur nach die häufigsten, weil sie immer -wieder von neuem durch Zufall oder durch die Wiederkehr desselben -Bedürfnisses entstehen, aber eben so zufällig wie nach eingetretener -Befriedigung sofort wieder vergehen können und werden. Das zunächst -liegende Beispiel liefern die sogenannten geselligen Zusammenkünfte, -deren Beweggrund lediglich in dem augenblicklichen Bedürfniss -des Zeitvertreibs, oder die ebenso zahlreichen als mannigfaltigen -Associationen, deren Ziel auf gemeinsam durchzusetzende Zwecke der -Ersparung, des Erwerbes, des Gewinns, der Sicherung und Versicherung -des Lebens und Eigenthums u. s. w. gerichtet ist. Insofern dieselben -nichts weiter sind als vorübergehende, durch das Band eines äusseren -Zwecks, aber auch nur durch dieses zusammengehaltene Aggregate -einander im übrigen persönlich durchaus gleichgiltiger Individuen, -lassen sie sich mit nur mechanisch zusammengesetzten Körpern -vergleichen, deren zeitweiliger Cohäsionszustand von der geringeren -oder grösseren Anziehung zwischen den Atomen und deren Dauer von -jener des sie zusammenhaltenden äusseren Druckes bedingt ist. Wie -die letztern desto schwerer beweglich sind, je ungleichartiger, -dagegen desto leichter, je gleichartiger ihre Bestandtheile sind, -so erscheinen gesellige Vereinigungen "schwerflüssig", wenn sie aus -ungleichartigen Individuen zusammengewürfelt, dagegen "leicht in Fluss -zu bringen", wenn ihre Mitglieder der Stimmung, dem Stande und dem -Streben nach gleichgeartet sind. Sogenannte Actiengesellschaften, -deren Theilnehmerschaft weder an persönliche Mitwirkung, noch an -ein Andere übertreffendes Mass der Betheiligung, sondern lediglich -an den Besitz einer mit jeder andern gleichwerthigen, gleichgiltig -von Hand zu Hand wandernden Actie geknüpft ist, stellen die loseste, -gleichsam "luft- oder gasförmige" Form der Gesellschaft zur Schau, -deren Mitglieder einander eben so fremd und fern wie die in weiten -Distanzen von einander befindlichen, in steter Abstossung gegen -einander begriffenen ruhelos beweglichen Molecüle eines Gases stehen. - -373. Wird die qualitative Beschaffenheit der Gesellschaftsatome -berücksichtigt, so entsteht jene zweite Ordnung geselliger -Corporationen, die man dem chemisch zusammengesetzten Körper -vergleichen kann. Wie durch die Verschmelzung homogener Atome der -chemisch einfache, durch die Complication qualitativ verschiedener -Stoffe der chemisch zusammengesetzte Körper, so entstehen auf -Grund der Beschaffenheit der Gesellschaftselemente zwei Arten von -Corporationen, deren eine Verbindungen qualitativ gleichartiger, -die andere ungleichartiger Individuen umfasst. Zu jenen gehört, wenn -dieselbe blos gesellige Zwecke verfolgt, die sogenannte "Männer-" -oder "Frauen-", zu diesen die "gemischte Gesellschaft", ferner, -wenn jene aus Personen desselben Alters, Berufs, Standes besteht, -die Alters-, Berufs-, Zunft- und Standesgenossenschaft: zu diesen, -wenn sie aus Personen verschiedener Berufe und Stände gemengt ist, -die sogenannte bürgerliche Gesellschaft, wenn sie auf dem Grunde der -geschlechtlichen Beschaffenheit beruht, die Freundschaft zwischen -Personen desselben (männlichen oder weiblichen), die Liebe zwischen -Personen entgegengesetzten Geschlechts. Findet dieselbe ihren Halt -im Bewusstsein gegenseitiger Bluts- oder Gesinnungsgemeinschaft, so -bildet sich diejenige Gruppe gesellschaftlicher Zusammengehörigkeit, -welche als physische (Bluts-) Einheit, da sie im Gegensatz zur -Familie aus einander dem Grade nach gleichstehenden Gliedern -besteht, Verwandtschaft (Sippe), als psychische (Geistes-) Einheit -im Gegensatz zur Schule, da sie einander dem geistigen Range nach -gleich hoch stehende Mitglieder begreift, Jüngerschaft (Wissens- -oder Glaubensgemeinde) heisst. Da der Grund der Vereinigung in den -genannten Fällen nicht in einem vorübergehenden Zweck, sondern in der -bleibenden, sei es leiblichen, sei es geistigen Beschaffenheit der -Gesellschaftsglieder gelegen ist, so kann nicht nur, sondern muss -dieselbe (Ausnahmsfälle abgerechnet) so lange bestehen, als jene -Beschaffenheit unverändert bleibt, also z. B. die geschlechtliche -Basis der Liebe sich nicht durch Naturvorgänge in eine geschlechtlose -verkehrt oder das geistige Band des Jüngerthums durch den Abfall vom -Glauben zerschnitten wird. - -374. Wie der beseelte Körper vom leblosen sich dadurch unterscheidet, -dass ein Theil desselben ("die Seele") beharrt, während der andere -("der Leib") sich im Laufe des Lebens fortwährend erneuert, ohne dass -der Körper selbst ein anderer wird, so liegt das Charakteristische -der dritten Ordnung gesellschaftlicher Vereinigungen darin, dass -dieselben "ewige Dauer" besitzen, indem ein Theil derselben ("der -herrschende") immer derselbe bleibt ("le roi est mort, vive le roi"), -während der andere (der "beherrschte") sich unaufhörlich erneuert, ohne -dass die Gesellschaft selbst eine andere wird. Je nachdem das Band, -welches den bleibenden Bestandtheil mit dem veränderlichen verbindet, -ein reales (Blutsband) oder blos ideales (Gesinnungsverband) ist, -erfolgt die Erneuerung entweder durch Geburt jüngerer aus den älteren -(Generation) oder durch Aufnahme späterer Mitglieder durch die frühern -(Adoption). Ersteres ist in der Familiengemeinschaft zwischen Eltern -und Kindern (Ascendenten und Descendenten, Vorfahren und Nachkommen), -letzteres in der Gesinnungs- oder Glaubensgemeinschaft (Schule, -Kirche, politische Partei) der Fall. Jene erweitert sich durch die -Aufnahme der Seitenverwandten zur Stammesgemeinschaft, durch die -Zurückführung blutsverwandter Stämme auf einen gemeinsamen Stammvater -zum Stammvolk (Nation), durch die Ableitung mehrerer Stammvölker von -einem gemeinsamen Urvolk (Indogermanen, Arier) zur Racengemeinschaft -und mittels der mythischen Abstammung der gesammten Menschheit -von einem gemeinsamen Stammvater zur Gemeinschaft aller Menschen -(Weltbruderschaft). Diese dehnt sich von der an Umfang kleinsten -Gesinnungs- und Glaubensgenossenschaft, die, wie z. B. die erste -Christengemeinde, nur den Stifter und zwölf Genossen umfasst, bis zu -der räumlich Millionen und zeitlich Jahrtausende einschliessenden -Bildungs- oder Glaubensgemeinschaft aus, welche, wie z. B. die -europäische Civilisation, das Christen- oder Buddhistenthum Theilnehmer -und Bekenner im Laufe der Zeit nach hunderttausenden von Millionen -zählen. Wie die durch Geburt der Gemeinschaft einverleibten Mitglieder -von Natur aus den Aeltern ähnlich, so werden durch Aufnahme gewonnene -den ursprünglich vorhandenen künstlich verähnlicht (assimilirt), -indem entweder, wenn die Aufnahme durch Wahl erfolgt, nur ähnliche -gewählt (z. B. in eine Akademie der Wissenschaften nur Gelehrte, -in eine politische Partei nur politische Gesinnungsverwandte) oder, -wenn sie durch freiwilligen Anschluss geschieht, die Aufgenommenen im -Sinn der bestehenden Gemeinschaft (z. B. der ägyptische Neophyt durch -die Priesterschule, der künftige Soldat durch das Cadetteninstitut) -erzogen werden. - -375. Die so entstandene Gesellschaft bildet einen organischen -Körper, welcher entweder wie der vegetabilische Organismus an dem -Boden haftet, auf dem er erwachsen und mit dem er verwachsen ist, -oder wie der animalische Organismus von demselben äusserlich und -innerlich abgelöst, frei über ihn hinstreifend, obgleich innerhalb -durch die Schranken der Acclimatisationsfähigkeit gezogener Grenzen -den Ort seiner vorübergehenden Niederlassung wechselt. Jener ergibt -die autochthone, dieser die nomadische Gemeinschaft (Familie, -Stamm, Volk). Jene tritt vorzugsweise als sesshafte und in Folge -dessen, da die von der Natur freiwillig dargebotene Nahrung allmälig -versiegt, zur künstlichen Erzeugung derselben, so wie der übrigen -Lebensbedürfnisse d. i. zum Ackerbau und zur Industrie gedrängte -Bevölkerung auf. Diese, da sie die an einem Orte mangelnden Bedürfnisse -nicht selbst erzeugt, sondern dort nimmt, wo sie dieselben findet, -erscheint in den mannigfaltigsten Formen als Jäger-, Handels- -und Räuber- oder Eroberervolk. Wie der belebte Organismus durch -die Entwickelung eines Centralorgans (Gehirn und Nervensystem), -innerhalb dessen der physische Reiz sich in bewusste Empfindung -umsetzt, zum vorstellenden, Ich-ähnlichen und als solcher durch die -allmälige Vorstellung seiner selbst (Ich-Vorstellung) selbst zum Ich -d. i. zum sein selbst bewussten Individuum wird, so gestaltet sich die -organische Gesellschaft dadurch, dass innerhalb ihres Umkreises ein -Centralorgan (Regent und Regierung) entsteht, in welchem das allen -gemeinsame Denken, Fühlen und Streben sich in bestimmte Vorstellung -d. i. in deutlich vorschwebenden Zweck, Erwägung und Herbeischaffung -der Mittel und verwirklichende That umsetzt, zu einer (nach Haupt und -Gliedern) organisirten staatähnlichen Gesellschaft, welche durch die -allmälig fortschreitende Verkörperung der Vorstellung der Gesellschaft -(der Gesellschaftsidee) selbst zum Staat d. i. zu der ihrer selbst als -Gesellschaft bewussten, die Verwirklichung der Gesellschaftsidee sich -zum Zweck und dieselbe mittels der zu ihrer Realisirung erforderlichen -Mittel in Vollzug setzenden individuellen Gesellschaft wird. - -376. Organisirte Gesellschaften der Art, wenn sie reale d. h. ihre -Mitglieder unter einander blutsverwandt sind, treten je nach dem Umfang -und dem Grade der Verwandtschaft als Familie im engeren, nur Eltern und -Kinder, oder weiteren, auch die nächsten Seitenverwandten begreifenden -Sinne als Verband der Familienglieder unter dem Familienhaupt, oder -als Stamm (Clan) unter dem Stammeshaupt (Häuptling, Scheik), oder -als Volk unter dem (angestammten) Volkshaupt (König) auf. Dagegen, -wenn ihre Glieder zwar geistes-, glaubens-, oder gesinnungs-, aber -nicht blutsverwandt sind, erscheint die organisirte Gesellschaft, -je nachdem der Inhalt der allen gemeinsamen Ueberzeugung entweder -ein wissenschaftlicher, oder ein religiöser, oder ein politischer -ist, in Gestalt entweder der (philosophischen oder künstlerischen) -Schule unter einem (philosophischen oder künstlerischen) Schulhaupt -(Meister), oder als (Landes-, National-, Welt-) Kirche unter einem -(Landes-, National-, Universal-) Kirchenhaupt (Landesbischof, -Papst, Dalai Lama), oder als (theokratischer, nach göttlichen, -oder militärischer, nach mit Gewalt aufgedrungenen fremden Gesetzen -beherrschter, oder autonomer, Verfassungs- d. i. nach eigenen Gesetzen -sich selbst beherrschender) Staat unter einem (theokratischen, von Gott -eingesetzten, oder kriegerischen, durch Unterjochung aufgedrungenen, -oder verfassungsmässigen) Staatsoberhaupt (Fürst "von Gottes Gnaden", -Eroberer, constitutioneller Herrscher). Je nachdem das Centralorgan, -in welchem das allen gemeinsame Bewusstsein der Gesellschaft sich -verkörpert, dessen Bewusstsein also gleichsam die Stelle des allen -gemeinsamen Bewusstseins vertritt, selbst aus einem einzigen oder -mehreren unter einander coordinirten oder aus einem und mehreren -diesem zusammengenommen coordinirten Individuen besteht, nimmt -derselbe monarchische, oder collegiale, oder parlamentarische Form -an, indem im ersten Fall das Gesammtbewusstsein im Monarchen (Josef -II. und Friedrich II. als "erste Diener des Staates") im zweiten -Fall im Regierungscollegium (Directorium, Bundesrath), im dritten -Fall im Herrscher und den Stellvertretern des Gesammtbewusstseins -(Abgeordnete, Parlament, Kammer, Reichstag) zusammengenommen incarnirt -erscheint. Die monarchische Gestalt entartet zur Tyrannis, wenn an die -Stelle des Gesammtbewusstseins das Einzelbewusstsein des Herrschers -(l'état c'est moi), die collegiale Regierung zur Oligarchie, -wenn an die Stelle des Gesammtbewusstseins jenes einer Minderheit -(einer Kaste in der Priester-, Adels- oder Geschlechter-, eines -Standes in der Militär- oder Zünfte-, des Geldes in der Finanz- -und Bankiersherrschaft: Theokratie, Aristokratie, Martokratie, -Plutokratie), dagegen zur Ochlokratie, wenn an die Stelle des -Gesammtbewusstseins die bewusstseinslose Menge als herrschende -Macht tritt. Die parlamentarische Regierung kann je nach dem -Uebergewicht des Einen über die Vielen, oder der Vielen über den -Einen in Scheinparlamentarismus (wie unter dem Julikönigthum) -oder in Scheinmonarchismus (wie in England) ausarten. In der -monarchisch organisirten Gesellschaft wird nicht nur die Einheit des -Gesammtbewusstseins, sondern werden auch die in demselben, wie in jedem -Bewusstsein vorhandenen und einander bestreitenden Gegensätze in das -stellvertretende Bewusstsein des Alleinherrschers verlegt und damit -demselben die gesammte Verantwortlichkeit für die aus dem Zwiespalt der -letzteren entspringenden Folgen aufgebürdet. In der collegialen Form -der Regierung prägen die im Gesammtbewusstsein einander bekämpfenden -Extreme (Radicalismus und Conservatismus) innerhalb des höchsten -Regierungsorgans selbst als solche sich aus, während die Einheit des -Bewusstseins durch die mangelnde Spitze nur collectiv und daher nur -unvollkommen (Präsident) vertreten erscheint. Die parlamentarische Form -hat den Vorzug, dass in derselben die Einheit des Gesammtbewusstseins, -wie die in demselben vorhandenen Gegensätze gleichzeitig, die eine -in der monarchischen Spitze und durch deren ewige Dauer in der -festgesetzten Erbfolgeordnung am dauerhaftesten, die andere in den -innerhalb der Volksvertretung einander bekämpfenden politischen -Parteien (Fortschritts- und Stillstandsmänner, Whigs und Tories) -am vollkommensten repräsentirt erscheint und daher das Ganze der -Regierung, Monarch und Parlament, vereinigt das treueste Spiegelbild -des gesellschaftlichen Gesammtbewusstseins darstellt. - -377. Wie die andere ihresgleichen appercipirenden d. h. sich -anschmelzenden Vorstellungsmassen im individuellen Bewusstsein, -so stellen die einzelnen, jede für sich organisirten Gesellschaften -(Familie, Stamm, Schule, Kirche etc.) innerhalb der räumlich, zeitlich -und organisch zu einem Ganzen geeinigten Gesellschaft Mittelpunkte dar, -welche vermöge ihrer bereits erlangten und befestigten Macht ihren -Einfluss und Umfang durch die Heranziehung und Assimilirung gesinnungs- -oder stammesverwandter Individuen zu vergrössern und zu erweitern -bemüht sind. In diesem Sinne bildet sich um die durch Geburt, Ansehen -oder Reichthum hervorragende Familie ein Familienanhang, um den durch -Zahl, Macht oder Intelligenz zur Präponderanz gelangten Stamm ein -Stammesgefolge, zieht die zu Gewicht und Nachdruck gelangte Schule -(Staatsphilosophie Hegel's unter Altenstein) stets neue Anhänger, -wie eine durch den Besitz himmlischer und irdischer Güter reich -gewordene, mit Privilegien für jenseits und diesseits ausgestattete -Kirche (Staatskirche, englische Hochkirche) stets neue Bekenner -an sich und droht, indem sie aus einer staatähnlichen zu einer -dem Staat ebenbürtigen oder demselben überlegenen Macht innerhalb -der Gesellschaft heranwächst und die besonderen Familien- oder -Stammes- (Nationalitäts-), Schul- oder Kircheninteressen allmälig im -Allgemeinbewusstsein einen überwiegenden Einfluss gewinnen, zu einem -Staat im Staate und dadurch für diesen selbst zu einer ähnlichen -Gefahr, wie das im individuellen Bewusstsein übermächtig gewordene -Neben- oder zweite Ich für die Ich-Vorstellung zu werden. - -378. Wie die Ich-Vorstellung über das gesammte, oder doch den grössten -Theil des Bewusstseins seine Herrschaft auszudehnen, so strebt -der Staat über alle innerhalb seiner Raum-, Zeit- und Volksgrenzen -vorhandenen organisirten Gesellschaften die Oberhoheit auszuüben -d. h. sie aus unabhängigen in von ihm abhängige Corporationen, als -seine Familien und Stämme, seine Schule, seine Kirche u. s. w. zu -verwandeln. Derselbe duldet demgemäss innerhalb seines Umkreises weder -sich souverän geberdende Feudalherren, noch von der Staatseinheit sich -emancipirende Nationalitäten- oder Ländergelüste (Kantönligeist), eben -so wenig von derselben unabhängige Unterrichts- (die "freie Schule"), -oder religiöse Körperschaften (die "freie Kirche"), während diese -ihrerseits gegen den "Racker von Staat" (Friedrich Wilhelm IV.) sich -zu behaupten bemüht sind (Kampf der Reichsfürsten gegen den Kaiser, -der Vasallen gegen den Landesherrn, der Provinzen und Stämme gegen das -Reich, der "freien" d. i. katholischen Universitäten in Belgien gegen -die Staatsuniversität, der Kirche gegen den Staat; "Culturkampf"). - -379. Wie die physischen, so üben die Gesellschaftskörper gegenseitig -Wirkungen auf einander aus. Wie die mechanisch zusammengesetzten -Körper durch Häufung, so vergrössern sich die auf Association zu einem -gemeinsamen Zwecke beruhenden Corporationen durch Vermehrung ihrer -Mitgliederzahl in Folge der Fusion derjenigen, welche gleiche Zwecke -verfolgen. Dieselbe wird überall dort, wo die gegebenen Umstände -das gleichzeitige Bestehen mehrerer denselben Zweck verfolgenden -Gesellschaften nicht erlauben, durch den daraus entspringenden -"Kampf ums Dasein" d. i. durch die sogenannte "freie Concurrenz" -herbeigeführt, dessen Devise das "ôte toi, que je m'y mette", und -dessen Ursache das "da-" d. i. das "an dem Orte sein wollen" ist, -den ein Anderer einnimmt. Dagegen stehen die auf der qualitativen -Gleichheit oder Ungleichheit ihrer Mitglieder ruhenden Gesellschaften -unter einander wie die chemischen Körper in wahlverwandtschaftlichen -Beziehungen, vermöge deren bestehende Verbindungen in Folge stärkerer -Anziehung gelöst und bisher nicht bestandene aus demselben Grunde -geschlossen werden. Wechsel der Berufs-, der Standesgenossenschaft auf -der einen, des Gegenstandes der Freundschaft, der Liebe auf der anderen -Seite sind die Folgen derselben. Jene werden durch Abneigung gegen den -gegenwärtigen, durch Vorliebe für den künftigen Beruf oder Stand, diese -durch Antipathie gegen den bisherigen, Sympathie für den künftigen -Gegenstand der Freundschaft oder der Liebe verursacht. Organische -Gesellschaftskörper verschmelzen unter einander entweder auf realem -z. B. dem geschlechtlichen Wege, indem durch Heirat verschiedenen -Familien angehöriger Familienglieder (Familienheirat) eine neue -Familie, durch Heiraten aus verschiedenen Stämmen ein neuer Stamm -(Römer: aus Latinern und Sabinern), durch Ineinanderaufgehen zweier -oder mehrerer Nationalitäten eine neue Nationalität (die englische: -aus Sachsen und Normannen; die lateinische: aus Celten und Germanen; -die amerikanische: aus Briten, Iren, Deutschen) entsteht, oder -auf idealem Wege, indem aus der Vereinigung zweier oder mehrerer -Wissens-, Glaubens-, oder politischer Genossenschaften eine neue Schule -(z. B. die neuere Akademie aus Platonismus und Stoicismus), eine neue -Kirche (z. B. die anglicanische aus Katholicismus und Lutherthum), -eine neue politische Partei (z. B. Disraeli's Reformtories aus Tories -und Peeliten) hervorgehen. - -380. Autochthone Gesellschaften, die ihre "Scholle" behaupten, -werden auf diesem Wege von nomadischen, welche dieselbe vorübergehend -occupiren, letztere von staatbildenden, welche daselbst sich bleibend -niederlassen wollen, im "Kampf ums Dasein" bedrängt und verdrängt. Wie -jene nach einander, so treten gleichzeitige nachbarliche organisirte -Gesellschaften (Familien, Stämme, Schulen, Kirchen und Staaten) im -Kampf ums Dasein (Familienfehde, Stammesfehde, Schulzwist, Sectenhass, -Krieg) in feindliche oder freundliche Berührung (Familienbund, -Stammesbündniss, Schulen- und Kircheneinigung, Staatenbündniss.) Je -nachdem die Folge derselben die gegenseitig anerkannte Unabhängigkeit -oder die auf gewaltsamem oder friedlichem Wege herbeigeführte -Abhängigkeit des einen von dem andern Gesellschaftskörper ist, geht -im ersten Falle ein statisches Gleichgewicht zwischen denselben -(Oesterreichs und Preussens Aequilibrium im deutschen Bunde; das -"europäische Gleichgewicht") oder das Uebergewicht eines über die -übrigen (Preussens im deutschen Reich; Russlands während der Zeiten der -heiligen Allianz in Europa; der Nord- über die Südstaaten in Amerika), -in beiden Fällen ein System von Gesellschaftskörpern (Staatensystem) -aus demselben hervor, in welchem entweder die einzelnen sich zu -einander wie Gegensonnen oder wie um eine Centralsonne rotirende -Planeten verhalten. Ersteres kann, wenn die einzelnen Glieder (Staaten) -ihrer Unabhängigkeit von einander ungeachtet zu einem Ganzen sich -vereinigen, zu einer Gesellschaftsföderation (Staatenbund), letzteres, -wenn die Abhängigkeit der vielen vom Centralkörper sich vermindert, -zu einem Föderativkörper (Bundesstaat) führen. - -381. Wie der die Zwischenräume der physikalischen Atome füllende -Aether und die zwischen den festen Körpern befindliche Luftmasse, -jener gleichsam die immaterielle, diese die materielle Atmosphäre der -Körperwelt ausmacht, wie die auf die Beziehungen zwischen den einzelnen -Bewusstseinsgebilden bezüglichen Phänomene des Bewusstseins (die -Gefühle) gleichsam die gemüthliche Temperatur der Bewusstseinswelt, -deren Wärme oder Kälte ausdrücken, so stellt das innerhalb einer -Gesellschaft vorhandene gemeinsame Bewusstsein mit seinen allen -gemeinsamen Vorstellungen, Gefühlen und Strebungen gleichsam das -psychische Innere der Gesellschaft, die ersten deren Geist, die -zweiten deren Gemüth, die letzten deren Charakter dar. Erstere, der -Inbegriff des im Bewusstsein der Gesellschaft lebenden Meinens, -Glaubens und Wissens, macht dabei gleichsam die Licht-, die -Summe der innerhalb derselben vorhandenen Lust- und Unlustgefühle, -insbesondere aber jene der im gemeinsamen Bewusstsein wirksamen Mit- -oder socialen Gefühle gleichsam die Wärme-, die magnetischen und -elektrischen Phänomene innerhalb der gesellschaftlichen Atmosphäre aus, -während die Zahl und Beschaffenheit der innerhalb der Gesellschaft -begangenen Thaten, wenn dieselben als unvorsätzliche im Rausche -der Leidenschaft begangene Handlungen angesehen werden dürfen, -den Grad der innerhalb der Gesellschaftsatmosphäre vorhandenen, -der Gewitterschwüle vergleichbaren, affectvollen Spannung, wenn -sie dagegen als vorsätzliche, im zurechnungsfähigen Zustand zur -Aeusserung gelangte Willensacte betrachtet werden müssen, das der -mittleren Witterung ähnliche Niveau des innerhalb der Gesellschaft -gegebenen Sittlichkeitszustandes bezeichnen. Licht und Finsterniss -in der physischen kehren innerhalb der gesellschaftlichen Welt -als die Gegensätze der Aufklärung und des Wahn- und Aberglaubens, -Hitze und Kälte jener als Gemüthsfülle und Gemüthlosigkeit, -Anziehung und Abstossung gleichnamiger und ungleichnamiger Pole -als menschenfreundliches Mitgefühl und erkältende Selbstsucht, -verheerende Sturmfluten, magnetische und elektrische Ungewitter, aber -auch luftreinigende Gewitterstürme und befruchtende Frühlingsregen -als zerstörende Ausbrüche entfesselter Leidenschaft, aber auch -als heroische Thaten enthusiastischer Aufopferung, endlich der -durchschnittliche Zustand der Licht- und Wärmevertheilung in dem -durchschnittlichen Verhältniss begangener Ausschreitungen und -Verbrechen (wie es die sogenannte moralische Statistik aufweist) -zu der Zahl und dem Bildungszustand der Gesellschaft wieder. - -382. Wie die Körper im Raume, die Vorstellungen im Bewusstsein, so -wechseln die Gesellschaftsglieder ihren Ort innerhalb der Gesellschaft, -die Gesellschaften selbst den ihrigen im Raume neben, in der Zeit nach -und vor andern Gesellschaften. In dem "Kampf ums Dasein", welchen die -Körper in der physischen, die Vorstellungen der Bewusstseinswelt, -wie die Mitglieder der Gesellschaft um ihre Stellung in dieser mit -einander führen, werden die einen, die herrschenden, von oben nach -unten, andere, beherrschte, von unten nach oben gedrängt, und wie die -Hindernisse, die dem im Raume bewegten Körper, und die Hemmungen, -die der zur Klarheit aufstrebenden Vorstellung im Wege stehen, -so die gesellschaftlichen Widerstände, welche den innerhalb der -Gesellschaft Emporstrebenden begegnen, durch Glück oder Klugheit -überwunden. Wandervölker und Auswanderer verändern den Ort ihres -geselligen Zusammenlebens, während bis dahin blühende Gesellschaften -durch Zerfall und innere Erschlaffung von ihrer Höhe herabsinken oder -durch andere von derselben gestürzt werden. Wie aber der physische -Körper gleich dem Bewusstseinsgebilde nicht blos den Ort, sondern auch -Form und Stoff zu wechseln vermag, so geht der Gesellschaftskörper -nicht nur aus der lockeren in engere Association (Actiengesellschaft -in Handelscompagnie), sondern aus der qualitätslosen in die qualitative -Genossenschaft (aus blosser Geselligkeit zur Freundschaft) und endlich -in organische Verschmelzung (aus dem Liebesverhältniss zur Heirat und -Familie) und organisirte Gesellschaft, diese aus der pflanzenartigen -Form des Autochthonenthums aber selbst in die freibewegliche der -Wandergesellschaft, nach dieser in die höhere Form der staatähnlichen -Organisation und schliesslich in deren höchste und vollkommenste -Gestaltung, den Staat über. - -383. Wie der Stoff des Bewusstseins die primitiven Bewusstseinsacte, -so ist der Stoff der Gesellschaft der Inbegriff jener -Bewusstsseinsindividualitäten, welche unter einander durch die -Congruenz ihres individuellen Bewusstseinsgehalts zu einem Alle -umfassenden gemeinsamen Bewusstsein verbunden werden. Hört eines dieser -Einzelbewusstsein auf, seinem Inhalt nach mit jenem der übrigen zu -harmoniren, so gehört dasselbe nicht mehr dem Allgemeinbewusstsein -an und hat der Einzelne, dessen Bewusstsein auf diese Weise sich -von dem allgemeinen geschieden hat, innerlich längst aufgehört -Gesellschaftsmitglied zu sein, auch wenn nach aussen hin dessen -bisheriger Verband dem Anschein nach unverändert fortbesteht. So kann -der innerlich von dem Glaubensbekenntniss einer Glaubensgenossenschaft -Abgefallene äusserlich in dem gesellschaftlichen Verbande seiner -Kirche fortleben, also längst "confessionslos" geworden sein, -ehe er sich äusserlich als solchen bekennt. Mit der Auflösung des -gemeinschaftlichen Bewusstseins löst die Gesellschaft sich selbst -auf, mit der Selbstauflösung aller unter eine gemeinsame Kategorie -(z. B. unter jene der Familie, der Schule, der Kirche etc.) gehörigen -Gesellschaften tritt für jede jener Kategorien socialer Nihilismus -(der Familie als Auflösung jedes Familien-, der Schule oder Kirche als -solche jedes wissenschaftlichen und Bekenntnissverbandes) ein. Mit der -Selbstauflösung des Staats als der gesellschaftlichen Verwirklichung -der Gesellschaftsidee erfolgt die Verneinung dieser selbst, die -Annihilisation eines gesellschaftlichen Verbandes überhaupt und damit -die Rückkehr zum ursprünglichen Zustand ungesellter Individuen, des -Zerfalls des socialen, wie oben des physischen Stoffs, in seine Atome. - -384. Wie die Gesammtheit der physischen Körper den Kosmos, die -Gesammtheit der Bildungen des individuellen Bewusstseins die Seelenwelt -des Individuums, so macht die Gesammtheit gesellschaftlicher Körper -von den gleichgiltigsten und flüchtigsten Associationen bis zu -dauerhaften, sei es durch Bluts-, sei es durch Ueberzeugungsbande -verschmolzenen organischen und organisirten Corporationen und zu -der ausdauerndsten und umfassendsten von allen, dem Staate und den -Staaten in ihren gegenseitigen, sei es auf Ebenbürtigkeit, sei es auf -Abhängigkeit gegründeten Beziehungen, als Staatensystem, so weit die -geschichtliche Erfahrung reicht, die Welt der Geschichte aus. Wie die -Totalität des physischen und jene des im individuellen Bewusstsein -sich vollziehenden psychischen Geschehens die Naturgeschichte des -Kosmos und die Geschichte der Seelennatur, so stellt die Gesammtheit -des innerhalb der Gesellschaft wie innerhalb der Gesellschaften von -den unscheinbarsten Regungen eines gemeinschaftlichen Bewusstseins im -Umkreis locker verknüpfter bis zu der reichsten Entfaltung gemeinsamen -Denkens, Fühlens und Wollens unter einander physisch oder psychisch -eng verwandter Individuen, von dem einförmigen Dahinleben der Natur- -bis zu den wechselvollen Schicksalen hochcivilisirter Culturvölker, -von den seltenen und zufälligen feindseligen und freundlichen -Berührungen zerstreuter Horden, Familien und Stämme bis zu den eng -verflochtenen materiellen und geistigen Interessen und dem Raum und -Zeit überwindenden Handels-, literarischen und persönlichen Verkehr -einer zu stets sich steigernder Gleichartigkeit der Bildung, der -Sitten und der staatlichen Formen entwickelten Menschheit herauf, so -weit die geschichtliche Erfahrung reicht, die nach unveränderlichen -Gesetzen sich vollziehende Entwickelungsgeschichte der Gesellschaft, -die Weltgeschichte dar. - - - - - - - - -DRITTES BUCH. - -DIE KUNST. - - -ERSTES CAPITEL. - -DIE BILDUNGSKUNST. - - -385. Wie es die Aufgabe des ersten Buches war, die Ideen als -Musterbegriffe ohne Rücksicht auf eine denselben entsprechende oder -nicht entsprechende Wirklichkeit, jene des zweiten dagegen, das -Wirkliche ohne Rücksicht auf dessen vorhandene oder nicht vorhandene -Uebereinstimmung mit den Ideen, jedes der beiden genannten Gebiete -rein, ohne Beeinflussung oder Färbung durch das andre für sich -darzustellen, so ist es die Aufgabe des dritten, durch dessen -Gegenstand, die Kunst, welche weder, wie der Inhalt des ersten -vorschreibende, noch wie jener des zweiten Buches beschreibende -Betrachtung, sondern reale Bethätigung ist, die Ideen in die -Wirklichkeit einzuführen d. h. das mit den Ideen nicht in Einklang -stehende Wirkliche diesen, so weit dessen Natur es gestattet, -harmonisch zu gestalten. - -386. Aus dem Gesagten folgt, dass der Begriff der Kunst, insofern unter -demselben Darstellung von Ideen im wirklichen Stoffe verstanden wird, -weder mit jenem der schönen Kunst, welche die Darstellung ästhetischer -Ideen, noch mit jenem der Technik, welche die kunstfertige Ueberwindung -der Ideendarstellung durch das wirkliche Material in den Weg gestellter -Widerstände in sich begreift, identisch, sondern weiter als beide -ist und als auf Wissen sich stützendes Können überall dort zur -Anwendung kommt, wo von Darstellung gleichviel was für welcher Ideen -in wirklichem, gleichviel ob willigem oder sprödem Stoffe die Rede -ist. Jenes, das Merkmal der Ideendarstellung, unterscheidet die Kunst -von der ideenlosen Virtuosität, die sich in Ueberwindung im Material -nicht gegebener, sondern in demselben ausdrücklich hervorgesuchter, -also selbstgemachter Schwierigkeiten gefällt. Dieses, das Merkmal -der Realität des Materials, durch welche die Idee selbst solche -gewinnt, unterscheidet die Kunst von dem traumhaft dahinfliessenden -Bewusstseinsgespinnst, welches weder durch die Verarbeitung nach -logischen Ideen logischen Halt, noch durch solche nach ästhetischen -Ideen ästhetische Form, noch durch gleiche nach ethischen Ideen -ethischen Gehalt, noch endlich durch Verkörperung in lebendigem, -eigenem oder fremdem, oder in leblosem Stoff reale Gestalt annimmt. Wie -jene Können ohne Wissen (entweder nicht Kennen oder nicht Kennenwollen -der Ideen, die sich gar wol mit umfassender Kenntniss des sonst zur -Ideendarstellung bestimmten Stoffs verträgt), so stellt dieses, auch -wenn es wie der hellseherische Traum des Genius das Wahre trifft, ein -Wissen ohne Können dar (nicht Verarbeiten, oder nicht Verarbeitenwollen -der Idee im Stoff, welches sich gar wohl wo mit umfassendem Vermögen -künstlerischer Darstellung vertragen, aber auch aus Mangel technischer -Anlage oder aus "göttlicher Trägheit" entspringen kann). - -387. Kunst in diesem Sinn ist einerseits so vielfach, als überhaupt -zur Darstellung geeignete Ideen, und so mannigfaltig, als zur Aufnahme -derselben empfängliche Stoffe vorhanden sind. Dieselbe erscheint -in ersterer Hinsicht als Darstellerin logischer, ästhetischer und -ethischer d. i. der Ideen des Wahren, Schönen und Guten. In letzterer -Hinsicht wird es darauf ankommen, ob das Material, dessen die Kunst -sich bedient, psychischer (Bewusstseins-) oder physischer (materieller) -Natur, und im ersteren Fall, ob der Bewusstseinsstoff Inhalt des -eigenen oder eines fremden Bewusstseins sei. Dieselbe gliedert sich -in dieser Hinsicht in die dreifache Kunst der Bildung der Vorgänge des -eigenen Bewusstseins (Vorstellen, Fühlen, Wollen), so wie jener eines -fremden Bewusstseins, endlich der Körper und Processe der physischen -(leblosen und lebendigen) Natur nach (logischen, ästhetischen, -ethischen) Ideen. Die erste als Kunst der Ideendarstellung im eigenen -Vorstellen, Fühlen und Wollen d. i. der Bildung des eigenen Vorstellens -nach logischen, ästhetischen und ethischen, des eigenen Fühlens nach -ästhetischen und des eigenen Wollens nach ethischen Normen ergibt -die Kunst der Selbstbildung oder die Bildungskunst. Die zweite als -Kunst, das Vorstellen, Fühlen und Wollen eines Andern, das erste nach -logischen, ästhetischen und ethischen, das zweite nach ästhetischen, -das dritte nach ethischen Normen zu bilden, ergibt die Kunst der -Bildung Anderer oder die Bildekunst. Die dritte als die Kunst, die -Processe und Körper der materiellen, lebendigen und leblosen Natur -nach Ideen zu behandeln d. i. durch die Wahrheit als Wissenschaft zu -beherrschen, durch die Schönheit als Kunst zu verschönern und durch -die Güte als wohlwollende und menschenwürdige Behandlung zu veredeln, -ergibt als Kunst die Natur zu bilden, die bildende Kunst. - -388. Bildungskunst als Ideendarstellung im eigenen Vorstellen ist -als Darstellung logischer Ideen in demselben zunächst logische -Kunst. Insofern die logischen Ideen den Inbegriff der Bedingungen -ausmachen, unter welchen Denken zum Wissen wird, besteht deren Aufgabe -darin, das eigene Vorstellen in Wissen, den Inhalt desselben in -Wissenschaft zu verwandeln. Der Denkende wird zum Wissenden, wenn ihm -alles dasjenige, aber auch nur dasjenige als wahr d. i. als richtig -und giltig erscheint, was ihm in Folge der Anwendung logischer -Normen auf sein Denken als solches erscheinen muss. Andernfalls -weiss er nicht, sondern meint, ahnt oder glaubt nur. Ersteres, wenn -er überhaupt keine Gründe, letzteres, wenn er andere als logische -d. i. aus dem Inhalt des Gedachten stammende Gründe hat, dasselbe für -wahr zu halten. Je nachdem diese letzteren entweder aus dem Gefühl, -oder aus dem Begehren, Wünschen und Wollen genommen sind, so dass der -Vorstellende dasjenige für wahr oder falsch hält, was seinen Gefühlen, -oder dasjenige, was seinen Wünschen entspricht oder entgegen ist, -tritt das von ihm für wahr Gehaltene in der Form eines Vorausgefühlten -(Geahnten) oder Vorauserwarteten (Geglaubten) auf, auch dann, wenn -dasselbe nach logischen Regeln aus der Beschaffenheit des Gedachten -weder vorhergesehen, noch überhaupt gewusst werden kann. - -389. Insofern und weil das Wissen vom Meinen, Ahnen und Glauben -verschieden, die Form des Gewussten auch dann, wenn der Inhalt -derselbe ist, von der Form des blos Gemeinten, Geahnten oder -Geglaubten verschieden sein muss, so folgt, dass die logische -Kunst als Bearbeitung des eigenen Vorstellens nach logischen Regeln -zunächst darauf ausgehen muss, das zu bearbeitende Material d. i. das -eigene Vorstellen von allen ihm fremdartigen Bestandtheilen und -Zusätzen zu reinigen d. h. alles dasjenige auszuscheiden, was nicht -selbst Vorstellung, sondern Gefühl oder Streben (Begierde, Wunsch, -Wille) ist. Dieselbe trachtet daher vor allem den Vorstellenden -von jeder Rücksicht auf dasjenige frei zu machen, wodurch der -Inhalt des Gedachten zu dessen Gefühlen, Begierden, Wünschen und -Willensbestrebungen in förderlicher oder hemmender Beziehung steht -d. h. entweder ein ästhetisches oder ein praktisches Interesse für -denselben hat. Denn, wo das erstere herrscht, wird der Vorstellende -eine eben so begreifliche Neigung zeigen, dasjenige, was ihm aus irgend -einem Grunde nützlich, angenehm oder schön erscheint d. h. gefällt, -für wahr oder wirklich, wie dasjenige, was ihm missfällt, für falsch -oder Fiction zu halten; wo das letztere herrscht, wird er bereit sein, -dasjenige, was er aus irgend einem Grunde begehrt, wünscht oder will, -für begehrenswerth, möglich und erlaubt, so wie dessen Gegensätze -d. i. alles dasjenige, was er verabscheut, weder wünscht noch will, -für das Gegentheil zu halten. Aus dem ersteren entspringt, wenn das für -wahr Gehaltene deshalb dafür gehalten wird, weil dasselbe uns nützlich, -dagegen für falsch, wenn es uns schädlich scheint, die sogenannte gute -oder schlimme Ahnung, -- wird es dagegen für wahr oder falsch gehalten, -je nachdem es uns angenehm und schön oder unangenehm und hässlich -dünkt, der poetische Optimismus oder Pessimismus, poetischer Glaube -oder Unglaube (Wahnglaube). Aus dem letzteren entspringt, je nachdem -das praktische Interesse an dem Inhalt des Gedachten den Vorstellenden -nur gestimmt macht, Ungewisses, ja selbst Unwahrscheinliches, aber -doch Mögliches und bis zu einem gewissen Grad Wahrscheinliches über -diesen hinaus für wahrscheinlich, ja selbst für gewiss zu halten, -oder dermassen verblendet, dass er nicht blos Unwahrscheinliches -für wahrscheinlich, sondern Unmögliches für möglich, ja selbst für -wirklich hält, im ersten Fall Leichtgläubigkeit, im zweiten Fall -Aberglaube. Beide sind verzeihlich, wenn die Begierden, Wünsche und -Willensbestrebungen, durch die sie veranlasst werden, entweder an -sich löblich oder doch erlaubt, dagegen unentschuldbar, wenn dieselben -nicht blos thöricht, sondern unerlaubt und verwerflich sind. - -390. Die Bearbeitung des eigenen Vorstellungsmaterials erfolgt, wenn -das letztere von fremdartigen, ästhetischen und praktischen Zusätzen -gereinigt ist, "sine ira", aber erst, wenn dieselbe nicht blos auf -Grund des psychischen Mechanismus, sondern nach logischen Normen -geschieht, "cum studio". Jene dient nur dazu, den Vorstellenden von -den Einflüssen des ästhetischen und praktischen Interesses auf sein -Denken frei d. h. das rein wissenschaftliche Interesse an dem Inhalt -des Gedachten zu dessen einzigem zu machen: diese geht darauf aus, -die durch den psychischen Mechanismus des Bewusstseins thatsächlich in -demselben entstandenen Gedanken vom Gesichtspunkt der logischen Ideen -einer kritischen Prüfung zu unterziehen d. h. das specifisch logische -oder im weiteren Sinn philosophische Interesse zu befriedigen. Die -Aufgabe der ersteren ist erfüllt, wenn es derselben gelungen ist, -auf rein wissenschaftlichem d. i. weder durch ästhetische, noch -praktische Interessen beeinflusstem Wege inhaltsvolle Gedanken -(Begriffe, Urtheile, Schlüsse, Systeme), jene der letzteren aber erst, -wenn sie es dahin gebracht hat, den Forderungen logischen Denkens -gegenüber haltbare d. i. logisch denkbare Gedanken (denknothwendige -oder doch logisch erlaubte Begriffe, Urtheile, Schlüsse und Systeme) -herzustellen. Frucht der ersteren ist die naive d. i. empiristische -und im philosophischen Sinn kritiklose, die der letzteren dagegen die -bewusste d. i. philosophische, weil durch logische Kritik gesichtete -Wissenschaft. - -391. Die naive Wissenschaft führt ihren Namen daher, weil sie -einerseits zwar Wissenschaft d. h. von den Einflüssen des Gefühls -und des Willens frei, andererseits aber naiv ist d. i. um die Frage, -ob der psychische Mechanismus von Haus aus derart beschaffen sei, -dass die durch denselben im Bewusstsein zum Vorschein kommenden -Gebilde (Begriffe, Urtheile, Schlüsse, Schlussketten und Systeme) -wahre d. i. richtige und giltige Begriffe, Urtheile u. s. w. sein -müssen oder doch sein können, sich unbekümmert zeigt. Letztere aber -d. i. die eigentlich kritische Frage, weil sie nichts geringeres -als das gesammte erkenntnisstheoretische Problem d. i. die Würdigung -der gesammten auf dem Wege des psychischen Mechanismus entstandenen -Vorstellungen in Bezug auf deren Erkenntnisswerth enthält, ist um -so unabweislicher, je weniger es sich bestreiten lässt, dass gewisse -auf obigem Wege mit naturgesetzlicher Nothwendigkeit im Bewusstsein -sich einstellende Vorstellungsgebilde in Hinsicht auf deren Bedeutung -für die Erkenntniss keinen oder sogar einen negativen Werth besitzen -d. h. nicht blos Hohl-, sondern Wahngebilde sind. Zu diesen gehören -die sogenannten Sinnestäuschungen (Illusionen und Hallucinationen), -aber auch der Schein der täglichen Bewegung des gestirnten Himmels -um die Erde, oder des am Horizont vergrösserten Durchmessers des -Mondes, deren sich der Astronom, der sie als Trug erkennt, eben so -wenig wie der Laie, der sie für Wirklichkeit nimmt, zu erwehren -vermag. Ebendahin aber auch gewisse Begriffe, welche, wie jener -Schein, auf Grund des psychischen Mechanismus im Bewusstsein mit -naturgesetzlicher Nothwendigkeit entstehen und daher unabweislich, -aber nichts desto weniger von einer Inhaltsbeschaffenheit sind, -welche nicht ohne weiteres gestattet, deren Inhalt für möglich, -geschweige denn für wirklich, also auch nicht sie selbst für richtige -und giltige Begriffe zu halten. Von dieser Art sind Begriffe, -deren Inhalt auf Wirkliches bezogen und folglich, da dieselben -thatsächlich im Bewusstsein gegeben sind, als wirklich gesetzt wird, -zugleich aber in sich widersprechend ist, so dass die Forderung, -denselben als wirklich zu setzen, nichts geringeres bedeutet als -ein Widersprechendes, also ein solches, was nach logischen Ideen als -wirklich nicht gedacht werden darf, denselben zum Trotz als solches zu -denken. Zeigt sich nun, dass zu diesen Begriffen gerade diejenigen -gehören, von welchen die sogenannten Erfahrungswissenschaften, -Natur- und Geschichtswissenschaft, den umfassendsten Gebrauch und die -freigebigste Anwendung machen, ja solche, ohne welche das von obigen -Wissenschaften errichtete Wissenschaftsgebäude, die sogenannte Natur- -und Geschichtserfahrung, weder Grundlage noch Zusammenhang, überhaupt -keinerlei Halt besässe, so erscheint das in die Zuverlässigkeit und -Glaubwürdigkeit jener Wissenschaften gesetzte Vertrauen so lange -als unberechtigt, die Wissenschaft selbst als naiv, so lange nicht -entweder jene Begriffe beseitigt oder, da dies, ohne das Werk jener -Wissenschaften selbst zu zerstören, unmöglich ist, wenigstens die -Widersprüche aus deren Inhalt verschwunden sind. - -392. Der geschilderte Fall ereignet sich bei den sogenannten -metaphysischen oder, wenn alle Begriffe, deren Inhalt auf Wirkliches -bezogen wird, ontologische (Seinsbegriffe) heissen sollen, bei den -allgemeinsten ontologischen Begriffen, als welche (von Herbart) -namentlich jene des Dings mit mehreren Merkmalen, der Veränderung -(incl. der Bewegung) der Materie und des Ichs angeführt worden -sind. Dieselben sind sämmtlich "Thatsachen des Bewusstseins" d. h. sie -finden sich in Folge und auf Grund des psychischen Mechanismus in -jedem normal naturgesetzlich entwickelten Bewusstsein in gleicher -Weise, als aus den ursprünglichen Bewusstseinsacten gesetzmässig -abgeleitete psychische Gebilde vor; der Inhalt derselben ist daher -weder selbst gemacht, sondern gegeben, noch willkürlich anders gemacht, -als er gegeben ist, sonach unabweislich. Derselbe ist aber zugleich -so beschaffen, dass er einander gegenseitig ausschliessende, weil -widersprechende Bestimmungen enthält, sonach unhaltbar. Bei dem Begriff -des Dings mit mehreren Merkmalen besteht dieser Widerspruch darin, -dass dasselbe zugleich als eins und als vieles, bei dem Begriff der -Veränderung darin, dass das Veränderte zugleich als dasselbe und nicht -dasselbe, bei der Materie darin, dass dieselbe ins Unendliche getheilt -und doch aus Theilen entstanden, bei dem Begriff des Ich endlich -darin, dass dasselbe als sich sich vorstellend d. i. einen regressus -in infinitum einschliessend und doch als finitum d. i. als vollendet -gedacht werden soll. Dieselben sind aber zugleich von der Art, dass das -gesammte Gebäude der Erfahrung und sonach der Erfahrungswissenschaft -auf der Voraussetzung ihrer Giltigkeit ruht; weder die Körper-, noch -die geschichtliche Welt, wie sie erfahrungsmässig gegeben sind, wären -ohne Voraussetzung der Wirklichkeit von Dingen als Trägern zahlreicher -Eigenschaften, von Bewegung in Raum und Zeit, so wie qualitativer -Veränderung von Stoff in der einen und bewussten Individuen in -der anderen möglich. Letztere und damit die gesammte auf Erfahrung -beruhende vorgebliche Wissenschaft vom Wirklichen müsste sonach so -lange für bodenlos, diese Wissenschaft selbst für naiv gelten, als jene -vor dem Forum der Logik unhaltbaren Begriffe deren Grundlage ausmachen. - -393. Da die Bearbeitung der im Bewusstsein auf normalem -Wege entstandenen Vorstellungen vom Gesichtspunkt jener -erkenntnisstheoretischen Frage nicht durch den Inhalt der Vorstellungen -selbst, sondern durch das Verhältniss der Naturgesetze des Denkens (des -psychischen Mechanismus) zu dessen Normalgesetzen (den logischen Ideen) -bedingt ist, so erstreckt sich die Bezeichnung der Naivetät über das -ganze Gebiet der unkritisch (d. i. ohne Rücksicht auf obige Frage) -verfahrenden Wissenschaft d. h. auf die Gebiete aller besonderen -Wissenschaften, gleichviel welchen Gegenstand dieselben betreffen -mögen, sonach auf die formalen, wie Mathematik und Grammatik, -nicht weniger, wie auf die realen, und unter diesen ebenso auf die -theoretischen, welche, wie Geschichte und Naturwissenschaft, von -Wirklichem, wie auf die praktischen, welche wie Kunst- und Sitten-, -Rechts-, Staats- und Erziehungslehre von erst zu Verwirklichendem -handeln; endlich auf das von der Erfahrung nicht blos ausgehende, -sondern ausschliesslich auf dieselbe sich stützende d. i. empirische -Denken (empirischer Dogmatismus) nicht weniger als auf jedes den -Ursprung seiner Begriffe aus dem psychischen Mechanismus und damit -die Zweifelhaftigkeit ihres erkenntnisstheoretischen Werths entweder -nicht kennende oder vornehm ignorirende, um dieser seiner begrifflichen -Form willen im eminenten Sinn "philosophisch" (rational, speculativ, -dialektisch) sich nennende Denken (dogmatische Philosophie). - -394. Wie jeder Dogmatismus, auch der in der Philosophie, vor, so liegt -die bewusste d. i. durch Bearbeitung der im psychischen Mechanismus -gewordenen Begriffe nach logischen Normen entstandene und ihrer -Uebereinstimmung mit den letztern innegewordene Wissenschaft nach der -Beantwortung der kritischen Frage d. i. dem Kriticismus. Wie dieser -selbst aus der Skepsis, so geht die wahre d. h. kritisch gesichtete -Wissenschaft aus der Kritik hervor. Insofern die letztere auf alle -thatsächlich im Bewusstsein vorfindlichen Begriffe, gleichviel welchem -wissenschaftlichen Gebiete dieselben angehören mögen, sich ausdehnt, -unterscheidet sie sich von jener Gattung von Kritiken, deren jede -sich nur auf ein begrenztes Gebiet für richtig und giltig gehaltener -Begriffe, Urtheile oder Schlüsse erstreckt d. i. wie die sogenannte -historische Kritik angeblich historische Thatsachen, wie die sogenannte -philologische Kritik vermeintlich echte Textesüberlieferungen, wie -die ästhetische Kritik unverdienter Weise als mustergiltig gepriesene -Kunstleistungen u. s. w. auf ihre wahre Gestalt und wirklichen Gehalt -zurückzuführen sich zur Aufgabe macht. Wie durch letzteren Umstand -dem Umfange nach, so sondert sie sich von den angeführten Arten der -Kritik überdies durch die Beschaffenheit des der Beurtheilung zu Grunde -liegenden Massstabs ab, welcher für sie weder in der Uebereinstimmung -oder im Widerspruch des angeblich Geschichtlichen mit als solches -Anerkanntem (wie bei der historischen Kritik), noch in dem Einklang -oder der Abweichung der vermeintlich echten mit oder von der als -solche beglaubigten Textesüberlieferung (wie bei der philologischen -Kritik), noch in der Harmonie oder Disharmonie der jeweilig gelobten -oder getadelten Leistung mit den ästhetischen Normen (wie bei der -Kunstkritik) u. s. w., sondern einzig und allein in der Denkbarkeit -oder Undenkbarkeit, so wie in der Denknothwendigkeit der Begriffe -nach logischen Normen gelegen ist. - -395. Die auf diesem Wege durch Bearbeitung der Begriffe entstandene -Wissenschaft ist Philosophie. Der Unterschied derselben von den -besonderen Wissenschaften liegt, da die Bearbeitung, aus der sie -entspringt, sich auf die Gebiete aller Wissenschaften ausdehnt, nicht -darin, dass sie anderes, sondern darin, das sie anders weiss. Wenn der -Name der Wissenschaft nicht nach dem Grade der Wissenschaftlichkeit -ertheilt, sondern je nach der Besonderheit des Gegenstandes vertheilt -werden soll, so ist die Philosophie, wie der Poet bei der Theilung der -Erde, so bei der Theilung des (Bacon'schen) "Globus intellectualis" -zu spät gekommen. Wenn dagegen jener allein entscheidet, so ist die -bewusste aus kritischer Sichtung des Gewussten hervorgegangene allein -wahre (Normal- und zugleich Universal-) Wissenschaft. Dieselbe -zerfällt, je nachdem die Bearbeitung gegebener Begriffe nach -logischen Normen der formalen oder der realen Seite derselben -gilt, selbst in eine philosophische Formal- und in philosophische -Realwissenschaften. Jene behandelt die gegebenen Begriffe lediglich -als Begriffe, wobei von der Beschaffenheit des Inhalts derselben -abgesehen wird, und erstreckt sich daher auf alle gegebenen Begriffe -ohne Unterschied. Diese unterscheiden sich von jener gemeinsam -durch den Umstand, dass der Inhalt der Begriffe berücksichtigt, -unterscheiden sich aber unter einander selbst wieder durch den -Umstand, dass die eine derselben alle diejenigen Begriffe umfasst, -deren Inhalt als wirklich gedacht, die andere dagegen alle diejenigen, -deren Inhalt allgemein und nothwendig wohlgefällig oder missfällig -gefunden werden soll. Erstere, die philosophische Formalwissenschaft -fällt mit der (formalen) Logik, letztere beiden als theoretische und -praktische philosophische Realwissenschaft fallen mit der Metaphysik -(philosophische Wissenschaft vom Wirklichen, Ontologie) und Aesthetik -(philosophische Wissenschaft vom Gefallenden und Missfallenden, -welche auch als Ethik das unbedingt Gefallende am Wollen in sich -schliesst) zusammen. - -396. Wie die Darstellung logischer Ideen im eigenen Vorstellen -logische, so ist jene, ästhetischer Ideen in demselben schöne -Kunst. Insofern in den letztgenannten die Summe der Bedingungen -enthalten ist, unter welchen wie immer beschaffener realer Stoff -unbedingt gefällt oder missfällt, geht die ästhetische Ideendarstellung -darauf aus, das eigene ohne Rücksicht auf ästhetische Zwecke durch -psychischen Mechanismus entstandene in schönes d. i. den ästhetischen -Normen angemessenes Vorstellen zu verwandeln. Da nun dasjenige, -wodurch Vorgestelltes gefällt oder missfällt, nicht das Was (der -Gehalt), sondern das Wie (die Gestalt) desselben ist, so muss, -um das gegebene Vorstellen in ästhetisches zu verwandeln, zunächst -von dem Inhalt desselben und der Frage, ob derselbe wahr oder ein -demselben entsprechendes Object wirklich oder nicht wirklich sei, -völlig abgesehen und das wissenschaftliche (prosaische) Interesse -an der Wahrheit oder Wirklichkeit durch das ästhetische (poetische) -Interesse an der Schönheit des Gedachten ersetzt werden. Während die -logische Kunst Denken in Wissen, muss die schöne Kunst auch wahre in -nur wahr scheinende Gedanken verkehren, wenn dieselben ästhetisch -d. i. als schöner Schein, statt didaktisch d. i. als theoretische, -oder moralisch d. i. als bessernde Belehrung wirken sollen. Sogenannte -didaktische oder moralische Kunst ("moralisch Lied") ist daher nicht -sowol Kunst als vielmehr Wissenschaft (Gedankenprosa) in Kunstform -(Lehrgedicht, Fabel). - -397. Das auf diesem Wege in Schein umgewandelte Vorstellen (die -"Welt der Phantasie") bildet das Material der ästhetischen -Ideendarstellung. Dasselbe ist so vielfach und mannigfaltig -als das Vorstellen selbst und zerfällt, wie dieses, je nach -der Beschaffenheit seines Inhalts in verschiedene Classen. Die -erste derselben ist jene der sogenannten einfachen Empfindungen -(des Gesichts oder Gehörs oder des Tastsinns, während Geruchs- und -Geschmacksempfindungen ihrer Unbestimmtheit wegen als ästhetisches -Material keine Verwendung finden, ausser etwa in der Gastronomie, -in welcher durch Abwechslung verschiedener Geschmäcke, oder in -der Garten- und Toilettenkunst, wo durch Abwechslung verschiedener -Wohlgerüche ein dem ästhetischen verwandter Eindruck hervorgebracht -werden soll). Die Gesichtsempfindungen, und zwar sowol jene der -quantitativ verschiedenen Helligkeits- und Dunkelheitsgrade (Licht -und Schatten) wie die der qualitativ unterschiedenen Lichteindrücke -(Farben) liefern den Stoff für die Kunst des Colorits (Helldunkel -und Farbengebung). Die Empfindungen des Gehörssinns, und zwar sowol -jene der quantitativ verschiedenen Intensitätsgrade des Schalls (forte -piano), wie jene der qualitativ verschiedenen periodischen Klangreize -(Töne) liefern den Stoff für die phonetische Kunst (Modulation, -Klangfarbe). Die Tastempfindungen, und zwar sowol jene des quantitativ -verschiedenen Drucks und der demselben Widerstand leistenden Kraft, -die "statischen" Empfindungen, wie jene der qualitativ verschiedenen -(ebenen oder gekrümmten) Körperoberflächen (Ebene, Kugeloberfläche, -gewellte Oberfläche u. s. w.), die "plastischen" Empfindungen, liefern -das Material, jene für die bauende, diese für die bildende Kunst -(Architektur und Sculptur). Die zweite Art der Vorstellungen begreift -diejenigen, deren Inhalt leere Reihen und deren Grössenverhältnisse, -und zwar sowol Zeit- und Zahlen- als Raumverhältnisse ausmachen, -welche letzteren selbst einander entweder quantitativ gleich -(wie bei den symmetrisch angeordneten Gegenständen im Raum), oder -proportional (wie bei der regelmässigen Aufeinanderfolge gleicher -und ungleicher Abschnitte in der Zeit), oder qualitativ gleichartig -(z. B. als Raumformen entweder durchaus lineare, oder ebene, oder -gekrümmte Flächenformen, als Zeitabschnitte durchaus lineare Formen) -oder ungleichartig (als Raumformen aus geraden und krummen Linien, -ebenen und gekrümmten Flächen, als Zeitformen aus Eintheilungsgliedern -nach verschiedenen Zeiteinheiten gemischt) sein können. Dieselben -liefern den Stoff, wenn sie Raumformen und deren Verhältnisse zum -Inhalt haben, für die zeichnende (raummessende und raumbildende), -wenn Zeitformen und deren Verhältnisse ihren Inhalt ausmachen, -für die rhythmische (zeitmessende und zeitraumbildende Kunst). Die -dritte Classe von Vorstellungen umfasst die sinnlichen Vorstellungen -und die aus denselben entwickelten Gemeinbilder (Begriffe), welche -als solche einen bestimmten aus der Erfahrung entweder unmittelbar, -oder durch inzwischen eingetretene Veränderungen mittelbar geschöpften -Inhalt besitzen d. i. Gegenstände darstellen, welche entweder ganz -oder deren Bestandtheile in der sogenannten wirklichen d. h. in der -phänomenalen Welt der Erfahrung vorfindlich sind, liefert den Stoff -zur Ideendarstellung in der Vorstellungswelt der gegebenen Erfahrung -d. i. zur Dicht- oder poetischen Kunst. Durch die Vereinigung zweier -oder mehrerer dieser sogenannten einfachen Künste zu einer einzigen -Kunst kann eine zusammengesetzte Kunst d. h. Ideendarstellung in -einem Material entstehen, welches die Summe der Materiale der zum -Ganzen verbundenen Künste ist. So ergibt sich durch die Verbindung -der zeichnenden und der coloristischen Kunst die malerische, durch -jene der rhythmischen und phonetischen Kunst die musikalische, durch -jene der zeichnenden und bauenden die architektonische, und durch -jene der zeichnenden und bildenden die plastische Kunst. Nur dürfen -die Materialien, die mit einander verbunden werden sollen, nicht -ungleichartig d. i. nicht z. B. das eine Raumform, das andre Zeitform -sein, daher sich Rhythmik als Zeitkunst wol mit phonetischer Kunst, -deren Empfindungen (die Tonempfindungen) nach einander (successiv), -nicht aber mit der coloristischen Kunst, deren Material (die Licht -und Farbenempfindungen) zugleich (simultan) auftritt, verbinden lässt. - -398. Aus dem Umstande, dass die ästhetische Ideendarstellung je -nach der Verschiedenheit des Vorstellungsmaterials zwar immer -schöne Kunst, aber stets eine andere ergibt, fliesst, dass -wo das erforderliche Material im Bewusstsein gar nicht oder in -ungenügendem Masse vorhanden ist, die bezügliche schöne Kunst durch -keine Art künstlicher Bildung erworben zu werden vermag (poeta -nascitur). Derjenige, welchem aus was immer für einem Grunde -(z. B. durch die mangelhafte Lichtreizempfindlichkeit seines -Gesichts-, oder Gehörsreizempfindlichkeit seines Gehörsorgans) -die Unterscheidungsgabe für die feinen Nuancen der Farben- oder -Tonempfindungen und deren Intensitäten versagt ist, ist weder zum -Coloristen noch zum Musiker geschaffen; demjenigen, welcher für die -sinnlichen Eindrücke seiner Umgebung entweder, wie der träumerische -Denker in Folge seines Insichgekehrtseins, oder wie der oberflächliche -Weltling in Folge unaufhörlichen Zerstreutseins weder Auge noch Ohr -besitzt, geht die Bedingung des Dichters ab. - -399. Wie die logische Kunst, wo sie nicht die Wissenschaft, sondern -die Virtuosität in der Handhabung logischer Kunstgriffe zum Ziel -hat, in Sophistik, so artet die schöne Kunst, wenn sie nicht die -Darstellung ästhetischer Ideen, sondern die Darlegung unumschränkter -Herrschaft über das ästhetische Material d. i. blosse Kunstfertigkeit -sich zum Zweck setzt, in Künstelei aus. Jene wie diese wird dadurch -abgeschnitten, dass sowol die logische wie die schöne Kunst unter -die Herrschaft der ethischen Ideen gestellt d. h. dass sowol die -Ausübung der logischen Pflicht, nur Logisches zu denken, wie jene -der ästhetischen Pflicht, nur Schönes zu schaffen, von der ethischen -Pflicht, nur das Gute zu wollen, abhängig gemacht d. h. weder alles, -was überhaupt gewusst werden kann, zu wissen gestrebt, noch alles, -was Schönes überhaupt geschaffen werden kann, zu schaffen unternommen -wird. Ausdruck dieser Mässigung, welche vor allem einerseits das zur -Erfüllung des sittlichen Berufs Unentbehrliche ("das Reich Gottes") -im Wissen sucht und das der Erreichung desselben im Wege Stehende -seiner lockenden Schönheit ungeachtet im Schaffen unterlässt d. h. nur -Wissenschaft, aber nicht jede Wissenschaft, und nur Schönes, aber -nicht jedes Schöne duldet, ist als Darstellung der ethischen Ideen -im eigenen, sei es Forscher-, sei es Künstlerbewusstsein, die Weisheit. - -400. Wenn die Bildungskunst des eigenen Vorstellens nach logischen, -ästhetischen und ethischen Ideen zusammengenommen die Kunst der -Geistesbildung, so macht jene des eigenen Fühlens nach ästhetischen -Ideen die Kunst der Gemüthsbildung aus. Dieselbe geht, um Kunst -d. h. um Darstellung in einem dem Darzustellenden homogenen Material -zu sein, darauf aus, ihren Stoff, die Gefühle, in ihrer Reinheit -herzustellen d. h. von jedem Zusatz, der etwas anderes als Gefühl -(z. B. Begierde) und jeder Form, die eine andere als die Form des -Gefühls (z. B. bewusste Vorstellung; wissenschaftliche Einsicht) wäre, -freizumachen. Dieselbe scheidet daher einerseits alle diejenigen -Gefühle aus, die nur durch die Befriedigung oder Nichtbefriedigung -eines eben vorhandenen zufälligen und ausschliesslich individuellen -Begehrens, Wünschens oder Wollens veranlasst sind (die sogenannten -"vagen" oder subjectiven Gefühle, Erregungen), andrerseits aber -auch alle diejenigen sogenannten kritischen d. h. ein Gefallen oder -Missfallen ausdrückenden Urtheile, welche mit Bewusstsein aus anderen -Urtheilen als ihren Gründen abgeleitet, also nicht in der Gefühlsform -d. h. als unwillkürlicher (bewusstloser), unvermittelter Vorgang im -Bewusstsein gegeben sind. Folge des ersteren ist, dass als Material -für ästhetische Ideendarstellung nur allgemeine und nothwendige -(sogenannte "fixe" oder objective) Gefühle, Folge des letzteren, dass -nur sogenannte ästhetische (d. i. an sich evidente, eines Beweises -weder fähige noch bedürftige) Werthurtheile als solches zugelassen -werden. Jene wie diese, da es zu beider Beschaffenheit gehört, -allgemein und nothwendig d. h. unbedingter Ausdruck eines Wohlgefallens -oder Missfallens zu sein, die ästhetischen Ideen aber selbst nichts -anderes sind als das an sich unbedingt Wohlgefällige und Missfällige, -machen von Haus aus die Darstellung der letzteren als deren "Stimme" -im Bewusstsein (die Idee in uns; das "Daimonion des Sokrates") aus. Je -nachdem diese letztere sich richtend d. i. lobend oder tadelnd über -eigenes Verhalten (Schaffen oder Wollen), oder als harmonischer oder -disharmonischer Nachklang fremder Gefühle vernehmen lässt, wird sie -im ersteren Fall, wenn sie das eigene Schaffen seinem Werthe nach -beurtheilt, Geschmack (ästhetisches Gewissen), wenn sie das eigene -Wollen billigt oder missbilligt, Gewissen (sittlicher Geschmack), -in letzterem Falle sympathetisches Gefühl und zwar als harmonisches -Sympathie (Mitgefühl, Mitleid, Mitfreude), wenn es disharmonisch ist, -Antipathie (Neid, Schadenfreude) genannt. - -401. Frucht der Gemüthsbildung ist die Lebendigkeit des Geschmacks (der -"Stimme des Gottes") im Künstler, des Gewissens (der "Stimme Gottes") -im Einzel- und des Mitgefühls (socialen Gefühls) im geselliglebenden -(socialen) Menschen. Wie die erste der schönen Kunst, so arbeitet die -zweite der Bildungskunst des eigenen Wollens nach ethischen Normen -vor; jene, indem durch die Lebendigkeit der eigenen Kunsteinsicht und -des eigenen Kunsturtheils das eigene Schaffen des Künstlers gehoben -und geregelt, diese indem durch die Regsamkeit der eigenen ethischen -Einsicht und des Gewissensurtheils das eigene Wollen und Thun geweckt, -beaufsichtigt und beeinflusst wird. Wie das Geschmacksurtheil die -ästhetische Norm für den Schaffenden, so bietet das Gewissensurtheil -die sittliche Norm für den Wollenden dar, und deren Anwendung auf -den gegebenen Fall erfolgt um so leichter, aber auch von Seite des im -Bewusstsein vorhandenen Materials zur Darstellung der sittlichen Ideen -d. i. von Seite des eigenen Begehrens, Wünschens und Wollens um so -widerstandsloser, je reiner d. h. je freier von fremdartigen Zusätzen -und Einmischungen das letztere gehalten wird. Dasselbe darf daher -weder in der Form blosser Vorstellung eines Wollens, noch in jener -eines bewusstlosen Begehrens oder einsichtslosen Wünschens, sondern -es muss in jener des wirklichen Wollens zur Beurtheilung vorliegen, -um an der ethischen Norm mit Bewusstsein gemessen und von der Stimme -des Gewissens zugelassen oder verworfen werden zu können. Indem -auf diese Weise die ethische Idee im Willens- wie auf ähnlichem -Wege die ästhetische Idee im Schaffensact zur Darstellung gelangt, -verkörpert sich durch deren Ausdehnung einerseits auf das gesammte -Wollen, andrerseits auf das gesammte Schaffen die ethische Idee, der -Inhalt der Gewissensstimme, im sittlichen, wie die ästhetische Idee, -der Inhalt der Geschmacksstimme, im künstlerischen Charakter und -tritt, wie die Ideendarstellung im eigenen Vorstellen als Geistes-, -jene im eigenen Fühlen als Gemüths-, so jene im eigenen Wollen als -Kunst der Charakterbildung auf. - - - - - - - - -ZWEITES CAPITEL. - -DIE BILDEKUNST. - - -402. Wie die Bildungskunst darauf ausgeht, das eigene, so -ist die Bildekunst bemüht, fremdes Vorstellen, Fühlen und -Wollen ideengemäss zu gestalten. Dieselbe setzt daher nicht nur -Bewusstsein der Ideen im eigenen und Empfänglichkeit für dieselben -im fremden Bewusstsein, sondern sie setzt überdies, wie jede für -Andere bestimmte Mittheilung, eine beiden gemeinsame Welt und ein -beiden verständliches Verständigungsmittel voraus. Ersteres, wie -letzteres, bedingt eine innerhalb bestimmter Grenzen sich bewegende -Gleichartigkeit des sich mittheilenden und des zur Aufnahme der -Mittheilung bestimmten Bewusstseins, welche weder so weit gehen darf, -dass die Verschiedenheit zwischen beiden zu einer blossen Wiederholung -des einen im andern herabsinkt, noch so sehr abgeschwächt werden -darf, dass die Verschiedenheit beider bis zu völligem Gegensatz -sich steigert. Jenes wäre der Fall, wenn das sich mittheilende -Bewusstsein weder quantitativ noch qualitativ verschiedenen Inhalt -von dem des empfangenden besässe, letzteres dagegen, wenn das -empfangende Bewusstsein dem sich mittheilenden nicht nur quantitativ -überlegen, sondern qualitativ demselben etwa in der Weise, dass das -eine endliches (menschliches), das andere schlechthin unendliches -(göttliches) Bewusstsein darstellte, entgegengesetzt wäre. Während -qualitativ homogene, obgleich quantitativ weit von einander abstehende -Bewusstseinsindividualitäten immerhin der nämlichen Welt angehören und -eines gemeinsamen Verständigungsmittels sich bedienen können, fallen -die Welten qualitativ entgegengesetzter Bewusstseinsindividualitäten, -wie diese selbst, als qualitative Gegensätze aus einander und ist -zwischen denselben eine Verständigung nur unter der Voraussetzung -möglich, dass entweder die eine (niedere, endliche) in die Sphäre -der andern ("der Mensch zum Gotte") emporgehoben, oder die andere -(die höhere, unendliche) in jene der niederen "der Gott zum Menschen" -herabgezogen wird. In jenem Fall nimmt das endliche Bewusstsein Inhalt -und Form des unendlichen (der Mensch Göttergestalt: Apotheose) und -damit nicht nur die Erkenntniss- (Intuition, absolutes Wissen), sondern -auch die Ausdrucksweise (visionäre, prophetische Sprache) des absoluten -Bewusstseins an. In letzterem Falle steigt das göttliche Bewusstsein -nicht nur zu den Formen und Gesetzen des menschlichen, sondern auch -zur Menschengestalt (Menschwerdung: Incarnation) und menschlichen -Sprache (Unterredung, Belehrung durch Rede und Beispiel) herab. - -403. Wie bei der Kunst der Ideendarstellung im eigenen, besteht die -Vorbedingung bei jener im fremden Bewusstsein darin, dieses letztere -als dargebotenes Material rein d. h. je nach der verschiedenen Classe -von Bewusstseinsindividualitäten, zu der es gehört, von fremdartigen -Zusätzen und Vermengungen frei zu erhalten. Je nachdem das fremde -Bewusstsein Einzelbewusstsein, oder einer Gesellschaft gleichartiger -Individuen gemeinsames (Gesellschafts-) Bewusstsein, ersteres selbst -entweder dem Bildner qualitativ gleichartiges und nur quantitativ -untergeordnetes (werdendes) oder demselben ungleichartiges, quantitativ -entweder ebenbürtiges oder überlegenes, in beiden Fällen fertiges -Bewusstsein ist, werden drei Classen der Bildekunst, je nachdem die -Thätigkeit des Bildners auf die Bildung des fremden Vorstellens oder -des fremden Fühlens oder des fremden Wollens gerichtet ist, in jeder -derselben drei besondere Formen der Bildekunst unterschieden. Jene -drei ergeben nach einander a. die Kunst der Ideendarstellungen -im jugendlichen Bewusstsein (Jugendbildung), b. die Kunst der -Ideendarstellung im schon geformten, gereiften Bewusstsein -(Regiment), c. die Kunst der Ideendarstellung im öffentlichen -Bewusstsein (Staatskunst); diese ebenso nach einander a. die Kunst -der Ideendarstellung im fremden Vorstellen (Unterricht), b. die Kunst -der Darstellung der ästhetischen Ideen im fremden Fühlen (Zucht), -c. die Darstellung ethischer Ideen im fremden Wollen (Regierung). - -404. Wie die Kunst der Selbstbildung jene der Geistes-, Gemüths- und -Charakterbildung, so begreift die der Jugendbildung (Erziehungskunst, -Pädagogik) die des Unterrichts (Didaktik), der Zucht und der Regierung -der Jugend in sich. Dieselbe setzt, wie jede Kunst, die Kenntniss der -darzustellenden Ideen einer-, des Materials, in welchem dieselben zur -Darstellung gelangen sollen d. i. nicht nur jene des menschlichen -Bewusstseins überhaupt (Psychologie des Menschen), sondern die des -jugendlichen Bewusstseins (Psychologie der Jugend) insbesondere -andrerseits voraus. Insofern das letztere von dem des erwachsenen -Menschen nicht qualitativ, sondern nur quantitativ, nicht den Gesetzen -seiner Entwickelung, sondern nur dem bisher eingesammelten Vorrath -des Bewusstseinsinhalts nach verschieden, in Anbetracht des letzteren -dürftiger als jenes ist, geht die Aufgabe der Jugendbildung dahin, -einerseits den mangelnden Bewusstseinsinhalt in das Bewusstsein -einzuführen, andererseits für die normale Entwickelung der aus dem -Wechselverkehr der Vorstellungen entspringenden Gefühle, Begehrungen, -Wünsche, Willensacte und Handlungen Sorge zu tragen. Jenes, -die Zuführung des erforderlichen Bewusstseinsinhalts (Bildung der -Vorstellungen und Vorstellungsmassen) macht den Zweck des Unterrichts; -dieses, und zwar die Regelung der aus der wechselseitigen Hemmung und -Förderung der Vorstellungsmassen entspringenden Gefühle macht die -Aufgabe der Zucht, dagegen die Bändigung des aus den aufstrebenden -Vorstellungen und Vorstellungsmassen aufbrausenden Begehrens, -Wünschens und Wollens, insbesondere aber der das Zusammenleben mit -Andern störenden Aeusserungen der Gefühle und Begierden in Handlungen -die Aufgabe der Regierung der Jugend aus. - -405. Welcherlei Material an Vorstellungen dem Bewusstsein zugeführt -werden soll, hängt von der Natur der in demselben darzustellenden -Ideen ab. Dasselbe und folglich auch der Charakter des vermittelnden -Unterrichts wird naturgemäss ein anderes sein, wenn Ideen aller -Art, als wenn Ideen nur einer besonderen Gattung (z. B. nur die -ästhetischen oder nur die ethischen oder nur die logischen) in -demselben zur Darstellung kommen sollen. In jenem Fall werden alle -Vorstellungen dem Bewusstsein zugeführt werden müssen, an deren -Vorhandensein überhaupt eine Classe der Ideen, in letzterem Fall nur -solche, an welchen gerade eine bestimmte Classe von Ideen Interesse -nimmt. Erstere Form des Unterrichts umfasst daher alle Vorstellungen -und Vorstellungsmassen, an deren Herbeiführung der Erziehungs- -d. i. der Kunst der Darstellung aller, der logischen nicht weniger wie -der moralischen und ästhetischen Ideen im Jugendbewusstsein gelegen -ist, und wird deshalb als erziehender, im Gegensatze dazu jene Form -des Unterrichts, welche an der Darstellung nur einer Classe von Ideen -und zwar der logischen im jugendlichen Vorstellen Interesse hat, als -wissenschaftlicher Unterricht bezeichnet. Letztere Form zerfällt, je -nachdem es sich lediglich darum handelt, dem jugendlichen Bewusstsein -wissenschaftliche d. i. den logischen Normen gemässe Vorstellungen und -Vorstellungsmassen zu überliefern oder dasselbe nicht blos anzuregen, -sondern anzuleiten und zu befähigen, dergleichen ohne vorhergegangene -Mittheilung (nicht reproductiv), durch eigene, den logischen Normen -entsprechende Thätigkeit aus sich (productiv) zu erzeugen, in eine -niedere und höhere Stufe, deren erste nur darauf ausgeht, Gelehrte, -deren letztere darauf hinzielt, Forscher zu bilden. Die Aufgabe der -Bildung durch erziehenden Unterricht fällt, wenn der Unterricht weder -gelegentlich, noch einem oder wenigen (wie in der Familie), sondern -vielen zugleich und in einer seinem Zwecke besonders gewidmeten Anstalt -(Unterrichtsanstalt, Schule) ertheilt wird, der untersten, für alle -ohne Unterschied bestimmten Stufe derselben, der Volksschule; die -Gelehrtenbildung der mittleren, zur Ausbildung einer Gelehrtenclasse -und zugleich zur Vorbereitung für die Selbstforschung gewidmeten -Gelehrtenschule (Gymnasium, Realschule); die dritte der zur Bildung -künftiger wissenschaftlicher Selbstforscher bestimmten obersten Stufe, -der Hochschule (Universität, Polytechnicum) zu. - -406. Durch die Wahrnehmung des moralischen und des ästhetischen -Interesses mit und neben dem wissenschaftlichen arbeitet der erziehende -Unterricht sowol der Zucht wie der Regierung vor. Der ersteren, indem -durch die Beachtung solcher Vorstellungen und Vorstellungsmassen, -durch welche die Entstehung (sei es der Intensität wie der Qualität -nach) bedenklicher Gefühle entweder gänzlich verhindert oder doch -beschränkt, dagegen jene (sowol der Stärke als dem Inhalt nach) -wünschenswerther Erregungen geweckt und gefördert wird, bei der Auswahl -des Unterrichtsmaterials die Regelung der im Bewusstsein vorhandenen -Gefühle nach Qualität und Energie erleichtert, das jugendliche Gemüth -in Freud und Leid "in Züchten", in seinen Mitgefühlen für und gegen -Andere keusch, schamhaft und "züchtig" gehalten wird; der letzteren, -indem durch die Beachtung solcher Vorstellungen und Vorstellungsmassen -bei der Auswahl des Unterrichtsmaterials, durch welche einerseits -die Furcht vor den Folgen unbändiger Ausschreitungen in Affects- -und Willensäusserung erweckt und erhöht, andererseits die Aussicht -auf die wohlthätigen Wirkungen gemässigten Verhaltens nach aussen, -so wie in Beziehung auf Andere wirksam belebt und gesteigert, der -Uebermuth der im Bewusstsein auftauchenden blinden Triebe, Affecte -und Leidenschaften gezügelt, der Störungs- und Zerstörungseifer der -Jugend durch Lohn und Strafe eingedämmt wird. - -407. Wie der Unterricht, so hat die Zucht und die Regierung, -also die gesammte Jugenderziehung zum letzten Zweck, mit der -Erreichung ihres Ziels, der Geistes-, Gemüths- und Charakterreife, -sich selbst überflüssig zu machen. Jenes geschieht, wenn der Schüler -zum Selbstforscher, dieses, wenn das stürmisch bewegte und erregte -Gemüth zur ruhig prüfenden Stimme des Innern und das halt- und ziellos -zerfahrende Trachten und Treiben zum zielbewussten Wollen und in sich -gefesteten Charakter geworden ist. - -408. Wie die Erziehung an das werdende, so wendet sich die zweite -Art der Bildekunst an ein bereits ("im Strom der Welt") gewordenes -Bewusstsein. Soll dasselbe nicht blos einförmiger Wiederholung, -sondern lebendiger Wechselwirkung zugänglich und fähig sein, -so muss zwischen demjenigen Theil, welcher den andern nach sich -zu bilden trachtet, und jenem, welcher sich das vom Andern "nach -seinem Bilde" Gebildetwerden gefallen lässt, zwar Verwandtschaft, -aber nicht Gleichheit, darf zwar Ungleichheit, aber nicht Gegensatz -herrschen. Dieser Fall findet statt bei der gegenseitigen, Geist, -Gemüth und Charakter beeinflussenden Wechselwirkung zwischen dem -Geschlecht nach entgegengesetzten (Mann und Weib), oder dem Range, -Stande, Beruf, der Lebensstellung nach verschiedenen, insbesondere -einander über- und untergeordneten Individuen (Vornehmen und Geringen, -Herren und Dienern), am entschiedensten und folgereichsten aber -zwischen dem Gläubigen und dem "nach seinem Ebenbilde" gedachten -d. i. vom Menschen menschenähnlich erschaffenen Gott (homo homini -deus). - -409. Dieselbe tritt, da es sich um Ideendarstellung in dem Bewusstsein -eines fremden Erwachsenen handelt, nicht als (ja bereits vollendete) -Erziehung, sondern als "Regiment" (des Mannes über das Weib oder -umgekehrt; des Herrn über den Knecht oder "des Kammerdieners -über den Fürsten"; des Gläubigen über seinen Gott oder umgekehrt -der Götter über den Menschen) auf. Dasselbe setzt von Seite des -Bildenden zwar Ueberlegenheit, aber nicht, wie bei der Erziehung, -an Bildung überhaupt, sondern in einer bestimmten Art und Richtung -der Bildung voraus. Daher ist der Unterricht innerhalb dieser -Classe der Bildungskunst nicht wie bei der Jugendbildung allgemein -bildender, sondern fachmännischer (Fachunterricht), der Lehrer dem -Schüler nicht an Bildung im Allgemeinen, sondern nur an Bildung -in dem besondern Fache überlegen (Fachlehrer, Fachstudium). An die -Stelle des erziehenden tritt daher hier der für ein bestimmtes Fach -vorbereitende Unterricht (Proseminar für Philologen; pharmaceutischer -Vorbereitungscurs für Apotheker), während der Fachunterricht selbst -in zwei Stufen, die niedere und höhere zerfällt, auf deren erster das -Fach wissenschaftlich gelehrt, auf deren zweiter die Ausübung desselben -praktisch zur Fertigkeit erhoben wird. Als Schule gliedert sich der -Fachunterricht nach obigen Stufen in die Vorbereitungs-, gelehrte Fach- -und fachliche Hochschule (Zeichenschule, Kunstschule, Meisterschule -d. i. Atelier). Wird der Charakter des Unterrichts nicht durch das -Fach, für welches, sondern durch die Beschaffenheit des Schülers, für -welchen er ertheilt wird, bestimmt, so entsteht, wenn das Geschlecht -massgebend ist, der sogenannte "weibliche Unterricht" (Töchterschule, -Frauenlyceum), wenn der gesellschaftliche Rang den Ausschlag gibt, -der privilegirte Unterricht (Ritterakademie, Adelsconvict), wenn -das Glaubensbekenntniss entscheidet, der confessionelle Unterricht -(confessionelle Schule, katholische Universität) u. s. w. - -410. Einen besonderen Charakter nimmt der Unterricht an, wenn -der zu Unterrichtende in den Augen des Unterrichtenden selbst als -der besser Unterrichtete gilt. Dieser Fall, welcher eigentlich die -Ironie des Unterrichts darstellt, ereignet sich dort, wo dem Kläger -ein Richter, dem Gläubigen sein Gott gegenübersteht. Jener wie -dieser wird von demjenigen, der sich an einen von beiden wendet, -für ihn selbst an Einsicht überlegen und doch von dem besonderen -Fall, um den es sich handelt, für nicht unterrichtet gehalten, -zugleich aber vorausgesetzt, dass es dem Richter gegenüber nur einer -"Vorstellung", dem Gotte gegenüber nur eines "Gebets" bedürfe, um -als Kläger von jenem die Gewährung seines Rechts, als Gläubiger von -diesem die Erhörung seiner Bitte zu erlangen. Der geschilderte Fall -ist gleichsam die Umkehrung der sogenannten sokratischen Ironie; denn -während bei dieser der Wissende sich unwissend stellt und zum Schein -Belehrung heischt, wird der Wissende hier als unwissend vorgestellt, -welcher der Belehrung bedarf. - -411. Wie das Regiment dem Unterricht das Gepräge des Fachs, Standes, -Geschlechts, Glaubensbekenntnisses u. s. w., so verleiht dasselbe -der Zucht wie der Regierung den Charakter desjenigen Gefühls- -und Willensmaterials, in welchem die Darstellung der ästhetischen -oder der ethischen Ideen statthaben soll. Dieses Material sind, -wenn der zu bildende Erwachsene einem bestimmten Geschlecht oder -Stande, Range, Glaubensbekenntniss oder Nationalität angehört, die -entsprechenden, jenem Geschlecht, Stande, religiösen Bekenntniss -u. s. w. angehörigen besonderen Gefühle (männliches Ehr-, weibliches -Schamgefühl; militärischer esprit de corps; Adels-, confessionelles, -Nationalitätsbewusstsein), welche als Ausdruck der ästhetischen -Idee im Gemüthsleben die sogenannte (militärische, religiöse, sexuale -u. s. w.) Disciplin (Standeszucht, Kirchenzucht, Keuschheit) im Gefolge -haben. In gleicher Weise machen die einem gewissen Geschlechte, -Stande, Glaubensbekenntniss u. s. w. gestatteten oder versagten -Willensäusserungen und Handlungen dasjenige aus, was als Ausdruck -der ethischen Ideen innerhalb jenes Geschlechts, Hauses, Standes, -Glaubensbekenntnisses u. s. w., dessen Reglement (Standesordnung; Haus- -und Dienstordnung; religiöses Ceremoniell; Fasten- und Kleiderordnung -etc.) darstellt. Wie auf der Herrschaft des Vornehmen über den Geringen -der Herrn-, so beruht auf der Minneherrschaft der Frau über den Mann -der Minne-, oder (Ulrich von Lichtenstein's) Frauendienst. Wie auf -der Herrschaft des Gottes über den Gläubigen der Gottes-, so ruht auf -der romantischen Anbetung der jungfräulichen Mutter der Mariendienst. - -412. Wie die Erziehungskunst das jugendliche, das Regiment -das erwachsene Einzel-, so geht die Politik (Staatskunst) das -den Mitgliedern einer organisirten Gesellschaft (Schule, Partei, -Kirche, Staat) gemeinsame, daher als solches öffentliche Bewusstsein -an. Dieselbe hat als Ideendarstellung im öffentlichen Bewusstsein -dieselben sowol in dessen Vorstellen d. i. im öffentlichen Geiste, -wie in dessen Fühlen d. i. in der öffentlichen Meinung, und dessen -Wollen d. i. im öffentlichen Willen zum Ausdruck zu bringen. Jede -organisirte Gesellschaft trachtet demnach als Ausfluss ihrer Politik -ihre eigene Schule zu gründen, ihren eigenen Anstand zu behaupten und -ihre eigene Regierung zu führen. Je nachdem die Gesellschaft selbst -als philosophische oder wissenschaftliche Secte unter einem Schul- oder -Sectenhaupt (Stoa unter Zeno), oder als politische Partei unter einem -Parteihaupt (Conservative unter Pitt, Liberale unter Fox in England), -als eine Kirche unter ihrem Kirchenhaupt (die katholische Kirche unter -dem Papst), als Staat unter seinem Staatshaupt (Oesterreich unter -Josef II., Preussen unter Friedrich dem Grossen) organisirt ist, -bedarf sie einer Schule (Sectenschule, Parteischule, confessionell -kirchliche Schule, Staatsschule) als Werkzeug zur Bildung des ihrem -Geiste entsprechenden öffentlichen Geistes, deren und der von ihr -aus verbreiteten Wissenschaft Färbung demnach eine politische, die -Farbe der Politik der sie stiftenden und erhaltenden Gesellschaft -(der Secte, Partei, Confession oder des Staates) sein wird. Dieselbe -wird nicht sowol darauf bedacht sein, gebildete, als vielmehr im -Sinn ihrer eigenen Politik politisch gebildete Anhänger ihrer Secte, -Parteigenossen, confessionelle Bekenner oder "gute" Staatsbürger zu -bilden; die wissenschaftliche wird unter ihren Händen in eine Schul-, -Partei-, Kirchen- oder staatspolitische Lehrkanzel umgewandelt. - -413. Wie die Politik als Anwendung der logischen Ideen auf den -öffentlichen Geist als Staatsklugheit, so erscheint sie in der -Anwendung der ästhetischen Ideen auf denselben als politischer Anstand, -in jener der ethischen Ideen dagegen als politische Weisheit. Jene -verbietet, den öffentlichen Geist verstandeswidrig, z. B. durch die -Berufung auf den sogenannten "beschränkten Unterthanenverstand", -der zweite, denselben anstandswidrig z. B. durch Verletzung -des öffentlichen Schicklichkeitsgefühls, die dritte, denselben -vernunftswidrig z. B. durch Festhalten an dem längst im öffentlichen -Bewusstsein Abgestorbenen zu beeinflussen. Dagegen gebietet die Politik -als öffentliche Zucht nicht nur den Ausschreitungen des öffentlichen -Gemüthslebens nach der Seite des Lust- wie des Unlustgefühls, Rohheit -und Ausgelassenheit einer-, Jammer- und Wehklagen andererseits -Einhalt zu thun, sondern auch die dem geselligen Zusammenleben -hinderlichen antisocialen Gefühle nach Möglichkeit zu hemmen und -deren entgegengesetzte, die socialen Gefühle (Mitgefühle) eben so zu -wecken und zu fördern, so wie auch direct (durch Belehrung), oder -indirect (durch Anschauung) die ästhetischen Gefühle zu beleben, -die sittlichen Gefühle zu wecken und auf diese Weise zur Hebung des -öffentlichen Humanitätsgefühls, Gewissens und Geschmacks wirksam -beizutragen. Von selbst leuchtet ein, dass je nach dem Charakter der -Gesellschaft von welcher und innerhalb welcher auf das öffentliche -Gemüthsleben Einfluss genommen wird, dieses selbst und sonach auch -die innerhalb ihrer herrschende öffentliche Zucht einen der Politik -dieser Gesellschaft entsprechenden Charakter tragen, also nicht nur -innerhalb einer philosophischen oder wissenschaftlichen Secte anders -als innerhalb einer politischen Partei, innerhalb einer Kirche anders -als innerhalb eines Staates gehandhabt werden, sondern auch je nach -dem verschiedenen Charakter der Schule, Partei, Kirche oder des -Staats in der einen Schule (z. B. in jener der Stoiker) anders als -in einer anderen (z. B. in jener der Epikuräer), unter Radicalen und -Socialdemokraten anders als unter Legitimisten und Hochconservativen, -unter Christen anders als unter Mohamedanern und in einem freien -anders als in einem südstaatlichen Sclavenstaate ausfallen wird. Nicht -nur die Anstands- und Schicklichkeitsbegriffe werden verschiedene, -auch die Schönheits- und sittlichen Gefühle werden je nach dem -Gesichtspunkt und der Beschaffenheit des Gesellschaftsbewusstseins -verschiedene sein. Wie die Staatskunst beim Unterricht der Schule, -so wird sie sich bei ihrer Einwirkung auf die öffentliche Meinung -aller derjenigen Organe bedienen, welche durch eine lebhafte und mit -sich fortreissende Erregung der Gefühle auf dasjenige, was sie für -löblich oder schändlich, erlaubt oder unerlaubt, schön oder hässlich, -anständig oder anstandswidrig angesehen wissen will, einer-, wie auf -die Erregung, sei es des öffentlichen Mitgefühls oder des öffentlichen -Hasses, anderseits vorübergehend oder bleibend thätigen Einfluss -zu üben vermögen. Wie sie zum Zwecke der Bildung des öffentlichen -Geistes der Wissenschaft, so bedient sie sich behufs der Bildung des -öffentlichen Geschmacks, Gewissens und Mitgefühls der schönen Kunst -und zwar der ästhetischen Beredsamkeit in Wort und Bild, sei es -(wie die Kirche) von der Kanzel (Predigt, Erbauungsrede), sei es, -wie in der profanen Gesellschaft (Schule, Partei, Staat), von der -"moralischen" Schaubühne herab (Schulkomödie, politisches Tendenzstück, -Nationaltheater). Wie die Kirche durch die schöne Kunst (Tempel und -Kirchenbau, geistliche Musik, priesterlicher Festschmuck, Altardienst) -den öffentlichen Gottesdienst zu verherrlichen, so trachtet der Staat -durch öffentliche Feste ("Circenses") das öffentliche Vergnügen zu -fördern, durch Veranstaltung öffentlicher Schauspiele (wie in Athen -durch Aussetzung von Preisen), durch Kunstsammlungen, Monumentalbau- -und Bildwerke (Akropolis, Stoa poikile) den öffentlichen Geschmack -zu erziehen, durch Aufführung von Tragödien, welche "Mitleid und -Furcht", von Komödien, welche durch Darstellung "unschädlicher -Thorheit" Heiterkeit erregen, wohlthätige "Entladung" (Katharsis: -Aristoteles-Bernays) des öffentlichen Gemüths von "diesen und derlei -Leidenschaften" zu bewirken. Wie die Predigt und die Bühnenrede vom -Munde, so dringt die (periodische und nicht periodische) ästhetische -Presse vom lesenden Auge aus zum Herzen und wird um ihrer mächtigen -Wirkung willen auf das öffentliche Gemüthsleben (Romanliteratur) -von der organisirten Gesellschaft mit Vorliebe als ein Gegenstand -der öffentlichen Zucht angesehen und je nach ihrer den Zwecken -derselben nachtheiligen oder vorteilhaft scheinenden Richtung zu hemmen -(Censuredicte, index librorum prohibitorum) oder (durch Subventionen, -Preise) zu fördern gesucht. - -414. Wie durch den Unterricht auf den öffentlichen Geist, durch die -Zucht auf die öffentliche Meinung, so sucht die Staatskunst durch -die Regierung auf den öffentlichen Willen zu wirken. Wie jenes -zur wissenschaftlichen Erziehung im Geist einer philosophischen -oder wissenschaftlichen Schule oder Secte, politischen Partei, -der Kirche oder des Staates, das zweite zur ästhetischen Erziehung -ebenso im Geiste einer der genannten Gesellschaften, so führt -das letzte zur Regierung der Gesellschaft entweder vom Schul- -oder vom Partei-, vom kirchlichen oder vom staatlichen Standpunkt -aus. Wie die darzustellenden Ideen die ethischen, so ist das zur -Darstellung bestimmte Material das innerhalb der Schule, Partei, -Kirche oder Staatsgesellschaft existirende gemeinsame Wollen, welches -jenen gemäss zu gestalten das Ziel der Regierung jeder der genannten -Gesellschaften ausmacht. Mittel und Werkzeug zur Erreichung desselben -ist daher alles, was einerseits den Ausartungen des öffentlichen -Willens zuvorzukommen (präventive), andererseits stattgehabte -Ueberschreitungen zurückzudrängen (repressive Massregeln) im Stande -ist. Zu jenen gehört in erster Reihe die (politische) Belehrung, -welche den öffentlichen Willen in die von dem Geiste der Gesellschaft -demselben angewiesenen Schranken, sei es durch Ueberzeugung, sei es -durch Ueberredung zu leiten und in denselben aller Verlockungen zum -Gegentheil ungeachtet zu erhalten vermag. Zu den letzteren gehört die -(politische) Bestrafung, welche nicht nur die Folgen der eingetretenen -Ueberschreitung auszugleichen, sondern die Wiederkehr ähnlicher -durch Abschreckung zu verhindern trachtet. Wie der Unterricht der -Katheder, die öffentliche Zucht der Kanzel oder der Schaubühne, so -bedient sich die Regierung zu jenem Zwecke der Redner-, zu diesem -der Gerichtsbühne. Von jener herab wird auf den öffentlichen Willen -im Geiste der Schule, Partei, Kirche oder staatlichen Gesellschaft -durch öffentliche Rede bestimmend, also in der Richtung jeder der -obengenannten mit sich fortreissend, von dieser herab auf denselben -durch das Schauspiel öffentlichen Gerichtsverfahrens d. i. öffentlicher -Klage und Vertheidigung einer- und ebensolcher Urtheilsvollstreckung -andererseits im Geiste derjenigen Gesellschaft, welche Gericht hält, -abschreckend eingewirkt. Wie der politische Redner für die Schule, -so wirbt der Parteiredner (mündlich oder als Parteischriftsteller -schriftlich) für die Partei, der kirchliche Redner für seine -Kirche, der staatliche für den Staat; wie die Schule Schulstrafen -z. B. Ausschliessung aus der Schule, die Partei Parteistrafen, -so verhängt die Kirche für den Abfall von ihrem gemeinsamen -Bekenntniss Kirchenstrafen (Excommunication) und veranstaltet -öffentliche kirchliche Gerichtsvollziehungen (Kirchenbusse, Autos -da fé), und übt der Staat in seinem Namen Gerichtspflege und setzt -deren Urtheile öffentlich in Vollzug (Hinrichtungen, öffentliche -Gefängnisse). Während die letzteren auf das Auge, so sind die -Parteiergiessungen und Parteiargumente der politischen Eloquenz -auf das Ohr der Oeffentlichkeit berechnet und werden weit über den -Gehörskreis der letzteren hinaus durch die politische (periodische und -nichtperiodische) Presse ("die sechste Grossmacht"), die Rednerbühne -durch den Leitartikel, das öffentliche Gericht durch die (politische) -Caricatur und den öffentlichen politischen Witz in harmloser, durch die -öffentliche Brandmarkung mittels der Schrift in um so drastischerer -Weise vollzogen, als die unter einander widerstreitenden Schul-, -Partei-, kirchlichen und staatlichen Gesichtspunkte unter einander -so widerstreitende Urtheile zur Folge haben, dass die Wunden, welche -die Presse nach einer Seite schlägt, von derselben Presse wie von -der goldenen Lanze des Achilleus nach der andern wieder geheilt werden. - -415. Wie die Kunst als Ideendarstellung ihr Zerrbild in der -ideenlosen Virtuosität, die logische Kunst insbesondere das ihre -in der grundsatzlosen Sophistik, so findet der Jugendunterricht, -dessen Wesen in der Anpassung an das jugendliche Bewusstsein -liegt, das seine in der von diesem sich freimachenden Emancipation -(vorzeitigen Reife, Präcocität), das Regiment als Bildung des Andern -nach sich seine Entartung im Despotismus (Tyrannei), welcher die -qualitative Beschaffenheit des Andern, sei es den geschlechtlichen -Gegensatz (Sclaverei des Weibes), sei es die allgemein menschliche -Verwandtschaft (Leibeigenschaft des Knechtes) ausser Acht lässt, -endlich die Staatskunst als Erziehung des öffentlichen Bewusstseins -ihr Afterbild in der sogenannten Staatsraison, welche der ersteren -als Kunst der Ideendarstellung die ideenlose Praktik (politische -Routine) in der willkürlichen Beeinflussung des öffentlichen Geistes -nach Schul-, Partei-, Kirchen- und Staatszwecken, der öffentlichen -Meinung nach persönlichen Stimmungen und des öffentlichen Willens -nach Opportunitätsgelüsten unterschiebt. - - - - - - - - -DRITTES CAPITEL. - -DIE BILDENDE KUNST. - - -416. Wie die Bildungskunst Ideendarstellung im eigenen, die Bildekunst -im fremden Bewusstsein, so ist die bildende Kunst Ideendarstellung -in unbewusstem, sei es leblosem, sei es belebtem Stoff. Dieselbe -setzt daher nicht nur, wie jede Kunst, die Kenntniss der (logischen, -ästhetischen und ethischen) Ideen, sondern als solche überdies -die Kenntniss des gesammten ihr zu Gebote stehenden (leblosen und -belebten) Materials d. i. die Naturwissenschaft und zwar sowol jene -der leblosen (Physik) wie der belebten Natur (Physiologie, Biologie) -in ihrem ganzen Umfange voraus. Während jedoch letztere sich mit der -Kenntniss der Natur, ihrer Erscheinungen und ihrer Gesetze begnügt -d. h. die Natur nur beschreibt, geht jene darauf aus, den Gehalt der -Natur mit der Forderung der Ideen zu vergleichen und die Gestalt der -Natur, soweit es thunlich ist, nach dieser zu verändern. - -417. Da jeder Abänderungsversuch der der Natur natürlichen Gestalt, -Herrschaft über die Natur, letztere aber vor allem Macht über dieselbe -d. h. die in derselben gegebenen wirksamen Kräfte bedingt, letztere -aber nur durch die Wissenschaft ("Wissenschaft ist Macht") erlangt -werden kann, so folgt, dass die Bedingung der bildenden Kunst in dem -Gewinn echter d. i. den logischen Ideen entsprechender Wissenschaft zu -suchen und nur von einer solchen die zur Gewinnung einer vollständigen -Herrschaft über die Natur unentbehrliche Macht zu erwarten ist. - -418. Insofern die Kunst dieser durch die Naturwissenschaft ihr zu -Gebote gestellten Macht über die Natur sich bedient, um überhaupt -Veränderungen an derselben hervorzubringen, ist dieselbe technische, -inwiefern sie dies thut, um Ideen in derselben zur Darstellung zu -bringen, jedoch allein bildende Kunst. Jene fällt als nur um ihrer -selbst willen ins Werk gesetzte Ueberwindung durch die Natur ihrer -Beherrschung in den Weg gestellter Widerstände mit der Virtuosität, -als Unterschiebung persönlicher, der Ideendarstellung fremder -Zwecke bei der Beherrschung der Natur (z. B. Ausbeutung derselben -zu persönlichem Gewinn) mit der politischen Willkürherrschaft in -Eins zusammen, während die letztere einerseits mit der Bildungs- -und Bilde-, andererseits mit der echten Staatskunst (Staatsweisheit) -gleichlaufende Richtungen verfolgt. - -419. Dieselbe geht zunächst darauf aus, die Gestalt der Natur -logischen Normen anzubequemen d. h. wo in derselben Widersprechendes -thatsächlich, aber den Widerspruch aus demselben zu entfernen -möglich ist, diesen zu beseitigen, wo dagegen Gleichartiges, mit -dem Gegebenen Verträgliches oder durch dasselbe sogar Gefordertes -thatsächlich nicht gegeben, aber dessen Herbeiführung möglich ist, -dasselbe heranzuziehen d. h. im ganzen Umfang der Natur das nicht -Zusammengehörige, aber Vereinigte zu sondern, das Zusammengehörige, -aber Getrennte zu verbinden und auf diese Weise nicht nur für -die Erhaltung, beziehungsweise Wiedererzeugung bestehender oder -längst bestandener innerlich zusammengehöriger, sondern auch für das -künftige Bestehen bisher nicht bestandener, innerlich zusammengehöriger -Verbindungen durch Erzeugung neuer Sorge zu tragen. Wie die Erfüllung -der ersten Aufgabe mit der kritischen Sichtung durch die Erfahrung -gegebener Begriffe, in Folge deren bestehende Urtheile aufgehoben -(negirt), nicht bestehende neu gebildet (affirmirt) werden, -so zeigt jene der letzteren einerseits mit dem Ersatz durch die -Erfahrung gegebener Begriffe durch denselben an Umfang gleiche, -an Inhalt ungleiche (äquipollente), andererseits mit der Erzeugung -neuer Urtheile als Schlusssätze aus durch die Erfahrung gegebenen -Prämissen (Vordersätzen) und deren Fortsetzung zu Schlussketten und -Begriffssystemen Verwandtschaft. Jene fasst die Naturproducte nicht -nur mit Rücksicht auf den Ort, an welchem, und die Zeit, zu welcher, -sondern auch auf die begleitenden Umstände und die Umgebung, unter -welcher sie gegeben sind d. h. in Beziehung auf- und zu einander, -folglich, da unter denselben der Mensch selbst erscheint, auch in -Beziehung zu diesem und auf diesen d. h. als für ihn nützlich oder -schädlich ins Auge; diese berücksichtigt bei der Betrachtung der -im Raume gegebenen Erscheinungen und Naturkörper vornehmlich deren -Vergänglichkeit in der Zeit und bemüht sich, einerseits durch die -Fürsorge für die Erzeugung neuer Individuen die Gattungen, wie durch -die Verschwisterung verschiedenen Gattungen angehöriger Individuen -neue Gattungen zu erhalten. Je nachdem die bildende Kunst sich auf die -blosse Veränderung des Ortes und Zeitpunkts, so wie des Quantums der -Naturproducte beschränkt oder an deren qualitative Zusammensetzung, -so wie deren stoffliche Veränderung Hand anlegt, zerfällt dieselbe in -drei verschiedene Classen, die sich als Handel und Verkehr, Gewerbe -und Industrie, Bodenbebauung und Thierzucht bezeichnen lassen. - -420. Handel und Verkehr sind bestimmt, Naturproducte nach ihrem -eigenen und des Menschen Bedürfniss von Orten, welche für sie nicht -passen, weil sie zu eng für dieselben geworden sind (Ueberproduction -im Pflanzen- und Thierreich; Uebervölkerung), zu entfernen (Export; -Auswanderung) und an Orten, wo sie mangeln oder Raum zur Ausbreitung -finden (productionsarme Flächen; unbewohnte Gegenden), abzusetzen -(Import; Colonisation). Beide suchen daher vor allem die Schranken, -welche einerseits der freien, andrerseits der raschen Beweglichkeit im -Wege stehen, aufzuheben (Zoll- und Handelsfreiheit; "Time is money"), -andrerseits alle Mittel anzuwenden, die den Erwerb und Vertrieb -der Producte erleichtern (Geld statt Tausch), die Geschwindigkeit -der Bewegung erhöhen (Eisenbahnen, Dampfschiffe), den Zeitverbrauch -zum (schriftlichen und mündlichen) Verkehr kürzen (Post, Telegraph, -Telephon) und die Sicherheit desselben gewährleisten (Handelsschutz, -Handelsbündniss, Handelsversicherung, Monopol). Gewerbe und Industrie -gehen darauf aus, unzusammengehörige Stoffverbindungen, wenn sie -Gemenge sind, mechanisch von einander zu trennen (Bergbau), wenn -sie Mischungen sind, chemisch von einander zu lösen (Erzschmelze), -zusammengehörige durch Anhäufung (Baukunst) oder durch Verschmelzung -(Legirung) zu stiften. Je nachdem dies bei unorganischen oder -organischen, in letzterer Hinsicht bei Stoffen aus dem vegetabilischen -oder aus dem animalischen Reiche geschieht, nehmen beide stofflich, je -nachdem es durch Händearbeit, oder mit einfachen, oder fast ohne diese -mittels verwickelter bis zur scheinbaren Selbstständigkeit gesteigerter -Werkzeuge (Maschinen) geschieht, formell verschiedenen Charakter an -(Handwerk, Maschinenarbeit). Nach dem Quantum der Production und der -zu derselben erforderlichen Kosten werden Klein- und Grossgewerbe, -Klein- und Grossindustrie unterschieden. Wie der Handel und der Verkehr -eine Tendenz, in die Ferne zu streben, so zeigen Gewerbe und Industrie -eine solche, am Orte zu beharren d. h. die Naturproducte dort, wo sie -zu finden sind, ihrer Form nach zu verändern, (örtliche Vereinigung -von Bergbau und Erzschmelzen; Verwendung des localen Steinbruchs -als Baumaterial: Schieferdächer am Rhein, Holzbau im Gebirge; -Tracht aus Thierhäuten und einheimischer Wolle). Dieselben suchen -daher einerseits alle Schranken, welche der Freiheit des Gewerbes -überhaupt (Zunftzwang), wie an dem Orte des betreffenden Materials -(Bodeneigenthum) im Wege stehen, zu entfernen (Gewerbefreiheit, -Freischurf), andrerseits alle Mittel zu entdecken und zu verwenden, -welche die, sei es mechanische, sei es chemische Formänderung der -Naturstoffe ermöglichen (Mechanik, Maschinentechnik, Ingenieurkunst) -oder erleichtern (technische Chemie, Technologie, Scheidekunst), -zugleich aber das auf diesem Wege geschaffene industrielle Product -gegen Verdrängung oder Ersatz durch seinesgleichen im Verbrauche -sichern (Gewerbeschutz durch Marken und Zölle, industrielle -Privilegien). Bodenbebauung und Thierzucht sind bestrebt, einerseits -jene durch künstliche Anpflanzung von Gewächsen dieselben vor der -allmäligen Entartung (Degeneration) und schliesslichem Untergang, -diese durch künstliche Züchtung von Thieren letztere vor gleichem -Schicksal zu bewahren, andererseits durch Veredelung (z. B. Pfropfung) -auf künstlichem Wege neue Varietäten von Pflanzen wie durch Kreuzung -neue Schläge von Thieren zu erzeugen. Beide gehen darauf aus, -nicht nur das vorhandene Quantum organischer Naturproducte sich -nicht vermindern, sondern dasselbe sich stets vermehren zu lassen -(natürliche Fruchtbarkeit), aber auch die Qualität derselben den -Beziehungen der Naturorganismen unter einander gemäss zu ändern, -Futterpflanzen für Thiere, Gemüse für die Menschen zu schaffen, oder -wucherndes Unkraut (Gramineen) in Nutzpflanzen (Getreide) umzubilden -(Agricultur), so wie durch Zähmung und Pflege wild lebende Thiere in -Hausthiere (Civilisation bei Thieren und Menschen) und durch Kreuzung -schwächerer mit stärkeren, oder Ersatz ersterer durch letztere Racen -brauchbare Nutzthiere hervorzubringen (veredelnde Schaf-, Rinder-, -Pferde-, Geflügelzucht etc.). Da die Bodenbebauung nicht blos, wie -Gewerbe und Industrie, eine natürliche Tendenz am Orte zu bleiben -besitzt, sondern am Boden als unbeweglichem haftet, so muss dieselbe, -was diesem an natürlicher Fruchtbarkeit abgeht, durch künstliche -Steigerung derselben d. i. durch Bodenverbesserung (künstliche Düngung, -Bewässerung, Bearbeitung) zu ersetzen, so wie dessen Ertrag durch -künstliche Sicherungsanstalten gegen nicht abzuwehrende Störungen -von aussen (atmosphärische Einflüsse, Dürre, Hagelwetter) zu schützen -trachten (Hagel- und Wetterschadenversicherung). Umgekehrt muss die -Thierzucht, da sie des freibeweglichen Charakters der Thiernatur wegen -eines erweiterten Spielraums bedarf, sich in die Lage versetzt fühlen, -den Mängeln des Orts, an dem sie geübt wird, durch Ortsveränderung -(Weideplätze, Austrieb des Viehs auf die Alpen, Uebersiedelung je nach -dem Wechsel der Jahreszeiten) abhelfen, so wie Leben und Gesundheit -ihrer Pfleglinge gegen drohende Störungen von aussen (Thierseuchen) -entweder indirect durch künstliche Absperrung (Thiereinfuhrverbote), -oder direct durch künstliche Heilung und Wiederherstellung -(Thierarzneikunde, Sanitätsmassregeln) schützen zu können. Insofern -aber weder Bodenanbau noch Thierzucht das natürliche Hinderniss -aus dem Wege zu räumen vermögen, welches durch das Aufwachsen von -Pflanzen und Thieren unter den klimatologischen und atmosphärischen -Einflüssen ihrer einheimischen Natur deren Verpflanzung in andere Erd- -und unter andere Himmelsstriche entgegensteht, muss dieser letztern die -(der Natur der Sache nach nur langsam erfolgende) Acclimatisation und -allmälige Einbürgerung derselben vorhergegangen sein, welchem Zweck -beide durch besondere Eingewöhnungsanstalten (Acclimatisationsgärten -für Pflanzen und Thiere) zu genügen bedacht sein werden. - -421. Die hervorragende Stellung, welche der Mensch (wie die -Ich-Vorstellung unter den Bewusstseinsbildungen und der Staat unter -den organisirten Gesellschaften) unter den organischen Producten der -Natur einnimmt, macht es erklärlich, dass die Beziehungen der übrigen -Naturerzeugnisse auf ihn d. i. deren beziehungsweise Nützlichkeit -oder Schädlichkeit für den Menschen vom menschlichen Gesichtspunkt -aus die Hauptrichtschnur für die Zwecke des Handels und Verkehrs, der -Gewerbe und Industrie, des Ackerbaues und der Thierzucht abgeben. Wie -derselbe geneigt ist, mit dem Erwachen seines Bewusstseins sich als -den Mittelpunkt des Weltalls (wie das Kind sich als den Mittelpunkt des -Hauses) zu betrachten, Sonne Mond und Gestirne als bestimmt anzusehen, -ihm zu leuchten, ihn zu wärmen, so sieht er sich als den natürlichen -Herrn und Gebieter seiner organischen wie unorganischen Umgebung -an und nimmt keinen Anstand, die unterirdischen wie oberirdischen -Schätze der Erdrinde (Erz und Gestein, Pflanze und Thier) zu seinem -Dienste zu gebrauchen. Die bildende Kunst als Ideendarstellung -im belebten wie leblosen Material nimmt dadurch, dass der Mensch -anderen Naturproducten gegenüber für sich eine Ausnahmsstellung -beansprucht, unwillkürlich einen beschränkten, im menschlichen Sinn -egoistischen, die Beherrschung der Natur zum Nutzen des Menschen -gebrauchenden Charakter (Utilitarismus) an, welcher, wenn der ideale, -auf Darstellung der logischen, ästhetischen, oder ethischen Ideen -gerichtete Zweck der Kunst mit des Menschen natürlichen, aber auch, -wenn er mit dessen erkünstelten (Luxus-) Bedürfnissen, Gelüsten -und Anmassungen in Widerstreit geräth, denselben rücksichtslos -aufopfert. Derselbe steht als despotische Willkürherrschaft über -die Natur der ideenlosen technischen Virtuosität in der Besiegung -natürlicher Hindernisse eben so als Entartung bildender Kunst zur -Seite, wie andererseits die zu zweck- und nutzlosem Spiel mit den -natürlichen Formen und Kräften des menschlichen Körpers ausgeartete -Athletik, Pantomimik, Akrobatik und andere Schwimm-, Gang-, Ritt- -und Forceproben zu der auf durchgreifender Kenntniss des Baues und -normalen Lebensprocesses desselben beruhenden Gymnastik, Diät und -Gesundheitspflege das Gegenstück darstellen. - -422. Wie die bildende Kunst als Darstellung der logischen Ideen in -der leblosen und belebten Natur als "Weltverbesserung", so tritt -sie als Verwirklichung der ästhetischen Ideen in derselben als -"Weltverschönerung" auf. Als solche geht dieselbe darauf aus, -die Gestalt der Natur ästhetischen Normen anzubequemen d. h. wo in -derselben Schwächliches, Verkommenes, Krüppelhaftes sich zu entfalten -droht, dieser Gefahr zuvorzukommen (Orthopädie bei Pflanzen und -thierischen Körpern), wo es sich vorfindet, dasselbe zu beseitigen -(Durchforstung des Waldes; Aussetzung der Kinder in Sparta und -Rom), wo Disharmonisches in der Natur thatsächlich gegeben ist -oder bevorsteht, nach Möglichkeit Einklang an dessen Stelle zu -setzen (Landschaftsgärtnerei, Parkanlagen), auch leblose Natur -wie Producte der Menschenhand mit dem Schein der Lebendigkeit und -der Beseelung auszustatten (Cascaden als Gartenzier; Kunstgewerbe; -Ornamentik). Je nachdem zum Material der Ideendarstellung die leblose -oder die lebendige Natur, in der letzteren die vegetabilische oder die -thierische, in dieser insbesondere der menschliche Körper gewählt, -die ästhetische Idee in demselben minder oder mehr durch die schon -vorgefundene Gestalt des natürlichen Stoffes gebunden erscheint, -wird die bildende Kunst als ästhetische Ideendarstellung (Plastik) -in leblose und lebendige, oder in freie (schöne), oder decorative -(verschönernde) Plastik (ornamentale Kunst), je nach dem Quantum des -verwendeten Materials in Gross- und Kleinplastik unterschieden. - -423. Zu der im leblosen Material ästhetisch bildenden Kunst gehört -die Bildnerkunst, welche entweder unbeweglichem materiellem Stoff, -z. B. Felsgestein ("lebendigem Fels") eine bestimmte ästhetische Form -ertheilt (Höhlentempel, Felsengräber, behauener Fels) oder bewegliches, -lebloses Material (natürliches oder künstliches Gestein, Bruchstein, -Backstein; Holz, Bein, Metall) entweder (als Block, Stamm, Thierzahn, -Erz u. s. w.) einzeln geometrisch (wie der Steinmetz, der Zimmermann -etc.) oder ästhetisch (wie der Bildhauer, der Bildschnitzer in Holz -und Bein, der Bildgiesser in Erz u. s. w.) formt, oder (als Baukunst) -in Massen entweder als ungeformtes (Roh-) Material (unbehauenes -Holz oder Gestein) oder als schon geformten Stoff (gezimmertes Holz, -behauenen Stein) zu ästhetischen Formen zusammenhäuft und entweder -auf natürlichem Wege durch eigene Schwere (Cyklopenmauern) oder durch -künstliche Bande (Kitt, Mörtel, Klammern etc.) zu einem ästhetischen -Ganzen verbindet (Rohbau, Kunstbau, Architektur, Monumente). Zu -der lebendigen Plastik gehört, je nachdem das Material derselben -dem Pflanzen- oder dem Thierreich entnommen ist, die Kunstgärtnerei, -welche lebendige, sei es wildgewachsene (Feldblumen), sei es veredelte -Gewächse (Garten- und Treibhauspflanzen) zu einem ästhetischen Ganzen -(Blumenstrauss, Beet, Gartenanlage), und die Schauspielkunst, welche -thierische und menschliche Körper, sei es in ihren natürlichen -(Nacktheit), sei es in künstlichen Bedeckungen (Maske, Costüm) zu -einem ästhetischen Ganzen (lebendigem Gemälde) vereinigt, welches -letztere entweder als ruhend (Tableau, lebendes Bild) oder als bewegt -und in diesem Fall entweder als episch fliessende (Aufzug, Parade, -Makart's "Festzug"), oder als causal sich aus sich selbst entwickelnde -dramatische Handlung (Bühnenschauspiel) dargestellt wird. - -424. Die Plastik ist frei, wenn die ihr bei der Verwirklichung der -ästhetischen Idee durch das Material dargebotenen Schranken keine -andern sind als solche, die in den Bedingungen der Darstellung in -physischem (also schwerem und schwer zu behandelndem) Stoffe (Statik -und Mechanik; Schwerpunkt) und in der Beschaffenheit des letzteren -selbst liegen (Brüchigkeit des Gesteins, Geäder des Marmors, -Spaltrichtungen und Geäst im Holze u. s. w.), dagegen gebunden, -wenn ihr dergleichen durch einen ausserhalb der ästhetischen -Ideendarstellung gelegenen Zweck (des Bedürfnisses oder des -Luxus, des Nutzens oder der Laune) auferlegt werden. Nur in jenem -Fall ist die Plastik schöne, in diesem dagegen nur verschönernde -Kunst, welcher die Aufgabe gestellt ist, das Unentbehrliche (Haus, -Hausgeräth, Kleidung), oder das zwar Entbehrliche, aber Erwünschte -(Bequemlichkeit, Reichthum), das Erforderliche im Dienste bestimmter -Gesellschaftszwecke (Gotteshäuser und Altargeräth in der Kirche, -öffentliche Gebäude und politische Insignien im Staate) oder -das Ueberflüssige, auf zufälligen Stimmungen und vorübergehenden -Einfällen augenblicklich tonangebender Gesellschaftskreise (Mode, -"chic") mit ästhetischen Formen zu schmücken. Der ersten der genannten -Richtungen entspricht die sogenannte "Kunst im Hause", welche das -Wohnhaus und die häusliche Umgebung, so wie die äussere Erscheinung -(Tracht, Zierat, Haartracht), der zweiten die Decorationskunst, welche -auch die weiteren und in grösserem Massstabe angelegten Umgebungen -(Palast, Park, Staatskleid), der dritten die kirchliche Kunst, -welche Ort und Art der gottesdienstlichen Verrichtungen (Tempel, -Dom, Altar, kirchliches Ceremoniell), der letzten die patriotische -oder Monumentalkunst, welche Ort und Art der staatlichen Vorgänge -(Residenzschloss, Parlamentshaus, Thron- und Kroninsignien, Hof- -und Staatsceremoniell) ästhetisch belebt und veredelt. Zur schönen -Plastik gehören Sculptur und Architektur und zwar sowol wenn es -sich um die Herstellung in ihren Massen geringer (kleine Plastik -z. B. Medailleurkunst) wie grosser Objecte handelt (grosse Plastik: -Denkmalkunst, Triumphbogenarchitektur). Zu der verschönernden Kunst -gehört das Kunstgewerbe und die Kunstindustrie, die, wenn es sich -um die ornamentale Verzierung beweglicher Gegenstände handelt, als -"Kleinkunst" (Keramik, Kunsttischlerei, Kunstschlosserei, Emaillirkunst -u. s. w.), wenn dagegen unbewegliche Gegenstände (Nutzbauten, -Wohnräume, Gesellschafts- und Festsäle, Gärten, öffentliche Anlagen -und Plätze, Brücken, Thore u. s. w.) verschönert werden sollen, -als decorative Kunst (Stadtverschönerung, Gartenarchitektur) auftritt. - -425. Ausdruck der Verwirklichung der ästhetischen Idee in der -gesammten Erscheinung des menschlichen Lebens, des Einzelnen wie der -Gesellschaft und ihrer näheren und entfernteren Umgebung, ist die -Kunst "schön zu leben" ("Kalobiotik": Rahel; W. Bronn). Dieselbe -ist als Ideendarstellung so wenig mit der Kunst "gut zu leben" -("rasend" gut zu leben, rühmte sich Gentz) d. i. mit der gesuchten -Verfeinerung (Raffinement) des Sinnengenusses (Schlemmerei), als die -Kunst (logisch) überzeugender mit der Kunstfertigkeit (sophistisch) -überredender Beredsamkeit zu verwechseln. Ihre Tendenz geht dahin, -aus der gesammten, psychischen und physischen Beschaffenheit des -Individuums wie der Gesellschaft, aus deren Vorstellen, Fühlen und -Wollen, aber auch aus deren hörbarer und sichtbarer Selbstdarstellung -in Rede, Manier, Haltung und Handlung, so wie selbstgeschaffener oder -doch selbstgewählter naher und ferner Hülle und Begleitung (Kleidung, -Schmuck, Hausgeräth, Wohnung, Umgang, Sitten und Gebräuchen) nicht -nur (negativ) alles Störende und Disharmonische auszuscheiden, -sondern (positiv) denselben das Gepräge edler Freiheit und innerer -Uebereinstimmung mit und unter einander und zu einem wohlgefällig -abgerundeten Ganzen aufzudrücken d. i. das Leben in jedem gegebenen -Zeitmoment und die gesammte Zeitdauer desselben hindurch (wie -die Griechen und Goethe) zum "Kunstwerk" zu gestalten. Ergebniss -derselben, so weit ein solches durch die spröde Natur der ideenlosen -Wirklichkeit gestattet wird, ist eine schöne Erscheinungs-, wie jenes -der logischen, das gesammte Denken zum Wissen durchläuternden Kunst -eine wahre Gedankenwelt. - -426. Weder nach jenen der logischen, noch nach jenen der ästhetischen, -sondern ausschliesslich nach den Anforderungen der ethischen -Idee ist die dritte Form der bildenden Kunst bemüht, die gegebene -Gestalt der Erfahrungswelt zu verändern. Dieselbe kann nicht darauf -ausgehen, in der Natur (etwa) vorhandenen Willen ("blinden Willen": -Schopenhauer) den Anforderungen der ethischen Norm anzubequemen, -weil deren Bewusstlosigkeit die Willensform ausschliesst. Die Absicht -derselben kann daher einzig darauf gerichtet sein, der Natur, soweit -thunlich, diejenige Gestalt zu verleihen, welche sich dieselbe, -wenn sie von einem Willen beseelt wäre d. h. die Fähigkeit besässe, -die Stimme der ethischen Ideen nicht nur zu vernehmen, sondern -auch zu befolgen, selbst geben oder gegeben haben müsste. Da unter -dieser Voraussetzung die Gestalt der Natur die unter den gegebenen -Verhältnissen beste d. h. diejenige geworden wäre, welche den Normen -der ethischen Ideen unter allen überhaupt möglichen Gestaltungen der -Natur am meisten entsprochen haben würde, so folgt, dass das Streben -der dritten d. i. der ethischen bildenden Kunst auf nichts anderes als -auf die Herstellung der besten unter den überhaupt möglichen Naturen, -beziehungsweise auf die Annäherung der bestehenden an das Ideal der -besten Natur gerichtet sein könnte. - -427. Dieses selbst aber kann nichts anderes sein als das Bild einer -Natur, deren sämmtliche Bestandtheile, leblose wie belebte, zum Ganzen -in einer Weise verbunden werden, welche die zweckmässigste d. h. der -Summe der innerhalb der gesammten Natur vorhandenen Bedürfnisse, -Wünsche und Bestrebungen unter allen überhaupt denkbaren am meisten -entsprechend d. h. dem allgemeinen Wohl oder der Glückseligkeit des -Ganzen unter allen denkbaren am vollkommensten genügend wäre. Da -nun die Summe in der Natur gegebener Wünsche eine bestimmte, die -Summe der zu deren Verwirklichung zu Gebote stehenden Bedingungen -d. i. der Naturproducte, als Güter betrachtet, gleichfalls eine -begrenzte ist, so folgt, dass die Aufgabe der ethischen Kunst auf -nichts anderes gerichtet sein könne, als durch die unter allen -denkbaren beste Verwaltung der gegebenen Natur der grösstmöglichen -Summe von Glückseligkeit in der gesammten (leblosen wie lebendigen) -Natur (den Menschen mit eingeschlossen) zur Verwirklichung zu helfen. - -428. Dieselbe geht darauf aus, nicht nur Verwaltungssystem, sondern -das unter den gegebenen Verhältnissen beste Verwaltungssystem der -Natur, nicht nur, wie die Oekonomik Hauswirthschafts-, wie die -Nationalökonomik Volks- oder Staatswirthschaftskunst, sondern als -Weltökonomik Weltwirthschaftskunst (bestmöglicher Haushalt der Natur) -zu sein d. h. weder (wie die gewinnsüchtigen Ausbeuter der Natur) -ausschliesslich im Dienste und zu den Zwecken des Menschen, noch (wie -erbarmungslose Naturkräfte) taub gegen Wohl und Wehe gefühlsfähiger -Wesen, sondern der bestehenden Proportion zwischen dem empfindungs- -und genussfähigen und dem genuss- und empfindungslosen Antheil der -gesammten Natur gemäss, dem Wohle des ersten und den Hilfsmitteln -des zweiten entsprechend zu wirthschaften. Je nachdem es sich dabei -entweder um die Hinderung des Missbrauchs durch Zerstörung oder -Verminderung gegebener, oder um die Förderung des Verbrauchs durch -Vermehrung gegebener und Erzeugung nicht gegebener Güter handelt, -nimmt dieselbe negativen (internationaler Schutz der Meere, Gewässer, -Wälder, Singvögel; Antisclavenliga; Sanitätspflege; völkerrechtlicher -Schutz des Privateigenthums in Kriegszeiten) oder positiven Charakter -an (internationale Welt- und Handelsstrassen: Suez-Canal, Durchstich -von Panama; Handels- und Schifffahrtsbündnisse, Entdeckungsreisen). Je -nachdem dieselbe mehr auf den vorhandenen Wünschen entsprechende -Vertheilung der schon vorhandenen, oder auf entsprechende Betheilung -der bisher Unbefriedigten durch neu zu schaffende Güter gerichtet -ist, nimmt dieselbe mehr den Charakter einer Versorgung (bestehender -Wünsche mit vorhandenen Mitteln: Communismus, Gütertheilung) oder -Vorsorge (für künftige Wünsche durch neue Mittel: Socialismus, -Organisation der Gesellschaft) an. Die Frucht der auf die gesammte -Natur, leblose wie lebendige, ausgedehnten Darstellung der ethischen -Ideen durch die bildende Kunst ist die in ethischem Sinn vollendete, -dem Zweck grösstmöglichen Wohlbefindens aller empfindungsfähigen -Wesen entsprechende, unter den gegebenen Umständen bestmögliche Natur, -der ethische Kosmos, die beste Welt (Optimismus). - -429. Wie die erste Form der bildenden Kunst die logischen, die -zweite die ästhetischen, so verkörpert die dritte die ethischen -Ideen. Wie die bildende Kunst als Ideendarstellung im Physischen -Erziehung der Natur, so ist die Bildungskunst eigene, die Bildekunst -Erziehung des Menschengeschlechts. Wie diese im gemeinsamen, die -Selbsterziehung im einzelnen Bewusstsein, so stellt die bildende Kunst -die Culturentwickelung und den Culturprocess in der gesammten leblosen -und lebendigen Natur dar. Die Ideendarstellung im Wirklichen überhaupt, -die Kunst, ist der lebendige Culturprocess; die Entwickelungsgeschichte -derselben von deren ersten Anfängen im erwachenden Bewusstsein des -Einzelnen durch das Jugend-, Mannes- und gesellschaftliche Bewusstsein -hindurch bis zu den fernen und fernsten Grenzen des Alls, soweit -dieselben unserer Erfahrung zugänglich sind, bildet den Inhalt der -Entwickelungsgeschichte der Cultur, der Culturgeschichte des Weltalls. - - - - - - - - -SCHLUSS. - - -430. Mit der Ideendarstellung in der Geistes- und Körperwelt ist -die Philosophie als Kunst, wie mit der Darlegung des Ideeninhalts -einer-, des Inhaltes der Wirklichkeit andererseits die Philosophie -als Wissenschaft zum Abschluss gebracht. Der philosophische Realismus -geht nicht von der Annahme aus, weder dass das Wirkliche als solches -vernünftig, noch dass das Vernünftige als solches wirklich sei -(Optimismus: Hegel); aber auch nicht von der entgegengesetzten, dass -das Wirkliche als solches vernunftlos (Pessimismus: Schopenhauer), oder -gar als solches vernunftwidrig (lebendiger Widerspruch; Realdialektik: -Bahnsen) sei. Derselbe setzt aber voraus, sowol dass das Vernünftige, -welches als solches nicht wirklich ist (die Ideen), wirklich, als dass -das Wirkliche, welches als solches nicht nothwendig vernünftig ist -(Natur, Geist, Geschichte), vernünftig werden kann, werden soll und -werden wird, wenn nach dem bekannten Wort "Jeder seine Schuldigkeit -thut". Die Verwirklichung der Ideen ist weder eine Thatsache, -die in der Vergangenheit, noch eine solche, die in der Gegenwart, -sondern eine Aufgabe, deren Erfüllung in der Zukunft und in den -Händen des Menschen liegt. Der Traum eines "goldenen Zeitalters", -von welchem ein nüchterner Rationalist wie Kant als von jenem des -"ewigen Friedens", wie ein extremer Positivist wie Comte als dem -"état positif" schwärmte, wird dann erfüllt sein, wenn die gesammte -Ideenwelt real geworden und die gesammte Wirklichkeit von den Ideen -durchdrungen d. h. wenn dasjenige, was Schiller "das Kunstgeheimniss -des Meisters" nannte, die "Vertilgung des Stoffes durch die Form" -offenbar, oder, wie Schleiermacher es ausdrückte, "wenn die Ethik -Physik und die Physik Ethik" geworden sein wird. Eine Philosophie, -welche, wie die vorstehende, sich weder wie die Theosophie auf einen -menschlichem Wissen unzugänglichen theocentrischen Standpunkt versetzt, -um von ihm aus den "Vernunfttraum" als längst geschaffene Wirklichkeit, -noch wie die Anthropologie auf den zwar anthropocentrischen, aber -unkritischen Standpunkt gemeiner Erfahrung stellt, um von ihm aus eine -ideenerfüllte Wirklichkeit als "Traum der Vernunft" anzusehen, welche -sonach zugleich anthropocentrisch d. i. von menschlicher Erfahrung -ausgehend und doch Philosophie d. i. an der Hand des logischen Denkens -über dieselbe hinausgehend sein will, ist Anthroposophie. - - - - - - - - - - -End of Project Gutenberg's Anthroposophie im Umriss, by Robert Zimmermann - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ANTHROPOSOPHIE IM UMRISS *** - -***** This file should be named 53962-8.txt or 53962-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/9/6/53962/ - -Produced by Jeroen Hellingman and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net/ for Project -Gutenberg (This file was produced from images generously -made available by The Internet Archive/American Libraries.) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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