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-The Project Gutenberg EBook of Anthroposophie im Umriss, by Robert Zimmermann
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Anthroposophie im Umriss
- Entwurf eines Systems idealer Weltansicht auf realistischer Grundlage
-
-Author: Robert Zimmermann
-
-Release Date: January 14, 2017 [EBook #53962]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ANTHROPOSOPHIE IM UMRISS ***
-
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-
-Produced by Jeroen Hellingman and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net/ for Project
-Gutenberg (This file was produced from images generously
-made available by The Internet Archive/American Libraries.)
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- ANTHROPOSOPHIE
- IM UMRISS.
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- ENTWURF
- EINES SYSTEMS IDEALER WELTANSICHT
- AUF
- REALISTISCHER GRUNDLAGE
-
-
- VON
-
- ROBERT ZIMMERMANN.
-
-
- WIEN, 1882.
- WILHELM BRAUMÜLLER
- K. K. HOF- UND UNIVERSITÄTSBUCHHÄNDLER.
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- "Den Zufall gibt die Vorsehung; zum Zwecke
- "Muss ihn der Mensch gestalten. -- --"
-
- Schiller.
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-AN HARRIET.
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-
-Du warst es, als sich Nacht über mein Auge zu lagern drohte, deren
-Seelenstärke mir den Entschluß eingab, die lange unfreiwillige Muße
-der Dunkelkammer zum ordnenden Abschluß längst zerstreut gereifter
-Gedankenreihen zu benützen, zu deren Niederschrift eine gefällige
-Hand willig sich herlieh.
-
-So entstand dies Buch, dessen Ideengehalt also Niemand abzustreiten
-im Stande sein wird, daß er, wie das Licht, im Dunkeln geboren sei.
-
-Wem anders als Dir dürfte dasselbe zu eigen sein?
-
-
- Waldvilla am Attersee, den 4. September 1881.
-
- R.
-
-
-
-
-
-
-
-
-VORREDE.
-
-
-Titel und Vorrede stehen vor dem Buche. Soll diese nicht eine Rede
-aus dem Buche, sondern vor dem Buche sein d. h. nichts enthalten,
-was in das letztere selbst gehört, so bleibt ihr nur übrig, sich
-mit dem ersteren und mit dem Vorredner selbst zu beschäftigen. Ueber
-beide werden wenige Worte genügen.
-
-Anthroposophie ist der Name des Buches. Die Philosophie, welche
-denselben wählt, will damit angedeutet haben, dass es weder ihr
-Ziel sei, wie das der speculativen Schule, Theosophie, noch ihr
-genüge, wie empirischer Unphilosophie, kritiklose Anthropologie zu
-sein. Wenn derselben -- nicht zu ihrem Leidwesen -- die speculativen
-Schwingen fehlen, um mit ikarischem Aufflug das gottgleiche Wissen
-des theocentrischen Standpunktes der ersteren zu erreichen, so mangelt
-ihr nicht weniger die in mancher Hinsicht beneidenswerthe Gabe, über
-die Schranken und Widersprüche, die der gemeine Erfahrungsstandpunkt
-in sich trägt, das kritische Auge zuzudrücken. Ihr Wunsch geht dahin,
-anthropocentrisch d. i. "Menschenwissen" und doch Philosophie d. h. von
-der Erfahrung aus-, aber, wenn es das logische Denken erfordert,
-über dieselbe hinausgehende Wissenschaft zu sein.
-
-Dasselbe bezeichnet sich als "Entwurf eines Systems" und zwar "einer
-idealen Weltansicht auf realistischer Grundlage". Ersterer Charakter
-wird dessen knappe Fassung und die Abwesenheit erweiterter Polemik
-rechtfertigen. Als Versuch eines Systems muss es gewärtig sein,
-so wenig nach dem Geschmack des ungebundenen "Philosophirens auf
-eigene Hand", welches in unseren Tagen gerade wie vor hundert Jahren
-herrschende Mode ist, gefunden zu werden, wie sie dieses selbst nach
-dem ihrigen findet.
-
-Dagegen möchte die ideale Weltansicht, die es vertritt, weder mit
-dem schulmässigen Idealismus aller Farben, noch deren realistische
-Grundlage mit dem platten Realismus ideenloser Erfahrung
-verwechselt sein. Der Idealismus derselben besteht nicht darin,
-wie der Platonische, an die Wirklichkeit, sondern wie jener Kant's
-und der Sittenlehre Fichte's, an die Verwirklichung der Ideen durch
-Menschenhand zu glauben. Die realistische Grundlage desselben aber ist
-nicht der gemeine (Baconische), sondern der philosophische Realismus,
-wie er auf Kant's kritischer Basis von dessen realistischen Nachfolgern
-dem metaphysischen Idealismus der Gegenseite entgegengesetzt worden
-ist.
-
-Dessen in vorliegender Darstellung gewonnene Gestalt wird von den
-Gegnern desselben eben so mit jenem Herbart's als geistesverwandt
-erkannt, wie von Freunden des letzteren in nicht wenigen und nicht
-unerheblichen Punkten über denselben hinausgehend genannt werden. Dass
-deren Abweichungen von der ursprünglich Herbart'schen Fassung nicht
-neu, sondern, wie z. B. das kritische Verhältniss zur Theorie der
-Selbsterhaltungen als des wirklichen Geschehens, so wie jenes zu der
-Annahme der sogenannten "einfachen Empfindungen", in der Denkweise
-des Vorredners vom Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn an
-vorhanden gewesen seien, haben frühere Schriften desselben, wie dessen
-1847 und 1849 erschienene Monographieen: "Leibnitz's Monadologie"
-und "Leibnitz und Herbart, eine gekrönte Preisschrift" bezüglich
-der Selbsterhaltungen, dessen 1865 veröffentlichte: "Aesthetik als
-Formwissenschaft" bezüglich der einfachen Empfindungen hinlänglich
-an den Tag gelegt.
-
-Herbart hat sich bekanntlich am Schlusse der Vorrede zu seiner im
-Jahre 1828 erschienenen "allgemeinen Metaphysik" einen "Kantianer
-vom Jahre 1828" genannt. Wenn Schreiber dieses, der seine erste
-Anregung zum philosophischen Studium einem Gegner Kant's (dem gerade
-vor hundert Jahren, am 5. October 1781 geborenen edlen Denker und
-Dulder Bolzano) und einem Freunde Herbart's (dem scharfsinnigen
-Kritiker der Hegel'schen Psychologie, Exner) verdankt, heute,
-wo seit dem Erscheinen der Kritik der reinen Vernunft gerade ein
-volles, seit jenem der allgemeinen Metaphysik mehr als ein halbes
-Jahrhundert verflossen ist, sich "einen Herbartianer vom Jahre 1881"
-zu nennen unternimmt, so glaubt er damit sein Verhältniss zu Kant wie
-zu Herbart zutreffend bezeichnet zu haben. Die Uebereinstimmung mit
-Beiden verbirgt sich nicht; über die Abweichungen, zustimmend oder
-ablehnend, mögen Kundige urtheilen.
-
-Geschrieben im Säcularjahr der "Kritik der reinen Vernunft".
-
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- Wien, den 21. Mai 1881.
-
- Der Verfasser.
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-INHALT.
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- Seite
-
- Einleitung 1
-
- I. Buch: Die Ideen.
-
- 1. Capitel: Die logischen Ideen 11
- 2. Capitel: Die ästhetischen Ideen 40
- 3. Capitel: Die ethischen Ideen 77
-
- II. Buch: Das Wirkliche.
-
- 1. Capitel: Das Nicht-Ich 141
- 2. Capitel: Das Ich 207
- 3. Capitel: Das Social-Ich 250
-
- III. Buch: Die Kunst.
-
- 1. Capitel: Die Bildungskunst 269
- 2. Capitel: Die Bildekunst 283
- 3. Capitel: Die bildende Kunst 294
-
- Schluss 307
-
-
-
-
-
-
-
-
-ANTHROPOSOPHIE.
-
-
-ZUR EINLEITUNG.
-
-
-1. Philosophie hat ihrem uralten Namen zufolge nicht blos die
-Aufgabe, zum Wissen zu gelangen, sondern als Liebe zum Wissen, da
-man dasjenige, was man liebt, zu verkörpern bemüht ist, das Gewusste
-in die Wirklichkeit einzuführen. Erstere fällt der Philosophie als
-Theorie d. i. als Wissenschaft, letztere derselben als Praxis d. i. als
-Kunst zu. Philosophie als Wissenschaft entsteht durch Bearbeitung von
-Begriffen, während die Philosophie als Kunst das Wirkliche bearbeitet;
-erstere hat zum Zweck, durch Bearbeitung der, sei es durch Erfahrung
-gewonnenen, sei es durch Gewöhnung und Ueberlieferung überkommenen
-Begriffe von dem, was wirklich und wahr ist, zu wirklichen Begriffen
-d. i. zu solchen, welche die Probe der Kritik, sowohl der logischen,
-als der erfahrungsmässigen, aushalten, zu gelangen; diese hat den
-Zweck, durch Bearbeitung des gegebenen, als Material dienenden, sei
-es in blossen Gedanken, sei es in Sachen bestehenden Wirklichen zu
-einem den Anforderungen des Begriffs entsprechenden d. i. zu einem
-begriffsgemässen Wirklichen zu gelangen. Gegenstand der ersteren
-sind daher Begriffe, welche als solche von den Sachen, Gegenstand der
-letzteren Sachen, welche als solche von den Begriffen unterschieden
-sind. Philosophie als Wissenschaft ist daher im buchstäblichen Sinne
-nicht von dieser Welt, während Philosophie als Kunst von dieser
-Welt ist.
-
-2. Philosophie als Wissenschaft hat daher die Aufgabe, nicht nur
-selbst musterhafte Begriffe (Begriffsmuster), sondern solche Begriffe
-herzustellen, welche der Philosophie als Kunst bei ihrem Verfahren
-gegenüber den Sachen als Muster dienen können (Musterbegriffe). Jene
-bedürfen eines Musters, dem sie als musterhaft zu entsprechen haben;
-diese dagegen sind selbst Muster, denen die Sachen entsprechen
-sollen. Aufgabe der Philosophie als Wissenschaft, zu musterhaften
-Begriffen zu gelangen, wird es daher vor allem sein, das Muster
-herzustellen, dem die Begriffe, um für musterhaft gelten zu dürfen,
-genügen müssen. Aufgabe der Philosophie als Kunst, Musterbegriffe
-zu verwirklichen, wird es neben der Verpflichtung, die von der
-Philosophie als Wissenschaft als musterhaft anerkannten Begriffe zu
-ihren Musterbegriffen zu machen, vor allem sein, die Beschaffenheit
-des Wirklichen als des allein ihr zu Gebote stehenden Materials zu
-studiren, in welchem dieselben verwirklicht werden können.
-
-3. Da jeder Begriff, er sei welcher er wolle, etwas an sich tragen
-muss, was ihn zum Begriff macht (seine Form), und anderes, was ihn
-zu diesem besonderen Begriff macht (seinen Inhalt), so wird das
-Muster, dem jeder Begriff zu gleichen hat, um für musterhaft gelten
-zu dürfen, sowohl seine Form, als seinen Inhalt, oder vielleicht
-beides zugleich betreffen können, ja müssen. In ersterer Hinsicht
-wird es daher eine Musterform geben, welcher als Norm jeder Begriff
-ohne Unterschied sich zu unterwerfen hat, um als Begriff anerkannt
-zu werden; in letzterer Hinsicht wird es eine Norm geben, welcher
-jeder Begriff eines gewissen Inhaltes sich anzubequemen hat, um
-als musterhafter Begriff eben dieses Inhaltes angesehen zu werden;
-jene stellt daher die massgebende Norm für sämmtliche Begriffe ohne
-Unterschied des Inhaltes, diese dagegen stellt die Norm für Begriffe
-irgend eines gemeinsamen Inhalts, z. B. für alle diejenigen dar,
-die sich auf Seiendes (Existirendes) oder für alle diejenigen, die
-sich auf Seinsollendes (noch nicht Existirendes) beziehen.
-
-4. Diejenigen Normen, die sich auf alle Begriffe ohne Unterschied des
-Inhalts, welche für musterhaft gelten sollen, erstrecken, machen den
-Inhalt der Logik; diese, die sich nur auf Begriffe eines gewissen
-gemeinsamen Inhalts, welche innerhalb dessen für musterhaft gelten
-sollen, beschränken, machen den Inhalt der andern philosophischen
-Wissenschaften aus. Jene stellt das Muster für jeden Begriff ohne
-Unterschied, diese stellen die Muster für diejenigen Begriffe dar,
-welche in den Bereich des von ihnen beherrschten Inhalts gehören. Da
-nun jeder Begriff seinem Inhalte nach entweder auf ein Wirkliches
-d. h. auf ein Object bezogen wird, das als seiend gedacht wird, oder
-auf ein nicht Wirkliches d. i. auf ein Object, das entweder, wie
-die mathematischen, überhaupt als nichtseiend, oder, wie z. B. ein
-Kunstwerk, nur als noch nichtseiend, aber voraussichtlicherweise in
-der Zukunft seiend gedacht wird, so lassen sich die philosophischen
-Wissenschaften in zwei Gebiete zerfällen. Das eine derselben umfasst
-die Musterbegriffe für alle diejenigen, welche (mit Recht oder mit
-Unrecht) auf Wirkliches bezogen werden. Das andere dagegen enthält
-die Musterbegriffe, welche (mit Recht oder mit Unrecht) auf, sei es
-überhaupt nicht, oder nur noch nicht Seiendes bezogen werden. Begriffe
-der erstern Art (deren Inhalt als wirklich gedacht wird) können
-physische, Begriffe der letztern Art (deren Inhalt als nicht wirklich
-gedacht wird) müssen sodann nicht-physische heissen. Nimmt man bei
-den letzteren Rücksicht darauf, ob der Inhalt derselben es unmöglich
-macht, ihn als wirklich zu denken, wie es bei den mathematischen der
-Fall ist, oder ob derselbe zwar als im gegebenen Moment nichtseiend
-gedacht, dessen Existenz in der Zukunft aber keineswegs als unmöglich
-vorgestellt wird, wie es z. B. bei dem in Gedanken entworfenen
-Plane eines künftigen Bauwerks der Fall ist, so tritt eine weitere
-Unterabtheilung hinzu. Jene Begriffe, deren Inhalt die Wirklichkeit
-ausschliesst, können als solche den obengenannten physischen in dem
-Sinne zugerechnet werden, als der Inhalt der einen wie der andern einen
-Zusatz über dessen Wirklichkeit enthält, der Inhalt der einen dieselbe
-bejaht, jener der andern dieselbe verneint; dieselben können daher in
-diesem erweiterten Sinne beide physisch heissen. Jene Begriffe dagegen,
-welche weder über die Wirklichkeit, noch über die Unwirklichkeit
-ihres Inhaltes eine Aussage in sich schliessen, ja nicht einmal über
-die zukünftige Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit desselben, deren
-Inhalt sonach, was seine Wirklichkeit betrifft, in keiner Weise das
-Interesse in Anspruch zu nehmen vermag, können nichtsdestoweniger
-ein solches erwecken, inwiefern dieser Inhalt nicht als wirklich oder
-unwirklich, sondern ausschliesslich als Gedanke d. i. als gedachter
-Inhalt einen Zusatz im Gemüthe des Denkenden mit sich führt, durch
-welchen er von letzterem entweder als angenehm oder unangenehm,
-nützlich oder schädlich, schön oder hässlich -- im Allgemeinen
-entweder beifällig oder missfällig beurtheilt wird. Begriffe dieser
-Art können, weil es sich bei denselben nicht, wie bei den sogenannten
-physischen, um eine die Vorstellung ihres Inhalts begleitende Aussage
-über Wirklichkeit oder (zufällige oder nothwendige) Unwirklichkeit
-desselben, sondern um einen die Vorstellung des Inhalts (zufällig
-oder nothwendig) begleitenden Gefühlsausdruck handelt -- ästhetische
-heissen. Die philosophische Wissenschaft, welche die Musterbegriffe
-für die physischen Begriffe enthält, ist die philosophische Physik
-(oder Metaphysik); jene, welche die Musterbegriffe für die ästhetischen
-umfasst, die philosophische Aesthetik.
-
-5. Logik, (philosophische) Physik und (philosophische) Aesthetik
-machen zusammen den Umfang der Philosophie als Wissenschaft aus. Der
-Zusatz: philosophisch bei den beiden letztgenannten Disciplinen ist
-deshalb nicht überflüssig, weil diejenigen Wissenschaften, welche
-die auf dem reinen Erfahrungswege gewonnenen, keineswegs musterhaften
-Begriffe von Wirklichem einer- und die von keineswegs allgemeinen und
-nothwendigen, sondern zufälligen und individuellen oder höchstens
-particulären Zusätzen des Lobes oder Tadels begleiteten Begriffe
-umfassen, andererseits, die empirische Natur- und die empirische
-Geschmackslehre gleichfalls Physik und Aesthetik genannt werden. Die
-Bezeichnung Metaphysik für die erste derselben hat, von dem bekannten
-zufälligen historischen Ursprung des Wortes abgesehen, insofern einen
-zulässigen Sinn, als die durch kritische Sichtung herbeigeführte
-systematische Zusammenstellung musterhafter physischer Begriffe,
-welche die mit diesem Namen bezeichnete Wissenschaft ausmacht, das
-Vorhandensein eines ursprünglich durch Erfahrung gegebenen, logisch
-noch unbearbeiteten, also im philosophischen Sinne des Wortes rohen
-Vorrathsmateriales physischer Begriffe voraussetzt, philosophische
-(Meta-) Physik also der Zeit nach erst nach (meta) der vor- oder
-unphilosophischen (empirischen) Physik zu Stande kommen kann.
-
-6. Unter denselben, die als philosophische Wissenschaften sämmtlich
-musterhafte (d. i. im philosophischen Sinne vollendete) Begriffe
-umfassen, stehen Logik und Aesthetik insofern in engerer Verwandtschaft
-unter einander, als ihre musterhaften Begriffe zugleich Musterbegriffe
-für Anderes sind d. h. diesem zur Nachahmung vorgestellt werden,
-während die metaphysischen Begriffe keine andere Bestimmung haben,
-als den Inhalt des Wirklichen musterhaft d. i. wie er wirklich ist,
-darzustellen. Und zwar enthält die erstere die Musterbegriffe für das
-Denken sowohl überhaupt, als in Bezug auf einen bestimmten Inhalt,
-durch deren Nachahmung dasselbe zum Wissen d. i. wahrem Denken erhoben
-wird, sowohl im Allgemeinen, als in Bezug auf irgend einen besonderen
-Gegenstand; die Aesthetik dagegen enthält die Musterbegriffe für jede
-beliebige producirende, sei es geistige, sei es physische Thätigkeit,
-insofern durch dieselbe etwas Beifallswürdiges oder Tadelnswerthes
-(Nützliches oder Schädliches, Angenehmes oder Unangenehmes, Schönes
-oder Hässliches) hervorgebracht wird.
-
-7. Musterbegriffe dieser Art, sie seien nun solche für das Denken
-oder für jede andere (geistige oder physische) nachahmende Thätigkeit,
-werden Ideen genannt, und zwar als Vorbilder (Normen) für das Denken,
-das zum Wissen werden soll, logische Ideen; als Vorbilder dagegen
-für irgend eine andere, auf Hervorbringung eines Beifallswerthen
-gerichtete schaffende Thätigkeit, ästhetische Ideen. Erstere machen
-daher den Inhalt der Logik, letztere den der Aesthetik aus.
-
-8. Unter den geistigen Thätigkeiten, deren Producte Beifall oder
-Missfallen nach sich ziehen, ist die eine, das Wollen, von der Art,
-dass sie auf keine Weise, weder willkürlich noch unwillkürlich,
-unterlassen werden kann; denn auch das Nichtwollen des Wollens wäre
-ein Wollen. Zugleich hat dasselbe die auszeichnende Eigentümlichkeit,
-dass von dem Urtheil über dessen Beschaffenheit das Urtheil über
-den Werth oder Unwerth des Wollenden selbst abhängt und, da, wie
-oben bemerkt, der Einzelne niemals aufhören kann zu wollen, diesem
-Urtheil niemals entgangen werden kann. Während daher zu jeder andern
-ästhetisch producirenden Thätigkeit ein besonderes ästhetisches Talent
-erforderlich ist, ist nicht nur die Fähigkeit, sondern die Nöthigung
-zu wollen Jedem ohne Unterschied eigen, und während, um der Kritik
-jeder andern ästhetisch producirenden Thätigkeit zu entgehen, der
-Producirende nichts weiter nöthig hat, als dieselbe zu unterlassen,
-so kann, wie oben bemerkt, auf die Bethätigung des Wollens niemals
-Verzicht geleistet werden. Aus beiden angeführten Gründen verdienen
-diejenigen ästhetischen Ideen, welche als Vorbilder für das Wollen
-dienen, aus dem Kreise der übrigen als ein besonders ausgezeichnetes
-Gebiet hervorgehoben und zum Unterschied von den übrigen, welche
-sodann im engeren Sinne des Wortes ästhetische heissen mögen, mit einem
-besonderen Namen bezeichnet zu werden. Als ein solcher empfiehlt sich,
-da von dem Urtheil über das Wollen jenes über den sittlichen Werth,
-das Ethos, des Wollenden abhängt, der Ausdruck ethische, oder, da
-das Wollen zunächst zum Handeln überführt, praktische Ideen.
-
-9. Logische, ästhetische und ethische Ideen machen daher den Inhalt
-der Philosophie als Wissenschaft aus, insofern dieselbe Wissenschaft
-von Musterbegriffen (Ideenwissenschaft) ist. Metaphysische d. i. im
-philosophischen Sinne musterhafte Begriffe vom Wirklichen machen den
-Inhalt der Philosophie als Wissenschaft aus, insofern sie Wissenschaft
-von Wirklichem (Seinswissenschaft) ist. Diese, da sich der Inhalt ihrer
-Begriffe auf das Wirkliche bezieht, knüpft an die Erfahrung, durch
-welche zuerst vom Wirklichen ein Begriff gewonnen wird, an, indem sie
-die durch Erfahrung gegebenen Begriffe vom Wirklichen entweder behält
-wie sie gegeben sind, wenn sie vor dem Forum des wissenschaftlich
-d. i. logisch geschulten Denkens behaltbar, oder verwirft, wenn sie
-nach dem Urtheil des letzteren unhaltbar, oder umbildet, wenn sie
-zwar nach dem Urtheil der Logik verwerflich, aber vermöge des durch
-unabweisliche Erfahrung ausgeübten Zwanges unvermeidlich sind. Die
-logische Unhaltbarkeit der gegebenen Erfahrungsbegriffe verräth sich
-dadurch, dass in denselben Widersprüche bemerkbar werden, welche
-demnach ebensowenig, wie sie selbst, abgewehrt, um deren willen jedoch
-der mit denselben behaftete Inhalt der Erfahrung wissenschaftlich
-nicht als Wahrheit gelehrt werden kann! Die Umbildung der so gegebenen
-aber widersprechenden Erfahrungsbegriffe besteht darin, dass dieselben
-berichtigt d. h., da von dem erfahrungsmässig Gegebenen ohne Schädigung
-der Erfahrung nichts hinweggelassen werden kann, durch aus dem Denken
-geschöpfte Zusätze so lange und in der Weise ergänzt werden, bis und
-dass der Widerspruch verschwindet. Die so umgestalteten d. i. rational
-(widerspruchsfrei, denkbar) gemachten Erfahrungsbegriffe heissen von da
-an metaphysische (philosophische Seins- oder Wirklichkeits-) Begriffe.
-
-10. Logische, ästhetische und ethische Ideen knüpfen nicht an das
-Gegebene an, sondern fordern im Gegentheil als Musterbegriffe,
-dass das Gegebene an sie anknüpfe. So wenig nach Kant aus dem
-Sollen ein Sein, so wenig kann aus dem Sein das Sollen "geklaubt"
-werden. Dieselben sind, wie das a priori Kant's, zwar nicht vor,
-aber unabhängig von dem gegebenen Inhalte der Erfahrung, daher ihre
-Geltung nicht, wie die des letzteren, eine beschränkte (comparative)
-und nur mehr oder weniger wahrscheinliche (zufällige), sondern, wie
-die jenes a priori, allgemeine und nothwendige ist. Logik, Aesthetik
-und Ethik sind daher keine blos beschreibenden (descriptiven), wie
-die Erfahrungswissenschaft und in gewissem Sinne selbst die Metaphysik
-es ist, sondern vorschreibende (normative) Wissenschaften, daher sie
-auch wohl im Gegensatze zu jenen, welche theoretische heissen können,
-praktische Wissenschaften genannt zu werden pflegen.
-
-11. Mit Rücksicht auf letztere Bezeichnung zerfällt Philosophie
-als Wissenschaft demnach in einen praktischen: die Ideen- (oder
-praktischen) Wissenschaften, und theoretischen: die Seinswissenschaft
-(Metaphysik) umfassenden Theil, zwischen welchen beiden Philosophie
-als Kunst, welche die Gestaltung des Wirklichen nach den Ideen oder
-die Hineinbildung der Ideen in das Wirkliche vollzieht, die verbindende
-Brücke bildet. Die Lösung dieser Aufgabe ist daher der philosophischen
-ebensowenig wie irgend einer anderen Kunst, da der Zweck der Kunst
-überhaupt in der Ideendarstellung im gegebenen Stoffe besteht, ohne
-Kenntniss der darzustellenden Ideen (Ideenwissenschaft) einer-, wie des
-gegebenen Stoffes (Seinswissenschaft) andererseits möglich. Erstere
-macht den Inhalt des ersten, die Wissenschaft vom Wirklichen den des
-zweiten, die Lehre von der die logischen, ästhetischen und ethischen
-Ideen im und am Wirklichen verwirklichenden (philosophischen) Kunst
-jenen des dritten Buches aus.
-
-
-
-
-
-
-
-
-ERSTES BUCH.
-
-DIE IDEEN.
-
-
-ERSTES CAPITEL.
-
-DIE LOGISCHEN IDEEN.
-
-
-12. Logische Ideen (Musterbegriffe) sind die normalen Formen
-(Begriffsnormen), welchen das Denken sich zu fügen hat, wenn es als
-wahres Denken d. i. Wissen anerkannt werden will. Dieselben sind
-weder eins mit den psychologischen Erscheinungsformen des Denkens,
-vermöge welcher dasselbe ein Entstehen und Vergehen, ein Heller-
-und Dunklerwerden im Bewusstsein besitzt, noch mit den sogenannten
-logischen Denkformen, nach welchen dasselbe in Begriffe, Urtheile und
-Schlüsse zerfällt. Jenes nicht, weil psychologisch betrachtet die
-Entstehung unwahrer Gedanken (Irrthümer) ebenso nach Naturgesetzen
-erfolgt, wie jene von Erkenntnissen (wahren Gedanken) -- dieses nicht,
-weil unrichtige und ungiltige Gedanken ebensogut in der Begriffs-,
-Urtheils- und Schlussform gedacht, gefällt und gefolgert werden,
-wie richtige und giltige. Das Kriterium, durch welches Denken zum
-Wissen sich erhebt, muss daher anderswo gesucht werden.
-
-13. Dasselbe kann, da jedes Denken einen gewissen Grad von Intensität
-(Stärke, Lebhaftigkeit), mit welchem dasselbe, und einen gewissen
-Inhalt besitzt, welcher in demselben gedacht wird, entweder in diesem
-oder in jenem liegen. Läge es in jenem, so würde daraus folgen, dass
-jedes Denken, welches einen gewissen hohen Grad von Lebhaftigkeit
-besitzt, um dieser seiner Energie willen für Erkenntniss gelten
-müsse, während es offenbar ist, dass auch einleuchtende Irrthümer,
-wie Hallucinationen Geistesgestörter, eine hohe, ja für diese
-unüberwindliche Stärke besitzen können. Liegt es dagegen in diesem,
-so kann das Kennzeichen des Inhalts als eines wahren entweder in
-dessen Verhältniss zu einem vom Denken als solchem unterschiedenen
-Andern, oder es muss in der Beschaffenheit des Denkinhalts selbst
-gefunden werden.
-
-14. Das Andere, zu welchem das Denken als Denkinhalt betrachtet,
-ein gewisses Verhältniss haben soll, um für wahr gelten zu dürfen,
-und das als Anderes des Denkens nicht selbst wieder Denken sein kann,
-ist das Sein. Das Verhältniss, in welchem das Denken zum Sein stehen
-muss, um für Wahrheit zu gelten, aber kann kein anderes sein als
-das der Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein. Das Kriterium der
-Wahrheit lautet daher von diesem Gesichtspunkt aus: Wissen ist mit
-dem Sein übereinstimmendes Denken.
-
-15. Dasselbe setzt, um möglich zu sein, daher einerseits die
-Möglichkeit der Uebereinstimmung, andererseits die Möglichkeit der
-Erkenntniss jener Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein von Seite
-des Denkens voraus. Wäre die erstere unmöglich, so wäre damit auch
-das Wissen d. i. die Uebereinstimmung zwischen Denken und Sein, an
-sich unmöglich; wäre das letztere unmöglich, so wäre damit das Wissen
-um jene an sich vorhandene Uebereinstimmung für uns unmöglich. Im
-ersteren Falle wäre die Wahrheit überhaupt nicht, im letzteren Falle
-so gut als nicht vorhanden.
-
-16. Soll Uebereinstimmung zwischen beiden von einander verschieden
-gedachten Elementen -- dem Denken einer-, dem Sein andererseits --
-bestehen, so muss entweder das eine vom andern, das Denken vom Sein
-oder das Sein vom Denken, abhängig gedacht, oder die Verschiedenheit
-beider kann nur als eine scheinbare gedacht werden, so dass entweder
-nur das eine von beiden ist, während das andere nicht ist, oder dass
-beide nur die unterschiedenen Seiten eines dritten Ununterschiedenen
-sind. Im ersten Falle wird entweder das Denken vom Sein (das Logische
-vom Alogischen) oder das Sein vom Denken (das Alogische vom Logischen)
-beherrscht; im zweiten Falle besteht entweder nur das Sein, so dass
-das Denken nur ein verhülltes Sein -- oder nur das Denken, so dass das
-Sein nur ein verhülltes Denken ist; während im dritten Falle Denken
-und Sein nur das unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtete
-unbekannte X eines Dritten darstellen.
-
-17. Gegen die Abhängigkeit eines der beiden qualitativ von einander
-unterschiedenen Elemente, des Denkens und des unter der Form der dem
-Denken qualitativ entgegengesetzten ausgedehnten Materie gedachten
-Seins, hat sich unter den Neuern zuerst bekanntlich Cartesius
-ausgesprochen. Denken (Geist) und Sein (Materie) sind für einander
-schlechterdings unzugänglich, und da, wenn weder der Geist die Materie,
-noch diese jenen zu beeinflussen vermag, eine Uebereinstimmung zwischen
-den beiden undenkbar ist, so bleibt, um Wissen d. i. Uebereinstimmung
-des Denkinhalts mit dem Seinsinhalt zu ermöglichen, nichts übrig,
-als die Bürgschaft des gemeinschaftlichen Schöpfers beider, welcher
-als höchstes wissendes und wahrhaftiges Wesen das Denken nicht kann
-täuschen wollen. Das eigentliche Kriterium des Wissens liegt sodann
-nicht sowohl in der Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein, von
-der das Denken durch sich selbst nichts zu wissen vermag, sondern in
-der Bürgschaftsleistung eines andern höhern Wesens für die Wahrheit
-unseres Denkens; dasselbe ist sonach kein logisches, sondern ein
-blos autoritatives.
-
-18. Weder die mit dem Schleier der göttlichen Allmacht, hinter welchem
-auch das Unmögliche möglich wird, sich deckende unbegreifliche
-göttliche Assistenz, noch die anscheinende Verbesserung derselben
-durch das System der sogenannten gelegenheitlichen Ursachen
-(Occasionalismus), durch welches letztere die Gottheit aus dem
-erhabenen Dunkel des Nichtwissens herabgezogen und zu einem das Denken
-mit dem Sein vermittelnden "deus ex machina" (Leibnitz) erniedrigt
-wird, beseitigt die Schwierigkeit. Dieselbe hört dagegen auf, wenn
-deren Ursache, die qualitative Verschiedenheit des Denkens und
-seines Andern (der Materie) aufgehoben und entweder, wie Leibnitz
-und der Spiritualismus thaten, die Materie in Geist verwandelt
-(spiritualisirt), oder, wie Hobbes und die Materialisten lehrten,
-der Geist in Materie verwandelt (materialisirt) wird. Jene machen
-die Materie zu einem zwar "bene fundatum", aber doch nur zu einem
-"phänomenon" des Geistes, so dass der Geist -- diese den Geist zu
-einem "Hirngespinnst" d. i. zu einem blossen Phänomen der Materie,
-so dass diese allein das wahrhaft existirende ist. Zwischen dem
-Denken und einem Sein, das selbst wieder Denken (Idealismus) -- und
-dem Sein und einem Denken, das selbst wieder Sein ist (Realismus) --
-aber ist Uebereinstimmung möglich.
-
-19. Allerdings nur, wenn zwischen Denkendem und Denkendem einer-, wie
-zwischen Seiendem und Seiendem andererseits Causalitätsverband denkbar
-ist. Wenn das Denken, wie die Materialisten wollen, selbst materiell,
-der Geist nichts anderes als ein feinerer Körper ist, liegt nichts
-Widersprechendes darin, dass zwischen Geist und Materie in demselben
-Sinn Wechselwirkung stattfinde, wie zwischen den Corpuskeln oder
-körperlichen Elementen der Materie selbst; wenn dagegen, wie die
-Spiritualisten wollen, zwischen dem immateriellen Denkenden und den
-gleichfalls immateriellen, folglich ihrer qualitativen Beschaffenheit
-nach vom Denken nicht verschiedenen, also selbst als "denkend"
-gedachten Elementen der Materie (unkörperlichen Atomen, Monaden,
-"Seelen") gegenseitiger Einfluss (influxus physicus) herrschen
-sollte, so wäre dies nur unter der Voraussetzung möglich, dass sich
-dieselben von dem einen Theile ablösten und von dem andern aufgenommen
-würden. Beides aber ist unmöglich, da von einem Immateriellen, also
-Theillosen, kein Theil sich abscheiden lässt und an dem Ort eines
-anderen Immateriellen, der als Sitz eines Theillosen selbst ohne
-Theile (ein einfacher Punkt) sein muss, für einen neu hinzutretenden
-kein Platz vorräthig ist, das heisst, weil, wie Leibnitz sagte,
-die Monaden keine Fenster haben. Soll dessen ungeachtet zwischen
-dem Geiste und dem Rest des aus Monaden bestehenden Universums
-Uebereinstimmung d. i. Harmonie bestehen, so muss diese letztere
-von aussen, also wie bei Descartes durch die Gottheit, nur weder auf
-unbegreifliche (durch schlechthinige Allmacht), noch auf unwürdige
-("deus ex machina") Weise, sondern, wie es der Gottheit allein würdig
-ist, auf einem von Ewigkeit her erkannten, gewollten und geschaffenen
-Wege als prästabilirte Harmonie hergestellt werden.
-
-20. Allein gesetzt auch, es bestünde einerseits zwischen Denken
-und Denken (Idealismus), andererseits zwischen Sein und Sein
-(Materialismus) je wirklicher Causalverband, so wäre die dadurch
-ermöglichte Uebereinstimmung, in welcher das Wissen bestehen soll,
-doch nur im ersten Fall eine Uebereinstimmung des Denkens mit Denken,
-also mit sich selbst, im zweiten Fall eine Uebereinstimmung des Seins
-mit Sein, also wieder mit sich selbst, in keinem von beiden aber jene
-Uebereinstimmung des Denkens mit Sein, in welcher der Annahme zufolge
-das Kriterium der Wahrheit gelegen sein soll.
-
-21. Weder die Unabhängigkeit beider, noch die nur scheinbare
-Verschiedenheit eines der beiden Elemente des Wissens (Denken
-und Sein) macht deren Uebereinstimmung mit und unter einander
-möglich; als dritter Fall ist zu untersuchen, ob die Einerleiheit
-beider dieselbe gestatte. Wenn Denken und Sein zwar der Art nach
-unterschieden, aber weder, wie im Idealismus, nur das Denken, noch,
-wie im Materialismus, nur das ausgedehnte (materielle) Sein ist,
-sondern beide, wie der Spinozismus will, Seiten eines Dritten ihnen
-gemeinsam zugrundeliegenden (der alleinen Substanz) sind, so sind
-Denken und Sein dem Wesen nach substantiell identisch d. h. das
-Denken ist dasselbe was das Sein, und dieses was jenes. Es findet
-jedoch ebendeshalb zwischen beiden keine "Harmonie" (Uebereinstimmung)
-statt, denn eine solche setzt Verschiedenheit der Uebereinstimmenden
-(Gegensatz in der Einheit), nicht Einerleiheit der Aufeinanderbezogenen
-(Einheit ohne Gegensatz) voraus.
-
-22. Weder Uebereinstimmung mit sich selbst (wie im Idealismus und
-Materialismus), noch Identität (wie im Spinozismus) ist Harmonie;
-Leibnitz ist nicht, wie Moses Mendelssohn behauptete, durch Spinoza
-auf die Idee der prästabilirten Harmonie geführt worden. Jene ist
-blos formale, diese ist keine Uebereinstimmung. Das materiale, in der
-Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein bestehende Kriterium des
-Wissens ist weder auf dem Standpunkt des (metaphysischen) Dualismus,
-noch des (idealistischen oder materialistischen) Monismus, noch der
-(pantheistischen oder atheistischen) Identitätslehre brauchbar.
-
-23. Dasselbe ist jedoch auch überhaupt unbrauchbar. Denn gesetzt,
-es fände zwischen Denken und Sein wirklich und thatsächlich
-Uebereinstimmung statt, so würde, um sich über dieselbe Gewissheit
-zu verschaffen, eine Vergleichung zwischen dem Inhalt des Denkens
-mit jenem des Seins erforderlich sein. Da nun, um letztere zu
-bewerkstelligen, der Inhalt des Seins selbst gedacht, als gedachter
-Inhalt aber selbst Gedanke (Denken) sein müsste, so würde in obiger
-Vergleichung nicht, wie es verlangt ist, Denken mit Sein, sondern
-Denken mit Denken (gedachtem Sein) verglichen, d. h. das Sein selbst
-(als ungedachtes, Nichtdenken) bliebe unverglichen. Das materiale
-Kriterium des Wissens, die Uebereinstimmung zwischen Denken und Sein
-wäre unerkennbar.
-
-24. Dasselbe ist daher, logisch betrachtet, weder an sich noch für
-uns möglich. Kann aber das Kriterium des Wissens nicht material in
-der Uebereinstimmung des Denkinhalts mit dem Seinsinhalt gefunden,
-so muss es ausschliesslich in ersterem (als formales) gesucht
-werden. Die Entscheidung, ob ein Denken Wissen d. i. wahres Denken
-sei, kann nur auf Grund der Beschaffenheit des Inhalts desselben,
-rein als solcher betrachtet, gefällt werden. Dass damit der Bestand
-eines von demselben unterschiedenen Sein weder verneint, noch, was
-schon Aristoteles und Kant verboten, das Denken für das einzige Sein
-erklärt werde, ist selbstverständlich.
-
-25. Mit der Behauptung, dass das Kriterium der Wahrheit des Denkinhalts
-in diesem selbst enthalten sei, ist weder ausgesprochen, dass jeder
-beliebige Inhalt des Denkens eo ipso als Denkinhalt wahr, wie der
-Panlogismus, noch dass jeder Denkinhalt falsch sei, wie der absolute
-Skepticismus behauptet. Ersterer, welchem das Denken mit dem Wissen,
-das thatsächliche mit dem vernünftigen Denken in Eins zusammenfällt,
-ist logischer Optimismus; der letztere, dem jegliches (wirkliche
-und vernünftige, gleichviel) Denken als Denkillusion (Scheinwissen)
-erscheint, ist logischer Pessimismus; beide insofern sie von einem
-günstigen oder ungünstigen Vorurtheil bezüglich des Denkens als Wissens
-ausgehen, sind unkritischer (positiver oder negativer) Dogmatismus.
-
-26. Dass wenigstens einige Denkinhalte falsch seien, folgt
-nothwendigerweise daraus, weil es dergleichen gibt (a, non-a), die sich
-untereinander selbst aufheben d. h. von denen der eine mit dem andern
-im Denken unverträglich ist; dass es wenigstens einigen Denkinhalt
-gibt, der wahr d. h. wenigstens einiges Denken, das Wissen ist,
-folgt daraus, weil das Gegentheil dieser Behauptung, das Wissen,
-dass es kein Wissen gebe, sich selbst aufhebt. Aufgabe der Logik
-bleibt es nun, diejenigen Merkmale, durch welche derjenige Denkinhalt,
-der Wissen (Erkenntniss), von demjenigen, der Scheinwissen (Irrthum)
-ist, sich unterscheide, aufzustellen.
-
-27. An jedem Denkinhalt ohne Ausnahme lässt sich zweierlei
-unterscheiden: die Art, wie er dem Denken, und das Was, welches in
-demselben dem Denken gegeben ist. In ersterer Hinsicht unterscheiden
-wir unwillkürliches (ohne, ja wider den Willen des Denkenden demselben
-aufgezwungenes) und willkürliches (aus dem eigenen Wollen des Denkenden
-entsprungenes) Gegebensein; im ersteren Sinne vermittelter Denkinhalt
-kann (in engerer Bedeutung) gegebener, im letzteren Sinne entstandener
-wird dann gemachter heissen. Im Hinblick auf das Was unterscheiden
-wir verwandten und nicht verwandten, aber verträglichen Denkinhalt;
-unter dem verwandten weiters ganz oder theilweise identischen und
-unverträglichen (sich conträr oder contradictorisch ausschliessenden)
-Denkinhalt.
-
-28. In Bezug auf das Wie des Gegebenseins gilt, dass der unwillkürlich
-gegebene (also unabweisliche) Denkinhalt, desgleichen derjenige ist,
-den wir als Thatsache zu bezeichnen pflegen -- was den Anspruch
-betrifft, für Wissen zu gelten -- (alles Uebrige gleichgesetzt),
-vor dem willkürlich gemachten den Vorzug hat. Ersterer kann als
-nothwendige Bildung (Repräsentation), letzterer darf als Einbildung
-(Imagination) bezeichnet werden. Dass daraus, dass ein gewisser
-Denkinhalt unwillkürlich gegeben ist, zwar geschlossen werden dürfe,
-die Entstehung desselben sei durch eine von dem Willen des Denkenden
-verschiedene Ursache, keineswegs aber voreilig gefolgert werden dürfe,
-sie sei durch eine von ihm gänzlich verschiedene, nicht nur ausserhalb
-seines Intellects, sondern auch ausserhalb seines Leibes gelegene,
-also durch eine sogenannte äussere Ursache erzeugt, braucht kaum
-erst erwähnt zu werden. Ebensowenig, dass aus dem Umstand, dass die
-Unwillkürlichkeit des Gegebenseins auf eine vom Willen des Denkenden
-verschiedene Ursache zu schliessen erlaubt, keineswegs zu folgern
-gestattet sei, dass diese selbst der Beschaffenheit jenes Denkinhalts
-ähnlich beschaffen sein müsse, da sich, wie oben bemerkt, ohne
-(unmögliche) Vergleichung des Denkinhalts mit dem jenseits desselben
-gelegenen Seinsinhalt über das wechselseitige qualitative Verhältniss
-beider nichts ausmachen lässt.
-
-29. Der Vorzug des gegebenen vor dem gemachten Denkinhalt wird desto
-begründeter sein, je energischer, je häufiger und in je vollkommenerer
-Anordnung derselbe gegeben ist. In ersterer Hinsicht wird unter
-gleichen Verhältnissen der lebhaftere vor dem minder lebhaft,
-der klare und deutliche vor dem dunkel, der dauerhafte und sich
-behauptende vor dem augenblicklich und flüchtig gegebenen Denkinhalt --
-in zweiter Hinsicht der wiederholt vor dem nur einmal, der häufig vor
-dem selten, der auch Anderen in gleicher Weise vor dem nur dem Einen
-gegebenen Denkinhalt -- in dritter Hinsicht der in regelmässiger Folge
-ursprünglich gegebene vor dem zerstreuten und sprunghaft gegebenen,
-der in gleich regelmässiger Folge wiederkehrende vor dem in seiner
-an sich regelmässigen Reihenfolge unregelmässig wiederkehrenden,
-der auch in Andern in der nämlichen Anordnung wiederkehrende vor dem
-bei jedem in anderer Reihenfolge gegebenen Denkinhalt in Bezug auf
-den Anspruch, als Wissen gelten zu dürfen, den Vorrang haben.
-
-30. Das Was des Gegebenen macht dabei keinen Unterschied,
-ebensowenig ob das ohne oder wider den Willen des Denkenden dem
-Denken Aufgedrungene demselben durch einen von aussen (Sinnen-) oder
-durch einen von innen kommenden (Bewusstseins-) Zwang aufgenöthigt
-ist. Ersteres ist bei den Thatsachen der sogenannten äusseren,
-dieses bei jenen der sogenannten inneren Erfahrung der Fall. Unter
-die ersteren gehört, dass wir unter bestimmten Umständen keine anderen
-als gewisse Sinnesempfindungen haben (Augenschein), zu den letzteren,
-dass wir mit oder nach einander in das Bewusstsein eingetretene
-Empfindungen unter einander verbinden müssen (Ideenassociation),
-sowie dass wir Denkinhalte, die ein gewisses Verhältniss unter
-einander haben, entweder (wenn sie gleich oder ähnlich sind) zugleich
-denken müssen, oder (wenn sie entgegengesetzt sind), nicht zugleich
-denken können (Denkgesetz der Identität und des Widerspruchs). Im
-ersteren Fall wird der Zwang durch die Sinne, im zweiten und dritten
-durch die Natur des Bewusstseins, und zwar der Zwang zur Verknüpfung
-gleichzeitiger oder successiver Vorgänge durch die sogenannte "Enge des
-Bewusstseins" -- dagegen der Zwang, gewisse Gedanken zugleich denken
-zu müssen oder nicht zugleich denken zu können, durch deren Inhalt
-(logischer oder Denkzwang) ausgeübt. In diesem Sinne sind nicht nur
-die einzelnen Sinnesthatsachen, sondern ist die (im Sinne Kant's)
-transcendentale Thatsache der Beschaffenheit unserer Sinnlichkeit und
-sind nicht blos die einzelnen Bewusstseinsthatsachen, sondern ist die
-(gleichfalls transcendentale) Thatsache unserer Bewusstseins- und
-Denkorganisation (die thatsächlichen Naturgesetze des Bewusstseins,
-die Denkgesetze) ein dem Denken unwillkürlich d. h. unabhängig vom
-Willen des Denkenden Gegebenes (Zufälliges), so dass an sich auch
-eine andere Organisation der Sinne wie des Bewusstseins d. h. ein
-anders geartetes Erkenntnissvermögen (als gleichfalls transcendentale
-Thatsache) sich denken liesse.
-
-31. Wie bei der Frage nach dem Gegebensein des Denkinhalts von dessen
-Was, so wird bei jener nach dem Was des Denkinhalts von dessen
-Gegebensein abgesehen. Da nun in Bezug auf den Umstand, dass sie
-Denkinhalt sind, sämmtliche Denkinhalte einander gleichen, so lässt
-sich daraus allein, dass ein gewisses Was Inhalt des Denkens ist, kein
-Schluss auf dessen Wahrheit oder Falschheit machen. Die Betrachtung der
-Besonderheit des Was der einzelnen Denkinhalte aber gehört nicht mehr
-in die Logik, sondern in die besonderen Wissenschaften, deren Inhalt
-sie ausmachen (z. B. der Begriff des Seienden in die Metaphysik, der
-des Guten in die Ethik etc.). Dagegen lässt sich aus dem Verhältniss,
-in welchem verschiedene Denkinhalte ihrem Was nach unter einander
-stehen (z. B. aus dem Verhältniss ihrer Congruenz oder Incongruenz)
-sehr wohl eine Folgerung machen, was, wenn der eine derselben als wahr
-oder falsch angenommen oder erwiesen wird, mit dem anderen in Bezug
-auf Wahrheit oder Falschheit vor sich gehen müsse. Die auf letzterem
-Wege möglichen Folgerungen müssen aus einer vollständigen Aufzählung
-der zwischen Denkinhalten ihrem Was nach möglichen Verhältnisse sich
-vollständig ergeben.
-
-32. Da nun die einzelnen Denkinhalte ihrem Was nach unter einander
-nur entweder verwandt oder nicht verwandt (disparat), die verwandten
-aber nur entweder ganz oder theilweise identisch oder entgegengesetzt
-sein können, so ergibt sich als Uebersicht der zwischen verschiedenen
-Denkinhalten ihrem Was nach möglichen Verhältnisse folgendes Schema:
-(ganze oder theilweise) Identität, Gegensatz, Disparatheit.
-
-33. Ganz oder theilweise identische Denkinhalte haben das
-Eigenthümliche, dass sie einander bedingen, so dass, sobald der
-eine (a oder a b) gedacht wird, ebendadurch auch der andere (a ist
-a; a b ist a) ganz oder theilweise gedacht wird. Entgegengesetzte
-Denkinhalte haben das Eigenthümliche, dass sie einander ausschliessen
-d. h. dass entweder nur, wenn der eine gedacht wird, der andere nicht
-gedacht werden kann (conträrer Gegensatz: a ist nicht b), oder so,
-dass zugleich, wenn der eine nicht gedacht wird, der andere gedacht
-werden muss (contradictorischer Gegensatz: wenn nicht a ist, so ist
-non-a). Disparate Denkinhalte haben das Eigenthümliche, dass sie
-einander im Denken weder bedingen noch ausschliessen, so dass, wenn
-der eine gedacht wird, auch der andere gedacht werden kann, aber weder
-der andere noch sein Gegentheil gedacht werden muss (z. B. diese Rose
-ist roth -- sie könnte aber auch weiss sein). Ganz oder theilweise
-identische, sowie disparate Denkinhalte sind daher unter einander
-verträglich -- entgegengesetzte dagegen unverträglich. Zwischen ganz
-oder theilweise identischen Denkinhalten findet für das Denken eine
-vom Inhalt derselben ausgehende Nöthigung statt, vom Denken des einen
-zu jenem des andern überzugehen. Bei entgegengesetzten Denkinhalten
-findet für das Denken eine vom Inhalt derselben ausgehende Nöthigung
-statt, vom Denken des einen zum Denken des Gegentheils des anderen
-überzugehen. Bei disparaten Denkinhalten findet eine vom Inhalte
-derselben ausgehende Nöthigung für das Denken von einem zum andern
-überzugehen, überhaupt nicht statt, sondern wenn eine solche eintreten
-soll, so muss sie durch etwas vom Inhalt derselben Verschiedenes,
-also entweder durch eine äussere, vom Willen des Denkenden unabhängige
-Ursache (z. B. den Augenschein) oder durch eine innere, vom Intellect
-unabhängige Ursache (z. B. die Willkür des Denkenden) herbeigeführt
-werden. Erstere heissen daher einhellig (consonirend), entgegengesetzte
-misshellig (dissonirend), disparate blos einstimmig.
-
-34. Gänzlich identische Denkinhalte können, da es nach dem principium
-identitatis indiscernibilium zwei mit einander völlig übereinkommende
-Dinge überhaupt nicht geben kann, auch nicht zwei sondern müssen
-nothwendig ein und derselbe d. h. als Denkinhalt einzig sein; solche
-können daher auch kein Verhältniss unter einander haben. Dagegen kann
-es sehr wohl Denkinhalte geben, welche, obgleich dem Was ihres Inhalts
-nach nicht identisch, doch ihrem Umfang nach identisch sind; in welchem
-Fall dieselben äquipollent heissen (z. B. Wechselbegriffe). Theilweise
-identische Denkinhalte können entweder in der Weise identisch sein,
-dass der eine ganz in dem andern, aber nicht umgekehrt dieser in jenem
-enthalten ist, in welchem Fall derjenige, welcher den andern in sich
-enthält, der übergeordnete, derjenige, welcher in dem andern enthalten
-ist, der untergeordnete heisst; oder dieselben sind so beschaffen,
-dass jeder ausser dem ihm mit dem anderen Gemeinsamen noch etwas
-Besonderes enthält, so dass beide diesem Gemeinsamen untergeordnet,
-unter einander aber beigeordnet sind. Im ersteren Fall ist der im
-anderen enthaltene Denkinhalt unter diesem subsumirt, im zweiten
-Falle jeder der beiden dem ihnen gemeinsamen subordinirt; von den
-äquipollenten wird der eine dem anderen substituirt.
-
-35. Von unter einander subsumirten Denkinhalten gilt, dass wenn
-der subsumirende Denkinhalt wahr oder falsch, auch der darunter
-subsumirte entsprechend eines von beiden sei. Der subsumirende heisst
-in Bezug auf den subsumirten der weitere, dieser dagegen der engere
-Denkinhalt und es gilt der Satz, dass das von dem weiteren Behauptete
-oder Ausgeschlossene ebendarum auch von dem engeren behauptet oder
-ausgeschlossen, keineswegs aber das von dem engeren Behauptete und
-Ausgeschlossene auch von dem weiteren behauptet und ausgeschlossen
-sei. Durch die Fortsetzung dieses Verhältnisses, indem jeder einen
-anderen subsumirende Denkinhalt seinerseits selbst wieder unter einen
-anderen subsumirt erscheint, gelangt man zu Denkinhalten, welche die
-weiteste -- durch die Fortsetzung desselben in umgekehrter Richtung,
-indem jeder subsumirte Denkinhalt seinerseits einen anderen als unter
-sich subsumirend erscheint, gelangt man zu Denkinhalten, welche die
-engste Geltung besitzen. Jenes Verfahren selbst kann als Subsumtions-,
-und zwar entweder als analytische (Generalisations-) Methode, welche
-von -- dem Inhalt nach reicheren, aber dem Umfang nach engeren --
-Denkinhalt zu -- dem Inhalt nach ärmeren, aber dem Umfang nach weiteren
--- Denkinhalt hinaufsteigt, oder als synthetische (Restrictions-)
-Methode, wenn sie von -- dem Inhalt nach ärmeren, aber dem Umfange
-nach weiteren -- Denkinhalt zu -- dem Inhalt nach reicheren, aber
-dem Umfang nach engeren -- Denkinhalt hinabsteigt, bezeichnet werden.
-
-36. Von einander coordinirten (beigeordneten), einem gemeinsamen
-dritten subordinirten Denkinhalten gilt, dass der Inhalt des
-übergeordneten in dem Inhalt jedes der beiden oder mehreren
-untergeordneten, aber nicht umgekehrt, enthalten und der Umfang
-des übergeordneten der Summe der Umfänge sämmtlicher demselben
-untergeordneten Denkinhalte congruent sein müsse. Der übergeordnete
-Denkinhalt heisst in diesem Sinne der höhere, die demselben unter-,
-zugleich aber unter sich einander beigeordneten Denkinhalte heissen
-die niederen. Durch die Fortsetzung dieses Verhältnisses, indem der
-subordinirende höhere Denkinhalt seinerseits einem höheren subordinirt
-erscheint, gelangt man zum höchsten -- durch dessen Fortsetzung
-in entgegengesetzter Richtung: indem die subordinirten niederen
-Denkinhalte je wieder anderen als unter sich subordinirend erscheinen,
-gelangt man zum niedersten Denkinhalt. Von dem höheren Denkinhalt gilt
-der Satz, dass, was von demselben behauptet oder ausgeschlossen, auch
-von dessen niederen behauptet oder ausgeschlossen, keineswegs zwar,
-was von nur einem oder mehreren der niederen behauptet, auch von dem
-höheren behauptet, wohl aber, dass dasjenige, was von sämmtlichen
-niederen ausgeschlossen, auch von dem höheren ausgeschlossen sei. Das
-Verfahren, das auf die Fortsetzung jenes Verhältnisses sich gründet,
-heisst die Subordinations-, und zwar die Abstractions- (Inductions-)
-Methode, wenn sie von niederen zu höheren Denkinhalten hinauf-,
-die Determinations- (Deductions-) Methode, wenn sie von höheren zu
-niederen Denkinhalten hinabsteigt.
-
-37. Von einander äquipollenten, substituirbaren Denkinhalten gilt, wenn
-der eine wahr oder falsch, dass es auch der andere sei (z. B. was vom
-gleichseitigen Dreieck gilt, gilt auch vom gleichwinkeligen). Durch
-die Fortsetzung dieses Verhältnisses, so dass der einem andern
-äquipollente Denkinhalt seinerseits einem dritten äquipollent ist,
-entsteht die Substitutions-, wenn wir die sich gleichbleibende
-Identität des Umfanges, oder die Transmutationsmethode, wenn wir
-die von einem zum andern eintretende Aenderung des Inhalts im Auge
-haben. Dieselbe findet ihre Verwendung zumeist in den mathematischen
-Wissenschaften, in welchen z. B. [m-te Wurzel aus n-te Wurzel aus a]
-= [(m × n)-te Wurzel aus a] gesetzt, also bei verändertem Inhalt
-derselbe Umfang behalten wird. Während das Subsumtions- und
-Subordinationsverfahren auf wahrer und vollständiger Identität beruht,
-indem die Identität des Inhalts die des Umfangs nach sich zieht, beruht
-das Substitutionsverfahren zwar auf wirklicher, aber unvollständiger
-Identität, indem bei Einerleiheit des Umfangs Verschiedenheit des
-Inhalts herrscht. Dasselbe bildet daher bereits den Uebergang von
-dem Verhältniss der Identität zu jenem der Nichtidentität d. i. der
-Disparatheit der Denkinhalte.
-
-38. Disparate Denkinhalte haben mit äquipollenten das gemein, dass
-sie verschiedenen Inhalt, gehen aber dadurch über dieselben hinaus,
-dass sie auch verschiedenen Umfang haben. Daraus folgt, dass während
-bei den äquipollenten der Uebergang von einem zum andern zwar nicht,
-wie bei den identischen, mittels des Inhalts, aber doch mittels des
-beiderseitigen Umfanges, also immer noch durch reines Denken erfolgt
--- bei den disparaten derselbe weder aus der Betrachtung des Inhalts,
-noch aus jener des Umfangs, also auch nicht aus dem reinen Denken
-geschöpft, sondern allein durch etwas von diesem Unterschiedenes,
-z. B. durch eine Anschauung, welche beide Denkinhalte verbunden
-aufweist, vermittelt werden kann. Während daher die Verknüpfung
-zwischen identischen und äquipollenten Denkinhalten analytisch d. i. so
-erfolgt, dass und weil der mit dem andern verknüpfte Denkinhalt, sei
-es seinem Inhalt (wie bei den identischen), sei es seinem Umfange
-nach (wie bei den äquipollenten) bereits in diesem enthalten ist,
-erfolgt dieselbe bei disparaten Denkinhalten synthetisch d. i. so,
-dass der eine zu dem andern als (ein dem Inhalt und Umfang nach)
-völlig neuer hinzugefügt wird. Grund der Verbindung ist bei jenen ein
-innerer, der so lange besteht, als Inhalt oder Umfang der mit einander
-verknüpften Denkinhalte derselbe bleiben; Grund der Verbindung ist
-bei diesen ein äusserer und die Verbindung besteht nur so lange,
-als dieser Grund besteht. Verbindungen ersterer Art sind daher nicht
-nur nothwendig, weil und so lange die Denkinhalte dieselben bleiben,
-sondern auch allgemein, weil der Denkinhalt, von so Vielen und so oft
-er gedacht werden mag, immer derselbe bleibt. Verbindungen letzterer
-Art dagegen sind nicht nur zufällig, weil der Grund derselben
-ein äusserer, sondern auch individuell oder höchstens particulär,
-weil der äussere Grund derselben jederzeit nur für den einzelnen
-Denkenden, und zwar in diesem bestimmten Fall, bestenfalls für
-mehrere Denkende und mehrere Einzelfälle als der gleiche vorhanden
-ist, keineswegs aber für alle Denkenden und ebensowenig in allen
-Einzelfällen derselbe sein muss. Jene, zu welchen noch die später
-zu betrachtenden, auf dem Verhältniss des Gegensatzes beruhenden
-Trennungen und Verknüpfungen von Denkinhalten hinzukommen, können
-mit dem für allgemeine und nothwendige Denkverbindungen seit Lambert
-und Kant gebräuchlich gewordenen Ausdruck apriorische, letztere
-(z. B. die durch sinnliche Anschauung herbeigeführten) Verbindungen
-können, da dieselben nicht mit den Denkinhalten ursprünglich gegeben,
-sondern zwischen denselben erst nachträglich (z. B. durch Erfahrung)
-entstanden sind, aposteriorische genannt werden.
-
-39. Apriorische Denkverbindungen sind daher stets analytisch oder (wie
-die mathematischen) äquipollent; synthetische dagegen weder sämmtlich
-(wie der rationale Dogmatismus lehrte), noch wenigstens zum Theile (wie
-der zum Kriticismus herabgedämpfte ursprünglich radicale Skepticismus
-Kant's einräumte) apriorisch, sondern sämmtlich aposteriorisch. Das
-(mathematische) Vorurtheil Kant's, welches darin bestand, dass er
-sämmtliche mathematische Urtheile für synthetisch hielt, hat denselben
-im Zusammenhang mit dessen unbegrenzter Verehrung für die Mathematik
-als Wissenschaft dahin geführt, ihr zu Liebe, da die mathematischen
-Sätze seiner Ansicht nach synthetisch waren und dennoch allgemein und
-nothwendig wahr sein sollten, apriorische Synthesen zuzulassen und,
-da dieselben durch Anschauung vermittelt sein mussten, durch sinnliche
-Anschauung aber keine apriorische d. i. allgemeine und nothwendige
-Verbindung hergestellt werden kann, gleichfalls ihr zu Liebe eine
-besondere, psychologisch nicht nachweisbare Art von Anschauung, die
-von ihm sogenannte "reine Anschauung", zu erfinden. Dieselbe sollte
-einerseits, wie die sinnliche Wahrnehmung, Anschauung, andererseits,
-wie die sinnliche Wahrnehmung nicht, allgemein und nothwendig
-d. h. sie sollte a und non-a, Thesis und Antithesis zugleich (ein
-logisches Wunder) sein; als thatsächliche Erscheinungen einer solchen
-bezeichnete er die Vorstellungen des Raumes und der Zeit, die er
-beide der Einzigkeit ihrer beziehungsweisen Gegenstände halber für
-Anschauungen, und zwar der sinnlich unwahrnehmbaren Beschaffenheit
-dieser wegen für "reine Anschauungen" erklärte. Die Anschauung des
-Raumes legte er als vermittelnde den geometrischen, jene der Zeit
-den arithmetischen Synthesen zu Grunde.
-
-40. Den Beweis für die synthetische Natur des mathematischen
-Urtheils schöpft Kant aus dem Umstand, dass sowol das Prädicat
-des arithmetischen Urtheils: 5 + 7 = 12, wie das des geometrischen
-Urtheils: die Gerade ist die kürzeste zwischen zwei Punkten, etwas
-vom Subjecte derselben Verschiedenes enthalte: das Prädicat 12 sei
-nämlich weder mit 5, noch mit 7, das Prädicat "kürzeste Linie zwischen
-zwei Punkten" nicht mit "die Gerade" identisch. Das Urtheil 5 + 7 =
-12 sagt aber weder, dass 5, noch, dass 7 jedes für sich gleich 12,
-sondern besagt, dass die Summe beider 5 + 7 = 12 sei d. h. dass die
-Vorstellung (5 + 7) der Vorstellung 12 zwar nicht (dem Inhalt nach)
-gleich sei, aber (dem Umfang nach) gleich gelte d. h. wie jeder
-Mathematiker weiss, die eine für die andere substituirt werden
-könne. Dasselbe ist bei dem geometrischen Urtheil der Fall; es ist
-richtig, dass die Vorstellung "Gerade" nicht dem Inhalt nach eins
-mit der Vorstellung "kürzeste Linie zwischen zwei Punkten" ist;
-unrichtig aber ist, dass sie derselben nicht äquipollent d. h. dass
-nicht jede Linie, die eine Gerade, auch die zwischen zwei Punkten --
-ihrem Anfangs- und Endpunkt -- gelegene kürzeste sei. Der Uebergang
-vom Subject zum Prädicat wird daher wirklich in beiden Fällen nicht,
-wie Kant meinte, synthetisch durch eine von aussen hinzutretende (weder
-durch eine reine, noch, wie die heutige "inductive Mathematik" wähnt,
-sinnliche) Anschauung, sondern ausschliesslich analytisch durch die
-Betrachtung des Umfanges beider im reinen Denken vermittelt.
-
-41. Der Irrthum Kant's entsprang daher, dass er äquipollente
-Urtheile nicht für identisch und folglich jedes seiner Ansicht nach
-nicht (ganz oder theilweise) identische Urtheil für synthetisch
-hielt. Mathematische Urtheile, in welchen Subject und Prädicat wie
-bei den zu beiden Seiten des Gleichheitszeichens stehenden Ausdrücken
-dem Worte nach verschieden lauten, dem Werthe nach ohne Schädigung
-untereinander vertauscht werden können, galten ihm für apriorische
-Synthesen, während sie, wie oben gezeigt, zwar apriorisch, aber
-analytisch sind. Da ihm, wie er sich ausdrückte, sämmtliche analytische
-Urtheile zwar richtig, aber nicht wichtig, die mathematischen dagegen
-nicht nur richtig, sondern auch wichtig erschienen, so hätte er,
-indem er die letzteren für analytische erklärte, dieselben in ihrer
-wissenschaftlichen Würde herabzusetzen geglaubt; dieselben mussten
-daher um jeden Preis von den analytischen getrennt bleiben.
-
-42. Die Unwichtigkeit analytischer Denkverbindungen hatte für Kant
-darin ihren Grund, dass dieselben zu dem schon bekannten nichts neues
-hinzufügten. Dieselbe bezog sich daher nicht sowohl auf die Haltbarkeit
-der durch analytische Betrachtung vermittelten Verbindungen gewisser
-Denkinhalte, als vielmehr auf den durch dieselben zu bewerkstelligenden
-Erkenntnissfortschritt des Denkenden von Bekanntem zu Unbekanntem. Weil
-in letzterer Hinsicht das analytische Urtheil in seinem Prädicat das
-Subject nur ganz oder theilweise zu wiederholen schien, wurde dasselbe
-von ihm im besten Falle als eine unnütze Tautologie, in allen anderen
-Fällen als ein Herabsteigen von einer höheren auf eine niedere, bereits
-überwundene Erkenntnissstufe angesehen. Regressives Subsumtions- und
-inductives Subordinationsverfahren waren ihm zufolge nichts weiter
-als Auslösen eines Theiles aus einem schon bekannten Inhalt, durch
-welchen derselbe zwar "erläutert", unsere Erkenntniss selbst jedoch
-keineswegs "erweitert" werde. Des Substitutions- als eines Verfahrens,
-durch welches ein beständiges idem per idem erzeugt werde, hielt Kant
-in seinem Bemühen um Ausdehnung der Grenzen der Erkenntniss es nicht
-einmal der Mühe für werth, Erwähnung zu thun.
-
-43. Von diesem Standpunkt aus allerdings mit Recht, wenn es wahr
-wäre, dass das Substitutions- d. i. das Verfahren, einen gegebenen
-Denkinhalt durch einen demselben äquipollenten zu ersetzen d. h. den
-gegebenen zu transmutiren, in der That für das Erkennen keinen
-Fortschritt bedeutete. Während aber derjenige, der an der Stelle des
-subsumirenden den jeweilig subsumirten oder an der Stelle des concreten
-(subordinirten) nur den abstracten (subordinirenden) Denkinhalt
-besitzt, in der That sozusagen "der Masse nach" weniger besitzt als er
-vorher besass, und nichts, was er nicht schon vorher besass, besitzt
-derjenige, der an der Stelle des ursprünglich gegebenen Denkinhalts
-einen demselben äquipollenten, aber transmutirten Denkinhalt gewonnen
-hat -- zwar "der Masse nach" (wenigstens was den Umfang betrifft)
-nicht mehr, als er besass, er besitzt aber etwas, was er vorher
-entschieden nicht besass, anstatt des ursprünglichen alten den durch
-Transmutation an dessen Stelle getretenen neuen Denkinhalt. Dasselbe
-stellt, zwar nicht dem Umfang, aber der Qualität des Gedachten nach,
-wirklich eine Bereicherung des Denkenden dar.
-
-44. Subsumtions- und Subordinationsverfahren machen daher, wie Kant's
-analytische Urtheile, in der That blosse Erläuterung, Substitutions-
-und synthetisch-aposteriorisches d. i. empirisches Verfahren machen,
-wie Kant's synthetische Urtheile, eine wirkliche Erweiterung unserer
-Erkenntniss, und zwar das erstere mit allgemeiner und nothwendiger,
-das letztere allerdings nur mit mehr oder weniger beschränkter
-und mehr oder weniger zuverlässiger, auch im besten Fall nur
-wahrscheinlicher, niemals ausnahmsloser (unbedingter) Giltigkeit
-möglich. Erstere beiden eignen daher vorzüglich den deducirenden,
-aus dem Allgemeinen das Besondere ableitenden und classificirenden,
-das Allgemeine aus dem Besonderen abstrahlenden Wissenschaften,
-während das Substitutionsverfahren in den rein mathematischen, das
-empirische dagegen in den Erfahrungswissenschaften zu Hause ist. Die
-erstgenannten gehen von einem bereits erreichten Erkenntnissvorrath an
-Allgemeinem aus, um durch Analyse desselben das darin eingeschlossene
-Besondere sich zum Bewusstsein zu bringen. Die zweitgenannten gehen
-von einem bereits gewonnenen Erkenntnissvorrath an Besonderem aus,
-um durch Ausscheidung des Abweichenden und Zusammenfassung des
-Gemeinsamen das in demselben gleichsam schlummernde Allgemeine an's
-Licht zu ziehen. Die Wissenschaften, welche, wie die Lehre von den
-Gleichungen in der Mathematik und die Theorie von der Erhaltung
-der Kraft und des Stoffes in der Physik und Physiologie den seinem
-Werthe und Umfang nach sich gleichbleibenden Denk-, wie den seiner
-Quantität und Qualität nach sich gleichbleibenden Stoffinhalt, in
-stets neue Formen sich umgiessen lassen, suchen dadurch das im ewigen
-Wechsel Beharrende und das im ewigen Beharren stets Fliessende zu
-gewinnen. Die Erfahrungswissenschaften aber sind darauf aus, durch
-natürliche und künstliche Beobachtung (Experiment) zwischen bis dahin
-wenn nicht für unverknüpfbar gehaltenem, doch unverknüpft gebliebenem
-Denkinhalt neue, bisher unerhörte Verbindungen in mehr oder weniger
-weitreichender und dauerhafter Weise festzustellen.
-
-45. Letztere werden naturgemäss um desto mehr sich befestigen, je öfter
-dieselben wiederholt worden; sei es, dass diese Wiederholung durch eine
-unwillkürliche d. i. vom Willen des dieselben verknüpfenden Denkenden
-unabhängige, also auch ohne ja wider denselben sich erneuernde, oder
-eine willkürliche d. i. vom Willen des Denkenden entweder abhängige,
-oder mit demselben identische, also auch mit und durch denselben
-sich erneuernde Ursache verursacht sei. Dieselbe ist im ersteren
-Fall eine gegebene, und so auch der Grund ihrer Erneuerung ein
-gegebener; im letzteren Fall eine gemachte, und so auch der Grund
-ihrer Erneuerung ein solcher. Im ersteren Fall wird die Verbindung
-der disparaten Denkinhalte durch das Denken so lange bestehen und
-so oft sich wiederholen, als die gegebene Ursache besteht und sich
-erneuert, im letzteren Fall dagegen so lange und so häufig, als der
-Wille, sie zu verbinden, im Denkenden entsteht und sich erneuert. In
-beiden Fällen wird im Denkenden in Folge der zunehmenden Wiederholung
-eine wachsende Disposition zur Verknüpfung jener an sich durch nichts
-auf einander hinweisenden Denkinhalte zu Stande kommen. Dieselbe wird
-jedoch im ersten Fall ihren Grund in einem Gegebenen (also Objectivem),
-im letzteren Falle in einem Wollen (Subjectivem) haben, und daher dort
-als (objective) Gewohnheit, die dem Denkenden von aussen angewöhnt
-wird, hier als (subjective) Gewöhnung, zu welcher der Denkende sich
-selbst verwöhnt hat, sich festsetzen.
-
-46. Denkverbindungen disparater Denkinhalte, die auf Gewohnheit
-beruhen, gestatten darum einen Rückschluss auf jenen Grund,
-dessen Folge dieselbe ist, als einen objectiven d. h. unabhängig
-vom Willen des Denkenden bestehenden. Solche dagegen, welche nur
-auf einer Verwöhnung des Denkenden beruhen, gestatten höchstens
-einen Rückschluss auf die subjective Beschaffenheit des Willens des
-Denkenden. Ungeachtet der Grund der Verbindung in beiden Fällen kein
-logischer (aus dem Inhalt des zu Verbindenden entspringender Denk-),
-sondern ein blos psychologischer Zwang ist, welcher in dem einen Fall
-durch das Gegebensein des Objects auf den Willen, in dem andern Fall
-von dem Willen auf das Gegebenwerden des Objects ausgeübt wird, so
-ist der Grad wie der Grund der Festigkeit in jedem der beiden Fälle
-ein verschiedener. Derselbe beruht im ersten Fall auf dem Natur- und
-Fundamentalgesetz des Bewusstseins, durch welches dasselbe genöthigt
-wird, zugleich oder nach einander Gegebenes, sei es (dem Inhalte nach)
-Homogenes oder Heterogenes, unter einander dergestalt zu verknüpfen,
-dass mit dem Einen das Andere gedacht oder nach dem Eintreten des Einen
-das Eintreten des Anderen erwartet wird (Ideen-Associationsgesetz
-der Coëxistenz und der Succession). Da die Wirksamkeit desselben
-unabänderlich ist, so muss, sobald irgend etwas dem Denkenden als
-zugleich oder nach einander Seiendes gegeben ist, das Denken des
-Einen mit dem Andern, oder das Erwarten des Einen nach dem Andern
-ebenso unabänderlich erfolgen, so dass selbst der Wille des Denkenden
-demselben keinen Einhalt zu thun vermöchte. Diese Unabänderlichkeit des
-psychischen Vorganges des Verbindens gewisser Denkinhalte in einem und
-des Erwartens gewisser Denkinhalte nach einander im andern Falle lässt
-in Folge einer (logisch zwar ungerechtfertigten, aber psychologisch
-sehr erklärlichen) unwillkürlichen Erschleichung die Sachlage so
-erscheinen, als ob die vom Denken notwendigerweise mit oder nach
-einander verknüpften Denkinhalte an sich mit oder nach einander
-nothwendigerweise verknüpft wären d. h. die Naturgesetzlichkeit
-des Bewusstseinsvorganges (der Association nach Coëxistenz und
-Succession) wird auf das Verknüpfte (Objective) selbst als dessen
-naturgesetzliches Mit- oder Nacheinandersein übertragen. Da nun
-beispielsweise Eigenschaften (Accidentien) nicht ohne Träger derselben
-(Substanz) und Wirkungen nicht ohne vorangehende Ursachen gedacht
-werden können, so liegt darin der Grund, warum Gegebenes, welches dem
-Denkenden entweder mit oder nach einander gegeben wird, von diesem
-als im Verhältniss -- wenn es zugleich gegeben ist -- der Inhärenz
-d. i. des Accidens zur Substanz -- wenn es nach einander gegeben
-ist -- der Causalität d. i. der Wirkung zur Ursache stehend gedacht
-wird. Hume's Behauptung, dass das Causalgesetz aus der Gewohnheit
-entspringe und daher nichts anderes als die -- durch das ursprünglich
-beobachtete und zu wiederholtenmalen erneuerte Nacheinanderauftreten
-gewisser Phänomene -- motivirte Erwartung des Wiedereintretens des
-einen derselben sei, wenn das andere vorangegangen ist, hat daher
-insofern, als dieselben untereinander völlig disparater Natur sind,
-berechtigte Geltung.
-
-47. Dagegen beruht in dem Falle, als die Verbindung disparater
-Denkinhalte nicht durch objectives (gleichzeitiges oder successives)
-Gegebensein, sondern durch den Willen des Denkenden erfolgt, der
-Grad und die Dauer ihrer Festigkeit lediglich auf der Energie und der
-Dauerhaftigkeit dieses Willens. Da nun der letztere, insofern er durch
-nichts von ihm Unabhängiges beeinflusst (motivirt), sondern lediglich
-grundlos sich selbst bestimmend (transcendentalfrei, reine Willkür),
-also im buchstäblichen Sinn des Wortes Eigenwille (Laune, Eigensinn)
-ist, und als solcher ebenso grundlos vergeht als entsteht, also seiner
-Natur nach veränderlich (wetterwendisch, launenhaft) ist, so können
-auch die durch denselben allein herbeigeführten Denkverbindungen
-nicht anders als veränderlich (Denklaunen, Capricen) sein, welche,
-so scheinbare Festigkeit dieselben auch besitzen mögen, so lange
-die sie festhaltende Willensmarotte Bestand hat, dieselbe nicht
-blos in den Augen Anderer, sondern des Denkenden selbst nothwendig
-sogleich einbüssen, sobald dessen Eigenwille eine andere Richtung
-eingeschlagen hat.
-
-48. Auf der durch Gegebenes entstandenen (objectiven) Gewohnheit beruht
-die unabweisliche (wirkliche), auf der durch Willkür herbeigeführten
-(subjectiven) Gewöhnung beruht die angebliche (scheinbare)
-Erfahrung. Jene beansprucht, weil die Naturgesetze des Bewusstseins
-für alle bewusstseinsfähigen Wesen derselben Gattung dieselben
-sind, sobald die Bedingungen des Gegebenseins für das Bewusstsein
-(z. B. die Simultaneität oder Succession) die nämlichen bleiben,
-auch für alle bewusstseinsfähigen Wesen derselben Gattung die gleiche
-uneingeschränkte Geltung. Diese kann eine solche höchstens innerhalb
-des Kreises der Herrschaft desjenigen Willens, auf welchem die
-ursprüngliche Verknüpfung des Denkinhaltes und deren Bestand beruht,
-über sich selbst und eventuell über den Willen anderer Denkenden,
-welche dem seinigen gegenüber als Dienende (Autoritätsgläubige,
-Willensknechte) sich verhalten, behaupten. Das Verfahren, nach welchem
-allgemein giltige Erfahrung zu Stande kommt, kann daher allein als
-erfahrungswissenschaftliche (empirische) Methode, dasjenige dagegen,
-nach welchem nur individuell oder höchstens in beschränktem Kreise als
-solche anerkannte d. i. Scheinerfahrung erreicht wird, muss als den
-Schein erfahrungswissenschaftlicher Methode affectirender, an sich
-unwissenschaftlicher Erfahrungstrug bezeichnet werden. Beispiele
-der ersten liefern alle wirklichen Erfahrungswissenschaften; das
-auffälligste Beispiel des letzteren bietet die auf angeblichen
-uncontrolirbaren und nur innerhalb des Kreises gläubiger Jünger als
-solche anerkannten Erfahrungen einzelner Auserwählter (z. B. Medien,
-Geisterseher) -- angeblich unter genauer Beobachtung des methodischen
-Verfahrens wirklicher Erfahrungswissenschaft -- aufgebaute
-vermeintliche Erfahrungswissenschaft von der Geisterwelt (Spiritismus).
-
-49. Wie disparate Denkinhalte mit äquipollenten darin übereinkamen,
-dass beiderseits die Denkinhalte ihrem Inhalt nach nicht identisch
-waren, so unterscheiden sich dieselben von ihrem Inhalte nach
-entgegengesetzten Denkinhalten dadurch, dass die ersteren ihrem
-Umfange nach mit einander verträglich, die letzteren dagegen in Bezug
-auf diesen unter einander unverträglich sind. Dieselben schliessen
-einander entweder in der Weise aus, dass, was in den Umfang des einen,
-nicht in den Umfang des andern fällt, in welchem Fall sie conträr,
-oder in der Weise, dass zugleich dasjenige, was nicht in den Umfang
-des einen, eo ipso in den Umfang des andern fällt, in welchem Fall sie
-contradictorisch entgegengesetzt heissen. Sie können einander aber
-auch in der Weise ausschliessen, dass, was in den Umfang des einen,
-nicht in den Umfang des andern, was nicht in den Umfang des einen,
-in den Umfang des andern fällt, die Umfänge beider aber zugleich den
-Umfang eines dritten, beiden übergeordneten Denkinhaltes ausmachen,
-in welchem Fall sie subconträr entgegengesetzt genannt werden. Von
-conträr entgegengesetzten Denkinhalten gilt, dass, wenn der eine
-wahr ist, der andere falsch, von contradictorisch entgegengesetzten
-überdies, dass, wenn der eine falsch ist, der andere wahr sein muss;
-von subconträr entgegengesetzten dagegen gilt, dass, weil beider
-Umfänge in den Umfang eines dritten fallen und denselben erschöpfen,
-dasjenige, was in dem Umfang des einen liegt, nicht in dem Umfang des
-andern liegen kann (wie bei den conträren), aber auch, dass, was nicht
-in dem Umfang des einen liegt, in dem Umfang des andern liegen muss
-(wie bei den contradictorischen Gegensätzen), dass also, wo a ist,
-nicht b, dagegen b ist, wo a nicht ist, und weiter, dass, wo das eine
-von beiden, auch das beiden übergeordnete dritte ist, dass also beide
-subconträr entgegengesetzte zugleich keines das andere und (in Bezug
-auf das dritte als "ihre höhere Einheit") eins und dasselbe sind. Ist
-der einem andern conträr entgegengesetzte Denkinhalt seinerseits einem
-dritten conträr entgegengesetzt, so dass, wenn a wahr ist, b falsch
-sein muss, so lässt sich aus der Wahrheit von a nicht schliessen,
-dass nun auch der dem b conträr entgegengesetzte Denkinhalt c wahr
-sein müsse, wol aber, dass derselbe wahr sein könne, indem aus der
-Wahrheit von a zwar die Falschheit von b, aus der Falschheit von b aber
-keineswegs die Wahrheit von c folgt. Lässt sich der einem Denkinhalt
-a contradictorisch entgegengesetzte Denkinhalt non-a seinerseits
-wieder in zwei contradictorisch entgegengesetzte Denkinhalte b und
-non-b spalten, so gilt nicht nur, dass, wenn a wahr ist, sowol b als
-non-a nothwendig falsch sein müsse, sondern auch, dass, wenn a falsch
-ist, eines von beiden, b oder non-b nothwendig wahr sein muss. Von
-subconträr entgegengesetzten Denkinhalten gilt, dass, sobald auch nur
-einer von beiden wahr ist, ein dritter, der beiden übergeordnete, wahr
-und daher, wenn dieser selbst einem vierten subconträr entgegengesetzt,
-auch der ihm und diesem übergeordnete fünfte Denkinhalt wahr sei. Auf
-die Fortsetzung des ersten Verhältnisses gründet sich das Verfahren, zu
-einer Reihe conträrer Gegensätze zu gelangen, die alle zugleich wahr,
-also copulativ verbunden werden können (z. B. die Farbenreihe). Auf
-die Fortsetzung des zweiten Verhältnisses gründet sich das Verfahren,
-durch Zerfällung des contradictorisch entgegengesetzten Gliedes in
-weitere Gegensätze zu einer vollständigen Eintheilung zu gelangen,
-deren Glieder untereinander disjunctiv getrennt werden können. Auf die
-Fortsetzung des dritten Verhältnisses gründet sich das construirende
-oder sogenannte dialektische Verfahren, mittels dessen mit Hilfe
-stets neu eingeführter subconträrer Gegensätze zu immer neuen sich
-übereinander aufthürmenden "höheren Einheiten" gelangt wird, deren
-jede die vorhergehende (nach dem bekannten Hegel'schen Doppelsinn)
-zugleich aufhebt und "aufhebt" (tollit et servat).
-
-50. Mit dem Verhältniss des Gegensatzes ist die Reihe derjenigen,
-welche das "was" des Denkinhaltes angehen, erschöpft. Mit dem ersten,
-auf das "wie" des Gegebenseins sich stützenden, der unwillkürlichen
-Nöthigung, einen gewissen Denkinhalt zu denken, ergeben sich für
-die Beurtheilung des Anspruches eines gewissen Denkens, für Wissen
-gelten zu dürfen, im Ganzen fünf Gesichtspunkte, von denen der erste
-quantitativ, die übrigen qualitativ heissen können, weil jener sich auf
-das Quantum des Gegebenseins, diese sich auf das Quale des Gegebenen
-beziehen, und an deren jeden sich entsprechende methodische Verfahren
-zum Wissen zu gelangen anschliessen.
-
-51. Der erste derselben ist der Gesichtspunkt der
-Denknothwendigkeit. Der unwillkürlich gegebene erscheint als der nicht
-nicht zu denkende d. i. nothwendig zu denkende oder denknothwendige
-Denkinhalt; und zwar in desto höherem Grade, je besser die
-Unwillkürlichkeit seines Gegebenseins d. i. dessen Gegebensein ohne,
-ja wider den Willen des Denkenden bezeugt ist. Letzteres ist aber in
-desto höherem Grade der Fall: 1. je unwiderstehlicher derselbe sich
-aufdrängt und gegen alle mit Wissen und Willen angestellten Versuche,
-sich desselben zu erwehren, behauptet. In diesem Sinne gilt der Satz:
-facta loquuntur, und dass es nichts fruchte, gegen "Thatsachen" die
-Augen zu verschliessen; denn da die Ursache dieses ohne, ja wider
-Willen Gegebenseins nicht im Willen des Denkenden liegen soll, so
-kann dieselbe nur entweder in einem von diesem Willen Verschiedenen
-gelegen, oder das Gegebene müsste ohne Ursache (grundlos) gegeben
-sein. Letzteres ist um so unwahrscheinlicher, als der sogenannte Satz
-vom zureichenden Grunde (principium rationis sufficientis), welcher
-besagt, dass nichts ohne Grund erfolge, selbst wahrscheinlicher ist;
-denn auch dieser ist, als Denkinhalt betrachtet, kein willkürlich
-gemachter (erfundener), sondern selbst ein unwillkürlich gegebener
-(evidenter), dessen das Denken sich nicht zu erwehren vermag und
-der bei jedem sich bietenden Anlass sich wieder -- und was das
-Gewicht seines Gegebenseins verstärkt, Jedermann in gleicher Weise
-aufdrängt. Je unwahrscheinlicher es aber ist, dass das Gegebensein
-eines gewissen Denkinhalts ein blosser Zufall sei, desto mehr steigert
-sich dieselbe, wenn und in dem Masse, als derselbe Denkinhalt in
-zahlreicheren Fällen mit gleicher Unabweislichkeit wiederkehrt, und
-damit die Wahrscheinlichkeit, dass die Ursache seines Gegebenseins
-wie seiner Wiederholung in einer äusseren, und zwar beharrenden
-(objectiven, nicht subjectiven) Ursache, z. B. die sich aufdrängende
-Empfindung der rothen Farbe nicht in einer subjectiven Affection des
-Gesichtsorganes (Rothsehen), sondern in einem objectiven, von aussen
-kommenden Reize desselben ihren Grund habe.
-
-52. Die Unwillkürlichkeit des Gegebenseins wird aber 2. in noch
-höherem Grade bestätigt, wenn es sich zeigt, dass dieser beharrende
-und objective Grund nicht blos für den einzelnen Denkenden, sondern
-für alle Seinesgleichen in gleicher Weise besteht. Dies aber ist der
-Fall, wenn die Persönlichkeit des Denkenden als veränderlich angenommen
-und innerhalb derselben Gattung denkender Wesen jede beliebige andere
-Persönlichkeit an dessen Stelle gesetzt, der Erfolg ceteris paribus
-immer derselbe bleibt d. h. der dem Einzelnen als unwillkürlich
-gegeben erscheinende Denkinhalt auch jedem Anderen mit gleicher
-Unwiderstehlichkeit als ein solcher sich aufnöthigt, z. B. dieselbe dem
-Wahrnehmenden als Empfindung sich aufdrängende Gesichtsvorstellung auch
-von jedem Anderen an seiner Statt als solche empfunden wird. Ist es
-nämlich an sich schon höchst unwahrscheinlich, dass das unwillkürlich
-scheinende Gegebensein bei dem einen Denkenden blosser Zufall sei,
-so ist es noch unverhältnissmässig unwahrscheinlicher, dass derselbe
-Zufall sich bei jedem beliebigen an dessen Stelle tretenden Anderen
-wiederholen werde.
-
-53. Der höchste Grad der Bestätigung der Unwillkürlichkeit des
-Gegebenseins aber wird dann erreicht, wenn 3. derselbe Denkinhalt,
-der sich dem Einzelnen einmal oder zu wiederholtenmalen, ferner
-jedem Anderen an dessen Statt in gleicher Weise sich aufgenöthigt
-hat, von jedem Anderen nicht nur einmal, sondern in jedem beliebigen
-wiederkehrenden Fall als solcher erfahren wird d. h. wenn derselbe
-Denkinhalt für Jedermann und unter beliebig veränderten Umständen
-stets mit gleicher Unabweislichkeit als unwillkürlich gegeben
-empfunden wird. Das sich auf diese Thatsache gründende Verfahren kann
-als Constatirungs- oder mit Rücksicht auf die demselben zu Grunde
-liegende Zählung der Fälle, in welchen die Thatsache des unwillkürlich
-Gegebenseins beobachtet worden ist, als das statistische Verfahren
-bezeichnet werden. Durch die Fortsetzung desselben gelangt man mit der
-Zunahme der Zahl der Bestätigungen zu einem immer wachsenden Grade von
-Wahrscheinlichkeit, welche, wenn die Zahl der erfahrenen Bestätigungen
-jener der an sich möglichen Wiederholungen gleicht, zur völligen, wenn
-sie derselben sich nähert, ohne einen einzigen Fall des Gegentheils
-(negative Instanz) erlitten zu haben, zur moralischen Gewissheit wird.
-
-54. Der Grad dieser Wahrscheinlichkeit lässt sich, jedoch nur in
-dem Fall, wenn die Zahl der an sich möglichen Fälle bekannt ist, der
-Rechnung unterwerfen. Derselbe wird durch einen Bruch ausgedrückt,
-dessen Nenner die Zahl der überhaupt möglichen (m + n), dessen
-Zähler die Anzahl der beobachteten einander bestätigenden Fälle
-(m) ausdrückt. Erreicht die Anzahl der beobachteten die der an sich
-möglichen Fälle, so wird der Bruch m/(m + n) = (m + n)/(m + n) = 1
-und die Wahrscheinlichkeit verwandelt sich in Gewissheit. Erreicht sie
-dagegen nur die Hälfte der Zahl der an sich möglichen Fälle, so dass m
-= n ist, so wird der Bruch m/(m + n) = 1/2 und die Wahrscheinlichkeit
-verwandelt sich in halbe Gewissheit d. i. Zweifel. Geht die Zahl
-der beobachteten über die Hälfte der an sich möglichen Fälle hinaus,
-oder bleibt sie hinter derselben zurück, so wird der Bruch m/(m + n)
-im ersten Fall > 1/2, im zweiten Fall < 1/2 d. h. es tritt in jenem
-Fall Wahrscheinlichkeit, in diesem Unwahrscheinlichkeit ein.
-
-55. Der äussere Grund des unwillkürlich Gegebenseins kann, da er
-nicht im Willen des Denkenden liegt, nur entweder trotzdem im
-Denkenden selbst, und zwar entweder in dessen psychischer oder
-somatischer Beschaffenheit, oder ausserhalb desselben in der
-sogenannten Aussenwelt gelegen sein. Im letzteren Falle heisst
-das unwillkürlich Gegebene eine äussere, in beiden anderen Fällen
-dürfte es mit Rücksicht auf die innerhalb des Denkenden zu suchende
-Ortslage der Ursache eine innere Thatsache heissen; gewöhnlich wird
-aber nur die in der psychischen Beschaffenheit des Denkenden (in
-dessen Intellect oder Gefühlsleben) gelegene Ursache als eine innere
-bezeichnet; die in der somatischen Natur des Denkenden (z. B. in der
-anormalen Natur seiner Sinnesorgane) gelegene pflegt zu den äusseren
-Ursachen gerechnet zu werden. Innere Thatsachen werden daher nur
-solche genannt, welche Bewusstseinsthatsachen, sei es des Intellects,
-sei es des Gefühlslebens, sind, während alle übrigen, ihr Grund mag
-innerhalb oder ausserhalb der somatischen Natur des Denkenden liegen,
-äussere Thatsachen heissen; erstere bilden die Grundlage der inneren,
-letztere die Basis der äusseren Erfahrung.
-
-56. Zu den inneren Thatsachen, und zwar des Intellects, gehören
-unwiderstehlich sich aufdrängende und deshalb von gewissen Denkern als
-"angeboren" bezeichnete Begriffe und Urtheile (wenn es dergleichen
-gibt); zu den inneren Thatsachen des Gefühlslebens die unwiderstehlich
-sich aufdrängenden Aussprüche der Mahnung und Abmahnung, die von
-gewissen Denkern auf die Quelle einer unfehlbaren inneren Stimme (des
-moralischen oder ästhetischen Gefühls; das daimonion des Sokrates, der
-"deus in nobis") zurückgeführt worden sind (wenn es eine dergleichen
-gibt); alle übrigen Thatsachen, die ihren Grund in einer inner-
-oder ausserhalb des Leibes des Denkenden gelegenen Ursache haben,
-gehören im weiteren, diejenigen, welche ihren Grund in einer vom
-Leibe verschiedenen Ursache haben, wie die sogenannten "objectiven"
-Sinnesempfindungen, deren Grund "objective" d. h. von aussen kommende
-Sinnesreize sind, im engeren Sinne der äusseren Erfahrung an.
-
-57. Zur Constatirung, dass ein gewisser Denkinhalt Thatsache
-des Intellects d. h. unabweislich sei, sowie, dass ein solcher
-Thatsache des Gefühlslebens d. h. als Gefühl unwiderstehlich sei,
-gibt es demnach keinen von dem zur Constatirung, dass ein gewisser
-Denk- (z. B. Empfindungs-) Inhalt Thatsache der Erfahrung sei
-d. h. unvermeidlich empfunden werde, einzuschlagenden verschiedenen
-Weg. In jedem der genannten Fälle muss der Versuch, denselben mit
-Wissen und Willen nicht zu denken so oft und unter so vielfach
-wiederholten Umständen und von so Vielen wiederholt werden, bis
-sich die Aussichtslosigkeit, sich desselben erwehren zu können, zur
-moralischen Gewissheit erhoben hat. Denkinhalte, welche diese Probe
-bestanden haben, können als evidente d. i. einleuchtende, wenn auch
-weiter durch nichts begründungsfähige d. h. als unwiderlegliche,
-sei es Bewusstseins-, sei es Sinnesthatsachen, gelten.
-
-58. Bei den Intellects- und Gefühlsthatsachen, wie bei den
-Sinnesthatsachen bleibt dabei die von Moment zu Moment veränderliche
-Individualität des einzelnen, wie die von Individuum zu Individuum
-abweichende Individualität der mehreren Denkenden zu überwinden. Weder
-ist der Einzelne in verschiedenen Momenten seines Daseins sich selbst,
-noch sind die Einzelnen sich untereinander gleich. Der Intellect
-wird zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen eben überwiegenden
-Vorstellungskreisen, das Gemüth von eben vorhandenen Stimmungen
-beherrscht, welche dem gegebenen Denkinhalt ihre d. h. eine momentane
-oder temporäre subjective Färbung ertheilen. Das äussere Sinnesorgan
-des Beobachtenden unterliegt von Fall zu Fall oder von Beobachter zu
-Beobachter individuellen, sei es augenblicklichen, sei es habituell
-gewordenen Störungen, welche (wie z. B. die Farbenblindheit, die
-Kurz- oder Weitsichtigkeit) dem gegebenen Inhalt der Beobachtung
-eine sei es augenblickliche, sei es dauernde subjective Entstellung
-(z. B. Farbenfälschung, Entfernungsfälschung) aufprägen. Letztere
-Gefahr hat bei astronomischen Observationen zur Aufstellung der
-sogenannten Bessel'schen Augengleichung geführt, durch welche der
-habituelle Beobachtungsfehler jedes Beobachters ein- für allemal
-eruirt und sodann, wie der habituelle Gangfehler einer Uhr durch
-die sogenannte Zeitgleichung, bei jeder von demselben angestellten
-Beobachtung dieselbe corrigirend ebenso in Anschlag gebracht wird, wie
-durch Kenntniss der täglichen Acceleration oder Retardation des Pendels
-auch mittels einer fehlerhaften Uhr richtige Zeitbestimmungen erreicht
-werden können. Wie hier von der individuellen Natur des Beobachters,
-so muss bei Beurtheilung desjenigen, was als Bewusstseins-, sei es
-Intellects- oder Gefühlsthatsache, gelten soll, von der individuellen
-Natur wie der augenblicklichen Gemüthsstimmung abgesehen d. h. das
-Urtheil, dass ein gewisser Denkinhalt unwillkürlich gegeben sei,
-muss, um mit Kant zu reden, "mit Vermeidung aller Privatgefühle"
-gefällt werden.
-
-59. Der auf diesem Wege als denknothwendig nachgewiesene
-Denkinhalt gilt dem Denken als wahrer Denkinhalt. Die Idee
-der Denknothwendigkeit ist die erste logische d. h. die erste
-derjenigen Ideen, von welchen das Denken in seinem Streben, Wissen
-zu werden, sich leiten lässt. Da dieselbe auf dem Nachweise des
-unwillkürlich Gegebenseins des Denkinhalts, dieser Nachweis selbst
-aber auf einem Constatirungsverfahren beruht, dessen äusserste
-Grenze die zwar dem Bedürfniss genügende, aber die Sache selbst
-niemals erschöpfende moralische Gewissheit bildet, so folgt aus dem
-Erweise, dass ein gewisser Denkinhalt denknothwendig, allerdings
-nicht mit Nothwendigkeit, dass derselbe wahr sei, aber es folgt mit
-Nothwendigkeit, dass derselbe dem Denkenden wahr scheine.
-
-60. Die zweite logische Idee, die wie die folgenden auf dem Was des
-Denkinhalts, statt wie die erste auf dessen Wie, und zwar auf dem
-Verhältniss der einseitigen oder gegenseitigen Inhaltsidentität
-zweier Denkinhalte ruht, ist die der Analyse d. i. der Versuch,
-durch Auflösung des Inhalts in seine näheren und entfernteren
-Bestandteile zu einem Urtheil über dessen Wahrheit oder Falschheit zu
-gelangen. Dieselbe tritt, wie oben angeführt, wenn die Inhaltsidentität
-einseitig ist, als Subsumtion, wenn sie gegenseitig ist, als
-Subordination des einen unter den andern Denkinhalt auf, an welche die
-betreffenden Verfahrungsweisen, und zwar an die erstere die analytische
-(regressive) und synthetische (progressive), an die letztere die
-Abstractions- und die Determinationsmethode sich anschliessen.
-
-61. Die dritte logische Idee, die auf der Identität des Umfangs
-(Aequipollenz) beruht, ist die Gleichgeltung d. i. der Versuch, durch
-Substituirung eines dem Gegebenen gleichgeltenden Denkinhalts zu einem,
-wenigstens dem Inhalte nach von dem ersten verschiedenen, neuen auf
-einem Wege zu gelangen, auf welchem die Wahrheit oder Falschheit des
-letzteren aus jener des gegebenen sich folgern lässt. Auf dieselbe
-gründet sich das, wenn man die Identität des Umfangs im Auge hat,
-Substitutionsmethode, wenn man die Verschiedenheit des Inhalts in
-Betracht zieht, Transmutationsmethode genannte Verfahren, in welchem
-die Wahrheit des ursprünglich gegebenen Denkinhalts durch allen nicht
-blos scheinbaren, sondern wirklichen Wechsel des Inhalts hindurch
-und trotz desselben sich forterhält.
-
-62. Die vierte logische Idee ist die der Synthese d. i. die Verknüpfung
-disparater Denkinhalte in Folge eines nicht aus der Betrachtung des
-Inhalts desselben abgeleiteten, diesem fremden, aber zur Begründung
-jener zureichenden Grundes. Je nachdem derselbe entweder eine äussere
-(Sinnes-, aposteriorische) oder (wie bei Kant's mathematischen
-Urtheilen) eine reine (Intellectual-, apriorische) Anschauung ist,
-ist die Synthesis selbst entweder empirisch (zufällig, particulär),
-welche blosse Wahrscheinlichkeit, oder apriorisch (allgemein,
-nothwendig), welche (wenn es deren überhaupt gibt) ausnahmslose
-Gewissheit gewährt. Auf dieselbe gründet sich das empirisch- (wenn
-die Synthese eine empirische) oder apriorisch- (wenn die Synthese
-eine reine ist) synthetische Verfahren, welches im ersten Falle
-zu empirischen (mehr oder weniger wahrscheinlichen), dagegen im
-letzteren Falle zu apriorischen (mit dem Anspruch auf Allgemeinheit
-und Nothwendigkeit ausgesprochenen) Ergebnissen führt.
-
-63. Die fünfte logische Idee ist die der Ausschliessung, welche auf
-dem Verhältniss des Gegensatzes, und zwar als Widerstreit auf dem des
-conträren, als Widerspruch auf dem des contradictorischen, dagegen als
-sogenannte "Einheit der Gegensätze" (Synthese des Ausgeschlossenen) auf
-dem des subconträren Gegensatzes beruht. Während die ersten beiden blos
-trennend (disjunctiv), verhält sich der letzte zugleich verbindend
-(copulativ). An jene schliesst sich ein negatives, Denkinhalte
-scheidendes, an dieses ein affirmatives, Geschiedenes wieder
-vereinigendes Verfahren an, daher jenes vorzugsweise als die Methode
-des scharfsinnigen, verborgene Unterschiede des Aehnlichen streng
-sondernden Verstandes, dieses als die einer tiefsinnigen, verborgene
-Aehnlichkeit des Geschiedenen aufspürenden, Entgegengesetztes als
-Eins schauenden (speculativen) Vernunft angesehen wird.
-
-64. Keine der fünf angeführten logischen Ideen ist der Schlüssel zum
-ganzen Wahren, aber jede derselben ist ein Schlüssel zu Wahrem. Weder
-dasjenige Verfahren im Denken, welches sich ausschliesslich auf das
-unwillkürliche Gegebensein (Positivität) des Denkinhalts stützt und
-daher Positivismus oder, weil das Gegebene als Thatsache gilt, auf
-Thatsachen gegründetes Denken d. i. Empirismus heisst, noch das ebenso
-ausschliesslich auf das Was des Denkinhalts (Rationalität) gegründete
-Verfahren, welches auf die Beziehungen (rationes) der Denkinhalte
-zu und unter einander sich stützt und deshalb Rationalismus heisst,
-erschöpft die Totalität des dem Denken zugänglichen Erkenntnissgehalts;
-beide sind, indem der Positivismus des rationalen Verfahrens bedarf,
-um von den gegebenen Thatsachen aus, der Rationalismus der positiven
-Grundlage bedarf, um von derselben aus weiter fortzuschreiten, dazu
-bestimmt, einander gegenseitig zu ergänzen.
-
-65. Der Positivismus oder das lediglich von Thatsachen ausgehende
-Denken ist, je nachdem diese letzteren innere oder äussere
-(Bewusstseins- oder Sinnesthatsachen), die ersteren entweder Thatsachen
-des Intellects, oder des Gefühls, oder des Willens, die letzteren
-entweder durch krankhafte von innen kommende oder durch normale
-von aussen kommende Sinnesreize erzeugte Sinnesthatsachen, blosse
-Hallucinationen (visiones) oder Wahrnehmungen des äusseren Sinnes
-(visus et auditus) sind, nach der Reihe entweder intellectualer
-(wie der auf angeborne Ideen sich berufende Cartesianismus) oder
-sensualer (wie die Gefühlsphilosophie Jacobi's, die schottische
-Moral- und sogenannte Philosophie des gesunden Menschenverstandes),
-oder theletischer (wie die Willensphilosophie Schopenhauer's),
-oder visionärer (wie Swedenborg's Mysticismus und Spiritismus), oder
-sensualistischer Positivismus (wie die philosophie positive Comte's,
-welche seit Diesem im engeren und eminenten Sinne diesen Namen
-führt). Nimmt derselbe hierbei seinen Ausgangspunkt lediglich von
-den Thatsachen der, sei es inneren, sei es äusseren Erfahrung, so ist
-er gemeiner, unkritischer Positivismus (Dogmatismus); betrachtet er
-dagegen die Erfahrung selbst (sei es die innere, sei es die äussere)
-als Thatsache, neben und ausser welcher noch andere thatsächliche
-Erfahrungen (aussermenschliche oder übermenschliche) möglich sind,
-so ist er transcendentaler, kritischer Positivismus (Kriticismus).
-
-66. Der Rationalismus oder das lediglich auf die ein- oder
-gegenseitigen Beziehungen (rationes) des Denkinhalts sich stützende
-Denkverfahren ist entweder analytischer, wenn er lediglich durch
-die logischen Ideen der Analyse, der Gleichgeltung und der conträren
-oder contradictorischen Ausschliessung, dagegen synthetischer, wenn
-er überdies durch jene der Synthese sich leiten lässt. Letzterer
-heisst empirischer, wenn die Synthese ausschliesslich aposteriorisch,
-dagegen reiner, wenn dieselbe (wie etwa in Kant's mathematischen
-Urtheilen) apriorisch verstanden wird. Tritt zu den logischen Ideen des
-empirischen Rationalismus jene des Widerstreits und des Widerspruchs
-in der Weise gesetzgebend hinzu, dass, was durch empirische Synthese
-gegeben ist, trotzdem ohne Umbildung (Berichtigung oder Ergänzung)
-nicht behalten werden darf, sobald es Widersprüche einschliesst, so
-geht derselbe in rationalen Empirismus über, während er im Gegenfall
-empirischer Irrationalismus (Empiristik) wird. Tritt zu den logischen
-Ideen, welche den reinen Rationalismus leiten, jene der "Einheit der
-Gegensätze" in der Weise hinzu, dass das durch den Verstand Getrennte
-(Reflexions- oder Verstandesphilosophie) in einer "höheren" Vernunft-
-(intellectualen) Anschauung wieder als Eins geschaut wird, so geht der
-reine in speculativen Rationalismus (rationale Dialektik, speculative
-oder Vernunftphilosophie) über.
-
-67. Wenn die logischen Ideen als Vorbilder des Denkens dasselbe zum
-Wissen (Erkenntniss), so führen die Gegentheile derselben dasselbe zum
-Nicht- oder Scheinwissen (Irrthum). Gegentheil der Denknothwendigkeit
-ist die Denkzufälligkeit, des unwillkürlich Gegeben- das willkürlich
-Gemachtsein des Denkinhalts, in Folge dessen derselbe im Gegensatz
-zum erfahrenen (Erlebniss) als erfundener (Fiction) erscheint. Das
-Gegentheil der Analyse d. i. der Zerlegung des Denkinhalts in seine
-Bestandtheile, wodurch derselbe deutlich wird, ist die Confusion
-d. i. die Vermengung der verschiedenen Bestandtheile des Denkinhalts,
-wodurch derselbe verworren und dunkel wird. Das Gegentheil der Gleich-
-ist die Ungleichgeltung des Denkinhalts, wodurch beliebige Denkinhalte,
-welche nichts weder dem Inhalt noch dem Umfang nach mit einander gemein
-haben, für einander gesetzt werden. Das Gegentheil der berechtigten
-oder doch für berechtigt gehaltenen, sei es auf wirklicher Gewöhnung
-beruhenden empirischen oder auf, wenn auch blos vermeintlicher,
-reiner Anschauung beruhenden apriorischen Synthese bildet die, sei
-es in einem, sei es im andern Sinn unberechtigte, entweder, statt auf
-wirklicher Gewöhnung, auf blosser Angewöhnung oder Verwöhnung beruhende
-empirische, oder nicht einmal auf vermeintlicher, sondern willkürlich
-behaupteter (stat pro ratione voluntas) reiner Anschauung beruhende,
-fälschlich für apriorisch ausgegebene Synthese. Das Gegentheil der
-Idee der Ausschliessung bildet die Duldung der Gegensätze, und zwar
-nicht blos des conträren und contradictorischen, sondern auch die
-des subconträren, welche letztere sich durch die Annahme der "Einheit
-der Gegensätze" von blosser Toleranz bis zur durch die logische Idee
-der Ausschliessung verbotenen positiven Anerkennung des Widerspruchs
-steigert und in diesem die Wahrheit findet. Wie die logischen Ideen
-als Schlüssel zum Wahren, kann jedes dieser ihrer Afterbilder als
-ein solcher zum Falschen dienen.
-
-68. Wie die Summe der logischen Ideen zusammengenommen das Muster
-darstellt, dem das Wahre, so stellt die Summe der Gegentheile derselben
-das Schema dar, welchem ganz oder theilweise das Unwahre gleichen
-muss. Mit der Aufstellung beider, des Einen zur Nachahmung, des Andern
-zur Abschreckung für jedes Denken, das Wissen (Erkenntniss) werden
-will, ist das Geschäft der Logik als allgemeiner Wissenschaft von
-den normalen und anormalen Formen des Denkens (Denknormen) vollendet.
-
-
-
-
-
-
-
-
-ZWEITES CAPITEL.
-
-DIE ÄSTHETISCHEN IDEEN.
-
-
-69. Wie die logischen Ideen die (formalen) Normen enthalten,
-unter welchen beliebiger Denkinhalt zum wahren d. i. zum unbedingt
-d. h. von Jedermann und allezeit als solcher anerkannten Denkinhalt
-wird, so stellen die ästhetischen Ideen die Bedingungen dar,
-unter welchen beliebiger Vorstellungsinhalt zu schönem d. i. zum
-unbedingt d. h. von Jedermann und allezeit als solches anerkanntem
-Wohlgefälligen wird. Während dagegen die logischen Ideen auf ein
-jenseits des Denkinhalts Gelegenes d. i. auf ein Object hinweisen,
-auf welches derselbe bezogen wird, weisen die ästhetischen von dem dem
-Denkenden vorschwebenden Vorstellungsinhalte auf diesen als das Subject
-zurück, von welchem derselbe sei es mit Beifall oder mit Missfallen
-aufgenommen wird. Jenen, die auf ein Gewusstes d. h. einen dem Sein
-entsprechenden Denkinhalt ausgehen, ist es daher keineswegs, diesen
-dagegen, die blos auf ein Wohlgefälliges d. h. einen dem Denkenden
-genehmen Vorstellungsinhalt aus sind, aber völlig gleichgiltig, ob
-ein diesem Denk- oder Vorstellungsinhalt entsprechender Gegenstand
-jenseits oder nebst demselben thatsächlich vorhanden sei.
-
-70. Der Unterschied beider Auffassungsweisen lässt sich durch das
-Verhältniss des Denkers und des Dichters zu ihren beiderseitigen
-Stoffen erläutern. Der Denker, er sei nun Philosoph oder Empiriker, hat
-ein Interesse daran, dass der Inhalt seiner, sei es philosophischen,
-sei es für Erfahrung gehaltenen Gedanken mit dem Inhalt, sei es der
-philosophischen, sei es der Erfahrungs- (naturgeschichtlichen oder
-historischen) Wahrheit sich decke, z. B. dass der Held seiner Gedanken
-dem Helden der Geschichte congruent sei. Der Dichter, er sei nun ein
-solcher in Farben, Tönen oder Worten, hat nur ein Interesse daran,
-dass der Inhalt seiner Vorstellungs- (Farben-, Ton- oder poetischen)
-Welt wohlgefällig d. h. seiner eigenen, sowie den Anforderungen seiner
-Zuschauer-, Zuhörer- oder Lesewelt an ein ästhetisches Kunstwerk
-angemessen sei. Der Held seiner Tragödie braucht darum keineswegs
-mit dem (wenn auch gleichnamigen) Helden der Geschichte sich zu
-decken. Jener nimmt als Historiker an Richard III., Egmont, Wallenstein
-ein historisches, dieser als Dramatiker an denselben Persönlichkeiten
-nur ein dramatisches (ästhetisches) Interesse. Ersterem kommt es darauf
-an, seinen Helden zu schildern, wie er wirklich war, aus keinem anderen
-Grunde, als weil er so war; dieser begnügt sich denselben darzustellen,
-wie er seiner Charakteranlage nach nicht nur hätte sein können, sondern
-bei ungehemmter Entfaltung derselben unter den gegebenen Verhältnissen
-hätte sein müssen, aus keinem anderen Grunde, als weil die wirkliche
-Entfaltung eines Charakters nur die naturgesetzlich-nothwendige Folge
-seiner ursprünglichen psychischen Naturell- und Temperamentsanlage
-sein kann.
-
-71. Verglichen mit dem wissenschaftlichen (theoretischen) Interesse
-an der Wahrheit und Wirklichkeit des Gedachten ist das ästhetische
-an der blossen Wohlgefälligkeit und Möglichkeit des Vorgestellten
-streng genommen kein Interesse. Der Poet oder überhaupt der Künstler
-scheint dem Forscher und Gelehrten interesselos, gleichgiltig,
-wie seinerseits wieder dieser gegen die künstlerische Abrundung und
-innere Geschlossenheit eines dem Reiche des blossen Scheins angehörigen
-Phantasiebildes kalt und theilnahmslos bleibt. Der ästhetisch Gestimmte
-nennt den um Wahrheit und Wirklichkeit seiner Gedanken besorgten Denker
-und Gelehrten einen Realisten und Prosamenschen; dieser den nur auf
-Schönheit und innere Vollendung bedachten Künstler einen Idealisten und
-phantastischen Schwärmer. Die Gedankenwelten beider sind durch eine
-tiefe Kluft getrennt, über welche gleichwohl die Unverbrüchlichkeit
-der logischen Ideen, ohne welche auch die wohlgefällige Gedankenwelt
-nicht möglich, durch welche allein aber weder die wirkliche noch irgend
-eine mögliche Welt wohlgefällig wird, eine ausgleichende Brücke spannt.
-
-72. Aus dem Vorstehenden geht hervor, dass das Schöne (die ästhetische
-Vorstellungswelt) Schein, keineswegs aber folgt daraus, dass jeder
-Schein schön sei. So wenig zur Wahrheit eines beliebigen Denkinhalts
-genügt, dass derselbe Inhalt eines Denkens, so wenig reicht es zur
-Schönheit eines beliebigen Vorstellungsinhalts hin, dass derselbe
-Inhalt eines Vorstellens sei. Wie vom logischen Gesichtspunkt aus
-weder kein noch jeder Denkinhalt wahr, so ist vom ästhetischen
-Gesichtspunkt aus weder kein noch jeder Schein schön; ästhetischer
-Dogmatismus und Skepticismus sind wie logischer Dogmatismus und
-Skepticismus gleichmässig abzuweisen. Und wie für die Logik daraus
-die Aufgabe erwächst, die Merkmale anzugeben, durch welche wahrer
-von falschem Denkinhalt, so erwächst für die Aesthetik die ihrige,
-die Kennzeichen festzustellen, durch welche schöner von unschönem
-(hässlichem) Schein sich unterscheidet.
-
-73. Wie von derjenigen Logik, welche die Wahrheit in der
-Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein, also in einem materialen
-Kriterium findet, das Kennzeichen des wahren im Unterschied zum
-falschen Denkinhalt darin gefunden wird, dass durch denselben ein
-anderer, der Seinsinhalt, gedacht und zwar so gedacht wird, wie er
-wahrhaft ist: so wird von derjenigen Aesthetik, welche die Schönheit
-in der Uebereinstimmung der Idee mit der sinnlichen Erscheinung, also
-in einem materialen Kriterium findet, das Kennzeichen des schönen vor
-hässlichem Schein darin gefunden, dass durch jenen ein Anderes, nämlich
-die Idee hindurchscheint und zwar so hindurchscheint, wie sie wahrhaft
-ist. Dieselbe, die eben darum Gehaltsästhetik heisst, geht davon aus,
-dass das Schöne nicht sowohl Schein, als vielmehr Erscheinung eines
-hinter demselben befindlichen idealen Gehalts und daher nicht an sich
-und um seiner selbst willen, sondern mittelbar und um eines andern,
-des in demselben zur sinnlichen Erscheinung kommenden Gehalts willen
-schön sei. Dasselbe verhält sich dieser Auffassung zufolge zu dem in
-demselben erscheinenden um seiner selbst willen werthvollen Gehalt
-wie der Mond, der sein Licht von der Sonne empfängt, während diese
-im ureignen Lichte strahlt.
-
-74. Das Schöne als sinnlicher Schein ist von diesem Gesichtspunkte
-aus betrachtet nichts weiter als die sinnliche Hülle eines an sich
-unsinnlichen oder, wenn man will, übersinnlichen, sei es persönlich
-(wie in der theistischen Aesthetik: Carrière), sei es unpersönlich
-(wie in der pantheistischen Aesthetik: Vischer) gedachten Wesens,
-also im ersten Falle die sinnliche Erscheinung Gottes, im zweiten die
-sinnliche Erscheinung der logischen oder ethischen Idee. Ersterer
-Auffassung zufolge wäre sonach Schönheit überall dort, wo Gott,
-aber auch nur dort, wo dieser erscheint, letzterer Auffassung zufolge
-überall dort, wo die (sei es theoretische oder praktische) Vernunft,
-aber auch nur dort, wo diese erscheint. Wie das Schöne mit dem sinnlich
-erscheinenden Göttlichen, so fiele dessen Gegentheil, das Hässliche,
-mit dem gleichfalls sinnlich erscheinenden Un- oder Widergöttlichen
-(dem Dämonischen oder Satanischen: Weisse) -- zusammen; wie das Schöne
-mit der sinnlich erscheinenden Vernunft (dem Wahren und Guten), so
-fiele dessen Gegentheil mit der gleichfalls sinnlich erscheinenden
-Un- oder Widervernunft (dem A- oder Antilogischen, Unwahren, dem Un-
-oder Widersittlichen, dem Bösen) zusammen. Im ersten Falle erhielte
-das Schöne wesentlich religiösen, im letzteren dagegen einen im Wesen
-lehrhaften (didaktischen und moralischen) Charakter.
-
-75. Folge des ersteren ist, dass die (religiöse) Gehalts-Aesthetik
-die Kunst der Religion unter-, Folge des letzteren ist, dass die
-(nichtreligiöse aber philosophische) Gehalts-Aesthetik die Philosophie
-der Kunst überordnet. Jene macht dieselbe zur Dienerin der Theologie,
-diese weist ihr den Beruf zu, die "Wahrheit im Bilde" (das Allgemeine
-im Besonderen: Allegorie, oder im Individuellen: Symbol) darzustellen.
-
-76. Demzufolge hätte die Kunst keinen andern Zweck, als sich
-selbst überflüssig zu machen d. h. sich entweder in Religion oder
-in Philosophie, der schöne Schein keine andere Bestimmung, als sich,
-sobald irgend möglich, in übersinnliches Sein, sei es in das göttliche,
-sei es in das der Idee, aufzulösen. Die Sinnlichkeit, die nach Leibnitz
-nur eine "dunkle Vernunft" d. i. eine verworrene Erkenntniss (notio
-confusa) des Wahren ist, bildet nur die untergeordnete Vorstufe zur
-reinen Vernunft, welche als solche "klare" d. i. deutliche Erkenntniss
-(notio clara atque distincta) der Wahrheit ist. Die Vollkommenheit
-der ersteren, durch welche schon das niedere Erkenntnissvermögen
-in den Stand gesetzt wird, das Wahre und Gute, wenngleich nur
-sinnlich zu erkennen, bietet der schwachen, mit der irdischen
-Mangelhaftigkeit sinnlicher Leiblichkeit behafteten Menschennatur
-einen dürftigen Ersatz für die mangelnde Vollkommenheit reiner
-Vernunfterkenntniss, deren übermenschliche Wesen in höherem Grade,
-und die Gottheit, die aller Sinnlichkeit ledig ist, im höchsten Grade
-sich erfreuen. Dieselbe macht, wie die Sinnlichkeit den Unterschied
-des Menschen vom reinen Geistwesen, so gewissermassen einen Vorzug
-desselben vor diesem aus, indem der Mensch, der allein Sinnlichkeit
-besitzt, allein auch der Vollkommenheit derselben d. i. der Schönheit,
-fähig ist. Derselbe theilt, um mit Schiller zu reden, "sein Wissen"
-(die reine Vernunfterkenntniss) zwar "mit höheren Geistern", die
-Kunst aber hat derselbe "allein".
-
-77. Wie das Schöne nach dieser Auffassung nur eine dem Wissen
-parallele Auffassung des Wahren und Guten, die Kunst nur eine der
-Wissenschaft parallele Darstellung von beiden, so ist die Aesthetik als
-Wissenschaft von der Vollkommenheit der sinnlichen Erkenntniss nach
-dieser zuerst von Baumgarten aufgebrachten, von den platonisirenden
-Aesthetikern des nachkantischen Idealismus (Schelling, Hegel und
-ihren Schulen) adoptirten Auffassung eine Paralleldisciplin der
-Logik als Wissenschaft von der Vollkommenheit der reinen Vernunft-
-und Verstandeserkenntniss. Indem sich dieselbe zur Aufgabe setzt,
-das niedere Erkenntnissvermögen, den Sinn, als Erkenntnissorgan
-zur Vollkommenheit zu bringen, steckt sich dieselbe ein Ziel,
-welches nachher die von Mill und Anderen sogenannte inductive
-Logik mit ungleich grösserem Recht und Erfolg sich vorgesetzt
-hat. Indem dieselbe das Schöne als sinnliche d. i. zugleich ver-
-und entschleiernde Hülle desselben Wahren und Guten betrachtet, von
-welchem die Wissenschaft durch Vernunft (Philosophie) die nackte und
-schleierlose Erkenntniss ist, setzt sie dasselbe zu einem Nothbehelf,
-zu einer Staarbrille herab, da das operirte Auge des Sehendgewordenen
-den selbst leuchtenden Glanz der Idee nicht aushält.
-
-78. Weder Beliebigkeit des Gehalts, noch dessen an sich vorhandene
-Trefflichkeit, also überhaupt nicht Beschaffenheit des Gehalts macht
-den Schein zum Schönen. Ersteres nicht, weil sonst jeder Schein schön,
-das Zweite nicht, weil der Schein, um schön zu sein, aufhören müsste zu
-scheinen, das Dritte nicht, weil der Schein, wenn er Gehalt besässe,
-nicht Schein sondern Erscheinung wäre. Sehen wir aber beim Schein
-(Bild) von der Forderung eines hinter demselben verborgenen Gehaltes
-(Sinn) ab, so dass nur jener (das vorschwebende Bild) und der, dem
-er scheint (das Subject, dem das Bild vorschwebt), übrig bleibt, so
-kann, da nicht jeder Schein schön ist, der Grund, um deswillen einiger
-Schein schön ist, anderer nicht, nur entweder in der Beschaffenheit
-des Scheins als Schein, oder in der Desjenigen, dem er scheint (des
-ästhetischen Subjects) gefunden werden.
-
-79. Ersterer Fall schliesst in sich, dass der schöne Schein als
-Schein gewisse Eigenschaften besitze, die dem nichtschönen abgehen;
-letzterer Fall erheischt, dass das ästhetische Subject, dem nur schöner
-Schein scheint, von demjenigen, dem auch unschöner vorschwebt, der
-Art nach verschieden, beziehungsweise das erstere vor dem letzteren
-bevorzugt, sozusagen ein ästhetisches "Sonntagskind" sei. Aus dem
-ersteren folgt, dass der Aesthetik die Aufgabe erwachse, die dem
-Schein als Schein nothwendigen Eigenschaften, um schön zu sein,
-aufzuspüren; aus dem letzteren folgt, dass es ein Mittel geben
-müsse, das wirkliche von dem vermeintlichen, entweder sich selbst
-betrogener- oder betrügerischerweise dafür ausgebenden oder von Anderen
-fälschlicherweise dafür gehaltenen "Sonntagskind" d. h. das echte,
-geborene Genie (den künstlerischen Edelstein) von dem unechten,
-nachgemachten oder sich selbst dazu machenden Aftergenie (dem
-pierre-de-Strass der Kunst) zu unterscheiden.
-
-80. Letzteres kann in nichts anderem bestehen, als in dem Nachweis,
-dass das einem gewissen Subject schön Scheinende wirklich schön
-d. h. dass das für ein ästhetisches Genie sich ausgebende oder dafür
-gehaltene Subject wirklich ein solches sei. Dieser Nachweis kann
-aber nicht dadurch geführt werden, dass der Ursprung des fraglichen
-Scheins aus diesem fraglichen Subject erwiesen wird, denn eben, ob
-dieses Subject als solches Genie sei, ist die Frage. Die Schönheit des
-dem genannten Subject vorschwebenden Scheins muss daher unabhängig
-von dessen Ursprung aus jenem Subject d. h. dieselbe kann nicht
-(historisch) durch den Hinweis auf den Ursprung, sondern sie muss
-(philosophisch) durch den Hinweis auf die Beschaffenheit des Scheins
-dargethan werden.
-
-81. Nicht die Person des Gesetzgebers rechtfertigt das Gesetz; die
-Güte des Gesetzes bewährt vielmehr den Gesetzgeber. Ist diejenige
-Beschaffenheit, welche den Schein zum Schönen macht, an sich erkannt,
-so ist damit auch der Massstab zur Beurtheilung des Anspruchs
-des Subjects, dem er scheint, gegeben, für ein aesthetisches zu
-gelten: nicht umgekehrt. Wie diejenige Aesthetik, die den durch
-die sinnliche Hülle hindurchscheinenden Gehalt zum Massstab der
-Schönheit nimmt, didaktischen, so nimmt diejenige Form derselben,
-welche die Offenbarungen des wahren oder blos vermeintlichen Genius
-zur Norm für die Nachahmung erhebt, positiven (historischen) Charakter
-an. Jene bewundert das Schöne, weil es wahr oder gut, diese, weil
-es Product dieses oder jenes (mit Recht oder Unrecht) bewunderten
-Geistes ist. Der wahre Grund der Bewunderung des Schönen kann aber
-weder in dem Umstand, dass es Erscheinung eines Gehalts, noch in dem,
-dass es Schöpfung eines gewissen (Einzel-, Volks-, Zeit-) Geistes ist,
-sondern muss in dem Besitz derjenigen Eigenschaften gesucht werden,
-die es zum Schönen machen.
-
-82. Weder die theologisirende, noch die metaphysicirende, am wenigsten
-die moralisirende Aesthetik, welche einen der Kunst fremden, und
-ebensowenig der ästhetische Positivismus oder Historismus, welcher
-eine einzelne positive oder geschichtlich gegebene Erscheinung
-der Kunst (z. B. die Antike oder die mittelalterliche Kunst) zum
-allgemein giltigen Massstab des Schönen erheben will, stellt die
-wahre Form dieser Wissenschaft dar. Diese kann nur von der Betrachtung
-derjenigen Eigenschaften, welche das Schöne als Schein -- abgesehen
-ebenso von dessen möglicher oder wirklicher Bedeutung für einen
-ausserhalb desselben gelegenen Gehalt, wie von dessen Ursprung aus
-einem schöpferischen Subject -- an sich (objectiv) besitzt, ihren
-streng wissenschaftlichen Ausgang nehmen.
-
-83. Aesthetik als Wissenschaft ist daher weder materiale, den Schein
-auf ein Sein beziehende, noch historische, den Schein seinem Ursprung
-nach erklärende, sondern wesentlich formale, den Schein als Schein
-behandelnde Wissenschaft. Da sich nun, wenn, wie gefordert, sowol
-von der Bedeutung, wie von dem Ursprung des Scheins abgesehen wird,
-an diesem nichts weiteres unterscheiden lässt, als wie derselbe und
-was an demselben scheint, so kann die dem Schein als Schein zugewandte
-Betrachtung wesentlich keine anderen als diese zwei Gesichtspunkte
-umfassen.
-
-84. Ersterer, welcher das Wie d. i. die Lebendigkeit, Kraft,
-Energie, Reichthum, Fülle und Mannigfaltigkeit des Scheins oder deren
-Gegentheile ins Auge fasst, kann der Gesichtspunkt der Quantität,
-letzterer, welcher die Einheitlichkeit oder Gegensätzlichkeit, innere
-Uebereinstimmung oder Widerstreit des Scheins zum Objecte hat, der
-qualitative heissen. Jener umfasst das Verhältniss, in welchem das
-Quantum des vorschwebenden Scheins zu der aufnahmsfähigen Capacität
-des ästhetischen Subjects steht, letzterer begreift die Verhältnisse,
-in welchen entweder der vorschwebende Schein seinem Was nach zu einem
-ausserhalb desselben gelegenen Sein steht, oder, da nach dem Obigen von
-einem solchen hier abgesehen werden muss, diejenigen, in welchen die
-Theile des Scheins ihrem Was nach zu- und untereinander stehen. Nach
-dem ersteren wird der starke vom schwachen, der reiche vom dürftigen,
-der geordnete vom ordnungslosen Schein, nach diesem werden im Inhalt
-des Scheins gleiche und ungleiche, verträgliche und unverträgliche,
-harmonische und disharmonische Theile unterschieden.
-
-85. In Bezug auf das Wie steht der starke d. i. mit einem hohen Grad
-von Lebhaftigkeit dem ästhetischen Subject vorschwebende Schein
-dem schwachen d. i. nur mit einem geringen Grad von Lebhaftigkeit
-im Bewusstsein vorhandenen; der reiche, einen grössern Raum im
-Bewusstsein mit mannigfaltigem Inhalt ausfüllende Schein dem dürftigen,
-mit einförmigem Inhalt erfüllten; der in sich zusammenhängende und
-geordnete dem zusammenhangslosem und in sich ordnungslosem Schein
-gegenüber: so dass je der erstere, wenn von dem Was des Vorschwebenden
-abgesehen und nur das Wie des Vorschwebens im Auge behalten wird,
-vor dem letzteren -- was den die Vorstellung des Scheins im Gemüth
-begleitenden Zusatz des Wohlgefallens oder Missfallens betrifft -- den
-Vorzug hat. Wird lebhafterer Vorstellungsinhalt mit minder lebhaftem
-nur in Bezug auf den Grad der Lebhaftigkeit beider verglichen, so
-gefällt der erstere neben dem letzteren, missfällt der letztere
-neben dem ersteren unbedingt, welches auch immer der Inhalt des
-Vorschwebenden selbst oder die sonstige, individuelle Gemüths- und
-Geistesbeschaffenheit des Subjectes sei, dem er vorschwebt. Aus diesem
-Grunde gefällt die sinnliche Vorstellung mehr als die unsinnliche, das
-Bild mehr als der Begriff, die anschauliche Vorstellung mehr als die
-abgezogene, die concrete mehr als die abstracte; aber auch dasjenige,
-was "in kürzester Zeit die grösste Menge von Vorstellungen anregt"
-(worin Hemsterhuis und Goethe das Wesen des Schönen fanden) mehr als
-dasjenige, das in verhältnissmässig langem Zeitraum verhältnissmässig
-wenig Vorstellungen erzeugt, dasjenige, welches das Vorstellen in
-gesetzlicher und geregelter Weise beschäftigt, mehr als dasjenige,
-durch welche dasselbe in sprunghafte und verworrene Thätigkeit geräth.
-
-86. Der Grund des Gefallens in dem einen, des Missfallens in dem
-anderen Falle liegt in der naturgesetzlichen Beschaffenheit des
-Bewusstseins. Wird das Vorstellen in eine seiner Natur angemessene
-Bethätigung versetzt, so entsteht ein Lust-, findet das Gegentheil
-statt, ein Unlustgefühl. Da nun die lebhafte d. i. mit einem höheren
-Grade von Intensität vorgestellte Vorstellung das Vorstellen in einem
-höheren Grade beschäftigt als dies bei der minder lebhaften d. i. mit
-einem geringeren Grade von Intensität vorgestellten Vorstellung der
-Fall ist, so dass die Differenz der Intensitätsgrade beider auf der
-Bewusstseinsscala sich wie die Differenz der Wärme-Intensitäten auf
-der Thermometerscala ablesen lässt, so folgt, dass das Vorstellen
-der lebhafteren von einem höheren, jenes der minderen Intensität von
-einem geringeren Lustgefühl begleitet sein muss, welches letztere,
-nur mit dem ersteren verglichen, als relatives Unlustgefühl sich
-herausstellt. Dasselbe muss bei dem reicheren und mannigfaltigeren
-verglichen mit dem dürftigeren und einförmigeren Vorgestellten der
-Fall sein, indem das erstere das Vorstellen nicht nur quantitativ,
-sondern auch qualitativ mehr beschäftigt als das letztere; und eben
-dies bei dem in sich zusammenhängenden und gesetzmässigen Vorgestellten
-im Gegensatze zu dem in sich zerrissenen und lückenhaft Vorgestellten,
-indem das erstere das Vorstellen in einem naturgemässen und sich aus
-sich selbst entwickelnden Gange erhält, das letztere dasselbe durch
-seine Zusammenhanglosigkeit nöthigt, seinen Gang zu unterbrechen,
-sowie durch seine Sprunghaftigkeit, seine bisherige Richtung plötzlich
-und gewaltsam abzubrechen und eine neue durch nichts vorbereitete
-und vermittelte Richtung einzuschlagen. Von der Unlust, die das
-Bewusstsein durch den Mangel oder die Monotonie des Vorstellungsinhalts
-erleidet, gibt das Gefühl der Langenweile -- von der Unlust, welche die
-gezwungene Unterbrechung oder das gewaltsame Abbrechen der bisherigen
-Vorstellungsreihe mit sich führt, gibt der Widerwille Zeugniss, den
-das Anhören eines zusammengewürfelten Vortrags oder das Auffassen
-einer regellosen Körpergestalt dem Vorstellenden einflösst.
-
-87. Aus der Natur des Bewusstseins folgt es auch, dass weder der
-Intensitätsgrad, noch die Fülle des dem Vorstellen Dargebotenen eine
-gewisse äusserste Grenze der Leistungsfähigkeit desselben überschreiten
-darf. Das "nicht zu gross" und "nicht zu klein", worin Aristoteles
-in seinem bekannten Beispiel von dem hundert Stadien langen Thiere
-das Wesen des Schönen findet, hat seine Geltung nicht sowol in Bezug
-auf die Grenzen des vorzustellenden Objects, als vielmehr auf jene
-des vorstellenden Bewusstseins. Was diese überschreitet, kann nicht
-mehr vorgestellt werden, so dass an die Stelle der wachsenden Lust,
-welche die steigende Bethätigung des Vorstellens nach sich zieht,
-die wachsende Qual des Bewusstseins tritt, welche das mit jedem
-neuen Ansatz sich steigernde Gefühl des Unvermögens vorzustellen,
-hervorruft. Auf der letzteren beruht das niederdrückende Gefühl,
-welches den Eindruck des Erhabenen d. i. eines solchen begleitet,
-dessen Vorstellung eine Entwicklung von vorstellender Kraft erheischt,
-welche weit über die Schranken jedes endlichen, also auch unseres
-eigenen Vorstellens, hinausreicht.
-
-88. Wie das Vorstellen des Erhabenen, weil es den Vorstellenden
-an die Grenze seines Vermögens vorzustellen mahnt, von einem
-Unlust-, so ist die Vorstellung des Grossen, weil sie denselben
-seiner weitreichenden Fähigkeit vorzustellen innewerden lässt,
-von einem Lustgefühl begleitet. Denn da eine Grösse als Summe von
-Einheiten nicht anders vorgestellt werden kann, als indem diese Summe
-d. h. indem diese Einheiten nach einander vorgestellt werden, so ist
-bei jeder Vorstellung einer solchen die Bethätigung des Vorstellens,
-folglich die aus derselben folgende Lust um so grösser, je grösser jene
-Summe d. h. je zahlreicher die nach einander vorgestellten Einheiten
-sind. Aus diesem Grunde gefällt das Grössere neben dem Kleineren, weil
-es dem Vorstellen mehr, missfällt das Kleinere neben dem Grösseren,
-weil es dem Vorstellen weniger Beschäftigung, jenes dem Vorstellenden
-mehr, dieses ihm minder Lust gewährt. Weil aber die Fähigkeit des
-Vorstellens in quantitativer Beziehung ihre Grenze, so hat auch das
-Grosse nach der einen, das Kleine nach der entgegengesetzten Richtung
-eine solche, jenseits welcher es vorstellbar zu sein, und folglich
-das eine zu gefallen, das andere zu missfallen aufhört. Das in schönen
-Verhältnissen gebaute Thier des Aristoteles hört, obgleich alle seine
-Proportionen dieselben bleiben, sobald es zu einer Länge von hundert
-Stadien ausgedehnt und zur Höhe eines Gebirges erwachsen vorgestellt
-werden soll, auf, übersehbar und folglich auch, schön zu sein.
-
-89. Vom quantitativen Gesichtspunkt aus gilt daher für eine ästhetische
-d. i. eine unbedingt wohlgefällige Welt der Satz, dass (innerhalb
-der dem Bewusstsein gesteckten Grenzen des Vorstellens) das Grosse
-ohne Unterschied des Stoffs, in welchem, wie des Objects, an welchem
-dasselbe sich findet, unbedingt d. h. Jedermann und jederzeit gefalle,
-das Kleine (unter der gleichen Einschränkung) ebenso missfalle. Beides,
-das Lustgefühl, welches die Betrachtung des Grossen, wie das
-Unlustgefühl, welches die des Kleinen erweckt, sind reine Gefühle;
-das Gefühl, welches den Eindruck des Erhabenen begleitet, ist ein
-gemischtes Gefühl, indem es einerseits in Folge der oben geschilderten
-Unvorstellbarkeit des erhabenen Objects ein Unlust-, andererseits eben
-der jener Unvorstellbarkeit wegen vermutheten unendlichen d. i. jedes
-Mass überschreitenden Grösse des erhabenen Gegenstandes halber ein
-Lustgefühl enthält. Aus diesem Grunde bewundern wir das Erhabene,
-aus jenem Grunde verzweifeln wir an uns selbst; das Erhabene gefällt,
-indem wir selbst uns missfallen; jenes erscheint über jedes uns
-erreichbare Mass hinaus gross, während wir selbst ihm gegenüber uns
-über jedes denkbare Mass hinaus klein erscheinen.
-
-90. Was den qualitativen Gesichtspunkt betrifft, so gilt der Satz,
-dass das Was des Scheins, da dasselbe ein ästhetisches sein soll,
-von einem beifälligen oder missfälligen Zusatz im Vorstellenden,
-da dasselbe ein schönes sein soll, von dem gleichen Zusatz in jedem
-Vorstellenden begleitet sein muss. Ohne das erste wäre das Vorgestellte
-dem Vorstellenden gleichgiltig; ohne das letztere wäre der Zusatz
-von einem Vorstellenden zum andern, ja in demselben Vorstellenden von
-Zeitpunkt zu Zeitpunkt veränderlich. Gleichgiltiger Vorstellungsinhalt
-aber ist nicht ästhetisch; veränderliches d. i. vom Vorstellenden zum
-Vorstellenden oder im Vorstellenden selbst wechselndes Wohlgefallen
-oder Missfallen aber ist nicht unbedingtes d. h. allgemeines und
-nothwendiges Wohlgefallen oder Missfallen. Bei völlig gleichgiltigem
-Vorstellen wäre überhaupt keine Aesthetik, bei dem Mangel eines
-allgemeinen und nothwendigen Gefallens oder Missfallens d. h. bei der
-Abwesenheit einer allgemeinen und nothwendigen Norm für Gefallen und
-Missfallen aber doch keine Aesthetik als Wissenschaft möglich.
-
-91. Das Was des ästhetisch Vorgestellten darf daher, da dessen
-begleitender Zusatz im Vorstellenden überall (d. h. in jedem
-Vorstellenden) und jederzeit (d. h. bei jeder Wiederholung seines
-Vorgestelltwerdens) derselbe sein soll, nicht als Ziel und Inhalt
-eines Begehrens (Begierde, Wunsch, Wollen) vorgestellt werden. Denn da
-alles, was überhaupt begehrt wird, sobald dieses Begehren Befriedigung
-erlangt, ein Lustgefühl nach sich zieht, so würde, wenn der Zusatz des
-Gefallens eines gewissen Vorstellungsinhalts blos von dem Umstände
-abhinge, dass dessen Vorgestelltes begehrt wird, überhaupt jeder
-beliebige Vorstellungsinhalt ohne Unterschied gefallen, weil und
-so lange, sowie demjenigen, von dem er begehrt wird. Und da sich
-in keiner Weise vorhersagen lässt, was unter gewissen Umständen
-Object eines gewissen Begehrens werden könne, da überhaupt jede
-gegen Hemmnisse im Bewusstsein aufstrebende Vorstellung Sitz eines
-(bisweilen sehr heftigen) Begehrens werden kann, so wäre es ebenso
-unmöglich, vorherzusagen, ob und welcher Vorstellungsinhalt, sowie
-wem er unter Umständen gefallen werde, woraus der Spruch, dass sich
-über den Geschmack nicht streiten lasse, entstanden ist.
-
-92. Nicht alles Gefallende wird begehrt, aber alles, wodurch ein
-Begehren befriedigt wird, gefällt. Das höchste und reinste Gefallen
-ist dasjenige, welches durch keinerlei Beisatz eines (sinnlichen oder
-idealen) Begehrens getrübt, verunreinigt oder auch nur von einem
-solchen begleitet wird; "die Sterne, die begehrt man nicht". Das
-Gefallen, das nur unter Voraussetzung eines Begehrtwerdens entspringt,
-bleibt dagegen aus, wenn das letztere mangelt. Ein allgemeiner
-und nothwendiger Zusatz von Gefallen oder Missfallen kann aus dem
-zufälligen und individuellen (bestenfalls particulären) Umstand
-des Begehrt- oder Verabscheutwerdens nicht abgeleitet werden. Das
-nur bedingt d. h. unter Voraussetzung einer Begierde Wohlgefällige
-d. h. das nur subjectiv Angenehme, oder, da alles, was als Gegenstand
-einer Begierde oder als Mittel zu deren Befriedigung gilt, dem
-Begehrenden nützlich, dessen Gegentheil schädlich scheint, das
-Nützliche ist kein Gegenstand der Aesthetik.
-
-93. Aber auch das nicht subjectiv sondern objectiv d. h. ohne
-Voraussetzung eines Begehrtwerdens Angenehme ist als solches noch nicht
-ein Gegenstand der Aesthetik. Denn zu dieser, damit sie Wissenschaft
-sei, ist erforderlich, dass sich das Aesthetische d. h. das von
-einem beifälligen oder missfälligen Zusatz unbedingt (bei Allen und
-in allen Fällen) Begleitete nicht blos fühlen (d. h. dunkel), sondern
-wissen (d. h. klar und deutlich vorstellen und in Worten aussprechen)
-lasse. Das Angenehme aber hat die Eigenschaft, dass dessen Inhalt
-mit dem begleitenden Zusatz (dem Lustgefühl) ununterscheidbar
-zusammenrinnt, wie das Gleiche auch bei dessen Gegentheil, dem
-Unangenehmen mit der dieses begleitenden Unlust (dem Schmerzgefühl)
-der Fall ist. Das Angenehme der einzelnen Ton- oder Lichtempfindung
-lässt sich nicht definiren, der Sitz und der Grund des Schmerzgefühls
-(Kopf-, Zahnschmerz) sich aus diesem nicht herauslesen. Der Inhalt
-des objectiv d. h. aus dem Vorgestellten selbst, nicht aus der
-subjectiven Gemüthslage des Vorstellenden entspringenden Lust- oder
-Schmerzgefühls ist zwar unbedingt, aber nicht wissbar, also kein
-Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntniss.
-
-94. Während sonach das einzelne Angenehme oder Unangenehme zwar
-Gegenstand eines Lust- oder Unlustgefühls, von diesem selbst gesondert
-aber nicht vorstellbar ist, sind die zwei oder mehreren Vorstellungen,
-aus deren gegenseitiger Beziehung oder Verhalten (ratio) ein auf dieses
-bezügliches und die Beschaffenheit desselben zum Ausdruck bringendes
-Lust- oder Unlustgefühl entspringt, sehr wol jede für sich und von
-jenem Gefühl abgesondert angebbar. In jenem Fall ist das Gefühl ein
-solches, das aus der Beziehung eines gewissen Vorstellungsinhalts
-(z. B. einer Ton- oder Farbenempfindung) zum vorstellenden Subject,
-in diesem Fall ein solches, das aus der Beziehung zweier oder
-mehrerer Vorstellungen (z. B. Ton- oder Farbenempfindungen) zu und auf
-einander im Vorstellenden entspringt. Dass jener einzelne Ton oder die
-einzelne Farbe gefalle oder missfalle, hängt daher wesentlich von der
-augenblicklichen oder habituellen Beschaffenheit des vorstellenden
-Subjects, dass das Verhältniss der zwei oder mehreren Töne oder
-Farben gefalle oder missfalle, dagegen ausschliesslich von der an sich
-unveränderlichen und immer sich gleich bleibenden Inhaltsbeschaffenheit
-dieser letzteren selbst ab. Da die Beschaffenheit des Subjects nun
-von Individuum zu Individuum eine andere ist, so kann folgerichtig
-das mit von derselben abhängige Gefühl von Einem zum Andern ein
-anderes d. h. derselbe Ton, dieselbe Farbe kann dem Einen angenehm,
-dem Anderen unangenehm sein. Den Beleg dafür bieten die sogenannten
-Idiosynkrasien (z. B. Mozart's Abneigung gegen den Trompetenton,
-Cäsar's und Wallenstein's Widerwillen gegen den Hahnschrei,
-die Vorliebe gewisser Individuen oder ganzer Völker für gewisse
-Klangfarben, Tonlagen, Farbentöne und Beleuchtungseffecte). Wirkungen
-dieser und ähnlicher Art, die oft zu den stärksten gehören (Klang- und
-Lichteffecte) sind daher wesentlich pathologischer, durch die physische
-und psychische Beschaffenheit des vorstellenden Subjects bedingter,
-keineswegs ästhetischer, von der Beschaffenheit des Vorgestellten
-(dem Inhalt der Vorstellungen als Object des Vorstellens) abhängiger
-Natur. Die durch dieselben hervorgerufenen Gefühle können, insofern
-die sie verursachenden Vorstellungen nicht in Beziehung stehend zu
-anderen d. i. nicht als Glieder eines Verhältnisses gedacht werden,
-wol aber an sich in ein Verhältniss zu anderen treten d. h. als Stoff
-(Material) zu einem solchen dienen können, materiale oder Stoffgefühle;
-diejenigen Gefühle, welche sich auf das Verhältniss zweier oder
-mehrerer Vorstellungen d. i. auf die Verbindung derselben zu und
-unter einander, also auf deren Form beziehen, müssen dann formelle
-oder Formgefühle heissen.
-
-95. Nur die letzteren bilden die Grundlage der Aesthetik als
-Wissenschaft. Da die Verhältnisse zweier oder mehrerer Vorstellungen zu
-einander, insofern sie nur von deren Inhalt abhängen, so lange dieser
-Inhalt derselbe bleibt, immer dieselben sein müssen; da ferner die oben
-bezeichneten Formgefühle nichts anderes als die sich mit ihren Ursachen
-deckenden Effecte jener Verhältnisse im Bewusstsein sind, so folgt,
-dass dieselben Verhältnisse auch allezeit und in Jedermann dieselben
-Gefühle zur Folge haben werden d. h. dass die zwischen gewissen
-Vorstellungen ein für allemal ihrem Inhalt nach bestehenden Beziehungen
-allezeit und bei Jedermann von demselben Zusatz des Wohlgefallens oder
-Missfallens begleitet d. h. objective d. i. unbedingt wohlgefällige
-oder missfällige Formen sein werden. Von dieser Art ist z. B. das
-nur von dem Inhalt der beiden Töne, des Grundtons und der Quinte,
-abhängige und als solches unbedingt wohlgefällige Quintenintervall;
-ein solches die nur von der Beschaffenheit der beiden Farben, Roth und
-Grün, abhängige harmonische Farbenterz; ein solches endlich der nur
-von dem Verhältniss der beiden verglichenen Gedanken, des unbildlichen
-und des bildlichen, abhängige Gedankenaccord der Metapher.
-
-96. Verbindungen derartiger beharrender Verhältnisse zwischen
-Vorstellungen mit den aus denselben entspringenden und daher ihrer
-Entstehung nach an deren Vorhandensein im Bewusstsein gebundenen
-(fixen) Formgefühlen werden, da sich die ersteren (die Verhältnisse)
-abgesondert von den letzteren (den Formgefühlen) für sich vorstellen
-lassen, also das Gefühlte mit dem Gefühl nicht in Eins zusammenfliesst,
-nicht mehr blos ästhetische Gefühle, sondern ästhetische Urtheile
-genannt. Das Subject derselben wird durch das zwischen den
-Vorstellungen herrschende Verhältniss (z. B. die Harmonie), das
-Prädicat derselben durch das darauf bezügliche Gefühl (z. B. die
-Wohlgefälligkeit) gebildet. Das Urtheil lautet in diesem Fall: die
-Harmonie zwischen a und b (d. i. den beiden im Verhältniss der Harmonie
-stehenden Tönen) gefällt. Die logische Natur dieser Urtheile besteht
-darin, dass der Umfang des Subjects und der Umfang des Prädicats unter
-einander congruent d. h. dass, so oft das Verhältniss der Harmonie,
-eben so oft auch das Wohlgefallen vorhanden ist. Dieselben sind daher,
-da ihre Subjects- und ihre Prädicatsvorstellung verschiedenen Inhalt,
-aber denselben Umfang haben, nach der logischen Idee der Aequipollenz
-identische, also unfehlbare Urtheile, und ihre Geltung d. h. die
-Behauptung, dass ein gewisses Verhältniss (z. B. die Harmonie) gefalle,
-unbedingt d. i. eben so allgemein als nothwendig.
-
-97. Das Was des ästhetischen Scheins, wenn derselbe schön
-d. h. unbedingt wohlgefällig sein soll, kann daher niemals weder der
-Inhalt einer blossen Begierde, noch eine vereinzelte Vorstellung,
-sondern muss immer ein Verhältniss zwischen mehreren d. h. dasselbe
-muss stets ein zusammengesetztes aus einer Mannigfaltigkeit von
-Theilen, welche selbst wieder Vorstellungen sind, bestehendes
-Ganze sein. Da nun zwischen Vorstellungen, welche nicht verwandten,
-d. i. disparaten Inhalts sind, zwar ein Verhältniss, eben das der
-Disparatheit, stattfindet, dieses aber, da die beiden Vorstellungen
-keine innere Beziehung auf einander haben, im Bewusstsein keinerlei
-auf sich bezügliches Gefühl erzeugt (weder Lust noch Schmerz erweckt),
-also ästhetisch indifferent d. h. dem Vorstellenden gleichgiltig ist,
-so kann das Was des schönen Scheins nur ein Verhältniss zwischen
-verwandten d. h. entweder ganz oder theilweise identischen, oder
-entgegengesetzten Vorstellungen d. h. es muss selbst entweder die
-(ganze oder theilweise) Identität oder der Gegensatz der Vorstellungen
-sein.
-
-98. In qualitativer Hinsicht ergeben sich daher für das Was des schönen
-Scheins folgende Möglichkeiten: entweder das Verhältniss zwischen den
-Theilen des Scheins, die selbst wieder Vorstellungen sind, ist das
-der völligen Identität, so dass beide dem Inhalte nach nicht, und da
-an dieser Stelle von der Intensität des Vorgestelltwerdens abgesehen
-wird, auch nicht durch dessen grössere oder geringere Lebhaftigkeit
-sich von einander unterscheiden, folglich eins und dasselbe und daher
-nach dem principium identitatis indiscernibilium eine und dieselbe
-Vorstellung sind. In diesem Falle findet zwar im strengsten Sinn
-Identität, aber kein Verhältniss zwischen den beiden statt, da zu
-jedem solchen zwei Glieder gehören, jene beiden Vorstellungen aber
-nur ein einziges ausmachen. Das Verhältniss der Identität kann daher,
-wenn ästhetisch, nur eines der theilweisen Identität sein.
-
-99. Letztere, da sie darin besteht, dass beide Theile einen Theil ihres
-Inhalts mit einander gemein haben, während der Ueberrest, da beide
-Theile inhaltsverwandt sind, gegenseitig nicht im Verhältniss der
-blossen Disparatheit stehen kann, sondern in jenem des Gegensatzes
-d. h. der gegenseitigen Ausschliessung bestehen muss, kann nun
-entweder so beschaffen sein, dass das Gemeinsame das Gegensätzliche
-oder dieses jenes überwiegt, oder dass beides sich gegenseitig
-gleichschwebend erhält. Letzterer Fall bringt, da das Identische
-sowie das Gegensätzliche in beiden das nämliche, also abermals kein
-Verhältniss zwischen mehreren, sondern nur eins und das nämliche
-(nicht zweimal, sondern ein einzigesmal) vorhanden ist, eben so wenig
-wie die strenge Identität ein wirkliches Verhältniss, sondern nur
-den Schein eines solchen hervor und muss daher ebenso wie jene aus
-der Betrachtung gelassen werden.
-
-100. Die überwiegende Identität kann nun entweder eine einseitige oder
-eine gegenseitige sein. Im ersten Falle findet der Inhalt des einen
-Gliedes sich ganz im Inhalt des zweiten, aber nicht umgekehrt dieser
-in jenem wieder. Im zweiten Fall enthält der Inhalt jedes der beiden
-Glieder etwas, das ihm mit dem Inhalt des andern gemeinsam, während
-der Rest des einen dem Reste des andern entgegengesetzt ist. Beide
-Glieder des Verhältnisses verhalten sich so, dass im ersten Fall
-eines das andere, aber nicht umgekehrt, im zweiten Fall dagegen
-jedes das andere abbildet. Und zwar verhält sich im ersten Fall
-dasjenige Glied, welches im andern ganz, in welchem aber das andere
-nur zum Theile enthalten ist, zu diesem anderen wie das Nachbild zum
-Vorbild, die Copie zum Original, wie denn auch das getreueste Porträt
-selbst dann, wenn es alle Züge der Individualität auf das genaueste
-ausprägt, hinter dieser noch um das Merkmal der wirklichen Belebtheit
-zurücksteht. Im zweiten Fall dagegen stellen beide Glieder dem Inhalt
-nach Unterarten eines dritten, des beide verknüpfenden Gemeinsamen
-(tertium comparationis) dar, zu welchem jedes derselben im Verhältnisse
-des Vorbildes zum Nachbilde steht.
-
-101. Ausdruck der überwiegenden, sei es einseitigen, sei es
-gegenseitigen Identität im Bewusstsein ist ein Lust-, wie jener des
-überwiegenden Gegensatzes ein Unlustgefühl. Ersteres entsteht, indem
-die gleichzeitig im Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen des in ihnen
-enthaltenen Identischen halber mit einander zu verschmelzen, letzteres,
-indem dieselben des in ihnen enthaltenen Gegensatzes halber sich von
-einander gesondert zu halten streben. Jenes wie dieses Streben ist
-der Ausdruck eines psychischen Naturgesetzes, kraft dessen ihrem
-Inhalt nach ähnliche Vorstellungen einander zu verstärken, ihrem
-Inhalt nach entgegengesetzte einander gegenseitig zu hemmen gezwungen
-sind. Wenn daher in dem Inhalt zweier im Bewusstsein gleichzeitig
-vorhandenen Vorstellungen das Identische das Gegensätzliche überwiegt,
-so gewinnt auch das Streben nach Vereinigung beider durch Verschmelzung
-naturgemäss die Oberhand über das Streben nach Trennung beider
-durch Hemmung d. h. die Verschmelzung wird erleichtert; überwiegt
-dagegen das Gegensätzliche das Identische, so gewinnt das Streben
-nach Auseinanderhaltung Oberwasser, die Verschmelzung wird erschwert
-oder gänzlich gehindert. Ausdruck der Erleichterung wird das Lust-,
-jener der Erschwerung das Unlustgefühl.
-
-102. Den empirischen Beweis für die vorstehende Erklärung liefert
-die Thatsache der Wohlgefälligkeit harmonischer d. i. solcher Ton-
-und Farbenverhältnisse, deren Glieder überwiegend identisch, sowie
-der Missfälligkeit solcher, deren Glieder überwiegend entgegengesetzt
-sind. Seitdem durch die physiologischen Theorien des Sehens wie des
-Hörens (von Helmholtz, Young u. A.) erwiesen ist, dass die früher
-(z. B. von Herbart) sogenannten einfachen Sinnesempfindungen als
-Elemente des Bewusstseins keineswegs einfach, sondern selbst aus
-einer Summe gleichzeitig vernommener elementarer Sinneseindrücke
-zusammengesetzt sind, handelt es sich bei dem Verhältniss zwischen
-solchen, wie es die Ton- und Farbenintervalle sind, nicht mehr um
-eine Beziehung zwischen einfachen (theillosen), sondern zwischen
-zusammengesetzten (aus Theilen bestehenden) Gliedern. Während es,
-wenn die Glieder eines (harmonischen oder disharmonischen) Ton- oder
-Farbenverhältnisses einfache sind, schlechthin unerklärlich bleibt,
-warum dieselben gefallen oder missfallen, wird die Begründung
-dieser empirischen Thatsache unter der Voraussetzung, dass jene
-Glieder aus Theilen bestehen, dadurch ermöglicht, dass gewisse (mehr
-oder minder zahlreiche) dieser Theile in beiden Gliedern dieselben
-seien. Ueberwiegt die Anzahl der beiden gemeinsamen Bestandtheile jene
-der in beiden einander entgegengesetzten, so muss ein wohlgefälliges,
-findet das Gegentheil statt, ein missfallendes Verhältniss sich
-ergeben.
-
-103. Die Theorie der Obertöne in der Musik (Helmholtz), jene der
-gleichzeitigen Erregung der complementären Farben in der Optik
-(Young, Hering u. A.) gibt das Beispiel her. Da jeder Ton, der gehört,
-d. i. mittels des Ohres empfunden wird, kein abstracter, sondern ein
-concreter d. i. mittels eines gewissen Instruments, als welches auch
-das menschliche Stimmorgan gelten muss, hervorgebrachter ist und als
-solcher eine charakteristische, von der Beschaffenheit der Tonquelle
-herrührende Färbung, die sogenannte Klangfarbe, besitzen muss, so
-wird mit jedem empfundenen Ton nothwendig zugleich dessen Klangfarbe
-d. i. die denselben begleitende Wirkung der specifischen Natur des
-ihn erzeugenden Organs vernommen. Helmholtz nun hat gezeigt, dass die
-Wirkung, die wir Klangfarbe nennen, nichts anderes sei, als die Summe
-gewisser, jeden durch irgend eine Tonquelle erzeugten abstracten Ton
-(Grundton) begleitenden secundären Töne (Obertöne), deren akustischer
-Werth und numerische Menge je nach der Art der Tonquelle verschieden,
-z. B. bei dem Geigenton eine andere als bei dem Clavierton, bei der
-Alt- eine andere als bei der Sopranstimme u. s. w. ist. Werden daher
-gleichzeitig verschiedene Töne, deren jeder seine Klangfarbe besitzt,
-vernommen d. h. werden statt zweier abstracter Tonempfindungen zwei
-Summen von Tonempfindungen vernommen, deren jede aus der Empfindung des
-Grundtons und den Empfindungen seiner Obertöne zusammengesetzt ist, so
-kann nur zweierlei stattfinden: entweder beide Summen der Empfindungen
-haben nicht nur gemeinschaftliche, sondern so viele gemeinschaftliche
-Bestandtheile, dass im Gesammteindruck der Eindruck der identischen
-Tonempfindungen jenen der entgegengesetzten Tonempfindungen überwiegt,
-oder dieselben haben gar keine oder so wenig Tonempfindungen gemein,
-dass im Gesammteindruck der Eindruck der identischen gegen den der
-nicht-identischen Tonempfindungen (d. i. solcher, deren Töne nicht
-zusammenfallen, Schwebungen) verschwindet. Im ersten Fall consoniren,
-im zweiten dissoniren die Töne.
-
-104. Consonanz (Harmonie) und Dissonanz (Disharmonie) der
-Tonempfindungen hängt demzufolge von deren überwiegender Identität
-oder dem Gegensatz des Inhalts derselben ab. Da nun bei den
-Farbenempfindungen das Analoge stattfindet, indem eben so wenig wie
-der abstracte Ton, die abstracte Farbe empfunden wird, so lässt sich
-vermuthen, dass auch zwischen der Begründung der Farben- und jener
-der Tonharmonie Analogie sich einstellen werde. Jede empfundene Farbe
-ist eine concrete, die unter dem Einfluss einer specifischen dieselbe
-bedingenden Lichtquelle (z. B. des Sonnenlichts, des Mondlichts, des
-Kerzen- oder Lampenlichts) entstanden ist und die Spur dieser letzteren
-in einer charakteristischen Eigenthümlichkeit, dem sogenannten
-Farbenton, errathen lässt. Jede Farbenempfindung aber ist zugleich,
-physiologisch betrachtet, keine vereinzelte, sondern das gleichzeitige
-Resultat der gleichzeitigen Erregungen des Sehorgans durch das dieses
-letztere berührende Licht, so dass gleichzeitig alle in dem letzteren
-enthaltenen Farben des Spectrums in jenem angeregt und in Folge dessen
-empfunden werden. Ist z. B. das auffallende Licht Sonnenlicht, in
-welchem als Grundfarben Roth, Gelb und Blau (oder nach Andern Grün,
-Roth und Violet) enthalten sind, so werden im Auge jedesmal die jenen
-dreierlei Lichtreizen entsprechenden Vorgänge zugleich erregt und
-daher auch in Folge dessen alle drei Farben zugleich empfunden. Der
-Unterschied, dass in dem einen Fall die Empfindung als Roth, in dem
-andern als Blau bezeichnet wird, obgleich in dem ersteren neben dem
-Roth nothwendig auch Blau und Gelb, also Grün -- in dem letzteren Falle
-neben dem Blau auch Roth und Gelb, also Orange empfunden worden sein
-musste, liegt nur darin, dass in dem einen Fall der rothe Lichtreiz
-den blauen und gelben, in dem andern Fall der blaue Lichtreiz den
-rothen und gelben, und folglich sowol der Erregungszustand des Auges,
-in welchen dasselbe durch rothes und blaues Licht versetzt ward,
-die anderen gleichzeitigen Erregungszustände, wie die Empfindung Roth
-und Blau, welche durch jenen Erregungszustand hervorgerufen ward, die
-anderen mit ihr gleichzeitigen Empfindungen an Intensität übertraf,
-letztere also durch jene in latenten Zustand versetzt, d. i. für das
-Bewusstsein verdunkelt wurden. Dass dieselben ihrer Latenz ungeachtet
-thatsächlich vorhanden waren, beweisen die von Goethe und Purkyne
-sogenannten subjectiven Farbenerscheinungen d. i. das Hervortreten
-des complementären Farbenbildes, nachdem durch längeres Anhalten des
-ursprünglichen das Auge für den bezüglichen Farbenreiz abgestumpft
-worden ist. Die stärkste unter den gleichzeitigen Farbenempfindungen,
-nach welcher a potiori die Benennung derselben erfolgt, z. B. in
-obigen Fällen die Empfindung Roth und die Empfindung Blau, können nach
-Analogie der Grundtöne als Grundfarben, die der gleichzeitigen, aber
-durch sie in den Hintergrund gedrängten Lichtreize können nach Analogie
-der Obertöne als Oberfarben (Nebenfarben) bezeichnet werden. Letztere
-machen zusammen, wie obige Beispiele zeigen, stets die Empfindung
-der complementären Farbe aus (Grün, wenn als Grundfarbe Roth, Orange,
-wenn als Grundfarbe Blau empfunden wird) und die Nuance, welche die
-Empfindung des Rothen dadurch empfängt, dass mit ihr zugleich mehr
-oder weniger latent nothwendig Grün empfunden werden muss, kann, wenn
-die Beimischung einen erheblichen Grad erreicht, als Farbenstich, und
-zwar des Rothen entweder in's Grüne als ganze, oder in's Blaue oder
-Gelbe als Bestandtheile der grünen Mischfarbe charakterisirt werden.
-
-105. Treten daher unter Voraussetzung derselben Lichtquelle zwei
-Farbenempfindungen gleichzeitig oder nach einander in's Bewusstsein,
-so ist jede derselben nicht einfach, sondern zusammengesetzt, und zwar
-aus der Empfindung der Grundfarbe und jener der Oberfarbe; trifft es
-sich nun, dass diejenige Farbe, die in der einen derselben Grundfarbe,
-in der anderen Oberfarbe ist, so sind beide Farbenempfindungen ihrem
-Inhalt nach überwiegend identisch, wie dies bei der Farbenverbindung
-Roth (dessen Nebenfarbe Grün) und Grün (dessen Nebenfarbe Roth ist) und
-ebenso bei der Verbindung Blau (dessen Nebenfarbe Orange) und Orange
-(dessen Nebenfarbe Blau ist), dagegen nicht bei der Verbindung Roth
-(dessen Nebenfarbe Grün) und Blau (dessen Nebenfarbe Orange ist)
-thatsächlich der Fall ist. Verbindungen ersterer Art können daher
-harmonische (Farbenconsonanzen), Verbindungen nicht complementärer
-Farben müssen disharmonische (Farbendissonanzen) heissen.
-
-106. Die Analogien zwischen harmonischen Ton- und dergleichen
-Farbenverbindungen sind unter Anderen von Unger weiter ausgeführt
-worden. Wie unter den ersteren Terz, Quint und Octave als Consonanzen,
-Secunde, verminderte Quart und Septime als Dissonanzen, so werden
-von ihm unter den letzteren die Terz als harmonische, die Secunde
-als disharmonische Farbenintervalle unterschieden. Dem musikalischen
-Accord als harmonischer Verbindung dreier Töne (Dreiklang) wird der
-Farbenaccord als harmonische Verbindung dreier Farben (Dreischein), der
-Vervielfältigung der Tonscala durch Erhöhung und Vertiefung der Töne
-eine ebensolche der Farbenleiter durch Erhöhung und Verminderung der
-Lichtstärke, der Unterscheidung von Klangfarben und Tongeschlechtern
-nach Ton- eine ebensolche von Farbentönen und Farbengeschlechtern
-nach Lichtquellen etc. zur Seite gesetzt.
-
-107. Wie die Consonanz auf überwiegender Identität, so beruht deren
-Gegentheil auf überwiegendem Gegensatz. Wie die leicht und anstandslos
-vor sich gehende oder allen Hemmnissen zum Trotz durchgesetzte
-Verschmelzung überwiegend identischer Vorstellungen ein in dem
-letztgenannten Fall noch beträchtlich gesteigertes Lustgefühl, so
-lässt der alles Bemühens, Entgegengesetztes zu vereinigen, ungeachtet
-immer wiederkehrende Misserfolg, der durch den als unüberwindliches
-Hemmniss sich herausstellenden Gegensatz herbeigeführt wird, ein
-nachgerade bis zur Unerträglichkeit sich steigerndes Gefühl der
-Unbefriedigung zurück. Die theilweise gleichen, aber überwiegend
-entgegengesetzten Vorstellungen werden durch das in ihnen enthaltene
-Gleiche immer wieder zu einander gezogen, durch das gleichfalls in
-ihnen enthaltene Entgegengesetzte, welches letztere überwiegt, aber
-unaufhörlich aus einander gehalten. Dieses bewirkt, dass sie nicht
-eins werden, jenes verursacht, dass sie trotzdem nicht von einander
-loskommen können. Dieses gleichzeitige sich Suchen und sich Fliehen,
-sich Festhalten und sich Verdrängen der Gegensätze bringt im Gemüth
-eine Ixionsartige Unruhe hervor, deren Bestand auf die Dauer für den
-Vorstellenden unhaltbar wird.
-
-108. Folge davon ist, dass derselbe obigen Zustand zu beseitigen sich
-entschliesst. Da dieser aber auf der gegensätzlichen Beschaffenheit des
-Inhalts und der in Folge dessen sich schlechterdings unter einander
-ausschliessenden Natur der gleichzeitig im Bewusstsein vorhandenen
-Vorstellungen beruht, folglich so lange fortwähren muss, als jener
-Inhalt derselbe bleibt, so kann obige Qual auf keine andere Weise
-beschwichtigt werden, als indem an die Stelle der gegenwärtig im
-Bewusstsein vorhandenen und demselben als mit einander unverträgliche
-gleichzeitig vorschwebenden Vorstellungen andere unter einander
-verträgliche entweder zufällig (etwa durch Versetzung in eine andere
-Umgebung, welche andere Vorstellungen bringt) treten, oder absichtlich
-(etwa durch freiwilligen Entschluss, den gegenwärtigen durch einen
-beliebigen anderen künstlich festgehaltenen Vorstellungsinhalt zu
-ersetzen) an deren Stelle geschoben werden. In beiden Fällen wird die
-Qual, die aus dem gleichzeitigen Vorhandensein unverträglicher Gedanken
-entsteht, allerdings beseitigt, aber im ersten Fall, da nur ein Zufall
-das Verschwinden der unverträglichen Vorstellungen aus dem Bewusstsein
-veranlasst hat, nur auf so lange, als nicht ein neuerlicher Zufall
-die Rückkehr derselben in das Bewusstsein herbeiführt, im zweiten
-Fall nur für den, der jenen Entschluss gefasst, sein inneres Auge
-gewaltsam gegen die wirklich im Bewusstsein gegenwärtigen Vorstellungen
-verschlossen und an die Stelle derselben künstlich andere eingeführt
-hat, und nur auf so lange, als er diesen Willen selbst oder die Kraft
-hat, denselben ins Werk zu setzen. Die auf solchem Wege herbeigeführte
-Beseitigung der Qual ist daher keine natürliche und, weil aus der
-innern Natur der im Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen entsprungen,
-Dauer verheissende, sondern dieselbe findet gleichsam "auf Kündigung"
-statt d. h. mit dem Vorbehalt, dass, sobald die durch den Zufall
-oder durch den Willen des Vorstellenden gezogene künstliche Schranke
-einmal, wie immer, aufhöre, die ursprünglichen, nicht vernichteten,
-sondern nur in Latenz versetzten unverträglichen Vorstellungen wieder
-emportauchen und dadurch die alten Wunden von neuem bluten werden.
-
-109. Ein Beispiel einer solchen, und zwar durch den Zufall beseitigten
-Qual innerlich vorhandener Gegensätze bietet die Heilung eines
-zerrissenen Gemüths durch die Abwechslung, Zerstreuung und den
-überwältigenden Eindruck, welchen Reisen, Geselligkeit und erhabene
-Gebirgsnatur in diesem herbeiführen. Ein Beispiel einer durch
-freiwilligen Entschluss "auf Zeit" bewirkten Unterdrückung der
-Unruhe, die das Bewusstsein eines widerspruchsvollen Verhältnisses
-erzeugt, bietet die Resignation, mit welcher der in einer sogenannten
-"Vernunftheirat" Befangene den Gegensatz zwischen der ersehnten und
-der thatsächlichen Beschaffenheit seiner Beziehungen zum anderen Theil
-erträgt. In beiden Fällen findet Beschwichtigung wirklich statt, aber
-im ersteren nur auf zufällige Weise, so dass mit der Rückkehr in die
-frühere Umgebung auch das frühere Gefühl des Unglücks wiederkehrt;
-in dem letztern nur auf künstliche Weise, so dass mit dem Schwach-
-oder Schwankendwerden des Entschlusses auch das volle Gefühl des
-lastenden Widerspruchs erneuert wird. Das gefundene Gleichgewicht
-ist labil, nicht stabil.
-
-110. Ein unerträglicher Zustand, das gleichzeitige Vorhandensein
-sich unter einander ausschliessender Vorstellungen im Bewusstsein,
-ist beseitigt; aber ein anderer, gleich unerträglicher, ist an dessen
-Stelle getreten. War der frühere Zustand Unruhe, so ist der jetzige
-vergleichsweise allerdings Ruhe; diese selbst aber ist nichts weiter
-als verhüllte Unruhe. Nicht wirkliche Ruhe, sondern der Schein der
-Ruhe ist an die Stelle der, obgleich latent, immer noch währenden
-Unruhe getreten; der ursprüngliche Zustand schlummert gleichsam
-unter dem künstlich geschaffenen Boden fort und harrt des Moments,
-wo er wieder hervorbrechen, den künstlich übergeworfenen Schleier
-zerreissen, den ursprünglich dagewesenen, niemals vernichteten,
-sondern nur äusserlich niedergehaltenen Zustand wieder herstellen kann.
-
-111. Von dieser Sachlage gilt, dass Schein, der sich für Sein gibt,
-auf die Dauer unhaltbar sei, und zwar gleichviel, ob der wirklich
-vorhandene Zustand im Bewusstsein, an dessen Stelle künstlich
-ein anderer gesetzt worden ist, ein an sich missfälliger oder ein
-beifälliger, das Zugleichsein einander ausschliessender oder ein
-solches mit einander übereinstimmender Vorstellungen sei. Denn
-nicht darin besteht die Unerträglichkeit, dass an die Stelle eines
-unerträglichen Zustandes ein erträglicher getreten ist, sondern darin,
-dass an die Stelle des wirklich, wenngleich latent, vorhandenen,
-ein scheinbar d. i. nur zum Scheine, vorhandener gesetzt worden
-ist. Das Unlustgefühl, das sich an das Vorhandensein zweier einander
-ausschliessender Vorstellungen im Bewusstsein knüpft, ist verschieden
-von demjenigen, welches dem Umstande gilt, dass Schein für Sein,
-ein unwahrer an die Stelle des wahren, ein gemachter an jene des
-gegebenen Zustandes eingetreten ist. Wenn das erstere aufhört, sobald
-die einander ausschliessenden Vorstellungen entweder aufhören einander
-auszuschliessen, oder gänzlich aus dem Bewusstsein geschwunden sind, so
-schwindet das letztere nicht eher, als bis der widernatürlicherweise
-hergestellte Trug, durch welchen Schein an die Stelle des Seins
-gesetzt ward, aufgelöst, der künstlich erzeugte Zustand aufgehoben
-und der ursprüngliche, widerrechtlich aus dem Bewusstsein verdrängte,
-wieder in dasselbe zurückgekehrt ist. Ausdruck dieses Verhältnisses
-ist der Satz: Schein, der sich für Sein gibt, missfällt, und zwar in
-gleichem Grade, das ursprüngliche Sein, welches durch Schein ersetzt
-worden ist, möge an sich beifällig oder missfällig d. i. der Schein,
-der durch einen andern verdrängt wurde, möge an sich schön oder
-hässlich gewesen sein. In dem einen Fall wird durch die Herstellung
-des ursprünglichen Zustandes ein wohlgefälliger, im andern Fall ein
-missfälliger Zustand erneuert; aber das Missfallen, welches sich an
-den Fortbestand eines erlogenen anstatt des wirklichen Zustandes
-heftet, wird in beiden Fällen vermieden. Alles, was sich sagen
-lässt, beschränkt sich darauf, dass durch die Wiederherstellung eines
-ursprünglichen missfälligen Zustandes zwar das Missfallen, das diesem
-gilt, nicht vermieden, aber doch ein anderes, das dem Trugbild gilt,
-beseitigt wird, während im Gegenfalle durch die Wiederherstellung eines
-ursprünglichen beifälligen Zustandes nicht blos das Missfallen an der
-Geltung blossen Scheins für Sein von Grund aus vernichtet, sondern
-zum Ueberfluss ein Beifälliges in das Bewusstsein zurückgeführt wird.
-
-112. War der ursprüngliche Zustand Dissonanz, so wird durch
-dessen Wiederherstellung ein dissonirender, war er Consonanz, ein
-consonirender erneuert; die inzwischen vorhanden gewesene Verhüllung
-des wirklich vorhandenen durch einen fälschlicherweise an dessen Stelle
-getretenen aber wird in beiden Fällen schwinden gemacht. Im ersteren
-Fall wird eine Wunde blossgelegt, die nur scheinbar geschlossen,
-aber nicht wirklich geheilt war; im letzteren Fall wird eine Heilung
-wieder als Heilung anerkannt, die fälschlicherweise für eine Erkrankung
-ausgegeben worden war. In jenem Fall ist der Schlusszustand allerdings
-Krankheit, aber der Irrthum, welcher dieselbe für Gesundheit hielt,
-wenigstens ist beseitigt. In diesem Fall hat nicht blos der Irrthum,
-welcher Heilung für Erkrankung nahm, seine Geltung eingebüsst,
-sondern der Schlusszustand ist die wirkliche Gesundheit.
-
-113. Eine Bewegung geht vor sich, die in drei Abschnitten
-verläuft. Ausgangspunkt derselben bildet der ursprünglich vorhandene,
-deren Mitte der trügerischerweise an dessen Stelle getretene, ihren
-Schluss der dem ursprünglichen gleiche, aus dessen Verdunkelung
-durch den inzwischen waltend gewesenen Druck wieder hergestellte
-Zustand. Dieselbe vollzieht sich, weil der verdunkelnde Zustand
-künstlich durch eine äussere Ursache an die Stelle des ursprünglich
-vorhandenen geschoben worden ist, nicht durch, sondern gleichsam
-im Kampfe wider die letztere, und gewinnt dadurch den Anschein,
-Selbstbewegung d. i. Resultat eines ihr selbst innewohnenden und sie
-bestimmenden Bewegungsimpulses, eines sie belebenden Lebenskeims,
-einer sie bewegenden Seele zu sein d. h. die Bewegung erscheint als
-lebendige, beseelte Bewegung.
-
-114. Ist das in obiger Bewegung Begriffene ästhetischer d. h. dem
-Vorstellenden vorschwebender, beifälliger oder missfälliger (schöner
-oder hässlicher) Schein, so gewinnt derselbe durch obigen Process
-selbst den Schein der Beseelung. Der im Bewusstsein ursprünglich
-vorhanden gewesene Schein, der von dem Vorstellenden künstlich mit
-Wissen und Willen aus demselben verdrängt und durch einen andern,
-der sich an seiner Stelle für den wahren ausgibt, ersetzt worden
-ist, aber ohne, ja wider Willen des Vorstellenden sich behauptet,
-seinerseits den ihn zu verdrängen bestimmt gewesenen Schein verdrängt
-und in's Bewusstsein wieder zurückkehrt, nimmt dadurch selbst den
-Anschein selbstständigen Lebens, inwohnender Beseelung an, löst
-sich, indem er sich gegen den Vorstellenden auflehnt, vom Willen
-desselben, also vom vorstellenden Subject ab und erscheint (nicht
-als subjectiver, sondern) als objectiver, (nicht als beherrschter,
-sondern) das Subject beherrschender, in sich selbst abgeschlossener
-und von innen heraus belebter d. i. als (scheinbar) lebendiger Schein
-oder als ästhetisches Object.
-
-115. Dasselbe ist harmonisches, wenn der mit dem Schein des
-Lebens auftretende Schein ursprünglich schöner Schein, dagegen
-ein disharmonisches, wenn derselbe ein hässlicher Schein war. Der
-ästhetische Schein, den wir als Vorstellung des Engels, ist als
-ästhetisches Object nicht mehr und nicht weniger beseelt, als der
-ästhetische Schein, den wir als Bild eines Satans bezeichnen; weder
-der eine noch der andere muss darum wirkliches Object d. i. beseelte
-Wirklichkeit und reale Geistigkeit sein. Diese, die lebendige Existenz,
-wenn sie mehr sein soll als ein Geschöpf der Einbildungskraft, gehört
-vor das Forum der Metaphysik, jene, die Existenz des Scheins der
-Lebendigkeit, die nicht mehr sein will als ein Product der Phantasie,
-fällt als solches allein unter die Jurisdiction der Aesthetik.
-
-116. In dem nothwendigen Entwicklungsgang der dramatischen Handlung
-kommt jener Schein nothwendiger Selbstbewegung des Scheins zur
-ästhetischen Erscheinung. Wie der ursprüngliche Schein aus seiner
-Verdunklung durch Ueberwindung der letztern wieder zum Vorschein,
-so kommt der ursprüngliche Thatbestand aus dessen eingetretener
-Verdunklung durch deren Ueberwindung wieder zur Klarheit. Oedipus, der
-seinen Vater erschlagen und seine Mutter geheiratet hat, aber in Folge
-seines Irrthums, dass er der Sohn des korinthischen Königspaares sei,
-weder das eine noch das andere Verbrechen verübt zu haben wähnt, wird
-durch die Macht der den trügerischen Wahn zerreissenden Verhältnisse
-zur Klarheit über sich selbst und zum Bewusstsein der thatsächlichen
-Lage d. i. der auf ihm lastenden tragischen Schuld gebracht. Der
-Brudermord im dänischen Königshause, welchen der ehebrecherische
-und kronenräuberische Mörder durch die schlaueste und künstlichste
-Veranstaltung in den Schleier des tiefsten Geheimnisses zu hüllen
-verstanden hat, wird durch den überlegenen Scharfsinn des Prinzen,
-der sich mit speculativem Tiefsinn paart und, um verborgen zu bleiben,
-sich in die Maske des Wahnsinns steckt, mit langsamer, aber durch ihre
-Ausdauer unwiderstehlicher Zähigkeit an's Licht und in der Schlinge,
-die er im Andern sich selbst gelegt, zur Bestrafung gezogen. Der
-ursprüngliche Thatbestand bildet den Anfang, die Exposition --
-die eingetretene Verdunkelung den Wendepunkt, die Peripetie --
-die Lichtung derselben und die Wiederherstellung des ursprünglichen
-Zustandes den Schluss, die Katastrophe der dramatischen Bewegung.
-
-117. Dieselbe erscheint in Folge dessen weder zufällig, noch
-willkürlich d. i. durch die Laune oder das Belieben des dichtenden
-Subjects, sondern nothwendig und naturgesetzlich d. i. wie ohne
-und unabhängig vom Willen des Dichters durch die Beschaffenheit des
-Inhalts der darzustellenden Handlung selbst, und zwar jeder folgende
-Moment durch den vorhergehenden, wie die unabänderliche Wirkung aus den
-gegebenen Ursachen herbeigeführt. Die dramatische Handlung (und zwar
-nicht blos, wie Schiller an Goethe schrieb, "die tragische") steht
-unter der Herrschaft des Causalitätsgesetzes, nach welchem bestimmte
-Ursachen bestimmte Wirkungen und gegebene Ursachen unausbleiblich ihre
-nie fehlenden Wirkungen nach sich ziehen müssen. Dieselbe gewinnt
-dadurch als ästhetisches (d. i. Scheins-) Object den Schein eines
-beseelten d. i. von innen heraus bewegten Naturobjects; wie das
-Thier, das Geschöpf der Mutter Erde, von ihr losgelöst, Leben und
-selbstständige Bewegung an den Tag legt, so scheint das dramatische
-Kunstwerk, Geschöpf der dichterischen Einbildungskraft, von dieser und
-deren Träger, dem Dichter, losgelöst, inneres Leben und selbstständige,
-von innen heraus getriebene Beweglichkeit zu besitzen.
-
-118. Was von dem dramatischen, muss von dem Kunstwerk jeder anderen
-Kunst (der epischen und lyrischen Poesie nicht weniger, wie der Ton-
-und bildenden Kunst) als ästhetischem Object gelten. Jedes derselben,
-wenn es für ein solches gehalten werden will, muss den Schein
-der Objectivität d. i. der beseelten Lebendigkeit und lebendigen
-Beseeltheit an sich tragen. Derselbe wird durch die Schönheit des
-beseelt scheinenden Objects, z. B. der Natur, keineswegs ersetzt
-(seelenlose Schönheit), durch die Abwesenheit solcher keineswegs
-aufgehoben (seelenvolle Hässlichkeit; "la belle laidron"). Das wirklich
-Beseelte hat daher vor dem ästhetischen nur scheinbar Beseelten
-zwar das Merkmal der Wirklichkeit voraus; da aber nicht diese,
-die ihrerseits für den Beschauer nur als Erscheinung in Betracht
-kommt, sondern der blosse Schein der Wirklichkeit ästhetisch ist,
-so bedeutet jener Vorzug, ästhetisch genommen, nichts und der schöne
-wirkliche Gegenstand ist daher nicht mehr und nicht minder schön als
-der blosse Schein schöner Wirklichkeit. Es wäre denn, man rechnete die
-materielle Wirklichkeit des wirklichen Schönen zu dessen ästhetischer
-statt zu dessen physischer Natur und verstünde unter ästhetischem
-d. i. dem Genuss des schönen Scheins (wie der platte Realismus und
-ästhetische Materialismus will) den materiellen d. i. den Genuss der
-schönen Materie (z. B. den physischen Genuss der weiblichen Schönheit).
-
-119. Mit der Betrachtung des überwiegend Identischen, so wie des
-überwiegend Gegensätzlichen im theilweise Identischen ist die
-Aufzählung der ästhetisch in Betracht kommenden möglichen Fälle
-zwischen dem Was des Scheins statthabender Beziehungen erschöpft. Ein
-ausschliessend Gegensätzliches, das nicht zugleich bis zu einem
-gewissen Grade identisch wäre, kann es, da nur verwandte Vorstellungen,
-also solche, deren Inhalt mehr oder weniger unter denselben Begriff
-fällt, Bestandtheile der ästhetischen Vorstellungswelt ausmachen
-können, in dieser nicht geben. Auch die am stärksten entgegengesetzten
-Elemente der letzteren, die sogenannten contrastirenden oder
-einander contraponirten (Contrast und Contrapost) Vorstellungen
-(wie Riese und Zwerg, Licht und Schatten, forte und piano etc.) sind
-nicht blos dadurch mit einander verwandt, dass ihre Objecte zu der
-nämlichen Gattung gehören, sondern sie werden einander überdies noch
-durch das auszeichnende Merkmal nahegerückt, dass diese beiderseits
-Ausnahmen von der Regel, obgleich in entgegengesetzten Richtungen
-(der Riese eine Abweichung von der gewöhnlichen Menschengrösse nach
-oben, der Zwerg eine solche nach unten, das Licht das Maximum, die
-Finsterniss das Minimum der gewöhnlichen Helligkeit; das Fortissimo den
-höchsten, das Pianissimo den geringsten Grad der Intensität des Tones)
-darstellen. Obige Fälle machen daher zusammengenommen mit derjenigen,
-welche aus der Grösse oder Kleinheit des vorgestellten Objects
-abgeleitet wird, die Summe derjenigen Bedingungen aus, unter welchen
-ästhetischer Schein, er enthalte sonst welchen stofflichen Inhalt
-immer, unbedingt d. i. allgemein und nothwendig gefällt oder missfällt.
-
-120. Aus dem quantitativen Gesichtspunkt entspringt die ästhetische
-Idee der (ästhetischen) Vollkommenheit. Dieselbe besteht darin,
-dass der ästhetische Schein, sowol was dessen Vorgestelltwerden, als
-was dessen Vorgestelltes betrifft, zum "Vollen kömmt" d. h. sowol das
-erstere zu dem höchstmöglichen Grade von Intensität als das letztere zu
-dem höchsten mit Rücksicht auf die Grenzen der Vorstellungsfähigkeit
-des vorstellenden Subjects erreichbaren Masse von Grösse erhoben
-wird. Ersteres geschieht, indem nicht nur jedes einzelne Vorstellen
-mit dem höchst erreichbaren Grade von Lebhaftigkeit erfolgt, sondern
-möglichst viel Vorstellen in kürzester Zeit bethätigt wird, aber auch,
-indem das Vorstellen selbst auf möglichst gesetzmässige und normale
-Weise sich vollzieht. Letzteres geschieht, indem das Vorgestellte,
-soweit dessen Natur es erheischt oder doch gestattet, in möglichster
-Grösse, Reichthum, Fülle und Wohlordnung vorgestellt und dadurch
-zwar nicht über (wie dies beim Erhabenen der Fall ist) aber bis an
-die erlaubten Grenzen des Vorstellenden erweitert wird. An dieselbe
-schliesst sich ein Verfahren an, dessen Tendenz dahin gerichtet
-ist, im ganzen Umkreis des das Bewusstsein ausfüllenden Vorstellens
-schwaches Vorstellen durch energisches, daher, da jede sinnliche
-Vorstellung die unsinnliche, jede concrete die abstracte, jede
-bildliche die unbildliche an Lebhaftigkeit übertrifft, unsinnliche
-durch sinnliche Vorstellungen, Begriffe durch Anschauungen, den
-eigentlichen Gedanken durch einen uneigentlichen (Tropus, Metapher), im
-Allgemeinen Begriffe durch Bilder (Symbole, Allegorien, Gleichnisse) zu
-ersetzen, die Energie des Vorstellens durch associirte, auf das Gemüth
-wirkende Nebenvorstellungen zu erhöhen, mit einem Wort die gesammte
-Vorstellungswelt des Bewusstseins entsprechend zu tonisiren. Resultat
-dieses Verfahrens ist ein im Ganzen und in jedem seiner Bestandtheile
-lebhaftes, reiches und wohlgeordnetes Vorstellungsleben, vollkommener
-ästhetischer Schein, welcher nicht mit dem Schein des Vollkommenen
-d. i. eines einem gewissen Zwecke oder einem gewissen Begriffe
-Entsprechenden, Zweck- oder Begriffsmässigen zu verwechseln ist. Jener
-gehört dem Vorstellen, dieser dem Vorgestellten an; jener drückt aus,
-dass vollkommen vorgestellt, dieser würde ausdrücken, dass Vollkommenes
-vorgestellt werde.
-
-121. In Bezug auf das Vorgestellte drückt die Idee der Vollkommenheit
-aus, dass caeteris paribus dasselbe wohlgefälliger sei, wenn es als
-gross, als wenn es als klein vorgestellt wird. Der einschränkende
-Zusatz besagt, dass ein Vorgestelltes, das seiner Natur nach eine
-gewisse Grösse ausschliesst, auch nicht unter dieser vorgestellt
-werden dürfe, weil es sonst eben nicht dies, sondern ein anderes
-Vorgestelltes wäre. Das Niedliche, Zarte, Milde kann daher nicht
-als gross, darum aber darf es auch nicht kleiner vorgestellt werden,
-als seine Natur es gestattet. Dagegen bekundet sich die Wirkung des
-Grossen unwiderleglich in der Neigung der spielenden Einbildungskraft,
-die Grösse vorgestellter Objecte (Räume, Zeiten, Naturgegenstände,
-Helden und Göttergestalten) über das Mass des Erfahrenen und
-Wahrgenommenen, so wie des Natürlichen ins Unbestimmte, Schranken- und
-Grenzenlose, Un-, Ueber-, ja Widernatürliche zu erhöhen und sich ohne
-Rücksicht auf Möglichkeit oder gar Wirklichkeit an der Steigerung,
-Häufung und Vervielfältigung von Raum-, Zeit- und Naturgrössen zu
-ergötzen. Beispiele derselben finden sich vor allem in der Märchen-
-d. i. in der Lieblingswelt der Kinder- und Kindheitsvölkerphantasie,
-z. B. bei den Indern, deren Imagination sich in der endlosen Anreihung
-von Tausenden und aber Tausenden von Jahren und Meilen, sowie in der
-Ausmalung der übernatürlichen Grösse ihrer Götter- und Büssergestalten,
-deren Haupt in die Wolken reicht, während ihr Fuss auf der Erde
-wurzelt, durch deren Locken sich der Gangesstrom vom Himmel herab
-ergiesst, die hunderttausende von Jahren auf einem Beine stehen etc.,
-gefällt, oder bei den baltischen Letten, deren Volkssage die Ewigkeit
-dadurch zu schildern sucht, dass, wenn der Diamantberg im Norden,
-an dessen Gipfel alle hundert Jahre ein winziges Vögelchen dreimal
-sein Schnäbelchen wetzt, in Folge dessen in Staub verwandelt sein,
-die erste Minute der Ewigkeit verflossen sein wird. In allen Götter-
-und Heldensagen kehrt die Vergrösserung der Leibesgestalt wieder,
-aber auch der irdische Held sucht durch Helm und wallenden Helmbusch
-und dessen Scheindarsteller, der Heldenspieler, durch den Kothurn
-seine natürliche Grösse wenigstens scheinbar zu vermehren.
-
-122. Aus dem qualitativen Gesichtspunkte der theilweisen, aber
-überwiegenden und zwar derjenigen Identität, bei welcher Einseitigkeit
-der Uebereinstimmung des beiderseitigen Inhalts herrscht, ergibt sich
-die ästhetische Idee des Charakteristischen. Dieselbe besteht darin,
-dass derjenige Theil des ästhetischen Scheins, der als charakteristisch
-bezeichnet wird, zu jenem, als dessen Charakteristik er angesehen
-sein will, in dem Verhältnisse des Nachbildes zum Vorbilde, der
-Nachahmung zum Nachgeahmten, der Copie zum Originale steht, so dass
-alle wesentlichen Züge des letzteren sich an der ersteren wiederfinden
-und beide einander ihrer Inhaltsbestimmtheit nach so ähnlich werden,
-als es, ohne dass beide aufhören zwei, und dahin gelangen ein
-einziges zu sein, nur immer möglich ist. Das Wesen dieses ästhetisch
-Charakteristischen ist daher von jenem des in wissenschaftlichem Sinne
-Charakteristischen dadurch verschieden, dass in dem letzteren Fall das
-Charakterisirte stets ein wirkliches oder ein wahres oder doch ein für
-eins von beiden gehaltenes ist, während bei dem ersteren das Vorbild
-eben so gut ein erfundenes (als wahr oder wirklich nur fingirtes) sein
-kann. Dasselbe ahmt daher weder, wie die Kunst dem Aristoteles zufolge
-soll, die Natur -- noch, wie Winkelmann lehrte, ausschliesslich die
-schöne Natur nach; das Wohlgefällige der charakteristischen Nachahmung
-ist sowol von der Wahrheit und Wirklichkeit wie von der Schönheit des
-Nachgeahmten unabhängig und beruht einzig und allein auf der Treue
-der Nachahmung. Dieselbe gestattet daher nicht nur die Nachahmung
-des Hässlichen, sondern diejenige Kunst, welche vornehmlich die Idee
-des Charakteristischen zum Leitstern nimmt, wählt sogar dasselbe mit
-Vorliebe, weil dadurch der Verdacht, als sei es ihr mehr darum zu thun,
-Schönes, als schön darzustellen, am gewissesten abgelenkt und das
-Streben nach Treue der Darstellung, worin ihr eigentliches Verdienst
-besteht, am energischesten hervorgehoben wird. Grosse Charakteristiker,
-auf allen künstlerischen Gebieten, pflegen daher lieber das von Goethe
-treffend als solches bezeichnete "Bedeutende" als das makellose
-Schöne, Charakterdarsteller vorzugsweise "Charaktere" d. i. mit
-hervorstechenden, die Kunst der Nachahmung herausfordernden Zügen
-ausgestattete Individuen (Richard III., Carl und Franz Moor, Hamlet,
-Othello, Mephistopheles u. A.) zum Gegenstande der Darstellung zu
-wählen; unter den Helden Homers hat auch der Thersites nicht gefehlt.
-
-123. An die Idee des Charakteristischen schliesst sich ein Verfahren
-an, welches dieselbe nicht blos in einem einzelnen vorschwebenden
-Theile, sondern im ganzen Umfange der ästhetischen Vorstellungswelt
-(des Scheins) zur Geltung zu bringen d. h. welches, wo und was immer
-vorgestellt werde, charakteristisch vorzustellen trachtet. Wenn die
-Uebereinstimmung des Vorzustellenden mit der wirklichen Vorstellung
-im Allgemeinen als Wahrheit, wenn dieselbe in dem besonderen Falle,
-da das Vorzustellende ein äusseres, ein Object der Aussenwelt ist,
-als äussere (geschichtliche oder naturgeschichtliche) Wahrheit
-bezeichnet wird, so kann jene Tendenz, in der gesammten Welt des
-Scheins Uebereinstimmung zwischen Vorbild und Nachbild herrschen
-zu machen, Streben nach innerer d. h. da das Vorbild auch ein
-erdichtetes sein kann, poetische Wahrheit heissen. Dasselbe geht
-sonach nicht darauf aus, im Sinne der äusseren Wahrheit wahr zu
-sein d. h. einen äusseren Gegenstand treu wiederzugeben, wohl aber
-darauf, im Sinne derselben wahr zu scheinen d. h. einen (gleichviel
-ob erfundenen oder erfahrenen) Gegenstand so treu nachzubilden, dass
-diese Nachahmung, wenn jener Gegenstand ein äusserer wäre, im Sinne
-der äusseren Wahrheit wahr genannt werden müsste. In diesem Sinne
-der inneren, nicht in jenem der äusseren Wahrheit hat Aristoteles'
-Poetik die Tragödie philosophischer als die Geschichte genannt, weil
-jene das Geschehende als Mögliches und daher aus innerlichen Gründen
-Begreifliches, diese dagegen dasselbe lediglich als Geschehenes,
-seinen inneren Gründen nach erst zu Errathendes darstellt; jene
-sonach ihren Werth in der Uebereinstimmung der Wirkungen mit ihren
-Ursachen d. h. in der Abspiegelung der letzteren durch die ersteren,
-die Geschichte dagegen lediglich in der Uebereinstimmung ihrer
-Darstellung mit der äusseren Wirklichkeit sucht.
-
-124. Der qualitative Gesichtspunkt der theilweisen, aber
-überwiegenden, und zwar derjenigen Identität, welche in der
-gegenseitigen Uebereinstimmung des beiderseitigen Inhaltes sich
-offenbart, ergibt die ästhetische Idee des Harmonischen oder des
-(ästhetischen) Einklangs. Dieselbe besteht darin, dass jedes Glied des
-Verhältnisses, indem es das andere in sich abbildet, seinerseits ebenso
-von dem anderen abgebildet wird. Das Wesen des ästhetischen Einklanges
-unterscheidet sich daher von jenem des Charakteristischen dadurch,
-dass, während bei dem letzteren das Abbild zwar ganz im Vorbilde,
-nicht aber umgekehrt dieses in jenem enthalten ist, hier jedes
-Glied zugleich Nachbild und Vorbild des anderen ist. Beide Glieder
-enthalten einen gemeinsamen Bestandtheil, durch den sie verknüpft,
-und ausserdem einen entgegengesetzten, durch welchen sie aus einander
-gehalten werden. Je wichtiger der erste im Gegensatz zum zweiten,
-um desto bedeutender der Einklang, um desto nachdrucksvoller das
-Lustgefühl. Jenes dritte Gemeinsame stellt gleichsam den Exponenten
-des harmonischen Verhältnisses dar und wird, wenn die im Einklang
-befindlichen Glieder beide Gedanken z. B. das eine die Vorstellung der
-Sache, mit welcher eine andere, das andere die Vorstellung des Anderen,
-das mit jener verglichen werden soll, ausmacht, der Vergleichungspunkt
-(tertium comparationis) genannt. So bildet in der Metapher, die das
-Kameel als Schiff der Wüste bezeichnet, das Merkmal, dass beide,
-Kameel wie Schiff, als Transportmittel durch eine unwirthbare Wüste
-benutzbar sind, das verknüpfende -- dagegen das Merkmal, dass diese
-Wüste bei dem einen wasserlose Sand-, bei dem anderen eine uferlose
-Wasserwüste ist, das trennende Element beider Gedanken. Je nachdem
-die harmonirenden Glieder des Einklanges Ton-, Farben-, Formen- oder
-eigentliche Gedankenvorstellungen sind, welche letzteren allein sich in
-Worten ausdrücken lassen, wird der Einklang selbst als musikalische,
-Farben-, Formen- oder Gedankenharmonie, je nachdem die vorhandene,
-aber verborgene Aehnlichkeit des Verschiedenen leicht, blitzähnlich,
-oder in gleichsam visionärer Intuition an den Tag tritt, als Witz
-oder als Tiefsinn (die sonach beide ebensowol innerhalb der Ton-,
-Farben- und Formen-, wie der Gedankenwelt vorkommen können) bezeichnet.
-
-125. Geht die beiderseitige Identität der Verhältnissglieder so
-weit, dass beide sich nur durch die entgegengesetzte Lage im Raume
-unterscheiden d. h. dass das eine rechts und links gleichweit
-entfernt von einem idealen Mittelpunkt, oder nach oben gleichweit
-über, wie nach unten gleichweit unter einer idealen Ebene gedacht
-wird, so geht der Einklang in die Symmetrie oder den blos räumlichen
-Contrast (Contrapost) -- wenn dagegen der Gegensatz zwischen den
-Verhältnissgliedern so gross, dass nur das Mass ihrer räumlichen
-Entfernung von einem gemeinsamen Mittelpunkt oder einer gemeinsamen
-Ebene dasselbe, ihre beiderseitige Richtung im Raume aber gleichfalls
-entgegengesetzt ist, so geht dieselbe in den nicht blos räumlichen,
-sondern eigentlichen (stofflichen) Contrast über. Unter die erstere
-fällt zum Beispiele die Anordnung gleicher Thürme in gleicher
-Entfernung von der Mittelaxe der Kirche nach entgegengesetzten
-Weltgegenden (wie z. B. beim Kölner- oder beim Stephansdom). Unter
-den letzteren füllt die Anordnung eines noch unverwundeten und eines
-schon verschiedenen Sohnes in gleicher Entfernung von der Mittelaxe
-der Gruppe nach entgegengesetzten Richtungen bei der Darstellung
-des Laokoon. Beide können wie in räumlicher, so auch in zeitlicher
-Anordnung, wenn an die Stelle des idealen Mittelpunktes im Raume ein
-eben solcher in der Zeit, und statt der räumlichen Richtung nach rechts
-und links, oben und unten, die zeitliche nach der Vergangenheit und
-nach der Zukunft hin eingeführt wird, Anwendung finden. So kehrt in
-der Tanzmusik nach der Coda die ursprüngliche Melodie, im Ritornell
-und Strophenlied der Refrain wieder und baut sich im Fortschritte der
-dramatischen Handlung Schürzung und Lösung vor und nach dem Knoten
-symmetrisch auf.
-
-126. An die ästhetische Idee des Einklanges schliesst sich ein
-Verfahren an, welches dieselbe im ganzen Umfange des dem Bewusstsein
-vorschwebenden Scheins durchzuführen d. h. welches nur solche
-Bestandtheile in demselben zuzulassen bemüht ist, die unter einander
-nicht nur verwandt (homogen), sondern überwiegend identisch sind. Das
-Resultat dieses Verfahrens ist die ästhetische Einheit, welche je
-nach der specifischen Natur des die ästhetische Vorstellungswelt
-ausmachenden Scheins bald als musikalische (d. i. als Einheit der
-Tonwelt, des Tongeschlechts, der Tonleiter), bald als malerische
-(d. i. als Einheit der Licht- und Farbenwelt, der Beleuchtungsquelle,
-des Farbengeschlechtes u. dgl.), bald als bildnerische (d. i. Einheit
-der Formenwelt: der schlanken, aufstrebenden und im Spitzbogen
-sich wölbenden in der germanischen; der Quader, des Halbrund
-und der flachgewölbten Kuppel in der römischen; des horizontalen
-Architravs, der Säule und des Giebels in der griechischen Baukunst
-etc.), in der poetischen Welt bald als lyrische (d. i. als Einheit
-der Gemüthsstimmung), epische (d. i. als Einheit der Zeitlinie, an
-welcher die Begebenheiten aufgereiht werden), bald als dramatische
-(d. i. als Einheit der Handlung) sich kundgibt.
-
-127. Der qualitative Gesichtspunkt der Ausschliessung des Gegensatzes
-ergibt die Idee der ästhetischen Correctheit. Dieselbe besteht darin,
-dass keine mit einander unverträglichen Vorstellungen gleichzeitig
-im Bewusstsein vorhanden, oder, wenn vorhanden, aus demselben
-beseitigt sind. Jenes kann als natürliche, dieses als künstliche,
-also nur auf Zeit und nur für denjenigen, welcher den Gegensatz
-beseitigt hat, bestehende Correctheit bezeichnet werden. Da die
-Abwesenheit unverträglicher Vorstellungen im Bewusstsein zwar
-Missfallen verhindert, selbst aber keinerlei Wohlgefallen hervorruft,
-so ist die Correctheit im Gegensatze zu den Ideen der Vollkommenheit,
-des Charakteristischen und des Einklanges, welche als solche positiv
-beifällig sind, nur eine negative ästhetische Idee, deren Verletzung
-missfällt, deren Beobachtung jedoch gleichgiltig lässt. Dieselbe stellt
-daher zwar die conditio sine qua non des unbedingt Beifälligen, für
-sich allein aber weder als natürliche, noch (und zwar noch weniger)
-als künstliche ein Wohlgefälliges dar. Beispiel der natürlichen
-Correctheit ist der natürliche, Beispiel der künstlichen dagegen
-der sogenannte künstliche Anstand, von welchen der erstere auf der
-Einhaltung der durch das natürliche Schicklichkeitsgefühl gebotenen
-Grenzen, der letztere dagegen auf der ängstlichen Beobachtung der
-conventionellen, durch gesellschaftliche Uebereinkunft festgesetzten
-Formen und Gebräuche des geselligen Umganges beruht. Ein Beispiel aus
-der Kunstwelt liefert im Gegensatze zu der natürlichen Correctheit,
-welche im Drama Einheit der Handlung fordert, die dem französischen
-Nationalgeschmack entsprungene künstliche Correctheit des classischen
-Dramas der Franzosen, welche noch überdies die sogenannte Einheit
-der Zeit und des Ortes erheischt. Während daher die natürliche
-Correctheit eine allgemeine und nothwendige, drückt die künstliche
-eine zufällige, auf den Umkreis einer Nation oder eines Zeitalters
-beschränkte Eigenschaft des ästhetischen Scheines aus.
-
-128. An die Idee der Correctheit schliesst sich ein Verfahren an,
-welches bestimmt ist, die Ausschliessung mit und unter einander
-unverträglicher Bestandtheile durch den ganzen Umkreis der ästhetischen
-Vorstellungswelt durchzuführen. Ergebniss desselben ist die ästhetische
-Reinheit d. i. die Abwesenheit alles Störenden in der ästhetischen
-Vorstellungswelt, welche, wenn die durchzuführende Correctheit eine
-natürliche ist, selbst als solche, ist sie dagegen eine künstliche, als
-künstliche Reinheit bezeichnet wird. Dieselbe ist, wie die Correctheit,
-nur eine negative Eigenschaft des schönen Scheins, durch welche, wenn
-sie eine natürliche ist, das Missfallen für Alle, überall und auf
-immer, wenn sie dagegen blos eine künstliche ist, nur für diejenigen
-nur an jenen Orten und nur für so lange vermieden wird, für welche,
-an welchen und so lange das conventionelle Uebereinkommen, auf das
-sie begründet ist, besteht. Beispiele der natürlichen Reinheit bietet
-der natürliche, der künstlichen dagegen der künstlich festgesetzte
-Sprachgebrauch in Regel und Schrift, wie der erste zum Beispiele
-in der deutschen, der letztere dagegen in Folge der Herrschaft des
-Dictionnaire de l'Académie in der französischen Literatur stattfindet.
-
-129. Der qualitative Gesichtspunkt der Wiederherstellung des Seins aus
-dem an dessen Stelle getretenen und dasselbe verdunkelt habenden Schein
-ergibt die ästhetische Idee der Ausgleichung. Dieselbe besteht darin,
-dass die wirklich im Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen, welche,
-sei es durch Zufall, sei es durch Absicht, aus dem Bewusstsein
-verdrängt und durch andere, denselben entgegengesetzte ersetzt
-worden sind, ohne, ja wider den Willen des Vorstellenden in das
-Bewusstsein zurückkehren und ihrerseits diejenigen, die ihre Stelle
-eingenommen haben, verscheuchen. Der durch die Unwillkürlichkeit ihres
-Wiederauftauchens erzeugte Schein der Unabhängigkeit der Vorstellungen
-vom Vorstellenden wirft auf deren Vorgestelltes selbst den gleichen
-Anschein der Selbstständigkeit, inneren Lebens und Beseeltseins, so
-dass die Bewegung der wieder auftauchenden Vorstellungen im Bewusstsein
-nicht als eine durch den Vorstellenden hervorgerufene, sondern als
-eine den Vorstellungen selbst innewohnende, als Selbstbewegung des
-Vorgestellten, als lebendiger Schein erscheint d. h. das Geschöpf des
-Bewusstseins sich in Selbstbewusstsein verwandelt. Je nachdem die aus
-ihrer Verdunklung wieder hergestellten Vorstellungen entgegengesetzt
-oder harmonische waren, wird das Product des vollzogenen Ausgleiches
-entweder das Dasein entgegengesetzter oder harmonischer Vorstellungen
-d. h. der Ausgleich selbst entweder ein solcher mit disharmonischem
-oder harmonischem Ausgang sein. Ersterer schliesst zwar mit einer
-offenen Dissonanz (wie ein Heine'sches Lied oder eine Chopin'sche
-Phantasie), aber das Missfallen, welches der Geltung blossen Scheins
-für Sein anklebt, wenigstens ist vermieden. In letzterem Falle wird
-nicht blos letzteres Missfallen unmöglich gemacht, sondern die wieder
-hergestellte ursprüngliche Consonanz lässt den Process der Ausgleichung
-in einen volltönenden Accord ausklingen.
-
-130. Wie die Idee der Correctheit, so ist jene der Ausgleichung keine
-positive, unbedingten Beifall begründende, sondern blos negative,
-unbedingtes Missfallen verhütende Idee. Weder die Vermeidung des
-Störenden, noch die Wiederherstellung des Ursprünglichen ist an und für
-sich beifalls-, aber die Gegenwart des Unerträglichen und der Bestand
-der Lüge für Wahrheit sind an und für sich verwerfenswerth. Beide
-Ideen bilden daher zwar Bedingungen, ohne welche kein Schönes sein,
-durch welche allein aber nichts zum Schönen werden kann.
-
-131. An die ästhetische Idee des Ausgleichs schliesst sich
-ein Verfahren an, welches dieselbe durch den ganzen Umkreis des
-ästhetischen Scheins durchzuführen, allenthalben das Sein an die Stelle
-des Scheins zu setzen und die ursprünglich gegebenen anstatt der für
-dieselben eingeschobenen Elemente der ästhetischen Vorstellungswelt
-wieder herzustellen bemüht ist. Ergebniss desselben ist der durch
-die gesammte Welt des ästhetischen Scheins verbreitete Anschein
-selbstständiger Lebendigkeit, inwohnender Beseelung und Bewegung,
-Ablösung des Vorgestellten vom vorstellenden Subjecte d. i. die
-ästhetische Idee der Objectivität als Beseeltheit und Seelenhaftigkeit
-des ästhetischen Objectes. Dieselbe geht darauf aus, die Geschöpfe
-des vorstellenden Subjects als Geschöpfe ihrer selbst d. i. als sich
-selbst den Leib ihrer äusseren Erscheinung, Bewegung und Handlung
-bauende und bestimmende seelenhafte Subjecte, die gesammte Welt des
-ästhetischen Scheins als beseelte Welt, das Kunstwerk der Phantasie wie
-ein Naturwerk erscheinen zu lassen. Ausdruck dieses Strebens ist die
-dramatische, nach der natürlichen Verkettung von Ursachen und Wirkungen
-aus den gegebenen Charakteren und der gegebenen Situation mit innerer
-Nothwendigkeit hervorspringende, scheinbar ohne Wissen und Willkür
-des Dichters, wie "auf eigenen Füssen" einherschreitende dramatische
-Handlung. Die aus dem Hirn des Dichters entsprungenen scheinbar
-lebendig wandelnden Gestalten gleichen den Steinen Deukalion's,
-welche zu Menschen geworden sind.
-
-132. Keine der angeführten ästhetischen Ideen ist das ganze Schöne,
-aber jede derselben bezeichnet ein Element des Schönen. Weder das
-Grosse, noch das Charakteristische oder Harmonische, noch weniger
-das Correcte oder das Ausgeglichene für sich erschöpft das Gebiet des
-unbedingt Wohlgefälligen, aber jedes der drei ersten, die eben darum
-die positiven Merkmale des Schönen ausmachen, stellt ein solches
-dar; die beiden letzteren dienen demselben wenigstens als negative
-Kriterien. Unter einander verglichen lassen die Eigenschaften der
-Vollkommenheit, Wahrheit, Einheit und Reinheit als ruhendes, lässt
-sich dagegen die Beseelung, Bewegung und Objectivität als bewegtes
-Schönes bezeichnen. Die Gesammtheit sämmtlicher ästhetischer Ideen
-zu einem Totalbilde vereinigt prägt dem ästhetischen Schein, wenn
-derselbe von geringerem, ja von dem geringsten denkbaren Umfang ist,
-den Stempel der Schönheit, wenn derselbe von grösserem, ja von dem
-grössten denkbaren Umfang ist, durch die Erweiterung der einfachen
-ästhetischen Ideen mittels des sich an dieselben anschliessenden
-Verfahrens: der Grösse zur Vollkommenheit, des Charakteristischen zur
-Wahrheit, des Einklangs zur Einheit, der Correctheit zur Reinheit und
-der Ausgleichung zur Objectivität, die nie und nirgends erlöschende
-Marke der Classicität auf.
-
-133. Wie jeder der logischen Ideen, so steht jeder der ästhetischen
-Ideen ihr Gegenbild zur Seite. Der ästhetischen Idee der Vollkommenheit
-steht die der Unvollkommenheit, der des Grossen die des Kleinen, jener
-des Charakteristischen die des Charakterlosen, jener des Einklangs
-die des Missklangs gegenüber. Wie das Grosse, Reiche und Wohlgeordnete
-gefällt, so missfällt das Kleine, Dürftige und Zusammenhangslose. Wie
-das sein Vorbild in bezeichnenden und wesentlichen Zügen wiedergebende
-Nachbild Wohlgefallen erregt, so folgt der unbestimmten, verblasenen
-und verschwommenen, kaum kenntlichen Nachahmung das Missfallen auf dem
-Fusse. Wie das Harmonische, wo und an wem es sich findet, unbedingt
-Lob, so zieht das Disharmonische, wenn es nicht als Vorbereitung zu
-einem Harmonischen um dieser seiner dem Schönen dienenden Stellung
-willen geduldet wird, unbedingt Tadel nach sich. Die Gegensätze
-des Correcten und Ausgeglichenen sind durch die Missfälligkeit des
-gleichzeitig vorhandenen Unverträglichen und der Geltung des Scheins
-für Sein selbst als unbedingt missfällig gekennzeichnet: Incorrectheit
-und Trug erscheinen als unbedingt verwerflich.
-
-134. Eine Ausnahme macht die Stellung des an sich unbedingt
-Missfälligen, Unverträglichen, in der Idee der Ausgleichung mit
-harmonischem Ausgang. Weil in diesem Fall das Ursprüngliche und am
-Schluss des Processes Wiederhergestellte ein Harmonisches ist und
-der Eindruck dieses letzteren durch die vorangegangene Verdunklung,
-durch dessen disharmonisches Gegentheil, wie die Erfahrung zeigt,
-der auflösenden Consonanz durch die vorangegangene Dissonanz, des
-neugeborenen Lichtes durch die vorhergegangene Finsterniss, auf das
-vorstellende Subject, den Beschauer und Hörer, erhöht und bestärkt
-wird, so tritt in diesem Fall das an sich, wenn es als Zweck gedacht
-wird, unbedingt auszuschliessende Missfällige (die Dissonanz, das
-Nachtdunkel) in die Rolle eines die Erscheinung des Harmonischen,
-welches als Selbstzweck nicht nur möglich, sondern gefordert ist,
-vorbereitenden und fördernden Mittels zurück und wird um dieser seiner
-dem Harmonischen nützlichen Beschaffenheit willen nicht nur zugelassen,
-sondern, um den schliesslichen Effect des Harmonischen auf jede
-mögliche Weise und zu jedem erreichbaren Grade zu steigern, mit Wissen
-und Willen als Hilfsmittel verwendet. Von dieser Art ist der Gebrauch
-der Dissonanzen in der Musik, des Licht- und Schattencontrastes, so
-wie der Farbengegensätze in der Malerei, des tragischen d. i. das
-Gerechtigkeitsgefühl beleidigenden Schicksalsverhängnisses in der
-Tragödie, die Einführung sittlich verwerflicher Charaktere (moralischer
-Schlagschatten, Bösewichter, Intriguanten) in die dramatische oder
-epische Handlung etc.
-
-135. Wie die Zusammenfassung der ästhetischen Ideen das Schöne,
-jede derselben für sich ein Schönes, so stellen die Gegenbilder
-der einzelnen ästhetischen Ideen jedes für sich ein Hässliches, die
-Zusammenfassung aller in einem Totalbilde das Hässliche dar. Werden
-die Gegenbilder der einzelnen ästhetischen Ideen durch ein dem
-Verfahren bei den ersteren entgegengesetztes auf den ganzen Umkreis
-der ästhetischen Vorstellungswelt ausgedehnt, so dass in demselben
-durchgängig statt der Vollkommenheit Unvollkommenheit, statt der
-Grösse Kleinlichkeit, statt der Wahrheit Unwahrscheinlichkeit, statt
-der Einheit Verwirrung, statt der Reinheit Rohheit und statt der sich
-selbst beseelenden und tragenden Objectivität gesetzlose Willkür
-und genial scheinen wollender Subjectivismus herrscht, so wird,
-wie durch jene dem Totalbild der Stempel der Classicität, so durch
-diese demselben das Gepräge der ungebundenen Individualität d. i. des
-romantischen Subjects, die formlose Form der Romantik aufgeprägt.
-
-136. Mit der Aufstellung der ästhetischen Ideen und ihrer Gegenbilder,
-der einen zur Nachahmung, der andern zur Abschreckung für jedes
-Schaffen, das Schönes d. i. unbedingt Wohlgefälliges hervorbringen,
-unbedingt Missfälliges vermeiden will d. h. mit der Aufzählung
-der normalen und anormalen Formen, welche Normen des ästhetischen
-Vorstellens und künstlerischen Producirens sind, ist das Geschäft
-der Aesthetik als allgemeiner Wissenschaft vom Schönen vollendet.
-
-
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-DRITTES CAPITEL.
-
-DIE ETHISCHEN IDEEN.
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-137. Wie die logischen Ideen die Normen, unter welchen Denken zum
-Wissen, die ästhetischen die Normen, unter welchen ästhetischer Schein
-zum Schönen, so stellen die ethischen Ideen die Bedingungen dar,
-unter welchen Wollen zum Guten wird. Von Kant stammt der Ausspruch,
-dass das einzige, was wahrhaft und in jeder Hinsicht gut genannt zu
-werden verdiene, der gute Wille sei; welcher aber der gute d. h. unter
-allen denkbaren Willen derjenige sei, der unbedingt d. h. allgemein
-und nothwendig gefällt, sollen nachstehende Betrachtungen entwickeln.
-
-138. Wie bei dem schönen wirklichen Gegenstande dasjenige, was ihn
-zum schönen macht, nicht darin besteht, dass er Wirklichkeit, sondern
-darin, dass er Schönheit besitzt, so kann bei dem guten wirklichen
-Wollen der Grund, der es zum guten macht, nicht darin liegen, dass es
-wirklich, sondern darin, dass es gut ist. Da nun der wirkliche schöne
-Gegenstand vor dem blos gedachten (d. i. dem Schein eines solchen)
-nichts weiter voraus hat als eben die Wirklichkeit, und folglich der
-Grund seiner Schönheit nicht in demjenigen gefunden werden kann,
-was ihn vom Schein unterscheidet, sondern nur in demjenigen, was
-auch diesem eigen ist, so kann auch die Ursache, um deren willen
-der gute wirkliche Wille gelobt und dessen Gegentheil getadelt wird,
-keine andere als eine solche sein, welche der wirkliche mit dem blos
-gedachten (d. i. mit dem blossen Schein-) Willen gemein hat. Wie
-aber dasjenige, was das schöne Wirkliche mit dem schönen gedachten
-Gegenstande gemein hat, nur beider Form, so kann auch dasjenige, was
-dem guten Wirklichen mit dem blos gedachten guten Willen gemeinsam
-ist, nur deren gemeinschaftliche Form, und der einzige wahre Grund,
-um deswillen gutes wirkliches Wollen gut genannt zu werden verdient,
-kann daher nicht in dessen Realität, sondern nur in dessen (unbedingt
-wohlgefälliger d. i. den Normen des unbedingt Wohlgefälligen
-entsprechender) Form gefunden werden.
-
-139. Wäre das Gegentheil der Fall d. h. läge der Grund, warum gutes
-wirkliches Wollen unbedingt gefällt, in Eigenschaften, welche von
-dessen Wirklichkeit abhängen, so ergäbe sich Folgendes: Jedes wirkliche
-Wollen bringt einerseits als Wirkendes Wirkungen d. i. Folgen hervor
-und ist andererseits entweder als Bewirktes die Wirkung eines anderen
-Willens, oder als Selbstbewirktes die Wirkung seiner selbst, als
-des eigenen Willens. Im ersten Falle ist es selbst als Wirkliches
-die Ursache eines anderen Wirklichen; im zweiten Falle ist seine
-Ursache der entweder gebietende oder der als Muster zur Nachahmung
-reizende Wille eines Anderen; im letzten Falle ist es selbst seine
-eigene Ursache.
-
-140. Da jedes wirkliche Wollen ein Streben, ein solches aber nichts
-anderes ist als das Aufstreben der Vorstellung des Erstrebten
-im Bewusstsein gegen die Hemmnisse, welche bisher auf derselben
-lasteten, so erzeugt jedes Wollen, welches etwas bewirkt d. h. eine
-wirkliche Veränderung seiner bisherigen Lage hervorbringt, ebenso
-unausbleiblicher Weise ein Lust- als im entgegengesetzten Fall, wenn
-es nichts bewirkt, ein Unlustgefühl. Indem sich das erstere mit der
-Vorstellung des im Wollen Erstrebten d. i. des Objectes des Wollens
-verknüpft, erscheint dieses letztere als ein Gut; indem das letztere
-das gleiche thut, erscheint das Erstrebte als ein Uebel; jenes, weil
-an dessen Vorstellung sich ein Lustgefühl geheftet, wird von da an
-als ein Begehrens-, dieses, weil dessen Vorstellung fortan von einem
-Unlustgefühl begleitet wird, als ein Verabscheuungswerthes angesehen,
-die Güte des Wollens von dessen Richtung auf Güter, deren Gegentheil,
-die Bosheit, von dessen Richtung auf Uebel abhängig gemacht. Die
-Ethik als Wissenschaft von den Bedingungen des Guten nimmt die Gestalt
-einer Güterlehre an.
-
-141. Die Eigenschaft eines Objectes als eines Gutes oder Uebels
-hängt ab von den die Vorstellung desselben begleitenden Lust- oder
-Unlustgefühlen. Je nachdem diese letztern stärker oder geringer, werden
-höhere und niedere Güter und Uebel unterschieden. Durch den Umstand,
-dass die Vorstellung des einen von dem höchsten Lust-, die Vorstellung
-des anderen von dem höchsten Unlustgefühl unzertrennlich ist, wird das
-höchste Gut vor dem grössten Uebel gekennzeichnet. Dass sich dabei
-an die Vorstellung der Lust als solcher das höchste Lustgefühl,
-an jene der Unlust das höchste Unlustgefühl und zwar nicht blos
-in diesem und jenem, sondern in jedem Fall heften muss, in welchem
-von Lust und Unlust als Ziel des Wollens die Rede ist, und dass in
-Folge dessen kein Gegenstand geeigneter erscheint, als höchstes Gut
-aufgestellt zu werden, als die Lust (Glückseligkeit, eudaimonia) und
-keiner näher liegt, um als höchstes Uebel zu erscheinen, als die Unlust
-(Unseligkeit, kakodaimonia) scheint eben so wenig befremdlich, als es
-unbestimmt bleibt, ob unter jener Lust, die als Gut, und jener Unlust,
-die als Uebel bezeichnet wird, jede beliebige ohne Unterschied, oder
-irgend eine bestimmte, z. B. nur sinnliche oder nur geistige Lust,
-nur eigene (Egoismus) oder nur fremde Glückseligkeit (Altruismus),
-die Glückseligkeit eines Theiles oder die des Ganzen (allgemeines Wohl,
-salus publica) verstanden werden solle.
-
-142. Letzterem Mangel soll dadurch abgeholfen werden, dass diejenige
-Lust, welche mit keinerlei Unlust gemischt, also rein erscheint,
-der gemischten -- also diejenige, deren Folgen nicht einer solchen
-vorgezogen wird, deren nachträgliche Wirkungen von Unlust begleitet
-sind. Aus diesem Grunde wurde von den Hedonikern und Epikuräern die
-sinnliche Lust als vorübergehende und flüchtige der geistigen als der
-dauer- und standhaften nachgesetzt, von Aristoteles das beschauliche
-Leben des Denkers als das einzige wahren Genuss gewährende hoch über
-das banausische Treiben der Sinnlichkeit erhoben. Dem Streben nach
-eigener, selbstsüchtiger Glückseligkeit, in welchem die Einen (die
-Encyklopädisten, Helvetius) das Ziel des Wollens erblickten, wird
-von Anderen (Hume, Smith, Comte) das Streben nach fremder d. i. nach
-der Glückseligkeit des Andern (autrui, Altruismus) entgegengestellt
-d. h. das selbstlose und selbstverleugnende uneigennützige dem
-selbstsüchtigen eigennützigen Wollen -- mit Recht, aber grundlos
-d. h. ohne Angabe eines Grundes, warum das eine besser als das
-andere sein solle -- vorgezogen. Eben so richtig, aber auch eben so
-wenig motivirt ist der von Leibnitz u. A. hervorgehobene Vorrang der
-allgemeinen vor der besondern oder gar individuellen Glückseligkeit,
-in Folge dessen das Wohl des Ganzen jenem des Theiles, dieses
-jenem des Einzelnen zwar (mit Recht) vorzuziehen, der Grund aber,
-durch welchen diese Bevorzugung gerechtfertigt (und welcher, wie
-später gezeigt werden soll, ausschliesslich in der ursprünglichen
-unbedingten Wohlgefälligkeit wohlwollender Gesinnung gelegen) ist,
-eben so wenig anzutreffen ist.
-
-143. Der andere Mangel, an dem jede Ethik als Güterlehre leidet,
-aber kann auf keine Weise beseitigt werden. Dieselbe geht davon aus,
-dass es Güter d. h. Objecte gebe, die begehrens-, und solche, die
-verabscheuungswerth sind, und will durch die Angabe der ersteren,
-wie durch die Ausscheidung der zweiten das gute d. h. auf Güter, von
-dem bösen d. h. auf Uebel sich richtenden Wollen unterscheiden. Wenn
-aber nach Obigem an jede Befriedigung des Wollens, gleichviel welches
-dessen Object sei, ein Lustgefühl sich knüpft und jedes Object, dessen
-Vorstellung ein Lustgefühl begleitet, ein Gut darstellt, so folgt,
-dass das Object jedes Wollens, gleichviel welches es sei, ein Gut --
-und daher jedes Wollen ohne Unterschied, weil auf ein Gut gerichtet,
-ein gutes, folglich der Unterschied zwischen gutem und nicht gutem
-Wollen illusorisch sei. Folge der Ethik als Güterlehre wäre daher,
-entweder, dass jedes Wollen als Wollen gut (ethischer Optimismus), oder
-dass kein Wollen besser als das andere (ethischer Indifferentismus),
-oder dass kein Wollen gut (ethischer Pessimismus und Nihilismus),
-oder, da jedes wirkliche Wollen aus dem Gefühl des Nichtbesitzes des
-Gewollten d. i. aus einem Unlustgefühl hervorgeht, dass Nichtwollen
-am besten sei (ethischer Quietismus). In keinem dieser Fälle ist
-Ethik als Wissenschaft möglich.
-
-144. Wie das wirkliche Wollen als Wirkendes Ursache, so ist es als
-Bewirktes Wirkung eines Wirklichen. Kann nun dasjenige, wodurch ein
-Wollen bewirkt wird, nur wieder ein Wille sein, so ist nur zweierlei
-möglich: entweder ist der bewirkende Wille ein fremder d. h. der eines
-von jenem, der will, unterschiedenen, oder der eigene d. i. der eines
-mit demjenigen, welcher will, identischen Individuums. In beiden
-Fällen kann der Wille entweder als befehlender, das eigene Wollen
-als Wirkung jenes Willens als gehorchendes, oder als vorbildender,
-das eigene Wollen als nachahmendes auftreten. Im ersten Fall nimmt das
-gute Wollen die Form des pflichtmässigen, die Ethik als Wissenschaft
-die Gestalt einer Pflichtenlehre, im zweiten Fall das vorbildende
-Wollen die Rolle eines Tugendmusters, die Ethik als Wissenschaft die
-Form einer Tugendlehre an.
-
-145. Grund der Güte des Wollens ist in der ersten die Beschaffenheit
-des befehlenden Willens. Ist dieser selbst gut, so ist es auch
-sein Gebot (die Pflicht) und folglich auch das diesem gemässe
-d. i. pflichtgemässe Wollen. Ist er dagegen das Gegentheil, so
-ist es auch sein Gebot und folglich das Wollen desto schlechter,
-je pflichtgemässer es ist. Soll daher die Ethik die Form einer
-Pflichtenlehre annehmen dürfen, so muss zuerst ausgemacht sein,
-dass der gesetzgebende Wille in der That der gute d. h. dass das
-von ihm Gebotene niemals etwas anderes sein könne, als was des
-Gebotenwerdens werth ist. Dieses aber kann weder einfach dadurch
-erwiesen werden, dass dargethan wird, der gebietende Wille sei
-der stärkste, noch dadurch, dass zu erweisen versucht wird, er sei
-entweder der göttliche oder überhaupt ein höherer (übermenschlicher,
-übersinnlicher, überempirischer), sondern allein dadurch, dass
-dargethan wird, er sei der gute d. h. sein Inhalt stimme mit
-demjenigen überein, was den Inhalt des Guten d. h. des am Wollen
-unbedingt Wohlgefälligen ausmacht. Erweis der Güte des Gebots durch
-den Nachweis, dass der gebietende Wille der stärkste d. h. stärker
-als der gehorchende und folglich denselben zu zwingen vermögend sei,
-würde das Faustrecht d. h. das angebliche Recht des Stärkeren bedeuten
-d. i. den Grundsatz: dass dasjenige, was die Macht will, gut, nicht
-aber, dass nur die Macht, die das Gute will, diejenige sei, der
-man zum Gehorsam verpflichtet ist. Das zweite würde das Vorangehen
-des Beweises erfordern, dass der Gesetzgeber, als dessen Gesetz das
-gebotene Wollen sich kundgibt, wirklich Gott d. h. nicht blos ein
-angeblicher, sondern der wirkliche Gott d. h. ein solcher sei, zu
-dessen Eigenschaften es naturnothwendig gehört, nur das Gute d. i. das
-sein Sollende, zu wollen. Da nun dieser Beweis nicht erbracht werden
-kann, ohne das Gute d. i. das unbedingt Wohlgefällige am Wollen zu
-kennen, auf dessen Uebereinstimmung mit dem angeblich göttlichen Gebot
-eben die Anerkennung des letzteren als eines göttlichen beruht, so
-setzt die Ethik als theologische d. i. das Gute auf das Gebot Gottes
-zurückführende Wissenschaft, die Kenntniss des Guten als gewonnen
-voraus, statt dieselbe zu gewähren. Wird jedoch der gesetzgebende
-Wille statt in einen Andern, in das Innere des Wollenden selbst,
-gleichsam als ein höherer, überempirischer in das menschliche,
-empirische Individuum verlegt, so dass der Mensch gleichsam als ein
-aus zwei Elementen, einem überempirischen und einem empirischen,
-zusammengesetztes Doppelwesen erscheint, deren eines zum Befehlen,
-das andere zum Gehorchen bestimmt ist, so kehrt dieselbe Schwierigkeit
-wieder d. h. es muss neuerdings dargethan werden, dass der sich im
-Menschen als der höhere geberdende Wille ("der Gott in uns") wirklich
-den Anspruch besitze und nicht blos mache, als solcher anerkannt,
-und dessen Gesetz die Berechtigung habe, nicht blos, weil es sein,
-sondern weil es ein gutes Gesetz ist, Gehorsam zu fordern.
-
-146. Selbst Kant's souveräner kategorischer Imperativ hat der
-Verpflichtung, als gutes d. i. Gehorsam zu fordern berechtigtes Gebot
-sich zu legitimiren, sich nicht zu entziehen vermocht. Freilich
-thut er dasselbe nicht durch den Erweis, dass der Inhalt seines
-Gebotes der gute, sondern dadurch, dass das Gegentheil desselben in
-sich widersprechend sei. Der von ihm aufgestellte Satz: Handle so,
-dass die Maxime deines Wollens fähig sei, als allgemeines Gesetz zu
-dienen, soll nicht den Inhalt des Guten, sondern ein Kennzeichen
-darbieten, denselben zu erkennen. Die Fähigkeit einer Maxime,
-allgemein als Gesetz aufgestellt zu werden, verräth sich darin, dass
-das Gegentheil derselben, als allgemeines Gesetz gedacht, sich selbst
-widerspricht. Kant's Kriterium des Guten ist logisch, nicht ethisch.
-
-147. Aber das Beispiel, das er gibt, führt nicht einmal zum
-Widerspruch. Kant erweist die Pflicht, anvertraute Güter zurückzugeben,
-auf die Weise, dass er bemerkt, im entgegengesetzten Fall würde es
-keine anvertrauten Güter mehr geben. Allein die der Maxime, anvertraute
-Güter zurückzustellen, entgegengesetzte Maxime, anvertraute Güter
-nicht zurückzustellen, würde nur dann auf einen Widerspruch führen,
-wenn sie verlangte, obgleich keine anvertrauten Güter vorhanden seien,
-dennoch dergleichen zurückzustellen. Dieselbe führt jedoch auf keinen
-Widerspruch, wenn sie, wie sie es wirklich thut, verlangt, anvertraute
-Güter, wenn dergleichen vorhanden sind, nicht zurückzustellen.
-
-148. Kant geht von dem richtigen Satze aus, dass jedes gute Gebot
-allgemein giltig und schliesst daraus umgekehrt, dass jedes allgemein
-giltige Gebot nothwendig gut sei. Er erweist daher statt, wie er
-sollte, die Folge aus dem Grund, umgekehrt, wie er nicht durfte, den
-Grund aus der Folge. Allgemein giltige Gebote sind nothwendig gute,
-aber nicht alles, was allgemein gilt d. h. dessen Gegentheil auf
-einen Widerspruch führt (wie z. B. mathematische Wahrheiten) ist ein
-ethisches Gebot. In der kürzeren Form, welche Kant seinem obersten
-Sittengesetze gibt: folge der praktischen Vernunft d. i. thue, was
-du sollst, wird die leere Tautologie, in die sich der kategorische
-Imperativ verwickelt, noch auffälliger. Denn da die Vernunft nichts
-anderes ist als die Stimme des Sollens, so bedeutet jenes Gebot:
-du sollst, was du sollst -- einen identischen Satz.
-
-149. Der kategorische Imperativ oder die sogenannte praktische Vernunft
-im Wollenden nimmt in Bezug auf den Inhalt ihres Gebots dem an sich
-Guten gegenüber keine andere Stellung ein, als Gott und die sogenannte
-göttliche Gesetzgebung ausserhalb des Wollenden. Wie die letztere,
-um den angeblichen von dem wahren (d. i. eines Gottes würdigen) Willen
-Gottes unterscheiden zu können, nach den Worten des Thomas von Aquin:
-non ideo bonum est, quia deus præcepit, sed ideo deus præcepit, quia
-bonum est, der Rechtfertigung durch Uebereinstimmung ihres Inhalts
-mit jenem des an sich Guten (d. i. des unbedingt Wohlgefälligen am
-Wollen) bedarf, so muss, um den Ausspruch der wahren von dem einer
-blos vermeintlichen gebietenden Vernunft unterscheiden zu können,
-der Inhalt desselben an dem Massstab einer andern, der über Werth und
-Unwerth des Wollens unbedingt entscheidenden urtheilenden Vernunft
-geprüft und durch diese entweder bestätigt oder verworfen werden.
-
-150. Wie in der Pflichtenlehre der Grund der Güte des gehorchenden in
-jener des befehlenden Willens, so liegt in der Ethik als Tugendlehre
-der Grund der Güte des nachahmenden in jener des nachgeahmten
-Willens. Dieselbe stellt, wie die stoische Moral in der Person des
-stoischen Weisen, wie Aristoteles in seinem "gerechten Mann" (orthos
-anêr) ein ethisches Ideal, das Bild einer vollendeten oder doch
-für vollendet ausgegebenen idealen Persönlichkeit als Tugendmuster
-d. i. als nachahmungswerthes Vorbild auf, durch dessen Nachahmung
-das Wollen des Nachahmenden selbst tugendhaft, Mustertugend wird,
-aus keinem andern Grunde, als weil und insofern es dem Wollen
-des Tugendmusters gleicht. Ethik als Tugendlehre ist daher zwar
-vorschreibend, insofern sie ein Vorbild zur Nachahmung aufstellt,
-aber zugleich blos beschreibend, indem sie das Wesen des Tugendmusters
-ausmalt. Die stoische Moral begnügte sich nicht damit, auf das Ideal
-des Weisen als Muster hinzudeuten, sondern entwarf ein Charaktergemälde
-desselben und seines Verhaltens in allen denkbaren Lebenslagen als
-musterhaft. Die Ethik als Tugendlehre verfährt weder imperativ, noch
-deducirend, sondern demonstrirend d. i. auf ein gegebenes, sei es
-historisch in der Wirklichkeit, sei es poetisch in der idealen Welt,
-Vorhandenes hinweisend und dasselbe ein- für allemal als ethische
-Autorität d. i. als den schlechthinigen Ausdruck des an sich Guten
-proclamirend. Wie Max von Wallenstein sagt: "Auf ihn nur braucht' ich
-zu schau'n und war des rechten Pfad's gewiss" -- so zeigt die Ethik
-als Tugendlehre auf jede Frage nach dem Guten, statt aller Antwort
-auf den Guten hin, in dessen jeweiligem Wollen dasselbe verkörpert sei.
-
-151. Soll dessen ethische Autorität nicht blos "auf Autorität"
-hin, das Ideal des stoischen Weisen nicht blos auf das Zeugniss
-der Stoiker, der orthos anêr nicht blos auf jenes des Aristoteles
-hin als Tugendmuster gelten, so muss die Berechtigung derselben,
-ideal d. i. absolut wohlgefälliges Vorbild zu sein, wissenschaftlich
-d. i. durch Uebereinstimmung ihres Wollens mit dem an sich Guten
-(d. i. dem unbedingt Wohlgefälligen am Wollen) vorher erwiesen
-werden. Weil aber dieser Erweis die Kenntniss des Guten bedingt, das
-gute Wollen nicht deshalb gut, weil es das Wollen des Guten (Mannes),
-sondern der Gute deshalb gut ist, weil er das Gute will, so setzt
-Ethik als Tugendlehre, statt selbst Wissenschaft des Guten zu sein,
-vielmehr diese d. i. die Wissenschaft der Normen, nach welchen das
-Wollen unbedingt gefällt oder missfällt, die ästhetische Wissenschaft
-vom Wollen, die Willensästhetik voraus.
-
-152. Güter-, Pflichten- und Tugendlehre als Formen der Ethik sind damit
-gleichmässig abgelehnt. Die Eigenschaften des Wollens, welche dasselbe
-zum guten machen, gehören nicht, wie bei jenen, dem wirklichen, sondern
-ausschliesslich dem gedachten Wollen d. i. der blossen Vorstellung
-eines solchen, dem Schein eines Wollens an. Wie ästhetischer Schein
-überhaupt weder dadurch, dass etwas durch denselben hindurchscheint,
-noch dadurch gefällt, dass er einem gewissen Subjecte scheint, sondern
-allein dadurch, dass er gewisse unbedingt wohlgefällige Formen an
-sich trägt, so gefällt das Bild eines Wollens weder dadurch, dass
-dieses bestimmte Folgen nach sich zieht (wie in der Güterlehre),
-noch dadurch, dass dieses das, sei es gebietende oder als Muster
-vorgestellte Wollen eines Andern nachahmt (wie in der Pflichten-
-und Tugendlehre), sondern allein dadurch, dass das Wollen gewisse
-unbedingt wohlgefällige Formen an sich trägt. Die Aufstellung dieser
-letzteren ist die Aufgabe der Ethik als Aesthetik des Wollens.
-
-153. Zieht man von dem guten wirklichen Wollen die äussere Hülle
-der Wirklichkeit ab, so bleibt der Gedanke, das Bild oder die
-Vorstellung dieses Wollens allein übrig. Dieses Bild wird als
-Vorgestelltes nicht nur mit einem gewissen Grade von Intensität
-vorgestellt, sondern das Wollen, dessen Bild es ist, wird in diesem
-als Wollen von einem bestimmten höheren oder niederen Intensitätsgrad
-vorgestellt. Dasselbe wird ferner nicht blos in Beziehungen und
-Verhältnissen (der Gleichheit, Ungleichheit, der Identität oder des
-Gegensatzes) zu anderen ähnlichen oder unähnlichen Willensbildern
-vorgestellt, sondern das Wollen, dessen Bild es ist, wird selbst
-als in Beziehungen und Verhältnissen (der Uebereinstimmung oder
-des Widerstreits) zu anderem, sei es Wollen, sei es Vorstellen,
-stehend vorgestellt. Jenes ergibt einen quantitativen, dieses einen
-qualitativen Gesichtspunkt zur Beurtheilung des Wollens.
-
-154. Ersterer betrifft das Wie, letzterer das Was des vorgestellten
-Wollens. Dasselbe wird von jenem aus entweder als stark, oder als
-schwach, als reich und mannigfaltig, oder als dürftig und einförmig,
-als wohlgeordnet und in sich zusammenhängend, oder als ordnungslos
-und in sich zerrissen vorgestellt, und nach der ästhetischen
-Idee der Vollkommenheit dem starken, reichen, zusammenhängenden
-vor dem schwachen, armen und zusammenhanglosen Wollen der Vorzug
-gegeben. Von diesem aus wird dasselbe entweder als mit einem anderen
-Wollen (z. B. dem eines Andern) ganz oder theilweise identisch oder
-demselben entgegengesetzt vorgestellt und nach der ästhetischen
-Idee des Einklangs im ersteren Falle mit Lob, in letzterem mit Tadel
-begleitet. Die Entwicklung und Aufzählung aller sowol vom quantitativen
-als vom qualitativen Gesichtspunkt aus möglichen Fälle ergibt die
-ethischen Ideen.
-
-155. Diese Fälle sind folgende. Jedes Wollen als solches besitzt eine
-Energie, mit welcher, und einen Inhalt, welcher gewollt wird. Wird
-die erstere d. i. das Quantum des Wollens, ohne Rücksicht auf den
-letzteren, das Quale des Wollens, allein ins Auge gefasst, so ergibt
-sich der quantitative, findet das Gegentheil statt, der qualitative
-Gesichtspunkt seiner Beurtheilung. Weil jede Bethätigung des Wollens
-als eines Ueberwindens entgegenstehender Hemmnisse von Lustgefühl
-begleitet ist und sich dasselbe in gleichem Grade steigert, als das
-aufgewendete Quantum der Wollensbethätigung wächst, so muss mit der
-Vorstellung des grösseren Quantums von Wollensbethätigung nothwendig
-ein grösseres, mit der Vorstellung eines mit dem ersteren verglichen
-kleineren Wollensquantums eben so nothwendig ein geringerer Grad von
-Lustgefühl verbunden sein d. h. das stärkere Wollen gefällt neben dem
-schwächeren, das schwächere missfällt neben dem stärkeren. Dieser
-Erfolg besteht so lange, als das proportionale Verhältniss
-zwischen den beiden unter einander verglichenen Wollensquantitäten
-dasselbe bleibt. Ob die beiden unter einander ihrer relativen
-Stärke nach verglichenen Wollen als einem und demselben oder als
-verschiedenen wollenden Wesen angehörig gedacht werden, macht dann
-keinen Unterschied. Wächst das kleinere Wollensquantum, oder nimmt
-das grössere ab, so dass schliesslich beide den gleichen Grad von
-Stärke besitzen, oder bei fortwährendem Wachsen des kleineren oder
-Abnehmen des grösseren das schwächere zum stärkeren, das stärkere zum
-schwächeren Wollen wird, so hört in dem einen Fall, da beide gleich
-stark geworden sind, jeder Vorzug des einen vor dem andern auf,
-in dem andern Fall, da das schwächere zum stärkeren geworden ist,
-kehrt sich das Verhältniss um, das vorher wohlgefällige missfällt,
-das vorher missfällige wird wohlgefällig. In beiden Fällen stellt das
-stärkere den Massstab des schwächeren, jenes gleichsam das "Volle"
-dar, zu welchem dieses erst "kommen" soll.
-
-156. Wird das Quantum des Wollens hierbei als über jedes erreichbare
-Mass hinaus fortschreitend vorgestellt, so geht die Vorstellung des
-starken in die des durch seine Stärke erhabenen Wollens d. i. eines
-solchen über, im Vergleich mit welchem jede dem Vorstellenden
-selbst als Wollendem erreichbare Stärke seines Wollens in nichts
-verschwindet. Das in diesem Fall vorgestellte Wollen erscheint mit
-dem des Vorstellenden selbst verglichen unendlich (d. h. über jede
-diesem vorstellbare Grenze hinaus) gross; das eigene Wollen des
-Vorstellenden diesem mit jenem verglichen unendlich (d. h. über
-jede von diesem vorstellbare Grenze hinaus) klein. Letzterer
-Umstand ruft in dem Vorstellenden das unangenehme Gefühl seiner
-Schwäche als wollendes, dagegen das Bewusstsein, einen dem seinen
-unendlich überlegenen Willen zwar nicht im Wollen erreichen, aber
-doch wenigstens mit seiner vorstellenden Kraft vorstellen zu können,
-das angenehme Gefühl der eigenen Stärke als vorstellendes Wesen hervor,
-so dass beide, dieses Lust- und jenes Unlustgefühl zusammen, jenem über
-alles Mass hinaus gesteigerten Wollen gegenüber wieder das gemischte
-Gefühl des Erhabenen erzeugen. Letzteres mag, da es ein Wollen ist,
-zum Unterschied von dem im Vorangehenden erwähnten, welches nur auf
-der Ueberschreitung der Grenze des Vorstellbaren beruhte, mit einem
-Kant'schen Ausdruck das dynamisch Erhabene heissen.
-
-157. Wird, wie oben vom Quale, so vom Quantum des vorgestellten Wollens
-ab und nur auf das Was desselben gesehen, so ergeben sich, da in Bezug
-auf den Umstand, dass überhaupt etwas gewollt wird, ein Wollen dem
-andern gleicht, in Bezug auf dasjenige, welches gewollt wird, aber,
-weil jede beliebige Vorstellung Sitz eines Wollens werden kann, eine
-so unendliche Mannigfaltigkeit stattfindet, dass von einer Aufzählung
-oder Vergleichung derselben unter einander keine Rede sein kann,
-nur nachstehende Fälle. Das vorgestellte Wollen wird entweder auf den
-Wollenden selbst oder auf einen anderen Wollenden bezogen, letzterer
-aber entweder als blos in der Vorstellung des ersten vorhanden, oder
-als wirklich vorhanden vorgestellt. Findet das erste statt d. h. wird
-das Wollen des Wollenden auf den Wollenden selbst bezogen, so muss
-etwas in diesem als vorhanden vorgestellt werden, was sich mit dessen
-Wollen vergleichen lässt. Wird dagegen das Wollen auf einen Anderen
-bezogen, so muss in diesem etwas vorhanden gedacht werden, das sich
-mit dem Wollen jenes ersten vergleichen lässt. Dasjenige im Wollenden,
-mit dem sich sein Wollen vergleichen lässt, kann nun nichts anderes
-sein, als das Bild dieses Wollens d. h. die Vorstellung, die er sich
-selbst von seinem Wollen macht. Dasjenige im Andern, womit das Wollen
-des ersten verglichen wird, seinerseits kann wieder nur ein Wollen,
-und zwar entweder als blos gedachtes d. i. nur in der Vorstellung des
-ersten vorhandenes, oder als wirkliches, thatsächlich existirendes
-im zweiten sein.
-
-158. Das Bild, das sich der Wollende von seinem eigenen Wollen macht,
-gehört dessen Vorstellen (dem Intellect), das Wollen selbst, von dem er
-ein Bild sich macht, dessen mit der Vorstellung der Erreichbarkeit des
-Angestrebten verbundenem Streben (dem Willen) an: beide, das Bild des
-Wollens im Intellect und das wirkliche Wollen des Willens des Wollenden
-verhalten sich zu einander, wie Vorbild und Nachbild, Original und
-Copie; der Intellect entwirft das Bild eines gewissen möglichen Wollens
-(Willensproject), der Wille führt es aus oder auch nicht im wirklichen
-Wollen (Willensact). Im ersten Fall trägt das wirkliche Wollen die Züge
-des gedachten d. h. dasselbe ahmt das letztere nach; im letzteren Fall
-fallen Willensproject und Willensact, auf ihren Inhalt hin angesehen,
-gänzlich aus einander, gedachtes und wirkliches Wollen decken einander
-nicht. Beide Fälle, die auf der einseitigen Identität des gedachten
-und des wirklichen Wollens beruhen, wiederholen die ästhetische Idee
-des Charakteristischen auf dem Gebiete des Wollens.
-
-159. Wie jene allgemein darin besteht, dass sich der gesammte Inhalt
-des Nachbildes am Vorbilde, dagegen nicht alles, was letzterem
-eigen ist, an dem ersten findet, so besteht das Verhältniss zwischen
-gedachtem und wirklichem Wollen darin, dass der gesammte Inhalt des
-wirklichen sich in dem Inhalt des gedachten, nur mit dem Unterschied
-vorfindet, dass er das einemal nur als Gedanke (Vorstellung, Bild,
-ideal), das anderemal als Wollen (wirklich, real) vorhanden ist. Wie
-unter der Herrschaft der Idee des Charakteristischen Original
-und Portrait einander so nahe kommen, dass nur der Umstand, dass
-das eine ein wirklich, das andere ein nur scheinbar belebtes ist,
-sie von einander scheidet, so kommen im vorliegenden Verhältniss
-gedachtes und wirkliches Wollen mit einander so vollkommen überein,
-dass nur der Umstand, dass das eine als wirklich nur gedachtes, das
-andere ein Gedachtes verwirklichendes Wollen ist, sie trennt. Der
-unbedingte Beifall, welcher die erstere, die Harmonie zwischen
-Vorbild und Nachbild, begleitet, kann daher auch dem letzteren,
-welches die Harmonie zwischen gedachtem und wirklichem Wollen des
-Wollenden ausdrückt, eben so wenig fehlen, wie dessen Gegentheil,
-der Disharmonie zwischen beiden, das unbedingte Missfallen.
-
-160. Wie die Beziehung zwischen gedachtem und wirklichem Wollen im
-Wollenden selbst auf der einseitigen, so beruht jene zwischen dem
-wirklichen Wollen des Wollenden und seiner Vorstellung vom Wollen
-eines Andern auf jenem der gegenseitigen Identität. Beide Fälle
-haben das mit einander gemein, dass beide Glieder, deren Beziehung
-unter einander das Verhältniss ausmacht, dem Bewusstsein eines
-und des nämlichen Individuums (des Wollenden) angehören; ferner,
-dass diese Glieder jedesmal je ein gedachtes und ein wirkliches
-Wollen sind; der Gegensatz beider Fälle aber besteht darin, dass
-das gedachte Wollen, auf welches das wirkliche Wollen sich bezieht,
-in dem einen Fall als das eigene des Wollenden, in dem anderen als
-das eines Anderen gedacht wird. Wie nun im ersten Fall das gedachte
-eigene zum Vorbild des eigenen wirklichen Wollens, so wird in dem
-hier vorliegenden Falle das gedachte fremde zum Vorbild des eigenen
-wirklichen Wollens. In jenem Fall wird das Bild des eigenen Wollens, in
-diesem das Bild des fremden Wollens vom Wollenden nachgeahmt, so dass
-in jenem Harmonie zwischen gedachtem eigenem und eigenem wirklichem,
-in diesem dagegen Harmonie zwischen gedachtem fremdem und wirklichem
-eigenem Wollen stattfindet. Gedachtes fremdes und eigenes wirkliches
-Wollen werden dabei ihrem Inhalt nach congruent, dem Umstand nach,
-dass das eine blos gedacht, das andere wirklich, das eine eigenes,
-das andere fremdes Wollen ist, als gegensätzlich vorausgesetzt; jedes
-der beiden Verhältnissglieder hat durch die Identität des Inhalts
-etwas, und zwar ein Ueberwiegendes mit dem andern gemein und jedes
-etwas, wenngleich nichts überwiegendes, das eine die Eigenschaft,
-dass es eigenes und wirkliches, das andere die entgegengesetzte,
-dass es gedachtes und fremdes Wollen ist, vor dem anderen voraus.
-
-161. Dass in diesem Willensverhältniss die ästhetische Idee des
-Einklangs auf ethischem Felde wiederkehrt, braucht kaum erst
-hervorgehoben zu werden. Gedachtes fremdes und eigenes wirkliches
-Wollen verhalten sich zu einander wie die überwiegend identischen,
-obgleich jedes dem andern theilweise entgegengesetzten Glieder einer
-Ton-, Farben- oder Gedankenharmonie. Wie dieser auf ästhetischem,
-so kann jenem Willensverhältniss auf ethischem Gebiet das unbedingte
-Lob eben so wenig ausbleiben, wie seinem Gegentheil, der Disharmonie
-zwischen gedachtem fremdem und eigenem wirklichem Wollen der unbedingte
-Tadel.
-
-162. Schon hier mag erwähnt sein, dass der Einklang des eigenen
-wirklichen mit dem gedachten fremden Wollen nicht mit der inhaltlichen
-Uebereinstimmung des eigenen mit fremdem Lust- oder Unlustgefühl,
-wie sie in den bekannten psychischen Phänomen des sogenannten
-Mitgefühls zu Tage tritt, verwechselt werden dürfe. Jener drückt
-eine Beziehung eigenen Wollens auf fremdes, dieses zwar gleichfalls
-eine Beziehung eigener auf fremde Gemüthszustände, jedoch nicht eine
-solche des Wollens, sondern des Fühlens aus. Das sympathetische Gefühl
-ist die Wiederholung eines fremden oder die Entstehung eines jenem
-entgegengesetzten Gefühls im eigenen Gemüth, obiges Willensverhältniss
-dagegen die Wiederholung eines dem fremden gleichen oder die Entstehung
-eines jenem entgegengesetzten Wollens im eigenen Willen. Jenes ist
-bei dem Mitleid und der Mitfreude, wo das Leid des Andern Leid, die
-Lust des Andern Lust in uns hervorruft, einerseits -- bei Neid und
-Schadenfreude, wo die Lust des Andern Leid und das Leid des Andern
-Lust in uns nach sich zieht, andererseits der Fall. Dieses ereignet
-sich, wenn ein (wirklich oder vermeintlich) vorhandener Wunsch oder
-Wille eines Andern Veranlassung wird, unsererseits dasselbe, oder
-zum Grund für uns wird, das ihm Entgegengesetzte zu wollen.
-
-163. Das sympathetische Gefühl, welches durch Nachahmung der Gefühle
-eines Andern und obiges Willensverhältniss, welches durch Nachahmung
-der Wünsche eines Andern von unserer Seite entsteht, haben nichts
-weiter mit einander gemein, als dass in beiden Fällen der Andere
-durch seine inneren Vorgänge Ursache wird gewisser Vorgänge in uns,
-mit dem bedeutsamen Unterschied, dass bei dem sympathetischen Gefühl,
-auch wenn die nachgeahmten Gemüthszustände nicht wirklich vorhanden
-sind, doch gewisse Zeichen, welche als Aeusserungen derselben gelten
-können (z. B. Thränen als Zeichen des Leides, Lachen als solches der
-Freude) wirklich wahrgenommen (also wenn jener Gemüthszustand nicht
-wirklich vorhanden ist, künstlich, wie es beim Schauspieler der Fall
-ist, erzeugt) werden müssen, dass also der Andere jedenfalls wirklich
-vorhanden sein muss; während bei obigem Willensverhältniss das Wollen
-des Andern blos gedacht, daher eben so wie dieser Andere selbst nur
-in der Vorstellung des Wollenden als dessen Gedanke (Imagination)
-zu existiren nöthig hat.
-
-164. Ein neues Willensverhältniss entsteht, wenn das Wollen des
-Andern, auf welches das des Wollenden bezogen wird, nicht blos
-gedacht d. h. nur als Gedanke im Wollenden vorhanden, sondern wirklich
-d. h. unabhängig von dessen Gedacht- oder Nichtgedachtwerden neben und
-ausser dem Wollenden vorhanden ist. In diesem Fall muss, da wirkliches
-Wollen nicht ohne wollendes Subject als Träger desselben gedacht werden
-kann, jener Andere selbst als Wollender neben und ausser dem ersten
-Wollenden als wollendes Du neben dem wollenden Ich als existirend
-gedacht werden. Das Willensverhältniss, welches bisher nur in einer
-Beziehung, sei es des eigenen gedachten zum eigenen wirklichen,
-sei es des wirklichen eigenen zum fremden gedachten Wollen, sonach
-innerhalb des Bewusstseins eines einzigen Wollenden bestand, erweitert
-sich durch die Beziehung des wirklichen eigenen zu fremdem wirklichem
-Wollen über die Sphäre des individuellen Bewusstseins hinaus zu einer
-Beziehung, welche zwischen zwei verschiedenen Wollenden angehörigen
-Wollen d. i. zu einem solchen, welches zwischen zwei verschiedenen
-Individuen besteht und daher nicht ohne Hinaustreten des einen wie
-des andern der beiden auf einander zu beziehenden wirklichen Wollen
-über die Grenze der Innen- in die Atmosphäre der Aussenwelt gedacht
-werden kann. Dass diese letztere hiebei für beide eine gemeinsame
-sein muss, leuchtet von selbst ein. Wäre sie es nicht d. h. wäre die
-Welt, in welche das Wollen des einen, von der Welt, in welche das
-des andern hinaustritt d. i. sich äussert, in der Weise verschieden,
-dass, was in der einen geschieht, in keiner Weise zu jenem, was in der
-andern vor sich geht, eine Beziehung zu haben vermöchte, so könnte
-auch zwischen dem Wollen des einen (des Ich) und jenem des andern
-(des Du) als gänzlich ausser einander gelegenen Welten angehörig,
-keine solche bestehen, und das Willensverhältniss, von dem hier die
-Rede, wäre einfach unmöglich.
-
-165. Dadurch, dass die Aeusserungen beider wirklicher Wollen in
-eine beiden gemeinsame Aussenwelt fallen, ist nur die Möglichkeit,
-keineswegs die Wirklichkeit einer Beziehung zwischen denselben
-hergestellt. So lange die beiderseitigen Willensäusserungen neben,
-aber auch ausser einander herlaufen können, ohne dass eine der andern
-auf ihrem Wege begegnet, mögen sie beide zwar ihrem Inhalt nach
-d. h. in Gedanken und als gedachte Willensbestrebungen mit einander
-verglichen werden; zwischen beiden als wirklichen d. i. als wirkenden
-Wollen besteht, so lange keiner derselben auf den andern wirkt,
-kein wirkliches Verhältniss.
-
-166. Letzteres tritt erst ein, wenn die eine Willensäusserung auf
-die andere trifft, und zwar in der Weise, dass dieselbe weder durch
-die andere, noch diese durch jene hindurchgehen kann, ohne einander
-zu stören, sondern dass die eine die andere und diese jene in ihrem
-Fortschreiten hemmt d. h. dass beide, als gleichzeitig bestehend
-gedacht, mit einander unverträglich sind. Beide Willensäusserungen
-stehen sodann unter einander in einem Verhältniss, welches dem der
-gegenseitigen Ausschliessung des seinem Inhalt nach überwiegend
-Entgegengesetzten entspricht und, wie dieses einen Conflict zwischen
-mit einander unverträglichen Vorstellungen im Denken, so einen
-solchen zwischen mit einander unverträglichen Wirklichen im Sein
-darstellt. Jene als einander ausschliessende Gedanken können nicht
-mit einander zugleich gedacht, diese als einander ausschliessende
-Kräfte können nicht als mit einander zugleich bestehend ertragen
-werden. Ausdruck dieses Conflicts ist der Streit beider Wollenden.
-
-167. Willensacte (volitiones) sind "Gedanken, die leicht bei einander
-wohnen"; Willensäusserungen (actiones) sind "Sachen, die sich hart
-im Raume stossen". Jene, auch wenn sie dem Inhalt nach einander
-ausschliessen, überschreiten die Grenze des Bewusstseins ihres Trägers
-nicht; diese, auch wenn sie dem Inhalt nach mit einander verträglich
-sind, gehen über dieses hinaus und treten als Veränderungen in der
-Aussenwelt d. i. als Verschiebungen der bisherigen Lage der Dinge in
-der letzteren auf. Auch wenn die Willensäusserung in nichts anderem
-besteht als in einem Ausruf, einem gesprochenen Wort, einer Miene,
-einer Gliederbewegung des eigenen Leibes des Wollenden, so wird durch
-dieselbe eine Aenderung der bisherigen Sachlage, durch den Ruf, das
-Wort eine Erschütterung der den Raum erfüllenden atmosphärischen Luft,
-durch die Geberde, die Handbewegung eine Umstellung der Masse des
-eigenen organischen Leibes herbeigeführt, welche bei der stetigen
-Erfüllung des Raumes mit Nothwendigkeit eine Ortsveränderung der
-angrenzenden Luft- oder Stofftheile herbeiführen und so als nähere
-oder entferntere Wirkung des durch den Willen gegebenen Impulses
-durch den Raum und die Materie sich fortpflanzen muss. Da sonach
-jede Willensäusserung als solche einen gewissen Theil des den Raum
-erfüllenden dünneren oder dichteren Stoffes für sich in Anspruch
-nimmt, so kommt es ganz auf die Natur dieses letzteren an, ob derselbe
-fähig sei, zweien oder mehreren Willensäusserungen als Werkzeug der
-Aeusserung zugleich zu dienen. Ist der Stoff, welchen der Wille zu
-seiner Aeusserung gebraucht, von der Art, dass er zugleich von einem
-andern, von jenem verschiedenen Wollen zu dessen Aeusserung verwendet
-werden kann d. h. ist derselbe für beide Wollen durchdringlich
-(permeabel), so entsteht kein Streit: die Aeusserung des einen geht
-durch die Aeusserung des anderen Willens hindurch, ohne dieselbe zu
-hindern oder durch sie gehindert zu werden. So gehen die Schallwellen,
-die das gesprochene Wort des einen erzeugt, durch jene, die das
-des andern hervorruft, dem Anscheine nach ohne einander zu stören,
-hindurch, indem beiden dieselbe den Raum erfüllende atmosphärische
-Luft zum Schallorgan dient. Ist dagegen jener Stoff von solcher
-Beschaffenheit, dass derjenige Theil desselben, welcher von einem
-Willen als Instrument seiner Aeusserung in Beschlag genommen ist, nicht
-zugleich von einem andern zu gleichem Zweck in Besitz genommen werden
-kann d. h. ist der von einem Wollen erfüllte Stoff undurchdringlich
-(unpermeabel) für ein anderes Wollen, so stellt er den Stein des
-Anstosses dar, an dem beide Wollen und in dem sie beide an einander
-prallen; es entsteht ein Zustand, der so, wie er ist, nicht dauern und
-so lange beide Wollen dieselben bleiben, die sie sind, nicht anders
-werden kann. Eine unhaltbare und doch thatsächliche Sachlage --
-ein realer d. i. real gewordener Widerspruch.
-
-168. Von dieser Art war die Situation, von welcher Carl V. sagte,
-"dasselbe, was mein Bruder Franz will, will ich auch, nämlich
-Mailand." Indem das Object beider Wollen ein solches ist, dass es nur
-einem oder keinem von beiden dienen kann und doch beide Wollen solche
-sind, dass sie nicht aufhören, eben dieses Object zu begehren, wird
-eine Sachlage geschaffen, welche, obgleich factisch, doch irrational
-und obgleich irrational, doch factisch ist, als unabweislich zugleich
-und undenkbar sich aufdrängt.
-
-169. Ausdruck dieses Eindrucks im Zuschauer ist der unbedingte Tadel,
-der dem Streite folgt. Derselbe kann, da der Grund des Streites
-einerseits in dem Umstand, dass beide dasselbe Object wollen,
-andererseits in dem Umstand, dass dieses seiner Natur nach nicht
-beiden zugleich nachzugeben vermag, gelegen ist, nicht der Natur des
-Objects, die als solche unveränderlich durch Naturgesetze gegeben ist,
-sondern nur den beiden Wollenden gelten, deren Wille der Natur des
-Wollens nach veränderlich und von der Selbstbestimmung der Wollenden
-abhängig ist. Da nun obiger Tadel so lange sich erneuert, als obige
-Sachlage unverändert fortbesteht, letztere aber nur eine Aenderung
-erfahren kann, wenn, da die Natur des Objects unveränderlich ist,
-eines der beiden streitenden Wollen, oder wenn beide eine Abänderung
-erleiden, so folgt, dass, um dem Tadel zu entgehen, kein anderer Ausweg
-möglich ist, als dass das streitende Paar, oder wenigstens einer der
-Streitenden vom Streite ablässt d. i. sein bisheriges Wollen ändert,
-auf das Object desselben verzichtet, dasselbe freilässt.
-
-170. Durch diese Aenderung des Wollens erlischt der Streit, es wird
-Friede. Das Object, das den Anlass zum Streite bot, ist dasselbe
-geblieben, das es war, nur der nach seiner Beschaffenheit äusserliche,
-zufällige Umstand, dass es zugleich Gegenstand zweier Wollen und
-dadurch Grund geworden war, dass diese sich als unverträglich mit
-einander an den Tag legten, ist geschwunden. Dasselbe kann nunmehr
-entweder, wenn beide verzichtet haben, ruhig an seinem Ort beharren
-oder wenn nur einer verzichtet hat, ohne Anstand dem Wollen des Anderen
-Raum geben. Der unerträgliche, weil in sich widersprechende Zustand
-besteht nicht mehr, weil die mit einander unverträglichen Wollen
-nicht mehr bestehen d. h. weil die Wollenden, die bisher sich unter
-einander ausschlossen, sich jetzt entweder, weil keiner mehr, oder,
-weil nur mehr einer will, was er wollte, sich unter einander vertragen.
-
-171. Je nachdem dieses nunmehrige Sichvertragen der Wollenden
-stillschweigend erfolgt oder ausdrücklich durch eine, wie immer
-geartete Kundgebung von Seite der Wollenden (Vertrag, pactum)
-bekräftigt wird, nimmt der hergestellte Friede selbst natürlichen oder
-positiven, vertragsmässigen Charakter an. Je nachdem die Aenderung des
-Wollens, auf deren Grund hin der Streit erlischt, sei es bei einem,
-sei es bei jedem der Streitenden entweder nur aus dem Grunde erfolgt,
-weil derselbe oder dieselben zur Einsicht gelangt sind wegen gänzlicher
-Erschöpfung an physischer Kraft nicht mehr streiten zu können, oder
-weil einer oder beide die Ueberzeugung gewonnen haben, es bringe
-grösseren Vortheil Frieden zu schliessen als weiter zu streiten,
-oder endlich weil derselbe oder dieselben ausser Stande sich fühlen,
-den, so lange der Streit fortwährt, stets sich erneuernden Tadel,
-welcher die Streitenden trifft, weiter zu tragen, nimmt der Friede
-selbst entweder den Charakter eines blossen "Nothfriedens" oder den
-eines "Schacherfriedens", oder im letzten Falle den eines sittlichen
-d. h. eines um keines andern Motives willen, als um dem ethischen
-Tadel des Streites zu entgehen, geschlossenen Friedens an.
-
-172. Nur der letztgenannte ist dauerhafter, beide vorher angeführten
-sind lediglich vorübergehender Natur. Der aus keinem anderen Grunde
-entstandene Friede, als weil die streitenden Parteien sich erschöpft
-fühlen, während der Wille zu streiten, wenn die Kräfte zureichten, nach
-wie vor vorhanden bleibt, besteht nur so lange, als das Kraftgefühl
-mangelt; mit dem Erwachen des letzteren hebt der Streit wieder an. Der
-um des materiellen Vortheiles willen geschlossene Friede aber währt
-nur so lange, als die Aussicht auf Erlangung grösserer Vortheile durch
-den Frieden, als durch den Streit besteht; von dem Augenblicke an,
-als diese Aussicht schwindet, oder die ihr entgegengesetzte sich
-eröffnet, hört auch der Wille Frieden zu halten auf und schlägt in
-den entgegengesetzten, von neuem Streit zu beginnen, um. Bestand
-und Dauer des Friedens hängen sonach in beiden Fällen nicht von
-dem an sich unwandelbaren Urtheil über den unbedingten Unwerth des
-Streites, sondern von äusseren Umständen ab: in dem einen Fall von
-denjenigen Verhältnissen, welche den Wiederersatz der verlorenen Kräfte
-beschleunigen oder verzögern, in dem andern Falle von den Umständen,
-welche die Erlangung materieller Vortheile durch den Frieden oder
-durch den Streit begünstigen oder verhindern. Nur derjenige Friede,
-der auf der Macht der Einsicht in die Verwerflichkeit des Streites
-über Gemüther und Wollen der im Streit begriffen Gewesenen beruht,
-trägt die Bürgschaft unveränderten Fortbestandes, so lange jene Macht
-unverändert sich forterhält, in sich. Die Erhaltung letzterer Macht
-aber ist so lange gesichert, als das ethische Urtheil des Wollenden
-ungetrübt, seine Beurtheilung des Streites von dessen den Widerspruch
-in sich tragender Natur ausschliesslich bestimmt und dadurch die
-Wiedererneuerung unbedingter Verwerfung desselben in jedem gegebenen
-Falle unvermeidlich ist.
-
-173. Wie die natürliche Correctheit d. i. die Abwesenheit einander
-ausschliessender Vorstellungen im Bewusstsein zur künstlichen d. i. zu
-der sei es zufällig, sei es willkürlich "auf Zeit" hervorgebrachten
-Verdrängung der unverträglichen aus dem und Ersatz derselben durch
-mit einander verträgliche Vorstellungen in dem Bewusstsein, so verhält
-sich der natürliche d. i. der Friede von Natur aus, innerhalb dessen
-unter einander ausschliessende Willensäusserungen überhaupt nicht
-vorkommen, zum künstlichen d. i. zu demjenigen Friedenszustande,
-innerhalb dessen thatsächlich vorhanden gewesene mit und unter einander
-unverträgliche Willensäusserungen, sei es in Folge physischer Ursachen
-(z. B. Erschöpfung der Kräfte) zufällig oder in Folge den Willen
-bestimmender Motive (z. B. der Schädlichkeit oder der Verwerflichkeit
-des Streites) willkürlich "auf Zeit und Kündigung" beseitigt und
-durch mit einander verträgliche Willensäusserungen ersetzt worden
-sind. Derselbe verheisst desto grössere Festigkeit, je dauerhafter die
-Gründe sind, welche die Ausschliessung der mit einander unverträglich
-gewesenen Willensäusserungen bewirkt haben; dagegen desto geringere,
-je wandelbarer und von der Laune des Geschickes abhängiger die Motive
-waren, welche die ursprünglich Streitenden zur Ablassung von jenem
-ihren Streit erregenden Wollen bewogen haben. Jenes ist, wie oben
-gezeigt, bei demjenigen Beweggrund vom Streite abzustehen, der aus
-der Einsicht von dessen Verwerflichkeit entspringt, dieses dagegen
-bei denjenigen Friedensgründen der Fall, welche nur durch die Noth
-oder den äusseren Nutzen dictirt sind.
-
-174. Der künstliche Friede erstickt den Streit, aber nur für so
-lange, als der Wille nicht zu streiten, die Oberhand behält. Mit dem
-Verschwinden oder dem Nachlassen der Macht des letzteren taucht der
-Streit wieder empor; dessen "schlangenhaariges Scheusal" schlummert
-nur gebändigt aber nicht vernichtet unter der künstlichen Decke des
-Friedens. Der hergestellte Friede ist auf sein Wesen hin angesehen
-scheinbarer, nicht wirklicher; die wirklich vorhandenen, nur künstlich
-beseitigten sind die einander ausschliessenden Willensäusserungen
-("bellum omnium contra omnes"), der Unfriede. Letztere sind nicht
-absichtlich mit Wissen durch das Wollen der Streitenden, sondern sie
-sind unabsichtlich, ohne Wissen, ja voraussichtlicher Weise gegen
-den Willen der durch dieselben mit einander in Streit Gerathenden
-herbeigeführt. Das Wollen, dessen Aeusserung an einem bestimmten Punkte
-der Aussenwelt mit der eines Anderen feindselig zusammentrifft, hat
-weder vor dem Zusammentreffen von dem Vorhandensein des Du noch von
-dessen auf jenes Object sich richtendem Wollen, also auch nicht von
-der Möglichkeit, noch weniger von der Unausweichlichkeit des Streites
-eine Vorstellung gehabt, dasselbe hat folglich diesen weder gewollt
-noch wollen gekonnt und würde möglicher Weise, wenn es desselben
-Bevorstehen gekannt hätte, die streitdrohende Aeusserung seines Willens
-nicht gewollt haben. Das Wollen der Streitenden ist an der Entstehung
-des Streites keineswegs ohne Schuld, aber jeder der Streitenden ist
-am Streite unschuldig; jener wäre nicht entstanden, wenn keiner von
-beiden das Streitobject gewollt hätte; aber keiner von beiden hat
-das Object als Streitobject und eben so wenig einer von beiden den
-Streit gewollt. Der Tadel, der dem Streit gilt, trifft darum jeden der
-Streitenden nur insofern, als ohne das Wollen desselben kein Streit
-entstanden wäre; derselbe trifft beide Streitende in gleichem Grade,
-weil beide an dem Zustandegekommensein des Streites im gleichen Grade
-in einem Sinn betheiligt, im anderen unbetheiligt sind.
-
-175. Die gleiche Vertheilung des Tadels auf beide Wollende hört auf,
-wenn die gleiche Betheiligung beider Willenssubjecte an dem zwischen
-denselben stattfindenden Verhältniss ein Ende nimmt. Dieser Fall
-tritt ein, wenn das Zusammentreffen beider Wollenden nicht zufällig,
-ohne Wissen und Absicht beider, sondern absichtlich, mit Wissen und
-durch das Wollen des einen von beiden, dagegen ohne Wissen und wider
-den Willen des anderen herbeigeführt wird. Jener, dessen gewusstes
-und gewolltes Object nicht, wie im vorhin geschilderten Falle des
-Streites ein beliebiges, sondern ein Anderer und zwar der Andere,
-das Du, und dessen jeweiliger Zustand ist, heisst insofern der Thätige
-(agens), dieser, der ohne Wissen und Willen, ja selbst wider Willen,
-mit seinem jeweiligen Zustand Object für die Willensäusserung des
-ersten ist, heisst insofern der Leidende (patiens). Letzteres nicht
-in dem Sinn, als müsse die Folge seines Objectseins für den Anderen
-eben ein eigentliches Leid d. i. ein Schmerzgefühl sein, sondern in
-dem Sinn, dass die Veränderung seines gegenwärtigen Zustandes, sei es
-zum Schlechteren oder zum Besseren, eben die Folge der ihn zum Object
-wählenden Willensäusserung des Thätigen sei. An der Verursachung dieser
-Folge d. i. an der Veränderung des bisherigen Zustandes, welche der
-eine erzeugt, der andere nur duldet, sind beide ungleich betheiligt.
-
-176. Wie Hammer und Ambos verhalten sich Thätiger und Leidender. Das
-geschmiedete Eisen ist Wohl oder Wehe des Leidenden. Das Schmieden des
-Eisens erfolgt durch den Hammer, aber auf dem Ambos; die Veränderung
-der bisherigen Sachlage nicht ohne den Leidenden, an dem, aber
-durch den Thätigen, von dem sie vollzogen wird. Jene selbst, mit dem
-bisherigen Zustande verglichen, stellt eine Störung desselben dar;
-der Urheber derselben, der Thätige, erscheint als Störenfried. Ausdruck
-dieser Störung d. i. derjenige von dem bisherigen verschiedene Zustand,
-welcher durch den Thätigen verursacht ist, ist die That. Dieselbe als
-Zustand, der jetzt ist und vorher nicht war, ist ein Wirkliches und
-als solches die Wirkung eines Wirkenden (des Thäters). Diese Wirkung
-selbst aber ist in dem Geiste des Wirkenden vorgebildet als Vorsatz
-(Absicht) und in dem Zustande des durch dieselbe betroffenen Leidenden
-abgebildet als Folge (Erfolg). Nur wo beide, Vorsatz im Thätigen,
-Erfolg im Leidenden, einander decken, ist wirklich That; wo der
-Erfolg mangelt, ist, wenn das Wollen nicht zur Aeusserung gelangt ist,
-Intention ohne Action, wenn das Wollen zu nur unvollkommener Aeusserung
-gelangt ist, Versuch ohne Gelingen, wenn dagegen zwar der Erfolg,
-aber weder Versuch noch Absicht voranging, blosses Ereigniss vorhanden.
-
-177. Da, wo keine That, auch kein Thäter vorhanden ist, so kann für
-das nackte Ereigniss, das sich an dem einen der beiden Wollenden, dem
-Leidenden, vollzieht, der andere der beiden, der sogenannte Thätige,
-zwar vielleicht als eine der mitbedingenden Ursachen, niemals aber
-kann das Wollen desselben als Ursache jenes Ereignisses angesehen
-werden. Da ferner, wo kein Erfolg, keine That, aber doch Absicht, ja
-Versuch einer solchen vorhanden ist, so kann für das Nichteintreten des
-Erfolges am Leidenden zwar die geistige oder körperliche Beschaffenheit
-des sogenannten Thätigen (dessen Unverstand oder Ungeschick) als
-eine der Mitursachen des Ausbleibens des Erfolges, niemals aber
-kann dessen Wollen als die Ursache des Nichtgelingens betrachtet
-werden. Wird daher, wie es auf ethischem Gebiete der Fall ist, nur
-das Wollen beurtheilt, so fällt in dem ersten der beiden angeführten
-Fälle der sogenannte Thätige ganz ausserhalb des Kreises ethischer
-Beurtheilung, in dem zweiten dagegen zwar in denselben hinein, aber
-da dessen anderweitige psychische und physische Mängel, welche das
-Misslingen des Erfolges herbeigeführt haben, den Schluss auf eine
-ähnliche Mangelhaftigkeit in Bezug auf Beherrschung und Regelung
-seines Wollens gestatten, unter mildernden Umständen.
-
-178. Durch die That als Störung des bisherigen Zustandes ist etwas
-geschehen; aber so lange dieselbe als That d. i. als Störung nicht
-anerkannt ist, scheint es, als sei nichts geschehen. Oedipus hat
-seinen Vater erschlagen und seine Mutter geheiratet, aber nach
-aussen scheint es, als habe er weder das eine noch das andere
-gethan. Gegen scheltende Knechte eines unbekannten Reisenden hat er
-als ungerecht angegriffener Wanderer sich zur Wehre gesetzt: die zum
-Preise der Befreiung der Stadt von der Pest und Sphinx ausgesetzte
-Witwe des verstorbenen Königs hat er durch Lösung des Räthsels auf
-rechtmässigem Wege zur Gattin erworben. Ein Verbrechen ist geschehen,
-aber es scheint, als sei keines geschehen; Schein gibt sich für Sein,
-ein nur scheinbar vorhandener für den wirklich vorhandenen Zustand
-aus. Die anscheinende Sachlage steht mit der thatsächlichen in einem
-Widerspruch, der sich auf eine Zeit lang, aber nicht auf die Dauer
-verheimlichen lässt, und dessen klaffender Spalt um so unerträglicher
-erscheint, als der Inhalt des scheinbar zu dem Inhalt des wirklich
-Geschehenen im einander ausschliessendem Gegensatze steht.
-
-179. Wie das Missfallen am Streit auf dem gleichzeitigen Bestand zweier
-einander ausschliessenden Willensäusserungen, so beruht das Missfallen
-an der Störung durch die That in dem gleichzeitigen Fortbestand
-zweier einander ausschliessender Sachlagen, der scheinbaren, die vor
-der That bestand und dem Anschein nach trotz der That fortbesteht,
-und der wirklichen, welche durch die That erzeugt worden ist und dem
-Anschein nach noch nicht besteht. Wie es unmöglich ist, dass zwei
-mit einander unverträgliche Willensäusserungen zugleich existiren,
-so ist es unmöglich, dass zwei mit einander unverträgliche Sachlagen
-zugleich als bestehend und wirklich anerkannt werden: dass Oedipus
-zugleich schuldig und schuldlos sei. Wie der Bestand unverträglicher
-Willensäusserungen, so ist der Bestand unverträglicher Sachlagen
-ein irrationaler; aber, wie der Bestand jener Willensäusserungen, so
-lange das Object und die Willen der Streitenden dieselben bleiben,
-ein factischer, so ist der Bestand der einander ausschliessenden
-Sachlagen, deren eine, die scheinbare, für wirklich, deren andere,
-die wirkliche, für Schein gehalten wird, ein thatsächlicher: wie dort,
-so ist hier das Irrationale factisch, und ist das Factische irrational;
-in jenem wie in diesem Falle existirt der Widerspruch.
-
-180. Derselbe besteht so lange, als der Schein besteht, dass die
-scheinbare Sachlage wirklich und die wirkliche Sachlage Schein
-sei. Soll derselbe verschwinden, so muss dieser Schein verschwinden,
-die scheinbare Sachlage muss als Schein, die wirkliche sich als
-wirklich offenbaren. Dies geschieht, wenn die todtgeschwiegene
-Störung als solche anerkannt d. h. durch entsprechende Gegenstörung
-ausgeglichen und auf diese Weise zwar nicht der ursprüngliche Zustand,
-der als zeitlich vergangener nicht wiederkehren kann, aber doch ein
-demselben gleicher wieder hergestellt wird.
-
-181. Die ästhetische Idee des Ausgleichs ist es, die hier auf ethischem
-Gebiete wieder zum Vorschein kommt. Die wirkliche Sachlage, die durch
-die That herbeigeführt, aber durch den anscheinenden Fortbestand des
-vorherigen Zustandes gleichsam mit einem Schleier bedeckt worden ist,
-tritt aus der Verdunkelung wieder ans Tageslicht. Oedipus, der zum
-Verbrecher geworden ist, aber keiner scheint, wird durch die Aufhellung
-der That als solcher erkannt und durch die an ihm verübte Vergeltung
-die durch den Schein seiner Schuldlosigkeit entstandene Verrückung des
-wirklichen Thatbestandes wieder zurechtgerückt. So weit die Sachlage
-durch den Anschein des Gegentheils nach einer Richtung hin verschoben
-worden ist, so weit muss sie zum Zwecke der Aufhebung dieses Anscheins
-nach der entgegengesetzten Richtung hin zurückgeschoben werden. So viel
-(quantum) Ablenkung vom wirklichen Thatbestand nach der einen Seite
-hin stattgefunden hat, so viel (tantum) Einlenkung zum wirklichen
-Thatbestande hin muss von der andern Seite stattfinden. Störung und
-Gegenstörung heben einander auf; wie jene in der That, findet diese
-ihren Ausdruck in der Vergeltung. Das Mass der Gegenstörung ist durch
-das Mass der Störung, die Ausdehnung der Vergeltung durch jene der
-That gegeben. Ausdruck dieses gegenseitigen Verhältnisses ist die
-Billigkeit (æquitas).
-
-182. Da, so lange der Widerspruch beider Sachlagen, der wirklichen
-und der scheinbaren, bestand, Missfälliges bestand, so lange die
-Störung als todtgeschwiegene, die That als unvergoltene währte,
-aber auch der Widerspruch währte, so hört mit der Aufhebung der
-Störung durch Gegenstörung d. i. mit der Vergeltung der That,
-zwar der Widerspruch und damit das Missfällige auf, wie mit der
-Aenderung der streitenden Willensäusserungen der Streit aufhört,
-aber ein unbedingt Beifälliges ist dadurch nicht hergestellt. Weder,
-wenn, vom Gesichtspunkt des Leidenden angesehen, die That eine Weh-
-noch wenn sie eine Wohlthat ist; denn die Beschaffenheit des Erfolges,
-den der Leidende erfährt, ist für die Qualifikation der That, insofern
-sie dem Thäter angehört, gleichgiltig. Nicht die Wohlthat als Wohl-
-noch die Wehethat als Wehe-, sondern beide als Thaten bedürfen der
-Vergeltung. Wenn es von einem andern, z. B. vom politischen oder
-gesellschaftlichen Gesichtspunkt aus nöthiger scheint, dass Wehthaten,
-als dass Wohlthaten Vergeltung erfahren, weil die letzteren die Summe
-des schon vorhandenen Wohlbefindens nur vermehren, die ersteren dagegen
-die vorhandene Summe nur vermindern können und deshalb die Gesetzgebung
-der Staaten früher und eifriger für die Bestrafung der einen als für
-die Belohnung der andern Sorge zu tragen pflegt, so stellt dieser
-Unterschied sich vom ethischen Gesichtspunkt aus als unzulässig dar,
-da nicht die That in ihrer specifischen Qualität als Wohl- oder Wehe-,
-sondern als That überhaupt zur Vergeltung auffordert. Während das
-sogenannte jus talionis mit seinem Ausspruch: Aug um Aug, Zahn um
-Zahn, sich an das quale der That, dem ein tale der Vergeltung, hält
-sich die Billigkeit an das quantum der That, welchem das tantum der
-Vergeltung entspricht. Jenes betrachtet die Zufügung eines andern
-als des erlittenen Leides, diese nur die Zufügung eines grösseren,
-aber auch die eines geringeren Leides als das erfahrene war, als
-Verletzung der Norm. Das eine, die Rückgabe eines geringeren Masses
-von Weh, liesse einen unvergoltenen Ueberrest der That zurück; das
-andere, die Rückgabe eines grösseren, wäre als Ueberschuss über das
-zu vergeltende seinerseits selbst That, die Vergeltung erheischte.
-
-183. Mit der Betrachtung des absichtlich von Seite des einen
-der Wollenden herbeigeführten Zusammentreffens zweier wirklicher
-Wollenden ist die Reihe der möglichen Willensverhältnisse, die
-Gegenstand unbedingten Lobes oder eben solchen Tadels werden können,
-erschöpft. Dieselbe ist durch eine Folge einander dichotomisch
-ergänzender Eintheilungen entstanden, zwischen deren einzelne
-Glieder sich weder ein weiteres einschieben, noch an deren Schluss
-ein weiteres sich anfügen lässt. Die zu vergleichenden Wollen wurden
-entweder ohne, oder mit Rücksicht auf den Umstand, ob sie einem
-und demselben, oder verschiedenen Wollenden angehören, angesehen;
-jene, welche in den Umfang des letzteren Gliedes der Eintheilung
-fielen, abermals in solche, welche einem und demselben oder welche
-verschiedenen Wollenden (und zwar der geringsten Anzahl derselben,
-dem Ich und dem Du) angehörten, unterschieden. Erstere, da sie, um
-als Glieder eines Willensverhältnisses innerhalb desselben Wollenden
-auftreten zu können, sich zu einander nur wie gedachtes zu wirklichem
-Wollen verhalten konnten, boten nur eine Gelegenheit zu weiterer
-Unterabtheilung dar -- je nachdem das gedachte Wollen, als dessen
-Nachbild das wirkliche auftrat, entweder das eigene (Vorstellung des
-eigenen Wollens), oder ein fremdes (Vorstellung des Wollens eines
-Andern) war. Letztere, welche als solche verschiedenen Wollenden
-angehören und nur dadurch, dass sie mit einander irgendwie und irgendwo
-in Berührung gebracht wurden, in ein Verhältniss zu einander treten
-konnten, vermochten in Contact nur entweder durch Zufall oder durch
-Absicht (eines der Wollenden) versetzt zu werden. Weder ein Wollen,
-das weder eigenes, noch fremdes, noch ein Zusammentreffen Wollender,
-das weder absichtslos, noch absichtlich wäre, ist denkbar. Die
-Glieder obiger Eintheilung schliessen einander daher vollständig
-aus und ergänzen einander zum Umfang des einzutheilenden Ganzen:
-die Eintheilung ist vollständig.
-
-184. Auch in dem Sinn, dass ein weiteres Glied am Schlusse sich
-nicht hinzufügen lässt. Denn ein solches könnte nur durch die
-Vermehrung der zu einander in Beziehung zu setzenden wirklichen
-Wollen über die kleinstmögliche Anzahl hinaus gesucht werden;
-eine solche aber ergibt kein neues, sondern nur eine Wiederholung
-vorheriger Willensverhältnisse. Auch die drei, vier, n wirklichen
-Wollen verschiedener wollender Wesen müssen, um zu einander ein
-Verhältniss einzugehen, irgendwie und irgendwo zusammengeführt und
-dadurch die mehreren Wollenden mit einander in Berührung gebracht
-werden. Da nun von selbst einleuchtet, dass jenes Zusammentreffen nur
-entweder durch Zufall oder durch Absicht verursacht werden könnte,
-so würde im ersteren Falle Streit, im letzteren Falle würden Wohl-
-oder Wehethaten die Folge sein d. h. die zwei letztgenannten obiger
-Willensverhältnisse würden, nur vervielfältigt, wiederkehren.
-
-185. Aus dem quantitativen Gesichtspunkt der Beurtheilung des Wollens
-ergibt sich die ethische Idee der (ethischen) Vollkommenheit. Dieselbe
-unterscheidet sich von der ästhetischen Vollkommenheit dadurch,
-dass der letzteren entsprechend das Grosse überall, wo es sich
-findet, neben dem Kleineren -- der ersteren zufolge das Grosse am
-Wollen neben dem Kleinen an diesem insbesondere gefällt. Da nun die
-Grösse des Wollens als eines wirklichen und wirkenden d. i. als einer
-Kraft, in der Intensität d. i. in der Stärke desselben besteht, so
-nimmt das allgemein ästhetische Urtheil: das Grosse gefällt neben
-dem Kleinen, das Kleine missfällt neben dem Grossen, auf ethischem
-Boden die Gestalt an: das starke Wollen gefällt neben dem schwachen,
-das schwache missfällt neben dem starken. Indem hiedurch das stärkere
-Wollen zum Massstab des schwächeren wird, stellt der Grad seiner Stärke
-dem schwachen gegenüber jene Grenze dar, zu welcher dieses gelangen,
-das "Volle", zu dem dieses "kommen" muss, wenn seine Missfälligkeit ein
-Ende nehmen soll. Mit der Erreichung jener Grenze hört, wie schon oben
-bemerkt, das Missfallen am schwächeren, weil dessen Schwäche selbst,
-auf, aber auch das Verhältniss; mit der Ueberschreitung derselben
-kehrt sich, wie gleichfalls oben bemerkt, dasselbe um: das jetzt
-stärkere Wollen gefällt, das jetzt schwächere Wollen missfällt von
-nun an. Da das Gefallen an der Stärke des Wollens von jeder sonstigen
-Beschaffenheit desselben abstrahirt, so folgt, dass ein nach der Idee
-der ethischen Vollkommenheit wohlgefälliger Willensact in anderer
-Hinsicht missfällig, ja unbedingt verwerflich sich darstellen kann,
-ohne den Anspruch auf Beifall, ja auf Bewunderung nach jener Richtung
-hin einzubüssen. In diesem Sinn bleibt auch dem Bösewicht, ja dem
-verkörpert gedachten Bösen, dem satanischen Ideal ethisches Lob
-nicht aus, wenn sich derselbe oder dieses letztere in gewaltiger,
-das gewöhnliche, ja selbst alles menschliche Mass übersteigender
-Energie der Willenskraft offenbart. Richard III., Jago, Carl Moor,
-Milton's Satan, Klopstock's Abadonna, "der Geist, der stets verneint",
-regen von diesem ethischen Einzelgesichtspunkt aus "schaudernde
-Bewunderung" an. In Heroenzeitaltern und bei Naturvölkern macht
-die Verehrung für die ins Ungemessene gesteigerte Willensenergie
-fast allein den Inhalt des moralischen Codex aus; die Achtung des
-schwächeren für das stärkere Geschlecht ist vorwiegend auf das Gefühl
-überlegener Willensmacht des letzteren begründet. Wie die intensive
-Grösse des einzelnen Willensactes, so erweckt die extensive Grösse der
-Vervielfältigung des Willens in zahlreichen, sei es dem Inhalt nach
-gleichen, oder mannigfaltigen Willensacten und die Geschlossenheit
-und innere Systematik dieser letzteren, verglichen mit Armuth und
-Einförmigkeit des Wollens, so wie mit dessen Halt- und Systemlosigkeit,
-unbedingtes Lob, während dem letzteren Tadel folgt.
-
-186. An die ethische Idee der Vollkommenheit schliesst sich ein
-Verfahren an, welches die in derselben enthaltene Forderung der
-Stärke, der Mannigfaltigkeit und des inneren Zusammenhangs des
-Wollens einerseits auf den gesammten Umkreis der Willensbethätigung
-des Wollenden d. h. auf dessen Gesammtwollen, andererseits über den
-einzelnen Wollenden hinaus, auf jede Vereinigung mehrerer, ja aller
-überhaupt Wollenden d. i. auf alle durch ein gemeinsames Band unter
-sich verknüpften Glieder einer Gesellschaft d. i. auf deren gesammtes,
-innerhalb ihres Umkreises vorhandenes Wollen ausdehnt. Dasselbe
-besteht darin, dass sowol in jedem einzelnen Individuum als solchem
-wie in der Gesellschaft jedes vorhandene Wollen zur höchstmöglichen
-Energie gesteigert, nicht vorhandenes Wollen in jeder erreichbaren
-Vielheit und Mannigfaltigkeit geweckt, ferner das gesammte auf diese
-Weise gegebene oder entwickelte Wollen in inneren Zusammenhang und
-gesetzliche Anordnung gebracht und in beiden erhalten werde. In
-ersterer Hinsicht begünstigt jenes Verfahren die Einseitigkeit, in
-Bezug auf die Menge dagegen die Vielseitigkeit des Wollens, davon
-die erste weniges, aber starkes, die letztere, wenngleich schwaches,
-doch vieles und mannigfaltiges Wollen fördert, während durch die
-Berücksichtigung des Verhältnisses des gesammten Wollens zu jedem
-der dasselbe ausmachenden Willensacte das Vorwiegen der einseitigen
-auf Kosten der vielseitigen, aber auch umgekehrt das Uebergewicht
-der vielseitigen über die einseitige Willensentwicklung vermieden
-und dadurch das Gleichgewicht zwischen beiden entgegengesetzten
-Richtungen der Vervollkommnung des Wollens erhalten wird. In letzterer
-Hinsicht geht jenes Verfahren darauf, dass innerhalb des Umkreises der
-Gesellschaft jedes in irgend einem ihrer Glieder vorhandene Wollen zu
-dem höchsten erreichbaren Grade von Energie gesteigert, aber auch dass
-innerhalb desselben jedes nicht vorhandene Wollen, sei es in einem
-einzelnen, sei es in sämmtlichen Gliedern, geweckt und auf diese
-Weise die Mannigfaltigkeit des Wollens innerhalb der Gesellschaft
-zum höchsten erreichbaren Grade entwickelt werde. Durch ersteres
-wird innerhalb der Gesellschaft die Einseitigkeit, durch letzteres
-die Vielseitigkeit des Wollens gefördert, durch die Herstellung
-des Gleichgewichts zwischen beiden entgegengesetzten Richtungen der
-innerhalb der Gesellschaft vorhandenen Willensentwicklung aber sowol
-die Ueberhebung einer einzelnen, als die Verseichtigung der vielen
-vorhandenen Willensrichtungen verhütet.
-
-187. Steigerung wirklicher oder doch als Anlage vorhandener Kräfte in
-quantitativer Hinsicht ohne Rücksichtnahme auf deren anderweitige
-qualitative Beschaffenheit ist es, was im Allgemeinen Cultur
-heisst. Die ethische Idee der Vollkommenheit enthält die Forderung
-der Cultur des Wollens in jedem einzelnen Wollenden, wie in jeder
-Gesellschaft von solchen. Jedes obiger Forderung entsprechende
-Individuum stellt ein ethisches Culturideal d. h. das Ideal eines
-ethisch cultivirten Gesammtwollens dar; jede Gesellschaft, welche
-das gleiche thut, repräsentirt ein ethisches Cultursystem d. i. das
-Ideal einer die Cultur des Wollens in ihrem gesammten Umfang und nach
-jeder möglichen Richtung hin verwirklichenden Gesellschaft. Ersteres
-schliesst in sich, dass innerhalb des Wollenden keine Richtung des
-Wollens unvertreten, aber auch keine über das mit der gleichzeitigen
-Pflege aller übrigen verträgliche Mass hinaus getrieben sei. Letzteres
-schliesst in sich, dass innerhalb des Umkreises der Gesellschaft jede
-vorhandene Willensrichtung stark, nicht nur in jedem einzelnen Gliede,
-in dem sie sich findet, sondern durch möglichst viele Glieder der
-Gesellschaft, in welcher sie sich findet, vertreten, aber auch, dass
-keine innerhalb des Umfangs der Gesellschaft unvertreten d. h. nicht
-wenigstens in einigen oder in einem ihrer Glieder in genügender
-Stärke entwickelt sei. Jene Glieder der Gesellschaft, in welchen die
-nämliche Willensrichtung vorhanden ist, machen dadurch in ethischer
-Hinsicht eine Gesellschaftsclasse für sich, die Mannigfaltigkeit der
-innerhalb der Gesellschaft vorhandenen einzelnen, mehreren oder vielen
-Gliedern derselben gemeinsamen Willensrichtungen macht in Bezug auf die
-Gesellschaftsclassen die Buntheit und Mannigfaltigkeit der (ethisch)
-cultivirten Gesellschaft aus. Stellen unter den mannigfaltigen in
-der Gesellschaft durch Classen vertretenen Willensrichtungen die
-ihrem Inhalt nach lobenswerthen das Licht, die ihrem Inhalt nach
-verwerflichen den Schatten (in ethischer Hinsicht) dar, so kommt
-durch die Vielfältigkeit der Gesellschaftsclassen Licht und Schatten,
-überhaupt ethische Färbung in die Gesellschaft, innerhalb welcher
-je nach dem Uebergewicht der vorhandenen guten über die schlechten,
-oder der vorhandenen schlechten über die guten Willensrichtungen in
-der Gesellschaft, das Urtheil über die (im ethischen Sinne) helle oder
-dunkle Natur dieser selbst erfolgt und diese je nach der Proportion,
-die zwischen der Summe der guten und jener der verwerflichen in
-ihr vorhandenen Willensrichtungen (wie sie z. B. die Statistik der
-stationären Anzahl innerhalb der Gesellschaft vorkommenden Verbrechen
-ausweist) herrscht, als (a potiori) eine relativ gute oder relativ
-verdorbene bezeichnet wird.
-
-188. Aus dem qualitativen Gesichtspunkt der Uebereinstimmung des
-eigenen gedachten mit dem eigenen wirklichen Wollen ergibt sich die
-ethische Idee der inneren Freiheit. Dieselbe entsteht dadurch, dass
-die ästhetische Idee des Charakteristischen auf das ethische Gebiet
-übertragen, das gedachte eigene Wollen als Vor-, das eigene wirkliche
-Wollen als dessen Nachbild angesehen wird. Insofern jenes als Bild
-eines noch nicht vorhandenen, aber dem Wollenden möglichen Wollens
-in dessen Geiste vorangeht, dieses als wirklich vorhandenes, jenem
-Bilde entweder entsprechendes oder nicht entsprechendes, demselben in
-der Zeit nachfolgt, lässt sich das erste als Project, das letztere
-als getreue oder ungetreue Ausführung desselben betrachten. Jede
-sogenannte Maxime oder praktischer Grundsatz des Handelns stellt, da
-sie nicht vorhandenes Wollen beschreibt, sondern eine Regel für nicht
-vorhandenes, also künftiges Wollen formulirt, das Bild eines möglichen
-Wollens, ein Willensproject dar, welches sich zu der Gesammtheit
-aller Maximen d. i. zu der sogenannten praktischen Einsicht des
-Wollenden verhält, wie dessen einzelner Willensact zu der Totalität
-seines wirklichen Wollens. Dasselbe Verhältniss, welches zwischen
-dem einzelnen Willensproject und dem einzelnen Willensact herrscht,
-kann daher auch zwischen der gesammten praktischen Einsicht und dem
-gesammten wirklichen Wollen des Wollenden stattfinden, so dass das
-letztere entweder als getreue oder als ungetreue Nachahmung der
-ersteren sich darstellt. Fasst man blos das Verhältniss zwischen
-einem einzelnen Willensproject und dem darauf seinem Inhalt nach
-bezüglichen Willensact ins Auge, so findet, im Fall der letztere seinem
-Inhalt nach dem Willensproject entspricht, zwischen beiden unbedingt
-wohlgefällige Harmonie, im Gegenfall, wenn der einzelne Willensact
-durch seinen Inhalt dem des Willensprojects entgegengesetzt ist,
-unbedingt missfällige Disharmonie statt. Wird an die Stelle obiger
-Verhältnissglieder dagegen einerseits die praktische Einsicht,
-anderseits die Gesammtheit des wirklichen Wollens des Wollenden
-gesetzt, so tritt, wenn zwischen beiden Uebereinstimmung herrscht,
-gleichfalls unbedingtes Lob, herrscht aber Zwietracht zwischen beiden,
-unbedingte Verwerfung ein.
-
-189. Das Bild harmonischen Einklangs zwischen Willensproject
-und Willensact bietet ein (im psychologischen Sinne) freies, das
-missfällige Zerrbild machtlosen Widerstreits zwischen Willensproject
-und Willensact bietet ein (im selben Sinne) unfreies Wollen. Im
-psychologischen Sinne frei heisst dasjenige Wollen, das durch
-Motive, die aus der praktischen Einsicht (diese sei, wie sie wolle)
-genommen sind, bestimmt, unfrei dagegen dasjenige, welches, obgleich
-wie das vorhergehende motivirt, durch Beweggründe bestimmt ist,
-die anderswoher (z. B. von den Antrieben der Sinnlichkeit, von
-Affecten und Leidenschaften) genommen sind. Ein in diesem Sinne freies
-(obgleich nicht "transcendental freies", sondern determinirtes) Wollen
-wird mit dem praktischen Grundsatz, der sein Motiv ausmacht, sich
-stets, ein in diesem Sinne unfreies d. i. anderswoher (z. B. durch
-eine Leidenschaft) beherrschtes Wollen wird sich dagegen zwar mit
-diesem seinem dasselbe besitzenden Motiv, niemals aber mit einem
-der praktischen Einsicht entlehnten Grundsatz in Uebereinstimmung,
-sonach mit einem solchen sich stets in Widerspruch befinden. Im
-psychologischen Sinne freies Wollen ist daher nicht blos äusserlich
-d. h. in dem ohnehin selbstverständlichen Sinn des Wortes "frei",
-in welchem zwar das Handeln, aber niemals das Wollen durch eine
-äusserliche Macht erzwungen oder verhindert zu werden vermag, sondern
-ein solches ist zugleich innerlich frei d. h. in dem Sinne, dass
-auf dasselbe Beweggründe, die nicht aus der praktischen Einsicht,
-also aus dem Intellect genommen sind, keinen bestimmenden Einfluss
-auszuüben vermögen. Insofern das nämliche Verhältniss nicht blos
-zwischen einem einzelnen Grundsatz und einem einzelnen Willensact,
-sondern zwischen dem Ganzen der praktischen Einsicht und dem Ganzen
-des Willens besteht, heisst nicht blos, wie oben, das einzelne Wollen
-(volitio), sondern der ganze Wille (voluntas) im psychologischen
-Sinne und zwar innerlich frei, und der Wollende selbst, dessen Wille
-diese Eigenschaft besitzt, ein Charakter. Im entgegengesetzten Falle,
-wenn der Wille unfrei ist, heisst derselbe charakterlos.
-
-190. Aus diesem Grunde, weil der Einklang zwischen gedachtem und
-wirklichem Wollen der Freiheit des Wollens bedarf, um zur Erscheinung
-zu gelangen, wird der auf jenem beruhenden ethischen Idee der inneren
-Freiheit letzterer Name beigelegt. Dieselbe ist als Idee d. h. als
-Musterbild für das wirkliche Wollen weder eins mit der Freiheit des
-Willens, welche als solche ein Wirkliches, der freie wirkliche Wille,
-noch mit dem Charakter, welcher als solcher gleichfalls ein Wirkliches
-d. h. der in einem wirklichen Individuum verwirklichte freie Wille
-ist. Jene gehört als Idee dem ethischen, beide letzteren gehören als
-Wirkliche dem Gebiete des Wirklichen und zwar des Psychischen, dem
-psychologischen Gebiete an; jene, gleichviel ob ein ihr entsprechendes
-Wirkliches vorhanden sei, drückt eine allgemein giltige Forderung
-(ein Postulat), letztere beiden drücken, wenn und wo sie existiren,
-die verkörperte Erfüllung dieser Forderung selbst aus.
-
-191. An die Idee der inneren Freiheit schliesst sich ein Verfahren
-an, welches bestimmt ist, die Uebereinstimmung zwischen gedachtem
-und wirklichem Wollen nicht blos über die Gesammtheit des Wollens des
-einzelnen Individuums, sondern über die Gesammtheit der innerhalb des
-Umkreises einer durch ein gemeinsames Band verknüpften Mehrheit von
-Individuen (einer Gesellschaft) vorhandenen praktischen Einsicht
-und wirklichen Wollens auszudehnen. Dasselbe geht darauf aus,
-dass nicht nur innerhalb eines einzelnen Individuums das gesammte
-Wollen frei d. i. der Wollende ein Charakter sei, sondern auch,
-dass innerhalb der Gesellschaft der Wille jedes einzelnen Mitgliedes
-derselben frei d. i. dass die Gesellschaft selbst eine Vereinigung von
-charaktervollen Individuen sei. Erstere Forderung drückt aus, dass
-die jeweilige praktische Einsicht d. i. die Gesinnung des Wollenden
-die Seele seines gesammten Willens und Handelns, letztere Forderung
-drückt aus, dass die Gesellschaft eine Vereinigung in diesem Sinne
-gesinnungsvoller d. i. durch ihre jeweilige praktische Einsicht,
-welchen Inhalts dieselbe auch sein möge, in ihrem gesammten Wollen und
-Thun beseelter Individuen darstelle. Die Erfüllung der erstgenannten
-macht das Ideal eines (im ethischen Sinne) beseelten Wollenden,
-die Erfüllung der letztgenannten das Ideal einer (im ethischen
-Sinne) beseelten Gesellschaft aus. Wie innerhalb der praktischen
-Einsicht des Individuums die verschiedenen in derselben enthaltenen
-praktischen Grundsätze jeder für sich ein Gebiet des Gesammtwollens
-des Wollenden beherrschen, so werden innerhalb der Gesellschaft durch
-die dem Inhalt nach unter einander abweichenden Gesinnungsweisen,
-deren jede einem Bruchtheil der dieselbe ausmachenden Mitglieder
-gemeinsam ist (im ethischen Sinne) Gesinnungsgenossenschaften als
-gesellschaftliche Fractionen d. i. Parteien gebildet, deren jede
-für sich als Vereinigung von derselben Gesinnung in ihrem Thun und
-Lassen geleiteter Individuen eine beseelte Gesellschaft im Kleinen
-repräsentirt. Die Mannigfaltigkeit der in den verschiedenen Parteien
-als herrschende auftretenden Sinnesarten gibt der Gesellschaft
-selbst, innerhalb deren dieselben sich bewegen, den Charakter
-der Buntheit und ertheilt ihr zugleich je nach dem Uebergewicht
-gewisser Parteirichtungen über die denselben entgegengesetzten ihre
-(im ethischen Sinne) vorstechende Färbung. Wie dem charaktervollen
-Individuum eine Vielheit von Maximen, die sich dem Anschein nach nicht
-selten unter einander aufzuheben trachten, in Wahrheit aber, wie es die
-Einheit der Gesinnung verlangt, schliesslich einem obersten praktischen
-Grundsatz als Kern und Seele der gesammten praktischen Einsicht sich
-unter- und einordnen, unentbehrlich ist, so bedarf eine im wahren
-Sinne des Wortes beseelte Gesellschaft innerhalb ihres Umkreises
-eines rege bewegten Parteilebens, dessen jeweilige Richtungen nicht
-selten einander zu widerstreiten, ja gegenseitig einander aufzuheben
-scheinen, schliesslich jedoch, je nach dem Uebergewicht einer oder
-einiger über die übrigen, einer obersten die Richtung der Gesellschaft
-selbst ihrem grösseren oder doch mächtigeren Theile nach (a potiori)
-ausdrückenden Tendenz mit oder gegen ihren Willen zu dienen gezwungen
-sind. In diesem Sinne stehen die Fortschritts- den Rückschrittsmännern,
-die Reformer den Conservativen, standen einst die liberales, die nach
-einem bekannten Witzwort "lieber alles", den serviles, die "sehr
-vieles" wollten, stehen noch heute "Culturkämpfer" den Clerikalen,
-die Schwarzen den Rothen, die Tories den Whigs u. s. w. gegenüber.
-
-192. Aus dem qualitativen Gesichtspunkt des Einklanges des eigenen
-wirklichen mit dem nur gedachten fremden Wollen ergibt sich die
-ethische Idee des Wohlwollens. Dieselbe entsteht durch die Uebertragung
-der ästhetischen Idee des Einklanges, welche auf dem Verhältniss
-überwiegender gegenseitiger Identität beruht, auf das Gebiet des
-Wollens. Beide Glieder, das gedachte fremde und das eigene wirkliche
-Wollen, gehören einem und demselben Wollenden an; das fremde Wollen
-ist in demselben als Vorstellung, das eigene Wollen dagegen als Wille
-wirklich. Ob das seiner Vorstellung entsprechende Wollen des Anderen
-in diesem und somit dieser Andere selbst auch wirklich existire,
-ist dabei gleichgiltig. Da der Einklang nur zwischen der Vorstellung
-des fremden Wollens und dem wirklichen eigenen stattfinden soll,
-so kann jene erstere eben so gut eine blosse Einbildung (Fiction)
-als eine Abbildung (Reflex) eines anderen Wollens sein. In keinem
-Falle leidet die Wohlgefälligkeit der Uebereinstimmung des eigenen
-mit dem vorgestellten fremden Wollen dadurch einen Abbruch, dass
-dieses letztere und dessen Träger nur in der Vorstellung des ersten
-besteht. Zeugniss dafür gibt der Verkehr des Kindes mit seiner Puppe,
-deren ihr angedichtete Wünsche dasselbe mit Eifer zu erfüllen sich
-bemüht, wie jener des Dichters mit der nur in seiner Phantasie
-beseelten leblosen Natur und mit der oft nur als Ideal seiner
-Einbildungskraft lebendigen Geliebten.
-
-193. Eben so wenig als die Schönheit der Harmonie des gedachten
-fremden und des eigenen wirklichen Wollens von der mehr als blossen
-Gedankenexistenz, ist dieselbe von der Inhaltsbeschaffenheit des
-fremden Wollens abhängig. Nicht darin hat der unbedingte Beifall,
-welcher obigen Einklang begleitet, seinen Grund, dass das gedachte
-Wollen des Anderen ein an sich gutes, sondern darin, dass das
-wirkliche eigene Wollen mit dem wie immer beschaffenen Inhalt
-des fremden Wollens identisch ist. Die Gesinnung, aus welcher
-die Erfüllung wenn auch thörichter Wünsche des Andern entspringt
-(Affenliebe), ist als wohlwollender Ausdruck der Unterordnung
-des eigenen unter die Vorstellung eines fremden Wollens nicht
-weniger schön als diejenige, die sich als werkthätige Theilnahme
-an berechtigten Strebungen und Absichten des Andern kund thut. Wie
-bei der ästhetischen Idee des Einklanges ist das Lob des Wohlwollens
-nur durch die Harmonie, keineswegs durch die anderweitige stoffliche
-Qualität der Verhältnissglieder bedingt.
-
-194. Das Bild harmonischen Einklangs zwischen gedachtem fremden
-und eigenem wirklichen Wollen bietet das psychische Phänomen des
-selbstlosen oder uneigennützigen d. i. nicht durch die Rücksicht
-auf das eigene Selbst, oder den Vortheil des Wollenden begründeten
-Wollens. Dasselbe ist so wenig, wie irgend ein wirkliches Wollen, ohne
-Grund d. h. dasselbe ist, wie jedes wirkliche Wollen, durch ein Motiv
-(Beweggrund) bewegt (motivirt); aber dieses Motiv ist im Unterschied
-von andern, die aus den Folgen des Wollens für den Wollenden selbst
-d. i. aus der möglichen Vermehrung oder Verminderung des eigenen Wohles
-des Wollenden (Eudämonie) hergenommen sind, aus dem einzigen Umstand
-entlehnt, dass das vorgestellte Wollen wirklich Wollen eines Andern
-sei d. h. dessen Gegenstand von einem Andern angestrebt und der Besitz
-desselben von einem Andern werde als Lust d. i. als Vermehrung seines
-(des Andern) Wohles empfunden werden. Das uneigennützige Wollen ist
-daher keineswegs motivlos, sondern dasselbe hat nur kein eigennütziges
-(eudämonistisches), nicht die Rücksicht auf das eigene, wol aber
-eine solche auf das fremde Wohl zum Motiv. Wie das Beherrschtsein
-des Wollens durch selbstsüchtige Beweggründe, wo es als habituelle
-Willensbeschaffenheit auftritt, Egoismus (Selbstliebe, Selbstsucht),
-so heisst im entgegengesetzten Sinne das Freisein des Wollens von
-eudämonistischen Beweggründen und der willige Gehorsam desselben
-gegen von der Rücksicht auf das Wohl des Andern dictirte Motive, wenn
-er zu habitueller Willensbeschaffenheit geworden ist, Nächstenliebe
-(Altruismus). Wo die letztere lebt, wird die Vorstellung, dass ein
-gewisses Wollen von dem Andern gehegt werde, hinreichen, ein demselben
-conformes im Vorstellenden zu erzeugen; wo der erstere waltet, wird
-dieselbe Vorstellung genügen, nicht blos, um jedes dem Wollen des
-Andern conforme eigene Wollen zu hemmen, sondern, wenn die Selbstsucht
-so weit gesteigert ist, dass sie das Phlegma ihrer natürlichen
-Trägheit zu überwinden und zur Action überzugehen vermag, ein den
-Wünschen des Andern widerstrebendes Wollen im Wollenden hervorzurufen.
-
-195. Ausfluss der Nächstenliebe wird ein wirkliches Wollen sein,
-das nach der Idee des Wohlwollens gefällt, Wirkung der Selbstliebe
-ein solches, das nach derselben Idee unbedingt missfällt. Jenes,
-das uneigennützig nur auf das Wohl des Andern bedachte, wird darum
-als gütiges, dieses, das selbstsüchtig nur auf das eigene Wohl oder
-gar auf dem Wohl des Andern Entgegengesetztes bedachte Wollen wird
-deshalb im ersten Fall ein herzloses, im andern Fall ein boshaftes,
-das Wohlwollen selbst Güte, sein Gegentheil, das Uebelwollen, Bosheit
-genannt. Von der ersteren wie von der letzteren, insofern jede von
-beiden, die Güte grundlos liebt, die Bosheit grundlos hasst, gilt
-des Dichters Wort: Ich glaube selbst, die Lieb' hat keinen Grund
-(Immermann).
-
-196. Verschieden von der ethischen Idee des Wohlwollenden, wie von dem
-psychischen Phänomen der Güte und deren Gegentheil, ist das gleichfalls
-psychische Phänomen der sogenannten sympathetischen Gefühle. Zwar
-bietet sowol die psychische Erscheinung des Mitleids wie der Mitfreude
-das Bild eines harmonischen Einklangs, die Erscheinung des Neides
-wie der Schadenfreude das Bild einer missfälligen Disharmonie dar,
-aber weder zwischen Wollen, noch zwischen einem blos gedachten
-und einem wirklichen Verhältnissgliede, wie beides beim Wohl- oder
-Uebelwollen der Fall ist. Das sympathetische Gefühl wiederholt das
-Gefühl eines Andern entweder durch ein demselben gleiches, oder durch
-ein demselben entgegengesetztes Gefühl. Ursache dieser Wiederholung
-ist jedoch keineswegs die bewusste Reflexion, dass das eigene Gefühl
-Nachahmung eines fremden Gefühls, sondern der unwillkürliche und
-folglich auch unbewusste Reflex des fremden Gefühls durch das eigene
-Gefühlsleben. Das fremde Gefühl wirkt auf das eigene gleichsam durch
-Ansteckung, wie es im Gebiete der Muskelbewegungen bei der Entstehung
-solcher mit gewissen Vorstellungen durch Association verbundener
-Bewegungen durch die zufällige oder absichtliche Erregung jener
-Vorstellungen der Fall zu sein pflegt. Das Bewusstsein des Unterschieds
-der fremden von der eigenen Persönlichkeit wird dabei gar nicht
-geweckt, oder geht im Mechanismus des nachahmenden Gefühlsprocesses
-verloren. Auf diese Weise setzt ein Komiker die Lachmuskeln, ein
-Tragöde die Thränenfisteln der Zuschauer in unwillkürliche und dem
-Bewusstsein entrückte Bewegung, so dass die letzteren gleichsam wie aus
-einem Zustand der Verzücktheit erwachen und sich hinterdrein wundern,
-gelacht und geweint zu haben. So wenig fühlt sich der nachahmende
-Theil als Nachahmer eines Andern, dass nicht selten das Mitgefühl, sei
-es Mitfreude oder Mitleid, sofort aufhört, wenn der Mitfühlende sich
-darauf besinnt, dass es nicht eigenes, sondern das Leid eines Andern,
-und nicht eigene, sondern fremde Freuden sind, die ihn bewegen. In
-solchem Fall hält das Mitgefühl nur so lange und nur darum vor,
-als und weil der Mitfühlende sich nur bewusst ist, dass er fühle,
-keineswegs aber bewusst ist, dass er nur mitfühle. Ohne daher geradezu
-egoistisch zu sein, weil weder das Bewusstsein vorhanden ist, dass
-das Gefühlte uns, noch der Gedanke, dass es einen Andern angehe, ist
-das Mitgefühl doch sicher nicht altruistisch, weil es im Augenblick
-schwinden kann, sobald wir des letzteren innewerden.
-
-197. Dasselbe wird jedoch vollkommen selbstsüchtig, wenn, wie
-Schopenhauer behauptet hat, der Grund des Mitleids einzig darin
-gelegen sein soll, dass der Mitleidige sich in demselben seiner
-metaphysischen Einerleiheit mit dem Andern bewusst und auf diesem
-Wege innewerde, dass weder der Andere von ihm verschieden, noch des
-Andern Leid mehr als sein eigenes Leid sei. Unter dieser Voraussetzung
-könnte das Mitgefühl nicht nur, wie oben bemerkt, sondern es müsste
-nothwendiger Weise, also jedesmal aufhören, sobald der Einzelne
-über seine persönliche Unterschiedenheit vom Andern und folglich
-über den Umstand, dass das gefühlte Leid nicht sein eigenes sei,
-zur Besinnung käme. Die wesentliche und unentbehrliche Eigenschaft,
-wenn auf das Mitgefühl ein Theil des Glanzes fallen soll, den das
-Wohlwollen ausstrahlt, die individuelle Sonderung beider Fühlenden,
-wäre durch obige Annahme grundsätzlich beseitigt.
-
-198. So wenig Mitleid und Mitfreude sich mit dem Wohlwollen,
-eben so wenig decken sich Neid und Schadenfreude mit dessen
-Gegentheil, dem Uebelwollen. Gleichwol tritt bei den letzteren die
-unleugbare Aehnlichkeit beider, obgleich gattungsmässig verschiedener
-Gemüthszustände stärker hervor als bei den ersteren. Während Mitleid
-und Mitfreude zu ihrer Entstehung des Bewusstseins des individuellen
-Unterschieds des Mitfühlenden vom Fühlenden nicht bedürfen, setzt die
-Entstehung sowol des Neides, als einer durch fremde Lust geweckten
-Unlust, wie der Schadenfreude, als einer durch fremde Unlust erregten
-Lust, dieses Bewusstsein in gewissem Grade voraus, da es sich
-nicht um eine Wiederholung des fremden Gefühls durch ein gleiches,
-sondern um die Beantwortung eines solchen durch ein entgegengesetztes
-eigenes handelt, fremdes und eigenes Gefühl also schon um deswillen
-als verschiedenen Individuen angehörig empfunden werden müssen,
-weil beide verschiedene, und zwar, da sie entgegengesetzter Natur
-sind, sehr merklich verschiedene Qualität besitzen. Beide kommen
-daher nicht nur in ihren Wirkungen, die sowol bei dem Neid als bei
-der Schadenfreude, bei dem blossen Gefühl nicht stehen zu bleiben,
-sondern zu demselben entsprechenden Wünschen, Entschlüssen, ja selbst
-Aeusserungen fortzuschreiten pflegen, dem Uebelwollen so nahe,
-als überhaupt Phänomene verschiedener Gattungen sich einander zu
-nähern vermögen, sondern auch das Urtheil, das über dieselben, wo
-sie zu Tage treten, ergeht, fällt von der unbedingten Verwerfung,
-welche das Uebelwollen begleitet, nichts weniger als verschieden
-aus. Von dem "Neide" der Götter redet die Mythologie, wenn sie deren
-dem Menschengeschlecht übelwollende Gesinnung, und vom "Neidhart"
-die Volkssage, wenn sie den Bösen bezeichnen will.
-
-199. Die selbstlose Freiwilligkeit der Unterordnung des eigenen
-unter das fremde Wollen tritt um so anschaulicher hervor, je grösser
-die Ueberlegenheit der eigenen über die fremde Kraft und je weniger
-der Verdacht, dass jene Unterordnung eine durch Furcht erzwungene
-sein könnte, zulässig erscheint. Dieselbe offenbart sich dort am
-auffälligsten, wo die Ueberlegenheit die denkbar höchste d. h. wo
-der dem Andern freiwillig sich unterordnende Wille, mit diesem
-verglichen, unendlich stark, derjenige, dem er sich unterordnet,
-mit jenem verglichen, unendlich schwach ist. Beides ereignet sich im
-Verhältniss der Gottheit zum Menschen, deren Güte gegen diesen eben
-darum als unendlich gross und der göttliche Wille selbst als Ideal
-des Gütigen sich kundgibt.
-
-200. An die ethische Idee des Wohlwollens schliesst sich ein
-Verfahren an, welches die in derselben enthaltene Forderung nicht
-blos auf das gesammte Wohl und Wehe Anderer berührende (sociale)
-Wollen des einzelnen Wollenden, sondern auf die Gesammtheit des
-innerhalb des Umkreises einer Gesellschaft vorkommenden, auf
-deren gegenseitiges Verhältniss zu einander bezüglichen Wollens
-der Mitglieder ausdehnt. Dasselbe geht darauf aus, dass jedes
-sociale Wollen des einzelnen, so wie dass das sociale Wollen jedes
-Mitgliedes der Gesellschaft Wohlwollen sei; sociales Uebelwollen
-sowohl im Einzelnen wie in der Gesellschaft gemieden werde. Da nun
-das Wohlwollen (bene velle) darin besteht, des Andern Wohl zu wollen
-(bonum velle), so geht jene Forderung dahin, dass jedes sociale
-Wollen im Einzelnen wie in der Gesellschaft die Tendenz habe, in
-jenem des Andern, in dieser aller Andern (d. i. das allgemeine) Wohl
-zu fördern. Und da die Befriedigung jedes -- stofflich wie immer
-beschaffenen -- Wollens Lustgefühl, also Wohlbefinden zur Folge
-hat, so kann unter dem, was jeder sein Wohl und folglich auch die
-Gesellschaft das ihre, d. i. das allgemeine Wohl nennt, nicht wol
-etwas anderes sein als die Befriedigung dort sämmtlicher Wünsche
-und Willensbestrebungen des Andern, hier die Erfüllung sämmtlicher
-im Umkreise der Gesellschaft vorhandenen oder doch zur Aeusserung
-gelangenden Wünsche und Willensbestrebungen Aller. Die Erreichung
-beider Ziele, die Befriedigung sämmtlicher Wünsche des Andern (die
-Glückseligkeit des Andern), und die Befriedigung sämmtlicher Wünsche
-Aller (die allgemeine Glückseligkeit) müssen daher in der wohlwollenden
-Gesinnung, das erste in der jedes Einzelnen gegen jeden Andern, das
-zweite in der jedes Mitgliedes der Gesellschaft gegen alle übrigen
-d. i. gegen die Gesellschaft selbst gelegen und die Erreichung
-derselben muss der Zweck aller socialen Bestrebungen sein.
-
-201. Diese selbst d. i. die Befriedigung der vorhandenen Wünsche
-aber ist nicht blos durch die auf sie gerichtete dauernde Gesinnung
-des Einzelnen und jedes Einzelnen, sondern zugleich, da es sich
-um die Realisirung wirklich vorhandener Wünsche in der wirklich
-vorhandenen Aussenwelt handelt, durch die Existenz der und die
-Möglichkeit der Verfügung über die zu jenem Endzweck unentbehrlichen
-oder doch förderlichen Mittel d. i. der und über die realen Objecte,
-welche, insofern sie jenem Zweck dienstbar gemacht werden, Güter
-heissen sollen, bedingt. Dieselben können sowol materieller als
-geistiger Natur, Gegenstände der Körper- wie der geistigen Welt sein;
-wesentlich ist ihnen nur, dass dieselben zur Befriedigung vorhandener
-Wünsche dienen und in Anspruch genommen werden können. Von dieser
-Art ist der Grund und Boden mit seinem Ertrag, sowol dem inneren
-(Erz- und Gesteinsschätzen), wie dem äusseren (Nahrungspflanzen
-und verarbeitungsfähigen Gewächsen), aber auch der vorhandene Fond
-an geistiger Kraft und Intelligenz mit seinem Ertrag, dem inneren:
-den Gefühls- und Gedankenschätzen des einzelnen, dem äusseren: den
-Literatur- und Kunsterzeugnissen des Gesellschaftsgeistes.
-
-202. Diese, sei es materiellen, sei es geistigen Güter zur Befriedigung
-vorhandener Wünsche in der Art zu verwenden, dass die mit den gegebenen
-Mitteln erreichbare höchste Befriedigung der gegebenen Wünsche
-erzielt werde, ist die Aufgabe einer besondern auf dieses Endziel
-hin arbeitenden Kunst, die, insofern es dabei auf die bestmögliche
-Verwendung der Mittel zum Zwecke d. i. auf die Verwaltung ankommt,
-Haushaltungs- oder Verwaltungskunst (Oekonomik) und zwar entweder
-private, wenn es sich blos um den klugen Gebrauch der dem einzelnen
-Individuum zum Besten des Anderen verfügbaren Güter handelt, oder
-öffentliche (Oekonomik der Gesellschaft; Nationalökonomik, Staats- und
-Volkswirthschaftskunst), wenn das Ziel die grösstmögliche Förderung
-des allgemeinen Wohls durch geschickte Benützung der innerhalb
-der Gesellschaft disponibeln materiellen und geistigen Vermögen
-ist. Die Erfüllung derselben von Seite des einzelnen Wollenden
-macht das Ideal eines Menschenfreundes (Philanthropen), d. i. eines
-solchen aus, der sein gesammtes geistiges wie materielles Vermögen in
-selbstverleugnender Gesinnung dem Besten Anderer opfert; ihre Erfüllung
-von Seite einer Gesellschaft dagegen stellt (im ethischen Sinne) das
-Ideal eines Verwaltungssystems dar d. i. einer derartigen Organisation
-des Gebrauchs und der Verwendung sämmtlicher innerhalb des Umkreises
-der Gesellschaft vorhandenen und verfügbaren materiellen wie geistigen
-Güter, dass dadurch die grösstmögliche Befriedigung vorhandener Wünsche
-und Bedürfnisse sämmtlicher Gesellschaftsmitglieder, die unter den
-gegebenen Umständen höchstmögliche Summe des allgemeinen Wohls oder
-der allgemeinen Glückseligkeit (salus publica) verwirklicht wird.
-
-203. Von selbst leuchtet ein, dass auch bei der sorgfältigsten
-und wohlwollendsten Verwaltung die erreichbare Gesammtsumme der
-Wünschebefriedigung hinter der jeweiligen Summe der vorhandenen
-Wünsche zurückbleiben muss. Denn während die letztere eine ins
-Unbegrenzte wachsende, ist der Vorrath gegebener Güter und der aus
-demselben zum Besten des Ganzen zu schöpfende Vortheil auch bei der
-umsichtigsten Benutzung nur einer begrenzten Steigerung fähig. Das
-Ziel des Philanthropen, wie das der philanthropischen Gesellschaft ist
-als erreicht anzusehen, wenn die Summe des allgemeinen Wohls die unter
-den gegebenen Bedingungen erreichbare höchste Grenze gewonnen hat. Je
-nachdem in den wohlwollenden Bestrebungen des Einzelnen zum Besten des
-Andern, der Gesellschaft zum Besten Aller, vorzugsweise die mittels
-materieller oder die mittels geistiger Güter realisirbaren Wünsche
-d. i. die materiellen oder die geistigen Interessen berücksichtigt
-werden, nimmt die Philanthropie dort, das Verwaltungssystem hier selbst
-einen vorwiegend materialistischen, der Pflege der materiellen, oder
-idealistischen, der Pflege der idealen Interessen gewidmeten Charakter
-an. Innerhalb der menschenfreundlichen Bestrebungen des Einzelnen
-lassen sich je nach der Beschaffenheit der Güter verschiedene Zweige
-des Philanthropismus, innerhalb des wohlwollenden Verwaltungssystems
-lassen sich je nach den Zwecken, welche, und den Gütern, mittels
-welcher dieselben verwirklicht werden sollen, verschiedene Zweige
-der Verwaltung unterscheiden. Die Mannigfaltigkeit derselben,
-deren einige auf die Hebung der materiellen Zwecke und Güter,
-z. B. auf die Cultivirung, Bebauung und Ausnutzung der Bodenschätze
-und des Grundertrags, andere auf die Hebung ideeller Zwecke durch
-Förderung und Pflege wissenschaftlicher und literarischer Bildung und
-Schöpfungen abzielen, bringt in die Verwaltung selbst jene Vielheit
-und Buntheit gleichzeitiger auf das Wohl, sei es einzelner Classen
-von Gesellschaftsmitgliedern, in deren Besitz eben jene Güter sich
-befinden oder zu deren Beruf jene Zwecke gehören d. i. gewisser Stände
--- sei es des Ganzen, abzweckender Bestrebungen hervor, die sich nicht
-selten unter einander zu widerstreiten scheinen, zusammengenommen aber
-je nach dem Ueberwiegen der einen über die andern dem Verwaltungssystem
-seine bestimmte individuelle Färbung ertheilen. Dieselbe zeigt je nach
-dem Uebergewicht der materiellen über die geistigen, oder dieser über
-die materiellen Interessen einen bestimmten hervorstechenden mehr
-realistischen oder mehr spiritualistischen Ton, zwischen welchen
-Gegensätzen ein weises, die Harmonie aller Interessen im Auge
-behaltendes Administrationssystem eine gleichschwebende Temperatur
-herzustellen und zu erhalten bemüht sein wird.
-
-204. Der qualitative Gesichtspunkt des missfälligen Streits einander
-ausschliessender Willensäusserungen ergibt die ethische Idee des
-Rechts. Dieselbe entsteht durch die Uebertragung der ästhetischen Idee
-der Correctheit auf das ethische Gebiet. Wie correcte Vorstellungen
-solche sind, die als gleichzeitige im Bewusstsein sich unter
-einander vertragen, so sind rechtmässige (d. i. dem Recht gemässe)
-Willensäusserungen solche, die gleichzeitig vorhanden einander nicht
-ausschliessen. Wie die Correctheit eine natürliche oder künstliche,
-je nachdem die Verträglichkeit jener Vorstellungen eine ursprüngliche
-d. i. aus dem Inhalt derselben selbst fliessende, oder eine (sei
-es durch Zufall oder durch Willen) herbeigeführte ist, indem der
-ursprüngliche Inhalt so lange abgeändert oder durch einen anderen
-ersetzt wurde, bis die anfänglich unverträglichen zu verträglichen
-Vorstellungen wurden, so ist die Rechtsgemässheit (oder, was eben so
-viel ist, die Erlaubtheit gewisser Willensäusserungen) eine natürliche
-oder künstliche, je nachdem dieselben schon ursprünglich ihrem
-Inhalt nach verträglich sind, oder erst in Folge einer gemeinsamen
-Uebereinkunft (Vertrag) der Wollenden eine solche Abänderung,
-beziehungsweise Ersetzung durch anders beschaffene erfuhren, dass die
-bisher unter einander unverträglichen fortan für verträglich gelten
-können. Heissen daher Willensäusserungen, die sich unter einander
-nicht ausschliessen d. h. ohne missfälligen Streit hervorzurufen
-gleichzeitig mit und neben einander bestehen können, im Allgemeinen
-(im ethischen Sinn) erlaubte, so sind solche, deren Verträglichkeit
-eine ursprüngliche, aus ihrem Inhalt selbst fliessende ist, natürlich
-erlaubte, solche dagegen, deren Verträglichkeit erst aus einem zwischen
-den Wollenden stattgehabten Vertrage stammt, vertragsmässig erlaubte
-Willensäusserungen. Erstere, da ihre Erlaubtheit durch den Inhalt der
-Willensäusserungen selbst begründet ist, sind jedesmal und jedermann
-erlaubt, sobald dieser Inhalt der nämliche ist; diese dagegen, deren
-Verträglichkeit nur aus dem durch Vertrag festgesetzten Inhalt fliesst,
-sind nur so lange und nur denjenigen erlaubt, so lange und für welche
-jener Vertrag besteht. Erlaubte Willensäusserungen der ersteren
-Art werden daher auch wol als natürliche (sogenannte angeborene),
-erlaubte Willensäusserungen der letzteren Art dagegen als erworbene
-(sogenannte positive) Rechte bezeichnet. Die Summe der (angeborenen
-und erworbenen) Rechte d. i. der Inbegriff sämmtlicher dem Wollenden
-erlaubter, oder solcher Willensäusserungen, durch deren Vornahme
-derselbe keinen Streit erhebt, macht das Recht des Wollenden aus.
-
-205. Wie der als correct bezeichnete Vorstellungsinhalt eine Grenze
-für die unbeschränkte Freiheit des Vorstellens bezeichnet, jenseits
-welcher dasselbe aufhört, ästhetisch geduldet, und anfängt, unbedingt
-missfällig zu werden, so stellt der Inhalt der ("angeborenen und
-erworbenen") Rechte d. i. des Rechts des Wollenden, eine (natürliche
-oder vertragsmässige) Schranke für die grenzenlose Freiheit der
-Willensäusserung desselben dar, jenseits welcher diese aufhört,
-ethisch geduldet, und anfängt, unbedingt missfällig zu werden. Der
-Doppelsinn des Begriffs der Grenze, welcher zugleich die Ausdehnung
-des einen und dessen Ausschliessung von dem Nachbarlande bedeutet,
-kehrt im Begriff des Rechts insofern wieder, als durch dasselbe sowol
-die Ausdehnung der erlaubten Willensäusserung einer-, wie deren
-Ausschliessung von der gleichfalls erlaubten Willensäusserung des
-nachbarlichen Wollenden andererseits bezeichnet wird. Jenes, die Summe
-der Rechte des Wollenden, macht das Recht im subjectiven, dieses, die
-Summe der (natürlichen oder vertragsmässig festgesetzten) Schranken
-der Willensäusserung, das Recht im objectiven Sinne des Wortes aus.
-
-206. Wie die Rechtfertigung des Correcten nur in dem Umstand
-liegt, dass ein von demselben abweichender Inhalt des Vorstellens
-Ausschliessung unter dem gleichzeitig Vorgestellten d. i. Widerstreit
-im Vorstellen, und dadurch Missfallen erzeugt, so liegt der Grund
-des Rechtmässigen (Erlaubten) ausschliesslich in dem Umstand,
-dass eine von dem Inhalt desselben abweichende Willensäusserung
-mit einander unverträgliche Willensäusserungen im Umfang des zur
-Aeusserung gelangenden Wollens d. i. Streit hervorruft und dadurch
-Missfallen erzeugt. So wenig dort ein Unterschied dadurch begründet
-wird, dass die Correctheit eine natürliche oder künstliche, so wenig
-geschieht dies hier durch den Umstand, dass die Rechtmässigkeit
-eine natürliche oder vertragsmässige ist; wie bei dem Incorrecten
-das Missfallen nur denjenigen, aber jeden trifft, dessen Vorstellen
-vom Correcten abweicht, so geschieht es hier mit dem Missfallen, das
-nur jenem, aber auch jedem gilt, dessen Willensäusserung das Erlaubte
-überschreitet. Wie es aber beim Correcten sich ereignen kann, dass der
-Inhalt des künstlich mit dem des von Natur aus Correcten in der Weise
-in Collision geräth, dass von Natur aus Correctes durch conventionelle
-Uebereinkunft künstlich als incorrect, dagegen durch letztere ein
-Vorstellungsinhalt künstlich als correct festgesetzt werden kann,
-welchen das unbefangene Vorstellen als incorrect empfindet, so kann
-es geschehen, dass natürlich Erlaubtes vertragsmässig als unerlaubt
-und solches durch Vertrag als erlaubt hingestellt werden kann, was dem
-unbefangenen ästhetischen Urtheil als unerlaubt erscheinen muss. Was
-in solchem Fall auf ästhetischem Gebiete gilt, dass der Umfang des
-natürlich Correcten ein unbeschränkter, weil nur von dem sich immer
-gleich bleibenden Inhalt des Vorgestellten abhängiger, jener des
-künstlich Correcten aber ein auf den Umkreis eingeschränkter sei,
-innerhalb dessen, sei es Herkommen, Ueberlieferung, Sitte und Gebrauch
-oder positive Convention dasselbe fixirt haben, wird anstandslos auf
-das ethische angewendet werden dürfen, dass das natürlich Erlaubte
-unbeschränkte, weil nur aus dem Inhalt der Willensäusserungen
-fliessende, das vertragsmässig Erlaubte jedoch nur auf denjenigen
-Umkreis beschränkte Geltung besitze, innerhalb dessen stillschweigender
-d. h. blos durch Zulassung, oder ausdrücklicher d. i. mit mehr oder
-weniger Förmlichkeit kundgegebener Vertrag dasselbe für die Vertrag
-Schliessenden (aber auch nur für diese) als erlaubt festgestellt haben.
-
-207. Indem die ästhetische Idee der Correctheit jeden
-Vorstellungsinhalt verbietet, durch welchen Unverträglichkeit zwischen
-dem gleichzeitig Vorgestellten, so verwehrt die Idee des Rechts
-jede Willensäusserung, durch welche Streit zwischen den Wollenden
-hervorgerufen wird. So wenig die erstere hiebei einen Unterschied
-zwischen den beiden Vorstellungen, eben so wenig macht diese einen
-solchen zwischen den beiden Wollenden. Die Aufforderung, Streit zu
-meiden d. i. sich innerhalb der durch das (sei es natürliche oder
-vertragsmässige) Recht gezogenen Willensgrenze zu halten, ergeht an
-beide Wollende in ganz gleicher Weise, ganz abgesehen von dem Umstände,
-ob durch diese letztere die Freiheit der Willensäusserung des Einen
-eine Erweiterung, jene des Anderen eine Verengerung erfahren hat
-d. h. ob durch dieselbe dem ersten eine Befugniss (ein Recht gegen
-den zweiten) eingeräumt, dem zweiten eine solche zu Gunsten des
-ersten entzogen (demselben eine Pflicht gegen den ersten auferlegt)
-worden sei. Da nun eben so wol Streit entsteht, wenn die eingeräumte
-Befugniss überschritten, als wenn die entzogene Befugniss wieder in
-Anspruch genommen wird, so bedeutet jene Aufforderung für denjenigen,
-dem das Recht jene Befugniss gibt, so viel, dass er dieselbe nicht
-missbrauchen, dagegen für denjenigen, dem das Recht jene Befugniss
-nimmt, so viel, dass er dieselbe nicht mehr als sein Recht gebrauchen
-dürfe, beides aus keinem andern Grunde, als weil jede obiger beider
-Handlungsweisen Streit erzeugt.
-
-208. Mehr als diese Aufforderung, um der Vermeidung des Streites willen
-einerseits seine Berechtigung nicht zu überschreiten, andererseits
-seine Verpflichtung zu erfüllen, kann aus der Idee des Rechts
-nicht abgeleitet werden. Dieselbe enthält weder die Ermächtigung
-für den Berechtigten, im Falle unterlassener Pflichterfüllung von
-Seite des Verpflichteten dieselbe mit Gewalt d. i. durch Anwendung
-von Zwangsmassregeln durchzusetzen, noch schliesst dieselbe für den
-Verpflichteten die Befugniss ein, sich im Falle gemissbrauchten oder
-mit Zwang durchgesetzten Rechts von Seite des Berechtigten demselben
-mit Gewalt d. i. mittels Anwendung von Gegenzwangsmassregeln zu
-widersetzen. Ersteres nicht, weil jeder Zwang einen Eingriff in
-die erlaubten Willensäusserungen des Verpflichteten, somit von
-Seite des Berechtigten diesem gegenüber selbst eine Streiterhebung
-darstellt. Letzteres nicht, weil jeder Gegenzwang von Seite des
-Verpflichteten einen Eingriff in die erlaubten Willensäusserungen des
-Berechtigten, also seinerseits eine Streiterhebung einschliesst. Weder
-kann der Zwang, welcher von Seite des Berechtigten zur Durchsetzung
-seiner Berechtigung, noch kann der Gegenzwang, welcher von Seite
-des Verpflichteten gegen den Berechtigten ausgeübt wird, sich auf
-diejenige Willensäusserung einschränken, welche im ersten Fall
-ausschliesslich das Recht, im letzteren eben so ausschliesslich die
-Pflicht ausmacht. Beide, Berechtigter und Verpflichteter, werden in
-solchem Falle sich in gleicher Lage befinden wie der Jude Shylock,
-dem das Gesetz die Befugniss einräumt, zur Durchsetzung seines Rechts
-gegenüber dem Kaufmann von Venedig Gewalt anzuwenden d. i. das
-contractlich zugestandene Pfund Fleisch nahe dem Herzen demselben
-wirklich aus lebendigem Leibe zu schneiden, jedoch unter der von dem
-"klugen" Richter hinzugefügten Bedingung, dass er bei Ausübung dieses
-seines Rechts nicht selbst seinerseits ein Unrecht begehe d. h. nicht
-eine ihm contractlich nicht zugestandene Handlung ausführe, daher
-keinen einzigen Tropfen Blutes vergiessen dürfe. Wie durch letzteren
-Zusatz die ihm zugestandene Zwangsbefugniss illusorisch, weil der
-Natur der Sache nach unausführbar, so wird die angeblich in der Idee
-des Rechtes enthaltene Zwangsbefugniss in ethisch geschärften Augen
-dadurch zunichte gemacht, dass die Ausübung einer solchen ohne neue
-Streiterhebung, also seinerseits Rechtsverletzung, dem Berechtigten
-durch die Natur der Sache unmöglich gemacht wird.
-
-209. Ist nun in der Idee des Rechts wirklich nichts mehr als die
-Aufforderung, beim Rechte zu bleiben, keineswegs aber die Erlaubniss
-enthalten, Unrecht mit Gewalt zu hintertreiben, so ist allerdings zu
-erwarten, dass, wenn nicht auf anderem Wege Vorsorge getroffen wird,
-Missbrauch des Rechtes unmöglich, Unterlassung der Pflicht unthunlich
-zu machen, sowol das eine wie das andere in einem Grade überwuchern
-werde, dass der thatsächliche Zustand der durch die Idee des Rechts
-gestellten Forderung Hohn sprechen wird. Weder lässt sich hoffen, dass
-die Scheu, vor der Idee des Rechts durch Streiterhebung missfällig zu
-werden, in dem Gemüthe des Berechtigten häufiger als es bei solchen,
-die einer Aufforderung zur Rechtlichkeit überhaupt nicht bedürfen,
-ohnehin der Fall zu sein pflegt, eine solche Macht besitzen werde,
-um ihm die Anwendung von Zwang zur Durchsetzung seines Rechts
-unmöglich zu machen, noch könnte es Wunder nehmen, wenn die Furcht,
-durch gewaltsamen Widerstand vor der Idee des Rechts missliebig zu
-erscheinen, bei dem Verpflichteten, der sich durch Missbrauch des
-Rechtes bedroht und durch Anwendung von Zwang in unbestrittenen
-Rechten beeinträchtigt sieht, zu schwach wäre, ihn von dem Versuch
-gewaltsamer Gegenwehr zurückzuhalten. Vielmehr ist vorauszusehen,
-dass in den bei weitem meisten Fällen der Berechtigte der Verlockung,
-sein verweigertes Recht auf Kosten des Verpflichteten durchzusetzen,
-der Verpflichtete dem Drange, sein angegriffenes Recht gegen den
-Uebermuth oder die Uebermacht des Berechtigten sicherzustellen, nicht
-werde widerstehen und dadurch an die Stelle des Friedenszustandes, wie
-ihn die Idee des Rechtes fordert, ein Kriegszustand, wie ihn der Kampf
-des Berechtigten um sein Recht gegen den Verpflichteten und der Kampf
-des Verpflichteten für sein Recht wider den Berechtigten darstellt,
-treten werde. Soll letzteres verhütet und die Herstellung des Rechts-
-d. i. eines solchen Zustandes, in welchem der Berechtigte sein Recht,
-aber nicht mehr als dieses fordert, der Verpflichtete seine Pflicht
-und nie weniger als diese leistet, nicht auf jene märchenhaften Zeiten
-verschoben werden, in welchen die Idee des Rechts durch Erziehung
-und Gewöhnung Macht genug über die Gemüther gewonnen haben wird,
-um die Sicherstellung des Rechts durch andere Mittel überflüssig zu
-machen, so muss ein Ausweg ausfindig gemacht werden, dem Berechtigten
-seine Leistung, dem Verpflichteten seinen Schutz vor Uebergriffen
-zu verbürgen, ohne von Seite des ersten wie des letzteren durch
-unrechtmässige Streiterhebung missfällig zu werden. Derselbe besteht
-darin, dass die Befugniss im Falle der Pflichtverweigerung Zwang, im
-Falle des Missbrauchs der Berechtigung Widerstand ausüben zu dürfen,
-ihrerseits ausdrücklich vertragsmässig stipulirt und dadurch selbst
-zum Recht d. i. zu einem Zwangsrecht erhoben werde. Der Unterschied
-desselben von der oben erörterten Sachlage besteht darin, dass in der
-letzteren das Recht zu zwingen als eine mit jedem Rechte unmittelbar
-nicht nur verbundene, sondern demselben innewohnende und folglich
-aus demselben ohne weiteres fliessende Befugniss angesehen, dagegen
-nun als ein zweites neben und ausser dem Recht, zu dessen Schutze es
-bestimmt ist, ausdrücklich errichtetes und mit diesem nicht innerlich
-(deductiv), sondern nur äusserlich (copulativ) verbundenes Recht
-betrachtet wird. Durch dasselbe verwandelt sich der zur gewaltsamen
-Zurückeroberung der verweigerten Leistung ausgeübte Zwang und der
-zum Schutz gegen Ueberschreitung geübte gewaltsame Widerstand aus
-unrechtmässigen (unerlaubten) in rechtmässige Handlungen, indem
-beide Theile eingewilligt haben, der eine die zur Durchsetzung der
-Pflicht, der andere die zum Schutz gegen Missbrauch nothwendigen
-Gewaltmassregeln sich gefallen lassen zu wollen.
-
-210. Da die Idee des Rechts nichts weiter verlangt, als dass Streit
-gemieden d. h. gegenwärtiger Streit geschlichtet, zukünftiger verhütet
-werde, so ist dasselbe in dem Grade als vollkommener anzusehen, als
-obiger Zweck erreicht d. h. als durch dasselbe Streit beseitigt oder
-unmöglich gemacht wird. Welcherlei Inhalt dazu in jedem gegebenen Falle
-der zweckdienlichste d. h. welcherlei Recht in jedem gegebenen Falle
-das zweckentsprechendste sein werde, lässt sich nicht im Allgemeinen
-festsetzen, sondern hängt von dem jeweiligen Inhalt derjenigen
-Willensäusserungen ab, deren Verträglichkeit unter einander durch
-dasselbe gesichert werden soll. Schon von Natur aus mit einander
-verträgliche Willensäusserungen (sogenannte angeborene Rechte),
-sobald es deren überhaupt gibt, bedürfen, da zwischen ihnen kein
-Streit herrscht, auch nicht besonderer Festsetzungen, denselben zu
-vermeiden; es wäre denn, es träten Fälle ein, in welchen auch diese
-sonst verträglichen Willensäusserungen zu einander ausschliessenden
-werden und Streit verursachen. Von dieser Art sind z. B. diejenigen
-Willensäusserungen, die im Gebrauch der Athmungsorgane zum
-Einschlürfen der zum Lebensunterhalt unentbehrlichen Quantität
-atmosphärischer Luft bestehen. Dieselben gelten unter normalen
-Verhältnissen als verträglich unter einander, indem jederzeit Luft
-genug existirt, um dem gleichzeitigen Athmungsbedürfniss Mehrerer
-zu genügen. Das Recht, sich derselben zum Athmen zu bedienen, kann
-daher im obigen Sinne als ein natürliches (sogenanntes angeborenes)
-angesehen werden. Tritt jedoch der Fall ein, dass (wie z. B. in
-Holwell's "schwarzer Höhle" oder unter der Taucherglocke) das
-vorhandene Quantum athembarer Luft ein beschränktes, wol gar für
-das vorhandene Bedürfniss der Mehreren nicht ausreichendes wird,
-so werden die sonst verträglich gewesenen Aeusserungen des Willens,
-zu athmen, sofort zu unverträglichen: es entsteht Streit und damit
-nicht nur die Möglichkeit, sondern der Idee des Rechts zufolge die
-Aufforderung, ein Recht d. i. eine Bestimmung zu treffen, durch
-welche (wie es z. B. unter der Taucherglocke thatsächlich der Fall
-ist) der Verbrauch der Luft bezüglich der Einzelnen geregelt und
-deren erlaubter vom unerlaubten gesondert wird. Sind dagegen die
-Willensäusserungen von Haus aus unverträgliche, so wird jenes Recht
-das beste sein, welches die darin liegende Ursache des Streits am
-schnellsten, gründlichsten und dadurch am dauerhaftesten behebt,
-wobei indess immer der Grundsatz gilt, dass auch das schlechte Recht,
-weil es den Streit, wenn auch nur oberflächlich und vorübergehend,
-beseitigt, immer noch besser sei als der Streit selbst.
-
-211. Lässt sich aber auch über den Inhalt möglicher Rechte ohne
-Berücksichtigung des Inhaltes möglicher Willensäusserungen nichts
-allgemeines aussagen, so lassen sich doch in Bezug auf die Form,
-durch welche das Recht seiner Idee in mehr oder minder vollkommener
-Weise genügt, Bestimmungen treffen. Hier gilt, dass das Recht (es
-sei natürliches oder vertragsmässiges) seinem Inhalt nach, er sei,
-welcher er wolle, nicht zweifelhaft sein d. h. dass derselbe entweder
-(wie es bei den natürlichen Rechten der Fall zu sein pflegt) an sich
-evident sein, oder (wie es bei den vertragsmässigen Rechten durch
-besondere die Festsetzung derselben begleitende Förmlichkeiten:
-Gebrauch bestimmter Worte oder äusserer Zeichen, Handschlag,
-Stabbruch u. dgl. zu geschehen pflegt) evident gemacht werden
-muss. Zweifel in ersterer Hinsicht, durch welche entweder der Inhalt
-wirklicher natürlicher Rechte ungebührlich ausgedehnt, oder ein
-seinem Inhalte nach keineswegs natürliches Recht als angeborenes
-in Anspruch genommen wird, sind daher (im ethischen Sinne) nicht
-weniger schädlich als Zweifel der letzteren Art, durch welche der
-vertragsmässige Inhalt eines positiven Rechtes seinem ursprünglichen
-Sinne entgegen umgedeutet oder ein anderes als das vertragsmässige
-Recht als vertragsmässig behauptet wird. Doppelsinn, Halbheit oder
-Zweideutigkeit des Ausdruckes, Ausserachtlassen von Bedingungen, die
-auf die künftige Geltung des Rechtes von Einfluss sein können, sind
-daher Mängel des Rechtes, denen gegenüber die, wenn auch an Pedanterie
-streifende Deutlichkeit und Umständlichkeit der Formulirung, so wie
-der vorschriftsmässige Gebrauch feststehender Formeln und Symbole
-(wie im römischen, im deutschen Recht) im Recht am Platze ist.
-
-212. Ist schon das zweifelhafte Recht von Uebel, weil es die
-Bestreitung des Rechtes seinem Inhalte nach möglich macht, ja
-erleichtert, so ist das "naturwidrige" Recht d. i. ein solches, dessen
-Bestimmungen mit Gesetzen, sei es der leblosen, sei es der lebendigen
-Natur im Widerspruch stehen, also ohne jene, was unmöglich ist, zu
-umgehen, nicht in Vollziehung gesetzt werden können, in noch höherem
-Grade fehlerhaft, weil es anstatt den Streit zu verhüten, zu demselben
-reizt und dessen Bestand permanent macht. In Bezug auf dasjenige Recht,
-dessen Bestimmungen den Naturgesetzen der leblosen Natur zuwiderlaufen,
-versteht diese Mangelhaftigkeit und damit die Nichtigkeit desselben
-der Idee des Rechtes gegenüber sich von selbst, und das Märchen wie die
-Mythe haben von derartigen, physisch unerfüllbaren Pflichtleistungen,
-die den Hörer rühren und die Hilfe übernatürlicher Mächte herausfordern
-sollen, reichlich Gebrauch gemacht. In Bezug auf solche dagegen, deren
-Bestimmungen die lebendige Natur z. B. die Bewegung und den Gebrauch
-der Glieder des eigenen Leibes als Werkzeug der Willensäusserung
-betreffen, offenbart sich die Widernatürlichkeit einer Verpflichtung,
-durch welche auf jene verzichtet werden soll, dadurch, dass in Folge
-der unzerreissbaren Association zwischen Bewusstseinsvorgängen und
-Willensimpulsen auf der einen und Muskelbewegungen, die zur Veränderung
-der Stellung des Leibes und der Glieder führen, auf der anderen Seite
-jener Verzicht unaufhörlich nicht durch, sondern ohne, ja wider den
-Willen des Verpflichteten zurückgenommen, das Recht gebrochen werden
-wird, obige Bestimmung daher, weit entfernt, den Streit dauernd
-hintanzuhalten, vielmehr unaufhörlich dazu beiträgt, denselben zu
-erneuern. Die streng genommen zwar nicht Unrechtmässigkeit, aber
-der Idee des Rechtes gegenüber Zweckwidrigkeit derartiger Rechte
-(Leibeigenschaft, Hörigkeit, Sclaverei) hat dazu geführt, z. B. das
-Recht auf den Gebrauch der eigenen Glieder und die freie Bewegung
-des Leibes als ein sogenanntes "angeborenes" anzusehen, was es im
-strengen Sinne des Wortes nicht ist, da die physische Unmöglichkeit,
-auf dieselben zu verzichten, nicht behauptet, sondern nur der in einem
-solchen Verzicht enthaltene, unaufhörlich wiederkehrende Reiz zur
-Verletzung des eingegangenen Rechtes tadelnd hervorgehoben werden kann.
-
-213. Ein der Idee des Rechtes entsprechendes Bild eines Zustandes,
-in welchem kein Streit herrscht, liefert der Friede, sei es
-der natürliche, innerhalb dessen entweder (wie "im Paradiese"
-und im "goldenen Zeitalter") nur unter einander verträgliche
-Willensäusserungen stattfinden, oder (so wie im sogenannten
-Nothfrieden) mit einander unverträgliche Willensäusserungen nur
-deshalb nicht stattfinden, weil die Streitenden, oder doch einer von
-ihnen, obgleich der Wille zu streiten nach wie vor besteht, in Folge
-physischer Erschöpfung ausser Stande sind ihren Willen zu äussern,
-sei es der vertragsmässige, innerhalb dessen entweder aus Furcht oder
-um des Vortheiles willen (Schacherfrieden) in dem einen, oder aus
-Respect vor der Idee des Rechtes in dem anderen Falle vertragswidrige
-d. h. unter einander unverträgliche Willensäusserungen unterlassen
-werden. Letztgenannter entspricht, da der Respect vor der Rechtsidee,
-wie diese selbst, sich immer gleich bleibt, dem Ideal eines Rechts-
-d. i. eines Zustandes, in welchem der Streit dauernd vermieden wird,
-unter den sämmtlichen angeführten in vollkommenster Weise.
-
-214. An die ethische Idee des Rechtes schliesst sich ein Verfahren
-an, welches die in derselben enthaltene Forderung nicht blos auf die
-gesammten Willensäusserungen des Wollenden, sondern auf die Gesammtheit
-der innerhalb des Umkreises einer Gesellschaft an den Tag tretenden
-Willensäusserungen der Mitglieder derselben ausdehnt. Dasselbe
-besteht darin, dass sämmtliche Willensäusserungen des Individuums zum
-mindesten erlaubt d. i. rechtmässig, so wie dass keine der innerhalb
-des Umkreises der Gesellschaft an den Tag tretenden Willensäusserungen
-eines ihrer Mitglieder unerlaubt d. i. unrechtmässig sei; oder,
-was dasselbe ist, dass weder der Wollende noch irgend ein Mitglied
-der Gesellschaft durch irgend eine seiner Willensäusserungen Streit
-erhebe. Die Tendenz desselben ist, nicht nur jede unrechtmässige
-Handlung zu unterlassen, sondern wo Streit entstanden ist denselben auf
-rechtmässige Weise zu schlichten, nicht nur von Seite des Wollenden in
-Bezug auf jede seiner Handlungen, sondern von Seite der Gesellschaft
-in Bezug auf jede innerhalb ihres Umkreises vorfallende Handlung
-ihrer Mitglieder. Die Erfüllung derselben von Seite des einzelnen
-Wollenden ergibt das Ideal des rechtlichen Mannes d. i. eines solchen,
-der nicht nur für seine Person jeder unerlaubten Handlungsweise sich
-jederzeit enthält, sondern wenn ohne, ja wider seinen Willen Streit
-dennoch entstanden ist, denselben auf keine andere als auf erlaubte
-Weise (also nicht durch Selbsthilfe, Duell u. s. w.) schlichtet;
-die Erfüllung derselben von Seite einer Gesellschaft dagegen ergibt
-das Ideal einer Rechtsgesellschaft d. i. einer solchen, die nicht
-nur innerhalb ihres Umkreises diejenigen Anstalten trifft, um Streit
-zwischen ihren Mitgliedern zu verhüten (Rechtsgesetzgebung), sondern
-auch alle diejenigen anordnet, deren Zweck es ist, entstandenen
-Streit auf rechtmässige Weise zu schlichten (Gerichtsverfahren). Jenes
-bildet sowol beim einzelnen Wollenden wie bei der Rechtsgesellschaft
-den präventiven, den Ausbruch des Streites beseitigenden, dieses bei
-beiden den repressiven, ausgebrochenen Streit beschwichtigenden Theil
-der Erfüllung der Rechtsidee.
-
-215. Je nach den verschiedenen Gattungen unerlaubter Handlungen und
-Achtung heischender Rechte, welche der Einzelne sich zu unterlassen
-und zu respectiren gebietet, wie je nach der Mannigfaltigkeit der
-Veranlassungen, welche zum Streitausbruch, und der Verfahrungsweisen,
-welche zum Streitaustrag führen können, kommt in die rechtliche
-Gesinnung des Einzelnen wie in die Rechtsgesetzgebung und das
-Rechtsverfahren der Gesellschaft eine Buntheit und Vielartigkeit,
-welche je nach der vorherrschenden Berücksichtigung einer bestimmten
-Classe von Rechten vor und im Gegensatz zu den übrigen (z. B. der
-privaten vor den öffentlichen, oder umgekehrt der öffentlichen vor
-dem privaten, des Hausrechts vor dem Landrecht und dessen vor dem
-Reichs- und Staatsrecht, des kirchlichen vor dem weltlichen Recht,
-oder umgekehrt u. s. w.) der Rechtsgesinnung des Einzelnen so wie
-der Gesellschaft eine bestimmte Färbung (z. B. die privatrechtliche
-im germanischen, die öffentlich rechtliche im antiken Recht, die
-clericale im mittelalterlichen, die profane im modernen Staate)
-ertheilt und in den verschiedenen Zweigen sowol der Rechtsgesetzgebung
-wie des Rechtsverfahrens sich, sei es zu Gunsten, sei es zu Ungunsten
-einer oder der anderen Classe von Rechten, geltend macht. Letztere
-beiden zerfallen je nach den verschiedenen Classen der Rechte, die
-zu errichten und zu schützen sind, sich unter einander aber eben so
-wol zu widerstreiten scheinen, als zu ergänzen bestimmt sein können,
-in eben so viele Zweige sowol der Gesetzgebung als des gerichtlichen
-Verfahrens, zwischen welchen ihres scheinbar ausschliessenden
-Charakters ungeachtet (z. B. geistliche und weltliche Gesetzgebung,
-canonisches, militärisches und Civilgerichtsverfahren u. dgl.) eine
-weise Rechtsorganisation das Gleichgewicht nicht nur, wo es gestört
-zu werden droht, herzustellen, sondern dauernd zu erhalten und zu
-befestigen bemüht sein wird.
-
-216. Der qualitative Gesichtspunkt der missfälligen Störung durch
-absichtliche Willensäusserung ergibt die ethische Idee der (billigen)
-Vergeltung. Dieselbe entsteht durch die Uebertragung der ästhetischen
-Idee des Ausgleichs auf das ethische Gebiet. Wie Schein, der sich
-für Sein gibt, um deswillen unbedingt missfällt und, so weit sich
-derselbe vor das Sein hervorgedrängt hat, so weit wieder zurückgedrängt
-d. i. das ursprüngliche Sein aus seiner Verdunkelung wieder hergestellt
-werden muss, damit das Missfallen verschwinde, so missfällt absichtlich
-herbeigeführte Störung, die sich für Nichtstörung ausgibt und daher
-durch entsprechende Gegenstörung ausgeglichen d. i. der ursprüngliche
-oder doch ein diesem gleicher Zustand wieder hergestellt werden muss,
-damit das Missfallen aufhöre. Da die Ursache der eingetretenen Störung
-weder eine leblose (ein blosses Naturereigniss), noch eine absichts-
-(also bewusst-) lose Willensäusserung (im Affect, in der Leidenschaft),
-sondern eine absichtliche (also bei klarem Bewusstsein beabsichtigte)
-Willensäusserung ist, so fällt, da die entsprechende Gegenstörung
-nichts anderes als die Wirkung der Störung und folglich, da diese
-selbst die Wirkung jener Ursache, zugleich die (nur entferntere)
-Wirkung jener absichtlichen Willensäusserung ist, dieselbe mit
-ganzer Gewalt und in ihrem ganzen Umfange auf den Träger der
-absichtlichen Willensäusserung d. i. den Thäter als den "Störenfried"
-zurück. Derselbe erscheint daher einerseits als verantwortlich
-für die Störung, andererseits als Gegenstand der Gegenstörung. In
-ersterer Hinsicht hängt der Grad seiner Verantwortlichkeit ab von
-dem Grad seiner Urheberschaft; in letzterer Hinsicht wird das Mass
-der an ihm zu verwirklichenden Gegenstörung durch dasjenige der von
-ihm ausgegangenen Störung vorgezeichnet.
-
-217. Der Grad der Urheberschaft wird gemessen durch die Erwägung,
-inwiefern und inwieweit eine gewisse Störung als Wirkung
-absichtlicher Willensäusserung eines gewissen Wollenden angesehen
-werden könne. Dieselbe hat zunächst zu erforschen, ob und dass
-die stattgehabte Störung Wirkung eines Willens (d. i. ob und dass
-sie Willensäusserung), hierauf, ob und dass diese Willensäusserung
-absichtlich d. i. unter Umständen erfolgt sei, unter welchen allein
-von Wollen einer- und Absichtlichkeit andererseits die Rede sein
-könne. Erstere Untersuchung, da sie den Zusammenhang einer in der
-Aussenwelt eingetretenen Veränderung eines bisherigen Zustandes
-und die Verursachung dieser durch einen wirksam gewordenen Willen
-betrifft, hängt von der Rücksicht auf die Naturgesetze der äusseren
-(physischen) Welt ab; letztere Untersuchung, da sie den Zusammenhang
-eines bestimmten Wollens mit einem bestimmten Vorsatz d. i. die
-Verursachung einer im Innern des Bewusstseins vor sich gegangenen
-Veränderung im Wollen durch einen gleichfalls im Bewusstsein
-vorgegangenen Act des Intellects betrifft, hängt von der Rücksicht
-auf die Naturgesetze der inneren (psychischen) Welt ab. Jene hat zu
-constatiren, dass es bei der Verursachung der Störung durch ein Wollen,
-diese, dass es bei der Verursachung des Wollens durch den Intellect
-"mit rechten Dingen" zugegangen d. h. dass nicht nur zwischen der
-Störung und dem angeblichen Störenfried ein Causalzusammenhang
-bestehend, sondern dass derselbe an keiner Stelle unterbrochen,
-kein Ring der Kette ausgefallen sei. Das Ergebniss der ersteren ist
-der Grad der physischen, jenes der letztern Betrachtung der Grad der
-psychischen Urheberschaft des Thäters.
-
-218. Letzterer hängt ab von der Zurechnungsfähigkeit des Thäters. Eine
-solche ist nicht vorhanden, wenn die psychischen Bedingungen mangeln,
-von welchen nach psychischen Naturgesetzen das Zustandekommen
-eines wirklichen Wollens, so wie dessen Beeinflussung durch den
-Intellect abhängig ist. Da nun wirkliches Wollen nur dort existirt,
-wo weder, wie beim Begehren, zwar eine Vorstellung des Begehrten,
-aber keine von dessen Erreichbarkeit oder Nichterreichbarkeit, noch,
-wie beim Wünschen, nebst der Vorstellung des Gewünschten auch noch
-die Vorstellung von dessen Unerreichbarkeit, sondern nur dort, wo
-ausser der Vorstellung des Gewollten auch noch die Ueberzeugung von
-dessen Erreichbarkeit vorhanden ist, so hängt die Entscheidung über
-die Zurechnungsfähigkeit in erster Reihe davon ab, ob der Zustand
-des Bewusstseins ein solcher gewesen sei, in welchem die Möglichkeit
-vorhanden war, über Erreichbarkeit oder Unerreichbarkeit des Begehrten
-Erwägungen anzustellen, Urtheile zu fällen und sein Begehren durch
-dieselben bestimmen zu lassen d. h. ob der angebliche Thäter in einem
-Gemüthszustande sich befunden habe, der es ihm psychisch möglich
-machte, verständige Ueberlegungen über sein Begehren anzustellen. Da
-ferner von einer Absicht in Bezug auf den Andern nur insofern die
-Rede sein kann, als eine Vorstellung davon vorausgesetzt wird, was die
-Folge einer gewissen Willensäusserung in dem Zustande des Anderen sein
-d. h. ob derselbe dadurch verbessert oder verschlechtert werden werde,
-so hängt die Entscheidung über die Zurechnungsfähigkeit in zweiter
-Reihe davon ab, ob der Zustand des Bewusstseins ein solcher gewesen
-sei, um eine Vorstellung von den unausbleiblichen oder doch möglichen
-Folgen einer gewissen Handlung für den Leidenden wirklich oder auch
-nur möglich zu machen d. i. ob der angebliche Thäter sich in einem
-Geisteszustande befunden habe, der ihm erlaubte, eine vernünftige
-Ueberlegung anzustellen.
-
-219. Der Unterschied beider Ueberlegungen ist dieser: erstere,
-die sogenannte verständige, hat es, nachdem das Begehren einmal
-vorhanden ist, lediglich mit der Frage zu thun, ob das Begehrte auch
-möglich sei. Letztere, die sogenannte vernünftige, hat es, bevor noch
-ein Begehren wirklich vorhanden ist, mit der Frage zu thun, ob ein
-solches erlaubt sei. Die Antwort auf jene Frage hängt lediglich von
-Erwägungen ab, deren Gegenstände aus dem Bereiche der physischen,
-die Antwort auf diese dagegen von solchen, die aus dem Bereiche der
-sogenannten moralischen Welt entnommen sind. Ueber Erreichbarkeit oder
-Unerreichbarkeit entscheidet richtig oder unrichtig die Kenntniss oder
-Unkenntniss der Naturgesetze; über die Erlaubtheit oder Unerlaubtheit
-entscheidet wahr oder falsch das Bewusstsein oder das Nichtbewusstsein
-der Moralgesetze. In einem Zustand, in welchem das "Weltbewusstsein"
-d. i. die Fähigkeit, nach der vorhandenen Kenntniss der Naturgesetze
-zu verfahren, aus was immer für einem Grunde (augenblickliche oder
-dauernde Unwissenheit) nicht vorhanden oder abhanden gekommen ist,
-kann keine verständige, in einem solchen, in welchem "das ethische
-Bewusstsein" d. i. die Stimme des Gewissens, die Kenntniss des
-Gebotenen und Verbotenen, sei es aus was immer für einem Grunde
-(ethische Blindheit oder ethische Verblendung) unterdrückt ist,
-keine vernünftige Ueberlegung stattfinden. Der angebliche Thäter ist
-in solchem Falle entweder schon in erster oder doch in zweiter Reihe
-im psychologischen Sinne des Wortes unzurechnungsfähig.
-
-220. Der Umstand, ob die dem Störenfried zur Last fallende Störung
-seinerseits durch die absichtliche Herbeiführung oder die eben
-so absichtliche Unterlassung einer gewissen Willensäusserung
-verursacht wird, macht in der Beurtheilung seiner Urheberschaft
-keinen wesentlichen Unterschied. Ersterer Fall, welcher, wenn die
-verursachte Störung ein Wehe des von derselben Betroffenen darstellt,
-als dolus bezeichnet wird, kommt mit dem letzteren, welcher unter
-derselben Voraussetzung den Namen culpa führt, darin überein, dass
-beide Ursache der Störung sind, und unterscheidet sich von diesem nur
-dadurch, dass der Thäter das einemal etwas thut, von dem er weiss,
-dass dessen Thun, das anderemal etwas nicht thut, von dem er weiss,
-dass dessen Nichtthun eine gewisse Folge nach sich ziehen müsse und
-werde. Letzteres Wissen wird nothwendig erfordert, wenn von einer durch
-Unterlassung auf sich geladenen Schuld des Unterlassenden die Rede
-sein soll; wo dasselbe mangelt, aber durch die Unterlassung Störung
-entsteht, kann der Unterlassende höchstens in dem Falle für dieselbe
-zur Verantwortung gezogen werden, als ihm die Nichtunterlassung
-ausdrücklich zur Pflicht gemacht war. Dessen Vergehen besteht
-jedoch in einem solchen Fall nicht sowol in der Herbeiführung der
-Störung, von deren Möglichkeit er nichts wusste, als vielmehr in der
-Vernachlässigung der ihm aufgetragenen Pflicht. Fand weder Wissen um
-die Folgen, noch ausdrückliches Gebot der Nichtunterlassung statt,
-so kann von einer absichtlichen Unterlassung nicht gesprochen und die
-Folge der Störung dem "unfreiwilligen" Störenfried nicht aufgebürdet
-werden.
-
-221. Mit dem Erweis der Thäterschaft ist das Object der Vergeltung,
-mit dem Mass der Thäterschaft das Mass dieser letzteren gegeben. Jede
-wirkliche Störung kann, um nicht missfällig zu werden, nur am
-wirklichen Thäter und nur in dem Masse, aber auch nicht unter demselben
-vergolten werden, in welchem er Thäter ist. Inwiefern die von ihm
-ausgegangene That selbst Wohl- oder Wehethat, der Thäter wirklicher
-Wohl- oder Wehethäter ist, nimmt die Vergeltung die Gestalt der
-Belohnung d. i. des Rückgangs eines dem zugefügten gleichen Quantums
-von Wohl an den Wohlthäter, oder der Bestrafung d. i. des Rückgangs
-eines gleichen Quantums von Wehe an den Wehethäter an.
-
-222. Ueber das Subject der Vergeltung d. i. den zur Vergeltung
-Berufenen, wird durch die Idee der Vergeltung nichts ausgesagt. Die
-Forderung derselben lautet dahin, dass vergolten werde, aber sie
-lässt dahingestellt, durch wen vergolten werde. Dieselbe ist erfüllt
-und das Missfallen geschwunden, wenn die Störung ausgeglichen, auch
-dann, wenn durch die Ausgleichung dieser Störung der Ausgleichende
-(der Vergelter) aus irgend einem Grunde selbst tadelnswerth geworden
-ist. Die Vergeltung kann eben so gut durch einen unpersönlichen
-Vorgang (auf dem Naturwege), wie durch einen persönlichen Act (auf dem
-Gerichtswege) erfolgen. In ersterem Fall zieht die eingetretene Störung
-die entsprechende Gegenstörung (die That das Loos) wie die Ursache ihre
-Wirkung nach sich; im letzteren Fall wird die Vergeltung, welche sonst
-ausgeblieben wäre, über den Thäter in Folge des Rathschlusses einer
-persönlichen Vergeltungsmacht (sei es göttlicher oder menschlicher)
-verhängt und ausgeübt. In ersterem Fall herrscht Nemesis, im letzteren
-Dike.
-
-223. Die vergeltende Persönlichkeit kann tadelnswerth erscheinen,
-nicht weil sie vergilt, sondern weil sie vergilt. Die Vergeltung von
-Wohlthaten durch ein entsprechendes Quantum Wohl an dem Wohlthäter
-lässt nicht nur die Idee der Vergeltung, sondern auch die Person
-des Vergelters in verklärendem Lichte erscheinen, weil bei dem
-Wohlspendenden nicht blos billige, sondern (mit Recht oder Unrecht)
-auch wohlwollende Gesinnung vorausgesetzt wird. Die Vergeltung der
-Wehethat durch ein entsprechendes Quantum Wehe an dem Wehethäter
-dagegen lässt die Person des Vergelters in einem ungünstigen Lichte
-sich darstellen, weil an derselben zwar die billige Gesinnung
-allenfalls anerkannt, aber der Verdacht übelwollender Gesinnung
-d. i. einer Freude am Wehethun rege gemacht wird. Der Strafrichter,
-der das Urtheil fällt, noch mehr der Nachrichter, der es vollzieht, hat
-die Wirkung dieses unwillkürlichen Nebenverdachtes an seiner Person zu
-erfahren; der Henker, der Hand anlegt an den, wenn auch gerechterweise,
-Verurtheilten, wird von der Volksmeinung für unehrlich erklärt und
-wurde nicht selten in der Ausübung seiner Pflicht vom Volke gehindert
-und gesteinigt. Wie es in feiner empfindenden Zeitaltern einst dahin
-kommen mag, dass die Anwendung der Todesstrafe von selbst aufhören
-muss, weil sich niemand mehr finden wird, der das verrufene Amt des
-Scharfrichters auf sich nimmt, so liesse sich denken, dass die Fällung
-von, wenn auch gerechten, Strafurtheilen bei empfindlichen Seelen
-Widerstand erfährt, weil sich dieselben weder vor Anderen noch vor
-sich selbst dem Verdacht aussetzen mögen, mehr der Freude, Anderen
-weh thun zu können, nachgegeben, als der Idee billiger Vergeltung
-ausschliesslich gehorcht zu haben.
-
-224. Dieser Verdacht wird gesteigert, wenn die Person des Vergelters
-mit dem Beleidigten, schwindet beinahe völlig, wenn dieselbe mit dem
-Beleidiger identisch ist. Ersteres enthält den Grund, um deswillen
-Vergeltung von Rache verschieden, letzteres den Grund, warum unter
-allen Formen der strafenden Vergeltung die der Selbstvergeltung die
-am mindesten anstössige ist. Bei demjenigen, der durch den Andern
-absichtliches Weh erlitten hat, liegt die Voraussetzung, dass er die
-sich darbietende Gelegenheit, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, nicht
-sowol mit der persönlichen Kühle des unbetheiligten Richters, sondern
-mit der schadenfrohen Hitze des gereizten Rachgierigen ergreifen
-werde, am nächsten; die Hoffnung, dass derselbe es bei dem billigen
-Masse der Vergeltung bewenden lassen werde, ist bei ihm die geringste;
-die Aussicht, dass er dasselbe in ungebührlicher Weise überschreiten
-werde, die wahrscheinlichste. Unter allen als passende Werkzeuge der
-Vergeltung denkbaren Persönlichkeiten ist daher die des Beleidigten die
-unpassendste und sonach durch die Idee der Billigkeit vom Vergelteramt
-(z. B. im Zweikampf, Duell) ausgeschlossen. Dagegen, da bei jedem
-Einzelnen die Neigung, sich selbst Wehe zu thun, nicht, der Entschluss,
-sich selbst ein derartiges zuzufügen, nur als Wirkung eines über die
-Schranken eudämonistischer Motive hinausreichenden, idealen d. i. nur
-von ethischen Ideen beherrschten Wollens vorausgesetzt werden kann,
-ist die Selbstvergeltung d. i. die Zufügung eines dem von ihm
-ausgegangenen gleichen Quantums von Wehe an seine eigene Person
-von der Hand des Wehethäters über jeden Verdacht anderer als rein
-ethischer Vergeltungsgesinnung erhaben und zugleich die Annahme,
-dass sich der Vergelter mit dem billigen Masse der Vergeltung
-begnügen werde, gerechtfertigt, so dass durch dieselbe der Idee
-der Vergeltung zugleich in der reinsten und in der angemessensten
-Weise Genüge gethan wird. Dieselbe ist daher nicht nur des Nimbus
-halber, mit dem sie die Person des Vergelters umgibt, sondern auch
-um der Kürze und Anschaulichkeit des Vergeltungsverfahrens willen
-(z. B. als vergeltender Selbstmord) im Drama (Othello, Don Caesar,
-Guido von Tarent u. A.) besonders beliebt.
-
-225. Wie die Nothwendigkeit zu strafen, um Missfallen zu vermeiden,
-von der Idee der Vergeltung, so hängt die Möglichkeit zu strafen,
-ohne missfällig zu werden, von dem Motiv des Strafenden ab. Fordert
-die erste: fiat justitia pereat mundus, so erlaubt die letztere nur:
-fiat justitia, ne pereat mundus. Das Motiv der Strafe kann kein
-anderes sein, als damit die geschehene Wehethat nicht unvergolten,
-der Wehethäter nicht straflos bleibe. Der Beweggrund des Strafenden
-kann kein anderer sein, als die wohlwollende Gesinnung, dass durch
-den Vollzug der Strafe nicht sowol Anderen Leid zugefügt, als vielmehr
-Anderer Leid verhütet, oder Anderer Wohl gefördert werde. Je nachdem
-dieser Andere der Wehethäter selbst, oder ein Anderer als dieser ist
-d. h. durch das Wehe, das dem Wehethäter zugefügt wird, entweder
-dessen eigenes Weh verhütet oder gemildert, dessen eigenes Wohl
-gewahrt und gemehrt werden soll, oder das gleiche bei einem Andern
-dadurch herbeigeführt werden soll, zerfällt vom Gesichtspunkt des
-Strafenden aus die Strafe in Besserungs- und Abschreckungsstrafe. Jene
-geht darauf aus, den Wehethäter selbst, diese den Anderen seiner
-ethischen Beschaffenheit nach durch das dem ersteren zugefügte Leid zu
-verändern d. h. die Strafe als ein Motiv in das Bewusstsein des einen
-wie der anderen zu dem Zwecke einzuführen, damit in der Folge eine der
-strafbaren Handlung gleiche Handlungsweise, sei es von dem Gestraften
-selbst, sei es von den Zeugen seiner Bestrafung unterlassen werde. Die
-durch die Strafe herbeizuführende Aenderung der ethischen Qualität
-besteht bei dem Gestraften in einer wirklichen Aenderung seines
-bisherigen (sträflichen) Wollens, so dass an die Stelle desselben
-künftig ein seinem Inhalt nach entgegengesetztes (unsträfliches) Wollen
-trete, sein Wollen demnach ein besseres werde. Bei Anderen dagegen
-kann dieselbe nur darin bestehen, dass ein gewisses bisher nicht
-wirklich vorhandenes d. h. noch niemals in Handlung übergegangenes,
-wenngleich vielleicht als Neigung, Hang, Vorsatz längst bestandenes
-Wollen auch künftig nicht wirklich d. i. wirksam werde. Während daher
-die Abschreckungsstrafe ihren Zweck erfüllt, wenn sie überhaupt Andere,
-also auch den Gestraften selbst zur Enthaltung von der strafbaren
-Handlung bewegt, hat die Besserungsstrafe denselben erst dann erreicht,
-wenn sie in den Anderen und darunter vor allem in dem Gestraften ein
-neues, dem Inhalt der sträflichen Handlung entgegengesetztes Wollen
-erzeugt. Da die Strafe ein Wehe zufügt, so wird der Grund, durch
-welchen dieselbe sowol zum Motiv der Enthaltung vom sträflichen, wie
-zur Erzeugung eines demselben entgegengesetzten Wollens wird, zunächst
-kein anderer sein, als Furcht vor dem Wehe, das sie mit sich bringt:
-Furcht vor dessen Wiederkehr bei dem Gestraften, vor dessen drohendem
-Eintreten bei dem Zeugen der Strafe. Hat dieselbe zur Folge, dass
-sowol bei dem Gestraften als bei den Zeugen der Strafe, das sträfliche
-Wollen, bei dem Gestraften nicht mehr, bei den Anderen überhaupt
-nicht eintritt, so sind die letzteren nicht schlechter geworden,
-als sie waren, so ist das Wollen des Gestraften besser geworden,
-als es war; der Gestrafte selbst aber, so lange nur Furcht vor der
-Strafe ihn von der Wiederbegehung der sträflichen Handlung abhält,
-ist nicht gebessert. Letzteres ist erst dann der Fall, wenn nicht nur
-das Wollen ein anderes, sondern auch das Motiv des anders Wollens ein
-anderes als das eudämonistische der Furcht d. h. wenn es das ethische,
-die Ueberzeugung von der Verwerflichkeit der strafbaren Handlung
-als solcher geworden ist. Diesen äussersten Schritt, welcher nicht
-blos eine Aenderung des Wollens, sondern eine solche der Gesinnung
-bedeutet, in dem Gestraften herbeizuführen, reicht die blosse Strafe,
-welche als solche zwar auf das Gemüth d. i. auf die Empfänglichkeit für
-die angenehmen oder unangenehmen Folgen einer gewissen Handlungsweise,
-und auf die Klugheit, unangenehmen Folgen auszuweichen, keineswegs aber
-auf die praktische Weisheit d. i. auf die Einsicht in den unbedingten
-Werth oder Unwerth einer Handlungsweise Einfluss zu üben vermag,
-für sich so wenig aus, dass zur Erreichung dieses Zweckes vielmehr
-andere Mittel (Belehrung, Erziehung) zu Hilfe genommen werden müssen,
-das Beste aber von dem im Gemüth des Gestraften selbst zum Durchbruch
-gelangten Erwachen der unwiderstehlichen Stimme und Macht des Gewissens
-erwartet werden muss.
-
-226. Letztgenannter Grund ist es, welcher bewirkt, dass die
-Formen der Strafe, je nachdem dieselbe als Besserungs- oder als
-Abschreckungsstrafe betrachtet wird, unter einander abweichende,
-nicht selten sogar entgegengesetzte Gestalt annehmen. So fordert
-die Strafe, die abschreckend wirken soll, volle, ja verstärkte
-Oeffentlichkeit, während die Besserung des Gestraften, wenn sie
-den Zweck der Strafe abgeben soll, durch Geheimhaltung derselben,
-um diesem die Beschämung zu ersparen, begünstigt wird. Während die
-Oeffentlichkeit des Strafvollzuges die Furcht vor der Strafe steigert,
-erleichtert deren Geheimhaltung dem Gestraften die Aenderung sowol
-seines bisherigen Wollens wie seiner bisherigen Gesinnung. Jene
-erschwert dem Gestraften auch nach eingetretener Besserung den
-Rücktritt in die Gesellschaft, die Zeuge seiner Bestrafung gewesen
-ist; diese, indem sie Bestrafung und Gesinnungsänderung in der Stille
-sich vollziehen lässt, macht durch weise Schonung des Ehrgefühles dem
-Gestraften nicht sowol die Wiederaufnahme als vielmehr das dem Anschein
-nach wenigstens ungestörte Fortleben unter Anderen möglich. Entmenschte
-Rohheit und gedankenlose Neugier haben den öffentlichen Strafvollzug
-längst mehr zur Befriedigung brutaler Schaulust und barbarischer
-Gefühllosigkeit erniedrigt, als zum wirksamen Drohmittel erhabener
-Gerechtigkeitspflege erhöht; die Verlegung desselben in abgelegene und
-der Menge verschlossene Räume, so wie die Ersetzung der die sittliche
-Pest durch Ansteckung mehrenden gemeinsamen durch der Einkehr in sich
-selbst und dem Wachwerden ethischer Gesinnung vortheilhafte Einzelhaft
-stehen in der Gegenwart als sichtbare Zeichen des Uebergewichtes
-des Besserungs- über das blosse Abschreckungsmotiv und verfeinerten
-ethischen Zartgefühles aufrecht.
-
-227. An die Idee der billigen Vergeltung schliesst sich ein Verfahren
-an, welches dieselbe nicht blos über die gesammte Willenssphäre
-des Einzelnen, so weit nicht andere Motive es verhindern, einer-,
-so wie auf sämmtliche innerhalb des Umkreises einer Gesellschaft zu
-Tage tretende mittels absichtlicher Willensäusserung hervorgerufene
-Störungen andererseits ausdehnt. Dasselbe geht darauf aus, dass nicht
-nur jede vom Einzelnen verübte, wie jede am Einzelnen geübte That
-vergolten, sondern dass jede innerhalb des Umkreises der Gesellschaft
-ans Licht getretene Wohl- oder Wehethat in entsprechender Weise
-vergolten werde. In ersterer Hinsicht schliesst die Idee der Vergeltung
-die Forderung ein, dass jeder, der Gegenstand einer Wohl- oder Wehethat
-gewesen ist, deren Vergeltung (entweder durch ihn selbst oder durch
-Andere) suche, und jeder, der Urheber einer Wohl- oder Wehethat
-geworden ist, deren Vergeltung (durch Andere oder durch sich selbst)
-dulde. In letzterer Hinsicht drückt dieselbe aus, dass innerhalb des
-Umkreises der Gesellschaft keine wie immer geartete wirklich vollzogene
-That verborgen, so wie dass keine durch Zufall oder durch absichtliche
-Veranstaltung ans Licht gezogene That ohne Vergeltung bleibe. Die
-Erfüllung ersterer Forderung stellt das Ideal des gerechten Mannes,
-der sein Recht fordert, aber auch nimmt, die Erfüllung der letzteren
-das Ideal eines Lohnsystems d. i. einer Gesellschaft dar, innerhalb
-welcher jeder That ihr Lohn, der Wohlthat die ihr gebührende Belohnung,
-der Wehethat die verdiente Bestrafung zu Theil wird. Jenem entspricht
-es, wie Heinrich von Kleist's Michael Kohlhaas darauf zu bestehen,
-dass die ihm widerrechtlich geraubten Rosse, von dem junkerlichen
-Räuber mit eigener Hand dick gefüttert, ihm zurückgestellt werden, aber
-zugleich die über ihn selbst rechtmässig verhängte Strafe gesetzloser
-Willkür und widergesetzlicher Selbsthilfe sich willig gefallen zu
-lassen. Wie in ersterer Handlung des Gerechten berechtigter "Kampf
-ums Recht", so tritt in der letzteren des Gerechten bereitwillige
-Anerkennung des "Sieges des Rechtes" ans Tageslicht. Dem Ideal eines
-Lohnsystems würde eine Gesellschaft genügen, in welcher nicht nur alle
-zweckdienlichen Anstalten getroffen werden, nicht blos wie die heutigen
-"Detectives" verborgen gebliebene Missethaten aufzudecken und wie
-die heutigen "öffentlichen Ankläger" der Strafgewalt zu denunciren,
-sondern in gleicher Weise geheime oder (zufällig oder absichtlich)
-vergessene Wohlthaten aufzuspüren und als öffentliche Lobredner der
-Macht, welche die Pflicht und die Mittel zur Belohnung besitzt,
-zur Kenntniss zu bringen. In letzterem Sinn hat schon Sokrates
-den ihm gebührenden Lohn dahin definirt, dass er verdient habe,
-auf öffentliche Kosten im Prytaneum erhalten zu werden. Während die
-heutige Gesellschaft für den Zweck der Entdeckung und Kundmachung
-geschehener Wehethaten ein zahlreiches Heer besonders geschulter und
-instruirter Organe besitzt, zieht sie es vor, ohne Zweifel um den
-Zartsinn der Wohlthäter zu schonen, das Bekanntwerden geschehener
-Wohlthaten dem Zufall, oder dem seltenen guten Willen der Empfänger
-so wie der Neider anheimzustellen. Dieselbe hat ebenso es längst als
-ihre Aufgabe angesehen, zur Bestrafung innerhalb ihres Umkreises
-kundgewordener Vergehen zweckdienliche Anstalten (Strafgerichte)
-und Verfahrungsweisen (Strafverfahren) zu errichten und zu ersinnen,
-hat es jedoch in Bezug auf den zweiten, nicht minder wichtigen
-Theil des Lohnsystems, die Belohnung auch der ihr bekannt gewordenen
-Wohlthaten, bei den dürftigsten Einrichtungen (Preisgerichte) und
-den armseligsten Verfahrungsweisen (Bürgerkronen, Ehrenzeichen,
-Monthyon'sche Tugendpreise) bewenden lassen. Nicht Keppler allein
-ist ein Beispiel, dass die moderne Gesellschaft Wohlthätern der
-Menschheit "öffentliche Steine" statt Brot gegeben hat. Wie in der
-gerechten Gesinnung des Einzelnen zwischen der Geneigtheit, sein
-Recht zu fordern, und der Bereitwilligkeit, dasselbe zu nehmen,
-so kann innerhalb des Lohnsystems zwischen der Sorgfalt Strafen zu
-verhängen und der Lässigkeit Wohlthaten zu belohnen ein empfindliches
-Missverhältniss herrschen, in Folge dessen die gerechte Gesinnung
-in Vergeltungssucht einer- und Widersetzlichkeit andererseits, die
-Gerechtigkeit der Gesellschaft in drakonische Strenge einer- und
-athenische Undankbarkeit andererseits ausartet. Das Ueberwiegen der
-Recht fordernden über die rechtsduldsame, der Straffrohen über die
-belohnungseifrige Gesinnung oder das Gegentheil gibt dem Einzelnen
-wie der Gesellschaft hinsichtlich der Idee der Vergeltung ihre
-eigenthümliche Färbung und ruft jenen Gegensatz einander bekämpfender
-Willensrichtungen, deren eine auf die Zufügung wenn auch verdienten
-Weh's, die andere auf die Schenkung wohlverdienten Wohls gerichtet ist,
-hervor, zwischen welchen eine weise Organisation sowol des Strafs-
-wie des Belohnungssystems das versöhnende Mass herzustellen und
-festzuhalten bemüht sein wird.
-
-228. Mit der Idee der billigen Vergeltung ist die Reihe der
-ethischen d. i. der Uebertragungen ästhetischer Ideen auf das
-ethische Gebiet erschöpft. Keine derselben ist das ganze Gute,
-aber jeder derselben entspricht ein Element des Guten. Wie das
-vollkommene, so ist das innerlich freie und das wohlwollende Wollen
-ein gutes; sind die Gegentheile des Streits: der Friede unter den
-Wollenden, und der unvergoltenen That: die billige und willige
-Vergeltung seitens der Wollenden, kein schlechtes Wollen. Aber nur
-alle zusammengenommen als Eigenschaften des Wollens d. i. dasjenige
-Wollen, das zugleich in quantitativer Hinsicht stark, in qualitativer
-Hinsicht charaktervoll, gütig, rechtlich und gerecht ist, ist das gute
-Wollen. Die Erweiterung der ethischen Ideen auf die Gesellschaft,
-welche derselben nach einander den Charakter eines Cultursystems,
-einer beseelten Gesellschaft, eines Verwaltungssystems, einer
-Rechtsgesellschaft und eines Lohnsystems verleiht, bringt nicht nur
-durch jede der genannten Eigenschaften eine von dem Gesichtspunkt
-einer vereinzelten ethischen Idee aus verehrungs- oder doch wenigstens
-achtungswürdige Gesellschaft, sondern durch die Vereinigung aller
-genannten Eigenschaften das Ideal desjenigen hervor, was in besserem
-als in dem banal-herkömmlichen Sinne der "guten Gesellschaft" eine
-wahrhaft gute Gesellschaft d. i. eine solche heissen darf, in welcher,
-wie in dem guten Wollen die einfachen, so die gesellschaftlichen
-ethischen Ideen zur Verwirklichung gelangt sind.
-
-229. Wie jeder der logischen und ästhetischen Ideen, so steht jeder
-der ethischen Ideen ein Gegenbild zur Seite; jener der (ethischen)
-Vollkommenheit das der (ethischen) Unvollkommenheit, jener der
-inneren Freiheit das der inneren Unfreiheit (Willensknechtschaft),
-jener des Wohlwollens das des Uebelwollens, während Streit und
-unvergoltene That die natürlichen Gegensätze des durch die Ideen des
-Rechts und der billigen Vergeltung Geforderten ausmachen. Wie jedes
-einer ethischen Idee entsprechende Wollen ein gutes (lobenswerthes,
-im ethischen Sinn schönes), so stellt jedes einem ihrer Gegenbilder
-gleichende Wollen ein schlechtes (tadelnswerthes, im ethischen Sinne
-hässliches) Wollen dar. Wie jene zusammengenommen den Inhalt des
-Guten, so erschöpfen diese zusammengenommen den Inhalt des ethisch
-verwerflichen Wollens. Wird dabei durch ein dem bei den ethischen Ideen
-angewendeten ähnliches Verfahren die in dem Gegenbilde enthaltene
-Forderung nicht blos auf das Gesammtwollen des einzelnen Wollenden,
-sondern auf jenes einer ganzen Gesellschaft ausgedehnt, so entstehen
-nach der Reihe die den oben genannten entgegengesetzten Einzel- und
-Gesellschaftsideale. Dem Ideale des Willensstarken tritt gegenüber
-die Willensschwäche, dem Ideal des Cultursystems das Zerrbild eines
-solchen in der innerlich schwächlichen, dürftigen und zerfahrenen
-Willensbeschaffenheit ihrer sämmtlichen Mitglieder. Dem Ideal des
-Charakters und der beseelten Gesellschaft stellt sich das Extrem
-innerer Haltlosigkeit im Einzelnen, so wie der seelenlose Mechanismus
-und Formalismus in der Gesellschaft entgegen. Die Kehrseite des Ideals
-der Güte und eines wohlwollenden Verwaltungssystems offenbart sich
-in dem satanischen Ideal der Bosheit (dem Bösen), wie in dem wüsten,
-auf Raubbau und nutzlose Vergeudung der Güter gegründeten Haushalt
-innerlich und äusserlich verlotterter Wirthschaftsgesellschaften. Das
-Widerspiel, sei es auf natürliche, sei es vertragsmässige Basis
-gestellter Rechts- und Friedenszustände tritt in dem rücksichtslosen
-Walten der Macht des Stärkern, in dem Kriege Aller gegen Alle und dem
-auf gegenseitige Vernichtung abzielenden "Kampf ums Dasein" zu Tage,
-während das Gegenstück zu dem in der Forderung billiger Vergeltung
-enthaltenen Gemälde das Bild eines Zustandes darbietet, in welchem
-der Wohlthäter darbt und das vergossene Blut vergebens zum Himmel
-schreit. Wie die Zusammenfassung ethischer Gegenbilder im Wollen
-eines einzelnen Individuums dieses zum Ideal der Schlechtigkeit
-stempelt, so drückt die Zusammenfassung sämmtlicher Gegenbilder
-ethischer Gesellschaftsideale im Wesen einer einzigen Gesellschaft
-dieser in einem andern als in dem herkömmlich alltäglichen Sinn der
-sogenannten "schlechten Gesellschaft" das Gepräge einer schlechten
-Gesellschaft auf.
-
-230. Mit der Aufstellung der ethischen Ideen und ihrer Gegenbilder,
-der einen zur Nachahmung, der andern zur Abschreckung für jedes Wollen,
-das auf Hervorbringung des guten d. h. unbedingt wohlgefälligen Wollens
-gerichtet ist d. i. mit der Aufzählung der normalen und anormalen
-Formen, welche Normen des Wollens und Handelns sind, ist das Geschäft
-der Ethik als allgemeiner Wissenschaft vom Guten vollendet.
-
-
-
-
-
-
-
-
-ZWEITES BUCH.
-
-DAS WIRKLICHE.
-
-
-ERSTES CAPITEL.
-
-DAS NICHT-ICH.
-
-
-231. Was überhaupt Wirkliches, dass irgendwie Wirkliches, und was
-oder welcher Art das Wirkliche sei, ist weder so ausgemacht, noch so
-leicht auszumachen, als diejenigen, welche es lieben, die Wissenschaft
-vom Wirklichen als allein wirkliche Wissenschaft den "hohlen Träumen
-der Speculation" entgegenzusetzen, zu glauben sich anstellen oder
-Andere gern überreden möchten. Sofern und so lange es gewiss ist,
-dass der Weg zum Wirklichen für das wirkliche Vorstellen nur durch
-das wirklich Scheinende d. i. durch den Schein des Wirklichen führt,
-der Schein der Wirklichkeit für das Bewusstsein früher gegeben
-ist und demselben näher steht als die, wenn überhaupt vorhandene,
-hinter demselben stehende Wirklichkeit selbst: so lange bleibt es
-unbestreitbar, dass die Wissenschaft vom Wirklichen zunächst und vor
-allem mit dem anscheinend Wirklichen sich aus einander zu setzen hat,
-wenn sie nicht in Gefahr gerathen soll, blos scheinbar Wirkliches
-für das Wirkliche selbst, oder, was in den Ohren der Freunde der
-Wirklichkeit noch befremdender klingen müsste, den Schein für das
-einzige Wirkliche zu halten.
-
-232. Ersteres ist die Ansicht des (gemeinen empirischen) Realismus,
-letzteres jene des (gleichfalls empirischen, obgleich nicht eben
-gemeinen) Idealismus. Jener geht davon aus, dass das wirklich
-Scheinende das Wirkliche, dieser davon, dass der Schein eines
-Wirklichen das einzige Wirkliche sei. Vom Gesichtspunkt des Realismus
-aus sind die Dinge nicht nur, wenn, sondern sie sind auch das, was
-sie zu sein scheinen; von dem Gesichtspunkt des Idealismus aus sind
-die Dinge, die scheinen, die einzigen, welche sind. Jener schliesst
-jede Möglichkeit eines Zwiespaltes zwischen Schein und Wirklichkeit
-aus dem Grunde aus, weil das scheinbar Wirkliche mit dem Wirklichen
-identisch, dieser dagegen aus dem Grund, weil ausser dem Schein kein
-Wirkliches vorhanden ist.
-
-233. Ersterem steht die Thatsache im Wege, dass es wirklich Scheinendes
-gibt, dem doch keine Wirklichkeit entspricht, letzterem der Umstand,
-dass, wenn dem Schein kein Wirkliches gegenübersteht, es auch
-keinen Schein geben kann. Der Mond, der am Horizont emporsteigt,
-scheint wirklich grösser als derselbe Mond, wenn er im Zenith steht,
-ohne dass daraus folgte, dass er wirklich grösser sei. Der wirklich
-vorhandene Schein ist in diesem Fall eine nothwendige Täuschung, welche
-dadurch, dass sie nothwendig ist, nicht aufhört, Täuschung zu sein. Die
-scheinbare Bewegung des gestirnten Himmels um die Erde, welche der
-wirklichen Bewegung der Erde um ihre Axe gerade entgegengesetzt ist,
-ist der Schein einer Wirklichkeit, aber nicht diese selbst. Wie in den
-angeführten Fällen vertreten in allen sogenannten Sinnestäuschungen,
-denen entweder ein Anderes als das scheinbare Wirkliche (Illusionen),
-oder überhaupt kein Wirkliches entspricht (Hallucinationen),
-anscheinende die Stelle der wirklichen Dinge, während in den
-sogenannten Sinnesqualitäten (Färbung, Klang, Geruch, Geschmack,
-Härte, Weichheit u. dgl.) anscheinende Eigenschaften, die ihren
-Grund nur in der Beschaffenheit des wahrnehmenden Sinnesorgans,
-die Stelle wirklicher Eigenschaften vertreten, die ihren Grund in
-der Zusammensetzung, inneren und äusseren Structur, oder in der
-Beschaffenheit der Oberfläche der Körper selbst haben. So ist die
-Farbe, die dem gemeinen Realismus als eine wirkliche Eigenschaft der
-Körper gilt, in Wahrheit nur eine scheinbare Eigenschaft derselben,
-weil sie denselben nur insofern und nur unter der Voraussetzung
-zukommt, inwiefern und dass ein sehendes Auge vorhanden sei, welches
-den Eindruck des von der Oberfläche des Körpers reflectirten Lichts
-auf der empfindlichen Netzhaut empfängt und in Empfindung der Farbe
-verwandelt. So ist der Klang, der nach derselben Anschauungsweise zu
-den realen Eigenschaften des tönenden Körpers gehört, nichts weiter,
-als die in Folge innerer oder äusserer Erschütterung der kleinsten
-Theile desselben hervorgebrachte periodische Wellenbewegung der
-atmosphärischen Luft, welche dem Hörnerven sich mittheilt und
-im Centralorgan des empfindlichen Nervensystems in die Sprache
-des Bewusstseins, in dem Reiz heterogene aber correspondirende
-Empfindung, aus Gehörreiz in Gehörsempfindung sich umsetzt. Ohne Augen,
-lässt sich sagen, wäre das All der Dinge dunkel, ohne Gehörsorgan
-stumm. Sämmtliche sogenannte wirkliche Eigenschaften, welche der
-Körperwelt Sinnlichkeit, sichtbare Gestalt für das Auge, hörbaren
-Reiz für das Ohr und entsprechende Wahrnehmbarkeit für die übrigen
-Sinnesorgane verleihen, werden denselben viel mehr von dem aufnehmenden
-mit Sinnesorganen ausgerüsteten Träger des Bewusstseins aufgeprägt, als
-diesem von jenem übermittelt, und verdienen daher mit weit grösserem
-Recht anscheinende d. h. den Dingen nur scheinbar anhaftende, in
-Wirklichkeit denselben nur angedichtete Eigenschaften zu heissen.
-
-234. Folgt aus obiger Betrachtung, dass nicht alles wirklich
-Scheinende wirklich, so folgt daraus doch nicht, dass der Schein
-des Wirklichen das einzige Wirkliche sei. Jene Erwägung begründet
-den Unterschied eines scheinbar Wirklichen, dem Wirkliches, und eines
-ebensolchen, dem kein Wirkliches entspricht; letztere Behauptung möchte
-denselben verwischen und alles wirklich Scheinende in blossen Schein
-eines Wirklichen, somit das Wirkliche selbst in ein Unwirkliches
-verwandeln. Dieselbe geht von der Ansicht aus, dass, was nicht im
-Bewusstsein gegenwärtig, auch nicht für dasselbe vorhanden sei;
-dass aber, weil das im Bewusstsein vorhandene nichts anderes sein
-kann als Bewusstseinsvorgang, auch das für dasselbe Vorhandene
-ausschliesslich Bewusstseinsvorgänge sein können. Da nun, was im
-Bewusstsein (also als Vorstellung) vorhanden sein kann, nicht das
-Wirkliche selbst (die von der Vorstellung der Sache verschiedene
-Sache), sondern nur der Schein eines solchen (die als wirklich
-gedachte Sache d. i. der Gedanke der Sache) zu sein vermag, so könne
-alles für das Bewusstsein Vorhandene unmöglich das Wirkliche selbst,
-sondern nur dessen Schein, somit für dasselbe das einzige Wirkliche
-ausschliesslich der Schein eines Wirklichen sein. Statt daher hinter
-dem Schein ein imaginäres Wirkliches zu suchen, trachtet der Idealismus
-den Schein als nur scheinbar Unwirkliches, in Wahrheit als einziges
-Wirkliches festzuhalten, so dass, mit dem Realismus verglichen, das
-Verhältniss des Scheinbaren zum Wirklichen sich umkehrt, das in den
-Augen des Realismus Unwirkliche (der Schein, die Vorstellung, idea) für
-wirklich, dagegen das in dessen Augen Wirkliche (die Sache, dasjenige,
-was mehr als blosse Vorstellung ist, res) für unwirklich erklärt wird.
-
-235. Die Widerlegung des Realismus bestand darin, dass in dem
-scheinbar Wirklichen, welches derselbe seinem Grundsatz gemäss,
-dass zwischen dem Inhalt des wirklich Scheinenden und jenem des
-Wirklichen kein Unterschied bestehe, für wirklich erklärt, Fälle
-aufgezeigt wurden, in welchen das anscheinend Wirkliche unmöglich
-für wirklich genommen werden konnte. Die Widerlegung des Idealismus,
-wenn sie denselben Weg einschlüge und in dem Inhalt des Scheins, den
-der letztere für das einzig Wirkliche erklärt, Widersprüche nachwiese,
-hätte damit nur dargethan, dass sich im Schein, also im Unwirklichen,
-keineswegs aber, dass sich im Wirklichen, also in dem, was mehr
-ist als Schein, Widersprüche vorfinden. Die bekannten Antinomien,
-welche Kant in Bezug auf die Möglichkeit aufstellt, dass die Welt
-Grenzen im Raum und einen Anfang in der Zeit, aber auch, dass sie
-keine Grenzen im Raume und keinen Anfang in der Zeit habe, stammen
-daher, weil die eine wie die andere beider einander ausschliessender
-Behauptungen einem Gegenstande gilt, welcher als solcher nicht der
-realen, sondern der Scheinwelt angehört, von einem solchen aber sich
-gleichzeitig einander Ausschliessendes behaupten lässt, ohne dadurch
-mit der Natur des Scheines, der ja als solcher ein Unwirkliches ist,
-also das Widersprechende erträgt, in Widerstreit zu gerathen.
-
-236. Die Widerlegung des Idealismus, wenn überhaupt möglich, muss
-auf anderem Wege gesucht werden. Kann dieselbe nicht aus dem Umstande
-geschöpft werden, dass der Inhalt des Scheines in seinen Bestandtheilen
-sich unter sich selbst, so kann sie vielleicht ihren Ausgangspunkt
-nehmen von der Betrachtung, dass der Begriff eines Scheines, der neben
-sich selbst kein Wirkliches zulässt, sich selbst widerspricht. Da nun
-ein Scheinen undenkbar ist ohne ein Etwas, welches scheint (objectiver
-Schein) oder ein Etwas, welchem es scheint (subjectiver Schein)
-vorauszusetzen, so muss entweder dasjenige, welches scheint (das
-Object) und dasjenige, welchem scheint (das Subject) abermals Schein
-und als solcher eines weiteren, sei es Objects, sei es Subjects des
-Scheinens bedürftig sein, welcher Regressus sich sofort in infinitum
-wiederholt, oder es muss, sei es das Object, sei es das Subject,
-näher oder entfernter etwas anderes als Schein d. i. ein Wirkliches
-sein, womit die Behauptung des Idealismus, dass Schein das einzige
-Wirkliche sei, sich von selbst aufhebt.
-
-237. Allerdings nur unter der Annahme, dass das nach den Gesetzen des
-Denkens Undenkbare unmöglich d. h. dass das nach den Gesetzen des
-Denkens nicht als wirklich Denkbare auch nicht wirklich sei. Folgt
-aus der Natur des Denkens zwar, dass der Denkende einen gewissen
-Denkinhalt mit Nothwendigkeit denken müsse, so folgt daraus keineswegs,
-dass der Seinsinhalt mit diesem nothwendigen Inhalt des Denkens eins
-sein müsse. So lange es kein Mittel gibt, den Inhalt des Seins mit dem
-Inhalt des Denkens zu vergleichen, um denjenigen Denkinhalt, der mit
-dem Seinsinhalt als congruent sich herausstellt, als Wissen zu fixiren
-(und dass es kein solches gibt, hat die Betrachtung der logischen
-Ideen zur Evidenz gebracht), so lange bleibt die Möglichkeit offen,
-dass die Dinge in der Wirklichkeit sich anders verhalten, als die
-Gesetze des Denkens letzteres nöthigen, das Verhalten derselben mit
-Nothwendigkeit zu denken d. h. dass der unvermeidliche und durch die
-Gesetze des Denkens demselben aufgenöthigte Denkinhalt des Denkens
-und der um seiner Unzugänglichkeit willen stets unbekannt bleibende
-Inhalt des Seins unter einander nicht übereinstimmen, ja vielleicht,
-was weder wahrscheinlich, noch unwahrscheinlich, sondern eben nur
-möglich ist, sich unter einander sogar widersprechen.
-
-238. Erst ein späterer Anlass wird Gelegenheit bieten, von der aus
-obiger Betrachtung fliessenden Einschränkung Gebrauch zu machen. Aus
-der Widerlegung des Realismus folgt, dass die Wissenschaft des
-Wirklichen, wenn sie nur Wirkliches besitzen will, aus dem wirklich
-Scheinenden alles dasjenige ausscheiden muss, was nur den Schein der
-Wirklichkeit hat. Aus der Widerlegung des Idealismus folgt, dass der
-"Traum der Speculation", wenn er aufhören soll, "Traum" zu sein, zu dem
-Schein, der ihm zufolge das einzige Wirkliche ist, ein Wirkliches, sei
-es im subjectiven Sinne, als Träger des Scheins, sei es im objectiven
-Sinne, als Ursache des Scheins, hinzufügen muss. Erstere Operation,
-durch welche im wirklich Scheinenden der Schein des Wirklichen
-vom Wirklichen gesondert wird, ist eine kritische, letztere, durch
-welche zu dem ursprünglich allein vorhandenen Schein des Wirklichen
-ein Wirkliches hinzugethan wird, ist eine ergänzende. Jene führt in
-das wirklich Scheinende neben der Betrachtung des Wirklichen, welches
-scheint (des Objects), die Betrachtung eines anderen Wirklichen ein,
-welchem es scheint (des Subjects); diese geht von der Betrachtung des
-ihrer ursprünglichen Ansicht nach allein wirklichen Scheins zu dessen
-Erklärung, sei es aus einem Wirklichen (dem Subject) oder durch ein
-Wirkliches (Object) fort.
-
-239. Die Einführung des Subjects, welchem das Wirkliche scheint, um
-aus dem Zusammenwirken beider, des Objects, welches scheint, und des
-Subjects, dem es scheint, das wirklich Scheinende als deren Product
-begreiflich zu machen, bedeutet die Einfügung eines idealistischen
-Elements in die realistische Betrachtung. Die Hinzufügung eines
-Wirklichen, sei es als Träger (Subject), sei es als Ursache
-(Object) des Scheins zu diesem selbst, um, sei es durch jenen,
-sei es durch diese, dessen Schein der Wirklichkeit begreiflich zu
-machen, bedeutet die Einführung eines realistischen Elements in die
-idealistische Betrachtungsweise. Durch die allmälige Ausbreitung des
-ersteren im Realismus wird dieser dem Idealismus, durch die allmälige
-Vertiefung des letzteren im Idealismus wird dieser dem Realismus
-näher gebracht. Der gemeine oder empirische Realismus nimmt in Folge
-kritischer d. i. philosophisch sichtender Behandlung idealistischen,
-der gemeine oder empirische Idealismus nimmt in Folge der ergänzenden
-d. i. philosophisch erklärenden Behandlung realistischen Charakter an.
-
-240. Schon der Vater des gemeinen Realismus, Bacon, hat die Bemerkung
-gemacht, dass das wirklich Scheinende Elemente umschliesst, welche
-nicht aus dem Wirklichen, sondern aus dem dasselbe wahrnehmenden
-und auffassenden Subjecte stammen, und, weil sie jenem als wirklich
-von diesem nur angedichtet sind, dieselben treffend als "Idole"
-(Fictionen) bezeichnet. Dass unter denselben auch solche sich
-vorfinden, welche, wie die von ihm sogenannten "Idola tribus", dem
-auffassenden (menschlichen) Subject vermöge dessen Gattungscharakter
-angehören und daher bei sämmtlichen Individuen derselben Gattung
-(also zum Beispiel bei allen Menschen) zu deren Auffassung des
-ihnen wirklich Scheinenden in stets gleicher Weise beitragen müssen,
-kann als ein Vorspiel zu der von Kant nachdrücklich hervorgehobenen
-Betheiligung des transcendentalen (d. i. des Gattungs-) Subjects an
-dem Zustandekommen der Erfahrung, als des Productes zweier Factoren,
-eines subjectiven und eines objectiven, angesehen werden. Wie diesem
-zufolge "die Welt der Erscheinung" d. i. das wirklich Scheinende zwar
-der "Materie" d. i. dem Stoffe nach aus dem Object, welches scheint,
-der "Form" nach jedoch aus dem transcendentalen Subjecte stammt, dem
-es scheint, so setzt sich nach Bacon die Welt des wirklich Scheinenden
-zusammen einerseits aus demjenigen, was aus dem Wirklichen stammt
-(der Erfahrung), und demjenigen, was diesem von dem auffassenden
-Gattungssubject nur angedichtet wird (der Scheinerfahrung der
-"Idola tribus").
-
-241. Allerdings mit dem Unterschied, dass der eine, der Realist, diese
-subjective Hinzuthat im wirklich Scheinenden als eine Verunreinigung
-der Wissenschaft vom Wirklichen angesehen hat, von welcher dieselbe
-so bald und so gründlich als möglich befreit werden müsse, um die
-Erfahrung d. i. das Wirkliche rein zu erhalten, während der andere,
-der Idealist, gerade in dieser aus dem Gattungssubject herkommenden
-und daher allen auffassenden Individuen derselben Gattung in gleicher
-Weise eigenen subjectiven Hinzuthat im wirklich Scheinenden das
-Mittel erblickt hat, dieses aus einer nur individuellen in eine
-für alle Individuen derselben Gattung der Form nach identische
-Scheinwelt und dadurch aus einer nur individuell giltigen in eine
-allgemeine und nothwendige Erfahrung zu verwandeln. Bacon ging
-darauf aus, das subjective, also, vom Standpunkt des Realismus aus
-angesehen, idealistische Element im wirklich Scheinenden gänzlich aus
-demselben zu entfernen, und nur dasjenige, was in demselben nicht
-sowol Schein eines Wirklichen, als Schein des Wirklichen ist, für
-Erfahrung gelten zu lassen. Aber schon dessen Nachfolger Locke hat
-gezeigt, dass die sogenannten secundären Eigenschaften der Körper,
-wie Farbe, Klang, welche jener als Schein des Wirklichen gelten
-liess, nur als Schein eines Wirklichen gelten dürfen d. h. nicht,
-wie jener glaubte, am Wirklichen wirklich vorhanden, sondern von
-einem anderen Wirklichen, dem auffassenden Subject, als scheinbare
-Eigenschaften den Körpern angedichtet seien. Werden dieselben,
-als blosser Schein eines Wirklichen, aus dem wirklich Scheinenden
-ausgeschieden, so bleiben in diesem als Schein des Wirklichen nur
-mehr die sogenannten primären Eigenschaften (wie Gestalt, Ausdehnung,
-Grösse) und als Kern alles wirklich Scheinenden und kat' exochên
-Wirkliches das (übrigens unbekannte) Substrat des Scheins und Träger
-der Eigenschaften, die sogenannte Substanz, als alleiniges Object
-einer wirklichen Wissenschaft vom Wirklichen übrig. Das von Bacon
-vergebens zu verdrängen gesuchte idealistische Element hat seine
-Stelle im Realismus mit Gewinn zurück erobert.
-
-242. Aber auch ein skeptisches ist damit in den Vordergrund
-getreten. Wenn die sogenannten secundären Eigenschaften nur den
-Schein eines Wirklichen, aber nicht eine Erscheinung des Wirklichen
-darstellen, dann ist die sinnliche Erfahrung, welche dieselben als
-Schein des Wirklichen zeigt, eine trügerische, den Schein an die
-Stelle der Wirklichkeit setzende Vorstellung des Wirklichen, nicht
-sowol eine Erkenntniss der, als eine fortgesetzte Täuschung über die
-Wirklichkeit. Die nächste Folge dieser Einsicht kann keine andere sein,
-als dem Sinnenschein, welcher die Basis aller sinnlichen Erfahrung
-ausmacht, und damit dieser selbst, die auf so ungewisser Grundlage
-sich aufbaut, mit Misstrauen entgegen zu kommen.
-
-243. Dasselbe muss sich naturgemäss in demselben Grade steigern, als
-sich der Umfang des idealistischen Elementes d. i. der subjectiven
-Hinzuthat im wirklich Scheinenden erweitert. Die Ausbreitung desselben
-hat zuerst Locke's idealistischer Fortsetzer Berkeley herbeigeführt
-durch die Behauptung, dass die sogenannten primären Eigenschaften der
-Körper, welche derselbe als wirkliche ansah, nicht weniger scheinbar
-als die sogenannten secundären Eigenschaften, und, ebenso wie diese,
-Hinzuthaten des vorstellenden Subjects im wirklich Scheinenden
-d. i. durch das vorstellende Subject, keineswegs durch das Object
-des Vorgestellten hervorgebrachter Schein, also zwar Schein eines
-Wirklichen, aber nicht selbst Wirkliches seien. Dieselbe erreichte den
-höchsten Grad dadurch, dass Berkeley die weitere Bemerkung hinzufügte,
-dass der Körper nichts anderes als die Summe seiner Eigenschaften, die
-Annahme einer den Kern desselben ausmachenden Substanz als Träger der
-Eigenschaften eine an sich völlig überflüssige, von dem vorstellenden
-Subject, wenn auch nicht willkürlich, aber doch unwillkürlich gemachte
-grundlose Voraussetzung, die sogenannte Substanz daher eben so wol
-wie die sogenannten primären und secundären Eigenschaften zwar der
-Schein eines Wirklichen, aber eben so wenig wie diese ein Wirkliches
-sei. Letztere Behauptung verwandelte, da der Körper fortan nichts
-weiter als die Summe seiner (primären und secundären) Eigenschaften,
-diese aber als Summe von nicht wirklichen, sondern nur scheinbaren
-Eigenschaften selbst nur eine Scheinsumme sein sollte, den angeblich
-wirklichen Körper in blossen Schein eines Körpers, die sogenannte
-Welt des Wirklichen in blossen Schein einer wirklichen Welt und
-löste somit den gesammten Realismus in Idealismus, die gesammte
-Sinneswahrnehmung als Basis der sinnlichen Erfahrung in Sinnestrug,
-und damit jene selbst aus einem Spiegel der wirklichen Welt in die
-leere Vorspiegelung einer solchen auf.
-
-244. Diese äusserste mögliche Ausdehnung des idealistischen Elementes
-im Gebiete des Realismus musste die Ausdehnung der Skepsis auf den
-ganzen Umfang der sinnlichen Erfahrung zur unausbleiblichen Folge
-haben. Hatte der Idealismus sämmtliches wirklich Scheinende in
-innerlich hohlen Schein eines Wirklichen verkehrt, so musste die
-Aussicht auf Erkenntniss des Wirklichen auf dem Wege der Erfahrung
-sich in die trostlose Einsicht in die Unmöglichkeit einer solchen,
-auf Grund völligen Mangels eines Wirklichen verwandeln. Nicht nur
-die Bestandtheile des wirklich Scheinenden d. i. die Elemente, aus
-welchen die scheinbare Welt bestand, waren sofort zu blossem Schein
-eines Wirklichen herabgesetzt, sondern auch die Verknüpfung derselben
-unter einander und zu einem Ganzen konnte nur eine scheinbare, das
-durch dieselbe hergestellte Ganze nur dem Schein nach ein Ganzes sein
-d. h. die gesammte angeblich wirkliche Welt mit ihren vermeintlich
-wirklichen Bestandtheilen und deren vermeintlich wirklichem und
-wirksamem Zusammenhang unter einander (dem Causalverband) musste
-sich dem Auge des Denkers als eine Scheinwelt, deren Bestandtheile
-als elementarer Schein, deren Zusammenhang unter einander als zwar
-anscheinend, aber nicht wirklich vorhandener d. i. vom vorstellenden
-Subject in die Welt der Phänomene hineingelegter, keineswegs (wie
-die Erfahrung von ihren sogenannten Naturgesetzen behauptet) aus
-derselben herausgelesener Zusammenhang darstellen.
-
-245. Hume ist es, der diese Consequenz des Skepticismus aus dem
-in bodenlosen Idealismus umgewandelten Realismus seiner Vorgänger
-gezogen hat. Dieselbe wird nicht verbessert dadurch, dass an die
-Stelle des realen Zusammenhanges zwischen den Erscheinungen von ihm
-die subjective Gewöhnung des vorstellenden Subjectes gesetzt wird,
-in Folge wiederholten nach einander Auftretens gewisser Phänomene
-jedesmal, sobald das eine derselben (das antecedens) wiederkehrt, das
-andere (das consequens) zu erwarten und daher ersteres als Ursache,
-letzteres als Wirkung zu bezeichnen. Denn es muss einleuchten, dass
-zwar, wenn der eine jener Vorgänge der reale Grund, der andere die
-reale Folge ist, das Eintreten des ersten jedesmal jenes des zweiten
-nach sich ziehen muss, keineswegs aber, dass in umgekehrter Weise
-das (vielleicht ganz zufällige) Vorausgehen der einen, Nachfolgen
-der andern Erscheinung als genügender Beweis dafür gelten darf, dass
-die erste die Ursache der zweiten sei. Während die Auseinanderfolge
-zweier Phänomene deren Aufeinanderfolge nothwendig, macht deren
-Aufeinanderfolge den Schluss auf die Auseinanderfolge nur möglich;
-die Behauptung der letzteren (des Causalzusammenhanges) in Folge
-einer durch öfter beobachtete Succession beider Erscheinungen im
-Vorstellenden erzeugten Gewohnheit, beide unter einander in Verbindung
-stehend zu denken, kann daher niemals völlige (apodiktische), sondern
-höchstens sogenannte moralische (problematische) Gewissheit d. i. mehr
-oder weniger Wahrscheinlichkeit erlangen.
-
-246. Diese Folgerung war es, welche Kant, wie er selbst sagt,
-"aus seinem dogmatischen Schlummer geweckt hat", nicht aus dem des
-Wolf'schen Rationalismus, über welchen er längst hinaus, sondern aus
-dem des Locke-Newton'schen Empirismus, in welchem er damals (1770)
-noch völlig befangen war. Dass es auf dem von Hume eingeschlagenen
-Wege, der auch ihm als die natürliche Fortsetzung der Bahn seiner
-Vorgänger galt, schliesslich dahin kommen müsse, dass auch die
-allgemeinen Naturgesetze, durch welche der Gang der Natur und
-die Einheit des Weltalls zusammengehalten wird, ihre strenge und
-ausnahmslose Nothwendigkeit und Allgemeinheit einbüssen und sich in
-blosse, mehr oder weniger wahrscheinliche und mit mehr oder weniger
-Zuversicht ausgesprochene Vermuthungen des die Natur auffassenden und
-in seiner Vorstellung zusammenfassenden Subjects verkehren müssen,
-erschien Kant so unausweichlich, zugleich aber für ein auf Erkenntniss
-des Wirklichen, wie es ist, statt auf Einbildung einer blossen
-Scheinwelt gerichtetes Denken, wie das seinige, so unerträglich,
-dass er um deswillen mit dem zum Skepticismus entarteten Empirismus
-brach und von dem Ergebniss einer nicht nur subjectiven, sondern auch
-nur particulär giltigen und blos wahrscheinlichen Naturauffassung zu
-der sofortigen Erforschung und Feststellung der Bedingungen einer
-zwar gleichfalls nur subjectiven, aber schlechterdings allgemeinen
-und nothwendigen Erfahrung überging.
-
-247. Wie die bisherige Betrachtung das allmälige Eindringen des
-idealistischen Elements in den Realismus und dessen allmälige,
-schliesslich denselben überfluthende Ausbreitung in diesem blossgelegt
-hat, so legt die Entwicklungsgeschichte des Idealismus in umgekehrter
-Weise nicht nur das Eindringen, sondern das stetige Anwachsen des
-realistischen Elements im Idealismus als unvermeidlich dar. Schon
-dem Vater des gemeinen Idealismus, Berkeley, ist die Schwierigkeit
-nicht entgangen, die für denjenigen, der die gesammte wirklich
-scheinende Welt nur als im vorstellenden Subject vorhandenen
-Schein einer wirklichen Welt ansieht, aus dem Umstande erwächst,
-dass in den verschiedenen vorstellenden Subjecten, wenn unter
-denselben Uebereinstimmung und Mittheilung möglich sein soll,
-diese nur in ihrem jeweiligen Vorstellen existirende Scheinwelt
-in sämmtlichen Vorstellenden die nämliche, nach Inhalt und Form
-unter sich harmonirende Welt sein muss, ohne dass sich die Frage
-beantworten liesse, warum, da in jedem seine eigene Welt entsteht,
-diese Welt in allen als die gleiche entstehen müsse. Leibnitz hat diese
-Frage, die sich auch ihm aufdrängen musste, weil jede "fensterlose"
-Monas in ihrem Innern eine "Welt als Vorstellung" enthält, mit der
-Berufung auf die durch Gott prästabilirte Harmonie aller Monaden und
-somit auch ihrer sämmtlichen, obgleich von einander unabhängigen
-inneren Vorstellungswelten beantwortet. Der Bischof von Cloyne,
-von dem es zweifelhaft ist, ob er von Leibnitz etwas wusste, sucht
-die Lösung des Problems, wie die vorgestellten Welten der einzelnen
-Vorstellenden unter einander correspondirend gedacht werden können,
-gleichfalls in Gott, welchen er als den Urheber der im Vorstellenden
-vorhandenen Vorstellungswelt und dadurch zugleich als Veranstalter
-der Uebereinstimmung zwischen den in den verschiedenen Vorstellenden
-vorhandenen Vorstellungswelten bezeichnet. Die nur als Schein eines
-Wirklichen im Bewusstsein vorhandene wirkliche d. i. der Schein
-einer wirklichen Welt, ist sonach schon bei Berkeley, dem Urheber
-des Idealismus, nicht das einzige Wirkliche, sondern derselbe setzt
-nicht nur das vorstellende Subject (den Geist), in dem er existirt
-d. i. dem er scheint, sondern überdies seinen Urheber, Gott, durch den
-er existirt d. i. der in ihm scheint, als Wirkliche voraus d. h. der
-Schein ist weder, wie der strenge Idealismus will, das einzige
-Wirkliche, noch mit jenen beiden Wirklichen, dem vorstellenden Subject
-einer- und der den Schein erzeugenden Gottheit andererseits verglichen,
-überhaupt wirklich (real), sondern nur ideal (unwirklich), während der
-Geist und Gott die eigentlich Wirklichen d. i. real Existirenden sind.
-
-248. Das realistische Element, das Wirkliche neben dem Schein,
-als einzigem Wirklichen, ist sonach schon in die ursprünglichste
-Gestalt des Idealismus, und zwar so von Seite des Subjects, dem er
-scheint (des Geistes), wie von jener des Objects, das ihm scheint
-(der Gottheit), eingedrungen. Von jener aus angesehen, tritt das
-Wirkliche auf als Träger, von dieser aus angesehen, als Ursache des
-im Bewusstsein schwebenden Scheins. Während aber in dieser Gestalt
-des mit realistischen Elementen versetzten Idealismus der Träger
-des Scheins sich leidend (receptiv), die Ursache des Scheins allein
-thätig (spontan) sich verhält, sind daneben Auffassungen denkbar, nach
-welchen entweder der Träger sich gleichfalls wie die Ursache thätig,
-oder der Träger sich thätig, aber zugleich als einzige Ursache sich
-verhält, während eine dritte von jener ursprünglichen nur dadurch
-sich unterscheidet, dass als die Ursache des Scheins nicht ein
-geistiges d. i. ein solches Object, in dessen Natur es liegt, Subject
-d. i. vorstellendes Wesen zu sein, sondern ein seiner Qualität nach
-beliebiges Wirkliches betrachtet wird, dessen Beschaffenheit unbekannt
-bleibt, dessen Existenz jedoch von derjenigen des Subjects als Träger
-des Scheins völlig unabhängig ist.
-
-249. Wird der Träger des Scheins d. i. das vorstellende Subject
-ebenso wie die Ursache des Scheins d. i. das vorgestellte Object als
-thätig d. i. jedes derselben als wirklich d. i. wirkend betrachtet,
-so stellt der im Bewusstsein schwebende Schein eines Wirklichen,
-die scheinbar wirkliche Welt (die Welt als Phänomenon), ein Product
-aus zwei Factoren, dem Subject des Vorstellens und dem Object der
-Vorstellung, dar, dessen Beschaffenheit sonach als solches von der
-Beschaffenheit seiner Factoren als solcher nothwendig abhängen muss. In
-dem Einfluss des Subjects auf die Beschaffenheit dieses Products
-besteht die Herrschaft des idealistischen, in dem Einfluss des Objects
-auf dieselbe jene des realistischen Elements in der phänomenalen
-Welt. Je nachdem jener Einfluss zur Vorherrschaft des einen oder des
-andern wird, nimmt diese Scheinwelt selbst vorwiegend idealistischen,
-auf die Seite blossen Scheines der Wirklichkeit, oder realistischen,
-auf die Seite der Wirklichkeit selbst hindeutenden Charakter an.
-
-250. Der Einfluss des realistischen Objects auf das Zustandekommen
-der phänomenalen Welt im Bewusstsein ist der geringste, wenn dasselbe
-als Wirkliches durch seine Thätigkeit nichts weiter bewirkt, als dass
-überhaupt Schein, der als Material zum Aufbau einer phänomenalen Welt
-durch das vorstellende Subject verwendet werden kann, im Bewusstsein
-vorhanden ist. Dieser Fall tritt in jener Gestalt zu Tage, welche Kant
-dem Idealismus gegeben hat, und die Rolle, die das Object in obiger
-Darstellung spielt, ist die nämliche, die Kant seinem "Ding an sich"
-zugewiesen hat. Dasselbe hat ihm zufolge keine andere Bestimmung,
-als die Existenz, keineswegs aber die Qualität des im Bewusstsein
-schwebenden Scheins eines Wirklichen begreiflich zu machen. Dass ein
-Wirkliches ausser und neben dem vorstellenden Subjecte sei, wird durch
-die Thatsache der Existenz des Scheins eines solchen im Bewusstsein
-unzweifelhaft gemacht. Was das Wirkliche, das nebst und ausser dem
-vorstellenden Subjecte existirt, seiner Qualität nach sei, dagegen
-kann aus der Qualität des im Bewusstsein schwebenden Scheins nicht
-ausgemacht werden, weil diese letztere lediglich von der Qualität des
-vorstellenden Subjects abhängig ist. Das reale Object, "das Ding an
-sich", ist der Grund, dass überhaupt im Bewusstsein Sinnesempfindungen
-(wie Gesichts-, Gehörs-, Geruchs-, Geschmacks- und Tastempfindungen)
-vorhanden sind; die Qualität des realen vorstellenden Subjects
-dagegen ist der Grund, dass im Bewusstsein gerade Empfindungen (wie
-Farben, Töne, Wohlgerüche, Wohlgeschmäcke, Härte, Weichheit) vorhanden
-sind. Wäre das erste nicht, so entstünde überhaupt kein Schein, wäre
-das letztere ein anderes, als es ist, so entstünde anderer Schein. Wie
-die Existenz des Scheins von jener des Objects, so hängt die Qualität
-des Scheins von jener des Subjects ab; der im Bewusstsein wirkliche
-Schein in seiner qualitativen Eigenthümlichkeit ist daher nur durch
-das gemeinsame Zusammenwirken des Dings an sich und der specifischen
-Organisation des vorstellenden Subjects d. i. (wie Kant nach der
-alten Terminologie seiner Wolf'schen Schulung sich ausdrückte)
-"des Erkenntnissvermögens" erklärlich.
-
-251. Erklärlich aber auch, dass bei dieser Sachlage der jeweiligen
-thatsächlichen Beschaffenheit des sogenannten Erkenntnissvermögens
-an dem Zustandekommen und der Gestaltung der phänomenalen Welt der
-Löwenantheil zufallen muss. Liefert der objective Factor, das Ding
-an sich, nichts weiter als den Stoff, ja nicht einmal diesen selbst,
-sondern nur die Veranlassung, dass ein solcher, aus welchem die
-phänomenale Welt aufgebaut werden soll, überhaupt im Bewusstsein
-vorhanden ist, so muss der Grund der gesammten Form, in welcher der
-Stoff zum Aufbau zusammengeordnet, ja sogar der Form, in welcher
-derselbe zum Baue verwendet wird, gänzlich in dem subjectiven Factor
-d. i. in der Beschaffenheit des vorstellenden Subjectes d. i. in jener
-seines sogenannten Erkenntnissvermögens gesucht werden. Letzteres,
-als Baumeister der phänomenalen Welt, baut sozusagen auf eigene Hand,
-nicht nur nach eigenem Plan, sondern auch mit selbstgeformtem Material;
-das "Ding an sich" als Bauherr ist nur die Ursache, dass überhaupt
-gebaut wird und dass die erforderlichen Mittel zum Baue vorhanden sind.
-
-252. Der Organismus des sogenannten Erkenntnissvermögens ist es,
-welchen Kant seiner "Kritik der reinen Vernunft" zu Grunde gelegt
-und als dessen nothwendige Folgen die kritischen Ergebnisse dieser
-letzteren entsprungen sind. Insofern derselbe den idealistischen Factor
-der phänomenalen Welt repräsentirt, hat Kant seine Philosophie als
-Idealismus, insofern deren Ergebnisse auf die Betrachtung desselben
-als der Quelle der Bedingungen aller Erkenntniss gestützt sind, als
-Transcendentalphilosophie, und jenen Idealismus selbst (im Gegensatz
-zu dem gemeinen, empirischen) als transcendentalen Idealismus
-bezeichnet. Die Differenz seines und des empirischen Idealismus
-beschränkte sich jedoch nicht auf den genannten Unterschied,
-sondern wurzelte zugleich in der Verschiedenheit des vorstellenden
-Subjectes, welches den idealistischen Factor der phänomenalen Welt
-ausmacht, und welches im empirischen Idealismus das individuelle
-Einzelsubject, in dem seinen dagegen das allgemeine Gattungssubject,
-oder, nach Kant's Ausdruck, das sogenannte transcendentale Subject
-ist. Folge davon ist, dass die Form der phänomenalen Welt, insofern
-dieselbe aus der Beschaffenheit des vorstellenden Subjectes stammt,
-im empirischen Idealismus nur eine individuelle, zufällige,
-für die Vorstellungswelt des Einzelsubjectes bestimmende, im
-transcendentalen Idealismus dagegen eine allgemeine und nothwendige,
-die Vorstellungswelt aller vorstellenden Einzelsubjecte derselben
-Gattung bestimmende sein muss. Durch diese Einführung der Form als
-einer allgemeinen und nothwendigen an der Stelle der blos zufälligen
-und singulären überwindet Kant den Hume'schen Skepticismus, der sich
-an die Sohlen des empirischen Idealismus geheftet hat, und verwandelt
-die phänomenale Welt d. i. die Welt der Erfahrung aus einer nur für
-den Einzelnen giltigen und nur zufällig (durch dessen individuelle
-Gewöhnung) entstandenen in eine für Alle identische und nothwendig
-(d. i. als unausbleibliche Folge der allen gemeinsamen Organisation
-des Erkenntnissvermögens) entstehende Erfahrung.
-
-253. Die beziehungsweisen Antheile des idealistischen Factors
-d. i. des in Allen identischen transcendentalen Subjectes einer- und
-des realistischen Factors d. i. des für Alle identischen (als seiner
-Qualität nach unbekanntes x hinter der phänomenalen Welt stehenden)
-Dings an sich an dem Zustandekommen einer allgemein giltigen Erfahrung
-sind es, welche Kant als das a priori und das a posteriori der
-Erfahrung bezeichnet. Zu dem letzteren gehört nach der Auffassung
-Kant's nichts weiter als der sinnliche Stoff, zu welchem das "Ding
-an sich" den äusseren Anstoss gegeben hat; zu dem ersteren gehören
-sämmtliche Formen, welche demselben in aufsteigender Reihe durch die
-(im Sinne der alten Wolf'schen psychologischen Theorie) einander
-übergeordneten Stufen des sogenannten Erkenntnissvermögens, des
-Sinnes, des Verstandes und der Vernunft zu Theil werden sollen. Als
-solche betrachtete Kant bekanntlich die zwei von ihm sogenannten
-"reinen Anschauungsformen", welche dem Sinn, die (zwölf) von ihm
-construirten "Urtheilsformen", welche dem Verstande, und die (drei)
-von ihm anerkannten (Schlussformen), welche der Vernunft erb und
-eigen seien. Durch die Anwendung der erstgenannten, und zwar der
-reinen Anschauungsform des Raumes d. i. des Nebeneinander auf den
-durch die äusseren Sinne, der reinen Anschauungsform der Zeit d. i. des
-Nacheinander auf den durch den sogenannten inneren Sinn gegebenen Stoff
-entsteht der Schein räumlich und zeitlich verschieden angeordneter
-Gruppen sinnlichen Vorstellungsmaterials, welche durch die Anwendung
-der reinen Urtheilsformen und der daraus deducirten Stammbegriffe
-(Kategorien) des Verstandes den Schein wirklicher Einzeldinge, und
-zwar solcher erhalten, die als Substanzen Träger von Eigenschaften,
-und entweder als Ursachen Urheber von anderen ihresgleichen als
-Wirkungen, oder selbst als Wirkungen durch andere ihresgleichen als
-Ursachen hervorgebracht sind. Durch die Anwendung endlich der reinen
-Schlussformen und der daraus abgeleiteten Ideen der Vernunft entsteht
-der Schein solcher Wirklicher, die entweder (wie die Seele) das
-einheitliche Subject zu allen möglichen Prädicaten, oder (wie die Welt)
-die Totalität aller Ursachen und Wirkungen, oder (wie die Gottheit)
-als ens realissimum die Summe aller möglichen Prädicate darstellen.
-
-254. In dem Nachweis der Nothwendigkeit der Entstehung obiger Gattungen
-des wirklich Scheinenden besteht das positive, in dem gleichzeitigen
-Erweis, dass obige Gattungen des wirklich Scheinenden nur eben so viele
-Gattungen vom Schein eines Wirklichen seien, das negative Resultat
-des Transcendentalidealismus. Hauptsächlich um des letzteren willen
-ist Kant der "alles Zermalmer" genannt worden. Es ist aber nicht zu
-übersehen, dass von anderer Seite aus angesehen Kant's Philosophie dem
-negativen Ergebniss des Idealismus, der alles sogenannte Wirkliche
-in Schein auflöst, gegenüber ein sehr positives Ergebniss durch
-die nachdrückliche Betonung der Unentbehrlichkeit einer realen
-Unterlage der phänomenalen Welt in der Existenz des "Dings an sich"
-bietet, durch welche sich, wie Schopenhauer richtig gesehen hat,
-die zweite Auflage der "Kritik der reinen Vernunft" sehr merklich
-von der ersten, welche fast ausschliesslich der Hervorkehrung des
-idealistischen Factors gewidmet ist, unterscheidet. Nachdem diejenigen
-Wirklichen, welche Kant selbst als die eigentlichen Gegenstände der
-alten Metaphysik bezeichnet hat, Seele, Welt und Gott, sich unter dem
-Prisma der Kritik in blosse Scheinwirkliche aufgelöst haben, bleibt
-als Rest des Wirklichen das Ding an sich allein übrig, welches man
-mit Recht als den Rest der alten Metaphysik in Kant's Philosophie,
-und dessen zu einem Minimum zusammengeschrumpfte Beschreibung man
-als den Inhalt dessen betrachten kann, was im eigentlichen Sinne des
-Wortes Kant's Metaphysik heissen darf.
-
-255. Dieselbe setzt sich mit Ausnahme der Behauptung der leeren
-Existenz durchaus aus negativen Prädicaten zusammen. Dem Ding an sich
-können weder quantitative noch qualitative Bestimmungen beigelegt
-werden. Dasselbe kann in ersterer Hinsicht weder als Eins, noch als
-Vieles, in letzterer Hinsicht weder als raumlos, noch als räumlich
-(also auch weder als unendlich, noch als endlich, weder als ausgedehnt,
-noch als unausgedehnt), noch als zeitlos, oder zeitlich (also auch
-weder als in der Zeit entstanden, noch als ewig), noch als geistig
-(immateriell) oder körperlich (materiell) bezeichnet werden. Alles,
-was der transcendentale Idealismus von demselben weiss und auszusagen
-berechtigt ist, beschränkt sich darauf, zu behaupten, dass es sei,
-aber nicht, was es sei.
-
-256. Aber auch dies nur aus dem Grunde, weil der sinnliche Stoff als
-wirklicher Schein eine im Bewusstsein vorhandene Wirkung ist und daher
-als solche zur Ursache ein Wirkliches haben muss. Die Voraussetzung,
-dass jede Wirkung ihre zureichende Ursache haben müsse (das von
-Leibnitz sogenannte principium rationis sufficientis) gehört zu den
-fundamentalen Axiomen des Denkens, nach Kant insbesondere zu den dem
-Organismus des Erkenntnissvermögens wesentlichen Urtheilsformen des
-Verstandes. Aus ersterem folgt, dass sich ein Denken, für welches
-obiger Satz fundamentale Geltung besitzt, von einem in dieser
-Hinsicht anders geartet sein sollenden Denken d. i. einem solchen,
-für welches derselbe jene Giltigkeit nicht besässe, schlechterdings
-keine Vorstellung zu machen im Stande sei. Aus letzterem folgt, dass
-ein im Kantschen Sinn organisirtes Erkenntnissvermögen der Folgerung,
-dass jeder angeblichen Wirkung eine derselben genügende Ursache
-entsprechen müsse, schlechterdings nicht zu entrathen vermag, ohne
-sich selbst aufzuheben. Beides zusammen macht einleuchtend, dass die
-auch vom Idealismus unbestrittene Thatsache der Existenz wirklichen
-Scheins zu dem Schlusse führen muss, dass auch als Ursache desselben
-irgend ein Wirkliches existire.
-
-257. "Wie der Rauch auf die Flamme, deutet Schein auf Sein";
-in diesen Worten Herbart's ist obiger Schluss am prägnantesten
-ausgesprochen. Allerdings mit dem Seitenblick, dass dieses angedeutete
-Sein nicht inner-, sondern ausserhalb desjenigen Wirklichen, welches
-den Träger des Scheins darstellt, d. i. des vorstellenden Subjects
-zu suchen sein möchte. Hier ist der Punkt, wo die Nachfolger Kant's,
-die, wie er, auf dem Boden des Transcendentalidealismus stehen, in
-die einander entgegengesetzten Richtungen eines Idealismus, der sich
-auf das Subject des Scheins (den idealistischen Factor) d. i. eines
-idealistischen, und eines solchen, der sich auf das Object des Scheins
-(den realistischen Factor) stützt, d. i. eines realistischen Idealismus
-(der im Vergleiche mit jenem auch Realismus heissen kann) aus einander
-gehen. Aber auch die Stelle, wo diejenigen, die nicht wie Kant auf dem
-Boden des transcendentalen Idealismus beharren, sondern mit Umgehung
-des idealistischen Factors das Wirkliche unmittelbar, weder durch
-einen Schluss von der Wirkung auf die Ursache, noch überhaupt durch
-einen Act eines wie immer gearteten Denkens, sondern auf einem von
-diesem gänzlich verschiedenen Wege (etwa durch das Gefühl wie Jacobi,
-oder durch den Willen wie Schopenhauer) ergreifen zu können glauben,
-sich von jenen trennen und zu einem das Denken transcendirenden
-(deshalb fälschlich transcendental genannten) Realismus gelangt sind.
-
-258. Darin stimmen beide, der idealistische und der realistische
-Idealismus, mit einander überein, dass der Schein als wirklicher
-eine Ursache und zwar ein Wirkliches zur Ursache haben müsse; aber
-darin gehen sie beide aus einander, dass der erstere diese Ursache
-innerhalb, der andere dieselbe ausserhalb des Bewusstseins sucht. Der
-"Jude Kant's", Salomon Maimon, war es, der zuerst die Bemerkung
-machte, dass die Annahme des Dings an sich von Seite Kant's auf einem
-Fehlschluss beruhe. Wenn der Satz, dass jede Wirkung eine Ursache
-haben müsse, wie die kritische Organisation des Erkenntnissvermögens
-lehrt, nichts anderes ist als eine dem vorstellenden Subject, und
-zwar dessen Verstande innewohnende Urtheilsform, so folgt, dass das
-Subject zwar niemals umhin kann, wo es eine Erscheinung als Wirkung
-betrachtet, eine Ursache derselben vorauszusetzen, dass aber daraus,
-dass das Subject durch die Natur seines Erkenntnissvermögens zu diesem
-Vorgang gezwungen ist, auf keine Weise gefolgert werden darf, dass
-eine derartige Ursache auch wirklich vorhanden sei. Wenn daher Kant
-aus der Existenz der Empfindungen auf die nothwendige Existenz des
-Dings an sich als deren Ursache schliesse, so begehe derselbe eine
-mit seinen eigenen Principien im Widerspruch stehende Erschleichung,
-indem aus den letzteren keineswegs die Existenz des Objects, sondern
-höchstens für das Subject die Nothwendigkeit sich ableiten lasse,
-ein solches vorauszusetzen. Als Fichte's Wissenschaftslehre mit der
-Behauptung hervortrat, dass Kant durch die Zulassung des Dings an
-sich als Ursache des Stoffs der phänomenalen Welt mit sich selbst in
-unhaltbaren Widerspruch gerathe, war ihm jener mit der gleichen schon
-vorangegangen. Fichte aber war es, welcher aus obigem Selbstwiderspruch
-zuerst die Folgerung zog, dass die Annahme der Existenz eines Dings
-an sich als eines vom Träger des im Bewusstsein wirklichen Scheins
-unterschiedenen Wirklichen gänzlich fallen gelassen d. h. dass der
-realistische Factor des Transcendentalidealismus, das Object, welches
-scheint, entfernt werden müsse.
-
-259. Nach dem Verschwinden des realistischen bleibt von den beiden
-Factoren, durch deren Zusammenwirken die phänomenale Welt des
-transcendentalen Idealismus entsteht, nur der idealistische Factor,
-nach der Entfernung des Objects, welches scheint, von den beiden
-Wirklichen, deren gemeinsames Product die Welt des Bewusstseins ist,
-nur das Subject, welchem scheint, übrig, geht der transcendentale
-Idealismus in einen solchen des Subjects (subjectiver Idealismus)
-über. Statt zweier Wirklicher, welche die Basis des transcendentalen
-Idealismus bilden, hat der subjective Idealismus zu seinem
-Substrat ein einziges Wirkliches, welches zugleich die Rolle des
-idealistischen und des realistischen Factors der phänomenalen Welt
-übernimmt d. h. der phänomenalen Welt nicht nur (wie der erste)
-die Form gibt, sondern auch (wie der letztere) den erforderlichen
-Stoff (das sinnliche Empfindungsmaterial) selbst erzeugt. Während
-daher im transcendentalen Idealismus der Träger des Scheins,
-das wirkliche Subject, gegen die Ursache desselben, das wirkliche
-Object, sich leidend, letzteres gegen ersteres sich thätig verhält,
-stellt derselbe im subjectiven Idealismus als Träger (Subject)
-zugleich die Ursache (Object) des Scheins in einem identischen
-Wirklichen dar, verhält sich das nämliche Wirkliche zugleich als
-Subject leidend gegen sich selbst als Object und thätig als Object
-gegen sich selbst als Subject d. h. als Subject-Object. Den Anstoss,
-welchen im transcendentalen Idealismus das Subject vom Object empfing,
-um Empfindung d. i. Material der phänomenalen Welt im Bewusstsein
-hervortreten zu lassen, empfängt dasselbe nunmehr nicht von einem
-von ihm unterschiedenen Andern, sondern von sich selbst. Das von ihm
-unterschiedene Andere (Object), welches der transcendentale Idealismus
-noch als ein wirklich Anderes (d. i. als ein anderes Wirkliches) ansah,
-ist in den Augen des subjectiven Idealismus nur mehr ein scheinbar
-Anderes, in Wirklichkeit kein Anderes als das Subject, welches das
-erste und einzige Wirkliche zugleich ist. Dasselbe, insofern es die
-Rolle des wirklichen realistischen Factors, des Objects, spielt,
-producirt nicht blos sämmtlichen Stoff der phänomenalen Welt, sondern
-es schafft auch den Schein, als sei dieser Stoff durch ein Anderes
-als es selbst d. h. es schafft den Schein eines realen Objects,
-welches den Stoff der phänomenalen Welt producirt. Letzterer, als vom
-Subject geschaffener Schein eines von diesem unterschiedenen Objects
-und daher dieses selbst, ist sonach in der That nichts weiter als eine
-Schöpfung d. i. eine durch einen Setzungsact des Subjects entstandene
-und daher von diesem abhängige Setzung desselben, eine Fiction,
-aber nichts Wirkliches. Wird diese seine fictive Natur vorübergehend
-verkannt, der Schein eines Objects für dessen Wirklichkeit genommen,
-das scheinbare Object, als ob es ein Wirkliches wäre, dem Subject
-entgegengesetzt, so muss diese Täuschung, welche, weil das Subject
-das einzige Wirkliche ist, nur eine Selbsttäuschung des Subjects sein
-kann, einmal ein Ende nehmen, das scheinbare Object als blosser Schein
-eines Objects erkannt und das vermeintlich vom Subject unterschiedene,
-als von ihm unabhängig wirklich bestehendes gedachte Object als von
-ihm abhängiges und nur durch dessen eigene Setzung entstandenes vom
-Subjecte zurückgenommen werden.
-
-260. Setzung des Objects durch das Subject, Verkennung des
-scheinbaren Objects, indem dasselbe für wirklich gehalten wird,
-und Wiedererkennung des fälschlich für wirklich gehaltenen Objects
-als eines nur scheinbar vom Subject Verschiedenen sind die drei
-Momente, in welchen die innere Entwickelungsgeschichte des einzigen
-Wirklichen, welches der subjective Idealismus stehen gelassen hat,
-des Trägers des Scheins im Bewusstsein sich vollzieht. Dieselbe
-stellt gleichsam den Fortschritt einer dramatischen Handlung dar, in
-welcher das ursprünglich Geschehene durch den Schein des Gegentheils
-vorübergehend verdunkelt und am Schlusse aus der Verdunkelung wieder
-hergestellt wird. Wie in der letzteren das wirklich Geschehene vor
-dem Beginn d. i. ausserhalb der sichtbaren Handlung gelegen, also
-der Kenntniss des Zuschauers anfänglich entzogen ist, so liegt im
-obigen Process innerhalb des Bewusstseins das wirklich Geschehene,
-die Setzung des scheinbaren Objects durch das Subject, vor dem Beginn
-d. i. ausserhalb des erwachten Bewusstseins und bleibt auf diese
-Weise der Kenntniss des Subjects d. i. dessen eigenem Bewusstsein
-über sich selbst verborgen. Aus ersterem folgt, dass beim Beginne
-des Dramas die sichtbare Handlung das Gegentheil dessen zeigt, was
-wirklich geschehen ist; aus dem letzteren folgt, dass beim Erwachen
-des Bewusstseins der Inhalt desselben das Gegentheil dessen aufweist,
-was wirklich der Fall ist; jene stellt das Geschehene als nicht
-geschehen, diese stellt das vom Subject gesetzte Object als nicht
-gesetzt durch das Subject dar. Die schliessliche Lösung erfolgt, wie
-in der dramatischen Handlung durch die Aufhellung des Geschehenen, so
-in obigem Bewusstseinsprocess durch die Selbstaufhellung d. i. durch
-das Bewusstwerden des Subjects über sich selbst und seine eigene
-Setzung des Objects, d. i. durch das Selbstbewusstsein.
-
-261. Dieses Subject, das einzige Wirkliche und folglich Wirkende ist
-es, welches der Urheber der Wissenschaftslehre das "Ich" genannt
-und dessen in den drei auf einander folgenden Stufen der Thesis,
-Antithesis und Synthesis sich entwickelnde Natur derselbe als niemals
-rastendes Thun (d. i. unablässiges Wirken) bezeichnet hat. Dasselbe
-setzt im Lauf seiner Entwickelung sein eigenes Gegentheil, das
-Nicht-Ich, und nimmt es im Verfolge derselben als von ihm selbst
-gesetztes d. h. als Ich in sich wieder zurück. Der erste Theil dieses
-Processes, welcher sich vor dem Bewusstwerden vollzieht, stellt die
-bewusstlose d. i. die Naturseite (Nachtseite) der Entwickelung des Ich,
-der zweite Theil desselben, weil er sich bei Bewusstsein vollzieht,
-stellt die bewusste d. i. die Geistesseite (Tagseite) derselben und,
-da das Ich das einzige Wirkliche ist, jener Abschnitt zugleich die
-Entwickelung des Wirklichen als eines bewusstlosen d. i. als Natur,
-dieser jene des nämlichen Wirklichen als eines bewussten d. i. als
-Geist dar. Die Gliederung der gesammten Wissenschaft vom Wirklichen vom
-Standpunkt des subjectiven Idealismus aus in eine solche vom Ich als
-Natur (Naturphilosophie) und vom Ich als Geist (Geistesphilosophie),
-aber auch die Möglichkeit einer solchen, welche beide Seiten der
-Entwickelung des Ich als Entwickelungsseiten eines und des nämlichen
-Ich, als identisch betrachtet (Identitätsphilosophie), so wie einer
-weitern, welche die Betrachtung des Entwickelungsgesetzes des Ich
-als eines nicht nur selbst innerlich nothwendigen, sondern diese
-Entwickelung nothwendig fordernden, der Betrachtung des wirklichen
-Entwickelungsganges desselben als Natur und Geist voranstellt
-(Dialektik, metaphysische Logik) ist dadurch vorgezeichnet.
-
-262. Je nachdem das Ich als Wirkliches (agens), oder als blosser
-Infinitiv, als Wirken (agere) bestimmt, das erstere entweder als
-endliches oder als unendliches (absolutes) Ich aufgefasst wird,
-gliedert sich der Idealismus des Subjects in die drei Stufen des
-(im engeren Sinn sogenannten) subjectiven Idealismus (Fichte),
-absoluten Idealismus (Schelling) und Panlogismus (Hegel). Jener
-besteht darin, dass als einziges Wirkliches ein endliches Ich
-(das transcendentale Subject); der zweite darin, dass als einziges
-Wirkliches ein absolutes Ich (die Gottheit, das absolute Subject); der
-dritte darin, dass als einziges Wirkliches das unpersönliche Wirken
-und zwar, da das einzige Wirkliche des Idealismus das vorstellende
-(denkende) Subject ist, das unpersönliche Denken, die Vernunft
-angesehen wird. Die Entwickelungsgeschichte des ersten d. i. der
-Inhalt der gesammten Wissenschaft stellt den Bewusstseinsprocess dar,
-mittels dessen das endliche Ich zum Bewusstsein seiner selbst, zum
-Selbstbewusstsein gelangt d. i. Geist wird. Jene des zweiten macht
-den immanenten Entwickelungsprocess aus, mittels dessen das absolute
-Subject durch die vorläufigen Phasen der Natur- und der Weltgeschichte
-hindurch zum Bewusstsein seiner selbst d. i. zum Bewusstsein seiner
-Göttlichkeit, zum absoluten Bewusstsein gelangt d. i. absoluter Geist,
-Gott wird. ("Am Ende der Weltgeschichte", sagte Schelling, "wird
-Gott sein".) Der Panlogismus endlich repräsentirt den dialektischen
-Process, mittels dessen die unpersönliche (objective) Vernunft
-(die logische Idee) durch ihr Gegentheil, das vernunftlose Sein
-(die Natur), hindurch zur persönlichen (subjectiven) Vernunft (zum
-absoluten Geiste) wird. ("Aufgabe der Philosophie ist", sagte Hegel,
-"die Substanz zum Subjecte zu machen".)
-
-263. Alle drei Formen des Idealismus des Subjects kommen darin überein,
-das Wirkliche sei, aber auch, dass nur ein Einziges wirklich sei. Wird
-daher dieses als einziges Wirkliches von einem Widerspruch betroffen,
-welcher entweder verhindert, dasselbe überhaupt anzunehmen, oder doch
-hindert, dasselbe als wirklich gelten zu lassen, so werden sämmtliche
-Formen jenes Idealismus von demselben zugleich betroffen. Derselbe ging
-von dem Satze aus, dass der Schluss des transcendentalen Idealismus
-von dem Schein als Wirkung auf ein Object als Ursache desselben ein
-Selbstwiderspruch sei, aus dem Grunde, weil die Folgerung von der
-Wirkung auf die Ursache nur eine Urtheilsform des Verstandes, und
-daher die Consequenz, dass der Schein im Bewusstsein eine Ursache
-haben müsse, zwar für den Verstand unvermeidlich, aber darum nichts
-weniger als (objectiv) giltig sei. Gleichwol hat diese Einsicht,
-wenn sie den Namen verdient, den Idealismus nicht gehindert, von der
-Thatsache des im Bewusstsein schwebenden Scheins auf eine erzeugende
-Ursache desselben zurückzuschliessen, nur mit dem Unterschied, dass er
-dieselbe nicht ausserhalb des Bewusstseins (in ein Object), sondern
-in den Träger des Bewusstseins (in das Subject) verlegt d. h. dieses
-selbst zur Ursache des Scheines macht. Wenn nun, wie der Idealismus
-behauptet, der Schluss von der Wirkung auf eine Ursache als blosse
-Verstandesform überhaupt unberechtigt ist, so ist der Schluss von
-der Wirkung auf eine innerhalb des Bewusstseins gelegene, sogenannte
-innere Ursache mindestens ebenso unberechtigt, wie jener von der
-Wirkung auf eine ausserhalb des Bewusstseins gelegene, sogenannte
-äussere Ursache. Der subjective Idealismus hat daher von diesem
-Gesichtspunkt aus ebensowenig das Recht, das Subject als Wirkliches,
-wie der objective Idealismus seiner Meinung nach ein solches besitzt,
-ein vom Subject unterschiedenes Object als Wirkliches anzunehmen.
-
-264. Wie man sieht, hat der Idealismus des Subjects, der gewöhnlich
-kurzweg mit dem Namen Idealismus bezeichnet wird, in diesem Punkt
-dem Idealismus des Objects, kurzweg Realismus genannt, nichts
-vorzuwerfen. Derselbe hat nicht nur nicht mehr und nicht weniger
-ein Recht, als erzeugende Ursache des Scheins ein Wirkliches,
-er hat überdies, was bedenklicher ist, kein Recht, das von ihm
-angenommene Wirkliche als wirklich anzunehmen. Letztere Annahme
-fällt, wenn dasjenige, was als wirklich gedacht werden soll, mit
-einer Eigenschaft behaftet ist, welche verhindert, dasselbe als
-wirklich zu denken. Dieser Fall tritt aber ein, wenn dasjenige,
-was als wirklich gedacht werden soll, in sich einen Widerspruch
-einschliesst. So gewiss aus dem Umstand, dass ein als wirklich zu
-Denkendes keinen Widerspruch einschliesst, nur geschlossen werden
-kann, dass es möglich, keineswegs, dass es wirklich sei, so gewiss
-muss aus dem Umstand, dass ein als wirklich zu Denkendes in sich
-einen Widerspruch enthält, die Folgerung gezogen werden, dass dasselbe
-unmöglich d. i. auf keine Weise je wirklich sei. Das einzige Wirkliche
-des Idealismus, das Ich, nun soll in der Weise gedacht werden, dass
-dasselbe zugleich sein eigenes Object und sein eigenes Subject sei,
-den Stoff seiner phänomenalen Welt zugleich empfange und erzeuge,
-also zugleich gegen sich selbst als Leidendes und auf sich selbst
-als Thätiges sich verhalte d. h. es soll so gedacht werden, dass es
-zugleich seine eigene Ursache und seine eigene Wirkung (causa sui),
-also dass es im strengsten logischen Sinn des Wortes Entgegengesetztes
-d. i. sich unter einander Ausschliessendes zugleich und als jedes von
-beiden sein eigenes Gegentheil, um es mit einem Wort zu sagen, der
-lebendige Widerspruch sei. Ein solcher aber kann nicht als wirklich
-gedacht werden.
-
-265. Auch dann nicht, wenn die Erfahrung ihn zu bestätigen
-scheint. Die Thatsache, welche der Idealismus anzuführen liebt,
-um durch dieselbe zu erweisen, dass ein sich zugleich als Thätiges
-und Leidendes Verhaltendes, eine causa sui, wirklich, und daher,
-was auch die Logik dagegen einwenden möge, möglich sei, ist
-das Phänomen des Selbstbewusstseins. Dasselbe, so schliesst der
-Idealismus, als factisches Bewusstsein des Selbst von sich selbst,
-ist thatsächlich Subject und Object, Leidendes und Thätiges, Ursache
-und Wirkung zugleich: das Ich stellt sich vor und das Ich stellt
-sich vor. Als jenes ist es das Vorstellende (Subject), als dieses das
-Vorgestellte (Object), als beider Identität ist das Ich Vorstellendes
-und Vorgestelltes zugleich (Subject-Object). Durch diese unbestreitbar
-scheinende psychologische Thatsache, d. i. durch die Wirklichkeit eines
-im logischen Sinn mit einem inneren Widerspruch Behafteten ist nach der
-Meinung des Idealismus die Möglichkeit, ein in sich Widersprechendes
-als wirklich zu denken, erwiesen; der Einspruch der Logik, dass
-Widersprechendes nicht als wirklich gedacht werden könne, abgewiesen.
-
-266. Gegenüber dem Canon: a non posse valet conclusio ad non esse, geht
-der Idealismus von dem entgegengesetzten aus: ab esse valet conclusio
-ad posse. Die Richtigkeit seiner Folgerung hängt von dem Umstande
-ab, ob und dass die angebliche Thatsache des Selbstbewusstseins
-wirklich eine Thatsache, oder, was eben so viel ist, ob und dass die
-Behauptung, das Ich stelle sich vor, auf einer wirklichen Erfahrung
-oder auf einer blossen Einbildung beruhe. Die Thatsache, welche den
-Widerspruch zu stürzen bestimmt ist, darf nicht selbst wieder auf
-einen Widerspruch sich stützen. Dieselbe muss, um gegen die Einrede
-der Logik Stand zu halten, eine selbst widerspruchsfreie, evidente,
-nicht nichtanzuerkennende Thatsache sein.
-
-267. Es fehlt viel, dass die sogenannte Thatsache des
-Selbstbewusstseins dieser Forderung genügte. Wenn, wie der Idealismus
-einräumt, das Phänomen des Selbstbewusstseins nichts weiteres in sich
-schliesst als das "Sich sich Vorstellen" (se sibi repraesentare)
-des Ichs, so enthält das Sich (se) abermals nichts anderes als
-das Ich d. h. das Sich sich Vorstellen, das Sich (se) in diesem
-aber das nämliche "Sich sich Vorstellen" zum dritten, und das
-sich darin wiederholende Sich dasselbe zum vierten Male u. s. f.,
-d. h. es entsteht ein regressus in infinitum. Das Ich erweist sich
-als eine mit der Forderung, eine unendliche Reihe vorzustellen,
-behaftete, demnach als eine im wirklichen Vorstellen schlechthin
-unvollendbare Vorstellung d. h. als eine solche, die niemals Thatsache
-d. i. wirkliche Vorstellung sein kann. Einer Thatsache aber, die
-keine sein kann, gegenüber steht der Einwand der Logik, dass in sich
-Widersprechendes niemals wirklich sein könne, aufrecht.
-
-268. Der Widerspruch, welcher den Idealismus ausschliesst,
-liegt sonach nicht darin, dass er als Ursache des im Bewusstsein
-schwebenden Scheins ein Wirkliches setzt, sondern darin, dass er
-als solche ein in sich Widersprechendes d. h. ein Wirkliches setzt,
-das nicht als wirklich gedacht werden darf. Indem der Idealismus des
-Objects, der Realismus, von dem im Bewusstsein schwebenden Schein
-als Wirkung auf eine denselben erzeugende Ursache schliesst, thut
-er nichts anderes, als, wie oben gezeigt, auch der Idealismus thut;
-indem derselbe als solche jedoch nicht ein in sich Widersprechendes,
-sondern ein solches setzt, das ohne Einsprache der Logik als wirklich
-gedacht werden kann, thut er wirklich anderes und besseres, als jener
-that. Derselbe begnügt sich weder, im Gegensatz zum Idealismus des
-Subjects, die Annahme des Ich als des einzigen Wirklichen abzulehnen,
-noch, in Uebereinstimmung mit Kant, die Unerlässlichkeit der Annahme
-eines übrigens in jeder Hinsicht unbekannten realen x, des von jeder
-denkbaren quantitativen und qualitativen Bestimmtheit entblössten
-"Dings an sich", zuzugeben, sondern schreitet im Gegensatze zu beiden
-zu der eben so wol realistischen als pluralistischen Behauptung fort,
-dass nicht nur Wirkliches sei, sondern unbestimmt viele Wirkliche seien
-d. h. dass die Voraussetzung solcher auf Grundlage und zur Erklärung
-des thatsächlich im Bewusstsein schwebenden Scheins nicht nur nicht
-widersprechend, sondern im Gegentheil, das Gegentheil derselben der
-Forderung eines logischen Denkens widersprechend sei.
-
-269. Weshalb die Annahme, es gebe Wirkliches, nicht nur nicht
-widersprechend, sondern vielmehr die gegentheilige Annahme, es
-gebe kein Wirkliches, widersprechend sei, ist schon oben gezeigt
-worden. Von dem "Rauche" des Scheins gilt der Schluss auf die
-"Flamme" des Seins. Wo nichts Wirkliches wäre, könnte auch keines
-scheinen; keineswegs aber gilt auch der umgekehrte Satz, dass, wo
-kein Wirkliches scheint, auch kein Wirkliches vorhanden sei. Denn
-es lässt sich sehr wol denken, dass Wirkliches sei, auch ohne zu
-scheinen. Die Setzung des Wirklichen auf Grundlage des vorhandenen
-Scheins ist eine bedingte; das Gesetztsein des Wirklichen aber ist
-ein durch dessen Setzung auf Grundlage des Scheins nicht bedingtes,
-also unbedingtes. Dasselbe wird gesetzt, weil der Schein gesetzt ist;
-aber es wäre gesetzt, auch wenn der Schein nicht gesetzt wäre. Die
-Setzung desselben erfolgt nicht, wie jene des (scheinbaren) Objects
-im Idealismus, durch das Ich, welches setzt, sondern besteht, wie der
-von seinem Gedachtwerden unabhängige Denkinhalt, auch ohne Subject,
-welches setzt. Die Position des (scheinbaren) Objects durch das Subject
-(im Idealismus) ist eine relative; mit dem Subject fällt auch das
-Object. Die Position des Wirklichen im Realismus ist eine absolute;
-dieselbe hört nicht auf, auch wenn das Subject aufhört.
-
-270. Nur die letztere Position ist wahre, die relative ist keine
-Position. Das eigentlich Ponirte ist in der relativen Position
-nicht das Gesetzte (das Object), sondern das Setzende (das Subject);
-die Position des Ponirten ist daher nur eine scheinbare; die wahre
-Position ist die des Ponirenden. Dieses allein ist wahrhaft, das von
-ihm Gesetzte nur dem Anschein nach wirklich; das einzige Wirkliche
-sonach nicht das Gesetzte, das Object, sondern das Setzende, das
-Subject. Soll das Object das Wirkliche d. i. nicht nur dem Schein nach,
-sondern in Wahrheit wirklich sein, so muss es von seiner Setzung durch
-das Subject unabhängig gesetzt d. h. es muss als das, was es ist,
-auch dann gesetzt sein, wenn weder eine Setzung desselben durch ein
-Subject, noch überhaupt ein von demselben unterschiedenes Subject je
-wirklich vorhanden ist.
-
-271. Die absolute Position ist der Ausdruck des Seins. Durch dieselbe
-ist das Sein, wie von jeder Setzung durch das Subject, so auch von der
-Setzung durch jedes, wie immer geartete Denken unabhängig. Dasselbe
-ist, wie Bonaparte zu Campoformio von der französischen Republik sagte:
-"wie die Sonne, wehe dem, der sie nicht sieht!" Dem Denken bleibt
-nichts übrig, als das Sein als das, was es von vornherein ist, als
-Sein anzuerkennen; das Sein aber als solches bedarf dieser Anerkennung
-durch das Denken nicht. Das Sein ist nicht, wie Schelling sagte,
-"vor" dem Denken, aber es bestünde auch ohne das Denken.
-
-272. Ein Denken, welches das Wirkliche nicht als absolut d. i. als von
-ihm unabhängig gesetzt dächte, hätte dasselbe nicht als Sein, sondern
-als Schein gedacht. Derselbe Grund, welcher das Denken nöthigt, ein
-Wirkliches zu denken, nöthigt es auch, dieses letztere als unbedingt
-gesetzt d. i. als seiend zu denken. Der Grund aber, der für das Denken
-die Annahme eines Wirklichen unvermeidlich macht, ist die Thatsache des
-Scheins des Wirklichen d. i. das -- nicht willkürlich durch den Willen
-des Denkenden, sondern unwillkürlich, ohne, ja selbst wider den Willen
-des Denkenden -- Gegebensein des Scheins des Wirklichen. Der Inhalt
-dieser durch die Thatsache des Scheins des Wirklichen d. i. durch
-die Erfahrung bedingten Setzung ist das unbedingt Gesetzte.
-
-273. Dass das Wirkliche, was es auch immer sei, unbedingt gesetzt,
-nicht aber, was das Wirkliche, wenn gesetzt, seinem Was nach sei, ist
-damit ausgesprochen. Nur so viel lässt sich folgern, dass, wie auch
-das Was des Wirklichen gedacht werden möge, dasselbe nicht so gedacht
-werden dürfe, dass dessen unbedingtes Gesetztsein dadurch unmöglich
-gemacht wäre. Dies aber würde der Fall sein, nicht nur wenn das Was
-des Wirklichen in irgend einer Weise von der Natur eines dasselbe
-Setzenden abhängig gedacht, sondern auch dann, wenn dasselbe durch
-das Gesetztsein eines Andern bedingt gedacht würde. Dasselbe darf
-in ersterer Hinsicht daher nicht so beschaffen gedacht werden, wie
-das vermeintlich Setzende (z. B. das vorstellende Subject) seiner
-Beschaffenheit nach ist d. h. etwa als vorstellend, weil dieses
-letztere vorstellt, oder als fühlend, oder wollend, weil dieses
-letztere fühlt und will. Es darf aber auch in letzterer Hinsicht
-nicht so gedacht werden, dass dessen Gesetztsein das Gesetztsein
-eines Anderen bedingt, also nicht als zusammengesetzt d. i. aus
-Theilen bestehend, weil dann dessen Gesetztsein durch das Gesetztsein
-jedes einzelnen dieser Theile bedingt, also nicht unbedingt wäre. Aus
-ersterem folgt, dass das Was des Wirklichen in keiner Weise aus dem Was
-etwa des vorstellenden Subjects als des vermeintlich dasselbe Setzenden
-erschlossen werden könne. Aus dem letzteren folgt, dass das Was des
-Wirklichen, weil unbedingt gesetzt, nicht zusammengesetzt d. i. nicht
-aus Theilen bestehend sein dürfe, sondern streng einfach sein müsse.
-
-274. Jedes wahrhaft Wirkliche ist daher einfaches Wirkliches. Dasselbe
-ist nicht nur, wie das sogenannte physikalische Atom, scheinbar,
-sondern wirklich "atom" d. i. untheilbar; nicht blos, wie jenes, weil
-es mit den vorhandenen Werkzeugen nicht mehr getheilt werden kann, oder
-für den gegebenen Zweck nicht mehr weiter getheilt zu werden braucht,
-sondern, weil es schlechthin keine Theile hat. Dasselbe schliesst
-seiner Einfachheit halber zwar nicht jede Vielheit, aber doch jede
-Vielheit einander coordinirter Glieder von sich aus d. h. dasselbe
-ist weder ein Bündel einander nebengeordneter Eigenschaften, noch
-eine Summe ebensolcher sogenannter Kräfte oder Vermögen. Es kann
-sein Was weder verlieren noch verändern, ohne (was unmöglich ist
-bei einem unbedingt Gesetzten) selbst aufzuhören. Dasselbe kann
-daher weder qualitativ ein anderes als, noch quantitativ ein mehr
-oder weniger dessen werden, was es ist; dasselbe ist, sobald es ist,
-sowol ewig als unveränderlich; weder dessen (unbedingtes, also von
-jeder Bedingung unabhängiges) Gesetztsein, noch dessen einfaches,
-jeder Zuthat oder Abtrennung von Theilen, jedes Wachsthums wie jeder
-Abnahme unfähiges Was kann einen Wechsel erleiden. Die unvermeidliche
-Consequenz der absoluten Position und der Einfachheit des Was ist
-die Erhaltung des wandellosen Selbst jedes Wirklichen.
-
-275. Im Begriffe des Wirklichen liegt, dass es Wirkendes ist
-d. i. wirkt d. h. dass dessen Sein und dessen einfache Qualität von
-dessen Wirken d. i. sich Bethätigen unabtrennlich ist. Weder ein
-Wirkliches, das nicht wäre, noch ein Seiendes, das nicht wirkte, wäre
-ein wahrhaft Wirkliches; jenes wäre nur der Schein eines Wirklichen,
-dieses wäre ein Todtes, also nicht Wirkliches. Die Zusammengehörigkeit
-beider darf nicht so gedacht werden, als wäre das Sein und die Qualität
-das Substrat des Wirkens d. h. als besässe das Wirkliche als seiende,
-aber nicht wirkende Qualität seine besondere, als seiende, aber
-wirksame Qualität wieder seine abgesonderte Wirklichkeit d. h. als
-stellte die seiende Qualität nach Abzug des Wirkens gleichsam
-das Residuum, das caput mortuum des Wirklichen dar. Die unbedingt
-gesetzte einfache Qualität und das Wirken sind nicht nur im Begriffe
-des Wirklichen, sondern in diesem selbst unzertrennlich eins, so dass
-das Wirkliche weder gedacht werden kann, ohne dasselbe als wirkend
-zu denken, noch als Wirkliches sein d. h. wirklich sein kann, ohne
-zu wirken.
-
-276. Ebensowenig wie die absolute Position, das unbedingte
-d. i. bedingungslose Gesetztsein, darf das mit derselben im
-Wirklichen in Eins verschmolzene Wirken von einer, wie immer gearteten
-Bedingung abhängig gedacht werden. Weder kann dessen Beginn, noch
-dessen Aufhören an einen Zeitpunkt geknüpft werden, vor welchem und
-nach welchem zwar das unbedingt Gesetzte, aber nicht als Wirkendes,
-sondern als Wirkungsloses bestünde, noch darf dasselbe so verstanden
-werden, als setzte es einen besondern, noch weniger einen von ihm,
-dem Wirklichen, unterschiedenen Stoff voraus, um sich als Wirken zu
-bewähren. Die Frucht des mit der absolut gesetzten einfachen Qualität
-unauflöslich und unablösbar verbundenen Wirkens des Wirklichen ist
-dessen Wirklichkeit.
-
-277. Nothwendige Wirkung des mit dem Wirklichen seiner Natur nach
-verbundenen Wirkens ist, dass etwas geschieht. Das Gegentheil, die
-Annahme, dass nichts geschehe, ungeachtet gewirkt wird, widerspricht
-sich selbst. Denn ein Wirken ohne wie immer beschaffenen Erfolg hätte
-nichts bewirkt d. h. wäre kein Wirken gewesen. Nothwendige Folge der
-Einfachheit und Unveränderlichkeit der Qualität des Wirklichen ist,
-dass, was immer geschehe, weder eine Setzung, noch Aufhebung der
-absoluten Position eines Wirklichen, noch die, sei es quantitative,
-sei es qualitative Abänderung der Qualität eines Wirklichen, weder
-der eigenen, noch einer fremden sein kann; daher alles, was wirklich
-geschieht, weder die Qualität, noch das Gesetztsein des Wirklichen,
-sondern nur das mit demselben unablöslich verschmolzene Wirken des
-Wirklichen angehen kann d. h. dass alles, was wirklich in Folge des
-Wirkens geschieht, nur eine Aenderung (Modification) dieses Wirkens
-selbst, beziehungsweise dessen Zunahme oder Abnahme, Förderung oder
-Hemmung, Erhaltung in der bisherigen, oder Ablenkung nach einer andern
-Richtung bedeuten kann.
-
-278. Dass überhaupt Wirkliches ist und, was wirklich ist, wirkt,
-macht die realistische, dass mehr als ein einziges Wirkliches,
-eine unbestimmbare Menge von Wirklichen sei, die pluralistische
-Seite des Realismus aus. Wie das erstere aus dem Satze, dass
-scheinbar Wirkliches, so folgt das letztere aus der Thatsache,
-dass der Schein eines vielfachen Wirklichen gegeben ist. Während
-der Schluss dort lautet: ohne Sein kein Schein, lautet er hier: ohne
-Vielheit und Vielfachheit des Seins keine Vielheit und Vielfachheit
-des Scheins. Die entgegengesetzte Annahme, dass aus der Einheit
-und Einfachheit des Seins der Schein der Vielheit und Vielfachheit
-des Seins hervorgehe, widerspricht sich selbst. Dieselbe lässt
-unerklärt, warum, wenn das Erzeugende, der realistische Factor,
-die Ursache der Empfindung, das nämliche ist, die Wirkung derselben,
-die Empfindung, bald diese, bald jene sei, das "Ding an sich", von
-welchem der Anstoss zur Empfindung ausgeht, bald eine Gesichts-, bald
-eine Gehörsempfindung, und wieder einmal die Empfindung des Blauen,
-ein anderes mal die des Rothen verursache, dabei aber selbst als
-Ursache immer dasselbe bleibe. Wird an die Stelle des Dings an sich das
-Wirkliche d. i. eine absolut gesetzte, einfache Qualität substituirt,
-so erhöht sich die Schwierigkeit, zu begreifen, wie diese letztere,
-welche als einfach jede Vielheit coordinirter, aber unter einander
-qualitativ verschiedener Wirkungsweisen ausschliesst, doch zugleich
-Ursache qualitativ verschiedener Wirkungen d. i. z. B. qualitativ
-unterschiedener Empfindungen werden könne; dieselbe führt daher mit
-Nothwendigkeit dazu, so viele und so vielerlei qualitativ verschiedene
-Ursachen vorauszusetzen, als und so vielerlei qualitativ verschiedene
-Wirkungen gegeben sind d. h. wo die Thatsache vielfachen qualitativ
-unterschiedenen Scheins gegeben ist, auch die Existenz eines vielfachen
-und qualitativ unterschiedenen Wirklichen zu postuliren.
-
-279. Wie durch die Betonung der realistischen Grundlage des Scheins dem
-Idealismus, so ist durch die Betonung der pluralistischen Grundlage des
-Scheins der Realismus jedem wie immer gearteten Monismus d. i. jeder
-All-Eins-Lehre entgegengesetzt. Jener, er sei subjectiver, absoluter
-oder Panlogismus, entbehrt eines wahrhaft Wirklichen; dieser,
-er sei idealistisch oder selbst realistisch, entbehrt einer wahren
-Vielheit des Wirklichen. Jenem zufolge ist das Wirkliche blosser Schein
-(Phantasmagorie) welchen sich entweder das endliche oder das absolute
-Ich, oder die absolute Vernunft vorspiegelt, um mittels desselben zum
-Bewusstsein seiner, beziehungsweise ihrer selbst zu kommen d. i. Geist
-zu werden. Diesem zufolge ist jede Vielheit und Individuation des Seins
-blosser Schein (Phantasmagorie), welchen das eine und einzige Wirkliche
-(es sei nun Spinozistische Substanz oder Schopenhauer'scher Allwille)
-entweder (wie die beiden genannten) mit blinder Nothwendigkeit, oder
-(wie das Hartmann'sche "Unbewusste") zu dem Zwecke sich vorgaukelt,
-um mittels desselben zum Bewusstsein und sei es durch Selbstverneinung
-oder durch werkthätigen Anschluss zur Realisirung des Weltzwecks zu
-gelangen. Während der erstere begreiflich zu machen unterlässt, wie
-aus demjenigen, was selbst nicht einmal den Schatten der Wirklichkeit
-besitzt, auch nur der Schein einer solchen entspringen könne, setzt
-der letztere dem Bedenken, wie aus demjenigen, was selbst nicht
-einmal eine Spur der Vielheit in sich schliesst, auch nur der Schein
-einer solchen und der Vielfachheit des Wirklichen hervorgehen könne,
-vorsichtiges Stillschweigen entgegen.
-
-280. So viel wirklicher Schein, so viel wirkliches Sein -- lautet der
-Satz des Realismus, aber nicht, wie viel wirkliches Sein. Derselbe
-begnügt sich, zu behaupten, dass um der Vielheit und Mannigfaltigkeit
-des durch die Erfahrung gegebenen Scheins willen eine eben solche
-Vielheit und Mannigfaltigkeit des Wirklichen gesetzt, aber er
-enthält sich, der Versuchung nachzugeben, bestimmen zu wollen,
-welche (ob endliche oder unendliche) Vielheit des Wirklichen gesetzt
-werden müsse. Eben so wenig wie das Quantum, wagt er das Quale
-des Wirklichen anders als durch die schon oben angeführte, aus dem
-Begriff der absoluten Position abgeleitete Folgerung der qualitativen
-Einfachheit zu bestimmen. Wie die Vielheit des Scheins zwar die
-Annahme einer Vielheit des Wirklichen, aber nicht die Bestimmung der
-Vielheit des Wirklichen, so erlaubt die Mannigfaltigkeit des Scheins
-zwar die Annahme einer Mannigfaltigkeit des Wirklichen, aber nicht
-die Bestimmung des Mannigfaltigen des Wirklichen. Dass vieles und
-mannigfaltiges Wirkliches sei, weder aber wie vieles, noch welcherlei
-Art das Wirkliche sei, vermisst sich der Realismus anzugeben.
-
-281. Die Mannigfaltigkeit ist die geringste d. h. die Gleichartigkeit
-des Wirklichen ist die denkbar grösste, wenn dessen Verschiedenheit
-nicht in einer sogenannten inneren (Eigenschaft), sondern nur in einer
-sogenannten äusseren Beschaffenheit, also in einer solchen gelegen
-ist, welche weder Aehnlichkeit noch Gegensatz, überhaupt keinerlei
-Verwandtschaft des Wirklichen voraussetzt, sondern auch bei übrigens
-völlig disparaten Wirklichen stattfinden kann. Von dieser Art sind
-die räumlichen und zeitlichen d. i. diejenigen Bestimmungen eines
-Wirklichen, welche sich ändern können, ohne dass dieses letztere
-selbst dadurch eine Aenderung erfährt, obgleich andere Wirkliche
-dadurch eine solche erfahren mögen. Der in seiner Umlaufsbahn und
-Umlaufszeit sich um die Sonne bewegende Planet erleidet durch seine
-Fortbewegung in seinen inneren Eigenschaften keinerlei Veränderungen,
-während die Wirkungen, welche er selbst auf andere Planeten ausübt
-(z. B. die sogenannten Störungen) wesentlich durch die Stellung
-d. i. durch den Ort bedingt werden, welchen derselbe in einem
-jeweiligen Zeitpunkt im Verhältniss zu ihnen im Weltraum einnimmt. Eben
-so wenig erleidet der Weltkörper, wenn nicht andere Ursachen in und
-an demselben Veränderungen bewirken, durch den blossen Abfluss der
-Zeit, innerhalb welcher er seine Bahn zurücklegt, eine Veränderung,
-obgleich, wenn eine solche an ihm vorgegangen und er demungeachtet
-derselbe geblieben sein soll, dies nur unter der Voraussetzung denkbar
-ist, dass seine Beschaffenheit vor und seine Beschaffenheit nach
-obiger Veränderung in verschiedene Zeitpunkte fallen. Die vielen und
-verschiedenen Wirklichen sind daher am wenigsten verschieden, jedoch in
-keiner Weise nicht verschieden, wenn deren Verschiedenheit lediglich in
-der Verschiedenheit d. i. in der Nichtidentität ihrer räumlichen und
-zeitlichen Bestimmungen d. i. des Wo und des Wann ihrer Wirklichkeit
-d. i. ihres Wirkens gelegen ist. Dieselben sind verschieden, insofern
-ihre Orte im Raum verschieden d. h. ausser einander, dagegen nicht
-verschieden, insofern sie Wirkliche d. i. Wirkende sind. Dieselben sind
-verschieden, insofern je nach der Verschiedenheit ihres Aussereinander
-(d. h. der räumlichen Distanz ihrer Orte) ihr Wirken verschieden,
-dagegen nicht verschieden, insofern sie Wirkende sind. In Bezug auf
-die Zeit sind sämmtliche Wirkliche als unbedingt Gesetzte insofern
-nicht verschieden, als ihr Gesetztsein von jeder, also auch von jeder
-zeitlichen Bedingung unabhängig ist; dagegen können sie als Wirkende
-insofern verschieden sein, als ihr Wirken sich ändert, während sie
-selbst dieselben bleiben und diese Aenderung nur unter der Annahme
-möglich ist, dass das eine zu einer, das anders geartete Wirken
-dagegen zu einer andern Zeit stattfindet.
-
-282. Wirkliche, die sich durch räumliche und zeitliche Bestimmungen
-unterscheiden, können im Uebrigen eben so wol unterschieden als nicht
-unterschieden, sie werden trotzdem unterschiedene d. i. Einzelwesen
-und, da dieselben als unbedingt gesetzte, einfache Qualitäten, Atome
-d. i. untheilbare Wesen sind, Individuen sein. Dieselben müssen
-als räumlich (d. i. dem Ort nach) verschiedene, ausser einander,
-beziehungsweise neben einander sein; das Wirken derselben, insofern
-es in einem und demselben Individuum ein verschiedenes sein soll,
-kann nur nach einander, beziehungsweise auf einander erfolgen. Da
-dieselben ausser einander d. h. da ihre Orte, wenn sie selbst
-unterschiedene sein sollen, nicht dieselben sein sollen, so muss es
-der Orte wenigstens eben so viele geben, als es Wirkliche gibt. Da das
-Wirken eines jeden derselben, wenn es ein anderes sein soll, in einen
-anderen Zeitpunkt fallen muss, so muss es der Zeitpunkte wenigstens
-eben so viele geben, als in demselben Wirklichen Abänderungen seines
-Wirkens gegeben sind. Mit der Unbestimmbarkeit der Zahl der Wirklichen
-ist daher zugleich die Unbestimmbarkeit der Zahl der Orte, mit der
-Unbestimmbarkeit der Zahl möglicher Abänderungen des Wirkens eines
-und desselben Wirklichen zugleich die Unbestimmbarkeit der Zahl der
-Zeitpunkte gegeben. Wie die Menge des auf Grundlage des durch die
-Erfahrung gegebenen Scheins anzunehmenden Wirklichen, so lässt sich
-die Menge der auf Grundlage des angenommenen Wirklichen anzunehmenden
-Orte, so wie jene der auf Grundlage der durch Erfahrung gegebenen
-Abänderungen des Wirkens des Wirklichen anzunehmenden Zeitpunkte je
-nach Bedürfniss ins Unbestimmte erweitern.
-
-283. Der Inbegriff des gesammten auf Grundlage des durch die Erfahrung
-gegebenen Scheins jeweilig anzunehmenden Wirklichen d. i. der Inbegriff
-sämmtlicher Atome macht den Stoff, der Inbegriff des von sämmtlichen
-Wirklichen ausgehenden Wirkens die Kraft, der Inbegriff sämmtlicher
-Orte den Raum, und jener sämmtlicher Zeitpunkte die Zeit aus. Da
-der in jedem gegebenen Augenblick dem Bewusstsein durch Erfahrung
-aufgedrungene Schein eines Wirklichen ein bestimmter, und insofern
-endlich, in jedem gegebenen Augenblick aber ein anderer seinerseits
-abermals bestimmter und insofern endlicher ist, so folgt, dass das
-Quantum des Wirklichen, da dessen Annahme nur auf Grund des gegebenen
-Scheins eines solchen erfolgt, nur dann ein unendliches sein muss,
-wenn der gegebene Schein die Annahme eines solchen fordert, im Uebrigen
-aber über dasselbe keine andere Bestimmung möglich ist, als dass das
-Quantum des Stoffs dem Quantum des durch Erfahrung gegebenen Scheins
-proportional sein muss. Da nun der Schluss vom Schein auf das Sein
-keineswegs verlangt, dass unendlich, sondern nur, dass unbestimmt
-viele Wirkliche dessen reale Grundlage ausmachen sollen, so kann auf
-Grund der gegebenen Erfahrung über das Quantum des anzunehmenden
-Stoffs nichts weiter ausgesagt werden, als dass dasselbe ein
-verhältnissmässiges, mit dem Wachsthum des durch Erfahrung gegebenen
-Scheins für das Bewusstsein in stetem Wachsen begriffenes, an sich
-aber, da das Wirkliche als unbedingt gesetztes keinerlei Abänderung
-seines Gesetztseins fähig ist, ein unveränderliches sein muss.
-
-284. Wie das Quantum des Stoffs, so ist das Quantum der Kraft zugleich
-als veränderlich d. i. der Zunahme fähig, und als unveränderlich,
-einer solchen unfähig anzusehen. Ersteres, insofern die Annahme
-wirklichen Wirkens nur auf Grund des durch die Erfahrung dargebotenen
-scheinbaren Wirkens und sonach die Bestimmung des Quantums des
-ersteren nur im Verhältniss zu dem erfahrungsmässig gegebenen Quantum
-des letzteren statthat, letzteres, insofern das Wirken nichts anderes
-als die Verwirklichung der im Wirklichen unbedingt gesetzten einfachen
-Qualität und folglich, da diese letztere unveränderlich ist, die Summe
-der Verwirklichungen sämmtlicher einfacher Qualitäten des Wirklichen
-eben so wie die Summe dieser selbst immer dieselbe bleiben muss. Das
-Gesetz der Unveränderlichkeit des Quantums wirklichen Wirkens d. i. der
-Erhaltung der Kraft ist nur die unvermeidliche Folge des Gesetzes der
-Unveränderlichkeit des Quantums des Wirklichen d. i. der Erhaltung des
-Stoffs. Dagegen ist das Quantum der aus dem jeweilig durch Erfahrung
-gegebenen scheinbaren Wirken erschlossenen Kraft eben so wie das
-Quantum des auf Grund des durch die jeweilige Erfahrung dargebotenen
-scheinbaren Wirklichen erschlossenen Stoffs der Veränderung, und zwar
-eines im richtigen Verhältniss zu der allmälig anwachsenden Erfahrung
-zunehmenden Wachsthums bedürftig und fähig.
-
-285. Der Grund, weswegen letzteres, das jeweilige Quantum des
-scheinbaren mit dem des wirklichen Wirkens weder jemals identisch ist,
-noch werden kann, liegt in der Verschiedenheit, beziehungsweise dem
-Gegensatz der individuellen Wirklichen und der daraus fliessenden
-Verschiedenheit, beziehungsweise des Widerstreits ihres Wirkens. In
-der Natur der Sache liegt es, dass verschiedene, ganz oder theilweise
-der Qualität nach entgegengesetzte Wirkliche auch in ihrem Wirken
-ganz oder theilweise einander entgegengesetzt sind d. h. dass ihr
-Wirken sich gegenseitig ganz oder theilweise zwar nicht vernichtet,
-weil die unbedingt gesetzte und selbst unveränderliche Qualität des
-Wirklichen der Vernichtung unfähig ist, aber ganz oder theilweise
-hemmt, so dass der Schein entsteht, als werde nichts oder als werde
-weniger gewirkt, während thatsächlich gewirkt, und zwar mehr gewirkt
-wird als gewirkt zu werden scheint. Das auf diese Weise gehemmte,
-also scheinbar nicht wirklich, in der That aber wirklich, jedoch im --
-durch entgegengesetztes Wirken -- gebundenen Zustande vorhandene Wirken
-ist gleichsam latentes, schlummerndes, dagegen das ungehemmte, durch
-ganz oder theilweise Entgegengesetztes nicht gebundene, also freie
-Wirken offenbares, lebendiges Wirken. Die Summe des letzteren muss,
-da unter der Summe des Wirkenden jedesmal ein bestimmter Bruchtheil
-unter sich entgegengesetzten Wirkens vorhanden sein muss, nothwendig
-kleiner ausfallen als die Summe des überhaupt (im gehemmten und
-ungehemmten Zustande) vorhandenen Wirkens und zwar desto kleiner,
-je grösser die Summe des unter sich entgegengesetzten, also sich
-hemmenden Wirkens im Verhältniss zur Summe des Wirkens überhaupt
-ist. Die Wirklichen selbst, deren Wirken gehemmt ist, die also, um
-dieses Gehemmtseins willen, nicht zu wirken, also nicht wirklich zu
-sein scheinen, während sie doch wirkend, also wirklich sind, stellen
-zusammengenommen den Inbegriff desjenigen Wirklichen dar, welches zwar
-wirklich, dem Scheine nach aber nicht wirklich d. h. für die aus dem
-Scheine des Wirklichen auf die Wirklichkeit folgernde Beobachtung
-so gut wie nicht vorhanden ist d. h. den Inbegriff des latenten,
-jeweilig nicht nur seiner Qualität nach unbekannten, sondern auch
-seiner Existenz nach ungekannten Wirklichen.
-
-286. Letzterer liefert den Vorrath sowol zur Vermehrung des sichtbaren,
-wie zur Erweiterung des Umfanges des aus gegebenem scheinbaren
-erschlossenen wirklichen Wirkens. Indem bisher gebundenes Wirken aus
-irgend einem Anlass frei d. h. ungehemmtes Wirken wird, tritt es aus
-dem latenten in den Zustand offenbaren Wirkens d. h. es tritt selbst,
-wenigstens scheinbar, als neues, bisher nicht wahrgenommenes Wirken zu
-der Summe des bisher sichtbar gewesenen Wirkens hinzu; indem es als
-offenbar gewordenes, also den Schein des Wirkens erzeugendes Wirken
-vor das Bewusstsein tritt, ruft es in diesem den unvermeidlichen
-Schluss auf wirkliches Wirken d. i. eine Erweiterung des bisherigen
-Umfanges bekannten Wirkens hervor. Wie durch den ersteren Umstand
-die Summe des sichtbaren Wirkens, so wird durch den letzteren die
-Kenntniss wirklichen Wirkens vermehrt, durch jenen die Summe der in
-der Totalität des Wirklichen lebendig thätigen, im Verhältniss zur
-Summe der in derselben leblos schlummernden Kräfte, durch diesen die
-Summe des auf Grund erweiterter Erfahrung erschlossenen Wirklichen
-gegenüber dem auf Grund der bisherigen Erfahrung als wirklich
-gekannten, ebenmässig vergrössert.
-
-287. Da das Quantum des überhaupt vorhandenen Wirkens nach Obigem
-unveränderlich, die Summe des jeweilig ungehemmten Wirkens aber
-veränderlich ist, so folgt, dass jede Zunahme der Summe des sichtbaren
-von einer entsprechenden Abnahme der Summe des gebundenen Wirkens und
-umgekehrt jede Zunahme dieser von einer Verminderung jener begleitet
-sein muss. Könnte die Abnahme sichtbaren Wirkens je so weit sich
-erstrecken, dass jedes ungehemmte Wirken sich in gehemmtes, also jedes
-wirkliche Wirken in scheinbares Nichtwirken verkehrte, so müsste an
-Stelle des Scheins eines Wirklichen vielmehr der entgegengesetzte
-Schein der Abwesenheit irgend eines Wirklichen d. h. es müsste
-der Schein der Wirklichkeit des Nichts (Nihilismus) entstehen,
-welches sich selbst widerspricht. Sollte dagegen in umgekehrter
-Weise die Zunahme des sichtbaren Wirkens so weit fortschreiten, dass
-sämmtliches gebundenes sich in freies Wirken verwandelte, also jeder
-Schein eines Nichtwirkens sich in den entgegengesetzten Schein des
-Wirkens auflöste, so müsste, da jede Hemmung eines Wirkens nur aus
-der Verschiedenheit, beziehungsweise dem Gegensatze der Wirkenden
-entspringt, der Schein entstehen, als sei zwischen den Wirkenden
-überhaupt keine Verschiedenheit d. h. als seien überhaupt nicht
-unterschiedene Wirkliche (Pluralismus, Individualismus), sondern nur
-ein einziges, schlechterdings unterschiedloses Wirkliches (Monismus,
-All-Eins-Lehre) vorhanden; welcher Schein, da, wie oben gezeigt, die
-Annahme eines einzigen Wirklichen auch nicht einmal die Entstehung
-des Scheins einer Vielheit ermöglicht, sich selbst widerspricht. Da
-sonach von diesen beiden Fällen keiner als jemals möglicher Weise
-eintretend gedacht werden darf, ohne etwas sich selbst Widersprechendes
-zu denken, so folgt, dass weder die Abnahme des sichtbaren Wirkens
-jemals so weit gehen kann, dass völlige Ruhe (Leblosigkeit), noch die
-Zunahme desselben je so hoch sich steigern kann, dass durchgängige
-Lebendigkeit (Bewegung) im ganzen Umkreis des Wirklichen herrsche,
-sondern dass immer Ruhe und Bewegung, Leblosigkeit und Lebendigkeit
-zugleich, jedes in einem mehr oder weniger weit reichenden Theile
-des Wirklichen vorhanden sei.
-
-288. Wie den Quantis des Stoffs und der Kraft, kommt den Quantis
-des Raumes und der Zeit Wandelbarkeit zugleich und Wandellosigkeit
-zu. Wenn der erstere nichts anderes ist als der Inbegriff der
-Orte des Wirklichen, so folgt, dass dessen Quantum weder grösser
-noch kleiner sein kann als das Quantum des Wirklichen. Da nun das
-letztere, wie gezeigt, in einer Hinsicht veränderlich, in einer
-andern dagegen unveränderlich ist, so folgt, dass in Bezug auf das
-Quantum des Raumes dasselbe stattfinden muss. Jede Erweiterung des
-bisher bekannten Umfanges des Wirklichen durch die Annahme neuer
-Wirklicher macht die Annahme neuer Orte und damit die Vermehrung des
-bisherigen Quantums des Raums nöthig. Die Erhaltung des Quantums des
-Stoffs d. i. des Inbegriffs aller Wirklichen, deren jedes seines von
-dem jedes andern unterschiedenen Orts bedarf, macht die Erhaltung
-des Quantums des Raums unvermeidlich. Wenn die Zeit nichts anderes
-ist als der Inbegriff der Zeitpunkte d. i. derjenigen Bedingungen,
-unter welchen allein das Wirken eines Wirklichen jeweilig ein anderes
-geworden, das Wirkliche selbst aber dasselbe geblieben sein kann, so
-folgt, dass jedes Anderswerden der Wirkung mindestens zwei Zeitpunkte,
-denjenigen, in welchen das unveränderte, und denjenigen, in welchen
-das veränderte Wirken fällt, fordere, und daher das Quantum der
-Zeitpunkte nicht kleiner sein könne als das Quantum der eingetretenen
-Veränderungen des Wirkens. Da nun das Quantum des Wirkens überhaupt,
-also auch das Quantum der in demselben enthaltenen Abänderungen des
-Wirkens einerseits, wie aus der Erhaltung des Stoffs folgt, immer
-dasselbe, andererseits, wie aus der Veränderlichkeit des scheinbaren
-Wirkens folgt, veränderlich ist, so folgt, dass auch das Quantum der
-Zeit einerseits, so weit dasselbe durch das Quantum der überhaupt
-wirklichen Abänderungen des Wirkens bedingt ist, immer dasselbe,
-dagegen, so weit dasselbe von dem jeweilig im Bewusstsein schwebenden
-Quantum scheinbaren Wirkens abhängig ist, veränderlich sein muss.
-
-289. Aus dem Begriff des Raumes folgt, dass er erfüllter Raum sei
-d. h. dass es einen sogenannten leeren Raum nicht geben könne. Da
-derselbe nichts anderes ist, als der Inbegriff der Orte, die Setzung
-eines Orts aber nur auf Veranlassung und im Gefolge der Setzung eines
-Wirklichen, dessen Ort er ist, erfolgt, so kann es weder Orte geben,
-in welchen kein Wirkliches, noch Wirkliche, für welche kein Ort gesetzt
-ist. Die an verschiedenen Orten befindlichen Wirklichen können daher
-zwar nicht nur ausser einander, sondern es können auch zwischen ihren
-Orten andere Orte gelegen d. h. sie müssen nicht an einander sein;
-keineswegs aber dürfen die zwischen ihren Orten gelegenen Orte als leer
-d. h. als solche gedacht werden, in welchen kein Wirkliches befindlich
-ist. Folge davon ist, dass eine sogenannte actio in distans d. h. ein
-Wirken durch den leeren Raum hindurch schon aus dem Grunde unmöglich
-wird, weil die Voraussetzung derselben, der leere d. h. mit Wirklichen
-nicht erfüllte Raum eine in sich widersprechende, folglich im Umfang
-des auf Grundlage des Wirklichen gesetzten Raums niemals zutreffende
-Annahme ist.
-
-290. Da der Ort jedes Wirklichen, so lange deren individuelle
-Unterschiedenheit von ihren räumlichen und zeitlichen Bestimmungen
-abhängig gedacht wird, nur ein einziger sein kann, so bleibt derselbe
-so lange unbestimmt, als sich auch nur ein einziger Ort angeben lässt,
-welcher demselben Wirklichen mit gleichem Recht zugesprochen werden
-kann. Dieses aber ist der Fall, wenn das Wirken des Wirklichen als
-eine Function seines Aussereinander mit anderen Wirklichen gedacht
-und sonach der Ort desselben als lediglich durch die Entfernung von
-dem Ort eines anderen Wirklichen bestimmt vorgestellt wird. Denn
-sodann findet sich nicht nur ein einziger Ort, sondern es finden sich
-unzählige Orte, welche mit gleichem Recht als Ort jenes Wirklichen
-angenommen werden können, da sie alle von dem zweiten die gleiche
-Entfernung haben, nämlich alle diejenigen, welche die Oberfläche
-einer Kugel bilden, deren Mittelpunkt das zweite Wirkliche und deren
-Radius der Abstand des ersten vom zweiten ist. Soll daher aus diesen
-unzähligen ein einzelner als Ort des Wirklichen ausgeschieden werden,
-so müssen zu der Angabe der Entfernung weitere Angaben hinzukommen,
-deren eine darin besteht, in welcher der unzähligen Kreisebenen, welche
-durch den Mittelpunkt jener Kugel gelegt werden können, deren zweite
-dahin lautet, in welchem der in jener Kreisebene vom Mittelpunkt an
-die Peripherie gezogenen Radien der Ort jenes Wirklichen zu suchen
-sei. Erst durch die letztgenannte dieser Angaben ist der Ort des
-Wirklichen völlig und dergestalt bestimmt, dass schlechterdings
-kein zweiter angebbar ist, welcher mit ihm die nämlichen räumlichen
-Bestimmungen theilte. Dieselben sind daher für jeden unter obigen
-Bedingungen gesetzten Ort eines Wirklichen dreifach und zwar durch
-dessen Beziehungen zu drei auf einander in demselben Punkte senkrechten
-Richtungen (den sogenannten Coordinaten) fixirt, der auf solche Weise
-gedachte Raum daher als ein dreidimensionaler, nach den Richtungen
-der Länge, Breite und Tiefe ausgedehnter, vorgestellt.
-
-291. Da letztere Vorstellung nur unter der Annahme erfolgt, dass das
-Wirken des Wirklichen eine Function der Entfernung desselben von einem
-anderen Wirklichen sei, so leuchtet ein, dass deren Nothwendigkeit
-schwindet, sobald an die Stelle obiger Annahme eine andere gesetzt,
-das Wirken des Wirklichen z. B. statt von der Entfernung desselben von
-einem andern Wirklichen, von dessen Nichtentferntsein von letzterem
-d. h. statt von dem räumlichen Aussereinander von dem örtlichen
-Ineinander beider Wirklichen abhängig gedacht wird. In diesem Falle
-wäre nämlich der Ort des Wirklichen auch durch die Angabe seiner Lage
-im Raume nach allen drei Dimensionen desselben noch nicht bestimmt,
-da sich noch immer ein zweiter Ort angeben liesse, welcher ganz die
-nämliche Lage im Raume besässe, nämlich jener des zweiten Wirklichen,
-von welchem das erste der Annahme zufolge "nicht entfernt", sondern
-mit welchem dasselbe "in einander" sein soll. Es müsste also, wenn
-die Wirklichen dennoch verschieden sein sollten, entweder der Raum
-eine weitere, sogenannte vierte Dimension besitzen, nach welcher
-Orte desselben, deren Lage nach Länge, Breite und Tiefe identisch
-ist, dennoch verschieden sein könnten, oder die Verschiedenheit
-der Wirklichen dürfte nicht mehr blos in deren räumlichen (oder
-zeitlichen) Bestimmungen, sondern sie müsste in deren sogenannter
-innerer Beschaffenheit gelegen sein. Obige Annahme, dass das Wirken
-des Wirklichen eine Function der Entfernung, um so mehr die fernere
-enger begrenzte, dass dieselbe in einer Abnahme der Wirkung mit
-der Entfernung, so wie die engste, dass diese Abnahme im Quadrat
-der Entfernung erfolge, hat schon Kant in seinen "Gedanken von der
-wahren Schätzung lebendiger Kräfte" (Werke Hart. VIII. 26) für eine
-"willkürliche" erklärt, an deren statt an sich eben so gut eine andere,
-z. B. dass mit der Entfernung eine Zunahme des Wirkens eintrete,
-oder die Abnahme im Cubus der Entfernung erfolge etc. hätte gedacht
-werden können. Dieselbe wird eben nur deshalb gedacht, weil wir uns von
-einem Raume, der unter einer anderen Annahme entsteht, z. B. von einem
-vierdimensionalen, eben, wie Kant gleichfalls p. 27 bemerkt, keine
-Vorstellung zu machen im Stande sind, und die gegebene Erfahrung des
-scheinbar Wirklichen mit der Annahme des dreidimensionalen Raums und
-der Abnahme der Wirkung im Quadrate der Entfernung am vollkommensten
-übereinstimmt.
-
-292. Wie der Raum unter der Annahme, dass das Wirken eine Function
-der Entfernung sei, eine dreidimensionale, so hat die Zeit unter der
-Annahme dass das Wirkende vor und nach der Abänderung seines Wirkens
-dasselbe sei, nur eine eindimensionale Ausdehnung. Wie jeder Ort im
-Raum durch sein Verhältniss zu einem andern nach drei in demselben
-auf einander senkrechten Richtungen, so ist jeder Punkt in der Zeit
-durch sein Verhältniss zu zwei andern mit ihm in derselben Richtung
-gelegenen, deren einer vor, der andere hinter ihm liegt, so lange
-vollkommen bestimmt, als nicht an die Stelle des ersten ein zweites
-Wirkliches getreten ist. Denn nur unter der letztern Voraussetzung,
-dass es sich nicht mehr um eine Abänderung des Wirkens desselben,
-sondern eines anderen Wirklichen handelt, ist es möglich, dass es
-noch einen zweiten Zeitpunkt gibt, welcher in der nämlichen Richtung
-von einem vor und einem hinter ihm gelegenen Punkte die nämliche
-Entfernung besitzt wie jener erste.
-
-293. Mit der Annahme, dass das Wirken überhaupt keine Function der
-Entfernung, also von dieser unabhängig, jedes Mass der Entfernung
-für das Mass der Wirkung gleichgiltig sei, hat sich der Mysticismus,
-der an die "Wirkung in die Ferne" glaubt, mit der Voraussetzung, dass
-der Raum eine vierte Dimension besitze, der moderne in ein exactes
-Gewand sich drapirende Spiritismus, mit der Hypothese endlich, dass
-die Verschiedenheit der individuellen Wirklichen nicht sowol in deren
-räumlicher und zeitlicher Bestimmtheit, als vielmehr in deren innerer
-qualitativer Unterschiedenheit zu suchen sei, der (im Unterschied vom
-quantitativen sogenannte) qualitative Atomismus (Leibnitz, Herbart,
-Lotze) zu schaffen gemacht. Der erste geht von dem Grundsatz aus,
-dass zwar die Orte der Wirklichen verschieden, also die Wirklichen
-ausser einander, das eine z. B. wie Ennemosers magnetisirte Frau in
-St. Petersburg, das andere, der Magnetiseur, in München seien, die
-Entfernung beider Orte jedoch für die Wirkung gleichgiltig d. h. diese
-auch bei der grössten Entfernung ungeschwächt und die nämliche sei. Der
-zweite lässt, und darin besteht seine Uebereinstimmung mit der einmal
-angenommenen Basis der exacten Naturwissenschaft, welche bewirkt,
-dass derselbe auch für Naturforscher verlockende Kraft besitzt --
-der zweite lässt die Annahme, dass das Wirken eine Function der
-Entfernung d. h. der Verschiedenheit der Orte der Wirklichen sei,
-gelten, besteht aber darauf, dass die Orte zweier Wirklichen,
-deren räumliche Lage nach allen drei bekannten Abmessungen des
-Raumes identisch ist, dennoch verschiedene seien d. h. dass der
-Raum eben noch eine, die vierte Dimension, besitze. Der qualitative
-Atomismus aber, welcher die räumliche und zeitliche Verschiedenheit
-der Wirklichen nur als eine Folge der qualitativen Verschiedenheit
-derselben ansieht d. h. deren räumliches Ausser- und zeitliches
-Nacheinander nicht als die Bedingung, sondern als die Folge der
-Wechselwirkung der letzteren betrachtet, daher statt die Wirkung
-als eine Function der Entfernung zu definiren, dieselbe vielmehr
-(wie der Mysticismus) nur unter Voraussetzung völligen "Ineinanders"
-der Wirklichen für möglich hält, kommt dadurch dahin, die räumliche
-und zeitliche Ausdehnung für blossen (wenngleich objectiven) Schein,
-die Totalität sämmtlicher individueller Wirklichen für räumlich und
-zeitlich ungeschieden, sonach (in räumlicher und zeitlicher, also
-quantitativer Hinsicht) als eins und doch ihrer Beschaffenheit nach
-als geschieden: d. h. (in qualitativer Hinsicht) als vieles zu setzen.
-
-294. Mit der Entwickelung der Dreidimensionalität des Raums aus der
-"willkürlichen Annahme", dass das Wirken Function der Entfernung
-sei, hat die Wissenschaft vom Wirklichen die Grenze desjenigen,
-was sich aus der Thatsache des Scheins des Vielen und Vielfachen
-auf philosophische d. i. auf nothwendige Weise, oder so aussagen
-lässt, dass eine gegentheilige Behauptung das Denken selbst
-aufheben würde, überschritten. Dass Wirkliches, und zwar Vieles und
-Vielfaches, demnach, wenn nicht anders, doch wenigstens als durch
-seine räumliche und zeitliche Bestimmtheit Unterschiedenes gedacht
-werden müsse und nicht nicht gedacht werden könne, ohne das Denken
-mit sich selbst d. i. mit seinen eigenen Normen in Widerspruch zu
-versetzen, folgert der Realismus aus der Thatsache des Scheins
-vieler und vielfacher Wirklichen mit Nothwendigkeit; dass das
-Wirken des Wirklichen eine Function der Entfernung der Orte des
-Wirklichen, zu der Erklärung des ersteren demnach die Annahme der
-Dreidimensionalität des Raumes erforderlich sei, folgert derselbe
-aber nur als Möglichkeit, neben welcher andere Möglichkeiten, und
-auf Grund der gegebenen Erfahrung als eine Wahrscheinlichkeit, neben
-welcher diese anderen als Unwahrscheinlichkeiten bestehen. Weder die
-Annahme des Mysticismus, dass das Wirken keine Function der Entfernung,
-noch jene des Spiritismus, dass der Raum vierdimensional sei, hat,
-so lange nicht zahlreichere und besser als die bisherigen beglaubigte
-Thatsachen deren Möglichkeit erweisen, die Wahrscheinlichkeit für
-sich; der qualitative Atomismus, welcher dahin gelangt, die Vielen
-(quantitativ) als eins und (qualitativ) als viele zu setzen, hat
-den Widerspruch, dass eins = vieles und vieles = eins sein soll,
-und damit die Möglichkeit gegen sich.
-
-295. Aber auch der Versuch, das Denken selbst zu verleugnen und
-mit dessen Umgehung auf einem anderen Wege des Wirklichen sich zu
-bemächtigen, wie ihn der das Denken transcendirende und darum wol auch
-(obgleich, wie oben bemerkt, fälschlich) sogenannte transcendentale
-Realismus wagt, führt zu keinem andern Ziel. Derselbe stützt sich
-entweder, um der Nothwendigkeit zu entgehen, dasjenige, was vom
-Denken als seiend anzunehmen verboten wird, ablehnen, oder, was von
-diesem als wirklich anzunehmen geboten wird, annehmen zu müssen,
-auf den trivialen Satz, dass dasjenige, was durch das Zeugniss
-der Sinne bestätigt, wahr, was durch dasselbe verworfen werde,
-falsch sei, gleichviel ob das erstere den Normen des Denkens
-entgegen, das letztere durch dieselben zu denken geboten sei,
-und fällt dadurch auf den längst kritisch überwundenen Standpunkt
-des gemeinen empirischen Realismus zurück. Oder er beruft sich, um
-den Forderungen des Denkens auszuweichen, auf ein vom Vorstellen
-(dem Intellect) wesentlich und der Art nach verschiedenes Organ,
-über welches die Gesetze des logischen Vorstellens (die Normen des
-Intellects) keine Gewalt haben, dem sie daher auch weder zu gebieten,
-noch zu verbieten berechtigt sein sollen. Als ein solches wird von
-der einen Schule des transcendenten Realismus (Gefühlsphilosophie:
-Jacobi) das Gefühl, von der andern (Willensphilosophie: Schopenhauer)
-das Wollen bezeichnet. Jener zufolge ergreift im Gefühl der Fühlende
-das Wirkliche (übersinnlich Reale) unmittelbar, ohne Dazwischenkunft
-und folglich zwar ohne die Hilfe, aber auch ohne die Mängel des
-Intellects; dieser zufolge weiss das Subject, indem es sich selbst
-als wollendes weiss, damit zugleich das einzige wahrhaft Wirkliche,
-den Willen, unmittelbar, ohne Dazwischenkunft und folglich auch
-ohne das Trügerische der Vorstellung. Von der ersteren gilt, dass,
-da im Gefühl Gefühltes und Fühlen ununterscheidbar zusammenrinnt,
-derjenige, der blos fühlt, eben darum nicht weiss, und daher blosses
-Fühlen eben so wenig wie blosses "Ahnen" (Fries) Princip und Grundlage
-einer Wissenschaft werden kann. Von der letzteren gilt, dass, wie
-schon Herbart treffend bemerkt hat, unmittelbares Wissen wie seiner
-selbst als Wollenden, so des Wirklichen als Willen, ein Wissen,
-folglich die Möglichkeit zu wissen, und schliesslich, da Wissen eben
-nichts anderes als eine Art des Denkens d. i. wahres Denken ist, das
-angeblich mit Umgehung des Denkens erfolgte Ergreifen des Wirklichen,
-um überhaupt möglich zu sein, das Denken voraussetzt.
-
-296. Letzterer Einwand, welcher die Möglichkeit, mit Umgehung des
-Denkens zu dem transcendenten Sein, dem Wirklichen selbst zu gelangen,
-überhaupt trifft, wird nicht widerlegt, sondern nur umgangen durch
-die Behauptung, dass die Natur des Wirklichen auf dem Erfahrungswege
-zwar nicht der gemeinen, sinnenfälligen, aber einer nicht gemeinen,
-mystischen Empirie erkannt d. h. dass das "speculative Resultat" die
-Erkenntniss des Wirklichen seinem Wesen nach, "auf inductivem Wege"
-d. i. an der Hand exacter Thatsachen erreicht werde. Ersteres wäre nur
-dann der Fall, wenn entweder der "Erfahrungsweg" das Denken aus- oder
-der angeblich "inductive Weg" exacte Thatsachen einschlösse. Jenes
-findet so wenig statt, dass vielmehr die Kritik des sogenannten
-empirischen Realismus eben nichts anderes betrifft als das Verbot,
-sich des sogenannten Erfahrungsweges ohne vorläufige Sichtung nach
-den Normen des logischen Denkens zu bedienen, dieses aber bleibt
-wenigstens so lange und für alle diejenigen zweifelhaft, als und für
-welche die angeblichen Erscheinungen der Naturheilkraft des Hellsehens,
-des Instincts u. s. w. den Werth unbestrittener Erfahrungsthatsache
-entweder noch nicht erreicht haben, oder, was eben so möglich, ja
-vielleicht wahrscheinlicher ist, niemals erreichen werden.
-
-297. Mit obiger Grenzüberschreitung ist aber auch der Punkt
-erreicht, wo die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen der
-Erfahrungswissenschaft von demselben die Hand zu bieten vermag. Jene,
-die von der Erfahrung aus-, aber auf Grund in deren Inhalt gelegener
-Nöthigung über dieselbe hinausgeht, hat mit der letzteren, die
-nicht nur wie jene auf der Erfahrung fusst, sondern auch innerhalb
-derselben verharrt, die Aufgabe gemein, die Erfahrung begreiflich zu
-machen. Seitens der letzteren geschieht dies, indem sie das gesammte
-Wissen vom Wirklichen auf den Boden der Erfahrung zu stellen, seitens
-der ersteren, indem sie den Boden der Erfahrung selbst sicher zu
-legen unternimmt. Beide, die philosophische und die empirische
-Wissenschaft vom Wirklichen gleichen Arbeitern, welche von den
-entgegengesetzten Seiten eines Berges her, unsichtbar für einander,
-aber auf gemeinsamen Voraussetzungen fussend und einer gemeinsamen
-Methode sich bedienend, einen Tunnel durch das Innere desselben zu
-bohren unternehmen, in der Hoffnung, wenn ihre Voraussetzungen giltig
-und ihre Berechnungen richtig sind, irgendwo in der Höhlung desselben
-zusammenzutreffen. Jene schreitet von den allgemeinen Begriffen und
-Principien des Wirklichen und seines Wirkens in der Richtung gegen die
-erfahrungsmässig gegebenen Erscheinungen der scheinbaren Wirklichkeit
-nach vorwärts, diese, von der Erscheinungswelt der Erfahrung in der
-Richtung gegen deren allgemeinste und oberste reale und gesetzliche
-Voraussetzungen nach rückwärts. Wenn beider methodische Grundsätze
-giltig und ihre Folgerungen zutreffend sind, werden beide früher
-oder später irgendwo an der Grenze einerseits des Denknothwendigen,
-andererseits des Erfahrbaren einander begegnen müssen.
-
-298. Einen thatsächlichen Beweis für die Richtigkeit dieser
-Annahme liefert die Herrschaft, welche die Atomistik einerseits
-als philosophische über die philosophische, andererseits als
-physikalische über die empirische Wissenschaft vom Wirklichen gewonnen
-hat. In der ersteren ist dieselbe als zugleich realistische und
-pluralistische Grundlegung der phänomenalen Welt an die Stelle der
-sowol idealistischen als monistischen einstigen "Naturphilosophie", in
-der letzteren ist sie, wie Fechner eben so gründlich als scharfsinnig
-ausgeführt hat, längst mit Recht an die Stelle der (noch von Kant
-begünstigten) einstigen dynamischen Naturauffassung getreten. So wenig,
-wie Fechner selbst zugestanden hat, die philosophische Atomenlehre mit
-der physikalischen identisch, so gewiss ist dieselbe mit der letzteren
-verträglich d. h. bietet die Existenz einer unbestimmten Vielheit
-einfacher wirklicher und unausgesetzt wirkender Wesen einen realen
-Anknüpfungspunkt dar für die Zurückführung der gesammten Phänomene
-der körperlichen Welt auf die Existenz unbestimmt vieler untheilbarer
-und daher gleichfalls "einfach" genannter, mit rastlos thätigen
-Kräften ausgestatteter Elemente. Dass die letzteren ihrer behaupteten
-Einfachheit ungeachtet von Fechner als "körperliche" bezeichnet werden,
-ist nur als Beleg anzusehen, dass die empirische Wissenschaft vom
-Wirklichen, welche innerhalb der Grenzen des sinnlich Erfahrbaren
-bleibt, der philosophischen, welche von Haus aus über dieselben hinaus
-führt, zwar stetig sich nähert, aber sie noch nicht berührt.
-
-299. Aber nicht nur der empirischen Wissenschaft von der körperlichen,
-auch jener von der Bewusstseinswelt sowol des Einzel- wie des
-gesellschaftlichen Subjects bietet die philosophische Wissenschaft
-vom Wirklichen, jener in dem einfachen Wirklichen eine reale, dieser
-in der unbestimmten Menge realer Bewusstseinsträger eine reale und
-pluralistische Grundlage dar. Wie die unbestimmte Vielheit einfacher
-Wirklicher den haltbaren Boden für den aus einer eben so unbestimmten
-Vielheit atomistischer Elemente zusammengesetzten Stoff der physischen
-Welt, so bildet das einzelne individuelle Wirkliche den haltbaren
-Mittelpunkt, in welchem der aus einer unbestimmten Menge elementarer
-Bewusstseinsvorgänge bestehende Stoff der psychischen Welt im Phänomen
-der Einheit des Ich's wie in einem Brennpunkt zusammenfliesst, und
-macht die Vielheit individueller Wirklichen der letztgenannten Art,
-deren jedes für sich ein Bewusstseinscentrum abgibt, die unentbehrliche
-Grundlage dessen aus, was als Vereinigung durch ein gemeinsames Band
-unter einander verknüpfter, bewusster oder doch bewusstseinsfähiger
-Individuen den Stoff der Gesellschaft und der Entwickelung derselben
-in den Grenzen des Raums und in der Folge der Zeit d. i. der Geschichte
-ausmacht.
-
-300. Letzteren, den dreifachen Stoff, den die Betrachtung der
-körperlichen, der Bewusstseins- und der geschichtlichen Welt liefert,
-aber vermag die Wissenschaft vom Wirklichen nicht der philosophischen,
-sondern nur der empirischen Wissenschaft von diesem zu entlehnen. Der
-philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen kann es nicht beikommen,
-die unausgefüllte Kluft, welche zwischen den äussersten erlaubten
-Consequenzen des Denknothwendigen und den äussersten Grenzen
-des Erfahrbaren übrig bleibt, durch Conjecturen ausfüllen, oder
-den Uebergang von dem einen zum andern durch Einbildungen ebnen
-zu wollen, welche weder mehr in der Nothwendigkeit des Denkens,
-noch schon in der Möglichkeit der Erfahrung eine Rechtfertigung zu
-finden im Stande sind. Dieselbe hat zwar die Aufgabe, die Erfahrung
-zu befragen und, wenn deren Antwort ihr unbefriedigend, sei es der
-Form nach unvollkommen, sei es dem Inhalt nach unvollständig dünkt,
-dieselbe den Normen des Denknothwendigen gemäss der ersten nach zu
-berichtigen, dem zweiten nach deren Ergänzung abzuwarten, aber sie
-hat weder die Mittel dieselbe aus Eigenem zu ersetzen, noch, wenn
-sie nicht vom Taumel orphischen Hochmuths ergriffen ist, jemals
-die Anmassung, die Erfahrung überflüssig machen zu wollen. Indem
-sie sonach an die selbst aus der Erfahrung geschöpfte Eintheilung
-des erfahrbaren Wirklichen in ein solches, dessen Kenntniss aus der
-sogenannten äusseren (Physisches) ein solches, dessen Kenntniss aus
-der sogenannten inneren (Psychisches), und in ein solches, dessen
-Kenntniss aus der äussern und innern Erfahrung zugleich stammt
-(Sociales, Geschichtliches) sich unbedenklich anschliesst, begnügt
-sie sich, jedes der drei genannten Gebiete des Erfahrbaren mit dem
-auf Grund der Erfahrung, aber durch Hinausgehen über dieselbe als
-denknothwendig erkannten, wahren Wirklichen zu vermitteln und in
-einer an logischem Faden ungezwungen fortlaufenden Anordnung des
-durch die Erfahrung gebotenen Stoffs eine systematische Uebersicht
-des erfahrbaren Wirklichen in der Körper-, in der Geistes- und in
-der geschichtlichen Welt zu entwerfen. Jenes macht den Inhalt der
-philosophischen Betrachtung der sogenannten bewusstlosen Welt,
-oder des Nicht-Ich, das zweite den Inhalt der Betrachtung der
-bewussten Welt, des Ich, das dritte den Inhalt der Betrachtung einer
-gleichfalls bewussten, aber in dem Bewusstsein einer Mehrheit zur
-Einheit verknüpfter, bewusster Individuen d. i. einer Gesellschaft
-sich abspielenden Welt des socialen oder geschichtlichen Ich aus.
-
-301. Die Betrachtung des Nicht-Ich beginnt mit jener des letzten,
-was auf dem Wege der Erfahrung, oder vielmehr schon nur durch einen
-Sprung, der über die wirkliche Erfahrung hinausführt, erreichbar ist,
-des Atoms. Dasselbe ist nach der Ansicht der Physiker (Ampère, Moigno
-u. A.) zwar einfach aber doch "körperlich" (Fechner); jenes bedeutet,
-dass dasselbe untheilbar oder doch wenigstens für jetzt nicht weiter
-als getheilt angesehen sein soll, dieses, dass dasselbe nichts desto
-weniger als materiell d. i. dem körperlichen Stoff (Materie), dessen
-letzten Bestandtheil es ausmacht, als gleichartig gelten soll. Erstere
-Eigenschaft nähert, letztere dagegen entfernt das physikalische Atom
-von dem philosophischen, welches letztere zwar im strengsten Sinn
-des Wortes seiner Qualität nach als einfach, dessen Qualität selbst
-aber als schlechterdings unbekannt d. h. auch nicht, wie jene des
-physikalischen Atoms, etwa als materiell zu denken ist. Je nachdem
-empirische Naturbetrachtung von der Ansicht ausgeht, dass sämmtliche
-Atome unter einander der Qualität nach gleich, oder einige derselben
-ursprünglich und unveränderlich ihrer qualitativen Beschaffenheit nach
-von jener der anderen verschieden sind, scheidet sich dieselbe in eine
-rein quantitative und in eine ganz oder doch zum Theile qualitative
-Atomistik, deren erstere nicht nur alle Verschiedenheiten der Körper,
-sondern auch sämmtliche Erscheinungen der körperlichen Welt aus den
-Verschiedenheiten rein quantitativer Beziehungen unter der Qualität
-nach homogenen, die letztere dagegen dieselben ganz oder doch
-theilweise aus der verschiedenen qualitativen Natur die Elemente der
-Körper, so wie die Grundlage körperlicher Erscheinungen ausmachender,
-unter einander heterogener Atome abzuleiten bemüht ist.
-
-302. Die erfahrungsmässig gegebenen Verschiedenheiten der Körper
-d. i. der räumlich und zeitlich begrenzten zusammengehörigen Gruppen
-von Atomen, also die Unterschiede einerseits des belebten (organischen)
-oder leblosen (unorganischen) Körpers, ferner die Unterschiede der
-letzteren, als zusammengesetzte, die sich in weitere, der Qualität
-nach verschiedene Bestandtheile zerlegen, und einfache (die sogenannten
-einfachen Stoffe der Chemie), die sich in solche nicht weiter auflösen
-lassen, ferner die Unterschiede der letzteren selbst je nach ihrer
-qualitativen Beschaffenheit (z. B. des Sauerstoffs vom Wasserstoff, des
-Stickstoffs vom Kohlenstoff, des Calcium vom Magnesium u. s. w.) werden
-von der qualitativen Atomistik auf eine fundamentale qualitative
-Verschiedenheit der den Stoff der Körper ausmachenden letzten Elemente
-zurückgeführt, so dass dieselben bei den organischen Körpern andere
-als bei den unorganischen und ebenso bei jedem der einfachen Körper,
-welche die letzten qualitativ unterschiedenen Bestandtheile der
-zusammengesetzten abgeben, andere als bei den übrigen seien. Dieselbe
-betrachtet als sogenannte biologische Atomistik jeden belebten Körper
-als bestehend aus gleichfalls lebendigen Atomen, den sogenannten
-Zellen, während der leblose Körper bis in seine letzten Elemente
-hinab aus gleichfalls leblosen Elementen bestehend vorgestellt
-wird. Als sogenannte chemische Atomistik sieht dieselbe nicht nur
-den zusammengesetzten Körper, z. B. das Wasser, für bestehend aus
-qualitativ verschiedenen und zwar aus Atomen von zweierlei Art an,
-davon die einen sauerstoff-, die andern wasserstoffartig und davon
-jene mit diesen nach einem bestimmten Verhältniss, so dass auf je
-zwei Atome Wasserstoff ein Atom Sauerstoff (H2O) gerechnet wird (dem
-sogenannten stöchiometrischen Verhältniss), unter einander verbunden
-sind. Wird letztere Ansicht auch auf die sogenannten organischen Körper
-ausgedehnt, so dass diese als zusammengesetzt aus einfachen Stoffen
-gedacht werden, welche unter andern Verhältnissen die Bestandtheile
-unorganischer Körper ausmachen z. B. aus Sauerstoff, Wasserstoff,
-Kohlenstoff und hauptsächlich Stickstoff, so schwindet zwar der
-qualitative Unterschied zwischen belebten und unbelebten Körpern, aber
-derjenige zwischen den einfachen Körpern bleibt bestehen d. h. die
-Atome des Sauerstoffs sind nach wie vor qualitativ verschieden
-von jenen des Wasserstoffs, die des Azots von jenen des Carbons
-u. s. w. Zeigen nun Körper, ungeachtet die qualitativen Bestandtheile
-derselben die nämlichen sind, dennoch verschiedene Eigenschaften
-(die sogenannte Isomerie), so werden, da diese Verschiedenheit
-nicht mehr aus der Verschiedenheit der qualitativen Beschaffenheit
-der Elemente sich erklären lässt, quantitative Verschiedenheiten der
-(qualitativ gleichen) Körper und zwar solche, welche entweder aus dem
-arithmetischen Gesichtspunkt der Menge oder aus dem geometrischen
-der (räumlichen) Lage der Elemente entlehnt sind, zur Erklärung
-herangezogen. (Wie dies z. B. bei der Weinsteinsäure, welche auf die
-Polarisationsebene des Lichtes eine drehende Wirkung ausübt, bei der
-Thatsache der Fall ist, dass eine Gattung derselben unter übrigens ganz
-gleichen Verhältnissen jene Ebene nach rechts, eine andere dagegen
-dieselbe nach links dreht. In diesem Falle wird angenommen, dass die
-Atome der rechtsdrehenden Weinsteinsäure eine Lagerung nach rechts,
-jene der letzteren eine solche nach links besitzen.)
-
-303. Das Charakteristische der quantitativen Atomistik besteht
-darin, dass sie diejenige Hypothese, welche die qualitative nur in
-Ausnahmsfällen, wie z. B. in jenem der Isomerie, zu Hilfe ruft,
-der gesammten Erklärung der Körperwelt als alleinige zu Grunde
-legt. Während dieser zufolge die Verschiedenheit der Körper in der
-Regel auf der qualitativen Verschiedenheit ihrer Elemente d. h. auf
-der Verschiedenheit ihres Stoffes und nur in einigen Fällen auf der
-Verschiedenheit der Zusammensetzung ihrer übrigens gleichen Elemente
-d. i. auf jener der Form beruht, macht jene letztere Ausnahme zur
-Regel d. h. betrachtet die Isomerie als eine Grund- und gemeinsame
-Eigenschaft aller sonst wie immer unterschiedenen Körper und leitet
-sämmtliche Verschiedenheiten der letztern ausschliesslich aus der
-Verschiedenheit ihrer Zusammensetzung aus übrigens gleichen Elementen
-d. i. aus der Form ab. Ihr zufolge sind daher nicht nur die Elemente
-des belebten nicht von jenen des unbelebten Körpers, sondern auch
-die Elemente irgend eines einfachen Stoffes nicht von jenen jedes
-beliebigen andern Stoffes verschieden. Letzteres setzt voraus, dass
-die gleichwol unbestreitbare Unterschiedenheit sowol der nächsten --
-durch die Analyse organischer Körper erreichbaren -- Bestandtheile von
-den -- durch Analyse sogenannter unorganischer Körper darstellbaren --
-Stoffen (z. B. des Eiweissstoffes, des Proteïns, des Caffeïns, Theïns
-u. dgl. von Oxygen, Hydrogen, Gold, Eisen, Platin u. s. w.) wie die
-gleichfalls unleugbare Unterschiedenheit der einfachen Stoffe selbst
-gleichwol nur eine scheinbare, der Grund derselben lediglich in der
-verschiedenen Art der Verbindung ursprünglich durchaus homogener
-Elemente zu einem Ganzen zu suchen, der sogenannte organische Körper
-zwar in seinen nächsten und näheren, keineswegs aber in seinen
-entfernten und entferntesten Bestandtheilen von den unbelebten
-unterschieden, so wie dass die ganze bekannte und noch zu ergänzende
-Reihe sogenannter einfacher d. i. weiter nicht zerlegbarer Stoffe
-nur als eine Reihe der Form nach unterschiedener Umbildungen eines
-einzigen (sei es eines der bereits bekannten Stoffe oder eines
-bisher unbekannten Stoffes) anzusehen sei. Erstere Behauptung,
-die der stofflichen Identität der lebendigen und leblosen Körper,
-hat in der Naturwissenschaft unserer Tage bereits weite Verbreitung
-gefunden; letztere Behauptung, welche auf einem weiten Umwege in
-exacter Weise die Ansicht der Urmutter der Chemie, der Alchymie,
-von der Transformationsfähigkeit der verschiedenen Körper in einander
-erneuert, hat in der sogenannten "Philosophie der Chemie" (J. B. Dumas)
-ihren Platz und durch die Aufstellung der sogenannten Typentheorie
-und die Entdeckung der sogenannten typischen Körper, durch welche von
-Einigen die grosse Zahl der bisher als einfach angenommenen Stoffe
-bereits bis auf acht herabgemindert scheint (Ciancian), bereits eine
-empirische, wenigstens annähernde Bestätigung erhalten.
-
-304. Die Aufgabe einer logischen Uebersicht des empirischen Stoffs
-kann es nicht sein, über die Geltung der einen oder der andern
-beider entgegengesetzten Formen der Atomistik, über welche nur
-Thatsachen zu entscheiden vermögen, einen Ausspruch zu thun. Die
-logische Consequenz d. i. die innere Uebereinstimmung mit der durch
-die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen gelegten realen
-Grundlage der phänomenalen Welt hat, wie es augenscheinlich ist,
-die quantitative Atomistik in höherem Grade als die qualitative für
-sich. Ist es überhaupt richtig, dass die vielen unbedingt gesetzten
-einfachen Wirklichen unter einander die kleinste denkbare qualitative
-Verschiedenheit d. i. keine andere besitzen als diejenige, welche
-in deren räumlichen und zeitlichen Bestimmtheiten sich ausdrückt,
-so ist es nur folgerichtig, auch die Gesammtheit der letzten realen
-Elemente, welche zusammengenommen den Stoff der Körperwelt ausmachen,
-der physikalischen Atome, als einen Inbegriff qualitativ gleichartiger
-Elementarbestandtheile der Körper zu betrachten. Das elementare Atom,
-dessen Qualität eben diejenige des einzigen wirklichen Grundstoffs ist,
-wird sodann gleichsam die unterste Stufe einer aufsteigenden Reihe
-bilden, als deren einzelne Glieder nach einander die Atome der bisher
-sogenannten einfachen Stoffe (das Sauerstoff-Atom, das Stickstoff-Atom,
-das Gold-Atom u. s. w.) auftreten würden, deren jedes für sich durch
-eine eigenthümliche Combination, sei es von Atomen des Urstoffs, sei
-es von solchen, die selbst schon durch dergleichen gewonnen wären,
-repräsentirt würde. Die Aufstellung dieser Reihe, welche die übliche
-Zerlegung organischer und unorganischer Körper in deren sogenannte
-einfache Bestandtheile über die Grenze der bis zu diesem Augenblicke
-als einfach betrachteten Stoffe hinaus durch die erreichte oder doch
-versuchte Zerlegung dieser selbst bis zu dem schlechterdings letzten
-nicht blos relativ, sondern absolut einfachen Grundstoff ausdehnt,
-würde sodann das Ziel der Chemie als Wissenschaft ausmachen.
-
-305. Wie der quantitativen Atomistik für die stoffliche Beschaffenheit
-sämmtlicher Elemente der Körperwelt eine einzige Qualität, so genügt
-ihr für die Art und Weise des Wirkens derselben ein einziges Gesetz;
-die qualitative Atomistik, insofern sie eine Mehrheit qualitativ
-unterschiedener Classen körperlicher Bestandtheile zulässt, bedarf für
-die qualitativ verschiedene Art des Wirkens jeder einzelnen derselben
-eben so vieler specifisch verschiedener Gesetze. So lange die Elemente
-organischer Körper selbst als organisch, die unorganischer Körper
-dagegen als unorganisch gelten, kann das Gesetz, welches das Wirken
-der erstern, mit jenem, welches das der letzteren beherrscht, so
-wenig wie das Wirken jener "lebendigen" Elemente (die Lebenskraft)
-mit jenem der "leblosen" Elemente (der todten Naturkraft) identisch
-sein. Eben so wenig kann das Wirken, welches seinen Grund in der
-qualitativen Verwandtschaft (Affinität) der Körper hat (chemische
-Anziehung) das nämliche sein mit demjenigen, das auch bei völliger
-Nichtverwandtschaft (Disparatheit, Heterogeneität) der Körper erfolgt
-(mechanische Anziehung) und folglich eben so wenig das Gesetz, welches
-jenes (Affinitätsgesetz, Wahlverwandtschaft), identisch mit demjenigen,
-welches dieses regelt (Gravitationsgesetz, Schwere). Mit der Aufhebung
-qualitativer Verschiedenheit der Körper tritt der umgekehrte Fall
-ein. Das Gesetz, welches das Wirken der Elemente organischer Körper
-bestimmt, braucht fortan von demjenigen, von welchem das Wirken der
-Elemente unorganischer Körper abhängt, eben so wenig verschieden zu
-sein, als das Wirken, das seinen Grund in der Verwandtschaft der
-Körper hat, als das Wirken der ursprünglichen Elemente d. h. als
-dasjenige betrachtet werden kann, für welches Gleichartigkeit oder
-Ungleichartigkeit derselben gleichgiltig und das daher eben so
-wenig durch die qualitative Aehnlichkeit wie durch den qualitativen
-Gegensatz der Körper bedingt ist. Sind die Elemente belebter und
-unbelebter Körper qualitativ dieselben, so ist auch deren Wirken
-und folglich dessen Gesetz dasselbe; ist das Wirken in Folge der
-Verwandtschaft nicht dasjenige der ursprünglichen Elemente, so ist
-auch dessen Gesetz nicht mit dem Gesetz des Wirkens dieser letzteren,
-und da diese die wahren, weil letzten Elemente der Körper sind, nicht
-mit jenem der wahren Körperelemente identisch. Wird daher, wie die
-quantitative Atomistik thut, auf die in der That letzten Bestandtheile
-der Körperwelt, die unter einander qualitativ nicht weiter
-unterschiedenen Atome zurückgegangen, so muss das Gesetz, welches
-das Wirken dieser letzteren regelt, das nämliche und einzige für das
-Wirken der gesammten Körperwelt sein. Die Aufstellung dieses Gesetzes,
-welches die Zerlegung der scheinbar unter einander grundverschiedenen
-Wirkungsweisen der scheinbar von einander qualitativ unterschiedenen
-Körper bis zur Auflösung der ersteren in die überall in gleicher Weise
-erfolgende Wirkungsweise der wahren d. i. in allen Körpern qualitativ
-identischen Elemente der Körperwelt verfolgt und dadurch die gesammte
-phänomenale Welt als unter der Herrschaft eines und desselben, wenn
-gleich nicht selten in so verwickelter Form auftretenden Gesetzes,
-dass es den Anschein eines neuen Gesetzes erhält, stehend erweist,
-müsste das Ziel der Physik als mechanischer Wissenschaft ausmachen.
-
-306. Als dieses Gesetz sieht die moderne Naturwissenschaft das
-Gravitationsgesetz Newton's an. Die philosophische Wissenschaft vom
-Wirklichen bestimmt, wie oben gezeigt, das Wirken der Atome als eine
-Function ihres räumlichen Abstandes von einander. Die empirische geht
-über diese Allgemeinheit des Inhalts hinaus und bestimmt letztere näher
-als Abnahme des Wirkens im Quadrate der Entfernung. Dieselbe bleibt
-jedoch keineswegs bei der Bestimmung des Wirkens seinem Quantum nach
-stehen, sondern schreitet zu der Erweiterung derselben seinem Quale
-nach fort, indem sie dasselbe in den relativ grössten Abständen
-der Atome von einander als Anziehung, Attraction, in den relativ
-kleinsten als Abstossung, Repulsion charakterisirt. Erstere bewirkt,
-dass die Atome auch in den relativ weitesten Abständen von einander
-noch zusammengehalten, letztere macht, dass dieselben in Eins zusammen
-zu fallen verhindert werden. In Folge der Attraction bilden sämmtliche
-durch dieselbe an einander geknüpfte Atome ein nicht nur in Gedanken,
-sondern durch ein physisches Band zusammenhängendes Ganzes; in Folge
-der Repulsion bilden dieselben, weil die letztere die Annäherung
-der Atome an einander über das Mass einer gewissen (kleinsten)
-Entfernung hinaus unmöglich macht, ein discretes Ganzes. Während
-der Raum, der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen zufolge,
-demnach stetig mit "philosophischen" Atomen d. i. im strengsten
-Sinne des Wortes einfachen Wirklichen erfüllt gedacht werden muss,
-erscheint derselbe in der empirischen Wissenschaft vom Wirklichen nur
-in der Weise mit "physikalischen" Atomen d. i. mit im physikalischen
-Sinn letzten Elementen der Körperwelt erfüllt, dass zwischen je
-zwei derselben leerer Raum d. h. ein Zwischenraum vorhanden ist, in
-dem keine weiteren "physikalischen" Atome sich befinden. Dass mit
-der Einschiebung desselben die Schwierigkeit des Begreifens einer
-actio in distans d. i. eines Wirkens durch den leeren Raum hindurch
-wiederkehrt, pflegt, da dieselbe ja nur eine "philosophische" ist,
-der empirischen Physik selten Verlegenheit zu bereiten.
-
-307. Dagegen hat sich dieselbe auf Grund der sogenannten
-"Imponderabilien" veranlasst gesehen, durch die Einführung eines
-weiteren gleichfalls körperlichen, jedoch, mit den physikalischen
-Atomen verglichen, relativ "unkörperlichen" Stoffs, des sogenannten
-"Aethers", in die leer gelassenen Zwischenräume der physikalischen
-Atome, welche letzteren in demselben gleichsam, wie die Sterne
-am Firmament, zerstreut zu schweben, oder, wie die Fische im
-Wasser, in unregelmässigen Abständen zu schwimmen scheinen, der
-Ansicht der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen von dem
-stetigen Erfülltsein des Raumes durch einfache Wirkliche, um einen
-beträchtlichen Schritt näher zu kommen. Die Elemente desselben, die
-sogenannten Aetheratome, verhalten sich zu den physikalischen gleichsam
-wie Atome zweiter zu solchen erster Ordnung. Dieselben werden zwar
-eben so wenig wie diese ohne leere Zwischenräume, letztere selbst
-aber werden im Verhältniss zu diesen als "unendlich klein" und das
-von den Aetheratomen ausgehende Wirken wird zwar gleichfalls wie das
-der Körperatome als Anziehung und Abstossung, jedoch als nur in der
-kleinsten Entfernung wirksam vorgestellt. Jedes Körperatom erscheint
-wie von Aetheratomen eingehüllt, welche dasselbe in Gestalt einer
-Sphäre von allen Seiten umgeben und mit jenem zusammen unter der Form
-winziger Kügelchen, deren vergleichsweise dichten Kern das Körperatom,
-deren dünnere Peripherie die Aetheratome ausmachen, die reale durch
-den Raum discret vertheilte Grundlage der sogenannten Materie bilden.
-
-308. Je nachdem die erfahrungsmässig gegebenen Phänomene der
-körperlichen Welt auf die Körperatome allein ohne Berücksichtigung des
-deren Zwischenräume ausfüllenden Aethers, oder auf die Aetheratome
-allein als Bestandtheile des die Zwischenräume der physikalischen
-Atome ausfüllenden Stoffs zurückgeführt werden, ergeben sich zwei
-Hauptclassen physischer Phänomene, deren eine das Wirken und die
-Zustände des im engern Sinn sogenannten körperlichen Stoffs, die
-andere das Wirken und die Zustände des Zwischenstoffs d. i. des
-Aethers umfasst. Jene begreift, je nach der Grösse der Abstände der
-Körperatome unter einander und der davon abhängigen Menge dieser
-letzteren selbst innerhalb bestimmter räumlicher Grenzen (Volumen),
-dreierlei Gattungen von Körpern, deren eine bei einem gewissen
-Volumen die relativ grösste, deren dritte bei demselben Volumen
-die relativ kleinste Menge von Körperatomen enthält, während die
-zweite eine im Verhältniss zu jenem Volumen mittlere Menge von Atomen
-einschliesst. Folge davon ist, dass in den Körpern der ersten Gattung
-die Abstände der einzelnen Atome von einander relativ die kleinsten,
-dagegen bei Körpern der dritten Gattung relativ die grössten sein
-müssen, während bei den Körpern der Mittelgattung die Distanz der
-Atome eine mittlere ist. Die Atome von Körpern der ersten Gattung
-werden daher, da die anziehende Kraft je kleiner die Entfernung desto
-stärker wirkt, am festesten, die Atome von Körpern der dritten Gattung
-werden, da die Anziehung mit der Entfernung abnimmt, am lockersten
-unter einander zusammenhängen; die Atome der Körper der Mittelgattung
-werden, da die Entfernung und folglich die Anziehung eine mittlere
-ist, einen mittleren Grad des Zusammenhangs darstellen. Bei Körpern
-der ersten Art wird daher nicht nur das Verhältniss der Menge der
-Atome (der Masse) zu der räumlich begrenzten Grösse des Inhalts (dem
-Volumen) d. i. die relative Dichtigkeit die grösste, sondern auch der
-Widerstand, welchen dieselben der Trennung der Atome entgegensetzen,
-in Folge der starken Anziehung der Theile unter einander (der Cohäsion)
-der relativ bedeutendste, bei Körpern der dritten Art dagegen aus
-demselben Grunde die Dichtigkeit die geringste und der Widerstand
-gegen die Trennung der mindestbedeutende sein, während den Körpern
-der zweiten Art mit einer mittleren Dichtigkeit auch ein mittlerer
-Widerstand d. h. ein solcher, welcher die Trennung der Atome weder
-erschwert noch erleichtert, also gegen dieselbe sich gleichgiltig
-verhält, eigen ist. Körper der ersten Art, als deren Repräsentant
-die Erde angesehen wird, werden als feste, Körper der dritten Art,
-als deren Repräsentant die atmosphärische Luft gilt, als luft- oder
-gasförmige, Körper der mittleren Art, deren Typus das Wasser darstellt,
-werden als flüssige bezeichnet.
-
-309. Weder die Grösse des räumlichen Volumens, noch jene der Masse,
-oder der Abstände der Atome von einander, absolut betrachtet, macht
-hiebei einen Unterschied. Das Gesetz, welches die Atome der grossen
-Weltkörper, der Nebelflecke und Sternhaufen zusammenhält, ist genau
-das nämliche, welches auch die Atome des kleinsten Bruchtheils
-eines festen Körpers auf der Erde an einander bindet; die Atome
-des Weltmeeres hängen in keiner andern Weise zusammen, als jene
-des Wassertropfens; und die Atmosphäre, welche entfernte Weltkörper
-umhüllt, ja die ganze durch den Weltraum ausgebreitete, verdünnte
-Luftmasse zeigt mit jener der irdischen Lufthülle verglichen nur
-graduell verschiedene Structur. Zwischen den drei genannten Gattungen
-von Körpern aber herrscht dabei das Verhältniss, dass einerseits
-der luftförmige Körper durch Verminderung der Abstände seiner Atome
-unter einander zuerst, wenn dieselbe den mittleren Grad der Entfernung
-erreicht, in flüssigen, wenn sie denselben überschreitet, allmälig in
-festen Zustand übergehen d. h. sich verdichten, umgekehrt der feste
-Körper durch Vergrösserung jener Abstände seinerseits in flüssigen
-und allmälig in luftförmigen Zustand übergehen d. h. sich verdünnen
-kann. Je nachdem hiebei die zeitliche Aufeinanderfolge der genannten
-Zustände verschieden, also entweder der feste, oder der luftförmige,
-oder der flüssige als der (zeitlich) erste gedacht wird, aus welchem
-die andern sich entwickelt haben, so dass im ersten Fall aus der
-Verdichtung allmälig die Verdünnung, im zweiten aus der Verdünnung
-allmälig (durch Niederschlag) die Verdichtung, im dritten aus einer
-mittleren Dichtigkeit durch Verdichtung einerseits das Feste, durch
-Verdünnung andererseits das Luftförmige hervorgeht, gliedern sich die
-verschiedenen physikalischen Kosmogonien, als deren Repräsentanten
-schon im Alterthum erscheinen: die Atomistiker, welche das Feste (die
-körperlichen Atome), die jonischen Naturphilosophen Anaximenes und
-Diogenes von Apollonia, welche das Luftartige, und Thales, welcher
-das Flüssige für das der Zeit nach Erste erklärten, aus dem alles
-Uebrige entstanden sei.
-
-310. In allen genannten Fällen ist die Verbindung der Atome unter
-einander eine mechanische, durch ein und dasselbe allgemeine Gesetz
-der Anziehung nach dem umgekehrten Quadrate der Entfernung beherrschte,
-welche so lange besteht, als dieses seine Geltung behauptet, und daher
-jeder willkürlichen Aufhebung, sie komme von welcher Seite immer,
-entzogen ist. Die zum Körper vereinten Atome erscheinen unter der
-Pression dieses Gesetzes selbst zu einem mehr oder minder lockern
-Gefüge comprimirt, also gleichsam einem von aussen kommenden Drucke
-unterworfen. Die Elemente der Körper selbst stellen zusammengenommen
-einen durch Vereinigung (Association) entstandenen räumlich begrenzten
-Haufen, eine Menge gemengter (nicht gemischter) Bestandtheile dar,
-deren jeder undurchdrungen von dem andern und undurchdringlich für
-die andern für sich und zugleich im Verbande mit den andern als Glied
-eines physischen Ganzen besteht. Auf qualitative Verschiedenheit
-der zum Ganzen des Körpers verbundenen Theile konnte bisher schon
-aus dem Grunde keine Rücksicht genommen werden, weil die quantitative
-Atomistik eine solche bei den ursprünglichen Elementen der Körperwelt,
-den primitiven Körperatomen, nicht kennt. Soll daher dennoch von
-qualitativ unterschiedenen Elementen der Körper die Rede sein,
-so können diese nicht selbst primitiv, sondern sie müssen aus
-der allerdings primären Verbindung primitiver Atome gleichsam als
-Atome höherer Ordnung entstanden sein. Von dieser Art wären, wenn
-die Ansicht der quantitativen Atomistik die richtige und die darauf
-fussende Behauptung der "philosophischen" Chemie, dass alle scheinbar
-heterogenen Stoffe Umbildungen eines Grundstoffs seien, giltig sein
-sollte, die bisher sogenannten einfachen Stoffe d. i. Körper wie
-Sauerstoff, Wasserstoff, Kohlenstoff u. s. w. aufzufassen, deren jeder
-demzufolge aus Atomen bestehend gedacht würde, welche selbst eine
-eigenartige Gruppirung der primitiven Atome in sich schlössen. Das
-sogenannte Sauerstoffatom wäre sonach zwar im Verhältniss zu dem
-sogenannten Kohlenstoffatom, keineswegs aber im Verhältniss zu den
-primitiven Atomen als wirklich atom d. i. als theillos zu bezeichnen,
-da dasselbe zwar eben so wenig aus weiteren Sauerstoffatomen wie das
-Kohlenstoffatom aus weiteren Kohlenstoffatomen, keineswegs aber,
-wie es im Begriff des primitiven Atoms liegt, überhaupt nicht aus
-weiteren Atomen bestehend gedacht wird. Wie das primitive einfaches,
-so wäre demnach das Sauerstoffatom zusammengesetztes d. i. aus zu einem
-Ganzen verbundenen primitiven Atomen bestehendes Atom (Molecul) und der
-(feste, flüssige oder luftförmige) Körper, bei dessen Zusammensetzung
-die qualitative Beschaffenheit seiner Bestandtheile in Frage kommt, ist
-sonach als ein in seinen nächsten Bestandtheilen nicht aus einfachen,
-sondern aus zusammengesetzten Atomen bestehender anzusehen.
-
-311. Wie die Verbindung der Atome im mechanisch zusammengesetzten
-Körper eine mechanische, so ist sie in dem chemisch zusammengesetzten
-Körper, derselbe bestehe nun aus einander homogenen oder heterogenen
-Elementen, eine chemische, auf der Anziehung derselben in Folge ihrer
-qualitativen Verwandtschaft (Affinität) beruhende. Dieselben stehen
-wie die Bestandtheile des mechanischen Körpers unter der Herrschaft
-eines allgemeinen Gesetzes, nur dass dieselbe nicht sowol, wie dort,
-einem von aussen ausgeübten Drucke, als vielmehr einem von innen aus
-der Beschaffenheit der Atome stammenden Zuge sich vergleichen lässt,
-vermöge dessen die Atome wie Glieder einer und derselben Familie
-sich zu einander hingezogen, oder wie Glieder heterogener Rassen
-(z. B. Weisse und Farbige) sich von einander abgestossen fühlen. Wie
-die Verbindung blutsverwandter Familienglieder eine innigere ist als
-die blos gesellige Zusammenkunft einander gleichgiltiger Genossen,
-so ist die chemische Vereinigung qualitativ Verwandter inniger,
-als jene blos mechanische indifferenter Atome und wird deshalb als
-Verschmelzung im Gegensatz zur blossen Summation, als "Mischung"
-im Gegensatz zur blossen Mengung bezeichnet. Letzterer Ausdruck ist
-insofern ungenau, als er zu dem Irrthum verleiten kann, eine völlige
-"Durchdringung" der einzelnen Atome als möglich anzunehmen, während
-doch nur eine "Durchdringung" der sich unter einander verschmelzenden
-Körper (z. B. Kohlenstoff und Sauerstoff zu Kohlensäure) in der Weise
-stattfindet, dass mit jedem Atom des ersteren zwei Atome des letzteren
-sich verbinden, also ein neues Gemenge gleichsam höherer Art entsteht,
-dessen Atome je eine binäre Verbindung zwischen O und C darstellen,
-die einzelnen, sowol Kohlenstoff- als Sauerstoffatome, dagegen für
-einander undurchdringlich bleiben.
-
-312. Sowol der mechanisch wie der chemisch zusammengesetzte
-Körper hat die Eigenschaft, dass, sobald der dessen Bestandtheile
-zusammenhaltende Druck oder Zug aus was immer für einem Grunde
-erlischt, derselbe in seine Elemente zerfallen oder sich auflösen
-muss. Wird statt dessen auf Grund einer im Körper selbst enthaltenen
-Veranlassung jene zusammenhaltende Kraft ununterbrochen erneuert,
-entweder indem überhaupt neuer Stoff, welchem dieselbe Anziehung, oder
-neuer qualitativ verwandter Stoff, welchem derselbe Zug innewohnt,
-von neuem herbeigeschafft wird, so entsteht im Gegensatz zu jenem aus
-Mangel an Erneuerung abgestorbenen leblosen (unorganischen) der belebte
-(organische) Körper. Die Eigenthümlichkeit, welche denselben von dem
-mechanischen Körper unterscheidet, besteht darin, dass der letztere,
-sobald die Bestandtheile desselben durch andere ersetzt werden, nicht
-mehr derselbe, sondern ein neuer, wenngleich dem vorigen gleicher,
-der organische Körper dagegen auch nach dem Ersatz derjenigen seiner
-Bestandtheile, deren Anziehung unter einander erloschen ist, durch
-andere, noch immer derselbe wie früher d. h. ein blos erneuerter
-ist. Die Eigenthümlichkeit, welche denselben vom chemischen Körper
-unterscheidet, dagegen besteht darin, dass der organische Körper
-niemals, wie der einfache chemische homogen, sondern stets heterogen
-d. h. aus verschiedenen Stoffen zusammengesetzt sein muss, aber
-nicht, wie andere chemische Körper, aus beliebigen (z. B. Wasser aus
-Sauerstoff und Wasserstoff, atmosphärische Luft aus Sauerstoff und
-Stickstoff, Kalk aus Calcium und Sauerstoff, Kochsalz aus Chlor und
-Natrium), sondern jedesmal nur aus gewissen Stoffen zusammengesetzt
-sein darf. Folge der ersteren Eigenschaft ist, dass ein Theil des
-organischen Körpers, nämlich derjenige, in dem die Veranlassung
-liegt, dass sich der übrige Theil ohne Schädigung des Ganzen zu
-erneuern vermag, diesem letzteren gegenüber eine ausgezeichnete
-Stellung behauptet, insofern er den bleibenden, dieser dagegen den
-wechselnden Bestandtheil des Körpers ausmacht, jener also denjenigen,
-durch welchen der Körper immer derselbe bleibt, dieser denjenigen,
-durch welchen derselbe unaufhörlich ein anderer wird. Folge der
-letzteren Eigenschaft ist, dass, wo gewisse einfache chemische Körper
-mangeln, als welche die Erfahrung bisher Sauerstoff, Wasserstoff,
-Stickstoff und hauptsächlich Kohlenstoff hervorzuheben gelehrt hat,
-die Entstehung organischer Körper, auch wenn alle übrigen Bedingungen
-und die grösste Fülle anderweitiger chemischer Körper vorhanden
-wäre, unmöglich ist. Finden beide Bedingungen vereinigt bei der
-kleinstmöglichen Anzahl körperlicher Atome Erfüllung, so entsteht der
-denkbar kleinste belebte Körper, das organische Atom, die sogenannte
-Zelle, während aus der Verbindung von solchen, sei es mit, sei es
-ohne Zuhilfenahme unorganischer Bestandtheile, der Zellenorganismus
-d. i. der -- wie der mechanische Körper aus mechanisch verbundenen
-mechanischen, wie der chemische Körper aus chemisch verbundenen
-chemischen, so aus organisch verbundenen organischen Elementen
-bestehende -- organische Körper hervorgeht.
-
-313. Die ausgezeichnete Stellung des beharrenden Theils gegenüber dem
-wechselnden im belebten Körper äussert sich nicht blos darin, dass er
-selbst (er sei nun ein einzelnes Atom oder eine Gruppe von solchen)
-während der ganzen Dauer des organischen Körpers (Lebensdauer) immer
-derselbe bleibt, sondern auch darin, dass in ihm die Ursache enthalten
-ist, um welcher willen und durch welche nicht nur stets neuer und zwar
-zu seiner Erhaltung passender Stoff (Leibesnahrung) herbeigeschafft,
-sondern auch der Neuheit des Materiales zum Trotz die ursprüngliche
-Form (Leibesform) im Wesentlichen unverändert erhalten wird. Derselbe
-stellt daher gleichsam den beherrschenden Mittelpunkt ("die Seele")
-dar, zu welchem die Gesammtheit des übrigen den Körper jeweilig
-ausmachenden Stoffs sich als beherrschtes, zur Erhaltung des Ganzen
-verbrauchbares Material ("als Leib") verhält. Da derselbe beherrschend
-nur im Verhältniss zu dem von ihm Beherrschten, mit dem Aufhören der
-Herrschaft aber zwar Beherrschendes wie Beherrschtes nach wie vor
-vorhanden, aber nicht mehr als Herrscher und Beherrschtes vorhanden
-sind, so hört mit dem Erlöschen des organischen Bandes zwischen der
-"Seele" und dem "Leibe" des belebten Körpers d. i. mit dem Tode
-auch der bisher herrschend gewesene Bestandtheil desselben auf,
-Seele eines Leibes, wie der bisher beherrscht gewesene Bestandtheil
-desselben aufhört, Leib einer Seele zu sein; das Atom oder die
-Atome, welche bisher den bleibenden, so wie diejenigen, welche
-bisher den jeweiligen veränderlichen Bestandtheil des organischen
-Körpers ausgemacht haben, hören jedoch dadurch keineswegs auf, als
-Atome d. i. zwar aus ihrer bisherigen Verbindung ausgelöst, aber
-fähig und bereit, neue Verbindungen einzugehen, sei es wieder als
-"Seele" eines Leibes (Metempsychose) oder als Leibtheil einer Seele
-(Palingenesie), zu existiren.
-
-314. Je nachdem der organische Körper als am Orte haftend, oder
-mit der Fähigkeit begabt, denselben beliebig zu wechseln, so wie,
-je nachdem derselbe als sich oder anderes vorstellend oder überhaupt
-nicht als vorstellend gedacht wird, wird derselbe im ersten Falle,
-da die Erfahrung an der sogenannten Pflanze weder freie Bewegung,
-noch Zeichen vorstellender Thätigkeit aufweist, als pflanzenartiger,
-im zweiten Fall, da die Erfahrung am sogenannten Thiere zwar freie
-Beweglichkeit, aber (wenigstens bei den niedersten Thiergattungen)
-keine Spur von vorstellender Thätigkeit zeigt, als thierartiger, im
-dritten Fall, wenn sich nicht nur die Fähigkeit, anderes, sondern
-(wie schon bei den höheren Thiergattungen) sogar die Fähigkeit
-äussert, bis zu einem gewissen Grade sich selbst vorzustellen,
-da die Erfahrung letztere Eigenschaft (die Vorstellung des Ich)
-hauptsächlich am Menschen kennt, als menschenähnlicher bezeichnet
-werden. Mit dem Erwachen des Ich d. i. derjenigen Vorstellung, durch
-welche der belebte Körper andere, sei es belebte oder leblose Körper,
-von sich unterscheidet d. h. als Anderes als er selbst, als Nicht-Ich
-sich gegenüberstellt und dadurch sich zu diesem und dieses zu sich in
-ein Verhältniss bringt, welches je nach dem Mass seiner im Vergleich zu
-der Kraft jenes Andern und nach der Beschaffenheit seiner Bedürfnisse
-im Vergleich zu den Bedürfnissen jenes Andern zu einem überlegenen
-oder unterliegenden, zu einem freundlichen oder feindseligen, zu
-friedlichem Genuss oder zum Kampfe ums Dasein werden kann, ist das
-Reich des Bewusstlosen, des Nicht-Ich, abgeschlossen.
-
-315. Wie die Atome, so üben auch die Körper eine Wirksamkeit
-auf einander aus, welche je nach der Beschaffenheit derselben
-entweder mechanischer, chemischer oder organischer Art ist. Erstere
-äussert sich als Schwere, indem ein Körper den andern vermöge
-seiner überlegenen Masse, die zweite als Wahlverwandtschaft, indem
-ein Körper den andern vermöge seiner innigeren Verwandtschaft, die
-dritte als Geschlechtsneigung, indem ein Körper den andern in Folge
-des geschlechtlichen Gegensatzes an sich zieht. Wie durch die erstere
-eine Ablenkung des angezogenen Körpers, wenn derselbe bewegt ist, von
-seiner ursprünglichen Richtung, wenn er unbewegt ist, eine Annäherung
-an den Ort des anziehenden Körpers, in beiden Fällen jedoch, wenn
-kein anderweitiges Hinderniss, z. B. die widerstrebende Eigenbewegung
-des angezogenen Körpers, dazwischen tritt, eine Vereinigung des
-angezogenen mit dem anziehenden und dadurch eine Vergrösserung der
-Masse des letzteren herbeigeführt wird, so wird durch die zweite eine
-Auflösung der bisherigen Verbindung des angezogenen Körpers und die
-Entstehung einer neuen Verbindung durch die Verschmelzung desselben
-mit dem anziehenden veranlasst, auf dem dritten Wege aber durch
-die organische Vereinigung zweier geschlechtlich entgegengesetzten
-belebten Körper ein neues organisches Individuum auf Kosten und aus
-dem Stoffe der Zeugenden erzeugt. Jene, die mechanische Anziehung
-associirt bisher getrennte Körper zu einem neuen, welcher dieselben
-in sich begreift; die zweite trennt nicht zusammengehörige Körper, die
-vereinigt, und führt zusammengehörige zusammen, die getrennt waren; die
-dritte leitet aus bisher vereinzelt gestandenen organischen Individuen
-durch Zusammenschluss derselben ein neues, in keinem derselben für
-sich allein, aber in beiden zusammengenommen wol- und vollbegründetes
-Individuum ab. Das Wirken der ersten wie der zweiten Art bringt als
-producirende Thätigkeit zwar nicht dem Stoff, aber der Form nach neue
-Körper, die letztgenannte als reproducirende weder dem Stoff, noch der
-Form nach neue, sondern denjenigen, aus welchen sie entstanden sind,
-gleiche Körper d. h. sie bringt das in der Zeugung untergegangene
-in einem neuen Individuum wieder hervor. Während durch die erstere,
-die schaffende ("die Phantasie der physischen Welt") Thätigkeit
-der gegebene Stoff in vorher nicht gegebener Gestalt umgebildet,
-wird durch die letztere, die fortpflanzende ("das Gedächtniss der
-Materie") Thätigkeit die Spur des einmal vorhanden Gewesenen in allem
-Folgenden mehr oder minder getreu aufbewahrt und dessen Andenken
-durch dasselbe erneuert. Auf ersterem Wege bilden sich aus dem im
-Weltraum gleichmässig vertheilten Stoffe durch locale Verdichtung frei
-schwebende, sogenannte "kosmische Wolken", durch Anhäufung desselben
-um einen dichtern Kern sogenannte "Nebelflecke" und "schweifende
-Kometen"; wachsen durch Vereinigung kleinerer Weltkörper allmälig jene
-im Weltraum zerstreuten Massenkugeln heran, die andern als Central-
-und, wie es das Niederstürzen von Sternschnuppen und Meteorsteinen
-auf deren Oberfläche beweist, zum Sammelpunkte dienen. Auf dem zweiten
-Wege bildet sich jener wirthschaftliche Haushalt in der Natur, durch
-welchen die von den pflanzlichen Organismen aufgenommene Kohlensäure
-im Inneren derselben zersetzt, der Kohlenstoff zurückbehalten und der
-Sauerstoff durch die Lungen der Pflanze, die Blätter, ausgeathmet,
-von den thierischen Organismen dagegen eingeathmet und in den Lungen
-zur Oxydirung des Blutes verwendet wird. Auf dem letztgenannten
-Wege endlich werden wenigstens in den höheren pflanzlichen und
-thierischen Gattungen die unzähligen Nachkommen gezeugt, während auf
-den niederen Stufen der vegetabilischen Organismen die Fortpflanzung
-durch Keimzellen (Sporen) und Sprossen, bei den animalischen durch
-Theilung und Zerfällung der ursprünglich zu einem einzigen vereinigt
-gewesenen in mehrere selbstständige Individuen die Stelle der sexualen
-Generation vertritt.
-
-316. Wie die Atome, so sind die Körper in verschiedenen regelmässigen
-oder unregelmässigen Abständen durch den Weltraum ausgestreut, so
-dass einzelne derselben unter einander, wie die Atome zu Körpern, so
-die Körper zu Systemen und weiter diese selbst wieder zu ihrerseits
-unter sich zu einem Ganzen verknüpften Aggregaten von Systemen gehören,
-während andere keinem in sich geschlossenen Körperverband einverleibt,
-sei es aus dem Gebiet eines in das eines anderen Körpersystems
-hinüberstreifen, theils frei durch den Weltraum irren. Zu den
-ersteren gehören die Systeme einzelner Centralkörper mit ihren in
-ihren Bewegungen von ihnen abhängigen Begleitern, welche ihrerseits
-wieder von solchen begleitet sein können. Dieselben bilden im Weltmeer
-des mit Körpern erfüllten Raumes gleichsam "Weltinseln" und können
-ihrerseits mit anderen ihresgleichen zu einem "Inselmeer" d. i. zu
-einem Archipelagos von Weltsystemen vereinigt sein. Ein solches bildet
-allem Anschein nach der selbst um einen, sei es idealen, sei es realen
-(nach Mädler Alpha Herculis) Mittelpunkt gravitirende Weltring der
-sogenannten Milchstrasse, von welchem unser Sonnensystem mit seiner
-Centralsonne, seinen Planeten und Planetoiden, deren Trabanten und
-Ringen, sowie mit den theils gleichfalls ringförmig angeordneten,
-theils zerstreut rotirenden Asteroiden, Sternschnuppen und Meteormassen
-einen Bestandtheil ausmacht. Der Inbegriff sämmtlicher Weltkörper
-bildet das sichtbare Universum, das mechanisch durch das Gesetz
-der Gravitation beherrscht und chemisch, wie die Spectralanalyse
-gezeigt hat, durchgängig aus solchen Stoffen zusammengesetzt ist,
-welche auch auf oder innerhalb der Erde vorkommen. Flüssige und
-luftartige Bildungen (Meere und Atmosphären) sind auch auf von
-der Erde verschiedenen Weltkörpern beobachtet, dagegen Spuren
-organischen Lebens bisher nur auf dieser wahrgenommen worden, daher
-von vegetabilischen und animalischen, so wie von menschenähnlichen
-Bewohnern erfahrungsgemäß bisher nur auf dieser die Rede sein kann.
-
-317. Sowol die Zwischenräume zwischen den Welt-, so wie jene zwischen
-den festen und flüssigen Körpern auf der Erde sind von luftartigen
-Körpern (auf der Erde von einem aus Sauerstoff und Stickstoff,
-so wie einigem Ozon bestehenden Luftkörper, der sogenannten
-atmosphärischen Luft) ausgefüllt, deren Gegenwart auch in den
-scheinbar leeren Theilen des Weltraums durch die Widerstände, welche
-bewegte Weltkörper mittels derselben erlitten haben (z. B. durch
-die allmälige Verengung der Bahn des Enke'schen Kometen), erwiesen
-ist. Die Zwischenräume der physikalischen Atome werden, wie oben
-bemerkt, durch Atome des sogenannten Weltäthers erfüllt gedacht,
-auf dessen Zustände diejenigen Phänomene, welche sonst je specifisch
-verschiedenen sogenannten "unwägbaren" Stoffen (Imponderabilien),
-z. B. die Lichterscheinungen einem Lichtstoff, die magnetischen einem
-magnetischen Fluidum u. s. w. zugeschrieben wurden, nunmehr als auf
-deren gemeinsamen Träger zurückgeführt zu werden pflegen. Dieselben
-zerfallen in solche, bei welchen die qualitative Beschaffenheit der
-Körperatome gleichgültig, und solche für welche dieselbe bestimmend
-ist. Zu den ersteren gehören die Licht- und Wärmeerscheinungen,
-die sich deshalb (wenngleich in unzähligen Graden der Abstufung)
-zwischen und in allen Körpern des Weltalls vorfinden; zu den
-letzteren lassen sich die sogenannten, magnetischen und elektrischen
-Erscheinungen zählen, deren erstere an die Gegenwart eines bestimmten
-chemischen Stoffs (des Eisens), deren letztere an die Gegenwart und
-gegenseitige Berührung mindestens zweier qualitativ heterogener Stoffe
-(z. B. Zink und Kupfer) gebunden ist. Der Zustand des Aethers selbst
-wird als kleinste periodische Bewegung der Aetheratome (Schwingung)
-in verschiedener Menge und Richtung vorgestellt, wobei der Unterschied
-stattfindet, dass diejenigen, welche als Träger des Lichtphänomens
-angesehen werden, an der Oberfläche der Körper (mit Ausnahme der
-durchsichtigen oder durchscheinenden) stattfinden und diese daher im
-Inneren dunkel erscheinen, während diejenigen, welche die Träger des
-Wärmephänomens sind, auch im Inneren der Körper statthaben, diese
-daher je nach dem Grade derselben innerlich erhitzt oder erkältet
-erscheinen. Bei den magnetischen und elektrischen Erscheinungen lässt
-sich die Betheiligung des Aethers in der Weise verschieden denken,
-dass derselbe in dem Körper, welcher den erforderlichen Stoff,
-das Eisen enthält, an zwei entgegengesetzten Enden, den Polen,
-angehäuft erscheint, wobei die Erfahrung zeigt, dass gleichnamige
-Pole einander abstossen, während bei den elektrischen Erscheinungen
-an den zu ihrer Entstehung erforderlichen heterogenen Körpern der
-Aether an zwei einander der Richtung nach entgegengesetzten Enden (+
-und -) sich anhäuft, wobei die Erfahrung zeigt, dass entgegengesetzte
-Pole sich anziehen. Inwieweit bei den elektrischen Strömen, von
-welchen Muskelcontractionen begleitet zu werden pflegen, sowie bei
-den Erscheinungen des sogenannten thierischen Magnetismus und der
-thierischen Elektricität eben so wie bei jenen der sogenannten
-animalischen Wärme die Betheiligung des Aethers eine Rolle
-übernehme, muss um so mehr dahingestellt bleiben, als mit Ausnahme
-der elektrischen Muskelströme und der thierischen Wärme die übrigen
-sogenannten Thatsachen noch allzu sehr der empirischen Bestätigung
-bedürfen. Insofern jene dem Weltäther zugeschriebenen Phänomene,
-mit den auf die physikalischen Atome zurückgeführten Erscheinungen
-verglichen, dem der groben Masse der letzteren gegenüber verfeinerten
-Charakter ihrer materiellen Grundlage entsprechend selbst einen
-gleichsam "vergeistigten" Stempel tragen, sind sie es, welche
-durch ihre Gegensätze der Helligkeit und der Finsterniss, der
-Hitze und der Kälte, der magnetischen und elektrischen Spannung
-und Lösung der Physiognomie der physischen Körperwelt ein an die
-wechselnden Stimmungsgegensätze des menschlichen Gemüthes mahnendes
-Gepräge aufdrücken und daher als Bilder und Gleichnisse für die
-letzteren mit Vorliebe pflegen verwendet zu werden. Steigern sich
-dieselben so weit, dass sie namhafte Veränderungen in der Welt der
-physischen Körper verursachen, die Lichterscheinung als Brand, die
-Wärmeerscheinung als Explosion oder Eruption, der Magnetismus als
-magnetisches, der elektrische Strom als atmosphärisches Ungewitter
-auftritt, so nimmt deren Wesen eine an die plötzliche, aber auch
-vorübergehende Natur der von unwillkürlichen Körperbewegungen
-begleiteten Gemüthserschütterungen, der sogenannten Affecte, an und
-liefert für diese ("flammender Zorn", "leidenschaftlicher Ausbruch")
-das treffendste Gleichniss.
-
-318. Wie dem denknothwendigen das durch die Erfahrung gegebene
-Wirkliche, so steht dem denknothwendigen das empirisch gegebene
-Wirken gegenüber. Die Vorstellung des letzteren unterliegt um so mehr
-logischen Schwierigkeiten, als weder der Begriff eines Wirkens durch
-den leeren Raum, wie er durch die discrete Vertheilung der Atome
-im Raume gefordert ist, noch der Begriff eines Dinges, welches
-eins und zugleich der Träger vielfach sich ändernden Wirkens,
-noch endlich jener der Veränderung d. h. eines Dinges, welches
-anders geworden und doch dasselbe geblieben sein soll, und jener der
-unter den letztgenannten fallenden Bewegung als Ortsveränderung ohne
-schwerwiegende kritische Bedenken bleibt. Erstgenannter ficht durch die
-Einsicht in die Unmöglichkeit, dass von dem angeblich Einfachen Theile
-sich loslösen und durch einen Sprung über das Leere hinüber einem
-andern eben so Einfachen einverleibt werden könnten, streng genommen
-die Möglichkeit so wol der Anziehung wie der Abstossung und damit die
-Basis des physischen Zusammenhangs unter den Elementen der Körperwelt
-an. Die Einheit des Dinges, während dessen Wirken ein vielartiges
-sein soll, ruft den Widerspruch, wie Eins = Vielem gedacht werden
-könne, die Identität des Dinges, nachdem es ein anderes geworden,
-ruft den Widerspruch, wie Eines und dasselbe zugleich nicht dasselbe
-sein könne, wider sich hervor und nöthigt, dem ersteren durch die
-Annahme, dass das Wirken eines Dinges das Product nicht eines einzigen
-Atoms, sondern des Zusammenseins einer Gruppe mehrerer Atome sei und
-demnach, wenn die Bestandtheile dieser Gruppe verschiedene seien,
-sehr wol ein Verschiedenes nicht nur sein könne, sondern sein müsse,
-dem zweiten dagegen durch die Bemerkung zu begegnen, dass, weil jedes
-sogenannte "Ding" nur eine Gruppe von Atomen, also ein Ganzes sei,
-dasselbe durch das Ausscheiden einzelner und Eintreten anderer,
-während der Rest derselbe geblieben ist, sehr wol eine Veränderung
-erlitten und doch (in Bezug auf obigen Rest) seine Identität aufrecht
-erhalten haben könne. Bezüglich der Bewegung als Ortsveränderung
-aber gilt, dass dieselbe nur dann einen Widerspruch einschliesse,
-wenn dieselbe in dem Sinn verstanden wird, dass das Bewegliche im
-selben Zeitpunkt an einem und demselben Orte befindlich und nicht
-befindlich, keineswegs aber, wenn dieselbe so aufgefasst wird, dass das
-Bewegliche in jedem stetig auf einander folgenden Zeitpunkt in einem
-anderen Orte befindlich sei. Dieselbe setzt daher eben so nothwendig
-die Zeit als den Raum voraus und wird durch das Verhältniss des in
-einem gewissen Zeitabschnitt zurückgelegten Raumes d. i. durch die
-Geschwindigkeit gemessen.
-
-319. Das in der Zeit vor sich gehende erfahrungsmässig gegebene
-Geschehen, die Veränderung des Zustandes der Körperwelt, ist eine
-dreifache, und zwar tritt dasselbe, je nachdem entweder nur der Ort
-des Körpers, wobei dessen Form sowol als Stoff dieselben bleiben,
-oder nur die Form des Körpers, während der Stoff unberührt bleibt,
-oder schliesslich auch dieser eine Veränderung erleidet, als Orts-,
-Form- oder Stoffwechsel auf. In ersterer Hinsicht kann die Bewegung
-der Richtung nach entweder eine fortschreitende, wie bei dem Stoss
-und Wurf, oder eine in sich zurückkehrende, wie bei den rotirenden
-Weltkörpern und den Blutkörperchen im Blutkreislauf, oder eine zugleich
-fortschreitende und in sich zurückkehrende Bewegung, wie bei dem um
-die Erde sich drehenden und zugleich mit dieser um die Sonne bewegten
-Monde sein. Der Qualität nach kann dieselbe entweder eine in gleichen
-Zeitabschnitten auf gleiche Weise sich wiederholende (gleichförmige)
-oder in gleichen Zeiträumen abnehmende (retardirende) oder zunehmende
-(accelerirende) Bewegung, in ersterer Hinsicht überdies entweder
-eine am selben Ort sich gleichförmig wiederholende (schwingende),
-oder dabei zugleich im Raume fortschreitende, entweder nach der
-nämlichen, oder abwechselnd nach entgegengesetzten Richtungen von
-der Fortschrittslinie gleichförmig ausschlagende Bewegung sein: jene
-ergibt die periodische Bogen-, diese die Wellenbewegung. Hinsichtlich
-des Formenwechsels findet beim mechanischen und chemischen Körper ein
-Uebergang des festen in den flüssigen und luftartigen Zustand, oder des
-flüssigen in den festen und luftförmigen, oder des letztgenannten in
-den festen und flüssigen statt, während beim organischen die sogenannte
-Transformationslehre (Darwinismus) im Gegensatz gegen die Theorie
-von der Constanz der Arten und Gattungen es mehr als wahrscheinlich
-gemacht hat, dass nicht nur in der vegetabilischen Natur die Arten
-und Gattungen der Organismen durch allmälige Umbildung einer oder
-weniger ursprünglichen Pflanzentypen ("Urpflanze", "Metamorphose der
-Pflanze": Goethe), sondern auch in der animalischen Welt die Arten und
-Gattungen des Thierreichs durch allmälige Umbildung eines oder einiger
-ursprünglicher Thiertypen ("Bathybios", "Gastraea": Haeckel), sei es
-auf dem Wege immanenter Teleologie (Goethe), sei es auf dem natürlicher
-Zuchtwahl (Darwin), oder unwillkürlicher, reflexartiger Nachahmung
-("Mimicry": Wallace) in einander übergehen. Was den Stoffwechsel
-betrifft, so hat die Erfahrung bis heute zwar die Vermuthung,
-dass der unorganische chemische Stoff nur eine Umbildung des
-primitiven mechanischen Stoffs sei, durch die chemische Typentheorie
-wahrscheinlich zu machen, für die Behauptung aber, dass der organische
-Stoff nur eine Umbildung des unorganischen, der belebte Naturkörper
-aus leblosen, etwa durch Urzeugung (generatio æquivoca), entstanden
-sei, eben so wenig einen jeden Zweifel ausschliessenden Beweis
-durch Thatsachen zu führen vermocht, wie für die weitere, dass das
-"Phänomen der Empfindung", durch welches der (anderes und sich selbst)
-vorstellende Organismus sich von dem nicht vorstellenden, obgleich
-ebenfalls organischen Körper unterscheidet, nichts anderes als eine
-Umbildung des derselben entsprechenden "Nervenreizes" und demnach als
-psychischer oder Bewusstseinsvorgang von diesem als physiologischem
-d. i. Nervenzustand, eben so wenig wie dieser als organischer Vorgang
-von den unorganischen Vorgängen der mechanisch-chemischen Körper dem
-Wesen nach verschieden sei. Insbesondere was die letztgenannte von den
-positivistischen und materialistischen Gegnern einer weder mit Biologie
-noch mit Phrenologie und Physiologie identischen Psychologie immer
-von neuem wiederholte, aber niemals bewiesene Versicherung betrifft,
-haben ausgezeichnete Physiologen (Ludwig, Fick) ein offenes: ignoramus,
-einer der ausgezeichnetsten (Dubois-Reymond) sogar ein eben solches:
-ignorabimus ausgesprochen.
-
-320. Wie die Gesammtheit der im Weltraum vertheilten (unorganischen und
-der auf einem oder dem andern derselben anzutreffenden organischen)
-Körper in ihrer gegenseitigen physischen Zusammengehörigkeit mit
-und in ihrer Abhängigkeit von einander, so weit dieselben unserer
-Erfahrung zugänglich sind, das physische Weltall, den Kosmos, so macht
-die Gesammtheit des in und zwischen denselben in der Zeit vor sich
-gehenden Geschehens, deren periodischer und nichtperiodischer Orts-,
-Formen- und Stoffwechsel von der unmessbaren, primitiven Oscillation
-des Aethers bis zu den Umläufen der Weltkörper und dem schwankenden
-Gleichgewicht einander äquilibrirender Weltsysteme, von der Zerlegung
-des Wassertropfens durch den elektrischen Funken in seine Elemente
-bis zu den ein System von Weltkörpern erleuchtenden und erwärmenden
-Verbrennungsprocessen gasförmiger Centralsonnen, von der molecularen
-Anziehung und Abstossung primitiver Stofftheile bis zu den verwickelten
-mechanisch-chemischen Processen, welche die Erscheinung des Lebens
-und das Erwachen des Bewusstseins bedingen, herauf, so weit dasselbe
-unserer Erfahrung zugänglich ist, die Naturgeschichte der physischen
-Welt, die Geschichte des Weltalls aus.
-
-
-
-
-
-
-
-
-ZWEITES CAPITEL.
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-DAS ICH.
-
-
-321. Wie die Erfahrung lehrt, dass es physische d. h. mechanische,
-chemische und organische, so lehrt sie auch, dass es psychische
-d. h. dass es Phänomene des Empfindens und Vorstellens, des Fühlens,
-Begehrens und Wollens gibt, aber sie lehrt keineswegs, weder dass
-physische und psychische Vorgänge identisch, noch dass sie nicht
-identisch seien. Was die Erfahrung als äussere an der Hand der
-sinnlichen Beobachtung und des durch künstliche Werkzeuge verschärften
-Experiments über die Phänomene des als vorstellend bezeichneten
-belebten Organismus zu erreichen vermag, ist (wenigstens bis zur
-Stunde) noch niemals Empfindung (psychischer Zustand) gewesen, sondern
-jedesmal, wenn auch noch so sehr verfeinerter physischer Zustand (eine
-Bewegung, ein Nervenreiz, ein Zersetzungsvorgang) geblieben. Was die
-Erfahrung als innere an der Hand der Beobachtung seiner selbst und
-Anderer und des, so weit die Natur der Sache es erlaubt, künstlich
-angestellten Versuchs blosszulegen vermochte, war noch nicht physischer
-(Bewegung, Reiz, chemischer Process), sondern ausschliesslich immer
-wieder psychischer Vorgang (elementare Sinnes- oder Muskelempfindung,
-elementares Lust- oder Schmerzgefühl, elementares Streben oder
-Verabscheuen). Sowol die Behauptung, dass Bewegung (ein extensiver
-Zustand) Empfindung, wie jene, dass Empfindung (ein intensiver Zustand)
-Bewegung sei, ist jede für sich ein unerlaubter Schritt auf Grund
-angeblicher über die Grenze gegebener Erfahrung hinaus auf ein Gebiet,
-wo nicht die (nicht vorhandene) Thatsache, sondern allein die aus
-Thatsachen gezogene denknothwendige Folgerung zu entscheiden vermag.
-
-322. Es ist nicht die Verschiedenheit beider Classen von Erscheinungen
-dem äusseren Anschein nach, welche bestritten wird, eben so wenig
-als die Gegner der Verschiedenheit organischer und unorganischer
-Körper den anscheinenden Unterschied beider zu leugnen gewillt
-sind. Aber in dem einen wie in dem andern Fall geht die Tendenz
-dahin, die allerdings anscheinende Verschiedenheit als eine blos
-scheinbare darzulegen und so wie die organischen und unorganischen
-Körper, auch physische und psychische Phänomene dem Wesen nach
-als identisch hinzustellen. Insoweit dieses Bemühen sich auf das
-angebliche wissenschaftliche Bedürfniss stützt, in der Gesammtheit
-der erfahrungsmässig gegebenen Erscheinungen Einheitlichkeit
-nachzuweisen, würde dasselbe, wenn die letztere Einheit in der
-Mannigfaltigkeit d. i. Harmonie wäre, mehr ein ästhetisches,
-also der strengen Naturwissenschaft fremdes, als ein direct
-wissenschaftliches Bedürfniss, wenn dieselbe aber vielmehr Einerleiheit
-(langweilige Monotonie, abwechselungslose Einförmigkeit), wie es
-wahrscheinlicher ist, bedeuten sollte, im Grunde gar kein Bedürfniss
-befriedigen. Insofern dasselbe einerseits die Verschiedenheit der
-Phänomene d. i. des scheinbar Wirklichen, andererseits die Identität
-des Substrats d. i. des wahrhaft Wirklichen zur Voraussetzung hat,
-widerspricht dasselbe dem denknothwendigen Axiom, dass, wie der
-Vielheit des Scheins eine Vielheit des Seins, so der qualitativen
-Mannigfaltigkeit des ersteren eine eben solche des letztern entsprechen
-müsse. Das Gleichniss Fechner's, dass Physisches und Psychisches wie
-die beiden Ansichten eines Kreisbogens sich verhalten, der von der
-Seite des Mittelpunktes aus betrachtet concav, von jener der Peripherie
-aus gesehen convex erscheint, ohne dadurch aufzuhören, ein und dasselbe
-zu sein, kann wol blenden, aber nicht beweisen. Denn eben dieses
-Herausgehen nach der entgegengesetzten Seite, um das Object von dieser
-aus ins Auge zu fassen, ist bei dem Verhältniss zwischen Physischem und
-Psychischem aus dem Grunde unmöglich, weil der Umkreis des Psychischen
-d. i. der Bewusstseinsphänomene, zu welchen auch die Sinnesempfindung
-und sinnliche Wahrnehmung gehört, auch von demjenigen Beobachter,
-der sich wie der Naturforscher auf die Seite des Physischen stellt, in
-keiner Weise überschritten werden kann. Von dem, worin der Physiker das
-Wesen des optischen oder des akustischen Phänomens erblickt, von der
-Oscillation der Aethertheilchen oder den Luftwellen ist in demjenigen,
-was der Psychologe als das Wesen der Gesichts- oder Gehörsempfindung
-ansieht, in der qualitativen Farbe oder dem eben solchen Ton, nichts
-Gleichartiges anzutreffen, noch lässt sich die Anzahl von mehr als
-vierhundert Billionen Schwingungen mit der Empfindung des Blauen oder
-jene von 32 Schallwellen in der Secunde mit jener des tiefsten hörbaren
-C-Tones der Orgel vergleichen. Physische und psychische Erscheinungen,
-als Phänomene betrachtet, sind nicht blos scheinbar, sondern wahrhaft
-verschieden und, was ihre qualitative Natur, allerdings nicht, was
-deren quantitatives Mass betrifft, schlechterdings unvergleichbar.
-
-323. Dennoch wäre es voreilig, wie der qualitative Dualismus thut,
-aus der Verschiedenheit beider Classen von Erscheinungen auf
-eine qualitative Verschiedenheit ihrer beziehungsweisen Substrate
-d. i. da das scheinbar Wirkliche auf wahrhaft Wirkliches deutet,
-auf eine zwiespältige qualitative Beschaffenheit des Wirklichen zu
-schliessen. Die Folgerung, dass, wenn die Erscheinung verschiedenartig
-sei, auch das Wesen des derselben zu Grunde liegenden Wirklichen
-ein verschiedenartiges sein müsse, hat nur dann Gewalt, wenn sie
-dazu gebraucht wird, um darzuthun, dass das in diesem Falle zu
-Grunde liegende Wirkliche nicht ein einziges, sondern ein multiplum
-von Wirklichen sein, den verschiedenen Erscheinungen demnach nicht
-ein und dasselbe, sondern bald diese, bald eine andere Gruppe von
-mehreren Wirklichen zu Grunde liegen müsse. Keineswegs aber folgt
-daraus, dass jene Wirklichen selbst nicht blos numerisch, sondern
-ihrer inneren Beschaffenheit nach unter einander verschieden
-sein d. h. dass sie etwa verschiedenen Classen von Wirklichen
-angehören müssten, so lange nicht erwiesen ist, dass die blosse
-Verschiedenheit äusserer Beschaffenheiten, wie Zahl, Lage,
-Gruppirung der Atome, nicht hinreiche, verschiedenartigen Schein
-in der Erscheinungswelt hervorzubringen. Da letzterer Erweis, wie
-das Beispiel der quantitativen Atomistik lehrt, keineswegs erbracht,
-im Gegentheil durch diese einleuchtend gemacht worden ist, wie unter
-Voraussetzung durchgängig gleicher Beschaffenheit der Atome lediglich
-durch verschiedene Zahl und räumliche Anordnung derselben verschiedene,
-ja anscheinend ganz entgegengesetzte Phänomene (wie z. B. das nach
-rechts und das nach links Drehen der Polarisationsebene) sich erklären
-lassen, so steht von dieser Seite, wie es scheint, nichts im Wege,
-auch physische und psychische Phänomene auf qualitativ gleichartiges
-Wirkliches zurückzuführen.
-
-324. Letzteres würde nur dann undenkbar sein, wenn die Qualität eines,
-mehrerer, oder aller zum erklärenden Phänomen einer-, und jene des
-denselben zu Grunde zu legenden Wirklichen andererseits einander in
-der Weise widersprächen, dass die durch die Erfahrung gewährleistete
-Thatsächlichkeit des oder der einen durch die (aus was immer für einem
-Grunde) behauptete Beschaffenheit des andern geradezu ausgeschlossen
-wird. Dieser Fall würde eintreten, wenn zum Beispiel unter den
-thatsächlichen psychischen Erscheinungen eine solche sich vorfände,
-die ihrer Natur nach nur innerhalb eines einzigen und zwar eines seiner
-Qualität nach streng einfachen Wirklichen vor sich gehen kann, während
-dagegen von anderer Seite behauptet würde, nicht nur, dass alles, was
-überhaupt als Substrat einer Erscheinung solle angesehen werden können,
-eine Verbindung mehrerer Wirklicher, eine Gruppe von solchen sein
-müsse, sondern auch, insofern dasselbe als Träger einer Erscheinung
-gelten soll, seiner Qualität nach zusammengesetzt sein müsse. In diesem
-Fall würde entweder die Thatsächlichkeit jenes Phänomens verleugnet,
-oder, wenn dies dem Zeugniss der Erfahrung gegenüber als unausführbar
-sich herausstellt, angenommen werden müssen, dass dasselbe, obgleich
-wirklich, doch ohne wirkliches Substrat, gleichsam in der Luft schwebe.
-
-325. Obiger Fall tritt ein bei dem Phänomen der sogenannten Einheit des
-Bewusstseins, der Theorie der sogenannten "Psychologie ohne Seele" und
-der Psychologie des sogenannten "Materialismus" gegenüber. Jene geht
-davon aus, dass die Natur des Phänomens der Einheit des Bewusstseins
-mit der Qualität des ihrer Ansicht nach ausschliesslich wahrhaft
-Wirklichen unverträglich und daher, da dessen Wirklichkeit nicht
-bestritten werden könne, dasselbe thatsächlich ohne reales Substrat
-sei. Letztere räumt ein, nicht nur dass obiges Phänomen thatsächlich,
-sondern auch, dass kein irgendwie wirklich vorhandenes Phänomen ohne
-irgendwie beschaffenes Wirkliches als Substrat desselben denkbar,
-behauptet aber, dass die Natur obiger Erscheinung auch mit der
-Annahme eines aus Theilen bestehenden Substrates verträglich sei. Die
-Widerlegung der ersteren müsste darauf ausgehen darzuthun, nicht nur,
-dass dasjenige Substrat, welches die "Psychologie ohne Seele" für das
-ausschliesslich Wirkliche, weil ausschliesslich mögliche ausgibt,
-weder das einzig Wirkliche, noch überhaupt ohne Selbstwiderspruch
-ein mögliches sei, sondern auch, dass eine als wirklich zugestandene
-Erscheinung weder ohne ein Wirkliches als Substrat, noch überhaupt
-ohne Substrat gedacht werden könne. Die Widerlegung der letzteren
-müsste dahin gerichtet sein, zu erweisen, dass der Versuch, die Natur
-obigen als thatsächlich anerkannten Phänomens mit der materiellen
-d. i. aus Theilen bestehenden Natur seines Substrats als verträglich
-darzustellen, illusorisch, und daher die einzige Möglichkeit,
-dessen Thatsächlichkeit begreiflich zu finden, in der Annahme eines
-"atomistischen" d. i. theillosen Trägers für dasselbe gelegen sei.
-
-320. Den Beweis zu führen, dass das wahrhaft Wirkliche seiner
-Qualität nach einfach d. i. nicht aus Theilen bestehend, dass sonach
-dasjenige Wirkliche, welches die "Psychologie ohne Seele" nicht nur,
-obgleich dasselbe, sondern wol gar, weil es zusammengesetzter Natur
-(materiell) ist, für das wahrhaft Wirkliche hält, weder ein solches
-sei noch sein könne, sondern blos den Schein eines solchen enthalte,
-hat im Obigen bereits der philosophische Realismus durch seine von
-der Erfahrung aus-, aber aus denknothwendigen Gründen über dieselbe
-hinaus gehende Wissenschaft vom Wirklichen übernommen. Derselbe hat
-aber auch zugleich dargethan, und in diesem Punkt steht, wie aus dem
-Vorigen sich ergibt, selbst die "Psychologie des Materialismus" ihm als
-Bundesgenossin zur Seite, dass auch der Schein eines Wirklichen, wenn
-er ein wirklicher d. i. thatsächlicher ist, nicht ohne ein Wirkliches
-als dessen Substrat gedacht werden könne und daher die Annahme der
-"Psychologie ohne Seele", dass der von ihr als thatsächlich anerkannte
-Schein der Einheit des Bewusstseins ohne ein solches, also buchstäblich
-ein Luftphantom sei, auf einer argen Selbsttäuschung beruhe.
-
-327. Zum Beweise für die andere d. i. für diejenige Behauptung, welche
-den thatsächlichen Schein der Einheit des Bewusstseins mit der aus
-Theilen bestehenden Natur des Trägers derselben für vereinbar hält,
-haben sich deren Vertheidiger, die Psychologen des Materialismus,
-auf ein ihrer Meinung nach zutreffendes Beispiel aus der exacten
-Naturwissenschaft, auf die in der Mechanik der Zusammensetzung der
-Kräfte fundamentale Thatsache der Resultante berufen. Dieselbe stellt
-in der That ein Wirkliches dar, welches als solches nur durch das
-Zusammenwirken anderer Wirklichen, der sogenannten Componenten zu
-Stande kommt, zugleich aber auch ein solches, das mit der Wirklichkeit
-dieser letzteren verglichen nur ein scheinbares ist d. h. nur den
-Schein selbstständiger Wirklichkeit hat, während die eigentlich
-Wirklichen, weil die eigentlich Wirkenden, die Componenten sind. Werden
-die letzteren, also ein Vielfaches, als das Substrat der Resultirenden,
-welche als solche ein Einfaches ist, vorgestellt, so scheint obige
-Thatsache anschaulich zu machen, wie die zusammengesetzte Natur
-der Grundlage eines Phänomens die einheitliche, ja sogar einfache
-Beschaffenheit des letztern nicht ausschliesse, und sonach auch die
-Möglichkeit, dass das seiner Natur nach einfache Phänomen der Einheit
-des Bewusstseins in einem zusammengesetzten, aus einer Mehrheit von
-Theilen bestehenden Substrate vor sich gehe, plausibel zu machen.
-
-328. Trifft obiges Gleichniss zu, so beweist es nichts; beweist es
-aber etwas, so beweist es das Gegentheil von dem, was nach dem Wunsche
-seiner Urheber dadurch bewiesen werden soll. Die Beweiskraft desselben
-hängt davon ab, dass dasjenige, was unter dem Namen der Resultirenden
-mit dem Phänomen der Einheit des Bewusstseins verglichen wird, wirklich
-im Sinn der Mechanik eine solche sei. Aber schon Lotze hat bemerkt,
-dass dieser sogenannten Resultanten das wichtigste Merkmal einer
-solchen, nämlich nichts geringeres fehle als der gemeinschaftliche
-Angriffspunkt, der ihr mit ihren Componenten gemeinsam sein muss. Die
-Resultirende ohne einen solchen wäre wie Schiller's Glocke, welcher,
-wie Schlegel witzig bemerkt hat, der Schwengel fehlt. Ist aber die
-Resultante eine wirkliche Resultirende d. h. hat sie mit ihren
-Componenten den Punkt des Angriffs wirklich gemein, dann stellt
-dieser Punkt eben dasjenige dar, was für das Phänomen der Einheit
-des Bewusstseins der atomistische Träger desselben darstellen soll
-d. h. obiges Gleichniss beweist, statt gegen, im Gegentheil für
-die Unentbehrlichkeit eines einfachen Wirklichen als Substrat des
-Phänomens der Einheit des Bewusstseins.
-
-329. Aus der Thatsache der Einheit des Bewusstseins folgt, dass es
-Phänomene gibt, welche als Substrats nur eines einzigen theillosen
-und untheilbaren Wirklichen bedürfen und daher mit allen denjenigen
-Phänomenen, welche zu ihrer realen Unterlage ein Aggregat von solchen
-d. i. (im physikalischen Sinne) einen (mehr oder weniger verfeinerten
-oder vergröberten) Körper voraussetzen, qualitativ schlechterdings
-unvergleichbar sind. Umgekehrt wird es erlaubt sein, anzunehmen,
-dass alle diejenigen Phänomene, welche mit letzteren unvergleichbar,
-ihrerseits dagegen mit dem Phänomen der Einheit des Selbstbewusstseins
-insofern vergleichbar seien, als sie ebenso wie dieses jedes irgendwie
-zusammengesetzte Substrat ausschliessen und im Gegensatz zu den mit
-diesem unvergleichbaren Erscheinungen einen atomistischen Träger
-als reale Unterlage bedingen. Da nun das Phänomen der Einheit
-des Bewusstseins ein psychisches ist, alle diejenigen Phänomene
-aber, welche als ihr Substrat eine materielle Grundlage erfordern,
-als physische bezeichnet werden, so folgt, dass alle mit letzteren
-unvergleichbaren Phänomene (wie Vorstellen, Fühlen, Streben und Wollen)
-als psychische dem Phänomen der Einheit des Bewusstseins gleichartig
-sein und daher ebenso wie dieses an einem theillosen Träger haften
-werden. Wird dabei vorzugsweise die Eigenthümlichkeit ins Auge
-gefasst, dass jedes zusammengesetzte d. h. aus Theilen bestehende
-Substrat ein Aussereinander der Orte dieser letzteren d. h. eine
-räumliche Ausdehnung (extensum) erheischt, während das einfache
-theillose Wirkliche eine solche ausschliesst und nur den einfachen Ort
-(mathematischen Punkt) eines einfachen Wirklichen (eines dynamischen
-Punkts oder einer punktuellen Kraft; "Monade", "Dynamide") ausfüllt,
-so können die physischen Phänomene auch extensive und müssen die
-psychischen sodann im Gegensatz dazu intensive genannt werden. Jene
-schliessen die Ausdehnung und damit die Räumlichkeit ein, diese
-dagegen zwar die Ausdehnung, keineswegs aber die Räumlichkeit aus; jene
-erfolgen als Vorgänge innerhalb eines räumlich ausgedehnten Substrats
-selbst in räumlich ausgedehnter Weise (Bewegung als Ortsveränderung,
-Anziehung, Schwingung u. s. w.), diese erfolgen als Vorgänge innerhalb
-eines zwar an einem Orte im Raume befindlichen (also nicht raumlosen
-oder unräumlichen), aber nur einen einfachen (ausdehnungslosen)
-Ort im Raume einnehmenden (also selbst ausdehnungslosen) Wirklichen
-zwar im Raume, können aber selbst eben so wenig wie das Wirkliche,
-dessen Vorgänge sie sind, räumlich ausgedehnt sein (Empfindung als
-Intensitätsveränderung, Hemmungsgefühl, Streben u. s. w.). Wie der
-Inbegriff der extensiven Phänomene die Grundlage der Physik, so bildet
-jener der intensiven die Grundlage der Psychik oder Psychologie; jener
-umfasst alle materiellen d. h. an einem materiellen Substrat haftenden
-und durch die Wechselwirkung zwischen den Elementen der Materie,
-den physikalischen Atomen, hervorgebrachten, dieser dagegen alle an
-einem atomistischen Substrat haftenden und aus der Wechselwirkung der
-elementaren Vorgänge innerhalb desselben entspringenden Erscheinungen.
-
-330. Da das einzige atomistische Substrat erfahrungsmässig gegebener
-Erscheinungen dasjenige ist, welches auf Grund des thatsächlichen
-Phänomens der Einheit des Bewusstseins als Träger nicht nur dieses,
-sondern sämmtlicher ihm gleichartiger Phänomene vorausgesetzt
-wird, so folgt, dass wie es voreilig schien, aus der qualitativen
-Verschiedenheit der physischen und psychischen Erscheinungen auf
-qualitativ verschiedene Beschaffenheit ihrer beziehungsweisen
-Substrate zu schliessen, es eben so voreilig wäre, aus den
-erfahrungsmässig gegebenen Zuständen eines atomistischen Wirklichen
-auf das Vorhandensein gleicher oder doch ähnlicher Zustände im Innern
-anderer oder gar aller atomistischen Wirklichen zu schliessen. Aus
-der denknothwendigen Folgerung, dass, was immer in einem
-atomistischen Wirklichen vor sich gehe, nur intensive und insofern
-den erfahrungsgemäss gegebenen Vorgängen des Vorstellens, Fühlens
-und Strebens ähnliche Zustände sein können, folgt keineswegs, dass,
-weil dergleichen in demjenigen Atome, welches als Träger des Phänomens
-der Einheit des Bewusstseins gilt, durch die Erfahrung gegeben sind,
-ähnliche auch in allen übrigen einfachen Wirklichen, also z. B. auch
-in denjenigen, welche als letzte reale Grundlage der physikalischen
-Materie angesehen werden, gegeben sein müssten oder thatsächlich
-seien. Jene einfachen Wirklichen, welche auf Grund thatsächlich
-erfahrener intensiver Zustände d. i. erfahrungsmässig gegebener
-psychischer Phänomene (selbst erlebter oder an Anderen beobachteter
-Vorstellungen, Gefühle, Begehrungen und Willensentschliessungen) als
-deren unentbehrliche atomistische Träger denknothwendig vorausgesetzt
-werden müssen, mögen als solche "Seelen" d. h. reale Atome heissen,
-deren eigenthümliches Wirken in der gegebenen Erfahrung unter der Form
-des Vorstellens, Fühlens, Strebens und anderer aus diesen letzteren
-abgeleiteten Zustände erscheint, deren specifische Qualität aber eben
-so wie jene aller übrigen einfachen Wirklichen, welche den Boden
-des erfahrungsmässig gegebenen Scheins der Wirklichkeit ausmachen,
-der Erkenntniss entzogen bleibt. Wie die Farbe, der Klang, die Härte
-oder Weichheit, ja wie die Körperlichkeit selbst nicht das Wesen des
-Wirklichen, sondern die Form ausmacht, unter welcher dasselbe für die
-äussere Erfahrung, so stellt die vorstellende, fühlende, strebende
-Thätigkeit, ja die Seelenhaftigkeit selbst diejenige Gestalt dar,
-unter welcher das Innere des Wirklichen für die innere Erfahrung
-erscheint; was das Wirkliche selbst, von der Erfahrung, äusserer wie
-innerer, abgesehen, an sich seiner Natur nach sei, bleibt hier wie
-dort unbekannt.
-
-331. Wie aus der einfachen Qualität des atomistischen Wirklichen,
-welches als Träger der erfahrungsmässig gegebenen psychischen
-Zustände vorausgesetzt werden muss, dessen Unveränderlichkeit,
-so folgt aus der Vielheit und Mannigfaltigkeit der zugleich und
-nach einander durch die Erfahrung gegebenen psychischen Zustände,
-als deren Träger es gilt, dessen Veränderlichkeit. Während der
-ersteren zufolge die Qualität desselben und dadurch das Wirkliche
-immer dasselbe bleibt d. h. als dasjenige Selbst, das es ist, sich
-erhält, scheint es der letzteren zufolge nicht nur im nämlichen
-Zeitaugenblick mehreres und verschiedenes zugleich, sondern in auf
-einander folgenden Zeitmomenten jeweilig ein anderes zu sein. Da jener
-Schein der Vielheit und Mannigfaltigkeit nicht entstehen könnte, wenn
-in der Einheit und Einfachheit des Wirklichen nicht dessen Anlage
-gegeben wäre, so entsteht die Frage, wie sich die letztere mit der
-ersteren, die Einheit und Einfachheit des Wirklichen mit der Vielheit
-und Mannigfaltigkeit des Scheines im Wirklichen, also die Annahme,
-dass viele und vielerlei Zustände im Wirklichen zugleich oder nach
-einander gegeben seien, mit der denknothwendigen Voraussetzung seiner
-Einheit und Einfachheit vertrage. Die Beantwortung derselben wird
-zwar erleichtert, aber nicht überflüssig gemacht durch die Bemerkung,
-dass diese mehreren zugleich gegebenen Zustände vorübergehende, also
-nicht etwa bleibende Eigenschaften des einfachen Wirklichen, sogenannte
-dauernde "Seelenvermögen" oder Seelenkräfte sein sollen, welche schon
-Herbart treffend der alten Psychologie gegenüber als "mythologische
-Wesen" bezeichnet hat; die Schwierigkeit besteht fort, wenn auch nur
-in einem einzigen Zeitmoment eine Vielheit unter einander verschiedener
-Zustände in dem einfachen Wirklichen als zugleich vorhanden vorgestellt
-und dasselbe dadurch gleichsam in vieles gespalten gedacht werden soll.
-
-332. Ein Blick auf die gegebene Erfahrung lehrt, dass dies thatsächlich
-der Fall sei. Qualitativ verschiedene Empfindungen, wie die einer
-bestimmten Farbe, eines bestimmten Wohlgeruchs u. s. w. sind in der
-sinnlichen Wahrnehmung der Rose dem Bewusstsein gleichzeitig gegeben
-und müssen sonach in dem realen atomistischen Träger desselben als
-gleichzeitig vorhandene, aber qualitativ unterschiedene Zustände
-angesehen werden. Dasselbe soll daher nicht blos wirklich, sondern
-es soll als einfache Qualität zugleich in so vielen verschiedenen
-Qualitäten wirklich sein, als qualitativ verschiedene Zustände in
-demselben als zugleich vorhanden gedacht werden sollen. Wie die
-qualitative Atomistik die Gesammtheit der körperlichen Erscheinungen
-auf eine Anzahl einfacher qualitativ unter einander verschiedener
-Stoffe zurückführt, so leitet eine derselben entsprechende empirische
-Psychologie die Gesammtheit der psychischen Erscheinungen von einer
-Anzahl einfacher, qualitativ verschiedener Elementarzustände ab,
-als dergleichen sie die sinnlichen Empfindungen, wie sie durch
-die verschiedenen Sinnesorgane gegeben sind (Gesichts-, Gehörs-,
-Geruchs-, Geschmacks- und Tastempfindungen, ferner die Temperatur-,
-die Muskelempfindungen etc.) betrachtet. Werden die letztern als
-wirklich einfach und zugleich als unter einander specifisch verschieden
-angesehen, so muss obige Schwierigkeit, wie in dem qualitativ einfachen
-Träger qualitativ verschiedene Zustände zugleich gegenwärtig sein
-können, in ganzer Schärfe hervortreten.
-
-333. Um dieselbe zu heben, hat Herbart den Ausweg der sogenannten
-"zufälligen Ansichten" ergriffen. Indem das Reale a, dessen einfache
-Qualität a sein soll, mit dem Realen b, dessen Qualität durch b
-ausgedrückt werden soll, der Qualität nach verglichen wird, zeigt sich,
-dass jede der beiden Qualitäten Bestandtheile enthalte, die sich unter
-einander wie plus und minus verhalten und daher, wenn die beiden Realen
-zusammengedacht werden, sich unter einander aufheben müssen. Da jedoch
-die einfache Qualität, als einfach, keine Theile enthalten, also auch
-keine solchen, die sich, mit einer andern Qualität verglichen, wie plus
-und minus verhalten, in sich schliessen kann, so stellt jene Auffassung
-derselben in Gedanken, laut welcher dieselbe nicht nur Theile, sondern
-einer andern Qualität entgegengesetzte Theile umfassen soll, nicht
-den wahren Inhalt der Qualität, sondern blos eine zufällige Ansicht
-derselben dar, kraft welcher gewisse Bestandtheile der Qualität des
-Realen in ihrem Zusammen mit andern aufgehoben werden sollten, aber
-nicht können, die Qualität zwar verändert werden sollte, aber nicht
-kann, weil jene aufzuhebenden Theile eben keine Theile, sondern nur in
-der zufälligen Ansicht der Qualität als solche angedichtet sind. Diese
-durch das Zusammen eines Realen mit anderen Realen demselben
-in Folge des gegensätzlichen Verhaltens seiner Qualität zu deren
-Qualitäten, von dem dieselben zusammenfassenden Denken zugemutheten,
-aber da jede einfache Qualität unveränderlich ist, niemals wirklich
-eintretenden Störungen sind es, welche Herbart "Selbsterhaltungen"
-des Realen genannt und als die einzige mit der strengen Einfachheit
-der Qualität desselben verträgliche Art des wirklichen Geschehens,
-den erfahrungsmässig gegebenen psychischen Vorgängen als metaphysische
-Grundlage untergebreitet hat. Dieselben sollen je nach der Qualität
-desjenigen Realen, welches mit dem gegebenen, um dessen Zustand es
-sich handelt, in einer zufälligen Ansicht zusammengefasst wird,
-selbst qualitativ verschieden (z. B. einmal eine Gesichts-, das
-andere Mal eine Gehörsempfindung u. dgl.), nichts desto weniger aber
-die Qualität des Realen, dessen Zustände sie sind, qualitativ immer
-dieselbe und ungespalten sein. Sie sollen ferner wirklich und doch als
-Störungen der Qualität des Realen, die zwar eintreten sollten, aber,
-weil sonst letztere und damit das Reale selbst aufgehoben würde,
-niemals eintreten können, zwar zugemuthete, aber niemals wirklich
-gewordene, also im Grunde blosse Forderungen sein, die an das Reale
-um seines Zusammen mit anderen willen vom zusammenfassenden Denken
-gestellt, aber von jenem niemals erfüllt werden. Ob Zustände der Art
-überhaupt das Recht gewähren, dieselben als wirkliches Geschehen und
-zugleich als den einzigen Anknüpfungspunkt zu bezeichnen, welchen
-das streng einfache Reale für die erfahrungsmässig gegebene vielfache
-Mannigfaltigkeit psychischer Phänomene zu bieten vermöge, ist von der
-Seite der Erfahrungspsychologie eben so vielfach bestritten, als von
-der Seite der Schule ohne durchschlagenden Erfolg vielfach vertheidigt
-worden. Angriff und Abwehr gehen von der Alternative aus, dass entweder
-das wirkliche Geschehen im Realen nicht wirklich, oder die Qualität des
-Realen nicht einfach sein könne. Jenes, weil Einfachheit der Qualität
-die Wirklichkeit qualitativer Verschiedenheit des Geschehens, dieses,
-weil die qualitative Verschiedenheit des Geschehens die Einfachheit
-der Qualität ausschliesse.
-
-334. Allerdings nur, weil und so lange das wirkliche Geschehen als
-qualitativ wirklich verschieden gedacht wird. Findet das Gegentheil
-statt d. h. wird das wirkliche Geschehen als qualitativ nicht
-verschieden d. h. seiner Qualität nach unter einander homogen und der
-Qualität des Wirklichen, dessen Geschehen es ausmacht, entsprechend
-vorgestellt, so entfällt der nicht abzustreitende Widerspruch zwischen
-der Qualität des Wirklichen, die einfach, und jener des Geschehens,
-die mannigfaltig sein soll, und damit auch der Grund, welcher die
-Wirklichkeit qualitativ verschiedenen Geschehens mit der Einfachheit
-der Qualität des Wirklichen selbst unverträglich zu machen droht. Nicht
-die Vielheit des Wirkens, sondern die gleichzeitige Vielartigkeit des
-Wirkens widerspricht der qualitativ einfachen Natur des Wirklichen;
-letztere schliesst nicht aus, dass das einfache Wirkliche zu anderen
-einfachen Wirklichen gleichzeitig anders sich verhält, wol aber
-schliesst sie aus, dass sich dasselbe zu jedem der andern als ein
-Anderes verhält.
-
-335. Wie in der Physik die quantitative Atomistik der qualitativen,
-an Stelle der qualitativ verschiedenen qualitativ gleichartige Atome
-entgegensetzt, so führt dieselbe in der Psychologie, den qualitativ
-unterschiedenen psychischen Elementarzuständen gegenüber, qualitativ
-ununterschiedene primitive psychische Vorgänge in die Betrachtung
-ein. Jene geht von der Voraussetzung aus, dass die sogenannten
-einfachen Stoffe in der Chemie, diese glaubt sich zu der Annahme
-berechtigt, dass die sogenannten einfachen Empfindungen im Bewusstsein
-nicht die ursprünglichen primitiven, sondern, die einen wie die andern,
-aus weiteren, wahrhaft letzten Elementen und zwar jene aus unter sich
-gleichartigen primitiven Körper-, diese aus gleichfalls unter einander
-homogenen primitiven Bewusstseinselementen zusammengesetzt seien. Wie
-die quantitative Atomistik in der Körperwelt, so strebt sie in der
-Bewusstseinswelt die qualitativen auf blos quantitative Unterschiede
-zurückzuführen; wie in der Chemie das Sauerstoffatom als eine Gruppe
-primitiver Atome und dadurch als verschieden vom Kohlenstoffatom,
-als einer anders geformten Gruppe derselben primitiven Atome, so
-geht sie darauf aus, in der Psychologie z. B. die Empfindung des
-Blauen als eine Gruppe primitiver Bewusstseinselemente und dadurch als
-verschieden von der Empfindung des Rothen, als einer anders geformten
-Gruppe derselben primitiven Bewusstseinselemente, hinzustellen. Das
-qualitativ specifische Atom (z. B. das Kohlenstoffatom) ist ihrer
-Auffassung zufolge eine räumlich, die qualitativ specifische Empfindung
-(z. B. die Empfindung des Roth oder die Empfindung des Tones C) eine
-zeitlich geordnete Gruppe, jene von neben-, beziehungsweise ausser
-einander im Raume gelagerten primitiven Atomen (etwa in Gestalt eines
-Würfels oder einer Kugel), diese von nach, beziehungsweise auf einander
-folgenden primitiven Bewusstseinsacten (etwa Billionen derselben für
-die Empfindung des Roth, 32 derselben für den Ton des tiefen C).
-
-336. Wie diese Ansicht in der Physik durch die Entdeckung der
-typischen Körper und die chemische Typentheorie, so hat dieselbe
-in der Psychologie durch die Entdeckung von Helmholtz, dass unsere
-vermeintlich einfachen Tonempfindungen zusammengesetzter Natur seien,
-eine Bestärkung erhalten. Jene hat es wahrscheinlich gemacht, dass
-die bis jetzt für einfach gehaltenen chemischen Stoffe sich in weitere
-zerlegen lassen und deren Analysen schliesslich zu der Annahme eines
-Grundstoffs führen werden; diese lässt die Vermuthung zu, dass,
-wie die Ton-, so auch die Empfindungen anderer Sinnesorgane sich
-als zusammengesetzt und schliesslich als quantitative Combinationen
-einer und derselben Grundempfindung erweisen werden. Mehr als jene
-Wahrscheinlichkeit und diese Vermuthung auszusprechen, lässt weder
-der gegenwärtige Stand der äussern noch jener der innern Erfahrung
-zu, obgleich nicht geleugnet werden kann, dass die quantitative
-Atomistik, wie sie der Erfahrung über die Körperwelt sich am bequemsten
-anschmiegt, so auch einer consequenten Betrachtung der Bewusstseinswelt
-Vortheile in Aussicht stellt.
-
-337. Einer und zwar nicht der geringste besteht darin, dass
-durch die Zurückführung der vermeintlich specifisch verschiedenen
-elementaren Bewusstseinsvorgänge auf ursprünglich gleichartige
-die schwer empfundene Unvergleichbarkeit physischer Vorgänge, wie
-es die Nervenreize, und psychischer, wie es die unmittelbar durch
-dieselben ausgelösten und auf dieselben bezüglichen Empfindungen
-sind, auf das geringste denkbare Mass herabgesetzt wird. Werden,
-wie längst in der physischen, so nun auch in der psychischen Welt
-die Verschiedenheiten sämmtlicher Phänomene auf rein quantitative
-Bestimmungen zurückgeführt, so steht nichts im Wege, die quantitativen
-Bestimmungen der physischen jenen der correspondirenden psychischen
-Vorgänge als gleich oder doch (wie das Weber-Fechner'sche Gesetz in
-einem einzelnen Falle versucht hat) als irgendwie proportional zu
-denken und dadurch die Unvergleichbarkeit beider auf die allerdings
-durch nichts zu beseitigende Unvergleichbarkeit des ursprünglichen
-physischen (der als solcher ein extensiver) und des gleichfalls
-ursprünglichen psychischen Vorgangs (der als solcher ein intensiver
-ist) zu beschränken. Stellt der Gehirn- oder Nervenvorgang, welcher
-die nächste Voraussetzung der Empfindung bildet, in der Reihe der
-sich stufenförmig über einander erhebenden physischen Vorgänge des
-mechanischen, chemischen und organischen Geschehens das oberste,
-so stellt die unmittelbar, obgleich unvergleichbar an jene sich
-anschliessende, primitive Empfindung in der Reihe der sich stufenweise
-über einander erhebenden Formen des psychischen Geschehens das unterste
-oder Anfangsglied dar, aus welchem, wie dort aus der Wechselwirkung
-der kleinsten Körpertheilchen (physikalische Atome, Molecüle) alle
-höheren physischen, so durch Umbildung und Wechselwirkung alle höheren
-psychischen Bildungen sich entwickeln.
-
-338. Für die primitive Empfindung d. i. für den dem elementaren
-Vorgang im Nervenreiz entsprechenden elementaren Vorgang im Bewusstsein
-hat Lotze den Ausdruck "ictus" geprägt. Derselbe macht anschaulich,
-dass die Wirkung eines kleinsten extensiven Vorgangs, z. B. einer
-einzelnen Aetherschwingung, ein kleinster intensiver Vorgang, die einer
-solchen entsprechende und daher im Innern so oft sich wiederholende
-Empfindung sein kann, als der sie veranlassende physische Vorgang,
-die Aetherschwingung, im äussern sich wiederholt. Wie die Empfindung
-selbst von der veranlassenden Schwingung, so hängt die Zahl der sich
-wiederholenden gleichen Empfindungen von der Zahl sich wiederholender
-gleicher Schwingungen ab, und wie durch die letztere in den Augen
-des Physikers der specifische Charakter des physischen Phänomens
-(z. B. durch die Zahl von 745 Billionen Schwingungen in der Secunde
-jener des rothen Lichtes), so erscheint durch die Zahl der sich
-wiederholenden primitiven Empfindungen der specifische Charakter des
-psychischen Phänomens (in obigem Fall der Empfindung des Rothen)
-in den Augen des Psychologen gegeben. Die Zahl der Schwingungen
-innerhalb einer bestimmten Zeiteinheit drückt für den Physiker das
-Quale, die Grösse der Schwingung (amplitude) die dynamische Intensität
-des Physischen (z. B. der Farbe) aus; eben so stellt in den Augen
-des Psychologen die Zahl der innerhalb derselben Zeiteinheit sich
-wiederholenden primitiven Empfindungen das Quale, die Stärke des
-einzelnen ictus durch ihr multiplum die dynamische Intensität des
-psychischen Phänomens (z. B. der Gesichtsempfindung des Rothen)
-dar. Die quantitative Bestimmung dort (das Vielfache der Schwingungen)
-und die quantitative Bestimmung hier (das Vielfache der primitiven
-Empfindungen) lassen, vorausgesetzt dass die Zeiteinheit dieselbe
-sei (z. B. die Secunde), der Unvergleichbarkeit der beiderseitigen
-Quales (der Schwingung einer- und des ictus anderseits) ungeachtet,
-eine Vergleichung der beiderseitigen Quanta zu und gestatten die eine
-durch die andre zu messen.
-
-339. Dieselbe Voraussetzung macht es aber auch möglich, nicht
-nur das Verhältniss der primitiven Empfindungen selbst, sondern
-auch das aller aus denselben abgeleiteten psychischen Phänomene,
-ähnlich wie das Verhalten der körperlichen Elemente und aller daraus
-abgeleiteten physischen Phänomene, mit Rücksicht auf die in denselben
-enthaltenen quantitativen Bestimmungen und deren Relationen zu einander
-einer mathematischen Behandlung zu unterwerfen. Wie die Atome der
-Körperwelt sich als Kräfte betrachten lassen, die im Verhältniss
-ihrer Stärke anziehend oder abstossend auf einander wirken,
-so lassen die primitiven Empfindungen mit Rücksicht auf den Grad
-ihnen eigener Intensität als Kräfte sich ansehen, welche sich unter
-Voraussetzung gleichartiger Richtung verstärken, unter Voraussetzung
-entgegengesetzter ganz oder theilweise hemmen werden. Die exacte
-Naturwissenschaft trachtet die gesammten Erscheinungen der körperlichen
-Welt, auch die verwickeltesten, die sogenannten Lebenserscheinungen,
-nicht ausgeschlossen, in ihrem letzten Grunde auf Annäherungen und
-Entfernungen der kleinsten Theilchen der körperlichen Masse (der
-Molecüle und physikalischen Atome) nach statischen und mechanischen
-Gesetzen zurückzuführen; eine exacte Psychologie wird das gleiche Ziel,
-die Reduction der gesammten Bewusstseinserscheinungen auf gegenseitige
-Verstärkung oder Hemmung der primitiven Bewusstseinserscheinungen
-("Bewusstseins-Atome") nach statischen und mechanischen Gesetzen vor
-Augen haben.
-
-340. Wie die Gesammtheit der physikalischen Atome den Stoff der
-Körper-, so bildet die Gesammtheit primitiver Bewusstseinsvorgänge
-den Stoff der Welt des individuellen Bewusstseins. Wie jene
-erfahrungsgemäss eine begrenzte d. h. so weit reichende ist, als nach
-unserer Erfahrung das physische Band reicht, welches als Gravitation
-die Elemente der Materie zusammenhält, so ist die Menge des psychischen
-Materiales erfahrungsgemäss für jedes individuelle Bewusstsein
-eine begrenzte, deren Beginn mit dem Zeitpunkt des erwachenden
-(Geburt), deren Ende mit jenem des erlöschenden Bewusstseins
-(Tod) des Individuums zusammenfällt. Jene wie diese stellt ein
-Stoffquantum dar, das sich weder vermehren noch vermindern lässt,
-dessen Form jedoch im Laufe der Zeit, und zwar die des physischen
-Stoffs während der Dauer des sichtbaren Universums, die des primitiven
-Bewusstseinsmaterials während der Dauer des psychischen Individuums,
-Aenderungen in ununterbrochener Folge erfahren kann und, wie die
-Erfahrung, die äussere durch Beobachtung der Entwickelungsgeschichte
-des Weltalls, die innere durch Beobachtung der Processe im Bewusstsein
-des Individuums, zeigt, thatsächlich erfährt. So wenig jemals dem
-Begriff unbedingten Gesetztseins entsprechend das Denken ein Sein
-d. h. Realität hervorzubringen vermag, so wenig vermag der atomistische
-Träger des Bewusstseins auch nur eine einzige primitive Empfindung aus
-sich selbst d. i. ohne durch anderes Wirkliche gegebene Veranlassung
-zu erzeugen. So gewiss das Wirkliche als unbedingt Gesetztes durch
-das Denken zwar als solches anerkannt, aber nicht aufgehoben zu werden
-vermag, so gewiss kann ein einmal stattgehabtes wirkliches Geschehen
-(eine primitive Empfindung im Bewusstsein) durch Verleugnung von
-Seite des Wirklichen, in dem es geschehen ist, zwar verdunkelt,
-aber niemals ungeschehen gemacht werden.
-
-341. Wie die Totalität des körperlichen Stoffs und aller daraus
-näher oder entfernter sich entwickelnden Erscheinungen den Inhalt des
-räumlich und zeitlich ausgedehnten Weltalls, so bildet die Gesammtheit
-des Bewusstseinsmaterials und aller näher oder entfernter daraus
-abgeleiteten Bewusstseinsphänomene den Inhalt des nicht räumlich,
-wol aber zeitlich ausgedehnten Bewusstseins. Jenes besitzt obige
-Eigenschaft, weil dessen Bestandtheile nicht nur ausser einander,
-sondern auch nach einander, dieses nur die letztere, weil dessen
-Bestandtheile zwar nicht blos nach einander, sondern auch mit einander,
-in dieser letzteren Eigenschaft aber niemals ausser einander sein
-können. Letzteres nicht, weil das atomistische Wirkliche, dessen
-Zustände sie sind, keinen Raum darbietet für eine gleichzeitige
-"itio in partes". So gut die gleichzeitig existirenden Elemente des
-körperlichen Stoffs ihres räumlichen Aussereinander ungeachtet durch
-das physische Band, das sie an einander fesselt, gezwungen sind, als
-Theile desselben physischen Weltalls mit einander in Zusammenhang
-zu bleiben, so gut sind die gleichzeitig vorhandenen Elemente des
-individuellen Bewusstseins durch die atomistische Beschaffenheit ihres
-gemeinsamen Trägers gezwungen, als Theile desselben Bewusstseins
-unter einander in realen Zusammenhang zu treten. So wenig ein
-Weltkörper, durch das Band der Schwere gehalten, aus dem sichtbaren
-Universum und seinem Verband mit anderen Weltkörpern sich entfernen,
-so wenig kann irgend ein Bestandtheil des Bewusstseins der Berührung
-mit den gleichzeitig mit ihm in demselben Bewusstsein vorhandenen
-Bestandtheilen ausweichen. Derselbe ist, wohl oder übel, gezwungen,
-sich mit denselben, sei es feindlich oder freundlich, in Contact
-zu setzen.
-
-342. Letztere Nöthigung enthält den Grund der sogenannten
-Ideenassociation d. i. der Vergesellschaftung der gleichzeitig
-in demselben Bewusstsein vorhandenen Phänomene. Derselbe ist ein
-"mechanischer", demjenigen vergleichbar, dessen Wirkung wie durch
-einen Druck von aussen auf mittels desselben zusammengehaltene Körper
-ausgeübt wird, und steht so wenig, wie dieser zu der qualitativen
-Beschaffenheit der Körper, zu der qualitativen Beschaffenheit der
-associirten Phänomene in Beziehung. Nicht der Umstand, dass sie dem
-Inhalt nach ähnlich oder unähnlich, sondern allein die Thatsache,
-dass sie gleichzeitig Bestandtheile desselben Bewusstseins sind,
-knüpft die Erscheinungen an einander und dehnt ihre Wirksamkeit
-nachhaltig auch auf solche Bestandtheile des Bewusstseins aus,
-welche nicht ganz, sondern nur theilweise mit den eben im Bewusstsein
-anwesenden Erscheinungen gleichzeitig sind. Letzteres macht erklärlich,
-warum in demselben Bewusstsein auf einander folgende Erscheinungen,
-vorausgesetzt dass dieselben schon einzutreten angefangen haben, bevor
-die gegenwärtigen gänzlich geschwunden sind, sich mit den letzteren
-gleichfalls und, wenn obige Voraussetzung sich erfüllt, alle einander
-succedirenden Bewusstseinsphänomene sich unter einander associiren.
-
-343. Treten daher gewisse Bewusstseinsphänomene (z. B. primitive
-Empfindungen) thatsächlich zugleich oder in der Weise nach einander
-ins Bewusstsein ein, dass die vorangehende noch fortdauert, wenn
-die folgende schon eintritt, so müssen sich dieselben unter einander
-verbinden, und zwar desto inniger, je öfter das gleichzeitige oder
-successive Eintreten derselben sich wiederholt. Sind nun Gründe
-vorhanden, welche bewirken, dass gewisse Phänomene niemals anders als
-gleichzeitig oder in derselben Ordnung nach einander ins Bewusstsein
-eintreten können, so muss diese Nöthigung, sich unter einander
-zu verbinden, zuletzt eine so unwiderstehliche werden, dass jene
-Phänomene schlechterdings nicht mehr ohne einander gedacht d. h. dass
-dieselben nur als ein zusammengehöriges Ganzes d. i. als Aggregat
-von Bewusstseinsphänomenen gedacht werden können, dessen Theile zwar
-eben so wenig wie die des mechanischen Körpers durch Gleichartigkeit
-oder Gegensatz unter einander verwandt sein müssen, aber eben so wie
-diese durch mechanischen Druck und Cohäsion, so durch den Zwang der
-Simultaneität oder Succession mit einander verbunden sind.
-
-344. Aggregate dieser Art sind von Herbart "Complicationen" genannt
-worden. Das Charakteristische derselben liegt darin, dass die
-Beschaffenheit des Inhalts des Verbundenen gleichgiltig, der Grund
-der Verbindung einzig die Gleichzeitigkeit oder Aufeinanderfolge
-des Verknüpften ist. Daraus folgt, dass auf diesem Wege eben so
-gut verwandte, als gänzlich disparate Bewusstseinsphänomene zur
-Verbindung gelangen, und nicht nur Heterogenes, sondern selbst
-Widersprechendes durch die blosse Thatsache der Gleichzeitigkeit oder
-der Succession zu einem (im letzteren Falle sogar widerspruchsvollen)
-Ganzen zusammengewürfelt und durch den Zwang der Ideenassociation
-zusammengeschweisst werden kann. So wenig der nur mechanisch
-zusammengesetzte physische Körper aus qualitativ gleichartigen
-Elementen, so wenig braucht die Complication aus solchen zu bestehen;
-so gewiss aber vom Standpunkt der quantitativen Atomistik aus der
-chemisch einfache Körper (z. B. das Sauerstoffatom), da derselbe nichts
-weiter als eine eigenartig geformte Gruppe primitiver physikalischer
-Atome ist, nichts anderes als ein blosses Aggregat sein kann,
-weil bei dessen Zusammensetzung die Qualität seiner Bestandtheile
-noch keine Rolle spielt, so gewiss kann die im Sinne der bisherigen
-Psychologie einfach genannte Empfindung (z. B. die Empfindung Roth
-oder Ton C), wenn dieselbe nichts weiter als eine eigenartige Gruppe
-primitiver Bewusstseinsacte (ictus) sein soll, nichts anderes sein,
-als eine Complication, weil bei derselben von einer Rücksicht auf
-qualitative Beschaffenheit ihrer primitiven Elemente keine Rede sein
-kann. Das Sauerstoffatom stellt in diesem Fall unter den möglichen
-Gruppirungen, welche physikalische Atome überhaupt einnehmen können,
-eine solche dar, welche thatsächlich gegeben und von der äusseren
-Erfahrung unter dem Namen des Sauerstoffes fixirt worden ist;
-eben so möchte die vermeintlich einfache Empfindung des Rothen eine
-Complication primitiver Bewusstseinsacte ausdrücken, welche unter den
-zahllosen möglichen Combinationen primitiver Bewusstseinselemente
-thatsächlich gegeben und von der inneren Erfahrung durch den Namen
-des Roth-Empfindens vor andern ihrer Gattung ausgezeichnet worden ist.
-
-345. Qualitativ verschiedene Empfindungen der Art (Farbenempfindungen
-wie Roth, Blau, Grün; Tonempfindungen wie Violinton g, h;
-Geruchsempfindungen wie Rosengeruch, Veilchengeruch etc.),
-welche selbst schon Complicationen primitiver Bewusstseinsacte
-sind, verhalten sich zu diesen letzteren, wie sich die qualitativ
-verschiedenen sogenannten einfachen chemischen Stoffe (Sauerstoffatom,
-Kohlenstoffatom) als Gruppen ursprünglicher Molecüle zu diesen
-letzteren selbst verhalten. Dieselben nehmen die nach den primitiven
-Bewusstseinsacten nächste Stufe unter den Bildungen des Bewusstseins,
-wie die chemischen einfachen Stoffe die nach den physikalischen
-Atomen nächste Stufe unter den Körperbildungen des Naturlebens ein
-und können, wie diese letzteren zu "Gemengen" einfacher Stoffe (wie
-die atmosphärische Luft ein solches von Sauerstoff und Stickstoff
-darstellt), so zu neuen Complicationen, sei es gleichartiger, sei es
-ungleichartiger Empfindungen sich verbinden. Wie aus der Verbindung
-chemisch gleichartiger Atome ein homogener Körper, so entsteht aus der
-Verbindung gleichartiger Empfindungen, z. B. durchgehends Empfindungen
-rothen Lichts, eine homogene, wie aus der Verbindung ungleichartiger
-Atome ein chemisches Stoffgemenge, so aus der Verknüpfung heterogener
-Empfindungen eine heterogene Complication. Complicationen dieser
-Art, die also eben so bereits fertige Empfindungen, wie diese
-letzteren primitive Bewusstseinsacte zur Voraussetzung haben, sind
-die sogenannten Anschauungen, die als solche entweder reine d. h. aus
-durchaus homogenen, oder gemischte d. i. aus heterogenen Empfindungen
-zusammengesetzt sind. Von jener Art ist die Anschauung des Rothen,
-von dieser die Anschauung z. B. des Goldes. Jene entsteht dadurch, dass
-vermöge der flächenförmigen Ausbreitung des Sehnervs als Netzhaut auf
-der Oberfläche des kugelförmigen Augapfels bei der Einwirkung rothen
-Lichts auf denselben niemals eine vereinzelte Empfindung des Rothen,
-sondern stets, da mehrere Punkte der Netzhaut zugleich von rothem
-Licht getroffen werden, eine Summe von Roth-Empfindungen d. h. eine
-durch Gleichzeitigkeit verknüpfte Complication unter einander homogener
-Empfindungen zum Vorschein kommen muss. Diese entsteht dadurch, dass
-mehrere unter einander verschiedene Sinne durch das angeschaute Object
-zugleich, jeder in seiner Weise, der Sehnerv z. B. durch den Glanz und
-die gelbe Farbe des Goldes, der Hörnerv durch dessen Metallklang, der
-Tastnerv durch dessen Glätte und Kälte u. s. w. in Erregung versetzt
-werden und so eine Gruppe heterogener Empfindungen gebildet wird, die
-unter einander durch Gleichzeitigkeit verknüpft und als Complication
-mit dem gemeinsamen Namen des Goldes belegt werden.
-
-346. Wie chemisch disparate Körperbestandtheile, die zu einander
-keinerlei Affinität besitzen und lediglich durch mechanischen Druck
-zusammengehalten werden, in ihrem Verbande beharren, aber auch nur so
-lange beharren, als jener währt, chemisch verwandte Körperbestandtheile
-aber in Folge dieser Verwandtschaft eine viel innigere, und zwar so
-weit gehende Verbindung unter einander eingehen, dass dieselbe nicht
-wieder auf mechanischem, sondern nur auf chemischem Wege in Folge
-stärkerer Verwandtschaft mit einem anderen Körper gelöst werden kann:
-so bleiben reine Anschauungen, deren Bestandtheile homogen, also
-dem Inhalt nach unter einander verwandt sind, auf dem Niveau einer
-durch blosse Gleichzeitigkeit verknüpften Complication nicht stehen,
-sondern gehen deren Elemente in Folge ihrer Homogeneität unter einander
-allmälig eine viel innigere Verbindung ein, während die gemischten
-Anschauungen, deren Elemente unter einander disparat d. h. dem Inhalt
-nach gegen einander indifferent sind, fortfahren, ausschliesslich
-durch das Band blosser Gleichzeitigkeit vereinigt zu sein. Jene
-innigere Verbindung homogener Empfindungen, welche im Gegensatz zu
-der durch Gleichzeitigkeit erzeugten, durch deren Gleichartigkeit
-hervorgebracht wird, ist von Herbart treffend "Verschmelzung" genannt
-und dadurch von der blossen Complication in ähnlicher Weise wie die
-chemische Verbindung von der mechanischen unterschieden worden. Das
-Charakteristische derselben liegt darin, dass sie wol auf Veranlassung
-des gleichzeitigen Vorhandenseins homogener Bewusstseinsvorgänge, aber
-nicht durch diese Gleichzeitigkeit entsteht d. h. dass die gleichzeitig
-gegebenen gleichartigen Empfindungen zwar nicht verschmelzen könnten,
-wenn sie nicht gleichzeitig wären, jedoch nicht verschmelzen, weil
-sie gleichzeitig, sondern weil sie gleichartig sind.
-
-347. Wie mit der Einführung des qualitativen Unterschieds der
-körperlichen Elemente ein neuer Gesichtspunkt in der Betrachtung
-der physischen Welt eröffnet und damit eine neue Stufe im Aufbau
-des Naturlebens erreicht wird, so treten mit der Berücksichtigung
-des qualitativen Unterschieds der Bewusstseinselemente nicht nur die
-einzelnen psychischen Bildungen, sondern auch deren Beziehungen zu,
-unter und auf einander in eine neue Beleuchtung. Wurden dieselben
-bis dahin nur auf die Thatsache hin angesehen, dass sie entweder
-gleichzeitig oder nach einander ins Bewusstsein eintraten und in
-Folge dessen, wie sie sonst immer beschaffen sein mochten, sich unter
-einander associiren mussten, so werden dieselben von nun an eben so
-ausschliesslich ihrer Verwandtschaft d. h. der ganzen oder theilweisen
-Identität oder dem Gegensatz ihres Inhalts nach ins Auge gefasst,
-in Folge deren sie, wenn sie einmal gleichzeitig oder successiv im
-Bewusstsein vorhanden sind, unvermeidlich mit einander in Contact
-treten müssen. Je nachdem jener Inhalt beschaffen, entweder ganz oder
-theilweise derselbe oder ein ganz oder theilweise entgegengesetzter
-ist, wird die Berührung der im Bewusstsein gleichzeitig vorhandenen
-Vorgänge, welche einander in Folge der atomistischen Beschaffenheit
-ihres gemeinsamen Trägers nicht auszuweichen vermögen, freundlich
-oder feindlich sein d. h. dieselben werden sich im ersten Fall unter
-einander verstärken d. h. mit einander verschmelzen, im zweiten Fall
-unter einander schwächen d. h. einander gegenseitig hemmen. Jener
-Vorgang entspricht der chemischen Anziehung zwischen qualitativ
-gleichen, dieser dem Kampf zwischen qualitativ ungleichen Körpern,
-von welchen der eine Bestandtheile enthält, welche zu dem andern
-eine grössere Verwandtschaft besitzen als zu ihm selbst d. h. zu
-ihm selbst im innerlichen Gegensatze stehen. Wie jene zu der
-Verschmelzung der gleichen Körper, so führt dieser zur Ausscheidung
-des Entgegengesetzten, worauf die zurückgebliebenen, nunmehr nicht
-mehr gegensätzlichen Bestandtheile sich mit einander vereinigen.
-
-348. Wie bei der Nichtberücksichtigung der qualitativen Beschaffenheit
-des zu Verknüpfenden eine Association auf Grund der Gleichzeitigkeit
-oder Succession, so findet bei Berücksichtigung derselben zwar
-gleichfalls Association, aber in Folge der Gleichartigkeit oder des
-Gegensatzes des zu Verknüpfenden statt. Zwar lässt sich die letztere
-auf die erstere zurückführen, insofern Bewusstseinsphänomene, die
-ihrem Inhalt nach identisch sind, als gleichzeitige deshalb sich
-ansehen lassen, weil, wenn ihr Inhalt einmal gegeben ist, derselbe in
-diesem Fall als der nämliche gegeben ist, welcher in allen folgenden
-Fällen wiederkehrt. Allein, da jede Wiederholung desselben Inhalts
-nichts desto weniger ein von der ursprünglichen Vorstellung desselben
-verschiedener Act des Bewusstseins, also in diesem Betracht ein neues
-Bewusstseinsphänomen und demnach mit jenem keineswegs gleichzeitig ist,
-so kann der Grund der Verbindung beider demungeachtet nicht in deren
-(nicht vorhandener) Gleichzeitigkeit, sondern muss in der (ganzen oder
-theilweisen) Identität ihres Inhalts gesucht werden. Die Association
-durch Gleichzeitigkeit, durch welche gleichsam "mechanische", und die
-Association durch Gleichartigkeit, durch welche gleichsam "chemische"
-Verbindungen zwischen Bewusstseinsvorgängen zu Stande kommen, ist
-daher wesentlich verschieden.
-
-349. Wie in der reinen Anschauung d. i. in der homogenen Complication
-homogene Empfindungen, so werden in dem durch Verschmelzung
-entstandenen Bewusstseinsgebilde homogene, sei es reine, sei es
-gemischte Anschauungen unter einander verbunden. Da dieselben homogen
-d. h. ihrem Inhalt nach gleichartig sind, so verstärken sie einander,
-so dass das neu entstehende Bewusstseinsgebilde in seiner Intensität
-die Intensitäten aller derjenigen Anschauungen vereint, aus deren
-Verschmelzung unter einander es erwachsen ist. Von dieser Art sind die
-sogenannten sinnlichen Vorstellungen, welche als solche kein primitives
-Bewusstseinsgebilde, sondern erst auf Grund und durch Verschmelzung
-zahlreicher einzelner, unter einander gleichartiger Anschauungen
-allmälig geworden sind. Auf diesem Wege sucht der sogenannte
-Anschauungsunterricht durch künstliche Veranstaltungen, welche
-die wiederholte Vorführung gleicher Anschauungen durch Vorzeigung
-des nämlichen Gegenstandes bezwecken, sinnliche Vorstellungen von
-bedeutender Intensität zu erzeugen. Dieselbe stellt daher gleichsam
-die Summe derjenigen homogenen Einzelanschauungen dar, aus denen sie
-erwachsen, oder welche vielmehr in ihr zu einem Ganzen verwachsen
-ist, zugleich aber auch einen Kern, durch dessen überlegen gewordene
-Intensität jede im Verlauf des Bewusstseinsprocesses in denselben
-eintretende homogene Anschauung herangezogen und mit welchem dieselbe
-sofort, denselben neuerdings verstärkend, verschmolzen wird. Da
-die Stärke auf diesem Wege gebildeter sinnlicher Vorstellungen mit
-der Menge der Anschauungen, welche deren Unterlage im Bewusstsein
-ausmachen, sich fortwährend steigert, so erklärt es sich, dass
-solche, die aus den Anschauungen der Umgebung (z. B. der Heimat),
-also aus den natürlicher Weise häufigsten entstanden sind, die
-relativ grösste Stärke besitzen müssen und daher im Bewusstsein
-am längsten und dauerhaftesten sich festsetzen, aber auch auf die
-weiteren ihrerseits aus sinnlichen Vorstellungen auf was immer für
-einem Wege abgeleiteten Bewusstseinsbildungen (z. B. Begriffe) den
-grössten Einfluss üben müssen.
-
-350. Wenn die sinnliche Vorstellung durch die Verschmelzung homogener
-Anschauungen entsteht, so leuchtet ein, dass, wenn diejenigen
-Anschauungen, welche die Unterlage einer gewissen sinnlichen
-Vorstellung ausmachen, zwar unter einander homogen, aber zugleich
-einem gewissen Kreise von Anschauungen, welcher seinerseits einer
-sinnlichen Vorstellung als Basis dient, heterogen sind, auch die
-durch die Verschmelzung der ersteren und die durch die Verschmelzung
-der letzteren entstehende sinnliche Vorstellung unter einander
-heterogen sein müssen. Dieselben werden je nach der Beschaffenheit
-der Anschauungskreise, aus welchen sie erwachsen sind, unter einander
-entweder gänzlich disparat, oder ihrer Heterogeneität ungeachtet mehr
-oder minder unter einander verwandt d. h. ihrem Inhalt nach theilweise
-identisch, theilweise entgegengesetzt d. h. zum Theil aus gleichen,
-zum Theil aus entgegengesetzten Elementen zusammengesetzt sein. Findet
-das erstere statt, so werden dieselben, wenn sie gleichzeitig oder
-nach einander im Bewusstsein vorhanden sind, sich zu einer Complication
-höherer Ordnung, d. i. zu einer solchen verbinden, deren Bestandtheile
-im Gegensatz zu den früher erwähnten niederer Gattung weder blosse
-primitive Bewusstseinsacte, noch Empfindungen oder Anschauungen,
-sondern selbst schon sinnliche Vorstellungen, also Gebilde höherer
-Art sind. In letzterem Falle dagegen werden dieselben unter
-einander, so gut es geht, sich zu verschmelzen trachten, wobei die
-identischen Bestandtheile in beiden die Verschmelzung begünstigen, die
-entgegengesetzten in beiden dagegen dieselbe mehr oder minder vereiteln
-werden. Dadurch wird ein Bewusstseinsgebilde zum Vorschein kommen,
-in welchem ein Theil völlig verschmolzen d. h. eins, der andere Theil
-dagegen der Verschmelzung widerstrebend d. h. in Spannung begriffen
-ist. Jener setzt sich aus den in sämmtlichen sinnlichen Vorstellungen,
-aus welchen das neue Gebilde erwachsen ist, identischen, dieser dagegen
-aus den in sämmtlichen obigen sinnlichen Vorstellungen von einander
-abweichenden d. h. sich unter einander ausschließenden Bestandtheilen
-zusammen; jener, der die Intensität sämmtlicher jenen sinnlichen
-Vorstellungen gemeinsamen Bestandtheile in sich vereinigt, besitzt
-eine vergleichsweise überlegene, die widerstrebenden Bestandtheile
-gleichsam "wider Willen" festhaltende Kraft; dieser, dessen einzelne
-Bestandtheile sich unter einander ausschliessen d. h. trennen
-möchten, aber nicht können, weil sie mit den identischen zu einem
-Ganzen vereinigt sind, stellt einen Zustand in sich gespannter,
-einander gegenseitig hemmender, aber nicht vernichtender, relativ
-schwacher Kräfte dar, welche gegenüber der gesammelten Intensität der
-in dem bleibenden Bestandtheil verschmolzenen identischen Elemente
-gleichsam verschwinden. Das so entstandene Bewusstseinsgebilde, das
-zu seinem Inhalt die sämmtlichen sinnlichen, unter einander verwandten
-Vorstellungen, aus denen es entstanden ist, gemeinsamen Bestandtheile,
-zu seinem Umfang d. i. zu seiner Grundlage im Bewusstsein aber die
-Summe dieser sinnlichen Vorstellungen, aus denen es entstanden ist,
-selbst hat, ist das sogenannte Gemeinbild oder im psychologischen
-Sinne der Begriff.
-
-351. Derselbe kommt als psychisches mit dem belebten Naturkörper
-als physischem Gebilde insofern überein, als er, wie dieser, einen
-bleibenden unveränderlichen und einen veränderlichen, wechselnden
-Bestandtheil in sich schliesst. Vermöge des ersteren bleibt das
-Gemeinbild: Baum, das aus den sinnlichen Vorstellungen Birke, Buche,
-Tanne, Apfelbaum, Palme u. s. w. durch Verschmelzung der diesen allen
-gemeinsamen Bestandtheile entstanden ist, immer dasselbe, während
-die Merkmale, welche der Birke oder der Buche eigenthümlich sind,
-beliebig mit einander vertauscht werden und so das Gemeinbild bald
-in das Bild einer Birke, bald in das einer Buche u. s. w. verändern
-können. Letztere, die sinnlichen Vorstellungen Birke, Buche, Fichte
-u. s. w. machen den Umfang, die ihnen allen gemeinsamen Merkmale den
-Inhalt des Begriffs Baum aus. Dieser als identischer Vereinigungspunkt
-des dem ganzen Umfang Gemeinsamen stellt gleichsam "die Seele"
-dieses ganzen Kreises von Vorstellungen dar, in welchen derselbe
-als allen gemeinsamer Bestandtheil erscheint. Mit der sinnlichen
-Vorstellung hat der Begriff als psychisches Gebilde gemein, dass
-er wie diese durch Verschmelzung homogener Elemente entstanden
-ist. Er unterscheidet sich aber von ihr durch den Umstand, dass die
-Anschauungen, aus welchen die sinnliche Vorstellung erwächst, keine
-andern als durchaus homogene Elemente in sich schliessen, während die
-sinnlichen Vorstellungen, aus welchen der Begriff erwächst, neben den
-homogenen d. i. in allen identischen Bestandtheilen, die im Begriff mit
-einander verschmelzen, noch heterogene ja einander entgegengesetzte
-Bestandtheile in sich schliessen, die im Begriff einander hemmen und
-gegenseitig in Spannung versetzen. So hat die Vorstellung Birke mit
-der Vorstellung Tanne alle diejenigen Merkmale gemein, die der Begriff
-Baum enthält, aber in jener ist zugleich das Merkmal des belaubten,
-in dieser das des Nadeln tragenden Baumes enthalten, die sich unter
-einander ausschliessen. Da sich nun niemals vorhersagen lässt, ob
-nicht künftig ins Bewusstsein eintretende Anschauungen sinnliche
-Vorstellungen herbeiführen werden, welche zwar unter denselben
-bereits vorhandenen Begriff fallen, aber zugleich Elemente in sich
-schliessen, welche mit jenen aller bisherigen sinnlichen Vorstellungen
-des Umfangs jenes Begriffs im Widerspruch stehen, so muss der Umfang
-des Gemeinbildes und dadurch dieses selbst ein gewisses Schwanken
-zeigen, von welchem die sinnliche Vorstellung, die nichts anderes
-als die Verschmelzung sämmtlicher ihr zu Grunde liegenden homogenen
-Anschauungen zu einem einzigen Ganzen ist, sich frei erhält. Je
-nachdem der Zusammenhang des Begriffs mit den Vorstellungen, aus
-denen er stammt, mehr oder minder lose d. h. entweder ein solcher
-ist, bei welchem die gemeinsamen Bestandtheile von den sich unter
-einander ausschliessenden sich noch nicht so weit losgemacht haben,
-dass nicht mit dem Vorstellen der ersteren zugleich eines oder einige
-der letzteren (mit Ausschluss der übrigen) vorgestellt würden,
-während im anderen Falle die Verbindung zwischen den gemeinsamen
-und den individuellen Bestandtheilen bereits so weit gelockert ist,
-dass die ersteren rein und ohne Begleitung eines oder mehrerer der
-letzteren vorgestellt werden, scheiden sich die Begriffe als psychische
-Gebilde in eine niedere und eine höhere Ordnung, welche zugleich an
-die entsprechende der organischen Körperwelt erinnern. Im ersten Fall,
-so lange das Gemeinbild nicht rein, sondern jedesmal unter Begleitung
-eines oder mehrerer Merkmale, die nicht dem ganzen Umfang, sondern
-nur einem Theile desselben eigen sind, vorgestellt wird (z. B. der
-Baum nur als belaubt, während es doch auch Coniferen gibt, oder nur
-als ästig, während es doch auch astlose Bäume wie die Palmen gibt),
-erscheint dasselbe gleichsam wie die Pflanze an den Boden, aus dem
-es erwachsen ist d. i. an die sinnlichen Vorstellungen geheftet,
-die dessen Unterlage im Bewusstsein bilden, ohne sich von der
-"Scholle" losmachen und frei (wie das Thier in seinen Bewegungen)
-über die sinnlich anschauliche Basis, in welcher es seine Wurzel hat,
-erheben zu können. Auf dieser Stufe wird z. B. das Dreieck, weil es
-aus den Vorstellungen eines recht-, stumpf- oder spitzwinkeligen,
-eines gleichseitigen, gleichschenkligen oder ungleichseitigen, eines
-ebenen oder sphärischen Dreiecks erwachsen ist, jedesmal unter dem
-Bilde eines von diesen d. h. es wird entweder als spitzwinklig oder
-als rechtwinklig, als gleichseitig oder als ungleichseitig, niemals
-aber als keines von diesen d. i. rein als Dreieck (in abstracto)
-vorgestellt. Die Eierschale der sinnlichen Vorstellungen, aus
-denen es erwachsen ist, klebt dem aus dem Ei geschlüpften Küchlein
-des psychischen Begriffs in diesem Stadium der psychologischen
-Entwickelung gleichsam noch auf dem Rücken an. Dasselbe erhält sich
-um so länger, je kleiner und homogener der Kreis der sinnlichen
-Vorstellungen ist, aus welchen das Gemeinbild seine Nahrungssäfte
-zieht. Denn je gleichartiger die sinnlichen Vorstellungen unter
-einander d. h. je geringer an Zahl und Intensität die unter einander
-entgegengesetzten Bestandtheile derselben sind, desto weniger hemmen
-und verdunkeln sich dieselben unter einander; desto weniger wird der
-Zusammenhang zwischen den identischen und den particulären Merkmalen
-d. i. zwischen dem Begriff und seinem Umfang aufgehoben, und desto
-leichter werden mit den gemeinsamen auch eines oder einige besondere
-Merkmale d. h. wird das Gemeinbild selbst in einer besonderen Färbung
-(in concreto) vorgestellt. Je reicher und mannigfaltiger dagegen
-der Umkreis der sinnlichen Vorstellungen wird, um desto grössere
-Gegensätze finden zwischen den letzteren statt, um so mehr löschen die
-einander entgegengesetzten Merkmale sich unter einander völlig aus,
-um desto mehr wird der Zusammenhang zwischen den allen gemeinsamen
-und den individuell besonderen Merkmalen gelockert, um desto weniger
-tritt eine Nöthigung ein, im Gemeinbilde nebst den gemeinsamen
-auch noch eines oder einige nur particuläre Merkmale vorzustellen,
-um desto mehr löst sich das Gemeinbild als ein abstractes von der
-ihm zu Grunde liegenden Vorstellungsunterlage im Bewusstsein ab und
-schwebt als ein auf dieser zwar erwachsenes, aber nicht mehr mit ihr
-verwachsenes Gebilde frei über der Sphäre concreter Vorstellungen. Erst
-das auf diese Stufe der Entwickelung erhobene Gemeinbild ist wahres
-Allgemeinbild d. h. stellt nicht blos eines, einige oder viele Theile
-des Umfangs, sondern im eminenten Sinn den ganzen Umfang vor und kann,
-statt wie bisher an einem Theile desselben mit Ausschluss des übrigen
-zu haften, über alle Theile desselben ohne Ausnahme frei hin und her
-sich bewegen. Das so geläuterte Gemeinbild ist wirklich Begriff, denn
-es begreift sämmtliche Glieder seines Umfangs unter sich, zugleich in
-dieser abstracten Reinheit aber auch ein blosses "Ideal", dem sich das
-wirklich vorhandene Gemeinbild zwar zu nähern, welches dasselbe jedoch
-niemals vollkommen zu erreichen vermag, weil der Zusammenhang zwischen
-den gemeinsamen und zum Begriff verschmolzenen und den individuellen,
-den sinnlichen Vorstellungen angehörigen Merkmalen zwar vermindert,
-aber niemals zerrissen werden kann und daher der thatsächliche Begriff
-eine, wenn auch noch so leichte Färbung auf Grund seines Ursprungs
-immer an sich tragen muss. Letzteres ist um so weniger zu verwundern,
-als ja auch der thierische Organismus, seiner, mit der Sesshaftigkeit
-der Pflanze verglichen, frei erscheinenden Beweglichkeit ungeachtet,
-dem Boden seiner Heimat und den Bedingungen seiner Geburt verhaftet
-bleibt und sich fremden Himmelsstrichen entweder gar nicht, oder nur
-höchst allmälig durch Acclimatisation einverleibt.
-
-352. Die höchste Stufe erreicht der Begriff, wenn er sich selbst
-begreift d. h. wenn er das auf dem Grunde der sinnlichen Vorstellungen
-erwachsene Gemeinbild sich selbst vorstellt. Dieses geschieht, wenn
-das im Bewusstsein vorhandene Gemeinbild jedes andere in demselben
-Bewusstsein auftauchende homogene, psychische Gebilde in Folge dieser
-seiner Homogeneität als gleichartig erkennt, vermöge seiner überlegenen
-Intensität an sich zieht und mit sich selbst verschmelzt. Dasjenige
-Gebilde, von welchem die Verschmelzung ausgeht (das thätige), spielt
-dabei die herrschende, dasjenige, welches mit demselben verschmolzen
-wird, das leidende, die unterthänige Rolle. Jenes erscheint als
-das überlegene, das sich des anderen bemächtigt; gleichsam als
-der Krystallisationspunkt, an welchen das andere anschliesst, oder
-als der Organismus, welchem das andere zur Nahrung dient. Wie der
-thierische Organismus den pflanzlichen (die vegetabilische Nahrung)
-sich assimilirt, so wird von dem mächtigeren psychischen Gebilde das
-ihm homogene schwächere appercipirt d. h. nicht blos als vorhanden
-wahrgenommen (percipirt), sondern als verwandt d. h. ihm zugehörig
-erkannt und als das seinige in Besitz genommen (appercipirt). Hat
-sich einmal der Begriff Baum im Bewusstsein festgesetzt, so reisst
-derselbe jede später in dasselbe eintretende homogene Erscheinung
-d. i. jede künftige Wahrnehmung irgend eines Baumes sofort als
-ihm zugehörig an sich und fügt sie als ihm Gleichartiges zu sich
-als bereits vorhandenem psychischem Gebilde hinzu, welches dadurch
-naturgemäss zu immer grösserer Stärke und dem entsprechender Macht
-im Bewusstsein anwachsen muss.
-
-353. Psychische Bildungen dieser letzten Art, welche nicht mehr weder
-zunächst noch entfernt blosse Perceptionen d. h. wie die primitiven
-Bewusstseinsacte durch extensive (äussere) veranlasste intensive
-(innere) Zustände oder, wie die Anschauungen, sinnlichen Vorstellungen,
-niederen und höheren Gemeinbilder aus jenen durch Complication oder
-durch Verschmelzung entstanden, sondern Apperceptionen d. h. andere
-ihresgleichen beherrschende Phänomene sind, lassen sich als im
-Bewusstsein vertheilte Centralmassen betrachten, deren jede zahlreichen
-andern zum Mittel-, Sammel- und Vereinigungspunkte dient. Da die Macht
-derselben über andere ihresgleichen von ihrer eigenen, relativ diesen
-überlegenen Intensität abhängt, indem jede Vorstellungsmasse eine ihr
-ähnliche desto leichter sich aneignen wird, je stärker sie selbst
-und je schwächer die letztere ist, so ist es klar, dass diejenige,
-welche durch die Umstände begünstigt, nothwendig von allen die stärkste
-werden, zugleich die stärkste Anziehungskraft erlangen und schliesslich
-die übrigen alle oder doch fast alle sich aneignen muss. Eine solche
-aber ist diejenige Vorstellungsmasse, welche sich auf den Vorstellenden
-d. i. auf den Träger des Bewusstseins selbst bezieht und deshalb
-als "Ich" bezeichnet wird. Während z. B. die Vorstellung des Baumes
-nur dann im Bewusstsein vorhanden sein kann, wenn die Anschauungen,
-aus welchen dieselbe erwächst, wirklich in das Bewusstsein jemals
-eingetreten sind, und demnach jenem nothwendig fehlen muss, dem jene
-Anschauungen mangeln (eben so wie dem Blinden die Farben, dem Tauben
-die Töne u. s. w.), kann eine auf sich selbst bezügliche Vorstellung
-dem Vorstellenden niemals abgehen, weil die Anschauungen, auf deren
-Grund dieselbe erwächst (zunächst die Empfindungen des eigenen
-Leibes) demselben nie fehlen können; und dieselbe muss nothwendig
-unter allen übrigen die relativ höchste Intensität erreichen, weil
-die Veranlassungen zu derselben mit jenen aller andern Vorstellungen
-verglichen die häufigsten und, wie der eigene Leib, dem Bewusstsein
-beinahe ununterbrochen gegenwärtig sind. Zwar durchläuft dieselbe
-als psychisches Gebilde eine Reihe von Entwickelungsstadien, in
-deren Verfolge sich dieselbe immer mehr von überflüssigen d. h. zur
-reinen Ich-Vorstellung wesentlich nicht erforderlichen Bestandtheilen
-befreit und aus einer Vorstellungsmasse, welche zunächst aus den
-Vorstellungen des eigenen Leibes und seiner Bestandtheile besteht,
-allmälig zu jener des reinen Sichselbstwissens im Selbstbewusstsein
-hinauf läutert; allein ihre bevorzugte Stellung und in deren Folge
-ihre appercipirende Macht über die übrigen Bildungen im Bewusstsein
-bleibt immer dieselbe und bewirkt, dass zuletzt nur dasjenige als im
-Bewusstsein wirklich vorhanden angesehen wird, was, weil vorhanden,
-durch das Ich appercipirt und als das Seinige angeeignet worden ist.
-
-354. In dieser appercipirenden Macht, welche die Ich-Vorstellung
-über die Gebilde des Bewusstseins im weitesten Umfange ausübt,
-liegt der Grund, weshalb der sich selbst begreifende Begriff
-d. i. das zur appercipirenden Vorstellungsmasse gewordene Gemeinbild
-"Ich-ähnliche" Vorstellung genannt werden kann. Derselbe kann,
-während er für die Vorstellungen seines Kreises im Bewusstsein
-das Centrum bildet, seinerseits von der Ich-Vorstellung, welche
-das Centrum des individuellen Bewusstseins ausmacht, als zu ihrem
-Kreise gehörig appercipirt werden. Jeder derselben lässt sich mit
-einem jener kleineren Centralkörper, im Weltraum vergleichen, welcher
-seinerseits wieder einem grösseren ein ganzes Weltsystem beherrschenden
-Centralkörper unter- und in dessen Umkreis eingeordnet ist. So wenig
-die Abhängigkeit von diesem die relative Selbstständigkeit jenes ersten
-anderen gegenüber, so wenig schliesst die Apperception des zum Begriff
-gewordenen Gemeinbilds durch das Ich die Fähigkeit des ersteren aus,
-seinerseits zu seinem Kreise gehörige Vorstellungen als die seinigen
-zu appercipiren. Wie die Ich-Vorstellung den appercipirenden Begriff
-im Grossen, so stellt jeder für sich ein Ich im Kleinen dar und öffnet
-dadurch die Möglichkeit, unabhängig vom Ich als ein solches für sich
-d. h. als ein anderes Ich im Bewusstsein sich geltend zu machen.
-
-355. Abnorme Erscheinungen des Bewusstseinslebens, in welchen neben
-der herrschenden Ich-Vorstellung eine zweite deren Rolle usurpirende
-Vorstellungsmasse ihrerseits einen Theil des Bewusstseinsinhalts an
-sich reisst, so dass in Folge dessen, wie etwa in einem und demselben
-Weltsystem zwei Centralkörper, so in einem und demselben Bewusstsein
-zweierlei Ich sich in die Herrschaft über dasselbe getheilt zu haben
-scheinen, lassen sich auf die übermächtig gewordene Apperception
-solcher "Neben-Iche" zurückführen. In dem Geisteskranken, der sich in
-seinem Delirium für Gott Vater hält und als solcher beträgt, während
-er in den sogenannten lichten Zwischenräumen bei gutem Verstande
-ist und seinem eigentlichen Ich gemäss denkt, will und handelt, ist
-jene fixe Idee zum ichartigen Mittelpunkt geworden, um welchen herum
-der mit demselben harmonirende Theil des Bewusstseinsinhalts sich
-krystallisirt, während der mit ihm disharmonirende von demselben
-abgestossen wird. Folge davon ist, dass der Kranke während seiner
-gesunden Momente von dem, was er während seines "Aussersichseins"
-geredet und gethan, kein Bewusstsein haben kann, da die betreffenden
-Bewusstseinsphänomene nicht von seiner d. i. von der Ich-Vorstellung
-seines gesunden Bewusstseinslebens, sondern von einer dieser fremden,
-wenngleich innerhalb desselben "Bewusstseinsraums" befindlichen,
-ihrerseits als Ich-Vorstellung fungirenden Vorstellungsmasse
-appercipirt worden sind. Folge aber auch, dass ein solcher Kranker
-von der Haltlosigkeit seiner Selbsttäuschung niemals überzeugt werden
-kann, da ja derjenige, der Ueberzeugungsgründen zugänglich ist, mit
-demjenigen, welcher derselben bedarf, zwar real d. i. insofern deren
-beiderseitigem Bewusstsein derselbe atomistische Träger zu Grunde
-liegt, identisch, dem Bewusstsein d. h. dem von einer und derselben
-Ich-Vorstellung appercipirten Umkreis psychischer Vorgänge nach aber
-von demselben gänzlich verschieden ist.
-
-356. Mit dem Erwachen und allmäligen Heranwachsen der Ich-Vorstellung,
-welches nicht mit dem Erwachen des Bewusstseins d. h. mit dem
-Auftauchen psychischer Vorgänge zu verwechseln ist, tritt in der
-Entwicklungsgeschichte des psychischen Lebens ein Wendepunkt ein. Das
-neugeborne Kind hat ein Bewusstsein d. h. in demselben finden nicht
-nur primitive Bewusstseinsacte, sondern bereits aus solchen durch
-Complication und Verschmelzung sich bildende Empfindungen, Anschauungen
-und sinnliche Vorstellungen, aber es hat keine Ich-Vorstellung und
-in Folge dessen findet keine Apperception der in ihm vorgehenden
-Bewusstseinsacte als der seinigen statt. Wie die Processe in
-der Körperwelt des Weltraums vor dem Auftreten des Menschen zwar
-gesetzmässig ihren Verlauf nahmen, aber weder als solche gewusst, noch
-von irgend einem Wesen als zu ihm in irgend einem Verhältniss stehend
-auf sich bezogen werden, so wickeln sich die Processe im Bewusstsein
-vor dem Auftreten der Ich-Vorstellung in diesem zwar gesetz- und
-regelmässig ab, ohne jedoch als solche gewusst und von irgend einer
-auf den Träger des Bewusstseins bezüglichen Vorstellungsmasse als die
-ihrigen angeeignet zu werden. Während der leblose Naturkörper den
-ihn bewegenden Impulsen der Naturkräfte Widerstand und bewusstlos
-Folge leistet, ist es für den belebten Naturkörper, sobald er
-sich, wie im Menschen, nicht blos zur Vorstellung, sondern zur
-Vorstellung seiner selbst erhoben hat, charakteristisch, dass er das
-Vorgestellte, die ihn umgebende Körperwelt, in ein Verhältniss zu
-sich, dem dieselben und sich selbst vorstellenden Wesen setzt und
-nicht blos als daseiend, sondern als um seinetwillen und für ihn
-daseiend d. h. als sein "Eigenthum" betrachtet, Sonne und Mond als
-bestimmt, ihm zu leuchten, Früchte und Thiere als bestimmt, ihn zu
-nähren und zu kleiden, sich selbst als den Ziel- und Endpunkt des
-gesammten sichtbaren Weltalls ansieht. In der Entwicklungsgeschichte
-des Bewusstseins stellt der vor dem Erwachen und Mächtigwerden der
-Ich-Vorstellung ablaufende Zeitraum gleichsam die vorgeschichtliche
-(wie in der Entwicklungsgeschichte des Weltalls die vormenschliche)
-Periode dar; innerhalb desselben sind zwar Bewusstseinsphänomene
-verschiedenster Art (Vorstellungen, Gefühle, Begierden und Wünsche)
-bereits vorhanden, aber erst mit dem Auftreten der Ich-Vorstellung in
-ihrer Mitte werden sie von der letzteren als um ihretwillen vorhanden,
-als zu ihr in Beziehung stehend und ihr zugehörig angesehen und dadurch
-aus "unbewussten" d. h. von keinem Ich als die seinigen gewussten zu
-"bewussten" d. h. zu nicht nur im Bewusstsein vorhandenen, sondern
-auch von dem Ich dieses Bewusstseins als vorhanden gewussten und
-als die seinigen anerkannten Bewusstseinsacten erhoben. Wie jener
-Zeitraum, in welchem nur unbewusste Phänomene im Bewusstsein vor
-sich gehen, gleichsam die Nachtseite, so macht derjenige, innerhalb
-dessen nach dem Erwachen und Mächtigwerden der Ich-Vorstellung auch
-bewusste psychische Zustände, und zwar in immer steigender Menge
-auftreten, die Tagseite des psychischen Lebens aus. Letztere kann
-durch vorübergehendes Erlöschen der Ich-Vorstellung (wie es z. B. in
-der Ohnmacht, im Affect, im Delirium und periodisch wiederkehrend im
-Schlafe stattfindet) eben so vorübergehende Unterbrechungen (gleichsam
-Rückfälle in die Nacht des unbewussten Daseins), aber nur mit dem
-bleibenden Aufhören der Ich-Vorstellung ein bleibendes Ende erfahren.
-
-357. Wie die elementaren Bewusstseinsacte, so üben die durch
-Complication oder Verschmelzung aus denselben entstandenen
-Bewusstseinsgebilde höherer Ordnung, durch die Einheit des
-atomistischen Trägers gezwungen, der kein Ausweichen gestattet,
-gegenseitig Wirkungen auf einander aus. Jene vereinigen sich zu einer
-Complication, wenn sie gleichzeitig oder succedirend, verschmelzen
-mit einander, wenn sie dem Inhalt nach gleichartig sind. Letzterer
-Act geht ohne Aufenthalt und widerstandslos vor sich, wenn die zu
-verschmelzenden dem Inhalt nach identisch, dagegen zögernd und erst
-nach vorausgegangenem Sichsträuben, wenn dieselben dem Inhalt nach
-entgegengesetzt sind. In ersterem Falle verstärken, im zweiten Falle
-schwächen die mit einander verschmelzenden Bewusstseinsacte einander,
-indem in jenem Fall die Intensität des einen zu der Intensität des mit
-ihm identischen andern einfach hinzugefügt, dagegen im zweiten Fall
-ein Theil der Intensität des einen durch einen Theil der Intensität
-des andern "gebunden" und dadurch sowol der gebundene Theil der
-Intensität des einen, wie der ihn bindende Theil der Intensität des
-anderen unwirksam gemacht, folglich die ursprüngliche Intensität
-beider um diesen beziehungsweisen Bruchtheil vermindert wird. Der auf
-diese Weise an Intensität gewachsene Bewusstseinsact ist, bildlich
-gesprochen, heller, diejenigen, deren Intensität abgenommen hat,
-sind beziehungsweise dunkler geworden, als sie vorher waren; der
-Inhalt derselben aber ist derselbe geblieben. Geht die Verdunkelung
-so weit d. h. hat die Intensität eines Bewusstseinsactes so sehr
-abgenommen, dass die Gegenwart desselben im Bewusstsein unmerklich
-wird (in ähnlichem Sinn, wie ein gleichwol vorhandener Lichtreiz
-für die Netzhaut, ein vorhandener Schallreiz für den Gehörsnerv
-unmerklich werden kann), so hat der Act die äusserste Grenze im
-Bewusstsein, die sogenannte "Schwelle des Bewusstseins" (wie der
-Licht- und Schallreiz die Reizschwelle) erreicht; sinkt sie noch
-tiefer herab, letztere überschritten. Das sogenannte Vergessene
-ist diesem Grade der Verdunkelung anheimgefallen, indem dasselbe,
-da nichts, was einmal geschah, ungeschehen gemacht werden kann,
-zwar ("als Spur") nach wie vor im Bewusstsein vorhanden, aber, weil
-unmerklich geworden, seiner Wirksamkeit nach so gut wie nicht vorhanden
-ist und sich von dem im Bewusstsein wirklich nicht vorhandenen, weil
-niemals vorhanden gewesenen, nur dadurch unterscheidet, dass es unter
-günstigen Umständen wieder hell zu werden d. h. sich im Bewusstsein
-wieder bemerklich zu machen vermag. Geschieht letzteres, so heisst
-der Bewusstseinsact ein erneuerter (z. B. die schon vergessen
-gewesene Vorstellung eine Erinnerung), kein neuer, weil es der
-frühere "latent" gewordene Zustand ist, welcher neuerdings "patent"
-d. i. als wirksamer auftritt. Bewusstseinsacte dieser Art werden
-im Gegensatz zu den ursprünglichen auf Veranlassung äusserer Reize
-erzeugten (producirten) wiedererzeugte (reproducirte) genannt und,
-je nachdem sie den ursprünglichen ganz oder nur zum Theile gleichen,
-als unverändert (Gedächtnissacte) oder als verändert reproducirte
-(Phantasieacte) unterschieden. Die Reproduction selbst erfolgt entweder
-mit oder ohne Hilfe von Seite anderer Bewusstseinsacte; in letzterem
-Fall erhellt sich der verdunkelt gewesene Bewusstseinsact gleichsam
-von selbst, sobald und weil die bisherige Ursache seiner Verdunkelung
-(z. B. der von Seite eines dem Inhalt nach entgegengesetzten Acts
-ausgeübte Druck) aufgehört hat zu wirken; in ersterem Falle wird
-der unter die Schwelle herabgedrückte Bewusstseinsact durch einen
-andern über derselben befindlichen, welcher mit jenem, sei es durch
-Gleichzeitigkeit oder Succession, associirt oder durch Gleichartigkeit
-des Inhalts verwandt ist, wieder emporgezogen. Unmittelbar reproducirte
-Vorstellungen, welche nach Herbart "freisteigende" heissen, machen,
-wenn sie während des Schlafes auftreten, als Träume, wenn sie mitten
-unter heterogenen Vorstellungskreisen im Wachen auftauchen, als
-sogenannte Einfälle sich geltend, die, wenn sie dem Inhalt nach
-als besonders überraschend oder glücklich erscheinen, wol auch
-für "Eingebungen" (Inspirationen) gehalten zu werden, Veranlassung
-geben. Mittelbar reproducirte Vorstellungen bilden, wenn sie zugleich
-unverändert reproducirte sind, die Grundlage des auf Gedächtniss
-und Ueberlieferung beruhenden sogenannten historischen Wissens; wenn
-sie zugleich zum Theil verändert reproducirte sind, das wirksamste
-Hilfsmittel eines nicht nur das vorhandene Vorstellungsmaterial frei
-umformenden (dichtenden), sondern jede erregte Vorstellung durch
-eine Fülle begleitender Vorstellungen bereichernden und dadurch die
-gesammte Vorstellungsthätigkeit belebenden (phantasievollen) Schaffens.
-
-358. Wie die Wirksamkeit der Körper im physischen, so ist die
-Wirksamkeit der durch Complication oder Verschmelzung entstandenen
-Vorstellungsmassen im psychischen Leben auf einander dreifacher
-Art. Dieselbe erfolgt nach Art der mechanischen Wirksamkeit zwischen
-Körpern, wenn die vorhandenen Vorstellungsmassen ohne Rücksicht
-auf die Beschaffenheit ihres Inhalts lediglich auf Grund einer
-äusseren Veranlassung mit einander verbunden oder von einander
-getrennt werden; dagegen nach Art der chemischen Wirksamkeit zwischen
-Körpern, wenn dieselben mit Rücksicht und in Folge der Beschaffenheit
-ihres Inhalts mit einander verknüpft oder getrennt werden, endlich
-nach Art der organischen Wechselwirkung zwischen den Körpern, wenn
-durch zwei oder mehrere Bewusstseinsgebilde mit Rücksicht auf deren
-Inhaltsbeschaffenheit ein neues hervorgebracht wird. Erstere Art
-der Wirksamkeit findet bei der durch blosse Gleichzeitigkeit oder
-Aufeinanderfolge veranlassten Vereinigung gewisser Vorstellungen zu
-Begriffen, eben solcher Begriffe als Subjects- und Prädicatsbegriff
-zu Urtheilen, eben solcher Urtheile als Prämissen und Schlusssatz
-zu Schlüssen statt. Da dieselbe nicht durch den Inhalt des zu
-Verknüpfenden, sondern lediglich durch die Thatsache bedingt wird, dass
-das zu Verknüpfende gleichzeitig oder nach einander im Bewusstsein
-erlebt, also erfahren wurde, so wird um der empirischen Natur des
-Grundes der Verknüpfung halber die vollzogene Verknüpfung selbst eine
-empirische und werden die durch eine solche zu Stande gekommenen
-Begriffe, Urtheile und Schlüsse deshalb empirische genannt. Die
-zweite Art der Wirksamkeit findet bei der durch Homogeneität bewirkten
-Verschmelzung gewisser Anschauungen zu sinnlichen Vorstellungen, so
-wie der durch Verschmelzung der identischen Bestandtheile gewisser
-Vorstellungen verursachten Entstehung von Begriffen, endlich bei
-der mit Rücksicht auf den Inhalt herbeigeführten Vereinigung bisher
-getrennt gewesener, aber zusammengehöriger Begriffe als Subjects- und
-Prädicatsbegriff im bejahenden, so wie durch Trennung bisher verbunden
-gewesener, aber nicht zusammengehöriger Begriffe im verneinenden
-Urtheil statt. Die dritte Art der Wirksamkeit aber zeigt sich,
-wenn, wie z. B. im einfachen oder zusammengesetzten Syllogismus,
-aus zwei (oder mehreren dem Inhalte nach verwandten d. i. theilweise
-identischen, theilweise entgegengesetzten) Urtheilen (major, minor) ein
-neues, dem Inhalte nach mit keinem der Vordersätze für sich, aber mit
-allen zusammengenommen (wie die Folge mit der Summe ihrer Theilgründe)
-identisches Urtheil erzeugt wird. Letztere beiden Arten der Wirksamkeit
-werden zusammengenommen im Gegensatz zu der ersten, da dieselbe mit
-Rücksicht, die erste dagegen ohne Rücksicht auf den Inhalt erfolgt,
-um der logischen Natur des Grundes der Verknüpfung willen logische und
-die auf diesem Wege zu Stande kommenden Bewusstseinsgebilde logische
-Begriffe, logische Urtheile und logische Schlüsse genannt. Während die
-erste den durch Erfahrung gegebenen Stoff in Folge der Gleichzeitigkeit
-oder der Aufeinanderfolge desselben zu einem Ganzen verknüpft,
-welches als solches ein blosses Aggregat des Erfahrenen d. h. eine
-durch Wiederholung sich stets vermehrende Häufung einzelner Erfahrungen
-ausmacht, verfährt die zweite Art der Wirksamkeit dem durch Erfahrung
-gegebenen Bewusstseinsinhalt gegenüber kritisch (sichtend), indem
-sie dasselbe mit Rücksicht auf dessen Inhalt prüft, das Verwandte
-verbindet, das Verträgliche duldet, das Unverträgliche ausscheidet, die
-dritte Art der Wirksamkeit aber begründend (constructiv), indem sie auf
-Grund der im gegebenen Bewusstseinsmaterial gegebenen Bedingungen in
-jenem nicht Gegebenes, aber durch diese Bedingtes folgert d. h. aus dem
-Vorhandenen Nichtvorhandenes, aus dem Alten Neues erzeugt. Ersteres,
-das rein empirische Verfahren, aus dem die sogenannte "Praxis" im Leben
-und der "Empirismus" in der Wissenschaft sich entwickeln, kann auch
-als "Juxtaposition" d. i. als Nebeneinanderreihung von Thatsachen,
-das zweite als "Analyse", aus der die sogenannte Verstandesthätigkeit
-im Leben und die zersetzende Kritik in der Wissenschaft hervorgeht,
-die dritte als "Synthese", auf welcher die sogenannte Vernünftigkeit
-im Leben und die aufbauende Deduction in der Wissenschaft beruht,
-bezeichnet und je nach dem Vorherrschen der einen oder der andern
-das individuelle Bewusstseinsleben als überwiegend empirisches
-(mechanisches), verständiges (auflösendes) oder vernünftiges
-(organisches) benannt werden. Sowol durch das empirische wie durch
-das analytische Verfahren werden zwar nicht dem Stoff, aber doch der
-Form nach neue Bewusstseinsbildungen, durch das organische werden
-anstatt und auf Grund alter Bewusstseinsbildungen neue, denselben
-gleichartige wiedererzeugt. Wie durch das Summirung vorangegangener
-Bewusstseinsacte ein neuer entsteht, der eben nur die Summe der
-früheren ist (z. B. das copulative Urtheil als Summe der copulirten
-Urtheile; der auf vollständiger Induction ruhende Schlusssatz als
-Summe der vollständig aufgezählten Prämissen), so kommen durch die
-Verbindung des Zusammengehörigen aber Getrenntgewesenen, und durch
-die Trennung des Nichtzusammengehörigen aber Verknüpftgewesenen
-neue Bewusstseinsgebilde zu Stande, die von den früheren nicht
-dem Stoff, aber der Form nach verschieden sind (z. B. das Urtheil:
-die Erde bewegt sich um die Sonne, durch die Auflösung des früheren
-Urtheils: die Sonne bewegt sich um die Erde). In beiden Fällen bestehen
-diejenigen Bewusstseinsbildungen, aus welchen die neue entstanden ist,
-neben dieser in der Weise fort, dass dieselben im ersten Fall Theile
-der neu entstandenen ausmachen d. h. in derselben einbegriffen sind,
-im zweiten Fall dagegen nur die Stelle gewechselt haben und, wie im
-obigen Beispiel von dem Verhältniss der Erde zur Sonne, das frühere
-Subject zum Prädicat, das frühere Prädicat zum Subjecte geworden
-ist. Dagegen gehen bei der organischen Bewusstseinsthätigkeit
-die Bewusstseinsbildungen, auf Grund welcher eine neue, denselben
-gleichwerthige entstehen soll, in letzterer unter; die neue (z. B. der
-Schlusssatz) tritt nicht blos neben die alten, sondern an die Stelle
-der alten (der Prämissen); letztere werden durch die neu entstandene
-Bewusstseinsbildung weder vermehrt, noch ergänzt, sondern im vollen
-Sinne des Wortes ersetzt und wie die Schildwache von ihrem Posten
-durch deren Nachfolger abgelöst. Wie die Summe nicht mehr enthält
-als ihre Summanden, das Product nicht mehr als seine gleichviel in
-welcher Ordnung multiplicirten Factoren, so enthält auch das neue auf
-Grund seiner Vorgänger organisch entstandene Bewusstseinsgebilde,
-die Folge, nicht mehr und nicht weniger als diese (die Gründe)
-zusammengenommen, mit dem Unterschied, dass die Summanden in der
-Summe, die Factoren im Product unverändert fortbestehen, während
-die Theilgründe in der Folge fortan ununterscheidbar mit dieser
-zur Einheit zusammenfliessen. Letztere Art des Zusammenhanges
-unter Bewusstseinsgebilden stellt gleichsam eine fortlaufende
-Kette von Gründen und Folgen dar, in welcher jedes einzelne Glied
-alle vorangegangenen in sich schliesst und seinerseits von allen
-folgenden umschlossen wird, und welche sich mit der organischen
-Kette vergleichen lässt, welche durch Fortpflanzung geschlechtlich
-geschiedener Organismen von Generation zu Generation hin gebildet
-wird. Wie in jeder der letzteren die Spur aller Stammeltern, so
-erhält sich in jedem Gliede der ersteren, als Folge betrachtet, die
-Spur aller Stammgründe. Und wie jene durch die organische Umbildung
-sämmtlichen in den vorangegangenen elterlichen Organismen enthaltenen
-Stoffs entstanden, so ist diese durch das causale Zusammenwirken
-aller in den vorangegangenen Gliedern der Kette wirksam gewesenen
-Theilgründe begründet.
-
-359. Alle bisher in Betracht gezogenen Bewusstseinsvorgänge waren
-entweder primitive Bewusstseinsacte, oder solche, welche aus
-diesen in Folge der zwischen ihnen herrschenden quantitativen und
-qualitativen Beziehungen entstanden sind. Machen nun jene Beziehungen,
-von den mittels derselben hervorgerufenen Bewusstseinsgebilden
-abgesehen, abgesondert für sich im Bewusstsein sich geltend, so
-entsteht eine neue Classe von psychischen Phänomenen, die von der
-ersteren zwar insoweit abhängig ist, als sie ohne Vorhandensein
-jener überhaupt nicht entstände, sich aber zugleich dadurch
-von jener unterscheidet, dass ihre Veranlassung nicht, wie bei
-den primitiven Bewusstseinsacten, ausser dem Bewusstsein (in
-Nervenreizen), sondern im Bewusstsein selbst liegt d. i. in den
-Beziehungen, welche zwischen den einzelnen Bewusstseinsgebilden
-im Bewusstsein selbst herrschen. Solche Beziehungen sind z. B. die
-relative Unterdrückung oder im Gegensatz dazu die relative Befreiung,
-welche Gebilde im Bewusstsein durch andere in demselben Bewusstsein
-erleiden oder erleben, und die Bewusstseinsvorgänge, welche durch
-solche veranlasst werden, z. B. die Unlust bei der Einklemmung,
-die Lust bei der Erlösung eines Bewusstseinsgebildes durch andere,
-werden Gefühle genannt. Während alle primitiven Bewusstseinsacte und
-in Folge dessen alle aus denselben in directer Reihe gewordenen, wenn
-auch in noch so entfernter und sinnlich abgeblasster Weise zu ihrem
-Gegenstand ein äusseres Object haben, ist das Object der Gefühle,
-das relative Verhältniss der Bewusstseinsgebilde im Bewusstsein zu
-einander, im eminenten Sinne ein inneres und der Inhalt derselben dem
-Inhalt der (sinnlichen wie unsinnlichen) Vorstellungen (Anschauungen
-oder Begriffe) durchaus unähnlich. Dieselben lassen sich als psychische
-Phänomene mit jenen physischen vergleichen, deren Ursache nicht in den
-physikalischen Atomen und deren Verknüpfung zu Körpern, sondern in dem
-die Zwischenräume der physikalischen Atome ausfüllenden Weltäther und
-dessen Beziehungen zu dem physischen Stoffe zu suchen ist. Licht,
-Wärme, Magnetismus und Elektricität stellen Erscheinungen dar,
-deren Grund nicht in den Atomen, sondern zwischen denselben liegt;
-Lust und Unlust, Freude und Schmerz Phänomene, deren Grund nicht
-oder doch wenigstens nicht immer in dem Inhalt, sondern in der Lage
-gewisser Vorstellungen oder Vorstellungsmassen im Bewusstsein zu
-finden ist. Die Vorstellung des abwesenden Freundes ist von einem
-Unlustgefühl begleitet; nicht weil uns die Vorstellung des Freundes
-unangenehm, sondern weil dieselbe durch das Bewusstsein seiner
-Abwesenheit gedrückt und dadurch in eine Klemme gerathen ist, aus
-welcher dieselbe zu befreien wir uns ausser Stande wissen. Dieselbe
-Vorstellung tritt aber sogleich in Begleitung eines Lustgefühls
-auf, wenn die Erscheinung des Freundes dieselbe aus dem Banne der
-Vorstellung seiner Abwesenheit erlöst. Dieselben zerfallen (wie
-die Aetherphänomene) von vornherein in zwei Classen, je nachdem
-die Entstehung des Gefühls von der Beschaffenheit des Inhalts der
-Vorstellung, an die es sich heftet (wie dort die Beschaffenheit des
-Aetherphänomens von der Qualität der Körper, deren Zwischenräume er
-ausfüllt) unabhängig, oder durch denselben (wie dort das Aetherphänomen
-durch die specifische Natur der Körper) bedingt ist. Gefühle ersterer
-Art, weil sie durch Vorstellungen jedes beliebigen Inhalts veranlasst
-werden können, werden (von Herbart) treffend als "vage", solche,
-die einen bestimmten Vorstellungsinhalt voraussetzen, als "fixe"
-bezeichnet. Jene entsprechen in dieser Hinsicht den Licht- und
-Wärme-, diese den magnetischen und elektrischen Phänomenen. Jene,
-da sie nicht nur bei jeder Vorstellung andere, sondern auch bei
-derselben Vorstellung verschiedene, um so mehr in verschiedenen mit
-Bewusstsein ausgerüsteten Individuen immer wieder andere sein können
-(indem nicht nur Demselben dasselbe bald süss bald bitter, sondern auch
-Verschiedenen dasselbe verschieden schmeckt), haben mit Recht zu dem
-Sprichwort, dass sich über den Geschmack (eigentlich das Gefühl) nicht
-streiten lasse, Veranlassung gegeben und sind ihrer "Subjectivität"
-halber auch wohl "subjective Gefühle" genannt worden. Diese, die
-fixen Gefühle, trifft zwar obiges Sprichwort nicht, weil die an dem
-Inhalt gewisser Vorstellungen haften und daher stets nicht nur im
-einzelnen, sondern in jedem Bewusstsein im Gefolge dieser Vorstellungen
-auftreten, also im Gegensatz zu den subjectiven Gefühlen "objectiv"
-(allgemein d. i. allen gemein) sind; dafür tritt bei ihnen, wenn nicht
-besonders Rath geschafft wird, der allgemeine Uebelstand des Gefühls,
-dass es sich, statt auf Objecte, auf das Subject d. i. statt auf
-Vorgestelltes, auf den Vorstellenden selbst bezieht (in Bezug auf
-jenes also "dunkel" ist, nicht weiss, was es fühlt) so sehr in den
-Vordergrund, dass dasselbe darum mit Misstrauen betrachtet und von dem
-Versuch, auf dasselbe eine Wissenschaft zu gründen, ausgeschlossen
-zu werden pflegt. Dieser Uebelstand schwindet, wenn das Gefühlte
-(die Vorstellung) nicht, wie es bei dem sogenannten Angenehmen und
-Unangenehmen der Fall ist, mit dem Gefühl in eins zusammenrinnt,
-sondern, wie es bei dem Schönen und Hässlichen der Fall ist, von
-dem Gefühl abgesondert vorgestellt d. h. nicht nur gefühlt, sondern
-auch gewusst und als Subject eines ästhetischen Urtheils d. i. eines
-solchen, dessen Prädicat ein Wohlgefallen oder Missfallen ausdrückt,
-im Verhältniss zu einem andern Gleichartigen (ganz oder theilweise
-Identischen oder Gegensätzlichen) seiner Uebereinstimmung oder
-Nichtübereinstimmung nach mit diesem und dadurch seinem Werthe nach
-beurtheilt wird. Wie der Inbegriff der Gefühle (der vagen wie der
-fixen) überhaupt das Gemüth, so wird der Inbegriff der ästhetischen
-Urtheile, die ihrer logischen Natur nach identische, also unfehlbare
-Urtheile sind, der Geschmack, in dem besonderen Fall, wenn das Object
-des ästhetischen Urtheils ein Wollen ist, das Gewissen genannt.
-
-360. Wie die Aetherphänomene zeigen auch die Gemüthserscheinungen
-Gegensätze und Intensitätsunterschiede, die bei jenen durch die
-Bezeichnungen Helligkeit und Finsterniss einerseits, Hitze und Kälte
-andererseits, bei diesen durch die Begriffe Lust und Unlust einer-,
-Freude (gesteigerte Lust) und Schmerz (gesteigerte Unlust) andererseits
-ausgedrückt werden. Wie unter den ersteren die magnetischen und
-elektrischen Erscheinungen insofern eine besondere Stellung einnehmen,
-als sie zu ihrem wirksamen Hervortreten der Gegenwart eines anderen
-Körpers bedürfen, welcher entweder angezogen oder abgestossen
-wird, so spielen unter den Gefühlen diejenigen, welche zu ihrem
-Hervortreten der Gegenwart eines zweiten Bewusstseins bedürfen,
-in welchem ähnliche oder entgegengesetzte Gefühle entweder wirklich
-vorhanden sind oder doch vorhanden zu sein scheinen, die sogenannten
-sympathetischen oder Mitgefühle, eine eigenthümliche Rolle. Dieselben
-stellen als Mitleid und Mitfreude die Wiederholung eines wirklichen
-oder vermeintlichen Leid- oder Lustgefühles des fremden im eigenen
-Bewusstsein, dagegen als Neid und Schadenfreude die Begleitung eines
-wahren oder vermeintlichen Lust- oder Leidgefühles im andern durch
-ein dem Inhalt nach entgegengesetztes Gefühl im eigenen Bewusstsein
-dar. Fremdes und eigenes Gefühl sind im ersten Fall gleich-, im
-letzteren ungleichnamig. Wie der elektrische Strom durch sogenannte
-Induction einen ihn in gleicher oder entgegengesetzter Richtung
-begleitenden, so erzeugt fremdes wirkliches oder vermeintliches
-Gefühl durch Nachahmung das ihm gleiche oder entgegengesetzte
-im eigenen Bewusstsein. Leid und Freude wirken ansteckend wie
-Weinen und Lachen und pflanzen sich unwillkürlich, ja wider Willen
-von einem zum andern fort. Sympathetische Gefühle haben daher,
-auch wenn sie wie Mitleid und Mitfreude einen guten oder wie Neid
-und Schadenfreude einen schlimmen Charakter zu haben scheinen und
-Veranlassung zu wohlthätigen wie zu feindseligen Handlungen werden
-können, im Grunde weder den einen noch den andern, sondern entstehen
-durch einen blossen Naturprocess. Da dieselben jedoch, um zu Tage
-zu treten, der Gegenwart eines zweiten Individuums bedürfen, so
-weisen dieselben über den Umkreis des einzelnen hinaus und stellen
-zwischen diesem und dem andern eine zunächst blos ideelle d. h. nur
-im Bewusstsein des Mitfühlenden vorhandene Verbindung her, die aber,
-wenn das Gefühl Willensentschliessungen und in deren Folge Handlungen
-nach sich zieht, zu einer realen, den andern entweder anziehenden
-(sympathische Annäherung) oder von sich entfernenden (antipathische
-Abstossung) Beziehung werden, daher die Gesellung der Individuen
-entweder befördern oder hemmen kann, daher die sympathetischen
-Gefühle auch als sociale oder gesellige Gefühle bezeichnet und die
-aus denselben entspringenden Attractionen und Repulsionen zwischen
-den Individuen mit den Wirkungen zwischen den physikalischen Atomen
-wirksamer Anziehungs- und Abstossungskräfte verglichen werden.
-
-361. Wie plötzlich zu grosser Intensität gesteigerte und über
-einen ausgedehnten Raum sich verbreitende Aetherphänomene als
-(magnetisches, elektrisches) "Ungewitter", so werden plötzlich
-hochgesteigerte Gefühle, wenn dieselben sich über den grössten
-Theil des Bewusstseins oder über das ganze Bewusstsein in der Weise
-ausbreiten, dass die Ich-Vorstellung unterdrückt und die von dieser
-ausgehende, beherrschende Macht vorübergehend aufgehoben wird,
-als Affecte bezeichnet. Wie jene ihres keineswegs unvorbereiteten,
-aber unvermutheten Auftretens halber Ausnahmen von dem gewohnten
-Naturlauf, so scheinen diese, da sie, obgleich nicht ohne Grund,
-doch ohne bekannten Grund erfolgen, gesetzlose Unterbrechungen
-des regelmässigen Bewusstseinsverlaufs zu bilden, daher sie, wie
-jene als elementare, so als psychische Zufälle betrachtet zu werden
-pflegen. Dort scheint die Natur, hier ist in Folge der Unterdrückung
-der Ich-Vorstellung der im Affect Befindliche ausser sich und
-die durch das aussergewöhnliche Ereigniss in der Natur (Erdbeben,
-Sturmflut, Blitzstrahl u. s. w.) etwa angerichteten Verheerungen
-können eben so wenig den (vorübergehend ausser Wirksamkeit gesetzt
-zu sein scheinenden) Naturgesetzen, als die etwa im Zorn verübten
-unerlaubten oder gemeinschädlichen Handlungen dem (vorübergehend
-seiner Herrschaft über das Bewusstsein beraubten) Ich des Zornigen
-zur Last gelegt werden. Folge der plötzlichen Lösung des Bandes
-zwischen der Ich-Vorstellung und dem bis dahin von dieser beherrschten
-Bewusstseinsinhalt ist es auch, dass die etwa bestehenden Associationen
-zwischen inneren Gemüths- und äusseren Körperbewegungen widerstandslos
-zum Ablauf kommen und daher der vorhandene Gemüthszustand z. B. des
-Zornes, dessen Aeusserung sonst durch die Schranken des Wohlanstandes
-gehemmt oder doch gezügelt würde, sich rücksichtslos in masslose
-Reden und Handlungen umsetzt. Je nachdem die Ursache, durch welche die
-Ich-Vorstellung und deren Herrschaft unterdrückt wird, darin besteht,
-dass plötzlich eine zu grosse Menge von Vorstellungen auf einmal ins
-Bewusstsein eindringt, neben welchen jene sich nicht zu behaupten
-vermag, oder dass Umstände eintreten, welche bewusstes Vorstellen
-(also auch das der Ich-Vorstellung) überhaupt unmöglich machen,
-werden die Affecte in sthenische (Affecte der Stärke) und asthenische
-(Affecte der Schwäche) eingetheilt. In jenen wird die Ich-Vorstellung
-gehemmt, während die durch den Affect herbeigeführten Vorstellungen
-einander gegenseitig unterstützen; in diesen werden die letzteren
-sich zugleich unter einander selbst hemmen. Ersterer Art ist der Zorn,
-welcher beredt, letzterer der Schrecken, welcher stumm macht.
-
-362. Wie das in der Zeit vor sich gehende wirkliche Geschehen
-in der physischen, so ist auch das in der psychischen Welt ein
-dreifaches. Wie die erste Art desselben in der Körperwelt darin
-besteht, dass der Körper sich bewegt d. h. seinen Ort im Raume, so
-besteht die erste Art des Geschehens in der Bewusstseinswelt darin,
-dass der Bewusstseinsact aus seinem gegenwärtigen in einen anderen,
-also zukünftigen Zustand überzugehen strebt d. h. seinen "Ort"
-im Bewusstsein verändert. Von dieser Art ist das Aufstreben einer
-durch andere verdunkelten d. h. unter die Schwelle des Bewusstseins
-gedrückten Vorstellung aus der Tiefe nach oben gegen die hemmenden
-Widerstände. Jede auf diese Weise im Streben begriffene Vorstellung
-stellt ein Begehren dar, dessen Gegenstand, der zu erreichende Zustand
-der Vorstellung, abwesend, und dessen Befriedigung eben die Erreichung
-jenes Zustandes der Vorstellung selbst ist. Folge des Gesagten ist,
-dass ohne Vorstellung des Begehrten keine Begierde entstehen (ignoti
-nulla cupido), aber auch, dass jede Vorstellung Sitz einer Begierde
-werden kann. Dieselbe wird gesteigert, je mehr Hindernisse sich der
-Erreichung ihres Ziels in den Weg stellen d. h. je grösser die Zahl
-und der Druck derjenigen Vorstellungen ist, welche dem Inhalt der
-aufstrebenden Vorstellung des Begehrten entgegengesetzt sind. Die
-Vorstellung der Nahrung erzeugt in dem Hungrigen eine Begierde, weil
-sich dieselbe durch die Abwesenheit ihres Gegenstandes (den Mangel
-an Nahrung) in gedrücktem Zustande befindet. Dieselbe strebt nach
-Befriedigung, indem der Hungrige diejenigen Hindernisse zu beseitigen
-sucht, welche der Anwesenheit des Begehrten (der Herbeischaffung von
-Nahrungsmitteln) im Wege stehen. Sind dieselben beseitigt d. h. ist
-die Nahrung nicht nur herbeigeschafft, sondern der Hungrige wirklich
-in deren Genuss begriffen, so hört die Begierde auf. Die Befriedigung
-ist erreicht, die Vorstellung der Nahrung, die bis dahin eine blosse
-Einbildung war, ist zur Empfindung, die bis dahin nur "imaginirte"
-zur "geschmeckten" Speise geworden d. h. die Vorstellung der Nahrung
-hat sich aus dem Zustande einer Fiction in den einer sinnlichen
-Wahrnehmung bewegt, also ihren "Ort" im Bewusstsein wirklich verändert.
-
-363. Je nachdem der Gegenstand einer aufstrebenden Vorstellung
-ein sinnlicher oder nicht-sinnlicher (intellectueller), kann
-das Begehren selbst ein sinnliches oder intellectuelles, je
-nachdem dasselbe von einer Vorstellung über Erreichbarkeit oder
-Nichterreichbarkeit, Erlaubtheit oder Unerlaubtheit des Begehrten
-nicht nur begleitet, sondern von dieser abhängig gemacht wird oder
-nicht, wird es verständiges oder verstandloses, vernünftiges oder
-vernunftloses Begehren heissen. Das verständige Begehren ist Wollen,
-wenn es begehrt, weil das Begehrte ihm erreichbar, dagegen blosser
-Wunsch, wenn es begehrt, ungeachtet das Begehrte ihm unerreichbar
-scheint. Das vernünftige Begehren ist vernünftiges Wollen, wenn es
-begehrt, was und weil dasselbe nicht nur erlaubt, sondern geboten,
-dagegen verblendetes Wollen (Leidenschaft), wenn ihm, was es begehrt,
-erlaubt, vernunftwidriges (böses) Wollen, wenn es begehrt, was und
-obgleich es ihm selbst unerlaubt, ja verboten scheint. Die Gesammtheit
-des innerhalb eines individuellen Bewusstseins enthaltenen Begehrens
-macht dessen (psychisches) Naturell, die Gesammtheit des innerhalb
-desselben eingeschlossenen verständigen und vernünftigen oder verstand-
-und vernunftlosen Wollens dessen (im psychologischen Sinne des Worts)
-Charaktermässigkeit oder Charakterlosigkeit aus.
-
-364. Wie in der physischen, so auch in der psychischen Welt ist
-die zweite Art der wirklich vor sich gehenden Veränderung ein
-Formwechsel. Wie der feste Körper in flüssigen und luftförmigen,
-so kann das Bewusstseinsgebilde aus dem lockeren Zustand blosser
-Complication in den inniger Verschmelzung homogener Elemente
-übergehen. Wie der chemische Körper in Folge der Anziehung
-wahlverwandter Elemente Bestandtheile abgibt und andere an
-sich zieht, so wird durch die Verschmelzung identischer und die
-Ausstossung sich unter einander ausschliessender Bestandtheile
-einer-, durch die Verbindung bis dahin unverbundener Bestandtheile
-andererseits die Form der Bewusstseinsgebilde verändert, werden im
-ersteren Fall aus sinnlichen Vorstellungen durch Abstraction der
-gemeinsamen Bestandtheile Gemeinbilder (Begriffe), im letzteren
-Fall durch Combination bisher getrennter, obgleich mit einander
-verträglicher Bestandtheile durch die Erfahrung gegebener sinnlicher
-Vorstellungen neue durch die Erfahrung nicht gegebene sinnliche Bilder
-(Phantasievorstellungen) hervorgebracht. Wie endlich die Formen der
-Organismen durch organische Transmutation der Arten und Gattungen im
-Pflanzen- wie im Thierreich in einander übergehen, so werden aus den
-ursprünglich auf Grund von Anschauungen entstandenen Begriffen durch
-fortgesetzte Abstraction höchste und allgemeinste Begriffe (Kategorien)
-und wird durch fortgesetzte Combinationen sinnlicher Erfahrungselemente
-eine neue erfundene Welt voll sinnlich anschaulicher Lebendigkeit
-(Phantasiewelt) gewonnen. Während aber in der physischen Welt die
-Erfahrung den Beweis für den Uebergang der unorganischen in die
-organische und dieser in die bewusste Form bisher schuldig geblieben
-ist, tritt im Bewusstseinsleben die Abhängigkeit der beiden scheinbar
-fundamental verschiedenen Classen von Bewusstseinsphänomenen, der
-Gefühle und der Bestrebungen, von jener der Vorstellungen offen an
-den Tag, indem sowol die Gefühle wie die Strebungen sich nicht als
-gattungsmässig verschiedene Vorgänge, sondern als blosse Zustände
-der Vorstellungen herausgestellt haben.
-
-365. Die dritte Art des wirklichen Geschehens ist der
-Stoffwechsel. Derselbe bildet den Abschluss der physischen Welt,
-indem der Reiz (der extensive physische) sich in Empfindung (den
-intensiven psychischen Zustand) umsetzt d. h. der reale sich in einen
-Bewusstseinsvorgang verwandelt. Derselbe bildet den Abschluss der
-psychischen Welt, indem der intensive psychische (Vorstellung, Gefühl,
-Wollen) sich in einen extensiven physischen Zustand (Lautsprache,
-Geberdensprache, Handlung) umsetzt und so der Bewusstseinsvorgang
-in einen realen Vorgang sich verwandelt. Wie dort die Bewegung
-der Moleculartheilchen des Nervensystems als Empfindung in das
-Bewusstsein, so wird hier der Gedanke durch den tönenden Laut
-des Worts, das Gefühl durch den sichtbaren Ausdruck der Miene, der
-Wille durch die von ihm veranlasste Bewegung des eigenen und dadurch
-mittelbar eines oder mehrerer fremder Körper wieder in die materielle
-d. i. in die Körperwelt aufgenommen, indem die durch das Stimmorgan
-schallend bewegte atmosphärische Luft als Verkörperung des Gedankens,
-die unwillkürlich veränderte oder (im Affect) verzogene Physiognomie
-als Verleiblichung des Gemüths, die durch Muskelbewegung der eigenen
-Leibesglieder bewegte Verschiebung der anstossenden Nachbarkörper
-als sich bethätigende Aeusserung des eigenen Willens erscheint. Die
-erste als hörbares Zeichen für die Vorstellung liefert das Werkzeug
-für die Bewahrung und Mittheilung der Gedankenwelt und als solche die
-Grundlage der Sprache. Die zweite als sichtbares Zeichen für das im
-Innern lebendige Gefühl liefert das Material zur Veranschaulichung des
-Anderen (Höheren, Niederen oder Gleichen) gegenüber vorhandenen oder
-doch vorhanden zu sein scheinenden Gefühls und bildet als solches die
-Grundlage der Sitte. Die dritte als physischer Ausdruck des entweder
-wirklich oder doch dem Anschein nach vorhandenen Wollens liefert
-den greifbaren Stoff zur Beurtheilung des gegen Andere beobachteten
-streitsüchtigen oder friedlichen Verhaltens und bildet als solcher die
-Grundlage des Rechts. Indem das individuelle Ich auf diese Weise sein
-Inneres nach aussen kehrt, die Vorgänge seines Bewusstseins in Reden,
-Geberden und Thaten umsetzt und dadurch für andere seinesgleichen
-hörbar, sichtbar und greifbar macht, wird dasselbe aus einem
-vereinzelten zum sociabeln d. i. des geselligen Zusammenseins mit
-Anderen fähigen und dadurch in Vereinigung mit diesen zur Grundlage
-eines Mehreren gemeinsamen d. i. des Social-Ichs.
-
-366. Wie die Gesammtheit der Weltkörper und ihrer "Parasiten" den
-physischen Kosmos, so macht die Gesammtheit der im individuellen
-Bewusstsein während der gesammten Fortdauer desselben vertheilten
-Bewusstseinsgebilde (Empfindungen, Anschauungen, Begriffe, Gefühle,
-Begehrungen und Willensacte), soweit dieselben der innern Erfahrung
-zugänglich sind, in ihren gegenseitigen Beziehungen zu und ihrer
-relativen Abhängigkeit von einander, von den primitiven, namenlosen
-Bewusstseinsacten, deren jedem ein ebenso anonymer Nervenreiz oder eine
-unmerkliche Transversalschwingung des Weltäthers entspricht, bis zu
-den höchsten und ausgearbeiteten des abstracten Allgemeinbegriffs,
-des verfeinerten Geschmacksurtheils und des der empfindlichsten
-Gewissensstimme willig gehorchenden Willensentschlusses herauf
-die Seelenwelt des Individuums aus. Wie dort die Totalität
-des physischen Geschehens die Naturgeschichte des Weltalls, so
-stellt hier der Inbegriff des im individuellen Bewusstsein nach
-unveränderlichen Naturgesetzen sich vollziehenden Geschehens, von
-der Wechselwirkung zwischen den primitiven Bewusstseinsacten bis zu
-der logischen Verbindung von Anschauungen zu Begriffen, Begriffen zu
-Urtheilen, Urtheilen zu Schlüssen, Schlüssen zu Gedankensystemen und
-dieser, wenn ihr Inhalt es gestattet, zu einem sie alle umfassenden
-Universalsystem einer-, von den leisesten Regungen der Lust und Unlust
-bis zu Entzücken und Jammer und den verheerenden Stürmen affectvoller
-Gemüthserschütterung, von sinnlichen Gelüsten und kindischen Wünschen
-bis zu sittlichen Entschliessungen und männlichen Thaten andererseits
-herauf, soweit dasselbe der innern Erfahrung zugänglich ist, den
-Entwickelungsprocess des Bewusstseins, die Naturgeschichte der
-Seele dar.
-
-
-
-
-
-
-
-
-DRITTES CAPITEL.
-
-DAS SOCIAL-ICH.
-
-
-367. Wie mit der Einkehr des anziehend oder abstossend nach aussen
-gewandten einfachen Wirklichen in sich selbst die Möglichkeit des
-individuellen, so ist mit der Auskehr des Innern in Rede, Geberde
-und Handlung die Möglichkeit eines Mehreren gemeinsamen Bewusstseins
-gegeben. Letzteres kann nicht bedeuten, dass in Mehreren dasselbe,
-sondern nur dass in Mehreren ein gleiches Bewusstsein oder, was
-dasselbe ist, dass der Inhalt des jeweiligen individuellen Bewusstseins
-Mehrerer das gleiche, dieses Bewusstsein selbst aber nichts desto
-weniger bei jedem das eigene sei. Identität des Bewusstseins
-in dem Sinne, dass dasselbe Bewusstsein in Allen sei, würde die
-Individualität der Einzelnen in den blossen Schein einer solchen
-verwandeln, das Bewusstsein des Einzelnen in einen Bewusstseinsact
-des in Allen identischen Allgemeinbewusstseins auflösen. Letzteres
-darf daher nicht als Substanz, zu welcher die Einzelbewusstsein wie
-vorübergehende modi sich verhalten, sondern muss als Summe der in
-Mehreren gleichen d. i. dem Inhalt, nicht der Zahl nach eins seienden
-Bewusstseinsacte gedacht werden. Die Einzelbewusstsein, welche
-zusammengenommen die Voraussetzung eines ihnen allen gemeinsamen
-Bewusstseins ausmachen, sind ihrer realen Basis nach so wenig eins,
-dass derselbe Bewusstseinsinhalt in dem einen mit grösserer, in dem
-andern mit geringerer Lebhaftigkeit, dort mit völliger Klarheit, hier
-im ungewissen Dunkel vorhanden sein kann, ohne dass derselbe aufhört,
-jenem mit diesem gemein und dadurch ein integrirender Bestandtheil
-des gemeinsamen Bewusstseins, der "Volksseele" zu sein.
-
-368. Niemals darf die letztgenannte als eine von den "Seelen" der
-Angehörigen des Volks real unterschiedene, gleichsam als eine Seele
-vor, neben oder über den ihrigen gedacht werden. Dieselbe stellt nichts
-weiter als den mit einem Namen bezeichneten Inbegriff dessen dar,
-worin alle Volksangehörigen als vorstellende, fühlende und strebende
-Wesen mit einander dauernd übereinstimmen d. h. was abgesehen von
-den Privat- und individuellen Meinungen, Geschmäcken und Gelüsten
-jedes Einzelnen den bleibenden und Allen gemeinsamen Bestandtheil
-ihres Fürwahrhaltens, Werthhaltens und Anstrebens ausmacht.
-
-369. Weil nun jeder Versuch, über die Gemeinsamkeit des Inhaltes
-individuell verschiedener Einzelbewusstsein ein Urtheil zu fällen,
-nicht nur voraussetzt, dass dieser Inhalt selbst äusserlich
-wahrnehmbar, sondern auch dass er Anderen verständlich sei, so
-folgt, dass die Entstehung einer auf das Bewusstsein gemeinsamen
-Bewusstseinsinhaltes gegründeten Vereinigung Mehrerer zur Einheit
-die Möglichkeit gegenseitig verständlicher Mittheilung durch Allen
-gemeinsame äussere Zeichen der inneren Vorgänge bedingt. Letztere
-werden, insofern sie bestimmt sind, das Innere Anderen sinnlich
-wahrnehmbar zu machen, je nach der Verschiedenheit der Sinne
-verschiedenartige (hörbare, sichtbare, tastbare etc.) sein können,
-da die Gemüthsvorgänge, zu deren Versinnlichung für Andere sie dienen
-sollen, verschiedene (Empfindungen, Anschauungen, Begriffe, aber
-auch Gefühle und Willensacte) sind, je nach der Art dieser letzteren
-andere sein müssen. Jener Umstand erzeugt die Laut- und Tonsprache,
-die zur Bezeichnung hörbare, die Schrift- und Geberdensprache, die
-zur Bezeichnung sichtbare, die monumentale oder Gedenksprache, die
-zur Bezeichnung tastbare Zeichen verwendet. Von diesem Gesichtspunkt
-aus lässt sich die Sprache des Gedankens von jener des Gefühls und
-des Willens unterscheiden. Von den drei letztgenannten verwendet
-die Sprache der Vorstellung meist hörbare, als (chinesische und
-mexikanische) Bilderschrift aber auch sichtbare Zeichen, wobei auf die
-Beschaffenheit der zu verkörpernden Vorstellungen Rücksicht genommen
-wird. Sind dieselben z. B. Empfindungen (Farben- oder Tonempfindungen),
-so können dieselben nur dadurch Anderen mitgetheilt werden, dass man
-die ihnen entsprechenden Sinnesreize erzeugt d. h. durch Töne (Musik)
-und Farben (Colorit). Sind dieselben sinnliche Vorstellungen, deren
-Objecte in der Erfahrung gegeben sind, so können dieselben Anderen
-mitgetheilt werden, entweder indem jene Objecte ihnen selbst vor Augen
-geführt (demonstrirt) oder statt der Gegenstände selbst deren Bild zur
-Anschauung gebracht wird (Bilderschrift, Anschauungsunterricht). Sind
-sie dagegen Begriffe, also solche Vorstellungen, deren Objecte in
-der Erfahrung nicht angetroffen werden, die also auch nicht durch
-die letzteren oder deren Bilder sichtbar gemacht werden können, so
-bleibt nur übrig, entweder jene Begriffe durch sinnliche Vorstellungen
-(Symbole) zu ersetzen und sodann diese durch ihre Gegenstände oder
-deren Bilder sichtbar zu machen, oder zu deren Bezeichnung hörbare
-Zeichen zu wählen (Lautsprache). Letztere selbst werden entweder so
-gewählt, dass sie mit dem Gegenstand der zu bezeichnenden Vorstellung
-eine Aehnlichkeit haben oder doch an diesen erinnern (Onomatopöïen,
-natürliche Lautsprache) oder, wenn dies nicht der Fall ist, willkürlich
-festgesetzt (conventionelle Lautsprache). Die Sprache des Gefühls
-verwendet sowol hörbare als sichtbare Zeichen; unter jenen nehmen die
-Freuden- und Schmerzenslaute (Interjectionen), so wie die Anwendung
-gewisser Rede- und Begrüssungsformeln, um bestimmte Gefühle (Ehrfurcht
-oder Verachtung, Liebe oder Hass etc.) auszudrücken, unter diesen
-Lachen und Weinen als Zeichen der Freude und der Trauer, aber auch
-Geberden und Stellungen, welche bestimmt sind, gewisse Gefühle (der
-Anbetung, der Unterwerfung, der Freundschaft oder deren Gegentheile)
-zu veranschaulichen, ihre Stelle ein. Auch diese zerfallen, je nachdem
-dieselben ohne Erklärung jedermann verständlich, oder nur innerhalb
-eines bestimmten Kreises üblich sind, in natürliche (Natursprache des
-Gefühls) und künstliche (conventionelle Gefühlssprache). Die Sprache
-des Willens endlich, die Handlung bedient sich als Materials ihrer
-Aeusserungen des eigenen Leibes und der Organe desselben, entweder des
-tönenden (Stimmorgan), um sich hörbar (Befehl), oder der Gliedmassen,
-um sich sichtbar (Armschwenkung als Commandozeichen), oder dessen
-physischer Kraft, um sich tastbar (Schub, Stoss, Schlag) vernehmlich zu
-machen, wobei auch diese Zeichen in natürliche (Erhebung der Stimme,
-des Stockes) und künstliche (Handschlag als Einwilligungszeichen,
-Anstecken des Ringes als Vermählungszeichen etc.) sich sondern.
-
-370. Mittheilbarkeit und Verständlichkeit der Zeichen würden
-nicht ausreichen, wenn die räumlichen und zeitlichen Verhältnisse
-nicht derart beschaffen wären, dass deren Gebrauch zu gegenseitiger
-Verständigung sein Ziel zu erreichen vermag. Zu diesem Zweck dürfen
-diejenigen, durch deren Verständigung unter einander ein allen
-gemeinsames Bewusstsein zu Stande kommen soll, weder räumlich noch
-zeitlich so durchgreifend von einander geschieden, noch so weit von
-einander entfernt sein, dass die Mittheilung durch (hörbare, sichtbare,
-tastbare) Zeichen unmöglich wird. Dieselben dürfen daher weder
-durchaus verschiedenen Welten (z. B. die einen der erfahrungsmässigen
-dreidimensionalen, die andern einer vorgeblichen vierdimensionalen
-Raumwelt) angehören, noch innerhalb derselben Welt räumlich und
-zeitlich so weit aus einander liegen, dass eine, sei es räumliche
-Berührung, sei es zeitliche Ueberlieferung, wo nicht aufgehoben,
-doch in äusserstem Grade erschwert und dadurch ihrem Gehalte nach
-bis zum Unmerklichen herabgeschwächt wird. In ersterer Hinsicht wird
-die Entstehung eines Vielen gemeinsamen Bewusstseins erleichtert
-durch deren Anwesenheit innerhalb eines Allen gemeinsamen Raumes und
-vermittelt durch ein Generationen überdauerndes und von Geschlecht
-zu Geschlecht sich fortpflanzendes, sei es mündlich (Tradition), sei
-es schriftlich (Literatur) aufbewahrtes Gedankencapital. Wie durch
-die Gemeinsamkeit des Bodens, auf dem die Vereinigung Mehrerer zur
-Einheit erwächst (z. B. der gemeinsamen Heimat) die Genesis eines
-gemeinsamen Bewusstseinsinhalts durch den Umstand begünstigt wird,
-dass die Umgebung für alle dieselbe, also auch der aus dieser stammende
-Anschauungskreis, welcher die Grundlage aller spätern Vorstellungs-
-und Begriffsbildung ausmacht, bei allen der nämliche ist, so wird
-den Nachkommen durch stillschweigendes Herkommen und unwillkürliche
-Gewöhnung ein von Geschlecht zu Geschlecht sich ansammelnder Vorrath
-von Begriffen, Gebräuchen und Gesetzen von den Eltern her gleichsam
-angeerbt und von ihnen ihrerseits den Enkeln hinterlassen. Folge
-davon ist, dass sich der Besonderheit der räumlichen und zeitlichen
-Verhältnisse, so wie der Verständigungsmittel, unter welchen das
-Mehreren gemeinsame Bewusstsein sich entwickelt, entsprechend,
-letzteres selbst und damit die Vereinigung Mehrerer, innerhalb welcher
-es heimisch ist, eine besondere, nur dieser Vereinigung von Individuen
-eigenthümliche Färbung annimmt, und dadurch nicht nur selbst, mit
-dem Allgemeinbewusstsein einer andern "Gesellschaft" verglichen,
-einen individuellen Charakter trägt, sondern auch der Gesellschaft
-selbst, deren Eigenthum es ist, das Gepräge einer (gesellschaftlichen)
-Individualität verleiht.
-
-371. Was die physikalischen Atome für die physischen, die primitiven
-Bewusstseinsacte für die psychischen, das sind die "sociabeln"
-Individuen für die socialen Gebilde. Wie jene zusammengenommen
-den Stoff aller körperlichen, die primitiven Empfindungen das
-Material aller Bewusstseinsphänomene, so machen die mit Bewusstsein
-ausgerüsteten Individuen die Basis aller gesellschaftlichen
-Vereinigungen aus. Als solche werden dieselben dem Gesichtspunkt der
-quantitativen Atomistik entsprechend als unter einander ursprünglich
-eben so gleichartig gedacht wie die Atome in der Physik, die primitiven
-Empfindungen in der Psychologie. So wenig die beiden letztgenannten
-selbst ein Gegenstand weder der äussern noch der innern Erfahrung sind,
-sondern auf Grund der letztern durch einen Sprung über dieselbe hinaus
-als deren unentbehrliche Grundlage vorausgesetzt werden, eben so wenig
-werden bewusste Individuen vollkommen gleicher Beschaffenheit in der
-(geschichtlichen) Erfahrung angetroffen, sondern wie jene als Annahme
-der thatsächlich vorhandenen Ungleichheit der Individuen hypothetisch
-untergelegt. Letztere macht es möglich, wie es die Physik mit den
-Körpern, die Psychologie mit den Gebilden des Bewusstseins thut,
-auch die verschiedenen "Gesellschaftskörper" (Corporationen) aus dem
-Gesichtspunkt ihrer Zusammensetzung aus primitiven Elementen ("Atomen
-der Gesellschaft") zu betrachten und je nach der Beschaffenheit
-des dieselben mehr oder minder innig, mehr oder minder dauerhaft
-zusammenhaltenden Bandes als eben so viele verschiedene Ordnungen
-socialen Zusammenseins anzusehen.
-
-372. Die erste und unterste derselben ist diejenige, bei welcher
-die qualitative Gleichheit oder Verschiedenheit der zu einem Ganzen
-verbundenen Individuen gleichgiltig, das sie verknüpfende Band von
-derselben unabhängig ist, der Grund der Vereinigung daher eben so
-gut innerhalb der allen gemeinsamen Beschaffenheit ihrer Natur, wie
-gänzlich ausserhalb der Natur derselben in einem dieser zufälligen
-Umstände gelegen sein kann. Ersterer Art sind alle aus der allen
-Menschen ohne Unterschied eigenen physischen und psychischen
-Beschaffenheit (z. B. dem Bedürfniss nach Nahrung, nach Schutz,
-nach geselliger Unterhaltung etc.) entspringenden Anlässe zur
-Vereinigung, um deren willen schon Aristoteles den Menschen als "das
-gesellige Thier" bezeichnet, und aus welchen Hugo Grotius den von
-ihm sogenannten "Geselligkeitstrieb", so wie Hobbes das im "Kriege
-Aller gegen Alle" erwachende Schutzbedürfniss der Schwächern als Motiv
-gesellschaftlicher Vereinigung besonders hervorgehoben hat. Letzterer
-Art ist das absichtslos, ja selbst wider die Absicht herbeigeführte
-Zusammensein Mehrerer an demselben Orte und zu derselben Zeit
-(z. B. Schiffbrüchiger auf einer einsamen Insel, welche sie nöthigt,
-oder ihnen Gelegenheit gibt, sei es wider, sei es mit ihrem Willen
-unter einander in gesellige Verbindung zu treten). Verbindungen der
-Art, welche entweder, wie die letztgenannten zufälligen, kein oder,
-wie überall dort, wo es sich um die blos vorübergehende Befriedigung
-eines (wenngleich in der allgemeinen Menschennatur gegründeten,
-also in anderer Form stets wiederkehrenden) Bedürfnisses handelt, ein
-gleichfalls nur augenblickliches Interesse der Einzelnen zur Ursache
-haben, sind dieser ihrer Natur nach die häufigsten, weil sie immer
-wieder von neuem durch Zufall oder durch die Wiederkehr desselben
-Bedürfnisses entstehen, aber eben so zufällig wie nach eingetretener
-Befriedigung sofort wieder vergehen können und werden. Das zunächst
-liegende Beispiel liefern die sogenannten geselligen Zusammenkünfte,
-deren Beweggrund lediglich in dem augenblicklichen Bedürfniss
-des Zeitvertreibs, oder die ebenso zahlreichen als mannigfaltigen
-Associationen, deren Ziel auf gemeinsam durchzusetzende Zwecke der
-Ersparung, des Erwerbes, des Gewinns, der Sicherung und Versicherung
-des Lebens und Eigenthums u. s. w. gerichtet ist. Insofern dieselben
-nichts weiter sind als vorübergehende, durch das Band eines äusseren
-Zwecks, aber auch nur durch dieses zusammengehaltene Aggregate
-einander im übrigen persönlich durchaus gleichgiltiger Individuen,
-lassen sie sich mit nur mechanisch zusammengesetzten Körpern
-vergleichen, deren zeitweiliger Cohäsionszustand von der geringeren
-oder grösseren Anziehung zwischen den Atomen und deren Dauer von
-jener des sie zusammenhaltenden äusseren Druckes bedingt ist. Wie
-die letztern desto schwerer beweglich sind, je ungleichartiger,
-dagegen desto leichter, je gleichartiger ihre Bestandtheile sind,
-so erscheinen gesellige Vereinigungen "schwerflüssig", wenn sie aus
-ungleichartigen Individuen zusammengewürfelt, dagegen "leicht in Fluss
-zu bringen", wenn ihre Mitglieder der Stimmung, dem Stande und dem
-Streben nach gleichgeartet sind. Sogenannte Actiengesellschaften,
-deren Theilnehmerschaft weder an persönliche Mitwirkung, noch an
-ein Andere übertreffendes Mass der Betheiligung, sondern lediglich
-an den Besitz einer mit jeder andern gleichwerthigen, gleichgiltig
-von Hand zu Hand wandernden Actie geknüpft ist, stellen die loseste,
-gleichsam "luft- oder gasförmige" Form der Gesellschaft zur Schau,
-deren Mitglieder einander eben so fremd und fern wie die in weiten
-Distanzen von einander befindlichen, in steter Abstossung gegen
-einander begriffenen ruhelos beweglichen Molecüle eines Gases stehen.
-
-373. Wird die qualitative Beschaffenheit der Gesellschaftsatome
-berücksichtigt, so entsteht jene zweite Ordnung geselliger
-Corporationen, die man dem chemisch zusammengesetzten Körper
-vergleichen kann. Wie durch die Verschmelzung homogener Atome der
-chemisch einfache, durch die Complication qualitativ verschiedener
-Stoffe der chemisch zusammengesetzte Körper, so entstehen auf
-Grund der Beschaffenheit der Gesellschaftselemente zwei Arten von
-Corporationen, deren eine Verbindungen qualitativ gleichartiger,
-die andere ungleichartiger Individuen umfasst. Zu jenen gehört, wenn
-dieselbe blos gesellige Zwecke verfolgt, die sogenannte "Männer-"
-oder "Frauen-", zu diesen die "gemischte Gesellschaft", ferner,
-wenn jene aus Personen desselben Alters, Berufs, Standes besteht,
-die Alters-, Berufs-, Zunft- und Standesgenossenschaft: zu diesen,
-wenn sie aus Personen verschiedener Berufe und Stände gemengt ist,
-die sogenannte bürgerliche Gesellschaft, wenn sie auf dem Grunde der
-geschlechtlichen Beschaffenheit beruht, die Freundschaft zwischen
-Personen desselben (männlichen oder weiblichen), die Liebe zwischen
-Personen entgegengesetzten Geschlechts. Findet dieselbe ihren Halt
-im Bewusstsein gegenseitiger Bluts- oder Gesinnungsgemeinschaft, so
-bildet sich diejenige Gruppe gesellschaftlicher Zusammengehörigkeit,
-welche als physische (Bluts-) Einheit, da sie im Gegensatz zur
-Familie aus einander dem Grade nach gleichstehenden Gliedern
-besteht, Verwandtschaft (Sippe), als psychische (Geistes-) Einheit
-im Gegensatz zur Schule, da sie einander dem geistigen Range nach
-gleich hoch stehende Mitglieder begreift, Jüngerschaft (Wissens-
-oder Glaubensgemeinde) heisst. Da der Grund der Vereinigung in den
-genannten Fällen nicht in einem vorübergehenden Zweck, sondern in der
-bleibenden, sei es leiblichen, sei es geistigen Beschaffenheit der
-Gesellschaftsglieder gelegen ist, so kann nicht nur, sondern muss
-dieselbe (Ausnahmsfälle abgerechnet) so lange bestehen, als jene
-Beschaffenheit unverändert bleibt, also z. B. die geschlechtliche
-Basis der Liebe sich nicht durch Naturvorgänge in eine geschlechtlose
-verkehrt oder das geistige Band des Jüngerthums durch den Abfall vom
-Glauben zerschnitten wird.
-
-374. Wie der beseelte Körper vom leblosen sich dadurch unterscheidet,
-dass ein Theil desselben ("die Seele") beharrt, während der andere
-("der Leib") sich im Laufe des Lebens fortwährend erneuert, ohne dass
-der Körper selbst ein anderer wird, so liegt das Charakteristische
-der dritten Ordnung gesellschaftlicher Vereinigungen darin, dass
-dieselben "ewige Dauer" besitzen, indem ein Theil derselben ("der
-herrschende") immer derselbe bleibt ("le roi est mort, vive le roi"),
-während der andere (der "beherrschte") sich unaufhörlich erneuert, ohne
-dass die Gesellschaft selbst eine andere wird. Je nachdem das Band,
-welches den bleibenden Bestandtheil mit dem veränderlichen verbindet,
-ein reales (Blutsband) oder blos ideales (Gesinnungsverband) ist,
-erfolgt die Erneuerung entweder durch Geburt jüngerer aus den älteren
-(Generation) oder durch Aufnahme späterer Mitglieder durch die frühern
-(Adoption). Ersteres ist in der Familiengemeinschaft zwischen Eltern
-und Kindern (Ascendenten und Descendenten, Vorfahren und Nachkommen),
-letzteres in der Gesinnungs- oder Glaubensgemeinschaft (Schule,
-Kirche, politische Partei) der Fall. Jene erweitert sich durch die
-Aufnahme der Seitenverwandten zur Stammesgemeinschaft, durch die
-Zurückführung blutsverwandter Stämme auf einen gemeinsamen Stammvater
-zum Stammvolk (Nation), durch die Ableitung mehrerer Stammvölker von
-einem gemeinsamen Urvolk (Indogermanen, Arier) zur Racengemeinschaft
-und mittels der mythischen Abstammung der gesammten Menschheit
-von einem gemeinsamen Stammvater zur Gemeinschaft aller Menschen
-(Weltbruderschaft). Diese dehnt sich von der an Umfang kleinsten
-Gesinnungs- und Glaubensgenossenschaft, die, wie z. B. die erste
-Christengemeinde, nur den Stifter und zwölf Genossen umfasst, bis zu
-der räumlich Millionen und zeitlich Jahrtausende einschliessenden
-Bildungs- oder Glaubensgemeinschaft aus, welche, wie z. B. die
-europäische Civilisation, das Christen- oder Buddhistenthum Theilnehmer
-und Bekenner im Laufe der Zeit nach hunderttausenden von Millionen
-zählen. Wie die durch Geburt der Gemeinschaft einverleibten Mitglieder
-von Natur aus den Aeltern ähnlich, so werden durch Aufnahme gewonnene
-den ursprünglich vorhandenen künstlich verähnlicht (assimilirt),
-indem entweder, wenn die Aufnahme durch Wahl erfolgt, nur ähnliche
-gewählt (z. B. in eine Akademie der Wissenschaften nur Gelehrte,
-in eine politische Partei nur politische Gesinnungsverwandte) oder,
-wenn sie durch freiwilligen Anschluss geschieht, die Aufgenommenen im
-Sinn der bestehenden Gemeinschaft (z. B. der ägyptische Neophyt durch
-die Priesterschule, der künftige Soldat durch das Cadetteninstitut)
-erzogen werden.
-
-375. Die so entstandene Gesellschaft bildet einen organischen
-Körper, welcher entweder wie der vegetabilische Organismus an dem
-Boden haftet, auf dem er erwachsen und mit dem er verwachsen ist,
-oder wie der animalische Organismus von demselben äusserlich und
-innerlich abgelöst, frei über ihn hinstreifend, obgleich innerhalb
-durch die Schranken der Acclimatisationsfähigkeit gezogener Grenzen
-den Ort seiner vorübergehenden Niederlassung wechselt. Jener ergibt
-die autochthone, dieser die nomadische Gemeinschaft (Familie,
-Stamm, Volk). Jene tritt vorzugsweise als sesshafte und in Folge
-dessen, da die von der Natur freiwillig dargebotene Nahrung allmälig
-versiegt, zur künstlichen Erzeugung derselben, so wie der übrigen
-Lebensbedürfnisse d. i. zum Ackerbau und zur Industrie gedrängte
-Bevölkerung auf. Diese, da sie die an einem Orte mangelnden Bedürfnisse
-nicht selbst erzeugt, sondern dort nimmt, wo sie dieselben findet,
-erscheint in den mannigfaltigsten Formen als Jäger-, Handels-
-und Räuber- oder Eroberervolk. Wie der belebte Organismus durch
-die Entwickelung eines Centralorgans (Gehirn und Nervensystem),
-innerhalb dessen der physische Reiz sich in bewusste Empfindung
-umsetzt, zum vorstellenden, Ich-ähnlichen und als solcher durch die
-allmälige Vorstellung seiner selbst (Ich-Vorstellung) selbst zum Ich
-d. i. zum sein selbst bewussten Individuum wird, so gestaltet sich die
-organische Gesellschaft dadurch, dass innerhalb ihres Umkreises ein
-Centralorgan (Regent und Regierung) entsteht, in welchem das allen
-gemeinsame Denken, Fühlen und Streben sich in bestimmte Vorstellung
-d. i. in deutlich vorschwebenden Zweck, Erwägung und Herbeischaffung
-der Mittel und verwirklichende That umsetzt, zu einer (nach Haupt und
-Gliedern) organisirten staatähnlichen Gesellschaft, welche durch die
-allmälig fortschreitende Verkörperung der Vorstellung der Gesellschaft
-(der Gesellschaftsidee) selbst zum Staat d. i. zu der ihrer selbst als
-Gesellschaft bewussten, die Verwirklichung der Gesellschaftsidee sich
-zum Zweck und dieselbe mittels der zu ihrer Realisirung erforderlichen
-Mittel in Vollzug setzenden individuellen Gesellschaft wird.
-
-376. Organisirte Gesellschaften der Art, wenn sie reale d. h. ihre
-Mitglieder unter einander blutsverwandt sind, treten je nach dem Umfang
-und dem Grade der Verwandtschaft als Familie im engeren, nur Eltern und
-Kinder, oder weiteren, auch die nächsten Seitenverwandten begreifenden
-Sinne als Verband der Familienglieder unter dem Familienhaupt, oder
-als Stamm (Clan) unter dem Stammeshaupt (Häuptling, Scheik), oder
-als Volk unter dem (angestammten) Volkshaupt (König) auf. Dagegen,
-wenn ihre Glieder zwar geistes-, glaubens-, oder gesinnungs-, aber
-nicht blutsverwandt sind, erscheint die organisirte Gesellschaft,
-je nachdem der Inhalt der allen gemeinsamen Ueberzeugung entweder
-ein wissenschaftlicher, oder ein religiöser, oder ein politischer
-ist, in Gestalt entweder der (philosophischen oder künstlerischen)
-Schule unter einem (philosophischen oder künstlerischen) Schulhaupt
-(Meister), oder als (Landes-, National-, Welt-) Kirche unter einem
-(Landes-, National-, Universal-) Kirchenhaupt (Landesbischof,
-Papst, Dalai Lama), oder als (theokratischer, nach göttlichen,
-oder militärischer, nach mit Gewalt aufgedrungenen fremden Gesetzen
-beherrschter, oder autonomer, Verfassungs- d. i. nach eigenen Gesetzen
-sich selbst beherrschender) Staat unter einem (theokratischen, von Gott
-eingesetzten, oder kriegerischen, durch Unterjochung aufgedrungenen,
-oder verfassungsmässigen) Staatsoberhaupt (Fürst "von Gottes Gnaden",
-Eroberer, constitutioneller Herrscher). Je nachdem das Centralorgan,
-in welchem das allen gemeinsame Bewusstsein der Gesellschaft sich
-verkörpert, dessen Bewusstsein also gleichsam die Stelle des allen
-gemeinsamen Bewusstseins vertritt, selbst aus einem einzigen oder
-mehreren unter einander coordinirten oder aus einem und mehreren
-diesem zusammengenommen coordinirten Individuen besteht, nimmt
-derselbe monarchische, oder collegiale, oder parlamentarische Form
-an, indem im ersten Fall das Gesammtbewusstsein im Monarchen (Josef
-II. und Friedrich II. als "erste Diener des Staates") im zweiten
-Fall im Regierungscollegium (Directorium, Bundesrath), im dritten
-Fall im Herrscher und den Stellvertretern des Gesammtbewusstseins
-(Abgeordnete, Parlament, Kammer, Reichstag) zusammengenommen incarnirt
-erscheint. Die monarchische Gestalt entartet zur Tyrannis, wenn an die
-Stelle des Gesammtbewusstseins das Einzelbewusstsein des Herrschers
-(l'état c'est moi), die collegiale Regierung zur Oligarchie,
-wenn an die Stelle des Gesammtbewusstseins jenes einer Minderheit
-(einer Kaste in der Priester-, Adels- oder Geschlechter-, eines
-Standes in der Militär- oder Zünfte-, des Geldes in der Finanz-
-und Bankiersherrschaft: Theokratie, Aristokratie, Martokratie,
-Plutokratie), dagegen zur Ochlokratie, wenn an die Stelle des
-Gesammtbewusstseins die bewusstseinslose Menge als herrschende
-Macht tritt. Die parlamentarische Regierung kann je nach dem
-Uebergewicht des Einen über die Vielen, oder der Vielen über den
-Einen in Scheinparlamentarismus (wie unter dem Julikönigthum)
-oder in Scheinmonarchismus (wie in England) ausarten. In der
-monarchisch organisirten Gesellschaft wird nicht nur die Einheit des
-Gesammtbewusstseins, sondern werden auch die in demselben, wie in jedem
-Bewusstsein vorhandenen und einander bestreitenden Gegensätze in das
-stellvertretende Bewusstsein des Alleinherrschers verlegt und damit
-demselben die gesammte Verantwortlichkeit für die aus dem Zwiespalt der
-letzteren entspringenden Folgen aufgebürdet. In der collegialen Form
-der Regierung prägen die im Gesammtbewusstsein einander bekämpfenden
-Extreme (Radicalismus und Conservatismus) innerhalb des höchsten
-Regierungsorgans selbst als solche sich aus, während die Einheit des
-Bewusstseins durch die mangelnde Spitze nur collectiv und daher nur
-unvollkommen (Präsident) vertreten erscheint. Die parlamentarische Form
-hat den Vorzug, dass in derselben die Einheit des Gesammtbewusstseins,
-wie die in demselben vorhandenen Gegensätze gleichzeitig, die eine
-in der monarchischen Spitze und durch deren ewige Dauer in der
-festgesetzten Erbfolgeordnung am dauerhaftesten, die andere in den
-innerhalb der Volksvertretung einander bekämpfenden politischen
-Parteien (Fortschritts- und Stillstandsmänner, Whigs und Tories)
-am vollkommensten repräsentirt erscheint und daher das Ganze der
-Regierung, Monarch und Parlament, vereinigt das treueste Spiegelbild
-des gesellschaftlichen Gesammtbewusstseins darstellt.
-
-377. Wie die andere ihresgleichen appercipirenden d. h. sich
-anschmelzenden Vorstellungsmassen im individuellen Bewusstsein,
-so stellen die einzelnen, jede für sich organisirten Gesellschaften
-(Familie, Stamm, Schule, Kirche etc.) innerhalb der räumlich, zeitlich
-und organisch zu einem Ganzen geeinigten Gesellschaft Mittelpunkte dar,
-welche vermöge ihrer bereits erlangten und befestigten Macht ihren
-Einfluss und Umfang durch die Heranziehung und Assimilirung gesinnungs-
-oder stammesverwandter Individuen zu vergrössern und zu erweitern
-bemüht sind. In diesem Sinne bildet sich um die durch Geburt, Ansehen
-oder Reichthum hervorragende Familie ein Familienanhang, um den durch
-Zahl, Macht oder Intelligenz zur Präponderanz gelangten Stamm ein
-Stammesgefolge, zieht die zu Gewicht und Nachdruck gelangte Schule
-(Staatsphilosophie Hegel's unter Altenstein) stets neue Anhänger,
-wie eine durch den Besitz himmlischer und irdischer Güter reich
-gewordene, mit Privilegien für jenseits und diesseits ausgestattete
-Kirche (Staatskirche, englische Hochkirche) stets neue Bekenner
-an sich und droht, indem sie aus einer staatähnlichen zu einer
-dem Staat ebenbürtigen oder demselben überlegenen Macht innerhalb
-der Gesellschaft heranwächst und die besonderen Familien- oder
-Stammes- (Nationalitäts-), Schul- oder Kircheninteressen allmälig im
-Allgemeinbewusstsein einen überwiegenden Einfluss gewinnen, zu einem
-Staat im Staate und dadurch für diesen selbst zu einer ähnlichen
-Gefahr, wie das im individuellen Bewusstsein übermächtig gewordene
-Neben- oder zweite Ich für die Ich-Vorstellung zu werden.
-
-378. Wie die Ich-Vorstellung über das gesammte, oder doch den grössten
-Theil des Bewusstseins seine Herrschaft auszudehnen, so strebt
-der Staat über alle innerhalb seiner Raum-, Zeit- und Volksgrenzen
-vorhandenen organisirten Gesellschaften die Oberhoheit auszuüben
-d. h. sie aus unabhängigen in von ihm abhängige Corporationen, als
-seine Familien und Stämme, seine Schule, seine Kirche u. s. w. zu
-verwandeln. Derselbe duldet demgemäss innerhalb seines Umkreises weder
-sich souverän geberdende Feudalherren, noch von der Staatseinheit sich
-emancipirende Nationalitäten- oder Ländergelüste (Kantönligeist), eben
-so wenig von derselben unabhängige Unterrichts- (die "freie Schule"),
-oder religiöse Körperschaften (die "freie Kirche"), während diese
-ihrerseits gegen den "Racker von Staat" (Friedrich Wilhelm IV.) sich
-zu behaupten bemüht sind (Kampf der Reichsfürsten gegen den Kaiser,
-der Vasallen gegen den Landesherrn, der Provinzen und Stämme gegen das
-Reich, der "freien" d. i. katholischen Universitäten in Belgien gegen
-die Staatsuniversität, der Kirche gegen den Staat; "Culturkampf").
-
-379. Wie die physischen, so üben die Gesellschaftskörper gegenseitig
-Wirkungen auf einander aus. Wie die mechanisch zusammengesetzten
-Körper durch Häufung, so vergrössern sich die auf Association zu einem
-gemeinsamen Zwecke beruhenden Corporationen durch Vermehrung ihrer
-Mitgliederzahl in Folge der Fusion derjenigen, welche gleiche Zwecke
-verfolgen. Dieselbe wird überall dort, wo die gegebenen Umstände
-das gleichzeitige Bestehen mehrerer denselben Zweck verfolgenden
-Gesellschaften nicht erlauben, durch den daraus entspringenden
-"Kampf ums Dasein" d. i. durch die sogenannte "freie Concurrenz"
-herbeigeführt, dessen Devise das "ôte toi, que je m'y mette", und
-dessen Ursache das "da-" d. i. das "an dem Orte sein wollen" ist,
-den ein Anderer einnimmt. Dagegen stehen die auf der qualitativen
-Gleichheit oder Ungleichheit ihrer Mitglieder ruhenden Gesellschaften
-unter einander wie die chemischen Körper in wahlverwandtschaftlichen
-Beziehungen, vermöge deren bestehende Verbindungen in Folge stärkerer
-Anziehung gelöst und bisher nicht bestandene aus demselben Grunde
-geschlossen werden. Wechsel der Berufs-, der Standesgenossenschaft auf
-der einen, des Gegenstandes der Freundschaft, der Liebe auf der anderen
-Seite sind die Folgen derselben. Jene werden durch Abneigung gegen den
-gegenwärtigen, durch Vorliebe für den künftigen Beruf oder Stand, diese
-durch Antipathie gegen den bisherigen, Sympathie für den künftigen
-Gegenstand der Freundschaft oder der Liebe verursacht. Organische
-Gesellschaftskörper verschmelzen unter einander entweder auf realem
-z. B. dem geschlechtlichen Wege, indem durch Heirat verschiedenen
-Familien angehöriger Familienglieder (Familienheirat) eine neue
-Familie, durch Heiraten aus verschiedenen Stämmen ein neuer Stamm
-(Römer: aus Latinern und Sabinern), durch Ineinanderaufgehen zweier
-oder mehrerer Nationalitäten eine neue Nationalität (die englische:
-aus Sachsen und Normannen; die lateinische: aus Celten und Germanen;
-die amerikanische: aus Briten, Iren, Deutschen) entsteht, oder
-auf idealem Wege, indem aus der Vereinigung zweier oder mehrerer
-Wissens-, Glaubens-, oder politischer Genossenschaften eine neue Schule
-(z. B. die neuere Akademie aus Platonismus und Stoicismus), eine neue
-Kirche (z. B. die anglicanische aus Katholicismus und Lutherthum),
-eine neue politische Partei (z. B. Disraeli's Reformtories aus Tories
-und Peeliten) hervorgehen.
-
-380. Autochthone Gesellschaften, die ihre "Scholle" behaupten,
-werden auf diesem Wege von nomadischen, welche dieselbe vorübergehend
-occupiren, letztere von staatbildenden, welche daselbst sich bleibend
-niederlassen wollen, im "Kampf ums Dasein" bedrängt und verdrängt. Wie
-jene nach einander, so treten gleichzeitige nachbarliche organisirte
-Gesellschaften (Familien, Stämme, Schulen, Kirchen und Staaten) im
-Kampf ums Dasein (Familienfehde, Stammesfehde, Schulzwist, Sectenhass,
-Krieg) in feindliche oder freundliche Berührung (Familienbund,
-Stammesbündniss, Schulen- und Kircheneinigung, Staatenbündniss.) Je
-nachdem die Folge derselben die gegenseitig anerkannte Unabhängigkeit
-oder die auf gewaltsamem oder friedlichem Wege herbeigeführte
-Abhängigkeit des einen von dem andern Gesellschaftskörper ist, geht
-im ersten Falle ein statisches Gleichgewicht zwischen denselben
-(Oesterreichs und Preussens Aequilibrium im deutschen Bunde; das
-"europäische Gleichgewicht") oder das Uebergewicht eines über die
-übrigen (Preussens im deutschen Reich; Russlands während der Zeiten der
-heiligen Allianz in Europa; der Nord- über die Südstaaten in Amerika),
-in beiden Fällen ein System von Gesellschaftskörpern (Staatensystem)
-aus demselben hervor, in welchem entweder die einzelnen sich zu
-einander wie Gegensonnen oder wie um eine Centralsonne rotirende
-Planeten verhalten. Ersteres kann, wenn die einzelnen Glieder (Staaten)
-ihrer Unabhängigkeit von einander ungeachtet zu einem Ganzen sich
-vereinigen, zu einer Gesellschaftsföderation (Staatenbund), letzteres,
-wenn die Abhängigkeit der vielen vom Centralkörper sich vermindert,
-zu einem Föderativkörper (Bundesstaat) führen.
-
-381. Wie der die Zwischenräume der physikalischen Atome füllende
-Aether und die zwischen den festen Körpern befindliche Luftmasse,
-jener gleichsam die immaterielle, diese die materielle Atmosphäre der
-Körperwelt ausmacht, wie die auf die Beziehungen zwischen den einzelnen
-Bewusstseinsgebilden bezüglichen Phänomene des Bewusstseins (die
-Gefühle) gleichsam die gemüthliche Temperatur der Bewusstseinswelt,
-deren Wärme oder Kälte ausdrücken, so stellt das innerhalb einer
-Gesellschaft vorhandene gemeinsame Bewusstsein mit seinen allen
-gemeinsamen Vorstellungen, Gefühlen und Strebungen gleichsam das
-psychische Innere der Gesellschaft, die ersten deren Geist, die
-zweiten deren Gemüth, die letzten deren Charakter dar. Erstere, der
-Inbegriff des im Bewusstsein der Gesellschaft lebenden Meinens,
-Glaubens und Wissens, macht dabei gleichsam die Licht-, die
-Summe der innerhalb derselben vorhandenen Lust- und Unlustgefühle,
-insbesondere aber jene der im gemeinsamen Bewusstsein wirksamen Mit-
-oder socialen Gefühle gleichsam die Wärme-, die magnetischen und
-elektrischen Phänomene innerhalb der gesellschaftlichen Atmosphäre aus,
-während die Zahl und Beschaffenheit der innerhalb der Gesellschaft
-begangenen Thaten, wenn dieselben als unvorsätzliche im Rausche
-der Leidenschaft begangene Handlungen angesehen werden dürfen,
-den Grad der innerhalb der Gesellschaftsatmosphäre vorhandenen,
-der Gewitterschwüle vergleichbaren, affectvollen Spannung, wenn
-sie dagegen als vorsätzliche, im zurechnungsfähigen Zustand zur
-Aeusserung gelangte Willensacte betrachtet werden müssen, das der
-mittleren Witterung ähnliche Niveau des innerhalb der Gesellschaft
-gegebenen Sittlichkeitszustandes bezeichnen. Licht und Finsterniss
-in der physischen kehren innerhalb der gesellschaftlichen Welt
-als die Gegensätze der Aufklärung und des Wahn- und Aberglaubens,
-Hitze und Kälte jener als Gemüthsfülle und Gemüthlosigkeit,
-Anziehung und Abstossung gleichnamiger und ungleichnamiger Pole
-als menschenfreundliches Mitgefühl und erkältende Selbstsucht,
-verheerende Sturmfluten, magnetische und elektrische Ungewitter, aber
-auch luftreinigende Gewitterstürme und befruchtende Frühlingsregen
-als zerstörende Ausbrüche entfesselter Leidenschaft, aber auch
-als heroische Thaten enthusiastischer Aufopferung, endlich der
-durchschnittliche Zustand der Licht- und Wärmevertheilung in dem
-durchschnittlichen Verhältniss begangener Ausschreitungen und
-Verbrechen (wie es die sogenannte moralische Statistik aufweist)
-zu der Zahl und dem Bildungszustand der Gesellschaft wieder.
-
-382. Wie die Körper im Raume, die Vorstellungen im Bewusstsein, so
-wechseln die Gesellschaftsglieder ihren Ort innerhalb der Gesellschaft,
-die Gesellschaften selbst den ihrigen im Raume neben, in der Zeit nach
-und vor andern Gesellschaften. In dem "Kampf ums Dasein", welchen die
-Körper in der physischen, die Vorstellungen der Bewusstseinswelt,
-wie die Mitglieder der Gesellschaft um ihre Stellung in dieser mit
-einander führen, werden die einen, die herrschenden, von oben nach
-unten, andere, beherrschte, von unten nach oben gedrängt, und wie die
-Hindernisse, die dem im Raume bewegten Körper, und die Hemmungen,
-die der zur Klarheit aufstrebenden Vorstellung im Wege stehen,
-so die gesellschaftlichen Widerstände, welche den innerhalb der
-Gesellschaft Emporstrebenden begegnen, durch Glück oder Klugheit
-überwunden. Wandervölker und Auswanderer verändern den Ort ihres
-geselligen Zusammenlebens, während bis dahin blühende Gesellschaften
-durch Zerfall und innere Erschlaffung von ihrer Höhe herabsinken oder
-durch andere von derselben gestürzt werden. Wie aber der physische
-Körper gleich dem Bewusstseinsgebilde nicht blos den Ort, sondern auch
-Form und Stoff zu wechseln vermag, so geht der Gesellschaftskörper
-nicht nur aus der lockeren in engere Association (Actiengesellschaft
-in Handelscompagnie), sondern aus der qualitätslosen in die qualitative
-Genossenschaft (aus blosser Geselligkeit zur Freundschaft) und endlich
-in organische Verschmelzung (aus dem Liebesverhältniss zur Heirat und
-Familie) und organisirte Gesellschaft, diese aus der pflanzenartigen
-Form des Autochthonenthums aber selbst in die freibewegliche der
-Wandergesellschaft, nach dieser in die höhere Form der staatähnlichen
-Organisation und schliesslich in deren höchste und vollkommenste
-Gestaltung, den Staat über.
-
-383. Wie der Stoff des Bewusstseins die primitiven Bewusstseinsacte,
-so ist der Stoff der Gesellschaft der Inbegriff jener
-Bewusstsseinsindividualitäten, welche unter einander durch die
-Congruenz ihres individuellen Bewusstseinsgehalts zu einem Alle
-umfassenden gemeinsamen Bewusstsein verbunden werden. Hört eines dieser
-Einzelbewusstsein auf, seinem Inhalt nach mit jenem der übrigen zu
-harmoniren, so gehört dasselbe nicht mehr dem Allgemeinbewusstsein
-an und hat der Einzelne, dessen Bewusstsein auf diese Weise sich
-von dem allgemeinen geschieden hat, innerlich längst aufgehört
-Gesellschaftsmitglied zu sein, auch wenn nach aussen hin dessen
-bisheriger Verband dem Anschein nach unverändert fortbesteht. So kann
-der innerlich von dem Glaubensbekenntniss einer Glaubensgenossenschaft
-Abgefallene äusserlich in dem gesellschaftlichen Verbande seiner
-Kirche fortleben, also längst "confessionslos" geworden sein,
-ehe er sich äusserlich als solchen bekennt. Mit der Auflösung des
-gemeinschaftlichen Bewusstseins löst die Gesellschaft sich selbst
-auf, mit der Selbstauflösung aller unter eine gemeinsame Kategorie
-(z. B. unter jene der Familie, der Schule, der Kirche etc.) gehörigen
-Gesellschaften tritt für jede jener Kategorien socialer Nihilismus
-(der Familie als Auflösung jedes Familien-, der Schule oder Kirche als
-solche jedes wissenschaftlichen und Bekenntnissverbandes) ein. Mit der
-Selbstauflösung des Staats als der gesellschaftlichen Verwirklichung
-der Gesellschaftsidee erfolgt die Verneinung dieser selbst, die
-Annihilisation eines gesellschaftlichen Verbandes überhaupt und damit
-die Rückkehr zum ursprünglichen Zustand ungesellter Individuen, des
-Zerfalls des socialen, wie oben des physischen Stoffs, in seine Atome.
-
-384. Wie die Gesammtheit der physischen Körper den Kosmos, die
-Gesammtheit der Bildungen des individuellen Bewusstseins die Seelenwelt
-des Individuums, so macht die Gesammtheit gesellschaftlicher Körper
-von den gleichgiltigsten und flüchtigsten Associationen bis zu
-dauerhaften, sei es durch Bluts-, sei es durch Ueberzeugungsbande
-verschmolzenen organischen und organisirten Corporationen und zu
-der ausdauerndsten und umfassendsten von allen, dem Staate und den
-Staaten in ihren gegenseitigen, sei es auf Ebenbürtigkeit, sei es auf
-Abhängigkeit gegründeten Beziehungen, als Staatensystem, so weit die
-geschichtliche Erfahrung reicht, die Welt der Geschichte aus. Wie die
-Totalität des physischen und jene des im individuellen Bewusstsein
-sich vollziehenden psychischen Geschehens die Naturgeschichte des
-Kosmos und die Geschichte der Seelennatur, so stellt die Gesammtheit
-des innerhalb der Gesellschaft wie innerhalb der Gesellschaften von
-den unscheinbarsten Regungen eines gemeinschaftlichen Bewusstseins im
-Umkreis locker verknüpfter bis zu der reichsten Entfaltung gemeinsamen
-Denkens, Fühlens und Wollens unter einander physisch oder psychisch
-eng verwandter Individuen, von dem einförmigen Dahinleben der Natur-
-bis zu den wechselvollen Schicksalen hochcivilisirter Culturvölker,
-von den seltenen und zufälligen feindseligen und freundlichen
-Berührungen zerstreuter Horden, Familien und Stämme bis zu den eng
-verflochtenen materiellen und geistigen Interessen und dem Raum und
-Zeit überwindenden Handels-, literarischen und persönlichen Verkehr
-einer zu stets sich steigernder Gleichartigkeit der Bildung, der
-Sitten und der staatlichen Formen entwickelten Menschheit herauf, so
-weit die geschichtliche Erfahrung reicht, die nach unveränderlichen
-Gesetzen sich vollziehende Entwickelungsgeschichte der Gesellschaft,
-die Weltgeschichte dar.
-
-
-
-
-
-
-
-
-DRITTES BUCH.
-
-DIE KUNST.
-
-
-ERSTES CAPITEL.
-
-DIE BILDUNGSKUNST.
-
-
-385. Wie es die Aufgabe des ersten Buches war, die Ideen als
-Musterbegriffe ohne Rücksicht auf eine denselben entsprechende oder
-nicht entsprechende Wirklichkeit, jene des zweiten dagegen, das
-Wirkliche ohne Rücksicht auf dessen vorhandene oder nicht vorhandene
-Uebereinstimmung mit den Ideen, jedes der beiden genannten Gebiete
-rein, ohne Beeinflussung oder Färbung durch das andre für sich
-darzustellen, so ist es die Aufgabe des dritten, durch dessen
-Gegenstand, die Kunst, welche weder, wie der Inhalt des ersten
-vorschreibende, noch wie jener des zweiten Buches beschreibende
-Betrachtung, sondern reale Bethätigung ist, die Ideen in die
-Wirklichkeit einzuführen d. h. das mit den Ideen nicht in Einklang
-stehende Wirkliche diesen, so weit dessen Natur es gestattet,
-harmonisch zu gestalten.
-
-386. Aus dem Gesagten folgt, dass der Begriff der Kunst, insofern unter
-demselben Darstellung von Ideen im wirklichen Stoffe verstanden wird,
-weder mit jenem der schönen Kunst, welche die Darstellung ästhetischer
-Ideen, noch mit jenem der Technik, welche die kunstfertige Ueberwindung
-der Ideendarstellung durch das wirkliche Material in den Weg gestellter
-Widerstände in sich begreift, identisch, sondern weiter als beide
-ist und als auf Wissen sich stützendes Können überall dort zur
-Anwendung kommt, wo von Darstellung gleichviel was für welcher Ideen
-in wirklichem, gleichviel ob willigem oder sprödem Stoffe die Rede
-ist. Jenes, das Merkmal der Ideendarstellung, unterscheidet die Kunst
-von der ideenlosen Virtuosität, die sich in Ueberwindung im Material
-nicht gegebener, sondern in demselben ausdrücklich hervorgesuchter,
-also selbstgemachter Schwierigkeiten gefällt. Dieses, das Merkmal
-der Realität des Materials, durch welche die Idee selbst solche
-gewinnt, unterscheidet die Kunst von dem traumhaft dahinfliessenden
-Bewusstseinsgespinnst, welches weder durch die Verarbeitung nach
-logischen Ideen logischen Halt, noch durch solche nach ästhetischen
-Ideen ästhetische Form, noch durch gleiche nach ethischen Ideen
-ethischen Gehalt, noch endlich durch Verkörperung in lebendigem,
-eigenem oder fremdem, oder in leblosem Stoff reale Gestalt annimmt. Wie
-jene Können ohne Wissen (entweder nicht Kennen oder nicht Kennenwollen
-der Ideen, die sich gar wol mit umfassender Kenntniss des sonst zur
-Ideendarstellung bestimmten Stoffs verträgt), so stellt dieses, auch
-wenn es wie der hellseherische Traum des Genius das Wahre trifft, ein
-Wissen ohne Können dar (nicht Verarbeiten, oder nicht Verarbeitenwollen
-der Idee im Stoff, welches sich gar wohl wo mit umfassendem Vermögen
-künstlerischer Darstellung vertragen, aber auch aus Mangel technischer
-Anlage oder aus "göttlicher Trägheit" entspringen kann).
-
-387. Kunst in diesem Sinn ist einerseits so vielfach, als überhaupt
-zur Darstellung geeignete Ideen, und so mannigfaltig, als zur Aufnahme
-derselben empfängliche Stoffe vorhanden sind. Dieselbe erscheint
-in ersterer Hinsicht als Darstellerin logischer, ästhetischer und
-ethischer d. i. der Ideen des Wahren, Schönen und Guten. In letzterer
-Hinsicht wird es darauf ankommen, ob das Material, dessen die Kunst
-sich bedient, psychischer (Bewusstseins-) oder physischer (materieller)
-Natur, und im ersteren Fall, ob der Bewusstseinsstoff Inhalt des
-eigenen oder eines fremden Bewusstseins sei. Dieselbe gliedert sich
-in dieser Hinsicht in die dreifache Kunst der Bildung der Vorgänge des
-eigenen Bewusstseins (Vorstellen, Fühlen, Wollen), so wie jener eines
-fremden Bewusstseins, endlich der Körper und Processe der physischen
-(leblosen und lebendigen) Natur nach (logischen, ästhetischen,
-ethischen) Ideen. Die erste als Kunst der Ideendarstellung im eigenen
-Vorstellen, Fühlen und Wollen d. i. der Bildung des eigenen Vorstellens
-nach logischen, ästhetischen und ethischen, des eigenen Fühlens nach
-ästhetischen und des eigenen Wollens nach ethischen Normen ergibt
-die Kunst der Selbstbildung oder die Bildungskunst. Die zweite als
-Kunst, das Vorstellen, Fühlen und Wollen eines Andern, das erste nach
-logischen, ästhetischen und ethischen, das zweite nach ästhetischen,
-das dritte nach ethischen Normen zu bilden, ergibt die Kunst der
-Bildung Anderer oder die Bildekunst. Die dritte als die Kunst, die
-Processe und Körper der materiellen, lebendigen und leblosen Natur
-nach Ideen zu behandeln d. i. durch die Wahrheit als Wissenschaft zu
-beherrschen, durch die Schönheit als Kunst zu verschönern und durch
-die Güte als wohlwollende und menschenwürdige Behandlung zu veredeln,
-ergibt als Kunst die Natur zu bilden, die bildende Kunst.
-
-388. Bildungskunst als Ideendarstellung im eigenen Vorstellen ist
-als Darstellung logischer Ideen in demselben zunächst logische
-Kunst. Insofern die logischen Ideen den Inbegriff der Bedingungen
-ausmachen, unter welchen Denken zum Wissen wird, besteht deren Aufgabe
-darin, das eigene Vorstellen in Wissen, den Inhalt desselben in
-Wissenschaft zu verwandeln. Der Denkende wird zum Wissenden, wenn ihm
-alles dasjenige, aber auch nur dasjenige als wahr d. i. als richtig
-und giltig erscheint, was ihm in Folge der Anwendung logischer
-Normen auf sein Denken als solches erscheinen muss. Andernfalls
-weiss er nicht, sondern meint, ahnt oder glaubt nur. Ersteres, wenn
-er überhaupt keine Gründe, letzteres, wenn er andere als logische
-d. i. aus dem Inhalt des Gedachten stammende Gründe hat, dasselbe für
-wahr zu halten. Je nachdem diese letzteren entweder aus dem Gefühl,
-oder aus dem Begehren, Wünschen und Wollen genommen sind, so dass der
-Vorstellende dasjenige für wahr oder falsch hält, was seinen Gefühlen,
-oder dasjenige, was seinen Wünschen entspricht oder entgegen ist,
-tritt das von ihm für wahr Gehaltene in der Form eines Vorausgefühlten
-(Geahnten) oder Vorauserwarteten (Geglaubten) auf, auch dann, wenn
-dasselbe nach logischen Regeln aus der Beschaffenheit des Gedachten
-weder vorhergesehen, noch überhaupt gewusst werden kann.
-
-389. Insofern und weil das Wissen vom Meinen, Ahnen und Glauben
-verschieden, die Form des Gewussten auch dann, wenn der Inhalt
-derselbe ist, von der Form des blos Gemeinten, Geahnten oder
-Geglaubten verschieden sein muss, so folgt, dass die logische
-Kunst als Bearbeitung des eigenen Vorstellens nach logischen Regeln
-zunächst darauf ausgehen muss, das zu bearbeitende Material d. i. das
-eigene Vorstellen von allen ihm fremdartigen Bestandtheilen und
-Zusätzen zu reinigen d. h. alles dasjenige auszuscheiden, was nicht
-selbst Vorstellung, sondern Gefühl oder Streben (Begierde, Wunsch,
-Wille) ist. Dieselbe trachtet daher vor allem den Vorstellenden
-von jeder Rücksicht auf dasjenige frei zu machen, wodurch der
-Inhalt des Gedachten zu dessen Gefühlen, Begierden, Wünschen und
-Willensbestrebungen in förderlicher oder hemmender Beziehung steht
-d. h. entweder ein ästhetisches oder ein praktisches Interesse für
-denselben hat. Denn, wo das erstere herrscht, wird der Vorstellende
-eine eben so begreifliche Neigung zeigen, dasjenige, was ihm aus irgend
-einem Grunde nützlich, angenehm oder schön erscheint d. h. gefällt,
-für wahr oder wirklich, wie dasjenige, was ihm missfällt, für falsch
-oder Fiction zu halten; wo das letztere herrscht, wird er bereit sein,
-dasjenige, was er aus irgend einem Grunde begehrt, wünscht oder will,
-für begehrenswerth, möglich und erlaubt, so wie dessen Gegensätze
-d. i. alles dasjenige, was er verabscheut, weder wünscht noch will,
-für das Gegentheil zu halten. Aus dem ersteren entspringt, wenn das für
-wahr Gehaltene deshalb dafür gehalten wird, weil dasselbe uns nützlich,
-dagegen für falsch, wenn es uns schädlich scheint, die sogenannte gute
-oder schlimme Ahnung, -- wird es dagegen für wahr oder falsch gehalten,
-je nachdem es uns angenehm und schön oder unangenehm und hässlich
-dünkt, der poetische Optimismus oder Pessimismus, poetischer Glaube
-oder Unglaube (Wahnglaube). Aus dem letzteren entspringt, je nachdem
-das praktische Interesse an dem Inhalt des Gedachten den Vorstellenden
-nur gestimmt macht, Ungewisses, ja selbst Unwahrscheinliches, aber
-doch Mögliches und bis zu einem gewissen Grad Wahrscheinliches über
-diesen hinaus für wahrscheinlich, ja selbst für gewiss zu halten,
-oder dermassen verblendet, dass er nicht blos Unwahrscheinliches
-für wahrscheinlich, sondern Unmögliches für möglich, ja selbst für
-wirklich hält, im ersten Fall Leichtgläubigkeit, im zweiten Fall
-Aberglaube. Beide sind verzeihlich, wenn die Begierden, Wünsche und
-Willensbestrebungen, durch die sie veranlasst werden, entweder an
-sich löblich oder doch erlaubt, dagegen unentschuldbar, wenn dieselben
-nicht blos thöricht, sondern unerlaubt und verwerflich sind.
-
-390. Die Bearbeitung des eigenen Vorstellungsmaterials erfolgt, wenn
-das letztere von fremdartigen, ästhetischen und praktischen Zusätzen
-gereinigt ist, "sine ira", aber erst, wenn dieselbe nicht blos auf
-Grund des psychischen Mechanismus, sondern nach logischen Normen
-geschieht, "cum studio". Jene dient nur dazu, den Vorstellenden von
-den Einflüssen des ästhetischen und praktischen Interesses auf sein
-Denken frei d. h. das rein wissenschaftliche Interesse an dem Inhalt
-des Gedachten zu dessen einzigem zu machen: diese geht darauf aus,
-die durch den psychischen Mechanismus des Bewusstseins thatsächlich in
-demselben entstandenen Gedanken vom Gesichtspunkt der logischen Ideen
-einer kritischen Prüfung zu unterziehen d. h. das specifisch logische
-oder im weiteren Sinn philosophische Interesse zu befriedigen. Die
-Aufgabe der ersteren ist erfüllt, wenn es derselben gelungen ist,
-auf rein wissenschaftlichem d. i. weder durch ästhetische, noch
-praktische Interessen beeinflusstem Wege inhaltsvolle Gedanken
-(Begriffe, Urtheile, Schlüsse, Systeme), jene der letzteren aber erst,
-wenn sie es dahin gebracht hat, den Forderungen logischen Denkens
-gegenüber haltbare d. i. logisch denkbare Gedanken (denknothwendige
-oder doch logisch erlaubte Begriffe, Urtheile, Schlüsse und Systeme)
-herzustellen. Frucht der ersteren ist die naive d. i. empiristische
-und im philosophischen Sinn kritiklose, die der letzteren dagegen die
-bewusste d. i. philosophische, weil durch logische Kritik gesichtete
-Wissenschaft.
-
-391. Die naive Wissenschaft führt ihren Namen daher, weil sie
-einerseits zwar Wissenschaft d. h. von den Einflüssen des Gefühls
-und des Willens frei, andererseits aber naiv ist d. i. um die Frage,
-ob der psychische Mechanismus von Haus aus derart beschaffen sei,
-dass die durch denselben im Bewusstsein zum Vorschein kommenden
-Gebilde (Begriffe, Urtheile, Schlüsse, Schlussketten und Systeme)
-wahre d. i. richtige und giltige Begriffe, Urtheile u. s. w. sein
-müssen oder doch sein können, sich unbekümmert zeigt. Letztere aber
-d. i. die eigentlich kritische Frage, weil sie nichts geringeres
-als das gesammte erkenntnisstheoretische Problem d. i. die Würdigung
-der gesammten auf dem Wege des psychischen Mechanismus entstandenen
-Vorstellungen in Bezug auf deren Erkenntnisswerth enthält, ist um
-so unabweislicher, je weniger es sich bestreiten lässt, dass gewisse
-auf obigem Wege mit naturgesetzlicher Nothwendigkeit im Bewusstsein
-sich einstellende Vorstellungsgebilde in Hinsicht auf deren Bedeutung
-für die Erkenntniss keinen oder sogar einen negativen Werth besitzen
-d. h. nicht blos Hohl-, sondern Wahngebilde sind. Zu diesen gehören
-die sogenannten Sinnestäuschungen (Illusionen und Hallucinationen),
-aber auch der Schein der täglichen Bewegung des gestirnten Himmels
-um die Erde, oder des am Horizont vergrösserten Durchmessers des
-Mondes, deren sich der Astronom, der sie als Trug erkennt, eben so
-wenig wie der Laie, der sie für Wirklichkeit nimmt, zu erwehren
-vermag. Ebendahin aber auch gewisse Begriffe, welche, wie jener
-Schein, auf Grund des psychischen Mechanismus im Bewusstsein mit
-naturgesetzlicher Nothwendigkeit entstehen und daher unabweislich,
-aber nichts desto weniger von einer Inhaltsbeschaffenheit sind,
-welche nicht ohne weiteres gestattet, deren Inhalt für möglich,
-geschweige denn für wirklich, also auch nicht sie selbst für richtige
-und giltige Begriffe zu halten. Von dieser Art sind Begriffe,
-deren Inhalt auf Wirkliches bezogen und folglich, da dieselben
-thatsächlich im Bewusstsein gegeben sind, als wirklich gesetzt wird,
-zugleich aber in sich widersprechend ist, so dass die Forderung,
-denselben als wirklich zu setzen, nichts geringeres bedeutet als
-ein Widersprechendes, also ein solches, was nach logischen Ideen als
-wirklich nicht gedacht werden darf, denselben zum Trotz als solches zu
-denken. Zeigt sich nun, dass zu diesen Begriffen gerade diejenigen
-gehören, von welchen die sogenannten Erfahrungswissenschaften,
-Natur- und Geschichtswissenschaft, den umfassendsten Gebrauch und die
-freigebigste Anwendung machen, ja solche, ohne welche das von obigen
-Wissenschaften errichtete Wissenschaftsgebäude, die sogenannte Natur-
-und Geschichtserfahrung, weder Grundlage noch Zusammenhang, überhaupt
-keinerlei Halt besässe, so erscheint das in die Zuverlässigkeit und
-Glaubwürdigkeit jener Wissenschaften gesetzte Vertrauen so lange
-als unberechtigt, die Wissenschaft selbst als naiv, so lange nicht
-entweder jene Begriffe beseitigt oder, da dies, ohne das Werk jener
-Wissenschaften selbst zu zerstören, unmöglich ist, wenigstens die
-Widersprüche aus deren Inhalt verschwunden sind.
-
-392. Der geschilderte Fall ereignet sich bei den sogenannten
-metaphysischen oder, wenn alle Begriffe, deren Inhalt auf Wirkliches
-bezogen wird, ontologische (Seinsbegriffe) heissen sollen, bei den
-allgemeinsten ontologischen Begriffen, als welche (von Herbart)
-namentlich jene des Dings mit mehreren Merkmalen, der Veränderung
-(incl. der Bewegung) der Materie und des Ichs angeführt worden
-sind. Dieselben sind sämmtlich "Thatsachen des Bewusstseins" d. h. sie
-finden sich in Folge und auf Grund des psychischen Mechanismus in
-jedem normal naturgesetzlich entwickelten Bewusstsein in gleicher
-Weise, als aus den ursprünglichen Bewusstseinsacten gesetzmässig
-abgeleitete psychische Gebilde vor; der Inhalt derselben ist daher
-weder selbst gemacht, sondern gegeben, noch willkürlich anders gemacht,
-als er gegeben ist, sonach unabweislich. Derselbe ist aber zugleich
-so beschaffen, dass er einander gegenseitig ausschliessende, weil
-widersprechende Bestimmungen enthält, sonach unhaltbar. Bei dem Begriff
-des Dings mit mehreren Merkmalen besteht dieser Widerspruch darin,
-dass dasselbe zugleich als eins und als vieles, bei dem Begriff der
-Veränderung darin, dass das Veränderte zugleich als dasselbe und nicht
-dasselbe, bei der Materie darin, dass dieselbe ins Unendliche getheilt
-und doch aus Theilen entstanden, bei dem Begriff des Ich endlich
-darin, dass dasselbe als sich sich vorstellend d. i. einen regressus
-in infinitum einschliessend und doch als finitum d. i. als vollendet
-gedacht werden soll. Dieselben sind aber zugleich von der Art, dass das
-gesammte Gebäude der Erfahrung und sonach der Erfahrungswissenschaft
-auf der Voraussetzung ihrer Giltigkeit ruht; weder die Körper-, noch
-die geschichtliche Welt, wie sie erfahrungsmässig gegeben sind, wären
-ohne Voraussetzung der Wirklichkeit von Dingen als Trägern zahlreicher
-Eigenschaften, von Bewegung in Raum und Zeit, so wie qualitativer
-Veränderung von Stoff in der einen und bewussten Individuen in
-der anderen möglich. Letztere und damit die gesammte auf Erfahrung
-beruhende vorgebliche Wissenschaft vom Wirklichen müsste sonach so
-lange für bodenlos, diese Wissenschaft selbst für naiv gelten, als jene
-vor dem Forum der Logik unhaltbaren Begriffe deren Grundlage ausmachen.
-
-393. Da die Bearbeitung der im Bewusstsein auf normalem
-Wege entstandenen Vorstellungen vom Gesichtspunkt jener
-erkenntnisstheoretischen Frage nicht durch den Inhalt der Vorstellungen
-selbst, sondern durch das Verhältniss der Naturgesetze des Denkens (des
-psychischen Mechanismus) zu dessen Normalgesetzen (den logischen Ideen)
-bedingt ist, so erstreckt sich die Bezeichnung der Naivetät über das
-ganze Gebiet der unkritisch (d. i. ohne Rücksicht auf obige Frage)
-verfahrenden Wissenschaft d. h. auf die Gebiete aller besonderen
-Wissenschaften, gleichviel welchen Gegenstand dieselben betreffen
-mögen, sonach auf die formalen, wie Mathematik und Grammatik,
-nicht weniger, wie auf die realen, und unter diesen ebenso auf die
-theoretischen, welche, wie Geschichte und Naturwissenschaft, von
-Wirklichem, wie auf die praktischen, welche wie Kunst- und Sitten-,
-Rechts-, Staats- und Erziehungslehre von erst zu Verwirklichendem
-handeln; endlich auf das von der Erfahrung nicht blos ausgehende,
-sondern ausschliesslich auf dieselbe sich stützende d. i. empirische
-Denken (empirischer Dogmatismus) nicht weniger als auf jedes den
-Ursprung seiner Begriffe aus dem psychischen Mechanismus und damit
-die Zweifelhaftigkeit ihres erkenntnisstheoretischen Werths entweder
-nicht kennende oder vornehm ignorirende, um dieser seiner begrifflichen
-Form willen im eminenten Sinn "philosophisch" (rational, speculativ,
-dialektisch) sich nennende Denken (dogmatische Philosophie).
-
-394. Wie jeder Dogmatismus, auch der in der Philosophie, vor, so liegt
-die bewusste d. i. durch Bearbeitung der im psychischen Mechanismus
-gewordenen Begriffe nach logischen Normen entstandene und ihrer
-Uebereinstimmung mit den letztern innegewordene Wissenschaft nach der
-Beantwortung der kritischen Frage d. i. dem Kriticismus. Wie dieser
-selbst aus der Skepsis, so geht die wahre d. h. kritisch gesichtete
-Wissenschaft aus der Kritik hervor. Insofern die letztere auf alle
-thatsächlich im Bewusstsein vorfindlichen Begriffe, gleichviel welchem
-wissenschaftlichen Gebiete dieselben angehören mögen, sich ausdehnt,
-unterscheidet sie sich von jener Gattung von Kritiken, deren jede
-sich nur auf ein begrenztes Gebiet für richtig und giltig gehaltener
-Begriffe, Urtheile oder Schlüsse erstreckt d. i. wie die sogenannte
-historische Kritik angeblich historische Thatsachen, wie die sogenannte
-philologische Kritik vermeintlich echte Textesüberlieferungen, wie
-die ästhetische Kritik unverdienter Weise als mustergiltig gepriesene
-Kunstleistungen u. s. w. auf ihre wahre Gestalt und wirklichen Gehalt
-zurückzuführen sich zur Aufgabe macht. Wie durch letzteren Umstand
-dem Umfange nach, so sondert sie sich von den angeführten Arten der
-Kritik überdies durch die Beschaffenheit des der Beurtheilung zu Grunde
-liegenden Massstabs ab, welcher für sie weder in der Uebereinstimmung
-oder im Widerspruch des angeblich Geschichtlichen mit als solches
-Anerkanntem (wie bei der historischen Kritik), noch in dem Einklang
-oder der Abweichung der vermeintlich echten mit oder von der als
-solche beglaubigten Textesüberlieferung (wie bei der philologischen
-Kritik), noch in der Harmonie oder Disharmonie der jeweilig gelobten
-oder getadelten Leistung mit den ästhetischen Normen (wie bei der
-Kunstkritik) u. s. w., sondern einzig und allein in der Denkbarkeit
-oder Undenkbarkeit, so wie in der Denknothwendigkeit der Begriffe
-nach logischen Normen gelegen ist.
-
-395. Die auf diesem Wege durch Bearbeitung der Begriffe entstandene
-Wissenschaft ist Philosophie. Der Unterschied derselben von den
-besonderen Wissenschaften liegt, da die Bearbeitung, aus der sie
-entspringt, sich auf die Gebiete aller Wissenschaften ausdehnt, nicht
-darin, dass sie anderes, sondern darin, das sie anders weiss. Wenn der
-Name der Wissenschaft nicht nach dem Grade der Wissenschaftlichkeit
-ertheilt, sondern je nach der Besonderheit des Gegenstandes vertheilt
-werden soll, so ist die Philosophie, wie der Poet bei der Theilung der
-Erde, so bei der Theilung des (Bacon'schen) "Globus intellectualis"
-zu spät gekommen. Wenn dagegen jener allein entscheidet, so ist die
-bewusste aus kritischer Sichtung des Gewussten hervorgegangene allein
-wahre (Normal- und zugleich Universal-) Wissenschaft. Dieselbe
-zerfällt, je nachdem die Bearbeitung gegebener Begriffe nach
-logischen Normen der formalen oder der realen Seite derselben
-gilt, selbst in eine philosophische Formal- und in philosophische
-Realwissenschaften. Jene behandelt die gegebenen Begriffe lediglich
-als Begriffe, wobei von der Beschaffenheit des Inhalts derselben
-abgesehen wird, und erstreckt sich daher auf alle gegebenen Begriffe
-ohne Unterschied. Diese unterscheiden sich von jener gemeinsam
-durch den Umstand, dass der Inhalt der Begriffe berücksichtigt,
-unterscheiden sich aber unter einander selbst wieder durch den
-Umstand, dass die eine derselben alle diejenigen Begriffe umfasst,
-deren Inhalt als wirklich gedacht, die andere dagegen alle diejenigen,
-deren Inhalt allgemein und nothwendig wohlgefällig oder missfällig
-gefunden werden soll. Erstere, die philosophische Formalwissenschaft
-fällt mit der (formalen) Logik, letztere beiden als theoretische und
-praktische philosophische Realwissenschaft fallen mit der Metaphysik
-(philosophische Wissenschaft vom Wirklichen, Ontologie) und Aesthetik
-(philosophische Wissenschaft vom Gefallenden und Missfallenden,
-welche auch als Ethik das unbedingt Gefallende am Wollen in sich
-schliesst) zusammen.
-
-396. Wie die Darstellung logischer Ideen im eigenen Vorstellen
-logische, so ist jene, ästhetischer Ideen in demselben schöne
-Kunst. Insofern in den letztgenannten die Summe der Bedingungen
-enthalten ist, unter welchen wie immer beschaffener realer Stoff
-unbedingt gefällt oder missfällt, geht die ästhetische Ideendarstellung
-darauf aus, das eigene ohne Rücksicht auf ästhetische Zwecke durch
-psychischen Mechanismus entstandene in schönes d. i. den ästhetischen
-Normen angemessenes Vorstellen zu verwandeln. Da nun dasjenige,
-wodurch Vorgestelltes gefällt oder missfällt, nicht das Was (der
-Gehalt), sondern das Wie (die Gestalt) desselben ist, so muss,
-um das gegebene Vorstellen in ästhetisches zu verwandeln, zunächst
-von dem Inhalt desselben und der Frage, ob derselbe wahr oder ein
-demselben entsprechendes Object wirklich oder nicht wirklich sei,
-völlig abgesehen und das wissenschaftliche (prosaische) Interesse
-an der Wahrheit oder Wirklichkeit durch das ästhetische (poetische)
-Interesse an der Schönheit des Gedachten ersetzt werden. Während die
-logische Kunst Denken in Wissen, muss die schöne Kunst auch wahre in
-nur wahr scheinende Gedanken verkehren, wenn dieselben ästhetisch
-d. i. als schöner Schein, statt didaktisch d. i. als theoretische,
-oder moralisch d. i. als bessernde Belehrung wirken sollen. Sogenannte
-didaktische oder moralische Kunst ("moralisch Lied") ist daher nicht
-sowol Kunst als vielmehr Wissenschaft (Gedankenprosa) in Kunstform
-(Lehrgedicht, Fabel).
-
-397. Das auf diesem Wege in Schein umgewandelte Vorstellen (die
-"Welt der Phantasie") bildet das Material der ästhetischen
-Ideendarstellung. Dasselbe ist so vielfach und mannigfaltig
-als das Vorstellen selbst und zerfällt, wie dieses, je nach
-der Beschaffenheit seines Inhalts in verschiedene Classen. Die
-erste derselben ist jene der sogenannten einfachen Empfindungen
-(des Gesichts oder Gehörs oder des Tastsinns, während Geruchs- und
-Geschmacksempfindungen ihrer Unbestimmtheit wegen als ästhetisches
-Material keine Verwendung finden, ausser etwa in der Gastronomie,
-in welcher durch Abwechslung verschiedener Geschmäcke, oder in
-der Garten- und Toilettenkunst, wo durch Abwechslung verschiedener
-Wohlgerüche ein dem ästhetischen verwandter Eindruck hervorgebracht
-werden soll). Die Gesichtsempfindungen, und zwar sowol jene der
-quantitativ verschiedenen Helligkeits- und Dunkelheitsgrade (Licht
-und Schatten) wie die der qualitativ unterschiedenen Lichteindrücke
-(Farben) liefern den Stoff für die Kunst des Colorits (Helldunkel
-und Farbengebung). Die Empfindungen des Gehörssinns, und zwar sowol
-jene der quantitativ verschiedenen Intensitätsgrade des Schalls (forte
-piano), wie jene der qualitativ verschiedenen periodischen Klangreize
-(Töne) liefern den Stoff für die phonetische Kunst (Modulation,
-Klangfarbe). Die Tastempfindungen, und zwar sowol jene des quantitativ
-verschiedenen Drucks und der demselben Widerstand leistenden Kraft,
-die "statischen" Empfindungen, wie jene der qualitativ verschiedenen
-(ebenen oder gekrümmten) Körperoberflächen (Ebene, Kugeloberfläche,
-gewellte Oberfläche u. s. w.), die "plastischen" Empfindungen, liefern
-das Material, jene für die bauende, diese für die bildende Kunst
-(Architektur und Sculptur). Die zweite Art der Vorstellungen begreift
-diejenigen, deren Inhalt leere Reihen und deren Grössenverhältnisse,
-und zwar sowol Zeit- und Zahlen- als Raumverhältnisse ausmachen,
-welche letzteren selbst einander entweder quantitativ gleich
-(wie bei den symmetrisch angeordneten Gegenständen im Raum), oder
-proportional (wie bei der regelmässigen Aufeinanderfolge gleicher
-und ungleicher Abschnitte in der Zeit), oder qualitativ gleichartig
-(z. B. als Raumformen entweder durchaus lineare, oder ebene, oder
-gekrümmte Flächenformen, als Zeitabschnitte durchaus lineare Formen)
-oder ungleichartig (als Raumformen aus geraden und krummen Linien,
-ebenen und gekrümmten Flächen, als Zeitformen aus Eintheilungsgliedern
-nach verschiedenen Zeiteinheiten gemischt) sein können. Dieselben
-liefern den Stoff, wenn sie Raumformen und deren Verhältnisse zum
-Inhalt haben, für die zeichnende (raummessende und raumbildende),
-wenn Zeitformen und deren Verhältnisse ihren Inhalt ausmachen,
-für die rhythmische (zeitmessende und zeitraumbildende Kunst). Die
-dritte Classe von Vorstellungen umfasst die sinnlichen Vorstellungen
-und die aus denselben entwickelten Gemeinbilder (Begriffe), welche
-als solche einen bestimmten aus der Erfahrung entweder unmittelbar,
-oder durch inzwischen eingetretene Veränderungen mittelbar geschöpften
-Inhalt besitzen d. i. Gegenstände darstellen, welche entweder ganz
-oder deren Bestandtheile in der sogenannten wirklichen d. h. in der
-phänomenalen Welt der Erfahrung vorfindlich sind, liefert den Stoff
-zur Ideendarstellung in der Vorstellungswelt der gegebenen Erfahrung
-d. i. zur Dicht- oder poetischen Kunst. Durch die Vereinigung zweier
-oder mehrerer dieser sogenannten einfachen Künste zu einer einzigen
-Kunst kann eine zusammengesetzte Kunst d. h. Ideendarstellung in
-einem Material entstehen, welches die Summe der Materiale der zum
-Ganzen verbundenen Künste ist. So ergibt sich durch die Verbindung
-der zeichnenden und der coloristischen Kunst die malerische, durch
-jene der rhythmischen und phonetischen Kunst die musikalische, durch
-jene der zeichnenden und bauenden die architektonische, und durch
-jene der zeichnenden und bildenden die plastische Kunst. Nur dürfen
-die Materialien, die mit einander verbunden werden sollen, nicht
-ungleichartig d. i. nicht z. B. das eine Raumform, das andre Zeitform
-sein, daher sich Rhythmik als Zeitkunst wol mit phonetischer Kunst,
-deren Empfindungen (die Tonempfindungen) nach einander (successiv),
-nicht aber mit der coloristischen Kunst, deren Material (die Licht
-und Farbenempfindungen) zugleich (simultan) auftritt, verbinden lässt.
-
-398. Aus dem Umstande, dass die ästhetische Ideendarstellung je
-nach der Verschiedenheit des Vorstellungsmaterials zwar immer
-schöne Kunst, aber stets eine andere ergibt, fliesst, dass
-wo das erforderliche Material im Bewusstsein gar nicht oder in
-ungenügendem Masse vorhanden ist, die bezügliche schöne Kunst durch
-keine Art künstlicher Bildung erworben zu werden vermag (poeta
-nascitur). Derjenige, welchem aus was immer für einem Grunde
-(z. B. durch die mangelhafte Lichtreizempfindlichkeit seines
-Gesichts-, oder Gehörsreizempfindlichkeit seines Gehörsorgans)
-die Unterscheidungsgabe für die feinen Nuancen der Farben- oder
-Tonempfindungen und deren Intensitäten versagt ist, ist weder zum
-Coloristen noch zum Musiker geschaffen; demjenigen, welcher für die
-sinnlichen Eindrücke seiner Umgebung entweder, wie der träumerische
-Denker in Folge seines Insichgekehrtseins, oder wie der oberflächliche
-Weltling in Folge unaufhörlichen Zerstreutseins weder Auge noch Ohr
-besitzt, geht die Bedingung des Dichters ab.
-
-399. Wie die logische Kunst, wo sie nicht die Wissenschaft, sondern
-die Virtuosität in der Handhabung logischer Kunstgriffe zum Ziel
-hat, in Sophistik, so artet die schöne Kunst, wenn sie nicht die
-Darstellung ästhetischer Ideen, sondern die Darlegung unumschränkter
-Herrschaft über das ästhetische Material d. i. blosse Kunstfertigkeit
-sich zum Zweck setzt, in Künstelei aus. Jene wie diese wird dadurch
-abgeschnitten, dass sowol die logische wie die schöne Kunst unter
-die Herrschaft der ethischen Ideen gestellt d. h. dass sowol die
-Ausübung der logischen Pflicht, nur Logisches zu denken, wie jene
-der ästhetischen Pflicht, nur Schönes zu schaffen, von der ethischen
-Pflicht, nur das Gute zu wollen, abhängig gemacht d. h. weder alles,
-was überhaupt gewusst werden kann, zu wissen gestrebt, noch alles,
-was Schönes überhaupt geschaffen werden kann, zu schaffen unternommen
-wird. Ausdruck dieser Mässigung, welche vor allem einerseits das zur
-Erfüllung des sittlichen Berufs Unentbehrliche ("das Reich Gottes")
-im Wissen sucht und das der Erreichung desselben im Wege Stehende
-seiner lockenden Schönheit ungeachtet im Schaffen unterlässt d. h. nur
-Wissenschaft, aber nicht jede Wissenschaft, und nur Schönes, aber
-nicht jedes Schöne duldet, ist als Darstellung der ethischen Ideen
-im eigenen, sei es Forscher-, sei es Künstlerbewusstsein, die Weisheit.
-
-400. Wenn die Bildungskunst des eigenen Vorstellens nach logischen,
-ästhetischen und ethischen Ideen zusammengenommen die Kunst der
-Geistesbildung, so macht jene des eigenen Fühlens nach ästhetischen
-Ideen die Kunst der Gemüthsbildung aus. Dieselbe geht, um Kunst
-d. h. um Darstellung in einem dem Darzustellenden homogenen Material
-zu sein, darauf aus, ihren Stoff, die Gefühle, in ihrer Reinheit
-herzustellen d. h. von jedem Zusatz, der etwas anderes als Gefühl
-(z. B. Begierde) und jeder Form, die eine andere als die Form des
-Gefühls (z. B. bewusste Vorstellung; wissenschaftliche Einsicht) wäre,
-freizumachen. Dieselbe scheidet daher einerseits alle diejenigen
-Gefühle aus, die nur durch die Befriedigung oder Nichtbefriedigung
-eines eben vorhandenen zufälligen und ausschliesslich individuellen
-Begehrens, Wünschens oder Wollens veranlasst sind (die sogenannten
-"vagen" oder subjectiven Gefühle, Erregungen), andrerseits aber
-auch alle diejenigen sogenannten kritischen d. h. ein Gefallen oder
-Missfallen ausdrückenden Urtheile, welche mit Bewusstsein aus anderen
-Urtheilen als ihren Gründen abgeleitet, also nicht in der Gefühlsform
-d. h. als unwillkürlicher (bewusstloser), unvermittelter Vorgang im
-Bewusstsein gegeben sind. Folge des ersteren ist, dass als Material
-für ästhetische Ideendarstellung nur allgemeine und nothwendige
-(sogenannte "fixe" oder objective) Gefühle, Folge des letzteren, dass
-nur sogenannte ästhetische (d. i. an sich evidente, eines Beweises
-weder fähige noch bedürftige) Werthurtheile als solches zugelassen
-werden. Jene wie diese, da es zu beider Beschaffenheit gehört,
-allgemein und nothwendig d. h. unbedingter Ausdruck eines Wohlgefallens
-oder Missfallens zu sein, die ästhetischen Ideen aber selbst nichts
-anderes sind als das an sich unbedingt Wohlgefällige und Missfällige,
-machen von Haus aus die Darstellung der letzteren als deren "Stimme"
-im Bewusstsein (die Idee in uns; das "Daimonion des Sokrates") aus. Je
-nachdem diese letztere sich richtend d. i. lobend oder tadelnd über
-eigenes Verhalten (Schaffen oder Wollen), oder als harmonischer oder
-disharmonischer Nachklang fremder Gefühle vernehmen lässt, wird sie
-im ersteren Fall, wenn sie das eigene Schaffen seinem Werthe nach
-beurtheilt, Geschmack (ästhetisches Gewissen), wenn sie das eigene
-Wollen billigt oder missbilligt, Gewissen (sittlicher Geschmack),
-in letzterem Falle sympathetisches Gefühl und zwar als harmonisches
-Sympathie (Mitgefühl, Mitleid, Mitfreude), wenn es disharmonisch ist,
-Antipathie (Neid, Schadenfreude) genannt.
-
-401. Frucht der Gemüthsbildung ist die Lebendigkeit des Geschmacks (der
-"Stimme des Gottes") im Künstler, des Gewissens (der "Stimme Gottes")
-im Einzel- und des Mitgefühls (socialen Gefühls) im geselliglebenden
-(socialen) Menschen. Wie die erste der schönen Kunst, so arbeitet die
-zweite der Bildungskunst des eigenen Wollens nach ethischen Normen
-vor; jene, indem durch die Lebendigkeit der eigenen Kunsteinsicht und
-des eigenen Kunsturtheils das eigene Schaffen des Künstlers gehoben
-und geregelt, diese indem durch die Regsamkeit der eigenen ethischen
-Einsicht und des Gewissensurtheils das eigene Wollen und Thun geweckt,
-beaufsichtigt und beeinflusst wird. Wie das Geschmacksurtheil die
-ästhetische Norm für den Schaffenden, so bietet das Gewissensurtheil
-die sittliche Norm für den Wollenden dar, und deren Anwendung auf
-den gegebenen Fall erfolgt um so leichter, aber auch von Seite des im
-Bewusstsein vorhandenen Materials zur Darstellung der sittlichen Ideen
-d. i. von Seite des eigenen Begehrens, Wünschens und Wollens um so
-widerstandsloser, je reiner d. h. je freier von fremdartigen Zusätzen
-und Einmischungen das letztere gehalten wird. Dasselbe darf daher
-weder in der Form blosser Vorstellung eines Wollens, noch in jener
-eines bewusstlosen Begehrens oder einsichtslosen Wünschens, sondern
-es muss in jener des wirklichen Wollens zur Beurtheilung vorliegen,
-um an der ethischen Norm mit Bewusstsein gemessen und von der Stimme
-des Gewissens zugelassen oder verworfen werden zu können. Indem
-auf diese Weise die ethische Idee im Willens- wie auf ähnlichem
-Wege die ästhetische Idee im Schaffensact zur Darstellung gelangt,
-verkörpert sich durch deren Ausdehnung einerseits auf das gesammte
-Wollen, andrerseits auf das gesammte Schaffen die ethische Idee, der
-Inhalt der Gewissensstimme, im sittlichen, wie die ästhetische Idee,
-der Inhalt der Geschmacksstimme, im künstlerischen Charakter und
-tritt, wie die Ideendarstellung im eigenen Vorstellen als Geistes-,
-jene im eigenen Fühlen als Gemüths-, so jene im eigenen Wollen als
-Kunst der Charakterbildung auf.
-
-
-
-
-
-
-
-
-ZWEITES CAPITEL.
-
-DIE BILDEKUNST.
-
-
-402. Wie die Bildungskunst darauf ausgeht, das eigene, so
-ist die Bildekunst bemüht, fremdes Vorstellen, Fühlen und
-Wollen ideengemäss zu gestalten. Dieselbe setzt daher nicht nur
-Bewusstsein der Ideen im eigenen und Empfänglichkeit für dieselben
-im fremden Bewusstsein, sondern sie setzt überdies, wie jede für
-Andere bestimmte Mittheilung, eine beiden gemeinsame Welt und ein
-beiden verständliches Verständigungsmittel voraus. Ersteres, wie
-letzteres, bedingt eine innerhalb bestimmter Grenzen sich bewegende
-Gleichartigkeit des sich mittheilenden und des zur Aufnahme der
-Mittheilung bestimmten Bewusstseins, welche weder so weit gehen darf,
-dass die Verschiedenheit zwischen beiden zu einer blossen Wiederholung
-des einen im andern herabsinkt, noch so sehr abgeschwächt werden
-darf, dass die Verschiedenheit beider bis zu völligem Gegensatz
-sich steigert. Jenes wäre der Fall, wenn das sich mittheilende
-Bewusstsein weder quantitativ noch qualitativ verschiedenen Inhalt
-von dem des empfangenden besässe, letzteres dagegen, wenn das
-empfangende Bewusstsein dem sich mittheilenden nicht nur quantitativ
-überlegen, sondern qualitativ demselben etwa in der Weise, dass das
-eine endliches (menschliches), das andere schlechthin unendliches
-(göttliches) Bewusstsein darstellte, entgegengesetzt wäre. Während
-qualitativ homogene, obgleich quantitativ weit von einander abstehende
-Bewusstseinsindividualitäten immerhin der nämlichen Welt angehören und
-eines gemeinsamen Verständigungsmittels sich bedienen können, fallen
-die Welten qualitativ entgegengesetzter Bewusstseinsindividualitäten,
-wie diese selbst, als qualitative Gegensätze aus einander und ist
-zwischen denselben eine Verständigung nur unter der Voraussetzung
-möglich, dass entweder die eine (niedere, endliche) in die Sphäre
-der andern ("der Mensch zum Gotte") emporgehoben, oder die andere
-(die höhere, unendliche) in jene der niederen "der Gott zum Menschen"
-herabgezogen wird. In jenem Fall nimmt das endliche Bewusstsein Inhalt
-und Form des unendlichen (der Mensch Göttergestalt: Apotheose) und
-damit nicht nur die Erkenntniss- (Intuition, absolutes Wissen), sondern
-auch die Ausdrucksweise (visionäre, prophetische Sprache) des absoluten
-Bewusstseins an. In letzterem Falle steigt das göttliche Bewusstsein
-nicht nur zu den Formen und Gesetzen des menschlichen, sondern auch
-zur Menschengestalt (Menschwerdung: Incarnation) und menschlichen
-Sprache (Unterredung, Belehrung durch Rede und Beispiel) herab.
-
-403. Wie bei der Kunst der Ideendarstellung im eigenen, besteht die
-Vorbedingung bei jener im fremden Bewusstsein darin, dieses letztere
-als dargebotenes Material rein d. h. je nach der verschiedenen Classe
-von Bewusstseinsindividualitäten, zu der es gehört, von fremdartigen
-Zusätzen und Vermengungen frei zu erhalten. Je nachdem das fremde
-Bewusstsein Einzelbewusstsein, oder einer Gesellschaft gleichartiger
-Individuen gemeinsames (Gesellschafts-) Bewusstsein, ersteres selbst
-entweder dem Bildner qualitativ gleichartiges und nur quantitativ
-untergeordnetes (werdendes) oder demselben ungleichartiges, quantitativ
-entweder ebenbürtiges oder überlegenes, in beiden Fällen fertiges
-Bewusstsein ist, werden drei Classen der Bildekunst, je nachdem die
-Thätigkeit des Bildners auf die Bildung des fremden Vorstellens oder
-des fremden Fühlens oder des fremden Wollens gerichtet ist, in jeder
-derselben drei besondere Formen der Bildekunst unterschieden. Jene
-drei ergeben nach einander a. die Kunst der Ideendarstellungen
-im jugendlichen Bewusstsein (Jugendbildung), b. die Kunst der
-Ideendarstellung im schon geformten, gereiften Bewusstsein
-(Regiment), c. die Kunst der Ideendarstellung im öffentlichen
-Bewusstsein (Staatskunst); diese ebenso nach einander a. die Kunst
-der Ideendarstellung im fremden Vorstellen (Unterricht), b. die Kunst
-der Darstellung der ästhetischen Ideen im fremden Fühlen (Zucht),
-c. die Darstellung ethischer Ideen im fremden Wollen (Regierung).
-
-404. Wie die Kunst der Selbstbildung jene der Geistes-, Gemüths- und
-Charakterbildung, so begreift die der Jugendbildung (Erziehungskunst,
-Pädagogik) die des Unterrichts (Didaktik), der Zucht und der Regierung
-der Jugend in sich. Dieselbe setzt, wie jede Kunst, die Kenntniss der
-darzustellenden Ideen einer-, des Materials, in welchem dieselben zur
-Darstellung gelangen sollen d. i. nicht nur jene des menschlichen
-Bewusstseins überhaupt (Psychologie des Menschen), sondern die des
-jugendlichen Bewusstseins (Psychologie der Jugend) insbesondere
-andrerseits voraus. Insofern das letztere von dem des erwachsenen
-Menschen nicht qualitativ, sondern nur quantitativ, nicht den Gesetzen
-seiner Entwickelung, sondern nur dem bisher eingesammelten Vorrath
-des Bewusstseinsinhalts nach verschieden, in Anbetracht des letzteren
-dürftiger als jenes ist, geht die Aufgabe der Jugendbildung dahin,
-einerseits den mangelnden Bewusstseinsinhalt in das Bewusstsein
-einzuführen, andererseits für die normale Entwickelung der aus dem
-Wechselverkehr der Vorstellungen entspringenden Gefühle, Begehrungen,
-Wünsche, Willensacte und Handlungen Sorge zu tragen. Jenes,
-die Zuführung des erforderlichen Bewusstseinsinhalts (Bildung der
-Vorstellungen und Vorstellungsmassen) macht den Zweck des Unterrichts;
-dieses, und zwar die Regelung der aus der wechselseitigen Hemmung und
-Förderung der Vorstellungsmassen entspringenden Gefühle macht die
-Aufgabe der Zucht, dagegen die Bändigung des aus den aufstrebenden
-Vorstellungen und Vorstellungsmassen aufbrausenden Begehrens,
-Wünschens und Wollens, insbesondere aber der das Zusammenleben mit
-Andern störenden Aeusserungen der Gefühle und Begierden in Handlungen
-die Aufgabe der Regierung der Jugend aus.
-
-405. Welcherlei Material an Vorstellungen dem Bewusstsein zugeführt
-werden soll, hängt von der Natur der in demselben darzustellenden
-Ideen ab. Dasselbe und folglich auch der Charakter des vermittelnden
-Unterrichts wird naturgemäss ein anderes sein, wenn Ideen aller
-Art, als wenn Ideen nur einer besonderen Gattung (z. B. nur die
-ästhetischen oder nur die ethischen oder nur die logischen) in
-demselben zur Darstellung kommen sollen. In jenem Fall werden alle
-Vorstellungen dem Bewusstsein zugeführt werden müssen, an deren
-Vorhandensein überhaupt eine Classe der Ideen, in letzterem Fall nur
-solche, an welchen gerade eine bestimmte Classe von Ideen Interesse
-nimmt. Erstere Form des Unterrichts umfasst daher alle Vorstellungen
-und Vorstellungsmassen, an deren Herbeiführung der Erziehungs-
-d. i. der Kunst der Darstellung aller, der logischen nicht weniger wie
-der moralischen und ästhetischen Ideen im Jugendbewusstsein gelegen
-ist, und wird deshalb als erziehender, im Gegensatze dazu jene Form
-des Unterrichts, welche an der Darstellung nur einer Classe von Ideen
-und zwar der logischen im jugendlichen Vorstellen Interesse hat, als
-wissenschaftlicher Unterricht bezeichnet. Letztere Form zerfällt, je
-nachdem es sich lediglich darum handelt, dem jugendlichen Bewusstsein
-wissenschaftliche d. i. den logischen Normen gemässe Vorstellungen und
-Vorstellungsmassen zu überliefern oder dasselbe nicht blos anzuregen,
-sondern anzuleiten und zu befähigen, dergleichen ohne vorhergegangene
-Mittheilung (nicht reproductiv), durch eigene, den logischen Normen
-entsprechende Thätigkeit aus sich (productiv) zu erzeugen, in eine
-niedere und höhere Stufe, deren erste nur darauf ausgeht, Gelehrte,
-deren letztere darauf hinzielt, Forscher zu bilden. Die Aufgabe der
-Bildung durch erziehenden Unterricht fällt, wenn der Unterricht weder
-gelegentlich, noch einem oder wenigen (wie in der Familie), sondern
-vielen zugleich und in einer seinem Zwecke besonders gewidmeten Anstalt
-(Unterrichtsanstalt, Schule) ertheilt wird, der untersten, für alle
-ohne Unterschied bestimmten Stufe derselben, der Volksschule; die
-Gelehrtenbildung der mittleren, zur Ausbildung einer Gelehrtenclasse
-und zugleich zur Vorbereitung für die Selbstforschung gewidmeten
-Gelehrtenschule (Gymnasium, Realschule); die dritte der zur Bildung
-künftiger wissenschaftlicher Selbstforscher bestimmten obersten Stufe,
-der Hochschule (Universität, Polytechnicum) zu.
-
-406. Durch die Wahrnehmung des moralischen und des ästhetischen
-Interesses mit und neben dem wissenschaftlichen arbeitet der erziehende
-Unterricht sowol der Zucht wie der Regierung vor. Der ersteren, indem
-durch die Beachtung solcher Vorstellungen und Vorstellungsmassen,
-durch welche die Entstehung (sei es der Intensität wie der Qualität
-nach) bedenklicher Gefühle entweder gänzlich verhindert oder doch
-beschränkt, dagegen jene (sowol der Stärke als dem Inhalt nach)
-wünschenswerther Erregungen geweckt und gefördert wird, bei der Auswahl
-des Unterrichtsmaterials die Regelung der im Bewusstsein vorhandenen
-Gefühle nach Qualität und Energie erleichtert, das jugendliche Gemüth
-in Freud und Leid "in Züchten", in seinen Mitgefühlen für und gegen
-Andere keusch, schamhaft und "züchtig" gehalten wird; der letzteren,
-indem durch die Beachtung solcher Vorstellungen und Vorstellungsmassen
-bei der Auswahl des Unterrichtsmaterials, durch welche einerseits
-die Furcht vor den Folgen unbändiger Ausschreitungen in Affects-
-und Willensäusserung erweckt und erhöht, andererseits die Aussicht
-auf die wohlthätigen Wirkungen gemässigten Verhaltens nach aussen,
-so wie in Beziehung auf Andere wirksam belebt und gesteigert, der
-Uebermuth der im Bewusstsein auftauchenden blinden Triebe, Affecte
-und Leidenschaften gezügelt, der Störungs- und Zerstörungseifer der
-Jugend durch Lohn und Strafe eingedämmt wird.
-
-407. Wie der Unterricht, so hat die Zucht und die Regierung,
-also die gesammte Jugenderziehung zum letzten Zweck, mit der
-Erreichung ihres Ziels, der Geistes-, Gemüths- und Charakterreife,
-sich selbst überflüssig zu machen. Jenes geschieht, wenn der Schüler
-zum Selbstforscher, dieses, wenn das stürmisch bewegte und erregte
-Gemüth zur ruhig prüfenden Stimme des Innern und das halt- und ziellos
-zerfahrende Trachten und Treiben zum zielbewussten Wollen und in sich
-gefesteten Charakter geworden ist.
-
-408. Wie die Erziehung an das werdende, so wendet sich die zweite
-Art der Bildekunst an ein bereits ("im Strom der Welt") gewordenes
-Bewusstsein. Soll dasselbe nicht blos einförmiger Wiederholung,
-sondern lebendiger Wechselwirkung zugänglich und fähig sein,
-so muss zwischen demjenigen Theil, welcher den andern nach sich
-zu bilden trachtet, und jenem, welcher sich das vom Andern "nach
-seinem Bilde" Gebildetwerden gefallen lässt, zwar Verwandtschaft,
-aber nicht Gleichheit, darf zwar Ungleichheit, aber nicht Gegensatz
-herrschen. Dieser Fall findet statt bei der gegenseitigen, Geist,
-Gemüth und Charakter beeinflussenden Wechselwirkung zwischen dem
-Geschlecht nach entgegengesetzten (Mann und Weib), oder dem Range,
-Stande, Beruf, der Lebensstellung nach verschiedenen, insbesondere
-einander über- und untergeordneten Individuen (Vornehmen und Geringen,
-Herren und Dienern), am entschiedensten und folgereichsten aber
-zwischen dem Gläubigen und dem "nach seinem Ebenbilde" gedachten
-d. i. vom Menschen menschenähnlich erschaffenen Gott (homo homini
-deus).
-
-409. Dieselbe tritt, da es sich um Ideendarstellung in dem Bewusstsein
-eines fremden Erwachsenen handelt, nicht als (ja bereits vollendete)
-Erziehung, sondern als "Regiment" (des Mannes über das Weib oder
-umgekehrt; des Herrn über den Knecht oder "des Kammerdieners
-über den Fürsten"; des Gläubigen über seinen Gott oder umgekehrt
-der Götter über den Menschen) auf. Dasselbe setzt von Seite des
-Bildenden zwar Ueberlegenheit, aber nicht, wie bei der Erziehung,
-an Bildung überhaupt, sondern in einer bestimmten Art und Richtung
-der Bildung voraus. Daher ist der Unterricht innerhalb dieser
-Classe der Bildungskunst nicht wie bei der Jugendbildung allgemein
-bildender, sondern fachmännischer (Fachunterricht), der Lehrer dem
-Schüler nicht an Bildung im Allgemeinen, sondern nur an Bildung
-in dem besondern Fache überlegen (Fachlehrer, Fachstudium). An die
-Stelle des erziehenden tritt daher hier der für ein bestimmtes Fach
-vorbereitende Unterricht (Proseminar für Philologen; pharmaceutischer
-Vorbereitungscurs für Apotheker), während der Fachunterricht selbst
-in zwei Stufen, die niedere und höhere zerfällt, auf deren erster das
-Fach wissenschaftlich gelehrt, auf deren zweiter die Ausübung desselben
-praktisch zur Fertigkeit erhoben wird. Als Schule gliedert sich der
-Fachunterricht nach obigen Stufen in die Vorbereitungs-, gelehrte Fach-
-und fachliche Hochschule (Zeichenschule, Kunstschule, Meisterschule
-d. i. Atelier). Wird der Charakter des Unterrichts nicht durch das
-Fach, für welches, sondern durch die Beschaffenheit des Schülers, für
-welchen er ertheilt wird, bestimmt, so entsteht, wenn das Geschlecht
-massgebend ist, der sogenannte "weibliche Unterricht" (Töchterschule,
-Frauenlyceum), wenn der gesellschaftliche Rang den Ausschlag gibt,
-der privilegirte Unterricht (Ritterakademie, Adelsconvict), wenn
-das Glaubensbekenntniss entscheidet, der confessionelle Unterricht
-(confessionelle Schule, katholische Universität) u. s. w.
-
-410. Einen besonderen Charakter nimmt der Unterricht an, wenn
-der zu Unterrichtende in den Augen des Unterrichtenden selbst als
-der besser Unterrichtete gilt. Dieser Fall, welcher eigentlich die
-Ironie des Unterrichts darstellt, ereignet sich dort, wo dem Kläger
-ein Richter, dem Gläubigen sein Gott gegenübersteht. Jener wie
-dieser wird von demjenigen, der sich an einen von beiden wendet,
-für ihn selbst an Einsicht überlegen und doch von dem besonderen
-Fall, um den es sich handelt, für nicht unterrichtet gehalten,
-zugleich aber vorausgesetzt, dass es dem Richter gegenüber nur einer
-"Vorstellung", dem Gotte gegenüber nur eines "Gebets" bedürfe, um
-als Kläger von jenem die Gewährung seines Rechts, als Gläubiger von
-diesem die Erhörung seiner Bitte zu erlangen. Der geschilderte Fall
-ist gleichsam die Umkehrung der sogenannten sokratischen Ironie; denn
-während bei dieser der Wissende sich unwissend stellt und zum Schein
-Belehrung heischt, wird der Wissende hier als unwissend vorgestellt,
-welcher der Belehrung bedarf.
-
-411. Wie das Regiment dem Unterricht das Gepräge des Fachs, Standes,
-Geschlechts, Glaubensbekenntnisses u. s. w., so verleiht dasselbe
-der Zucht wie der Regierung den Charakter desjenigen Gefühls-
-und Willensmaterials, in welchem die Darstellung der ästhetischen
-oder der ethischen Ideen statthaben soll. Dieses Material sind,
-wenn der zu bildende Erwachsene einem bestimmten Geschlecht oder
-Stande, Range, Glaubensbekenntniss oder Nationalität angehört, die
-entsprechenden, jenem Geschlecht, Stande, religiösen Bekenntniss
-u. s. w. angehörigen besonderen Gefühle (männliches Ehr-, weibliches
-Schamgefühl; militärischer esprit de corps; Adels-, confessionelles,
-Nationalitätsbewusstsein), welche als Ausdruck der ästhetischen
-Idee im Gemüthsleben die sogenannte (militärische, religiöse, sexuale
-u. s. w.) Disciplin (Standeszucht, Kirchenzucht, Keuschheit) im Gefolge
-haben. In gleicher Weise machen die einem gewissen Geschlechte,
-Stande, Glaubensbekenntniss u. s. w. gestatteten oder versagten
-Willensäusserungen und Handlungen dasjenige aus, was als Ausdruck
-der ethischen Ideen innerhalb jenes Geschlechts, Hauses, Standes,
-Glaubensbekenntnisses u. s. w., dessen Reglement (Standesordnung; Haus-
-und Dienstordnung; religiöses Ceremoniell; Fasten- und Kleiderordnung
-etc.) darstellt. Wie auf der Herrschaft des Vornehmen über den Geringen
-der Herrn-, so beruht auf der Minneherrschaft der Frau über den Mann
-der Minne-, oder (Ulrich von Lichtenstein's) Frauendienst. Wie auf
-der Herrschaft des Gottes über den Gläubigen der Gottes-, so ruht auf
-der romantischen Anbetung der jungfräulichen Mutter der Mariendienst.
-
-412. Wie die Erziehungskunst das jugendliche, das Regiment
-das erwachsene Einzel-, so geht die Politik (Staatskunst) das
-den Mitgliedern einer organisirten Gesellschaft (Schule, Partei,
-Kirche, Staat) gemeinsame, daher als solches öffentliche Bewusstsein
-an. Dieselbe hat als Ideendarstellung im öffentlichen Bewusstsein
-dieselben sowol in dessen Vorstellen d. i. im öffentlichen Geiste,
-wie in dessen Fühlen d. i. in der öffentlichen Meinung, und dessen
-Wollen d. i. im öffentlichen Willen zum Ausdruck zu bringen. Jede
-organisirte Gesellschaft trachtet demnach als Ausfluss ihrer Politik
-ihre eigene Schule zu gründen, ihren eigenen Anstand zu behaupten und
-ihre eigene Regierung zu führen. Je nachdem die Gesellschaft selbst
-als philosophische oder wissenschaftliche Secte unter einem Schul- oder
-Sectenhaupt (Stoa unter Zeno), oder als politische Partei unter einem
-Parteihaupt (Conservative unter Pitt, Liberale unter Fox in England),
-als eine Kirche unter ihrem Kirchenhaupt (die katholische Kirche unter
-dem Papst), als Staat unter seinem Staatshaupt (Oesterreich unter
-Josef II., Preussen unter Friedrich dem Grossen) organisirt ist,
-bedarf sie einer Schule (Sectenschule, Parteischule, confessionell
-kirchliche Schule, Staatsschule) als Werkzeug zur Bildung des ihrem
-Geiste entsprechenden öffentlichen Geistes, deren und der von ihr
-aus verbreiteten Wissenschaft Färbung demnach eine politische, die
-Farbe der Politik der sie stiftenden und erhaltenden Gesellschaft
-(der Secte, Partei, Confession oder des Staates) sein wird. Dieselbe
-wird nicht sowol darauf bedacht sein, gebildete, als vielmehr im
-Sinn ihrer eigenen Politik politisch gebildete Anhänger ihrer Secte,
-Parteigenossen, confessionelle Bekenner oder "gute" Staatsbürger zu
-bilden; die wissenschaftliche wird unter ihren Händen in eine Schul-,
-Partei-, Kirchen- oder staatspolitische Lehrkanzel umgewandelt.
-
-413. Wie die Politik als Anwendung der logischen Ideen auf den
-öffentlichen Geist als Staatsklugheit, so erscheint sie in der
-Anwendung der ästhetischen Ideen auf denselben als politischer Anstand,
-in jener der ethischen Ideen dagegen als politische Weisheit. Jene
-verbietet, den öffentlichen Geist verstandeswidrig, z. B. durch die
-Berufung auf den sogenannten "beschränkten Unterthanenverstand",
-der zweite, denselben anstandswidrig z. B. durch Verletzung
-des öffentlichen Schicklichkeitsgefühls, die dritte, denselben
-vernunftswidrig z. B. durch Festhalten an dem längst im öffentlichen
-Bewusstsein Abgestorbenen zu beeinflussen. Dagegen gebietet die Politik
-als öffentliche Zucht nicht nur den Ausschreitungen des öffentlichen
-Gemüthslebens nach der Seite des Lust- wie des Unlustgefühls, Rohheit
-und Ausgelassenheit einer-, Jammer- und Wehklagen andererseits
-Einhalt zu thun, sondern auch die dem geselligen Zusammenleben
-hinderlichen antisocialen Gefühle nach Möglichkeit zu hemmen und
-deren entgegengesetzte, die socialen Gefühle (Mitgefühle) eben so zu
-wecken und zu fördern, so wie auch direct (durch Belehrung), oder
-indirect (durch Anschauung) die ästhetischen Gefühle zu beleben,
-die sittlichen Gefühle zu wecken und auf diese Weise zur Hebung des
-öffentlichen Humanitätsgefühls, Gewissens und Geschmacks wirksam
-beizutragen. Von selbst leuchtet ein, dass je nach dem Charakter der
-Gesellschaft von welcher und innerhalb welcher auf das öffentliche
-Gemüthsleben Einfluss genommen wird, dieses selbst und sonach auch
-die innerhalb ihrer herrschende öffentliche Zucht einen der Politik
-dieser Gesellschaft entsprechenden Charakter tragen, also nicht nur
-innerhalb einer philosophischen oder wissenschaftlichen Secte anders
-als innerhalb einer politischen Partei, innerhalb einer Kirche anders
-als innerhalb eines Staates gehandhabt werden, sondern auch je nach
-dem verschiedenen Charakter der Schule, Partei, Kirche oder des
-Staats in der einen Schule (z. B. in jener der Stoiker) anders als
-in einer anderen (z. B. in jener der Epikuräer), unter Radicalen und
-Socialdemokraten anders als unter Legitimisten und Hochconservativen,
-unter Christen anders als unter Mohamedanern und in einem freien
-anders als in einem südstaatlichen Sclavenstaate ausfallen wird. Nicht
-nur die Anstands- und Schicklichkeitsbegriffe werden verschiedene,
-auch die Schönheits- und sittlichen Gefühle werden je nach dem
-Gesichtspunkt und der Beschaffenheit des Gesellschaftsbewusstseins
-verschiedene sein. Wie die Staatskunst beim Unterricht der Schule,
-so wird sie sich bei ihrer Einwirkung auf die öffentliche Meinung
-aller derjenigen Organe bedienen, welche durch eine lebhafte und mit
-sich fortreissende Erregung der Gefühle auf dasjenige, was sie für
-löblich oder schändlich, erlaubt oder unerlaubt, schön oder hässlich,
-anständig oder anstandswidrig angesehen wissen will, einer-, wie auf
-die Erregung, sei es des öffentlichen Mitgefühls oder des öffentlichen
-Hasses, anderseits vorübergehend oder bleibend thätigen Einfluss
-zu üben vermögen. Wie sie zum Zwecke der Bildung des öffentlichen
-Geistes der Wissenschaft, so bedient sie sich behufs der Bildung des
-öffentlichen Geschmacks, Gewissens und Mitgefühls der schönen Kunst
-und zwar der ästhetischen Beredsamkeit in Wort und Bild, sei es
-(wie die Kirche) von der Kanzel (Predigt, Erbauungsrede), sei es,
-wie in der profanen Gesellschaft (Schule, Partei, Staat), von der
-"moralischen" Schaubühne herab (Schulkomödie, politisches Tendenzstück,
-Nationaltheater). Wie die Kirche durch die schöne Kunst (Tempel und
-Kirchenbau, geistliche Musik, priesterlicher Festschmuck, Altardienst)
-den öffentlichen Gottesdienst zu verherrlichen, so trachtet der Staat
-durch öffentliche Feste ("Circenses") das öffentliche Vergnügen zu
-fördern, durch Veranstaltung öffentlicher Schauspiele (wie in Athen
-durch Aussetzung von Preisen), durch Kunstsammlungen, Monumentalbau-
-und Bildwerke (Akropolis, Stoa poikile) den öffentlichen Geschmack
-zu erziehen, durch Aufführung von Tragödien, welche "Mitleid und
-Furcht", von Komödien, welche durch Darstellung "unschädlicher
-Thorheit" Heiterkeit erregen, wohlthätige "Entladung" (Katharsis:
-Aristoteles-Bernays) des öffentlichen Gemüths von "diesen und derlei
-Leidenschaften" zu bewirken. Wie die Predigt und die Bühnenrede vom
-Munde, so dringt die (periodische und nicht periodische) ästhetische
-Presse vom lesenden Auge aus zum Herzen und wird um ihrer mächtigen
-Wirkung willen auf das öffentliche Gemüthsleben (Romanliteratur)
-von der organisirten Gesellschaft mit Vorliebe als ein Gegenstand
-der öffentlichen Zucht angesehen und je nach ihrer den Zwecken
-derselben nachtheiligen oder vorteilhaft scheinenden Richtung zu hemmen
-(Censuredicte, index librorum prohibitorum) oder (durch Subventionen,
-Preise) zu fördern gesucht.
-
-414. Wie durch den Unterricht auf den öffentlichen Geist, durch die
-Zucht auf die öffentliche Meinung, so sucht die Staatskunst durch
-die Regierung auf den öffentlichen Willen zu wirken. Wie jenes
-zur wissenschaftlichen Erziehung im Geist einer philosophischen
-oder wissenschaftlichen Schule oder Secte, politischen Partei,
-der Kirche oder des Staates, das zweite zur ästhetischen Erziehung
-ebenso im Geiste einer der genannten Gesellschaften, so führt
-das letzte zur Regierung der Gesellschaft entweder vom Schul-
-oder vom Partei-, vom kirchlichen oder vom staatlichen Standpunkt
-aus. Wie die darzustellenden Ideen die ethischen, so ist das zur
-Darstellung bestimmte Material das innerhalb der Schule, Partei,
-Kirche oder Staatsgesellschaft existirende gemeinsame Wollen, welches
-jenen gemäss zu gestalten das Ziel der Regierung jeder der genannten
-Gesellschaften ausmacht. Mittel und Werkzeug zur Erreichung desselben
-ist daher alles, was einerseits den Ausartungen des öffentlichen
-Willens zuvorzukommen (präventive), andererseits stattgehabte
-Ueberschreitungen zurückzudrängen (repressive Massregeln) im Stande
-ist. Zu jenen gehört in erster Reihe die (politische) Belehrung,
-welche den öffentlichen Willen in die von dem Geiste der Gesellschaft
-demselben angewiesenen Schranken, sei es durch Ueberzeugung, sei es
-durch Ueberredung zu leiten und in denselben aller Verlockungen zum
-Gegentheil ungeachtet zu erhalten vermag. Zu den letzteren gehört die
-(politische) Bestrafung, welche nicht nur die Folgen der eingetretenen
-Ueberschreitung auszugleichen, sondern die Wiederkehr ähnlicher
-durch Abschreckung zu verhindern trachtet. Wie der Unterricht der
-Katheder, die öffentliche Zucht der Kanzel oder der Schaubühne, so
-bedient sich die Regierung zu jenem Zwecke der Redner-, zu diesem
-der Gerichtsbühne. Von jener herab wird auf den öffentlichen Willen
-im Geiste der Schule, Partei, Kirche oder staatlichen Gesellschaft
-durch öffentliche Rede bestimmend, also in der Richtung jeder der
-obengenannten mit sich fortreissend, von dieser herab auf denselben
-durch das Schauspiel öffentlichen Gerichtsverfahrens d. i. öffentlicher
-Klage und Vertheidigung einer- und ebensolcher Urtheilsvollstreckung
-andererseits im Geiste derjenigen Gesellschaft, welche Gericht hält,
-abschreckend eingewirkt. Wie der politische Redner für die Schule,
-so wirbt der Parteiredner (mündlich oder als Parteischriftsteller
-schriftlich) für die Partei, der kirchliche Redner für seine
-Kirche, der staatliche für den Staat; wie die Schule Schulstrafen
-z. B. Ausschliessung aus der Schule, die Partei Parteistrafen,
-so verhängt die Kirche für den Abfall von ihrem gemeinsamen
-Bekenntniss Kirchenstrafen (Excommunication) und veranstaltet
-öffentliche kirchliche Gerichtsvollziehungen (Kirchenbusse, Autos
-da fé), und übt der Staat in seinem Namen Gerichtspflege und setzt
-deren Urtheile öffentlich in Vollzug (Hinrichtungen, öffentliche
-Gefängnisse). Während die letzteren auf das Auge, so sind die
-Parteiergiessungen und Parteiargumente der politischen Eloquenz
-auf das Ohr der Oeffentlichkeit berechnet und werden weit über den
-Gehörskreis der letzteren hinaus durch die politische (periodische und
-nichtperiodische) Presse ("die sechste Grossmacht"), die Rednerbühne
-durch den Leitartikel, das öffentliche Gericht durch die (politische)
-Caricatur und den öffentlichen politischen Witz in harmloser, durch die
-öffentliche Brandmarkung mittels der Schrift in um so drastischerer
-Weise vollzogen, als die unter einander widerstreitenden Schul-,
-Partei-, kirchlichen und staatlichen Gesichtspunkte unter einander
-so widerstreitende Urtheile zur Folge haben, dass die Wunden, welche
-die Presse nach einer Seite schlägt, von derselben Presse wie von
-der goldenen Lanze des Achilleus nach der andern wieder geheilt werden.
-
-415. Wie die Kunst als Ideendarstellung ihr Zerrbild in der
-ideenlosen Virtuosität, die logische Kunst insbesondere das ihre
-in der grundsatzlosen Sophistik, so findet der Jugendunterricht,
-dessen Wesen in der Anpassung an das jugendliche Bewusstsein
-liegt, das seine in der von diesem sich freimachenden Emancipation
-(vorzeitigen Reife, Präcocität), das Regiment als Bildung des Andern
-nach sich seine Entartung im Despotismus (Tyrannei), welcher die
-qualitative Beschaffenheit des Andern, sei es den geschlechtlichen
-Gegensatz (Sclaverei des Weibes), sei es die allgemein menschliche
-Verwandtschaft (Leibeigenschaft des Knechtes) ausser Acht lässt,
-endlich die Staatskunst als Erziehung des öffentlichen Bewusstseins
-ihr Afterbild in der sogenannten Staatsraison, welche der ersteren
-als Kunst der Ideendarstellung die ideenlose Praktik (politische
-Routine) in der willkürlichen Beeinflussung des öffentlichen Geistes
-nach Schul-, Partei-, Kirchen- und Staatszwecken, der öffentlichen
-Meinung nach persönlichen Stimmungen und des öffentlichen Willens
-nach Opportunitätsgelüsten unterschiebt.
-
-
-
-
-
-
-
-
-DRITTES CAPITEL.
-
-DIE BILDENDE KUNST.
-
-
-416. Wie die Bildungskunst Ideendarstellung im eigenen, die Bildekunst
-im fremden Bewusstsein, so ist die bildende Kunst Ideendarstellung
-in unbewusstem, sei es leblosem, sei es belebtem Stoff. Dieselbe
-setzt daher nicht nur, wie jede Kunst, die Kenntniss der (logischen,
-ästhetischen und ethischen) Ideen, sondern als solche überdies
-die Kenntniss des gesammten ihr zu Gebote stehenden (leblosen und
-belebten) Materials d. i. die Naturwissenschaft und zwar sowol jene
-der leblosen (Physik) wie der belebten Natur (Physiologie, Biologie)
-in ihrem ganzen Umfange voraus. Während jedoch letztere sich mit der
-Kenntniss der Natur, ihrer Erscheinungen und ihrer Gesetze begnügt
-d. h. die Natur nur beschreibt, geht jene darauf aus, den Gehalt der
-Natur mit der Forderung der Ideen zu vergleichen und die Gestalt der
-Natur, soweit es thunlich ist, nach dieser zu verändern.
-
-417. Da jeder Abänderungsversuch der der Natur natürlichen Gestalt,
-Herrschaft über die Natur, letztere aber vor allem Macht über dieselbe
-d. h. die in derselben gegebenen wirksamen Kräfte bedingt, letztere
-aber nur durch die Wissenschaft ("Wissenschaft ist Macht") erlangt
-werden kann, so folgt, dass die Bedingung der bildenden Kunst in dem
-Gewinn echter d. i. den logischen Ideen entsprechender Wissenschaft zu
-suchen und nur von einer solchen die zur Gewinnung einer vollständigen
-Herrschaft über die Natur unentbehrliche Macht zu erwarten ist.
-
-418. Insofern die Kunst dieser durch die Naturwissenschaft ihr zu
-Gebote gestellten Macht über die Natur sich bedient, um überhaupt
-Veränderungen an derselben hervorzubringen, ist dieselbe technische,
-inwiefern sie dies thut, um Ideen in derselben zur Darstellung zu
-bringen, jedoch allein bildende Kunst. Jene fällt als nur um ihrer
-selbst willen ins Werk gesetzte Ueberwindung durch die Natur ihrer
-Beherrschung in den Weg gestellter Widerstände mit der Virtuosität,
-als Unterschiebung persönlicher, der Ideendarstellung fremder
-Zwecke bei der Beherrschung der Natur (z. B. Ausbeutung derselben
-zu persönlichem Gewinn) mit der politischen Willkürherrschaft in
-Eins zusammen, während die letztere einerseits mit der Bildungs-
-und Bilde-, andererseits mit der echten Staatskunst (Staatsweisheit)
-gleichlaufende Richtungen verfolgt.
-
-419. Dieselbe geht zunächst darauf aus, die Gestalt der Natur
-logischen Normen anzubequemen d. h. wo in derselben Widersprechendes
-thatsächlich, aber den Widerspruch aus demselben zu entfernen
-möglich ist, diesen zu beseitigen, wo dagegen Gleichartiges, mit
-dem Gegebenen Verträgliches oder durch dasselbe sogar Gefordertes
-thatsächlich nicht gegeben, aber dessen Herbeiführung möglich ist,
-dasselbe heranzuziehen d. h. im ganzen Umfang der Natur das nicht
-Zusammengehörige, aber Vereinigte zu sondern, das Zusammengehörige,
-aber Getrennte zu verbinden und auf diese Weise nicht nur für
-die Erhaltung, beziehungsweise Wiedererzeugung bestehender oder
-längst bestandener innerlich zusammengehöriger, sondern auch für das
-künftige Bestehen bisher nicht bestandener, innerlich zusammengehöriger
-Verbindungen durch Erzeugung neuer Sorge zu tragen. Wie die Erfüllung
-der ersten Aufgabe mit der kritischen Sichtung durch die Erfahrung
-gegebener Begriffe, in Folge deren bestehende Urtheile aufgehoben
-(negirt), nicht bestehende neu gebildet (affirmirt) werden,
-so zeigt jene der letzteren einerseits mit dem Ersatz durch die
-Erfahrung gegebener Begriffe durch denselben an Umfang gleiche,
-an Inhalt ungleiche (äquipollente), andererseits mit der Erzeugung
-neuer Urtheile als Schlusssätze aus durch die Erfahrung gegebenen
-Prämissen (Vordersätzen) und deren Fortsetzung zu Schlussketten und
-Begriffssystemen Verwandtschaft. Jene fasst die Naturproducte nicht
-nur mit Rücksicht auf den Ort, an welchem, und die Zeit, zu welcher,
-sondern auch auf die begleitenden Umstände und die Umgebung, unter
-welcher sie gegeben sind d. h. in Beziehung auf- und zu einander,
-folglich, da unter denselben der Mensch selbst erscheint, auch in
-Beziehung zu diesem und auf diesen d. h. als für ihn nützlich oder
-schädlich ins Auge; diese berücksichtigt bei der Betrachtung der
-im Raume gegebenen Erscheinungen und Naturkörper vornehmlich deren
-Vergänglichkeit in der Zeit und bemüht sich, einerseits durch die
-Fürsorge für die Erzeugung neuer Individuen die Gattungen, wie durch
-die Verschwisterung verschiedenen Gattungen angehöriger Individuen
-neue Gattungen zu erhalten. Je nachdem die bildende Kunst sich auf die
-blosse Veränderung des Ortes und Zeitpunkts, so wie des Quantums der
-Naturproducte beschränkt oder an deren qualitative Zusammensetzung,
-so wie deren stoffliche Veränderung Hand anlegt, zerfällt dieselbe in
-drei verschiedene Classen, die sich als Handel und Verkehr, Gewerbe
-und Industrie, Bodenbebauung und Thierzucht bezeichnen lassen.
-
-420. Handel und Verkehr sind bestimmt, Naturproducte nach ihrem
-eigenen und des Menschen Bedürfniss von Orten, welche für sie nicht
-passen, weil sie zu eng für dieselben geworden sind (Ueberproduction
-im Pflanzen- und Thierreich; Uebervölkerung), zu entfernen (Export;
-Auswanderung) und an Orten, wo sie mangeln oder Raum zur Ausbreitung
-finden (productionsarme Flächen; unbewohnte Gegenden), abzusetzen
-(Import; Colonisation). Beide suchen daher vor allem die Schranken,
-welche einerseits der freien, andrerseits der raschen Beweglichkeit im
-Wege stehen, aufzuheben (Zoll- und Handelsfreiheit; "Time is money"),
-andrerseits alle Mittel anzuwenden, die den Erwerb und Vertrieb
-der Producte erleichtern (Geld statt Tausch), die Geschwindigkeit
-der Bewegung erhöhen (Eisenbahnen, Dampfschiffe), den Zeitverbrauch
-zum (schriftlichen und mündlichen) Verkehr kürzen (Post, Telegraph,
-Telephon) und die Sicherheit desselben gewährleisten (Handelsschutz,
-Handelsbündniss, Handelsversicherung, Monopol). Gewerbe und Industrie
-gehen darauf aus, unzusammengehörige Stoffverbindungen, wenn sie
-Gemenge sind, mechanisch von einander zu trennen (Bergbau), wenn
-sie Mischungen sind, chemisch von einander zu lösen (Erzschmelze),
-zusammengehörige durch Anhäufung (Baukunst) oder durch Verschmelzung
-(Legirung) zu stiften. Je nachdem dies bei unorganischen oder
-organischen, in letzterer Hinsicht bei Stoffen aus dem vegetabilischen
-oder aus dem animalischen Reiche geschieht, nehmen beide stofflich, je
-nachdem es durch Händearbeit, oder mit einfachen, oder fast ohne diese
-mittels verwickelter bis zur scheinbaren Selbstständigkeit gesteigerter
-Werkzeuge (Maschinen) geschieht, formell verschiedenen Charakter an
-(Handwerk, Maschinenarbeit). Nach dem Quantum der Production und der
-zu derselben erforderlichen Kosten werden Klein- und Grossgewerbe,
-Klein- und Grossindustrie unterschieden. Wie der Handel und der Verkehr
-eine Tendenz, in die Ferne zu streben, so zeigen Gewerbe und Industrie
-eine solche, am Orte zu beharren d. h. die Naturproducte dort, wo sie
-zu finden sind, ihrer Form nach zu verändern, (örtliche Vereinigung
-von Bergbau und Erzschmelzen; Verwendung des localen Steinbruchs
-als Baumaterial: Schieferdächer am Rhein, Holzbau im Gebirge;
-Tracht aus Thierhäuten und einheimischer Wolle). Dieselben suchen
-daher einerseits alle Schranken, welche der Freiheit des Gewerbes
-überhaupt (Zunftzwang), wie an dem Orte des betreffenden Materials
-(Bodeneigenthum) im Wege stehen, zu entfernen (Gewerbefreiheit,
-Freischurf), andrerseits alle Mittel zu entdecken und zu verwenden,
-welche die, sei es mechanische, sei es chemische Formänderung der
-Naturstoffe ermöglichen (Mechanik, Maschinentechnik, Ingenieurkunst)
-oder erleichtern (technische Chemie, Technologie, Scheidekunst),
-zugleich aber das auf diesem Wege geschaffene industrielle Product
-gegen Verdrängung oder Ersatz durch seinesgleichen im Verbrauche
-sichern (Gewerbeschutz durch Marken und Zölle, industrielle
-Privilegien). Bodenbebauung und Thierzucht sind bestrebt, einerseits
-jene durch künstliche Anpflanzung von Gewächsen dieselben vor der
-allmäligen Entartung (Degeneration) und schliesslichem Untergang,
-diese durch künstliche Züchtung von Thieren letztere vor gleichem
-Schicksal zu bewahren, andererseits durch Veredelung (z. B. Pfropfung)
-auf künstlichem Wege neue Varietäten von Pflanzen wie durch Kreuzung
-neue Schläge von Thieren zu erzeugen. Beide gehen darauf aus,
-nicht nur das vorhandene Quantum organischer Naturproducte sich
-nicht vermindern, sondern dasselbe sich stets vermehren zu lassen
-(natürliche Fruchtbarkeit), aber auch die Qualität derselben den
-Beziehungen der Naturorganismen unter einander gemäss zu ändern,
-Futterpflanzen für Thiere, Gemüse für die Menschen zu schaffen, oder
-wucherndes Unkraut (Gramineen) in Nutzpflanzen (Getreide) umzubilden
-(Agricultur), so wie durch Zähmung und Pflege wild lebende Thiere in
-Hausthiere (Civilisation bei Thieren und Menschen) und durch Kreuzung
-schwächerer mit stärkeren, oder Ersatz ersterer durch letztere Racen
-brauchbare Nutzthiere hervorzubringen (veredelnde Schaf-, Rinder-,
-Pferde-, Geflügelzucht etc.). Da die Bodenbebauung nicht blos, wie
-Gewerbe und Industrie, eine natürliche Tendenz am Orte zu bleiben
-besitzt, sondern am Boden als unbeweglichem haftet, so muss dieselbe,
-was diesem an natürlicher Fruchtbarkeit abgeht, durch künstliche
-Steigerung derselben d. i. durch Bodenverbesserung (künstliche Düngung,
-Bewässerung, Bearbeitung) zu ersetzen, so wie dessen Ertrag durch
-künstliche Sicherungsanstalten gegen nicht abzuwehrende Störungen
-von aussen (atmosphärische Einflüsse, Dürre, Hagelwetter) zu schützen
-trachten (Hagel- und Wetterschadenversicherung). Umgekehrt muss die
-Thierzucht, da sie des freibeweglichen Charakters der Thiernatur wegen
-eines erweiterten Spielraums bedarf, sich in die Lage versetzt fühlen,
-den Mängeln des Orts, an dem sie geübt wird, durch Ortsveränderung
-(Weideplätze, Austrieb des Viehs auf die Alpen, Uebersiedelung je nach
-dem Wechsel der Jahreszeiten) abhelfen, so wie Leben und Gesundheit
-ihrer Pfleglinge gegen drohende Störungen von aussen (Thierseuchen)
-entweder indirect durch künstliche Absperrung (Thiereinfuhrverbote),
-oder direct durch künstliche Heilung und Wiederherstellung
-(Thierarzneikunde, Sanitätsmassregeln) schützen zu können. Insofern
-aber weder Bodenanbau noch Thierzucht das natürliche Hinderniss
-aus dem Wege zu räumen vermögen, welches durch das Aufwachsen von
-Pflanzen und Thieren unter den klimatologischen und atmosphärischen
-Einflüssen ihrer einheimischen Natur deren Verpflanzung in andere Erd-
-und unter andere Himmelsstriche entgegensteht, muss dieser letztern die
-(der Natur der Sache nach nur langsam erfolgende) Acclimatisation und
-allmälige Einbürgerung derselben vorhergegangen sein, welchem Zweck
-beide durch besondere Eingewöhnungsanstalten (Acclimatisationsgärten
-für Pflanzen und Thiere) zu genügen bedacht sein werden.
-
-421. Die hervorragende Stellung, welche der Mensch (wie die
-Ich-Vorstellung unter den Bewusstseinsbildungen und der Staat unter
-den organisirten Gesellschaften) unter den organischen Producten der
-Natur einnimmt, macht es erklärlich, dass die Beziehungen der übrigen
-Naturerzeugnisse auf ihn d. i. deren beziehungsweise Nützlichkeit
-oder Schädlichkeit für den Menschen vom menschlichen Gesichtspunkt
-aus die Hauptrichtschnur für die Zwecke des Handels und Verkehrs, der
-Gewerbe und Industrie, des Ackerbaues und der Thierzucht abgeben. Wie
-derselbe geneigt ist, mit dem Erwachen seines Bewusstseins sich als
-den Mittelpunkt des Weltalls (wie das Kind sich als den Mittelpunkt des
-Hauses) zu betrachten, Sonne Mond und Gestirne als bestimmt anzusehen,
-ihm zu leuchten, ihn zu wärmen, so sieht er sich als den natürlichen
-Herrn und Gebieter seiner organischen wie unorganischen Umgebung
-an und nimmt keinen Anstand, die unterirdischen wie oberirdischen
-Schätze der Erdrinde (Erz und Gestein, Pflanze und Thier) zu seinem
-Dienste zu gebrauchen. Die bildende Kunst als Ideendarstellung
-im belebten wie leblosen Material nimmt dadurch, dass der Mensch
-anderen Naturproducten gegenüber für sich eine Ausnahmsstellung
-beansprucht, unwillkürlich einen beschränkten, im menschlichen Sinn
-egoistischen, die Beherrschung der Natur zum Nutzen des Menschen
-gebrauchenden Charakter (Utilitarismus) an, welcher, wenn der ideale,
-auf Darstellung der logischen, ästhetischen, oder ethischen Ideen
-gerichtete Zweck der Kunst mit des Menschen natürlichen, aber auch,
-wenn er mit dessen erkünstelten (Luxus-) Bedürfnissen, Gelüsten
-und Anmassungen in Widerstreit geräth, denselben rücksichtslos
-aufopfert. Derselbe steht als despotische Willkürherrschaft über
-die Natur der ideenlosen technischen Virtuosität in der Besiegung
-natürlicher Hindernisse eben so als Entartung bildender Kunst zur
-Seite, wie andererseits die zu zweck- und nutzlosem Spiel mit den
-natürlichen Formen und Kräften des menschlichen Körpers ausgeartete
-Athletik, Pantomimik, Akrobatik und andere Schwimm-, Gang-, Ritt-
-und Forceproben zu der auf durchgreifender Kenntniss des Baues und
-normalen Lebensprocesses desselben beruhenden Gymnastik, Diät und
-Gesundheitspflege das Gegenstück darstellen.
-
-422. Wie die bildende Kunst als Darstellung der logischen Ideen in
-der leblosen und belebten Natur als "Weltverbesserung", so tritt
-sie als Verwirklichung der ästhetischen Ideen in derselben als
-"Weltverschönerung" auf. Als solche geht dieselbe darauf aus,
-die Gestalt der Natur ästhetischen Normen anzubequemen d. h. wo in
-derselben Schwächliches, Verkommenes, Krüppelhaftes sich zu entfalten
-droht, dieser Gefahr zuvorzukommen (Orthopädie bei Pflanzen und
-thierischen Körpern), wo es sich vorfindet, dasselbe zu beseitigen
-(Durchforstung des Waldes; Aussetzung der Kinder in Sparta und
-Rom), wo Disharmonisches in der Natur thatsächlich gegeben ist
-oder bevorsteht, nach Möglichkeit Einklang an dessen Stelle zu
-setzen (Landschaftsgärtnerei, Parkanlagen), auch leblose Natur
-wie Producte der Menschenhand mit dem Schein der Lebendigkeit und
-der Beseelung auszustatten (Cascaden als Gartenzier; Kunstgewerbe;
-Ornamentik). Je nachdem zum Material der Ideendarstellung die leblose
-oder die lebendige Natur, in der letzteren die vegetabilische oder die
-thierische, in dieser insbesondere der menschliche Körper gewählt,
-die ästhetische Idee in demselben minder oder mehr durch die schon
-vorgefundene Gestalt des natürlichen Stoffes gebunden erscheint,
-wird die bildende Kunst als ästhetische Ideendarstellung (Plastik)
-in leblose und lebendige, oder in freie (schöne), oder decorative
-(verschönernde) Plastik (ornamentale Kunst), je nach dem Quantum des
-verwendeten Materials in Gross- und Kleinplastik unterschieden.
-
-423. Zu der im leblosen Material ästhetisch bildenden Kunst gehört
-die Bildnerkunst, welche entweder unbeweglichem materiellem Stoff,
-z. B. Felsgestein ("lebendigem Fels") eine bestimmte ästhetische Form
-ertheilt (Höhlentempel, Felsengräber, behauener Fels) oder bewegliches,
-lebloses Material (natürliches oder künstliches Gestein, Bruchstein,
-Backstein; Holz, Bein, Metall) entweder (als Block, Stamm, Thierzahn,
-Erz u. s. w.) einzeln geometrisch (wie der Steinmetz, der Zimmermann
-etc.) oder ästhetisch (wie der Bildhauer, der Bildschnitzer in Holz
-und Bein, der Bildgiesser in Erz u. s. w.) formt, oder (als Baukunst)
-in Massen entweder als ungeformtes (Roh-) Material (unbehauenes
-Holz oder Gestein) oder als schon geformten Stoff (gezimmertes Holz,
-behauenen Stein) zu ästhetischen Formen zusammenhäuft und entweder
-auf natürlichem Wege durch eigene Schwere (Cyklopenmauern) oder durch
-künstliche Bande (Kitt, Mörtel, Klammern etc.) zu einem ästhetischen
-Ganzen verbindet (Rohbau, Kunstbau, Architektur, Monumente). Zu
-der lebendigen Plastik gehört, je nachdem das Material derselben
-dem Pflanzen- oder dem Thierreich entnommen ist, die Kunstgärtnerei,
-welche lebendige, sei es wildgewachsene (Feldblumen), sei es veredelte
-Gewächse (Garten- und Treibhauspflanzen) zu einem ästhetischen Ganzen
-(Blumenstrauss, Beet, Gartenanlage), und die Schauspielkunst, welche
-thierische und menschliche Körper, sei es in ihren natürlichen
-(Nacktheit), sei es in künstlichen Bedeckungen (Maske, Costüm) zu
-einem ästhetischen Ganzen (lebendigem Gemälde) vereinigt, welches
-letztere entweder als ruhend (Tableau, lebendes Bild) oder als bewegt
-und in diesem Fall entweder als episch fliessende (Aufzug, Parade,
-Makart's "Festzug"), oder als causal sich aus sich selbst entwickelnde
-dramatische Handlung (Bühnenschauspiel) dargestellt wird.
-
-424. Die Plastik ist frei, wenn die ihr bei der Verwirklichung der
-ästhetischen Idee durch das Material dargebotenen Schranken keine
-andern sind als solche, die in den Bedingungen der Darstellung in
-physischem (also schwerem und schwer zu behandelndem) Stoffe (Statik
-und Mechanik; Schwerpunkt) und in der Beschaffenheit des letzteren
-selbst liegen (Brüchigkeit des Gesteins, Geäder des Marmors,
-Spaltrichtungen und Geäst im Holze u. s. w.), dagegen gebunden,
-wenn ihr dergleichen durch einen ausserhalb der ästhetischen
-Ideendarstellung gelegenen Zweck (des Bedürfnisses oder des
-Luxus, des Nutzens oder der Laune) auferlegt werden. Nur in jenem
-Fall ist die Plastik schöne, in diesem dagegen nur verschönernde
-Kunst, welcher die Aufgabe gestellt ist, das Unentbehrliche (Haus,
-Hausgeräth, Kleidung), oder das zwar Entbehrliche, aber Erwünschte
-(Bequemlichkeit, Reichthum), das Erforderliche im Dienste bestimmter
-Gesellschaftszwecke (Gotteshäuser und Altargeräth in der Kirche,
-öffentliche Gebäude und politische Insignien im Staate) oder
-das Ueberflüssige, auf zufälligen Stimmungen und vorübergehenden
-Einfällen augenblicklich tonangebender Gesellschaftskreise (Mode,
-"chic") mit ästhetischen Formen zu schmücken. Der ersten der genannten
-Richtungen entspricht die sogenannte "Kunst im Hause", welche das
-Wohnhaus und die häusliche Umgebung, so wie die äussere Erscheinung
-(Tracht, Zierat, Haartracht), der zweiten die Decorationskunst, welche
-auch die weiteren und in grösserem Massstabe angelegten Umgebungen
-(Palast, Park, Staatskleid), der dritten die kirchliche Kunst,
-welche Ort und Art der gottesdienstlichen Verrichtungen (Tempel,
-Dom, Altar, kirchliches Ceremoniell), der letzten die patriotische
-oder Monumentalkunst, welche Ort und Art der staatlichen Vorgänge
-(Residenzschloss, Parlamentshaus, Thron- und Kroninsignien, Hof-
-und Staatsceremoniell) ästhetisch belebt und veredelt. Zur schönen
-Plastik gehören Sculptur und Architektur und zwar sowol wenn es
-sich um die Herstellung in ihren Massen geringer (kleine Plastik
-z. B. Medailleurkunst) wie grosser Objecte handelt (grosse Plastik:
-Denkmalkunst, Triumphbogenarchitektur). Zu der verschönernden Kunst
-gehört das Kunstgewerbe und die Kunstindustrie, die, wenn es sich
-um die ornamentale Verzierung beweglicher Gegenstände handelt, als
-"Kleinkunst" (Keramik, Kunsttischlerei, Kunstschlosserei, Emaillirkunst
-u. s. w.), wenn dagegen unbewegliche Gegenstände (Nutzbauten,
-Wohnräume, Gesellschafts- und Festsäle, Gärten, öffentliche Anlagen
-und Plätze, Brücken, Thore u. s. w.) verschönert werden sollen,
-als decorative Kunst (Stadtverschönerung, Gartenarchitektur) auftritt.
-
-425. Ausdruck der Verwirklichung der ästhetischen Idee in der
-gesammten Erscheinung des menschlichen Lebens, des Einzelnen wie der
-Gesellschaft und ihrer näheren und entfernteren Umgebung, ist die
-Kunst "schön zu leben" ("Kalobiotik": Rahel; W. Bronn). Dieselbe
-ist als Ideendarstellung so wenig mit der Kunst "gut zu leben"
-("rasend" gut zu leben, rühmte sich Gentz) d. i. mit der gesuchten
-Verfeinerung (Raffinement) des Sinnengenusses (Schlemmerei), als die
-Kunst (logisch) überzeugender mit der Kunstfertigkeit (sophistisch)
-überredender Beredsamkeit zu verwechseln. Ihre Tendenz geht dahin,
-aus der gesammten, psychischen und physischen Beschaffenheit des
-Individuums wie der Gesellschaft, aus deren Vorstellen, Fühlen und
-Wollen, aber auch aus deren hörbarer und sichtbarer Selbstdarstellung
-in Rede, Manier, Haltung und Handlung, so wie selbstgeschaffener oder
-doch selbstgewählter naher und ferner Hülle und Begleitung (Kleidung,
-Schmuck, Hausgeräth, Wohnung, Umgang, Sitten und Gebräuchen) nicht
-nur (negativ) alles Störende und Disharmonische auszuscheiden,
-sondern (positiv) denselben das Gepräge edler Freiheit und innerer
-Uebereinstimmung mit und unter einander und zu einem wohlgefällig
-abgerundeten Ganzen aufzudrücken d. i. das Leben in jedem gegebenen
-Zeitmoment und die gesammte Zeitdauer desselben hindurch (wie
-die Griechen und Goethe) zum "Kunstwerk" zu gestalten. Ergebniss
-derselben, so weit ein solches durch die spröde Natur der ideenlosen
-Wirklichkeit gestattet wird, ist eine schöne Erscheinungs-, wie jenes
-der logischen, das gesammte Denken zum Wissen durchläuternden Kunst
-eine wahre Gedankenwelt.
-
-426. Weder nach jenen der logischen, noch nach jenen der ästhetischen,
-sondern ausschliesslich nach den Anforderungen der ethischen
-Idee ist die dritte Form der bildenden Kunst bemüht, die gegebene
-Gestalt der Erfahrungswelt zu verändern. Dieselbe kann nicht darauf
-ausgehen, in der Natur (etwa) vorhandenen Willen ("blinden Willen":
-Schopenhauer) den Anforderungen der ethischen Norm anzubequemen,
-weil deren Bewusstlosigkeit die Willensform ausschliesst. Die Absicht
-derselben kann daher einzig darauf gerichtet sein, der Natur, soweit
-thunlich, diejenige Gestalt zu verleihen, welche sich dieselbe,
-wenn sie von einem Willen beseelt wäre d. h. die Fähigkeit besässe,
-die Stimme der ethischen Ideen nicht nur zu vernehmen, sondern
-auch zu befolgen, selbst geben oder gegeben haben müsste. Da unter
-dieser Voraussetzung die Gestalt der Natur die unter den gegebenen
-Verhältnissen beste d. h. diejenige geworden wäre, welche den Normen
-der ethischen Ideen unter allen überhaupt möglichen Gestaltungen der
-Natur am meisten entsprochen haben würde, so folgt, dass das Streben
-der dritten d. i. der ethischen bildenden Kunst auf nichts anderes als
-auf die Herstellung der besten unter den überhaupt möglichen Naturen,
-beziehungsweise auf die Annäherung der bestehenden an das Ideal der
-besten Natur gerichtet sein könnte.
-
-427. Dieses selbst aber kann nichts anderes sein als das Bild einer
-Natur, deren sämmtliche Bestandtheile, leblose wie belebte, zum Ganzen
-in einer Weise verbunden werden, welche die zweckmässigste d. h. der
-Summe der innerhalb der gesammten Natur vorhandenen Bedürfnisse,
-Wünsche und Bestrebungen unter allen überhaupt denkbaren am meisten
-entsprechend d. h. dem allgemeinen Wohl oder der Glückseligkeit des
-Ganzen unter allen denkbaren am vollkommensten genügend wäre. Da
-nun die Summe in der Natur gegebener Wünsche eine bestimmte, die
-Summe der zu deren Verwirklichung zu Gebote stehenden Bedingungen
-d. i. der Naturproducte, als Güter betrachtet, gleichfalls eine
-begrenzte ist, so folgt, dass die Aufgabe der ethischen Kunst auf
-nichts anderes gerichtet sein könne, als durch die unter allen
-denkbaren beste Verwaltung der gegebenen Natur der grösstmöglichen
-Summe von Glückseligkeit in der gesammten (leblosen wie lebendigen)
-Natur (den Menschen mit eingeschlossen) zur Verwirklichung zu helfen.
-
-428. Dieselbe geht darauf aus, nicht nur Verwaltungssystem, sondern
-das unter den gegebenen Verhältnissen beste Verwaltungssystem der
-Natur, nicht nur, wie die Oekonomik Hauswirthschafts-, wie die
-Nationalökonomik Volks- oder Staatswirthschaftskunst, sondern als
-Weltökonomik Weltwirthschaftskunst (bestmöglicher Haushalt der Natur)
-zu sein d. h. weder (wie die gewinnsüchtigen Ausbeuter der Natur)
-ausschliesslich im Dienste und zu den Zwecken des Menschen, noch (wie
-erbarmungslose Naturkräfte) taub gegen Wohl und Wehe gefühlsfähiger
-Wesen, sondern der bestehenden Proportion zwischen dem empfindungs-
-und genussfähigen und dem genuss- und empfindungslosen Antheil der
-gesammten Natur gemäss, dem Wohle des ersten und den Hilfsmitteln
-des zweiten entsprechend zu wirthschaften. Je nachdem es sich dabei
-entweder um die Hinderung des Missbrauchs durch Zerstörung oder
-Verminderung gegebener, oder um die Förderung des Verbrauchs durch
-Vermehrung gegebener und Erzeugung nicht gegebener Güter handelt,
-nimmt dieselbe negativen (internationaler Schutz der Meere, Gewässer,
-Wälder, Singvögel; Antisclavenliga; Sanitätspflege; völkerrechtlicher
-Schutz des Privateigenthums in Kriegszeiten) oder positiven Charakter
-an (internationale Welt- und Handelsstrassen: Suez-Canal, Durchstich
-von Panama; Handels- und Schifffahrtsbündnisse, Entdeckungsreisen). Je
-nachdem dieselbe mehr auf den vorhandenen Wünschen entsprechende
-Vertheilung der schon vorhandenen, oder auf entsprechende Betheilung
-der bisher Unbefriedigten durch neu zu schaffende Güter gerichtet
-ist, nimmt dieselbe mehr den Charakter einer Versorgung (bestehender
-Wünsche mit vorhandenen Mitteln: Communismus, Gütertheilung) oder
-Vorsorge (für künftige Wünsche durch neue Mittel: Socialismus,
-Organisation der Gesellschaft) an. Die Frucht der auf die gesammte
-Natur, leblose wie lebendige, ausgedehnten Darstellung der ethischen
-Ideen durch die bildende Kunst ist die in ethischem Sinn vollendete,
-dem Zweck grösstmöglichen Wohlbefindens aller empfindungsfähigen
-Wesen entsprechende, unter den gegebenen Umständen bestmögliche Natur,
-der ethische Kosmos, die beste Welt (Optimismus).
-
-429. Wie die erste Form der bildenden Kunst die logischen, die
-zweite die ästhetischen, so verkörpert die dritte die ethischen
-Ideen. Wie die bildende Kunst als Ideendarstellung im Physischen
-Erziehung der Natur, so ist die Bildungskunst eigene, die Bildekunst
-Erziehung des Menschengeschlechts. Wie diese im gemeinsamen, die
-Selbsterziehung im einzelnen Bewusstsein, so stellt die bildende Kunst
-die Culturentwickelung und den Culturprocess in der gesammten leblosen
-und lebendigen Natur dar. Die Ideendarstellung im Wirklichen überhaupt,
-die Kunst, ist der lebendige Culturprocess; die Entwickelungsgeschichte
-derselben von deren ersten Anfängen im erwachenden Bewusstsein des
-Einzelnen durch das Jugend-, Mannes- und gesellschaftliche Bewusstsein
-hindurch bis zu den fernen und fernsten Grenzen des Alls, soweit
-dieselben unserer Erfahrung zugänglich sind, bildet den Inhalt der
-Entwickelungsgeschichte der Cultur, der Culturgeschichte des Weltalls.
-
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-SCHLUSS.
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-430. Mit der Ideendarstellung in der Geistes- und Körperwelt ist
-die Philosophie als Kunst, wie mit der Darlegung des Ideeninhalts
-einer-, des Inhaltes der Wirklichkeit andererseits die Philosophie
-als Wissenschaft zum Abschluss gebracht. Der philosophische Realismus
-geht nicht von der Annahme aus, weder dass das Wirkliche als solches
-vernünftig, noch dass das Vernünftige als solches wirklich sei
-(Optimismus: Hegel); aber auch nicht von der entgegengesetzten, dass
-das Wirkliche als solches vernunftlos (Pessimismus: Schopenhauer), oder
-gar als solches vernunftwidrig (lebendiger Widerspruch; Realdialektik:
-Bahnsen) sei. Derselbe setzt aber voraus, sowol dass das Vernünftige,
-welches als solches nicht wirklich ist (die Ideen), wirklich, als dass
-das Wirkliche, welches als solches nicht nothwendig vernünftig ist
-(Natur, Geist, Geschichte), vernünftig werden kann, werden soll und
-werden wird, wenn nach dem bekannten Wort "Jeder seine Schuldigkeit
-thut". Die Verwirklichung der Ideen ist weder eine Thatsache,
-die in der Vergangenheit, noch eine solche, die in der Gegenwart,
-sondern eine Aufgabe, deren Erfüllung in der Zukunft und in den
-Händen des Menschen liegt. Der Traum eines "goldenen Zeitalters",
-von welchem ein nüchterner Rationalist wie Kant als von jenem des
-"ewigen Friedens", wie ein extremer Positivist wie Comte als dem
-"état positif" schwärmte, wird dann erfüllt sein, wenn die gesammte
-Ideenwelt real geworden und die gesammte Wirklichkeit von den Ideen
-durchdrungen d. h. wenn dasjenige, was Schiller "das Kunstgeheimniss
-des Meisters" nannte, die "Vertilgung des Stoffes durch die Form"
-offenbar, oder, wie Schleiermacher es ausdrückte, "wenn die Ethik
-Physik und die Physik Ethik" geworden sein wird. Eine Philosophie,
-welche, wie die vorstehende, sich weder wie die Theosophie auf einen
-menschlichem Wissen unzugänglichen theocentrischen Standpunkt versetzt,
-um von ihm aus den "Vernunfttraum" als längst geschaffene Wirklichkeit,
-noch wie die Anthropologie auf den zwar anthropocentrischen, aber
-unkritischen Standpunkt gemeiner Erfahrung stellt, um von ihm aus eine
-ideenerfüllte Wirklichkeit als "Traum der Vernunft" anzusehen, welche
-sonach zugleich anthropocentrisch d. i. von menschlicher Erfahrung
-ausgehend und doch Philosophie d. i. an der Hand des logischen Denkens
-über dieselbe hinausgehend sein will, ist Anthroposophie.
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-End of Project Gutenberg's Anthroposophie im Umriss, by Robert Zimmermann
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ANTHROPOSOPHIE IM UMRISS ***
-
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-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
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-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
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-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
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-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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