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-The Project Gutenberg EBook of Das österreichische Antlitz, by Felix Salten
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-
-Title: Das österreichische Antlitz
- Essays
-
-Author: Felix Salten
-
-Release Date: December 11, 2016 [EBook #53713]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ÖSTERREICHISCHE ANTLITZ ***
-
-
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-
-Produced by Jana Srna, Alexander Bauer and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
-file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive/Canadian Libraries)
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- Anmerkungen zur Transkription
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- Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.
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- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
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-[Illustration]
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-
- FELIX SALTEN
-
- DAS ÖSTERREICHISCHE
- ANTLITZ
-
- ESSAYS
-
-
- S-FISCHER-VERLAG-BERLIN
-
- 1910
-
-
-
-
-Alle Rechte vorbehalten.
-
-Zweite Auflage.
-
-
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-
-INHALT
-
-
- Seite
-
- 1. Die Wiener Straße 9
-
- 2. Klavierstunde bei Leschetitzky 23
-
- 3. Aristokraten-Vorstellung 37
-
- 4. Fünfkreuzertanz 49
-
- 5. Stalehner 59
-
- 6. Beim Brady 71
-
- 7. Nachtvergnügen 83
-
- 8. Peter Altenberg 97
-
- 9. Spaziergang in der Vorstadt 115
-
- 10. Lueger 127
-
- 11. Girardi-Kainz 143
-
- 12. Menagerie in Schönbrunn 157
-
- 13. Mauerbach 169
-
- 14. Das Wirtshaus von Österreich 181
-
- 15. Mariazell 191
-
- 16. Radetzky 203
-
- 17. Thronrede 213
-
- 18. »Gewehr heraus!« 223
-
- 19. Frühjahrsparade 233
-
- 20. Kaisermanöver 243
-
- 21. Elisabeth 255
-
- 22. Das österreichische Antlitz 265
-
-
-
-
-DIE WIENER STRASSE
-
-
-Der alte Herr schreibt in sein Tagebuch:
-
-Ein wunderschöner Tag ist das heute gewesen. Voller Sonnenglanz und
-Wärme, und in den Straßen hat es überall nach Veilchen geduftet.
-Daß ich heute gerade sechzig Jahre alt geworden bin, möchte mich
-freilich herabstimmen. Aber ich kann mir nicht helfen, ich bin ganz
-gut gelaunt. Und ich finde, es ist sehr hübsch, im Frühling Geburtstag
-zu haben, wenn es so warm wird, und wenn die Straßen nach frischen
-Blumen riechen. Was will man denn mehr? Ich bin spazieren gegangen, wie
-gewöhnlich. Zuerst durch die Innere Stadt, dann bei der Oper auf den
-Ring hinaus und wieder zurück. Dann bin ich noch im Kaffeehaus gewesen.
-
-Also sechzig Jahre. Am liebsten würde ich mit Stillschweigen darüber
-weggehen; weil es aber schon so lange meine Gewohnheit ist, daß ich bei
-solchen Anlässen gewissermaßen den Jahresschluß ziehe, und ein bisserl
-was aufschreibe von dem, was ich mir denke, will ich es auch heute
-nicht versäumen. Obwohl ... Denn viel habe ich ja kaum zu sagen. Da
-liegen in der Lade die Bogen aus all den Jahren, und wenn ich sie jetzt
-durchlesen wollte, würde vielleicht immer dasselbe drinnen stehen. Ich
-habe ein sehr regelmäßiges Leben geführt, und wenn man ein Junggeselle
-ist, gibt es nicht viel Ereignisse. Es ist nur, daß ich jetzt eine
-gewisse Scheu habe, diese Blätter in die Hand zu nehmen. Sie könnten
-mich am Ende in eine sentimentale Verfassung bringen, und das hätte
-keinen Zweck. Ich bin von dem schönen Tag noch ganz angeregt.
-
-Bald wird man auch wieder im Freien sitzen können. Auf dem Graben sind
-die zwei Kaffeehütteln schon hergerichtet; ein paar Tische sind sogar
-besetzt gewesen. Aber ich hab' es doch noch nicht riskiert. Es war
-übrigens nicht zum Vorwärtskommen heute, so viel Menschen sind in der
-Stadt herumgelaufen. Und was man für schöne Mädchen sieht, das ist
-eine wahre Freude. Man weiß gar nicht, welche man zuerst anschauen
-soll. Gleich in ganzen Rudeln marschieren sie auf. Und wie reizend ist
-das, diese vielen jungen, rosigen Gesichter, diese lachenden Augen!
-Seit vierzig Jahren gehe ich jetzt Tag für Tag denselben Weg durch die
-Innere Stadt und über den Ring und immer seh' ich diese vielen schönen
-Mädchen. Es ist unglaublich, wo die nur herkommen.
-
-Allerdings, die bleiben ja auch nicht ewig jung. Das darf man sich
-nicht einbilden. Denn sonst müßte ich ganz allein alt werden, und
-dafür tät' ich mich doch schönstens bedanken. Aber das nimmt alles
-seinen geordneten Gang. Wenn man sich auch wundert. Ich hab' das an
-der Baronin Ruttersdorf gemerkt, wie ich sie heute gesehen habe. Gott,
-wie die ausschaut! Ganz schneeweiße Haare hat sie schon, und recht
-zusammengebrochen ist sie. Ich bin stehen geblieben und hab' ihr
-nachgeschaut. Seit dreißig Jahren zum erstenmal wieder.
-
-Vor dreißig Jahren bin ich nämlich öfter stehengeblieben und hab' ihr
-nachgeschaut. Da ist sie ein junges Mädchen gewesen, und war schön.
-Mir wird heute noch ganz schwindelig, wenn ich daran denke, wie schön
-sie war. Damals habe ich sie rasend geliebt. Aber dieses Gefühl ist
-längst in mir erloschen. Ja, ja, ich habe so manches erlebt. Das
-heißt, persönlich gekannt habe ich sie natürlich nicht. Wie wäre das
-auch möglich gewesen? Ich war ein ganz kleiner Beamter. Ein noch viel
-kleinerer als ich heute bin. Und was werd' ich denn im Monat gehabt
-haben, vor dreißig Jahren? Sechzig oder siebzig Gulden; mehr gewiß
-nicht. Aber was will man ...? Ein junger Mensch! Und so hat sie damals
-mein ganzes Dasein erfüllt. Ich hab' ganz genau gewußt, daß sie am
-Sonntag in die Schottenkirche geht, ich hab' gewußt, wann ich sie am
-Nachmittag in der Stadt treffe. Wenn ich jetzt die Bogen von damals
-hervornehmen möchte, da würde gar viel von ihr drin stehen. Ich weiß,
-wie ich ihr nachgegangen bin, und wie ich mir vorgestellt habe, ich
-werde auf einmal ein Millionär, oder ich werde in zwei Jahren Minister,
-oder ich schreibe ein Drama, und werde berühmt, so daß mich alle Leute
-anschauen, wenn ich über die Straße gehe, und daß sich alle Leute um
-mich reißen, und dann ... na, und dann ... Es war so wundervoll, sich
-das ganz genau vorzustellen, so lebendig, als ob es wirklich wäre, als
-ob es morgen schon sein könnte. Ich bin ganz eingesponnen gewesen in
-diese Träume und hab' ihnen viele glückliche Stunden zu verdanken.
-
-Jetzt bin ich aber sechzig Jahre alt. Und sie ist eine alte Frau. Ich
-habe ihr ganzes Leben mit angeschaut. Damals war sie eine Komtesse
-Nußbach. Auch ihren Vater kannte ich, den alten General. Der hatte so
-schön dichte, weiße Haare wie jetzt seine Tochter. Dann hat sie den
-Baron Ruttersdorf geheiratet. Dann ist sie mit ihren Kindern spazieren
-gegangen. Was für reizende Kinder sind das gewesen, besonders der
-älteste Bub, der Ferdinand. Dann ist ihr Vater gestorben, und sie hat
-das Palais auf der Wieden geerbt. Dann hat ihr Mann die Geschichte
-gehabt mit der ungarischen Sängerin, und man hat gesagt, sie werden
-sich scheiden lassen. Dann hat sich der Ferdinand erschossen. Er
-war Leutnant bei den Windischgrätz-Dragonern. Und dann ist ihr Mann
-gestorben. Wenn ich sie heute angesprochen hätte, und hätte ihr
-erzählt, daß ich ihr ganzes Leben kenne und daß ich sie geliebt habe,
-was für Augen hätte sie gemacht! So was kann man freilich nicht tun;
-und ich bin auch gar nicht der Mann dazu. Aber wer weiß, wie gut wir
-jetzt miteinander reden würden.
-
-Denn ich glaube wohl, daß ich imstande wäre, mit so einer Dame zu
-sprechen, ohne einen Fehler zu machen. Und ich denke, auch meine
-Kleidung ist elegant genug, um in besseren Kreisen zu verkehren. Auf
-anständige Manieren habe ich nämlich immer sehr acht gegeben, und auf
-gute Kleider habe ich immer sehr viel gehalten. Es war das erste, was
-ich getan habe, wie ich fix angestellt worden bin, daß ich mich mit
-einem Schneider auf Monatsraten verständigte. Und seitdem bin ich immer
-sehr fein angezogen gewesen. Auch habe ich immer nur in noblen Lokalen
-verkehrt. Natürlich nur in Kaffeehäusern, denn die Restaurants sind ja
-doch für meine Verhältnisse zu kostspielig. Aber darauf kommt es gar
-nicht an. Was hat man denn von einem Restaurant? Man ißt, steht auf und
-geht wieder fort. Zu diesem Zweck genügt mir doch mein Gasthaus in der
-Piaristengasse, wo ich abonniert bin, und wo ich schon seit Jahrzehnten
-alle Tage um drei Uhr, nach dem Bureau, speise. Aber mit dem Kaffeehaus
-ist das etwas anderes. Und im Café Imperial oder im Pucher hat man mich
-immer für einen Baron gehalten.
-
-Selbstverständlich habe ich die Baronin Ruttersdorf nicht angesprochen
-und werde sie auch niemals anreden. In diesem Leben nicht. Vielleicht,
-daß wir uns einmal in einer anderen Welt begegnen. Da würden wir
-freilich genug Gesprächstoff haben, und vielleicht wird sie sich dann
-mit mir sogar lieber noch unterhalten als mit ihrem Herrn Gemahl. Hier
-aber bleibt es schon beim Alten. Denn da müßte ich gar viele Leute
-ansprechen, wenn ich das wollte, und finge mit jedem zu reden an, dem
-ich das ganze Leben zugeschaut habe.
-
-Ob das in einer anderen Stadt auch so ist, in Berlin oder in London,
-das weiß ich nicht. Aber bei uns ist es so. Man kann die Leute sehen,
-die interessant sind, man kann ihnen zuschauen, wie sie leben. Man lebt
-mit ihnen, und es ist gar nicht einmal notwendig, daß man reich ist
-oder vom Adel oder ein großes Tier. Ich gehöre doch gewiß nicht zur
-Aristokratie, aber ich kenne trotzdem alle. Ich kenne sie, wie sie jung
-waren, sehe ihnen zu, wie sie alt werden, sehe ihre Kinder heranwachsen
-und dieselben Geschichten machen. Ich habe nie so viel Geld gehabt, um
-alle Augenblick in Kunstausstellungen zu gehen, und ich habe doch den
-Kanon gekannt und den Makart. Ich weiß es noch wie heute, wie er im
-Fiaker über den Ring gefahren ist, ein ganz kleiner, schlanker Herr.
-Im Theater bin ich auch fast nie gewesen, und habe doch alle gekannt
-und gesehen; die Wolter, wie sie den Grafen O'Sullivan geheiratet hat,
-und die Geistinger, und wie der Girardi berühmt geworden ist, und
-alle miteinander. Woher ich sie kenne, das vermöchte ich nicht einmal
-zu sagen. Vielleicht macht es die Übung, wenn man so viele Jahre Tag
-für Tag durch die Stadt geht. Da findet man die berühmten Gesichter
-einfach heraus; und da weiß man auf einmal den Namen; und dann sieht
-man die Leute wieder und wieder, bis man ihnen zuletzt alles von ihren
-Gesichtern, von ihrem Gang, von ihrer Haltung ablesen kann, was sie
-erleben. So oft ich in dieser langen Zeit meinen Spazierweg gemacht
-habe, immer bin ich davon angeregt und zerstreut worden, immer habe
-ich mich glänzend unterhalten, immer habe ich das Gefühl gehabt, daß
-ich in einer vorzüglichen Gesellschaft verkehre. Und dazu braucht man
-wirklich keine Reichtümer. Was will man denn mehr?
-
-Wenn ich mich so erinnere, wie ich als junger Mensch nach und nach
-gelernt habe, die Augen aufzumachen ... Ich bin zwar in ganz einfachen
-Verhältnissen aufgewachsen, aber gespürt habe ich doch, was es für
-schöne Dinge gibt in der Welt. An einem Sonntag, wenn die Stadt ganz
-still ist, da habe ich stundenlang herumgehen können und mir die alten
-Palais anschauen; die Portale, und der Blick, der sich in die weiten
-Höfe erschließt, und dann die hohen Fenster und die Figuren drauf.
-Dann die engen Gassen, so um die alte Universität herum. Und wie
-lang bin ich immer auf dem Burgplatz gestanden, vor dem Eingang zum
-Schweizerhof. Wie gut kenne ich den Burgplatz. An frühen Winterabenden
-zum Beispiel, wenn der Schnee wie ein weißer ausgebreiteter Teppich
-den ganzen Platz überspannt, wenn die grauen Fronten schimmern, und
-wenn hier alles so abseits, so wie in einer anderen Welt ist. Oder
-an Nachmittagen im Hochsommer, wenn man weiß, der Kaiser ist nicht
-da, und alles, was sich regt, ist nur Dienerschaft. Wenn dieser Platz
-mit der Wache und den Gendarmen und den verhängten Fenstern so was
-Träges und Schläfriges hat. Und dann die Sommerabende draußen auf dem
-äußeren Burgplatz, wenn der Himmel so schön weit ist, und wenn in der
-Ferne die Dächer der Vorstadt glänzen. Wieviel habe ich sehen gelernt,
-seit ich ein junger Mann war und jeden Tag nach dem Bureau spazieren
-gegangen bin; und wieviel könnte ich sagen. Aber ich möchte nur
-bemerken, daß in diesen jungen Jahren gerade durch meine Spaziergänge
-viele Eigenschaften in mir entwickelt wurden. Der Burgplatz zum
-Beispiel, der Graben, der Kohlmarkt, ... da habe ich nach und nach
-einen Sinn für Anstand bekommen, ganz unwillkürlich; eine Neigung
-zu besseren Lebensformen und eine gewisse Empfindlichkeit gegen das
-Ordinäre und gegen das Geschmacklose.
-
-Ich möchte bemerken, daß die Menschen, die ich täglich sah, einen
-gewissen Zwang auf mich ausgeübt haben. Ich hätte mich geschämt,
-unordentlich oder aufdringlich angezogen unter ihnen zu erscheinen.
-Wenn ich mein Bureau verlassen und gespeist hatte, dann lief ich in die
-Stadt, um das glänzende Leben zu sehen. Ein junger Mensch will eben
-sein Vergnügen haben. Und mir war es ein Vergnügen, mir ist es heute
-noch eines. Meine Freude am Luxus wurde mit jedem Tage mehr und mehr
-geweckt. Und ich brauchte nur spazieren zu gehen, um diesen Luxus zu
-genießen. Nehmen wir die Fiaker. Ich bin selbst nur drei- oder viermal
-in einem Fiaker gefahren, aber ich verstehe, daß es sehr schön ist, wie
-leicht solch ein Wagen rollt; wie die Pferde gleichmäßig traben, wie
-das um die Ecke biegt, dahersaust, verschwindet. Ich brauche das nur
-anzuschauen, und genieße die Annehmlichkeit, die in einem so famosen
-Fuhrwerk liegt. Und ich schaue es mir heute noch aufmerksam an, es
-unterhält mich jedesmal. Nehmen wir die Burg und die Oper. Ich kann
-es an meinen Fingern abzählen, wie oft ich drin war. Aber unzählige
-Male bin ich nach der Vorstellung im Opernvestibül gestanden und habe
-mir die vornehme Welt angeschaut, und bin wie nach einer glänzenden
-Unterhaltung heimgegangen, wenn ich dieses prachtvolle Gedränge
-schöner Frauen und eleganter Herren die majestätische Logentreppe
-herunterströmen sah, und das Schauspiel der geschäftigen Lakaien. Im
-Sommer, wenn man keine Überkleider mehr in der Garderobe abzulegen
-braucht, bin ich oft ins Burgtheater, habe mir die Treppenhäuser
-angesehen, bin im großen Foyer herumspaziert, mitten unter dem
-Menschenschwarm. Wenn dann der Zwischenakt vorbei war, stürzten die
-Leute wieder in den Zuschauerraum. Ich aber entfernte mich und hatte
-wieder einen Genuß gehabt. Wäre ich beständig im Fiaker gefahren,
-wäre ich alle Tage ins Theater gegangen, mit einem Wort, wäre ich
-reich gewesen, wer weiß, ob sich nicht alles für mich mit der Zeit
-abgestumpft hätte. So aber habe ich immer nur den besten Schaum von
-den Dingen gekostet, habe mir alle Genüsse in meiner Phantasie noch
-herrlicher ausgemalt, als sie vielleicht in Wirklichkeit sind, und so
-hat bis heute nichts von alledem seinen Reiz verloren.
-
-Als junger Mensch bin ich oft in der Stadt herumgelaufen und habe
-geglaubt, es müsse mir etwas Wunderbares begegnen, es müsse sich etwas
-Herrliches plötzlich mit mir ereignen. Irgendetwas, das mit schönen
-Frauen, mit Pracht und Glück, mit Palästen, mit Musik oder dergleichen
-zusammenhängt. Dieses manchmal ungeduldige Erwarten hat sich mit der
-Zeit nun freilich stark gedämpft. Ich bin heute schließlich sechzig
-Jahre alt. Aber noch heute, wenn ich durch die Innere Stadt promeniere,
-wenn ich durch das Rauschen der Ringstraße gehe, wenn so viele schöne
-Frauengesichter an mir vorübergleiten, dann ist mir, als sei noch
-manche verborgene Möglichkeit irgendwo vorhanden, und als könne doch
-noch etwas Merkwürdiges und Festliches geschehen. Das ist gewiß
-töricht, ich sehe es ja ein, aber die Zeit vergeht so schnell dabei,
-und man fühlt sich dann so angeregt und so zufrieden.
-
-Ich bin sechzig Jahre alt und weiß, daß vieles für mich vorüber ist.
-Ich bin ein armer Teufel. Das weiß ich auch. Und ich habe nichts
-erreicht. Manche Leute werden finden, ich hätte keine Ursache, so
-zufrieden zu sein. Manche Leute werden finden, ich hätte meine
-Jahre besser anwenden, hätte es durch größeren Fleiß, durch höhere
-Strebsamkeit ungleich weiter bringen können. Und ich muß ihnen recht
-geben. Ich muß es um so mehr, als ich zu alledem noch weiß, daß es
-mir nicht an guten Talenten, an reichen Anlagen und Geschicklichkeiten
-gefehlt hat. Heute darf ich's ja sagen, wo es doch schon zu spät ist.
-Ich hätte etwas werden können in der Welt. Etwas Großes vielleicht.
-Sicherlich etwas viel größeres, als ich geworden bin. Aber ich muß
-sagen, daß ich bei alledem nicht unglücklich bin. Vielleicht wäre
-ich als armer Teufel in einer anderen Stadt sehr unzufrieden und
-sehr unglücklich gewesen. Das vermag ich nicht zu beurteilen, denn
-ich kenne die Verhältnisse anderswo nicht, und weiß nicht, ob ich
-mich anderswo wegen meiner Armut und wegen meiner niedrigen Stellung
-ausgeschlossen gefühlt hätte. Hier habe ich mich niemals ausgeschlossen
-gefühlt, sondern habe immer die Empfindung, mindestens aber die
-Illusion gehabt, an allem Luxus, an aller Schönheit und an aller
-Intimität der Stadt ohne weiteres teilnehmen zu dürfen. Vielleicht
-hätte ich anderswo nicht gerastet, um in die Höhe zu kommen. Das
-ist schwer zu sagen. Ich weiß nur, daß ich immer, wenn ich des
-Abends von meinen Spaziergängen heimwärts wanderte, von allen meinen
-Eindrücken ganz sorglos gemacht und in meinem Sehnen ganz wunderbar
-beschwichtigt war. Wenn mir manchmal der Trieb kam, etwas Besonderes
-zu leisten, etwas zu unternehmen, dann schien es mir immer, als sei
-ja schon längst alles unternommen und geleistet und erreicht, und
-es bliebe jetzt nichts mehr zu tun übrig, als das Vorhandene wie
-einen köstlichen Besitz zu verstehen und zu genießen. Das mag ein
-verhängnisvoller Irrtum sein, doch werde ich mich jetzt nicht mehr
-damit befassen, ihn richtigzustellen. Ich habe schließlich genug
-erlebt, habe Menschenkenntnis und Erfahrungen in Hülle und Fülle, ich
-habe mein sicheres Auskommen und meine Ruhe. Jetzt habe ich auch noch
-den Frühling und diese fröhlichen Tage voll Sonne und Blumenduft. Bald
-wird man auch im Freien sitzen können. Auf dem Graben sind ja schon die
-Kaffeehütteln hergerichtet. Alles übrige mag sein wie es ist. Was liegt
-denn dran?
-
-
-
-
-KLAVIERSTUNDE BEI LESCHETIZKY
-
-
-Ein kleines rotes Haus im Währinger Kottage, mit einem netten Turm, der
-sich stramm davor aufrichtet. Ich kenne es seit meiner Kindheit; und
-seit ich als Bub auf der Türkenschanze umherlief, die damals freilich
-noch hinter jenem Hause gleich anfing, kenne ich vom Sehen den fröhlich
-dreinblickenden, weißbärtigen Herrn, der an milden Frühlingsabenden
-aus der Pforte unter dem Turm herauskam und über die Wiesen zum
-Heinrichshügel spazierte; immer munter, und immer von schönen,
-exotischen Frauen gesprächig umgeben.
-
-Der Heinrichshügel, dieser bescheiden erhöhte Abendsitz inmitten
-wogender Kornfelder, ist lange verschwunden. Die Felder und Wiesen sind
-ja alle verbaut, und die ganze Türkenschanze existiert nicht mehr. Es
-sind, wie gesagt, über zwanzig Jahre her. Aber der weißbärtige alte
-Herr blickt immer noch fröhlich drein, ist immer noch munter, und
-immer noch von schönen exotischen Frauen gesprächig umgeben. Und sein
-kleines, rotes Kottagehaus, mit dem netten Turm, der sich stramm davor
-aufrichtet, ist inzwischen der sonderbarste Ort in Wien geworden.
-Jedenfalls etwas einziges in seiner Art; nicht nur bei uns, sondern
-überall. Wenigstens müssen die Leute allerwegs dieser Meinung sein,
-denn aus sämtlichen Weltgegenden kommen sie hierher. Wie man sagt:
-ein Brennpunkt. Wenn man kurz und nüchtern mitteilt, was in diesem
-Hause geschieht, dann hört es sich wie gar nichts an: Hier werden
-Klavierstunden gegeben. Ein Unternehmen, das bekanntlich nur zu oft
-besteht, das fast immer mit allerlei entsetzlichem Geräusch verbunden
-ist und nicht gerade als eine Seltenheit angestaunt wird. Hier aber
-sind wir am wundertätigen Wallfahrtsorte aller Klaviermusikanten, hier
-ist das Rom und der Vatikan aller Pianogläubigen, hier werden die
-höchsten Weihen empfangen, denn hier wohnt und lehrt, hier segnet, und
-flucht zuweilen auch, der unfehlbare, alleinseligmachende Klavierpapst.
-
-Es ist etwas mehr als ein Vierteljahrhundert, seit Theodor Leschetitzky
-als ein schon längst berühmter Mann in Wien sich ansiedelte. Man
-kann nicht sagen, daß man ihn hier übertrieben gefeiert habe, daß
-die Reklametrommel für ihn gewirbelt worden sei; und während sein
-Ruhm aus den entferntesten Landen Schüler wie Verehrer herbeilockt,
-kennt man hier seine merkwürdige, in ihrer Art machtvolle und seltene
-Persönlichkeit in weiteren Kreisen verhältnismäßig nur wenig. Die
-Wiener, die seit fünfundzwanzig Jahren an ihm vorübergehen, wissen
-eben nach so langer Zeit, das ist der Leschetitzky. Viel mehr wissen
-sie aber nicht, denn es ist bei uns immer so, daß die Leute erst
-»nachträglich« alles erfahren. So kommt es, daß man jetzt nicht einmal
-sagen kann, Leschetitzky habe sich in Wien eine große Stellung gemacht.
-In Wahrheit muß es heißen, Leschetitzky nimmt in der Welt eine große
-Stellung ein und lebt in Wien. Er könnte aber ebensogut in Graz, in
-Magdeburg oder in Düsseldorf leben. Weil es nämlich nicht die Wiener
-gewesen sind, die ihn verkündet haben, sondern die Fremden, die
-Engländer, die Amerikaner, die Schweden, Dänen, Franzosen und Russen.
-
-Hier werde ich natürlich nicht von seiner Methode sprechen. Erstens
-vermöchte ich das gar nicht, zweitens interessiert mich diese Methode
-nur sehr wenig, und endlich könnte eine theoretische Erörterung darüber
-nur einen schwachen Begriff von Leschetitzkys Individualität geben.
-Diese allein aber fesselt mich, diese eigentümliche Gewalt, die von
-ihm ausgeht, daß er auf seine Schüler nicht bloß pädagogischen Einfluß
-übt, sondern sich vollständig ihres Menschentums bemächtigt. Die
-Persönlichkeit eines Mannes, die es bewirkt, daß ihm alle bedingungslos
-ergeben sind, daß sie ihn über gelegentliche Schroffheit und manche
-Tyrannei hinweg unbeirrt lieben, daß große Künstler vor ihm befangen
-werden und für sein kärglichstes Lob den Beifall von Tausenden freudig
-dahingehen. Da ist es denn am besten, ihn einmal mitten unter seinen
-Schülern zu sehen, wenn alle in dem kleinen roten Kottagehäuschen
-beisammen sind und er ihrem Ehrgeiz, ihrem Können und ihrem Talent
-einen Produktionsabend gönnt.
-
-Von diesen Abenden ist immer wie von einem Feiertag die Rede; und es
-geht auch sehr feierlich zu, wie bei einem richtigen Konzert. Nur daß
-es hier angenehmer und freier ist, die Stimmung einheitlicher und
-viel mehr erhöht als in einem öffentlichen Musiksaal. Das kommt daher,
-weil hier eine fühlbare Zusammengehörigkeit alle verbindet. Künstler,
-die unter sich sind und froh darüber, daß die Profanen draußen bleiben
-müssen. Nur selten geschieht es, daß hier ein Saulus unter die
-Propheten gerät, ein Pontius ins Credo sich verirrt.
-
-In einem langen vierfenstrigen Saale stehen an der oberen Schmalseite
-zwei Klaviere nebeneinander, derart, daß die Spieler mit dem Rücken zur
-Wand sitzen, das Gesicht den Hörern zugewendet, von denen sie durch die
-ganze Länge des Instruments getrennt sind. An derselben Schmalseite des
-Musiksalons führt eine Tür in das Speisezimmer. Hier sitzen gewöhnlich
-die Amerikaner und sehen nur gerade die Vortragenden. Spielt ein
-gewöhnlicher Mensch, dann wird im Saal länger applaudiert und aus dem
-Speisezimmer hört man bald nichts mehr. Spielt aber ein Amerikaner
-oder eine Amerikanerin, dann wirds hier draußen früher stille, während
-aus dem Speisezimmer der Beifall der unsichtbaren Landsleute noch
-weiterklingt.
-
-Man ist hier überhaupt in einer höchst internationalen Gesellschaft.
-In Wien an und für sich schon eine Seltenheit. Hier gibt es Russinnen
-in prunkvollen Gewändern und mit barbarisch schönen Edelsteinen;
-dann die dunkeläugigen, ein wenig zur karikaturmäßigen Genialität
-neigenden Polen; dann die blonden Schwedinnen, die so stolze und
-nachdenklich blaue Augen haben, so wunderbar goldblonde Haare,
-die so einfach angezogen und so schön und biegsam von Wuchs sind;
-dann ein ganzes Rudel Amerikanerinnen von jener unnachahmlichen
-Barrison-Grazie, von jenem unerreichbaren Schick, der sie sogleich von
-allen anderen unterscheidet, und von jener gesammelten Sachlichkeit
-in Miene, Geberden und Worten, die mit ein Reiz ihrer Schönheit
-ist; Engländerinnen, die manchmal nicht schön sind, aber fast immer
-märchenhaft viele Haare haben, märchenhaft frisiert, und von einer
-märchenhaft rostroten Farbe. Dann die Amerikaner und die Engländer
-mit ihren Langschädeln, ihren langen Hasenzähnen, ihren langen Armen
-und Beinen; kleine stämmige Russen, breitknochige Gesichter, niedere,
-aber gewölbte Stirnen und üppige Mähnen; dann natürlich die gewissen
-Jünglinge mit den überspannten Locken und den überspannten Kravatten,
-oftmals recht groteske Gestalten, wie Eugen Kirchner sie zeichnet.
-Vor Jahren ging hier als ein hagerer Jüngling Paderewski umher, mit
-einem dünnen, langen Hals, aus dessen Magerkeit der Kehlkopf wie ein
-halbverschluckter Bissen hervorstach. Sein Gesicht trug die vielen
-Sommersprossen der Rothaarigen und er hatte einen roten Schopf, der
-ihm verzweifelt in die Höhe stand, dann bis tief zur Nase ins Gesicht
-herein wuchtete und sich ausnahm wie ein Hahnenkamm. Zuletzt etliche
-deutsche Brüder und Schwestern aus dem Reich, die erheblich schnarren.
-Endlich die beweglichen Wiener Judenmädel und die Wiener Christenmädel,
-von denen wieder manche sehr hausmeisterisch aussehen und manche wie
-Erzherzoginnen.
-
-Alle aber sind vom gleichen Feuer entzündet; allen ist der heiße
-Ehrgeiz von den Zügen abzulesen, das angespannte, mühevolle Streben,
-allen merkt man die harte Arbeit vieler Stunden an, das Ringen mit
-dem eigenen Wesen, mit den tückischen Problemen der Technik. Und alle
-sind erregt, als seien definitive Entscheidungen zu erwarten. Es ist
-ganz merkwürdig, wie alle miteinander befangen werden, wenn einer ans
-Klavier gerufen wird. Dieses Mitfühlen ist stärker als persönliche
-Gegensätze, stärker als vereinzeltes Übelwollen. Wie durch einen
-elektrischen Kontakt sind sie alle sofort mit dem einen verbunden,
-der aus ihrer Reihe vor den Lehrer treten muß, und sie zittern mit
-ihm, haben mit ihm Lampenfieber. Aus der Schule her wird man sich
-erinnern, wie durch die ganze Klasse immer ein Beben geht, wenn ein
-strenger Professor prüft. Die Kinder vergessen allen Streit und
-wünschen auch dem feindlichen Kameraden in diesen schweren Minuten
-jegliches Glück. Niemals fühlt man das Ta twam asi naiver und stärker
-als in solchen frühen Augenblicken. Hier aber ist doch noch ein
-wesentlicher Unterschied, denn neben der Anteilnahme regt hier sich
-in allen Hörern auch sofort die Strenge mit dazu. Die Ansprüche sind
-hoch; man ist verwöhnt, hier in diesem kleinen roten Kottagehaus,
-wo seit fünfundzwanzig Jahren alle großen Künstler, die nach Wien
-kamen, ihr Können zeigten, hier wo die Wände die allerbeste und die
-allerhöchste Musik seit einem Vierteljahrhundert vernehmen. Dieses
-ganze Haus ist von oben bis unten erfüllt von einer klingenden großen
-Tradition und in diesen Räumen hier sind die edelsten Weisen verhallt,
-die in der Welt nur unter edelsten Künstlerhänden ertönen. Drei, vier
-Virtuosengenerationen haben von hier ihren Ausgang genommen, sind über
-die ganze Erde gewandert, da und dort verschollen, am Wege gestorben
-oder mit Ruhm, Ehre und Reichtum beladen in das kleine Haus im Kottage
-zurückgekehrt, um hier vor dem alten Lehrer und den neuen Schülern
-ihren Ruf, ihre Entwicklung und ihre Reife bestätigen zu lassen.
-
-Wenn so ein junger Mann oder ein junges Mädchen während der kurzen
-Schritte zum Klavier sich an diese Dinge erinnerte, dann müßte das
-bißchen Courage freilich zusammenschnappen. Meistens aber denken sie
-an gar nichts als an ihr Stück, an dessen schwierige Stellen, und nur
-daran, daß »der Professor« da ist und sie anhört. Da kommt eine hübsche
-Engländerin. Das rostrote Haar umgibt ihr Haupt wie ein brennender
-Schein. Sie spielt scheinbar ohne körperliche Anstrengung; aber mit
-niedergeschlagenen Augen beaufsichtigt sie den Lauf der Finger über
-die Tasten. Ihre lächelnden Mienen werden ernster und ernster, ihre
-Mundwinkel zucken leise, und allmählich steigt eine sanfte Röte über
-den Saum ihres Kragens herauf zu den Wangen, zur Schläfe, und färbt
-ihr blasses Gesicht. Während die Leute applaudieren, tritt sie sofort
-zu Leschetitzky, lachend, eilig, als flüchte sie zu ihm nach einer
-glücklich überstandenen Gefahr. Dann, nachdem sie eine Silbe erhascht
-hat, verschwindet sie. Schon sitzt auch eine andere am Flügel. Ein
-kleines, blühendes Ding, eine Wienerin rotwangig und frisch, aber
-mit kurzsichtigen Augen und mit willensstarken, geschlossenen Zügen,
-aus denen nichts anderes als Fleiß, Entschiedenheit und sichere Ruhe
-spricht. Sie stößt mit sprungartigen Bewegungen in die Tasten, hält
-sich verkauert, fährt zurück und schießt gleich wieder mit aller
-Heftigkeit los, die Arme wie Krallen vorgestreckt, den Kopf geduckt,
-so daß man bei ihren Sprüngen unwillkürlich an ein kämpfendes Huhn
-denkt. Sie scheint nichts zu hören, nichts zu fühlen, nichts zu
-sehen. Zum Schluß aber tritt sie sofort, des Beifalls nicht achtend,
-zu Leschetitzky, aufatmend, lachend, eilig, als flüchte auch sie zu
-ihm nach einer glücklich überstandenen Gefahr. Alle wenden sich ihm
-so zu, wenn sie fertig sind; alle haben die gleiche Art, zu ihm zu
-flüchten, einen Augenblick lächelnd, aufatmend vor ihm zu stehen und
-dann zu verschwinden. Jetzt sitzt ein sehr bleicher, sehr englisch
-aussehender junger Mann am Flügel, der das Zittern seiner Unterlippe
-nicht beherrschen kann, der wie bewußtlos vor sich hinstarrt, und
-der doch unter dem Zwange des Augenblicks alles aus sich herausholt,
-was an Talent, an technischer Sicherheit und durchdachter Auffassung
-in ihm bereit lag. Dann kommt eine bildschöne Russin, die sehr ruhig
-scheint. Ihr elfenbeinschimmerndes Gesicht färbt sich nicht höher, nur
-den kleinen Mund preßt sie heftig zusammen und ihre Nasenflügel beben,
-während sie mit ihren dunklen, großen Augen die Leute anblitzt. Nach
-ihr eine Amerikanerin, die sich im Sessel wie in einem Sattel wiegt,
-die gütig den Kopf zur Seite neigt, zur Klaviatur herabnickt, als
-könne sanftes Zureden helfen. Dann wieder ein sehr ernster Mann mit
-einer Rubinsteinfrisur und -- wenn man so gut sein will -- mit einem
-Rubinsteingesicht, der hier nur gastiert, und der sein Lampenfieber
-hinter einer düsteren Entschlossenheit zu bergen trachtet. Dann
-ein Kind von vierzehn Jahren. American Girl, nicht eben schön. Ein
-bißchen dick in ihrem kurzen weißen Kleid, ein bißchen breitnasig und
-ein bißchen zu vollwangig. Spielt aber, als ob sie allein sei und
-nach keinem Menschen zu fragen hätte; den Kopf weit zurückgeworfen,
-Verzückung in den Mienen, die großen hellen Augen, die manchmal zu
-jauchzen scheinen, aufwärts gerichtet, und ist völlig eingehüllt in
-ihrer Musik wie in einer kleinen Wolke von Begeisterung.
-
-Über all dieser Entfaltung von Talent, Energie, Ehrgeiz und Fleiß
-wacht der weißbärtige alte Herr, der mit seinen weißen, russisch
-geschnittenen Haaren, mit der gemütlichen Nase und den schwimmenden,
-verkniffenen, vergnügten blauen Augen wie ein Muschik aussieht. Rosig
-und frisch im ganzen Gesicht, bis unter die Haarwurzeln rosig, ist
-er voll Elastizität, voll Temperament und Nerven, scheint aus der
-musizierenden Jugend, die ihn beständig wie ein Choral des Lebens
-umgibt, immer neue Erquickung, immer neue Frische zu schöpfen. Mit
-der Präzision eines Thermometers und mit derselben Empfindlichkeit
-reagiert sein Kunstgefühl auf jeden Ton, der sein Ohr erreicht. Andere
-ermüden, seine Aufnahmefähigkeit aber wächst von Stunde zu Stunde und
-ermattet nicht. Gelingt etwas so recht nach seinem Willen, dann lachen
-seine Augen, sein Mund, seine Wangen; alles an ihm lacht, auch sein
-Herz: das sieht man sehr gut. Und in solchen Augenblicken ebenso wie
-in Momenten des Zornes, der Ungeduld kann man wahrnehmen, wie durch
-und durch künstlerisch das Wesen dieses Mannes ist und wie groß seine
-Gabe, sich zwingend, deutlich, überzeugend mitzuteilen. Oft und oft
-setzt er sich an das zweite Klavier, wenn der Vortrag des Spielenden
-ungleich, oberflächlich, verwischend wird, oder wenn's am Rhythmus
-oder an der dynamischen Wirkung hapert. Dann begleitet er nach seiner
-Weise den Schüler ein Stück des Weges, reißt ihn schneller mit sich
-fort, oder hält ihn zügelnd zurück, oder gibt einer Cantilene mehr
-Weichheit, hilft einem Thema zum plastischen Ausdruck und läßt dann
-den wider Willen Geleiteten allein weiter laufen. Oder er fährt wütend
-dazwischen, schickt die Vortragende unter heftigen Scheltworten
-vom Klavier weg und erlaubt ihr erst auf inständiges Bitten das
-Weiterspielen. Und da ist es oft rührend, wie so ein junges Ding nun
-seine ganze Aufmerksamkeit in beide Hände nimmt, um das glückliche Ende
-zu erreichen. Niemand wundert sich über solche Zwischenfälle, niemand
-von den Betroffenen zeigt falsche Scham. Alle wissen ja, daß sie hier
-eigentlich nur für ihn allein spielen, und nicht für die anderen
-hundert Menschen, die zufällig dabei sind.
-
-Wie ein vielmögender Pförtner an der Schwelle des Ruhmes steht er vor
-dieser andrängenden, stürmisch den Einlaß begehrenden Jugend, die
-er durch sein Künstlertum beherrscht, durch den Glanz einer großen
-Vergangenheit und durch den Scharme einer immer sprudelnden, immer
-lebendigen und verheißungsvollen Gegenwart. Es ist ein hervortretender
-Zug im Wesen Leschetitzkys, daß er Festlichkeit um sich verbreitet.
-Damit lockt er und wirkt er wohl am meisten. All seine Wissenschaft
-und Erkenntnis würde ihm die Menschen nicht zuführen und könnte den
-Menschen nichts nützen, wenn er zufällig ein Schulmeister wäre und kein
-Künstler, wenn sein Ernst trocken wäre und er dieses strömende, zum
-Wohlsein und zur Feiertagslaune geneigte Temperament nicht besäße.
-Denn nie ist ein Schulmeister geliebt worden, und es ist kein Schaffen
-möglich ohne Heiterkeit des Herzens und festlich gestimmte Laune.
-
-Stünde dieses kleine Haus in Graz, in Magdeburg oder in Düsseldorf,
-man würde sich beeilen, von Wien aus hinzureisen, um diese seltene
-Kunstakademie zu sehen, die ein einzelner geschaffen, die nur durch die
-Persönlichkeit eines einzelnen lebt, und aus der so viele Berühmtheiten
-hervorgegangen sind. Man würde den weiten Weg nicht scheuen, um einmal
-in dieser rätselhaften und wohltuenden Atmosphäre zu weilen, um diesen
-Mann genauer zu betrachten, der von weitem wie ein Magier aussieht, der
-in der Nähe jedoch nichts weiter ist als ein starker Mensch und ein
-Künstler von mitteilsamen Kräften. Weil es aber nur in Währing ist,
-kann die Sache aufgeschoben werden, denn da kommt man ja sowieso alle
-Tage hin.
-
-
-
-
-ARISTOKRATEN-VORSTELLUNG
-
-
-Der Wagen rollt durch das Augartentor und sogleich fühlt man sich ein
-wenig gehoben. Wer hat auch sonst Erlaubnis, hier hereinzukutschieren?
-Da gibt es denn einfach eine vornehme Stimmung, von der gemeinen
-Straße abbiegen und über diesen fürstlichen Kies dahinfahren zu
-dürfen. Schade, daß kein Schnarrposten da ist. Der könnte ein bißchen
-schreien, und das würde das Selbstgefühl ungemein steigern. Aber
-das sind überschwengliche, vermessene Träume, gefördert durch die
-Einsamkeit des Coupees. Betritt man erst die große Antichambre, dann
-schnappt man rasch wieder zusammen. Ein hoher Saal mit Kronleuchtern,
-Spiegeln, Teppichen. Weiß, Gold und Rot, die offiziellen Farben in
-den Palästen. Das Wort Zimmer schrumpft auf ein Nichts; in wahrhaft
-beschämender Weise. Hier sind Gemächer, Appartements. Und Lakaien.
-Ein solcher Schwarm von Lakaien, wie er sich nur in verschwenderisch
-ausstaffierten Romanen zu finden pflegt. Nicht einmal auf der Bühne.
-Denn welches Theater hätte so viele und so präsentable Komparsen?
-Galonierte prächtige Lakaien mit galonierten, prächtigen Gesichtern. Es
-ist wirklich herzerfreuend, wie gesund und wohlgenährt diese wackeren
-Männer aussehen. Lakaien, mit einem Wort, die höflich sind und streng
-dabei; die Gebärden von ungeheurem Stolz haben, und die einem trotzdem
-beim Ablegen des Winterrockes behilflich sind. Man merkt sofort: hier
-muß man sich geehrt fühlen.
-
-Von allen Gefühlen, die es gibt, ist das Gefühl, geehrt zu sein,
-unstreitig das angenehmste. Und wenn man diese bescheidene Behauptung
-nur einigermaßen als wahr hinnehmen will, dann ist das Rätsel solcher
-Vorstellungen gelöst. Das Rätsel nämlich, daß man solche Vorstellungen
-wie Ereignisse ersten Ranges traktiert, daß man sich zu ihnen drängt,
-sich die Billette aus der Hand reißt und sich schlechterdings für
-deklassiert hält, wenn man nicht mit dabei gewesen ist. Es gibt
-Vorstellungen, in denen man sich gerührt, Vorstellungen, in denen man
-sich aufgeregt fühlt, Vorstellungen, in denen man sich belustigt oder
-begeistert, Vorstellungen, in denen man sich gelangweilt fühlt. Aber
-Vorstellungen, in denen man sich ununterbrochen geehrt fühlen muß,
-darf oder kann, gehören doch zu den seltenen Genüssen. Man betritt
-den Zuschauerraum, und gleich am Eingang steht ein Graf, der die
-Kartenabgabe überwacht. Zu viel Ehre! Man versucht, in seine Sitzreihe
-zu gelangen, und es erheben sich drei Komtessen, zwei Gardekapitäne, um
-uns durchzulassen, eine Altgräfin und zwei Prinzen. Zu viel, zu viel
-der Gnade! Man setzt sich nieder und hat einen Prinzen zur Rechten,
-eine Reichsfreifrau zur Linken, einen Fürsten vor sich und hinten einen
-Marquis. Wie angenehm das ist! Und der Prinz zur Rechten plaudert mit
-der Reichsfreifrau zu deiner Linken, so laut und so ungeniert, als ob
-du gar nicht da, als ob du einfach Luft wärst. Jedes Wort hörst du, ob
-du nun willst oder nicht, du hörst es und bist hochgeehrt. Kein Zweifel.
-
-Es wäre nun ganz abscheulich, die hohen Eintrittspreise zu erwähnen.
-Wer wird vom Geld sprechen? Was ist das überhaupt: Geld? Jeder Krämer,
-der sichs sauer werden läßt, kann es besitzen. Hier gilt vor allem die
-Wohltätigkeit, und was der Abend bringt, ist gewiß einem ebenso guten
-als tadellos frommen Zweck geweiht. Wenn adelige Leute lebende Bilder
-stehen und sich gegen Entree anschauen lassen, wenn dieser Saal im
-Augarten -- ein zwar nicht allen, aber doch allen zahlenden Menschen
-gewidmeter Erlustigungsort wird, dann, bitte, nur keine plebejischen
-Anwandlungen. Daß Aristokraten keine gelernten Künstler sind, muß
-man im voraus wissen; daß sie nur über eine standesgemäße Begabung
-verfügen, darauf muß man gefaßt sein. So amüsant wie beim Wurstl kann's
-halt nicht sein. Aber: ein Theater, wo lauter Fürsten und Grafen
-und Komtessen und Prinzessinnen Komödie spielen, das ist doch was,
-Himmelherrgott!
-
-Und -- Himmelherrgott -- es ist auch was! Schon der Zuschauerraum,
-dieses ganze vornehme, wenn auch reichlich bürgerlich gesprenkelte
-Auditorium bietet genug und genug. Wollte man die Kronen der hier
-versammelten Herrschaften auf ein Häuferl schichten, das gäbe eine
-nette, funkelnde Pyramide, die bis zur Decke reichen würde. Schwerlich
-vermöchte es diese Erwägung, auf einen Südsee-Insulaner sonderlich zu
-wirken. Aber ein zivilisierter Mensch fühlt sich immerhin von Ehrfurcht
-ergriffen. Was das Wissen, das Bewußtsein nicht alles tut: An einem
-anderen Ort zum Beispiel möchte man sich schrecklich entrüsten, wenn
-die Leute so schreien, wenn sie einander über zwanzig Köpfe hinweg
-anreden, sich »Grüß' dich« oder »Servus« zuschmettern wollten. Weil
-es aber Aristokraten sind, die so knallende Gespräche führen, hält
-man's für ungenierte Noblesse, fühlt sich eingeschüchtert von diesen
-Menschen, die durch ihre ungeheuer hörbare Konversation zu erkennen
-geben, daß sie immer und überall »unter sich« sind, und daß, wer nicht
-dazu gehört, einfach nicht als anwesend gilt. Das Bewußtsein und seine
-Helfer, die Kleider, die Uniformen, die Juwelen: es ist kinderleicht,
-eine Frau als eine Fürstin zu erkennen, wenn sie ein Diadem in den
-Haaren trägt, das eine Million wert sein mag. Man breite ein Kopftuch
-über diesen Schmuck, ein gewöhnliches, kleines Kopftuch, und das nette,
-zutrauliche Gesicht eines Wäschermädels ist fertig. Diesen kleinen
-Offizier, der trotz seiner Uniform so unscheinbar aussieht, muß man
-erst umdrehen, um hinten an seiner Kämmererspange zu merken, daß er
-»wer« ist. In Zivil würde man ihn mit seinen gewöhnlich-ernsthaften
-Zügen, mit seiner alltäglichen, ein wenig farblosen Wohlgenährtheit
-und mit seinem Zwicker für einen Magistratsbeamten nehmen. Jener alte
-Mann dort, dessen weißer Bart ebenso ungepflegt als ehrwürdig ist,
-dem die Backen schlaff und wie ermüdet niederhängen, dem die Nase zum
-Mund hereinhängt, dem die Schultern hängen, und die Kleider am Leibe:
--- genau so, so betrübt und erschöpft und im ganzen so belanglos hat
-mein Mathematik-Professor ausgesehen. Jener Herr aber ist ein Fürst.
-Fürstliche Gnaden, Durchlaucht. Da ist eine liebe, schlanke Frau. Dünn
-wie eine Gelse. Fliegt im Saal umher wie eine Gelse, hat ein nettes,
-schmales Gesicht, kurzsichtige Augen, ein schnippisches Stumpfnäschen,
-und man würde sie treuherzig für ein niedliches Kammerzöfchen halten,
-das zu hüpfen gewöhnt ist, sooft die Klingel tönt; wenn man nicht
-wüßte, daß man sie Frau Gräfin ansprechen muß. Da sind junge Herren,
-die so glatt frisiert sind und so windspielhaft von Wuchs, wie feine
-Kellner in einem feinen Hotel. Haben so gutmütig junge, gedankenlos
-hübsche und sauber gewaschene Gesichter wie feine Kellner und sind
-Majoratserben, Prinzen, Pagen. Da sind andere, mit herrischen Mienen,
-scharfgerissene Profile, Nasen von einer Krümmung, die sich heutzutage
-nur ein Graf erlauben kann. Glühende Augen. Stolzgeschwungene Lippen.
-Und gleich sagen die Leute: Da sieht man die Rasse! Da zeigt sich
-die Abkunft! Aber mit Leichtigkeit könnte man in Hernals und in
-Ottakring ein paar junge Burschen einfangen, angehende Fiaker, bei
-denen nur die mangelhafte Kleidung schuld daran ist, daß sie nicht
-wie Grafen aussehen. Selbst aus der Tempelgasse ließen sich Duplikate
-herbeischaffen. Nur daß es dann freilich mit anderer Betonung hieße: Da
-sieht man die Rasse! Da zeigt sich die Abkunft!
-
-Einen gänzlich Fremden -- man brauchte ihn gar nicht von den
-Südsee-Inseln herzunehmen -- könnte die Vorstellung nicht im mindesten
-interessieren. Weder das Publikum, da er unsere Uniformen und
-Ehrenzeichen nicht zu erkennen vermöchte, noch die Gaben der Bühne,
-da ja die stolzen Namen seinem Ohr unvertraut und gleichgültig wären,
-die Namen, ohne die beinahe alle Akteure ihren Reiz verlieren müßten.
-Wir aber haben die Zusammenhänge, haben alle die Relativitäten, die
-das Amüsement solcher Theaterspielerei ausmachen. Und mondainen Leuten
-mag es schon ein Hauptspaß sein, die Herrschaften, die sonst hoch über
-ihnen hausen, einmal als befangene, ehrgeizige Komödianten vor sich zu
-sehen.
-
-Befangen aber und ehrgeizig sind die meisten dort oben auf den
-Brettern. Die Aufregung ist so ungeheuer, daß sie sympathisch wird, wie
-jede ehrliche Regung sympathisch ist. Da war ein Engel in dem ersten
-Bild. Eine reizende kleine Komteß hatte nichts weiter zu tun, als in
-der vorgeschriebenen Stellung ruhig dazusitzen, indes die anderen
-musizierten. Aber wie gelähmt war sie vor Befangenheit, wurde rot und
-röter unter der ungewohnten Schminke, und man mußte gerührt werden,
-wenn man das schöne Kind ansah. In diesem ersten Bild war übrigens die
-Darstellerin der heiligen Cäcilie vortrefflich. Ein Antlitz, als ob's
-von Holbein gemalt worden sei, mit einem weltentrückten Ernst in den
-Augen und einem frommen, strengen Harm auf den eingefallenen Wangen.
-Noch einer fiel mir im zweiten Bild auf: der Pierrot. Ein schöner,
-feingeschnittener Kopf. So geisterhaft beschattete, gleichsam gehöhlte
-Züge, daß man an die wunderbaren Pierrots denken mußte, die Willette
-gezeichnet hat. Dieses Bild brachte ein bewegliches Kindermenuett. Ein
-Halbdutzend winziger Prinzessinnen und Komtessen und, das muß wahr
-sein, sie haben wie die kleinen Ladstöcke getanzt. Aber lustig war's
-doch, wie an den Kindern gewisse Unterschiede am schärfsten merkbar
-wurden. Wie die einen nämlich, von ihrer Angst, von ihrer Befangenheit
-und von ihrem Ehrgeiz hypnotisiert, nur mehr automatisch sich rührten,
-indessen die anderen mit einer großartigen Gleichgültigkeit, mit
-absoluter Ruhe ihre Schritte und Knickse taten, unbekümmert, ob's gut
-sei oder schlecht, und als dächten sie: hier tanzt die Prinzessin
-Mimi -- das genügt! Es waren dann im Schubert-Bild ein paar niedliche
-Mädchen zu sehen, von einem kleinbürgerlichen Typus, der unsere
-Vertraulichkeit nicht gar zu sehr entfernt. Und ein blonder Jüngling
-war bei ihnen, von der Schlankheit und federnden Grazie russischer
-Windspiele, dazu mit Augen, die so vergißmeinnichtblau schimmerten
-wie Schubertsche Lieder. Die Schubertschen Lieder aber sang ein Sänger
--- und die Wohltätigkeit ist wohltätig genug, seine Kunst zu schirmen.
-So wie er jedoch müßte der Bellac im Burgtheater aussehen, und im
-»Probepfeil« der Krasinski sollte sich eine solche Maske nehmen und
-ein Schubertlied als Einlage singen. Das gäbe einen Sturm. Weniger
-empfehlenswert für die Burg wären die spanischen Messerhelden, die man
-hernach zu sehen bekam, und die spanische Donna, die an der Leiche des
-gemordeten Liebsten ein so gemütliches Entsetzen, eine so gänzlich
-nebensächliche Verzweiflung agierte. Dann aber kam das letzte Bild,
-wo in der Tiefe des Ozeans der bärtige Freiherr mit dem »Jägerg'müat«
-als Neptun auf dem Throne saß und eine frappante Ähnlichkeit mit dem
-Pikkönig hatte, wo auf dem Meeresgrund ein weiblicher Leibhusar von
-pausbackiger Feschheit der Wassermajestät zur Seite stand, wo ein
-Hofnarr so hochmütig und schlecht gelaunt sein glattes, junges Antlitz
-in Falten zog, als sei er beim Demel oder im Café Pucher, wo ein
-Vierteldutzend adelige Frauen mit all der Sicherheit posierten, die ein
-fabelhafter Perlen- und Diamantenschatz der Seele verleiht, wo inmitten
-der Meeresgötter ein befrackter Baßgeiger erschien, der prachtvoll
-spielte, der aber mit all seiner Musik die Dissonanz zwischen seinem
-Frack und den Märchengewändern der übrigen nicht aufzulösen vermochte,
-und wo endlich -- auch im Frack -- Alfred Grünfeld kam, um mit
-Schuberts silbern tönender »Forelle« der fürnehmen Mummerei ein
-willkommenes Ende zu bereiten.
-
-Man möchte vorschlagen: lasset die Aristokraten Karussels veranstalten.
-Niemand vermag ihnen das gleichzutun. Zu Pferde, in allen Künsten des
-Sattels und der Zügel, im Glanz ererbter herrlicher Kostüme werden
-sie uns Schauspiele geben können, die nur der Adel zu geben vermag,
-werden eine künstlerische, ja, gewiß eine berauschende Augenweide
-bieten, für die man ihnen wird danken müssen. Der Mensch, auch der
-vom Baron aufwärts, sollte immer nur das tun, wozu er Talent hat. Das
-Komödiespielen aber, das jetzt im Schwang ist, bleibt doch stets ein
-arges Dilettieren, das durch die vielen edlen Namen nur prätentiös
-wird, von seinen Mängeln aber, von seinen menschlichen und von seinen
-Geschmacksmängeln nichts verliert. Den namenlosen Zuschauern möchte
-man sagen: Habt ihr denn wirklich so viel von einer Vorstellung, in
-die ihr nur euren Snobismus mitnehmt? Und fühlt denn der Snobismus
-selbst sich nicht beschämt, da jeder Bürgerliche doch empfinden muß,
-bei einem Haustheater zu sein, in einem Hause, dessen Insassen euch
-sonst nie einlassen würden, und die in eurer Gegenwart fortfahren,
-sich untereinander zu vergnügen. Aber den Snobismus scheint das gar
-nicht zu genieren. Den Aristokraten scheint es Spaß zu machen, wenn die
-Unzulänglichkeit ein gesellschaftliches Ereignis wird. Die öffentliche
-Meinung dienert im Kartell vor dero leutselig Pläsier, und da
-schließlich doch ein bißchen Geld an fromme Vereine kommt, muß man die
-Dinge gehen lassen, wie sie gehen. Es ist nicht das Schlimmste, es ist
-nicht das Wichtigste, und die Mehrzahl der Menschen hat andere Sorgen.
-
-
-
-
-FÜNFKREUZERTANZ
-
-
-Ein Liebespaar hat mich zum Fünfkreuzertanz geführt. Sie war mir schon
-früher beim Ringelspiel aufgefallen, wo sie rasch eintrat und sich
-augenblicklich auf ein Pferd schwang, mit so viel Entschlossenheit,
-als wollte sie sagen: Von der Arbeit zum Vergnügen, das muß eben
-sein! Dann nahm sie sich in der verwaschenen Bluse und dem weißen
-Kopftuch, hoch zu Roß, sonderbar genug aus. Und wie das Ringeln anfing,
-schaute jedermann nach ihr, weil ihr hübsches Gesicht und ihre ganze
-Haltung solch ein leidenschaftliches Genießen, so tiefe Versunkenheit
-aussprach, so viel körperliche Hingabe und dabei so überraschenden
-Ernst. Man merkte, daß sie sich vollständig allein fühlte, daß die
-anderen Leute für sie nicht existierten. Später, als ich sie dann
-wiedersah, war sie freilich nicht mehr allein.
-
-Ich vernahm, wie ein Budenausrufer mit einer wahrhaft tobenden Stimme
-von der Dame ohne Unterleib behauptete, sie sei das süße Mädel. Da
-blieb ich denn im Menschenschwarme stehen, um zu hören, wie der
-Mann seine immerhin schwierige Sache verfechten werde; und hier
-erblickte ich die Reiterin von früher wieder. Sie hing jetzt am Arme
-ihres Liebsten, den Kopf an seine Schulter gelehnt, während er, die
-Soldatenmütze weit zurückgeschoben, mit seinem jungen Antlitz, gläubig
-lächelnd, zu dem Ausrufer und zur Dame ohne Unterleib emporblickte. Ein
-Dritter kam herzu, und ich meinte zuerst, es sei ein Bekannter. Nur
-schien es mir sonderbar, daß der Mann barhaupt im Prater herumgehe. Es
-ergab sich jedoch, daß es gleichfalls ein Ausrufer war, ein Gehilfe
-sozusagen. Eigentlich aber noch ein blutiger Anfänger, denn er machte
-keine Späße; er sah auch gar nicht danach aus, als sei er zu Scherzen
-aufgelegt, und er war offenbar noch zu schüchtern, um laut zu allem
-Volk zu sprechen. Deshalb begnügte er sich einstweilen damit, sich
-an die einzelnen zu wenden und ihnen ganz privatim die Vorteile
-auseinanderzusetzen, die der Besuch der Bude ihnen bringen würde.
-Dabei sprach er sehr leise, und wenn auch mit enormer Wichtigkeit,
-so doch sichtlich verschämt. Das Liebespaar hörte ihn ebenfalls sehr
-befangen an. Nie habe ich drei Leute in solcher Verlegenheit und so
-ratlos beisammen gesehen. Unwillkürlich nahm ich Anteil an dieser
-heillosen Situation und war auf den Ausgang beinah ängstlich gespannt.
-Die Reiterin aber führte die Geschichte rücksichtslos zu Ende, indem
-sie ihren Burschen an der Hand nahm und wegging. Ganz einfach. Da
-folgte ich den beiden, die jetzt rasch dahinschritten, neugierig, das
-Vergnügungsprogramm dieses entschlossenen Mädchens kennen zu lernen.
-Sie eilten zum Tanz.
-
-Unzähligemal bin ich an schönen Sommerabenden im Prater bei diesen
-Fünfkreuzerbällen vorübergegangen; oder manchmal für einen Augenblick
-nur stehengeblieben, um auf das Gewühl da drinnen zu schauen, mit jenem
-flüchtigen töricht-überlegenen Lächeln, das man gewöhnlich für die
-Freuden der Einfachen bereit hat. Wahrscheinlich wäre ich auch heute
-wieder vorbeigegangen, wenn mich nicht die Lust angewandelt hätte,
-zu sehen, ob sie auch so leidenschaftlich tanzen werde, wie sie sich
-ringeln ließ, so hingegeben und so versunken.
-
-Unsicher und mit dem gewissen Lächeln stand ich im Saal, schaute in
-das dichte Getümmel, blickte in den großen, schmucklosen Raum umher
-und redete mir ein, daß mich die raucherfüllte Luft bedrücke, daß
-mir der Kleiderdunst lästig sei, der aufwirbelnde Staub, der scharfe
-Biergeruch, der Tumult so vieler schreiender Stimmen, das unbarmherzige
-Tosen der Blechmusik, und daß ich in zwei Minuten gehen werde.
-
-Meine Liebesleute suchte ich vergebens. Der Wirbel hatte sie
-verschlungen. Aber es fand sich Ersatz genug. Gleich das erste Paar,
-das sich für meinen irrenden Blick aus der Menge löste, fesselte mich
-im Nu. Sie tanzten langsam, einen schönen, sicheren Sechsschritt und
-hielten sich dabei umarmt, vielmehr sie hatten einander um den Hals
-gefaßt und drückten Wange an Wange. Beide waren hochrot im Gesicht,
-der Schweiß lief ihnen über die Stirn, des Mädchens Haare hatten sich
-gelöst, aber sie achteten dessen nicht. Sie hielten immerzu die Wangen
-gegeneinandergepreßt, beinahe Mund an Mund, und glitten dahin, wie
-in einer tiefen Erregung, so daß von ihrer Unbekümmertheit schier
-etwas Feierliches ausging. Ein zweites Paar kam wiegend und sacht
-sich drehend einher. Sie ganz frisch und goldblond und zart, und er
-beinahe riesenhaft, aber schlank, mit einem Flaumbart. Und sie reichte
-ihm kaum bis zur Brust, lag in seinen Armen mit einem grenzenlosen
-Vertrauen, die Augen geschlossen, wie schlafend, und er sah hoch
-über sie hinweg, warf tapfere Blicke umher, und nahm sich aus, als
-rette er sein Glück aus tausend Gefahren. Dann aber kamen zwei, deren
-Mienen nicht wahrgenommen werden konnten, so blitzschnell drehten sie
-sich, so fabelhaft rasch sprangen sie vorüber. Sie schienen sich in
-einem Anfall von äußerster Raserei, ja in einer Art von rhythmischer
-Tobsucht zu befinden, in die sie durch die Musik gebracht wurden.
-Sie kamen bald darauf nochmals zum Vorschein, offenbar hatten sie
-so geschwind den ganzen Saal durchmessen. Sie, eine kleine, dicke,
-nicht mehr ganz jugendliche Person. Er, ein baumlanger Kerl, im
-Ruderleibchen und grauen Rock. Er mußte sich tief herabbücken, seine
-Dame um die Taille zu fassen, und so, in dieser anscheinend qualvollen
-Haltung, die einer andauernden, devoten Verbeugung glich, schwang
-er sich wie ein gepeitschter Kreisel. Ganz in meiner Nähe fielen
-sie plötzlich, wie hingeschleudert, auf eine Bank, mit todblassen,
-benommenen Mienen, nach einer Sekunde aber sprangen sie wieder auf
-und wirbelten mit derselben, unbegreiflichen Schnelligkeit weiter.
-Noch einige Male kamen sie also angesaust, und es war auffallend, wie
-wenig sie sich in solchen Pausen umeinander scherten, da sie doch,
-tanzend, so begeistert zusammenhielten. Wie nach einer Krankheit saßen
-sie da, machten verstörte Augen, bis es sie wiederum ergriff und
-emporriß. Ein Pärchen erzwang sich die Aufmerksamkeit, weil es sehr
-künstlich tanzte; bald nach rechts, bald nach links, bald geradeaus
-nach vorwärts, bald zurück. Dabei hatte sie ein gänzlich mißlungenes
-Gesicht, darin, wie bei einem geborstenen Schränkchen, durchaus nichts
-klappen wollte, weder Mund noch Augen. Und er war ein bißchen schief
-von Wuchs, hatte einen ärmlichen, farblosen Bart, schielte ein wenig,
-und seine geringfügige Nase nahm sich unter einer dicken Hornbrille
-sehr gedemütigt aus. Aber beiden konnte man die Anständigkeit sogleich
-anmerken, und so tanzten sie auch: treu, ehrlich und fleißig,
-versäumten keine Figur, ließen sich keine Nachlässigkeit zuschulden
-kommen und hatten eine sachliche Freude des Gelingens, in der ihr
-gedrücktes Selbstbewußtsein frei wurde. Sorgloser gingen zwei andere zu
-Werke, die mit ruckweisen Drehungen im Tanze sich schwangen; die Köpfe
-weit zurückgebogen, daß sie einander beständig ins Antlitz schauen
-konnten. Und beständig lachten sie, als ob ein prächtiger Scherz ihnen
-von einem Mund zum andern ginge. Dabei sagten sie kein Wort, redeten
-nur mit den lachenden Augen, und das war wie ein Spiel fröhlicher
-Kinder.
-
-Überhaupt war in allen diese kindergleiche, vollkommene Hingabe an die
-Freude, und diesem tanzenden Gewühl entströmte eine unaussprechliche
-Glückseligkeit, mühelos verlockt, hingerissen und entfacht von ein
-paar Walzertakten und etlichen Trommelschlägen. Und die erwachende
-Sinneslust schlug die Harmlosigkeit hier keineswegs nieder. Vielmehr
-wurde all das Begehren, davon die Atmosphäre bebte, ins Unschuldige
-gerückt, da es so aufrichtig und mit solcher Selbstverständlichkeit
-sich äußerte. Was hier die Arme umeinanderschlang, das liebte sich,
-gleichviel, ob vorher schon oder jetzt erst, aber es gab keine andere
-Veranlassung zum Tanz als die Liebe. Sie tanzten mitsammen, weil sie
-sich liebten, und sie liebten sich, weil sie mitsammen tanzten.
-
-Zwei Soldaten waren hereingekommen und standen neben mir.
-Artilleristen. Der eine von ihnen, aufragend und in der Fülle seiner
-Kraft, »schön wie ein junger Gott«, mit blauen, fröhlich leuchtenden
-Siegeraugen. Der andere schwächlich, von der Uniform fast erdrückt,
-und mit verprügelten Mienen. Ein hübsches blondes Mädchen sprang ihnen
-entgegen, flog mit ausgebreiteten Armen auf den schönen Burschen zu
-und küßte ihn, munter, herzlich, vergnügt. Er ließ sichs gefallen und
-meinte nur, auf den Kameraden deutend: »Dem gibst d' a a Bußl!« Sie
-zögerte keinen Moment, lächelte, stellte sich auf die Zehenspitzen und
-küßte den Verprügelten. Dann wartete sie, daß der Schöne sie zum Tanze
-führe. Der aber schaute gelassen umher, achtete ihrer kaum. Er war
-nicht in der Geberlaune. So ließ sie sich denn vom andern umfangen.
-
-Ein Ländler begann, eine kleine, bescheidene Melodie, die sich
-zufrieden im Kreise um sich selbst drehte, dann wieder innehielt,
-um sich gleich wieder gutgelaunt weiterzuschwingen. Und jetzt waren
-die Großstadtkinder und die vom Lande Zugereisten deutlich zu
-unterscheiden. Für die einen war's eben nur wieder ein Walzer, die
-anderen aber fingen an, sich in kleinen Gehschritten kirchweihmäßig zu
-wiegen, in jener ernsthaften Ruhe, mit der die Bauern den Tanz als eine
-feierliche Arbeit traktieren, und das Bauerng'wand schien unter mancher
-Uniform jetzt sichtbar zu werden. Ein Juchschrei flog da und dort
-empor, der Erinnerung an das ferne Dorf entstiegen, Händeklatschen,
-mühevolle Verschlingungen. Heimatkunst, in bescheidener Munterkeit
-verrichtet.
-
-Inmitten dieser stampfenden, jubelnden, lachenden und liebenden
-Jugendseligkeit regt sich der Wunsch, hier nicht als Fremder stehen
-zu müssen, nicht wie nach fremden Tieren auf diejenigen zu schauen,
-die in Ursprünglichkeit und ungebrochener Lust genießen, nicht in
-Grübelei und nachdenklichem Zögern den Inhalt froher Stunden zu messen,
-sondern Anteil nehmen zu können, besinnungslos und ohne Rückhalt. Und
-da erträumt sich die Phantasie einen jungen Menschen, der, in allen
-Finessen des Geistes, des Wissens und der Kultur geschmeidig, dennoch
-so viel Schnellkraft sich bewahrt, daß er den Subtilen gelegentlich
-entwischt, seinen Lebensunband hierher zu tragen, der untertaucht in
-diesem dampfenden Tumult einfältiger Urtriebe, und dann neugebadet
-zurückkehrt zu den anderen, die nur beziehungsweise Wehmut kennen und
-vieldeutige Sentimentalität.
-
-Schon dem Ausgange zugewendet, erblicke ich meine Bekannte vom
-Ringelspiel wieder. Sie walzt jetzt mit ihrem Burschen, ihr hübsches
-Gesicht ist dunkelrot geworden und hat denselben Ausdruck von
-Versunkenheit wie vorhin, da sie auf dem hölzernen Schaukelpferd
-saß. Hier aber fällt sie gar nicht auf, denn hier gleicht sie völlig
-den anderen, denen das Leben und die Jugend noch so überaus einfach
-geblieben: Man arbeitet erst und geht dann tanzen. Saure Wochen, frohe
-Feste.
-
-
-
-
-STALEHNER
-
-
-Das hundertjährige Stalehnerwirtshaus wurde niedergerissen, und
-ein neues aufgebaut. Denn die Zeit schreitet vorwärts. Ein Kapitel
-Hernalserischer Daseinswonne ist damit zu Ende. Wiener Liedersänger,
-Komiker, Lokalschriftsteller und allerlei andere Vergnügungskünstler
-haben da draußen den Kehraus gefeiert, den Abschied von einem Stück
-Urwüchsigkeit, das nun in der allgemein großstädtischen Banalität
-aufgehen wird. Es war ein Schluß mit Jubel.
-
-Immer, wenn sie so ein altes Wiener Freudennest demolieren, staubt
-aus dem Schutt des bröckelnden Mauerwerks der Schwarm bekannter Worte
-empor: die Wiener Gemütlichkeit ..., der Wiener Hamur ..., die schöne,
-liebe, alte Zeit ... Es ist, als wenn wir unter Menschen lebten, die
-wirklich allweil fidel sind, und nur traurig werden, wenn man ihnen
-einmal ein altes Wirtshaus zusperrt. Man muß sagen, daß uns bessere
-Häuser schon verschwunden sind, ehrwürdigere und wertvollere, als der
-Stalehner. Die neue junge Stadt ist über sie hinausgewachsen, und wir
-haben ihrer vergessen. Wir werden auch den Stalehner verschmerzen.
-
-Ein Nekrolog gebührt ihm freilich. Denn er war berühmt und schaut
-auf eine große Vergangenheit zurück. Er hat seine Rolle gespielt
-in der Sittengeschichte von Wien, und sein Einfluß ist manchmal in
-dieser Stadt sehr fühlbar gewesen. Stalehner, das war nicht bloß ein
-Wirtshaus, sondern auch eine Art Weltanschauung. Das Wirtshaus haben
-sie jetzt niedergerissen, die Stalehner-Weltanschauung wird vielleicht
-bestehen bleiben. Vielleicht.
-
-Stalehner ... schon der Name hat etwas unnachahmlich Echtes, ist wie
-geschaffen zur Straßenberühmtheit. Der wienerische Dialekt schwingt
-auf diesem Namen wie ein Wäschermädel auf einer Praterhutschen. Es
-ist ein Fiakerparfüm darin, und ein Schnalzen, das aus den »enteren«
-Gründen kommt. Wir haben ein paar solcher köstlichen Wirtsnamen, deren
-bloßer Klang schon eine ganze Stimmung gibt. Weigl zum Beispiel mit
-dem gequetschten, wienerisch breitgedrückten »ei«, so daß es sich
-anhört wie ein wohliger Schnaufer. Oder Gschwandner ... was ja wie
-ein Walzertakt schleudert. Nichts aber hört sich so behaglich an wie
-Stalehner mit diesem offenen, ein wenig frechen und gellenden Wiener a
-der ersten Silbe und dem Schleifen durch die Nase der beiden anderen:
-»lehner«. Behaglich und leichtsinnig.
-
-Wir kennen den Namen jetzt schon über hundert Jahre. Und es sind viele,
-viele Wiener Früchteln und Wiener Kinder beim Stalehner draußen berühmt
-geworden. Die einen durch ihren Gesang, durch ihr Kunstpfeifen und
-durch ihren Mutterwitz, die anderen durch ihre Freigebigkeit, durch ihr
-»Aufdrahn« und durch ihr Trinken. Vom Standpunkt des Schanktisches aus
-muß man schon sagen: es war eine große Zeit. Aber, wer denkt denn heute
-der fröhlichen Schar! Weiß jemand noch was von der Judenpeppi, die so
-besonders talentvoll gepascht hat, wenn der Gruber das picksüße Hölzel
-spielte? Man weiß ja auch vom Gruber nichts mehr. Lieber Gott, es gibt
-so viele Gruber. Und diese beiden, der Meister auf dem Picksüßen und
-die Judenpeppi, haben in den fünfziger Jahren gelebt.
-
-Vor ihnen mag es in dieser Heurigenseligkeit noch andere Götter
-gegeben haben. Aber sie sind vergessen und verschollen, wie man des
-Weins, nachdem man ihn genossen hat, vergißt. Der Boden hier ist
-reich. Er gibt in jedem Jahre eine neue Lese; und in jeder Generation
-neue Originale. Weinstöcke und Menschen, in denen die Kraft und der
-Übermut dieser Scholle aufgesammelt waren, sind hier herum immer
-frisch nachgewachsen. Derart ist ja denn auch der Anfang gewesen,
-daß der erste Stalehner ein Weinbauer war, der da draußen in dem
-winzigen Dörfchen Hernals das Leutgeben hatte, und alljährlich, wenn
-seine Trauben gekeltert waren, den Buschen aussteckte. In ihren
-kleinen, niedrigen Häuseln saßen sie dort nebeneinander, am Ufer
-des Alsbachs, der damals noch in seinem offenen grünen Bett zum
-Stroheck hinunterfloß. Zum Stalehner gingen dann die Harfenisten und
-Natursänger, die feschen Mädeln, die sich aufs Paschen verstanden,
-und die Fiaker brachten dort ihre Kavaliere hinaus, um ihnen draußen
-zu zeigen, daß sie nicht nur kutschieren, sondern auch dudeln und --
-trinken können.
-
-So ist nach und nach der Stalehner die Grenzstelle geworden, an der
-sich die Blüte des Wiener Hochadels mit der Weinblüte des Wiener
-Volkes begegnete, die Grenze, an der sich beide in sanfter, singender
-Berauschtheit einander vermählten. Der Stalehner war die Stätte, an der
-die gräflichen Instinkte unserer Fiaker und die fiakerischen Triebe
-unserer Grafen einander in die Arme sanken. Es war, wie gesagt, eine
-große Zeit.
-
-Wir wissen ja nichts mehr von den fünfziger Jahren. Da könnte sich ein
-Lokalchronist einmal ein Verdienst erwerben, wenn er die Geschichte
-des Hauses Stalehner erforschen und aufschreiben wollte. Tut er es
-nur halbwegs gut, und wird vom verjährten Weindunst, der ihm aus den
-vergangenen Zeiten aufsteigt, nicht betäubt, so daß er nun etwa selber
-in Duliähgejauchz ausbricht, dann muß ihm ein lebensvolles, farbiges
-Spiegelbild der Stadt Wien gelingen. Unser Erinnern weiß nur von dem
-Rausch der achtziger Jahre, jener Zeit, in der unsere Prinzen noch
-fröhlicher waren. Vom Glanz der Fiakermilli und der Turfkarolin,
-die zwischen der Freudenau und den Stalehnerischen Gefilden einst
-hochberühmt gewesen sind. Vom Bratfisch, der letzten romantischen
-Gestalt unter den Fiakern. Und daß der Ziehrer draußen die ersten
-Erfolge hatte, mit seinen ersten Walzern, in denen ja ein Echo von
-jenem hernalserischen Händeklatschen leise wiederklingt.
-
-Hernals ... Wenn man von der Laimgruben bis zum Liechtental, und
-im weiteren Bogen von der Schwarzen Westen bis zum Krottenbach die
-verschiedenen Abschattierungen der Wiener Art betrachtet, wird man
-finden, daß Hernals etwas Besonderes ist: ein herbes Wienertum,
-weniger lyrisch, dafür aber unbändiger, mehr ins Randalierende und
-kreischend Grelle. Weniger anmutig und sanft, sondern von ausfahrenden
-Temperamenten feuriger und wilder gemacht. Es ist die Stelle, an der
-sich die Wiener Art zum Proletarischen absenkt, die Stelle, an der sie
-am leichtesten und am häufigsten verpöbelt. Es ist der Boden, auf dem
-die Schalanthers wachsen.
-
-Gerade dieser Schalantherboden aber bringt die Menschen hervor, die
-den absoluten Willen zur Freude haben. Ihr Talent zum Vergnügen ist
-so groß, daß es alle anderen Gaben in ihnen aufsaugt. Der Leichtsinn
-in ihnen ist so stark, daß er sie dauernder berauscht als der Wein,
-den sie trinken; daß er ihnen glänzender und täuschender als der Wein
-die Sorgen des Daseins und seinen Ernst verhüllt. Die wienerische
-Fähigkeit, lustig zu sein, wird nirgendwo mit solcher Heftigkeit
-geübt wie hier, so entschlossen, so über alle Ursachen hinaus, und
-mit einer solchen Zuversicht in die altwienerischen Ausdrucksmittel
-des Fröhlichseins: Händeklatschen, Singen, Schnalzen, Pfeifen. Diese
-Hernalser Gegend, die nicht so anmutig ist wie andere Wiener Gegenden,
-die auch nicht anmutig war, als man noch vom Stalehner bis zu der
-Kirche mit dem Kalvarienberg hinsehen konnte, und der Blick nur
-Felder, Felder, Obstgärten und Weingelände überschaute, diese Gegend
-hat doch immer etwas Anlockendes gehabt: ihre kleinen Heurigenstuben,
-ihre Wirtshausgärten, in die man einkehrte auf der Wanderung zum
-Dornbacher Wald hinaus, oder auf dem Heimweg von dort in die Stadt
-zurück. In diesen winzigen verrauchten Stuben und in diesen primitiven
-Gärten war die singende, jauchzende Verführung. Dort lockte der Wein,
-den die Bauern zogen, dort der Gesang der Burschen, und dort die
-freigebige Üppigkeit der Weiber. In Grinzing, in Heiligenstadt, am Fuß
-des Nußberges gab es von jeher und gibt es noch immer Heurigenschenken,
-zu denen die Leute pilgern. Aber solch einen Schwung hat die Sache
-niemals gehabt. Solch einen Schmiß, daß die Nobelwelt herankarossiert
-kam, um sich aus dem Urwuchs des Volkstümlichen aufzufrischen und
-aufzufärben, hat es auf die Dauer nur beim Stalehner in Hernals gegeben.
-
-Steht man vor dem Stalehnerhause, dann merkt man von außen schon,
-daß seine Zeit erfüllt ist. Das neue Niveau der Straße, die hier
-vorbeiführt, die nicht mehr nach dem Alsbach heißt, sondern nach dem
-ausgestorbenen Grafengeschlecht der Jörger, das hier in Hernals einst
-reich begütert gewesen ist, das Niveau dieser Straße hat man längst
-gehoben, und nun scheint es, als wäre das Stalehnerhaus sachte in
-die Erde versunken. Inwendig hat es den veralteten Reiz eines nach
-und nach adaptierten Vergnügungsnestes, hat diesen alten, immer ein
-wenig schmutzig aussehenden, immer von alkoholischen Kellerdünsten
-erfüllten Hof. Der langgestreckte Garten wurde zur Hälfte verbaut. Da
-ist ein Ballsaal aufgeführt worden, und den muß man durchschreiten, ehe
-man zum Garten und zur Sommerbühne kommt. All das ist vorstadtmäßig
-verschachtelt, ineinander verschränkt, Winkelwerk, malerisch und
-heimlig. All das zeigt den langsamen, Jahrzehnte währenden Aufschwung
-des Hauses, all das erzählt hier von dem immer mehr und mehr wachsenden
-Zulauf, von dem immer mehr steigenden Menschenandrang, dem Raum
-geschaffen werden mußte und Unterkommen. All das hier spricht von einer
-bedächtigen und langsam wienerisch-schlendernden Unternehmungslust und
-von einem stetig sich häufenden Wohlstand. Diese Gastzimmer, dieser
-Ballsaal, diese Gartenbühne zeigen vorstadtmäßige Begriffe von Luxus,
-Ausstattung und Eleganz.
-
-Und da haftet nun die Fröhlichkeit, der Leichtsinn, die Debauche und
-der Übermut von drei, vier Generationen an diesen alten Wänden. Diese
-alten Zimmer, in denen der Weingeruch säuerlich geworden ist, haben
-die gutgelaunten Stunden von drei, vier Generationen mit angeschaut.
-Haben das Jauchzen von jungen Mädchen gehört, die heute längst dahin
-sind, wie die Blätter vergangener Sommerszeiten. Sie haben die naiven
-Kunststücke und die verführerischen Gemütlichkeitskniffe von drei,
-vier Fiakergenerationen mit angeschaut, haben den Gesang vernommen,
-der es hier jahrzehntelang allabendlich zur Decke hinaufschmetterte,
-daß der Wiener nicht untergeht, daß wir keine Traurigkeit nicht spüren
-lassen; und ein feiner Widerklang des einst so zwingenden Estam-tam
-scheint hier noch nachzudröhnen. Während man hier umherwandert,
-erwachen viele alte Wiener Lieder, die von diesen Räumen aus durch
-die ganze Stadt fegten, Lieder, deren Melodie schmeichlerisch war und
-schmiegsam, schaukelnd und wiegend, Lieder, die von Sorglosigkeit, von
-weinseligem Glück, von auftrotzendem Was-liegt-denn-dran-Humor sangen.
-Wenn man hier umhergeht, fühlt man sich angehaucht vom leichten Atem
-wienerischer Harmlosigkeit, von einer weichen, hinschmelzenden Güte,
-die an sich selbst kaput geht. Aber auch von einer erotischen Glut, die
-hier ins Toben kam, von einer Lebenskraft, die hier Betäubung suchte.
-In diesem Saal rauscht es noch von Walzern. Aber anders, wilder,
-trunkener als in dem Hietzinger Dommeyersaal, der ja jetzt auch bald
-verschwindet. Dort draußen in Hietzing, wo die ersten Lanner- und
-Straußwalzer geboren wurden, liegt über der Kaiser Franz-Architektur
-des Saales ein merkwürdiger, stiller Glanz von Vornehmheit. Hier eine
-Stimmung von süßer Pöbelei. Hier stampfte die Orgie der Fiakerbälle
-und riß junge Vorstadtmädchen und routinierte Ringstraßenkokotten,
-Hausmeisterburschen und Edelknaben, Fiaker und Prinzen in ihrem
-Wirbel mit sich fort. »Beim Gschwander, Stalehner ... da lernt ma si
-kehner ...«
-
-Schluß mit Jubel. Was da draußen war, ist wenigstens echt gewesen, ist
-organisch dem Erdreich entwachsen, und hatte die innere Notwendigkeit
-alles dessen, was auf natürliche Weise entsteht. Was da draußen war,
-ist mit der Erinnerung an fröhliche Wiener Tage innig verknüpft,
-ist dem wehmütigen Gedächtnis an die sprühende Jugendlaune der
-Kronprinzenzeit innig gesellt, ist vielleicht für lange, lange Jahre
-das letzte Kapitel wienerischer Leichtherzigkeit. Mit der Zeit freilich
-kam von außen manches falsche Element hinzu. Es kam die Nachäfferei,
-die das Ursprüngliche sich anschminken möchte, seine Farben fälscht und
-übertreibt. Es kam der Snobismus. Denn auch einen Stalehner-Snobismus
-hat es gegeben, der sich in die Manieren fiakerischer Lebenslust
-hineinschmiß und sich drin rekelte, wie er sich in die bequemen Polster
-unserer Fiakerwagen hochnasig hineinschmeißt und sich darin spreizt. Es
-kam auch die korrumpierende Wirkung, daß die »schlichten Leute aus dem
-Volk« da draußen ihre Schlichtheit mit Affektation zur Schau stellten,
-daß sie ohne Naivität ihre Urwüchsigkeit posierten und also, gleich den
-Schlierseer Bauern, auf eine nicht mehr ganz frische, nicht mehr ganz
-ursprüngliche Art die Komödianten ihrer eigenen Natur wurden. Schluß
-mit Jubel. Das alte Stalehner-Wirtshaus hat uns die ins Hernalserische
-gerückte Weltanschauung der Wiener dargestellt, wie uns der Stelzer in
-Rodaun die kalksburgisch gefärbte Wiener Weltanschauung bietet. Das
-alte Stalehner-Haus ist ein Stück Geschichte, ein Stück Kultur von
-Wien, war eine Charaktereigenschaft dieser ewig-anmutigen Stadt, die
-aber doch in ihrem Wesen mehr ist als immer nur fidel und lustig, wie
-manche Leute glauben oder glauben machen wollen.
-
-
-
-
-BEIM BRADY
-
-
-Der prächtige Titel »Wintergarten« ist natürlich eine Übertreibung.
-In Wirklichkeit spricht auch kein Mensch von Bradys Wintergarten,
-sondern alle Welt sagt einfach: beim Brady. An einen Garten erinnert
-übrigens nur die ziemlich geschmacklose Staketendekoration der Wände,
-dann ein wenig falscher Efeu und kunstlos gefälschtes Weinlaub. Sonst
-aber ist man hier beinahe wie in einer Spelunke. Und das mag eben
-der Hauptreiz an diesem »Wintergarten« sein, daß er wie ein Beisel
-aussieht. Denn wenn es irgendwo recht schäbig ist, dann sagt man in
-Wien noch lange nicht: hier ist's schäbig. Vielmehr findet man eine
-versöhnliche Bezeichnung dafür, und jedem, der sich über mangelnde
-Pracht, über fehlenden Komfort, über nasse Tischtücher und schlechte
-Luft beklagt, wird geantwortet: Ja, aber gemütlich ist's. Beim Brady
-ist es also gemütlich. Damit ist zugleich auch die Summe aller
-seiner Eigenschaften gezogen. Es läßt sich weiter nichts hinzufügen.
-Höchstens, daß es in Wien sonst nirgends so gemütlich ist, wie eben
-beim Brady. Und das ist allerdings sehr bemerkenswert. Die wienerische
-Gemütlichkeit, wie wir sie nur mehr noch aus abgedroschenen Liedern
-kennen, oder aus den Schilderungen der gewissen ältesten Leute, diese
-grundlos fröhliche, ziellose, an der eigenen Lebenslust entzündete,
-sorgenfreie, naive, singende und jauchzende Wiener Gemütlichkeit
-findet man jetzt nur hier. Aus den anderen Vergnügungslokalen, aus
-dem übrigen großen modernen Wien ist sie ja verschwunden. Vielleicht,
-daß man sie hie und da in irgendeinem versteckten Vorstadtwirtshaus
-noch treffen kann. Das ist aber sehr ungewiß. Die Zeiten sind
-vorbei. Und wenn man zum Brady geht, dann ist der Weg dahin schon
-wie ein Spaziergang in die Vergangenheit. Ein enges Gäßchen, das vom
-gemütlichen Franziskanerplatz unter einem schmalen Schwibbogen abbiegt,
-das sich windschief bei jedem Schritt anderswohin zu wenden scheint.
-Eine jener Gassen mit so enorm hohen Häusern, daß der Himmel droben
-nur wie eine schmale, helle Linie aussieht; und wenn hier unten einmal
-zwei Wagen einander begegnen, dann darf kein Fußgänger vorbei, weil er
-das bißchen Platz, das zum Ausweichen nötig ist, verstellen könnte.
-Das uralte, beinahe schon vergessene Wien. Was beim Brady geschieht,
-ist rasch erzählt. Eine Salonkapelle spielt; und wenn sie aufhört,
-dann singt ein Männerquartett zur Begleitung einer Ziehharmonika,
-einer Geige und einer Gitarre. Haben die vier Männer ihr Stücklein
-heruntergejodelt, dann kommt wieder die Salonkapelle dran. Ohne Pause.
-Und so ist denn der rauchige kleine Saal immerzu von Musik erfüllt.
-Daran scheint freilich nichts Besonderes zu sein, und man wird es noch
-nicht begreifen, wie nur ein mäßiges Orchester und vier Natursänger
-solchen Zulauf finden können. Denn der schlaue Brady ist nicht mehr
-da. Ein kleiner, leidlich hübscher, flotter Kerl mit einer angenehmen
-Pleinairstimme, war er sein eigener Star. Trug den Leuten seine
-fiakerisch-lustigen und sentimentalen Lieder vor und hatte jeden Abend
-zu dem geschäftlichen Profit den persönlichen Erfolg. Dann nahm er
-Abschied, als ein kluger Mann auf der Höhe seines Ruhmes, zog sich ins
-Privatleben zurück, vielleicht nur, um fortan zeitlicher schlafen gehen
-zu können, und erlaubte bloß, daß der Glanz seines Namens auch ferner
-des Nachfolgers Bude erleuchte. Unberühmte Leute, die man nicht näher
-kennt noch sieht, halten die Weinstube weiter. Ein Geschäftsführer ist
-da, in einem schwarzen Salonrock, ein dünner Mensch, der aussieht wie
-ein Meßner, der umhergeht und den Gästen guten Abend wünscht. Gesungen
-hat er noch nie, hübsch ist er auch nicht, kurzum, der Brady ist noch
-nicht ersetzt. Aber die gute Laune, die er hier eingerichtet hat, ist
-noch nicht verdampft; sie liegt hier noch immer in der Luft. Und wenn
-man hereinkommt, wird man fröhlich, man weiß nicht wie und man weiß
-nicht warum.
-
-Schuld daran sind aber doch zunächst die Musikanten. Die von der
-Salonkapelle, und die vier Natursänger, die zur Geige, zur Gitarre
-und zur Ziehharmonika jodeln. Gewöhnlich gibt es ja nichts, was einen
-Menschen so traurig machen könnte, wie ein bezahlter Lustigmacher. Die
-armen Teufel, die beim öffentlichen Vergnügen bedienstet sind, versehen
-ihre Funktionen fast immer mit solcher Wehmut, daß einen bei ihrem
-Anblick der Menschheit ganzer Jammer anfaßt. Unter allen Professionals
-sind ja die Professionals der Heiterkeit die trübseligsten. Beim Brady
-ist das anders. Die Salonkapelle scheint gar nicht der Gäste wegen
-zu spielen, sondern nur ihrem Dirigenten zuliebe. Wenn der die Geige
-ansetzt und seinen Musikanten das Zeichen gibt, ist es, als wollten ein
-paar Freunde unter einem lustigen Rädelsführer einen Spaß anzetteln.
-Die zigeunerisch schmachtenden Primgeiger, die in posierter Ekstase vor
-unseren Augen zu vergehen scheinen, die kennen wir ja zum Überdruß.
-Daß aber dieser blitzlustige schwarze Bursche, der immerfort lacht,
-wenn er geigt, ein Poseur ist, glaube ich nicht. Er unterhält sich ganz
-einfach, wenn er eine Operettenmelodie spielt. Und weil er so animiert
-ist, singt er den Text gleich mit dazu, wiegt sich und tanzt ein
-bißchen dabei und schaut mit schwarzen, lachenden Augen und mit weißen,
-blinkenden Zähnen im Saal umher. Ferner könnte man auch die Natursänger
-für Gäste halten, die freiwillig zum allgemeinen Amusement beitragen.
-Sie sehen aus wie kleine Geschäftsleute, Fiaker, Fleischhauer, Greisler
-etwa, die ihr Sonntagsgewand angezogen haben und sich einen lustigen
-Abend machen wollen. Dick sind sie alle zusammen, und eigentlich nicht
-mehr ganz jung; aber einer fröhlicher als der andere. Der mit dem
-blonden Schnurrbart hat geradezu jubelnde Augen, ein fideler Leichtsinn
-spricht aus seinen Zügen und sein ganzes Wesen hat etwas Urwüchsiges,
-etwas Schnalzendes, dem man nicht widersteht. Der Jodler unter ihnen,
-der so hoch »überschlagen« kann, sieht spaßig aus. Er hat nicht nur
-die schönste Stimme, er gleicht auch wirklich einem singenden Vogel.
-Die Nase steht ihm spitz und hoch wie ein aufgesperrter Meisenschnabel
-dicht überm Mund. Dann kneift er auch die kleinen Augen so bedenklich
-zusammen, als belausche er sich; und wenn er sich einmal mit einem
-Triller an das Publikum wendet, zieht er ein Gesicht, als ob er einen
-schwierigen Fall zu explizieren hätte. Der dritte ist der Ironiker
-unter ihnen, temperamentvoll, aber gezügelt, schaut immer drein, als
-ob er nach einer Antwort suche, ist aber nie um zwanzig verlegen.
-Der vierte ist der Dickste; wahrscheinlich auch der Gutmütigste. Nur
-manchmal simuliert er Anfälle von Gesangstobsucht. Dann ist es drollig,
-wie dieser kleine Koloß zu brüllen anfängt und sich geberdet, als könne
-er die Lustigkeit in seiner Brust nicht länger bändigen.
-
-Nun darf man aber nicht glauben, daß diese vier Sänger und der
-Kapellmeister etwa zu den besonderen Talenten gehören. Jeder von ihnen
-ist in jedem Augenblick zu ersetzen. Wenn einer nur ein wirklicher
-Wiener ist, wirklich lustig, und dabei ein bißchen singen kann, vermag
-er ihren Platz einzunehmen. Manchmal stellt sich auch von den Gästen
-einer zu ihnen und macht's geradeso wie sie. Und es ist eben ihr Reiz,
-daß sie so gar keine Künstler sind, sondern nur Wiener. Das gibt dem
-ganzen Brady seine Wirkung, daß hier eben sonst nichts vorgeht, als
-daß die Wiener auf ihre Weise fidel sein wollen. Anderswo will man
-essen oder trinken oder sich an Produktionen kritisch ergötzen. Hier
-will und soll kein Mensch etwas anderes als heiter sein. Die Gäste,
-die Musikanten, die Sänger; es geht alles in einem. Und wie da junge
-Prinzen, Offiziere, alte Lebemänner, Kommis, Bürgersleute, Kutscher
-und »kleine Mädchen« beisammensitzen und singen, ist es, als sei man
-hier in einer ganz kleinen Stadt, deren Einwohner eine besonders
-beschaffene Familie bilden, oder als fände man hier den Auszug aller
-wienerischen Art. Hier wird einem unaufhörlich in die Ohren gesungen,
-daß wir »zum Trübsalblasen nicht auf Erden sind«, hier hört man jeden
-Moment die unbestreitbare Tatsache vertont und betont, daß man »'s
-Geld auf dera Welt net fressen kann« und hier ist der Ort, wo diese
-Behauptungen nicht verlogen klingen, wo sich nichts in uns gegen solch
-billige Weltanschauung sträubt. Der einzige Ort, an dem man sich ohne
-Widerstand überreden läßt: »Drah'n m'r um und drah'n m'r auf -- es
-liegt nix dran!« Vielleicht wirkt der Brady auch deshalb so zwingend,
-weil die Leute hier, ob sie gleich fast alle betrunken sind, sich nett
-benehmen. Betrunken ist, für einzelne wenigstens, gewiß nicht zu viel
-gesagt; allein hier lernt man den richtigen, anmutigen Sinn des guten
-Wortes: Angeheitert.
-
-Angeheitert ist jeder. Man wird es vom Wein, man wird es von dem
-Gelächter ringsumher, von dieser Atmosphäre unbekümmerter, übermütiger
-Fröhlichkeit. Angeheitert wird man von diesem Kapellmeister, der die
-Geige streicht, als gäbe es nichts Lustigeres in der ganzen Welt als
-Geigenspielen. Angeheitert von den Sängern, die einem lachend zujubeln:
-Es liegt nix dran. Angeheitert von dem Jodler, der den Meisenschnabel
-aufsperrt; sogar von dem feierlichen Meßner, der herumgeht und
-immerfort »Guten Abend!« wünscht. Da springt ein Lebemann plötzlich
-auf, drückt sich den Zylinder schief in die Stirn, hebt die Frackschöße
-und tanzt Cancan, da er augenscheinlich Paris nicht vergessen kann.
-Er geniert sich nicht, und alle applaudieren, feuern ihn an und sind
-im Nu gut bekannt mit ihm. Ein ernster Mensch, der wie ein Oberlehrer
-aussieht, oder wie ein kleiner Beamter, und der bisher still vor
-seinem Glas gesessen, fährt in die Höh', stürmt das Podium, drängt den
-Kapellmeister zur Seite und beginnt zu dirigieren. Wer weiß, vielleicht
-verwirklicht er hier zum erstenmal einen Lebenstraum. Irgendwo in
-einer Ecke hebt eine elegante junge Dame zu singen an: »Wann der
-Auerhahn ...«, eine glockenreine, helle Stimme. Sofort ist einer von
-den Natursängern dabei, jodelt die zweite Stimme, und die Geige, die
-Gitarre, die Ziehharmonika spielen die Begleitung. Vor einem Tisch
-im Kreis seiner Freunde und ihrer Mädchen ist ein junger Kavalier
-aufgestanden. Ein frisches, bildhübsches, aufgeregtes Pagengesicht,
-die Augen funkeln ihm, er sprüht vor Jugend und Lebenslust, hält
-einen Toast an alle Anwesenden, und wird nicht fertig. Ein alter Herr
-entzückt sich mit einemmal an einer Offenbachmelodie, wird sichtlich
-von Erinnerungen befallen und wiegt sich auf seinem Sessel hin und
-her. Ein Mann, den man für einen Viehhändler halten darf, zecht mit
-einer großen Blonden, die aussieht, wie eine von den strotzenden
-Rubensweibern aus einem seiner Bohnenkönigsfeste. Und dann fällt dem
-rothalsigen dicken Viehhändler unversehens ein, daß man noblerweise
-nicht zweimal aus demselben Becher trinken kann, und er zerschmettert
-jedes Glas, nachdem er es geleert hat, gleichmütig, gelassen, wie
-selbstverständlich, und die blonde Rubensdame lacht, wenn ihr der
-Champagner ins Gesicht oder auf das Kleid spritzt. In einer anderen
-Ecke sitzen kümmerliche Menschen. Wie sehr sie sich auch mit Ringen
-und Goldketten behängen, sie bleiben armselig; graue einfältige
-Gesichter; Spießbürger, offenbar aus der Provinz; die Frauen nach einer
-verschollenen, unwahrscheinlich gewordenen Mode gekleidet. Zur Freude
-nicht geboren, zu jedem Vergnügen talentlos, starren sie mit sachlichem
-Ernst auf das Getriebe. Dann aber geht es wie eine große Freudenwelle
-plötzlich über alle Köpfe. Plötzlich beginnen alle miteinander zu
-singen, die Kellner sogar, und selbst die Provinzler singen mit.
-
-Das ist nun vielleicht sehr stumpfsinnig, es ist albern, wenn man will,
-und sicherlich ist es sinnlos. Ein Berliner Freund, den ich neulich
-zum Brady führte, ließ sich den ewig nüchternen Kopf nicht benebeln,
-fand, daß die ganze Sache der großstädtischen Pracht entbehre, daß die
-Ventilation zu wünschen übriglasse, und daß überhaupt die Geschichte
-»bezeichnend« für Wien sei. Er hat allerdings recht, aber ahnungslos
-wie diese Berliner nun einmal unserer Stadt gegenüberstehen, auf ganz
-andere Art, als er denken mochte. Es ist freilich bezeichnend für Wien,
-daß es nur hier einen Brady geben kann, und nirgends anderswo, daß hier
-die Leute zusammenkommen, um zu singen und lustig zu sein, daß sie
-sich dabei betrinken und trotzdem manierlich bleiben, daß Aristokraten
-und Spießer, Offiziere und Kommis, Fiaker und Hofräte hier Tisch an
-Tisch sitzen, Wiener Lieder anhören und kopfüber in die Banalität der
-Gassenhauerweisheit tauchen, ihre Sorgen vergessen, und in die Hände
-klatschen: Drah'n m'r um und drah'n m'r auf! Sie ist kindisch diese
-Zuversicht, aber kindlich auch, und deswegen so wohltuend: Es liegt nix
-d'ran!
-
-
-
-
-NACHTVERGNÜGEN
-
-
-Musik. Junge Mädchen, welche tanzen. Und Champagnerwein. Das hat sich
-in den letzten paar Jahren allmählich so entwickelt. Aber schon beim
-gottseligen Brady galt es: »Kinder, wer kein Geld hat, der bleibt z'
-Haus ...« Die Natursänger schmetterten diese einfache Philosophie in
-den Saal. Wer sie vernahm, der war gewarnt, und durfte dann am nächsten
-Morgen nicht klagen: Ihr laßt den Armen schuldig werden.
-
-Zuerst war der Brady allein. Er war wienerisch und wußte es nicht
-besser. Er trieb einen schwunghaften Handel mit Urwüchsigkeit, hielt
-einen Ausschank von Volksliedern; er regalierte seine Gäste mit dem
-Humor, der auf dem städtischen Pflaster sprießt. Und er ließ die
-bodenständige Lebensfreude alle Abend so lange aufkochen, bis sie sich
-glühend vermaß, der Welt eine Haxen auszureißen. Aber er war eben
-allein, und man konnte bei alledem behaupten, daß wir kein Nachtleben
-haben. Jetzt haben wir eines.
-
-Jetzt gibt es in der Innern Stadt etwa ein halbes Dutzend
-Gelegenheiten, die Nacht zu verjubeln und das Geld »am Schädel zu
-hauen.« Das Verfahren ist inzwischen nur ein anderes geworden: Junge
-Mädchen, welche tanzen. Und Champagnerwein. Spanischer Fandango und
-Veuve Cliquot. Tunesischer Bauchtanz und American Drinks. Cake Walk
-und Vöslauer wie Bordeaux. Deutscher Sekt und Matchiche. Wir sind
-international geworden. Die nächtlichen Freudenlokale tragen fast
-alle pariserische Namen, und man amüsiert sich jetzt hinterwärts der
-Kärntnerstraße ganz genau nach derselben Art, nach der man sich in
-Berlin, Paris, New York oder Kopenhagen unterhält.
-
-Deswegen fehlt es doch nicht ganz an Lokalton. Oft genug dringt
-durch die französisch-spanisch-amerikanische Buntheit ein Schimmer
-wienerischer Farbe. Auch hier kriegt man die neuesten Gassenhauer
-und die frisch entstandenen Straßenlieder zu hören. Wie das Gemüse,
-das draußen am Wiesensaum der Stadt wächst, werden auch sie
-nächtlicherweile herein und auf den Markt gebracht, diese kleinen Texte
-und Melodien, die draußen am Saum der Stadt aus der Erde wachsen.
-Und auch sie dienen hier nur zur Garnierung. Die Herren von der
-Kapelle singen sie. Denn es ist Mode geworden, daß die Orchesterleute
-sich nicht mehr auf ihre Instrumente beschränken, sondern daß sie
-einfach akute Anfälle von Lebensfreude haben. Anfälle, in denen sie
-die Daseinswonne ihres Herzens nicht mehr bändigen können. Ihr Jubel
-schwillt so mächtig an, daß er sich in einer Geige gar nicht mehr
-auffangen, in ein Klavier gar nicht mehr hineindreschen läßt. Da müssen
-dann die Musikanten einfach losbrechen, müssen zu singen anfangen,
-mitten während des Aufspielens. Sie können sich nicht anders helfen.
-
-Das Wichtigste aber bleiben die jungen Mädchen, welche tanzen. Man
-sitzt rings um eine leere Mitte, an kleinen Tischchen. Und da kommen
-die jungen Mädchen. Das ist -- zwischen ein und vier Uhr früh --
-wirklich sehr hübsch. Es sind lauter niedliche kleine Mädchen, manche
-von ihnen sind schön, manche sind nur angenehm; manche sind begabt und
-manche sind ohne Geschicklichkeit; manche sind voll Anmut und manche
-sind ganz hilflos; manche sind schüchtern, ja verlegen, und manche
-wieder sind sehr frech. Aber alle zusammen haben etwas Sanftes in ihrem
-Wesen, alle zusammen sind wie die Kinder, scheinen vom wirklichen
-Leben gar nichts zu wissen. Sie sind ganz arglos in ihren Begierden,
-in ihrer Gefallsucht, in ihren kleinen, durchsichtigen Raffinements.
-Ringsherum an den Tischen sitzen die Leute, die aus dem wirklichen
-Leben hier hereinkommen, aus allerlei Ernst und Sorge, aus allerlei
-Arbeit, Schwierigkeit und Schicksal; sitzen da und sind beladen mit
-ihren Gedanken, Geschäften und Pflichten. Sind gefesselt und gebunden
-an Dinge und Menschen, die draußen irgendwo leben, sind umstrickt
-von allen möglichen Zusammenhängen. Da in der Mitte, auf dem glatten
-Parkett jedoch tanzen die jungen Mädchen, und es ist, als existierten
-sie in einer eigenen Atmosphäre, in einer leichteren, in der es keine
-Gedanken und keine Sorgen gibt. Es ist, als tanzten sie, weil alle
-Zusammenhänge von ihnen sich abgelöst, und weil sie dadurch so viel
-freie Gelenkigkeit gewonnen haben. Es ist, als hätten sie gar kein
-Schicksal, sondern nur dieses Lächeln. Wenn der Morgen anbricht, gehen
-sie zu Bett, und die ungeheure Tagesarbeit dieser Stadt braust dann
-über ihren Schlummer hin. Sie hören es nicht. Sie sehen nur die vielen
-hellen Lichter des Abends, hören nur die lustige Musik. Und tanzen.
-
-Das Orchester schmettert, und ein junges Mädchen wirft sich in den
-tönenden Schaum dieses Fandango, wirft sich mit einer enthusiastischen
-Gebärde in die Flut dieser hochaufspritzenden Musik, wie eine Badende,
-die vom Trampolin fröhlich ins helle Wasser sich schleudert. Ihr
-schönes Gesicht ist von Heiterkeit ganz erleuchtet; ihre schwarzen
-Augen glänzen und schauen irgendwohin, sehen niemanden an, und haben
-einen Ausdruck, als seien sie nur von einem schimmernden Nebel umgeben.
-Dieses Mädchen ist ganz von sich erfüllt. Von ihrer Jugend, von ihrer
-Schönheit, von ihrem Tanz, von der Wirkung, die sie ausübt. Ihr feiner,
-schlanker Körper arbeitet, von der Musik beherrscht, in allen Muskeln.
-Dieser achtzehnjährige Leib fiebert, und glüht und tobt. Er spürt seine
-kreisenden Kräfte und sehnt sich, diese Kräfte rasen zu lassen, sie zu
-verschwenden, sie hinzugeben an den Jubel dieser Stunde. So schleudern
-sich kleine, junge Lerchen in die Luft, so schwirren Libellen in der
-Mittagssonne. Dieses junge Mädchen, das eigentlich gar nicht tanzen
-kann, das wahrscheinlich gar kein Talent hat, ist dennoch in diesem
-Augenblick etwas ganz Vollkommenes. Denn sie tanzt ihre Jugend, ihre
-achtzehn Jahre, ihre Frische und ihren Frühling. Und sie genießt das
-alles, wie sie so in der jauchzenden Musik dahinfliegt, sie ist ganz
-allein mit sich, sie schlürft den feurigen Trank ihres Daseins und
-berauscht sich daran. Die Leute rings an den Tischen betrachten sie und
-werden von ihrem Zustand irgendwie mitgerissen. Sie betrachten dieses
-kunstlose, enthusiastische Mädchen und werden unwillkürlich erfrischt,
-werden milder, heiterer. Sie schauen sie an, wie man ein schönes, in
-der Luft tanzendes Insekt anschaut, dessen Leichtigkeit und Anmut etwas
-Aufmunterndes hat. Sie blicken gleichsam über den Bord ihres eigenen
-Lebens geneigt hierher auf diese mühelos heitere Existenz. Und lächeln.
-Die Musik bricht ab; das Mädchen steht, wie erschrocken, still, und
-geht dann mit einem ernsten, aufgewachten Gesicht hinaus.
-
-Alle diese Mädchen tanzen sich selbst, erklären sich im Tanz, liefern
-Bekenntnisse, unfreiwillige Aufrichtigkeiten, lassen ihr Wesen
-sogleich erraten. Nicht nur diese Mädchen hier, überhaupt: Tanzen
-ist Selbstverrat. Da kommt eine, die tanzt ihre törichte Eitelkeit,
-schwatzt sie mit jeder Bewegung aus, zeigt mit unglaublich falschen
-Geziertheiten und mit schrecklich mißlingendem Stolz, wie sie sich
-das Nobelsein vorstellt, und das Verführerische. Eine Andere wieder
-ist halb noch ein Kind, hat blonde Gretchenhaare, blaue Augen und
-ein schmales bürgerliches Gesicht. Aber dieses Gesicht hat nur einen
-einzigen erstaunten, amüsierten, frivolen und verdutzten Ausdruck,
-als habe sie eben erst das Geheimnis der Liebe erfahren, als habe es
-ihr in dieser Sekunde erst eine Freundin ins Ohr geflüstert. Und in
-ihrem Tanz spricht sich nur dies eine aus, nur dieses: Ich weiß es!
-Wie sie die Schultern biegt, die Arme hebt, den Kopf zurückwirft,
-plötzlich auflachend mit den Augen zwinkert, scheint sie nur dies
-zu sagen: Ich weiß es! Wieder eine Andere tanzt ihren Leichtsinn,
-ihre vollendete Verlogenheit und Gier, tanzt in ihrem nachlässig
-studierten, fehlerhaften Schritt ihre Faulheit und Schlamperei.
-Wieder Eine tanzt immer ihre unleidlichen Hochstaplerinnenversuche,
-möchte in jede Drehung, in jeden Augenaufschlag, in jedes Neigen
-des Hauptes eine rätselhafte Bedeutung legen, möchte den Anschein
-wecken, als sei sie nur inkognito hier, nur aus mutwilliger Laune,
-als könne sie aber morgen wieder Sternkreuzordensdame sein oder
-Stiftsfräulein. Wieder eine Andere, ein nettes kleines Ding mit
-einfachen Mienen, mit gutmütigen Gebärden und mit hausbackener Haltung,
-tanzt ihre Bereitwilligkeit, jeden Moment Kindermädchen zu werden
-oder Weißnäherin, tanzt die Erinnerung an eine bescheidene, arme
-Vorstadtwohnung, tanzt die angeborene Sympathie fürs Staubabwischen und
-Fensterputzen.
-
-Die begabteren unter diesen Mädchen haben immer die Landschaft um
-sich, aus der sie kommen, die Gegend, in der sie heimisch sind. Immer
-ist das besondere Kolorit ihrer Heimat an ihnen bemerkbar. Da ist
-eine kleine Pariserin, ganz mager, spitznäsig und kreideweiß. Aber mit
-diesen großen beredsamen Augen der Montmartremädchen und mit ihren
-plastisch eindringlichen, witzigen Gebärden. Und sie erinnert an
-unzählige ähnliche Gesichter, ähnliche Gestalten, die man abends auf
-der Place Pigalle oder in der Rue Lepic an sich vorbeihuschen sieht. Da
-ist eine kleine Engländerin, mit dem halb offenen, fragenden Hasenmund,
-mit dem kühlen, wasserblauen Blick, mit der unverbindlichen Koketterie
-... träfe man sie nachts um elf in Piccadilly oder am Trafalgar
-Square, man könnte sie von den anderen Mädchen, die da herumlaufen,
-nicht unterscheiden. Da ist eine junge Dänin, und ihre braunen klaren
-Augen, ihre gerade, stolze Haltung erinnert an die schönen Kopenhagener
-Mädchen, die alle so klare, festblickende Augen haben wie junge Falken,
-und die alle so aufrecht, so frei und gesund einhergehen. Die anderen
-aber erinnern an gar nichts mehr. Nur an Nachtlokale. Ihre Mienen,
-ihre Blicke, ihre Gebärden sind vom Dunst und Rauch dieser Luft wie
-mit einer Patina bedeckt. Ihr Lächeln ist nur mehr das Lächeln dieser
-bezahlten Abende. Sie haben es durch den Nachttaumel vieler Städte
-geschleift, sie sind gewohnt, die grelle Musik mit diesem grellen
-Lächeln zu beantworten, und die Musik hat dieses Lächeln auf ihren
-Zügen erstarrt, hat es unpersönlich gemacht.
-
-Eine lange Mulattin vollführt das virtuose Sohlenklappern des Hornpipe.
-Ekstase der Knöchelgelenke, die den ganzen Körper von unten her ins
-Schütteln bringt. Baskische Mädchen winden sich unter dem pochenden
-Rhythmus der Melodie in den buhlerischen Zärtlichkeiten der Matchiche.
-Dann der Cake Walk mit der frechen Unzucht des zappelnden, sich
-verrenkenden Niggers. Unsagbar, was dieser Tanz ausdrückt, wie er
-den Gentlemen up to date gewissermaßen als balzenden Affen im Frack
-entlarvt. Wenn dann die Musikanten wieder einmal zu brüllen anfangen:
-»Menschen, Menschen san m'r alle ...« ist man plötzlich wieder in Wien;
-wird durch den Gassenhauer erst daran erinnert, daß man nicht in einem
-Vergnügungsort zu Paris, Athen oder Port-Said sich befand. Wir sind
-international geworden.
-
-Und ringsherum an den kleinen Tischen sitzen die Leute. Schauen
-auf diese aus aller Herren Ländern zusammengemischte Lustbarkeit.
-Lassen sich von der unaufhörlich schmetternden Musik aufrütteln, von
-spanischen, französischen, englischen, russischen, amerikanischen
-und wienerischen Melodien aufrütteln. Von spanischen, englischen und
-wienerischen Mädchen aufrütteln. Möchten die eigene Schwere, die
-eigene Bürgerlichkeit für eine Nacht wenigstens los sein und haben
-dennoch kein Talent zum Vergnügen, haben keinen rechten Glauben daran.
-Sie sitzen da und zweifeln, und überlegen, und machen mißtrauische
-Gesichter, ängstliche Augen, als fürchteten sie, es könne ihnen
-unversehens ihre Würde gestohlen werden, ihre soziale Stellung, oder
-als könne ihnen auf eins zwei ihre Selbstachtung abhanden kommen.
-Unsicher sind sie, ihrer selbst, und dieser Freuden da. Unsicher und
-lüstern zugleich und zugleich bereit, sich irgend etwas vorzulügen,
-sich einer auf den anderen auszureden. Frauen sitzen hier mit ihren
-Ehemännern, und machen neugierige Augen, und vergehen vor Begierde,
-einen Blick in den »Sündenpfuhl« zu tun, das »Laster« kennen zu lernen.
-Und dann haben sie, wenn sie irgendwo eine scharmante Gebärde, eine
-allzu deutliche Zärtlichkeit belauern, solch eine infame Milde in
-ihrem Lächeln, solch eine taktlose, selbstgefällige Nachsicht, daß
-man merkt, sie sind nur hergekommen, um sich aufzuspielen, um sich
-auf Kosten dieser Mädchen da überlegen zu fühlen. Wenn aber eine von
-den Tänzerinnen einmal zu solch einer Frau hingehen und ihr sagen
-würde: »Ich laß mich von Ihnen nicht ausnützen ...,« man müßte es
-verstehen. Eine jedoch war da, und die wirkte rührend. Es war keine
-legitime Frau, aber offenbar schon jahrelang mit dem Manne, der
-neben ihr saß, beisammen. Eine Frau so zwischen dreißig und vierzig.
-Vielleicht früher einmal Choristin, jetzt aber an ein ruhiges Leben in
-behaglichen Verhältnissen gewöhnt. Noch immer schick gekleidet, mit
-jener Sorgfalt, die eine Frau anwendet, wenn sie abhängig ist und ihrem
-Freund immer wieder gefallen muß. Der Mann neben ihr an die Fünfzig,
-elegant, gepflegt, im Smoking. Und sie sah nun zu, wie er alle diese
-Tänzerinnen mit den Blicken verschlang. Eine nach der anderen. Sie sah
-zu, wie er diese jungen, tanzenden Mädchen musterte, prüfte, begehrte.
-Ein paarmal legte sie ganz leise ihre Hand auf die seinige. Er merkte
-es gar nicht; schien sie völlig vergessen zu haben. Um ihre Lippen
-bebte ein schwaches, beschämtes Lächeln. Sie spähte umher, ob niemand
-sie beobachtet habe. Von da an sah sie zu, wie der Mann neben ihr sie
-betrog, wie ihr seine Wünsche untreu wurden, vor ihren Augen. Sie
-sah aufmerksam diese jungen, sprühenden, in ihrer Frische entblößten
-Mädchen an, und ihr hübsches, verblühtes Gesicht wurde mutlos. Ihr
-Blick verhängte sich. Sie sah jetzt nichts mehr. Und sie saß da wie
-beraubt, verlassen und gänzlich entwaffnet.
-
-Ringsherum an den kleinen Tischen sitzen die Leute, und es sind
-unsichtbare Schranken zwischen ihnen, zwischen ihrer Welt und dieser
-tanzenden Welt da. Manchmal aber läßt sich einer von den ernsten
-Männern vom Augenblick wegraffen, springt über diese Schranke und reißt
-so ein Mädchen an sich, um mit ihr zu tanzen. Gewöhnlich ist es ein
-älterer Herr, und gewöhnlich zeigt er durch irgend einen Ruck, den er
-sich gibt, durch eine unsäglich düstere Miene, daß er nun den Entschluß
-gefaßt habe, fröhlich zu sein. Es sind immer nur zwei Spielarten, von
-Männern. Der eine, der es einfach aus Sinnlichkeit tut, der sich mit
-dem bloßen Schauen nicht mehr begnügt. Er ist immer der ernsteste von
-allen. Seine Brauen runzeln sich, seine Stirn legt sich in Falten,
-sein Mund ist fest geschlossen. Also beginnt er, das Mädchen im Arme,
-zu tanzen. Zornig beinahe, dreht er sie im Kreis, preßt sie an sich
-und wirbelt mit ihr, und scheint entsetzlich wütend. Es ist schon kein
-Walzer mehr, sondern eher eine symbolische Handlung, die er vollzieht,
-eine vorläufige Besitzergreifung etwa. Dann geht er gesenkten Hauptes
-an seinen Platz zurück, setzt sich nieder und schaut sich erbittert
-um. Der Andere ist eitel, erinnert sich plötzlich, daß er schön tanzen
-kann, daß man ihm in seiner Jugend wegen seines leichten Sechsschrittes
-Komplimente gemacht hat. Und nun tanzt er mit so einem Mädchen, aber
-nicht, als ob er ihr sein Wohlgefallen, sondern als ob er ihr seine
-Anerkennung bezeigen wollte. In seinem Gesicht ist die Hoffnung, man
-werde ihn bewundern. Er hält das Kreuz hohl, dreht nach links, macht
-zierlich ausgemessene Schrittchen, setzt die Fußspitzen preziös nach
-auswärts, schwingt die Waden in affektierten Zirkeln, wechselt die
-Gangart, das Tempo, vollführt allerlei kleine Bravourstückchen, und
-hört dann plötzlich auf, weil er schwindlig wird. Kreidebleich setzt er
-sich nieder, trinkt in kleinen Schlucken, damit keiner bemerken soll,
-daß er keucht und ihm der Atem ausgegangen ist.
-
-Nachtvergnügen. Draußen in den schlafend stillen Straßen, in der kalten
-Winterluft zerstiebt dies alles spurlos. Eine Weile noch rauscht die
-Musik ins Ohr, dann wird das letzte Echo davon verblasen. Eine Weile
-noch schimmert ein Frauenlächeln, dann verlischt es.
-
-Das ist aber keineswegs eine Betrachtung, an die eine Schlußmoral
-geknüpft werden soll.
-
-
-
-
-PETER ALTENBERG
-
-
-Ist es nicht merkwürdig, wie er so an der Peripherie des Alltags
-dahinwandelt, an den äußeren Rändern des bürgerlichen Lebens?
-Dirnenlokale, Freudenhäuser, Boheme-Spelunken, Varietees, Kabaretts.
-Bei Menschen, die der brutalen Neugierde, der stumpfen Lustbarkeit,
-dem gedankenlosen Vergnügen der Satten dienen. Bei Menschen, die
-aufgebraucht, genossen, verachtet werden und die er anbetet. Dort
-schwelgt er in subtilen Wonnen, vergeht in Anfällen feiner und
-zärtlicher Verzweiflung. Dort waren die moskowitischen Sänger von der
-Newsky-Russotine-Truppe, denen er seine Seele hingab, dort war die
-spanische Tänzerin Carmen Aguileras, der er gleichfalls seine Seele
-hingab, das Aschanti-Mädchen Nah Bâdúh, an das er ebenfalls seine Seele
-hingab, dann die Schwestern Nagel, welche wienerische Lieder singen,
-dann die Leopoldine, die Gusti, die Anna, die Helene, die Gabriele,
-denen er immer wieder und wieder seine Seele hingegeben hat.
-
-In die tobende Musik, in den Bierdunst, in das Gläserklirren,
-Kreischen, Lachen und Lärmen eines Nachtcafés tritt er ein, geht mit
-seinen sanften Schritten und mit seinem sanften Lächeln durch den
-Tumult, und der Reihe nach grüßen ihn zehn, zwölf, zwanzig Mädchen.
-»Servus Altenberg! ... O, Peter -- wie geht's dir? ...« Sie grüßen ihn
-nicht wie einen Habitué, nicht wie eine geschätzte Kundschaft, sondern
-wie einen Freund, oder richtiger, wie man in einem Verein etwa ein
-Ehrenmitglied begrüßt. Vertraulich und hochachtungsvoll. Vertraulich,
-weil er ja dazugehört, und hochachtungsvoll, weil es ein Ehrenmitglied
-ist.
-
-Man steht mit ihm an einer Straßenecke. Graben oder Kärntnerstraße.
-Spät nachts. Er disputiert, regt sich auf, schreit. Die Kutscher vom
-Standplatz hören zu, treten näher heran, bilden einen Kreis, lächeln.
-Dann sagt einer von ihnen mit tiefem Baß: »Hab' die Ehre, Herr von
-Altenberg ...« Um sich vor uns damit auszuzeichnen, daß er ihn kennt.
-Die anderen wiederholen es, intim und respektvoll. Es ist beinahe eine
-Ovation. Der Schutzmann kommt herbei, weil er glaubt, es gäbe einen
-Auflauf. Seine Mienen sagen: ach soo ... Er lächelt, salutiert: »Hab'
-die Ehre, Herr von Altenberg.«
-
-Drei Uhr früh am Hof, wo die Marktweiber sitzen, Gemüse und
-Blumen verkaufen. Er geht mitten in dem Gewühl umher, atmet
-den Duft von Erdbeeren, Reseda, Levkoien, von Spinatblättern,
-Artischocken, Zuckererbsen; den Geruch des aufgehenden Tages und
-des frischbesprengten Straßenstaubes; sucht mit den Augen, liebkost
-mit den Augen die taufeuchten Blumen, die aufgetürmten grünen
-Gemüseberge und die hübschen Töchter der Marktweiber, die vierzehn- und
-fünfzehnjährigen. Die Mütter und die Töchter nicken ihm zu: »Grüaß'
-Ihna God, Herr von Altenberg ...«
-
-Peter Altenberg erwünscht es sich, daß die Seele des Menschen an
-Terrain gewinne. Er hat das selbst einmal geschrieben, und es drückt
-sein Wesen vortrefflich aus. Er wird jetzt fünfzig Jahre alt. Das ist
-ein Abschnitt, um manches zu überdenken und sich mancher Dinge zu
-besinnen, und ich lese seine Bücher.
-
-Ich lese, was ihm eine von den Spanierinnen einmal gesagt hat; eine
-Sängerin oder Tänzerin, vielleicht auch nur eine, die durch die
-American Bars und Chantant-Promenoirs von Europa zigeunert, jedenfalls
-eine von den vielen, denen er seine Seele hingegeben hat: »Votre lettre
-... je comprends, que vous me comprenez ... c'est tout ce qu'il nous
-faut ... c'est plus!«
-
-Ich lese, wie er zusammen mit dem Pudel der Geliebten im Kaffeehaus die
-Geliebte erwartet, die aus dem Theater kommen soll: »Der Pudel setzte
-sich so, daß er die Eingangstür im Auge behalten konnte, und ich hielt
-es für sehr zweckmäßig, wenn auch ein wenig übertrieben, denn, bitte,
-es war halb acht Uhr, und wir hatten bis viertel zwölf Uhr zu warten.
-Wir saßen da und warteten. Jeder vorüberrauschende Wagen erweckte in
-ihm Hoffnungen, und ich sagte jedesmal zu ihm: ›Es ist nicht möglich,
-sie kann es noch nicht sein, bedenke doch, es ist nicht möglich!‹ Er
-war direkt krank vor Sehnsucht, wandte den Kopf nach mir um: ›Kommt sie
-oder kommt sie nicht?!‹ -- ›Sie kommt, sie kommt ...‹ erwiderte ich.
-Einmal gab er den Posten auf, kam zu mir heran, legte die Pfoten auf
-meine Knie, und ich küßte ihn. Wie wenn er zu mir sagte: ›Sage mir doch
-die Wahrheit, ich kann alles hören!‹ Um zehn Uhr begann er zu jammern.
-Da sagte ich zu ihm: ›Ja, glaubst du, mein Lieber, daß mir nicht bange
-ist?! Man muß sich beherrschen!‹ Er hielt nichts auf Beherrschung und
-jammerte ...!«
-
-Ich lese das Hotelzimmer: »Um drei Uhr morgens begannen die Vögel
-leise zu piepsen, andeutungsweise. Meine Sorgen wuchsen und wuchsen.
-Es begann im Gehirn wie mit einem rollenden Steinchen, riß alle
-Hoffnungsfreudigkeit mit, die Lebensleichtigkeiten, wurde zur
-zerstörenden Lawine, begrub die Fähigkeit, dem Tag zu genügen, und der
-unerbittlichen gebieterischen Stunde! Ein lauer Sturm brauste in den
-Baumwipfeln vor meinem Fenster ...!« Und dann der Schluß: »Das Singen
-der Vögel in den Baumkronen wird deutlicher, Ansätze zu Melodien sind
-vorhanden. Laue Stürme bringen Wiesengeruch. Es wäre die schicklichste
-Stunde, sich am Fensterkreuze aufzuhängen ...«
-
-Ich lese die kleine Dichtung von den Märschen: »Es gibt drei
-Märsche, die in Musik umgewandelte Todeskühnheit und Blutdunst sind:
-Lorrainemarsch, Sternenbannermarsch, Einzug der Gladiatoren. Sie müssen
-mit einer kurzen und schrecklichen Entschlossenheit gespielt werden!
--- -- Die Instrumente mögen direkt in den Tod gehen! Besonders kleine
-Trommel und Klarinette seien Helden! Sterben fürs Vaterland! Ex! Man
-muß die Bataillone gleichsam sehen, die den Selbsterhaltungstrieb
-hinter sich zurücklassen! Vor, vor, vor! Eine schreckliche Krankheit
-hat das Gehirn, das Nervensystem ergriffen: ›Du oder ich, Hund!‹ Sonst
-nichts!«
-
-Dann aus dem Tagebuch eines Großvaters: »Also Arterienverkalkung
-höchsten Grades -- --. Die junge Frau wird leben, leben, die zu
-mir gesagt hat: ›Ich glaube nicht, daß mein Erscheinen jemanden so
-glücklich gemacht hat wie Sie!‹ -- -- Die Bergwiesen in R. werden
-duften und leuchten, besonders nach Regen am Abend. Niemals ist
-jemand so begeistert vor ihnen gestanden wie ich. -- -- Enkelin,
-süße, bescheidene, allzu zarte, verlegene, in dich gekehrte, immer
-spürtest du es: ›Mein Großpapa versteht mich besser als alle --.‹ Ich
-möchte dich anflehen aus dem Grabe: ›Warte auf einen, der dich so, so
-verstünde wie dein verstorbener Großvater! Aber du wirst ihn nicht
-erwarten können.‹ -- -- -- Amen -- -- Arterienverkalkung höchsten
-Grades -- -- Lebet wohl!«
-
-Dann das Café de l'Opera im Prater: »Jawohl, eine eigentümliche
-Beziehung ist zwischen diesen Dingen: Herr, Dame; Mandolinengezirpe,
-Birke, Platane, Esche; weiße Bogenlampe und kühler Auen Nachtduft.
-Etwas abseits vom Leben ist es. Es schleicht nicht dahin wie
-Brackwasser. Eine wundervolle Mischung ist es, welche uns heiter
-macht und leicht. So unbedenklich sitze ich und lausche. Niemanden
-beneide ich. Eine Rose kaufe ich und schenke sie Signorina Maria. Eine
-wundervolle Zigarette zünde ich mir an. Wie lieblich die Mandolinen
-gebaut sind, wie hohle tönende Birnen! Wie die Birkenblätter glitzern!
-Wie ruhig die Platane steht. Und wie die Esche mit ihren zarten
-Blätterfingern bebt.«
-
-Ich lese all diese kleinen Werke, diese kleinen Predigten, Ansprachen
-und Dichtungen. Manche sind wie stählerne Projektile, so fest in
-sich geschlossen, so vollendet und präzise in ihrer Form; und sie
-dringen einem wie Projektile in die Brust; man ist getroffen und
-blutet an ihnen. Manche sind wie Kristalle und Edelsteine, funkelnd
-in allen farbigen Reflexen des farbigen Lebenslichtes, strahlend von
-eingefangenen Sonnenstrahlen und blitzend von einem geheimnisvollen
-inneren Feuer. Manche sind wie reife Früchte, warm vom Hauch des
-Sommers, schwellend und süß, und voll Duft nach Laub und Gärten. Ich
-lese alle diese kleinen Werke, und sie sind entzückend in dem Rhythmus
-ihrer Sprache, in ihrem Tempo, in ihren gleichsam mit einer heftigen
-Gebärde hingeschleuderten Satzformen, die so viel Plastik haben und
-so viel malerische Kraft. Diese Sprache ist wunderbar persönlich
-und erinnert an keine andere. Nur hie und da, ganz leise, mahnt
-irgendein Klang an den Sprechton von Andersen. Und wenn man es weiß,
-daß Altenbergs Vater für Victor Hugo geschwärmt und die französische
-Kultur fanatisch geliebt hat, aber nur wenn man das weiß, merkt man,
-daß die Jugend dieses Dichters oft den Schwung und das graziöse Pathos
-französischer Konversationskünste gehört hat, und daß davon ein
-schwaches Echo in seiner Rhetorik vernehmlich wird. Sonst aber erinnert
-diese Sprache an nichts. Wenn er sagt: »Sterben fürs Vaterland! Ex!«
-... wenn er sagt: »So ist es! Schweige, Rekrut des Lebens!« ...
-oder: »Basta! Wozu Ereignisse?« ... oder: »Siehe! Diese Herrliche,
-Jugendliche, in purpurrotem Samt hat ihr Sedan in sich. Sie wird sich
-verfetten! Helas -- --«; wenn er dies sagt, dann ist das wie lauter
-kleine neue Empfindungen, die er gemacht hat. Es ist, als ob man ihn
-reden hörte; als sprängen diese Ausrufe, diese verkapselten federnden,
-abschnappenden, pointierten Schlußwendungen unmittelbar aus der Hast
-und Aufregung seines Denkens und seines Temperaments. In seiner Form
-ist etwas Zwingendes; diese scheinbar asthmatische Beredsamkeit, dieses
-Klopfen aller Pulsadern in seiner Prosa, diese kurze, schnalzende
-Prägnanz wirkt verführerisch und lockt zur Kopie. Aber er allein nennt
-diese Echtheit sein eigen. Er hat vor sein erstes Buch das Motto
-gesetzt: »Mon verre n'est pas grand, mais je bois dans mon verre!« Mit
-der Zeit trinken freilich auch manche andere aus diesem Glas. Aber das
-macht nichts.
-
-Er wählte dieses Motto von Alfred de Musset, als er anfing. Damals
-war er etwa dreißig Jahre alt und reif und fertig. Er ist nicht anders
-geworden seither, und was man künstlerische Entwicklung nennt, liegt
-nicht in seinem Wesen. Er wird niemals ein großes Werk schaffen,
-langsam komponieren und bauen, wird niemals die Fäden irgendeiner
-Handlung spinnen, knüpfen und lösen, niemals in seiner Phantasie
-Gestalten und Schicksale erschaffen. Denn er trägt nicht wie andere
-Künstler einen Teil des Lebens, ein Stück -- einen »Fetzen«, würde
-er sagen -- mit sich nach Hause, reißt nicht irgendein Stück aus dem
-Leben, um es bei sich zu verarbeiten, um es zu verändern, zu erhöhen
-und sein ganzes Ich darein zu verweben. Er sieht das Leben wie ein
-einziges, furchtbares und herrliches Schauspiel vor sich abrollen und
-hat keine Zeit, etwas zu versäumen, indem er sich mit sich selbst und
-mit einem Werk einschlösse. Er ist von diesem Schauspiel in solchem
-Maße erschüttert, gefesselt, berauscht, daß er keinen Moment vom
-Platze weicht. Ihm enthüllt sich die Tiefe der Welt in Worten, die
-Vorübergehende sprechen, in dem Auflachen oder im Erbleichen einer
-Dirne. Ihm öffnen sich die schwarzen Abgründe der Tragik im Seufzer
-eines enttäuschten Jünglings, in dem Blick, den eine gealterte Frau auf
-eine erblühende richtet. Er sagt: »Goldgelber, wunderbarer Chinatee«,
-und empfindet unermeßliche Fernen, exotische Landschaften, unermeßliche
-Möglichkeiten des Daseins. Er wird andächtig und ergriffen von dem
-rosigen gesunden Körper eines Kindes, erbebt vor den hellen unbeirrten
-Augen einer Dreizehnjährigen als vor etwas Göttlichem. Es ist seine
-innerste Notwendigkeit, still dazusitzen und zu schauen und sich
-schauend am Leben zu erzücken oder zu kränken. Und es ist seine
-innerste Notwendigkeit, daß er dann diese kurzen Briefe an das Leben
-richtet. Manchmal Anerkennungsschreiben, die von seinem Entzücken
-auf eine rührende Weise ganz durchtränkt sind. Manchmal wieder
-Schmähbriefe, in denen ein erstickender Zorn ins Stammeln gerät. Er
-wird immer nur diese kleinen Prosastücke schreiben; alle seine Bücher
-enthalten nur solche kleine Prosastücke, und die folgenden Bücher, die
-er noch erscheinen lassen mag, werden auch nichts anderes enthalten.
-Aber unter ihnen sind viele kleine Meisterwerke. In diesen wohnt eine
-ungemeine Flugkraft, und sie werden ihn über die Jahre hinwegtragen
-zu Generationen, die erst noch kommen. Denn Altenberg besitzt eine
-wunderbare Macht. Während andere mit der Gewalt eines langen Atems
-Werke schreiben, die man morgen schon vergessen hat, kann er mit seinem
-kurzen Atem Dinge sagen, die einfach unvergeßlich sind.
-
-Er sitzt in den Dirnenlokalen, in den Freudenhäusern, in den Varietees,
-in den Boheme-Cafés und erwünscht es sich, daß die Seele des Menschen
-an Terrain gewinne. Es sind seine eigenen Worte. Freilich ist das der
-Wunsch so ziemlich aller Dichter, nebenbei auch aller Priester. Die
-Dichter betonen es nur nicht immer ausdrücklich, streben bloß bewußt
-oder unbewußt danach, zur Erreichung dieses Zieles etwas beizutragen.
-Die Priester wieder predigen und verkündigen es unaufhörlich und
-wissen Rezepte, die unfehlbar dazu verhelfen, daß die Seele an Terrain
-gewinne. Altenberg tut beides. Er predigt, und er dichtet; er gibt
-Rezepte, er überredet und schreit das Leben an, kanzelt es ab wie ein
-Priester und wirft sich ihm dann wieder bedingungslos, fassungslos,
-überwältigt in die Arme wie ein Künstler.
-
-Er sieht eine Akrobatin, einen Fechter, eine junge Tänzerin voll
-Verve in jeder Bewegung oder einen Collie von echter Rasse oder ein
-Tiffany-Glas oder eine frische Wiesenblume und ruft mit geschnürter
-Stimme, zitternd vor Begeisterung: »Das ist das Höchste! Das
-Hö-ö-öchste!!« In dieser Sekunde ist es ihm wirklich das Höchste. Als
-habe das Leben eine neue Überraschung, irgendeine neue Aufmerksamkeit
-für Altenberg bereitgehalten, habe ihm diese Gabe plötzlich
-dargereicht, um ihn zu entzücken, und als sei er nun fürstlich
-beschenkt, als sei er vor allen anderen begnadet. Es ist aber auch, als
-umfasse er in dieser einen Sekunde wiederum den ganzen Reichtum des
-Daseins.
-
-Er sieht eine Frau, und in diesem Augenblick ist sie die einzige, an
-die er seine Seele hingibt. »Ich habe das Antlitz gesehen«, sagt er.
-Jedes andere Antlitz verlöscht in ihm, versinkt, und es existiert nur
-dieses eine. Dieses ist ihm für jetzt die Erfüllung seines Traumes von
-Frauenschönheit; dieses ist ihm für jetzt die höchste Meisterleistung
-der schaffenden Natur und ist ihm ein Anlaß, wiederum ein lobendes
-Schreiben, einen enthusiastischen Dankbrief an das Leben zu richten. Er
-hat seine Seele oft nur für wenige Tage, oft nur für eine halbe Stunde
-hingegeben; aber er hat sie immer ganz hingegeben, ohne Vorbehalt, und
-als täte er es zum erstenmal.
-
-Er sitzt bei den jungen Männern, die sich Mädchen kaufen, und sagt
-ihnen: Glaubt nicht, daß ihr jetzt alle Rechte über dieses Geschöpf
-habt! Beachtet, wie herrlich schön dieses Mädchen ist. Nehmt sie nicht
-im brutalen Heißhunger eurer Sinne. Nehmt sie nicht so, daß ihr dabei
-die freche Gesinnung hegt, ihr werdet durch sie besudelt. Beachtet ihre
-Traurigkeit und ihre Heiterkeit; beachtet ihr Schicksal. Seid nicht
-wie Tiere! Die jungen Leute denken bei sich: er ist verrückt! Aber sie
-schlagen einen andern Ton gegen die Mädchen an. Die Seele des Menschen
-hat an Terrain gewonnen.
-
-Viele junge Männer drängen sich zu ihm; viele ältere sitzen an
-seinem Tisch und hören ihm zu. Viele haben sich im Laufe der Jahre
-nacheinander seiner bemächtigt, haben ihn nicht losgelassen,
-konnten nicht existieren ohne seinen Zuspruch, ohne seine milden
-Reden, ohne seine Wutanfälle und tobenden Beschimpfungen. Verwöhnte
-Frauen, sehnsüchtige Mädchen langen über seine Bücher und über
-gesellschaftlichen Zwang hinweg nach ihm, begehren seine persönliche
-Nähe, seine Worte, spüren in ihm eine unbekannte neue Zärtlichkeit,
-eine wunschlose Anbetung, irgendeine Befreiung, irgendein Labsal oder
-eine Aufklärung. Die Leute in den Nachtlokalen, die Freudenmädchen,
-die stumpfsinnigen Trinker und Genießer, die Kellner, die Kutscher,
-die Schutzmänner, die Wirte, alle sprechen mit ihm. Er sagt ihnen:
-Hütet eure Verdauung! Habet Ehrfurcht vor eurem Schlaf! Er sagt ihnen:
-Die einzige Perversität, die es gibt, ist, seine Lebensenergien
-zu schwächen und zu vermindern! Alle diese Menschen verstehen ihn
-natürlich nicht, aber sie verstehen, daß er sie irgendwie liebt, daß er
-Güte für sie hat, und sie lieben ihn auch. Sie lächeln, wenn er seine
-langen Reden hält, sie blinzeln einander an, sie zucken die Achseln,
-aber sie lassen nicht ab, ihm zuzuhören, sie kommen nicht los von
-ihm. Wie das Grubenpferd im Germinal das andere eben von den Wiesen
-ins Bergwerk hinuntergelassene junge Tier beschnuppert und an seinem
-frischen Geruch die freie Luft und die Sonne ahnt, so wittern diese
-Leute, die im Alkoholdampf, im Lärm, in der Nachtmusik, im Rausch und
-Dunst ihrer Welt eingeschlossen sind, an ihm etwas von der Unschuld,
-die ihnen verloren ging, wittern an ihm die Poesie, die sie nicht mehr
-kennen, und freuen sich, wenn er kommt, und grüßen ihn, wenn er geht.
-
-Er ist in dieser Welt etwa wie der Pilger Luka im Nachtasyl oder wie
-in der Macht der Finsternis der alte Akim. Er ist hier heimisch und
-kommt doch von wo anders her. Er wurzelt hier, und doch brennt in ihm
-eine Flamme, die nicht an diesen Lichtern hier unten entzündet worden
-ist. Er ist unter all den Erwachsenen und Beladenen und vom Dasein
-Entstellten vollkommen wie ein Kind. Seine Freunde, die ihn begreifen,
-schauen einander an und lächeln, wenn sie ihn wie ein Kind gegen das
-Leben eifern und streiten hören; und sie lächeln noch einmal, wenn
-sie merken, wie vielfältig er doch wieder den Wirklichkeiten dieses
-Lebens verstrickt ist, und wie naiv er sich seiner bedient. Die breite
-Menge der Gebildeten ergötzt sich an seiner wunderlichen Erscheinung,
-verspottet seine kleinen Meisterwerke, hält ihn für verrückt oder für
-einen, der sich zum Narren hergibt, wohl auch für gemeingefährlich,
-jedenfalls für sehr verkommen. Im Kabarett Fledermaus erzählt Dr.
-Egon Friedell Altenberg-Anekdoten. So oft er beginnt: »Es ist mir
-beschieden, im Leben des Dichters Altenberg dieselbe Rolle zu spielen,
-die Eckermann im Leben Goethes gespielt hat«, brüllt das Publikum und
-meint, damit sei nun Altenberg gebührend verhöhnt worden. Es gilt ihnen
-schon als ein Witz, daß der Dr. Friedell sagt: Der Dichter Altenberg.
-Denn sie meinen, es sei im Ernst ganz unmöglich, ihn einen Dichter zu
-nennen. Sie brüllen auch zu den Anekdoten und ahnen nicht, wie glänzend
-diese erfunden sind. Die stürmische Heiterkeit, welche Dr. Friedell
-mit seinen Altenberg-Geschichten immer erregt, ist gewissermaßen eine
-falsche, eine mißverständliche Heiterkeit. Denn die Leute verstehen
-nicht, wie der ganze Wert dieser ausgezeichneten kleinen Geschichten
-nur darin besteht, daß aus ihnen die rührende und einzigartige Gestalt
-Altenbergs lebendig hervortritt, daß durch sie das Wesen Altenbergs mit
-einem klaren ungemein psychologischen Humor beleuchtet und manchmal
-verklärt wird. Die Leute sehen ihn von weitem. Sie sehen seine Werke
-aus der Entfernung ihres bürgerlichen und an vermorschte Wahrheiten
-geklammerten Standpunktes, genau so wie sie seine Person von weitem
-sehen, wenn er zufällig auf der Straße an ihnen vorbeigeht, oder
-wenn er eben im Saale ist, während Dr. Friedell von ihm spricht. Sie
-meinen dann ja auch, nachdem sie ihn begafft haben, er sähe wüst aus,
-vernachlässigt und beinahe zerlumpt. Und wissen nicht, mit welcher
-Sorgfalt diese weiche, den Körper kaum beschwerende Kleidung ausgewählt
-ist; wissen nicht, was für ein gepflegtes, weißes, durchleuchtetes
-Antlitz er hat, was für feine beseelte Züge, was für schöne
-strahlende Augen; sie wissen nicht, daß er die schmalsten vornehmsten
-Alabasterhände hat, und daß seine Stimme sanft und gesanglich klingt
-und edel.
-
-Ist es nicht merkwürdig, wie er so an der Peripherie des Alltags
-dahinwandelt, am äußern Rand des bürgerlichen Lebens, an den
-Grenzlinien, wo das Wohlgeordnete sich löst, wo viele Dinge, die sonst
-als unumstößlich gelten, zweifelhaft werden! Er ist jetzt fünfzig Jahre
-alt, ist in diesem heutigen Wien eine der interessantesten, subtilsten
-und ergreifendsten Existenzen, ist für alle Wissenden in Europa ein
-geliebter und bewunderter Dichter, in dem großen geistigen Orchester
-ein Instrument, dessen besonderer Klang durchdringend und aus tausend
-Stimmen kenntlich bleibt, ... und für das Amüsierpublikum vom Maxim,
-vom Café Central und vom Kabarett Fledermaus eine Kuriosität, ein
-ridiküles Schaustück neugierigen Bürgersleuten. Eines Tages aber wird
-man Altenberg-Erinnerungen schreiben und Altenberg-Biographien. Die
-dann diese Bücher lesen, werden glauben, ganz Wien habe dieses Original
-verstanden, verehrt und gefeiert, und sie werden sagen: Schade, daß
-wir ihn nicht mehr gekannt haben, wir hätten ihn ebenso gefeiert und
-verehrt. Eines Tages wird jemand beweisen, daß draußen, an den äußern
-Rändern des Alltags, durch das Wirken Altenbergs die Seele des Menschen
-an Terrain gewonnen habe. Dieser Beweis wird gelingen, weil es einfach
-wahr ist. Nur heute würde das niemand glauben wollen.
-
-
-
-
-SPAZIERGANG IN DER VORSTADT
-
-
-In diesen schönen Frühlingstagen bin ich jetzt oft und gern in Währing
-gewesen. Weit prächtiger mag es sich ja anhören, wenn einer sagen
-kann, er sei kürzlich erst in Samarkand spazierengegangen, oder er
-habe sich in Brasilien umgetan. Währing, das klingt natürlich nach gar
-nichts. Zwar wüßte ich nur wenig Punkte der Erde, von denen sich heute
-noch ein großes Rühmens machen ließe. Die Menschen sind überall schon
-umhergewesen und kommen überall hin. Alle Länder mit all ihren Städten
-sind uns hundertmal schon beschrieben, derart, daß gar viele unter uns,
-deren Sinn beständig nach der Ferne steht, im Weiteren besser Bescheid
-wissen als im Engeren und Nächsten. Mag es also auch nur Währing sein
-... ist man da aufgewachsen, dann fragt man nicht viel, ob der Name
-des Ortes hinreichend prächtig sich anhört. Und wenn man nach zwanzig
-Jahren zum erstenmal wieder heimkehrt, zum erstenmal wieder an diesen
-bescheidenen Häusern vorbeigeht, und den stillen Gärten; nach zwanzig
-Jahren wieder den wohlvertrauten Umkreis durchwandert, darin man
-vorzeiten das Gehen und Sprechen gelernt, das Lesen und Schreiben, wo
-man die ersten Freuden gehabt hat und frühen Kummer genug, dann mag man
-sich allhier von der Lebendigkeit des Daseins stärker angerührt fühlen
-als im fremden Samarkand oder in Brasilien.
-
-Das war damals wirklich so, und man schrieb es auch auf den
-Postadressen nicht anders, daß Währing »bei« Wien lag. Draußen,
-vor den festgemauerten Wällen lag es, hinter denen sich die Stadt
-verschanzte, und begann erst ein gutes Stück hinter dem gewaltigen
-Holzgatter, mit dem man die »Linie« absperren konnte. Von der
-Stadtseite her war es nur durch den einzigen Durchschlupf zu erreichen,
-den eben die Linie freiließ. Deutlich erinnere ich mich noch des
-Feldweges, der hinter dem Mauttor anfing und heimwärts führte. Felder
-überall und Wiesen. Und jenseits davon standen die ersten Währinger
-Häuser, wie gute Bekannte mit freundlichen Gesichtern. Aus den hellen
-Gassen kam man rasch überall ins Freie. Ein paar Schritte von der
-Kirche ab, die alte Neugasse hinauf, vorüber an dem halben Dutzend
-damals noch gern bespöttelter Kottagevillen, und man war auf der
-Türkenschanze, konnte durch hochstehende Saaten, durch Weingärten und
-Brachäcker unter Lerchenjubel und Sensenklirren in Feldeinsamkeit
-dahinwandeln, war einfach auf dem Lande. Und ein kleines, halb
-ländliches Gemeinwesen war das ganze Währing.
-
-Die Stadt, die begann für uns gleich bei der Linie. Und beim
-Bürgerversorgungshaus, wo die Pferdebahn klingelnd zum Zögernitz
-hinausfuhr, glaubten wir uns schon mitten in ihrem stolzesten Gewühl.
-Hatten wir uns aber einmal gar bis zum Josephinum vorgewagt, dann
-meinten wir alle Pracht der Residenz erspäht zu haben. Eine alte Tante
-kam damals aus der Provinz zu uns, um, wie sie sich ausdrückte, die
-Wienerstadt kennen zu lernen. Und da wir Knaben ihr als Fremdenführer
-dienten, ist auch sie übers Josephinum nicht hinausgelangt. Sie war
-genügsam und gab sich damit zufrieden. Sie hat den Rest ihrer Jahre bei
-uns verbracht, aber während wir Kinder die Wienerstadt, nach der es
-sie so sehr verlangte, längst schon in allen Bezirken durchstreiften,
-reichte ihr Begehren gar nicht mehr weiter. Täglich rüstete sie sich
-mit sehr viel umständlicher Feierlichkeit, um »in die Stadt« zu gehen,
-rückte voll Anstand und Bedacht bis an das Versorgungshaus, und machte
-dort pünktlich kehrt. Vom Graben, vom Stephansplatz, vom Praterstern
-sprach sie zuletzt nicht anders als von Gegenden, in deren exotische
-Gefahren sich nur ein übertriebener oder ein mutwilliger Mensch begibt.
-
-So saß unsere Jugend da draußen abgeschlossen und hatte, in enger
-Nachbarschaft mit der großen fremden, eine kleine trauliche Welt
-ganz für sich. Man war am geruhigen Ufer eines rastlos und brausend
-hinstürzenden Stromes, der nur manchmal eine Welle ergötzlich und
-überraschend zu uns heraufwarf. Kam im Frühherbst das Militär
-anmarschiert, dann lief bei der schmetternden Musik der ganze
-Ort freudevoll zusammen. Und wenn die Truppen auf den Hügeln
-der Türkenschanze manövrierten, hatte Währing seine richtige
-Einquartierung. Da erinnere ich mich noch der milden Septemberabende,
-an denen Schlag neun vor unseren Fenstern der Zapfenstreich
-geblasen wurde. In unserem ersten Kindesschlaf vernahmen wir die
-melancholisch-verwegene Melodie, hörten sie aus dem Dunkel der Straße
-zu uns heraufklingen und fühlten uns von wundersamen Abenteuern
-umwittert.
-
-Es gab noch ein paar andere wunderschöne Dinge in Währing, um die es
-schade ist. Da war das Gasthaus »zum wilden Mann«. Freilich besteht
-es auch heute noch. Aber sein Charakter ist hin, seine Individualität
-ausgelöscht. Es ist längst in Reih und Glied der Gewöhnlichkeit
-getreten, steht mit seiner gleichförmigen Zinshausfront, mit den
-banalen Spiegelscheiben eingefügt in andere Fronten an der Straße, es
-gleicht den fünfhundert übrigen Bierhallen in Wien und nimmermehr sich
-selbst. Damals war es eine kleine, lang hingestreckte Baracke, voll
-altgeschwärzter, verräucherter, köstlich patinierter Gemütlichkeit, lag
-angeschmiegt an einen uralten Garten, der wie ein Wald aussah, dessen
-Baumgipfel, breit ausladend, die enge Hauptstraße überschatteten und
-in dessen duftender Ruhe vormittags die Kinder spielen durften. Dann
-war das Gasthaus »zum Biersack« da. Ein ländliches Gebäude mit einer
-für Heuwagen berechneten Toreinfahrt, von der man in die saalgroße,
-blendende Küche schauen konnte. Wir haben das oft getan, weil dort ein
-paar üppige Wirtstöchter, hochmütig, aber anlockend, mit den Schulbuben
-kokettierten; hübsche, wenn auch allzu feiste Backfische, die trotz
-ihrer geputzten Kleider famos in die Küche paßten, weil sie sich
-dort auf dem Nährboden ihrer blanken Fülle zeigten, ihn anschaulich
-zu erläutern und anzupreisen schienen. Einen Wirtschaftshof gab es
-da mit Schlachtbank, Taubenkogel und Steirerwagerl unter blühenden
-Akazien, und hinter dem weißen Zaun, der ihn abgrenzte, sah man den
-kühldunklen, kastanienlaubüberdeckten Biergarten. Es war ein Bild
-naiver Behaglichkeit, eine Szenerie für altväterische Genußfreude, wie
-etwa Schwind sie hätte zeichnen mögen. Und er muß den Biersack ja wohl
-gekannt haben, denn sein Freund Schubert hat oftmals hier fröhliche
-Einkehr gehalten, hat sogar, um sein müheloses Schaffen zu erproben,
-das Ständchen hier komponiert, mitten im Lärm unter Gläserklirren
-und Kellnerrufen. Dann gab's den Bachusgarten, an den mir nur ein
-verschleiertes Erinnern geblieben ist, wie an einen prangenden Traum.
-Uns war der Name schon wie ein Märchen. Den fröhlichen Weingott hatten
-wir auf Schildern neben Gambrinus oft gemalt erblickt, und angesichts
-der stattlichen, vollkommenen Bekleidung, die der Bierkönig trug,
-konnte der nackte, mit Weinlaub bekränzte Jüngling den Eindruck
-fröhlichster Unbändigkeit wecken. Der Bachusgarten, das schien uns sein
-eigener, gewissermaßen sein Privatgarten zu sein. Ein Märchen war halb
-erfüllt, da es den Garten gab, und wenn der Gott auch sichtbarlich
-darin fehlte, wir suchten ihn darin, und vermuteten seine Gegenwart.
-Es war eine wundervolle, zügellos grünende und blühende Wildnis, die
-hinter der mürrischen grauen Mauer sich auftat. Hoch standen die
-Gräser, undurchdringlich das Strauchwerk, und finstere alte Bäume
-reckten mit wilden Gebärden ihre Äste zum Sonnenlicht. Heute ist dies
-alles spurlos verschwunden. Eine gesittete, langweilige Häuserreihe
-steht nüchtern und vernünftig da. Nur das Staunen, mit dem man die
-ganze Verwandlung gewahrt, zeigt uns, wie tief einst der Glaube an die
-Unwandelbarkeit dieser Dinge gewesen.
-
-Aber ich weiß sehr genau, wann dieser Umschwung begonnen hat.
-Eines Tages kam die Tramway heraufgeklingelt und fuhr mitten durch
-Währing. Es gab Straßen, die von Schienen durchzogen wurden, es gab
-Haltestellen. Man war einfach wie in Wien. Diese Tramway, die hin und
-her klingelte, bis tief in die Nacht hinein, sogar bis zehn Uhr, hat
-den ganzen Ort aufrebellt. Drei- und vierstockhohe Häuser reckten
-sich himmelwärts, rückten gegen die Stadt vor und besetzten das wüste
-Feld, das zwischen Wien und Währing lag. Angesichts dieser steinernen
-Regimenter sank der Linienwall zusammen, von hüben und drüben schlossen
-Straßenzüge und Baulichkeiten ineinander. Über die einstige Grenzspur
-aber ward der eherne Reif der Stadtbahn geschlagen.
-
-Wandert man jetzt in dem neuen, von der Elektrischen durchsausten
-Bezirk umher, dann muß man das alte Währing unter all dem frisch
-Hinzugewachsenen mühsam hervorsuchen. Völlig schüchtern hält es sich
-verborgen, schweigt, weil es ja doch überschrien wird, und läßt das
-geschäftig eingedrungene Wesen schalten. Manches wohlbekannte alte
-Haus findet sich freilich noch. Beinahe jedes aber ist verändert, ist
-entweder ganz nobel, ganz modern herausgeputzt, hat sich entwickelt,
-ist jung geblieben, oder es scheint ablehnend in sich zu verharren.
-Und da fällt es mir auf, wie merkwürdig menschenähnlich manche Häuser
-altern. Sie werden unfreundlich, da sie einst gastlich und einladend
-gewesen, erscheinen mürrisch und schlecht gelaunt wie Greise, und man
-hat Mitleid mit ihnen, wie mit betagten, verbitterten Menschen, denen
-doch nicht zu helfen ist. Wer die Leute gekannt hat, die vor einem
-Vierteljahrhundert hier ihr Gewerbe getrieben haben, der kann auf
-seinem Spaziergang wohl auch merken, wie eine helle, in den morgigen
-Tag hineinhorchende Klugheit, wie verständiger Fleiß sich belohnt, und
-wie da der einzelne mit dem Boden, dem er sich anvertraut, gedeiht.
-Da ist nun mancher, den ich ganz klein hier einziehen und seinen
-Glückskreuzer an die Ladenschwelle nageln sah, heute ein großer Herr
-geworden, mancher enge Kramladen hat sich erweitert und prunkt jetzt
-mit großstädtischer Eleganz. Andere wieder, die hier ein üppiges Leben
-führten, so recht mit Übermut in ihrem Glück saßen, sind verschwunden,
-verdorben und verarmt, und drücken sich in kümmerliche Seitengassen.
-Man darf schon an die Leute von Seldwyla denken, denn die Währinger
-sind ein gar lustiges, zu allerhand Kurzweil stets bereites Volk.
-
-Ehe ich dann den Weg ins Grüne gehe, den alten Weg der Währinger
-nach Weinhaus, Gersthof, Pötzleinsdorf, diesen drei Dörfern, die so
-wie an einer Schnur an der Straße aufgereiht liegen, suche ich den
-alten Ortsfriedhof heim, der unberührt wie einst mitten unter den
-Häusern liegt, und dem sie auch die kleine Zufahrtsrampe gelassen
-haben. Schubert und Beethoven haben hier geruht, und ihre ersten
-Grabsteine sind noch an der gleichen Stelle. Aus der Erde, in der
-Beethoven vermodert ist, sprießen Dijonrosen und wollen eben ihre
-Knospen öffnen. Über eingesunkene Grabhügel schreitet man dahin, an
-geborstenen Grüften vorüber. Die Inschriften auf den Totensteinen sind
-verlöscht und verwaschen, sie haben nichts mehr zu melden. Vergessene
-und Verlassene zumeist schlafen hier. Die Trauer, die einst um diese
-Stätte gewebt und sich zu Ewigkeitsversprechungen aufschwang, der
-Schmerz, der über diesen Särgen weinte und der sich in goldenen Lettern
-unstillbar nannte, all die Klagen, Tränen und all der Jammer schicken
-sich an, zu verflüchtigen. Von draußen dringt das Brausen der jungen
-Tage herein und weht die zögernde Erinnerung hinweg. Das Gewesene
-versinkt hier tiefer, tiefer in den Erdenschoß. Aber ein dunkles,
-machtvolles Grünen treibt üppig aus der reichgedüngten Scholle. Wie
-ein wilder, verwunschener Garten liegt der Friedhof da, blühende Hecken
-und schwellende Gräser überwachsen und decken den Totenzierat, und
-wunderbare Bäume sind hoch emporgeschossen, seit ich, ein Kind noch,
-hier gewesen, breiten ihre Wipfel in der Maienluft und trinken mit
-ihren Wurzeln die Kraft dieser Erde, die einst lebendig war.
-
-Nur ganz draußen in Pötzleinsdorf ist alles beim Alten geblieben.
-Und der lieblich-schöne Wald umfängt einen wie treue, unwandelbare
-Freundschaft. Bloß weil das Unterholz so arg in die Höhe gewachsen
-ist und an manchen Punkten die Aussicht sperrt, wo einst der Blick
-das stille Tal durchmessen konnte, merkt man, daß ein bißchen Zeit
-vergangen sein mag. Da steht noch die Bank, einst Ziel und Rast so
-vieler Spaziergänger.
-
-Ich will mich nach so langer Frist auf diese liebe alte Bank setzen.
-Und vielleicht wäre jetzt der Augenblick, Betrachtungen anzustellen:
-wie das Leben hinrollt, wie alles unaufhaltsam wächst und vergeht.
-Oder: wie man an diesem kleinen Gemeinwesen, das sachte und wie
-einer tätigen Vernunft folgend sich entfaltet hat, die ungeheure
-Bewegungsgewalt aller Entwicklung kann begreifen lernen. Aber ich
-denke nur an das Traumhafte dieses Spazierganges. Daß ich in diesen
-Lebensbereich, der mir einst so nahe gewesen, zurückgekehrt bin, und
-daß mir nun zumute ist, als sei ich gestorben gewesen oder all die
-Jahre her ganz fern von hier, in einem anderen Weltteil. Und habe
-inzwischen doch nur am Alsergrund gewohnt, gleich nebenan. So leben
-wir in einer großen Stadt. Leben stets nur auf einem winzigen Fleck,
-in zwei, drei Gassen. Begnügen uns mit dem Gefühl der Fülle, die uns
-umbraust. Und haben jeder irgendein Josephinum, bei dem wir Halt
-machen. Alle Fernen zwingen wir uns herbei in unser Zimmer, haben sie
-in Papier und Büchern eingefangen auf unserem Tisch. Aber es passiert
-uns, daß wir das Lebendigste versäumen, auch wenn, um es zu sehen,
-nicht mehr vonnöten ist als ein Spaziergang von einem Stadtviertel in
-das andere.
-
-
-
-
-LUEGER
-
-
-Vielleicht kommt es auch dazu, und es greift einmal jemand nach diesem
-Mann und stellt ihn mitten in einen Wiener Roman, und rollt sein
-Leben auf und enthüllt sein Schicksal. Aber das müßte dann freilich
-einer tun, dem nicht Haß, noch Bewunderung den Blick umschleiert; es
-müßte jemand sein, der die wundervolle Gabe des Anschauens besitzt
-und dem in seiner Kunst nichts höher gilt als die Anschaulichkeit.
-Wie man einen Schlüssel ins Schloß fügt, so müßte derjenige, der es
-unternimmt, diesen Roman zu schreiben, den Lueger-Charakter in das
-Herz des Wiener Volkes einfügen und dieses Herz damit aufsperren,
-daß alle seine Kammern offen stünden. Er müßte die Gestalt Luegers
-so über die wienerische Art hinfegen lassen wie eine Wolke über eine
-Wasserfläche streicht, und das Wesen Luegers müßte sich in der Tiefe
-des wienerischen Wesens spiegeln wie eine Wolke auf dem Grund der Flut
-sich abzubilden scheint. Er müßte die ganze Stadt rings um diesen Mann
-herum aufbauen, damit alle ihre Farben und ihre Lichter, in diesem
-einen gesammelt, blitzen und funkeln. Das wäre die Aufgabe.
-
-Wichtig, interessant und für den Roman sehr wirksam ist es, daß er
-gleich im Anfang sagte, er wolle Bürgermeister von Wien werden. Bei
-allen Parteien, denen er sich anbot, hat er diese Bedingung gestellt:
-Bürgermeister werden! Und er hat sich vielen Parteien angeboten.
-Er begann als der Schüler eines jüdischen Oppositionskünstlers im
-Gemeinderat, ging zu den Liberalen, zu den Demokraten, und pries zu
-Schönerers Füßen die teutonische Heilslehre. Überall lehnte man ihn
-ab, von seinem stürmischen Ehrgeiz beunruhigt. Überall auch spürte
-sein Instinkt: diese Mühlen klappern zu wenig, mahlen zu langsam.
-Sein wienerischer Instinkt spürte: das wurzelt nicht! Liberaler
-Bildungseifer, demokratische Aufklärung und Unzufriedenheit,
-alldeutsche Wotansideale ... das wurzelt hier nicht, das schlägt nicht
-ein! Er aber brauchte etwas, das breite Wurzeln fassen konnte, brauchte
-etwas, das wie der Donner einschlug. Damit er Bürgermeister werden
-könne. Niemand begriff damals, warum sein heißes Streben nach einem so
-bescheidenen Ziele ging. Er hat nachher gezeigt, wie es gemeint war.
-
-Wichtig ist, auch für den Roman, sein Äußeres: Eine glänzende
-Bühnenerscheinung; die beste, die es für das Rollenfach des Demagogen
-gibt. Hochgewachsen, breitschultrig, nicht dick, aber doch behaglich
-genug, und man wird das Wort »stattlich« kaum vermeiden können, wenn
-man ihn schildern will. Nimmt man sein Antlitz noch dazu, dann wird
-vieles begreiflich. Für ein Wesen, das so ganz auf Äußerlichkeit
-gestellt ist, gilt solch ein Aussehen schon als Prädestination, als
-Beruf, als Erfolgsbürgschaft. Dieses Gesicht erscheint vollkommen
-bieder. Einfache, aus der knappen Stirn zurückfallende Haare, die
-sanft gelockt sind. Kleine Augen, die vergnügt und schwärmerisch,
-naiv und sentimental wirken. Ein außerordentlich solider Vollbart,
-der am Kinn nach dem Geschmack der Vororte geteilt ist; und mitten in
-diesem würdigen, bürgerlichen, ruhigen Antlitz die nette kleine Nase.
-Diese Nase, die wie eine aus der Bubenzeit stehengebliebene Keckheit
-aussieht. Man kann es gar nicht anders sagen: bieder, rechtschaffen,
-treuherzig, wacker. Lauter solche Worte fallen einem ein, wenn man
-sein Gesicht erblickt. Aus der Ferne. Denn alle Wirkung dieser
-Physiognomie ist gleichsam auf Distanz berechnet. In der Nähe redet
-dann schon eine trotzige Rauflust, die nicht ohne Tücke scheint, von
-dieser schmalen Stirne. In der Nähe zeigt sich der leicht schielende
-Doppelblick dieser kleinen listigen Augen, aus denen eine hurtige
-Verschlagenheit blitzschnelle, zwinkernde Umschau hält. Da zeigt sich,
-vom soliden, wackern Bart verborgen, ein spöttischer Mund, der hinter
-der Ehrlichkeit grauer Haare schadenfroh zu lächeln vermag. In der
-Nähe erst wird es sichtbar, welch ein unruhig flackernder Schimmer
-von Schlauheit und Verstellung dies Antlitz überbreitet, das auf
-Ansichtskarten schön ist.
-
-Mit dieser lockenden Vorstadtpracht tritt er auf. Im Wien der achtziger
-und neunziger Jahre, in welchem die Vorstädte gerade anfangen, mächtig
-zu werden. Eine lauwarme, trübe, unentschlossene Zeit. Die bürgerlichen
-Parteien im Zerfall und in totaler Ratlosigkeit; nachlässig geleitet
-von ausrangierten Lieblingen, von alten Komödianten einer überlebten
-Politik. In der Tiefe des Volkes greift die Sozialdemokratie um
-sich. Die breite Masse der Kleinbürger aber irrt führerlos blökend
-wie eine verwaiste Herde durch die Versammlungslokale. Und alle sind
-von der österreichischen Selbstkritik, von der Skepsis, von der
-österreichischen Selbstironie bis zur Verzagtheit niedergedrückt.
-
-Da kommt dieser Mann und schlachtet -- weil ihm sonst alle anderen
-Künste mißlangen -- vor der aufheulenden Menge einen Juden. Auf der
-Rednertribüne schlachtet er ihn mit Worten, sticht ihn mit Worten tot,
-reißt ihn in Fetzen, schleudert ihn dem Volk als Opfer hin. Es ist
-seine erste monarchisch-klerikale Tat: Der allgemeinen Unzufriedenheit
-den Weg in die Judengassen weisen; dort mag sie sich austoben. Ein
-Gewitter muß diese verdorbene Luft von Wien reinigen. Er läßt das
-Donnerwetter über die Juden niedergehen. Und man atmet auf.
-
-Allein er nimmt auch noch die Verzagtheit von den Wienern. Man
-hat sie bisher gescholten. Er lobt sie. Man hat Respekt von ihnen
-verlangt. Er entbindet sie jeglichen Respektes. Man hat ihnen gesagt,
-nur die Gebildeten sollen regieren. Er zeigt, wie schlecht die
-Gebildeten das Regieren verstehen. Er, ein Gebildeter, ein Doktor, ein
-Advokat, zerfetzt die Ärzte, zerreißt die Advokaten, beschimpft die
-Professoren, verspottet die Wissenschaft; er gibt alles preis, was
-die Menge einschüchtert und beengt, er schleudert es hin, trampelt
-lachend darauf herum, und die Schuster, die Schneider, die Kutscher,
-die Gemüsekrämer, die Budiker jauchzen, rasen, glauben das Zeitalter
-sei angebrochen, das da verheißen ward mit den Worten: selig sind
-die Armen am Geiste. Er bestätigt die Wiener Unterschicht in allen
-ihren Eigenschaften, in ihrer geistigen Bedürfnislosigkeit, in ihrem
-Mißtrauen gegen die Bildung, in ihrem Weindusel, in ihrer Liebe zu
-Gassenhauern, in ihrem Festhalten am Altmodischen, in ihrer übermütigen
-Selbstgefälligkeit; und sie rasen, sie rasen vor Wonne, wenn er zu
-ihnen spricht.
-
-Aber wie spricht er auch zu ihnen. Das Dröhnen ihres Beifalls löst
-erst alle seine Gaben. Beinahe genial ist es, wie er sich da seine
-Argumente zusammenholt. Gleich einem Manne, der in der Rage nach dem
-nächsten greift, nach einem Zaunstecken, Zündstein, Briefbeschwerer, um
-damit loszudreschen, greift er, um dreinzuschmettern, nach Schlagworten
-aus vergangenen Zeiten und bläst ihnen mit dem heißen Dampf seines
-Atems neue Jugend ein, rafft weggeworfenen Gedankenkehricht zusammen,
-bückt sich nach abgehetzten, müd am Weg niedergebrochenen Banalitäten,
-peitscht sie auf, daß sie im Blitzlicht seiner Leidenschaft mit dem
-alarmierenden Glanz des Niegehörten wirken. In dem rasenden Anlauf,
-dessen sein Temperament fähig ist, überrennt er Vernunftgründe und
-Beweise, stampft große Bedeutungen wie kleine Hindernisse in den
-Boden, schleudert dann wieder mit einem Wort Nichtigkeiten so steil
-empor, daß sie wie die höchsten Gipfel der Dinge erscheinen. Im Furor
-seiner Rednerstunde gerät der Mutterwitz, der sein Wesen durchdringt,
-ins Sieden und wirft Blasen, in denen alles wie toll, alles verkehrt
-und lächerlich erscheint. Einfälle sprudeln hervor, in deren Wirbel
-frappierende, unglaubliche und verführerische Gedanken funkeln, sich
-drehen und überschlagen. In seinem Rednerfuror, wenn ihm schon alles
-egal ist, fängt er freilich auch den Schimpf der Straße ein, reißt den
-Niederen und Geistesarmen alberne Sprüche des Aberglaubens vom Munde,
-schnappt selbst den Pfaffen die Effekte weg, die auf der Kanzel längst
-versagen wollten -- aber er siegt mit alledem. Schlägt zu damit und
-trifft und wirkt. Oft schon hat er seine entsetzten, überrumpelten
-Gegner vor sich hergejagt -- wie sich nachher gezeigt hat -- mit einem
-Eselskinnbacken. Dieses ist seine Macht über das Volk von Wien: daß
-alle Typen dieses Volkes aus seinem Munde sprechen, der Fiaker und der
-Schusterbub, der Veteranenhauptmann, der gute Advokat, die Frau Sopherl
-und der Armenvater. Und alle Volkssänger mit dazu. Vom Guschelbauer an
-bis zum Schmitter. Man hört die Schrammelmusik aus der Melodie seines
-Wortes, das picksüße Hölzel und die Winsel, hört das Händepaschen und
-ein jauchzendes Estam-tam klingt in seiner Stimme beständig an.
-
-Ein Kapitel aus dem Roman dieses Lebens: Wie er in der
-Fronleichnamsprozession dem Baldachin vorausschreitet. Als
-Vizebürgermeister; vor zwölf Jahren etwa. Er ist zum Bürgermeister
-erwählt worden, aber der Kaiser hat die Wahl verworfen. Dreimal ist
-er gewählt worden, dreimal hat der Kaiser nein gesagt. Lueger wartet
-und begnügt sich derweil mit dem zweiten Platz. Jetzt geht er in
-der Fronleichnamsprozession vor dem Baldachin einher. Die Glocken
-läuten, die Kirchenfahnen wehen, und das brausende Rufen der Menge
-empfängt den geliebten Mann, der nach allen Seiten dankt, grüßt,
-lächelt. Er freut sich. Denn der Kaiser, der dem Baldachin folgt, muß
-den tausendstimmigen Donner hören. Auf dem ganzen Weg rauscht dieser
-Jubelschrei vor dem Kaiser einher, dieses jauchzende Brüllen, das
-einem andern gilt. Franz Josef hat ein feines, eifersüchtiges Ohr
-für die Stimme der Wiener. Er hat Erzherzoge von hier entfernt, wenn
-sie gar zu populär wurden, hat einen Minister, dem zufällig einmal
-ein paar halblaute Hochrufe beschieden wurden, aufgefordert, sich zu
-rechtfertigen, hat den Grafen Badeni im Stiche gelassen, weil er die
-Wiener Straße gegen die Hofburg verstimmte. Franz Josef weiß, die
-Wiener lieben ihn; er weiß, sein kaiserliches Wort übt allmächtige
-Wirkung. Aber diesen da konnte er nicht verdrängen, auch nicht,
-nachdem er's dreimal sagte. Das erlebt der Kaiser jetzt. Der Mann da
-vorne im Zuge gibt's ihm zu kosten. Als ob er nur im Gefolge dieses
-Mannes einherginge, wandelt der Kaiser mit der Prozession. Vor sich
-das Aufrauschen der Ovationen, um sich her Stille. Es war Luegers
-Triumphzug.
-
-Die Glocken läuten und die Kirchenfahnen flattern jetzt auf allen
-Wegen, die Lueger geht. Wie ein gewaltiger Heerbann ziehen die Pfaffen
-hinter ihm drein. Seit vielen Jahren haben sie den bürgerlichen
-Condottiere entbehrt, der ihnen die breite Masse erobert. So einer hat
-ihnen gefehlt. Sie haben innerlich jubelnd den Liberalismus verrecken
-sehen, der sich einst unterfangen wollte, die Kuttenherrschaft
-in Österreich zu zerbrechen. Das Land lag wieder frei vor ihnen,
-fiel ihnen wieder zu, aber sie brauchten einen Mann, der in das
-neueroberte Gebiet fröhlichen Einmarsch hielt, der die Kirchenfahnen
-wieder flattern ließ. Dies Volk ist immer gerne fromm und katholisch
-gewesen. Aber die Frömmigkeit war eine Zeitlang außer Mode. Lueger
-hat sie wieder in Flor gebracht und ließ die Glocken läuten. Ließ die
-Glocken läuten und sagte: ich spucke auf die Aufklärung und auf die
-Wissenschaft. Das war endlich ihr Mann. Von allen Kanzeln herab und
-in allen Beichtstühlen halfen sie nun seiner Sache, schlossen ihm die
-Pforten zu allen Fürstenschlössern auf, schafften ihm Eingang in
-alle Bauernhütten. Wie hoch sie einen Menschen heben können, wenn sie
-wollen, hat er erprobt. Und hat auch dem Kaiser nur damals, an jenem
-Fronleichnamstage trotzig gezeigt, wer von nun an dem Wind und dem
-Wetter befiehlt, in der Stadt, in der die Hofburg steht. Nur dieses
-eine Mal. Am Ziele angelangt, nahm er die schwarzgelbe Gesinnung in
-städtische Obhut, nahm die Kaisertreue in städtische Verwaltung, nahm
-die Volkshymne in städtische Regie.
-
-Erst als er am Ziele war, merkte man, daß es wirklich ein Ziel sein
-konnte, Bürgermeister von Wien zu werden. Man merkte, daß wirklich
-ein Gedanke in diesem Manne nach Ausdruck gerungen hat, nicht bloß
-der Gedanke an den eigenen Erfolg; daß er von einem Traum erfüllt
-war, nicht bloß von dem Traum des eigenen Aufstiegs: Wien! All dies
-andere vorher war nur ein Mittel gewesen. Er hätte jedes beliebige
-Mittel angewendet, selbst ein edles, wenn es nützlich gewesen wäre.
-Freilich aber hätte er keines so mühelos, so voll aus seinem Wesen
-heraus, so ganz aus seinen Instinkten gebrauchen können wie diese
-Taktik und Technik des Gassenhauers, des »mir san mir«! Und nun hat
-er Wien aufgerichtet als eine Art von Königtum mitten in Österreich.
-Dutzendweise wurden die kleinen Ortschaften, welche Wien umgürteten,
-von dem großen Gemeinwesen verschlungen. Das ist jetzt, vom Marchfeld
-bis zur Sophienalpe, nur mehr eine einzige Stadt: Wien. Und in
-dieser Stadt ein einziges Haupt: Lueger, der Bürgermeister. Er
-nahm die Straßenbahnen, die Gaswerke, das elektrische Licht, die
-Leichenbestattung, die Spitäler. Wasser und Feuer, Leben und Tod gehört
-seiner Stadt. All dies lag freilich in der Entwicklung, hätte auch
-unter einer andern Verwaltung so kommen müssen. Aber er nahm diese
-Dinge, unter lauten pathetischen Proklamationen, er nahm sie wie man
-eroberte Provinzen einnimmt, und er schuf aus all diesen Besitztümern
-neue Werkzeuge seiner Macht. Wo die Straßenbahn hingeführt wird, das
-elektrische Licht, die Wasserleitung, da steigen in den entlegensten
-Gegenden die Bodenpreise, hebt sich der Wohlstand. Treue Bezirke können
-belohnt, unsichere gekirrt, treulose bestraft werden. Die Stadt, die
-so viele Betriebe in ihrer Hand hält, herrscht über eine Armee von
-Dienern, Arbeitern, Beamten, Lehrern, Ärzten und Professoren, herrscht
-durch tausendfach verknüpfte Interessen weithin über die Gesinnungen,
-und allen ist der Bürgermeister, von dem sie abhängen, wie ein Monarch.
-
-Er arbeitet denn auch mit einer vollkommen monarchischen Technik.
-Sein Bild ist überall. In den Amtslokalen, in den Schulzimmern, in
-den Wirtshäusern, in den Theaterfoyers, in den Schaufenstern. Sein
-Antlitz ist den Wienern beständig so gegenwärtig und eingeprägt,
-wie das Antlitz des Kaisers. Seine Ausfahrt ebenso feierlich, wie
-die eines Monarchen, und nur noch Franz Josef selbst wird in den
-Straßen ebenso gegrüßt wie der Bürgermeister Lueger. Wie auf den
-Staatsgebäuden der Name des Kaisers steht, so wird auf allen Bauten,
-in allen Gärten, die von der Stadt errichtet wurden, der Name Lueger
-hingeschrieben und eingemeißelt. In hundert Inschriften liest man es
-überall: »Erbaut unter dem Bürgermeister Dr. Karl Lueger.« Und wie
-dem Kaiser das »Gott erhalte ...« entgegenschallt, so empfängt den
-Bürgermeister überall seine offizielle Hymne: »Hoch Lueger, er soll
-leben ...« Wer städtische Dienste nimmt, muß Luegertreu sein, so wie
-jeder Staatsdiener zur Kaisertreue verpflichtet ist. Er hat das so
-eingerichtet, hat sich um den Widerspruch der Machtlosen, hat sich um
-das Recht der freien Meinung, die das Staatsgrundgesetz gewährleistet,
-nicht gekümmert und einen Fahneneid eingeführt für alle, die im Rathaus
-Broterwerb suchen. Ein monarchisches Talent, das vorher gröhlend durch
-alle Tiefen des Pöbels geschritten ist, im Bierdunst der Versammlungen
-die Massenpsychologie studiert und den Menschenfang allmählich bis
-zur Meisterschaft gebracht hat. Dennoch, nur ein Bürgermeister. Aber
-was hat er aus seiner Rolle gemacht! Wie Mitterwurzer einst, als er
-im »Don Carlos« den Philipp gab, das Stück umkehrte und alle Welt
-zur Verwunderung zwang. Gegen Carlos und Posa war dieser Philipp nie
-aufgekommen, er galt für so wichtig nicht, nicht für so begehrenswert
-und dankbar. Und jetzt auf einmal war Philipp die Hauptsache, war
-Mittelpunkt und Held des Stückes. Die vorigen Bürgermeister sind nur
-brave Ensemblespieler gewesen gegen den jetzigen. Der aber hat die
-Kunst der Auffassung. So wie er seine Rolle anschaut, wie er die
-Bedeutung seines Amtes begreift, hat er es ganz neu entdeckt; fast
-möchte man sagen, neu kreiert. Niemals ist der Bürgermeister von Wien
-so viel gewesen wie heute. Neben dem Landesherrn, der Herr der Stadt.
-
-Ein anderes Kapitel aus dem Roman dieses Lebens: Wie
-dreimalhunderttausend sozialdemokratische Arbeiter gegen seinen Willen
-über die Ringstraße ziehen; wie sie das allgemeine, gleiche und direkte
-Wahlrecht erzwingen; wie der alternde Bürgermeister im Pomp des
-Rathauses sitzend dies Brausen der Volksmenge vernimmt; wie eine Ahnung
-ihn ergreift, daß nun eine neue Zeit heranbricht, eine neue Zeit,
-die er nur aufhalten, nur für eine kurze Weile verzögern aber nicht
-hindern konnte. Sie wird erbarmungslos die Dämme niederreißen, die er
-aufgerichtet hat; sie wird ihn zu den Komödianten von vorgestern werfen
-und ihn erledigen. Wie jetzt eine Ahnung ihn ergreift, daß da draußen
-ein Gegner sich emporrichtet, langsam und furchtbar, ein Feind, dem er
-sich nicht mehr entgegenzuwerfen vermag. Wie der Zorn von einst und die
-Rauflust von früher noch einmal in ihm schwellen und wie er spürt, daß
-ihm die Kräfte langsam entschwinden, spürt, daß er nicht mehr aufrecht,
-nicht mehr sicher und schwindelfrei genug sein wird, wenn auch an seine
-Tür plötzlich die Jugend pocht, wie an die Tür des Baumeisters Solneß.
-
-Und noch ein Kapitel: Wie er jetzt weißhaarig, matt, erblindet und
-zitternd, von zwei Nonnen geführt, einherwankt, mit Orden bedeckt,
-... Exzellenz ... auf dem Gipfel ... und niedergebrochen. Den letzten
-Rest der im Kampfe aufgebrauchten Gesundheit im Rausch der Siegesfeste
-vergeudet. Vorzeitig zu Boden geschleudert, unfähig die Ernte zu
-genießen. Neidisch auf alle, denen er emporgeholfen und die nun in
-der Fülle der Macht schwelgen. Wie er langsam zum ewig greinenden,
-mißlaunigen, scheltenden Alten sich wandelt, dem die Treuesten nur noch
-aus Pietät lauschen. Wie er fühlt, daß sie von ihm abrücken, heimlich
-schon über ihn lächeln, die Achseln zucken; und wie er dann manchmal
-zeigen möchte, daß er noch derselbe ist, wie er längst abgenützte
-Künste wieder spielen läßt, wie er mit gebrochener Stimme wieder
-schmettern und donnern möchte, und wie ihn dann die Weihrauchdämpfe
-mitleidiger Schmeichler benebeln und beschwichtigen. Das letzte
-Kapitel: wie diese Flamme eines Wiener Temperamentes im blassen
-Schimmer der Ordensterne, im kindischen Glanz von Auszeichnungen und
-Titeln verlöscht.
-
-Dieser Roman wäre zu schreiben. Die Gestalt eines Menschen zu
-zeichnen, in dem sich der Wille einer Epoche erfüllt hat. Jetzt
-freilich muß man noch warten. Bis es sichtbar wird, was nach ihm kommt,
-bis die Jahre, die seinem Dasein folgen, die richtige Distanz und die
-richtige Perspektive geben. Dann mag es geschehen, daß irgend jemand
-nach diesem Manne greift und den Roman seines Lebens, den man schnell
-vergessen wird, wenn er zu Ende ist, zu einem unvergeßlichen Kunstwerk
-formt.
-
-
-
-
-GIRARDI-KAINZ
-
-
-Sie betonen es, daß gerade diese beiden vortrefflichen Schauspieler
-dem wienerischen Theater unentbehrlich sein müßten, weil sie unter den
-wenigen bedeutenden Persönlichkeiten, die sich hier etwa vorfinden, die
-stärksten Österreicher seien. Ich würde hinzufügen: die letzten, wenn
-es nicht übertrieben wäre, dergleichen von irgendeinem Menschenexemplar
-zu behaupten. Aber für uns sind sie bei alledem die letzten; wir werden
-schwerlich noch andere sehen und wir vermissen sie sehr.
-
-Sie weisen mich darauf hin, daß diese beiden Schauspieler einander
-verwandt, ja oft frappierend ähnlich sind. Dies sei Ihnen vorher nie
-so deutlich geworden als eben jetzt, da Kainz und Girardi gleichzeitig
-in Berlin wirken. Bei uns ist es, wie natürlich, oft bemerkt und
-besprochen worden. Manches ist ihnen gemeinsam. Wie Männer, die gewohnt
-sind zu befehlen, fast überall diesen unbeirrten ruhigen Ausdruck des
-Blickes, diese geborgene, schwere Sicherheit des Tones in der Stimme
-haben, so haben diese beiden in ihren Gebärden, in ihrem Gehen über
-die Bühne, in der unbedingten Freiheit ihrer Schultern das Glück
-früher und beinahe müheloser Erfolge. Sie waren gleich von Anfang an
-berühmt, sind es schon von Jugend auf. Sie stehen jahrzehntelang unter
-der erfrischenden Dusche des Beifalls. Dann ist da noch in beiden
-auf dem Grunde ihres Wesens ein beständig mitschwingendes Jauchzen,
-und das ist ihre Verwandtschaft. Sie sind beide so sehr voneinander
-verschieden, ganze Welten liegen zwischen ihnen; allein wie Brüder
-oft voneinander verschieden und durch Weltenfernen in ihrem Charakter
-voneinander getrennt sein können, und dennoch mit einem Lächeln, mit
-einem Zucken der Lippen sich als Geschwister offenbaren, so offenbaren
-sich diese beiden mit ihrem Jauchzen als Brüder. Denn es ist ein
-österreichisches Jauchzen; es stammt aus demselben Klima, es ist von
-derselben Sonne und von demselben Dialekt gebräunt. Auch ist ihr
-Zugreifen dasselbe. Sie wissen ja, was ich damit meine: ihre Art eine
-Sache anzugehen, einer Empfindung, einem Konflikt gegenüber zu treten,
-sich einer Aufgabe zu bemächtigen, kurz, es ist derselbe Handgriff.
-
-Man hat Ihnen gesagt, daß Girardi der typische Ausdruck des Wienertums
-sei, die leibhaftige Verkörperung der wienerischen Art, der
-wienerischen Echtheit. Es ist so oft gesagt worden, hat so oft in den
-Zeitungen gestanden, daß es vielleicht wahr ist. Trotzdem vermochte ich
-niemals den Gedanken abzuweisen, warum man einen glänzenden Orientmaler
-dann nicht auch einen typischen Orientalen nennt. Oder weshalb wir
-dann zum Beispiel Lafcadio Hearn nicht als einen vollendeten Japaner
-erklären. Hat doch der eine alle Farben und feinsten Lufttöne des
-Morgenlandes gegeben, der andere die seelische Verstecktheit Japans
-erhellt. Nur weil der Maler so sichtbar von seinem Werk zu trennen
-ist? Und weil wir zu genau wissen, daß Hearn ein Anglo-Amerikaner war?
-
-Auch Ihnen erscheint Girardi als der echte Wiener. Aber Sie haben gewiß
-schon bemerkt, wie sonderbar und wie irreführend das national und
-landschaftlich Echte auf fremder Erde wirkt. Eine spanische Tänzerin
-scheint uns absolut ganz Spanien auszudrücken; ein tartarischer Sänger
-absolut die Welt des Kaukasus. Unsere Vorstellung von Spanien findet
-sich in irgendeinem Hüftenrhythmus der Tänzerin plötzlich bestätigt,
-unser Phantasiebild vom Kaukasus glüht bei irgendeinem Kehllaut
-des Sängers unversehens auf, und wir rufen: echt! Wir rufen es mit
-Entzücken und verfehlen dabei -- fast regelmäßig -- gerade diejenigen
-Dinge, die ein Spanier oder ein Tartar mit vertrauten Instinkten als
-echt empfinden würde.
-
-Girardi trägt viel Wienerisches in sich. Von den feinsten wienerischen
-Stoffen wie von den allgemeinsten hat er den Extrakt in sich gesogen;
-viele wienerische Elemente sind in ihm zu Essenzen verdichtet. Wenn er
-spricht, hören wir aus seiner Stimme die Urlaute des Volkes, wenn er
-singt, aus seiner Fröhlichkeit jenes niederösterreichisch-jauchzende
-Johlen trunkener Rekruten, das im Frühling und im Herbst immer
-durch unsere Straßen hallt. Im Aufschnalzen eines Wortes klingt
-die schnippische Anmut Wiener Vorstadtmädchen, und wenn die Leute
-von Girardi reden, schleppen sie auch sofort alle Wiener Typen zum
-Vergleich heran; den Fiaker, den Deutschmeister, den Zahlkellner, den
-Sportbaron. Aber das Wienertum, das er gibt, ist im Grunde nicht das
-wirkliche, sondern es ist ein Wienertum, das er ganz allein erfunden
-hat. Wir spüren immer »Wien« bei ihm. Nur wenn er uns nicht völlig
-umnebelt, spüren wir zugleich auch: er macht etwas ganz anderes
-daraus, etwas, das neben dem Wienerischen ist. Etwas, das vielleicht
-darüber ist, wie schließlich alle Kunst über dem Wirklichen, alle
-Dichtung über dem Wahren; aber etwas, das eine besondere Kontur hat;
-keine wienerische. Es ist eine halbechte, eine unwahre, doch in ihrer
-Unwahrheit eine entzückend mögliche und hinreißend eigenartige Kontur.
-Dieses Wienertum, das Girardi gibt, hat vorher nicht existiert. Seit er
-es ersonnen hat, wird es nachgeahmt. Die Leute haben im Theater von ihm
-gelernt, wie man wienerisch ist und haben es nachher kopiert. Hunderte
-seiner Einfälle, seiner plötzlichen Ideen vom Wienertum laufen jetzt
-verwirklicht und lebendig umher.
-
-Wie sollte ein Mann, der so stark ist, daß er uns alle glauben macht,
-seine persönliche Art sei die unsere, sei unser Spiegel und Abklatsch;
-sein eigenes, durchaus einziges Wesen sei der Inbegriff und die
-Verkörperung unserer Wesenheit, -- wie sollte ein solcher Mann nicht
-auch bei Ihnen als der definitive Ausdruck des Wieners gelten? In dem
-gewissen landläufigen Sinn ist er ja schließlich ein Vertreter Wiens,
-wenn man diese Bezeichnung nur in ihrer flüchtigen, zeitungsmäßigen
-Bedeutung anwendet, in der sie sonst gebraucht wird, um einen Künstler
-rasch mit dem Poststempel zu versehen. Aber nehmen Sie nur einmal seine
-eckige Gestalt, in der nichts Sanftes und Gleitendes sich rundet,
-in der nur die ungeheuere Energie eines Marschrhythmus schleudert
-und schlenkert, und Sie werden sogleich sehen, daß eine ganze, in
-ihrer innersten Natur wienerische Welt sich in diesem Künstler gar
-nicht oder nur vermittels besonderer Transponierungen ausdrückt. Er
-hat jahrzehntelang Walzer von Johann Strauß gesungen; siegreich und
-hinreißend hat er sie gesungen, aber sie mußten erst durch ihn zu
-Girardi-Couplets werden, und sie waren -- wenn er sie sang -- eben
-keine Walzer von Johann Strauß. Wenn man nur die Texte anschaut, die
-eigens für ihn diesen Walzern unterlegt wurden, kann man das sogar
-jetzt noch nachprüfen. Denn alle diese Texte widerstreben in ihrem
-Witz, in ihrer karikaturistischen Schärfe, in ihrer harten Ironie, der
-weichen Seele des Wiener Walzers. Alle diese Texte sind den Walzern
-aufgezwungen, gehen ihnen gegen die Natur. Aber die Farbe seiner
-Persönlichkeit ist so sprühend, so durchdringend und so vorleuchtend,
-daß es fast unbemerkt geblieben ist, was ein Straußscher Walzer bei
-Girardi wurde, daß es fast unbemerkt geblieben ist, wie sehr diesem
-Manne selbst ein wienerisches Grundelement fehlt: das innere Tanzen.
-Und fast unbemerkt ist es geblieben, wie er das Wesen dieser Stadt
-überfärbt und verändert und umgebildet hat.
-
-Man könnte es etwa damit erklären, daß die enorme schauspielerische
-Kraft Girardis, der es beinahe immer an wirklichen Rollen fehlte,
-solchem Mangel abgeholfen hat, indem sie sich der ganzen Stadt als
-einer Girardi-Rolle bemächtigte, sie immer wieder studierte, ihren
-reichen Inhalt immer wieder erlebte, und sie dann immer wieder als
-Girardi-Rolle spielte. Zuletzt war denn auch jeder zweite junge Herr,
-den man auf der Straße traf, jeder Fiakerkutscher, jeder Briefbote,
-jeder Spießbürger eine Girardi-Rolle. Eine Zeitlang lief halb Wien
-herum und spielte Girardi, und wußte nicht, daß es damit sich selbst
-aufgab, daß es auf seine eigene Echtheit verzichtete, und an deren
-Stelle die besondere Echtheit eines einzelnen annahm. Seine Wirkung
-ist bis auf den heutigen Tag so umklammernd, daß selbst der Wiener
-Dialekt Girardi-Worte mitführt, die es früher nicht gegeben hat, die
-niemals auf dem Wiener Boden wachsen könnten, die keine Wurzeln in
-der wienerischen Sprache besitzen, die aber jetzt als selbständige
-Schöpfungen in der Wiener Mundart leben. Dabei sind es Verzerrungen;
-denn er kann gelegentlich über irgendein Wort herfallen, kann es mit
-einem Hieb zum Krüppel schlagen, kann es zerquetschen und zerkneten
-und ihm zugleich damit ein ganz neues, überwältigend komisches Gesicht
-geben. Eine Zeitlang hat halb Wien in solchen Ausdrücken geredet,
-und Sie werden zugeben, daß dies keinen Wiener Dialekt, sondern eher
-einen Girardi-Jargon vorstellt. Man könnte sagen, vieles, was Girardi
-tut, ist Wien, aber vieles, was Wien tut, ist Girardi. Unsere Stadt
-ist sein ganzes künstlerisches Erlebnis. Unendlich viele feine und
-grobe Reflexe der wienerischen Art funkeln in ihm. Unendlich viele
-Nuancen des wienerischen Wesens, zarte und derbe, drücken sich in ihm
-aus. Aber wenn Sie den Begriff Wien als ein Ganzes nehmen, zu dessen
-Bestandteilen auch Schubert und Kriehuber und Grillparzer und Schwindt
-und Fischer von Erlach und Makart gehören, dann werden Sie finden, daß
-Girardi weder der Spiegel noch der Ausdruck des Wienertums ist; nicht
-der Wiener, sondern unter wenigen erlesenen Wienern: Auch einer.
-
-Daß man bei den erbärmlichsten Possenfiguren, die er darstellt, oft
-wie von ferne den Atem wirklicher Tragik spürt, daß die Puppen bei ihm
-gleichsam transparent werden, und der Zuschauer durch sie hindurch in
-tiefe Menschlichkeiten blickt, daß man immer wieder, wenn man Girardi
-in einer elenden Schwankrolle begegnet, überzeugt ist, er könne auch
-klassische Meisterrollen spielen, möchte ich so hoch nicht anschlagen.
-Was wäre denn auch ein Humor ohne diese dunkeln Untertöne? Was wäre
-uns ein Komiker ohne diese Durchblicke ins Menschliche? Ich weiß nicht,
-ob wir über ihn lachen wollten, aber ich bin sicher, daß wir nicht über
-ihn reden würden. Vielleicht ist der Zug ins Klassische in irgendeiner
-Epoche Girardis näher und stärker gewesen; vielleicht haben wir da für
-die Kunst des großen Stiles einen Verlust zu beklagen. Ich glaube nicht
-sehr daran. Das heißt, ich glaube wohl an die objektive Gabe Girardis,
-in dieser Kunst ein Hohes zu leisten, aber ich bezweifle sein dauerndes
-Bedürfnis danach.
-
-Dieses dauernde und leidenschaftliche Bedürfnis, über sich selbst
-hinweg zu Höherem, und auf höheren Gipfeln wieder zu sich selbst zu
-gelangen, lebt in Kainz. Ich bezeichne damit keinen Unterschied der
-Werte, sondern nur die verschiedenen Wege, die Kainz und Girardi
-gewandelt sind. Beide von demselben Punkt ausgehend, dieser immer durch
-Wien, allein durch Wien, und auf den allernächsten Straßen immer wieder
-zum eigenen Ich; jener durch aller Herren Länder. Girardi, indem er
-alles zum Werkzeug seiner Persönlichkeit macht, alles in den Dienst
-der angeborenen Art zwingt; Kainz, indem er sich als ein Instrument
-darbringt und allen Geistern dient, die ihn entzücken.
-
-Es gibt keinen anderen deutschen Schauspieler, der wie Kainz den
-Romanen so nahe wäre, der Beredsamkeit des romanischen Temperaments,
-der musikalischen Anmut und der tänzerischen Biegsamkeit. Ich weiß
-nicht, wo ich diese wunderbare österreichisch-italienische Mischung
-heute im sichtbaren Leben fände, um sie Ihnen als Beispiel anzubieten,
-aber ich erinnere Sie an manche Paläste in Wien und in Salzburg, die
-von italienischen Baumeistern errichtet, und nachher von Canaletto
-gemalt wurden, und deren Linien in geheimnisvoller Harmonie alles
-aussprechen, was wienerisch, und zugleich alles, was über das
-Heimatliche hinaus italisch, südlich und sonnig ist.
-
-Es gibt auch keinen anderen Schauspieler als ihn, der sich zu einem
-solch vollendeten Instrument der Dichter gebildet hätte. Gebildet an
-seinem knabenhaft schmalen, in allen Gelenken jugendlich behenden
-Leib, an seinem schlagfertigen, feinhörigen Geist und an allen seinen
-Mitteln des Ausdrucks. Keiner ist ein solcher Meister der köstlich
-bewußten, durchgearbeiteten, der besiegten und zu etwas Unwillkürlichem
-gewordenen Technik. Es ist mir keiner gegenwärtig wie er, der die
-Geheimnisse der Technik so ergründet, keiner, der ihre Mühseligkeit so
-überwunden hätte. Und gewiß besteht das tiefste Wesen der Kunst nur
-darin, die Geheimnisse der Technik zu entziffern, das edelste Wesen der
-Kunst darin, die Mühsal des Technischen in Leichtigkeit zu verwandeln,
-seine Hindernisse in Stützen, seine lastende Schwere in ein Mittel zum
-Vogelflug. Es ist mir immer wunderlich, wenn ich einen Schriftsteller
-abfällig Wortkünstler nennen höre, einen Schauspieler Sprechkünstler;
-denn was soll ein Schriftsteller sein, wenn er nicht ein Künstler
-am Worte, und was ein Schauspieler, wenn er nicht ein Meister des
-Sprechens ist? Es erscheint mir immer wunderlich, wenn einer es
-niederschreibt, dieses oder jenes sei nicht zu schildern, sei nicht
-auszudrücken, und nicht zu nennen. Denn worin besteht nun sonst in der
-Welt seine Aufgabe und sein Daseinsrecht wenn er ein Schriftsteller
-sein will, als eben darin, daß er verpflichtet ist, zu schildern, was
-sich nicht schildern läßt, verpflichtet, auszudrücken, was dem Ausdruck
-gerne sich entzieht, verpflichtet, zu nennen, was mit gewöhnlichen
-Benennungen nicht ergriffen werden kann? Die Gabe, irgend etwas
-Künstlerisches zu vollbringen, ist doch in uns nicht wie das Wasser
-im Schoß eines Brunnens, daß man nur den Hahn aufzudrehen braucht, um
-es immerzu laufen zu lassen. Wie viele aber tun nur eben dieses, --
-gerade bei den Schriftstellern und Schauspielern --, lassen rinnen
-und strömen, was in ihnen ist, wie es die Gnade des Augenblicks just
-gewährt, stehen dabei und verehren andächtig das Walten des Gottes, den
-sie in sich glauben. Wie viele saloppe, von Verlogenheit, von Faulheit
-und von sorglosem Hochmut zurechtgekleisterte Mache tritt uns in der
-Kunst feierlich und anspruchsvoll als »Arbeit« entgegen.
-
-Wenn Sie aber erwägen, wie viele erlauchte Kräfte der Seele und
-des Verstandes angestrafft werden müssen, wie viele edle Kräfte
-des Körpers, wenn Sie erwägen, mit welcher Gewalt sich ein Mensch
-immerfort zusammenfassen muß, damit er fähig werde eine Technik zu
-erwerben, und wie tief er in sein eigenes Selbst muß schauen können,
-damit er +seine+ Technik erringe, dann werden Sie gerne verstehen,
-daß es vor allem die Arbeit ist, die mich an Kainz bezaubert. Diese
-wunderbar funktionierende Arbeit voll jeder Lust an der schwersten
-Bravour. Dieser Schauspieler besitzt sich selbst in jedem Augenblick.
-Sein ganzer feiner, komplizierter Organismus gehört und gehorcht
-seiner Arbeit und er beherrscht ihn so, daß sein Künstlerwesen keinen
-Augenblick in jene demütigende Abhängigkeit gerät, welche die Schwachen
-Stimmung nennen. Er hat ihn so vollkommen entwickelt, daß es keine
-ungenützten Reste, keine versäumten und verschleuderten und verlorenen
-Möglichkeiten bei ihm gibt.
-
-Manchmal läßt er diesen Organismus sozusagen leer laufen, läßt diese
-brillant funktionierende Technik einfach absurren. Sie haben ihn ja
-selbst schon an solchen Abenden gesehen, und Sie werden den Zustand,
-in dem er sich da befindet, gewiß nicht mit jenem verwechseln, den
-ich oben Stimmung genannt habe. Es ist, als zöge er sich gleichsam
-aus seiner Arbeit zurück, als nehme er ihr sein Seelisches. Aber
-es ist kein Erliegen, kein Gelähmtsein, welches den Künstler unter
-sein Wollen, unter seine Aufgabe wirft und ihn am Schaffen hindert.
-Vielmehr ist es ein innerliches bewußtes Sichabwenden von einer längst
-gelösten Aufgabe; vielmehr ist es das unwillkürliche Abfallen des
-Schöpfers von seinem vollendeten Werk.
-
-An solchen Abenden, aber manchmal auch in Augenblicken des Glanzes,
-manchmal auch an dem von plötzlicher Gleichgültigkeit wie gehöhlten und
-berstenden Klang seiner unermeßlich reichen Stimme ist es zu spüren,
-daß dieser Schauspieler, der an der äußersten Grenze des Meisterlichen
-steht, anfängt, über seine Kunst hinweg zu leben, daß es ihn über die
-Grenzen seines Berufes hinwegzieht, über diese Grenze hinaus bangt
--- irgendwohin. Er ist so hart bis an den Rand jeglicher Erfüllung
-gestiegen, daß er sich manchmal schon von der Dämonie des Vergeblichen
-angehaucht fühlt. Diese Existenz jenseits aller erlebten Reife ist die
-subtile Tragik seiner Gegenwart und das Problem seiner Zukunft.
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-MENAGERIE IN SCHÖNBRUNN
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-Vor wenigen Jahren gab es fünf oder sechs junge Bären in Schönbrunn.
-Herzige kleine Dinger, die in ihrem frischen Wollpelz aussahen, als
-trügen sie zu weite Hosen. Alle schienen sie, mit ihren fröhlichen
-Ohren, mit den weichen, hilflosen und doch so geschickten Bewegungen,
-und mit den listig schmunzelnden Schnauzen wie geborene Komiker. Man
-hatte die ganze Gesellschaft in einen Zwinger gesteckt; da spielten
-sie, rauften miteinander, kugelten und balgten sich. Es war die
-richtige Kinderstube. Wie dann die Leute anfingen, sie zu füttern,
-wurden die kleinen Bären gewerbsmäßige Bettler; saßen beständig
-nebeneinander am Gitter, jammerten und stöhnten, als müßten sie Hungers
-sterben, wenn sich von den Vorübergehenden niemand ihrer erbarmte. Und
-je mehr Zulauf sie hatten, desto herzbrechender wurden die Klagen, die
-sie anhoben. Noch mit dem Bissen im Maul fuhren sie fort zu wimmern,
-daß die Mildtätigkeit nur ja nicht erlahme und keiner denke, so vieler
-Kummer sei mit geringem Almosen gestillt. Durch ihren Erfolg verlockt,
-begannen die japanischen Bären gegenüber ein Konkurrenzgeschäft und
-stimmten ein originelles Flennen an, das geradezu Aufsehen erregte.
-Es war ein ganz dünnes, zimpferliches Weinen, tremolierend, atemlos,
-und boshaft, wie von jemandem, der friert und der sich ärgert. Aber
-dieses Ehepaar hatte auf die Dauer kein Glück, denn es war ein düsteres
-Familiengemälde, das sich hier bot. Der Mann, ein ausgemachter
-Heuchler, schlug seine Frau in aller Wehmut, so oft sie einen Brocken
-erhaschte. Wimmernd und wehklagend mißhandelte er seine Gefährtin und
-nahm gerührt alles für sich allein.
-
-Dann kam ein Wolf in die Menagerie. Der saß eines Tages hinter Schloß
-und Riegel und festen Eisenstäben und war sehr unglücklich. Denn
-er war ein Wolf, der einst bessere Tage gesehen hatte. In seiner
-Jugend war er irgendwo bei einer guten Frau wie der Hund im Haus
-behandelt worden. Das ist enorm viel für einen Wolf, und er konnte der
-glücklichen Zeit nicht vergessen. Die Behörde war eingeschritten, und
-in ihrer unerschöpflichen Weisheit hatte sie entdeckt, ein Wolf sei ein
-reißendes Tier. Also vertilgen oder ihn vorschriftsmäßig unterbringen.
-All seine Sanftheit half nichts; es half nicht, daß er gehorsam
-auf jeden Ruf herbeigelaufen kam, nicht, daß er mit bestrickender
-Liebenswürdigkeit wedelte, nicht, daß er -- an gekochtes Futter
-gewöhnt -- das blutige Fleisch verschmähte, es half nicht, daß er sich
-streicheln ließ und zärtlich die Hand zu lecken verstand; er wurde als
-reißendes Tier eingesperrt. Es war einfach ein Justizmord. Dazu gab man
-ihm einen ungezähmten Gefährten. Offenbar um einen ordentlichen Wolf
-aus ihm zu machen. Er blieb sanft. Er duldete die Bisse und Schläge
-seines Zellengenossen und konnte nur weinen. Der Kaiser hat ihn einmal
-auf einem Morgenspaziergang jammern gehört, fand ihn blutig und
-hilflos und befahl, daß der gute Wolf vom bösen befreit werde.
-
-Dann gab es einen weißen großen Kakadu in Schönbrunn, der ein Simulant
-war. Hatte er Zuschauer, begann er sofort mit seiner Komödie. Er besaß
-eine kunstvolle Art, langsam und mit vielen Umständen seine Kette
-um Hals und Kopf zu winden und sie außerdem an der Kletterstange zu
-verwickeln, so daß es den Anschein hatte, als habe er sich unversehens
-stranguliert. Hing er endlich in der selbstgedrehten Schlinge, dann
-erhob er mit einemmal ein gottsjämmerliches Schreien und Kreischen,
-schlug mit den Flügeln, als stünde sein qualvolles Ende bevor. Immer
-saß irgendwer diesen gellenden Hilferufen auf und lief nach dem Wärter.
-Die Zurückgebliebenen bedachten indessen erregt, ob der arme Vogel wohl
-so lange noch leben könne. Wenn er aber merkte, daß nun die Spannung
-ihren Gipfel erreicht habe, oder wenn ihm jemand beistehen wollte, zog
-er plötzlich den Kopf aus der verschlungenen Kette, schwang sich auf
-seine Sprosse und schaute ganz still und ruhig umher, als sei nichts
-geschehen.
-
-Dann gab es einen Löwen, der sich gemütlich ans Gitter preßte und
-sich die Mähne krauen ließ. Nach einer Weile aber fuhr er mit
-erschrecklichem Fauchen herum, schlug mit den Tatzen nach dem
-freundlichen Wärter und benahm sich so recht als ein großer Herr, der
-treue Dienste mit grausamer Undankbarkeit lohnt.
-
-Früher bin ich alle Tage in den Schönbrunner Garten gegangen und
-am liebsten bei den Tieren gewesen. Die vielen großen und kleinen
-Tragödien, die sich hier abspielen, all die lustigen Zwischenfälle, die
-drolligen Episoden, diese verschiedenartigen Äußerungen und Anzeigen
-einer zwar deutlich wahrnehmbaren, für uns aber unverständlichen und
-geheimnisvollen Vernunft können stundenlang aufregen oder erheitern.
-Jetzt sind die Bären erwachsen, und nur ein einziger kleiner Kerl
-wohnt in der Kinderstube von damals. Die japanische Konkurrenz hat
-sich beruhigt und führt ein ziemlich friedliches Dasein. Der arme Wolf
-wird immer noch nicht müde, seine Unschuld zu beteuern; begrüßt jeden
-mit demütiger Gebärde und sitzt den ganzen Tag mit sehnsüchtigen Augen
-da. Heute wissen ja alle, daß er zahm, lieb und ungefährlich ist.
-Trotzdem muß er hinter Gitterstäben bleiben; nur weil er ein Wolf ist.
-Aus keiner anderen Ursache. Und so mancher bissige Hund läuft frei
-umher, wird geachtet und geehrt. Aber wer kann eingewurzelte Vorurteile
-besiegen? Da gibt es denn nichts Verfehlteres im Leben als einen Wolf,
-der mit den Wölfen nicht heulen will.
-
-Der Kakadu ist noch derselbe Schwindler und foppt die Leute, so
-oft es ihm gefällt. Dem Löwen aber hat man, wie es scheint, seine
-Herrenlaunen abgewöhnt. Geduckt sind alle diese Tiere durch ihre lange
-Gefangenschaft. Ihnen allen ist die Menschenfurcht von den Mienen
-zu lesen. Aber verändert sind sie in ihrem Wesen nicht. Manchmal
-revoltieren sie, und solche Augenblicke, in denen ihre wirkliche Natur
-hervorbricht, sind von einer wunderbaren Gewalt.
-
-An sommerstillen Abenden, wenn die Löwen unruhig in ihrem Käfig
-umherlaufen oder stehen bleiben, das Haupt tief herabgesenkt,
-aufmerksam witternd; wenn der Königstiger sich erhebt und die
-ungenützte Kraft in seinen Flanken zittert; und wenn sie dann alle
-ihr Gebrüll beginnen, das wie ein schmerzliches Stöhnen und Blasen
-sich anhört, dann fallen die anderen Tiere ein, und dann ist es ein
-mächtiger Chor der Gefangenen. Und es ist von einem sonderbaren
-Reiz, die Stimmen aller Länder und Zonen hier auf einem einzigen
-Platz zu vernehmen. Die Löwen der afrikanischen Wüste, die Tiger aus
-den Dschungeln Indiens, den Schrei der Pardelkatzen aus Brasilien,
-das Brummen der nordamerikanischen Bären, die wilden Trompetenstöße
-der Elefanten, tropisches und arktisches Getier, als ob sie aus
-allen Weltteilen ihre erbitterten Klagen erheben wollten gegen eine
-drückende, ungerechte und quälende Herrschaft.
-
-Versöhnlicher hört sich das in der großen Volière an, in diesem hellen,
-belebten Saal, in dem die Vogelstimmen aus allen Wäldern der Erde
-ineinanderklingen. Von einer beständigen, fröhlichen Musik ist das
-freundliche Gelaß erfüllt. Tausendfache Melodien tausendfach ineinander
-verschlungen, Töne von einer märchenhaften Reinheit, ein Gesang von
-so schallendem Jubel, daß man sich von linder, tröstlicher Heiterkeit
-unwiderstehlich ergriffen fühlt. Staunend betrachtet man hier die
-wundersamsten Launen der schaffenden Natur. Winzige Vögel, die in
-der Farbenglut ihres Gefieders aussehen wie lebendiges Geschmeide.
-Prunkvolle, majestätische Tiere wieder mit richtigen Kronen auf dem
-stolzen Haupt; Tiere von heraldischer Würde, und dann wieder tolle,
-groteske Einfälle, Karikaturen, beschämte Existenzen, äußerste
-Plumpheit und himmliche Anmut; märchenhaft holde Gebilde und höhnische
-Verzerrungen, und beinahe mit frommen Gedanken findet man sich einer
-Kraft gegenüber, die mit sorglosem Gleichmut solch höchste Vollendung
-der Schönheit und so erbärmlich mißlungene Versuche nebeneinander
-bietet. Merkwürdige Vögel lernt man hier kennen, mit lyrisch-zärtlichen
-Namen wie die Diamant-Amandine; mit Namen aus Tausendundeiner Nacht,
-wie den Vogel Bülbül, von dem manche Leute glauben, daß er gar nicht
-existiert. Hier hüpft er gar zierlich in seinem Bauer umher und ist der
-Nachbar des echten Pirol. Gegenüber jedoch wohnt einer, der wie eine
-kleine gelbe Krähe aussieht. Gelb mit schwarzen Kopfflecken, schwarzen
-Schwingenfedern. Er hat ein scheues, schweigsames Wesen und heißt: Der
-schwefelgelbe Tyrann.
-
-In der Volière wird der Zwang, den die gefangenen Tiere erleiden, am
-wenigsten kenntlich. Aber draußen, die Adler und Geier, die in ihren
-Käfigen sitzen und mit kummervollen Augen ins Weite schauen, die ihre
-Schwingen breiten und sie wieder langsam, gleich als ob sie seufzen
-würden, zusammenfalten, die sehen wirklich aus wie gefesselte Helden,
-und sie können einen manchmal arg verstimmen. Ein Kind sagte neulich:
-»Ich weiß jetzt, Vater, wie die Adler aussehen, und du kannst sie
-schon wieder fliegen lassen.« Wir wissen auch, wie Löwen und Tiger
-aussehen, und lassen sie doch nicht laufen. Aber das ist, abgesehen
-vom Schaden, den sie stiften würden, eher zu begreifen. Denn die
-Menschen empfinden es als einen Reiz, gebändigte Wildheit zu beschauen,
-gefesselte Riesen anzugaffen und an wehrlos gemachter Kraft sich zu
-weiden. Jeder hat schon bei sich, vor dem Zwinger, erwogen, »was der
-Löwe tun würde«, wenn man ihn plötzlich freiließe. Ich hab' mich
-niemals dazu vermocht, ihm was Schlimmes zuzutrauen, ob ich gleich
-all die blutigen Dinge, die ihm nachgesagt werden, nicht im mindesten
-bezweifle. So oft ich ihn aber sehe, erscheint er mir sanft, anmutig,
-harmlos und besser als sein Ruf. Selbst wenn er brüllt, sieht er nicht
-wild aus, sondern eher, als sei ihm bedenklich übel. Und im übrigen ist
-der Löwe in unserem Bewußtsein schon mehr ein Klischee geworden als
-ein lebendiges Wesen, eine Art dekoratives Gebilde, das ein jeder von
-allen möglichen Wappen her kennt, von Brücken und Denkmälern, so daß
-man glauben möchte, er werde in den Menagerien nur gehalten, damit er
-seine Existenz beweise. Sicherlich denken die Leute in Afrika anders
-darüber ... Nur im Königstiger läßt sich der Feind erkennen. Doch wenn
-er in seiner engen Zelle die prachtvollen Glieder zum Sprung reckt,
-wenn er die verlangenden Körperkräfte an den Eisenwänden verrast, dann
-fühlt man Mitleid mit ihm und wünschte, diese Tiere, in denen der
-Trieb nach Freiheit nimmer schläft, möchten wenigstens in ein größeres
-Gehege gebracht werden. Es ist eine alte und, wie ich glaube, falsche
-Menagerietradition, die Raubtiere so eng als möglich zu halten und den
-Rindern, den Schafen und anderem gutmütigen, an den Stall gewöhnten
-Zeug weiten Spielraum zu lassen. Würde man Löwen, Tiger, Leoparden,
-Bären und Füchse in große Gehäuse bringen, wir könnten ihren Anblick
-zehnfach genießen und ein Schauspiel der herrlichsten Bewegungen würde
-sich entfalten.
-
-Der gleiche Brauch bewährt sich ja im Affenhaus, vor dem die großen
-und die kleinen Kinder sich amüsieren. Im Grunde aber ist es doch ein
-recht melancholischer Spaß, den man mit diesen kränklichen, boshaften
-und lächerlich menschengleichen Geschöpfen hat. Wie gehässige,
-misanthropisch ausgesonnene Karikaturen, wie gespenstische Zerrbilder
-und böse Träume wirken sie auf die Dauer. Es ist, wenn man einen
-Affen betrachtet, als habe ein Mensch durch Krankheit oder durch
-verruchten Zauber den Gebrauch seiner Gaben verloren, als falle er
-in den tierischen Urstand zurück. Und während alle Schamlosigkeiten
-des Körpers die Übermacht gewinnen, quält er sich ab, diesem Jammer zu
-entwischen, bleibt mit menschlichen Mienen und tierischen Gebärden an
-der fürchterlichen Grenze zwischen Mensch und Vieh. Diese Versuche, die
-ihn uns wieder nähern sollen, wirken wie fast alle Vergeblichkeiten
-aufs erste freilich komisch. Die Leute möchten vor Lachen rasend
-werden, wenn so ein kleiner Mandrill einen Spiegel in die Hand kriegt
-und sich über das Wunder nicht zu fassen weiß. Und das Amüsement
-kennt keine Schranken, wenn ein Affe all das nachzuahmen sucht, was
-ihm einer aus dem Publikum vorzeigt. Da wirkt der tiefe Ernst solcher
-Bemühungen und ihre Fruchtlosigkeit lächerlich. Aber wer einmal nur
-einen kranken Affen gesehen, wer diesen flehenden, kummervollen
-Menschenblick geschaut hat, diese dunkeln, klugen Augen, die in
-Tränen schwimmen, diese vergrämten, greisenhaften und so verzweifelt
-kinderähnlichen Züge, der wird ein atavistisches Grauen bei ihnen
-nicht mehr los. In Wirklichkeit possierlich sind nur jene Tiere, die
-man ohne Befangenheit betrachten kann. Tiere, von denen uns weite
-Distanzen und Zwischenstufen trennen. Ein Drahtgitter aber ist noch
-keine ausreichende Scheidewand. Und es dient beim Affenhaus nur dazu,
-gelegentliche Verwechslungen und Irrtümer hintanzuhalten.
-
-
-
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-MAUERBACH
-
-
-Am Laudonpark vorbei führt die schöne, sanft ansteigende Waldstaße nach
-Mauerbach. Gleich an ihrem Anfang steht das alte Laudonschloß mitten
-in einem stillen dunkeln Weiher. Man soll hier nicht vorbei, ohne
-diesen ruhevollen Herrensitz zu betrachten. Ein wenig neidisch wird
-man freilich, wenn man da so um die Mauern streicht und zu den hohen
-Fenstern emporblickt und dabei sich ausmalt, wie ganz wunderbar es sein
-muß, so mit allem Luxus und behaglicher Vornehmheit eingebettet sein
-inmitten des Waldes, umbuscht und umgrünt von einem Getümmel blühenden
-Strauchwerks und himmelragender Bäume. Auf dem stillen Weiher ziehen
-lichte Schwäne ihre Bahn, hellgrün belaubte Weiden lassen ihre Zweige
-in das Wasser niedersinken, und die Quadern des Schlosses spiegeln
-sich darin. Es ist ein Bau im Stil der Maria Theresienzeit. Anmutig
-und feierlich, und mit einem Zug ins Heroische. Daß man erst über eine
-steinerne Brücke gehen muß, um an das Tor zu gelangen, gibt dem Schloß
-das Aussehen einer Veste. So bauten die großen Soldaten vergangener
-Epochen. Immer, auch wenn sie sich zur Ruhe setzen, tun sie, als ob sie
-sich verschanzen wollten.
-
-Der Feldmarschall Laudon ist in Weidlingau noch sehr populär. Seine
-Nachkommen leben in dem schönen Schloß, das er ihnen hinterließ.
-Er selbst aber liegt draußen im Walde begraben. Neulich habe ich
-ihn sogar mitten durch die Hauptstraße reiten sehen, umgeben von
-seinem Stabe, im weißen Waffenrock, das Goldene Vließ auf der Brust
-und hinterher ein Schwarm türkischer Gefangener. Voran kamen zwei
-Herolde in altdeutscher Tracht. Und auf seinem Zuge ließ sich der
-Generalfeldmarschall photographieren. Das Ganze war ein Sängerfest,
-und der Mummenschanz nahm sich auf sonniger Straße hübsch genug aus.
-Namentlich der Feldmarschall Laudon, von einem schlanken jungen Mann
-mit Würde dargestellt, erschien hier wie ein alter Bekannter. Er glich
-aufs Haar dem Laudon auf dem Wirtshausschild, was für beide, für den
-gemalten wie für den kostümierten Generalissimus, als ein voller Beweis
-ihrer historischen Echtheit gelten darf.
-
-An diesem festlichen Tage fuhr ich, dem etwas langwierigen und lauten
-Männergesang zu entwischen, wieder einmal die Straße nach Mauerbach.
-Dort draußen kann man ja auch Sonntags im Freien sich ergehen, der
-frischen Luft genießen, ohne allzuvielen Menschen zu begegnen. Der
-große Schwarm hält sich eben dicht an der Bahnstrecke, und in dieses
-friedliche Seitental kommen nur wenige.
-
-Ein schmaler weißer Streifen, zieht die Waldstraße durch die schöne
-grüne Welt. Berge ringsumher, sanfte, freundliche Berge, einer zärtlich
-immer an den anderen gelehnt. Und breite, fröhliche Wiesenflächen, auf
-denen einsame Erlen ihre Äste breiten. Hier und da eine alleinstehende
-Eiche, die aussieht, als sei sie mit den anderen Bäumen verfeindet und
-halte sich nun trotzig abseits von ihnen. Oder ein paar zarte junge
-Birken mitten auf einer Wiese, als sei es ihnen im Walde zu langweilig
-geworden, und als wollten sie nur eben ein bißchen spazierengehen. Und
-der weiße Wegstreifen vor dir läuft immerzu ins Grüne hinein, bergauf,
-bergab, wie unsere Sehnsucht, die sommerlich ins Freie strebt.
-
-Man blickt zurück und findet sich völlig eingeschlossen von der
-Lieblichkeit der Wienerwald-Landschaft, in der so viel Eichendorffsche
-Stimmung ruht. O Täler weit, o Höhen! Wie nah ist man hier doch der
-Stadt, oder wie fern von ihr? Man weiß es nicht. Es können viele,
-viele Meilen sein, so still ist es da, und so unberührt ist die Flur.
-Nicht einmal der Wind trägt das lärmende Wanderlied der Eisenbahnzüge
-bis hierher. Nur Amselrufe, Finkenschlag und Lerchengesang, und das
-helle Zirpen der Grillen, das von den Wiesen aufsteigt wie der tönend
-gewordene Atem der blühenden Erde. Lange wird dieser Frieden nicht mehr
-dauern. Dann kommt die Bahn. Die »Wienerwald«-Bahn, wie man sie heute
-schon nennt, die von Hütteldorf über Judenau nach Tulln-Herzogenburg
-führen soll. Dann wird auch das jungfräuliche, wenig besiedelte
-Mauerbachtal, das jetzt so hübsch außer der Welt liegt, von Lärm und
-Unrast und Neugier erfüllt sein. Schlag' noch einmal die Bogen um mich,
-du grünes Zelt!
-
-Dann freilich wird auch das kleine Mauerbach für die sogenannten
-weitesten Kreise entdeckt werden. Und man wird finden, daß es ein
-seltsamer und sehenswerter Ort ist. Maler werden hierher kommen und das
-alte Karthäuserkloster malen, und die Pfründner, die jetzt darinnen
-wohnen, wird man auf Bildern sehen, die den Armenhausbildern von
-Gotthard Kuehl gleichen werden. Und man wird bemerken, daß Mauerbach
-geradeso schön ist, wie die vielgerühmte Beguinage in Brügge, und
-ebenso vom Zauber einer wunderbaren, wehmütig lieblichen Stimmung
-übergossen, wie die stillen Stätten verrastender Greise in Holland.
-
-Schon der abschüssige Dorfplatz in Mauerbach ist von einer merkwürdigen
-Schönheit. Die große uralte Linde, die in seiner Mitte steht, und das
-tief gelegene, farbige Portal, das den Eingang zur Karthause bildet.
-Verwachsene Fresken zieren den kühnen Steinbogen dieses Durchlasses,
-der eine Vedute auf den weiten Vorhof eröffnet. Es ist wie der Eingang
-zu einer Burg. Hinter dem vergitterten Fenster, das wie ein einziges
-Auge aus dem verwitterten Gemäuer blickt, mag einmal der Torwart
-ausgespäht haben. Jetzt sitzen die alten Frauen und Männer hier in der
-Sonne, oder rings um die Linde, oder sie kauern am Zaun der kleinen
-Vorgärten und schauen die Straße hinunter, die aus dem Gewühl des
-Lebens hierher zu ihrer Einsamkeit führt.
-
-Über den weiten Vorhof, in dem die Hühner und Gänse ihre Prozessionen
-halten, kommt man zum Kloster. Ein Wassergraben, durch den der
-Mauerbach rinnt, wehrt den Zugang und erinnert wieder an eine Festung.
-Weiter unten steht auch ein runder, spitzbedachter verwitterter Turm
-mit kleinen Schießscharten. Die Karthäuser mögen sich gegen alle
-Zufälle vorgesehen haben. Denn es war eben doch nicht ganz gemütlich
-hier, mitten im Wald, vor vier- oder fünfhundert Jahren, und die
-»Wienerwaldbahn« ruhte damals noch tiefer im Zeitenschoße als jetzt.
-Die Pfründner natürlich haben dem Bollwerk eine andere Bestimmung
-anphantasiert. Sie nennen ihn den Hungerturm und behaupten, man habe
-sündige Mönche da hineingesperrt und sie elend darin versterben lassen,
-und natürlich gibt es einige, die wissen wollen, daß es in dem alten
-Turm spuke.
-
-Durch schöne breite Gänge spaziert man in dem Kloster umher.
-Kreuzgänge, in denen es angenehm kühl ist, in denen die Schritte
-auf den Steinfliesen hallen, und wo das geschnitzte Holzwerk an den
-Türrahmen nachgedunkelt und tiefbraun geworden ist. Schlafsaal --
-Krankensaal -- liest man jetzt, wo früher Refektorium oder Bibliothek
-gewesen. Dann die Kirche. Sie ist klein, aber hoch, und hat einen
-prunkvollen Altar mit einem mächtigen Bild darüber; rechts und links
-zwei überlebensgroße, in Gold und reichen Farben prangende Holzstatuen.
-Hier ist auch das Grabmal Friedrichs des Schönen, der die Karthause
-einst gegründet hat. Draußen im Garten wird die Stelle gezeigt, an der
-Friedrich im Walde sich verirrte und das Gelöbnis tat, wenn Gott ihn
-aus der Wildnis führe, hier ein Kloster zu erbauen. Und Gott rettete
-den schönen jungen Herzog. Und der »bonus dux« wie die Grabschrift
-ihn nennt, hielt seinem Schöpfer, was er versprochen. Lange hat er in
-dieser Kirche geschlafen, hinter diesem roten Marmorstein, der heute
-noch sein Lob kündet. Als dann Josef II. das Kloster aufhob und zu
-einem Armenhaus verwandelte, wurde auch der Stifter von den Mönchen
-hinweggenommen und anderswo gebettet. Ich glaube, zu St. Stephan in
-Wien, oder im Stift zu Heiligenkreuz.
-
-Die Kirche aber ward zu groß befunden für die Armenhäusler, und so
-führte man in der Mitte eine Mauer auf, ließ das vordere Hauptschiff
-als Kapelle bestehen und teilte die rückwärtige Hälfte in mehrere
-Stockwerke, so daß jetzt zwei Schlafsäle übereinander den Raum
-einnehmen, den früher das Orgelemporium hatte. In dem obersten Saale
-sind alte Frauen. Da ist es denn für sie beinahe wie im Himmel selbst,
-denn sie sehen durch die Fenster geradeaus in die Kirche herunter,
-können von ihrem Bette aus den Hochaltar erblicken, die Messe hören,
-und der sanft schütternde Klang der Orgel dringt bis herauf in ihre
-Stube. Wenn sie aber morgens die Augen aufschlagen, dann haben sie
-gleich eine ganze Engelsschar über ihrem Haupt. Weil nämlich die
-prächtige Kirchendecke mit ihren Gemälden und ihren Stuckverzierungen
-hier unversehrt geblieben, genießen sie diesen Luxus, der ja in
-Armenstuben selten und sonderbar genug ist. Wo aber die Wand an die
-Kirchendecke stößt, schneidet sie freilich recht unbekümmert die ganze
-Herrlichkeit entzwei. Und da fährt nun ein Engel zum Zimmer herein, der
-halben Leibes noch in der Kirche drüben steckt. Ein anderer wieder ist
-noch mit den Beinen hier innen, während er mit Kopf und Armen voran in
-die Kirche strebt, und nimmt sich aus, als sei er hier gefangen und
-eben mit allen Kräften bemüht, zu entschlüpfen.
-
-Es ist ein merkwürdiger Raum, dieser Schlafsaal armer, alter Frauen,
-dessen Dielen Weichholz sind und dessen Plafond an fürstliche
-Prachtgemächer erinnert. Welch eine ergreifende Atmosphäre! Wie
-nah am Tode und am Ende aller Dinge fühlt man sich hier! Wie viel
-verbrauchtes Leben, vollendetes Schicksal, überstandene Sorge, wie
-viel Hoffnungslosigkeit und Trauer, müdgeweinte Enttäuschung, wie viel
-endgültiges, demütigendes Verzichten, wie viel Abschiedsschmerz atmet
-hier, wo die Menschen nichts mehr zu tun haben, als auf ihr Stündlein
-zu warten!
-
-Da sitzen die alten Frauen vor den Fenstern und schauen in die Kirche
-hinunter, mit stillen, erloschenen Blicken, die so bewegungslos und so
-undurchdringlich sind. Oder sie hocken auf ihren Betten und verstricken
-den Sommertag, oder wirtschaften mit einem enormen Aufgebot
-selbsttäuschender Wichtigkeit in allerlei Kleinkram.
-
-Wie das Alter ertragen wird, kann man hier merken auf Schritt und
-Tritt. Wie die einen gelassen sind und beschwichtigt, die anderen
-in beständiger Aufregung, andere verzweifelt, andere beschämt und
-verschüchtert, andere wieder fröhlich. Sie alle zusammen aber recht
-egoistisch und zur Verträglichkeit wenig geneigt. Dort geht ein Greis
-über den Hof, trägt stolz seine Medaillen und raucht lächelnd sein
-Pfeifchen. Zwei andere aber stoßen sich an, blicken ihm spöttisch nach
-und beschwatzen ihn. Oder eine alte Frau verläßt eine Gruppe. Sofort
-finden sich die übrigen zusammen, ziehen über sie los, so ungeniert,
-daß die Davongelaufene es noch hören muß. Aber sie ist es gewohnt,
-kümmert sich nicht darum und macht es offenbar, wenn es die Gelegenheit
-gibt, auch nicht anders.
-
-Beruhigt sind die Menschen auch hier noch nicht. Das kommt doch wohl
-erst, wenn jeder für sich im Schrein liegt, wo niemand ihn sieht, und
-wo er niemanden mehr beobachten, beneiden und bereden kann. »Was man
-da alles hört ...« sagt eine kleine alte Frau zu einem Greis, der ihr
-aufmerksam lauscht. »Gestern hat die Huber mit der Berger g'stritten,
-weil der Meyer ihr zurückg'sagt hat ...« Und ihr vergilbtes, kraftloses
-Gesicht leuchtet vor Vergnügen, so interessante Neuigkeiten zu
-berichten. Erstaunt betrachte ich sie, wie sie auf dem Platz unter
-der Linde stehen, alle beide ganz versunken in ihrem Gespräch. Ein
-paar Schritte weiter hinauf, und man überblickt die Karthause, wie sie
-eingebettet, im tiefen Wald, mitten in den Bergen hier einsam liegt.
-Da glaubt man, hier ist die Ruhe, und hier steht alles Leben und alles
-Geschehen stille. Und auf einmal sagt jemand: »Was man da alles hört!«
-In Mauerbach ...
-
-
-
-
-DAS WIRTSHAUS VON ÖSTERREICH
-
-
-Wir fahren zum Stelzer nach Rodaun. Durch den lang hingestreckten Lärm
-der Mariahilferstraße; durch diese Stromschnellen des Mittelstandes,
-der hier in hunderttausend Alltäglichkeiten uns umschäumt. Draußen bei
-den letzten Häusern ist es dann, als ob eine Türe plötzlich aufginge.
-Da öffnet sich das Land, da wird der Himmel weit; von ferne schimmern
-die Höhen des Wienerwaldes und durch die Luft weht der Atem des Mai.
-Seitab der Straße, jenseits der Wiesensenkung lächelt Schönbrunn zu
-uns herauf. Über das Schloß hinaus prangt die feierliche Anmut der
-Gloriette am Firmament. Wir fahren durch das stille, noble Hietzing.
-Blühende Gärten, Sommerpaläste aus den Tagen der Maria Theresia,
-Biedermeierhäuschen und blühende Gärten. Weiter hinaus durch Lainz
-und Speising, alte Bauerhütten und neue Cottagevillen. Wir fahren am
-Rosenhügel vorüber, dann hinunter in die kleine Ortschaft Mauer, dann
-noch eine enge gewundene Straße bergan, zwischen Gärten, in denen der
-Flieder duftet. Auf der Graskuppe droben rasten die Pferde ein wenig.
-Nun sind wir den Bergen nahe. Der Wind trägt den Laubgeruch der Wälder
-zu uns her. Vor uns in der Tiefe, an die ersten Hügel geschmiegt,
-weißblinkend das Dorf Rodaun.
-
-Drunten, beim Stelzer eine wirr drängende Auffahrt. Fiaker, Equipagen,
-Automobile, Kutschierwagen. Beinahe wie vor dem Lusthaus im Prater
-oder vor dem Pavillon d'Armenonville im Bois de Boulogne. Dies ist
-nichts als ein altes Wirtshaus. Eine ländliche Diele, im Stil der
-Kaiser-Franz-Zeit wienerisch; ein paar behagliche altmodische Stuben,
-allerlei neuer Zubau an Veranden und Terrassen. Ein Garten, der den
-Hügel erklettert, daran das Haus sich lehnt. Dreißig Wirtschaften gibt
-es im Wienerwald, die schöner und lieblicher gelegen sind als diese
-hier. Die Gegend ist reizend, aber sie wird von dreißig anderen hier
-herum an Reiz übertroffen. Hier ist auch kein Ausgangspunkt, hier führt
-kein Weg zu populären Landpartien. Man kommt eben nur heraus, um beim
-Stelzer zu sein. Der ganze Garten schwirrt von eleganten Menschen.
-Alle sitzen da unter den blühenden Kastanienbäumen und trinken Kaffee,
-sitzen dann im oberen Garten und soupieren.
-
-Kleine Buben in Uniform, von Vater und Mutter, von Schwestern und
-Tanten umgeben und umzärtelt, verschlingen gierig ihre Eisschokolade,
-ihre Erdbeercreme und Kuchen. Zehnjährige, zwölfjährige Buberln,
-fünfzehnjährige, sechszehnjährige Burschen. Sie sind ungefähr wie die
-Theresianisten angezogen. Österreichischer Offiziersrock, silberne
-Litzen am Kragen, österreichische Offizierskappen. Brave, saubere
-Gesichter, die manchmal die Züge bekannter Familien tragen. Der Kleine
-da mag ein Liechtenstein, der andere hier ein Auersperg sein, der
-hübsche Pagenkopf dort ein Taxis. Diese kleinen Buben werden nebenan
-in der Jesuitenschule erzogen. Fünfzig Schritte vom Stelzer liegt das
-Kalksburger Kloster, darin diese Kinder aufwachsen, die jetzt schon so
-offiziell und so österreichisch aussehen.
-
-Kalksburg ... in dieser Küche wird der österreichische Geist
-zubereitet, wird gemischt und gewürzt, gedämpft und abgebrüht. In
-die Jesuitenschule gehen alle, die geboren sind, dieses Land zu
-regieren. Katholische Verhaltenheit, Kunst des Lavierens, innerliches
-Gebundensein, Technik der kleinen Lüge und der feingesponnenen
-Intrigen, Demut und Beschränktheit, Stolz und Gehorsam, Andacht,
-Aberglaube, Snobismus, Weisheit und Mißtrauen, Liebe zu allem
-Hergebrachten, Widerstand und Tücke gegen alles Neue, und noch viele
-andere Dinge werden hier in die Menschen gepflanzt, Dinge, die man bei
-uns sogleich begreift und erkennt, wenn man nur »Kalksburg« sagt. Hier
-wuchsen die Gegner Josefs des Zweiten auf, hier wurden die Minister
-des Kaisers Franz, die Diplomaten des Kaisers Ferdinand, die Ratgeber,
-Botschafter und Statthalter Franz Josefs erzogen. Von hier aus nahmen
-sie ihren Weg.
-
-Und ihr erster Weg war immer zum Stelzer. Hier ward, in der Kalksburger
-Jesuitenschule, der staatsmännische Geist gebildet, der die Habsburger
-Monarchie vom Deutschen Reich löste, der nach Achtundvierzig die
-Reaktion verhängte, der auf den lombardischen Schlachtfeldern
-unser Blut vergoß, der gegen das protestantische Preußen trieb
-und uns zu Königgrätz brachte. Hier wird das pfaffenbeherrschte,
-christlich-soziale Österreich jetzt machtvoll wieder aufgerichtet. In
-dieser Waffenschmiede der Jesuiten wird unser Adel für Rom und seine
-Kirche gerüstet.
-
-Aber wenn sie noch kleine Buben sind, und ihre Eltern herausgefahren
-kommen, um sie zu besuchen, dann werden sie zum Stelzer geführt.
-Es ist ihr erster Weg. Dann sitzen sie hier im Garten und essen
-Gefrorenes und haben liebe, saubere, brave Gesichter. Die Väter sitzen
-wohlwollend dabei, schauen zu, wie es den Kindern schmeckt, und denken
-der eigenen Jugend: Kalksburg, die Jesuitenschule, die Uniform und
-die Jause beim Stelzer. Diese kleinen Buben werden aufwachsen, werden
-dann zur Universität oder auf die Orientalische Akademie gehen, oder
-sie werden bei den Windischgrätz-Dragonern dienen. Dann werden sie
-mit ihrer ersten Geliebten, mit einem hübschen Ballettmädel, oder mit
-einer herzigen Choristin, oder mit einer französischen Varieteedame
-im Fiaker fahren. Über die Mariahilferstraße, am Schönbrunner Schloß
-vorbei, durch Hietzing und Mauer nach Rodaun, zum Stelzer. Sie werden
-irgendeiner Botschaft attachiert sein, in Buenos Aires oder in
-Peking, sie werden in die Statthalterei eintreten, bei irgendeiner
-Bezirkshauptmannschaft in der Provinz, oder sie werden in einem
-Ministerium arbeiten; und wenn sie dann im Frühling auf Urlaub nach
-Wien kommen, werden sie wieder im Fiaker zum Stelzer fahren. Sie werden
-irgendeine Prinzeß oder eine Komtesse heiraten und sich im Wonnemond,
-vor dem Derby jedenfalls, mit ihrer Frau beim Stelzer sehen lassen.
-Dann kriegen sie Kinder, die wieder nach Kalksburg zu den Jesuiten
-in die Schule müssen, und die kleinen Buben führt man dann wieder in
-den Gasthausgarten her, damit sie Gefrorenes essen zu ihrer Erholung
-vom Studium. Sie werden Hofräte und Sektionschefs und Generale und
-Leibgardekapitäns, und wenn man an linden Frühsommerabenden unter
-freiem Himmel »nachtmahlen« will, oder zum Kaffee ins Grüne fahren,
-dann ist es wieder zum Stelzer. Denn man ist konservativ und treu.
-Seinem Gott, seinem Kaiser, seinen Jesuiten, seinem gewohnten Weg und
-seinem Wirtshaus. Sie werden Minister und Exzellenzen und Statthalter
-und Gouverneure, halten die Schnüre der großen Politik in der
-Hand, haben feine und delikate Geschäfte auszuführen, mit fremden
-Diplomaten, mit irgendeinem Parlamentarier oder mit einem Börsenbaron;
-Angelegenheiten, die man vorerst ganz vertraulich, ganz privat
-behandeln muß und ganz gemütlich. Da gibt man solch einer Konferenz,
-in der manchmal das Schicksal Österreichs ein bißchen entschieden
-wird, den harmlosen Charakter eines Soupergespräches, den Anschein
-zufälliger Begegnung, und man plaudert beim Stelzer draußen in einem
-Gartenzelt, wenn's Sommer ist, oder in einer der behaglichen Altwiener
-Stuben, wenn ringsum der Schnee auf den Bergen liegt.
-
-In diesen Stuben sind die Wände bedeckt mit Photographien. Prinzen und
-Prinzessinnen, ungarische Magnaten, polnische Schlachzizen, wienerische
-Geldfürsten, Theaterköniginnen, berühmte Tenoristen, populäre Komiker.
-Eine Galerie, die verschollenen Ruhm und versunkene Macht wieder ins
-Gedächtnis bringt, und Gesichter zeigt, die in den Sechziger- und
-Siebzigerjahren des vorigen Säkulums lebendig und bekannt gewesen;
-Gesichter, die heute lebendig und bekannt sind. Auf jedem Bild
-Unterschrift und Widmung an den Wirt. In diesen Stuben sind Geheimnisse
-der Monarchie besprochen worden, diese Wände haben den Klatsch der
-großen Gesellschaft gehört und das Flüstern galanter, vornehmer
-Abenteuer.
-
-Der schmale Weg vom Kloster her hat die Leute zuerst zum Stelzer
-gebracht. Kloster und Wirtshaus, Kirche und Lustbarkeit, das ist eine
-uralte katholische Nachbarschaft. Mit den Adeligen sind die Kokotten
-gekommen, mit den Kokotten die reichen Bürgersöhne, die Sprößlinge der
-großen Bankhäuser; es kamen die Fabrikantenfamilien vom Grund, es kam
-die prunkvolle Finanzwelt, die Künstler kamen, das Theater, einfach
-alle.
-
-In diesem Garten, der von Menschen schwirrt, ist ganz Österreich
-beisammen. Österreichs Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die
-Männer, die das Land regiert haben, die es regieren und die es
-einst regieren werden. Alle zusammen sind sie Schulkameraden von
-Kalksburg her. Das sitzt hier beieinander, jetzt, wie in den Tagen des
-Kronprinzen Rudolf, wie in den Tagen des Sechsundsechzigerkrieges, wie
-in den Jahren Radetzkys, wie im Vormärz, als Kaiser Ferdinand noch
-regierte. Das plaudert wie einst, sieht aus wie damals und denkt nicht
-viel anders, als man immer schon gedacht hat. Kennt sich untereinander,
-ist wie eine große Familie; und der Frühling duftet wie einst.
-
-Wir fahren heim. In den Gärten singen die Amseln, über die jungen
-Saaten zuckt der Schwalbenflug dahin. Oben auf der Anhöhe liegt das
-kaiserliche Wien vor den berauschten Blicken. Dunst und Staub schwebt
-über der Stadt wie ein feiner hellgrauer Schleier, aus dem die
-Turmspitzen in der Abendsonne funkeln. Unübersehbar und mächtig ruht
-die Stadt in der Ebene, verschwindet am fernen Horizont, als breite
-sie sich über das ganze Land hin. Wir schauen zurück in das Tal, das
-wir verlassen, sehen die weiße Front des Klosters aus den Baumwipfeln
-des alten Parks schimmern, sehen Rodaun sich an den Fuß der Berge
-schmiegen. Dort unten haben wir den Extrakt dieser Heimatswelt
-geschaut, haben ihr Inhaltsverzeichnis gelesen, die Überschrift aller
-Kapitel ihrer Geschichte und ihrer Romane.
-
-Und die Pferde traben.
-
-
-
-
-MARIAZELL
-
-
-Einmal muß man's gesehen haben, muß hinter den Bergen gewesen sein,
-bei Maria in Zell. Besonders aber wer nach dem tieferen Sinn der
-österreichischen Art und des österreichischen Schicksals trachtet.
-Dem mag es frommen, wenn er eines Tages den mühsamen Kreuzberg
-hinaufwandert, wo dann die üppige Kirche weiß auf grünem Hügel vor ihm
-daliegt, eingebettet im Rund der hohen steirischen Gipfel. Da wird ihm
-hernach vieles klar. Mariazell ... es ist der Schlüssel zu einer der
-innersten Kammern des österreichischen Herzens. Besser wird man in der
-Geschichte des Landes sich zurechtfinden, wird seine Gegenwart leichter
-entziffern, vielleicht auch in der Zukunft ein wenig lesen können,
-wenn man diese Luft geatmet hat, die vom Harzgeruch der Bergwälder
-erfüllt ist, vom Duft der Weihrauchwolken, vom Geläute der Glocken, vom
-Flattern der Kirchenfahnen und von den Lobgesängen wallfahrenden Volkes.
-
-Hinter Mürzsteg, wo an den Tannenwald gelehnt das kleine Jagdschloß
-des Kaisers mit geschlossenen Fenstern schlummert, hinter Mürzsteg
-also beginnt die Jetztzeit, das Heute, das zwanzigste Jahrhundert,
-so langsam zu versinken. Und bis man in Mariazell ankommt, liegt es
-weit, weit zurück. Hinter Mürzsteg betritt man die schmale Straße, die
-mürzaufwärts durch die Felsschlucht sich windet. Man betritt sie auf
-eigene Verantwortung, denn das Forstärar lehnt es ausdrücklich ab,
-für die Wanderer und ihre Sicherheit zu haften. Aber die da des Weges
-ziehen, haben sich in einen höheren Schutz als in den eines k. k.
-Forstärars begeben, und hoffen auf ihrem Weg zu dem frommen Ziel vor
-Steinschlägen bewahrt zu bleiben. Und dieses Hoffen wird bestärkt, wenn
-sie beim »Toten Weib« die Votivtafel sehen, die hier daran erinnert,
-daß vor Jahren einmal unsere Kaiserin, hier spazieren reitend, in
-Gefahr sich befand, aus der sie unversehrt entronnen ist. Dem heiligen
-Georg, »equitum patronus«, hat sie hier ein Bild an die Wand heften
-lassen. Und die Erzherzogin Valerie hat ein langes Gedicht an den
-Beschützer der Reiter daruntergesetzt. Alle Leute lesen es, und ich
-hab' es auch gelesen, dieses Gedicht. Aber ich glaube nicht, daß es
-erlaubt ist, diese Verse zu kritisieren. Man wird sie wohl nur loben
-dürfen, weshalb wir denn auch weitergehen wollen.
-
-Kurz vor Mariazell liest man vor einem kleinen Dorf die Tafel:
-»Evangelische Ortsgemeinde.« Dann weiter auf einem sauberen Hause:
-»Evangelische Schule.« Weiß Gott, durch welchen Zufall dies
-Häuflein Protestanten den Verfolgungen der Gegenreformation und dem
-Ausgetriebenwerden entging. Und man müßte hier wohl ein wenig länger
-bleiben, um zu sehen, wie sie auf ihrer winzigen lutherischen Insel
-hier leben und wie sie zu ihren anderen Landsleuten stehen: besonders
-aber diese zu ihnen.
-
-Dann kommt der Kreuzberg, und dann ist man in Mariazell. Von dem
-grünen Wiesenhügel, auf dem die Ortschaft mit der Kirche liegt, kann
-man weit in die Runde sehen. Da kommen die weißen Straßen von überall
-her, von allen Seiten des Landes. Stürzen sich aus der Höhe herab
-zur Marienkirche, laufen aus den dunklen Wäldern schimmernd hervor,
-gehen durch die Taltiefe in Windungen immer näher heran, gürten den
-Hügel mit ihren weißen Bändern und ihrer beflissenen Wegsamkeit.
-Überall Pferdegetrappel, Wagenrollen, aus der Höhe, aus der Tiefe,
-Peitschenknall und Rufen. Besuche kommen, Besuche gehen. Die Sonne
-sank schon hinter den höchsten Spitzen, und in den Turmkreuzen erlosch
-das Blitzen ihres Lichtes, da kommt von weitem eine Prozession heran.
-Seidene Kirchenfahnen bauschen sich schwer im Abendwind. Rote Fahnen,
-blaue Fahnen, mit baumelnden Goldquasten, wehenden Bändern. Standarten
-der Frömmigkeit, hoch über den Häuptern der Wallfahrer hinschwankend.
-Nun sie der Kirche ansichtig werden, beginnen sie zu singen.
-Langhingezogene, feierliche Rhythmen. Tiefe Männerstimmen, darüber
-der dünne, etwas heulende Sopran der Weiber. Hier draußen im Freien
-bekommt der Gesang Luft und Weite, die frische Luft haucht ihm eine
-neue Schönheit an, etwa wie sie blassen Wangen höhere Farben anbläst.
-Dieser Wallfahrerzug, über den Teppich blumiger Wiesen schreitend, von
-der unendlichen Kulisse ragender Bergwälder sich abhebend mit seinen
-Fahnen und Bändern, tönend von einem Gesang, dessen Sehnsucht der Wind
-aufhebt und hoch im blaßblauen Dämmer in lauter Duft und Zartheit löst,
-wird nach und nach mehr, als er in seiner Einzelheit vorstellt. »Das
-sind die Floridsdorfer ...« sagt ein Kundiger neben mir. Aber in diesem
-Augenblick ist es Stimme und Gebärde eines ganzen Landes, des Landes,
-das vor uns sich breitet und das man jenseits all dieser Berge weiß;
-ist es Naturlaut und tiefster Herzensakzent dieses Bodens. Mögen es
-nachher immer die Floridsdorfer sein.
-
-Die Glocken beginnen jetzt zu läuten. Als Willkomm dem grüßenden Lied,
-das die Wallfahrer ihren Schritten vorausschicken. Unter Glockengeläute
-folgt dann der Einzug. Glockenläuten, Gesang, Paukenwirbel, Fanfaren,
-Fahnenrauschen, Vaterunser. Und jeder Tag sieht solche Einzüge hier.
-Jeden Tag schreiten solche Prozessionen in feierlicher Musik durch
-die Straßen dieses Ortes. Es ist wie ein beständiges Sommerfest der
-Frömmigkeit, wie ein Permanenzdienst der Andacht. Eine unaufhörliche
-Frohfeier schwebt auf dieser Ortschaft, die sich üppig, in reichen,
-blinkenden Häusern um die Kirche schmiegt. Ein Seelenkurort, der mit
-lockenden Buden, mit Gasthöfen, mit gleißenden Kramläden in Blüte
-steht. An fünfunddreißigtausend Menschen kommen jahrüber nach Salzburg,
-an sechzigtausend nach Luzern, -- um die gesuchtesten Städte zu
-nennen. Nach Mariazell kommen etwa hundertfünfzigtausend.
-
-Das Läuten verstummt und das Singen. Betend gehen die Wallfahrer
-durch das breitgeöffnete Kirchentor ein. Im Lichterglanz schimmernd,
-flimmernd, strahlend, glänzend empfängt sie die hochgewölbte Kirche,
-empfängt sie das Marienbild auf dem silberstarrenden Altar; mit ihrem
-milden, melodischen Donner empfängt sie die Orgel, und hüllt sie
-völlig ein in die brausende Kraft ihrer Stimme. Schwergoldenen Brokat
-um die Schultern, empfängt sie der Priester, der vor dem Tisch des
-Herrn steht; Weihrauch dampft empor und strömt seinen Duft über sie
-hin. Und wegmüde, sehnsüchtige, vollkommen gebannte Menschen knien auf
-den steinernen Fliesen, Gesichter, in denen der Fanatismus zu brennen
-anfängt, Gesichter, auf denen tiefe Andacht geschrieben steht, Mienen,
-die in Bewunderung sich lösen, in unbedingter Hingabe, Gesichter, die
-stumpf sind und verschlossen, verriegelt für alles andere außer für die
-Überredung dieser Stunde. Und über alle spricht dann der Priester den
-Segen. Dominus vobiscum!
-
-Draußen hat sich die Dunkelheit auf die Landschaft gesenkt. Draußen
-wartet, mit ihren aufstrahlenden Glühlichtern die weltliche Lustbarkeit
-des Ortes. Tische im Freien vor den hellbeleuchteten Gasthöfen.
-Die Buden hell beleuchtet, die Schaufenster der Läden, und ein
-italienisches Volkstreiben auf den Straßen. Wagen, die abfahren,
-Wagen, die kommen. Singende Bursche und Mädchen, Gaffer. Mittendurch,
-mit brennenden Kerzen und Lampions der »Lichtlumzug« der Wallfahrer,
-wie ein freudiger Reigen. Später dann im Nachtlager der Armen, all
-derer, die kein Extrazimmer mieten können, und die auch die langen
-Massenschlafstuben zu teuer finden. Mit ihren Reisebündeln, die Kleider
-ein wenig nur gelöst, liegen sie auf der gestampften Erde im Freien,
-unter halb offenen Stadeln, Wagenschuppen, und der Nachtwind nimmt den
-Schlafdunst von ihnen. Dominus vobiscum.
-
-Am andern Morgen das Hochamt; Sonntagmorgen. Die Kirche gedrängt voll,
-Marienbilder, von den Prozessionen hereingetragen, stehen vor dem
-silbernen Altar, die Fahnen der Wallfahrer. Nach der Messe predigt der
-Kaplan, der sie hergeführt hat. Warum sind die Katholiken immer so
-lustig, sagt er, und die Protestanten so traurig? Weil die Katholiken
-eine Mutter haben, die Muttergottes Maria, und die Protestanten
-nicht. Weil die Katholiken die Heiligen haben, ihre Schutzpatrone und
-Fürsprecher, und die Protestanten nicht. Und weil die Protestanten sich
-von seiner Mutter abgewendet haben, darum hat sich Jesus auch von ihnen
-abgewendet usw. Jetzt glaubt man sich's ein wenig vorstellen zu können,
-was für einen Stand die kleine evangelische Gemeinde in St. Aegyd bei
-Mariazell wohl haben mag.
-
-Wie dann das Hochamt und die Predigt vorüber sind, kann man die
-Schatzkammer sehen. Ein hohes Gemach neben dem Orgel-Emporium birgt
-in großen Glasschränken, was eben an Juwelen, Perlen, Gold und Silber
-ausgelegt ward. Ein fabelhafter, gar nicht meßbarer Reichtum, der hier
-ruht. Man könnte unzählige Tränen damit trocknen, könnte ungeheures
-Elend in Wohlstand verwandeln, könnte eine kleine Provinz dafür
-kaufen. Ein Altarschrein aus massivem Silber nimmt die Mitte ein. Er
-ist von Maria Theresia gestiftet und trägt in tellergroßen, schweren
-Goldreliefs die Bildnisse ihrer ganzen Familie. Aus allerlei Opfergaben
-wurde eine Monstranz gemacht. Vierzehnhundert Edelsteine zieren sie.
-Nur noch zu Paris, in der Notredame-Sakristei, sah ich eine ähnliche.
-Sie war ganz aus weißen, funkelnden Brillanten, und man war geblendet,
-wenn man sie nur ansah. Unsere Kaiserin hat das Medaillon hierher
-gestiftet, das sie bei jenem Unfall in Mürzsteg trug. Rubinen und
-Brillanten. Auf Kaiser Ferdinand wurde in Baden einmal geschossen.
-Maria Anna ließ aus purem Gold ein Büschel Eichenblätter formen und die
-Kugel des Attentäters in die goldene Eichel kapseln. Außerdem gab sie
-eine Perlenschnur von einer wahrhaft kaiserlichen Pracht und Größe.
-Unzählbar sind die Perlenschnüre, die Brillantringe, die Broschen,
-Münzen, Orden, Korallen und andere Kostbarkeiten.
-
-Oben auf den Galerien und Treppenhäusern, die rings um das Hauptschiff
-der Kirche führen, sind die Wände dicht mit Votivbildern behangen.
-Wunderbare Rettungen, wunderbare Heilkuren, aufgemalt zum Dank und
-Gedächtnis, und allen Zweiflern zur Schau. Da liegt ein abgezehrtes
-Kind im Bett, dort ein Vater am Verlöschen, hier eine Mutter in
-Todesnot. Die Angehörigen stehen verzweifelt im Kreise, und der
-Arzt in ihrer Mitte, achselzuckend, bedauernd, ratlos. Die Ärzte
-spielen überhaupt eine trübselige Rolle in dieser großen seltsamen
-Bildergalerie. Man kann faktisch alles Vertrauen zu ihnen verlieren.
-
-Noch einmal schaut man in der Kirche unten zum Altar hin. Ein
-breites Gebäude aus leuchtendem Silber, dessen Front oben vom
-kaiserlichen Doppeladler gekrönt wird. In der Tiefe des Schreines, von
-ungewissem Kerzenschimmer überfunkelt, ein Marienbildnis. In seidene,
-goldgestickte Gewänder gehüllt. Oben in der Schatzkammer liegen noch
-mehr als hundert andere Kleider für das Heiligenbild, aus Brokat, aus
-Atlas, aus Sammet, mit Dukaten benäht, mit Silber und Perlen bestickt.
-
-Draußen, im sommerlichen Sonntag, wird man von dem anmutigen Lächeln
-der Landschaft bezwungen. Schreitet den Hügel niederwärts, geht
-die Anhöhen zum Wald hinauf: überall sieht man die Kirche, sieht
-ihre drei stolzen Türme emporragen. Sie beherrscht das Land! Man
-schaut in dies Gewimmel von zahllosen Menschen, schaut auf die
-Wagen, die von allen Seiten heranrollen, auf das Treiben vor den
-Buden, und man versucht ein paar Namen zu denken, versucht sie laut
-auszusprechen, hier in dieser vom Duft des Weihrauchs, vom Geläute
-der Glocken erfüllten Luft: Friedrich Schiller ... richtig, den hat
-ja ein strebernder österreichischer Geistesritter neulich im Wiener
-Rathaus zum Katholischen gemacht. Zum Ehrenbürger von Mariazell.
-Aber andere: Pasteur ... Nietzsche ... Oder: Ojama ... Togo ... oder
-Stendhal ... Maupassant ... Zola ... Sie haben hier einen fremden
-Klang, wie von weither, aus fernen Ländern, die gar nicht an diese
-Landschaft grenzen. Namen aus dem neunzehnten Jahrhundert, das hier
-noch nicht, noch lange nicht angebrochen ist. Namen, die man aus einer
-Erinnerung holt, aus einem Bewußtsein, das selbst einzuschlummern
-beginnt, hier in Mariazell. Dort aber zieht am Saum des Waldes, eine
-neue Prozession heran. Seidene Kirchenfahnen, die sich bauschen,
-rote Fahnen, blaue Fahnen, mit baumelnden Goldquasten. Gesang und
-Glockengeläute. Nächstens aber kommt die Eisenbahn auch hierher, und
-die Massenzufuhr per Dampf, die sie in Lourdes jetzt eingestellt haben,
-lebt in Steiermark wieder auf. Dann wird man rascher noch als jetzt,
-und mit allem modernen Komfort aus der Jetztzeit, in die Vergangenheit
-hineinfahren können.
-
-
-
-
-RADETZKY
-
-
-In dem Namen ist eine große Kraft: Radetzky. Sein Klang hat etwas
-Couragiertes. Er tönt wie heller Trommelschlag, und eine Trompete
-schmettert dazu. Der Name ist unter uns wie ein lebendiges Wesen;
-scheint für sich allein ein eigenes Dasein zu führen. Der ihn getragen,
-der ihn berühmt gemacht, der ihm so viel Lebenslicht verliehen hat, ist
-nun ein halbes Jahrhundert tot.
-
-Ein Feldherr. In weite Ferne rückt uns seine Gestalt. Alle Gestalten
-dieser Art sind uns in weite Fernen gerückt. Unsere Zeit kennt keine
-Feldherren. Vier Dezennien Friede, Aufwachsen und Absterben von
-Generationen, und keinen sahen wir, der durch den Dampf und Donner
-der Schlachtfelder seinen Willen trägt, der dann heimkehrt, in seinem
-Aug' den Glanz des Sieges, den dunklen Schein vergossenen Blutes, und
-um seinen Mund den eisernen Zug vollbrachter Taten. Wir haben solche
-Männer nicht erlebt. Da ist, in weiter Ferne, nur diese Gestalt, deren
-Menschliches fast schon zu zerfließen beginnt, sich in Volkslied und
-Dichtung auflöst, deren Leibhaftigkeit sich in ein Emblem wandelt, zum
-Motto wird, zum Ausruf, zum Feldzeichen.
-
-Sein Menschliches ... »... ein kleiner Mann mit einem unbeschreiblich
-ruhigen, wohlwollenden Gesichtsausdruck.« Graf Schönfeld, der als
-Ordonnanzoffizier bei ihm war, schildert ihn so. Und wie aufmerksam
-man auch die Bildnisse, die von ihm da sind, betrachten mag, man
-findet nicht mehr. Ein altes Soldatenantlitz, gesammelt und ruhig.
-Ein österreichisches Gesicht, das unter dem Schimmer der Gemütlichkeit
-alles birgt, was an Härte, an Schwung oder Geist von anderen Mienen
-sonst zu lesen wäre. Man schaut dies einfache Greisenantlitz an und
-verklärt es in dem Gedanken an sein Schicksal. Die militärischen
-Gelehrten können seine Begabung messen, das, was sein Feldherrengenie
-war, was wir nicht verstehen, was wir als ein Gegebenes hinnehmen und
-nach dem Erfolg bewerten. Sein Menschenschicksal können wir erfassen,
-dieses ungewöhnliche, fast ungeheure Schicksal; können die Größe seiner
-Persönlichkeit verstehen, und den Zauber seines Wesens, der noch heute
-anhält.
-
-Er kam als Krieger in eine kriegerische Welt. Das ist schon Schicksal.
-Wie es ja ein Schicksal ist, ein schlimmes freilich, als Krieger in
-eine friedsame Welt zu kommen. Auch unserem Zeitalter sind sicherlich
-Feldherrn geboren worden, Genies vielleicht. Warum sollen wir daran
-zweifeln? Sie wuchsen auf, wurden alt, starben, oder werden demnächst
-sterben, und niemand weiß von ihnen. Sie hätten glanzvolle Siege
-erfochten, aber da niemand kämpfte, konnten sie weder fechten noch
-siegen. Ihr Los war, in Bereitschaft sein und nicht verbraucht werden.
-Einen großen Schauspieler, der niemals spielen, einen genialen Maler,
-der niemals malen darf, können wir uns nicht denken. Aber einen großen
-Krieger, der niemals Krieg führen darf, müssen wir uns vorstellen
-können. Einen, der in sich die Fähigkeit weiß, unsterblich zu werden;
-und der seine Unsterblichkeit muß hindorren sehen.
-
-Radetzky kam in eine Welt, die vom Waffenlärm klirrte. Er hat noch
-gegen den letzten Feind des alten Österreich gekämpft, gegen die
-Türken. Und er hat gegen den ersten Gegner des neuen Österreich
-Krieg geführt, gegen die Italiener. Er hat, als junger Offizier,
-den jähen Stoß des jungen Bonaparte erlebt, hat es miterlebt,
-wie der neuerstandene Franzosenfeldherr in Italien einbrach, die
-österreichische Armee überrannte, und er hat dann auf diesen selben
-Schlachtfeldern der Lombardei die österreichische Armee zum Siege
-geführt, lange, lange, nachdem das Napoleon-Märchen verrauscht und
-verblaßt war.
-
-Es wird erzählt, Radetzky sei im Zeichen des Schützen zur Welt
-gekommen. War's eine Vorbedeutung, dann hat sie sich wunderbar erfüllt.
-Denn kaum ein anderer ist vom Schicksal so aufgespart worden wie er.
-Sein Ruhm beginnt, wo das Leben der meisten Menschen längst zu Ende
-ist; seine größten Taten heben erst an, wo das Tun anderer Menschen
-längst kraftlos geworden. Er hat siebzehn Feldzüge mitgemacht, wurde in
-vielen Schlachten verwundet, hat mit einer Tapferkeit gefochten, die
-selbst in den tapferen, an Bravour so reichen Napoleon-Jahren Aufsehen
-erregte. Aber wäre er damals gefallen, nur die Regimentsgeschichte
-hätte seinen Namen bewahrt. Er hat in den dreißig Friedensjahren, die
-auf Waterloo folgten, den österreichischen Truppendienst reformiert,
-daß Russen und Preußen daran ein Muster nahmen. Aber wäre er als ein
-Achtzigjähriger gestorben, nur die Kriegswissenschaft hätte ihn gekannt.
-
-Mit dreiundsechzig Jahren geht er als Kommandant nach Olmütz, glaubt
-sein Lebensabend sei nun angebrochen, meint, daß er dem wohlverdienten
-Ruhestand sich nähere. Und ist drei Jahre später in Mailand. Wird dort
-siebzig und achtzig Jahre alt. Und wie dann die Agenten Karl Alberts
-ganz Oberitalien insurgieren, sagt der einundachtzigjährige Radetzky:
-»Ich werde das Blut beweinen, das fließen muß, aber ich werde es
-vergießen!«
-
-Ein Jahr nachher vergießt er dieses Blut. Er siegt in Schlachten,
-die wie in einem Jugendrausch geschlagen werden, siegt bei Verona,
-Curtatone, Santa Lucia und Custozza. Noch ein Jahr darauf bezwingt
-er die Piemontesen und sagt bei Novara, in das Kampfgewühl schauend:
-»Gott sei Dank, sie laufen!« Dem Adjutanten, den er dann zu Viktor
-Emanuel sendet, mit der Botschaft, er bewillige dem geschlagenen König
-eine Unterredung, sagt er lächelnd: »Er darf schon ein bisserl Wind
-machen ...« Auch für den, der nicht militärisch fühlt, der nur aufs
-Menschliche blickt, hat dieser kämpfende Greis einen unbeschreiblichen
-Zauber, hätte ihn, selbst wenn er unterlegen wäre.
-
-In einem Bauerngehöft kommen Radetzky und Viktor Emanuel zusammen. Um
-ungestört sich zu besprechen, steigen sie auf einen Düngerhaufen. Rings
-im Kreise stehen die Suiten und schauen zu. Und wie Radetzky einmal mit
-einer Gebärde der Ungeduld sich abwendet, murrt sein Kammerdiener, der
-Karl, der das lose Maul hat, und der sich ungeniert zu den Offizieren
-gesellt: »Wenn er nur nicht nachgibt, der Alte! Hab's ihm heute beim
-Anziehen noch eigens eingeschärft.«
-
-Er gab nicht nach. Wieder ein Lustrum später, als
-Siebenundachtzigjähriger, schreibt er seiner Tochter aus Verona jenen
-merkwürdigen Brief, der anhebt: »Den siebenten Ball, sehr zahlreich und
-animiert ... Die Herzogin von Parma tanzte bis drei Uhr sehr munter,
-die Toiletten der Damen sehr gesucht und elegant ... den Kotillon
-tanzten etliche fünfzig Paare ...« Jenen beispiellosen Brief, in dem
-es wenige Zeilen nach dem Ballbericht heißt: »Zehn tote Soldaten mit
-ausgestochenen Augen, aufgeschlitzten Bäuchen ...« (wurden in Mailand
-gefunden). Jenen Brief, der mit den Worten schließt: »Wenn meine
-Anträge genehmigt, Mailand außer Gesetz gestellt -- dann wehe Mailand!«
-
-Als er dann -- 1857 -- die erbetene Versetzung in den Ruhestand erhält,
-sendet er seiner Tochter eine Kopie des kaiserlichen Handbilletts
-und schreibt dazu: »Anliegend schicke ich Dir eine Abschrift mit der
-geplatzten Bombe ...« Er hat zweiundsiebzig Dienstjahre hinter sich,
-ist einundneunzig Jahre alt, und nennt seinen Rücktritt, wie man etwa
-ein unerwartetes, verfrühtes Ereignis nennt: eine »geplatzte Bombe«.
-
-Züge: Der Mann, der spricht: »Ich beweine das Blut ... aber ich werde
-es vergießen.« Der nach dem Sieg von Novara dem jungen Ordonanzoffizier
-erlaubt: »Er darf schon ein bisserl Wind machen ...« Der auf ein und
-derselben Briefseite einen Ball beschreibt, die Toiletten der Damen
-kritisiert, und zuletzt das »wehe Mailand« hinsetzt. In all dem ist
-eine österreichische Mischung von Größe und Gemütlichkeit, von Härte
-und liebenswürdiger Anmut. Die Jovialität, die dem Kammerdiener
-gestattet, sich's einzubilden, er habe, wenn über Krieg und Frieden
-entschieden wird, auch was dreinzureden, ist von österreichischer Art
-ebenso tief gefärbt, wie die unfeierliche, von allem Pathos ferne
-Manier, mit der dieser Kammerdiener den siegreichen Feldherrn mitten
-unter seinen Offizieren: »der Alte!« nennen darf, ohne daß der Respekt,
-ohne daß die Verehrung dabei Schaden leidet.
-
-Ein österreichisches Soldatenleben, wie kein anderes. Ein
-Militärdienst, der unter Kaiser Josef II. anhebt und unter Franz Josef
-endigt. Eine Vitalität, die im höchsten Greisenalter ihre höchste
-Leistung vollbringt. Ein besonderes, beinahe planvoll wirkendes
-Schicksal, das diesen Feldherrn aufspart, ihn von den Türkenkriegen
-her durch alle napoleonischen Blutbäder in eine neu anbrechende Zeit
-geleitet, daß er, mitten im Sturm der Wiener Revolution, im Abfall und
-Aufstand der Provinzen, die Habsburger rette. Und wie er als hinfällig
-geglaubter Greis überraschend seine Siege erringt, scheint er die
-Kraft des alten, für hinfällig und marastisch erklärten Österreich zu
-verkörpern und zu beweisen.
-
-Das Wesen dieses Mannes, sein Geist und seine Art klingen weiter bei
-den österreichischen Soldaten, bei dem ganzen Volk. Radetzky-Marsch.
-Nicht viele wissen, daß Johann Strauß, der Vater, ihn gedichtet hat.
-Niemand fragt danach, ob ihn überhaupt ein einzelner ersann. Es ist wie
-eine österreichische Melodie, aus dem Lande selbst entstanden, und ihm
-so natürlich, wie nur irgendein Bodenwuchs. Radetzky scheint darin,
-beinahe körperlich, fortzuleben, in farbige Töne aufgelöst, scheint
-darin zu atmen und zu sprechen, mit seiner Energie, seiner Tapferkeit
-und seinem Talent zur Popularität. Ein hinreißend mutiger Schritt
-wie von vorrückenden Regimentern ist darin, wie wenn hunderttausend
-junge Menschen in hunderttausendfacher Jugendfröhlichkeit einherkämen.
-Das Rauschen heroischen Kampfes ist in diesen Klängen, Übermut,
-Siegesjauchzen, dazwischen, wie ein Echo aus der Ferne, das zappelnde
-Modulieren italienischer Dudelsäcke und Lederpfeifen. Und der Glanz
-des Ruhms schimmert in dieser Melodie.
-
-Immer aber scheint sie den einen Namen in uns aufzuwecken und zu
-wiederholen: Radetzky. Der ist unter uns wie ein lebendiges Wesen,
-scheint für sich allein ein eigenes Dasein zu führen. Der Mann, der ihn
-einst getragen, der ihm so viel Daseinskraft gegeben hat, ist nun ein
-halbes Jahrhundert tot. Mit diesem Namen aber ist es so, als höre man
-noch ein Herz darin schlagen.
-
-
-
-
-THRONREDE
-
-
-Das sind nun wieder sechs Jahre her, seit der Thron zuletzt hier
-aufgerichtet ward, wie heute, in diesem alten Prunksaal, damit der
-Kaiser von seinem Herrschersitz aus so feierlich zum Reichsrat spreche.
-Eine Formalität. Aber sie bedeutet so viel. Ist das äußere Zeichen
-einer Idee, die ihren Tiefsinn und ihren Pomp nicht anders mitteilen
-kann, als durch feierliche äußere Zeichen. Daß weiße Straußenfedern den
-Baldachin zu des Kaisers Häupten krönen, spricht vom Wappenschmuck,
-ritterlicher Helmzier von einst. In der Gegenwart heraldisch beredsame
-Vergangenheit. Daß die Garde dasteht, den Säbel gezückt, eine
-Formalität; aber das äußere Zeichen einer Idee. Daß der Mann zur
-Rechten des Thrones in seinen Händen das blanke Reichsschwert hält,
-während der Kaiser spricht, eine Formalität. Denkt man der Stadt, die
-jetzt im Drang des geschäftigen Tages tausendfältig da draußen diesen
-Saal umbraust, denkt man über die Stadt hinaus, weit in die Ferne, zu
-anderen Städten, zu den Provinzen, millionenfach bevölkert und belebt,
-und öffnet sein Auge dann dem Bilde wieder, das dieser Saal hier
-bietet, dann ist dieser ganze Raum hier die Szene einer bedeutenden
-und erhabenen Handlung, ist erfüllt von Sinn und Bedeutung, jede Geste
-schwer von Inhalt, beredsam durch die Kraft des langsam Gewordenen,
-beladen von Erinnerung, von Vergangenheit ganzer Völker, bedeckt
-von den Spuren verjährter Kämpfe um Recht und Vorrecht. Man kann
-menschliches Gepränge belächeln, kann für sich den äußeren Glanz eines
-Schauspiels mit einem ironischen Wischer auslöschen und sich damit
-das Blinzeln geblendeter Augen sparen. Aber es zeigt von wenig Witz,
-so witzig zu sein. Und von wenig Lebensgefühl, die Schönheit solcher
-Lebensfülle zu verkennen.
-
-Man braucht, um von großem Schicksal angerührt zu werden, nur den
-Kaiser anzuschauen. Braucht nicht erst den Prunk, der ihn ernst, starr
-und groß umgibt, bis zur lebendigsten Beredsamkeit aufzulösen. Man
-braucht nur den Kaiser anzusehen, um die historische Kraft dieser
-Stunde zu empfinden. Wie vieles ist geschehen, seit er -- ein Jüngling
-von achtzehn Jahren -- zum erstenmal auf diesem Thron saß. Und wie
-vieles liegt vor uns, jetzt, da er hier zu den Vertretern des Volkes
-redet. Das alte Österreich versank unter seinen Schritten. Unter seinen
-Schritten entstand ein neues Österreich, ersteht jetzt wieder ein neues.
-
-Unbewegt und hoch über jedem Niveau, auf dem man noch nach Wirkung
-strebt, klingt seine Stimme. Unnahbar für Zustimmung und Beifall.
-Dennoch kommt ein Wort, das auf einmal die Distanz zwischen den
-versammelten Menschen hier und dem einsam über allen Thronenden kürzt:
-»Wenn mir in meiner frühen Jugend die Aufgabe ward ...« Das Wort Jugend
-schlägt warm zu uns heran, und mit einer flüchtigen Betroffenheit,
-mit einer rasch hinhuschenden Ergriffenheit hört man den Kaiser von
-seiner Jugend sprechen. Den alten Kaiser, der dort auf dem Thron sitzt,
-ganz wenig in sich versunken, schneeweiß, unter seinem grünbefederten
-Generalshut. Dann wieder ein Wort: »Durch die Gnade der Vorsehung war
-es mir beschieden, zwei Generationen meiner Völker zu führen.« Von
-seiner Jugend und von seinem Alter spricht der Kaiser. Fürsten auf dem
-Throne haben sonst nicht Jugend und nicht Alter, haben in ihren Worten
-keinen Anklang an persönliche und irdische Dinge, sondern stehen da als
-Repräsentanten eines Prinzips mehr denn als Menschen. Diese Worte aber
-sind menschlich, persönlich, irdisch. Es ist, als ob sich der Kaiser
-in ihnen tiefer zu den anderen Menschen herabneigen würde, als käme er
-ihnen, die da um seinen Thron geschart sind, in diesen Worten näher.
-
-In diesem Kreis, in dem er einst auf seinem Kaisersitz der Jüngste
-gewesen, ist er der Älteste heute. Mögen auch etliche im Saale
-sein, die der Jahre um einige mehr zählen als er. Dennoch ist er
-der Älteste. Denn die anderen haben ihre Jugend, ihre von aller
-Verantwortung leichte Jugend gehabt, aus einer zwanglosen Tiefe erst
-später aufsteigend, und im Aufsteigen die Kräfte übend für die Höhe.
-Er aber ist als Jüngling schon da oben gestanden. Wie viele hat er
-im Besitz der Macht gesehen, die er ihnen anvertraute. Und wie viele
-brachen unter der Last, die auf ihre Schultern gelegt war, zusammen.
-Wie viele sind hier aufrecht an des Thrones Stufen gestanden, als
-seine Ratgeber und ersten Diener, und sanken erschöpft darnieder,
-während er dort oben ausharrt und frisch bleibt. Als er zum erstenmal
-hier zu dem neuen Parlament sprach, stand Schmerling da, in voller
-Mannesblüte. Schmerling ... wie aus verschollenen Fernen klingt dieser
-Name heute nur noch leise zu uns herüber. Namen: Graf Beust, dann
-Schwarzenberg, Pretis, Hohenwart, Taaffe. Einst war das Gegenwart,
-Leben, Wirklichkeit. Jetzt liegt es wie Erinnerungsschutt unter den
-Schritten der neuen Männer. Doch unter dem Baldachin, der wie einst
-seinen fürstlichen Federschmuck zur Decke hebt, thront über den neuen
-Männern der alte Kaiser.
-
-Einst ist er hier der Jüngste gewesen, war inmitten seiner Räte wie
-ihr Sohn, und sie standen vor ihm wie väterliche Freunde. Jetzt treten
-alle, die hier im Saale sind, wie seine Söhne zu ihm heran, und er
-ist wie ein Vater über allen. Da sind die neuen Abgeordneten, die
-das neue Wahlrecht hergebracht hat. So viel Jugend, so viel Frische
-und erste Manneskraft war selten noch in einem Parlament, in einem
-österreichischen Parlament noch niemals beisammen. Männer von dreißig
-bis fünfzig. Die an die Sechzig gehen, sind wenige unter ihnen. Früher
-war's eine Versammlung von Grauköpfen, jetzt sind die grauen Haare
-selten. Die Minister fast alle knapp über fünfzig; ungefähr in dem
-Alter, in dem jetzt der Kronprinz wäre, wenn er noch lebte. Beinahe
-alle, die hier des Kaisers Wort vernehmen, die seine Regierung führen,
-die in seiner Gesetzgebung mitreden, wurden geboren, wuchsen auf,
-wurden Jünglinge, Männer, während er auf seinem Throne saß. Während er
-die Krone trug und die Bürde des Herrschens, zogen Geschlechter auf
-Geschlechter an ihm vorbei. Die Generation, die er vorfand, als er das
-Zepter ergriff, schwand dahin und liegt jetzt in ihren Gräbern. Und die
-Generation, die zum Dasein erwachte, als er schon ein Menschenalter in
-diesem Dasein die Völkerschicksale lenkte, tritt jetzt zu ihm heran
-wie ein Geschlecht von Söhnen. Diejenigen aber, die mit ihm zugleich
-ins Leben kamen, sind fast alle schon schlafen gegangen, und was von
-ihnen die Augen noch offen hat, ist müde. Er aber ist unermüdlich.
-Einen nach den anderen hat er in diesen letzten Jahren zum Ausrasten
-beurlaubt, mit freundlichem Dank verabschiedet, mit guten Wünschen für
-den Ruhestand. Kaum einer oder zwei sind noch bei ihm, die von jeher
-mit ihm Schritt gehalten. Er entbehrt die langgewohnten Weggenossen
-und bedarf für sich selbst keiner Rast. Hier im Saale ist einer, der
-gestützt werden muß wie ein Greis. Über ein Jahrzehnt ist er jünger
-als der Kaiser, schlürft die Wonne des Herrschens seit drei Lustren
-erst, und schon hat ihn die malmende Schwere der Macht gebrochen.
-Verwüstet von Würden, verbraucht vom Regieren, zersplittert, erlahmt
-und verwelkt auf der Höhe hat der Kaiser viele gesehen. Und schreitet
-selber aufrecht durch den langen Saal, sprengt hoch zu Roß über weite
-Manöverfelder. Er, der zwei Generationen seiner Völker geführt hat.
-
-Wüßte man, wie er jetzt über das menschliche Treiben denkt, das er
-fast sechzig Jahre lang von der Höhe des Thrones herab betrachtet.
-Wüßte man, wie er über menschliches Herrschen denkt, das er fast
-sechzig Jahre lang geübt hat, gehüllt in den ältesten Purpur Europas.
-Und mit welchem Gefühl er die Wandelbilder seines Lebens in der
-Erinnerung überschaut, wieviel von seinem Ich er als Gegenwart,
-wieviel als Geschichte empfindet. »In meiner frühen Jugend ...« Mit
-fernem Dämmerschein winkt Alt-Österreich aus diesen Worten. Und ein
-unermeßliches Schicksal tritt aus ihnen hervor.
-
-Feierliche Thronrede. Diesmal historisch und menschlich feierlich
-zugleich. Denn die jungen Menschen, die hier standen, werden sich
-in späten Jahren der Stunde noch erinnern, da sie den alten Kaiser
-sahen, das freundliche, lebenslang uns allen vertraute und gewohnte
-Antlitz, schneeweißen Bartes unter dem Generalshut, diese feine
-Fürstengestalt, umwittert von dem Hauch großartiger, tragischer und
-seltener Erlebnisse. Und wie er in dieser Stunde, nahe am sechzigsten
-Jahre seiner Reiche, der neuen Zeit die Pforten öffnete, wie er milde,
-abendlich leuchtende Worte von seiner Jugend und von seinem Alter
-sprach, konnte man für Augenblicke tiefer in diese unerreichbare, fern
-über alle hinschwebende Stimme hineinhorchen.
-
-
-
-
-»GEWEHR HERAUS!«
-
-
-Wie ein hoher fürstlicher Saal ist der innere Burgplatz. Wundervolle
-Stille umfängt einen, wenn man aus dem Straßenlärm hereinkommt und es
-ist, als sei man hier in der imposanten Leere einer herrschaftlichen
-Antichambre. Man spaziert umher, verrastet Aug' und Sinne an der
-vornehmen Ruhe dieser Mauern, wird langsam und ganz unmerklich von
-einer ehrfürchtigen Stimmung beschlichen. Das Kaiser Franz-Denkmal
-steht da, wie ein einsames Zierstück in einem ausgeräumten Prunkgemach.
-Überall Strenge, steinerner Ernst. Nur die Uhr auf dem First des
-Amalien-Traktes blickt auf die eingeschüchterten Untertanen herab wie
-ein rundes freundliches Antlitz.
-
-Als kleiner Junge habe ich mich hier oft herumgeschlichen. Alle kleinen
-Jungen in Wien tun das. Hier ist die Kaiserwache. Da steht die Fahne,
-lehnen an schwarzgelber Barriere die Flinten, und besonders: da sitzen
-auf einer langen, die graue Burgmauer hinlaufenden Bank die Soldaten,
-daß man sie in aller Muße betrachten mag, was ja in jenen guten Tagen
-ein unerschöpflicher Genuß ist. Der Offizier promeniert, die goldene
-Feldbinde um den Leib, vor der Wachstube, und man beneidet ihn sehr.
-Der Mann am Posten geht, das Gewehr geschultert, aufmerksam auf und ab.
-Alle warten. Der schöne, stille Platz ist wie von atemloser Erwartung
-erfüllt, und von gespannter Neugierde.
-
-Einmal war ich mutiger und trat zu dem Posten, um ihn genauer zu
-betrachten. Er stand dicht vor der Fahne und ich ganz nahe vor ihm und
-bestaunte ihn in seiner Rüstung und in seiner herrlichen Strammheit.
-Hatte nur ein wenig Angst, er würde mich wegjagen oder gar einsperren.
-Wich aber doch nicht vom Fleck. Er schob mit einem Achselzucken das
-Gewehr zurecht, reckte sich kerzengerade auf, blinzelte mit stumpfem
-Blick seitwärts in die Höhe. Ein sonngebräunter, pausbackiger,
-eisenfester Bauernbursch. Plötzlich stieß er ein hirnerschütterndes
-Geschrei aus. Gänzlich unvermittelt. Ich sah nur, daß sein breites
-Gesicht im Nu völlig auseinanderging, daß sein Mund sich auftat,
-wie ein ungeheurer schwarzer Rachen, aus dem dieses schreckliche
-Gebrüll hervordonnerte. Entsetzt war ich zurückgesprungen, und in der
-blitzartigen Überlegung der ersten Sekunde meinte ich, er sei aus
-heiler Haut rasend geworden, oder weil der Mann es vielleicht nicht
-ertragen könne, angeschaut zu werden, sei nun durch meine Schuld ein
-toller Schmerz in ihm erwacht und entreiße ihm diese gellenden Töne,
-davon der ganze Platz widerhallte: Ge...wäh...rähr...rrrr...a...aus!
-Dann aber, als die anderen Soldaten eilig nach ihren Waffen sprangen,
-sich in Reih und Glied stellten, der Offizier den blitzenden Säbel aus
-der Scheide holte, und als die Trommeln zu wirbeln begannen, merkte
-ich, daß alles in Ordnung sei. Und gaffte überwältigt dem goldenen
-Wagen nach, der majestätisch zum Tor hinausfuhr.
-
-Viel mehr als den Wagen, dessen Radspeichen vergoldet sind, kriegt
-man ja auch sonst nicht zu sehen. Höchstens, daß noch des gleichfalls
-goldgeschirrten Leibjägers weißer Federbusch, der so stolz im Winde
-flattert, als Augenweide gelten kann, und daß man sich der prachtvollen
-Pferde freut, die im Laufen so nobel mit dem Kopf nicken. Dann ist
-alles wieder vorüber. Der Trommelwirbel verklingt, der Schnarrposten
-schweigt beruhigt, die Soldaten sitzen wieder harmlos da. Es ist nichts
-vorgefallen, und man kann auch keinen weiteren Eindruck mit nach Hause
-nehmen, als daß die Mächtigen dieser Erde nicht über die Straße können,
-ohne daß sich vor ihnen ein helles Geschrei und ein gewaltiger Lärm
-erhebt.
-
-Dennoch: auch der Erwachsene, auch der Aufgeklärte, auch der weiß
-Gott wie Gescheite kann sich der Wirkung dieser Szene nie entziehen.
-Er wird jedesmal, immer und immer wieder aufs neue gefangen genommen,
-wie von einem unwiderstehlichen Effekt. Man geht gleichgültig über den
-Franzensplatz, ohne Laune, ohne den Zauber seiner Stimmung diesmal
-zu spüren. Da auf einmal der langgezogene Ruf: »Gewehr heraus!«
-Aufgeregtes, eiliges Zuspringen der Soldaten. In der nächsten Sekunde
-das Einschlagen der Trommel. Der Offizier präsentiert grüßend den
-Säbel. Noch sieht man nicht, wen er grüßt. Aber er grüßt feierlich in
-die leere Luft, und das Wirbeln des Tambours prasselt über den Platz.
-Überallhin schaut man sich um. Plötzlich, von irgend einer Seite her
-jagt der Wagen, umhüllt vom festlichen Dröhnen dieser Ehrenbezeugung
-heran. Ein wehender Federbusch, goldfunkelnde Räder, vielleicht sogar
-am kristallenen Kupeefenster ein weißer Handschuh. Und schon werden
-hohe Torflügel geschlossen. Vorüber. Man hat den Kaiser selbst nicht
-gesehen, aber doch den Glanz seiner Nähe, hat doch von kaiserlicher
-Macht einen flüchtigen Hauch verspürt. Zum deutlichsten Wahrzeichen
-seiner Herrschaft wird einem nun die Torwache. Abgesandte sind es, von
-allen Truppen hierhergeschickt, zu des Kaisers Wohnung, um in Waffen
-unter seinen Fenstern auf der Hut zu sein. Und kommt er nach Hause, und
-fährt er aus, sowie sie nur seiner ansichtig werden, treten sie hervor,
-grüßen ihn mit kriegerischem Zuruf und Trommelschall, melden: Wir sind
-da!
-
-Viele ernsthafte Leute gibt es, die sonst niemals Maulaffen feilhalten,
-und die sich doch manchmal dazu verleiten lassen, wenn sie über den
-Franzensplatz gehen. Sie warten ein paar Minuten. Aufs Geratewohl.
-Spähen umher, verweilen noch ein paar Minuten und sind dann gänzlich
-der allgemeinen, ruhevollen und großartigen Spannung, die hier
-herrscht, verfallen. Schauen überall nach Vorzeichen aus, lugen zu den
-Fenstern empor. Dort im Torbogen schüttelt ein Burggendarm den Kopf,
-daß der üppige Roßschweif auf seinem Helm zu wallen und zu zittern
-beginnt. Hat er was bemerkt? Oben in den Fenstern lüften hie und da
-die Garden den Vorhang, daß ihre scharlachroten goldbetreßten Röcke
-sichtbar werden und die blinkende Hellebarde in ihrem Arm ... Noch
-nicht? Dann steigt die neugierige Spannung bis zum heftigen Wunsch:
-das Ereignis möge endlich eintreten. Zu allen Stunden kann man hier
-Menschen finden, die zögernd vor der Burgwache stehen, die Soldaten
-anschauen, und von ihnen erwarten, daß sie »Gewehr heraus!« schreien.
-
-Die besonderen Anlässe gar nicht eingerechnet. Wenn eine feierliche
-Auffahrt die Wache fortwährend ins Gewehr nötigt. Dann füllen die alten
-Staatskarossen den Platz, Prunkwagen, die in kühngeschweiften Federn
-schaukeln. Drei, vier Lakaien in Allongeperücken hinten drauf. Als
-seien die prächtigen, herrschaftlichen Zeiten des Rokoko wiedergekehrt.
-Da tritt der Ruf des Schnarrpostens zurück, wird bei solch blendender
-Ausstattung nur zu einem stützenden Nebeneffekt, fügt sich harmonisch
-in die erhöhte Stimmung und sorgt dafür, daß derlei Schauspiel nicht
-als völlig lautlose Pantomime vor der staunenden Menge sich zutrage.
-Oder wenn ein toter Prinz eingebracht wird, nächtlicherweise bei
-Fackelschein, wie es Brauch ist, und ihn bei dieser trübseligen
-Heimkehr in das Haus der Väter der Postenruf empfängt. Dann ist
-das »Gewehr heraus!«, das unheimlich, wie ein Klageton durch die
-Finsternis dringt, eben von so pointierter Wirkung, daß es sich von
-selbst begreift.
-
-Sonst aber: mag es unverständlich scheinen oder töricht, in der
-überkommenen Lust an höfischem und kirchlichem Gepränge liegen, oder
-an dem hier herrschenden Geschmack, der dekorative Zeremonien liebt.
-Niemals versagt diese Wirkung. Man könnte ein Theaterstück schreiben,
-das auf jeder Wiener Bühne einschlagen müßte: »Der Kaiser kommt«. Und
-es braucht weiter keine Handlung zu haben, als daß halt der Kaiser
-kommt. Man muß den Kaiser auch gar nicht einmal sehen, und es wäre
-dennoch ein großer Erfolg. Sieht man ihn im Leben ja auch nur selten.
-Jeder Mensch könnte dieses Stück schreiben, denn es ist durchaus
-nicht notwendig, daß irgend etwas anderes sich zuträgt, als leise,
-sorgfältig arrangierte, behutsam gesteigerte Vorzeichen. Es erübrigt
-nur, sie der Wirklichkeit abzulauschen. Allerdings wäre die herrliche
-Kulisse dazu erforderlich, die zum Beispiel der äußere Burgplatz
-abgibt, wo die Stadt ehrfurchtsvoll vor der Burg zurückweicht und mit
-ihren Häusern in einem ungeheuren Kreise die kaiserliche Wohnung nur
-von ferne umgibt. Dann draußen vor dem Franzenstor auf der Ringstraße
-der Soldat. Ganz von weitem, von der Mariahilferstraße her, ein
-winkender Sicherheitsmann. Er hat den Hofwagen zuerst erblickt. Der
-Soldat wartet, bis auch er den weißen Federbusch schimmern sieht.
-Dann schnell einen Druck auf die elektrische Klingel, die in der Säule
-verborgen angebracht ist, und jetzt drinnen auf dem grünen Platz jubelt
-der Posten sein »Gewehr heraus!« zum Reiterstandbild des Erzherzogs
-Karl empor, als habe er jetzt eine Vision, oder als fühle er sich
-gedrängt, dem Sieger von Aspern eine plötzliche Huldigung darzubringen.
-Dann das gewöhnliche, aufgeregte und ratlose Laufen der alarmierten
-Passanten, nach allen Richtungen hin, weil sie ja doch nicht wissen
-können, von welcher Seite der Einzug stattfindet. Dann Trommelwirbel,
-der die allgemeine Erregung nur noch vermehrt, da sich für ihn weit
-und breit kein Anlaß zeigt. Dann der Säbelsalut des Offiziers, und nun
-rollt die Equipage blitzschnell vorüber. Nun rufen sie auch schon auf
-dem inneren Burghof ins Gewehr.
-
-Es ist aber doch vielleicht besser, diese Szene nicht zu schreiben. Von
-den technischen Aufführungsschwierigkeiten ganz zu schweigen. Würde
-sie trotzdem geschrieben, dann müßte sie für alle Bühnen verboten
-werden. Denn sie könnte nur Illusionen zerstören, den Eindruck,
-den die Wirklichkeit übt, in bedenklicher Weise abschwächen. Wenn
-man sich jetzt vom Gewehrruf ergriffen fühlt, wenn das Rühren der
-Trommeln einem unwillkürlich jähe Ehrfurcht einwirbelt, wenn man
-beinahe Bereitwilligkeit zur Devotion in sich verspürt angesichts
-dieser feierlichen Begrüßung, und zuletzt entblößten Hauptes dem
-vorübersausenden Hofwagen nachblickt, dann zeigt man nachher keine
-Lust, sein Empfinden zu korrigieren. Man hat mitten auf seinem Wege
-durch die Alltäglichkeit des Lebens einen wunderbar dramatischen
-und prächtigen Moment genossen, sich ihm gern hingegeben, ja sogar
-daran tätigen Anteil genommen. Und hat man auch nur einen zufälligen,
-gänzlich nebensächlichen Komparsen vorgestellt, so bewundert man
-doch völlig aus seinen ästhetischen Instinkten heraus die glänzende,
-unübertreffliche Regie, deren dekorative Kunst ebenso groß ist, wie
-ihre psychologische Weisheit.
-
-
-
-
-FRÜHJAHRSPARADE
-
-
-Ganz früh am Morgen. Die Sonne funkelt freilich schon auf den Dächern,
-aber noch ist dieser junge Tag durchweht vom kühlen Atem der ersten
-Juninacht, und die Schatten längs der Häuser sind noch ohne das tiefe
-Schwarz, sind noch blaß und zart wie Schleier. Die Straßen riechen in
-der beginnenden Wärme nach trockenem Staub, aber sie sind noch frei von
-dem erstickenden Dunst des Menschengewühls. Und manchmal merkt man noch
-den Duft der nahen Berge, der Wälder, den Grasduft der Wiesen, die vor
-wenig Stunden über die schlafende Stadt hingehaucht haben.
-
-Musik und Schritt der Regimenter. Bum, bum ... in der Ferne hört man
-das Schlagen der Trommeln. Dann muß an einer Kreuzung der Wagen halten,
-und wieder halten. Militär rückt in den Morgen hinaus. Die Trompeten
-und Hörner schmettern einen Marsch, und ihr helles Goldblechklingen
-hat jetzt irgendeine fühlbare Verwandtschaft mit dem Sonnenlicht,
-das nun goldener und heller aufs Pflaster zu schmettern anfängt. Die
-Straßenzeile hinauf rollt das dunkelblaue Band solch eines Regiments.
-Der Schritt der Soldaten bewegt dieses dunkelblaue Band in kleinen
-regelmäßigen Wellen. Und über diese Wellenlinie hin schwebt ein
-süßer, feiner Farbenton von hellem Grün. Der Eichenbruch, den die
-Leute auf ihren Tschakos tragen. Wie viel pochendes Leben, wie viel
-Kraft und Jugend und wie viel Frühling liegt in diesen regelmäßigen,
-dunkelblauen Wellen.
-
-Jetzt sind wir die Rudolfshöhe hinauf, und das weite Feld dehnt sich
-festlich vor unserem Blick. Ganz sanft niedergleitend gegen den
-Horizont, ein grünes Brett, um mit menschlichen Figuren ein fürstliches
-Schachspiel darauf zu pflegen. Dort drüben hält der Wienerwald seinen
-breiten Rücken her, trägt die vielen weißen Häuser, die Kirche mit der
-goldenen Kuppel des Steinhof, trägt das breite Erzherzogschloß, und
-dort sind die Abhänge, die rauschenden Wälder des Galitzynberges, den
-die Wiener einfach und vertraut den »Galihziberg« nennen.
-
-Das funkelt nun alles in der Morgensonne. Das grüne Feld, die Kuppen
-der Berge, die Fronten der weißen Vorstadthäuser in der Ferne, und
-langsam beginnt der Tag sich zu erhitzen, beginnt zu flammen und zu
-glühen in einer wundervollen, himmelblau und goldenen Sommerpracht.
-In vierfachen Reihen stehen an tausend Wagen hier oben auf der
-Rudolfshöhe, am Saum der Schmelz. Wenn man dies fröhliche Bild
-betrachtet, erinnert man sich der farbigen englischen Stiche, auf
-denen mit ihrem mondainen Getümmel die Wagenburgen dargestellt sind,
-etwa beim Wettrennen zu Newmarket oder Devonshire. Nur daß diese
-Wirklichkeit noch bunter und zwingender ist als alle englischen Stiche
-zusammen. Die Damen in ihren hellen Sommerkleidern sind auf die
-Wagensitze gestiegen, ihre weißen, blauen, grünen und roten Schleier
-flattern, ihre Hutfedern wehen, ihr Lachen und ihr Plaudern fegt wie
-ein leises Rauschen über den Platz. Und die Luft ist jetzt erfüllt vom
-Geruch hundertfacher Parfüms, vom Duft der Seidenkleider, vom Geruch
-der Zigaretten, die die Herren rauchen, und vom Geruch der vielen
-dampfenden Wagenpferde.
-
-Über das weite Feld hin ziehen die Truppen, rücken jetzt in langen
-Linien auf, mit wehenden Fahnen, die sich von fern nur wie das
-Tanzen kleiner Wimpel ausnehmen, und mit klingendem Spiel. Aber man
-hört nichts von der Musik. Der Wind hebt das Schmettern von neun
-Regimentskapellen auf und zerstreut diesen riesigen Schall wie das
-Singen eines Kindes; er nimmt diese Klänge, löst sie auf und trägt
-sie zu den Wäldern hinüber, die das laute Tönen einschlürfen. Nur das
-Schlagen der großen Trommeln hört man, und es klingt wie ein feierlich
-taktmäßiges Teppichklopfen im Freien.
-
-Ebenso trinkt dieses Feld die Massen. Dort drüben marschiert eine Armee
-daher, dort stampfen abertausend Männertritte, abertausend Rosse mit
-ihren Hufen, man hört es nicht. Man sieht nur kleine, blaue Schwärme
-und Linien dahinkriechen. Man sieht ein wenig Gold schimmern, man
-sieht manchmal einen Blitzstrahl aufleuchten, das Sonnenlicht, das in
-irgendeinem Säbel zuckt.
-
-Quer über das Feld sprengt ein junger Offizier heran; ein Adjutant.
-Wie er näher kommt, wie er an uns vorüberstiebt, erkennt man, daß er
-die elegante Ulanenuniform trägt, daß er ein bildhübscher, schlanker
-junger Mensch ist, mit einem gesunden tiefbraunen Antlitz. Und es ist
-in allen seinen Gebärden, wie er die Zügel hält, wie er im Sattel
-sitzt, wie er den feinen Oberkörper leicht vorneigt, ein bezwingender
-Ausdruck von Lust, von Kraft und Jugend, und zugleich das Bewußtsein,
-daß er jetzt so vielen Menschen zum Schauspiel dient. Mir fällt
-irgendein Romankapitel ein, aus irgendeinem Wiener Roman. Und dieses
-Kapitel spielt auf der Schmelz, während der Frühjahrsparade, und
-der junge Offizier sprengt genau so über das Feld, trägt genau so
-die Ulanenuniform und ist genau so stolz und befangen zugleich bei
-diesem Ritt. Er stellt eine ziemlich wichtige Figur in diesem Roman
-vor, ist ein nachdenklicher Mensch, der den Boden prüft, auf dem er
-geboren wurde, der zu Hause und auf großen Reisen zu erkennen gesucht
-hat, worin die Eigenart Österreichs liegt, worin die besondere Art
-des Dienens und Herrschens liegt, und wodurch sich das Dienen und
-das Herrschen in Österreich etwa von der gleichen Übung in anderen
-Ländern unterscheidet. Jetzt sprengt er quer über das Feld auf seinen
-Posten und sieht die kaiserliche Suite beim eisernen Obelisken stehen,
-bemerkt die weißen Federbüsche, die roten Reiher, die blinkenden
-Pickelhauben und die Astrachanmützen der fremden Militärattachés,
-bemerkt die Feierlichkeit der kaiserlichen Garde, die dort wartet, um
-den Monarchen zu umgeben. Und jetzt kommt der Kaiser. Grüßend reitet
-er durch das Spalier der Suite, die sich dann hinter ihm zu einem
-goldenen, schimmernden Wall zusammenschließt. Der Kaiser reitet einen
-herrlichen Goldfuchsen, der im Tänzerschritt geht und beim kurzen
-Galopp die Grazie einer Ballerine hat. Der junge Offizier bemerkt,
-wie der Kaiser mit einer unwillkürlichen Reiteranmut im Sattel sitzt,
-wie er den feinen, schlanken Oberleib leicht vorgeneigt hält, wie
-seine Schultern fallen, und der junge Offizier weiß in diesem Moment,
-daß er selbst beständig, ganz unbewußt, diese Haltung nachzuahmen
-bestrebt war, dieses leichte Vorneigen, diese abfallenden Schultern,
-diese österreichische Eleganz der Mühelosigkeit, der kaum von weitem
-angedeuteten, diskret gehaltenen Strammheit, und der lächelnden Würde.
-
-Da galoppiert schon der Kaiser den aufgestellten Truppen entgegen.
-Weit voran, in der dunklen Uniform mit der goldenen Schärpe querüber,
-sprengt sein Flügeladjutant. Dann reitet der Kaiser, ganz allein, und
-es ist, als ob sein schönes Pferd nur auf dem vordersten Hufrand, wie
-auf den Zehenspitzen mit dem Boden tändeln würde, so federnd trägt es
-ihn dahin. Man sieht sein Gesicht von weitem, man glaubt es zu sehen,
-denn der weiße Bart schimmert unter dem grün wehenden Generalshut,
-und nur diesen Schimmer braucht es, um das wohlbekannte, in jedes
-Bewußtsein wie auf alle Münzen eingeprägte Antlitz vor sich zu sehen.
-Hinter dem Kaiser her der prächtige Sturz des Gefolges, diese herrliche
-Wolke, aus der das Braun und Weiß und Schwarz der galoppierenden
-Pferde, das Blinken der Helme, das Wehen der Federbüsche, das Gleißen
-der Tressen und Waffen und Schärpen als eine wundervolle Einheit von
-Prunk hervorbricht. Aber dem Kaiser entgegen braust und schmettert die
-Volkshymne. Die Fronten der Regimenter stehen regungslos, stehen da
-wie bunte Mauern, unbeweglich und starr, aber ihr klingender Gruß fegt
-dem heranreitenden Kaiser entgegen, mit Trommelwirbel und metallischem
-Trompetenklingen und donnerndem Paukenschlagen. Dieser Gruß fegt ihm
-entgegen wie ein tönender Atem, der seit hundert Jahren stets in den
-gleichen Zügen den Kaisern von Österreich aus der stummen, lebendigen
-Mauer ihrer Truppen entgegenschwoll.
-
-Jetzt reitet der Kaiser langsam die Fronten ab. In vierfachen Reihen
-stehen diese Menschenmauern, in vierfacher Wendung reitet ihnen,
-hinauf und hinab, der Kaiser vorbei und zieht die goldene Schleppe
-seines Gefolges hinter sich her. Wo er sich einem Regiment nähert,
-rauscht die Volkshymne auf. Und der junge Offizier blickt auf dieses
-Beisammensein des Kaisers mit den Soldaten. Er sieht, wie die
-kaiserliche Gegenwart alle diese Menschen bannt, wie über ihnen nur
-das eine ist: der Befehl, und in ihrer Haltung nur das eine: der
-Gehorsam. Er blickt hinüber und vermag fast jeden einzelnen Mann zu
-unterscheiden, und vermag auf dem Boden die gleichen Zwischenräume
-zwischen all diesen Fußspitzen zu sehen, als hätte man in sorgsamer
-Symmetrie zwanzigtausend Bleisoldaten auf ein großes Brett gestellt. Er
-betrachtet diesen Vorbeiritt, der sich ausnimmt, als ob weiter nichts
-geschehen würde, und er weiß aber, daß dort dennoch etwas geschieht,
-etwas, das zwischen der Person des Kaisers und diesen Soldaten hin und
-wieder geht, eine Hingabe, die in ihrem letzten Grund rätselhaft ist,
-auf der jedoch die ganze Macht eines Regierenden sich aufbaut.
-
-Umstoben von dem blitzenden Schwarm seines Gefolges, sprengt der Kaiser
-wieder zum Obelisken heran. Wie er so dahergaloppiert und hinter ihm
-drein noch der Salut der Truppen rauscht, ist es ein Augenblick von
-einer Feierlichkeit, wie nach einem Sieg. Und der junge Offizier, der
-seine Ergriffenheit meistern will, überlegt, daß in diesem Augenblick
-ein uraltes Prinzip aufs neue besiegelt und bekräftigt wurde --
-hier am Rande der enormen, von allen neuen Gedanken und Problemen
-durcharbeiteten Großstadt -- und daß von dieser Besieglung das
-feierliche Empfinden herrührt.
-
-Dann marschieren die Regimenter an dem Kaiser vorbei. In breiten Reihen
-kommen sie heran, junge Menschen, viele Tausende von jungen, blühenden
-Menschen, Söhne, Söhne, Söhne. Der Defiliermarsch zwingt ihnen wie
-mit energischen Griffen seinen Rhythmus auf, die Fahnen flattern hoch
-gehoben, und alle diese jungen, lächelnden, frischen Gesichter dem
-einen, weißbärtigen Greisenantlitz zugewendet, marschieren sie vorüber.
-
-Der junge Offizier denkt bei sich, wie einfach, wie untheatralisch
-diese Art der Parade und des Vorbeimarsches ist, wie diese Truppe den
-kriegerischen Geist nur andeutet, als fürchte sie das Lächerliche und
-Prahlerische einer Übertreibung; wie sie die Strammheit mühelos und
-diskret nur andeutet, wie sie in ihrer Masse und in ihrem Schritt, in
-ihrer Zusammengeschlossenheit doch menschlich und persönlich bleibt,
-wie sie nicht einen Augenblick als eine Schar von Gliederpuppen
-erscheint, wie selbst ihr Gruß noch etwas Gemütvolles und Weiches
-hat -- und er überlegt, daß die Anmut dieses Landes, daß seine
-tiefwurzelnde Kultur, seine Willigkeit und sein Taktgefühl so vieles
-leicht und anmutig macht, was anderswo ...
-
-Wo ich dieses Romankapitel gelesen habe, weiß ich jetzt nicht mehr. Ich
-glaube sogar, ich habe es überhaupt noch nirgends gelesen, und mich
-nur in die Möglichkeit eines solchen Kapitels verirrt. Es wäre aber
-vielleicht ganz gut, wenn es einmal geschrieben würde.
-
-
-
-
-KAISERMANÖVER
-
-
-Man sollte sich's einbilden können, daß es ein wirklicher Krieg ist.
-
-Hinaus, die morgenstille Dorfstraße entlang, die vom ländlichen
-Geruch brennenden Reisigs durchflogen wird. Der Tag ist an der Sonne
-noch nicht warm geworden, und sein junges Atmen weht kühl über das
-erwachende Gelände. Auf dem dunklen Grün der Hochlandwiesen schreitet
-man über Moorgrund, wo das perlenbesäte Gras unter den Füßen glitzert,
-schreitet über die hellfarbigen Teppiche blühender Buchweizenfelder
-den Hügel hinan, wo junge Lärchen wie auf Vorposten stehen. Weithin
-überschaut man hier das Tal: in der Tiefe überall weißblinkende
-Ortschaften, winzige Häuser, gleich umhergestreuten Steinen auf einer
-riesenhaften Matte. In schwarzblauen Schatten steigen die Bergwälder
-von den Felsen nieder. Aber hinter grauen Wolken birgt sich die
-Brentagruppe noch mit ihren Gletschern, des Adamello und des Ortlers
-aufragende Schneegipfel, als habe die Natur zum Sommerfest dieses Tages
-noch nicht aufgeräumt und halte die Prunkstücke dieser Landschaft
-einstweilen unter Schutzdecken.
-
-Irgend ein dumpfer Ton schlägt an, als ob in der Ferne ein
-Böttcherhammer niederfiele. Noch einmal, dann wieder. Mit dem
-Feldstecher suchen die Augen alle Höhen und Tiefen ab. Ganz weit,
-weit weg funkt ein gelber Schimmer auf, nicht stärker als ein
-verlöschendes Streichholz. Und wieder der dumpfe Ton. Die Kanonen
-eröffnen das Gefecht. Plötzlich andere Geräusche. Wie schwaches
-Peitschenknallen, wie das Bersten auffliegender Eierschalen, wie das
-Knittern von starkem Papier. Infanterie im Schnellfeuer. Dazwischen
-ein lautes, überraschendes Pochen, ungeduldig, als ob jemand voll Zorn
-an eine Tür klopfen würde: die Maschinengewehre. Das Pochen reißt ab,
-setzt wieder ein. Und nichts zu sehen, als in den Feldern oder am
-meilenfernen Waldrand das Aufblitzen der Säbel. In einer unermeßlichen
-Ruhe verharrt die Landschaft, in einer majestätischen Gleichgültigkeit
-gegen den Kampf, der sie in ihren Schrunden und Falten durchwühlt, in
-ihren Mulden und Gräben. Dort unten, tief in den Wäldern, in schmalen
-Gebirgspässen, am Rande unwegsamer Schluchten, auf engen Brücken, die
-hoch über wilden Sturzbächen schweben, bricht jetzt der Kampf los; um
-des Reiches Pforten.
-
-Man sollte sich's einbilden können, daß es ein wirklicher Krieg ist.
-Sollte das hitzige Fieber spüren, das in den Stunden vor einer großen
-Entscheidung über die Menschen hinpeitscht. Sollte die Schauer jener
-ungeheuren, verführerischen Feindseligkeit genießen, die aus den
-tierischen Wurzeln unserer Art empordampft. Dann aufwachen, wie aus
-einem glühenden Traum, und sich an der spielerischen Wirklichkeit
-beschwichtigen: Gedankenmanöver ... Vielleicht, daß von den Soldaten
-einer, anschleichend in der Schützenlinie, am Boden liegend, im
-Schnellfeuer, berauscht von seiner Jugend, von der eigenen Kampfgebärde
-und vom Knall des eigenen Gewehrs, für Sekunden in das siedende Bad
-dieser Einbildung stürzt, für Sekunden in dieses Traumes flammende
-Tiefen hinabtaucht. Im nächsten Augenblick aber reißt es ihn gewiß
-schon wieder aus dem Abgrund solcher Schwärmerei empor zum harmlosen
-Bewußtsein des harmlosen Kampfspieles. Denn es gibt eben Dinge, die
-sich auf Befehl nicht vorstellen, die sich nicht manövrieren lassen:
-Todesgefahr und Sterbensahnung, Blutrauch und in Ackerschollen
-hingekrümmte Verzweiflung, und die furchtbare Schicksalsatmosphäre, die
-über den Schlachtfeldern sich breitet.
-
-Ein Schauspiel. Künftiger, oder niemals kommender Ereignisse
-vorberechnete Gebärde. Erdichtetes, wohl ausgedachtes, künstlerisch
-komponiertes Geschehen, dargestellt unter freiem Himmel von
-fünfzigtausend Akteuren. Ein Schauspiel in drei Tagen, in drei
-Aufzügen, wenn man will. Sorgfältig gesteigert, mit prachtvollen
-Massenszenen, mit unzähligen dekorativen Episoden, und mit einem
-einzigen Zuschauer, dessen Beifall ersehnt wird, dessen Gegenwart, wie
-ein ruheloser Pulsschlag in all den Massen, die sich hier bewegen,
-fühlbar ist, dessen Dasein Aufregung, Gespanntheit, Anstraffen der
-Nerven ringsumher verbreitet, und Prunk und Glanz und hohes Erwarten:
-der Kaiser.
-
-Anschaulicher als sonst jemals tritt hier der militärisch-monarchische
-Gedanke in die Erscheinung, wird in dem kleinen Ort hier -- vom
-bürgerlichen Großstadtwirbel nicht mehr verhüllt -- greifbar nahe,
-wird gleichsam ohne störende Nebengeräusche reiner vernehmlich. Das
-unübersehbar große Regierungsnetz, das ein ganzes Reich zusammenhält,
-ist hier auf einmal zu übersehen, ist dichtmaschiger, so daß man
-herantreten und sein sinnreiches Gewebe bewundern kann. Das geringe
-Dorf ist zum Auszug der staatsgebietenden Mächte geworden, gibt den
-Extrakt der herrschenden Gewalten. Schon äußerlich. Die Einwohner,
-das, was man die »Bevölkerung« nennt, ist wie verschwunden, ist an
-die Wand gedrängt, in die Winkel verscheucht, unsichtbar neben dem
-Glanz, der jetzt in diesen Hütten wohnt. Tür an Tür: der Kaiser, die
-Erzherzoge, die Generale, Minister, Statthalter, Polizei. Und Militär,
-Militär, Militär. Überall, auf den Straßen, vor den Schenken, auf den
-Feldern, in den Torbogen, an den Brunnen steht einer vor dem anderen
-in Ehrfurcht, in Strammheit, in erstarrendem Gehorchen. Überall wird
-nur befohlen und Gehorsam geleistet. Überall gibt es nur Vorgesetzte
-und Untergebene. Alle Klassenunterschiede, alle Vorrechte stellen sich
-in greller Sichtbarkeit dar. Einer freien Arbeit lebend, hat man sie
-gelegentlich wohl vergessen: hat, unter höher gewölbten Horizonten
-dahinwandelnd, manche dieser Dinge für verschollen, für erledigt,
-für nicht mehr diskutierbar gehalten. Da wird es einem seltsam zumute
-während dieser drei Tage, die man hier in einer Atmosphäre voll
-Disziplin, voll Ergebenheit, voll Devotion verbringt, in konzentrischen
-Kreisen sich dreht, auf denen Rang und Stand, und Geburt und Charge
-verzeichnet sind, wo jeder mit den äußeren Abzeichen und Signalen
-seines Wertes umhergeht, wo Lohn und Strafe sofort vollzogen, erteilt
-und im Augenblick fühlbar werden. So nach und nach aber findet man
-sich angezogen vom großartigen Hokuspokus des Herrschens, fühlt sich
-fasziniert von der erlauchten Magie des Menschenfanges, und bewundert
-ihre tiefe Psychologie, ihre uralte Weisheit. Und dann braucht man
-sich's gar nicht mehr einbilden zu wollen, daß es ein wirklicher Krieg
-ist, hat dem Waffenspiel einen anderen Sinn gefunden, wenn man am
-nächsten Morgen hinauswandert ins Gelände. Da wird eben die Krone des
-Werkes gezeigt, die höchste Vollendung der Idee: wie sich die Tausende
-darbringen, wie sie dereinst ihr Sein und Leben einsetzen werden. Die
-Hauptprobe der äußersten Hingebung. Die Hauptprobe jener Treue, die in
-der Volkshymne »Gut und Blut« verspricht: Kaisermanöver.
-
-Kanonengebrüll am zweiten Tag in der Frühe. Ganz nahe dem kaiserlichen
-Hauptquartier. Schwere nasse Wolkenvorhänge hüllen die Berge ein.
-Wolken ziehen am Waldsaum hin, und in der Tiefe des Tales deckt
-weißdampfender Nebel alle Dörfer und Fluren. Unten vollzieht der
-anrückende »Feind«, vom Wetterschleier verborgen, seinen Vormarsch.
-An die Sonne von Austerlitz denkt man, aber die Sonne scheint Zitate
-aus der Geschichte nicht anzuwenden und zeigt sich nicht. Auf der
-Anhöhe vor dem Dorf steht die Artillerie. Der Feuerblitz fährt aus
-den Kanonen, ein Donnerschlag, den man in der Magengrube, in den
-Eingeweiden wahrnimmt, der den ganzen Körper gleichsam durchzuckt.
-Das Echo reißt ungeheure Schallfetzen von den Bergen, die der Wind
-zerbläst. Aus den Wolkennebeln ein Knattern wie das Anfahren eines
-Motorrades. Mühsam nur erkennt man drüben im schütteren Gehölz
-das Landesschützenregiment. Langsam, geduckt, mit schleichenden
-Jägerschritten vorgehend, feuern sie, werfen sich zu Boden, in die
-Regenlachen, feuern. Jetzt, dicht vor der Anhöhe, auf der die Kanonen
-stehen, rückt in Schwarmlinie die Infanterie vor, erwidert die
-Gewehrsalven, deckt das Abreiten der Batterie: Rückzug. Nach einer
-kurzen Weile ist die Artillerie verschwunden. »Feuer einstellen.« Jeder
-Mann wiederholt es, ein langgezogener Aufschrei fliegt über die Felder.
-Und jetzt kommt die feindliche Macht von überallher heran, stürmt, aus
-dem Talnebel hervorbrechend, die Hügel hinauf, wälzt sich über die
-gewundenen Bergwege, und plötzlich wieder das Pochen, laut, eilig,
-zornig. Die Maschinengewehre, die den Verfolger noch aufhalten sollen.
-Kein anderes Schlachtgeräusch ist wie dieses alarmierend, trägt so
-beredsam den Charakter des schnellen Eingreifens, der furchtbaren
-Aggressivität.
-
-Es regnet in Strömen. Seit Stunden regnet es. Scharf, kalt, und der
-Wind schleudert einem die dichten Strahlen ins Gesicht, zerrt die
-Wolken bis auf den Boden herab, wühlt die Schollen auf, peitscht einen
-mit eisiger Wassernagaika. Auf dem freien Platz vor dem Hauptquartier
-hält der Kaiser zu Pferd. Vor ihm in ihren weißen Mänteln die sechs
-Gardereiter, das Gesicht zu ihm gewendet. Ein wenig abseits das
-Gefolge. Generalstäbler, die fremden Attachés, Adjutanten. Weiter weg
-die Lakaien mit den Reservepferden. Vom Unwetter werden die Tiere
-nervös. Ihr lautes Wiehern tönt herüber, ihr ungeduldiges Schnauben.
-Niemand rührt sich dort, wo der Kaiser unbeweglich im Regensturm
-aushält. Stunde um Stunde erblickt man ihn so; querfeldein galoppierend
-zu einem anderen Standplatz, an feuernden Batterien vorbei, sein Pferd
-parierend, sieht diesen Greis, der leicht in seinem Sattel nur so zu
-federn scheint, und für den es den Hochlandsorkan, den Wolkenbruch, die
-Kälte offenbar nicht gibt. Wie er dann endlich einreitet, gefolgt vom
-Schwarm seiner erschöpften Suite, sieht man, wie ihm unter der schwer
-nassen Kappe das Wasser die weißen Haare an den Kopf klebt, wie es ihm
-von der Stirne, vom Bart und von den Wangen herabläuft, aber auch, wie
-er, frisch und rot überhaucht, lächelt, als sei das alles gar nichts.
-Die fünfundsiebzig Jahre, die fünf Morgenstunden zu Pferd und das
-Wetter ... gar nichts.
-
-Schluß. Dritter Tag, dritter und letzter Aufzug. Man will ganz zeitlich
-fort, nichts versäumen, aber ehe die Sonne noch aufgeht, bebt das Haus.
-Auf der Wiese drüben schießen die Kanonen. Es ist, als ob das ganze
-Gebäude von einer Riesenfaust dröhnende Stöße bekäme. Der Fußboden
-zittert, die Fenster schüttern. Schlag auf Schlag. Plötzlich, dicht vor
-dem Tore das helle Krachen der Gewehre. Und rückwärts über den Hof,
-übers Dach hinweg das Pochen der Maxims. Hinaus ins Freie. Adjutanten
-rasen vorbei. Motorräder preschen die Mendelstraße hinauf, und in der
-Luft ein schallendes, verfliegendes »aaa ...« Das Hurrarufen stürmender
-Truppen. Saphirblau ist der Himmel, alles in goldenen Glanz getaucht,
-in Sonnenfröhlichkeit und Reinheit, die Wälder, die Wiesen, die
-funkelnden Kirchturmspitzen, die Berggipfel. Und von den schimmernden
-Neuschneefeldern der Brentagruppe lösen sich die letzten weißen
-Flockenwolken. Ein festlicher Abschluß. Wie ein Salutschießen dröhnt
-der Donner der Schlacht, die sich jetzt voll entfaltet. Auf der breiten
-Terrainwelle, die sich zwischen Romeno und Sarnonico wölbt, stürmen
-die Regimenter in breiten, formierten Fronten gegeneinander. Mitten
-zwischen die beiden Parteien fliegt ein glitzernder, goldfunkelnder,
-prachtblitzender Schwarm die Wiese hinauf, sammelt sich oben, nimmt
-Stellung: die kaiserliche Suite. Das Gewehrfeuer prasselt und
-schnattert und knattert, die Gebirgsbatterien pochen, die Haubitzen
-zerreißen das Firmament mit ihrem Krachen, und das Echo tobt an den
-Felswänden. Wie kleine farbige Tüchlein flattern die entrollten Fahnen
-über den Bataillonen. Da bricht aus dem Tann, der den Hintergrund
-abschließt, mit Hurra ein neues Regiment hervor. Es ist der Höhepunkt.
-Der Kaiser inmitten dreier Fronten, umgeben von formierten Regimentern.
-Regimentern auf seinem ganzen Rückweg, den er von Cavareno nach Romeno
-zu nehmen hat, all das mit meisterlicher Regiekunst auf den letzten
-Augenblick hin, auf den Schlußeffekt gruppiert. Ein scharfer Hornruf
-jetzt. Das Feuern verstummt allmählich, das Echo besänftigt sich und
-verhallt, und brausend klingt das Einschlagen der Musikbanden herüber:
-»Gott erhalte ...« Der Kaiser reitet die Fronten ab. Mit Trommelwirbel
-übernimmt eine Truppe von der anderen das Kaiserlied, immer weiter,
-immer entfernter, Generalmarsch ... Trommeln, dann feierlich die
-Volkshymne ... zuletzt nur ein leises metallisches Klingen. Der Kaiser
-reitet ins Hauptquartier zurück.
-
-Rasch jetzt die Straße hinauf, heimwärts nach Bozen. Wie durch einen
-heiteren Soldatensonntag fährt man dahin. Singende Soldaten, lachende,
-sonnengebräunte Gesichter, Gesichter, denen das tiefe Atemschöpfen
-der Beruhigung etwas Zufriedenes und Befreites gibt. Überall liegen
-sie im Gras, rasten am Wegrand, rauchen, essen und singen. Wenn man
-sich's einbilden könnte, daß es ein wirklicher Krieg war und daß es nun
-Frieden ist, seit einer Stunde ...
-
-Während der Drahtseilwaggon von der Mendel ins Kalterertal
-hinuntergleitet, wie in freier Luft hinab zu schweben scheint, rauscht
-der ganze Berg und klingt von Musik. Und in Sankt Anton unten, auf dem
-kleinen Bahnsteig, erzählen die Leute, daß der große Krieg im fernen
-Asien zu Ende, der Friede zwischen Rußland und Japan geschlossen sei.
-Laurins Rosengarten steht im Glühen der Abendsonne. Vom Bozener Dom her
-läuten die Glocken, und man hat den Traum, daß diese schöne Welt eine
-ruhige Stunde genießt.
-
-
-
-
-ELISABETH
-
-
-Jetzt ist uns ihre Existenz fast schon wie etwas Unwirkliches, ihre
-Gestalt schwebend wie die Gestalten eines Traumes, und auf ihr
-Schicksal blicken wir kaum noch wie auf ein gelebtes Dasein, sondern
-wie auf eine Dichtung. Das rührt von der tiefsten Seelenkraft dieser
-Frau her, die alle Wirklichkeit immer ins Erhabene emporzwang. Das
-rührt davon her, daß ihr Wesen vom Geschick freilich verwundet,
-aber niemals bestaubt werden konnte. Was auch rings um sie her an
-Verheißungen hindorrte, ihr eigener Sinn ist nicht welk geworden. Was
-auch vor ihr an teuren Gütern in Trümmer sank, es vermochte nicht,
-ihr den Weg zu sich selbst zu verrammeln. Dieses unbegreiflich hohe
-Hinwegschreiten über das äußere Leben macht es, daß ihr Dasein jetzt
-einer Legende gleicht.
-
-Es fängt mit dem strahlenden Glück an, läuft aus sonniger Pracht in
-dunkle Trauer und endigt in grauenhaftem Tod. Momente aus ihrem Leben:
-die stürmisch geliebte Kaiserbraut, die in Wien einzog, so lieblich,
-daß sie nicht bloß die erste, sondern die schönste Frau des Reiches
-war. Die schönste Kaiserin an einem lachenden, frohgelaunten Hof, in
-einem lachenden, frohgelaunten Wien. Dann ihre Krönung zur Königin
-von Ungarn, bejubelt, wie seit den Tagen der Maria Theresia keine
-Monarchin mehr bejubelt wurde. Dann ein langsames Hinweggleiten aus
-all dem Glanz. Einsam und einsamer auf weiten Reisen. Dann der Tag
-von Mayerling. Das jähe Hinstürzen jeglicher Zukunftshoffnung. Dann
-wieder tiefe Einsamkeit in fernen Ländern. Der Traum vom Griechentum
-in dem weißen Schloß auf Korfu. Ein unerfüllter Traum. Das Schloß
-blieb verlassen. Wandern, wandern, wandern. An den Gestaden südlicher
-Meere, durch kleine Städte Italiens. Unerkannt, unscheinbar in ihren
-Trauerkleidern, versteckt und den Zudrang der Menschen meidend. Jahre.
-Dann am Genfer See das schnelle, aus Mörderhand empfangene Sterben.
-
-Die Kaiserin ... Sie ist uns lange schon entschwebt, war uns eine
-Gestalt, die irgendwo ihr Dasein hoch über dem Dasein anderer Menschen
-ins Weite trug. Nur manchmal drang eine Kunde von ihr bis zu uns
-herüber, nur manchmal kam ein Klang aus ihrer Welt zu uns herangeweht.
-Und wunderbar, wie feines Ahnen in den Instinkten der Menge liegt, daß
-man aus so fernen Fernen die Kaiserin verstand, daß man ihr Suchen nach
-Schönheit und Ruhe begriff, daß man banalere Vorstellungen vom Walten
-einer Kaiserin still beiseite legte und mit ahnungsvoller Ehrfurcht
-eine Menschlichkeit bewunderte, die über den höchsten irdischen
-Rang hinaus höheren Graden noch sehnsüchtig entgegenstrebte. Die
-Kaiserin. Auch dieses Wort ist durch Elisabeth zarter, märchenhafter,
-unwirklicher, gleichsam dichterischer geworden.
-
-Wir haben Bilder aus ihrer Jugendzeit. Denn ein anderes Antlitz als das
-ihrer blühenden Jugend hat sie dem Volke niemals im Bilde gezeigt.
-Aber indem wir diese Bilder jetzt betrachten, wissen wir, daß keines
-ihr wirkliches Wesen enthüllt. Dieses edel schmale Gesicht sehen wir,
-die Anmut ihrer geschwungenen Lippen, die dunkle Tiefe ihrer Augen.
-Doch wir sehen, daß alle Maler die Prinzessin Elisabeth malen wollten,
-die Kaiserin Elisabeth. Und daß keiner es vermocht hat, Elisabeth
-zu malen. Wir sehen, daß dieses Antlitz etwas noch verbirgt, ein
-Unaufgefundenes, ein Verhehltes, ein Verschlossenes: sein Bestes. Die
-Züge sind da, aber was diese Züge zur Einheit verschmilzt, was sie
-beseelt, das ist nicht da. An die leere Stelle tritt ein offizieller
-Ausdruck: Kaiserin. Die Lebendigkeit dieses Gesichtes, seine zarteste,
-intimste Lebendigkeit hat keiner von den Malern gegeben. Vielleicht
-auch, weil keiner sie erfassen konnte.
-
-So ist ihr Wesen auch dem einfacher Zugreifenden nicht erfaßlich
-gewesen. Nicht in geraden, handlichen Worten ließ es sich sagen. Etwa:
-sie ist heiter gewesen, oder melancholisch, oder freigeistig, oder
-fromm, oder demütig, oder stolz, gütig oder voll Energie. Sie war am
-Ende zu sehr alles zusammen, heiter und melancholisch, freigeistig und
-fromm, demütig und stolz und gütig und voll Energie und noch vieles
-andere dazu. Sie war viel zu sehr alles zusammen, als daß man dem Volke
-eine Formel hätte darreichen können: so und so ist deine Kaiserin. Kann
-sein, man hätte sagen dürfen: sie ist fürstlich. Aber die Begriffe,
-die vom Fürstlichsein umgehen, sind durch andere Beispiele entstanden
-und gewertet worden. Es hätte Mißverständnisse gegeben.
-
-Mancherlei Erbe trug sie in ihrem königlichen Blut. Die Wittelsbacher
-vermochten es oft, ihr fürstliches Vergnügen künstlerisch zu veredeln,
-hatten die Gabe, in geistigen Genüssen zu schwelgen, ja zu prassen
-wie andere in Genüssen des Leibes, hatten oft diese stürmende Seele,
-die sich selbst zerarbeitet. Zu ihren Urmüttern zählte Therese
-Kunigunde, des Polenkönigs Sobieski stolze und wildschöne Tochter, die
-das Reiten und Jagen liebte und das Bücherlesen, und dem höfischen
-Zeremoniell sich ewig widersetzte. Sie war des Kurfürsten Max Emanuel
-Gattin. Elisabeths Vater war der Herzog Max, den seine Sehnsucht in
-den Orient trieb. Es war die große Reise seines Lebens. Und sein
-Traum vom Reisen war der Orient. Ein Dichter, wie König Ludwig I.,
-ein besserer vielleicht. Mindestens ein sehr kultivierter Dilettant,
-der historische Novellen aus der Renaissancezeit schrieb. Königliche
-Prunkliebe und bürgerliche Einfachheit ist bei den Wittelsbachern. Aber
-am Ende mag man alle Gaben, die das Bayernhaus zu vererben hat, noch so
-sehr durchsuchen, noch so sehr durcheinandermischen, die wundervolle
-Zartheit, die geheimnistiefe Kraft, die in der Kaiserin Elisabeth
-gelebt hat, entschleiert sich und erklärt sich damit nicht.
-
-Was wissen wir auch von ihr? Daß sie in ihrer Jugend die adelige
-Kunst des Reitens geliebt und geübt hat. Daß ihr Körper gestählt und
-geschmeidig war und daß ihr Gang eine musikalische Schönheit besaß, die
-aus solcher Meisterschaft herkam. Daß sie den Zauber einer unberührten
-Natur, Bergwälder und Meeresufer inniger verehrte als den Tumult
-mondäner Amüsements. Daß keine Eitelkeit und keine Hoffart in ihr
-war, die sie getrieben hätten, sich am lärmenden Zuruf der Massen zu
-ergötzen. Daß es sie zu quälen schien, sich selbst als Schaustück der
-Menge hinzustellen. Daß sie dafür auf einsamen Spaziergängen aus dem
-Homer sich vorlesen ließ und in späten Jahren noch anfing, Griechisch
-zu lernen, um des Gedichtes Schönheit aus dem Urtext näher zu
-begreifen. Daß sie den Dichter, der das »Buch der Lieder« geschrieben,
-verehrte und ihm zu Korfu ein Denkmal gesetzt hat. Daß sie den Schmerz
-um ihren einzigen Sohn von Land zu Land, von Gestade zu Gestade ruhelos
-umhergetragen, ihren Kummer vor den Blicken der Welt verbarg, wie sie
-stets ihr schönstes Fühlen vor profanen Augen verborgen gehalten. Wenn
-wir nur dieses, was wir wissen, nehmen, ihr Wesen damit zu umspannen,
-dann haben wir eine große Seele, ein Frauenherz von einer Reinheit,
-einen Frauensinn von einer Tiefe, daß sie als eine lichte Gestalt
-unserem Gedächtnis bleiben müßte, auch wenn sie nicht die Kaiserin
-gewesen wäre.
-
-Daß sie's gewesen ist, scheint mir von unermeßbarem Wert. Denn sie hat
-mehr gewirkt als eine Kaiserin, die prunkvoll durch alle Straßen fährt,
-auf allen Festen glänzt, sich überall huldvoll und gnädig dem Volke
-neigt und die Mode des Landes wie das gesellige Wohltätigkeitsgeschäft
-regiert. Sie hat dieser Zeit die Fürstin gegeben, hat als einzige
-auf eine lautlose, unwillkürliche und vollkommen menschliche Art
-gezeigt, was eine Fürstin ist. Sie hat ein Hochmaß von Weiblichkeit in
-unsere Zeit hineingestellt, das kostbarer ist als alles, was wir an
-erdichteten weiblichen Idealgestalten besitzen.
-
-Und sonderbar: Wie unser Erinnern sich lebhafter der Kaiserin zuwendet,
-da merken wir, daß wir im Eigentlichen nur wenig von ihr wissen, uns
-nicht vermessen dürfen, sie zu kennen, sondern daß es weit mehr die
-Ahnung von ihrem reichen Wesen ist, die uns bezwingt. Ein Leben, aus
-weiter Ferne angeschaut. Still und hoch dahinfunkelnd, vom Schimmer
-des seligsten Glückes umflossen und vom Glanz einer erlesenen Tragik
-umleuchtet. Nur leise Andeutungen haben wir, um ihr Inneres zu erraten,
-nur das Echo vom Echo ihrer Worte, nur den Hauch, der von ihrem
-Wandel ausging, nur verwehte Klänge ihrer Lebensmelodie. Der Spiegel
-der Volksseele hat nur ein schwaches, undeutliches Bild dieser hohen
-Frau aufgefangen, und man bestaunt es wie das Antlitz eines Märchens.
-Diese Gestalt ist wie aus lauter dünnen Schleiern gewoben, fließend,
-ungreifbar, unwirklich beinahe, und ist uns doch eingeprägt wie mit
-einem Stempel.
-
-So wenig braucht es, einen guten und seltenen Menschen zu erkennen.
-Sei er noch so verborgen, so hat sein Wesen doch einen Duft von solch
-feiner Kraft, daß man seine Gegenwart empfindet wie die Gegenwart im
-Grase verborgener Blumen. Sei er noch so entfernt, so ist er doch
-in eine Atmosphäre gehüllt, die leuchtet wie ein Gestirn am dunkeln
-Himmel.
-
-
-
-
-DAS ÖSTERREICHISCHE ANTLITZ
-
-
-Von überall her blickt uns jetzt sein Antlitz entgegen. Aus allen
-Schaufenstern sieht es uns an, es ziert alle Paravents, Tabaksdosen,
-Ansichtskarten, Bonbonnieren; es schmückt die Titelblätter aller
-Zeitungen, die wir zur Hand nehmen, und es prangt in der Apotheose
-aller Festspiele, umrauscht von der Volkshymne und von der Hochflut
-wienerisch zärtlicher Kaiserstimmung. Wo wir uns hinwenden, lächelt
-dies Greisenhaupt aus weißem Bart und aus den von weißen Brauen dicht
-verhehlten Augen sein stilles Lächeln.
-
-Wie ist uns dieses Antlitz wohl vertraut. Wir alle sind mit diesem
-Bilde vor uns aufgewachsen. Unsere Väter schon haben kein anderes
-Kaiserantlitz mehr in Österreich gekannt, und wie wir kleine Buben
-waren, hat uns dieses Antlitz angeschaut, da wir zum erstenmal in der
-Schulstube saßen. Jetzt wachsen unsere Kinder auf und gehen zur Schule,
-und auch sie blickt dieses selbe Angesicht aus feierlichem Rahmen an.
-Mit diesem Angesicht haben wir unser Leben verbracht, haben alle unsere
-Tage in diese Mienen geschaut, und sie sind uns so eingeprägt, daß wir
-bei dem Worte Kaiser immer gleich auch diese Züge sehen. Wir werden sie
-noch lange sehen, wenn wir das Wort Kaiser aussprechen oder denken.
-Diese beiden Vorstellungen, von einem Monarchen und von einem Antlitz,
-sind in unserem Bewußtsein so unauflöslich, so von frühester Kindheit
-an miteinander verknüpft, daß wir sie nun wohl kaum mehr voneinander
-trennen werden. Was immer auch geschehen mag.
-
-Aber es ist nicht bloß die Erinnerung an wohlvertraute Züge, die
-unserem Denken also lebhaft einleuchtet. Schließlich gab es ja noch
-andere Gesichter, mit deren berühmter Gegenwart wir gelebt haben.
-Gesichter, die uns geläufig waren, deren Klischee wir fertig in
-unserem Bewußtsein trugen. Gesichter, die in uns vorhanden waren, wie
-Photographien in einem Album. Man braucht gar kein langes Gedächtnis zu
-haben, um sich des dunkeln, zierlich wilden Zigeunerkopfes Andrassys zu
-besinnen, oder der behaglich pfiffigen, rotnasigen Spießbürgermaske des
-Grafen Taaffe. Und vor kurzem noch war das lachende Beethovenantlitz
-Girardis berühmt, so berühmt, daß es über Wien stand wie der Mond, und
-wie dieser in alle Straßen und in alle Fenster schaute. Dann Johann
-Strauß, sein blasses Antlitz mit den tiefstrahlenden schwarzen Augen,
-dieses Antlitz der zum Genie gesteigerten Wiener Lebensfreude. Wir
-haben viele Gesichter gehabt, die uns beständig gegenwärtig waren,
-und von denen es schien, als gehörten sie einfach mit zum Bestand des
-Lebens, und als sei ohne sie die Welt gar nicht möglich.
-
-Dennoch hat kein anderes Antlitz und keines anderen Mannes Wesen so
-vielfach, so stark und so nachhaltig sich in der Menge gespiegelt und
-auf die Menge abgefärbt wie das Antlitz und das Wesen des Kaisers.
-Freilich: weil es der Kaiser war. Das ist natürlich, braucht
-nicht erst entdeckt, noch bewundert zu werden. Auch eine schwache
-Persönlichkeit kann die Menge beeinflussen, wenn sie auf so hohem,
-so weithin sichtbarem Gipfel steht, wenn sie auf so vielen tausend
-Wegen, durch so viele tausend Türen und Türchen immerfort auf die Menge
-eindringen kann. Hier aber ist es nicht nur der Kaiser gewesen, nicht
-dieser allein; und es machen's auch nicht die sechzig Jahre, obwohl sie
-viel mitgeholfen haben. Hier war es der Österreicher. Dieser zumeist.
-Das echt österreichische Antlitz des Kaisers. Sein österreichisches
-Wesen. Seine ... Bodenständigkeit, würde ich sagen, wenn ich von dieser
-Eigenschaft so viel halten könnte wie andere Leute. Aber lassen wir's
-dabei. So wenig diese Bodenständigkeit in der Kunst zur Größe oder zur
-Komplexheit notwendig, ja selbst nützlich ist, so wichtig mag sie bei
-einem Fürsten sein. Also: seine Bodenständigkeit.
-
-Man braucht ja nur bedenken, daß in England hannoveranische Prinzen die
-Krone tragen, daß im russischen Reiche Holsteiner Fürsten herrschen,
-daß in Schweden die Enkel des französischen Bernadotte Könige sind,
-in Griechenland ein Dänensproß regiert, in Rumänien ein Hohenzoller
-und in Bulgarien ein Koburger. Rein äußerlich mag auch der landfremde
-Monarch durch sein Wesen Einfluß üben. Auch der Regent, der in seiner
-Persönlichkeit nicht den Typus des Volkes darstellt, auch der wird
-kopiert. Aber doch nur von liebedienernder Absicht, doch nur von
-Höflingen, die mühselig in der Maske und in den Gebärden ihres Herrn
-posieren. Diese Wirkung streift nur die Oberfläche. Unser Kaiser
-spiegelt sich in den Österreichern, wie österreichische Art in seinem
-Wesen sich spiegelt, weil er nicht nur ein Kaiser, sondern ein Typus in
-Österreich ist. Eine Gestalt, diesem Lande eingeboren und verwurzelt.
-
-Wir können die Probe drauf machen. Wenn einer das Bildnis Eduards
-anschaut und es zufällig nicht weiß, daß es der King von Großbritannien
-ist, niemals würde er darauf verfallen, ihn für einen Engländer zu
-halten. Niemand, der es nicht vorher weiß, würde von selbst sagen,
-Nikolaus sei ein Russe, und sein vollkommenes Ebenbild, der Prinz von
-Wales, ein Insularbrite; niemand würde von Karol behaupten, das sei ein
-echter Rumäne, und Wilhelm II. würde man, ohne ausdrückliches Wissen,
-eher für einen Engländer ansprechen, genau so wie seinen ältesten Sohn,
-den Kronprinzen von Preußen. Aber das Gesicht unseres Kaisers muß
-jeder für ein österreichisches Gesicht erkennen. Man denke der Bilder,
-die den Kaiser in Zivil zeigen. Auf diesen Bildern kommt's erst recht
-heraus: das ist weder ein französischer Kavalier noch ein englischer,
-weder ein Sachse noch ein Preuße, das kann nur ein Österreicher sein.
-Nicht wahr?
-
-Immer ist es ein österreichisches, eigentlich ein wienerisches Gesicht
-gewesen. Man betrachte die Bildnisse aus einer frühen Zeit, da er,
-ein achtzehnjähriger Jüngling, den Thron gewann. Und man nehme,
-zum Vergleich, ein Bildnis des ersten Kaiser Wilhelm, das ihn als
-Jüngling zeigt. Auch der Sohn der in Preußen vielgeliebten, schönen
-Königin Luise ist ein wunderschöner junger Prinz gewesen, wie der
-Sohn der Erzherzogin Sophie. Vielleicht war er sogar schöner noch
-als dieser. Aber das Antlitz des jungen Franz Josef mit den heiter
-schwellenden Lippen, mit den weichen, zärtlichen Linien, mit dieser
-sanften, gleichsam musikalischen Anmut, ist das Antlitz eines jungen
-Österreichers. Und das Gesicht des Prinzen Wilhelm mit dem schmalen,
-fest zusammengepreßten Mund, mit den streng in sich verhaltenen Zügen
-und dem gewissermaßen sachlichen Ausdruck ist das Gesicht eines
-Norddeutschen. Man könnte sagen: jenes ist ein katholisches und dieses
-ein protestantisches Antlitz. Ihrer Volksart typisch waren beide,
-indessen jetzt keine Monarchen mehr da sind, weder Eduard noch Georg,
-noch Ferdinand oder Nikolaus, ja auch gewiß nicht Wilhelm II., die
-ihrer Volksart typische Gestalten wären.
-
-Man erinnere sich noch des Kaisers Franz Josef der sechziger, siebziger
-und ersten achtziger Jahre. Wie viele unter uns werden sich dessen noch
-leicht erinnern. Wie war er da mit dem langwehenden, blondbraunen,
-dichten und krausen Backenbart österreichisch. Und wie viel Offiziere,
-wie viel Beamte, wie viel Offizielle hat es damals gegeben, die den
-lang wehenden Backenbart trugen? In allen Amtsstuben, auf allen
-Exerzierplätzen, auf allen Promenaden hat man diese Gesichter und diese
-Bärte gesehen. Und manchmal war die Ähnlichkeit täuschend genug.
-
-Das sind freilich nur oberflächliche Dinge. Ein wenig tiefer aber liegt
-es schon, daß die Männer in Österreich auch des Kaisers Manieren sachte
-angenommen haben. Nicht nur die Höflinge, die das Vorbild immer mit
-Augen sehen und ihrem ganzen Charakter nach so gern erlauchtem Beispiel
-sich anschmiegen. Nicht nur die Offiziere, die, enger dem Kaiser
-verbunden, gewiß schärfer aufpassen, wie er seinen Rock trägt. Nicht
-nur die Beamten und alle die anderen vom offiziellen Dienst, sondern
-jeder, der vom Bürgertum irgendwie nach Formen, nach repräsentierender
-Geschicklichkeit strebt, nach einer Manier, sich im Verkehr menschlich
-zu geben und menschlich zu behaupten, jeder hat die Spur dieses
-Einflusses an sich, jeder ist in der Farbe des Kaisers irgendwie
-gefärbt.
-
-Wenn man die leicht geneigte Haltung des Kopfes, diesen unauffällig
-federnden, sorglosen und anmutigen Gang, dieses Sich-schmal-machen
-für österreichisch hält, dieses mit angedrücktem Oberarm, aus dem
-Ellbogen vollführte, runde Agieren, diesen um und um mit Freundlichkeit
-gepolsterten Stolz, diese verbindliche Kunst, lächelnd zu distanzieren,
-wenn man dies alles für österreichisch hält und dann erst den Kaiser
-beobachtet, merkt man erst, wie österreichisch Franz Josef ist, aber
-auch wie Franz-Josef-mäßig die Österreicher geworden sind. Man merkt,
-daß es eigentlich sein persönliches Wesen ausmacht, davon man die
-Spuren und Farben bei den anderen vereinzelt getroffen, vereinzelt und
-wie etwas Angenommenes, wie ein unwillkürlich Angewohntes. Sein Wesen
-ist dieser anmutige Paßgang, mit der Natürlichkeit der abfallenden
-Schultern, mit der leicht geneigten Haltung des Kopfes, das Agieren
-in runden, aus dem Ellbogen spielenden Gebärden mit angedrückten
-Oberarmen. Sein Wesen, diese ganze unauffällige, diskrete, sorglose und
-ihrer selbst unendlich sichere Eleganz.
-
-Nachahmung allein kann das nicht zuwege bringen. Auch greift Nachahmung
-allein nicht so weit um sich, dringt nicht so ins Breite und Tiefe,
-sickert nicht so unaufhaltsam durch alle Schichtungen der Stände. Wenn
-sie den Kaiser nur nachahmen würden, wäre dies alles gezwungener und
-leichter kenntlich. Man merkt ja sonst überall, wo ein Mensch einen
-anderen bewußt kopiert, den kleinen Zwischenraum, der zwischen seiner
-eigenen und der angenommenen Art klafft. Man merkt den feinen Striemen,
-den die vorgebundene Maske in das wirkliche Antlitz gräbt. Hier aber
-ist kein Zwischenraum, der eine kopierte Art vom wahren Wesen trennt.
-Wie der Kaiser sich gibt, wie er geht und spricht, wie er den Kopf
-hält und wie er schaut, dies alles ist Ausdruck des österreichischen
-Wesens. Eine tiefe Verwandtschaft des Blutes und der Rasse bindet den
-Österreicher an den Kaiser und den Kaiser an den Österreicher, an den
-niederösterreichischen, an den wienerischen, um es genauer zu sagen.
-
-Und es sind nicht die äußeren Züge bloß, die jene Gemeinsamkeit
-erleichtern, nicht die äußeren Manieren, die es ermöglicht haben, daß
-des Kaisers Art so viel abfärbende Wirkung, so viel angleichenden
-Einfluß übt. Wie vieles an ihm ist österreichisch, was erörtert
-werden kann, und wie vieles ist es, wovon wir heute nicht erst zu
-sprechen brauchen. Österreichisch ist sein Hang zum Unauffälligen,
-sein kultivierter Geschmack, der allem Gellenden, allem Schmetternden,
-allem Unterstrichenen und überlaut Betonten abhold ist. Österreichisch,
-wie seine Haltung, die nicht bolzengerade, nicht »stramm« mit
-aufgeworfenem Kopf soldatischen Geist zu markieren strebt, ist seine
-Diskretion, die vor allem Theatralischen, vor allem Exaltierten als
-vor etwas Unmöglichem scheu zurückweicht. Österreichisch ist dieses
-subtile Taktgefühl, das in Befangenheit gerät, wenn es repräsentierend
-obenan stehen soll, dieses Taktgefühl, das eher schüchtern wird,
-als daß es vermöchte, aufzutrumpfen. Österreichisch ist diese
-Art der gleichmäßigen, lautlosen Arbeit, dieses treue Hängen an
-ein paar Gewohnheiten, an ein paar liebgewordenen Erdenplätzen.
-(Wien--Ischl--Ischl--Wien.) Und dieses zuverlässige Zufindensein in
-den alten Gewohnheiten und in den alten Wohnungen ist österreichisch.
-Österreichisch ist auch diese Kultur der Seele, die es vermag, daß man
-die schwersten Dinge mitmacht, durchmacht, und der Welt doch immer ein
-lächelndes Antlitz zeigt. Und dieses Ablehnen allzu laut rauschender
-Lorbeern, dies Abwinken allzu schreiender Lobredner, dieses stille
-Beiseitegehen, dies Einsamkeitsleben ist österreichisch.
-
-Wir sehen dieses Antlitz jetzt überall, wohin wir uns wenden; wohin
-wir uns wenden, sehen wir jetzt die Initialen dieses Namens, das
-F. J. I., sehen die Jahreszahlen 1848--1908. Wie ein großer, von
-einem einzigen Ornament durchwirkter Stoff ist die Stadt Wien jetzt
-durchwirkt von diesem Antlitz, von diesen Initialen und von diesen
-Doppelziffern. Und durchwirkt ist dieses ganze engere Österreich,
-die Stadt und das Land von dem Antlitz des Kaisers, von seiner Art,
-von seinem Wesen, von den Initialen seines Charakters. Daß er hier
-wurzelt, hier heimisch ist, daß diese Erde ihn trug und reifte, daß
-er die Frucht dieses Bodens wurde, den feinsten und geschlossensten
-Auszug aller Kräfte dieser Scholle darstellt, daß er ein Typus seines
-Volkes ist, hat diese tiefe Harmonie zwischen ihm und seinem Volk
-sechzig Jahre währen lassen. Kaiser Franz ist aus Toskana erst nach
-Wien und in die Erblande gekommen, hat die italienische Art, die ihm
-in den Adern lag, erst vergessen, hat sich hier erst akklimatisieren
-und assimilieren müssen, ehe ihn die Wiener -- nach vielen Jahren --
-ihren »Franzl« nannten. Franz Josef ist in Schönbrunn geboren. Sohn
-einer bayrischen Prinzessin und eines österreichischen Erzherzogs,
-der als ein Typus altwienerischer Gestalten, als eine Kriehuber-Figur
-gelten darf. Die Wiener, die vornehmen wenigstens, diejenigen, die das
-Wienertum Schuberts, Lanners und der Strauß-Walzer repräsentieren, die
-waren wie er. Deshalb wurden sie wie er. Deshalb sahen ihm seinerzeit
-die Jünglinge ähnlich, dann die Männer, und deshalb sehen ihm jetzt
-die Greise ähnlich, die mit ihm und seiner Epoche gealtert sind. Diese
-Epoche trägt seine Züge, wie den Münzen sein Antlitz eingeprägt ist.
-
-Die Zeit aber rollt unaufhaltsam dahin. Und wahrscheinlich gibt es
-heute schon einen anderen, einen neuösterreichischen Typus. Wir
-kennen ihn noch nicht, wollen heute auch nicht vermuten, noch darüber
-nachsinnen, wie er wohl sein wird. Aber wir dürfen zufrieden sein, wenn
-er uns mit diesem sanften Lächeln anschaut, das man bis in späte Tage
-noch das Lächeln Franz Josefs nennen wird.
-
-
- +Ende+
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
- Unterschiedliche Schreibweisen wurden beibehalten. Die Darstellung
- der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
- Korrekturen:
-
- S. 172: allzuviele → allzuvielen
- ohne {allzuvielen} Menschen zu begegnen
-
-
-
-
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-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ÖSTERREICHISCHE ANTLITZ ***
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